auftakt: morgens in madrid
Es war zu früh um wach zu sein, doch zu spät um einzuschlafen. Die Metro war so menschenleer, wie sie es sonst nur anfangs August sein mochte, wenn Madrid zu einer Geisterstadt wurde. Raul war ohne Absichten eingestiegen, ohne Ziel und ohne jeglichen Plan. Als er den Zug an der Puerta del Sol wieder verliess, wusste er gar nicht so recht, was er hier wollte. Vielleicht brauchte er etwas Wind um die Nase, um seinen Kopf zu klären.
Ja, Wind klang nach einer schlauen Idee.
Die Puerta del Sol war der einer der beliebtesten Plätze in ganz Madrid. Raul war überall und nirgendwo aufgewachsen, immer auf der Achse und hatte in seinen zwanzig Jahren in mehr Städten gewohnt als andere Leute in ihrem ganzen Leben. Doch Madrid war von all diesen Orten wohl derjenige, der ihm am Ehesten den Eindruck von Heim vermittelte. Vielleicht, weil seine Mutter immer mit so viel Liebe von der Stadt gesprochen hatte. Mittlerweile vermutete Raul, dass das damit zusammenhing, dass Julia und er hier erzeugt worden waren, doch eine Bestätigung hatte er niemals bekommen. Seine Mutter war bereits vor langer Zeit verstorben, hatte sich das Genick bei einem Fall vom Hochseil gebrochen — trotz Sicherheitsnetz — und von seinem Vater hatte er nur den Nachnamen und Julias blonde Strähnen als Hinweise, die ihn nirgendwohin führen würden. Nicht, dass es einen Unterschied machen würde.
Der Zirkus, Romero und Julia waren alles an Familie das er benötigte.
Er hatte mit vielem gerechnet. Versuche, ihm das Portemonnaie aus der Hosentasche zu ziehen, schräge Blicke. Alles mögliche. Nur nicht Lai Chou.
Er zog es in Betracht, ohne Gruss an ihm vorbeizuschleichen; vielleicht hatte der Chinese ihn noch nicht gesehen. Raul hatte keine Ahnung, worüber er sich mit ihm unterhalten sollte. Bisher hatten ihre Unterhaltungen sich mehrheitlich aus einer Niederlage und zwei Siegen auf Rauls Seite zusammengesetzt. Eine besonders gute Basis für mehr als ein zögerlicher Gruss und unangenehmes Schweigen sah er nicht. Reden war das Metier seiner Schwester; Raul mochte die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, wenn er sprach, doch ohne Julias Präsenz fühlte es sich wie ein Hochseilakt an. Der Vergleich zog seine Mundwinkel herunter und präzis in diesem Moment fokussierten Lais goldene Augen auf ihn und jegliche Flucht wurde undenkbar.
Raul mochte etwas feige sein, doch unhöflich war er keinesfalls.
„Ihr habt zwischen den Turnierkämpfen Auftritte?“ Die Stimme von Rauls Gesprächspartner trug einen leichten Anflug von Ungläubigkeit, die den Spanier etwas irritierte. Traute Lai den Fernandez-Zwillingen etwa nicht zu, dass sie das durchziehen konnten?
„Korrekt“, antwortete er knapp und liess seinen Blick über seine Turnschuhe schweifen. Raul konnte sich nicht daran erinnern, ob je einer seiner Beyblade-Bekanntschaften von der letzten WM ihn in etwas anderem als der Gauklerkluft oder der Uniform von F-Dynasty gesehen hatten. Für den gedankenlosen Trip an die Puerta del Sol hatte er sich allerdings nicht die Mühe machen wollen, seine weissen Stiefel anzuziehen, zumal sie sich ausserhalb einer Arena auch etwas lächerlich anfühlten.
