Unverhofft kommt oft
Bevor das Kapitel beginnt möchte ich nochmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Grundidee der Geschichte Samkils war und nicht meine. Ich habe sie lediglich in einem Text verfasst und etwas ausgebaut.
So nun viel Spaß beim Lesen;).
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Wie so oft war Takeo Matsushitas Blick aus dem Fenster der Schule gerichtet anstatt auf den Lehrer und er schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Er war wirklich kein Musterschüler und auch außerhalb der Klassenräume sowie des Schulgeländes, schien er nicht viel mehr als Unsinn und Frechheiten im Kopf zu haben.
Aber er war da nicht alleine, im Grunde hatte er eine Mannschaft um sich versammelt die ihm treu ergeben zu sein schien und ihn bei allen seinen Taten unterstützte.
Es gingen Gerüchte um, dass die Truppe, die überall als Kaosu-Gang (übersetzt: Chaos-Gang) bekannt war, sogar in so manch eine Prügelei verwickelt gewesen sein soll.
Die meisten ihrer Klasse mieden die fünf Schüler und andersherum machten diese auch wenig den Eindruck, als würde ihnen ihre Abgegrenztheit so sehr missfallen.
Es gab einmal eine Zeit, da gab es einzelne Mädchen der Klasse die sie irgendwie anziehend fanden und Annäherungsversuche starteten, doch nachdem jede von ihnen einen fiesen Spruch gedrückt bekam, kamen sie zu dem Entschluss, dass diese Gang sich für „zu cool“ hielt, um sich mit irgendeinem Mädchen abzugeben und die Abneigung gegen die Truppe wuchs noch mehr. Sie schienen es geradezu darauf angelegt zu haben, alle dazu zu bringen sie zu verabscheuen. Doch sie hatten es noch nicht bei allen geschafft. Es gab noch immer eine Person aus der Klasse, die zumindest für einen von ihnen etwas übrig hatte.
Endlich klingelte es und einer nach dem anderen verließ das Klassenzimmer.
Wie immer als Letzte, verließ die Klassenbeste – Natsuki Watanabe – den Raum, die sich nach der Stunde oft noch Extraaufgaben beim Lehrer abholte. Sie war ungewöhnlich strebsam und schien hochintelligent. Aber davon abgesehen war sie ein zurückhaltendes, sehr schüchternes Mädchen, welches kaum soziale Kontakte zu haben schien.
Als sie den Raum verließ und durch die Halle der Schule ging, kam plötzlich Takeo aus einem Seitengang und stellte sich vor ihr auf. Er war gut einen Kopf größer als sie und instinktiv ging Natsuki ein paar Schritte zurück. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an und seine dunklen, ja – fast schwarzen Augen – schienen genau in ihre zu sehen. Ohne nachzudenken wandte sie sich um und wollte in die andere Richtung laufen, einfach nur weg. Doch da erschienen zwei weitere Gang-Mitglieder und versperrten ihr den Weg. Nun leicht verängstigt drehte sie sich wieder zu Takeo. Sie wollte wissen was los war, doch sie brachte keinen Ton heraus. Je mehr Takeo sich ihr näherte, desto weiter ging Natsuki zurück, bis sie die zwei anderen Mitglieder, Ryu und Shinji erreicht hatte und nicht mehr weiter konnte. Auf Ryus Gesicht machte sich ein böses Grinsen breit und kurz darauf packte er Natsuki und drückte sie an die Wand, beide Handgelenke hielt er dabei fest umschlossen. Wehrlos und geschockt sah Natsuki ihn an.
„Sie ist süß, was willst du eigentlich von ihr?“ , fragte Ryu ohne den Blick von Natsuki abzuwenden. Takeos Gesichtsausdruck verfinsterte sich.
„Ich will sicher nicht das von ihr, was du gern hättest. Und nun nimm deine dreckigen Pfoten von ihr du Idiot!“ , schrie er seinen Kollegen an, der verwundert von Natsuki abließ.
„Du sagtest wir sollen sie festhalten wenn sie aus dem Klassenzimmer kommt... , hab ich doch getan...“ Takeo verdrehte die Augen.
Sehr helle waren seine Kollegen wirklich nicht unbedingt.
„So wörtlich war das nicht gemeint..., den Rest mach ich schon, ihr könnt gehen.“ , erklärte er und auf seinen Wink hin gingen Shinji und Ryu grummelnd in Richtung Ausgang.
Jetzt wäre DIE Gelegenheit abzuhauen. Jetzt oder nie!
Doch so sehr Natsuki daran dachte, sie konnte sich nicht wegbewegen. Immer noch stand sie mit dem Rücken zu der Wand und ihre Augen fixierten Takeo. Seine schwarzen kurzen Haare, von denen zwei Haarsträhnen ihm ständig leicht vor die Augen fielen, seine dunklen, geheimnisvollen Augen, seine sportliche Statur... Natsukis Herz klopfte wie wild...
Vermutlich in so einer Situation gar nichts Ungewöhnliches... Ich meine, ich wurde angegriffen... und wer weiß was Takeo.. von mir will...
Er stützte seine Hände links und rechts von Natsukis Kopf ab und kam mit seinem Gesicht so nah an ihres, dass sie einen Moment lang vergaß zu atmen.
„Sorry, für den Spinner eben. Er mag es Mädchen zu verängstigen, dann fühlt er sich stark, dabei weiß er genau, dass ich so was nicht dulde. Auch eine Gang hat Regeln.“
Wieder blieb Natsuki still.
„Hm... sehr gesprächig bist du ja nicht gerade...“ , murmelte Takeo und stellte sich neben sie, ebenfalls mit dem Rücken an die Wand.
Sehr gut... wenn ich ihn nicht direkt dabei ansehe, fällt es mir nicht so schwer was zu sagen...
„W...was willst du eigentlich von mir?“ , fragte sie mit leicht zittriger Stimme.
Überrascht über die plötzliche Frage sah Takeo zu ihr rüber.
„Du bist die beste in der Klasse, sogar im gesamten Jahrgang, ich möchte das du meiner Gang, insbesondere mir, Spickzettel schreibst mit denen wir die morgen kommende Prüfung bestehen können.“ , erklärte er nun bestimmt. Er wartete auf eine Reaktion, aber es kam nichts, also stellte er sich wieder vor ihr auf und kam ihr so nah, dass sie nur ein Nicken fertig brachte. „Gut. Morgen Früh, zwanzig Minuten vor Stundenbeginn vorm Schultor. Ich sagte zwar ich halte nichts davon Mädchen zu verängstigen, aber ich rate dir uns nicht reinzulegen.“ , erklärte er mit einem schiefen Grinsen auf dem Gesicht und ging davon. Natsuki sah ihm noch nach und atmete erleichtert auf als er aus ihrer Sicht verschwunden war. Ihr Herz schlug langsam wieder im gewohnten Tempo und sie spürte wie sie sich langsam immer mehr beruhigte.
Noch benommen von den ganzen Ereignissen machte sie sich schließlich auf den Weg nach Hause. Langsam fielen erste Regentropfen vom wolkenbedeckten Himmel. Natsuki setzte die Kapuze ihrer dunkelblauen Jacke auf und begann schneller zu gehen. Ihre Schuhe waren leicht kaputt und undicht, daher legte sie wenig wert darauf in einen stärkeren Regenschauer zu geraten. Doch dem Wetter war es scheinbar egal, so dass sie völlig durchnässt zu Hause ankam.
„Du bist ja klatschnass! Zieh dich um, aber schnell! Du machst die ganze Wohnung nass und schmutzig!“ , schimpfte ihre Mutter gleich als sie hinein kam und ging zurück in die Küche.
Seufzend ging Natsuki ins Badezimmer und hing ihre nassen Sachen über die Heizung. In einem Handtuch eingewickelt flitzte sie in den Raum gegenüber, welcher ihrer war und zog ein paar neue Kleidungsstücke aus ihrem Schrank. Während sie die Vorhänge schloss und sich eilig umzog, hörte sie schon ihre Mutter rufen: „Essen ist fertig.“
Also ging Natsuki neu eingekleidet in die Küche und begann den Teller mit warmer Suppe zu essen. Es war wirklich nicht viel, die Suppe reichte gerade um das Hungergefühl etwas zu dämpfen, aber Natsuki sagte nichts, denn sie wusste wie schlecht ihre finanzielle Lage zur Zeit aussah. Ihr Vater hatte sie vor einem halben Jahr verlassen und ihre Mutter war immer nur Hausfrau gewesen. Als wäre das nicht schlimm genug fing sie auch noch an zu trinken, aus Frustration über ihre Einsamkeit und die immer noch währende Liebe zu ihrem ehemaligen Ehemann. „Es hat wirklich gut geschmeckt, danke Mama.“ , bedankte sich Natsuki höflich und stand auf. „Natsuki, warte mal, sag – morgen ist doch die Englisch-Prüfung?“ Natsuki nickte. „Hast du denn auch genug gelernt? Du weißt genau, es ist wichtig gute Noten zu haben, damit du später einen anständigen Beruf erlernen kannst. Man kann sich schließlich nicht darauf verlassen, dass man einen guten Ehemann findet der sich um alles kümmert...“ Wieder nickte Natsuki. „Mach dir keine Sorgen, ich hab mir noch Übungen zum lernen mitgeben lassen, so wie du es mir aufgetragen hattest.“ – „Sehr gut. Ich will sie um 20Uhr kontrollieren.“ Natsuki nickte und verließ die Küche. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es Zeit war zu gehen. 16:30Uhr. Gegen 17Uhr begann ihr Aushilfsjob von dem sie ihrer Mutter nichts erzählt hatte. Eilig griff sie sich ihre Schultasche, sowie einen Schirm und ging los um nicht zu spät zu kommen.
Der Supermarkt in dem sie Waren entgegennahm und einräumte war etwa eine halbe Stunde weit weg, so dass sie es gerade noch rechtzeitig schaffte dort zu sein. Wenn sie zwischendurch etwas Zeit fand holte sie ihr kleines Vokabelheft aus ihrer Tasche und versuchte sich einige davon einzuprägen, indem sie die Wörter beim Einräumen immer wieder vor sich hin murmelte.
Auf die anderen Hilfsarbeiter wirkte sie immer unheimlich und seltsam, weswegen sie kaum mit ihr sprachen. Allerdings wusste Natsuki, dass es ohnehin besser so war, sie hatte wirklich keine Zeit für irgendwelche Gespräche, auch wenn sie sich oft nach dem Kontakt zu anderen, gleichaltrigen sehnte, schien ihr Leben einfach nicht viel Raum dazu zu lassen.
Nach der Arbeit ging sie total erschöpft zurück heim, erleichtert darüber, dass der Regen zumindest aufgehört hatte und die Sonne leicht durch die Wolken schien. Als sie gegen 19Uhr nach Hause kam setzte sie sich direkt an ihre Englischaufgaben, um sie bis 20Uhr fertig zu kriegen und schaffte es sogar noch etwas vor der abgesprochenen Zeit. Müde legte sie die Aufgaben auf den Tisch im Wohnzimmer und zog sich in ihr Zimmer zurück. Ihre Mutter war noch nicht zu Hause, sie war sicher noch spontan was trinken gegangen.
Seufzend ließ sich Natsuki auf ihr Bett fallen. Es tat so gut einfach nur dazu liegen.... Jetzt einfach einen Moment lang die Augen schließen... sie würde sich ja nur einen Moment lang ausruhen...
Doch wie zu erwarten war fiel sie in einen tiefen Schlaf. Erst gegen 23 Uhr wachte sie erschrocken auf als die Haustür ins Schloss fiel. Ihre Mutter war scheinbar nach Hause gekommen. Verdammt... eingeschlafen... Ich muss sofort die Spickzettel schreiben!
Seufzend setzte sie sich an ihren Schreibtisch und machte die kleine blaue Tischlampe an.
Eilig nahm sie Papier und teilte es in fünf Stücke.
Es dauerte einige Stunden bis sie fertig war, abgesehen davon, dass sie gleich fünf mal dasselbe schreiben musste, ging ihr auch die ganze Zeit nicht das Bild von Takeo aus dem Kopf, als er ihr so nahe kam, dass sie seinen Atem hat spüren können. Sie bekam jedes mal eine Gänsehaut wenn sie daran dachte. Er war ein Mitglied dieser Gang..., ein Raufbold..., aber irrte sie sich damit, dass er eigentlich ziemlich nett in ihrer Gegenwart war? Anders als die anderen. Er hatte sie vor Ryu praktisch in Schutz genommen und war die ganze Zeit freundlich. Nur am Ende... die Sache mit den Spickzetteln und seine plötzliche Drohung passten überhaupt nicht zu dem restlichen Bild. Außerdem war es ja scheinbar auch sein Plan. Er war wohl nur nett, weil er sie für seine Zwecke noch brauchte... Das war wohl die Erklärung. Wieso dachte sie nur die ganze Zeit darüber nach? Endlich hatte sie den letzten Spickzettel fertig und begann auf jeden einzelnen davon einen Namen zu schreiben.
Als sie Takeos Namen schrieb fiel ihr auf wie hübsch er geschrieben aussah und wie sehr er zu ihm passte... Gedankenverloren riss sie noch ein weiteres Stückchen Papier ab und begann darauf seinen und ihren eigenen Namen zu schreiben. Takeo und Natsuki... Kein schlechter Klang eigentlich... Sie merkte kaum wie sie ein Herz darum malte. „Takeo...“ , flüsterte sie leise in Gedanken versunken und schlief über ihrem Schreibtisch ein.
Am nächsten Morgen wurde sie durch ihre Mutter geweckt. „Natsuki! Jetzt beeil dich aber, heute ist doch die Prüfung! Hörst du?“ Erschrocken fuhr Natsuki hoch und sah zur Uhr. Sie hatte total verschlafen! So schnell sie konnte wusch sie sich und machte sich fertig. Viel Zeit blieb nicht mehr! Die vereinbarte Zeit war längst vorbei... Die Gang würde denken sie wäre versetzt worden! Hastig griff sie die Zettelchen vom Tisch und steckte sie in ihre Tasche.
Sie durfte keine Zeit mehr verlieren!
Den Weg zur Schule rannte sie ohne Pause und kam völlig außer Atem am Schultor an als es gerade zur Stunde klingelte. Die Gang stand schon deutlich gereizt dort und wartete. „Du kleines Biest, du hast uns doch mit Absicht warten lassen... Was fällt dir eigentlich ein?“ , schrie Toshi sie an. Zittrig holte Natsuki die Zettelchen aus ihrer Tasche und übergab sie Takeo. „Die...Namen stehen drauf.“ , murmelte sie noch. Takeo nickte ihr nur kurz zu. Er zog noch mal an seiner Zigarette und machte sie dann aus. „So Zeit zum schreiben, Jungs.“ , erklärte er, verteilte die Zettel und ging mit den anderen hinein. Mit ein wenig Abstand folgte Natsuki ihnen und ließ bei keinem Schritt Takeo aus den Augen. Eigentlich wusste sie es doch schon lange... warum wollte sie es sich selbst gegenüber denn nur nie eingestehen? Sie war in ihn verliebt – ganz gleich ob er ein Anführer einer brutalen Gang war, es war im Prinzip egal wem oder was er angehörte – sie konnte es nicht ändern, er zog sie magisch an.
