~*Prologue*~
Hairi wachte auf. Ihre tiefblauen Augen blickten an die weiße Zimmerdecke, die ziemlich verschwommen aussah. Sie richtete sich auf. In ihrem Kopf kribbelte es fürchterlich. "Oh man... was hab ich nur gestern Abend gemacht?!", klagte ihre helle Stimme sich selber an. Sie strich sich die rotbraunen Haare aus dem Gesicht und stand auf. Ihr Blick fiel auf den Wecker, welcher ihr eine Uhrzeit von 12:34 verkündete. Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und trottete aus ihrem Zimmer nach unten. "Morgen Mama", begrüßte Hairi ihre zeitungslesende Mutter. "Hallo, mein Schatz! Wie war es denn gestern noch?" "Sorry, totaler Filmriss..." , entgegnete sie sich reckend und gähnend. "Mir tut alles weh..." "Übertreib es doch nicht immer so mit dem Trinken", tadelte Frau Tatase ihre Tochter. "Vielleicht denk ich nächstes Mal dran! ^^'''" Ihr Blick fiel auf die Pinwand. "AAAAAH! Heute kommt doch das neue Album von Gackt raus! °~° Ich muss unbedingt in die Stadt!!!" So schnell, dass sie fast über ihre eigenen Füße stolperte, rannte sie ins Bad und kam eine Viertelstunde später gestiefelt und gespornt wieder in die Küche zurück. "Bis später, Mama!" "Okay, aber sei um Drei wieder da, ja? Dann müsste das Essen fertig sein!" "Jaja", sagte Hairi nur kurz und verschwand nach draußen.
Suaviel flog zu ihrer Herrin Servarel, die über allen Schutzengeln stand und die Allmacht über diese hatte. Sie war ziemlich aufgeregt, sie hatte nämlich eine mündliche Prüfung hinter sich. Als Schutzengel-Rekrut musste sie viel Theorie lernen, bevor sie auf die Erde durfte, um erfahrenen Schutzengeln bei ihrer Arbeit zu helfen und zu beobachten. Nun wollte sie ihre Ergebnisse in Erfahrung bringen. Sie hatte sich so sehr angestrengt, denn sie wollte so bald wie möglich ihre beste Freundin Lunael begleiten, die schon den 1. Grad erreicht hatte. Servarel schwebte mit sanften Flügelschlägen in der Luft, die langen Beine übereinander geschlagen, die Augenbrauen nachdenklich zusammengezogen. Ihre beiden langen goldenen Zöpfe vereinten alle Gelbtöne in sich und schimmerten fast so, dass man nicht hinsehen konnte. Zweifelsohne war sie sehr hübsch und besaß ein Alter, das sie nicht verriet. Als Hauptengel durfte sie ein Geschlecht annehmen und war somit ein wunderschöne Engel und auch eine attraktive Frau. Suaviel hatte so großen Respekt vor ihr, dass sie Bauchschmerzen bekam. "Servarel-sama?", fragte sie zaghaft und sie blickte von der riesigen Schriftrolle auf, die sie in ihren Händen hielt. Ein warmes Lächeln begrüßte Suaviel herzlich. "Womit kann ich dienen, kleine Rekrutin?", fragte sie und strich ihr kurz über die braunen Locken. "Ähm.. ich... ich wollte fragen, wie meine Prüfung ausgefallen ist..." "Es tut mir sehr leid, aber ich konnte sie noch nicht bewerten. Die Wahl der wieder zu Erde geschickt werdenden Schutzengel beansprucht meine ganze Zeit. Ich möchte dich um etwas Geduld bitten. Auch wirst du vorher noch eine kleinere Anzahl an Prüfungen zu absolvieren haben, dann aber ist dir der Weg geebnet, gemeinsam mit Lunael-san dein Praktikum vollführen zu dürfen." "So ist das...", seufze Suaviel. Sie hatte eine deutliche und verständlichere Antwort erwartet, aber Servarel pflegte eine sehr gehobene Ausdrucksweise zu benutzen. "Auf Wiedersehen, Servarel-sama", sagte Suaviel und wollte gerade umkehren, als sie zurückgerufen wurde. "Ich würde mich freuen, wenn du einen kleinen Botenflug für mich verrichten könntest."
"Lunael?" Suaviel ging zu ihrer Engelsgefährtin. "Ja?" "Servarel muss dich sprechen." Überrascht und gleichzeitig nervös strich sie sich eine ihrer 2 grünen Haarsträhnen und etwas von ihrem blonden Pony hinter das Ohr. "Was möchte sie...?" "Wahrscheinlich hat sie einen neuen Auftrag für dich! Du hattest ja lange genug keinen Menschen mehr." "Meinst du?! Oh man, das wird wohl aufregend!!!" Lunael grinste Suaviel an und machte sich auf zum Hauptengel der Schutzengel. Sie war geschlüpft, um ein Schutzengel zu sein, und sie hatte viel gelernt. Jedoch hatte Fortunael, der Schicksalsengel, bestimmt, ihren Schutzmenschen sterben zu lassen und so war sie seit mehreren Jahren ,arbeitslos' gewesen. Die langweilige Zeit im Himmel war wohl vorbei! Sie wartete an der Lichtung des Schutzes auf ihre Herrin. Schon bald sah sie ihre glänzenden Schwingen in der Luft. Sie landete sanft vor ihrer Dienerin. "Sei gegrüßt, Lunael." "Friede sei mit dir, liebste Servarel! Wieso verlangst du nach mir?" "Nun, einige Schutzengel müssen abgelöst werden. Sie waren zulange auf der Erde und müssen nun wieder zu uns.... du bekommst einen Jungen zugeteilt, dein Partner ein Mädchen. Wo bleibt er denn?" "Wer...?" "Hast du vielleicht Caliduel gesehen?" "CALIDUEL??? Jetzt sag mir bitte nicht, dass mein Gefährte Caliduel sein wird...." Lunael lief es heiß und kalt den Rücken herunter. Caliduel war für seine Frauengeschichten bekannt - und auch für seine Nachlässigkeit. Das hatte sie nicht verdient.. sie, die immer aufrichtig und ordentlich gearbeitet hatte, sollte nun ständig mit diesem Casanova zusammentreffen? "Leider doch... er war so faul und so lange hier oben, dass ich ihn wieder einsetzen MUSS... auch, wenn er unter den Engeln nicht gerade beliebt ist, dieser Frechdachs..." Nachdenklich hob Servarel ihren Daumen unter das Kinn. "Sogar, wenn ich ihn herbestelle, kommt er zu spät! Ich hätte ihm einen bösen Menschen geben sollen..." "Wieso muss man immer mit einem Gefährten auf die Erde?! Ich könnte das sicher auch gut alleine!", maulte Lunael. "Nein, das kann ich nicht verantworten... wenn einem Engel was passiert, muss er sofort in den Himmel zurück, und das kann er nur, wenn ein anderer Engel Bescheid sagt. Das hat dir doch Discel beigebracht, wie allen anderen!", erwiderte Servarel mit verstimmtem Blick. Sie war wohl sauer auf Caliduel... genauso wie fast alle Schutzengelgefährten, sodass sie sogar vergaß, ihre elegante Ausdrucksweise zu benutzen. Er hatte nur Unsinn im Kopf und war nur zu seinen Schützlingen einigermaßen nett, wenn er sich ihnen denn zeigte. "... Ich muss wohl bald mal Gott Bescheid sagen. Wenn er sich noch einmal so was erlaubt, dann platzt mir aber der Kragen! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, um auf ihn zu warten, diesen...." "Ja bitte? Ich würde hergerufen?" Caliduel plumpste auf den Boden neben den beiden Engeln. Sein langer violetter Zopf traf fast Servarels Gesicht. "Wie oft muss man es dir noch sagen?! Du hast sachte zu landen und nicht einfach die Flügel einzuklappen!!!!!!!!!!!!!", regte sie sich auf. Lunael blickte nur Löcher in die Luft. "Ich hoffe, du schützt wenigstens deinen Schutzmenschen vor deinen Streichen... ihr beide müsst nach Japan! Caliduel, du musst auf Hairi Tatase aufpassen... und Lunael, du auf ..." "Das ist eine Frau, oder?? YEAH!!!! Ich hab wieder eine Frau und darf sie wieder beobachten, egal, was auch immer sie macht!!!!!!!" "CALIDUEL! Du weißt, dass du nicht zum Spaß auf der Erde bist...." "Wenigstens passt er so besser auf seinen Schutzmenschen auf... wie heißt denn meiner nun?", fragte Lunael genervt von ihrem ach so tollen Partner. "Norikazu Ikima ist sein Name. So, beeilt euch, die beiden haben gerade keinen Schutzengel, sodass ich mit auf sie aufpasse. Hier, Bilder von ihnen. Und denkt daran... ihr seid Schutzengel, und etwas Anderes dürft ihr nicht tun! Passt immer gut auf sie - und natürlich auch auf euch selbst - auf! Ich wünsche euch alles Gute und viel Spaß auf der Erde! ^-^" Servarel lachte kurz und verschwand dann wieder in der Unendlichkeit. "Na toll... das kann ja heiter werden...", meinte Lunael. "Hier, Siduel hat mir noch was gegeben... so sollen wir uns auf der Erde nennen. Du heißt da Tsukiari Nishima und ich bin Netsuki Kimari... was für blöde Namen!", meckerte Caliduel. "Dann muss ich dich ja wohl jetzt immer so nennen", grinste Lunael. "Ach, sei doch ruhig, lass uns lieber nach unten... Ciao, Himmel!" Er breitete seine Flügel aus. "Hey, warte!!!!!"
Inzwischen war Hairi am Plattengeschäft angekommen. Leider waren auch noch viele andere Fans anwesend und es gab für sie kaum ein Durchkommen. Da fehlte es ihr gerade noch, als ihr jemand seinen Ellenbogen in den Rücken rammte. "Pass doch auf!!", zischte sie böse. Sie schaute sich um und erblickte Norikazu. "Ikima... hätte ich mir auch gleich denken können!! >.<" Er ging mit ihr in eine Klasse und sie kannten sich nicht sonderlich gut, aber Hairi schätzte ihn als etwas arrogant ein. "Vielleicht solltest du einfach mal besser aufpassen!", meinte er schnippisch zurück. "Was machst du denn hier?" "Ich will die neue CD von Gackt kaufen, was denn sonst!" Hairi schenkte ihm einen bösen Blick. "Weeeeeeheeeeeeeeeee, du schnappst mir ein original signiertes Kalenderposter weg!" "Das mache ich mit Vergnügen!", grinste er und schob sich durch die Menschenmenge weiter nach vorn. Hairi verfolgte ihn wacker, aber konnte sich mir ihrem zierlichen Körper nur schwer vorkämpfen.
Caliduel und Lunael landeten inzwischen auf einem Dach. "Das da ist also mein Junge", meinte Lunael, als sie den Jungen mit dem grünen Zopf sichtete. Norikazu stand schon dicht vor dem Eingang. "Und da ist meine Süße!", sabberte Caliduel, dem schon die Augen unter den Ponyfransen leuchteten und zeigte auf ein Mädchen mit langen braunen Haaren, dem 2 dicke Strähnen auf der Schulter lagen, die fast bis zur Brust reichten. Seine aufgezwungene Partnerin gab ihm einen deftigen Schlag auf den Kopf. "Ich würde vorschlagen, dass wir nach unten fliegen und mitmischen! Irgendwie müssen wir den beiden ja helfen, sonst werden sie noch zerquetscht und uns werden die Flügel entfernt!" Caliduel, der sich noch den Kopf rieb, wurde unerwarteterweise von Lunael mit nach unten gerissen und konnte gerade noch rechtzeitig seine Flügel in Bewegung setzen, Auf dem Boden angekommen zerstoben sie nur für Engel sichtbar in viele kleine Federn. "Dumme Kuh, ich hätte sterben können!!!!" "Du hast doch einen Schutzengel!", grinste Lunael frech. "Sei lieber ruhig, uns kann jetzt jeder sehen, NETSUKI!" "Ich weiß, TSUKIARI... zum Glück steht der Junge weiter vorne und ich muss dich nicht die ganze Zeit ertragen!!!"
Der erste Arbeitstag hatte begonnen!
Do you have a secret? I see it in your eyes, you have... please tell it to me if you need somebody you can talk to.
Ich habe mich entschieden, den Kapiteln lange Titel zu geben, aber ich sage nicht, wer gerade spricht. Das schwankt von Kapitel zu Kapitel und ihr solltet es selbst herausfinden -^^-.
Das 1. Kapitel ist hauptsächlich dazu da, euch die Charas nahezubringen. Ich denke, ihr wisst dann, wen ihr mögt und wen nicht... vielleicht findet ihr ja sogar jemanden, den ihr sehr gut leiden könnt. ^^ Meine Charas unterscheiden sich alle sehr, also macht euch selber ein Bild darüber.
Es werden schon Grundsteine für spätere Situationen und Konflikte gelegt, also bitte überfliegt nicht. Ich hoffe, ihr habt Freude am 1. Kapitel von "Feathers From The Sky".
In ihrer materialisierten Form drängten sich die Engel mit in den Pulk. "Ich helfe mal der Kleinen, sonst passiert noch was", meinte Caliduel und arbeitete sich ein Stück vor, bis er zwischen Hairi und einem anderen Mädchen stand. Mit einem verbissenen Gesichtsausdruck versuchte sie, weiter nach vorn zu kommen. "Kann ich dir helfen?", fragte er sie. "Ah, ein starker Mann!", grinste Hairi, "Ja, eigentlich schon, ich will nämlich vor dem da im Laden sein!" Sie zeigte auf Norikazu. "Lass mich das erledigen!" Caliduel zwinkerte ihr zu und nahm sie an der Hand. "Komm, wir gehen nach vorne!" "Danke!", erwiderte Hairi.
Lunael war schlauer, sie ging von außen um die Menschenmasse rum und musste sich jetzt nur noch durch die oberste Reihe bis zu Norikazu durchquetschen. Leider kam ihr eine Mitarbeiterin in die Quere, die die Tür endlich öffnete. Sie seufzte und dematerialisierte sich kurz, um dann in einer Ecke des Ladens wieder aufzutauchen und so zu tun, als hätte sie auch in der Menge gestanden. Schnell eilte sie zu ihrem Schützling. Aber sie befand es für besser, noch keinen kommunikativen Kontakt zu ihm aufzunehmen. Sekundenbruchteile später tauchte Caliduel mit Hairi an der Hand zwischen Lunael und Norikazu auf. "HAHAAA! Ich werde das Poster auf jeden Fall bekommen!" Sie blinkte Norikazu an und schnappte sich eine der limitierten Ausgaben der CD. "Danke noch mal!", sagte sie zu Caliduel und verkrampfte ihre Arme um das wertvolle Sammlerstück, "ich muss das jetzt schnell bezahlen!" "Ich komm lieber mit, sonst passiert dir noch was", meinte Caliduel. Norikazu hatte sich inzwischen kommentarlos ebenfalls eine Sonderausgabe gekrallt. Lunael kaufte sich einfach irgendeine CD und reihte sich in die Schlange vor der Kasse genau hinter ihm ein. "Ohhh! Äh... Gackt! Eine schöne CD!", grinste sie ihn an. "Natürlich, sonst hätte ich sie mir ja nicht gekauft!" Hairi lugte hinter Lunaels Rücken hervor. "Warum eigentlich Gackt? Du siehst nicht wie ein typischer Fan von ihm aus, dafür bist du etwas platt im Brustbereich!" Norikazu stierte sie mit seinen braunen Augen an. "Mir gefällt seine Musik nun mal, ist das so schlimm??" "Natürlich nicht...^^''" Hairi schwieg und bezahlte die CD. Vor dem Geschäft stieg sie auf ihr Fahrrad und begab sich auf den Nachhauseweg, Caliduel in entmaterialisierter Form direkt hinter ihr. "Blöde Baustelle!", seufzte sie und wechselte die Fahrbahnseite in die Gegenrichtung, da die andere nicht zu befahren war. Sie war in Gedanken versunken. Norikazu hatte sie eben total verwirrt, vor allem damit, dass er Gackt hörte und dass er sie eben mit seinen Augen so angeschaut hatte. Ihr Gesicht wurde heiß und sie schaute nicht nach vorn. Caliduel sah einen Fahrer in entgegengesetzter Richtung ankommen und fasste ihr unter den Kopf, um ihn nach oben zu heben. "Uwaaahh!" Sie konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen, bevor sie ihm frontal reingefahren wäre. Sie hielt an, ihr Herz klopfte wie wild. Caliduel lachte in sich hinein, er freute sich, ihr schon geholfen zu haben. Den Rest des Weges schob Hairi ihr Fahrrad...
Zu Hause legte Hairi die CD in den Player und ließ die Musik auf sich wirken. Sie hatte das ihr viel geneidete Talent, die Musik geradezu in sich aufzusaugen und den Text nach maximal 3 Mal hören mitsingen zu können. Sie summte die Melodie und nahm ein in rosa und blau eingeschlagenes Notizbuch aus ihrem Schreibtisch. Natürlich sah sie nicht, dass Caliduel auf eben diesem saß... neugierig beobachtete er ihre Taten. Die ersten paar Tage versuchte er sich immer erst einmal an den Menschen zu gewöhnen. Hairi knabberte an ihrem Kugelschreiber und schlug das Buch dann auf. Der Engel bekam ein schlechtes Gewissen und schaute weg, als er sah, dass es sich um ein Tagebuch handelte... Plötzlich erschien Lunael neben ihm. "Was machst du denn hier?", fragte er. Sie zuckte mit den Schultern. "Ich wollte etwas Gesellschaft haben, mir ist es zu langweilig alleine! Was macht sie denn?" "Tagebuch schreiben", antwortete Caliduel. "Ist schon blöd, nur auf der 3. Stufe zu sein, oder? Den ganzen Tag bei seinem Menschen bleiben zu müssen... ich kann mich auch noch dran erinnern. Ein Glück, dass ich das nicht mehr zu machen brauche...oh.." Lunael löste sich wieder auf und Caliduel seufzte. Sie hatte eigentlich recht, denn Schutzengel 1. Grades mussten nicht den ganzen Tag mit ihrem Menschen zubringen, sie konnten sich auch frei bewegen und hatten dabei sozusagen ein paralleles Gespür für ihren Menschen und wussten genau, wann ihm zu helfen war. So wie Lunael eben verschwunden war, schien es so gewesen zu sein. Sie kam wieder zurück. "Und, was war?" "Ich musste ihn davor bewahren, die Steckdose zu benutzen... war defekt.." Caliduel nickte leicht. Hairi drehte sich plötzlich ruckartig zur Seite und die beiden Engel erschraken. Sie beobachteten, wie sie zum offenen Fenster ging, das Lunael auch benutzt hatte, und eine weiße Feder aufhob. "Wie kommt die denn hierhin?", fragte sie sich und zog eine große, in blauen Samt eingeschlagene Kiste unterm Bett hervor. Behutsam wurde diese geöffnet und die Feder hineingelegt. "Sie scheint einen Tick zu haben: Federn sammeln!", meinte Lunael. "Wie langweilig..." "Ich glaub', ich hab sie verloren", sagte sie dann. "Das Fenster war etwas klein."
Der Sonntag ging ohne besondere Vorkommnisse vorüber. Lunael stattete ihrem Kollegen des öfteren Besuche ab oder traf andere Schutzengel des 1. Grades, um sich auszutauschen.
Sie konnten feststellen, dass Hairi wirklich einen kleinen Tick mit den Federn hatte, denn sie hob jede noch so Kleine auf, die sie fand. Norikazu hingegen dröhnte sich den halben Tag die Ohren mit Musik voll, um danach Texte aufzuschreiben.
Am Montag hörte Hairi schon von draußen Musik, als sie zur Schule ging. Dabei konnte es sich nur um "Garish Confusion", die Schulband, handeln. Sie spielten in der Eingangshalle und ein paar Schüler sahen Yukihiro, Kazuya, Atsushi, Yoshio und Norikazu zu. Norikazu spielte die 1. E-Gitarre und schien ganz darin versunken zu sein. Er blickte dabei kurz auf und sah zufällig Hairi an, die wegschaute und schnellen Schrittes die Treppe hochging. Lunael, die hinter der Band saß, sah belustigt Caliduel ebenfalls hochsprinten. Hoffentlich erinnerte er sich daran, Hairi anzusprechen und zu fragen, wo das Sekretariat sei, denn die beiden Engel mussten sich auch auf derselben Schule anmelden und heute sollte der Tag sein. Sie wollten sich später vor dem Sekretariat treffen, Caliduel sollte mit Hairi kommen und Lunael mit Norikazu.
Der Junge hängte sich seine E-Gitarre an dem Umhängegurt an. "Für jetzt reicht's, die Stunde fängt gleich an", meinte er zu seinen Kollegen. Kazuya ließ die Drumsticks fallen und Yoshio setzte die Bassgitarre ab. "Okay. Treffen wir uns nach der Schule dann wieder? Schließlich müssen wir übermorgen auf dem Schulfest spielen." "Yup!", meinte Norikazu und winkte den Jungs im Weggehen noch mal zu. Er ging ebenfalls die Treppe hinauf. Lunael materialisierte sich und wartete oben an der letzten Stufe auf ihn. Sie stellte sich verwirrt und schaute in alle Richtungen, was dem Jungen auffiel. "Kann ich helfen?", fragte er. Sie drehte sich um. "Oh, der Junge aus dem Plattengeschäft! Gut, dass ich dich treffe... ich muss mich anmelden und finde das Sekretariat nicht..." "Es ist dort, die Treppe runter und dann..." "Könntest du mich nicht begleiten? Ich bin so schusselig..." Sie lächelte ihn an und Norikazu seufzte. "Na gut, dann hab ich wenigstens ne Entschuldigung für's Zuspätkommen!" Er ging vor und Lunael folgte ihm. Sie hörte etwas weiter hinter sich die Stimmen von ,Tsukiari' und Hairi. Sie drehte sich um und sie spielten das durch, was sie sich ausgedacht hatten. "Ach, Netsuki! Sorry, dass ich dich vorhin verloren hatte!" Norikazu stoppte und drehte sich um. Sein Blick verdüsterte sich etwas, als er Hairi sah, die Lunael anlächelte "Ihr kennt euch?", fragte das braunhaarige Mädchen überrascht. "Ja, wir wohnen auch zusammen, aber irgendwie scheinen wir uns verlaufen und verloren zu haben ^^°. Das ist Tsukiari Nishima!", erwiderte Lunael. "Na dann lasst uns mal gehen!", meinte Norikazu und setzte seinen Weg fort. Lunael nickte und sie folgten ihm. "Wie unhöflich, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe...", sagte sie im Laufen, "mein Name ist Netsuki Kimari!" "Norikazu Ikima.." "Hairi Tatase!", smilte sie und Lunael lächelte zurück. Norikazu wollte so schnell wie möglich mit Hairi über den vorigen Tag sprechen, deswegen blieb er auch bei der Gruppe. Tsukiari war ihm nicht ganz koscher. Am Sekretariat angekommen gingen die beiden Schutzengel hinein. "Kannst du mitkommen? Vielleicht kannst du uns ja irgendwie behilflich sein!", fragte Caliduel das Mädchen und Norikazu verdrehte die Augen. Er hatte mit seiner 1. Vermutung recht gehabt: Tsukiari war wohl ein Schönling und Casanova zugleich... richtig zum Hassen. Der Engel fand es ebenso blöd, aber was sollte er machen? Er konnte seinen Schützling nicht alleine lassen! "Klar!", meinte Hairi freundlich wie immer und folgte den beiden in das Zimmer. Norikazu ging weg, sobald sich die Tür geschlossen hatte, da er nun keine Chance mehr hatte, mit Hairi zu reden, ohne Unterricht zu versäumen. Außerdem konnte er die Nähe dieses neuen Kerls nicht ertragen...
