Teil I
„Oh Mist!! Ich bin mal wieder viel zu spät dran!!!“, fluchte eine männliche Stimme aufgeregt, während der dazugehörige Junge durch die Straßen hetzte.
Und warum?
Wie üblich hatte der Wecker geklingelt und ihn aus seinen recht angenehmen Träumen gerissen. >Derjenige, der diesen Wecker erfunden hat, gehört erschossen! Das war pure Absicht!!>, dachte Joey trocken. >Immer dann, wenn es wirklich interessant wird.>
Nicht, dass er dies unbedingt sehen wollte, nein, aber...
Nun ja, was sollte er tun? Er war ein gesunder siebzehnjähriger Junge, der, auch wenn er keine Erfahrung hatte, sich seinen Spaß durchaus holte. Und wenn es nur in seinen Träumen war.
Darum, das sie hauptsächlich von einem eisblauen Paar Augen bestimmt waren, scherte er sich nicht.
Das war ihm im Moment egal. Er musste nur noch ein paar Meter laufen, bis er an der Schule war. Und doch schlichen sich wieder diese Augen in sein Bewusstsein. >Warum können sie immer nur so kalt gucken? Da ist Eis wärmer!>, dachte er nicht wirklich begeistert.
Dann schüttelte er den Kopf. >Und warum muss ich jetzt daran denken? Ist ja nicht so, dass ich DEN Kerl mag!>
Durch seine Grübelei bemerkte er nicht, dass er geradewegs auf ein ziemlich großes Hindernis zulief.
>So wie der mich immer anschaut und `Köter` nennt...>
Noch bevor er diesen Gedanken zu Ende denken konnte, lief er gegen etwas relativ hartes und fiel unsanft rücklings auf seinen Hintern.
>Na toll! Das kommt davon, Joey... Gucken wo man hinläuft, nicht träumen!!! Und schon gar nicht von blauen Augen!>, schalt er sich selbst und wollte zu einer Entschuldigung ansetzten, als er auch schon eine kalte, dennoch angenehm raue und tiefe Stimme vernahm. „Dir auch einen guten Morgen, Köter. Allerdings hättest du dich mir nicht gleich vor die Füße legen müssen, um es mir deutlich zu machen. Wobei...“
Entsetzt dachte Joey nur noch: >Och Nööö... Nicht auch noch der...>, während er sich langsam daran machte, aufzustehen und sich den Staub von seiner Uniform abzuklopfen. Zu seinem nicht geringem Erstaunen wurde ihm eine Hand hingehalten.
Vorsichtig sah er an dem Arm hinauf und in ein paar eisblaue Augen. Täuschte er sich, oder waren diese heute einen Touch wärmer als sonst?
Ohne es wirklich zu wollen, ergriff er die dargebotene Hand und lies sich von ihm aufhelfen.
„Was ist los, Köter? Hat es dir die Sprache verschlagen?“ Süffisant grinsend lies Seto die Hand Joeys los und blickte ihn geradewegs an.
„Der gleiche Eisklotz wie immer. Was hat mich geritten, auch nur einen Moment zu meinen, dass du anders bist?“, grummelte Joey kaum hörbar vor sich hin, während er seine Uniform richtete.
„Dass ich dir die Hand hingehalten habe? Oder das ich nicht so sarkastisch bin wie sonst?“, fragte Seto fast schon feixend.
Joey meinte, nicht richtig zu sehen. Dieser Mann feixte? Seto Kaiba feixte? War er jetzt endgültig dämlich?
Joey schüttelte den Kopf und meinte leise zu sich selbst: „Ich spinne nun komplett! Das muss nicht sein!“
Seto fixierte ihn mit einem unergründlichen Blick. „Fängst du schon an, Selbstgespräche zu führen, Köter? Wie tief bist du schon gesunken, dass dies notwendig ist?“, spotte er kühl.
Doch nicht wie erhofft, blieb Joey völlig ruhig. Er blickte ihm nur in die Augen, drehte sich um und ging.
„Es klingelt gleich. Willst du dir die Blöße des Zu-spät-kommens geben, Kaiba?“
„Ein Seto Kaiba kommt nicht zu spät.“, knurrte dieser und drängelte sich an Joey vorbei. Jedoch nicht, ohne ihn einen vernichtenden Blick zuzuwerfen.
>Verdammt. Seit wann ist der Köter so gelassen und schlagfertig? Da macht es ja keinen Spaß sich zu streiten!>, dachte er leise grummelnd und setzte sich wortlos auf seinen Platz.
Die allmorgendlichen Blicke seitens der Mädchen ignorierend, packte er seinen Laptop aus und vertiefte sich in irgendwelche Geschäftsberichte.
Ebenso ignorierte er den Unterrichtsbeginn und die Lehrerin.
Nach einer kleinen Weile...
Gähnend saß Joey in Englisch. >Verdammt! Ich schlaf hier gleich ein. Englisch ist ja sooo was von langweilig!>
Er blickte sich immer noch gähnend um und erkannte, dass er nicht der einzige war, der mit der Müdigkeit zu kämpfen hatte. Auch Tristan versuchte zwanghaft seine Augen aufzuhalten.
Joey grinste.
Das war nicht so typisch für Tristan. Aber nach gestern? Joey konnte es ihm nicht verübeln, dass er müde war. Seine kleine Schwester konnte wirklich anstrengend sein.
Durch Zufall verirrte sich sein Blick zu IHM.
>Wie kann der nur im Unterricht so konzentriert an seinem Laptop arbeiten?? Ob er in seiner Firma keine Zeit dafür hat?>
Joey schüttelte den Kopf und nahm sich ein Blatt Papier. Dann stützte er seinen Kopf auf seine linke Hand und starrte nachdenklich auf den weißen Bogen vor sich.
Und urplötzlich wusste er, was er tun konnte.
Schnell schnappte er sich einen Stift und begann zu schreiben.
You're a song
Written by the hands of God
Oh ja, er war fast schon göttlich, also konnte er auch von der Hand Gottes direkt erschaffen worden sein.
Don't get me wrong cause
This might sound to you a bit odd
But you own the place
Where all my thoughts go hiding
>Wenn ich ihn so einfach durchschauen könnte, wie ich hier schreib... Dann würde die Welt untergehen. Seto Kaiba und durchschaubar?? Nicht kompatibel, um sich mal wie er auszudrücken.>
Wieder schüttelte er seinen Kopf und schrieb weiter.