Seufzend betrat sie den Klassenraum, gleich würde es ein zweites Mal klingeln und die Prüfung beginnen... Der Lehrer kam selten zu spät. Als sie ihre Schulsachen rauskramte bemerkte sie einen Zettel mit Takeos Namen drauf.. Wie konnte das sein? Sie war sich sicher ihm fünf Spicker gegeben zu haben... Sie musste sich wohl irren... Schnell stand sie auf und ging zu ihm hinüber. „Tut mir Leid... ich... muss den übersehen haben.“ , erklärte sie und legte ihm den Zettel auf seinen Tisch. Irritiert sah Takeo sie an. „Willst du mich reinlegen oder so etwas? Ich habe meinen doch längst... also nimm den Wisch wieder mit und geh.“
Verwirrt setzte sich Natsuki wieder auf ihren Platz. Genau da klingelte es und wie auf die Sekunde genau betrat der Lehrer den Raum und die Prüfung begann.
Es dauerte nicht lange bis Natsuki fertig war und so betrachtete sie während die anderen noch schrieben die einzelnen Gang-Mitglieder. Sie wirkten alle recht zufrieden, zumindest war keiner von ihnen dabei der Löcher in die Luft starrte, wie es sonst meist war. Schließlich riskierte sie es auch einen Blick auf Takeo zu werfen... und bemerkte wie er gerade seinen Zettel öffnete. Plötzlich lief er rot an und sah mit weiten Augen zu Natsuki hinüber deren Blicke sich jetzt trafen. Erschrocken und verlegen sah Natsuki schnell wieder auf ihre Arbeit. Als sie nach einigen Minuten noch mal zu Takeo hinübersah war er eifrig am schreiben.
Wieso hat er mich eben so merkwürdig angesehen? Irgendwie...entsetzt...und eindeutig überrascht...
Schließlich klingelte es und die Arbeiten wurden eingesammelt. Direkt nachdem der Lehrer Natsukis entgegennahm, schnappte sie sich ihre Sachen und verließ auf schnellstem Wege den Raum. Die ganzen restlichen Stunden vermied sie es einem der Gang über den Weg zu laufen, insbesondere Takeo und versuchte so wenig wie möglich zu ihm während des Unterrichts hinüberzusehen... Doch wenn sie ihre Selbstkontrolle verlor und einen Blick riskierte, schien es ihr immer so als sah er selbst gerade zu ihr hinüber und sie starrte schnell wieder nach vorn. Ob er sauer ist? Aber weswegen sollte er denn sauer sein... Was soll denn an dem Zettel nicht gestimmt haben?
Die ganze Zeit ging ihr das nicht aus dem Kopf und es fiel ihr schwer sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Erleichtert machte sie sich auf den schnellsten Weg nach Hause, als die Schule zu Ende war. Sogar die Lehrerin war irritiert darüber, dass Natsuki anstatt als Letzte, dieses Mal als Erste den Raum verlassen hatte und wusste zunächst nicht ob das ein Grund zur Sorge war oder zur Freude, schließlich sollte ein junges Mädchen nicht ständig nur Schule im Kopf haben... und auch außerschulisch Kontakte pflegen.
Natsuki ging es einfach nicht aus dem Kopf. Der Blick Takeos... und das er meinte, er hätte seinen Zettel schon. Wenn sie den Zettel mit den Notizen für die Prüfung in ihrer Tasche hatte, was zum Teufel hatte denn dann Takeo auf seinem Zettel?
Plötzlich setzte Natsukis Herz einen Schlag aus.
Nein! Nicht möglich! Nein, nein, nein!
Sie rannte nun den Rest des Weges nach Hause. Eilig schloss sie die Tür auf und hörte ihre Mutter rufen. „Da bist du ja endlich Natsuki!“
Ohne sie zu begrüßen stürzte sie aber in ihr Zimmer und sah auf den Schreibtisch. Wo war er? Wo war der Zettel mit dem Herz? Wo war der Zettel wo Takeos und ihr Name drauf standen?
Sie wurde blass. Natürlich wusste sie wo er sich befand...
Unterdessen war auch Takeo zu Hause angekommen. Das Haus in dem er wohnte war riesig und hatte mehr Räume als seine Familie nutzen konnte. Wie immer bemerkte niemand, dass er heim gekommen war. Jeder war mit sich beschäftigt, so war das schon immer gewesen. Aber im Moment hatte er auch ganz andere Gedanken die ihn beschäftigten. Er eilte die Treppe hinauf und las immer wieder den Zettel den Natsuki ihm gegeben hatte. Immer und immer wieder las er ihn. Der Inhalt veränderte sich nicht. Es stand wirklich da. Sein und ihr Name in einem Herzen... Er wurde leicht rot. Wusste sie etwa... was er für sie empfand?
Er ging in sein Zimmer und lief nervös hin und her, immer noch den Zettel in seiner Hand. Machte sie sich auf diese Art über ihn lustig? Oder konnte es wirklich sein.... Er schüttelte sich. Wie sollte so ein Mädchen sich in jemanden wie ihn verlieben? Es war so absurd.. und dennoch konnte er es nicht verhindern... da war ein Funken Hoffnung den er nicht ersticken konnte.
Am nächsten Tag in der Schule ging ihm Natsuki strikt aus dem Weg, ihr schien die ganze Sache sehr peinlich zu sein und doch bestärkte es Takeo nur in seinem Vorhaben mit ihr mal unter vier Augen darüber zu sprechen. Jedes Mal wenn er nur in ihre Nähe kam, eilte sie davon. Schließlich wusste Takeo, dass er ein wenig Hilfe brauchen würde um sein Ziel zu erreichen.
Natsuki kam gerade wieder in die Klasse als sie beobachtete wie Takeo sich mit einer Mitschülerin unterhielt. Er wirkte angespannt und war leicht rot im Gesicht. Was hatte das zu bedeuten? Sonst sprach er doch nie mit irgendeiner anderen aus der Klasse? Sie spürte ein Stechen in der Brust und versuchte den Blick abzuwenden, doch es ging nicht.
Worüber lachte Mitsuki so? Sie war hübsch, ohne Frage würde er auf sie stehen. Sie hatte lange blond gefärbte Haare mit roten Strähnchen drin, trug Piercings und war sehr offen, ganz anders als sie selbst. Es war ganz klar, dass so ein Mädchen viel besser zu ihm passte als sie selbst. Sie spürte wie eine Träne an ihrer Wange hinunterlief und drehte sich schnell um. Er sollte sie nicht so sehen, keiner sollte sie weinen sehen und es war doch auch Blödsinn deswegen zu heulen, sie wusste es doch von Anfang an. Sie wusste sie hatte keine Chance.
Sie waren zu verschieden. Schnell wischte sie sich die Träne weg und setzte sich auf ihren Platz.
Nur kurz darauf kam auch schon der Englisch-Lehrer in die Klasse. Er trug eine Tasche bei sich, die darauf hinwies, dass er die Klassenarbeiten dabei hatte.
Und tatsächlich verteilte er die Ergebnisse und las wie es seine Art war laut die Noten vor. Die Gang-Mitglieder hatten alle gute Noten, die vermutlich nur durch ihre Abschreibfehler nicht total perfekt waren. Der Lehrer wirkte selbst noch immer sehr erstaunt über die plötzlichen Wunderleistungen der Kaosu-Gang.
Was Natsuki anging war es nicht weiter verwunderlich das sie wieder einmal die beste Note der Klasse hatte, doch überraschend schien, dass sie sich diesen Platz diesmal mit jemandem teilen musste. Und dieser jemand war kein anderer als Takeo. Verwundert sah Natsuki zu ihm hinüber. Er hatte doch keinen Spickzettel gehabt... wie konnte er dann so gut abgeschnitten haben? Plötzlich lächelte er sie an und sie wandte sich schnell wieder ab.
Nach der Unterrichtsstunde kam Mitsuki auf einmal zu ihrem Tisch. „Hör mal... hast du kurz Zeit nach der Schule? Hab ein paar Fragen zu Mathe... und da ist ja bald die Prüfung...“ Natsuki sah sie irritiert an und brauchte eine Weile um zu begreifen, dass sie gerade wirklich angesprochen wurde. „Eh, sicher... Warum nicht. Heute habe ich keine Arbeit...“ – „Super! Lass uns ins Klassenzimmer gegenüber dann, dass steht meist leer und hier haben andere nach uns noch Unterricht.“ Natsuki nickte nur und Mitsuki ging wieder zu ihrem Platz zurück. Verwundert sah Natsuki zu ihr hinüber und dann wieder zu Takeo, der gerade wieder aus dem Fenster sah. Er hatte ein Lächeln auf den Lippen. Worüber lächelte er so?
Und wieso musste ausgerechnet Mitsuki diejenige sein, die mal mit ihr sprach und Hilfe wollte? Es war wie verhext... Wenn sie doch einfach nein gesagt hätte... Aber darin war sie ja noch nie gut gewesen. Takeo war da anders... Wenn ihm irgendetwas nicht passte zögerte er nicht es auch zu sagen. Ihm schien egal was andere über ihn dachten, er blieb sich immer treu. Wenn sie doch nur ein bisschen mehr wie er sein könnte...
Nachdem der Unterricht für diesen Tag beendet war beeilte sich Natsuki in den gegenüberliegenden Klassenraum zu gehen. Sie wollte nicht Takeo über den Weg laufen, der schon den halben Morgen versucht hatte mit ihr zu sprechen. Erleichtert schloss sie die Tür des Zimmers und kramte schon einmal ihre Mathe-Sachen aus ihrer Tasche.
Als die Tür sich öffnete und sie sich umdrehte stand allerdings nicht Mitsuki vor ihr sondern Takeo. Erschrocken ließ sie ihr Mathebuch fallen. Takeo lächelte und schloss die Tür, während Natsukis Puls sich beschleunigte. Was hatte er vor? Allein mit ihr in diesem Klassenzimmer? Sie versuchte ihre Atmung wieder in den Griff zu bekommen, scheiterte daran aber kläglich. Takeo kam lächelnd auf sie zu, hob zunächst ihr Buch auf und legte es auf einen der Tische. „Schau nicht so ängstlich... Ich tu dir doch nichts.“ , erklärte er mit sanfter Stimme. „Du bist mir den ganzen Tag aus dem Weg gegangen..., anders hät ich dich nie zu einem Gespräch gekriegt..." Er machte eine kurze Pause, doch Natsuki sagte nichts. "Ich... ich muss dir was gestehen.“ , fing er plötzlich an und wirkte irgendwie verlegen. „Ich brauchte den Spickzettel von dir gar nicht... ich hab dich nur darum gebeten..., weil... also...“ Natsuki sah ihn fragend an. Was fiel ihm denn so schwer zu sagen? Sie hatte ihn noch nie so unsicher erlebt.
„Also... Natsuki..., ich wollte nur das du denkst ich hätte wegen deiner Hilfe, wegen dem Zettel so gut abgeschnitten..., aber ich hatte sehr für diese Arbeit gelernt... damit... Ach...“
Natsuki merkte wie sie durch seine plötzliche Unsicherheit selbst mutiger wurde und ging einen Schritt auf ihn zu. „Ich... verstehe nicht.. Warum solltest du... so etwas tun?“ , sie sah ihn mit ihren blauen Augen an und zum ersten Mal war er derjenige der sich unfähig fühlte irgendetwas zu sagen. Er war total verzaubert. Sie war so wunderschön. Ihre schwarzen Haare wehten im Wind der durch das offene Fenster des Klassenraumes zog. Konnte sie es denn nicht sehen? Wie vernarrt er in sie war? Er konnte sich nun nicht mehr zurückhalten.
Er machte eine schnelle Bewegung auf sie zu, legte eine Hand um ihre Hüfte und die andere auf ihre Wange, während er ihr einen zärtlichen Kuss gab.
Natsuki war so überrascht, dass sie die Augen nicht mal geschlossen hatte und sich von ihm losriss. Sie atmete hörbar schnell. Ihr Herz schien sich zu überschlagen. „E...entschuldige..., ich wollte nicht... also ich wollte schon. Weißt du, ich bin schon lange in dich verliebt. Aber nie hatte ich den Mut es dir zu sagen..., na ja...bis jetzt.“
War das ein Traum? Nein... es konnte kein Traum sein. Sie konnte förmlich noch seine Lippen auf ihren spüren. Er hatte sie geküsst... und nun sagte er ihr auch noch, dass er sie liebte. „Meinst du... es wirklich ernst?“ , fragte sie ihn zaghaft.
„Ja. Mit so etwas spaße ich nicht.“
Natsuki sah ihn ungläubig an. „Wieso... Ich.. meine, du hast dich nie für Mädchen interessiert...“ – „Ich habe mich immer nur für ein Mädchen interessiert...“ , korrigierte er sie. „Aber... wieso für mich...?“
Takeos Wangen röteten sich leicht. „Zu Beginn war ich einfach neugierig. Du hast mit niemandem gesprochen, wirktest absolut unnahbar und in dich gekehrt. Irgendwie ängstlich und doch merkte ich manchmal wie du neidisch zu den anderen sahst wenn sie lachten und sich unterhielten. Du hast so einsam gewirkt... und je länger ich das beobachtete, desto mehr entwickelte ich den Wunsch dich festhalten zu wollen, dir deine Angst zu nehmen...“ , er hielt kurz inne. „Nun... abgesehen davon, fand ich dich schon immer ausgesprochen hübsch...“ , fügte er hinzu und sah beschämt zur Seite. Natsuki spürte wie ihr sehr warm wurde. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass ausgerechnet Takeo sich in ein Mädchen wie sie verlieben könnte - doch es war passiert.
„Nun hast du einiges an Fragen gestellt und mir aber keine Antwort gegeben.“
Sie sah ihn verwundert an. „Antwort worauf..?“ Er schüttelte ungläubig mit dem Kopf.
„Ich hab dir gesagt was ich für dich empfinde, aber was ist mit dir? Kannst du dir vorstellen mit so einem Raufbolden wie mir was anzufangen?“
Natsuki bekam eine Gänsehaut. Hatte er das wirklich gerade gefragt? Hatte er denn nie ihre Blicke gespürt? Merkte er denn gar nicht wie sehr er sie aus der Bahn warf? Sie brachte kaum ein Wort heraus wenn er vor ihr stand... Er raubte ihr den Atem. Wenn sie ihn nur ansah, klopfte ihr Herz so schnell, dass ihr leicht schwindelig wurde. Anstatt ihm all das zu sagen nickte sie nur. Sie war im Gegensatz zu ihm einfach nicht gut darin frei raus zu reden was sie dachte oder empfand.
