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Ein einfaches Ende

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Der Liedtext ist eine Übersetzung von "Lay Me Down" und gehört A Life Divided. Mit der Verwendung möchte ich keinerlei Urheberrechte verletzen. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Der Liedtext ist eine Übersetzung von "Happy End" und gehört A Life Divided. Mit der Verwendung möchte ich keinerlei Urheberrechte verletzen. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Der Liedtext ist eine Übersetzung von "Haitoku no Kodou" und gehört GRANRODEO. Mit der Verwendung möchte ich keinerlei Urheberrechte verletzen.
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Der Liedtext ist eine Übersetzung von "Canaria" und gehört GRANRODEO. Mit der Verwendung möchte ich keinerlei Urheberrechte verletzen.
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Vorwort zu diesem Kapitel:
Der Liedtext ist eine Übersetzung von "Uso no Iro" und gehört GRANRODEO. Mit der Verwendung möchte ich keinerlei Urheberrechte verletzen.
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Mit dem Verklingen der letzten Töne entferne ich mich von dem Mikrofon, welches ich bis eben fest umklammert hielt, und gehe zu einem der Stühle, auf dem ich meine Sachen bei meiner Ankunft ablegte. Sorgfältig verstaue ich die Bassgitarre in der dafür vorgesehenen Tasche.

„Yamato?“, spricht Kozue mich irritiert an und lässt ihre Drumsticks sinken.

„Ich muss nach Hause“, erkläre ich knapp, wobei ich hastig meine Jacke anziehe und anschließend den Schal mehrfach um meinen Hals wickele.

„Wir proben aber gerade“, weist sie mich tadelnd zurecht.

„Nach fünf Jahren müsstest du Yamato doch langsam kennen, Kozue. Er macht doch seit jeher, was er will“, wirft Naoki lachend ein und stellt seine E-Gitarre beiseite.

„Ihn kennen?“ Nachdenklich betrachtet sie mich. „Dazu müsste Herr Ishida erst einmal etwas von sich preisgeben, nicht wahr?“ Unsere Schlagzeugerin zwinkert mir liebvoll zu. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen. Auch wenn sie mich gerne neckt, weiß ich, dass sie mich akzeptiert, wie ich bin. Nie würde sie mich bedrängen, sobald es um meine eigene Person geht.

„Es tut mir leid, nur… der Umzug… in der Wohnung herrscht das reinste Chaos.“

„Schon gut, Yamato. Du musst dich nicht rechtfertigen.“ Kozue greift nach der kleinen Wasserflasche, die neben ihr auf dem Boden steht, und trinkt einige Schlucke.

„Können wir dir vielleicht helfen?“ Fragend schaut Masao mich an.

„Nein, die Kartons muss ich schon selbst ausräumen.“ Zwar erzählte ich meinen Bandmitgliedern von dem Umzug, aber dass ich nicht allein wohne, verschwieg ich. Ebenso meine Beziehung mit Taichi. Die drei hätten mit meiner Homosexualität kein Problem, dessen bin ich mir sicher, trotzdem möchte ich mein Privatleben lieber privat lassen. Beiläufig drückt Masao einige Tasten seines Keyboards, während seine Augen weiterhin auf mir ruhen. Er ist süß, doch ich glaube, sowohl er als auch Naoki haben eine Freundin. Ohnehin würde ich nie mit einem Bandkollegen ins Bett gehen. Und Kozue interessiert sich weder für Männer noch für Frauen. Vermutlich macht mir ihre Gegenwart deshalb nichts aus. Ich mag sie sogar. Nur manchmal frage ich mich, wie sie mit ihrer Asexualität auf meine Vergangenheit und zum Teil auch Gegenwart reagieren würde.

„Die verlorene Zeit sollten wir morgen vielleicht dranhängen“, schlägt Kozue vor. „Immerhin ist der Gig bereits nächste Woche.“ Ich überlege kurz, nicke anschließend und schaue dann fragend zu Naoki und Masao, die ebenfalls mit einem Kopfnicken zustimmen.

„Das Lied, an dem ich gerade schreibe, ist auch fast fertig. Wenn ich mich ranhalte, könnten wir es vielleicht für den Auftritt noch einstudieren.“ Behutsam hänge ich mir die Tasche mit der Gitarre um und gehe zur Tür.

„Yamato?“, ruft Masao mir hinterher. „Es ist nicht schlimm, falls du es nicht schaffen solltest, okay?“ Ich drehe mich zu ihm um. Er lächelt sanft. Manchmal kommt mir der paranoide Gedanke, dass dieser junge Mann mehr über mich weiß, als er vorgibt.

„Danke“, murmle ich verlegen und verlasse eilig den Proberaum.
 

Leicht außer Atem schließe ich die Tür zur Wohnung auf. Es ist angenehm, nicht mehr bis in den vierten Stock, sondern nur noch eine Außentreppe nach oben laufen zu müssen. Im Flur entledige ich mich meiner Schuhe sowie der wärmenden Winterjacke und betrete die Küche. Müde lasse ich mich auf einen der Stühle fallen und schließe für einen kurzen Moment die Augen. Das Pulsieren in meinem Kopf ist in diesem Ruhezustand deutlicher spürbar, sodass ich meine Handballen fest gegen meine Schläfen drücke. Dann entnehme ich der Schachtel, welche auf dem Tisch liegt, eine Zigarette und zünde diese mit dem Feuerzeug an. Tief atme ich den Rauch ein.

„Du bist schon da?“ Taichi schaut mit einem überraschten Gesichtsausdruck in den Raum.

„Ja, aus Kartons zu leben nervt, also verkürzte ich die Bandprobe.“ Mein Freund betritt die Küche und holt aus dem Schrank zwei Tassen.

„Kaffee?“

„Ja, danke.“

„Und deine Leute sind einverstanden, wenn du kurz vor einem Konzert die Proben schwänzt?“

„Ich schwänze nicht“, entgegne ich mürrisch und ziehe an der Zigarette. Tai schaltet die Kaffeemaschine ein und setzt sich mir gegenüber, seinen Kopf in seine Hände gestützt.

„Du kannst echt froh sein, eine derart geduldige und tolerante Band zu haben. Bei all den Eskapaden, die du dir leistest.“ Etwas gereizt drücke ich den letzten Rest der Zigarette im Aschenbecher aus.

„Selbst Schuld, sie hätten mich in Ruhe lassen können. Ursprünglich wollte ich ihrer Band überhaupt nicht beitreten. Letztlich war es mein Vater, der mich dazu brachte, meine Meinung zu ändern, weil er wollte, dass ich etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anfange.“ Sehnsucht ergreift Besitz von mir. „Nur für ihn habe ich die Uni beendet“, füge ich gedankenversunken hinzu. Mein Gegenüber erhebt sich, füllt die Tassen mit dem heißen, koffeinhaltigen Getränk und stellt sie auf dem Küchentisch ab. Sogleich ziehe ich eine der Tassen zu mir heran, halte sie in meiner Hand vor meinen Mund und puste, um die Flüssigkeit etwas abzukühlen. Eine Weile schweigen wir, immer wieder vorsichtig und schluckweise Kaffee trinkend. „Warum bist du eigentlich zu Hause?“, frage ich schließlich und betrachte müde seine markanten Gesichtszüge. Inzwischen ist Taichi ein sehr attraktiver Mann, der leider den Geschmack vieler Frauen trifft. Allein unter seinen Kolleginnen sind etliche Verehrerinnen, die durch ihre Penetranz beziehungsweise bloße Existenz meine mordlüsternen Fantasien nähren.

„Ich konnte mir beim Sender freinehmen. Momentan finden nicht so viele Sportevents statt, bei denen ich unbedingt anwesend sein muss oder über die es sich zu berichten lohnt. Und dieses Chaos in der Wohnung nervt mich ebenso wie dich.“ Mein Freund grinst mich an.

„Dann sollten wir allmählich anfangen.“ Ohne auf meine Aussage einzugehen, steht Tai auf und kommt auf mich zu. Voller Verlangen küsst er meine Lippen, seine Zunge spüre ich fordernd in meinem Mund. Ich lasse mich auf ihn ein, schließe meine Augen und vergrabe meine Finger in seinen, wie immer, zerwuschelten Haaren. Erregung erfasst meinen Körper, weshalb ich meinen Gegenüber leicht von mir drücke.

„Widmen wir uns lieber den Kartons. Die packen sich nicht von allein aus.“

„Ich habe aber gerade etwas Interessanteres gefunden“, raunt Tai mir lüstern ins Ohr, während er mit seiner Hand meine Oberschenkelinnenseite entlangstreicht und schließlich zwischen meine Beine greift. „Anscheinend möchte dein Körper eher meinem Begehren als deiner Vernunft nachgeben.“

„Uns bleibt nicht allzu viel Zeit. Heute Abend muss ich noch zur Abeit.“ Sofort lässt mein Freund von mir ab und schaut mich an. Genervt erhebe ich mich und gehe an ihm vorbei zur Tür. „Spar dir deine Worte, ich werde diesen Job nicht kündigen. Und ich diskutiere bezüglich dieses Themas auch nicht mehr mit dir. Du weißt genau, dass ‚So easy’ zu unbekannt sind, um davon den Lebensunterhalt zu bestreiten. Wir haben nicht einmal ein Plattenvertrag.“

„Yamato.“ Taichi seufzt.

„Der Laden ist seriös. Ich bediene lediglich die Kunden.“

„Fragt sich nur mit welcher Art Dienstleistungen.“ Der misstrauische Unterton und die Eifersucht sind deutlich herauszuhören.

„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass es kein Hostclub oder dergleichen ist, sondern ein ganz normaler Nachtclub?“

„Allerdings im Schwulenviertel Shinjuku ni-chōme. Gehört es da nicht zum Service, eine kleine Nummer mit den Gästen zu schieben?“

„Du bist doch bescheuert!“, werfe ich ihm aufgebracht an den Kopf. „Vertraust du mir überhaupt nicht?“ Tai lächelt schmerzlich.

„Nein, Yamato. Wundert es dich?“ Ich schaue zu Boden, meine Hand zur Faust geballt. Ganz unrecht hat er nicht, denn ich habe nie aufgehört meinen Körper zu verkaufen. Seit ich mich vor sechs Jahren von Shinya losgesagt habe, ließ ich mich hin und wieder von Fremden ficken, um meinem Selbsthass nachzugeben. Im Zuge dessen begann ich erneut GHB zu konsumieren. Mit meiner Arbeit hat all das allerdings nichts zu tun und die Häufigkeit dieser Handlungen hält sich meiner Meinung nach in Grenzen.

„In dem Fall können wir die Unterhaltung beenden. Egal, was ich sage, deine Meinung kann ich vermutlich nicht ändern. Außerdem bin ich es leid, immer die gleiche Diskussion zu führen. Dahingehend bist du meinem Vater wirklich sehr ähnlich.“
 

„Hey, Yamato. Bringst du diese Getränke bitte den beiden Herren auf dem Ecksofa? Und bevor du gleich Feierabend machst, lass uns draußen noch eine Zigarette rauchen. Ich möchte kurz mit dir reden.“

„In Ordnung“, stimme ich zu und nehme das Tablett entgegen. Bei den Gästen angelangt, stelle ich die Bestellung kommentarlos auf der Tischplatte ab und ziehe mich sofort wieder zurück, da ich die Männer, die auf sehr intime Art miteinander beschäftigt sind, nicht stören möchte. Es handelt sich um Stammgäste, bei denen ich mich allerdings jedes Mal frage, ob sie den Club nicht mit einem Lovehotel verwechseln. Erschöpft begebe ich mich in das kleine Hinterzimmer, entledige mich meiner Arbeitskleidung und ziehe meine Jeans sowie einen dicken Strickpullover an. Dieses Jahr ist es ungewöhnlich kalt für Dezember, weshalb Schnee zu Weihnachten nicht auszuschließen wäre.

„Schade, du bist schon umgezogen“, schmollt mein Kollege und tritt von hinten an mich heran.

„Wenn du da bist, muss ich ja auch auf meinen Hintern aufpassen“, entgegne ich monoton.

„Stimmt.“ Er umfasst meine Hüfte und zieht mich dichter an seinen Körper. „Lass mich doch einfach ran, Yamato“, haucht er anzüglich, wobei ich seinen warmen Atem an meinem Ohr spüre. Mit seiner Hand gleitet er zwischen meine Beine.

„Es reicht“, wehre ich ihn ab. Bestimmt löse ich mich aus seiner Umklammerung, nehme Abstand zu ihm. Mein Arbeitskollege lacht.

„Seit inzwischen drei Jahren versuche ich dich ins Bett zu kriegen. Noch nie habe ich eine dermaßen zugeknöpfte und verklemmte Person getroffen. Ich will dich nicht heiraten, Yamato. Nur ein bisschen Spaß haben.“

„Es gibt genügend andere Typen, die sich gern von dir flachlegen lassen würden, also warum…“

„Weil du mit deiner reservierten Art sexuelle Fantasien in mir auslöst. Du glaubst gar nicht, was ich in meinen Gedanken schon alles mit dir…“

„Ich glaube es. Und behalte deine Perversionen bitte für dich, okay? Hier, ich gebe eine aus.“ Mein Gegenüber nimmt das Angebot mit einem Lächeln an und zieht zwei Zigaretten aus meiner Schachtel, wovon er mir eine reicht. Vor der Tür entzünden wir die kleinen Suchtmittel und ziehen den Rauch tief in unsere Lungen. „Worüber willst du mit mir sprechen?“, lenke ich die Aufmerksamkeit auf das eigentliche Thema.

„Naja, eigentlich möchte ich dich um etwas bitten. Kannst du morgen meine Nachtschicht übernehmen? Ich weiß, es ist dein freier Tag und…“

„Lass mich raten. Du hast wieder irgendeinen Kerl abgeschleppt, mit dem du es ein paar Mal treiben willst, nur um ihn letztlich abzuschießen, weil er dir zu langweilig wird.“

„Wenn du das so sagst, klingt es, als wäre ich einer dieser kleinen, billigen Strichjungen, bei denen man nie so genau weiß, woran man ist.“

„Das weiß man bei dir doch auch nicht“, bemerke ich abfällig.

„Ist das der Grund, weshalb du mich nicht ranlässt? Du hast Angst, verletzt zu werden, sollte ich nach dem Sex das Interesse an dir verlieren.“ Kurz muss ich lachen.

„Träum weiter.“ Ich ziehe ein letztes Mal an meiner Zigarette und drücke sie flüchtig aus. „Egal, wie oft du es noch versuchst, von dir lasse ich mich nicht ficken.“

„Prima, die Rollenverteilung wäre somit geklärt.“ Vielsagend zwinkert er mir zu. Der Typ hört mir einfach nicht zu. Ich seufze.

„Kein Problem. Deine Schicht kann ich übernehmen.“ Durch diese Entscheidung provoziere ich vermutlich erneut einen Streit mit Taichi, da der nicht will, dass ich nachts arbeite. Dabei ist die Uhrzeit nicht der einzige Faktor, der ihm missfällt.

„Danke, du hast was gut bei mir“, reißt mich mein Kollege aus meinen Gedanken.

„Vergiss es einfach“, winke ich ab.

„Nein, ich vergesse es nicht. Nur jetzt muss ich rein, bevor der Boss mich wieder zurechtweist. Immerhin hat er die Pause nicht genehmigt.“ Mein Gegenüber drückt nun ebenfalls seine Zigarette aus und küsst mich leicht auf die Wange. „Pass auf dich auf.“ Ich wende mich zum Gehen und schlage die Richtung zur U-Bahn ein, doch ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass die letzte Bahn bereits vor mehr als einer halben Stunde fuhr. Kurz bleibe ich stehen und überlege, ob ich in einem Hotel übernachten soll oder doch Taichi bitte, mich mit dem Auto abzuholen. Inzwischen ist er seit mehr als sieben Jahren trocken, sodass er sich vor zwei Jahren zutraute, den Führerschein zu machen. Trotzdem will ich ihn nicht ständig als Taxifahrer missbrauchen… andererseits, wenn ich nicht nach Hause komme…

„Entschuldigung.“ Ich zucke zusammen, als ich spüre, wie mich jemand am Hangelenk festhält. Zögernd drehe ich mich um. Überrascht mustere ich einen jungen Mann, der mich mit schüchterem und zugleich merkwürdig durchdringendem Blick anschaut. Seine Augen erinnern mich an Tai, sie haben denselben schönen Braunton. „Lust?“ Offenbar handelt es sich bei dem Kleinen um einen Stricher, der noch sehr unerfahren ist. Ich zweifle stark an seiner Volljährigkeit. Dennoch muss ich zugeben, dass ich ihn unglaublich süß finde. Er wirkt zerbrechlich und sehr feminin, vermutlich sind seine Freier eher ältere Männer. Die zahlen zwar meist gut, haben oft aber auch die perversesten Vorlieben.

„Wie alt bist du?“, frage ich, statt zu antworten.

„Spielt das eine Rolle? Spielte es bei dir eine Rolle, Yamato?“

„Was?“ Verwirrt betrachte ich meinen Gegenüber und versuche seinem Gesicht einen Namen zuzuordnen, obwohl ich mir eigentlich sicher bin, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Das Lächeln, welches er mir entgegenbringt, zeugt von keinerlei Emotionen.

„Mit Jüngeren treibst du es also nicht. Des Geldes wegen?“

„Ich glaube, du verwechselst mich.“

„Heißt du nicht Yamato? Deinen Nachnamen weiß ich leider nicht, sonst hätte ich dich bereits eher ausfindig machen können. Nur durch Zufall sah ich dich vorhin in der Bahn und folgte dir bis hierher. Ich wartete. Du warst lange in diesem Club. Triffst du da deine Freier oder musst du arbeiten, weil dir die Bezahlung für deine Dienstleistungen nicht mehr reicht?“

„Was willst du von mir, wenn du sogar stundenlang in dieser Kälte wartest?“

„Dir die Schwere deiner Schuld vor Augen führen. Ein Gewissen scheinst du nicht zu haben.“ Hasserfüllt bringt er mir seine für mich unverständlichen Vorwürfe entgegen, den Griff um mein Handgelenk verstärkt er schmerzhaft.

„Es ist unhöflich, seinen Namen nicht zu nennen“, sage ich mit leicht verzerrter Stimme. Ich versuche ein Grinsen aufzusetzen. „Und du bist stärker, als du aussiehst.“

„Shota Takano.“ Mein Körper verkrampft und meine Augen weiten sich. „Anhand deiner Reaktion erkenne ich, dass du dich an mich erinnerst. Es ist lange her, nicht wahr? Damals war ich zu klein, um deine Besuche bei uns richtig zu deuten. Ich mochte dich, denn wenn du da warst, war mein Vater irgendwie entspannter. Heute weiß ich, warum. Du bist sein kleiner Stricher. Ihr treibt es miteinander, nicht wahr? Was hast du mit ihm getan, dass er so geworden ist? Dass er sich sogar an seinem eigenen Sohn vergreift.“ Der letzte Satz löst Panik in mir aus.

„Shota, hat dein Vater dich…“ Eine kräftige Ohrfeige bringt mich zum Schweigen.

„Du scheinheiliger Bastard! Als hätte dich je etwas anderes interessiert, als von meinem Vater gefickt zu werden!“, schreit mein Gegenüber mich wütend an. Einige der umstehenden Typen unterbrechen ihre Konversationen und richten neugierig ihre Blicke auf uns. „Deinetwegen ist meine Familie zerbrochen. Wie fühlte es sich an, als mein Vater sich für dich und gegen meine Mutter und mich entschied?“

„Shota…“

„Liebst du ihn überhaupt? Bist du glücklich? Kannst du solche Gefühle überhaupt empfinden? Für mich bist du einfach nur skrupellos und egoistisch.“ Ein Schwindelgefühl überkommt mich und Übelkeit ergreift Besitz von mir. Ich nutze den Umstand, dass mein Gegenüber mein Handgelenk noch immer fest umschlossen hält, und ziehe ihn dicht an mich.

„Hasse mich, wenn es dir dann besser geht. Was passierte, kann ich nicht rückgängig machen und sollte dein Vater…“

„Er fasste mich an, ging ein wenig weiter, aber ich denke nicht, dass seine Handlungen bereits als Vergewaltigung gelten“, flüstert Shota mit zitternder Stimme. Seine gesamte Wut scheint von ihm abzufallen und er beginnt heftig zu weinen. Ich drücke den Jungen, der inzwischen genauso groß ist wie ich und neunzehn Jahre alt sein müsste, voller Zuneigung an mich und streiche beruhigend durch sein weiches, schwarzes Haar. „Lass mich los, verdammt!“ Plötzlich stößt Shota mich derb von sich, sodass ich für einen Moment ins Taumeln gerate. „Fass mich nie wieder mit diesen Drecksfingern an! Du hast mir meinen Vater weggenommen und meine Familie zerstört, du elender Heuchler! Hoffentlich wird dir deine Abartigkeit zum Verhängnis, indem einer deiner Freier sich auf schlimmste Weise an dir vergeht, dir unerträgliche physische und psychische Qualen zufügt, dich schließlich brutal absticht und elendig ausbluten lässt!“ Voller Verachtung spuckt er mir vor die Füße, wendet sich um und rennt die Straße entlang, bis er zwischen den Menschen und in der Dunkelheit der Nacht aus meinem Blickfeld verschwindet. Auf wackeligen Beinen schleppe ich mich in eine unbelebte Seitengasse und übergebe mich krampfartig. Dann sinke ich zu Boden. Gegen die Wand gelehnt und mit gesenktem Kopf beginne ich leise zu lachen. Welch Ironie, versuchte ich damals doch eigentlich mit meinem Körper Shinyas Sohn zu schützen.
 

Schweigend sitze ich im Auto, den Kopf an die Scheibe gelehnt und verfolge mit meinen Augen teilnahmslos die vorbeiziehenden Häuser. Mein Körper fühlt sich schwer an, nahezu gelähmt, und ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Die Begegnung mit Shota lastet schwer auf mir, meine Kehle ist wie zugeschnürt. Seine Vorwürfe sind berechtigt, schließlich war ich der Strichjunge seines Vaters, diesbezüglich werde ich ihn nicht anlügen. Dabei frage ich mich, warum die Tatsache, Shota wehgetan zu haben, so sehr schmerzt, obwohl sich meine Emotionen andere Menschen betreffend normalerweise eher in Grenzen halten. Auch spüre ich noch immer seinen bebenden, eng an mich gepressten Körper, sowie den Hass und die Verachtung, welche er mir sehr offen entgegenbrachte. Die Erinnerung an seinen verzweifelten Gesichtsausdruck schnürt mir weiter die Kehle zu, ebenso wie die unterdrückte Sehnsucht nach seinem Vater, die nun erneut unerträglich präsent ist. Von der Situation völlig überfordert weiß ich nicht, was ich im Moment fühle, fühlen soll oder ob ich überhaupt gerade in der Lage bin, etwas zu empfinden. Meine Eingeweide verkrampfen. Wieder steigt Übelkeit in mir auf, dabei erbrach ich vorhin bereits die wenige Nahrung, die ich am Abend zu mir genommen hatte.

„Leg ruhig eine andere CD ein, wenn diese dich nervt“, meint Taichi plötzlich. Bis jetzt hatte ich die hämmernde, unmelodiöse Industrialmusik nicht bewusst wahrgenommen, doch nun dröhnt sie einhergehend mit den Kopfschmerzen penetrant in meinem Schädel.

„Hm“, entgegne ich lediglich, ohne zu reagieren. Mein Freund regelt die Lautstärke nach unten.

„Was ist eigentlich los? Du bist schon die ganze Zeit so abwesend. Ist auf der Arbeit etwas vorgefallen?“

„Nur das Übliche“, antworte ich monton.

„Also hat sich dieser Wichser Reiji wieder an dich herangemacht“, stellt Tai hörbar verärgert fest. „Warum sagst du ihm eigentlich nicht, dass du vergeben bist? Vielleicht lässt er dich dann endlich in Ruhe. Ich verst…“

„Wie oft muss ich es dir noch erklären? Mein Privatleben geht niemanden etwas an. Weder Reiji noch meine Bandkollegen.“

„Manchmal drängt sich mir der Gedanke auf, dass du durch deine Verschwiegenheit versuchst deine Vergangenheit ungeschehen zu machen oder wenigstens zu vergessen.“

„Ich habe kein Problem mit der Vergangenheit. Sie geht einfach niemanden etwas an. Du sprichst ebenso nicht über deine Alkoholabhängigkeit, oder?“, kontere ich entnervt. Mein Freund schweigt. „Außer mir brauchst du niemanden. Es ist somit nicht nötig, andere Bekanntschaften zu machen“, füge ich leise an. Im Augenwinkel sehe ich, dass sich ein Lächeln auf Taichis Lippen legt. Ich richte meinen Blick wieder aus dem Fenster. Niemals hätte ich Shota einfach so gehen lassen dürfen. Aber was sollte ich sagen? Seiner Wut entgegenzuwirken wäre meiner Meinung nach der falsche Weg gewesen. Ich berühre meine Wange, die von der Ohrfeige nach wie vor leicht schmerzt. Hoffentlich ist sie nicht gerötet, sonst muss ich mir eine glaubhafte Erklärung einfallen lassen, da ich nicht möchte, dass Tai von der Begegnung mit Shinyas Sohn erfährt. Es würde vermutlich sein Misstrauen erwecken und Diskussionen diesbezüglich will ich mir definitiv ersparen. Die meisten Streits zwischen uns basieren ohnehin auf seinem mangelnden Vertrauen, deshalb sollte ich es nicht unnötig strapazieren und besser schweigen.

„Willst du im Auto übernachten?“, vernehme ich plötzlich die Stimme meines Freundes.

„Was?“

„Wir sind da. Wo bist du nur schon wieder?“ Ohne zu antworten, steige ich aus dem Auto, laufe die Treppe nach oben und krame in meiner Tasche nach dem Schlüssel. Taichi ist allerdings schneller und öffnet die Tür zu unserer Wohnung. Im Flur entledige ich mich meiner Schuhe sowie Jacke und gehe anschließend sofort in die Küche, um Kaffee aufzusetzen.

„Soll ich dir noch etwas zu Essen machen?“, fragt mein Freund, tritt von hinten an mich heran, legt seine Arme um meine Taille und sein Kinn auf meine Schulter.

„Nicht nötig. Ich habe auf der Arbeit bereits etwas gegessen“, lüge ich und löse mich aus der Umarmung. Tai betrachtet mich skeptisch. Die Übelkeit hat nicht nachgelassen, weshalb ich sicher bin, feste Nahrung im Augenblick nicht bei mir zu behalten. Er würde es aber wie immer als Ausrede deklarieren, weshalb ich mir angewöhnt habe, auf bestimmte Sachverhalte nicht weiter einzugehen und diese unkommentiert zu lassen. Erschöpft sinke ich auf einen der Stühle und zünde mir eine Zigarette an.

„Du rauchst zu viel und isst zu wenig. Allmählich wirst du wieder von deiner Essstörung beherrscht.“

„Wenn du mir nur Vorhaltungen machen willst, dann geh bitte, Taichi. Dafür habe ich gerade überhaupt keinen Nerv“, herrsche ich ihn gereizt an.

„In letzter Zeit bist du von allem genervt. Und wahrscheinlich am meisten von dir selbst“, gibt mein Freund in einer mich rasend machenden Gelassenheit zurück, als wäre er über alles und jeden erhaben. Ich verdrehe die Augen, nehme einen kräftigen Zug von meiner Zigarette und puste den Rauch geräuschvoll in die Luft der Küche.

„Yagami, lass mich einfach in Ruhe, okay? Bis morgen muss ich noch einen Song fertigschreiben, da kann ich deine dumme Besserwisserei nicht gebrauchen.“ Mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck wendet Taichi mir den Rücken zu und verlässt den Raum. Ich drücke die Zigarette im Aschenbecher aus, hole mir eine mit Kaffee gefüllte Tasse und entzünde erneut eine Zigarette. Mein Freund hat Recht, das wissen wir beide. Nach all den Jahren und meinem Psychoterror frage ich mich, warum er jetzt sogar mit mir zusammengezogen ist. Warum tut er sich mich überhaupt an? Warum? Ich betrachte die glimmende Glut der Zigarette. Der Schmerz könnte helfen, mich etwas zu sortieren. Seufzend drücke ich die erst zur Hälfte gerauchte Zigarette im Aschenbecher aus, verschränke die Arme vor mir auf dem Tisch und bette meinen Kopf darauf. In den letzten Jahren funktionierte dieses dumpfe, gesellschaftsfähige Existieren einigermaßen. Ich schaffte es zumindest, nicht noch einmal in die Psychiatrie eingewiesen zu werden und sogar die Universität abzuschließen. Ich habe Kontakte zur Außenwelt, spiele in einer Band, verdiene Geld durch einen Nebenjob und wohne mit Taichi endlich in einer eigenen Wohnung. Die Probleme bezüglich Essen und Drogen bilde ich mir ein im Griff zu haben. Es müsste alles gut sein. Ich müsste glücklich sein. Was erwarte ich eigentlich? Wie lange kann man durch bloßes Existieren am Leben bleiben? Taichi scheint zu spüren, dass sich etwas verändert. Er ist alarmiert. Er kennt mich gut. Zu gut. Ich bin müde. Ich will weg. Weg von diesem Leben. Weg von mir. Taichi, ich verliere allmählich meinen Halt, oder? Taichi, hilf mir! Tränen brennen in meinen Augen, als ich erschöpft einschlafe.

Ich öffne meine Augen. Für einen kurzen Moment bin ich orientierungslos, erkenne dann allerdings die Kücheneinrichtung. Müde richte ich mich auf, dabei bemerke ich, wie eine Decke von meinen Schultern rutscht und zu Boden fällt. Anscheinend war Taichi noch einmal hier und fand mich schlafend vor, wollte mich jedoch nicht wecken. Ich wünschte, er hätte es getan, denn durch die unbequeme Haltung schmerzt mein gesamter Körper. Durch Strecken versuche ich mich etwas zu lockern, anschließend reibe ich über meine brennenden und vom Weinen salzig verklebten Augen. Ich trinke einen Schluck des inzwischen kalten Kaffees, zünde mir eine Zigarette an und versuche mich gedanklich auf den Rohentwurf des Textes für das neue Lied zu konzentieren. Die Melodie schrieb ich bereits vor einigen Tagen, nur die Feinheiten, die Anpassung von Melodie und Text sind abschließend noch vorzunehmen. Ob Taichi schon schläft? Sein Blick, als er vorhin die Küche verließ, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er drückte Besorgnis, aber auch Verärgerung sowie Haltlosigkeit aus. Zwar ist mir bewusst, dass ich für diese Gefühle verantwortlich bin, trotzdem schaffe ich es nicht, sie ihm wieder zu nehmen. Warum bleibe ich in solchen Situationen immer völlig reglos, obwohl ich Tai einfach nur umarmen, ihm Kraft und Halt geben möchte? Ich liebe ihn, auch wenn ich es manchmal nicht fühlen kann. Mein Selbsthass und der Drang, mir Schmerz zuzufügen, mich endgültig zu zerstören, sind zu egoistisch, um mich in solchen Situation auf meinen Freund reagieren zu lassen. Viel zu sehr bin ich in mir, in meiner Apathie gefangen. Doch wenn mir all das bewusst ist, warum schaffe ich es dann nicht, mein Verhalten zu ändern? Will ich es ändern? Oder will ich nicht vielmehr Taichi verletzen, weil ich auch mich damit verletze? Weil ich mich am meisten verletzen kann, wenn ich ihn verletze? Weil ich mich auf diese Weise am meisten hassen kann? Ich nehme einen letzten Zug von meiner Zigarette, dann drücke ich sie im Aschenbecher aus und verlasse die Küche. Im Bad putze ich meine Zähne, vermeide es dabei, in den Spiegel zu sehen. Routiniert schlucke ich einige Kopfschmerztabletten mit etwas Wasser hinunter, gehe anschließend leisen Schrittes ins Schlafzimmer und entkleide mich mit bedächtigen Bewegungen. Vorsichtig, um Taichi nicht zu wecken, lege ich mich ins Bett und schließe die Augen.

„Hast du den Song fertigbekommen?“, fragt Tai unerwartet, mit rauer Stimme.

„Du bist wach? Meinetwegen?“

„Nein, ich war schon wach.“ Er rutscht an mich heran und umfängt mich von hinten mit seinen Armen. Ich lasse es geschehen, schmiege mich sogar enger an ihn.

„Die Probe ist erst am Nachmittag. Wenn ich zeitig aufstehe, dürfte die Zeit noch reichen. Momentan bringt es einfach nichts, an dem Lied zu arbeiten, da ich mich nicht darauf konzentrieren kann.“ Sanft streichelt Tai durch meine Haare.

„Du wirkst auch sehr unausgeglichen. Bist du in der Lage, zu reflektieren, woran es liegt?“

„Nein. Ich merke zwar, dass nicht alles in Ordnung ist, habe jedoch keine Ahnung, worin das Problem liegt.“

„Sprichst du deshalb nicht mit mir darüber?“, hakt mein Freund nach, während er mit seinen Fingern über meine nackte Haut gleitet.

„Taichi…“, keuche ich eher gequält als lustvoll, während ich versuche seine Hand daran zu hindern, mir einen runterzuholen.

„Ich will dich, Yamato.“

„Es ist bereits nach drei Uhr und du musst heute arbeiten, oder?“

„Ich muss aber erst gegen sieben Uhr aufstehen. Wir haben somit genügend Zeit.“ Meine Gegenwehr lässt nach und ich kann ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken. „Ich liebe den Klang deiner Stimme, wenn du erregt bist.“ Ein unangenehmes Gefühl ergreift Besitz von mir, welches unterschwellig eigentlich schon die ganze Zeit präsent ist.

„Nimm mich, Taichi“, hauche ich kaum hörbar. Zwar gebe ich mich meinem Freund hin, meine Gedanken jedoch sind noch immer bei Shota.
 

Genervt lange ich zum sechsten Mal zu meinem Nachtschrank und schlage suchend nach meinem Wecker, um ihn für die nächsten fünf Minuten zum Schweigen zu bringen. Dann ziehe ich die Decke über meinen Kopf und brumme missmutig in mein Kissen. Ich hasse den Morgen. Ich hasse es, Tag für Tag zu erwachen. Ich hasse es, aufstehen zu müssen. Immer wieder dieselben Gedanken. Nichts ändert sich. Zumindest solange nicht, bis ich dem Ganzen ein Ende setze. Eine Erkenntnis, die ich letztlich doch nie umsetze. Ein weiteres Mal ertönt der Alarmton. Ich ändere meine Taktik und ignoriere ihn, was den Nervtöter lediglich dazu veranlasst, hysterischer zu werden. Aber ich bleibe hartnäckig, bis er aufgibt und verstummt. Nach einer gefühlten, meinen Geduldsfaden prüfenden Ewigkeit. Vorerst. Um mich in Sicherheit zu wiegen. Ich blinzele unter der Decke hervor und starre auf die leere Stelle neben mir. Taichi sollte dort liegen, doch wenn ich aufwache, ist er meist schon auf Arbeit. Eingewickelt in meine Bettdecke robbe ich auf seine Seite und vergrabe mein Gesicht in seinem Kopfkissen. Sein Duft haftet noch in dem Stoff. Sehnsucht erfasst mich und ich muss an die letzte Nacht denken. Ich glaube, Taichi bemerkte, dass meine Gedanken nicht ihm galten. Zudem konnte ich mich nicht richtig fallen lassen, war zu verkrampft, weshalb andererseits durch den Schmerz der Sex sehr intensiv wurde. Der Wecker erinnert mich erneut auf penetrante Art daran, endlich aufzustehen. Mürrisch schalte ich ihn aus und gebe seinem Begehren nach, ohne jedoch darauf zu verzichten, ihm einen giftigen Blick zuzuwerfen. Bevor ich meine Zähne putze, setze ich in der Küche Kaffee auf. Im Bad fällt mein Blick auf den Spiegel. Für einen kurzen Moment schaue ich mein Ebenbild an. Ich verstehe nicht, warum manche Menschen sich selbst so gern betrachten. Vor allem frage ich mich, was sie eigentlich sehen. Sehen sie wirklich sich selbst? Mir starrt meist eine fremde Person entgegen, das Gesicht oft ausdruckslos, so wie jetzt auch. Ich wende mich ab, gehe unter die Dusche und kleide mich dann im Schlafzimmer an. Es ist kalt in der Wohnung, weshalb ich über mein langärmliges Shirt noch einen dicken Pullover ziehe. Anschließend gehe ich zurück in die Küche, fülle eine Tasse mit Kaffee und zünde mir am Tisch eine Zigarette an. Ich versuche über das Lied nachzudenken, doch meine Konzentration ist genauso schlecht wie in der Nacht. Wenn ich mich nicht endlich zusammenreiße, werde ich bis zur Probe nicht mehr fertig. Unzufrieden drücke ich die Zigarette im Aschenbecher aus und gehe zum Kühlschrank. Nahezu leer. Bevor ich mich also auf den Weg mache, sollte ich noch schnell im Konbini das Nötigste einkaufen, damit Taichi sich nach seiner Arbeit nicht auch noch darum kümmern muss. Wieder ergreift das Verlangen, ihn sehen zu wollen, Besitz von mir. Mein Herz schlägt schmerzhaft gegen meinen Brustkorb und ich atme tief durch. Warum bin ich in letzter Zeit so abweisend zu ihm, obwohl ich es eigentlich nicht möchte? Seufzend ziehe ich im Flur meine Jacke sowie Schuhe an. Ich weiß es nicht. Aber ich wünschte, ich könnte meinem Freund meine Gefühle mehr zeigen. Vielleicht sollte ich ihm von Shota erzählen. Nein, besser nicht. Mit Sicherheit würde ich dadurch einen weiteren Streit provozieren. Und selbst wenn nicht, muss ich dieses Problem allein lösen. Er kann mir in dem Fall nicht helfen, also sollte ich ihn damit auch nicht belasten. Ich verstaue mein Portemonnaie und meinen Schlüssel in meiner Tasche. Als ich ins Freie trete, schlägt mir kalte Winterluft ins Gesicht. Ich ziehe den Kragen meiner Jacke enger an meinen Hals. Hinter mir höre ich die Wohnungstür ins Schloss fallen.
 

„Hallo Yamato“, begrüßt mich Kozue mit einem Grinsen. „Ausnahmsweise bist du nicht der Letzte.“ Ich lächle matt und schweife mit meinem Blick durch den Raum.

„Wo ist Masao?“, erkundige ich mich, da es untypisch für ihn ist, derart spät zur Probe zu erscheinen.

„Keine Ahunung“, wirft Naoki ein. „Bisher hat er sich weder bei Kozue noch bei mir gemeldet. Bei dir offenbar auch nicht. Möchtest du einen Kaffee?“ Auf mein Nicken hin füllt er eine Tasse mit dem koffeinhaltigen Getränk und hält sie mir entgegen. „Zieh deine Jacke aus, Yamato. So kalt ist es hier nicht. Masao kommt schon noch, mach dir keine Sorgen.“ Die Gitarre abstellend lasse ich mich auf einen der Stühle fallen und krame aus meinem Rucksack einen kleinen Schreibblock hervor.

„Wenigstens die Melodie ist weitestgehend fertig. Die Feinarbeit nehmen wir, wie immer, beim Einstudieren vor. Allerdings bin ich mit dem Text nicht gut vorangekommen. Dennoch schlage ich vor, dass ihr euch bereits etwas mit diesem Song vertraut macht, während ich mich noch einmal an die Lyrics setze.“

„Du willst den Song unbedingt beim nächsten Gig spielen, oder?“

„Ja, eigentlich schon.“

„Warum, Yamato?“, will Kozue wissen, legt ihre Drumsticks, mit denen sie die ganze Zeit in der Hand spielte, beiseite und langt nach den Zigaretten, die auf dem Tisch liegen. Sie hält mir die Schachtel entgegen.

„Danke. Ich will einfach die Gelegenheit nutzen, das Potential des Liedes vor Publikum zu testen. Sollte es gut ankommen, nehmen wir es mit auf das neue Demotape.“ Unruhig ziehe ich an meiner Zigarette, während mein Blick von Kozue zu Naoki schweift und anschließend wieder auf das Blatt Papier, welches vor mir liegt. Flüchtig drückt unsere Schlagzeugerin ihre Zigarette im Aschenbecher aus und setzt sich an ihre Drums.

„Du machst mich neugierig.“ Sie fixiert mich prüfend mit ihren durch Kontaktlinsen stechend blauen Augen. „Offenbar bist du mit deinem neuen Werk sehr zufrieden, wenn du sogar Erwartungen für das Demotape in den Song setzt.“

„Ich bin dann damit zufrieden, wenn er ‘So easy’ zu einem Plattenvertrag verhilft.“ Vorsichtig nippe in an meinem noch immer heißen Kaffee, nehme einen letzten Zug von meiner Zigarette, bevor ich sie im Aschenbecher ausdrücke. Gleich darauf drückt auch Naoki die seine aus. Masao ist der einzige Nichtraucher in unserer Band, allerdings stört es ihn nicht, wenn in seiner Gegenwart geraucht wird.

„Ich weiß, dass ich mir die Frage eigentlich sparen kann, aber einen Versuch ist es wert. Wir wollen nach der Probe noch etwas trinken gehen. Kommst du mit, Yamato?“ Naoki beginnt zu lachen.

„Die Frage kannst du dir wirklich sparen, Kozue“, meint er zu ihr, sieht dabei jedoch in meine Richtung.

„Ich muss heute noch arbeiten“, lehne ich, wie offenbar erwartet, ab.

„Ah, deine Standardausrede. Diese ominöse Arbeit, über die niemand etwas weiß. Ganz ehrlich, Yamato, existiert sie überhaupt?“, zieht Kozue mich mit einem Augenzwinkern auf.

„Denkst du, ich lüge?“, begegne ich ihr gespielt empört.

„Keine Ahnung, sag du es mir.“ Eine Antwort meinerseits bleibt aus, da Masao völlig außer Atem die Tür öffnet.

„Entschuldigt, dass ich so spät komme“, keucht er.

„Schon gut, du hast nur das gegenseitige Necken von Kozue und Yamato verpasst“, witzelt Naoki und spielt beiläufig ein paar Akkorde auf seiner Gitarre.

„Also nichts Wichtiges. Ging es wieder um Yamatos geheimes Doppelleben?“ Masao stellt seinen Rucksack ab, entledigt sich seiner Jacke und nimmt sich ebenfalls eine Tasse Kaffee.

„So in etwa.“ Naoki lacht erneut.

„Was denn?“, bringt sich Kozue plötzlich ein. „Er will sich mit seiner Heimlichtuerei doch nur interessanter machen.“

„Bei dir scheint seine Strategie auch aufzugehen.“ Als Reaktion auf seine Bemerkung dreht sich Kozue vorgeblich beleidigt von Naoki weg.

„Strategie?“, murmle ich verdutzt und radiere genervt auf meinem Blatt herum. Nach fünf Jahren habe ich mich daran gewöhnt, dass meine Bandmitglieder über mich sprechen, als befände ich mich nicht im Raum. Anfangs reagierte ich noch darauf, doch inzwischen tue ich einfach so, als wäre ich tatsächlich nicht anwesend.

„Bei euch funktioniert es wohl nicht?“, fragt Kozue schmollend.

„Ehrlich gesagt, nein. Ob Yamato etwas von sich erzählen möchte, ist seine Sache. Für mich ist beides in Ordnung.“

„Für mich ist es doch auch in Ordnung“, erwidert Kozue seufzend, kommt zum Tisch zurück und zündet sich eine weitere Zigarette an. Mir ist nicht entgangen, dass Masao mich während des gesamten Gesprächs beobachtet hat. Nun widmet er sich seinem Keyboard. Ich frage mich, womit ich immer wieder seine Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Vielleicht sollte ich ihn wirklich endlich einmal darauf ansprechen. Mit der Zeit ist es nämlich anstrengend, ihn zu ignorieren. Zudem bin ich normalerweise ohnehin eher der direkte Typ. Warum fällt es mir bei ihm nur so schwer? Der Klang der Instrumente reißt mich aus meinen Gedanken. Die drei haben sich offenbar meine Noten angesehen und beginnen mit der Probe des neuen Liedes. Ich schaue wieder auf meine Notizen. Shota warf mir vor, ich hätte seine Familie zerstört. Irgendetwas muss in den letzten Jahren also vorgefallen sein. Erzählte Shinya seiner Frau letztlich doch von seiner pädophilen Neigung? Aus Angst, die Kontrolle zu verlieren? Ließ seine Frau sich daraufhin von ihm scheiden und nahm Shota mit sich, um ihn zu schützen? Oder macht Shota mich für das Verhalten seines Vaters verantwortlich? Möglicherweise gibt er mir die Schuld an dem, was sein Vater mit ihm machte. In gewisser Weise hat er damit sogar Recht, weil ich Shinya damals auf Abstand hielt. Jetzt sehe ich auch, dass es ein Fehler war, mich generell von ihm zu trennen. Wie so oft habe ich damals egoistisch gehandelt und ihn einfach im Stich gelassen. Verdammt, auf diese Weise wird der Text nie fertig. Ich schaue zu meinen Bandmitgliedern, die vollkommen konzentriert und wie von mir gewünscht die neue Melodie einstudieren. Seufzend schließe ich meine Augen und versuche einen klaren Kopf zu bekommen. Als Shota vor mir stand, waren seine Augen voller Schmerz und Verachtung. Seinen Hass konnte ich deutlich fühlen. Aber was, außer Rechtfertigungen, könnte ich ihm entgegenbringen? Eine Entschuldigung? Die würde nichts ungeschehen machen. Zudem gibt es nichts, wofür ich mich rechtfertigen oder entschuldigen müsste. Hätte ich seinem Vater meinen Körper nicht zur Verfügung gestellt, hätte er andere Strichjungen gevögelt.

„Yamato, die Melodie ist irgendwie…“

„Ich habe noch etwas Dringendes zu erledigen“, unterbreche ich Kozue, packe hastig meine Sachen zusammen und lasse meine Bandmitglieder ratlos zurück.
 

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, nach so langer Zeit wieder vor dieser Tür zu stehen. Das Schild mit der Aufschrift Takano gibt mir jedoch ein wenig Sicherheit. Offenbar wohnt zumindest er noch hier. Trotz allem nervös berühre ich den Klingelknopf und warte. Sogleich vernehme ich Schritte von der anderen Seite, bis die Tür geöffnet wird. Shinya schaut mich müde an, dann allerdings zeigt sich Erkennen auf seinem Gesicht.

„Yamato.“

„Ja“, bestätige ich schüchtern. Für einen kurzen Moment stehen wir uns schweigend gegenüber, ohne dass sich die Atmosphäre unangenehm anfühlt.

„Komm rein, es ist kalt“, bittet Shinya mich schließlich und tritt einen Schritt zur Seite. Ohne ihn anzusehen, gehe ich an ihm vorbei in die Wohnung. Er schließt hinter mir die Tür. „Zieh deine Jacke aus, wir gehen ins Wohnzimmer. Möchtest du etwas trinken?“

„Wäre Kaffee in Ordnung?“, frage ich und entledige mich dabei meiner Schuhe. Shinya lächelt matt. Es ist die erste halbwegs positive Gefühlsregung, die er mir seit meiner Ankunft entgegenbringt.

„Zum Glück gibt es Dinge, die sich nie ändern. Geh bitte schon ins Wohnzimmer, ich bereite in der Küche schnell den Kaffee zu. Noch immer sehr stark und schwarz, nehme ich an.“ Ich nicke, woraufhin er sich abwendet. Beim Betreten des Wohnzimmers fällt mir auf, dass sich die Einrichtung von damals sehr verändert hat. Sie ist wesentlich spartanischer und weniger familiär. Dass ich mit meinen Befürchtungen falsch liege, wird immer unwahrscheinlicher. Eine Tasse in jeder Hand tragend durchquert Shinya den Raum und stellt sie auf dem kleinen Tisch ab, bevor er neben mir auf dem Sofa Platz nimmt. Keiner von uns sagt ein Wort.

„Hier hat sich vieles verändert“, beginne ich das Gespräch direkt in die von mir angestrebte Richtung zu lenken, während ich meinen Blick starr auf den Dampf des heißen Kaffees richte.

„Ich wohne seit einigen Jahren allein in dieser Wohnung“, bestätigt Shinya letztlich meine Vermutung in monotonem Tonfall.

„Was ist passiert… Shinya?“, frage ich nun unvermittelt. Er schweigt. „Shinya“, hake ich nach, schaue ihn aber noch immer nicht an.

„Er war dreizehn… als ich mit ihm geschlafen habe.“ Der Stimme meines einstigen Freiers entnehme ich keinerlei Emotionen. Irritiert blicke ich auf und drehe mich zu ihm.

„Shota meinte, du hättest ihn nicht vergewaltigt.“ Als er den Namen seines Sohnes hört, sucht mein Gegenüber zum ersten Mal Blickkontakt.

„Ihr habt euch getroffen?“

„Mehr zufällig.“ Shinya beugt sich vor, stützt seine Ellenbogen auf seine Oberschenkel und berührt mit seiner Stirn die Daumen seiner sonst zur Faust geballten Hände.

„Er tut also nach wie vor so, als wäre nichts geschehen. Aber durch Leugnen oder Schweigen kann er sich nicht davor schützen, an meinem Übergriff zu zerbrechen. So einfach vergisst man nicht und so einfach kann er seinen Hass für mich nicht überwinden.“ Meine Eingeweide ziehen sich schmerzhaft zusammen. Ich fühle widersprüchliche Gefühle in mir aufkommen und schaffe es nicht, das Chaos in meinem Kopf zu ordnen. „Erst nachdem ich mich an ihm vergangen hatte, realisierte ich meine Tat. Shota weinte nicht, doch der Ausdruck seiner Augen war nicht mehr der eines Kindes. Er verweigerte mir eine Selbstanzeige, weil niemand von dem, das nie passiert ist, erfahren darf. Zudem will er nicht, dass ich durch eine Verurteilung die Möglichkeit bekomme, mein Gewissen zu bereinigen. Er war voller Verachtung, als er sagte, ich soll lieber an meinen Schuldgefühlen zugrunde gehen. Um ihn wenigstens in Zukunft vor mir zu schützen, blieb mir letztlich nur die Scheidung. Seitdem habe ich ihn weder gesehen noch mit ihm gesprochen. Meine Frau kontaktiert mich aber in regelmäßigen Abständen, um mir von Shota zu erzählen. Sie weiß bis heute nicht, was ich unserem Sohn angetan habe. Seine zurückgezogene Art, das teils aggressive Verhalten sowie die strikte Ablehnung meiner Person schreibt sie der Scheidung zu. Sie denkt, dass Shota mir die Schuld am Zerbrechen unserer Familie gibt, womit sie nicht einmal falsch liegt. Er untersagte es ihr sogar, mir ein Foto von ihm zukommen zu lassen. Vermutlich glaubt er, ich benutze es als Wichsvorlage und hole mir bei seinem Anblick einen runter.“ Ich bilde mir ein, ein verzerrtes Lächeln auf seinen Lippen zu sehen, doch gleichzeitig tropfen Tränen auf den Stoff seiner Hose. Hilflos schaue ich zu Boden, unfähig der Situation angemessen zu reagieren. „Du hast deinen Kaffee noch gar nicht angerührt“, bemerkt mein Gegenüber, um Fassung bemüht.

„Du auch nicht“, gebe ich sanft zurück. „Shinya?“ Mit ernstem Gesichtsausdruck betrachte ich ihn. „Du siehst furchtbar aus. Was und wie oft konsumierst du, um mit deinem Übergriff und Shotas Verhalten klarzukommen?“

„Alkohol, GHB, Kokain, LSD, Heroin. Täglich. Je nach Verfassung eine oder mehrere Substanzen.“

„Wie schaffst du es, in diesem Zustand zu unterrichten?“, frage ich skeptisch.

„Gar nicht. Ich wurde vorübergehend suspendiert und muss mich einer psychologischen Behandlung unterziehen, weil ich alkoholisiert in der Schule erschien. Den Dienst darf ich nur wieder antreten, wenn der Psychologe es bescheinigt.“ Erst jetzt fällt mir der Aschenbecher auf, der sauber, scheinbar unbenutzt auf dem Tisch steht.

„Du rauchst?“, hake ich nach.

„Gelegentlich etwas Cannabis. Wenn du willst, zünde dir ruhig eine Zigarette an.“ Ich nicke und stehe vom Sofa auf. Das Nikotin brauche ich jetzt wirklich.

„Die sind in meiner Jackentasche“, erkläre ich knapp, werde jedoch am Gehen gehindert, da Shinya mich am Handgelenk festhält. Durch die unerwartete Berührung zucke ich heftig zusammen.

„Erzählst du mir dann bitte, warum du hier bist?“ Ohne zu antworten löse ich mich aus seinem Griff und verlasse den Raum. Ich fühle mich unsicher und meine von ihm berührte Haut brennt noch immer, verlangt nach mehr. Wäre ich damals nicht so egoistisch gewesen, hätte Shinya seinen Sohn nicht vergewaltigt. Wut und Hass auf mich selbst kriechen in mir empor, erschweren mir das Schlucken. Letztlich veränderte die Lossagung von meinem einstigen Freier nichts in meinem Leben, zerstörte dafür aber das von Shota und Shinya. Wieder zurück im Wohnzimmer setze ich mich an dieselbe Stelle wie zuvor und entzünde eine Zigarette. Tief inhaliere ich den Rauch und schließe meine Augen.

„Die Begegnung mit Shota ließ mich nicht mehr los. Ich wollte dich sehen und gab diesem Begehren schließlich nach. Das ist alles.“

„Ich freue mich, dass du hier bist“, gibt er sehr zurückhaltend zu.

„Bist du momentan drauf?“ Meine Worte sind weniger als Frage formuliert, da ich mir sicher bin, die Antwort bereits zu kennen.

„Nur etwas GHB.“ Geräuschvoll ausatmend drücke ich die Zigarette im Aschenbecher aus und wende mich meinem einstigen Freier zu.

„Bitte verzeih mir“, flüstere ich mit gesenktem Kopf.

„Yamato. Du fühlst dich schon wieder für meine Fehler verantwortlich.“ Ich spüre seine Finger, die leicht über meine Wange streichen. „Wenn du nicht möchtest, dass ich dich anfasse…“

„Ich möchte es“, unterbreche ich ihn sofort und schiebe seine andere Hand unter meinen Pullover. „Shinya…“ Mit einem Kuss bringt er mich zum Schweigen. Die Vertrautheit seines Geruchs sowie seines Körpers, mit dem er mich behutsam zurück, in eine liegende Position drängt, lässt mich allmählich entspannen. Ich schließe meine Augen, als Shinya mich meiner Hose entledigt und damit beginnt, mir einen zu blasen. Erregt greife ich in seine Haare, lege meinen Kopf in den Nacken und versuche meine beschleunigte Atmung zu kontrollieren. Trotzdem gelingt es mir nicht, ein Stöhnen zu unterdrücken. Ohne sein Tun zu unterbrechen, dringt er mit zwei Fingern in mich ein. Ich bäume mich auf und presse mir eine meiner Hände auf den Mund, um mein lauter werdendes Keuchen zu unterbinden.

„Nicht, Yamato. Ich möchte deine Stimme hören.“ Er entfernt seine Finger, um unvermittelt derb in mich einzudringen und mich mit kräftigen Stößen zu penetrieren. Erleichtert stelle ich fest, dass sich an seiner brutalen Art, mich zu nehmen, nichts geändert hat. Ich lasse mich fallen, gebe mich Shinya und dem Schmerz bedingungslos hin. Dennoch gelingt es mir nicht, Taichi für den Augenblick zu vergessen. Vielleicht aber auch gerade deshalb.

Mit dröhnenden Kopfschmerzen schließe ich die Tür zu unserer Wohnung auf. Als ich mich im Flur meiner Schuhe entledige, bemerke ich Taichi, der sich an den Türrahmen zum Schlafzimmer lehnt und mich beobachtet.

„Du kommst spät. Probt ihr in nächster Zeit wegen des bevorstehenden Konzertes wieder länger?“

„Der neue Song muss noch einstudiert werden“, weiche ich seiner Frage aus, um nicht lügen zu müssen. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil ich mit Shinya geschlafen und Taichi ein weiteres Mal betrogen habe. Aber die Tatsache, dass ich mich bei einem anderen konnte fallen lassen, bei meinem Freund jedoch nicht, lastet schwer auf mir.

„Verstehe“, meint dieser knapp und wendet sich von mir ab.

„Taichi“, flüstere ich und halte ihn so davon ab, ins Schlafzimmer zu gehen. Bedächtigen Schrittes laufe ich auf ihn zu und ziehe ihn dicht an mich. Als Reaktion legt er seine Hände um meine Taille und küsst mich innig. Ohne uns voneinander zu lösen, stolpern wir ins Schlafzimmer, wo ich rücklings auf die Matratze des Bettes sinke. Über mich gebeugt zwingt mein Freund meine Beine mit seinem Knie ein Stück auseinander, öffnet hastig meine Hose und gleitet mit seiner Hand in meine Unterhose. Ich spüre, wie sich mein Körper verkrampft. Meine Lippen beben vor Erregung, weshalb ich derart kräftig auf meine Unterlippe beiße, dass ich Blut schmecke.

„Entspann dich, Yamato“, raunt Taichi mit heiserer Stimme in mein Ohr. Sein warmer Atem liebkost sanft meine Haut. Ich schließe meine Augen. Nach dem Sex mit Shinya war ich nicht unter der Dusche, sein Sperma klebt somit möglicherweise noch in mir. Der Gedanke, so mit Taichi zu schlafen, widert mich an und doch sehne ich mich danach, ihn in mir zu spüren.

„Tai, ich…“

„Shh“, unterbricht er mich. Erneut fühle ich seine Zunge fordernd in meinem Mund. Halbherzig versuche ich ihn von mir zu schieben, gebe aber auf, als ich merke, dass er sich nicht abweisen lassen will. Wüsste Tai, dass Shinya kurz zuvor in mir war, würde er mich sicher nicht mehr ficken wollen. Andererseits macht er in solchen Situationen eher seine Besitzansprüche deutlich und nimmt mich auf besonders brutale Weise. Erst jetzt registriere ich, dass mein Freund mich bereits meiner Hose entledigte und dabei ist, seine eigene ein Stück herunterzuziehen.

„Taichi… warte…“, fordere ich ihn mit stockendem Atem auf, da er mich noch immer mit seiner Hand befriedigt.

„Warum sollte ich?“, erwidert er kühl, ohne sein Tun zu unterbrechen.

„Ich will… nicht.“

„Das interessiert mich nicht.“ Grob hält er mich an den Handgelenken fest. „Jetzt halt still und mach die Beine breit.“ Ich drehe meinen Kopf zur Seite, als Taichi sich schmerzhaft in mich stößt, bis er vollständig in mir ist. Ungewollt laufen Tränen über mein Gesicht. Wie eine leblose Puppe liege ich unter meinem Freund und lasse den Sex über mich ergehen. Tai wird ohnehin schnell genug von mir haben. Wie immer, wenn er mich auf diese rücksichtslose Weise fickt. Ihm geht es in solchen Momenten nicht darum, mich zu spüren. Er will mir wehtun, mich erniedrigen. Nur verstehe ich nicht, wodurch dieses Mal sein grobes, vielleicht sogar dissoziatives Verhalten ausgelöst wurde. Qualvolles Stöhnen entweicht meiner Kehle und ich bäume mich leicht auf. Die Schmerzen sind zwar erträglich, aber ich fühle mich unglaublich dreckig.

„Genießt du es, dich an Abschaum wie mir zu vergehen?“, frage ich mit brüchiger Stimme. Taichi lässt meine Handgelenke los und schlägt mir hart ins Gesicht. Dann zieht er sich aus mir zurück.

„Du bist kein Abschaum. Nur eine kleine billige Hure.“ Er wendet sich von mir ab. „Wenn du dich das nächste Mal von einem anderen vögeln lässt, wasch dir wenigstens seinen Gestank ab, bevor du in meine Nähe kommst.“ Ohne auf eine Reaktion meinerseits zu warten, geht er aus dem Zimmer. Kurz darauf höre ich, wie die Badtür abgeschlossen wird. Mit tränenverschleiertem Blick und brennenden Augen drehe ich mich auf die Seite und krümme mich schluchzend zusammen. Mein Körper bebt und ich beginne durch den auskühlenden Schweiß auf meiner Haut zu frieren. Nur mit Mühe gelingt es mir, aufzustehen. Ich schleppe mich zum Kleiderschrank und entnehme ein paar saubere Sachen. Anschließend verlasse ich den Raum, laufe durch den Flur zum Badezimmer. Ich klopfe gegen die Tür. Als Taichi diese öffnet, ist sein Blick herablassend.

„Was ist? Ich will duschen, dein Dreck klebt an mir. Und wenn ich daran denke, wie viele Schwänze möglicherweise zuvor in dir abspritzten, wird mir schlecht.“ Ich lächle verzerrt.

„Warum wolltest du mich dann unbedingt ficken? Um zu beweisen, dass du es mir besser besorgen kannst? Ich muss dich enttäuschen. Momentan fühle ich, wenn du in mir bist, genauso wenig wie bei meinen Freiern.“ Ich schaue meinen Freund nicht an. Eigentlich wollte ich ihm diese Wahrheit nicht an den Kopf werfen. Zumal sich die vorhandenen Empfindungen sehr unterscheiden. Bei Taichi verspürte ich noch nie Ekel, egal, was er mit meinem Körper machte. Meine Freier hingegen brauchen mich nur zu berühren und Übelkeit ergreift Besitz von mir. Warum aber ließ mich der Sex mit Shinya etwas fühlen? Lag es an der Situation? Mitleid wegen Shota hatte ich nicht mit ihm, immerhin verlor er die Beherrschung und vergewaltigte seinen Sohn. Zwar verurteile ich ihn nicht, denn er ist anders als der Sportlehrer, der mich damals…

„Also bin ich für dich inzwischen nicht mehr als einer deiner Freier, wenn du mich schon mit denen vergleichst?“, reißt Taichi mich aus meinen Gedanken. Seine Worte klingen kalt und gleichgültig, aber an seinen Augen erkenne ich, dass ihn meine Aussage sehr verletzte.

„Lässt du mich bitte zuerst ins Bad? Ich muss zur Arbeit“, ignoriere ich die Frage meines Freundes.

„Du sagtest, du hast heute frei“, gibt er argwöhnisch zurück.

„Ich springe für Reiji ein“, erkläre ich mit einem Schulterzucken. Tais Blick verfinstert sich.

„Das wirst du nicht.“ Ohne weiter auf mich zu achten, geht er an mir vorbei in den Flur, nimmt unsere Wohnungsschlüssel an sich und verschließt die Tür.

„Was soll das werden?“ Ungläubig starre ich meinen Freund an.

„Wonach sieht es denn aus? Du gehst nirgendwohin.“

„Verdammt, Yagami! Drehst du jetzt durch?“ Allmählich werde ich unruhig, doch sein Gesichtsausdruck bleibt ernst und ohne jede Regung.

„Yamato. Dein Körper gehört mir, hast du das noch immer nicht verstanden?“ Taichi kommt auf mich zu und packt mich unsanft am Kinn. „Ich akzeptiere deine Eskapaden nicht mehr, mein Liebling. Glaubst du wirklich, ich bekam nicht mit, dass du über die Jahre nie aufgehört hast dich von anderen vögeln zu lassen? Deine sogenannte Arbeit ist nur ein Vorwand, nicht wahr? Auf diese Weise lernst du viele potentielle Kunden kennen. Und mit diesem Wichser Reiji treibst du es auch, hab ich recht? Du bist und bleibst eben nichts weiter als eine schmutzige Hure.“ Er will mir einen Kuss aufzwingen, doch ich stoße meinen Freund derb von mir.

„Und was ist mit dir?“, schreie ich ihn verzweifelt an. „Warst du nie mit einer deiner zahlreichen Verehrerinnen von der Arbeit im Bett?“

„Nein, Yamato. Obwohl ich zugebe, daran gedacht zu haben, um dich zu verletzen. Aber wahrscheinlich wäre es dir…“

„Egal? Willst du das sagen?“ Wut steigt in mir auf. Unwillkürlich balle ich meine Hand zur Faust und schlage meinem Gegenüber ohne Vorwarnung derb ins Gesicht. Blut läuft aus Tais Nase, doch er bleibt unerwartet ruhig, fixiert mich durchdringend mit seinen Augen. „Ich gehe jetzt ins Bad und mache mich für die Arbeit fertig. Wenn ich wieder rauskomme, ist die Wohnungstür offen“, fordere ich mit drohendem Unterton.

„Nein.“

„Das war keine Bitte, Taichi!“

„Ich weiß.“ An seinem starrem Blick erkenne ich, dass mein Freund fest entschlossen und jede Diskussion sinnlos ist. Heftig schlage ich die Badezimmertür hinter mir zu. Zitternd vor Erregung schaue ich zum Medizinschrank. Ein paar Schnitte mit der Rasierklinge könnten mich vielleicht etwas beruhigen. Ich betrachte meinen inzwischen nahezu komplett vernarbten linken Unterarm und fahre mit den Fingern leicht über die Unebenheiten. Seufzend entkleide ich mich vollständig. Unter der Dusche schrubbe ich meinen Körper mit dem dampfend heißen Wasser, bis meine Haut stark gerötet ist. Der brennende Schmerz ist zwar kein gleichwertiger Ersatz, aber auch er schafft es, mich etwas zu beruhigen. Vorsichtig führe ich zwei meiner Finger in mich ein, in der naiven Hoffnung, die Unreinheit aus mir herauswaschen zu können. Dabei weiß ich genau, dass ich dieses dreckige Gefühl, welches sich schon zu meiner Schulzeit tief in mich einbrannte, nicht mehr loswerde. Behutsam tupfe ich mich mit einem Handtuch trocken und ziehe mich anschließend mit bedächtigen Bewegungen an. Als ich die Badtür öffne, sehe ich Licht im Wohnzimmer und Laute von Handfeuerwaffen sowie Kriegslärm dringen an mein Ohr. Offenbar reagiert sich Taichi einmal mehr mit Hilfe eines Konsolenspiels ab.

„Gibst du mir bitte meinen Schlüssel?“, rufe ich ihm zu, da ich weiß, wie stur mein Freund sein kann, und somit davon ausgehe, dass die Wohnungstür nach wie vor verschlossen ist. Keine Reaktion. Als ich den Raum betrete, sehe ich wie Taichi auf dem Boden vor dem Fernseher sitzend auf den Kontroller einhämmert. Unerwartet drückt er die Pause-Taste, kramt in seiner Hosentasche nach etwas und wirft mir dann meinen Schlüssel zu.

„Geh“, sagt er mit monotoner Stimme.

„Tai…“ Traurig betrachte ich ihn.

„Die Nachtschicht beginnt immer um zweiundzwanzig Uhr, oder? Wann hast du Schluss? Ich hole dich ab. Nach Mitternacht fährt keine Bahn mehr und ich hasse es, wenn du in einem Hotel übernachtest.“

„Es macht mir nichts aus, in einem Hotel zu übernachten. Zudem musst du morgen wie immer früh aufstehen, oder?“, wende ich mit Zurückhaltung ein.

„Verstehe. Du hast dich mit jemandem zum Ficken verabredet.“

„Meine Schicht endet um drei Uhr“, gebe ich schließlich nach. Ohne mich weiter zu beachten, widmet sich Taichi erneut seinem Spiel. Ich wende mich wortlos ab und gehe in den Flur. Während ich meine Schuhe anziehe, verschwimmt allmählich meine Sicht und der Druck in meinem Hals beim Schlucken ist unangenehm.
 

Gedankenversunken stehe ich am Bahnsteig der Hibiya Line. Die Musik, die aus meinen Kopfhörern an meine Ohren dringt, nehme ich kaum wahr. War es ein Fehler, noch einmal den Kontakt zu Shinya zu suchen? Oder nutzte ich nicht vielmehr die Konfrontation mit Shota als vorgeschobenen Grund, um wieder in seiner Nähe sein zu können? Schließlich war es mir nicht möglich, ihn über die Jahre zu vergessen, auch wenn ich es mit aller Gewalt versuchte. Ich vermisste ihn als eine Person, die mir Halt geben konnte und die mein Verlangen nach Drogen, das Entfliehen vor der Realität verstand, ebenso wie den Sex, der sich stark von dem mit Taichi unterscheidet, jedoch sehr an meinen Vater erinnert, nur dass mein Vater wesentlich zärtlicher, allerdings auch weniger leidenschaftlich war. Taichi lässt mich, vor allem in letzter Zeit, überwiegend seine Verachtung spüren, wenn er mit mir schläft. Dabei interessiert es ihn nicht, ob er gegen meinen Willen handelt und mich zum Sex zwingt. Er nimmt sich, wonach ihm verlangt. Zudem macht er deutlich, dass er mich oft einfach nur erniedrigen will. Ebenso vorhin, als er mich ziemlich gefühlskalt, nahezu routiniert fickte, Hure nannte und auf meinen Körper reduzierte. Unsere Beziehung lief nie besonders gut, doch im Laufe der Jahre wurden die Augen meines Freundes immer ausdrucksloser. Unser Spiel, die Lüge, auf der alles aufbaute, zerstört ihn. Ich zerstöre ihn, weil ich mein selbstschädigendes Verhalten nicht in den Griff bekomme, vielleicht nicht in den Griff bekommen will. Geistesabwesend steige ich in die U-Bahn und nehme auf einem der freien Sitze Platz. Um diese Uhrzeit ist es beinahe angenehm, mit einem öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs zu sein, da die Passagiere kontinuierlich weniger werden und ich eigentlich nie stehen und die Berührungen anderer Menschen ertragen muss. Ein Spiel. Ist es das für mich wirklich jemals gewesen? Und Taichi? Ist es für ihn wirklich jemals mehr geworden? Andererseits bezweifle ich, dass er aus Gefälligkeit oder Mitleid mit mir zusammen ist. Tai ist zwar um einiges empathischer als ich, aber nicht heuchlerisch. Erschreckt zucke ich zusammen, als mich jemand unerwartet an der Schulter berührt. Ich blicke nach oben, um zu sehen, wer vor mir steht.

„Masao“, flüstere ich und schiebe dabei meine Kopfhörer vom Kopf in den Nacken.

„Hallo Yamato“, begrüßt er mich mit einem Lächeln. „Du siehst überrascht aus.“

„Ja, ich hatte nicht erwartet dich zu treffen.“

„Meine Freundin wohnt in Ebisu“, erklärt mein Gegenüber, während er sich neben mich setzt. „Ich war bis eben bei ihr und bin nun auf dem Weg nach Hause.“

„Ebisu?“

„Ihre Eltern sind sehr wohlhabend. Sie selbst ist erst einundzwanzig Jahre alt und studiert noch.“ Ein leises Seufzen kommt über Masaos Lippen. „Weißt du, oft ist es gar nicht so einfach, den Anforderungen der Oberschicht gerecht zu werden. Die Eltern meiner Freundin dulden mich derzeit zwar, aber sie akzeptieren mich noch nicht. Sie verlangen, dass ich die Band verlasse, weil ein derartiger, wie sie es abfällig nennen, Zeitvertreib nicht standesgemäß ist. Solch eine Diskussion verschuldete auch mein Zuspätkommen zur Probe am Nachmittag.“ Nachdenklich starre ich zu Boden. Über persönliche Angelegenheiten sprechen wir selten und eigentlich bin ich froh darüber, weil ich nie weiß, wie ich auf die Worte oder die Situation reagieren soll.

„Dieses Mal gibt es nach dem Konzert eine After-Show-Party“, wechsle ich unbeholfen das Thema, wobei ich diesbezüglich wenig Enthusiasmus in meine Stimme lege.

„Bei welcher zudem Anwesenheitspflicht für die Bands besteht. Ich dachte mir schon, dass du nicht begeistert sein wirst. Vielleicht reicht es aber, wenn du nur zu Beginn da bist. Andererseits stehst du gerade als Sänger im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.“

„Machen dir solche Events nichts aus?“ Ich wende mich wieder Masao zu, der mich mit einer Mischung aus Verständnis und Ernsthaftigkeit betrachtet.

„Ehrlich gesagt kann ich mir auch Schöneres vorstellen. Trotzdem gehört es dazu, dessen sollten wir uns immer bewusst sein. Vor allem, da wir anstreben erfolgreicher zu werden, um unseren Lebensstandard allein durch Musik finanzieren zu können. Wir brauchen die Öffentlichkeit, verlieren im Gegenzug jedoch ein Stück Privatsphäre.“

„Du hast recht“, murmle ich etwas betreten. „Diesmal versuche ich bis zum Schluss zu bleiben.“

„Nein, Yamato. Für dich ist die Nähe zu vielen Menschen, noch dazu überwiegend Unbekannten, die dich außerdem einfach berühren können, beinahe unerträglich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du es so einfach schaffst, durchzuhalten.“ Ich bringe meinem Gegenüber ein Grinsen entgegen.

„Dann hilf mir, indem du mir Gesellschaft leistet.“

„Wenn der sonst eher scheue Herr mich höchstpersönlich darum bittet und Wert auf meine bescheidene Gesellschaft legt, kann ich ihm diese unmöglich verweigern. Es wäre mir sogar eine Ehre.“ Masao deutet eine Verbeugung an, woraufhin wir beide zu lachen beginnen. „Bist du gerade auf dem Weg zur Abeit?“ Die Frage kommt unerwartet und lässt mein Lachen abrupt verstummen.

„Was?“ Ich schaue meinen Bandkollegen erst irritiert, dann abschätzig an. Masao lächelt noch immer.

„Im Gegensatz zu Kozue glaube ich dir. Und ich kann mir vorstellen, welcher Art von Job du nachgehst.“

„Wie…“

„Keine Sorge, Yamato. Es war nur ein Scherz.“ Masaos Mimik lässt nichts erkennen, doch ich bin mir sicher, dass er seine Aussage durchaus ernst meinte. Warum immer wieder diese Andeutungen? Einbildung meinerseits ist es jedenfalls nicht, dessen bin ich mir inzwischen sicher.

„Masao?“, beginne ich, unterbreche mich jedoch sofort wieder. Ihn jetzt darauf anzusprechen, würde nichts bringen, da ich an der nächsten Haltestelle aussteigen muss. Unzufrieden schaue ich aus dem Fenster, bemerke im Augenwinkel aber Masaos Blick, der abwartend auf mir ruht.

„Yamato?“, fragt er schließlich.

„Es ist nichts“, entgegne ich versucht gelassen und erhebe mich, da die Bahn allmählich zum Stillstand kommt. „Ich muss hier raus. Wir sehen uns dann bei der Probe.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, eile ich aus der Bahn, weg von meinem Bandkollegen, der mich aus unerfindlichen Gründen immer wieder verunsichert und Gefühle wie Schutz- und Haltlosigkeit in mir auslöst. Ich schiebe meine Kopfhörer zurück auf meine Ohren, in der Hoffnung, mich mit Hilfe der Musik etwas beruhigen zu können. Mein Herz rast, als ich durch die Roppongi Station zur Oedo Line laufe, um nach Shinjuku zu gelangen.
 

„Hey Yamato, bring diesen Drink bitte dem Gast an Tisch sieben. Eine kleine Geste, geht aufs Haus“, fordert mich mein Vorgesetzer mit einem vielsagenden Lächeln auf. Verwundert folge ich seinem Blick. Reiji. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. So freudig verschwörerisch verhält sich mein Chef nur, wenn er wieder einmal versucht, Reiji und mich zu verkuppeln. Seit er mitbekam, dass Reiji mich rumzukriegen versucht, lässt er keine Gelegenheit aus, um Situationen zu schaffen, in denen potentiell etwas in sexueller Richtung passieren könnte. Vor längerer Zeit fragte ich ihn nach dem Grund, doch er meinte nur, dass er es lustig fände. Dabei scheint die Beziehung zwischen ihm und Reiji nicht nur auf beruflicher Ebene zu basieren. Meines Erachtens ist ihr Verhältnis eher freundschaftlich, wenn nicht sogar intim. Wortlos nehme ich das Tablett, halte jedoch verdutzt inne.

„Für wen ist das zweite Glas? Er scheint nicht in Begleitung zu sein.“

„Für dich. Er ist allein hier, leiste ihm ein wenig Gesellschaft. Wenn er vor drei Uhr gehen will, kannst du gern mit ihm gehen. Selbstverständlich zahle ich dir trotzdem deinen vollen Lohn.“ Bedeutungsvoll zwinkert er mir zu. Mit einem Seufzen komme ich der Aufforderung nach. Es bringt nichts, diesbezüglich mit ihm zu diskutieren. Ein paar Mal versuchte ich es bereits. Erfolglos.

„Ist dein kleines Abenteuer etwa schon vorbei? Er war wohl nicht gut im Bett?“, begrüße ich meinen Arbeitskollegen spöttisch, während ich das Tablett auf dem Tisch abstelle.

„Doch, es war ganz nett. Aber da ich weiß, dass deine Schicht drei Uhr endet…“ Reiji grinst und nippt kurz an seinem Glas. Dann greift er nach meinem Handgelenk und zieht mich zu sich auf das Sofa hinab. Gerade noch schaffe ich es, mein Gleichgewicht so zu verlagern, dass ich nicht auf seinem Schoß lande. Dennoch lässt er mich nicht los. „Ich dachte, wir könnten den Rest der Nacht miteinander verbringen.“

„Falsch gedacht. Ich sagte dir bereits mehrfach…“

„Ich würde es als Geburtstagsgeschenk betrachten“, grinst mein Arbeitskollege und leert sein Glas in einem Zug bis zur Hälfte.

„Glückwunsch, wenn du Geburtstag hast, aber das mit der Nacht kannst du vergessen“, entgegne ich und versuche mich unauffällig, aber vergeblich aus seinem Griff zu befreien.

„Es muss nicht unbedingt Nacht sein. Ich hätte auch gern am Tag Sex mit dir.“ Bei diesen Worten streicht er mit seiner freien Hand die Innenseite meines Oberschenkels hinauf. Ich gebiete ihm Einhalt, indem ich ihn grob am Handgelenk festhalte, meine aufkommende Erregtheit unterdrückend.

„Hör auf!“, zische ich genervt.

„Aber es gefällt dir, wenn ich dich berühre. Dein Körper reagiert, nicht wahr?“

„Habe ich das jemals abgestritten? Ich finde dich auch sehr attraktiv und anziehend, dennoch…“ Reiji unterbricht mich, indem er mich plötzlich zu sich zieht und mir einen Zungenkuss aufzwingt. Der Geruch von Alkohol steigt in meine Nase und erinnert mich, ebenso wie der Geschmack, an Taichi, als er noch abhängig war. Für einen kurzen Moment schließe ich meine Augen und stelle mir vor, Taichi würde mich küssen. Sehnsüchtig lasse ich mich auf das Spiel ein, doch es ist nicht mein Freund, der mich küsst. Taichi schmeckt, trotz Alkohol, anders. Er riecht anders, fühlt sich anders an und berührt mich anders, geht anders mit mir um. Resolut drücke ich meinen Arbeitskollegen von mir, der zu meiner Überraschung ohne Widerstand von mir ablässt.

„Gut so. Gib dich mir hin“, flüstert er mir liebevoll ins Ohr. „Du musst nicht so verkrampft sein, Yamato. Lass dich einfach fallen.“ Er nimmt das noch unangerührte Glas vom Tisch und hält es mir entgegen. „Trink, das hilft dir etwas lockerer zu werden.“ Ich bleibe unbewegt.

„Willst du mich abfüllen, in der Hoffnung, mich dann ins Bett zu bekommen? Ziemlich armselig, findest du nicht?“, bemerke ich geringschätzig. „Zudem weißt du, dass ich keinen Alkohol trinke.“

„Gibt es dafür einen Grund?“ Reijis Gesichtsausdruck ist ungewohnt ernst und er wirkt aufrichtig interessiert. Ich schaue auf das Glas, welches er noch immer in der Hand hält.

„Schlechte Erfahrungen“, antworte ich knapp, da ich keine Lust habe, das Thema zu vertiefen. Mein Gegenüber mustert mich erstaunt.

„Du blockst nicht ab? Und dann ist deine Aussage noch recht persönlich. Was ist los?“

„Nichts, verdammt“, herrsche ich Reiji an. Mein Blick fällt erneut auf das mit Alkohol gefüllte Glas. Unüberlegt nehme ich es ihm aus der Hand und trinke dessen Inhalt, ohne abzusetzen. Dann verziehe ich angewidert das Gesicht.

„Yamato, du hättest dich nicht zwingen müssen, das zu trinken.“

„Wieso nicht? Du willst mich doch ohnehin abfüllen. Ich helfe dir lediglich dabei.“ Ein leichter Schauer durchfährt meinen Körper, als Reiji mir unerwartet und sehr sanft über die Wange streicht.

„Versuchst du nicht eher dich zu enthemmen, um später eine Rechtfertigung vor dir selbst für den Sex mit mir zu haben?“

„Ich muss mich nicht vor mir selbst rechtfertigen, wenn ich mit einem Typen schlafe.“

„Interessant. Klingt, als würde das häufiger vorkommen. Offenbar bist du doch nicht so verklemmt, wie ich dachte.“ Ich sage nichts. Zudem merke ich, dass ich es nicht gewohnt bin, Alkohol zu trinken. Dass ich kaum etwas gegessen habe, kommt verstärkend hinzu. Mir ist heiß und mein Gesicht scheint zu glühen. „Yamato“, raunt mein Arbeitskollege, dann spüre ich seine Lippen, die meinen Hals liebkosen, sowie seine Hand, die erneut zwischen meine Beine greift. Nahezu widerstandslos lasse ich ihn gewehren, lehne mich schwer atmend zurück und schließe die Augen. Meine Erregung ist offensichtlich, Leugnen wäre ziemlich sinnlos. Ein leises Stöhnen entweicht meiner Kehle, als Reiji weitergeht und mit seiner Hand in meine Hose gleitet.

„Nicht… am Arbeitsplatz“, bringe ich keuchend hervor.

„Dem Boss scheint zu gefallen, was er sieht“, entgegnet Reiji belustigt. „Aber du hast recht. Hier kann ich nicht sehr viel mehr mit dir anstellen, als dir einen runterzuholen. Gehen wir zu mir.“

„Nein.“

„Ist dir ein Hotel lieber?“

„Nein. Nicht… mehr.“ Warum stoße ich ihn nicht einfach von mir? Dieses eine Glas Alkohol kann mich nicht derart willenlos gemacht haben. Ich bin nicht einmal angetrunken.

„Reiji… ich habe einen Freund.“

„So?“ Wie erhofft unterbricht er sein Tun. „Erwartest du jetzt, dass ich mein Begehren, mit dir zu schlafen, aufgebe? Ich mag dich, ich will dich, aber ich liebe dich nicht. Nur Sex ist doch okay, wenn man Sex von Liebe trennen kann. Oder kannst du das nicht?“ Ich öffne meine Augen und schaue ihn schweigend an. „Betrachte es als Sammeln von Erfahrung.“ Ein verzerrtes Lächeln legt sich auf meine Lippen. An Erfahrung mangelt es mir nicht und auf einige hätte ich lieber verzichtet.

„Mein Freund ist sehr besitzergreifend.“

„Und trotzdem gehst du mit anderen Männern ins Bett, nicht wahr? Ich bin mir sicher, auch er hat hin und wieder mit einem anderen Mann Sex.“

„Wenn, dann eher mit einer Frau“, murmle ich missmutig.

„Er ist bi? Dann ist es sogar noch wahrscheinlicher, dass er fremdvögelt.“

„Darum geht es nicht, Reiji“, weise ich meinen Arbeitskollegen in strengem Tonfall zurecht. „Akzeptiere endlich, dass zwischen uns nichts laufen wird.“

„Vorhin sah das aber ganz anders aus“, erwidert er mit einem Grinsen. „Irgendwann werde ich dich rumkriegen. Und das weißt du.“ Sanft küsst er meine Lippen, dann meine Wange, bevor er mit dem Daumen leicht darüberstreicht. „Mir ist egal, ob du einen Freund hast…“

„Ich muss los“, werfe ich plötzlich ein, schließe meine Hose und erhebe mich, doch Reiji hält mich am Handgelenk zurück.

„In diesem Gespräch hast du mehr von dir preisgegeben als in den letzten drei Jahren. Warum?“ Verlegen senke ich meinen Blick.

„Ich weiß es selbst nicht“, flüstere ich kaum hörbar, aber anscheinend laut genug, damit mein Arbeitskollege es versteht. Er tritt hinter mich und legt seine Arme schützend um meinen Körper. Ein weiteres Mal küsst er meine Wange.

„Pass auf dich auf, okay? Wir sehen uns.“ Dann gibt er mich frei. Ohne Reiji noch einmal anzusehen, eile ich, selbst meinen Chef ignorierend, in den kleinen Raum zum Umkleiden. Hastig wechsle ich Hose und Oberteil, anschließend verlasse ich schnellen Schrittes die Bar. Es ist bereits nach halb vier. Taichi wird aus meiner Verspätung sicher falsche Schlüsse ziehen und mir einmal mehr an den Kopf werfen, eine billige Hure zu sein. Beim Erblicken des Autos überkommen mich gemischte Gefühle, trotz allem überwiegt die Sehnsucht, als ich die Tür öffne und auf dem Beifahrersitz Platz nehme.

„Entschuldige bitte“, murmle ich schuldbewusst, doch mein Freund reagiert nicht, sein Blick ist starr in die nächtliche Dunkelheit gerichtet. Vereinzelt fallen Schneeflocken vom Himmel und lösen sich, sobald sie die Erde berühren, auf. Wortlos startet Taichi den Wagen. Auch während der gesamten Fahrt herrscht unangenehme Stille zwischen uns. Erst als die Wohnungstür hinter uns ins Schloss fällt, breche ich das Schweigen.

„Tai, ich…“

„Lässt du dich neuerdings mit Alkohol abfüllen, bevor du die Beine breit machst?“ Seine Stimme ist kalt, ebenso wie seine Augen, die mich nun fixieren.

„Nein“, antworte ich bestimmt. „Ich habe lediglich Reiji zu seinem Geburtstag etwas Gesellschaft geleistet und dabei ein alkoholisches Getränk zu mir genommen.“ Derb stößt mich Tai mit dem Rücken gegen die Wand, presst seinen Körper dicht an meinen und küsst mich lieblos, aber voller Begierde. Ich gebe ihm nach, obwohl ich weiß, dass er nicht mich, sondern den Alkohol schmecken will, da ich ihn einfach spüren möchte, egal auf welche Weise. Schmerzhaft schlägt mein Herz gegen meinen Brustkorb und einmal mehr wird mir bewusst, wie viel ich für Taichi empfinde, wie sehr ich ihn liebe und dass ich letztlich nur ihn brauche. Tränen laufen meine Wangen hinab und benetzen auch die Haut meines Freundes. Der löst sich von mir und schaut mich herablassend an.

„Du bist erbärmlich, Yamato.“ Trotz seiner Worte zittert seine Stimme, er wirkt zerbrechlich und haltlos. Ich gehe einen Schritt auf ihn zu, doch er weicht beinahe ängstlich zurück. „Fass mich nicht an! Du bist nichts weiter als eine willenlose, vollgewichste Sexpuppe, die zwar zum Ficken gut, aber ansonsten wertlos ist.“ Meine Miene verfinstert sich.

„Ich weiß. Das lässt du mich jedes Mal spüren, wenn du mit mir schläfst.“ Tai sieht mich nicht an. Sein Körper bebt, vermutlich, weil ihm durch den Kuss wieder nach Alkohol verlangt. „Warum riskierst du einen Rückfall?“, frage ich besorgt, ohne jeglichen Vorwurf.

„Weil ich das alles so nicht mehr ertrage!“, schreit Taichi mir ungehalten entgegen. Ich sehe seine Verzweiflung und bin doch unfähig darauf zu reagieren. „Weil ich dich nicht mehr ertrage.“ Den Autoschlüssel fest umklammert, verlässt mein Freund die Wohnung. Eine Weile stehe ich reglos im Flur, vielleicht, weil ich hoffe, dass Tai zurückkommt. Aber er kommt nicht zurück. Wie in Trance gehe ich ins Badezimmer. Hinter mir verschließe ich die Tür.

Ein penetrantes Klingeln dringt an mein Ohr und holt mein Bewusstsein zurück in die Realität. Orientierungslos blicke ich mich um. Neben mir liegt eine Packung Schlaftabletten sowie deren Blister, aus denen mehr als die Hälfte des Inhalts fehlt. Inmitten auf dem von Blut verschmierten Boden liegt eine Rasierklinge. Ich betrachte meinen Arm. Quer darüber verlaufen zwei leicht auseinanderklaffende Wunden, die allerdings bereits vom Blut verkrustet und somit geschlossen sind. Langsam erinnere ich mich. Taichi. Wie viel Zeit ist seitdem vergangen? Vielleicht ist er inzwischen zurückgekommen. Ich erhebe mich schwerfällig, taumle allerdings, noch immer etwas benommen von der leichten Überdosis. Das Telefon, welches ich erst jetzt bewusst registriere, verstummt. Geschwächt, aufgrund meiner augenblicklichen Verfassung, versuche ich die Spuren meines Selbsthasses zu beseitigen, doch mein Körper schmerzt bei jeder Bewegung und mein Kopf dröhnt, als wollte er zerbersten, weshalb es eine gefühlte Ewigkeit dauert, den Boden zu säubern und meine Wunden zu versorgen. Anschließend schlucke ich einige Schmerzmittel, in der naiven Hoffnung, wenigstens eine geringe Wirkung zu verspüren. Als ich das Bad verlasse, ist aus der Wohnung kein Geräusch zu vernehmen. Dennoch schaue ich in jedes Zimmer. Ich bin allein. Die Helligkeit draußen und ein Blick auf die Uhr verraten mir, dass es bereits Mittag ist. Ich setze in der Küche Kaffee auf und entzünde eine Zigarette, deren Rauch ich begierig in mich aufnehme, um ihn kurz darauf sanft entweichen zu lassen. Angst kriecht plötzlich meine Kehle empor, erschwert mir das Schlucken, als der Gedanke, dass Taichi etwas passiert ist, Besitz von mir ergreift. Zitternd drücke ich den Rest der Zigarette im Aschenbecher aus. Wahrscheinlich liegt mein Freund bei irgendeiner Frau im Bett. Zumindest versuche ich mir das einzureden. Vergeblich. In der Hoffnung, mich etwas zu beruhigen, zünde ich mir eine weitere Zigarette an. Doch meine Angst wandelt sich in Panik. Bevor ich von Tais Tod erfahre, töte ich mich lieber. Nervös fällt mein Blick auf meinen linken Arm. Die Wunden pulsieren leicht unter dem straff angelegten Verband. Dieses Mal ist es kein halbherziger Versuch. Als ich mir damals die Pulsadern aufschnitt, war ich dissoziativ, zudem befand sich mein Vater ebenfalls in der Wohnung. Jetzt ist es eine relativ bewusste Entscheidung und ich bin allein. Ein trauriges Lächeln legt sich auf meine Lippen. Akito starb auf dieselbe Weise. Einmal mehr frage ich mich, was er dachte und fühlte, bevor er sich mit der Rasierklinge tief in die Arme schnitt und verblutete. Akitos Tod habe ich nie richtig verarbeitet. Bis heute erscheint mir sein Selbstmord unwirklich und er fehlt mir sehr. Wie sollte ich erst den Verlust von Taichi verkraften? Ein starker Schmerz reißt mich unsanft aus meinen Gedanken und ich lasse erschreckt die bis zum Filter abgebrannte Zigarette fallen. Ich betrachte die stark gerötete Haut an meinen Fingern. Sie weist geringfügige Verbrennungen auf, die unangenehm schmerzen, mich jedoch ruhiger werden lassen und meinen Entschluss zum Suizid ins Wanken bringen. Es besteht immerhin die Möglichkeit, dass Taichi lebt. Ein egoistischer Gedanke. Sollte ich ihn nicht endlich von mir befreien? Verzweifelt schlage ich mit der Faust auf den Tisch. Ich bin so lächerlich. Suche ich gerade nach einem Grund zum Sterben? Brauche ich dafür überhaupt einen Grund? Oder suche ich nach einem Grund zum Leben? Weil ich leben und nicht sterben möchte? Nein. Ich möchte weder das eine noch das andere. Aber ein Dazwischen gibt es nicht. Also existiere ich bloß, wobei ich in Gedanken und vom Gefühl her häufiger zum Sterben als zum Leben tendiere, gesellschaftlich jedoch eher lebe als sterbe. Das Telefon klingelt erneut. Ich bleibe unbewegt sitzen. Telefone hasste ich schon immer und ignorierte sie deshalb in den meisten Fällen erfolgreich. Allerdings könnte auch Taichi versuchen mich zu erreichen. Mit dieser Hoffnung springe ich auf und stolpere in den Flur zum Telefon. Es verstummt. Hastig nehme ich es zur Hand und schaue auf das Display. Siebenunddreißig Anrufe in Abwesenheit. Von meinem Vater. Gerade, als ich seine Nummer wählen möchte, um ihn zurückzurufen, klingelt es ein weiteres Mal. Wieder mein Vater. Ich drücke die Annahmetaste.
 

Völlig außer Atem stolpere ich die Treppe nach oben in den vierten Stock. Meine Lunge schmerzt, das Pulsieren in meinem Kopf ist unerträglich. Trotzdem bleibe ich nicht stehen und kämpfe gegen die aufkommende Übelkeit an. Mein Körper erwehrt sich der ungewohnten Anstrengung, denn ich habe das Gefühl, jeden Augenblick zu kollabieren. So schnell ich konnte, rannte ich das letzte Stück vom Bahnhof. Die Sorge in der Stimme meines Vaters war nicht zu überhören, als er mich bat, zu ihm zu kommen. Warum wollte er mir nicht am Telefon sagen, was passiert ist? Plötzlich verliere ich mein Gleichgewicht und falle unsanft auf die Stufen. Mir ist schwindelig und schwarze Punkte engen allmählich mein Sichtfeld ein. Offenbar versagt mein Kreislauf. Reglos bleibe ich liegen, versuche bei Bewusstsein zu bleiben und meine Atmung zu normalisieren. Bitter gestehe ich mir ein, dass meine momentane Verfassung zu einem großen Teil auf die Nachwirkungen des Medikamentenmissbrauchs zurückzuführen ist. Ich muss mich zusammenreißen. Unter Anstrengung gelingt es mir, aufzustehen. Meine Beine zittern, als ich langsam, Stufe für Stufe, die Treppe weiter hinaufsteige. Vor der Tür zur Wohnung meines Vaters bleibe ich stehen. Mit einem unguten Gefühl betätige ich den Klingelknopf. Kurz darauf öffnet mein Vater.

„Komm rein“, bittet er mit ernstem Unterton. Hinter mir lässt er die Tür leise ins Schloss fallen. „Du siehst furchtbar aus.“

„Was ist los?“, frage ich atemlos und übergehe somit seine unnötige Bemerkung. „Ist Takeru oder Mama etwas passiert?“

„Nein, keine Sorge. Aber was ist zwischen Taichi und dir vorgefallen?“ Ich halte im Ausziehen meiner Schuhe inne und blicke irritiert zu meinem Vater.

„Wie...“

„Er ist hier.“ Für einen Moment setzt meine Atmung aus. Als mir jedoch die Bedeutung der eben vernommenen Worte bewusst wird, merke ich, wie die Anspannung von mir abfällt und ich mich ein wenig beruhige. Eigentlich hätte ich mir denken können, dass er hier Zuflucht sucht. Auch wenn mir die Beziehung der beiden nach wie vor zu innig ist, versuche ich meine Eifersucht hinunterzuschlucken. Vergeblich.

„Sicher habt ihr euch die Zeit gut miteinander vertrieben“, bemerke ich, obwohl ich schweigen wollte. Doch bevor ich meine Aussage bereuen kann, verpasst mir mein Gegenüber eine kräftige Ohrfeige.

„Taichi kam heute Morgen völlig betrunken hier an.“

„Was?“ Ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. „Nein, das...“, hauche ich, doch meine Stimme versagt.

„Seiner undeutlichen Artikulation entnahm ich, dass er mit dem Auto gefahren ist. Wenn dem wirklich so sein sollte, frage ich mich ernsthaft, wie er es in seinem Zustand schaffte, den Weg hierher anscheinend unfallfrei zu finden. Den Wagen konnte ich mir allerdings nicht ansehen. Zumindest in der näheren Umgebung parkt er nicht, meine Suche war erfolglos.“

„Wo ist Taichi?“, will ich besorgt wissen.

„In meinem Bett. Vermutlich schläft er noch.“ Ohne weiter auf meinen Vater zu achten, laufe ich schnellen Schrittes an ihm vorbei zu seinem Zimmer. Leise betrete ich den Raum. Mit einer Mischung aus Wut, Angst und Erleichterung betrachte ich meinen Freund, der reglos vor mir liegt. Ich setze mich zu ihm auf das Bett und streiche liebevoll über seine Wange. Tränen füllen meine Augen.

„Was machst du nur, du blöder Idiot!“ Meine Stimme zittert hörbar. „Ich weiß wirklich nicht, ob ich dich, wenn du wieder wach bist, umarmen oder dir eine reinhauen soll.“ Behutsam küsse ich seine Stirn. Der schwache Geruch von Alkohol steigt in meine Nase. „Tai... wir bekommen das wieder hin, okay? Ich liebe dich, hörst du? Ich liebe dich. Es tut so weh! Die Angst... dich zu verlieren...“ Stumm weinend lege ich mich mit dem Kopf auf seinen Brustkorb, lausche seinem gleichmäßigen Herzschlag. Ein Zeichen dafür, dass er lebt. Allmählich werde ich ruhiger.

„Yamato“, flüstert mein Vater, der am Türrahmen lehnt und mich traurig beobachtet. Ich weiß nicht, wie lange er bereits dort steht und was er eventuell hörte, es ist mir aber auch egal. „Komm erst einmal mit ins Wohnzimmer. Ich habe dir einen Tee gekocht. Jetzt kannst du ohnehin nichts tun. Taichi muss zunächst seinen Rausch ausschlafen.“ Schweigend komme ich der Aufforderung meines Vaters nach. Im Wohnzimmer setze ich mich auf das Sofa und nehme die Tasse dampfenden Tees zwischen meine Hände, dabei spüre ich die Hitze auf meiner Haut kaum. Reglos starre ich vor mich auf den Boden. Mein Vater nimmt neben mir Platz und legt seine Hand auf meine Schulter.

„Was ist passiert, Yamato?“, fragt er ohne jeden Vorwurf, aber bestimmt.

„Ich weiß es nicht“, antworte ich abwesend.

„Yamato, dein Freund griff bestimmt nicht aus einer Laune heraus zum Alkohol, nachdem er es schaffte, so lange trocken zu bleiben. Durch diesen Rückfall riskiert er, alles bisher Erreichte zunichte zu machen. Also, was ist vorgefallen?“

„Ich weiß es nicht“, entgegne ich in nach wie vor monotonem Tonfall. „Tai ist der Meinung, ich gehe mit jedem Typen ins Bett, sobald ich auch nur ein Wort mit ihm wechsle.“

„Hat er recht?“

„Nein. Die letzte Auseinandersetzung entstand, weil ich eine Schicht von meinen Arbeitskollegen Reiji übernahm. Ohnehin denkt Tai, dass ich mich von Reiji vögeln lasse.“

„Ehrlich gesagt kann ich Taichi verstehen. Außerdem weißt du genau, dass es ihm widerstrebt, dass du in diesem Laden arbeitest. Und auch ich bin wenig begeistert davon.“

„Ich weiß.“ Seufzend trinke ich einen Schluck Tee. „Dennoch werde ich diesen Job nicht kündigen. Oder soll ich wieder meinen Körper verkaufen? Als Stricher verdiente ich früher in kürzerer Zeit mehr Geld.“ Dass ich nie wirklich damit aufhörte, muss mein Vater nicht wissen, doch wahrscheinlich kann er es sich ohnehin denken.

„Ist der Unterschied denn so groß?“ Mein Vater bedenkt mich mit einem traurigen Lächeln. Ich atme hörbar aus.

„Weder mit Gästen noch mit Kollegen hatte ich jemals Sex und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Euer Misstrauen und eure haltlosen Anschuldigungen gehen mir extrem auf die Nerven. Ich habe keine Lust mehr, mich vor dir oder Taichi zu rechtfertigen, wenn ihr sowieso keine Wahrheit akzeptiert, die nicht zu eurer vorgefertigten Meinung passt. Denkt meinetwegen, was ihr wollt.“ Wütend umklammere ich die Tasse fester. Meinen Vater schaue ich nicht an.

„Du weißt genau, warum wir dir kaum Vertrauen entgegenbringen.“

„Oft kommt es mir so vor, als wolltet ihr überhaupt keine Änderung. Egal, was ich tue oder wie ich mich verhalte, für euch werde ich immer ein frivoles Flittchen bleiben.“ Ich stelle meine Tasse auf den Tisch und wende mich meinem Vater zu. „Ein billiger Stricher, der für jeden die Beine breit macht.“ Mit gespreizten Beinen setze ich mich auf seinen Schoß. „Der selbst seinen eigenen Vater verführt, mit ihm schläft...“ Meine Stimme ist lüstern und nur noch ein Flüstern dicht an seinem Ohr. Schmerzhaft gebietet mein Gegenüber mir Einhalt, als ich mit meiner Hand zwischen seine Beine gleite, indem er mein Handgelenk fest umklammert. „Was ist, Hiroaki? Bin ich gerade nicht genau so, wie du mich willst? Nimm mich. Dring tief in mich ein. Lass mich dich schmerzhaft in mir spüren. Ich liebe dich, daran änderte auch die Zeit der Abstinenz nichts.“ Bestimmt drücke ich meinen Vater gegen die Sofalehne und zwinge ihm einen Kuss auf, den er jedoch sofort unterbricht, indem er mich mit sanfter Gewalt von sich schiebt.

„Hör auf, Yamato!“, befiehlt er mit Nachdruck. „Glaubst du tatsächlich, Taichi und ich wollen, dass du derart selbstzerstörerisch handelst, indem du jedem deinen Körper zur Verfügung stellst?“

„Momentan stelle ich nur dir meinen Körper zur Verfügung. Schlaf mit mir, Hiroaki. Oder soll ich dir erst einen blasen?“

„Steh auf, Yamato! Ich dachte, diese Phase hätten wir hinter uns.“

„Phase?“ Ich lache laut auf. „Nein. Dir war bewusst, dass es mehr als das ist. Du hast mit mir geschlafen. Nicht nur einmal. Wärst du wirklich von einer Phase ausgegangen, hättest du abgewartet. Aber du gingst auf mein Begehren ein. Weil du mich davon überzeugen wolltest, dass Sex mit dem eigenen Vater nicht das ist, wonach ich suche? Du hofftest, mir zu helfen, nicht wahr? Aber es funktionierte nicht, weil du meine Gefühle für dich unterschätzt hast. Mit dir zu schlafen schreckte mich nicht ab. Im Gegenteil, ich sehne mich danach, dich wieder in mir zu spüren. Bei dir fühle ich mich sicher, ich empfinde keine Angst mehr. Nur du kannst mir diese Geborgenheit geben. Wenn du mich berührst und ich dich in mir spüre, komme ich wenigstens für diesen Moment zur Ruhe.“

„Yamato...“

„Shh.“ Mit einem Kuss bringe ich meinen Vater zum Schweigen. Er lässt es geschehen, ohne jedoch darauf einzugehen.

