Ein Traum von Sonne und Mond
Prolog – Ein Traum von Sonne und Mond
Ruckartig schlug sie die Augen auf. Doch entgegen all ihrer Erwartungen sah sie, trotz der geöffneten Augen, überhaupt nichts. Egal in welche Richtung sie blickte, überall befand sich eine erdrückende, kalte Schwärze, die bis in das Innerste ihres Körpers zu dringen schien. Sie hörte nichts. Nicht einmal Wind schien zu existieren. Das Mädchen hatte schon länger ein sehr schlechtes Gefühl gehabt. Irgendetwas war hier seltsam, anders als sonst und sie spürte, dass sich das, was sie gerade wahrnahm, stark von allem, was sie bis jetzt erlebt hatte, unterschied. Es fühlte sich so... merkwürdig intensiv an. Fast schon z u real.
Nervös blickte sie sich immer wieder um, in der Hoffung doch noch irgendeinen, winzigen Anhaltspunkt zu entdecken.
„Hallo? Ist hier jemand?“
Ihre Stimme schien etliche Male in diesem unendlichen Raum wiederzuhallen, so als würde ihr eigenes Echo auf ihre Frage antworten wollen. Doch ansonsten blieb es still.
Ihre Beine waren schwer wie Blei und dennoch versuchte sie einige Schritte vorwärts zu gehen. Angstschweiß klebte ihre langen, feuerroten Haare an ihrer Haut fest, doch ihre zittrigen, feuchten Finger waren nicht in der Lage, die rote Pracht aus ihrem Gesicht zu verbannen.
Gleichzeitig kroch jedoch eine bisher ungekannte Eiseskälte ihren Körper hinauf. Ihr Magen verkrampfte sich schmerzhaft und eine heftige Übelkeit machte sich dort breit. Der Mund und der Hals des Mädchens fühlten sich staubtrocken an und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als etwas Wasser zum Trinken.
„Was soll das? Wo bin ich hier?“, schrie die Rothaarige in die Dunkelheit, nur Sekunden, bevor ihre Beine unter ihr nachzugeben drohten. Nur mit viel Mühe konnte sie ihren Körper zwingen, aufrecht stehen zu bleiben.
Sie kniff die Augen zusammen und versuchte ihre Tränen zu unterdrücken. Es war nicht zu leugnen, dass sie Angst hatte. Besonders das beklemmende Gefühl von Einsamkeit ließ langsam aber sicher ein Gefühl der Verzweiflung in ihr aufsteigen.
Doch plötzlich, einer seltsamen Eingebung folgend, riss sie die Augen auf und schreckte zurück. Mit einem Mal war die Schwärze um sie herum einer Art Tempel gewichen. Es war ein riesiger Raum, dessen Decke durch unzählige, verzierte Steinsäulen getragen wurde. Direkt vor dem Mädchen befand sich ein riesiges Loch im Boden, aus dessen Mitte eine silbern schimmernde Quelle sprudelte. Diese war umrahmt von vereinzelten Fackeln, die den Tempel in ein seltsam unechtes Licht tauchten.
Erschrocken musterte sie das Gebäude bis ihr Blick auf die weißen Bodenfliesen unter ihr fiel. Die Rothaarige trat einen Schritt zurück, um das Zeichen, auf dem sie gestanden hatte, besser sehen zu können. Unter ihr war ein goldenes Muster in den Boden eingelassen.
„Eine… Sonne?“, fragte sie sich selbst, als sie dieses reichlich verzierte Symbol betrachtete.
„Wer bist du?“ Eine weibliche Stimme ließ die Rothaarige aufschrecken. Sie hob ihren Blick und sah ein anderes Mädchen auf der gegenüberliegenden Seite der Quelle stehen. Erschrocken sog sie die Luft ein, als sie der Fremden ins Gesicht sah. Es war fast so, als blickte sie in einen Spiegel!
Jedoch waren ihre langen, weißblonden Haare stark gelockt und ihre Haut war deutlich blasser als ihre eigene. Ihr gebrechlich wirkender Körper war dem der Rothaarigen sehr ähnlich, was man trotz ihres hellen Kleides erahnen konnte. Und dann waren da noch ihre tief dunklen Augen, in denen sich das Licht so brach, als würden hunderte Sterne in ihnen funkeln. Es waren… dieselben Augen. Dieses Mädchen hatte genau die gleichen, außergewöhnlichen Augen, wie sie selbst! Was war hier nur los?
„Sag es mir! Wer bist du?“, fragte die Blonde mit einer leicht aufgewühlten Stimme erneut. Auch sie sah ziemlich mitgenommen aus. Schweiß rann an ihrer extrem blassen Haut herab und ihre Augen hatte sie weit aufgerissen. Es schien ihr wirklich, als würde sie in den Spiegel blicken.
„Ich… Meine Name ist Anoriel und wer bist du?“
Die Stimme der Rothaarigen klang dünn, und ein leichtes Zittern lag darin.
„ Ithiliel.“, brachte das andere Mädchen gerade so heraus.
„Warum… siehst du aus wie ich?“ Doch sie schüttelte nur den Kopf und zuckte kaum merklich ratlos mit den Schultern.
„Wenn das Licht erlischt, erwacht die Dunkelheit.“
Sichtlich erschrocken fuhr Anoriel zusammen. Aus den Augenwinkeln sah sie undeutlich, wie das andere Mädchen es ihr gleichtat.
„Wer ist da?“, fragte die Rothaarige in den leeren Raum hinein, doch die Quelle der Stimme war nicht auszumachen. Es schien niemand außer den beiden Mädchen da zu sein.
„Wo es Licht gibt, gibt es auch Dunkelheit. Wenn nur eines verschwindet, kann auch das andere nicht überleben.“
„Was soll das hier?“, schrie Anoriel wütend. Ihre Angst war mit einem Mal fast gänzlich verflogen und Wut kochte in ihr hoch. Warum war sie hergebracht worden? Wer war dieses Mädchen, das aussah, wie sie? Und warum hatte sie das Gefühl, als würde sie dieses Mädchen kennen? Weshalb fühlte sie sich auf einmal so viel besser als noch vorhin? Warum war diese seltsame Einsamkeit plötzlich, zum ersten Mal in ihrem Leben, verschwunden?
„Wenn die Macht überhand nimmt, kann es schlimme Folgen haben. Es wird Zeit ein neues Zeitalter einzuläuten, bevor es zu spät ist.“
„Hör auf!“, rief die Rothaarige noch, ehe ein gleißendes Licht, welches aus der Quelle zu kommen schien, die beiden Körper der Mädchen vollständig ein hüllte. Erschrocken hob Anoriel die Arme vor ihre Augen, um sie vor der Helligkeit zu schützen, als plötzlich der Boden unter ihr weg zu brechen schien und sie in ein bodenloses, schwarzes Loch fiel.
„Finde mich.“, waren die letzten, leisen Worte, die die Rothaarige vernahm, ehe sie das Bewusstsein verlor.
Die Farbe der Sonne (Anoriel)
So, hier ist das erste Kapitel!
Dies ist aus Anoriels Sicht geschrieben.
Wir freuen uns über eure Meinung dazu!
LG, die ChocolateChipCookies :3
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Kapitel 1 – Die Farbe der Sonne (Anoriel)
Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Welt in einen außergewöhnlichen Farbenmantel aus Rot- und Gelbtönen. Schon bald würde sie hinter dem Horizont verschwinden und die schwarzen Farben der Nacht würden die Landschaft in eine samtene Stille tauchen.
Der Fluss vor mir, dessen Wasser orangefarben schimmerte, floss friedlich durch das Land und teilte den angrenzenden Wald in zwei Teile, bis auch er irgendwann in das Meer mündete. Das saftige Grün der Tannen war größtenteils einem dunklen Schwarz gewichen und die Tiere hatten sich bereits zum Schlafen zurück gezogen. Die einzigen Geräusche, die noch zu hören waren, machten die kleinen Wellen vor mir, wenn sie brachen oder ans Ufer schwappten.
Am wolkenlosen Himmel kündigten sich bereits die ersten Sterne an.
Ich genoss die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages ehe er der Nacht weichen musste. Der leichte Wind spielte mit meinen feuerroten Haaren und wehte sie mir ins Gesicht. Ich hob meine Hand und schob sie wieder zurück über meine Schultern.
Ich streckte meine Beine aus, sodass meine weißen Stiefel das feuchte Gras so wenig wie möglich berührten, richtete meinen roten Rock, sodass er gerade über der schwarzen, knielangen Hose lag, und stütze meinen Oberkörper mit meinen Händen vom Boden ab. Da mein weiß- rotes Oberteil meine Schultern nicht bedeckte, bildete sich dort eine leichte Gänsehaut, die ich aber ignorierte.
Seit einer Weile saß ich nun schon hier und beobachtete wie die Sonne ihre Arbeit niederlegte. Dies war für mich die schönste und zugleich traurigste Zeit des Tages. Ich liebte die Sonne. Ich liebte ihre wärmenden Strahlen. Ihre wohlige Wärme. Und umso mehr graute es mich vor der dunklen, kalten Nacht. Doch wo Licht war, musste es auch Schatten geben. So war das nun mal.
„Ach, da steckst du! Das hätte ich mir auch gleich denken können.“
Ich brauchte mich gar nicht umzudrehen, um zu wissen, wer hinter mir stand. Ihre tadelnde Stimme würde ich immer wiedererkennen.
„Ich bin doch da.“, grinste ich in mich hinein, als ich aus den Augenwinkeln sah, wie sich meine Freundin neben mich setzte.
„Mach dich nicht lustig über mich, Anoriel!“, meinte sie leicht schmollend zu mir. Ich wusste genau, wie ich sie aufziehen konnte, und tat das auch sehr gerne. Tara war etwa ein Jahr älter und etwas größer als ich. Ihre langen, blonden Haare hatte sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden, die sich jeweils rechts und links von ihrem Kopf befanden. Über ihrem grünen, ärmellosen Oberteil trug sie eine kleine braune Jacke, die genau zu ihrer ebenfalls braunen, kurzen Hose passte.
Schon seit wir Kinder waren, zogen wir gemeinsam durch das Land. Wir waren beste Freundinnen und gleichzeitig wie Schwestern. Wir hatten viel zusammen durchgemacht, was uns nur noch näher zusammengeschweißt hatte. Ich kannte sie besser als sie selbst und umgekehrt war es wohl genau so.
„Hey Tara. Sei mir nicht böse, ok?“ Ich sprach so ruhig wie möglich. Sie sollte merken, dass es mir leid tat. Ich drehte meinen Kopf und sah sie von der Seite an. Dabei fiel mir auch ihr leichtes Grinsen auf und da wusste ich, dass sie mir nicht böse war.
„Die Sonne geht unter. Du sollst doch nicht alleine im Dunkeln rumlaufen.“, seufzte sie. Wahrscheinlich meinte sie, sie hätte es mir schon oft genug gesagt, was wahrscheinlich auch stimmte.
„Ja, ich weiß. Tut mir leid. Aber du weißt wie gerne ich Sonnenuntergänge sehe. Und von unserem Lager aus ist das diesmal wegen des Waldes nicht möglich.“, verteidigte ich mich gespielt schmollend.
„Glaubst du immer noch, dass du in der Nacht schwächer wirst?“ Diese Frage überraschte mich. Es war eine ernst gemeinte Frage, doch ich hörte einen leicht belustigten Unterton heraus.
„Auch wenn du es mir nicht glaubst, ja. Irgendwie fühle ich mich abends schwach und müde und nur tagsüber bin ich richtig fit. Ich weiß, dass es verrückt klingt, aber ich habe keine andere Erklärung dafür.“ Ich wusste selber, wie verrückt das klang und daher konnte ich verstehen, dass alle mich nur belächelten, wenn ich mit dieser Theorie ankam, aber irgendwas war da. Ich spürte ganz genau, dass mein Körper nachts anders reagierte als tagsüber. Vielleicht verausgabte ich mich am Tag auch einfach nur zu sehr.
„Glaubst du noch immer, dass es etwas mit deiner Herkunft auf sich hat?“ Ich dachte kurz über ihre Frage nach. Meine Herkunft?
Ich seufzte. „Wenn ich etwas über meine Herkunft wüsste, könnte ich dir diese Frage beantworten.“ Sofort erfasste mich eine seltsame Traurigkeit, als ich darüber nachdachte.
Ich richtete meinen Oberkörper etwas auf, legte die Hände in meinen Schoß und betrachtete sie. Innerhalb von wenigen Sekunden hatte ich, alleine durch meine Gedanken, eine winzige, lodernde Flamme erschaffen. Wie ein kleines eigenständiges Lebewesen bewegte sie sich im Rhythmus des Windes und schien so zu tanzen.
„Ob ich aus einer Familie von Feuermagiern stamme?“, fragte ich eher mich selbst, als meine Freundin.
„Weil du Flammen erschaffen und kontrollieren kannst?“ Ich nickte und ließ die Flamme verlöschen. „Es ist gut möglich, aber…“ Sie brach mitten in ihrem Satz ab. Ihr lautes Seufzen ließ mich wieder zu ihr herüber sehen. „Ach, Anoriel. Auch wenn du etwas anders bist, als wir… Mit deinen fast schwarzen Augen und deinen Fähigkeiten mit Feuer umzugehen. Du gehörst zu uns, und das ist alles, worüber du dir den Kopf zerbrechen solltest. Ich habe keine Ahnung, was du dir für seltsame Theorien ausdenkst, aber ich bin mir sicher, dass es nichts ist, was dich beunruhigen sollte“
„Ja, es ist wohl so.“, seufzte ich wenig überzeugt.
„Und wenn du wieder alleine verschwindest, könntest du wenigstens bescheid sagen…“, meinte die Blonde, um noch einmal auf das Thema zurück zu kommen. Ich nickte. Ja, beim nächsten Mal würde ich ihr oder jemand anderem bescheid sagen. Ich wusste ja, dass sie sich immer viel zu schnell Sorgen machte.
„Komm, wir sollten ins Lager zurück, ehe die Sonne ganz untergegangen ist. Es gibt bald Essen und dann sollten wir uns schlafen legen. Wir wollen morgen noch vor Sonnenaufgang weiterziehen.“
Ich nickte als Antwort. Wir wollten morgen die nächste Stadt erreichen. Und das noch bevor die Nacht erneut hereinbrechen würde. Als Tara aufstand, tat ich es ihr gleich. Ich warf noch einen letzten Blick auf das letzte bisschen Sonne, was noch über den Baumgipfeln hervorlugte und folgte dann meiner Freundin in die Richtung unseres Lagers.
Nach wenigen Minuten traten wir aus dem dichten Nadelwald hinaus und mir bot sich ein gewohntes Bild. Ein großes Feuer brannte in der Mitte einer Lichtung und erleuchtete die ansonsten schwarze Umgebung. Um das Feuer herum standen einige überdachte Holzwagen verteilt, auf denen viele Habseligkeiten wie Kleidung, Töpfe oder Zelte gelagert wurden. Dazwischen waren mehrere Zelte aufgebaut, die den Menschen als Schlafstätte dienten.
Als wir uns der kleinen Gruppe, die um das Lagerfeuer herum saß, näherten, wurden wir gleich stürmisch begrüßt.
„Tara! Anoriel! Da seid ihr ja endlich! Ich hab mir Sorgen gemacht!“ Ein kleines, schwarzhaariges Mädchen kam auf uns zu gerannt und Tara nahm sie gleich auf ihre Arme. Ihr rosafarbenes Kleid tanzte dabei wild um ihren kleinen Körper.
„Ach Anala! Nicht immer so stürmisch!“, lachte die Blonde, als sie dem kleinen Mädchen eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Ich kicherte, als ich mich zu den anderen der Gruppe an das Feuer setzte.
Hier war ich Zuhause. Das war meine Familie. Hier war ich aufgewachsen. Bei einer 15-köpfigen Artistengruppe. Das waren die Menschen, die mir damals geholfen hatten und die ich schon lange in mein Herz geschlossen hatte.
„Na Anoriel? Warst du wieder dem Sonnenuntergang zusehen?“, lachte ein älterer Mann rechts neben mir. Ich wusste, dass er mich provozieren wollte, doch ich ließ mich nicht ärgern.
„Na klar! Wie jeden Abend.“, lachte ich fröhlich zurück und einige andere stimmten mit ein. Sie kannten mein seltsames Hobby nun schon lange genug, um es einfach hinzunehmen.
„So. Dann solltet ihr euch langsam schlafen legen. Wir brechen morgen noch vor Sonnenaufgang auf, damit wir so früh wie möglich die Stadt erreichen. Es wird ein anstrengender Marsch.“, sagte ein junger, blonder Mann namens Rhovan. Er war so etwas wie der Leiter unserer Gruppe und alle sahen zu ihm auf.
Nach seinen Worten standen die meisten von ihren Plätzen auf, legten ihr Essgeschirr an die Seite und begaben sich zu ihren Zelten. Es dauerte nicht lange, bis nur noch Tara, Anala und ich am Feuer saßen.
„Wir sollten uns auch schlafen legen.“, meinte Tara und streichelte der kleinen, schwarzhaarigen über den Kopf. Sie konnte sich scheinbar gerade noch wach halten.
Anala nickte verschlafen und rieb sich die Augen, ehe sie sich langsam hinstellte. Die Blonde tat es ihr gleich. Nur ich blieb noch kurz sitzen.
„Kommst du?“, fragte mich meine Freundin und ich schüttelte nur den Kopf, während ich das Feuer nicht aus den Augen ließ.
„Ich komme gleich nach.“, sagte ich mit einer Tonlage die ihr zeigte, dass sie gar nicht versuchen sollte, mich umzustimmen. Und sie kannte mich gut genug, um das zu bemerken.
„Ok.“, meinte sie zu mir, nahm dann das kleine Mädchen an die Hand und ging mit ihr zu unserem Zelt. Ich sah ihnen nach, wie sie sich Hand in Hand von mir entfernten, bis sie in unserem Unterschlupf verschwanden. Es war schon unglaublich, wie sehr Anala sich an Tara klettete. Wir haben sie vor zwei Monaten alleine in einem völlig zerstörten Haus gefunden. Ihre Eltern lagen tot neben ihr. Ermordet. Nur die Kleine hatte den Angriff der Banditen überlebt. Damals haben wir sie einfach mit uns genommen, weil sie sonst keine Chance gehabt hätte, zu überleben. Immerhin war sie erst fünf Jahre alt! Und seit diesem Tag gehörte auch sie zu unserer Familie. Sie haben sie aufgenommen. Genau wie mich damals.
Seufzend lehnte ich mich zurück. Ich spürte das harte Holz einer Kiste in meinem Nacken und schloss die Augen. Ich fühlte mich wohl hier. Ich war gerne mit den Artisten zusammen. Ich liebte es die Zuschauer mit meinen Tricks zu unterhalten und zu begeistern. Und doch… Fühlte ich mich oft einfach nur leer und einsam. Diese Einsamkeit überkam mich besonders in der Nacht.
Doch immer, wenn ich den Mond ansah, ging es mir seltsamerweise besser. Ich öffnete meine Augen und blickte zu den leuchtenden Sternen hinauf. Millionen von ihnen glitzerten am schwarzen Nachthimmel und leuchteten mit dem grauen Himmelskörper um die Wette. Das sanfte Licht des Mondes erhellte die Dunkelheit der Nacht und wandelte die Farben in ein dunkles grau. Ich fühlte mich wohl, wenn das Licht des Mondes mein Gesicht streifte, doch die Sonne konnte er nicht ersetzen. Aber immerhin war er für mich da und half mir die Nacht zu überstehen.
Seit die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, fühlte ich mich wieder seltsam ausgelaugt und schwach. Selbst eine kleine Flamme, wie die, die ich vor Kurzem erschaffen hatte, zu kreieren, bereitete mir nachts Probleme. Ich verstand einfach nicht, warum es so war. Was war mit mir los? Wer war ich?
