Des Königs Garde
»Stillgestanden!«
Ein lautes, einheitliches Trampeln schallte vom Vorhof des Palastes durch die kühle Nachtluft, als die königliche Garde sich in Reihe aufstellte und die Augen auf den befehlshabenden Oberst richteten. Niemand hatte sie informiert, aber dennoch wusste jeder einzelne genau, warum diese Vollversammlung einberufen wurde und offenbar keinen Aufschub duldete.
»Die Untergrundrebellen haben ihre Aktivitäten in letzter Zeit massiv verstärkt. Nach allem was wir wissen, planen sie einen Angriff auf das Königshaus und irgendwo in dieser Kompanie befindet sich ein Informationsleck!«
Seine Stimme hallte laut und deutlich durch die kalte, klare Luft und reichte bis in die kleinsten Winkel des Hofes.
»Das bedeutet, dass allen ab sofort der Ausgang verboten ist und ihr alle die nächste Zeit im Gemeinschaftsquartier verbringen werdet. Ihr werdet in Gruppen von je drei Soldaten die königliche Familie bewachen!«
»Sehr wohl, Oberst Ataio!«
Obwohl auch die Antwort der Soldaten einstimmig und entschlossen durch die Nacht tönte, konnte man das aufkeimende Misstrauen unter ihnen die sonstige Ruhe fast schon durchschneiden hören. Zwar sprach niemand es aus, kein einziges Wort verließ ihre Münder, doch auch so war deutlich spürbar wie die körperliche Anspannung jedes einzelnen mit jeder vergangenen Sekunde immer stärker wurde. Auch wenn es niemand laut sagte oder überhaupt zugeben würde, vermutete jeder in allen anderen, waren sie nun höher oder tiefer gestellt als sie selbst, den Informanten der Rebellen, was das sowieso zur Zeit spärlich vorhandene Vertrauen ineinander nur noch weiter verringerte.
»Milenski, Nebova, Dulić; ihr drei werdet die erste Schicht übernehmen, die sofort nach der Versammlung beginnt. Abgelöst wird alle zwei Stunden! Die zweite Wache übernehmen Iadaria, Tovir und Kegis. Die nächsten! Hirao, Askhel und Tarur! Nächste Gruppe! Farom, Karanas und Onfryn!...«
Auch wenn die Verbliebenen wohl noch erwarteten ihren Namen in einer Gruppe wieder zu finden und Oberst Ataio mehr oder weniger aufmerksam und pflichtbewusst zuhörten, ging die weitere Gruppeneinteilung langsam aber sicher in dem zunehmend lauter werdenden Getuschel und den Beschwerden über eben diese Aufteilung unter. Sie übertönten über kurz oder lang sogar die sonst so ohrenbetäubend lauten Befehle des Oberst.
»Ruhe!!«, bellte er, versuchte Herr über die Lage zu werden und die Soldaten wieder zur Ruhe zu bewegen.
Aber nicht einmal dieser direkte Befehl eines befehlshabenden Vorgesetzten brachte die missmutigen und aufgebrachten Gemüter zum Schweigen. Aufgrund dieser Tatsache blieb Oberst Ataio keine andere Möglichkeit, als die gesamte Garde auf der Stelle zurück in ihre Quartiere zu schicken. Zumindest all diejenigen, die nicht für die erste Wache eingeteilt waren.
Im Gemeinschaftsquartier angekommen wurden die vorher noch relativ leisen Anschuldigungen allerdings erst richtig laut. Einige der Soldaten beschuldigten einfach alle anderen, wieder andere scharten sich in kleinen Grüppchen zusammen, beschimpften und erniedrigten andere kleine Gruppierungen und behaupteten diese wären die rebellischen Spione. Mehr und mehr glich der doch recht großzügige Raum einem Füllhorn von Beleidigungen, Anschuldigungen und wüsten Beschimpfungen. Ein paar trieben es sogar so weit, eine Schlägerei anzuzetteln. Glücklicherweise waren ein paar Hauptmänner zugegen, die das Schlimmste verhindern konnten. So kamen die Beteiligten der Schlägereien mit leichten Blessuren und ebenso geringen Strafen davon.
Die Arme hinter ihrem Kopf verschränkt lag Faye auf einem der Betten und starrte an die Decke. Für sie war diese Situation mehr als grotesk. Noch nie hatte sie so etwas in der königlichen Garde erleben müssen, dabei gehörte sie dieser schon ihr ganzes Leben an. Soweit ihre Erinnerungen zurückreichten, wusste sie sehr genau, dass die Garde immer fest zusammengehalten hatte und genau das auch ihre undurchdringliche Stärke ausmachte.
Aber auch Faye konnte spüren, dass sich etwas verändert hatte. Zwar war es ihr damals nicht klar gewesen, aber rückblickend wusste sie sehr genau, wann das Vertrauen und der Zusammenhalt der Soldaten angefangen hatten zu bröckeln. Es war vor nunmehr 10 Jahren gewesen. Vor 10 Jahren, als Königin Erika so plötzlich verstorben war.
Sie war sehr lebendig und vor allem gesund gewesen, weshalb sich niemand erklären konnte, wie sie so plötzlich hatte sterben können. Obwohl Faye seinerzeit selbst noch jung gewesen war und noch nicht wirklich der Garde angehört hatte, konnte sie oftmals beobachten wie schon damals die ersten Mutmaßungen und Gerüchte über Spione und Attentate laut wurden.
Da aber daraufhin nichts weiter passierte und sowohl der König, als auch der Prinz keine Symptome oder Krankheiten aufzeigten, erstarben diese Äußerungen genauso schnell wieder wie sie entstanden waren. Und dennoch... damals hatte die unüberbrückbare Mauer, die die königliche Garde einst bildete, einen tiefen und irreparablen Riss erhalten und auch Prinz Erion war seither nicht mehr derselbe.
»Prinz Erion...«, dachte Faye still und seufzte tief.
Faye kannte den Prinzen schon sehr lange, von Kindesbeinen an wenn man so wollte. Normalerweise gab es keine Kinder außer den königlichen Sprösslingen innerhalb des Palastes, denn Angehörige des Militärs und Kammerzofen die Kinder erwarteten, wurden aus dem Dienst entlassen. König Mihul war nun mal ein sehr gerechter König und kannte die Bedeutsamkeit einer liebevollen und aufopfernden Erziehung. Und da er genau wusste, dass diese Kinder die Zukunft seines Landes waren, empfand er es als seine Pflicht, dafür zu sorgen, dass jedes Kind im Königreich gesund und mit viel Liebe aufwuchs.
Auch Faye konnte sich nicht über fehlende Liebe beklagen. Sie fühlte sich sogar eher gesagt irgendwie besonders, da sie Prinz Erion nicht nur hatte aufwachsen sehen, sondern sogar mit ihm zusammen aufgewachsen war. Da man sie schon früh in der Schwertkunst hatte unterrichten lassen, wurde sie nach dem Tod der Königin sogar als eine der Leibwachen des Prinzen eingesetzt.
König Mihul war der Meinung gewesen, dass sein Sohn nach dem Tod seiner Mutter eher ein Kind an seiner Seite dulden würde, als einen Erwachsenen. Und auch wenn Prinz Erion nicht wieder so wurde wie früher, konnte Faye beobachten wie er wieder fröhlicher und ausgelassener wurde, je mehr Zeit verging. Doch auch für den Prinzen kam irgendwann der Tag, an dem es ihm scheinbar unangenehm wurde, sich von einer Frau beschützen zu lassen.
Vor 3 Jahren war sie als seine Leibwache abgezogen worden und trat danach in den offiziellen Dienst der königlichen Garde. Aber trotzdem würde sie ihr Leben jederzeit riskieren um Prinz Erion zu beschützen.
Faye wurde allerdings jeher aus ihren Gedanken gerissen als ein ihr sehr bekanntes Gesicht sie besorgt von oben herab anblinzelte. Sie selbst konnte das andere Mädchen ebenfalls nur anblinzeln, war sie doch einfach zu überrascht und eben noch unglaublich abgelenkt gewesen.
»Faye, kann ich... beantwortest du mir eine Frage?«, fragte das junge Mädchen unsicher und ließ sich auf dem Bett nieder.
»Natürlich, was ist los?«, antwortete Faye, während sie sich selbst aufsetzte.
Das Mädchen zögerte deutlich, spielte nervös mit dem Saum ihres Oberteils.
»Du... du bist nicht der Informant der Rebellen, oder?«
Ihre Stimme war leise, zögerlich und doch übertönte sie für Faye sogar das gnadenlose Kreuzfeuer der Anschuldigungen.
Die Worte trafen sie härter als jeder Schlag, den sie im Training bisher hatte einstecken müssen. Aus ihrem Blick sprach der pure Unglaube. Nie hätte Faye gedacht, dass jemand der sie schon so lange kannte, eine Freundin, ihre beste Freundin seit fast 3 Jahren, ihr so eine Frage stellen würde. Selbst wenn sie es nicht zugeben wollte, dass Pomona Tovir – kurz Pom – ihr so eine Frage stellte, traf Faye mehr als man vielleicht glauben würde. Mehr als Pomona vielleicht klar gewesen war. Aber auch sie schien es nun zu bemerken und versuchte sich zu erklären.
»Das...! Ich... ich will einfach nur... sichergehen. Denke ich...«, nuschelte sie betreten und senkte den Blick.
Faye seufzte schwer aber lautlos, schloss die Augen für einen Moment. Natürlich, diese Frage hatte sie getroffen und zwar genau da wo es so richtig weh tat. Aber wirklich übel nehmen konnte sie es Pom wiederum auch nicht. Absolut jeder in diesem Raum war den anderen gegenüber mehr als misstrauisch geworden. Einigen gegenüber weniger, anderen mehr.
Trotzdem... dass gerade ihre beste Freundin ebenfalls solches Misstrauen gegen sie hegte, wenn es auch nur eine Befürchtung war und keine Überzeugung, kränkte Faye sehr. Zeigen jedoch tat sie es nicht. Von klein auf war ihr beigebracht worden, jegliche Emotionen gut versteckt zu halten und niemals anderen zu offenbaren.
Angst, Verzweiflung, Trauer, Enttäuschung, Neid... solche Gefühle hatte Faye natürlich trotz allem, doch gezeigt hatte sie diese nie und wollte jetzt auch nicht damit anfangen. Schließlich hatte man es ihr verboten und rational verstand sie es auch. Bekanntlich machten Gefühle verwundbar. Nicht nur für Freunde und Kameraden, sondern sogar noch mehr für Feinde. Keiner der Soldaten würde freiwillig eine Zielscheibe für die Angriffe der Feinde werden wollen, also unterdrückte jeder seine Emotionen so gut und stark er konnte. Denn Feinde gab es mehr als genug. Und das nicht nur im eigenen Land...
Seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar schon Jahrhunderten – das wusste niemand mehr so genau – befand sich das Königreich Reororia an der Grenze zum Krieg mit der Republik Gardia. Man hätte glauben können, dass es vielleicht darum ging im Königreich die Monarchie abzuschaffen oder die Republik mit dem Königreich zu vereinen, aber in Wahrheit ging es weder den einen noch den anderen um territoriale Ansprüche. Es ging beiden lediglich um die Lumhin-Ressourcen des anderen, sowie die Quellen auf dem bisher unerschlossenen Land im Südwesten von Valorheid.
Als man begonnen hatte Lumhin zu nutzen waren noch mehr als genug Reserven verfügbar gewesen und man hatte sich keine Sorgen darüber gemacht, dass es vielleicht irgendwann zu Engpässen kommen könnte. Doch nachdem die Menschen in Valorheid die Annehmlichkeiten die mit der Lumhin-Forschung einher gingen genossen hatten, waren sie nicht nur nicht mehr dazu bereit diese Vorzüge wieder aufzugeben, sie wurden im Gegenteil nur noch gieriger und Lumhin wurde selbst für die kleinsten und leichtesten alltäglichen Arbeiten verbraucht.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten bemerkten wie schnell die Lumhin-Ressourcen kleiner wurden und man immer mehr neue Vorkommen suchen musste um dem hohen Verbrauch gerecht zu werden. Zwar wussten die Wissenschaftler, dass die Vorräte noch einige Zeit reichen würden, aber man musste sich zwangsläufig darauf vorbereiten, dass auch diese irgendwann zur Neige gehen würden. Seitdem versuchten viele Forscher, Lumhin synthetisch herzustellen, doch bisher hatte niemand eine mittel- oder langfristige Lösung gefunden.
Es gab einige Ansätze für einen synthetischen Ersatz, aber diese künstlichen Energiekristalle hatten nicht einmal ein Zehntel der Energie der natürlichen Kristalle. Zwar wäre es kein Problem gewesen höhere Mengen von ihnen zu lagern, allerdings waren die Kosten zur Herstellung so hoch, dass es sich nicht rentierte die künstlichen Kristalle in großen Mengen anzufertigen.
Leicht aus ihren schweren Gedanken aufgewacht schüttelte Faye lediglich den Kopf.
»Schon in Ordnung. Wenn ich es wäre... dann würde ich es wohl zumindest dir jetzt sagen«, murmelte sie ruhig und klopfte Pom sachte auf die Schulter.
Ein leises Seufzen war zu hören, während sich beide weiter nach hinten auf das Bett lehnten und einen Moment schweigend in den Raum starrten. Faye sah sich langsam um, beobachtete hier und da die anderen. Inzwischen war das Misstrauen das den Raum erfüllte so groß geworden, dass es einem eigentlich den Atem abschnüren hätte müssen.
»Glaubst du eigentlich die Hoheiten sind wirklich in Gefahr?«, fragte Pom leise und sah Faye fragend an.
Erschrocken von der plötzlichen Frage ruckte ihr Kopf in Poms Richtung, fixierte sie einen Augenblick und seufzte schwer bevor sie antwortete.
»Naja... die Rebellen planen offenbar schon seit Jahren die Blutlinie der Toue auszulöschen und damit die Monarchie zu beenden. Bisher ist jedoch noch nichts Gravierendes passiert; warum also gerade heute? Das Schloss ist viel zu gut gesichert, als dass sich hier irgendjemand von außen einschleichen und ein Mitglied der königlichen Familie töten könnte«, murmelte Faye nachdenklich.
