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Das Leben erzählt die besten Geschichten

Modern-AU / OS-Sammlung
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Mal wieder ein Fluff-OS - dieses 'verse eignet sich einfach zu gut dafür XD
Nachdem ich nach den ersten 500 Wörtern erst einmal ins Stocken geraten bin und dann das Ganze einen Monat sacken und etwas anderes schreiben musste, hat sich der Rest gestern wie von selbst geschrieben.

Null Tiefsinn, nur eine kleine Blödelei, weil ich das Thema Shovel Talk so witzig finde.
Viel Spaß beim Lesen!

Yosephia Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Die Idee hierfür kam mir spontan und dann war ich gestern Abend einfach genau in der richtigen Laune, um mit dem Schreiben anzufangen. Erwartet nur keine großartige Handlung, es nur ein bisschen PWP und Fluff, aber es hat echt Gaudi gemacht XD

Viel Spaß beim Lesen! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ehrlich, ich habe mehr als genug andere Sachen, an denen ich schreiben kann und auch will, aber irgendwie hat sich das hier dazwischen gedrängt >_<

Na ja, viel Spaß damit!^^' Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Herzlich willkommen auf meiner Spielwiese!

Das ist mein erster Boys Love Versuch und da mir Stingue sehr am Herzen liegt, hoffe ich sehr, dass es mir gut gelungen ist!
Gewidmet ist dieser OS Arianrhod-, ohne die es diesen OS, das gesamte Projekt und auch einiges anderes vielleicht nicht gegeben hätte. Sie hat mich mit ihren FFs inspiriert (Lest die, die sind super!) und sie hat mir immer wieder beim Brain Storming geholfen. Das ist ein kleines Dankeschön dafür!

Viel Spaß beim Lesen! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Eine Freundin hat mir den Link zum Intimitäten-Projekt gegeben und ich war sofort ganz begeistert von der Liste. Vor wenigen Tagen kam dann die Idee für diesen Stingue-OS hier wie von selbst und musste unbedingt festgehalten werden. Es ist nur ein kleiner OS, eher ein Szeneneindruck, aber er hat mir großen Spaß gemacht.

Viel Spaß beim Lesen! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Tja, nach dem Stingue-Erwachen-OS hat eine gute Fee insistiert, dass meiner einer einen zweiten OS schreiben muss - nicht dass ich etwas dagegen einzuwenden gehabt hätte XD

Der OS spielt direkt am Morgen nach Höhlengeheimnisse und er hakt auch gleich wieder einen Punkt auf der Liste von Kleine Gesten ab. Ich sollte mich echt mal mehr um das Projekt kümmern, das gibt so viel her! >_<

Viel Spaß jedenfalls damit! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallelujah! Es ist Ewigkeiten her, dass ich einen so langen OS geschrieben habe! Aber es hat tierischen Spaß gemacht!

Der eine oder andere dürfte das Pairing etwas ungewöhnlich finden. Ich kann dazu nur sagen, dass es sich in einem anderen Projekt einfach so ergeben hat und dass ich es seitdem einfach liebe. Dass ausgerechnet der OS zu diesem Pairing so lang geworden ist, hängt einfach mit der besonderen Geschichte zusammen, die während der Planung dieses Projekts für Loke zustande gekommen ist.

Viel Spaß beim Lesen! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hossa! Dieses Ding hat wirklich eine Ewigkeit gebracht!
Es war eher eine spontane Idee, nachdem ich ja in einigen der vorherigen OS bereits die Probleme mit Lector und Frosch angedeutet hatte. Wie ich dieses Probleme lösen sollte, wusste ich lange nicht, aber dann kam eben diese Idee. Der OS ist vielleicht sogar übertrieben lang, aber wie die vorherigen OS enthält er ja auch Andeutungen auf andere Handlungen. Diese Überkreuzungen machen irgendwie riesigen Spaß!

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen! Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Das hier steht schon länger auf meiner Wunschliste, was ich für diese Sammlung schreiben will, aber erst heute war ich so richtig in der Stimmung dafür. Wieder etwas Kleines nur und schon wieder Stingue. Keine Ahnung, irgendwie kriege ich einfach nicht genug von den Beiden XD" Komplett anzeigen

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Brüderchen & Schwesterchen

Part I: Große Brüder… sind manchmal einfach nur cool!
 