Lai machte ein Geräusch, das wohl am Ehesten noch mit einem ‚hmpf’ zu vergleichen war und lehnte sich zurück. Die zwei Männer hatten sich in der Nähe der berühmten Bärenstatue auf einen steinernen Sims gesetzt und beobachteten das schwache Treiben um sie herum. Der Uhrenturm schlug halb fünf Uhr morgens und erneut fragte sich Raul, was Lai um diese Zeit aus dem Hotel getrieben hatte.
„Du bist früh auf.“ Der Rotschopf zuckte zusammen, als die Worte die Stille zwischen ihnen durchbrach.
„Du auch.“
Lais Augen schienen im Licht der Strassenlampen zu leuchten und Raul wusste nicht, ob er das interessant, schön oder beunruhigend finden sollte. Der Chinese zuckt mit den Schultern und richtete sich wieder etwas auf.
„Konnte nicht schlafen“, erklärte er fast schon beiläufig und betrachtete die Häuser, die den Platz umgaben.
„Jetlag. Zu Hause ist es jetzt halb zwölf.“
Das machte Sinn. Raul nickte nachdenklich und fuhr sich mit dem Daumen über die Unterlippe; eine unterbewusste Geste ohne Zweck und Bedeutung. Er spürte, wie Lais Blick auf ihm haftete. Jetzt war er an der Reihe.
„Ich war auch noch wach. Jetzt noch schlafen zu wollen bringt nichts, wenn wir um sieben in der Arena sein müssen.“
Anscheinend war seine Erklärung ausreichend, denn Lai hakte nicht weiter nach. Alles, was Raul erntete war ein Brummen, das er nicht so recht deuten konnte.
Um viertel nach fünf ging die Sonne auf.
Sehen konnte man von ihrem Fleckchen herzlich wenig, die Häuser der Stadt verdeckten die Sicht auf den Horizont, aber der Himmel wurde in eine Vielzahl von Farben getönt und die Umrisse der Dächer durch das Gegenlicht scharf hervorgehoben.
Nichts an Lai Chous Äusserem war sanft, selbst das erste Morgenlicht konnte daran nichts ändern. Aber es gab seiner Haut die Farbe von Bronze und seiner Ausstrahlung etwas seltsam Königliches, das auf den ersten Blick nicht so recht zu diesem kleinen Mann mit unordentlichem Haar passen wollte.
katalysator: ein verwirrtes herz
Der Sieg war knapp und Julias vernichtender Blick unerbittlich. Romero sah die Sache weniger eng, er versicherte Raul, er habe sich noch rechtzeitig zusammengerissen und dass Julias Stolz wahrscheinlich einfach geknickt wäre. Als ob Raul das nicht selbst wüsste. Natürlich war Julias Stolz angekratzt, selbst wenn das Match nur ein eigentlich freundschaftliches Training gegen die Schützlinge von Team Bai Hu Zu gewesen war. Es hatte seiner Zwillingsschwester nicht besonders gefallen, von einem Duo Halbwüchsiger in Bedrängnis gebracht worden zu sein. Raul sah die Schmach dahinter nicht ganz. Ja, er war ins Schwitzen gekommen, aber wer den Fehler machte, den kleinen Chi-Yun Li und seinen Tag Team-Partner Da Xiang Wang zu unterschätzen war schlicht und ergreifend unvorsichtig; sie alle spielten in der obersten Liga.
Und nun hatte sich Julia ihre Besitztümer geschnappt und war zu einer Runde Frustshopping aufgebrochen. ‚Gut so’, dachte sich Raul als er die Tür des Wohnwagens hinter sich schloss. Dann konnte er wenigstens hier seine Ruhe haben.
Auf dem Sofa zusammengekrümelt fühlte sich die Welt gleich um ein Vielfaches besser an. Das Möbelstück war alt, mehrfach geflickt worden und wies Spuren der Demontierung auf; wie hätte man es auch anders durch die enge Tür des Wohnwagens bringen wollen? Raul wusste nicht, woher es stammte, nur, dass der Clown Juanito eines Abends mit dem Ding aufgetaucht war und beschlossen hatte, dass es den Zwillingen gehören sollte. Das Sofa war Rauls persönlicher Rückzugsort.