„Du schläfst nach wie vor mit meinem Freund, nicht wahr?“, wechsle ich plötzlich das Thema. Unpassenderweise lächle ich. Das Gesicht meines Gegenübers zeigt Verwirrung.

„Was?“

„Er trägt deine Schlafsachen. Willst du abstreiten, ihn gevögelt zu haben, obwohl es offensichtlicher nicht sein könnte?“ Derb schiebt mein Vater mich von seinem Schoß und schlägt mir derart kräftig ins Gesicht, dass mir kurz schwarz vor Augen wird, ich das Gleichgewicht verliere und zu Boden falle.

„Am liebsten würde ich so lange auf dich einschlagen, bis du endlich einmal zur Vernunft kommst! Deine Selbstgefälligkeit ist nicht zum Aushalten! Verdammt Yamato, ist dir der Ernst der Lage überhaupt bewusst? Taichi hatte eine fast geleerte Flasche Whiskey bei sich und seinem Zustand nach zu urteilen, war das nicht der einzige Alkohol, den er zu sich genommen hatte. Nur mit Gewalt gelang es mir, ihm die Flasche zu entreißen. Anschließend schleifte ich ihn ins Bad und unterzog ihn einer kalten Dusche. Eigentlich hoffte ich, mit ihm reden zu können, aber während ich ihn abtrocknete, schlief er ein. Deshalb zog ich ihm Schlafsachen von mir an und trug ihn in mein Bett. Normalerweise müsste ich mich vor dir überhaupt nicht rechtfertigen. Immerhin ist Taichis Rückfall dein Verschulden.“

„Tai ist für sein Handeln selbst verantwortlich.“ Mühsam komme ich wieder auf die Beine. Meine Wange schmerzt noch immer und fühlt sich leicht geschwollen an.

„Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?“ Ich schweige und fixiere mit geballten Fäusten den Boden. „Wenn das so ist, dann geh jetzt bitte.“

„Was?“ Entsetzt suche ich Blickkontakt. Der Ausdruck seiner Augen verrät mir, dass mein Vater es ernst meint.

„Es tut mir leid, Yamato. Aber deinen Egoismus kann Taichi jetzt nicht gebrauchen. Er wird eine Weile hier bleiben, denn deine Gegenwart treibt ihn derzeit vermutlich nur weiter in die Sucht.“

„Nein! Ich lasse Taichi nicht allein. Und hör auf mich zu bevormunden und wie ein Kind zu behandeln.“ Ein bitteres Lächeln legt sich auf die Lippen meines Vaters.

„Dann verhalte dich nicht wie ein bockiges Kind, das versucht seinen Willen durchzusetzen.“ Er seufzt. „Yamato, bitte sei wenigstens jetzt vernünftig. Deinem Freund zuliebe. Sieh ein, dass du ihm momentan lediglich schadest.“

„Du willst ihn doch nur vögeln. Einzig aus diesem Grund soll er bei dir bleib...“

„Es reicht!“, unterbricht mein Vater mich ungehalten. „Merkst du überhaupt noch, was du von dir gibst? Dich interessiert weder Taichis Rückfall noch sein Zustand oder die Tatsache, dass er bewusstlos im Nebenzimmer liegt. Stattdessen versuchst du mich ins Bett zu bekommen. Dich eine billige Hure zu nennen wäre noch geschmeichelt.“ Trotz der harten Worte meines Vaters empfinde ich nichts. Gleichgültig betrachte ich ihn.

„Warum hast du mich in der Vergangenheit immer wieder davon abgehalten, mich zu töten?“, frage ich meinen Gegenüber monoton.

„Yamato...“ Tränen laufen über die Wangen meines Vaters. Sein Anblick schnürt mir die Kehle zu und ich glaube, zu ersticken.

„So nicht, Hiroaki“, hauche ich, vergeblich darum bemüht, emotionslos zu klingen. Ich wende mich ab, um den Raum zu verlassen, werde jedoch am Handgelenk zurückgehalten. „Lass mich los!“, verlange ich in drohendem Ton, meinem Vater den Rücken weiterhin zugewandt.

„Was wirst du jetzt tun?“

„Zunächst deiner Aufforderung nachkommen, Taichi in deine Obhut zu geben und zu verschwinden.“ Wortlos tritt mein Vater an mich heran, legt von hinten seine Arme um mich und presst meinen Körper eng an sich.

„Ich habe Angst um dich, Yamato. Und auch wenn es für dich momentan wahrscheinlich anders aussieht, liebe ich dich über alles. Du bist das Wichtigste in meinem Leben. Dich zu verlieren würde ich nicht verkraften. Deshalb möchte ich schützen, was dir am wichtigsten ist.“

„Papa...“ Krampfhaft versuche ich das Zittern meines Körpers zu unterbinden. „Bitte lass mich los.“ Ohne Widerstand gibt er mich frei. Ich drehe mich mit gesenktem Kopf zu ihm und spüre seine Hand, die zärtlich über meine Wange streicht. Nur mit Mühe gelingt es mir, meine Tränen zurückzuhalten. Unsicher trete ich ein paar Schritte zurück. „Pass gut auf Taichi auf. Er braucht jetzt Hilfe.“ Ich wende mich von meinem Vater ab und gehe in den Flur. Rasch ziehe ich Schuhe und Jacke an.

„Yamato, warte...“

„Keine Sorge, ich werde mich nicht umbringen.“
 

Meine Hand zittert, als ich die Zigarette zum wiederholten Mal an meine ebenfalls bebenden Lippen führe. Die Kälte kriecht inzwischen unter meine Haut, bis in die Knochen und lässt meine Glieder allmählich taub werden. Trotzdem bleibe ich unbewegt in der kleinen Seitengasse, an die Wand gelehnt, sitzen. Noch immer hallen die Worte meines Vaters in meinem Kopf wider. Es ist meine Schuld, dass Taichi rückfällig wurde. Durch meine selbstzerstörerischen Handlungen ziehe ich ihn mit in den Abgrund, treibe ihn erneut in den Alkoholismus und in die Arme meines Vaters. Doch trotz meiner Sorge und der quälenden Eifersucht zog es mich ein weiteres Mal nach Shinjuku. Ich ertrage es nicht, meinen Freund in die Obhut meines Vaters zu geben. Zwar ist mir bewusst, dass es keine bessere Alternative gibt, um ihm zu helfen, aber der Preis ist hoch. Die beiden schlafen noch immer miteinander, dessen bin ich mir sicher. Vielleicht versucht mein Vater, Tai mit Sex vom Alkohol abzulenken. Angespannt nehme ich einen tiefen Zug von meiner Zigarette und lasse den Rauch sanft entweichen, wobei ich meinen Kopf in den Nacken lege und meine Augen schließe. Eigentlich sollte ich für meinen Freund da sein, ich sollte es sein, der bei ihm ist. Stattdessen folge ich, wie so oft, meinem Selbsthass, indem ich fremden Männern meinen Körper zur Verfügung stelle. An den Ekel, ausgelöst durch deren Berührungen und Bewegungen in mir, kann ich mich nicht gewöhnen, was für mein dysfunktionales Verhalten allerdings positiv zu werten ist. Einzig aus diesem Grund wurde ich zum Stricher, wodurch ich letztlich auch mit Drogen in Berührung kam. Ironischerweise halfen mir diese wiederum, den abartigen Sex mit den Freiern zu ertragen. Ein Kreislauf, den ich nie ganz zu durchbrechen in der Lage bin. Aber wäre die Beziehung mit Taichi wirklich einfacher, wenn es mir gelänge? Wenn ich nur noch ihn ranlassen würde? Ich bezweifle es. Problematisch war es zwischen uns von Anfang an. Zudem warf Taichi mir bereits Untreue vor, als ich noch mit niemandem außer ihm ins Bett ging. Es war Akito, der absichtlich dafür sorgte, weil er mir schaden wollte. Erst jetzt wird mir bewusst, wie weitreichend die Folgen von Akitos Existenz bezüglich meines Lebens sind. Sogar nach seinem Tod. Er gab indirekt den Anstoß für meine Prostitution, den dadurch bedingten Drogenkonsum sowie Taichis Alkoholabhängigkeit. Trotzdem bereue ich keinesfalls, mich auf ihn eingelassen zu haben. Auch wenn ich nicht weiß, ob ich mit meinem jetzigen Wissen noch einmal genauso handeln würde. Ich könnte Tai schützen... nein, er musste nie vor Akito geschützt werden. Mein Verhalten macht ihn kaputt. Vor mir muss er geschützt werden. Ein letztes Mal ziehe ich an der Zigarette, dann lasse ich sie achtlos auf den Asphalt fallen und beobachte, wie die Glut in der Dunkelheit verglimmt. Wenn ich Taichi wirklich liebe, darf ich nicht so egoistisch sein und an dieser Beziehung festhalten. Ein Gedanke, der sich mittlerweile tief in mein Gehirn eingebrannt hat. Vielleicht sollte ich endlich danach handeln. Weglaufen. Aufgeben. Ich will nicht mehr denken müssen, nichts entscheiden, nichts fühlen, der Realität entkommen. Mit etwas Glück gerate ich an einen Freier, der seine Stricher mit GHB oder anderen bewusstseinsverändernden Substanzen uneingeschränkt gefügig macht. Andernfalls bleibt die Möglichkeit, mir von dem verdienten Geld etwas Stoff zu besorgen. Den Kreislauf durchbrechen... dysfunktionales Verhalten... Selbstzerstörung... die Worte kreisen aufdringlich in meinem Kopf. Ich handle wie immer ohne den geringsten Widerstand gegen mich selbst. Endlich scheine ich zu begreifen. Ich muss zu Taichi.

„Warum überrascht es mich nicht, dich an solch einem Ort wiederzutreffen?“ Beim Klang der Stimme, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit an mich richtete, zucke ich heftig zusammen. Zögernd schaue ich auf. Meine Augen weiten sich und meine Finger verkrampfen im Stoff meiner Hose, als ich in das Gesicht meines ehemaligen Sportlehrers blicke. Wie erstarrt bleibe ich sitzen, unfähig die geringste Reaktion zu zeigen. „Es ist lange her, nicht wahr, Yamato? Drei Jahre davon durfte ich deinetwegen im Gefängnis verbringen.“ Er kommt auf mich zu, hockt sich zu mir herunter und presst mich schmerzhaft, mit der Hand an meiner Kehle, gegen die Wand. „Ich dachte eigentlich, ich hätte dir damals verständlich gemacht, dass du deinen dreckigen Mund zu halten hast. Offenbar war es nicht deutlich genug.“ Der Mann spricht im Flüsterton, so dicht an meinem Ohr, dass ich seinen Atem spüren kann. Angst erfasst meinen Körper und kalter Schweiß verursacht ein leichtes, aber nicht kontrollierbares Zittern. Die eisige Nachtluft verwandelt meine flache, stoßweise Atmung in kleine weiße Wölkchen. „Du frivoles Miststück behauptest, von mir vergewaltigt worden zu sein, dabei bist du nichts weiter als ein billiger Stricher, der es sich von jedem besorgen lässt. Leider glaubte das Gericht deine dreisten Lügen. Du benutzt dein hübsches Mädchengesicht, um unschuldig zu wirken.“ Lüstern leckt er über meine Wange. Übelkeit kommt in mir auf. Ich möchte ihn von mir stoßen, bin jedoch unfähig mich zu bewegen. Erinnerungen an die Situation in der Turnhalle werden wieder präsent und wecken das Gefühl der Hilflosigkeit in mir. „Wo ist denn deine vorlaute Arroganz von damals? Hast du Angst?“

„Nicht vor einem notgeilen Kinderficker wie Ihnen.“ Die Kraftlosigkeit und Unbeständigkeit in meiner Stimme straft meine Worte Lügen. Mein Gegenüber verstärkt den Druck auf meine Kehle.

„Für deinen Ungehorsam wirst du bezahlen.“ Mit seiner freien Hand öffnet er meine Hose und gleitet hinein. „Als erstes lasse ich dich spüren, wie sich eine Vergewaltigung tatsächlich anfühlt. Je mehr du dich wehrst, desto mehr wird es wehtun. Ebenso, wenn du nicht still bist.“

„Fassen Sie mich nicht an, Sie widerlicher Dreckskerl!“, zische ich drohend. Ich muss mich zusammenreißen und darf mich nicht in meiner Angst verlieren. „Wenn Sie mich ficken, reiße ich Ihnen Ihren kleinen, hässlichen Schwanz ab.“

„Eine mutige Aussage, in deiner Lage“, entgegnet er überlegen, anschließend schlägt er mir mit der Faust so kräftig ins Gesicht, dass ich benommen zu Boden falle. Blut läuft aus meiner Nase, benetzt meine Haut sowie meine Lippen. Ich bemerke, dass meine Hose stückweise heruntergezogen wird und versuche meinen ehemaligen Sportlehrer von mir zu stoßen, als er über mich kommt, meine Beine auseinanderdrängend. Vergebens. Er ist stärker als ich. Mit einem weiteren Faustschlag setzt er mich endgültig außer Gefecht. Wie damals gebe ich auf und lasse ihn gewähren. „Du kleines, schamloses Flittchen bietest mir schon wieder deinen Körper an. Aber dieses Mal wirst du danach nicht das Opfer spielen.“ Hastig öffnet er seine Hose und kramt aus der Tasche ein Kondom.

„Das kannst du wieder wegstecken. Du wirst nicht zum Schuss kommen.“ Mein Gegenüber hält inne und schaut zu der störenden Person.

„Hier gibt es genug Stricher. Such dir einen anderen“, befiehlt er genervt.

„Dieser junge Mann macht auf mich nicht den Eindruck, als wollte er von dir gefickt werden. Ich rate dir, dich zu verpissen, sonst bist du derjenige, dem etwas in den Arsch geschoben wird. Und zwar etwas wesentlich größeres als ein Schwanz.“ Unerwartet lässt mein ehemaliger Sportlehrer von mir ab.

„Du hast Glück, Yamato“, zischt er wütend und voller Verachtung. Ohne den Blick von mir abzuwenden, steht er auf und spuckt mir hasserfüllt ins Gesicht. Dann verschwindet er aus der Gasse, in die Dunkelheit der Nacht. Ich bleibe liegen, wische mir nicht einmal den fremden Speichel von der Haut.

„Yamato.“ Reiji beugt sich zu mir hinab und nimmt mich behutsam in den Arm. Mich aus meiner Starre lösend beginne ich hemmungslos zu weinen. Die Angst hat mich noch fest im Griff, mein Körper zittert stark und ich klammere mich haltsuchend an meinem Arbeitskollegen fest.

„Shh. Es ist vorbei.“ Schützend legt er seine Arme um mich und zieht mich enger an sich.

„Taichi...“, schluchze ich abwesend. „Ich will zu Taichi.“

„Ist er dein Freund?“

„Tai...“

„Zu meiner Wohnung ist es nicht ganz so weit. Du kommst erst einmal mit zu mir.“

Verschlafen öffne ich meine Augen. Für einen kurzen Moment verwirrt mich die fremde Umgebung, dann glaube ich aber, Reijis Wohnung zu erkennen, die ich in der Nacht zum ersten Mal betrat, jedoch kaum wahrnahm. Nach dem Vorfall stand ich zu sehr neben mir, weshalb ich nicht widersprach, als er mich mit zu sich nahm. Fürsorglich legte er mich in sein Bett und hielt mich, bis ich einschlief, fest in seinen Armen. Behutsam löse ich mich ein wenig aus seiner, noch immer bestehenden, aber lockeren Umklammerung und betrachte sein Gesicht eingehend. Er wirkt entspannt und scheint noch zu schlafen. Ohne ihn wäre ich beinahe ein zweites Mal von meinem damaligen Sportlehrer... nein, ich setzte mich kaum zur Wehr, ließ ihn letztlich sogar gewähren. Es wäre keine Vergewaltigung, sondern meine eigene Schuld gewesen. Am Ende verhalte ich mich eben doch nur wie eine Hure und lasse jeden ran. Und aus genau diesem Grund behandelt Taichi mich auch so. Ob er seinen Rausch inzwischen ausgeschlafen hat? Ich möchte bei ihm sein. Die Sehnsucht zieht meinen Brustkorb schmerzhaft zusammen. Ich kann kaum atmen. Reijis Finger berühren vorsichtig meine Wange und er sieht mich besorgt an.

„Dieser Wichser hat ziemlich hart zugeschlagen. Sie ist noch immer gerötet und leicht geschwollen.“ Ich schweige und schließe meine Augen. „Geht es?“, hakt mein Arbeitskollege mit sanfter Stimme nach. Zwar nicke ich, kann aber nicht verhindern, dass Tränen über mein Gesicht laufen. „Wer war der Typ? Er schien dich zu kennen. Hattest du mal was mit dem und er begreift nicht, dass du kein Interesse mehr hast?“ Ich weiche seinem Blick schweigend aus. „Yamato.“

„Kann man so sagen“, antworte ich knapp und monoton. „Aber es ist nicht wichtig.“ Verärgert setzt Reiji sich auf.

„Nicht wichtig? Dieser Dreckskerl wollte dich vergewaltigen, verdammt!“ Erneut schweige ich. Resolut dreht mein Arbeitskollege mich an den Schultern auf den Rücken und kommt über mich. Voller Zärtlichkeit streicht er einige Strähnen aus meinem Gesicht, anschließend küsst er fordernd meine Lippen. „Was ist? Warum gebietest du mir keinen Einhalt, so wie du es sonst tust? Bist du plötzlich einverstanden, wenn ich jetzt mit dir schlafen würde?“ Ohne jedoch eine Antwort abzuwarten, liebkost er meinen Oberkörper, hinab zu meinen Shorts, dem einzigen Kleidungsstück, welches ich trage.

„Reiji“, keuche ich gequält und vergrabe meine Finger in seinen Haaren.

„Soll ich aufhören?“ Er lässt von mir ab und kommt wieder über mich. Sein Gesichtsausdruck ist ernst, als er mit seinem Daumen über meine Schläfe streicht. „Weißt du, Yamato, wenn ich deinen Körper sehe, frage ich mich, wie sehr sich ein Mensch selbst hassen kann.“ Er küsst meine Stirn, dann die Augen, wobei meine Tränen seine Lippen benetzen.

„Reiji, gehst du bitte von mir runter? Du hast einen Ständer“, bemerke ich verlegen.

„Kein Wunder, bei unserer Position, oder?“ Sofort rollt er sich zur Seite und bleibt neben mir liegen. „Aber keine Angst. Ich würde nie mit dir schlafen, falls du es wirklich nicht willst.“

„Und warum nimmst du dir nicht einfach, was dein Verlangen befriedigt?“

„Weil es mir keinen Spaß macht, wenn mein Sexualpartner leblos unter mir liegt. Ansonsten könnte ich auch eine Gummipuppe ficken. Die hat wenigstens keine Gefühle“, antwortet mein Arbeitskollege, als sei diese Einstellung selbstverständlich. Ich drehe mich auf die Seite, mit dem Rücken zu ihm.

„Selbst wenn du dann nie deinem Begehren nachgeben könntest?“

„Ja. Alles andere käme einer Vergewaltigung gleich.“ Unangenehmes Schweigen entsteht. „Ehrlich gesagt finde ich deine Einstellung bezüglich dieser Thematik bedenklich“, fügt Reiji schließlich an. „Du bist schon einmal vergewaltigt worden, hab ich recht?“

„Wie kommst du darauf?“, frage ich, versucht, unbeteiligt zu klingen.

„Es war der Typ von gestern, oder?“

„Nein, ich...“ Meine Stimme versagt und es gelingt mir kaum, das Beben meines Körpers zu verbergen. Zögernd rutscht Reiji an mich heran und nimmt mich behutsam in den Arm.

„Bitte verzeih mir. Hätte ich gewusst, was der Dreckskerl dir in der Vergangenheit antat, wäre er nicht so einfach davongekommen.“

„Er war Sportlehrer an meiner Oberschule, wo er Jungen wie Mädchen über Jahre missbrauchte. Als es kurz vor meinem Abschluss zur Anzeige und später zur Verhandlung kam, war das Ergebnis ein dreijähriger Gefängnisaufenthalt.“ Reiji lacht bitter.

„Solche Männer müssen kastriert werden. Außerdem hätte ich nicht wenig Lust, sie so brutal in den Arsch zu ficken, dass sie sich wünschen, tot zu sein, und danach weder laufen noch sitzen können.“

„Du würdest Hand an die legen?“

„Für dich hätte ich es gestern getan. Ansonsten wäre ein Baseballschläger eine gute Alternative, meinst du nicht?“ Er haucht einen Kuss auf meine Schläfe. Seine Aussage legt ein leichtes Lächeln auf meine Lippen. „Gehst du deshalb so rücksichtslos mit deinem Körper um?“ Sofort verschwindet mein Lächeln wieder.

„Nein.“

„Versuchst du deshalb, dich mit Drogen zu betäuben?“

„Du denkst, ich nehme Drogen?“, frage ich wachsam.

„Ich bin mir nicht sicher, ob du derzeit welche konsumierst, aber die Vernarbungen an deiner rechten Armbeuge weisen eindeutig auf längeres beziehungsweise häufiges Fixen hin. Entschuldige, aber du warst gestern Abend nahezu apathisch, weshalb ich dir beim Ausziehen half. Vielleicht habe ich deinen Körper dabei etwas genauer betrachtet, als notwendig gewesen wäre.“ Meine Erinnerungen sind verschwommen, könnten ebenso ein Traum sein. „Welche Substanz?“, nimmt mein Arbeitskollege das Thema wieder auf. Kurz schweige ich und lasse geschehen, dass er mich fester in den Arm nimmt. Meinen Konsum zu leugnen, erscheint mir unter den gegebenen Umständen ziemlich sinnlos.

„Gespritzt habe ich Heroin.“

„Bist du derzeit clean?“ Ich nicke. Bezogen auf den Heroinkonsum. „Der Boss sollte davon nichts erfahren. Obwohl er normalerweise sehr tolerant ist, duldet er keine Junkies in seinem Laden, erst recht nicht beim Personal. Während meiner Zeit auf der Universität experimentierte ich auch gern mit verschiedenen bewusstseinsverändernden Substanzen, abgesehen von Heroin und Crack. Zugegeben, mein Leben ist zum Teil auch heute noch sehr ausschweifend, insbesondere mein Sexualleben betreffend, aber kein Vergleich zu damals. Bis ich den Boss kennen lernte. Er war ein Arbeitskollege meines Vaters, der, als ich neunzehn Jahre alt war, zu dessen Zweigstelle versetzt wurde. Die beiden verstanden sich gut, sodass er hin und wieder bei uns zu Besuch war. Die Blicke, die wir tauschten, waren eindeutig und letztlich landeten wir irgendwann in meinem Bett. Dummerweise erwischte uns mein Vater und warf mich voller Abscheu hinaus. Seither habe ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Unser Boss nahm mich vorübergehend bei sich auf, allerdings nur unter der Bedingung, dass ich auf Drogen verzichte. Ich hatte keine Wahl, die Straße war meine einzige Alternative. Aufgrund des Vorfalls kündigte er bei der Firma meines Vaters und machte sich mit dem Laden selbstständig. Nach meinem Studium bat ich bei ihm um eine Anstellung, die er zunächst verweigerte. Nach einigen Diskussionen stimmte er schließlich doch zu. Kurz darauf zog ich in eine eigene Wohnung. Abgesehen von Nikotin und Alkohol rühre ich Drogen trotzdem nicht mehr an. Mittlerweile sogar freiwillig.“

„Ich vermutete bereits, dass zwischen euch was läuft. Liebst du ihn?“ Reiji dreht meinen Körper auf den Rücken und küsst mich flüchtig.

„Nein“, haucht er. „Er bedeutet mir viel mehr. Während ich bei ihm wohnte, hatten wir kein einziges Mal Sex. Ich glaube, er fühlte sich für mich verantwortlich und gibt sich die Schuld an dem Kontaktabbruch meines Vater.“

„Vermisst du deinen Vater?“

„Nicht mehr. Ich brauche niemanden, der von mir verlangt, mich selbst zu verleugnen.“

„Jetzt scheint dein Verhältnis zu unserem Chef wieder inniger zu sein, oder irre ich mich?“

„Nein. Gelegentlich schaffen wir es nicht, unser Verlangen zu ignorieren, obwohl wir wissen, dass es vermutlich besser wäre. Es ist merkwürdig, ich kann meine Verbindung zu ihm nicht benennen, aber er ist der Einzige, mit dem ich nicht nur aus Spaß ins Bett gehe. Bei ihm fühle ich mich sicher und irgendwie geborgen. Klingt kitschig, oder? Eine feste Beziehung hatten wir allerdings nie.“ Die Beschreibung meines Arbeitskollegen erinnert mich an die Gefühle, die ich meinem Vater entgegenbringe.

„Für mich klingt es nicht kitschig. Ich denke, du siehst ihn als Vaterersatz.“ Reiji lacht.

„Mit meinem Vater würde ich nicht ins Bett gehen. Außerdem ist er gerade einmal acht Jahre älter als ich.“ Langsam hebe ich meinen Arm und streiche durch seine kurzen, rot gefärbten Haare.

„Deine Einwände sind irrelevant. Hier geht es nicht um Vernunft und Rationalität, sondern Gefühle.“ Reiji kommt erneut über mich und sieht mir eindringlich in die Augen.

„Du verwirrst mich, Yamato. Und ich weiß nicht, ob mir das gefällt.“ Unter Kraftaufwand schiebe ich ihn von mir und setze mich auf die Bettkante, meine nackten Beine anstarrend. Ich sollte bei Taichi sein. Aber vermutlich will er mich nicht einmal sehen. Heroin ist wahrscheinlich die bessere Option. Dieser beschissenen Realität entfliehen, unangenehme Erinnerungen, Ereignisse und Empfindungen vergessen. Einfach nur glücklich sein... wie sehr ich dieses Gefühl herbeisehne. Fürsorglich legt Reiji die Decke um meine Schultern. „Es ist kalt in der Wohnung. Ich will nicht, dass du krank wirst. Soll ich uns etwas zu essen machen?“

„Nein danke. Kaffee reicht, falls das okay ist.“

„Kein Wunder, dass du so dünn bist.“ Er steht auf und durchquert die kleine, etwas chaotische Ein-Zimmer-Wohnung. Auf dem Boden liegen Kleidungsstücke verstreut, leere Bierdosen und Pizzakartons stapeln sich um den vermutlichen Esstisch, auf dem ein überfüllter Aschenbecher steht. Auf dem Nachtschrank neben dem für die kleine Wohnung eigentlich viel zu großem Bett befinden sich etliche Kondome und ein Papiertuchspender. Doch trotz der Unordnung wirkt die Wohnung seltsamerweise nicht dreckig oder verwahrlost. „Leider kann ich dir nur Melonpan, Anpan und Currybrötchen anbieten. Dazu gibt es den gewünschten Kaffee. Aber eben nur dazu.“ Reiji grinst mich beinahe unschuldig an. Ich erwidere es schwach und ziehe die Decke fester um meinen Körper.

„Currybrötchen.“
 

„Danke, dass du mich mit dem Auto gefahren hast“, murmele ich, während ich den Gurt aus seiner Verankerung löse. Als ich die Tür öffnen möchte, um auszusteigen, hält Reiji mich am Arm zurück.

„Ist dein Freund zu Hause? Du wirkst phasenweise noch immer etwas apathisch, in diesem Zustand lasse ich dich ungern allein.“

„Und du verhältst dich schlimmer als meine Mutter. Ich bin in Ordnung. Mir geht es gut. Zudem wohne nicht ich hier, sondern ein Freund von mir“, bemerke ich ungewohnt ruhig, tonlos.

„Stimmt. Ich glaube, du erwähntest, nach Yutenji gezogen zu sein, oder?“

„Kann sein.“

„Yamato... vermutlich erfuhr ich in den letzten Stunden Dinge über dich, die du niemals preisgeben wolltest. Einerseits finde ich es schön, endlich mehr über dich zu wissen, abgesehen von deinem Namen oder allgemeinen Eckdaten. Aber wie ich bereits sagte, ist, meiner Meinung nach, deine Einstellung bezüglich Zwischenmenschlichkeit und Sex bedenklich, vor allem, da ich befürchte, dass die Vergewaltigung durch diesen Lehrer nicht hauptsächlich dafür verantwortlich ist.“

„Ich muss jetzt gehen“, weiche ich deutlich abweisend aus, wobei ich versuche meinen Arm aus seiner Umklammerung zu lösen. Reiji festigt seinen Griff.

„Meidest du Unannehmlichkeiten grundsätzlich, indem du davonläufst?“

„Lass mich los“, befehle ich gereizt. Unerwartet zieht mich mein Arbeitskollege zu sich und zwingt mir einen Kuss auf. Sofort drücke ich ihn von mir.

„Du reagierst ziemlich zickig, wenn nicht alles nach deinem Kopf geht. Keine Angst, ich will dich nicht ändern oder dir meine Meinung aufzwingen. Du sollst einfach nur darüber nachdenken, warum Sex unter Zwang für dich anscheinend vertretbar ist, wenn du selbst die Erfahrung machen musstest. Diese Logik verwirrt mich. Oder glaubst du gerade deshalb, dass Vergewaltigungen unter bestimmten Umständen akzeptabel sind? Du erwähntest bei deinen Ausführungen nicht, ob du damals an der Verurteilung des Lehrers eine Beteiligung hattest. Wenn das der Fall sein sollte, frage ich mich, für wen du es getan hast. Für dich? Oder für die anderen Schüler, die er zum Sex zwang?“

„Hör auf, mich zu analysieren!“

„Warum, weil es unangenehm ist? Willst du wieder davonlaufen?“

„Nein, verdammt. Ich habe nur keine Lust, mich mit dir über mich zu unterhalten.“

„Verstehe. Dann sehen wir uns morgen bei der Arbeit. Ziehst du für mich diese enge, schwarze Hose an, in der dein süßer Arsch besonders gut zur Geltung kommt?“ Mit einem frechen Grinsen zwinkert Reiji mir zu.

„Dann weiß ich schon jetzt, dass sich deine Hand permanent an meinem Hintern befinden wird. Vergiss es.“ Ich merke, wie die Anspannung von mir abfällt und erwidere das Lächeln. Seines jedoch verschwindet und wird zu einem ernsten Gesichtsaudruck. Er beugt sich zu mir und haucht einen Kuss auf meine Wange.

„Pass auf dich auf, okay?“ Schweigend öffne ich die Tür und steige aus dem Auto. Sofort werde ich von kalter Winterluft umhüllt, in der vereinzelt Schneeflocken sachte zu Boden fallen. Reiji startet den Motor und ich schaue ihm nach, bis er abbiegt und aus meinem Sichtfeld verschwindet. Langsam steige ich die kurze Außentreppe hinauf, vor Shinyas Wohnungstür bleibe ich stehen und betätige den Klingelknopf zwei Mal. Kurz darauf höre ich ein Poltern, dann öffnet sich die Tür. Shinya mustert mich mit glasigen Augen. Anhand seines Blickes erkenne ich sofort, dass er stark alkoholisiert ist, als ich mich ihm nähere, steigt mir der vertraute, beißende Geruch in die Nase.

„Yamato! Schön dich zu sehen“, lallt er etwas undeutlich. „Komm rein.“ Er schwankt beträchtlich, als er sich über den Flur zum Wohnzimmer bewegt. Ich schließe die Wohnungstür hinter mir, entledige mich meiner Schuhe sowie Jacke und folge ihm. Shinya sitzt bereits wieder auf dem Sofa, in der Hand ein mit Whiskey gefülltes Glas. Die dazugehörige halbleere Flasche steht neben zwei bereits geleerten Flaschen auf dem kleinen Tisch vor ihm. Zudem befinden sich darauf die benötigten Utensilien für einen Schuss und ein kleines Päckchen mit weißem Pulver. Wahrscheinlich Heroin.

„Shinya.“ Ich setze mich neben ihn. Vorsichtig nehme ich ihm das Getränk aus der Hand, welches er bereits zum wiederholten Mal an seine Lippen führen möchte, und stelle es auf der Tischplatte ab. „Ich denke, du hast genug.“

„Du kannst dein eigenes Glas bekommen, dann musst du mir meines nicht stehlen.“ Traurig mustere ich meinen einstigen Freier, seine unsinnige Aussage ignorierend. Der Vorfall mit seinem Sohn hat ihn sehr verändert. Er geht allmählich daran zugrunde.

„Hast du noch etwas anderes, abgesehen von Alkohol, konsumiert?“

„Vielleicht... nicht.“ Ungeschickt versucht er sich die Flasche mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit zu eigen zu machen, ich stelle sie auf den Boden außerhalb seiner Reichweite.

„Wolltest du dir das Heroin in diesem Zustand spritzen?“

„Es reicht für uns beide, also, wenn du möchtest...“ Voller Sehnsucht nach dem puren Glück, betrachte ich die mir so vertraute Droge. Sie ist zum Greifen nah.

„Nein, ich fixe nicht mehr. In deinem Fall weiß ich, dass du die Gefahren einer Kombination von Alkohol mit Heroin kennst. Hoffst du zu sterben, Shinya? Andere Methoden sind definitiv erfolgversprechender. Oder spielst du eine Art Russisches Roulette?“

„Allein für Shota sollte ich sterben.“

„Auf diese Weise machst du es dir zu einfach. Solltest du dich nicht viel eher dem Problem stellen, als feige davonzulaufen?“ Meine eigenen Worte verwirren mich und ich muss an Reiji denken. Eine solche Argumentation ist untypisch für mich. „Entschuldige, Shinya. Ich...“ Meine Stimme versagt. Genervt wische ich mit meinem Ärmel über mein Gesicht, die Tränen laufen dennoch unablässig über meine Wangen. „Normalerweise würde ich niemanden vom Selbstmord abhalten, obwohl ich Akito dadurch verlor. Aber die Vorstellung, dich erneut und diesmal endgültig zu verlieren, schmerzt unerwartet stark.“ Sanft haucht Shinya einen Kuss auf meine Augen und nimmt mich anschließend fest in den Arm. Sein Alkoholgeruch umhüllt mich und benebelt meine Sinne. Ich schließe meine Augen.

„Yamato... für eine solche Unterhaltung bin ich zu betrunken. Mir fehlt die Konzentration und die Fähigkeit, klar zu denken.“ Auch wenn Shinya sich bemüht, verstehe ich seine verwaschene Sprache kaum. „Ich glaube, ich wollte dich bitten, mir eine Überdosis zu spritzen.“ Mein Körper beginnt zu zittern.

„Shinya...“

„Würdest du es tun?“, unterbricht er mich. Ich schweige. Die gesamte Situation fühlt sich unwirklich und völlig verdreht an. Fühlen Tai und mein Vater ähnlich, wenn ich suizidal bin? Warum denke ich jetzt zum ersten Mal darüber nach? Das Pulsieren in meinem Kopf wird intensiver und löst ein leichtes Schwindelgefühl aus.

„Ich bin mir nicht mehr sicher“, antworte ich fast verzweifelt. „Aber ich halte dich nicht davon ab, Selbstmord zu begehen.“ Heftig weinend kralle ich mich im Hemd meines Gegenübers fest.

„Yamato.“ Ungewohnt grob stößt der mich von sich und hastet mit unsicheren Schritten aus dem Raum. Kurz darauf höre ich, wie er sich krampfartig in die Toilette erbricht. Ich versuche mich zu beruhigen, denn im Moment bin ich eher eine Belastung statt eine Hilfe für Shinya. Zögernd erhebe ich mich, nehme, ohne nachzudenken, das kleine Päckchen vom Tisch und verstaue es im Flur in meiner Jackentasche. Dann begebe ich mich zu Shinya ins Badezimmer. Der sitzt auf dem Boden, sein Erscheinungsbild gleicht eher einer Leiche als einem Lebenden.

„Ich bleibe, bis es dir besser geht. In diesem Zustand lasse ich dich nicht allein.“
 

Müde lasse ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen und sinke erschöpft zu Boden. Selbst meine Schuhe auszuziehen, bin ich nicht mehr in der Lage. Die halbe Nacht verbrachte ich mit Shinya in dessen Badezimmer, da er sich fortwährend übergeben musste. Zwischenzeitlich wirkte er beinahe komatös, sodass ich einige Male kurz davor war, den Notarzt anzurufen. Dann jedoch stabilisierte sich sein Zustand so weit, um ihn durch seine Mithilfe ins Bett bringen zu können. Allein wäre ich dazu kaum im Stande gewesen. Zwar legte ich mich neben ihn, schlafen konnte ich allerdings nicht. Die Angst, Shinya würde meine Schwäche ausnutzen, um sich zu töten, hielt mich wach. Selbst als ich seine Hand nahm und unsere Finger fest ineinander verhakte, wurde ich nicht ruhiger. Seufzend rolle ich mich auf den Rücken, krame aus meiner Jackentasche das kleine Päckchen und halte es hoch über mein Gesicht. Das Heroin nahm ich aus einem Impuls heraus mit. Am liebsten hätte ich es mir sofort in die Vene gespritzt, für einen Augenblick zog ich es sogar in Erwägung. Ich hätte Shinya tatsächlich sich selbst überlassen, nur um der Versuchung, der Realitätsflucht zu erliegen, und ein erneutes Abrutschen in die Abhängigkeit in Kauf genommen. Doch letztlich war Shinya mir wichtiger als mein Egoismus und ich verzichtete zumindest für den Moment auf den erlösenden Schuss. Jetzt, da die Möglichkeit besteht, meinem Verlangen nachzukommen, bin ich froh, dass sich derzeit kein Spritzbesteck in meinem Besitz befindet. Ich würde keine Sekunde mehr zögern. Meine Hand zittert bei dem Gedanken, zu spüren, wie dieses flüssige Glück durch meine Adern fließt. Es wäre nicht schwer, die benötigten Utensilien aufzutreiben. Alles in mir sehnt sich nach dem Heroin, die Stimmen schreien mich ungeduldig an, endlich zu handeln. Schwerfällig erhebe ich mich und entledige mich meiner Schuhe. Dann laufe ich unsicheren Schrittes ins Badezimmer, vor der Toilette bleibe ich stehen. Es ist ganz leicht. Loslassen und Spülung betätigen. Für Taichi. Wie könnte ich ihm sonst helfen, wenn ich selbst von einer Abhängigkeit beherrscht werde? Mich selbst verachtend lasse ich meine Hand sinken. Ich kann es nicht. Shinyas desolater Zustand, welcher großteils auf Drogenmissbrauch zurückzuführen ist, sollte mich abschrecken, stattdessen beneide ich ihn bezüglich seiner Möglichkeiten der Realitätsflucht. Das Päckchen fest umklammert, verlasse ich das Bad in Richtung Schlafzimmer. Vom Kleiderschrank öffne ich die unterste Schublade und verstaue das Heroin in einem Paar zusammengelegter Socken. Ich muss mich ablenken. Mein Blick fällt auf meine Tasche. Der Text des neuen Liedes ist noch immer unvollständig, das Konzert findet jedoch schon in wenigen Tagen statt. Zudem muss der Song noch einstudiert werden. Ich krame nach dem Zettel, nehme von meinem Schreibtisch einen Stift und begebe mich wieder in die Küche. Erneut entzünde ich eine Zigarette, dabei lese ich mir das bisher Geschriebene noch einmal durch. Tief ziehe ich den Rauch in meine Lunge, beim Ausatmen schließe ich meine Augen und lehne mich etwas zurück. Ich versuche mich auf die Melodie zu konzentrieren, doch es gelingt mir nicht. Entnervt drücke ich die Zigarette im Aschenbecher aus, erhebe mich und setze Kaffee auf. Während ich darauf warte, dass die koffeinhaltige Flüssigkeit die Kanne füllt, schweifen meine Gedanken zu Tai. Ich möchte ihn sehen. Ich möchte wissen, wie es ihm geht. Ich möchte einfach nur bei ihm sein. Allerdings warf mich mein Vater zum Schutz meines Freundes nahezu hinaus, vermutlich ist meine Anwesenheit derzeit tatsächlich eher kontraproduktiv. Ich lächle bitter. Taichis Zustand habe ich zu verschulden, weil ich bei ihm bleibe, wohingegen Shinyas Zustand meine Schuld ist, weil ich ihn allein ließ. Welch Ironie. Nachdenklich nehme ich eine Tasse aus dem Schrank und fülle sie mit Kaffee, anschließend setze ich mich wieder an den Tisch. Fahrig entzünde ich eine weitere Zigarette. Shinya werde ich nicht noch einmal fallen lassen. Er ist ein Freund, der mir viel bedeutet und zudem dringend Hilfe braucht. Sein Zustand bereitet mir Sorgen, er ist extrem selbstzerstörerisch und meines Erachtens suizidal. Doch trotz allem, was passierte, glaube ich, dass Shota mir nie verzeihen würde, wenn seinem Vater etwas zustößt, weil ich mich von ihm abwandte. Ohnehin macht er hauptsächlich mich für den Vorfall damals verantwortlich. Taichi jedoch wird für die Situation kein Verständnis aufbringen. Somit müsste ich mich eigentlich von ihm trennen, zumindest wäre das für die Menschen, die mir etwas bedeuten, die beste Lösung. Inzwischen ist das für mich allerdings keine Option mehr, auch wenn ich dadurch einmal mehr egoistisch handele. Ich liebe Taichi. Und ich brauche ihn. Vielleicht sollte ich versuchen, meinem Freund die Problematik zu erklären? Nein, vermutlich würde es seinen Hass auf Shinya nur verstärken, schließlich vergewaltigte der seinen eigenen Sohn. Das Pulsieren in meinem Kopf verstärkt sich. Ich nehme einen großen Schluck des bereits leicht abgekühlten Kaffees, ziehe ein letztes Mal an meiner Zigarette und drücke sie im Aschenbecher aus. Der Liedtext sollte oberste Priorität haben. Angestrengt starre ich auf das Blatt Papier, aber die Buchstaben verschwimmen lediglich vor meinen Augen. Immer wieder schweifen meine Gedanken zu Shinya. War es richtig, ihn allein zu lassen? Er versicherte mir zwar, sich nichts anzutun, aber ich weiß von mir selbst, dass solche Versprechungen wenig wert sind. Hastig leere ich meine Tasse, erhebe mich und eile in den Flur. Vor dem Telefon bleibe ich stehen. Das Display zeigt an, dass mein Vater versuchte mich zu erreichen. Unerwartet geben meine Beine nach und ich rutsche in mich zusammen. Ein Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit überkommt mich. Nur mit Mühe gelingt es mir, wieder auf die Beine zu kommen. Langsamen Schrittes begebe ich mich ins Schlafzimmer, hole das Heroin aus der Schublade und halte es fest umklammert, während ich erneut das Bad betrete. Rasch, bevor ich es mir anders überlegen kann, spüle ich die Substanz, die mich für den Augenblick befreien könnte, die Toilette hinunter. Zitternd breche ich auf den kalten Fliesen zusammen. Für Taichi muss ich clean bleiben. Damit er sich endlich einmal auf mich stützen kann. Mehrfach schlage ich schmerzhaft mit der Faust auf den Boden, um gegen das stärker werdende Verlangen anzukämpfen. Vergeblich. Selbsthass und Verzweiflung überwältigen mich. Schluchzend krümme ich mich zusammen, bis ich vor Erschöpfung einschlafe.

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Der Wind weht mir kalt ins Gesicht, während ich in die Straße zum Wohnhaus meines Vaters einbiege. Als ich mich vorhin von Shinya verabschiedete, hielt ich es für eine gute Idee, noch einmal mit Taichi zu sprechen, weshalb ich nicht erst nach Hause fuhr, sondern in die Bahn nach Odaiba stieg. Nun, kurz vor der Erreichung meines Ziels, bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich eine gute Idee ist, meinen Freund mit meiner Anwesenheit zu konfrontieren. Vor allem, wenn man bedenkt, was gestern zwischen uns passiert ist. Zudem weiß ich nicht, ob ich ihm nach der letzten Nacht überhaupt noch in die Augen schauen kann. Berauscht von den Drogen, schlief ich ein weiteres Mal mit Shinya. Der Sex war ausgiebig und hemmungslos. Ich fühlte mich gut, genoss es, von meinem einstigen Freier berührt zu werden. Er war ebenso zärtlich wie grob, wusste genau, wie er mich anfassen musste, um die gewünschte Reaktion zu erhalten. Ihn in mir zu spüren, war beinahe unerträglich intensiv. Während ich mich Shinya bedingungslos hingab, dachte ich kein einziges Mal an Taichi, meinen Vater oder meinen Selbsthass. Ich wollte Shinya spüren, seine Liebe, seine Lust. Nichts weiter. Im Nachhinein weiß ich, dass ich lediglich die Leere in meinem Inneren zu füllen versuchte. Durch Shinyas Zuneigung wird mir meine Einsamkeit deutlich bewusst. Eine Einsamkeit, die nur Taichi in mir hervorrufen kann, weil ich mich nach niemandem mehr sehne als nach ihm. Das Kokain ließ mich für den Moment fliegen. Und danach tief fallen. Mit dem ‚Come down’ entstand eine noch größere Leere. Angst und depressive Zustände hatten mich fest im Griff. Dabei soll Alkohol das Herunterkommen angeblich abmildern. Ich möchte nicht wissen, wie viel tiefer ich nach einem Monokonsum von Kokain hätte fallen können. Meine Bitte, den Nachwirkungen mit einer weiteren Line entgegenzuwirken, schlug Shinya aus. Ein fürsorglicher Versuch seinerseits, mein sofortiges Abrutschen in die Kokainsucht zu verhindern. Zwar erwähnte er die Möglichkeit des ‚Runterkiffens’, aber zum Einen hatte er kein Marihuana zur Verfügung und zum Anderen riet er mir, nur im Notfall darauf zurückzugreifen. Drogen durch Drogen zu ersetzen sei eine gefährliche Lösung, vor allem bei Menschen mit hohem Suchtpotential, zu denen er auch mich zählt. Ich zitterte und begann grundlos zu weinen. Shinya hielt mich lange fest in seinen Armen, bis ich ruhiger wurde. Noch immer spüre ich die Folgen der vergangenen Nacht. Mein gesamter Körper schmerzt, als ich die Treppe langsam nach oben steige. Bevor ich ging, rang ich Shinya das Versprechen ab, bis zu meiner Rückkehr heute Abend nüchtern zu bleiben. Leider bin ich mir sicher, dass er es nicht einhalten wird, weil er die Kontrolle über seine Sucht inzwischen verloren hat. Noch in Gedanken versunken klingle ich. Es dauert eine Weile, dann öffnet mein Vater die Tür. Überrascht schaue ich ihn an.

„Müsstest du um diese Uhrzeit nicht auf Arbeit sein?“, frage ich, wobei ich die Wohnung betrete. Eine Antwort bleibt aus, dafür schlägt er mir schmerzhaft ins Gesicht. Ich taumle zurück, stoße gegen die eben von mir geschlossene Tür.

„Was willst du, Yamato?“, wirft mein Gegenüber mir wütend an den Kopf. Nur langsam erlange ich meine Fassung wieder.

„Ist Taichi da? Ich muss...“

„Es wäre besser, wenn du aus seinem Leben verschwindest. Ich weiß nicht, was gestern, als du hier warst, vorgefallen ist, Taichi wollte sich dazu nicht äußern, aber es reichte, um ihn erneut zum Alkohol greifen zu lassen.“

„Was...?“ Jegliche verbliebene Kraft weicht aus meinem Körper, mir wird schwindelig und ich habe Mühe, mich auf den Beinen zu halten.

„Als ich von der Arbeit kam, war Taichi nicht da. Erst in der Nacht stolperte er völlig betrunken in die Wohnung. Woher er das Geld für den Alkohol nahm, weiß ich nicht, da ich, seit er hier wohnt, sein Portemonnaie in Gewahrsam habe.“ Die Schuld droht mich zu erdrücken und Übelkeit kriecht meine Kehle empor.

„Bitte lass mich zu ihm“, flehe ich beinahe stimmlos.

„Er schläft gerade.“

„Das ist mir egal.“ Ich versuche mich an meinem Vater vorbeizuschieben, doch er hält mich unnötig grob am Handgelenk fest.

„Verdammt noch mal, es reicht, Yamato! Wie viel Schaden willst du noch anrichten? Wie weit willst du Taichi noch in den Abgrund treiben? Er ist kurz davor, sich selbst zu verlieren. Er zerbricht an dir, Yamato!“

„Du gibst für ihn deinen eigenen Sohn auf?“ frage ich ungläubig. „Wie oft darfst du ihn dafür ficken?“ Ich sehe, dass es meinem Vater schwer fällt, nicht die Beherrschung zu verlieren, denn er ballt seine Hand zur Faust.

„Dir ist wirklich nicht mehr zu helfen. Ich verstehe einfach nicht, was in dir vorgeht, was du denkst und fühlst. Existierst du in dir überhaupt noch?“ Verzweifelt und mit Tränen in den Augen sieht er mich an. „Es tut mir leid, Yamato. Ich liebe dich und es tut unglaublich weh, aber... die Jahre haben gezeigt, dass ich vergeblich kämpfe.“

„Papa... ich verstehe nicht... bitte... ich will weder dich noch Taichi verlieren!“ Mein Kopf ist leer. Ich fühle unendlich viel Schmerz, obwohl zugleich alles wie betäubt ist. Sämtlicher Halt bricht unter meinen Füßen weg. Ohne meinen Vater... ohne Taichi... leben? Mein Gegenüber schweigt. „Bitte Papa... sag etwas.“ Er senkt den Blick. „In Ordnung. Wenn du mich als Sohn aufgibst, nimm mich als Geliebten, Hiroaki“, schlage ich mit einem verzerrten Lächeln vor.

„Verlierst du jetzt endgültig deinen Verstand? Selbst in dieser Situation begreifst du nicht, worum es eigentlich geht.“ Meine Aufmerksamkeit wird von Taichi abgelenkt, der offenbar durch das Gespräch geweckt wurde und stumm am Türrahmen meines ehemaligen Zimmers lehnt. Seine Augen fixieren mich müde. Ich möchte ihn umarmen, seine Nähe spüren. Stattdessen drehe ich mich um und verlasse wortlos die Wohnung. Zwar höre ich, dass mein Vater meinem Namen ruft und mich bittet, zurückzukommen, aber es interessiert mich nicht mehr. Worte kreisen in meinem Kopf, die sich allmählich zu einem Liedtext zusammenfügen und auf Papier festgehalten werden wollen. Ich muss schnell nach Hause.
 

Mit dem Rücken gegen die Wanne gelehnt, sitze ich im Badezimmer. Zum wiederholten Mal führe ich angeekelt die Whiskeyflasche, welche ich auf dem Heimweg kaufte, an meine Lippen und zwinge mich, einen weiteren Schluck daraus zu trinken. Es ist erstaunlich, wie viel Überwindung mich der Konsum dieser Droge kostet. Auch merke ich deutlich, dass ich es nicht gewohnt bin, Alkohol zu trinken, da ich die Flasche erst zu einem Viertel geleert habe, sich aber bereits nicht unerhebliche Wahrnehmungsstörungen abzeichnen. Die Umgebung nimmt groteske Formen an, verzerrt und dreht sich. Meine Bewegungen erscheinen mir fahrig und unkontrolliert. Ich beuge mich zur Seite und versuche einige Worte auf das Blatt Papier, welches neben mir liegt, zu schreiben. Die Buchstaben tanzen vor meinen Augen, ich kann den Stift kaum ruhig halten, geschweige denn führen. Trotzdem sieht meine Schrift für mich einigermaßen lesbar aus. Ich hoffe, dass dies auch im nüchternen Zustand noch der Fall sein wird. Und obwohl ich das Gefühl habe, mit dem Liedtext recht gut voranzukommen, bezweifle ich, dass ich in meiner augenblicklichen Verfassung eine passende Melodie zustande bringe. Erneut trinke ich einen Schluck des hochprozentigen Alkohols, nur mit Mühe gelingt es mir, den Würgereflex zu unterdrücken. Bei Taichi sieht es immer so einfach aus, als trinke er nur Wasser. Aber wenn ich meinen Freund verstehen will, muss ich diese Tortur durchziehen. Ich möchte fühlen, was Taichi fühlt, selbst wenn ich dem durch Alkohol hervorgerufenen Rauschzustand nichts abgewinnen kann. Andererseits erscheinen mir meine Handlungen diesbezüglich in Anbetracht der Situation reichlich sinnlos. Ich habe Taichi verloren. Wahrscheinlich für immer, da mein Vater sich schützend vor ihn stellt. Und auch er hat sich endgültig von mir abgewandt. Warum kann ich ihn dafür nicht hassen? Er nimmt mir alles, was mich bisher am Leben hielt, doch das einzige Gefühl, welches ich für ihn empfinde, ist Liebe. Irgendwie bin ich ihm sogar dankbar, dass er meinen Freund vor mir beschützt. Vielleicht ist das endlich die Gelegenheit, zu gehen. Ich betrachte meinen Arm, auf dem einige Schnitte und geronnene Rinnsale von Blut zu sehen sind. Unbeholfen nehme ich die Rasierklinge, die neben mir auf den Fliesen liegt, in die Hand und betrachte sie. Dann schaue ich auf die Innenseite meines linken Handgelenks. Ein gut positionierter Längsschnitt würde genügen. Zur Sicherheit ein zweiter am rechten Handgelenk. Langsam ausbluten. Die Wanne mit warmem Wasser füllen, damit das Blut nicht gerinnt. Meine Haut kribbelt. Liegt es am Alkohol oder an der bevorstehenden Absicht, mein Leben zu beenden? Ich ziehe die Klinge ein weiteres Mal über meinen Arm, tief, jedoch nicht gefährlich. Blut quillt aus der Wunde. Aufgrund meiner Alkoholisierung empfinde ich keinen Schmerz, aber der Anblick beruhigt mich für einen kurzen Moment. Wieder trinke ich einen Schluck Whiskey. Plötzlich beginne ich, ohne erkennbaren Grund, zu lachen. Das Leben ist beschissen ironisch. Warum muss ich gerade jetzt, da ich mich für den Selbstmord entschied, an Shinya denken? Ich versprach ihm, heute Abend zurück zu sein. Die Nacht ein weiteres Mal bei ihm zu verbringen. Wahrscheinlich auch mit ihm. Wie könnte ich ihn allein lassen, wenn er mir erst kürzlich sagte, ich sei sein einziger Halt? Ich würde nicht nur mich töten, sondern auch ihn. Möchte ich das wirklich verantworten? Andererseits wäre es womöglich für ihn, aber vor allem für Shota, das Beste, wenn er ebenso verschwinden würde. Doch ich bin nicht befugt, über Shinya zu richten. Zwar hasse ich ihn für das, was er seinem Sohn antat, doch ich weiß auch, dass er wahrscheinlich mehr darunter leidet als Shota selbst. Zum wiederholten Mal setze ich die Flasche an meine Lippen. Die Übelkeit wird zu stark, sodass ich ein Stück über den Boden krieche und mich in die Toilette erbreche. Dann sacke ich kraftlos zusammen und bleibe auf den kalten Fliesen liegen. Immer wieder fallen mir die Augen zu.

„Yamato... verdammt!“ Entfernt nehme ich wahr, dass sich jemand in der Wohnung befindet und schnellen Schrittes auf mich zukommt. Ich blinzele die Person an.

„Papa?“, frage ich, um mich zu vergewissern, dass ich nicht halluziniere.

„Ein Glück, du lebst!“ Behutsam nimmt er mich in den Arm und streicht mir einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Warum bist du hier?“ Ich bemühe mich, verständlich zu sprechen, denn meine Zunge fühlt sich unangenehm schwer an.

„Es war ein Fehler, dich gehen zu lassen. Yamato, du bist mein Sohn und ich liebe dich. Egal, was du tust, ich könnte dich nie aufgeben.“

„Wie kamst du in die Wohnung?“

„Taichi gab mir seinen Schlüssel.“ Betrübt schließe ich die Augen.

„Er ist also nicht hier?“

„Nein“, antwortet mein Vater beinahe entschuldigend.

„Ist vermutlich besser so.“ Ich versuche einsichtig zu klingen, kann meine Enttäuschung jedoch nicht verbergen. Vorsichtig hebt mein Vater meinen linken Arm etwas an.

„Deine selbst zugefügten Verletzungen sind heftig. Hast du derzeit suizidale Gedanken?“

„Wenn du willst, töte ich mich gleich vor deinen Augen. Wie soll ich es tun... Vater?“ In meinem Tonfall sind keinerlei Emotionen. Unsicher richte ich mich auf, greife nach der Whiskeyflasche und trinke einen Schluck. Angewidert verziehe ich das Gesicht. „Zum Kotzen.“

„Ich hoffe, dass nur der Alkohol aus dir spricht“, reagiert mein Vater auf meine Provokation, dabei klingt er nicht ermahnend, sondern eher traurig. „Versuchst du dich dieses Mal mit Alkohol zu enthemmen, um die Durchführung deines Selbstmordes zu erleichtern?“

„Da gäbe es weitaus angenehmere Möglichkeiten. Zudem kostet jeder Selbstmord weniger Überwindung, als dieses widerliche Zeug hinunterzubekommen.“

„Warum konsumierst du dann plötzlich diese Droge? Als Substitution für Heroin? Versuchst du auf diese Weise dein Verlangen danach zu kontrollieren? Oder bist du schon längst rückfällig geworden?“

„Nein. Es ist wegen Taichi.“

„Wie meinst du das?“, will mein Vater irritiert wissen. „Und gib mir die Flasche. Du hast bereits mehr getrunken, als du verträgst.“ Ich reiche sie ihm widerstandslos, da ich das Gefühl habe, mich beim nächsten Schluck erneut übergeben zu müssen.

„Ich möchte ihn verstehen. Fühlen, was er fühlt“, beantworte ich seine Frage schließlich.

„Das kannst du unmöglich ernst meinen, Yamato.“ Ungläubig sieht mein Vater mich an. „Wenn ich deine Aussagen höre, frage ich mich, wie verdreht ein Mensch eigentlich denken kann. Willst du ebenfalls in den Alkoholismus abrutschen, um dem Irrsinn zu erliegen, Taichis Verhalten nachempfinden zu können?“

„Nein“, entgegne ich kleinlaut. „Aber Tai lässt mich emotional kaum noch an sich heran. Und wenn er mit mir schläft, ist er kalt und gefühllos. Ich spüre ihn einfach nicht mehr, meinen Taichi. Er könnte ebenso irgendein Freier sein, der seine Triebe rücksichtslos an mir befriedigt.“ Weinend klammere ich mich an meinen Vater, wobei ich sein Hemd mit meinem Blut beschmutze. Dessen ungeachtet umschließt er mich schützend mit seinen Armen und drückt mich dicht an sich. Halt finde ich dennoch nicht, denn auch zu ihm fühle ich inzwischen eine schmerzliche Distanz. Dabei ist er der Einzige, der mir uneingeschränkte Sicherheit und Geborgenheit geben kann. „Hiroaki... bitte schlaf mit mir.“

„Nein“, kommt sofort die Antwort, mit der ich ohnehin rechnete. Ich möchte meinen Vater nicht erpressen, weshalb ich schweige, aber wenn ich mich selbst richtig einschätze, kann nur er mir den nötigen Halt geben, damit ich mir nicht das Leben nehme. Kraftlos rutsche ich an meinem Vater ein Stück hinab. Noch immer dreht sich alles.

„Ich gebe auf“, nuschle ich und frage mich gleichzeitig, warum ich diesen Gedanken laut aussprach.

„Bezogen worauf?“, hakt mein Vater argwöhnisch nach. Ich sage nichts. „Dann bringe ich dich jetzt zur Krisenintervention.“

„Um die Verantwortung abzugeben oder um dein Gewissen zu beruhigen?“

„Was soll das...“ Unbeholfen richte ich mich etwas auf und küsse vorsichtig seine Lippen.

„Bitte gib mir etwas Halt, Hiroaki. Einen Sinn, um weiterzuleben.“ Tränen brennen in meinen Augen. „Ich kann nicht mehr. Wirklich nicht.“ Noch während ich spreche, verfluche ich den Alkohol, weil er mir Worte in den Mund legt, die ich überhaupt nicht sagen möchte. In den Augen meines Vater suche ich nach einem Zeichen von Zuneigung, dann küsse ich ihn erneut und versuche den Kuss zu einem Zungenkuss auszuweiten. Es irritiert mich, als er sehr verhalten darauf eingeht. Ich rechnete damit, abgewiesen zu werden. „Bitte Hiroaki, ich will dich in mir spüren“, hauche ich leidenschaftlich.

„Lass mich zuerst deine Wunden versorgen. Ich möchte nicht, dass sie sich entzünden.“ Ich nicke.

„Im Schrank neben dem Spiegel sind Desinfektionsmittel und Verbandsmaterialien.“ Während mein Vater sich um meine Verletzungen kümmert, beobachte ich ihn genau. Die Zeichen der Zeit sind deutlich erkennbar, trotzdem wirkt er nach wie vor auf mich sehr anziehend.

„Bei der Tiefe müssten die Schnitte eigentlich genäht werden“, bemerkt mein Vater, während er die Wunden desinfiziert und anschließend einen Verband anlegt.

„Danke.“ Ich lächle verhalten. Eine merkwürdige Pause entsteht, in der wir uns nur ansehen. Die Initiative ergreifend beginne ich sein Hemd aufzuknöpfen. Mein Vater gebietet mir Einhalt.

„Nicht hier. Gehen wir ins Schlafzimmer. Kannst du aufstehen?“

„Sicher.“ Langsam erhebe ich mich, taumle allerdings mehr als erwartet. Sofort leistet mein Vater Hilfestellung, indem er mich stützt und in den angestrebten Raum lotst. Ich falle willenlos auf das Bett, in dem ich bisher nur mit Taichi geschlafen habe. Fürsorglich streicht mein Vater über meinen Kopf. Ich strecke meine Arme nach ihm aus und hauche einen Kuss auf seine Lippen.

„Du solltest versuchen, ein wenig zu schlafen.“

„Nein, bitte weise mich nicht so einfach zurück. Gib mir das Gefühl von Geborgenheit, das ich jetzt so sehr brauche. Gib mir deine Zuneigung. Oder töte mich, damit mein lächerliches Leben endlich ein Ende findet.“

„Yamato... egal, wie oft du mich bittest, ich werde dich niemals töten und das weißt du auch. Also hör auf, solchen Unsinn von dir zu geben“, entgegnet mein Vater ernst und mit Nachdruck. Statt auf ihn einzugehen, ziehe ich ihn so zu mir auf das Bett, damit er auf dem Rücken liegt und ich mich mit gespreizten Beinen auf seine Oberschenkel setzen kann. Seine Augen zeigen Entsetzen, als ich mit einer Hand unter sein Hemd gleite und mit der anderen seine Hose öffne. Mit festem Griff umklammert mein Vater meine Handgelenke.

„Vergiss es, ich werde nicht mit dir schlafen.“

„Lassen wir es darauf ankommen.“ Ich lächle, beuge mich hinab und liebkose seinen Hals. Unerwartet verdreht er meinen Arm, um sich von mir zu befreien. Ein Laut des Schmerzes entweicht meiner Kehle.

„Es reicht!“ Ich merke, wie ich auf den Bauch gedreht und bewegungsunfähig gemacht werde. Durch die schnellen Bewegungen verstärkt sich das Kreiseln in meinem Kopf und Übelkeit steigt in mir auf, die ich allerdings krampfhaft zu unterdrücken versuche.

„Wo ist dein Problem, Hiroaki? Du würdest mich doch nicht zum ersten Mal ficken.“ Aus unerfindlichen Gründen beginne ich zu lachen. „Warum hilfst du mir nicht?“, frage ich nun verzweifelt. „Besorgst du es wieder einer Schlampe, die du deine Freundin nennst? Allein von der Vorstellung könnte ich kotzen. Die Hoffnung, dass du dich mit Mami verträgst, hatte ich bereits als Kind begraben. Aber mit einer anderen Frau will ich dich nicht teilen.“

„Ich weiß, dass du eifersüchtig warst und die Frauen deshalb sehr herablassend behandelt hast. Da du mir wichtiger bist, ließ ich dich immer gewähren. Trotzdem wird meine Liebe zu dir nie körperlicher Natur sein. Wann begreifst du das endlich?“

„Und wann begreifst du, dass Körperlichkeiten nichts mit Liebe zu tun haben?“ Mein Vater lässt von mir ab, dreht mich auf den Rücken zurück, hält mich jedoch an den Schultern fest.

„Die Leere in deinem Inneren wirst du auf diese Weise nie füllen können, ebenso wenig wie mit Drogen. Und ich habe das Gefühl, als ginge es allmählich wieder bergab, nicht wahr?“

„Nein. Es ging nie wirklich bergauf. Manchmal gelingt es mir, meine Umgebung und mich selbst zu belügen, ich füge mich in die Gesellschaft, passe mich an. Doch unterschwellig bleiben immer Gefühle der Falschheit und Irrealität bestehen. Und irgendwann kann ich sie nicht mehr ignorieren. Willst du mir wirklich vorwerfen, dass ich mich an das klammere, was mir etwas Geborgenheit und Sicherheit gibt? Dann sorge dafür, dass ich endgültig aus deinem Leben verschwinde.“ Meine Sicht verschwimmt. Ich drehe meinen Kopf zur Seite. Für einen Moment herrscht eine erdrückende Stille.

„Möchtest du Taichi immer wieder wehtun, indem du ihn betrügst?“, fragt mein Vater schließlich seufzend. Ich schließe meine Augen. Der Alkohol blockiert mein Denken und ich habe Schwierigkeiten, mich auf die Unterhaltung zu konzentrieren.

„Halt ihn bitte aus dieser Diskussion heraus“, nuschle ich.

„Warum? Dein Verhalten betrifft ihn unmittelbar und bestimmt in vielfacher Hinsicht sein Handeln.“ Mit leichten Koordinationsschwierigkeiten knöpfe ich das Hemd meines Vaters vollständig auf und ziehe mich daran ein Stück zu ihm.

„Im Moment geht es ganz allein um dich, Hiroaki“, flüstere ich, bevor ich ihn küsse. Er lässt meine Schultern los und sinkt mit mir zurück auf die Matratze, ohne den Kuss zu unterbrechen. Mit seinen Fingern streicht er über meinen Körper, hinab zu meinem Oberschenkel. Leicht drückt er gegen die Innenseite, wodurch ich meine Beine anwinkle und weiter spreize. Von meiner Erregung angetrieben, gleite ich mit meiner Hand erneut in die Hose meines Vaters und hole ihm einen runter. Seine Atmung wird schwerer und er löst sich von dem Kuss. Seine Augen, mit denen er mich mustert, haben einen merkwürdigen Ausdruck, den ich zu deuten nicht in der Lage bin. Zu meiner Überraschung lässt mein Vater nur so weit von mir ab, um mich entkleiden zu können. Danach entkleidet er sich selbst, ohne dabei seinen Blick von mir zu wenden. Ihm sind sein Hadern und die Zweifel an seinem offenbar eben gefassten Entschluss deutlich anzumerken.

„Ich muss meinen Verstand verloren haben“, murmelt er, als er wieder über mich kommt und voller Zärtlichkeit meine Haare hinter mein Ohr streicht. Ich schließe meine Augen, als er mit jedem Stoß tiefer in mich eindringt. Meinen Vater nach so langer Zeit wieder auf diese Art zu spüren, ist unbeschreiblich. Jede seiner Berührungen kribbelt auf meiner Haut. Ohnehin fühlt sich der Sex sehr intensiv an, vermutlich wird mein Empfinden durch den Alkohol zusätzlich verstärkt. Voller Verlangen kratze ich mit meinen Fingernägeln über den Rücken meines Vaters, worauf dieser mit härteren Stößen reagiert, sodass ich mein Stöhnen nicht mehr unterdrücken kann. Die Geborgenheit, die er mir vermittelt, umhüllt mich schützend, weshalb ich mich komplett fallen lassen und ihm hingeben kann. Ich betrachte sein von der Anstrengung verschwitztes Gesicht. Erregung erkenne ich darin jedoch nicht, nur eine Mischung aus Zuneigung, Traurigkeit und Selbstverachtung. Sanft streiche ich über seine Wange, versuche zu lächeln. Doch stattdessen laufen Tränen über meine Wangen.

„Tut es weh?“, fragt mein Vater mit belegter, heiserer Stimme.

„Ja, meine Gefühle... tun mir weh. Die Liebe, die ich für dich empfinde und die dich dazu zwingt, mit mir zu schlafen. Bitte hasse mich nicht dafür... ich will dich nicht auch noch verlieren.“

„Yamato...ich...“

„Nicht jetzt. Mein Kopf... ich kann nicht klar denken. Reden wir später... okay?“ Mein Gegenüber schweigt und küsst flüchtig meine Lippen. Seine Eigeninitiative überrascht mich. Ich lege meine Hände in seinen Nacken und weite den Kuss zu einem Zungenkuss aus. Der vertraute Geschmack steigert mein Begehren, mein Körper zittert vor Erregung. „Nimm mich härter, Hiroaki“, bitte ich in fast flehendem Tonfall. „Brenn dich in mich ein, fülle mich ganz aus, nimm mir meinen Verstand, damit ich an nichts anderes mehr denken kann.“ Bei diesem Worten kommt mir Taichi plötzlich in den Sinn, die Vorstellung, in diesem Moment Sex mit ihm zu haben. Mein Herz schlägt schmerzhaft gegen meinen Brustkorb. Warum? Ist mein Vater tatsächlich nur ein Substitut für ihn? Nein. Auch wenn ich durchaus gewisse Parallelen zwischen den beiden erkenne. Aber ich würde meinen Vater nie benutzen, um von ihm zu bekommen, was Taichi mir verwehrt und nach dem ich mich so sehr sehne. Er ist keiner meiner Freier. Zudem ist Tai nicht ersetzbar. Ebenso mein Vater. Lustvoll bäume ich mich auf, als jener den Rhythmus beschleunigt und mich weiter in die Ekstase treibt. „Bleib in mir, wenn du kommst“, keuche ich.

„Warum?“

„Erklärte ich dir da... ah...“ Meine Worte sterben ab, die Anspannung meines Körpers ist beinahe unerträglich, dann entweicht sämtliche Kraft und ich bleibe erschöpft auf dem Bett liegen. Behutsam zieht sich mein Vater aus mir zurück und sinkt neben mich auf die Matratze. Seine Atmung ist schwer und unregelmäßig. Zufrieden nehme ich die Feuchte zwischen meine Beinen wahr. Auch ich ringe leicht nach Luft, Schweiß perlt von meiner Stirn. Zögernd rutsche ich ein wenig an meinen Vater heran und bin erleichtert, als er behütend seinen Arm um mich legt.

„Es hat dich sehr viel Überwindung gekostet, mit mir zu schlafen, hab ich recht?“

„Ehrlich gesagt, frage ich mich selbst, warum ich es getan habe. Dass es ein Fehler ist, wusste ich von Anfang an. Vermutlich trieb mich die Angst um dich dazu.“

„Wie so oft“, sage ich mehr zu mir als zu ihm. „Du bereust es, nicht wahr?“, füge ich lauter und von Selbsthass erfüllt an.

„Bereuen ist das falsche Wort. Ich bezweifle nur, dass das der richtige Weg ist, um dir zu helfen. Und doch gebe ich zu oft deinem Begehren nach.“

„Das ist okay so“, versuche ich meinen Vater zu beruhigen. „Ich will es nicht anders. Ich will dich. Und es macht mich glücklich, wenn...“

„Es macht dich nicht glücklich“, unterbricht mein Vater mich barsch. „Darf ich dich etwas fragen? Du fühlst dich einsam und wünschst dir all das, was du bei anderen Männern bekommst eigentlich von Taichi, oder?“ Voller Bestürzung löse ich mich von meinem Vater.

„Wie... kommst du darauf?“

„Es ist offensichtlich. Doch ihr schafft es nicht, den Teufelskreis zu durchbrechen. Du verkaufst dich an fremde Männer, weil Taichi dich kalt und abweisend behandelt. Er tut es jedoch nur, weil du mit anderen Männern ins Bett gehst. Glaub mir, Taichi liebt dich, aber er kommt mit deiner Polygamie nicht klar.“

„Es wäre kein Problem, damit aufzuhören. Aber Tai glaubt mir ohnehin nicht. Das beste Beispiel ist Reiji. Ich ließ ihn kein einziges Mal ran. Und doch ist er der Grund für die vorherrschende Situation. Was soll ich also tun?“ Kurz halte ich inne. „Andererseits kann ich Shinya...“

„Das ist dieser Lehrer, oder? Du hast noch immer Kontakt zu ihm?“

„Erst seit kurzem wieder. Und er hat wirklich Probleme. Ich kann ihn nicht einfach im Stich lassen, immerhin ist er ein guter Freund von mir.“ Mein Vater lacht bitter.

„Ein Freund, der eine Problemlösung in Form von Sex von dir verlangt und schlimmstenfalls dich erneut in die Drogensucht zieht. Yamato, verdammt, ich bitte dich! Befreie dich endlich von ihm. Der Typ ist wirklich nicht gut für dich.“

„Wenn ich ihn jetzt allein lasse, tötet er sich. So viel ist sicher. Möchtest du mir die Schuld am Tod eines Menschen... eines Freundes aufbürden? Es stimmt, ich schlafe mit ihm, das muss ich fairerweise zugeben, allerdings...“

„Merkst du nicht, dass das nur eine Masche von dem Kerl ist, um dich abhängig von ihm zu machen? In diesem Fall emotional, mit Hilfe von Drogen auch psychisch und physisch. Es sagt, er hat Probleme? Glaubst du seine Lügen? Sei nicht so blind und naiv...“ Aufgebracht richte ich mich auf.

„So würdest du nicht von ihm sprechen, wenn du ihn kennen würdest und mit ansehen müsstest, wie er sich selbst zugrunde richtet. Verdammt, er hat...“ Schockiert halte ich inne. Niemals darf ein Außenstehender von der Vergewaltigung erfahren. Ich drehe meinem Vater den Rücken zu, setze mich auf die Bettkante und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. „Shit!“, verfluche ich mich selbst, da ich beinahe einen schwerwiegenden Fehler gemacht hätte.

„Yamato, was hat dieser Mann getan?“, will mein Vater argwöhnisch wissen.

„Taichi ist wieder allein, oder? Vertraust du ihm so...?“

„Nein, ich vertraue ihm nicht mehr. Aber Takeru ist zu Besuch. Ich bat ihn, so lange zu bleiben, bis ich zurück bin.“

„Takeru.“ Ein leichtes Lächeln legt sich auf meine Lippen. „Wie geht es meinem kleinen Bruder? Unser letzter Kontakt liegt schon eine Weile zurück“, füge ich mit Wehmut in der Stimme an.

„Er machte einen guten Eindruck, wir wechselten allerdings nur ein paar Worte. Als ich ihm grob die Sachlage erklärte, schien er ebenfalls sehr besorgt zu sein.“ Durch das andauernde Schwindelgefühl, kehrt die Übelkeit zurück. Rasch erhebe ich mich, um zur Toilette zu gelangen. Sofort wird mir schwarz vor Augen, ich verliere das Gleichgewicht und breche, ohne das Bewusstsein zu verlieren, zusammen. Krampfartig übergebe ich mich auf den Boden des Schlafzimmers, wobei ich unfreiwillig feststellen muss, dass Alkohol nicht nur beim Trinken widerlich ist, sondern ebenso beim Auskotzen.

„Yamato!“, höre ich die panische Stimme meines Vaters rufen. Kurz darauf spüre ich seine kühlen Finger am Handgelenk meines unverletzten Armes. „Heute Nacht bleibe ich bei dir. Aber so kann es nicht weitergehen.“

Ich öffne meine Augen und lasse zum wiederholten Mal meinen Blick über das Publikum schweifen. Er ist nicht da. Normalerweise steht er in der Nähe des Ausgangs, etwas abseits von der Menge. Nicht heute. Und auch unter den anderen Zuschauern kann ich ihn nicht ausfindig machen. Eigentlich weiß Taichi von dem Konzert, der Termin ist ihm ebenfalls bekannt. Ich glaube nicht, dass er es vergessen hat. Er ist absichtlich nicht gekommen. Um mich zu verletzen, weil er weiß, wie wichtig mir seine Anwesenheit ist? Denn mit Hilfe der Musik fällt es mir leichter, ihm meine Gefühle zu übermitteln. Oder bin ich ihm inzwischen einfach nur egal? Ich hoffe, ihn aufgrund des Scheinwerferlichtes nur übersehen zu haben. Kozue und Masao leiten das nächste Lied mit dem Schlagzeug und dem Keyboard ein, gleich darauf folgen Naoki und ich mit der E- und Bassgitarre. Ich schließe meine Augen und lasse mich von der Musik tragen.
 

Begrabe mich in Schweigen, töte mich mit deinem Lächeln

Sing die Traurigkeit hinfort und bedecke mich mit Lügen

Begrabe mich in Schweigen, weil du weißt, dass ich einfach nicht zu kämpfen vermag

Einen weiteren Krieg, der nicht gewonnen werden kann
 

Also bitte, bette mich nieder und verlass mich für immer

Genau auf diesem Boden, wo dies alles begann
 

Ich will nicht alles verlieren

Ich will nicht die Zeiten und Geschichten versäumen

Die wir hätten haben können

Ich will nicht alles verlieren

Ich möchte nicht eine Erinnerung sein, allein gelassen in deinem Kopf

Also würdest du mich niederbetten, mich noch einmal niederbetten
 

Begrabe mich in Schweigen, zerbrich mich mit deinen Augen

Komm ein wenig näher, damit du meine Gedanken lesen kannst

Begrabe mich in Schweigen, weil ich einfach nicht glauben kann

An eine andere Hoffnung, die niemals kommt
 

Also bitte, bette mich nieder und verlass mich für immer

Genau auf diesem Boden, wo dies alles begann
 

Ich will nicht alles verlieren

Ich will nicht die Zeiten und Geschichten versäumen

Die wir hätten haben können

Ich will nicht alles verlieren

Ich möchte nicht eine Erinnerung sein, allein gelassen in deinem Kopf

Also würdest du mich niederbetten, mich noch einmal niederbetten
 

Langsam öffne ich meine Augen. Taichi bestimmt nun jeden meiner Gedanken, meine Emotionen lasten schwer auf mir und drohen mich zu erdrücken. Ich möchte die Bühne verlassen. Ich möchte zu Tai, ihn in den Arm nehmen und sagen, dass alles gut ist. Auch wenn wir beide wissen, dass es eine Lüge ist. Es gelingt mir nicht, das Zittern meiner Hände zu unterbinden. Ich fühle mich wie auf Entzug. Das nächste Lied beginnt. Ich muss mich zusammenreißen.
 

Gedankenversunken lasse ich den Rauch zwischen meinen Lippen entweichen. Die Kälte kriecht durch meine Kleidung bis in meine Knochen, doch es ist mir egal. Ich bemerke das Beben meines Körpers kaum. Nach dem Auftritt musste ich raus, brauchte frische Luft, wollte allein sein. Ich hatte das Gefühl, sonst zu ersticken. Allerdings rangen mir meine Bandkollegen zuvor das Versprechen ab, spätestens zur After-Show-Party zurück zu sein. Einige Zeit lief ich ziellos durch die von Neonreklame taghell erleuchteten Straßen, dann kam mir der kleine Park in den Sinn, der sich in der Nähe des Klubs befindet. Wie lange ich inzwischen hier auf dieser Bank sitze, weiß ich nicht. Möglicherweise ist das Konzert bereits beendet und ich sollte mich auf den Weg machen, aber ich bringe es nicht fertig, mich zu erheben. Ich frage mich, wie es Shinya geht. Seitdem ich ihn in der Nacht, in der ich mit meinem Vater Sex hatte, allein ließ, verbrachte ich die meiste Zeit bei ihm. Im Nachhinein gestand er mir, mein Fortbleiben überhaupt nicht bemerkt zu haben, da er mit Heroin zugedröhnt war. Eine Erkenntnis, die mich nicht wirklich beruhigt. Aber trotz der Versuchung gelang es mir bis jetzt, clean zu bleiben. Zumindest das Heroin betreffend. Nur, wenn ich mit Shinya schlafe, konsumiere ich zuvor GHB oder Kokain, hin und wieder kombiniert mit Alkohol. An den abstoßenden Geschmack dieser Droge werde ich mich jedoch nie gewöhnen, weshalb ich mich jedes Mal zwingen muss beziehungsweise Shinya bitte, mir die Flüssigkeit gewaltsam einzuflößen. Der Grund, mich von meinem einstigen Freier auf Drogen ficken zu lassen, ist nicht mehr derselbe wie bei den Freiern, die ich noch gelegentlich bediene. Ich verspüre keinen Ekel mehr, wenn Shinya mich berührt. Im Gegenteil, ich genieße seine Zuwendungen, sehne mich sogar danach. Allerdings ertrage ich es nicht, an Taichi denken zu müssen, während ich mich einem anderen hingebe. Wenn ich drauf bin, gelingt es mir leichter, ihn aus meinen Gedanken zu verbannen. Ich will ihn wenigstens in diesen Momenten vergessen können. Ich möchte mich einfach nur fallen lassen. Seltsamerweise war es mir möglich, mich bei meinem Vater fallen zu lassen, obwohl ich meinen Freund nicht vergessen konnte, zeitweise sogar das Gefühl hatte, mit ihm zu schlafen. Bei Tai jedoch war ich zuletzt lediglich verkrampft, wenn er mich nahm. Ich hoffte nicht, dass es schnell vorbei ist, auch wenn ich seine brutale Art, mich zu ficken, nur noch über mich ergehen ließ, aber seine Kälte und Verachtung mir gegenüber zu spüren, die er immer tiefer in mich hineinstieß, tat so sehr weh, dass ich dachte, mit jeder Sekunde, die der Sex andauerte, innerlich ein Stück weit zu sterben. Tief inhaliere ich den Rauch der Zigarette. Meine Lungen schmerzen ein wenig. Als ich den Klub verließ, war meine Schachtel noch fast voll, nun verrät mir ein Blick, dass ich gleich die letzte Zigarette entzünden werde. Glücklicherweise kam ich auf dem Weg an einem Automaten vorbei. Zwar war es unglaublich schön, mit meinem Vater zu schlafen, seine Berührungen auf meiner Haut, ihn in mir zu spüren, seine beschleunigte Atmung und sein leises Keuchen zu hören, in sein verschwitztes Gesicht zu sehen, aber mir ist klar geworden, dass ich eigentlich Taichi will. Ich liebe meinen Vater, mehr als ein Sohn es sollte, doch um meinen Freund wiederzubekommen, würde ich auf ihn verzichten. Bezüglich Shinya muss es auch eine Lösung geben. Sicher ist, dass ich ihn nicht allein lassen werde. Ich weiß nur nicht, wie ich Tai das begreiflich machen kann. Selbst wenn ich nicht mit Shinya ins Bett gehe, wird er mir nicht glauben. Ebenso, wie er mir nicht glaubt, dass zwischen Reiji und mir nie etwas lief. Zugegebenermaßen finde ich meinen Arbeitskollegen unglaublich attraktiv und würde mich auch gern von ihm vögeln lassen, weshalb ich mich absichtlich abweisend ihm gegenüber verhalte. Dabei wäre es egal, wenn Tai ohnehin davon ausgeht, dass ich jeden ranlasse. Ich nehme einen letzten Zug von der Zigarette, bevor ich sie auf den Boden werfe und die letzte entzünde. Mein Vater hat recht. Wir befinden uns in einem verdammten Teufelskreis. Das Problem ist nur, dass ich mir nicht an Taichi wehtun möchte. Und eigentlich funktioniert das auch nicht. Mit Freiern schlafe ich, weil ich den Ekel, eine Art Bestrafung brauche, um meinen Selbsthass zu nähren und mich dadurch besser zu fühlen. Tai ruft diese Gefühle jedoch nicht in mir hervor. Ich bin nicht so stark, um auf ein dysfunktionales Verhalten zu verzichten, ohne es durch ein anderes zu ersetzen. In diesem Fall wären es wahrscheinlich wieder Drogen. Speziell Heroin, von welchem ich jetzt bereits seit Jahren abstinent bin. Aber sowohl meinem Vater als auch meinem Freund ist egal, was ich bereits geschafft habe. Es ist nie genug. Das zumindest zeigte die Vergangenheit. Doch es bringt nichts, mir den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die ich im Augenblick nicht ändern kann. Zudem sollte ich wirklich langsam zurückgehen, bevor meine Bandmitglieder sauer werden. Dabei habe ich nicht die geringste Lust auf diese After-Show-Party. Ich hasse solche Veranstaltungen. Genervt trete ich den Rest der Zigarette auf dem Boden aus. Dann krame ich aus meiner Jackentasche ein Taschentuch, mit dem ich mir die Nase putze und ein kleines Päckchen weißen Pulvers, welches ich nach langem Überreden von Shinya bekam, wovon ich ein wenig auf die Seitenfläche meiner Hand streue und schließlich durch eines meiner Nasenlöcher einziehe. Das Ganze wiederhole ich mit der anderen Seite. Diese Methode ist zwar nicht ganz so effektiv, da weniger von der Droge die oberen Nasenschleimhäute erreicht, aber immerhin besser als gar nichts. Mit dem Kokain und eventuell etwas Alkohol auf der Party lässt sich der Abend mit Sicherheit besser aushalten.
 

Mit einem Glas Whiskey in der Hand trete ich in die kalte Nachtluft hinaus. Die After-Show-Party ist gut besucht, weshalb es laut und stickig in den Räumlichkeiten ist. Ich brauche eine kurze Auszeit und setze mich tief durchatmend an den Straßenrand. Kurz stelle ich das Getränk neben mich auf den Asphalt, um mir eine Zigarette anzuzünden. Das Nikotin beruhigt mich ein wenig. Doch es reicht nicht, ich sollte anschließend noch etwas Kokain nachlegen. Ob Shinya sich auch gerade zudröhnt? Wenn ich bei ihm bin, schafft er es für längere Zeit, clean zu bleiben, doch sobald er allein ist, holt ihn die Realität ein, welche er nicht erträgt und der er mit Hilfe von Drogen zu entfliehen versucht. Mir geht es ähnlich, ich ertrage es ebenfalls nicht, allein zu Hause zu sein. Zu viele Dinge erinnern mich an Taichi. Deshalb bin ich mittlerweile fast schon bei Shinya eingezogen. Ich betrete die gemeinsame Wohnung von meinem Freund und mir nur noch, um frische Kleidung zu holen. Ich habe Angst, was mit Shinya passiert, falls ich die Beziehung zu Taichi noch retten kann. Sollte er sich töten, könnte ich mir das nie verzeihen. Wie ich meinem Vater bereits sagte, ist er für mich inzwischen zu einem guten Freund geworden. Ich betrachte ihn nicht mehr als Freier. Für ihn bin ich ohnehin schon viel länger kein Stricher mehr. Dass er mich liebt, spüre ich in seinem ganze Verhalten mir gegenüber. Manchmal schmerzt es mich, dass ich die Liebe nicht in gleichem Maße erwidern kann. Was die Vergewaltigung anbelangt, bin ich zwar auf Shotas Seite, da ich weiß, wie es sich anfühlt, aber ich weiß auch, was für ein lieber Mensch Shinya ist. Er bedeutet mir inzwischen unglaublich viel, was ich anfangs nie für möglich gehalten hätte. Shota ist, wie ich erwartete, tatsächlich ein hübscher junger Mann geworden. Ich würde mich gern noch einmal mit ihm unterhalten, von seinen Gefühlen und Gedanken erfahren. Mit Sicherheit hasst er seinen Vater für das, was er ihm antat, aber bei unserer letzten Begegnung hatte ich eher das Gefühl, als würde er in erster Linie mich dafür verantwortlich machen und nicht seinen Vater. Wenn ich ehrlich sein soll, fände ich es sogar gut, wenn dies der Fall wäre. Mich würde interessieren, wie genau es damals so weit kommen konnte, doch Shinya schweigt sich darüber aus und ich traue mich nicht ihn zu fragen. Ich möchte ihn nicht einfach mit dem Thema konfrontieren. Er ist derzeit ohnehin sehr labil.

„Hey.“ Erschreckt zucke ich zusammen und drehe mich in die Richtung, aus der die Stimme kam. „Tut mir leid. Du warst in Gedanken, oder?“ Masao lächelt mich an, dann setzt er sich neben mich auf den Bordstein.

„Ja“, antworte ich noch immer leicht abwesend.

„Unser Auftritt kam doch ganz gut an, wenn man bedenkt, dass wir nur die Vorgruppe waren. Was meinst du?“

„Ich denke schon.“

„Die Menschen da drin werden dir zu viel, hab ich recht?“, mutmaßt unser Keyboarder und trinkt einen Schluck aus seiner Bierflasche.

„Ja“, entgegne ich zurückhaltend, anschließend ziehe ich an meiner Zigarette.

„Warum so schüchtern, Yamato?“

„Tut mir leid. Irgendwie schaffe ich es nicht, mich von meinen Gedanken zu lösen. Dabei drehen sie sich ohnehin nur im Kreis.“

„Soll ich versuchen, dich ein wenig abzulenken, oder ist dir meine Gesellschaft gerade eher unangenehm?“ Ich richte meinen Blick nach vorn, auf einen unbestimmten Punkt.

„Es wäre schön, wenn du bleiben würdest.“ Masao hebt die Bierflasche erneut an seine Lippen, setzt sie jedoch, ohne etwas zu trinken, wieder ab.

„Was war heute während des Konzertes mit dir los?“, will er hörbar besorgt wissen.

„Wie kommst du darauf, dass...“

„Für eine kurze Zeit schien dich etwas aus dem Konzept gebracht zu haben. Du wirktest unkonzentriert, deine Stimme zitterte und du trafst einige Töne nicht ganz.“

„War das wirklich so auffällig?“

„Nein, keine Sorge. Nicht einmal Kozue oder Naoki haben ein Wort darüber verloren. Entweder sie bekamen es nicht mit oder sie erachten es als unwichtig.“ Er sieht mich nicht an, trinkt nur einige Schlucke seines Bieres. „Ich frage, weil ich das Gefühl habe, dass es dir in letzter Zeit schlechter geht.“ Wieder eine dieser Aussagen. Vielleicht ist jetzt eine gute Gelegenheit ihn auf das Thema anzusprechen. Ich zwinge mich, mein Whiskeyglas in einem Zug zu leeren. Der Alkohol und das Kokain geben mir hoffentlich den nötigen Mut und wirken sich nicht nachteilig auf die Unterhaltung aus.

„Masao?“

„Hm?“

„Bevor ich lange nach passenden Worten suche und sie letztlich doch nicht finde, frage ich lieber direkt. Was genau weißt du über mich und mein Leben?“ Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sich ein leichtes Lächeln auf seine Lippen legt. Dann betrachtet er mich ernst.

„Wahrscheinlich mehr, als ich wissen sollte. Wo fange ich am besten an... deine Eltern ließen sich scheiden, als du noch klein warst. Du hast versucht, dich selbst zu töten, musstest Klinikaufenthalte und Therapien über dich ergehen lassen. Dein Selbsthass trieb dich zu selbstverletztendem Verhalten, in die Drogenabhängigkeit und die Prostitution. Zudem verspürtest du das Verlangen...“ Masao wendet seinen Blick von mir ab und schaut verlegen zu Boden. „... mit deinem Vater zu schlafen.“ Mir gleitet die Zigarette aus den Fingern. Ich bin wie versteinert, meine Gedanken vermag ich kaum zu ordnen. „Es tut mir leid, Yamato. Eigentlich wollte ich schon viel eher mit dir reden... allerdings fand ich nie einen geeigneten Zeitpunkt. Immerhin handelt es sich um extrem intime Details aus deinem Leben.“

„War es das oder kommt noch mehr?“, frage ich schroffer als beabsichtigt.

„Du warst mit einem Taichi zusammen, wobei ich glaube, dass du noch einmal eine Beziehung mit ihm eingingst, die bis heute besteht. Alle anderen Punkte betreffend weiß ich nicht, inwieweit sie der Vergangenheit angehören. Bei manchen fürchte ich nur, dass sie noch immer aktuell sind.“ Masao sieht mich noch immer nicht an. Er hat seinen Kopf gesenkt und schaut auf die Bierflasche, die er leicht in seinen Händen wiegt.

„Woher...“

„Von Akito.“ Meine Augen weiten sich, als der Name in mein Bewusstsein dringt.

„Was?“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein ersticktes Flüstern.

„Wir wohnten früher im selben Haus, gingen in dieselbe Grund- und Mittelschule. Und irgendwie waren wir auch Freunde, denke ich. Zumindest zeitweise... wenn er sich auf mich einließ, Gefühle und Nähe akzeptierte. Ich bekam einiges von seinen Familienverhältnissen mit, nur als Kind war ich noch nicht in der Lage, manche Sachverhalte zu begreifen. Wenn ich Akito mit zu mir nach Hause nahm, verhielten sich meine Eltern merkwürdig. Ich verstand nicht, warum, hasste es aber, dass sie ihn immer so mitleidig ansahen. Später erkannte ich, dass sie einfach nicht wussten, wie sie mit ihm umgehen sollten. Zu ihm nach Hause durfte ich nur, wenn er wieder einmal auf seine Mutter aufpassen musste. So nannte er den Umstand ihrer Unzurechnungsfähigkeit. Meist war sie dann mit Drogen zugedröhnt oder schnitt sich mit Rasierklingen die Arme auf. Eigentlich war die Last dieser Verantwortung viel zu schwer, um von den schmalen Schultern eines kleinen Jungen getragen zu werden. Den Hass, den er seiner Mutter hätte entgegenbringen müssen, richtete er auf seine Umwelt. Akito war als Kind sehr aggressiv, seine Hilflosigkeit war dadurch deutlich spürbar. Gelegentlich schien seine Mutter bei klarem Verstand zu sein. Dann machte sie sich Vorwürfe, weil sie ihren Sohn ja liebte, und dachte vermutlich, dass sie ihm hilft, indem sie ihn in Psychiatrien einsperrte und mit Therapien folterte. Er ließ es über sich ergehen, doch am Ende brachte es rein gar nichts. Sein Verhalten blieb unberechenbar, konnte von einer Sekunde auf die andere umschlagen. Trotz seines Misstrauens und seiner Verachtung andere betreffend vertraute er mir offenbar. Dabei war unsere Freundschaft eher sporadisch. Was er erzählte, war zum Teil wirklich heftig, aber über eine Sache sprach er nie. Die Freier seiner Mutter. Ich traute mich nie, ihn zu fragen, aber ich bin mir sehr sicher, dass einige von denen sich auch an Akito vergingen. Gelegentlich sah ich die Männer und bei manchen hatte ich das Gefühl, sie sind nicht wegen ihr, sondern wegen ihres Sohns da. Möglicherweise verkaufte sie ihn im Drogenrausch. Mit der Zeit lernte Akito, sich in Gesellschaft zu verstellen. Die Maske der Angepasstheit aufzusetzen. Nach der Mittelschule zog er aus mir unbekannten Gründen mit seiner Mutter nach Odaida. Dennoch blieben wir in Kontakt. Nicht regelmäßig. Eigentlich änderte sich, abgesehen von der Entfernung, nichts zwischen uns. Als er dich kennen lernte, zeigte er das erste Mal ehrliches Interesse an einem anderen Menschen. Er meinte, er hätte einen Menschen gefunden, bei dem er sich nicht verstellen müsste. Jemand, der ähnliche Erfahrungen und Gedanken hat. Es überraschte mich, wie intensiv seine Gefühle für dich waren. Allerdings hattest du einen Freund, der einzige Mensch, dem du an der Schule Beachtung schenken würdest. Wie Akito letztlich den Kontakt zu dir suchte oder wie die Beziehung zustande kam, weiß ich nicht. Er meinte nur, er wollte dich nicht wieder an Taichi verlieren, wusste jedoch, dass es ein aussichtsloser Kampf ist. Irgendwann muss es ein Gespräch zwischen ihm und Taichi gegeben haben. Akito erzählte etwas von einer Entzugsklinik und drei Monaten, danach wäre es vorbei. Er wirkte zwar gefasst, doch seine Stimme zitterte und die Verzweiflung war ihm deutlich anzumerken. Ich bin mir sicher, wäre sein Stolz nicht gewesen, hätte er geweint. Die Nachricht von seinem Selbstmord stimmte mich traurig, kam aber nicht unerwartet. Er wollte sterben, seit er als Kind einen Versuch unternahm, der möglicherweise nach der ersten Vergewaltigung durch einen Freier seiner Mutter stattfand. Dass er letztlich so lange überlebte, ist eigentlich erstaunlich.“ Masao seufzt und trinkt ein paar Schlucke aus seiner Flasche. „Entschuldige, ich...“ Er unterbricht sich, als er mich ansieht. Tränen laufen über meine Wangen und tropfen auf den Asphalt. Der Druck auf meinem Brustkorb lässt mich kaum atmen. Mein Kopf ist vollkommen leer, dabei gibt es noch so viele Fragen, so vieles, was ich sagen möchte... ich bringe kein einziges Wort hervor. „Soll ich dich erst einmal allein lassen? Oder dir noch etwas zu trinken holen?“ Es dauert eine Weile, bis ich reagiere, dann halte ich unserem Keyboarder mein Glas hin. „Noch einen Whiskey?“ Ich nicke. „Yamato“, beginnt er vorsichtig. „Bitte verschwinde nicht einfach, während ich kurz weg bin.“ Ich nicke erneut. „Okay, ich vertraue dir.“ Mit schmerzenden Augen und verschwommener Sicht blicke ich zurück, um zu beobachten, wie er im Gebäude verschwindet. Dann schaue ich mich um. Es befindet sich niemand in meiner unmittelbaren Nähe. Vermutlich liegt es an der Kälte, die Gäste halten sich lieber in den warmen, stickigen und überfüllten Räumlichkeiten auf. Vom Weinen läuft meine Nase. Zum Glück habe ich ausnahmsweise Taschentücher bei mir. Während ich meine Nase putze, lasse ich meinen Blick noch einmal schweifen. Alles ist unverändert. Ohne zu zögern, hole ich das kleine Päckchen aus meiner Jackentasche, schnupfe etwas von dem Kokain und verstaue es wieder sorgfältig. Erneut benetzen Tränen mein ausgekühltes Gesicht. Hätte Akito meinen Drogenkonsum gerade mitbekommen, wäre er mit Sicherheit unglaublich wütend. Er fehlt mir so sehr. Aber eine Sache an Masaos Ausführungen irritierte mich. Ich muss unbedingt... „Entschuldige, Kozue hielt mich auf. Sie wollte wissen, wo du bist. Ich sagte ihr, dass du eine kurze Auszeit brauchst. Hier, dein Whiskey. Geht es wieder einigermaßen?“ Mit einem gezwungenen Lächeln nehme ich ihm das Glas aus der Hand. Masao erwidert es traurig. Er streckt seine Hand nach mir aus, hält jedoch inne und lässt sie schließlich sinken. Schwermütig nimmt er wieder neben mir Platz, die neue Flasche Bier stellt er vor sich ab. Es herrscht eine merkwürdige Atmospäre, ein erdrückendes, ungewisses Schweigen, weshalb jeder von uns seinen eigenen Gedanken nachhängt.
 

Langsam laufe ich die beleuchtete Straße entlang. Mein Atem kondensiert aufgrund der Kälte und bildet kleine Wölkchen. Masao bot mir an, mich nach Hause zu begleiten, doch ich lehnte dankend ab. Wir kennen beide den Grund, keiner von uns sprach ihn aus. In Anbetracht der vorherrschenden Situation ist mir seine Anwesenheit mehr als unangenehm. Dabei scheint er keinerlei Ekel oder Abneigung mir gegenüber zu empfinden. Während er sprach, klang seine Stimme zu keiner Zeit urteilend, geschweige denn anklagend. Sie war eher sanft, melancholisch, nicht mitleidig, aber bedauernd, vermutlich bezogen auf seine Machtlosigkeit. Er wollte Akito helfen, war jedoch selbst nur ein Kind. Zumindest war deutlich herauszuhören, dass ihm Akito sehr viel bedeutet. Sonst hätte er all die Jahre nicht so viel Verständnis und Geduld für ihn aufgebracht. Trotz seiner scheinbaren Toleranz fühle ich mich mit meinem Wissen bezüglich seines Wissen unwohl. Irgendwie macht es mich wütend, dass er nie etwas sagte, obwohl ich die Begründung für seine Verschwiegenheit verstehe. Ohne auf mögliche Autos zu achten, überquere ich die Straße. Aus meiner Tasche krame ich eine Zigarette, die ich sogleich entzünde. Hoffentlich ist Shinya nicht wieder vollkommen zugedröhnt, wenn ich nach Hause komme. Ich wünschte, ich könnte die Vergangenheit ungeschehen machen. Ich wünschte, ich hätte mich damals nicht von ihm losgesagt, dann wäre die Vergewaltigung mit Sicherheit nie passiert. Er hätte meinen Körper benutzen können, um seine Gelüste zu befriedigen. Vielleicht wäre es ausreichend gewesen, damit er bei seinem Sohn nicht die Beherrschung verliert. Genau genommen ist Shinyas derzeitiger Zustand meine Schuld, aber Schuldgefühle sind nicht vorrangig der Grund, weshalb ich mich um ihn kümmere. Meine Motive sind weitaus egoistischer. Er bedeutet mir zu viel. Er darf sich nicht einfach zugrunde richten und sterben. Ich will ihn nicht verlieren. Ich brauche ihn. Auch, um mich von Taichi abzulenken. Meine Einsamkeit bleibt zwar bestehen, doch mit Shinya bin ich wenigstens nicht allein, obwohl es tagtäglich eine harte Probe für mich darstellt, nicht wieder in die Heroinabhängigkeit zurückzufallen. Insbesondere, wenn er in meiner Gegenwart fixt. Nicht absichtlich. Er denkt einfach nicht darüber nach, zu sehr ist er in seiner eigenen Sucht gefangen. Der Schmerz in meinem Kopf verstärkt sich, als ich die Treppe Stufe für Stufe hinaufsteige. Den Rest meiner Zigarette lasse ich achtlos fallen. Aus meiner Tasche hole ich den Wohnungsschlüssel, beim Aufschließen zeichnen sich einige Schwierigkeiten ab. Noch immer spüre ich ein wenig das Kokain und den Alkohol, die mein Bewusstsein weiterhin leicht vernebeln. Nach ein paar Fehlversuchen gelingt mir das Öffnen der Tür und ich betrete den Flur. Shinya schaut aus der Küche. An seinen Augen erkenne ich sofort, dass er nicht nüchtern ist.

„Du bist zurück“, bemerkt er mit einem seltsamen Lächeln.

„Wie du sieht“, entgegne ich tonlos, wobei ich meine Schuhe und Jacke ausziehe. „Was hast du dieses Mal konsumiert?“

„Ist etwas passiert? Du wirkst angespannt.“ Er kommt auf mich zu. „Ich weiß, was dagegen hilft.“

„Nicht jetzt, Shinya“, weise ich ihn bestimmt ab und will mich an ihm vorbeizwängen, doch er hält mich an der Schulter fest und drückt mich derb gegen die Wand. Obwohl ich selbst Alkohol getrunken habe, rieche ich, dass auch er welchen zu sich nahm. „Lass mich los, du stinkst wie ein ganzes Weinfass!“ Von meiner Aufforderung unbeeindruckt, streicht er mit seiner Hand meinen Oberkörper hinab und gleitet zwischen meine Beine. „Hör auf, Shinya!“, versuche ich es diesmal energischer.