Ein wenig nervös hibbelte Natsu mit einem Bein und drehte sein Smartphone auf dem Tisch vor sich. Immer wieder aktivierte er den Display, um zu sehen, wie spät es war – und jedes Mal erinnerte er sich mit einem Anflug von Ärger daran, dass er sich endlich eine neue Armbanduhr besorgen musste. Allerdings wurde dieser Ärger mit zunehmender Zeit immer mehr von Nervosität überschattet.

Gray hätte echt eine Menge dazu zu sagen, wenn er Natsu hier so sehen könnte. Der war ja selbst ganz verblüfft über sein eigenes Verhalten. Er und Nervosität! Er war nicht einmal bei seiner Gesellenprüfung richtig nervös gewesen, aber jetzt flatterten seine Nerven wie eine Fahne bei Sturm.

Dabei war das hier nicht die erste Predigt, die er sich hatte anhören dürfen. Lucys Vater hatte ihn bereits mit allerlei Warnungen traktiert, die er halbherzig hinter angespannt-höflichen Floskeln verborgen hatte, und sein eigener Vater, der restlos von Lucy begeistert war, hatte ihm allen Ernstes mit Enterbung und Schlimmerem gedroht, sollte er seine Freundin jemals unglücklich machen.

Nicht dass er das auch nur ansatzweise vorhatte. Drohungen hin oder her, er war verrückt nach Lucy und wollte sie auf Händen tragen. Es kam ja wohl nicht in die Tüte, dass er diese fantastische Frau jemals wieder los ließ!

Aber vor dem jetzigen Gespräch hatte er wirklich gehöriges Muffensausen, denn so sehr Lucy ihren Vater auch liebte, kein Mann stand ihr näher als ihr Halbbruder Sting. Die Beiden waren wie Pech und Schwefel und wenn Natsu es sich mit Sting verscherzen sollte, wäre das schlichtweg eine Katastrophe.

„Natsu, richtig?“

Erschrocken fuhr Natsu zusammen und versetzte seinem Smartphone dabei einen so kräftigen Stoß, dass es über den Tisch schlitterte und zu Boden gefallen wäre, wenn nicht der Neuankömmling rechtzeitig zugegriffen hätte.

Abgesehen von den hellblonden Haaren hatte dieser kaum Ähnlichkeit mit Lucy, dennoch war Natsu sich sofort sicher, dass das Sting war. Er entsprach ziemlich genau dem Bild, das er sich nach Lucys vielen Geschichten ausgemalt hatte: Lässig und sportlich mit einem humorvollen Zug und auf Anhieb sympathisch. Von Natsus Warte aus stand einer Freundschaft absolut nichts im Wege, aber er fragte sich, ob das auch auf Gegenseitigkeit beruhte.

„Ähm… ja…“, antwortete Natsu belämmert, als er sich erinnerte, dass Sting ihm ja eine Frage gestellt hatte.

Langsam setzte der Blonde sich zu ihm an den Tisch und gab der Kellnerin einen Wink, die nur nickte und schnell zu einem ungeduldig wirkenden Geschäftsmann weiter hastete. Dann lehnte Sting sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„So, du bist also der neue Freund meiner Schwester.“

Etwas an der Art, wie Sting das sagte, brachte einen Nerv bei Natsu zum Zucken. Er war nicht einfach der neue Freund, er war der Freund!

„Du hast Lucy ja ganz schön den Kopf verdreht“, fuhr Sting gelassen fort und schob das Smartphone zurück über den Tisch.

Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Seit Natsu der jungen Literaturstudentin das erste Mal begegnet war, bekam er sie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Nie zuvor hatte er derartiges Herzrasen bei einer Frau gehabt. Aber er war sich nicht sicher, ob sein Gegenüber das wirklich hören wollte, also schwieg er sich in Ermangelung einer Erwiderung weiter aus.

„Ein Kaffee, schwarz wie die Seele, für den Coffein-Junky.“ Mit einem entschuldigenden Lächeln stellte die Kellnerin das Getränk vor Sting ab.

„Danke dir, Yukino“, lachte Sting.

„Darf es für dich auch noch etwas sein?“, wandte die Weißhaarige sich an Natsu, der jedoch nur den Kopf schüttelte.

Anstatt einfach wieder zu verschwinden, blickte die junge Frau zwischen Sting und Natsu hin und her. Ein ahnungsvolles Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus. „Du bist Natsu, oder?“

„Hä?“

Sting warf den Kopf in den Nacken und lachte laut. Das Lächeln der Kellnerin wurde noch etwas breiter und sie gab Sting einen Klaps auf den Hinterkopf. „Du bist echt unmöglich, Sting!“

Verdattert starrte Natsu die Beiden an. Was genau hatte die denn gestochen? Gut, sie kannten einander, soweit war er schon durch gestiegen. Aber worüber amüsierte Sting sich so? Normalerweise regte er sich darüber auf, wenn sein bester Freund meinte, er hätte eine lange Leitung – als ob der besser wäre! –, aber heute musste er ihm insgeheim zustimmen. Er verstand hier nur Bahnhof.