Ein Gähnen meinerseits veranlasste mich dazu, nun auch endlich schlafen zu gehen. Morgen früh, wenn der große glühende Stern wieder am Himmel stand, würde es mir auch sicherlich wieder besser gehen.
So schlenderte ich durch das verlassen wirkende Camp und kroch leise, um die anderen beiden nicht zu wecken, in unser Zelt hinein. Ich verkroch mich unter meiner Decke und schon bald fiel ich in einen traumlosen Schlaf.
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Der neue Tag brach bald an und noch ehe die Sonne aufging, waren die Sachen zurück auf ihre Wagen verladen und unsere Gruppe setzte sich in Bewegung.
Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Alle freuten sich darauf, nach mehr als zwei Wochen, wieder eine größere Stadt zu sehen. Es wurde auch langsam Zeit, dass wir wieder Gold verdienen konnten. Unsere Essensvorräte wurden langsam knapp und das Gold reichte nicht mehr, um etwas Neues zu kaufen.
Wir arbeiteten wie jeder andere hart für unser Gold und trotzdem wurden wir oft belächelt und als Schnorrer bezeichnet. Jedes Mal taten diese Beleidigungen weh, aber wir versuchten diese so gut wie möglich zu ignorieren. Das Leben war für die Meisten nicht einfach in diesen Zeiten. Die verschiedenen Rassen, die sich diesen Planeten teilten, kamen immer schlechter miteinander aus. Jeder versuchte seine Familie zu ernähren und ihnen Wohlstand zu bringen. Und dafür wurde auch oft das Leid anderer in Kauf genommen. Es war traurig, wie sich alles verändert hatte…
Während wir liefen beobachtete ich meine Umgebung. Der Himmel war wieder wolkenlos und strahlte in einem frischen hellblau. Vögel zogen ihre Kreise und genossen ihre Freiheit. Von überall her erklangen ihre sanften Lieder. Tiere jeder Art kreuzten unseren Weg und ließen sich von unserer Gruppe nicht stören.
Meine Freunde unterhielten sich angeregt und oft war ein fröhliches Lachen zu hören. Ich war glücklich, dass ich solche Tage erleben durfte…
Noch bevor die Sonne sich dem Horizont näherte kam die Stadt in Sicht. Die Stadt Kalavion. Es war ein wirklich beeindruckender Anblick. Wir standen von dem Haupttor von Kalavion. Es war ein riesiges hölzernes Tor, das in eine meterhohe Wand aus unzähligen silber- grauen Steinen eingelassen war. Diese Steinmauer schien die ganze Stadt zu umschließen. Mehrere Wachen waren vor dem Tor sowie auf der Mauer postiert und beobachteten die dutzenden Besucher und Einwohner der Stadt. Und wir waren mittendrin.
„Dann lasst uns reingehen, bevor sie das Tor über Nacht schließen.“, meinte Rhovan lächelnd und nach wenigen Metern betrat unsere Gruppe die Stadt.
Noch ehe wir den Marktplatz erreicht hatten, herrschte reges Treiben. Die Hauptstraße war gesäumt mit sandfarbenen Häusern aus Lehm, die dicht an dicht nebeneinander standen und nur ab und zu gab es kleinere Gassen zwischen ihnen. Auf der Straße befanden sich hunderte Menschen und sonstige Lebewesen, die alle entweder hölzerne Wagen durch die Stadt schoben oder große Rucksäcke und Taschen trugen.
Die meisten der Händler befanden sich auf den Weg ins Zentrum der Stadt und wir schlossen uns ihnen an. Vorbei an Häuserreihen, die scheinbar kreisförmig um den Marktplatz gebaut wurden waren und Gassen, die diese vereinzelt durchzogen.
Doch das Beeindruckendste an dieser Stadt war eindeutig der Marktplatz. Dieser Platz war ebenfalls kreisförmig und umrahmte einen riesigen weißen Tempel, welcher genau in der Mitte gebaut war. Der Tempel war gesäumt von hunderten, meterhohen Steinsäulen, die das spitz zulaufende, weiße Steindach trugen. Um den Tempel zu erreichen musste man eine Steintreppe hinauf steigen, die sich einmal um das ganze Fundament erstreckte. Auf den beiden Seiten des Haupteingangs befanden sich zwei etwa 4 Meter hohe Skulpturen, die sitzende Löwen darstellten.
Unterhalb der Treppen begann die erste Reihe von Verkäufern, die dort ihre Stände aufgebaut hatten. Ehe man von der Mitte aus die Häuser erreichte, gab es noch vier weitere Reihen von Händlern, die die verschiedensten Dinge anboten. Zwischen den einzelnen Ebenen konnte man nur an vier Stellen wechseln. Diese waren genau dort angelegt, wo die vier Hauptstraßen in den Marktplatz mündeten.
„Wow, das ist echt der Wahnsinn.“, hörte ich Tara neben mir sagen, als sie ebenfalls genau die Umgebung musterte und ich nickte zustimmend. Wolfsähnliche Menschen gingen an uns vorbei, seltsam gekleidete Magier führten Zaubertricks vor und Tiere, wie ich sie noch nie gesehen hatte, liefen durch die Stadt. Hier waren so ziemlich alle Rassen vertreten, die es auf dieser Welt gab und ich fand es sehr faszinierend diese zu treffen.
„Lasst uns einen Platz finden, auf dem wir auftreten können, bevor hier alles belegt ist.“, hörte ich jemanden sagen ehe wir wieder weitergingen. Erstaunt betrachtete ich jeden Laden und alles, was es zu verkaufen gab. Die meisten Dinge kannte ich, oder konnte mir zumindest vorstellen, was man damit machte, aber einige Sachen konnte ich einfach nicht zuordnen. Doch leider blieb mir keine Zeit sie näher zu erforschen, da es meine Gruppe sehr eilig hatte.
Und schon bald hatten wir, mit etwas Glück, einen super Platz am Fuße des Tempels ergattert. Hier würden wir erstmal bleiben.
Mit wenigen Handgriffen waren unsere wenigen Requisiten aus den Wagen geräumt und die ersten begannen ihre Tricks vorzuführen. Es gab Jongleure und Schlangenmenschen, sowie zwei Geschwister, die zusammen unglaubliche Figuren zeigten.
Sie hatten auch schon die Aufmerksamkeit einiger Marktbesucher auf sich gezogen, jedoch war die Ausbeute eher spärlich.
„Anoriel. Es wird Zeit.“, hörte ich Tara neben mir sagen und ich hörte ein Lächeln in ihrer Stimme. Mir war klar, was das bedeutete… Ich musterte noch einmal den strahlend blauen Himmel und schätze den Stand der Sonne. Ich würde noch etwas Zeit haben, bis die Nacht hereinbrechen würde. Schnell ging ich zu einem der nahestehenden Wagen und kramte nach meiner kleinen Tasche. Dort zog ich ein langes, dreieckiges Stück Stoff heraus und band es mir um die Hüfte. Der Stoff war mit vielen kleinen Spiegeln bestickt, die im Schein der Sonne wie verrückt glitzerten.
„Also los.“, grinste ich und stellte mich etwas weiter nach vorne. Jetzt würde meine Show beginnen.
Ich hob meine Arme und legte die Handballen V-förmig aneinander. Innerhalb weniger Sekunden leuchtete ein riesiger Feuerball über meinem Kopf. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie die Passanten von dem hellen Licht scheinbar magisch angezogen wurden. Ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht.
Ich begann mich schnell auf Zehenspitzen im Kreis zu drehen und ließ die Feuerkugel zu einem flachen Teller werden, der von innen nach außen gleichmäßige Wellen erzeugte. Mein Spiegeltuch wirbelte ebenfalls durch die Luft und reflektierte den Schein der Flammen, sodass die Lichtpunkte um mich herum sich wie zu einer Mauer aus orangefarbenem Licht verbanden.
Doch plötzlich hielt ich in meiner Bewegung inne und formte den Teller wieder zu einer großen Kugel, die ich in die Luft warf und sie über meinem Kopf schweben ließ. Innerhalb weniger Augenblicke riss ich meine Arme seitlich auseinander und ließ die Feuerkugel in der Luft explodieren, worauf tausende Millimeter große Funken über mir zu Boden regneten. Unter diesem glitzernden Regen führte ich noch einige Akrobatische Tricks aus, wobei ich darauf achtete, dass mein Spiegeltuch die Lichter der Glutpartikel noch einmal verstärkten. Tara meinte einmal dieser Trick sähe aus wie ein Sternenhimmel mitten am Tag.
Mit einem Spagat beendete ich meine Vorführung und ließ pünktlich alle Glutpartikel gleichzeitig erlöschen. Tosender Applaus erklang seitens der mittlerweile großen Zuschauermenge und ich ließ es mit einer Verbeugung meinerseits über mich ergehen.
Tara und Anala waren bereits zwischen den Zuschauern unterwegs, um kleine Spenden von ihnen entgegen zu nehmen. Solange die beiden Gold sammelten zauberte ich noch einige kleine Feuerbälle und Funkenregen zur Unterhaltung der Menge hervor, ehe sich dann, wie aufs Stichwort, einige meiner Freunde in den Vordergrund schoben und damit die Show übernahmen.
Dankbar zog ich mich zurück und trocknete den gerade entstandenen Schweiß mit einem Handtuch.
„Wow, Anoriel! Das war wieder super! Dieser Funkenregen vor der Kulisse dieses weißen Tempels war echt beeindruckend!“, lachte Tara mir entgegen, als sie vom Gold einsammeln zurückkam.
„Ich glaube, dein Verdienst heute ist neuer Rekord!“ Mit freudigem Ausdruck sah sie in ihren prall gefüllten Beutel und ich grinste nur.
„Danke.“ Das war das mindeste, was ich für diese Leute tun konnte, nachdem sie mich aufgenommen hatten.
„Na klar!“, grinste sie. „Ich geh dann wieder zurück. Du ruhst dich aus. Die Sonne geht bald unter. Wir treffen uns dann nachher!“, meine sie und verschwand auch gleich wieder.
Ich lächelte ihr nach und zog mich zwischen die Wagen zurück. Wenn ich so große Feuerbälle erschuf und diese so lange in Form halten musste, verbrauchte ich immer jede Menge Energie. Besonders, wenn wir den ganzen Tag gelaufen waren. Leider konnte ich an solchen Tagen nur eine Show machen und musste den anderen den Rest überlassen. Es nervte mich, dass ich so wenig Ausdauer hatte, aber es war nun mal so. Mehr als jeden Tag trainieren konnte ich nicht.
Jetzt war mich hier her zu setzen und zu warten, bis die anderen Schluss machten, das einzige, was ich tun konnte. Kaum hatte ich mich gegen einen Beutel voller Kleider gelehnt, versank ich auch schon in einen ruhigen Schlaf.
„Anoriel! Anoriel!“ Der Klang meines Namens holte mich langsam wieder in die Realität zurück. Verschlafen öffnete ich die Augen und blickte in Taras lächelndes Gesicht. Die Umgebung lag bereits im Dunkeln, was bedeutete, dass die Sonne schon untergegangen sein musste.
Schnell richtete ich mich auf und war sofort wach.
„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte ich noch immer geschockt und sah mich um. Das Camp hatte sich nicht vom Fleck gerührt.
„Mach dir darüber keine Gedanken.“, lachte sie nur. Oh je. Das konnte nur heißen, dass es länger war, als ich wollte. „Wir haben heute viel Gold eingenommen und die anderen feiern gerade eine kleine Party. Aber ich dachte mir, dass du h e u t e lieber deine eigene Party willst.“ Es lag ein leicht verschwörerischer Unterton in ihrer Stimme worauf ich anfangen musste, zu lachen.
„Du hast es also nicht vergessen?“, fragte ich die Blonde, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
„Nein! Natürlich nicht! Aber du willst das ja, aus irgendeinem Grund, niemandem erzählen.“, schmollte sie. „Immerhin darf ich wissen, dass du heute Geburtstag hast.“
Ich grinste verlegen. Ja, es war blöd von mir, den anderen meinen Geburtstag zu verheimlichen, aber ich hatte meine Gründe dafür… Nur Tara wusste davon und das war mir Recht.
„Hier! Ich habe dir eine Kleinigkeit gekauft.“, meinte sie lächelnd und reichte mir eine kleine, rote Box.
„Aber Tara, du sollst doch nicht…!“
„Keine Widerrede!“, fiel sie mir gleich ins Wort. „Ich habe dieses Gold selbst verdient und wollte es für dein Geschenk ausgeben! Also fang nicht mit deinem „aber“ an, sondern nimm es.“ Sie hielt die kleine Box noch näher an mich heran, woraufhin ich sie, widerwillig, annahm.
„Herzlichen Glückwunsch zum 18. Geburtstag!“, lächelte sie, als ich den Deckel der kleinen Box herunter nahm. Ein kleiner roter Schmetterlingsanhänger fiel mir ins Auge. Er war an einer silbernen Kette befestigt und ungefähr so breit wie mein Daumen. Eigentlich bestand dieser Anhänger aus einem roten Edelstein, der von einem silbernen Rahmen umfasst wurde und in den verschiedensten Rottönen funkelte.
„Er ist… wunderschön.“, presste ich hervor, nahm den Anhänger und drehte ihn mehrmals um seine eigene Achse.
„Gefällt er dir? Das freut mich. Er passt so gut zu deinen Haaren.“, meinte Tara fröhlich. „Komm! Ich leg ihn dir um.“ Ich reichte ihr die Kette und einige Augenblicke später hing sie auch schon an meinem Hals.
„Ich danke dir.“, sagte ich lächelnd und umarmte sie. Sie drückte mich fester an sich.
„Für meine Schwester tu ich doch alles.“ Tränen der Freude traten in meine Augen, doch ich schluckte sie herunter. Das war nicht der Zeitpunkt, um loszuheulen.
Als wir uns wieder voneinander lösten, ging Tara gleich wieder zurück in Richtung Lager.
„Komm mit. Du bist ziemlich müde, oder? Lass uns ins Bett gehen.“
„Ja!“, sagte ich schlicht und folgte ihr.
Das Lager war bereits verlassen. Die anderen waren wohl schon schlafen gegangen. Daher zögerten wir nicht, auch gleich in unser Zelt zu schlüpfen.
Während meine Freundin schnell einschlief, lag ich noch eine ganze Weile wach. So viele Dinge gingen mir durch den Kopf. Ich war jetzt 18. 18 Jahre und ich wusste kaum etwas über mich. Konnte ich weiter damit leben? Würde ich meine Fragen irgendwann vergessen? Oder würde es nur noch schlimmer werden?
Und vor allem: Warum fühlte ich mich in dieser Nacht wo merkwürdig? Ich hatte das Gefühl, als ob bald etwas Seltsames passieren würde.
In dieser Nacht sollte ich einen Traum haben, der mein Leben für immer verändern würde…
Die Farbe des Mondes (Ithiliel)
Hallihallo,
hier folgt auch schon das zweite Kapitel :D
Diesmal ganz allein von mir geschrieben (hrhr), weswegen mich mal besonders interessieren würde, wie sehr auffällt, dass Kapitel eins und zwei von zwei völlig verschiedenen Personen geschrieben wurden (:
Wir hoffen, es gefällt euch und wünschen euch wie immer viel Spaß!~
lg, MeyaKeks :>
oooooooooooooo
Kapitel 2 - Die Farbe des Mondes (Ithiliel)
Es wehte nur ein leichter, sanfter Wind an diesem Abend. Fast schien es so, als würden sich die dichten, dunklen Wolken am Himmel einfach weigern, weiterzuziehen. Vielleicht weil es hier einfach so wunderschön war?
Die Welt vor mir wirkte unheimlich grau, doch daran störte ich mich schon lange nicht mehr. Ich kannte es nicht anders und auch wenn ich mir manchmal wenigstens ein klein wenig mehr Sonne herbei wünschte, würde ich das hier wohl um nichts auf der Welt hergeben wollen.
Leise seufzend sah ich auf den gigantischen See, der sich unter mir erstreckte und sich von dem fast schon eben so dunklen Wald, der ihn umgab, nur durch das wunderschöne Glitzern des klaren Wassers unterschied. Weit hinter mir ertönte das ununterbrochene, laute Rauschen des größten Wasserfalls dieses Landes, das mir in den letzten Jahren so vertraut geworden war, dass ich selbst es kaum noch bemerkte.
Deutlich hingegen vernahmen meine geübten Ohren, trotz der herabstürzenden Wassermassen, das laute, verspielte Gelächter von Kindern ganz in der Nähe und irgendwo in der Ferne das Heulen eines einsamen Wolfes. Rauer, im Laufe der Zeit eben getretener Stein bohrte sich in die nackte Haut meiner Füße: Ein genauso willkommenes wie vertrautes Gefühl.
Entspannt schloss ich meine schweren Augenlider und lehnte mich noch weiter nach vorn gegen ein kühles Geländer aus einem der massivsten Gesteine, von denen ich je gelesen oder gehört hatte. Nach einer ganzen Weile, in der das nächtliche Schwarz immer mehr Teile der Umgebung in Besitz nahm, wurden endlich die riesigen Fackeln auf dem See angezündet. Fasziniert beobachtete ich die Menschen in ihren winzigen Booten, wie sie von einer zur nächsten fuhren, um nach und nach das gesamte Gebiet in helles und vor allem warmes Licht zu tauchen.
Ich liebte diesen Ort. Ich liebte diesen See, ich liebte all die Wälder um uns herum, genauso wie all seine Einwohner. Und vor allem liebte ich diese Stadt, die unsere Vorfahren vor einer uns unbekannten Zahl an Jahrhunderten zu den Füßen dieses Wasserfalls erbaut hatten.
Eine Stadt, die mittlerweile die größte dieses Landes war und unzähligen Menschen Schutz und Geborgenheit bot.
„Danarvee“, hauchte ich der kühlen Luft vor mir entgegen. Meine Heimat. Mein Leben. Ein leichtes Lächeln machte sich in meinem Gesicht breit.
Diese Stadt war die einzige ihrer Art und wahrscheinlich würde man auch nie eine ähnliche an einem anderen Ort errichten können. Die Bedingungen für ein solches Meisterwerk der Baukunst waren einfach zu schwer zu erfüllen…
Gemächlich drehte ich mich um, damit ich sie besser im Blick hatte und sah nun mit dem Geländer im Rücken zu der gigantischen, einzig und allein aus Stein gehauenen Stadt herauf.
Durch und durch stufenförmig aufgebaut schmiegte sie sich wie eine gebogene Treppe an die ebenso steinernen Wände des Wasserfalls. Ungleichmäßig große und hohe, terrassenartige Vorsprünge ließen das ganze auf den ersten Blick mehr als Chaotisch wirken, doch bei genauerem Betrachten aller Leitern, Treppen und Brücken wurde schnell ein bestens durchdachtes System deutlich. Das besondere an dem Ganzen war aber letztendlich dennoch der Wasserfall, der mit all seiner Wucht auf die obersten Stockwerke donnerte und durch kleine Öffnungen gezielte, kleine Bäche durch das gesamte Gebäude laufen ließ.
Gedankenverloren folgte ich mit meinem Blick einem Wasserverlauf an der Oberfläche: In diesem Fall war es bloß reine Verzierung der Außenfassade, denn die kleinen Wasserfälle, die sich so an den Hängen bildeten, waren zwar recht hübsch anzusehen, hatten aber keinen Nutzen. Diesen erfüllten dann schon eher die künstlichen, unterirdischen Flüsse, mit deren Hilfe wir ganze Hallen zu Badesälen umfunktionieren, überdachte Felder schufen oder einfach nur in Ruhe unsere Wäsche waschen oder Kochen konnten
Es faszinierte mich immer wieder. Allein, dass dieses gesamte System nie so funktionieren könnte, wäre dieser regionale Stein, aus der die gesamte Stadt gebaut war, nicht so ungewöhnlich stabil und…
„Ithiliel? Was zum Teufel machst du schon wieder hier draußen?“
Ertappt zuckte ich zusammen und nahm meinen Blick von der gigantischen Metropole vor mir.