„Das wird aber eine seltsame Beziehung wenn du nie mit mir sprichst.“ , grinste er, packte Natsukis Mathesachen in ihre auf dem Boden liegende Schultasche und überreichte sie ihr. „Komm, ich bring dich heim“ , lächelte er. Natsuki war es peinlich, dass sie kaum einen Satz zustande brachte und so schlecht darin war über ihre Gefühle zu sprechen, gerade nachdem er soviel Preis gegeben hatte. Sie wollte ihm irgendwie zeigen, was sie fühlte.
Takeo hatte sich schon umgedreht und steuerte auf die Tür zu, als er plötzlich schnelle Schritte hörte und spürte wie er von hinten umklammert wurde.
So ging es... So konnte sie es ihm zeigen... ihm sagen, was sie empfand. Wenn sie ihn direkt ansah verschlug es ihr ständig die Sprache, aber so würde es funktionieren.
„Ich... ich... liebe dich auch.“
Sie konnte deutlich spüren wie Takeo leicht zuckte als sie es ausgesprochen hatte.
Er genoss eine Weile schweigend diesen Augenblick, bevor er sich schließlich mit einem anbetungswürdigem Lächeln zu Natsuki umdrehte und ihr einen sanften Kuss auf die Stirn gab. Sie lächelte. Er konnte sich nicht daran erinnern sie je lächeln gesehen zu haben. Doch es schien sie tatsächlich noch hübscher zu machen.
Natsuki spürte wie sich ein Knoten in ihr gelöst hatte. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern wann sie zuletzt so glücklich gewesen war.
Dann griff Takeo nach ihrer Hand und ließ sie auf dem ganzen Weg, bis zu ihr nach Hause nicht los.
Eine Frage der Ehre
Anmerkung: Es war ursprünglich nicht geplant, aber es wird wohl ein drittes Kapitel folgen, da dies als abschließendes Ende einfach nicht rund genug ist.
Abgesehen davon hab ich dieses Kapitel nachbearbeitet und ein kleines bisschen verändert, bzw. manches ein wenig genauer beschrieben und hinzugefügt.
Ich hoffe das Kapitel gefällt. Danke fürs Lesen schon mal ;).
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Obwohl weder Natsuki noch Takeo den Weg über sprachen, verspürten beide eine tiefe innere Zufriedenheit.
„Hier wohne ich.“ , erklärte Natsuki schließlich und sie blieben stehen.
Sie erkannte Takeos entsetzten Gesichtsausdruck.
„Das ist nicht.. dein Ernst?“ , fragte er und sah sie an als erwartete er wirklich, dass sie es zu einem Scherz erklären würde.
„Ehrlich, hier wohne ich...“
Takeo schaute noch einmal zu dem schäbig wirkendem Haus, welches außer klein auch hässlich grau war und absolut traurig wirkte. Der kleine Garten war ein genauso trüber Anblick, überall war Unkraut... Es war unschwer zu erkennen, dass sich lange Zeit niemand mehr darum gekümmert hatte.
„Ich... sollte nun rein, meine Mutter wird sich sorgen...“
Takeo aber hielt ihre Hand immer noch fest umschlossen.
„Wie wäre es mit einem Date heute Abend?“ , fragte er schließlich und Natsukis Wangen färbten sich leicht rot.
„Ich weiß nicht... Meine Mutter...“ – „Du bist sechzehn Jahre alt, kein kleines Kind mehr. Ich bringe dich vor Mitternacht heim, dann passiert der Prinzessin nichts und die böse Stiefmutter wird uns auch nicht verfluchen.“
Natsuki schmunzelte leicht und fing an darüber nachzudenken.
Natürlich wollte sie ein Date mit ihm, doch der Männerhass ihrer Mutter würde bestimmt einen Strich durch die Rechnung machen. Sie brauchte einen Plan oder eine Ausrede... Während sie noch darüber nachdachte ging Takeo zur Haustür und ehe Natsuki reagieren konnte hatte er bereits angeklingelt.
„W...was machst du da?“ , fragte sie noch fassungslos als die Tür sich bereits öffnete. Der Blick ihrer Mutter fiel erst auf den ihr fremden Jungen. Mit der schwarzen Lederjacke, den Combat Boots und seiner zerrissenen Jeans hinterließ er direkt einen bleibenden Eindruck bei ihr. Natsuki konnte ihr Entsetzen gut ablesen, obwohl sie ein paar Meter Abstand hielt. Dann wurde sie selbst in Augenschein genommen.
„Natsuki? Wer ist dieser Junge!?“ , fragte sie laut und zutiefst unfreundlich. „Ich kann sprechen, es ist nicht nötig das ich vorgestellt werde. Mein Name ist Takeo Matsushita und ich bin in derselben Klasse ihrer Tochter. Ich möchte Sie um die Erlaubnis bitten Ihre Tochter heut Abend gegen 20 Uhr zum Essen einzuladen.“
Natsuki beobachtete das Geschehen angespannt und sah neugierig zu ihrer Mutter. „Du siehst nicht unbedingt vertrauenserweckend aus... Woher soll ich bitte wissen ob du wirklich mit meiner Tochter essen warst?“
Takeo lächelte siegessicher, mit dieser Frage hatte er gerechnet.
„Ich werde Ihnen die Rechnung des Essens mitbringen wenn Sie es wünschen und außerdem verspreche ich Ihnen Natsuki zu der von Ihnen gewünschten Zeit wieder wohlbehalten nach Hause zu bringen.“ – „Hm... also ich weiß nicht....“
Es war deutlich zu spüren, wie das Eis langsam brach.
„Ach und beinahe hätte ich es vergessen, ich möchte Ihnen meine Dienste als Gärtner und Maler anbieten.“
Frau Watanabe warf ihrer Tochter einen skeptischen Blick zu, doch diese, selbst ebenfalls überrascht, zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Dann wand sich ihre Mutter wieder Takeo zu.
„Also gut. Dir scheint ja wirklich viel an Natsuki zu liegen... Aber wenn du mich reinlegst oder ihr irgendetwas passiert...“ – „Das wird nicht geschehen.“ , unterbrach Takeo sie und verbeugte sich höflich.
„Also dann heute von 20 Uhr bis 23 Uhr. Wenn ihr nicht pünktlich seid könnt ihr weitere Verabredungen gleich vergessen, außerdem erwarte ich das du dich angemessen kleidest wenn du meine Tochter ausführst...“
Takeo nickte.
„Vielen Dank, Frau Watanabe. Ich werde ihre Tochter dann um kurz vor 8 abholen.“
Als er ging zwinkerte er Natsuki breit grinsend zu und sie selbst konnte sich ein Lächeln ebenfalls nicht verkneifen, ehe sie mit ihrer Mutter ins Haus ging.
In der Stadt, vor einem Schuhladen, sah Mitsuki zum dritten Mal auf ihre Armbanduhr. Wo blieb ihr Date nur? Er war spät dran. Sie wartete schon volle zehn Minuten. Gerade als sie darüber nachdachte zu gehen erkannte sie ihn von weitem an seiner schwarzen Lederjacke. Er kam! Eilig drehte sie sich noch einmal zu ihrer Freundin um, die mehrere Meter entfernt an einen Baum gelehnt stand und sich eine Kippe genehmigte. Perfekt! Es war total unauffällig.
„Entschuldige... bin etwas spät. Aber ich halte mein Wort wie du siehst.“ , erklärte Takeo der nun bei Mitsuki angekommen war.
„Also..., was ist es?“
Mitsuki strich sich durch ihre blonden Haare als wollte sie dadurch besonders verwegen erscheinen.
„Ich möchte das du mich küsst.“ , erwiderte sie mit einem frechem Lächeln.
„Ein Kuss also...? Warum...“ – „Weil ich dich will Takeo. Ich wollte dich schon immer... Du erinnerst dich bestimmt nicht mehr daran..., aber zu der Zeit wo du neu in unsere Klasse kamst, habe ich dich ständig um ein Date gebeten... Doch immer wieder hast du mich zurückgewiesen. Du sagtest mir ziemlich böse Dinge..., aber ich bin ja nicht nachtragend. Fakt ist, ich habe dir einen Gefallen getan und du hast mir versprochen mir im Gegenzug auch einen Wunsch zu erfüllen.“ Takeo funkelte sie böse an.
„Was bringt dir das? Du weißt ganz genau, dass ich nichts für dich empfinde. Aber gut, meinetwegen. Du kriegst deinen Kuss und dann sind wir quitt. Danach bleib mir bloß vom Hals verstanden!?“ – „Gut... aber ich will einen richtigen Kuss... Nicht nur mal kurz auf die Wange, okay?“
Takeo ballte eine Hand zu einer Faust und nickte nur.
„Dann mal los...“ , lächelte Mitsuki zufrieden.
Sie war endlich am Ziel. Gleich würde sie nicht nur einen Kuss von ihm kriegen... Er ahnte es noch nicht..., aber sie würde ihn schnell an der Leine haben. Endlich spürte sie seine Lippen auf ihren und wie seine Zunge mit ihrer spielte. Es wirkte etwas unbeholfen, sie konnte deutlich spüren das es ihm nicht sonderlich gefiel. Aber er würde sich schon noch damit arrangieren. Sie würde ihn noch dazu bringen sich in sie zu verlieben, alles was sie dazu brauchte war mehr Zeit mit ihm und die würde sie sich erkämpfen. Ein helles Licht blendete Takeo von der Seite und er löste sich erschrocken von Mitsuki. Als er in die Richtung sah aus der das Licht kam sah er ein Mädchen mit kurzen braunen Haaren und auffälligen bunten Klamotten mit einer Digitalkamera. Er kannte sie. Sie war ebenfalls in seiner Klasse. Kyoko. Ständig hing sie mit Mitsuki herum... Hieß das etwa... Entsetzt und sauer sah er von einem Mädchen zum anderen.
„Was geht hier vor, verdammt!?“ , fuhr er sie an.
„Das werde ich dir gerne erklären. Von nun an, wirst du tun was ich will... oder wir zeigen das Bildchen deiner kleinen Freundin.“ – „Du willst mich also erpressen, Mitsuki? Du bist echt eiskalt. Ich lasse mich aber nicht erpressen!“ – „Das ist schade, oder denkst du etwa ernsthaft das Natsuki dir glauben wird, wenn du ihr die Wahrheit sagst? Dir? Du prügelst dich, bist der Anführer einer Gang, schau allein mal wie du dich kleidest... Sie wird denken dir war einfach mal danach dich etwas zu vergnügen, oder das du sie reingelegt hast. Sie wird dir nicht glauben. Kein Wort. Kyoko ist übrigens schon auf dem Weg zu sich nach Hause und ich kann sie jederzeit anrufen und sie bitten Natsuki eine Mail zu schicken. Du weißt, sie hat alle Mailadressen unserer Klasse, sie ist Klassensprecherin.“
Takeo wollte ihr eine runterhauen, doch er schlug keine Mädchen. Niemals. Sie hätte es zwar verdient, aber soweit würde er nicht gehen.
„Also pass auf, ich brauch noch ein wenig Unterwäsche, es wäre schön wenn du mir etwas Gesellschaft leisten würdest... Ich muss schließlich wissen was dir gefällt...“ , grinste sie.
„Wenn du denkst du kannst mich um den Finger wickeln irrst du dich, du Miststück!“ , erwiderte Takeo zornig.
Mitsuki lächelte aber nur wie gewohnt, es schien sie zutiefst zu erheitern die Macht über ihn zu haben. Ja, sie hatte die Macht. Er hatte zuviel Angst Natsukis Vertrauen so schnell wieder zu verlieren. Es gab im Moment keinen anderen Ausweg. Er musste die Marionette dieser Irren sein.
„Komm mein Schatz, der nächste Unterwäsche Laden ist gleich da drüben.“ – „Ich bin nicht dein Schatz. Die ganze Sache ist schon so entwürdigend genug.“ – „Ach komm, wer träumt nicht davon mich in Unterwäsche zu sehen?“ – „Eingebildete, blöde...“ – „Na... benimm dich.“ Schäumend vor Wut trottete Takeo hinter Mitsuki her.
Natsuki konnte gar nicht fassen was in den letzten Stunden alles geschehen war. Aufgeregt durchsuchte sie ihren Kleiderschrank nach einem hübschen Outfit für ihr späteres Date. Sie hatte viele schöne Kleider allerdings selten einen echten Grund gehabt eines davon zu tragen. Nach langem Überlegen und vielen Anproben entschied sie sich schließlich für ein hellblaues, welches vom Farbton genau zu ihren Augen passte. Es ging ihr ein Stück über die Knie und war tief ausgeschnitten. Einen Moment lang dachte Natsuki darüber nach, ob es vielleicht etwas zu gewagt war.., doch verwarf den Gedanken wieder. Es würde Takeo bestimmt gut gefallen. Sie lächelte fröhlich und begann nach passendem Schmuck zu suchen.
Unterdessen stand Mitsuki in der Umkleidekabine und zog sich einen schwarzen String und ebenso schwarzen BH an. Ein Blick in den Spiegel bestätigte ihr, dass sie unwiderstehlich aussah. Letzten Endes war Takeo auch nur ein Mann. Bald würde sein Trieb über seinen Verstand siegen, davon war sie überzeugt. Außerdem... würde ihm bald klar werden, dass Natsuki eine hässliche graue Maus im Gegensatz zu ihr war.
„Takeo, komm her. Schau dir das mal an!”
Takeo saß auf der Bank vor der Umkleide und seufzte. Er hatte einige Minuten darüber nachgedacht abzuhauen, aber das Risiko das Mitsuki dann wütend ihre Freundin anrufen würde war ihm zu hoch.
„Vergiss es! Ich kann unmöglich...“ – „Takeo! Bitte!“
Von Wut gepackt riss er den Vorhang der Kabine zur Seite.
„Was zum Teufel ist denn!?“
Der Ausdruck von Zorn in seinem Gesicht wich langsam dem von Erstaunen. Seine Augen waren weit aufgerissen und sein Mund stand offen, als er Mitsuki spärlich bekleidet, ganz in schwarz, vor sich stehen sah. Sie lächelte, zog ihn ruckartig zu sich hinein und schloss den Vorhang. Takeo sah beschämt zur Seite. „Du schreckst auch vor gar nichts zurück, oder? Willst du mich versuchen zu verführen oder was?“ Mitsuki kam nun ganz nah, so dass Takeo ihre Brüste deutlich spüren konnte. „Lass das...!“ , meinte Takeo doch seine Stimme wirkte leise und unsicher. Die Situation machte ihn irgendwie an. „Wehr dich nicht, vergiss einfach Natsuki... sie passt gar nicht zu dir. Denkst du nicht, wir beide gäben ein viel besseres Paar ab?“ , hauchte sie in sein Ohr.
