Prolog- Der Traum
Prolog - Der Traum
Die Dunkelheit hatte sich schon lange über die Stadt ausgebreitet. Die zunehmende Mondsichel war kaum sichtbar durch die Wolkendecke. Nichts schien die nächtliche Stille durchbrechen zu können – außer zwei Gestalten, die durch die Baumkronen des Stadtparks nahe des Friedhofs hetzten. Beide hatten eine menschliche Gestalt und bewegten sich mit einer grazilen Leichtigkeit durch das dichte Geäst. Ein junger Mann sprang voraus, verfolgt von einer jungen Frau.
„Feigling, bleib stehen und stell‘ dich mir zum Kampf!“, schrie sie. Die schnelle Verfolgungsjagd zehrte an ihren Kräften, lange würde sie nicht mehr Schritt halten können.
„Du musst dir das, was du begehrst, verdienen!“, sagte er.
Er war über die Hartnäckigkeit seiner Verfolgerin erstaunt, er musste sich etwas überlegen, um sie abzuhängen. Allmählich erreichten sie eine Stelle des Stadtparks, der noch dichter mit Bäumen bepflanzt war. Er sprang von den Ästen auf den dunklen Grund. Die Blätter der Bäume ließen so gut wie kein Mondlicht mehr durch, sodass er hoffte im Schutz der Dunkelheit sie abhängen zu können oder ihr zumindest einen Hinterhalt stellen zu können.
Auch die junge Frau sprang auf den Boden, jedoch hatte sie nicht erwartet, dass sie ihn so schnell verlieren würde. Sie schaute sich um, denn sie wusste nicht in welcher Richtung er gelaufen war. Aus ihrer Hosentasche zückte sie ein Stück Papier und konzentrierte sich darauf. Plötzlich merkte sie, dass sich Baumwurzeln um ihren Körper immer fester schlangen. Intensive Angst kam in ihr auf, sodass sie markerschütternd aufschrie –
Mi schreckte auf, ihr Herz überschlug sich. Schon wieder. Schon wieder hatte sie den gleichen Albtraum von der jungen Frau. Die Situation brach immer bei der gleichen Stelle ab.
Mi verließ das Bett um an das Fenster zu gehen. Sie brauchte etwas frische Luft um sich zu beruhigen.
Die ständigen Wiederholungen dieses Traums beängstigten sie, allmählich glaubte sie an die Bedeutsamkeit der Szene. Sie kannte keine der beteiligten Personen, wobei sie sich in einer seltsamen Art und Weise in der jungen Frau wiedererkannte.
Sie ging wieder in ihr Bett und grübelte weiter nach. An Schlafen war nicht mehr zu denken, dafür war sie durch das Gesehene zu aufgewühlt.
Biss
Kapitel 1 - Der Biss
Am nächsten Morgen traf Mi auf ihrem Weg zur Schule ihre Freundinnen Sohon und Yasai.
Sohon und Yasai waren schon in ein Thema vertieft, als Mi zu ihnen kam.
„Mi, möchtest du heute Abend zum Friedhof kommen? Es wurden letzte Nacht erneut mysteriöse Wesen gesichtet, die schnell über Bäume und Dächer laufen können“, erklärte Sohon. Sie hatte eine burschikose Erscheinung mit ihren kurzen hellblau zerzausten Haaren, die fast wie eine Sturmfrisur aus einem Anime aussahen. Ansonsten hatte sie eine sehr sportliche Figur mit angedeuteten Muskeln.
„Es gibt keine Wesen in Menschengestalt, die durch Bäume springen können“, zweifelte Yasai an. Yasai war etwas kleiner als Sohon und Mi und wirkte auf den ersten Blick etwas schüchtern. Durch ihre Brille und ihre langen glatte braune Haare machte sie einen sehr braven Eindruck.
„Dann komm‘ heute Abend und überzeuge dich davon!“
Mi war über das Thema etwas verwundert, da es sie an ihren Traum erinnerte, jedoch konnte sie selbst nicht ganz an die Erzählungen Sohons glauben, da sie wusste, dass ihre Freundin häufig etwas übertrieb und Dinge reißerisch darstellte.
„Auf dem Friedhof gibt es nichts Sehenswertes. Das ist bestimmt ein übler Scherz, den sich jemand macht.“
„Ihr könnt einfach heute Abend kommen und es euch ansehen, Yuzen wird jedenfalls auch da sein!“, warf Sohon ein. Sie wusste genau, dass sie mit Yuzen ihre Freundin ködern konnte. Er galt an der Schule als Mädchenschwarm und war Sohons Cousin.
Mis Herz fing wieder an zu pochen, diesmal allerdings auf eine freudige Art. Sie wollte Yuzen so nahe kommen wie es ging, und dies war vielleicht eine willkommene Möglichkeit.
Auch Mitama und Tsukai machten sich auf den Weg zur Schule. Sie gingen beide in die letzte Klasse vor ihrem Abschluss. Tsukai hatte feuerrotes welliges und kurzes Haar. Eigentlich hatte sie ein schönes Gesicht, jedoch neigte sie dazu, es durch Piercings und abwaschbaren Tattoos hin und wieder etwas zu entstellen. Neben ihrer sonderbaren Frisur und Verzierungen im Gesicht fiel sie auch durch ihre Größe auf. Auch ihre Freundin Mitama war im Vergleich zu ihren asiatischen Mitmenschen sehr groß. Anders als Tsukai war Mitama sehr grazil und anmutig. Man sah ihrem Körper an, dass sie viel Sport trieb, jedoch hatte sie immer noch eine sehr feminine Figur. Ihr feines Gesicht wurde von einem Schönheitsfleck unter dem linken Auge geziert. Das lange glatte dunkelbraune Haar hing fließend an ihrem Rücken herunter. Ihre Augen wirkten etwas melancholisch.
„Du willst mir sagen, dass du diesen verfluchten Blutsauger immer noch nicht erledigt hast?“, Tsukai riss Mitama aus ihrem Tagtraum.
„Ich finde es nicht so schlimm, dass er noch frei ist, da er bisher noch keinen Menschen angegriffen hat“, erwiderte Mitama.
„Noch hat es keine Opfer gegeben, aber er ist ein Vampir. Früher oder später wird er zuschlagen!“
„Hast du eigentlich eine Ahnung, wie schwer es ist, Nacht für Nacht diesem Kerl hinterher zu jagen, während du im Bett liegst und schläfst? Nebenbei muss ich auch noch vorgeben, ein normaler Mensch zu sein und mich altersadäquat verhalten.“
„Es ist nur, dass es schon Gerüchte unter den Menschen gibt. Eigentlich ist es unsere Aufgabe gerade so etwas zu verschleiern. Sie sollten nichts von unserer Existenz erfahren.“
Während des Unterrichts konnte Mi sich nicht richtig konzentrieren, einerseits wegen der Müdigkeit und andererseits wegen des Traumes und dem Treffen am Abend. Sie versuchte erneut alles vernünftig zu betrachten und sich einzureden, dass übernatürliche Kräfte nicht existierten. Allerdings kam ständig ein seltsames Gefühl in ihr auf, die jegliche rationale Bemühungen, sich zu beruhigen zerstörte. Mi war sich nicht sicher, ob es vielleicht ein tiefer Wunsch in ihr war, dass sich in ihrem Leben etwas änderte. In ihren Selbstreflektionen nahm sie sich und ihr Leben als langweilig und eintönig wahr. Manchmal beschlich sie das Gefühl „zu normal“ und durchschnittlich zu sein. Eine Vorahnung, dass sich ihr Leben demnächst ändern würde, keimte in ihr auf, nicht wissend, ob dies im positiven oder negativen Sinne sein würde.
Eigentlich war Mi schon auf dem Weg zum Treffpunkt genervt. Ihr einziger Lichtpunkt war Yuzen, auch wenn sie nichts von der Veranstaltung hielt. Als Mi ankam, bemerkte sie, dass Sohon erstaunlich viele Leute für diese Belanglosigkeit zusammen gebracht hatte. Dies war eines der Talente von Sohon, das Mi schon immer bewundert hatte. Mi gesellte sich zu Yasai, die etwas verunsichert wirkte.
„Vielleicht war es doch keine gute Idee heute Abend hier hin zu kommen. In der gleichen Zeit könnte ich etwas für die Schule lernen. Außerdem ist ein Friedhof ein Ort der Andacht und des Gedenkens der Verstorbenen.“
„Merkst du eigentlich wie geschwollen du manchmal redest?“, fragte Mi Yasai um von ihrer eigenen Unsicherheit abzulenken. Ganz wohl war Mi auch nicht gerade dabei, wenn sie an den Friedhof dachte.
„Mi, Yasai, ihr seid tatsächlich gekommen?! Das freut mich!“, Sohon stürmte auf ihre beiden Freundinnen zu und umarmte sie. Sie schien die einzige Person zu sein, die es nicht störte, nachts bei einem Friedhof zu sein. Nachdem Mi und Yasai Sohon gesehen hatten, fühlte sie sich beide nicht mehr ganz so verloren. Jedoch stieg Mi der Puls schlagartig in die Höhe, als sie Nechi erblickte. Viele fanden, dass sie wie eine Barbiepuppe aussah, was wohl an ihrer deutlich rosafarbiglastigen Kleidung und den blonden und gekünstelt lockigen Haaren lag. Sobald sie da war, zog sie sämtliche Aufmerksamkeit auf sich, nicht nur wegen ihrer unfassbar hohen Stimme und ihrer egozentrischen Art. Doch Mi verabscheute sie nicht nur deswegen: wie so viele Mädchen stand sie auch auf Yuzen.
„Sohon, warum hast du gerade sie eingeladen?“, fragte Mi.
„Du weißt doch, dass ihre und meine Eltern gut befreundet sind.“
Mi fand die Antwort lausig, aber ein näheres Eingehen würde die Situation nicht ändern.
„Damit wir die Geister nicht erschrecken, würde ich vorschlagen, dass wir zu zweit über den Friedhof laufen“, Sohon versuchte alle Anwesenden etwas zu dirigieren „ und bevor es irgendwelche pubertären Rangeleien gibt, wer mit wem geht, habe ich schon Lose vorbereitet.“ Etwas darüber erstaunt, wie Sohon alles geplant hatte, nahm Mi ihr Los. Noch bevor sie ihres öffnete hörte sie nur Nechis schrille Stimme aufrufen: „Yuzen, bestimmt sind wir zusammen! Unsere Liebe wird diese gruselige Nacht erstrahlen lassen!“
„Ich bin fassungslos, wie aufdringlich und unverschämt sie sich an Yuzen ranmacht…“, sagte Yasai gerade noch laut genug, sodass es Mi hören konnte.
Nun versuchte sich auch Yuzen zu wehren und sagte nur: „Hast du etwa die 5?“ Yasai errötete indessen.
„Nein, ich habe die 3..“, gab Nechi zu.
„Scheinbar sind wir ein Team, Yuzen“, sagte Yasai zögerlich. Von allen anwesenden Mädchen war Yasai eigentlich das einzige, das keinerlei Interesse an dem Mädchen- schwarm hatte. Mi war darüber erleichtert, dass er mit ihr gehen würde, denn so war er von allen andere flirtwütenden Mädchen getrennt.
Jedoch musste Mi zugleich feststellen, dass sie mit Nechi ein Team bildete, denn sie hatte die andere drei gezogen. Sie hoffte, dass der Abend schnell vorbeiginge, vor allem weil ihr nun ein oberflächlicher Monolog Nechis bevorstand.
Mi fasste sich ein Herz und ging zur größten Nervensäge der Stadt und teilte ihr mit, dass sie zusammen über den Friedhof gingen müssten. Nechi war sichtbar entsetzt, denn es war ein offenes Geheimnis, dass die beiden Mädchen sich stets mieden und sich von Grund auf unsympathisch waren. Fast wollte Mi sagen, dass Nechi die gruseligste Gestalt des ganzen Abends sei und dass alle übernatürlichen und nichtmenschlichen Wesen vor ihr freiwillig fliehen würden; doch sie tat es nicht, da sie an diesem Abend keine Lust auf Konfrontation hatte.
Die einzelnen Pärchen hatten sich zusammengefunden, alle waren bereit sich der Mutprobe zu stellen. Sohon hatte die 6 gezogen und bildete mit einem äußerst attraktiven jungen Mann, den Mi und Yasai nicht kannten, ein Team. Die restlichen Leute waren hauptsächlich aus der gleichen Klasse oder den Parallelklassen.
Mi schweifte in Gedanken ein wenig ab, sie war gelangweilt von der Situation und von Nechis Geschwafel. Ihr war es unbegreiflich, wie jemand so lange ununterbrochen reden konnte und nicht merkte, dass beim „Gesprächspartner“ keinerlei Interesse bestand.
Alle 5 Minuten betrat ein neues Team den Friedhof, gleich würden Mi und Nechi starten dürfen. Mi war darüber erstaunt, wie dunkel der Friedhof doch war. Der Mond war unter der Wolkendecke kaum sichtbar, sodass wenig Licht auf den Platz schien. Eine seichte Brise ging durch das Friedhofstor und brachte ein altes rostiges Friedhofsgatter zum Quietschen. Mi fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so sicher, wie vor wenigen Minuten, da sich nun alle Sinne auf die gegebene Situation konzentrierten. Für einen kurzen Moment schafften die Bilder aus ihrem Traum sich in ihr Bewusstsein zu drängen.
Sohon gab ihnen das Zeichen, dass sie nun losgehen durften. Mi fokussierte sich auf die Situation, wobei ihr etwas mulmig wurde. Schon nach wenigen Metern verstummte Nechi. So gruselig hatte sie es sich nicht vorgestellt. Nur durch den Lichtkegel der Taschenlampe konnten sie sehen, wohin sie ihre Füße setzen konnten. Ihr Weg war gesäumt von alten Grabesstätten. Mi beschlich das Gefühl, sich langsam zu verlieren, sie hatte die Befürchtung, nicht mehr zum Ausgang zu finden. Die anderen waren einige Schrittminuten entfernt. Sie konnte auch nicht ausmachen, ob sie dem gleichen Weg folgten wie die anderen Gruppen.