Für gewöhnlich hätte sie das was sie eben erzählte aus voller Überzeugung heraus gesagt, aber es war nun mal Fakt, dass die Rebellen eine ernsthafte Bedrohung für den König und seine Familie darstellten. Und diese Tatsache bestand nicht erst seit heute.
Davon wusste Faye allerdings als einzige der niederen Mitglieder der königlichen Garde, was ihrer besonderen Beziehung zu General Eesta zu verdanken war. Besonders die Männer und Frauen, die die oberen Ränge der Garde bekleideten, sahen die größte Gefahr darin, dass jemand versuchen könnte den König zu töten, der seither schon unglaublich gut und stark bewacht wurde.
Natürlich war es verständlich, dass sie König Mihul mit allen Mitteln beschützen wollten. Denn er war nicht nur ein gerechter König sondern auch ein stolzer und würdevoller Mann, der seine Macht zwar ernsthaft und streng, aber auch überaus menschlich nutzte.
Eigentlich war seine Majestät jemand, der von jedem geschätzt und geachtet und von seinen Untertanen geliebt wurde. Nur einmal, so erzählte man sich, hatte vor Jahrzehnten jemand einen Disput mit König Mihul gehabt. Und wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte, dann war es der Anführer der Rebellen selbst gewesen, der diesen Streit mit dem König hatte. Ein Anführer dessen Angesicht weiteren Gerüchten zufolge nicht einmal seine eigenen Gruppenmitglieder jemals erblickt hatten.
Derjenige der Fayes Meinung nach in Wirklichkeit der größten Gefahr ausgesetzt war, war der Prinz des Königreichs. Es war nicht zu bestreiten, dass der Plan der Rebellen war den König zu stürzen. Aber selbst wenn sie ihn töteten wäre immer noch Prinz Erion am Leben, ein durchaus rechtmäßiger Thronfolger.
Würden sie jedoch erst den Prinzen beseitigen, würde es ihr Vorhaben die königliche Familie auszulöschen deutlich beschleunigen. Erwähnt hatte sie diese Überlegung allerdings niemandem gegenüber, nicht einmal dem General. Denn dass sie sich so in die Gedanken der Rebellen hinein versetzen konnte, machte selbst Faye ein wenig Angst. Schätzungsweise war das der Grund weshalb sie in ihrem Alter schon Leutnant im königlichen Militär war, auch wenn nicht einmal der General von diesem zweifelhaften Talent wusste.
Nachdenklich und mit verständlichem und gesundem Misstrauen besah sich Faye noch einmal die umstehenden Soldaten. Viele von ihnen kannte sie schon lang, andere noch viel länger. Daher konnte sie sich auch einfach nicht vorstellen welchen Grund irgendeiner von ihnen besitzen könnte, um ernsthaft interessiert daran zu sein König Mihul oder Prinz Erion zu töten. Erst Pom riss sie erneut aus ihren Gedanken.
»Wir sind in zwei Stunden dran Wache zu halten. Vielleicht sollten wir uns vorher noch ein bisschen ausruhen und etwas schlafen.«
Zugegeben, müde war Faye nicht, aber der Vorschlag klang durchaus vernünftig. Wenn sie Wache halten sollten, dann wäre es sicherlich von Vorteil nicht komplett erschöpft und müde dort aufzutauchen. Denn das würde sonst über kurz oder lang sicherlich zu schwerwiegenden Konsequenzen führen.
»Faye? Faye!«
Trotz des lauten Rufens nach ihr zeigte sie keine Reaktion.
»Iadaria!! Komm schon, wir müssen jetzt wirklich los! Unsere Schicht beginnt in 10 Minuten!«
Keuchend und noch etwas schlaftrunken schreckte Faye auf und starrte Pom an. Sie war wirklich nicht sonderlich müde gewesen und dennoch hatte sie nicht einmal gemerkt, wie sie einfach eingeschlafen war.
»10... 10 Minuten?!«, wiederholte sie immer noch überrumpelt.
»Ja, ganz genau!«
Ein leises ‚Scheiße!‘ fluchend sprang sie auf und sah sich hastig um. Viele der anderen ruhten sich ebenfalls aus, Pom war schon fast fertig und Faye konnte Kegis auch nicht sehen. Vermutlich war sie schon auf dem Weg zum Wachposten.
»Okay, ähm... geh am besten vor! Ich beeil' mich und komm dann sofort nach!«, erklärte Faye während sie eilig ihre Sachen zusammensuchte.
Während Pom mit einer hochgezogenen Augenbraue aber einem schnellen kurzen Nicken schon aus dem Quartier verschwand, schälte sich Faye aus den Klamotten die sie nach der Vollversammlung Zwecks Bequemlichkeit angezogen hatte. Hektisch zwängte sie sich in ihre Uniform und schnappte sich daraufhin ebenso hastig aber unaufmerksam ihre Ausrüstung.
Eilig rannte sie ihrer Freundin hinterher. Sicherlich würde sie zu spät kommen und dafür im Nachhinein wohl eine Strafe aufs Auge gedrückt bekommen, aber das war jetzt auch nicht mehr zu ändern. Sie würde die Strafe einfach auf sich nehmen müssen und versuchte jetzt nur noch die Verspätung so gering wie möglich zu halten.
Eigentlich wollte sie gerade in den Gang zum königlichen Quartier einbiegen, als sie tiefe Stimmen und Schatten tiefer in dem Gang in dem sie sich befand bemerkte. Eigentlich waren Stimmen in den Gängen nichts ungewöhnliches, aber zum einen erkannte sie diese hier nicht und zum anderen hatte sie einfach ein unbestimmtes aber ungutes Gefühl dabei. Sie verwarf deshalb ihren ersten Gedanken das Ganze einfach zu ignorieren und entschied sich dafür besser nachzusehen. Da sie eh schon zu spät war würden ein paar Minuten mehr oder weniger auch nicht mehr weh tun. Die Strafe würde sie so oder so erhalten.
Den Stimmen lauschend und versuchend zu hören was sie sagten, schlich Faye durch den Gang. Als sie allerdings das klirrende Geräusch eines Eisenschwertes wahrnahm, das offenbar eine der Steinwände traf, begannen ihre Beine wie von selbst sich immer schneller zu bewegen. Immer und immer schneller, so schnell dass sie sogar fast über ihre eigenen Füße stolperte. So ein Geräusch konnte nie und in keinem Fall etwas Gutes verheißen.
»Halt! Im Namen des Königs von Reororia!«, brüllte Faye und griff nach ihrem Schwert.
Auch wenn es zu dunkel war um zu sehen, wer sich dort im Gang befand, konnte sie nicht nur da stehen und nichts tun. Sie musste einfach dazwischen gehen. Doch obwohl Faye nach ihrem Schwert griff, war alles was sie fühlte eine erschreckende Leere. Sie musste den Drang unterdrücken einfach stehen zu bleiben und nachzusehen.
Aber auch so begriff sie sehr gut, dass sich ihr Schwert wohl noch im Quartier befinden musste und sie in der Eile einfach nicht bemerkt hatte, dass sie lediglich die leere Schwertscheide mit sich genommen hatte. Dennoch rannte sie weiterhin auf die vermeintlichen Rebellen zu und stieß dabei als Einschüchterung einen lauten Kampfschrei aus.
»Verdammt — los weg hier!«
Die Stimmen waren nur gepresst zu hören, was es Faye unmöglich machte herauszufinden wer die beiden Personen vor ihr waren, geschweige denn ob es eigentlich Frauen oder doch Männer waren. Kurz darauf waren nur noch ein schmerzvoller Aufschrei, ein lautes Klirren und dumpfes Getrampel zu hören.
Der Aufschrei ging Faye durch Mark und Bein, denn sie wusste nur zu genau wem die Stimme gehörte. Ihr eigener Schreckensschrei, den sie lediglich in ihrem Kopf ausstieß, blieb ihr allerdings im Hals stecken, als sie schließlich vor der betroffenen Person zum Stehen kam.
Allein der Anblick ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Mit einem Mal war ihr Kopf nicht nur komplett leer, sondern gleichzeitig genauso voll. Und zwar voll von einem unglaublichen Gefühl der Angst, etwas was sie sonst sehr gut zu unterdrücken wusste.
»P-Prinz Erion...«, keuchte sie heiser, während ihre mehr als zittrigen Beine nachgaben und sie neben ihm auf die Knie fiel.
Im Halbdunkeln konnte man kaum etwas erkennen, doch auch so sah die vor Schmerzen zusammengekrümmte und halb ohnmächtige Gestalt des Prinzen mehr als erschreckend aus. Dennoch konnte Faye nicht umhin ihn etwas weiter in das spärliche Mondlicht zu ziehen, das durch die Fenster schien. Obwohl sie sonst für eine Frau doch eine beachtliche Kraft an den Tag legte, fiel es ihr jetzt überraschend schwer den jungen Mann überhaupt ein Stück zu bewegen.
»Prinz Erion... w-was... was ist passiert?«
Faye hoffte inständig eine Antwort zu bekommen, doch der Prinz schien eher weggetreten zu sein als wirklich wach.
»Prinz Erion?!«
Sie versuchte es erneut, aber die einzige Antwort die sie bekam war ein schmerzvolles Aufstöhnen. Erst in diesem Moment fiel ihr wirklich bewusst das blutige Schwert auf, das neben den beiden auf dem Boden lag. Sie schluckte schwer und lenkte ihren Blick von dem Schwert zurück auf den Körper des Prinzen. Ihre Augen wurden immer weiter und ihr Gesicht immer blasser, als sie die klaffende Wunde in seiner linken Schulter bemerkte. Sie war sogar zu geschockt und verängstigt um in Tränen auszubrechen und das obwohl ihr gerade wirklich danach zumute war.
»Oh Gott... oh Gott, oh Gott, oh Gott!«, schoss es ihr lediglich durch den Kopf.
Wie versteinert konnte sie einfach nur da sitzen und den schwer verletzten Prinzen anstarren. Erst als sie merkte wie seine rechte Hand sich schwach in ihren Ärmel klammerte, konnte sie sich wieder aus ihrer Starre lösen.
Hastig und halbwegs geistesgegenwärtig zog sie den langen Stoff, der eigentlich als Halterung für ihr Schwert diente, von ihrer Uniform und drückte ihn mit zittrigen Händen auf die Wunde. Es kostete sie einiges an Überwindung, aber letztendlich presste sie das Tuch noch fester dagegen, was Prinz Erion ein heiseres, schmerzvolles Stöhnen entgleiten ließ.
»Bitte! Haltet das Tuch so fest es geht, Prinz Erion!«, flehte sie ihn an, während sie seine rechte Hand auf den schon leicht blutgetränkten Stoff drückte.
Faye sah sich hilfesuchend um, doch nirgendwo war einer der anderen zu sehen. Hatte es denn sonst niemand gehört? Fragten sich Pom und Kegis nicht, wo sie die ganze Zeit blieb? Schließlich hatte die Schicht inzwischen schon lange begonnen. Die Verzweiflung, die ihr ins Gesicht geschrieben stand, begann langsam aber sicher überhand zu nehmen und überschwemmte ihre Gedanken wie eine Flutwelle.
»B-Bitte, haltet durch! Ich werde Hilfe holen!«
Schwer schluckend und deutlich zögernd betrachtete sie den Prinzen noch kurz, bevor sie sich aufsetze und eigentlich aufstehen wollte. Prinz Erion jedoch griff hilfesuchend nun mit seiner linken Hand nach ihrem anderen Ärmel. Man sah, dass er seinen Arm kaum heben konnte, ihn zu bewegen war ihm offenbar nur unter schmerzvollem Keuchen möglich, und doch schien er so sehr nicht zu wollen, dass man ihn alleine ließ. Aber Faye blieb keine andere Wahl. Sie konnte nicht einfach hier sitzen bleiben und hoffen, dass jemand der anderen sie suchen kam. Sie würde nur Gefahr laufen, dass Prinz Erion in ihren Armen verblutete. Also musste sie, so schwer es ihr auch fiel, seine Hand von ihrem Ärmel lösen.
»Bitte, Prinz Erion! Bitte lasst los! Ich bitte Euch, lasst doch los! Wenn ich jetzt nicht gehe—«, flehte Faye den jungen Mann an.
»Dann wird man dich erwischen.«
Erschrocken wirbelte ihr Kopf zur Seite und erblickte nicht nur Pom und Kegis, sondern auch Oberst Ataio und sogar General Eesta. Beim Anblick dieses Mannes blieben ihr schlichtweg jegliche Worte der Verteidigung im Hals stecken. Das Aufgebot an Schwertern und anderen Waffen, die alle auf sie gerichtet waren, machte sie nur noch sprachloser.
»Du... du hast... du hast doch gesagt, du wärst es nicht!«
Poms erschütterte, zweifelnde wenn auch leise Stimme entleerte sich wie ein Eimer kaltes Wasser über Faye und ließen sie erstarren, was die anderen nutzten, um sie vom Prinzen wegzuziehen. Sie war wie vom Blitz getroffen und so auf Pom fixiert, dass sie nicht einmal bemerkte wie Prinz Erion schließlich von zwei anderen Wachen in sein Zimmer gebracht wurde, um seine Wunde endlich zu versorgen.
Das einzige was Faye in ihrem momentanen Zustand überhaupt tun konnte, war den Kopf schütteln und immer wieder zu beteuern, dass sie nichts getan hatte und niemals etwas tun würde, das den Prinzen verletzen könnte.
»Gerade von dir hätte ich so etwas nicht erwartet, Iadaria.«
Es war hart und nur schwer zu ertragen, dass General Eesta sie gerade so distanziert ansprach.
»Du bist seit du 8 warst bei der königlichen Garde angestellt. Ich habe dich aufgenommen und dich behandelt wie ein eigenes Kind. Ist das dein Dank dafür?«, fragte der General mit unfassbar ruhiger Stimme, der man aber überdeutlich anmerkte wie bitter enttäuscht er in Wirklichkeit war.
»Aber ich war es nicht! Ich war es doch nicht!«, krächzte Faye und sah hilfesuchend in die Runde, »Bitte, glaubt mir doch! Pom!«
Diese allerdings konnte Faye nicht einmal ansehen. Sie senkte den Blick und drehte sich auffällig schnell weg.
