23. Türchen | Erinnern an Vergangenes * MakaPorly
Krachend landete Elfman auf einem Tisch, der mit einem lauten Bersten und Splittern unter ihm nachgab. „Das ist nicht männlich!“, brüllte er, während er sich von den Teilen des Möbelstückes aufrappelte, bereit, sich wieder in den Kampf zu stürzen.
„Komm nur her!“, erwiderte Natsu laut, die Lippen zu einem wilden Grinsen nach oben gezogen. Er ballte die Hände zu Fäusten, doch ehe er einen Schritt auf den großen Weißhaarigen zumachen konnte, krachte Gajeel von der Seite in ihn hinein, der Gray mit am Kragen sich zerrte. Gemeinsam gingen sie zu Boden. Um sie herum tobte noch immer eine kleine Saalschlacht, als Fairy Tail sich wieder einer seiner Prügeleien hingab.
Mirajane umschiffte die Szene mit gekonnter Nonchalance und servierte Getränke. Alzack und Bisca, eine aufgekratzte Asuka zwischen sich, saßen etwas abseits, gegenüber von Romeo und Wendy, die sich ebenfalls wohlweislich aus der Sache heraushielten. Die Gruppe der Mädchen hatte sich an einem anderen Tisch breit gemacht und dort würden sie wohl bleiben, bis jemand hinging und auf irgendeine Art Erzas Erdbeerkuchen vernichtete. Einzig Juvia wechselte zwischen dem Gespräch am Tisch und damit, hin und wieder ihren Gray-sama anzufeuern.
Hinter ihnen erhob sich einer der Weihnachtsbäume, die die Halle schmückten. Der größte Teil der Weihnachtsdekoration, von Team Shadowgear mühsam herbeigeschafft und verteilt, war allerdings bereits der Prügelei zum Opfer gefallen. Die Girlanden hingen halb herunter, ein zweiter Baum lag quer über einem Tisch und ein paar kitschige Figuren waren in die Dielen getreten worden. Wenigstens hatten sie jedes offene Feuer vermeiden können…
Makarov reichte das schon. Er wusste, dass er seine Kinder nicht zu sehr einengen durfte und dass sie trotz allen Streitereien und Schlägereien am Ende doch immer zusammenhielten und sich gemeinsam allen Herausforderungen stellten. Darum zog er es vor, hier am Rand auf dem Tresen zu sitzen, an seinem Glühwein zu nippen und von den Plätzchen zu naschen, die in einer Schüssel neben ihm standen, anstatt sich einzumischen und die kleinen, harmlosen Schlägereien zu verhindern.
„Hier geht es ja immer noch zu wie in einem Irrenhaus.”, bemerkte eine kühle Stimme hinter ihm. „Ihr werdet auch nie erwachsen.“ Porlyusica trat aus dem Schatten neben ihn und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Gesicht war wie immer hart und unwillig, als wäre sie lieber an jedem anderen Ort als hier.
Aber wies dieser Ausdruck in ihren Augen eine kleine Spur von liebevollem Spott auf, von Zufriedenheit und Zuneigung?
„Was tust du hier?“, wollte er wissen. Es kam doch eher selten vor, dass sie ihren Elfenbeinturm im Wald verließ. „Schließt du dich uns für diese kleine Feier an?“
Sie wandte ihm ihren ablehnenden Blick zu. „Sei kein Narr. Ich musste etwas holen.“ Als Beweis hob sie den Beutel hoch, den sie in der linken Hand hielt.
„Oh…“ Für einen Moment war er enttäuscht. Aber was hatte er erwartet? Er war zu alt, um das nicht zu wissen und zu vertraut mit ihr, um sie nicht zu kennen. „Wie auch immer. Schöne Weihnachten!“
Ihre Mundwinkel zogen sich nach unten. „Erinnere mich bloß nicht daran…“ Sie wandte sich wieder ab und ließ den Blick nochmal über den Raum schweifen. Gerade krachte Gajeel mit einem lauten Rums gegen den Tisch der Mädchen, so dass die Gläser gefährlich wackelten. Glücklicherweise hatte Erza ihren Erdbeerkuchen rechtzeitig in Sicherheit bringen können. „Wie ich sagte… Ein Irrenhaus.“, erklärte sie noch einmal.