„Warum bist du so still? Du sprichst sonst auch immer, selbst wenn es nicht passend für die Situation ist“, sagte Mi um endlich diese unheimliche Stille zu unterbrechen. „Hast du etwa Angst?“
„Du nicht?“, entgegnete Nechi „Ich bin dafür, dass wir schneller gehen. Hier ist niemand außer uns und hoffentlich wird es auch so bleiben.“
Mi konnte nicht sagen, wie lange sie schon liefen und ob sie die richtige Richtung einschlugen.
Auf einmal durchbrach ein Geraschel der Bäume die Stille.
„Das war sicher der Wind oder ein Tier“, sprach Nechi sich Mut zu.
Doch das Geräusch setzte sich in den Baumkronen fort. Das konnte nicht der Wind sein und wenn es ein Tier sein würde, müsste es sehr schwerfällig sein. Mi konnte die Bewegung an den Baumsilouetten erkennen. Kurzzeitig konnte ein wenig des Mondscheins durch die Wolken dringen, sodass man die Konturen der Umgebung erkennen konnte. Das erste Geräusch wurde schnell darauf von einem zweiten gleichen gefolgt. Da Mi es nicht zuordnen konnte, stieg ihr der Puls stark an.
Dafür würde es eine plausible und rationale Erklärung geben.
Jedoch wurden ihre Beruhigungsversuche gleich zunichte gemacht, als sie einen gänsehauterzeugenden Schrei hörte – ein Schrei, der dem aus ihrem Traum sehr ähnlich war.
Mitama hatte sich fertig gemacht. Sie war genervt davon, dass sie diese Nacht schon wieder darauf achten musste, dass der lästige Vampir keine Menschen angriff. Die Hetzjagd ging schon seit über zwei Wochen Nacht für Nacht. Sie fühlte sich zermürbt, da sie anstelle im Bett zu liegen sich ihre Nächte auf Friedhöfen und Parks vertrieb. Doch gerade an diesem Abend war es wichtig, dass sie Präsenz zeigte. Tsukai hatte in Erfahrung bringen können, dass sich Schüler einer anderen Schule an diesem Abend am alten Friedhof treffen wollten um nach Vampiren oder sonstigen magischen Wesen zu suchen. Somit hatte sie nicht nur die Sorge, dass der Vampir irgendwann einen Menschen biss, sondern auch, dass Menschen von ihrer Existenz erfuhren.
Als Mitama etwas entfernt von ihrem Wohnhaus war, fing sie an, auf die Dächer zu springen, denn so konnte sie schneller und unentdeckt sich fortbewegen. Bei Erreichen des Friedhofes bemerkte sie schon eine ordentliche Menschenansammlung vor dem Tor.
Was die Eltern dazusagen würden, wenn sie wüsste, dass ihre pubertierenden Kinder sich nachts beim Friedhof rumtrieben?
Mitama fehlte jegliches Verständnis dafür, wie man freiwillig sich so etwas antun könne. Doch es war nicht Zeit, sich über die Jugendlichen aufzuregen, sie musste sich auf ihr Ziel konzentrieren. Relativ schnell hatte sie den Vampir aufspüren können. Es war eine ihrer besonderen Fähigkeiten, dass sie sehr effektiv die Existenz magischer Wesen in ihrer Umgebung fühlen konnte. Ohne zu zögern sprang sie von einem Hausdach in die Baumkrone. Sie versuchte äußerst vorsichtig zu agieren, damit keiner sie hören oder sehen konnte. Sich schlich sich in Richtung des Vampirs; ihr Plan war, ihn und sich von den leichtsinnigen Jugendlichen fern zu halte.
Schnell hatte sie die Spur aufgenommen und hoffte, dass er sie noch nicht bemerkt hatte. Zunächst war es sehr schwierig für sie, zu ihm aufzuschließen, da der Vampir sich sehr flink und geschickt durch das Gelände bewegte. Mitama konnte gut aufholen, da sie als Vampirjägerin über eine Geschwindigkeit verfügte, die denen der Vampire gleichkam, wenn nicht sie sogar über kurze Zeit auch übertraf. Jedoch was die Ausdauer betraf, unterlag sie häufig den Vampiren, weswegen Mitama versuchte, ihre Kämpfe zügig zu bestreiten. Allerdings war ihr aktueller Rivale anders. Er suchte nicht die direkte Konfrontation, wie ihre sonstigen Kontrahenten. Wahrscheinlich wusste der Blutsauger genau über diese Schwäche Bescheid, daher musste sie sich besonnen verhalten und wenn es zu brenzlig werden würde, sich zurückziehen.
„Da bist du endlich“, scheinbar hatte er sie bemerkt. Er drehte seinen Kopf kurz über die Schulter, sodass sie sein Auge sehen konnte. Ein komisches Gefühl beschlich sie – er hatte auf sie besonders gewartet!
Sonst war in seinem Verhalten nie ein Plan zu erkennen, oder war das alles Teil seiner Strategie gewesen?
Er führte Mitama in Richtung eines Weges, auf dem gerade zwei Mädchen der Jugendlichengruppe liefen. Sie musste versuchen, den Vampir von den Menschen wegzuführen, denn unter gar keinen Umständen, durften sie von ihren Existenzen erfahren. Durch ihre kurze gedankliche Abwesenheit, entglitt ihr, dass der der Gejagte sich schnell von ihr absetzen konnte. Ihm gelang es für einen Moment ihrer Unachtsamkeit sich Mitamas Fähigkeiten zu entziehen. Die Bäume boten ihm genügend Schutz, sodass er mit der Umsetzung seines Plans beginnen konnte. Er benutzte einen Naturbann, mit dem er das Wurzelwerk und die Äste von Pflanzen manipulieren konnte.
Während Mitama bemerkt, dass sie für wenige Sekunden unkonzentriert war, schnellten Äste, Blätter und Wurzeln nach ihr, die sie fest umschlangen. Sie stieß einen lauten und schrillen Schrei aus. Ihr wurde sogleich bewusst, dass sie sich befreien musste, sonst würde er die Chance haben, sie zu besiegen. Mitama konzentrierte sich und verwendete ein Befreiungssiegel. Mitama musste etwas durchschnaufen, die Befreiung hatte viel Energie gekostet. Sie hatte nicht allzu viel Zeit, sich zu sammeln.
Plötzlich bemerkte sie, dass sie die Aura des Vampirs nicht spüren konnte – weder in unmittelbarer Nähe noch weiter weg. Sie hatte keine Ahnung, was er plante, doch egal, was er vorhatte, sie konnte sich in ihrer jetzigen Verfassung keinem Kampf stellen. Mitama entschloss sich zunächst etwas zurückzuziehen. Da sie nicht wusste, ob ihr Gegner auch über die Fähigkeit verfügte, andere magische Wesen und deren Energieausstrahlung zu spüren, setzte Mitama ihre eigene Aura herab auf das Niveau eines Menschen. Das würde ihr etwas Zeit verschaffen, sich eine Strategie zurecht zu legen.
Nachdem Mi und Nechi den Schrei gehört hatten, stieg ihre Furcht ins Unermessliche. Ehe Mi überhaupt reagieren konnte, flüchtete Nechi mit der Taschenlampe in die tiefe Dunkelheit des Friedhofes. Nur sehr langsam begriff Mi, dass sie nun verlassen auf dem Friedhof stand. Die dichten Wolken ließen keinen Mondschein auf die Erde treffen. Sie konnte nur hoffen, dass bald jemand kam, der sie sicher von diesem gruseligen Ort führte. Langsam tastete sie sich voran, jedoch hatte sie keinerlei Orientierung und wusste nicht, ob sie sich in die richtige Richtung begab.
Plötzlich hörte sie eine Stimme hinter sich, die scheinbar von den Bäumen kam: „Endlich habe ich dich gefunden“, die fremde Person bewegte sich rasend schnell, auf sie zu und umschlang sie mit ihren Armen. Mi versuchte sich zu wehren, doch der Klammergriff war zu fest.
„Das ist dein Ende, Miststück!“ Kaum hatte der Mann seine Worte gesprochen, spürte Mi einen brennenden Schmerz in ihrem linken Arm, der sich von dort über den ganzen Körper erstreckte und sie zum Schreien brachte. Mi blickte an ihren Arm herab und sah das Gesicht, des Mannes, dessen Zähne in ihrer Extremität verkeilt waren. Sie wusste nicht, ob ihr von diesem Anblick oder dem lähmenden Schmerz, der durch ihren Körper fuhr, schlecht wurde. Ihr Körper wurde schwach, sie hatte keine Kontrolle mehr über ihre Muskeln und fiel zu Boden.
„Ups, du bist gar nicht diejenige, für die ich dich gehalten hatte“
„Wie kannst du es wagen, einen Menschen anzugreifen?! Lass‘ sie in Ruhe!“, rief eine weibliche Stimme. Mi erkannte diffus eine Gestalt aus dem Gebüsch treten. Nachdem der Mann, der sie gebissen hatte, geflüchtet war, sank Mi in Dunkelheit.
Ich bin zu jung zum Sterben.
Doch nichts mehr in ihr konnte sich gegen die allumfassende Leere und die schwarze Tiefe, dich sie in sich zog, wehren.
Zeichen des Mondes
Zeichen des Mondes
Mitama beugte sich über das Mädchen und untersuchte sie. Vorwürfe plagten sie, da sie für einen Moment unaufmerksam gewesen war und somit dieser elende Vampir einen unschuldigen Menschen verletzten konnte.
Außer dem Biss am linken Arm konnte sie keine weiteren Verletzungen finden. Mitama musste schnell Tsukai verständigen, ohne sie konnte sie nicht sagen, wie gravierend ihr Zustand war. Sie zückte ihr Handy und wählte ihre Nummer, doch ihre Freundin schien nicht erreichbar zu sein. Nie war sie erreichbar, wenn es ernst war! Mitama ärgerte sich darüber, da Tsukai ihr zwar immer Vorwürfe machte, sie ginge zu lässig mit der Vampirjagd um, aber wenn ihre Hilfe benötigt wurde, reagierte sie zu langsam. Doch es war nicht die Zeit sich darüber aufzuregen.
Zunächst versuchte Mitama, die Blutung am Arm des Mädchens zu stillen. Der Vampir hatte sie sehr tief gebissen und wahrscheinlich die große Armarterie getroffen, genau konnte Mitama es nicht feststellen, da ihr im Gegensatz zu Tsukai jegliches medizinische Wissen fehlte.
Eines konnte Mitama jedoch erkennen: dieser Vampirbiss war anders als die, die sie vorher gesehen hatte, da er wesentlich tiefer und präzise in die A.brachialis gesetzt wurde. Üblicherweise bissen Vampire in oberflächlich gelegene Venen, da sie mehr Blut führen als Arterien.
Andauernd machte sie sich Gedanken, was sie in dieser Situation unternehmen könne, denn wenn Tsukai nicht innerhalb einer Stunde nach einem Biss erscheinen würde, würde sich das Mädchen selbst in einen Vampir verwandeln.
Glücklicherweise ertönte in diesem Moment ihr Handy.
„Hey Mitama! Alles in Ordnung?“
„Tsukai, du musst sofort hierher kommen! Der Vampir hat einen Menschen in den Arm gebissen. Wenn du dich nicht beeilst, wird sie sich verwandeln!“, sagte Mitama verzweifelt.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du diesen verdammten Blutsauger töten sollst!“
„Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Vorwürfe, die mache ich mir selbst schon zur Genüge. Komm‘ einfach!“
Tsukai ärgerte sich, dass sie um diese Uhrzeit ihrer Freundin zu Hilfe kommen musste. Sie als Hexe sollte sich eigentlich nicht in die Vampirjagd einmischen, aber sie tat es um ihrer Freundin einen Gefallen zu machen. Ihr Hass auf die Vampire trieb Tsukai an, schnell zu Mitama zu eilen. Sie hatte nicht die Zeit, großartig darauf zu achten, dass sie von Menschen gesehen wurde. Wenn ein Mensch von einem Vampir gebissen wurde, blieb ein Zeitfenster von einer Stunde, in der Tsukai die möglichen Folgen verhindern konnte. Wurde ein Vampirbiss nicht behandelt, würde der gebissene Mensch selbst zu einem Vampir werden und das galt es zu vermeiden.
Tsukai sprang über die Dächer der Stadt in Richtung des Friedhofs. Allmählich verzogen sich die Wolken und der Mond konnte etwas seines Lichtes auf die Erde werfen – einzig der Friedhof erstreckte sich dunkel vor Tsukais Augen. Inständig hoffte sie, dem Vampir nicht zu begegnen, denn sie war nicht gut im Kämpfen. Ihre Stärken lagen eher darin, im Hintergrund zu arbeiten und die Verletzten mit ihrer Hexenmagie zu versorgen.
Ihre Hoffnung, nicht auf den Vampir zu treffen erfüllte sich nicht, an der Grenze zwischen den Bäumen und den ersten Häuserdächern sah sie ihn.
„ Alte Hexe, du kommst zu spät! Sie wird sterben!“, rief er ihr hämisch entgegen.
„ Was hast du mit dem Mädchen gemacht?“
„Sie ist mir leider in die Quere gekommen, als ich deine Freundin killen wollte“, er bewegte sich rasend schnell auf Tsukai hin, schneller als sie es überhaupt wahrnehmen konnte. Vor Schreck kniff sie die Augen zu und wartete darauf, dass er sie umbrachte – doch er stoppte kurz vor ihr, sodass sie seinen tiefen Atem ihr Gesicht streifen fühlte. Tsukai öffnete die Augen und blickte ihrem Feind tief in die nach Blut durstenden Augen.
„Für heute verschone ich dich noch, doch sollte ich merken, dass du dich in den Kampf zwischen Vampiren und Jägern einmischst, bist du wie deine Freundin auch bald fällig!“
Starr vor Angst brachte Tsukai kein Wort heraus. Sie wollte ihn nicht noch zusätzlich provozieren.