„Sonst zierst du dich auch nicht so. Bedenke deine Position. Mund halten und Beine breit machen. Und jetzt sei ein lieber Junge.“ Sein Alkoholgeruch benebelt meine Sinne zusätzlich, weshalb ich meine Gegenwehr kurzzeitig aufgebe und Shinya die Knöpfe meines Hemdes öffnen lasse. Er schiebt es von meinen Schultern, beinahe lautlos gleitet das Stück Stoff zu Boden. Als er Anstalten macht, meine Hose herunterzuziehen, gebiete ich ihm Einhalt.

„Ich sagte nein!“

„Warum? Du lässt dich doch gern von Alkoholikern ficken.“ Seine Bemerkung trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Fassungslos starre ich meinen Gegenüber an.

„Hast du überhaupt noch einen Funken Feingefühl? Oder wurde dieses Areal deines Gehirns bereits durch die Drogen zerstört?“

„Deine Aufmüpfigkeit gefällt mir nicht. Anscheinend hast du vergessen, wo du hingehörst. Du bist nur eine billige Hure. Ersetzbar. Wertlos, wenn du nicht gerade einen Schwanz lutscht oder deinen Arsch zur Lustbefriedigung zur Verfügung stellst.“ Shinyas Worte sollten verletzend sein, mich berühren sie allerdings nicht. Viel schmerzhafter finde ich sein Verhalten an sich. Mit Tränen in den Augen schaue ich ihn an.

„Wer bist du?“, hauche ich mit brüchiger Stimme. „Merkst du nicht, was die Drogen mit dir machen?“ Bei diesen Sätzen muss ich kurz an Taichi denken. „Verdammt, Shinya!“

„Sei still!“, schreit er mich plötzlich an und bringt mich zu Fall. Hart schlage ich auf dem Boden auf und bleibe benommen liegen. Ich spüre, wie mein einstiger Freier mich meiner Hose entledigt und meine Beine weit auseinanderdrückt.

„Hast du deinen Sohn auf dieselbe Weise genommen?“, frage ich weinend. Sichtlich verstört hält Shinya inne. Ich hasse mich selbst dafür, zu diesem Mittel gegriffen zu haben. Es ist erbärmlich, ihn derart zu verletzen, aber anders wusste ich mir im Augenblick nicht zu helfen. Beinahe apathisch sinkt Shinya mit seiner Stirn auf meinen Brustkorb. Schmerzlich spüre ich seine Tränen auf meiner Haut. Wie gelähmt liege ich unter ihm, unfähig in irgendeiner Weise zu reagieren. Mein Blick fällt abwesend zur Decke. Unerwartet richtet Shinya sich auf, zieht meinen Körper in eine Umarmung, wobei er mich so stark an sich presst, dass ich kaum atmen kann.

„Du tust mir weh“, flüstere ich kaum hörbar.

„Geh nach Hause“, fordert er mich plötzlich auf, hält mich jedoch unverändert fest. Ich schließe meine Augen, wärme mich an ihm. Erst jetzt bemerke ich mein Zittern. Sinnlich gleitet Shinya mit seinen Fingerspitzen über meine Wirbelsäule, hinab zu meinem Steiß. Leicht verkrampfe ich bei dem Gedanken, ihn gleich in mir zu spüren. Er allerdings hebt seine Hand und umfasst meinen Nacken. „Zieh dich an. Du frierst.“ Ohne mich eines Blickes zu würdigen, lässt er von mir ab und geht wortlos ins Wohnzimmer. Ratlos und allein bleibe ich im Flur zurück.

„Du warst heute sehr abwesend und zurückgezogen“, bemerkt Reiji beiläufig, während er mit der Abrechnung beschäftigt ist. „Zumindest fiel es mehr auf als sonst.“ Ich sage nichts, sondern spüle, inzwischen routiniert, die letzten Gläser ab. Mein Arbeitskollege hält in seinem Tun inne und sieht mich vorwurfsvoll an. „Yamato, ich rede mit dir.“

„Ja“, antworte ich genervt. „ Und was möchtest du jetzt von mir hören?“

„Eine Erklärung wäre nicht schlecht.“

„Geht dich nichts an“, weise ich ihn ebenso mürrisch wie unbedacht ab.

„Dann solltest du dein Verhalten während der Arbeitszeit überdenken“, ermahnt Reiji mich ungewohnt streng. „Deine privaten Probleme haben hier nichts zu suchen. Egal, wie es dir geht, du musst lächeln und freundlich sein. So ist das nun einmal im Dienstleistungsgewerbe.“

„Dienstleistungen kann ich auch ohne Lächeln erbringen. Es ist alles eine Frage der Fertigkeiten.“

„Du klingst wie ein Stricher. Allerdings ist dieser Klub kein Bordell, in dem du deinen Körper verkaufst. Also hör auf, solchen Unsinn von dir zu geben.“ Mein Arbeitskollege klingt verärgert. Dessen ungeachtet fahre ich mit meiner Arbeit fort. Seufzend wendet sich Reiji wieder der Abrechnung zu. „Zum Glück war der Boss heute nicht da. Ein solches Verhalten hätte er dir nicht lange durchgehen lassen. Vor Jahren führte ich ein ähnliches Gespräch mit ihm und musste schnell feststellen, dass es zwecklos ist. Er vertritt seinen Standpunkt, ohne Kompromisse einzugehen. Mittlerweile sehe ich den Sachverhalt ähnlich. Also reiß dich bitte zusammen, okay?“ Ich nicke mechanisch, lasse das Wasser aus dem Spülbecken und nehme ein Handtuch, um die Gläser abzutrocknen und zu polieren. Für eine Weile widmet sich jeder von uns seiner Aufgabe, schweigend, gedankenversunken.

„Reiji?“, nehme ich das Gespräch schließlich wieder auf.

„Hmm.“

„Es tut mir leid, dass ich vorhin so gereizt reagierte.“

„Schon gut“, meint er nachsichtig. „Du hast Stress mit deinem Freund, oder?“

„Nicht direkt... ich habe derzeit keinen Kontakt zu ihm.“ Überrascht sieht Reiji mich an.

„Habt ihr euch getrennt?“ Für einen kurzen Moment halte ich inne.

„Keine Ahnung“, antworte ich letztlich ehrlich, woraufhin mein Arbeitskollege sich mir mit ernstem Blick zuwendet. Liebevoll streicht er eine Haarsträhne hinter mein Ohr.

„Trenn dich endgültig von diesem Typen. Er ist nicht gut für dich.“ Schmerzlich kommen mir Akitos Worte von damals in den Sinn, die genau das gleiche forderten.

„Nein, ich liebe ihn“, antworte ich entschieden.

„Verdammt, er macht dich kaputt, Yamato!“ Ich schüttele traurig meinen Kopf.

„Das Problem ist eher, dass ich ihn kaputt mache.“ Bestimmt streift mein Gegenüber durch meine Haare, bis seine Hand mit festem Griff in meinem Nacken verweilt.

„Hast du in letzter Zeit in den Spiegel geschaut? Du siehst schlecht aus. Dünn warst du, seit ich dich kenne, aber allmählich wird es bedenklich. Ich vermute zudem, dass du wieder Drogen konsumierst. Stimmt das?“ Nahrung nahm ich in letzter Zeit tatsächlich nicht viel zu mir. Hin und wieder, wenn er nicht drauf war, kochte Shinya etwas für uns. Ansonsten verspürte ich kein Hungergefühl, weshalb ich nicht daran dachte, etwas zu essen. Vermutlich wäre mir ohnehin übel davon geworden. Schon früher wirkte sich meine psychische Verfassung auf mein Essverhalten aus. Je tiefer ich fiel, desto weniger aß ich, in der Hoffnung, irgendwann zu verschwinden. Und wenn der Körper sich daran gewöhnt hat, kaum Nahrung zu bekommen, reagiert er bereits auf kleine Mengen empfindlich und es ist kaum möglich, normale Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Krämpfe, Übelkeit und Erbrechen sind die Folge. „Dein Schweigen bestätigt meine Befürchtung.“ Die Stimme meines Gegenübers holt mich aus meinen Gedanken.

„Ich... nicht regelmäßig“, gebe ich ehrlich zu.

„Wieder Heroin?“

„Nein.“

„Okay, ich bedränge dich nicht weiter, zumal es deine Sache ist. Vergiss aber bitte nicht, was ich dir im Bezug auf den Boss und Drogen sagte. Wenn du diesen Job behalten willst, versuche besser nicht durch Lügen deine Sucht zu verbergen. Ich glaube, er ist durch mich sensibilisiert. Zumindest konnte ich ihm nie etwas vormachen, was ich in der Anfangszeit oft austestete. Du solltest versuchen, clean zu werden. Ich weiß, dass das nicht einfach ist, und wenn du es nicht allein schaffst, sprich mit ihm. Der Boss rechnet es seinen Mitmenschen hoch an, wenn sie ihr Fehlverhalten von sich aus beichten und er es nicht selbst herausfindet. Er wird dir so schnell keine Kündigung aussprechen, sondern zunächst seine Hilfe anbieten. Allerdings erwartet er von dir ernsthafte Mitarbeit und vor allem Ehrlichkeit.“

„Willst du, dass ich mit dem Chef spreche?“ Ich löse Reijis Hand von meinem Nacken und gehe zu einem der Schränke, um mein inzwischen durchnässtes Handtuch gegen ein trockenes zu tauschen.

„Denkst du, du kommst von dem Zeug allein los?“ Nachdenklich betrachte ich die Gläser, die ich noch abzutrocknen habe.

„Momentan gibt es für mich eigentlich Wichtigeres.“

„Wichtiger als dich vor dem kompletten Absturz zu retten?“, fragt Reiji verständnislos. „Vergiss es“, fügt er seufzend an. „Ich sah deinen Körper und was du ihm antust, das ist leider Antwort genug.“ Mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck wendet er mir den Rücken zu und verlässt die Bar, um die Stühle verkehrt herum auf die Tische zu stellen. Am Ende des Tresens bleibt er jedoch stehen. „Weißt du, dass ich deinen Freund hasse?“ Seine Worte klingen feindselig und endgültig. „Auch wenn ihr Differenzen hattet, sieht er nicht, dass du ihn dringend brauchst? Ist er blind, stumpfsinnig oder ignorant? Dieser Idiot macht mich wirklich wütend.“

„Erlaube dir kein Urteil, wenn du die Situation nicht kennst“, rüge ich meinen Arbeitskollegen missbilligend.

„Sollte nicht egal sein, was passiert ist, wenn die Person, die ich liebe, sich Stück für Stück tötet?“

„Reiji?“ Er dreht sich zu mir um, mustert mich eingehend und sieht mir dann in die Augen. Ich lächle verzerrt. „Du bist ein Idealist und Romantiker.“ Mit unveränderter Miene kommt er auf mich zu. Hart packt er mich am Handgelenk und schiebt meinen Ärmel nach oben. Kurz hält er inne und starrt auf meinen Arm.

„Verdammt, sieht das für dich nach Romantik aus?“, schreit er mich plötzlich an. „Die frischen Verletzungen, die gerade erst beginnen zu verheilen... was wolltest du damit erreichen? Wie tief willst du noch schneiden?“

„Ich war betrunken. Außerdem bin ich dir keine Rechenschaft schuldig und jetzt lass mich los!“

„Darf ich raten? Der Grund für deinen Exzess war dein Freund?“

„Ich sagte, es geht dich nichts an!“ Verzweifelt versuche ich mich von ihm zu befreien. „Taichi geht dich, verdammt noch mal, nichts an! Letztlich willst du mich nur ficken, oder? In Ordnung.“ Erhitzt öffne ich mein Hemd, dann meine Hose. „Komm schon...“ Kräftig schlägt mir Reiji mit der Rückhand ins Gesicht, sodass ich ins Taumeln gerate und mich am Tresen festhalten muss.

„Du hast recht, ich will mit dir schlafen. Aber nicht so, nicht um jeden Preis.“ Behutsam zieht er mich in eine aufrechte Haltung und gibt mir sanft einen Kuss auf die Wange, die von der Ohrfeige noch immer schmerzt. „Ich mag dich, Yamato“, flüstert er. „Deshalb habe ich Angst um dich. Und es macht mich wütend, dass dein Freund die offenbar nicht hat. Natürlich geht mich deine Beziehung zu ihm nichts an, aber du als Person gehst mich etwas an, weil du mir wichtig bist. Aus diesem Grund mische ich mich ein. Verstehst du?“ Sorgsam schließt er meine Hose und knöpft mein Hemd wieder zu. „Biete deinen Körper nicht so leichtfertig an.“ Mit einem schmerzlichen Lächeln entfernt er sich einen Schritt. „Schon gar nicht einem Kerl wie mir, der ohnehin so sehr auf dich steht, dass er immer einen Ständer bekommt, wenn potentiell mehr laufen könnte.“ Unbeabsichtigt schaue ich auf seinen Schritt.

„Soll ich dir...“

„Ich muss mal kurz zur Toilette.“ Verwundert schaue ich ihm nach. Reiji erwartet nicht einmal, dass ich ihm mit meinem Mund Abhilfe verschaffe. Nachdenklich wende ich mich erneut den Gläsern zu. Seine Zuneigung fühlt sich irgendwie anders an, verwirrend, unlogisch. Ebenso wie meine Gefühle für ihn.

„Tut mir leid.“ Mein Arbeitskollege bringt mir ein verlegenes Grinsen entgegen, als er zurückkommt, welches ich schüchtern erwidere. „Mit der Abrechnung bin ich gleich fertig, dann helfe ich dir beim Abtrocknen. Danach gehen wir irgendwo was Essen, ich sterbe vor Hunger.“ Bevor ich etwas sagen kann, spricht er weiter. „Ein Nein wird nicht akzeptiert. Ich lade dich ein.“ Schweigend schaue ich ihn an. Er jedoch richtet seine Aufmerksamkeit konzentriert auf das Heft vor sich, in welches er verschiedene Zahlen einträgt. Lächelnd wende ich meinen Blick ab.
 

Müde lege ich mich zu Shinya ins Bett. Es ist bereits weit nach Mitternacht. Ich arbeitete an einer Melodie zu dem Text, den ich im Alkoholrausch verfasste, weshalb ich nicht auf die Zeit achtete. Aufgrund der Kälte ziehe ich die Decke fest um meinen Körper.

„Shinya?“, flüstere ich, da ich ihn nicht wecken möchte, falls er schon schläft. Heute ging er, wie die Tage zuvor, zeitig ins Bett. Dass es ihm nicht gut geht, ist ihm deutlich anzusehen.

„Hm.“ Wie ich vermutete, ist er wach. Eine weitere Nacht.

„Du kannst nicht schlafen, hab ich recht?“

„Nicht so richtig.“ Seine Stimme wirkt angespannt und doch kraftlos. Ich drehe mich zu ihm und streiche behutsam über seine Schläfe. Meine Fingerspitzen fühlen sich feucht an.

„Obwohl es in der Wohnung nicht unbedingt warm ist, schwitzt du.“ Fürsorglich lege ich meine kalte Hand auf seine erhitzte Stirn. Mit der anderen gleite ich unter seine Decke, über den Brustkorb, um seinen beschleunigten Herzschlag zu spüren. „Denkst du, ich bekomme nicht mit, wenn du auf Entzug bist?“, frage ich vorwurfsvoll. „Warum bittest du mich nicht um Hilfe bei dem Versuch, von den Drogen loszukommen oder zumindest deren Konsum einzuschränken?“ Bisher sagte ich nichts, weil ich hoffte, er brauchte lediglich etwas Zeit, doch statt sich mir wieder anzunähern, entfernt er sich immer weiter. Seit er mich im Flur zu Sex zwingen wollte und ich diese absolut unnötige, äußerst bittere Aussage über seinen Sohn fallen ließ, bemerkte ich eine Veränderung in seinem Verhalten. Er geht mir nicht aus dem Weg oder ignoriert mich, aber emotional zieht er sich völlig in sich zurück. Dabei zuzusehen, wie er sich allein quält, obwohl er versucht, seine Schmerzen und das Zittern vor mir zu verbergen, tut unglaublich weh. Ich hasse diese Hilflosigkeit, die ich auch bei Tai verspüre.

„Weil ich möchte, dass du dich... auf deine eigenen Probleme konzentrierst. Damit meine ich insbesondere deine Beziehung mit Taichi.“

„Warum bringst du jetzt dieses Thema zur Sprache? Es geht im Augenblick um dich und nicht um ihn.“

„Yamato...“ Er klingt überreizt. „Auch wenn du versuchst... es zu verbergen, leidest du unter der Situation mit deinem Freund... und zerbrichst daran. Was kann ich sonst tun, um...“

„Um mich solltest du dir momentan am wenigsten Sorgen machen. Shinya, dein Körper glüht. Du hast Fieber.“

„Das kommt schubweise. Es ist... alles in Ordnung...“ Allmählich driftet mein einstiger Freier ins Delirium. Ich merkte bereits, wie schwer ihm die kurze Unterhaltung mit mir fiel, welche Schwierigkeiten er hatte, sich darauf zu konzentrieren. Angst ergreift Besitz von mir, obwohl ich die Auswirkungen eines Entzugs eigentlich kenne. Shinyas Atmung ist schwerer, flacher und er krampft leicht. Verzweifelt nehme ich ihn in den Arm. „Shota.“ Der Name seines Sohnes kommt kaum hörbar über seine Lippen. Ich drücke ihn fester an mich. Tränen benetzen meine Haut.
 

Mit einem merkwürdigen Gefühl steige ich die Außentreppe zu den Wohnungen hinauf. Ich frage mich, ob ich gerade dabei bin, einen schwerwiegenden Fehler zu begehen. Zögernd laufe ich den Flur entlang, die Namen auf den Türschildern lesend. Bei einem mit der Aufschrift Nishizawa bleibe ich stehen. Noch ist es nicht zu spät. Noch kann ich umkehren. Entgegen meiner Angst und erfüllt von Zweifeln betätige ich den Klingelknopf. Angespannt warte ich. Niemand öffnet. Ich sollte gehen, stattdessen krame ich aus meiner Hosentasche meinen Player und setze mich neben die Tür auf den Boden. Dann schiebe ich die Kopfhörer von meinem Nacken zurück auf meinen Kopf. Unzählige Male höre ich das neue Demotape von ‚So easy’. Bewohner des Hauses laufen hin und wieder an mir vorbei, bedenken mich mit seltsamen, teils skeptischen Blicken. Es wird schon dunkel, als eine Frau, die ich als Shotas Mutter zu erkennen glaube, die Treppe hinaufkommt. Ich hoffte, zuerst auf Shota selbst zu treffen, stehe aber sofort auf und schalte die Musik ab. Höflich verbeuge ich mich.

„Möchten Sie zu mir? Oder sind sie ein Bekannter meines Sohnes?“ Die Stimme der Frau ist genauso liebenswürdig wie damals. Als ich mich wieder aufrichte, zeichnet sich Erkennen auf ihrem Gesicht ab. „Sie sind der Junge, der früher gelegentlich bei uns... zu Besuch war.“ Mit ihrem Schlüssel öffnet sie die Tür und bedeutet mir, einzutreten. „Es freut mich, die Gelegenheit zu bekommen, mich noch einmal mit Ihnen zu unterhalten.“ Ihre Worte rufen in mir ein merkwürdiges Gefühl hervor, welches sich verstärkt, als ich die fremde Wohnung betrete. Ich ziehe meine Schuhe und Jacke aus, dann folge ich ihr. Wohnzimmer und Küche sind keine separaten Räume, sondern gehen ineinander über. Auf der anderen Seite befindet sich ein kleiner Flur, der zu den restlichen Räumen führt. „Setzen Sie sich. Möchten Sie Tee?“ Ich nicke und nehme an dem Tisch, der vermutlich als Esstisch genutzt wird, Platz. Verkrampft lächle ich, als sie das heiße Getränk vor mir auf der Tischplatte abstellt. Anschließend setzt sie sich auf den Stuhl mir gegenüber und mustert mich eingehend. Die Situation fühlt sich unangenehmer an als erwartet. „Ist mein Mann der Grund für Ihren Besuch?“ Der Klang ihrer Stimme ist sanftmütig und voller Sorge. Sie scheint Shinya keinerlei negative Gefühle entgegenzubringen. Auch die Tatsache, dass sie ihn noch immer als ihren Mann bezeichnet, deutet darauf hin, dass sie die Scheidung nie wirklich akzeptierte oder verwunden hat.

„Auch wenn einige Zeit vergangen ist, können Sie weiterhin Yamato zu mir sagen.“ Sie lächelt.

„In Ordnung, Yamato. Und meine Frage?“

„Ja, es geht um ihn, aber Herr Takano weiß nichts von meinem Besuch.“

„Shinya. So nennst du ihn doch normalerweise, nicht wahr? Ich weiß, dass du nicht sein Schüler, sondern sein Geliebter warst und offenbar noch immer bist.“ Ihre ruhige, gefasste Art irritiert mich, weshalb ich meinen Kopf senke, um ihr nicht mehr in die Augen sehen zu müssen. „Bitte schau mich an, Yamato. Ich mache weder dir noch meinem Mann einen Vorwurf. Seine sexuelle Orientierung kann man sich nicht aussuchen und niemand sollte dafür verurteilt werden. Ich liebe Shinya, doch seine Liebe kann ich nicht erzwingen. Und trotzdem gab er mir nie das Gefühl, diese Ehe nur eingegangen zu sein, um vor der Gesellschaft den Schein zu wahren. Er war immer sehr fürsorglich und besonders seinen Sohn liebt er über alles.“ Leider etwas zu sehr. Ein bitteres Lächeln legt sich auf meine Lippen. Da ist sie wieder, die beschissene Ironie des Lebens. Ich hasse es. Und ich hasse mich für meine Schwäche, nichts ausrichten zu können.

„Frau Nishizawa, ich...“ Die Wohnungstür öffnet sich. Als Shotas Blick in unsere Richtung fällt und er mich erkennt, verfinstert sich seine Miene.

„Was willst du hier? Verpiss dich, du hast schon genug Schaden angerichtet!“ Seinem Tonfall entnehme ich nichts als Verachtung. Dann werden seine Gesichtszüge milder, seine Mutter betrachtet er unerwartet liebevoll. „Bitte Mama, lass solchen Abschaum in Zukunft nicht mehr in unsere Wohnung. Dieses widerliche Stück Dreck machte alles kaputt. Seinetwegen vögelt mein Vater minderjährige Jungs.“

„Shota!“, maßregelt Frau Nishizawa ihren Sohn bestürzt. Dieser wendet sich wortlos ab. Kurz darauf höre ich, wie sich im Flur eine Tür öffnet und schließt.

„Seit der Scheidung reagiert er oft aggressiv und abweisend. Mich jedoch versucht er vor der ganzen Welt zu beschützen“, erklärt Frau Nishizawa das Verhalten ihres Sohnes, ohne entschuldigend zu klingen.

„Ich würde gern mit ihm reden“, entgegne ich fast eindringlich.

„Du kannst es versuchen. Sein Zimmer ist auf der linken Seite. Aber ich bezweifle, dass er dir öffnet. Und falls doch, wird er, wie eben, nicht gerade freundlich sein.“

„Dessen bin ich mir bewusst. Vielen Dank, Frau Nishizawa.“ Ich erhebe mich rasch und gehe zu Shotas Zimmer. Ohne anzuklopfen, trete ich ein und schließe die Tür hinter mir.

„Sagte ich nicht, du sollst dich verpissen?“ Wütend erhebt sich Shota von seinem Stuhl am Schreibtisch und kommt auf mich zu. „Oder verstehst du nur die nonverbale Sprache?“ Abrupt drückt er mich mit seinem Unterarm an meiner Kehle hart gegen die Tür.

„Dein Vater braucht Hilfe“, bringe ich unbeeindruckt, aber mühsam hervor. Die Augen meines Gegenübers weiten sich. Er lässt von mir ab.

„Was?“, haucht er beinahe stimmlos.

„Er ist dabei, sich zu töten.“ Ich atme tief durch. „Für das, was er dir antat, verachte ich ihn. Trotzdem ist er mir zu wichtig, um ihn einfach sterben zu lassen.“

„Du widerst mich wirklich an. Nur um dich uneingeschränkt vögeln zu können, ließ er meine Mutter und mich allein.“ Seine Worte sind hasserfüllt. Bestürzt betrachte ich Shinyas Sohn.

„Denkst du das allen Ernstes? Shota, er will dich schützen! Die Scheidung war die einzig richtige Konsequenz, nachdem er die Kontrolle verlor und dich vergewaltigte.“

„Noch einmal, er hat mich nicht verg...“

„Verdammt, es ist passiert! Durch Leugnen kannst du den Übergriff nicht ungeschehen machen!“

„Du billige Hure! Wie kommst du eigentlich dazu, mir diesbezüglich Vorhaltungen zu machen, wenn...? “ Er unterbricht sich selbst und starrt mich erschüttert an. Ich schweige. „War es mein Vater?“, fragt er vorsichtig. Seine ernsten Gesichtszüge lassen ihn älter wirken.

„Nein.“ Meine Antwort ist ungewollt zögerlich, da ich an den Vorfall vor einigen Jahren denken muss, als er völlig zugedröhnt bei mir auftauchte, weil er seinen Sohn schon damals beinahe vergewaltigt hätte.

„Bezahlt mein Vater dich auch für das Lügen? Denn wenn er dir so wichtig wäre, wie du behauptest, hättest du dich nicht gegen ihn entschieden. Wärst du bei ihm geblieben, hätte er mich nicht als Ersatz für dich...“ Um Shota am Weitersprechen zu hindern, ziehe ich ihn dicht an mich und umfange ihn mit meinen Armen.

„Bevor du anfängst, dich zu wehren, hör mir bitte zu“, flüstere ich mit ruhiger Stimme. „In einem Punkt liegst du richtig. Dass dein Vater Hand an dich legte und dich letztlich sogar vergewaltigte, habe ich durch mein Fehlverhalten zu verschulden. Er ging mit mir ins Bett, um seinem Verlangen nach dir ein Ventil zu geben. Und obwohl ich die Gefahr eines Kontrollverlustes seinerseits kannte, handelte ich einmal mehr egoistisch. Ich hoffte durch diese Entscheidung meinen Freund nicht zu verlieren und opferte dafür deine Familie. Am Ende vergeblich.“

„Was erwartest du jetzt von mir?“, will Shota tonlos wissen. „Soll ich meinen Vater noch einmal ranlassen?“ Er schiebt mich ein Stück von sich. „Soll ich ihm vergeben und wir spielen glückliche Familie?“

„Ich weiß es nicht“, antworte ich kleinlaut. Meine Befürchtung bewahrheitet sich, ich hätte nicht herkommen sollen. Unverständnis zeichnet sich auf Shotas Gesicht ab. Ich weiche seinem Blick aus und schaue zu Boden. „Die Angst um deinen Vater ist einfach zu groß und ich glaube, du bist der Einzige, der ihm noch helfen kann, auch wenn du dich dadurch mit Geschehnissen konfrontieren musst, die du lieber vergessen möchtest.“

„Egoistischer Wichser“, zischt mein Gegenüber voller Abscheu. Ich ignoriere die Beschimpfung.

„Hast du dir jemals den Tod deines Vater gewünscht?“, füge ich stattdessen traurig an.

„Nein. Aber deinen.“ Aufgrund seiner Worte hebe ich meinen Kopf und blicke ihm erneut in die Augen. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen. Seltsamerweise fühle ich Erleichterung und eine plötzliche, tiefe Zuneigung für den Jungen vor mir. Ich verstehe, warum Shinya ihn liebt. Er besitzt eine ungewöhnliche Anziehungskraft. „Du bist echt nicht normal“, höre ich ihn abwertend sagen. „Und jetzt geh endlich. Ich ertrage deine Anwesenheit nicht mehr.“ Liebevoll berühre ich seine Wange, doch Shota schlägt meine Hand sofort weg und wendet sich von mir ab. „Nimm deine ekelhaften Finger von mir. Im Gegensatz zu meinem Vater stehe ich nicht auf dreckige Stricher.“

„Keine Angst, ich will nicht mit dir schlafen.“ Sofort nehme ich etwas Abstand, um Shinyas Sohn Sicherheit zu vermitteln.

„Ich weiß. Du lässt dich nur ficken, wenn du dafür bezahlt wirst, billiges Miststück. Existiert in dir eigentlich auch nur ein einziges Gefühl? Selbst jetzt schaust du mich völlig teilnahmslos an. Du versuchst nicht einmal mich vom Gegenteil zu überzeugen.“

„Wozu?“, antworte ich kalt. „Du siehst nur, was du sehen willst. Genau wie Taichi und mein Vater. Egal, wie ich mich verhalte, eure Meinung kann ich nicht ändern, weil ihr sie nicht ändern wollt. Was du gefühllos nennst, würde ich als Resignation bezeichnen.“

„Ich kotze gleich. Erwartest du Mitleid von mir? Du bist erbärmlicher, als ich dachte.“

„Das Einzige, das ich von dir möchte, ist Hilfe. Denn trotz meiner nicht vorhandenen Gefühle bedeutet mir dein Vater unglaublich viel.“

„Klar, schließlich ist der dein Freier und bezahlt dich dafür, dass er dich in den Arsch ficken darf und du seinen Schwanz lutscht.“ Ich seufze.

„Du verhältst dich wie ein bockiges Kind. In gewisser Weise erinnerst du mich an mich selbst.“ Plötzlich beginnt Shota unkontrolliert zu lachen. Dann schaut er mich mit vernichtendem Blick an.

„Ich rate dir, jetzt zu gehen. Sonst gebe ich womöglich meiner Fantasie nach, dir mit dem Cutter, der auf meinem Tisch liegt, dein hübsches Gesicht zu zerschneiden. Dann kannst du niemanden mehr täuschen, weil dein Äußeres deinem Inneren entspricht.“ Schmerzlich betrachtet er mich. „Ich hatte dich damals wirklich lieb und hoffte jeden Tag, dass du uns wieder besuchen kommst. Nicht nur, weil mein Vater in deiner Gegenwart entspannter war und sich inniger mit mir beschäftigte. Oft wünschte ich mir, du wärst mein großer Bruder, besonders, wenn du dich nicht nur irgendwelchem Schreibkram widmetest und somit lediglich anwesend warst, sondern aktiv Zeit mit uns verbrachtest. Heute widern mich meine Gefühle für dich nur noch an. Du widerst mich an.“

„Ich wollte dir nie wehtun, Shota.“ Ohne ihn noch einmal anzusehen, wende ich mich ab und verlasse sein Zimmer. Frau Nishizawa sitzt noch immer am Esstisch, nippt gedankenversunken an ihrer Teetasse. „Entschuldigen Sie bitte die Störung und vielen Dank, dass Sie trotz der Situation freundlich zu mir waren.“ Sie lächelt traurig.

„Ich mache mir Sorgen um Shinya. Normalerweise telefonieren wir regelmäßig, aber in letzter Zeit kam weder ein Anruf von ihm noch reagierte er auf meine Anrufe.“

„Er...“

„Pass auf ihn auf, okay?“, unterbricht sie mich sanft. Ich spüre, wie sich ein unangenehmer Druck auf meine Kehle legt und mir das Schlucken erschwert. Auch mein Brustkorb zieht sich schmerzhaft zusammen. Erfüllt von Selbsthass und Schuldgefühlen senke ich meinen Kopf. Die passenden Worte finde ich nicht, weshalb ich mich nur tief verbeuge. Dann gehe ich ohne ein weiteres Wort. Trotz der frischen Winterluft, die meine Atemwege durchströmt, habe ich das Gefühl, zu ersticken. Entmutigt und ratlos blicke ich in den wolkenverhangenen Nachthimmel.

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Blinzelnd öffne ich meine Augen. Die wenig wärmende Wintersonne blendet mich, sodass ich genervt die Bettdecke über meinen Kopf ziehe. Ich fühle mich wie erschlagen, aber auch befriedigt, irgendwie entspannt und gelöst. Mit meinen Fingern streiche ich über meinen nackten Körper. Tais Berührungen der letzten Nacht brennen noch immer auf meiner Haut, erregen mich erneut. Ich lasse meine Hände, die in meiner Vorstellung die meines Freundes sind, zwischen meine Beine gleiten. Taichi liegt nicht neben mir, weshalb ich ein wenig an meiner Erinnerung zweifle. Bilde ich mir die letzte Nacht nur ein? Wunschdenken, verzerrte Realität, aufgrund einer überstrapazierten Psyche oder letztlich doch ein Traum? Ich ziehe meine Hand zurück und versuche meine Erregung niederzukämpfen. Schwerfällig erhebe ich mich, ziehe Shorts und ein übergroßes Shirt an. Dann verlasse ich das Zimmer. In der Wohnung ist alles ruhig, allerdings nehme ich den Duft von frisch gebrühtem Kaffee wahr. Sofort lenke ich meine Schritte in Richtung Küche. Dort registriere ich, und sehe somit meine Erinnerungen als bestätigt, meinen Freund, der mit dem Rücken zu mir am Tisch sitzt und scheinbar abwesend aus dem Fenster schaut. Vorsichtig lege ich von hinten meine Arme um ihn, trotzdem zuckt er erschreckt zusammen. Eine Reaktion, die ihn verletzbar erscheinen lässt.

„So nachdenklich?“, frage ich ein wenig besorgt. Mein Freund antwortet nicht. Ich gehe zu einem der Küchenschränke, entnehme eine Tasse und fülle sie mit dampfend heißem Kaffee. Anschließend setze ich mich und greife nach der Zigarettenschachtel, die auf dem Tisch liegt.

„Dein Frühstück?“, fragt Tai bissig. „Ich war einkaufen. Bitte iss etwas. Du bist wieder beängstigend dünn geworden und ich stehe nicht unbedingt darauf, ein Skelett zu vögeln.“ Kommentarlos lege ich die Schachtel zurück, hebe die Tasse an meinen Mund, puste ein paar Mal und trinke vorsichtig etwas von der dunklen, koffeinhaltigen Flüssigkeit. „Hat die Magersucht dich wieder fest im Griff?“ Seinem Tonfall entnehme ich keinerlei Vorwurf, lediglich Sorge. „Siehst du selbst nicht, dass du nur noch aus Haut und Knochen bestehst?“

„Nicht in dem Maß, wie du es beschreibst.“ Seufzend schaut mein Freund mich an.

„Ist dein Selbstbild wirklich derart verzerrt?“

„Können wir das Thema bitte beenden?“, entgegne ich leicht genervt und nippe ein weiteres Mal an der Tasse.

„Warum hast du eigentlich mehr Probleme damit, über deine Essstörung zu sprechen als beispielsweise über deine Selbstverletzungen mit der Rasierklinge oder die Drogensucht?“

„Ich habe kein Problem damit. Es ist nur unerheblich, sodass es nicht nötig ist, darüber zu reden.“

„Es ist nicht mehr unerheblich, wenn deine Organe aufgrund dessen versagen. Aber genau das ist dein Ziel, oder?“ Kurz überlege ich, was ich auf diese Frage antworten soll.

„Nicht bewusst“, erwidere ich schließlich wahrheitsgemäß. Seufzend trinkt mein Gegenüber einen Schluck Kaffee. Offenbar hat er begriffen, dass er bei diesem, meines Erachtens völlig überflüssigen, Thema nicht weit kommt. Lediglich der Wunsch, zu verschwinden, führt hin und wieder dazu, dass ich die Nahrungsaufnahme einstelle. In solchen Phasen verhindert meine Psyche Hungergefühle, wodurch ich entweder vergesse zu essen oder, im Fall eines Erzwingens, starke Übelkeit mich dazu bringt, die Nahrung unmittelbar nach Einnahme zu erbrechen. Zugegebenermaßen gibt es gelegentlich Situationen, in denen ich mich willentlich übergebe, nämlich wenn der Gedanke und das Gefühl, Fremdkörper, also Essen, in mir zu haben, zu spüren, unerträglich wird. Über all das muss ich mit Taichi jedoch nicht sprechen. Solange ich die Kontrolle nicht verliere.

„Ich habe dir Currybrötchen mitgebracht. Früher mochtest du die sehr.“ Die Stimme meines Freundes ist leise und er wirkt beinahe schüchtern. Zudem sieht er mich nicht an, sein Blick ist gesenkt. Dieses Verhalten verunsichert mich.

„Danke. Ich mag sie noch immer“, versichere ich erfüllt von Zuneigung. Ich stehe auf und gehe zum Küchenschrank, welchem ich eines der mitgebrachten Currybrötchen entnehme. Hinter mir höre ich, dass Tai sich ebenfalls erhebt. Als ich mich umdrehe, ist er dicht vor mir. Mit sanfter Gewalt drückt er mich gegen den Kühlschrank, Wahnsinn erkenne ich jedoch nicht in seinen Augen. Sein Blick ist sogar ungewöhnlich klar. Er streift mit den Fingerspitzen über die frisch verheilten Wunden, die in dunkelroten Linien über meinen Arm verlaufen.

„Schneidest du inzwischen so tief, weil du den Schmerz sonst nicht mehr spüren kannst? Weil dein Selbsthass dich dazu treibt? Hör bitte auf damit. Es entgleitet dir.“ Kaum spürbar haucht mein Freund einen Kuss auf meine Lippen. „Ich weiß, du kannst und willst nicht darauf verzichten. Aber wenn ich dir einen Ersatz biete...“

„Wie meinst du das?“ Tai lässt von mir ab und geht einen Schritt zurück, ohne jedoch seinen Blick von mir zu wenden.

„Hauptsächlich geht es dir um den Schmerz und die Wunden, oder? Überlass mir die Ausführung.“

„Heißt das, du schneidest mir mit der Rasierklinge den Arm auf?“ Ich muss daran denken, dass ich Tai vor einigen Jahren den Arm bis zu den Sehnen aufschnitt, er vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht wurde und die Wunde genäht werden musste. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob es tatsächlich ein Unfall war oder ich unbewusst vorsätzlich handelte, meinen Freund stigmatisieren wollte. „Unterbreitest du mir diesen Vorschlag wirklich aus Angst oder weil du dadurch mehr Macht über mich bekommst?“

„Beides“, gibt mein Gegenüber ohne Umschweife zu. „Würdest du dich zumindest auf einen Versuch einlassen?“

„Meinetwegen“, stimme ich vorgeblich gleichgültig zu. Die Idee ist zwar interessant, allerdings bezweifle ich, dass dieses Vorgehen auf Dauer ausreichend effektiv sein wird. „Das bedeutet, ich darf in nächster Zeit nicht mehr selbst Hand an mich legen, richtig?“

„Ja. Nur so können wir herausfinden, ob dir das Zufügen von Verletzungen durch die Hand eines Anderen ebenfalls hilft.“

„Und wenn mir das Ganze nichts bringt oder mein Verlangen nach Selbstschädigung sogar verstärkt wird?“

„Dann sag es mir ehrlich, bevor du handelst.“ Ich bringe Tai ein schwaches Lächeln entgegen.

„Unter der Bedingung, dass du ehrlich im Bezug auf deine Alkoholabhängigkeit bist.“ Leicht berührt er meine Haare, lässt sie spielerisch durch seine Finger gleiten.

„So schön.“

„Taichi?“, frage ich vorsichtig. Dieser wirkt abwesend. Anstatt auf meine Worte einzugehen, küsst er mich erneut. Fordernd schiebe ich meine Zunge in seinen Mund, weite den Kuss zu einem intensiven Zungenkuss aus. Erregung durchflutet meinen Körper, als mein Freund mit seinen Fingern unter mein Shirt und in meine Shorts gleitet.

„Ich bin mit deiner Bedingung einverstanden“, raunt er heiser in mein Ohr. „Musst du heute zur Bandprobe oder kann ich dich den ganzen Tag für mich beanspruchen?“ Ich zögere mit meiner Antwort.

„Zur Bandprobe muss ich nicht, aber ich habe heute Abend Schicht im Koki.“ Wie erwartet verfinstert sich Tais Miene, doch dann legt sich unerwartet ein Lächeln auf seine Lippen.

„Deine Entscheidung fällt also zu Reijis Ungunsten aus.“ Seine Augen nehmen einen unheilvollen Ausdruck an.

„Vergiss es, Yagami! Du kannst Reiji nichts anhaben“, entgegne ich herablassend. „Er ist nicht so labil wie Akito oder Shinya.“

„Dafür, dass zwischen euch angeblich nichts läuft, scheinst du ihn ziemlich gut zu kennen. Habt ihr heute zusammen Dienst? Es dürfte interessant werden, sich mit ihm zu unterhalten.“

„Vergiss es!“ Ich bin mir nicht sicher, um wen ich mir in diesem Fall mehr Sorgen machen müsste. Zwar will Reiji eigentlich nur Sex, doch besonders in letzter Zeit scheint er aus einem mir unbekannten Grund so etwas wie einen Beschützerinstinkt entwickelt zu haben. Sollte er tatsächlich die Möglichkeit bekommen, Tai gegenüberzustehen, weiß ich nicht, wie er reagieren würde. Körperlich ist er meinem Freund leicht überlegen. Die Statur ist ähnlich, aber Reiji ist etwas größer und insgesamt trainierter als Taichi. Die Alkoholabhängigkeit, die zehrende Zeit der Abstinenz, die Rückfälle, all das hat deutliche Spuren hinterlassen, physisch wie psychisch. Allerdings würde die Auseinandersetzung wahrscheinlich eher verbal stattfinden, wobei sich jedoch auch in diesem Fall Reiji in der besseren Verfassung befände. Es ist lediglich Tais Unberechenbarkeit, die ihn so gefährlich macht. Vielleicht sollte ich besser vermeiden, mich weiter auf das Thema einzulassen. Stattdessen schmiege ich mich lasziv an meinen Freund, mit meiner Hand gleite ich zwischen seine Beine.

„Wie sieht das Beanspruchen denn aus?“, frage ich verführerisch, komme mir aber unglaublich billig vor. Taichi sieht mich ausdruckslos an.

„Ich ficke dich so ausgiebig und hart, dass du nicht mehr zur Arbeit gehen kannst.“

„Mit Sicherheit schreckst du auch nicht davor zurück, mich ein weiteres Mal ins Krankenhaus zu bringen, hab ich recht?“

„Wenn es notwendig ist und du mir keine andere Wahl lässt, nehme ich das in Kauf, ja.“ Nachdenklich löse ich mich von meinem Freund, setze mich an den Tisch zurück und beginne damit, mein Currybrötchen zu essen.

„Wie verhält es sich eigentlich bei meinem Vater? Er schläft ebenfalls mit mir, aber auch du gibst dich ihm hin.“ Lässig lehnt sich Tai gegen den Küchenschrank und mustert mich aufmerksam.

„Ich halte es für angebracht, in der Vergangenheitsform zu sprechen. Wie ich dir bereits mehrfach sagte, war der Sex mit deinem Vater einmalig. Und was dich betrifft, versprach er mir vor einigen Jahren, nicht mehr auf dein Begehren einzugehen. Es war einfach, ihm dieses Versprechen abzuringen, da Hiroaki eigentlich weiß, dass es falsch ist, mit dem eigenen Sohn zu schlafen. Um sicherzugehen, dass er nicht wieder auf deine Manipulationen eingeht, verstärkte ich seine negativen Gefühle bezüglich der Problematik ein wenig, indem ich vieles, was damals passierte, seiner Unzulänglichkeit als Vater zuschrieb. Sowohl die mitleidige Bereitschaft zum Sex als auch seine Inkonsequenz betreffend.“

„Bedeutet das, du manipulierst meinen Vater schon seit Jahren? Und mir wirfst du es vor?“, frage ich ungläubig.

„Manipulieren würde ich es nicht nennen. Ich rede ihm lediglich ins Gewissen.“ Fassungslos beiße ich von meinem Currybrötchen ab und kaue darauf herum. „Es ist interessant, dass gerade du mir vorwirfst, manipulativ zu sein, da du selbst genauso bist, wenn manchmal vielleicht auch unbewusst.“ Ich senke meinen Blick und schaue schweigend auf das angebissene Currybrötchen in meiner Hand, unschlüssig, ob ich Tais Aussage dementieren oder akzeptieren soll. Dann lege ich es aufgrund von aufkommender Übelkeit auf der Tischplatte ab.

„Würdest du dafür sorgen, dass mein Vater aus meinem Leben verschwindet, wenn er noch einmal mit mir schlafen sollte?“ Die Antwort interessiert mich, obwohl ich nicht vorhabe, Taichi die Wahrheit zu sagen. Unabhängig von seiner Antwort, darf er vom kürzlich vollzogenen Beischlaf mit meinem Vater nichts erfahren, da seine Reaktion wie so oft nicht vorhersehbar ist und die Folgen für alle Beteiligten mehr als unangenehm werden könnten. Auch mein Vater scheint bisher geschwiegen zu haben, möglicherweise aus demselben Grund.

„Ungern. Allerdings bist nur du mir wirklich wichtig, weshalb ich den Tod jedes anderen Menschen ertragen könnte. Selbst wenn es sich dabei um meine Familie oder deinen Vater handelt.“ Mit ernstem Gesichtsausdruck kommt mein Freund auf mich zu und hockt sich vor mich. „Yamato, ich liebe dich.“

„Verwechselst du nicht Liebe mit Besessenheit und Kontrollsucht?“, entgegne ich kalt und verlasse ohne ein weiteres Wort die Küche. Taichi folgt mir.

„Nenn es meinetwegen, wie du willst.“ Er packt mich hart an der Schulter, dreht mich mit dem Rücken zur Wand im Flur und presst mich gewaltsam dagegen. „Das ändert nichts an der Tatsache, dass du mir gefügig zu sein hast.“ Leicht streift er meinen Arm. „Ist dir eigentlich nicht kalt? Dein dünner, zerbrechlicher Körper ist lediglich mit einem viel zu großem Shirt verhüllt, was auf mich zugegebenermaßen jedoch sehr aufreizend wirkt.“ Mir seinen Fingerkuppen gleitet er meine Oberschenkelinnenseite nach oben. „So blasse und weiche Haut. Wie von einem Mädchen.“ Ich spüre, wie sich mein Brustkorb schmerzhaft zusammenzieht.

„Nimmst du mich, wenn du mit mir schläfst, wirklich als Mann wahr? Was fühlst du, wenn du in mir bist? Siehst du mich? Oder das, was du gern sehen möchtest?“ Noch während ich die Worte ausspreche, frage ich mich, ob ich die Antwort überhaupt wissen will. Ich wende mich ab, versuche mich an meinem Freund vorbeizudrängen, doch der schlingt seinen Arm von hinten um meine Hüfte und zieht mich an sich.

„Ich kann dir zeigen, wie sehr ich dich liebe“, flüstert er, wobei seine Hand mein Shirt etwas nach oben schiebt. Ich schließe meine Augen, lege meinen Kopf in den Nacken. „Sag mir, wie ich es dir besorgen soll. Sanft? Brutal?“

„Hör auf, Taichi.“ Erstaunt sieht dieser mich an.

„Du willst keinen Sex?“ Sein Blick nimmt einen merkwürdigen Ausdruck an. „Stehst du so sehr darauf, wenn ich dich vergewaltige?“

„Meine Antwort ist irrelevant, da sie dein Handeln ohnehin nicht beeinflussen würde, nicht wahr?“

„Dabei wage ich zu behaupten, dass ein solch grober Umgang mit dir dich erregt.“ Beschämt senke ich meinen Kopf.

„Tai, du erregst mich immer. Das weißt du“, gebe ich fast vorwurfsvoll zu. „Egal, was du tust. An meinen Gefühlen zu dir wird sich nichts ändern. Hast du das nicht auch schon ausgiebig getestet?“

„Offenbar war es noch nicht ausreichend. Zumindest zwingst du mich immer wieder, Maßnahmen ergreifen zu müssen.“ Nachdenklich betrachte ich meinen Gegenüber.

„Was hättest du getan, wenn Akito nicht suizidal und weniger kooperativ gewesen wäre? Eigenhändig hättest du ihn mit Sicherheit nicht getötet.“

„Nein, aber du weißt selbst, wie zerbrechlich die Psyche eines Menschen ist. Und wenn ich Akitos Vergangenheit bedenke... der Typ war auch ohne mein Zutun schon total geschädigt.“ In einem abfälligeren Tonfall könnte Taichi über meinen einstigen Freund nicht sprechen, dabei hat der bereits vor Jahren Selbstmord begangen.

„Woher...?“

„Zwar erhielt ich keine konkreten Bestätigungen, aber mithilfe einiger Informationen und aufgrund seines Verhaltens war ich bezüglich meiner Vermutungen ziemlich sicher.“ Es fühlt sich so an, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen werden, als ich realisiere, wie perfide das Spiel meines Freundes ist, von dem ich kaum etwas mitbekam. Schützend schlinge ich die Arme um meinen Körper. Tränen laufen über meine Wangen und ich beginne zu lachen, während meine Augen starr ins Nichts gerichtet sind.

„Fühlt es sich so an, wenn man tatsächlich den Verstand verliert?“, frage ich abwesend, mit brüchiger Stimme. Beruhigend legt Taichi seine Hand auf meine Schulter.

„Nein, mein Liebling“, flüstert er. „Es ist alles in Ordnung.“ Ich richte meinen Blick auf ihn, ohne ihn wirklich anzusehen. „Komm, gleich geht es dir besser.“ Behutsam umfängt er meine Taille und führt mich ins Schlafzimmer. Ich lasse es unbeteiligt geschehen, registriere nur unbewusst, wie er mich auf das Bett drängt und sich rücksichtslos an meinem Körper vergeht.
 

Sanft gleiten meine Finger über die Saiten der Gitarre. Ich schließe die Augen und lausche dem Klang der angespielten Töne. Dann beuge ich mich vor und notiere etwas auf dem Notenblatt, welches vor mir auf dem kleinen Tisch liegt. Seufzend lasse ich mich zurück gegen die Lehne des Sofas fallen. Mein Blick verharrt nachdenklich an der Wohnzimmerdecke. Nachdem Taichi heute Vormittag die Wohnung verlassen hatte, rief ich sofort im Krankenhaus an, um mich nach Shinyas Befinden zu erkundigen. Er ist noch immer nicht bei Bewusstsein. Zwar ereignete sich der Vorfall erst gestern, aber sein unveränderter Zustand beunruhigt mich. Allgemein hatte ich in letzter Zeit aufgrund seines selbstzerstörerischen Verhaltens ständig Angst um ihn. Trotzdem bin ich nach wie vor der Meinung, dass es kein Suizidversuch, sondern eine Unachtsamkeit, verschuldet durch seine Verzweiflung, war. Aber vielleicht schätzte ich die Situation falsch ein. Hätte ich eher reagieren müssen? Ohne akuten Anlass ist es jedoch schwer, jemanden in die Psychiatrie einzuweisen, insbesondere gegen dessen Willen. Zudem wollte ich ihm nicht antun, was ich eigentlich missbillige, denn ich bezweifle, dass ein Klinikaufenthalt ihm helfen kann. Andererseits hoffe ich, dass er die Möglichkeit nutzt, unter Aufsicht zu entziehen, damit er die Kontrolle über seinen Drogenkonsum zurückerlangt. Im zugedröhnten Zustand ging er oft rücksichtslos seinen Gelüsten nach. Eigentlich mag ich seine sadistische Neigung und wir hatten oft heftigen, teils perversen Sex, doch wenn er drauf ist, fühlt es sich anders an. Diese Art von Demütigung, physisch wie psychisch, löst selbst in mir keine Erregung mehr aus. Auch Taichi erniedrigt mich in seinen gefühllosen Phasen sexuell und verbal. Es fühlt sich allerdings anders an, nicht ausschließlich negativ, und bei ihm hingegen bin ich erregt. In letzter Zeit treten seine psychopatischen Züge immer stärker in Erscheinung und ich frage mich, ob ich ihm allmählich Einhalt gebieten oder ihn weiterhin gewähren lassen sollte. Dass er gefährlich ist, bewies er mir bereits mehrfach, trotzdem kann ich kaum einschätzen, wie weit er noch gehen würde. Vielleicht sollte ich ihm nachgeben und sämtliche Kontakte abbrechen, um die wenigen Menschen, die mir etwas bedeuten, vor ihm zu schützen. Früher hätte ich diese Option nie in Betracht gezogen, da ich mich somit meinem Freund beuge und ihm uneingeschränkte Macht über mich gewähre. Momentan allerdings fehlt mir die Kraft. Ich will gegen nichts mehr ankämpfen müssen. Weder gegen Taichi noch gegen Shinya, Shota oder Reiji. Auch den Kampf gegen die Drogen und mich selbst werde ich auf Dauer nicht gewinnen können. Ich glaubte, meine Suizidalität im Laufe der letzten Jahre endlich in den Griff bekommen zu haben. Jetzt kreisen die Gedanken wieder in meinem Kopf. Unaufhörlich. Sie nähren den Drang, bis dieser erneut unerträglich wird und mich schließlich zum Handeln zwingt. Um mich der zunehmenden, psychischen Destruktion nicht weiter zu ergeben, stelle ich meine Gitarre beiseite und erhebe mich. Mit der leeren Kaffeetasse in der Hand verlasse ich das Wohnzimmer und gehe in Richtung Küche. Hoffentlich hilft mir das Koffein, meine Konzentration eher der Musik zu widmen und mich von meinem zerstörerischen Denken abzulenken. Vor der angelehnten Badtür bleibe ich stehen. Meine Haut beginnt zu kribbeln, als ich mir vorstelle, wie eine Rasierklinge langsam und tief durch meine Haut schneidet. Der Schmerz, das warme, über meinen Arm laufende Blut... meine Sehnsucht danach wird unerträglich. Plötzlich holt mich ein Klirren unsanft in die Realität zurück. Die Tasse, die ich eben noch in der Hand hielt, liegt in Scherben neben mir auf dem Boden. Regungslos starre ich die Bruchstücke an, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Einzig die Abmachung mit Taichi dringt in mein Bewusstsein. Wie viel Kontrolle sollte und darf ich ihm überlassen? Wie viel Unterwerfung meinerseits will und kann ich zulassen? Sicher ist, dass wir letztlich an uns zerbrechen werden. Ein Ziel, welches wir seit unserer Kindheit, seit Beginn unserer auf Gewalt basierenden, teils erzwungenen Beziehung verfolgen. Ich spüre, wie sämtliche verbliebene Kraft meinen Körper verlässt. Haltsuchend lehne ich mich mit dem Rücken gegen die Wand, rutsche jedoch haltlos daran hinab, sacke hilflos in mich zusammen. Wie gelähmt bleibe ich im Flur sitzen. Apathisch. Nur unbewusst bekomme ich mit, dass irgendwann die Wohnungstür geöffnet wird.

„Yamato?“, bemerkt mein Freund mich sofort. Achtlos lässt er seine Tasche auf den Flurboden fallen und, ohne Schuhe oder Jacke auszuziehen, läuft er schnell auf mich zu, hockt sich neben mich. Er betrachtet die zerbrochene Tasse, dann schaut er zu mir und scheint zu versuchen, die Situation zu deuten. „Was ist passiert? Hast du vor, dich mit den Scherben zu verletzen?“, will er deutlich besorgt wissen.

„Nein“, flüstere ich kaum hörbar. „Tai... ich... ich gebe auf.“

„Was soll das heißen?“ Mein Freund klingt alarmiert, ergreift sofort mein Handgelenk.

„Ich wehre mich nicht mehr gegen dich. Es ist ohnehin sinnlos. Den Job im Koki kündige ich, somit verschwindet Reiji aus meinem Leben. Sobald Shinya bei Bewusstsein ist, sage ich mich endgültig von ihm los. Aus der Band steige ich ebenfalls aus. Ich gehöre nur dir.“ Es klingt, als würden die Worte mit meiner Stimme gesprochen. Worte, die nicht meinem Willen entsprechen. Worte, die nicht meinem Willen entsprachen. Erschöpft schließe ich meine Augen. Leere. Taubheit. Außer Tai brauche ich niemanden. Nur seinetwegen lebe ich noch. Schweigend nimmt dieser mich in den Arm und drückt mich schmerzhaft fest an sich. Ich spüre die Wärme seines Körpers, nehme seinen vertrauten Duft wahr. Taichi füllt meine innere Leere und die vorherrschende Taubheit wird von meinen Gefühlen für ihn verdrängt. Er ist mein Ein und Alles.

„Das meinst du nicht ernst, Yamato!“

„Doch“, bestätige ich meine vorherige Aussage noch einmal, ohne meine Arbeit, die Tische mit einem nassen Lappen abzuwischen, zu unterbrechen.

„Warum so plötzlich?“ Ich halte inne und schaue Reiji an.

„Akzeptiere es einfach, okay? Ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig“, entgegne ich schroff und widme mich wieder meiner Arbeit. Entschlossen tritt Reiji an mich heran, packt mich an den Schultern und dreht mich zu sich. „Lass mich los“, reagiere ich mit drohendem Tonfall.

„Nein. Es ist nicht deine Entscheidung, hab ich recht? Dein Freund verlangt das von dir.“ Wütend funkle ich meinen Arbeitskollegen an.

„Kümmere dich um deine Angelegenheiten.“ Ich wende meinen Blick von ihm ab, versuche aber nicht, ihn von mir zu stoßen.

„Ich kümmere mich gerade um meine Angelegenheiten. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du mir wichtig bist und ich will, dass es dir gut geht?“

„Es geht mir gut“, versichere ich tonlos.

„Du bist ein schlechter Lügner, Yamato“, meint mein Gegenüber ebenso liebevoll wie beunruhigt.

„Wenn der Chef aus dem Urlaub zurück ist, teile ich ihm meine Kündigung mit“, übergehe ich Reijis Aussage in einer Weise, welche die Endgültigkeit meiner Entscheidung verdeutlicht. Dessen Griff an meinen Schultern verstärkt sich.

„Hast du dich schon immer so sehr von ihm kontrollieren lassen? Bisher beschränkte ich mich darauf, dir meine Meinung über diesen Typen mitzuteilen und an deine Vernunft zu appellieren. Ab jetzt werde ich nicht mehr zusehen, wie du an der Beziehung und vor allem an ihm zerbrichst.“

„Dann schau weg“, antworte ich unberührt kühl.

„Yamato, ich hasse es, wenn du so gleichgültig bist, insbesondere dir selbst gegenüber.“ Warum Reiji so verzweifelt klingt, verstehe ich nicht und vermeide es weiterhin, ihn anzusehen.

„Würdest du mich bitte loslassen?“, frage ich leise, zurückhaltend. Statt darauf einzugehen, nimmt er mich behutsam in den Arm. Mein Körper verkrampft.

„Wieso darf dein sogenannter Freund fast schon uneingeschränkte Macht über dich ausüben?“, flüstert Reiji verärgert und traurig zugleich.

„Ich liebe ihn.“

„Ich weiß.“ Seufzend streicht er durch meine Haare. Dann löst er sich etwas, ohne mich ganz freizugeben, dreht meinen Kopf zu sich und betrachtet mein Gesicht. „Aber irgendwann wird es eskalieren und das möchte ich verhindern. Merkst du nicht selbst, wie nah du bereits am Abgrund stehst?“ Sanft küsst er eine Träne von meiner Wange. „Ich beschütze dich“, haucht er, dann küsst er meine Lippen. Ich weise ihn nicht zurück, lasse mich sogar, zunächst verhalten, schnell aber fordernder auf ihn ein. Der Kuss schmeckt salzig. Und nicht nach Taichi. Ebenso ist das Gefühl anders. Reiji küsst weniger leidenschaftlich als Tai, dafür wesentlich liebevoller. Es dauert lange, bis wir uns schwer atmend voneinander lösen.

„Du zitterst“, bemerkt mein Gegenüber, wobei er über meine, noch immer von Tränen benetzten, Wangen streicht. „Setz dich kurz hin, überlass mir die restlichen Tische.“ Mit sanfter Gewalt drückt er mich auf eines der Sofas, anschließend fährt er mit meiner Arbeit fort. Ich schaue bewegungslos zu, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Eigentlich hätte ich mich gegen die Zärtlichkeiten meines Arbeitskollegen wehren müssen. Ich tat es nicht. Ich kann und will ihm nicht wehtun. Und letztlich handelt es sich lediglich um einen Kuss, oder?

„Du bist abwesend“, stellt Reiji mit besorgter Miene fest und nimmt neben mir auf dem Sofa Platz. „So labil, wie du momentan bist, möchte ich nicht, dass du nach Hause, zu ihm, gehst.“ Unerwartet beugt er sich zu mir herüber und küsst mich erneut. Bestimmt, aber dennoch behutsam drängt er mich auf dem Sofa in eine liegende Position. Sofort drehe ich meinen Kopf zur Seite.

„Geh bitte von mir runter.“

„Bleib heute Nacht bei mir“, fordert Reiji ernst. „Das ist keine Bitte“, fügt er unmissverständlich an. Laut beginne ich zu lachen.

„Verstehe. Du willst mich auch nur ficken“, werfe ich ihm in bitterem Tonfall vor.

„Ich fasse dich nicht an, wenn du es nicht möchtest. Nie werde ich etwas gegen deinen Willen tun, dich zu etwas zwingen... auf das Sexuelle bezogen. Momentan allerdings handelst nicht einmal du selbst nach deinem Willen.“

„Wenn es nicht um Sex geht, worum geht es dann?“, frage ich irritiert.

„Ich habe Angst um dich. Viel zu lange sah ich zu, wie dieser Idiot seine Macht über dich austestet.“

„Ursprünglich wolltest du mich aber nur ins Bett bekommen. Wieso hast du mit der Zeit diesen Beschützerinstinkt entwickelt? Was empfindest du inzwischen für mich?“ Seine braunen Augen, die Tais ähnlich sind und doch oft einen anderen Ausdruck haben, mustern mich, meine Haare, mein Gesicht, meine Augen. Ich spüre, dass unsere Position ihn erregt, ebenso wie mich.

„Du bedeutest mir sehr viel. Mehr als die meisten anderen Menschen in meinem Leben. Zwar besteht nach wie vor eine starke körperliche Anziehung, auf die ich dich anfangs reduzierte, aber mittlerweile empfinde ich wesentlich mehr für dich. Ich bin an dir als Person interessiert.“ Reiji lächelt leicht. „Bitte versteh mich nicht falsch, ich will nach wie vor keine Beziehung und ich liebe dich auch nicht.“ Er lässt von mir ab und setzt sich wieder aufrecht neben mich. Da mein Kopf schmerzhaft pulsiert, bleibe ich liegen, behalte meinen Arbeitskollegen jedoch im Auge.

„Sex und Liebe sind einfach zu trennen und auch den Unterschied lernte ich mit der Zeit. Das Dazwischen werde ich wohl nie begreifen.“

„Bedeute ich dir etwas?“, will Reiji zu meiner Verwunderung wissen. Fragend ruht mein Blick auf ihm.

„Wie meinst du das?“

„Wäre es dir egal, wenn ich aus deinem Leben verschwinden würde?“

„Nein“, antworte ich, ohne überlegen zu müssen.

„Warum nicht? Wir haben weder eine Liebesbeziehung noch eine sexuelle. Letztere lehne nicht ich, sondern du ab. Müsstest du mich nach deiner Theorie nicht gänzlich ablehnen? Ich bin dein Arbeitskollege, somit also zwangsläufig gelegentlich in deiner Nähe. Aber darüber hinaus müsste ich dir egal sein. Fällt dir nicht auf, dass ich nicht in deine Kategorisierung passe?“

„Ich weiß nicht, was für ein Verhältnis wir zueinander haben“, entgegne ich nach einem Moment des Schweigens ehrlich.

„Das Dazwischen. Freundschaft. Du empfindest es, benennst es nur nicht, weil du Grautöne nicht besonders gut erkennen kannst. Vermutlich lehnst du mich deshalb genauso oft ab, wie du mich gewähren lässt. Für dich existieren meist nur Schwarz und Weiß. Extreme. Das Grau mit seiner Vielfältigkeit überfordert dich. So wie ich.“

„Wird das eine Therapiestunde?“, reagiere ich bissiger als beabsichtigt.

„Entschuldige, so sollte es nicht wirken.“ Er streicht eine Haarsträhne hinter mein Ohr. „Ich mache noch schnell die Abrechung, dann gehen wir zu mir. Es ist fast vier Uhr. Du bist sicher müde. Allerdings müssen wir unterwegs noch im Konbini ein paar Kleinigkeiten kaufen. Mein Kühlschrank ist nahezu leer.“ Reiji zwinkert mir zu, dann steht er auf. Ich greife nach seinem Arm, hindere ihn am Gehen.

„Tut mir leid, aber ich möchte zu Taichi.“ Verständnislos schüttelt mein Arbeitskollege den Kopf.

„Damit er weiter seine Machtspielchen mit dir treiben kann, dich womöglich in den Tod treibt? Verdammt, Yamato, hör auf so selbstzerstörerisch zu sein!“, schreit er mich an. Derart aufgebracht habe ich Reiji noch nie gesehen.

„Erlaube dir kein Urteil, wenn du keine Ahnung hast! Es ist meine eigene Entscheidung, diesen Job aufzugeben. Außerdem machst du gerade nichts anderes als mir deinen Willen aufzuzwingen, also genau das, wovor du mich beschützen willst und was du an Tai kritisierst.“ Die Wut in Reijis Augen verschwindet und weicht einem schmerzlichen Ausdruck.

„Du hast recht.“ Vorsichtig zieht er mich an sich, umfängt mich mit seinen Armen. Eine Reaktion, die sich ungewohnt anfühlt. Keine Eskalation, keine Gewalt. Im Allgemeinen bin ich bei Taichi emotionaler, empfinde andere widersprüchliche Gefühle, provoziere mehr und Tai kennt im Gegensatz zu Reiji weder Reue noch Einsicht. „Vielleicht beurteile ich deinen Freund falsch“, räumt mein Gegenüber unerwartet ein. Ich schaue ihn irritiert an, woraufhin er mir ein verzerrtes, fast schon verzweifeltes Lächeln schenkt. „Er muss mehr als ein kontrollsüchtiger Dummkopf sein, wenn du ihn so hingebungsvoll liebst.“ Führsorglich berührt er mein Kinn. „Bitte pass auf dich auf.“ Erneut küsst er mich. Wieder lasse ich ihn gewähren, wieder gebe ich mich ihm hin. Als der Kuss an Dynamik gewinnt, zieht Reiji mein Hemd aus der Hose und gleitet mit seinen Fingern darunter. Verlangend streichelt er über meine Haut. Erregung und Hitze erfassen mich, steigern meinen Wunsch, mit ihm zu schlafen. Ein Wunsch, gegen den ich schon in der Vergangenheit oft ankämpfen musste. Fremde Menschen, die mich anwidern, ficken mich uneingeschränkt. Reiji, den ich anziehend finde, weise ich ab. Meines Erachtens logisch. Bisher. Warum bringen mich Reijis Worte derart durcheinander? Oder versucht er mich auf diese Weise ins Bett zu bekommen? Indem er mich verunsichert? Andererseits empfinde ich für Shinya ähnlich wie für Reiji. Nur lernte ich ihn als Freier kennen, wir hatten Sex, lange bevor er mir etwas bedeutete. Ich merke, dass mein Arbeitskollege meine Hose öffnet, und gebiete ihm Einhalt, indem ich meine Hand auf seinen Arm lege.

„Nicht“, flüstere ich heiser.

„Nicht hier oder überhaupt nicht?“ Ich schließe meine Augen und atme tief durch.

„Überhaupt nicht.“

„Du bist extrem erregt.“ Reiji greift zwischen meine Beine. Ein leises Stöhnen entweicht meiner Kehle. „So hart, wie du bist, willst du jetzt aufhören?“

„Ich mache es mir selbst“, antworte ich mit Mühe.

„Darf ich dir einen blasen? Immerhin bin ich schuld an deinem Zustand.“

„Wenn, dann müsste eher ich dich oral befriedigen. Immerhin verschaffe ich dir auf anderem Weg keine Erleichterung.“ Es ist lange her, dass ich verlegen war und so etwas wie Scham empfand. Ich fühle mich wie ein kleiner Junge, der noch keinerlei sexuelle Erfahrungen gesammelt hat und nun zum ersten Mal damit konfrontiert wird. Eine Frage drängt sich mir auf. Warum sollte ich Reiji nicht wenigstens dieses eine Mal nachgeben und mit ihm schlafen? Immerhin wird er bald aus meinem Leben verschwinden.
 

Mit einer Zigarette in der Hand sitze ich im Wohnzimmer auf dem Boden. Die Balkontür ist trotz der kalten Außentemperaturen weit geöffnet. Eigentlich trafen Tai und ich beim Einzug die Abmachung, dass nur in der Küche geraucht wird, so verlangte es auch mein Vater, als ich noch zu Hause wohnte. Obwohl selbst er von Zeit zu Zeit seine eigene Regel brach. Meist, wenn er meinetwegen aufgewühlt und besorgt war. Ich empfinde es ebenfalls als angenehmer und beruhigender, nicht an einen Ort gebunden zu sein. Aufgrund der vorherrschenden Kälte zittere ich, sehe jedoch davon ab, etwas Wärmendes überzuziehen. In den letzten Tagen sind die Missempfindungen, die ich früher häufiger hatte, wieder schlimmer geworden. Kleidung auf der Haut zu spüren ist in solchen Phasen nahezu unerträglich, weshalb ich nur das Nötigste anziehe, Shorts und ein großes, nicht auf der Haut anliegendes Shirt. Zum wiederholten Mal führe ich die Zigarette an meine bebenden Lippen. Langsam auszukühlen fühlt sich für mich im Augenblick sogar angenehm an. Gedankenversunken richte ich meinen Blick aus dem Fenster. Der Himmel ist wolkenverhangen und es riecht nach Regen. Ich schließe meine Augen, während ich den Rauch in die Luft entweichen lasse. Der Geschmack von Tabak erinnert mich an Reiji. Besonders, wenn Reiji mich küsst und ich selbst nicht geraucht habe. Hätte ich ihn nicht als Arbeitskollegen kennen gelernt, sondern, wie Shinya, auf der Straße in einem der gewissen Stadtviertel, hätte ich mich wahrscheinlich auf ihn eingelassen. Es ist selten, dass ich Sex mit Freiern in meinem Alter habe, aber Reiji übt eine starke sexuelle Anziehung auf mich aus, derer ich mich nur schwer erwehren kann. Dabei entspricht er nicht der Art von Freiern, die ich normalerweise suche. Nie würde Reiji mich erniedrigen, perverse Praktiken von mir verlangen und einen Ständer bekommen, während er diverse Gegenstände in mich einführt. Zudem hätte ich tatsächlich das Gefühl, Taichi zu betrügen, wenn ich mit Reiji schlafen würde. Nach unserer letzten gemeinsamen Schicht wollte ich ihm allerdings nachgeben. Seine Berührungen erregten mich viel zu sehr, ich sehnte mich danach, ihn in mir zu spüren. Am Ende wies ich Reiji ein weiteres Mal zurück. Wir hatten weder Sex noch geschahen sonstige sexuelle Handlungen zwischen uns. Unerwartet respektierte er meinen Willen, lächelte sogar, als er mir versicherte, dass es für ihn in Ordnung sei. Dann verwickelte er mich in einen letzten, intensiven Zungenkuss. Weil ich nicht bei ihm übernachten wollte, um diese Zeit aber noch keine Bahn fuhr, bot er mir an, da er in der Nähe des Koki wohnt, mich mit dem Auto nach Hause zu fahren. Ich lehnte ab und rief stattdessen Taichi an, damit er mich abholt. Nur mit Mühe gelang es mir, Reiji davon abzuhalten, die Gelegenheit zu nutzen, um meinem Freund gegenüberzutreten. Im Auto reagierte Taichi, wie ich es erwartete. Er fragte mich lediglich, ob ich es mir von Reiji ordentlich habe besorgen lassen, mehr Beachtung brachte er mir nicht entgegen. Bis jetzt blieb sein Verhalten distanziert. Gern würde ich den Sachverhalt aufklären, Tai einfach nur umarmen, aber er wird mir nicht glauben. Wie immer. Ich nehme einen weiteren, tiefen Zug von der Zigarette. Mein Hals und meine Lungen schmerzen bereits, die Schachtel ist inzwischen fast leer, trotzdem ist mein Verlangen nach GHB oder Heroin unverändert. Dabei weiß ich, dass Nikotin als Substitut zu schwach ist, viel zu oft versuchte ich es. Vergebens. Kokain konsumiere ich zwar noch nicht lange, verspüre aber bereits nach dieser kurzen Zeit leichte Entzugserschienungen, die ich jedoch glaube aushalten zu können. Das Ertönen der Türklingel beendet meine Gedanken abrupt. Flüchtig drücke ich die Zigarette im Aschenbecher, der neben mir steht, aus, erhebe mich und gehe zur Tür.

„Masao, komm rein.“ Es dauert einen Moment, bis er reagiert. Seine Blicke haften an meinem Körper.

„Ich weiß, dass du dich selbst verletzt. Aber das Resultat neutral zu betrachten, ist nicht unbedingt einfach“, gibt er ernüchtert zu. Ich sage nichts. Nachdem mein Bandkollege sich seiner Jacke und Schuhe entledigte, folgt er mir ins Wohnzimmer.

„Setz dich“, fordere ich ihn freundlich auf. „Möchtest du etwas trinken?“

„Dein Anruf mit der Bitte, zu dir zu kommen, überraschte mich. Ich nahm an, dass du Fremden keinen Zugang zu deiner Wohnung und somit in dein Privatleben gewährst.“

„Du bist kein Fremder. Kaffee?“

„Ja. Danke.“ Ich gehe in die Küche, um das koffeinhaltige Getränk zuzubereiten, und kehre mit zwei gefüllten Tassen zurück. Masao schiebt meine Notenblätter und Notizen beiseite, damit ich die Gefäße auf dem kleinen Tisch abstellen kann. Anschließend setze ich mich wieder an die Balkontür und entzünde eine Zigarette. Nachdenklich schaue ich nach draußen.

„Was ist los, Yamato?“, höre ich meinen Bandkollegen fragen. „Du siehst krank aus. Ist das der Grund für dein Fehlen bei der letzten Probe? Es wäre schön, wenn du in diesem Fall einen von uns informierst.“ Er atmet hörbar aus. „Wir machen uns Sorgen um dich.“

„Bezüglich der Band wollte ich mit dir sprechen.“

„Sollten Kozue und Naoki dann nicht auch anwesend sein?“

„Vielleicht, aber das Zwiegespräch mit dir fällt mir schon schwer genug.“ Ich bringe es nicht fertig, ihn anzusehen.

„Du willst aussteigen“, mutmaßt Masao unerwartet.

„Ja.“

„Warum?“ Fahrig ziehe ich an der Zigarette.

„Die Musik ist mir einfach nicht mehr wichtig.“

„Yamato, deine Gitarre steht hier und auf dem Tisch sehe ich Arbeitsmaterialien, die darauf hindeuten, dass du an einem neuen Song schreibst. Lass dir bitte eine glaubwürdigere Begründung einfallen, wenn du meinst, mich anlügen zu müssen.“ Eine unangenehme Stille entsteht zwischen uns.

„Weißt du, ob Akitos Mutter noch in Odaiba wohnt?“, breche ich nach einer Weile das Schweigen. „Ich möchte mich noch einmal mit ihr über Akito unterhalten.“

„Und vom eigentlichen Thema ablenken“, bemerkt mein Bandkollege tadelnd. „Vor einigen Jahren wollte ich aus demselben Grund Kontakt zu ihr aufnehmen. Nach Akitos Tod war sie lange Zeit in der Psychiatrie. Als sie entlassen wurde, nahm sie sich das Leben. Auf die gleiche Art wie ihr Sohn, sie schnitt sich die Pulsadern auf.“

„Verstehe.“ Schwermütig betrachte ich die glimmende Zigarette zwischen meinen Fingern, beobachte den kreiselnd aufsteigenden Rauch.

„Du vermisst ihn, oder?“, fragt mein Bandkollege einfühlsam. Ich nicke lediglich, unfähig meine Gefühle in Wort zu fassen. Erneut schweigen wir. „Als ich erfuhr, dass du auf derselben Universität bist wie ich, wollte ich dich unbedingt kennen lernen. Mich interessierte der Mensch, in den Akito sich verlieben konnte. Von ihm wusste ich, dass du Sänger der Band ‚Teen-Age Wolves’ warst und Musik dir sehr wichtig ist. Akito mochte deine Stimme und deinen Gesang sehr. Auch aus diesem Grund sprach ich dich an. Zu der Zeit waren ‚Sannin’ im Begriff sich aufzulösen, es mangelte sowohl an Motivation als auch an Inspiration. Ich hoffte, dass du im Laufe der Zeit nicht Mitglied einer anderen Band geworden bist, denn in meiner Vorstellung, die allerdings lediglich auf Akitos Beschreibung beruhte, passtest du musikalisch wie charakterlich sehr gut zu uns.“

„Allmählich begreife ich die Zusammenhänge.“ Beiläufig nehme ich einen tiefen Zug von der fast abgebrannten Zigarette, dann drücke ich sie im Aschenbecher aus und entzünde eine weitere Zigarette.

„Darf ich den Liedtext lesen, an dem du gerade arbeitest?“

„Meinetwegen. Der Song ist jedoch weder fertig noch gut.“ Mein Bandkollege nimmt zielgerichtet eines der Blätter in die Hand und konzentriert sich auf das Geschriebene. Derweil richte ich meinen Blick nach draußen. Erste Regentropfen fallen zu Boden, gleich darauf setzt starker Regen ein, der binnen kurzer Zeit in Rinnsalen über den Asphalt läuft. Kalt spüre ich den Wind auf meiner inzwischen feucht benetzten Haut.

„Yamato, bist du mit der Melodie so weit, dass du mir das Lied vorsingen kannst?“, fragt Masao unvermittelt.

„Ja. Aber warum?“, will ich verwundert wissen.

„Damit ich einen Gesamteindruck bekomme.“

„Den brauchst du nicht. Das Ganze landet ohnehin im Müll.“

„Trotzdem. Bitte.“ Ich drücke die Zigarette im Aschenbecher aus und setze mich mit der Gitarre neben meinen Bandkollegen auf das Sofa. Leichte Nervosität stellt sich ein, als ich die ersten Saiten anschlage.
 

Wie könnte ich dich spüren, wenn du kalt bist wie Stein

Du brachtest mich auf meine Knie

Ich spiele dein Spiel, denn es ist alles, was ich habe

Und verstecke mich in Träumen
 

Ich denke, es ist Zeit

Ich werde die Ketten zerbrechen

Ich werde davonfliegen und lasse das 'Happy End' zurück

Schon gut

Lass uns verloren gehen

Denn ich musste lernen zu sehen

Dass es 'Happy Endings' hier für mich nicht gibt
 

Ich möchte dich verlassen, aber ich kann den Weg nicht finden

Den Weg aus deinen Worten

Ich glaube noch immer an alles, was du sagst

Hänge an deinen Lippen, bis es schmerzt
 

Ich denke, es ist Zeit

Ich werde die Ketten zerbrechen

Ich werde davonfliegen und lasse das 'Happy End' zurück

Schon gut

Lass uns verloren gehen

Denn ich musste lernen zu sehen

Dass es 'Happy Endings' hier für mich nicht gibt
 

Ich fühlte dich

Ich verehrte dich

Ich glaubte dir

Ich folgte dir
 

(Ich fühlte dich) Jetzt ist es Zeit für mich, zu gehen

(Ich verehrte dich) Ich hoffe, ich werde meinen Weg nach Hause finden

(Ich glaubte dir) Und ich frage mich, ob dort etwas ist

(Ich fühlte dich) Jetzt ist es Zeit für mich, zu gehen

Ich hoffe, ich werde ein neues Zuhause finden
 

Ich denke, es ist Zeit

Ich werde die Ketten zerbrechen

Ich werde davonfliegen und lasse das 'Happy End' zurück

Schon gut

Lass uns verloren gehen

Denn ich musste lernen zu sehen

Dass es 'Happy Endings' hier für mich nicht gibt

Für mich, für mich

Dass es 'Happy Endings' hier für mich nicht gibt

Für mich

Dass es 'Happy Endings' hier für mich nicht gibt
 

„Deine Stimme war sehr unbeständig“, bemerkt Masao, als ich die Gitarre wieder beiseite stelle. „Darf ich dich etwas Persönliches fragen?“

„Ja“, antworte ich zögerlich, dabei verhake ich meine Finger ineinander, um sie halbwegs ruhig zu halten. Das Singen fiel mir unerwartet schwer. Zittrig stehe ich auf und setze mich auf meinen vorherigen Platz an der Balkontür. Vielleicht löst Nikotin meine Anspannung ein wenig.

„Falls der Text autobiografische Züge besitzt, scheint es zwischen deinem Freund und dir ziemliche Probleme zu geben. Hat er etwas mit deinem Vorhaben, die Musik aufzugeben, zu tun?“

„Nein, hat er nicht.“ Erschreckt drehe ich mich zur Tür. Taichi lehnt am Türrahmen, seine Augen sind mit ernstem Ausdruck auf mich gerichtet.

„Tai, seit wann...“

„Ich kam während deiner musikalischen Vorführung. Vermutlich hast du mich deshalb nicht gehört.“ Er betritt das Wohnzimmer und geht zielgerichtet auf meinen Bandkollegen zu. „Hallo, ich bin Taichi Yagami. Yamatos Freund“, stellt er sich unerwartet höflich und direkt vor.

„Das dachte ich mir. Ich sehe dich oft bei unseren Konzerten und deine Aufmerksamkeit gilt fast ausschließlich unserem Sänger.“ Masao lächelt. „Ich bin Masao Koyama. Es freut mich, dich persönlich kennen zu lernen.“

„Du bist am Keyboard, oder?“, vergewissert sich mein Freund, wobei er nach der Decke greift, die auf der Sofalehne liegt und die ich oft beim Fernsehen nutze.

„Das stimmt.“

„Ich würde nie von Yamato verlangen, mit der Musik aufzuhören“, erklärt Tai bestimmt. Gerade als ich die Zigarette zum wiederholten Mal an meine Lippen führen möchte, nimmt er sie mir aus der Hand und drückt sie im Aschenbecher aus. „Die Abmachung war, nur in der Küche zu rauchen.“ Fürsorglich hüllt er meinen vor Kälte bebenden Körper in die Decke, dann küsst er mich. Ich sehe, wie mein Bandkollege verlegen zur Seite schaut. „Masao, ich weiß nicht, wie gut du Yamato kennst. Er verfällt schnell in Extreme. Es ist richtig, dass ich einige seiner Kontakte unterbinden will, weil ich der Meinung bin, dass sie ihm schaden. Die Band spielte dabei jedoch nie eine Rolle. Trotzdem bezieht Yamato meine Forderung auf sämtliche Kontakte.“ Ich richte meinen Blick aus dem Fenster. Es regnet unverändert stark. Das dabei entstehende Rauschen hat eine friedliche und beruhigende Wirkung. Plötzliche Müdigkeit überkommt mich und ich schließe schläfrig meine Augen. Die Unterhaltung zwischen Taichi und Masao klingt weit entfernt und unverständlich. Erst als ich merke, dass ich hochgehoben werde, öffne ich meine Augen wieder.

„Du bist erschreckend leicht, Yamato“, stellt mein Freund voller Sorge fest.

„Tai, was...“, murmle ich undeutlich.

„Ich bringe dich ins Bett“, antwortet er, ohne dass ich meine Frage beenden konnte. „Hast du wieder Drogen konsumiert?“

„Nein.“ Ich schaue zu Masao, der noch immer auf dem Sofa sitzt und die Szene schweigend beobachtet. Die Situation ist mir unangenehm, doch ich bin zu schwach, um mich von Taichi zu lösen und auf eigenen Beinen zu stehen. Beschämt wende ich meinen Blick ab, schmiege mich schutzsuchend enger an meinen Freund.

„Wir sehen uns morgen bei der Bandprobe“, höre ich Masao noch wie selbstverständlich sagen, als Tai mich aus dem Wohnzimmer in das Schlafzimmer trägt. Tränen brennen in meinen Augen und ein schmerzhaftes Gefühl der Verzweiflung überkommt mich.

Regungslos liege ich im Bett. Mein Blick ist ins Nichts gerichtet. Es ist inzwischen mehr als eine Woche vergangen, seit Masao bei seinem Besuch versuchte, mich von meinem Vorhaben, aus der Band auszusteigen, abzuhalten. Seine Bemühungen waren jedoch vergebens. Bis heute bin ich kein einziges Mal bei den Proben erschienen. Ich gehe weder ans Telefon noch öffne ich die Tür, wenn es klingelt. Die meiste Zeit verbringe ich im Bett. Lediglich vor ein paar Tagen verließ ich die Wohnung, um zu Shinya ins Krankenhaus zu fahren, nachdem ich bei einem Anruf die Auskunft erhielt, dass er aufgewacht ist. Zwar erleichterte mich die Nachricht, andererseits war es auch gleichbedeutend mit dem neuerlichen Abschied von ihm. Ich beschloss, ehrlich zu sein, und erklärte ihm die Beweggründe für mein Handeln. Er hatte Verständnis, seinen Zweitschlüssel nahm er allerdings nicht zurück. Mit einem traurigen Lächeln gestand er mir, dass sich an seinen Gefühlen für mich nie etwas geändert hat und dass er trotz allem hofft, mich nicht ganz verloren zu haben. Deshalb soll ich seinen Schlüssel behalten, damit ich jederzeit Zugang zu seiner Wohnung habe. Meiner Frage, ob er versuchte sich zu töten, begegnete er mit einer Entschuldigung bezüglich seines Verhaltens in den vergangenen Wochen. Insbesondere, dass er mich im Drogenrausch mehrfach gewaltsam zum Sex zwang. Er sprach leise und seine Stimme zitterte bei diesen Worten hörbar. Unfähig auf seine Aussage einzugehen, nahm ich ihn einfach nur in den Arm. Ich habe Angst, ihn allein zu lassen, fühle mich schuldig, weil ich ihn erneut aufgebe. Vor allem in seiner augenblicklichen Situation. Für Taichi muss ich es tun. Bevor ich ging, versprach Shinya mir, die stationäre Behandlung, die sich über Monate erstreckt, nicht abzubrechen. Er möchte seinen Drogenkonsum und sein Leben wieder in den Griff bekommen, wieder arbeiten gehen. Ich halte nicht viel von Therapien, hoffe aber, dass Shinya es schafft. Auch für Shota. Die erneute Trennung von meinem einstigen Freier, der zu einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben wurde, war nahezu unerträglich. Ich hatte das Gefühl, zu ersticken. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause gefahren, nahm jedoch die Bahn nach Shinjuku, um im Koki meine Kündigung abzugeben. Ich weiß, dass der Chef immer nach seinem Urlaub die liegengebliebenen Büroarbeiten vor Ladenöffnung erledigt. Außerdem war die Wahrscheinlichkeit gering, Reiji um diese Zeit anzutreffen. Meine Kündigung nahm der Chef, ohne Fragen zu stellen, entgegen. Vermutlich hatte Reiji ihn bereits informiert. Seufzend drehe ich mich auf die Seite und schließe meine Augen. Das Pulsieren in meinem Kopf ist schmerzhaft stark. Schon seit Tagen. Allerdings achtet Taichi darauf, dass sich nur eine sehr geringe Menge Schmerzmittel in der Wohnung, und für mich zugänglich, befindet. Zudem kontrolliert er in regelmäßigen Abständen sämtliche Schränke und potentielle Verstecke, sodass ich davon absah, einen heimlichen Vorrat anzulegen. Genervt wälze ich mich auf die andere Seite, öffne meine Augen wieder und starre die Wand an. Die vorherrschende Stille im Raum erdrückt mich, Musik ertrage ich im Moment jedoch erst recht nicht. Nach einer Weile höre ich, da die Tür zum Schlafzimmer nicht geschlossen ist, wie der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür gedreht wird. Kurz darauf betritt Taichi den Raum. Seufzend setzt er sich zu mir ans Bett.

„Was willst du mit deinem offensichtlichen Dahinvegetieren eigentlich beweisen? Dass es ein Fehler ist, von dir zu verlangen, die Menschen, die dir schaden, aufzugeben? Oder willst du mir mit deiner Teilnahmslosigkeit wehtun?“

„Nein“, antworte ich knapp, ohne ihn dabei anzusehen.

„Dann steh auf.“

„Wozu sollte ich aufstehen? Eine neue Arbeit brauche ich mir nicht zu suchen, da du bei jedem männlichen Kollegen denkst, ich würde mit ihm ins Bett gehen. Selbst wenn er heterosexuell ist und keinerlei Interesse an mir zeigt. Oder soll ich mir einen Job mit ausschließlich weiblichen Mitarbeitern suchen?“

„Nein, das verlange ich nicht von dir. Ich denke auch nicht, dass du das lange aushalten würdest“, meint mein Freund ungewohnt verständnisvoll. „Konzentriere dich auf deine Band. Geh wieder zu den Proben und arbeite daran, einen Plattenvertrag zu bekommen. War das nicht dein eigentliches Ziel?“ Nun schaue ich Tai an, der aufmunternd lächelt. Mein Gesichtsausdruck bleibt ernst.

„So funktioniert das nicht, Taichi. Du kannst die Miete und den Lebensunterhalt für uns beide nicht allein tragen. Wie stellst du dir das vor, wenn in Zukunft mein Einkommen vom Koki wegfällt? Du weißt, dass ich für einen Aushilfsjob gut bezahlt wurde.“

„Klar, weil du mit Sicherheit nicht nur für die Arbeit in der Bar bezahlt wurdest“, bemerkt mein Freund bissig.

„Du bist wirklich paranoid. Was meinst du, warum ich dir Reijis Avancen nicht verheimlichte? Ich hoffte, mehr Vertrauen von dir entgegengebracht zu bekommen, wenn ich dir freiwillig davon erzähle. Würde ich mit Reiji schlafen wollen, wäre Schweigen sinnvoller gewesen.“

„In deinem Fall kann Ehrlichkeit aber auch kalkuliert sein, um einen falschen Anschein zu erwecken. Ist es nicht so?“ Betreten wende ich meinen Blick ab, um nicht Taichis schmerzlichen Gesichtsausdruck sehen zu müssen. Eine Antwort bleibe ich ihm schuldig, wobei die Frage ohnehin rhetorisch gemeint war. „Allerdings will ich versuchen zu glauben, dass du Reiji und Shinya tatsächlich aufgegeben hast und somit beginnen erneut Vertrauen zu dir aufzubauen. Gib mir nur etwas Zeit, okay?“ Das Läuten der Türklingel unterbricht unser Gespräch. Mein Freund erhebt sich und geht in den Flur, um zu öffnen. Ein knapper Wortwechsel, dessen Inhalt ich nicht verstehe, ist zu hören. Kurz darauf kommt Taichi zurück, gefolgt von meinem Chef aus dem Koki. „Er muss etwas mit dir klären. Aber nur in meinem Beisein“, erklärt Tai bestimmt. Mein Chef scheint einverstanden zu sein. Er setzt sich zu mir ans Bett. Verwundert richte ich mich auf.

„Bist du krank?“, fragt er besorgt. Ich lächle matt.

„Nein, ich bin nicht krank. Warum sind Sie hier?“

„Wegen deiner Kündigung. Oder vielmehr wegen Reiji.“ Unwillkürlich schaue ich zu Taichi, dessen Blick sich bei der Erwähnung des Namens meines einstigen Arbeitskollegen sofort verfinstert.

„Was ist mit Reiji?“ , will ich wissen, ohne meinen Freund aus den Augen zu lassen.

„Er bat mich, deine Kündigung nicht anzunehmen und dir stattdessen unbezahlten Urlaub zu geben. Seiner Meinung nach ist es nicht deine Entscheidung und mit der Erkenntnis wirst du den Schritt garantiert bereuen. Deshalb will er dir Zeit geben, damit du alles noch einmal überdenken kannst. Bis dahin übernimmt er deine Schichten zusätzlich. Dass ich dagegen bin, interessiert ihn nicht, weshalb ich ihn vorerst gewähren lasse. Du musst ihm wirklich sehr viel bedeuten. Auf Dauer kann und will ich diesen Zustand jedoch nicht tolerieren. Die Doppelbelastung wird für Reiji zu viel. Entschuldige, falls ich unsensibel bin, aber ich brauche eine verbindliche Stellungnahme von dir. Besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass du zurückkommst, oder ist es lediglich Reijis Wuschdenken? In diesem Fall sehe ich mich leider gezwungen, eine andere Aushilfe zu beschäftigen. Mit Sicherheit wird Reiji ziemlich sauer werden, trotzdem ist mir seine Gesundheit wichtiger. Ich hoffe, du verstehst meinen Standpunkt, Yamato.“ Es fällt mir schwer, Taichis durchdringendem Blick standzuhalten. Gefügig senke ich meinen Kopf.

„Ich bleibe bei meiner Kündigung“, erkläre ich leise und versucht emotionslos, dabei klingt meine Stimme einfach nur brüchig.

„Das ist schade. Besonders für Reiji hoffte ich auf eine positive Antwort. Nun, es lässt sich nicht ändern. Allerdings wäre ich dir dankbar, wenn du ihm deine Entscheidung noch einmal verdeutlichst.“

„Ich werde mit ihm sprechen“, mischt sich Tai unerwartet in das Gespräch ein. „Allein. Sollte dieser Typ einsichtig und kooperativ sein, verlange ich nicht mehr von dir, den Job aufzugeben.“ Die Mimik meines Chefs nimmt bei diesem mutmaßlichen Kompromiss einen seltsamen Ausdruck an. Auf ihn muss die Situation wirken, als sei ich meinem Freund hörig. Bin ich es inzwischen vielleicht sogar? Wann habe ich aufgehört, mich zu wehren? Wann verlor ich meinen eigenen Willen? Puppe, eine Bezeichnung, die ich in letzter Zeit häufiger hörte. Leblos und nur zum Ficken zu gebrauchen.

„Taichi, ich möchte nicht, dass du Reiji triffst. Schon gar nicht allein“, widerspreche ich mit Nachdruck.

„Meinetwegen. Dann halte dich in Zukunft von diesem Laden fern, hast du verstanden?“

„Allmählich verstehe ich Reijis Wut auf deinen Freund“, wirft mein Chef plötzlich ein und wendet sich dann direkt an ihn. „Merkst du nicht, dass du Yamato mit deiner Eifersucht und dem daraus resultierendem Verhalten quasi entmündigst? Ich bestreite nicht, dass du ihn liebst, denn das ist offensichtlich. Im Gegenteil, ich befürchte, dass deine Gefühle zu stark, gefährlich stark sind. Dabei bedeutet Kontrolle nicht unbedingt Unterdrückung. Indem du auf Yamatos Bedürfnisse eingehst, kannst du ebenfalls Kontrolle ausüben.“ Tai beginnt zu lachen.

„Sie lassen sich von Yamatos manipulativer Art täuschen. Er ist kein unbeschriebenes Blatt. Und würde ich auf seine Bedürfnisse eingehen, wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit bereits tot. Sie kennen die Hintergründe nicht, also unterlassen Sie es, zu urteilen, vor allem, zu verurteilen.“ Der Tonfall meines Freundes ist freundlich, höflich. Wie immer zeigt er diese widerliche Maske geheuchelten Respektes, die ich so sehr hasse und die auf mich oft bedrohlich wirkt.

„Du hast recht. Es liegt mir fern, mich in eure Beziehung einzumischen. Ich bin hauptsächlich wegen Reiji hier.“

„Lieben Sie Reiji?“, frage ich unvermittelt. Mit ernster Miene schaut mein Chef mich an.

„Ja“, gesteht er unerwartet und mit gefestigter Stimme.

„Sie haben es ihm nie gesagt.“

„Nein. Das werde ich auch nicht. Eine Beziehnung mit ihm einzugehen, wäre unverantwortlich. Meinetwegen wandte sich seine Familie von ihm ab. Weil ich meine Gefühle und mein Verlangen nach ihm nicht im Griff hatte.“

„Reiji erwähnte den Vorfall“, bemerke ich mitfühlend, da ich an Hiroaki und meine Beziehung zu ihm denken muss.

„Vor einiger Zeit traf ich seinen Vater zufällig. Die wenigen Sätze, die er mir feindselig entgegenbrachte, schockierten und ernüchterten mich gleichermaßen. Eigentlich hatte ich die Hoffnung, dass Reiji irgendwann wieder Kontakt zu seiner Familie haben wird. Sein Vater jedoch empfindet nichts als Abscheu, Ekel und Verachtung für seinen Sohn.“ Die Finger meines Chefs verkrampfen sich im Stoff seiner Hose. „Um ehrlich zu sein, habe ich nach dieser Begegnung sogar Angst, der Vater könnte Reiji wegen der Schande für die Familie etwas antun, sollte er ihn jemals wiedersehen. Zumindest machte er dahingehend Andeutungen. Am schlimmsten war jedoch die Schilderung, wie er seinem Sohn zuvor die Perversion austreiben würde.“ Im Augenwinkel sehe ich Taichi, dessen Gesichtsausdruck keinerlei Emotionen zeigt. Seine Augen sind starr auf meinen Chef gerichtet. „Ich denke, ich kann Reiji besser schützen, wenn ich einen gewissen Abstand wahre.“

„Warum gehen Sie dann trotzdem mit ihm ins Bett? Kennen Sie Reijis Gefühle eigentlich?“

„Sein Interesse gilt eindeutig dir. Im Übrigen muss ich mich bei dir entschuldigen. Ich wusste nicht, dass du einen Freund hast, sonst hätte ich nie versucht, dich mit Reiji zu verkuppeln.“ Trotz der Aussage bleibt Taichi unerwartet reglos.

„Sein Interesse ist rein körperlich. Eigentlich bin ich nicht einmal sein Typ. Ist Ihnen wirklich nie aufgefallen, was er für Sie empfindet? Die vielen wechselnden Sexualpartner sind meiner Meinung nach lediglich Ablenkung. Zudem weiß er, dass Sie ihn abweisen würden. Gefühlsmäßig kann er sich dennoch auf keinen anderen Mann einlassen. Wahscheinlich auch deshalb, weil er die Art Ihrer Zuneigung richtig deutet. Können Sie sich vorstellen, wie schmerzhaft diese Tatsache für ihn sein muss? Bitte tun Sie ihm nicht noch mehr weh und überdenken Sie Ihre Entscheidung, denn...“

„Yamato! Es reicht“, weist Taichi mich schroff zurecht. „Ich sagte vorhin zu deinem Chef, er soll sich nicht in unsere Angelegenheiten einmischen. Das gleiche gilt für dich. Seine Beziehungsprobleme gehen dich nichts an.“

„Wäre diese Verbindung nicht auch für dich von Vorteil?“, gebe ich zu bedenken.

„Es gibt Menschen, die sich trotz festem Partner von jedem ficken lassen“, erwidert mein Freund gespielt beiläufig. Ich lächle sanft.

„Nicht Reiji. Er kann unerwartet konservativ sein.“

„Dann brauchst du wegen meines Gespräches mit ihm keine Angst zu haben. Er wird meine Bedingungen verstehen und du kannst deinen Job behalten.“

„Nein. Taichi...“, versuche ich einzuwenden, doch mein Freund ignoriert mich und wendet sich an meinen Chef.

„Wann hat er Schicht? Ich möchte diese Angelegenheit so schnell wie möglich hinter mich bringen.“ Der abfällige Unterton ist deutlich zu hören.

„Wenn es dir zeitlich passt, kannst du mich gleich begleiten.“

„In Ordnung. Ich tausche nur schnell den Anzug gegen etwas Bequemeres.“ Mein Chef nickt, woraufhin Tai sich erhebt und zum Kleiderschrank geht. Missmutig beobachte ich, wie er sich direkt im Zimmer umzieht und dabei ebenso von meinem Chef genau gemustert wird. Ich bin mir sicher, dass diese Provokation beabsichtigt ist.

„Tai, führst du das Gespräch bitte draußen?“ Er sieht zu mir. Seine Mimik zeigt, dass er weiß, worauf ich hinaus will. Meinen Chef hingegen scheint die Aufforderung zu irritieren. Offenbar erzählte Reiji nichts von Taichis Alkoholabhängigkeit. Insbesondere aufgrund des kürzlichen Rückfalls habe ich Angst, dass er der Versuchung in der Bar nicht standhalten kann. Wie Reiji auf die Konfrontation reagieren wird, wage ich mir kaum vorzustellen. Zuletzt war er ziemlich wütend auf Tai. Mein ungutes Gefühl verstärkt sich.
 

Gedankenversunken sitze ich in der Küche, meine Hände umschließen eine Tasse wärmenden Kaffees. Als Taichi gestern Abend vom Koki nach Hause kam, sprach er kein einziges Wort mit mir. Er legte lediglich einen Zettel, auf dem mein Dienstplan für die kommende Woche im Koki notiert war, auf den Schrank im Flur, ging duschen und dann ins Bett. Kein Augenkontakt, keine Berührung. Allerdings wirkte er weder wütend noch genervt, wie ich es eigentlich erwartete. Wollte er mich auf Abstand halten, weil er erneut rückfällig wurde und es vor mir zu verbergen versuchte? Den Geruch von Alkohol nahm ich jedoch nicht wahr. Vielleicht reagiere ich über und Tai war nur müde und erschöpft, immerhin kam er gerade erst von der Arbeit, bevor mein Chef mit ihm zum Koki fuhr. Trotzdem wüsste ich gern, wie das Gespräch zwischen meinem Freund und meinem Arbeitskollegen ablief. Insbesondere, wie es Reiji gelang, Taichi bezüglich meines Aushilfsjobs umzustimmen, denn normalerweise beharrt Tai stur auf seiner Meinung. Anzeichen einer gewaltsamen Auseinandersetzung konnte ich nicht erkennen. Welche Argumente brachte Reiji an? Ich greife nach der Schachtel, die vor mir auf dem Tisch liegt, und entzünde eine daraus entnommene Zigarette. Mir darüber Gedanken zu machen, ist Unsinn. Ich muss einen der beiden fragen, wenn ich Antworten bekommen möchte. Allerdings fürchte ich, dass sowohl mein Freund als auch Reiji schweigen werden. Tais Verhalten gestern Abend zeigte mir eindeutig, dass er nicht vorhat, über das Geschehene zu sprechen. Und sollte Taichi meinen Arbeitskollegen dazu angewiesen haben, wird auch dieser nichts sagen. Diesbezüglich ist Reiji ziemlich loyal. Unzufrieden ziehe ich an meiner Zigarette. Das ungute Gefühl wird immer stärker. Eine unbestimmte Angst, die allmählich übermächtig zu werden droht. Ich atme tief durch. Der sinnlose Versuch, ruhiger zu werden. Mein Herzschlag beschleunigt sich, meine Muskeln verkrampfen, ich bekomme kaum Luft. Je mehr ich mich zwinge, die Kontrolle zu behalten, desto mehr verliere ich sie. Fahrig drücke ich die erst zur Hälfte gerauchte Zigarette im Aschenbecher aus. Ein unangenehmer Druck legt sich auf meine Kehle und erschwert mir das Schlucken. Dass Tränen über meine Wangen laufen, realisiere ich kaum. Wie fremdgesteuert taumle ich in den Flur, inzwischen krampfhaft weinend. Immer wieder muss ich mich an der Wand abstützen, um einen Zusammenbruch zu verhindern. Im Bad jedoch sinke ich kraftlos zu Boden. Verzweifelt schlage ich wiederholt mit der Faust auf die kalten Fliesen. Den dumpfen Schmerz spüre ich kaum, weshalb ich wütend härter zuschlage. Kurz verspüre ich den Drang, zur Rasierklinge zu greifen, mein offenbar noch vorhandener Überlebensinstinkt hält mich allerdings davon ab. Ebenso der Gedanke an Taichi und das ihm gegebene Versprechen, nicht mehr selbst Hand an mich zu legen. Ich sacke vollends in mich zusammen und bleibe schluchzend auf dem Boden liegen. Das Gefühl der Überforderung lastet schwer auf mir und ich bin kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Unzählige Stimmen schreien in meinem Kopf durcheinander, treiben mich an den Rand des Wahnsinns, doch gleichzeitig empfinde ich nichts als Leere. Warum gelingt es mir nach wie vor nicht, das Weinen zu unterdrücken? Generell begreife ich nicht, was gerade passierte. Wie kam es zu diesem Kontrollverlust, der in einem Zusammenbruch endete? Meine Erinnerungen sind verschwommen, alles fühlt sich irgendwie irreal an. Es dauert lange, bis ich aufgrund von Erschöpfung schwer atmend, aber ansonsten reglos liegen bleibe. Stille umgibt mich. Erst als mein Körper wegen der Kälte zu zittern beginnt, stehe ich angestrengt auf, wobei ich mich am Wannenrand abstützen muss. Langsam schleppe ich mich zurück in die Küche, entzünde fahrig eine Zigarette. In kurzen Abständen führe ich sie immer wieder an meine bebenden Lippen, inhaliere den Rauch tief. Geschwächt lasse ich mich auf den Stuhl fallen und schließe die Augen. Das schmerzhafte Pulsieren in meiner Hand, welches ich nun bewusst wahrnehme, ist angenehm, beruhigend. Nur auf Dauer wahrscheinlich nicht ausreichend, da ich bereits jetzt keine wirkliche Befriedigung mehr empfinde. Plötzlich höre ich, wie ein Schlüssel in der Wohnungstür gedreht wird. Gleich darauf schaut mein Vater in die Küche.