And right under your clothes
Is where I find them
Was würde er unter den Kleiden von Seto vorfinden? Wie war er eigentlich wirklich? So eiskalt und berechnend, wie er sich immer gab? Oder doch ein normaler Junge wie er?
Mit den selben Träumen und Wünschen wie er?
Underneath your clothes
There's an endless story
There's the man I chose
There's my territory
And all the things I deserve
For being such a good boy* honey
Oh ja, unter seiner Kleidung war Seto Kaiba eine unendliche Geschichte. So viele Geheimnisse, die er verbarg. Wann er wohl alles über ihn erfahren durfte?
Über seine Gedanken und Gefühle?
Joey wusste es nicht. Heimlich beobachtete er ihn unter gesenkten Wimpern hervor.
Was würde er vorfinden, wenn er es wagen würde?
Einfach wagen würde, hinter die Fassade des kühlen und erwachsenen Geschäftsmannes und Jungunternehmers zu blicken?
Einen Seto, wie ihn niemand anderes kannte?
Einen weichen und verletzlichen Seto, der Träume und Wünsche hatte? So wie jeder normale junge Mann in seinem Alter?
Because of you
I forgot the smart ways to lie
Er grinste kurz spöttisch auf. Oh ja, er verlor so langsam seine Lügen vor sich selbst. Seine Lügen, um seine Gefühle zu kaschieren, zu verleugnen.
Diese angenehmen Gefühle, welche in ihm aufstiegen, wenn er sich mit Kaiba stritt.
Sein schneller schlagendes Herz übertönten, welches ihm nur die Wahrheit erzählte. Eine Wahrheit, die er nicht hören wollte.
Doch wie lange noch? Seine Ausreden und Lügen schwanden. Mit jedem Tag, mit jedem Streit ein bisschen mehr.
Because of you
I'm running out of reasons to cry
Wieder so eine Zeile, die er sich nicht wirklich erklären konnte. >Warum sollte ich weinen? Wegen ihm? Ach, Quatsch!!>
When the friends are gone
When the party´s over
We will still belong
to each other
>Würde ich wirklich immer zu ihm halten? Egal was kommt? Oder er?> Joey war sich nicht bewusst, was er da dachte.
Das er anfing, seine Gefühle zuzulassen.
Underneath your clothes
There's an endless story
There's the man I chose
There's my territory
And all the things I deserve
For being such a good boy honey
Wieder schrieb er diese Zeilen und wieder meinte er, kurz spöttisch lachen zu müssen. >Ist das noch normal? Einen Lovesong über seinen Erzfeind zu schreiben? Wenn ja, dann war ich nie normal.>
Er grinste kurz und starrte auf Kaibas Rücken.
>Er würde mich auslachen, wenn er wüsste, was ich wirklich über ihn denke. Und dann komplett ignorieren, ohne mich auch noch mit einem Blick anzusehen oder gar ein Wort zu wechseln. Täte mir das leid? Täte mir das weh? Bestimmt, wenn ich so was schon schreibe...>
I love you more than all that's on the planet
Movin' talkin' walkin' breathing
You know it's true
Oh baby it's so funny
>Oh ja… Es ist wirklich lustig!>, dachte Joey sarkastisch. >Ich sitze gerade im Englisch- Unterricht und schreibe einen Song über ihn!! Und dann auch noch so einen gefühlvollen!!>
Einen Moment sah er nach vorne. Vorbei an seinen Mitschülern, vorbei an ihm und erblickte die Tafel. Gedankenverloren studierte er, was darauf geschrieben war, jedoch ohne, dass es ihm bewusst war, geschweige denn, dass er es sich merkte.
>Aber... liebe ich ihn wirklich?? Oder ist das nur so ein Satz? Ach quatsch! Mein Herz rast nicht und ich schreibe hier nicht `Ich liebe dich`!>
Erneut wand er sich seinem Blatt zu und schaute nachdenklich drein. Vorsichtig setzte er den Stift wieder an und schrieb weiter.
You almost don't believe it
As every voice is hanging from the silence
Lamps are hanging from the ceiling
Like a lady to tied her good manners
I'm tied up to this feeling
>Ja, er wird es mir nie glauben. Und selbst wenn ich der letzte Mensch auf Erden wäre, würde er mich ignorieren! Niemals würde er meine Gefühle annehmen und erwidern. Aber was denke ich da eigentlich?? Seto Kaiba und Gefühle? Doch nicht der Mr. Eisklötze-sind-wärmer-als-ich.>
Er merkte nicht, dass er Kaiba nun schon eine ganze Weile anstarrte und dieser es bemerkt hatte.
Nun drehte er sich um und blickte Joey genau in die Augen. Dieser erschrak und wollte seinen Blick abwenden, doch schaffte es nicht.
>Seine Augen...>
Sein Herz schlug schneller, je länger er Kaiba in die blauen Augen sah. In ihm stieg ein unerklärliches Gefühl auf, welches er versuchte, mit aller Macht zu unterdrücken. Nein, er liebte ihn nicht. Er mochte ihn höchstens. Aber keine Liebe.
„Was willst du, Kaiba?“, zischte er in seine Richtung.
Dieser zuckte kurz zusammen und antwortete dann ebenso leise: „Warum starrst du mich die ganze Zeit an? Keinen Kauknochen zur Beschäftigung mitgebracht, Hündchen?“
Joey ignorierte die Beleidigung und antwortete: „Wie? `Hündchen`? Fallen dir keine Beleidigungen mehr ein, Kaiba? Ich dachte immer, mit deinem großen Hirn fändest du doch wenigstens abwechslungsreiche Beleidigungen...“
>Einfach ignorieren... einfach ignorieren, dass sich seine Augen gerade zu gefährlich kleinen Schlitzen verengen... einfach ignorieren, dass ich später mein eigenes Grab schaufeln darf!>, machte Joey sich in Gedanken mehr oder weniger selbst Mut.
„Mut hast du ja, Straßenköter. Meine eigenen Worte zu missbrauchen um mir eines auswichen zu wollen...“
Kaiba sah ihm unverwandt in die Augen.
Joey schluckte.