„Ich mische mich nicht in eure Angelegenheiten ein, ich behandele nur die nichtmagischen Wesen, damit sie nicht von unserer Existenz erfahren. Das ist alles.“ Sie schien ihn zunächst beschwichtigt zu haben, denn er drehte ihr den Rücken zu und sprangt auf die Dächer. Immer noch zitterten ihre Knie. Langsam versuchte sie sich gedanklich wieder zu sammeln. Blitzartig fiel ihr ein, dass er wahrscheinlich nicht das übliche Gift benutzt hatte, da er wohl die Absicht hatte, Mitama zu töten. Vampire können verschiedene Gifte benutzen, je nachdem, wer ihr Opfer war: wollten sie Blut saugen, nahmen sie ein betäubendes, damit die Opfer nicht vor Schmerzen aufschrien; mit diesem Gift konnte sie auch Menschen in Halbvampire verwandeln, soweit sie ihnen noch etwas Blut im Körper ließen, das kam jedoch sehr selten vor, da durstige Vampire, wenn sie einmal Blut geleckt hatte, meistens die Menschen töten. Vampirjäger waren gegen dieses Gift immun, sodass Vampire noch eine andere Art an Gift nutzen konnten, mit dem sie jeden Gegner nur mit wenig und kurzem Kontakt töten konnten. Das bedeutete, dass das Mädchen ernsthaft in Lebensgefahr schwebte!
Es kam ihr vor, wie ein halbe Ewigkeit bis sie Mitama erreichte.
„Da bist du endlich!“
„Wo hat er sie gebissen?“ Mitama deutete auf die tiefe Bissstelle.
„Warum wirkst du so unruhig?“
„Ich habe unterwegs noch jemanden getroffen, den ich nicht sehen wollte. War allerdings ganz aufschlussreich.“
„Was meinst du mit ‚aufschlussreich‘?“
„Er hat nicht das normale Gift, das man zum Beißen von Menschen benutzt, verwendet. Er wollte dich töten und hat wahrscheinlich sie für dich gehalten und ein sehr starkes Gift zum Töten von Vampirjägern genommen. Scheinbar war er danach so sehr geschwächt, dass er eine direkte Konfrontation mit dir nicht überstanden hätte“, erklärte Tsukai während sie alle Utensilien für die Entgiftung vorbereitete.
„Kannst du sie retten?“, fragte Mitama verzweifelt. Zunächst zögerte Tsukai, dann schaute sie Mitama in die traurigen Augen und sagte: „Ich weiß es noch nicht.“
„Gib‘ dein Bestes, ich werde in der Zwischenzeit darauf achten, dass die anderen Jugendlichen uns nicht entdecken.“
Nach genauen Betrachten der Wunde und des Zustandes des Mädchens, musste Tsukai feststellen, dass sie sie nicht mehr in einen Menschen verwandeln konnte, dafür war das Gift schon zu lange in ihrem Körper. Sie konnte nur noch versuchen, den Schaden so gering wie möglich zu halten.
Tsukai träufelte eine klare Flüssigkeit auf den Biss und seine Umgebung und legte danach ein saugfähiges Papier darauf. Rasch färbte sich das ganze Blatt violett. Je länger es darauf lag, desto dunkler wurde es. Währenddessen sprach Tsukai einige Zaubersprüche um das Gift weiter aus dem Körper zu treiben. Dabei fing das Menschenmädchen an, sich stark zu winden und zu zucken. Sie schien intensive Schmerzen zu verspüren. Tsukai würde sie später mit einem Zauber belegen müssen, damit sie sich nicht mehr an die Behandlung und die damit verbundenen Schmerzen zu erinnern würde.
Wild und ohne Orientierung stürmte Sohon durch das dunkle Geländer, dicht gefolgt von Yasai, die sie vorher aufgesammelt hatte. Sie hatten den Schrei gehört und waren sich sicher, dass Mi etwas zugestoßen war. Unterwegs trafen sie auf Hisu, die sichtlich verstört und hysterisch war; das hatte allerdings bei ihr nicht viel zu bedeuten, denn sie war eigentlich immer so…
„Wo ist Mi?“, fragte Yasai, doch Hisu brachte keine verständlichen Töne von sich.
„Das bringt nichts. Sie steht unter Schock. Lass‘ uns weiter gehen.“ Sohon und Yasai setzten schon an, ihren Weg fortzusetzen, als Hisu doch einige Töne hervorstieß:„N-ni-nicht gehen! Lasst mich nicht alleine“
„Dann komm‘ mit, allerdings nur, wenn du still bist und nicht nörgelst“, sagte Sohon energisch. Eigentlich war es ihr nicht recht, dass sie diese Nervensäge mitschleppen mussten.
Sie liefen eine gefühlte Ewigkeit über den Friedhof. Sohon hatte ein komisches Gefühl dabei, als befänden sie sich in einer Endlosschleife ohne Ausgang. Eigentlich wollte sie Mi finden, aber es war zu schwer, sich in der nächtlichen Stille zu orientieren. Mi würde schon längst am Ausgang auf uns warten. Sohon war geneigt, die Suche abzubrechen, denn ihre Beine wurden immer müder vom vielen laufen. Hisu und Yasai ging es nicht anders.
„Das hat keinen Sinn, wenn wir durch die Dunkelheit stolpern. Mi ist wahrscheinlich längst nicht mehr hier“ Erleichtert über diese Aussage stimmten, Yasai und Hisu Sohon zu.
Die Mädchen machten sich auf den Weg zum Ausgang und hofften, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen würde.
Mitama freute sich, als sie feststellte, dass die Jugendlichen allmählich den Friedhof verließen. Lange hätte sie die Labyrinthzauber nicht aufrecht erhalten können, durch die die Menschen quasi im Kreis liefen. Dadurch konnte sie sie von Tsukai, sich und dem Mädchen fernhalten, sodass sie unentdeckt bleiben.
„Hast du es bald geschafft, Tsukai?“
„Kannst du auch etwas anderes fragen?“ Tsukai war deutlich genervt von der ganzen Situation, da sie immer mehr merkte, dass sie den Kampf gegen das Gift verlieren würde. Es war eine schwierige Entscheidung, die ihr von ihrer Freundin aufgebürdet wurde: Würde sie den Dingen ihren Lauf lassen, würde das Mädchen sterben und sich nicht in einen Vampir verwandeln – ein Vampir weniger, gegen den sie kämpfen mussten.
Tsukai war von sich selbst überrascht, dass sie sich dafür entschied, das Menschenmädchen leben zu lassen, auch wenn sie vielleicht in Zukunft ihr Feind werden würde, da man nie wusste, wie blutdurstig junge Vampire waren. Zusätzlich zu den sonstigen Zauber wandte sie einen Spruch an, von dem sie bisher nur gelesen hatte, daher war der Ausgang ungewiss, aber vielleicht die einzige Chance, die dem Mädchen blieb. Während sie die Zauberformel ausführte, fiel ihr zum ersten Mal die verblüffende Ähnlichkeit zwischen Mitama und dem Mädchen auf. Auf dem Oberarm, wo die Bisswunde war, erschien ein jadegrün leuchtendes Zeichen, das eine Mondsichel darstellte, in der ein V stand.
Nachdem Tsukai ihre Arbeit verrichtet hatte, legte sie das noch ohnmächtige Mädchen sanft zu Boden. Keuchend stieß sie die Worte aus: „Ich habe es geschafft. Sie lebt.“
Mitama stürmte vor Erleichterung auf ihre Freundin zu und umarmte sie. „Danke, du weißt nicht, wie viel es mir bedeutet!“
„Freu‘ dich nicht zu früh.“
„Was meinst du?“
„Sie wird nie mehr ein Mensch sein, das ist dir hoffentlich bewusst. Es kann sein, dass sie bald unsere Feindin ist“, Tsukai rang etwas nach Luft „Sie ist ein Halbvampir geworden. Ich habe versucht, vorerst die Verwandlung zu verhindern, doch nach und nach wird ihr menschlicher Körper verfallen und sie braucht Blut zum Überleben. Ich kann dir nur noch nicht sagen, wann es sein wird, nur dass es so kommen wird.“
Die rothaarige Hexe merkte, dass ihre Ansprache gar nicht bei Mitama angekommen war. Sie schien komplett geblendet davon zu sein, dass sie noch lebte. Tsukai wollte noch einmal ansetzten, doch sie glaubte, dass sie nicht durchdringen würde. Sie kannte ihre Freundin zu gut, sodass sie wusste, dass sie noch wochenlang von Selbstvorwürfen geplagt sein würde.
„Lass‘ uns nach Hause gehen. Ich bin müde.“
Von Finsternis und kühler Schwere umhüllt, sank sie immer mehr in die Tiefe. Sie wusste nicht, wie lange sie sich in diesem Zustand befand. Ihren Körper konnte sie bis in die letzte Zelle fühlen, jedoch schlug ihr Herz nicht mehr und kein Muskel wollte sich rühren. Eigentlich hatte sie sich den Tod schmerzvoll vorgestellt, doch sie war erleichtert, dass ihre Erwartung nicht erfüllt wurde. Doch die Tatsache, dass sie sich mit ihren Vorstellungen und Gedanken auseinander setzten konnte, verblüffte sie. War sie vielleicht doch nicht tot? Wie könnte sie sich gegen die umgebende Dunkelheit wehren? Hing sie vielleicht in einer Art Koma?
Verzweiflung machte sich in ihre breit, da sie nicht wusste, wie sie sich aus diesem Zustand befreien konnte. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie sie dazu gekommen war. Allmählich drangen sich Bilder aus ihrem Leben in ihr Bewusstsein, jedoch keine, die sie in Verbindung mit ihrem jetzigen Zustand bringen konnte. Da war dieser blasse Mann… eine hübsche sportliche junge Frau… der Friedhof… ein Schmerz im linken Arm… Es war noch sehr wirr und vage, doch sie hatte das Gefühl, dass das tiefe Schwarz nicht mehr so intensiv war.
‚Hey, wach auf, du hast genug geschlafen!‘
Mi wusste nicht, ob eine fremde Stimme zu ihr gesprochen hatte, oder ob sie nun schon vor lauter Einsamkeit akustische Halluzinationen erlitt. Verschwinde aus meinen Kopf.
‚Mach die Augen auf, 16 Stunden Schlaf sind selbst für einen Menschen zu viel!‘
Die Stimme war unnachgiebig und versuchte es immer wieder. Auch wenn Mi von ihr genervt war, musste sie feststellen, dass sich ihr Körper nicht mehr so schwer anfühlte und alles um sie herum langsam aufklärte – bis sie sogar die Augen öffnete. Jedoch musste sie gleich wieder die Augen zusammenkneifen, da sie geblendet war von der Intensität des Lichtes.
„Da bist du, Dornröschen!“, eine rothaarige junge Frau beugte sich in ihr Gesichtsfeld.
Während Mi sich langsam aufrappeln wollte, nur mit halbgeöffneten Augen, da ihr immer noch das grelle Licht in den Augen schmerzte, fragte sie: „Wo bin ich? Wer bist du?“
Als Mi sich mit ihrem linken Arm aufstützen wollte, schoss ein brennender Schmerz durch ihren Körper, sodass sie sich gleich wieder in das Bett fallen ließ. Blitzartig fielen ihr die Ereignisse ein, durch die sie bewusstlos geworden war.
„Au! Mein Arm tut wahnsinnig weh, was ist das?“, sie rieb sich den Arm und schaute die Rothaarige an.
„Du wurdest gestern von einem Vampir gebissen“, sagte eine junge Frau, die sich in die Tür des Zimmers stellte. Mi erkannte, dass es die hübsche Frau war, die den angeblichen Vampir vertrieben hatte.
„Vampir? Es gibt also doch solche Wesen…“, Mi murmelte es vor sich hin. Sie war noch deutlich benommen „Und was seid ihr?“
Die rothaarige Frau begann zu erklären: „ Ich heiße Tsukai und bin eine Hexe“
„Das ist nicht nur auf ihre Fähigkeiten bezogen“, sagte die Frau im Türrahmen mit einem verschmitzten Lächeln.
„Du bist gleich dran“, Tsukai schien leicht verärgert vom Einwand ihrer Freundin zu sein, setzte allerdings gleich wieder an: „ und die Nervensäge da ist Mitama, eine Vampirjägerin. Gemeinsam bekämpfen wir Vampire in dieser Gegend. Allerdings gelingt es uns mal besser und mal schlechter, weswegen du angegriffen wurdest.“ Tsukai blickte verlegen zur Seite.
„Warum erzählst du mir das?“, fragte Mi.
„Was Tsukai dir versucht zu erklären, ist, dass wir es nicht vermeiden konnten, dass Unschuldige mit in unsere Streitigkeit involviert wurden. Durch den Biss ist Gift des Vampirs in deinen Körper gelangt, sodass du dich nach und nach selbst in einen Vampir verwandelst. Normalerweise bleibt uns eine Stunde nach dem Biss Zeit um die Verwandlung rückgängig zu machen. Allerdings hat dieser Vampir ein besonderes Gift benutzt, mit dem er eigentlich mich töten wollte. Scheinbar hat er dich mit mir verwechselt, da du zufällig auch auf dem Friedhof warst.“ Traurigkeit und Reue schlich sich in Mitamas Blick. „Es tut mir leid.“
„Ich und ein Vampir? Was für ein Zeug raucht ihr? So etwas wie Hexen und Vampire gibt es nicht!“, empört stand Mi auf. Unfassbar, was diese beiden Frauen mir erzählen wollen!
„Nennst du auch diese Wunde und den Schmerz nicht real?“, Tsukai griff fest an die Stelle des Einbisses, sodass Mi unter Schmerzen zu Boden ging. „Du solltest es dir erst zu Ende anhören, bevor du dir ein Urteil bildest!“
„Tsukai, war das wirklich nötig?“, ermahnte Mitama die aufbrausende Hexe, bevor sie fortschritt: „Um noch etwas hinzuzufügen, wir sind uns noch nicht sicher, ob und wann du dich in einen Vampir verwandeln wirst. Zurzeit bist du noch ein Mensch, sollte sich dein Körper irgendwie verändern oder er sich anders anfühlen, dann sagt uns Bescheid.“
„Was wird es für Folgen für mein normales Leben haben? Kann ich nach draußen ins Sonnenlicht? Woran merke ich, dass ich mich verwandle?“
„Zunächst wird es noch keine Auswirkungen haben. Wir wissen es selbst noch nicht, wie schnell du dich verwandelst und was ein Reiz dazu sein könnte. Du solltest auf jeden Fall dein Leben so normal wie möglich fortführen und keiner Person in deinem Umfeld davon erzählen. Wir als magische Wesen sind auch dazu verpflichtet die Menschen zu schützen, sodass sie nichts von unserer Existenz erfahren. Würden die Menschen etwas davon Wissen, würden Massenpaniken daraus resultieren. Daher bitte ich dich, alles, was du von uns gehört hast, geheim zu halten“, erklärte Mitama.