„Lass’ mir doch den Spaß. Ich musste mir Wochen lang Lucys Schwärmereien über ihn anhören“, kicherte Sting, als er sich wieder etwas gefasst hatte.

Obwohl er noch immer nervös war, verspürte Natsu einen Anflug von Befriedigung bei dem Gedanken, dass Lucy pausenlos über ihn schwärmte. Was hatte er bloß für ein Glück, so eine klasse Frau abgekriegt zu haben!

Yukino verdrehte die Augen und wandte sich wieder an Natsu. „Was auch immer er versucht, dir weiszumachen, er ist harmlos, glaub’ mir. Wenn du Lucy unglücklich machen solltest, würde sie selbst schon für Gerechtigkeit sorgen, das weiß ihr super großer Bruder“, erklärte sie und stieß Sting einen Finger in die Wange.

„Was nicht heißt, dass ich nicht nach treten würde, sobald Lucy mit dir fertig ist“, gluckste Sting und machte eine scheuchende Handbewegung in Yukinos Richtung. „Hör’ auf, mir den Spaß zu verderben, Yukino. Musst du nicht noch ein paar miesepetrige Kunden bedienen?“

„Ich habe in fünf Minuten Feierabend und meine Ablösung ist schon da“, war die freche Antwort, aber die Weißhaarige trollte sich – nur um neben einer grünhaarigen Frau hinter der Theke Stellung zu beziehen und zu ihnen herüber zu blicken.

„Das ist Yukino, eine von Lucys besten Freundinnen“, erklärte Sting mit immer noch zuckenden Mundwinkeln. „Übrigens noch jemand, mit dem du es dir ganz schön verscherzen würdest, wenn du Lucy unglücklich machen solltest.“

Könnte er sich danach überhaupt noch sicher in Magnolia aufhalten, wenn er tatsächlich so geistig umnachtet sein sollte, seine Freundin unglücklich zu machen? Natsu hatte das Gefühl, als hätte Lucy die halbe Stadt auf ihrer Seite und als würden alle nur darauf warten, dass er es verpatzte.

Grinsend beugte Sting sich über den Tisch. „Nichts für ungut, Natsu, aber ich werde dir jetzt keinen Vortrag halten. Mein Schwesterchen kann schon auf sich selbst aufpassen.“

Schon wieder starrte Natsu den Blonden einfach nur verdattert an. „Und warum hast du mich dann hierher bestellt?“

„Weil ich den Mann kennen lernen will, der es geschafft hat, Lucy zu verführen. Ich beobachte schon seit Jahren, wie sich die Männer reihenweise die Zähne an ihr ausbeißen. Du musst ja ein Mordskerl sein!“

„Öhm… na ja…“

Vom Verführen konnte wohl kaum die Rede sein, wenn er mal ganz ehrlich war. Lucy war ihm von Anfang an auf halbem Weg entgegen gekommen. Es hatte einfach auf Anhieb alles gestimmt.

„Und wenn du so viel Schiss vor mir hast“, fügte Sting hinzu und auf einmal war seine Stimme sehr ernst, „heißt das entweder, dass Lucy Horrorgeschichten über mich erzählt hat, oder aber, dass du sehr viel Wert darauf legst, dass das hier mit uns klappt. Nicht dass ich Lucy unter normalen Umständen nicht auch ersteres zutrauen würde…“ Schon wieder grinste er, aber er hielt Natsu über den Tisch hinweg die Hand hin. „Schön dich kennen zu lernen, Natsu.“

Langsam begriff Natsu, dass das hier ein Freundschaftsangebot war, und auch über seine Züge breitete sich ein Grinsen, während er in die Hand einschlug. Mann oh Mann, der große Bruder seiner Freundin war echt cool!
 

Part II: Kleine Schwestern… sind manchmal extrem furchteinflößend!
 

„Da!“

Die Küchentür wurde mit solcher Wucht aufgerissen, dass Rogue vor Schreck seine Karteikarten in die Luft warf.

