Interviews: Interview mit Steffen Becker und Kai-Steffen Schwarz [Kompletter Artikel]
AnimePRO: Wie kam es, dass Sie sich für eine Arbeit im Bereich Comic interessierten? Und hatten Sie, Herr Becker, früher schon einmal mit Comics zu tun?
Steffen Becker: Als Kind und Jugendlicher las ich die Klassiker: viel Fix und Foxi, Asterix, Tim und Struppi, Spirou, Nick Knatterton und Schlümpfe, dafür aber wenig Micky Maus oder Superhelden. Später kamen dann die Peanuts und die Lateinamerikaner wie Mafalda, Quino und andere mexikanische Comics dazu. Und Crumb natürlich. Manga kannte ich außer Barfuß durch Hiroshima und Akira und Animes wie Prinzessin Mononoke praktisch nicht. Aber deshalb reizte mich ja die Arbeit bei Carlsen.

Kai-Steffen Schwarz: Als Kind habe ich natürlich viele Comics gelesen, vor allem frankobelgische Sachen wie Asterix, Lucky Luke, Isnogud, Tim und Struppi usw. Mir geht es ähnlich wie Steffen: die Disney-Sachen und Superhelden habe ich eher seltener gelesen. Über die Jahre wuchs mein Interesse an Comics und vor allem das Carlsen-Programm hat mich ziemlich geprägt. Ende der 80er-Jahre fing ich dann – nach einer „Klugscheißer-Phase" als vehementer Leserbriefschreiber an Comic-Fachmagazine ;-) - an, selbst über Comics zu schreiben, wo immer es ging: für Stadt- und Fachmagazine, später vor allem für den Comicer, ein launig-freches Kundenmagazin, dass der Laden COMICA herausgegeben hat. Auch an der Uni habe ich diverse Comic-Arbeiten für Seminare in Scheine verwandeln können. Die habe ich z.T. dann später zu Sekundärbeiträgen für Jahrbücher etc. erweitert. Die ganze Zeit über habe ich viele Comics – und natürlich auch Manga – „quer durch den Gemüsegarten" gelesen und das ist auch heute noch so. Es ist mir also gelungen, quasi fließend mein Hobby zum Beruf zu machen. Zeichnen kann ich allerdings nicht besonders. ;-)
AnimePRO: Carlsen wird ja nachgesagt, dass der Verlag nach dem Abgang von Dr. Joachim Kaps quasi im „Chaos" versank. Nun wurde ja kürzlich im „Börsenblatt online" berichtet, dass Carlsen Neustrukturierungen anstrebt und es seit 1. Juni 2005 sogar eine eigene „Redaktion Manga" gibt, welche von Ihnen, Herr Schwarz, geleitet wird. Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Steffen Becker: „Chaos" ist natürlich Quatsch, sonst wären wir heute nicht da, wo wir sind - unsere jetzigen Programme kommen ja offensichtlich bei den Fans an. Was stimmt, ist: wir stellen uns neu auf.
1. Wir setzen auch bei Manga voll auf teamplaying. Joachim Kaps kennt sich sicher super aus, aber wir denken, auf Dauer kommen wir als Team weiter: mehr Leute haben mehr Wissen, mehr Ideen und längeren Atem. Wir können unsere unterschiedlichen Stärken besser einbringen: Kai hat zum Beispiel sehr viel Wissen, ich habe (noch) den Blick von außen, stelle dumme Fragen und kann meine Erfahrungen aus ganz anderen Branchen einbringen. Und mehr Spaß macht es auch.
2. Eine Stärke von Carlsen ist ja, dass wir Kinder- und Jugendbücher UND Manga und Comics machen. Wir kennen nicht nur die Comic- und Mangafans gut, sondern die ganze Szene der Kids und Jugendlichen. Wir tauschen jetzt unser Wissen, unsere Erfahrungen und Ideen im Verlag besser aus und wollen uns noch viel stärker an den Lesern orientieren. Die Manga-Fans z.B. bilden heute eine etablierte Szene, die anfängt etwas insidermäßig zu werden. Wir wissen aber: Manga sind eigentlich für noch viel mehr Leute interessant, wir müssen ihnen nur den Einstieg leichter machen. Und umgekehrt finden Manga-Leser auch Bücher wie Lian Hearns „Clan der Otori" (www.otori.de) oder Philipp Pullmans „His Dark Materials" total spannend, wissen aber häufig gar nicht, dass es sowas gibt. Deshalb stellen wir uns jetzt so auf, dass wir diese Stärken optimal nutzen können.