„Ich mache mich dann mal langsam auf den Weg, meine Eltern und Freunde machen sich garantiert Sorgen, dass ich bis jetzt verschollen war.“
„Wir haben dich gestern nach Hause gebracht und du bist auch zur Schule gegangen – zumindest dein Doppelgänger…“, leise sprach Tsukai ihre Worte.
„Wie habt ihr das gemacht?“
Nach dem Englischunterricht gingen Sohon und Yasai mit Mi in die Pause.
„Mi, du bist heute so schweigsam und hast so glubschige Augen“, sagte Sohon forsch.
„Buarg, ich bin noch erschöpft von der langen Nacht, buarg.“
„Ist dir eigentlich bewusst, dass wir uns gestern riesige Sorgen gemacht haben? Du hättest ruhig vor dem Friedhof warten können“, vorwurfsvoll sprach Sohon ihre Gedanken aus.
„Buarg, ich war erschöpft und wollte nach Hause, buarg.“
Sohon wandte sich zu Yasai und flüsterte ihr in ihr Ohr: „Findest du nicht auch, dass Mi sich seltsam verhält?“
„Sie hatte etwas wenig Schlaf, das legt sich wieder“, versuchte Yasai hoffnungsvoll zu erwidern.
In dem Moment als Yasais und Sohons Blicke zu Mi wanderten, flog eine Fliege vorbei und aus dem Mund ihrer Freundin schnellte ein lange rote Zunge hervor, die nach dem Insekt schnappte.
„Ok, es liegt nicht nur am Schlaf…“
„Ihr habt einen Frosch als Doppelgänger für mich genommen?“, rief Mi entsetzt aus.
„Findest du nicht, dass du gewisse Ähnlichkeiten mit diesem Amphibium hast?“, scherzte Tsukai.
„Nein, wir hatten nur kein anderes Tier zur Hand.“
„Schöpfen meine Freunde dann keinen Verdacht?“, fragte Mi erstaunt.
„Hm.. hängt von der ausführenden Hexe ab. Ihre Fähigkeiten sind auf jeden Fall noch ausbaufähig…“, stellte Mitama fest.
„Du hast bald einen Feind mehr, wenn du so weiter machst!“, kommentierte Tsukai die Aussage ihrer Freundin leicht angesäuert. Mitama belächelte dies nur.
„Wir haben auch gestern deine Freunde mit einem Zauber belegt, sodass sie uns nicht finden konnten. Durch den Zauber entstand ein räumliches Labyrinth, durch das deine Freunde umhergeirrt sind. Sollten sie seltsame Anmerkungen machen, versuche es ihnen rational darzustellen, dass es nicht sein könne.“
„Ja, ich habe verstanden“, sagte Mi beiläufig, als sie sich bereit machte, zu gehen.
Mi stand schon fast in der Wohnungstür, als Mitama noch schnell etwas einwarf: „Mi, bevor du gehst, möchte ich dir sagen, dass du jeder Zeit zu uns kommen kannst, wenn dich etwas bedrückt.“
Auf ihrem Weg nach Hause beschäftigten Mitamas Worte das junge Mädchen. Sie konnte es nicht begreifen, was sie soeben erfahren hatte. Sie hoffte, dass das Erlebte sich als Traum auflösen würde.
Auch in den Tagen danach, beschäftigte sich Mi mit dieser Nacht. Sie fühlte sich leer und durfte bei keinem Menschen sich aussprechen. Mitamas Worte hallten immer wieder in ihren Ohren. Ihr alltägliches Leben kam ihr seltsam entfernt vor. Ihre Gedanken spielten sich nicht in der Realität ab, sie fühlte sich so, als sei ihr mit dem Biss ihr Leben entzogen. Durch ihre gedankliche Abwesenheit distanzierte sie sich ungewollt auch von Yasai und Sohon.
„Mi“, während einer Pause zwischen den Unterrichtsstunden starrte Mi zum Fenster raus bis Sohon sie aus ihrer Gedankenwelt zog „was ist mit dir? Du siehst in den letzten Tagen so aus, als seist du wo anders.“
„Sohon“, Tränen schossen in Mi´s Augen.
„Du bist so schweigsam geworden. Muss ich mir Sorgen um dich machen?“
„Ich würde es dir gerne sagen, aber ich darf es nicht“, die Traurigkeit nahm Mi die Stimme.
„Du musst auch nicht reden, wenn du nicht kannst“, fest umschlang Sohon ihre Freundin und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich bin jeder Zeit bereit, wenn du reden willst!“
Die Umarmung von Sohon riss Mi wieder ein Stück näher in ihr Leben. Sie war dankbar, dass sie so eine verständnisvolle Freundin hatte.
Als Mi zu Hause war, setzte sie sich auf die Fensterbank ihres Zimmers. Sie mochte diese Stelle sehr, besonders um nachzudenken. Da es nach Westen ausgerichtet war, konnte sie langsam verfolgen, wie sich die Sonne über der Stadt senkte und den Himmel in warme Töne färbte. Mi genoss es, wie die letzten Sonnenstrahlen ihre Haut kitzelten. Für einen Moment vergaß sie Zeit und Raum und hoffte, dass dieser Augenblick der Wärme noch länger bestehe. Ihre Augen schlossen sich, sie hatte keine Ahnung, wie lange sie sie geschlossen hatte.
Plötzlich erklang der Klingelton ihres Handys. Sie fuhr auf und sprang von der Fensterbank runter um auf ihr Telefon zu sehen.
Sie traute ihren Augen nicht, als sie auf den Bildschirm blickte: Asahi, ihr Schwarm hatte ihr geschrieben!
Hey Mi! Treffen uns im Stadtpark um den schönen Sommerabend zu genießen. Würde mich freuen, wenn du kommst.
Mis Herz überschlug sich. Sie war sowohl davon überrascht, dass er sie angeschrieben hatte, als auch dass er sie sehen wollte. Während sie sich freute, überlegte sie, was sie schreiben sollte. Nachdem sie ihm geantwortet hatte, überlegte sie, was sie anziehen sollte. Sie hatte keine Ahnung, warum er ihr gerade heute geschrieben hatte, aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie schnappte sich ein Top mit fliederfarbigen Tönen und einer dunklen enganliegende Jeans. Sie wollte, dass ihre dezenten weiblichen Rundungen etwas besser zur Geltung kamen, deswegen wählte sie so ihre Kleidung.
Mi sagte ihrer Mutter Bescheid, dass sie sich noch mit Freunden traf, und verließ das Haus. Mittlerweile war die Sonne nicht mehr sichtbar, nur noch der angenehm getönte Himmel warf sich spätsommerlich über die Stadt. Fröhlich und aufgeregt zugleich lief sie zügig in Richtung Stadtpark.
An Tsukais Zimmertür klopfte es.
„Herrein!“
Mitama schritt in das Zimmer ihrer Freundin.
„Ich breche gleich auf“, sagte Mitama.
„Du wirkst immer noch sehr erschöpft, willst du wirklich heute dir die Nacht um die Ohren schlagen?“, stellte Tsukai besorgt fest.
„Es gibt ansonsten keinen, der es kann“, Mitama hatte einen melancholischen Blick in ihren Augen. „Hast du schon etwas über das Mondzeichen herausfinden können?“
„Die Recherche erweist sich als sehr mühsam. Es gibt in meinen alten Wälzern so gut wie nichts darüber zu finden“, beklagte Tsukai sich leicht müde.
„Das hätte ich nicht erwartet, dass es dir so sehr zu schaffen macht. Aber setzte mich bitte sofort in Kenntnis, wenn du fündig geworden bist. Ich gehe nun auf Vampirjagd.“
Während Mitama schon fast aus dem Zimmer war, sagte Tsukai: „Mitama, bitte sei vorsichtig. Er hat es schon einmal versucht, dich umzubringen und in deiner jetzigen mental angeschlagenen Situation bist du ein leichtes Opfer.“
Es kam selten vor, dass Tsukai so sorgenvolle Worte aussprach, das hieß, dass es ihr wirklich Kummer bereitete, Mitama in diesem Zustand zu sehen. Dessen war sich Mitama auch bewusst.
„Kein Grund zur Besorgnis, ich bringe ihn zur Strecke. Schon alleine wegen Mi muss ich es schaffen“, die junge Vampirjägerin war erstaunt, wie zuversichtlich sie klingen konnte, jedoch versuchte sie nichts als ihre eigene Unsicherheit zu überspielen. Sie wollte nicht, dass Tsukai auch noch an ihr zweifelte. In ihrer ganzen Zeit als Vampirjägerin war sie noch nie mit einer ähnlichen Situation konfrontiert worden; sie hatte zum ersten Mal so etwas wie Ehrfurcht und die Befürchtung, dass ihr Gegner ihr deutlich überlegen war, zumindest kräftemäßig.
Mitama zog sich um, nahm sich ihre seidigen Haare zu einem strengen Pferdeschwanz zusammen und überprüfte ihr Equipment. Sie öffnete die Balkontür ihres Zimmers und begann von der Balustrade aus auf das Dach des Nachbarhauses zu springen.
Heute bist du fällig!
Tsukai schaute aus dem Fenster und sah ihrer Freundin zu, wie sie sehr schnell in den abendlichen Himmel verschwand. Eigentlich war sie sehr erschöpft und frustriert, dass sie nach stundenlangem Studium ihrer Büchersammlung aus den alten Zeiten noch nichts Nützliches gefunden hatte. Sie war sehr ambivalent gestimmt. Am liebsten würde sie es nun für den Tag gut sein lassen, jedoch dachte sie an Mitama, die sich trotz mehrerer erfolgloser Versuche, diesen Vampir zu vernichten, nach wie vor anstrengte. Daher wollte sie sich nicht geschlagen geben, auch wenn sie wenig optimistisch gesinnt war, es noch zu einem Ergebnis zu bringen.
Sie beschloss, eine Pause einzulegen, öffnete das Fenster, um frische Luft in den Raum zu bringen und ging in die Küche um sich einen Kaffee zu kochen. Während der Kaffee zog, betrachtete sie die Tasse, die sie zuvor aus dem Küchenschrank entnommen hatte. Die Tasse war ein Erbstück ihrer Ziehmutter. Das alte Porzellan war von Blättern und Ästen des Lindera- Lorbeer verziert. Sie bewunderte die filigran gemalten Verschnörkelungen – bis ein Geistesblitz sie traf.
Genau, das war es! Der Lorbeer… Ihre Gedanken rasten. Sie hatte den ganzen Tag die falschen Denkansätze verfolgt. Es war für sie unbegreiflich, wie sie all die Zeit nicht darauf gekommen war: der Vampir hatte zuvor den falscher Lorbeer der Daphne gegessen, sodass er die Zusammensetzung seines Vampirgiftes potenzieren konnte.
Diese antike Pflanze war äußerst selten und eigentlich war Tsukai davon ausgegangen, dass sie schon längst ausgestorben sei. Dabei handelte es sich um ein Gewächs, das nur bei Vollmond rot blüht und ähnliche Blätter wie Lorbeer hat, daher auch der Name.
Dem Mythos zufolge geht alles zugrunde, das mit den giftigen Blüten in Berührung kommt – außer Vollvampire. Vampire werden nach deren Konsum lediglich in den folgenden Tagen kraftlos, jedoch regenerieren sie sich schnell.
Tsukai suchte in ihrer großen Büchersammlung nach einem Band über botanische Alchemie. Glücklicherweise hatte sie es schnell gefunden. Da die Hexe es seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt hatte, war es stark eingestaubt. Den gröbsten Dreck wischte sie mit ihrer Handfläche weg und setzte sich danach mit dem schweren Werk an ihren Schreibtisch. Als sie es aufschlug, erblickte sofort den hexametrischen Text, der in einer Hexengeheimschrift verfasst war. Tsukai war etwas aus der Übung, was diese Schrift betraf, da sie eigentlich nur in der alten Zeit des Pentarchie- Milleniums verwendet wurde.
Vorsichtig blätterte Tsukai die Seiten um, denn das Papier war hauchdünn und leicht marode geworden. Tsukai war immer aufs Neue von den schönen verzierten Illustrationen und der ornamentähnlichen Schrift. Bald wurde sie auch fündig. Auf der Gegenseite des Textes war eine Zeichnung der Blüte des falschen Lorbeers zu sehen. Sie begann den langen Text zu lesen, jedoch kam sie nur beschwerlich voran. Die Hexe seufzte, das würde eine lange Nacht für sie werden.
Vers für Vers ging sie den Text durch und überlegte, ob sich dahinter ein Hinweis auf das Mondzeichen versteckte. Sie hatte erst eine Seite geschafft und schlug um, als auf dieser genau das Zeichen erschien, das sich auf Mis Arm abgezeichnet hatte erschien. Tsukai war überwältigt und hoffte nun aufschlussreiche Informationen zu erhalten.
Nach den ersten Zeilen schaute sie geschockt auf, stand auf und hetzte zum nächsten Kalender um zu sehen, welche Mondphase heute sei.
VOLLMOND!!!
Sie musste schnellsten Mi und Mitama warnen und ihnen mitteilen, was sie erfahren hatte. Sie musste nun Ruhe bewahren und beschloss, bevor sie sich auf den Weg zu Mi machte, den Text erst zu Ende zu lesen, denn vielleicht gab es ein Mittel, mit dem man die Verwandlung rückgängig machen konnte.
Mitama versuchte währenddessen eine Spur des Vampirs aufzunehmen, jedoch erfolglos. Sie hatte schon einige Orte abgesucht, an denen sich diese Kreaturen gern aufhielten. Vielleicht war es noch zu früh, denn die Sonne hatte sich erst vor nicht allzu langer Zeit über die Stadt gesenkt.
Mi lief zügigen Schrittes in Richtung Park. Dafür, dass die Sonne sich schon verabschiedet hatte, war es erstaunlich hell. Sie schaute zum Himmel und entdeckte die volle Mondkugel sich über der Stadt erheben.