Hier liess es sich über Dinge nachdenken, die einem unter Menschen Kopfschmerzen bereiteten. Wie Lai Chous Gesichtszüge im Licht der aufgehenden Sonne. Oder das Kribbeln, das der Anblick ausgelöst hatte. Ferner auch über etwas simplere Dinge wie die Stärke, in der man Jonglierkeulen am besten warf, um Julias BH von der dekorativen Wimpelleine vor dem Hauptzelt herunterzuholen.
Der Blader brütete noch eine ganze Weile über die Geschehnisse des frühen Morgens ohne genau zu wissen, wieso. Lai und er hatten kaum Worte ausgetauscht, es war kein einziges Thema mit Tiefgang aufgekommen und doch konnte er sich das Szenario nicht aus dem Kopf schlagen. Er kam einige Male in die Nähe einer Erklärung dafür, das fühlte er, doch die Erleuchtung blieb aus und die weitere Suche wurde von Julia unterbrochen, die gegen fünf Uhr abends deutlich besser gestimmt als zuvor in den Wohnwagen platzte. Raul verstand nicht so ganz, was am Ausgeben von Geld denn so toll sein sollte, doch er war dankbar, hatte sich die Laune seiner Schwester gebessert.
Sein Kopf fühlte sich auch so schon bis zum Platzen voll an.
„Raul?“ Julia warf ihm vom Schrank aus einen amüsierten Blick über die Schulter zu. Der jüngere Zwilling schwante Böses. Er nickte und zog die Augenbrauen hoch, die Arme nach wie vor um die Knie geschlungen und sicher auf seinem Fleckchen Sofa.
„Wir müssen mal darüber reden, dass du Lai von den White Tigers anschmachtest.“
„WAS ZUM- Julia! Was soll das?!“ Raul verschluckte sich fast an der eigenen Spucke und spürte, wie seine Wangen sofort flammend rot anliefen. Wie kam sie denn darauf?!
„Leugnen ist zwecklos, hermanito“, kam keck Kontra und Raul verspürte das brennende Verlangen, sich in seinem Bett zu verstecken. Er musste jedoch mit einem entrüsteten Blick vorlieb nehmen und das Gesicht in den Armen vergraben.
Hatte er Lai angeschmachtet, so wie seine Schwester es höchst charmant ausgedrückt hatte? ‚Vielleicht’, antwortete eine Stimme in seinem Kopf.
Wieso tat er so was?! Er hatte keine Zeit, um irgendwelche Leute anzuschmachten und garantiert keinen Nerv dafür, sich mit seiner sexuellen Verwirrung zu befassen.
Schon seit Raul sich erinnert konnte, hatte er sich nicht so für Mädchen interessiert, wie er es sollte. Es war lange auch gar nicht aufgefallen, denn die Fernandez-Geschwister waren die einzigen Kinder in ihrem Alter gewesen, die fix zum Kern des Zirkus gehörten.
Und sehr lange hatte er auch nicht Interesse darin gefunden, Menschen physisch nahe zu sein. Da hatte er für kein Geschlecht eine Ausnahme gemacht.
‚Nur ist es so, dass du es garantiert vorziehen würdest, Lai anstelle seiner Schwester zu küssen wenn du müsstest’, amüsierte sich die zynische Stimme in seinem Kopf.
Raul knirschte mit den Zähnen. Die Stimme hatte Recht.
Wenn es darum ging, Ausnahmen für seine ‚kein physischer Kontakt’-Regel zu machen, würde er sie wohl eher für Männer machen — Julia ausgenommen, denn die spielte die Zwillingskarte sehr selbstbewusst aus und duldete keine Widerrede.
Julia setzte sich schwungvoll neben ihren Bruder und das Sofa ächzte altersschwach. „Also, erzähl.“
Raul blinzelte verständnislos. Was wollte Julia hören? Was glaubte sie, hätte er zu erzählen? Sein Hirn war wie leergefegt und er wünschte sich nicht zum ersten Mal, er hätte die Schlagfertigkeit, die seine Schwester an den Tag legte.