Drüben im Haus seines Vaters wäre ihm das nicht passiert. Dort musste man immer damit rechnen, dass die stets quirlige Frosch in einem Anfall von Begeisterung durch das ganze Haus stürmte. Aber hier im Haus seiner Nachbarinnen Yukino und Minerva war es immer ruhig und friedlich. Yukino war viel zu friedfertig, um so mit der Tür ins Haus zu fallen – im wahrsten Sinne des Wortes –, und Minerva war vieles, aber nicht theatralisch.

Hinzu kam noch, dass Rogue nicht wirklich in seine Lernkarten vertieft war, sondern mit seinen Gedanken doch immer wieder zum gestrigen Tag abschweifte – vor allem zu dem Kuss mit Sting. Es fühlte sich immer noch unwirklich an, dass sein bester Freund auf einmal sein fester Freund war.

Sie kannten einander seit der Grundschule und hatten einander durch mehrere seichte Beziehungen begleitet. Stings Partner waren gekommen und wieder gegangen, ohne jemals einen bleibenden Eindruck bei Rogue zu hinterlassen. Irgendwie hatte er bei jedem von ihnen von Anfang an gewusst, dass er sowieso bald wieder von der Bildfläche verschwinden würde. Keiner von ihnen hatte je zu Sting gepasst. Und die wenigen Männer, auf die Rogue sich für eine Beziehung eingelassen hatte, waren immer nur Kurzzeitaffären gewesen. Richtiges Herzflattern hatte Rogue nie gehabt.

Mit Sting war alles ganz anders. Sting war sein engster Vertrauter, das war schon immer so gewesen, und im Nachhinein musste Rogue sich eingestehen, dass er schon eine ganze Weile für seinen besten Freund geschwärmt hatte, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein. Der körperliche Aspekt und die Intensität seiner Gefühle hatten Rogue gehörig aus dem Tritt gebracht, deshalb hatte er sich ja auch so blöd angestellt.

Er würde es zwar nie zugeben, aber er war Minerva, Lucy und Yukino dankbar dafür, dass sie ihn und Sting dazu gebracht hatten, miteinander darüber zu reden. Das betretene Schweigen nach dieser einen Nacht mit Sting hatte Rogue fürchterlich zugesetzt. Deshalb ließ er Minervas anzügliche Kommentare auch klaglos über sich ergehen. Sollte sie ruhig ihren Spaß haben, sie hatte sich das redlich verdient.

Mit großen Augen starrte Rogue von seinen verstreuten Lernkarten zur Tür hoch, in welcher Lucy stand, die Hände in die Hüften gestemmt und einen riesigen Babybauch vor sich her schiebend. Ihre Miene war so grimmig, dass Rogue unwillkürlich schlucken musste.

„Wusste ich doch, dass ich dich hier finde!“, schnaufte Lucy triumphierend und stampfte wie ein Elefant in den Raum hinein.

Rogues panischer Blick huschte zu Minerva, die mit ihm am Küchentisch saß. Sie hatte den Blick von ihrem Nachschlagewerk erhoben, ihr Kinn mit einer Hand abgestützt und beobachtete das Geschehen mit einem unverhohlenen Grinsen. Von ihr war also definitiv keine Hilfe zu erwarten.

„Du!“ Lucy stand jetzt auf der anderen Seite des Küchentisches und ragte gefühlte fünf Meter über Rogue auf. „Jetzt pass’ mal gut auf!“

Erst jetzt kam Rogue die Frage in den Sinn, was er eigentlich verbrochen haben sollte. Krampfhaft versuchte er, sich zu erinnern, ob er sich während seiner miesepetrigen Zeit irgendetwas hatte zuschulden kommen lassen. Gut, er war ziemlich kurz angebunden gewesen, hatte seinen Freunden mehrmals abgesagt, wenn sie ihn auf Kneipentour hatten mitnehmen wollen, und er hatte Minerva wohl ganz schön mit seiner schlechten Laune genervt, aber nichts davon hatte etwas mit Lucy zu tun, oder?

„Wag’ es ja nicht…“ Die Blonde holte tief Luft. Minerva schnaubte leise. Mit beiden Händen stützte Lucy sich am Tisch ab und beugte sich darüber, ihr Blick gefährlich finster. „Wag’ es ja nicht, Sting jemals unglücklich zu machen!“

Rogue klappte die Kinnlade herunter. War das ein blöder Scherz? Wieso sollte er Sting jemals unglücklich machen? Dieser Mann hatte ihn voll und ganz in der Hand! Lieber würde Rogue sich beide Hände abhacken, als etwas zu tun oder zu sagen, was Sting verletzen könnte! War das nicht offensichtlich? Wofür hatte Lucy ihn eigentlich mit Sting verkuppelt, wenn sie ihm jetzt so etwas zutraute?