Plötzlich fuhr ihr ein stechender Schmerz durch die Brust, sodass sie sich etwas zusammenkrümmte. Kurz darauf folgte ein erneuter Stich, noch intensiver, auf den sie sich zu Boden warf. Sie spürte jeden Herzschlag und wie es immer langsamer wurde, bis es gar nicht mehr schlug. Sie rang nach Luft, doch es strömte nichts in ihre Lungen. Panische Angst stieg in ihr auf. Das gleiche Gefühl wie vor einigen Tagen schlich sich bei ihr ein, doch glaubte sie, dass es nun endgültig zu Ende mit ihr sei. Die Dunkelheit zog sie wieder in sich und sie konnte keinen Widerstand leisten.
Erneut machte sich Mitama in Richtung des Stadtparks auf, auch wenn sie dort schon nach Vampiren gesucht hatte, jedoch nichts gefunden hatte. Wie aus dem Nichts entstand eine starke unbekannte Aura. Es musste die eines Vampirs sein, doch Mitama war sich nicht sicher, denn es kam ihr komischerweise auch sehr vertraut vor. Sie änderte ihr Ziel um es sich anzuschauen. Allmählich merkte sie, dass sie nicht die einzige war, die davon angezogen wurde.
Aus der plötzlichen Dunkelheit erwacht sie blitzartig. Mi wusste nicht, wie lange sie schon dort auf dem Boden gelegen hatte. Ihre Umgebung kam ihr nicht mehr so finster vor, dafür dass es bereits Nacht war. Langsam erhob sie sich und rieb sich den Bodendreck von der Kleidung. Sie hatte keine Ahnung, was mit ihr passiert war. Sie schaute an sich herab und konnte nichts Seltsames an sich feststellen. Sie atmete tief ein und genoss den intensiven Geruch der umliegenden Pflanzen.
„Mi, da bist du!“, eine bekannte Stimme ertönte hinter ihr. Aus der Dunkelheit erschien Mitama, die wild auf sie zustürmte. „Ist alles in Ordnung mit dir? Wie fühlst du dich?“
„Gut, was sollte sein?“, eigentlich ging Mi davon aus, jedoch sah sie Mitamas irritierten Blick. „Warum bist du hier?“
„Du bist dir dessen nicht bewusst?“, Mitama hielt einen Moment ein und überlegte, wie sie es sagen konnte. „Du hast dich in eine Vampirin verwandelt.“
„Aber ich fühle mich nicht anders als sonst, nur dass ich zusammengebrochen bin…“
„So verwandeln sich Menschen in Halbvampire. Ich habe leider keine Zeit dir alles ausführlich zu erklären, denn nicht nur ich wurde von deiner Energie angezogen.“ Kaum hatte Mitama ihre Worte ausgesprochen, erschien der Vampir, der Mi gebissen hatte.
„So trifft man sich wieder“, sagte er „Wirst du sie heute besser beschützen können, Mitama?“ er neigte seinen Kopf seitlich und schritt auf die beiden Frauen zu.
„Ignoriere sie, ich bin dein Gegner!“, Mitama stellte sich beschützend vor Mi. „Und du solltest jetzt gehen, Mi. Ich will nicht, dass er dich noch mehr verletzt.“
„Och, wie rührend! Glaubst du ernsthaft, dass du sie beschützen kannst? Ihr werdet beide durch die Hände Fumeiros sterben – und zwar heute Nacht!“
„Ich kämpfe mit dir, ich bin schließlich jetzt ein Vampir!“, sprach Mi trotzig aus, worauf sie einen unverständnisvollen Blick von Mitama zugeworfen bekam.
„Ihr werdet so oder so sterben, zu zweit könnt ihr mich nicht besiegen!“
„Aber zu dritt!!!“, eine weitere Gestalt sprang von einem hohen Baum in das helle Gegenlicht des Mondes, sodass Mitama und Mi nicht erkennen konnten, wer nun auftauchte.
„Ketchup-Attacke!!!“, es war Tsukai, die in Richtung des Vampirs sprang. In ihrer Hand hatte sie eine Ketchupflasche und sie war gerade dabei, den Inhalt auf Fumeiro zu entleeren, jedoch entwich dieser.
„Netter Versuch, aber nicht gut genug für mich!“
„Na warte, das nächste Mal treffe ich!“
„Tsukai, was machst du mit dem Ketchup?“, fragte Mitama, die vollkommen überrascht war, dass ihre Freundin sich in den Kampf aktiv einmischte und das auch noch mit einer skurrilen Methode.
„Ich habe herausgefunden, dass Vampire Ketchup nicht mögen. Die Zusammenhänge erkläre ich euch, wenn wir hier fertig sind“, nachdem die Hexe ausgesprochen hatte, setzte sie zu einem neuen Angriff an, doch war sie deutlich langsamer als ihr Gegenüber.
„Das wird mir zu doof mit euch“, Fumeiro machte einen großen Satz nach hinten und floh.
„Du Feigling, komm zurück!!“, Tsukai war richtig in Rage geraten und wollte ihm eigentlich hinter her stürmen, doch Mitama unterbrach sie: „Nein, das ist eine Falle! Er ist heute nicht alleine gekommen und wartet nur darauf, dass wir ihm folgen.“
„Was? Ich dachte, er sei ein Einzelgänger“, das Entsetzen machte sich auf Tsukais Gesicht breit.
„Mis Verwandlung hat nicht nur uns und Fumeiro angelockt, sondern noch mehr Vampire, die ich noch nicht kenne.“
„Wie viele sind es?“
„Wir sind auf jeden Fall deutlich unterlegen. Wir sollten uns zurückziehen und einen Plan aufstellen.“
„Och nö, ich war gerade so gut in Fahrt…“, stellte Tsukai enttäuscht fest.
„Du wirst demnächst eine neue Gelegenheit dazu finden. Wenn wir uns jetzt nicht beeilen, sind wir gleich umzingelt“, Mitama versuchte ihre Freundin zu beschwichtigen „Ich muss zu einer Stelle mit vielen Bäumen.“
Die drei Frauen liefen schnell zum Rand des Stadtparks zu einer Ansammlung von Bäumen. Mi verstand nichts, und hoffte, dass Mitama und Tsukai eine gute Strategie hatten. Sie traute sich in diesem Moment nicht, auch nur einen Mucks von sich zu geben, da sie bemerkte, dass Mitama sich sichtbar konzentrierte während sie einen Baum berührte. Eine seltsame befremdlich und zugleich warme Aura umschloss die jungen Frauen, Mi konnte nicht so ganz begreifen, was gerade um sie geschah.
Ein Ausruf Mitamas holte Mi wieder aus ihrer Unaufmerksamkeit in die Situation zurück. Ihr gegenüber sah sie geisterhafte Gestalten, die äußerlich starke Ähnlichkeiten zu den drei Frauen hatten.
„Das sind Gosei Tamashi, Seelendoppelgänger von uns“, setzte Tsukai an „Mitama hat sie aus den Seelenpartikeln aus unserer Umgebung geformt, die jedes Lebewesen umgeben. Vor allem Pflanzen häufen eine große Menge von diesen Teilchen an, sodass es hier schneller geht als an Lichtungen und ist bei weitem nicht so energieaufwändig.“
„Und diese Wesen sollen die Vampire ablenken?“
„Zumindest für ein Weile, bis wir außer Reichweite sind. Sie haben eine ähnliche Aura wie wir, sodass die Vampire davon ausgehen werden, wir seien es. Jedoch werden sie es schnell bemerken, dass es keine Lebewesen sind und sie erst recht nicht aus Blut und Fleisch bestehen“, ergriff Mitama das Wort.
„Doch wenn wir uns nicht beeilen, war dein kleiner Zaubertrick für die Katz‘!“, ungeduldig drängte Tsukai ihre Freundin.
„Moment, ich muss erst unsere Auren überdecken!“, die Vampirjägerin ging erneut in sich, jedoch spürte Mi dieses Mal nichts.
„Los, lasst uns gehen! Ich gehe voraus, dann kommt Mi und dann du Tsukai.“
„Ich hatte schon so einen Ahnung, dass du das sagen würdest… Warum muss ich immer das Schlusslicht sein?“, maulte Tsukai, doch ihre Angst war deutlich erkennbar, sodass sie sich in Bewegung setzte.
Mitama und ihr Gefolge hetzten in übermenschlicher Geschwindigkeit zwischen den Bäumen und dem Gestrüpp durch. Dabei bemerkte Mi, dass die Nacht scheinbar nicht so dunkel sein musste, da sie ungewöhnlicher Weise jegliche Strukturen und Tücken des Bodens erfassen konnte. Mi wurde etwas nervös, da sie das Gefühl hatte, schneller als Mitama sein zu können und ihr bald in die Füße laufen würde. Daher versuchte sie sich etwas zu bremsen.
Allmählich lichteten sich die Pflanzen und sie erreichten ein Tor des Stadtparks, sodass sie bald in der Stadt sein würden, inmitten der Lichter der Geschäfte und Häuser – die die Vampire so sehr hassten, da ihre Andersartigkeit dort auffiel und sie nicht versteckt agieren konnten. Sobald Mitama die ersten Geschäftsreihen erreicht hatte verlangsamten sich ihre Bewegungen bis sie zum Stillstand kam. Mi und Tsukai taten es ihr gleich. Die jungen Frauen hielten vor einem Modegeschäft an, das einige Spiegel im Schaufenster hatte. Mi entdeckte gleich die Spiegelbilder ihrer Gefährtinnen, jedoch nicht ihr Eigenes! Es stimmt also, was man über Vampire sagt, dass sie ihr Ebenbild nicht im Spiegel sehen können!
„Puh! D-da-das w-wird hoff-hoffentlich n-nicht zu unserer allabendlichen Besch-Beschäftigung!“, erst als Tsukai wieder etwas von sich gab, merkte Mi, dass Mitama und Tsukai deutlich erschöpft und außer Puste waren – ganz im Gegensatz zu ihr. Tsukai lag fast keuchend und um Luft ringend auf dem Boden, während Mitama noch gebeugt stehen konnte.
„Nun kannst du dir vorstellen, was ich jeden Abend durchmache!“, sagte Mitama mit beschleunigter Atmung.
„Wi-hie hä- ä-ätzend…“
„Für heute lassen wir es gut sein“, brachte Mitama leicht gequält heraus. „Wir bringen Mi noch nach Hause.“
„Seh‘ ich auch so…“, presste Tsukai aus ihrem Kehlkopf.
„Und wie geht es weiter?“, fragte Mi. „Ich habe mich verwandelt, so kann ich nicht unter Menschen gehen und meine Abwesenheit wird auffallen…“, leichte Tränen kullerten über Mis Wangen.
„Stimmt, deswegen bin ich auch gekommen!“, plötzlich richtete Tsukai sich wieder auf.
„was ich euch zeigen wollte ist, dass du dich mit Ketchup zurückverwandelst, zumindest zeitweise! Ich habe auch ein Flasche mitgebracht. Ein Schluck wird wahrscheinlich reichen.“
„Purer Ketchup? Das ist ja ekelig..“
„Tut mir leid, Pommes waren heute aus. Die Einzelheiten dazu werde ich dir demnächst erklären, heute Abend sind wir alle nicht mehr in der Verfassung für lange Vorträge“, Tsukai schien sich wieder erholt zu haben, sodass sie dies keck auch ihren Mitstreiterinnen zur Kenntnis gab.
Darauf nahm Mi einen Schluck und einen Moment später verspürte sie einen starken Schlag von innen gegen ihr Brustbein, bei dem ihr übel wurde und sie sich vor Schmerzen krümmen musste. Doch es hielt nicht lange an, sodass sie sich wieder aufrichten konnte und sofort im Spiegel des Schaufensters ihre Spiegelung erblickte. Fasziniert von ihrem Ebenbild fragte sie Tsukai: „Was muss ich tun, dass ich mich nicht mehr verwandle?“
„Puhh, erstmal nicht den Vollmond anschauen, allerdings sagt sich das so einfach… Du kannst morgen gern bei uns vorbeikommen und ich erkläre dir alles, doch jetzt bin ich zu erschöpft…“
„Es ist unfassbar, was für ein Phlegma du hast“, stellte Mitama fest.
„Ist schon ok, war auch für mich heute sehr viel. Bringt mich bitte nach Hause.“
Verschwinden
Verschwinden
Am nächsten Tag traf sich Mi mit Mitama und Tsukai in deren Wohnung, sodass sie einige Dinge besprechen konnten. Beim ersten unfreiwilligen Besuch in der Wohnung war Mi nicht die Gemütlichkeit und Geborgenheit aufgefallen. Sowohl die Wände als auch die Einrichtung des Wohnbereiches waren in warmen Ocker- und Rottönen gehalten. Das Wohnzimmer mit der offenen Küche hatte eine offene Fensterfront, durch die sehr viel Licht eintraf. Der Wohnbereich hatte eine sehr hohe Decke, da eine Wendeltreppe maisonetteartig nach oben in die Galerie führte, wo wohl die beiden Schlafzimmer waren. Es war eine sehr geräumige und große Wohnung und Mi wunderte sich, wie sich die beiden das leisten konnte, da sie die ganze Zeit davon ausgegangen war, die beiden seien Schülerinnen.
Mitama bot ihr zuvorkommend eine heiße Schokolade an und servierte diese in einer jugendstielartig verzierten Tasse. „Du hast sicher einige Fragen an uns“, sagte Mitama um die anfängliche Stille zu durchbrechen.
„Wie könnt ihr beiden euch so eine Wohnung erlauben?“
Tsukai musste darauf herzhaft auflachen: „Sagen wir es mal so, Mitama hat sehr reiche Eltern“, Tsukai erkannte den verlegenen Blick und das deutliche Erröten des Gesichtes ihrer Mitbewohnerin, sodass sie nicht mehr ausführen wollte.
„Und wo sind deine Eltern, wenn du nicht bei ihnen wohnst?“
„In England.“
Mi merkte sehr schnell, dass Mitama nicht darüber reden wollte, im Nachhinein war es ihr sogar peinlich, dass sie so neugierig gefragt hatte.
„Ich würde sagen, Tsukai legt einfach los“ Mitama ließ sich in die tiefe Couch sacken und zeigte eine aufmerksame Haltung.
„Also, was ich gestern zum Glück herausgefunden habe, ist, dass Vampire Tomaten nicht mögen beziehungsweise du dich darauf zurückverwandeln kannst. Das ist auf den in Tomaten enthaltenen Stoff Lycopin zurückzuführen. Dazu musst du eigentlich wissen, dass Vampire selbst nicht Blut bilden können, da das Gift, das durch ihre Adern fließt alle Blutzellen zerstört, sodass sie darauf angewiesen sind, Menschen und anderen Säugetiere Blut zu entziehen. Lycopin kann ihr Gift hemmen, jedoch brauchen sie auch dieses um zu leben“, Tsukai hoffte, sie würde nichts während ihrer Ausführungen vergessen.