Er setzte sich auf seinen Platz und stierte an die Tafel, die Lehrerin war noch nicht anwesend. Nicht auszudenken, wie die anderen über ihn denken würden, wenn sie erfuhren, dass er ein Fan von Gackt war... wohlmöglich würden sie ihn noch für schwul halten! Er wusste nicht, wie er Hairi einzuschätzen hatte, da er sie bis jetzt nie wirklich beachtet hatte... Als Hairi mit den beiden Neuen in den Klassenraum kam, schaute er sie automatisch an. Etwas geschockt, weil sie ebenfalls in seine Richtung gesehen hatte, setzte sie sich so schnell wie möglich auf ihren Platz. Sie hatte Angst, dass Norikazu ihr seit gestern irgendwas wollte, aber was?? Lunael und Caliduel bekamen nur noch Tische in der letzten Reihe, aber da es die Reihe hinter ihren beiden Menschen war, machte es ihnen wenig aus. Hairi, die jeden Blickkontakt mit Norikazus komischen Augen vermeiden wollte, nahm ihren Ordner aus der Tasche und begann, auf einem Blatt rumzukritzeln, während sich auf der Stirn des Jungen tiefe Denkfalten bildeten. Lunael und Caliduel sahen sich verwundert an. Er warf Hairi ein kleines Papierbällchen gegen den Kopf. "Hey, was soll das?", fragte Hairi etwas verzögert, weil sie zu sehr in Gedanken versunken gewesen war. "Kann ich dich was fragen?" "Ja, klar... was denn?" Sie lehnte sich nach hinten und er sich zusätzlich noch ein Stück vor und wollte ihr gerade was ins Ohr flüstern, als Lunael "zufällig" an seinen Stuhl gestoßen war und er zur Seite fiel. "Oh! Tut mir wirklich leid, aber die Frau Lehrerin ist gerade reingekommen, Tsukiari!" Sie grinste triumphierend und Norikazu schüttelte nur den Kopf. Während die beiden Neuen nach vorne gingen, tuschelte die Klasse. In diesen Flüstereien handelte es sich hauptsächlich um Caliduels gutes Aussehen und Lunaels Eleganz. Sie wurden vorgestellt und mussten dann etwas über sich erzählen. Sie tischten der Klasse die Geschichte auf, dass sie seit Ewigkeiten befreundet seien und zusammen in die Großstadt gezogen seien, um dort eine bessere Schulausbildung zu bekommen. Die Geschichte missfiel zwar den beiden, weil sie ja nur zwangsweise zusammenarbeiteten, aber sie wirkte.
Als die Pausenglocke schellte, machte sich Hairi sofort auf, um nach draußen zu kommen, weil sie immer noch Angst vor Norikazu hatte und der Besagte eilte ihr auch sofort hinterher. Lunael lachte sich ins Fäustchen, denn Caliduel lief ganz schnell hinterher, um die Kontrolle über das Mädchen zu behalten, während sie selbst langsam ins Freie schlendern konnte. Caliduel hatte sich für Menschenaugen unsichtbar gemacht und Lunael sah, dass er hinter Hairi stand, die sich auf eine Bank gesetzt hatte. Bald schon tauchte Norikazu vor ihr auf und ihr fielen vor Schreck die Essstäbchen aus der Hand. "W-Was willst du?" Sie klaubte die Stäbchen aus dem Dreck und schloss ihre Lunchbox, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen. "Ich muss was mit dir besprechen!" Hairis Gesicht war ein einziges Fragezeichen. "Kommst du eben mit ... nach dort?" Er zeigte in die dunkelste und abgelegenste Ecke des Schulhofes und Hairi schluckte. "Was willst du von mir?? Du machst mir Angst!" Norikazu musste kurz lachen. "Du brauchst keine Angst zu haben. Ich muss nur mit dir reden, wegen gestern.. Ich bin es eher, der Angst hat! Komm!" Hairi nahm ihre Dose unter den Arm und folgte ihm. Als sie in der Ecke standen, wurde Norikazu etwas rot. "Ich kenn dich zwar kaum und weiß auch nicht, ob es dich interessiert... aber ich fände es nett, wenn du ein Geheimnis behalten würdest!" Hairi zog die Augenbrauen zusammen. "Willst du mich verarschen? Ich weiß doch gar nichts von dir!" "Doch!! Du weißt was von dem Geheimnis, dass ich bereits seit Jahren hüte...!" Hairi schüttelte den Kopf und schaute ihn fragend an. "Die Sache mit Gackt... davon darf keiner was erfahren, hörst du? Die in der Band halten mich alle für den harten Nori-kun mit der E-Gitarre und nicht für den nachdenklichen Nori-kun, der gerne Gackt hört..." Hairi brach in schallendes Gelächter aus und Norikazu fühlte sich vor den Kopf gestoßen. "Lach nicht!!!" "Sorry.. das ist einfach zu komisch! Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht gedacht, dass du seine Musik magst, aber dass du darum so ein Geheimnis machst, ist total lustig! Klar kann ich das für mich behalten!" Hairi musste immer noch ihr Lachen unterdrücken und hielt sich den Bauch. "Danke, dass du mir soviel Respekt zollst!", sagte er mit einem verärgerten Gesichtsausdruck und wollte schon wieder gehen, aber Hairi bekam gerade noch sein Handgelenk zu fassen. "Äh.." Hairi ließ es schnell wieder los. "Tut mir leid, wenn du dich jetzt von mir etwas... ausgelacht fühlst, aber so meine ich das nicht, ehrlich. Es war nur im ersten Moment etwas lustig, aber ich akzeptiere es natürlich, dass ich es für mich behalten soll. Außerdem mag ich Gackt ebenfalls und kann deine Vorliebe gut nachempfinden." "Danke", erwiderte Norikazu kurz und ging dann. Hairi stand etwas betreten da, eine bessere Reaktion hätte sie schon erwartet. Plötzlich begann ihre Aura neongrün zu leuchten, ein Signal für Caliduel, der sich sofort sorgend umschaute. Dann sah er ein lockeres Stück Regenrinne und ließ es schnell in die andere Richtung abfallen. Es klingelte wieder, und Hairi ging ins Schulgebäude zurück.
Nach der Schule wartete sie auf Caliduel und Lunael. "Darf ich euch fragen, wo ihr wohnt? Und wenn ihr Fragen habt wegen der Schule oder so, dann wendet euch an mich!" "Äh... wir wohnen hier nicht in der Nähe und müssen die Bahn nehmen! Du auch?", fragte Lunael. Die beiden hatten natürlich gar keine Wohnung. "Nein, ich wohne hier ganz in der Nähe! Ich lebe mit meiner Mutter zusammen!" Die Drei verließen das Gebäude und kamen in die Sonne. Die Engel fühlten sich sofort besser. "Mögt ihr die Sonne?", fragte Hairi, weil Lunael und Caliduel sofort zu lächeln anfingen, als sie rausgingen, da sie ihre Energie ja vom Sonnenlicht bezogen. "Ja! Wir waren mal einige Jahre in Australien, nich' wahr?" Lunael stieß ihren Kollegen an. "Ja! Da war es immer voll warm und schön, deswegen erinnern wir uns gerne daran!" Hairi lächelte. "Ihr seid echt nett! Wir könnten uns ja mal treffen, wenn ihr Lust habt!" "Dann kannst du uns ja auch deine Freunde vorstellen!", meinte Lunael. Der Gesichtsausdruck des Mädchens wechselte von entspannt nach betrübt. "Ich habe keine Freunde..." "Warum das denn nicht?", fragte Caliduel, in Gedanken betrachtete er sie schon als gefundenes Fressen. Er brauchte einfach immer eine Bestätigung seiner Wirkung auf Frauen, etwas, dass Lunael an ihm hasste. Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, den er ignorierte. "Ich bin zu... anders.." "Warum, hast du ganz andere Hobbys als die anderen?", fragte er weiter. "Ja, das auch. Ich interessiere mich sehr für Engel! Ich kann mich diesem Hobby ganz widmen, aber dadurch wirke ich auf die anderen komisch." Lunael nickte betreten. Ihr tat das Mädchen leid. Sie empfand Hairi als eine sehr nette und warmherzige Person. "Oh!", machte sie plötzlich, "ich muss hier abbiegen! Man sieht sich in der Schule!" "Bis morgen!", erwiderte der blonde Engel. Caliduel wiederholte den Abschiedsgruß und wandte sich dann Lunael zu. "Man sieht sich!" Sie nickte und an einer unbeobachteten Stelle entmaterialisierten sie sich.
Lunael setzte sich auf einen Ast, der von der Sonne großzügig beschienen wurde. Ihr ging das Mädchen nicht aus dem Kopf, als sie plötzlich eine Warnung bekam: Norikazu war in Gefahr! Schnell löste sie sich auf, um direkt über ihm wieder zu erscheinen. Er ging mit seinen Freunden von "Garish Confusion" an der Straße entlang. "Wenn alles klappt, gewinnen wir in 3 Monaten!", meinte Kazuya zu seinem Freund und band sich seine dünnen, langen schwarzen Haare zu einem Zopf. Der Schülerbandwettbewerb ging den Jungs nicht mehr aus dem Kopf. "Ja, klar, aber uns fehlt noch irgendwas. Aber ich weiß nicht, was es sein könnte!", meinte Norikazu. "Was ist es?", fragte Yoshio, "Spuck's aus!" Da passierte es: er wollte seinen Freund mit einem Stoß in die Seite zum Reden bringen, aber Norikazu, der nicht darauf vorbereitet war, kippte zur Seite! Lunael war schnell zur Stelle und fuhr in die Gedanken des Jungen: er realisierte die Lage blitzschnell und fing sich, bevor er auf die Straße fallen konnte. "Spinnst du?? Wenn ich fehle, wird es eh nichts mit uns!", fuhr er Yoshio forsch an. "Sorry.. aber ich kann ja nicht wissen, dass du gerade überhaupt nicht bei der Sache bist!", entschuldigte sich der blondhaarige Drummer. Verlegen fummelte er an seinem Stirnband rum, das fast lose in seinen gebleichten Haaren hing. "Ach, lass mich in Ruhe! Ich muss eh hier weg!" Lunael wunderte sich, wie die Jungen, über sein Verhalten. Norikazu war nicht leicht zu durchschauen, sie musste ihn noch viel besser kennenlernen.
Tags darauf wurden Lunael und Caliduel mitten im Unterricht zur Klassenlehrerin gerufen. Sofort erfüllten sie ihre Pflicht. Die nette Frau wartete im Lehrerzimmer und lächelte, als sie eintraten. "Wie geht es euch?", fragte sie. "Sehr gut!", lächelte Lunael zurück. "Worum geht es denn?" "Ich wollte euch fragen, welche AGs ihr besuchen wollt. Viele Schüler nehmen welche, außerdem kann man dadurch die Bande zu den Schülern und Lehrern mehr festigen. "Welche stehen denn zur Auswahl?", fragte Caliduel und bekam eine Liste hingelegt. Neugierig begann auch Lunael, sie zu studieren. "Das sind ja viele! Ich glaube, das muss ich mir noch mal überlegen", meinte sie und sah Caliduel eindringlich an, um ihn daran zu erinnern, dass er dieselben AGs wie Hairi belegen musste. "Ich auch", meinte er daraufhin. Die Lehrerin lächelte wieder. "Ist in Ordnung, die Entscheidung ist ja auch nicht gerade einfach! Nehmt die Liste einfach mit!" "Das ist wohl die beste Lösung!", meinte Lunael. "Wir müssen dann auch wohl wieder in den Unterricht!", sagte Caliduel und sie verbeugten sich. Dann verließen sie den Raum. "Weißt du, was Hairi hat?", fragte er seine Kollegin sofort. "Nee, keine Ahnung, vielleicht Chor? Norikazu ist ja auf jeden Fall in der Schulband..."
"Was war denn los, Tsukiari?", fragte Hairi nach der Stunde und steckte ihren Ordner in die Tasche. "Wir müssen AGs wählen und haben dafür nen Zettel bekommen", antwortete er. "Ach so! Welche hast du denn vor, zu nehmen? Ich habe Philosophie und Chor!" "Genau das wollte ich auch nehmen!", erwiderte er schnippisch und zwinkerte ihr zu. "Echt? Vielleicht haben wir noch mehr gemeinsam, das ist toll!" Sie strahlte ihn an. "Vielleicht bist du ja auch .. ,anders'!" Er zuckte mit den Schultern und lächelte sie an. "Möchtest du mir noch mehr über dich erzählen?", fragte Hairi dann. "Wenn du das wirklich hören willst..." Die beiden verließen den Klassenraum und wollten wohl in die Mensa. Lunael war ein bisschen neidisch, weil Hairi und Caliduel sich gut zu verstehen schienen und sie Norikazu nur durch das Beschützen kannte. Sie beschloss, es zu ändern und packte ihn von hinten an der Schulter. Verdutzt drehte er sich um. "Tachchen!", smilte sie. "Ja, auch so...", meinte er verdattert, "womit habe ich den freundlichen Gruß verdient?" "Also, ich..." Lunael versuchte, sich schnell was einfallen zu lassen, "Ich hab gehört, dass du in der Schulband spielst und ich hab ja auch deine Gitarre gesehen! Tolles Teil!!!" "Ich weiß, ich liebe sie über alles! Sie ist mein ganzer Stolz, ich hab damals total lange für sie gespart..." Norikazu begann ausholend über seine Gitarre zu berichten. Sie setzten sich nebeneinander auf den Tisch. Lunael nickte ab und zu mit einem Lächeln auf dem Gesicht, ohne richtig zu peilen, was er da über verschiedene Verstärker und Griffe zu berichten wusste. "Und was magst du sehr?", fragte er dann. "Dich! ^-^", sagte sie frei heraus. "Was?!" "Du hast ein gutes Herz, du kannst deine ganze Energie deiner Gitarre widmen. Ich mag Menschen wie dich. Du hast noch Träume!" Lunael wollte einen Eindruck bei Norikazu hinterlassen, damit sie sich öfter unterhalten konnten. "Hast du eigentlich ein Geheimnis? Etwas, was du keinem erzählen willst?", fragte sie. Norikazus Augen leuchteten. "Ja, warum?" "Ach... nur so! ^-^" "Du bist echt nett", meinte er dann, "Irgendwie kann man sich in dieser Klasse mit keinem unterhalten." "Hast du es schon mal mit Hairi versucht? Sie hat dasselbe Problem wie du. Aber Tsukiari und sie scheinen sich gut zu verstehen.", sagte sie. Irgendwie wollte sie Hairi helfen, aus der Versenkung zu kommen. "Ich weiß nicht. Vielleicht sollte ich wirklich öfter mit Hairi reden." Er schaute herunter auf seine Beine und dann auf Lunaels Beine. Sie hatte angefangen, sie hin und her zu schwingen. "Hast du eigentlich auch ein Geheimnis, was keiner wissen soll?", fragte er dann. Ihre Beine hörten auf zu schwingen. Sie sprang vom Tisch und er sah wieder auf. "Allerdings", erwiderte sie und schaute ihn kurz an. In ihren Augen war ein merkwürdiges Flackern zu sehen, das er nicht deuten konnte. "Warte kurz!", sagte er und sie blieb stehen. Lunael war schon auf dem Weg zu ihrem Tisch gewesen. "Was denn?" "Wie ist eigentlich Tsukiari so?" Sie zuckte mit den Schultern. Sie konnte Norikazu nicht die Wahrheit sagen, nämlich, dass sie Caliduel für den größten Aufreißer, Macho und Flegel der Engelswelt hielt. Stattdessen zog sie eine Grimasse. "Er ist mal so, mal so...", meinte sie. "Wie soll ich das verstehen?" "Das kann man nicht erklären... warum denn, magst du ihn nicht?" "Nein.", sagte er sofort mit strengem Blick. Sie nickte. "Hab ich schon gemerkt. Ich spüre es, wenn 2 Menschen sich nicht mögen." Dann lächelte sie. "Bei Hairi und dir spüre ich das nicht. Vielleicht solltet ihr euch mal treffen!" Er zuckte mit den Schultern. "Ja, vielleicht." Die Schelle unterbrach das Gespräch, und Caliduel kam mit Hairi zurück. "War nett, mit dir zu reden!", meinte Norikazu und setzte sich hin. Caliduel pflanzte sich neben Lunael an seinen Tisch. "Na, habt ihr geplaudert?" "Ja, aber bestimmt unverbindlicher als Hairi und du", meinte sie anteilnahmslos. Sie würde es irgendwie lieber sehen, wenn Hairi und Norikazu zusammen weggehen würden und nicht der Macho und sie. "Ich treffe mich heute Nachmittag mit ihr und ich gebe ihr Mathenachhilfe!" Er grinste schelmisch. Lunael beugte sich zu ihm rüber, um ihm ins Ohr zu flüstern: "Sei bloß froh, dass du kein Mensch bist, ansonsten würdest du das eh nicht können!" Sie kicherte in sich rein und er schenkte ihr einen bösen Blick. "Ha, ha!", meinte er abwertend und sie streckte ihm die Zunge raus. Dann kam auch schon die Lehrerin.
Nach dem Unterricht packte Hairi ihre Sachen schnell zusammen und stürmte aus der Klasse, Norikazu hinterher. "Ich pack schon für dich ein...", seufzte Lunael, sodass Caliduel seinem Schützling schnell folgen konnte. Er sah Norikazu neben ihr hergehen und reden. Der Junge nickte und schlug dann eine andere Richtung ein. Caliduel beschleunigte seinen Schritt und sprach sie an. "Was wollte der denn?" Verdutzt schaute Hairi zu ihm. Sie hatte nicht erwartet, dass ,Tsukiari' ihr folgen würde. "Er hat mich gefragt, ob ich dir sein Geheimnis erzählt habe. Aber das hab ich ja nicht gemacht", antwortete sie. "Oh... ein richtiges Geheimnis?" Hairi kicherte. "Eher weniger, aber vielleicht erzählst du mir ja heute Nachmittag deins?" Sie waren inzwischen an den Fahrradständern angekommen. "Ich muss jetzt in die Kirche", sagte sie und stellte ihren Rucksack in den Fahrradkorb, "Ich singe dort im Chor!" "Kann ich mitkommen?", fragte er, "Ich mag Kirchen sehr gerne und kenne hier noch nicht so viele. Singen mag ich auch!" Sie hielt inne und seufzte. "Tut mir leid, ich muss mich beeilen, sonst komme ich zu spät! Ich muss mich nämlich vor dem Singen noch umziehen, ich mag die Schuluniform nicht. Du kannst aber gerne nachkommen. Die Kirche ist nur ein paar Straßen weiter, mit vielen Engelbildern in den Fenstern!" Sie lächelte ihn an und stieg dann auf. "Bis gleich!" "Ja, bis gleich..."
Lunael "verfolgte" inzwischen unsichtbarerweise ihren Schützling. Er traf sich gerade mit seinen Bandkollegen und sie probten. Atsushi höre plötzlich auf, in die Tasten zu hauen.. "Kumpels, so geht das nicht weiter... und fehlt was in der Band!" Die anderen hörten ebenfalls auf, zu spielen. "Was denn, deiner Meinung nach?", fragte Kazuya säuerlich und knallte die Sticks hin, "Du bist immer so perfektionistisch, das nervt!" "Ruhe, Jungs", versuchte Yukihiro zu schlichten. Kazuya schaute Norikazu an. "Nori-kun ist zwar ein guter Sänger, aber es reicht nicht. Ich finde, wir brauchen noch ein Mädchen, das mit ihm singt!", meinte Atsushi. "Hast du nen Schaden??? Dir ist wohl dein Gel ins Gehirn gelaufen!" Yoshio mischte sich nun auch noch in das Gespräch ein. "Nori-kun ist das beste, was wir haben können! Außerdem ist er der Leader, du kannst ihn doch nicht so kritisieren!" "Unterwürfiges Pack", nuschelte Atsushi. "Ruhig Blut, Leute. Vielleicht hat er ja Recht, wir können es ja mal probieren und einen Aushang machen. Ich habe ja auch das Gefühl, als würde uns noch etwas fehlen." Erstaunt schauten alle Norikazu an. "Sehr ihr, er hat Ahnung", grinste Atsushi. "Und an wen denkst du so?", fragte Yukihiro. Der grünhaarige Junge zuckte mit den Schultern. "Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Aber vielleicht meldet sich ja eine gute Sängerin!" Es herrschte betretenes Schweigen, weil keiner etwas zu sagen wusste. Da hörten sie jemanden singen. Die Band schaute zur Glastür und Lunael trat ein, der Gesang kam näher. Die Jungs schauten sich an. "Hallo, Boys! Was macht die Kunst?" "Was machst du hier?", fragte Norikazu baff. "Wer is'n das? Sieht nich schlecht aus!", ließ Kazuya verlauten. Lunael grinste. "Ich bin neu hier, Netsuki Kimari!" Sie reichte dem Drummer die Hand und er schüttelte sie. "Sind die schön warm!", grinste er sie über seine Sonnenbrille hinweg an. "Danke. Ich hab von euch gehört und wollte mal erfahren, ob ihr wirklich so gut seid! Eure Musik gefällt mir! ^^" Sie erntete begeisterte Gesichter von den anderen Bandmitgliedern. "Du bist schon mal eine heiße Anwärterin, Norikazus Gesangspartnerin zu werden!", meinte Atsushi dann. "Wie wär's, wenn wir mal ein Stück just for fun zusammen spielen?" Er kramte in seiner Tasche und reichte Lunael ein verknittertes Blatt. Verlegen kratzte er sich am Kinn. "Sorry, ist schon etwas mitgenommen, aber den Text kann man noch lesen, oder?" "Ah, natürlich! Danke!" Sie schaute Norikazu an. "Bist du überhaupt einverstanden?" "Klar!", smilte er und reichte Lunael die Hand, damit sie auf die Erhöhung der Bühne steigen konnte. "Bist du bereit? Am besten spielen wir das Stück einmal und dann singen wir zusammen, okay?" Lunael nickte. Sie spürte positive Schwingungen zwischen sich und ihm, was sie glücklich machte. Selig lächelnd beobachtete sie ihn beim Spielen.
"I was walking at the seashore
Nothing in my mind
But then I saw the sun go down
And my thoughts went back to you
And to brown-colored leaves in the starry autumn sky
They always remind me of our heartbreaking good-bye
If only we could meet again
I'd die to see your smile
To feel your arms wrapped around my neck
In a soft summer night....
Now I'm sitting at the seashore
Staring at the sun
I never felt so lonely like I'm feeling now
The last summer was like heaven fallen from the sky
What else can I do if not thinking about you..
Even if it hurts so bad...
I'd die to see your smile
To feel your arms wrapped around my neck
In a soft summer night...."
Die Jungs klatschten für ihre Sänger. "War das toll!", meinte Atsushi begeistert, "Auch, wenn ich diese Schnulze eigentlich hasse!" Lunael lachte. "Dankeschön! Ihr seid echt eine tolle Band, ihr könnt schnelle und langsame Lieder gut spielen! Aber ich finde, das Lied hat als Duett viel mehr Ausdruck." Sie schaute Norikazu an. "Du auch?" "Ja", er lächelte, sah aber auch traurig aus. "Hast du das Lied geschrieben?", fragte sie dann. Er nickte. "Warum?" Sie zog die Augenbrauen zusammen. Er seufzte. "Ich hab es letzten Sommer geschrieben, als ich mich allein gefühlt habe." Er streifte die Gitarre ab und legte sie in den Koffer. "Ich hatte nur meine Gitarre. Aber seit kurzer Zeit fühle ich mich wieder besser." Sie nickte verständnisvoll. ,Vielleicht liegt es ja an mir', dachte sie sich und musste spontan lächeln. Dann fühlte sie eine heiße Stelle am Hals, wo sonst der Stern des Halsbandes war: Eine Nachricht aus dem Himmel! "Äh, tut mir furchtbar leid, aber ich hab jetzt einen Termin! Ich muss ganz schnell weg, aber ich komme auf jeden Fall wieder, wenn ihr wollt! Bis dann!" Schnell sprang sie von der Bühne und verließ von den Abschiedsgrüßen der Band begleitet die Schule. Kazuya zog Norikazu an seinem Zopf. "Ey, ich glaub, die will was von dir! Außerdem wirkt ihr so vertraut, ist da was?!" Seine Mundwinkel zuckten. "Du siehst Gespenster. Lass uns lieber gleich weiter üben!" Nachdenklich stand er auf. Irgendwie fühlte er sich tatsächlich mit Netsuki verbunden. Aber warum? Er wollte sie besser kennen lernen.