„Da gibt es nichts zu erzählen. Ich schmachte Lai Chou nicht an“, stellte er kleinlaut klar und sah auf seine feingliedrigen Hände.
„Lügen ist keine feine Angewohnheit, Raul.“ Der Tadel seiner Schwester war irritierend und Raul spürte die Verärgerung in sich aufkommen. Was sollte das?!
„Und wenn schon, ich muss dir da nichts erzählen“, schoss er pampig zurück und der Zug um Julias Mund, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte, verhärtete sich.
„Schön, wenn du das Spiel so spielen willst, dann überlasse ich dich mal deinem Schmollen. Aber ich werd nicht dulden, dass du dich von Lais Waschbrettbauch ablenken lässt, nur damit wir hier sternenklar sind!“
Und mit einem Schnauben rauschte Julia aus ihrer gemeinsamer Behausung. Zurück blieb Raul, mit glühenden Wangen und der schrecklichen Gewissheit, dass er dabei war, F-Dynasty mächtig in die Kacke zu reiten.
wendepunkt: etwas falsch verstanden
Sie waren wie zwei Planeten auf benachbarten Umlaufbahnen, stets in der Peripherie, ohne sich zu berühren. Es beunruhigte Raul ungemein.
Etwas in Lai Chous Raubtierblick schien ihn anzuklagen, wofür auch immer, und der Spanier hatte keinen blassen Schimmer, was er nun getan haben sollte.
Wohl wahr, sie hatten die erste Vorentscheidungsrunde gegen die weissen Tiger gewonnen, aber keiner hatte gross daran gezweifelt. Trotz ihrer Plazierung als Dritte an ihrem Weltmeisterschafts-Debüt galten die Fernandez-Zwillinge weitläufig als das Königspaar der Doppelmatches. Die White Tigers wären ihnen in jeder anderen Situation potentiell überlegen gewesen, doch nicht in einer Kooperation zwischen Julia und Raul, und ganz sicher nicht auf heimatlichem Grund.
Es war ja nicht so, als hätten die chinesischen Vertreter somit ihre Chancen an den Nagel gehängt, sie würden nur ein Bisschen extra um den Titel kämpfen müssen.
So etwas sollte doch keinen Einfluss auf die Beziehung der Beyblader zueinander haben, sie waren doch alles erwachsene Menschen und mittlerweile geübt im fairen Verlieren!
Es war sogar, de facto, Mao, die sie zum Abendessen im Hotel eingeladen hatte, in dem die meisten ausländischen Beyblader untergebracht waren. Mehrheitlich wohl, wie Raul annahm, um mehr Zeit mit den wenigen anderen Frauen im Metier zu verbringen und ‚Frauengeschichten’ auszutauschen und es auszunützen, all ihre engsten Freundinnen an einem Ort zu haben. So fand sich der Rotschopf zwischen Max Mizuhara wieder, der sehr animiert versuchte, Daichi dazu zu bewegen, Mayonnaise auf seine Tapas zu schmieren — Raul wurde blass beim Gedanken an ein solches Sakrileg — und unter dem Tisch heimlich Händchen mit Mariam von den Saint Shields hielt, und Kai Hiwatari, der von der belebten Dinnergesellschaft ähnlich angetan wie er selbst wirkte.
Und geradewegs gegenüber von Lais wachsamen Goldaugen, die jeder seiner Gesten mit unendlicher Skepsis zu betrachten schienen. Vielleicht hatte er zu viel Wein gehabt und halluzinierte nun? Raul wusste es nicht, aber langsam reichte es ihm.
Mit einem Mut, der ihn selbst überraschte, starrte er wütend zurück. Die gewünschte Reaktion blieb aus und Lai hob lediglich eine buschige Augenbraue, doch wenigstens seine Aufmerksamkeit hatte der Spanier nun.