„Aber warum sind Vampire dann unsterblich, wenn sie unbedingt Blut benötigen?“, unterbrach Mitama ihre Freundin.
„Sie sterben zwar nicht, wenn ihre Blutzellen verbraucht sind, aber sie altern und werden schwächer“, Tsukai hatte zügig die Antwort parat.
„Bei Halbvampiren, wie du nun einer bist, ist dies nicht so. Es ist zwar ein schleichender Prozess, wie dein Blut sich auflöst, allerdings ist es für dich immer tödlich. Daher solltest du darauf achten, nicht zu lange als Halbvampirin durch die Weltgeschichte zu wandeln. Das Gift, das durch die Verwandlung in deinem Körper frei wird, greift dein Blut an, jedoch kann Lycopin diesen Prozess umkehren, wenn es rechtzeitig geschieht.“
„Wieso soll ich dann Ketchup zu mir nehmen?“, fragte Mi, die etwas über die aufgetischte Geschichte verwundert war.
„Da in Ketchup Lycopin in sehr konzentrierter Form vorhanden ist.“
„Wenn Vampire dadurch so verwundbar seien, wie du sagst, warum verwendet ihr nicht Ketchup als Waffe gegen die Vampire?“, immer noch erstaunt über das Gehörte, stellte Mi dies in den Raum.
„Eine gute Frage… Tsukai und ich sollten dies überdenken um sie zu bekämpfen“, Mitama mischte sich nun ein und warf Tsukai einen leicht gereizten Blick zu.
„In meinen Büchern stand bisher noch nichts darüber, dass es eine wirksame Methode gegenüber den Blutsaugern sei. Ich nehme an, dass sie vielleicht auch resistent dagegen werden können oder es nur eine kurze Wirkung hat…“, Tsukai versuchte, keinen Blickkontakt zu Mitama aufzunehmen, da sie ihr sicherlich vorwerfen würde, dass sie nicht schon früher den Mechanismus mit dem Tomatenstoff erkannt hatte. Zu ihrer Erleichterung durchbracht Mi die Stille: „Und stimmt es eigentlich, dass Zwiebeln und Knoblauch Vampire fernhalten?“
„Hm… ich verfüge nicht so ein gutes Wissen, wie Tsukai darüber, allerdings weiß ich, dass manche Vampire einen ziemlich guten Geruchsinn haben und daher vielleicht ein wenig abgeschreckt sind, wenn Menschen diese vorher verzehrt haben. Ich glaube nicht, dass es ein Hindernis für richtig blutdurstige Vampiren sein würde“
„Sind nun alle deine Fragen beantwortet, Mi?“, fragte Tsukai leicht genervt.
Mi stand schon auf um zu gehen, da sie ein wenig das Gefühl hatte, dass sowohl Tsukai und Mitama ihr nicht all ihr Wissen offenbaren wollten. Die beiden jungen Frauen machten einen unnahbaren Eindruck auf sie, von dem sie einerseits abgestoßen wurde und andererseits sich auch hingezogen fühlte. Kurz vor der Tür drehte sie sich um und fasste all ihren Mut zusammen: „Was passiert jetzt? Was werden die Vampire tun? Was ist euer Plan?“ Sie ging erneut in den Wohnbereich.
Auch wenn sie einen zornigen Blick Tsukais und eine stürmische Ansprache ihrer Mitbewohnerin im Nachhinein befürchten musste, ergriff Mitama das Wort: „Wir wissen es selbst nicht so genau, was Fumeiro und seine Verbündeten verfolgen. Fest steht nur, dass du dich nicht einmischen solltest und aus der Schussbahn bleibst. Ich kann es jetzt schon kaum verantworten, dass er es geschafft hat einen unschuldigen Menschen zu involvieren. Daher möchte ich nicht, dass dir noch mehr zustößt. Sei auf jeden Fall versichert, dass wir alles Erdenkliche in unserer Macht stehende tun werden um die Vampire aus dieser Stadt zu vertreiben.“ Während Mitama gesprochen hatte, kullerte ihr eine dicke Träne die Wange hinunter. Mi spürte, wie emotional sie aufgewühlt war.
„Kann ich euch vielleicht dabei helfen?“, bot Mi an und wurde harsch von der Hexe angefahren: „Ja, indem du nun gehst. Je weniger du weißt, desto besser ist es für dich. Wir kommen schon klar.“
Nach zwei Sekunden der betretenen Stille gewann Mi ihre Sprache wieder, da sie etwas von der Aggressivität Tsukais überrascht wurde: „Nun… gestern hatte es nicht wirklich den Anschein gemacht, als seid ihr dieser Situation gewachsen. Und ich habe an mir selbst festgestellt, dass ich durch die Verwandlung irgendwie stärker und schneller geworden bin.“
Bevor Mitama auch nur eine Silbe sagen konnte, setzte Tsukai wieder an, da sie wusste, dass ihre Freundin wahrscheinlich zu viel verraten würde.
„Nein, Danke! Mitama wird nicht mit voller Kraft kämpfen können, wenn sie weiß, dass du in Gefahr bist. Punkt. AUS!“, allmählich mäßigte Tsukai ihren Ton.
„Ok, wenn das eure Meinung ist. Ich glaube nur die ganze Zeit, dass ihr mir viele Dinge verschweigt. Es ist nur so, dass ich euch sehr vertraue und gehofft hatte, ihr würdet dies auch bei mir.“
Mi nahm ihre Sachen und ging schweigend aus der Wohnung. Sie fühlte sich ausgegrenzt und enttäuscht, da sie eigentlich dachte, sich bei den beiden Frauen aussprechen zu können, da sie ansonsten niemanden darüber erzählen durfte. In diesem Moment stieg eine kühle Einsamkeit in ihr auf. Doch es half nichts, sich diesen Gefühlsduseleien hinzugeben, die eh nur kräftezehrend sein würden. Sie musste einfach hoffen, dass es für sie eine Rettung gab.
„Bist du bescheuert, sie einfach so anzuschnauzen?“, warf Mitama der rotharrigen Hexe entgegen.
„Wenn sie wieder kommt, wissen wir, dass sie es ernst meint. Merkst du nicht, dass sie durch diese ganze Vampirkiste total aufgewühlt ist und dies wahrscheinlich nur aus Verzweiflung gesagt hat?“
„Das ist die eine Sache, jedoch hat sie ein Recht, dass man sie in Kenntnis setzt!“
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, nachdem du ihr deine ganze Lebensgeschichte und den Vampirjägerkram offenbart hättest, dass sie stillschweigend zu Hause im Bett bleiben würde. Sie hat natürlich festgestellt, dass sie sich verändert, wenn sie sich verwandelt und das ist gefährlich, da sie dazu neigen könnte, Selbstjustiz zu üben.“
„Sie ist immerhin schon 15 und durchaus fähig, rationale Entscheidungen zu fällen.“
„Na ja, du mit deiner über 100 Jahre alten Seele kannst das immer noch nicht!“
Tsukai musste feststellen, dass dies wohl ein bisschen zu hart war und Mitama sichtlich getroffen war und schob ein „‘tschuldigung“ hinterher.
„Es ist unfassbar, dass wir uns wegen solchen Sachen streiten, dabei haben wir wirklich andere Dinge zu erledigen“, sagte Mitama.
„Oh Gott, das war wohl echt heftig, was ich gesagt habe, wenn du mir ausweichst…“
„Nein, es ist so gemeint, wie ich es sagte, ich bin dir überhaupt nicht böse. Mich verletzt in letzter Zeit so viel, da ich zum ersten Mal in meinem Leben als Vampirjägerin das Gefühl habe, keine Kontrolle zu haben.“
„Du machst dir nach wie vor Vorwürfe wegen Mi. Aber du kannst nichts dafür, wenn dieser blöde Vampir so doof ist und Mi anstelle dir angreift. Ich denke nur, dass wir an einen Punkt angekommen sind, an dem wir Hilfe brauchen. Ich weiß, dass du eine sehr stolze - und auch starke- Vampirjägerin bist, doch allmählich solltest du zugeben, dass die ganze Nummer zu groß für dich ist.“
„Und was schlägst du vor?“
„Puuuhh, über diesen Teil habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“
„Gibt es bei euch Hexen und Magiern vielleicht einige, die die Vampire überdrüss…“, bevor Mitama den Satz vollenden konnte, bracht Tsukai in Gelächter aus.
„Zauberer haben eine Abmachung mit den Vampiren, dass sie sich gegenseitig nicht angreifen. Das sollte eigentlich auch nicht gebrochen werden, da wir sonst selbst zu ihren Zielen werden. Zumal wir nicht wirklich gut im Nahkampf sind.“
„Aber du hilfst mir doch auch, dann muss es noch mehr geben!“
„Nein, ich bin die Ausnahme, allerdings ist das, wie du weißt, persönlich bedingt.“
„Wäre auch zu schön gewesen…“, die braunhaarige Frau sank langsam in das Sofa.
„Willst du wirklich nach dem gestrigen Abend heute wieder da raus?“, sorgevoll fragte Tsukai.
„Habe ich eine andere Wahl?“
„Ich weiß nicht, ob es vielleicht ein wenig leichtsinnig von dir wäre. Da waren schon einige unterwegs.“
„Ich passe auf. Ich habe sonst auch keine Hexe und Halbvampirin im Gepäcke. Du solltest auch mal eine Nachtschicht einlegen um herauszufinden, wie wir sie stoppen können.“ Nach diesen Worten ging Mitama die Wendeltreppe hinauf in ihr Zimmer.
Sie ließ sich mit dem Rücken auf ihr weiches Bett fallen. Auf ihrem Nachtisch erblickte sie die Bilder ihrer Eltern und ihrer Schwester. Jedoch konnte sie diese nicht lange fokussieren, da ihre Lider schwer waren. Nach den vergangenen Tagen und Nächten war sie sehr erschöpft, sodass es ihr leicht fiel, einzuschlafen.
Als sie aus ihrem Tiefschlaf erwachte, war bereits die Dunkelheit eingetroffen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es 22 Uhr war, die perfekte Uhrzeit um schnell etwas zu essen und dann auf Vampirjagd zu gehen.
Die Wohnung war auch unbeleuchtet, einzig in Tsukais Zimmer brannte ein Licht. Sie schien fest zu arbeiten. Mitama klopfte an und trat in das Zimmer ein.
Tsukai saß an ihrem Schreibtisch, dessen Arbeitsfläche eigentlich komplett unter den wuchtigen alten Wälzern der Hexenmagie begraben war.
„Na, Dornröschen, haben wir gut geschlafen?“, sie hatte wieder den gewohnten kecken Ton in ihrer Sprache.
„Ja, gleich begebe ich mich auf den Weg.“
„Falls du vorher noch etwas essen möchtest, kannst du dich gern an dem Auflauf bedienen, den ich vorhin gemacht habe.“
„Danke! Was machst du heute?“
„Lesen bis zum Umfallen!“
Mitama ging die Treppe hinab und zur Küche, wo sie sich etwas von dem Gericht nahm. Eigentlich hatte sie nicht viel Hunger, aber sie wollte einfach eine Kleinigkeit im Magen haben. Danach suchte sie ihre Sachen zusammen und zog sich etwas sportlicher an, sodass sie bereit war. Draußen war es nachts nun etwas frischer, man merkte, dass allmählich der Herbst bevorstand.
Mitama drehte ihre bekannten Runden über die Dächer und Bäume der Stadt. Ganze fünf Runden machte sie durch die gesamte Stadt, doch sie konnte nichts entdecken. Einerseits war sie beruhigt, da sie sich nicht ganz so belastbar hielt wie sonst, andererseits beschlich sie ein komisches Gefühl.
Bald ging sie nach Hause. Ihr graute es vor dem nächsten Tag, da sie wieder früh aufstehen musste für die Schule.
Als sie zurückkam, war Tsukai bereits im Bett, wo Mitama auch am liebsten gleich versackt wäre, allerdings wollte sie nach ihrer nächtlichen Aktivität erst duschen.
In den folgenden Nächten gab es auch keinerlei Vorkommnisse, vorüber sich Mitama stark wunderte. Es war für sie unerklärlich. In ihrem Kopf malte sie sich die unterschiedlichsten Szenarien aus, dass möglicherweise ein anderer Vampirjäger in ihr Gebiet gekommen war, Fumeiro die Stadt verlassen hatte, Fumeiro einfach keine Lust hatte. Jedoch war Mitama nicht ganz wohl dabei, dass sie nicht wusste, wo dieser vampir steckte.
Schon auf dem Schulweg wurde Mi von Sohon und Yasai schnell eingeholt. Eigentlich hatte sie keine Nerven für die belanglosen Gespräche.
„Hey Mi!!! Warte mal, du hast heute einen ganz schönen Zahn drauf!“, sagte Sohon.
„Warum so eilig?“ Vielleicht um dir zu entgehen?!
„Es muss wohl irgendeine Krankheit an unserer Schule herumgehen. Gestern sind aus den anderen Klassen einige Leute nicht gekommen.“
„Kann ja sein, dass gerade ein Virus umhergeht.“ Mi wollte dringend ein anderes Thema beginnen, sonst würde ihre leicht paranoide Freundin innerhalb weniger Sätze auf ein Killervirus mit menschheitsvernichtenden Potential kommen.
„Wie läuft eigentlich dein Kendotraining für die Juniorenmeisterschaft?“ Puh! Zum Glück ist mir noch etwas eingefallen…
„Läuft ganz gut, mein Bruder verpasst mir zwar einige blaue Flecke, aber ich merke, wie schnell ich mich entwickle“, sagte Sohon.
Den restlichen Weg zur Schule führte Sohon einen Monolog über ihre Trainingserfolge und ihre Ängste vor den bevorstehenden Prüfungen, für die sie nicht lernen könne, da ihr Sport ihr etwas wichtiger sei.
Kurz vor Unterrichtsbeginn erreichten die Mädchen den Klassenraum und mussten feststellen, dass fünf Schüler fehlten.