„Felan.“, erwiderte ich nur zur Begrüßung. Unbeeindruckt sah ich in seine ungewöhnlich hellbraunen Augen, die mich sichtlich verärgert musterten. Er wusste genau, was ich hier tat. Einige, zähe Momente lang lieferten wir uns ein gnadenloses Blickduell, doch wie immer gab er schon bald seufzend auf. Er konnte einfach nicht lange ernst bleiben.
„Ist es denn so schwierig einfach mal einen Tag lang nicht wie eine Irre durch die Gegend zu laufen, nur um woanders als im eigenen Zimmer vor sich hinzuträumen?“, fragte er mich knurrend und fuhr sich mit einer Hand durch sein wirres, dunkelbraunes Haar, blieb kurz an seinen noch dunkleren Wolfsohren hängen. Genervt warf ich den Kopf in den Nacken und stöhnte leise auf. Er verstand es einfach nicht!
„Und ist es wirklich so schwer, einfach mal einzusehen, dass es verdammt langweilig ist, den ganzen, dämlichen Tag in seinem Zimmer zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren?“, stellte ich dann die Gegenfrage. Wieder schenkte er mir ein leises Knurren.
„Der Arzt meinte, du-“
„Es ist mir egal, was der Arzt sagt!“, unterbrach ich ihn heftig.
Trotzig verschränkte ich die Arme vor meiner Brust, fühlte mich immer mehr wie ein kleines Kind, das seinen Willen nicht bekam. Aber wieso sollte ich mich auch nicht wie eines verhalten, wenn ich schon so behandelt wurde?
„Mir geht es heute recht gut. Außerdem ist es schon lange dunkel, weshalb ich mich im Moment blendend fühle. Nun, das habe ich bis eben zumindest getan.“, warf ich ihm finster entgegen. Wieder einmal seufzte er auf und sah mich aus seinen sichtlich erschöpften Augen an. Hatte er nach mir gesucht?
„Hör zu, ich wollte eigentlich nicht mit dir streiten...“
Schweigend blickte ich ihm entgegen und wartete ab.
„Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du nicht vielleicht lieber in deinen Geburtstag hereinfeiern würdest, anstatt hier rumzustehen und neue Bachläufe in den Stein zu starren.“
Ich brauchte einige, wenige Momente, um seine Worte richtig zu verstehen. Dann machte sich Verwunderung in meinem Gesicht breit und entspannte die vorher so harten Züge, während mir nun sein breites, feixendes Grinsen entgegenstrahlte. Stimmt. Geburtstag.
Heute, vor genau 18 Jahren hatte der damals 10-jährige Felan mich, ein eher tot als lebendig wirkendes Neugeborenes im Wald, hier in der Nähe, gefunden und zu den Menschen in Danarvee gebracht. Ihm hatte ich meinen jetzigen, geliebten Adoptivvater, den Stadtbibliothekar Aidan, und alles, was ich heute besaß, zu verdanken. Seither hatten wir diesen Tag als meinen Geburtstag festgelegt und irgendwie beschlich mich jedes Jahr wieder das seltsame Gefühl, als wäre es so vollkommen richtig.
Und genau dieser Tag war morgen… Oder besser gesagt in ein paar Stunden.
„Reinfeiern?“, hakte ich argwöhnisch nach. Ich wusste bestens über die restlos chaotischen Saufgelage, die die hier lebenden Wolfsmenschen aus reinem Spaß hin und wieder veranstalteten, bescheid. Und zufälligerweise gehörte Felan zu eben diesen – Vorsicht war also vollkommen angebracht. Dass keine Gefahr drohte, wurde mir aber bereits klar, als sein lautes, ausgelassenes Lachen durch wahrscheinlich ganz Danarvee schallte.
„Keine Sorge, wir werden dir schon nichts tun.“, meinte er grinsend und zog mich mit einem Ruck zu sich, indem er einen seiner starken Arme um meine Schultern schlang. Er hatte einfach viel zu viel Kraft, als dass ich irgendetwas dagegen hätte ausrichten können. Nicht, dass ich das überhaupt gewollt hätte…
Wortlos sah ich zu ihm auf, bemerkte wie schon so oft, wie groß er im Gegensatz zu mir doch war.
„Ich dachte da eher an ein gemütliches Essen mit all deinen Idioten und vielen, netten Gruselgeschichten bis spät in die Nacht.“, erklärte er mir noch immer grinsend.
Mein Gesicht verzog sich ganz augenblicklich zu einer Grimasse. Mit „Idioten“ meinte er meine Freunde hier in Danarvee, gegen die er im Prinzip zwar nichts hatte, es aber doch lieber sehen würde, wenn ich mehr mit ihm und seinen Freunden unternehmen würde. Elender Egoist.
Und dass ich Gruselgeschichten nicht leiden konnte, hatte er sich schon immer gerne zu Nutzen gemacht.
Ich konnte mich noch gut daran erinnern, einmal ganze vier Tage meinen Schrank nicht mehr verlassen zu haben, weil Felan mir weiß gemacht hatte, der Wasserfall und der See vor der Stadt bestünden aus dem Blut Gestorbener. Das hatte ich ihm bis heute noch nicht verziehen.
„Lass die Gruselgeschichten weg, dann reden wir noch mal darüber.“, erwiderte ich dann, nach einiger Bedenkzeit leicht zerknirscht. An sich klang das Ganze ja ganz gut…
„Ich wusste, dass du das sagen würdest. Kenem und Nelo kommen auch.“
Leise lachte nun auch ich auf und schüttelte ungläubig meinen Kopf. Das war so typisch. Immer zuerst die eigenen Freunde auf die „Geburtstagsparty“ der besten Freundin einladen…
„Lass mich raten, das Essen steht schon auf dem Tisch und alles wartet nur noch auf mich?“
Schmunzelnd blickte ich ihm entgegen. Felan grinste mich nur noch breiter an.
Kommentarlos schlang ich einfach meine Arme um ihn. Um meinen besten Freund, um meinen großen Bruder und so irgendwie gleichzeitig um meinen zweiten Stiefvater.
„Dankeschön. Vollidiot.“
„Immer wieder gerne, Zicke. Dafür musst du mir aber versprechen, dich morgen ausnahmsweise mal zu schonen.“, forderte er dann aber wieder vollkommen ernst. Schwerfällig nickte ich gegen seine Brust.
Ich verstand ihn ja. Ich war tagsüber schon oft genug vor Erschöpfung zusammengebrochen, als dass ich meine seltsame Schwäche, bei der ich als einzige davon überzeugt war, dass sie an keiner mysteriösen Krankheit lag, nicht ernst nehmen könnte. Ich wollte nur eben dennoch nicht den ganzen Tag in dunklen Räumen inmitten Danarvees verbringen…
„Nur, wenn du mich besuchen kommst.“
„Natürlich.“
„Gut, dann… Worauf warten wir?“
„Komm mit.“
Ohne Proteste ließ ich mich von ihm mit sich mitziehen, rannte neben ihm her auf bloßen Füßen durch die verwinkelten, steinernen Gänge der Stadt. Ich genoss einfach nur die plötzliche Kraft, die meine Beine durchfuhr und jegliche Schwäche des Tages zu bloßen Erinnerungen werden ließ. Jetzt hieß es, in meinen Geburtstag hereinzufeiern, also die Nacht zum Tag und es mir unter ihrer gemütlichen Decke bequem zu machen.
ooooooo
Es wurde eine der mit Abstand schönsten Nächte der letzten Jahre. Ich überließ es meinen Freunden, sich lautstark zu unterhalten und zu lachen, sah selber lieber glücklich grinsend dabei zu und genoss die Zeit dieser fast schon vollkommenen Harmonie. Es war schön, einfach mal jeden einzelnen von ihnen um mich zu haben – und das auch noch ohne, dass mir die erdrückende Atmosphäre des Tages ununterbrochen mit einem weiteren Schwächeanfall drohte.
Mit einem erschöpften Lächeln auf den Lippen fuhr ich mir durch meine langen, zerzausten Locken. Es war bereits tief in der Nacht, in wenigen Stunden würde es schon wieder dämmern, und nur eine sehr dürftige Anzahl an Menschen war in den von Fackeln erleuchteten Gängen der Stadt unterwegs. Wir hatten die ganze Nacht durchgefeiert. Und ich war dennoch kaum müde… Im Gegensatz zu meinen tapferen Mitstreitern, die aus Erschöpfung nun zum Teil sogar in dem Raum schliefen, in dem wir die letzten Stunden verbracht hatten.
Sie waren die Nacht einfach nicht gewohnt. Ich schon.
Leise summte ich vor mich hin, innerlich noch immer über einige Gespräche und Aktionen dieser Nacht lachend. Das gedämpfte Rauschen des Wasserfalls, das selbst bis in die tiefsten Geschosse Danarvees durchdringen konnte, hörte ich, nahm ich aber nicht wahr. Meine Schritte hingegen hallten laut in dem breiten, steinernen Gang wider, während direkt neben mir Wasser durch eine künstlich in den Boden gehauene, etwa Knöcheltiefe Rinne floss und dabei leise vor sich hin plätscherte.
Ohne lange zu überlegen, ging ich hinein und folgte nun dem Wasserverlauf durch die Gänge. Es gab einfach nichts schöneres, als barfuss im Wasser zu laufen!
Schon als Kind hatte ich das gerne getan, dabei andere Kinder und hin und wieder auch entnervte Erwachsene – natürlich aus Versehen – nass gespritzt.
Gut gelaunt betrachtete ich die Muster, die man im Laufe der Jahre in die dunklen, steinernen Wände geritzt hatte und die nun im gespenstischen Licht der Fackeln flimmerten. Verspielt strich ich über die zahlreichen Säulen, an denen ich vorbei kam und summte dabei immer weiter unmelodisch vor mich hin.
Nach einer schieren Ewigkeit kam ich endlich im untersten Geschoss der Stadt an. Weit unter dem See und jeglichem Grundwasser war es an diesem Ort trocken wie sonst nirgendwo in Danarvee, weswegen hier auch jegliche Lagerkammern untergebracht waren. Mein Ziel war allerdings ein anderes: die Stadtbibliothek.
Ohne überhaupt auf den Weg zu achten schlenderte ich durch die kühlen, auch hier unten sehr breit gebauten Gänge, bis ich schließlich vor einer verhältnismäßig großen, schwarzen Holztür stehen blieb. Leise öffnete ich sie mit einem großen, leicht rostigen Schlüssel, den ich schnell aus einer dunklen Ledertasche an meiner Hüfte zog. Schnell ging ich hinein.
Der gewohnte Duft von alten Büchern strömte mir sofort entgegen, ließ mich für einen Moment entspannt die Augen schließen und tief durchatmen. Als ich sie wieder öffnete, blickte ich einem scheinbar endlosen, nur von wenigen Fackeln erhellten Raum, der über und über mit gigantischen Bücherregalen zugestellt war, entgegen. Vor mir erstreckte sich ein langer Gang, der irgendwo in dichter Dunkelheit zu verschwinden schien und, wie ich wusste, der breiteste im gesamten Raum war. Hinter den hohen Regalen, die senkrecht zu dem Gang, in dem ich mich befand, aufgestellt waren und somit unendlich viele weitere enge Gänge schufen, erkannte ich nur undeutlich die noch sehr viel höheren Regale an den Wänden der Bibliothek. Sie reichten bis zur steinernen Decke über mir und aus Erfahrung wusste ich, in welch schwindelerregender Höhe die Bücher dort oben gelagert waren – einen Sturz von einer der riesigen Leitern würde mit Sicherheit kein menschliches Wesen überleben.
Wie schon oft war ich froh, dass mein Vater sich komplett um diesen Teil der Bibliothek kümmerte und ich so einen großen Bogen darum machen konnte. Mein jetziges Ziel lag zum Glück ebenfalls in ertragbarer Höhe.
Voller Vorfreude beschleunigten sich meine Schritte immer weiter, bis ich letztendlich durch die labyrinthartigen Gänge rannte, ohne auch nur ein einziges Mal inne zu halten. Ich kannte jeden Winkel hier.
Wie könnte ich auch nicht? Dies hier war die letzten achtzehn Jahre mein Zuhause gewesen, viel mehr noch als mein kleines Zimmer in der ebenso kleinen Wohnung meines Vaters einige Geschosse höher. Man hätte mir die Augen verbinden können und ich wäre wahrscheinlich trotzdem über keinen einzigen hervorstehenden Stein gefallen, gegen kein etwas schräg stehendes, hölzernes Regal gerannt.
Ich konnte förmlich spüren wie meine dunklen Augen funkelten, als ich endlich vor der Abteilung stehen blieb, zu der es mich schon den gesamten Tag über gezogen hatte.
Stumm las ich von einem kleinen, verrosteten Schild, das irgendjemand einmal vor langer Zeit an das hier deutlich morsche Holz angeschlagen hatte:
„MAGIE“
Freudig in mich hineingrinsend sah ich noch kurz durch den langen Hauptgang zurück. Nicht, als hätte ich dort jemanden erwartet; Zwar war es mir verboten, diese Abteilung zu betreten, erst recht zu einer so unchristlichen Zeit, doch gab es hier so etwas wie Wachen nicht und selbst wenn trotzdem jemand da gewesen wäre, hätte er mich schon lange an meinen laut widerhallenden Schritten gehört und weggejagt.
Hastig öffnete ich mit einem weiteren Schlüssel die Schlösser, die mit Hilfe zahlreicher, breiter Eisenketten den Zugang zum Abteil versperren sollten und betrat den langen, dunklen Gang.
Ich war schon oft hier gewesen. Genau genommen… Jede Nacht der letzten Monate – unerlaubt natürlich. Lange hatte mein Vater es erfolgreich geschafft, mich mit diversen Gruselgeschichten und Drohungen von diesem Gang fern zu halten, doch meine Neugier hatte er damit nur so weit geschürt, dass ich letztendlich ohne sein Wissen hergekommen war. Mit einem von ihm gestohlenen Schlüssel, versteht sich. Es war wohl mein Glück, dass er diese Ecke hier selbst so sehr mied, dass ihm das Fehlen wahrscheinlich erst in ein paar Jahren, wenn überhaupt, auffallen würde.
Es war eigentlich nicht meine Art und ursprünglich hatte ich vorgehabt, ihm den Schlüssel unbemerkt wieder zuzustecken, nachdem ich einmal hier gewesen war. Doch diese Bücher, die Geschichten, die sie erzählten und die Wunder, die sie aufs Genauste beschrieben, hatten mich einfach in ihren Bann gezogen.
Natürlich hatte ich auch vorher schon öfter von Magie gehört, wusste, dass es sie gab und dass sie an anderen Enden unsrer Welt etwas völlig normales war, doch selbst erlebt hatte ich sie noch nie. Ich kannte sie letztendlich nur aus den Geschichten, die man sich hier und die diese Bücher erzählten, verfasst von Menschen wie mir, die ahnungslos in diese komplett andere Welt geschmissen worden waren. Es faszinierte mich. Jedes einzelne Wort, jede einzelne Gegebenheit… Und am meisten begeisterte mich ein kleines, unscheinbares Buch, das ich erst vor wenigen Wochen zwischen all den anderen, reich verzierten entdeckt hatte.
Zunächst hatte ich nicht verstanden, was genau es überhaupt darstellte. Doch dann wurde mir klar, dass ich zwischen all dem Gerümpel den wahrscheinlich größten Schatz der gesamten Bibliothek entdeckt hatte.
Vorsichtig streckte ich mich nach einem der höher gelegenen Bücher, schob es behutsam zur Seite und zog genauso umsichtig das kleine Buch mit dem schlichten, ledernen Einband hinter ihm hervor. Schnell machte ich es mir auf dem kalten, steinernen Boden bequem, ehe ich den Schatz in meinen Händen aufschlug.
Bunte, wirre Zeichen, die ich noch nicht verstand, leuchteten mir sofort entgegen. Ich ignorierte sie zunächst und konzentrierte mich lieber auf die Schrift darunter, die so reich verziert und verschnörkelt da stand, dass ich zu Beginn nicht ein Mal mehr damit gerechnet hatte, sie lesen zu können. Erst auf den zweiten Blick hatte ich es als meine Muttersprache erkannt.
„Kapitel 1 – Grundlagen der Magie“, murmelte ich leise vor mich hin. Unweigerlich schlich sich ein Grinsen auf mein Gesicht. Ich blätterte weiter.
„Kapitel 2 – Einfache Magie und ihre Anwendung.“
Spätestens jetzt mussten meine Augen wieder einmal funkeln vor Neugier und Freude. Wusste mein Vater überhaupt, was für einen Schatz er hier so unwürdig verkommen ließ?
Ich hielt hier so etwas wie eine „Anleitung“ zum Zaubern in der Hand! Wieso gaben sich die Menschen hier noch mit dem, was sie hatten zufrieden, wenn die Wunder der Magie doch zum Greifen nah waren?
Ich verstand es nicht, wollte es nicht verstehen. Und ohne mich weiter damit zu beschäftigen, begann ich einfach zu lesen.
ooooooo
Erst nach weiteren, schönen Stunden in willkommener Stille verließ ich die Bibliothek wieder genau so, wie ich sie vorgefunden hatte. Erneut ging ich ohne jegliche Hektik durch Danarvee und genoss die wunderschönen Anblicke, die es mir bot. Ab und zu durchquerte ich die äußersten Gänge der Stadt, in deren Wände riesige Fenster eingelassen waren, wodurch ich wieder einmal einige Blicke auf den riesigen, wunderschönen See erhaschen konnte. Erst als ich bemerkte, dass mir immer mehr Menschen entgegen kamen und die Welt außerhalb der grauen Mauern ebenfalls immer heller zu werden schien, beschleunigte ich meine Schritte ein wenig, bis ich endlich vor der Wohnung meines Vaters stehen blieb. Möglichst lautlos öffnete ich die dunkle Holztür mit einem weiteren Schlüssel aus meiner Tasche.
Leise und übervorsichtig schlich ich durch unseren sogenannten, kleinen „Aufenthaltsraum“, in dem, wie ich schon vermutet hatte, mein Vater auf einem Stuhl saß und friedlich vor sich hinschnarchte. In seinem Schoß lag ein aufgeklapptes, offensichtlich schon älteres Buch und seine dunklen, langen Haare waren genau so zerzaust, wie sie es immer waren. Nur noch etwas mehr.
Er hatte auf mich gewartet, wie immer. Letztendlich würde er aber doch wieder die Schuld auf irgendein langweiliges Buch schieben, von dem er sich angeblich nicht hatte losreißen können, damit ich ihm auch ja nicht vorwerfen könnte, er würde mich unnötigerweise bemuttern…
Seufzend warf ich eine naheliegende, dünne Wolldecke über ihn, legte das Buch auf einen der Holztische und hauchte ihm vorsichtig einen leichten Kuss auf die Stirn, bevor ich mit wenigen Schritten durch den kleinen Raum in meinem eigenen verschwand.
Ich sah mich nur kurz um. Schließlich wusste ich genau, in welcher Ecke mein schlichtes, schwarzes Holzbett stand und somit schon fast den gesamten Platz im Zimmer für sich beanspruchte. Lediglich eine winzige Kommode, auf der ein wenig Krimskrams verstaubte, hatte noch hereingepasst, darüber ein kleines Regal mit meinen Lieblingsbüchern, die mir mein Vater über die Jahre hinweg geschenkt hatte. Die abgeschliffenen Steinwände und die Decke waren genauso grau wie der Rest der Stadt, den Boden schmückten schlichte Bretter in dem gleichen, dunklen Holz, wie man es hier überall fand.