„Ein Wort“, formte er mit den Lippen und nickte mit dem Kopf in die Richtung des Zwischengangs, der das Restaurant mit dem Hotel verband. Die Bitte wurde mit einem knappen Nicken quittiert.
Wäre Raul ein selbstsicherer Mann, er hätte gefragt, was die Kirmes sollte. Er war unschuldig, dessen war er sich sicher, und Lais anklagende Blicke machten ihn halb wahnsinnig. Was auch immer er verbrochen hatte, es war unabsichtlich gewesen.
Aber weil er letzten Endes nur er selbst war, brachte er kaum mehr als ein Krächzen hervor. Lai wirkte unbeeindruckt. Die Sache nahm einen ungewollt peinlichen Lauf.
„Habe ich dir was getan?“, erkundigte er sich doch sehr brav, ganz im Gegensatz zum genervten Tonfall, den er im Kopf hatte anschlagen können. Gespannt betrachtete er die Mimik des Chinesen, wie sie von verwirrt über amüsiert zu verlegen wechselte. Oder so, glaubte Raul, würde verlegen an einem Menschen wie Lai aussehen.
„Quatsch. Was bringt dich darauf?“
Die Rückfrage irritierte ungemein und endlich, endlich machte ihn die Wut mutig genug.
„Was mich darauf bringt? Vielleicht deine Angewohnheit, mich mit Blicken abzustechen?“
Die Reaktion kam unweigerlich und so ehrlich, dass es Raul allen Wind aus den Segeln und die kam aus dem Bauch nahm.
Lais Schultern fielen etwas in sich zusammen, seine Wangen nahmen einen ungewohnt rötlichen Ton an. Es wirkte fremd, aber nicht unnatürlich. Nur wie ein Foto im Album, das Raul bisher nicht bemerkt hatte; eine Seite, die nun zum Vorschein kam.
„Das tut mir leid, das wollte ich nicht.“
Den nächsten Satz schrieb Raul Lais Weinkonsum zu. Es hiess ja, Asiaten würden keinen Alkohol vertragen. Und es musste der Alkohol gewesen sein, der Lai Chous Zunge gelockert hatte.
„Es ist nur schwer, dich nicht anzusehen.“
Raul spürte, wie ihm die Luft wegblieb und sein Gesicht eine ungesunde Wärme annahm. Oh. Das war vollkommen unerwartet. Unerwartet ehrlich, unerwartet erschreckend, unerwartet schmeichelhaft.
Und unerwartet beruhigend.
Es war der Anstoss, der bisher fehlte, um sich vorzubeugen und den Abstand zwischen ihren Lippen verschwinden zu lassen.
interlude: lachen wie donner
Das einzige Licht in Lais Bleibe waren die bunten Neonschilder der Läden in der Strasse des Hotels und das warme Licht der Strassenlampen, beides gedämpft durch die weissen Vorhänge vor dem Fenster. Raul war froh darum, denn so sahen seine Wangen wenigstens aus, als wären sie durch die Beleuchtung gerötet. Und Lai, Lai war auf diese atemberaubend überraschende Art schön, die Augen wie flüssiges Metall auf Rauls eigene gehaftet. Es trennten sie kaum einen Zentimeter und der Spanier fühlte den warmen Atem seines Gegenübers auf seinen Wangen, auf seinen Lippen und er wollte sich nach vorne lehnen; wissen, ob Lai nach dem Wein schmeckte, den er vorher probiert hatte.
„Bist du dir sicher, Kleiner?“ Der raue Bariton des Chinesen jagte Raul ein angenehmes Schaudern über den Rücke und er dachte kaum nach, bevor er entschlossen nickte.
Ohne weitere Vorrede wurde er an die Wand gedrängt, Lais Arme links und rechts von seinem Kopf. Und dann küsste Lai ihn, er küsste Lai, es war konfus und der Übergang zwischen ihnen war fliessend. Raul legte seine Hände auf die Hüften seines Partners um sich zu stabilisieren und in seinem Kopf war kaum mehr als das schnelle Pochen seines Herzens.