Caliduel hatte sich inzwischen unsichtbar gemacht und war Hairi natürlich gemäß seiner Aufgabe gefolgt. Sie fuhr sehr schnell und Caliduel musste ein paar Mal Stöckchen aus dem Weg räumen, die sonst zwischen ihren Speichen gelandet wären. Bald kam sie an der Kirche an. Summend stieg sie von ihrem Rad und kramte einen Taschenspiegel aus ihrem Rucksack hervor, dann erdbeerroten Duftlippenstift. Sie ging unter den Schatten eines der vielen Bäume rund um die Kirche herum und dann hinein in das Gemäuer. Caliduel machte sich wieder sichtbar und sorgte dafür, dass kein Stein des Gebäudes locker war, um Hairi auf den Kopf fallen zu können. Außerdem wechselte er seine Kleidung. Von innen hörte er schwatzende Frauenstimmen und eine Orgel. Er zog die schwere Eichentür auf und trat ein. Alle Augen fielen auf ihn. Zuerst konnte niemand etwas erkennen, weil er durch das gleißende Sonnenlicht wie eine schemenhafte Gestalt wirkte. "Ein Engel?!", fragte eine der jungen Frauen. Die Tür fiel knarzend ins Schloss und Hairi lächelte. "Das ist Nishima Tsukiari-kun. Er ist neu in meiner Klasse und wir wollen ihn näher kennenlernen. Ich habe ihm erlaubt, herzukommen!", erklärte sie. "Angenehm!", sagte er und verbeugte sich vor jeder Einzelnen. "Ein netter junger Mann!", meinte eine der älteren Frauen. "Vielleicht möchten Sie mit uns einstimmen?" Caliduel lächelte verlegen. "Vielleicht... wenn es Sie nicht stört, wenn plötzlich ein Mann mitsingt!" "Nein, bestimmt nicht!", sagte Hairi. "Du singst doch gern, das hast du ja gesagt!" Er nickte und setzte sich in die 1. Reihe der Bänke. "Lasst euch von mir bloß nicht stören!" "Du störst nicht!", dementierte Hairi. "Wenn ihr noch länger darüber streitet, schon!", meinte ein Mädchen schnippisch, "auf deinen Platz, Hairi-chan!" Nach ein paar Liedern zeigte Caliduel ihr den erhobenen Daumen und sie erwiderte ihn mit einem Lächeln. Dann wies sie ihn an, auch nach oben zu kommen und er befolgte den "Befehl". "Kannst du den Text? Wir singen das ,Pater Noster'." "Wer kann ihn nicht?", fragte er. Die Organistin spielte an und der Chor begann zu singen. Hairi stoppte erstaunt, als Caliduels Stimme erklang. "Tsukiari-kun, du singst ja fast so wie Gackt!", flüsterte sie. Ihre Nachbarin grinste. "Du hast recht!" Sie kicherten kurz und sangen dann weiter.
Nach der Chorprobe war Hairi noch als letzte damit beschäftigt, die neuen Noten in ihren Rucksack zu räumen. Die anderen waren schon gegangen. Caliduel setzte sich auf einen der Steinvorsprünge an der Kirchenwand.
"Gehen wir, wenn du fertig bist?", fragte er. "Nein", antwortete sie sofort. "Ich muss noch zu Kamisama beten und eine Kerze anzünden."
"Darf ich mit dir beten?"
"Ja, natürlich!"
Sie nahm seine Hand und ging langsam mit Caliduel zum Altar. Sie kniete sich hin und faltete die Hände. Der Engel tat es ihr gleich und breitete, für Menschenaugen unsichtbar, seine Flügel aus, um dem Herrn seine Ehre zu erweisen. Hairis leises und schnelles Flüstern erfüllte widerhallend die alten Gemäuer.
"Es ist schön hier", meinte Caliduel, als sie aufstanden.
"Ja, nicht? Ich liebe Kirchen, aber besonders diese. Sie ist meine Engelskirche.. ich liebe Engel, musst du wissen."
"Warum denn Engelskirche?"
"Na, schau doch mal die Fenster an!"
Caliduel wandte jenen seinen Blick zu und sah viele bunte Engel aus gefärbtem Glas.
"Ich bin gerne in der Kirche, weil sich mein Schutzengel und ich dann wohlfühlen. Hier hat er Ruhe und kann in sich gehen, weil mir unter dem Auge des Herrn nichts passieren kann!", sagte sie plötzlich.
"Das ist ja lieb!"
"Denkst du nie an deinen Schutzengel?", fragte Hairi.
Caliduel dachte an Lunael, die zugewiesen war, ihn im Notfall zu beschützen. "Vielleicht mag er mich ja gar nicht.."
Das Mädchen setzte sich neben Caliduel auf den Steinvorsprung, zu dem er zurückgekehrt war. "Jeder Schutzengel liebt seinen Nächsten, und besonders seinen Menschen", sagte sie. "Eine schöne Vorstellung, oder?" Hairi lächelte und schaute ihn dabei an. Sie konnte ihre Augen nicht von ihm lassen, sobald sie ihn anschaute. In seiner Gegenwart fühlte sie sich einfach nur wohl. "Ich mag dich, Tsukiari-kun..." Sie verengte ihre Augen. "Du bist ein besonderer Mensch, das spüre ich."
Caliduel schaute verdutzt. Hairi war sein 1. Schutzmensch, der etwas Derartiges zu ihm gesagt hatte. Auch er fand ihre Gegenwart besonders.
"Ich spüre so eine schöne Wärme, wenn du in meiner Nähe bist."
Zaghaft erhob er seine Hand und legte sie auf Hairis. "Ich fühle mich auch wohl bei dir..."
Langsam lehnte sich das Mädchen in seine Richtung. Caliduels Atem streifte ihr Gesicht. Er fühlte sich warm an. Sie spürte Unsicherheit in sich, das Gefühl von Angst, aber auch Vertrautheit, als sie in Caliduels Augen schaute.
Er fühlte sich, als würde Hairi in seinen Augen etwas lesen, und sie fühlte seinen Blick bis zu ihrer Seele.
Sie atmete langsam, aber ungleichmäßig. Caliduel fragte sich, warum er so aufgeregt war und Hairi fühlte das Verlangen nach Nähe...
Sie strich mit dem Zeigefinger über seine Wange. Seine Haut fühlte sich so schön an wie Samt und die Farben der Engelbilder schimmerten in weichen Farben auf ihr und seinem Haar. Das gedämpfte Licht der Kirche tauchte die andere Gesichtshälfte in eine sanfte Dunkelheit.
Hairi erhob ihren Kopf etwas und schaute ihm noch einmal tief in die Augen, bevor sie die Ihren schloss.
Was hatte sie gesehen? Unsicherheit? Angst? Erwartung? Caliduel wusste es nicht. Er schloss seine Lider und wartete auf die Berührung ihrer Lippen. Schüchtern streiften ihre die Seinen, dann beugte er sich etwas weiter hinunter und küsste Hairi kurz, aber sanft. Ihr Herz pochte wild, ihr Atem stockte. Noch nie hatte sie etwas Derartiges gespürt... noch nie hatte eine menschliche Berührung sie derart bewegt... Sie erwiderte seinen Kuss und sie versanken in ihn. Hairi konnte auch eine gewisse Schüchternheit spüren, soweit es Caliduels zärtliche Lippen zuließen, deren Berührungen sie innerlich so aufwühlten wie nie etwas zuvor. Sie spürte kein Verlangen in seinen Küssen, nur eine Zuneigung und Zärtlichkeit, die sie nicht definieren konnte..
Er küsste sie ein letztes Mal und ließ dann langsam von ihren Lippen ab. Er strich ihr über das warme Gesicht, das mit den geschlossenen Lidern aussah wie das Antlitz eines Engels. Langsam öffnete sie ihre Augen und schaute Caliduel wieder an. Ihre Mundwinkel verzogen sich langsam zu einem sanften Lächeln. Er lächelte zurück.
"Danke...", flüsterte sie kaum hörbar und umarmte ihn innig. Sie schmiegte ihren Kopf an seine Schulter.
"Wofür?", flüsterte er zurück und strich ihr in regelmäßigen Abständen über den schmalen Rücken.
"Dafür, dass du mir für eine kurze Zeit den Himmel hierher geholt hast.."
Sie drückte ihn fest, beide schwiegen einige Zeit und verharrten in der Umarmung, bis Caliduel ein Schniefen vernahm. "Was ist los?", fragte er, noch immer im Flüsterton. Sie ließ ihn los und setzte sich wieder gerade hin. "Schon wieder gut, danke.. ich muss noch eine Kerze anzünden, und dann können wir zu mir nach Hause gehen." Caliduel stutzte kurz, erinnerte sich dann aber wieder an die Nachhilfe. "Gut.."
Kurz, bevor sie die Kirche verließen, schaute sie zu den Fenstern. "Die Engel haben es nicht verboten, sondern zugelassen. Also ist es den richtigen Weg gegangen", meinte sie und sah dann eine Feder auf dem Teppich vor dem Altar. "Oh!" Sie lief zu ihr und steckte sie zaghaft ein. "Was machst du mit der Feder?", fragte er und sah, dass es eine von seinen war. "Sammeln, so merke ich, dass die Engel hier auf der Erde sind." Sie lächelte ihn an. "Du bist auch wie ein Engel, Tsukiari!" Verstohlen erwiderte er: "Man kann es auch übertreiben!" Lachend schloss Hairi die Kirchtür und noch jemand lächelte:
Servarel, die auf dem Jesuskreuz saß und die beiden beobachtet hatte.
Lunael hatte sich in das Geäst eines Baumes gelegt, um Sonne zu tanken und damit ihren Hunger zu stillen. Der Klassenraum war manchmal ziemlich schattig und sowohl ihr als auch Caliduel wurde manchmal ziemlich schwindlig zumute. Dann fiel ihr etwas Wichtiges ein. Sie löste den Stern ihren Halsbandes und hielt es in die Luft, gen Himmel. "Myan'mir tellin'ya!", flüsterte sie sanft und setzte sich gerade hin. Sofort fielen ein paar Federn vom Himmel und sie konnte Servarel erblicken. Langsam kam sie neben ihr auf dem Ast auf. "Was ist dein Begehr, Lunael? Probleme?" Sie lächelte. Dabei war auf ihrem lieblichen Gesicht keine einzige Falte zu sehen. Lunael hatte sich immer für ihr Alter interessiert, aber es war jedem unbekannt. "Hm, wie man's nimmt..", ging sie auf Servarels Frage ein. "Wir verstehen uns eigentlich ziemlich gut mit unseren Menschen, und..." "Sieh an!", meinte Servarel erstaunt und kicherte. Irritiert zog Lunael eine Augenbraue hoch und fuhr dann fort, ".. und wir bräuchten eine Wohnung, damit sie uns besuchen können. Wenn wir immer nein sagen, könnte es auffällig werden oder sie würden das Vertrauen verlieren." Servarel nickte. "Ja, das ist wahrlich eine gute Sache! Zudem erfreut es mich, dass ihr euch so gut mit euren Menschen versteht!" Sie kicherte wiederum und Lunael wurde stutzig. "Hat Caliduel was verbrochen?", fragte sie. Servarel warf ihren Kopf in den Nacken und schaute zur Seite. Dabei glänzten ihre langen glatten Haare mit dem goldenen Schimmer so sehr im Sonnenlicht, dass Lunael die Tränen kamen. "Nein, gewiss nicht. Ich werde mich sofort um eine Behausung für euch kümmern. Wie benimmt sich denn Caliduel momentan?" Lunael seufzte. "Er ist flegelhaft wie immer, aber ich versuche, es ihm auszutreiben. Ich passe schon auf!" Servarel legte den Kopf wieder schief und lächelte Lunael an. "Weißt du, ich sehe im Moment keine Probleme, und ich beobachte ihn öfter, als du denkst. Ich habe ein wachendes Auge über ihn, aber zu Unrecht. Ich bin schon auf den weiteren Verlauf sehr gespannt", sagte sie. "Aber um zur Thematik zurückzukehren: Ich werde euch ein komfortables Appartement besorgen, aber natürlich müsst ihr mich begleiten. Ich werde mich als eure Beraterin ausgeben, da ihr ja neu in dieser Gegend seid." "Die Idee finde ich gut! Aber heute hat Caliduel leider etwas vor. Er ,muss' Hairi nämlich Nachhilfe geben..." "Sehr interessant! Aber ich höre immer nur ,Hairi'! Wie verhält es sich mit deinem Jungen?" "Ich arbeite daran, eine Freundschaft aufzubauen", erwiderte Lunael. "Gut. Wenn weiterhin alles so angenehm verläuft, werde ich mich dafür einsetzen, dass ihr beide bald einen höheren Rang erhalten werdet!" Servarel lächelte sie kurz an, erhob sich dann von ihrem Ast und breitete ihre strahlend weißen Flügel aus. "Ich muss dich aber jetzt leider wieder verlassen. Die Pflicht ruft, und außerdem andere Schutzengel mich. Wir treffen uns morgen hier, sagen wir.. um 18 Uhr. Materialisiert. Ist das möglich?" Lunael nickte. "Natürlich!" "Also gut. Bis morgen!" Sie federte sich ab und erhob sich dann mit Hilfe ihrer Flügel in die Lüfte. Bald war sie als kleiner Punkt im Himmel verschwunden.
Hairi und Caliduel hatten sich inzwischen auf den Weg gemacht, um zu ihr nach Hause zu gehen. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Die Geräusche des Fahrrads, das sie schob, machten sie halb verrückt, ebenso das Schweigen. Aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte, zu verwirrt war sie noch von dem Kuss. Caliduel phantasierte ebenfalls darüber. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, und sie zu ihm. "Tsukiari-kun, darf ich dich was fragen?" "Klar, was denn?" "Hast du ein Geheimnis?" Sie schaute auf und ihm in die Augen. "Ich würde dich gerne besser kennen lernen. Schließlich... hast du mir ein Gefühl gegeben, für das ich dir sehr dankbar bin.. und dadurch waren wir uns auch sehr nahe.. vielleicht dürfen nicht alle Menschen mal so etwas erleben..." Sie schaute wieder nach unten. "Ja, ich hab ein Geheimnis", erwiderte er. "Aber es tut mir leid, ich darf es dir nicht verraten, selbst nicht, wenn ich es wollte." Hairi lächelte. "Dann wird es wohl richtig sein, wenn du es für dich behältst. Ich habe übrigens auch ein Geheimnis, aber das möchte ich erst später lüften. Ist das in Ordnung für dich? Ich meine, wir waren uns zwar schon sehr nahe, aber trotzdem würde ich dich vorher gerne noch besser kennenlernen." Auf einmal hielt Caliduel ihr seine Hand hin. Verdutzt und irritiert schaute Hairi von Caliduel zur Hand und von ihr wieder zu ihm. Er sah verlegen aus. "Vielleicht solltest du meine Hand nehmen.. manchmal ist es auch ausschlaggebend, wenn man.." "...Händchen hält?", fragte sie skeptisch. "Ja, genau", entgegnete er und räusperte sich. "Also gut!" Sie lächelten sich an und etwas zögernd nahm Hairi seine Hand. Überrascht guckte sie zu ihm, weil sie erwartet hatte, er würde mit seinen Fingern zwischen ihre gehen, aber er tat es nicht. Er registrierte nicht einmal, dass sie ihn anschaute, und ehrlich gesagt hatte sie auch keine Ahnung, was er mit dem Händchenhalten bezwecken wollte. Schließlich konnte sie nicht wissen, dass ihre Aura verräterisch grün geworden war und Caliduel sie als ihr Schutzengel davor bewahren musste, über einen Stein zu fallen. Deswegen war es besser, wenn sie näher beieinander gingen...
Vor der Wohnungstür ließ Caliduel ihre Hand wieder los. "Da wären wir! Aber lass' mich bloß vorgehen, ich muss dir noch einen Stuhl holen!", sagte sie und schloss auf. Ehe er sich versah, war sie schon von der Küche in ihr Zimmer gelaufen, mit einem Stuhl in der Hand. Er tat so, als würde er ihr Zimmer das 1. Mal sehen. "Gemütlich!", meinte er und sie lächelte. "Danke übrigens noch mal, dass du mir Nachhilfe gibst!" "Keine Ursache!", erwiderte er und setzte sich neben Hairi auf einen Stuhl. Sie kramte die Mathesachen aus ihrem Rucksack und verteilte sie auf dem Tisch. "Was kann ich helfen?", fragte er. "Also!" Sie blätterte in dem Buch herum und stand dann plötzlich auf. "Ich mach mal lieber das Fenster auf, es ist ja total warm hier drin!", erklärte sie es. "Warum hast du denn auch was mit langen Ärmeln an?" Sie brauchte eine kurze Zeit, um zu antworten. "Weil ich lange Ärmel schöner finde als Kurze." Sie kehrten zu den Büchern und Heften zurück. Nach ca. 5 gerechneten Aufgaben hatte Hairi eine Blockade. "Verstanden?", fragte er. "Nein", kam es kläglich zurück. "Was genau denn nicht? Zeig mal drauf!" "Das da!" Beim Zeigen rutschte ihr langer Ärmel bis zum Ellbogen herunter. Zum 1. Mal fielen Caliduel 5 schwach gefärbte Narben an ihrem Unterarm auf. Schnell zog Hairi den Arm vom Tisch und positionierte ihn darunter. "Was sind das denn für Narben?", fragte er. "Schon gut. Die tun nicht weh oder so.." "Das ist mir klar, aber woher hast du sie?" "Daher und dorther, aber du wolltest mir doch die Aufgaben erklären!" Ihm war klar, dass die Narben etwas mit Hairis Geheimnis zu tun haben mussten, zumindest ein bisschen. "Ja, okay, also da musst du..." Nachdem sie es endlich verstanden hatte, reckte sich Caliduel erst einmal. "Ist doch gar nicht so schwer, oder?" "Nein, eigentlich nicht, aber du kannst ja auch gut erklären!", meinte sie grinsend und bewegte sich auf ihrem Drehstuhl leicht von links nach rechts. Ihr Blick fiel auf die Uhr. Entsetzt sprang sie auf. "Was ist denn jetzt?", fragte er und verharrte in seiner Pose. "Oh Schreck, Mama kommt gleich nach Hause! Sie wird durchdrehen, wenn sie dich sieht!!! Sorry, aber ich muss dich wohl rauswerfen..." "Nichts für Ungut", entgegnete er und stand auf. Er nahm seinen Rucksack und ließ sich von Hairi zur Tür bringen. "Also, noch mal vielen Dank! Es tut mir leid, dass wir uns jetzt so hektisch verabschieden müssen..." Sie umarmte ihn kurz. "Aber dafür muss noch Zeit sein!" Caliduel lächelte. "Bis morgen dann... und noch was!" "Was denn?" "Wenn du mal jemanden zum Reden brauchst, dann bin ich gerne für dich da!" Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. "Okay... vielen Dank und.. bis morgen!" Sie schloss die Tür und Caliduel verschwand hinter einem Baum, um sich wieder unsichtbar zu machen. Sofort begab er sich wieder in Hairis Zimmer. Dort hatte sie auf ihr Bett gelegt. Sie schob ihren Ärmel hoch und strich über die Narben. Dabei sah sie todunglücklich aus. "Na, wie war dein Tag?", fragte Lunael plötzlich. Er erschrak. "Sag mal musst du mich so erschrecken?" "Oh, sorry! Was ist denn los?" Besorgt schaute sie auf die traurige Hairi. "Sie hat eine Menge Narben am Unterarm", meinte er. "Warum hat sie ihr vorheriger Schutzengel nicht davon abgehalten?" "Das kann ich dir erklären. Weil es nicht lebensgefährlich ist und Hairi mal 84 Jahre alt wird. Wenn ihre Aura nicht leuchtet, kann sie davon auch nicht sterben", sagte Lunael. "Ja, aber so was ist doch nicht schön... Heute ist mir klar geworden, dass es vieles an Hairi gibt, dass ich nicht verstehe und nicht weiß." Der Blick seiner Gefährtin wurde sanft. "Ich wusste es. Harte Schale, weicher Kern! Vielleicht schaffst du es ja als Tsukiari, ihr die Marotte auszutreiben?" "Was?", fragte er noch, aber Lunael hatte nur noch ein paar weiße Federn zurückgelassen.
My soul in my voice. Do you feel it? Listen to me and you will learn about me.
Ich hoffe, dass ihr es heil überlebt habt, dass Hairi und Caliduel sich geküsst haben. In diesem Kapitel wird das Verhältnis der beiden etwas klarer werden, also lest bitte weiter -^^-.
In diesem Kapitel gibt es auch viele Aspekte der Geschichte zu lesen. Ich gehe etwas mehr auf die Charaktere ein und ihr werdet mehr über Hairi erfahren. Garish Confusion werden auch mehr charakterisiert, ich hoffe, dass ich die Jungs mehr in die Geschichte einbinden kann, weil sie mir ans Herz wachsen...
Mindestens ein weiteres Mitglied der Band wird bald stärker vertreten sein. Aber noch müsst ihr Geduld haben ^^.
Nach einer fast schlaflosen Nacht, weil Hairi wegen Nachdenkens über Tsukiari nur selten ein Auge zugetan hatte und noch häufiger aufgewacht war, schleppte sie sich einigermaßen zureckgemacht zur Schule. Am Eingang hing das schwarze Brett und ein knallrotes DIN A 4 Blatt zog sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich. Hairi ging sofort hin und las den in eckigen Schriftzeichen verfassten Zettel durch.
!!!! ACHTUNG !!!!
Wir suchen eine weibliche (!!!) Sängerin.
Bitte bei Norikazu melden!
Danke!
Norikazu und Garish Confusion
PS: Meeting um 18 Uhr!
Währenddessen stellte sich Lunael neben sie. "Hi!" Überrascht und überrumpelt drehte sich Hairi zu ihr um. "Oh! Guten Morgen!" "Interessiert?", fragte der blonde Engel. Ihr Gegenüber nickte. "Sehr! Ich liebe es, zu singen. Es ist so, als würde man seine Flügel ausbreiten!", antwortete sie und streckte ihre Arme aus. Lunael schaute sie irritiert an. Hairi hatte Recht - wenn sie sang, fühlte sie sich auch in menschlicher Gestalt leicht und frei. "Oh, tut mir leid!", sagte Hairi, "Eines meiner Hobbys sind Engel! Ich drücke mich deswegen manchmal metaphorisch aus!" "Ach so!", erwiderte Lunael, "Und weißt du was? Ich teile dein Hobby sogar!" Hairis Augen weiteten sich. "Wirklich? Ich habe noch nie jemanden getroffen, der sich auch mit Engeln beschäftigt!" "Leider glauben ja auch viel zu wenige Leute daran", seufzte Lunael. In diesem Moment kam Caliduel um die Ecke. Hairis Wangen erröteten leicht. Der blonde Engel schaute zu seinem Kollegen, der sich verhalten am Kinn kratzte. "Morgen!", begrüßte er die Mädchen. "Hallo", erwiderte Hairi. Skeptisch betrachtete Lunael die Szene. Hatte sie etwa was verpasst? Sie erinnerte sich an Servarels merkwürdiges Verhalten am Vortag und beantwortete ihre Frage für sich selbst. Sie hatte vor, Caliduel darauf anzusprechen, aber Norikazu durchkreuzte ihren Plan. Zielstrebig marschierte er auf sie zu und fragte sie, ob sie mal kurz Zeit habe. Sie gingen um die Ecke. "Was gibt's?", fragte sie. "Es geht um das Vorsingen. Kannst du um 6? Wir haben vor, dass jeder ein selbst ausgesuchtes Lied singen darf, und eins, das wir bestimmen. Es wäre unfair, wenn wir dich jetzt einfach so werten würden..." "Nein, um 6 kann ich leider nicht, da muss ich was Wichtiges abwickeln. Aber ich kann euch ja gerne in der Mittagspause vorsingen!" "Echt? Gut! Die Jungs und ich freuen uns schon total! Also bis nachher im Unterricht!" "Bis dann!" Sie ging zu Caliduel und Hairi zurück, die immer noch vor dem schwarzen Brett standen. "Was ist denn los mit euch?" "Wir haben nur auf dich gewartet", sagte Caliduel. Als sie sich endlich auf den Weg zum Klassenraum machten, fragte Hairi: "Ist es eigentlich in Ordnung, wenn ich mich so zwischen euch dränge?" "Du drängst dich doch nicht zwischen uns!!", meinte Lunael sofort in einem Ton der Entrüstung. "Willst du uns nicht mal besuchen? Heute um 20 Uhr oder so? Du kannst auch bei uns schlafen, wenn du Lust hast! Morgen ist ja Wochenende, also hat deine Mutter bestimmt kein Problem damit!" "Du stellst mich vor vollendete Tatsachen", sagte Hairi. "Klar hätte ich Lust, aber Mama darf bloß nicht erfahren, dass ein Junge dabei ist, sonst wird sie verrückt!" "Du schläfst selbstverständlich bei MIR!", zwinkerte Lunael. "Danke, Netsuki! Du bist echt lieb!" "Und ich werde gar nicht gefragt?", meinte Caliduel. "Nee!", entgegnete der andere Schutzengel und zeigte ihm die Zunge. "Du bist doch bestimmt einverstanden, oder etwa nicht?" "Ja, sicher!" Trotzdem blickten seine Augen fragend. Er wusste ja auch noch nichts von dem Treffen um sechs...