»Und so was nennt sich Freundin!«, schnauzte Faye und versuchte sich loszureißen, was aber nur zur Folge hatte, dass die Wachen sie noch fester hielten, sodass es sie schon schmerzte.
Der Anblick des Prinzen hatte bei ihr einen Schalter ausgelöst, der jetzt dafür sorgte, dass alle Emotionen die sie sonst unterdrückte nur so aus ihr heraus sprudelten. Gerade war sie so unglaublich sauer, dass sie Pom am liebsten an den Hals gesprungen wäre, um ihr so richtig die Meinung zu sagen und ihr dabei gleich noch eine zu verpassen.
»Hast du noch irgendetwas zu sagen, bevor wir dich in den Kerker werfen?«
Erneut erstarrte Faye und blickte geschockt zu Oberst Ataio.
»... in den Kerker? A-Aber—! Ich hab wirklich nichts getan! Das ist nicht mein Schwert! Ich hab jemanden hier gehört und bin hin gerannt! Als ich den Prinzen erkannt habe, waren die Angreifer schon geflohen! Die haben das Schwert hier hin geworfen!«, versuchte sie sich hoffnungslos und leicht panisch zu erklären.
»Wenn es nicht dein Schwert ist, dann erklär' mir doch, warum die Schwertscheide die dort liegt leer ist.«
Faye schüttelte fassungslos den Kopf. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte es sein, dass niemand ihr glaubte? Natürlich gab es das Misstrauen gegen den feindlichen Spion, aber die anderen kannten Faye doch. Wie konnte es dann sein, dass alle sich gegen sie stellten? Nicht einmal General Eesta schien ihr glauben zu wollen. Jemand, zu dem sie immer aufgesehen hatte, den sie wie einen Vater geliebt und respektiert hatte.
»Mein Schwert... ist noch im Quartier... ich habe es vergessen. Ich hatte es so eilig, weil ich verschlafen hatte...«
Die Erklärung klang selbst in ihren eigenen Ohren lahm und hätte sie nicht gewusst, dass es der Wahrheit entsprach, hätte Faye es selbst nicht geglaubt. Langsam wichen Wut und Verzweiflung einer beängstigenden Leere und Gleichgültigkeit. Warum sollte sie sich eigentlich erklären, wenn ihr doch niemand Glauben schenkte?
»Nette Geschichte, die du dir da zurecht gelegt hast. Und wahrscheinlich hast du nicht einmal einen Zeugen der versichern könnte, dass du dein Schwert vergessen hast, nicht wahr? Weil niemand darauf geachtet hat? Ich habe deine Lügenmärchen satt! Bringt sie in den Kerker. Leutnant Faye Iadaria wird hiermit der versuchte Mord an Prinz Erion Valar Toue zur Last gelegt und zum Tode durch Exekution verurteilt.«
Bei dieser Aussage rutschte Faye das Herz in die Hose. Ihr gesamtes Blut schien sich aus ihrem Körper zu verabschieden, was sie noch blasser werden ließ als sie es eben schon gewesen war. Kreidebleich war wohl das richtige Wort um es zu beschreiben.
Passierte das hier wirklich? Hatte sie gerade richtig gehört? Sie sollte hingerichtet werden? Für ein Attentat, das sie noch nicht einmal begangen hatte? Faye konnte es nicht fassen. Vielleicht drehte sich die Welt ja plötzlich anders herum. Oder vielleicht waren ja plötzlich alle verrückt geworden. Vielleicht war das alles aber auch einfach eine riesen große Verschwörung und Faye kam ihnen als Sündenbock gerade richtig?
Langsam aber sicher bekam sie das Gefühl, dass ihr Verstand einfach aufhörte richtig zu funktionieren. Jeder Gedanke den sie hatte kam ihr immer unwahrscheinlicher und unsinniger vor. Das alles machte einfach keinen Sinn mehr. Nichts davon machte Sinn. Nicht einmal annähernd. Wohl auch deshalb war Faye unendlich froh, als die Kälte die durch ihren Körper kroch durch einen schwarzen Mantel der Ohnmacht abgelöst wurde und ihr jeglichen weiteren Gedanken ersparte.
Flucht aus Merodin
Während außerhalb des Schlosses die Vögel zwitscherten und innerhalb der Mauern die Schritte von patrouillierenden Wachen widerhallten, konnte man bei genauerem Hinhören immer wieder leichte und schnelle Schrittlaute bemerken, die sich unaufhörlich einem der Räume der königlichen Familie näherten. Ein Paar silberfarbener Augen sah sich prüfend um, bevor die Person der diese gehörten sich eilig zur Tür stahl und sie unter mäßigem Kraftaufwand auf schob.
»Erion!«, flüsterte eine helle Stimme, während sie die schwere Tür hinter sich wieder zu drückte.
Der blonde Junge an seinem Schreibtisch drehte sich nicht um, schrieb einfach stur weiter.
»Erion, komm schon!«
Diese bettelnde Stimme kannte er zu gut, um sie ignorieren zu können. Erion wusste, dass er nicht mehr dazu kommen würde sich auf seine Aufgaben zu konzentrieren, wenn er jetzt nicht auf das Betteln reagierte. Seufzend drehte er sich zu dem Mädchen, das inzwischen neben ihm stand und neugierige Blicke auf die Papiere auf dem Schreibtisch warf.
»Was ist denn?«, fragte er einlenkend.
»Die Sonne scheint, komm raus spielen!«, erwiderte das Mädchen gut gelaunt und aufgeregt.
Erion seufzte nur noch mehr.
»Ich kann jetzt nicht spielen, Faye. Ich muss meine Aufgaben machen. Mein Tutor kommt in 3 Stunden um sie zu überprüfen.«
Faye sah den jungen Prinzen mit einem breiten aber lückenhaften Grinsen an. Einer ihrer Schneidezähne fehlte, seitdem sie vor einigen Tagen von einem der Bäume im Schlossgarten gefallen war.
»Bis dann sind wir doch schon wieder da!«, beteuerte sie und zog auffordernd an seinem Arm.
»Und wann soll ich die Aufgaben machen, Faye? Ich bin noch nicht fertig.«
»Dann gehen wir nur eine Stunde spielen oder so. Okay? Bitte komm mit mir spielen, Erion. Bitte, bitte!«
Faye klang fast schon ein wenig quengelnd, grinste ihn aber immer noch breit an. Sie schien einfach nicht klein bei geben zu wollen. Unnachgiebig fixierte sie Erion und wartete hoffnungsvoll auf seine Zustimmung. Da Faye sich offensichtlich nicht umstimmen lassen würde, seufzte Erion erneut und gab schließlich nach.
»In Ordnung. Ich komme eine Stunde mit raus...«
»Hurra!«, jauchzte Faye und zog noch etwas mehr an seinem Arm.
»Und wie wollen wir hier raus kommen? Draußen patrouillieren Wachen, seitdem man von Aufständischen in Merodin gehört hat«, bemerkte Erion und rutschte von seinem Stuhl.
Fayes Grinsen wurde noch breiter, als sie die Fäuste in die Hüfte stemmte.
»Überlass' das mir!«
Lachend zog sie Erion zur Tür und diese ein winziges Stück auf, nur um sie einen Moment später mit einem lauten Knall wieder zu zu werfen.
»Komm hier rüber«, wies sie ihn flüsternd an, lotste ihn eilig hinter ein Regal.
Es dauerte auch nicht allzu lange bis ein paar Wachen, angelockt von dem lauten Geräusch, alarmiert die Tür öffneten und in den Raum liefen.
»Prinz Erion? Prinz Erion, seid Ihr hier?!«
Faye deutete Erion an leise zu sein und zog ihn stumm hinter sich her. Die Leibwächter waren zu beschäftigt damit den Raum nach selbst dem kleinsten Anzeichen des Prinzen abzusuchen; sie sahen sogar aus dem Fenster um sicher zu gehen, dass man ihn nicht nach draußen verschleppt hatte. Womit sie dieses Mal überraschenderweise nicht einmal so falsch gelegen wären. Denn nachdem Faye und Erion dessen Zimmer verlassen hatten, waren sie nun auf dem direkten Weg nach draußen.
Natürlich war es nicht ungefährlich den Prinzen ohne das Wissen der Garde oder seiner Eltern mit nach draußen zu nehmen, selbst wenn es nur der Schlossgarten war. Von der Tatsache abgesehen, dass man es ihm sicherlich nicht erlaubt hätte, machte sich auch keiner der beiden Gedanken über die Gefahr, die ohne Schutz da draußen auf den jungen Prinzen warten könnte. Für solche Voraussicht waren die beiden einfach noch zu jung. Besonders Faye mit ihren viereinhalb Jahren hätte niemals daran gedacht. Schließlich war sie ein einfaches Kind, das keine größeren Gefahren zu erwarten hatte, wenn sie sich außerhalb des Schlosses aufhielt.
»Guck, guck!«, flüsterte Faye freudig, nachdem sie Erion in ihr Versteck gezogen hatte, »Da ist keine einzige Wolke am Himmel! Toll oder?«
Gut, Erion war nicht so euphorisch wie Faye, aber er musste doch irgendwie zugeben, dass es toll war draußen zu sein. Als Thronfolger hatte er nun mal viele Pflichten und wenig Freiheiten und dadurch genoss er die Zeit die er außerhalb des Schlosses verbringen konnte umso mehr.
»Was willst du eigentlich spielen?«, fragte er deshalb doch ein wenig neugierig und sah rüber zu Faye.
Die jedoch drückte ihm ihre Hand auf seinen Mund und zischte ihn leise an.
»Die suchen nach dir.«
Stumm deutete sie auf die Wachen, die wie aufgescheuchte Hühner durch den Schlossgarten irrten. Scheinbar hatte jemand sie darüber informiert, dass Erion eigentlich gerade seinen Pflichten nachzugehen hatte und offensichtlich nicht in seinem Zimmer war. Das bedeutete aber auch, dass sie wohl nicht im Schlossgarten bleiben konnten und Fayes Pläne damit über den Haufen geworfen wurden. Schließlich konnten sie nicht die ganze Zeit in ihrem Versteck sitzen und darauf warten, dass die Wachen endlich aufgaben.
Nachdenklich legte Faye unwillkürlich den Kopf schief. Irgendwas musste ihr doch einfallen, was sie unternehmen könnten ohne gleich erwischt zu werden. Geistesabwesend starrte sie auf das Blattwerk vor sich, die Leibgarde immer noch lautstark nach Prinz Erion suchend.
»Oh, ich hab’s!«, jauchzte Faye stumm in Gedanken und sah zu Erion.
Still deutete sie in die Richtung in die sie mit ihm verschwinden wollte und kroch langsam und so geräuschlos wie möglich als erste durch die Sträucher. Der Weg war nicht ganz das was man gut begehbar nennen würde, aber so würden sie vermutlich ungesehen aus dem Schlossgarten und zu Fayes beabsichtigtem Ziel gelangen.
Weitestgehend lautlos und für die Verhältnisse von so kleinen Kindern sogar recht schnell gelangten sie an Fayes – wie sie es nannte – geheimes Fort. Natürlich war dieses Fort, keine richtige Festung und außerhalb kindlicher Fantasie gab es wohl nichts was einer Festung unähnlicher war, aber für Faye reichte es vollkommen. Mit Erion zusammen stand sie vor einem umgestürzten Baum, den Faye selbst mit kleinen Ästen von Bäumen und Sträuchern bedeckt hatte. Diese Konstruktion ergab so einen winzigen Unterschlupf in dem höchstens zwei Kinder Platz hatten. Für Faye und Erion also gerade ausreichend.
Zudem war Fayes Fort an einem Fluss gelegen, den sie als Burggraben nutzte. Freudestrahlend darüber endlich angekommen und vor allem den Wachen entkommen zu sein, drehte sie sich zu ihrem Begleiter um und lachte ihn wieder einmal mit ihrem lückenhaften Grinsen an.
»Und jetzt spielen wir!«, verkündete sie entschlossen und zog Erion über die kleine etwas instabile Holzbrücke die über den Fluss führte.
»Und was willst du spielen?«, fragte er, während er sich ohne Gegenwehr ziehen ließ.
Faye lachte, war es für sie doch mehr als offensichtlich, was sie spielen würden.
»Wir müssen das Fort zurück holen!«, gab sie freudig kund und ließ Erion schließlich los um für ihn und sich ein Schwert zu suchen.
Man musste natürlich nicht erwähnen, dass die vermeintlichen Schwerter zwei abgebrochene Äste waren und Faye sogar ein paar kleine Steine suchte, um diese als Wurfgeschosse zu verwenden.
»Papa Asad sagt immer, wenn man etwas nicht mehr hat, dann muss man es zurück holen! Und weil ich ja nicht da war, muss ich das Fort zurück holen und du hilfst mir, ja?«, erklärte sie nur sehr kurz und wies Erion dann an, was er zu tun und vor allem wie er es zu tun hatte.
Faye mochte zwar klein, jung und recht naiv sein, aber sie wusste immer was sie wollte. Und wenn sie etwas wollte, dann musste es auch so passieren wie sie wollte, dass es passiert. Noch konnte sie ja nicht wissen, dass in ihrem späteren Leben viel zu viel ganz anders passieren würde, als sie es sich vorgestellt hatte.
Nach einer Weile beschloss Faye allerdings, dass sie das Fort wieder zurück erobert hatten und warf ihr mutmaßliches Schwert zurück in die Büsche. Für sie war es jetzt an der Zeit etwas anderes zu spielen, weshalb sie sich jetzt in ihre kleine Festung setzte und Erion abwartend ansah. Dieser schien ihren Gedankensprüngen allerdings nicht so recht folgen zu können und sah sie daher fragend und etwas ratlos an.
»... und jetzt?«, hakte er nach da einfach keine Erklärung von ihr kam.
»Wir haben das Fort zurück geholt. Jetzt bin ich die Prinzessin und du musst mich jetzt retten«, meinte sie eindringlich und mit einer Selbstverständlichkeit, die Erion ehrlich gesagt ein bisschen überwältigte.
Deshalb stand er auch einfach weiter da und sah Faye an.