>Nicht gut... gar nicht gut…>
Setos Augen funkelten in mindestens zwanzig verschiedenen Farben. Ob vor Wut oder Anerkennung, konnte Joey nicht sagen. Aber er tippte eher auf ersteres. Alles andere wäre unwahrscheinlich.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte Seto sich um und machte keinerlei Anstalten mehr, irgendetwas von Joey zu wollen.
Dieser atmete unhörbar auf und blickte wieder vor sich auf den Tisch. Hastig schrieb er noch ein paar Zeilen, bevor es klingelte.
Underneath your clothes
There's an endless story
There's the man I chose
There's my territory
And all the things I deserve
For being such a good boy honey
>So, fertig!>, meinte er nur noch und packte seine Sachen zusammen. Dass er dabei das Blatt fallen lies, merkte er nicht.
Doch jemand anderes bemerkte es und bückte sich.
>Das ich mich auch noch dazu herablasse, es aufzuheben... Ich bin wirklich nicht mehr normal!>, schimpfte Kaiba in Gedanken und hob es auf.
Ohne einen weitern Blick darauf zu werfen, stopfte er es in seine Tasche und verlies den Saal.
* Wegen des Textzusammenhangs und des Themas umgeändert von `girl` in `boy`
© Underneath your clothes; Shakira
Teil II
Später in der Kaiba Corporation...
Kaiba setzte sich unruhig auf seinen bequemen Bürostuhl. Ein langer Arbeitstag mit Meetings und vielen Telefongesprächen lag hinter ihm. Aber noch dachte er nicht daran Feierabend zu machen. Vor ihm auf seinem Schreibtisch lag noch ein Stapel Papier, Akten und ähnliches, welcher noch durchgesehen und unterschrieben werden musste. >Und dann auch noch das archivieren auf dem Laptop...>, dachte er seufzend und fuhr sich mit allen zehn Fingern durch die Haare.
Ungewöhnlich für ihn, ja. Aber Kaiba war auch nur ein Mensch.
Wieder mal seufzend drehte er sich zu seinem Schreibtisch und begann, die oberste Akte zu nehmen und durchzusehen. >Soweit keine Fehler... auch keine falschen Klauseln und auch nicht zuviel Kleingedrucktes. Also abgesegnet.>, dachte er und setzte nach erneuter Prüfung der Akte und des innenliegenden Vertrages seine Unterschrift darunter.
Danach arbeitete er so die restlichen Akten durch und merkte nicht, wie die Zeit verflog.
Mittlerweile war es dunkel und die Abendbrotzeit längst vorbei. Fast hatte Seto ein schlechtes Gewissen, wie er auf die Uhr sah und an Mokuba denken musste. Aber wie gesagt nur fast. Sein kleiner Bruder war dies mittlerweile schon von ihm gewohnt.
>Eine kurze Pause und ein Kaffee, dann geht’s an archivieren.>
Gedacht getan.
Kurze Zeit später hielt Seto eine dampfende Tasse in der Hand und nahm vorsichtig einen Schluck. Wieder mal an diesem langen Abend seufzte er und musterte die vor ihm liegende nächtliche Stadt.
>Nun auf. Sonst komme ich wieder mal um Mitternacht nach Hause und finde keinen Schlaf mehr.>
Noch ein Schluck seines Kaffees trinkend setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und nahm das erste Blatt vom Stapel. Kurz überfolgen und ein schneller Griff nach seinem Laptop, welcher allerdings ins Leere ging.
>Huch?>, war sein Gedanke, als er auf die Stelle blickte, wo sein Laptop normalerweise immer stand. >Habe ich ihn etwa noch nicht ausgepackt?>
Wohl nicht, wie er sich eingestehen musste. Wieder mal seufzte er und blickte sich in seinem Büro um. Sein Blick glitt über dunkle Regale, welche mit Akten und Ordnern vollgestellt waren, über eine reinweiße Couch und dem dazupassenden Sessel. Davor stand ein Glastisch, in dem –wie sollte es auch anders sein- ein weißer Drache mit eiskaltem Blick eingraviert war. Passend zu den bordeuxroten Wänden fand sich ein Teppich auf dem teurem Parkettboden wieder, welcher die nüchterne Einrichtung des Büros etwas ausgleichen sollte. Sein Arbeitstisch war in dem selben dunklen Holz gehalten, wie die Regale, so dass er einen weißen Bürostuhl gewählt hatte. Ergänzend fand man hin und wieder stilvolle Gegenstände in der Farbe Blau, welche einen reizvollen Kontrast zu dem Rot entwickelten.
Kaum dass er seinen Blick hatte zur Tür wandern lassen, die aus einem hellem Holz bestand, bemerkte er seine Schultasche, die er beim betreten des Büros am späten Nachmittag einfach an die Wand gelehnt hatte.
Langsam stand er auf und ging zu der Tasche, nahm sie hoch und trug sie zurück zum Schreibtisch.
Schwerfällig und müde lies er sich wieder in seinen Chefsessel fallen und öffnete seine Tasche.
Nach einem Blick auf seine Uhr, die besagte, dass es halb elf in der Nacht war, griff er hektisch hinein, holte seinen Laptop und stellte ihn vor sich ab.
Dabei segelte ein weißes Blatt aus der Tasche zu Boden. Gedankenverloren und perfektionistisch wie er war, bückte er sich danach, hob es auf und legte es vor sich ab.
>Die Schrift des Köters. Wie kommt ein Blatt von ihm in meine Tasche?>, fragte Kaiba sich und fing an zu lesen.
You're a song
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>Aha… ein Songtext also…>, dachte er mit hochgezogener Augenbraue. >Das der Köter so was schreibt... hätte ich ihm ja gar nicht zugetraut. Nun ja, was soll’s?>
Ohne weiter darauf einzugehen legte er den Text beiseite und beschäftige sich endlich mit seiner Arbeit.
Später am Abend, wie er seine Sachen zusammenpackte, fiel ihm auch wieder der Zettel von Joey in die Hände.
Gedankenverloren sah er ihn an und las manche Zeile noch einmal.