Als es zur Mittagspause schellte, stand Norikazu sofort auf und wandte sich Lunael zu. "Ich lauf schon mal zu den anderen! Komm dann bitte zum Musikraum!" "Ja!", antwortete Lunael sofort. "Netsuki?", fragte Hairi, "Was machst du denn im Musikraum?" "Ich singe auch vor, aber um 6 hab ich keine Zeit!" "Was, das Singen haben wir auch noch gemeinsam?" Sie konnte es kaum fassen, dass es Menschen gab, die ihr ähnlich waren. Lunael lächelte zu ihr und stand auf. Caliduel ebenfalls. "Ich begleite dich!" Als sie aus dem Klassenraum gegangen waren, fragte er: "Warum hast du sie eingeladen? Wir haben doch noch gar kein Zuhause!" "NOCH! Um 6 treffen wir uns mit Servarel-sama!" "Ah, ach so!" "Los, geh jetzt zurück zu deinem Mädchen!"
Vorsichtig öffnete Lunael die Tür des Musikraums. Sie erblickte einen langen Tisch, der aus 3 zusammengeschobenen Einzeltischen bestand und dahinter die 5 Jungs von Garish Confusion. Sie musste lachen. "Echt professionell gemacht!" "Wir suchen ja auch professionelle Sängerinnen!", konterte Yukihiro, der heute eine blaue Brille trug, Sie war zwar kaum zu sehen, weil sein langer dunkelblonder Pony in regelmäßigen Abständen locker drüberfiel, aber trotzdem schaute Lunael ihn verdutzt an. "Guck nicht so... zum Lesen und schreiben brauche ich leider eine Brille..." "Tja, das wollte er vor dir wohl geheim halten", grinste Kazuya. "Könnt ihr mal bitte bei der Sache bleiben? Netsuki und vielleicht auch ihr wollt vielleicht noch was von eurer Mittagspause haben", motzte Norikazu, der in Wirklichkeit einfach nur gespannt auf ihre Darbietung war. "Jaja", entgegneten die beiden Jungs angenervt. "Nun gut, Frau Kimari Netsuki, dann singen Sie uns doch mal vor!", sagte Atsushi, höchst seriös wirken wollend, "Und zwar einen selbst ausgesuchten Titel! Welchen wollen Sie singen?" " ,My Heart Will Go On' von Céline Dion", sagte sie sofort. Das Lied und den Text hatte sie noch von ihrem letzten Erdenbesuch im Gedächtnis behalten. "So was Schwieriges?", staunte Norikazu. "Na, dann mach mal..." Sie sang sich ein paar Töne lang warm und legte dann los. Was die Jungs dann hörten, versetzte sie in Trance: Eine glockenhelle Stimme, die über viele Oktaven reichte und das gesamte Lied fehlerfrei meisterte. Yukihiro standen sogar Tränen in den Augen. Jetzt war er dankbar über seine Brille, die das einigermaßen verbergen konnte. Eifrig machten die Jungs sich an ihre Aufzeichnungen. "So", sagte Atsushi dann, "jetzt wollen wir, dass Sie mal was Schnelleres und Rockiges singen, weil das eher unserem Stil entspricht. Und zwar wollen wir ,It's Up To You' von The Brilliant Green hören!" "Sorry, das Lied kenne ich nicht", sagte Lunael verlegen. "Tja, stell dir vor, das haben wir einkalkuliert!" Yoshio stand auf und gab ihr eine Kopie des Textes. "Pass auf. Du hörst dir das Lied 1-2 Mal an und dann singst du mit der Karaoke-Version im Hintergrund. Den Text stellen wir dir auf einem Notenständer hin", erklärte er. "In Ordnung!" Sie nahm Norikazus Discman und setzte sich zum Konzentrieren in eine Ecke. Die Jungs schauten sich inzwischen gegenseitig an und teilten sich im Mimikspiel ihre äußerst positive Meinung über Netsukis Darbietung mit. Nach ca. 10 Minuten kam sie zurück zum Tisch und die ,fachkompetente Jury' nahm ihre Füße von demselben. "Bereit?", fragte Kazuya. "Bereit", zwinkerte Lunael. "Wir wollen diesmal aber auch Performance sehen... also beweg' dich, tanze, lauf herum, bezieh uns, dein Publikum, mit ein!", sagte Atsushi, als er die CD mit der Karaoke-Version in den Player legte. Sie nickte und er drückte auf die Abspieltaste. Wiederum wurde ihnen perfekter Gesang dargeboten, auch die Performance war in Ordnung. Als das Lied zu Ende war, klatschten die Fünf. "Es war toll, danke! Jetzt musst du aber gehen, weil wir uns beraten müssen!", sagte Yoshio in seiner gewohnten ,Höflichkeit'. "Okay, dann will ich mal. Bis dann!" Als die Tür zu war, meinte Yukihiro sofort: "Zauberhaft, oder? Glaubt ihr, dass wir heute noch mal so was hören?" "Naomi Yoshihara", entgegnete Atsushi trocken und zupfte in seinen hinten hochgestellten Haaren rum.. "Hairi Tatase hatte sich auch schon gemeldet", meinte Yoshio ebenso. "Ich bin für NETSUKI! Das Mädchen hat Ausstrahlung und Talent!", beharrte Yukihiro auf seiner Meinung. "Warten wir mal auf die anderen", sagte Norikazu. "Ich weiß nicht, wie Hairi singt, aber Naomi ist auf jeden Fall auch nicht von schlechten Eltern!" Er stand auf. "Geht ihr dann auch in die Mittagspause?" "Klar", erwiderte Yoshio und sie verließen den Raum.
"Wie war's?", fragte Hairi sofort, als Lunael wieder in die Klasse kam. "Ich weiß nicht, sie sagen ja noch nichts.. aber abgeneigt scheinen sie mir nicht zu sein!" "Welches Lied muss man denn auf jeden Fall singen?" "'It's Up To You' von The Brilliant Green. Ein schönes Lied!" "Oh je", seufzte Hairi, "ob ich das wohl schaffe?" "Bestimmt!", lächelte Lunael.
Als die Schule aus war, begann Hairi, nervös zu werden. Um sie zu beruhigen, blieben Caliduel und Lunael solange wie möglich bei ihr und sprachen ihr Mut zu. Um kurz vor 6 verließen sie sie dann und Hairi ging zum Musikraum. Ca. 10 weitere Mädchen hatten sich ebenfalls dort versammelt. Als sie Naomi sah, wäre sie am liebsten umgekehrt. "Das Letzte kommt zuletzt, was?", fragte Naomi und lachte fies. "Sehr lustig", sagte Norikazu, der gerade in dem Moment mit den anderen Jungs des Weges kam. Betreten schaute sie weg und Hairi dachte nur: ,Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!'
Weil sie als letzte angekommen war, musste sie auch als letzte vorsingen. Als sie in den Raum ging, sahen die Jungs schon ganz abgespannt aus. Kein Wunder bei den schiefen Tönen, die sie von draußen vernommen hatte - mit Ausnahme von Naomis Gesang. "Was singst du uns?", fragte Yoshio freundlich lächelnd, der im Schulchor sang und um Hairis Stimme wusste. Außerdem konnte er das Mädchen gut leiden. "'Sayonara' von Gackt." Die Jungs schauten erstaunt drein. "Natürlich etwas höher als er..."
Servarel - im feschen Kostüm - und die zwei Schutzengel waren inzwischen unweit der Schule, um ein schönes Zuhause zu suchen. "Dieses hier ist optimal!", schwärmte Servarel, "teilt ihr meine Anschauung nicht?" Sie befanden sich in einem Appartement mit schön angelegten Zimmern und vielen Fenstern. Der beleibte Vermieter lächelte triumphierend. "Der Preis verhält sich im angemessenen Bereich, kann ich euch garantieren, und es liegt nichts zu Beanstandendes vor!" Caliduel und Lunael nickten. "Wir werden jetzt am besten einen Preis eruieren. Ich werde mit dem charmanten Herrn im Nebenraum darüber diskutieren!" Die beiden lächelten nur und ließen sie machen. Beunruhigt trat Caliduel von einem Fuß auf den anderen. "Ob Servarel wohl gut auf Hairi aufpasst, solange ich nicht bei ihr sein kann?" "Beruhige dich! Sie ist der oberste Schutzengel, Hairi kann nichts passieren! Und sie wird die Jungs überzeugen, da bin ich mir sicher!"
Yoshio nickte Hairi zu und zeigte ihr den erhobenen Daumen. Sie lächelte ihn an. Auch Atsushi sah sehr begeistert aus. Kazuya und Yukihiro schrieben mit undurchsichtiger Miene ihre Notizen auf, Norikazu wirkte völlig neutral. "Du hast mich echt in deinen Bann gezogen. The Brilliant Green wären stolz auf dich!", meinte Yoshio und Hairi verbeugte sich leicht. "Danke! Soll ich jetzt gehen?" Norikazu blickte kurz auf. "Ja, bitte. Wir machen uns an die Auswertung. Montag um 10 hängt dann das Ergebnis am schwarzen Brett!" "Okay", antwortete Hairi, schnappte sich ihren Rucksack und verließ den Musikraum.
Draußen war alles leer. Sie ging durch die Schulkorridore und ihre Schritte hallten wider. Alles schien so trostlos zu sein, sogar die Sonne hatte sich hinter Wolkenbergen versteckt. Ein schlechtes Omen? Sie wusste es nicht...
Die Jungs lehnten sich zurück, dass die Wirbel und die Stühle knackten. "Und, was meint ihr?", fragte Kazuya. "Ich würde sagen, dass nur Hairi, Netsuki und Naomi in die engere Auswahl kommen... der Rest war nicht so berauschend", erwiderte Norikazu. "Nääääääää!", meinte Atsushi sofort, "Naomi fand ich echt schlecht... die singt zwar gut, aber ich finde, sie singt nicht aus Leidenschaft... das ist nur pures Können." "Und außerdem hat sie nen schlechten Charakter", fügte Yoshio hinzu. Yukihiro und Kazuya nickten bestätigend. "Na gut, ich finde sie auch nicht besonders sympathisch. Also fällt sie schon mal raus..." Mit einem schnellen Kratzen strich Norikazu ihren Namen von der Liste. "Hairi oder Netsuki, wen sollen wir nehmen?" "Ich bin auf jeden Fall für Netsuki!", meinte Yukihiro sofort. "Ich auch!", stimmte Kazuya zu. "Ich fand Hairi besser...", tat Yoshio seine Meinung kund, "sie ist auch im Chor, deswegen weiß ich, was für ein Potential sie hat." Atsushi nickte. "Ja, find ich auch... also ich bin auch für Hairi. Also 2:2... und du, Norikazu? Du bist der Leader, also hängt alles von dir ab..." Der schwarzhaarige Keyboarder schaute irgendwie herausfordernd. Norikazu mied seinen Blick. Er wusste genau, dass Atsushi lieber der Bandleader wäre und die Fäden ziehen wollte. Aber das wollte Norikazu niemals zulassen und auch Kazuya sorgte dafür, dass Atsushi nicht zu heftig wurde. Schließlich hatte Norikazu die Idee zur Band gehabt und sie aus seinem Freundeskreis zusammengestellt. Er war zwar nicht der älteste in der Band, das war Kazuya, und spielte auch nicht die meisten Instrumente, was Atsushi konnte, aber er hatte das größte Organisationstalent von allen. "Ich... kann mich noch nicht entscheiden. Ich werde das Wochenende drüber schlafen", antwortete er schließlich. Die anderen Jungs gaben maulende Geräusche von sich. "Ist ok.. ist ja schließlich deine Band", sagte Atsushi und stand auf. "Kommt ihr? Irgendwann will ich auch noch mal heim." So war Atsushi immer. Irgendwas musste daran unbedingt geändert werden...
Hairi hatte gerade ihre Tasche gepackt, als es an der Tür klingelte. Frau Tatase öffnete, da sie die neue Freundin ihre Tochter erst einmal gründlich inspizieren wollte. "Guten Abend! Ich bin Tatase Chieko, Hairis Mutter!" Lunael stand im schicken beigen Mantel und sauberer Jeans vor der Tür, eine Tasche über der Brust. Lächelnd verbeugte sie sich. "Kimari Netsuki! Yoroshiku!" Das Mädchen war Hairis Mutter sofort sympathisch, wenn sie sich auch über die beiden grünen Haarsträhnen im blonden Haar wunderte, die den Pony des Mädchens einteilten.. "Möchtest du nicht noch etwas hereinkommen? Hairi hat noch nicht alles zusammengepackt..." "Gern, vielen Dank!" Als sie in der Wohnung war, kam ihre Freundin sofort auf sie zu und umarmte sie fest. "Netsuki-chan! Ich bin gleich fertig, ja?!" Lunael nickte und wartete geduldig ab, bis sie ordentlich angezogen war. "Passt bitte gut auf euch auf!", bat Frau Tatase, als sie die Mädchen zur Tür brachte. "Klar, Mama!", erwiderte Hairi und gab ihr einen Abschiedskuss. "Bis morgen und schlaf schön!" "Danke, meine Kleine... und sei schön lieb!" Sie lächelte ihre Mutter an, ehe sie losgingen. Als sie ein Stück gegangen waren, meinte Lunael: "Es tut mir richtig leid, deine Mutter zu belügen.. sie ist sehr nett." "Ja, ist sie.. aber das ist nicht so schlimm. Ich finde ihre Angst übertrieben, aber sie meint es nur gut." Caliduel verfolgte Hairi unbemerkt und Lunael schaute ihn verwundert an. Er wirkte irgendwie nervös auf sie...
Kurz vor der Haustür verschwand Caliduel in die Wohnung, die Servarel komplett nach den Wünschen ihrer Engel eingerichtet hatte. Lunael schloss auf und ein süßer Duft kam ihnen entgegen. "Hmm, was ist das denn?", fragte Hairi. "Tsukiari hat Pfannkuchen gemacht ^^ das einzige, was er überhaupt an Nahrung herstellen kann..", lästerte Lunael. Ihr Partner kam aus der Küche, mit einer lustigen Schürze um und etwas Mehl im Gesicht. "Willkommen, Hairi-chan", lächelte er und sie lächelte schüchtern zurück. Zaghaft umarmten sie sich und er drehte sich sofort wieder um: "Ich mach eben das Essen fertig, ja?" "Mach das, ich zeige Hairi mein Zimmer!", flötete Lunael.
Das Zimmer erinnerte Hairi an ihr Zimmer. In einer Ecke stand ein Notenständer und daneben an der Wand war ein kleines Klavier. "Du kannst Klavier spielen?", fragte Hairi erstaunt. "Ja... ich kann so Einiges spielen, aber Instrumente sind ja so teuer... spielst du nichts?" "Nein, leider nicht", antwortete das braunhaarige Mädchen, während es zaghaft über die Klaviertasten strich. "Ich kann nur singen." "Aber singen ist doch auch eine schöne Gabe!" Lunael sah, dass das Mädchen lächelte. Dann wurde die Ruhe unterbrochen, da Caliduel rief, dass das Essen fertig sei.
In seinem Zimmer hatte er alles auf den niedrigen Tisch gestellt. "Das riecht ja gut!", schwärmte Hairi und kniete sich sofort hin. "Ich hab mir ja auch alle Mühe gegeben!" Lunael steckte sich skeptisch guckend einen Bissen in den Mund und kaute kurze Zeit drauf rum. "Wow, das schmeckt echt gut! Wer hat dir das beigebracht?" "Öhm.. eine Freundin aus früherer Zeit", antwortete er und Lunael führte dies auf eine von Caliduels unzähligen Beziehungen in der Vergangenheit zurück. Ohne, dass jemand noch etwas sagte, nahmen sie das Abendessen zu sich. Als sie fertig waren, sammelte Lunael die Teller ein. "Jetzt hast du für unseren Gast gekocht, also räum ich mal ab und spüle!" "Das kannst du sehr gerne machen!", grinste Caliduel, der Küchenarbeit hasste wie die Pest. Die Pfannkuchen hatte er auch nur gemacht, um Hairi etwas bieten zu können, aber das behielt er lieber für sich. Als seine Gefährtin das Zimmer verlassen hatte und man Geschirrklappern aus der Küche vernehmen konnte, rutschte Hairi zur Tür rüber und zog sie zu. Die Geräusche wurden dumpfer. Caliduel fühlte sich unbehaglich. Was hatte das zu bedeuten? "Ich ähm... ich finde... es kann nicht mehr so weitergehen. Ich traue mich gar nicht mehr, dir in die Augen zu gucken", sagte sie und fixierte ihren Blick auf die Tatamimatten. Caliduel schluckte und meinte heiser: "Ja, das finde ich auch... es tut mir leid, das ist alles nur so, weil ich dich geküsst habe." "Nein, es ist meine Schuld! Ich habe dich geküsst! Ich mache immer alles falsch... es tut mir so leid!" Caliduel lehnte sich über dem schmalen Tisch und hob seine Finger unter ihr Kinn. Sie konnte sich nicht wehren, sie musste tief in seine roten, geheimnisvollen Augen blicken. "Du hast gar nichts falsch gemacht, Hairi!", hauchte er sanft. Ihre Augen wurden feucht. Irgendwie konnte sie es nicht ertragen, in seine Augen zu sehen.. sie erinnerten sie zu sehr an die Augen von jemand anderem. Auf der anderen Seite spürte sie eine große Anziehungskraft, wenn er ihr nahe kam. Sie war hin- und hergerissen, aber die Anziehung überwog. Irritiert bemerkte Caliduel plötzlich, dass Hairi Tränen in die Augen stiegen. Er nahm seine Hand weg und entfernte sich wieder von ihr. "Entschuldige bitte.. ich wollte dich nicht zum Weinen bringen", sagte er schüchtern und schaute betreten weg. Er konnte einfach keine Mädchen weinen sehen. Hairi krabbelte zu ihm rüber und legte ihre beiden zarten Hände auf seine Hand. "Nein, das hat nichts mit dir zu tun, sondern mit meinem Geheimnis, oder eher gesagt, einem meiner Geheimnisse." Plötzlich zuckten sie zusammen, weil Lunael eine Tür zugeschlagen hatte. "Und was?", fragte er, um wieder zum Thema zurückzukommen. "Deine Augen.. sie erinnern mich an jemanden und deswegen bin ich traurig, wenn ich sie sehe." "An wen denn?" Caliduel war nicht wohl bei der Sache. Seine Augen konnten nur an einen anderen Engel erinnern, ohne Zweifel. Niemand sonst konnte dieselben rötlichen Augen haben. "Hatte diese Person dieselbe Augenfarbe wie ich?" Hairi schüttelte den Kopf. "Nein, eher denselben Ausdruck. So.. durchdringend, geheimnisvoll und.. alt. So, als wenn deine Augen schon eine lange zeit lang in die Welt blicken würden." Sein Herz pochte. War Hairi etwa auch ein Engel? Keines der Mädchen und keine der Frauen, denen er sich jemand hingegeben hatte, hatte diesen Ausdruck in seinen Augen gesehen. Wusste sie vielleicht, dass er ihr Schutzengel war? "Du darfst einfach nicht daran denken, wenn es dir weh tut. Du sollst es nicht vergessen, aber du sollst dich auch nicht immer dran erinnern!", meinte er zu ihr. Sie nickte. "Ja, wahrscheinlich hast du Recht..." Sie traute sich, ihm in die Augen zu schauen und fand wieder den Ausdruck. Doch dieses Mal wollte sie nicht die Erinnerung in den Augen sehen, sondern Tsukiari. Er legte seinen Arm um ihre Taille, denn sie saß neben ihm. Sie war überrascht, wollte seinen Blick aber trotzdem nicht loslassen. Er lächelte sanft. "Ich möchte, dass meine Erinnerung verblasst", flüsterte sie. Ihre traurigen blauen Augen trafen ihn wieder wie ein Pfeil. Es tat weh... ,Bitte, küss mich jetzt...', dachte sie. Caliduel hörte plötzlich ihre Stimme eben diesen Satz sagen, aber ihre Lippen hatten sich nicht bewegt. Doch das interessierte ihn jetzt nicht weiter. Er ließ seine Hand von ihrer Taille hinauf zu ihrem Rücken wandern. Hairi schloss die Augen, sie konnte nicht genug von seinen Berührungen bekommen.. seine Hände übertrugen eine wohlige Wärme auf ihren Körper. Sie legte sich auf die Tatamis und Caliduel beugte sich zu ihr hinunter. Als seine Lippen die Ihren berührten, war es intensiver als in der Kirche. Sie fühlte sich, als würde ihre Seele ihren Körper verlassen und völlig mit Tsukiaris Innerstem verschmelzen.... Caliduel war sanft und liebevoll zu ihr, doch er spürte in ihren Berührungen neben Zuneigung auch Verlangen. Erschrocken hielt er inne und stemmte sich mit den Armen wieder hoch. "Ich glaube, wir sollten damit aufhören, Hairi..." Sie bemerkte erst jetzt, dass sie zu weit gegangen war. Sie wurde rot im Gesicht und stand schnell auf. "Es tut mir leid!" Sie öffnete ruckartig die Tür. Davor stand Netsuki! Erschrocken gab sie einen Quiekton von sich, während die ebenfalls erschrockene Lunael schnell ein Lächeln aufsetzte. "Ich bin gerade erst hergekommen!! Ehrlich!" Sie warf Caliduel einen vorwurfsvollen Blick zu, der zuckte mit den Schultern und hatte einen fragenden Gesichtsausdruck. Hairi stand wie versteinert vor ihr. "... Trotzdem glaube ich, dass wir uns mal unterhalten müssen.. ALLEINE!", sagte Lunael, zog Hairi aus dem Zimmer und schob die Tür energisch zu. Caliduel blieb alleine zurück und schaute an die Decke. "Warum gerade ich?", flüsterte er und gab den Tatamis einen saftigen Fausthieb. "Warum muss ich mich verlieben?"
"Ich will endlich wissen, was hier gespielt wird!", sagte Lunael, nachdem sie mit Hairi in ihr Zimmer verschwunden war. Die saß auf Lunaels Futon und zupfte daran rum. "Ich... es.. es ist nicht Tsukiaris Schuld! Ich bin diejenige, die nicht genug von ihm bekommen kann..." Der Engel fühlte sich von Hairis Offenheit vor den Kopf gestoßen. Außerdem war sie der Meinung, dass es ganz allein Caliduels Schuld sei, der im ganzen Himmel für seine Frauengeschichten bekannt war, und nicht die liebe Hairi von nebenan. "Lügst du mich auch nicht an?", fragte sie und setzte sich neben sie. Hairi schüttelte den Kopf. "Ich lüge nicht. Es ist mir so peinlich... normalerweise bin ich nicht so.. so leidenschaftlich!" Sie schaute die Blondine an und war dabei total rot um die Nase. "Ich bin eigentlich auch nicht ein Mädchen, das einen Jungen sofort küsst, aber bei ihm ist das was völlig anderes! Er zieht mich geradezu an, er.. er saugt mich vollkommen auf!" ,Kein Wunder, der Junge hat ja auch Erfahrung', dachte sich Lunael. "Ich kann dir auch nicht sagen, warum das so ist. Aber vielleicht weißt du es ja selbst?" "Ja, wahrscheinlich ist es so.. weil er mich an jemanden erinnert. An jemanden, der mir sehr wichtig war und der ihm irgendwie ähnlich ist", meinte Hairi. "Hast du Zeit, um dir eine längere Geschichte anzuhören? Aber ich möchte, dass du niemandem davon erzählst. Deswegen will Mama auch nicht, dass ich mich mit Jungs einlasse." Lunael nickte. Eigentlich war Caliduel derjenige, der es wissen sollte, und nicht sie, aber sie freute sich über Hairis Vertrauen. "Wahrscheinlich muss ich aber dabei anfangen, zu weinen", sagte Hairi. "Aber bevor ich anfange, möchte ich noch was anderes sagen.. es geht um Tsukiari." Hairi bekam einen heißen Kopf, was Lunael aufgrund des errötenden Gesichtes sehen konnte. "Ich glaube..." Der Engel wusste schon, was kommen sollte, und in ihren Gedanken fragte sie sich nichts außer WARUM? ".. ich habe viel für ihn übrig." "Warum, glaubst du das denn? Nicht, dass ich dich angreifen wollte, aber wie kann man sich in jemanden wie Tsukiari verlieben?" Hairi lächelte. "Du hast ihn noch nie geküsst, oder?" "Nein.. natürlich nicht!!" "Aber ich... und ich habe keine Sekunde davon.. bereut..." Tränen nässten plötzlich das Futon. "Was ist los?", fragte Lunael. Besorgt und hilflos streichelte sie ihre Hand. Hairi schaute ihr dann ins Gesicht. Ihre großen, blauen Augen waren so von Traurigkeit angefüllt, dass es schmerzte, angeschaut zu werden. Ihr Mund hatte sich zu einem wehleideigen Lächeln verzogen. Mit ihrer klaren Stimme nannte sie einen Namen: "Kamui." Sie schaute nun wieder gen Tatamimatten. "Möchtest du über ihn sprechen?", fragte Lunael. Hairi nickte. "Niemand außer meiner Mutter weiß auch nur ansatzweise darüber Bescheid... Ich möchte, dass du es für dich behältst. Bitte schwöre mir das bei Gott!" Lunael faltete ihre Hände. "Das tue ich. Ich danke dir für dein Vertrauen!" Hairi lächelte kurz und begann dann, aus ihrer Vergangenheit zu erzählen.