„Papa?“, frage ich überrascht. Meine Stimme klingt kratzig. „Was machst du hier?“ Er weicht meinem Blick aus. Offenbar ist ihm die Antwort unangenehm.

„Na ja... ich habe heute einen freien Tag und... also, Taichi bat mich, nach dir zu sehen. Weil er arbeiten muss und du... allein bist.“ Nachdem er sich seiner Schuhe und Jacke entledigte, betritt mein Vater den Raum und nimmt mir gegenüber am Tisch Platz. Mein Blick verfinstert sich. Ich ziehe noch zwei Mal kräftig an meiner Zigarette und drücke sie anschließend resolut im Aschenbecher aus. Wortlos gehe ich an meinem Vater vorbei, um die Küche zu verlassen, doch der hält mich am Handgelenk fest.

„Lass mich los! Du kannst wieder gehen. Und hör auf, Taichis Kontrollsucht zu unterstützen.“

„Yamato, er macht sich nur Sorgen um dich. Offenbar zurecht. Was hast du mit deiner Hand gemacht? Die ist total geschwollen.“ Genervt winde ich meinen Arm aus der Umklammerung, beschließe aber, ehrlich zu sein.

„So richtig kann ich mir mein Handeln auch nicht erklären, aber ich glaube, mein Selbsthass wurde für einen Moment übermächtig. Im Nachhinein fühlt es sich nicht einmal real an. Meine Erinnerungen sind wie vernebelt.“ Besorgnis zeichnet sich im Gesicht meines Vaters ab.

„Du solltest die Schwellung kühlen. Und einen Arzt aufsuchen, um sicher zu gehen, dass es sich bei der Verletzung nur um eine Prellung handelt.“

„Ich kann die Hand ohne Einschränkung bewegen. Darüber hinaus bin ich an einer Schmerzlinderung oder Heilung nicht interessiert. Im Gegenteil, es reicht nicht.“ Mit diesen Worten beuge ich mich zu meinem Vater hinab, streife mit meinen Fingern durch seine kurzen Haare und küsse seine Stirn. Dann blicke ich ihm mit einem Lächeln in die Augen. „Würdest du mir wehtun, wenn ich dich darum bitte, Hiroaki?“

„Was soll das, Yamato? Und du wunderst dich bei solchen Aussagen und derartigem Verhalten wirklich, dass ich an deinem Verstand zweifle?“

„Es ist ganz einfach.“ Aus einer der Schubladen entnehme ich ein Messer, welches ich meinem Vater in die Hand lege und mit seinen Fingern fest umschließe. Dann ziehe ich den linken Ärmel meines Pullovers nach oben und führe die Hand meines Gegenübers so, dass die Klinge meine Haut leicht berührt. „Verewige dich auf mir, Hiroaki“, flüstere ich voller Begierde.

„Bist du weiterhin der Meinung, dass du ohne Therapie noch zurecht kommst? Ich habe das Gefühl, dass dein Drang zur Selbstzerstörung wieder mehr und mehr deine Gedanken und dein Handeln bestimmt. Auch scheint dir vieles, was dir früher etwas bedeutete, mittlerweile egal zu sein, wenn du deine Hand inzwischen bereitwillig deiner Wut opferst, obwohl du Gitarre in einer Band spielst.“ Während er spricht, verharrt sein Blick auf den Vernarbungen. „Dein Unterarm ist völlig zerschnitten, die Haut bereits uneben wegen der zahllosen Narben. Obwohl ich nach all den Jahren daran gewöhnt sein müsste, schockiert mich der Anblick deines Körpers, die Resultate deines Selbsthasses, jedes Mal zutiefst, wenn ich damit konfrontiert werde.“ Behutsam legt mein Vater das Messer aus der Hand, streicht mit seinen Fingern vorsichtig über die von mir entblößten Male. Anschließend zieht er mich in eine innige Umarmung. „Bitte denk noch einmal über eine Therapie nach, okay?“ Wortlos schiebe ich meinen Gegenüber von mir und verlasse die Küche. Im Flur ziehe ich Jacke sowie Schuh an.

„Wohin willst du?“, fragt mein Vater, der mir folgte, alarmiert.

„Raus.“

„Ich begleite dich.“

„Nein“, entgegne ich bestimmt. „Ich brauche keinen Aufpasser. Geh wieder nach Hause und verschwende meinetwegen nicht deinen freien Tag.“ Zu wissen, dass er nur auf Taichis Befehl hier ist, macht die Situation für mich unerträglich.

„Auch ich mache mir Sorgen um dich. Schließlich bist du mein Sohn.“ Schmerzhafte Zuneigung erfüllt mich und Hitze durchströmt meinen Körper bei dem Gedanken, von meinem Vater berührt zu werden, mit ihm zu schlafen. Vergeblich versuche ich das Verlangen und meine Erregung niederzukämpfen. Doch es scheint egal zu sein, wie viele Jahre vergehen, meine Gefühle für ihn werden offenbar nicht schwächer. Dabei wollte ich mit der Trennung von Shinya niemanden mehr, abgesehen von Taichi, an mich heranlassen. Hastig nehme ich mein Portemonnaie und den Schlüssel vom Flurschrank und öffne die Tür. „Yamato, warte!“ Ohne zu reagieren, laufe ich eilig aus der Wohnung.
 

Mit gemischten Gefühlen betrete ich die Bar in Shibuya, die ich vor einigen Jahren das letzte Mal aufsuchte und an die ich nicht die besten Erinnerungen habe. Am Eingang lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Die Anzahl der Gäste ist noch überschaubar, was sich im Laufe des Abends mit Sicherheit ändern wird. Ich schaue zum Barkeeper, den ich ohne Zweifel wiedererkenne. Noch mehr zieht jedoch der vor ihm sitzende Mann meine Aufmerksamkeit auf sich. Offenbar habe ich Glück. Zielgerichtet gehe ich auf die beiden zu. Sie unterhalten sich angeregt, ihr Umgang miteinander wirkt sehr vertraut, nahezu intim. Schweigend setze ich mich neben den Mann, der mich damals auf der Straße ansprach, in diese Bar mitnahm und mir Drogen verabreichte, um meinen Körper gemeinsam mit seinem Freund als Sexspielzeug zu benutzen. Als dieser sich mir zuwendet, um die Bestellung aufzunehmen, hält er plötzlich inne und mustert mich nachdenklich.

„Bist du nicht der kleine Junkie, der für Drogen alles mit sich machen lässt? Ich hätte nicht gedacht, dass du noch lebst.“ Jetzt betrachtet mich auch der Mann neben mir eingehend. Ein Lächeln legt sich auf seine Lippen, als er mich zu erkennen scheint.

„Es ist lange her.“ Anzüglich legt er seine Hand auf meinen Oberschenkel. Dann beugt er sich zu mir, wobei seine Finger zwischen meine Beine gleiten. „Nur schade, dass dich nicht die Sehnsucht nach mir hierher führte“, haucht er gespielt deprimiert in mein Ohr. Ich bleibe unbewegt. „Gibst du mir bitte den Schlüssel für die Wohnung?“, wendet sich mein Gegenüber nun an seinen Freund. „Ich ziehe es vor, meine Geschäfte nicht in der Öffentlichkeit abzuwickeln.“ Zunehmend nervös folge ich in die Räumlichkeiten, in denen ich schon einmal rückfällig wurde.

„Es hat sich nicht viel verändert“, bemerke ich, während ich auf dem Bett Platz nehme.

„Stimmt. Abgesehen davon, dass ich inzwischen die Firma meines Vaters übernommen habe.“

„Trotzdem dealst du weiter?“

„Natürlich. Das ist für mich der einfachste Weg, meine Vorlieben zu befriedigen.“

„Wie ich sehe, hast auch du dich nicht verändert.“ Der Angesprochene kommt auf mich zu und bleibt dicht vor mir stehen. Grob dreht er mein Gesicht mit seinen Fingern an meinem Kinn zu sich, um mich zu zwingen, ihn anzusehen.

„An welche Substanz dachtest du?“

„Heroin“, antworte ich, ohne überlegen zu müssen.

„Wie willst du zahlen? Mit Geld oder mit deinem Körper?“ Da die Finanzierung der Droge auf Dauer nicht unbemerkt bleiben würde, habe ich keine Wahl.

„Mit meinem Körper.“ Ich möchte meinen Kopf von ihm abwenden, doch mein Gegenüber verstärkt seinen Griff schmerzhaft.

„Hast du einen Freund? Ich nehme keine Rücksicht auf verräterische Spuren.“

„Das erwarte ich auch nicht. Allerdings bitte ich dich, mich auf Heroin zu vögeln.“ In dieser Wohnung besteht keine Gefahr, von Taichi oder meinem Vater zugedröhnt gefunden zu werden, und ein besserer Ort, um mir einen Schuss zu setzen, fällt mir momentan leider nicht ein. Zudem will ich Taichi vergessen, solange ein anderer Mann in mir ist. Solange ein anderer Mann seine Perversion an mir auslebt.

„Stehst du nicht mehr auf Schmerz? Oder kannst du deine Schuldgefühle nicht ertragen?“ Ich antworte nicht. Gebieterisch drückt mich der Dealer auf die Matratze des Bettes und zwingt mir einen heftigen Kuss auf, dabei öffnet er mit seiner Hand meine Hose. Dann löst er sich von mir, entledigt mich dieser und drückt meine Beine auseinander. Mit zwei Fingern dringt er in mich ein, meine Mimik genau beobachtend. „Wie heißt du eigentlich? Unsere Namen haben wir damals nicht genannt, oder?“

„Yamato“, bringe ich keuchend hervor. Inzwischen spüre ich einen dritten Finger in mir.

„Ich bin Katsuro“, stellt er sich mit einem Lächeln vor. Kurz darauf entfernt er seine Finger aus mir und öffnet seine eigene Hose.

„Nein... nicht so...“, wende ich schwach ein.

„Keine Angst, du bekommst deinen Schuss gleich. Aber zuvor will ich dein erregtes Gesicht sehen.“ Mit harten Stößen dringt Katsuro in mich ein. Je intensiver ich ihn spüre, desto präsenter wird Taichi in meinen Gedanken. Ich versuche mir vorzustellen, dass er gerade mit mir schläft, doch es gelingt mir nicht. Ungewollt entweicht leises Stöhnen meiner Kehle. „Obwohl ich dich gegen deinen Willen ficke, gefällt es dir. Du bist mindestens genauso pervers wie ich, Yamato. Nur in umgekehrter Weise. Aber das macht den Reiz aus, dich zu erniedrigen. Ich will deinen unterwürfigen Stolz brechen.“ Unerwartet lässt Katsuro von mir ab. „Erledige den Rest mit deinem Mund.“ Schweigend befolge ich seinen Befehl, bis die warme Körperflüssigkeit meinen Rachen hinabläuft und Übelkeit in mir hervorruft. Gefühlstaub sinke ich wieder auf die Matratze und starre teilnahmslos zur Decke, während Katsuro sich ins Nebenzimmer begibt. Nach einer Weile kommt er mit einer aufgezogenen Spritze samt Gurt in der Hand zurück und setzt sich zu mir auf das Bett. Sanft streichelt er über meine Wange. „Ich habe hier dein Ticket ins Land der Träume. Nur eine Formalität muss noch geklärt werden. Gibt es Sexpraktiken, die untersagt sind, also die du mir verbietest?“

„Nein. Es sollten nur langfristig keine schweren körperlichen Schäden bleiben. Über derartige Praktiken möchte ich selbst entscheiden und diese dann auch bewusst erleben.“ Lachend beugt sich Katsuro über mich.

„Du bist echt unglaublich.“ Sanft küsst er meine Lippen, dann legt er den Gurt um meinen rechten Oberarm und zurrt ihn fest. Ich schließe meine Augen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. „Träum süß, Yamato“, flüstert Katsuro, anschließend setzt er mir den ersehnten Schuss.

Behutsam drehe ich den Schlüssel im Schloss und öffne die Tür. In der Wohnung brennt weder Licht, noch ist ein Geräusch zu hören. Da Taichis Schuhe im Eingangsbereich stehen, gehe ich davon aus, dass er bereits ins Bett gegangen ist. Immerhin ist es weit nach Mitternacht und er muss früh zur Arbeit. Trotzdem schleiche ich zum Schlafzimmer und schaue vorsichtig hinein. Er scheint zu schlafen, weshalb ich die Gelegenheit nutze, um bedächtigen Schrittes ins Bad zu gehen. Überraschenderweise verspüre ich weniger Schmerz, als ich nach sexuellen Aktivitäten mit Katsuro erwartet hatte. Hielt er sich trotz vorheriger Warnung doch etwas zurück? Wozu? Hinter mir verschließe ich die Tür, sinke kraftlos auf die Knie und atme erschöpft aus. Mit meiner Hand greife ich in meine Jackentasche, halte allerdings inne, zögere. Letztlich hole ich das kleine Fläschchen GHB hervor. Ich fragte Katsuro danach, weil ich Angst habe, in der Realität nicht mehr klarzukommen, nachdem ich das Gefühl des Heroins in meinen Adern wieder spüren durfte. Er willigte ein. Seiner Meinung nach wäre ein Schuss im Gegenzug zu dem, was er mir abverlangte, ohnehin nicht ausreichend gewesen. Ich drehe das Fläschchen unentschlossen in meiner Hand. In Taichis Anwesenheit Drogen zu konsumieren, wirkt ziemlich abgeklärt. Wenn ich das GHB richtig dosiere, dürfte allerdings keine Gefahr bestehen, dass er misstrauisch wird. Als ich noch zur Schule ging, war ich oft sogar im Unterricht zugedröhnt, ohne dass es jemand bemerkte. Und wenn ich die Dosierung hoch ansetze, werde ich lediglich sehr tief schlafen, was ebenfalls keinen Verdacht erregen dürfte. Selbst das Problem, zu lange zu schlafen, besteht nicht, weil Taichi tagsüber aufgrund seiner Arbeit im Normalfall nicht zu Hause ist und dadurch nicht mitbekommt, wann ich aufstehe. Entschieden drehe ich die kleine Flasche auf, halte aber erneut inne. Es ist zwar zu spät, einen Rückfall verhindern zu wollen, allerdings kann ich versuchen, die Sucht unter Kontrolle zu halten, indem ich meine Abhängigkeit auf eine Substanz, nämlich Heroin, beschränke. Zudem will ich so selten wie möglich mit Katsuro schlafen müssen, obwohl zugegebenermaßen eine Anziehung von ihm ausgeht, die mich nicht nur sexuell erregt, sondern auch mein Interesse und meine Faszination an seiner Person weckt. Andererseits ist er nichts weiter als ein perverser Sadist, dessen Vorlieben nicht mit meinem Masochismus konform gehen. Aber in meiner Situation ist Sex für Heroin die einfachste Beschaffungsmöglichkeit, auch wenn ich eigentlich nur noch Taichi in mir spüren möchte. Voller Selbsthass stelle ich fest, dass ich mich in die falsche Richtung bewege. Ich verlor die Kontrolle und trotzdem war es keine Affekthandlung. Einmal mehr wollte ich der Realität entfliehen, das Gefühl der Überforderung für einen kurzen Moment bezwingen, die inzestuöse Liebe zu meinem Vater, insbesondere das körperliche Verlangen, vergessen, ebenso wie die Angst, Tai zu verlieren. Ein bitteres Lachen entweicht meiner Kehle. Um zu vergessen, dass ich meinen Freund verlieren könnte, dröhne ich mich mit Drogen zu und lasse mich von anderen Männern ficken. Das ist so armselig. Dabei sehne ich mich nach Tai, doch obwohl wir in derselben Wohnung wohnen und sogar im gleichen Bett schlafen, scheint er sich immer mehr von mir zu entfernen. Auch seine Besitzansprüche scheinen nicht mehr Liebe als Antrieb zu haben. Und seit der Konfrontation mit Reiji verhält er sich erst recht distanziert. Die Gedanken an meinen Freund und die vorherrschende Situation steigern mein Verlangen nach ihm zusätzlich. Ich setze mich auf die Fliesen, mit dem Rücken an der Badewanne lehnend. Das GHB stelle ich neben mir auf dem Boden ab. Erregt schließe ich meine Augen, als ich mit meiner Hand zwischen meine Beine gleite und über den Stoff reibe. Fahrig öffne ich meine Hose, um mir Erleichterung zu verschaffen. Meine Lippen presse ich fest aufeinander, wodurch ich versuche mein Stöhnen zu unterdrücken. Mit dem Wahrnehmen der warmen Feuchtigkeit entspannt sich mein Körper. Schwer atmend und leicht verschwitzt betrachte ich das Sperma, das meine Haut benetzt. Ekel und Übelkeit ergreifen Besitz von mir. Ich lasse meine Hand angewidert sinken. Einmal mehr werde ich mir meiner Abartigkeit bewusst, denn für einen kurzen Moment verspürte ich den Drang, mich selbst zu bestrafen, indem ich mich zwinge, meine Hand sauber zu lecken. Erschöpft stehe ich auf, gehe zum Waschbecken und reinige meine Hände gründlich. Dann entkleide ich mich und dusche meinen Körper mit heißem Wasser ab. Aus dem Schrank nehme ich ein Handtuch, welches ich um meine Hüfte binde. Ich betrachte meine Armbeuge. Wenn man darauf achtet, könnte die noch leicht sichtbare Einstichstelle auffallen. Sicherheitshalber sollte ich Schlafsachen anziehen. Mein Blick fällt auf das Fläschchen GHB. Nachdenklich hebe ich es auf. Ich sollte diese Droge entsorgen. So wie ich es schon einmal getan habe. Zögernd gehe ich auf die Toilette zu. Es ist ganz einfach. So wie damals. Ich schraube den Deckel ab und neige die Flasche etwas, um den Inhalt auszukippen. Letztlich verharre ich in der Bewegung.

„Verdammt!“, fluche ich leise. Habe ich wirklich geglaubt, stark genug zu sein? Ich schließe die Flasche wieder und verstaue sie in meiner Jackentasche. Wütend auf mich selbst, trockne ich meinen Körper grob mit dem Handtuch ab und werfe es dann achtlos über den Wannenrand. Mit meiner Kleidung im Arm verlasse ich das Bad. Die Jacke hänge ich im Flur an ihren Haken, in der Hoffnung, dass Taichi die Taschen nicht kontrolliert. Ein besseres Versteck fällt mir im Moment leider nicht ein. Leise, um meinen Freund nicht zu wecken, schleiche ich ins Schlafzimmer, lasse meine Kleidung neben dem Bett auf den Boden fallen und hole Schlafsachen aus dem Schrank, die ich mit bedächtigen Bewegungen überziehe. Anschließend schlüpfe ich unter die Bettdecke. Tais Atmung ist ruhig und gleichmäßig. Offenbar habe ich ihn nicht geweckt. Ich drehe mich zu ihm, betrachte seine Silhouette, die sich nur schemenhaft aus der Dunkelheit abhebt. Sehnsuchtsvoll rutsche ich näher an ihn heran. Ich möchte die Wärme seines Körpers spüren. Mein Freund liegt von mir abgewandt, doch als ich ihn leicht berühre, dreht er sich zu mir um.

„Yamato? Bist du erst jetzt nach Hause gekommen?“, nuschelt er verschlafen.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken.“

„Hm“, ist die einzige Entgegnung, die ich von ihm bekomme. Für einen Moment herrscht Stille.

„Du fragst nicht, wo ich war?“, will ich etwas irritiert wissen.

„Wozu? Entweder ich kenne die Antwort bereits oder du sagst nicht die Wahrheit. Letztlich ist es deine Entscheidung, von wem du dich vögeln lässt.“

„Tai... ich...“

„Schon gut.“ Unerwartet legt er seinen Arm um mich, zieht mich dichter an sich. Sein Verhalten verwirrt mich. Erst die gleichgültige Aussage, die im Tonfall jedoch keinerlei Vorwurf aufwies, und jetzt die Zärtlichkeiten, die er mir trotz der vorherrschenden Situation entgegenbringt. Dennoch beschließe ich, ihn nicht darauf anzusprechen, stattdessen zu schweigen und die Nähe zu ihm zu genießen, die er in der Form in letzter Zeit selten zuließ. Liebevoll streichelt Taichi über meinen Rücken, woraufhin ich mich als Zeichen meiner Zuneigung enger an ihn schmiege. Der Duft meines Freundes hüllt mich sanft ein. Mit einem Gefühl der Geborgenheit fallen mir allmählich die Augen zu.

„Ich liebe dich, Taichi“, flüstere ich schläfrig. Abrupt hält mein Freund in seiner Bewegung inne.

„Ich... liebe dich, Yamato“, entgegnet er, meines Erachtens, sehr verhalten. Auch das Zögern bei seiner Antwort beunruhigt mich.

„Ich werde wieder zu den Bandproben gehen“, versuche ich meine Ängste zu ignorieren. Für den Moment bleibt eine erwartete Reaktion aus. Dann richtet Tai sich auf und beugt sich über mich. Leicht küsst er meine Lippen, liebkost meinen Hals.

„Ist dir kalt?“, haucht er fragend auf meine Haut.

„Wieso?“ Die aufkommende Lust ist deutlich im Klang meiner Stimme zu hören.

„Normalerweise trägst du keine Schlafsachen.“

„Jetzt ist mir jedenfalls nicht mehr kalt“, antworte ich mit einer Halbwahrheit. Erneut küsst Taichi meine Lippen, doch dieses Mal weitet sich der Kuss schnell zu einem leidenschaftlichen Zungenkuss aus. An meinem Bein spüre ich, dass mein Freund ebenfalls erregt ist. Ich fühle seine Hände, die mich überall am Körper zu berühren scheinen. Plötzlich nimmt Katsuro meine Gedanken ein, das Heroin, der Sex. So will ich nicht von Taichi genommen werden, nicht, wenn ein paar Stunden zuvor ein anderer Mann in mir abgespritzt hat. Vielleicht ist Tais Verhalten aber genau darauf zurückzuführen. Er möchte meine Reaktion sehen, um herauszufinden, ob ich mich einmal mehr von einem anderen habe vögeln lassen. Seine Zuwendung ist somit nichts als Berechnung. Letztlich werde ich jedoch nicht richtig handeln können, da seine Meinung ohnehin vorgefertigt ist, um in sein Bild zu passen.

„Lass mich dieses Mal in dich eindringen“, äußere ich meine Bitte mit Zurückhaltung.

„Nein!“ Die Antwort kam auffallend schnell und sehr nachdrücklich. Dass er lieber mich nimmt, ist zwar nicht ungewöhnlich, aber eine Führung meinerseits lehnte er nie so bestimmt ab. Möglicherweise verbindet er mit dieser Rollenverteilung inzwischen zu viele negative Erinnerungen, denn wahrscheinlich habe ich ihn häufiger vergewaltigt, als dass er freiwillig auf diese Weise mit mir geschlafen hat.

„In Ordnung.“ Ruhig streiche ich über seine Wange. „Dann nimm mich.“ Meiner Aufforderung nachkommend streift er sachte meine Schlafsachen von meinem Körper. Für ihn ungewöhnlich behutsam dringt er in mich ein. Trotzdem keuche ich auf vor Schmerz. Die Verletzungen, die Katsuro mir zufügte, scheinen sich durch den Sex mit meinem Freund zu verschlimmern. Ich schließe meine Augen und presse meine Lippen stark aufeinander.

„Tut es sehr weh?“, fragt Tai unerwartet nach.

„Nein... es geht. Taichi... ich...“

„Shh.“ Er küsst mich, um mich am Weitersprechen zu hindern. Seine Bewegungen werden rhythmischer, intensiver. Jegliche Sorge und jeder Zweifel, meine Verwirrung bezüglich Taichis Verhalten, alles weicht einer angenehmen Leere. Einzig die Gefühle für meinen Freund erfüllen mich. Durch den Schmerz wird meine Lust zusätzlich gesteigert und es gelingt mir für den Moment auszublenden, wer diese eigentlich verursacht hat. Es ist lange her, dass ich mich bei Tai so sehr konnte fallen lassen. Von Erregung erfüllt bäume ich mich leicht auf, mit meinen Händen suche ich Halt bei meinem Freund. Seine Haut ist von einem feuchten Schweißfilm überzogen, seine Bewegungen werden kraftvoller. Ich spüre ihn tief in mir und doch ist es zu wenig.

„Mehr... Tai...chi...“, stöhne ich hingebungsvoll. Als Reaktion auf meine Worte legt er meine Beine auf seine Schultern, wodurch sich mein Becken etwas hebt und die Penetration intensiver wird. Mit seiner Hand beginnt er, mich zusätzlich zu stimulieren und allmählich in die Ekstase zu treiben. Ich spüre, dass er in mir kommt, dann zieht er sich aus mir zurück. Schwer atmend berührt er mit seiner Stirn meinen Brustkorb. Schweiß tropft auf meine Haut, doch Taichis bebender Körper bedeutet mir, dass es sich bei dem vermeintlichen Schweiß um Tränen handelt.

„Tai?“, frage ich unsicher. Zögernd lege ich meine Arme um ihn. Er wehrt sich nicht dagegen, reagiert aber auch nicht auf mich. Verzweifelt, aufgrund meiner Hilflosigkeit, presse ich ihn stärker an mich. Selten zeigt sich mein Freund mir gegenüber so schutzlos. Ich starre in die Dunkelheit des Zimmers, während ich beruhigend durch Taichis Haare streiche.
 

Mit geschlossenen Augen liege ich in der Badewanne. Das warme Wasser umhüllt meinen reglosen Körper. Aus dem CD-Player, der normalerweise in der Küche steht, dröhnt leise Musik. Selten kann ich ohne vorherigen Drogenkonsum so sehr entspannen. Als ich höre, dass jemand den Raum betritt, öffne ich meine Augen. Mein Freund mustert mich eingehend, dann legt sich ein Lächeln auf seine Lippen.

„Lass mich dir Gesellschaft leisten.“ Noch bevor ich auf Taichis Aussage reagieren kann, entkleidet er sich bereits, beugt sich anschließend zu mir herab und haucht einen Kuss auf meine Stirn. „Rutsch etwas nach vorn.“ Ich folge seiner Aufforderung ohne Widerworte. Er nimmt hinter mir Platz, legt seine Arme um mich und zieht meinen Körper dicht an sich. Sinnlich streicht er mit seinen Fingern über meinen Brustkorb. „Warst du wieder böse und hast für einen Anderen die Beine breit gemacht?“, flüstert Tai in mein Ohr, während er einige der Hämatome berührt, die Katsuro zu verantworten hat. Dann hebt er meinen rechten Arm. „Unter Drogeneinfluss, wie ich sehe.“ Grob fährt er über die leicht vernarbte Haut in meiner Armbeuge, weiter den Unterarm hinab zum Handgelenk. Ich versuche, etwas zu sagen, doch meine Stimme versagt. „Schon gut, mein Liebling. Es ist alles in Ordnung. Keine Angst.“ Viel zu spät nehme ich den Schmerz wahr, der sich längs durch meinen Unterarm zieht. Unaufhörlich fließt Blut aus der Wunde, die Tai mir mit einer Rasierklinge zufügte. In kurzen Abständen tropft es ins Wasser und färbt dieses allmählich rot. Der Schnitt scheint tief zu sein. Plötzlich taucht mein Freund den verletzten Arm gebieterisch in das noch lauwarme Wasser. „Dein Blut soll doch nicht gerinnen“, erklärt er liebevoll sein Handeln.

„Taichi...“, hauche ich kaum hörbar.

„Ist dir eine andere Art zu sterben lieber?“ Ohne von seinem Tun abzulassen, drückt er mit seiner freien Hand schmerzhaft gegen meinen Kehlkopf. „Fühlt es sich gut an? Sicher gefällt es dir ebenso, wenn ich dich jetzt ficke.“ Er drängt mich ein wenig nach vorn und dringt mit derben Stößen in mich ein. Ich schließe die Augen, beiße verkrampft auf meine Unterlippe. Tränen bahnen sich vereinzelt ihren Weg über meine Wangen. „Bis zum Schluss bist du nur meine Hure, hörst du, Yamato?“

„Tai...chi...“, keuche ich benommen. Ich spüre, dass ich dabei bin, das Bewusstsein zu verlieren. Der nicht geringe Blutverlust, die Sauerstoffunterversorgung sowie die körperliche Anstrengung sind zu viel für meinen Körper, äußern sich in Wahrnehmungsstörungen, Schwindel- und Schwächegefühlen.

„Dieses Mal wirst du sterben, mein Liebling. Das verspreche ich dir.“ Eine diffuse Angst ergreift Besitz von mir. Der Tod bedeutet Trennung von Taichi, aber das Leben ist unerträglich schwer.

„Bitte... nicht...“, höre ich mich sagen, aber meine Stimme klingt, als kämen die Worte von einem Fremden. Mein Freund reagiert nicht. Seine Penetration bleibt unverändert stark, ebenso der Druck auf meine Kehle und meinen Arm, aus dessen Wunde nach wie vor Blut austritt, welches sich weiterhin mit dem allmählich erkaltenden Badewasser vermischt. Aus eigener Kraft schaffe ich es kaum noch, mich halbwegs aufrecht zu halten, lediglich durch Tai sacke ich nicht vollends in mich zusammen.

„Noch wirst du mich nicht verlassen. Noch bin ich nicht mit dir fertig. Immerhin will ich keine Leiche ficken.“ Am Rande meiner Wahrnehmung bekomme ich mit, wie mein Freund lasziv über meine Wange leckt, wobei er für einen Moment in mir verharrt. Dann werde ich von Dunkelheit umhüllt. Immer tiefer sinke ich ins Nichts, als würde ich ertrinken. Dieses Gefühl ist seltsam vertraut.

„Yamato, warum? Antworte mir. Bitte.“

„Taichi?“, frage ich, obwohl ich weiß, dass die Worte nicht von ihm kamen. Vorsichtig öffne ich meine Augen. „Gabumon?“

„Es ist eine Weile her, nicht wahr?“ Er lächelt, aber seine Besorgnis ist ihm deutlich anzumerken.

„Dieser Ort...“

„Erinnerst du dich nicht? Du warst schon oft hier. Zu oft. In deinem selbstgeschaffenen Refugium. Und deiner privaten Hölle.“ Gabumon seufzt. „Da du diese Zuflucht längere Zeit nicht aufsuchtest, hatte ich die Hoffung, dass du dich endlich von hier lossagen konntest. Es ist nicht gut für dich an diesem Ort zu... Yamato? Hörst du mich? Dein Blick ist so abwesend.“ Ich höre meinen kleinen Freund, bin jedoch nicht in der Lage, zu antworten oder überhaupt eine Reaktion zu zeigen. Hände umfassen von hinten meinen Hals, drücken gezielt auf die Hauptschlagader. Meine Wahrnehmung verändert sich und das Rauschen in meinen Ohren klingt wie das Flüstern einer Stimme.

„Muss ich mich wirklich wiederholen? Sagte ich nicht bereits, dass es keinen Ausweg gibt? Für dich wird es nie einen geben. Und wenn du ehrlich bist, weißt du das auch.“ Die Person lockert ihren Griff. „Ich lasse dich nicht gehen. Nur du kannst mich töten. Hast du das etwa vergessen?“ Ich schaue Gabumon an, doch der blickt nur traurig zurück.

„Hilf mir“, flehe ich leise. „Ich kann mich nicht befreien.“

„Er ist zu stark, Yamato. Weil du zu schwach bist.“ Mit ruckartigen Bewegungen versuche ich mich zu befreien, was zur Folge hat, dass die Person ihren Arm um meine Taille schlingt, mich enger an sich drückt und somit meine Bewegungsfreiheit einschränkt.

„So kannst du nichts gegen mich ausrichten. Gib dich mir hin, dann befreie ich dich von deinem Leid.“

„Ich leide nicht!“, entgegne ich trotzig. Abfälliges Lachen erfüllt die trostlos erscheinende Höhle.

„Du willst sterben, ist das nicht Beweis genug?“

„Yamato! Bitte! Lass dich nicht auf ihn ein. Er darf nicht noch mehr Macht über dich bekommen.“ Als Reaktion auf Gabumons Worte presst er mich so stark an sich, dass es sich so anfühlt, als würden meine Eingeweide zerquetscht.

„Du tust mir weh“, stöhne ich auf, wobei ich meine Hand auf seinen Arm lege.

„Nicht so sehr wie Taichi.“

„Was?“

„Er will, dass du stirbst. Warum tust du ihm nicht den Gefallen?“

„Sei still!“, schreie ich verzweifelt. „Ich soll dich hassen, nicht wahr? Damit ich dich töte. Damit ich endlich auf dein Begehren eingehe.“ Unter Anstrengung gelingt es mir, meinen Kopf ein wenig zur Seite zu drehen. Im Augenwinkel sehe ich das Gesicht der Person, die mich krampfhaft festzuhalten versucht. Mit dem Erkennen erinnere ich mich, ihr schon oft gegenübergetreten zu sein. Eine Art mentale Paralyse ergreift Besitz von mir. Meine Gegenwehr ebbt ab, bis ich letztlich bewegungslos in seiner Umklammerung verharre. „Du hast Angst. Weil du auf mich angewiesen bist. Weil du ebenso schwach bist wie ich.“ Mein kleiner digitaler Freund tritt an uns heran.

„Sei vorsichtig, Yamato, sonst...“ Unruhig wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Kurz darauf öffne ich benommen die Augen. Die Helligkeit blendet, lässt mich blinzeln. Ich schaue neben mich. Mein Freund ist nicht da. Ein Blick auf den Wecker verrät mir, dass es bereits nach vier Uhr ist. Kurz versuche ich mich auf die Realität zu besinnen. Dröhnte ich mich letztlich doch mit Drogen zu, nachdem Tai eingeschlafen war? Ich erinnere mich nicht, das Zimmer verlassen zu haben. Seufzend setze ich mich auf. Die Erinnerungen an die letzte Nacht vereinnahmen meine Gedanken. Beim Sex mit Katsuro fühlte ich mich durch das Heroin wahnsinnig gut und sogar sein Sperma schluckte ich mehr als bereitwillig. Allerdings nahm mir die Droge auch jegliche Schmerz- und Lustempfindung. Gleichmütig ließ ich geschehen, was Katsuro mit mir anstellte, ebenso gleichmütig wurde ich aktiv, wenn er es verlangte. Ich frage mich, ob Heroin beim Sex mit Taichi dieselbe Wirkung hätte. Nie würde ich auf diese Weise mit ihm schlafen wollen. Bei Tai fühle ich mich auch ohne Drogeneinfluss wie berauscht. Zudem will ich seinen Schmerz spüren. So wie vor einigen Stunden. Nicht nur den Schmerz, den er mir zufügte, sondern auch den Schmerz, den er empfand. Als mein Freund sich beruhigt hatte, wandte er sich schweigend von mir ab, ging duschen und schenkte mir auch keine Beachtung, als er zurückkam. Hasste er es, mir gegenüber Schwäche gezeigt zu haben, oder widerte ihn die Nähe, die Intimität zu mir an? Obwohl die Initiative von ihm ausging? In letzter Zeit wirkt er zerrissen und irgendwie verloren. Plötzlich wird mir die Uhrzeit bewusst.

„Verdammt!“, fluche ich leise, kämpfe mich aus dem Bett und eile ins Bad. Ich wollte zu den Bandproben. Rechtzeitig schaffe ich es jedoch nicht mehr. Mein Blick fällt ungewollt auf den Spiegel, als ich hastig meine Zähne putze. Die unruhige Nacht hinterließ Spuren, die am deutlichsten an meinen Haaren zu erkennen sind. Eigentlich reicht die Zeit nicht, um sie zu waschen, trotzdem stelle ich mich unter die Dusche und lasse das Wasser über Kopf und Körper laufen. Noch immer mit der Zahnbürste im Mund beginne ich mich einzuseifen. War Tai duschen, um sich, wie er schon einmal sagte, meinen Dreck abzuwaschen? Schmerzhaft kneife ich mich in die Wange. Für solche Gedanken ist jetzt keine Zeit. Schnell bringe ich die Säuberungsrituale zuende, trockne mich ab und gehe zurück ins Schlafzimmer. Aus dem Schrank nehme ich eine Jeans und einen schlichten schwarzen Pullover mit Kapuze, um die nassen Haare zu verdecken, kleide mich an und haste ins Wohnzimmer, wo ich sämtliche meiner Notizen, Liedtexte sowie Noten, zusammensuche. Im Flur stopfe ich sie in meinen Rucksack. Anschließend gehe ich in die Küche, entzünde fahrig eine Zigarette, während ich eine Tasse mit Kaffee fülle. Tief atme ich den Rauch ein, doch die innere Anspannung bleibt. Nach den Proben sollte ich zu meinem Vater fahren. Es tut mir leid, dass ich ihn in einer solchen Situation zurückließ. Aber, wäre ich nicht gegangen, hätte ich meinem Verlangen, mit ihm zu schlafen, vielleicht nicht standhalten können und alles versucht, um meinen Willen zu bekommen. Nachdenklich betrachte ich meine Hand. Sie ist noch immer ein wenig geschwollen und eine leichte Verfärbung im Bereich der Mittelhandknochen ist bereits erkennbar, ebenso entsteht ein merkwürdig spannender Schmerz, wenn ich sie zur Faust balle. Mein Vater hat recht, Gitarre werde ich so vermutlich nicht spielen können. Aber ich brauche die Verletzungen, sobald sie allerdings abklingen, sind sie nichts mehr wert. Einem Impuls folgend schiebe ich den linken Ärmel meines Pullovers nach oben und drücke die Zigarette auf der Haut meines Unterarms aus. Aufgrund des Schmerzes beiße ich meine Zähne stark aufeinander. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen. Endlich habe ich das Gefühl, innerlich ein wenig ruhiger zu werden, dabei versuche ich für den Augenblick auszublenden, dass die nachlassende Anspannung mit Sicherheit nicht einmal bis morgen anhalten wird. Den Zigarettenfilter werfe ich in den Aschenbecher. Dann wasche ich mit heißem Wasser, um den positiven Effekt durch weiteren Schmerz zu verstärken, die Asche aus der Wunde, tupfe sie trocken und ziehe den Ärmel wieder nach unten. Dieses pulsierende Brennen ist unglaublich angenehm. Zufrieden trinke ich meinen kalten Kaffee, bevor ich mich auf den Weg nach Harajuku zum Proberaum von ‚So easy’ mache.

Völlig außer Atem öffne ich die Tür zum Proberaum.

„Entschuldigt meine Verspätung“, keuche ich. Meine Bandkollegen halten in ihrem Tun inne und sehen mich verwundert an.

„Yamato?“, fragt Kozue, schaut kurz zu Masao und richtet ihre Aufmerksamkeit dann wieder auf mich.

„Geht es dir besser? Masao erzählte uns, du seist krank“, erklärt Naoki seine und Kozues verwunderte Reaktion. Behutsam stellt er die Gitarre ab.

„Wir haben uns wirklich Sorgen gemacht, aber Masao meinte, dass ein Besuch nicht angebracht wäre.“ Kozue wirft unserem Keyboarder einen unzufriedenen Blick zu. „Warum wollte er uns allerdings nicht sagen.“

„Weil es Yamatos Privatleben betrifft“, rechtfertigt dieser sein Abraten mit ernstem Gesichtsausdruck, während er mich mit seinen Augen fixiert. „Hast du die Gitarre wegen der Verletzung an deiner Hand nicht dabei?“, fragt er ein wenig argwöhnisch, aber zugleich betroffen.

„Was?“, entgegne ich unsicher. Masaos Beobachtungsgabe und die Achtsamkeit, die er mir zukommen lässt, beeindrucken und verwirren mich immer wieder.

„Du bist verletzt? Wie ist das passiert?“, hinterfragt unsere Schlagzeugerin sofort, verlässt ihren Platz an den Drums und eilt auf mich zu. Ich versuche sie zu beruhigen, indem ich abwinke und ein Lächeln aufsetze.

„So schlimm ist es nicht. Vermutlich nur eine Prellung. Bis zur nächsten Probe kann ich wieder spielen.“ Diese Information muss ihr genügen, denn auf ihre Frage wird sie von mir keine Antwort erhalten.

„Vermutlich?“, hakt nun Naoki nach. „Warst du nicht beim Arzt?“ Einen Moment lang betrachtet Kozue meine verletzte Hand, dann geht sie zum Tisch und entzündet eine Zigarette, bevor sie sich erneut auf das Gespräch konzentriert.

„Ich sagte doch, dass es nicht schlimm ist. Zudem schreibe ich gerade an einem Song, der noch nicht ganz fertig ist. Und singen kann ich schließlich auch ohne Gitarre.“ Eigentlich müsste es mir gelingen, durch diese Aussage das Thema zu wechseln, denn vor allem Kozue ist immer sehr euphorisch, wenn es darum geht, einen neuen Song einüben zu dürfen.

„Ein neues Lied?“, will sie sogleich ganz aufgeregt wissen.

„Handelt es sich dabei um das Lied, an dem du zuletzt gearbeitet hast?“ Masao schaut mich fragend an. Kurz muss ich überlegen. Meint er das Lied, welches ich ihm bei mir zu Hause vorsang?

„Das habe ich verworfen.“

„Warum?“

„Ein Song, den Masao kennt und ich nicht?“, mischt sich Kozue, nachdem sie einen tiefen Zug von ihrer Zigarette nahm, in die Unterhaltung. „Das ist unfair!“

„Ich weiß es nicht“, übergehe ich sie und antworte auf die Frage unseres Keyboarders. „Beim Singen fühlt es sich irgendwie unangenehm an.“

„Okay. Das verstehe ich.“

„Hallo! Schließt Naoki und mich gefälligst nicht aus. Sag doch auch mal was!“, richtet sich Kozue schmollend an ihren Kindheitsfreund, der sich an dieser Unterhaltung bisher ohnehin kaum beteiligte und gerade dabei ist, sich ebenfalls eine Zigarette anzuzünden.

„Wozu?“ Er zuckt gleichmütig mit den Schultern. „Wenn Yamato das Lied sowieso nicht singen wird, ist es für uns irrelevant.“ Genervt lässt Kozue den Rauch aus ihrem Mund entweichen.

„War klar, dass du wieder neutral bleibst. Manchmal hasse ich dich dafür.“ Naoki lacht.

„Ich weiß.“

„Auch wenn du den Song verworfen hast, die Ausarbeitungen hast du mit Sicherheit trotzdem dabei, oder?“ Auf Masaos Frage antworte ich lediglich mit einem Nicken. „Lass die beiden doch einen Blick darauf werfen. Selbst wenn du das Material nicht verwenden willst. Ich möchte nämlich deren Meinung dazu hören. Ist das okay für dich?“ Wieder nicke ich nur. Dann krame ich die Notizen hervor und reiche sie Kozue. „Gehen wir in der Zwischenzeit schnell zum Konbini? Momentan haben wir, abgesehen von Kaffee, keine Getränke hier.“ Eigentlich würde ich es gern vermeiden jetzt mit unserem Keyboarder allein zu sein. Trotzdem folge ich ihm nach draußen. Zunächst laufen wir schweigend nebeneinander.

„Okay, was ist los?“, unterbreche ich die Stille zwischen uns schließlich. „Du hast doch absichtlich dafür gesorgt, dass wir beide allein sind.“

„Ich mache mir Sorgen um dich. Die Verletzung an deiner Hand hast du dir selbst und absichtlich zugefügt, oder?“ Statt meine Behauptung abzustreiten, kommt er direkt zum Thema. Ich beschließe, ihm ebenso offen zu antworten.

„Diese Erkenntnis wird dich doch nicht überraschen?“

„Nein. Aber die Tatsache, dass dein Selbsthass mittlerweile auch die Musik beeinträchtigt, beunruhigt mich. Es scheint, als würdest du dir, bewusst oder unbewusst, ein wichtiges Ventil verwehren.“

„Du klingst wie mein Vater“, entgegne ich missbilligend. Dabei schaue ich ihn nicht an, sondern weiter stur geradeaus.

„Gut, denn das bestätigt mein Gefühl. Offenbar liege ich nicht völlig falsch.“ Ich schweige und betrete den soeben erreichten Konbini. Zielstrebig gehe ich in die Richtung der Getränke, ohne darauf zu achten, ob Masao mir folgt. Aus dem Kühlregal nehme ich eine Packung Ice Tea Lemon sowie eine große Flasche Black Coffee. Manchmal trinke ich diesen Kaffee lieber als frisch gebrühten Kaffee.

„Pocky?“, höre ich Masao fragen. Als ich zu ihm schaue, zeigt er mit einem Lächeln auf eine Packung in seiner Hand.

„Hmm, aber Erdbeere mag ich nicht so sehr. Matcha?“

„Die mag Naoki nicht. Nehmen wir einfach beide. Schlecht werden sie sicher nicht. Ansonsten noch zwei Flaschen des gekühlten Grüntees. Und vielleicht noch eine Flasche gesüßten Kaffee?“ Ich nicke.

„Haben wir dann alles?“

„Wir könnten nach der Probe mal wieder ein Bier zusammen trinken? Das letzte Mal ist lange her. Drei oder vier Dosen?“, will Masao wissen, da ich meistens ablehne.

„Drei“, antworte ich auch dieses Mal. In erster Linie aus Rücksicht auf Taichi, aber auch, weil ich dem Geschmack von Alkohol nicht viel abgewinnen kann. Ich beschränkte mich lediglich auf den Mischkonsum mit Kokain, welcher durch die erneute Trennung von Shinya allerdings nur noch selten vorkommen wird. An der Kasse kommt zu dem Einkauf noch eine Schachtel Zigaretten hinzu, dann bezahle ich und wir verlassen den Konbini. Auf dem Rückweg laufen wir, wie auf dem Hinweg, schweigend nebeneinander. Kurz vor dem Proberaum bleibt Masao plötzlich stehen. Er sieht mich nicht an, sondern zu Boden.

„Verstehe mich bitte nicht falsch, Yamato. Ich möchte mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen, aber ich habe Angst, dass du an dem gleichen Punkt angelangst, an dem sich Akito zuletzt befand. Mit der gleichen Konsequenz.“

„Aus irgendeinem Grund scheine ich dir wichtig zu sein. Warum? Sicher, wir spielen in derselben Band, aber...“

„Du bist ein Freund für mich. Ist es da nicht normal, dass ich so für dich empfinde? Aber du fühlst anders, hab ich recht?“ Masao klingt traurig.

„Ich... weiß es nicht“, gebe ich unsicher zurück und wende mich ab, um das letzte Stück des Weges zu gehen, aber vor allem, um der unangenehmen Situation zu entkommen. Unser Keyboarder hindert mich jedoch daran, indem er mich am Handgelenk festhält und wieder zu sich dreht.

„Yamato, wovor läufst du weg? Wovor hast du Angst? Vor meinen Gefühlen? Oder eher vor deinen eigenen? In deiner zwischenmenschlichen Unbeholfenheit erinnerst du mich wirklich stark an Akito.“

„Hör auf, Masao. Ich möchte jetzt weder über Akito noch über mich sprechen. Außerdem geht es hier weniger um deine Gefühle für mich, sondern viel eher um die Gefühle, die du für Akito empfunden hast, nicht wahr? Bei ihm fühltest du dich hilflos, machtlos, du wolltest ihm helfen und konntest es nicht. Weil du selbst ein Kind warst. Weil er sich nicht helfen lassen wollte, oder vielmehr konnte. Aber ich bin nicht Akito. Deine Schuldgefühle ihm gegenüber kannst du durch mich nicht kompensieren.“ Obwohl Akito sich vor inzwischen sieben Jahren das Leben nahm, fällt es mir noch heute schwer, diese Tatsache zu akzeptieren und darüber zu sprechen. Es tut noch immer unglaublich weh, daran denken zu müssen, vor allem, da auch ich mir Vorwürfe mache. Ich bemerkte sein seltsames Verhalten am Abend zuvor. Würde er noch leben, wenn ich ihn nicht hätte nach Hause gehen lassen? Wenn ich nicht bis zum nächsten Tag gewartet hätte? Wenn... Tränen füllen meine Augen. Wenn ich Taichi nicht mehr geliebt hätte?

„Denkst du so, Yamato?“ Masaos Worte holen mich aus meinen Gedanken. Als ich ihn anblicke, verrät mir sein Gesichtsausdruck, dass meine Aussagen ihn verletzt zu haben scheinen. Trotzdem hält er mein Handgelenk unverändert fest. „Ich weiß, dass du nicht Akito bist. In gewissen Belangen ähnelt ihr euch zwar, aber besonders im Umgang mit euch selbst seid ihr sehr verschieden. Du reagierst überwiegend autoaggressiv, während er, wie du weißt, Gewalt gegen andere Menschen anwandte. Beide Verhaltensweisen sind problematisch, bei Akito endete es im Selbstmord und ich fürchte, dass dein Weg dich ebenfalls dahin führen wird.“ Masao lässt meinen Arm los. „Du hast recht, Yamato. Ich will nicht noch einen Freund verlieren.“ Wortlos, ohne eine Reaktion zu zeigen, wende ich mich ab, um den Rest des Weges allein zu laufen.
 

Gestresst steige ich in Osaki aus der völlig überfüllten U-Bahn. Ich hasse es, wenn unsere Bandprobe auf den Nachmittag fällt, da ich auf dem Weg nach Hause grundsätzlich in die Rushhour gerate. Heute kommt hinzu, dass ich nicht nach Yutenji, sondern zunächst nach Odaiba fahre und von Harajuku bis zur Osaki Station die Yamanote Line nutze. Atmen ist um diese Zeit in den Bahnen der Ringlinie purer Luxus. Ich regele die Lautstärke meines Players nach oben, damit ich meine Umgebung leichter ausblenden kann, während ich auf die Bahn der Rinkai Line, welche nach Odaiba fährt, warte. Als diese am Bahnsteig hält, werde ich mehr in den Wagon geschoben, als dass ich selbstbestimmt laufen könnte. Zum Glück stiegen zuvor etliche Leute aus, sodass die Zugestiegenen sich etwas verteilen und ich ohne Körperkontakt zu anderen Menschen stehen kann. Plötzlich kriecht lähmende Angst in mir empor. Etwas entfernt von mir steht ein Mann, den ich als meinen ehemaligen Sportlehrer wiedererkenne. Kalter Schweiß bildet sich auf meiner Haut und es fällt mir schwer, zu atmen. Krampfhaft verstärke ich den Griff um die Haltestange, da meine Beine drohen nachzugeben. Noch sehe ich sein Profil, sollte er allerdings seinen Kopf in meine Richtung drehen, wird er mich entdecken, zumal ich durch meine blonden Haare selbst in einer Menschenmenge auffalle. Rasch schalte ich meinen Player aus, da die paranoide Vorstellung in mir wächst, er könnte durch eventuell hörbare Musik auf mich aufmerksam werden. Ich will die Distanz erhöhen, mich verstecken, bleibe aber wie erstarrt an meinem Platz und versuche die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken.

„Junger Mann, geht es Ihnen nicht gut? Sie sehen sehr blass aus“, fragt eine ältere Dame, die neben mir steht und mich besorgt anschaut. Ich nicke kaum merklich und wende mich von ihr ab, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen, aber nur so weit, dass ich den Sportlehrer im Blick behalten kann. Kaum schaffe ich es, meine Atmung zu normalisieren, das Zittern bekomme ich überhaupt nicht unter Kontrolle. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis schließlich die Endhaltestelle angesagt wird. Zwar stehe ich in der Nähe der Tür, er jedoch mitten im Gang, weshalb es nicht auszuschließen ist, dass er in meiner Richtung aussteigt. Erleichtert registriere ich, dass er mir den Rücken zuwendet. Auf dem Bahnsteig verliere ich ihn allerdings aus den Augen, wodurch das Angstgefühl auch auf dem Weg zur Wohnung meines Vaters nicht verschwindet. Im Gegenteil, plötzliche Erinnerungen an den Vorfall von damals versetzen mich in Panik und meine Beine versagen mir ihren Dienst. Mit Mühe gelingt es mir, zu einer der Bänke am Wegrand zu taumeln, bevor ich endgültig zusammenbreche. Schwer atmend verkrampfe ich mich. Seine Stimme, sein Geruch, das Gefühl des Seils an meinen Handgelenken, seine Bewegungen in mir, der Geschmack seiner Samenflüssigkeit... meine ergebene Hilflosigkeit... es fällt mir schwer, den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken. Dabei war es nichts weiter als Sex. Eine derart heftige und überzogene Reaktion ist mehr als erbärmlich, trotzdem bekomme ich das Zittern meines Körpers und meine schwerfällige Atmung noch immer nicht ganz unter Kontrolle. Es gelingt mir aber, mich aufzusetzen. Einen Moment ruhe ich mich noch aus, gehe dann jedoch langsam weiter, da die Dämmerung bereits einsetzt. Wieder und wieder versuche ich die Erinnerungen, die sich mir aufdrängen wollen, zu ignorieren. Schwerfällig steige ich die Treppen in den vierten Stock hinauf und betätige völlig außer Atem den Klingelknopf. Niemand öffnet. Vielleicht ist mein Vater noch nicht von der Arbeit zurück. Früher, als ich noch bei ihm wohnte, kam er häufiger ziemlich spät nach Hause. Ich krame meinen Schlüssel heraus, an dem sich auch der Ersatzschlüssel für diese Wohnung befindet, und öffne die Tür. Auf ihn zu warten, erscheint mir am sinnvollsten. Gerade als ich im Flur meine Schuhe ausziehen will, schaut überraschenderweise mein Vater aus dem Schlafzimmer.

„Oh, du bist doch da?“, frage ich erschöpft. Trotzdem entgeht mir nicht, dass er lediglich in eine Unterhose gekleidet ist. „Habe ich dich geweckt?“

„Nein“, antwortet mein Vater. Er wirkt seltsam nervös. „Warum bist du hier?“

„Ich... weil ich mich bei dir... entschuldigen möchte. Mein Verhalten gestern...“

„Yamato, ist etwas passiert? Du siehst furchtbar aus und machst einen ziemlich verstörten Eindruck auf mich.“ Beunruhigt kommt mein Vater zu mir.

„Du hast dir sicher Sorgen gemacht, nachdem ich dich einfach stehen ließ.“

„Taichi rief heute Morgen an und informierte mich, dass du in der Nacht zurückkamst. Wo warst du in der Zwischenzeit?“

„Können wir ins Wohnzimmer gehen? Ich möchte mich hinsetzen“, entgegne ich matt.

„Naja, das ist momentan... ungünstig. Wir sollten das Gespräch auf später verschieben. Du siehst wirklich nicht gut aus. Soll ich dich nach Hause fahren?“ Ich schaue meinen Vater abschätzig an.

„Warum willst du mich so schnell loswerden, Papa?“ Irritiert gehe ich einen Schritt zurück, wobei ich meinen Kopf senke. Erst jetzt fallen mir die fremden Schuhe, die im Eingangsbereich stehen, auf. „Verstehe.“ Ein bitteres Lächeln legt sich auf meine Lippen. „Du vögelst gerade irgendeine Schlampe, hab ich recht?“ Unbedacht werfe ich meinem Vater die Worte an den Kopf. Dessen Blick wird ungewohnt kalt. Er streckt seine Hand nach mir aus und umfasst meinen Nacken.

„Wie lange soll ich noch Rücksicht auf dich nehmen und mein Leben für dich opfern? In der Vergangenheit habe ich dir durch meine Nachsicht mehr geschadet als geholfen. Vieles hätte ich überhaupt nicht tun dürfen, aber ich war zu sehr gefangen in meiner Angst um dich, was du mit deiner manipulativen Art zu deinem Vorteil zu nutzen wusstest. Der letzte Vorfall demonstrierte mir einmal mehr meine Machtlosigkeit. Es tut mir leid, mein Sohn. Ich kann dir nicht helfen.“ Die Aussagen meines Vater schnüren mir die Kehle zu. Wieso baut er plötzlich diese Distanz zwischen uns auf? Hat Taichi erneut versucht Einfluss auf meinen Vater auszuüben, als er am Telefon mit ihm sprach?

„Was soll das, Hiroaki? Du lässt mich einfach so fallen?“ Ich ziehe meinen Vater dicht an mich. „Weiß deine kleine Schlampe, dass du deinen eigenen Sohn mehrfach gefickt hast?“ Absichtlich reduzierte ich die Lautstärke meiner Stimme nur so weit, dass meine Worte im Schlafzimmer möglicherweise durchaus zu hören waren. „Du brauchst niemanden außer mir, verstehst du das nicht?“ Sanft streiche ich über seine Wange. Als ich ihn küssen will, bemerke ich seinen starren Gesichtsausdruck, in dem ich keinerlei Zuneigung mehr entdecken kann. Erst jetzt erkenne ich, dass meine unbedachte Aussage, sollte sie tatsächlich gehört worden sein, meinen Vater in große Schwierigkeiten bringen könnte. Beschämt nehme ich etwas Abstand von ihm. „Papa, ich...“ Mein Gegenüber streckt nur seine Hand aus.

„Gib mir bitte den Wohnungsschlüssel und dann geh“, befiehlt er völlig emotionslos.

„Was?“ Ungläubig starre ich ihn an. Meine Kehle ist trocken und ich verspüre einen unangenehmen Druck beim Schlucken. „Findest du nicht, dass du etwas überreagierst?“, frage ich unsicher. Tränen lassen meine Sicht verschwimmen, sodass ich nicht in der Lage bin, die Mimik meines Vaters zu erkennen.

„Geh, bevor ich meine Beherrschung verliere“, wiederholt dieser ruhig, aber mit drohendem Unterton. Angst ergreift Besitz von mir und tötet den letzten Rest meines, ohnehin wenig ausgeprägten, rationalen Verstandes.

„Ist dir somit egal, ob ich lebe oder sterbe?“ Verzweifelt balle ich meine Hände zu Fäusten und beiße schmerzhaft auf meine Unterlippe. Eigentlich will ich meinen Vater nicht emotional erpressen, aber er lässt mir keine Wahl. Ich darf ihn nicht verlieren, dafür ist mir jedes Mittel recht.

„Wenn du dir etwas antun willst, kann ich dich sowieso nicht aufhalten. Das musste ich über die Jahre lernen, Yamato.“ Der Boden unter meinen Füßen beginnt zu bröckeln, allmählich verliere ich jeglichen Halt. Taubheit umhüllt mich und die Leere frisst mich von innen heraus auf. Mechanisch reiche ich meinem Vater den geforderten Schlüssel und verlasse die Wohnung. Meine Umgebung nehme ich nicht wahr, während ich ziellos durch Odaiba laufe. Erst als ich am Strand angelange, bleibe ich stehen. Durch die Dunkelheit erscheint das Meer unheimlich respekteinflößend, vor allem, weil das Wasser beinahe schwarz aussieht. Ich setze mich in den Sand und atme, meine Augen schließend, die salzige Luft bewusst ein. Wie soll ich wissen, was ich nun tun soll, wenn ich nicht einmal weiß, was ich gerade fühle? Das Rauschen der Wellen ist angenehm und nimmt mir ein wenig meine Haltlosigkeit. Einem Impuls folgend ziehe ich meine Jacke aus, schiebe sachte den linken Ärmel meines Pullovers nach oben und gleite mit dem Zeigefinger über die Brandwunde, die ich mir am Nachmittag zufügte. Ich hole mein Portemonnaie aus meinem Rucksack und entnehme die Rasierklinge, die ich darin für den Notfall aufbewahre. Mit etwas Druck setze ich die Schneide längs auf die Innenseite meines Unterarms. Doch statt mir die Pulsader aufzuschneiden, ziehe ich die Klinge nur mehrfach so durch meine Haut, dass lediglich einige leicht auseinanderklaffende Wunden entstehen. Ich schaue zu, wie das Blut in den Sand tropft, ihn rot einfärbt. Jetzt zu sterben fühlt sich irgendwie falsch an, dabei ist das der einzige Weg, den ich im Augenblick sehe. Normalerweise war Shinya immer meine Zuflucht, wenn es um meinen Vater ging. Ich möchte zu ihm, irgendwas einwerfen und mich von ihm ficken lassen. Er spielt meinen Vater und ich seinen Sohn. So wie früher. Aber Shinya verschwand schon vor meinem Vater aus meinem Leben. Und immer ist Taichi auf irgendeine Art und Weise involviert. Ein wenig erweckt es den Anschein, als wolle er systematisch mein Umfeld auf sich reduzieren. Oder bilde ich mir das ein? Ich lasse mich nach hinten in den Sand fallen und betrachte den wolkenverhangenen Nachthimmel. Das bunte Licht der Rainbowbridge erstrahlt in meinem Augenwinkel und lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich, sodass ich meinen Kopf etwas zur Seite drehe. Wenn die letzte Bahn bereits gefahren ist, wird es ein langer Weg zurück werden. Erste Regentropfen benetzen meine Haut. Dennoch bleibe ich liegen. Nach kurzer Zeit ist der Regen so stark, dass ich vollkommen durchnässt bin. Ich hebe meinen linken Arm und mustere ihn interessiert. Die Wunden sind von teils geronnenem Blut sowie Sand verklebt, was selbst das Regenwasser nicht zu reinigen vermochte. Auch der Ärmel meines Pullovers scheint von einem Blut-Wasser-Sand-Gemisch beschmutzt worden zu sein, was jedoch nicht auffällt, da der Stoff schwarz ist. Generell haftet durch die Feuchtigkeit der Sand an meiner Kleidung, weshalb ich befürchte, ohnehin nicht mit der Bahn fahren zu können. Ich beginne laut zu lachen. Was mache ich hier eigentlich? Ich sollte längst tot sein. Was muss noch geschehen, damit ich endlich handle? Entschlossen greife ich erneut zur Rasierklinge, nur um sie gleich darauf wütend in den Sand zu werfen.

„Verdammt!“, fluche ich. Der Regen, der über mein Gesicht läuft, verbirgt meine Tränen. Die vorherrschende Leere weicht einem stechenden Schmerz, der meinen gesamten Körper erfasst. Fahrig greife ich nach meiner Jacke, die inzwischen ebenso nass und dreckig ist wie ich selbst, und krame meine Zigaretten hervor. Ungeduldig angle ich eine aus der halb gefüllten Schachtel. Als ich anschließend hastig nach dem Feuerzeug suche, fällt mir das Fläschchen GHB in die Hand, welches ich in der Jacke mehr oder weniger versteckt hatte. Für einen Augenblick betrachte ich es so liebevoll, als wäre es ein wertvoller Schatz. Dann schraube ich es gierig auf und tropfe etwas von der Flüssigkeit in meinen Mund. Den ekelhaft seifigen Geschmack nehme ich in meinem fieberhaften Bestreben, die Realität zu vergessen, kaum wahr. Lächelnd lege ich mich mit ausgebreiteten Armen erneut in den Sand und warte auf das Einsetzen der Wirkung. Während der Regen unerbittlich auf mich niederprasselt und mein Körper, ohne dass ich es wirklich wahrnehme, auskühlt, stellt sich mir nur eine Frage. Würde Katsuro mir den goldenen Schuss setzen?

Mehrmals betätige ich den Klingelknopf, bis die Tür schließlich geöffnet wird. Mir ist weder bewusst, dass es bereits weit nach Mitternacht ist, noch interessiert es mich.

„Wer...“, öffnet Reiji genervt und nur mit einer Unterhose bekleidet die Tür. „Yamato? Was... wie siehst du aus? Geht es dir gut?“ Mein Arbeitskollege ist hörbar besorgt. „Komm erst einmal rein“, fordert er umgehend. Ich grinse meinen Gegenüber an.

„Siehst du nicht, dass es mir gut geht?“ Dieser zieht mein Gesicht am Kinn zu sich und betrachtet es eingehend.

„Ich sehe vor allem, dass du drauf bist.“ Ohne einen weiteren Kommentar zieht er mich bestimmt in seine Wohnung und schließt hinter uns die Tür. Dann hakt er weiter nach. „Was ist passiert? Deine Haare, deine Kleidung... wieso läufst du mitten in der Nacht im strömenden Regen durch die Stadt? Und...“ er nimmt eine der verklebten, kaum noch als blond zu erkennenden Haarsträhnen zwischen seine Finger. „... wieso bist du voller Sand?“

„Weil es Spaß macht, Ura-Maki zu spielen“, kichere ich. Seltsamerweise lacht Reiji nicht. Stattdessen bleibt sein Blick an meinem linken Arm hängen. Voller Entsetzen greift er nach meiner Hand.

„Ist das Blut?“, will er wissen, wobei er den Ärmel behutsam ein Stück nach oben zieht. „Verdammt, Yamato! In die Wunden ist Sand gelangt. Willst du eine Blutvergiftung riskieren?“ Ich zucke gleichgültig mit den Schultern.

„Vielleicht sterbe ich dann endlich.“ Meinen Kommentar ignorierend zieht mein Arbeitskollege mich ins Badezimmer.

„Du gehst jetzt erst einmal unter die Dusche. Soll ich hier bleiben oder schaffst du es allein?“

„Meinetwegen kannst du gern bleiben. Ausgezogen bist du ja bereits. Zumindest fast.“ Mit meinen Fingerspitzen streiche ich verführerisch über seinen Oberkörper. Seufzend gebietet mein Gegenüber mir Einhalt, indem er meine Hand festhält.

„Du solltest wirklich erst einmal duschen. Oder willst du so dreckig bleiben?“ Ich lächle.

„Ich bin ohnehin dreckig. Schließlich bin ich eine Hure.“ Reijis Blick drückt Traurigkeit aus, als er liebevoll über meine Wange streicht.

„Zieh dich aus.“ Ich gehorche wortlos. Umständlich gelingt es mir, mich von meiner Oberbekleidung zu befreien, bei meiner Hose verliere ich jedoch das Gleichgewicht und lande unsanft auf den Fliesen. Während ich einfach liegen bleibe, bemerke ich, wie mein Arbeitskollege mir die Hose von den Beinen zieht. „Komm, steh auf.“ Stützend greift er mir unter die Arme. Als er spürt, dass ich keine Kraft dafür aufwende, allein zu stehen, schließt er mich fest in seine Arme. „Yamato“, flüstert er. „Du tust jetzt, was ich sage, okay?“ Ich nicke lediglich, schmiege mich eng an ihn. „Gut.“ Behutsam schiebt er mich unter die Dusche, dreht das warme Wasser auf und beginnt vorsichtig die Wunden zu reinigen. „Tut es weh?“ Ich reagiere nicht. Passiv, beinahe teilnahmslos lasse ich Reiji anschließend meinen Körper und meine Haare einseifen. Nachdem er alles gründlich abspülte, wickelt er mich in einen Bademantel. Sich selbst trocknet er nur flüchtig mit einem Handtuch ab. Ich spüre, dass die Wirkung des GHB allmählich nachlässt. Verstohlen blicke ich zu meiner Jacke, die unweit von mir auf dem Boden liegt und in deren Tasche sich das kleine Fläschchen befindet. Aber in der Gegenwart meines Arbeitskollegen Drogen zu konsumieren, ist wahrscheinlich nicht die beste Idee. „Du siehst nicht gut aus. Komm.“ Reji umfasst meine Hüfte und führt mich in den Wohnbereich. Dort setzt er mich auf sein Bett, geht in das Bad zurück, um den Verbandskasten zu holen, und nimmt neben mir Platz. „Du kommst langsam runter, oder?“, fragt er, während er meine Wunden versorgt. Ich nicke. „Willst du mir erzählen, was passiert ist?“ Schweigend starre ich zu Boden. „Entschuldige, ich bedränge dich nicht weiter. Möchtest du einen Kaffee?“

„Was ist zwischen dir und Taichi passiert?“ Reiji war gerade dabei aufzustehen, bleibt nun jedoch neben mir sitzen. „Seit eurem Treffen verhält er sich mir gegenüber seltsam.“

„Hat er nicht mit dir darüber gesprochen?“, fragt Reiji aufrichtig verwundert. „Naja, zunächst verhielt er sich sehr aggressiv und versuchte mir durch Drohungen zu verdeutlichen, dass ich meine Finger von dir zu lassen habe. Du weißt, wie kindisch ich sein kann, weshalb ich deinen Freund provozierte, indem ich entgegnete, dass er süß und genau mein Typ sei. Seltsamerweise änderte sich plötzlich sein Gesichtsaudruck, wurde leer und ausdruckslos. Er trat dicht an mich heran, legte seine Hand in meinen Nacken und bot mir im Flüsterton und ohne auch nur eine Emotion zu zeigen an, mit ihm zu schlafen. Im Gegenzug muss ich dich aufgeben.“ Noch immer unter dem leichten Einfluss des GHB höre ich den Ausführungen meines Arbeitskollegen eher gleichmütig zu, ohne deren Bedeutung in vollem Umfang zu erfassen. Seufzend lasse ich mich nach hinten auf das Bett fallen, halte meine Hand nach oben und betrachte sie fasziniert.

„Achtest du bei anderen Menschen auf das Aussehen ihrer Hände?“, frage ich zusammenhangslos. Reiji kommt über mich, verhakt unsere Finger ineinander.

„Ist das im Augenblick relevant?“

„Du hast recht.“ Ich hebe meinen Arm und berühre den Mund meines Gegenüber. „Lippen sind viel interessanter, sinnlicher...“ Bestimmt ergreift Reiji mein Handgelenk, beugt sich zu mir hinab und küsst mich. Ich lasse mich bereitwillig darauf ein. Als wir uns wieder ein wenig voneinander lösen, schaut Reiji mich mit ernster Miene an.

„Weißt du, wie einfach es für mich wäre, die Situation und deinen momentanen Zustand auszunutzen?“, flüstert er.

„Dann fick mich“, entgegne ich herausfordernd, mit einem Lächeln. „So, wie du Taichi gefickt hast.“ Sofort gibt Reiji mich frei und setzt sich neben mich.

„Ich habe nicht mit deinem Freund geschlafen, Yamato. Obwohl ich zugeben muss, dass die Versuchung groß war. Aber du kennst meine Einstellung zu Sex. Trotz Aufforderung seitens deines Freundes wäre es nichts als Zwang gewesen und keiner von uns hätte vermutlich Spaß gehabt, geschweige denn Lust empfunden.“

„Spaß“, wiederhole ich einfältig. „Darum geht es doch nicht.“ Fürsorglich streicht Reiji eine noch feuchte Haarsträhne aus meinem Gesicht.

„Das ist das Einzige, worum es gehen sollte. Und zwar für alle Beteiligten. Ist es bei Taichi und dir etwa nicht so?“ Sofort entziehe ich mich seinem Blick und drehe mich, ohne zu antworten, auf die Seite, wende mich von meinem Arbeitskollegen ab. Dieser rutscht dicht an mich heran, seine Hand auf meine Hüfte legend. „Es tut mir leid, ich wollte nicht zu persönlich werden.“ Behutsam dreht er mich wieder ein Stück zu sich und küsst mich erneut, dieses Mal leidenschaftlicher und wesentlich fordernder. Ich spüre, wie Erregung in mir aufsteigt und auch Reiji scheint es zu bemerken. „Schade, dass dein enthemmtes Verhalten eher auf die Drogen zurückzuführen ist. Ich wüsste nicht, ob ich mich sonst noch länger beherrschen würde“, raunt er, hörbar von Begehren erfüllt, in mein Ohr. Dabei spüre ich die Wirkung des GHB eigentlich kaum noch. Lächelnd umfange ich seinen Nacken mit meinen Armen.

„Ich hab dich lieb“, flüstere ich voller Zuneigung. In seiner Position über mir verharrend streichelt Reiji behutsam über meinen verbundenen Arm.

„Hattest du vor, dich zu töten?“, fragt er vorsichtig nach. Ich zucke mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Vermutlich nicht.“ Die Mimik meines Gegenübers nimmt einen traurigen und besorgten Ausdruck an.

„Möchtest du heute Nacht hier bleiben oder soll ich dich lieber nach Hause fahren?“

„Hier... bitte...“ Aufkommende Gedanken an meinen Vater und Taichi geben mir das Gefühl, kaum atmen zu können und es fällt mir schwer, die Tränen zu unterdrücken.

„Shh. Es ist in Ordnung.“ Liebevoll und beruhigend küsst Reiji meine Stirn. „Aber informiere deinen Freund bitte, damit er sich keine Sorgen macht, okay?“

„Nein.“ Ich drehe meinen Kopf zur Seite, weiche seinem Blick aus.

„Tut mir leid, Yamato, aber das ist meine Bedingung.“
 

Völlig außer Atem renne ich die Treppe nach oben. Meine Lunge brennt von der ungewohnten Anstrengung und ich habe das Gefühl, kaum Luft zu bekommen. Als ich gegen Mittag von Reiji nach Hause kam, hatte Taichi die Wohnung wahrscheinlich bereits vor Stunden verlassen, um zur Arbeit zu gehen. Da ich allein war, schaltete ich im Wohnzimmer den Fernseher ein und legte mich auf das Sofa. Nach kurzer Zeit siegte die Erschöpfung und ich schlief ein. In der Nacht kam ich durch das GHB kaum zur Ruhe. Die Wirkung der Droge ließ zwar bereits nach, dennoch suchte ich die Nähe und den Körperkontakt zu meinem Arbeitskollegen. Vielleicht war es eine Mischung aus Dankbarkeit, Zuneigung, sexuellem Verlangen, aber auch Einsamkeit und dem Gefühl, allein zu sein, die meinen Grundsatz, nicht mit Reiji zu schlafen, für den Moment aus meinem Kopf verdrängte. Zwar konnte Reiji mir soweit Einhalt gebieten, damit es nicht zum Sex kam, allerdings erregten ihn meine eindeutigen Berührungen und er ließ letztlich zu, dass ich ihn oral befriedigte. Ich bleibe kurz stehen, da meine Lunge sich immer schmerzhafter zusammenzieht. Keuchend stütze ich meine Hände auf den Knien ab und versuche, tief Luft zu holen. Aufgrund des Rauchens sowie keinerlei sportlicher Aktivitäten besitze ich kaum Kondition, weshalb mir ein kurzer Sprint die Treppe hinauf in die vierte Etage bereits unglaublich schwer fällt. Dennoch setze ich meinen Weg trotz Seitenstechen und nach wie vor schwerer Atmung fort. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Als ich am Nachmittag aufwachte, fühlte ich mich nicht wesentlich besser, weshalb ich mir in der Küche einen Kaffee machen wollte. Auf dem Weg dorthin registrierte ich jedoch die leuchtende Lampe des Anrufbeantworters. Mein Vater hatte mehrfach versucht mich zu erreichen, um mich davon in Kenntnis zu setzen, dass Taichi aufgrund einer akuten Alkoholvergiftung im Krankenhaus liegt. Offenbar rief der in den frühen Morgenstunden im Vollrausch bei meinem Vater an. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich endlich den Flur und letztlich das Krankenzimmer, an dem der Name meines Freundes angebracht ist. Für einen Augenblick lähmt mich die immer stärker werdende Angst, weshalb ich kurz innehalte, bevor ich die Klinke behutsam nach unten drücke. Tai liegt regungslos im Bett, die Augen geschlossen. Auf einem Stuhl daneben sitzt mein Vater und blickt gedankenversunken aus dem Fenster. Als er registriert, dass jemand den Raum betreten hat, wendet er sich in meine Richtung. Seine Augen sehen müde aus, lassen ansonsten aber kaum eine Reaktion erkennen. In Anbetracht meines Verhaltens bei unserer letzten Begegnung ist die Kälte, die er mir nun entgegenbringt, vermutlich durchaus nachvollziehbar.

„Er war vorhin, als er von der Intensivstation verlegt wurde, kurz wach“, berichtet mein Vater mit verhaltener Stimme, wobei er nicht mich, sondern meinen Freund ansieht. „Bei der Einlieferung war er nicht bei Bewusstsein, seine Blutalkoholkonzentration betrug 4,4 Promille.“ Seufzend fährt er mit der Hand über sein Gesicht. „Ich weiß nicht, ob ich von Glück sprechen soll, dass er durch seine Abhängigkeit eine größere Toleranz aufgebaut hat. Andernfalls...“ Mit vorwurfsvollem Blick schaut mein Vater zu mir. „Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Und wo warst du in der Nacht?“

„Bei Reiji“, antworte ich wahrheitsgemäß, bemüht selbstsicher und mit einer Endgültigkeit in der Stimme, die jegliche Diskussion unterbinden soll, obwohl ich mich selbst schuldig fühle und die Vorhaltungen meines Vaters als berechtigt empfinde.

„Dein Arbeitskollege?“, hakt mein Gegenüber nach.

„Ja. Und bevor du mir einmal mehr haltlose Anschuldigungen an den Kopf wirfst... ich habe mich nicht von ihm vögeln lassen.“

„Das ist deine Sache“, begegnet mir mein Vater mit abwertender Gleichgültigkeit und richtet seinen Blick erneut auf meinen Freund. „Aber vielleicht solltest du darüber nachdenken, dich von Taichi zu trennen. Denn wenn du ihn, wie du behauptest, tatsächlich liebst, solltest du allmählich bemerken, dass dein Verhalten ihn immer weiter in die Selbstzerstörung und letztlich in den Tod treibt.“ Fassungslos starre ich den Mann, den ich eigentlich liebe, doch der mir plötzlich unglaublich fremd erscheint, an.

„Das meinst du nicht ernst.“ Ich lächle, obwohl meine Kehle wie zugeschnürt ist. Tränen füllen meine Augen. Aus Verzweiflung resultierende Wut kriecht in mir empor und ich balle meine Hand so fest zur Faust, dass meine Fingernägel mein Fleisch schmerzhaft durchbohren. „Reicht es nicht, dass du dich mir bereits weggenommen hast? Meine Befürchtung war also die ganze Zeit berechtigt. Du fickst meinen Freund noch immer und hast nie damit aufgehört, hab ich recht? Bist du nun zufrieden? Ich habe dir den endgültigen Grund geliefert, ihn mir wegzunehmen.“ Deutlich gereizt atmet mein Vater aus.

„Soll ich auf diesen Unsinn tatsächlich noch reagieren? Verdammt noch mal, Yamato, lerne endlich die Realität zu sehen!“

„Ist die Realität nicht, dass du mit meinen Freund bereits im Bett warst?“, kontere ich feindseliger als beabsichtigt. Ohne noch ein weiteres Wort an mich zu verschwenden, verlässt mein Vater den Raum. Irritiert schaue ich ihm nach, dann richtet sich mein Blick auf Taichi, der noch immer zu schlafen scheint. Anschließend folge ich meinem Vater, um mit ihm zu reden. Bevor er das Treppenhaus erreicht, gelingt es mir, ihn einzuholen. „Warum gehst du einfach?“, will ich empört wissen.

„Findest du es angemessen, hier und unter den gegebenen Umständen über ein derartiges Thema zu diskutieren?“

„Nein“, antworte ich leise, mit gesenktem Kopf. „Lass uns nach draußen gehen.“ Meine Aufforderung klingt unsicher und gleicht eher einer Bitte.

„Ich wäre dir dankbar, wenn du mich im Moment mit deiner Anwesenheit verschonen würdest“, erwidert mein Vater unerwartet kalt. Entsetzt starre ich meinen Gegenüber an.

„Was?“, hauche ich ungläubig. „Papa...“

„Yamato, denkst du nicht, es wäre besser für alle, wenn du dich für eine Weile fernhältst? Meinetwegen geh zu einem deiner Typen und lass dir weiter das Hirn rausvögeln. Viel scheint davon ohnehin nicht mehr vorhanden zu sein.“ Die Wut, die durch die Worte und das Verhalten meines Vaters in mir ausgelöst wurde, staut sich immer mehr auf, sodass ich schließlich die Kontrolle verliere, meine Hand zur Faust balle und ihm, ohne darüber nachzudenken, ins Gesicht schlage. Einige der Menschen um uns herum, welche ich allerdings kaum wahrnehme, bleiben stehen und beobachten die Szene schockiert. Vorsichtig betastet mein Vater seine aufgeplatzte, leicht blutende Lippe. Seine Mimik zeigt eine Mischung aus Verachtung und Mitleid. Aus der Situation heraus, in meinem Schmerz und meiner Enttäuschung bezüglich meines Vaters bereue ich nicht einmal, ihn geschlagen zu haben. „Mit dieser Tätlichkeit hast du soeben meinen Entschluss gefestigt, dafür zu sorgen, dass du Taichi in nächster Zeit nicht zu nahe kommst.“ Die Drohung, von meinem Freund ferngehalten zu werden, raubt meinem Körper sämtliche Kraft und ich sinke mutlos auf die Knie.

„Ich... bitte dich... Pa...“ Meine Stimme versagt. Schluchzend breche ich endgültig zusammen.

„Ist alles in Ordnung?“, höre ich eine fremde, männliche Stimme fragen, vermutlich jemand vom Krankenhauspersonal.

„Ja. Entschuldigen Sie bitte den Aufruhr, der durch dieses unangemessene Verhalten entstand“, reagiert mein Vater deutlich beschämt und deshalb mit gedämpftem Tonfall. „Selbstverständlich werde ich mit meinem Sohn das Gebäude sofort verlassen und keine weiteren Probleme verursachen.“

„Sie sind verletzt“, bemerkt der Mann argwöhnisch. Mein Vater beugt sich zu mir hinab und legt seine Hände auf meine Schultern.

„Das ist nichts weiter“, antwortet er abwinkend, wobei er jedoch nicht klingt, als wollte er mich in Schutz nehmen, sondern vielmehr die peinliche Situation entschärfen. „Steh auf, Yamato“, richtet er sich schließlich an mich. „Und vor allem, beruhige dich.“ Ich reagiere nicht. Zusammengekrümmt auf dem Boden kniend bebt mein Körper vom krampfhaften Weinen und meiner allmählich schwerfällig werdenden Atmung. Nun hockt sich auch der Mann vom Krankenhaus neben mich und streicht beruhigend über meinen Rücken.

„Versuchen Sie langsam und bewusst zu atmen, junger Mann, sonst verlieren Sie die Kontrolle und hyperventilieren.“ Meine Arme um meinen Bauch geschlungen, kralle ich meine Finger fester in den Stoff meines Oberteils. Nur am Rande meiner Wahrnehmung bekomme ich mit, wie der Mann vom Krankenhaus meinem Vater einige Fragen bezüglich meines Nervenzusammenbruchs stellt und dass er im Akutfall auf die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung hinweist, die mein Vater für den Augenblick jedoch ausschlägt. Wenn es nach ihm ginge, würde er mich wahrscheinlich einfach komplett wegsperren und vermutlich fühlt er sich durch diesen Vorfall zusätzlich in der Richtigkeit seiner Meinung bestätigt. Nur mühsam gelingt es mir, meine Atmung zu normalisieren. Langsam richte ich mich ein wenig auf. Ich möchte nicht, dass sich mein Vater noch länger mit diesem Fremden über mich unterhält, erst recht nicht, da er auf dieser psychiatrischen Station zu arbeiten scheint.

„Bitte lass uns nach draußen gehen“, hauche ich mit brüchiger Stimme. Zittrig setze ich einen Fuß vor den anderen. Sofort schließt mein Vater zu mir auf, unerwartet legt er stützend seinen Arm um meine Taille. Ein Stück weit verlassen wir das Klinikgelände, um uns auf die nächstgelegene Bank an einem Raucherpunkt zu setzen. Sogleich entzündet sich mein Vater eine Zigarette und hält mir dann die Schachtel entgegen. Fahrig nehme ich das Angebot an und ziehe den Rauch tief ein, in der Hoffung, durch das Nikotin etwas ruhiger zu werden.

„Geht es wieder?“ Mein Vater klingt unerwartet besorgt. Seufzend atme ich aus.

„Ja. Aber mich wundert, dass es dich interessiert“, antworte ich schließlich in bitterem Ton.

„Egal, was du tust, ich liebe dich. Trotzdem weiß ich mittlerweile nicht mehr, wie ich auf dich noch reagieren soll. Womit helfe ich dir, was verschlimmert die Situation? Glaubst du, es fällt mir leicht, dich dir selbst zu überlassen, wenn ich nicht mehr genug Kraft für uns beide habe?“

„Es tut mir leid. Mein Verhalten, meine Worte...“, entschuldige ich mich mit gesenktem Kopf, flüsternd, aber aufrichtig.

„Das Problem liegt nicht nur darin, sondern in den daraus resultierenden Folgen. Taichi, beispielsweise, ist nicht mehr in der Lage sich selbst vor dir zu schützen. Verstehst du, dass ich ihm deshalb Rückhalt geben möchte und von dir verlange, dich in nächster Zeit von ihm fernzuhalten?“ Mein Blick ist starr zu Boden gerichtet. Die Zigarette halte ich noch immer zwischen meinen leicht zitternden Fingern. Asche fällt auf den Asphalt.

„Ich habe nicht mit ihm geschlafen“, sage ich tonlos und mehr zu mir selbst.

„Was?“, hakt mein Vater nach, der mich offenbar nicht verstanden hat. Er nimmt einen kräftigen Zug von seiner Zigarette, während er auf die Wiederholung meiner Worte wartet.

„Schon gut“, erwidere ich nur. „Es war nicht wichtig.“

„Yamato.“ Ich spüre die Hand meines Vaters in meinem Nacken. „Dass du Taichi liebst, bezweifle ich nicht, aber dein Verhalten spricht oft leider eine andere Sprache. Und alles deiner Krankheit zuzuschreiben, wäre meiner Meinung nach falsch. Dein Umfeld kann und darf nicht immer nur Rücksicht auf dich nehmen und dir all deine Eskapaden verzeihen.“

„Ich weiß“, lenke ich ein. „Allerdings wird mir sowohl von Taichi als auch von dir Fehlverhalten vorgeworfen, welches nicht der Realität entspricht. Und eine Richtigstellung meinerseits akzeptiert ihr nicht.“

„Du weißt, warum das so ist, Yamato.“

„Ja.“ Flüchtig drücke ich meine Zigarette in dem neben der Bank stehendem Aschenbecher aus. Mein Vater tut es mir gleich. Ich reibe mit meinen Fingern kurz über meine schmerzenden Lider, dann suche ich den Blickkontakt zu meinem Gesprächspartner. Entschlossen schaue ich ihm in die Augen. „Wenn ich sage, dass ich jetzt vollkommen ehrlich zu dir bin, glaubst du mir? Und zwar alles?“

„Yamato...“

„Ich bitte dich!“, unterbreche ich meinen Vater verzweifelt.

„Also gut, ich versuche es.“ Aus Unsicherheit senke ich meinen Blick ein wenig.

„Bei Reiji war ich nicht, weil ich irgendwelche Absichten hegte, ich hatte nicht einmal vor, zu ihm zu gehen, sondern...“ Verkrampft verhake ich meine Finger auf meinem Schoß ineinander, um das Zittern zu unterbinden. „... sondern... weil ich völlig mit GHB zugedröhnt war. Ursprünglich wollte ich, soweit ich mich erinnere, Heroin besorgen und mir einen Schuss setzen... eventuell sogar den goldenen. Warum ich letztlich zu Reiji ging, ist mir auch ein Rätsel. Vielleicht war es ein unbewusster Schutzmechanismus, aber wahrscheinlich eher lediglich eine Laune im Rausch. Leider kann ich nicht behaupten, dass zwischen ihm und mir gar nichts lief. Ich befriedigte ihn zumindest oral...“ Kurz halte ich inne. „... obwohl die Wirkung der Droge bereits nachließ. Ich glaube, ich wollte es tun, weil ich seine Zuneigung spüren wollte. In dem Moment hätte ich vermutlich auch mit ihm geschlafen. Allerdings hatten wir keinen Sex. Nicht vergangene Nacht und auch zuvor nicht. Kein einziges Mal. Zum Glück, denn ich würde es mit Sicherheit im Nachhinein wahnsinnig bereuen.“ Erneut suche ich Blickkontakt. Mein Vater sieht traurig aus. „Du glaubst mir nicht, oder?“, deute ich seine Mimik resigniert.

„Ich glaube dir“, entgegnet mein Gegenüber jedoch unerwartet. „Seit wann nimmst du wieder Drogen? Hast du überhaupt jemals damit aufgehört?“

„Papa...ich...“

„Schon gut. Es gibt eine Sache, bei der auch ich ehrlich sein muss und die ich mit dir besprechen möchte.“ Argwöhnisch horche ich auf. „Taichis Eltern waren bis vorhin da. Um ehrlich zu sein, geben sie dir die Schuld an der Verfassung ihres Sohnes. Da sie dich vorerst nicht sehen möchten, gingen sie, kurz nachdem ich ihnen sagte, dass du auf dem Weg ins Krankenhaus bist. Außerdem verlangen sie, dass Taichi die Beziehung zu dir beendet. Ich soll diesbezüglich mit dir sprechen, damit es keine weiteren Probleme gibt. Auf Taichi brauchte seine Familie nicht lange einzuwirken. Scheinbar hat er einen Punkt erreicht, an dem Aufgeben mehr als eine Option darstellt.“ Ich starre meinen Vater fassungslos an. „Yamato, dein Freund ist am Ende. Mach es ihm nicht noch schwerer und gib ihn frei.“ Angst ergreift Besitz von mir, lähmt mich. Ich spüre, wie ich jeglichen Halt verliere.

„Nein“, hauche ich mit erstickter Stimme. „Das soll er mir schon selbst sagen. Und zwar von Angesicht zu Angesicht.“ Mitleid zeichnet sich in der Mimik meines Gegenübers ab.

„Das wird er, Yamato. Bitte, sei vernünftig. Für euch beide.“ Schmerzhaft verkrampft sich mein Brustkorb, sodass ich mich mit verschränkten Armen zusammenkrümme.

„Nein. Nein, verdammt!“ Tränen laufen über meine Wangen. „Ich werde Tai nie gehen lassen. Ich..“ Es gelingt mir nicht, meinen Satz zu beenden. Plötzlich zieht mein Vater mich in seine Arme und drückt meinen bebenden Körper fest an sich.

„Yamato.“ Sanft streicht er durch meine Haare. „Taichi braucht dringend Hilfe, die er von dir in der Form definitiv nicht bekommen kann. So bitter die Wahrheit auch ist, aber du bist die Hauptursache für seinen Zustand.“ Weinend presse ich mich stärker gegen meinen Vater. „Weißt du, im Moment wäre eine Auszeit wahrscheinlich wirklich am sinnvollsten.“ Die Stimme meines Vaters ist nachsichtig, sogar liebevoll. „Nicht nur für Taichi. Auch um dich mache ich mir große Sorgen, da du dich nach wie vor systematisch zerstörst. Deshalb mache ich dir einen Vorschlag.“ Ich nicke leicht, um meinem Vater zu signalisieren, dass ich einverstanden bin. „Taichi gab dem Druck seiner Familie nach und stimmte einem Entzug und einer anschließenden stationären Therapie zu. Seine Eltern wollen zusätzlich ein Besuchsverbot für dich erwirken.“

„Was?“ Meine Augen weiten sich, ich möchte mich von meinem Vater lösen, doch der hält mich fest in der Umarmung. Tais letzte stationäre Therapie brachte ebenfalls eine Trennung mit sich, in doppelter Hinsicht. Er benutzte Akito, um mich in seiner Anwesenheit in Sicherheit zu wissen und um ihn anschließend endgültig aus meinem Leben verschwinden zu lassen. Nur dieses Mal gibt es keinen Akito. Allein... ohne Taichi... leben... müssen...

„Ich war noch nicht fertig“, holt mein Vater mich aus meinen Gedanken. „Gegen das Besuchsverbot kann, will und werde ich nichts unternehmen. Du musst verstehen, dass ihr diese Auszeit mindestens brauchen werdet. Allerdings möchte ich nicht, dass du während seiner Abwesenheit allein wohnst. Ich verlange von dir keine stationäre Therapie, die Alternative ist, dass du vorübergehend wieder zurück in dein altes Zimmer ziehst. Bist du einverstanden?“ Erneut nicke ich. „Ich erwarte absolute Offenheit und Ehrlichkeit von dir bezüglich Drogen, Selbstverletzungen und auch dein Sexualleben.“

„In Ordnung“, stimme ich ohne Protest zu. Ich bin zu erschöpft, um Widerworte zu geben. Zudem würde ich alles tun, um Taichi zurückzubekommen.

„Ich schlage vor, wir besprechen das Ganze in Ruhe zu Hause und wenn du aufnahmefähiger bist.“ Mein Vater scheint meiner Umgänglichkeit nicht zu trauen. Verstohlen wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht und stehe auf.

„Zunächst muss ich mit Tai sprechen.“ Gemeinsam gehen wir zurück zum Krankenzimmer meines Freundes. Vorsichtig öffnet mein Vater die Tür, schaut hinein und dreht sich dann zu mir um.

„Er ist wach. Soll ich euch allein lassen?“ Ich nicke und gehe an ihm vorbei. Taichi wendet seinen Blick, als er mich sieht, von mir ab und schaut aus dem Fenster. Schweigend nehme ich auf dem Stuhl Platz, auf dem mein Vater zuvor gesessen hat. Wie gern würde ich meinen Freund fragen, wie es ihm geht, ihn berühren, in den Arm nehmen, doch seine Abwehrhaltung ist eindeutig, weshalb ich lediglich eine Frage stelle.

„Liebst du mich?“

Mit einer Zigarette in der Hand sitze ich gedankenversunken in der Küche. Es ist ein seltsames Gefühl, wieder in die Wohnung gezogen zu sein, in der ich jahrelang mit meinem Vater lebte. Auch wenn mir bewusst ist, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein wird. Die vielen Erinnerungen an damalige Geschehnisse erwecken sowohl positive als auch negative Gefühle in mir, welche zusätzlich zu meiner vorherrschenden Labilität beitragen. In den letzten Wochen war das Zusammenleben mit meinem Vater alles andere als harmonisch, was, dessen bin ich mir bewusst, ausschließlich an meinem Verhalten lag. Es schwankt stark zwischen Gereiztheit, Ruhelosigkeit und völliger Verzweiflung, in der ich immer wieder selbstzerstörerisch oder suizidal reagiere. Trotzdem drohte mein Vater kein einziges Mal, mich in die Obhut der Klinik zu geben, sondern versuchte mir Halt und Zuversicht zu vermitteln, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Ich muss mich zusammenreißen, damit ich ihm nicht noch mehr zur Last falle. Der neuerliche Entzug von den Drogen ist, meines Erachtens, das weniger schwierige Problem, vermutlich, weil ich glücklicherweise noch nicht komplett in die Sucht zurückgefallen bin. Schlimmer empfinde ich die Trennung von Taichi, die er wollte, obwohl er mich, laut eigener Aussage, nach wie vor liebt. Ein Besuchsverbot erwirkten seine Eltern auf sein Bitten nicht, allerdings musste ich versprechen, nur auf Taichis ausdrücklichen Wunsch in die Klinik zu kommen und nie gegen seinen Willen zu handeln. Da mir jede Bedingung lieber ist, als meinen Freund gar nicht sehen zu dürfen, stimmte ich selbstverständlich sofort zu. Bisher kontaktierte er mich kein einziges Mal.

„Yamato“, reißt mein Vater mich aus meinen Gedanken. Ich hatte nicht mitbekommen, dass er von der Arbeit zurück ist. „Deine Zigarette.“ Er deutet auf die Asche, die jeden Moment auf die Tischplatte zu fallen droht.

„Oh, entschuldige. Danke.“

„Ist alles in Ordnung? Du hast mich überhaupt nicht wahrgenommen, oder?“

„Nein... also...“, beginne ich, ohne den Satz zu beenden.

„Wie geht es deiner Hand?“ Ich senke den Blick und betrachte den Verband. Gestern Abend überwältigte mich einmal mehr der Drang nach Selbstzerstörung, weshalb ich erst meinen Arm mit einer Rasierklinge zerschnitt und anschließend meine ohnehin schon verletzte Hand wie im Wahn gegen die Fliesen im Bad schlug. Das Ergebnis waren blutige Fingerknöchel und eine stark Prellung. „Warst du heute beim Arzt?“

„Ja. Die Heilung wird eine Weile dauern. Und...“ Seufzend drücke ich die Zigarette im Aschenbecher aus. „Gitarre kann ich erst einmal nicht spielen.“

„Das war abzusehen, so, wie die Hand aussieht. Hast du deine Bandkollegen informiert?“

„Nein. Aber heute Nachmittag haben wir Bandprobe. Irgendwie werde ich es ihnen da beibringen müssen.“ Mit einem traurigen Gesichtsausdruck mustert mein Vater meinen verletzten Arm. Er setzt sich zu mir an den Tisch und entzündet eine Zigarette.

„Yamato, ist dir die Musik eigentlich noch wichtig? Bedeutet sie dir noch irgendetwas?“

„Papa...“ Ich weiche seinem Blick aus und schaue stattdessen auf den beinahe überquellenden Aschenbecher. „Schon... nur... momentan ist alles so bedeutungslos.“ Tränen brennen in meiner Kehle, die ich mühsam hinunterschlucke.

„Ich war heute bei Taichi im Krankenhaus“, lenkt mein Gegenüber das Gesprächsthema auf meinen Freund, vermutlich, weil er die Bedeutung meiner Worte, meine Anspielung verstanden hat.

„Wie geht es ihm?“, frage ich versucht gelassen, obwohl es wehtut, zu wissen, dass Tai meinen Vater sehen möchte, während er meine Gegenwart offenbar nicht erträgt.

„Den Umständen entsprechend gut, würde ich sagen. Er möchte dich sehen, Yamato.“ Hoffnungsvoll schaue ich meinen Gegenüber an. „Allerdings erst, wenn du nicht mehr so labil wie im Augenblick bist.“ Enttäuscht senke ich meinen Blick wieder und starre auf die Tischplatte.

„Verstehe. Ich muss mich wohl mehr anstrengen.“

„Yamato, wenn du dich zu sehr unter Druck setzt, erreichst du lediglich das Gegenteil. In erster Linie solltest du für dich etwas ändern wollen.“

„Das will ich doch!“

„Tut mir leid, das sehe ich anders. Du selbst bist dir ziemlich egal. Und solange das der Fall ist, wird deine Labilität fortbestehen, weil du ständig zwischen deinem Selbsthass und deiner Liebe zu Taichi hin- und hergerissen bist.“

„Deiner Meinung nach soll ich mich also wieder in Therapie begeben, oder?“ Meine Resignation ist in meiner Stimme deutlich zu hören.

„Ehrlich gesagt bin ich mir nicht mehr sicher, ob derartige Maßnahmen dir wirklich helfen. Die Vergangenheit zeigt, dass du nicht besonders empfänglich dafür bist.“ Mein Vater nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. „Ich fürchte, letztlich musst du allein etwas finden, womit du den Kreislauf durchbrechen kannst.“

„Versuche ich das nicht seit Jahren?“, entgegne ich verbittert.

„Nur halbherzig, wenn du ehrlich bist.“ Ich atme hörbar aus.

„Ich muss es schaffen. Und zwar bald, hab ich recht?“
 

Als ich die Klinke nach unten drücke, merke ich, dass die Tür noch verschlossen ist. Offenbar bin ich ausnahmsweise der Erste, der zur Probe erscheint. Aus meiner Tasche krame ich den Schlüssel und drehe ihn im Schloss bis zum Anschlag. Beim Betreten des Raumes betätige ich den Lichtschalter, da es aufgrund der heruntergelassenen Rollläden ansonsten zu dunkel wäre. Nachdenklich schaue ich mich um. Die Frage meines Vaters kreist nach wie vor in meinem Kopf. Bedeutet beziehungsweise gibt mir die Musik noch etwas? Ich gehe zu Masaos Keyboard und drücke wahllos ein paar Tasten. Dann schließe ich die Augen und atme tief ein, als ich plötzlich von der sich öffnenden Tür und mir bekannten Stimmen aus meinen Gedanken geholt werde.

„Yamato?“ Kozue schaut mich erstaunt an. „Du bist schon da?“

„Stimmt, das ist selten“, pflichtet Naoki ihr bei, stellt seinen Rucksack auf dem Tisch ab und entzündet eine Zigarette. Danach hält er unserer Schlagzeugerin die Schachtel entgegen, die allerdings mit einem Lächeln ablehnt.

„Willst du aufhören?“, reagiert dieser verwundert.

„Nein, aber ich bin nicht so abhängig wie du“, scherzt sie und stößt Naoki neckend in die Seite. Als Kozue allerdings wieder zu mir schaut, verändert sich ihre Miene und sie betrachtet ernst den Verband an meinem Arm. „Ist deine Verletzung doch schlimmer?“

„Also...“, verunsichert muss ich feststellen, dass ich mir keine plausible Erklärung für meine Bandkollegen habe einfallen lassen. Glücklicherweise lenkt Masao mit seinem Erscheinen die Aufmerksamkeit der Anderen von mir auf sich. Zumindest vorerst.

„Bin ich zu spät?“, fragt er etwas verwirrt, da er normalerweise nicht als Letzter eintrifft.

„Das nicht, aber... wir haben ein Problem“, meint Kozue. Unser Keyboarder erkennt die Situation sofort.

„Verstehe. Leider befürchtete ich einen derartigen Verlauf.“ Der leicht vorwurfsvolle Ton in Masaos Stimme entgeht mir nicht, weshalb ich seinem Blick ausweiche. „Habt ihr Yamato schon von unserem Gig erzählt?“

„Nein, wir sind selbst noch nicht lange da, sodass sich keine Gelegenheit bot“, erklärt Naoki.

„Ein Gig?“, hake ich sofort nach.