»Du musst jetzt da rüber gehen und dann musst du über den Graben und an den Fallen vorbei und den Drachen besiegen und mich retten!«, erklärte sie leicht schmollend.
Schließlich musste Erion doch klar sein, was er tun muss um eine Prinzessin zu retten. Er war doch ein Prinz. Zumindest war Faye überzeugt davon, dass er so etwas zu wissen hatte. Erion selbst seufzte nur lautlos und ging dann zurück über die Brücke an das andere Ufer und ein Stück in den kleinen Wald hinein.
Immerhin wollte er Faye nicht sauer machen, denn auch wenn sie klein war, war dieses Mädchen unausstehlich wenn sie zornig wurde. Außerdem, auch wenn er es vielleicht nicht offen sagte und wohl auch nicht so recht zugeben wollen würde, Faye war seine Freundin. Und auch als Prinz wusste Erion, dass man Freunde nicht vorsätzlich verärgerte und ihnen mit Respekt und Freundlichkeit begegnete. Also tat er das einzig richtige in dieser Situation und befolgte die Befehle des Mädchens. Jedoch hatte keiner der beiden wissen geschweige denn ahnen können, welche Auswirkungen ihr heutiger Ausflug auf die Zukunft haben würde...
Kaum hatte Erion angefangen Fayes Spielanweisungen nachzugehen, geschah schon das Unvermeidliche. Ein etwas in die Jahre gekommener Mann stolperte in Erions Richtung und riss den Jungen regelrecht von den Füßen. Blinzelnd kroch Faye aus ihrem Fort und lief etwas auf die beiden Personen zu, erstarrte jedoch als sie das Messer in der Hand des Mannes erblickte. Natürlich, eigentlich war Faye den Anblick von Waffen gewöhnt, nicht zuletzt durch ihren Ziehvater, aber dieses Mal machte diese Waffe ihr Angst. Sehr große Angst sogar. Sie wusste nicht, wer dieser Mann war und auch nicht, was er mit diesem Messer alles anstellen würde. Sie hatte einfach so fürchterliche Angst, dass sie unwillkürlich zu zittern begann und Tränen ihre hellen, großen Augen füllten.
Auch Erion selbst war der Mann nicht wirklich geheuer. Noch während er sich etwas aufrappelte rutschte er unbewusst weiter nach hinten. Helfen tat es ihm allerdings kaum etwas. Denn kurz darauf griff Erions Gegenüber nach dessen Kragen und stand langsam auf. Erion versuchte sich aus dem Griff zu befreien, denn es fiel im unsagbar schwer zu atmen. Nicht verwunderlich, wenn man bedachte, dass er gut einen halben Meter über dem Boden nur an seinem Kragen gehalten baumelte.
Wie es schien war der Mann ein herum irrender Dieb. Der abgewetzte Lederbeutel, den er bei dem Zusammenstoß hatte fallen lassen, offenbarte nämlich diversen Schmuck, den er sicherlich nicht selbst trug. Und seinem Aussehen nach zu urteilen war er auch nicht in der Lage diesen rechtmäßig zu erwerben. Und schlimmer noch, er schien Erion auch noch als Prinzen des Landes erkannt zu haben, denn es formte sich ein unheimliches Grinsen in seinem verdreckten Gesicht, welches seine schiefen, gelblichen Zähne entblößte.
Bis heute könnte Faye wohl nicht sagen, woher ihr plötzlicher Mut damals kam, aber als dieser Dieb sein leicht rostiges Messer zu Erions Gesicht hob, bewegten sich ihre Beine wie von selbst. Trotz der Tränen in ihren Augen, der dadurch deutlich verschwommenen Sicht und ihrer vor Angst zitternden Glieder, schnappte sie sich einen der herumliegenden dünnen Äste und rannte, mehr stolpernd als alles andere, auf die im Vergleich zu ihr viel zu große Person zu.
»Lass ihn los, du Doofmann!«, rief sie mit ihrer verweinten und zunehmend schriller und höher werdenden Stimme.
Eine wirkliche Bedrohung stellte sie natürlich nicht dar, was ihr zu diesem Zeitpunkt aber wohl niemals bewusst gewesen wäre. Sie setzte an den Mann mit dem dünnen Holz zu schlagen. Dieser jedoch trat lediglich einen Schritt zurück, brachte Faye so zum Stolpern und holte selbst mit seinem Messer aus.
»FAYE!«
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Alarmiert schreckte Faye hoch und sah sich hektisch um. Sie zitterte und ihr stand der kalte Schweiß auf der Stirn, aber langsam bemerkte sie, dass sie wohl nur geträumt hatte.
Es war lange her, seit sie sich das letzte Mal an diesen Tag erinnert hatte. Unwillkürlich griff sie über ihre Schulter und platzierte ihre Hand auf ihrem Rücken, während sie sich aufsetzte. Auch dass sie einige Male tief durchatmete half nicht dagegen, dass ihr gerade unglaublich übel war. Der einzige Trost war, dass es nicht allzu hell war und trotz der eigentlich warmen Tage angenehm kühl. Langsam besah sich Faye die Umgebung etwas genauer.
Dunkel, feucht und ein Gestank der Verwesung in der Luft. Klirrend hohe Schreckensschreie und tiefes verzweifeltes Grollen erklangen aus den Tiefen der Gänge. So stellte man sich für gewöhnlich einen Kerker vor. Doch der Kerker des Königshauses war alles andere als das. Da es nur sehr selten Gefangene gab, war es ziemlich still, eigentlich sogar viel zu still. Ab und zu hörte man die Wachen mit jemandem sprechen oder das leise Quieken von Mäusen. Ansonsten gab es jedoch nur diese beinahe schon erdrückende Stille.
Mit viel gutem Willen konnte man die Zelle in der Faye sich jetzt befand sogar irgendwie als gemütlich bezeichnen. Sie hatte zwar einen etwas strengen Geruch, aber es gab ein kleines vergittertes Fenster und eine Pritsche, auf der sie sich zumindest ausruhen konnte. Das war für einen Kerker wahrscheinlich nicht einmal schlecht. Nicht, dass Faye schon besonders viele Kerker gesehen hatte. Wäre da nur nicht die Tatsache gewesen, dass sie hingerichtet werden sollte...
Man hatte ihr noch keine genaue Zeitangabe gegeben, aber das musste zumindest meinen, dass sie noch ein paar Tage hatte. Auch wenn sie sich im Moment nicht sicher sein konnte, wie viel Zeit vergangen war. War es eigentlich Tag? Oder war es gerade Nacht? Zwar schien etwas Licht in den Kerker, aber der vergitterte Spalt befand sich zu hoch, als dass Faye genau hätte sagen können, ob es Sonnen- oder Mondlicht war.
Immer noch etwas in Gedanken zuckte sie leicht zusammen, als ihr Magen leise knurrte. Faye lachte sacht, wusste sie doch, dass sie nur zu festen Zeiten etwas zu essen bekommen würde, wenn überhaupt. Allerdings erschrak sie doch ziemlich, als man aus der Zelle neben ihr plötzlich ein wesentlich lauteres, tieferes und auch irgendwie furchteinflößendes Grollen hörte. Sie schluckte schwer, während sie ihre Schuhe auszog, auf die Pritsche stieg und durch das schmale Gitter in der Wand in die andere Zelle sah.
Das was sie dort sah lies sie jedoch ein paar Mal blinzeln und dann fast rückwärts wieder von der Pritsche fallen. In der Zelle neben ihrer befand sich tatsächlich jemand aus dem Wolfs-Stamm, von dem man eigentlich dachte er wäre inzwischen ausgestorben. Zögerlich, und nicht ohne vorher noch einmal tief durchzuatmen, streckte sie sich wieder etwas, um einen erneuten Blick auf die Person nebenan erhaschen zu können.
»Was willst du?«, knurrte der dunkelhaarige Junge, der Fayes Meinung nach nicht älter als 15 oder 16 sein konnte.
Jedenfalls kam er ihr nicht wesentlich älter vor.
»Ich...? Ähm... nichts... ich hab nur...«, stammelte Faye, hatte keine Ahnung, was genau sie ihm sagen wollte oder sollte.
Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie jemanden aus dem Wolfs-Stamm zum Anfassen nah vor sich hatte und ihn nicht wie sonst in einem der Geschichtsbücher betrachtete. Sie war gelinde gesagt mit der Situation ein wenig überfordert.
Der Wolfs-Stamm war nicht das, was man sich vermutlich dank des Namens darunter vorstellte. Auch Faye hatte als kleines Mädchen gedacht, dass zu diesem Stamm Wölfe gehörten, die schlicht und ergreifend aufrecht auf ihren Hinterläufen umher liefen und die menschliche Sprache beherrschten. Als sie etwas älter wurde, verwandelte sich diese Vorstellung dahingehend, dass sie sich den Wolfs-Stamm als Menschen mit Wolfsohren und einem Wolfsschwanz ausmalte. Doch auch von dieser Ansicht verabschiedete sie sich irgendwann, als General Eesta ihr ein Buch geschenkt hatte, in dem alle bekannten Stämme der Welt bis ins Detail beschrieben wurden. Es war auch nur diesem Buch zu verdanken, dass sie den Jungen in der Zelle neben sich als jemanden aus dem Wolfs-Stamm identifizieren konnte. Denn außer der auffälligen Färbung seiner Haare unterschied ihn absolut nichts von anderen Jungen in seinem Alter.
»Wenn du nichts willst, dann steck' deine Nase nicht durch das Gitter«, fauchte der Junge ungehalten, während er sich abweisend mit dem Rücken zu ihr drehte.
Sie überlegte ihn zu fragen, ob er auch Hunger hatte, aber diese Frage erübrigte sich eigentlich, wenn man bedachte dass dies hier ein Gefängnis war. Mal davon abgesehen empfand sie diese Frage sogar für einen Gesprächseinstieg mehr als lächerlich, gab es doch wirklich interessantere Fragen die sie ihm stellen konnte.
»Wie heißt du?«, fragte sie nach einer gefühlten Unendlichkeit.
Zur Antwort bekam sie nur ein weiteres tiefes Grollen. Wie es aussah wollte er wohl nicht mit ihr sprechen. Faye allerdings war nicht nur interessiert an dem anderen, sie konnte sich durch ein Gespräch auch effektiv von ihrem vorherigen Traum ablenken.
»Komm schon, ich sag’s auch nicht weiter. Ich werde sowieso hingerichtet«, feixte sie, obwohl ihr genau genommen kein bisschen zum Scherzen über das Thema zumute war.
Bei diesem Satz jedoch schien der junge Wolf aufmerksam zu werden.
»Du sollst hingerichtet werden?«, fragte er gedämpft aber wiederholend.
Er klang schon fast ein bisschen zu interessiert. Faye nickte dennoch schwer schluckend und wich reflexartig etwas zurück, als er so plötzlich näher kam und gleichzeitig ebenfalls auf seine Pritsche stieg.
»Dann sollte ich dich wohl besser jetzt fressen«, wisperte er todernst und starrte Faye durch die Gitterstäbe an.
Ihr selbst schien jegliches Blut aus dem Gesicht zu weichen, während unkontrolliert eiskalte Schauer über ihren Rücken liefen.
Erst durch ein tiefes aber ausgelassenes und angenehmes Lachen seinerseits wurde sie wieder aus ihrer Starre gerissen.
»Mein Name ist Yaron. Yaron Livir«, äußerte er immer noch lachend und grinste Faye frech an.
Sie blinzelte, sagte aber nichts, sondern atmete einfach tief und erleichtert aus. Er hatte ihr gerade zugegeben einen ganz schönen Schreck eingejagt. Denn so viel wie in den Büchern auch geschrieben stand, letztendlich waren das alles nur Vermutungen. Niemand wusste, ob das was über die Stämme in den diversen Büchern stand auch der Wirklichkeit entsprach.
»Du wirst also hingerichtet...«, murmelte Yaron nach einiger Zeit, »Wofür eigentlich?«
Faye zuckte leicht zusammen. Die Erinnerung daran war nun mal alles andere als schön und das Gefühl, dass ihr niemand glauben wollte war fast noch schlimmer gewesen als der Anblick des Prinzen.
»Mir wird unterstellt, ich hätte ein Attentat auf Prinz Erion verübt«, nuschelte sie niedergeschlagen, während ihre Augen nach unten wanderten und sie starrte fest auf ihre Hände.
Zumindest solange bis Yaron sich wieder zu Wort meldete.
»Dann sind wir ja schon zwei.«
Irritiert und auch etwas verschreckt sah sie ihren Gegenüber an. Dass er offenbar ebenfalls hingerichtet werden sollte war alles andere als vertrauenerweckend.
»Was... was meinst du damit?«, fragte sie stockend.
Sie hatte wirklich kein gutes Gefühl bei der Frage, wollte die Antwort im Grunde genommen nicht einmal wissen, aber ihre Neugier war einfach zu groß, als dass sie sich hätte zurückhalten können.
»Ich soll auch hingerichtet werden. Weil ich den König umbringen wollte«, erklang Yarons simple und trockene Erklärung.
»D-Den...!! Warum!?«, krächzte Faye und schüttelte ungläubig den Kopf.
Sie konnte weder verstehen noch glauben, dass man allen Ernstes Gründe haben könnte, König Mihul töten zu wollen. Allgemein war es ihr ein Rätsel, wie man die königliche Familie nicht zumindest mögen konnte. Sie alle waren Menschen, die trotz ihrer Macht noch wesentlich menschlicher waren als einige andere Personen die Faye kannte. Yaron allerdings schien das ganz und gar nicht so zu sehen.
»Euer König hat fast unseren gesamten Clan ausgerottet!! Die Zwerge haben sich auch schon über Verluste geäußert, nur die Elfen konnten sich bis jetzt vor ihm verstecken!«, fauchte er und sah Faye sauer und beinahe mörderisch an.
»Das... das kann nicht sein! König Mihul würde so was niemals tun! Er ist ein gerechter und würdevoller König, der keinem anderen Volk absichtlich etwas antun würde!«, versuchte sie verzweifelt den König zu verteidigen, was aber mehr schlecht als recht zu funktionieren schien. Denn Yaron lachte trocken auf und knurrte daraufhin bösartig.