"Bevor Kamui in mein Leben trat, hatte ich nur die Engel, die mir Trost spendeten, und Gott. Doch auf einmal war er da, in einer Phase meines Daseins, in dem ich meinen Glauben an Gott und die Engel aufgegeben hatte, weil sie mir meinen Vater genommen hatten. Selbst mein Kreuz lag diese Zeit über unberührt in einer Schublade.
Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Grauer Himmel. Regen. Vögel, die hektisch flatternd eine geschützte Stelle suchten. Kein Schirm, der mich schützte, und außerdem war es Vaters 1. Todestag. Ich hatte sein Grab noch nie besucht, weil ich es nicht sehen wollte. Ich wollte keine Bestätigung für seinen Tod, keine Realisierung. Heute, hatte ich Mutter gesagt, würde ich sein Grab besuchen. Aber ich hatte es wieder nicht über mich gebracht.
Plötzlich hörte ich jemanden über den regenbedeckten Bordstein gehen. So anders als die anderen. Nicht hektisch, nicht schwer, das Wasser kaum teilend. So frei...
Ich drehte mich um, als mir ein Schirm über den Kopf gehalten wurde. Die Schritte waren verstummt. Ich erblickte ein wunderschönes Gesicht. So lieb, so vollkommen, so hübsch. Wie ein Engel.
Er lud mich zum Aufwärmen zum Kakao ein. Wir wurden Freunde. Seelenverwandte. Ein Paar...
Wenn ich mit ihm zusammen war, fühlte ich mich so anders. Wie gerade erst geboren, rein, frei, glücklich... Wenn wir uns küssten, fühlte ich mich, als hätte er mir den gesamten Himmel für diesen Moment geschenkt.
Ich liebte ihn so sehr, von ganzem Herzen. Ich wollte ihn heiraten, so schnell wie möglich, und er mich. Wir träumten sogar von Kindern. Am 22. Juli sollte es soweit sein. Alles schien perfekt, alles war akribisch geplant.
Doch ein paar Tage vorher sagte er, er müsse wegziehen, unverweigerlich, nach Saipan. Ich wollte mitkommen und ihn dort heiraten. Mir war alles gleich, wenn ich nur mit Kamui zusammen war. doch er bestand darauf, dass es das beste für mich sei, wenn ich in Japan bleiben würde. Von Saipan aus rief er mich an und gab mir seine Adresse und Telefonnummer. Doch weder das eine noch das andere hatten Gültigkeit. Ich hatte ihn verloren...
Ich fiel in ein tiefes Loch und hätte mich fast umgebracht. Dann aber fiel mir ein Spruch ein: ,Was dich nicht umbringt, macht dich stärker!' Und das war das, was mich gerettet hat. In dieser Situation und nach dem Tod meines Vaters. Ich widmete mich wieder den Engeln und vertraute darauf, dass sie mir das Leben nur so schwer machten, damit es mich nicht auf die Knie zwang. Ich vergaß die Liebe und verdrängte Kamui aus meinem Gedächtnis... Und das ist meine Geschichte und mein Geheimnis..." Hairi hatte die ganze Zeit mit ihren Tränen gekämpft, doch jetzt ließ sie ihnen freien Lauf. Sie umarmte Lunael, die selber tief berührt war und der ebenfalls Tränen über das Gesicht rannen. "Du bist so tapfer, Hairi..." Wie gerne würde sie ihr sagen, dass es sich wirklich um Prüfungen handelte....
In der Zwischenzeit war Caliduel allein in seinem Zimmer gewesen "Lynn'ya mellin'lya", sprach er und rief damit einen Boten. Ein hübscher Engel erschien vor ihm. "Was kann ich für Euch tun, Schutzengel 3. Grades Caliduel-sama?" « Ich hätte gern einen Schicksalsengel gesprochen. Es geht um eine wichtige Frage! » Der Botenengel verbeugte sich und verschwand wieder in einem blassen Lichtschein. Mit der gleichen Prozedur erschien er unwesentlich später wieder. "Caliduel-sama, es tut mir sehr leid, der für Schutzengel zuständige Schicksalsengel ist verhindert. Ich könnte höchstens bei der Obersten der Schicksalsengel um eine Audienz bitten, aber es könnte schwierig werden!" "Versuch' es bitte.. es ist wirklich äußerst wichtig!" Der Bote nickte und verschwand wieder. Es wurde wieder dunkel im Zimmer. Nachdenklich schaute er aus seinem Fenster und sah den Mond zwischen ein paar Ästen. Es sah nicht besonders behaglich aus und er erschauderte etwas, als er im Augenwinkel plötzlich eine grelle Lichtkugel wahrnahm. Ihr Schein wurde jedoch sanfter und er verbeugte sich vor dem Schicksalsengel. "Stelle bitte deine Frage, Caliduel!" Er schluckte und tat dann, wie ihm geheißen. "Ich wollte fragen, ob es mir als Schutzengel erlaubt ist, meinen Menschen zu lieben." "Ja", antwortete die Stimme sofort, "du darfst ihn lieben, küssen, mit ihm leben, sogar mit ihm schlafen, aber... da sind auch Tabus." "Und welche?!" Irgendwie war ihm unbehaglich zumute. Der Engel antwortete so direkt und außerdem kam ihm die Stimme irgendwie bekannt vor. Sie erinnerte ihn an seine eigene. "Keine Kinder! Sollte dein Mädchen jemals schwanger werden, dann wird dir dein Engelsrang abgesprochen und du wirst zum Menschen. Kreuzungen zwischen Engeln und Menschen sind verboten! Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie sich ein solches Wesen quälen würde..." "Gewiss.... und es ist wirklich erlaubt?" "Sex?" Caliduel zuckte zusammen. Das Wort von einem so hohen Engel zu hören, hatte irgendwie etwas Perverses an sich. Plötzlich ging die Lichtkugel auseinander und ein Körper formte sich. Der Lichtschein war so enorm, dass Caliduel sich die Augen zuhalten musste. "Meinst du eigentlich, ich hätte es sonst so lange auf der Erde ausgehalten, nii-chan? Das ist das einzig Gute an diesem Planeten.. und außerdem hättest du das alles wissen müssen, bei deinen Bettgeschichten und in der Schule hast du wahrscheinlich auch nie aufgepasst! Wenn Discel das erfährt!" "Nii-chan?!" Caliduel rieb sich die Augen und langsam fügte sich ein Bild seines Gegenübers zusammen. Was er erblickte, war zweifelsohne sein Ebenbild - seine Zwillingsschwester. "Calidael?! D... du bist ein Hauptengel geworden?" Sie lachte und schüttelte dabei ihre kurzen violetten Haare. "Lange nicht mehr gesehen, nii-chan! Kaum zu glauben, du bist immer noch Schutzengel 3. Grades, hast du deinen Affären zu verdanken, oder? Aber eins muss man dir lassen, du siehst sehr gut aus!" Sie schaute ihren Bruder von oben bis unten an. "Aber ein Geschlecht hast du trotzdem nur hier!" Sie huschte zu ihm rüber und griff ihm in den Schritt. "Lass das!!! Du hast auch keine Manieren!", zischte er und schubste sie weg. Sie lachte. "Nicht schlecht, aber das dauert ja noch etwas, bis du dir auch oben dein Geschlecht aussuchen kannst!" Calidael merkte, dass ihr Bruder ihr auf den Busen starrte. Sie nahm ihre Oberweite in beide Hände und meinte lachend: "Ich hab mich für die weibliche Version entschieden! Steht mir doch, oder?!" Errötend drehte er sich weg. "Du bist wirklich widerlich! Lass das!" "Och, sei doch nicht so, Bruderherzchen!", flötete sie und umarmte ihn, wobei sie sich noch zur Hälfte in der Luft befand. "Ich dachte, du stehst auf nette Damen? Servarel ist auf jeden Fall überzeugt davon, aber in letzter Zeit blickt sie gütiger auf dich herab!" "Echt?", fragte Caliduel und blickte in das schöne Gesicht seiner Schwester. Sie ließ ihn los. "Na ja, so langsam scheinst du aus den Flegeljahren raus zu sein. Sie mag es, dass du so gut mit deinem Mädchen umgehst. Und ich finde es niedlich, dass du in sie verliebt bist!" Sie grinste breit und kniff ihm in die Backen. "Süüüüß!" Er schlug ihre Hand weg und seufzte. "Du kannst vielleicht nerven..." "Hm, eigentlich könnte ich ja auch schon wieder gehen!", meinte Calidael, "Deine Frage nach dem Sex ist beantwortet und du hast doch keine Weiteren, oder?" Caliduel war bei dem Wort schon wieder zusammengezuckt. "Du solltest das Wort nicht so oft benutzen, das hört sich irgendwie widerlich an, wenn ein Engel das sagt!" "Was denn? Sex?" Caliduel verdrehte die Augen und lief an das andere Ende des Zimmers. "Du könntest echt langsam gehen!" "Warum? Ich finde es ganz amüsant mit dir, im Himmel ist immer tote Hose, seit du nicht mehr bei mir bist!" "Wir waren lange genug zusammen..." "OH! Aber mal was anderes!" Es war nun das 1. Mal, dass sie die Tatamimatten mit ihren Barfüßen berührte. "Schaffst du es alleine mit deiner Kleinen oder soll ich nachhelfen?" "Du machst doch nur alles noch schlimmer!!", zeterte er. "Wenn du nein sagst, dann flüstere ich dir jetzt noch 20.000 Mal dein Lieblingswort ins Ohr, bis du vor Gänsehaut keinen Schritt mehr gehen kannst!" "Du bist vollkommen gestört!!" "Ssssssssssss...", fing sie an zu zischen, als Lunael die Tür aufschob. "Ich hab Tee... yikes!!!" Als sie den Engel sah, hüpfte sie schnell in Caliduels Zimmer und schob die Tür zu. "Wer um Gottes Willen ist DAS? Die sieht ja genauso aus wie du!" "Zufälligerweise bin ich auch noch fast genau wie er!", lachte sie. "Ich bin der oberste Schicksalsengel Calidael!" Erst jetzt fiel Lunael das leuchtende Kreuz an ihrem Halsband auf. "Oh! Entschuldigt, Calidael-sama!" Hastig verbeugte sie sich. "Keine Ursache, Süße! Wir werden uns jetzt öfter sehen!" "Meinst du das ernst?", fragte Caliduel mit einem klagenden Unterton. "Ja, ich muss doch meinem Bruder helfen, oder?" Lunael weitete die Augen. Bruder?! Wie war das möglich? "Wie geht das denn? Zwillinge?", fragte sie perplex. "So ist es! Ich weiß auch nicht genau, wie das geht... bei menschlichem Sex", sie schaute Caliduel belustigt an, der grummelnd in der Ecke stand, "ist es ja noch logisch, aber wie zwei Engel aus einem Engelsei kommen, weiß ich auch nicht. Befruchtet werden die Dinger ja nicht..." "Und was machen Sie hier?" "Nun ja!", grinste Calidael und schwebte wieder in der Luft, "der kleine Schlingel hier hat mich gerufen und als liebe Schwester hatte ich natürlich Zeit für ihn!" Lunael wurde die Unterhaltung nun zu speziell und sie dematerialisierte sich, damit Hairi auch nicht unabsichtlich lauschen konnte. Caliduel tat es ihr gleich. "Warum brauchst du denn einen Schicksalsengel? Du willst doch nicht etwa Hairis Schicksal verändern, oder? Wenn ja, dann hättest du das lieber vor ein paar Jahren machen sollen." "Hat sie dir ihr Geheimnis erzählt?", fragte Caliduel aufgeregt. Lunael nickte. "Ja. Aber bitte greift nicht in ihr Schicksal ein. Hairi hat auch von sich aus schon Interesse an dir, und..." "Denkst du etwa, das würde ich machen?" Erschrocken biss sich Lunael auf die Unterlippe. Sie merkte nun, dass sie ihn verärgert hatte. "Entschuldigung, wenn ich mich irren sollte..." "Ja, das tust du", entgegnete Calidael. "Mein nii-chan hat nur völlig unverbindlich eine Frage an mich gestellt. Aber ich würde dieses Mädchen wirklich sehr gerne kennen lernen!" Caliduel schaute sie irritiert an. "Und was soll das heißen?" "Ich werde Servarel-sama um einen Erdenaufhalt bitten, damit ich sie kennenlernen kann. Natürlich nur, wenn ihr nichts dagegen habt. Auch, wenn ich nicht so aussehe, aber ich sorge mich sehr um meinen Bruder." Sie lächelte nun, und es sah ehrlich aus. Caliduel gab nach. Vielleicht war es ja doch nicht so schlecht, wieder mehr Zeit mit seiner Schwester zu verbringen. "Also gut, wenn du unbedingt willst..." Calidael schaute dann Lunael an. Diese zuckte mit den Schultern. "Ich habe auch nichts dagegen einzuwenden!" Der Schicksalsengel schnippte energisch. "Klasse! Okay, dann frag ich sie mal und melde mich dann in ein paar Tagen wieder!" Sie nahm schnell Caliduels Kopf in die Hand und gab ihm einen fetten Schmatzer auf den Mund. "Ich hab dich lieb, Brüderchen!", flötete sie und wurde wieder zu Licht. Lunael musste total über seinen verdutzten Gesichtsausdruck lachen. "Deine Schwester ist echt cool!" "Ja... eigentlich ist sie ganz nett", meinte er und zupfte an seinen Haaren rum, die Calidael gehörig durcheinandergebracht hatte. "Hairi wartet auf den Tee. Kommst du auch?", fragte Lunael und wurde wieder menschlich. "Ja.. sicher."
Mit einer großen Feder und türkisfarbener Tinte schrieb Servarel in Windeseile, aber natürlich sorgfältig und wohlformuliert, die Protokolle über die Rekruten. In Momenten wie diesen war sie froh, die Schnelligkeit der Engel zu besitzen. Bei einem Protokoll stutzte sie. Sie schrieb und schrieb und schrieb, und ihr fiel ausnahmslos nur Gutes ein. Nach 5 Seiten endlosen Lobens über die Tätigkeiten und Prüfungen des Engels ließ sie die Feder fallen und lächelte. Jemand hatte es wieder mal geschafft, das Praktikum zu erwerben. Einem emsig arbeitenden Engel neben ihr legte sie plötzlich das Protokoll in den Schoß. "Gib gut Acht darauf. Ich werde Gott kurz einen Besuch abstatten." "Natürlich, machen Sie sich keine Sorgen!" Servarel lächelte gütig und war verschwunden. Sehr kurze Zeit später war sie aber schon wieder anwesend. "Bringe das Protokoll und die Aufforderung bitte zu Suaviel. Gott hat ihr Praktikum soeben zugelassen." "Sofort!" Servarel machte sich sofort an die Arbeit, weitere Protokolle zu schreiben, denn es war viel zu tun.
Unwesentlich später kam ihr Assistenzengel mit Suaviel zurück und hatte außerdem eine Botschaft in der Hand. Der oberste Schutzengel nickte dem Rekruten kurz lächelnd zu und nahm dann die Botschaft von Calidael in Empfang. "Es ist in Ordnung, aber ich möchte noch einmal ein Gespräch mit ihr abhalten", sagte sie zu ihrer Assistentin und wandte sich dann Suaviel zu. "Ich war äußerst erfreut über deine Leistungen. Das Praktikum auf der Erde wird dir genehmigt werden." Der braunhaarige Engel jauchzte erfreut über die Nachricht. "Vielen vielen Dank, Servarel-sama!!" "Allerdings kann deiner Bitte nicht vollständig nachgegangen werden. Lunael vollführt ihre Pflicht gut, aber sie ist noch zu sehr damit beschäftigt, ihre Schutzperson kennenzulernen, als dass sie dich in die Materie einführen könnte." Servarel sah die Enttäuschung in den Augen des jungen Engels, lächelte aber beschwichtigend. "Sei nicht enttäuscht! Du wirst in ihrem nahen Umfeld arbeiten und den Schutzengel eines Freundes von Lunaels Menschen unterstützen. Der Name des Engels ist Noxel, und der Name der Person lautet Yukihiro Akahana." "Ich habe verstanden." "Ist das in Ordnung für dich oder möchtest du mit deinem Praktikum warten, bis Lunael soweit ist?" Bestimmt schüttelte Suaviel den Kopf. "Nein, Servarel-sama. Ich möchte so schnell wie möglich alles lernen, und Ihr Angebot ist sehr akzeptabel! Ich freue mich schon!" "Gut", lächelte sie. "Die Hauptsache deines Praktikums wird es sein, das Erdenleben kennenzulernen und dich daran zu gewöhnen. Zudem darfst du Noxel alles Unklare fragen und sie bei der Arbeit beobachten." Suaviel nickte aufgeregt. Endlich durfte sie auf die Erde und dort Erfahrungen sammeln!
Hairi, Lunael und Caliduel räumten gemeinsam den Tisch ab. "Der Tee war wirklich gut!", lächelte Hairi und ihr Blick fiel auf die Uhr. "Was, schon 1?!" "Wie schnell die Zeit, vergeht, was?", meinte der blonde Engel. "Ehrlich gesagt werde ich auch gerade müde..." Sie gähnte demonstrativ. "Ich auch", hängte Caliduel sich mit rein, "Nach dem Stress in der Schule!" "Wann fangen eigentlich eure Clubs an?", wollte Hairi wissen. "Ab nächster Woche", antwortete Lunael. "Ihr hattet echt Glück", seufzte das Mädchen, "in Philosophie hatten wir eine lange Hausaufgabe auf! Wir sollten einen langen Aufsatz darüber schreiben, wie wir uns selbst sehen..." "Hast du ihn schon fertig?" "Ja, seit 2 Wochen. Ich hab aber nicht solange dafür gebraucht." Caliduel streckte sich neben den Mädchen so sehr, dass ihm das schwarze, transparente Hemd bis über den Bauchnabel hoch rutschte. "Also ich gehe dann mal. Ihr könnt ja noch labern. Nacht!" "Nacht!", antworteten die beiden Mädchen synchron.
Anderenorts wurde noch Gitarre gespielt. Norikazu saß vor verschiedenen Noten und schrieb an einem neuen Song, der ihm nicht so recht gefallen wollte. Ein paar ebenso missfallende Akkorde später legte er die Akustikgitarre zur Seite und sich mit dem Bauch nach unten auf sein Bett. Mit müdem Blick beäugte er das Blätterchaos auf dem Boden. Neben Aufzeichnungen zu vielen Songs erblickte er seine Notizen, die er zum Vorsingen gemacht hatte und griff nach den Zetteln. Immer und immer wieder überflog er, was er aufgeschrieben hatte und versuchte, die Performances noch vor den Augen und die Stimmen im Ohr zu haben. Für den Band-Contest mussten sowohl 2 gecoverte Lieder als auch ein selbstgeschriebenes Lied vorgetragen werden. Er hatte sich mit den anderen Jungs darauf geeinigt, ein Lied mit der weiblichen Stimme zusammen zu singen und die anderen zwei zu verteilen. "Mit wem könnte die Harmonie stimmen..", fragte er sich laut. ,Mit beiden', beantwortete er die Frage für sich selbst. Es war zum Mäusemelken! Beide schienen perfekt zu sein, Hairi und Netsuki. Er selbst tendierte zu Netsuki, weil er sie auch schon ein kleines bisschen durch den einen Nachmittag kannte.
Lunael ließ inzwischen ihren schlafenden Menschenkörper bei Hairi, die in ihrem Zimmer übernachtete, zurück und wollte bei Norikazu nachsehen. Sie fand ihn grübelnd auf dem Bett vor und folgte neugierig seiner Mimik. Sein Mienenspiel verriet Unentschlossenheit, wenn er von Zettel zu Zettel sah, seine Brauen sich zusammenzogen und die Lippen sich verzogen. Schließlich legte er Hairis Zettel zur Seite. Was sollte das bedeuten? Lunael spürte Unbehagen. ,Nimm doch Hairi, bitte!', dachte sie sich. Sie gönnte es ihr. Sie beide sangen aus der Seele heraus, aber bei Hairi geschah das Ganze aus einer so großen Liebe zum Singen! Sie wusste aber nicht, wie sie es Norikazu klarmachen sollte. Oder wusste sie es doch? Sie war drauf und dran, Norikazu anzurufen und ihn dazu zu bringen, sie nicht zu nehmen. Aber wenn es nicht aus Norikazus freiem Willen geschah, dann würde es auch nicht gut sein... "Hi, Yoshi-kun... ja, danke, gut. Ich wollte dich fragen, warum du Hairi für richtig hältst. Du kennst sie aus dem Chor, also müsstest du da eigentlich Ahnung haben. ..Hm, verstehe.. ja... aber ich finde es schade, dass wir nicht mehr über Netsuki wissen..."
Lunael konnte es vor Spannung nicht mehr aushalten. Aber es wäre unfair, schon jetzt das Ergebnis zu wissen, dachte sie sich. Sie verließ Norikazus Zimmer.
Gegen 9 Uhr konnte der Engel das Liegen nicht mehr aushalten und stand auf. Hairi schien noch zu schlafen, aber sie brauchte Beschäftigung. Deswegen setzte sie sich an das kleine Wandklavier und begann, die Mondscheinsonate zu spielen. Langsam, damit Hairi keinen Schock bekam. Aber es zeigte Wirkung und sie wurde wach. Sie setzte sich auf und lächelte Lunael verschlafen an. "Guten Morgen... magst du die Mondscheinsonate?" "Ja!", antwortete der Engel sofort. "Meine Freunde nennen mich manchmal Luna. Ich mag den Mond über alles!" Das war ungelogen. Aber eigentlich mochte sie den Mond wegen ihres Namens, den ihr ihr über alles geliebter Mutterengel gegeben hatte. "Für wen von uns werden sich die Jungs von Garish Confusion wohl entscheiden?", fragte Hairi plötzlich. "Ich hoffe, sie nehmen dich!", meinte Lunael. "Was? Warum das denn? Du kannst sicherlich auch toll singen, ich habe dich zwar noch nicht gehört, aber wenn sie dir extra eine Spezialzeit zum Singen gegeben haben, muss es wirklich super sein!" "Hairi! Bitte rede nicht immer alles schlecht, was mit dir zu tun hat. Du bist ein süßes Mädchen und du solltest wirklich viel mehr Optimismus haben!" Lunael wirkte nun ernst, was ihren Worten gehörigen Nachdruck verlieh. Hairi wurde angst und bange. "J...ja, ist ja gut.." Der Engel bemerkte, wie das Mädchen sich in ihr Oberbett krallte. "Ich finde, dass du recht hast...." Lunael lächelte wieder. "Dann geht's mir auch wieder gut!" Mit Schwung begab sie sich vom Klavierhocker wieder auf die Erde. "Ich finde, wir sollten Tsukiari wecken, und bevor es für dich wieder nach Hause geht, gehen wir noch mal in die Stadt und essen was zusammen oder so!" Hairi sah nun auch wieder erleichtert aus. "Ja!", erwiderte sie, und fügte etwas später hinzu, "Und ich wusste auch schon von alleine, dass es mir an Optimismus fehlt..." Lunael legte ihren Arm um Hairis Schulter. "Hey, Kleines, blas' die trüben Gedanken doch mal weg. Du hattest zu viele in der Vergangenheit, jetzt musst du auch mal einfach unbeschwert glücklich sein!"