„Ja, für das kommende Wochenende erhielten wir kurzfristig das Angebot, eine Band, die absagen musste, als Vorgruppe bei einen Konzert zu vertreten. Wenn du aufgrund deiner Verletzung jedoch nicht spielen kannst...“

„Vergiss es“, wird Naoki von Masao ungewohnt resolut unterbrochen. „Deswegen werden wir diese Chance nicht vergeben. Die Bassgitarre kann doch auch ein Anderer übernehmen.“ Unser Keyboarder wirkt entschlossen. „Yamato, es tut mir leid und ich hoffe, du bist mir nicht böse oder verstehst das falsch... als die Anfrage bezüglich des Auftritts kam, sprach ich mit einem Freund, der notfalls für dich einspringen würde. Er ist etwas... jünger, aber sein Bassspiel ist wirklich gut.“

„Ich bin dafür“, verkündet Kozue sofort. „Die Alternative ist für mich ebenfalls nicht akzeptabel und das Alter spielt meiner Meinung nach keine Rolle, solange die Liebe zur Musik und die richtige Einstellung vorhanden sind, oder Jungs?“, richtet sie sich nun an Naoki und mich. Naoki pflichtet ihr mit einem Nicken bei. Ich hingegen bin skeptisch, verzichte aber darauf, Einwände zu äußern, da ich diese Situation durch mein Verhalten letztlich selbst verschuldete und zudem persönliche Gefühle meinen Instrumentenpart betreffend nicht ausschließen kann. „Yamato?“, hakt unsere Schlagzeugerin nach. „Bist du ebenfalls einverstanden?“

„Ja.“ Bewusst halte ich meine Antwort knapp und in neutralem Ton.

„Dann rufe ich ihn gleich an und frage, ob er zur Probe kommen kann. Immerhin bleibt uns kaum Zeit.“ Mit gemischten Gefühlen schaue ich Masao nach, der zum Telefonieren den Raum verlässt. Nun entzünde auch ich mir eine Zigarette und nehme einen tiefen Zug, um meine aufkommende, innere Unruhe zu bekämpfen. Ich spüre, dass ich von Kozue und Naoki beobachtet werde, reagiere jedoch nicht auf sie. Nach einigen Minuten kommt unser Keyboarder mit einem Lächeln auf den Lippen zurück. „Er ist gerade mit einem Freund in Akihabara, macht sich aber sofort auf den Weg. Da er in Kanda wohnt, kann er sogar seine eigene Gitarre gleich mitbringen.“

„Großartig“, rutscht es mir genervt heraus.

„Was ist los, Yamato? Bist du plötzlich doch dagegen?“ An Kozues Art zu fragen erkenne ich, dass sie genau weiß, dass ich von Anfang an nicht begeistert war.

„Nein. Lasst uns die Zeit nutzen.“ Mit der Zigarette zwischen den Lippen krame ich einen Zettel aus meiner Tasche und lege ihn auf den Tisch. „Der Song, an dem ich arbeitete, ist fertig.“ Noch bevor ein normaler Mensch reagieren kann, greift Kozue nach meinen Notizen und begutachtet diese eingehend. Nach einer Weile schaut sie uns mit leuchtenden Augen an.

„Prima, das können wir für den Auftritt gleich mit einstudieren.“

„Wird das nicht zu knapp?“, wendet Masao skeptisch ein.

„Ich denke, es ist machbar. Beim ersten Überblicken scheinen größere Änderungen bei Text und Melodie nicht nötig. Lasst es uns einmal komplett durchspielen, um zu hören, wie es in der Rohfassung klingt, und dann entscheiden, okay? Aber wenn das Lied in der Realität auch nur annährend mit der Version in meinem Kopf, die sich anhand der Noten formte, übereinstimmt, möchte ich es spielen. Bitte!“

„Nach all der Zeit unseres Bandbestehens müsstet ihr doch eigentlich wissen, dass, wenn Kozue sich etwas in den Kopf setzt, wir keinerlei Mitspracherecht mehr haben und die Sache längst entschieden ist“, lacht Naoki.

„Stimmt. Also, ich schlage vor, wir fangen auch ohne den Bass an, damit wir bereits ein Gefühl für den Song entwickeln und gegebenenfalls Verbesserungen beziehungsweise Anpassungen vornehmen können.“ Naoki und Masao verschaffen sich zunächst einen ersten Eindruck, indem sie einen Blick auf meine Notizen werfen und geben schließlich ihre Zustimmung. Nach einigen Durchläufen, als Kozue gerade ein paar kleine Korrekturen für die Drums vornimmt, wird unsere Probe durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Masao öffnet seinem Freund und begrüßt ihn mit einem Handschlag, bevor er ihn uns vorstellt.

„Das ist Furudate Itaru. Ich lernte ihn an der Yoyogi Animation Gakuin kennen, als ich vor einiger Zeit einen Kurs besuchte, an dem auch er teilnahm.“

„Freut mich, euch kennen zu lernen“, begrüßt dieser uns mit einem Grinsen, allerdings sehr höflich und mit einer tieferen Verbeugung als nötig. Mit dem Alter wählte Masao eindeutig die harmlosere Vorwarnung. Bei der Erwähnung von Akihabara wuchsen in mir bereits Befürchtungen, aber ich wollte mich nicht von Vorurteilen leiten lassen. Im Fall von diesem Itaru trifft das Bild eines Otaku jedoch voll zu. Er trägt eine pinkfarbene Bondagehose mit weißen Totenkopfapplikationen, ein schwarzes Shirt mit Animeaufdruck und eine schwarz-pinkfarbene Plüschjacke, an deren Kapuze sich Katzenohren befinden.

„Hallo, ich bin Yoshimura Kozue. Schlagzeugerin von ‚So easy’. Kozue reicht.“

„Ich heiße Tsuda Naoki, also Naoki, und spiele E-Gitarre. Freut mich ebenfalls.“ Stille kehrt ein und alle Augen sind plötzlich auf mich gerichtet. Seufzend drücke ich meine Zigarette im Aschenbecher aus.

„Ishida Yamato. Gesang und Bassgitarre.“ Absichtlich lege ich eine besondere Betonung auf das letzte Wort, um Furudate seine Position von Anfang an zu verdeutlichen.
 

Es ist dunkel im Zimmer. Ich sitze am Fenster und schaue hinaus. Die Bandprobe verlief im Weiteren ohne Probleme und ich muss zugeben, dass Itaru den Bass sowie meine Parts erstaunlich gut spielte. Sein Stil, zumindest die Musik betreffend, passt zu ‚So easy’. Erneut drängt die Frage meines Vaters in mein Bewusstsein. Was bedeutet mir die Musik noch? Dabei scheint es für mich derzeit keine Antwort zu geben. Schwermütig senke ich den Blick, betrachte das kleine Fläschchen in meiner Hand, welches ich meinem Vater letztlich nicht aushändigen konnte. Zwar schaffte ich es, in den vergangenen Wochen trotzdem drogenfrei zu bleiben, gegen das Verlangen musste ich dennoch permanent ankämpfen. Einzig der Gedanke an Taichi, die Angst, ihn zu verlieren, hielt mich von einem neuerlichen Konsum ab. Allerdings wird diese Angst allmählich übermächtig, sodass es mir immer schwerer fällt, Kraft daraus zu ziehen. Im Gegenteil, ich stürze emotional immer mehr ab und verliere das Bewusstsein dafür, dass ein Rückfall kontraproduktiv wäre, alles komplett und endgültig zerstören könnte. Nachdenklich drehe ich die kleine Flasche in meiner Hand. Ich weiß, dass ich meinen Vater um Hilfe bitten sollte, aber falls er Taichi davon in Kenntnis setzt, dass ich nach wie vor an den Drogen festhalte, selbst wenn ich keine konsumiere, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass er mich erst recht nicht sehen will. Ein Klopfen an der Tür beendet meine Gedanken vorerst. Rasch verstaue ich das GHB in meiner Hosentasche, bevor sich die Tür zu meinem Zimmer öffnet und mein Vater hereinschaut. Er betätigt den Lichtschalter. Reflexartig kneife ich meine Augen zusammen, die sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

„Ist alles in Ordnung?“ Ich wende mich von ihm ab, schaue erneut aus dem Fenster und nicke stumm. Schritte sind zu hören, die mir bedeuten, dass mein Vater sich in meine Richtung bewegt. Er kniet sich neben mich und streicht sanft durch meine Haare. Meine Sicht ist bereits von Tränen verschwommen, die sich nun ihren Weg über meine Wangen bahnen. „Ist etwas passiert?“, fragt mein Vater besorgt.

„Papa... ich... ich weiß es nicht.“ Behutsam nimmt er mich in den Arm, was zur Folge hat, dass ich hemmungslos zu weinen beginne.

„Nimmst du deine Medikamente wie verordnet?“ Ich nicke. „Mit Sicherheit trägt die derzeitige Situation zur Verschlechterung deiner Depressionen maßgeblich bei, aber vielleicht sollte man auch über eine Umstellung, also einen Wechsel des Antidepressivums nachdenken. Sprich bei deinem nächsten Termin bitte mit deinem Psychiater darüber, okay?“ Ich presse mich enger an meinen Vater, atme seinen Duft, der beruhigend auf mich wirkt, tief ein.

„Ich glaube nicht, dass derartige Maßnahmen nötig beziehungsweise sinnvoll sind. Momentan ist einfach alles ...ein bisschen schwierig. Vor allem... vermisse ich Taichi.“ Meine Stimme zittert hörbar.

„Ich weiß.“ Für eine Weile herrscht Stille und ich genieße die Nähe zu meinem Vater.

„Am Wochenende haben wir einen Auftritt“, meine ich schließlich, um das Thema auf etwas anderes zu lenken.

„Das ist doch eine gute Nachricht“, freut sich mein Vater aufrichtig. „Aber mit deiner Hand kannst du nicht spielen.“

„Nein. Ein Freund von Masao wird die Bassgitarre übernehmen, solange ich verletzungsbedingt ausfalle.“

„An sich eine gute Lösung, aber du klingst wenig begeistert.“

„Naja, der Neue ist... ein wenig... speziell. Allerdings muss ich ja nur vorübergehend mit ihm auskommen.“
 

Emotionslos betrachte ich die Person im Spiegel. Die Haare hängen strähnig ins Gesicht, von deren Spitzen das verbliebene Duschwasser auf die blasse Haut tropft. Zwar sehe ich den knochigen Körperbau, empfinde ihn aber nicht als solchen. Dennoch senke ich angewidert den Kopf und mein Blick fällt auf den verbundenen Arm. Ein, zwei Schnitte durch die Haut würden unter dem Verband nicht auffallen, zumal die letzten Wunden noch nicht verheilt sind. Vorsichtig löse ich ihn. Der hinteren Ecke eines Schubfachs entnehme ich eine Rasierklinge und setze mich damit auf die kühlen Fliesen. Langsam, mit mäßigem Druck ziehe ich die Schneide durch mein Fleisch. Blut quillt aus der Wunde, tropft von meinem Arm zu Boden. Ich schließe meine Augen, um den angenehmen Schmerz intensiver spüren zu können. Es reicht nicht. Ich schneide tiefer. Die Wunde klafft weiter auseinander, doch der Schmerz ist nur unwesentlich stärker. Verzweifelt lasse ich die Klinge fallen. Es bringt nichts. Tränen trüben meine Sicht, laufen meine Wangen hinab.

„Taichi“, hauche ich mit brüchiger Stimme. „Ich will dich sehen... bitte... du fehlst mir so sehr.“ Schluchzend sinke ich in mich zusammen, ergebe mich meinem Selbstmitleid. Ich sollte endlich begreifen, dass die Beziehung zu Taichi nicht zu retten ist. Dass ich ihn endgültig verloren habe. Erneut fällt mein Blick auf die Rasierklinge, dann auf den inzwischen blutverkrusteten Schnitt. Längs gleite ich mit dem kleinen Stück Metall jeweils über die Handgelenkinnenseiten. Ich muss nur zwei Mal tief genug schneiden, um all dem ein Ende zu setzen. Ein Gedanke, der in letzter Zeit nicht nur immer häufiger mein Denken einnimmt, sondern bereits zum Drang wird. Ich fühle mich einsam ohne Taichi, doch daran wird mein derzeitiges Verhalten nichts ändern. Ich verstaue die gereinigte Rasierklinge wieder im Schubfach und wische mein Blut von den Fliesen. Dann presse ich einen feuchten Waschlappen auf die frische Wunde, öffne die Tür und verlasse das Bad. Im Wohnzimmer sitzt mein Vater auf dem Sofa. Der Fernseher ist eingeschaltet.

„Papa.“ Der Angesprochene wendet sich mir mit müdem Blick zu, seine Mimik wechselt allerdings, als er meine blutige Hand sieht, die einen inzwischen rotgetränkten Lappen auf meinen linken Unterarm presst.

„Yamato, hast du dir wieder...“

„Es tut mir leid.“ Meine Stimme zittert. Ich fühle mich wie ein ungehorsames Kind. Ohne es zu wollen laufen erneut Tränen über mein Gesicht, die ich beschämt wegwische.

„Schon gut.“ Mein Vater erhebt sich und kommt auf mich zu. „Lass mich deine Verletzungen anschauen.“ Vorsichtig entfernt er den feuchten Stoff. „ Meiner Ansicht nach muss der Schnitt genäht werden, aber diese Ansicht wirst du nicht teilen, hab ich recht?“

„So schlimm ist es nicht“, bringe ich kleinlaut hervor. Ich wende den Kopf zur Seite, da ich meinen Gegenüber nicht in die Augen schauen kann. Dieser seufzt nachgiebig.

„Also gut. Gehen wir ins Bad, ich desinfiziere und verbinde deinen Arm.“ Dort angekommen setze ich mich auf den Wannenrand und beobachte meinen Vater schweigend, während er die Wunde behandelt.

„Wirst du Taichi davon erzählen“, frage ich anschließend in die Stille. Mein Gegenüber schaut mich ernst an.

„Möchtest du, dass ich ihm verschweige, wie es seinem Freund tatsächlich geht?“ Ich blicke betreten zu Boden.

„Dann wird Tai mich erst recht nicht sehen wollen“, entgegne ich leise und mehr zu mir selbst.

„Warst du dir dessen nicht bewusst, als du zur Rasierklinge gegriffen hast?“ Ein vorwurfsvoller Unterton schwingt in der Stimme meines Vaters mit.

„Ich...“

„Du vermisst Taichi sehr, nicht wahr?“ Nicht in der Lage, ein Wort hervorzubringen, nicke ich lediglich verhalten. „Glaubst du, auf selbstverletzendes Verhalten verzichten zu können, wenn er die Nähe zu dir wieder zuließe?“

„Ich weiß es nicht“, flüstere ich unsicher. Seufzend streicht mein Vater durch meine Haare.

„Morgen wollte ich ihn ohnehin in der Klinik besuchen. Ich spreche noch einmal mit ihm darüber, aber ich werde ihn nicht überreden, wenn er dich wirklich nicht sehen möchte.“

„Danke.“ Zaghaft hebe ich meine unversehrte Hand und lege sie auf die Wange meines Gegenübers. Ich beuge mich vor, halte jedoch kurz vor seinem Gesicht inne. Sein Atem berührt meine Haut, streift sanft darüber, während mein Herz schmerzhaft gegen meinen Brustkorb schlägt. Die Gefühle für meinen Vater schnüren mir die Kehle zu. Hastig erhebe ich mich und gehe zur Tür. „Ich hab dich sehr lieb... Papa“, hauche ich mit einem verkrampften Lächeln, bevor ich den Raum verlasse, um in mein Zimmer zu gehen.
 

Etwas außer Atem trete ich von dem Mikrofon zurück und lasse meine Hand sinken. Unweit hinter mir auf der Bühne, vor den Drums von Kozue, liegt mein Handtuch, mit welchem ich mir den Schweiß vom Gesicht tupfe. Anschließend nehme ich einige Schlucke aus meiner Wasserflasche. Die Halle scheint nahezu ausverkauft und das Publikum hat uns gut angenommen, obwohl die meisten vermutlich eher wegen der Hauptband gekommen sind.

„Läuft doch gut.“ Kozue zwinkert mir zu. Trotz gemischter Gefühle muss ich zugeben, dass Itaru meine Parts problemlos spielt. Bisher zumindest leistete er sich keinen Fehler. Ich schenke unserer Schlagzeugerin ein knappes Lächeln, dann wende ich mich wieder dem Publikum zu. Gerade als ich das nächste Lied ankündigen möchte, entdecke ich meinen Vater. Neben ihm steht Taichi. Bei seinem Anblick beginnt mein Herz schneller zu schlagen und ich spüre Nervosität in mir aufsteigen. Zwar freue ich mich, dass er den neuen Song hören wird, aber da der Text hauptsächlich seinetwegen entstand und sich ebenso an ihn richtet, empfinde ich gleichermaßen Scham. Obwohl meine Lieder schon häufiger ihre Inspiration durch meinen Freund fanden, sind die gegebenen Umstände doch anders als bisher. Zumal der Inhalt dieses Liedes abgesehen von Ehrlichkeit nicht viel Positives beinhaltet. Erkenntnis, Machtlosigkeit, sowie das Unvermögen des Loslassens beziehungsweise das freiwillige Festhalten und das Hin- und Hergerissen sein... keine Themen, die meinen Freund überzeugen könnten, zu mir zurückzukommen. Ich streiche leicht über den Verband an meinem Arm, um mich kurz des Schmerzes zu vergewissern, dann lege ich meine Hände an das Mikrofon und schließe meine Augen.
 

Hey Liebling, der Wind, der dich umhüllt

Welches Schauspiel würde er dir schaffen

Diese bedeutungslosen Leichen auf dunstigem Asphalt

Hey Liebling, den gefallenen Süßigkeiten auf der Straße

Welche Art von Gebet würdest du darbieten

Ah, selbst wenn Gefühllosigkeit um sich greift

Morgen, erhellt vom Licht der Vernunft,

Sähe ich dennoch dich
 

Ich suche den Blick meines Freundes. Seine Aufmerksamkeit scheint ganz mir zu gehören. Seine Mimik jedoch besitzt keinerlei Ausdruck. Es ist mir nicht möglich zu erkennen, was er gerade denkt, geschweige denn fühlt. Mein Griff um das Mikrofon festigt sich.
 

Lebewohl, Impuls der Verderbtheit

Sowie meine Überzeugungen, welche auf tragische Weise zerbrachen

In diesem Fall, sollte ich an der Seite der Schwermut bleiben

Werden mich die schneidend klaren Trugbilder zu sich locken

Nur ein im Winkel verbleibender Duft weht herüber
 

Mehr als zuvor möchte ich Taichi auf diesem Weg mein Innerstes mitteilen, besonders weil es momentan die einzige Möglichkeit darstellt, die ich habe. Ich lege alle Emotionen, die ich zu empfinden in der Lage bin, in meine Stimme.
 

Ich glaube, selbst wenn der Weg, auf dem ich laufe, sich verliert

Noch zu sehen ist die Zirkustruppe

Und der reisende Traum, der mich im Arm hält, immer wenn ich schlafe

Ich glaube, ich weiß, es gibt eine Grenze

Trotzdem lehne ich mich weiter vor

Ohne die tiefsten Tiefen zu kennen

Verlangend Liebe und Hass gleichzurichten
 

Der instrumentale Part beginnt, von dem ich mich tragen lasse. Ich schließe meine Augen, wippe im Takt der Gitarren und lege meinen Kopf in den Nacken, um die Musik letztlich ganz in mich aufzunehmen. Eingehüllt in die Melancholie des Liedes greife ich nach dem Mikrofonständer. Mein Blick verläuft sich im grellen Licht der Scheinwerfer.
 

Lebewohl, Impuls der Verderbtheit

Sowie meine Überzeugungen, welche auf tragische Weise zerbrachen

In diesem Fall, sollte ich an der Seite der Schwermut bleiben

Werden mich die schneidend klaren Trugbilder zu sich locken

Nur ein im Winkel verbleibender Duft weht herüber
 

Noch einmal reißen mich die Instrumente mit ihrem Rhythmus mit. Schweiß perlt von meiner Stirn und mein Körper scheint von Innen heraus zu verglühen. Unbewusst werfe ich Naoki einen kurzen Blick zu, der links neben mir steht und die Background Vocals singt. Dann nehme ich außer der Musik nichts mehr wahr. Meine Finger gleiten leicht über das Metall des Mikrofonständers. Erneut schließe ich meine Augen.
 

Ich erinnere mich noch

An den Impuls der Verderbtheit, der verloren ging

Selbst mit den endlosen Lebewohlbekundungen

Ich werde mir nicht vergeben

Ich werde mir nicht vergeben

Ich werde mir nicht vergeben

Zeit erfüllt von Finsternis

Jeder Tag intensiv

Zerfallend flüchtig

Der Impuls der Verderbtheit

Noch immer in meiner Brust schlägt
 

Mit den letzten, verklingenden Tönen legt sich Dunkelheit über den Saal. Ich bleibe regungslos, als der Applaus einsetzt und der Raum durch vereinzelte Scheinwerfer wieder ein wenig erhellt wird. Suchend schaue ich mich um, doch ich kann weder Taichi noch meinen Vater in der Menge ausmachen. Ich habe das Gefühl, von der Schwermut erdrückt zu werden. Wie in Trance bringe ich den Rest des Konzertes hinter mich.

Reglos sitze ich auf dem Toilettendeckel des kleines Bades der Konzertörtlichkeiten. Ich starre auf das kleine Fläschchen, welches sich fest umklammert in meiner Hand befindet. Obwohl die Wirkung des gerade eingenommenen GHBs noch nicht spürbar ist, bin ich kaum in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Von draußen höre ich gedämpft den Lärm der After-Show-Party. Um ehrlich zu sein, hätte ich mir lieber einen Schuss gesetzt, damit ich die Gegenwart der vielen Menschen ertrage, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Eigentlich möchte ich nicht mehr an Taichi denken müssen, an sein Verhalten und was es zu bedeuten haben könnte. Warum ging er vorzeitig? Hielt er meine Anwesenheit selbst auf die Distanz nicht mehr aus? Will er jetzt die endgültige Trennung? Übelkeit kriecht meine Kehle empor. Krampfhaft versuche ich den Brechreiz zu unterdrücken. Ich erschrecke, als plötzlich jemand an der Tür klopft.

„Yamato? Ist alles in Ordnung?“, höre ich Masao fragen. „Du bist schon ziemlich lange weg und wirst allmählich vermisst.“

„Ja, ich... brauche nur einen Moment. Sag den anderen, dass ich gleich zurück sein werde“, entgegne ich schwach.

„Öffnest du bitte die Tür?“, lässt unser Keyboarder nicht locker. „Oder verletzt du dich gerade selbst?“ Sein Tonfall klingt eher besorgt und weniger vorwurfsvoll. Rasch verstaue ich das kleine Fläschchen in meiner Hosentasche, bevor ich widerwillig die Tür öffne.

„Nein, ich schneide mir nicht den Arm auf.“ Als ich an ihm vorbeigehen möchte, taumle ich leicht, sodass Masao seinen Arm stützend um mich legt, mich in die Umkleide von ‚So easy’ führt und dort auf einen der Stühle setzt.

„Dein Blick ist ziemlich verklärt und du siehst nicht gut aus. Was ist los, Yamato?“ Ich senke meinen Kopf und schaue zu Boden.

„Wenn ich ehrlich bin, denke ich tatsächlich darüber nach, mir etwas anzutun“, antworte ich überraschend offen, was am GHB liegen könnte.

„Gibt es dafür einen Grund?“

„Taichi.“

„Dein Freund?“ Ich nicke lediglich. „Habt ihr euch getrennt?“

„Keine Ahnung.“ Gleichgültig zucke ich mit den Schultern. „Spielt auch keine Rolle mehr. Wenn ich mich gleich zu den vielen Menschen da draußen gesellen soll, musst du mir zuvor ein Glas Whiskey holen, sonst ertrage ich die Nähe nicht.“

„Ich denke, es ist keine gute Idee, in deiner Verfassung derart hochprozentigen Alkohol zu dir zu nehmen“, gibt unser Keyboarder zu bedenken.

„Anders schaffe ich das nicht, Masao.“ Meine Worte kommen nur leise über meine Lippen. Ich blicke ihn nicht an, sondern schaue weiterhin zu Boden.

„Also gut. Du wartest hier und machst keine Dummheiten. Hast du verstanden, Yamato?“ Nun fixiere ich meinen Gegenüber.

„Verstanden“, antworte ich mit einem Lächeln. Sichtlich beunruhigt verlässt Masao den Raum. Seufzend lehne ich mich zurück, lege meinen Kopf in den Nacken und warte wie befohlen. Allmählich spüre ich die wohlbekannte Leichtigkeit des GHB. Mir ist bewusst, dass der Konsum von Alkohol dieses Gefühl durchaus zerstören kann, aber eine mögliche Atemdepression durch gegenseitige Verstärkung der Substanzen kann ich als Ersatz durchaus akzeptieren. Ohne Taichi kann und will ich sowieso nicht leben. Masao unterbricht meine Gedanken, als er mit einem Glas in jeder Hand das Zimmer betritt. Ich lächle ihn an.

„Hör auf, Yamato. Mir musst du nichts mehr vormachen.“ Er reicht mir das Getränk und nimmt auf einem Stuhl neben mir Platz. „Dein Freund war vorhin im Publikum, nicht wahr?“

„Ja.“ Um mich zu betäuben, nehme ich einen großen Schluck des Whiskeys, was ich jedoch sofort bereue, da es sich so anfühlt, als würde meine Speiseröhre verätzt werden. Einmal mehr frage ich mich, wie Tai dieses Zeug flaschenweise hinunterbekam. Stellte sich bei ihm kein Würgereflex ein? Ich kämpfe jedes Mal dagegen an. Vielleicht muss ich ihn ignorieren und einfach weitertrinken, um den Ekel unterdrücken zu können. Widerwillig zwinge ich mich, einen weiteren Schluck zu trinken. Kaum gelingt es mir, die brennende Flüssigkeit hinunterzuschlucken. Sogleich springe ich auf, stolpere zur Toilette und übergebe mich krampfhaft. Völlig erschöpft sacke ich in mich zusammen.

„Was wolltest du mit dieser Aktion bezwecken?“, höre ich Masao fragen, der sich neben mich hockt und sanft über meinen Arm streichelt.

„Nichts“, keuche ich. „Ich hasse Alkohol“, füge ich im Flüsterton an.

„Manchmal verstehe ich dich wirklich nicht. Aber ich kenne auch nicht alle Hintergründe.“

„Kann sein. Aber die würden vermutlich nicht viel ändern. Oft fehlt selbst mir das Verständnis für mein Handeln.“

„Mir gefällt die Doppeldeutigkeit in deiner Aussage.“ Masao lächelt, welches ich gequält erwidere. „Geht es dir etwas besser?“ Ich nicke. Behutsam hilft mir unser Keyboarder aufzustehen.

„Masao“, flüstere ich, ziehe ihn dabei dicht an mich und umarme ihn. Ein leichtes Schwindelgefühl bringt mich dazu, mich stärker an ihm festzuhalten. „Danke.“

„Wofür“, will er verwundert wissen.

„Für deine Hilfe... und deine Geduld.“

„Ich sagte dir bereits, dass du ein Freund für mich bist und ich selbstverständlich für dich da sein möchte. Vor allem, wenn es dir nicht gut geht. Vielleicht wirst du irgendwann in der Lage sein, es nachzuempfinden. Das wünsche ich mir zumindest.“ Der traurige Unterton in Masaos Stimme entgeht mir nicht.

„Ich glaube, allmählich verstehe ich deine Empfindungen“, gebe ich schüchtern zu. Ein tiefes Gefühl der Zuneigung hindert mich daran, unseren Keyboarder loszulassen. Zudem fühle ich mich nach wie vor schwach auf den Beinen, was er vermutlich bemerkt und weshalb er sich ebenfalls nicht von mir löst, sondern seine Arme sogar fester um meinen Körper legt.

„Entschuldigt, dass ich euer Liebesgeflüster störe“, dringt plötzlich Kozues Stimme an mein Ohr. „Warum habt ihr Naoki und mir eure Beziehung verheimlicht? Dachtet ihr, wir hätten damit ein Problem?“ Es ist mir nicht möglich zu erkennen, ob Kozue scherzt oder ihre Bemerkung ernst meint. Masao scheint es genauso zu gehen. Verlegen löst er sich von mir.

„Nein... also...“, beginnt unser Keyboarder unbeholfen seine Rechtfertigung.

„Masao ist nicht schwul“, stelle ich ungeniert klar.

„Und du?“, hakt Kozue nach. Meine Antwort ist lediglich ein leichtes Nicken.

„Ja!“ Sie macht eine Siegesgeste. „Dann habe ich gewonnen.“ Irritiert schaue ich zu Masao, doch als dieser mich genauso verwirrt ansieht, wende ich mich erneut unserer Schlagzeugerin zu. „Naja...“, beginnt sie etwas beschämt. „Naoki und ich haben gewettet, ob du schwul bist oder nicht. Soeben hast du meine Vermutung bestätigt und Naoki ist mir nun einen Drink schuldig.“ Sie grinst. „Eigentlich kann er uns allen einen Drink spendieren. Schließlich lief der Auftritt wirklich gut.“ Offenbar hatte Taichis Verschwinden keine Auswirkungen auf meine Leistung oder meine Stimme, obwohl ich nur noch wie in Trance sang. Meine Erleichterung bezüglich dieser Tatsache könnte ich als Antwort werten, dass die Musik mir doch noch etwas zu bedeuten scheint. Ein Hochgefühl kommt in mir auf, von dem ich nicht sagen kann, ob es meiner scheinbar erlangten Erkenntnis oder dem GHB zuzuschreiben ist.

„Wie geht es dir?“, erkundigt sich Masao noch immer besorgt.

„Gut“, entgegne ich vermeintlich wahrheitsgemäß.

„Kommt ihr dann mit? Die Anderen warten sicher schon“, meint Kozue fröhlich. Offenbar hat sie bereits ein, zwei Gläser Alkohol zu sich genommen. „Oder wollt ihr lieber eure Zweisamkeit ein wenig genießen?“ Bevor Masao oder ich reagieren können, verlässt unsere Schlagzeugerin rasch den Raum.

„Damit wird sie uns wohl noch eine Weile aufziehen“, seufzt Masao mit gespielt ernster Miene.

„Wahrscheinlich.“ Wir schauen uns an und beginnen zu lachen. Dann zeigt sein Gesichtsausdruck erneut Besorgnis.

„Ich habe Bedenken, was eine Konfrontation mit vielen, überwiegend fremden Menschen im Augenblick bei dir bewirken könnte.“

„Es ist okay. Wirklich. Außerdem sollte ich vor unangenehmen Situationen nicht nur weglaufen, oder?“, meine ich überschwänglicher als beabsichtigt.

„Aber...“ Mein Gegenüber zeigt auf die Whiskeygläser. „Das trinkst du nicht mehr.“

„Einverstanden“, lenke ich ungewohnt vernünftig ein. Masao jedoch bleibt skeptisch. In einem Zug leert er erst mein und dann sein eigenes Glas.

„Sicher ist sicher.“

„Wie bekommst du das Zeug so einfach runter, ohne deine Miene zu verziehen?“, will ich mit einer Mischung aus Ekel und Bewunderung wissen.

„Du magst keinen Alkohol. Das ist alles.“

„Vielleicht“, stimme ich nachdenklich zu. Taichi ergreift wieder Besitz von meinen Gedanken.

„Deiner Reaktion entnehme ich, dass mehr dahintersteckt.“

„Taichi ist Alkoholiker und zur Zeit wieder in stationärer Behandlung.“ Ich weiß selbst nicht, warum ich Masao so leichtfertig davon erzähle. Die Worte kamen über meine Lippen, bevor ich darüber nachdenken konnte.

„Verstehe. Wenn ich mich recht erinnere, erwähnte Akito eine Entzugsklinik, als er mir von eurer Beziehung erzählte.“

„Akito...“, wiederhole ich mit einem merkwürdigen Gefühl.

„Entschuldige, ich...“

„Nein, es ist alles in Ordnung. Weißt du, die Schuld an Taichis Absturz und seiner Sucht trage allein ich.“ Meine Hände beginnen zu zittern, als ich eine Zigarette entzünde.

„Ich kann dich weder freisprechen noch verurteilen, da ich, wie gesagt, keine genaueren Hintergründe kenne. Allerdings solltest du dir eines immer vor Augen halten. Die Entscheidung, zum Alkohol zu greifen, lag und liegt allein bei deinem Freund.“ Ich erinnere mich, dass Shinya mir vor einigen Jahren dasselbe sagte. „Es klingt vielleicht makaber, aber in gewisser Weise entschied er sich dadurch ebenso für dich. Ich kann nur mutmaßen, dass er die Trennung nicht wollte, weil er dich liebt. Eure Beziehung scheint nicht gerade einfach zu sein. Ihn kenne ich nicht, deine Probleme hingegen kenne ich. Zumindest teilweise. Um ehrlich zu sein, ist der Umgang mit dir nicht gerade einfach, besonders im Bezug auf deine Selbstzerstörung. Wahrscheinlich betäubte sich dein Freund mit dem Alkohol, weil er sich hilflos fühlte und dir nicht beim langsamen Sterben zusehen wollte. Aber diese Tatsachen wirst du bereits selbst erkannt haben. Bitte beantworte meine folgende Frage ehrlich. Wäre es dir lieber gewesen, wenn dein Freund nicht zum Alkohol gegriffen, dich aber dafür verlassen hätte? Vorgeheuchelte Selbstlosigkeit, indem du sagst, du willst nur, dass es ihm gut geht, kannst du dir sparen. Wäre das der Fall, hättest du ihn verlassen müssen. Aber du willst mit ihm zusammen sein, egal um welchen Preis. Hab ich recht?“ Einen Moment schweige ich, dann suche ich den Blickkontakt.

„Ja“, antworte ich schließlich und nehme einen tiefen Zug von meiner Zigarette. „Um jeden Preis.“

„Er traf also eine Entscheidung, die auch in deinem Sinne war. Damit dürfte die Schuldfrage, zumindest zwischen euch beiden, irrelevant sein. Deine Gedanken müssten sich eigentlich darum drehen, wie du deinem Freund helfen kannst.“

„Er will mich derzeit nicht sehen.“ Fahrig drücke ich den Rest der Zigarette im Aschenbecher aus.

„Du verstehst meine Aussage falsch. Mit Helfen meine ich nicht, dass du ihm die Flasche wegnehmen sollst, wenn er trinken will. Vielmehr solltest du die Gelegenheit der vorübergehenden Trennung nutzen, um deine eigenen Probleme in den Griff zu bekommen. Davon hast du, meiner Meinung nach, nämlich mehr als genug. Gleichzeitig entziehst du deinem Freund wahrscheinlich die Hauptursache für seine Abstürze, was ihm helfen könnte, nach erfolgreichem Entzug trocken zu bleiben. Wenn du jedoch nicht in der Lage bist, dir selbst zu helfen, kannst du ihm nicht helfen. Zudem zwingst du ihn auf emotionaler Ebene, sich um dich zu kümmern, woraufhin er sich selbst mit großer Wahrscheinlichkeit vernachlässigt und aufgrund von Überforderung, sowohl emotional als auch psychisch, zum Alkohol greift, um der Realität für den Moment zu entfliehen.“

„Möglicherweise stellt die Alkoholabhängigkeit eine Flucht vor mir dar, dann wäre es im Prinzip ebenfalls eine Trennung. Somit ist egal, wie die Entscheidung ausfällt. Das Ergebnis bleibt gleich. Ich verliere Tai.“

„Nicht, wenn es dir gelingt, dein selbstzerstörerisches Verhalten aufzugeben.“ Ich lächle verzerrt.

„Das versuchte ich bereits mehrfach. Aber jedes Mal scheitere ich an mir selbst. Den Kampf gegen mich kann ich einfach nicht gewinnen.“

„Wenn du dich aufgibst, gibst du gleichzeitig deinen Freund auf. Yamato, über Jahre ausgeübte Verhaltensmuster kannst du nicht einfach ablegen und gegen andere austauschen. Vor allem wirst du es wahrscheinlich nicht allein schaffen. Das musst du auch nicht. Abgesehen von mir gibt es mit Sicherheit noch andere Menschen, denen du viel bedeutest und die immer für dich da sein werden. Eines jedoch ist unabdingbar. Ehrlichkeit. Du musst dir bewusst machen, dass dein Handeln immer Konsequenzen nach sich zieht. Im Idealfall wägst du vor deinem Handeln ab, welche Konsequenzen folgen könnten und ob diese für dich akzeptabel sind. In deinem Fall weiß ich, dass du aufgrund deiner... mmh... sagen wir Persönlichkeit, nicht immer in der Lage bist, diese eigentlich logische Reihenfolge einzuhalten. Das ist in Ordnung, wenn du, sobald du wieder klar denken kannst, deinen Mitmenschen dein Fehlverhalten beichtest. Sie brauchen die Chance, darauf reagieren zu können, und das Gefühl, dich nicht an etwas für sie Unbegreifliches und auch Ungreifbares zu verlieren. Zudem sind die Konsequenzen, die dir von ihnen aufgezeigt werden, wichtig für deinen Lernprozess. Dafür musst du dich ihnen allerdings stellen, egal wie schmerzhaft es ist, du musst jede einzelne Konsequenz ertragen, da du sie zuvor durch dein Handeln selbst provoziert hast. Läufst du weg, indem du dein Fehlverhalten verschweigst, weil du Angst vor den Konsequenzen hast, wirst du dem Kreislauf der Selbstzerstörung nicht entkommen und daran, meiner Meinung nach in absehbarer Zeit, zugrunde gehen.“ Ich zünde mir eine weitere Zigarette an. Schweigend versuche ich über die Worte meines Bandkollegen nachzudenken, was allerdings durch das GHB erschwert wird. Die Erkenntnisse sind zwar nicht neu, aber derartige Worte von einer eher außenstehenden Person zu hören, hat definitiv eine andere Wirkung auf mich. Einem Impuls folgend greife ich in meine Hosentasche, hole das kleine Fläschchen hervor und stelle es wortlos auf den Tisch.

„Lass mich raten. Drogen?“, fragt mein Gegenüber ruhig und wenig überrascht. Ich nicke, wende meinen Blick aber von ihm ab. „Du hast sie konsumiert, bevor ich kam, oder?“

„Ich spüre die Wirkung, ja. Aber die Dosis war sehr gering.“

„Oh, nimm ruhig noch etwas, damit es sich lohnt. Ich schau dir gern dabei zu“, bekomme ich eine sarkastische Antwort.

„Masao, ich konnte dem Gespräch folgen und bin mir dessen Ernsthaftigkeit durchaus bewusst“, versuche ich ihn zu besänftigen.

„Trotzdem sollten wir es an dieser Stelle beenden. Ich hoffe, du bist im nüchternen Zustand noch in der Lage, meine Worte zu reflektieren.“

„Es tut mir leid“, bekunde ich aufrichtig.

„Schon gut. Gehen wir zu den Anderen.“ Masao erhebt sich. „Yamato“, richtet er sich noch einmal an mich. „Schaffst du es, das Zeug zu entsorgen? Jetzt? In meinem Beisein?“

„Ich...“ Zögernd betrachte ich die Droge.

„Genau das meine ich. Wolltest du wirklich etwas ändern, dürftest du nicht unentschlossen sein.“ Er verlässt den Raum. Ich schaue ihm nach, dann richte ich meinen Blick wieder auf das Fläschchen. Eigentlich sollte ich Schuldgefühle haben, doch diese Art von Empfindung wird momentan anscheinend durch das GHB unterdrückt. Die Euphorie spüre ich ebenfalls kaum, lediglich eine leicht stimmungsaufhellende Wirkung. Ich dosierte zu vorsichtig, weil ich verhindern wollte, dass mein Drogenkonsum bemerkt wird. Einen kräftigen Zug von meiner Zigarette nehmend, drücke ich sie anschließend im Aschenbecher an. Etwas unsicher greife ich nach dem Fläschchen, schraube es auf und tropfe eine geringe Menge des GHB auf meine Zunge. Danach lasse ich es wieder in meine Hosentasche gleiten. Das Gespräch mit Masao verursachte ein unterschwelliges, sehr unangenehmes Gefühl, welches ich im Moment einfach nur loswerden möchte. Ebenso wie die Gedanken an Taichi. Eine Weile bleibe ich reglos auf dem Stuhl sitzen und starre ins Nichts, bis ich eine leichte Verstärkung der Wirkung spüre, gerade so viel, dass ich mich gut fühle, mein Denken einer Art Leichtigkeit weicht, aber ohne einen rauschähnlichen Zustand zu erreichen. In dieser Stimmung dürfte ich die After-Show-Party überstehen. Zuversichtlich mache ich mich auf die Suche nach meinen Bandkollegen. Bereits von Weitem erkenne ich Itaru an seinem Kleidungsstil. Dieses Mal trägt er eine braune Hose mit Leopardenmuster, ein schwarzes Shirt, welches scheinbar nur von Sicherheitsnadeln zusammengehalten wird, sowie eine schwarze Lederjacke. Glücklicherweise verzichtete er für den Auftritt auf seinen bunten Animestil, da er sich sonst optisch zu sehr vom Rest der Band, die dunkle Kleidung bevorzugt, abgehoben hätte. Kozue, Naoki und Masao stehen bei ihm. Die vier befinden sich in einem regen Gespräch, lachen und trinken Alkohol. Ich steuere auf sie zu.

„Hey.“ Reiji steht vor mir und grinst mich an.

„Was machst du denn hier?“, frage ich überrascht. „Warst du beim Konzert?“

„Ja, ich wollte deinen Auftritt sehen. Seishiro begleitet mich.“

„Unser Chef? Seit wann nennst du ihn beim Vornamen?“

„Nur privat. Es ergab sich, als ich noch bei ihm wohnte und wir... na ja...“ Verlegen schaut er zu Boden.

„So kenne ich dich gar nicht“, ziehe ich ihn auf. „Wenn es um ihn geht, bist du nicht mehr so locker wie sonst. Normalerweise würdest du eine solche Party nutzen, um dein Objekt der Begierde ins Bett zu bekommen.“ Lächelnd zwinkere ich ihm zu.

„Und wenn du mein Objekt der Begierde bist?“ Ich trete dicht an meinen Gegenüber heran, streiche ihm liebevoll über die Wange.

„Dann versuche es.“ Reijis Gesicht nimmt einen Ausdruck an, welchen ich nicht zu deuten vermag.

„Yamato, begleitest du mich nach draußen?“ Ohne auf meine Antwort zu warten, ergreift er mein Handgelenk und zieht mich mit sich durch die Menge. Vor dem Gebäude presst er meinen Körper gegen die Hauswand und betrachtet mich eingehend. „Bist du gerade drauf?“ Ich lache.

„Und wenn schon.“

„Was ist passiert?“

„Nichts“, meine ich unbekümmert.

„Du gehörst nicht zu den Menschen, die Drogen konsumieren, um Spaß zu haben. Konzentriere dich bitte und sag mir den Grund für deinen neuerlichen Rückfall.“

„Mir ist etwas kalt“, flüstere ich. Reiji reagiert, indem er mich in den Arm nimmt. Gleichmütig schmiege ich mich an ihn. „Taichi. Ich werde akzeptieren, dass er die Beziehung zu mir aufgeben möchte“, erkläre ich ruhig, als würde es nicht mich betreffen.

„In diesem Fall muss ich mich nicht mehr zurückhalten, oder?“ Reiji küsst mich, was ich ohne Gegenwehr geschehen lasse. „Offenbar meinst du es wirklich ernst“, stellt er überrascht fest, seine Lippen dicht an meinem Ohr. „Hier in der Nähe gibt es ein Stundenhotel, da könnte ich dich etwas ablenken und verwöhnen.“

„Herr Sakai“, wende ich schwach ein.

„Seishiro kennt mich. Er wird vermuten, dass ich mich für eine Weile mit einem Typen vergnüge.“

„Willst du ihn mit deinem Verhalten provozieren?“ Reiji seufzt.

„Es wäre schön, wenn das funktionieren würde, aber Seishiro ist viel zu schuldbewusst, um sich ernsthaft mit mir einzulassen. Trösten wir uns gegenseitig?“

„Einverstanden“, flüstere ich. Liebevoll legt mein Arbeitskollege seinen Arm um meine Taille und führt mich zu dem Hotel. In der Empfangshalle warte ich mit gesenktem Kopf, interessiert dem Musterverlauf des Teppichs folgend, bis Reiji die Bezahlung abgewickelt hat. Anschließend gehen wir auf das Zimmer. Von meiner Umgebung nehme ich kaum etwas wahr. Nachdem Reiji hinter uns die Tür verschlossen hat, drängt er mich behutsam auf das Bett, küsst mich erneut und gleitet mit seiner Hand unter mein Hemd. „Lass mich erst duschen“, sage ich leise, mit leicht zitternder Stimme. „Ich bin noch ganz verschwitzt vom Auftritt.“

„Das stört mich nicht. Außerdem werden wir ohnehin gleich wieder ins Schwitzen kommen.“ Ich lächle, doch obwohl ich durch das GHB kaum klar denken kann, spüre ich, dass ich mich irgendwie verloren fühle. Vorsichtig, als wäre ich etwas Wertvolles, dass leicht zerbrechen könnte, entkleidet Reiji meinen Körper, dann entledigt er sich seiner eigenen Kleidung. Sanft streicht er über einige Narben auf meinem Brustkorb, meinen Arm hinab, über den Verband. Er sagt nichts und seine Augen drücken lediglich Zuneigung aus. Einem Impuls folgend ziehe ich meine Arbeitskollegen zu mir hinab und verwickle ihn in einen leidenschaftlichen Kuss. Leicht drückt er meine Beine auseinander, woraufhin ich mein linkes Bein anwinkle. Mein Körper bebt leicht vor Erregung und ich schließe meine Augen. Doch als ich seine Finger spüre, die er in mich einführen möchte, gebiete ich Reiji Einhalt, indem ich seine Hand zurückziehe.

„Ich kann nicht mit dir schlafen.“ Ausweichend drehe ich meinen Kopf zur Seite. Ohne es zu wollen oder wirklich zu fühlen, laufen Tränen mein Gesicht hinab. Liebevoll küsst mein Gegenüber diese von meiner Haut.

„Ich weiß. Du könntest Taichi nie aufgeben, das habe selbst ich inzwischen begriffen. Aber du scheinst noch immer unsicher zu sein, sonst hätte ich nicht so weit gehen können. Allerdings solltest du dir bewusst machen, dass andere Männer an diesem Punkt nicht unbedingt aufhören würden. Ich hasse die Vorstellung, du könntest noch einmal von jemandem gegen deinen Willen zum Sex gezwungen werden. Dabei bin ich mir sicher, dass du mit keinem, außer Taichi, wirklich freiwillig schläfst. Du lässt es über dich ergehen, weil du nicht weißt, wie du mit verschiedenen Problemen anders umgehen sollst. Selbsthass, Angst, vielleicht auch Trotz... ich kann nur Vermutungen anstellen. Aber glaube mir, dass es deiner Beziehung zu Taichi definitiv nicht zuträglich ist. Ich kann ihn nicht leiden, aber er bedeutet dir alles und ich will, dass es dir gut geht.“ Reiji streicht sanft über meine Wange. „Versteh mich bitte nicht falsch, ich würde mich nicht einmischen, wenn ich wüsste, dass du Spaß am Sex mit Anderen hättest. Ginge es um einfaches Fremdgehen, wäre dein Handeln lediglich eine Frage der Moral. Deine Motive sind aber selbstzerstörerischer Natur. Zwischen uns wäre es nicht anders, du verletzt dich an mir. In diesem Fall würdest du für die Auslebung deines Selbsthasses zusätzlich Taichi und mir sehr wehtun. Ziemlich egoistisch, findest du nicht?“

„Warum?“ Ich schaue meinen Arbeitskollegen an.

„Das muss ich dir jetzt nicht wirklich erklären. Die Drogen vernebeln deinen Verstand ein wenig, oder?“

„Kann sein. Dennoch habe ich verstanden, was du mir sagen möchtest“, versichere ich Reiji ebenso wie ich es Masao vorhin versicherte. „Aber... die Beziehung zu Taichi... ich denke, ich habe ihn verloren.“

„Klingt, als würdest du mutmaßen. Hat er dir direkt gesagt, dass er sich von dir trennen möchte?“

„Das nicht, aber...“

„Sprich mit ihm und gib nicht schon vorher auf. Und vor allem flüchte dich nicht in die Arme anderer Männer, denn so vergrößerst du nur die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich die Beziehung zu dir aufgibt. Und somit auch dich.“

„Was ist mit dir? Warum kämpfst du nicht um Herr Sakai? Stattdessen gehst du auch mit anderen ins Bett. Zwar behauptest du, Spaß dabei zu haben, aber ist es nicht auch eine Art Flucht? Vor Ablehnung, aus Einsamkeit oder weil du vielleicht doch hoffst, ihn eifersüchtig machen zu können?“ Ein trauriges Lächeln legt sich auf die Lippen meines Gegenübers.

„Yamato, es geht gerade nicht um mich. Letztlich willst du nur von dir ablenken, aber es interessiert dich nicht wirklich.“

„Das stimmt nicht“, protestiere ich. „Immerhin bist du... ein sehr wichtiger... Freund für mich.“

„Ich glaube, es ist das erste Mal, dass du mich als solchen bezeichnest. Erkennst du derartige Gefühle inzwischen?“

„Zumindest ist es ein besonderes Gefühl der Zuneigung und ich brauche dich.“

„Verstehe.“ Reiji zieht mich in eine innige Umarmung. „Ich erzähle dir bei Gelegenheit von Seishiro und mir, wenn du möchtest.“

„Ja. Es wäre wirklich schön, wenn Herr Sakai über seinen Schatten springen könnte. Er liebt dich, Reiji, aber das weißt du selbst, oder?“

„Ich wünsche es mir zumindest. Wir sollten auch langsam zurückgehen. Vermutlich wirst du bereits vermisst.“ Er löst sich von mir und hüllt meinen nackten Körper in die Decke. „Dir ist kalt, nicht wahr? Nimm noch eine heiße Dusche, bevor wir uns auf den Weg machen.“

„Hm... ich habe noch eine Bitte an dich, das heißt, ich benötige deine Hilfe, da ich momentan allein noch nicht stark genug bin.“

„Worum geht es?“, fragt mein Gegenüber vorsichtig.

„Ich möchte endgültig von den Drogen loskommen. In meiner Hosentasche befindet sich ein Fläschchen GHB. Das ist alles, was ich an derartigen Substanzen noch besitze.“ Sofort geht mein Arbeitskollege zu dem besagten Kleidungsstück und holt das GHB hervor. Mit ernstem Blick drückt er es mir in die Hand.

„Diese Aktion ist nur sinnvoll, wenn du es selbst machst.“ Masao wollte mir diese Tatsache auf ähnliche Weise vermitteln. Vorhin war ich nicht in der Lage, diesen Schritt zu tun. Fest entschlossen erhebe ich mich, streife mein Hemd über und gehe ins Bad. Reiji folgt mir. Vor der Toilette bleibe ich stehen und schraube die Flasche auf. Mein Arbeitskollege lehnt sich schweigend gegen das Waschbecken und beobachtet, wie ich die Droge langsam und mit zitternder Hand wegschütte.

„Gut. Ich bin stolz auf dich“, haucht er in mein Ohr, während er mich von hinten mit seinen Armen umfängt.

„Stolz“, wiederhole ich nachdenklich.

„Zu Hause hast du wirklich keine Drogen mehr?“, hakt Reiji nach.

„Nein.“

„Hast du anderweitig leicht Zugang zu Drogen?“ Ich muss an Katsuro denken.

„Leicht nicht gerade.“

„Okay, ich vertraue dir. Solltest du das Verlangen haben, dir irgendwelche Substanzen neu zu beschaffen, kommst du vorher zu mir. Egal ob es Tag oder Nacht ist.“ Ich nicke. „Versprich es.“

„Ich verspreche es.“ Reiji dreht mich zu sich und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Dann mustert er mich.

„Irgendwie ist es schon schade, dass ich nie deinen verschwitzten, vor Leidenschaft bebenden Körper unter mir spüren werde. Auch hätte ich gern dein nach mehr verlangendes Gesicht gesehen, während ich dich liebevoll verwöhne. Schon allein die Vorstellung erregt mich.“

„Wird das jetzt Dirty Talk?“ Mein Gegenüber grinst.

„Lass mir doch wenigstens dieses Vergnügen“, scherzt er mit einem Zwinkern. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen, welches jedoch sofort wieder Ernsthaftigkeit weicht.

„Um ehrlich zu sein, würde ich gern mit dir schlafen. Nicht um mich an dir zu verletzen, sondern weil ich dich sexuell anziehend finde und weil ich dich sehr lieb habe. Letzteres war jedoch bisher immer der Grund, weshalb ich mich nicht auf dich einlassen konnte, weil ich mich bis zu einem gewissen Punkt tatsächlich nur an dir verletzt hätte und genau das nicht wollte. Und jetzt will ich für Taichi nicht mehr mit anderen Männern ins Bett gehen.“

„Ich möchte keine Rechtfertigungen oder Entschuldigungen von dir hören. Es ist gut, so wie es ist. Ich hoffe nur, dass du durchhältst. Auch die Drogen betreffend“, meint mein Arbeitskollege hörbar besorgt. Zärtlich streicht er mir eine Haarsträhne hinter das Ohr.

„Tust du mir noch eine Gefallen?“, frage ich, einem spontanen Einfall folgend. „Schneidest du mir die Haare?“

„Was?“ Irritiert schaut Reiji mich an.

„Naja, es soll mich an dieses Gespräch mit dir erinnern. Meine Vorhaben und Versprechen.“

„Du bist ja wie ein Mädchen“, zieht er mich lachend auf. Vorgeblich schmollend drehe ich meinen Kopf von ihm weg.

„Na und.“

„Willst du das nicht lieber entscheiden, wenn du ganz nüchtern bist?“

„Ich bin klar genug im Kopf. Wenn du es nicht machst, mache ich es selbst.“

„Schon gut.“ Beschwichtigend hebt mein Gegenüber die Hände. „Ich tue es, wer weiß, wie du sonst aussehen würdest.“ Dann beginnt er plötzlich zu lachen. „Wenn ich an der Rezeption nach einer Schere frage, denken die, wir machen hier irgendwelche perversen Sexspiele.“ Nun muss auch ich lachen.

„Du bist süß“, äußert Reiji unvermittelt. „Ich hoffe, ich sehe dieses Lachen in Zukunft häufiger.“

„Idiot. Hol die Schere“, entgegne ich verlegen.

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Abwesend und ziellos laufe ich durch die bunt beleuchteten Straßen. Ohne nachzudenken nahm ich in Odaiba die nächste Bahn und stieg, vermutlich aus Gewohnheit, erst aus, als die Haltestelle Shinjuku durchgesagt wurde. Dabei wäre Roppongi die bessere Wahl gewesen. Zum Springen. Wie damals. Vielleicht hätte ich dieses Mal die Überwindung. Auch ohne den vorherigen Konsum von Drogen. Immerhin verwehrt sich mir nun die Möglichkeit, mit Sex als Gegenleistung derartige Substanzen von Katsuro zu erhalten. Und ausreichend Geld habe ich im Augenblick nicht bei mir. Erhängen oder Erschießen kann ich aus Mangel an Hilfsmitteln derzeit ebenso ausschließen. Mich überfahren zu lassen, ist mir einerseits zu unsicher, zudem möchte ich niemanden in meinen Selbstmord hineinziehen. Seufzend bleibe ich stehen und schaue nach oben. Am Himmel ist kein einziger Stern zu sehen. Nichts Ungewöhnliches, mitten in Tokyo. Rasierklinge, Tabletten... mein Kopf ist schwer. Ich will nicht mehr nachdenken. Einfach nur verschwinden, mich auflösen. Sterben. Einfach so. Tränen laufen über meine Wangen. Ich muss es tun. Ich will es tun. Taichi vergessen, meinen Vater vergessen. Mit meinem Ärmel wische ich die salzige Feuchtigkeit aus meinem Gesicht und setze meinen Weg entschlossen fort. Unsanft stoße ich dabei gegen ein Hindernis.

„Entschuldigung“, murmelt mein Gegenüber, wobei er seine Kopfhörer von seiner Kapuze, die er über den Kopf gezogen hat, schiebt und mich noch immer leicht abwesend anschaut. „Ausgerechnet du“, atmet Shota deutlich genervt aus, als er mich erkennt. Sofort will er weitergehen, doch ich halte ihn am Handgelenk zurück. Weniger aus einem bestimmten Grund als aus einem Gefühl, welches ich allerdings zu benennen nicht in der Lage bin. „Fass mich nicht an“, faucht er abweisend, ohne jedoch zu versuchen sich meinem Griff zu entwinden. „Was willst du?“

„Ich... es tut mir leid“, flüstere ich mit zitternder Stimme.

„Was, dass du meinen Vater erneut im Stich gelassen hast?“

„Shota...“

„Halt den Mund. Du widerst mich an! Es ist alles deine Schuld. Wie viel Schaden willst du noch anrichten? Das Krankenhaus informierte meine Mutter und mich vor einiger Zeit, dass mein Vater auf die geschlossene Station verlegt wurde, da er extrem suizidal ist. Ich war bei ihm, übrigens sein einziger Besuch seit längerem, um ihm zu sagen, dass er es sich nicht so einfach machen darf. Dass er nicht sterben, sondern leiden soll, für das, was er getan hat. Aber er stand völlig neben sich, da er mit Medikamenten ruhiggestellt wird. Vermutlich hat er mich nicht einmal erkannt.“ Shotas Blick ist nicht, wie erwartet, hasserfüllt, sondern verzweifelt. Ob er sich dessen bewusst ist? Ich ziehe ihn mit in die nächste Seitengasse, um keine weitere Aufmerksamkeit von Passanten auf uns zu lenken.

„Du hast recht. Es ist meine Schuld.“ Mehr bringe ich nicht hervor.

„Ist das alles?“, fragt mein Gegenüber ungläubig.

„Willst du eine Rechtfertigung? Oder eine Entschuldigung? Würde es dir dann besser gehen? Würde es etwas ändern beziehungsweise ungeschehen machen?“, will ich in ruhigem Ton wissen. „Tot kann ich aber wenigstens zukünftig keine Probleme mehr verursachen“, füge ich leise, mehr zu mir selbst, an.

„Das wäre einfach, nicht wahr? Dich der Verantwortung zu entziehen und den Scherbenhaufen anderen zu überlassen. Du bist feige. So bist du es nicht einmal wert, gehasst zu werden. Die, denen du Leid zufügst, sind die einzigen, die entscheiden dürfen, ob du am Leben bleiben musst oder sterben darfst. Nicht du. Gleiches gilt für meinen Vater. Wenn ihr beide allerdings nur egoistische, rücksichtslose Wichser seid... verdammt...“ Zwar wendet Shota sein Gesicht von mir ab, doch die Tränen in seinen Augen konnte er nicht mehr verbergen. Obwohl er versucht sich selbst und sein Umfeld zu belügen, liebt er seinen Vater ohne jeden Zweifel und hat Angst um ihn.

„Ich möchte auch nicht, dass Shinya stirbt“, meine ich unbeholfen. Die Situation überfordert mich im Moment, zumal ich nach wie vor die vorangegangenen Körperlichkeiten unangenehm spüre. Ekel kriecht bei dem Gedanken an meinen ehemaligen Sportlehrer meine Kehle empor. Seine Handlungen an mir, der Geruch, sein Sperma... und... Schwer atmend lehne ich mich gegen die Wand in meinem Rücken.

„Was ist los?“, höre ich meinen Gegenüber fragen, die Tränen verstohlen wegwischend.

„Ich... möchte mich irgendwann... wenn es für dich... in Ordnung ist... in Ruhe mit dir unterhalten.“

„Ich wollte nichts sagen, aber du bist schon die ganze Zeit so blass.“ Fahrig ziehe ich meine Ärmel weiter nach unten und halte sie fest, um ein Verrutschen dieser und unbeabsichtigtes Freilegen meiner zerschundenen Handgelenke zu vermeiden.

„Würdest du mir zuhören? Irgendwann?“, ignoriere ich Shotas Anmerkung. Kurz schweigt er, mustert meine erbärmliche Gestalt.

„Du weißt, wo ich wohne. Wenn du Glück hast, bin ich da und habe vielleicht sogar Lust, dir zu öffnen. Aber erwarte nicht zu viel Gastfreundlichkeit. Und solltest du mir zu nahe kommen, trete ich dir in die Eier.“ Ich lächle verzerrt, atme tief durch und versuche Vergangenes beiseite zu schieben.

„In Ordnung.“

„Geht es dir etwas besser?“

„Klingst fast, als wärst du besorgt?“, necke ich meinen Gegenüber.

„Es wäre unterlassene Hilfeleistung, wenn du zusammenbrichst und ich dich liegenlasse“, entgegnet dieser nüchtern. Shota ist wirklich süß. Immer häufiger kann ich Shinyas Gefühle für ihn nachvollziehen, auch wenn ich meinen ehemaligen Freier für die sexuellen Handlungen an seinem Sohn hasse. Die Gedanken an Shinya erwecken Sehnsucht und Angst in meinem Inneren. Warum ist er wieder so sehr abgestürzt? Ob etwas vorgefallen ist? Bei unserem Abschied klang er zuversichtlich... dachte ich. Oder wollte ich das denken, um mich leichter von ihm zu lösen? Ist tatsächlich unsere Trennung für seinen momentanen Zustand verantwortlich?

„Yamato?“ Nachdenklich betrachte ich Shota. „Du bist wirklich merkwürdig.“

„Es ist schon dunkel. Musst du nicht nach Hause? Was machst du so spät eigentlich noch hier? Ausgerechnet in Shinjuku.“ Mein skeptischer Unterton verfinstert Shotas Miene.

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“

„Aufgrund gewisser Assoziationen bin ich etwas besorgt.“

„Kann ich jetzt gehen?“ weicht er in seiner gewohnt gereizten Art aus.

„Ich werde nicht umkippen, falls du darauf hinaus willst. Aber bitte pass auf dich auf.“ Ohne ein weiteres Wort an mich zu verschwenden, lässt Shota mich zurück, verschwindet aus meiner Sicht. Mit gemischten Gefühlen mache auch ich mich nach einer Weile und einer zur Beruhigung gerauchten Zigarette auf den Weg zur Wohnung meines Vaters. Es wird sich zeigen, ob ich meine Entscheidung gegen einen Selbstmord, hauptsächlich aufgrund der Unterhaltung mit Shinyas Sohn, bereuen werde.
 

Als ich die Tür zur Wohnung öffne, kommt mein Vater mir bereits mit besorgter Miene entgegen.

„Yamato, wo warst du? Ich dachte, du wolltest nur ein paar Notenblätter kaufen. Es ist bereits nach Mitternacht.“

„Ich habe Notenblätter gekauft“, antworte ich knapp und versuche an ihm vorbei in mein Zimmer zu gehen, nachdem ich meine Tasche abstellte, Schuhe und Jacke auszog.

„Was ist mit dem Rest der Zeit? Die Geschäfte haben seit Stunden geschlossen.“

„Ich denke, ich bin ich alt genug, um dir keine Rechenschaft über meinen Verbleib mehr ablegen zu müssen, oder? Jetzt lass mich in Ruhe. Ich bin müde und würde gern ins Bett gehen“, lüge ich, denn ohne die vorhin gekauften Schlaftabletten werde ich mit Sicherheit keinen Schlaf finden. Bevor ich mich ihm ganz entziehen kann, hält mein Vater mich am Handgelenk zurück. Der plötzliche Schmerz lässt mich reflexartig zusammenzucken. Alarmiert schiebt mein Vater meinen Ärmel ein Stück nach oben.

„Yamato, was....“

„Ich war bei einem Freier“, beantworte ich tonlos die ungestellte Frage. Verständnislosigkeit spiegelt sich im Gesicht meines Gegenübers wider.

„Ist das dein Ernst? Du lässt dich einen Tag vor Taichis Rückkehr und dem Neubeginn eures Zusammenlebens von einem Anderen vögeln, der dir auch noch deutlich sichtbare Verletzungen zufügt? Warum? Warum setzt du gleich alles wieder aufs Spiel?“

„Ich werde die Beziehung ohnehin beenden“, erkläre ich mit ausweichendem Blick, da ich meinem Vater nicht in die Augen sehen kann.

„Ich verstehe dich nicht“, meint dieser ungläubig.

„Es geht dich auch nichts an.“ Mit diesen Worten entwinde ich mich seinem Griff und gehe in mein Zimmer. Ohne das Licht einzuschalten, lasse ich mich erschöpft auf das Bett fallen, mit einem Arm mein Gesicht bedeckend. „Verdammt“, flüstere ich in die Dunkelheit. Tränen benetzen meine Haut. Als es an der Tür klopft, reagiere ich nicht. Trotzdem öffnet mein Vater kurz darauf die Tür und setzt sich zu mir auf die Matratze. Das Licht des Flurs erhellt einen Teil meines Zimmers.

„Yamato, was ist los?“ Seinem Tonfall entnehme ich lediglich Besorgnis, keinerlei Wut über mein Verhalten.

„Nichts“, antworte ich mit belegter Stimme.

„Sieh mich bitte an und wiederhole deine Worte.“ Sanft legt mein Gegenüber seine Hand auf meinen Arm, um diesen wegzuziehen.

„Fass mich nicht an!“, schreie ich und schlage sie sofort weg. Ich richte mich auf und rutsche auf dem Bett so weit zurück, bis ich die Wand in meinem Rücken spüre. Schützend ziehe ich meine Beine an meinen Körper.

„Du liebst Taichi, oder? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du ihn aufgeben willst, weil du dich erneut prostituiert hast. Es war schließlich nicht das erste Mal. Oder ist dein Vorhaben eine Art Selbstbestrafung?“

„Geh bitte“, flüstere ich mit brüchiger Stimme.

„Glaubst du, Taichi auf diese Weise schützen zu können? Hast du einmal an seine Gefühle gedacht, bevor du zu deinem egoistischen Entschluss kamst?“

„Verdammt, der Freier ist HIV positiv. Ich muss mich von Tai trennen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Und jetzt lass mich endlich allein“, schreie ich meinen Vater fast an. Dessen Mimik zeigt nichts als Entsetzen.

„Benutzte er kein Kondom?“, ignoriert mein Gegenüber meine Aufforderung. Lediglich mit einem leichten Kopfschütteln verneine ich. Unerwartet legt mein Vater seine Hände an meine Schultern und drückt mich unsanft gegen die Wand. „Hast du dein Ziel endlich erreicht? Es war kein Leichtsinn deinerseits, es war kalkuliert, hab ich recht? Sonst hättest du dich nicht über die Jahre von der halben Stadt ungeschützt vögeln lassen.“ Mein Inneres zieht sich schmerzhaft zusammen, als ich die Verzweiflung in den Augen meines Vaters sehe. Tränen laufen über seine Wangen. Kraftlos gibt er mich frei, bleibt ansonsten jedoch unbewegt.

„Ich... wollte das... nicht“, beginne nun auch ich zu weinen. „Aber es stimmt. Ich nahm... es in Kauf. Früher.“ Ein bitteres Lachen entweicht meiner Kehle. „Welch Ironie. Nachdem ich mit der Prostitution aufhörte, stecke ich mich an. Weißt du, ich... wollte nicht mehr nach Hause kommen. Ich wollte nur... sterben.“ Schluchzend senke ich meine Kopf. „Aber das wäre zu einfach, nicht?“ Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen. „Ich soll leiden... Papa...“ Ich schaue ihn an, als hoffte ich auf eine Reaktion, die mir einen Selbstmord gestattet. Nichts.

„Bist du sicher, dass dieser Freier mit HIV infiziert ist? Vielleicht...“

„Er selbst sagte es mir. Nachdem er in mir gekommen ist.“

„Das ist vorsätzliche Körperverletzung. Du musst diesen Perversen anzeigen, Yamato.“ Wütend wischt sich mein Vater die Tränen aus seinem Gesicht und ballt seine Hand zur Faust.

„Ich kenne nicht einmal seinen Namen“, lüge ich erneut. Mein Körper beginnt zu zittern, als sich der Sex mit meinem ehemaligen Sportlehrer in meine Gedanken drängt. Sein Keuchen, sein Schweiß, sein Sperma in mir und sein perfides Grinsen, nachdem er mit mir fertig war. Ich nehme kaum wahr, wie mein Vater nach meinem Arm greift, den Stoff erneut nach oben schiebend.

„Solche Verletzungen entstehen nicht bei normalen Fesselspielen. War es wirklich ein Freier, mit dem du Sex hattest?“ Beschämt ziehe ich meinen Arm zurück und bedecke die blutigen Male.

„Ich weiß nicht, was du andeuten möchtest. Es war ein Freier. Das ist nun einmal die Realität. Verstehst du jetzt, warum ich die Beziehung zu Taichi beenden muss?“

„Bevor du keinen Test gemacht hast, solltest du nichts überstürzen.“ Offenbar hofft mein Vater noch immer auf ein Wunder.

„Geht es dir mit einer Bestätigung, dass dein Sohn HIV positiv ist, besser?“ Schweigend nimmt mein Gegenüber mich in den Arm und drückt meinen Körper fest an sich.

„Versprich mir, dass du in drei Monaten diesen Test machen wirst.“ Die Stimme meines Vaters ist unbeständig. Seine Umarmung erwidernd schmiege ich mich enger an ihn, lasse mich von seinem Duft sanft einhüllen. Allmählich werde ich ruhiger, denn ich fühle mich endlich sicher.

„In Ordnung“, flüstere ich liebevoll. „Darf ich heute Nacht bei dir schlafen?“ Meine Bitte klingt wie die eines Kleinkindes, welches Angst vor Monstern unter seinem Bett hat. Oder in seinen Träumen.

Dabei kann kein Traum so furchteinflößend und grausam sein wie die Realität.

„Ja, natürlich.“ Fürsorglich streicht er durch meine Haare. Ich bin erleichtert über die Antwort, löse mich etwas von ihm und küsse ihn leicht auf die Wange.

„Danke.“ Vielleicht ist es mir doch möglich, ohne die in meiner Tasche befindlichen Schlaftabletten einzuschlafen.

„Ich mache dir erst einmal einen Tee und dann kümmere ich mich um die Wunden an deinen Handgelenken“, schlägt mein Gegenüber vor und erhebt sich. Kurz bevor er mein Zimmer verlässt, hält er inne und dreht sich noch einmal zu mir. „Mit Taichi solltest du nicht erst sprechen, wenn du das Testergebnis weißt. Er hat ein Recht darauf, es zu erfahren, schließlich betrifft es in gewisser Weise auch ihn.“ Eine lähmende Angst überkommt mich, weshalb ich nur schwach nicke. Eigentlich will ich Tai nicht verlieren, dennoch hoffe ich, dass er die Beziehung beendet.
 

Fahrig drücke ich die Zigarette im Aschenbecher aus, nur um gleich darauf eine weitere zu entzünden. Heute Morgen fuhr mich mein Vater samt meiner Sachen nach Hause. Zwar widerstrebte es ihm, mich allein zu lassen, ihm blieb allerdings keine Wahl, da er zur Arbeit musste. Um ihn zu beruhigen, versprach ich, nichts Dummes zu tun. Zwar sagte mein Vater nichts, doch sein Gesichtsausdruck zeigte nichts als Zweifel und Besorgnis. Ich verstehe, warum er mir kein Vertrauen entgegenbringt. Deshalb gab ich ihm in der Nacht die Schlaftabletten, die ich eigentlich verwenden wollte, um der Realität zu entfliehen. Es gelang mir trotzdem wider Erwarten, einzuschlafen, auch wenn ich häufiger aufwachte, verschwitzt, mit schwerer Atmung. Ich erinnere mich nicht, geträumt zu haben, lediglich ein Gefühl der Angst blieb zurück. Jedes Mal war es die Anwesenheit meines Vaters, die mich beruhigte und mir ein Gefühl der Sicherheit vermittelte. Erneut drücke ich den Rest der Zigarette im Aschenbecher aus. Anschließend trinke ich den letzten Schluck des erkalteten Kaffees und erhebe mich, um die Tasse wieder zu füllen. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass Taichi bald hier sein müsste. Ich will ihn sehen, ebenso wie ich vor ihm davonlaufen möchte. Unruhig setze ich mich und kratze nervös über die Verbände an meinen Handgelenken. Ich werde Tai nicht in die Augen sehen können. Erneut blicke ich zur Uhr, deren Zeiger unerbittlich voranschreiten. Ich verschränke meine Arme vor mir auf der Tischplatte und lege meinen Kopf darauf. Müde schließe ich meine Augen. Meeresrauschen dringt an meine Ohren und sanfter Wind umfängt meinen Körper. Mein Blick ist in die Ferne gerichtet. Mit nackten Füßen stehe ich bis zu den Knöcheln in dem schwarz erscheinenden Wasser. Die Kälte spüre ich kaum. Sehnsuchtsvoll laufe ich ein paar Schritte weiter, werde jedoch an meiner Hand zurückgehalten und so aus meiner Trance gerissen. Erschreckt wende ich mich um.

„Gabumon.“ Mein kleiner Freund steht neben mir, das Wasser reicht ihm inzwischen bis zum Hals. „Was tust du?“, frage ich irritiert. „Du hasst Wasser.“

„Ich lasse dich nicht allein. Und wenn das der Weg ist, den du gehen möchtest, dann begleite ich dich natürlich. Schließlich bist du mein Partner.“ Er lächelt, doch sein Gesicht drückt nur Traurigkeit aus. Sogleich versuche ich seine Hand abzuschütteln, doch es gelingt mir nicht.

„Bitte Gabu, du musst umkehren. Sonst ertrinkst du“, meine ich eindringlich.

„Kommst du mit? Du gehörst genauso wenig hierher wie ich.“

„Ist das so?“ Ich lasse meinen Blick schweifen. Die Ruhe und Einsamkeit sind angenehm. Für den Moment.

„Die Anderen warten bestimmt schon auf uns“, redet Gabumon weiter auf mich ein.

„Ja, vielleicht“, stimme ich gedankenversunken zu. „Gabu, wenn ich einen anderen Weg wähle, wird dann alles gut werden? Wäre das die richtige Entscheidung?“

„Die richtige Entscheidung triffst du nur, wenn sie deiner Überzeugung entspricht und du alle daraus resultierenden Konsequenzen, ob positiv oder negativ, in Kauf zu nehmen bereit bist.“

„Ist dir kalt? Du zitterst.“ Ich hebe meinen kleinen Freund hoch und trage ihn zurück an den Strand. „Entschuldige, dass ich dich so lange in dem Wasser ausharren ließ.“

„Das stört mich nicht, wenn du dadurch wieder zu dir gefunden hast.“ Er lächelt. Dieses Mal ist es kein freudloses Lächeln, sondern voller Zuneigung. Behutsam nehme ich ihn in den Arm, auch um ihm etwas von meiner Körperwärme abzugeben. Unbemerkt verändert sich die Umgebung. Erst als ich Tachis Stimme höre, sehe ich die Farben, die an die Stelle der Grautöne getreten sind. Das Meer ist einem Wald gewichen.

„Was macht ihr denn so lange, wir wollen weiter gehen.“ Taichi und Agumon bleiben fragend vor uns stehen. Es ist der elfjährige Taichi. Ich schaue auf meinen Arm. Keine Narben. Unsicher stehe ich auf und gehe auf meinen besten Freund zu. Meine verschwommene Sicht klärt sich etwas, als die Tränen ihren Weg über meine Wangen finden. Schluchzend breche ich vor Taichi zusammen.

„Es tut mir leid“, hauche ich mit brüchiger Stimme.

„Äh Yamato, so schlimm ist es nicht, dass wir auf euch warten mussten“, entgegnet mein bester Freund deutlich verwirrt. Er hockt sich neben mich und legt tröstend einen Arm auf meine Schulter.

„Was hat er denn?“, höre ich Agumon die Frage an Gabumon richten.

„Gehen wir zu den Anderen und geben Bescheid, dass Yamato und Taichi sich uns gleich anschließen werden.“ Gabumon scheint Tais Digimon mit sich und von uns wegzuziehen.

„Yamato, wofür entschuldigst du dich? Was hast du getan?“ Ich reagiere nicht. „Yamato!“ Nun sagt er meinen Namen mit Nachdruck, wobei er mich am Arm packt und leicht schüttelt. Zaghaft hebe ich meinen Kopf und blicke direkt in die braunen Augen meines Freundes.

„Taichi.“ Verschlafen richte ich mich etwas auf. Nur langsam realisiere ich die Situation.

„Du schienst ziemlich müde zu sein. Ich bekam dich kaum wach.“

„Entschuldige, ich...“ Es ist lange her, dass ich von dieser Welt träumte und wie immer bleibt ein merkwürdiges Gefühl nach dem Aufwachen, welches mich so schnell nicht mehr loslässt.

„Wofür entschuldigst du dich? Was hast du getan? Oder bist du noch im Halbschlaf? Du wirkst leicht verwirrt.“

„Nein... also... willkommen zu Hause“, entgegne ich unbeholfen.

„Danke. Was hast du an deinen Handgelenken gemacht?“ Besorgt deutet mein Freund auf meine Arme, woraufhin ich hastig die Ärmel über die Verbände ziehe und seinem Blick ausweiche.

„Tai...“, beginne ich mit leiser, unbeständiger Stimme. Kurz schließe ich die Augen, um mir selbst Entschlossenheit zu suggerieren. „Ich werde die Beziehung beenden“, bringe ich schließlich gefestigt hervor.

„Aha.“ Ruhig und mit ernster Miene setzt sich Taichi mir gegenüber an den Tisch. „Du weißt, dass ich dieses Vorhaben nicht akzeptieren werde. Dennoch möchte ich wissen, welche unsinnigen Gedanken dich einmal mehr dazu verleiten wollen.“

„Vermutlich habe ich mich mit dem HI-Virus angesteckt.“ Indem ich den direkten Weg wähle, hoffe ich, die Angelegenheit abkürzen zu können. Der Schmerz ist ohnehin bereits kaum zu ertragen. Ich schaue meinen Freund an. Dieser schweigt, seine Augen sind starr.

„Bei wem?“, will er schließlich tonlos wissen.

„Einem Freier“, lüge ich auch ihn an.

„Verstehe.“ Tais scheinbare Abgeklärtheit irritiert mich. Ich beobachte ihn genau, als er sich erhebt und auf mich zu kommt. Zärtlich berührt er meine Wange. „Du würdest in meiner Situation genauso reagieren, nicht wahr, mein süßer Yamato?“, flüstert er mit einem Lächeln, welches nichts als Traurigkeit ausdrückt, während seine Finger hinab zu meiner Hose gleiten. Sofort gebiete ich meinem Freund Einhalt, indem ich ihn am Handgelenk festhalte.

„Was soll das werden?“, frage ich das Offensichtliche. Laut beginnt Taichi zu lachen.

„Wonach sieht es denn aus? Ich will mit dir schlafen. Anders als eine Trennung akzeptiere ich die Todesart, die du für uns gewählt hast.“ Betroffen starre ich meinen Freund an, unfähig auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. „Dachtest du, ich lasse dich allein sterben, mein Liebling? Allerdings widerstrebt es mir, dass du jemanden gefunden hast, der dich fickt und dir zugleich den Tod schenkt. Liebst du ihn? Mehr als mich? Machst du noch immer für ihn die Beine breit? Oder hast du ihn fallen gelassen, weil dein Begehren bereits erfüllt ist?“ Meine Hand zur Faust geballt, senke ich meinen Blick und schaue zu Boden.

„Warum sagst du nicht einfach, dass du Angst vor der Situation hast?“ Mich erhebend ziehe ich Taichi an mich und umfange ihn behutsam mit meinen Armen. „Ich wollte es nicht“, flüstere ich kaum hörbar. Mein Freund bleibt unbewegt.

„Doch, sonst hättest du dich nicht ohne Kondom von einem Anderen vögeln lassen. Vielleicht war es nicht dein primäres Ziel, aber eine Ansteckung verhindern wolltest du jedenfalls nicht.“ Die Kälte in Tais Stimme ist unerträglich.

„Es tut mir leid“, hauche ich erstickt und presse seinen Körper enger an mich. Keine Reaktion.

„Du hast recht. Ich habe Angst. Ich kann damit nicht umgehen. Ohne Alkohol.“ Da mein Freund keine Kraft mehr aufbringt, um allein zu stehen und ich zu schwach bin, um uns beide aufrecht zu halten, sinken wir, ohne uns voneinander zu lösen, zu Boden. Während er nahezu leblos zu sein scheint, fühlt es sich für mich so an, als würde ich unser beider Schmerz spüren.

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

„So kommen wir nicht weiter“, meint Kozue plötzlich und lässt ihre Drumsticks sinken. Ich trete vom Mikrofon zurück und gehe zum Tisch, auf welchem ich zuvor meine Zigaretten ablegte, um eine davon zu entzünden. Auch Naoki stellt seine Gitarre beiseite und greift ebenfalls nach seiner Zigarettenschachtel.

„Was meinst du?“, reagiert er anschließend auf die Aussage unserer Schlagzeugerin.

„Masao. Seit der Überlegung, Itaru in die Band zu holen, ist er nicht mehr zu den Proben erschienen. Telefonisch erreicht man ihn ebenfalls nicht. Eine derartige Unzuverlässigkeit bin ich von Yamato gewohnt, aber nicht von Masao.“ Ich quittiere Kozues Bemerkung mit einem gespielt empörten Blick, denn wenn ich ehrlich bin, hat sie nicht ganz Unrecht. „Wenn er keine Lust mehr auf die Band hat, soll er es sagen. Ohne klare Verhältnisse hängen wir in der Luft. Und die Proben können wir uns unter diesen Umständen eigentlich auch sparen.“

„Naja, es ist besser als nichts“, wendet Naoki vergebens ein.

„Findest du sein Verhalten etwa in Ordnung?“, reagiert unsere Schlagzeugerin aufgebracht.

„Nein, natürlich nicht. Aber ich kenne auch nicht die Hintergründe.“

„Die würden nichts an seinem indiskutablen Benehmen ändern.“ Verständnislosigkeit ist eine Eigenschaft, die man bei Kozue in diesem Ausmaß nicht oft erlebt. Naoki erzählte mir vor einiger Zeit, wie viel ihr diese Band bedeutet, weshalb ich ihre heftige Reaktion ein wenig nachvollziehen kann. Ich nehme einen kräftigen Zug von meiner Zigarette. Selbst ich mache mir inzwischen Gedanken bezüglich Masaos Aggressivität beim letzten Mal und dem darauffolgenden Rückzug. Immer wieder frage ich mich, ob es etwas mit dem Disput bezüglich Itarus Aufnahme in die Band zutun hat. Möglicherweise ist er von meiner Ablehnung seines Freundes enttäuscht und sucht vorerst Abstand.

„...to! Hey, Yamato!” In meinen Gedanken unterbrochen, schaue ich zu Kozue, die mir mit vorwurfsvoller Miene begegnet. „Würde uns der Herr auch einmal mit seiner mentalen Anwesenheit beehren?“, greift sie mich genervt an.

„Lass deinen Frust nicht an mir aus“, entgegne ich tonlos, inhaliere erneut den Rauch und drücke den verbliebenen Filter im Aschenbecher aus.

„Die Zukunft der Band interessiert dich wohl nicht?“

„Doch, aber was soll ich deiner Meinung nach tun? Ihn gewaltsam zu den Proben schleifen?“

„Warum wirst du gleich sarkastisch? Yamato, ich verlange nichts weiter als etwas Interesse beziehungsweise Beteiligung deinerseits.“ Sichtlich gereizt entnimmt sie der auf dem Tisch liegenden Schachtel eine Zigarette und entzündet diese, um das beruhigende Nikotin in sich aufzunehmen. „Manchmal geht mir deine Gleichgültigkeit wirklich auf die Nerven. Hast du überhaupt Gefühle oder bist du nur eine leblose Puppe? Ich...“

„Es reicht, Kozue! Du gehst zu weit“, greift Naoki nun ein. Verärgert schaut er seine Freundin an, dann wendet er sich mir zu. Ich senke meinen Blick, starre gedankenverloren zu Boden. Kozues Worte sind Taichis Worte sowie die Worte meines ehemaligen Sportlehrers, nachdem er mich in der Turnhalle der Schule das erste Mal... für meine körperlichen Dienste bezahlte. Die Erinnerungen schnüren mir die Kehle zu. Erneut habe ich den Geschmack seines Spermas auf meiner Zunge, seine lüsterne Stimme an meinem Ohr. Kalter Schweiß bildet sich auf meiner Haut und ich bin kaum in der Lage, das Zittern meines Körpers zu unterbinden.

„Yamato.“ Sachte berührt Naoki meinen Oberarm, doch ich weiche reflexartig, von Angst erfüllt, zurück. „Verzeih, ich wollte dich nicht erschrecken“, versichert er aufgrund meiner Reaktion. „Aber du bist sehr blass.“

„Entschuldige“, bringe ich mit bebender Stimme hervor. „Ich... mir ist etwas schwindelig.“ Unsicher nehme ich auf einem der Stühle Platz und atme tief durch. Für eine Weile herrscht Stille im Raum.

„Geht es wieder?“, fragt Kozue schließlich. „Yamato? Auch ich muss mich entschuldigen. Mein Verhalten dir gegenüber war nicht in Ordnung. Ich habe dich verletzt, was ich nicht beabsichtigte. Meine Worte waren unbedacht. Du wirkst zwar manchmal kaum greifbar für mich, bisweilen unnahbar, aber du bist keinesfalls gefühllos, sonst könnten deine Lieder keine derart starken Emotionen beinhalten.“ Ich lächle, welches sie sofort erwidert.

„Ihr seid wie Geschwister“, meint Naoki plötzlich mit einem Grinsen.

„Zugegeben, er wäre ein süßer kleiner Bruder, aber dass ich ihn nicht knuddeln darf, disqualifiziert ihn.“ Sie deutet eine Umarmung an. Als ich nicht zurückweiche, schaut sie mich überrascht an. „Keine Abwehrreaktion?“

„Vielleicht, weil ich dir mittlerweile vertraue und weiß, dass du mich nicht gedankenlos und ohne meine Zustimmung inniger berühren würdest.“

„Danke. Dein Vertrauen bedeutet mir viel, da es nicht leicht zu erlangen ist.“ Ihr Blick wird plötzlich wieder ernst. „Jemanden gegen seinen Willen anzufassen, ist das Letzte“, meint sie bedeutungsschwer und mit Wut im Unterton. Naokis Miene vermittelt Zustimmung. Es ist eindeutig, dass die beiden von mindestens einem Übergriff wissen. Woher? Von Masao? Dabei kann ich mich nicht erinnern, ihm jemals etwas davon erzählt zu haben. Aber falls doch, würde er mit niemandem darüber sprechen, dessen bin ich mir sicher. Wahrscheinlicher ist, dass sie aus bestimmten Verhaltensmustern die richtigen Schlussfolgerungen ziehen.

„Ich werde Masao nachher einen Besuch abstatten und hoffen, dass er mir öffnet, sollte er zu Hause sein“, versuche ich das Thema umzulenken.

„Dann komme ich mit“, reagiert Kozue sofort. Als Naoki seine Hand auf ihre Schulter legt, wendet sie sich ihm zu. „Was?“

„Da wir nicht wissen, welche Probleme Masao gerade belasten, halte ich es für angebrachter, wenn nur einer von uns geht, damit er sich nicht in die Enge getrieben fühlt. Aufgrund deiner situationsbedingten Emotionalität siehst du sicher selbst ein, dass du momentan die falsche Person dafür bist.“ Unsere Schlagzeugerin atmet tief durch.

„Diesem Argument kann ich leider nicht widersprechen.“ Sie seufzt erneut. „Warum musst du immer so verdammt rational denken? Du warst schon früher nicht aus der Ruhe zu bringen, weshalb es auch keinen Spaß macht, mit dir zu streiten.“

„Ihr verhaltet euch viel mehr wie Geschwister“, lache ich.

„Da wir uns bereits seit frühester Kindheit kennen, sind wir fast wie Geschwister aufgewachsen. Nicht wahr, kleine Schwester?“

„Irgendwie schon. Zumindest versuchst du mich oft zu bevormunden wie ein großer Bruder.“

„Bevormunden klingt so negativ. Ich möchte nur verhindern, dass dich deine Hitzköpfigkeit irgendwann in ernste Schwierigkeiten bringt. Oder Andere.“

„Schon gut. Yamato geht allein. Aber bitte verdeutlich Masao, dass sein Verhalten inakzeptabel ist. Ich verlange keine privaten Details, aber eine kurze Info bezüglich seines Fernbleibens, ob und wann er wiederkommt, ist nicht zu viel verlangt, oder? Wir sind keine Schulband, sondern wollen den Sprung zu Berufsmusikern schaffen, da können wir uns solche Eskapaden eigentlich nicht leisten.“

„Die Predigt überlasse ich dann lieber dir“, entgegne ich zwinkernd auf Kozues Ausführungen.
 

Nachdem ich zum zweiten Mal die Klingel betätige, wird die Tür geöffnet. Überrascht schaut Masao mich an.

„Yamato? Mit dir hatte ich irgendwie nicht gerechnet. Komm rein.“ Seiner einladenden Geste folgend stelle ich im Flur meine Tasche ab und ziehe die Schuhe aus. Die Wohnung ist klein, abgesehen vom Bad gibt es nur ein Zimmer, welches zugleich Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche darstellt. Im Gegensatz zu Reijis Saustall scheint hier alles seinen Platz zu haben, man erkennt Struktur und Ordnung. „Setz dich. Möchtest du Kaffee? Ich habe ihn vorhin aufgebrüht. Er dürfte zwar nicht mehr heiß, aber noch warm sein.“ Ich nehme auf dem Boden an dem kleinen Esstisch Platz.

„Ja, danke.“ Masao füllt zwei Tassen mit der schwarzen Flüssigkeit, stellt beide auf dem Tisch ab und setzt sich zu mir. Amüsiert betrachte ich das Motiv auf einem der Gefäße. Es ist eine fette, weiß-orange-graufarbene Katze aus einem bekannten Anime, dessen Titel ich jedoch nicht kenne.

„Die Tasse bekam ich von Itaru zum Geburtstag“, erläutert Masao, der offenbar meine Reaktion beobachtet hatte. „Wir schauten uns den Anime zusammen an und ich fand ihn ganz gut. Du bist sicher wegen der Band hier“, wechselt er unvermittelt das Thema.

„Ja. Kozue ist ziemlich wütend auf dich, weil du ohne Weiteres den Proben fernbleibst und niemand weiß, ob und wann du zurückkommst. Du reagierst nicht einmal auf Anrufe.“ Ich versuche meine Wort neutral klingen zu lassen, ohne jeglichen Vorwurf.

„Es tut mir leid.“ Traurig senkt er den Blick.

„Bei mir musst du dich nicht entschuldigen, allenfalls bei Kozue.“ Ein versöhnliches Lächeln legt sich auf meine Lippen. „Möchtest du reden?“, füge ich vorsichtig an.

„Mir ist bewusst, dass es für mein Verhalten keine Rechtfertigung gibt. Dennoch brauchte ich Abstand von der Band, um Entscheidungen treffen zu können.“ Masaos gesamte Haltung drückt Schwermut, fast schon Resignation aus. Er seufzt. „Ich kann mich erinnern, dir vor einiger Zeit von den Eltern meiner Freundin erzählt zu haben, dass sie mich nicht akzeptieren. Um doch in die Familie aufgenommen zu werden, muss ich den Willen dazu beweisen, indem ich das Leben lebe, welches sie für mich vorsehen. Das bedeutet vor allem, dass ich meinen Job im Konbini und die Band aufgeben muss, um in der Firma ihres Vaters angelernt zu werden, damit ich später die Buchhaltung übernehmen kann. Ich hoffte, sie anderweitig überzeugen zu können, aber sie wollen weder mit mir sprechen, geschweige denn mir zuhören.“ Fahrig streicht sich Masao über die Schläfe. „Im Gegenteil, sie stellten mir das Ultimatum, bis Ende des Monats meine Angelegenheiten nach ihren Bedingungen geregelt zu haben, ansonsten unterbinden sie den Kontakt zu meiner Freundin. Sie haben sogar bereits Omiaipartner für sie ausgesucht.“

„Wie empfindet deine Freundin die ganze Situation?“, frage ich, bestürzt von Masaos Ausführungen. Offenbar verliebte er sich in ein Mädchen aus einer reichen, altjapanischen Familie, die noch viel Wert auf Traditionen und standesgemäßen Umgang legt.

„Für sie ist es eine starke Belastung zwischen ihren Eltern und mir zu stehen. In letzter Zeit streiten wir uns oft, weil sie sich ihren Eltern nicht widersetzen kann und deshalb von mir Gehorsam erbittet.“ Verzweifelt verbirgt er sein Gesicht in seinen Händen. Ich schaue auf meine Tasse und den inzwischen kalten Kaffee. Das Gefühl der Überforderung lässt mich betreten schweigen. Gern würde ich ihm sagen, dass er sich für ‚So easy’ entscheiden soll, obwohl ich hingegen immer Taichi wählen würde. Sogar wenn ich dafür auf meinen Vater verzichten müsste, den ich ähnlich liebe und begehre. Allerdings besitze selbst ich so viel Feingefühl, meine egoistischen Gedanken für mich zu behalten, da sie im Moment alles andere als angebracht sind. Nachdenklich richte ich meinen Blick wieder auf meinen Gegenüber und stelle verwundert fest, dass er mich mit einem traurigen Lächeln betrachtet. „In deiner unbeholfenen Art, was zwischenmenschliche Beziehungen anbelangt, erinnerst du mich oft an Akito. Manchmal ähnelt sich euer Verhalten so sehr, dass es schmerzt, dich weiter anzusehen und dennoch kann ich den Blick nicht von dir wenden. Es tut mir leid, wenn ich dich dann anstarre, trotz des Wissens, dass es dir unangenehm ist.“ Ich schüttele leicht meinen Kopf.

„Es irritierte mich, aber nun kenne ich den Hintergrund. Siehst du in solchen Momenten Akito in mir?“ Die Frage klingt merkwürdig in meinem Ohr nach und ich würde sie am liebsten zurücknehmen.

„Nein. Nur den Menschen, den er liebte und dem er sich ein wenig öffnen konnte.“

„Und du liebst deine Freundin. Ihr Verlust dürfte noch weitaus schmerzvoller sein. Letztlich hast du deine Wahl doch schon längst getroffen, oder?“ Meine Worte beinhalten die Kehrseite meines Wunsches. Einmal mehr spreche ich Dinge aus, die ich nicht einmal denke. Andererseits ist Masao zu einer wichtigen Person in meinem Leben geworden und ich möchte, dass er für sich die richtige Entscheidung trifft.

„Ich liebe meine Freundin. Aus diesem Grund möchte ich ihr nicht irgendwann völlig verbittert vorwerfen, dass ich ihretwegen mein selbstbestimmtes Leben aufgab, um anderen zu gefallen und deren Leben zu leben. Ich müsste zu einer Person werden, die ich nicht bin. Eine Maske tragen, die irgendwann mein neues Gesicht darstellt. Und selbst dann würde ich den Anforderungen ihrer Eltern nicht gerecht werden. Egal, wie sehr ich mich anstrenge und verbiege, ihre Akzeptanz geschweige denn ihren Respekt erlange ich nie, weil sie es nicht wollen.“ Masaos Stimme zittert und er schaut zur Seite, sein Gesicht von mir abgewandt. Einem Impuls folgend stehe ich auf und lege von hinten meine Arme um die leicht bebenden Schultern. Lange verharren wir schweigend und unbewegt in diesem Zustand.
 

Während Reiji die Tür vom Koki abschließt, versuche ich meine Jacke in meine Tasche zu stopfen, da die Temperaturen in den letzten Tagen stark angestiegen sind, sodass es auch nachts noch relativ warm ist.

„Wirst du von Taichi abgeholt?“, will mein Arbeitskollege plötzlich wissen, als er sich mir zuwendet.

„Nein. Seit er wieder zu Hause ist, fuhr er kein einziges Mal mit dem Auto. Nach dem Grund habe ich ihn bisher nicht gefragt.“

„Um diese Zeit fährt keine Bahn mehr“, wendet Reiji ein.

„Kein Problem, ich nehme ein Taxi. Also bis...“

„Komm mit zu mir, dann fahre ich dich.“

„Danke, nicht nötig“, lehne ich höflich ab und wende mich zum Gehen.

„Ich wollte ohnehin etwas mit dir besprechen. Nutzen wir doch die Gelegenheit.“ Seufzend wende ich mich meinem Arbeitskollegen zu.

„In Ordnung. Worum geht es?“ Langsam laufen wir nebeneinander auf dem Fußweg. Weitere Passanten sind nur in der Ferne auszumachen. Es ist bereits nach drei Uhr, die meisten Menschen sind eher im Auto unterwegs.

„Ich mache mir Sorgen deinetwegen“, beginnt Reiji. „In letzter Zeit bist du oft abwesend und wirkst unkonzentriert.“

„Ist das so? Hör auf mich zu beobachten. Du überinterpretierst mein Verhalten. Ich bin nur ein bisschen müde. Das ist alles.“

„Deine Erklärung wirkt nicht sehr überzeugend“, widerspricht mein Arbeitkollege. „Yamato, ich bin nicht der Einzige, der sich sorgt und denkt, dass mehr als nur Müdigkeit oder Erschöpfung dahinterstecken. Der Boss fragte mich, ob ich wüsste, was mit dir los ist. Sicher wird er demnächst das Gespräch mit dir suchen, denn trotz allem hat er auch einen Laden zu führen und braucht verlässliche Mitarbeiter. Ich sagte dir vor einiger Zeit bereits, dass sowohl er als auch ich dir helfen würden, aber du musst es zulassen, verstehst du?“

„Ich werde aufhören“, verkünde ich unvermittelt. Reiji bleibt stehen.

„Was? Warum?“

„Die Gründe sind privat.“ Etwas grob greift Reiji nach meinem Handgelenk und dreht mich zu sich. Ich halte meinen Kopf gesenkt, da es mir unangenehm ist, ihn anzusehen.

„Hat Taichi es endlich geschafft?“, fragt er aufgebracht.

„Lass mich los!“, befehle ich mit Nachdruck. „Es ist nicht Tais Schuld.“ Statt meiner Aufforderung nachzukommen, verstärkt sich der Griff meines Arbeitskollegen.

„Warum nimmst du ihn immer in Schutz? Begreife endlich, dass du nicht sein Eigentum bist!“

„Misch dich nicht in Angelegenheiten ein, die nicht deine sind und lass mich endlich los, verdammt!“ Meine Stimme zittert. Mit Gewalt entreiße ich mich der Umklammerung. „Ich nehme doch ein Taxi.“ Ohne Reiji eines Blickes zu würdigen, wende ich mich zum Gehen. Dieser versucht erneut, mich aufzuhalten, indem er von hinten seine Arme um mich legt und meinen Körper fest an seinen presst. „Fass mich nicht an!“, zische ich wütend, doch er reagiert nicht.

„Yamato“, flüstert er dicht an meinem Ohr. „Wovor läufst du weg?“

„Bitte... Rei...“ Meine Stimme versagt. Tränen laufen über meine Wangen. „Lass... nicht...“

„Shh...ganz ruhig. Du kannst nicht fallen, ich halte dich fest.“ Verkrampft kralle ich meine Fingernägel in die Haut von Reijis Unterarm. Ob ich ihn wegstoßen oder an mich ziehen möchte, weiß ich selbst nicht.

„Warum bist du immer so... aufdringlich?“, frage ich schwach.

„Weil du mir wichtig bist und ich anders keinen Zugang zu dir finde. Meinst du, es macht mir Spaß, dich in eine solche Verfassung zu bringen? Aber ich habe Angst, du könntest Dummheiten begehen, wenn du durch deine Probleme zu sehr in die Enge getrieben wirst. Lass mich versuchen, dir zu helfen. Bitte Yamato...“

„Warum?“, hauche ich. Unerwartet küsst Reiji meine Wange.

„Das muss ich dir nicht noch einmal erklären.“ Liebevoll streicht er durch meine Haare. „Geht es wieder? Setzen wir uns einen Moment dort vorn auf die Bank, okay?“ Ich nicke, da mein Arbeitskollege eine andere Antwort wahrscheinlich ohnehin nicht akzeptieren würde. Als wir die Bank erreichen, stellen wir unsere Taschen daneben ab und setzen uns. Schweigend hält Reiji mir seine Zigarettenschachtel entgegen.

„Das hier ist kein Raucherpunkt“, bemerke ich, entnehme aber dennoch eine Zigarette und entzünde sie.

„Es ist niemand zu sehen, der sich aufregen könnte. Außerdem müssen wir unsere Kippen ja nicht auf der Straße liegen lassen“, meint Reiji, während er sich ebenfalls eine Zigarette anzündet. Tief inhaliert er den Rauch, beim Ausatmen entweicht dieser seinen Lippen und bildet kurzzeitig einen leichten Nebel in der lauen Nachtluft. „Also, warum willst du aufhören?“

„Wenn der Chef den Grund erfährt, wird er mich ohnehin kündigen. Ich komme ihm lediglich zuvor.“

„Wie kannst du dir da so sicher sein? Ich glaube, du schätzt Seishiro falsch ein. Er...“

„Ich habe mich wahrscheinlich mit dem HI-Virus infiziert“, unterbreche ich meinen Arbeitskollegen und konfrontiere ihn direkt mit der Antwort, nach der er verlangte. Ich schaue ihn nicht an, weshalb mir sein Gesichtsausdruck verborgen bleibt. „Und weißt du, wie Taichi darauf reagierte? Er wollte mit mir schlafen. Ungeschützt.“

„Das ist... hast du dich darauf eingelassen?“, fragt Reiji bestürzt.

„Ja.“ Mein Arbeitskollege nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette, atmet den Rauch hörbar aus.

„Ich habe deinen Freund wohl doch falsch eingeschätzt. So weit zu gehen... das ist... Wahnsinn...“ Sichtlich durcheinander streicht er sich durch sein kurzes, rot gefärbtes Haar. „Weißt du, wann es passiert ist? Ich meine, hattest du wieder aus Selbsthass Sex mit einem fremden Mann?“ Der Rest meiner Zigarette gleitet mir aus dem Fingern und fällt glimmend zu Boden. Unbewegt bleibe ich sitzen.

„Ja, ich hatte Sex“, antworte ich monoton.

„Warum, Yamato? Ich dachte, du wolltest für Taichi...“

„Für Tai... für ihn...“, murmle ich abwesend, den Kopf weiterhin gesenkt.

„Yamato, hey...“ Mit seiner Hand an meinem Kinn dreht Reiji meinen Kopf in seine Richtung. „Was...“ Er hält inne, als er mein tränennasses Gesicht sieht.

„Ich wollte ihn schützen und habe ihn getötet.“

„Wovon sprichst du?“ Beruhigend streicht er über meine Wange, wischt die Tränen von meiner Haut. „Es war nicht einfach nur Sex, hab ich recht? Bitte sag mir, was vorgefallen ist.“

„Der Sportlehrer“, bringe ich lediglich hervor. Reiji überlegt kurz.

„Der Typ, der dich damals in Shinjuku vergewaltigen wollte?“ Ich nicke.

„Er fing mich in Odaiba ab, als ich auf dem Weg zu meinem Vater war. Offenbar hatte er Nachforschungen angestellt, zumindest wusste er von meiner Beziehung zu Taichi.“

„Dieser Wichser verging sich ein weiteres Mal an dir?“ Fassungslosigkeit und Wut bestimmen seinen Tonfall.