Natsuki! Es war nicht dieses kleine Biest was er wollte, es war Natsuki und keine andere. SIE wollte er mal in so einer heißen Unterwäsche sehen, SIE wollte er küssen. Was zum Teufel ließ er eigentlich geschehen? Es reichte... Es war einfach genug. Er würde sich keine weitere Minute so demütigen und zu einer Marionette machen lassen. Diese dumme Göre brauchte eine Lektion und ihm fiel auch schon ein wie die aussehen sollte.
Takeo sah Mitsuki nun mit Entschlossenheit an und legte sanft seine Hände auf ihre Schultern.
„Du hast ja so Recht.“ , grinste er. Und Mitsuki spürte wie seine Hände zum BH-Verschluss wanderten. Nur eine kurze Handbewegung und der BH fiel zu Boden. „Schließ die Augen, Darling.“ , murmelte er und Mitsuki folgte seiner Anweisung leise kichernd. Takeo war sich sicher, sie war so dermaßen von sich überzeugt, sein Sinneswandel, der jedem anderen auffällig und seltsam vorgekommen wäre, war für sie nicht weiter verwunderlich.
Mit einem frechem Grinsen auf dem Gesicht hob Takeo den BH auf, nahm ihre Kleidung von der kleinen Bank und verschwand aus der Kabine.
Er legte die Sachen ein Stück weiter auf den Boden, mitnehmen wollte er sie auch nicht, aber es würde Mitsuki sicher eine Lektion sein.
Daraufhin ging Takeo auf schnellstem Weg nach Hause. Er musste sich noch ein wenig zu recht machen für sein Date mit Natsuki und es war schon einiges an Zeit vergangen. Er würde ihr einfach sagen was los war und das Mitsuki ihn erpressen wollte. Wenn ihr wirklich viel an ihm lag, würde sie ihm glauben und nicht ihr.
Es war in etwa zehn vor acht als Natsuki noch einmal ihre Mails kontrollierte. Außer den üblichen Werbungen und Newslettern, bemerkte sie auch eine Mail von Kyoko und öffnete sie gespannt.
Ein Bild begann zu laden... und als es vollständig erschienen war, konnte Natsuki es kaum glauben... Ihr schlimmster Albtraum schien wahr geworden. Sie erinnerte sich daran wie Takeo mit Mitsuki gesprochen hatte und wie verlegen er dabei war. Nachdem er an ihrer Stelle das Klassenzimmer betreten hatte, dachte sie er hätte sie nur um Hilfe gebeten um mit ihr alleine sprechen zu können, doch was wenn es gar nicht so gewesen war? Wenn er die ganze Zeit nur mit ihr spielte und Mitsuki war eingeweiht? Vielleicht waren sie sogar heimlich zusammen. In ihrem Kopf bildeten sich Hunderte von verschiedenen Möglichkeiten und Intrigen. Es war einfach zu gut um wahr zu sein... Märchen gab es eben im wirklichen Leben nicht. Sie merkte wie ihr eine Träne übers Gesicht lief. Dann eine zweite... Es wurden immer mehr. Enttäuscht und traurig, stürzte sie aus dem Haus. Ihre Mutter erschien an der Haustür und rief ihr nach.
Doch sie nahm die Stimme kaum wahr und lief ziellos durch die Straße. Um möglichst allein zu sein bog sie in eine kleine Gasse, was sich als großer Fehler herausstellen sollte...
Pünktlich um 20 Uhr klingelte Takeo bei Natsuki an. Frau Watanabe erschien mit grimmigem Gesicht und klärte ihn über das plötzliche Verschwinden ihrer Tochter auf. „Wissen Sie wo sie hinwollte?“ , fragte Takeo besorgt.
„Nein... aber da es allein deine Schuld ist trau dich bloß nicht noch mal hier aufzukreuzen!“ – „Was meinen Sie damit? Meine Schuld?“ , fragte Takeo schnell, ehe Natsukis Mutter die Tür schließen konnte.
„Auf ihrem PC ist ein Foto geöffnet, wo du irgendein Mädchen küsst und das Datum ist von heute.“ , erklärte sie noch und schmiss die Tür zu. Takeo stand fassungslos da. Natürlich wollte sich Mitsuki rächen, sie hätte es aber auch ohne seinen Streich getan, darüber war er sich sicher. Dennoch, dass sie so schnell reagieren würde..., dass verschlug ihm die Sprache. Er hatte nicht mal die Gelegenheit bekommen es Natsuki zuerst zu gestehen. Er musste sie finden!
Angst nahm Besitz von ihm. Angst sie durch die ganze Geschichte mit Mitsuki zu verlieren, Angst Natsuki würde ihm nicht verzeihen...
Er hatte Wut auf sich selbst, Wut das er dieses eingebildete Weibsstück geküsst hatte... Aber es gehörte zu seiner Ehre, er durfte ein Versprechen nicht brechen.
Ob Natsuki das verstehen würde? Er durfte nun erstmal nicht darüber nachdenken, wichtig war erstmal sie zu finden.
Natsuki hielt in der Mitte der Gasse an um Luft zu holen und lehnte sich erschöpft an die Wand. Es stank abscheulich, neben ihr standen drei überfüllte Mülltonnen. Sie rümpfte angewidert die Nase. So hatte sie sich den Abend nicht vorgestellt. Erschrocken horchte sie auf als sie Schritte hörte. Konnte es sein? „Takeo...?“ , fragte sie. Sie hätte sich schlagen können, wie dumm von ihr. Warum sollte er sie suchen? Bestimmt wäre er gar nicht zu dem Date erschienen. Es war alles nur eine einzige Lüge...
Die Schritte kamen näher. Als sie sich umsah erkannte sie zwei finstere Gestalten. Sie sahen stark und irgendwie bedrohlich aus. Einer von ihnen kam nun direkt auf sie zu. „Na Kleine? Für wen hast du dich denn so rausgeputzt?“ , fragte er und rückte ihr nun gefährlich nah an die Pelle. Natsuki war wie erstarrt. Sie konnte sich einfach nicht rühren und fühlte sich absolut kraftlos... Selbst wenn sie schrie, sie würde wohl kaum einer hören. Sie musste irgendwas tun...
„Takeo.... Er wird mich suchen... Er ist der Anführer der Kaosu-Gang..., ihr solltet lieber gehen.“
Etwas besseres war ihr in der Not nicht eingefallen, doch sie erkannte erfreut wie die Augen der beiden Jungen erstaunt aufblitzten.
„Takeo sagst du? Mit dem habe ich noch eine Rechnung offen. Wenn ich mit seiner Freundin rummache dürfte das eine gute Art sich zu rächen sein und ich hab auch noch meinen Spaß.“ , grinste er und schob die Träger ihres Kleides runter, so dass ihre Schultern frei waren. "Fass mich nicht an..."
Natsuki hatte Angst. Keiner wusste wo sie war. Niemand würde sie hier suchen... War es nicht im Grunde auch egal? Es würde sie wohl kaum jemand vermissen. Takeo hatte sie belogen... und ihre Mutter... Ja, ihre Mutter war wohl der einzige Grund für den es sich zu kämpfen lohnte... Auch wenn Natsuki selten gut von ihr behandelt wurde, wusste sie ihre Mutter war nur so streng weil sie sie beschützen wollte und sie liebte...
Wieder ertönten Schritte.
„Boss, Takeo ist im Anmarsch.“, warnte der andere seinen Kollegen.
Natsuki riss die Augen weit auf. Takeo? Wie war das möglich? Was machte er hier? Plötzlich spürte sie wie der größere der Kerle ihr ein Messer an den Hals hielt. Furcht erfüllte sie, bisher hatte sie gedacht sie wären zumindest nicht bewaffnet... Sie schienen noch gefährlicher zu sein als sie dachte. Wie weit würden sie gehen?
„Natsuki!“ , schrie Takeo entsetzt als er sie in Gewalt seines Feindes sah.
Die zwei Kerle gehörten nämlich zu einer anderen Gang mit der er schon oft den ein oder anderen Kampf austrug.
Natsuki spürte einen Funken Hoffnung als sie Takeos Stimme hörte.
Egal was war, sie freute sich, dass er da war und sie wusste, wenn ihr jemand aus ihrer brenzligen Lage helfen könnte, war er es.
„Lass sie gehen! Sie hat nichts mit unseren Angelegenheiten zu tun! Lass es uns unter uns ausmachen, aber zieh sie nicht mit hinein!“ , rief er wutentbrannt.
Natsuki spürte wie ihre Angst nachließ und ihre Hoffnung wuchs, dass Takeo ihr half heil aus allem rauszukommen. Das er wirklich zu ihrer Rettung herbeieilte, schien ihr absolut unreal zu sein. Er trug einen Smoking und sogar eine Krawatte... Wollte er doch mit ihr zu diesem Date gehen? Die Stimme ihres Peinigers holte sie aus ihren Gedanken zurück.
„Dein Pinguinkostüm passt nicht zu dir..., bei einem Kampf wird es sicher leiden.“ – „Ist mir egal, Keiji, leg dein Messer endlich weg! Lass Natsuki gehen! Habt ihr überhaupt keinen Anstand und keine Ehre bei euch in der Gang? Frauen sollte man in keinen Kampf hineinziehen...“ , rief Takeo bestimmt.
Keiji heißt der also..., sie kennen sich... Aber klar, die Typen hatten ja erwähnt, dass sie noch eine Rechnung offen haben... Somit wurden sie schon mal von Takeo besiegt.
„Ehre hm?“ , grinste Keiji und warf das Messer auf den Boden woraufhin Natsuki erleichtert aufatmete.
„Na gut, wir beide. In der Zeit wird sich Yuki um die Kleine kümmern.“ , erklärte er und warf seinem Freund einen vielsagendem Blick zu. Natsuki hatte keine Chance wegzulaufen, er stand zu nah.
„Wenn ich gewinnen sollte gehört deine kleine Freundin mir.“ , fügte Keiji noch hinzu und seine Augen bekamen einen gefährlichen Glanz. Er liebte scheinbar solche Spiele.
„Du Penner, ich sagte dir eben schon, Frauen zieht man in nichts hinein. Ich spiele nicht um sie, aber die Tracht Prügel darfst du gern trotzdem kassieren.“ Zornig gingen sie aufeinander los.
Mit Sorge versuchte Natsuki zu erkennen was geschah, doch Yuki versperrte ihr die Sicht. Als er begann ihre Schulter und ihren Hals zu küssen, verspürte sie eine Übelkeit und kniff angewidert die Augen zu. Dumpf vernahm sie die Kampfgeräusche von Takeo und Keiji. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer linken Brust. "Hör auf damit!" , bettelte sie, doch Yuki grinste nur. Es schien ihn nur anzuspornen. "TAKEO!" , schrie Natsuki ohne nachzudenken und Takeo drehte sich zu ihr um, weswegen er einen harten Schlag ins Gesicht bekam. Der Ring Keijis hatte ihm die Wange aufgeschnitten. Es brannte.
Takeo wusste, er konnte Natsuki erst helfen wenn er diesen Kampf zu Ende gebracht hat und entschied es so schnell wie möglich zu beenden.
Diese Schweine hatten seine Natsuki als eine Art Preis ausgesetzt, aber sie war mehr als das. Er liebte sie. Er würde sie nicht irgendwem anderes überlassen, nicht jetzt wo sie endlich zueinander gefunden hatten und niemals ließ er es zu, dass ihr ein Haar gekrümmt wurde oder ein anderer als er selbst sie anfasste..
Es waren Männer ohne jedes Ehrgefühl. In Takeos Kopf erschienen Bilder von dem was alles hätte passieren können, wäre er zu spät gekommen und mit all der Wut in ihm, dauerte es nicht lange bis sein Gegner keuchend am Boden lag.
„Willst du auch oder lässt du endlich die Finger von meiner Freundin?“ , rief Takeo drohend und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Yuki sah erst zu seinem Kollegen der mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden lag und keuchte. Davon eingeschüchtert ließ er von Natsuki ab und lief feige davon.
Takeo griff Natsukis Hand und machte sich mit ihr zusammen auf den Weg aus der miefigen Gasse hinaus.
„Warum hast du mir geholfen... Wieso...“
Wütend drehte Takeo sich zu ihr um.
„Warum? Das ist doch ganz klar! Aber verdammt, Natsuki, was läufst du in so eine dunkle Gasse? Was hast du dir dabei gedacht? Wenn ich nicht dein Armband auf dem Boden entdeckt hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen hier zu suchen!“ , in seinen Augen stand Angst. Erst jetzt erkannte Natsuki wie Blut von seiner Wange lief. „Du bist verletzt! Es ist meine Schuld... Tut es sehr weh?“ – „Halb so wild..., aber nun sag, was hat dich nur geritten?“ – „Ich... ich hab nicht darüber nachgedacht...“
Takeo zog ein silbernes Armband aus seiner Hosentasche und überreichte es Natsuki. „Du hast sofort erkannt, dass es meins ist?“ , fragte sie erstaunt. „Ja, ich sagte dir doch, ich bin schon lange an dir interessiert gewesen und hab dich oft beobachtet.“ , erklärte er mit einem Tonfall, der halb wütend und halb panisch schien.
„Ich hatte mir Sorgen gemacht Natsuki! Wirklich Sorgen! Diese Kerle sind Abschaum. Weiß der Teufel was gewesen wäre, wäre ich zu spät gekommen!“
Natsuki spürte wie ihr Herz einen Satz machte. Er meinte es also wirklich ernst. Es war kein Spiel. Diese Gefühle konnte er unmöglich so echt vortäuschen.
„Tut mir Leid...“ , murmelte sie mit gesenktem Kopf. „Du liebst mich also wirklich...?“ , fragte sie ihn flüsternd. Er sah ihr tief in die Augen. „Ja, dass...mit dem Foto... erkläre ich dir noch. Aber glaub mir bitte. Ich liebe dich und keine andere...“
Seine Gesichtszüge entspannten sich langsam wieder.
"Ich hatte auch Angst..., Angst das dir etwas passiert. Du hättest nicht kämpfen müssen, wäre ich nicht gewesen..." , flüsterte Natsuki traurig. Sanft strich Takeo ihr über die Wange.
„Ich bin froh, dass ich rechtzeitig kam. Als ich sah wie diese Typen dich ansahen..., anfassten... Ich konnte es kaum ertragen..."
Natsuki nickte. "Es fühlt sich an wie ein brennendes Stechen oder? Ich spürte es auch, als ich dieses Foto sah..."
Takeo seufzte. "Glaub mir, der Kuss... Er hat mir nichts bedeutet. Mitsuki ist eine falsche Schlange. Bitte lass mich dir das später erklären. Der Abend war anstrengend genug. Ich will nicht auch noch an dieses Miststück denken. Es reicht mir die Wut auf diese widerlichen Idioten." Natsuki drückte Takeos Hand ein wenig fester. "Okay. Ich vertraue dir. Du hast mir eben bewiesen, dass du es ehrlich meinst mit uns." , erklärte sie und Takeo lächelte schwach. Seine Augen wanderten an ihr hoch und runter.