>Zugegeben, so schlecht ist er nicht. Hat er nicht in dem unnötigem Fach Musik seine einzig gute Note, neben der Bildenden Kunst?>
Wieder strubbelte Seto sich mit seinen Händen durchs Haar, nachdem er den Zettel vor sich abgelegt hatte. >Mich würde interessieren, an wen er beim schreiben gedacht hat... Manche Zeilen passen wie die Faust aufs Auge zu ihm...>
Underneath your clothes
There's an endless story
There's the man I chose
There's my territory
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For being such a good boy honey
>Ziemlich viel Gefühl für einen Straßenköter… und wie er das hier schreibt, klingt es, als sei er homosexuell.>
Natürlich lies Seto sich auch in Gedanken nicht herab, das Wort `Schwul` zu denken. Schließlich war er Seto Kaiba, und nicht irgendso ein Mann aus der Gosse, wie so gewisse andere. Und doch schlug ihm das Herz heftig gegen die Rippen, wenn er dies in Verbindung mit Joey brachte. So, als wäre er...
>Nein! Ganz sicher nicht. Nicht in einen Mann und ganz sicher nicht in den Hund. Obwohl... Immerhin ist er ja mein Hündchen...>
Ein paar Sekunden bemerkte man in den eisblauen Augen, welche denen seiner geliebten Drachen in nichts nachstanden, einen Funken glimmen.
Ob Liebe oder etwas anderes, vermochte man nicht zu bestimmen. Dies wusste allein nur der Funke in diesen Augen.
>Nun ja, alles wie´s sein soll. Aber ich gehöre wirklich ins Bett. Wenn ich schon `mein Hündchen` denke, ist es höchste Zeit. Mein Gehirn ist übermüdet.> Begleitet von einem Kopfschütteln ging der Gedanke durch Setos Kopf. Mittlerweile hatte er sich ein wenig daran gewöhnt, dass er Joey als sein Hündchen betrachtete.
Zugegeben, er mochte ihn und ihre Streiterein. Ohne dies wären seine Tage langweilig und fad. Immer den selben Rhythmus aus Schule und Firma. So wurden sie unterbrochen von lustigen kleinen Auseinandersetzungen, auf die keiner der beiden mehr verzichten würde.
Fast hatten diese schon einen ganz eigenen Rhythmus. Seto fand immer einen Grund, Joey anzufahren, und Joey immer die dazu passende Antwort. So ging das dann hin und her. Immer schön eine Antwort nach der nächsten.
Inzwischen hatte Seto seine Sachen zusammengepackt, die Autoschlüssel von dem unauffälligem Brett neben der Tür abgenommen und war auf dem Weg durch den langen Flur zum Aufzug.
Schnell einen Schlüssel gezückt, ins passende Schlüsselloch gesteckt und dann umgedreht. Schon war der Aufzug betriebsbereit.
Langsam öffneten sich die Türen und Seto stieg ein, drückte schnell den Knopf für die Tiefgarage.
Da es doch schon weit nach Mitternacht war, konnte er Roland nicht mehr anrufen und herbitten. So fuhr er mit seinem eigenem Auto nach Hause in seine Villa.
Immer wieder gingen ihm Zeilen des Songs durch den Kopf.
Because of you
I forgot the smart ways to lie
Because of you
I'm running out of reasons to cry
>Because of you… Wer könnte damit gemeint sein? Yugi? Nee, die Igelfrisur sicher nicht. Immerhin steht der auf diese Tea. Dieser Tristan mit der `Schmalz`- Tolle? So verkalkt im Geschmack ist noch nicht mal der Bello!! Also der mal ganz sicher nicht. Etwa Duke?? Ach was! Immerhin hasst Wheeler ihn fast genauso sehr wie mich, nach der Aktion mit dem Hundekostüm. Und außerdem steht der auf Wheelers Schwester. Bleiben nur noch mir unbekannte.>
So überlegte Seto ziemlich untypisch für ihn, hin und her. Schnelle Schritte hallten in der menschenleeren Tiefgarage, in der nur ein einziges Auto stand.
Ein weißer Nissan 350 Z mit eisblauen Umrissen von Drachen auf den Seiten.
Setos Privatauto. Niemand wusste, dass er das fuhr.
>Warum aber sollte er weinen müssen? Ist derjenige etwa so hartherzig?> Bei diesem Gedanken spürte Seto einen Stich in seinem Herzen. Nur einer durfte das Hündchen sticheln und reizen, bis es bellte.
Er.
Das war allein sein Recht.
Hastig schüttelte er seinen Kopf und schloss den Nissan per Funkschlüssel auf. Dezent blinkten die Blinker einmal auf.
Immer noch seinen Kopf schüttelnd, stieg Seto ein und startete den Motor.
Einen Tritt auf das Gaspedal und der Motor heulte auf. Jetzt ging ein Lächeln über das Gesicht des Jungunternehmers. Ja, das mochte er am liebsten.
Seine Firma, seinen Bruder Mokuba, Duell Monsters, die drei weißen Drachen und sein Auto, wenn er es steuerte.
Schnell kurvte er durch die Tiefgarage, fuhr auf die Schranke zu, welche sich automatisch öffnete.
Den nächsten Gang rein und wieder gefühlvoll aufs Gas, schon schoss der Wagen aus der Ausfahrt und durch die nächtlichen Straßen.
I love you more than all that's on the planet
>Und wenn er mir dieses Lied gewidmet hätte? Was wäre dann?>, schoss es ihm auf einmal durch den Kopf. >Würde er das dann ernst meinen, diese Liebeserklärung?>
„Pfff... das wäre wirklich lustig. Oder `funny`, wie er´s ausdrückt. Und glauben kann ich’s sowieso nicht. Dafür steht zuviel zwischen uns. Wobei, was wäre wenn?“
Laut sprach er mit sich selbst. Kaum hörbar war es allerdings bei der Musik, die in fast absoluter Lautstärke durchs Auto hallte. Hardrock, Heavy Metall und Pop war seine bevorzugte Auswahl, wenn er privat Musik hörte. Aber Balladen wie den Joeys, konnte er auch was abgewinnen, wenn er dafür in der Stimmung war.
Aber seine Frage konnte er sich nicht beantworten.
Etwas später an der Villa...
Seto war bei seiner Villa angekommen. Wie die Schranke in der Tiefgarage der Kaiba Corp. öffnete sich das Tor automatisch und lautlos. Mit röhrendem Motor fuhr er schnell hinter die Villa zur Garage und parkte den Nissan neben einen roten Ferrari F30. Das zweite Privatauto von Seto, welches er nutze, um mit seinem Bruder zu Unternehmungen zu fahren, oder zu Geschäftsessen, wenn Roland nicht konnte.