Die Lehrerin las die Anwesenheitsliste vor und machte auch eine Anmerkung, dass es erstaunlich sei, wie viele Kinder in den letzten Tagen fehlten.
Auch an den folgenden Tagen fehlten immer mehr Schüler, auch Yuzen war unter ihnen.
„Da in den letzten Tagen ein beträchtlicher Teil der Schüler fehlt, bitte ich euch, dass einige von euch euren Mitschülern die Hausaufgaben vorbeibringen. Ansonsten kommen wir mit dem Lehrstoff in Verzug und ich weiß nicht, wie wir das noch aufholen können“, sagte einer der Lehrer.
Ein Mitschüler aus der ersten Reihe erhob die Hand, da er scheinbar eine Frage hatte: „Kennt man mittlerweile den Grund für das gehäufte Fehlen?“
„Ich fürchte nein. Es gibt bereits Untersuchungen und Maßnahmen, die getroffen werden. Seid unbesorgt!“, versuchte der Lehrer seine Klasse zu beruhigen.
„Nun weiter im Text. Wer möchte seine Hausaufgaben vortragen?“
Mi hatte sich bereit erklärt, die Übungsblätter für Yuzen mitzunehmen. Nach der Schule begab sie sich direkt zu seinem Elternhaus. Eigentlich hätte sie überglücklich sein müssen, sehen zu können, wie er wohnt, allerdings waren Sohon und Yasai so neugierig und aufdringlich gewesen, sodass sie von ihnen verfolgt wurde.
„Sohon, findest du nicht, dass du zu weit gehst?“, nuschelte Yasai schüchtern vor sich hin.
„Ach was! Ich will Yuzen auch sehen“
„Ihr beiden nervt ganz schön. Ihr hättet ruhig nach Hause gehen können“, sprach Mi nervös aus.
„Wir wollen nur sehen, was zwischen dir und ihm läuft“, stichelte Sohon.
Mi war erleichtert, als sie das Haus Yuzens erreicht hatten. Für einen Moment zögerte Mi, die Klingel zu betätigen, jedoch tat sie es kurz.
Eine Frauenstimme ertönte über die Klingelanlage: „Wer ist da?“
„Kino Mi. Ich bringe die Übungsblätter von der Schule mit. Für Yuzen.“
„Yuzen ist nicht da.“
„Darf ich fragen, warum er nicht zur Schule gehen konnte?“
Mi merkte, wie die Frau am anderen Ende zögerte. „Er wird seit gestern vermisst- wie so viele andere Jugendliche. Du solltest lieber so schnell wie möglich nach Hause gehen.“
Mi war geschockt. Ihr Herz machte einen Extrasprung. Sie wusste gar nicht, wie ihr zumute war. Sie verabschiedete sich höflich.
Danach liefen die Mädchen zu Yasais Haus, da sie nachdem deutlich ängstlich war. Sohon beschloss auch, Mi nach Hause zu bringen.
„Es macht mir nichts aus, dich nach Hause zu bringen! Ich werde danach meinen Bruder anrufen, damit er mich abholt“, sagte Sohon zu Mi.
Eigentlich war es Mi nicht so wirklich recht, dass sie nun in Begleitung war. Sie konnte nur hoffen, dass Sohons Bruder schnell kommen würde, da sie noch etwas anderes erledigen wollte. Das Gespräch mit Sohon ging an Mi irgendwie vorbei, sie konnte sich nicht einmal an das Thema erinnern. Zu Mis Erleichterung kam Sohons Bruder bald.
In dem Moment, in dem Mi versuchte aus dem Haus zu hasten, trat ihre Mutter im Hauseingang ihr entgegen.
„Wo willst du hin?“, fragte Mis Mutter mit verschränkten Armen.
„Zu einer Freundin“, sie wollte sich knapp halten, damit ihrer Mutter merkte, dass sie kurz angebunden war.
„Nachdem, was ich von Sohon gehört habe und auch im Radio gesagt wurde, möchte ich nicht, dass du heute ausgehst.“ Dieses Plappermaul Sohon!
„Findest du das nicht übertrieben?“
„Nicht nur weil ich mir Sorgen um dich mache, deine Noten sind in diesem Schuljahr noch nicht so, wie sie sein könnten, junge Dame!“
„Ich mache meine Hausaufgaben und lerne auch, wenn ich zurück bin.“
„Nein, ab auf dein Zimmer!“
Mi erkannte, wie besorgt ihre Mutter war, denn dies hatte sie noch nie gesagt. Ihr war bewusst, wie ernst es ihr war, daher gab sie auf – zunächst – und ging wieder in ihr Zimmer. Sie musste sich dringend etwas einfallen lassen, denn sie wollte Mitama und Tsukai davon erzählen. Telefonisch konnte sie sie nicht erreichen, da sie nicht die Nummern hatte. Bis ihr etwas einfiel, wie sie sich aus dem Haus schleichen konnte, setzte sie sich an ihre Schulaufgaben. Allerdings stellte sie schnell fest, dass sie sich nicht wirklich konzentrieren konnte, da ihre Gedanken andauernd um den vermisste Yuzen kreisten. Bitte lass‘ ihm nichts zugestoßen sein!
Mi blickte zum Fenster. Sie brauchte eine Pause und beschloss nach unten in die Küche zu gehen um sich einen Kakao zu machen. Von der Küche aus, sah sie, dass ihre Mutter momentan im Garten war - eine gute Gelegenheit zu flüchten!
Sie stürmte an die Haustür, jedoch bemerkte sie, dass ihre Mutter als Vorsichtsmaßnahme die Tür verschlossen hatte und alle Schlüssel nicht auffindbar waren. Solch ein Pech!
Sie hatte nicht erwartet, dass ihre Mutter zu solchen Mitteln greifen würde. Frustriert, stieg sie die Treppen hinauf. In ihrem Zimmer setzte sich kurz auf ihr Bett. In ihrem Kopf durchspielte sie viele, auch absurde Ideen, wie sie aus dem Haus kommen konnte.
Schließlich hatte sie eine Eingebung für einen Plan. Schnell ging sie ins Bad, drehte den Wasserhahn in der Dusche auf, ging hinaus und nahm eine Münze um das Badschloss von außen abzuschließen.
Etwas war sie davon abgeschreckt, welchen Gedanken sie tatsächlich umsetzten wollte: Sie wollte aus dem Fenster klettern und über den Baum vor ihrem Zimmer nach unten gelangen. Soweit die Theorie, in der Praxis stellte es sich nicht so einfach dar. Mi musste an ihren Vater denken, der ihr beigebracht hatte, wie man auch auf komplizierte Bäume klettern konnte und wieder auf den Boden zurückkam.
Mi öffnet das Fenster und stieg auf die Fensterbank. Bloß nicht runter schauen…
Irgendwie kam ihr der Abstand zwischen dem Zimmerfenster und Boden vorher nicht so gigantisch vor. Trotzdem fasste sie sich ein Herz und machte einen großen Satz zum benachbarten Baum. Mit beiden Händen umschlang sie einen kräftigen Ast, jedoch hatte sie noch keinen Halt mit den Füßen. Sie tastete sich vorsichtig voran und hatte das Gefühl eine richtige Platzierung gefunden zu haben. Für eine Schrecksekunde hatte sie den Halt verloren, indem der vermeintlich sichere Ast unter ihrem Fuß abbrach. Mi atmete tief durch und suchte nach einem andern Haltepunkt und fand diesen auch. Langsam zog sie sich in Richtung des Stammes. Der Abstieg war für sie unproblematisch und es gelang ihr fast wie im Schlaf, da sie dies schon tausende male mit ihrem Vater geübt hatte. Sie rannte die Straßen entlang, da sie sich beeilen musste, wenn ihre Flucht unbemerkt von ihrer Mutter bleiben sollte. Es war erstaunlich, wie lange sie ihr Tempo durchhalten konnte, da sie sonst eher im Unterricht als mäßig sportlich aufgefallen war.
Nur noch wenige Abbiegungen und sie würde bei Mitama sein.
Völlig außer Atem erreichte sie ihr Ziel und klingelt.
„Hallo?!“ –Mi vernahm Mitamas Stimme.
„Mitama, ich bin es, Mi. Ich muss euch etwas sagen. Darf ich rauf kommen?“
„Einen Moment, bitte“ das Türöffnungszeichen erklang und Mi drückte gegen die Tür. Sie lief beschleunigten Schrittes in das oberste Geschoss, wo Mitama schon im Türrahmen wartete.
„Bist du hierher gerannt?“, sie war sichtbar verdutzt.
„Ich muss gleich wieder zu Hause sein, sonst bemerkt meine Mutter, dass ich abgehauen bin.“
„Trete ein.“
Mitama gab sich höflich und bot ihr etwas zu Trinken an.
„Was kann es geben, das dich so dringend hierher führt?“, fragte Mitama als Mi wieder halbwegs normal atmete. Tsukai hatte sich mittlerweile zu ihnen gesellt.
„Habt ihr es mitbekommen, dass einige Jugendliche verschwunden sind?“ Mi entging die wechselnden bekümmerten Blicke zwischen der Hexe und der Vampirjägerin nicht.
„Ja, haben wir. Es sind nicht nur Jugendliche, die vermisst werden“, Mitama sprach ruhig. „Warum beschäftigst du dich damit und kommst damit zu uns?“
„Könnte es sein, dass dieser Vampir dafür verantwortlich ist?“
„Hm… Das haben wir uns auch schon überlegt. So viele Menschen, wie verschwunden sind, müssten es allerdings das Werk mehrerer sein“, sagte Mitama.
„Was haben sie vor?“
„Wenn wir das wüssten, wären wir auch einen Schritt weiter und könnten uns etwas dazu überlegen“, hielt Tsukai fest. „Momentan gehen wir jedenfalls davon aus, dass es mehrere Vampire sind, die ihren Durst stillen müssen.“
„Und was soll das konkret heißen? Soll das heißen, dass sie alle tot sind?“, Mis Stimme zitterte und heiße Tränen bahnten sich über ihre Wangen.
Mit nüchterner Miene bestätigte Tsukai Mis Vermutung: „Ja, wenn ein Vampir erstmal Blut geleckt hat, kann er in der Regel nicht aufhören.“
„Ich begreife es nicht…“, verheult krächste die Stimme des Mädchens. „Ich begreife einfach nicht, warum ihr hier sein könnt und nichts unternehmt! Mitama, es ist deine Aufgabe, diese Menschen zu beschützen und du schaffst es nicht! Was macht ihr nachts, wenn diese Blutsauger aktiv sind? Ich will nicht tatenlos zusehen, wie meine Freunde einer nach dem anderen angegriffen wird.“
„Wir versuchen schon unser Bestes und wir werden sie schlagen. Nur haben wir im Moment keine Idee, welchen Plan sie verfolgen. Zumal es noch nicht gesichert ist, ob Fumeiro mit dem Verschwinden all dieser Menschen tatsächlich in Zusammenhang steht“, Mitama gelang leicht in Erklärungsnot. Sie hätte nicht gedacht, dass dieses Mädchen so hartnäckig sein könnte und tatsächlich zur gleichen Schlussfolgerung wie sie kommen konnte.
„Bitte beruhige dich etwas, solange wir noch nichts wissen, solltest du dich bitte zu Hause aufhalten und dich nicht einmischen. Wir werden der Sache nachgehen.“
Mi hatte nicht das Gefühl, als könnten die beiden sie verstehen, daher beschloss sie, zu gehen.
„Ich werde euch so lange auf den Wecker gehen, bis ihr mir die volle Wahrheit erzählt und mich mitmachen lasst!“, entschlossen sagte Mi dies und drehte sich zur Tür um.
Erneut war sie fassungslos, wie diese beiden sie immer wieder abwimmeln wollten. Schnell ging sie wieder nach Hause und hoffte, dass ihre Mutter ihren Trick nicht durchschaut hatte. Beim Erklimmen des Baumes sah sie ihre Mutter, die scheinbar noch mit ihrer Gartenarbeit beschäftigt war. In ihrem Zimmer angekommen versuchte sie sich zu beruhigen, schnell schritt sie zum Bad und öffnete es um die Dusche abzustellen.
Mit diesem Tag würde sie nicht mehr viel anfangen können, also beschloss sie, sich vor den Fernseher zu setzen. Langsam legte sich wieder über die Stadt die Dunkelheit und Mi wurde nach dem Abendessen rasch müde, sodass sie sich in ihr Bett legte.
Für Mitama hingegen fing der Tag erst richtig an. Sie hatte in der vorherigen Nacht eine Spur aufgenommen, der sie nun nachgehen wollte. Sie verstand Mis Gefühle durchaus, jedoch wollte sie unter allen Umständen das Mädchen schützen.
Kurz bevor Mitama sich auf den Weg zu ihrer nächtlichen Tour begab, kam ihr Tsukai entgegen: „Ich weiß, dass du mich nun für verrückt halten wirst, wenn ich dir meine Gedanken offenbare.“
„Mach‘ es nicht so spannend, ich muss gleich los“, sagte Mitama leicht gereizt.
„Vielleicht wäre es nicht ganz so schlecht, wenn wir Mi einweihen und trainieren würden. Sie könnte dir bei der Jagd durchaus behilflich sein.“
„Nein! Das ist in der Tat verrückt und abgelehnt!“
„Sie ist schneller als du und hat mehr Ausdauer. Und das, obwohl sie noch nicht trainiert hat. Ich komme zu dem Entschluss, dass in ihr wohlmöglich ein großes Talent schlummert.“
„Ich sagte Nein und dabei bleibt es auch!“, somit hatte sie sich verabschiedet.
Wie jede Nacht drehte sie ihre wachsamen Runden über der Stadt. Nach so vielen Nächten ohne Vorkommnisse beschlich Mitama ein seltsames Gefühl. Es war für sie nicht verständlich, wie Fumeiro, ohne ihre Aufmerksamkeit zu erregen, so viele Menschen hat verschwinden lassen konnte. Oder war es ein anderer Vampir, der Fumeiro das Revier streitig machte? Es gefiel ihr nicht, dass sie so im Dunkeln tappte.
Sie näherte sich wieder dem Stadtpark unweit der Stelle, wo Mi gebissen wurde. Die Vampirjägerin machte eine kleine Pause, indem sie nur langsam lief. Kein Wind wehte durch die Blätter, trotzdem hörte Mitama auf einmal ein Rascheln hinter sich.