Unbeschwert glücklich war Hairi am nächsten Morgen nicht, als sie das Schulgebäude betrat. Ihr war es wirklich sehr wichtig, die Sängerin bei Garish Confusion zu werden. Andererseits gönnte sie es auch Lunael sehr, die ihr auf eine merkwürdige Art Zuversicht und Wärme spendete, so wie sie es noch nie erlebt hatte. Noch dazu die Gedanken um Tsukiari. Sie fühlte sich innerlich wie ein Schrottplatz... Etwas verängstigt schaute sie auf das schwarze Brett. Es war noch keine Info daran, die etwas mit der Band zu tun hatte, doch dann kam Yukihiro hinter ihr in die Schule. "Hi, Hairi!", lächelte er sie freundlich an. "Guten Morgen", erwiderte sie und beobachtete, wie er einen geknickten Zettel aus seiner Hemdtasche zog. "Neuigkeiten?" Der Junge nickte. "Ja, ich war als erster da. Und der Erste sollte die Notiz ans Brett hängen", antwortete er. Er pinnte den hellblauen Zettel dran und Hairi ging neben ihn, um ihn lesen zu können.
"Hairi und Netsuki bitte in der Mittagspause in den Musikraum kommen. Vielen Dank. Eure Jungs von Garish Confusion"
"Sorry, dass wir es so spannend machen", entschuldigte sich Yukihiro. "Ist schon in Ordnung. Ich kann ja verstehen, dass ihr es nicht einfach so rausrückt." "Ich würde es dir gerne schon verraten, aber ich darf leider nicht... vom Chef zum Schweigen verdonnert!" "WARUM NICHT ICH?", keifte plötzlich jemand hinter Yukihiro. Hairi und er drehten sich verwundert um und erblickten Naomi. "Äh... du kannst gerne deswegen bei Norikazu nachfragen...", sagte er. "Nicht nötig. Ich sag's schon: du bist eine arrogante Zicke und deswegen wollen wir dich nicht mit zum Contest nehmen!" Nun drehten sich Yukihiro, Hairi und Naomi um. Es war Yoshio, der in gewohnt ruhiger Art die Frage des Mädchens beantwortet hatte. Er schaute sie mit seinen durchdringlichen Augen an und setzte dazu sein verschmitztes Grinsen auf. Yoshio war nicht der Größte, aber seine Art und Mimik waren durchaus imposant. "Muss ich mir so was von dir sagen lassen?" "Warum denn nicht?" "Du bist ein..." Naomi schaute sich erst um, bevor sie weiterredete und fuhr dann in unterdrücktem Ton fort. "...Arschloch!" Sie drehte sich auf dem Absatz um und war weg. "Danke, dass du mir aus der Patsche geholfen hast!", sagte Yukihiro. Yoshio grinste ihn an. "Keine Sorge, ich weiß doch, dass du nicht fies werden kannst. Guten Morgen Hairi, übrigens. Du kommst doch nachher, oder?" "Ja, natürlich!", antwortete sie. "Aber ich gehe jetzt lieber mal in den Klassenraum! Vielleicht ist Netsuki ja schon da, dann kann ich es ihr gleich ausrichten!" "Okay. Wir sehen uns dann!", zwinkerte Yoshio ihr zu. Sie lächelte kurz zurück und ging dann auch zur Treppe.
Hand in Hand gingen die Mädchen zum Musikraum, Norikazu neben ihnen her. "Seid bitte nicht böse, dass wir uns ausgerechnet zwischen euch entscheiden mussten", sagte er. "Schon okay. Wir gönnen es uns", smilte Hairi. "Genau", meinte Lunael. "Dann ist ja gut. Aber ihr seid auf jeden Fall beide toll, keine Frage!"
Die anderen Jungs waren schon da, als sie endlich am Musikraum angekommen waren. Die beiden Mädchen setzten sich in die 1. Reihe und schauten die Band mit großen Augen an. "Ähm, Atsushi, machst du das?", fragte Norikazu. "Was, ich? Wer ist denn hier der Leader?" "Ach kommt... bevor ihr euch streitet, sag ich es", seufzte Yoshio. "Also. Es war eine schwere Entscheidung, aber die knappe Mehrheit hat sich für Hairi entschieden." Ein Lächeln huschte über Hairis Gesicht, dann schrie sie vor Freude auf. Beim Aufsetzen stieß sie beinahe den Stuhl um. "Wirklich?", fragte sie. "Ja", grinste Kazuya. Jauchzend nahm die Siegerin Lunael in die Arme. "Tut mir leid, dass ich so happy bin, aber ich habe schon immer davon geträumt, mal für die Leute zu singen!", sagte sie ihr. "Ich bin froh, dass du es geschafft hast, das Singen ist dein Leben und für mich einfach nur ein Hobby..." "Das war es dann letztendlich auch", meinte Norikazu. "Was?", fragten die beiden Mädchen und drehten sich zu den Jungs um. "Hairis Gesang war total voller Leidenschaft und Ausstrahlung. Deiner auch, aber nicht so sehr wie ihrer." Er sprang über den Tisch. "Gehen wir dann wieder?" "Yo, warum nicht", erwiderte Yoshio. "Übrigens, die erste Probe mit dir wird nächste Woche Montag sein. In der Zeit treffen wir uns zwischendurch mal und überlegen uns die Songs, okay?" "Ja, okay!", antwortete Hairi. Lunael war ganz fasziniert von ihrer Freude. Ihre Aura war deutlich angefüllt von Glücksgefühlen... Sie zwinkerte Caliduel zu, der dies erwiderte.
Feeling this way
Der Anfang muss noch mal überarbeitet werden, aber den neuen Text hab ich mir bereits 2 Mal vorgenommen (wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein ^^'') Ich hoffe, ihr lest auch weiterhin FFTS!~ *freu*
Ein ausführlicher Kommentar folgt später. Jetzt erst einmal viel Spaß ^.~!
Yukihiro wollte gerade das Schulgebäude wieder verlassen, um seine Gitarre zu Kazuyas Auto zurückzubringen, als ihm in der Eingangshalle ein Mädchen auffiel, das immer wieder auf einen Zettel und dann durch die Gegend guckte. Aber eigentlich war sie ihm eher durch die mittelbraunen Haare aufgefallen, die in der Sonne, die von allen Seiten in das Gebäude schien, beinahe blendend strahlten. Nett wie er war, ging er zu ihr, um ihr zu helfen. "Hallo, kann ich irgendwas für dich tun?", fragte er. Erschrocken blickte das Mädchen auf und versteckte den Zettel schnell hinter ihrem schmalen Rücken. Zwei blaue Augenpaare trafen sich. Sie wurde rot. "Äh... um ehrlich zu sein, ja! Ich suche die Klasse 2-B!" "Wie praktisch, das ist meine Klasse! Bist du neu hier?" "Ja... ja! Bin ich! Und ich suche meine beste Freundin, die auch hier auf die Schule geht!" "Und wie ist ihr Name? Vielleicht kenne ich sie ja." "Bestimmt! Sie hat mittellange blonde Haare mit Außenwelle, zwei grüne Strähnen am Pony, blaue Augen und heißt Netsuki Kimari!" "Du hast Glück!", grinste Yukihiro, "Sie geht nämlich in die Klasse eines guten Freundes von mir! Kannst du hier mal kurz warten, bitte? Ich bringe eben die Gitarre weg und dann zeige ich dir den Weg, okay?" Sie nickte. "Klar!"
Als Hairi und Lunael den Gang zu ihrer Klasse runtergingen, musste Caliduel seine Schauspielkünste wieder agieren lassen und lief erwartend auf sie zu. "Und? Wer hat es geschafft?" "Ich!", strahlte Hairi immer noch. Norikazu hinter ihr war sichtlich glücklich, dem Mädchen eine solche Freude bereitet zu haben. Weniger glücklich war er darüber, dass Hairi in ihrer ekstatischen Freude dem Typen um den Hals sprang... "Ich bin sooo glücklich! Das kannst du dir nicht vorstellen!" Sie griff an seine Schultern. "Ich könnte dich küssen!" Sie drehte sich um. "Und dich, Netsuki! Und auch Norikazu! Ich könnte die Welt umarmen!" Caliduel räusperte sich. Hairis Äußerung hatte ihn sichtlich in Verlegenheit gebracht... denn er hätte es ziemlich gut gefunden, wenn er einen Kuss von ihr erhalten hätte. "Hey, hey... so berühmt sind wir auch noch nicht!", grinste Norikazu. "Ach!", meinte Hairi sofort, " Ich bin einfach nur glücklich, dass ich vor vielen Menschen singen und ihnen somit etwas geben kann! Ich könnte meine ganze Philosophiehausaufgabe umschreiben, wenn es noch gehen würde!" Lunael warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Hairi seufzte. "Die habe ich noch vor unserem Gespräch geschrieben..." "Ich peil nix", sagte Caliduel. "Ich auch nicht, lasst uns auch besser reingehen...", warf Norikazu ein und die 4 machten sich auf, zu ihren Plätzen zu kommen.
Indessen waren auch Yukihiro und das Mädchen auf dem Weg zu der Klasse. "Ist echt lieb von dir, dass du mir den Weg zeigst!", meinte sie verlegen. Ihre Begleitung gefiel ihr äußerst gut, aber er schien ihre Begeisterung nicht zu teilen, sondern sah eher niedergeschlagen aus. "Das ist doch nur selbstverständlich. Man lässt niemanden alleine in einer fremden Umgebung zurück...", erwiderte er. "Du hast bestimmt jüngere Geschwister, oder?" Verdutzt schaute er sie an. "Ja, eine kleine Schwester. Wie kommst du darauf?" Das Mädchen lächelte sanft. "Man merkt es an deiner Art. Du wirkst wie jemand, der oft jemanden beschützt hat..." Dies leitete das Mädchen von jemandem ihr Bekanntem ab, den sie sehr verehrte. Yukihiro zog ein Foto aus seinem Portemonnaie. "Hier, das ist sie. Yukino-chan!" "Die ist ja putzig!", smilte sie. Dann fiel ihr Blick auf das Schild 3-A. "Das ist Netsukis Klasse, oder?", fragte sie aufgeregt. "Stimmt!", entgegnete er und nahm das Foto zurück. "Entschuldige mich kurz!", sagte sie und steckte ihren Kopf in das Klassenzimmer. Ihre Augen suchten unruhig nach Lunael. Dann erkannte sie sie. "LUNAAA!", quiekte sie übermütig und stürmte zu dem überraschten Engel, um sie zu umarmen. Sie hatte nicht mal Zeit, aufzustehen. "Hey.... was machst du denn hier?" Die Klassenkameraden schauten Lunael ebenso erstaunt an wie sie das Mädchen. "Ich hab dich so vermisst!", schniefte sie und Lunael lächelte auch glücklich. "Du hast mir auch gefehlt, meine Kleine! Du musst mir alles erzählen, ja? Meine süße Suaviel..." Die Rekrutin ließ ihre beste Freundin los und wischte sich die Tränen weg. "Alles! Aber jetzt gehe ich erst einmal in meine Klasse!" Jetzt fiel ihr Yukihiro an der Tür auf. "Ist dieser Junge in deiner Klasse?" Suaviel nickte. "Ist der süüüüß! Er ist Noxels und mein Mensch! Und ich heiße übrigens Chihiro Aihara!", flüsterte sie ihr zu und zwinkerte dann. "Geh jetzt lieber, wir reden später!", sagte Lunael. "Ja, ich freu mich schon rauf!", flötete der andere Engel und ging zurück zu Yukihiro. "Wer war das denn?", fragte Hairi. Irgendwie war sie ein bisschen eifersüchtig darauf, dass jemand anderes so vertraut mit ihrer neuen Freundin war. "Das ist meine beste Freundin Chihiro! Wir kennen uns schon sehr lange und haben schon viel miteinander erlebt!" "Ach so ist das!" Sie teilte indes Caliduel über ihre Gedanken mit, dass Suaviel an Noxels Seite für Yukihiro verantwortlich war.
Suaviel und ihr Begleiter kamen leicht verspätet in den Unterricht. "Akahana-san, seit wann kommst du denn zu spät?", fragte die Lehrerin verwundert. Suaviel umrannte ihn sofort und verbeugte sich tief. "Entschuldigen Sie bitte, sensei... es ist meine Schuld, ich habe alleine nicht hierher gefunden!" Sofort begann die Lehrerin zu lächeln. "Ach so. Na dann ist das doch alles kein Problem!" Sie stand von ihrem Stuhl auf und geleitete sie in die Mitte der Klasse vor das Pult. Yukihiro setzte sich inzwischen an seinen Platz. Als Suaviel vorne stand, brach plötzlich die Sonne aus den Wolken hervor und ihre langen Locken glitzerten wie Gold. Erstaunt schauten ihre neuen Mitschüler und Mitschülerinnen auf die Farbenpracht. "Ich heiße Chihiro Aihara! Ich freue mich, dass ich euch kennenlernen darf!", lächelte sie.
In der Mittagspause musste sie mit der Klassenlehrerin mitgehen, um ihr ein passendes Fuku zu holen. Überall wurden ihr bewundernde Blicke zuteil. Als Suaviel Lunael zuwinkte, wurde ein Mädchen mit etwas kürzerem, dunkelblondem Haar auf sie aufmerksam und setzte sich neben sie auf die Bank. "Schönes Wetter heute, oder?", fragte sie. "Ja, vor allem seit die Sonne durchgekommen ist!", antwortete Lunael. Sie kannte das Mädchen aus ihrer Klasse. "Komisch, dass wir noch nie miteinander geredet haben", lächelte sie, "ich bin Yukina, aber das weißt du bestimmt schon." "Klar!", erwiderte Lunael. "Ich muss zugeben, ich habe auch nicht besonders viel Kontakt hier..." "Woher kennst du denn dieses neue Mädchen hier? Die sieht ja echt hübsch aus!", fragte Yukina nach. "Sie ist meine beste Freundin. Du hast Recht, sie ist wirklich sehr hübsch geworden in letzter Zeit." "Danke für die Info! Ich geh dann mal wieder rein!", meinte das dunkelblonde Mädchen dann und stand auf. Etwas verwundert lächelte Lunael sie an. Irgendwie fand sie Yukina komisch...
Yukihiro saß noch in seinem Klassenraum und schrieb ein paar Akkorde auf, die ihm einfielen. Beim Überlegen fiel sein Blick aus dem Fenster. Sofort fiel ihm Lunael aus. Wie ihre Haare in der Sonne glitzerten... als sie aufstand, strich sie sich sanft über den Rock und lächelte Caliduel und Hairi an, die zu ihr kamen. Sie redeten miteinander, doch für Yukihiro waren sie stumm. Zwischen sich und Lunael war diese Fensterscheibe. Im Moment erschien sie dem Jungen wie eine Metapher. Er war fasziniert von all ihren Bewegungen, ihrer Art zu reden und ihrem netten Charakter. Norikazu kam ihn den Klassenraum. "Na, was gibt's zu sehen?", fragte er. Erschrocken zuckte Yukihiro zusammen. "Das schöne Wetter!" Norikazu lehnte sich auf die Fensterbank und schaute nach draußen. "Seit wann hat das Wetter blonde Haare und lange Beine?", fragte er und grinste versteckt. Er wollte den sensiblen Yukihiro nicht bloßstellen. Ihm schoss das Blut in den Kopf und ihm wurde warm. "Was meinst du?" "Ach, schon okay... ich wollte dir nur sagen, dass wir uns um 18 Uhr bei Yoshios Eltern im Keller treffen für die Probe mit Hairi." "Ja, klar, danke!" Norikazu schnappte sich den Stuhl neben Yukihiros Tisch. "Sag mal, was ist los? Du bist so kurz ab, das kenn ich ja sonst gar nicht von dir!" Er stand plötzlich auf und schob den Stuhl mit den Beinen nach hinten. "Ich brauch frische Luft.. ich habe Kopfschmerzen. Kommst du mit?" "Klar!"
Yukihiro und Norikazu hatten sich gerade auf die Treppe gesetzt, als Suaviel mit ihrem Fuku über dem Arm über den Schulhof ging. Sie beobachteten, wie 2 Mädchen sich um sie scharten.
"Hey, bist du neu hier?", fragte eines. "Ja, ich heiße Chihiro, und ihr?" Eines der Mädels griff ihr ins Haar. "Man, hast du schöne Haare! Die sind bestimmt nicht echt, oder?" Suaviel war nicht gerade zurückhaltend, eher aufbrausend und wurde somit etwas sauer. "Ihr habt meine Frage ignoriert und außerdem sind die echt!" "Laber doch nicht!!", meinte das 1. Mädchen aggressiv. "So sehen doch keine echten Haare aus! Die Locken sind viel zu ebenmäßig und die glänzen viel zu viel!" Sie griff ihr nun auch ins Haar und begann zu ziehen. "Was soll das denn??? Hört auf!", zischte Suaviel.
Wie von der Tarantel gestochen stand Yukihiro auf und rannte zu der Gruppe. "Habt ihr sie noch alle?", sagte er aggressiv und packte beide Mädchen hart an den Schultern. Eingeschüchtert ließen sie los. "Haut ab, ihr Biester!!!" Als sie weggerannt waren, wandte er sich Suaviel zu. "Alles okay, Chihiro? Haben sie dir sehr weh getan?" "Ja...", antwortete sie leise. Die Tränen standen ihr in den Augen. "Was sollte das denn? ..Ich.. ich war doch total nett zu ihnen und sie..." "Hey", meinte er besänftigend und strich ihr über die Schulter. "Wein doch nicht. Die tun dir schon nicht wieder was." Doch Yukihiros Worte bewirkten nur das Gegenteil: Gerührt über seine Sorge begann Suaviel nun zu weinen. Er konnte das nicht mit ansehen und nahm sie in den Arm. "Warum weinst du denn jetzt?" "Danke, dass du dich um mich sorgst!", schluchzte sie. Inzwischen hatten auch Hairi und Co. mitbekommen, dass Suaviel weinte und gingen zu ihr und Yukihiro. "Kleines, was ist passiert?", fragte Lunael besorgt. "Die blöden Ziegen haben behauptet, dass meine Haare nicht echt seien und haben dran gezogen", antwortete sie immer noch in Tränen aufgelöst über die Schulter ihres Retters hinweg. Dann ließ sie ihn los und trocknete sich die Tränen mit dem Fuku. "Aber Yukihiro hat's ihnen gegeben! Da sind sie voll erschrocken abgezischt!", grinste sie. Norikazu, der auch gekommen war, sagte: "Yuki-kun ist echt ein starker Kerl, er ist immer für die Gerechten da!" "Lass dir so was nicht mehr gefallen, okay?", forderte Lunael. "Es gibt immer wieder solche Mädchen. Die brauchst du einfach nicht beachten, die sind nur neidisch, weil du so hübsch bist!" "Du bist so lieb, Luna-chan!", jauchzte Suaviel und umarmte ihre beste Freundin. In dem Moment ging die Schulklingel. "Oh, wir müssen wieder zurück!", meinte der langhaarige Engel pflichtbewusst. "Kommst du, Yuki-chan?" "Ja! Also bis heut Nachmittag, Nori-kun und Hairi-san!"
Als Norikazu die Schule verließ, um heimwärts zu gehen, heftete sich plötzlich Yukihiro an seine Fersen. "Nori-kun, können wir mal reden?" "Klar, was gibt's?", antwortete dieser selbstverständlich. "Ich hab' doch gemerkt, dass mit dir was nicht stimmt. Wir kennen uns jetzt schon so lange..." "Ich weiß doch... und ich finde, mit dir kann man am besten reden. Also... ich saß gestern in meinem Zimmer, hörte The Calling und spielte mit Powdersnow (Anm.: Yukihiros weiße Akustikgitarre) das Lied nach..." "Ist das nicht des öfteren so?", fragte Norikazu. "Ja, schon, aber als das Lied zu Ende war, spielte ich weiter und es hörte sich wirklich gut an. Als ich dann einen Text dazu schreiben wollte, sah ich plötzlich jemanden vor mir..." "Hm? Und wen?", hakte der Grünhaarige nach und sah Yukihiro in den Tunnelblickmodus verfallen. "Hallo, ja, und wen?" Er grinste verwegen. "Doch nicht etwa das ,schöne Wetter'?" Ruckartig drehte sich der Gefragte plötzlich zu ihm hin. Erschrocken zuckte Norikazu zusammen, Yukihiro gehörte eigentlich nicht zur grobmotorischen Sorte. "Es hat mich getroffen wie ein Blitz!" "Ist es nun sie?" "Ja, Netsuki... sie hat mich total verzaubert... ich.. ich sah sie vor mir und alles sprudelte hervor..." "Und jetzt willst du ihr das Lied mit unserer Unterstützung singen?" "Um Gottes Willen! Du sollst natürlich singen!" Norikazu seufzte und blieb vor einer Bank stehen. Die Jungs setzten sich hin. "Hör mal. Ich weiß, dass du ein tolles Lied geschrieben hast, denn das haben wir schon sehr oft bei dir erlebt. Aber ich weiß auch, dass es deine Gefühle sind, und deswegen wirst DU singen!" "Aber ich kann's doch nicht!" Yukihiros Augen sahen nun traurig aus. "Willst du überhaupt, dass sie weiß, dass es dein Lied ist?" Der Gitarrist schüttelte den Kopf. "Ich will einfach nur, dass sie es hört und wissen, ob sie es mag." "Na gut", gab Norikazu schließlich doch nach. "Du hast die Lyrics doch bestimmt mit, oder?" Natürlich hatte Yukihiro daran gedacht. Sein Freund las den Text und musste lächeln. "So was singt man doch gern.. aber du übernimmst die Leadgitarre, okay?" Er nickte. "Kommst du noch mit zu mir? Ich könnte dir die Guitartabs zeigen!" Norikazu stand auf. "Logisch! Kann ich dann eben Hairi anrufen? Ich muss ihr noch was sagen." "Sicher!"
Hairi war ziemlich aufgeregt, als sie zu Yoshio ging. Sie wusste nicht, ob sie wirklich mit Norikazu harmonieren konnte und ob ihre Stimme heute gut genug war... immer wieder trank sie an ihrer Flasche Grünem Tee. Als sie in die Nebenstraße einbog, die Norikazu ihr am Telefon beschrieben hatte, wusste sie schon sofort, in welchem Haus Yoshio wohnen musste, als sie lauten Metal-Sound hörte. Als sie vor der Tür stand, hoffte sie einfach mal, dass irgendjemand ihr Schellen hören konnte... als sie auf den Klingelknopf drückte, hörte sie von innen lautes Kläffen und danach ein Poltern. Zerzaust wie immer öffnete Yoshio ihr die Tür. "Hi Hairi! Du bist die Erste! Willkommen!", grinste er und machte eine einladende Armbewegung. Sie ging rein und wurde sofort von einem kleinen Hund angesprungen und angebellt. Yoshio trat die Tür mit dem Fuß zu und nahm den Kleinen beim Halsband. "Aus, Tetsu! Das macht man doch nicht mit Gästen!", schimpfte er. "Ach ist doch schon okay! Er ist doch niedlich!", meinte Hairi und kniete sich neben Yoshio. "Na, du Süßer?", flötete sie und streichelte den Hund. Sofort wurde er ruhig. "Wow, das erlebt man selten, dass er so schnell ruhig wird!", wunderte sich der Junge und stand dann auf. "Du kannst ja schon mal in den Keller gehen, einfach hier die Treppe runter und dann durch die Tür. Ich mach oben die Musik aus und komm dann runter, okay?" "Ja, okay!", erwiderte Hairi und schaute ihm kurz nach. Dann schaute sie um sich. Das Haus schien fast völlig aus Holz zu bestehen. Alles war etwas eng beieinander, aber es sah gemütlich aus. Auf ihren Spitzensöckchen ging Hairi die Treppe hinunter. Hinter der Tür verbarg sich ein großer Raum mit einer kleinen Bar. Direkt der Tür gegenüber stand ein Schlagzeug, in der Ecke Yoshios Bassgitarre und links ein Keyboard. Außerdem standen noch zwei Mikrofone vor den Instrumenten. Darüber freute sie sich besonders, denn sie hatte noch nie allein in ein richtiges Mikrofon gesungen. Sie ging zu einem der beiden hin und schaltete es an. Aus ihrer Tasche holte sie die Texte und Noten heraus. Norikazu hatte ihr gestern gesagt, dass sie dieses für die Proben mitbringen sollte. 2 Lieder, die sie gerne singen wollte. Eins für sie allein und eins für sie und Norikazu zusammen. Als Einzellied hatte sie "I Will Remember You" von Sarah McLachlan ausgesucht. "I Will Remember You... Will You Remember Me?...", begann sie mit sanfter, langsamer Stimme zu singen.