Ja, er war reich. Warum also sollte er seinen Reichtum nicht zeigen? Wieder mal schüttelte Seto seinen Kopf und stieg aus.
Einmal den Funkschlüssel benutzt und das Auto war verriegelt.
In Gedanken an Joey, den morgigen Tag und seine Termine versunken, betrat Seto seine dunkle, stille Villa.
Ohne sich das Licht anzumachen, blieb er an der Tür stehen und entledigte sich seines weißen Mantels, welchen er ordentlich aufhängte. Mit schnellen Schritten durchquerte er das weite Foyer und stieg eine elegant geschwungene Treppe ins Obergeschoss hinauf.
Den Flur mit ebenso schnellen Schritten überwunden, stand er gleich vor der Tür seines Büros.
>Schnell noch alles für morgen zusammengepackt und vorbereitet, dann ins Bad unter die Dusche und ins Bett.>, dachte er sich, während er müde die Tür öffnete. Dank moderner Technik schaltete sich die Deckenleuchte an, ohne einen Schalter betätigen zu müssen, und hellte sich –ähnlich wie Energiesparlampen- langsam auf, bis man meinte, es wäre Mittag zwölf Uhr.
Immer noch schnellen Schrittes lief Seto zu seinem Schreibtisch und stellte seine Tasche ab.
Innerhalb fünf Minuten hatte er alles beisammen und für den morgigen Tag vorbereitet. Ebenso hastig, wie er das Büro betreten hatte, verlies er es nun und wand sich nach links.
Nach ein paar Schritten verlangsamte er und öffnete leise eine Tür. Ein ruhiger Blick ins Innere des Zimmers, und Seto atmete erleichtert aus.
Sein kleiner Bruder lag friedlich im Bett und schlief tief und fest.
>Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen dir gegenüber, Mokuba. Ich weiß, ich arbeite viel zu viel und vernachlässige dich. Es tut mir leid...>, entschuldigte er sich in Gedanken. Noch immer ruhte sein Blick auf dem Deckenbündel, aus dem ein schwarzer Haarschopf herauslugte.
Doch nun schloss er die Tür und ging in das Bad, welches dem Zimmer gegenüber lag.
Eine kurze Dusche später lag er in seinem Bett und dachte noch kurz nach.
>Erstaunlich gut Englisch kann Joey. Warum nutzt er das nicht auch im Unterricht?>
Und mit dem Song im Kopf, schlief Seto schließlich ein.
* Wegen des Textzusammenhangs und des Themas umgeändert von `girl` in `boy`
© Underneath your clothes; Shakira
Teil III
TEIL III
Am nächsten Morgen...
Noch etwas verschlafen trottete Joey an seinen Platz. Müde rieb er sich über die geschlossenen Augen, schmiss seine Tasche an ein Tischbein und schob mit einem lautem Knarren den Stuhl zurück.
Geschafft lies er sich darauf sinken und legte mit noch immer geschlossenen Augen seinen Kopf in den Nacken. Dass er viel zu früh dran war, interessierte ihn nicht. Ebenso wenig, dass er nicht allein war.
>Verdammt! Wo hab ich nur den Song verloren?>, dachte er verzweifelt. >Hoffentlich hat ihn keiner gefunden. Aber was bleibt anderes übrig, wenn sogar die Putzfrauen sagen, dass sie nichts gefunden haben?>
So überlegte er schon die ganze Nacht und auch den gesamten Morgen hin und her.
„Wie...? Hat der Köter endlich mal verstanden, wofür ein Wecker da ist?“, ertönte eine spöttische Stimme vor ihm.
>Och nöö... Nicht DER auch noch...>, stöhnte Joey innerlich auf und blinzelte zu dem jungen Mann vor sich hoch.
„Dir auch ´nen guten Morgen, Kaiba!“, grummelte er nicht gerade freundlich. „Und du verstehst mit deinem überdurchschnittlich großem Gehirn nie, dass ich kein Hund bin? Wie armseelig!“, ergänzte er noch und streckte sich.
Doch kurz darauf zuckte er schmerzlich zusammen und rieb sich über den Rücken. >Das tut weh...>
Seto selbst lies Joey nicht aus den Augen und wollte schon zu einer harschen Antwort ansetzten, als er das Zusammenzucken registrierte.
„Ach, seit wann kann ein Bello kontern?“, fragte er mit seinem typisch gemeinem Grinsen um die Mundwinkel.
„Seit ich dich kenne, Mr. Frosty...“
Begleitet wurden diese Worte von einem strahlendem Grinsen. „Nicht zu vergessen, dass ich lernfähig bin. Und jetzt geh mir aus der Optik, Kaiba! Hab was wichtigeres zu tun, als mich mit dir zu streiten!“
Eine Augenbraue hob sich ein paar Millimeter nach oben Richtung Haaransatz, was dem dazugehörigem Gesicht einen erstaunt- spöttischen Ausdruck verlieh. Saphirblaue Augen funkelten, während sich ein zu einem schmalem Lächeln geformter Mund leicht öffnete.
„Soso... der Köter hat also besseres zu tun. Was denn? Nach Hundekuchen schnüffeln?“
„Verdammt Kaiba! Erstens: Lass mir meine Ruhe! Und zum Zweiten... Ich.Bin.Kein.Köter! Wann raffst du das endlich mal??“
Braune Augen bohrten sich in blaue.
Blitze flogen, Funken sprühten.
Bis dieses kleine Blickeduell rüde unterbrochen wurde.
„Hey Joey! Was machst du denn da? Flirten mit Mr. Eisklotz?“ Ein deftiger Schlag auf Joeys Schulter identifizierte den Besitzer der Stimme als Tristan. „Pass auf, dass du nicht schockgefrostet wirst!“, ergänzte er noch grienend und machte, dass er Fersengeld gab.
Immerhin legte er sich hier mit Seto Kaiba an, was sich sonst niemand traute, als Joey.
>Was sollte das denn?>, dachten die beiden verblieben und blickten ihm verblüfft nach.