"Du siehst wunderschön aus...“
Natsuki wurde rot und sah beschämt nach unten.
Sanft hob Takeo ihr Kinn.
„Dafür das ich dich gerettet habe, hab ich doch sicher einen Kuss verdient, meinst du nicht?“ , lächelte er.
Unausgesprochen
Hier das dritte Kapitel, eigentlich sollte es länger ausfallen, doch es erschien mir richtig es früher als geplant zu beenden. Die Stelle schien günstig um eine gewisse Art von Spannung aufzubauen. Dafür wird das 4.Kapitel sicher schnell folgen und deutlich länger ausfallen. Ich hoffe es wird gleichzeitig das Ende der Geschichte sein. Es war gar nicht geplant, dass sie sich so ausdehnt.
Naja, viel Spaß zunächst mal beim Lesen. ;)
Kommentare und Kritik sind immer erwünscht.
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Die Zeit verging und mit ihr kamen einige Veränderungen.
Dadurch, dass Takeo während den Unterrichtspausen immer mal wieder zu Natsukis Tisch ging und sich vertraut mit ihr unterhielt, waren die Beiden schnell im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Mitsuki warf immer wieder finstere Blicke zu ihnen hinüber und auch nach drei Wochen schien ihre Wut noch nicht nachzulassen.
Takeo hatte Natsuki natürlich von allem erzählt was abgelaufen war, so dass Mitsukis Versuche sie gegeneinander aufzubringen alle erfolglos blieben.
So hatte sie zunächst versucht ihre Rivalin damit zu verunsichern, indem sie ihr sagte, Takeo hätte sie bereits nackt gesehen, woraufhin Natsuki allerdings nur anfing loszulachen. Sie kannte schließlich die Details die sich dahinter verbargen und anstatt sauer darüber zu sein, dass ihr Freund Mitsuki oben ohne sehen konnte, fand sie die Vorstellung unheimlich erheiternd, dass er sie so einfach ohne ihre Kleidung zurückgelassen hatte.
Mitsukis Zorn schien allerdings daraufhin neue Maßstäbe anzunehmen und sowohl Natsuki als auch Takeo warteten schon auf eine Art Rache, konnten sich allerdings beide nicht vorstellen, wie diese aussehen könnte.
Takeos Gang wirkte ebenfalls wenig begeistert von dem widersprüchlichem Paar, so hatten sie sich mehrmals bei ihrem Chef darüber beschwert, dass er zuviel Zeit mit seiner neuen Liebe verbringe und zu wenig für die Gang-Aktivitäten übrig blieb.
Natsuki empfand es so, als würden die Mitglieder ihr die Schuld dafür geben und sie fast mit ähnlicher Wut ansehen, wie es Mitsuki tat. Obwohl sie auf der einen Seite diese Gefühle verstand, fiel es ihr schwer Takeo dazu zu ermutigen wieder mehr mit seiner Gang zu unternehmen. Nicht nur, weil sie so gern ihre Zeit mit ihm verbrachte, sondern auch weil sie sich immer wenn er mit den anderen unterwegs war, Sorgen darüber machte, dass er sich bei irgendwelchen Prügeleien und Streitigkeiten verletzte.
Oft hatte sie das Thema ihm gegenüber angeschnitten, doch wenn es um die Gang ging, war er ein einziges Rätsel. Er verlor kein Wort darüber was genau der Zweck der Prügeleien war, oder was sie sonst alles so trieben, was nicht unbedingt dazu beitrug, dass Natsukis Sorge nachließ. Was verbarg er nur vor ihr - und vor allem - weswegen?
Immer wenn sie darüber nachdachte wurde ihr klar, wie wenig sie eigentlich über ihn wusste. Es war nicht nur das Thema der Gang, welches er gerne mied, auch wenn es um ihn selbst ging, seine Vergangenheit und wie er aufgewachsen ist, merkte sie wie er sich zurückzog und in eine Art eisernes Schweigen verfiel. Irgendwann gab sie auf und vertraute darauf, dass er sich ihr öffnen würde, wenn er es für richtig empfand.
Was ihre Beziehung anging, war alles wunderbar. Natsuki hatte plötzlich soviel mehr Spaß am Leben als zuvor und strahlte das auch nach außen hin aus. Sie lächelte viel und sogar ihre Mutter schien diese Veränderung glücklich wahrzunehmen. Zunächst war sie unheimlich sauer auf Takeo, weil sie das Foto von Mitsuki und ihm sah und ihn somit als „schlecht“ abstempelte. Doch die Sturheit Takeos machte sich schließlich bezahlt. Er brachte Natsuki jeden Tag bis nach Hause, entschuldigte sich immer wieder bei ihrer Mutter und begann ohne noch einmal nachzufragen einfach damit den Garten zu pflegen. Nach einiger Zeit ließ das Misstrauen nach und sie schien sogar damit anzufangen ihn irgendwie zu mögen.
Die Entwicklungen nahmen also alle ihren Lauf, einige schienen positiv, andere negativ und manche schienen noch in einem unsicherem Stadium zu sein, wo erst noch einige Zeit vergehen musste bis man wusste, ob sie am Ende positiv oder negativ sein würden.
„Wann willst du mir eigentlich deine Familie mal vorstellen?“ , fragte Natsuki als Takeo sie nach der Schule nach Hause brachte. Er ließ augenblicklich ihre Hand los und wirkte deutlich angespannt. „Glaubst du..., sie werden mich nicht mögen?“ , fragte sie neugierig als sie schließlich zu dem Schluss kam, dass Takeo ansonsten nicht antworten würde. „Das hat wirklich nichts mit dir zu tun...“ , knurrte er. Natsuki seufzte.
„Entschuldige. Eigentlich wollte ich dich nicht mehr mit so Fragen nerven, es ist einfach nur..., du weißt im Grunde alles von mir. Die Sache mit meinem Vater, dass er uns verlassen hat. Sogar von dem Alkoholproblem meiner Mutter habe ich dir erzählt... Du kennst viele Details über mich und mein Leben. Doch was weiß ich eigentlich von dir?“ , sie sah ihn durchdringend und traurig an. Takeo seufzte.
„Es ist nicht so, dass du mich nervst, viel eher ist es so, dass ich einfach nicht darüber reden möchte. Wie kann ich dir das nur begreiflich machen? Du hast gar nichts damit zu tun. Ich rede auch mit sonst niemandem über solche Dinge.“ Es wirkte ehrlich was er sagte und doch war es für Natsuki ziemlich unbefriedigend.
„Ich habe das Gefühl, dass dich etwas belastet und ich glaube kaum, dass es gut ist wenn du mit niemandem darüber sprichst.“ , erwiderte sie und ihr wurde plötzlich bewusst wie viel selbstbewusster sie in ihrer gemeinsamen Zeit mit Takeo bereits geworden war. Noch vor einem Monat hätte sie sich niemals getraut noch näher darauf einzugehen, wo er doch so deutlich signalisierte, dass ihm das Thema ein Dorn im Auge war.
„Natsuki, ich möchte einfach an Dinge nicht erinnert werden. Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Abgesehen davon bedeutet meine Familie mir überhaupt nichts und ich lege wenig wert darauf, dass du sie näher kennen lernst. Es ist nett von dir, wenn du dich um mich sorgst, aber es ist nicht nötig. Mir geht es in letzter Zeit sehr gut und diese Tatsache verdanke ich dir.“ , er setzte ein schiefes Lächeln auf.
Wie so oft kam es Natsuki seltsam vor ihn so reden zu hören, es klang nicht so wie man sich die Ausdrucksweise eines Gang-Leaders vorstellte. Sie erwiderte sein Lächeln, war sich aber nicht sicher, ob sie wirklich damit aufhören könnte ihn mit Fragen zu löchern. Er war nun mal der interessanteste Mensch für sie, sie würde so gern alles über ihn in Erfahrung bringen und den Schmerz, der manchmal aus seinen Augen drang, von dem er dachte, dass er ihn so geschickt verbarg, ein wenig lindern.
Takeo entging der nachdenkliche Gesichtsausdruck Natsukis nicht.
„Du grübelst immer noch darüber oder?“ , fragte er fast vorwurfsvoll nach einer Weile.
„Lass mich halt Denken.“ , entgegnete sie fast bissig und Takeo zog verblüfft über ihre Reaktion die Augenbrauen hoch und musste dann aber unwillkürlich lachen.
„Mensch, ich übe echt einen schlechten Einfluss auf dich aus.“ Natsuki zuckte die Schultern. „Ich find ihn nicht schlecht. Abgesehen davon..., wäre es mir auch egal.“ Wieder lachte Takeo leicht auf. „Dann ist ja gut.“
Der Tag ging wie gewohnt weiter.
Sie kamen bei Natsuki zu Hause an und aßen zusammen mit ihrer Mutter. Es war schon seit drei Tagen so und schien zur Gewohnheit zu werden.
„Es ist sehr nett von dir, immer nach der Schule hierher zu kommen und im Garten zu arbeiten, aber was sagen denn deine Eltern dazu, dass du nicht direkt heim kommst?“ , fragte Frau Watanabe plötzlich und Natsuki konnte ihrem Freund ansehen wie unangenehm ihm diese Frage war. Er stocherte in seinem Reis herum.
„Das ist schon in Ordnung, machen Sie sich bitte keine Gedanken.“
Natsukis Mutter ließ sich jedoch nicht so schnell überzeugen.
„Nun, ich weiß nicht... Du bist inzwischen ja fast mehr hier als dort. Das wird sie doch bestimmt stören... oder sie werden sicher wissen wollen bei wem ihr Sohn soviel Zeit verbringt. Ich für meinen Teil würde an ihrer Stelle jedenfalls so etwas wissen wollen.“
Natsuki sah Takeo neugierig an. Er wirkte halb traurig und halb wütend.
„Meine Eltern bemerken mein Fehlen kaum, sie sind fast nie zu Hause. Sie betreiben ein Restaurant und sind von früh bis spät dort beschäftigt.“ , erklärte er, deutlich bemüht in einem freundlichen Tonfall zu bleiben. Natsuki wusste nichts von dem Beruf seiner Eltern und dankte insgeheim ihrer Mutter dafür, dass sie es aus ihm herausbrachte. Gleichzeitig machte sie sich aber auch Sorgen, dass Takeos Laune den Rest des Tages nun auf diesem Level bleiben würde, denn obwohl er sich viel Mühe gab, sie konnte ihm deutlich anmerken, dass er gegen seine eigentlichen Gefühle ankämpfte.
Nach dem Essen kümmerte sich Natsuki um ihre Hausaufgaben, war aber schon lange nicht mehr so konzentriert dabei, wie sie es sonst war und oft fand ihre Mutter beim Korrekturlesen Flüchtigkeitsfehler wegen derer sie sich schließlich bei ihrer Tochter beschwerte.
Natürlich war klar, was die Ursache dieser Fehler war.
Auch jetzt konnte Natsuki wieder kaum erwarten, dass Takeo mit seiner Gartenarbeit fertig war und zu ihr ins Zimmer kam. Sie fragte sich, wie es ihm gerade ging, nachdem ihre Mutter den wunden Punkt ansprach. Seine Eltern.
Natsuki dachte darüber nach was Takeo preisgegeben hatte. Seine Eltern arbeiteten also in einem Restaurant und hatten somit kaum Zeit für ihn. Sie merkten kaum, ob er da war oder nicht. Sicher fühlte er sich einsam... Nach einem tiefen Seufzer der Hilflosigkeit löste sie schließlich die letzte Matheaufgabe. Endlich. Nun konnte sie sich völlig ihren Gedanken hingeben, die sich allesamt mit Takeo beschäftigten. Sie legte sich aufs Bett und sah an die weiße Decke. Ob die Gang mehr über ihn wusste als sie? Waren sie wohl eingeweiht in diese Geheimnisse und Lasten, die Takeo so gut zu verstecken versuchte. Aber er sagte, dass er allgemein mit niemandem darüber sprach...
„Ich dachte du bist fleißig, aber hab ich mich wohl geirrt.“ , lachte Takeo als er durch die Tür kam und Natsuki auf dem Bett liegend vorfand. Sofort richtete sie sich auf.
„Ich war bereits fleißig.“ , erklärte sie mit gespieltem Stolz. Takeo setzte sich neben sie auf die Matratze.
In seinem Blick lag etwas sehr nachdenkliches. Er wirkte unentschlossen.
„Was ist mit dir?“ , fragte Natsuki und streichelte ihm über den Arm. Sie wusste wie gern er das mochte... Als sie es zum ersten Mal machte, hatte er sich etwas darüber lustig gemacht. Er meinte, er fühle sich wie ein Kind, welches man versuche zu beruhigen. Daraufhin hatte Natsuki beschämt aufgehört.
„Nein..., hör nicht auf. Irgendwie... hab ich es gern.“ , gab er plötzlich zu und errötete selbst ein wenig. Doch dieses Mal schenkte er ihr nicht wie gewohnt ein Lächeln, als sie über seinen Arm strich. Er sah ihr zweifelnd in die Augen und ein ungutes Gefühl breitete sich in Natsuki aus. Was auch immer er auch gleich sagen würde..., sie wusste es würde nichts gutes verheißen. Diese dunkle Vorahnung schien noch bestärkt dadurch, dass er ein Stück von ihr wegrutschte. Er atmete einmal tief durch und seine Worte schienen ihm wirklich nicht leicht zu fallen.
„Wir sollten uns eine Weile nicht mehr sehen.“
Natsuki hatte etwas Schlimmes erwartet, doch dieser Satz traf sie genau ins Herz. Starr vor Entsetzen sah sie ihn an, nicht fähig etwas dazu zu sagen.
„Ich... fühle mich ständig mit Dingen konfrontiert, die ich eigentlich immer verdrängt hatte. Doch sobald ich in deiner Nähe bin scheinen sie mich einzuholen und damit komme ich einfach nicht klar.“ Einen Augenblick brauchte Natsuki noch um ihre Stimme wiederzufinden.
„Machst du... Schluss?“ , brachte sie zögerlich hervor.
„Nein. Also... nein.“ , entgegnete er mit einer Unsicherheit in der Stimme, die Natsuki sehr verletzte.
„Du... bist dir selbst darüber nicht mehr sicher...“ , flüsterte sie betrübt.
„Hast du gelogen..., als du sagtest..., dir ginge es dank mir gut?“
Takeo wirkte betrübt und zu gleich überrascht über diese Frage.
„Nein. Es war keine Lüge. Die Zeit mit dir zusammen ist sehr schön. Doch ich muss nun einfach eine Weile für mich sein. Bitte, versuch mich zu verstehen.“
Langsam spürte Natsuki einen Klos im Hals und wie ihre Brust sich unangenehm zusammenzog. Wie stellte er sich das vor? Sie gingen in dieselbe Klasse. Spätestens am nächsten Tag würden sie sich zwangsläufig schon wiedersehen... Wollte er sie einfach ignorieren? Das würde sie nicht ertragen...