Für mich reichte es.
Achtlos ging ich weiter auf eine zweite Tür zu, die mich auf meinen eigenen, winzigen Balkon brachte. Und so stand ich schließlich wieder einmal gegen ein steinernes Geländer gelehnt da und sah auf den scheinbar friedlich vor sich hinschlummernden See hinab, während sich die Dunkelheit der Nacht auf ihren Rückzug vorbereitete. Wie immer verhängten Wolken den Himmel, aber dennoch meinte ich, einige winzige Sonnenstrahlen hindurch scheinen gesehen zu haben…
„Wo warst du?“, erklang da plötzlich eine mir mehr als bekannte Stimme hinter mir. Wortlos wandte ich mich um und sah hoch auf das Dach, auf dem Felan hockte und mit unbewegter Miene zu mir herunter sah.
„Wo sollte ich gewesen sein?“, entgegnete ich etwas unbehaglich, ohne mich lange mit seinem plötzlichen Auftauchen zu beschäftigen. Daran hatte ich mich schon lange gewöhnt.
„Nicht hier zumindest.“
Mit einer flüssigen Bewegung, wie sie wohl nur Wolfsmenschen ausführen konnten, sprang er von dem Dach und landete so dicht vor mir, dass ich aus Reflex einen Schritt zurück machte und mit dem Rücken gegen das Geländer stieß.
„Ich bin vorhin noch mal hergekommen, weil ich mir schon dachte, dass du wieder einmal nicht schlafen werden wirst. Du warst nicht da.“
Es war nicht direkt ein Vorwurf… Zumindest kein beabsichtigter, das wusste ich. Felan hatte nur dummerweise die unangenehme Angewohnheit, Schuldgefühle in Menschen hervorzurufen, ohne es überhaupt zu wollen. Unbewusst biss ich mir auf die Unterlippe, als ich die tiefen Ringe unter seinen Augen und den müden Glanz in ihnen bemerkte. Ich wich seinem Blick aus.
„Ich war in der Bibliothek. Es -“
„Du weißt, dass du das nicht solltest.“
Nun war es an mir, beleidigt dreinzublicken, doch sein Blick unterbrach meine Einwürfe, noch bevor ich überhaupt zum Reden ansetzen konnte.
„Ich weiß, deine Schwächeanfälle kommen angeblich nur tagsüber.“
Angeblich?
„Was aber, wenn es mal anders kommt, als du denkst? Wenn dir so etwas nachts in der Bibliothek passiert, wo dich niemand so schnell bemerken wird?“, fragte er mich fast schon knurrend.
„So etwas passiert nicht.“, erwiderte ich überzeugt und verschränkte wieder einmal die Arme vor der Brust. „Es ist die letzten acht Monate kein einziges Mal passiert und -“
„Acht Monate?!“
Erschrocken zuckte ich zusammen, als seine Stimme ungewohnte Lautstärke annahm.
„Herrgott, Ithiliel! Was denkst du dir eigentlich?“
Die Verzweiflung in seinem Gesicht erschreckte mich, mehr als seine Worte es jemals könnten. Er sah mich an, als wäre ich ein kleines, dummes Kind, das man einfach nicht belehren konnte, als er in gewohnter Geste die Hand in seinen wirren braunen Haaren vergrub. Und genauso fühlte ich mich auch.
Wieso verstand er es nicht? Dass es der Tag war, der mich so schwächte und ich ohne die Nacht wahrscheinlich schon längst den Mut daran verloren hätte, mein Bett überhaupt noch zu verlassen?
Er schien den Trotz und das Bedauern in meinen Augen zu sehen, denn er seufzte nur schwer. Lautlos trat er auf mich zu und strich durch meine Haare, die nur jetzt, im Schatten der Dämmerung ihren leicht Blonden Ton besaßen; Im Tageslicht schienen sie einfach nur weiß zu sein.
„Es tut mir Leid. Ich will euch keine Sorgen machen. Aber… Ich muss die Nacht nun mal ausnutzen.“, wisperte ich ihm gerade laut genug, dass er es verstehen konnte, entgegen.
„Ja. Ja, ich weiß…“
Wieder seufzte er leise und trat von mir weg.
„Du solltest schlafen gehen.“, meinte er dann wieder mit der gleichen, unbewegten Miene wie vorhin.
Ich nickte nur. Tatsächlich machte sich nun langsam auch bei mir die Müdigkeit bemerkbar, auf die ich nachts so lange warten konnte, wie ich wollte. Kein Wunder, zumindest nach meinem Verständnis nicht, denn auch wenn man die Sonne hinter der dichten Wolkendecke nicht sah, war die Umgebung mittlerweile auch ohne Fackeln wieder bestens zu erkennen. Es wurde Tag, Zeit für mich zu schlafen. Ohne große Eile trat ich an Felan vorbei auf die Tür zu.
„Gute Nacht.“, sagte ich ohne mich zu ihm umzudrehen. Es kam keine Antwort. Und ich wusste, hätte ich mich umgedreht, wäre dort nur mein leerer Balkon gewesen. Genauso, wie er ohne Vorwarnung wieder hinter mir stünde, hätte ich es mir doch noch anders überlegt. Ein mildes Lächeln erschien auf meinen Lippen, als ich in mein Zimmer ging.
Ich wusste nicht, woher die böse Vorahnung kam. Ein flaues Gefühl in der Magengegend, unbegründete Angst, die mit einem Mal einfach da war und sich nicht vertreiben ließ. Es ließ mich lange nicht schlafen und als die Müdigkeit letztendlich doch die Oberhand gewann, wünschte ich mir, es rückgängig machen zu können.
In dieser Nacht sollte auch ich einen Traum haben, der mein Leben für immer verändern würde…
Wenn man einen Teil von sich zurück lassen muss (Anoriel)
Hey. ^^
*Lina-Keks desu*
Hier ist das 3. Kapitel unserer OF.
Diesmal wieder von mir geschrieben. ^^
So richtig viel passiert noch nicht, aber das wird sich (spätestens im 5. Kapi XD) ändern ^^
Wir freuen uns sehr über eure Meinung! (Lasst einfach n kleines Kommi da ;) )
LG, das Linami- Keks :3
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Kapitel 3 – Wenn man einen Teil von sich zurück lassen muss (Anoriel)
Schweißgebadet schreckte ich aus dem Schlaf auf. Keuchend und völlig außer Atem starrte ich die schwarze Decke vor mir an, die meine Beine nur noch zum Teil bedeckte. Ich versuchte mich zu beruhigen und wieder normal zu atmen, doch es gelang mir nicht. Die Bilder aus meinem Traum verfolgten mich noch immer.
Dieses blonde Mädchen, das so aussah wie ich… Wie sie mich angesehen hatte… Ihre Stimme. Ihr Name. Ithiliel. Es hatte sich komisch angefühlt, als sie so nah neben mir stand. Wer war sie? Warum sah sie mir so unglaublich ähnlich?
Und warum war diese Einsamkeit, die mich so oft ergriffen hatte, plötzlich verschwunden? Einfach weg? Etwa wegen ihr? Wusste sie vielleicht etwas mehr über mich? Aber hätte sie mich dann nach meinem Namen gefragt? Wohl eher nicht…
Doch irgendwas… sagte mir, ich müsse sie selber fragen. Ich musste sie finden. Warum wusste ich nicht, aber dieser Traum hatte mir gezeigt, dass ich dieses Mädchen suchen musste. Es war kein Zufall, dass ich sie gerade an meinem 18. Geburtstag gesehen hatte. Vielleicht würde ich endlich erfahren, wer ich bin.
Leise schlug ich die Decke zur Seite und schlich aus dem Zelt. Der Himmel war noch immer dunkel und zahlreiche Sterne funkelten in der Finsternis, doch über dem Horizont färbte sich der fast schwarze Kosmos schon leicht hellblau und orange. Die Sonne sollte jeden Moment über der Landschaft erscheinen. Endlich würde der Tag anbrechen und dieses seltsame Gefühl verschwinden.
Ich ging leise zu einem der nahestehenden Wagen und kramte nach meiner kleinen Tasche. Es war ein schwarzer tropfenförmiger Beutel, die man sich mit einem Band um die Hüfte knotete.
Viel befand sich allerdings nicht darin. Nur mein Spiegeltuch, das ich für meine Auftritte benutzte, einen Beutel mit meinen gesparten Gold- und Silbermünzen, einige Kleidungsstücke und ein paar andere persönliche Gegenstände, die ich auf jeden Fall mitnehmen wollte.
Danach schlich ich zum Lagerplatz und suchte mir eine kleine Auswahl an Essbarem heraus. Ich würde das restliche Gold dalassen, also dürfte es sie nicht stören, wenn ich etwas von ihrem Proviant nahm.
Wie sie wohl reagieren würden?
Diese Frage drängte sich plötzlich in den Mittelpunkt meiner Gedanken. Was würden sie sagen, wenn jemandem auffiel, dass ich nicht mehr da war? Würden sie mich suchen? Oder kämen sie gar nicht auf die Idee, dass ich für immer gegangen war? Vielleicht dachten sie auch, dass ich am Abend zurück sein würde.
Doch das würde nicht passieren. Ich war fest entschlossen, auch wenn ich alles, was mir wichtig war, zurücklassen musste. Dieser… Traum hat mir auf seltsame Weise gesagt, was ich tun musste.
Gibt es so etwas wie das Schicksal? War es mein Schicksal mich an dem Tag nach meinem 18. Geburtstag von meiner Ersatzfamilie zu trennen? Ich würde darauf wahrscheinlich nie eine Antwort bekommen…
Das erste bisschen Sonne lugte bereits über die Dächer der Häuser. Ich musste mich langsam auf den Weg machen, ehe die anderen aufstehen würden. Immerhin wollte ich niemandem begegnen. Das würde alles nur schlimmer machen, dessen war ich mir bewusst.
Ich band mir meinen Beutel um, und ging durch das Gewirr von Wagen und Fässern, bis ich den, noch leeren, Marktplatz erreichte. Niemand war zu sehen. Die Stadt schlief noch seelenruhig und auch, wenn sich meine Welt in den letzten Stunden komplett geändert hatte, so würden die Lebewesen hier nicht einmal merken, dass etwas anders war. Es würde nur ein neuer, normaler Tag werden.
Schnell lief ich die Hauptstraße entlang, bis das große Tor in Sichtweite kam. Die schweren Holztüren waren noch verschlossen. Ich musste mich also noch etwas gedulden. Doch das würde ich ertragen. Da der Markt bald öffnen sollte, konnte es nicht mehr lange dauern, bis sie die ersten Händler in die Stadt und mich somit heraus ließen. Einige der Wachen trudelten sogar schon langsam ein.
„Darf ich fragen, was du hier machst?“ Die Stimme hinter mir ließ mein Blut von einer Sekunde auf die andere gefrieren. Das konnte nicht sein… Nicht SIE!
Ich traute mich nicht, mich umzudrehen und sie anzusehen. Ich wusste, dass mein Entschluss dann ins Wanken geraten könnte. Doch was sollte ich tun? Sie belügen? Das kam nicht in Frage. Wir waren wie Schwestern, die sich nie belügen würden. Ich vertraute ihr, sie vertraute mir. Da gab es nichts, was zwischen uns stand. Darum konnte ich sie doch nicht anlügen…
„Anoriel?“, fragte sie erneut. Ihre Stimme klang aufgeregt, fast panisch. Sie wusste instinktiv, dass etwas nicht stimmte.
„Geh bitte wieder zurück, Tara.“, brachte ich mühsam hervor, noch immer, ohne sie anzusehen. Mein Blick lag starr auf den hellen Steinen vor mir.
„Wohin willst du? Was hast du vor?“, kam es von ihr, ohne dass sie auf meine Bitte eingegangen war. Ich würde sie, wie erwartet, nicht so schnell los werden. Doch es musste sein! Wenn Anala unsere Abwesenheit bemerkte, würde es nicht lange dauern, bis alle uns suchten und dann konnte ich meinen Plan vergessen.
Ich seufzte. Es hätte mir klar sein müssen, dass ich so viel Glück nicht haben würde. Langsam drehte ich mich um und sah meiner besten Freundin ins Gesicht. So ruhig wie möglich stand ich ihr gegenüber. Ich hatte noch die Hoffnung, dass sie mich verstehen würde.
„Ich werde gehen.“, fing ich vorsichtig an. Ich konnte sehen, wie sie immer bleicher wurde. „Ich weiß jetzt, dass ich euch verlassen muss, um etwas über mich herauszufinden. Es bedrückte mich mehr, als ich bis jetzt gedacht hatte. Bitte lass mich gehen und sag den anderen erstmal nichts von meinem Aufbruch. Ich will nicht, dass sie mich suchen.“ Als ich zu Ende geredet hatte, wartete ich ihre Reaktion ab. Sie rührte sich nicht und sah mich mit großen Augen unverwandt an. Ihre blonden Zöpfe wehten leicht im sachten, morgendlichen Wind. Sie rührte sich scheinbar keinen Millimeter, während sie einfach nur da stand.
Im Hintergrund hörte ich, wie sich das Holztor knarrend öffnete und sah, wie die ersten Händler neben uns die Straße bis zum Marktplatz hinauf gingen. Das frühmorgendliche Treiben hatte eingesetzt und für mich war es nun Zeit zu gehen.
„Mach dir keine Sorgen um mich. Ich hoffe wir sehen uns eines Tages wieder.“, waren meine letzten Worte ehe ich mich umdrehte und mich langsam von ihr entfernte. Ich hoffte sehr, sie würde mir nicht böse sein.
„Dann nimm mich mit!“
Mein Körper erstarrte zu Stein, als ich ihre Worte hörte. Das konnte sie doch nicht ernst meinen!
„Nein, das geht nicht. Du gehörst hier her.“, brachte ich mühsam hervor.
„Du aber auch!“, protestierte sie hinter meinem Rücken. Mein Blick war starr auf den Wald vor dem Stadttor gerichtet, aber ich konnte an ihrer Stimmlautstärke erkennen, dass sie näher heran gekommen war.
„Ich danke euch sehr, dass ihr mich all die Jahre bei euch habt wohnen lassen, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich gehen muss. Ich bin nun mal nicht so wie ihr.“
„Nur weil du eine Art Magier bist? Das hat doch nichts damit zu tun, ob du bei uns bleiben kannst oder nicht! Fang nicht so an!“ Tara klang wütend. Sie schien ebenso fest entschlossen zu sein, wie ich. Nur ich wusste nicht, ob sie mich zurückhalten oder unbedingt mitgehen wollte.
„Nein, das ist nicht der Grund.“, meinte ich leise. Was sollte ich nur sagen? Wie sollte ich ihr klar machen, dass ein Traum der Grund für meinen plötzlichen Aufbruch war? Sie würde mich für verrückt halten.
„Was dann? Warum schleichst du heimlich für immer weg?“ Ihr Tonfall jagte mir einen Stich ins Herz. Ich konnte hören, dass sie mit den Tränen kämpfte, was auch mich schwer schlucken ließ.
„Es ist… Ich… Ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll. Es… fühlt sich an, als wäre da jemand, den ich suchen muss.“
„Warte mal. Du… Du willst aufgrund einer komischen Vorahnung nach jemandem suchen, von dem du nicht mal weißt, ob es ihn wirklich gibt?“ In ihrer Stimme klangen Unglauben und auch etwas Sarkasmus mit.
Mit einer Drehung wandte ich mich zu ihr um und starrte sie böse an. Ich musste gestehen, dass ich etwas wütend war, weil sie meine schwere Entscheidung so runter machte.
„Darum wollte ich gehen, ohne dass es jemand mitbekommt! Mir ist diese ganze Sache verdammt wichtig, okay? Geh einfach zurück ins Lager! Anala müsste bald wach werden und wenn sie uns nicht findet, schreit sie noch alles zusammen! Lass mich einfach gehen.“, sagte ich mit etwas lauterer Stimme, drehte mich wieder um, ohne auf ihre Reaktion zu warten, und drängelte mich zwischen den zahlreichen Händlern und deren Wagen hindurch, bis ich das hölzerne Stadttor durchquert hatte.
Ich verlangsamte meine Schritte erst, als ich die Stadt bereits einige Meter hinter mir gelassen hatte. Das war es also. Ich hatte mich entschieden und hatte es tatsächlich getan. Nun war ich auf mich alleine gestellt.
Ohne noch mal zurück zu sehen begann ich meine Reise ins Ungewisse.
Ich hatte es nicht besonders eilig. Wo sollte ich eigentlich hin? Auch wenn ich wusste, dass ich dieses hellblonde Mädchen, welches mir so unglaublich ähnlich sah, suchte, wusste ich dennoch nichts über sie. Wer war sie? Wo lebte sie? Wie konnte ich sie finden? Außer ihrem Namen und ihrem wahrscheinlichen Aussehen war sie nur ein normaler Mensch, der irgendwo auf diesem Planeten lebte. Vielleicht war sie sogar auf dem anderen Kontinent! Wie sollte ich das Mädchen dort bloß finden?
Immer wieder ließ ich mir während meiner Reise, diese Fragen durch den Kopf gehen, doch anstatt sie zu beantworten, kamen immer neue hinzu. Mein einziger Plan war, erstmal nach Norden zu gehen, da Kalavion ziemlich am südlichen Ende dieses Kontinents lag. Mit anderen Worten: Es blieb mir nichts anderes übrig, als gen Norden zu gehen. Doch aus weiter Ferne war schon das nächste Problem zu erkennen.
Dicht über dem Horizont ragten bereits die ersten Gipfel des nahen Gebirges über die Wipfel der Bäume. Die Gonath- Gebirgskette. Schon aus dieser Entfernung wirkte es bereits bedrohlich und ich war nicht scharf drauf, dort anzukommen. Ich war in meinem Leben schon zwei Mal daran vorbei gezogen, und hatte jedes Mal ein komisches Gefühl gehabt. Diesmal würde ich versuchen, das Gebirge so weit wie möglich zu umgehen. Es gab einige seltsame Geschichten, die sich um das Gebiet rankten und es waren nicht unbedingt schöne. Von einem ausgelöschten Dorf über seltsame Gestalten und Geister war alles dabei. Daher wurden diese Berge von den Menschen auch gemieden.
Da war mir der Sen, an dem ich gerade vorbeigehen musste, noch um einiges lieber. Das waren nur drei kleinere Berge, die von einem Fluss geteilt wurden. Und zu diesem war ich unterwegs. Es war die leichteste Möglichkeit durch das kleine Gebirge zu kommen.
Was hatte ich mir da bloß aufgehalst? Ich seufzte. Bis ich den nördlichen Teil des Kontinents erreicht haben würde, dürften noch ein paar Wochen vergehen. Wenn nicht sogar länger.
Noch ehe die Sonne am höchsten stand, hatte ich den Bootssteg am Losa, dem Fluss, der das Sen- Gebirge teilte, erreicht. Die Menschen eines kleinen Dorfes hatten die Überfahrt zum Hauptgeschäftszweig gemacht und verdienten so ihr Geld.
Uns war das schon oft eine große Hilfe gewesen. Man konnte zwar auch am Fuße der zwei kleineren Berge entlanggehen, aber das Gelände war steinig und mühsam zu durchqueren. Da ging es per Bot doch wesentlich einfacher.
Und so schlenderte ich langsam in Richtung des Bootssteges. Eines der ca 20 Menschen erfassenden Boote lag gerade am Ufer und es schien noch Platz darauf zu sein. Vor dem hölzernen Gefährt standen zwei Tische aufgebaut, an der zurzeit eine blonde, junge Frau saß.
„Guten Tag.“, begrüßte sie mich, als ich vor ihr anhielt. Ich lächelte sie an.