„Ich schwöre dir“, fuhr Lucy nun mit einem bedrohlichen Zischen fort, „wenn du meinem Bruder jemals das Herz brichst, kenne ich keine Gnade!“

Schon wieder musste Rogue schwer schlucken. Der Gedanke, Sting zu verletzen, war vollkommen abwegig für ihn, dennoch musste er zugeben, dass Lucy hier gerade mehr als nur ein wenig furchteinflößend war. Jetzt begriff Rogue auch so voll und ganz, warum die kleine Verschwörergruppe um Natsu immer vom Drachenhüten sprach.

Der Schwarzhaarige hätte gerne etwas Souveränes gesagt, um Lucy endlich wieder auf Normalgröße schrumpfen zu lassen, aber sein Kopf fühlte sich wie leer gefegt an. Nur flüchtig konnte er daran denken, was für ein Glück es war, dass Lucy nicht Jura studierte. Sie wäre vor Gericht sicherlich ein grauenhafter Gegner.

Ein Räuspern lenkte die Aufmerksamkeit aller zur Küchentür, in welcher Sting stand, die Hände in den Hosentaschen vergraben und die Stirn gerunzelt. „Lucy, hältst du meinem Freund gerade allen Ernstes eine Predigt?“

„Das gehört sich so“, erklärte Lucy schnaufend und richtete sich mit der Eleganz einer Dampfwalze wieder auf. „Hast du doch bei Natsu auch gemacht.“

Minerva ließ wieder ein Schnauben hören und sie meldete sich das erste Mal seit Lucys filmreifem Auftritt zu Wort: „Wozu? Dein Natsu stellt keine Gefahr dar. Genauso wie diese stumme Knalltüte hier, die sich mal Jurist schimpfen will.“

Rogue warf seiner Kommilitonin einen säuerlichen Blick zu. Sie hatte eindeutig zu viel Spaß an seiner Beziehungsgeschichte!

„Du hast Natsu keine Predigt gehalten?“, fragte Lucy ihren Bruder verdattert und schrumpfte dabei endlich wieder auf Normalgröße zurück. Als Sting mit den Schultern zuckte, warf sie die Arme in die Luft. „Was für ein großer Bruder bist du eigentlich?!“

„So einer, der seine hochschwangere kleine Schwester nach Hause bringt“, brummte Sting und trat aus der Tür heraus, um Lucy hindurch zu lassen, die schmollend von dannen zog.

Mit wenigen Schritten war Sting beim Tisch und hatte sich darüber gebeugt, um Rogue einen Kuss zu geben. Langsam kam dieser wieder richtig zu sich.

„Deine kleine Schwester ist echt furchteinflößend, Sting“, nuschelte er und wünschte sich, seine Wangen würden nicht jedes Mal in Flammen aufgehen, wenn Sting ihm auch nur nahe kam.

„Ich weiß. Sie meint es eigentlich nur gut, aber das war unnötig“, erwiderte Sting und in seinen kobaltblauen Augen lag ein Urvertrauen, bei dem Rogue ganz schwindelig wurde. „Die Abreibung kriegt sie, wenn ich nicht mehr befürchten muss, dass bei ihr jederzeit die Wehen einsetzen können.“ Nach einem weiteren kurzen Kuss richtete Sting sich wieder auf und folgte seiner Schwester aus der Küche.

Rogues Lippen kribbelten noch eine ganze Weile, während er langsam damit begann, die Lernkarten wieder einzusammeln, um ja nicht in Minervas Richtung blicken zu müssen. Die schnipste ihm eine davon direkt unter die Nase und am Klang ihrer Stimme bemerkte er sofort, dass sie aufs Äußerste amüsiert war: „Vielleicht sollten wir für heute Schluss machen?“

Meister und Schüler

Vier Wochen zuvor – Ein ernsthaftes Anliegen
 

Sting knurrte unwillig, als es an der Wohnungstür klingelte. Er drehte sich herum und schielte auf den Funkwecker auf seinem Nachttisch. Neun Uhr morgens. An einem Sonntag!

„Leck’ mich“, grummelte er, drehte sich wieder mit dem Gesicht zur Wand und zog sich die Decke über den Kopf.

Schon spürte er, wie sein Körper sich wieder entspannte, als es erneut klingelte, länger dieses Mal. Trotzig zog Sting sich das Kissen über den Kopf und drückte es auf sein Ohr. Als das Klingeln endlich verstummte, seufzte er erleichtert und kuschelte sich wieder gemütlich in seine Decke.