„Ich bin… nicht… kleiner… als du“, erwiderte er halbherzig, als sie sich schwer atmend etwas Abstand zwischen sich brachten und drängte sich etwas näher an Lai, als wolle er jedes Bisschen Wärme, das der Ältere ausstrahlte, aufsaugen.
„Ja, red’… du dir das… ruhig ein“, kam die halb geknurrte Antwort und als nächstes waren die rauen Lippen zurück auf den seinen.
Der Kuss schien seine restlichen Sinne zu betäuben und plötzlich war der Rotschopf sehr froh, befand er sich eingekeilt zwischen einer muskulösen Brust und der unnachgiebigen Wand. Andernfalls wäre er wohl umgefallen.
Er konnte sich sagen, was er wollte, in diesem Moment hätte ihn nichts und niemand zum Tauschen gebracht. Lai schien nicht besonders geübt im Küssen zu sein, er war zwar liebevoll und leidenschaftlich aber weder vorsichtig noch sanft. Raul störte es jedoch nicht wirklich, es fühlte sich unverfälscht nach Lai an, und das war mehr als genug.
Dann ging ihnen die Luft und beide lösten sich wieder voneinander, atemlos und mit geröteten Wangen. Raul lachte heiser; glücklich und unbeschwert. Und Lais Lachen folgte bald, tief und durchdringend wie grollender Donner.
konflikt: nachts im wohnwagen
Die Tür ging mit einem leisen Klicken zu. Anscheinend nicht leise genug, denn kaum einen Augenblick später ging das Licht an und Raul wurde mit einer vor Wut qualmenden Julia auf dem Sofa konfrontiert.
„Wo zum Teufel, Raul Antonio Fernandez, warst du so lange?!“ Der jüngere Zwilling spürte, wie er unter ihrem stechenden Blick zu schrumpfen begann. Das Bedürfnis, die Tür zu öffnen und zu flüchten wurde nur von der Gewissheit, dass es danach nicht besser sein würde, in Schach gehalten. Julia konnte über Jahre hinweg grollen; zu glauben, dass sie das hier bald vergessen würde, wenn sie es nicht vom Tisch fegen konnte, war reine Utopie.
Beinahe schon unterbewusst zupfte er am Kragen seines dunkelblauen Shirts, um die Bissspuren, die Lai auf seinem Schlüsselbein hinterlassen etwas zu verdecken. So im Nachhinein schalt er sich dafür, seinem Partner nicht deutlich gemacht zu haben, dass eine etwas anders gewählte Plazierung — weniger sichtbar, sofern möglich — vielleicht für sie beide eher von Vorteil wäre.
Allerdings kam es, wie es kommen musste, die Bewegung zog präzis die Aufmerksamkeit seines Zwillings auf sich. Mit drei grossen Schritten stand Julia vor Raul und schlug seine Hand weg, um sich den Knutschfleck besser ansehen zu können.
„Ist das ein blauer Fleck?“, fragte sie und kniff die Augen zusammen. Ihre blonden Fransen kitzelten Rauls Nase, so nahe stand sie, und er war erstaunt, wie sie beide beinahe exakt gleich gross waren. Etwas starr aus Angst vor ihrer Reaktion schüttelte er den Kopf und zuckte zusammen, als Julia die Stelle etwas rauer anfasste, als es wohl nötig war. Raul zischte und Julia kniff die Augenbrauen zusammen.
„Lügner. Hast du noch mehr von denen?!“
Vorsichtig schob Raul seine Schwester etwas von sich weg. „Mir geht es gut, Julia. Ich bin nicht in eine Prügelei geraten“, versicherte er ihr nervös und plötzlich flackerte Erkenntnis in ihren Augen auf.
„Willst du mich veräppeln, Raul? Ich habe mir verdammt noch mal Sorgen gemacht während du mit Lai herumgemacht hast?!“
Julias grüne Augen leuchteten bedrohlich auf und Raul wünschte sich, er hätte den Mund gehalten. Er wollte sagen, dass es nicht so war, wie sie dachte doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Wen versuchte er hier eigentlich an der Nase rumzuführen, seine Schwester oder sich selbst? Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass er die Liebkosungen nicht genossen hatte, mal davon abgesehen, dass es sich falsch und respektlos anfühlte, seine Beziehung zu Lai zu verleugnen.