„Guten Tag. Ich würde bitte einen Platz auf ihrem Boot kaufen.“
„Aber natürlich. Das macht drei Goldstücke.“, meinte sie und ich hielt ihr die Goldstücke hin, die sie dankend annahm. „Es dauert noch ein wenig, bis wir ablegen. Wenn es soweit ist, wird die große Glocke hier neben mir geläutet.“, erzählte sie weiter und zeigte auf eine große Metallglocke, die neben dem Bootssteg stand. Ich nickte und wandte mich ab, um dem Paar hinter mir den Weg frei zu machen.
Ich hatte also noch etwas Zeit. Ich ging hinüber zum Waldrand, der das Dorf vom Rest des Gebirges abgrenzte. So hatte ich das Geschehen im Blick und konnte mich noch etwas ausruhen. An einem Baum ließ ich mich nieder und blickte in den blauen Himmel. Einige Wolken waren während meiner Reise aufgezogen, doch es sah nicht nach Regen aus.
„Hab ich dich… also doch endlich… eingeholt.“ Ich schreckte auf. Obwohl sie vor mir stand, bemerkte ich sie erst jetzt.
„Tara?!“, stieß ich hervor, während ich sie ungläubig und verwirrt anstarrte. Sie war völlig außer Atem, da sie den ganzen Weg gerannt sein musste, um mich einzuholen. Ich schluckte und versuchte mich wieder zu beruhigen. „Was machst du hier?“, meinte ich eine Spur wütender. Wieso war sie hier? Ich hatte ihr doch verboten, mir nach zu kommen!
„Ich habe doch gesagt, dass ich mitkomme, wenn du gehst! Und da du gegangen bist, bin ich hinterher gekommen.“, sagte sie schmollend. „Und jetzt, wo ich schon mal hier bin, gehe ich auch bestimmt nicht wieder zurück, also vergiss es. Du wirst mich nicht los.“, erzählte sie weiter, als sie merkte, dass ich ihr widersprechen wollte.
Völlig ruhig, setzte sie sich neben mich und atmete erstmal tief durch. Und ich tat es ihr gleich. Mit ihr zu streiten hatte sowieso keinen Sinn. Dafür war sie viel zu stur.
„Und was wird jetzt aus Anala? Willst du sie ganz alleine lassen?“ Vielleicht konnte ich sie damit überzeugen wieder zurück zu gehen.
„Um sie brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Gleich nach dem du weggelaufen bist, bin ich zurück uns Lager und habe schnell ein paar Sachen gepackt.“ Sie zeigte auf den Rucksack auf ihrem Rücken. „Außerdem habe ich einen Brief hinterlassen, in dem ich ihnen kurz erklärt habe, warum wir weg sind. Und Anala habe ich Key und Suela anvertraut. Du weißt doch, dass die beiden sich, seit sie zusammen sind, ein Kind wünschen. Doch Suela kann keine Kinder bekommen. Ich habe schon oft gemerkt, dass sie Anala wie ihre eigene Tochter behandelt haben. Und die Kleine mag sie auch sehr. Ich bin mir sicher, dass sie es mit zwei richtigen Eltern besser hat, als wenn sie weiter mit mir zusammen lebt. Ich weiß wie es ist, keine Eltern zu haben und daher glaube ich, dass es so für sie besser ist.“
Ich musste sagen, dass es wirklich einleuchtend klang. Anala hatte es verdient mit richtigen Eltern zu leben. Doch so lange wir da waren, wollte sie nirgendwo anders hin. Vielleicht war es wirklich besser so.
„Hmmmh.“, machte ich nur und atmete noch mal tief ein und wieder aus. „Du bist sicher, dass du alles aufgeben willst, nur um mit mir einem Hirngespinst hinterher zu jagen?“
Ein Kichern ihrerseits ließ mich den Kopf in ihre Richtung drehen. Ich hatte sie schon lange nicht so fröhlich und lebenslustig gesehen.
„Hirngespinst? Ich denke nicht, dass du es als solches siehst. Immerhin scheinst du ziemlich entschlossen zu sein. Und irgendjemand muss doch aufpassen, dass du nichts anstellst.“ Auch mir schlich sich ein Lächeln aufs Gesicht.
„Ich danke dir, Tara.“
„Nichts zu danken. Das heißt, du nimmst mich mit?“, harkte sie noch einmal nach. Sie wollte es wohl offiziell haben.
„Gibt es eine Chance, dich wieder los zu werden?“, fragte ich scherzhaft.
„Nein, eher nicht.“, kam es lachend zurück.
„Na dann kann ich nur noch „ja“ sagen.“, grinste ich.
„Geht doch!“
Nun konnte meine Reise beginnen. Und so wie es aussah, doch nicht allein. Ich konnte es nicht leugnen. Irgendwie fühlte ich mich augenblicklich wohler. Ich musste nicht alleine reisen und hatte jemanden, der mir helfen konnte, falls mal etwas schiefgehen sollte. Es gab einfach jemanden, der in meiner Nähe war.
„Du bist unmöglich, Tara.“, meinte ich und schüttelte meinen Kopf. Dass sie auch nie auf mich hörte.
„Ja, ich weiß. Ich bin dir halt in einigen Dingen ähnlich. Und vergiss nicht: Du bist einfach ohne ein Wort und aus einer Laune heraus gegangen!“ Sie klang immer noch etwas beleidigt. Sie war wohl noch sauer, dass ich auch ihr nichts gesagt hatte.
„Ich bin mir im Klaren, dass es seltsam klingt, aber du hast diesen Traum nicht gesehen. Er war so seltsam real. Dort war ein Mädchen, das fast genauso aussah, wie ich! Nur ihre Haare hatten eine andere Farbe. Ich habe das komische Gefühl als wäre es meine Aufgabe sie zu finden.“
„Du hast ein Mädchen gesehen, dass dir ähnlich sah?“ Ich nickte.
„Sie stand mir gegenüber. Ihr Name ist Ithiliel. Sie schien genauso verwirrt gewesen zu sein, wie ich. Aber ich… habe mich so seltsam wohl gefühlt, als sie da war. Es fühlte sich… richtig an. Darum muss ich sie finden. Vielleicht weiß dieses Mädchen etwas über meine Herkunft.“, erklärte ich meiner Freundin. Wenn sie schon mit mir ziehen wollte, sollte sie auch genau wissen, worauf sie sich einließ.
„Ich verstehe.“, meinte die Blonde und sah auf das wogende Gras vor sich. Sie schien über meine Worte nachzudenken und ich ließ sie dabei in Ruhe. Irgendwie war ich auch gespannt, was sie dazu zu sagen hatte. Würde sie meinen, dass ich verrückt sei, auf so einen Traum zu hören? Oder hätte sie es mir sogar gleich getan?
Ein lautes Klingeln ließ uns beide hochschrecken. Ein Mann läutete die Glocke, was bedeutete, dass das Schiff bald ablegen musste. Schnell stand ich auf und wollte gerade loslaufen, als ich erschrocken innehielt.
„Du hast… gar kein Ticket!“, meinte ich, als mir einfiel, dass ich mein Ticket alleine bezahlt hatte. Doch anstatt zu antworten packte Tara mich am Handgelenk und zog mich hinter sich her.
„Keine Sorge. Ich habe gesehen, wie du dir ein Ticket geholt hast und habe auch noch eins der Letzten ergattert.“, meinte sie fröhlich. Mir schlich sich ein Lächeln aufs Gesicht. Sie dachte wirklich an alles. Zuverlässig, wie immer.
„Na dann, los.“, lachte ich, während wir auf das Boot sprinteten.
Es dauerte nur noch ein paar Augenblicke ehe wir ablegten. Der breite Fluss floss friedlich unter uns vorbei und nur sanfte Wellen schlugen gegen das kleine Holzboot. 15 weitere Personen, worunter auch Magier und seltsame kleine, schwarze Wesen waren, befanden sich mit uns auf dem Boot. Es war eine ruhige Überfahrt. Die Gipfel des Sen- Gebirges mit ihrer grünen Decke aus Bäumen und Pflanzen, zogen langsam an uns vorbei und es dauerte nicht lange, ehe wir sie hinter uns gelassen hatten.
Nach wenigen Augenblicken erreichten wir den anderen Bootssteg, an dem wir schnell von Board gingen.
„So, wo geht’s eigentlich hin?“, kam es von meiner Freundin, die in die Ferne starrte.
„Ganz genau weiß ich das auch noch nicht. Erstmal Richtung Norden, würde ich sagen.“ Es war mir etwas peinlich gestehen zu müssen, dass ich einfach so ohne Plan über den Kontinent wanderte, aber es war nun mal so.
„Okay. Wenn du das sagst.“ Ich konnte das Lächeln auf ihrem Gesicht schon fast vor mir sehen.
„Mal sehen, wie weit wir vor Sonnenuntergang noch kommen.“, sagte ich, ehe wir uns auf den Weg machten.
Unser Weg führte uns durch mehrere Wälder und Wiesen und in der Ferne wuchsen die Gipfel des Gonarth mit jedem Schritt. Bäume säumten die Feldwege, die wir entlang gingen.
„Dieses Gebirge ist irgendwie unheimlich, findest du nicht?“, durchbrach Tara die Stille, während sie geradeaus in die Ferne blickte.
„Ja, du hast Recht. Schon aus dieser Entfernung jagt er einem einen Schauer über den Rücken.“, stimmte ich ihr zu.
„Da rein müssen wir aber nicht, oder?“ Die Hoffnung, dass ich ‚nein’ sagen würde, schwang in ihrer Stimme mit, und ließ mich schmunzeln.
„Nein, ich denke nicht. Ich bin nämlich auch nicht so scharf darauf.“, lachte ich und sie stimmte mit ein.
„Na dann ist ja gut.“
Es dauerte nicht lange bis die Sonne sich erneut dem Horizont entgegen neigte. Ihre orangefarbenen Strahlen tauchten die grüne Landschaft in ein breites Spektrum an Farben. Bald würde es dunkel werden.
„Es wird bald Nacht. Wir sollten uns einen Platz zum Schlafen suchen.“, meinte ich und blickte mich um. Wir waren noch immer in einem dichten Laubwald, der uns in der Nacht Schutz bieten sollte.
„Ich höre schon eine Weile etwas rauschen. Vielleicht ist hier ein Bach oder ein kleiner Fluss. Dort könnten wir uns frisches Wasser besorgen.“ Ich nickte zustimmend. „Er muss hier in der Nähe sein.“
Wir verließen den Feldweg und wandten uns etwas nach Osten, tiefer in die Wildnis.
„Hier ist er.“, meinte Tara plötzlich und ich blickte an ihr vorbei. Ein kleiner Bach schlängelte sich friedlich durch den dichten Wald und riss ein Loch ins dichte Blätterdach. Dadurch konnte man einen Teil des immer dunkler werdenden Himmels sehen.
Schnell bauten wir uns ein Lager, bestehend aus einem kleinen Feuer und den von Tara mitgebrachten Decken, auf. Leicht erschöpft ließen wir uns ins weiche Gras fallen und suchten in unseren Taschen etwas zu essen.
Schweigend aßen wir unsere kleinen Portionen und blickten verträumt ins Feuer. Schon bald merkte ich, wie mich wieder diese seltsame Müdigkeit übermannte.
„Geht’s dir nicht gut?“ Tara schien zu bemerkten, was ich dachte.
„Doch, mir geht’s super. Ich bin nur etwas erschöpft.“, antwortete ich ihr lächelnd. Sie ahnte wahrscheinlich schon, was los war. Wenn sie es mir glaubte, jedenfalls. „Und wie siehst bei dir aus?“, fragte ich höflicherweise.
„Ich? Ich bin fit! So viel sind wir zwar schon lange nicht mehr am Stück gelaufen, aber außer ein bisschen Müdigkeit bin ich absolut fit!“
„Dann bin ich ja beruhigt.“, lächelte ich.
„Morgen geht’s weiter Richtung Norden?“ Ich nickte.
„Vielleicht schaffen wir es in zwei oder drei Tagen in die nächste Stadt.“
„Hanton müsste an der Grenze zum Gonath- Gebirge sein, oder?“
„Ja. Das wäre das nächste Ziel. Wir haben nicht viel Essen mitgenommen. Daher müssen wir uns dort etwas für die Weiterreise besorgen. Außerdem würde eine Karte des Kontinents ziemlich hilfreich sein.“, erklärte ich ihr meine Gedanken.
„Okay. Klingt nach einem guten Plan.“
„Oh, vielen Dank.“, sagte ich leicht sarkastisch und sie lächelte.
„Anoriel?“
„Ja?“ Es folgte eine kurze Pause.
„Ich bin irgendwie froh, dass wir uns entschlossen haben, auf diese Reise zu gehen.“ Ich war überrascht.
„Wieso?“
„Ach, ich fühle mich einfach gut. Wir haben eine spannende Reise vor uns und darauf freue ich mich.“ Sie lachte. „Es war zwar toll mit unserer Gruppe herumzureisen und vor Menschen Kunststücke aufzuführen, aber ich hatte etwas Angst, dass mein ganzes Leben lang machen zu müssen. Ich brauchte Abwechslung. Und da kam mir deine Idee gerade richtig.“, erklärte das Mädchen mir.
Ihre blonden Haare schimmerten orange im Licht des Feuers und ihre braune Kleidung hatte eine eigenartige, graue Farbe.
„Na dann.“, war alles, was ich dazu sagte, da mir ihr Grund etwas seltsam vor kam.
„Mach dich nicht lustig.“, schmollte sie.
„Niemals.“, kicherte ich.
Ein lautes Gähnen entwich mir ungewollt. Ich war nach diesem Tag müder als ich gedacht hatte.
„Ich glaube, wir sollten uns hinlegen. Morgen haben wir einen langen Weg vor uns.“, kam es von der Blonden mir gegenüber und ich musste ihr zustimmen. Wir legten uns auf den weichen Boden und zogen die dünnen Decken über unsere Körper.
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Ich starrte noch einige Zeit auf die sanft wogenden Blätter der Bäume über mir. Taras leise Atemzüge vermischten sich mit dem leichten Wind, der schon den ganzen Tag über das Land strich.
Noch immer machte ich mir Gedanken, ob es wirklich richtig war, meine beste Freundin da mit reinzuziehen. Aber andererseits hatte sie die Chance ‚nein’ zu sagen. Die Blonde hatte so viel auf sich genommen, um mit mir zu gehen. Es schien ihr wirklich ernst zu sein.
Meine Hand wanderte zu meinem Hals, bis sie etwas metallisches berührte. Meine Schmetterlingskette. Die Kette, die Tara mir vor kurzem Geschenkt hatte.
Ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Wir waren wohl doch enger verbunden, als ich gedacht hatte. Und ich war froh, sie bei mir zu haben.
Ithiliel. Wer auch immer du bist und wo auch immer du dich gerade aufhältst… Ich weiß nicht warum, aber ich freue mich auf den Tag, an dem wir uns richtig kennen lernen können. Warte es nur ab, ich werde dich finden. Wie lange es auch immer dauern mag. Und dann werden vielleicht endlich einige meiner Fragen beantwortet…
Es dauerte nicht mehr lange, ehe das friedliche Rauschen der Blätter und des Baches mich in einen traumlosen Schlaf abgleiten ließen.
Tanzende Flammen (Ithiliel)
So!
Hier haben wir nach reichlicher Verspätung endlich das zweite Kapitel von Ithiliel... Ich will ich auch gar nicht allzu viel dazu sagen. Viel Spaß beim Lesen und vielen, vielen Dank an diejenigen, die tatsächlich soo lange hierdrauf gewartet haben! Das nächste Kapitel kommt (hoffentlich) schneller ;D
lg, meya-keks~
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Kapitel 4 - Tanzende Flammen (Ithiliel)
Als ich erwachte, klopfte mein Herz bis zum Hals. Aufrecht saß ich unter der Decke des Bettes in meinem kleinen Zimmer und starrte vollkommen reglos, aber schwer atmend zur grauen Wand gegenüber. Ein einziges Wort, nein, ein einziger Name hallte in meinem Kopf wieder, wie ein einsamer Ausruf in den hohen Gängen Danarvees: Anoriel. Anoriel. Anoriel.
Ich sah ihr Gesicht noch immer vor mir, als blickte ich in einen Spiegel. Allein die ungewohnt dunkle Haut und die feuerrot glänzenden Haare wollten nicht so recht zu mir passen.
Verwirrt sah ich durch den Raum, um mich zu vergewissern, dass ich wieder dort war, wo ich sein sollte: in meinem Zimmer. Ich musste nach außen hin wie eine Verrückte wirken, so perplex aus einem einfachen Traum aufzuwachen… Denn nichts anderes konnte es sein. Ein Traum. Und jetzt war ich wach und konnte mich wieder beruhigen.
Doch mein Herz schien nicht langsamer schlagen zu wollen, meine Haut war von Schweiß überzogen und mein Blick huschte ununterbrochen von einem Punkt zum nächsten, als hätte irgendwas in mir Angst, meine Umgebung könnte sich jeden Moment in Rauch auflösen und wieder den seltsamen Tempel offenbaren.
„Du drehst durch, Ithiliel.“, murmelte ich mir selbst vollkommen überzeugt zu und warf die Decke zur Seite, um mich irgendwie aus dem sonst eigentlich recht bequemen Bett zu quälen. Meine Beine zitterten und drohten nachzugeben, als ich mühsam aufstand und für einen kurzen Moment zahlreiche Punkte mein Sichtfeld behinderten. Leise stöhnte ich auf. Verflucht! Als würde die übliche Schwäche an normalen Tagen nicht schon ausreichen!
Ich hatte kein Fenster in meinem Zimmer, doch durch den Schlitz unter der Holztür zu meinem Balkon strömte helles Tageslicht. Wahrscheinlich war es bereits Nachmittag, was zumindest das matschige Gefühl in meiner Magengegend erklären würde. Aber wieso hatte mich niemand geweckt?
Bemüht ruhig ging ich zu meiner Kommode herüber und zog mir, so rasch es in meiner Verfassung ging, ein weißes, an den Seiten mit braunen Lederbändern geschnürtes Kleid an – eines meiner Lieblingsstücke. Irgendwie musste ich meine Stimmung schließlich heben, um über diesen schrägen Traum hinweg zu kommen… Und so verließ ich auch kurz entschlossen mein Zimmer, um mich zu dem nächstbesten Mitmenschen, der mir über den Weg lief, zu gesellen.
Ich kam nur bis zu dem Aufenthaltsraum unsrer Wohnung, wo mich ein halb amüsierter, halb überraschter Ausruf inne halten ließ.
„Na so was, ich dachte, du wolltest deinen gesamten 18. Geburtstag verschlafen.“
Bemüht unbekümmert dreinschauend wandte ich mich zu meinem Vater um, der neben unheimlich hohen Bücherstapeln hockte und schmunzelnd zu mir aufsah. Er trug eine kleine, unauffällige Brille mit silbernem Gestell, mit der er sich in der Öffentlichkeit nie zeigte, aus Angst, zu sehr das Klischee eines Bibliothekars zu erfüllen, wie er selbst immer sagte. Das schaffte er mit den wilden, zerzausten Haaren und den wie immer wahllos aus dem Schrank gezerrten Klamotten allerdings auch so ganz gut. Ich hatte mich aber noch nie getraut, ihm das ins Gesicht zu sagen, weil ich mir ziemlich sicher war, dass es ihn zutiefst gekränkt hätte.
„Dir auch einen schönen guten… Tag. Was machst du noch hier?“, fragte ich ihn, während ich zu dem Schrank herüber ging, in dem wir einige, wenige Lebensmittel aufbewahrten. Essen taten wir normalerweise eh in den dafür vorgesehenen Tavernen Danarvees, weswegen das Angebot hier eher kläglich ausfiel.
„Ich suche ein Buch. Die alte Toeh möchte unbedingt das haben, was ich mir selbst erst vor ein paar Tagen ausgeliehen habe.“
Verwundert hob ich eine Augenbraue.