„Sting, altes Haus, guten Morgen!“

Der Blonde saß mit einem Mal senkrecht im Bett, die Augen vor Schreck geweitet und auf die Schlafzimmertür gerichtet, in der niemand geringerer als der breit grinsende Freund seiner Schwester stand. Was auch immer er jemals Gutes über diesen Kerl gedacht haben mochte, er nahm alles zurück!

„Du verdammtes Arschloch, wie kommst du in meine Wohnung?!“, fauchte Sting und warf sein Kissen nach Natsu, doch der fing es nur lachend auf und warf es zurück – Sting direkt ins Gesicht.

„Ich habe mir den Reserveschlüssel ausgeliehen, den du Lucy gegeben hast.“

„Du beklaust meine Schwester?“, empörte sich Sting weiter.

„Auslegungssache“, gluckste Natsu.

„Wir müssen das Gespräch neulich noch mal wiederholen“, knurrte Sting übellaunig. Wie hatte er Natsu jemals sympathisch finden können?

Der Pinkhaarige wedelte nachlässig mit der Hand, ehe seine Miene ernst wurde. „Ich brauche deine Hilfe, Sting.“

„Und dann weckst du mich an einem Sonntag in aller Herrgottesfrühe auf?“

„Hätte genauso gut sein können, dass du noch wach bist.“

Sting verdrehte die Augen. Wahrscheinlich hatte seine Schwester mal wieder aus dem Nähkästchen geplaudert. Er würde ihr das gerne übel nehmen, aber leider verstand ihr nur zu gut, dass der Grund, warum sie Natsu so viel über ihn erzählt hatte, der war, wie sehr sie sich wünschte, Natsu an ihrem Leben teilhaben zu lassen. So extrem verliebt hatte Sting sie wirklich noch nie erlebt.

Und zu seiner eigenen Überraschung musste er sich eingestehen, dass er tatsächlich keine Probleme mit Lucys Wahl hatte. Gut, Natsu war nicht der Traumschwiegersohn für Jude, der sich wohl jemand Kultivierteren gewünscht hatte, aber der Pinkhaarige war grundanständig, hatte einen soliden Job, in welchen er auch einen gesunden Ehrgeiz investierte, und er passte einfach zu Lucy. Schon bei der ersten Begegnung hatte Sting ein gutes Gefühl gehabt.

Was aber nichts daran änderte, dass er momentan extrem angepisst war. Hätte Lucy nicht zuallererst mal erwähnen können, dass er es hasste, geweckt zu werden, wenn er doch eigentlich ausschlafen konnte?

Mit einem finsteren Blick in Natsus Richtung schälte er sich aus dem Bett und fischte nach dem Shirt von gestern, das er auf den Stuhl neben seinem Bett geworfen hatte, um es sich über zu ziehen. Dann schlurfte er in die Küche, wo er seine geliebte Kaffeemaschine in Gang setzte, die ihm Rogue und Minerva vor einigen Jahren zum Geburtstag geschenkt hatten. Die Koffeinsucht teilten die drei Freunde schon seit den letzten zwei Schuljahren.

Natsu war vernünftig genug, zu warten, bis Sting endlich eine Tasse dampfenden Kaffees in der Hand hielt und ein paar vorsichtige Schlucke zu sich genommen hatte. Er hatte sich an den kleinen, quadratischen Esstisch gesetzt, während Sting sich nun gegen die Küchenzeile lehnte und den Freund seiner Schwester näher in Augenschein nahm.

Das musste ja eine ernste Angelegenheit sein, wenn der seinen Sonntagmorgen dafür opferte. Er sah ja geradezu so aus, als ginge es um Leben und Tod. Sting schüttelte über seine eigenen Gedanken den Kopf. An einem Sonntag so früh geweckt zu werden, tat ihm eindeutig nicht gut!

„Also gut, spuck’s aus, wobei brauchst du meine Hilfe?“
 

Der große Abend Teil I – Ein leibhaftes Wunder
 

Sehr zufrieden mit seiner Leistung lehnte sich Gray auf einer der gemütlichen Bänke zurück und beobachtete, wie seine beste Freundin mit ihren Freundinnen aufgeregt tuschelte und dabei immer wieder auf die Musical-Karten in ihrer Hand hinunter blickte. Ihre Augen leuchteten vor Freude. Es hatte sich eindeutig für Gray gelohnt, mit Lyon und Gajeel zusammen zu legen und diese Karten aufzustöbern. Und der Überraschungseffekt war auch prima gewesen. Lucy hätte wohl nicht gedacht, dass er sich an das Gespräch erinnern würde, das sie über ihr Lieblingsmusical geführt hatten. War er nicht ein großartiger bester Freund?