»Du kennst wohl den wahren Charakter deines Königs nicht, was? Wahrscheinlich hast du nicht einmal ‘ne Ahnung davon, was seine Armee für Bestialitäten verübt hat«, grollte Yaron und verschränkte sauer die Arme.
»Mo-Moment mal! Ich bin Leutnant der königlichen Garde! Ich lasse nicht zu, dass du uns so etwas unterstellst!«, fauchte sie ihm nun ihrerseits entgegen, »Wir haben nie jemandem geschadet! Wir waren immer nur dafür da die Königsfamilie zu beschützen!«
Yaron starrte Faye an, zeigte nicht die kleinste Regung in seinem Gesicht. Und trotzdem war klar, dass es ihn weder beruhigte, noch dass er ihr glaubte.
»Unwissende... vielleicht warst du nicht daran beteiligt, aber irgendjemand aus deinen Reihen hat unser Dorf angegriffen und es fast gänzlich dem Erdboden gleich gemacht. Kannst du mir das etwa erklären? Das kannst du nicht, richtig? Was hätte es auch sonst mit der Aussage der Soldaten ‘Für Reororia und den König!’ auf sich«, brummte er erbost und ungnädig und sah Faye mehr auffordernd als abwartend an.
Sie wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ihr auffiel wie dumm diese wohl in seinen Ohren klingen musste. Er hatte keine Beweise die eindeutig zeigten, dass Reororia schuldig war. Aber es gab leider auch keine eindeutigen Beweise, dass König Mihul tatsächlich unschuldig war. Faye fühlte sich gerade so sehr an sich selbst erinnert, dass es schon weh tat. Sie selbst hatte die Wahrheit gesagt, aber niemand hatte ihr glauben wollen. Und sie konnte nicht mit Sicherheit wissen, ob er nicht vielleicht auch die Wahrheit sagte, so sehr sie es auch lieber nicht glauben wollte.
Es sah wirklich so aus, als wäre sein Dorf zerstört worden, denn Faye sah keinen anderen Grund für Yaron den König ermorden zu wollen und dafür eine Hinrichtung zu riskieren. Selbst wenn sie jetzt also behaupten würde, die Republik hätte den Angriff genauso gut führen und sich lediglich als reororianische Armee ausgeben können, gäbe es dafür ebenfalls keine Beweise.
»Zunge verschluckt? Hab‘ ich mir schon gedacht«, murrte Yaron und beugte sich noch etwas weiter zu dem Gitter.
»Ihr gewöhnlichen Menschen erzählt viel. Meiner Meinung nach viel zu viel. Und alles was aus euren Mündern kommt sind Lügen. Ihr lügt ohne rot zu werden, verratet sogar ohne Gewissensbisse eure engsten Vertrauten. Glaubst du ehrlich, dass ich dir da abnehme, dass du nicht weißt, was dein König hinter dem Rücken seines Volkes so alles treibt?«, bemerkte er langsam mit tiefer Stimme.
Faye konnte selbst jetzt noch nichts auf seine Vorwürfe erwidern. So sehr sie sich auch bemühte, ihr kamen keine verteidigenden Worte in den Sinn und schon gar nicht aus ihrem Mund. Zugegeben, das was Yaron eben gesagt hatte wollte sie um nichts in der Welt glauben. Sie wollte es nicht und mit all ihrem Wissen über die Königsfamilie konnte sie es auch einfach nicht. Für sie war es ein Ding der Unmöglichkeit, dass König Mihul zu so etwas im Stande sein sollte. Dennoch konnte sie in dieser Situation nicht anders, als darüber nachzudenken, was Yaron ihr hier dargelegt hatte.
Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, stieg Yaron wieder von seiner Pritsche und würdigte Faye keines Blickes mehr. So blieb auch ihr im Grunde nichts anderes mehr übrig, als sich wieder mit sich selbst und ihren Gedanken zu beschäftigen. Langsam sank sie runter auf ihre Pritsche und starrte die Wand gegenüber an. Die ganzen Informationen, die ihr Kopf gerade ungewollt hatte aufnehmen müssen, überschlugen sich geradezu. Allmählich schien Faye überhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können. Es sah für sie fast so aus, als hätte sich ihre gesamte Welt innerhalb weniger Stunden komplett auf den Kopf gestellt.
Absolut nichts schien mehr so zu sein, wie sie es in Erinnerung hatte. Nie hätte sie erwartet, dass sich jemand in das Schloss schleichen können würde. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass man sie selbst verdächtigen würde. Und nie im Leben hätte sie auch nur im Entferntesten darüber nachgedacht, ob König Mihul vielleicht doch nicht so gut und gerecht war wie sie immer geglaubt hatte.
Mit jeder schwermütigen Erkenntnis mehr die Faye durch den Kopf ging, rutschte sie weiter auf die Pritsche bis sie schließlich auf der Seite lag. Sie wollte sich jetzt nicht mehr mit diesen beklemmenden Gedanken beschäftigen. Das einzige was dabei heraus kam war, dass in ihrem Kopf ein nur noch größeres Durcheinander entstand. Daher zog sie es vor, sich lieber mit etwas Schlaf davon abzulenken.
Als Faye das nächste Mal ihre Augen öffnete, konnte sie immer noch nicht sagen, ob es Tag oder Nacht oder wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Sie setzte sich langsam auf, als sie verstand was sie aus ihrem Schlaf geholt hatte. Eine der Wachen warf gerade einen Blechteller lieblos durch die kleine Klappe in ihre Zelle. Zwar befanden sich darauf nur ein trockener Laib Brot und ein Becher Wasser, aber es war zumindest besser als gar nichts. Lautlos seufzend rappelte sie sich auf, um den Teller zu holen und sich zurück auf die Pritsche zu setzen.
»Ekelhaft...«, nuschelte sie bei dem Anblick des schon bedenklich harten Brotes.
Mehr oder weniger enthusiastisch griff sie nach eben diesem Gebäck und wollte gerade rein beißen, als sie von nebenan einen dumpfen Schmerzensschrei und ein blechernes Klirren hören konnte. Eigentlich wollte sie es einfach auf sich beruhen lassen, ging es sie im Grunde doch nichts an, was der Junge in der Zelle neben ihrer veranstaltete. Sichtlich zögernd versuchte sie sich zusammen zu reißen, aber letztendlich siegte doch ihre Neugier. Nur zu gerne stellte sie den Teller zur Seite und stieg erneut auf die Pritsche, um durch die Gitterstäbe zum wiederholten Mal einen Blick in die andere Gefängniszelle zu erhaschen.
Tatsächlich hatte sie erwartet, dass Yaron zu frech geworden war und die Wache ihn daraufhin geschlagen hatte. Deshalb war sie auch umso überraschter zu sehen, dass sich das Ganze genau anders herum abgespielt hatte. Es war die Wache, die bewusstlos auf dem dreckigen Boden lag, während Yaron davor hockte und offenbar horchte, ob jemand auf seinen Übergriff aufmerksam geworden war. Doch obwohl sogar Faye angestrengt lauschte, konnte sie nicht feststellen, dass jemand anderes aus der Garde etwas von diesem Vorfall bemerkt hatte. Dreist schnappte sich Yaron den Kerkerschlüssel und fesselte der immer noch bewusstlosen Wache die Hände.
Allzu viel konnte Faye durch das schmale Gitter nicht sehen, aber das kurze, hohe Quietschen sagte ihr unmissverständlich, dass der andere gerade seine Zellentür geöffnet hatte. Eilig sprang sie von der Pritsche und stolperte schon fast auf ihre eigene Tür zu, vor der nur einen Moment später Yaron auftauchte und sie wie schon vorher einfach nur anstarrte. Er schien zu überlegen, musterte sie eingehend, machte dann aber ohne ein Wort kehrt und wollte offenbar gehen ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden Faye zu helfen.
»H-Hey, warte mal!«, krächzte sie, quetschte einen Arm durch die Gitterstäbe, um diesen nach ihm auszustrecken, »Du kannst mich hier doch nicht einfach sitzen lassen!«
Der junge Wolf stoppte abrupt und drehte sich langsam um. Missbilligend zog er eine Augenbraue in die Höhe.
»Ach so? Kann ich also nicht?«, fragte er spottend und machte ein paar Schritte auf sie zu, »Und warum genau sollte ich dir helfen? Leutnant der königlichen Garde? Damit du dann auch noch die restlichen Überlebenden meiner Art ausrotten kannst?!«
Sein scharfer Blick durchbohrte Faye förmlich, sorgte bei ihr sogar für erneute kalte Schauer.
»Ich hab‘ dir doch schon gesagt, das war ich nicht! Und ich glaube auch nicht, dass es überhaupt jemand aus der Garde war«, rechtfertigte sie sich dementsprechend kleinlaut.
Ihr Gegenüber begann zu grinsen, was für Faye selbst allerdings eher aussah als würde er seine Zähne fletschen. Auch seine deutlich spitzen Eckzähne waren diesem Eindruck nicht gerade abträglich.
»Nenn' mir einen... nur EINEN guten Grund, warum ich dich da raus holen sollte«, forderte er für Fayes Geschmack etwas zu amüsiert.
Offensichtlich machte es ihm Spaß, das Leben einer anderen Person völlig seiner der Hand zu haben. Um ehrlich zu sein machte es ihr Angst so von jemandem abhängig zu sein, aber in diesem Fall blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass alles gut gehen würde. Schwer schluckend überlegte sie, was sie ihm anbieten konnte.
»Ich kann dir helfen«, meinte sie schließlich überzeugt, »Im Gegenzug dafür, dass du mich hier raus holst, kann ich dir helfen.«
Natürlich war Yaron noch nicht überzeugt, aber er schien zumindest interessiert, was Faye ihm im Gegenzug für seine Hilfe anbieten konnte. Er trat etwas näher an die Kerkertür und fixierte sie abwartend.
»Ach ja...? Und wie?«
»Erstens kenne ich mich hier sicherlich besser aus als jeder andere«, erklärte sie so ruhig wie ihr nur möglich war, »Ich habe mein gesamtes Leben sozusagen hier im Schloss verbracht. Das bedeutet ich kenne jeden Winkel und jeden geheimen Gang der existiert. Und zweitens kann ich uns beide mit etwas Glück zudem vollkommen unbemerkt hier raus bringen, selbst wenn wir den Soldaten direkt vor der Nase herumtanzen würden.«
Nun war Faye an der Reihe ihren Gegenüber abwartend anzusehen. Dieser schien tatsächlich darüber nachzudenken, doch selbst ihm musste klar sein, dass es wohl die beste und vermutlich einzige Möglichkeit war, ungesehen und vor allem unversehrt aus dem Verlies zu entkommen.
»In Ordnung«, sagte er schließlich entschieden und schloss ihre Zelle ebenfalls auf.
Obwohl sie versuchte es nicht zu zeigen, trat Faye mehr als erleichtert durch die nun geöffnete vergitterte Tür. Selbst diese vermeintlich kurze Zeit schien ihr schon viel zu lange gewesen zu sein. Sie atmete tief durch und sah sich nachdenklich um.
»Okay, mit etwas Vorbereitung sind wir in einer guten Stunde aus der Stadt raus«, murmelte sie leise, wollte sie wirklich nicht riskieren doch noch erwischt zu werden.
Sie wusste selbst, dass die zwei die Stadt für’s erste wohl besser verlassen sollten. Und genau dafür musste sie jetzt etwas voraus planen. Um so schnell wie möglich fertig zu werden, wies sie Yaron an das Brot, wenngleich es wohl weder lecker noch besonders ansehnlich war, einzupacken. Währenddessen griff sie selbst die immer noch bewusstlose Wache an den Armen und schleppte sie schließlich in ihre eigene Zelle. Eilig und gedankenlos entledigte sie erst sich und dann der Wache ihrer Kleidung und tauschte sie aus. Die Uniform war etwas groß, aber für ihr Vorhaben war sie durchaus ausreichend.
Faye griff nach dem Kurzmesser des Soldaten und besah es sich einen Moment ehe sie einen bedeutenden Entschluss fasste. Tief durchatmend führte sie das Messer an ihre Haare. Es fiel ihr deutlich schwer, weshalb sie letztlich einfach die Augen schloss, als sie ihre Haare kurz vor dem Band, dass diese in einem Pferdeschwanz zusammen hielt, abschnitt.
Ihre Hand klammerte sich für einen Moment fest um den abgeschnittenen Zopf, ehe sie ihn uneinsehbar in einer Ecke der Zelle platzierte. Ihr ehemals langes rotbraunes Haar war nun so kurz, dass sie wohl mit etwas Glück leicht als Mann durchgehen würde. Vor allem, da es draußen schon oder noch etwas dunkel zu sein schien.
»Gut, hör mir genau zu, okay?«, bat sie den jungen Wolf und begann ihm leise aber ernst ihren Plan zu erläutern, »Die Wache wird ziemlich sicher in Kürze wieder aufwachen und wenn ich die anderen richtig einschätze, dann werden sie ihn eine Weile ignorieren, um Glauben es wäre ich. Was dich anbelangt, werde ich einfach behaupten, dass deine Hinrichtung vorgezogen wurde und ich dich jetzt schon dort hin bringen soll. Der Informationsfluss unter den Soldaten ist hier nicht besonders gut, was bedeutet, dass es eine Weile dauern wird, bis sie bemerken, dass wir sie angelogen haben. Grob geschätzt haben wir zwischen 15 und 20 Minuten Zeit, um aus dem Schloss zu kommen und uns somit in Sicherheit zu bringen. Aber genau ab diesem Zeitpunkt müssen wir uns beeilen. Denn sobald wir aus dem Schloss raus sind, haben wir kaum mehr Unterschlupfmöglichkeiten, da es sicherlich an die Öffentlichkeit gelangt sein wird, dass wir beide hingerichtet werden sollen.«
Sie umwickelte seine Handgelenke hinter seinem Rücken lose mit einem kurzen Seil.
»Tu einfach so, als wärst du gefesselt. Wenn etwas sein sollte, kannst du die Schlinge ganz leicht wieder lösen und dich im Ernstfall verteidigen. Einfach hier dran ziehen«, erklärte sie und legte ihm das eine Ende des Seils in die Hand.
»Also dann los...«, murmelte Yaron abschließend etwas grummelig und ließ sich kurz darauf von Faye durch die Gänge des Schlosses schieben.