>Hat der ´nen Clown gefrühstückt?>
So langsam füllte sich der Schulsaal, was aber die beiden Duellkandidaten nicht wirklich mitbekamen, da sie dort weitermachten, wo sie unterbrochen worden waren. [1]
Aber nicht lange. Abermals wurden sie unterbrochen. Diesmal allerdings vom Lehrer, den sie in der ersten Stunde hatten, welcher zeitgleich mit dem Klingen den Klassensaal betrat.
Wortlos blickte Seto Joey weiterhin an, griff in seine rechte Jackentasche und holte einen sorgsam zweimal gefalteten Zettel hervor. Diesen knallte er mit der flachen Hand auf den Tisch vor sich, so dass er zwischen ihm und Joey liegen blieb.
„Ist gar nicht übel, Hündchen. Nutz dein Hirn auch mal im Unterricht.“
Sprachs, drehte sich um, ging langsam und gemessenen Schrittes zu seinem Platz.
Zurück lies er einen sprachlosen Joey, der die Welt nicht mehr verstand.
>Was war das?? Ein Lob von Kaiba? Hat der was in seinem morgendlichem Kaffee gehabt?!>
Leicht schüttelte er den Kopf und blickte auf den Zettel vor sich. >Warum hat er das gesagt? Ist das etwa...?>
Leicht panisch griff er nach dem Stück Papier und faltete es auf. Seine Augen sahen seine eigene Schrift und lasen den Text, welcher darauf geschrieben war.
>Mein Song!! Kaiba hatte ihn gehabt? Wieso das denn?> Erschrocken blickte Joey auf und suchte in den Reihen den Mann, der ihm mehr als viel bedeutete. Dieser sah nicht zu ihm, sondern konzentrierte sich wie immer auf den Laptop vor sich.
>Und er fand es nicht schlecht? Soll das heißen, er hat ihn gelesen?? Hilfe! Das ist mir peinlich!> Immerhin war er ja auch ein Stück weit ihm gewidmet. Hoffentlich hatte er das nicht kapiert.
Immer noch leicht geschockt, bekam er nicht mit, wie ein kleines Stück mehrfach gefaltetes Papier vor ihm landete. Erst, als ihn jemand in die Seite stupste, wachte er aus seiner Trance auf.
„Wie? Was? Ist etwa schon Pause?“, fragte er erschrocken und blickte sich um.
Sämtliche Schüler blickten ihn amüsiert an. Der Lehrer allerdings fand dies nicht so toll. „Mr. Wheeler. Wenn Sie nicht die Güte haben, meinem Unterricht zu folgen, können Sie vor der Tür warten, bis wir fertig sind!“, meinte er leicht wütend und zeigte mit dem ausgestrecktem Zeigefinger der rechten Hand in die entsprechende Richtung.
Rotwerdend stand Joey auf, bemerkte den kleinen Zettel und griff unauffällig nach diesem.
Mit gesenktem Blick ging er durch die Tischreihen an Seto vorbei nach draußen, auf den Flur.
„Selbstverständlich werden Sie die verlorene Zeit nachholen, Mr. Wheeler. Ich werde mir etwas überlegten.“, rief ihm sein Lehrer noch nach.
„Na Klasse! Das heißt wohl wieder mal Seitenlange Hausaufgaben und Strafarbeiten. Ich hasse mein Leben!“, brummelte Joey auf dem Flur leise vor sich hin.
Seufzend lies er sich an der Wand zum Boden hinabgleiten und schloss müde die Augen. Immer noch vor sich hinbrummelnd holte er den Zettel aus seiner Tasche und faltete ihn auf.
Diese Schrift erkannte er sofort. So sauber und akkurat schrieb nur einer.
>Kaiba...>
Überrascht über die Tatsache, das Kaiba im Unterricht Zettelchen schrieb, fing er an zu lesen.
Hey Wheeler!
Was sollte dieser Songtext bedeuten? Warum hast du ihn geschrieben?
Und noch was...
Sei mal nicht so verträumt. Der Lehrer will was von dir wissen...
Kaiba
Augenbrauen wurden hochgezogen und verschwanden unter dem dichten Pony aus blondem Haar.
>Das ist ja mal ein Text...>
Kopfschüttelnd faltete Joey das Papier wieder zusammen und stopfte es in die Tasche zurück.
>Aber warum will er das wissen? Meint er etwa, dass ich den Text für ihn geschrieben habe?<
So in Gedanken versunken überhörte Joey das Läuten, welches das Ende der ersten beiden Stunden kennzeichnete. Er bemerkte erst, als jemand neben ihm stand, dass der Unterricht beendet war.
„Komm, wir gehen in den Sportunterricht. Hier, deine Sachen.“, meinte Yugi zu ihm und hielt ihm seine Tasche vors Gesicht.
Stöhnend erhob sich Joey, bedankte sich und lief langsamen Schrittes aus dem Schulgebäude.
Ohne zu bemerken, dass er von einem paar blauen Augen scharf beobachtet wurde.
>Wie ich den Sport überleben soll, weiß ich noch nicht. Ich hasse meinen Vater...>, dachte Joey bei sich und lies sich auf die Bank in der Umkleide fallen.
Seine Freunde bemerkten Joeys Stimmung und versuchten, ihn anzusprechen. Nach ein paar Minuten gaben sie auf und trotteten in die Halle, wo auch schon der nächste Lehrer wartete.
Schnell leerte sich die Umkleide, so dass nur noch zwei Personen übrig blieben.
>Zeit sich umzuziehen>, dachte Joey und öffnete seine Schuluniformjacke. Dabei ächzte er leise. >Gut, dass das meine Freunde nicht sehen. Die würden nur Fragen stellen. Obwohl... Sicher denken sie eh, dass ich mich nur geprügelt habe. Die Wahrheit kennt ja keiner.>
Vorsichtig griff er über seinen Kopf zum Kragen des T-Shirts und zog es sich mit einem Ruck aus.
Hinter sich hörte er ein scharfes Luftholen.
Erschrocken drehte er sich blitzartig um und blickte in blaue Augen. >Oh nein! Gerade der sollte nichts davon erfahren!>
Geschockt hatte Seto die lange Wunde auf dem Rücken Joeys erblickt. Sie verlief diagonal über den Rücken, von der rechten Schulter zur linken Hüfte, und sah noch relativ frisch aus.