Wie sie feststellen musste, war es nur eine Katze, die sich im Gestrüpp verfangen hatte. Mitama ging auf sie zu, beugte sich hinab um das Tier zu befreien. Als sie wieder aufstehen wollte durchfuhr sie ein riesiger Schock, da vor ihr ein großer junger Mann stand und sie mit finsteren und blutunterlaufenen Augen anstarrte. Im ersten Moment fiel sie rückwärts auf ihren Hintern, jedoch stand sie dann schnell auf um eine Kampfposition einzunehmen. Zu ihrer Erleichterung war es nicht Fumeiro, denn dessen Aura hätte sie wahrscheinlich auch über kilometerweite Entfernung aufspüren können. Mitama konnte den jungen Mann nicht zuordnen, ob er nun ein Mensch oder ein Vampir war.
„Wer bist du?“, fragte sie vorsichtig, doch sie erhielt keine Antwort darauf. Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen stürmte er auf sie zu und griff sie an. Durch das Überraschungsmoment konnte er einige schwache Treffer landen, jedoch konnte die Vampirjägerin schnell kontern und brachte ihn zu Boden, wo er sich mit scheinbar schmerzverzerrtem Gesicht wälzte.
Sie wollte ihm helfen und fasste ihn fest an um ihn nach Verletzungen zu untersuchen. Dabei wurde sie schnell am Hals fündig, der Bissspuren und ein verschnörkeltes K zeigte. Das war eindeutig das Werk eines Vampirs. Dem Biss zufolge war er schon länger in diesem Zustand, jedoch schien er sich aus unerfindlichen Gründen nicht in einen Vampir verwandelt zu haben. Mitama nahm aus ihrer Hosentasche eine Nadel und eine Monovette heraus, da sie sein Blut analysieren wollte. Nachdem sie ihm Blut entnommen hatte gab sie ihm ein Standardgegegift, das Tsukai vorsorglich zusammengestellt hatte und gegen einfache und schwache Vampirgifte wirkte. Sie wartete einige Minuten bei ihm, jedoch zeigte es nicht das gewünschte Ergebnis.
Als Mitama ihr Handy aus der Hosentasche nahm, schlug ihr ein blauhaariges Mädchen, das sich von hinten an sie geschlichen haben musste, dieses aus der Hand. Mitama drehte sich um und erkannte, dass ein Halbkreis aus Personen sich um sie versammelt hatte, in etwa zehn Leute, die sie mit den gleichen leeren Augen anschauten. Sie trugen alle das K an der gebissenen Körperregion. Alle stürmten auf sie zu, manche sogar bewaffnet. Die Vampirjägerin musste sie alle neutralisieren ohne sie zu verletzten, da sie glaubte, dass sie wieder zurückverwandelt werden konnten. Dies war ein schwieriges Unterfangen, da sobald sie die einen unschädlich gemacht hatte, standen die anderen wieder auf.
Mitama merkte, wie ihre Muskeln schleichend müde wurden, sie musste es schnell zu Ende bringen. Für einen Moment hatte sie alle zu Boden gebracht, sodass sie etwas Zeit hatte einen Bann zu sprechen um ihre Gegner zu lähmen. Sie war etwas verzweifelt, da sie nicht wusste, was sie tun konnte um sie zurück zu verwandeln, sodass sie sie zurückließ. Es galt, die Quelle zu finden, die sich scheinbar sehr gut versteckt hatte. Leider hatte sie ihre Zauberkarten in der Wohnung gelassen, mit denen sie die Seelenpartikel, die ihre Angreifer auf ihrem Weg hinterlassen hatten, aufspüren konnte.
Es brachte nichts, planlos durch die Stadt zu hetzen und sich zu verausgaben. Sie würde wieder kommen müssen, wahrscheinlich sogar mit Tsukais Hilfe, die ein Gegengift entwickeln musste. Ein Wehrmutstropfen war, dass sie die Jugendlichen, die sie in dieser Nacht besiegt hatte, erneut bekämpfen musste, da ihr Bannzauber nicht langanhaltend wirkte. Am Horizont erschien schon eine rote Linie, da sich bald das Tageslicht ankündigte.
Auf dem Rückweg ärgerte Mitama sich, dass sie nicht genügend Equipment mitgenommen hatte, da sie es in der Regel auch nicht brauchte und es meistens nur Ballast war, der ihre Beweglichkeit im Kampf gegen Fumeiro behindern würde.
In ihrer Wohnung angekommen sprang sie schnell unter die Dusche, sie hatte auch etwas Blut von diesen Zombies abbekommen. Die Blutprobe des jungen Mannes legte sie noch in den Kühlschrank. Sie ging in ihr Bett, jedoch war sie so aufgedreht und die ersten Sonnenstrahlen wagten sich durch ihren Rollladen, sodass sie sich entschied, nicht in die Schule zu gehen, da sie für die nächste Nacht gut vorbereitet sein musste.
Ihren Schulweg musste Mi an diesen Morgen fast alleine gehen. Erst kurz vor dem Schulgelände entdeckte sie Yasai, die wohl von ihrem Vater zur Schule gebracht wurde.
„Hallo Yasai!“
„Guten Morgen Mi. Bist du alleine hierher gelaufen?“, bemerkte Yasai.
„Ja, ich wusste nicht, dass du von deinen Eltern gebracht werden würdest. Ich habe mir schon Sorgen gemacht“, gab Mi zu.
„Wo ist Sohon?“
„Keine Ahnung. Aber um sie brauchst du dir keine Gedanken machen, sie ist sehr taff und kann sich durchaus wehren“, versuchte Mi sie gleich zu Beginn beruhigen.
Die beiden gelangten in das Klassenzimmer, das noch leerer war als die Tage zu vor.
„Oh je, es werden immer mehr…“, stellte Yasai beunruhigt fest.
„Es wird sich alles klären.“Hoffentlich…
Tsukai ging nach der Schule direkt in ihre Wohnung, auch wenn sie ihren Sportkurs versäumen würde, der er so wieso egal war. Mitama hatte ihr nach ihrem nächtlichen Trip eine Blutprobe im Kühlschrank hinterlassen, die sie analysieren musste. Mitama selbst war noch im Bett geblieben.
Als sie zurückkam, war Mitama allerdings wach.
„Hallo. Wie geht’s dir?“
„Hallo, ja ganz gut. Und dir?“, fragte Mitama.
„Nachdem ich freudig das Blut im Kühlschrank gesehen habe, frage ich mich wofür das sein soll. Was war gestern?“ Danach setzte Mitama an und erzählte Tsukai das Erlebte.
„Du glaubst also, dass ein Vampir diese Leute zu Zombies verwandelt und du möchtest nun wissen, was für ein Gift es ist und ob man diese Menschen retten kann. Hm… Warum sollte ein Vampir das machen?“, wunderte sich Tsukai.
„Vielleicht gilt mir dieser Angriff.“
„Ich hätte Fumero nicht für so intelligent gehalten, dass er auf einmal mit so einer Strategie ankommt.“
„Meine Vermutung ist, dass er Unterstützung bekommen hat.“
Mitama wollte sich gerade umdrehen und in ihr Zimmer gehen, da fiel ihr noch etwas ein: „Eine Frage: Alle gestrigen Angreifer hatten an der Einbissstelle ein K. Kann es sein, dass die Kihin dahinter stecken?“
„Du liebe Zeit, bitte nicht!“, Tsukai gab sich darüber sehr entsetzt. „Natürlich ist das das Zeichen der Kihin. Wenn das so sein sollte, haben wir wirklich ein Problem!“
„Warum bist du so schockiert darüber?“
„Daran merkt man, dass du noch eine sehr junge Vampirjägerin bist. Die Kihin sind eine der ältesten Vampirclans, und zwar Vollblutvampire, die brutal morden. Sie versuchen immer mal wieder ihre Machtposition zu vergrößern.“
„Na und? Das sind auch nur Vampire.“
„Bitte sei nicht zu leichtsinnig“
„Soll ich etwa warten, bis sie die ganze Stadt ausgerottet haben?“, sagte Mitama mit einer großen Entschlossenheit. „Bitte finde heraus, was für ein Gift verwendet wurde und entwickle ein Gegenmittel, am besten in großer Menge.“
Mitama ärgerte sich, dass sie Tsukai von den Kihin erzählt hatte, da sie sie nun ewig damit nerven würde. Doch noch hatte sie keine Zeit, sich Gedanken um ihre Zukunft zu machen, wenn sie es nicht schaffte, Fumero zu besiegen. Sie ging in ihr Zimmer und bereitete sich auf die bevorstehende Nacht vor. Zuerst suchte sie ihre alten Zauberkarten, die sie nun benötigen würde. Dazu griff sie unter ihr Bett und holte eine mit teilweise abgesprungen goldenen Verzierung geschmückte Kiste heraus. Sie war stark verstaubt, da es schon eine Weile her war, dass sie diese benötigt hatte. Als Mitama die goldene Kiste berührte und das schön gearbeitet Relief unter ihrer Handfläche spürte, wurde sie etwas wehmütig. Sie öffnete die Kiste und zum Vorschein kamen alte längliche Karten, auf denen mysteriöse Zeichen mit Hand aufgemalt waren. Sorgfältig betrachtet sie die Karten und schaute, über welche Zauber sie noch verfügte, da jede nur ein einziges Mal verwendet werden konnte.
Sie musste auch gründlich überdenken, wo sie anfangen sollte. Sie hatte die Befürchtung, dass Fumeiro wohl einen Hinterhalt für sie ausgeheckt haben könnte. Besonders zu schaffen machte ihr, dass sie die Zombies nicht aufspüren konnte und sie sie von Menschen nicht unterscheiden konnte. In ihrer in etwa achtzigjährigen Erfahrung als Vampirjägerin konnte sie sich nicht erinnern, jemals in einer solchen Zwickmühle gewesen zu sein. Zudem haderte sie damit, ob sie sich auf den Schöpfer oder auf seine kleinen Soldaten konzentrieren sollte. Wobei sich ihre ganzen Gedankenspielereien wahrscheinlich erledigen würden, da diese Zombies es nicht zulassen würden, dass sie zum Ursprung gelangen würde. Je mehr sie darüber nachdachte desto mehr Faktoren fielen ihr ein, die ein Problem bilden könnten.
Als sie endlich zu einem ausgeklügelten Plan gekommen war, entschied sich Mitama nochmal ein wenig zu schlafen, danach etwas zu essen und dann auf die Vampirjagd zu gehen.
Nach einer Stunde wachte sie wieder auf und lief sofort in Tsukais Zimmer.
„Hast du etwas herausfinden können?“, fragte sie fordernd an.
„Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich kann dir zwar sagen, was für ein Gift er oder sie verwendet haben, was allerdings irrelevant für dich sein wird. Für dich wäre es nur interessant, wenn ich ein Gegengift entwickelt habe“, sagte die Hexe ernüchtert.
„Kannst du mir sagen, wie lange du in etwas noch brauchst?“
„Das kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Die Erstellung eines Gegengiftes ist sehr komplex.“
Das waren keine erhofft gute Neuigkeiten für Mitama. Zum Glück stützte sich ihr Plan nicht auf das Gegengift.
Sie ging in die Küche und kochte sich Spaghetti Bolognese, eines ihrer Lieblingsgerichte. An das japanische Essen hatte sie sich noch nicht wirklich gewöhnen können, obwohl sie nun seit über sechszehn Jahren in diesem Land lebte. Nach dem Essen richtete sie noch einige Nudeln und Sauce auf dem Teller an, den sie zu Tsukai bringen wollte. Für sich selbst nahm sie sich noch etwas Schokolade aus dem Kühlschrank.
Mitama ging die Treppen hinauf und klopfte vorsichtig bei Tsukai, denn man durfte sie nicht zu häufig oder aufdringlich stören, wenn sie sich konzentrierte.
„Oh, ist das für mich? Dankeschön!“, stieß die Hexe aus.
„Und immer noch nichts?“
„Nein, tut mir leid. Wann gehst du los?“
„Gleich.“
„Wenn du Hilfe brauchst, kannst du mich gern jeder Zeit anrufen“, bot Tsukai ihr an, die erkannte, dass ihre Freundin etwas angespannt war.
„In Ordnung. Halte dich bitte bereit. Solltest du widererwartend etwas finden, kannst du mir Bescheid geben.“
Mitama ließ sich bewusst Zeit beim Packen ihrer Sachen und beim Umziehen. Nach all den Jahren als Vampirjägerin hatte sie immer noch Angst davor, doch sie musste sich stellen, denn sie wollte nicht, dass anderen Menschen das gleiche zustieß wie ihr.
Schwungvoll öffnete sie ihr Fenster und ließ sich in die kühle und düstere Nacht fallen.
Mis Ahnung hatte sich leider bestätigt: auch Sohon und ihr Bruder wurden seit dem vorherigen Tag vermisst. Sie wurde sich immer sicherer, dass der Vampir dahinter steckte, der auch sie gebissen hatte. Völlig in Gedanken versunken saß sie über ihren Hausaufgaben, die Dunkelheit hatte sich längst über die Stadt gelegt.
Auf einmal kam ihre Mutter in das Zimmer: „Mi, Yasais Mutter ist am Telefon, sie wollte dich sprechen.“ Mi nahm das Telefon in die Hand und sofort erklang eine Stimme.
„Hallo Mi! Entschuldige, dass ich so spät anrufe, ich mache mir nur Sorgen. Ist Yasai vielleicht bei dir?“
„N-nei-nein. W-was ist mit ihr?“, brachte sie zittrig hervor. Oh Schreck, nun auch Yasai!
„Sie hatte gesagt, dass sie zum Klavierunterricht gehen möchte. Mein Mann hat sie begleitet, allerdings sind beide seit heute Mittag nicht mehr gekommen. Keiner der beiden geht ans Handy. Weißt du wo sie sein könnten?“ Mi durchfuhr eine höllische Angst, ihr Herz schlug wie wild.
„Nein, tut mir leid. Bei mir hat Yasai sich nicht gemeldet.“ Sie konnte hören, wie sich Yasais Mutter versuchte zu beherrschen, nicht in Tränen auszubrechen. Mi konnte sich die Verzweiflung gut vorstellen, da sie selbst dies auch empfand.
„Dankeschön. Dir noch einen schönen Abend!“