Überraschenderweise war es für die beiden kein großes Problem die anderen Soldaten davon zu überzeugen, dass Yarons Hinrichtung wirklich vorverlegt wurde. Nicht einmal aus dem Schloss zu kommen stellte sie vor ein richtiges Hindernis.
Allerdings hatte wohl kurz darauf doch einer der Soldaten Lunte gerochen und Fayes List durchschaut, denn man konnte einen Moment später entfernte Rufe hören, die verdeutlichten, dass ihre Flucht aufgeflogen war. Und auch wenn sie einige Mitglieder der Garde für geistig weniger gesegnet hielt, konnten selbst diese sich wohl ausrechnen, dass Faye diejenige gewesen war, die Yaron aus dem Verlies geführt hatte.
»Ich hoffe für dich, du bist gut in Form. Jetzt können wir nur noch rennen«, murmelte sie trocken und entfernte eilig selbst das Seil von seinen Handgelenken, »Einzeln kommen wir einfacher aus der Stadt. Wir treffen uns an dem Gasthaus etwa eine Stunde südwestlich von hier.«
Natürlich war Faye sich im Klaren darüber, dass der andere genauso gut einfach wirklich die Flucht ergreifen und ganz woanders hin laufen konnte oder vielleicht sogar umdrehte und noch einmal versuchen würde den König zu töten. Es bestand auch die Gefahr, dass einer von ihnen wieder gefasst wurde, vielleicht sogar alle beide.
Aber sie war überzeugt, dass es entweder beide oder keinen von ihnen erwischen würde. Auch nur deshalb hoffte sie einfach darauf, dass alles gut ging und Yaron sich an den Plan halten würde, den sie sich überlegt hatte.
Sicher, in der Stadt war es ohne Frage einfacher sich einzeln zu bewegen und so eventuellen Verfolgern zu entkommen, aber wenn es darum ging draußen, außerhalb der Städte, zu überleben, dann galt es sprichwörtlich ‘je mehr, desto besser‘. Zu zweit waren sie zwar nicht mehr ganz so flexibel, aber ihre Chancen stünden dadurch wesentlich besser. Jedoch mussten sie dafür erst einmal aus Merodin heraus kommen, was sich in der Praxis schwieriger gestaltete als in der Theorie.
Es war verblüffend, wie schnell die sonst doch etwas schläfrigen Soldaten die Verfolgung aufgenommen hatten. Besonders Faye hatte mitunter ziemliche Schwierigkeiten sie wieder abzuschütteln. Wohl auch deshalb, weil deren Fokus vermutlich eher auf ihr als auf dem Jungen lag. Immer wieder rannte sie durch Nebenstraßen, versuchte sich über verschiedene Mauern zu retten, lief ab und zu sogar durch das ein oder andere Haus.
Zu ihrem Glück wurden ihre Verfolger aber kurz vor den Stadttoren unfreiwillig durch einen Raubüberfall auf eine junge Frau aufgehalten und mussten so wohl oder übel die Jagd aufgeben. Nicht, dass es Faye wirklich gestört hatte.
Doch selbst als sie die Tore passiert hatte, war keine Zeit sich auszuruhen. Hier direkt vor den Toren würde man sie sehr leicht finden und in dem Fall wäre das ganze Manöver schlicht und ergreifend sinnlos gewesen. Daher schleppte sie sich mit Müh' und Not weiter in Richtung Südwesten, in Richtung des Gasthauses, dass sie Yaron gegenüber erwähnt hatte.
Da es kontinuierlich heller wurde, konnte Faye sich ausrechnen, dass der Tag erst begonnen hatte, als sie unten im Verlies ihren Plan geschmiedet hatten. Den Zeitpunkt, an dem sie endlich am Gasthaus ankam, schätzte sie daher ungefähr auf Vormittag. Der Weg dorthin war wahrlich nicht leicht gewesen und obwohl sie gut trainiert war, konnte sie sich kaum mehr auf den Beinen halten. Aber immerhin gab es dort bessere Möglichkeiten sich zu verstecken und den Mitgliedern der Garde eventuell zu entgehen, als an so manchen anderen Orten.
Dem Wirt nannte sie mit Absicht nicht ihren Namen und selbst obwohl es vermutlich mehr Misstrauen erweckte, als sie eigentlich wollte, verbarg sie auch ihr Gesicht relativ geschickt vor jenem. Sie war sich einfach zu sicher, dass man selbst hier schon von der geplanten Hinrichtung gehört hatte und wollte auf keinen Fall ein Risiko eingehen.
Aufmerksam sah sie sich im Hauptsaal des Gasthauses um, doch von Yaron fehlte jede Spur. Faye war sich nicht sicher, ober er bisher bloß noch nicht hier her gefunden oder einfach von Anfang an nie beabsichtigt hatte, sie zu begleiten. Nichtsdestotrotz entschied sie sich dazu, noch etwas zu warten.
Aber mit jeder vergangen Minute beschlich sie immer mehr das Gefühl, dass man ihn entweder erwischt hatte oder er einfach nicht kommen würde, egal wie lange sie noch wartete. Hatte man ihn erwischt, würde es wahrscheinlich seine sofortige Hinrichtung bedeuten. Man würde ihm sicherlich nicht ein zweites Mal die Chance geben zu fliehen, während er auf den Tag seines Todes wartete.
Seltsam war jedoch, dass sie sich trotz der Situation und der Tatsache, dass sich die beiden kaum kannten, Sorgen um den Jüngeren machte. Dieses Gefühl war zu ihrer eigenen Überraschung aber keineswegs befremdlich für sie. Es machte Faye eher gesagt nervös, denn sie wusste nicht mit Sicherheit, was mit ihm geschehen war, nachdem sich ihre Wege in Merodin getrennt hatten. Viel länger konnte sie allerdings auch nicht in diesem Gasthaus verweilen, da sie sonst Gefahr lief, doch noch enttarnt und hingerichtet zu werden. Zwar brachte sie nicht viel ein, dennoch tauschte Faye die Silberscheide des Kurzmessers gegen ein paar Lebensmittel und machte sich bereit weiter zu ziehen.
So gerne sie es auch gewollt hätte, noch länger konnte sie nicht auf Yaron warten.
Heute, damals, für immer
Müde strich sich Faye über die Augen. Um ehrlich zu sein, sie war noch nie wirklich außerhalb der Stadt gewesen. Sie hatte es Yaron ja gesagt. Sie war nur damit beschäftigt gewesen die Königsfamilie zu beschützen. Deswegen fiel es ihr auch deutlich schwer sich draußen zurecht zu finden. Sie sah sich mehrfach unschlüssig um.
»Es ist ja nicht so, als wäre ich nie zumindest vor den Stadtmauern gewesen...«, nuschelte sie und atmete tief durch.
»Aber irgendwie sieht es hier überall gleich aus«, fügte sie in Gedanken hinzu.
Faye hatte sich als kleines Kind öfter mal vor die Stadtmauern geschlichen, nur um zu sehen, was sich davor befand. Aber weiter war sie tatsächlich nie gekommen. Das bedeutete, sie könnte gerade genauso gut die ganze Zeit im Kreis laufen und würde es nicht einmal merken. Dass sie sich so gut im Schloss auskannte lag ausschließlich daran, dass sie einfach schon so lange dort lebte. Aber abseits dessen war ihr Orientierungsvermögen gelinde gesagt jämmerlich. Denn auch wenn Faye eine Karte durchaus lesen konnte... daran orientieren konnte sie sich kein bisschen.
Langsam kam sie zum Stehen und sah sich erneut etwas um. Der Horizont begann allmählich sich in einem tiefen, warmen Rot-Orange zu färben. Es würde in absehbarer Zeit Nacht werden und Faye sollte sich langsam aber sicher nach einem Schlafplatz umsehen.
»Besser etwas versteckt...«, murmelte sie leise, sah aber weit und breit nichts anderes als offenes Feld.
Allerdings stockte sie leicht als sie einige hundert Meter entfernt etwas entdeckte, dass für sie mehr oder weniger wie ein Haus aussah. Nachdenklich starrte Faye weiter in die Richtung und wägte in Gedanken die Risiken und Vorzüge ab. Eigentlich war es mehr als gefährlich. Wenn dieses Haus – oder was auch immer es war – wirklich bewohnt war, dann würde sie ein außerordentliches Risiko eingehen. Die Bewohner, sofern sie schon davon wussten, dass Faye hingerichtet werden sollte, könnten sie an die Garde verraten oder einfach selbst niederstrecken. Aber andererseits, wenn sie an die Alternativen dachte...
Sie warf einen kurzen Blick über ihre Schulter. Sie müsste im Freien schlafen, ohne Schutz und ohne etwas, mit dem sie sich wärmen könnte. Normalerweise zierte Faye sich nicht besonders, schließlich war sie anders erzogen worden, aber in diesem speziellen Fall siegte ihre mädchenhafte Seite doch. Zwar immer noch etwas misstrauisch, aber dennoch fest entschlossen, änderte sie ihre zuvor eingeschlagene Richtung und bewegte sich mit festen Schritten auf das vermeintliche Gebäude zu.
Vielleicht war es ihrer Vorfreude auf ein Bett zu verdanken, aber obwohl das Haus ihr verhältnismäßig weit weg erschienen war, erreichte sie es letztendlich schneller als sie vermutet hatte. Ein paar Meter vor der Türschwelle blieb Faye jedoch wie in den Boden gestampft stehen. Natürlich, sie wollte immer noch unbedingt in einem Bett schlafen. Einem weichen, warmen Bett und nicht draußen, auf dem kalten, harten Erdboden. Und dennoch... mit einem Mal stand ihr ihre Erziehung wieder im Weg.
Faye war schon immer sehr kurz entschlossen gewesen. Wenn man es genauer ausdrücken wollte, musste man es fast schon gedankenlos nennen. Besonders als kleines Mädchen handelte sie oftmals ohne ein zweites Mal darüber nachzudenken. Manchmal dachte sie auch gar nicht erst, sondern handelte gleich.
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»Was hast du dir eigentlich dabei gedacht!!?«
Faye biss sich hart auf die Unterlippe und klammerte ihre kleinen Hände so fest in die Bettdecke, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.
»Denkst du denn überhaupt nicht nach?! Du hast dich in Gefahr gebracht und noch schlimmer, du hast den Prinzen in Gefahr gebracht! Was hattest du vor zu tun, wenn die Wachen euch nicht rechtzeitig gefunden hätten? Wenn euch das Zimmermädchen nicht durch den Garten hätte schleichen sehen! Was zum Teufel hättest du dem König und der Königin sagen wollen, wenn dem Prinzen etwas passiert wäre! Wenn man mal davon absieht, dass du vermutlich nicht einmal mehr in der Lage dazu gewesen wärst, wenn man euch nicht gefunden hätte!«
Die Tränen standen ihr bis zum Anschlag in den Augen, jedoch verstand Faye nicht, warum ihr Ziehvater sie so schimpfte. Aber sie wollte einfach nicht weinen. Sie wollte es einfach nicht, und dennoch konnte sie beim besten Willen nicht verhindern, dass ihr kurz darauf dicke Tränen über die Wangen rollten. Aber es verließ dabei kein einziger Laut ihren Mund. Vielleicht lag es an ihrer eigenen Entschlossenheit, vielleicht aber auch an den Schmerzen, die sich durch ihren kleinen Körper zogen.
Sie konnte den dicken Verband unter ihrem Oberteil zwar nicht sehen, aber sie spürte ihn dafür umso mehr. Er drückte unheimlich und erschwerte ihr das Atmen. Außerdem war ihr so furchtbar heiß, dass sie sich den Stoff am liebsten über den Kopf gezogen und weit weg in die entfernteste Zimmerecke verbannt hätte. Faye fühlte sich einfach unwohl in ihrer eigenen Haut, und dass ihr Vater sie so anschrie machte das Ganze nur noch schlimmer.
»... ich wollte doch nur...«, schluchzte sie letztendlich und wischte sich mit dem Ärmel über die nassen Augen und die laufende Nase.
»Du wolltest nur was?! Dich über alle Anweisungen hinweg setzen, die ich dir gegeben habe? Den Prinzen einer riesen Gefahr aussetzen?! WAS wolltest du?«, knurrte Oberst Eesta immer noch deutlich sauer.
Faye schluchzte auf. Sie hatte Erion nicht in Gefahr bringen wollen. Sie würde ihn niemals in Gefahr bringen wollen. Alles was sie gewollt hatte, war etwas mit ihm zu spielen. Sie hätte nie gewollt, dass er verletzt wird.
»Sei nicht so hart zu ihr, Asad«, ertönte plötzlich eine tiefe, aber durchaus warme Stimme aus Richtung der Tür.
Faye war zu aufgelöst, um es zu registrieren, und rieb sich lediglich weiterhin lautstark schluchzend über die Augen. Langsam bewegte sich der Mann, gefolgt von einem Jungen, zu dem Bett auf dem Faye saß und sich die Augen ausweinte. Selbst Oberst Eesta schien von seiner Wut abgelenkt, als er endlich bemerkte, wer dort eben durch die Tür getreten war. Es war niemand anderer gewesen als König Mihul höchst persönlich, zwei Schritte hinter ihm Prinz Erion.
»Ich stimme dir zwar zu, dass sie dafür bestraft werden sollte... Aber bitte vergiss nicht, dass du immer noch mit einem kleinen Mädchen sprichst und nicht mit einem deiner Soldaten«, erklärte er bestimmt, auch wenn er dabei nicht befehlend klang.
König Mihul schritt weiter in Richtung Fenster und winkte Oberst Eesta stumm mit sich. Erion stand indess unschlüssig immer noch einige Schritte vom Bett entfernt. Er wusste, dass er nicht gut mit Mädchen umgehen konnte, und dass Faye so bitterlich weinte machte es ihm weiß Gott nicht einfacher. Ihm war einfach nicht klar, was er sagen oder tun konnte, damit es ihr besser ging und hielt es dadurch für ratsamer erst einmal gar nichts zu tun.
»Du kannst so ein kleines Mädchen nicht behandeln wie einen der Soldaten, Asad. Natürlich sollte man keine Unterschiede machen, nur weil Faye ein Mädchen ist. Aber trotz allem ist und bleibt sie viereinhalb Jahre alt«, brummte König Mihul leise, während er durch das Fenster den Sonnenuntergang beobachtete.