„Was hast du da gemacht?“, wollte dieser entsetzt wissen. „Wie ist das passiert?“
Eine Augenbraue Joeys hob sich und er meinte: „Warum willst du das wissen? Genauso, wieso ich den Song schrieb?“ „Weil ich mir durchaus Gedanken mache. Auch wenn’s nicht so aussieht.“
„Aha...“
Stille herrschte in der Umkleide und dehnte sich zu Minuten. Noch immer standen sich Seto und Joey gegenüber, ohne den Blick vom jeweils anderem abzuwenden. So langsam aber, bemerkte man, dass der Brünette die Geduld verlor.
„Komm schon, Köter. Sag, was mit dir passiert ist. Das sieht nicht gut aus!“, meinte Seto ungeduldig und fuhr vorsichtig mit einem Finger die Wunde nach.
Joey, welcher sich bei den Worten Setos umgedreht hatte, zuckte vor Überraschung und Schmerz zusammen.
„Lass das! Das tut weh!“, rief er und zog sich das T-Shirt wieder an. Doch bevor er flüchten konnte, wurde er an seinem linken Arm aufgehalten.
„Ich weiß...“, drang an sein Ohr. „Man sieht es mir nicht an, aber auch ich trug so manche Verletzung davon...“
Überrascht drehte Joey sich wieder um und blickte Kaiba ins Gesicht. „Was soll das denn heißen? Willst du mir etwa sagen, dass du dich auch geprügelt hast, wann auch immer?“
Ein zynisches Lächeln lag auf Setos Mund. „Nein, das ganz sicher nicht. Aber Schmerzen kenne ich auch. Wenn auch nur von Ohrfeigen oder leichten Schlägen ins Gesicht. Und physische kenne ich mehr als genug. Auch ich habe so meine Erfahrungen machen dürfen.“
Mit erstaunt geweiteten Augen blickte er ihn an. „Bitte was? Das ist ein Scherz! Obwohl... du bist Kaiba. Du machst keine Scherze. Was also ist es dann?“
„Die Wahrheit. Schlicht und einfach die Wahrheit.“, merkte der Blauäugige leise an und fuhr wieder mit dem Finger die Wunde entlang.
„Eine Wahrheit, die keiner von uns hören möchte, geschweige denn erzählen.“, fügte er ebenso leise noch hinzu.
Joey konnte nichts sagen, nur leicht den Kopf schütteln, zum Zeichen, dass er verstanden hatte.
„Meine Vergangenheit ist nicht gerade rosig gewesen. Mein Vater, ein Alkoholiker, wurde von meiner Mutter verlassen. Da er meinte, dass ich der Grund dafür wäre...“, konnte er schließlich sagen, musste dann doch wieder unterbrechen.
Vorsichtig schluckte Joey und drehte sich um. Keine Ahnung, wie Kaiba darauf reagieren würde.
Verhalten hob er seinen Blick und suchte die blauen Augen seines Gegenübers. Dieser blickte ihn wortlos an, schnappte sich Taschen und die Jacke Joeys und zog ihn mit sich.
„Hier ist nicht der richtige Ort, um über solch ernste Themen zu reden. Wir sollten uns auf einen etwas ungestörteren Teil zurückziehen.“, meinte er leise und zog ihn am Arm quer über den Schulhof hinter das Gebäude in den kleinen Schulgarten.
Dort angekommen lies er ihn los und setzte sich unter einen Kirchbaum. „Komm, hier ist es gemütlich.“
Joey konnte ihn nur stumm betrachten. War das wirklich Kaiba, den er hier ansah?
Der Seto Kaiba, der nie Unterricht schwänzte? Sich für niemanden außer seinem kleinen Bruder und sich selbst interessierte?
War er dies wirklich?
Langsamen Schrittes ging er zu ihm und lies sich im Schneidersitz neben ihn sinken.
Eine Weile herrschte Stille, bis diese jäh von Setos Stimme unterbrochen wurde.
„Du musst selbstverständlich nicht weiter erzählen... Nur hatte ich mal gehört, dass es gut tut, mit jemanden zu reden.“
Joey grinste. „Du bist ja gar kein solcher Eisklotz, wie du der Welt vorspielst. Kann es sein, dass du innerlich viel weicher bist, als man meint?“
„Sei bloß ruhig. Das, was hier gesprochen wird, bleibt unter uns und wird den Schulgarten nicht verlassen! Hast du mich verstanden?“
Noch breiter wurde das Grinsen Joeys, bevor er antwortete. „Keine Sorge, Eisklotz. Deine Geheimnisse sind bei mir sicher.“
„Das will ich auch hoffen!“
Setos Augen funkelten und er blickte Joey unverwandt an. „Und deine Geheimnisse bei mir. Sei unbesorgt.“
Joeys Grinsen erloch langsam, als er wieder dort ansetzte, wo er sich in der Umkleide selbst unterbrochen hatte. „Mein Vater... Er gibt mir die Schuld an der Scheidung und daran, dass meine Mutter mit meiner Schwester wegzog. Am Anfang...“
Er stockte kurz und hob seinen Blick, den er beim sprechen gesenkt hatte. „Am Anfang hatte er sich nur dem Alkohol endgültig hingegeben und mich verbal fertig gemacht.“ Seto beobachtete Joey genau. Darum entging ihm auch nicht, dass Joey wehmütig wurde.
„Eines Abends hatte ich eine schlechte Note mit nach Hause gebracht und er fing an mich zu schlagen. Es waren zwar nur Backpfeifen, aber etwas war schon zerstört.“
Wieder verstummte Joey und blickte Seto an. Dieser schluckte kurz, wurde er doch gerade von seinen eigenen Erinnerungen überwältigt.
„Ja, so fing es bei mir auch an. Schlechtere Noten als ein B und ich wurde bestraft. Immer und immer wieder wurde ich zum lernen gezwungen. Gozaburo drohte mir damit, Mokuba etwas anzutun, wenn ich nicht spuren würde. Ich musste tun, was er sagte. Perfektion bis ins kleinste Detail. Jede Gefühlsregung war ihm ein Gräuel. `Mit Gefühlen hat man im Leben keinen Erfolg. Gefühle sind nur ein Störfaktor.` waren seine Worte.“, flüsterte Seto und schüttelte den Kopf.