„Langsam wird es auffällig. Sie will immer genau die Bücher haben, die du gerade liest…“
„Genau genommen sucht sie nur ständig nach einem Grund zu streiten. Aber jetzt komm erst mal her und lass dich umarmen, ewig schlafende Tochter!“
Seufzend schloss ich den Schrank, ohne ihm irgendetwas zu entnehmen – ich hatte eh nicht auf den Inhalt geachtet – und wandte mich milde lächelnd zu ihm um. Mit wenigen Schritten war er bei mir und schloss seine Arme um mich. Tief einatmend legte ich meinen Kopf auf seine Schulter. Ein Glück, dass er genauso winzig war, wie ich selbst. Nur seine zerzausten Haare stachen etwas unangenehm in meine Wangen, aber das nahm ich im Gegenzug für das wunderbar warme Gefühl der Geborgenheit gerne hin.
„Alles Gute zum Geburtstag, Ithiliel.“, flüsterte er mir leise zu.
„Vielen Dank, Vater.“
Er seufzte tief.
„Es kommt mir vor, als hätte Felan dich gestern erst hierher getragen. Ein kleines, zerbrechliches Neugeborenes, in den Armen eines vollkommen überforderten, 10-jährigen Wolfsjungen, beide über und über mit Dreck und Blättern bedeckt. Und jetzt bist du schon eine ganze Frau.“
Ich senkte den Kopf ein wenig tiefer. Würde er mich auch noch für so erwachsen halten, wenn er wüsste, dass ich ihm einen Schlüssel gestohlen und mich nachts heimlich in seine Bibliothek geschlichen hatte?
„Das Schlimmste daran ist wohl, dass es für mich bedeutet, dich bald zu verlieren.“
Mein Herz setzte einen Satz aus. Erschrocken machte ich einen Schritt zurück, um ihm besser ins Gesicht blicken zu können.
„Wie meinst du das?“
Von meiner Reaktion nun auch verwundert runzelte mein Vater die Stirn.
„Ich meine… Du bist jetzt 18. Du bist erwachsen. Früher oder später wirst du dir ein eigenes Zuhause suchen, eine eigene Familie gründen wollen.“
Entschieden schüttelte ich den Kopf.
„Ich bin hier Zuhause und ich habe eine riesige, liebenswerte Familie. Ich brauche keine neue.“
Sanft lächelte er mir zur, strich mir über die Haare, wie er es schon seit meiner frühsten Kindheit gerne getan hatte. Eine Angewohnheit, die sich seltsamerweise auch Felan zu Eigen gemacht hatte. Vielleicht wirkte ich einfach zu kindlich auf meine Mitmenschen…
„Irgendwann wirst du es dir schon noch anders überlegen. Aber bis dahin werde ich mich sicher nicht beschweren.“, meinte er und zuckte mit den Schultern. Dann bedeutete er mir, an Ort und Stelle stehen zu bleiben, ehe er hastig in sein eigenes Zimmer huschte und mit einer kleinen, schlicht braunen Schatulle zurückkehrte. Freudig grinste er mir entgegen, wirkte dabei mehr denn je wie ein kleiner Junge, obwohl einige graue Haare vom Gegenteil berichten wollten.
„Hier.“, meinte er und hielt mir die Schatulle entgegen.
„Du solltest mir nichts schenken, Vater.“
„Tue ich aber.“
„Wie jedes Jahr.“
„Korrekt.“
Ohne weitere Worte nahm ich ihm den Gegenstand ab und öffnete ihn, nicht, ohne meinem Vater vorher noch einen kurzen, anklagenden Blick zu zuwerfen. Entgegen blitzte mir ein Anhänger aus blau funkelndem Stein in der Form einer filigran gearbeiteten Blüte, befestigt an einem schlichten Lederband, ähnlich denen an meinem Kleid.
Sprachlos starrte ich lange in die Schatulle in meinen Händen, dann wieder zu meinem noch immer grinsenden Vater.
„Das ist… schön.“, erklärte ich verblüfft. Seit wann hatte er Geschmack, was solche Dinge anging? Oder besser gesagt: Wer hatte ihm geholfen, das auszusuchen?
„Der Stein ist nicht sonderlich wertvoll, aber ich dachte, es könnte dir gefallen.“
„Ja, das tut es… In der Tat. Vielen, vielen Dank.“
Wieder umarmte ich ihn, diesmal noch fester und so, dass er offensichtlich belustigt nach Luft schnappte.
„Und keine Sorge, so bald wirst du mich nicht los.“
„Wenn du mich nicht gleich wieder loslässt, bist du mich schneller los, als dir lieb ist.“
„Übertreib nicht.“
Ein wenig später ging ich erneut durch die Gänge Danarvees, stets im niedrigen Wasser eines breiten Bachlaufs, der durch die ganze Stadt floss und wie alle anderen wahrscheinlich früher oder später im See enden würde. An meinem Handgelenk glitzerte im schwachen Licht ein kleiner, blauer Stein in Blumenform und baumelte friedlich vor sich hin, während ich wenig schwungvoll einen Schritt vor den anderen setzte. Genau genommen schlich ich geradezu dahin und hätte mich am liebsten auf der Stelle hingesetzt, doch ein letztes bisschen Vorfreude trieb mich durch die Gänge in Richtung Bibliothek. Mein Vater wollte mir nachkommen, sobald er sein Buch endlich gefunden hatte und ich bezweifelte, dass das so bald sein würde. Also blieb mir noch ein wenig Zeit, einen kurzen Blick in meine Lieblingsabteilung zu werfen, bevor ich mich zu Felan aufmachte, der sicher schon auf mich wartete.
Es dauerte nicht lange, bis ich vor der großen Tür stand. Ehe ich mich versah, war ich bereits von mehr Büchern umzingelt als manch ein andrer Mensch in seinem gesamten Leben zu Gesicht bekam. Es waren einige Schätze dabei, das wusste ich wohl mit am besten. Viele von ihnen hatte ich schon mehr als einmal gelesen, doch laut meinem Vater war das gerade einmal ein Bruchteil dessen, was man als gebildeter Mensch, wie ich einmal einer werden sollte, kennen musste. Natürlich übertrieb er maßlos. Wieso sonst war die Bibliothek bis auf einige, wenige Stammbesucher immer leer? Auch heute traf ich nicht eine einzige Menschenseele.
Leise summend kletterte ich also ungesehen in meine Abteilung, die auch am Tag relativ schlecht beleuchtet war, weshalb ich prompt über einen genauso schlecht platzierten Bücherstapel fiel. Leise fluchend rappelte ich mich wieder auf und verstaute die nun überall auf dem Boden verteilten Bücher dort, wo sie dem Alphabet nach hingehörten. Dumme Angewohnheit, wenn man Tag und Nacht von jemandem umgeben war, der einem predigte, dass Bücher der größte Schatz der Menschen seien. Zufrieden sah ich mich nun, wo alles wieder an seinem Platz war, um. Ich hatte nicht genug Zeit, um mich hier lange aufzuhalten.
Schnell hatte ich das Buch, das ich mir schon gestern angesehen hatte, gefunden und in der kleinen Umhängetasche, die ich mir vor meinem Verschwinden noch schnell von meinem Vater „ausgeliehen“ hatte, verschwinden lassen. Letzte Nacht hatte ich mir überlegt, dass es hier sicher niemand vermissen würde… Und ich könnte mal wieder eine kleine Lektüre für zwischendurch gebrauchen. Natürlich sollte ich mich nur vor meinem Vater in Acht nehmen, wenn ich mich ihr widmete.
Ich wollte mich bereits umdrehen und wieder verschwinden, bevor man mich hier doch noch erwischte, als mir etwas anderes ins Auge stach. Dort, eingeklemmt zwischen dem schweren Holz des Buchregals und dem kalten Steinfußboden der Bibliothek… Ein Buch? Ich trat etwas näher heran, wunderte mich insgeheim, wie eine solche Schandtat in den heiligen Hallen meines Vaters ungesehen bleiben konnte.
Es war nur ein kleines, unscheinbares Buch. Schwarzer Einband, keine Schrift, weder auf dem Buchrücken noch vorn oder hinten. Einige der vergilbten, rauen Seiten lösten sich bereits und fielen mir leise raschelnd entgegen, als ich das kleine Buch vom Boden aufhob. Jeder normale Mensch hätte das Buch wahrscheinlich einfach wieder an seinen Platz gestellt, doch ich war von Natur aus schon immer furchtbar neugierig gewesen. Warum lag es unter dem Regal? Selbst wenn mein Vater diese Abteilung mied, mit Sorgfalt behandelte er normalerweise all seine Bücher, ohne Ausnahme.
Dass dieses Buch hier besonders war, wurde mir aber bereits auf seiner ersten Seite klar. Anstelle des Titels und Autors begrüßte mich ein wunderschönes, fein gezeichnetes Bild, das sich über zwei vollständige Seiten erstreckte. Die Farben waren ungewöhnlich kräftig für ein Buch, das ansonsten so verwahrlost wirkte. Golden schimmerten feine, beinahe erschreckend filigrane Striche im schwachen Licht. Ich konnte nicht anders, als mit meinen Fingerspitzen darüber zu fahren… War das echtes Gold?
Ich war mir nicht sicher, was ich mit dem Motiv anfangen sollte. Teils sah es aus wie eine Landschaft; Ich meinte, vereinzelte Ranken und Blumen erkennen zu können, doch das meiste erschien mir einfach nur abstrakt. Oder sollten das Augen sein? Ein Drache vielleicht?
Wissbegierig blätterte ich weiter, in der Hoffnung mehr in Erfahrung bringen zu können. Es folgte ein winziger Text, in feinen, handgeschrieben Buchstaben, sauber aneinandergereiht. Die Sätze waren schwer zu lesen und selbst als ich es mir halbwegs entschlüsselt hatte, verstand ich nichts. Mit gerunzelter Stirn blätterte ich weiter, ohne genau hinzusehen. Text, Text, noch mehr winziger Text. Vereinzelte, kleine Bilder, die in ihrer Schönheit dem großen am Anfang in nichts nachstanden. Irgendwann tauchte noch etwas anderes auf: Runen. Sofort war ich Feuer und Flamme… Wenn mich eins begeistern konnte, dann die Entschlüsselung von Runen. Solche wie die in diesem kleinen Buch hier hatte ich noch nie gesehen, nicht einmal etwas ähnliches, und das reizte mich nur noch mehr. Vergnügt schloss ich das kleine Buch und ließ es zu dem anderen in meiner Tasche gleiten…
Ja, Beschäftigung würde ich in nächster Zeit wahrhaft genug haben. Leise vor mich hin pfeifend verließ ich zuerst meine Abteilung und anschließend die Bibliothek, die nun verlassen und still wie eh und je dalag.
ooooooo
Der Weg zu den Hütten der Wölfe war umständlich, lang und äußerst unbequem. Sie lebten in dem Wald, direkt gegenüber der in Stein gehauenen Gänge und Hallen Danarvees.
Seit Jeher hatten die Wölfe und die Stadtbewohner den See in ihrer Mitte mehr oder weniger friedlich geteilt. Ohne ihn hätte keine der beiden Gemeinschaft hier je Fuß fassen können, doch im Moment verfluchte ich ihn – wie schon so oft, wenn er mich zwang, ihn zur Hälfte zu umrunden, nur um an das andere Ufer zu gelangen. Natürlich hätte ich auch ein Boot nehmen können, doch das war teuer und dauerte beinahe genauso lange, als würde man laufen. Also kämpfte ich mich lieber durch den dichten Wald, der bis ans Ufer des Sees heranreichte. Ich hatte es wohl nur der Tatsache hier aufgewachsen zu sein zu verdanken, dass ich über all die gigantischen Wurzeln und um giftige Sträucher klettern konnte, ohne auch nur einmal zu stolpern oder inne halten zu müssen. Trotzdem dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis ich mich endlich direkt gegenüber meiner Stadt befand und genau wusste, dass ich die Hütten der Wölfe finden würde, wenn ich von hier aus nur weiter in den Wald lief. Und das tat ich.
Von da an ging es recht schnell. Viele Trampelpfade boten sich ab jetzt an, sodass ich schon nach wenigen Minuten erste Hütten aus morschen, dunklen Holzbrettern, sowie dicken und dünnen Ästen in der Ferne ausmachen konnte. Hier schien es immer ganz besonders intensiv nach Harz und den Nadeln der hohen Bäume um mich herum zu riechen. Beinahe, als umgäbe das Heim der Wölfe ein ganz besonderer Zauber… Ich mochte es hier.
Als ich näher kam, konnte ich auch endlich erste mehr oder weniger menschliche Lebewesen ausmachen. Hier und da lagen vereinzelt oder in kleinen Gruppen kleine und große Wölfe, braune, graue, schwarze, weiße… Um sie herum wuselten einige in Menschengestalt, gut zu erkennen an Wolfsohren im Haar und buschigem Wolfsschwanz, und vereinzelt sogar Bewohner Danarvees, die wie ich anscheinend gerade nichts Besseres zu tun hatten.
Ich ging noch ein wenig tiefer in den Wald, bis ich zu der einzigen Hütte kam, die mich wirklich interessierte. Das Dach hing schief wie eh und je, gehalten nur von einer Handvoll verrosteter Nägel. Die ganze Behausung war geradezu winzig, sicher nicht viel größer als mein kleines Zimmer, in dem gerade so mein Bett Platz gefunden hatte. Die einzige Öffnung war verhangen mit einem großen Stück dreckig braunem Stoff, das im Wind ein wenig flatterte und so über den nassen Boden schleifte. Ich brauchte wohl nicht zu erwähnen, wie dreckig es bereits war. Das Holz war grau dank des vielen Regens und der seltenen Sonne, die es im Laufe der Jahre ausgebleicht hatte.
Für mich viel wichtiger jedoch war der vor der Hütte liegende Wolf mit dem dunkelbraunen Fell, der mit aufgestellten Ohren aufmerksam zu mir hoch sah. Sein Schwanz wischte ein paar Mal über die nasse Erde, dann stand er ruckartig auf und ehe ich mich versah, blickte ich direkt in das breit grinsende Gesicht Felans. Aufrichtig lächelte ich zurück.
„Ach was, auch mal wach? Ich dachte, du verschläfst jetzt den Rest des Tages. Aus Angst, noch mehr feiern zu müssen…“
Schnell überwand er die letzten Meter und nahm mich in seine starken Wolfsarme.
„Oh ja, das wäre wohl wirklich eine schreckliche Qual.“, entgegnete ich mit so viel Sarkasmus wie möglich war, ohne schon wieder ernst zu klingen. Leise hörte ich ihn lachen, dann schob er mich von sich, um mich eingehend betrachten zu können. Irritiert hob ich eine Augenbraue, als er das einige Zeit lang fortsetzte, mit ernstem Gesichtsausdruck und ohne etwas zu sagen.
„Nein, ich habe mich doch nicht getäuscht… Du siehst ganz schön alt aus, Kleine. Sind das da Falten?“
Aus Reflex fasste ich mir ins Gesicht, obwohl ich mir ziemlich sicher war, trotz meines hohen Alters noch faltenlos durch die Welt zu wandern. Bemüht böse funkelte ich ihn an, als er laut auflachte.
„Nee, war wohl doch nur ein Schatten. Aber über die grauen Haare solltest du dir langsam Mal Gedanken machen, das nimmt überhand.“
Ich verdrehte grinsend die Augen, als ich ihm einen recht schwächlichen Schlag mit der Faust gegen die Schulter verpasste. Ohne ihn weiter zu beachten, ging ich zu dem kurzen Stück eines gefällten Baumstammes, das nun quer auf dem Boden vor seiner Hütte lag. Er zögerte keine Sekunde, setzte sich einfach in den schlammigen Boden vor mir, der mit einem ziemlich ekligen Geräusch unter ihm nachgab. Doch kaum hatte er sich gesetzt, sprang er schon wieder auf.
„Warte kurz. Gleich wieder da.“, brachte er noch hervor, plötzlich erhellte sich sein Gesicht mit beinahe kindlicher Vorfreude. Dann lief er mit wenigen, großen Schritten in seine kleine Hütte, die seiner unmenschlichen Größe irgendwie nicht so ganz angemessen schien. Kurz hörte ich ihn leise und unterdrückt fluchen, irgendwas krachte lautstark, dann kam er gewohnt breit grinsend zurück, jetzt allerdings mit einem kleinen, eckigen Ding in der Hand.
„Gestern… Oder vorhin, besser gesagt, hatte ich ja noch keine Gelegenheit dazu. Ich bin auch leider immer noch nicht dazu gekommen, es einzuwickeln, was dem Ganzen wohl ein wenig die Spannung nimmt, aber was soll’s. Alles Gute zum Geburtstag, Kleine.“
Und damit hielt er mir ein kleines, buntes Buch entgegen.
Sprachlos betrachtete ich einen Moment die mit aufwendigen Mustern bestickte Vorderseite, ehe ich es vorsichtig entgegen nahm. Ich wusste sofort, was es war; Die traditionellen Stickereien der Wölfe waren überall auf der Welt gefragt und beliebt. In der oberen, rechten Ecke hatte ein kleiner, dicker Vogel mit kunterbuntem Gefieder Platz gefunden, daneben ein detailgetreuer, weißer Wolf… Blumen, Bäume, Sträucher, eine Landschaft, bestehend aus einem See und einem kleinen Bach, der von ihm weg durch dichtes Blattwerk führte. Auf dem Buchrücken und der Rückseite führte es sich nahtlos fort. Kurz blätterte ich durch die Seiten – alle makellos weiß -, dann sah ich wieder zu Felan auf, der nun irgendwie fast ein wenig beschämt aussah. Sprachlos starrte ich ihn an.
„Also, ich hab nicht alles allein gemacht… Bei dem Vogel hatte ich ein wenig Hilfe von Genya, wegen des Musters und so. Aber ich dachte, du würdest vielleicht auch mal selbst was aufschreiben wollen, anstatt immer nur zu lesen.“, murmelte er leise vor sich hin, mich entschuldigend anlächelnd.
Schwungvoll sprang ich auf. Vielleicht etwas zu sprungvoll, stellte ich fest, als schwarze Punkte vor meinen Augen zu tanzen begannen und altbekanntes Rauschen die Geräuschkulisse überdeckte. Felan fing mich auf, als ich nach vorn taumelte, dann ging es auch schon wieder.
„Pass a-“
„Danke, danke, danke. Vielen Dank.“
Er verstummte. Ich meinte, ihn irgendetwas wie „nur eine Kleinigkeit“ murmeln zu hören, doch es hätte auch genauso gut das Rascheln seines Hemdes an meinem Ohr sein können, als ich mein Kopf an seiner breiten Brust vergrub, die Arme fest um ihn geschlungen und sein Geschenk noch immer in der Hand. Er erwiderte meine Umarmung kommentarlos.
Eine Weile standen wir so da, beide schweigend. Um uns herum raschelten die Blätter die Bäume im Wind, irgendwo heulte einer der Wölfe und ein anderer antwortete, noch weiter entfernt. Leise Gespräche, lautes Lachen, ganz in der Nähe. Es ging nur leichter Wind, aber trotz Felans warmer Umarmung fing ich irgendwann an, in der Kühle des schattigen Waldes zu frieren. Selbst wenn die Sonne schien, gelangte nur wenig Licht hierhin und heute war der Himmel gewohnt bedeckt…
„Ist dir kalt?“
Ich zuckte zusammen. Erwischt. Ich ahnte schon, was jetzt kommen würde.
„Nein.“, log ich trotzig. Mühsam befreite er sich aus meiner Umarmung, die mittlerweile eher dem Klammern eines Affen glich. Skeptisch sah er zu mir herunter, in mein zerknirschtes Gesicht.