Apropos bester Freund, wo war eigentlich Natsus Geburtstagsgeschenk? Gray hatte den Pinkhaarigen mehrmals gefragt, ob er sich nicht einfach an den Karten beteiligen wollte – immerhin wusste er nur zu gut, wie unkreativ Natsu bei Geschenken war –, aber dieser hatte immer nur gesagt, er hätte schon etwas anderes im Sinn.

Suchend sah Gray sich im Fairy Tail um, einem kleinen, gemütlichen Club mit rustikal aufgezogener Bar, Tanzfläche und einigen sehr bequemen Sitzecken. Der Club war eine Art Geheimtipp und dadurch nicht so überfüllt wie etwa das unter Frauen so beliebte Blue Pegasus oder das super moderne Sabertooth. Gray und Natsu gingen schon seit Jahren mit ihren Freunden lieber hierher. Die Barfrau Kinana kannte ihre Gruppe schon in- und auswendig und brachte auch jetzt ein großes Tablett an den Tisch, ohne dass sie vorher bei ihr hätten bestellen müssen.

„Danke… Hey, hast du unseren Pyromanen irgendwo gesehen?“, rief Gray über die Musik hinweg der Barfrau zu.

Die grinste nur wissend und zuckte mit den Schultern, ehe sie wieder in Richtung Bar verschwand. Dort saßen auch Lucys Bruder Sting und seine beiden besten Freunde. Aus irgendeinem Grund schien Sting sich auch zu freuen. Fragend drehte Gray sich zu Lyon um, der gerade an seinem Bier nippte.

„Vielleicht ein Heiratsantrag?“, scherzte dieser grinsend.

Gray verdrehte die Augen. „Die Beiden sind erst seit elf Monaten zusammen, du Hirni. Außerdem ist nicht jeder so ein Romantikbolzen wie du.“

„Ich habe keine Ahnung, was du meinst“, erwiderte Lyon erhaben und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, wobei der Ehering an seinem Finger aufblitzte.

Noch einmal verdrehte Gray die Augen. Sein Vater war vor Freude im Dreieck gesprungen, als Lyon diesen vor zwei Jahren gefragt hatte, wie er seinen Heiratsantrag aufziehen sollte. Seitdem wurde Gray andauernd gefragt, wann er endlich Juvia einen machen würde. Mensch, sie waren doch noch jung und Juvia steckte mitten im Studium, da sollte sie sich nicht auch noch mit Hochzeitsvorbereitungen herumplagen – denn Juvia wollte eine große Hochzeit mit allem drum und dran, das wusste Gray sehr wohl und dafür sparte er auch schon eine Weile das Geld von seinem Tutorenjob, auch wenn er das niemandem auf die Nase binden würde. Am Ende kam sein Vater noch auf die Idee, ihm Geld für die Hochzeit zu zuschieben, und Juvias Ziehvater anzuhauen, damit er das ebenfalls tat. Gray war seinem Vater dankbar für die Unterstützung und Metallicana war zwar ein wenig gruselig, aber schwer in Ordnung, doch das war etwas, was er alleine machen wollte. Immerhin sollte das seine und Juvias Hochzeit werden.

Gray horchte auf, als ein neuer Song gespielt wurde. Hey, war das nicht der Titelsong von eben jenem Musical, für das er Lucy Karten geschenkt hatte? Seit wann wurde im Fairy Tail denn so etwas gespielt? Verwirrt sah er zu Lucy, die jedoch auch nicht zu wissen schien, was los war.

Dann tauchte Natsu wie aus dem Nichts neben seiner Freundin auf und bot ihr die Hand an. Rechts von Gray schnaubte Gajeel laut: „Das wird lustig!“

Oh ja, das würde lustig werden. Gray konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Natsu hatte zwei linke Füße. Bei der Abschlussfeier der Schule hatte er sich damals beim Eröffnungstanz zum Nappel gemacht, aber wie Natsu nun einmal so war, hatte er sich daran nicht gestört und auch in den darauf folgenden Jahren das Tanzbein geschwungen, wenn ihm danach gewesen war.