„Ich komme auch eine zeitlang nicht in die Schule...“ , erklärte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
„Du musst dir keine Sorgen machen. Es ist alles in Ordnung. Gib mir einfach etwas Zeit.“ , fügte Takeo hinzu.
Doch der tröstende Klang seiner Stimme machte sie nur noch unruhiger. Mit betrübtem Blick sah Takeo sie einige Minuten an. Beide schwiegen. Es war unheimlich unangenehm... und Natsuki konnte deutlich spüren, dass er ihretwegen blieb. Weil er merkte, dass er ihr weh getan hatte und sie so nicht verlassen wollte.
„Geh nur.“ , hörte Natsuki sich schließlich sagen und war selbst verblüfft darüber, dass sie es aussprechen konnte. In Wirklichkeit wollte sie nicht, dass er ging, doch ebenso wenig konnte sie ertragen wie er so gequält neben ihr saß, nur weil er sich dazu verpflichtet fühlte.
Schweren Herzens erhob Takeo sich und ging zur Tür. Von da aus drehte er sich noch einmal zu ihr um. Er glaubte selbst aus dieser Distanz eine Träne auffunkeln zu sehen.
Natsuki konnte nicht wissen, dass Takeo selbst innerlich einen schweren Kampf austrug.
Er wollte sich gar nicht von ihr fernhalten. Keinen Tag. Aber die Dämonen die seit Tagen immer wieder hervorkamen, wenn sie zusammen waren, wenn Natsuki mehr über ihn erfahren wollte oder ihre Mutter lästige Fragen stellte, konnte er einfach nicht mehr ohne weiteres übergehen.
Er wusste, dass er sich entscheiden musste. Ließ er seine Dämonen schlafen und beendete die Beziehung, oder weckte er sie, stellte sich ihnen und blieb mit Natsuki zusammen? Es war beides nicht angenehm, doch Natsuki hatte Recht. Sie wusste kaum was von ihm und auf Dauer würde die Beziehung so nicht funktionieren. Die offenen Fragen wären immer da, selbst wenn sie nicht ausgesprochen würden, könnte er sie stets wahrnehmen. Sie standen immer im Raum und würden dort auch bleiben um ihn zu jagen.
Länger konnte er davor nicht fliehen.
Natsuki konnte Takeos Blick auf sich spüren und versuchte das Meer von Tränen zurückzuhalten, welches endlich ausbrechen wollte. Das Brennen in ihrem Hals wurde unerträglich. „Geh endlich!“ , rief sie und sah aus dem Augenwinkel wie er schließlich verschwand. Endlich konnte sie weinen ohne seinen mitleidigen Blicken ausgesetzt zu sein.
Obwohl Takeo gesagt hatte, es wäre nur für eine Weile, spürte Natsuki eine innere Unsicherheit bei ihm die ihr Angst machte. Er wusste gar nicht mehr, ob er wirklich mit ihr zusammen sein wollte... und das tat ihr weh. Wegen ihr wollte er nicht mal mehr zur Schule gehen... Wie lange diese Pause überhaupt sein sollte, hatte er nicht mit einem Wort erwähnt. Sie ärgerte sich nicht gefragt zu haben, obwohl sie sich sicher war, dass sie sowieso keine Antwort darauf bekommen hätte. Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in ihrem Kissen und ergab sich dem Schmerz.
Während des gesamten Weges zu sich nach Hause musste Takeo immer wieder gegen den heftigen Impuls ankämpfen, sich umzudrehen und zu Natsuki zurückzugehen, um sie fest zu umarmen. Er wollte sich entschuldigen, einfach alles rückgängig machen was er nun begonnen hatte... Doch dafür war es längst zu spät. Er fühlte sich erbärmlich und bei jedem Schritt spürte er mehr Wut auf sich selbst.
Als er endlich bei sich angekommen war und hinauf in sein Zimmer trottete warf er sich fluchend auf sein Bett. Ihm wurde klar, es gab keine Entscheidung zu treffen. Er liebte Natsuki und er wollte sie nie wieder so unglücklich sehen, besonders nicht wegen sich. Darum musste er sich endlich den Dingen stellen, vor denen er all die Zeit die Augen verschloss und anschließend zu Natsuki gehen und ihr seine Geheimnisse anvertrauen.
Was die ganze Angelegenheit jedoch noch schwieriger machte war, dass er gar nicht wusste, ob sie anschließend noch mit ihm zusammen sein wollte...
Die Ereignisse überschlagen sich
Die nächsten Tage schienen überhaupt nicht vergehen zu wollen.
Natsuki wusste nicht wie lange sie noch diese Ungewissheit ertragen würde und entschied nach vier Tagen bei Takeo vorbeizuschauen. Denn inzwischen war aus Ärger und Enttäuschung, ernsthafte Sorge geworden.
Bisher war sie erst zweimal bei ihm zuhause gewesen und beide Male waren seine Eltern nicht da. Sie fragte sich, ob es dieses Mal anders sein würde.
Natsuki bemerkte, dass sie bei jedem Meter den sie sich Takeos Haus näherte, langsamer wurde und die Unsicherheit anstieg. Sollte sie wirklich zu ihm gehen? Es würde ihm sicher nicht gefallen, abgesehen davon wollte er sie doch gar nicht sehen, dass sagte er selbst. Er wollte Zeit für sich... Aber das war einfach nicht fair. Denn danach was SIE wollte hatte er nie gefragt. Er hatte es einfach über ihren Kopf hinweg entschieden. Nun ging sie wieder ein wenig schneller. Sie war bereits nicht mehr weit entfernt...
Plötzlich bog Takeo um die Ecke, der sich gerade selbst auf den Weg zu ihr machen wollte und blieb wie starr stehen als er Natsuki einige Meter vor sich stehen sah. Auch sie schien wie erstarrt. Keiner von Beiden bewegte sich, sie sahen sich einfach nur aus der Ferne an. Natsuki reagierte schließlich als Erste, all der Mut den sie sich zugesprochen hatte verschwand, sie wandte sich um und lief los. Es tat noch zu weh. Sie konnte ihn nicht ansehen. Doch hinter ihr ertönten immer lauter werdende Schritte. Natsuki gab sich Mühe schneller zu laufen, gerade als sie achtlos über die Straße rennen wollte, konnte Takeo sie am Arm packen und auf den Bürgersteig ziehen. Es war haarscharf, Natsuki spürte noch den Wind des vorbeirasenden Autos. Takeo hielt sie fest umschlossen und hatte ihren Sturz abgefangen.
„Alles okay..?“ , fragte er besorgt.
Doch Natsuki zitterte noch und ihre Atmung war unregelmäßig. Er drückte sie fester an sich und strich ihr sanft über den Kopf.
„Mach so was nie wieder. Du musst besser aufpassen...“ , ermahnte er sie und sie spürte seine aufrichtige Angst, die hinter seinen Worten lag. Noch immer sagte sie kein Wort. Sie genoss es einfach nur Takeos Nähe zu spüren, obwohl sie durchaus wusste, dass es sicher nicht von Dauer war. Gleich, wenn sie sich beruhigt hatte würde er wieder verschwinden... Diese Furcht konnte sie einfach nicht abschütteln und so verharrte sie in seinen Armen und klammerte sich mit zugekniffenen Augen an ihm fest. Sie wagte nicht ihn anzusehen, als wenn sie befürchtete, er würde sich daraufhin auflösen wie eine Halluzination.
„Natsuki...“ , Takeo drückte sie inzwischen so fest, dass sie das Gefühl hatte gleich in seinen Armen wie Porzellan zu zerbrechen.
„Takeo..., lass los.“ , murmelte sie angestrengt, denn langsam tat er ihr weh. Erschrocken löste er sich von ihr und als Natsuki nun die Augen öffnete und in sein Gesicht sah, erkannte sie erstaunt wie Tränen an seinen Wangen hinunterliefen. Takeo weinte? Etwa ihretwegen? Fassungslos sah sie ihn an. Irgendwie erwartete sie, dass er beschämt zur Seite sah..., doch er hörte nicht auf sie anzustarren.
„Es.. ist doch alles in Ordnung...“ , hörte sie sich leise sagen.
Takeo schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich hätte dich fast verloren..., dass... hätte ich einfach nicht überlebt.“ , sagte er mit brüchiger Stimme.
„Es geht mir gut. Du hast mich nicht verloren! Bitte,... weine nicht wegen mir.“ , bettelte Natsuki, die es nicht ertragen konnte ihn so zu sehen. Noch nie hatte sie ihn so erlebt.
„Es ist..., nicht nur wegen dir...“ , er sah traurig zur Seite.
„Ich... hab so etwas schon einmal erlebt.“ , murmelte er zittrig.
Natsuki wischte ihm sanft die Tränen aus dem Gesicht..
„Schon einmal erlebt?“ , wiederholte sie seine Worte um ihn zum weitersprechen zu bewegen. Er nickte verstört. Im Grunde wollte er es ihr ohnehin erzählen, er hatte sich dazu entschieden während er die letzten Tage ständig versuchte gegen seine Sehnsucht nach Natsuki anzukämpfen, die er stark vermisste. Immer wieder wog er ab was passieren könnte, wenn sie es erfuhr und was wäre wenn er es für sich behalten würde. Oft schlug er gegen die Wand, kickte Gegenstände durch sein Zimmer oder fluchte vor sich hin. Endlich, heute, hatte er den Mut gefunden mit ihr darüber zu sprechen. Doch nachdem er Natsuki um ein Haar davor bewahrte unter die Räder zu kommen, schossen ihm qualvolle Erinnerungen noch lebendiger als je zuvor vor die Augen und auch die Unsicherheit über seinen Entschluss wuchs wieder an.
„Ich bin sicher du wirst nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, wenn ich davon erzähle. Daher..., konnte ich es dir bisher einfach nicht sagen.“
Natsuki schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, dass du mich so schnell loswerden kannst..“
Sie überlegte einen Moment.
„Solange... du es nicht selbst willst...“ , fügte sie noch hinzu und Takeo merkte worauf sie anspielte.
„Ich wollte dich nie loswerden. Du sollst alles über mich erfahren Natsuki. Du sollst wissen wer ich bin... nur die Furcht, dass du mich dann nicht mehr lieben kannst, ist einfach gigantisch... Ich meine, wenn ich nur darüber nachdenke fange ich an mich derartig zu hassen...“
Natsuki sah Abscheu auf seinem Gesicht ,die sich wohl gegen ihn selbst richtete und griff nach seiner Hand.
„Meine Schwester ist meinetwegen gestorben.“ , brachte Takeo unter Anstrengung heraus und Natsukis Augen wurden groß.
„Wie.. meinst du das?“ , fragte sie verständnislos.
Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es stimmte.
„Sie war gerade sieben... Ich dreizehn Jahre alt. Wir hatten einen dummen Streit... Dann fing sie an zu heulen und lief davon. Ich war noch immer sauer und lief ihr nicht hinterher, plötzlich hörte ich Leute entsetzt schreien und als ich mich umdrehte... sah ich wie Akiko von einem Auto erfasst wurde. Sie war bei rot über die Straße gelaufen... Sie passte eigentlich immer auf! Sie war ein anständiges Mädchen und beachtete streberhaft alle Regeln, nur dieses Mal nicht, wegen mir. Ich bin Schuld daran, dass sie starb.“ , seine Stimme versagte beim letzten Satz und in Natsukis Augen funkelten Tränen auf.
„Es war nicht deine Schuld!“ , schrie sie ihn an.
„Hörst du? Es war nicht deine Schuld!“
Er sah sie ungläubig an.
„Wessen dann? Ohne mich wäre sie jedenfalls noch am Leben! Und du wärst auch wegen mir um ein Haar gestorben!“
Natsuki schüttelte heftig den Kopf.
„Das ist doch nicht wahr! Das mit Akiko war ein Unfall, ein übles Unglück! Sie war unaufmerksam, genau wie ich, du darfst dich nicht einfach dafür verantwortlich machen!“
Er wirkte immer noch nicht überzeugt.
„Nicht nur ich bin der Meinung, dass ich sie umbrachte!“ , warf er ein.
„Mein Vater begann mich zu hassen. Vor dem... Tod meiner Schwester... war er ganz anders..., doch dann begann er mich für alles verantwortlich zu machen. Er sah mich hasserfüllt an, hin und wieder schlug er mich. Es musste sich nur irgendein Grund dafür finden, wie zum Beispiel eine schlechte Note. Ganz egal. Ich wusste immer, dass es eigentlich um etwas anderes ging... Um Akiko. Meine Mutter sah immer nur zu und ich war mir sicher, dass auch sie mich dafür hasste. Eines Tages ertrug ich es nicht mehr... ich hatte meinen Vater zurückgeschlagen und ihm die Nase gebrochen... Ich war sicher sie würden mich in ein Heim stecken, doch stattdessen zogen wir in diese Stadt, ich kam auf deine Schule... und wir kauften ein Haus, welches so groß war, dass ich darin unterging. Seither bin ich einfach Luft. Es ist als gäbe es mich nicht, zuerst fand ich das ganz gut, aber inzwischen...“
Er hielt inne und schluckte.
„Nun... entschuldige, es ist viel auf einmal was ich hier erzähle...“
Natsuki hatte die ganze Zeit still zugehört, nun drückte sie sich fest an ihn.
„Ach Takeo..., du hättest es mir eher erzählen sollen... viel eher. Ich hasse dich nicht. Du solltest dich selbst auch nicht verurteilen...“
Sie wollte noch etwas zu seinen Eltern sagen, doch ihr fiel nichts passendes dazu ein. Eigentlich verspürte sie unheimliche Wut auf sie. Wie konnten sie ihren Sohn so behandeln? Es war ein Unfall. Natürlich muss es schwer gewesen sein die Tochter zu verlieren, doch wie konnte man nur ein Familienmitglied dafür verantwortlich machen? Auf diese Weise hatten sie in gewisser Weise auch ihr zweites Kind verloren...
„Nun weißt du mehr über mich als jeder andere Mensch. Ich bitte dich aber all das vertraulich zu behandeln...“ , bat er und Natsuki nickte verständnisvoll.
„Natürlich...“ , versprach sie ihm.
„Gut..., willst... du noch immer mit mir zusammen sein?“ , murmelte Takeo.
Natsuki lächelte leicht.
„Ich sagte bereits, du wirst mich nicht los.“
Unsicher sah er sie an. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass keine Konsequenzen aus seiner Erzählung folgten. Er hasste sich so sehr für das was damals geschah..., er konnte nicht verstehen, dass Natsuki scheinbar darüber hinweg sah.
„Takeo..., es ist Jahre her. Du musst damit aufhören dich anzuklagen.“
Natsukis Stimme war fast flehend. Er schüttelte leicht den Kopf und verzog seine Lippen zu einem halbherzigem Lächeln.