Makarov lächelte nur nachsichtig und füllte ein zweites Glas mit Glühwein, um es ihr zu reichen. „Weil du gerade da bist…“
Einen Moment blickte sie pikiert auf ihn hinunter, dann nahm sie den Becher an. „Um der alten Zeiten willen…“, erklärte sie, um auch ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen, warum.
Makarov gestattete sich ein Grinsen. „Wir waren gar nicht so anders.“ Er erinnerte sich noch gut an die Zeit, an der er in der Mitte dieser Prügeleien gewesen war, ein Teil dieses wilden, unermüdlichen Lebens, das Fairy Tail ausmachte. Er und die anderen – Bob und Rob, Goldmine und Porlyusica.
„Du vielleicht.“, antwortete die jetzt und er musste zugeben, dass sie nie groß von diesem Part der Gilde beeindruckt gewesen war. „Und so schlimm ward nicht einmal ihr!“ Sie machte eine ausholende Geste zu dem Chaos hinüber.
Er hob die Schultern und nippte an seiner Tasse. „Das möchte ich jetzt nicht behaupten. Wir haben unsere eigenen Geschichten.“ Und es waren großartige Geschichten.
Sie erwiderte seinen Blick einen Moment und wandte sich dann ab. „Das ist wohl wahr…“ Ihre Stimme verklang und auch sie musste sich jetzt zurückerinnern an die Zeit, in der sie noch jung und Teil eines aktiven Teams gewesen war.
In der sie öfter zur Gilde gekommen war, noch mehr Anteil genommen hatte, ehe sie sich in ihre Hütte im Wald zurückgezogen und begonnen hatte, jeden Besucher mit dem Besen zu verjagen. Die Aufträge, die sie als Team angenommen, die Kämpfe, die sie bestanden hatten. Die vielen Weihnachtsfeste, die sie gemeinsam verbracht hatten.
Nicht unbedingt hier, denn obwohl Fairy Tail immer weiter machte, das ursprüngliche Haus stand schon mehrmalig nicht mehr – aber in einem Gebäude wie diesem, in dem dieselbe Seele gehaust hatte, fröhlich, laut, stark, unmöglich zu zerbrechlich und voller Leben. Das hatte sich in all der Zeit nicht verändert. Damals wie heute war Fairy Tail das gleiche.
„Begleite mich nach draußen.“, verlangte sie schließlich und stellte ihren nun leeren Becher mit einem endgültigen Geräusch auf dem Tresen ab. Ohne Protest rutschte er von seinem Platz und folgte ihr durch den Flur zur Hintertür des Gildengebäudes. Sie schwiegen beide in vertrauter Zweisamkeit, die auf lange Jahre zurückzuführen war, über die hinweg sie sich kannten, verstanden, vertrauten und liebten.
„Es ist gut zu sehen, dass sich hier nichts geändert hat.“, sagte sie plötzlich und ihre Stimme war ebenmäßig und ruhig, ohne die permanente Ablehnung, die sie sonst stets färbte. „Egal, was in der Welt sonst so passiert, hier ändert sich nichts.“
„Das ist Fairy Tail Seele.“, antwortete er, doch natürlich wusste sie das bereits. Es war nur eine … Bestätigung. Eine Bekanntgabe von Fakten, so unveränderbar wie die Farbe des Himmels. „Was auch immer geschieht…“
Sie machte ein zustimmendes Geräusch und öffnete die Hintertür, um in den verschneiten Garten zu treten. Ein paar Lichterketten in den Bäumen erhellten ihn und der geschwungene Weg war freigeschaufelt von dem knöchelhoch liegenden Schnee. Die Kälte schlug ihnen entgegen, ein starker Kontrast zur erhitzten Halle und es roch nach Eis und Schnee.
„Wir gehen einfach weiter und bleiben uns selbst treu. Das war damals so und es ist noch heute so.“, vollendete er seinen Satz und merkte selbst, dass seine Stimme feierlicher klang als vorgesehen. Er räusperte sich verlegen und war froh, dass das Licht nicht ausreichte, um das spöttische Lächeln in ihrem Gesicht zu sehen. Vorstellen konnte er es sich auch so.
Aber sie sagte nichts, sondern ging einfach weiter, während er im Türrahmen stehen blieb. „Makarov…“ Sie wandte sich noch einmal um und die Lichter umrissen ihre Silhouette. „Schöne Weihnachten.“