„Du solltest zurückgehen Das letzte, was du im Moment gebrauchen kannst, ist eine Erkältung.“
Da hatte er wohl Recht. Die Erinnerung an das letzte Mal Kranksein war noch zu deutlich: Den ganzen Tag, über Wochen hinweg hatte ich nur im Bett gelegen, vor Schwäche kaum die Kraft zum Schlucken der widerlichen Medizin gehabt. Aber ich wollte noch nicht zurück.
„Erkälten hat aber nichts mit ‚kalt‘ zu tun, also keine Sorge.“, antwortete ich bestimmt. Meine Augen funkelten wahrscheinlich, wie immer, wenn ich merkte, dass jemand über meinen Kopf hinweg Entscheidungen „zu meinen Gunsten“ traf. Es war eigentlich klar, was folgen würde, und wie immer würde ich wahrscheinlich keine Chance gegen meinen Wolfsfreund haben.
„Trotzdem ist es ganz sicher keine gute Idee barfuß und frierend im Wald rumzuschleichen, gerade wenn du dich in einer so schwachen Phase befindest.“, entgegnete er mir nicht weniger überzeugt, als ich. Sein Grinsen war verschwunden.
„Oh bitte!“, rief ich genervt aus, verdrehte wieder die Augen. „Als würden Schuhe etwas daran ändern, ob man krank wird oder nicht.“
Er seufzte. Die Diskussion hatten wir schon öfter gehabt… Aber ich verabscheute das Gefühl von Schuhen zwischen meinen Füßen und dem Boden nun einmal. Es machte mich unruhig, ganz ähnlich, wie wenn einem für kurze Zeit die Fähigkeit des Sehens geraubt wurde…
„Gut, keine Schuhe. Aber dann geh wenigstens nach Danarvee zurück.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Nur wenn du mit kommst.“
Er zögerte kurz.
„Also… Gut, dann komme ich halt noch mal mit. Zur Feier des Tages.“
Letzteres sagte er mit so grimmigem Blick, dass ich nicht anders konnte, als zu lächeln.
„Gut.“
„Gut.“
Wieder ein Seufzen.
„Dann muss ich nur Dreak Bescheid geben, dass ich die Wache nachher aussetze…“, murmelte er vor sich hin. Richtig, die Wachposten der Wölfe. Ein weiterer Grund, warum Danarvee und die Wolfshütten so lange bestanden hatten. Jegliche Gefahr wurde stets frühzeitig von den Wachen der Wölfe wahrgenommen und beseitigt, noch bevor sie wirklich ernst werden konnte. Ein Wolf mehr oder weniger würde ihnen sicher nicht schaden.
„Bin gleich wieder da.“
Und damit wuschelte er mir einmal durch die langen, weißblonden Haare und verschwand im Wald hinter uns. Seufzend versuchte ich, alles wieder zu richten, bevor er zurückkommen würde. Schnell ließ ich auch sein schönes Geschenk in meiner Tasche verschwinden, die nun schon eine stolze Anzahl von drei Büchern beherbergte. Bücher, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.
Es dauerte nur wenige Momente, ich war noch dabei, meine Tasche wieder ordentlich zu verschließen, als er auch schon wieder da war.
„Geht alles klar. Er war nicht sehr begeistert, aber wird schon jemanden finden, meinte er.“, rief Felan mir schon von weitem zu. Und da war es wieder, das freche, jungenhafte Grinsen. Sofort erwiderte ich es.
„Siehst du, alles ganz einfach.“
Wieder wuschelte er mir durch die gerade erst geordneten Haare. Empört schrie ich auf.
„Natürlich, für Sie doch immer, Prinzessin.“
Wir machten uns schnell auf den Weg, bevor jemand auf die Idee kommen könnte, uns zurückzuhalten.
„Und, was machen wir heute? Ein paar Gruselgeschichten für den Anfang?“
„Bloß nicht.“, grummelte ich und verzog das Gesicht, was mir ein leises Kichern einbrachte.
„Gut, was dann? Ein paar Stunden über ein paar schönen Büchern kauern? Nur wir beide?“
Übertrieben zwinkernd stieß nun er mir schwungvoll mit dem Ellenbogen in die Seite. Ich schnaubte.
„Du bist einfach zu ungebildet, um die Faszination eines Buches zu verstehen, Kunstbanause.“
Wieder lachte er.
„Ja, wahrscheinlich. Ich glaube, ich besticke die lieber, als sie zu lesen.“
„Ein wenig Wissen über die Welt würde dir aber auch nicht schaden.“
„Damit ich weiß, dass Erkälten nicht von ‚kalt‘ kommt?“
„Zum Beispiel.“
Belanglosigkeiten austauschend gingen wir eine Weile unseres Weges, etwas langsamer als ich hergekommen war, weil Felan ständig von allen denkbaren Seiten angesprochen wurde. Ich blieb stets in höflicher Distanz, während er Freunde und Verwandte abwimmelte, damit wir weitergehen konnten. Das Problem hatte ich nicht – ich war zum Glück längst nicht so beliebt oder bekannt. Nur hin und wieder winkte auch mir einer seiner Freunde zu, als wir an ihnen vorbeiliefen, ohne uns lange an ihnen aufzuhalten. Sie kannte ich von solchen Momenten, wie dem gestern - oder heute - Nacht, wenn Felan sie einfach mitbrachte. Eigentlich waren sie auch alle ganz ok, doch allzu viel Gesellschaft hatte ich noch nie gebraucht.
„Wie geht’s dir so, Felan? Haben wir nachher nicht die Wache zusammen?“
„Nö, ich hab Besseres zu tun.“
Grinsend sah er zu mir herüber, woraufhin einer seiner engeren Freunde seinem Blick folgte und verstehend nickte. Ich lächelte entschuldigend zurück.
„Schon klar, die Frauen. Immer sind’s die Frauen.“, murrte der Mann mit den wilden schwarzen Haaren, die Arme theatralisch in die Luft werfend und die himmelblauen Augen verdrehend. Felan lachte leise vor sich hin.
„Oh ja. Pass bloß auf, dass du nicht auch an so eine Hexe gerätst. Die sind schlimmer als jede Mutter, glaub es mir.“
„Na, vielen Dank.“, grummelte ich vor mich hin. Nur schwer hielt ich den beiden grinsenden Gesichtern stand, bis letztendlich auch meine Mundwinkel verräterisch zu zucken begannen.
Ich sah zu, wie Felan sich verabschiedete, winkte ebenfalls, als sein Kumpel sich von uns entfernte und wir endlich weiter gehen ko…
„Feuer! Feuer, überall! Danarvee steht in Flammen!“
Ich erstarrte in der Bewegung. Ich wusste nicht, woher der Ruf kam, doch kaum war er einmal an meine Ohren gedrungen, hallte er von allen Seiten genauso panisch wider.
Es dauerte lange, ehe ich begriff, was die aufgeregten, entsetzten Zurufe, oder das plötzliche Chaos um mich herum sollten.
Danarvee? Feuer? Das passte nicht. Danarvee war eine Stadt des Wassers, dort war kein Platz für Feuer und Flammen.
„Feuer! Bringt Wasser!“
Jemand rempelte mich an, ich stolperte und Felan fing mich auf.
Entsetzt, verwirrt blickte ich in sein Gesicht, das genau die gleichen Gefühle widerspiegelte.
„Was…?“, setzte ich mit zitternder Stimme an, ohne weit zu kommen.
„Ich weiß es nicht.“, gab er hastig zurück und sah sich suchend um.
„Feuer, schnell, bringt Wasser!“, schrie plötzlich jemand, dicht neben mir, und verschwand genauso schnell wieder im Wald.
„Feuer!“
„Komm.“, knurrte Felan mir zu und zog mich an der Hand hinter sich her. Ich folgte ihm stolpernd, so schnell ich nur irgendwie konnte.
Wölfe, Menschen mit vor Entsetzen verzerrten Gesichtern kamen uns entgegen. Eine ältere Frau fiel über eine der großen Wurzeln zu unseren Füßen und blieb schmerzerfüllt stöhnend liegen. Ich drehte mich um, um ihr aufzuhelfen, doch Felan zerrte mich unnachgiebig weiter.
Hektisch sah ich noch vorn, von wo warmes, rötliches Licht in den sonst so grauen Wald strömte. Immer ungläubiger wurde ich, weigerte mich, meinen Augen zu trauen, als wir näher kamen, letztendlich auch die letzten Bäume des Waldes hinter uns ließen.
Von hierher kam das rote Licht. Hell und selbst aus einiger Entfernung glühend heiß tanzte gelbes Feuer auf Danarvee… nein, auf dem Wasser des Wasserfalls. Das Gebilde aus Stein, die Mauern Danarvees waren umhüllt von schwarzem Rauch, zischelnden Flammen, die die heiße Luft über sich verschwimmen ließen. Das Feuer fraß die Boote aus Holz, die Stege über dem Wasser, Silhouetten von Menschen, deren Schreie im Knistern untergingen. Rasend schnell breitete es sich über die Oberfläche des Sees aus, als bestünde er nicht aus Wasser, sondern aus Öl, wie dem, das wir für einige Lampen nutzten.
Trotz der Hitze gefror mein Blut in meinen Adern. Panisch umklammerte ich Felans Hand, der mich noch näher an sich heranzog.
Sie hatten Recht. Die Stadt des Wassers stand in Flammen.
Die Quelle der tausend Seelen (Anoriel)
Da Nott leider zurzeit keinen Bock hat, weiterzuschreiben und ich seit über einem Jahr auf ihr nächstes Kapitel warte, werde ich das einfach mal überspringen und mein nächstes Kapi on stellen.
Ich hoffe sehr, dass das 2. Kapitel von Ithiliel noch irgendwann folgt...
Hiermit will ich zeigen, dass ich alles daran setzte, dass diese OF weitergeht!
Also freut euch erstmal über das Kapitel und hofft (mit mir), dassnoch viele folgen werden...
LG, das MarySae- Keks
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Kapitel 5 – Die Quelle der tausend Seelen (Anoriel)
Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch das dichte Blätterdach, als wir unsere Sachen zusammenpackten und weiter gen Norden liefen. Wir hatten noch einen langen Weg vor uns und niemand wollte am Fuße des Gonath übernachten müssen. Zumindest nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.
„Was die anderen jetzt wohl machen? Ob sie böse auf uns sind?“ Mit diesen Worten durchbrach ich später am Tag das Schweigen, das seit unserem Aufbruch herrschte. Die Sonne schien erbarmungslos vom Himmel und trieb einem die Schweißtropfen auf die Stirn. Nur eine leichte Briese, die sich durch den dichten Wald schob, brachte etwas willkommene Abkühlung.
„Ja, ich denke schon. Schließlich sind wir einfach ohne ein Wort abgehauen.“, seufzte Tara. Sie schien sich auch noch immer Gedanken darüber zu machen.
„Vielleicht können sie uns irgendwann verzeihen.“ Jedes Mal, wenn ich daran dachte, fühlte es sich an, als wenn mir ein Messer ins Herz gestochen wurde. Es tat… Immerhin habe ich sie enttäuscht. Sie einfach verlassen… Und dann war Tara mir auch noch gefolgt. Ich hatte unsere Familie auseinander gerissen. Es war alles meine Schuld…
Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Bis dahin hatte ich gar nicht bemerkt, dass ich, tief in Gedanken versunken, stehen geblieben war. Tara stand neben mir und blickte mich traurig an.
„Hey, hör auf dir so ein schlechtes Gewissen zu machen. Du hast an nichts Schuld! Es ist dein eigenes Recht hinzugehen, wo du hin willst. Und ich bin freiwillig dabei! Und glaube mir, ich bereue es nicht! Also mach dich nicht so fertig. Lass uns unser kleines Abenteuer genießen, ok?“
Ein breites Lächeln zierte nun ihr Gesicht. Dennoch blitze Traurigkeit und Mitleid in ihren Augen auf. Ich bereitete ihr nur Sorgen. Ich musste endlich aufhören mich über alles zu beschweren! Es war nun mal so, wie es war. Wer weiß wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich Tara und die anderen nie getroffen hätte…
Ich atmete einmal tief ein und wieder aus.
„Tut mir leid. Du hast Recht. Ich habe mich entschieden, diesen Abschnitt meines Lebens einzuschlagen und ich sollte endlich aufhören mir Sorgen zu machen, ob es richtig gewesen ist. Und über dein Leben kann, und will, ich ebenfalls nicht bestimmen.“
Ich hob meinen Kopf und versuchte ebenfalls zu lächeln. Und ich glaube, es gelang mir ziemlich gut. Ja. Die Sorgen und Gedanken verdrängte ich einfach in die hinterste Ecke meines Gehirns und genoss das Gefühl der Freiheit, welches mich plötzlich durchströmte. Es schien, als wäre mein Körper plötzlich so leicht. Ich fühlte mich unglaublich… gut!
„Na also! Geht doch!“, hörte ich Tara neben mir lachen. Ich stimmte in ihr Gekicher mit ein. Es war echt… befreiend. Es kam mir so vor, als würde ich meine schlechten Gedanken einfach weglachen können.
„So, dann lass uns weiter.“, meinte ich fröhlich und wir setzten uns wieder in Bewegung.
Die Sonne stand hoch am Himmel und die Hitze war fast unerträglich. Es war kaum noch zu übersehen, dass der Sommer vor der Tür stand.
Ich hob meinen rechten Arm und versuchte die mit Schweiß an meine Haut geklebten Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen. Aber dies gestaltete sich als extrem schwierig. Doch meine leisen Flüche ließen Tara nur vor sich hin kichern. Schmollend befasste ich mich weiter mit meinen Haaren. Tara hatte ja auch keine Probleme mit so etwas… Sie hatte Zöpfe… Doch ich hasste Zöpfe. Ich wollte damit gar nicht erst anfangen. Also musste ich wohl oder übel mit meinen widerspenstigen Haaren zurecht kommen.
„Bald sollten wir an einem kleinen Dorf vorbeikommen, wenn ich mich richtig erinnere.“, meinte Tara plötzlich mehr zu sich selbst, als zu mir. Und ich nickte nur zur Antwort. Ich wusste nicht, ob sie es überhaupt bemerkt hatte, doch was sollte ich darauf sagen? Im Moment war es nur das Schicksal, welches uns leitete.
Wir näherten uns mit jedem Schritt dem riesigen Gebirge und es wurde spürbar kälter. Langsam schmiegte sich die Sonne an die Gipfel des Gonaths und es würde nicht mehr lange dauern, ehe wir den riesigen Schatten der Berge erreichen würden. Irgendwie freute ich mich schon darauf. Dort würde es endlich wieder etwas kühler sein…
Wir betraten einen dichten Tannenwald, dessen Bäume so eng beieinander standen, dass sie kaum noch Sonnenstrahlen bis auf den Fußboden durchdringen ließen. Dies machte es schwieriger sich auf der total von Moos überwucherten Erde fort zu bewegen.
Trotzdem dauerte es nicht mehr lange, ehe wir den riesigen Schatten des Gonaths erreichten, der sich über mehrere Kilometer ins Landesinnere erstreckte. Sofort fiel die Temperatur um einige Grad, was meinen Körper sichtlich irritierte. Ein paar Sekunden lang bildete sich eine Gänsehaut auf meinen Armen und ein kalter Schauer lief meinen Rücken hinab. Natürlich versuchte ich mein Unwohlsein zu verbergen. Immerhin lief Tara neben mir. Und sie nahm das Ganze hier nur wegen mir auf sich…
Doch jedes Mal, wenn ich an den Start unserer Reise dachte, huschte mir ein kleines Lächeln über das Gesicht. Es machte so unendlich viel Spaß mit meiner besten Freundin durch die Gegend zu streifen. Wir konnten gehen, wohin wir wollten. Wir konnten machen, was wir wollten. Natürlich vermisste ich die Menschen, die ich in all den Jahren so lieb gewonnen hatte, doch diese Freiheit tun und machen zu können, was ich wollte… war unbeschreiblich. Ich fühlte mich wohl. Ich hatte die richtige Entscheidung getroffen.
Ithiliel.
„Anoriel! Sieh mal da!“ Taras Stimme holte mich erneut aus meinen Gedanken. Ich sah zu ihr hinüber und bemerkte ihren seltsamen Ausdruck. Ihre Augen waren geweitet und ihr Gesicht war, im Dunkeln des Waldes, seltsam blass. Schnell folgte ich ihrem Blick und erkannte früh das, was sie so erschreckt hatte.
Nicht weit von uns entfernt- am Ende des kleinen Waldweges, auf dem wir uns befanden- waren bereits die ersten Häuser des Dorfes zu erkennen, welches wir gesucht hatten. Doch schon beim ersten Blick erkannte ich, dass dort etwas nicht stimmte. Die Gebäude waren komplett zerstört. Es erinnerte nicht mehr viel daran, dass das einmal Häuser gewesen waren.
„Was…?“, brachte ich heraus, während das Bild, welches sich uns bot, mir einen Schauer über den Rücken jagte. Wie von selbst setzten sich meine Beine in Bewegung und ehe ich es richtig merkte, rannte ich bereits den kleinen Waldweg entlang. Mehrfach stolperte ich beinahe, da ich nicht auf den Waldboden achtete.
Hinter mir hörte ich Schritte, welche nur von Tara stammen konnten. Sie rannte also ebenfalls in Richtung der Häuser.
Unser lauter, unregelmäßiger Atem und unsere schnellen Schritte waren alles, was die seltsame Stille des Waldes durchbrach. Kein Lufthauch rührte sich. Die Bäume säumten still unseren Weg. Kein Tier machte auch nur den geringsten Laut. Es schien fast, als wäre der Wald in einen tiefen Schlaf gefallen.
Plötzlich, ganz automatisch, verlangsamte ich meine Schritte und aus den Augenwinkeln sah ich, dass Tara es mir gleich tat.
Wir hatten das Dorf erreicht. Oder besser das, was davon übergeblieben war. Meine Kehle wurde seltsam trocken und ein leichtes Übelkeitsgefühl breitete sich in meinem Magen aus. Irgendwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht.
Langsam setzten sich meine Beine wieder in Bewegung und ich betrat als erste das Dorf. Die Häuser waren teilweise komplett zertrümmert oder abgebrannt. Einige Feuer schwelten noch in den übrig gebliebenen Holzhaufen. Einige Straßen und Wege waren unpassierbar. Überreste von Karren und Körben lagen verstreut und verdorbenes Essen faulte auf der Erde vor sich hin.
Und immer wieder entdeckte ich das, was mir solche Sorgen bereitete. Das Blut, welches sich in großen Pfützen gesammelt hatte, sickerte allmählich in die Erde oder klebte an den Wänden der Ruinen. Doch auch, wenn tote Pferde oder Hühner in den Ställen lagen, konnte dieses Blut nicht von Tieren stammen. Es musste… menschliches Blut sein.
„Was ist hier bloß passiert?“ Taras Stimmte war leise und brüchig. Ich kannte sie gut. Ich wusste, dass sie solche Bilder nicht ertragen konnte. Sie musste bereits mit den Tränen kämpfen.
Wieso ich so seltsam ruhig blieb, wusste ich selber nicht. Vielleicht war es dieses seltsame Gefühl, was mich in diesem Dorf beschlich. Aufmerksam musterte ich die Umgebung. Jeder einzelne Muskel in meinem Körper war zum Zerreißen gespannt. Ich fühlte mich unwohl und es wurde auf einmal immer kälter. Ein eisiger Schauer lief über meinen Rücken und aus Reflex drehte ich mich um.
„Ano-riel?“, hörte ich meine Freundin leise flüstern. Scheinbar standen ihr bereits die Tränen in den Augen, da das Kratzen in ihrer Stimme nicht zu überhören war.