Yoshio polterte mal wieder die Treppe herunter und ging auf die Tür zu. Als er Singen vernahm, öffnete er sie ganz leise. Wie erwartet, sang Hairi mit geschlossenen Augen, wie auch im Chor bei Balladen. Er grinste, ging in den Kellerraum hinein, schloss die Tür sanft und schlich sich leise hinter die Bar. Er legte sich mit dem Oberkörper drauf und hörte ihr zu. Dann schaltete er die Discokugel ein.
"Smiling in the sun.." Irritiert von Lichtpunkten, die plötzlich die Dunkelheit erhellten, öffnete Hairi die Augen und sah, dass die Discokugel sich drehte. Überrascht suchte sie nach dem Urheber, hörte aber nicht auf zu singen. Sie fand den grinsenden Yoshio mit dem Oberkörper auf der Bar liegen und lächelte ihn an. Dann löste sie das Mikrofon aus der Halterung, ging auf ihn zu und bezog ihn durch Gesten mit in das Lied ein. "Don't let you life pass you by... weep not for the memories!" Sie reichte ihm die Hand und führte ihn vor die Bar. "Once there was a darkness... Deep and endless night..You gave me everything you had, oh you gave me light.." Sie begannen, zusammen Walzer zu tanzen, während Hairi weitersang. "Was geht denn hier ab?", fragte plötzlich jemand. Zeitgleich fiel ihr vor Schreck das Mikro aus der Hand. Yoshio konnte es gerade noch auffangen. Unbemerkt war Kazuya durch die Hintertür gekommen, die im Kanzaki-Haus für die Bandmitglieder immer offen stand.. Das hatte Norikazu vergessen, der Neuen zu sagen. "Hilfe, Herzanfall!", meinte Hairi erschrocken. "Wie kannst du diese Ruhe und Harmonie so zerstören?", fragte Yoshio gespielt getadelt. "Na, na, na! Lass unsere neue Sängerin mal schön in Ruhe!", spielte Kazuya mit. "Dabei haben wir so schön getanzt", maulte der Bassist. "Du tanzt echt gut!", bewertete Hairi ihn dann. "Hätte ich nicht gedacht!" "Was soll das denn heißen?!", wollte Yoshio wissen und zog eine Augenbraue hoch. "War ja nicht so gemeint! Guck doch nicht so betreten!", lachte Hairi, die daraufhin von dem Yankee durch den ganzen Raum gejagt wurde. "Was ist denn hier los?", fragte Yukihiro von dem Kreischen überrascht und kam durch die Tür. "Bassist und neue Sängerin harmonieren schon mal perfekt", kommentierte Kazuya das Geschehen und begrüßte ihn mit Handschlag. "Ach so", lächelte Yukihiro. "Er kennt sie ja auch am besten von uns allen." "Mhm", bestätigte der Drummer und nahm sich Hairis Blätter. "Guck mal, da kommt Yoshio aber gar nicht zum Zug!" "Zeig mal!" Sie hatte sorgfältig die Instrumente drüber geschrieben. "Hast recht, aber da steht doch was von Backgroundgesang!" "Ach", machte Kazuya, "bei so nem ruhigen Lied Yoshio hinten dran?" "Das geht!", keuchte Hairi, die aufgegeben hatte, vor ihm davonzulaufen. "Was geht?", fragte der Blonde. "Dass du Background singst, dann haben alle was zu tun. Obwohl wir eigentlich nur eine Gitarre brauchen." "Warum sollte das denn nicht gehen?", wollte Yoshio wissen. "Hairi und ich haben oft gemeinsame Parts im Chor!" "Genau!", bestätigte sie. "Okay, okay, war ja nicht so gemeint!", verteidigte Kazuya sich. "Ich wünschte aber, wir bräuchten keine Keys. Atsushi kommt nämlich immer so spät!" "Warum?", fragte Hairi. "Weibergeschichten", antwortete Yoshio cool. "Aber wir restlichen sind nicht so. Wir haben alle keine Freundin. Na ja, Atsushi auch nicht.. aber wir haben nicht mal Affären mit irgendwelchen Weibern, sind also eigentlich ganz lieb." "Gut zu wissen!", meinte sie. Da kam auch schon Norikazu rein und stellte seinen Gitarrenkoffer hin. Yukihiro trug seine E-Gitarre namens Grace mit einem Gitarrengurt über den Rücken. "Na, ihr, alles klar?" Sie begrüßten sich. "Na ja, fast, Atsushi fehlt mal wieder." Norikazu stöhnte. "Wenn's so weiter geht, muss er bald 3000 Yen in die Bandkasse zahlen! Habt ihr Hairi schon drüber aufgeklärt, wie die Proben ablaufen?" "Nee, noch nich, aber das kann ich ja machen!", meinte Yoshio und setzte sich neben Hairi auf den Barhocker. "Gut, dann check ich mal die Drums!", sagte Kazuya. "So, also jeder darf sich pro Probe ein Lied aussuchen, das wir dann spielen. Wenn man ein neues aussucht, bringt man Noten und so mit, damit wir uns warmspielen können. Du durftest heute 2 aussuchen, weil du das erste Mal hier bist. Na ja, das war's eigentlich schon, so sehen die Proben von Garish Confusion aus!" "Sehr kompliziert!", grinste Hairi. "Okay, wenn wir noch Bock haben, dann komponieren wir was Neues oder spielen durcheinander..." Im Hintergrund konnte man bereits Kazuya beim Drumcheck und Yukihiro beim Spielen hören. "Ich finde, ihr seid ziemlich gut. Warum habt ihr noch nicht versucht, einen Vertrag zu bekommen?", fragte sie. Yoshio verzog den Mund. "Wir wollen eigentlich gar nicht berühmt werden. Wir sind schon zufrieden, wenn wir mal in der Bar meiner Eltern spielen können!" "Deine Eltern haben eine Bar?!" "Yo, da gehen wir öfter mal hin nach den Proben... aber nicht verraten, immerhin dürfen hier ja noch nicht alle saufen!", verriet er ihr. "Kann ich da vielleicht mal mitkommen?" Hairis Augen leuchteten. Bis jetzt musste sie immer alleine weggehen, wenn sie mal was trinken wollte. "Na sicher, du gehörst doch jetzt zu uns!" Er legte ihr den Arm um die Schultern. "Kommst du? Dann können wir ja beginnen!" "Klar!"
"So, Yuki-kun, dann schlag was vor! Vielleicht können wir ja noch etwas auf Atsushi verzichten!" Norikazu setzte sich schon vor das Mikro, die Gitarre am Gurt spielbereit drüberhängend. Yukihiro smilte übers ganze Gesicht. "Ich war vorsorglich und hab mir was Schönes für beide Stimmen ausgesucht! Und zum Glück auch ohne Atsushi-Einsatz." Er holte den Text zu "Good Morning Baby" raus. "Das wird im Original auch von Mann und Frau gesungen. Die jeweiligen Stellen für euch hab ich mit Textmarker angestrichen. Nori-kun hat es bis jetzt nur immer alleine gesungen." "Typisch Yuki, organisiert bis zum Gehtnichtmehr!", grinste Yoshio. "Es besteht ein Problem, ich weiß nicht, wie man das singt!", meinte Hairi betreten. "Nicht schlimm!", lächelte Norikazu ihr zu. Wir spielen es einmal und ich singe es. Meinst du, dann kannst du dir das merken? Du kannst ja auch einstimmen!" "Okay, danke!" Er nickte noch einmal und haute dann einmal kräftig in die Saiten als Startsignal. Die Band war sofort in ihrem Element und legte los. Hairi stand der Mund offen, weil es sich besser anhörte, als sie gedacht hatte. Sie wurden eine perfekte Einheit. "Oh oh, oh oh..." Es gelang ihr, sich schnell in die Lyrics einzufinden. Ob sie auch ein Teil dieser Einheit werden konnte?
"Krass!" Das war Yoshios Kommentar, als das Lied zu Ende war. "Kompliment", zwinkerte auch Kazuya. "Du harmonierst total mit ihm, Hairi. Außerdem ist deine Stimme echt schön!" "Wirklich?" Sie strahlte über das ganze Gesicht. Dann stand sie von ihrem Hocker auf. "Ich muss euch was sagen. Als ihr angefangen habt zu spielen, da war ich fast völlig hin und weg... ihr seid irgendwie eine Einheit, und ihr beherrscht eure Instrumente so gut..! Ich bin total glücklich, dass ich bei einer Band wie euch singen darf!" "Das reicht aber jetzt, gleich werd ich rot", sagte Yukihiro verlegen. "Ich bin auch froh, dass wir dich genommen haben", meinte Norikazu dazu. "Ich mag es, mit dir zu singen!" "Hach!" Mehr konnte Hairi nicht herausbekommen. Sie war rundherum glücklich. Da kam Atsushi rein. "Komban! Hat's schon angefangen?" "JA...", antworteten die Jungs sofort. "Sorry, da war noch diese.." "Wir wissen's", seufzte Yoshio. Der Keyboarder ging dann auf Hairi zu und nahm ihre Hand, um einen Handkuss anzudeuten. "Hallo! Schön, dass du jetzt bei uns bist!", lächelte er. Hairi zog ihre Hand weg, obwohl sie zugeben musste, dass Atsushi von Nahem wirklich verdammt gut aussah. "Ich bin zwar noch nicht lange unter euch, aber ich muss sagen, dass es echt blöd von dir ist, dass du sooft zu spät kommst!", entgegnete sie sauer. Im nächsten Moment tat es ihr schon wieder leid. Sie hatte gar nicht das Recht, ihn anzuschimpfen... außerdem war er freundlich zu ihr gewesen! Atsushi hatte das auch nicht erwartet, denn er sah sehr betrübt aus. "Entschuldigung. Ich werd' versuchen, das nächste Mal pünktlich da zu sein, okay?" Die übrigen Bandmitglieder schauten sich vielsagend an. So konnte Atsushi auch nur auf ein Mädchen reagieren. Hairi stand von ihrem Hocker auf und verbeugte sich kurz vor dem Schwarzhaarigen. "Mir tut es auch leid... es steht mir nicht zu, so was zu sagen!" Sie war besorgt, dass jetzt die Chemie zwischen ihm und ihr nicht stimmen könnte und das harmonische Gesamtbild zerstören könnte. "Ach.." Er setzte wieder sein Lächeln auf und Hairi erwiderte es sofort. Bei diesem Jungen ging es irgendwie nicht anders. "Ist schon okay, ich verstehe ja, warum du so reagiert hast!" "Danke", antwortete Hairi. Atsushi ging hinter seine Keys. "Dann lasst uns mal wieder die Bude rocken!"
Nach den Proben saßen sie noch am Tresen und unterhielten sich. Hairi integrierte sich gut in die Jungengruppe und hatte auch ansonsten keine Probleme. Außerdem fühlte sie sich wohl in der Gegenwart der Jungs. "Sollen wir Samstag Abend alle zu meinen Eltern in die Bar gehen?", fragte Yoshio und warf ein paar Eiswürfel in ein Glas Baileys. Er schob es Kazuya zu. "Na?" "Von mir aus", antwortete er und warf seine Haare zurück, damit sie nicht ins Glas fallen konnten. "Du hast total schöne Haare!", fiel Hairi plötzlich auf. "Meinst du?", grinste er und schaute verwegen über seine Brillengläser. "Man tut auch einiges dafür, dass sie so locker fallen!" "Er ist total eitel", flüsterte Norikazu ihr scherzhaft zu. "Darf ich mal flechten?", fragte sie dann. "Klar!" Kazuya drehte sich mit dem Rücken zu ihr. Sie reckte sich etwas in die Höhe, denn Kazuya war um Einiges größer als sie. "Hey, Yukihiro hat übrigens ein neues schönes Lied geschrieben!", verkündete Norikazu plötzlich. "Ich will den Text lesen!", kam es von Yoshio wie aus der Pistole geschossen. "Ich auch!", kam es von Hairi, die Kazuya gerade den Zopf zuband. "Dreh dich mal um?" Er tat, wie ihm geheißen. "Wie seh ich aus?" Atsushi zeigte ihm den erhobenen Daumen. "Er hat recht, das steht dir wirklich gut!", stimmte Yukihiro zu. "Lenk nicht ab, ich will deinen Text lesen!" Yoshio ließ nicht nach, er war ein großer Fan des jüngsten Mitglieds von Garish Confusion. "Wie heißt das Lied?" "'Heart For Sale'. Wenn es euch gefallen sollte... ich möchte es vielleicht morgen in der Eingangshalle spielen, wenn ihr nichts dagegen habt..." "Nö, nie!", erwiderte der Bassist und griff schnell nach dem Zettel. Hairi sprang auf, ging hinter die Bar und schaute ihm über die Schulter. "Ohh... da ist aber jemand verknallt!", grinste Yoshio, nachdem er den Text durchgegangen war. "Wie schön! Ist es für jemanden?", wollte Hairi wissen. "Vielleicht.", lächelte Yukihiro. "Wir wollen auch mal gucken!", sprach Atsushi für sich und Kazuya. "Sollen wir das heute noch lernen? Ich hab heute Abend noch was vor, deswegen frag ich.." Typisch Atsushi, kein Abend ohne irgendwelche Dates... "Ich kann dir auch die Noten mitgeben", schlug Yukihiro vor. "Das wäre 'ne Idee! Wir können es von mir aus einmal zusammen spielen, aber dann muss ich weg." Er ließ sich die Noten geben, sprang vom Hocker und ging zu seinem Keyboard, um sie in den Notenständer zu stellen. "Sing doch mal einer den Text, dann kann ich besser mitgehen!" "'Kay." Norikazu ging zum Mikro. "Ready?" "Sure!", grinste Atsushi. Dann gab es die Piano-Version von "Heart For Sale".
"Das wirkt auch super ohne uns...", staunte Yoshio. "So was kann auch nur Yukihiro schreiben..." "Wir können ja auch zwei Versionen spielen. Ich geh dann morgen zum Direktor und frage um Erlaubnis, OK? Oder am besten rufe ich ihn an. Der liebt uns ja sowieso über alles!" Atsushi rollte die Noten ein. "So, ich geh dann mal. Ich bin mit dem Auto, soll ich dich nach Hause bringen, Hairi? Es ist gefährlich, als Mädchen abends durch die Straßen zu gehen." "Weil man auf Typen wie dich treffen könnte?", smilte Kazuya. "Ha-ha..", erwiderte Atsushi missmutig. "Und, wie lautet deine Entscheidung?" "Danke! Ich nehme an! Aber ich muss dann noch meine Schuhe von oben holen, wenn das in Ordnung geht!" "Sicher doch." "Gut, dann geh ich mal!" Als sie den Raum verlassen hatte, meinte Atsushi: "Gut, dass wir sie haben. Sie ist echt super und Mädels kommen auch echt gut an bei solchen Wettbewerben!" "Nicht nur das, sie liebt die Musik wie wir!", fügte Yukihiro hinzu. "Und sie sieht gut aus", ergänzte Norikazu. "Ich sag dann schon mal bis morgen!", meinte Atsushi. Sie schlugen ein, da kam Hairi auch schon mit Jacke und Schuhen zurück. "Bis morgen!" Sie verabschiedete sich mit Umarmungen von den Jungs, dann ging sie mit dem Keyboarder raus. "Ob wir damit einen Fehler begangen haben?", meinte Yoshio dann plötzlich. "Was denn?", fragte Yukihiro. "Ich weiß, was er meint." Alle Augen blickten auf Kazuya. "Wir sind Jungs, sie ist ein Mädchen. Im Moment harmonieren wir sehr gut, aber wir müssen aufpassen, dass die Harmonie nicht von anderen Gefühlen gestört wird. Ihr wisst doch, was ich meine? Hairi ist hübsch und lieb, da kann es leicht passieren, dass man plötzlich mehr als Freundschaft empfindet." "Du musst das ja wissen!", lächelte Yoshio und spülte Atsushis und Hairis Gläser aus. Kazuya wich ihm aus.
Atsushi hatte ein kleines Cabrio mit Verdeck. "Gehört das dir?!", staunte Hairi. "Nein, das gehört meinem Vater. Aber Mädchen mögen solche Autos!", grinste er und hielt ihr die Tür auf. Sie stieg ein. Als er neben ihr saß, seufzte sie. "Ich möchte wirklich nicht wie eine Schreckschraube wirken, aber ich muss dir noch mal was sagen!" "Ja?" Er drehte seinen Kopf zu ihr. Seine blauen Augen sahen sie neugierig an. "Nun ja, es geht noch mal um unsere Begegnung vorhin." "Ach so... das hatten wir doch geklärt. Oder? Du brauchst wirklich keine Schuldgefühle haben." "Ja, das habe ich eingesehen. Aber du solltest welche haben, wenn ich ehrlich bin. Ich finde, dass die anderen Bandmitglieder dadurch beeinträchtigt werden, dass du wegen solchen Frauengeschichten zu spät kommst. Außerdem finde ich es auch nicht gut, dass du dir ständig irgendwelche Tussis ins Bett holst..." Atsushi seufzte. "Das haben mir schon viele Leute gesagt. Aber ich kann nichts dafür, dass Sex Spaß macht. Ich bin nur einmal jung, und deswegen lass' ich's krachen." "Warum suchst du dir dann nicht einfach eine Freundin?"
Yoshio wollte sich ein neues Trockentuch aus der Küche holen. Zufällig schaute er aus dem Fenster und sah Atsushis Super-Auto immer noch an seinem Platz stehen. Er blinzelte etwas und erkannte dann, dass Hairi neben ihm saß. Er rannte die Kellertreppe eilig halb runter. "Ey, Jungs... kommt mal hoch!! Atsushi und Hairi sitzen immer noch im Wagen!" "Spanner!", rief Kazuya zurück. "Ich will gucken!", ließ Norikazu vermelden. Yukihiro hing sich an seine Fersen.
Atsushi hörte sich Hairis Predigt an und musste dann verlegen lächeln. "Das hab ich zwar schon total vielen Mädchen gesagt, aber bei dir meine ich's das erste Mal ernst: Du bist süß, wenn du dich aufregst." "Hm, kann sein. Aber ich hab doch recht, oder?", erwiderte Hairi unbeeindruckt und strich sich die Haare zurück. "Ja, hast du. Vielleicht sollte ich mich wirklich mal einschränken mit meinem Mädchenverschleiß." "Was liebst du denn mehr, Sex oder die Musik?" "Ich mag beides, aber die Musik begleitet mich schon viel länger." "Dann bleib lieber der Musik treu als deinem Statussymbol als Sexgott!" "Sag mal, warum regst du dich eigentlich so auf?" Er lehnte sich zu ihr.
"Was is denn jetzt los? Küssen die sich?", fragte Yoshio aufgeregt. "Sieht so aus!", pflichtete Norikazu ihm bei.
"Hast du einen Freund? Du bist ein besonderes Mädchen, das spüre ich. Und das sage ich nicht nur so daher." "Was hat das damit zu tun, ob ich einen Freund habe???", fragte Hairi von Atsushis Direktheit überrumpelt. "Na los, sag schon. Oder nein, ich geb dir noch eine andere Möglichkeit: sagen oder ein Kuss von mir." "Auf keinen Fall! Ich küsse nur Leute, die ich liebe!" Wie ein Blitz kamen die Erinnerungen an den Kuss mit Tsukiari in der Kirche zurück. Sie wurde rot. "Und letztens habe ich jemanden geküsst. Ja, ich bin verliebt." Der Junge lehnte sich wieder in seinen Sitz. "Mann. Was für ein Glückspilz! Weiß er es denn?" "Nein..." "Dann musst du es ihm sagen." Endlich schmiss Atsushi den Wagen an. Er schaute zu ihr. "Er wird sich wahnsinnig freuen. Alleine, dass er dich geküsst hat, ist schon beneidenswert, denn ich durfte es ja nicht." "Jetzt hör doch mal auf damit!", lachte sie und stieß ihn mit ihrem Arm an die Schulter. "Na gut, wenn du's willst. Und stoß mich ja nicht mehr an, ich muss fahren!"
Als sie bei Hairi angekommen waren, seufzte sie auf. "Was ist los? Froh, dass du endlich von mir weg kannst?", fragte Atsushi mitgenommen. "Nein, ich hab nur aufgeatmet, weil meine Mutter schon die Fenster verrammelt hat. Wenn sie mich mit einem Jungen sieht, kriegt sie immer ne Krise, aber das ist eine längere Geschichte!" "Gut! Ich dachte schon! Lass uns das von vorhin einfach vergessen, okay? Freunde?" Er hielt ihr seine Hand hin. Daran trug er ein mehrmals um das Gelenk gewickeltes Lederarmband. "Ja!" Sie gaben sich die Hände. "Und einen guten Geschmack hast du auch, ich liebe Lederbänder!", grinste Hairi. "Danke! Wir sehen uns dann morgen in der Schule, ja?" Sie nickte und umarmte ihn dann. "Tausend Dank fürs Fahren!"
,Na endlich!!', dachte sich Caliduel, als Hairi endlich ins Haus ging und Atsushi wegfuhr. "Lunael?", rief er fragend. Alsbald erschien sie bei ihm. "Ist was?" "BOAH! Atsushi macht sich total an Hairi ran, so eine Sauerei!" Lunael kicherte. "Mal halblang. Du weißt genau, wie Atsushi drauf ist, das macht er doch bei jeder. Aber du hast doch nicht etwa heute den ganzen Tag ihre Gespräche belauscht? Ich hab nur mal kurz bei den Proben zugehört." "Ich nicht mal da. Weil ich ja Hairi menschlich näherkommen will, schau ich öfter nicht hin oder hör nicht zu... ich will nicht mehr wissen, als ich es sollte. Ich bin einfach nur bei ihr." "Super! Die Einstellung ist richtig!", rief Lunael begeistert und klatschte in die Hände. "Aus dir ist wirklich schon ein viel besserer Schutzengel geworden!" "Meinst du?", strahlte Caliduel. « Ja, wirklich ! Vielleicht steigst du ja auch bald auf!" Er grinste sie freudig an. "Und wie ist es bei dir? Hast du Suaviel noch mal getroffen?" "Nein, vielleicht heute Nacht. Ich freue mich so sehr, dass sie da ist!"
Atsushi setzte sich an den Küchentisch und wartete darauf, dass sein Mikrowellenabendessen fertig wurde. Er zog eine Nummer aus seiner Hosentasche. "Yuiko" stand darunter. Reflexartig griff Atsushi zum Hörer, doch dann fühlte er sich schuldig. Irgendwie fühlte er sich, als würde er gegen eine Abmachung zwischen sich und Hairi verstoßen, die seinen Mädchenverschleiß und dessen Eindämmung betraf. "Ach!" Er legte den Hörer weg, doch in diesem Moment schellte das Telefon. "Moshimoshi? Shimokawa?"
"Hi Tsu-kun. Hier ist Norikazu."
"Ach, hi! Was ist denn los? Gibt's was Neues?"
"Japp. Der Direktor hat unser kleines Konzert morgen erlaubt. Außerdem soll ich dir von Yukihiro ausrichten, dass es nett wäre, wenn du noch ein paar Klavierstellen arrangieren könntest."
"Klar, kein Problem!"
"Holst du Yuki-kun und mich dann morgen ab? Dann müssen wir nicht so schleppen..."
"Ist gebongt. Mach ich doch gern."
"Ach so.. und da ist noch was. Yoshio hat dich und Hairi im Auto gesehen. Dürfte man erfahren, was da passiert ist?" Typisch Norikazu, bei einer seiner Schwächen, der Neugier, als Vorwand jemand anderen zu benutzen.
"Nichts. Wir haben geredet."
"Dann ist ja gut. Kazuya meinte, dass ein Mädchen nicht zwischen uns und auch nicht zwischen die Musik kommen darf, weil das die Harmonie gefährden könnte. Ist dir das klar?"
"Ja, ja", seufzte Atsushi. "Es gab sogar einen kleinen Disput, aber den konnten wir regeln und dann haben wir uns freundschaftlich die Hände gereicht. Es gab wirklich keine sonstigen Zwischenfälle. Ich mag Hairi."