„Unfassbar... Ich hab so jemanden wie dich gar nicht verdient.“ , murmelte er.
Natsuki war hin und hergerissen zwischen Ärger und Mitgefühl. Es machte sie wütend, dass er scheinbar immer noch nicht bereit war, die Schuld von sich zu weisen, die ihn so unheimlich belastete. Zu gleich wusste sie, bisher hatte er auch nie etwas anderes vermittelt bekommen. Ihm wurde nur bestätigt, dass er die Verantwortung für den Tod seiner Schwester trug. Natsuki ermahnte sich innerlich geduldig zu sein.
„Gut... Lass uns zu mir gehen.“ , erklärte Takeo plötzlich und Natsuki nickte überrascht.
Es war unglaublich wie sehr die Mauer, die er all die Zeit um sich herum aufgestellt hatte langsam einstürzte. Auch wenn er selbst noch immer davon überzeugt war, die Schuld oder zumindest eine Mitschuld am Tod seiner Schwester zu tragen war Natsuki der erste Mensch der ihn nicht dafür verurteilte und ihm das Gefühl gab ein Mörder zu sein. Es war ein tröstliches Gefühl, dass es jemanden gab der an das Gute in ihm glaubte.
„Sind deine Eltern auch nicht da?“ , fragte Natsuki die immer noch Wut auf sie verspürte. Irgendwie wollte sie ihnen gerade nicht gegenübertreten.
„Schätze nicht... und selbst wenn, sie würden uns nicht bemerken.“
Schnell eilten sie die Stufen hinauf in sein Zimmer und schlossen die Tür hinter sich ab.
„Wie geht es dir jetzt?“ , fragte Natsuki vorsichtig.
Takeo brachte ein Lächeln hervor.
„Ich fühl mich befreiter. Es ist komisch... Es ist das erste Mal, dass ich mich mit meiner Vergangenheit so beschäftigte ohne danach in ein Loch zu fallen. Du hast mich wohl in gewisser Weise aufgefangen.“
Natsuki lächelte zurück. Es freute sie zu hören, dass sie ihm eine Hilfe war, außerdem würde er nun sicher nicht mehr alles in sich hineinfressen und auch bei anderen Problemen oder Dingen die ihn beschäftigten zu ihr kommen.
„Ich... bin so froh, dass ich dieses Mal rechtzeitig da war...“
Takeos Miene war plötzlich ernst geworden. Langsam ging er auf Natsuki zu und sah ihr so tief in die Augen, dass ihr Herz schneller schlug und das ihr allzu bekannte Schwindelgefühl in ihr aufstieg, welches sie in den letzten Tagen so vermisst hatte.
„Ich werde dich immer beschützen, selbst wenn es mein Leben kosten würde.“
Die Worte klangen so ernst, dass es Natsuki fast ängstigte.
„Ich würde das nicht wollen.“ , entgegnete sie, immer noch in der Tiefe seiner dunklen Augen gefangen.
Alles um sie herum schien still zu stehen, kein Geräusch war zu hören, nur das Natsukis viel zu schnellem Atems. Und als ihr die Stille fast unerträglich schien, brachen die Gefühle aus Takeo hinaus und er gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss. Ohne von ihren Lippen abzulassen fuhr er mit einer Hand unter ihr Shirt. Sie spürte geradezu seine Ungeduld und auch sie merkte, wie sehr sie es herbeigesehnt hatte. Bisher war immer eine Art Distanz zwischen ihnen gewesen, trotz ihrer eigentlichen Nähe. Sie hatte immer das Gefühl, dass etwas fehlte... Doch nun schien diese Grenze wie weggewischt. Das Teilen von Takeos Erinnerung schien sie noch enger zusammengebracht zu haben...
Die Leidenschaft gewann immer mehr die Oberhand und Takeo begann Natsuki von ihrem Shirt zu befreien. Bereitwillig streckte sie die Arme damit es schneller ging und ihr Oberteil flog auf den Parkettboden. Eilig öffnete er ihren BH-Verschluss und auch dieser fiel auf die Erde, während Natsuki seinen Hals küsste. Er schob sie sanft von sich und sah mit einem gierigem Blick an ihr hinunter. Natsuki fühlte sich einen winzigen Moment lang unbehaglich als er sie so genau zu begutachten schien. Doch dann legte er seinen Kopf an ihre Schulter und fuhr ihr sanft durch die Haare.
„Du bist wunderschön...“ , erklärte er und Natsuki konnte seinen heißen Atem in ihrem Nacken spüren. Ihr Herz schlug so wahnsinnig, dass sie Angst hatte es würde irgendwann überlastet den Geist aufgeben. Er drückte sie sanft hinab auf sein Bett und sie zog ihn an seiner silbernen Kette näher an sich. Nun befreite auch er sich von seinem Shirt und Natsuki strich mit ihren Händen über seinen muskulösen Oberkörper.
„Ich liebe dich...“ , hauchte Takeo ihr ins Ohr während er sich über sie beugte.
„Ich dich auch...“ , flüsterte sie atemlos. Das Verlangen loderte in seinen fast schwarzen Augen und sie war sich sicher, in ihren würde er dasselbe erkennen. Wie ein Traum erschien es ihr. Sie sah sich noch immer auf seinen leeren Platz in der Schule starren und sich selbst zu Hause, wie sie verzweifelt versuchte ihre Angst, es wäre für immer vorbei zwischen ihnen, abzuschütteln. Und jetzt... war sie ihm so nahe...
Sie kam ihm sogar näher, als sie je einem anderen Jungen gekommen war...
Als Natsuki erwachte stellte sie besorgt fest, dass Takeo nicht mehr neben ihr lag. Ihr nächster Blick fiel auf die Uhr. 22 Uhr. Sie schämte sich etwas darüber, dass sie tatsächlich eingeschlafen war. Aber wo war Takeo? Plötzlich hörte sie seine Stimme.
„Ich hab dir gesagt, ich lass dich nicht in mein Zimmer verstanden!?“ , schrie er aufgebracht. Plötzlich hörte Natsuki eine Art Knall. Was zum Teufel ging da nur vor? Als sie bemerkte wie jemand an der Tür rüttelte wurde sie nervös. Hastig sammelte sie ihre Kleidung vom Boden und versuchte sich mit zittrigen Händen anzuziehen. Sie stand schon in ihrer Jeans da, als sie merkte wie die Tür langsam nachgab. Wer auch immer sich davor befand schien sie aufbrechen zu wollen. Eilig zog sie sich ihr Shirt über und entschied auf den BH zu verzichten, den sie vorsichtshalber unters Bett kickte. In dem Moment erschien ein älterer Mann mit grimmigem Gesicht an der Tür, die laut krachend aufgeflogen war, gegen einen Schrank knallte und leicht zersplitterte. Der Blick des Mannes fiel sofort auf Natsuki, die ihn mit offenem Mund anstarrte. Was zum Teufel war nur los? Was wollte er? Sie stellte fest, dass seine Augen dieselbe dunkle Farbe hatten wie die von Takeo und überlegte ob dieser Mann, tatsächlich sein Vater war. Immer noch sah er Natsuki an, wie vom Donner gerührt. „Wer bist du?“ , fragte er laut.
„Natsuki Watanabe... Ich... bin eine Freundin ihres Sohnes.“ , erklärte sie mit zittriger Stimme. Nun kam er auf sie zu.
„Eine Freundin, ja? Er hat dir nichts getan?“ , fragte er und sah Natsuki forschend an, die eifrig mit dem Kopf schüttelte.
„Er würde mir nie etwas tun.“
Der Mann schien nicht überzeugt und er ging dazu über das Zimmer nun genauer unter die Lupe zu nehmen. Währenddessen erschien Takeo mit einem fassungslosen, wütendem Ausdruck auf dem Gesicht. Er ballte eine Hand zur Faust.
„Vater! Das ist mein Zimmer! Du hast dich noch nie dafür interessiert, für mich interessiert, also hör gefälligst auf mit dem ganzen Scheiß!“ , rief er kraftvoll. Doch der hochgewachsene, muskulöse Mann achtete nicht auf seinen Sohn. Als sein Blick hinunter wanderte, wurden seine Augen auf einmal weit. Natsuki bemerkte den Träger ihres BH’s der unter dem Bett etwas heraus ragte. Innerlich fluchte sie. Takeos Vater hob den BH auf und warf ihn vor die Füße seines Sohnes.
„Was soll das? Was ist hier gelaufen! Hast du das Mädchen angerührt?“
Takeo wirkte nun einen Moment hilflos und die Wut aus seinem Gesicht schwand. Er wusste wohl nicht darauf zu antworten. Schließlich war etwas passiert. Er hatte Natsuki angerührt...
Als er nicht sofort reagierte, schien sein Vater die Antwort zu erahnen und näherte sich ihm wutentbrannt. Natsuki bekam Angst und rannte ohne nachzudenken zu ihrem Freund vor dem sie sich schützend aufstellte.
Sie spürte, dass sie eingreifen musste, etwas sagen musste.
„Takeo hat nichts getan was ich nicht wollte!“ , rief Natsuki und lenkte die Aufmerksamkeit damit komplett auf sich.
„Hm...“ , brummte der monströs wirkende Mann mit undurchsichtiger Miene. Er wirkte jedoch immer noch angespannt. Natsuki war sich sicher, er hätte Takeo geschlagen, wäre sie nicht dazwischen gegangen und spürte eine Erleichterung darüber, dass sie so schnell geschaltet hatte. Takeos Vater sah über Natsukis Kopf hinweg zu seinem Sohn.
„Frau Yamada rief an. Sie meint es blüht dir eine Anzeige wegen sexueller Belästigung ihrer Tochter. Ich hab dir viel zugetraut, aber das sprengt alles. Ab sofort sehe ich dich nicht mehr als Familienmitglied an. Verschwinde bis spätestens morgen Abend aus diesem Haus, es ist mir egal wohin. Hau einfach ab!“ , daraufhin verließ er mit lauten Schritten den Raum ohne irgendeine Antwort zuzulassen.
Natsuki drehte sich verblüfft zu ihrem Freund, der sich mit gesenktem Blick auf den harten Parkettboden setzte. Er sah niedergeschlagen aus und seine Lippe war leicht geschwollen und blutig. Sein Vater hatte ihn also bereits geschlagen... Natsuki schauderte als ihr der Knall einfiel den sie gehört hatte. Besorgt setzte sie sich zu ihm und legte eine Hand auf seine Wange.
„Tut dir was weh? Deine Lippe?“ , fragte sie benommen.
Takeo drückte ihre Hand von sich und wirkte beinah ärgerlich.
„Nein.“ , antwortete er knapp.
Natsuki fühlte sich hilflos und klein.
„Was meinte dein Vater..., Yamada...“ , die Worte blieben ihr im Hals stecken.
Takeo brachte ein sarkastisches Grinsen fertig.
„Du bist etwas schwer von Begriff.“ , neckte er sie.
„Mitsuki... Unfassbar, dass sie soweit geht...“
Takeo nickte trüb.
„Ich habe sie nicht... Ich meine...“ , er brach ab und fasste sich an den Kopf.
„Sexuelle Belästigung... Ich fass es nicht...“ , flüsterte er mehr zu sich selbst.
Natsuki konnte es selbst nicht glauben.
„Du hast nichts getan...“ , erwiderte sie in beruhigendem Ton.
„Wieso war die Tür eigentlich abgeschlossen? Ich meine.. du warst doch draußen...“ – „Ich hab die Angewohnheit mein Zimmer immer abzuschließen, auch wenn ich nur kurz rausgehe. Irgendwie vertraue ich meiner Familie einfach nicht...“ , erklärte er.
Dann zuckte ein ironisches Lachen auf seinem Gesicht auf.
„Na... ab jetzt bin ich ja kein Teil dieser Familie mehr.“
Natsuki seufzte.
„Wir sollten mit Mitsuki reden.“ , erklärte sie schließlich mit entschlossener Miene.
Takeo konnte ein kurzes Auflachen nicht unterdrücken.
„Ach, du denkst sie wird sich umstimmen lassen?“
Natsukis Blick war immer noch ernst.
„Das wissen wir erst, wenn wir es versucht haben. Außerdem schadet es doch nichts einfach mal mit ihr zu reden.“
Takeo atmete tief durch und nickte. Sie hatte Recht. Der Versuch konnte nicht schaden. Langsam stand er auf.
„Ich bring dich nun erst mal nach Hause. Es ist spät. Deine Mutter wird nicht begeistert sein...“
Natsuki lächelte leicht. „Du vergisst, sie mag dich inzwischen.“ , erinnerte sie ihn.
„Das ändert nichts daran, dass du spät heim kommst. Komm, wir gehen...“
Als sie das Zimmer verließen fand Natsuki kaputtes Geschirr auf dem Boden und aus einer zerbrochenen Flasche lief eine dunkelrote Flüssigkeit. Daneben lag eine Kerze.
„Ich dachte es würde dir gefallen wenn du aufwachst und... na ja...eine Kerze brennt... und...“ er wurde rot.
Natsuki klammerte sich an seinen Arm.
„Das war eine süße Idee.“ , lächelte sie und bemerkte wie Takeo beschämt zur Seite sah.
Als sie die Treppe hinunter gingen stand eine brünette Frau am Ende der Stufen.
„Takeo..., dein Vater ist sehr aufgebracht... und wohl auch zu Recht..., aber hier ist immer noch dein zuhause...“
Natsuki sah Enttäuschung und Trauer auf ihrem Gesicht. Sie glaubte also auch an die Schuld Takeos. Sie fragte ihn nicht mal nach seiner Sicht der Dinge. Nichts. Wieder stieg Wut in ihr auf.
„Spar dir das. Ich zieh morgen zu einem Freund, bis ich Arbeit und eine Wohnung gefunden habe. Dann seid ihr mich endlich los.“ , entgegnete er mit ruhiger, fester Stimme und Natsuki bewunderte ihn dafür wie gefasst er schien. Seine Mutter sah ihn entsetzt an, als fühlte sie sich ungerecht behandelt. Was für eine Ironie. Dabei war es doch Takeo der ungerecht behandelt wurde.
„Du weißt genau, wir wollen dich nicht loswerden.“
Takeo nahm Natsukis Hand und ging zusammen mit ihr an seiner Mutter vorbei ohne noch etwas zu erwidern.
„Siehst du denn nicht ein, dass du zu weit gegangen bist?“
Ohne sich noch mal umzudrehen verließen Takeo und Natsuki das Haus.
„Wieso wehrst du dich nie?“ , fragte Natsuki als sie sich einige Meter vom Haus entfernt hatten. „Was soll das bringen? Sie haben ihr Urteil bereits gefällt. Ich habe keinen Grund mich für irgendetwas verteidigen zu müssen.“ , murmelte er.
„Wirst du wirklich zu einem Freund ziehen?“
Takeo nickte.