„Hier stimmt was nicht.“, sagte ich kurz und knapp. Wenn das Blut der Dorfbewohner die halbe Stadt bedeckte… Wo waren dann die Leichen? Wer würde ein ganzes Dorf ausrotten und dann die Leichen verschwinden lassen? Das war ganz und gar nicht normal…
Ein Knacken zu meiner Rechten ließ mich aufhorchen. Ich hob eine Hand in Richtung meiner Freundin um ihr zu zeigen, dass sie still sein sollte, und konzentrierte mich erneut auf die Umgebung.
Mit jeder Sekunde wurde es dunkler. Der Gonath schluckte nun fast das gesamte Licht und am Himmel waren bereits die ersten Sterne zu entdecken. Die Sonne würde bald ganz verschwunden sein. Verdammt!
Ein erneutes Knacken. Ein schwarzer Schatten huschte über die Trümmer eines Hauses. Kein Zweifel. Jemand, oder Etwas, war noch hier. Und es ließ uns nicht aus den Augen. Wieder bewegte sich etwas, nicht weit links von mir. Es war also nicht alleine. Zwei weitere Schatten liefen über die Trümmer. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Mein Puls raste. Ich hatte eine wage Ahnung, was hier vor sich ging, doch ich hoffte sehnlichst, dass ich falsch lag.
Ich ging vorsichtig einige Schritte zurück, bis Tara direkt hinter mir stand. Ich fasste ihr rechtes Handgelenk, um sie gleich nicht zu verlieren.
„Was ist los?“, hauchte sie hinter mir zu.
„Wir müssen hier weg. Und zwar sofort.“, gab ich nur zurück. Für Erklärungen blieb auch später noch Zeit. Hoffentlich.
„Wieso? Anoriel! Was ist denn?“, kam es ängstlich von ihr, doch ich schüttelte nur den Kopf. Es würde gleich soweit sein…
Immer mehr Schattenfiguren bewegten sich auf uns zu. Sie versteckten sich noch in den Trümmern der Holzhäuser, doch sie würden bald rauskommen. Das spürte ich.
Und dann war es soweit. Einer dieser Schatten trat auf die offene Straße heraus, wo ihn das sanfte Licht des gerade aufgegangenen Mondes streifte. Erschrocken keuchte Tara hinter mir auf und auch ich musste einen Würgereiz unterdrücken. Wie sehr ich es doch manchmal hasste, wenn ich Recht hatte…
„Verdammt!“, zischte ich, drehte mich von dem Ding weg und rannte los. Ich drückte Taras Hand und zog sie hinter mir her. „Lauf!“, schrie ich einfach nur und spürte, wie sie langsam aus ihrer Starre erwachte und selbst begann zu rennen.
So schnell es ging liefen wir in die Mitte des Dorfes und bogen nach links in eine weitere Straße. Das diese noch näher an den Gonath führte, war mir im Moment egal. Wir mussten hier weg. Und zwar so schnell es ging. Den Weg, auf dem wir hierher gekommen waren, hatten diese Dinger bereits besetzt, so dass uns nur die Flucht in die andere Richtung blieb.
Tara schrie erschrocken auf, als einer von denen auf uns zugesprungen kam, uns nur knapp verfehlte und unsanft auf dem Boden aufschlug.
„Schneller!“, schrie ich erneut und beschleunigte meine Schritte. Wir mussten hier weg, ehe es zu spät war!
Beobachtet von mehreren Augen schafften wir es tatsächlich das Dorf zu verlassen und betraten erneut den dichten Wald. Doch ich fühlte noch immer ihre Anwesenheit.
„Die folgen uns!“, rief die Blonde hinter mir und ich nickte nur. Mein Blick blieb nach vorne auf den schmalen Waldweg geheftet, um bloß nicht über irgendeine Wurzel oder einen Stein zu fallen. Wir mussten uns beeilen! Die Sonne ging nämlich schon unter…
Meine Schritte worden ungewollt langsamer. Nein! Nicht jetzt! Bitte, nicht jetzt!
„Anoriel?“ Tara schien bereits gemerkt zu haben, dass ich langsamer wurde, denn sie lief jetzt schon neben mir.
„Lauf.“, keuchte ich nur. Mein Atem ging schneller und meine Beine wurden mit jedem Schritt schwerer. Wieso jetzt? Wieso verließen mich gerade jetzt meine Kräfte? SIE musste doch hier irgendwo sein! Nur bis dahin! Wir mussten doch nur bis dahin kommen!
Plötzlich knickte mein Fuß weg und ich geriet ins Straucheln. Nur, weil ich noch immer Taras Hand gehalten hatte, konnte ich mich noch mal abfangen. Doch ich merkte, dass es nicht mehr ging. Meine Sicht verschwamm und mein Kopf schmerzte höllisch. Ich fühlte, dass ich kurz vor einer Ohnmacht stand…
„Anoriel!“, schrie Tara neben mir. Sie war gleich stehen geblieben, als ich ins Straucheln geriet. Mit einer Hand stütze ich mich an einem nahen Baum ab, um nicht umzukippen. So konnte ich nicht weiter! Dann musste wenigstens sie weiter…
„Tara, hör mir zu!“, keuchte ich. „Hier in der Nähe muss eine Quelle sein! Die musst du finden! Beeil dich!“ Ich sah ihr nicht ins Gesicht. Das konnte ich nicht. Nicht nachdem ich sie indirekt d a r u m gebeten hatte…
„Vergiss es!“, schrie sie und rüttelte an meiner Hand. „Ich lasse dich bestimmt nicht alleine zurück!“ Ich seufzte. Ja, das hatte ich gewusst. Ich hätte wahrscheinlich ähnlich gehandelt…
Aber es musste sein! Sie musste hier weg, ehe diese Dinger hier ankamen! Ich konnte bereits ihre Schritte auf dem erdigen Boden hören. Sie würden uns jeden Moment erreichen…
„Kyaaa!“ Taras Aufschrei ließ mich aufsehen. Eines der Wesen war nur noch wenige Schritte von uns entfernt. Obwohl der Wald absolut dunkel war, leuchteten die roten Augen des Schattens wie Lichter in der Nacht.
„Nein!“, rief ich, als sich das Ding auf Tara stürzen wollte. Ich ließ ihre Hand los, erzeugte eine riesige Feuerkugel und warf sie auf das komische Ding. Mit einem schrillen Schrei verbrannte es innerhalb weniger Sekunden in meiner Flamme. Nur der verkohlte Körper blieb dampfend zurück.
Doch nun war meine Kraft völlig verbraucht. Meine Beine knickten unter mir weg und ich sackte an dem Baum herunter, auf dessen Wurzel ich sitzen blieb. Mein Kopf sackte nach unten und blieb auf meiner Brust liegen.
„Anoriel! Was ist mit dir?“, fragte die Blonde besorgt, doch ich war nicht mehr in der Lage ihr zu antworten. Das war es dann wohl für mich… „Die Nacht!“, hörte ich das Mädchen keuchen. Glaubte sie mir jetzt etwa? Dass ich in der Nacht meine Kraft verlor? Zumindest schien sie es in Betracht zu ziehen.
Doch ehe ich weiter nachdenken konnte, wurde mein rechter Arm plötzlich hochgehoben und mein Körper wieder auf die Beine gezogen. Erschrocken sah ich auf. Tara hatte meinen Arm um ihre Schultern gelegt und stützte mich so.
„Wehe du willst dich hier aus der Affäre ziehen! Du lässt mich hier bestimmt nicht alleine!“, schrie sie mich an und begann los zu laufen. Tränen brannten in meinen Augen, doch ich ließ sie nicht gewähren. Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen.
„Danke.“, flüsterte ich leise und versuchte so gut ich konnte, mitzulaufen.
Als wir den Weg entlang liefen kamen die Schritte hinter uns immer näher. Seltsames Kreischen erfüllte die Luft und ließ mir die Haare zu berge stehen.
„Was sind das für Dinger?“, fragte Tara, während sie vor Anstrengung keuchte.
„Ghouls“, gab ich nur zurück. Ich musste mich sehr darauf konzentrieren nicht zu stolpern, weshalb ich das Reden lieber sein ließ. Ich wusste, dass ihr noch einige Fragen auf der Seele brannten, doch sie beendete das Gespräch mit einem leisen „Oh.“.
Die Schritte hinter uns wurden lauter und das Kreischen der Ghouls dröhnte uns in den Köpfen. Sie hatten uns bald eingeholt. Ich wusste nicht, ob ich noch einmal eine Flamme erschaffen konnte. Ich fühlte mich elendig und schwach. Ich hatte uns in diese Situation gebracht und nun konnte ich nichts dagegen tun. Verdammt…
„A-Anoriel!“, stammelte Tara plötzlich und ich nickte lächelnd. Vor uns, tief im Wald, war ein schwacher Lichtschein zu erkennen. Das musste SIE sein!
„Da müssen wir hin! Schnell!“, meinte ich zu meiner Freundin und wir beschleunigten die Schritte erneut. Ein Schrei ertönte nah hinter mir und als ich mich umdrehte, blickte ich einem Ghoul direkt ins Gesicht, der seine spitzen Zähne bleckte und gerade zum Sprung ansetzte.
„Nein!“, schrie ich und erschaffte mit meiner freien Hand eine Flammenkette, die wie eine Art Barriere Tara und mich von den Dingern trennte. Diese wichen sofort davor zurück. Sie mussten gesehen haben, was mit ihrem Artgenossen passiert war.
„Schnell!“, zischte ich zwischen meinen vor Anstrengungen zusammengebissenen Zähnen hindurch. Tara, die die ganze Szene beim Laufen beobachtet hatte, richtete nun ihren Blick wieder auf das silberne Licht, was immer näher an uns heranzukommen schien, während ich die Ghouls nicht aus den Augen ließ. Es kostete mich viel Kraft, die Flammen aufrecht zu erhalten, doch ich wollte nicht nachgeben. Ich wollte nicht schwach sein! Das erste Mal in meinem Leben hatte ich ein Ziel, dem ich unbedingt nacheifern wollte! Ich hatte mir vorgenommen, dieses geheimnisvolle Mädchen aus meinem Traum zu finden! Ich würde nicht aufgeben, bis ich sie gefunden hatte! Und vor allem würde ich nicht zulassen, dass Tara wegen mir irgendwas passiert! Davon würde auch die Nacht mich nicht abhalten…
Plötzlich verschwanden die Bäume um uns herum und wir standen auf einer Lichtung. Wir hatten es also geschafft. Erschöpft löste ich die Flammen hinter uns auf, kurz bevor meine Beine endgültig wegknickten. Innerhalb weniger Sekunden saß ich auf dem feuchten Waldboden, der von einem silberfarbenen Licht beleuchtet wurde.
„Anoriel!“ Tara, die mir geholfen hatte, mich hinzusetzen, hatte sich nun zu mir herunter gebeugt, ließ dabei aber nicht den Waldrand aus den Augen. Ich spürte, wie unruhig und angespannt sie war. Wahrscheinlich wartete sie auf den Angriff der Ghouls.
„Die werden uns nicht angreifen.“, sagte ich aus voller Überzeugung. Mein Atem ging zu schnell und Schweiß rann mir die Stirn herunter. Doch ich versuchte mit ganzer Kraft, nicht in Ohnmacht zu fallen.
In diesem Moment traten dutzende von Ghouls aus dem Wald. Tara erschrak und wich etwas vor ihnen zurück. Ich blieb einfach sitzen und ein Lächeln erschien auf meinem Gesicht. Manchmal mochte ich es auch, wenn ich Recht hatte.
Die komischen Wesen betraten die Lichtung nicht, sondern gingen nur bis zu einem bestimmten Punkt. Das war das erste Mal, dass ich die Ghouls richtig erkennen konnte. Sie waren ungefähr halb so groß, wie ein normaler Mensch. Ihre Haut war verschrumpelt und schwarz. Ihre katzenartigen Augen leuchteten blutrot. Haare hatten diese Wesen keine mehr. Unzählige Verletzungen bedeckten ihren verkrüppelten Körper. Ihre Gesichter waren wutverzerrt und sie knurrten uns an, sodass ihre spitzen Zähne im hellen Licht gefährlich glänzten.
Doch niemand von ihnen rührte sich. Sie starrten uns einfach nur an.
„Warum… kommen sie nicht näher?“, fragte Tara leise neben mir.
„Weil sie nicht können.“, antwortete ich ihr. „Sie können diese Linie nicht überschreiten.“
Plötzlich jaulte eines der Wesen wütend auf und der Rest stimmte mit ein. Noch einmal warfen sie uns giftige Blicke zu und zogen sich dann in die Schwärze des Waldes zurück. Erleichtert ließ ich meinen Oberkörper nach hinten sinken und starrte in den schwarzen Himmel. Einige Schleierwolken verdeckten die Sterne und den Mond, doch das Licht, was sie uns schenkten, war friedlich und ruhig. Ein wohliges Seufzen kam über meine noch immer lächelnden Lippen. Wir haben es tatsächlich überlebt…
„Anoriel? Bist du ok?“ Taras Gesicht erschien über mir und ich grinste sie an.
„Klar!“, meinte ich nur, und richtete mich wieder auf. Mir war zwar noch immer etwas schwindelig, doch damit würde ich zu recht kommen. Ich wollte in diesem Moment unbedingt unseren ‚Lebensretter’ sehen…
Mühsam rappelte ich mich auf und drehte mich zu dem silbernen Licht um. Tara stand neben mir und blickte ebenfalls auf den unglaublichen Anblick, der sich uns bot.
„Was ist das?“
„Das ist die ‚Quelle der tausend Seelen’.“, gab ich ihr als Antwort. Sie war wunderschön.
Die kreisrunde Quelle war von einer kleinen grauen Mauer umgeben. Das Wasser glänzte silbern im Schein des Mondes. Doch das Besondere an diesem Ort war etwas ganz anderes. Hunderte winzige Lichtkugeln umkreisten das silberne Wasser und erfüllten die ebenfalls runde Lichtung mit einem ungewöhnlichen Licht. Es schien, als würden diese Kugeln zu, einer für Menschen, unhörbaren Musik tanzen.
„Wunderschön.“, hauchte Tara beeindruckt und ich konnte ihr nur zustimmen. Dieser Anblick war einfach unglaublich.
„Was genau ist das hier?“, fragte Tara an mich gewandt. „Und woher weißt du das alles?“ Ich lächelte. Ich wusste, dass diese Frage so schnell kommen würde. Aber ich konnte es ihr nicht verübeln.
„Die ‚Quelle der tausend Seelen’ verdankt ihren Namen diesen kleinen Lichtkugeln. Es heißt nämlich, dass das die Seelen der Verstorbenen sind, die ihre letzte Ruhe noch nicht gefunden haben.“, erklärte ich ihr. Neugierig streckte ich eine Hand nach den Lichtern aus, wovon sich sogar eins annäherte und meine Haut berührte. Es war ein wunderschönes und warmes Gefühl, bis sie wieder davonflog. Doch die Wärme der Seele verschwand trotzdem nicht. Lächelnd ließ ich meine Hand sinken.
„Seelen?“, wiederholte die Blonde neben mir, wobei sie die Quelle nicht aus den Augen ließ. Einige der Lichtkugeln tauchten in das Wasser ein, während andere wieder aus ihm heraus kamen. Es sah aus wie ein Kreislauf, dem die Lichter folgten.
„Ja. Dies ist ein Ort an dem die Menschen für die Verstorbenen beten. Das Dorf, welches wir vorhin gesehen hatten, war der Wächter dieses Ortes. Daher haben sie auch in der Nähe von hier ihre Häuser errichtet.“
„Aber wo sind die ganzen Bewohner jetzt? Es war niemand mehr im Dorf!“, kam es von meiner Freundin. Ich atmete einmal tief durch.
„Wir sind ihnen eben begegnet.“
„Was? Wie meinst du das? Wir haben schon seit Ewigkeiten keine Menschen mehr getroffen!“ In ihrer Stimme hörte ich Verwunderung heraus.
„Keine Menschen, das ist richtig. Sie sind nämlich keine Menschen mehr.“ Meine Stimme wurde immer leiser. Auch ich hatte diese Tatsache noch nicht ganz verarbeitet. Daher wunderte es mich nicht, dass Taras Gesicht plötzlich noch bleicher wurde.
„Du meinst…?!“ Ich nickte.
„Ja. Diese Ghouls waren einmal Menschen. Die Menschen, die das Dorf bewohnt haben.“ Das war einfach zu grausam. Wer konnte so etwas nur tun?
„Wie…?“
„Mir war aufgefallen, dass diese Ghouls sich merkwürdig verhalten haben. Ich habe viele Geschichten über sie gehört und in allen hieß es, dass sie sofort angreifen, wenn sie ihre Beute entdecken. Doch diese Wesen haben uns still beobachtet und waren nicht in der Lage uns zu folgen. Also bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass diese Ghouls noch nicht lange leben konnten. Dafür spricht, dass wir zwar Blut im Dorf gefunden haben, jedoch keine Leichen. Das liegt daran, dass ihre Körper sich nach ihrem Tod verändert haben.“
Stille trat ein. Mein Lächeln war verschwunden und der faszinierende Anblick der umherschwirrenden Seelen war nur noch zweitrangig. Und so erzählte ich einfach weiter.
„Ich habe mich in jeder Stadt, die wir bereist haben, umgehört. Mich faszinierten schon immer die Geschichten der Reisenden, weshalb ich ihnen immer heimlich zuhörte. Einmal erzählte ein alter Mann mit weißem Bart die Geschichte von der ‚Quelle der tausend Seelen’, welche mich sehr fesselte. Ich erfuhr von dem Dorf und das die Quelle hier im Wald sein soll.“ Mein Blick wanderte nach oben, wo die schwarze Spitze eines der Berge hoch in den Himmel ragte. „Ich hätte jedoch nie gedacht, dass ich jemals einem dieser Wesen begegnen würde. Und ich verstehe erst recht nicht, wer dieses Dorf angegriffen hat und warum. Es heißt, dass Menschen nur durch den Biss eines Ghouls selber zu diesen Schattenkreaturen werden können. Doch diese sollten schon seit Jahrhunderten ausgerottet worden sein.“ Ich schüttelte den Kopf. Ich verstand das einfach nicht. Erneut heftete ich meinen Blick auf die umher fliegenden Seelen, die uns in ihrem Tanz umkreisten. „Wahrscheinlich sehen wir die Dorfbewohner gerade vor uns.“, meinte ich gedankenverloren.
„Das ist…“ Tara wollte etwas sagen, doch es kam ihr nicht über die Lippen. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Tränen in ihren Augen glitzerten. Ich atmete einmal tief ein und wieder aus, was aber eher wie ein Seufzen klang.
„Wir sollten noch eine Weile schlafen, ehe wir morgen aufbrechen. Es heißt, dass die verunreinigten Dämonen nicht in die Nähe der heiligen Quelle kommen können. Außerdem erscheinen sie nur in der Nacht, wenn sie sich im Dunkeln verstecken können. Wenn wir Morgen bei Sonnenuntergang aufbrechen und diesen Wald verlassen, sollten die Ghouls uns nicht mehr gefährlich werden.“, erklärte ich weiter und hielt nach einem Schlafplatz Ausschau.
Nicht weit von uns entdeckte ich einige große Felsen, zwischen denen weiches Moos wuchs. Dort könnten wir uns einigermaßen sicher fühlen.
„Komm.“, sagte ich ruhig zu Tara und ging die paar Schritte zu unserem Schlafplatz. Ohne noch ein Lagerfeuer zu machen, legten wir uns unter unsere Decken. Hunger hatte im Moment niemand von uns, weshalb wir nichts kochen brauchten.
„Schlaf etwas.“, murmelte ich leise während ich den blauen Sternenhimmel beobachtete. Der Mond strahlte gespenstisch vom Himmel herab und die Sterne glitzerten silbern. Mir ging so vieles durch den Kopf, doch ich war zu erschöpft, um über alles nachzudenken.
Lange Zeit war nur Taras leises schluchzen zu hören, ehe wir endlich in einen traumlosen Schlaf glitten.