„Nein. Ich ging freiwillig m...“ Verärgert legt Reiji einen Finger auf meine Lippen, um mich am Weitersprechen zu hindern.

„Solchen Unsinn möchte ich nicht mehr hören.“ Er streicht erneut Tränen von meiner Wange. „Kannst du dir nicht eingestehen, dass dir etwas Schlimmes angetan wurde? Ist es auf diese Weise leichter für dich zu ertragen?“ Ich schweige. „Yamato, sieh mich an. Du wurdest vergewaltigt und mit dem HI-Virus infiziert. Verspürst du denn gar keinen Hass oder Wut gegenüber diesem Mann?“, fragt mein Arbeitskollege verständislos.

„In Bezug auf Taichi schon.“ Reiji seufzt.

„Was muss man dir antun, damit du um deinetwillen solche Gefühle entwickelst?“ Nachdem ich eine Antwort schuldig bleibe, bemerke ich, dass Reiji aufsteht, halte meinen Blick jedoch am Boden. Ich starre auf seine Schuhe, als er vor mir stehen bleibt, sich zu mir beugt und mich schießlich mit seinen Armen umfängt. „Du solltest dir mehr wert sein“, meint er mit gedämpfter Stimme.

„Bitte lass mich los“, versuche ich meinen Arbeitskollegen nicht sehr überzeugend abzuwehren.

„Nein“, entgegnet dieser bestimmt.

„Reiji...“ Kraftlos, aber unerwidert lasse ich die Nähe geschehen. „Ich will sterben.“ Sofort drückt Reiji meinen Körper stärker an sich.

„Du weißt, dass ich solche Worte von dir nicht hören möchte.“

„Warum? Hätte ich mich getötet, würde Tai jetzt nicht...“ Heftiges Schluchzen bringt mich zum Schweigen. Zwar versucht Reiji mir Halt zu geben, doch ich spüre deutlich seine Hilflosigkeit.

„Du musst diesen Wichser anzeigen, Yamato.“ Ich schüttle den Kopf.

„Genau das ist mir zum Verhängnis geworden“, erkläre ich tonlos.

„Ist dir also egal, wenn er auch andere ansteckt?“

„Ja. Wie alles andere auch.“ Reiji sieht mir direkt in die Augen. Sein Griff an meinen Oberarmen ist schmerzhaft, doch die Emotionen, die er mit seiner Mimik vermittelt, fühlen sich schlimmer an.

„Wann hat dieser... ich meine, hast du dich testen lassen?“

„Nein, noch nicht.“

„Du willst aufgeben, ohne sicher zu wissen, ob du wirklich infiziert bist?“

„Er selbst sagte es mir danach. Warum sollte er lügen?“ Reiji lässt mich los, setzt sich wieder neben mich und entzündet eine Zigarette.

„Als dieser... Mann dich damals in Shinjuku vergewaltigen wollte, zog er ein Kondom aus der Tasche. Er hätte nicht ungeschützt mit dir geschlafen. Entweder war er selbst damals noch nicht infiziert oder er log... aus welchen Gründen auch immer.“ Verwirrt schaue ich meinen Arbeitskollegen an.

„Wirklich? Daran erinnere ich mich gar nicht.“

„Naja...“ Ein bitteres Lächeln legt sich auf Reijis Lippen. „Der Fokus der Aufmerksamkeit bei einem sexuellen Übergriff liegt bei der betroffenen Person sicher anders, als bei einem Außenstehenden. Du warst damals ziemlich apathisch.“ Schweigend entzünde ich ebenfalls eine Zigarette und inhaliere den Rauch tief. Dabei schaue ich nachdenklich in den wolkenverhangenen Nachthimmel.

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Ich entzünde eine Zigarette und schiebe die Schachtel samt Feuerzeug auf der Platte des Küchentischs beiseite. Dann suche ich Blickkontakt zu meinem Freund, der mich ernst ansieht. Dass ich erneut rückfällig wurde, sagte ich ihm diesmal sofort, was ihn jedoch nicht überraschte, da ich bereits zuvor davon sprach, ohne Heroin das Leben nicht länger ertragen zu können. Er nahm es schweigend zur Kenntnis und wandte sich von mir ab. In den letzten vier Tagen reagierte er auf mich sehr distanziert, schien mir aus dem Weg zu gehen, was es mir nicht unbedingt erleichterte, gegen das Verlangen, weiterhin Heroin zu konsumieren, anzukämpfen. Dennoch hatte ich nicht den Eindruck, dass er sich kalt oder abweisend verhält. Er wirkt in seiner passiven Abwehr eher schutzlos und zerbrechlich.

„Worüber willst du sprechen?“, durchbreche ich die Stille und ziehe unsicher an meiner Zigarette. Auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause waren die Bitte um ein ruhiges Gespräch die einzigen Worte, die er an mich richtete.

„Warum fragst du das Offensichtliche?“, entgegnet Taichi seufzend. „Dein Rückfall. War er deiner akuten Suizidalität zu verschulden? Oder war diese nur Mittel zum Zweck, als Rechtfertigung deines Konsums?“

„Ich bin mir nicht sicher“, gebe ich ehrlich zu. „Das Verlangen ist oft sehr stark und es nimmt viel Platz in meinen Gedanken ein. Ich will die Droge in meinen Venen spüren, dieses friedliche Gefühl, das uneingeschränkte Glück. Aber es wird von mal zu mal schwächer, wenn ich die Dosis nicht steigere.“ Ich senke meinen Kopf, um Tai nicht ansehen zu müssen. „Und es ist nicht das Glück, das ich bei dir empfinden kann“, füge ich fast schüchtern an. „Deshalb...“

„Es blieb bei dem einmaligen Konsum, oder?“ Ich nicke.

„Glaubst du mir?“, will ich unsicher wissen.

„Ja, weil ich es selbst sehe. In den letzten Tagen warst du sehr nervös, unruhig und dein Körper zitterte auffällig.“

„Ich fühle mich schuldig. Immerhin gelang es dir, trocken zu bleiben, dich nicht wieder dem Alkohol hinzugeben, während ich einmal mehr versagte.“ Taichi lächelt traurig.

„Mir wäre es lieber, du würdest für dich aufhören wollen, aber es ist ein Anfang.“ Mein Gegenüber nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und stellt die Tasse wieder vor sich auf den Tisch, ohne sie loszulassen. „Ich überlege, ob wir zurück nach Odaiba ziehen sollten.“

„Was?“ Entsetzt schaue ich Tai an.

„Warum reagierst du so schockiert? Ich denke, die Nähe deines Vaters könnte hilfreich sein.“

„Ich... will meinen Vater... nicht weiter belasten“, bringe ich stockend und kaum hörbar hervor. Zwar entspricht mein Einwand der Wahrheit, dennoch galt meine erste Reaktion der Tatsache, dass mein ehemaliger Sportlehrer noch immer dort wohnt. Fahrig nehme ich einen Zug von meiner Zigarette, drücke sie im Aschenbecher aus und starre ins Nichts. Für einen Moment herrscht Stille, aber ich spüre den Blick meines Freundes auf mir ruhen.

„Yamato, bezüglich des Testergebnisses“, wechselt Taichi plötzlich das Thema. „Wir sind beide HIV-negativ getestet worden. Was ist damals wirklich passiert? Mit wem hast du geschlafen? War es tatsächlich freiwillig? Und warum hat er gelogen?“ Ich antworte nicht. „Yamato! Aus welchem Grund nimmst du die Person weiterhin in Schutz?“

„Es ist niemand, den du kennst“, versuche ich meinen Freund zu überzeugen, woraufhin dieser aufsteht und auf mich zukommt. Vor mir bleibt er stehen, packt grob meinen Arm und hebt mit der anderen Hand an meinem Kinn meinen Kopf, damit ich ihn ansehe.

„Du bist schlecht im Lügen, mein Liebling. Sag mir endlich, wer es war.“

„Was bringt es dir...“

„Noch einmal, Yamato! Wer?“, wiederholt er mit Nachdruck. Sein Griff um meinen Oberarm verstärkt sich schmerzhaft.

„Lass mich los“, entgegne ich schwach.

„Sobald du mir geantwortet hast.“ Die Augen meines Gegenübers zeigen Entschlossenheit. Trotzdem schweige ich beharrlich. Unerwartet gibt Tai mich frei und verpasst mir eine kräftige Ohrfeige. „Ich weiß, dass ich mit Gewalt bei dir nichts erreiche, aber du machst mich manchmal so wütend.“

„Es tut mir leid“, flüstere ich beinahe unterwürfig.

„Dafür müsste ich dir gleich noch eine reinhauen.“ Verzweifelt streicht sich mein Freund mit der Handfläche über sein Gesicht. „Verdammt!“ Ratlos nimmt er auf seinem Stuhl Platz und lehnt sich nach hinten, den Kopf in den Nacken gelegt. Er wirkt erschöpft, als würde er resignieren. „Mir ist, im Gegensatz zu dir, nicht egal, was mit dir passiert. Ich bin wirklich erleichtert, dass du nicht infiziert wurdest, dennoch ändert es nichts an meinem Verdacht der Vergewaltigung. Zudem riet dir dein Peiniger zum Selbstmord und... er behauptete... dich... mit dem HI-Virus...“ Tai verstummt in seiner Überlegung und schaut mich verstört an. „Es war Absicht. Er vergewaltigte dich und die Lüge bezüglich der Krankheit sollte dazu beitragen, deinen Selbstmord zu besiegeln. So versuchte er dich zu töten, ohne direkt einen Mord begehen zu müssen.“ Mit vor Entsetzen geweiteten Augen schaue ich Taichi an. Sollte mein Freund mit seinen Schlussfolgerungen richtig liegen, wäre es noch fataler, wenn er die Wahrheit herausfindet. Ich muss dieser Situation entkommen. Sofort stehe ich auf, doch als ich an Tai vorbeigehen möchte, hält dieser mich am Handgelenk zurück.

„Wohin willst du?“, fragt er schroff.

„Zur Toilette“, nenne ich das Erste, das mir einfällt.

„So einfach entziehst du dich mir nicht.“

„Was soll das? Du übertreibst, Taichi.“

„Tu ich das? Okay, dann versuchen wir den Verdacht der Vergewaltigung zu überprüfen.“ Mit widerlich lüsternem Blick erhebt sich mein Gegenüber und drängt mich gebieterisch rückwärts gegen den Kühlschrank. Seine Lippen sind dicht an meinem Ohr und ich spüre seinen heißen Atem. „Ich bin er“, raunt Tai düster, während er mit seinen Händen begierig über meinen Körper gleitet. „Meine Berührungen sind seine Berührungen. Mein Geruch ist sein Geruch. Aber er war nicht zärtlich, oder?“ Brutal bringt er mich zu Boden. Ich ließ meine Augen trotz der aufkommenden Übelkeit geöffnet, damit ich meinen Freund ansehen und mich somit vergewissern kann, dass er mich berührt, aber dieser dreht mich auf den Bauch. Vermutlich aus genau diesem Grund. Meine Arme hält er auf dem Rücken durch sein Gewicht zusammen, während er sich vorbeugt und meinen Kopf an den Haaren derb etwas nach oben, näher zu seinem Gesicht zieht. „Du wehrst dich nicht. Wie damals? Behauptest du deshalb, es war freiwillig? Was sagte er zu dir, während er dich auszog?“ Er lässt meine Arme los, um meinen Unterleib zu entblößen. Noch immer zeige ich keine Reaktion, unfähig zu sprechen oder zu handeln. Lediglich mein Körper zittert unaufhörlich und ein kalter Schweißfilm bedeckt meine Haut. „Hast du Angst, Yamato?“, säuselt die Stimme in mein Ohr. Ich spüre, dass er mich zwischen den Beinen berührt. Mein Blick ist starr auf einen unbestimmten Punkt an der Wand gerichtet. Tränen, die ich kaum wahrnehme, tropfen auf die Fliesen. Wirre Bilder, Gedanken und Empfindungen erzeugen eine betäubende Leere in mir. „... wie eine leblose Puppe, die gefickt werden will.“

„Für... Taichi...“, hauche ich.

„Was?“

„Nicht Taichi... bitte... ich gehorche...“ Meine Stimme ist brüchig und panisch zugleich. „Tai, verzeih mir... ich...“

„Yamato?“ Ich spüre, wie mein Körper gedreht, leicht aufgerichtet, dann umarmt wird und Lippen beruhigend meine Stirn berühren. „Keine Angst, ich werde nicht in dich eindringen. Mit dir zu schlafen, während du assoziierst, von einem anderen Mann vergewaltigt zu werden, bereitet mir wenig Lust. Ich bin nicht einmal erregt.“

„Tai... chi?“, flüstere ich unsicher. Er antwortet, indem er mir sanft durch die Haare streicht. Auf einmal habe ich das Gefühl, von meinen Empfindungen beherrscht zu werden, in ihnen zu ertrinken. Die Leere füllt sich mit nicht greifbarer Qual und raubt mir die Fähigkeit, zu atmen. Schluchzend sacke ich in den Armen meines Freundes zusammen.

„Er machte dich gefügig, indem er drohte, mir etwas anzutun, hab ich recht? Fragmente dieser Art murmelst du immer wieder.“

„Ich... will dich... nicht... verlieren.“ Halt suchend krallen sich meine Finger in den Stoff seines Shirts. „Und wenn ich dich auf diese Weise beschützen kann... soll er mich so oft und brutal ficken, wie er...“ Abrupt stößt Tai mich von sich und steht auf. Mit stark geballten Fäusten schaut er auf mich herab. Sein Körper bebt vor Zorn, als wäre er kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. „Es tut mir leid“, sage ich leise, aber aufrichtig bereuend. Umständlich ziehe ich meine Shorts sowie meine Hose wieder an und erhebe mich schwerfällig. Flüchtig, aber sehr liebvoll küsse ich seine Lippen. „Du wirst nicht erfahren, wer es war. Denn sollte ich dich wegen einer Dummheit diesbezüglich verlieren, war es völlig umsonst, dich mit meinem Körper beschützt zu haben.“

„Yama...“, will Taichi protestieren, doch ich bedeute ihm, zu schweigen, indem ich seine Lippen erneut mit einem Kuss versiegle.

„Lass endlich von der Vergangenheit ab. Sollte die Gegenwart nicht wichtiger sein?“ Mein Freund sieht mich irritiert an.

„Solche Aussagen und Ansichten sind nicht gerade typisch für dich.“ Ich lächle.

„Mag sein. Aber wir sind beide nicht infiziert. In einem Manga wäre das wahrscheinlich ein Zeichen und somit der Anlass für einen Neubeginn.“
 

Es ist dunkel im Zimmer. Lediglich das Flimmern des Fernsehers erhellt den Raum ein wenig. Gedankenverloren streichle ich über den Arm meines Freundes, der hinter mir auf dem Sofa liegt und diesen um meinen Körper gelegt hat.

„Bezüglich deines Vorschlags, zurück nach Odaiba zu ziehen...“, beginne ich zögerlich.

„Hast du darüber nachgedacht?“

„Ja. Ich verstehe deine Beweggründe, aber ich möchte in Yutenji bleiben. So lange wohnen wir noch nicht hier und ich habe mich gerade eingewöhnt.“

„Liegt es an deinem Vater? Ist das Verlangen, mit ihm zu schlafen, in seiner Nähe zu stark?“

„Nein... also... ich... ich weiß es nicht“, gestehe ich, obwohl ich meine Gefühle für ihn derzeit unter Kontrolle halten kann. Die Angst, meinem ehemaligen Sportlehrer erneut zu begegnen, verschweige ich jedoch lieber. Taichi zieht mich fester an sich. Seine Lippen berühren mein Ohr.

„In Ordnung. Aber ich stelle die Regeln auf.“ Unbehagen kommt in mir auf, dennoch sage ich nichts, sondern nicke kaum merklich. „Bei einem neuerlichen Rückfall wirst du in der Klinik einen stationären Entzug machen. Um fair zu bleiben, gilt gleiches für mich im Bezug auf Alkohol.“

„Einverstanden“, stimme ich der Bedingung meines Freundes ohne Einwände zu.

„Deine Essstörung, die mir ziemliche Sorgen bereitet, würde ich zwar lieber ebenfalls ärztlich behandeln lassen, aber da du dir diese nach wie vor nicht eingestehst, ergäbe eine Einweisung wahrscheinlich wenig Sinn.“ Ich seufze. Warum muss Tai immer wieder auf dieses Thema zu sprechen kommen?

„Was verlangst du?“, frage ich mit mürrischem Unterton.

„Ich weiß, dass ich dich nicht zum Essen zwingen kann und mir ist auch bewusst, dass sich dein Körper erst wieder an eine regelmäßige Nahrungsaufnahme gewöhnen muss. Deshalb bitte ich dich, wenigstens eine Malzeit am Tag mit mir zusammen einzunehmen. Kannst du dich damit arrangieren?“

„Ich versuche es“, lenke ich ein. Die Option des induzierten Erbrechens verschweige ich bewusst, da ich keine Lust habe, dieser unangenehme Thematik unnötig viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Zudem greife ich auf diese Maßnahme sowieso nur im Fall absoluter Unerträglichkeit zurück. Voller Zärtlichkeit streicht mein Freund über meine Schulter, den Arm entlang.

„Das Ventil der Selbstverletzung kann ich dir im Moment nicht auch noch nehmen, weshalb ich vorschlage, unser Experiment fortzuführen. Dein Verlangen nach Schmerz, deinen Drang zur Selbstzerstörung werde ich, mithilfe von Rasierklingen oder anderer Gewalt, auch sexuelle, befriedigen.“

„Und wenn das nicht reicht?“, wende ich nüchtern ein.

„Du weißt, wozu ich fähig bin“, raunt Tai, während er mit seinen Fingerspitzen über meine Halsbeuge gleitet. Ich schließe meine Augen, meine Atmung wird schwerfälliger. „Und solltest du in Zukunft weiterhin Sex mit irgendwelchen Typen haben, werde ich ebenfalls mit anderen ins Bett gehen.“

„Was?“ Ich schiebe Taichis Arm beiseite, richte mich etwas auf und starre meinen Freund ungläubig an.

„Warum reagierst du so entsetzt? Dieses Mal warne ich dich wenigstens vor und gebe dir somit die Möglichkeit, mit deinem Verhalten mein Handeln zu beeinflussen.“ An Tais Blick erkenne ich, dass er seine Drohung bei einem Fehlverhalten meinerseits umsetzt.

„Würdest du mit Männern oder mit Frauen schlafen?“, frage ich mit belegter Stimme.

„Spielt das eine Rolle?“

„Nein, eigentlich nicht“, antworte ich zerknirscht.

„Yamato.“ Nun richtet sich auch mein Freund auf. Liebevoll streicht er über meine Schläfe. „Wovor hast du Angst? Vertraust du dir selbst nicht? Oder willst du gar nicht aufhören, deinen Körper anderen Männern anzubieten?“ Tais Hand wandert hinab zu meinem Nacken, sein Griff festigt sich. In seinen Augen erkenne ich ein wenig von seinem Wahnsinn. Oder bilde ich mir das ein? „Ich weiß, dass du dich nicht nur der Drogen wegen prostituierst. Verletze dich an mir, Yamato. Nicht an perversen Fremden.“

„Das kann ich nicht, Tai. Ich sagte es bereits.“ Meine Stimme zittert und ich wende meinen Blick ab.

„Sieh mich an.“ Ich komme der Aufforderung nach. Taichis Lippen ziert ein Lächeln, welches ebenso kalt und emotionslos ist wie nun der Ausdruck seiner Augen. „Warum reiche ich dir nicht? Selbst, wenn ich dich mit Gewalt nehme. Dein Selbsthass scheint immer stärker zu sein, als deine Liebe für mich.“

„Tai... ich..“

„Du sollst nur mir gehören. Dafür bin ich bereit, alles zu tun.“ Er zwingt mir einen fordernden Kuss auf, der in seiner Heftigkeit zunimmt, als ich mich darauf einlasse. Seine Aussage und den dadurch aufkommenden Gedanken an Akito schiebe ich sofort beiseite. Hastig knöpft Taichi mein Hemd auf. Die Berührungen seiner Finger scheinen meine Haut zu verbrennen. Ohne sich von mir zu lösen, drängt er mich auf dem Sofa in eine liegende Position. „Ich liebe dich, Yamato.“

„Tai...“ Traurig und voller Zuneigung betrachte ich meinen Freund. Ich möchte ihm Halt geben, seine Unsicherheit nehmen, welche in seiner Verzweiflung immer wieder deutlich zu spüren ist. Mit von Tränen verschwommener Sicht hebe ich meine Hand und streichle durch sein kurzes Haar. „Es tut mir leid, Taichi.“ Ich ziehe meinen Freund zu mir hinab in eine Umarmung. „Es tut mir so leid.“ Mein Stimme ist nur noch ein Flüstern. „Es tut mir leid.“

„Hör auf, Yamato. Ich will keine Entschuldigungen von dir hören.“ Tai befreit sich von mir und sieht mich durchdringend an. „Ich sagte dir schon einmal, dass mir ein Ändern deines Verhaltens mehr hilft als deine Worte des Bedauerns.“

„Ich weiß“, entgegne ich kleinlaut. Mein Gegenüber betrachtet mich mit einem Lächeln.

„Deine devote Seite ist manchmal wirklich süß und erregt mich.“ Seine Finger gleiten zu meinem Hosenbund und lösen den Knopf.

„Warte“, gebiete ich Taichi Einhalt, indem ich meine Hand sachte auf seine lege und ihn somit hindere, meinen Reißverschluss zu öffnen.

„Warum?“ Ich drehe meinen Kopf zur Seite, die flimmernden Bilder des Fernsehers nehme ich jedoch kaum wahr. „Yamato?“

„Ich möchte Shinya wiedersehen“, gestehe ich meinem Freund ganz direkt. Dessen Hand verkrampft sich spürbar. Mir ist bewusst, dass es kein guter Zeitpunkt ist, dieses Thema anzusprechen, aber den wird es in diesem Fall auch nicht geben. Außerdem möchte ich ehrlich zu Tai sein.

„Wie bitte?“, fragt der schließlich erwartet verständnislos. „Diesen Abschaum werde ich nicht noch einmal in deine Nähe lassen.“ Tai ergreift meine Hand und drückt diese schmerzhaft.

„Shinya hat Dinge getan, für die auch ich ihn hasse. Aber du kennst ihn nicht und weißt somit nicht, dass er eigentlich ein sehr lieber Mensch ist.“ Mein Freund lacht laut auf.

„Er trieb dich in die Drogenabhängigkeit, um dich für seine perversen Spielchen gefügig zu machen. Und ich bin mir sicher, dass er dich vergewaltigte, wenn du ihm nicht gehorchtest.“ Mein Blick ist weiterhin starr auf den Fernseher gerichtet.

„Leider kann ich nicht leugnen, dass er mich mehrfach zum Sex zwang. Aber für mich ist es, im Nachhinein zumindest, in Ordnung. Shinya tat es nur, wenn er völlig zugedröhnt war und selbst keinen Einfluss mehr auf sein Handeln hatte.“

„Yamato, das ist nicht dein Ernst!“ Jetzt schaue ich meinen Freund an.

„Shinyas Verfassung ist meine Schuld.“

„Inwiefern?“

„Er nahm beim Sex oft die Rolle meines Vaters ein und ich...“ Für einen Moment zögere ich aufgrund meiner Unsicherheit, diese Details meinem Freund anzuvertrauen. Zumal er keinerlei Verständnis aufbringen, sondern sich in seiner Meinung eher bestätigt sehen wird. „...die seines Sohnes.“ Tais Mimik zeigt, dass er meine Andeutung versteht. „Er liebt seinen Sohn, weshalb er mich benutzt, um ihn zu schützen.“

„Du hast es erkannt. Er benutzt dich... um seinen Sohn nicht zu ficken?!“

„Ich benutze ihn ebenso im Bezug auf Hiroaki. Relativ zu Beginn unserer Beziehung gestand Shinya, dass er bereits einmal die Beherrschung verloren hatte, als sein Sohn neun Jahre alt war. Damals vergewaltigte er ihn zwar nicht, aber er fasste ihn an. Ich wollte Shota unbedingt vor seinem Vater schützen. Als ich den Jungen kennen lernte, war er elf Jahre alt... das Alter, in dem wir... als ich dich... gegen deinen Willen...“ Kurz halte ich inne und atme tief ein. „Und obwohl ich dem Kleinen helfen wollte, opferte ich ihn und seine Familie für meinen Egoismus. Nachdem ich den Kontakt zu Shinya abbrach, verlor dieser endgültig die Kontrolle und verging sich an seinem damals dreizehnjährigen Sohn.“ Meine Stimme zittert. „Vor einiger Zeit begegnete ich Shota wieder. Die gesamte Situation zerreißt ihn innerlich. Er hasst seinen Vater ebenso sehr, wie er ihn liebt. Mir wünscht er den Tod, weil ich in seinen Augen seine Familie zerstört habe, gleichzeitig meint er jedoch, dass er mich gern als Bruder gehabt hätte. Und Shinya... Shinya zerbricht an seiner Tat. Seit Jahren betäubt er sich mit Drogen, um irgendwie damit klarzukommen. Er ist extrem destruktiv geworden.“

„Dann sollte er sich töten“, meint mein Freund kalt. Ich schaue ihn an. Tränen brennen in meinen Augen.

„Ich glaube nicht, dass Shota den Selbstmord seines Vaters verkraften würde. Seinen Gesichtsausdruck, als er mir erzählte, dass sein Vater, der inzwischen als hochgradig suizidal eingestuft wird, momentan auf der geschlossenen Station untergebracht ist, werde ich nie vergessen. Offenbar gab Shinya auf, nachdem ich ein weiteres Mal aus egoistischen Gründen aus seinem Leben verschwand.“

„Du bist nicht für die Taten dieses Perversen verantwortlich, Yamato.“

„Bitte, Taichi...“ Tränen benetzen meine Haut. „Shinya ist ebenso wenig für mein Fehlverhalten verantwortlich. Soweit er Einfluss darauf hatte, versuchte er sogar, meinen Drogenkonsum unter Kontrolle zu halten. Du darfst ihn nicht hassen, denn er ist... ein wirklich wichtiger Mensch für mich... ein Freund.“ Meine Worte sind unbeständig vom Weinen. „Ich mache mir Sorgen um ihn.“

„Yamato.“ Liebevoll zieht Tai mich in seine Arme. Sofort beginne ich heftig zu schluchzen. Für eine Weile streichelt er, ohne etwas zu sagen, beruhigend durch meine Haare. „Es gefällt mir nicht, dass du so stark für diesen Typen empfindest. Meinetwegen kann er verrecken, wenn er nur aus deinem Leben verschwindet. Leider scheint das derzeit nicht möglich zu sein, ohne dass du an deinen Schuldgefühlen zugrunde gehst.“

„Tai...“ Kraftlos sinke ich in den Armen meines Freundes hinab.

„Hast du ernsthaft geglaubt, du könntest den Sohn schützen, indem du mit dem Vater ins Bett gehst?“ Unerwartet entnehme ich dem Tonfall meines Freundes keinerlei Vorwurf oder Abneigung.

„Ich hatte es gehofft. Es schien zu funktionieren... bis ich ihn im Stich ließ.“ Tai seufzt.

„Also gut. Ich bin mit einem Besuch einverstanden. Aber nur in meiner Begleitung.“ Sanft, aber bestimmt drückt Taichi mich zurück auf das Sofa, küsst behutsam die Tränen von meiner Haut, während er mit seinen Fingern über meinen nackten Brustkorb streicht.

„Danke“, hauche ich.

„Sieh es als Resultat deiner Ehrlichkeit. Jetzt werde ich aber erst einmal dafür sorgen, dass du nur noch an mich denken kannst.“ Meine Arme um seinen Hals gelegt, ziehe ich meinen Freund zu mir und verwickle ihn in einen innigen Kuss. Diese Vertrautheit beruhigt mich, lässt mich entspannen. Dabei konnte ich mich in letzter Zeit eher selten bei ihm fallen lassen. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen. Fühlt sich so Zuversicht an? Wird jetzt endlich alles gut? Mein Körper bebt vor Verlangen und ich gebe mich Taichi bedingungslos hin.

Interessiert schaue ich Kozue über die Schulter, als sie dabei ist, Korrekturen an meinem aktuellen Liedentwurf vorzunehmen. Ihr Musikverständnis erstaunt mich immer wieder aufs Neue.

„An dieser Stelle passt die Melodie nicht gut zum Text.“ Sie deutet auf eine Tonfolge. „Der Gesang wirkt so unnatürlich verkrampft.“

„Diese Passage bereitet mir auch am meisten Schwierigkeiten“, gebe ich zu. Kozue steht auf und geht zu Masaos Keyboard. Leise singt sie den Text während sie verschiedene Kombinationen durchspielt. Ich höre ihr gern zu, denn ich mag ihre Stimme. Aber abgesehen vom Komponieren weigert sie sich zu singen, da sie selbst ihre Stimme nicht mag. Den Klängen lauschend nehme ich auf einem der Stühle Platz und schließe meine Augen. Auch Naoki schweigt und genießt diesen eher seltenen Moment. Nach einer Weile wird es plötzlich still.

„Schlaft ihr?“, fragt unsere Schlagzeugerin gespielt empört. Ich öffne meine Augen. „Was haltet ihr von dieser Tonfolge?“ Sie spielt die kurze Melodie und schaut dann in meine Richtung. „So dürfte die Stelle für dich einfacher zu singen sein, oder?“

„Spiel den Abschnitt bitte noch einmal.“ Gedanklich füge ich den Text hinzu. Tatsächlich harmoniert jetzt beides viel besser miteinander. Kozue ist wirklich erstaunlich. Wie schafft sie es, genau die Stimmung einzufangen, die ich letztlich dem Zuhörer vermitteln möchte?

„Ja, es klingt insgesamt stimmiger. Aber sag mal, Kozue, möchtest du es dir nicht noch einmal überlegen? Bei den Backvocals wärst du für die Band sicher eine Bereicherung.“

„Lass es, Yamato“, ermahnt mich Naoki, bevor Kozue sich zu Wort melden kann. „Wenn sie etwas nicht will, schafft es niemand, sie zu überzeugen. Sie wird allenfalls wütend.“

„Ich dachte, das Thema wäre längst abgehakt“, bemerkt Kozue, während sie sich ein paar Notizen auf dem Notenblatt macht.

„Entschuldige. Ich finde es einfach nur schade. Und meiner Meinung nach ist es verschenktes Potential.“ Ohne weiter auf mich einzugehen, beginnt Kozue den kompletten Song auf dem Keyboard zu spielen. Ich entzünde eine Zigarette und konzentriere mich auf die Tonfolgen. Naoki scheint es mir gleichzutun. Noch bevor unsere Schlagzeugerin den Song beendet hat, öffnet sich die Tür zu unserem Proberaum. Masao steht im Türrahmen. Hinter ihm sehe ich Itaru. Unwillkürlich verfinstert sich meine Miene. Ich schaue zu Kozue, da ich eigentlich eine Standpauke oder zumindest einen bissigen Kommentar von ihr erwartete, doch sie sagt nichts, sondern greift lediglich nach der Zigarettenschachtel auf dem Tisch.

„Ich möchte mich bei euch entschuldigen“, meint Masao, wobei er seinen Blick aufrecht hält und uns ansieht. „So lange ohne eine Erklärung den Proben fernzubleiben, war nicht richtig. Ich...“

„Es ist nicht nötig, dass du uns die Gründe für dein Verhalten nennst“, unterbricht Naoki seinen Bandkollegen. „Wir respektieren deine Privatsphäre. Für uns ist am Ende nur wichtig, ob du weitermachen wirst.“ Seine Worte klingen kühler als offenbar beabsichtigt. Vielleicht lächelt er Masao deshalb an, um ihm ein beruhigendes Gefühl zu geben. Dieser schaut seltsamerweise zu mir, bevor er antwortet.

„Ich würde sehr gern weiterhin Bestandteil dieser Band sein.“ Kozue nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette und atmet geräuschvoll aus.

„Also gut. Dir sei verziehen“, gibt sie gespielt übertrieben von sich und grinst unseren Keyboarder an. „Da dieses Problem jetzt zum Glück beseitigt ist und du Itaru praktischerweise gleich mitgebracht hast...“ Zur Begrüßung hebt sie ihre Hand, dieser erwidert die Geste freudig. „...können wir die Gelegenheit nutzen und besprechen, in welcher Besetzung die Band in Zukunft weitermachen soll.“ Sie bedeutet den beiden Neuankömmlingen, sich zu uns zu setzen, woraufhin diese der Aufforderung ohne weiteres nachkommen. Etwas angespannt drücke ich meine Zigarette im Aschenbecher aus. „Zunächst einmal besteht die Überlegung, dich, Itaru, als festes Mitglied in die Band aufzunehmen. Dazu müssten wir wissen, ob deinerseits überhaupt Interesse besteht.“ Kozue richtet sich direkt an Masaos Freund. Unbeteiligt kipple ich mit meinem Stuhl und betrachte meine Schuhe. Ich weiß ohnehin, wie das Ganze ausgehen wird. Selbst meine Einwände werden nicht verhindern können, dass dieser Otaku in die Band aufgenommen wird. Entweder ich finde mich damit ab oder ich muss die Band verlassen. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Nervös spiele ich an meinen Fingern. Das leichte Zittern jedoch kann ich so weit unterbinden, dass es anderen bei oberflächlicher Betrachtung offenbar nicht aufzufallen scheint. Zwar bin ich nach wie vor clean, aber die Entzugserscheinungen lassen meinen Körper einfach nicht vergessen, wonach ihm so sehr verlangt.

„Yamato, träumst du?“, höre ich Kozue plötzlich fragen. Zunächst abwesend schaue ich sie an, dann bemerke ich, dass sämtliche Blicke auf mich gerichtet sind. Unsere Schlagzeugerin seufzt. „Mittlerweile sollte ich es gewöhnt sein, dass du dich aus wichtigen Gesprächen ausklinkst.“

„Ich schließe mich eurer Meinung an“, entgegne ich gleichgültig.

„Wir wollen aber deine eigene Meinung hören“, meldet sich nun auch Naoki zu Wort.

„Ihr kennt meine Meinung zu diesem Thema. Da ich damit allerdings allein dastehe, ist es am Ende doch egal, was ich sage.“

„Yamato, kann ich dich bitte kurz draußen sprechen?“ Masao schaut mich ernst an. Die Gesichtsausdrücke der Anderen zeigen Verwunderung, einzig Kozue bedenkt uns mit einem verstehenden Lächeln. Ich kann mir vorstellen, woran sie gerade denkt, ignoriere sie aber und folge Masao nach draußen.

„Was für ein Problem hast du eigentlich mit Itaru?“, will er wissen, ohne jedoch anklagend zu klingen. Ich senke meinen Blick. Eine Antwort gebe ich ihm nicht. „Du weißt es selbst nicht, habe ich recht?“ Ich nicke schuldbewusst. Dabei fühle ich mich wie ein kleiner Junge, der etwas angestellt hat. „Du bist auf Entzug, oder?“

„Was?“ Irritiert über den plötzlichen Themenwechsel hebe ich meinen Kopf und betrachte mein Gegenüber.

„Dein Körper zittert leicht, du wirkst nervös und unfokussiert. Deshalb nehme ich an, dass es sich um Entzugserscheinungen handelt.“ Ein bitteres Lächeln legt sich auf meine Lippen. Beobachtet er mich wirklich so genau oder ist er einfach nur unglaublich sensibilisiert.

„Hast du dich ernsthaft von deiner Freundin getrennt?“, versuche ich ungeschickt abzulenken. Masao seufzt.

„Ja. Wir werden auch nicht in Kontakt bleiben, denn damit könnte keiner von uns beiden umgehen. Den Anderen scheinst du nichts erzählt zu haben. Warum?“

„Aus welchem Grund sollte ich das tun? Es ist deine Sache, wem du was erzählst. Ich habe nicht das Recht, deine Privatsphäre auszuplaudern. Allerdings scheinen wir Kozue wieder auf komische Gedanken gebracht zu haben. Hast du ihren Gesichtsausdruck bemerkt, als wir rausgingen?“

„Habe ich.“ Ein Grinsen legt sich auf seine Lippen. „Und eigentlich finde ich es ganz lustig. Zumal ich nicht davon ausgehe, dass Kozue ernsthaft glaubt, dass zwischen uns etwas läuft“, meint Masao gelassen. „Um zum eigentlichen Thema zurückzukommen.“ Seine Mimik wird ernster. „Denkst du, du bekommst einen normalen Umgang mit Itaru hin? Auf Dauer? Versteh mich bitte nicht falsch. Ich möchte lediglich vermeiden, dass schlechte Stimmung in der Band aufkommt.“

„Dabei hast du selbst zuletzt dafür gesorgt“, werfe ich ihm unbedacht an den Kopf.

„Ich weiß. Ich habe einiges wiedergutzumachen.“

„Manchmal finde ich dich übertrieben pflichtbewusst. Niemand trägt dir etwas nach.“ Die Mimik meines Gegenübers ist liebevoll und schwermütig zugleich.

„Akito sagte mir einmal etwas Ähnliches. Du erinnerst mich so oft an ihn.“ Die Augen Masaos schimmern leicht. Sind das Tränen?

„Darf ich dich etwas fragen?“, bringe ich vorsichtig an. Er nickt leicht. „Du sprichst ungewöhnlich viel von Akito. Empfindest du mehr als Freundschaft für ihn?“ Masaos Gesicht zeigt Erstaunen. Während ich auf eine Antwort warte, mustere ich ihn genau. Mein Gegenüber weicht meinem Blick nicht aus.

„Körperlich bestand kein Interesse, falls du das meinst. Aber seine Persönlichkeit faszinierte mich.“ Masao macht eine kurze Pause, sein Blick richtet sich auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne. „Ich würde meine Gefühle für ihn nicht als Liebe bezeichnen, wenngleich sie vielleicht ähnlich stark sind und tatsächlich über freundschaftliche Zuneigung hinausgehen.“ Er schaut wieder zu mir. „Ich weiß nicht, ob du nachvollziehen kannst, was ich versuche zu erklären. Manche Empfindungen und Beziehungen lassen sich einfach nicht gut in Worte fassen.“

„Du sprichst nicht in der Vergangenheitsform.“

„Wenn ein Mensch stirbt, sterben dann automatisch die Gefühle, die der Person entgegengebracht wurden, mit ihm? Hast du damals aufgehört, Akito zu lieben?“ Masaos Frage verursacht ein schmerzhaftes Stechen in meiner Brust. Ich senke den Blick und betrachte meine Hände, die geringfügig zittern. Leichte Entzugserscheinungen. Oder emotionale Aufgewühltheit? „Es tut mir leid“, höre ich unseren Keyboarder leise sagen. Unsicher greift der nach meiner Hand und hält sie, nachdem eine Abwehr meinerseits ausbleibt, fest in seiner. Als ich meinen Blick nach einer Weile des reglosen Verharrens wieder hebe, bemerke ich Spuren von Tränen auf Masaos Wangen. Seine Augen schimmern noch immer glasig. Die Wunde, die Akito hinterließ, wird vermutlich nie verheilen, allenfalls irgendwann völlig vernarben. Und die Schwierigkeiten mit der Familie seiner Freundin, welche schließlich zur eher unfreiwilligen Trennung führten? Masao versucht, meist gefasst zu wirken, aber inzwischen weiß ich, dass es selbst ihm nicht gelingt, seine Fassade immer aufrecht zu erhalten. Kurz zögere ich, dann nehme ich ihn unbeholfen behutsam in den Arm. In letzter Zeit wirkt Masao so zerbrechlich und instabil. Besorgnis ergreift Besitz von mir, welche sich in einer diffusen, beklemmenden und stärker werdenden Angst äußert.
 

Nachdem die Stationstür hinter uns wieder verschlossen wurde und wir sämtliche Habseligkeiten abgeben mussten, folgen Taichi und ich dem Pfleger bis zu einer Tür am Ende des Ganges.

„In diesem Zimmer liegt Herr Takano. Er befindet sich in einem dissoziativen Stupor, weshalb er vermutlich nicht auf Sie reagieren wird. Reichen Ihnen zehn Minuten?“ Verärgert schaue ich zu dem Pfleger, dem die Worte so kalt und gleichgültig über die Lippen kamen. Doch bevor ich auf ihn reagieren kann, spüre ich Taichis Hand auf meinem Arm.

„Vielen Dank. Zehn Minuten reichen“, entgegnet er mit einem freundlichen Lächeln, welches meine Wut nun auf ihn richtet.

„Dann warte ich so lange hier draußen“, bekundet der Mann vom Personal. Mein Freund öffnet die Tür und schiebt mich in das Zimmer. Auf dem Bett liegt Shinya, angeschlossen an Geräte, die dauerhaft seine Vitalfunktionen überprüfen. Als ich näherkomme, bemerke ich, dass er durch einen Schlauch in seiner Nase zwangsernährt wird.

„Er erinnert mich an dich damals“, höre ich Taichi, der noch immer hinter mir steht, flüstern. Ich ignoriere die Aussage meines Freundes und setze mich zu meinem einstigen Freier ans Bett.

„Shinya?“, spreche ich ihn an, obwohl ich weiß, dass er nicht reagieren wird. Leicht berühre ich seine Hand, die reglos auf der Bettdecke ruht. Seine Haut ist kalt, als wäre er bereits tot. „Shinya, bitte!“, wispere ich, während Tränen meine Augen füllen. Seine Augen sind leer ins Nichts gerichtet, während sein Körper wie erstarrt auf der Matratze verweilt.

„Offenbar ist seine Liebe zu dir doch nicht so stark, wenn er selbst auf dich nicht reagiert“, meint Taichi beinahe höhnisch. Ich weiß, dass er mich absichtlich verletzen will, auch weil er Shinya hasst. Unerwartet legt er seine Arme um meinen Körper. „Vielleicht kann er sich aus seiner Apathie lösen, wenn ich dich hier in seiner Anwesenheit ficke.“ Mit seiner Hand gleitet er zwischen meine Beine, wo ich ihm letztlich Einhalt gebiete, indem ich ihn zurückweise, aufstehe und mich ihm zuwende.

„Tai, hör auf“, bitte ich ihn schwach, mit vibrierender Stimme.

„Warum? Ich will ihm begreiflich machen, dass du mir allein gehörst.“

„Was soll das? Er...“ Meine Stimme versagt. Ich wende mich von meinem Freund ab und meinem einstigen Freier wieder zu. Sanft streiche ich über dessen ausgezehrtes Gesicht. „Shinya, es tut mir so leid. Ich dachte... ich wollte... nicht... bitte... wenn nicht für mich... dann für Shota. Er leidet, weißt du? Trotz allem liebt er dich sehr, er kann es nur nicht zugeben... er... weiß selbst nicht, wie er... mit der Situation umgehen soll... verständlich, wenn man bedenkt, was du ihm angetan hast. Deshalb musst du dich der Verantwortung stellen... als sein Vergewaltiger... als sein... Vater.“ Sanft küsse ich meinen einstigen Freier auf die Stirn. „Wäre all das nicht passiert, wenn ich dich... nicht ständig... im Stich lassen würde? Bitte verzeih mir.“ Es fällt mir schwer, zu atmen und den Tränen keinen freien Lauf zu lassen. Meine Kehle schmerzt von den unterdrückten Emotionen. „Ich habe dich sehr lieb, Shinya.“ Eine Weile betrachte ich schweigend den leblosen Körper, der nicht die geringste Reaktion auf meine Worte zeigt. „Gehen wir“, meine ich schließlich resigniert. Taichi schaut mich mit ernster Miene an.

„Wieviel bedeutet dir dieser Typ wirklich?“

„Können wir draußen darüber reden?“ Ohne ein weiteres Wort verlassen wir das Zimmer, werden von dem Pfleger zum Ausgang der Station gebracht und erhalten unsere abgegebenen Sachen zurück. Auf dem Flur des Krankenhauses atme ich kurz tief durch, um meine Emotionen wieder in den Griff zu bekommen.

„Was hast du hier zu suchen?“ Erschreckt schaue ich auf. Zwar habe ich ihn bereits an der Stimme erkannt, doch als ich Shinyas Sohn direkt vor mir stehen sehe, überkommen mich unerträgliche Schuldgefühle.

„Shota“, bringe ich erstickt heraus. Gerade jetzt, nachdem ich Shinya in diesem unerträglichen Zustand sehen musste, schaffe ich es nicht, seinem Sohn gegenüberzustehen. „Ich...“

„Warum kannst du nicht einfach sterben, Yamato?“ Shota klingt eher verzweifelt als wütend. „Dann müsste ich mich nicht mehr fragen, warum ausgerechnet du das Verderben für meine Familie warst.“

„Bevor du solche Äußerungen tätigst, solltest du alle Fakten kennen“, mischt sich Taichi plötzlich ein. „Dein Vater hat nicht nur dich, sondern ebenso Yamato vergewaltigt, und das offenbar mehrfach. Wenn du also jemandem den Tod wünschst, dann doch wohl eher ihm, oder?“

„Tai!“, versuche ich meinem Freund Einhalt zu gebieten.

„Du fickst Yamato auch, nehme ich an. Gegen Geld? Bist du einer seiner Freier?“ Shota schaut Taichi herablassend an. „Und ich dachte, er treibt es nur mit Älteren, des Geldes wegen.“

„Dabei hat dein Vater nicht einmal mit Geld bezahlt. Er machte ihn mit Drogen gefügig und nahm sich, wonach ihm verl...“

„Taichi!“, versuche ich resoluter ihn zum Schweigen zu bringen, um Shota weitere Einzelheiten zu ersparen, die zudem nicht komplett den Tatsachen entsprechen. „Bitte sag nichts mehr.“ Ich ergreife seine Hand, um ihn ein wenig zu beruhigen. „Shota... es tut mir leid.“

„Stimmt das, Yamato?“, will dieser sichtlich irritiert wissen.

„Nicht so“, entgegne ich wahrheitsgemäß. „Bitte lass es mich dir irgendwann erklären.“ Ohne darauf zu antworten und mit einer Miene, die ich nicht zu deuten vermag, kehrt Shota uns den Rücken und geht in die Richtung, aus der Taichi und ich gekommen waren.
 

„Wieviel möchtest du eigentlich noch rauchen? Seit wir nach Hause kamen, sitzt du in der Küche, schweigst und tust nichts anderes.“ Ich betrachte die Zigarette in meiner Hand. Taichi, der mich vom Türrahmen aus beobachtet, atmet hörbar aus. Dann kommt er auf mich zu, nimmt mir die Zigarette aus der Hand und drückt sie im Aschenbecher aus. „Gib mir die Schachtel.“ Ohne auf eine Reaktion meinerseits zu warten, greift er über den Tisch. Ich hindere ihn an seinem Vorhaben, indem ich sein Handgelenk mit meinen Fingern fest umschließe.

„Lass es“, weise ich meinen Freund schroff zurecht.

„Yamato, lass meinen Arm los”, befiehlt dieser mit drohendem Unterton.

„Dann lass mich einfach in Ruhe.“

„Nein.“ Er nimmt mir gegenüber am Tisch Platz und sieht mich eindringlich an. „Was ist los?“, will er seufzend wissen.

„Wieso fragst du das Offensichtliche?“, bringe ich Taichi verständnislos entgegen. „Shota hat bereits genug durchmachen müssen. Warum hast du ihm einen solchen Unsinn über seinen Vater erzählt?“

„Unsinn? Hat dieses Arschloch dich etwa nicht von Drogen abhängig gemacht und mehrfach vergewaltigt?“

„Du weißt genau, dass das so nicht der Wahrheit entspricht. Aber es passt dir natürlich gut in den Kram, jemand anderen für meine Fehler verantwortlich zu machen, um nicht zugeben zu müssen, dass dein Freund einfach nur ein dreckiger Stricher ist, der sich für Sex bezahlen lässt. Oder liegt es eher daran, dass Shinya es mir auch so besorgen durfte? Dass er mit mir schlafen durfte, weil ich ihn in mir spüren wollte? Kratzt es an deinem Ego, dass du nicht der einzige bist, für den ich die Beine breit mache und für den ich etwas empfinde?“ Zwar will ich Tai mit meinen Worten verletzen, allerdings schmerzt es mich noch viel mehr, dass sie nicht gänzlich gelogen sind. Doch auch wenn ich nur ihn lieben möchte, muss ich mir eingestehen, dass meine Gefühle für Shinya oder auch für meinen Vater nicht unerheblich sind. Die Miene meines Freundes wird starr. Aus kalten Augen blickt er mich an. Ihn ignorierend entzünde ich erneut eine Zigarette und atme den Rauch tief in meine Lunge ein. Dann lasse ich ihn langsam zwischen meinen Lippen entweichen und wiederhole die Prozedur.

„Was genau empfindest du für diesen Kinderficker?“, fragt mein Freund abfällig. „Liebst du ihn?“

„Taichi... was soll das?“ Ohne zu antworten, erhebt sich mein Freund. Vor mir bleibt er stehen und entwindet meinen Fingern die Zigarette. Unerwartet nimmt er einen tiefen Zug, dann beugt er sich zu mir und zwingt mir einen intensiven Zungenkuss auf, den ich nach kurzem Zögern bereitwillig, beinahe sehnsüchtig erwidere. „Tai...“, hauche ich in den Kuss, dessen Geschmack mir so wohlvertraut ist, woraufhin mein Freund sich von mir löst und mich abwartend ansieht.

„Deine Antwort?“

„Ich liebe ihn nicht. Nicht, wie ich dich liebe.“

„Dann dürfte es dir nichts ausmachen, wenn du ihn nicht wiedersiehst.“ Meine Augen weiten sich, als ich die Bedeutung der Aussage begreife.

„Du verstehst es nicht.“ Das Zittern meiner Stimme ist deutlich hörbar, Tränen lassen meine Sicht verschwimmen. „Shinyas Zustand ist meine Schuld. Und auch, was er seinem Sohn angetan hat...“

„Yamato“, unterbricht mich mein Freund bestimmt. „Gib mir deine Hand.“ Irritiert blicke ich ihn an, leiste aber zögernd Folge. Bevor ich sein Vorhaben realisiere, drückt Taichi die Zigarette, die er noch immer zwischen seinen Fingern hält, in meiner Handinnenfläche aus. Ein brennender Schmerz lässt mich zusammenzucken. Ich schließe meine Augen und nehme das Gefühl dankbar in mich auf. „Ich bin der einzige, der dir wehtun darf, hast du das noch immer nicht verstanden, mein Liebling“, raunt Tai in mein Ohr. „Physisch wie psychisch. Gib deinen Selbsthass endlich auf. Du brauchst nur mich.“ Mein Freund küsst mich erneut. Dieses Mal lasse ich es lediglich geschehen, bleibe ansonsten unbewegt. Tränen laufen nun über meine Wangen. Wenn ich alles aufgebe, habe ich nur noch Taichi. Ich liebe ihn, allerdings begreife ich allmählich, dass dennoch auch andere Menschen wichtig für mich sind und ich sie weder aufgeben kann noch aufgeben will.

„Tai...“ Betroffen senke ich meinen Kopf.

„Hast du es endlich begriffen, Yamato?“ Sinnlich leckt er über die verbrannte Haut, dann lässt er meine Hand los und umfängt mich liebevoll mit seinen Armen.

„Ich liebe dich“, hauche ich fast stimmlos. Der Duft meines Freundes umhüllt mich sanft, ich fühle mich geborgen und genieße seine Nähe. Zumindest für einen kurzen Augenblick. Dann atme ich tief durch und drücke ihn sanft von mir. „Trotzdem werde ich Shinya nicht sich selbst überlassen. Und Shota beschützen. Auch vor dir.“ Wie erwartet nimmt Tai Abstand. Seine Augen fixieren mich mit einem traurigen Ausdruck.

„Du ziehst sie mir vor?“

„Nein!“, entgegne ich verzweifelt. „Bitte... ich möchte mit dir über die Situation sprechen, ohne dass sie in Gewalt oder Gleichgültigkeit endet. Taichi...“, flehe ich meinen Freund an. Dieser betrachtet mich eingehend. Dann nimmt er wieder mir gegenüber auf dem Stuhl Platz.

„Ich höre mir an, was du zu sagen hast. Solltest du mich nicht überzeugen, werde ich die Beziehung zu dir endgültig beenden.“

Reglos auf dem Bett liegend ist mein Blick starr zur Zimmerdecke gerichtet. Taichi bat um Bedenkzeit und verließ die Wohnung, nachdem ich ihm die Situation bezüglich Shinya erneut schilderte. Sachlich, versucht, meine Gefühle so gut wie möglich zu unterdrücken, um Taichi keinen Anlass zu geben, das Gespräch wieder eskalieren zu lassen. Er hörte zu. Ohne meine Ausführungen zu unterbrechen. Ruhig, mit einer Miene, die seine Gedanken zum Gehörten nicht erkennen ließen. Ich erzählte meinem Freund alles. Ausnahmslos. Wie ich Shinya kennenlernte, von seinen Versuchen, meinen Drogenkonsum zu kontrollieren und vom Sex mit meinem einstigen Freier, welcher zunächst überwiegend in der Form von Rollenspielen stattfand, bis er sich unerwartet in mich verliebte. Erst als ich auf Shotas Vergewaltigung zu sprechen kam, bemerkte ich eine Reaktion bei Taichi. Er ballte seine Hand zur Faust, obgleich dieser Sachverhalt keine neue Information für ihn war. Ich sprach ebenfalls von den Übergriffen, die geschahen, als Shinya unter Drogeneinfluss stand, und räumte ein, dass es sich streng genommen tatsächlich um Vergewaltigungen handelte, ich es im Nachhinein jedoch nicht als solche empfinde. Ich versuchte, so gut wie möglich, meinem Freund verständlich zu machen, was ich währenddessen und danach empfand. Ob Tai meine Gefühle letztlich verstand, konnte ich anhand seiner fehlenden Reaktion nicht erkennen. Seufzend drehe ich mich auf die Seite. War es ein Fehler, auf Taichis Verständnis zu hoffen? Immerhin kannte er die Fakten bereits. Ich habe Angst, dass er die erbetene Bedenkzeit als Vorwand für den Konsum von Alkohol nutzt. Dabei kann ich meinen Freund durchaus verstehen. Auch ich kämpfe momentan gegen einen starken destruktiven Drang an. Am liebsten wäre mir Heroin, um der Realität gänzlich entfliehen zu können. Auch, um die Angst zu betäuben, dass Tai nicht zurückkommt, da er ging, ohne seinen Schlüssel mitzunehmen. Diesen ließ er im Flur auf der Kommode liegen. Vielleicht würde es aber auch genügen, wenn ich mir den Arm aufschneide. Allerdings versprach ich meinem Freund, nicht mehr selbst Hand an mich zu legen. Sollte ich jetzt meinem Impuls nachgeben, wären die bisherigen Bemühungen vergebens. Unruhig drehe ich mich auf die andere Seite, nur um mich kurz darauf aufzusetzen. Die Frage, wohin Taichi gegangen ist, löst ein Gefühl der Haltlosigkeit aus, welches kaum zu ertragen ist. Kommt er überhaupt zurück? Tief ausatmend senke ich meinen Kopf. Mein Blick fällt auf meine Handinnenfläche und die darauf befindliche Brandwunde, welche mir Taichi vorhin in der Küche mit der Zigarette zufügte. Erleichtert über eine Möglichkeit, mir Schmerz zuzufügen, kratze ich über die offene Haut, den Schmerz wohlwollend in mich aufnehmend. Es reicht nicht. Verzweifelt drücke ich meine Fingernägel tiefer in das Fleisch. Vergeblich. Ein müdes Lächeln legt sich auf meine Lippen, als ich mir eingestehen muss, wie lächerlich der Versuch einer Substitution ist. Nervös stehe ich auf und begebe mich ins Badezimmer. Am Waschbecken drehe ich das heiße Wasser auf und wasche mir fahrig die Hände. Ein wenig Blut klebt an den Nägeln, welches ich mit derben Bewegungen zu entfernen versuche. Immer brutaler versuche ich den Schmutz abzubekommen. Durch das heiße Wasser ist meine Haut bereits stark gerötet. Schmerz spüre ich dennoch nicht. Stattdessen kriecht Angst immer weiter in mir empor. „Taichi“, flüstere ich mit zitternder, schwacher Stimme. „Bitte... komm zurück.“ Mein Blick fällt auf die Person im Spiegel. Tränen laufen über die Wangen dieser erbärmlichen Gestalt, die mich gequält anschaut. Voller Abscheu wende ich mich ab, schließe den Wasserhahn und trockne grob meine zitternden Hände an einem Handtuch. Dann verlasse ich schnellen Schrittes das Bad, um in die Küche zu gehen. Ich entzünde eine Zigarette und nehme einen tiefen Zug, gierig das Nikotin in mich aufnehmend. Eine beruhigende Wirkung verspüre ich, wie erwartet, nicht. Ich setze mich auf den Stuhl, nur, um gleich darauf wieder aufzustehen. Rastlos laufe ich hin und her. Das plötzliche Ertönen der Türklingel, lässt mich kurz erstarren. Als jedoch dessen mögliche Bedeutung in mein Bewusstsein dringt, drücke ich meine Zigarette flüchtig im Aschenbecher aus und eile in den Flur. „Taichi“, hauche ich erleichtert, nachdem ich die Tür öffnete und in die braunen Augen meines Freundes blicke. Er wirkt erschöpft. Ohne ein Wort an mich zu richten, schiebt er sich an mir vorbei in die Wohnung, zieht Schuhe sowie Jacke aus und geht in die Küche. Ich folge ihm, lasse dabei die Wohnungstür achtlos ins Schloss fallen. Ziemlich entkräftet lässt er sich auf einen der Stühle fallen, legt seinen Kopf in den Nacken und schließt die Augen. Einen Moment lang bleibe ich vor Taichi stehen, schaue hilflos auf ihn herab. Dann gehe ich in die Hocke und bette meinen Kopf auf seinem Schoß. Ein Wirrwarr aus Gedanken, ebenso wie die Angst, etwas Falsches zu tun, etwas Falsches zu sagen und so die Situation wieder zum Eskalieren zu bringen, lähmt mein Handeln. Da ich den Geruch von Alkohol an ihm nicht wahrnehme, ist es momentan wahrscheinlich besser, meinen Freund nicht auf seinen Verbleib anzusprechen und lieber darauf zu warten, bis er von sich aus zu sprechen beginnt. Vielleicht braucht er einfach nur Zeit, genau, wie er sagte, als er nach meinen Ausführungen Shinya betreffend ging. Ich schließe meine Augen. Durch die Nähe meines Freundes werde ich etwas ruhiger, auch wenn das Gefühl der Angst mich weiterhin fest im Griff hat. Zumal Taichi in keiner Weise auf mich reagiert.

„Was du erzähltest“, durchbricht er plötzlich die Stille, „war mir nicht unbekannt. Aber die Sachverhalte in einer solchen Intensität, von einer Person, die selbst involviert ist, dargelegt zu bekommen, ist schwer zu ertragen.“ Mit belegter Stimme kommen die Worte seltsam tonlos über seine Lippen. Ich richte mich ein wenig auf, um meinen Freund ansehen zu können, doch sein Blick ist abwesend auf einen unbestimmten Punkt im Raum gerichtet. „Ich kann ihm nicht vergeben.“

„Tai...“, hauche ich kaum hörbar. „Du musst ihm nicht vergeben. Aber verurteile ihn auch nicht als Alleinschuldigen.“ Verzweifelt kralle ich meine Finger in den Stoff seiner Hose. „Taichi... bitte... er braucht Hilfe!“ Tränen füllen meine Augen. Ich senke meinen Kopf erneut und berühre mit meiner Stirn das Bein meines Freundes. „Nein... er braucht... einen Freund.“ Tai bleibt reglos. „Bedeutet das, ich muss ihn erneut im Stich lassen, wenn ich dich nicht verlieren will? Ist das der Entschluss, zu dem du gekommen bist?“, frage ich ängstlich.

„Nein“, antwortet Taichi nach einer Weile des Schweigens ruhig. „Gegen seinen Einfluss bin ich machtlos. So viel habe ich inzwischen begriffen.“ Unerwartet spüre ich die Hand meines Freundes sanft durch meine Haare streichen. Spielerisch lässt er einige Strähnen durch seine Finger gleiten. Ich schließe meine Augen und versuche mich auf die Zärtlichkeiten einzulassen, in der Hoffnung meine diffuse Angst, die mich schon die ganze Zeit nicht loslässt, etwas lindern zu können. „Um unsere Beziehung zu retten“, erklärt Taichi, widersprüchlich zu seinem liebevollen Verhalten, ungerührt weiter, „muss dieser Mann sterben.“
 

„Yamato“, unterbricht Kozue missmutig die Bandprobe, „so bringt das nichts. Du bist unkonzentriert.“ Ich trete schwer atmend vom Mikrofon zurück und öffne meine Augen. Mir ist selbst aufgefallen, dass meine Stimme unbeständig klingt und ich einige Töne nicht getroffen habe. Ganz zu schweigen von mehreren Neustarts, weil ich den Text vergessen hatte. Die Worte meines Freundes hallen noch immer in meinem Kopf nach und lassen mich nicht mehr los. Meinte er das wirklich ernst? Würde er selbst Hand an ihn legen? Das kann ich mir aufgrund der möglichen Konsequenzen nicht vorstellen. Zumal Shinya derzeit keine Gefahr darstellt. Eigentlich müsste er sicher sein, solange er sein Bewusstsein nicht wiedererlangt, solange er in der Klinik eingesperrt ist und unter Aufsicht steht. Dabei hoffte ich eigentlich auf eine Besserung von Shinyas Zustand. Nun jedoch… „Erde an Yamato!“ Lautstark legt unsere Schlagzeugerin ihre Drumsticks beiseite und schaut mich unzufrieden an. „Wir sind mitten beim Proben. Kannst du mir bitte mal verraten, wo du schon wieder mit deinen Gedanken bist? Nimmst du die Sache mit der Band überhaupt noch ernst?“

„Ja… es…“

„Fang jetzt nicht an, dich zu entschuldigen“, unterbricht mich Kozue schroff. Irritiert schaue ich sie an. Es ist nicht das erste Mal, dass sie mein Verhalten kritisiert, allerdings habe ich das Gefühl, sie bringt mir heute weniger Verständnis entgegen als gewöhnlich. Mein Blick fällt auf Naoki, dann auf Masao. Beide schweigen. Hatte ich gehofft, einer der beiden würde Partei für mich ergreifen? Oder mich verständnisvoll anlächeln? Kozue besänftigen? Ich seufze. Gerade, als ich etwas erwidern möchte, tritt unerwartet Itaru vor mich und blickt mir unverwandt in die Augen. Da wir ungefähr die gleiche Größe haben, ist sein Gesicht dicht vor meinem.

„Liegt es an mir?“, fragt er ganz direkt.

„Was?“ Ich gehe einen Schritt zurück, um die Distanz etwas zu erhöhen, wobei ich mir sicher bin, dass diese penetrante Geste Absicht von Itaru war.

„Du willst mich nicht in der Band haben, wurdest aber überstimmt. Vermittelst du durch deine Halbherzigkeit deinen Unmut darüber? Ziemlich kindisch, findest du nicht?“ Ich lache abfällig.

„Muss ich mir wirklich von jemandem, der wie ein Zwölfjähriger rumläuft, vorhalten lassen, ich sei kindisch?“

„Dein Problem mit mir sind also meine Klamotten? Eine reine Äußerlichkeit? Bist du so oberflächlich?“

„Wir sind kein Kindergarten, sondern wollen mit unserer Musik ernst genommen werden“, entgegne ich mit Nachdruck.

„Niemand außer dir hat in dieser Band ein Problem mit meinem Aussehen. Zumal ich diese Kleidung lediglich privat trage. Nur du machst ein Riesendrama daraus und blockierst wertvolle Zeit, die wir für die Proben sinnvoller nutzen könnten.“ Sehr deutlich bringt Itaru mir seine Kritik entgegen, ohne jedoch abfällig oder abwertend zu sein, denn seltsamerweise fühle ich mich nicht angegriffen. Vielmehr wundere ich mich über seine erwachsene Art, die im krassen Gegensatz zu seinem Äußeren steht. „Was ist? Hast du nichts dazu zu sagen?“ Erneut schaue ich meine anderen Bandmitglieder an, die die Szene bisher aufmerksam beobachteten. Ein seltsames Gefühl ergreift Besitz von mir, als sich mir der Gedanke aufdrängt, dass sich irgendwas verändert hat. Die Atmosphäre ist angespannt und das Verhalten meiner Bandkollegen abgekühlt und distanziert. Seit Itaru als Bassist bei ‚So easy‘ aufgenommen wurde. Zufall? Ich versuche, meine paranoiden Gedanken beiseite zu schieben und mich auf die derzeitige Situation zu konzentrieren. Dabei habe ich aufgrund der Problematik mit Taichi und Shinya gerade eigentlich überhaupt keinen Nerv für zusätzliche Auseinandersetzungen. Hinzu kommt das permanente und immer stärker werdende Verlangen nach Heroin, die anhaltenden Entzugserscheinungen, das leichte Zittern. Fest verhake ich meine Finger ineinander, presse sie stark zusammen, versucht, es zu verbergen. „Bist du wütend?“, höre ich Itaru plötzlich fragen.

„Was?“ Mein Gegenüber mustert mich, was mir äußerst unangenehm ist, dann deutet er auf meine Hände.

„Deine Körperhaltung ist ziemlich verkrampft. Als müsstest du dich zusammenreißen.“ Hörbar atmet er aus. „Du bist wirklich schwer greifbar, was eine Auseinandersetzung mit dir irgendwie ziemlich anstrengend und mühsam macht. Kannst du mir bitte deine Gefühle und Gedanken meine Person betreffend ungefiltert mitteilen? Meinetwegen schrei mich an oder beleidige mich. Damit kann ich wenigstens arbeiten. Aber dieses Schweigen, als stünde man einer leblosen Puppe gegenüber…“ Verunsichert hält Itaru in seiner Aussage inne, als er meine Tränen bemerkt, die ungewollt über meine Wangen laufen. Wieder diese Worte. Wie oft muss ich sie noch über mich ergehen lassen? Verstohlen wische ich mir mit dem Ärmel über das Gesicht, wende es beschämt zur Seite.

„Yamato“, schreitet nun Masao ein, indem er auf mich zukommt und leicht meinen Arm berührt. Ich zucke erschreckt zusammen, schaue ihn ängstlich an. Mit dem Erkennen unseres Keyboarders lässt die Anspannung meines Körpers etwas nach und die Assoziationen, ausgelöst durch Itarus Worte, treten ein wenig in den Hintergrund.

„Tut mir leid“, sage ich mit belegter Stimme. „Diese Band ist mir wirklich wichtig“, beteuere ich aufrichtig. „Da aber meine Persönlichkeit offenbar eine Behinderung darstellt, wäre es wohl besser, nicht länger Mitglied zu sein.“ Meine Äußerung kommt abgehackt und unbeständig über meine Lippen.

„Das ist nicht dein Ernst, Yamato“, richtet sich Kozue fassungslos an mich. „Das ist die Schlussfolgerung, die du aus dieser Unterhaltung ziehst? Was ist los mit dir?“ Tränen schimmern in ihren Augen. So aufgelöst habe ich sie noch nie gesehen. Auch Naoki schaut mich entsetzt an. Die gesamte Situation wirkt auf mich unwirklich und grotesk. Ich verstehe nicht, was hier gerade passiert. Irgendwie verarbeitet mein Gehirn das Geschehen nicht mehr richtig. Das Zittern meines Körpers wird stärker.

„Yamato“, versucht Itaru noch einmal meine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Du meintest vorhin, wir sind kein Kindergarten. Dann benimm dich bitte auch nicht so. Ich habe keine Ahnung, was es mit deinem seltsamen Verhalten auf sich hat, aber wenn du wirklich Profimusiker werden möchtest, solltest du dir zunächst eine stabilere Psyche zulegen, sonst ist das Abrutschen in eine Drogensucht oder andere schädliche Verhaltensmuster bei dir vorprogrammiert.“ Ich schaffe es nicht, dem Blick unseres neuen Bassisten standzuhalten und schaue stattdessen schuldbewusst zu Masao. Obwohl er mit Itaru befreundet ist, scheint er ihm nichts Privates über mich erzählt zu haben. Ich glaube ein leichtes Kopfschütteln bei ihm wahrzunehmen. Will er mir damit bedeuten, dass ich recht mit meiner Vermutung habe und er tatsächlich nichts sagte oder dass ich besser auch selbst über meine Drogenabhängigkeit schweigen sollte? Dabei hatte ich nicht vor, meine Bandkollegen darüber in Kenntnis zu setzen, doch vielleicht befürchtete Masao eine Kurzschlussreaktion meinerseits und wollte lediglich sichergehen.

„Um ehrlich zu sein“, bringt sich nun auch Naoki ein, „hatte ich den Gedanken auch schon. Du hast nie viel von dir preisgegeben, was auch völlig in Ordnung ist, aber dass es in deinem Leben einige schwerwiegende Problematiken gibt und du… emotional nicht sehr gefestigt bist, haben wir im Laufe der Jahre schon mitbekommen. Zudem scheint es in letzter Zeit extremer geworden zu sein. Sollten wir den Sprung ins Showgeschäft schaffen, würdest du dem Druck standhalten? Viele unbekannte Menschen, lange Tourneen fernab von dem vertrauten Umfeld und vor allem die Öffentlichkeit, die keinen Halt vor der Privatsphäre macht…“

„Lass das, Naoki. So klingt es, als würdest du Yamato tatsächlich überreden wollen, aus der Band auszusteigen.“ Kozue bedenkt ihren Kindheitsfreund mit einem bösen Blick.

„Ach, ist das nicht die Intension hinter diesem ganzen Theater?“, frage ich bemüht gleichgültig und kalt, meine Angst ignorierend.

„Nein, natürlich nicht! Yamato, ich liebe deinen Gesang und die Lieder, die du schreibst.“ Die Stimme unserer Schlagzeugerin ist ungewohnt sanft, beinahe liebevoll, aber auch von schmerzlicher Traurigkeit erfüllt. „Aber du warst vor allem in letzer Zeit so unbeständig. Wir machen uns Sorgen um dich. Ich wünschte, du würdest mehr mit uns reden. Wir dachten, dass eine direkte Konfrontation vielleicht das Eis brechen könnte.“ Ein kurzer Moment der Stille entsteht. Es fällt mir schwer, mich auf die Unterhaltung zu konzentrieren, den Ausführungen Kozues zu folgen, sowie deren Sinn zu erfassen. „Allerdings müssen wir dir auch allmählich begreiflich machen, dass du dir manchmal ein wenig zu viele Freiheiten rausnimmst. Zwar haben wir es jahrelang akzeptiert, aber Itaru hat recht, wenn wir Profis werden wollen, müssen wir mehr Disziplin an den Tag legen. Auch du!“ Wieder Schweigen.

„Ja“, ist das Einzige, was ich schließlich hervorbringe. Ich fühle mich unglaublich überfordert.

„Hast du mir überhaupt zugehört? Hast du auch nur ein Wort von dem, was ich gesagt habe, verstanden, Yamato?“ Tränen laufen über ihre Wangen, als sie mir die Fragen verzweifelt entgegenschreit. Es fühlt sich an, als würden sich meine Eingeweide schmerzhaft zusammenziehen. Einem Impuls folgend nehme ich Kozue in den Arm und streiche beruhigend durch ihr langes schwarzes Haar. Die erstaunten Blicke der anderen bezüglich meiner unerwarteten Handlung nehme ich nur am Rand war. Im Moment bin ich nicht in der Lage, zu reflektieren. Aber die Frage meines Vaters bezüglich der Musik kann ich nun endlich ohne einen einzigen Zweifel beantworten.
 

Bedächtigen Schrittes steige ich die Stufen zu unserer Wohnung hinauf. In Gedanken bin ich noch immer bei den Geschehnissen, die sich vorhin zwischen den Mitgliedern von ‚So easy‘ ereigneten. Bisher war die Band für mich immer eine Art Refugium, ein Stück Normalität… zumindest bildete ich mir das ein. Durch Itaru halten die Probleme jetzt auch in diesem Bereich meines Lebens Einzug und nehmen mir einen der wenigen Orte, an denen ich noch einigermaßen atmen konnte. Müde öffne ich die Tür, stelle meine Tasche an der Seite ab, daneben meine Schuhe. Die Augen zusammenkneifend presse ich meinen Handballen an meine Schläfe, um dem stärker werdenden Pulsieren entgegenzuwirken. Eigentlich will ich nur noch schlafen, doch nicht greifbare Rastlosigkeit lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Der Konsum von Schmerz- und Schlafmitteln könnte Abhilfe schaffen, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob diese in der Abmachung mit Taichi, die Drogen betreffend, inbegriffen waren. Wahrscheinlich präzisierte er es damals absichtlich nicht, um es je nach Gemütsverfassung flexibel auslegen zu können. Bisher schaffte ich es, darauf zu verzichten, auch wenn ich meinen Kopf vor Schmerz oft einfach vor eine Wand schlagen möchte. Da ich allerdings davon ausgehe, dass es sich zum Teil um medikamenteninduzierten Schmerz handelt, möchte ich glauben, dass es besser wird, wenn ich nur lange genug durchhalte. Aus dem Wohnzimmer vernehme ich Geräusche des Fernsehers. Ich gehe zur Tür und schaue vorsichtig hinein. Taichi liegt auf dem Sofa, die Augen geschlossen. Durch die Auseinandersetzung, welche letztlich jedoch irgendwie ergebnislos endete und einen bitteren Nachgeschmack bei mir hinterlässt, hat die Bandprobe heute länger gedauert und ich vergaß aufgrund der unerwarteten und mich überfordernden Konfrontation, meinen Freund darüber zu informieren, dass es später wird. Hoffentlich zieht er nicht wieder falsche Schlüsse. Einer Eskalation in Form von Vorwürfen und Beleidigungen würde ich nervlich nicht mehr standhalten können. Auch so macht mir der Entzug von sämtlichen selbstschädigenden Verhaltensweisen schon schwer zu schaffen. Langsam gehe ich auf Tai zu, hocke mich zu ihm hinab und berühre seine Lippen. Flüchtig. Doch es genügte offenbar, um ihn zu wecken. Mit seinen braunen Augen betrachtet er mich verschlafen.

„Hey“, flüstere ich.

„Wo warst du?“, kommt die Frage in erwartet vorwurfsvollem Ton. Ich seufze, stehe auf und bin im Begriff, das Wohnzimmer zu verlassen.

„Bandprobe“, entgegne ich knapp und gehe ohne ein weiteres Wort in die Küche. Dort entzünde ich eine Zigarette, inhaliere den Rauch tief in meine Lungen und atme hörbar aus. Meine Nerven sind angespannt, überreizt. Im Türrahmen erscheint Taichi, lehnt sich dagegen und mustert mich abschätzig.

„Bandprobe also“, wiederholt er in einer Betonung, die mir verdeutlicht, dass er mir nicht glaubt.

„Ja, wir haben eine Orgie gefeiert und jeder hat es mit jedem getrieben, denn eigentlich sind wir keine Musikband sondern ein Swingerclub… verdammt!“ Ich wollte der indirekten Unterstellung mit Sarkasmus begegnen, doch meine Stimme klang eher verzweifelt und starb am Ende fast ab. Entkräftet lasse ich mich auf einen der Stühle sinken, wobei mir die Zigarette unbeabsichtigt aus der Hand und zu Boden fällt. Schweigend betritt mein Freund den Raum, bückt sich nach der noch glimmenden Zigarette und betrachtet sie nachdenklich.

„Soll ich dir Schmerz zufügen?“, fragt er unvermittelt, während er sie im Aschenbecher ausdrückt. Ein Kribbeln breitet sich bei dem Gedanken in meinem Körper aus. Es könnte helfen, mich zu beruhigen, das Chaos in meinem Kopf zu sortieren. Momentan bin ich nicht einmal in der Lage zu erkennen, ob ich zu viel oder nichts empfinde. Wie eine Wunde, die Taubheit und Schmerz zugleich ausstrahlt.

„Bitte…“ Flehend schaue ich meinen Freund an, während ich den Ärmel meines Oberteils nach oben schiebe. „Erlöse mich.“ Entschlossen geht Tai zu einem der Schubfächer. Dann kommt er mit einem Küchenmesser in der Hand zurück.

„Stumpfer als eine Rasierklinge. Weniger Schaden, aber mehr Schmerz. Bist du damit einverstanden?“ Ich nicke kaum merklich, mein Blick haftet sehnsuchtsvoll auf der Klinge. Das Gefühl, an mir selbst zu ersticken, muss rausgeschnitten werden. Gleich kann ich wieder atmen. „Sieh mich an, mein Liebling.“ Kurz legt er das Messer auf den Tisch, um die Knöpfe meines Hemdes zu öffnen. Dann setzt sich Taichi auf meinen Schoß. Verführerisch streicht er über meine Haut, berührt die Narben, die er mir einst zufügte. „Die Rippen zeichnen sich so deutlich ab.“ Traurig haucht Tai einen Kuss auf meinen Brustkorb, dann gleitet er mit seiner Zunge über meine Knochen. Ich ignoriere seine Anmerkung bezüglich meines Körpers, schließe meine Augen und lehne mich gegen die Wand in meinem Rücken. Wie immer nimmt das Ganze einen merkwürdigen Verlauf, dabei muss ich eigentlich dringend mit meinem Freund reden. Über seine Äußerung bezüglich Shinyas Tod, über die Band… über die Zukunft. Ein Lächeln legt sich bei diesem Gedanken auf meine Lippen. Zukunft, ein Wort, dessen Bedeutung ich früher nicht verstand, nicht verstehen wollte. Und jetzt? Verstehe ich es jetzt? Unvermittelt ergreife ich das Messer, welches neben mir auf dem Tisch liegt, und drücke es Taichi an die Kehle. Dieser hält in seinem Tun inne und sieht mich überrascht an. Dann lächelt er. „Du bist heute ziemlich unentschlossen, mein süßer Yamato. Irgendwie aggressiv und doch unglaublich zerbrechlich. Was ist los?“ Das Lächeln weicht einem ernsten Gesichtsausdruck, als er meine Tränen bemerkt. Sanft küsst er sie von meiner Wange, dann entwindet er das Messer meiner Hand.

„Auch du wirkst sehr zögerlich“, gebe ich leise zurück. Ich habe das Gefühl, dass wir beide gerade nicht wissen, wie wir miteinander und mit unseren Gefühlen umgehen sollen, ohne uns in Abhängigkeiten oder dysfunktionales Verhalten zu flüchten. Unbeholfen ziehe ich meinen Freund dicht an mich, umfange ihn mit meinen Armen. Dieser erwidert die Geste, ohne jedoch das Messer loszulassen. Er wirkt so zerrissen und haltlos, als hätte er Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, wenn er nicht die Kontrolle verliert. „Wird es jetzt immer so sein?“ Meine Stimme zittert, ebenso wie mein Körper. Durch die bloße Nähe des anderen versuchen wir uns verzweifelt gegenseitig Halt zu geben. Halt, den niemand von uns momentan in der Lage ist für sich selbst aufzubringen.

„Ich weiß es nicht“, antworte Tai gequält, wobei seine Tränen meine Haut benetzen.

Langsamen Schrittes laufe ich die Straße entlang. Vor einem der Wohnhäuser bleibe ich stehen. Es ist eine Weile her, seit ich das letzte Mal hier war und ein Gefühl der Angst breitet sich beim Emporsteigen der Außentreppe in mir aus. Vielleicht sollte ich wieder gehen, doch meine Zweifel ignorierend betätige ich sogleich mit Erreichen der Wohnungstür der Nishizawas den Klingelknopf. Während ich warte, betrachte ich nervös meine Schuhe. Erleichtert darüber, dass offenbar niemand zu Hause ist, wende ich mich zum Gehen, als letztlich doch die Tür geöffnet wird. Ich drehe mich um und schaue direkt in Shotas Augen. Dessen Miene verfinstert sich sofort bei meinem Anblick.

„Yamato…“ Sein Tonfall klingt geringschätzig und doch irgendwie nachsichtig. „… komm rein.“ Ich rechnete damit, abgewiesen zu werden, weshalb ich zunächst zögere. Ist Shota mir gegenüber weniger feindselig aufgrund der Worte, die Taichi ihm neulich im Krankenhaus unangebrachterweise an den Kopf warf? Mit gemischten Gefühlen gehe ich an Shinyas Sohn vorbei in die Wohnung und ziehe im Eingangsbereich meine Schuhe aus. Hinter mir fällt die Tür ins Schloss. „Meine Mutter ist nicht da. Fass mich an und ich kastriere dich“, bringt Shota mir mit ruhiger, aber drohender Stimme entgegen, wendet sich ab und geht in sein Zimmer. Ich folge ihm schweigend. Eine Weile herrscht Stille. Shota, der auf seinem Stuhl am Schreibtisch Platz genommen hat, schaut mich durchdringend an. „Setz dich“, bedeutet er mir mit einem Kopfnicken zu seinem Bett, da ich, an die hinter mir geschlossene Zimmertür angelehnt, stehenbleibe.

„Widerstrebt es dir nicht, wenn ich auf deinem Bett Platz nehme? Du musst dich nicht zwingen, freundlich zu sein, nur weil du von Taichi erfahr…“

„Der Typ ist kein Freier, sondern dein Freund, hab ich recht?“, unterbricht mich Shota, bemüht neutral zu klingen. Lediglich mit einem Nicken bestätige ich dessen Vermutung. „Hat mein Vater dich wirklich von Drogen abhängig gemacht?“ Seine Augen betrachten mich schmerzlich. „Hat er dich… mehrfach…“ Mit jedem Wort wird seine Stimme leiser, erstickter.

„Es ist nicht Shinyas Schuld. Zumindest nicht so… er gab mir Drogen, das ist richtig. Aber das taten andere zuvor auch. Dein Vater versuchte, meinen Konsum zu überwachen, damit ich nicht komplett abstürze.“

„Klingt, als hätte er selbst Erfahrung mit Drogen. Woher?“ Ich schaue ausweichend zur Seite. Offenbar hat Shota keine Ahnung von der inzwischen schweren Abhängigkeit seines Vaters. Vermutlich wollte seine Mutter ihn damit nicht zusätzlich belasten, denn ich gehe davon aus, dass zumindest sie vom Krankenhaus davon in Kenntnis gesetzt wurde. Auch wenn die beiden inzwischen geschieden sind, verbindet sie doch ein gemeinsames Kind.

„Er… konsumiert selbst“, gebe ich mit Unbehagen ehrlich zur Antwort.

„Hat er dich gefickt, wenn er unter Drogen stand?“ Ich schweige betreten. „Stand er unter Drogen, als er mich gefickt hat?“ Bestürzt schaue ich zu Shota, dessen Gesicht von mir abgewandt auf die Tischplatte gerichtet ist. Über die genauen Umstände, wie es zu dem Übergriff kam, hat Shinya nie etwas erzählt. Allerdings nahm er mich gewaltsam lediglich in zugedröhntem Zustand.

„Ginge es dir besser, wenn du wüsstest, dass er nicht er selbst war, als er… dir das antat?“ Zwar kenne ich den wahren Sachverhalt nicht, bin mir jedoch relativ sicher, dass Shinya nüchtern war, als er Hand an seinen Sohn legte.

„Er… war so liebevoll“, beginnt Shota mit zitternder Stimme. „Als wäre ich etwas Kostbares, unglaublich Zerbrechliches. Immer wieder… beschwor er mir… seine Liebe. Seine Hände und Lippen liebkosten sanft meinen ganzen Körper. Seine Zunge in meinem Mund. Ich… verstand es nicht. Es fühlte sich… seltsam an. Beim zweiten Mal… als er mich anfasste… benutzte er seinen… Finger. Es… tat weh, doch als ich… weinte, ließ er von mir ab.“ Hörbar atmet Shota aus, dann dreht er sich zu mir. „Als er mit seiner kompletten Erregung in mich eindrang, weinte ich nicht, dabei schmerzte es um ein Vielfaches mehr.“ Tränen brennen in meinen Augen. Die Art, wie dieser Junge die Vergewaltigung durch seinen Vater beschreibt, ist unerträglich. Immer wieder frage ich mich, was schwerer wiegt, Shinyas Last oder sein Leid? „Ist es meine Schuld?“, spricht dessen Sohn weiter. „Hätte er aufgehört, wenn ich geweint hätte?“ Er fixiert mich mit festem Blick. „Oder dachte er im Drogenrausch, dass er dich ficken würde?“

„Was?“

„Merkst du es nicht, Yamato? Am Ende läuft es immer auf deine Schuldigkeit hinaus. Du hast meinen Vater verführt. Als du dich ihm entzogst, griff er zu Drogen und verging sich ersatzweise an mir.“ Herausfordernd sieht Shota mich an. Sollte ich es für ihn zur Wahrheit werden lassen, damit er es leichter ertragen kann? „Bedeutet dein Schweigen, dass ich mit meiner Vermutung richtig liege?“ Ein verzerrtes Lächeln legt sich auf seine Lippen, als er aufsteht und auf mich zukommt. Dicht vor mir bleibt er stehen. „Warum sollte mein Vater dir Drogen verabreichen, wenn du doch freiwillig die Beine für ihn breit machst? Was für eine Beziehung habt ihr wirklich?“ Seufzend hebe ich meine Hand, um meinem Gegenüber eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen, werde jedoch unsanft am Arm zurückgehalten. „Nicht anfassen, sagte ich!“, raunt er mit düsterer Stimme, lässt mich aber nicht los.

„Shota… du kennst die Wahrheit doch schon. Deine unbeständigen Äußerungen zeigen jedoch, dass du an dieser Situation zerbrichst.“ Sein Griff verstärkt sich, als sich seine Finger verkrampfen. „Zu Beginn war Shinya tatsächlich ein Freier von mir, der ein Substitut für seinen Sohn suchte. Er verabreichte mir Drogen, damit seine Handlungen an mir leichter für mich zu ertragen waren.“ Ich verzichte absichtlich darauf, genauer auf die vollzogenen Sexpraktiken einzugehen. Ebenso verschweige ich mein Verlangen nach meinem eigenen Vater. „Es geschah alles einvernehmlich. Nie hätte Shinya etwas gegen meinen Willen getan. Nachdem er jedoch die Kontrolle verlor, weil ich zeitweise nicht zur Verfügung stand, und sich an dir verging, begann er vermehrt Drogen zu konsumieren, um mit seinen Schuldgefühlen klarzukommen. Wenn er völlig drauf war, nahm er sich meinen Körper auch ohne meine Zustimmung.“

„Wie kannst du nur so abgeklärt darüber reden?“ Wut und Traurigkeit spiegeln sich in Shotas Augen. „Siehst du dich gern als zugedröhnte Sexpuppe?“ Ein gequältes Lächeln legt sich bei dieser Aussage auf meine Lippen.

„Vielleicht“, entgegne ich matt, was Shotas Zorn weiter zu entfachen scheint. Sein Körper bebt.

„Oder wolltest du, dass ich Verständnis und Mitleid für meinen Vater aufbringe?“ Tränen laufen nun über seine Wangen. „Was für ein Monster ist mein Vater eigentlich?“, fragt er mit brüchiger Stimme. „Wieso vergreift er sich an Kindern?“ Kraftlos sinkt er auf die Knie. „Warum hat er das… mit mir gemacht, wenn er mich… doch liebt? Mit seinem Körper hat er seine widersprüchlichen Worte… tief in mich gestoßen. Er bewegte sich… nur kurz in mir… füllte mich aber… gänzlich aus…“ Schmerzhaft zieht sich bei der Aussage von Shinyas Sohn mein Brustkorb zusammen. Ich setze mich zu ihm auf den Boden und umfange ihn schützend mit meinen Armen. Die erwartete Gegenwehr bleibt aus. Heftig weinend presst er sich enger an mich. „Ich… will ihn hassen… es vergessen… aber ich… kann meinen… Vater… nicht hassen. Yamato… wohin soll ich… mit meinen Gefühlen?“ Shotas Atmung wird unregelmäßig und er ringt nach Luft. Ich befürchte, dass er zu hyperventilieren beginnt. Beruhigend streiche ich über seinen Rücken. Worte finde ich in Anbetracht der Situation keine.
 

Mit erdrückender Schwermut drehe ich den Schlüssel im Schloss und öffne die Tür. Nichts als Dunkelheit, aus der Wohnung ist kein einziges Geräusch zu hören. Zögernd betrete ich den Flur und ziehe die Schuhe aus, während sich hinter mir die Tür schließt. Shotas Worte, sein Verhalten und seine Haltlosigkeit gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Auf dem gesamten Weg beherrschte er meine Gedanken, weshalb ich meine Umgebung kaum wahrnahm. Seine zitternde Stimme in meinem Ohr, seine Tränen auf meiner Haut sowie das Beben seines zerbrechlich wirkenden Körpers, welches ich noch immer zu spüren glaube, ließen ihn erschreckend kindlich erscheinen. Innere Unruhe ergreift Besitz von mir, als ich mich allmählich dem Wohnzimmer nähere. Im Türrahmen halte ich inne. Es hat sich nichts verändert. Seit damals. Auf dem Tisch stehen noch immer die zwei Flaschen Whiskey, eine leer, in der anderen nur noch wenige Schlucke. Auch die Blister der Schlaftabletten liegen noch daneben. Mein Blick fällt auf das Sofa. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Shinyas leblosen Körper. Tränen laufen über meine Wangen, als die Ereignisse von damals in den Vordergrund rücken und Erinnerungen an unser zeitweiliges Zusammenleben präsenter werden. Mutlos sinke ich zu Boden. Dieser Zustand ist kaum zu ertragen. Shotas Vergewaltigung, die unverzeihlich ist. Seine dennoch kindliche Zuneigung für seinen Vater und die daraus resultierende Zerrissenheit. Er konnte seinem Hass ein Ventil geben, indem er mir die Schuld an den Geschehnissen zuschreibt, doch Taichi machte mit seiner Äußerung alles zunichte und Shotas Fassade beginnt zu bröckeln, was ihn zusätzlich verunsichert. Ihn in einem solchen Zustand sehen zu müssen, war so schmerzhaft, dass ich in dem Moment nur Verachtung für Shinya empfinden konnte. Als er mir letztlich völlig aufgelöst gestand, wobei sich seine Finger krampfhaft in meinem Hemdärmel festkrallten, dass er unfassbare Angst um seinen Vater hat und nicht möchte, dass dieser stirbt, gewannen die Gefühle der Zuneigung für meinen einstigen Freier wieder die Oberhand und auch ich begann zu weinen. Dabei wollte ich für Shota stark sein, ihm Halt geben. Am Ende habe ich ein weiteres Mal versagt, weil ich selbst völlig überfordert und durch den Entzug momentan zusätzlich sehr labil bin. Schützend ziehe ich meine Knie an meinen Körper. Ich fühle mich so allein in dieser Wohnung. Sehnsucht nach Shinyas Berührungen überkommt mich. Werde ich seine Wärme irgendwann noch einmal spüren? Sollte er sein Bewusstsein wiedererlangen, frage ich mich, wie Taichi reagieren wird. Inzwischen traue ich ihm einiges zu, vor allem in seinen dissoziativen Zuständen, die ihn brutal und kalt werden lassen. Mein Blick fällt auf die Flasche, in dem sich ein kleiner Rest des hochprozentigen Alkohols befindet. Taichi. Auch er wirkt momentan sehr haltlos. Einmal mehr muss ich einsehen, dass ich niemandem helfen kann. Nicht einmal mir selbst. Schwerfällig stehe ich auf und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Ich bin nicht hier, um mich im Selbstmitleid zu ertränken. Kurz schließe ich meine Augen, versuche mich zu erinnern. Dann gehe ich zielgerichtet ins Schlafzimmer, in dem ich mit Shinya unzählige Male Sex hatte. In dem er unzählige Male von Shotas Vergewaltigung träumte. Ich versuche meine Gedanken an die Vergangenheit abzuschütteln und öffne das Schubfach seines Nachtschrankes. Erleichtert atme ich aus, als ich diverse Fläschchen, Tütchen mit Tabletten oder Pulver sowie Spritzbesteck vorfinde. Ein müdes Lächeln legt sich auf meine Lippen. Lange habe ich es nicht ohne Drogen ausgehalten. Nicht einmal die Entzugserscheinungen vom letzten Trip sind ganz abgeklungen. Dabei wollte ich es dieses Mal schaffen. Für Taichi. Für meinen Vater. Und auch für Reiji und Masao beziehungsweise die Band. Allerdings fühlt sich derzeit alles nur ausweglos an. Ich will nicht mehr gegen das Verlangen ankämpfen. Ich will mich dem vollkommenen Glück hingeben. Nur dieses eine Mal. Um kurz der Realität zu entfliehen. Um mein Verlangen nach Selbstschädigung zu lindern. Um den wieder stärker werdenden Selbstmordgedanken entgegenzuwirken. Liebevoll betrachte ich die verschiedenen Substanzen. Ein Cocktail aus allem wäre mit Sicherheit tödlich. Doch diesen Gedanken schiebe ich vorerst beiseite. Die Wahl fällt mir letztlich nicht schwer. Zielgerichtet greife ich nach einem Tütchen mit weißem Pulver und der handschriftlichen Kennzeichnung ‚H‘ sowie einer steril verpackten Spritze. Nachdem ich das kristalline Pulver in der Küche in eine Lösung gebracht habe, ziehe ich die Flüssigkeit mit der Spritze auf, gehe zurück ins Schlafzimmer und nehme auf dem Bett Platz. Mit meiner Hand streiche ich sanft über das Kopfkissen. Shinyas Kopfkissen. Ich vermisse ihn so sehr. Könnte ich Taichi verzeihen, wenn er Shinyas Tod zu verantworten hätte? Habe ich Taichi verziehen, dass er in Akitos Tod involviert war? Erschöpft lasse ich mich nach hinten auf das Bett fallen. Ich bin so müde. Alles fühlt sich so träge, zäh und schwer an. Mein Körper, meine Gedanken, meine Gefühle. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Zumindest für den Moment. Hoffnungsvoll betrachte ich die Spritze in meiner Hand. Nur eine kurze Auszeit. Dann kann ich bestimmt wieder kämpfen. Nur einen Augenblick Ruhe. Nur einen Augenblick Glück fühlen. Einem plötzlichen Impuls folgend beginne ich zu lachen. Ein bitteres Lachen, denn ich frage mich, was ich gerade versuche, mir vorzumachen. Als ob das Heroin irgendetwas besser machen könnte. Allenfalls verstärkt es meine Suchtproblematik erneut und ich frage mich ernsthaft, ob ich in meinem momentanen Zustand weiteren Entzugserscheinungen standhalten kann. Vermutlich wird es bei diesem einmaligen Konsum nicht bleiben und ich werde zurück in eine akute Abhängigkeit rutschen. Die Alternative wären Selbstverletzungen, die ich im Augenblick jedoch vermutlich kaum unter Kontrolle hätte. Ich bin mir sicher, dass ich tief schneiden würde. Viel zu tief. Unruhig setze ich mich wieder auf und schiebe meinen Ärmel nach oben. Aus der Schublade entnehme ich den Gurt, lege ihn um meinen Oberarm und zurre ihn fest. Traurig betrachte ich die leichten, aber doch sichtbaren Vernarbungen in meiner Armbeuge. Male, die mir verdeutlichen, dass ich bereits ein Junkie bin und die eine abschreckende Wirkung haben sollten. Trotz allem verliere ich gegen die Vernunft. Mit der Kanüle steche ich in die Vene, ziehe zur Kontrolle etwas Blut an, dann löse ich das Fixierband und spritze mir das Heroin, um mich dem falschen Glück ein weiteres Mal hinzugeben. Resigniert schließe ich meine salzig verklebten Augen.
 

Durch das Läuten der Türklingel zucke ich zusammen. Etwas verwirrt schaue ich mich um. Bin ich kurz eingeschlafen?

„Gleich hast du es geschafft“, höre ich meinen Arbeitskollegen sagen, der seinen Arm stützend um meine Hüfte gelegt hat. Aus irgendeinem Grund lächle ich ihn an, möchte ihm antworten, doch meine Augen fallen sogleich wieder zu und ich merke, dass es mir schwerfällt, aufrecht stehen zu bleiben, weshalb ich mich stärker an Reiji festhalte. Nachdem die Klingel ein zweites Mal ertönt, wird kurz darauf die Tür geöffnet.

„Was…?“, höre ich die Stimme meines Freundes verdutzt fragen. Ohne jedoch eine Antwort abzuwarten, merke ich, wie Tai mich von Reiji weg und zu sich heran zieht. Ich stolpere ohne Widerstand in seine Arme und halte mich jetzt an ihm fest.

„Wir müssen reden, Taichi“, vernehme ich Reijis Stimme ernst. „Darf ich reinkommen?“ Mein Freund zögert einen Moment, schließlich tritt er beiseite, wobei er mich enger an sich presst. Als Reaktion lege ich meine Arme um ihn und kuschle mich an seinen Körper.

„Was ist mit ihm?“, will Taichi wissen und streicht liebevoll eine Haarsträhne aus meinem Gesicht.

„Müdigkeit, Koordinationsschwierigkeiten… schau dir seine Augen an. Verengte Pupillen. ‚Nadelaugen‘ sind typisch für Heroin.“

„Sieh mich an, Yamato“, befiehlt mein Freund streng. Ich komme seiner Aufforderung blinzelnd nach. „Was ist passiert?“, fragt Tai schließlich ruhig, wobei ich nicht erkennen kann, ob die Frage an mich oder meinen Arbeitskollegen gerichtet ist.

„Das würde ich gern von dir erfahren“, entgegnet Reiji vorwurfsvoll. „Yamato tauchte zugedröhnt im Koki auf. Im Rausch ging er offenbar davon aus, er hätte heute Dienst. Der Boss ist ziemlich sauer. Aber mehr auf mich, weil ich von der Problematik wusste und ihn nicht in Kenntnis setzte. Jedenfalls konnte ich ihn vorerst beruhigen, aber wie es mit Yamatos Anstellung im Koki weitergeht…“

„Wie du weißt, würde es mich nicht im Geringsten stören, wenn er in diesem Laden nicht mehr arbeiten dürfte“, unterbricht Tai Reiji geringschätzig. Dieser seufzt.

„Ja, aber Yamato ist nicht dein Leibeigener.“

„Genau“, mische ich mich aus einem Impuls heraus ein, auch wenn ich dem Inhalt des Gespräches nur schwer folgen kann. „Taichi gehört mir.“ Erneut fallen mir die Augen zu.

„Er sollte ins Bett“, meint mein Freund fürsorglich und hilft mir behutsam ins Schlafzimmer zu gelangen. „Würdest du bitte im Wohnzimmer warten. Auch wenn ich weiß, dass du Yamatos Körper kennst, weil du es ihm besorgst, so möchte ich ihn dennoch nicht in deinem Beisein umziehen.“ Taichis Tonfall klingt missbilligend und genervt.

„Stimmt, ich kenne seinen Körper“, entgegnet mein Arbeitskollege herausfordernd. „Als er damals fast vergewaltigt wurde oder als er mitten in der Nacht zugedröhnt mit aufgeschnittenem Arm vor meiner Tür stand, habe ich mich um ihn gekümmert. Er stand völlig neben sich…“ Bereits seit einiger Zeit bemerke ich das Abklingen des Rausches, auch wenn ich der Müdigkeit nicht viel entgegensetzen kann. Dennoch ist mir das Gespräch zwischen den Beiden unangenehm und ich würde es am liebsten unterbinden.

„Und du hast seinen Zustand selbstverständlich nicht ausgenutzt?“, höre ich Taichi sarkastisch erwidern. Reiji seufzt.

„Wir haben kein einziges Mal miteinander geschlafen“, versichert er aufrichtig und verlässt das Zimmer. Mein Freund bleibt einen Moment unbewegt, als würde er über etwas nachdenken, dann wendet er sich mir zu.

„Über die Konsequenzen reden wir, wenn du wieder nüchtern bist.“ Liebevoll knöpft Tai mein Hemd auf und streift es von meinem Schultern. Dann betrachtet er die Einstichstelle an meiner Armbeuge. „Warum, Yamato?“, fragt er leise, wobei er sich mit seinem Kopf gegen meinen Brustkorb lehnt.

„Shinya“, bringe ich knapp hervor, obwohl ich eigentlich schweigen wollte. Mein Freund blickt mich fragend an, offenbar war meine Aussage glücklicherweise undeutlicher als vermutet. Ich hebe meine Hand und streiche die Tränen von Tais Wangen. Zuneigung überkommt mich. Ich versuche einen bestimmten Gedanken festzuhalten, doch er entgleitet mir und wird von Müdigkeit überschattet.

„Komm, die Hose auch. Oder willst du sie anlassen?“

„Ja“, antworte ich leichthin. Immer mehr dringt die Situation in mein Bewusstsein. Ich muss mich zusammenreißen.

„Also gut. Leg dich hin und schlaf etwas.“ Taichi mustert mich besorgt, sein Gesichtsausdruck wirkt angespannt. Ich schließe meine Augen und versuche den Anschein zu erwecken, sogleich eingeschlafen zu sein. Kurz spüre ich Tais Finger auf meiner Stirn, dann höre ich, wie er das Zimmer verlässt und zu Reiji ins Wohnzimmer geht. Einen Moment warte ich noch, dann erhebe ich mich mit bedächtigen Bewegungen. Leichte Probleme mit der Koordination erschweren es mir, unbemerkt den Flur zu erreichen. Letztlich gelingt es mir jedoch und ich bleibe schwerfällig an die Wand gelehnt vor dem Wohnzimmer stehen. Verborgen in der Dunkelheit.

„… nicht einmischen, aber… Yamato ist mir wichtig und ich habe das Gefühl, dass diese Beziehung nicht gut für ihn ist.“

„Welche Gefühle hast du eigentlich für meinen Freund?“ Die letzten beiden Worte betonte Taichi besonders nachdrücklich.

„Ich liebe ihn nicht, falls du das meinst. Er ist süß und weckt Beschützerinstinkte…“

„Ja, er ist manipulativ“, fällt Tai Reiji ins Wort. „Immer kommt er mit allem durch… er weint oder bricht zusammen und alles wird ihm verziehen.“ Die Stimme meines Freundes wird lauter. Verärgert erhebt er sich vom Sofa, auf dem die beiden Männer Platz genommen hatten, und sieht auf meinen Arbeitskollegen herab. „Ich versuche ihm Einhalt zu gebieten, um ihn zu schützen. Denkst du, ich will Yamato an Drogen oder andere Männer verlieren? Denkst du wirklich, mir ist das alles egal? Aber ohne Grenzen und Konsequenzen funktioniert es nicht!“ Nun steht auch Reiji auf.

„Du wirkst dadurch sehr kalt, Taichi.“

„Ich weiß“, gibt mein Freund schwach zurück. Sein Körper zittert. „Aber du kennst die Hintergründe nicht…“

„Das stimmt. Aber ich sehe die Gegenwart. Und ich habe das Gefühl, dass ihr beide es allein nicht schafft.“

„Wie selbstgefällig bist du eigentlich?“ Taichis Stimme klingt nicht sehr gefestigt, aber abwertend.