„Um Mokubas Willen habe ich mitgespielt. Um Mokubas Willen habe ich mir sämtliche Gefühle abtrainiert und einfach nur funktioniert. Ich dachte nur, dass Mokuba verschont bleiben sollte.“
Er spürte eine Hand auf seiner Schulter.
„Underneath your clothes, there's an endless story…”, zitierte Joey aus seinem Song. >Wie passend>, schoss es beiden durch den Kopf.
Joey grinste wieder. „Als ich das schrieb, musste ich an dich denken. Mir war irgendwo klar, dass du nicht der bist, der du zu sein scheinst.“
„Große Worte für so ein kleines Hündchen, Köter...“, spöttisch kam dies rüber. Dennoch verfehlte es seine Wirkung nicht und lockerte die Stimmung wieder auf.
„Mensch Kaiba! Wann raffst du´s endlich? Ich bin kein Köter!!!“
„Ich habe es schon lange verstanden, bin nur nicht gewillt, dies anzuwenden. Zuviel Mühe...“
„Grrr.... du bist unverbesserlich, Mr. Frosty.“, knurrte Joey nur als Antwort und legte sich vorsichtig ins Gras.
Eine Weile schwiegen sie und blickten durch das dichte Blätterdach zum Himmel.
„Wie schaffst du es nur, immer so fröhlich zu bleiben?“, unterbrach Kaiba schließlich doch noch die Stille.
„Genauso, wie du immer ganz kühl und abweisend bist. Indem ich schauspielere.“, antwortete Joey leise. „Nun ja... eigentlich bin ich doch immer so fröhlich. Wenn ich in die Schule geh, heißt das für mich ein bisschen Frieden. Vor meinem Alltag und meinem Vater. Und wie ist es bei dir? Wieso bist du so abweisend?“
Seto blickte auf und sah genau in Joeys braune Augen. „Den Grund habe ich dir eben schon erklärt. Mein Vater hasste Gefühle, und ich bin es nun mal einfach gewohnt. Außerdem ist es in der Geschäftswelt durchaus sehr praktisch.“, meinte er wieder und blickte weg.
Joey richtete sich hastig auf, was ihm sein Rücken mit einer Schmerzattacke belohnte.
„Auuuuu...“, murmelte er und rieb sich leicht über die linke Schulter.
Dann blickte er jedoch Kaiba wieder an und meinte: „Das kann aber nicht alles sein. Gefühle verliert man nicht einfach so. Und sie lassen sich vielleicht verdrängen, aber nicht abstellen und ganz sicher nicht abtrainieren...“
„Das habe ich auch nie behauptet! Ich sagte nur, das ich mich beherrschen kann!“
„Aha? Beherrschen? So nennst du das also, wenn du alles und jeden mit deinen Blicken einfrierst? Und das nur, weil er es wagt, dich anzusprechen oder dir näher als drei Meter zu kommen?“
Grienend blickte Joey Seto in die Augen. „So einfach ist das nicht. Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, dass du dich einfach nur versteckst. Aus Angst davor, dass andere dich auslachen, nicht mehr Ernst nehmen. Hast du darum auch keine Freunde?“
Kaiba schwieg. Fast konnte man schon sagen aus Trotz, denn Joeys Worte hatten einen wahren Kern.
In der Ferne vernahm man die Schulglocke. Für Seto das Zeichen, das ganze hier zu beenden und wieder zum Unterricht zurückzukehren.
Langsam stand er auf und blickte auf den blonden Jungen herab, welcher ihn fragend ansah.
„Ich denke, wir sollten wieder zurück zum Unterricht.“
Das war der Moment, in dem Joey aufsprang, die neuerliche Schmerzattacke ignorierte und Kaiba anblaffte: „Ach ja? Jetzt bist du wieder der alte Kaiba! Eiskalt und Ignorant. Lässt niemanden an dich ran und willst über nichts reden, was dich und deine Vergangenheit betrifft! Warum willst du nicht darüber reden?? Mich quetscht du aus, du eiskalter Schuft!“
In Kaiba fing es langsam aber sicher an zu brodeln. „Ich habe dir gesagt, dass du nichts zu erzählen brauchst! Es war keine Pflicht von dir!“
„Ich will dir doch nur helfen!“, meinte Joey leicht trotzig. „Darum habe ich auch angefangen, dir das zu erzählen!“
„Aber ich werde dir nicht mehr erzählen! Ich brauche keine Hilfe und ich brauche auch keinen Kindergarten um mich rum, die ich als meine Freunde bezeichnen soll!“, war die eiskalte Antwort.
Da tickte Joey aus, packte Kaiba am Kragen, drehte sich mit ihm um und drückte ihn mit dem Rücken an den Stamm des Kirchbaumes.
So heftig, dass ein paar Blätter sich von ihren Stielen lösten und leise herunter segelten.
„Nenn MEINE Freunde NIE wieder Kindergarten!“, zischte er und blickte ihn eiskalt an.
Seto lief bei diesem ungewöhnlichen Blick des Blonden ein kalter Schauer über den Rücken.
„Und noch was! Es ist mir egal, ob du das, was ich dir erzählt habe, nutzt oder nicht, aber deine Geheimnisse bleiben bei mir gewahrt. Und jetzt Kühlschrank, hör gut zu. Ich sage dies nur einmal: Lass ab jetzt mich und meine Freunde in Ruhe! Ich werde dafür sorgen, dass sie dich nicht mehr nerven. Und vergiss den Song. Er hatte keine Bedeutung!“
Kühl, ruhig und beherrscht brachte Joey diese Worte noch hervor, bevor er Seto los lies und sich abwand. Zielsicher und sauer lief er aus dem Schulgarten.
Seufzend und dennoch erstaunt blickte der Brünette ihm nach. Er richtete sich seinen Kragen und dachte über Joeys Worte nach. >Ob er das Ernst meint?>, fragte er sich in Gedanken und hob seine Sachen auf.
Dabei bemerkte er, dass Joey seine Sachen vergessen hatte.
Ohne wirklich darüber nachzudenken, hob er sie auf und nahm sie mit.
>Und eben war mir doch tatsächlich so, als ob wir die Rollen getauscht hätten.>, merkte er noch, bevor er den Schulgarten hinter sich lies.
[1] Was ein Satz... -.-()