Kai-Steffen Schwarz: Was
den Übergang im Frühjahr 2004 angeht, so war der natürlich rein
organisatorisch alles andere als einfach, zumal ja auch einige andere
bekannte Kolleginnen und Kollegen mit bzw. kurz nach Joachim Kaps den
Verlag verließen. Das gab uns aber Gelegenheit, die verlagsinterne
Teamarbeit neu aufzustellen: dezentraler als zuvor, wie von Steffen
beschrieben. So arbeiten wir inzwischen, und so wollen wir auch „zu
neuen Ufern aufbrechen", wie man so schön zu sagen pflegt. Die
personelle Neustrukturierung der Redaktion folgt im Prinzip dem
organisatorischen Modell im „Kinderbuch-Teil" des Hauses. Carlsen ist
in jeder Hinsicht breit aufgestellt, sowohl was das Programm (bzw. die
einzelnen Programmbereiche) als auch die Zielgruppen angeht. Um beide
inhaltlichen Bereiche - Comics wie Manga - zu stärken, wurden
Programmverantwortung und Redaktion auf Ralf Keiser (für die
„westlichen" Comics) und mich (für die „östlichen" Comics) verteilt. So
können wir uns jeweils stärker und konzentrierter den jeweiligen
Spielarten des Mediums widmen. Es gibt ja nicht nur inhaltliche,
formale und stilistische Unterschiede, sondern auch organisatorische –
etwa in der Zusammenarbeit mit Autoren und Lizenzpartnern, die bis in
die tägliche Arbeit hinein wirken. Da kann es natürlich von Vorteil
sein, zwei Redaktionsleiter statt einen zu haben. AnimePRO: Welchen Stellenwert haben generell Comics, insbesondere Manga bei Carlsen?
Steffen Becker: Manga inklusive Comics ist eins von den zwei Beinen auf denen der Carlsen Verlag steht. Mal gehts dem einem Bereich besser, mal dem anderen, zur Zeit beiden (auch wenn wir natürlich noch viel besser werden wollen).
Kai-Steffen Schwarz: Comics & Manga sind dem Verlag genauso wichtig wie Kinder- & Jugendbücher. Das gilt sowohl ideell als auch ökonomisch, hinsichtlich des Markt-Zugangs in den Buchhandel wie auch in der direkten Kommunikation mit den Leserinnen und Lesern, von denen andere Verlage und Branchen nur träumen können.
AnimePRO: Dr. Kaps, der ja nun Verlagsleiter von Tokyopop Deutschland ist, verließ Carlsen 2004 wegen Unstimmigkeiten. In einem Interview mit AnimePRO im vergangenen Jahr begründete er dies wie folgt: „Ich und die beiden Geschäftsführer bei Carlsen [hatten] nicht mehr die gleichen Vorstellungen darüber, wie man Manga in eine sichere Zukunft führt. Ich habe es vorgezogen zu gehen statt einen schleichenden Niedergang verantworten zu müssen, der auf einer meiner Meinung nach falschen strategischen Ausrichtung beruht." Dr. Kaps gab zudem auch an, dass Carlsen nicht bereit ist, andere Produkte zu vertreiben, (Zitat) „was nicht aus Papier ist oder nicht ausschließlich über den Buchhandel vertrieben wird". Er spricht damit die Intermedialität des Mediums Manga an, also die Ausweitung des Programms auf DVDs und eventuell Games und anderen Produkten. Was ist Ihre Meinung dazu?
Kai-Steffen Schwarz: Ich glaube, damit war vor allem die Frage gemeint, ob ein Verlag wie Carlsen auch
die multimediale Vermarktung der Manga-Themen selbst übernehmen sollte
oder nicht. Die Idee bzw. Strategie an sich, auch hier „japanischen
Modellen" zu folgen, ist meines Erachtens nicht falsch - nur muss sie
eben auch erfolgreich umgesetzt werden können. Fakt ist, dass die
Markterfolge unserer eigenen Anime- und Merchandise-Produktionen (wie
etwa die Kare Kano-DVDs oder das One Piece-Merchandise) nicht unseren
Zielsetzungen entsprachen – und vor allem auch intern sehr viel
zusätzliche Zeit und Mühen beansprucht haben. Und man muss einfach
sehen: der deutsche Markt für Manga, Anime & Co. mag sich
tendenziell auf japanische Verhältnisse hinbewegen, er funktioniert
aber in vielen Belangen einfach anders: jeder Markt folgt zum Teil
anderen Gesetzen. Ganz ohne Zusatzprodukte arbeiten wir ja übrigens
auch wieder nicht, wenn man sich die Extras in unseren Magazinen und
einigen Taschenbüchern, die BANZAI!-Taschen oder den
DAISUKI-Plüsch-Kisu anschaut. Steffen Becker: Unsere strategische Ausrichtung heißt: Wir halten Kooperationen mit starken Partnern aus anderen Branchen wie Anime, Games etc. für den besseren Weg die Manga zu stärken, statt Geschäftsfelder zu betreiben, auf denen wir naturgemäß nur begrenztes know how haben.
Kai-Steffen Schwarz: Letztlich wird sich ein Autor oder Lizenzgeber am Ende immer fragen, ob der Verlag oder Produzent die jeweils bestmöglichen Ergebnisse und Verkäufe erzielt hat. Wir sind sehr gespannt, wie sich das in den nächsten Jahren weiterentwickelt und welche Strategie(n) erfolgreich sein werden. Für die Fans ist dabei sicher wichtig, eines festzuhalten: beide Strategien sind verschiedene Wege, die aber dasselbe Ziel verfolgen – die fernöstliche Popkultur rund um das „Kernmedium" Manga im deutschsprachigen Raum noch bekannter und erfolgreicher zu machen!
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