"Hoffentlich auch in einem vernünftigen Maß... okay, bis morgen, Kumpel. Und komm ja nicht zu spät."
"Komm ich schon nicht. Bis dann."
Er drückte Norikazu weg und schaute das Telefon missmutig an. Es stimmte: jeder unterstellte ihm etwas Negatives, was auf seinen Mädchenverschleiß zurückzuführen war. Es war wirklich an der Zeit, dieses Image loszuwerden und zuverlässiger auf die anderen zu wirken....
Lunael und Suaviel waren in ihren menschlichen Gestalten auf den Tokyo Tower gegangen. "Ich mag es hier total!", strahlte der blonde Engel. "Schau doch mal, die Mondsichel!" Suaviel kuschelte sich an ihren Arm. "Ja, hier ist es wirklich schön! Hier würde ich gerne mit einem Freund sein!" Sie kicherte kurz. "Einem Freund? Aber da hast du doch noch Zeit!", meinte Lunael. "Ja, das stimmt. Sag mal... denkst du eigentlich immer noch an damals?" Lunaels Herz verkrampfte sich. "Ja, oft. Weißt du, ich möchte das Gefühl nicht vergessen, seine schönen Seiten. Auch, wenn es mir danach so viele Schmerzen bereitet hat. Aber ich bin glücklich, dass er jetzt irgendwo hier lebt und mit einem Mädchen zusammen ist, das er liebt." Lunael faltete die Hände. "Sei gesegnet auf immer..."
Caliduel war von Hairi zum Gebet gerufen worden. Geduldig und vor allem interessiert nahm er auf, was sie sagte. "Ich danke Gott für den heutigen Tag, und auch dir, meinem Schutzengel. Ich durfte etwas erleben, was ich mir schon lange gewünscht habe und ich bin unsäglich dankbar dafür... Aber irgendwie spüre ich, dass sich etwas mit dir verändert hat, mein Schutzengel. Ich möchte dich bei einem neuen Namen rufen und dein Gesicht zeichnen... warte!" Sie stand auf und holte sich ihren Klemmblock vom Tisch. Sie hob einen Bleistift auf, der auf der Erde lag und legte ihn auf das Papier. Dann faltete sie die Hände und versuchte, in sich zu gehen. Caliduel umgriff ihren Körper und flüsterte ihr seinen Namen zu, tief in ihre Seele hinein. "Caliduel!", rief sie plötzlich und schrieb den Namen auf. "Danke, dass du es mir verraten hast! Wir werden uns sicher so gut verstehen, wie ich mich mit Clementiel verstanden habe!" Caliduel wunderte sich sehr über Hairi, er hatte lange keinen Menschen mehr gehabt, der so in seinen Schutzengel vertraut und an ihn geglaubt hatte. Auch war er sehr glücklich darüber, weil er ihr durch dies zweifach nah sein konnte. "So. vielleicht gelingt es mir ja auch, dein Gesicht zu zeichnen." Sie lächelte und schaute aus dem Fenster. Sie konnte am oberen Ende ein Stückchen Himmel sehen. Sie schloss ihre Augen, um wieder in das Stadium der Ruhe zu gleiten. Caliduel fragte sich, ob sie es sogar schaffen würde, ihn zeichnen zu können. Er verband damit aber auch Gefahr, sie durfte nicht wissen, dass Tsukiari ihr Schutzengel war...! Plötzlich griff sie nach dem Stift. Sie zeichnete ein ebenmäßiges, schmales Gesicht. Dann die Augen. Schmal, mandelförmig. Einen langen, fransigen Pony und einen Zopf. Volle Lippen. Erschrocken schaute Hairi auf ihre Zeichnung. "Aber..." Dann schüttelte sie den Kopf. "Wie auch immer du in meinen Augen aussehen möchtest, du willst mich wohl verkuppeln!", meinte sie und musste lachen. "Okay. Das sollte wohl ein Tipp sein!" Sie legte sich auf ihr Bett und wurde still, ihr Gesicht nachdenklich. Sie hatte noch nie etwas ignoriert, das ihr Schutzengel ihr geraten hatte. Sie legte ihre Hände auf ihr Herz und seufzte. "Es soll wohl so sein..."
Caliduels Gesichtsausdruck wurde ernst. Ließ sie sich jetzt nur davon beeinflussen, oder waren es echte Gefühle, die in ihr wuchsen?
Lunael und Suaviel hatten sich noch Süßigkeiten gekauft. "Sag mal, gefällt es dir hier auf der Erde?", fragte sie den Neuankömmling. "Ja! Die Menschen, die mich umgeben, sind wirklich alle sehr lieb. Außer diesen neidischen Ziegen in der Schule!" Aus Ärger stopfte sie sich gleich 4 Mikadostäbchen auf einmal in den Mund. "Die sollen bloß noch einmal was sagen!" "Du hast doch jetzt einen Bodyguard!", grinste Lunael. "Wen? Ach so, Yukihiro! Ja, der ist echt nett! Er hat mir alle Fragen beantwortet und so... Noxel sagte mir auch, dass er ein sehr guter Mensch ist...!" "Hört sich ja wirklich gut an!", flötete der blonde Engel. "Ach ja? Hört sich denn für dich auch einer gut an?", stichelte Suaviel. Sie wollte das nicht auf sich sitzen lassen! "Nein... eigentlich nicht."
Plötzlich veränderte sich die Sphäre. "Oh... ich muss weg! Wir sehen uns!", sagte Lunael hektisch und verschwand in ihre ätherische Gestalt. "Auch gut, dann kann ich wenigstens alles alleine aufessen!", lachte Suaviel.
Es war Servarel, die den Schutzengel aufsuchen wollte. "Es ist schön, dich wiederzusehen, Lunael", lächelte sie. Für den Schutzengel 2. Grades sah ihre Herrin jedes Mal schöner aus. Alles um sie herum war weiß. "Ich freue mich auch sehr, Servarel-sama! Was kann ich tun?" "Ich bin hier, um dir zu berichten, dass ich baldig Caliduel einen Rang aufsteigen lassen werde. Er hat sich sehr zum Guten verbessert. Das freut mich sehr. Weißt du vielleicht, woran es liegt?" Lunael brauchte nicht lange zu überlegen. "Ich glaube, sein Herz hat sich verbessert. Das Freche ist weg und er ist jetzt eher auf Liebe aus... er hat sich nämlich verliebt. In ein Mädchen." Servarel lächelte wieder und es war der schönste und vollkommenste Anblick, den Lunael jemals hatte erblicken dürfen. "Ja, du hast Recht. Aber auch du hast ihn immer auf die rechte Bahn gewiesen. Ihr könnt eine sehr enge Bindung erreichen, wenn ihr es nur zulasst. Ihr passt sehr gut zusammen, ich bin sehr froh, dass ich euch beide zu Partnern gemacht habe! Auch auf dich bin ich sehr stolz. Es wird nicht mehr lange dauern und du wirst den 1. Rang erreichen." "Danke, Servarel-sama! Ich bin sehr glücklich, das zu hören und hoffe, dass Caliduel und ich bald sehr gute Partner werden können." "Es wird nicht mehr lange dauern, das weiß ich. Dann werde ich ihn jetzt einmal aufsuchen. Er wird sich sicherlich auch freuen. Sehr bald wird übrigens noch jemand in euer Leben treten. Aber das ist eine Überraschung und ich will es noch für mich behalten!" "Dann ist es wohl das Richtige!", entgegnete Lunael. "Gehabe dich wohl. Ich werde dann bald wieder einmal vorbeischauen.!" Mit einem Lächeln, wie immer, verschwand der höchste Schutzengel.
Am nächsten Morgen gingen Lunael, Suaviel und Caliduel zusammen in das Schulgebäude. Er war ziemlich stolz, sich als Schutzengel 2. Grades nicht mehr immerzu bei Hairi befinden zu müssen und jetzt auch mal alleine etwas machen zu können. Aber natürlich hätte es ihm auch nichts ausgemacht, ständig an ihrer Seite zu sein. "Guckt mal, die ganzen Instrumente! Und der Herr Direktor!", staunte Suaviel, als sie die Eingangshalle betreten hatten. Sie waren gerade rechtzeitig gekommen, das "Oberhaupt" der Schule testete schon das Mikro. Die Drei versuchten schnell, nach vorn zu kommen. Schon sammelte sich eine große Menschentraube vor der improvisierten Bühne. "Guten Morgen, liebe Schüler und Schülerinnen! Aus einem besonderen Anlass möchte ich das Tyorei jetzt auf dieser Bühne halten. Eure Schülerband, ,Garish Confusion', möchte euch heute ihr neues Lied vorstellen!" Die Jungs tauchten plötzlich hinter der Bühne auf. Vorher hatten sie sich gekniet, damit sie nicht entdeckt werden konnten. Die Mädchen fingen an zu kreischen, die Jungs pfiffen. In ihrer Schule besaßen die 5 Jungs längst Kultstatus und eine treue Fangemeinde. Sogar, wenn sie in der Schuluniform spielten, waren sie der Hit. Norikazu griff das Mikro und zwinkerte in die Menge, was den Geräuschpegel noch verstärkte. Mit einer Handbewegung deutete er an, dass er Ruhe brauchte. Sofort befolgten seine Fans den Befehl. "So... also, wir möchten euch unseren neusten Song vorstellen! Er wurde mal wieder vom genialen Yukihiro..." Aus Vorahnung legte er eine Pause ein, denn dem Mädchenschwarm wurde jetzt durch lautes Kreischen gehuldigt. Dieser lächelte schüchtern und winkte kurz. "...geschrieben." Sofort war wieder alles still. "Wir haben dann zusammen noch etwas arrangiert und jetzt ist der Song fertig. Ich hoffe, er wird euch gefallen. Er heißt ,Heart For Sale'!" Als letzter griff nun Norikazu nach seinem Instrument und hängte sich die rot-schwarze Gitarre um. "Wir singen heute an manchen Stellen zu zweit. Weil es sein Song ist, hat sich Yuki-kun nämlich bereiterklärt, auch was zum Gesang beizutragen!" Die Menge jubelte. "Okay, jetzt geht's aber los!" Er schlug einmal kurz die Saiten an, um den Anfang zu signalisieren. Yukihiro begann, auf Powdersnow zu spielen und Atsushi ließ die Keys erklingen.
"I've got a lot of dreams
I'm saving money for
I'm satisfied to know
I can realize them someday
But then I feel there'll be something missed
And your picture appears in my head
All my material dreams are vanishing
When it comes to you
I cannot be happy until the day
Your heart's for sale
Only for me
I'm feeling so helpless
Because I need you here
Don't know what to do
Because I've got this deperate belief
That your heart will never me mine
So what's left for me to choose
All my material dreams are vanishing
When it comes to you
I cannot be happy until the day
Your heart's for sale
Only for me
Bewitched by your looks
I can't wait to explore your soul
I'm waiting for the day
Your heart's for sale
I'll pay with my love for you
All my material dreams are vanishing
When it comes to you
I cannot be happy until the day
Your heart's for sale
Only for me
Will your heart ever be for sale
The only real payment for this
Are the feelings I have inside for you."
Die Schüler und natürlich auch der Direktor waren überaus begeistert von der rockigen Ballade. So etwas konnte auch nur Garish Confusion gelingen! Mit Jubeln, Kreischen und Applaus wurden die Jungs belohnt. "Wie schön!", meinte Suaviel. "Ja, das ist wirklich ein schönes Lied!", stimmte Lunael zu und auch Caliduel war angetan. Allerdings sagte er nicht dazu, schließlich konnten die Jungs ihn nicht besonders gut leiden.
"So, das war aber noch nicht alles! Wir möchten euch auch noch präsentieren, wen wir bei unserem Casting gefunden haben!", sagte Yoshio und hielt seine Hand hinter die Bühne. Dann zog er Hairi hoch, die die ganze Zeit über dahinter gesessen hatte. Strahlend lief sie neben Norikazu. "Hairi!", riefen die anderen Chormädchen. Sie wussten, was sie konnte! Sie lächelte zurück und dann begann die Band auch schon zu spielen. "Good Morning Baby!", jubelten die Chorsängerinnen wieder. Sie waren große Fans von Garish Confusion und wussten, dass der Song zum allgemeinen Programm gehörte. Doch nun sang das erste Mal ein Mädchen die weibliche Stimme und nicht Yoshio. Das gab dem Song gleich einen ganz anderen Touch. Wie Norikazu und Hairi Hand in Hand vorne standen, sangen, und sich in die Augen sahen, ließ den Song zusätzlich viel echter wirken. Caliduel hingegen gefiel das Ganze gar nicht. "Boaaah, spielt die Band toll!", staunte Suaviel. "Ja, und die beiden singen auch echt gut!"
Auch nach diesem Auftritt wurden die 6 wieder gebührend gefeiert. "Ich hoffe, es hat euch gefallen!", sagte Hairi. "Und wir natürlich auch!", fügte Norikazu hinzu. Der Direktor trat nun wieder hinter das Mikrofon. "Das war es für heute. Ich hoffe, ihr hattet Spaß! Und vergesst nicht, dass Garish Confusion am 19. Juni ihre Vorrunde live bestreiten müssen. Falls ihre Aufnahmen genommen werden, natürlich. Aber das schaffen sie bestimmt! Ich wünsche euch einen schönen Tag!" Er verbeugte sich, die Schüler und die Band verbeugten sich und dann zerstreuten sie sich in ihre Klassen. Hairi sprang von der Bühne. Lunael umarmte sie sofort. "Deine Feuerprobe war mehr als super!", lobte sie. "Danke! Es war so toll! Ich hätte am liebsten noch mehr Songs gesungen!" Über Lunaels Schultern hinweg fiel ihr Blick auf Caliduel, der sie schüchtern anlächelte. Jetzt, wo er nicht immer bei ihr war, wollte er mehr denn je von Hairi selbst um seine Anwesenheit gebeten werden...
Hairi überlegte, ob sie zu ihm gehen und ihn auch umarmen sollte, aber in der Öffentlichkeit hatte sie zu sehr Angst, schief angesehen zu werden und vor allem in der Schule. Somit beließ sie es nur bei einem Dank auf Distanz. "Danke, dass du auch zugeschaut hast!", lächelte sie und schlug die Augen nieder. Seit sie gestern die Botschaft von ihrem Engel erhalten hatte, fühlte sie völlig anders als vorher. Sie war unsicher und irgendwie war es ihr auch peinlich, in Tsukiaris Nähe zu sein.
Nach der Schule hatten die drei Philosophie-AG. Die schwierige Aufgabe, von der Hairi gesprochen hatte, war gewesen, einen Aufsatz über sich selbst und seine inneren Gefühle zu schreiben. Die beiden Engel waren froh, dass sie die Aufgabe nicht hatten erledigen müssen.... Sie setzten sich neben Hairi in die Runde. Die Clubleiterin, ein hübsches, bescheidenes Mädchen namens Wakana Takashi, lächelte die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an. "Also, möchte jemand vorlesen?" Niemand meldete sich. "Hairi, möchtest du nicht vorlesen? Deine Aufgaben sind immer die besten!" "Ja! Bitte, Hairi!", stimmte eine andere zu. "Ähm... inzwischen denke ich nicht mehr so... es ist auch schon zwei Wochen her, dass ich den Aufsatz geschrieben habe..", druckste Hairi. Wakana schaute sie erwartungsvoll an. "Na gut, wenn ihr es hören wollt.. aber es ist ziemlich finster, damit ihr es wisst. Darf ich später auch selbst noch was dazu sagen?" "Natürlich!", erwiderte die Clubleiterin. "Das hat doch oberste Priorität!" "Okay, dann fange ich mal an!" Hairi zog ein paar beschriebene Zettel aus ihrer Tasche und begann zu lesen.
"Meine Grundeinstellung zum Leben ist mein Glaube an Gott, und dass er den Menschen, die er besonders wappnen möchte, jede Menge Steine in den Weg legt, bis sie das größte Ziel, Glück und Zufriedenheit, erreicht haben. Mir sind besonders viele Steine in den Weg gelegt worden und es wird vermutlich auch so weitergehen. Ich stelle nicht viele Anforderungen an das Leben, aber an mich. Ich möchte diese Hürden erkennen und überspringen. Als mein Vater starb, war ich für mich nur noch jemand, der mechanisch funktionierte, seinen Körper am Leben hielt. Ich selbst fühlte nichts und wollte auch nichts fühlen. Selbst meinen Glauben hatte ich verloren, weil ich es damals noch nicht so gesehen habe, dass man einfach nur geprüft werden soll. Ich bin ein schwieriger Mensch, und ich habe dennoch jemanden gefunden, der mich verstanden hat. Nachdem unsere Wege sich jedoch getrennt hatten, hatte er mir mein neues Lebensgefühl gegeben. Er sagte mir, ich solle das alles als Gottes Liebe zu mir ansehen. Ich sei stark genug, den Tod meines Vaters zu überwinden, mein Anderssein, die Einsamkeit, keine Freunde zu haben... denn nach all diesen schwierigen Prüfungen würde alles besser werden, viel besser, sogar optimal. ,Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker, Hairi!' Dieser Satz hat mir soviel Zuversicht und Kraft gegeben wie nichts anderes zuvor.
Ich werde alles ertragen, was ich ertragen muss, bis der Himmel mich ruft. Es gibt ein Geheimnis, das ich habe, aber niemandem verrate. Das soll auch nicht in dieser Aufgabe geschehen. Ich möchte nur verraten, dass ich eine zerrissene Seele habe und nicht alle Wunden geheilt worden sind. Aber ich hoffe, dass sie nach all diesen Prüfungen geheilt sein werden, denn ich vertraue in das, was mir dieser spezielle Mensch gesagt hat, und in Gott."
Wakana und auch alle anderen sahen sehr betroffen aus. Caliduel hätte Hairi am liebsten in den Arm genommen und nie wieder losgelassen. "Aber ich muss sagen, dass sich jetzt bessere Wege eröffnet haben", fügte sie hinzu. "In letzter Zeit fühle ich mich sehr glücklich, denn ich habe 2 Freunde gefunden, die ich nicht mehr verlieren möchte, und außerdem kann ich singen. Das alles zeigt mir, dass Gottes Liebe wirklich mit mir ist und ich freue mich sehr darüber.... wenn ich den Aufsatz noch einmal schreiben würde, dann würde er ein viel besseres Ende haben!" Hairi lächelte Lunael und Caliduel an. Sie alle waren sprachlos. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll..." Die Clubleiterin brach schließlich die Stille. "Du bist bewundernswert, Hairi. Viele Leute hätten bestimmt längst aufgegeben!" "Ich war kurz davor, das kannst du mir glauben, Wakana... wenn ich diesen speziellen Menschen nicht getroffen hätte, würde ich jetzt nicht hier sitzen." "Zum Glück hast du ihn getroffen und erkannt, wie liebenswert du bist!", sagte Lunael. "Ich könnte heulen!", meinte ein Mädchen aus der Gruppe. Caliduel sagte gar nichts. Er saß mit zusammengezogenen Augenbrauen da und schaute sie mitleidsvoll an. Er wollte sie vor solchen Qualen beschützen, was auch immer es kosten sollte.
Nach dem Kurs verabschiedeten sie sich alle voneinander, auch die beiden Engel von Hairi. Als sie schon längst vom Gang verschwunden war, lief der still gewordene Caliduel ihr plötzlich hinterher. Lunael lächelte wissend. Sie setzte auf seinen Beschützerinstinkt und erinnerte sich an das morgendliche Gespräch, das sie geführt hatten. Er war überglücklich wegen seiner Beförderung gewesen und meinte plötzlich zu ihr: "Mir ist etwas klar geworden: Ich kann Liebe empfinden und bin wieder bereit dazu. Es muss nur jemanden geben, der sie annehmen und erwidern möchte!"
Mit Leichtigkeit hatte er Hairi auf dem Schulhof eingeholt. Langsam näherte er sich ihr von hinten. Sie war auf dem Weg zu ihrem Fahrrad, als sie plötzlich zwei warme Arme um ihren Hals spürte. Da sie gerade einem Tagtraum verfallen war, dachte sie, es sei ihr Schutzengel. Als ihr jedoch ein vertrauter, nur vage vorhandener Parfumgeruch in die Nase stieg, wachte sie abrupt auf und stoppte ihre Schritte. "Tsukiari-chan?" "Bitte, lauf jetzt nicht weg......" Sie spürte, dass er seinen Kopf an ihren legte und schloss die Augen. Seine Wärme... seine liebevolle Aura... Sie fühlte sich so geborgen und vollkommen wie eine Träumende, die gerade das erlebte, was sie sich immer gewünscht hatte und nie mehr aufwachen wollte. Die Wärme durchdrang ihren ganzen Körper. "Nein.. nein, ich bleibe hier..." "Ich kann es nicht länger für mich behalten, Hairi-chan..." Caliduels ganze Liebe wollte sich in diesem Moment auf sie konzentrieren. "Nach sehr langer Zeit..... habe ich mich wieder verliebt. Ich dachte schon, ich könnte es nicht mehr, aber du hast mich eines besseren belehrt..." Sie suchte nach seiner Hand, nahm sie in die Ihre und küsste sie. "Seit sehr langer Zeit fühle ich mich wieder erfüllt, für etwas bestimmt..", fuhr er fort. Er ließ sie los und sie drehte sich um. Jetzt konnte sie ihm wieder in die Augen schauen, nachdem sie sich seiner Gefühle bewusst war. "Ich fühle mich ähnlich", antwortete sie ihm. Er musste sofort lächeln. "Wirklich?" "Ja! Ich glaube, wir müssen reden..." Sie schaute auf ihre Uhr. "Meine Mutter kommt erst in zwei Stunden nach Hause. Kommst du mit?" "Klar!" "Gut!" Sie strahlte ihn an. "Dann komm!"
Lunael stand lächelnd und glücklich vor der Ausgangstür. Plötzlich klopfte jemand dagegen und sie drehte sich um. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie dem Weg nach draußen versperrt hatte und öffnete Yukihiro die Tür. "Entschuldige vielmals! Ich hab nicht aufgepasst!" "Ist doch in Ordnung!", lächelte er schüchtern. "Wir sind ja alle manchmal etwas neugierig..." Er dachte an gestern Abend. "Ja, das stimmt!", lachte Lunael und dachte sich: ,Es ist ja auch mein Job, andere zu überwachen...' "Ähm... hat dir ,Heart For Sale' gefallen?" Es war fast vollkommen still auf dem Schulhof. Die AGs waren im Gebäude, nur ein paar Blätter der Bäume raschelten im leichten Frühsommerwind und man hörte leise Musik von Garish Confusion aus dem hinteren Trakt der Schule. Alles schien friedlich und optimistisch. Lunael sog all diese Empfindungen auf. "Ja!", antwortete sie dann. "Ich fand es wirklich schön umgesetzt und der Text ist so metaphorisch! Du hast gute Arbeit geleistet!" Höflich wie immer schaute sie Yukihiro in die Augen. Er war genauso groß wie sie. "Danke. Ich habe auch sehr gehofft, dass er dir gefällt..." Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und fasste nach ihrer Hand. "Ich wollte, dass du weißt... ich habe das Lied für dich geschrieben. Möglicherweise ist all das einseitig... wie in den Lyrics, aber ich wollte es nicht für mich behalten. Du hast ein Anrecht, das zu wissen." Lunael tat der Junge einfach nur leid, wie er ihr mit leicht zitternder Stimme, rotem Kopf und nassen Händen seine Gefühle gestand. Er ließ ihre Hand los. "Ich glaube, ich bin zu gerührt, um etwas zu sagen...", meinte sie sprachlos. In diesem Moment erschien ihr der Liedtext noch emotionaler als ohnehin schon. "Vielleicht willst du dich ja mal privat mit mir treffen... oder so..." Yukihiro hatte die ganze Zeit Atsushis Ratschläge im Kopf: ,Frag sie, ob sie sich mit dir treffen will!' "Eigentlich hätte ich da nichts gegen, aber ich kann mich nicht verlieben. Es tut mir leid." "Okay... danke trotzdem.." "Ich muss mich bei dir für den schönen Text bedanken!" "Ach das... keine Ursache!" Er versuchte ein Lächeln, war aber ziemlich niedergeschlagen, wie man seinen Augen anmerkte. "Einen schönen Tag noch, dann...!", wünschte er und ging dann ins Schulgebäude zurück.
Lunael blieb noch vor der Tür stehen und legte sich die Hand auf den Mund. Konnte sie sich wirklich nicht mehr verlieben seit damals?