Also schwieg er.
„Ich hatte Angst weil ich dachte, du Idiot hättest dich von irgendwelchen Rüpeln verprügeln lassen! Ich habe mir verdammt noch mal Sorgen gemacht, Raul, weil du nichts von dir hast hören lassen! Aber anscheinend bin ich einen schnellen Anruf nicht wert, wenn du mit Lai in die Kiste hopsen willst, ja?!“ Julias Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengepresst und sie drehte sich auf dem Absatz um.
„Weißt du was, du musst gar nichts sagen. Ich geh’ ins Bett — wie ich es schon vor Stunden hätte tun sollen.“
Mit hoch erhobenem Kopf stolzierte sie zu ihrem Bett, machte auf dem Weg dahin das Licht aus und legte sich schwungvoll hin.
Zurück blieb Raul, verloren in der Dunkelheit. Er wartete, bis ihre Atemzüge ruhig wurden, bevor er sich ebenfalls umdrehte und in die Nacht hinaus verschwand.
ausflucht: fragen ohne worte
Lai sah verschlafen und etwas verärgert aus, doch sein Ausdruck wurde etwas weicher als er sah, wer ihn da in dieser Herrgottsfrühe aus dem Bett klopfte.
„Alles okay, Kleiner?“
Raul hatte sich geschworen, nicht zu weinen, doch jetzt war das Brennen in seinen Augen so fest, dass er sich vollkommen darauf konzentrieren musste, nicht auf der Stelle in Tränen auszubrechen und Lais Worte nur entfernt wahrnahm. Es war keine wirkliche Trauer die er verspürte, eher eine erniedrigende Demütigung, die ihn seine Hände zu Fäusten ballen liess und ihn dazu trieb, die Zähne in der Unterlippe zu vergraben.
Lai seufzte und zog ihn an den Handgelenken in sein Zimmer.
Als Raul wach wurde, waren die Zimmerwände in das graue Licht der Dämmerung getaucht. Es musste früh sein, zu früh für zusammenhängende Gedanken und viel zu früh für Ratespiele. Er fühlte sich aufgequollen und rutschte etwas näher an Lais Brust, eine warme, undurchdringliche Mauer die ihn von der Welt abschirmte. Er spürte Finger, die durch sein Haar fuhren und ihn liebevoll kraulten, mit so viel Scheu und Ehrfurcht dass Raul die Luft etwas wegblieb und er sich fühlte, als könnte er vor Glück platzen.
„Morgen“, murmelte Lai und presste einen Kuss auf die Stirn des Mannes in seinen Armen. Raul antwortete nicht, lächelte aber und atmete tief ein. Die Luft war abgestanden und roch nach tausend Kräutern; einem Duft der an Lais Haut haftete und nie ganz verschwand. Es war vollkommen unglamourös und er wollte nichts anderes.
„Morgen“, erwiderte Raul mit aller Selbstverständlichkeit und liess die Finger über den breiten Rücken tanzen, federleichte Kreise auf die Haut zeichnen.
„Besser?“
Die Frage rumpelte in Lais Brustkorb und die Vibration verursachte ein seltsames Gefühl des Wohlbefindens in seinem Körper. Raul nickte und veränderte seine Position, damit er Lai auf den Mund küssen konnte.
„Ja. Danke, dass ich hierbleiben durfte“, antwortete er scheu und wich den besorgten goldenen Augen seines Partners aus. Die Fürsorge schien ihm unverdient, doch sie erfüllte ihn mit einem Rausch von kindlicher Freude. Warme Hände fuhren über Rauls Rücken und gaben ihm das Gefühl von Geborgenheit — etwas, das er seit Jahren nicht mehr so deutlich verspürt hatte.