Oberst Eesta schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete einmal tief durch.
»Eure Majestät, verzeiht mir die Offenheit, aber...«, begann Eesta so leise wie es ihm nur möglich war, »Ich bin nicht dafür geschaffen ein Kind aufzuziehen. Das wisst Ihr genauso gut wie ich. Ich habe das Mädchen nur aus dem Grund bei mir aufgenommen, weil Ihr mich darum gebeten habt. Ich bin, war und werde immer ein Mann des Militärs sein, Eure Majestät. Ich kann mit Soldaten und mit Feinden umgehen, aber nicht mit Kindern.«
Nachdenklich und schweigsam sah der König einfach aus dem Fenster. Er schien nicht wirklich in Gedanken zu sein, aber überlegte offenbar wie er ausdrücken sollte, was er Oberst Eesta entgegnen wollte.
»Ich möchte dir auf keinen Fall widersprechen«, sagte er entschieden, beobachtete aber weiter den Sonnenuntergang am Horizont.
Eesta nickte stumm und blickte König Mihul kurz an, ehe er selbst wieder aus dem Fenster sah. Darin spiegelte sich der Sohn des Königs, der langsam Mut fasste und auf das Bett zuging, auf dem Faye immer noch weinend saß. Er blieb neben ihr stehen, setzte sich zögerlich auf die Kante der Matratze.
»Allerdings...«, bemerkte König Mihul nach einem Moment des Schweigens, weshalb Eesta doch wieder zu ihm sah, »Auch wenn es durchaus Menschen in diesem Schloss gibt, die besser dafür geeignet wären, ein Kind groß zu ziehen, hat es doch seine Gründe gehabt, dass ich gerade dich gebeten habe, dich ihrer anzunehmen.«
Oberst Eesta blinzelte seinen König kurz an, fasste sich dann aber wieder und räusperte sich leise.
»Welche Gründe genau hattet Ihr dafür, Eure Majestät? Wenn ich mir die Frage erlauben darf?«
Ihm war nicht klar, was der König in ihm gesehen hatte, dass er ihm die Verantwortung für ein Kind übertragen hatte. Aber er war davon überzeugt, dass es gute und überzeugende Gründe sein mussten.
»Natürlich darfst du, Asad«, murmelte der König leise lachend, »Mir ist durchaus bewusst, dass du Schwierigkeiten mit ihr hast. Es ist weder zu überhören, noch zu übersehen. Trotz dessen habe ich dich gebeten. Denn obwohl du keine Erfahrung mit Kindern hast und es dir mehr als schwer fällt, hast du Eigenschaften von denen ich hoffe, dass sie auch auf das Kind übergehen werden. Asad, du besitzt viele Stärken und Qualitäten, bei denen ich es begrüßen würde, wenn du sie an jemanden weiter gibst. Da du selbst keine Familie hast, hielt ich das für eine geeignete Möglichkeit. Vor allem auch aus dem Grund, dass nicht nur das Kind von dir lernen wird, sondern du sicherlich auch von ihr.«
Sprachlos sah Eesta seinen Gegenüber an. Er zweifelte nicht an den Worten seines Königs, nie im Leben würde er so etwas tun, aber ihm war nicht vollkommen klar, was dessen Aussage bedeuten sollte. Eesta ging mit starken Schritten auf die Vierziger zu und konnte sich nicht vorstellen, was er von einem kleinen Kind lernen sollte. Seine Gedanken wurden allerdings von der plötzlichen Stille durchbrochen, weshalb er doch etwas beunruhigt über seine Schulter nach hinten sah.
Faye hatte mit einem Mal aufgehört zu weinen und zu schluchzen, sah nun den Prinzen, der ihr eine Hand leicht auf den Kopf gelegt hatte, aus ihren tränennassen Augen an. Kurz darauf begann sie allerdings doch wieder zu schluchzen. Dicke Krokodilstränen liefen über ihr Gesicht, was Erion dazu veranlasste, seine Hand etwas erschrocken wieder zurück zu ziehen.
»T-Tut mir leid! E-Erion! E-Entschuldige!«, schluchzte sie untröstlich immer wieder, hoffte inständig, dass er ihr verzeihen könnte.
Sachte lächelnd drehte sich nun auch der König um und ging langsam zurück in Richtung des Bettes.
»Kind, hör auf zu weinen«, sagte er ruhig und blieb neben der Bettkante stehen.
Er platzierte seine große Hand sanft und vorsichtig auf ihrem Kopf und sah sie abwartend an. Wie schon bei seinem Sohn zuvor ebbte Fayes Schluchzen langsam ab, als sie die Hand auf ihrem Kopf bemerkte. Langsam sah sie in die Richtung aus der die Stimme gekommen war und blinzelte dieses Mal König Mihul aus ihren großen, feuchten Augen an.
»Faye, du weißt, dass dein Vater zu Recht mit dir schimpft, nicht wahr? Weil du nicht folgsam warst, obwohl er es dir untersagt hatte?«
Faye biss sich erneut auf die Unterlippe und senkte den Blick. Sie schniefte zwar immer noch, aber nickte zögerlich wenn auch schwer erkennbar.
»Dann verstehst du auch, dass dein Vater dich deshalb bestrafen muss?«, fragte der König sanft lächelnd weiter.
Er bekam wieder ein kaum merkliches Nicken als Antwort.
»Dann ist es in Ordnung. Erion ist nichts geschehen und du weißt, dass es nicht richtig war, was ihr zwei getan habt. Auch Erion wird seine Strafe dafür bekommen. Er trägt ebenfalls Schuld an dem Vorfall.«
Verwirrt sah Faye auf. Warum sollte Erion ebenfalls bestraft werden? Er hatte doch nichts getan. Faye hatte doch unbedingt mit ihm spielen wollen und ihn geradezu dazu gezwungen mit ihr zu kommen. König Mihul schien zu ahnen was ihr durch den Kopf ging, weshalb er ihr sachte über diesen strich.
»Es wird dir später jemand erklären. Jetzt solltest du erst einmal schlafen. Du bist verletzt und hast Fieber.«
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Noch heute wurde Faye warm ums Herz, wenn sie sich an diese Momente ihrer Kindheit erinnerte. Asad Eesta war ohne Zweifel ihr Vater, aber über die Jahre konnte sie sich nicht dagegen wehren, trotz der Distanz die sie zum König hielt, diesen ebenfalls als eine Art Vater zu sehen. Und auch Königin Erika war so etwas wie eine Mutter für Faye gewesen. Wohl auch deshalb hatte sie der Tod dieser damals ebenfalls so mitgenommen.
Leicht schüttelte Faye den Kopf. Sie erinnerte sich in letzter Zeit sehr oft an Dinge aus ihrer Vergangenheit und sie war sich nicht sicher, ob das etwas gutes oder schlechtes bedeutete.
Sie erinnerte sich auch daran, dass ihr Vater ihr seit damals immer wieder erklärt hatte, wie wichtig es war vor Entscheidungen, besonders vor wichtigen Entscheidungen, immer die Vorzüge und die Risiken abzuwägen. Und auch wenn ihr immer noch die Risiken ihrer Entscheidung durch den Kopf gingen, fasste sie schließlich den Mut auch noch die restlichen Schritte auf das Haus zu zu gehen. Sie atmete tief durch und schluckte schwer, ehe sie zuerst zögerlich, aber dann fest entschlossen gegen die Holztür klopfte. Angespannt wartete sie auf eine Antwort. Vergeblich.
Denn obwohl sie angestrengt lauschte, konnte sie kein einziges anderes Geräusch als das des Windes und der Vögel wahrnehmen. Etwas beruhigter, aber immer noch aufmerksam, öffnete sie die Eingangstür.
Die Scharniere quietschten in den höchsten Tönen und das alte, verzogene Holz der Tür schrappte über die sandigen Bodenpaneele. So wie es schien war das Haus verlassen. Faye konnte keine Anzeichen dafür finden, dass in den letzten Monaten jemand hier gelebt hatte. Langsam schloss sie die Tür hinter sich. Zwar gab es hier wirklich nicht mehr viel, hatten sicherlich schon diverse Banditen alles was auch nur von geringem Wert war aus dem Haus entwendet, aber es reichte sicherlich für die Nacht. Es war auf alle Fälle besser, als draußen auf der Erde zu schlafen.
Sie atmete tief durch, auch wenn sie der Staub in der Luft zum Husten brachte. Neugierig sah Faye sich um. Alles was noch da war hätte man im Normalfall wohl nur noch als Feuerholz verarbeitet. Der wackelig aussehende Stuhl, der leicht morsche Tisch, die knarzenden Dielen auf dem Fußboden. Und das Bett in der Ecke des Raumes hatte auch schon deutlich bessere Tage gesehen. Langsam bewegte sie sich rüber zu eben diesem Bett und ließ sich auf die Matratze fallen. Allerdings nur, um kurz darauf wieder aufzuspringen und ein paar Schritte nach vorne zu stolpern, um der dichten Staubwolke zu entgehen, die sich gerade aus der Matratze gelöst hatte. Hustend wedelte Faye hektisch mit den Armen, versuchte irgendwie diesen dichten Nebel zu vertreiben.
Aus Ermangelung einer besseren Idee griff sie nach dem Schal der Uniform und band ihn sich um Mund und Nase. Wild hämmerte sie mit den flachen Händen auf die Matratze, um den Staub dort heraus zu klopfen. Sie hatte nun wirklich keine große Lust heute Nacht zu ersticken. Und das würde sie vermutlich unweigerlich, wenn sie die ganze Nacht den Staub und Dreck aus diesem Bett einatmen müsste.
Es dauerte eine Weile bis endlich kaum noch Staub in die Luft stieg, wofür Faye auch mehr als dankbar war. Denn ihre Arme wurden lahm, sehr lahm sogar. Sie war inzwischen so erschöpft und müde, dass sie sich lediglich noch das Tuch vom Gesicht zog und danach wie ein Stein auf das Bett fiel. Tief durchatmend schloss sie die Augen und gähnte leise. Es war schon fast dunkel draußen und so hatte Faye auch keine Bedenken, einfach ihrer Müdigkeit nachzugeben und einzuschlafen.
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»Papa, warum darf ich Erion nicht besuchen?«
Faye war nicht klar, warum sie nicht zu Erion durfte. Sie war zwar erst 9 Jahre alt, aber sie gehörte doch jetzt seit fast einem Jahr ebenfalls irgendwie zur königlichen Garde. Warum durfte sie den Prinzen dann nicht sehen?
»Weil es nicht geht. Seine Majestät hat jeglichen Besuch verboten und deswegen wirst du den Prinzen jetzt nicht sehen«, murrte der Oberst und wies das Mädchen entschieden ab.
»Aber Papa Asad, das ist nicht fair! Ich möchte doch mit Erion spielen! Ich geh‘ auch nicht mehr mit ihm raus, versprochen!«, flehte sie den Größeren an, darauf hoffend, dass er doch noch nachgab.
»Nein heißt nein!«
Seine Stimme dröhnte laut in Fayes Ohren, ließ sie sogar zusammenzucken.
»Aber...«, nuschelte Faye und schob leicht die Unterlippe vor.
Sie wollte etwas erwidern, aber sie wusste nicht was sie eigentlich sagen wollte. Sie wollte Erion sehen. Und sie durfte es nicht. Sie war einiges gewohnt, denn ihr wurde schon öfter etwas verboten. Aber obwohl sie den Prinzen sogar schon das ein oder andere Mal in kleinere und größere Gefahr gebracht hat, hatte sie ihn immer sehen dürfen. Dass sie es jetzt nicht durfte... nein, das ging einfach nicht in ihren Kopf. Sie war nicht dumm und das war etwas, das die anderen eigentlich hätten wissen müssen. Faye hatte mitbekommen, dass etwas hier im Schloss nicht stimmte. Mitten in der Nacht war ein unglaublicher Tumult ausgebrochen. Es war plötzlich alles sehr laut und hektisch geworden, eine Geräuschkulisse, die nicht einmal ein halb tauber alter Mann hätte verschlafen können. Alle waren in heller Aufregung gewesen, die Soldaten waren überall, rannten wie verrückt durch die Gänge. Und auch ihren Vater hatte sie voller Besorgnis an ihrem Zimmer vorbeirennen sehen. Und das war ihr schon Beweis genug, dass irgendetwas nicht stimmen konnte.
»Hast du mich verstanden?«
Die Stimme von Oberst Eesta riss das kleine Mädchen aus ihren Gedanken.
»Du wirst nicht zu Prinz Erion gehen. Nicht einmal in seine Nähe, hast du verstanden?«, forderte er harsch und starrte Faye abwartend an.
Schmollend schob sie ihre Unterlippe vor und senkte den Blick.
»Ja...«, nuschelte sie unwillig, scharrte mit dem Fuß leicht über den Boden.
»Ich glaube ich habe dich nicht gehört. Wie war das?«, verlangte Oberst Eesta streng.
»Ich hab‘ verstanden, Sir...«, brummte das Mädchen noch widerwilliger als vorher.
»Gut, dann geh jetzt in dein Zimmer und spiel dort etwas.«
Unzufrieden und immer noch schmollend schlurfte Faye aus dem Raum ihres Ziehvaters. Sie hatte ihn verstanden, sogar sehr gut. König Mihul hatte verboten, dass auch nur irgendjemand den Prinzen besuchte. Aber eigentlich war sie doch nicht einfach irgendjemand, oder? Zwar war Oberst Eesta offiziell ihr Vater, aber oft kümmerte sich auch Königin Erika um sie. Wenn sie zusammen mit Erion etwas unternahm, dann durfte Faye oft mit ihnen kommen. Und dadurch fühlte sie sich als jemand besonderes und nicht bloß als irgendjemand. Und trotzdem durfte sie Erion nicht sehen. Das machte sie stutzig. Nein, nicht nur das. Es machte sie sogar sehr misstrauisch. Irgendetwas schwerwiegendes ging hier vor sich, von dem ihr niemand etwas erzählte.