„Ich halt es nicht länger dort aus. Es wird Zeit, dass ich aus diesem Umfeld rauskomme, an einen Ort wo man mich nicht ständig verurteilt. Du warst die, die mir das erst richtig klar gemacht hat...“
Natsuki dachte einen Moment darüber nach.
„Du hast sicher Recht. Es ist gut wenn du dort wegkommst...“ , gab sie schließlich zu.
Schweigend gingen sie weiter bis sie bei Natsukis Haus ankamen.
„Ich geh besser... Entschuldige, aber ich ertrag keine weitere Standpauke. Wenn du Ärger kriegst, schieb ruhig alles auf mich. Darauf kommt es wohl nicht mehr an.“ , meinte Takeo und grinste gezwungen. Natsuki nickte kurz.
„Schon okay. Mir fällt schon was ein was ich sagen kann. Aber kommst du klar?“
Besorgt musterte sie ihren Freund.
„Klar. Keine Sorge.“
Plötzlich ging die Tür offen.
„Natsuki! Ich wusste doch ich hab irgendetwas gehört. Wird aber auch Zeit, dass du nach Hause kommst!“ , streng sah sie ihre Tochter an.
„Tut mir Leid..., es ist soviel passiert... Ich wäre heute um ein Haar überfahren worden, wäre Takeo nicht gewesen...“ , erzählte Natsuki drauf los. Sie wusste, dass würde ihre Mutter dazu bringen ihre Wut über die Verspätung zu vergessen.
„Was? Mein Gott...“ , murmelte Frau Watanabe fassungslos und sah das junge Paar erschrocken an.
„Ja..., meinst du Takeo kann heute ausnahmsweise mal bei uns übernachten...?“ Ihre Mutter wirkte völlig überfordert.
„So etwas solltest du eher sagen als...“ – „Bitte Mum, er hatte einen so anstrengenden Tag. Und sein Eltern sind damit einverstanden.“ , log sie und spürte Takeos völlig verblüfften Blick auf sich ruhen.
„Ich schätze da er dir das Leben gerettet hat..., sollte ich heute wohl nicht so streng sein...“ Natsuki umarmte ihre Mutter stürmisch.
„Danke!“
Daraufhin gingen alle gemeinsam ins Haus. Schnell ging Natsuki mit Takeo in ihr Zimmer und schloss die Tür.
„Was hast du dir dabei nur gedacht?“ , fragte Takeo nun ernst.
„Ich wollte einfach nicht, dass du ...dorthin zurück musst.“ , erklärte Natsuki.
„Aber hättest du mich nicht vorher darauf vorbereiten können?“ , fragte er leicht grimmig und setzte sich auf ihr Bett.
„Ich... dachte du freust dich darüber...“
Takeo seufzte.
„Entschuldige..., ich freue mich auch... ich bin einfach sehr erschöpft und durcheinander.“ , um seine Worte zu unterstreichen legte er sich hin. Natsuki gesellte sich dazu und kuschelte sich an ihn. „Morgen reden wir mit Mitsuki... und es wird alles gut. Glaub mir.“ Takeo streichelte ihr sanft über den Kopf.
„Ja..., weißt du... solang du bei mir bist... ist sowieso alles total in Ordnung...“ , murmelte er noch und schlief nur Sekunden darauf ein. Es dauerte nicht lang, da fielen auch Natsuki die Augen zu. Nicht mal als ihre Mutter den Raum betrat wurden die Beiden wach. Frau Watanabe hatte eine Matratze für Takeo gebracht, doch als sie sah wie das junge Paar friedlich schlief, nahm sie diese wieder mit und löschte nur das Licht.
Am nächsten Morgen wurden Takeo und Natsuki von Frau Watanabe geweckt, damit sie nicht zu spät zur Schule kamen.
Nachdem beide geduscht und gefrühstückt hatten machten sie sich auf den Weg.
Am Schultor standen bereits Mitsuki und Kyoko. Es schien ganz so als hätten sie nur auf die Ankunft des Paares gewartet.
Takeo spürte eine unbändige Wut als er ihr zufriedenes Grinsen sah und es kostete ihn jegliche Selbstkontrolle um nicht auf sie loszugehen.
„Sieht so aus, als weißt du schon Bescheid.“ , lachte Mitsuki.
„Sieht so aus, als tickst du nicht mehr richtig! Was erhoffst du dir von dieser Anzeige? Ist das reine Rache?“ , knurrte Takeo zurück.
Mitsuki verschränkte die Arme.
„Nein, ich wollte dir einfach noch eine Chance geben, deine Meinung zu ändern.“ – „Meine Meinung zu was?“ , entgegnete Takeo sauer.
„Ganz einfach. Entscheid dich für mich als deine Freundin und ich kümmere mich darum, dass die Anzeige aufgehoben wird.“
Takeo konnte sich nicht mehr beherrschen und machte plötzlich einen Satz auf sie zu, doch Natsuki hielt ihn am Arm fest und sprach beruhigend auf ihn ein. „Bleib ruhig...“ , bat sie ihn.
Er atmete einmal tief durch. „Du weißt genau, dass ich Natsuki liebe und nicht dich. Eine Beziehung würde also absolut keinen Sinn machen. Wenn das bedeutet, dass du mich anzeigst, bitte. Du wirst damit sowieso nicht durchkommen, denn ich bin unschuldig!“ Mitsuki lachte laut auf.
„Ach? Wir waren in einer Umkleidekabine. Da gibt es eine Kamera die uns aufgenommen hat... Glaub mir, niemand wird dir glauben. Also denk lieber noch mal über deine Entscheidung nach.“ – „Mir egal... zeig mich halt an, verdammt.“ , knurrte Takeo wütend und ging an den Mädchen vorbei in Richtung Haupteingang. Natsuki war jedoch stehen geblieben und erst als Takeo ihre Stimme hörte, bemerkte er, dass sie ihm nicht gefolgt war und drehte sich um.
„Wenn ich mich von ihm trenne, würde dir das reichen?“ , fragte Natsuki und alle Anwesenden sahen sie überrascht an.
„Wieso solltest du so was tun?“
Mitsuki schien skeptisch.
„Ich möchte einfach nicht, dass Takeo noch mehr leiden muss! Du hast überhaupt keine Ahnung was du ihm alles antust!“ , rief sie und ihrer Stimme schwangen sowohl Traurigkeit als auch Wut mit.
„Was tu ich ihm denn schon an? Ich bin diejenige die leidet! Weil er dich liebt und nicht mich! Aber das wird sich ändern wenn er mir endlich eine Chance gibt, wenn er Zeit mit mir verbringt! Dann wird er sich in mich verlieben!“
Takeo konnte nicht glauben was er da hörte. Hatten denn alle den Verstand verloren? Und meinte Natsuki es ernst? Wollte sie sich von ihm trennen? Er schien wie vom Donner gerührt.
„Du hast keine Ahnung was Takeo durchmacht, wenn du ihn lieben würdest, würdest du nichts tun was ihm schaden könnte. Du würdest wollen das er glücklich ist, selbst wenn es hieße, dass du ihn gehen lassen musst.“ Mitsuki verzog genervt das Gesicht.
„Ach halt einfach den Mund! Was kannst du ihm denn schon bieten?“
Inzwischen hatte sich fast die ganze Klasse am Schultor versammelt und alle standen in einem großen Kreis um sie herum. Sie hatten Publikum bekommen, doch die Mädchen schienen es gar nicht zu bemerken.
„Zumindest liebe ich ihn, du aber willst ihn doch nur besitzen!“ , rief Natsuki und spürte wie sie immer wütender wurde. „Seine Eltern wollen ihn wegen deiner Anzeige rauswerfen!“ – „Natsuki!“ , rief Takeo wütend. Er wollte nicht, dass über seine Privatangelegenheiten vor der gesamten Klasse gesprochen wurden. Er drängte sich an zwei Schülern vorbei und stellte sich neben seine Freundin. „Bitte, es ist genug! Nicht hier!“ , bat er sie mit ermahnenden Blick und erst jetzt sah sie die Schüler die sich um sie versammelt hatten. Mitsuki war ganz still geworden.
„Schon gut. Ihr habt gewonnen. Vergesst die Anzeige.“
Überrascht sahen Takeo und Natsuki sie an.
„Schaut nicht so! Vergesst es einfach.“ , erklärte sie noch einmal und ging dann mit der ebenfalls verwunderten Kyoko zusammen in Richtung Schuleingang. Wie aufs Stichwort erklang die Schulglocke und die Traube von Schülern löste sich laut tuschelnd auf.
Als Takeo und Natsuki als einzige zurückblieben sahen sie sich beide fragend an.
„Wieso hat sie plötzlich...aufgegeben?“
Takeo runzelte die Stirn. Natsuki zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht... kann an den Zuschauern gelegen haben... oder sie hat wirklich etwas von dem begriffen was ich sagte. Hauptsache ist aber, du hast eine Sorge weniger.“ Takeo nickte, sah aber immer noch irritiert aus.
Als sie die Klasse betraten spürten beide die unzähligen neugierigen Blicke der Schulkollegen.
„Glotzt nicht so!“ , fuhr Takeo sie an und setzte sich auf seinen Platz. Natsuki konnte sich während des Unterrichts nicht zurückhalten, sie sah immer wieder unauffällig zu Mitsuki hinüber, doch ihre Miene verriet nichts über die Gründe für ihren Rückzug.
Als der lange Schultag endlich vorüber war und Natsuki gemeinsam mit Takeo den Klassenraum verließ, entschied Kyoko ihrer Freundin endlich die Frage zu stellen, die alle beschäftigte.
„Wieso gibst du plötzlich auf?“
Mitsuki seufzte.
„Natsuki ist bereits Teil seines Lebens. Sie kennt ihn. Sie scheint viel über ihn zu wissen und seine Sorgen zu kennen. Selbst wenn Takeo auf meinen Deal eingegangen wäre..., hätte er mir nie so vertraut wie ihr... Ich dachte immer es wäre mir egal, solange er nur Zeit mit mir verbringt. Aber ich glaube es würde mir nie genügen. Ich will ihn nicht nur besitzen..., ich will....“ Ihre Stimme versagte und sie begann zu weinen. Kyoko nahm sie in den Arm. „So kenne ich dich gar nicht...“ , murmelte sie. „Komm, ich lad dich zum Sushi essen ein.“ , lächelte sie.
Takeo zog noch am selben Tag von zuhause aus und wohnte für einige Wochen bei einem seiner Gang-Freunde, die meiste Zeit jedoch war er mit Natsuki zusammen.
Als die Anzeige zurückgezogen wurde und Mitsuki ihrer Mutter die Wahrheit erzählte, klärte diese sofort Takeos Eltern über den Irrtum auf. Nach ein paar Tagen, wo Takeo gerade im Garten arbeitete, machte sich Natsuki auf den Weg zu seinen Eltern. Sie wollte ihnen die Chance geben sich bei ihrem Sohn zu entschuldigen, denn Takeo hatte seine Mutter und seinen Vater nicht darüber informiert wo er hingezogen war.
Als Natsuki am Haus ankam saß Takeos Mutter auf den Stufen vor der Haustür. Nachdem sie die Freundin ihres Sohnes erkannte sprang sie auf.
„Du! Du warst doch mit Takeo zusammen! Weißt du wo er ist?“ Natsuki nickte und überreichte ihr einen Zettel mit einer Telefonnummer. „Vermutlich ist es dumm von mir mich einzumischen, aber lassen Sie mich trotzdem etwas sagen...“ – „Nur zu.“ , erklärte Frau
Matsushita.
„Ihr Sohn ist für den Tod ihrer Tochter nicht verantwortlich, hören Sie auf ihn wie einen Mörder zu behandeln. Das gilt vor allem für ihren Mann... Wissen Sie eigentlich davon das Takeo von ihm geschlagen wurde? Kümmert Sie das? Wenn Sie nicht auch ihr zweites Kind verlieren wollen, denken Sie vielleicht mal darüber nach was sie ihm alles zumuten. Es war ein Unfall, ein tragischer, soviel steht fest. Aber vermitteln Sie Takeo nicht das Gefühl, dass er an allem Schuld ist. Er leidet sehr darunter.“
Frau Matsushita sah Natsuki fassungslos an und langsam kullerten Tränen über ihre Wangen.
„Ich bitte Sie nichts von unserem Gespräch zu erwähnen... Machen Sie es gut..“ , schloss Natsuki die sehr einseitige Unterhaltung und ging davon.
Noch am selben Abend erhielt Takeo einen Anruf von seiner Mutter, die sich weinend bei ihm entschuldigte und ihn darum bat zurück nach Hause zu kommen. Doch er entschied nicht zurückzukehren, willigte aber ein sie hin und wieder zu besuchen. Von seinem Vater jedoch hörte er auch Wochen danach nichts, legte allerdings nach allem auch wenig Wert darauf mit ihm zu sprechen. Nach drei Monaten hatte er endlich genug bei seinem neuen Job als Verkäufer in einem Elektrogeschäft gespart und zog in seine eigene Wohnung.
Der Umzug lief problemlos, denn mit Hilfe von Takeos Gang-Kollegen und Natsuki war alles schnell eingerichtet.
Sie bestellten zur Feier des Tages Pizza und unterhielten sich noch bis spät am Abend.
Nachdem die Gang-Mitglieder alle die Wohnung verlassen hatten zog Takeo Natsuki an sich und küsste zärtlich ihren Hals. „Du hast mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt Natsuki Watanabe...“ , hauchte er in ihr Ohr. Sie lächelte. „Und du hast meinem einen Sinn gegeben.“ , antwortete sie und sah ihm in seine wunderschönen, dunklen Augen.
„Übertreibst du da nicht etwas?“ , fragte er sie mit schiefem Lächeln.
„Nein. Bevor wir zusammen kamen, lebte ich einfach nur so vor mich hin... Ich tat alles, weil ich es musste... und um meine Mutter nicht zu enttäuschen. Doch dank dir..., bin ich wirklich glücklich und finde alles... viel lebenswerter.“
Sie wurde etwas rot und senkte den Kopf. Takeo hob etwas ihr Kinn, so dass sie sich wieder direkt in die Augen sahen.
„Du selbst hast dich auch ganz schön verändert. Du bist mutiger und selbstbewusster geworden...“ , stellte er fest und lächelte leicht.
„So mutig bin ich gar nicht...“ , murmelte Natsuki.
„Ich... bin nur mutig, wenn es darum geht mich für dich einzusetzen...“
Takeo schüttelte den Kopf.
„Du bist viel stärker als du dir zutraust. Glaub mir...“ , beteuerte er und gab ihr einen sanften Kuss. Als sich ihre Lippen voneinander lösten sah Takeo sie eindringlich an.
„Bleib heute Nacht hier...“ , bat er.
Der Vollmond stand bereits am Himmel und schien wie ein Scheinwerfer auf das junge Paar.
Natsuki verdrängte den Gedanken an ihre Mutter, der für einen Moment aufflackerte und antwortete Takeo mit einem langen, leidenschaftlichen Kuss...