„Und du? Denkst du wirklich, du kannst für euch beide stark sein, wenn du es nicht einmal für dich selbst kannst?“

„Wie kommst du darauf?“, fragt mein Freund verunsichert.

„Sich in Alkohol zu flüchten ist nicht viel anders als das, was Yamato tut, meinst du nicht?“

„Davon hat er dir erzählt?“ Unglauben spiegelt sich auf Tais Gesicht wider. Es missfällt mir, dass Reiji sein Wissen nicht für sich behielt, dennoch beschließe ich, nicht einzugreifen und die Situation vorerst weiter zu beobachten. Unerwartet greift mein Arbeitskollege nach dem Handgelenk meines Freundes und zieht ihn zu sich.

„Du solltest dich sehen. So haltlos. Ich muss meine Meinung über dich revidieren.“

„Was soll das? Lass mich los.“ Tai versucht sich zu befreien, doch Reiji reagiert, indem er ihn mit seinen Armen umfängt und dicht an sich presst. Anfängliche Gegenwehr ebbt schnell ab und mein Freund beginnt hemmungslos zu weinen. „Ich… kann nicht… mehr“, flüstert Taichi so leise, dass ich ihn kaum verstehe.

„Ich weiß“, entgegnet Reiji verständnisvoll und streicht beruhigend durch die Haare meines Freundes. Für eine Weile sagt niemand etwas. Tai so aufgelöst in den Armen meines Arbeitskollegen zu sehen, schmerzt spürbar, auch wenn es mir immer schwerer fällt, mich auf die Situation zu konzentrieren, da die Müdigkeit weiter zunimmt.

„Ich liebe Yamato und ich weiß, dass er auch mich liebt… aber… manchmal denke ich… er liebt sein dysfunktionales Verhalten mehr. Wie soll ich dagegen ankommen?“ Verzweifelt krallt sich Taichi im Hemd seines Gegenübers fest. „Soll ich es… einfach hinnehmen und… dabei zuschauen, wie… er sich selbst zerstört? Er nimmt Drogen, gibt sich irgendwelchen Männern hin und vertraut sich anderen an, statt zu mir zu kommen.“ Plötzlich reißt sich mein Freund von Reiji los und schaut ihn herausfordernd an. „Vorhin im Schlafzimmer… du weißt von der Vergewaltigung, habe ich recht? Und du weißt auch, wer es war. Sag es mir!“ Bei diesen Worten ergreift Angst Besitz von mir. Ich muss in das Geschehen eingreifen. Als ich das Wohnzimmer unsicheren Schrittes betrete, richten die beiden Männer ihre Aufmerksamkeit sofort auf mich. „Reiji, nicht“, flüstere ich leise, wobei ich mich am Türrahmen abstützen muss.

„Yamato, wie lange…“, will dieser bestürzt wissen.

„Bitte, er darf es nicht erfahren“, flehe ich. Meine Beine geben nach und ich sinke zu Boden. Verstohlen wischt Taichi sich die Tränen vom Gesicht. Dann kommt er auf mich zu. Als er versucht, mir aufzuhelfen, schiebe ich ihn bestimmt von mir. „Ich kann allein aufstehen.“ Mit viel Kraftaufwand gelingt es mir, mich zu erheben. Mein Freund tut es mir gleich. Verunsichert betrachtet er mich. „Ich sagte dir bereits, dass du den Namen nicht erfahren wirst, weil ich dich nicht wegen einer Dummheit verlieren will. Gib auf, Taichi.“ Dann richte ich mich an Reiji. „Du hast es mir versprochen.“

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Unaufhörlich prasselt der Regen auf meinen Schirm herab, fließt in Rinnsalen zu Boden. Dennoch stehe ich unbewegt vor der geschlossenen Tür. Mein Herz klopft schmerzhaft gegen meinen Brustkorb. Ich atme tief durch, dann hebe ich zögerlich meine Hand, um den Proberaum von ‚So easy‘ zu betreten. Sogleich verstummen die Instrumente und die Blicke meiner Bandkollegen richten sich ausnahmslos auf mich. Fahrig falte ich den Schirm zusammen und lehne ihn behutsam gegen die Wand.

„Sieh an… Herr Ishida“, beginnt Kozue zynisch, „werden wir heute mal wieder mit Ihrer Anwesenheit beehrt?“ Mit stechendem Blick funkelt sie mich wütend an. Ich senke beschämt meinen Kopf. Als ich bei meinem letzten Herointrip dachte, im Koki arbeiten zu müssen, hätte ich eigentlich Bandprobe gehabt.

„Es tut m…“

„Nein, Yamato!“, unterbricht mich unsere Schlagzeugerin. „Ich möchte keine Entschuldigungen hören. Kannst du dich an unser letztes Gespräch überhaupt erinnern? Wir meinen es ernst mit ‚So easy‘ und ich dachte, das trifft auch auf dich zu.“ Ich suche die Blicke der Anderen, doch Naoki, Masao und Itaru schauen mich nur schweigend an. Offenbar gibt es eine Übereinkunft zwischen ihnen, nach der unsere Bandleaderin als Einzige das Gespräch mit mir führt, um es fair zu gestalten und nicht überfordernd zu werden. Traurig schließe ich meine Augen. Dann stelle ich meine Tasche ab und krame einen Zettel heraus.

„Ich habe an einem Song geschrieben. Bitte hört ihn euch an.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, greife ich nach meiner Gitarre und setze mich auf einen der freien Stühle.

„Wir sind mitten im Gespräch“, wendet Kozue irritiert ein. Ich ignoriere ihren Einwand und schlage die ersten Saiten an.
 

In die Tiefe vorgedrungen

Die Bedeutung des ersten Schrittes

Tägliches Verhalten, das die Wahrheit hinterfragt

Ich möchte mit geschlossenen Augen leben,

Doch erlauben kann ich es mir nicht

Wieder die üblichen Kopfschmerzen, wieder kämpfen

An den eigenen Worten zerbrechen, sie hinunterschlucken

Bedeutungslos fließend wie ein tobender Wind

Was bleibt?

Der mit Staub bedeckte Käfig eines Kanarienvogels

Eine Vergangenheit voller trivialer Tränen

Egal wie schön seine Schreie sind

Seine wahre Stimme ist nicht zu hören

Ich bin ein Kanarienvogel mit erstickter Stimme
 

Wenn ich den Verstand verliere,

Wer würde die Schuld tragen?

Ich spucke auf eine Welt, die aufgehört hat, sich zu drehen

Ich ertrage den Lärm nicht, den ich hören kann,

Selbst wenn ich mir die Ohren zuhalte

Bis meine Kehle austrocknet,

Singe ich ein Lied

Ideale und Illusionen habe ich aufgegeben

Unfähig, die fernen Schatten einzuholen

Was ist zu sehen?

Die sichere Antwort ist der Käfig eines Kanarienvogels

Angstvoll versteckte Narben

Auch wenn es eine Liebe ist, die niemals erwidert wird,

Biete ich im Austausch einfach meine Stimme an

Ich bin ein Kanarienvogel, der nicht singen kann

Meine Stimme für dich aus Liebe und Hass
 

Der vermeintlich eingefrorene Sekundenzeiger der Uhr

Er tickt noch weiter

Selbst jetzt tickt er noch weiter

Nur mein Gefühl des Bedauerns bleibt unverändert

Immer im Bewusstsein, der Moment des Endes
 

Der mit Staub bedeckte Käfig eines Kanarienvogels

Eine Vergangenheit voller trivialer Tränen

Egal wie schön seine Schreie sind

Seine wahre Stimme ist nicht zu hören

Ich bin, ich bin ein Kanarienvogel mit erstickter Stimme

Unfähig zu singen

Es scheint, als wollte ich zerbrechen
 

Die letzten Töne waren unbeständig und meine Stimme zitterte hörbar. Bedächtig stelle ich die Gitarre beiseite. Die vorherrschende Stille ist bedrückend. Ebenso wie das Schweigen meiner Bandkollegen. Als ich in Kozues mit Tränen gefüllte Augen schaue, erkenne ich, dass sie meine Botschaft verstanden hat.

„Yamato…“, haucht sie beinahe stimmlos. „Warum?“

„In letzter Zeit wurde ich oft mit der Frage konfrontiert, ob mir die Musik noch etwas bedeuten würde. Nicht nur von euch.“ Kurz schweige ich und betrachte meine leicht zitternden Hände. „Unsere letzte Auseinandersetzung hat mir die Augen geöffnet und ich habe endlich eine Antwort darauf gefunden. Ich liebe diese Band und Musik ist mir verdammt wichtig. Das habe ich dank euch endlich erkannt. Und genau aus diesem Grund gibt es keine andere Option, als ‚So easy‘ zu verlassen.“

„Diese Begründung ergibt für mich keinen Sinn, weshalb ich deinen Rückzug aus der Band so nicht akzeptiere“, mischt sich Itaru plötzlich ein. Ich schaue ihn an, dann Masao, der mich zunächst schmerzlich betrachtet, dann aber seinen Blick senkt. Offenbar versteht er meine Denkweise, scheint mit meinem Handeln aber ebenfalls nicht einverstanden zu sein.

„Ich möchte, wie ihr, dass ‚So easy‘ erfolgreich wird. Für die Erreichung dieses Ziels bin ich jedoch eher hinderlich.“

„Du bist unzuverlässig, das stimmt. Aber daran kann man doch arbeiten“, wendet Kozue verzweifelt ein. „Trotz allem schreibst du die Lyrics. Und du bist die Stimme von ‚So easy‘.“

„Bei ‚Sannin‘ übernahm Naoki den Gesang. Somit wäre das für ‚So Easy‘ doch auch eine Option“, schlage ich unbedacht vor.

„So einfach ist es nicht, Yamato. ‚So easy‘ sind nicht ‚Sannin‘ und wir wollen genau die Musik machen, die wir jetzt machen“, erklärt Naoki aufrichtig. „Mit dir als Sänger und Songwriter.“

Ich schaue erneut zu Kozue, die mich hilflos betrachtet. Sie so zu sehen, schmerzt mich besonders. Es ist ihre Band, sie hat ‚So easy‘ damals gegründet. Sie finanziert den Proberaum, und auch die Auftritte, die wir bisher hatten, gehen auf ihre Bemühungen zurück.

„Bitte überleg es dir noch einmal, Yamato“, versucht sie mich zu überreden. „Du meintest doch, die Band sei dir wichtig. Ist es dann wirklich so schwer, regelmäßig bei den Proben zu erscheinen?“

Ich seufze.

„Eure Einwände bei unserer letzten Auseinandersetzung haben mich nachdenklich gestimmt…“ Mit Unbehagen schiebe ich den Ärmel meines Oberteils nach oben und lege meine rechte Armbeuge frei. Die Einstichstelle meines letzten Heroinkonsums ist noch leicht bläulich verfärbt und somit deutlich sichtbar. „Ich bin… bereits drogenabhängig. Unsere letzte Probe habe ich verpasst, weil ich drauf war.“ Zusätzlich entblöße ich meinen völlig vernarbten linken Arm. „Ich verletze mich auch selbst. Von Anfang an würde ich der Presse perfekten Gesprächsstoff liefern… ohne, dass es etwas mit der musikalischen Qualität von ‚So easy‘ zutun hätte.“ Meine Stimme klingt schwach. „Das möchte ich nicht. Unsere Band hat Besseres verdient.“ Beschämt verdecke ich die verschiedenen Male an meinen Armen wieder. Meinen Kopf halte ich gesenkt, da ich in dieser Situation keinem meiner Bandkollegen in die Augen sehen möchte. Eine Weile herrscht betretenes Schweigen.

„Ist es unsere Schuld?“, fragt Kozue schließlich vorsichtig.

„Nein. Die Probleme bestehen seit meiner Schulzeit“, antworte ich aufrichtig und suche dabei Blickkontakt, um meiner Aussage Nachdruck zu verleihen. In Kozues Augen schimmern Tränen.

„Können wir dir irgendwie helfen?“ Naoki schaut mich fragend, aber entschlossen an. Ein bitteres Lächeln legt sich auf meine Lippen.

„Wollt ihr mir die Spritze wegnehmen, bevor ich mir das Heroin in die Vene drücken kann?“ Sofort bereue ich den Sarkasmus in meiner Aussage. „Tut mir leid. Aber solange ich mein dysfunktionales Verhalten nicht in den Griff bekomme, bin ich für ‚So easy‘ eher schädigend.“

„Lass das bitte uns entscheiden“, wendet Kozue entschieden ein. „Yamato… dein mutmaßliches Abschiedslied war wunderschön. Ich hatte solche Gänsehaut. Es darf nicht einfach so enden.“

Unfähig, ein Wort zu erwidern, erhebe ich mich zum Gehen. Kurz bevor ich die Tür erreiche, kommt Itaru auf mich zu. Dicht vor mir bleibt er stehen.

„Durch deine Flucht machst du es dir leicht. Warum hast du uns von deiner Drogenabhängigkeit und deinem selbstverletzenden Verhalten erzählt, wenn du es nicht als Antrieb nutzen möchtest, um diese Problematik in den Griff zu bekommen?“

„Ich wollte wenigstens am Schluss ehrlich zu euch sein“, begegne ich der Frage, auf die ich eigentlich keine Antwort habe. Zudem will ich nicht zugeben, dass Itaru mit seinem Einwand nicht ganz unrecht hat. Resigniert greife ich nach meinem Schirm und öffne die Tür. Meine Kehle ist wie zugeschnürt und das Atmen fällt mir zunehmend schwerer.

„Yamato…“, vernehme ich plötzlich Masaos Stimme. „Bitte geh nicht. Zumindest nicht endgültig.“ Ich drehe mich nicht zu ihm um, da ich nicht riskieren möchte, dass meine Entscheidung ins Wanken gerät. Vorgeblich entschlossen verlasse ich den Proberaum von ‚So easy‘. Meine Gitarre sowie einen wichtigen Teil von mir lasse ich dort zurück.
 

Innerlich aufgewühlt, aber irgendwie auch merkwürdig ruhig, laufe ich durch die verregneten Straßen von Shinjuku. Die Band aufzugeben war die richtige Entscheidung. Für alle Beteiligten. Dennoch verschwimmt meine Sicht bei dem Gedanken daran, sodass ich angestrengt versuche, die Tränen wegzublinzeln. Es gibt im Moment keine andere Möglichkeit. Das ist der einzige Weg. Gerade, weil ich diese Band liebe, darf ich ihnen keine weiteren Schwierigkeiten bereiten. Traurig schiebe ich meine Autosuggestion ‚So easy‘ betreffend beiseite, als ich meinen Zielort erblicke. Vor dem Koki bleibe ich stehen. Geöffnet wird erst in zwei Stunden, aber Herr Sakai müsste bereits da sein, weshalb ich den Personaleingang nutze, um ins Innere zu gelangen. Meinen tropfenden Schirm stelle ich in den Schirmständer, dann gehe ich zu dem kleinen Büroraum, in dem ich meinen Chef vermute. Die Tür steht offen, trotzdem klopfe ich zaghaft gegen den Türrahmen, um auf mich aufmerksam zu machen. Sofort blickt Herr Sakai von seinen Unterlagen auf.

„Yamato.“ Seine Miene nimmt einen ernsten Ausdruck an.

„Haben Sie einen Moment Zeit für mich?“, frage ich beinahe kleinlaut.

„Selbstverständlich. Setz dich.“ Er macht eine entsprechende Geste zu dem Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Seiner Aufforderung nachkommend nehme ich Platz. Nervös verhake ich meine Hände ineinander, um das Zittern besser unter Kontrolle zu haben.

„Sind Sie noch sauer auf Reiji?“ Meine Stimme ist leiser als beabsichtigt. Herr Sakai seufzt.

„Ich glaube nicht, dass dieses Thema im Augenblick die höchste Dringlichkeit hat.“

„Doch“, protestiere ich sofort. „Denn Reiji riet mir mehrfach, mich Ihnen anzuvertrauen. Er warnte mich, dass Sie meinen Drogenkonsum nicht tolerieren würden, aber bereit seien, mir zu helfen… Aufrichtigkeit und Bereitschaft zum Entzug vorausgesetzt.“

„Seine Worte drangen offenbar nicht zu dir durch.“ Ich senke beschämt meinen Kopf.

„Nein… weil ich dachte, alles im Griff zu haben.“

„Seit wann nimmst du Drogen und was konsumierst du?“

„Seit… der Oberschule. Zunächst BDO. Dann GHB. Irgendwann kamen… Heroin und Kokain dazu.“ Die Situation fühlt sich befremdlich und extrem unangenehm an. Betroffen fährt sich mein Chef mit der Hand über sein Gesicht und atmet hörbar aus.

„Ich bin ein wenig schockiert darüber, dass ich nichts bemerkt habe. Am Arbeitsplatz warst du immer drogenfrei, oder?“

„Ja.“

„Reiji meinte, du wärst eigentlich seit Jahren clean gewesen.“

„Mit GHB habe ich nie wirklich aufgehört. Kokain konsumiere ich eher selten.“ Kurz schweige ich. „Das Heroin betreffend… war ich tatsächlich jahrelang clean… bis ich vor Kurzem rückfällig wurde.“ Ich höre, wie sich mein Chef in seinem Stuhl zurücklehnt.

„Yamato, selbstverständlich respektiere ich deine Privatsphäre, weshalb ich dich nicht nach Gründen fragen werde. Aber ich höre dir zu, wenn du jemanden zum Reden brauchst und, wie Reiji bereits sagte, bin ich für dich da, falls du Hilfe benötigst. Momentan allerdings frage ich mich, wie ich mit deiner Anstellung im Koki weiterverfahren soll. Sieh mich bitte an.“ Wie gefordert hebe ich meinen Kopf und blicke meinem Chef verlegen in die Augen. „Was würdest du an meiner Stelle tun, Yamato?“

„Um ehrlich zu sein… die Kündigung aussprechen.“ Mit meinem Ärmel wische ich verstohlen den Schweiß von meiner Haut.

„Du bist auf Entzug, nicht wahr?“

„Ja“, gebe ich das Offensichtliche zu. Wozu sollte ich diesbezüglich auch lügen? Erst recht in der vorherrschenden Situation. Möglicherweise wird dadurch sogar eher deutlich, wie ernst ich es meine.

„Die Kündigung wäre eine logische Reaktion“, greift Herr Sakai das eigentliche Thema wieder auf. „Allerdings warst du nicht unter Drogeneinfluss arbeiten, sondern es handelte sich um deine Freizeit. Zudem fürchte ich, dass ich Reiji mit deinem Rauswurf ziemlich wütend machen würde. Und auch ich möchte dich ungern entlassen. Aber du bist sicher hergekommen, weil du eine eigene Vorstellung hast, wie sich unser Verhältnis in Zukunft gestalten soll.“

„Auf jeden Fall möchte ich weiterhin im Koki arbeiten.“ Gefestigt halte ich dem Blick meines Gegenübers stand, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Ich werde alles daran setzen, um Ihr Vertrauen wiederzuerlangen. Und wenn die finanziellen Kapazitäten es zulassen, würde ich gern in einer Festanstellung für Sie arbeiten statt als Aushilfe.“ Zunächst überrascht, dann skeptisch werde ich von meinem Chef gemustert.

„Die Kapazität wäre definitiv da. Aber ich habe etwas Angst, dass es dazu dient, deine Drogen zu finanzieren.“ Ich lächle matt, da ich die Bedenken durchaus verstehen kann.

„Eigentlich soll es das Gegenteil bewirken. Ich versuche, eine Regelmäßigkeit in mein Leben zu bekommen, in dem Drogen keine Notwendigkeit mehr haben. Mir ist bewusst, dass das nicht sofort und vermutlich auch nicht ohne Rückschläge zu erreichen ist, aber…“ Demütig senke ich meinen Kopf. „Bitte, geben Sie mir die Chance, meine Entschlossenheit zu beweisen.“

„Ist dein Freund mit deinem Vorhaben eigentlich einverstanden? Als ich damals bei euch war, vermittelte er mir ziemlich deutlich, dass er entschieden gegen deine Anstellung in meinem Laden ist. Letztlich liegt die Entscheidung zwar bei dir, aber ich will kein Beziehungsdrama heraufbeschwören.“

„Noch habe ich nicht mit ihm darüber gesprochen. Ich wollte erst den Ausgang dieses Gespräches abwarten.“

„Also gut. Mein Vorschlag wäre, dass du zunächst als Aushilfe beschäftigt bleibst. Wenn alles gut funktioniert und es keine weiteren Vorkommnisse im Bezug auf Drogen gibt, habe ich kein Problem damit, dir eine Festanstellung anzubieten, solltest du dann noch immer daran interessiert sein.“

„Vielen Dank.“ Erleichtert stehe ich auf und verbeuge mich tief vor meinem Chef.

„Seishiro, wem gehört denn der Schir… Yamato?“ Erschreckt wende ich mich um, als ich Reijis Stimme plötzlich vernehme. Dieser bleibt argwöhnisch im Türrahmen stehen und versucht, die sich ihm bietende Szene einzuschätzen. „Sei… Boss, du hast ihn nicht ernsthaft rausgeworfen, oder? Ich sagte dir…“ Herr Sakai beginnt zu lachen und bringt so Reiji zum Schweigen. „Hast du nicht?“ Verlegen wuschelt der sich durch die kurzen roten Haare. „Ich war wieder zu voreilig, nicht wahr?“

„Ja“, mische ich mich nun lächelnd ein. „Ich darf bleiben.“

„Ein Glück.“ Beruhigt lehnt Reiji sich mit dem Rücken gegen die Wand, dann mustert er mich eingehend. „Fährst du gleich nach Hause?“ Ich nicke. „Darf ich dich bringen?“

„Warum?“ Irritiert blicke ich meinen Arbeitskollegen an.

„Na, damit ich noch länger in deiner Nähe sein kann“, entgegnet dieser mit einem vielsagenden Zwinkern.

„Da für den Moment alles geklärt ist, würde ich euch bitten, draußen weiter zu flirten. Ich habe noch zu arbeiten“, meint Herr Sakai eher belustigt als verärgert. Sofort greift Reiji nach meinem Arm und zieht mich mit sich.

„Dann bis nachher, Sei… Boss!“, wendet er sich an unseren Chef, während wir dabei sind, das Büro zu verlassen. „Und danke!“ Kurz bevor wir das Gebäude verlassen, bedeute ich meinem Arbeitskollegen, stehenzubleiben.

„Du bringst mich jetzt nicht wirklich nach Hause, oder?“ Beiläufig nehme ich meinen Schirm aus dem Schirmständer und spanne ihn vor der Tür auf.

„Die Regenzeit macht ihrem Namen alle Ehre. Und wenn die vorbei ist, wird es wahrscheinlich unerträglich heiß. Ich weiß nicht, was ich nerviger finde…“

„Die Hitze“, antworte ich ungefragt. „Aber du wolltest mich sicher nicht begleiten, um mit mir über das Wetter zu reden.“

„Gehen wir zu mir. Ich fahre dich mit dem Auto.“

„Zur Rushhour?“

„Möchtest du zu dieser Zeit lieber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren?“

„Nein.“ Ich halte meinen Schirm schützend über Reiji und bedeute ihm damit, dass wir uns in Bewegung setzen sollten. „Danke.“

„Für dich doch gern.“ Eine Weile laufen wir schweigend nebeneinander.

„Es hatte den Anschein, als wolltest du über etwas mit mir sprechen“, nehme ich das Gespräch wieder auf.

„Das stimmt. Aber ich bin so aufgeregt, dass wir uns einen Schirm teilen…“ Sofort bleibe ich stehen und auch Reiji läuft nicht weiter. Ernst betrachtet er mein Gesicht, hebt seine Hand und streicht liebevoll über die Haut unter meine Augen. „Ich mache mir Sorgen. Du siehst schlecht aus.“

„Die Entzugserscheinungen sind noch nicht ganz abgeklungen.“

„Meinst du, du schaffst es, wieder clean zu werden? Wenn ich dir irgendwie helfen kann…“

„Du bist immer für mich da. Das weiß ich zu schätzen.“ Erfüllt von Dankbarkeit streife ich mit meinen Fingern durch sein kurzes Haar, dann küsse ich seine Wange, woraufhin mein Arbeitskollege seinen Arm um meine Hüfte legt. Verlegen senke ich meinen Blick. „Gehen wir weiter. Die Leute schauen uns schon seltsam an.“

„Schade. Aber du hast recht. Wir sollten aufhören, bevor ich meine Finger nicht mehr von dir lassen kann.“ Auf die für Reiji typische Aussage reagiere ich lediglich mit einem nachsichtigen Lächeln. „Aber mal was anderes…“ Sein Tonfall klingt plötzlich ernster. „Warum der Rückfall? Und dann auch noch ausgerechnet ‚H‘…“ fragt er sehr direkt. „Du weißt doch selbst, wie schwer der Entzug davon ist.“ Ich antworte nicht. An einem Zebrastreifen bleiben wir stehen, überqueren die Straße, nachdem wir uns vergewissert haben, dass kein Auto kommt, und biegen um die nächste Ecke.

„Ich… wollte nur für einen Augenblick das Glück spüren. Sonst nichts… keine Angst, keinen Schmerz, keine Überforderung… nur Leichtigkeit.“

„Irgendwie verstehe ich dich… aber der Preis ist definitiv zu hoch.“ Reiji atmet hörbar aus. „Kommst du noch kurz mit rein? Ich habe die Autoschlüssel nicht bei mir.“ Nachdem er die Wohnungstür aufgeschlossen hat, bedeutet er mir, einzutreten. „Möchtest du noch einen Kaffee oder sollen wir gleich losfahren?“ Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch etwas Zeit habe, bis Taichi von der Arbeit nach Hause kommt.

„Ein Kaffee wäre okay.“

„Dann setz dich ruhig auf das Bett, ich brühe schnell welchen auf.“

„Danke.“

„Erinnerst du dich an dein Versprechen? Deine kurzen Haare sollten dich daran erinnern, dass du zu mir kommst… bevor du Drogen konsumierst.“ In Reijis Aussage kann ich keinerlei Vorwurf erkennen, allenfalls traurige Enttäuschung. Aus einem Schrank holt er zwei Tassen, befüllt die Kaffeemaschine und schaltet sie ein. Dann nimmt er neben mir auf dem Bett Platz.

„Es tut mir leid, dass ich das Versprechen gebrochen habe.“

„Das Versprechen ist mir gar nicht so wichtig. Aber ich fürchte, dass du den Konsum nicht bereust, hab ich recht?“ Kurz überlege ich, schüttle dann aber resigniert den Kopf. „War Taichi der Auslöser?“

„Was ist das eigentlich zwischen euch?“ Sofort nutze ich die Frage meines Arbeitskollegen, um das Thema zu wechseln. „Neulich bei uns zu Hause fand ich euren Umgang miteinander sehr vertraut.“ Ein kurzes Lachen entweicht Reijis Kehle.

„Bist du jetzt ernsthaft eifersüchtig? Du hast aber schon mitbekommen, in welchem Zustand sich Taichi befand? Yamato, dein Freund ist nicht so stark, wie er vielleicht den Anschein erwecken will. In dem Moment wirkte er nur unglaublich zerbrechlich… ich wollte ihm lediglich etwas Halt geben.“

„Und dass er genau deinem Typ entspricht, spielte dabei keine Rolle…“, entgegne ich vorwurfsvoll. Mit einem Grinsen erhebt sich mein Arbeitskollege, um die Tassen mit dem durchgelaufenen Kaffee zu befüllen, reicht mir anschließend eine davon und setzt sich wieder neben mich.

„Wie soll ich sagen… ich empfinde deinen Freund als sehr attraktiv, weshalb es für mich alles andere als unangenehm war…“

„Hey!“

„Schon gut, schon gut.“ Beschwichtigend hebt Reiji die Hände. Dann verändert sich seine Mimik plötzlich. „Ich mache mir wirklich Sorgen. Um euch beide.“

„Danke, dass du damals nichts gesagt hast. Bezüglich… des Übergriffs.“

„Kein Problem. Aber glaubst du wirklich, dass Taichi etwas Dummes tun würde, wenn er es erführe?“

„Ja“, antworte ich, ohne zu überlegen. „Tai ist unter Umständen ziemlich… unberechenbar… brutal… skrupellos… kalt.“

„So zerbrechlich, wie ich ihn erlebt habe, kann ich mir das kaum vorstellen. Aber du kennst ihn natürlich besser als ich.“ Beruhigend legt Reiji seine Hand auf meinen Arm. Es fällt mir schwer, meinen Körper aufgrund der wiederkehrenden leichten Krämpfe unter Kontrolle zu halten. „Meinst du, du schaffst das mit dem Entzug?“

„Deine Bedenken sind berechtigt… allerdings wäre es einfacher für mich, wenn ich nicht immer wieder auf die Drogen angesprochen werden würde… durch die Erinnerung steigert sich lediglich mein Verlangen.“ Ich bringe meinem Arbeitskollegen ein gequältes Lächeln entgegen.

„Du hast recht. Entschuldige bitte. Soll ich dich dann lieber ablenken?“ Er beugt sich dicht zu mir herüber, sodass ich seinen warmen Atem auf meinen Lippen spüre. Für einen Augenblick schließe ich die Augen, doch dann wende ich meinen Kopf zur Seite.

„Ich muss langsam nach Hause“, flüstere ich.

Stufe für Stufe steige ich die Treppe empor, den zusammengefalteten Schirm benutze ich zweckentfremdend als Gehstock. Da Reiji mich mit dem Auto nach Hause brachte, blieb ich weitestgehend trocken, wofür ich ihm dankbar bin. Seine anhaltenden Annährungsversuche, obwohl er von meiner Beziehung mit Taichi weiß und ihn inzwischen sogar persönlich kennenlernte, verunsichern mich jedoch sehr. Vor allem im Bezug auf das damalige Treffen der beiden beim Koki und ohne meine Anwesenheit. Taichi schwieg sich bis heute darüber aus. Reiji berichtete mir zwar davon und ich glaube auch nicht, dass er mich anlügt, aber wenn Taichi ihn um Verschwiegenheit gebeten hat, würde Reiji sich daran halten. Andererseits erzählte er von den Avancen meines Freundes, versicherte mir aber, nicht mit ihm geschlafen zu haben. Ich denke, dass er diesbezüglich die Wahrheit sagt, was jedoch nicht bedeutet, dass gar nichts zwischen den beiden passiert ist. Seufzend krame ich in meiner Jackentasche nach meinem Schlüssel. Dieser Sachverhalt beschäftigt mich schon seit einiger Zeit und die Unwissenheit macht mich wahnsinnig, doch im Moment bleibt mir nichts, als es zu ertragen. Abrupt bleibe ich stehen, als ich Masao vor der Wohnungstür sitzen sehe. Sogleich richtet er seine Aufmerksamkeit auf mich und erhebt sich.

„Hey“, begrüßt er mich mit ruhiger Stimme.

„Hey“, entgegne ich, bewege mich auf Masao zu und öffne die Wohnungstür. „Komm rein.“ Mir folgend greift er nach der Gitarre, die neben ihm an der Wand lehnt. Meine Gitarre. Die ich im Proberaum zurückließ.

„Danke.“ Im Flur entledigen wir uns unserer Schuhe. „Ich stelle sie hier ab, in Ordnung?“

„Möchtest du etwas trinken?“, übergehe ich Masaos Frage.

„Du setzt sicher Kaffee auf, oder? Dann nehme ich auch eine Tasse.“

„Okay. Geh schon ins Wohnzimmer. Ich komme gleich nach.“ Nervosität kriecht in mir empor. Nachdem ich die Kaffeemaschine anschaltete, beobachte ich, wie sich die Kanne allmählich mit der dunklen, koffeinhaltigen Flüssigkeit füllt. Zwar habe ich erwartet, dass Masao bezüglich meiner Entscheidung das Gespräch suchen wird, aber so wirklich vorbereitet bin ich im Augenblick nicht. Einfach wegschicken möchte ich ihn allerdings auch nicht. Aus dem Küchenschrank nehme ich zwei Tassen und fülle sie mit dem heißen Getränk. Dann verlasse ich die Küche und begebe mich zu meinem Bandkollegen. Dieser hat auf dem Sofa Platz genommen, sein Blick ist nachdenklich aus dem Fenster gerichtet. „Als du das letzte Mal hier warst, hat es auch geregnet“, beginne ich das Gespräch beiläufig, wobei ich die Tassen auf dem Tisch vor ihm abstelle.

„Stimmt. Auch damals wolltest du die Band verlassen.“ Ich schweige, wende mich von Masao ab und öffne die Balkontür einen Spalt, um frische Regenluft hineinzulassen. „Ehrlich gesagt bin ich nicht sicher, was ich von deinem Geständnis bezüglich deiner Drogenabhängigkeit halten soll.“

„Tatsächlich hatte ich immer den Eindruck, dass du dagegen bist, die Anderen von meinen… Problematiken in Kenntnis zu setzen. Warum?“

„Indem du dich offenbarst, nimmst du dir den Druck, etwas zu verändern. Das wollte ich vermeiden. Jetzt hast du keinen Grund mehr, dich zusammenzureißen. Du verlässt einfach die Band und kannst dich unbekümmert zudröhnen… bis zu deinem Tod.“ Schmerzhaft erinnern mich die Worte unseres Keyboarders an die meines Freundes.

„Du denkst also, ich habe mich gegen die Band und für die Drogen entschieden?“

„Zumindest erweckt es den Anschein. Aber es wäre schön, wenn ich mich irre.“ Der Regen prasselt unaufhörlich gegen die Fensterscheibe. Ich beobachte einige Tropfen, die sich der Schwerkraft beugend auf ihrem Weg nach unten mit anderen vereinen oder ihren Weg bis zum Ende allein bestreiten. „Yamato, ich weiß, wie viel dir die Musik bedeutet. Dass du sie aufgibst, heißt, dass du dich aufgibst. Ist es nicht so?“

„Eigentlich versuche ich gerade, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen“, entgegne ich unbeabsichtigt tonlos.

„Dann hoffe ich, dass du es schaffst. Auch wenn es für ‚So easy‘ das Ende bedeutet.“ Irritiert drehe ich mich zu Masao um, suche den Blickkontakt. Dieser schaut mich mit einem traurigen Lächeln an. „Eigentlich wollte ich es dir nicht sagen, da es den Anschein von Erpressung erwecken könnte.“

„Das heißt, sollte ich nicht zurückkommen, lösen sich ‚So easy‘ auf?“

„Nachdem du den Proberaum verlassen hattest, besprachen wir die Situation. Kozue möchte den Bandnamen ohne dich nicht weiterführen. Sie sagte es bereits. Du bist der Songschreiber und die Stimme von ‚So easy‘. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir mit der Musik aufhören werden. Ob nun zusammen oder jeder für sich, wird die Zeit zeigen.“

„Masao…“ Zögernd bewege ich mich auf meinen Bandkollegen zu, nehme neben ihm auf dem Sofa Platz und senke schuldbewusst meinen Kopf. „Es… tut mir…“

„Nein, Yamato. Du musst dich für nichts entschuldigen.“ Beruhigend spüre ich seine Hand auf meinem Arm. „Ich erwähnte die Trennung nicht, um dich unter Druck zu setzen und deine Entscheidung zu beeinflussen. Es sollte dir vielmehr verdeutlichen, dass mir dein Leben mehr bedeutet als die Band. Meine Worte waren ernst und nicht sarkastisch gemeint. Ich möchte nicht noch einen Freund verlieren.“ Masaos Finger verkrampfen leicht im Stoff meines Ärmels. Voller Verzweiflung betrachte ich mein Gegenüber.

„Du hast deine Freundin für diese Band aufgegeben, die ich jetzt zerstö…“

„Richtig. Ich habe sie aufgegeben. Es war meine Entscheidung. Nicht deine.“ Sanft streicht er eine vereinzelte Träne von meiner Wange, doch auch seine Augen schimmern, als würde er gleich weinen. „Ursprünglich wollte Kozue herkommen, um noch einmal mit dir zu reden“, lenkt er die Unterhaltung auf das eigentliche Thema zurück. „Letztlich einigten wir uns jedoch, dass ich besser dafür geeignet sei. Bei der Gelegenheit beichtete ich ihnen, dass ich über einen Teil deiner Probleme von Anfang an mehr oder weniger Bescheid wusste. Sie konnten es sich allerdings bereits denken. Jedenfalls sind sie deshalb nicht sauer. Im Gegenteil, sie empfinden deine Offenlegung als großen Vertrauensbeweis.“ Beschämt schaue ich zur Seite, meine Augen schweifen jedoch unfokussiert durch den Raum.

„Dieser Schritt würde mir leichter fallen, wenn ihr mir Verachtung… oder wenigstens Enttäuschung entgegenbringen würdet“, gebe ich ehrlich, aber mit leiser Stimme zu.

„Tut mir leid, dass wir dir gegenüber nicht so oberflächlich sind.“ Ich richte meinen Blick wieder auf Masao. Ein trauriges Lächeln huscht über meine leicht bebenden Lippen.

„Ich zerstöre euren Traum, warum hasst ihr mich nicht dafür?“ Unerwartet zieht mich Masao zu sich und umfängt mich behutsam mit seinen Armen. Es ist mir unangenehm, da ich verschwitzt bin und er durch die innige Berührung das Zittern meines Körpers spüren kann. Dennoch stoße ich ihn nicht von mir.

„Dein Selbsthass lässt den Gedanken, dass es Menschen gibt, die dir positive Gefühle entgegenbringen, nicht zu, oder? Vermutlich eine Art Bestrafung, weil du dir selbst nicht vergeben kannst. Aber das ist unfair, Yamato. Du sprichst anderen damit ihre Gefühle ab.“ Sanft befreie ich mich aus Masaos Umklammerung und suche den Blickkontakt. Hintergründig vernehme ich Geräusche aus dem Flur, kurz darauf erscheint Taichi im Türrahmen. Verlegen wische ich mir mit dem Ärmel über mein Gesicht.

„Störe ich gerade?“, wirft mein Freund argwöhnisch in den Raum. Masao erhebt sich und deutet eine leichte Verbeugung an.

„Nein. Ich habe Yamato lediglich seine Gitarre gebracht, die er heute nach dem Proben nicht mitnehmen konnte.“ Fragend schaut Tai mich an, doch ich weiche ihm aus und schaue zu Boden. Masao erhebt sich, wobei er eine Hand auf meine Schulter legt und leicht zudrückt. „Ich muss zu meinem Job, aber… wir sehen uns bei den Proben.“ Eine Reaktion meinerseits bleibt aus. Nach einer kurzen Verabschiedung von Taichi höre ich, wie Masao die Wohnung verlässt. Für eine Weile herrscht Stille im Raum, dann vernehme ich die Schritte meines Freundes. Wortlos nimmt er neben mir auf dem Sofa Platz. Ich zucke leicht zusammen, als er unerwartet seinen Kopf auf meinem Schoß bettet und mir direkt in die Augen blickt. Schmerzhafte Zuneigung überkommt mich. Meine Hand zittert leicht, als ich durch die Haare meines Freundes streichle. Auf seinem Gesicht spiegeln sich Zuneigung, aber vor allem Unsicherheit und Angst wider. Er lächelt nicht. Seine Lippen sind leicht geöffnet. Unerwartet formen sie stumm die Worte ‚Ich liebe dich‘.
 

Graue Wolken bedecken den Himmel und der Regen prasselt unablässig auf unsere Schirme. Mich immer wieder nervös umschauend folge ich Taichi von der U-Bahnstation der Rinkai Line zur Wohnung meines Vaters. Der Schweiß, der sich auf meiner Haut gebildet hat, durchfeuchtet meine Kleidung zusätzlich und lässt sie unangenehm an meinem Körper kleben. Dabei hatte ich, bevor wir losgingen, geduscht. Doch im Augenblick sind es weniger die Entzugserscheinungen, die mir zu schaffen machen, als vielmehr die Angst, meinem ehemaligen Sportlehrer zu begegnen. Hinzu kommt die Unsicherheit, wie ich die Nähe zu meinem Vater verkraften werde, zu dem ich jetzt länger keinen Kontakt hatte.

„Du bist sehr blass.“ Taichi bleibt vor mir stehen und betrachtet mich nachdenklich. „Sollen wir eine kurze Pause machen?“ Er deutet auf einen Raucherpunkt mit Bank unweit von uns. Der Raucherpunkt, an dem ich damals von meinem Sportlehrer angesprochen wurde und von dem aus wir in seine Wohnung gingen.

„Nicht bei diesem Regen“, antworte ich entschieden und versuche mein Tempo zu erhöhen. Dabei frage ich mich, warum wir überhaupt mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Seit seinem letzten Klinikaufenthalt saß Tai kein einziges Mal hinter dem Steuer. Vermutlich traut er es sich derzeit einfach noch nicht zu, weshalb ich ihn nie danach fragte. Beim Wohnhaus meines Vaters angekommen, falten wir unsere Schirme zusammen und steigen in den vierten Stock hinauf.

„Du wirkst sehr angespannt.“ Mein Freund greift nach meinem Handgelenk, gerade als ich den Klingelknopf betätigen möchte. Zwar besitze ich, seit ich während Taichis stationärer Therapie bei meinem Vater wohnte, wieder einen Schlüssel zu dieser Wohnung, scheue mich aber, ihn zu benutzen. Ich möchte nicht noch einmal mitbekommen, dass mein Vater mit einer anderen Person schläft.

„Ja“, antworte ich ehrlich, aber ohne meinen Freund dabei anzusehen. Starr betrachte ich die Tür vor mir. Indem ich so tue, als würde ich meine verschwitzten Hände an dem Stoff meiner Hose trocknen, gleite ich leicht über das kleine Fläschchen GHB, welches sich darin befindet. Offenbar nahm ich es nach meinem letzten Heroinkonsum aus Shinyas Wohnung mit und hatte Glück, dass Tai mir damals nicht die Hose auszog, als ich im zugedröhnten Zustand von Reiji nach Hause gebracht wurde. Sonst hätte er es mit Sicherheit gefunden und konfisziert. GHB könnte helfen, die Entzugserscheinungen des Heroins abzumildern. Dennoch will ich im besten Fall verzichten, darauf zurückzugreifen. Noch immer habe ich Shinyas Stimme im Kopf, wie er mir eindrücklich von einer solchen Vorgehensweise abriet, welche zwangsläufig in einer Abwärtsspirale enden würde. Trotz allem ist es beruhigend, sich alle Optionen offen halten zu können. Erschreckt zucke ich zusammen, als ich spüre, wie Tai mich mit seinen Armen umfängt.

„Du bist so gedankenversunken. Hast du Angst oder sind es die Entzugserscheinungen?“

„Beides.“ Ich drücke meinen Freund sanft von mir. Momentan ertrage ich seine Liebenswürdigkeit und sein Verständnis nur schwer. Es tut weh, da sein Verhalten laut eigener Aussage darauf zurückzuführen ist, dass er mich aufgegeben hat. Tai lächelt mich an.

„Dein Vater freut sich, dich wiederzusehen. Und ich bin bei dir.“ Statt zu antworten, betätige ich die Klingel. Kurz darauf wird die Tür geöffnet. Ich senke sofort meinen Blick, um meinem Vater nicht in die Augen sehen zu müssen.

„Yamato, Taichi… schön, dass ihr da seid“, höre ich ihn sagen, wobei seine Stimme ungewohnt schwach klingt. Im Flur entledigen wir uns unserer Schuhe, dann begeben wir uns ins Wohnzimmer. Tai und ich nehmen auf dem Sofa Platz, während mein Vater sich in den Sessel setzt, der etwas seitlich von uns steht. Auf dem kleinen Tisch stehen bereits Tassen und die Kaffeekanne, die er offenbar von einem kleinen Abstecher in die Küche mitbrachte und auf einem Untersetzer abstellte. Nach einer Weile des Schweigens, richte ich meinen Blick langsam auf und betrachte meinen Vater. Tiefe Zuneigung überkommt mich und Tränen füllen meine Augen. In seiner gesamten Erscheinung erkenne ich nichts als Zuneigung. Beschämt schaue ich weg und verhake meine Hände fest ineinander. Um das Zittern zu verbergen und um diesem Mann, der mir noch immer so unendlich viel bedeutet, keine Sorgen zu bereiten. Aber auch um meinen Selbsthass zu bändigen. Deutlich zeichnen ihn die Spuren der vergangenen Jahre. Ich möchte meinen Vater einfach nur umarmen und ihm sagen, wie leid mir alles tut. Doch ich bleibe reglos sitzen. Ihn in dieser Situation um Verzeihung zu bitten, fühlt sich falsch an.

„Ich hoffe, du zwingst dich nicht, hier zu sein“, höre ich meinen Vater an mich gerichtet sagen. Betroffen suche ich erneut Blickkontakt.

„Nein!“, beteuere ich sofort. „Ich… habe dich nicht absichtlich gemieden… also, ich… du solltest endlich Zeit für dich und dein Leben haben.“ Meine Worte sind abgehackt und meinen Stimme brüchig.

„Du hättest mir wenigstens von dem Testergebnis berichten können“, gibt mein Vater zu bedenken, ohne den geringsten Vorwurf in seinen Tonfall zu legen. „Ich bin fast wahnsinnig vor Angst um dich geworden!“

„Das habe ich nicht gewollt“, entgegne ich kleinlaut.

„Schon gut. Darf ich dich fragen, wie es dir geht?“, fügt er vorsichtig an.

„Ich… bin… erneut rückfällig geworden… das Heroin betreffend.“ Im Augenwinkel sehe ich, dass Taichi mich überrascht anschaut. Offenbar rechnete er nicht damit, dass ich so schnell auf dieses Thema zu sprechen kommen, geschweige denn so ehrlich damit umgehen würde. „Gerade bin ich auf Entzug, aber die Entzugserscheinungen machen mir noch ziemlich zu schaffen.“

„Verstehe“, antwortet mein Vater traurig. Er schließt die Augen und atmet hörbar aus. Dann beugt er sich nach vorn und füllt unsere Tassen mit dampfendem Kaffee. Schweigend trinkt er einen Schluck, nachdem er wieder in seinem Sessel Platz genommen hat. Seine Reaktion irritiert mich. Ich habe das Gefühl, er und Tai besprachen sich vor unserem Besuch. Wollen sie meine Reaktion testen? Vielleicht versuchen sie herauszufinden, ob mein dysfunktionales Verhalten darauf abzielt, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen und geben sich deshalb eher gleichgültig. Oder hat auch mein Vater mich inzwischen aufgegeben? So wie Taichi. „Ich… habe Curry gemacht und würde mich freuen, wenn ihr zum Abendessen bleibt.“ Mein Vater lächelt unsicher. Dieser Themenwechsel bekräftigt meine Vermutung, da er scheinbar auf meine Essproblematik anspielt. Ich schaue zu Tai.

„Meinetwegen gern, aber ich möchte dich nicht übergehen.“

„Ich habe auch nichts dagegen“, meine ich mit einem Schulterzucken. Dabei macht mich die Situation zunehmend nervöser. Die Gegenwart der beiden Menschen, die ich am meisten liebe und bei denen ich mich immer sicher fühlte, lösen in mir momentan nur befremdliche Gefühle der Angst und Beklemmung aus.

„Wie läuft es mit der Band?“, will mein Vater wissen, vermutlich auf der Suche nach einem unverfänglichen Thema.

„Allem Anschein nach wird sich ‚So easy‘ auflösen“, teile ich versucht nüchtern mit, was ich selbst vorhin erst von Masao erfahren habe.

„Warum?“, fragt Taichi hörbar entsetzt.

„Weil…“ Kurz zögere ich mit meiner Antwort. „… sie ohne mich den Namen nicht weiterführen wollen.“

„Bedeutet das, du gibst die Band auf? War euer Keyboarder deshalb bei uns? Um dich umzustimmen?“

„Ist das die Antwort auf meine Frage von damals, Yamato?“ Fassungslosigkeit ist im Gesicht meines Vaters zu erkennen.

„Ja. Du fragtest mich, ob die Musik mir noch etwas bedeutet.“ Ich lächle, während Tränen über mein Gesicht laufen. „Ich liebe die Musik. Ich liebe ‚So easy‘. Deshalb muss ich sie vor mir beschützen.“

„Was ist das wieder für eine Logik, die du dir in deinem Kopf zusammenspinnst?“, fragt mein Vater bestürzt.

„Ich klärte sie über meine Drogenabhängigkeit und mein selbstverletzendes Verhalten auf. Sollten ‚So easy‘ es schaffen, erfolgreich zu werden, könnten meine Probleme negative Auswirkungen für die gesamte Band haben. Ganz zu schweigen von meiner Vergangenheit als Stricher, wovon ich nicht einmal erzählte. So ist es besser für alle.“

„Das sehe ich nicht so“, mischt sich nun mein Freund ein. „Gibt es Überlegungen, was du stattdessen machen möchtest?“

„Ich habe mit dem Chef vom Koki gesprochen und er wäre bereit, mir eine Festanstellung anzubieten, sollte in nächster Zeit alles gut laufen.“ Wie erwartet tauschen Tai und mein Vater unzufriedene Blicke, als sie von meinem Vorhaben erfahren. Unruhig greife ich nach meiner Tasse, verschütte allerdings durch das Zittern beim Anheben eine kleine Menge des Kaffees.

„Tut mir leid. Ich…“

„Ist doch nicht schlimm“, unterbricht mich meine Vater beruhigend. „Moment, ich hole einen Lappen.“ Sofort erhebt er sich aus seinem Sessel, holt aus der Küche einen Lappen und wischt die Flüssigkeit vom Tisch. Meine Hand verkrampft auf meinem Bein, wobei sie das Fläschchen GHB in meiner Hosentasche umschließt. So einfach könnte ich die Entzugserscheinungen in den Griff bekommen. So einfach könnte ich den wieder stärker werdenden Selbsthass abmildern. So einfach könnte ich vor allem wieder davonlaufen… und am Ende auch daran verzweifeln.

„Ist in der Küche Rauchen noch erlaubt?“

„Ja, wir können gern rübergehen“, bietet mein Vater umgehend an.

„Danke. Wenn es okay ist, würde ich gern einen Moment durchatmen und meine Gedanken sortieren.“

„In Ordnung“, meint er verständnisvoll. Auch Tai nickt. Langsamen Schrittes verlasse ich das Wohnzimmer und entzünde in der Küche eine Zigarette. Gierig ziehe ich den Rauch tief in meine Lungen, auch wenn ich weiß, dass Nikotin nicht als Substitut für Heroin funktioniert. Dennoch hilft es mir momentan, mich zumindest ein wenig zu beruhigen. Die ganze Situation überfordert mich, dabei kann ich nicht einmal sagen, warum. Verhalten sich die beiden tatsächlich merkwürdig oder handelt es sich einmal mehr um meine Einbildung? Ich bin überzeugt, dass sie sich vorab über dieses Treffen unterhalten haben, aber wahrscheinlich resultiert ihr zurückhaltendes Benehmen eher aus ihrer Unsicherheit. Und dass sie ihr Misstrauen meinen Handlungen gegenüber nicht sofort abstellen können, ist selbst für mich mittlerweile mehr als nachvollziehbar. Sorgfältig drücke ich die Zigarette im Aschenbecher aus und verlasse die Küche. Im Flur vernehme ich die gedämpfte Stimme meines Vaters. Argwöhnisch halte ich inne und versuche zu verstehen, worüber er mit Taichi spricht.

„… war es dieser Sportlehrer aus der Oberschule.“ Meine Beine beginnen zu zittern und ich muss mich an der Wand abstützen, als ich die Worte meines Vaters vernehme. Meine Atmung beschleunigt sich, wird unregelmäßig und abgehackt. Panisch bedecke ich meinen Mund mit meiner Hand, um zu verhindern, gehört zu werden. Mit letzter Kraft schleppe ich mich ins Bad und verschließe die Tür hinter mir, bevor ich zu Boden sinke. Diese Unterhaltung… die Gedanken kreisen in meinem Kopf wild umher, ohne dass ich einen zu fassen bekomme. Meine Hand zittert deutlich, als ich versuche, das Fläschchen GHB aus meiner Hosentasche zu ziehen. Mit einigen Schwierigkeiten gelingt es mir schließlich, sie zu öffnen. Ohne darüber nachzudenken, tropfe ich die erlösende Flüssigkeit auf meine Zunge. Dann lasse ich mich rückwärts, mit geschlossenen Augen, auf die kalten Fliesen fallen. Allmählich beruhigt sich meine Atmung. Trotz meiner Panik gelang es mir, die Kontrolle so weit zu behalten, dass ich sehr vorsichtig dosierte. Schwerfällig erhebe ich mich, verstaue die Droge wieder in meiner Tasche und atme tief durch. Dann betätige ich die Spülung, um den Anschein zu erwecken, lediglich auf Toilette gewesen zu sein. Am Waschbecken wasche ich meine Hände und den Schweiß von meinem Gesicht. Ein Blick in den Spiegel wäre vermutlich nicht unklug, aber den Anblick ertrage ich gerade nicht. Mit einem beschwingten Gefühl des Versagens verlasse ich das Bad und gehe zurück ins Wohnzimmer. Die beiden Männer unterbrechen ihr Gespräch und beobachten mich dabei, wie ich erneut auf dem Sofa Platz nehme.

„Geht es dir besser?“, fragt mein Vater sogleich.

„Ich bin etwas verschwitzt. Das ist unangenehm. Worüber habt ihr gesprochen?“ Die Frage kam über meine Lippen, bevor ich darüber nachdenken konnte, ob ich die Antwort überhaupt hören möchte.

„Verschiedenes. Aber vor allem interessiert uns, ob du die Musik komplett aufgibst und stattdessen arbeiten gehen möchtest. In diesem Club oder vielleicht auch woanders.“ Taichis Tonfall klingt nicht bevormundend, aber auch nicht glücklich. „Vielleicht solltet ihr euch noch einmal zusammensetzen und miteinander reden? So wie ich dich kenne, hast du den anderen aus der Band bestimmt kaum Gelegenheit gegeben, ihre Meinung zu dem Sachverhalt zu äußern, oder?“

„Kann sein“, gebe ich zu, obwohl ich meine Gedanken kaum auf dieses Thema lenken kann. Bedeutet die Unterhaltung von vorhin, dass sie Bescheid wissen? Oder war der Zusammenhang ein anderer? Sollte ich darauf ansprechen?

„Yamato, alles okay? Du wirkst irgendwie… abwesend.“ Mein Vater mustert mich eingehend.

„Ja, klar“, entgegne ich etwas zu überschwänglich. Argwöhnisch dreht mein Freund mich zu sich und betrachtet meine Augen. Der Konsum des GHB dürfte sich darin jedoch nicht abzeichnen.

„Hast du was genommen?“ Taichis Direktheit verwundert mich nicht, doch ich zucke lediglich mit den Schultern. Er seufzt und lässt mich los. „Hiroaki, meintest du nicht, du hättest Curry gemacht?“ Mein Vater schaut mich traurig an, dann wendet er sich mit einem verzerrten Lächeln an meinen Freund. „Ja, ich mache es warm.“

Es ist bereits dunkel, als Tai und ich von meinem Vater zurück in unsere Wohnung kommen. Ich taste nach dem Lichtschalter im Flur und betätige ihn. Wortlos ziehen wir unsere Schuhe aus. Dann geht mein Freund ins Wohnzimmer, kurz darauf höre ich die industrialartige Hintergrundmusik des Konsolenspiels, welches er seit einiger Zeit spielt. Ich gehe in die Küche und lasse mich auf einen der Stühle fallen. Mit meiner Hand streiche ich über meinen schmerzenden Bauch. Die Übelkeit, die ich seit dem Abendessen verspüre, wird nicht besser. Dennoch halfen mir das Unwohlsein und die geringe Dosis des GHB, mich auf dem Heimweg von meiner Angst etwas abzulenken. Taichi lief die ganze Zeit neben mir, schweigend. Es fällt mir schwer, zu erkennen, ob er wütend oder enttäuscht ist. Verstehen könnte ich beides, habe ich diesmal sogar im Beisein von ihm und meinem Vater zu Drogen gegriffen. Seufzend entzünde ich eine Zigarette und nehme einen kräftigen Zug. Ich bereue den Konsum nicht, weil sich dadurch die Entzugserscheinungen gemildert haben. Für meine Schwäche hasse ich mich trotzdem. Unruhig rutsche ich auf dem Stuhl herum. Das Gefühl, verursacht durch das Essen in meinem Inneren, wird unerträglich. Fahrig drücke ich die Zigarette im Aschenbecher aus und laufe schnellen Schrittes ins Bad. Hinter mir verschließe ich die Tür. Es muss raus. Ich beuge mich über die Toilettenschüssel und erbreche den Fremdkörper, bis der Schmerz in meinem Bauch und das abstoßende Gefühl nachlassen. Blut tropft aus meiner Nase, offenbar ist durch das intensive Würgen ein Äderchen geplatzt, und vermischt sich mit dem einstigen Curry, welches mein Vater extra für uns zubereitet hatte. Ich widere mich selbst an, wenn ich diese Methode anwenden muss. Unzufrieden reiße ich etwas Zellstoff von der Rolle und stopfe es in meine Nase. Dann reinige ich die Toilette und betätige die Spülung. Ich wende mich dem Waschbecken zu. Im Spiegel sehe ich einen Mann, der erbärmlicher nicht aussehen könnte. Bin ich erschreckt darüber… oder erfreut? Ich beuge mich über das Waschbecken und entferne vorsichtig das Stück Zellstoff. Sogleich tropft rotes Blut auf die weiße Keramik, läuft in Rinnsalen hinab zum Abfluss. Einen Moment beobachte ich das Geschehen, dann halte ich mir die Nase zu, um die Blutung zu stoppen. Während des Wartens riskiere ich erneut einen Blick auf mein Spiegelbild. Eigentlich sollte mich abschrecken, was ich da sehe. Es sollte mich wachrütteln, mich dazu bewegen, die Notbremse zu ziehen. Doch die einzige Erkenntnis, die ich gewinne, ist die Tatsache, dass Tai recht hat. Mein Selbsthass scheint unüberwindbar zu sein. Eigentlich ist er das Einzige, was ich an mir liebe, woran ich mich festhalte, nahezu panisch klammere. Ohne ihn bliebe nichts mehr von mir übrig. Selbst meine Liebe für Taichi basiert auf diesem Selbsthass. Wenn ich dieses Fundament zerstöre, was passiert dann mit uns? Ist es diese Angst, die mich daran hindert, mein dysfunktionales Verhalten aufzugeben? Ich möchte Tai nicht verlieren. Eine einzelne Träne bahnt sich einen Weg über meine Wange. Ich schließe meine Augen. Durch den Mund atme ich hörbar aus. Dann lasse ich vorsichtig meine Nase los, um zu sehen, ob die Blutung aufgehört hat. Als kein Blut mehr austritt, wasche ich vorsichtig mein Gesicht sowie meine Hände mit kaltem Wasser. Anschließend säubere ich das Waschbecken. Durch den Anblick meines Blutes steigerte sich mein Verlangen, mir mit einer Rasierklinge tiefe Wunden zuzufügen. Kurz erwäge ich, diesem nachzugeben, aber ich möchte meinen Freund nicht noch mehr enttäuschen, indem ich unsere Abmachung breche. Der neuerliche Konsum des GHB strapaziert unsere Beziehung momentan schon genug. Und ihn zu fragen, ob er mein Begehren erfüllt, scheint mir auch keine gute Idee zu sein. Zumindest im Moment. Sorgfältig trockne ich mein Gesicht mit einem Handtuch. Anschließend putze ich meine Zähne, um den widerlichen Geschmack loszuwerden. Zuletzt versprühe ich noch etwas Raumspray, um den Geruch zu überdecken, dann verlasse ich das Bad und gehe zurück in die Küche. Körperlich fühle ich mich besser, psychisch nicht. Mit zitternder Hand entzünde ich eine Zigarette und nehme erneut auf dem Stuhl Platz, auf dem ich zuvor schon gesessen habe. Es war nicht das erste Mal, dass ich das Erbrechen nach dem Essen willentlich herbeigeführt habe, und ich wünschte, ich könnte darauf verzichten. Wenn ich wenig zu mir nehme, ist es kein Problem, dieses Gefühl kann ich ertragen. Sobald es sich jedoch wie eine Mahlzeit, und somit lebenserhaltend, anfühlt, wird es zum Problem. Ich ziehe an meiner Zigarette. Der Rauch brennt etwas, da die Speiseröhre durch das Erbrechen gereizt ist. In mein Bewusstsein dringen die Geräusche aus dem Wohnzimmer. Ich nehme einen letzten Zug von der Zigarette, bevor ich sie ausdrücke und die Küche verlasse, den Flur durchquere und neben meinem Freund auf dem Boden vor dem Fernseher Platz nehme. Schweigend schaue ich ihm zu, wie er versucht, Bücher in einem Regal zu ordnen, offenbar ein Rätsel.

„Ah, ich glaube, jetzt habe ich die richtige Reihenfolge.“ Der Raum sieht ziemlich verfallen aus und auch die Geräuschkulisse ist irgendwie beklemmend. Tai hat schon immer gern Videospiele gespielt, aber ich weiß, dass sie für ihn ebenso eine Art Realitätsflucht darstellen. Vielleicht hilft es ihm auch, nicht zum Alkohol zu greifen. Als Ablenkung. Den Bildschirm im Blick behaltend lehne ich meinen Kopf gegen seine Schulter.

„Bist du noch drauf?“, fragt mein Freund, ohne sein Spiel zu unterbrechen.

„Die Wirkung ist weitestgehend abgeklungen“, antworte ich wahrheitsgemäß. Einem unerwarteten Impuls folgend krame ich aus meiner Hosentasche das kleine Fläschchen und stelle es vor Taichi auf den Boden. „Mehr habe ich nicht.“ Tais Lippen ziert ein abfälliges Lächeln, wobei er ohne Unterbrechung auf den Kontroller einhämmert. „Du glaubst mir nicht, oder?“

„Doch“, entgegnet er ruhig. „Schließlich kannst du jederzeit deinen Körper für neuen Stoff hergeben. So wie du es vermutlich auch für dieses Zeug getan hast.“ Mit einer leichten Kopfbewegung deutet er auf das GHB.

„Ich musste dafür keine Gegenleistung erbringen. Auch für den letzten Heroinrausch nicht“, antworte ich emotionslos. Mein Freund betätigt die Pausetaste und schaut mich argwöhnisch an. Nervös weiche ich seinem Blick aus und betrachte sehnsuchtsvoll das kleine Fläschchen. Bin ich wirklich bereit für diesen Schritt? Ernüchtert schließe ich meine Augen. Nein. Ich weiß, dass ich nie bereit dafür sein werde. Aber je tiefer ich in die Drogenabhängigkeit zurückfalle, desto schwerer wird es. Dessen bin ich mir inzwischen bewusst und ich sollte den momentanen Zustand der Klarheit und Vernunft nutzen, bevor ich wieder zu sehr in mir selbst gefangen bin. Mit Sicherheit wird es etliche Situationen geben, in denen ich mich für mein jetziges Handeln verfluchen werde. Aber vielleicht kann ich mir gegenüber auch irgendwann Dankbarkeit empfinden. „Mir fiel ein, dass ich den Schlüssel zu Shinyas Wohnung besitze. So kam ich ohne Probleme an das GHB… und auch an das Heroin.“

„Großartig. Soll ich diesem Typen jetzt dankbar sein, dass du dich nicht mehr verkaufen musst, sondern dich einfach so nach Herzenslust zudröhnen kannst?“ Hilflos schaue ich Taichi an. Seine Reaktion ist verständlich. Angst mindert meine Entschlossenheit, aber ich darf jetzt keinen Rückzieher machen.

„Ich möchte dir seinen Wohnungsschlüssel anvertrauen… bis ich ihn Shinya irgendwann hoffentlich zurückgeben kann.“ Überrascht mustert Tai mein Gesicht. Dann schleicht sich Argwohn in seine Mimik.

„Woher kommt auf einmal diese vorgebliche Vernunft?“

„Ich…“ Beschämt wende ich mich ab. „… möchte dich beim Sex wieder richtig spüren.“ Ein bitteres Lachen entweicht Tais Kehle. „Bitte versteh mich nicht falsch“, erwidere ich hastig. „Es geht mir nicht nur darum.“ Mein Blick fällt erneut auf das kleine Fläschchen GHB. Ich greife danach und drehe es nachdenklich in meiner Hand. Es fühlt sich an, als würde ich Abschied von einem guten Freund nehmen, der mir mindestens genauso viel Leid gebracht hat. „Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren. Als du meintest, du bereitest dich innerlich auf meinen Tod vor, wurde mir schmerzlich bewusst, was ich dir seit Jahren antue. Und meinem Vater.“

„Hast du deshalb erneut zu Drogen gegriffen? Weil du die Konfrontation mit unseren Gefühlen nicht aushalten konntest? Wie willst du das dann zukünftig schaffen, wenn du dich jetzt von ihnen lossagst? Was willst du als Substitut verwenden? Entschuldige, Yamato, aber ich glaube nicht, dass du es so schaffen wirst. Das hast du schon zu oft versucht und bist gescheitert. Selbst wenn ich dir jeglichen Zugang zu Drogen verwehre, bleibt dir, wie sonst auch, die Prostitution. Darüber haben weder dein Vater noch ich eine Handhabe, wenn wir dich nicht einsperren wollen. Wir drehen uns nur ein weiteres Mal im Kreis.“

„Ich kann dir nicht verübeln, dass du so denkst. Um ehrlich zu sein, weiß ich selbst nicht, ob ich es diesmal schaffe“, gebe ich zu. Auf den Grund für meinen letzten Konsum gehe ich absichtlich nicht ein und hoffe, dass auch Taichi nicht nachhakt. Entschlossen drücke ich ihm das Fläschchen in die Hand. „Ohne deine Hilfe wahrscheinlich nicht.“

„Und was erwartest du von mir? Soll ich wieder Regeln aufstellen, an die du dich sowieso nicht hältst?“

„Nein. Ich… mache so weiter…“ Frustriert balle ich meine Hand zur Faust. „… bis ich sterbe. Vielleicht ist das das Beste für alle.“

„Okay“, entgegnet mein Freund kühl. „Dann gebe ich dir dieses Zeug zurück. Ist eine Überdosis tödlich?“ Ich schaue auf das GHB, dann zu Taichi, der mich mit Tränen in den Augen schmerzverzerrt anlächelt. Aufkommende Angst erfasst meinen Körper und lähmt mich. Ich hatte gehofft, dass dieses Gespräch anders verlaufen würde, doch letztlich ist alles wie immer. Unerwartet zieht Tai mich an sich, umfängt mich schützend mit seinen Armen. „Es tut mir leid. Meine Bemerkung war überflüssig. Ich…“

„Meine Aussage zuvor war ebenso unnötig. Dabei bin ich einfach nur unsicher. Wie sollen wir mit der Situation umgehen? Ich möchte nicht, dass alles wieder eskaliert.“ Halt suchend kralle ich meine Finger in das Shirt meines Freundes. Dieser streicht liebevoll durch meine Haare.

„Yamato…“, flüstert er, dann löst er unsere Umarmung und schaut mir tief in die Augen. „Ich liebe dich.“ In seinem Blick erkenne ich nichts als Zuneigung. Sanft berühre ich Tais Wange, bevor ich beinahe schüchtern seine Lippen küsse.

„Ich liebe dich“, entweicht es heiser meiner Kehle. Wie können diese Worte so heilsam und schmerzhaft zugleich sein? Mein gesamter Körper sehnt sich nach den Berührungen meines Freundes. Auch Taichis Begierde spüre ich deutlich. Und doch wissen wir beide, dass wir jetzt nicht miteinander schlafen werden.

„Worüber hast du vorhin eigentlich mit meinem Vater gesprochen“, frage ich plötzlich zusammenhangslos, da mich diese Frage schon die ganze Zeit beschäftigt. Mein Freund schaut mich irritiert an.

„Was für ein Themenwechsel.“ Er lächelt verlegen. Hatte Tai doch an Sex gedacht? Ich war mir sicher, er würde meinen derzeitigen Körper ablehnen. Dann ändert sich sein Gesichtsausdruck und wird ernst. „Er hatte mir erzählt, dass er… deinen ehemaligen Sportlehrer in Odaiba gesehen hat. Ich wusste nicht, dass dieser Perverse wieder auf freiem Fuß ist. Dein Vater offenbar auch nicht.“ Ich spüre, wie eine unangenehme Hitze in mir aufsteigt, gleichzeitig beginnt mein Körper spürbar zu zittern. Verzweifelt versuche ich die aufkommende Panik niederzudrücken, um sie vor meinem Freund zu verbergen. Dieser mustert mich, meine Reaktion. Seine Miene lässt Entsetzen erkenne. „Du… wusstest es, oder? Deshalb warst du auf dem Weg zu deinem Vater so verstört. Du hattest Angst, ihm zu begegnen.“ Tränen füllen meine Augen. Beruhigend nimmt Tai mich in den Arm und drückt meinen bebenden Körper fest an sich. „Ich werde dich vor diesem Schwein beschützen. Er wird nie wieder Hand an… dich…“ Abrupt löst er sich von mir und starrt mich fassungslos an. „Er… hat es… bereits getan… er… ist der Wichser, der dich…“

„Tai!“ Weinend versuche ich meinen Freund zu beruhigen, in dessen Augen sich immer mehr Wut und Hass abzeichnen, indem ich sein Gesicht zwischen meine Hände nehme und so seinen Blick auf mich fixiere. „Bitte, lass es uns einfach vergessen.“

„Und diesen Drecksack ungestraft davonkommen lassen?“

„Nur, weil ich mich damals gewehrt habe und ihn mit meiner Aussage ins Gefängnis brachte, rächte er sich an mir. Es wäre mir erspart geblieben, wenn…“

„Yamato, das ist nicht dein Ernst!“, unterbricht Taichi mich schroff. „Das ist die falsche Konsequenz, die du ziehst. Damit legitimierst du sein Verhalten regelrecht.“

„Was soll ich sonst tun? Ich habe nicht einmal Beweise. Die Wunden sind verheilt und sein… Sperma…“ Übelkeit kommt in mir auf, als sich Bilder von damals in mein Bewusstsein drängen.

„Komm her…“ Sanft zieht Tai mich wieder an sich. Sofort beginne ich hemmungslos zu weinen, nicht wegen der Erinnerungen, sondern aus Angst um meinen Freund. Ich bezweifle, dass er die Sache auf sich beruhen lassen wird. Warum habe ich es nicht abgestritten? Vermutlich hätte ich es nicht glaubhaft vermitteln können. Ich presse mich stärker an Taichi. Sein Schweigen beunruhigt mich. Die Situation, vor der ich mich immer fürchtete, ist nun Realität geworden. Tränen laufen über meine Wangen, als mein Blick auf den Bildschirm des Fernsehers fällt. Trotz des Pausenmodus sieht man, dass sich ein Monster der Spielfigur nährt. Seine Gestalt ähnelt der eines verunstalteten Menschen.
 

Verschlafen öffne ich meine Augen. Mein Kopf schmerzt leicht, aber ich habe die Nacht auch nicht gut geschlafen. Ständig wachte ich verschwitzt auf. Ob es Albträume waren, an die ich mich nicht mehr erinnere oder weitere Entzugserscheinungen, vermag ich nicht zu sagen. Ich drehe mich auf die Seite und muss feststellen, dass Taichi nicht neben mir liegt. Dafür dringt der Duft von Kaffee in meine Nase. Schwerfällig erhebe ich mich und streife ein mir viel zu großes Shirt über. Dann begebe ich mich in die Küche. Mein Freund sitzt mit dem Rücken zu mir am Tisch und scheint in Gedanken versunken zu sein. Nach dem gestrigen Gespräch habe ich Angst nachzufragen, was ihn beschäftigt. Wortlos setze ich mich ihm gegenüber und betrachte ihn sorgenvoll. Sogleich lenkt er seine Aufmerksamkeit auf mich, wirkt dabei aber noch leicht abwesend.

„Wie geht es dir? Du warst sehr unruhig in der Nacht und bist häufiger aufgestanden.“

„Um den Schweiß abzuwaschen“, erkläre ich kurz. „Du warst also ebenso wach?“

„Nicht die ganze Zeit, aber richtig schlafen konnte ich auch nicht.“ Tai erhebt sich und geht zum Küchenschrank. „Möchtest du Kaffee?“

„Ja, danke.“

„Frühstück?“, fragt er beiläufig, während er das dampfende Getränk vor mir abstellt. Als er sich wieder von mir abwendet, um zum Kühlschrank zu gehen, halte ich ihn am Arm zurück.

„Können wir reden? Über die… Sache?“ Ich fühle mich unsicher, zwinge mich aber, meinen Freund anzusehen.

„Meinst du darüber, wie wir dieses Schwein töten?“, entgegnet er hasserfüllt.

„Taichi!“

„Er wollte dich mit der HIV-Lüge in den Selbstmord treiben. Ganz zu schweigen, was er dir sonst noch angetan hat. Der Tod ist das Mindeste, was er verdient, Yamato.“ Ich lasse meine Hand sinken und nippe an meinem Kaffee.

„Du stellst eine Rache, die dich nur sekundär betrifft, über unsere Beziehung?“

„Du irrst dich. Sie betrifft mich ganz unmittelbar. Wenn du um deinetwillen nicht wütend wirst, übernehme ich das für di…“

„Mit welchem Ziel, verdammt. Dass du wegen Mordes ins Gefängnis gehst? Oder sogar die Todesstrafe erhältst? Was habe ich dann noch davon?“ Seufzend öffnet Tai die Kühlschranktür, nur um sie gleich wieder zu schließen. Er wendet sich mit einem verzweifelten Blick zu mir um.

„Soll dieser Abschaum wirklich ungestraft davonkommen? Sexuelle Gewalt ist kein Kavaliersdelikt, Yamato.“ Ein bitteres Lächeln legt sich auf meine Lippen.

„Derartige Dinge haben wir uns auch mehrfach gegenseitig angetan.“

„Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen.“

„Warum? Weil wir in einer Beziehung sind? Kann man ein solches Verhalten damit rechtfertigen?“

„Das nicht, aber die Empfindungen sind dennoch anders. Ist es nicht ebenso entscheidend, wie man für die Person empfindet, die einem das antut?“

„Ja, und ich frage mich bis heute, was mehr wehtut...“ Taichi schweigt und schaut betreten zur Seite. „Wie hast du dich denn gefühlt, als ich dich damals… als wir noch Kinder waren… gegen deinen Willen…“ Meine Stimme versagt bei dem Gedanken an damals. „Das… war nichts anderes… als das, was mir angetan wurde“, füge ich leise, kaum hörbar an. Unzufrieden nimmt mein Freund wieder auf seinem Stuhl Platz, bemüht seine Tränen zurückzuhalten. „Es tut mir leid…“

„Nein. Ich begreife, worauf du hinauswillst. Aber warum musst du mir ausgerechnet jetzt beweisen, dass du auch sachlich und differenziert diskutieren kannst?“ Ein schwaches Lächeln legt sich auf Tais Lippen. Seufzend stehe auf, um mir ein Currybrötchen zu holen und setze mich damit wieder an den Tisch.

„Ich habe Angst, dich wegen einer Dummheit zu verlieren, das solltest du wissen“, antworte ich, während ich die Packung aufreiße und von meinem Frühstück abbeiße.

„Du liebst die Dinger wirklich, oder?“

„Ja, schon. Spricht etwas dagegen?“

„Nein. Ich bin froh, wenn du überhaupt etwas isst.“ Betreten kaue ich auf meinem Currybrötchen herum. Diese Thematik ist mir, wie immer, sehr unangenehm… nicht dass die vorherige viel angenehmer gewesen wäre…

„Darf ich ihn dann wenigstens kastrieren… ganz unauffällig?“, höre ich meinen Freund plötzlich fragen.

„Was?“ Versucht Tai die Situation gerade aufzulockern? Oder meint er das ernst? Ich beginne zu lachen. „Wie willst du das denn machen?“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“ Kurz schweigt Taichi. „Dafür aber über etwas anderes. Als Reiji dich damals zugedröhnt nach Hause brachte, erwähnte er, dass er für dich da war, als du fast vergewaltigt wurdest. Warum weiß er Dinge von dir, die ich nicht weiß?“ Ich lasse mein Currybrötchen sinken, von dem ich gerade abbeißen wollte.

„Reiji half mir, als… er hätte mich schon damals fast…“

„Wieder der Sportlehrer? Seit wann weißt du eigentlich, dass er aus dem Gefängnis entlassen wurde? Und warum hast du mir nie etwas davon gesagt?“

„Keine Ahnung. Ich versuchte mir einzureden, dass es keine große Sache ist, es geht schließlich nur um Sex. Aber ich musste lernen, dass es diesbezüglich große Unterschiede gibt. Vielleicht war das auch die einzige Möglichkeit, wie ich es lernen konnte.“

„Redest du dir immer solchen Unsinn ein, um deine Psyche zu schützen? Weil du anders nicht verkraften kannst, dass dir schlimme Dinge angetan wurden?“ Ich schmunzle.

„Weißt du, dass Reiji mich dasselbe gefragt hat? Ihr beide seid euch manchmal wirklich ähnlich.“

„Soll ich diesen Vergleich als Kompliment oder als Beleidung auffassen?“, reagiert Tai schmollend.

„Als wertungsfreie Tatsache“, gebe ich lachend zurück und esse den letzten Rest meines Frühstücks. Dann trinke ich einen Schluck meines Kaffees und greife nach der Zigarettenschachtel, die auf dem Tisch liegt. „Wenn du unbedingt eine Verurteilung für diesen Typen bewirken willst, habe ich vielleicht eine Idee.“

„Warum habe ich nur das Gefühl, dass mir nicht gefallen wird, was jetzt kommt?“ Tai mustert mich skeptisch.

„Weil es dir nicht gefallen wird? Eine andere Möglichkeit sehe ich allerdings nicht.“

„Ich bin schon froh, dass du mich einbeziehst. Aber versprich mir, dass du nichts ohne meine Zustimmung unternehmen wirst.“ Nervös entzünde ich eine Zigarette. Dieses Gespräch fühlt sich extrem unwirklich an.

„Du erwähntest vorhin, er wollte mich in den Selbstmord treiben. Dass das nicht funktioniert hat, wird er sicher mitbekommen haben. Vermutlich wird er sich damit nicht zufriedengeben und erneut den Kontakt suchen. Wenn er noch einmal Hand an mich legt, haben wir die Beweise, die wir brau…“

„Nein!“, unterbricht mich Taichi entschieden. Ich ziehe an meiner Zigarette und lasse den Rauch zwischen meinen Lippen entweichen.

„Ich habe da auch keine Lust drauf, wenn es jedoch die einzige Mögl…“

„Nein!“, wiederholt mein Freund bestimmt. „Aber es ist bezeichnend, dass mich dieser Vorschlag von dir in keiner Weise überrascht. Dein Denken und Handeln ist manchmal so verquer. Verdammt nochmal, Yamato! Begreifst du eigentlich selbst, wie absurd deine Idee ist?“

„Weniger absurd, als über einen Mord oder eine Kastration nachzudenken?“, kontere ich so ruhig wie möglich.

„Was ist das gerade für eine Situation?“ Überfordert verbirgt Tai sein Gesicht in den Händen, die kaum merklich zittern. Ich kann mir vorstellen, woran er gerade denkt. Sein Verlangen nach Alkohol ist nach wie vor präsent, nur dass ich es durch meine Suchtproblematik weniger wahrnahm. „Yamato“, nimmt mein Freund das Gespräch versucht gefasst wieder auf. „Hast du vergessen, wie verängstigt du gestern durch Odaiba gegangen bist? Oder wie oft du auf einfache Berührungen panisch, beinahe dissoziativ reagiert hast? Ich bezweifle, dass du eine Konfrontation, erst recht auf körperlicher Ebene, überstehen würdest. Zumindest nicht, ohne massiven Schaden zu nehmen.“

„Tai…“ Das Telefonklingeln unterbricht mich, wofür ich dankbar bin, denn momentan habe ich keine Antwort. Zwar hasse ich es, zu telefonieren, aber da ich davon ausgehe, dass es sich bei dem Anrufer um meinen Vater handelt, entscheide ich, selbst ranzugehen. Ich möchte ihm keine Sorgen bereiten. Sofort erhebe ich mich und drücke hastig die Zigarette im Aschenbecher aus. Taichi beobachtet mich dabei und sieht mir nach, als ich mich in den Flur begebe. Ich nehme den Hörer ab und melde mich mit meinem Namen. Die Stimme am anderen Ende sagt ein paar Worte, ich bedanke mich und wir legen beide auf. Nachdenklich gehe ich zurück zur Küche und bleibe im Türrahmen stehen. Tai dreht sich zu mir.

„Ist etwas passiert?“, fragt er besorgt. „War es nicht Hiroaki?“ Offenbar hatte mein Freund den gleichen Gedanken.

„Nein. Das war das Krankenhaus. Shinya ist wieder ansprechbar.“

Mit jedem Schritt, den ich die Krankenhaustreppe in Richtung geschlossene Psychiatrie emporsteige, werde ich nervöser. Ich möchte Shinya sehen. Allerdings habe ich auch Angst, erneut mit ihm in Kontakt zu treten. Bereits zweimal ließ ich ihn im Stich, was fatale Folgen mit sich brachte. Ein drittes Mal…

„Yamato?“, höre ich plötzlich eine Stimme meinen Namen rufen. Ich wende mich um und erblicke Shota, der am Treppenaufgang mit zwei Kaffeebechern in der Hand zu mir aufsieht. „Haben sie dich also auch informiert…“ Sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass er nicht sehr glücklich über diese Tatsache ist. Stufe für Stufe kommt er auf mich zu.

„Naja, ich habe ihn damals einliefern lassen und war zu dem Zeitpunkt seine einzige Bezugsperson.“ Mit einem bitteren Lächeln erinnere ich mich an damals, als ich zeitweise bei Shinya wohnte und machtlos zusehen musste, wie er sich mit Alkohol und Drogen zerstörte.

„Meine Mutter ist gerade bei ihm. Ich bitte dich, darauf zu verzichten, ihn zu besuchen.“

„Okay, das verstehe ich natürlich. Dann komme ich später wieder“, schlage ich einsichtig vor.

„Meine Bitte bezog sich nicht nur auf jetzt, Yamato.“ Shotas Blick ist eindringlich. „Ich möchte nicht, dass du zu meinen Vater Kontakt hast. Durch den Stupor hat er zwar den körperlichen Entzug hinter sich, aber er ist extrem instabil. Die psychische Abhängigkeit besteht weiterhin und ist massiv spürbar in seiner Suizidalität. Vorerst muss er deshalb auf der geschlossenen Station bleiben.“ Tränen brennen in meinen Augen, als ich Shotas Ausführungen Shinyas Zustand betreffend zuhöre. Am liebsten würde ich meinen einstigen Freier sofort in meine Arme schließen und die Aussicht, dass ich das nie wieder werde tun können, schmerzt umso mehr. Dennoch verstehe ich die Bedenken seines Sohnes. Schließlich bin ich ebenso drogenabhängig, wenn auch auf Entzug, was Shota jedoch nicht weiß.

„Ich möchte, dass es deinem Vater gut geht. Vielleicht bin ich nicht der Richtige dafür, habe ich doch schon mehrmals dabei versagt, auf ihn aufzupassen. Aber er ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, deshalb…“

„Lässt du die wichtigsten Menschen in deinem Leben immer allein, wenn sie dich am meisten brauchen?“, unterbricht mich Shota feindselig. Dass er derart Partei für seinen Vater ergreift, überrascht mich.

„Du möchtest, dass er wieder gesund wird. Das verstehe ich, denn ich möchte nichts anderes. Aber wie stellst du dir eure Beziehung in Zukunft vor? Kannst du ganz normal mit deinem Vater reden?“ Shota weicht meinem Blick aus und schaut zur Seite.

„Nein, ich… habe mit ihm noch kein Wort gesprochen. Meine Mutter ist ja auch dabei.“

„Würdest du mit ihm reden, wenn ihr allein wärt?“

„Nein. Ich möchte gar nicht mit diesem… Mann allein in einem Raum sein.“ Seine widersprüchlichen Gefühle beherrschen Shota also noch immer.

„Ich verstehe, was in dir vorgeht. Und ich verurteile deinen Vater für sein Handeln. Aber ich mache mir auch Sorgen um Shinya. Denkst du nicht, er könnte jetzt einen Freund gebrauchen?“ Shota schweigt für einen Moment, dann betrachtet er mich verzweifelt.

„Wie hast du es geschafft, meinem Vater zu verzeihen?“ Ein Mann, der wie das Pflegepersonal gekleidet ist, kommt eilig die Treppe hinuntergelaufen, weshalb wir ein paar Schritte zur Seite gehen, um ihm Platz zu machen.

„Für mich gab es nie etwas zu verzeihen.“ Ein mildes Lächeln legt sich auf meine Lippen. „Dein Vater hat Dinge getan, die nicht in Ordnung sind. Aber ich weiß, wie sehr er selbst darunter leidet. Er zerbricht unter der Last seiner Taten.“

„Und was ist mit dir… oder mir?“ Kurz hält Shota inne und betrachtet mich mit einem Ausdruck tiefer innerer Zerrissenheit. „Muss ich ihm verzeihen, weil du ihm verziehen hast? Hört es dann endlich auf? Wird dann alles wie früher?“ Seine Stimme bebt und ich sehe, wie sich sein Griff um die Kaffeebecher verstärkt.

„Ob du ihm verzeihst, ist deine Entscheidung. Ich würde verstehen, wenn du das nicht kannst. Und das wäre auch absolut in Ordnung.“ Mit meiner Hand streiche ich fahrig über meine verschwitzte Stirn. „Aber ich bezweifle, dass es jemals wieder so wie früher werden kann“, füge ich ehrlich an.

„Wie kann ich lernen, mit dieser… Sache so wie du umzugehen, sodass es mir irgendwann vielleicht möglich ist, meinem Vater zu verzeihen? Wie erreiche ich solche Stärke?“ Schmerzerfüllt betrachte ich Shinyas Sohn.

„Mit Stärke hat das nichts zutun. Das sind mangelnde Selbstachtung sowie grenzenloser Selbsthass und ich hoffe, dass du nie so werden wirst“, antworte ich verächtlich.

„Yamato…“ Mein Gegenüber seufzt. „Bitte besuche meinen Vater, wenn er auf die offene Station verlegt wird. Meine Mutter mag dich aus unerfindlichen Gründen, obwohl mein Vater sie mit dir betrogen hat.“ In Shotas Worten schwingt noch immer leichte Verbitterung mit. „Sie meinte vorhin, sie hätte nichts dagegen, wenn das Krankenhaus dir weiterhin Auskunft gibt und dich informiert, sollten sich Veränderungen abzeichnen. Solange er jedoch akut suizidal ist und auf der geschlossenen Station bleiben muss, bitte ich dich, auf den Kontakt zu meinem Vater zu verzichten. Ich hoffe, du hast Verständnis dafür.“ Erleichtert, dass Shota seine Meinung geändert hat, lächle ich ihn an.

„Natürlich. Ich danke dir.“

„Das mache ich weder für dich noch für meinen Vater“, entgegnet mein Gegenüber schroff. „Aber ich denke, es könnte meiner Mutter helfen. Sie gibt sich Mühe, aber ich weiß, dass die Situation sie total überfordert, insbesondere die Drogenproblematik betreffend. Aber jetzt muss ich los, bevor der Kaffee komplett kalt ist.“ Ich schaue Shinyas Sohn noch einen Moment nach, bis er aus meinem Sichtfeld verschwindet, dann gehe ich in die Richtung, aus der ich eigentlich gekommen war. Beim Verlassen des Krankenhauses schwirren unzählige Gedanken in meinem Kopf. War es richtig, Shota dazu zu bringen, seinen Vater sehen zu dürfen, oder wäre es besser gewesen, die Sache ein für alle Mal zu beenden?
 

Gedankenversunken sitze ich in der Küche und betrachte den Zigarettenrauch, welcher sich kreiselnd von der Glut empor in den Raum bewegt. Leicht drehe ich die Zigarette in meinen Fingern und beobachte, wie sich die Gebilde verändern. Verschiedene Textzeilen schwirren durch meinen Kopf, drängen darauf, zu Papier gebracht zu werden. Es ist schon fast Ironie, da ich mich früher oft mit dem Songwriting schwergetan habe. Irgendwie bin ich aber auch dankbar. In letzter Zeit ist so viel passiert, worüber ich im Augenblick nicht nachdenken möchte. Da ist mir jede Ablenkung recht, insbesondere, wenn ich allein zu Hause bin. Entschlossen nehme ich einen letzten Zug von meiner Zigarette, drücke sie im Aschenbecher aus und begebe mich ins Wohnzimmer. Aus einer Schublade hole ich Block, Notenpapier sowie einen Stift und nehme auf dem Sofa Platz. Eilig notierte ich die Zeilen, die ich nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Während ich eifrig schreibe, überlege und korrigiere, bemerke ich nicht, wie die Zeit verfliegt. Erst als es allmählich zu dunkel wird, um noch etwas zu erkennen, halte ich inne. Ich lehne mich zurück und schließe meine Augen. Es ist lange her, dass ich mich so gut und ausdauernd auf eine Sache konzentrieren konnte. Vor allem ohne an Drogen oder anderes selbstschädigendes Verhalten zu denken. Aber ich weiß, dass die Musik, so sehr ich sie auch liebe, mich nicht wird retten können. Seufzend lasse ich mich zur Seite fallen und schließe meine Augen. Die soeben aufgeschriebenen Worte beginnen sich zu einer Melodie zu formen, tanzen beschwingt durch meinen Kopf.

„Ich habe deiner Musik immer so gern zugehört…“

„Ich weiß… und es… tut mir leid“, entgegne ich traurig.

„Du musst dich nicht entschuldigen, Yamato. Nicht bei mir.“ Erfüllt von Schwermut öffne ich meine Augen und betrachte den erdrückend blauen Himmel. Das weiche Fell meines digitalen Freundes, welcher sich an mich gelehnt hat, streift sanft die Haut an meinem Arm.

„Gabu?“ Ich möchte eine Frage stellen, die mich schon seit Jahren beschäftigt.

„Ja, was ist denn, Yamato?“, begegnet mir mein Partner mit einem tiefen Seufzer des Wohlfühlens. Ich lächle und schließe meine Augen.

„Hm, schon gut. Nicht so wichtig.“ Im Moment bin ich noch nicht bereit für die Antwort. Lieber möchte ich Gabumons Anwesenheit genießen, die sich so friedlich für mich anfühlt.

„Bitte hör nicht auf…“ Seine Stimme klingt plötzlich traurig, dann verstummt sie. Ich öffne meine Augen und… bin allein. Die Welt hat aufgehört zu existieren. Ich sehe nichts, ich höre nichts… ich fühle… nichts. Eigentlich ist dieser Zustand recht angenehm… keine Schmerzen zu spüren. Alles fühlt sich leicht, unbeschwert und… unbedeutend an. Auf Dauer unerträglich. Einsam.

„Yamato?“ Ich bemerke, wie mir eine Träne von der Wange gewischt wird. „Hattest du einen Albtraum?“

„Tut mir leid, bin ich eingeschlafen?“ Verwirrt schaue ich mich um.

„Ich bin hier.“ Trost spendend schmiegt sich Gabumon an meinen Körper. „Keine Angst, du bist nicht allein.“

„Bleibst du bei mir?“, frage ich mit erstickter Stimme.

„Solange es nötig ist“, antwortet mein digitaler Freund mit einem gequälten Lächeln.

„Was… bedeutet das?“, stelle ich schließlich die Frage, deren Antwort ich zu hören ich noch nicht bereit bin.

„Erinnerst du dich an die Höhle? An das Meer? Die Orte, an die du nie wieder zurückkehren darfst?“ Ich fühle die Angst meines kleinen Freundes. Meine Angst? Nein… Angst, die meine sein sollte.

„Ja“, antworte ich merkwürdig unbeteiligt.

„Sie sind… nur einen Schritt entfernt, Yamato. Aber das weißt du, nicht wahr? Es ist dir bewusst, weil du es so möchtest.“

„Hasst du mich dafür?“

„Ich könnte dich nie hassen. Glaubst du, es war Zufall, dass ich dein Partner wurde?“ Schwermütig schaue ich in den Himmel, der inzwischen in ein tiefes Dunkelblau getaucht ist. Unzählige Sterne leuchten funkelnd, keine einzige Wolke ist zu sehen. Betrübt schließe ich meine Augen und atme die klare Nachtluft tief ein. Dann öffne ich meine Augen. Auf dem Tisch erblicke ich die beschriebenen Blätter… ein Traum? Verschlafen richte ich mich auf. Stille. Dunkelheit. Noch nicht ganz wach begebe ich mich zum Lichtschalter, um den Raum zu erhellen. In der Ecke erblicke ich meine Gitarre. Ohne darüber nachzudenken, greife ich nach ihr, nehme erneut auf dem Sofa Platz und spiele ein paar Akkorde, dazu summe ich eine Melodie, die mir spontan zu den vorhin notierten Worten in den Sinn kommt. Kann ich die Musik wirklich aufgeben? Auf eine der wenigen Ausdrucksmöglichkeiten verzichten? Resigniert lasse ich meine Hand sinken. Die Musik verstummt. Ich schweige. Tränen tropfen lautlos auf den Stoff meines Ärmels. Lediglich mein verzweifeltes Schluchzen ist nun noch zu hören.
 

Vor dem geöffneten Kühlschrank stehend studiere ich dessen Inhalt, was an sich nicht besonders lange dauert, da er nahezu leer ist. Das bedeutet, ich muss wohl einkaufen. Vielleicht könnte ich gleich Zutaten für ein Abendessen kaufen und etwas kochen. Das letzte Mal ist so lange her, dass ich mich nicht einmal daran erinnern kann, wann es war und was ich zubereitete. Nachdenklich schließe ich die Kühlschranktür und begebe mich in den Flur. Ich höre, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wird.

„Hey“, begrüßt mich Taichi, wobei er seine Schuhe auszieht.

„Hey“, gebe ich zurück. „Ich habe noch nicht mit dir gerechnet und wollte gerade einkaufen gehen.“

„Dann komme ich mit.“ Erneut schlüpft er in seine Schuhe, dann sieht er mich mit einem Lächeln an. Ich gehe einen Schritt auf ihn zu und hauche einen Kuss auf seine Lippen.

„Kann ich dich um einen Gefallen bitten?“, frage ich schüchtern. Der Gesichtsausdruck meines Freundes wird ernst. Ich greife nach meinem Schlüsselbund, welcher auf der Kommode im Flur liegt, und halte ihn an einem Schlüssel zwischen meinen Finger hoch.

„Der ist zu Shinyas Wohnung.“

„Stimmt, du wolltest, dass ich ihn an mich nehme.“

„Ja, aber ich habe es mir anders überlegt.“ Beunruhigt schaut Taichi mich an. „Ich möchte, dass du mich begleitest. In seine Wohnung.“

„Warum?“ Ich wende mich um und setze mich in der Küche auf einen der Stühle. Mein Freund tut es mir gleich, nachdem er erneut seine Schuhe auszog.

„Ich war im Krankenhaus“, beginne ich meine Erklärung und beobachte die Reaktion meines Gegenübers genau. Dessen Miene verfinstert sich wie erwartet.

„Ich wollte nicht, dass du ihn allein triffst. Und das wusstest du.“

„Ja… und es tut mir leid. Aber so provokant, wie du dich beim letzten Besuch im Krankenhaus verhalten hast...“, versuche ich mein Handeln zu erklären. „Ich habe auch nicht vergessen, dass du ihn damals in seiner Wohnung sterben lassen wolltest. Dein Hass auf ihn ist zu groß, weshalb ich zunächst gern allein mit ihm gesprochen hätte.“

„Du verwendest den Konjunktiv? Heißt das, sie haben dich nicht zu ihm gelassen? Oder wollte er dich nicht sehen?“ Ist es Erleichterung oder Genugtuung, die ich in Anbetracht der möglichen Tatsachen bei Taichi verspüre? Ich schlucke meinen aufkommenden Unmut herunter und greife stattdessen nach der Zigarettenschachtel auf dem Tisch.

„Auf dem Weg zu Shinyas Zimmer traf ich Shota. Er bat mich, noch zu warten…“ Fahrig entzünde ich eine Zigarette und nehme einen tiefen Zug. „… bis er auf die offene Station verlegt wird. Momentan ist er allerdings ziemlich labil und hochgradig suizidal.“ Tränen brennen in meinen Augen, als ich meinem Freund Shinyas Zustand beschreibe. Immer wieder nehme ich mit zitternden Fingern das Nikotin begierig in mich auf. „Deshalb auch meine Bitte, mich zu seiner Wohnung zu begleiten. Ich möchte, dass sie drogenfrei ist, wenn er irgendwann wieder nach Hause darf. Außerdem…“ Einen letzten Zug von der Zigarette nehmend, drücke ich sie im Aschenbecher aus. „… will ich damit ebenso mich selbst schützen. Allein werde ich es vermutlich jedoch nicht schaffen. Deshalb brauche ich deine Hilfe. Bitte, Taichi.“

„Verstehe. Allerdings… bin ich mir nicht so sicher, ob ich es für eine gute Idee halte, dich jetzt mit dem Zeug zu konfrontieren, von dem du loskommen möchtest. Denkst du, du bist stark genug dafür?“

„Keine Ahnung… ohnehin fällt mir gerade noch ein anderes Problem ein… und ich weiß nicht, ob ich dieses Risiko eingehen möchte.“

„Alkohol“, schlussfolgert Tai richtig, mit unbewegter Miene.

„Ja. Entschuldige, ich hätte vorher nachdenken sollen.“ Für einen Moment schweigt mein Freund.

„Ich mache dir einen Vorschlag“, beginnt er schließlich. „Wenn wir in der Wohnung sind, lasse ich dich nicht aus den Augen… ebenso, wie du mich nicht aus den Augen lassen wirst. Wir beschützen uns gegenseitig.“ Taichi streckt seinen Arm nach mir aus und ergreift meine Hand auf der Tischplatte. Ich drehe sie leicht und verhake unsere Finger.

„Danke“, flüstere ich erleichtert. Tai lächelt, dennoch sehe ich ihm an, dass er nicht alles ausspricht, was ihm durch den Kopf geht. Ich frage mich, ob es eher mit Shinya oder mit Alkohol zutun hat.

„Wir müssen nach Ozaki, nicht wahr?“ Kurz überlegt Taichi. „Also mit der Hibiya Line und der Yamanote Line?“

„Ja…“, antworte ich zögerlich. „Aber warum fahren wir nicht mit dem Auto?“ Mein Freund wendet seinen Blick von mir ab und ich spüre, wie sich seine Hand in meiner verkrampft.

„Um ehrlich zu sein… befinden sich die Autoschlüssel derzeit bei Hiroaki.“

„Warum?“ Meiner Stimme ist Verwunderung zu entnehmen, obwohl Taichis Aussage meine Vermutung bezüglich dieser Thematik nur verstärkt.

„Ich gab sie ihm… bei meinem letzten Alkoholabsturz. In der Vergangenheit fuhr ich bereits betrunken Auto und kann von Glück sprechen, dass nichts passierte. Zudem… hatte ich mehr als einmal den Gedanken…“ Tai verstummt. Traurig senke ich meinen Blick bei der Vorstellung, wie der Satz wahrscheinlich endet.

„Du vertraust dir selbst nicht, oder?“ Ein leichtes Kopfschütteln ist die einzige Antwort. Ich betrachte meinen Freund, der gerade sehr zerbrechlich auf mich wirkt, und muss an Reijis Aussage diesbezüglich denken. „Wie stark ist dein Verlangen nach Alkohol wirklich? Jetzt und im Allgemeinen.“

„Keine Sorge, mir geht es gut“, antwortet mein Gegenüber, ohne mich anzusehen. Ich seufze, lasse seine Hand los und erhebe mich. Vor ihm setze ich mich auf den Boden und platziere meinen Kopf auf seinem Schoß, sodass ich sein Gesicht sehen kann.

„Du konntest schon mal besser lügen.“

„Yamato… was soll das?“

„Weißt du, was ich mich frage? Bittest du mich nicht um Hilfe, weil du mich schützen möchtest oder weil du mir nichts zutraust? Denn dass du Hilfe brauchst, scheint dir bewusst zu sein, sonst hättest du dich nicht an meinen Vater gewandt.“

„Du hast keinen Grund, eifersüchtig zu sein.“ Bei diesen Worten streichelt Tai sanft durch meine Haare. Ich schließe meine Augen.

„Mit Eifersucht hat das weniger zutun. Aber… ich möchte für dich da sein, wenn es dir nicht gut geht. Mein Vater schafft es bisher vielleicht, dass du nicht rückfällig wirst, wofür ich ihm dankbar bin, allerdings… wird es nicht leichter, hab ich recht?“ Besorgt schaue ich ihn an.

„Vielleicht wird es leichter, wenn ich weniger Angst um dich haben muss.“ Ein schwaches Lächeln legt sich auf die Lippen meines Freundes. Ich hebe meine Hand und berühre seine Wange.

„Ob wir es jemals schaffen werden, diesen Kreislauf zu durchbrechen?“ Als Antwort beugt sich Taichi zu mir hinab und haucht einen Kuss auf meine Stirn. „Soll ich lieber meinen Vater fragen, ob er mich zu Shinyas Wohnung begleitet? Vielleicht ist es keine gute Idee, dich im Augenblick mit Alkohol zu konfrontieren.“

„Aber du willst dich mit Drogen konfrontieren, obwohl deine Entzugserscheinungen von deinem letzten Konsum kaum abgeklungen sind?“, kontert Taichi mit bitterem Unterton. Ich löse mich von ihm und setze mich aufrecht hin. Herausfordernd schaue ich zu meinem Freund auf.

„In Ordnung. Lass es uns als Prüfung ansehen, um herauszufinden, an welchem Punkt wir uns befinden. Das könnte interessant werden.“

„Einverstanden“, gibt Tai kampfeslustig zurück. Ich erhebe mich und nehme wieder auf meinem Stuhl Platz. Erneut entzünde ich eine Zigarette.

„Fährst du dann zurzeit eigentlich mit der Bahn zur Arbeit? Ich dachte, du brauchst für deinen Job ein Auto…“

„Es ist etwas umständlich, aber es geht. Mit der Bahn brauche ich zwar wesentlich länger, um zum Sender zu kommen, aber eine Kollegin aus meinem Team wohnt in Ebisu. Meist gehe ich zu ihr und sie nimmt mich dann in ihrem Auto mit. Zu den Sportveranstaltungen bin ich ohnehin mit meinem Team unterwegs, muss also nicht zwingend fahren. Zumal es in der Gesellschaft meiner Kollegen weniger ein Problem ist, am Steuer zu sitzen. Ergibt das für dich einen Sinn?“ Geräuschvoll lasse ich den Rauch, den ich soeben einatmete, zwischen meinen Lippen entweichen. Ich frage mich, warum mir nichts aufgefallen ist… zum Beispiel das Auto, welches noch da stand, während Taichi zur Arbeit gegangen ist. Einmal mehr wird mir bewusst, wie wenig ich von meiner Umgebung mitbekomme, wie sehr ich offenbar in mir selbst gefangen bin…

„Es ergibt für mich durchaus Sinn“, antworte ich schließlich nachdenklich. Ich beobachte, wie sich die Glut immer weiter in Richtung Filter frisst, das Papier verbrennend. „Die Kollegin, die dich mitnimmt… wie viel weiß sie von dir?“

„Warum ist das jetzt wichtig, Yamato?“

„Hast du ihr nicht erklärt, warum du momentan nicht mit dem Auto fährst?“

„Nein. Ihr fiel nur gleich zu Beginn auf, dass ich statt mit dem Auto mit der Bahn zur Arbeit kam. Daraufhin bot sie an, mich mitzunehmen.“

„Wie selbstlos“, bemerke ich abfälliger als beabsichtigt. „Und sie ist nicht zufällig eine deiner zahllosen Verehrerinnen?“

„Selbst wenn, ich habe doch dich. Und falls du dich noch an meine Worte erinnerst… solange du mich nicht mit anderen betrügst, gibt es für mich ebenfalls keinen Grund, dir so etwas anzutun.“ Missmutig ziehe ich an meiner Zigarette.