Aber Faye konnte sich nicht einfach über einen direkten Befehl des Königs hinwegsetzen und den Prinzen trotzdem sehen. Schwer seufzend zog sie durch die Gänge, hatte sie ihrem Vater doch nur zugestanden, dass sie in ihrem Zimmer spielen würde. Es war nie die Rede davon gewesen, dass sie es sofort tun würde, weshalb Faye, auch wenn sie ihn nicht wirklich sehen konnte, es sich nicht nehmen ließ an Erions Zimmer vorbei zu gehen.
Erschrocken zuckte sie zusammen, als man lautes Schreien und das klirrende Geräusch von zerbrechendem Glas hören konnte. Faye sah sich alarmiert um. Von überall waren nun schnelle Schritte zu hören, die ihrer Position immer näher kamen. Nun doch etwas verängstigt lief Faye selbst so schnell sie konnte in Richtung ihres eigenen Zimmers. Sie stieß die große Holztür auf, warf sie hinter sich wieder zu und sprang auf ihr Bett. Sich unter ihrer Bettdecke versteckend und schwer atmend horchte sie ob irgendjemand zu ihrem Zimmer kam. Allerdings hämmerte ihr Herz so hart gegen ihre Brust, dass sie das Blut in ihren Ohren rauschen hörte.
Sie hatte weniger Angst vor den Soldaten, sondern davor, dass ihr Vater und König Mihul glauben könnten, sie hätte ihnen nicht gehorcht. Schließlich war sie doch nur vor dem Raum gestanden und hatte Prinz Erion nicht gesehen. Aber sie war sich nicht sicher, ob man ihr das auch glauben würde. Vor allem, wenn die Soldaten sie vor seiner Tür gesehen hätten. Aber egal wie lange sie wartete, es kam anscheinend niemand auch nur in die Nähe ihres Zimmers, weshalb sie die Decke schließlich langsam wieder von ihrem Kopf zog.
Jetzt wo sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, sah sie sich in ihrem Zimmer um. Ihr Vater hatte gesagt sie solle in ihrem Zimmer spielen. Aber jetzt wo sie sich den Raum bewusst ansah, war ihr ehrlich gesagt nicht klar, womit sie eigentlich spielen sollte. Denn auch wenn dieses Zimmer mehr nach einem Kind aussah als die meisten anderen Räume im Schloss, so gab es hier lange nicht so viele Dinge zum Spielen wie bei Erion. Aber dort durfte sie ja nicht hin.
Faye versuchte sich einige Zeit mit dem zu unterhalten, was sich in ihrem Zimmer befand, aber etwas anderes als Stifte und Papier konnte sie nicht wirklich fesseln. Und auch das Rumkritzeln auf dem Papier wurde ihr irgendwann langweilig.
»Früher war es einfacher jemanden zum Spielen zu finden...«, dachte Faye und hüpfte mit Schwung auf ihr Bett.
Vor ein paar Jahren war es wirklich einfach gewesen. Einem kleinen Kind konnte niemand wirklich eine Bitte abschlagen. So hatte es immer ein Dienstmädchen oder einen der anderen Bediensteten gegeben, die mit ihr spielten. Aber jetzt wo Faye älter war und man von ihr verlangte, dass sie verstand wenn etwas nicht so ging wie sie es wollte, war es nicht mehr so leicht einen Spielkameraden zu finden.
Lustlos rollte sie den Stift in ihrer Hand von einer Seite der Matratze zur anderen. Ihr war einfach langweilig. Allerdings sah sie verdutzt auf, als es an ihrer Tür klopfte. Aufgeregt hüpfte sie von ihrem Bett und rannte auf die Tür zu, nur um diese kurz darauf aufzuziehen. Aber sie war noch überraschter zu sehen, wer dort stand. Nicht einmal wirklich die beiden bis an die Zähne bewaffneten Wachen bemerkend starrte Faye den König an. Er sah erschöpft und müde aus und sein Gesicht war ein wenig blass. Zumindest kam es Faye so vor. Aber dennoch fragte sie nicht nach. Sie blinzelte den Mann vor sich einfach an.
»Würdest du für eine Weile mit mir kommen?«, hörte sie seine tiefe Stimme fragen, war aber noch nicht geschult genug, um die Trauer darin zu bemerken.
Immer noch überrascht nickte Faye, würde sie doch dem König keine Bitte abschlagen. König Mihul rang sich ein sanftes Lächeln ab.
»Dann komm«, meinte er leise und ließ Faye aus dem Zimmer treten.
»Du hast sicherlich bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist, oder?«
Faye nickte langsam. Sie war sich nicht sicher worauf dieses Gespräch hinaus laufen würde, aber sie wollte unbedingt wissen, was hier vor sich ging.
»Nun...«, sprach der König langsam weiter, »das was ich dir jetzt sage ist nicht leicht. Und eigentlich habe ich auch gedacht, dass es nicht so früh zu so einem Gespräch kommen würde.«
Nachdenklich sah Faye den älteren Mann an. Im Moment konnte sie ihm nicht so recht folgen. Ehrlich gesagt hatte sie absolut keine Ahnung, was er ihr damit sagen wollte.
»Du warst für meine Frau, die Königin, immer wie die Tochter die sie nie hatte. Du hast ihr unglaublich viel gegeben und ich bin dir wirklich dankbar, dass du ihr ohne es zu wissen so viel Freude gemacht hast. Sie hat dich sehr geliebt, fast wie ihr eigenes Kind«, begann König Mihul seine Erklärung.
Faye verstand immer noch nicht so richtig, was er sagen wollte, aber sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, dass es etwas schlimmes war. Etwas unangenehmes, bedrückendes. Und obwohl er noch nichts konkretes gesagt hatte, fühlte Faye einen immer stärker werdenden Druck auf ihrer Brust. Auch der König atmete noch einmal tief durch bevor er seine Erklärung beendete.
»Was ich eigentlich sagen will ist,... dass heute Nacht...«, er bemühte sich nach allen Kräften, seine Fassung zu wahren, »Heute Nacht ist Königin Erika einem Attentat der Rebellen zum Opfer gefallen. Sie ist heute bei Sonnenaufgang ihren Verletzungen erlegen.«
Blinzelnd blieb Faye stehen. Sie hatte nicht alles ganz genau verstanden, aber dennoch wusste sie irgendwie ganz genau, was König Mihul ihr versucht hatte zu erklären.
»... Erions... Mama ist tot?«, flüsterte sie, ihre Stimme zitterte.
Der König, offenbar immer noch mit seiner Fassung ringend, nickte langsam und atmete tief durch. Auch die Wachen senkten betreten die Blicke. Fayes Augen füllten sich mit Tränen. Es war wie der König gesagt hatte. Königin Erika war so etwas wie eine Mutter für Faye gewesen, und dass sie jetzt wirklich tot sein sollte war für das kleine Mädchen wirklich schwer zu glauben. Sie rieb sich hektisch über die Augen, bemerkte kaum, dass der König sie sachte anschob. Vergeblich versuchte sich das Mädchen zu beruhigen, stockte erst dann als der ältere Mann neben ihr stehen blieb. Durch die Tränen in ihren Augen konnte sie nicht sehen, wo sie gehalten hatten, aber die laute Stimme nach dem Klopfen verriet ihr schon genug.
»Ich hab‘ doch gesagt, ich will niemanden sehen! Lasst mich in Ruhe!«, fauchte die aufgebrachte Stimme der Person auf der anderen Seite der Tür.
Es war Erions Stimme, die Faye dort hörte. Und ganz offensichtlich wusste wohl auch er was heute Nacht passiert war. Als dann auch noch eine der Wachen die Tür öffnete, war das kleine Mädchen nicht mehr zu halten.
»Was soll das!? Spreche ich so undeutlich?! Lasst mich ver–«
Jedoch wurde seine erneute Ablehnung durch eine feste Umarmung des hemmungslos schluchzenden Mädchens abgewürgt. Irritiert warf er einen Blick zu seinem Vater an der Tür. Doch dieser lächelte nur sachte, ehe er die Tür schloss und die beiden Kinder alleine ließ.
Erion schien nicht sicher zu sein, was er mit dem zitternden und schluchzenden Bündel Mensch in seinen Armen anfangen sollte. Auch in den vergangenen viereinhalb Jahren hatte er nicht herausgefunden, wie er mit dem jetzigen Gemütszustand des Mädchens umgehen sollte. Hilflos stand er einfach da und suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit Faye zu beruhigen. Er konnte sich schließlich denken, was sie so aus der Fassung brachte, auch wenn sie nichts weiter dazu gesagt hatte.
Es war heute morgen kurz nach dem Aufstehen gewesen, als sein Vater ihn selbst darüber informiert hatte, was in der Nacht passiert war. Erion war so überfordert gewesen, dass er sogar seinen Vater aus seinem Zimmer verbannt hatte und niemanden mehr sehen wollte. Auch deshalb hatte er jeden der anklopfte so angefahren wie die anderen eben. Er war wirklich traurig, sehr traurig, aber er konnte nicht weinen. Er wollte, aber er konnte nicht.
Vielleicht hinderte sein Stolz ihn daran, vielleicht auch die Gewissheit, dass es seinen Vater nur noch mehr belasten würde, wenn er ihn auch noch hätte trösten müssen. Er wollte es seinem Vater wohl einfach nicht noch schwerer machen, als es für ihn sowieso schon war.
Gerade deshalb kam es ihm wahrscheinlich auch so vor, als würde Faye gerade genau die Tränen vergießen, die Erion selbst nicht zeigen konnte. Und irgendwie tat ihm genau das unglaublich gut. Es fühlte sich für ihn an, als würden die Tränen des Mädchens, das sich gerade so fest an ihn klammerte, ihm den Balast von seinem Herzen nehmen. Er fühlte sich mit jeder vergangenen Sekunde immer etwas leichter. Und je leichter seine Gedanken wurden, desto einfacher schien es ihm auch zu fallen auf diese Situation zu reagieren. Ihm selbst stiegen zwar in diesem Moment auch Tränen in die Augen, aber er legte seine Arme langsam um Fayes bebende Schultern.
Und in eben diesem Moment schien alles nur noch halb so schlimm zu sein. Obwohl das Mädchen in seinen Armen sich einfach nicht beruhigen konnte und ihre Tränen schon den Stoff an seiner Brust durchnässt hatten, wirkte es fast erschreckend ähnlich beruhigend auf den jungen Prinzen wie die vergangenen Umarmungen seiner jüngst verstorbenen Mutter.
Er war sich nicht bewusst wie viel Zeit vergangen war, bis Faye sich wieder beruhigt hatte, aber auch Erion war ein wenig wohler zumute. Und das obwohl er verständlicherweise immer noch unglaublich traurig war.
»... ich beschütz‘ dich.«
Fayes Stimme klang heiser und war nur schwer zu verstehen. Aber trotzdem war der Prinz von diesem Ausspruch verwirrt. Warum sollte sie ihn beschützen? Und wovor?
»I-Ich... ich hab auch keine Mama mehr und... deswegen beschütz‘ ich dich. Und deinen Papa«, schniefte sie fest entschlossen und sah Erion mit tränenverschmiertem Gesicht an, »Ich beschütz‘ dich gestern und heute und für immer!«
Der Junge wusste immer noch nicht was er genau mit dieser Aussage anfangen sollte. Aber irgendwie brachte das Mädchen ihn dazu, leicht zu lächeln. Und langsam beschlich Erion das Gefühl, dass sein Vater Faye nicht ohne Grund von dem Tod seiner Mutter erzählt hatte.
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Müde öffnete Faye die Augen.
»Warum musste ich davon träumen...«, murmelte sie verschlafen und setzte sich langsam auf.
Es war zwar noch dunkel, aber Faye war sich sicher wenigstens 7 oder 8 Stunden geschlafen zu haben. Normalerweise wäre sie um nichts in der Welt schon aufgestanden, denn eigentlich war sie ein absoluter Langschläfer, den man schon aus dem Bett zerren musste, damit sie auch wirklich aufstand. Und wirklich ausgeruht fühlte sie sich dank ihres Traumes auch nicht. Aber etwas ändern konnte sie daran wohl jetzt auch nicht mehr. Gähnend rieb sie sich über die Augen und stand auf. Es war vermutlich besser, wenn sie sich auf den Weg machte, bevor es wirklich hell wurde. Daher beschloss Faye aufzubrechen sobald die Sonne aufging. Nachdenklich sah sie sich erneut in der Hütte um.
Zwar konnte sie nicht allzu viel erkennen, aber dennoch suchte sie schon jetzt nach etwas, das sie eventuell noch gebrauchen könnte. Allerdings wurde ihr recht schnell klar, dass ihre erste Einschätzung vom Vortag ziemlich akkurat gewesen war. Denn es gab wirklich kaum etwas, dass sie vielleicht in der nächsten Stadt für etwas zu Essen hätte eintauschen können oder als Werkzeug oder Waffe verwenden konnte. Seufzend ließ sie sich auf den Stuhl sinken, bereute es aber schon eine Sekunde später, als eines der hinteren Stuhlbeine unter ihrem Gewicht abbrach und sie mit einem schmerzvollen Stöhnen auf den sandigen, knarzenden Holzdielen landete.
Faye atmete schwer aus, richtete sich langsam wieder auf und klopfte sich den Dreck von der Kleidung. Ein kurzer Blick nach draußen verriert ihr, dass die Sonne bald aufgehen würde, weshalb sie nun doch ihre wenigen Habseligkeiten zusammennahm und schließlich die Hütte verließ. Einen Apfel aus dem provisorischen Beutel holend ging sie in Richtung der aufgehenden Sonne. Und da war wieder ihr Problem. Sie wusste eigentlich nicht einmal wohin sie gerade ging.
Eigentlich war es ja wirklich nicht schwer sich zurecht zu finden. Aber wenn es hieß man sollte der Sonne entgegen gehen, drehte man sich dann nicht irgendwann im Kreis? Schließlich wanderte die Sonne von Osten nach Westen. Da sie nicht einmal eine Uhr besaß, konnte sie wohl im Laufe des Tages nicht einmal mehr wirklich bestimmen, in welche Richtung sie eigentlich ging. So konnte sie sich vermutlich nur noch auf ihr Glück verlassen. Ihr zweifelhaftes Glück, dass sie vor kurzem erst ins Verlies geführt hatte.