„Ich habe deine unterschwellige Drohung verstanden.“ Taichi lacht.

„Das war keine Drohung. Nur eine Auffrischung deiner Erinnerung.“

„Und weshalb war die jetzt nötig?“, frage ich gespielt beleidigt. Der Ausdruck meines Freundes wird ernst.

„Weil dieser… Typ erneut Teil deines Lebens sein wird. Und ich befürchte, dass wir den Kreislauf nicht durchbrechen können… sondern, dass alles von vorn beginnen wird.“

Mit einem beklemmenden Gefühl schließe ich die Tür zu Shinyas Wohnung auf. Erneut hier zu sein, noch dazu mit Taichi, weckt viele unschöne und schmerzhafte Erinnerungen. Meine Hand umklammert Halt suchend die meines Freundes, während wir eintreten. Auch als wir uns im Flur unserer Schuhe entledigen, lasse ich nicht los. Der vertraute Geruch aus der Zeit, als ich quasi hier wohnte, ist mittlerweile verschwunden und stickiger, abgestandener Luft gewichen. Da die Regenzeit inzwischen vorüber ist, sorgen zusätzlich hohe Außentemperaturen für eine entsprechend unangenehme Wärme in der Wohnung.

„Lass uns das schnell erledigen. Ich möchte nicht länger als nötig hier sein“, meint Taichi und drückt meine Hand fester. Den Widerwillen meines Freundes finde ich nachvollziehbar. Wir konfrontieren uns bei diesem Vorhaben mit unseren schlimmsten Dämonen… für einen Menschen, den er abgrundtief hasst.

„In Ordnung. Wartest du hier, dann entsorge ich erst einmal den Alkohol.“

„Nein. Schon vergessen? Ich lasse dich nicht aus den Augen“, lehnt mein Freund meinen Vorschlag sofort ab. „Vielleicht sollten wir diese ganze Aktion als Konfrontationstherapie sehen, dann hätte es wenigstens noch einen Nutzen für uns.“ Der abfällige Unterton entgeht mir nicht.

„Dass du mir dabei hilfst, bedeutet mir wirklich viel. Danke, Taichi.“ Voller Zuneigung küsse ich die Wange meines Freundes. Dann lasse ich seine Hand los und begebe mich ins Wohnzimmer. Ich beobachte Tai genau, als er mir folgt. Wie erwartet bleibt sein Blick sofort auf den Whiskeyflaschen haften. „Bist du sicher…“

„Ja“, unterbricht er mich und geht entschlossen auf den Wohnzimmertisch zu. Mit der nicht komplett geleerten Flasche begibt er sich in die Küche. Ich folge ihm. Seine Hand zittert, als er die Flüssigkeit in den Ausguss der Spüle schüttet. „Vermutlich gibt es noch mehr. Wo hat er den Alkohol aufbewahrt?“ Seine Stimme klingt bemüht sachlich. Kurz überlege ich.

„In den meisten Fällen war er bereits betrunken, wenn ich nach Hause kam.“ Taichi verzieht mürrisch das Gesicht. Vermutlich missfällt ihm die Vertrautheit zu Shinya und dieser Wohnung in meiner Aussage. „Einmal sah ich, wie er eine Flasche aus dem Schrank im Wohnzimmer holte. Da er allein wohnt, denke ich nicht, dass er irgendwo Vorräte versteckt. Selbst in meinem Beisein verheimlichte er nichts und konsumierte alle möglichen Substanzen… auch Heroin, obwohl er wusste, dass ich zu diesem Zeitpunkt seit Jahren clean war.“ Ein bitteres Lächeln legt sich auf meine Lippen. „Er dachte einfach nicht mehr darüber nach.“ Im Wohnzimmer öffne ich den besagten Schrank.

„Ist er an deinem Rückfall schuld?“, will mein Freund wissen, während er zwei Flaschen Whiskey entnimmt. In der Küche leert er auch diese ohne zu zögern. Ich schaue ihm erneut dabei zu. Obwohl er versucht, sich nichts anmerken zu lassen, sehe ich, wie schwer es ihm fällt. Erst recht, da die Luft mit dem Geruch von Alkohol getränkt ist.

„Nein. Shinya hatte damit gar nichts zu tun. Du glaubst es mir vielleicht nicht, aber ich habe während dieser Zeit kein einziges Mal Heroin konsumiert. Rückfällig wurde ich, als ich bereits keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Nachdem du Shinya hier sterben lassen wolltest…“ Ich setze bewusst diese Provokation ein, um Taichi vom Alkohol abzulenken. Mit ernstem Blick dreht er sich zu mir.

„Damals hast du dich klar für ihn und gegen mich entschieden.“

„Hast du das so empfunden?“, frage ich überrascht.

„Ich biete dir Shinyas Tod für meinen Tod. Das waren deine Worte. Was gibt es daran falsch zu verstehen?“ Tais Tonfall ist vorwurfsvoll.

„Die Situation damals… war für mich emotional extrem überfordernd. Deine Gefühlskälte ließ mich verzweifeln. Welche Wahl hast du mir also gelassen?“ Aus einem Schubfach entnehme ich einen Müllbeutel und verstaue darin die leeren Flaschen. In einem weiteren Müllbeutel sammle ich die leeren Blisterpackungen vom Wohnzimmertisch. Eine Antwort auf meine ohnehin rhetorische Frage bekomme ich nicht. Stattdessen widmet sich Taichi konzentriert der Alkoholvernichtung. Ich frage mich, was er gerade empfindet und welche Gedanken ihm durch den Kopf gehen, traue mich aber nicht, ihn danach zu fragen.

„Okay, hier scheinen wir fertig zu sein“, stellt Tai sichtlich erleichtert fest.

„Dann sollten wir im Schlafzimmer weitermachen“, schlage ich mit Unbehagen vor. Mein Freund ergreift mein Handgelenk, während er mir folgt. Auf dem Bett liegen noch der Gurt und die Spritze von meinem letzten Konsum. Die Schublade des Nachtschrankes steht offen. Sofort steigert sich mein Verlangen ins Unermessliche. Ich schließe die Augen und atme tief durch.

„Bleib besser hier stehen. Ich mache das allein. Du bist noch nicht so weit.“

„Du hast dich deiner Sucht gestellt, dann werde ich jetzt keinen Rückzieher machen. Ich möchte nicht mit Samthandschuhen angefasst werden.“ Entschlossen nehme ich das Spritzbesteck und werfe es in den Müllbeutel.

„Warte. Wir sollten die Spritze in etwas einwickeln.“ Aus einer Zellstoffbox entnimmt Tai einige Tücher und verpackt die Spritze großzügig. Dann schaut er in die Schublade. „Meine Güte, woher hat er das ganze Zeug? Dealt er auch damit?“

„Soweit ich weiß… nein.“ Ich setze mich auf das Bett und betrachte meinen Freund nachdenklich. „Er erwähnte ganz am Anfang, dass er die Drogen von einem Freund bezieht. Als ich hier wohnte, bekam ich einmal mit, wie er mit ihm telefonierte. Dieser Freund rief an und… bevor Shinya rangehen konnte… sah ich den Namen kurz auf dem Display. Ich erinnere mich nicht mehr, aber vielleicht… wenn ich die Schriftzeichen sehe… komm bitte kurz mit, das Telefon steht im Flur.“

„Was soll das werden?“, fragt Taichi skeptisch.

„Auch wenn es vielleicht nicht viel bringt… aber ich möchte die Nummer aus dem Telefonbuch löschen. Vielleicht versteht Shinya zumindest den symbolischen Charakter.“

„Und es hat nichts damit zu tun, dass du dir diesen Kontakt sichern möchtest… für alle Fälle?“

„Denkst du, es wäre eine einfachere Möglichkeit für mich, an Stoff zu kommen? Möglich… okay, dann lasse ich es besser “, lenke ich versöhnlich ein, da ich Tais Bedenken verstehen kann.

„Schon gut. Ich möchte den Namen auch sehen, dann weiß ich, wen ich zur Rechenschaft ziehen kann, wenn du dich erneut zudröhnst“, entgegnet mein Freund mit einem Zwinkern. Im Flur nehme ich das Telefon aus der Ladestation und durchsuche das Adressbuch. Bei einem Namen bleibe ich stehen. Sakuraba Isao.

„Das ist er“, rufe ich aufgeregt. „Ich bin mir sicher.“ Sogleich wähle ich die Löschen-Option und verbanne den Namen aus dem Adressbuch. Dann stelle ich das Telefon wieder in die Station.

„Ich hoffe, der Typ versteht die Botschaft“, murmelt Tai argwöhnisch. Offenbar zweifelt er noch immer an meinen Motiven. Ich verzichte darauf, mich zu verteidigen und ziehe ihn stattdessen wieder zurück ins Schlafzimmer.

„Dann bin ich jetzt wohl mit meiner Konfrontationstherapie dran“, bemerke ich versucht gefasst, obwohl die Angst, die Kontrolle über mein Verlangen zu verlieren, mich immer stärker einnimmt. Entschlossen greife ich nach der Schublade und trage sie samt Inhalt ins Bad. Vor der Toilette stelle ich sie ab. Nacheinander leere ich sämtliche Inhalte aus den fein säuberlich beschrifteten Beutelchen. Pulver, Pillen und Flüssigkeiten aus kleinen Fläschchen…mit fahrigen Bewegungen… Schweiß auf der Stirn… und sehnsuchtsvollem Blick… bis Taichi erlösend die Spülung betätigt. Die verbliebenen Behältnisse landen im Müllbeutel. Dann nimmt mein Freund mich in den Arm.

„Ich bin stolz auf dich“, flüstert er voller Zuneigung. Ich erwidere die Umarmung.

„Du kannst ebenso stolz auf dich sein.“ Sanft küsse ich seine Lippen. Zunächst verhalten weitet sich der Kuss schnell zu einem leidenschaftlichen Zungenspiel aus. Ohne von mir abzulassen, drängt Tai mich aus dem Bad in Richtung Schlafzimmer.

„Hier hattest du mit ihm Sex, nicht wahr?“ Mein Freund löst sich von mir und sieht mich mit durchdringendem Blick an. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen. Diese kindischen Gedanken wird er wohl nie ablegen können.

„Lass uns den Müll noch rausbringen und dann verschwinden wir von hier. Du wolltest doch nicht länger als nötig in dieser Wohnung bleiben“, weiche ich der Situation aus, da ich nicht die geringste Lust verspüre, hier mit Taichi zu schlafen.

„Was ist mit den restlichen Schränken? Wenn wir schon dabei sind, sollten wir es richtig machen und alles absuchen, sonst hätten wir uns diese Aktion sparen können… es würde mich auch nicht wundern, wenn sich unsere Bemühungen ohnehin als vergebens erweisen.“

„Ich weiß, aber einen Versuch ist es wert, denke ich.“ Es fällt mir schwer, meine Traurigkeit bezüglich dieser nicht unwahrscheinlichen Tatsache zu verbergen. Nachdem wir den Rest der Wohnung durchsuchten, ohne weitere Substanzen zu finden, werfe ich einen letzten Blick ins Schlafzimmer. Erinnerungen drängen in mein Bewusstsein. Schmerz, Verzweiflung und… Geborgenheit. Doch zuletzt überwiegend Angst.

„Ich muss kurz aufs Klo, wartest du bitte hier? Oder geh schon raus, ich bringe den Müll dann mit.“

„Okay“, antworte ich abwesend. Als ich die Badtür ins Schloss fallen höre, gehe ich auf das Bett zu. Mit Tränen in den Augen greife ich nach dem Kopfkissen, welches Shinya immer benutzte, und halte es fest in meinen Armen. Ich vermisse ihn. Weinend vergrabe ich mein Gesicht in dem Bezug, dann atme ich tief durch, um mich zu beruhigen. Mein Blick fällt auf das Laken, auf dem ein kleiner Beutel mit einem weißen Pulver und der Aufschrift ‚C’ liegt. Kokain. Mein Herz schlägt schnell. Gedankenlos greife ich danach und lasse es in meiner Hosentasche verschwinden. Dann lege ich das Kissen an seinen Platz zurück und wische mir fiebrig über das Gesicht. Nervös schaue ich mich um und erschrecke, als ich Taichi im Türrahmen stehen sehe. Sein Blick ist unergründlich.
 

„Yamato, bring bitte diese Getränke an Tisch 3 und diese an Tisch 7.“

„In Ordnung.“ Ich nehme die Bestellungen, die mein Chef auf den Tresen stellte, entgegne und mache mich auf den Weg. Am heutigen Abend ist der Laden gut besucht, sodass ich viel zu tun habe. Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, wofür ich dankbar bin. Taichis Blick, als er mich in Shinyas Schlafzimmer sah, geht mir dennoch nicht mehr aus dem Kopf. Am ersten Tisch sitzen zwei Männer, die heftig miteinander flirten. Die Hand des einen liegt auf dem Bein des anderen und sie lächeln die ganze Zeit, während sie sich unterhalten. Ich stelle die Gläser auf dem Tisch ab und deute eine Verbeugung an. In solchen Fällen versuche ich so wenig wie möglich zu stören. Im Laufe der Jahre stellte ich fest, dass es oft auch im Sinne der Kunden ist, wenn die Bedienung nicht zu aufdringlich und eher im Hintergrund präsent ist. Dennoch bekomme ich ein freundliches Nicken als Kenntnisnahme, bevor die beiden Männer sich wieder einander zuwenden. Am zweiten Tisch sitzt ein Mann, den ich schon oft hier im Laden gesehen und bedient habe. Sein Blick schweift beständig durch den Raum, als würde er auf jemanden warten. Bisher blieb er jedoch immer allein. Er ist freundlich, aber auch ziemlich wortkarg. Als ich seinen bestellten Cocktail vor ihm abstelle, schaut er mich an.

„Danke“, meint er und ein knappes Lächeln huscht über seine Lippen.

„Sehr gerne.“ Ich erwidere das Lächeln. Mein Blick fällt zur Tür, als ein neuer Kunde eintritt. Augenblicklich gefriert mein Lächeln. Angstvoll krallen sich meine Finger am Tablett fest, auch, um das Zittern zu verbergen. Als mein ehemaliger Sportlehrer mich erblickt, kommt er mit einem Grinsen auf mich zu.

„Wird hier ein Platz zugewiesen oder darf ich mich setzen, wohin ich möchte?“, fragt er höflich und dreist zugleich. Ich starre ihn an, unfähig eine Antwort zu geben. „Dann setze ich mich an diesen freien Tisch. Bring mir ein Bier, Yamato.“ Ein Gefühl des Ekels durchfährt meinen Körper, als ich höre, wie er meinen Namen sagt. Ich nicke lediglich und setze mich langsam in Richtung Bar in Bewegung. Warum ist er hier? Ausgerechnet an Reijis freiem Tag. Zufall? Daran kann ich irgendwie nicht glauben. Immerhin ist deren letzte Begegnung ziemlich unschön für meinen ehemaligen Sportlehrer ausgegangen. Und das wird er nicht vergessen haben. Er muss also in diesem Bereich meines Lebens ebenfalls Nachforschungen angestellt haben. Oder werde ich langsam paranoid?

„Ein Bier für Tisch 2“, gebe ich die Bestellung an meinen Chef weiter.

„Kommt sofort.“ Ich schaue ihm dabei zu, wie er das Glas unter den Zapfhahn hält und bis zum Rand füllt. Dann nehme ich es entgegen, versuche ruhig zu atmen und gehe zurück zum Tisch. Als ich das Glas abstelle, umfasst mein ehemaliger Sportlehrer mein Handgelenk.

„Dass du noch lebst, bedeutet, dass meine kleine Lüge aufgeflogen ist, nicht wahr? Hast du dich testen lassen?“ Seine Stimme ist gedämpft, sodass vermutlich nur ich ihn verstehen kann. „Dabei habe ich es nur gut gemeint. Ich wollte dir die Möglichkeit für ein einfaches Ende bieten. Du hättest sie ergreifen sollen.“ Angst lähmt mich und ich bin weder im Stande, etwas zu erwidern, noch mich zur Wehr zu setzen.

„Entschuldigen Sie bitte, aber körperliche Interaktion mit dem Personal gehört in meinem Laden nicht zum Service“, mischt sich plötzlich Herr Sakai in das Geschehen. Abfällig mustert mein ehemaliger Sportlehrer meinen Chef.

„Tatsächlich? Einen Stricher einzustellen, ist dann aber nicht sehr förderlich für das Image dieses Ladens.“ Die Äußerung war so laut, dass zumindest die Gäste der umliegenden Tische ihre Aufmerksamkeit auf uns richten. Vor Scham steigt Hitze mein Gesicht empor.

„Die Vergangenheit meiner Mitarbeiter interessiert mich nicht. Und Sie bitte ich jetzt, zu gehen.“

„Vergangenheit? Wer spricht von Vergangenheit?“ Ein süffisantes Lächeln legt sich auf die Lippen meines ehemaligen Sportlehrers.

„Würden Sie… gehen, wenn… ich Sie nach draußen… begleite?“ Meine Worte kommen stockend und ich schaffe es nicht, mit gefestigter Stimme zu sprechen. „Herr Sakai, dürfte ich… die Sache kurz draußen klären?“, wende ich mich kleinlaut an meinen Chef. „Dieser Vorfall tut mir furchtbar leid.“ Zwar nickt dieser, betrachtet mich jedoch skeptisch. Schweigend verlasse ich mit meinem ehemaligen Sportlehrer das Koki und biege in eine Seitengasse, um vor neugierigen Augen geschützt zu sein und nicht noch mehr Aufsehen zu erregen. Krampfhaft versuche ich meine Angst beiseite zu schieben, bietet sich mir doch unerwartet die Gelegenheit, die Sache ein für alle Mal zu beenden. Unwillig öffne ich den Knopf meiner Hose. „Machen Sie schnell, ich muss zurück an meinen Arbeitsplatz.“ Meine Aufforderung wird mit einem widerwärtigen Lachen quittiert.

„Glaubst du wirklich, dass du nach dieser Sache weiterhin dort arbeiten darfst? Das Einzige, was du kannst, ist Schwänze in dich aufnehmen. Du bist und bleibst eine billige Hure.“ Er kommt auf mich zu, ekelerregend nah, sodass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüre. „Ich mache dir einen Vorschlag. Mach mich zu deinem Zuhälter und ich lasse dein gesamtes Umfeld in Ruhe.“ Er öffnet seine eigene Hose, nimmt meine Hand und gleitet damit hinein. Ich spüre, wie er über seine Erregung gleitet. Übelkeit steigt in mir auf. „Natürlich darf ich dich zu Trainingszwecken uneingeschränkt ficken.“ Seine Bewegungen mit meiner Hand werden schneller, seine Erregung härter. Mit beschleunigter Atmung stöhnt er mir abstoßend ins Ohr. Ich schließe meine Augen und versuche, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich muss meine Empfindungen abtöten, wenn ich die Sache durchziehen will.

„Reicht Ihnen das Handspiel?“, flüstere ich so verführerisch wie möglich. „Kommen Sie, besorgen Sie es mir richtig… Sie… müssen mich… doch abrichten.“ Würgend schlucke ich meinen Speichel hinunter, denn ich bin kurz davor, mich zu übergeben.

„Ich wusste, dass du meine Idee nicht ablehnen würdest. Ah… bewege deine Hand schneller und übe mehr Druck aus… ah... ja…“ Ich gehorche, bis ich die verhasste Feuchtigkeit auf meiner Haut spüre. Angewidert ziehe ich meinen Arm zurück. „Und jetzt schön ablecken“, höre ich meinen ehemaligen Sportlehrer befehlen.

„Nein… bitte…“, hauche ich.

„Ich sagte, ablecken!“ Mechanisch hebe ich meine Hand und nehme sein Sperma in mich auf. „Für den Anfang gar nicht schlecht. Mit dir werde ich viel Geld verdienen. Morgen Abend bei mir, dann vertiefe ich deine Ausbildung, wenn du verstehst, was ich meine.“ Sanft streicht er durch mein Haar, um es dann brutal nach hinten zu reißen. „Denk daran, solange du tust, was ich sage, passiert nichts.“ Dann lässt er mich los und betrachtet mich lüstern, während er seine Hose schließt. „Mein Schwanz zuckt vor Verzückung, wenn ich dich so sehe, aber ich werde mich bis morgen gedulden müssen. Hier, meine Adresse, falls du dir den Weg beim letzten Mal nicht gemerkt hast.“ Er steckt mir einen Zettel in die Hosentasche, dann geht er ohne ein weiteres Wort. Unbewegt bleibe ich stehen. Ist viel Zeit vergangen? Ich muss zurück zum Koki. Wie fremdgesteuert setze ich mich in Bewegung. Als ich den Laden durch den Vordereingang betrete, kommt mein Chef sofort auf mich zu.

„Yamato, ist alles in Ordnung? Ich hätte dich mit diesem Typen nicht allein rausgehen lassen dürfen. Wer war das überhaupt?“

„Wir haben noch Gäste und ich würde meine Arbeit gern wieder aufnehmen“, winde ich mich tonlos aus dem Gespräch.

„Okay, aber nachher würde ich gern noch mit dir reden.“

„Ja, das ist Ihr gutes Recht“, lenke ich ein, gehe hinter den Tresen, um mir die Hände zu waschen und anschließend zu einem der Tische, um mögliche Bestellungen aufzunehmen. Glücklicherweise sind inzwischen nur noch vereinzelte Gäste anwesend. Nachdem einige Zeit später die letzten gegangen sind und Herr Sakai den Laden geschlossen hat, beginnt er mit der Abrechnung, während ich die Gläser spüle und die Tische abwische.

„Yamato…“

„Herr Sakai“, unterbreche ich meinen Chef. „Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, die Ihnen und Ihren Gästen durch meine Person entstanden sind.“ Meinen Lappen beiseitelegend verbeuge ich mich tief.

„Du musst dich nicht entschuldigen. Es sah eher so aus, als hättest du Schwierigkeit mit diesem Typen. Hätte ich die Polizei rufen sollen?“

„Nein, ist schon okay“, beschwichtige ich hastig.

„Wer war das und was bezweckte er mit dieser Aktion?“

„Ich kenne ihn von früher und wir hatten ein paar kleine Differenzen.“

„Und wenn er wieder hier auftaucht…?“

„Das wird er nicht. Wir haben eine Übereinkunft. Er wird Ihnen keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Das verspreche ich… das heißt, wenn Sie mir nach all dem nicht die Kündigung aussprechen.“

„Warum sollte ich?“ Überrascht schaut mein Chef mich an.

„Na ja, wegen der Behauptungen bezüglich…“

„Ich habe dem Typen gar nicht wirklich zugehört“, fällt mir mein Gegenüber ins Wort. „Hat er denn irgendwas von Bedeutung von sich gegeben?“

„Ich…“ Erleichtert schüttle ich meinen Kopf.

„Du hast heute wirklich gute Arbeit geleistet. Wir hatten so viele Gäste, dass du nicht einmal eine richtige Pause machen konntest. Dafür entschuldige ich mich. Soll ich dich mit dem Auto nach Hause bringen? Du musst erschöpft sein. Ich bin es jedenfalls.“ Er zwinkert mir freundlich zu.

„Danke, aber das ist nicht nötig.“

„Ah, bestimmt wirst du wieder von deinem Freund abgeholt. Dann zieh dich schnell um, damit er nicht so lange warten muss.“ Ich leiste dem folge, gehe ins Hinterzimmer und wechsle meine Kleidung.

„Schönen Feierabend, Herr Sakai“, rufe ich noch einmal in den Laden, bekomme den gleichen Wortlaut zurück und verlasse das Koki. Die Nachtluft ist noch immer warm und stickig. Vorhin ist mir das nicht einmal aufgefallen. Ich entzünde eine Zigarette und atme das Nikotin tief ein. Meine Schritte führen mich in dieselbe Gasse. Teilnahmslos setze ich mich an die Mauer gelehnt auf den Boden und rauche die Zigarette so weit, bis ich mir die Finger am Filter verbrenne. Achtlos lasse ich sie fallen. Den Schmerz spüre ich kaum. Ich schließe meine Augen. Eine Weile bleibe ich unbewegt sitzen, dann krame ich in meiner Hosentasche nach dem kleinen Päckchen. Sehnsuchtsvoll betrachte ich es. Mein Verlangen nach dem Rausch ist nahezu unerträglich, aber in Zukunft werde ich das Kokain dringender brauchen. Dringender als jetzt. Und vermutlich nicht nur das. Ein bitteres Lächeln legt sich auf meine Lippen. Ich nahm die Droge aus einer Kurzschlussreaktion heraus mit und wollte sie eigentlich noch heute entsorgen… und nun klammere ich mich Halt suchend daran fest.

Es ist inzwischen Nachmittag, als ich völlig erschöpft die Tür zu unserer Wohnung aufschließe. Behutsam beuge ich mich beim Schuheausziehen nach unten, um den Kopfschmerz, der sich am Vormittag einstellte, nicht zu verschlimmern. Gerade, als ich in die Küche gehen möchte, um Kaffee aufzusetzen, erscheint Taichi im Türrahmen des Wohnzimmers.

„Wo warst du die ganze Nacht?“, fragt er ruhig mit kühlem Tonfall. „Ich weiß, dass du arbeiten musstest, aber danach…?“ Er sieht müde aus.

„Warst du die ganze Zeit wach? Und wieso bist du hier? Müsstest du nicht arbeiten?“

„Verdammt nochmal, ich habe mir Sorgen um dich gemacht“, entgegnet mein Freund gereizt. „Aber wahrscheinlich war das unnötig und du warst nur bei irgendeinem Typen.“

„Musst du noch zur Arbeit?“, ignoriere ich Tais Anschuldigung.

„Nein. Das weißt du eigentlich auch.“ Argwöhnisch kommt er auf mich zu. „Hast du Drogen genommen? Warst du deshalb so lange weg, bis die Wirkung nicht mehr spürbar ist?“

„Ist Kaffee da? Ich habe ziemliche Kopfschmerzen.“ Gerade, als ich in die Küche gehen möchte, stellt Taichi sich mir in den Weg.

„Yamato! Sieh mich an.“ Unsanft packt er mich an den Schultern, sucht den direkten Augenkontakt.

„Hoffst du, ein Anzeichen finden zu können, was deiner Vermutung recht gibt? Oder hoffst du, dass du dich irrst?“, frage ich mit einem bitteren Lächeln.

„Was soll ich denn denken? Du bist für mich gerade überhaupt nicht greifbar. Und du weichst mir andauernd aus.“

„Ich weiche dir nicht aus. Ich möchte mir lediglich eine Tasse Kaffee holen“, bemerke ich ruhig. „Wartest du bitte im Wohnzimmer auf mich?“

„Ich kann auch hier auf dich warten“, schlägt Tai misstrauisch vor.

„Meinetwegen. Aber ich möchte noch eine Zigarette rauchen“, wende ich schwach ein.

„Okay.“ Ohne Umschweife holt mein Freund aus dem Küchenschrank zwei Tassen, füllt sie mit der koffeinhaltigen Flüssigkeit und stellt sie auf den Tisch. Dann nimmt er auf einem der Stühle Platz und deutet auf den Aschenbecher. „Bitte.“ Seufzend setze ich mich ihm gegenüber und entzünde eine Zigarette. Meine Finger zittern merklich. Taichi beobachtet mich. Als ich ein wenig an der Tasse nippe, bemerke ich, wie kalter Kaffee meine Lippen benetzt. Da Kaffee für mich nicht unbedingt warm sein muss, nehme ich begierig einige größere Schlucke, bevor ich die Tasse behutsam wieder auf der Tischplatte abstelle. Noch immer werde ich von Tai nicht aus den Augen gelassen. Nervös greife ich in meine Hosentasche und schiebe ihm einen Zettel hin. „Was ist das?“, fragt er irritiert und entfaltet das Papier. „Eine Adresse?“

„Er war im Koki“, erkläre ich mit belegter Stimme. Entsetzen spiegelt sich im Gesicht meines Freundes wider, als er die Bedeutung meiner Worte versteht.

„Was… ist passiert?“ Ich sehe, wie sich Tais Hand zur Faust ballt.

„Die Kurzfassung ist, dass er meinem gesamten Umfeld Schwierigkeiten bereiten wird, wenn ich nicht für ihn anschaffen gehe. Zudem muss ich ihm auch sonst meinen Körper uneingeschränkt zur Verfügung stellen.“ Wutentbrannt zerknittert mein Gegenüber das Papier in seiner Hand und springt auf.

„Ich bringe dieses Schwein um!“ Schnellen Schrittes eilt er in den Flur. Hastig drücke ich meine Zigarette im Aschenbecher aus und folge ihm. Am Handgelenk halte ich ihn fest.

„Warte, Tai.“

„Lass mich los!“, zischt er. Seine Augen sind hasserfüllt, als er versucht, sich von mir loszureißen.

„Taichi! Hör mir zu!“ Noch nie habe ich meinen Freund so furchteinflößend erlebt. Kurzerhand ziehe ich ihn an mich und umschließe ihn fest mit meinen Armen. „Ich… war bei der Polizei. Deshalb kam ich so spät nach Hause.“

„Was?“ Überrascht löst sich Tai ein wenig von mir, um mir in die Augen schauen zu können. Gequält lächle ich ihn an.

„Können wir uns bitte wieder setzen? Meine Beine fühlen sich an, als würden sie nachgeben.“ Durch die abnehmende Anspannung verlassen mich meine Kräfte, sodass wir uns im Flur auf den Boden setzen. Beruhigend streicht meine Freund über meinen Rücken und wartet geduldig, bis ich bereit bin, weiterzusprechen, wofür ich ihm sehr dankbar bin. „Ich saß lange in dieser Gasse… nach der Arbeit… die Gasse, in der er mir das… Angebot unterbreitete… wir waren kurz draußen, weil er im Koki für etwas… Unruhe sorgte…“

„Heißt das, du warst mit ihm allein?“, unterbricht Taichi meine Ausführungen.

„Ja… kurz…“

„Warum? Hättet ihr ihn nicht einfach rauswerfen können?“

„Ich durfte Herrn Sakai keinen Ärger bereiten. Deshalb wollte ich die Sache draußen klären.“ Kurz schweige ich und senke meinen Kopf. „Um ehrlich zu sein… hatte ich gehofft, unseren Plan in die Tat umsetzen zu können. Ich wollte ihn dazu bringen… um Beweise zu bekommen… aber…“

„Das ist nicht dein Ernst“, wirft Tai voller Bestürzung ein.

„… er ging nicht darauf ein. Stattdessen sollte ich… heute Abend zum… Einarbeiten zu ihm kommen.“ Übelkeit kriecht meine Kehle empor und Bilder von vergangenen Übergriffen erscheinen vor meinem geistigen Auge. Sogleich spüre ich Taichis Hand, die sanft über meinen Arm streicht.

„Hat er dich angefasst?“, fragt mein Freund vorsichtig.

„Er… hat sich mit… meiner Hand befriedigt.“ Aufgebracht krallen sich Tais Finger in den Stoff meines Oberteils. Ich streiche liebevoll über seine Hand, um ihn etwas zu besänftigen. „Hätte er nur mir schaden wollen, wie bisher…“, spreche ich mit bebender Stimme weiter, „… wäre ich vielleicht nicht zur Polizei gegangen.“

„Du solltest der Hauptgrund sein, Dummkopf.“ Tränen schimmern in den Augen meines Freundes. Dann küsst er mich flüchtig. „Wird die Polizei etwas unternehmen?“

„Ich war in den frühen Morgenstunden dort und habe eine sehr umfangreiche Aussage gemacht.“ Einen Moment halte ich inne, atme tief ein und aus. „Die Vergewaltigung wird schwer nachweisbar sein. Mein Vater muss als Zeuge aussagen, da er die Verletzungen von den Kabelbindern gesehen hat. Wir haben damals keine Fotos gemacht; das wäre unter Umständen hilfreich gewesen. Bezüglich der versuchten Vergewaltigung musste ich Reiji als Zeugen benennen. Er ist damals dazwischen gegangen und hat Schlimmeres verhindert. Und wegen des heutigen Vorfalls kann Herr Sakai nur bestätigen, dass er im Koki meine Hand ergriffen hat, was von außen aber bereits anzüglich gewirkt haben muss, sonst wäre mein Chef nicht dazwischen gegangen. Tja… ich muss ziemlich viele Leute mit hineinziehen…“

„Und es wird nicht einen geben, der ein Problem damit hat.“ Ich lächle schwach. „Sie haben also deine Aussage aufgenommen, glauben dir und leiten Ermittlungen ein?“

„Mein Vorteil ist, dass er bereits ein verurteilter Sexualstraftäter ist. Deshalb haben sie mir wohl auch sofort geglaubt.“

„Hat dir die Polizei wegen heute Abend Anweisungen gegeben?“

„Naja… ich habe etwas… gepokert, da ich davon ausging, dass sie bei meiner Beweislage nicht sofort handeln würden. Deshalb erzählte ich ihnen, dass er sich, wie damals, auch heute noch an Jüngeren vergeht und entsprechendes Material in seiner Wohnung zu finden sei, woraufhin sie im Eilverfahren bei der Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbefehl erwirkten. Sie fanden, was ich vermutete. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft.“ Erleichtert drückt Taichi mich an sich. Sein Körper bebt und ich höre sein Schluchzen.

„Ich… bin so… erleichtert! Und froh… dass du dich von diesem… Schwein befreien konntest!“ Tröstend streiche ich durch die Haare meines Freundes. Dann nehme ich sein Gesicht zwischen meine Hände und küsse seine Tränen von seinen Wangen.

„Lass uns irgendeinen sinnlosen Film schauen, der nicht so viel Gehirnleistung erfordert. Ich bin ziemlich kaputt.“

„Klar.“ Peinlich berührt wischt sich Taichi das Gesicht trocken und erhebt sich.

„Geh schon vor und such einen Film aus, ich würde gern kurz unter die Dusche gehen. Bin gleich bei dir.“

„Okay.“ Bedächtig stehe ich auf. Die Kopfschmerzen sind nach wie vor nicht besser geworden. Hinter mir verschließe ich die Badtür und lehne mich mit dem Rücken dagegen. Tief atme ich aus. Erleichterung… ich wünschte, ich könnte sie auch fühlen… stattdessen ist da nichts als Leere. Und Angst. Zwar ist dieser Mann vorerst in Untersuchungshaft, aber was passiert, wenn die Beweislast nicht ausreicht? Außerdem… gilt es noch, einen Prozess zu überstehen. Erleichterung… Angst… Leere… oder Verzweiflung? Ich weiß es nicht… ich fühle… mich nicht. Unbeteiligt schaue ich auf meine Hand… wenigstens Ekel? Nein. Nichts. Aus meiner Hosentasche hole ich das kleine Päckchen mit der Aufschrift ‚C‘ und gebe, ohne weiter darüber nachzudenken, eine geringe Menge auf meinen Handrücken. Mit der Nase ziehe ich das weiße Pulver erst auf der einen, dann auf der anderen Seite ein. Keine besonders effektive Methode, aber ich brauche auch nur einen kleinen Schubs in Richtung Leichtigkeit.
 

Ruhige Musik untermalt den Abspann, der nun über den Bildschirm flimmert. Von dem Film habe ich jedoch nicht allzu viel mitbekommen.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigt sich mein Freund schließlich.

„Ja, wieso?“, frage ich beiläufig, während ich der Schrift mit meinen Augen folge. Zeichen für Zeichen… ohne etwas davon wirklich zu lesen.

„Naja, am Anfang warst du total redselig, hast alles Mögliche kommentiert, doch gegen Ende des Films hatte ich das Gefühl, du würdest in deine eigene Welt abdriften.“ Taichis Stimme klingt besorgt.

„Was erwartest du?“, entgegne ich plötzlich gereizt.

„Nichts. Ich verstehe dich…“

„Tatsächlich?“, unterbreche ich ihn unwirsch. „Dann verrate mir doch bitte, was ich fühle. Oder was ich fühlen sollte…“ Verzweifelt wende ich mich meinem Freund zu, der mich verwirrt mustert.

„Du bist so labil.“ Behutsam zieht er mich in eine Umarmung. Ich möchte mich dagegen wehren, doch Tai hält mich mit sanfter Gewalt fest.

„Lass mich… bitte…“ Mein Protest ebbt ab, meine Arme sinken kraftlos zu Boden und ich ergebe mich willenlos der Zuneigung meines Freundes. Beruhigend streicht er durch meine Haare.

„Egal, was passiert, ich bin bei dir, hörst du?“ Mit einem Mal bricht etwas in mir zusammen und ich beginne laut zu schluchzen.

„Tai… ich… es tut… mir leid! Aber… es macht mir… Angst.“

„Ich weiß.“

„Nein… du musst… mir helfen“, flehe ich.

„Wovon sprichst du?“ Behutsam schiebt mich mein Freund ein Stück von sich und schaut mir direkt in die Augen. Bei der geringen Menge, die ich konsumierte, dürften meine Pupillen inzwischen nicht mehr erweitert sein. Ein verzerrtes Lächeln legt sich auf meine Lippen. Diese Gedanken spielen jetzt keine Rolle mehr.

„Ich habe meine Drogensucht weniger im Griff, als ich dachte“, gestehe ich mit gesenktem Kopf. Aus meiner Hosentasche hole ich das kleine Päckchen und halte es meinem Freund mit zitternder Hand hin.

„Was ist das und woher…?“, will Tai ruhig wissen.

„Kokain. Ich fand es unter Shinyas Kopfkissen und nahm es aus einem Impuls heraus mit“, gestehe ich kleinlaut.

„Du hast es dir vorhin im Bad reingezogen, oder? Das erklärt vermutlich auch die Extreme in deiner Stimmung.“

„Ja“, ist die einzige Antwort, die ich gebe. Ohne ein weiteres Wort nimmt Taichi die Droge an sich und verlässt das Zimmer. Unbewegt und ins Nichts starrend bleibe ich zurück. Habe ich das Richtige getan? Und wie oft muss sich dieses Szenario noch wiederholen? Aus dem Badezimmer vernehme ich das Geräusch der Toilettenspülung. Als mein Freund zurückkommt, setzt er sich schweigend neben mich. Fürsorglich hebt er seine Hand und wischt die Tränen von meinem Gesicht.

„Hör auf zu weinen“, befiehlt Tai in nachsichtigem Tonfall. „Bist du noch drauf?“ Ich schüttle meinen Kopf. Eigentlich kann ich Kokain nicht viel abgewinnen. Der Rausch an sich ist okay, der ‚Come Down‘ dafür umso tückischer, geprägt von Erschöpfung, Reizbarkeit und depressiven Gefühlen. Erneut laufen Tränen über meine Wangen, ohne dass ich es beeinflussen kann. Beschämt drehe ich mich weg. Einen kurzen Moment darauf spüre ich, wie Taichi seine Arme um mich legt. Zwar versuche ich, das Beben meines Körpers zu verbergen, doch es gelingt mir nicht. Leicht kitzelt sein Atem auf meiner Haut. Ich schließe meine Augen. Normalerweise würde ich jetzt sexuelle Erregung empfinden, aber nach einem Kokainrausch fühle ich mich allgemein eher unwohl. „Ich habe das Zeug entsorgt“, raunt Tai in mein Ohr. „Hast du noch mehr mitgehen lassen?“

„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß.

„Kann ich dir auch wirklich glauben?“ Seine Hand gleitet hinab zwischen meine Beine.

„Bitte… nicht…“, hauche ich mit flehender Stimme. Innerlich bereite ich mich darauf vor, dass mein Freund sich rücksichtslos nimmt, wonach ihm verlangt. So, wie er es in der Vergangenheit oft genug tat. Doch unerwartet lässt er von mir ab. Ich drehe mich zu ihm und starre ihn an. „Willst du mich nicht…?“, frage ich vorsichtig.

„Nicht so“, antwortet Tai ernst. Ein abfälliges Lächeln legt sich auf meine Lippen.

„Aber sonst hat es dich auch nicht interessiert. Wirst du mich jetzt immer abweisen… aus Rücksicht?“ Panik macht sich in meinem Inneren breit. Fahrig öffne ich meine Hose. „Komm schon. Ich bin doch deine leblose Puppe, die nur zum Ficken gut ist, oder nicht?“ Schmerzlich verzieht Taichi sein Gesicht.

„Hör auf, Yamato.“

„Aber es sind deine Worte…“

„Ich weiß… und das tut mir…“

„Nein!“, unterbreche ich meinen Freund. „Das muss es nicht… denn… du hast recht.“ Verzweifelt greife ich nach der Hand meines Freundes und führe sie zwischen meine Beine. Als mir bewusst wird, dass es dieselbe Handlung ist, die mein ehemaliger Sportlehrer zuletzt mit mir ausübte, überkommt mich Übelkeit. Krampfhaft versuche ich sie hinunterzuschlucken. Unwillentlich gerät meine Atmung ins Stocken.

„Komm her, mein kleiner Masochist“, höre ich Taichi sagen. Behutsam zieht er mich an sich. „Keine Sorge, ich werde dich wieder hart rannehmen. Aber im Moment würdest du mit ziemlicher Sicherheit negative Assoziationen haben und daran zerbrechen.“

„Warum lassen wir es nicht auf einen Versuch ankommen?“, wende ich unpassend ein. Mein Gegenüber seufzt, wobei er seine Hand zurückzieht.

„Yamato, wem willst du gerade etwas beweisen?“ Als ich die Absurdität der Situation erkenne, sacke ich resigniert in mich zusammen.

„Bitte… stoße mich nicht von dir…“, flüstere ich dennoch mit brüchiger Stimme.

„Dummkopf“, antwortet Tai mit einem Lächeln. Zärtlich streichelt er über meine Wange, dann küsst er mich. Ich gehe verhalten darauf ein. Einerseits möchte ich meinen Freund intensiver spüren, andererseits habe ich Angst davor. Dabei ist es nur ein diffuses Gefühl, welches ich nicht einmal näher benennen kann.

„Bitte schlaf mit mir“, hauche ich flehentlich. Prüfend betrachtet Taichi mein Gesicht.

„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass es dir gerade nur um Selbstverletzung geht?“ Schuldbewusst weiche ich seinem Blick aus. Ich kann nicht leugnen, dass er recht hat. Um mich besser zu fühlen, brauche ich etwas, woran ich mich klammern kann… Schmerz… Erniedrigung… Selbsthass… bekannte Mechanismen, die mich am Leben halten.

„Und warum bist du nicht mehr so skrupellos wie früher? Was hat sich verändert? Wodurch hast du dich verändert?“

„Ich denke nicht, dass ich mich verändert habe…“, widerspricht mein Freund überrascht. „Ich passte mein Verhalten lediglich der Situation an. Ist dir das nie aufgefallen?“ Kurz schweige ich.

„Das heißt, deine Grausamkeit war lediglich eine Reaktion und keine bloße Lustbefriedigung?“

„Ich würde es eher Verzweiflung nennen, auch wenn das meinen groben Umgang mit dir nicht entschuldigt.“ Tais Worte stimmen mich nachdenklich. Wenn mein Freund sich rücksichtslos an mir verging, fühlte ich mich schrecklich. Ich habe es gehasst, es war abstoßend und schmerzhaft… und befriedigend. Zumindest für einen Teil in mir. Sollte diese Komponente jetzt wegfallen, was passiert dann mit unserer Beziehung? Einmal mehr bemerke ich, welche große Rolle mein Selbsthass in meinem Leben spielt und das macht mir Angst, ist er doch der Motor für alle Probleme gewesen. Warum habe ich dann nie angefangen, meinen Selbsthass zu hassen? Warum stelle ich eher meine Beziehung zu Taichi in Frage?

„Würdest du mir wenigstens den Arm aufschneiden, wenn du mir schon keine sexuelle Erniedrigung verschaffst?“, frage ich bissiger als beabsichtigt. Der Gesichtsausdruck meines Freundes wird kalt.

„Wenn das alles ist, was du von mir erwartest…“ Ohne ein weiteres Wort erhebt er sich und verlässt den Raum. Bereits jetzt bereue ich meine Worte. Ich wollte Tai nicht wehtun. Diese Stimmungsschwankungen sind selbst für mich anstrengend, weshalb ich im Augenblick sogar froh bin, keinen Zugriff mehr zu dem Kokain zu haben. Mit einem Messer, Verbandsmaterial und einem Handtuch kommt mein Freund zurück und nimmt vor mir Platz. „Gib mir deinen Arm“, befiehlt er schroff. Ich komme der Aufforderung nach, ohne ein Wort zu sagen, obwohl alles in mir sich gegen diesen Verlauf sträubt. „Wie tief soll ich schneiden?“, fragt Tai mechanisch.

„Bitte… entschuldige…“, beginne ich.

„Wie tief soll ich schneiden?“, wiederholt er, wobei er mich ungerührt unterbricht und die Klinge senkrecht auf meiner Haut positioniert. Mein Herz klopft schneller bei der Erwartung des süßen, lange vermissten Schmerzes.

„Tai, ich liebe dich.“ Die Worte kommen flüsternd über meine Lippen, während ich meine Augen schließe.

„Weil ich dir den ersehnten Schmerz zufüge?“ Gerade, als Taichi den Druck auf die Schneide verstärken will, ziehe ich meinen Arm weg.

„Nein. Also…“ Schuldbewusst schaue ich zu Boden. Ich kann mich kaum konzentrieren, weshalb mir überzeugende Argumente fehlen.

„Möchtest du es selbst tun?“ Vorsichtig legt mein Freund das Messer in meine Hand. „In meinem Beisein.“ Nervös betrachte ich das glänzende Metall. Es ist lange her, dass ich mir selbst Wunden zufügte… zumindest für mein Empfinden. Ohne weiter darüber nachzudenken, ziehe ich die Klinge schnell, aber mit wenig Druck durch meine Haut. Die entstandene Wunde klafft ein wenig auf, Blut sammelt sich in ihr und quillt über. Sofort hält Tai das Handtuch unter meinen Arm um das Tropfen des Blutes auf den Boden zu verhindern.

„Das war der Anfang. Jetzt verewige dich auf mir, indem du dich tief in mich schneidest.“ Mit einem Lächeln halte ich meinem Freund das Messer entgegen. Ohne Widerworte nimmt er es an und kommt meiner Aufforderung nach. Mit mäßigem Druck zerteilt er mein Fleisch, sodass nun unaufhörlich Blut aus der Wunde fließt. Mit geschlossenen Augen genieße ich den Schmerz. Wieder und wieder lässt er die Schneide durch die Wunde gleiten, sodass sich diese inzwischen leicht taub anfühlt. „Danke“, gebe ich kaum hörbar von mir. Ein gequältes Lächeln legt sich auf Tais Lippen. „Ich weiß, dass dir diese Prozedur nichts gibt und dass du es nur für mich tust.“

„Ganz so ist es auch nicht… es kann… unter Umständen… schon irgendwie… sexuell stimulierend sein“, gibt er ein wenig verlegen zu. „Im Moment schwebt mir jedoch die ganze Zeit im Hinterkopf, dass deine Labilität vermutlich auf deinen Drogenkonsum zurückzuführen ist. Um ehrlich zu sein, turnt mich das ziemlich ab.“ Fürsorglich drückt er das Handtuch auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen. „Halt das bitte fest“, weist er mich an, verlässt das Wohnzimmer und kehrt mit einem nassen Waschlappen zurück. Behutsam reinigt er die Wunde, dann legt er den Verband an. Das Pulsieren der Verletzung beruhigt mich, sodass ich liebevoll mit meiner anderen Hand darüberstreiche. Dann beuge ich mich zu meinem Freund und küsse sanft seine Lippen. Verhalten lässt er sich darauf ein. Zwar bin ich froh, dass er auf mich reagiert, aber ein ungutes Gefühl unsere Beziehung betreffend bleibt. Grenzt mein Verhalten an Manipulation? Oder emotionale Erpressung? Allmählich fange ich an, unser Verhältnis zueinander klarer zu sehen… wie es sich in der Vergangenheit definierte… und ob es in der Zukunft bestehen kann. Das Hochgefühl, welches ich bis eben empfand, weicht Ungewissheit und Angst… dabei hoffe ich, dass es sich lediglich um die Nachwirkungen des Kokains handelt.

An den Wannenrand gelehnt sitze ich im Badezimmer auf dem Boden. Abwesend betrachte ich das Blut, welches in Bahnen meinen Arm hinabfließt. Zwar versprach ich, nicht mehr selbst Hand an mich zu legen, doch wenn ich die Wunde, welche Taichi mir zufügte, lediglich wieder öffne und etwas vertiefe, würde ich mein Handeln noch nicht als Regelverstoß werten. Falls es durch den Verband überhaupt auffällt. Ich setze erneut die Rasierklinge auf meine Haut und zerteile sie noch ein wenig mehr. Sofort quillt dunkelrotes Blut hervor und tropft auf die Fliesen. Ich schaue dabei zu. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, dass ich diese Art des Schmerzes spüren durfte. Wenn ich mich richtig erinnere, verletzte ich mich zuletzt selbst, als Tai noch in der Entzugsklinik war. Ist mein Verhalten ein Rückschritt? Oder kann man es vielleicht als Fortschritt bezeichnen, wenn ich dafür keine Drogen konsumiere? Seufzend lege ich meinen Kopf in den Nacken, schließe meine Augen und konzentriere mich auf den pulsierenden, stechenden Schmerz. Ich kaufte die Rasierklingen auf dem Heimweg vom Koki. Am Morgen rief ich meinen Chef an und bat um ein Gespräch, bei dem auch Reiji anwesend sein sollte. Es kostete mich Überwindung, über die Geschehnisse mit meinem ehemaligen Sportlehrer zu sprechen. Reiji wusste zwar von den Übergriffen, aber als er von dem jüngsten Ereignis erfuhr, wurde er so wütend, dass ich ihn kaum beruhigen konnte. Mit einem Schmunzeln stelle ich einmal mehr fest, dass Tai und er sich eben doch sehr ähnlich sind. Mein Chef hingegen entschuldigte sich betroffen, als er von den Hintergründen erfuhr. Zwar ist es nach wie vor ein unangenehmes Gefühl, derart persönliche Dinge von sich preiszugeben, aber ich bin dennoch froh, mit beiden ehrlich gesprochen zu haben. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen. Als ich schließlich von meiner Anzeige bei der Polizei erzählte, umarmte Reiji mich ungestüm und wollte mich gar nicht mehr loslassen. Auch Herr Sakai bestärkte mich in meiner Entscheidung. Beide sicherten mir ihre uneingeschränkte Hilfe zu. Einmal mehr irritiert mich die Freundlichkeit anderer Menschen, da ich der Meinung bin, von meinem Verhalten her nichts dazu beizutragen. Ähnlich verhält es sich mit meinen Bandkollegen… ehemaligen Bandkollegen. Auch sie versuchten, für mich da zu sein, obwohl ich sie immer nur enttäuschte und von mir stieß. Ich empfand es nicht so, aber wenn ich mein Verhalten jetzt mit etwas Distanz betrachte, fällt mir auf, wie problematisch es in den vergangenen Jahren war. Als hätte ich in einem Spiegelkabinett gelebt, in dem ich nur mich selbst sehen konnte. Egal, wohin ich schaute, es gab keinen Ausweg. Von Zeit zu Zeit schloss ich die Augen, weil ich mich selbst nicht mehr ertrug. Das waren die Momente, in denen ich mich verletzte oder mit Drogen betäubte. Aber eigentlich habe ich nie wirklich mich betrachtet… ich habe nicht mich gesehen. Gedankenversunken schaue ich auf meinen Arm. Das Blut beginnt langsam zu gerinnen und die Wunde notdürftig zu verschließen. Warum griff ich erneut zur Rasierklinge? Es war keine Kurzschlussreaktion, sondern kalkuliert. Kann ich wirklich nicht ohne selbstschädigende Verhaltensweisen existieren? Bestimmt mein Selbsthass über mein gesamtes Sein? Selbsthass. Immer wieder läuft es darauf hinaus. Warum liebe ich mich nur, wenn ich mich hasse? Mühsam erhebe ich mich und gehe zum Waschbecken. Unter laufendem Wasser reinige ich die Wunde. Einem Impuls nachgebend wechsle ich von kalt zu heiß. Schmerzerfüllt verziehe ich mein Gesicht, zwinge mich aber, den Arm nicht wegzuziehen. Tränen brennen in meinen Augen und ein Keuchen entweicht meinen Lippen. Es tut weh… aber es reicht nicht. Wie soll es jetzt weitergehen? Ich fühle mich allein, obwohl viele Menschen mir beistehen. Ich fühle mich schlecht, gerade weil viele Menschen mir beistehen. Ich habe nichts getan, was deren Hilfe rechtfertigt. Ich habe nichts getan, wodurch ich ihre Zuneigung verdiene. Ihr Verhalten passt nicht zu meinem Selbstbild. Verzweifelt drehe ich den Wasserhahn zu, tupfe die Schnittwunde vorsichtig trocken und lege einen neuen Verband an. Anschließend beseitige ich die Spuren meines erneuten Versagens und verlasse das Bad. Ich gehe zurück in die Küche und setze mich wieder an den Platz, an dem ich saß, bevor ich mich meinem Selbsthass hingab. Eine Zigarette entzündend schaue ich auf den Block, welcher vor mir auf dem Tisch liegt. Zeichen für Zeichen lese ich den in meiner Handschrift geschriebenen Text durch. Gedanken, die ich auf Papier festhielt. Zeilen, die ein Liedtext sein könnten…
 

Die Lügen, die wir zu kennen glaubten,

wurden durch unsere gegenseitigen Fehlannahmen nur tiefer,

ohne je zu einer Wahrheit zu werden.

Wir konnten die Blumen der Freude und der Traurigkeit,

die wie Atem erblühten, nicht mit Farbe füllen.
 

Je mehr Worte wir sprachen,

desto leerer wurden sie

und das, was wirklich von Bedeutung war,

verflüchtigte sich in unserer Ekstase.
 

Der Schlussstrich, den ich ziehen wollte,

war wie ein Lichtstrahl, der niemals einen vollkommenen Kreis zeichnen würde.

Und selbst wenn ich klagte, wie unzureichend mein Mitgefühl gewesen ist,

wir hatten zu viel verloren, um noch darauf zu achten.
 

Der bittere Geschmack, der sich durch das Nikotin auf meiner Zunge ausbreitet, ist ein Sinnbild für meine Gefühle. Wie soll ich meine bisherige Beziehung zu Taichi bewerten? War alles ein Fiebertraum? Ein wenig fühlt es sich so an. Was ist echt, was Illusion? Welche Empfindungen sind auf den Drogenkonsum zurückzuführen? Welche auf den Entzug? Und welche Auswirkungen haben die jüngsten Ereignisse? Doch wenn ich ehrlich bin, liegt das Problem eigentlich woanders. Erneut führe ich die Zigarette an meine Lippen, nehme einen kräftigen Zug und drücke sie im Aschenbecher aus. Dann greife ich nach dem Stift, mit dem ich bereits vorhin die Worte zu Papier brachte und schreibe weiter…
 

Irgendwo musste ich mich der Illusion hingeben,

denn selbst der Spiegel, dem ich sonst gegenüberstand,

konfrontierte mich nicht mehr mit mir selbst.

Ich log besser als du,

und der bittere Stolz darüber wurde mir zur Gewohnheit,

So sehr, dass ich nie wirklich loslassen konnte.
 

Je mehr ich darüber nachdenke,

desto bedeutungsloser werden die Tränen,

Ich weiß nicht mehr, was mir das Lächeln vor meinen Augen sagen will
 

Das Versprechen von Glück, das ich mir zum Abschied zurechtgelegt hatte,

Wenn wir es teilten, müssten wir die Dunkelheit nicht mehr erhellen.

Doch sollte auch nur eine kleine Lüge übrigbleiben,

dann lass uns die Begegnung auslöschen, die uns wie ein Schatten anhaftet.
 

Die Lügen und Wahrheiten, die du erduldet hast,

verwandelten sich in das Bedauern eines Ichs, das mir stets einen Schritt voraus war.

Selbst wenn ich über meine Reue nachgrübele,

was sich vor meinen Augen abzeichnet,

sind nur die Farben einer einfältigen Lüge.
 

Der Schlussstrich, den ich ziehen wollte,

war wie ein Lichtstrahl, der niemals einen vollkommenen Kreis zeichnen würde.

Auch wenn ich beklage, dass ich nicht genug Mitgefühl habe,

ich habe zu viel zu verlieren, zu viel Traurigkeit, um mich darum zu kümmern.
 

Resigniert lasse ich den Stift sinken und vergrabe mein Gesicht in meinen Händen. Meine Zweifel fressen mich auf, dabei sollte ich gerade jetzt Vertrauen in die Beziehung zu Taichi haben. Vertrauen in eine Beziehung, die von Anfang an keine Chance hatte… Eine Beziehung, die auf Gewalt und Unterwerfung basiert… Ich weigere mich, Taichis Theorie anzuerkennen, dass mein Selbsthass für mein Handeln verantwortlich ist. Ich habe meinen Freund zum Sex gezwungen, mehrfach… und das werde ich mir nie vergeben. Mit bebenden Fingern streiche ich über die leicht pulsierende Wunde an meinem Arm, um mich zu beruhigen. Ich schließe meine Augen. Das Verlangen, mich zu verletzen, wird wieder stärker, obwohl ich ihm gerade erst nachgegeben habe. Ich möchte mich aus mir herausschneiden. Doch was bleibt dann übrig? Eine leere Hülle, die funktioniert, wie sie funktionieren sollte? Die niemandem mehr etwas antut? Ein verächtliches Lächeln legt sich auf meine Lippen. Wenn es so einfach wäre, hätte ich es längst getan. Aber das Zufügen von Wunden hat keine solche Wirkung. Probleme lassen sich damit genauso wenig lösen wie durch Alkohol, Nikotin oder Drogen. Wenn Tai sich auf mir verewigt, hat es allerdings durchaus eine stimulierende Komponente. Zuneigung überkommt mich. Ich möchte meinen Freund berühren, ihn spüren. Ein egoistisches Verlangen, welchem ich viel zu oft nachgab. In diesem Zusammenhang erinnere mich an unser letztes Gespräch, in dem Taichi zugab, dass sein Verhalten in den vergangenen Jahren lediglich auf Reaktionen basierte und nichts mit Verlangen zu tun hatte. Ein weiterer Faktor, der mich darin bestärkt, dass unsere Beziehung auf Lügen basiert. Warum gibt sich mein Freund dennoch solche Mühe, mich vom Gegenteil zu überzeugen? Sind meine Zweifel an unserer Beziehung vielleicht doch unbegründet? Mein Verhalten damals… die Übergriffe… sind unentschuldbar. Allerdings geschahen sie nicht aus Selbsthass. Ich wollte Tai meine Gefühle begreiflich machen, da er mich ablehnte. Irgendwann ging er darauf ein. Lange dachten wir, es wäre ein Spiel um Macht und Besitz. Doch es war kein Spiel. Zu keiner Zeit. Ich liebe Taichi. Schon immer.
 

Meine Schritte verlangsamen sich, als das Haus, in dem sich der Proberaum von ‚So easy‘ befindet, in Sichtweite kommt. Zwar fuhr ich bewusst hierher, allerdings folgte ich eher einem Impuls und keinem gezielten Vorhaben. Auch wählte ich eine Uhrzeit, zu der ich die Bandmitglieder nicht antreffen dürfte. Zumindest, wenn die Proben zu ähnlichen Zeiten stattfinden wie früher. Falls sie noch stattfinden. Ich krame den Schlüssel aus meiner Tasche, den ich eigentlich schon längst hätte zurückgeben müssen, und öffne die Tür. Nachdem ich den Lichtschalter betätigte, lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Alles sieht aus wie immer. Um ehrlich zu sein, bin ich erleichtert darüber, dass dieser Ort, der einst wie ein Refugium für mich war, noch existiert und offenbar auch weiterhin genutzt wird. Ich nehme auf einem der Stühle Platz, wie so oft in der Vergangenheit, und entzünde eine Zigarette. Einen kräftigen Zug nehmend, lasse ich den Rauch nachdenklich zwischen meinen Lippen entweichen. Es war großes Glück für unsere Band, dass wir uns durch Kozue einen eigenen Proberaum leisten konnten. Im Normalfall muss, vor allem in der Anfangszeit, auf vermietete Räumlichkeiten zurückgegriffen werden. Wir hatten also gute Voraussetzungen. Aus ‚So easy‘ hätte ernsthaft etwas werden können. Mit einem konformeren Sänger. Von Masao weiß ich, dass die Band ohne mich unter diesem Namen nicht bestehen bleibt. Es tut weh, das Ende auf eine solche Weise verantworten zu müssen, aber eine andere Möglichkeit sehe ich nicht, wenn ich den Weg der verbleibenden Mitglieder in diesem Business nicht beschmutzen möchte. Traurig beobachte ich den kreiselnden Rauch, der von der Zigarette aufsteigt und sich in der Luft aufdröselt, bis er eins mit ihr wird. Unsichtbar.

„Wer immer da ist… keine falsche Bewegung. Ich kann Karate!“ Erschreckt schaue ich in die Richtung, aus der ich eine versucht bedrohlich, aber eigentlich deutlich panisch klingende Stimme vernahm. Die Tür ist einen Spalt weit geöffnet.

„Kozue?“, frage ich, da ich meine, die Person als unsere Schlagzeugerin erkannt zu haben. Vorsichtig lugt sie herein.

„Yamato?“ Überrascht und zugleich erleichtert gibt sie sich zu erkennen und betritt den Raum.

„Du kannst doch gar kein Karate, soweit ich weiß“, bringe ich verwundert an. Ein verlegenes Lächeln legt sich auf ihre Lippen.

„Ein Einbrecher weiß das aber nicht.“ Ihr Gesicht nimmt einen fragenden Ausdruck an. „Was machst du hier?“

„Ich… wollte den Schlüssel zurück…“

„Hör auf“, unterbricht mich Kozue mit sanfter Stimme. Sie setzt sich zu mir an den Tisch, wobei sie mich durchdringend ansieht. Ich halte ihr meine Zigarettenschachtel entgegen und mit einem dankenden Kopfnicken entnimmt sie eine der Zigaretten, welche sie sogleich mit meinem auf dem Tisch liegenden Feuerzeug entzündet. „Es gibt für dich keinen Grund mehr, Ausreden zu erfinden… sei bitte wenigstens am Schluss ehrlich, Yamato.“ Ihre Worte schmerzen, vor allem, da sie mir vor Augen führen, wie sehr ich meine Bandkollegen durch mein Verhalten verletzt habe. „Oder wolltest du ernsthaft den Schlüssel hier liegen lassen und wieder gehen, ohne abschließen zu können?“ Kozues Blick ist zweifelnd, während sie an ihrer Zigarette zieht.

„Nein…“, gebe ich zu. „Ich… um ehrlich zu sein…“ Unruhig nehme ich einen letzten Zug von meiner Zigarette, dann drücke ich sie im Aschenbecher aus und entzünde sofort eine neue. Gierig nehme ich das Nikotin in mich auf. „… ich weiß nicht, warum ich hier bin.“ Unsere Schlagzeugerin wendet ihren Blick von mir und schaut ins Nichts. Für eine Weile sagt niemand von uns ein Wort. Dennoch fühlt es sich nicht unangenehm an. Ich begreife allmählich immer mehr, was mir die Band und deren Mitglieder bedeuten. Allerdings ist das alles andere als gut. Ich darf mich nicht von meinen Gefühlen verleiten lassen und meine Entscheidung dadurch ins Wanken bringen. Entschlossen halte ich Kozue den Schlüssel entgegen. „Da du jetzt hier bist, kann ich ihn dir gleich geben.“

„Danke.“ Ohne mich anzuschauen, nimmt sie ihn aus meiner Hand und legt ihn auf den Tisch.

„Dann mache ich mich wieder auf…“, beginne ich, wobei ich den Rest meiner Zigarette im Aschenbecher ausdrücke.

„Die anderen kommen bald. Wir treffen uns heute, um zu entscheiden, wie es nach deinem Austritt weitergehen soll.“

„Masao gestand mir bereits, dass es das Ende von ‚So Easy‘ bedeuten wird“, erkläre ich mit belegter Stimme und stehe von meinem Stuhl auf. Kozue greift nach meinem Arm, um mich zurückzuhalten.

„Darauf will ich nicht hinaus. Was mit der Band passiert, liegt nicht mehr in deinem Einflussbereich. Aber… willst du dich nicht wenigstens von den anderen verabschieden?“ Ihre Frage klingt eher traurig als vorwurfsvoll. Sie nimmt ihre Hand zurück. „Entschuldige, dass ich dich unerlaubt angefasst habe.“

„Ist okay“, entgegne ich, da mich ihre Berührung tatsächlich nicht gestört hat.

„Yamato…“ Kozue mustert mich vorsichtig. „Du hast Schlimmes erlebt… nicht wahr?“

„Wie kommst du darauf?“ Ich versuche, meine Frage neutral klingen zu lassen.

„Na ja… deine Reaktionen… in bestimmten Situationen…“ Sie drückt ihre Zigarette im Aschenbecher aus und streicht nervös über die kurzen Haare ihrer ausrasierten Seite. Einen Moment betrachte ich sie. Wenn ich genau darüber nachdenke, weiß ich kaum etwas über unsere Schlagzeugerin oder die anderen Bandmitglieder, obwohl wir seit inzwischen sechs Jahren denselben Traum zu verwirklichen versuchen. Seufzend setze ich mich wieder. Genau genommen schulde ich Kozue und den anderen eine Erklärung. Zumal die derzeitige Situation die Notwendigkeit meines Verhaltens sogar noch unterstreicht. Ich entzünde eine weitere Zigarette, in der Hoffnung, dadurch ruhig bleiben zu können, doch meine Finger zittern, als ich sie an meine Lippen führe.

„Ich bin in einen Prozess verwickelt, bei dem es um… sexuelle Übergriffe geht… zum zweiten Mal. Das dürfte für den Erfolg von ‚So easy‘ nicht gerade förderlich sein.“

„Bist du denn derjenige, der übergriffig geworden ist?“, hakt Kozue nach. „Wenn nicht, ist deine Argumentation für mich nicht nachvollziehbar“, fügt sie, ohne auf meine Antwort zu warten, an. „Denkst du wirklich, uns ist der Erfolg der Band wichtiger als dein Wohlbefinden? Das enttäuscht mich etwas, Yamato.“

„Es geht nicht nur um den Prozess. Hast du meine Drogenabhängigkeit vergessen? Ich fürchte, die stellt das größere Problem dar.“ Kozue schaut mich besorgt an.

„Hat die… Vergewaltigung dich in die Sucht getrieben? Bitte entschuldige, wenn ich meine Vermutung so unverblümt äußere...“ Für einen Moment irritiert mich Kozues Direktheit.

„Ich muss dich enttäuschen. Mein Drogenkonsum ist kein Resultat, sondern bestand bereits zuvor.“ Sie schweigt. Ich atme das Nikotin tief ein, sodass es in meiner Lunge brennt. „Tut mir leid, dass ich nur ein gewöhnlicher Junkie bin, dem zufällig noch was Blödes passiert ist.“

„Siehst du das wirklich so?“, fragt Kozue und legt ihren Kopf schief. „Nach so vielen Jahren habe ich endlich das Gefühl, dich besser kennenzulernen. Leider zu spät.“ Bedauern schwingt in Kozues Worten mit.

„Das beruht allerdings auf Gegenseitigkeit“, gebe ich vorwurfsfrei zu bedenken.

„Ich erzähle dir alles, was du wissen möchtest. Du musst nur fragen.“ Sie lächelt mich an.

„Was soll das jetzt noch bringen… außer, dass mir der Abschied dann noch schwerer fällt.“

„Mist, du hast meinen Plan durchschaut. Weißt du, Yamato, meine Eltern sind beide Musiker, weshalb sie mir freie Hand lassen und mich in meinem Bestreben sogar unterstützen. Ich habe also ziemlich viel Glück in meinem bisherigen Leben gehabt. Auf meinen Schultern lasten keine Erwartungen in Richtung gesellschaftlicher Normen. Der Proberaum wird uns durch die Beziehungen meines Vaters ermöglicht. Dennoch möchte ich nicht alles als gegeben ansehen. Ich arbeite in einer Musikschule und gebe dort Unterricht, um finanziell weitestgehend unabhängig zu sein. Irgendwann möchte ich in der Lage sein, meine Eltern stolz zu machen, indem ich ihnen beweise, dass ihre Bemühungen, mich zu unterstützen, nicht umsonst waren… wenn ich ihnen schon nicht ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen kann.“ Wehmut schwingt in ihrer Stimme mit. Ich betrachte unsere Schlagzeugerin, unsere Blicke treffen sich. „Heirat und Kinder, meine ich.“ Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, eine femininere Seite an ihr zu sehen. Normalerweise besteht für mich kein Unterschied zwischen ihr und den anderen Mitgliedern der Band.

„Du hast daran kein Interesse, nicht wahr?“, hake ich vorsichtig nach.

„Nein. Ich mag Kinder, aber ich kann mir nicht vorstellen, eigene zu haben. In der Vergangenheit hatte ich zwei Beziehungen, in denen ich auch intim mit dem jeweiligen Partner wurde, aber… es gibt mir nichts. Es ruft zwar keine negativen Empfindungen in mir hervor, aber eben auch keine positiven. Mit jemandem zu schlafen wäre für mich einfach nur ein Akt der Notwendigkeit, den eine Beziehung mit sich bringt. Nicht mehr. Ist das irgendwie verständlich?“ Ich überlege, während ich an meiner Zigarette ziehe und sie dann im Aschenbecher ausdrücke. Kozues Beziehung zu Sex ist das komplette Gegenteil zu meiner eigenen. Dennoch glaube ich, sie verstehen zu können. Ich nicke stumm.

„Entschuldige, das war gedankenlos von mir“, meint sie rücksichtsvoll. „Dir ist das Thema mit Sicherheit unangenehm.“

„Nein, keine Sorge. Ich habe kein Problem damit, über Sex zu sprechen“, versuche ich sie zu beruhigen. „Bitte behandle mich nicht anders als zuvor, sonst wird das Geschehene zu einem größeren Problem deklariert, als es ist.“ Kozue sieht mich ernst an.

„Bitte verharmlose es nicht, Yamato. Denn das wäre eher problematisch. Ich werde dich schon nicht in Watte packen, keine Sorge, aber Scheiße muss auch als solche betrachtet und benannt werden. Und wenn ich dir irgendwie helfen kann, das alles zu überstehen, dann sag es bitte. Das gilt mit Sicherheit auch für den Rest der Band.“ Mir fällt auf, dass unser Gespräch klingt, als wäre es beschlossene Sache, dass ich ‚So easy‘ nicht verlasse und dass sich im Zuge dessen mein Wunsch, mit diesen, mir liebgewonnenen Menschen, weiterhin Musik zu machen, immer weiter verstärkt. Abrupt stehe ich auf.

„Ich muss jetzt wirklich los. Tut mir leid.“ Überrascht schaut Kozue mich an. Dann wandelt sich ihr Blick in Resignation.

„Okay“, ist das einzige Wort, das ihr über die Lippen kommt.

„Ich hoffe, ihr schafft es, im Musikbusiness Fuß zu fassen… auf welchem Weg auch immer.“

„Ja“, antwortet sie tonlos. „Und bitte gib nicht auf“, fügt sie in sanfterem Ton und mit einem traurigen Lächeln an. Ich wende mich ab und verlasse den Raum ohne ein weiteres Wort. Das Gespräch mit Kozue machte mir, wie erwartet, den Abschied unnötig schwer. Dennoch fand ich es nicht unangenehm, mich mit ihr auf persönlicherer Ebene zu unterhalten. Zwar scheint sie für sich selbst mit ihrer Asexualität im Reinen zu sein, doch die Erwartungen der Gesellschaft gehen auch an ihr nicht spurlos vorbei. Dass sie sich Gedanken um die Wünsche ihrer Eltern macht, obwohl von denen kein offensiver Druck ausgeht, zeigt eine ungewohnt sensible Seite von ihr, die mich ein wenig überraschte.

„Yamato!“ Ich schaue mich um, als ich gedankenversunken meinen Namen vernehme. Auf der anderen Straßenseite sehe ich Itaru, der, nachdem er sich vergewisserte, dass kein Auto kommt, die Straße schnellen Schrittes überquert und vor mir stehen bleibt. „Was machst du hier? Hast du es dir anders überlegt?“, fragt er leichthin und rückt seine Bassgitarre auf seinen Schultern zurecht.

„Nein. Ich habe den Schlüssel für den Proberaum bei Kozue abgegeben“, antworte ich leise.

„Oh, verstehe. Du gibst also auf.“

„Wie bitte?“ Irritiert schaue ich ihn an.

„Für mich bedeutet deine Entscheidung, dass dir die Drogen wichtiger sind als die Band“, gibt er gleichgültig zurück.

„Das passt zu dir. Deine vorgefertigte Meinung, obwohl du keine Ahnung…“

„Ich kann nur so viel wissen, wie du von dir preisgibst. Natürlich muss ich mir den Rest zusammenspinnen… aber zeigt das nicht, dass ich mir Gedanken über dich mache?“ Meine aufkommende Wut ebbt etwas ab, als seine Worte in mein Bewusstsein dringen. Unrecht hat er nicht, auch wenn ich es nicht gern zugebe.

„Soll ich mein Leben vor dir ausbreiten?“, entgegne ich feindseliger als beabsichtigt.

„Ich denke nicht, dass ich der Richtige dafür bin. Aber den anderen in der Band bedeutest du sehr viel. Tritt das nicht mit Füßen… nur ein kleiner Denkanstoß meinerseits… auch wenn du nicht viel darauf geben wirst, da du mich offensichtlich nicht leiden kannst.“

„Beruht das nicht auf Gegenseitigkeit?“, gebe ich abweisend zurück.

„Ich kann dich weder leiden noch nicht leiden. Dein Verhalten erschließt sich mir nicht, aber das gehört wohl zu deiner Persönlichkeit. Zudem scheint es gravierende Probleme in deinem Leben zu geben… vielleicht werden wir beide nie die besten Freunde, aber… es gibt Menschen, die für dich da sein wollen. Denkst du wirklich, denen ist Kommerz wichtiger?“ Schweigend betrachte ich mein Gegenüber eine Weile.

„Dass ausgerechnet ich dich darum bitte, ist irgendwie ironisch, aber… würdest du mir einen Gefallen tun?“, frage ich schließlich.

„Ich denke schon.“ Ein leichtes Lächeln legt sich auf seine Lippen, als wüsste er bereits, was ich als Nächstes sagen würde. Mich beschleicht das Gefühl, manipuliert zu werden, doch ich wische es nur allzu gern beiseite, entspricht es ebenso meinem insgeheimen Wunsch.

„Verschaff mir etwas Zeit zum Nachdenken, indem du die Entscheidung bezüglich der Band heute etwas hinauszögerst.“

„Kein Problem. Aber lass uns nicht zu lange warten.“ Er zwinkert mir zu und geht in Richtung Proberaum. Als ich ihm nachschaue, spüre ich, wie sich eine Schwere in meinem Inneren löst.

Reglos liege ich im Wohnzimmer auf dem Sofa und lasse mich vom Fernsehprogramm berieseln. Wie immer schaltete ich das Gerät ein, um der Stille zu entkommen, wenn ich Musik nicht ertragen kann. Das beschwingte Gefühl, welches ich empfand, nachdem ich mit Kozue und Itaru gesprochen hatte, ist inzwischen vollständig verschwunden und kompletter Unsicherheit gewichen. Eigentlich hatte ich beschlossen, die Musik aufzugeben und mein Leben in geordnete Bahnen zu lenken, indem ich im Koki einer geregelten Arbeit nachgehe. Die Musik muss ja nicht gänzlich aus meinem Leben verschwinden und auf den Ruhm kommt es mir ohnehin nicht an. Lieder kann ich auch nur für mich selbst komponieren. Dachte ich zumindest. Aber eigentlich ist Musik viel mehr als nur eine Ausdrucksform des Interpreten. Für den Zuhörer kann ein Song vieles sein… lindernd, ermutigend, bestätigend oder eine andere Sichtweise aufzeigend. Ich glaube nicht, dass es nur mir so geht. Musik hat eine unglaubliche Kraft. Davon bin ich fest überzeugt. Aber auch wenn ich nichts anderes möchte, als einen gemeinsamen musikalischen Weg mit meinen Bandkollegen zu gehen, so sollte ich doch realistisch bleiben. Es wird nicht funktionieren. Nicht, solange ich meine Probleme nicht in den Griff bekomme. Und selbst dann gibt es keine Garantie für Erfolg, der trotz allem nicht unwichtig ist, wenn wir hauptberuflich Musik machen wollen. Seufzend schließe ich die Augen. Wie schaffe ich es nur, die Band hinter mir zu lassen? Warum komme ich immer wieder ins Wanken, obwohl ich mich bereits entschieden habe? Meine Gedanken werden von dem Läuten der Türklingel unterbrochen. Sofort steigt Nervosität in mir auf und mein Herz schlägt unnatürlich schnell. Ich erhebe mich zögerlich und gehe langsamen Schrittes durch den Flur zur Tür. Als ich sie öffne, schaut mein Vater mich mit besorgter Miene an.

„Ich habe deine Nachricht nach der Arbeit auf dem Anrufbeantworter gehört und bin sofort hergekommen. Was ist passiert? Es klang ernst, als du meintest, du müsstest mit mir sprechen.“

„Komm erstmal rein“, bitte ich meinen Vater. Ich senke meinen Blick und trete einen Schritt beiseite, um ihm Platz zu machen. Hinter ihm lasse ich die Tür ins Schloss fallen und gehe voran ins Wohnzimmer, während er noch seine Schuhe im Eingangsbereich auszieht und die Autoschlüssel auf der Kommode ablegt. Angespannt nehme ich auf dem Sofa Platz. Ich hatte gehofft, dass Taichi bereits von der Arbeit zurück sein würde, wenn mein Vater hier erscheint. Meine Unruhe verstärkt sich, als er sich direkt neben mich setzt. Eine derartige Nähe zu diesem Menschen habe ich in letzter Zeit absichtlich gemieden und ich kam gut damit klar, weshalb ich dachte, meine Gefühle für Hiroaki in den Griff bekommen zu haben. Vorsichtig hebe ich meinen Blick und schaue direkt in seine Augen, in denen nichts als Besorgnis zu erkennen ist. Gefühle der Selbstverachtung kriechen in mir empor, weil ich spüre, dass ich mich wieder an ihm festhalten möchte.

„Yamato?“, höre ich Hiroakis Stimme. Sanft, aber mit unterschwelliger Angst. „Was ist passiert?“ Ich muss mich zusammenreißen. Gefestigt blicke ich meinen Vater an.

„Danke, dass du hergekommen bist“, beginne ich, dabei betrachte ich ihn eingehend. Die Spuren seines Alters machen ihn nicht weniger attraktiv. Es ist eine Weile her, dass ich mit ihm allein war. Ich hebe meine Hand und streiche zärtlich durch sein zum Teil ergrautes Haar. Starke Zuneigung durchflutet mich. Zuneigung welcher Art? Kopflos beuge ich mich vor, halte dicht vor seinen Lippen inne. Mein Gegenüber gebietet mir Einhalt, indem er seine Hand mit leichtem Druck gegen meinen Brustkorb stemmt. Behutsam drücke ich seinen Arm nach unten und umfange ihn liebevoll. Die Situation, meine Gefühle… alles wirkt irreal.

„Hiroaki… Papa… es tut mir leid“, hauche ich. „Was du in den vergangenen Jahren… immer wieder… ertragen musstest…“ Als mein Vater die Umarmung erwidert, füllen Tränen meine Augen. „Du hast… meinetwegen…“ Meine Stimme verliert sich in meinem Schluchzen. Beruhigend zieht mich mein Vater dichter an sich, dabei spüre ich, wie auch ihn das Thema aufwühlt.

„Yamato, mit dir zu schlafen…“

„… war ein Fehler“, beende ich seinen Satz mit einem bitteren Lächeln.

„Ja.“ Er seufzt. „Denn damit habe ich dir alles andere als geholfen. Viel zu oft siegten meine Verzweiflung und meine Angst über meinen Verstand und bestimmten mein Handeln. Ich frage mich auch heute noch, wie ich besser hätte reagieren können. Gab es Möglichkeiten, die ich übersehen habe?“

„Du bist wahrscheinlich der Letzte, der sich Vorwürfe machen sollte“, versuche ich meinem Vater seine Schuld abzusprechen.

„Du wirkst in letzter Zeit wesentlich zugänglicher. Vielleicht fällt es dir momentan auch leichter, Zusammenhänge zu erkennen.“ Behutsam schiebt er mich von sich und schaut mir in die Augen. „Deine Gefühle für mich… wie würdest du sie momentan einordnen?“

„Die Frage kommt unerwartet“, gebe ich verlegen zu. Unwillkürlich muss ich an die letzte Situation denken, in der ich mit Hiroaki geschlafen habe. Ich fühlte mich einsam. Ich war verzweifelt. Ich dachte an Taichi. Ich trank Alkohol, dem ich normalerweise nichts abgewinnen kann, um mich meinem Freund näher zu fühlen. Er war der Auslöser. Nicht nur in dieser Situation, oder? Versuchte ich am Ende Hiroaki als Substitut für Taichi zu benutzen? Wie ich es bereits in der Vergangenheit vermutete, aber nicht wahrhaben wollte? Auch jetzt fällt es mir schwer, dies als Tatsache zu akzeptieren. Ich liebe Hiroaki. Wie ich… Taichi liebe. Aber sollte meine Vermutung stimmen, wozu brauchte ich dann Shinya als Ersatz für meinen Vater, wenn es immer nur um Tai ging? Das ergibt keinen Sinn… es sei denn, meine Empfindungen hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon längst verselbstständigt. Lange vorher. „Du bist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich liebe dich“, antworte ich schließlich auf die gestellte Frage. „Ich möchte glauben, dass du mir mit deinem Handeln geholfen hast.“ Mein Tonfall klingt schwermütiger als erwartet. „Damit es nicht umsonst war.“ Verstohlen wische ich meine Tränen mit dem Ärmel ab, stehe auf und verbeuge mich tief vor meinem Vater. „Vielen Dank… dass dir mein Leben wichtiger war… als deine… Moral.“ Kurz schweige ich und versuche, meine Fassung wiederzuerlangen. „Trotzdem bereue ich nicht, was zwischen uns war, da ich die Momente mit dir dennoch genossen habe. Allerdings… erkenne ich inzwischen, dass ich dir Unzumutbares aufgebürdet habe und dafür möchte ich dich aufrichtig um Verzeihung bitten.“ Demütig verharre ich in meiner Haltung, bis mein Vater sich ebenfalls erhebt und mich fest mit seinen Armen umfängt. Ich spüre das leichte Beben seines Körpers, weshalb ich von Zuneigung erfüllt seine Geste erwidere.

„Yamato… du bist mein Sohn und… ich liebe dich über alles. Damals wie heute sind das meine Gefühle dir gegenüber. Deine Einsicht sehe ich als Fortschritt, dennoch weiß ich aus Erfahrung, dass dieser Zustand bei dir nicht unbedingt lange anhalten muss. Ich hoffe, du verstehst, warum ich dir kein uneingeschränktes Vertrauen mehr schenken kann.“

„Ja. Mit Blick auf die Vergangenheit kann ich deinen Standpunkt nachvollziehen“, gebe ich zu, schaffe es jedoch nicht, meine Enttäuschung zu verbergen. „Ich muss dich eben überzeugen, dass es dieses Mal nicht nur leere Worte sind und ich es durchaus ernst meine.“ Verzerrt lächle ich meinen Vater an. Beweisen kann ich es ihm nur anhand von Taten. Dabei vertraue ich mir selbst nicht einmal. Seufzend löse ich mich von meinem Vater und trete einen Schritt zurück, um Distanz zwischen uns aufzubauen. Wie gern würde ich ihm jetzt meine uneingeschränkte Zuneigung zeigen, in diesem Kontext jedoch halte ich es für besser, auf Abstand zu gehen. Mit Bestimmtheit zieht mich mein Vater mit sich auf das Sofa und betrachtet mich eingehen.

„Wolltest du darüber mit mir sprechen?“, will er mit Zweifeln in der Stimme wissen. Schlagartig fällt mir der eigentliche Grund ein, weshalb ich meinen Vater um seinen Besuch bat.

„Es tut mir leid, aber… ich brauche erneut deine Hilfe“, gestehe ich mit monotoner Stimme.
 

„War es für dich in Ordnung, mit Hiroaki allein zu sein?“, fragt Taichi ernst, während er die Karotten für das Curry in Stücke schneidet. Ich halte in meiner Bewegung inne und betrachte die Kartoffel, die ich gerade zerteilen wollte.

„Ja“, antworte ich zögerlich.

„Ausgerechnet heute blieb ich länger beim Sender. Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ihn hergebeten hast, um mit ihm über deine Anzeige zu sprechen? Dann hätte ich versuchen können, eher nach Hause zu kommen.“

„Es war gut so… denke ich. Eigentlich wollte ich meinen Vater lediglich über die jüngsten Ereignisse informieren. Die Anzeige, die Notwendigkeit seiner Aussage, den wahrscheinlich bevorstehenden Prozess. Anfangs hoffte ich tatsächlich, du würdest rechtzeitig da sein. Ich hatte wirklich Angst, mit ihm allein zu sein, denn wie sich bestätigte, empfinde ich noch sehr viel für ihn. Aber ich sehe inzwischen klarer.“ Bedächtig lege ich das Messer aus der Hand und schaue meinen Freund an. „Tai, mir ist bewusst geworden, was ich meinem Vater seit vielen Jahren antue.“ Das Schlucken fällt mir schwer und in meinen Augen brennen Tränen des Selbsthasses. „Ich begreife allmählich, welche Opfer ich ihm abverlange.“ Meine Stimme klingt schwach. „Dass er bereit ist, alles für mich zu tun… ist unbegreiflich.“ Nun legt auch mein Freund sein Messer beiseite.

„Unbegreiflich und falsch.“ Taichi sieht mich mit festem Blick an. „Aber er ist verzweifelt. Und er hat eine wahnsinnige Angst, dich zu verlieren. Ich glaube, für dich würde er wirklich alles tun. Ausnahmslos alles. Ob er dir mit dem Nachgeben auf körperliches Begehren jedoch helfen kann, wage ich zu bezweifeln.“ Ich sage nichts, da ich das Gefühl habe, dass jedes Wort im Moment zu viel wäre. Stattdessen fahre ich fort, das Abendessen vorzubereiten. Auch mein Freund widmet sich wieder seinen Karotten. Seine Worte hallen in meinem Kopf nach. Es ist nicht richtig, was Hiroaki tut. Er tut es für mich. Oder meinetwegen?

„Tai?“, durchbreche ich schließlich die Stille, ohne meine Arbeit zu unterbrechen. „Du meintest schon häufiger, ich sei manipulativ.“

„Ja“, antwortet er knapp und überlegt kurz. „Allerdings vermutlich eher unbewusst.“

„Unbewusst manipulieren? Wie soll das gehen?“

„Na ja, zum Beispiel mit deinem selbstzerstörerischen Verhalten. Menschen, denen du etwas bedeutest, können nicht einfach wegschauen und dich dir selbst überlassen. Also versucht man dir zu helfen… und tut dabei möglicherweise Dinge, die man unter normalen Umstanden nie tun würde. Wäre dein Verhalten kalkuliert, um deine Wünsche erfüllt zu bekommen, würdest du die Manipulation bewusst anwenden. Verstehst du?“

„Du meinst, im Falle meines Vaters nutze ich die Suizidalität, um ihn dazu zu bringen, mit mir zu schlafen?“, mutmaße ich. „Aber das habe ich nie getan… zumindest nicht so…“

„Du erweckst in ihm das Gefühl, seine Handlungen könnten dich retten. Oder liege ich da falsch?“

„Nein…“, gebe ich ehrlich zu.

„Es ist keine emotionale Erpressung im klassischen Sinne. Dennoch bleibt Hiroaki keine Wahl, oder?“ Stumm gebe ich die gewürfelten Kartoffeln in den großen Topf. Das Thema ist mir unangenehm, weil ich allmählich immer mehr begreife, in welche Situationen ich mir wichtige Menschen manövriere.

„Bist du deshalb oft so kühl zu mir, weil du dich der Manipulation entziehen willst?“

„Vielleicht“, ist die einzige Antwort, die ich von Taichi bekomme. Ich hake nicht weiter nach und bin froh, dass mein Freund seine vage Aussage nicht näher erklärt. Schweigend bereiten wir den Rest des Currys zu.
 

Mich für meine Schwäche verachtend betätige ich die Toilettenspülung und putze anschließend meine Zähne. Ein Handlungsablauf, der schon viel zu sehr zur Gewohnheit geworden ist. Dabei nahm ich mir heute fest vor, nicht wieder in dieses Muster zu verfallen. Ich wollte das unerträgliche Gefühl aushalten. Ich wollte es wirklich und doch schaffte ich es nicht viel länger als sonst. Voller Selbstverachtung spucke ich die Zahnpasta in das Waschbecken. Anschließend spüle ich meinen Mund gründlich aus. Warum verliere ich immer wieder gegen meine destruktiven Verhaltensweisen? Missmutig versprühe ich etwas Raumduft und verlasse das Badezimmer. In der Küche entzünde ich eine Zigarette und nehme einen kräftigen Zug. Ich muss einen Weg finden, diese Art der Selbstzerstörung einzudämmen, idealerweise komplett aufzugeben. Zwar empfinde ich Schuld und Reue, wenn ich Lebensmittel nach dem Essen erbreche, doch zugleich fühle ich mich danach so viel besser. Einfach aushalten funktioniert nicht sehr gut, also muss ich einen anderen Weg finden, mit dem Problem fertigzuwerden. Nachdenklich lasse ich den Rauch zwischen meinen Lippen entweichen. Es könnte funktionieren, wenn ich die Hauptmahlzeiten auf mehrere kleine Portionen am Tag verteile, damit dieses Gefühl der Sättigung nicht so unangenehm spürbar ist. Aber wie überzeuge ich Taichi von dieser Idee? Die bloße Vorstellung, ihm mein absurdes Verhalten zu beichten, beschämt mich mehr, als ich mir selbst eingestehen möchte.

„Hey… bist du jetzt noch Rauchen gegangen? Hast du vergessen, dass ich hier auf dich warte? Ohne dich komme ich nicht weiter, Schattenmädchen!“, ruft Taichi plötzlich aus dem Wohnzimmer und holt mich aus meinen Gedanken. Lächelnd drücke ich die erst zur Hälfte gerauchte Zigarette im Aschenbecher aus und gehe zurück zu meinem Freund.

„Du sollst aufhören, mich so zu nennen“, sage ich gespielt beleidigt, nehme wieder neben ihm auf dem Boden Platz und den Kontroller zur Hand.

„Aber du bist doch mein Schatten. Die Rolle hast du selbst gewählt, also beschwer dich nicht.“

„Schon gut. Wo waren wir stehengeblieben?“

„Na ja, wir hängen gerade fest. Aber ich denke, wir schaffen das Kapitel nur, wenn wir zusammenarbeiten. “

„Darum geht es schließlich in diesem Spiel“, bemerke ich beiläufig.

„Eine Botschaft, die auch auf das Leben zutrifft. Manches schafft man einfach nicht allein.“ Tai wirft mir einen vielsagenden Blick zu. Ich versuche meine paranoiden Verknüpfungen abzuschütteln.

„Wie unterscheidet sich eine einfache Bitte um Hilfe von unbewusster, emotionaler Manipulation?“, frage ich stattdessen Bezug nehmend auf die Unterhaltung beim Kochen. Taichi, der das Spiel gerade fortsetzen wollte, drückt erneut die Pausetaste, bleibt mit seinem Blick jedoch auf dem Bildschirm haften.

„Ich denke, eine aufrichtige Bitte beinhaltet nicht gleich einen Vorschlag zur Vorgehensweise. Als Beispiel würde ich gern noch einmal deinen Vater heranziehen. Ist das okay?“

„Schon… aber wie meinst du das?“

„Also…“ Tai legt den Kontroller auf dem Boden ab. „In deiner Verzweiflung suchst du Hilfe bei Hiroaki. Hierbei möchte ich nicht auf die Komplexität der Problematik eingehen, weshalb ich es stark vereinfacht darstelle. Bei deinem Hilfegesuch gibst du zugleich die Art der Hilfe mit an. Demzufolge vermittelst du deinem Gegenüber, dass es dir nur besser geht, wenn er entsprechend deiner Vorgabe handelt. Du suggerierst, dass es die einzig richtige Handlung ist und alle anderen Ansätze, die eventuell erfolgversprechender sein könnten, dir aber nicht angenehm erscheinen, werden auf diese Weise sofort negiert.“ Ich schweige, während ich versuche die Worte meines Freundes in meinem Kopf zu sortieren und ihnen einen Sinn zu verleihen. „Wenn ich es hart formulieren müsste, würde ich sagen, dass es bei dem Ganzen nicht um wirkliche Hilfe geht, sondern um die Befriedigung deiner Bedürfnisse. Nicht bewusst, aber unbewusst, denn darauf läuft es am Ende hinaus. Verstehst du, was ich meine?“ Angespannt kaue ich auf meiner Unterlippe. Taichis Aussage lastet schwer auf mir. Insbesondere, weil ich befürchte, dass seine Erklärung der Wahrheit entsprechen könnte. Verloren betrachte das kleine Mädchen auf dem Bildschirm. Dann ihren Schatten. Um sie herum eine Welt voller Chaos.

„Ich verstehe…“, beginne ich leise, mehr zu mir selbst. „Mein Vater kann nicht anders handeln, weil er Angst um mich hat. Weil ich ihm ausschließlich diesen einen Lösungsweg gewähre.“

„Nur, dass es in dieser von dir vorgegebenen Richtung nie eine Lösung geben kann“, unterbricht mich mein Freund sanft. „Meiner Meinung nach wurde die gesamte Situation dadurch nur komplizierter.“

„Vielleicht, aber er gibt mir Halt, wenn ich ihn bei dir vergeblich suche“, wende ich betrübt, mit bitterem Unterton, aber ohne Vorwurf in der Stimme ein. Taichi seufzt.

„Ich weiß“, gesteht er knapp. Mir entgeht nicht, dass seine Hände unruhiger werden und sich seine Finger fest ineinander verkrampfen. Um sein stärker werdendes Verlangen zu unterbinden oder um es vor mir zu verbergen? Zwar glaube ich, dass ich solche Anzeichen auch früher schon registrierte, aber ich war viel zu sehr in mir selbst gefangen, um sie wirklich wahrzunehmen. Vermutlich erschreckt mich die Erkenntnis, dass Taichi mit seiner Abhängigkeit alles andere als gut klarkommt, deshalb umso mehr. „Aber wie sollte ich deiner Meinung nach reagieren? Du schläfst mit anderen Männern. Immer und immer wieder. Es ist dir völlig egal, wie ich mich dabei fühle.“ Tais Stimme klingt kratzig und unbeständig, sein Blick ist noch immer starr auf den Bildschirm gerichtet.

„Dafür gehst du mit Frauen ins Bett“, entgegne ich angewiderter als beabsichtigt.

„Eben… dafür… als Reaktion. Du formulierst es selbst so. Außerdem weißt du warum. Und… es gehört der Vergangenheit an. Ich wollte, dass du meinen Schmerz nachempfinden kannst. Das konntest du auch, du hast nur die falschen Schlüsse gezogen.“ In Taichis Worte mischt sich Verzweiflung. „Warum genüge ich dir nicht, wenn ich doch angeblich alles bin, was du willst? Warum andere Männer? Warum Drogen? Der ganze Selbsthass...“ Tränen laufen über die Wangen meines Freundes. Betreten schaue ich zu Boden. „Momentan betreiben wir Schadensbegrenzung und versuchen die Symptome zu behandeln. Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob wir das schaffen werden.“ Ich spüre, wie sich Taichis Unruhe auf mich überträgt und auch mein Verlangen nach Selbstschädigung steigert.

„Mir geht es ähnlich. Zwar versuche ich gerade, meine Probleme in den Griff zu bekommen, aber ich merke, wie schwer es mir fällt.“ Für einen kurzen Augenblick verspüre ich den Drang, Taichi zu gestehen, was ich vorhin im Bad getan habe. Allerdings möchte ich meinen Freund nicht noch mehr belasten, weshalb ich mich schließlich dagegen entscheide. Mit genug Willenskraft werde ich es sicher auch allein bewältigen können. Zaghaft lege ich meine Hand auf seine, bemüht, ihm Zuversicht zu vermitteln. „Solange wir leben… ist noch nichts verloren, oder?“, füge ich unsicher an. Sogleich wendet sich Taichi mir zu.

„Empfindest du das so?“

„Ich… weiß es nicht. Aber ich denke weniger über das Sterben nach… irgendwie.“ Meine Worte überraschen mich selbst, aber sie fühlen sich nicht ganz richtig an. „Nein, das stimmt nicht. Ich denke weniger über Selbstmord nach“, korrigiere ich mich schließlich. Argwöhnisch betrachtet mich mein Freund. Wahrscheinlich versucht er herauszufinden, ob ich ihn einfach nur in Sicherheit wiegen möchte, um einen gefassten Plan leichter in die Tat umsetzen zu können. Schüchtern beuge ich mich zu ihm hinüber und hauche einen Kuss auf seine Lippen. „Deine Angst kann ich dir nicht nehmen. Und vielleicht ist es auch besser so, da ich dir nichts versprechen kann.“ Mit meinen Fingern streiche ich leicht durch die Haare meines Freundes. „Aber ich liebe dich. Zumindest das musst du mir glauben.“

„Das glaube ich dir auch“, entgegnet mein Gegenüber aufrichtig und berührt meinen Arm, unter dessen Ärmel sich der Verband leicht abzeichnet. „Dennoch komme ich gegen deinen Selbsthass nicht an.“ Seine Augen betrachten mich mit bitterer Traurigkeit.

„Vielleicht solltest du aufhören, ihn als deinen Feind zu betrachten. Mein Selbsthass hat mich bisher nicht umgebracht und ich bezweifle, dass es ihm in Zukunft gelingt. Der Einzige, der mich töten wird, bist du, Taichi Yagami.“


Nachwort zu diesem Kapitel:
Das Video zu "Haitoku no Kodou" gab mir die Inspiration zur letzten Szene dieses Kapitels. Schon beim ersten Sehen erinnerte mich dieser Auftritt von GRANRODEO an meine Vorstellung von Yamatos Bühnenpräsenz. Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (25)
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Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  TheDarkVampire
2024-05-26T06:03:24+00:00 26.05.2024 08:03
Hey

Wird die story je beendet?:(
Antwort von:  KojiAyumu
04.11.2024 19:43
Doch, habe ich eigentlich vor. Ich möchte es selbst nicht unbeendet lassen.
Und ich bin überrascht, dass überhaupt jemand auf die Fortsetzung der Geschichte wartet... nach all der Zeit.
Vielen Dank dafür!!
Antwort von:  TheDarkVampire
04.11.2024 21:18
Gerne

Ich bin echt gespannt. Bin seit kein einfacher Anfang dabei
Von:  TheDarkVampire
2022-10-06T13:22:55+00:00 06.10.2022 15:22
Seit 3 Jahren warten und immer noch nichts neues. Schade. Wird wohl nie beendet
Von:  TheDarkVampire
2019-01-11T17:07:10+00:00 11.01.2019 18:07
Jetzt ist das letzte Kapitel auch schon fast ein Jahr her *schnief*
Von:  TheDarkVampire
2018-02-20T16:49:49+00:00 20.02.2018 17:49
uiii~
soviel Spannung und fragen über fragen XD

Ich freue mich schon auf das nächste Kapitel. Mach weiter so :)
Von:  TheDarkVampire
2018-02-18T10:04:03+00:00 18.02.2018 11:04
hi,
sorry, dass so lange nichts von mir kam :(

das ist wieder ein Super Kapitel. Es wird immer spannender. Yama schafft es einmal mehr nicht, gegen sich selbst zu gewinnen. Wie Tai wohl damit umgehen wird?

Mach weiter so :)
Von:  TheDarkVampire
2017-06-15T04:30:48+00:00 15.06.2017 06:30
Guten morgen :)

Mal ganz ehrlich. Yamato ist süß und Shota erst recht. Shota liebt seinen Vater so sehr und will ihn eigentlich helfen. Aber Stolz und Angst hindern ihn daran. Hoffentlich kann er das bald überwinden :)

War klar, dass sich Taichi lieber auch ansteckt, als es zu zu lassen, dass sich Yamato von ihn trennt. Aber wieso gibt Yamato die Vergewaltigung von seinem Sportlehrer nicht zu und ist er wirklich infiziert?

Fragen über Fragen, aber es bringt soviel Spaß deine Kapitel zu lesen und ich freue mich schon auf ein Neues

Lg Vampy
Von:  TheDarkVampire
2017-05-11T19:43:06+00:00 11.05.2017 21:43
ein neues Kapitel *freu*
ok, erstmal tief durch atmen puh...
wieder ein super Kapitel, anders kann man es nicht sagen
Masao hat doch ein Geheimnis, definitiv und Yamato hat Angst, dass man ihn in der Band ersetzen will
Schön, dass die beiden sich endlich wieder annähern
aber wow, sein Sportlehrer, irgendwie krass, aber auch krass geil.Yamato tut mir so leid und Taichi wird ihn bestimmt nicht glauben :((
freu mich schon, wenn es weiter geht
lg Vampy
Von:  kitty007
2017-01-22T16:25:15+00:00 22.01.2017 17:25
Tagchen *wink*

Ich find das kapitel sehr schön.. freut mich dass es mal bisschen bergauf geht :) bin ja gespannt ob er es wirklich schafft..

Sehr gut beschrieben alles *daumen hoch* ^.^

Weiter so! (Ganz schnell weiter so ggg)


Lg
Von:  TheDarkVampire
2017-01-22T10:58:12+00:00 22.01.2017 11:58
hi,

es geht endlich weiter *freu*

Schade, dass du immer nur so wenige Kommentare bekommst :( Kommentare sind doch das, was einen Autor antreiben weiter zu schreiben.

Es ist wieder ein schönes Kapitel geworden. Aufregend und spannend.

Was hat Tai da gemacht? Wieso ist er früher gegangen? Hat er das Lied nicht ausgehalten?

Fragen über Fragen :D

Hoffentlich kommt Yamato wirklich von den Drogen weg. Ich finde Reiji toll. Er kümmert sich wirklich um ihn und will Yamato nicht nur ins Bett bekommen. Voll Süß von ihn :3

Freue mich schon auf das neue Kapitel

Lg Vampy
Von:  kitty007
2016-09-01T11:40:15+00:00 01.09.2016 13:40
Hmmmm.... das is immer so dramatisch.. hoffe sie kriegen endlich die kurve -__- die armen seelen...


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