Lucy hatte sich schon häufiger bei Gray über Natsus fehlendes tänzerisches Geschick beklagt, aber er hatte darauf immer nur erwidert, dass sie, wenn sie einen Auftritt á la Dirty Dancing von Natsu erwartete, lange warten konnte. Eher fror die Hölle zu, als dass Natsu tatsächlich mal richtig tanzen lernte. Das Einzige, wofür er unendliche Geduld aufbringen konnte, war seine Arbeit im Laden der Dragneels.

Nur zögerlich legte Lucy ihre Hand in die ihres Freundes, doch der grinste sie unbeschwert an und zog sie mit sich zur Tanzfläche. Sofort ruhte die Aufmerksamkeit des gesamten Clubs auf dem Paar. Natsu wartete auf den richtigen Takt und dann ging es auf einmal los.

Gray klappte die Kinnlade herunter, als sein bester Freund allen Ernstes eine einwandfreie Tanznummer aufs Parkett legte. Lucy, zuerst noch irritiert, fand schon nach wenigen Sekunden in den Rhythmus hinein und schon wirbelten die Beiden wie in einem dieser bescheuerten Tanzfilme, die Gray sich Juvia zuliebe angetan hatte, über die gesamte Tanzfläche, mitsamt filmreifen Showeinlagen und dergleichen mehr.

„Wer ist das und was hat er mit Natsu gemacht?“, murmelte Lyon fassungslos.

Sprachlos schüttelte Gray den Kopf. Was lief hier?! Natsu hatte sich nie darum geschert, richtig tanzen zu lernen. Es war eine der Konstanten in Grays Leben gewesen, dass sein bester Freund ein absoluter Vollidiot auf der Tanzfläche war, und jetzt legte er hier so einen Auftritt hin? Nicht einmal Lyon, der sonst der Vorzeige-Freund par exellence war, konnte so etwas! War das ein blöder Scherz?!

Als er ein mehrstimmiges hingerissenes Seufzen hörte, huschte Grays Blick zu Juvia und den anderen Frauen hinüber. Die blauen Augen seiner Freundin leuchteten begeistert bei der Darbietung des Pinkhaarigen. Am liebsten hätte Gray seinen Kopf auf den Tisch vor ihn geschlagen. Mit der Aktion hatte Natsu ihn und alle anderen Männer dieser Welt um Längen überholt. Das würde Gray Ewigkeiten lang nicht rausreißen können. Was, wenn Juvia sich so etwas für die Hochzeit wünschte? Verdammt, er war ja so am Arsch!

„Also irgendwie…“ Gray blickte seinen Cousin an, der mit einem Stirnrunzeln zu seiner Frau blickte. Auch Meredy war ganz hin und weg. Lyons Miene war nun beinahe finster. „Irgendwie hasse ich Natsu gerade abgrundtief…“

Gray knurrte zustimmend. „Der Kerl ist ein richtiges Arschloch, das wird uns ewig nachhängen…“ Sehr frustriert nahm Gray noch einen Schluck Bier und wünschte sich insgeheim, dass Natsu sich bei einer seiner Showeinlagen so richtig auf die Fresse packte. Verdient hätte er es, dieser Verräter!
 

Der große Abend Teil II – Ein wahrhafter Meister
 

Mit großen Augen beobachteten Rogue und Minerva, wie Natsu und Lucy mit ihrer spektakulären Tanzeinlage das gesamte Fairy Tail unterhielten, ehe sie sich synchron zu Sting umdrehten, der breit grinsend zwischen ihnen saß und prophetisch die Arme hob.

„Lobpreist mich, denn ich habe das Wunder vollbracht!“

„Ich fasse es nicht, dass du es tatsächlich geschafft hast…“, murmelte Rogue und schüttelte ungläubig den Kopf.

Vor vier Wochen war Sting grübelnd bei ihm und Minerva aufgetaucht und hatte ihnen von Natsus flehentlicher Bitte erzählt, ihm tanzen beizubringen. Die beiden Schwarzhaarigen waren von Anfang an überzeugt gewesen, dass es unmöglich war, diesem alten Hund neue Tricks beizubringen, hatten sie doch mittlerweile schon die eine oder andere Gelegenheit gehabt, um mit zu erleben, wie beratungsresistent der gelernte Tischler war. Da war es egal, dass Sting mit seiner Schwester bei verschiedenen Tanzkursen gewesen war. Nicht einmal der beste Tanzlehrer der Welt hätte Natsu unterrichten können.

Aber die gesunde Skepsis seiner beiden Freunde hatte Stings Ehrgeiz nur noch mehr befeuert. Manchmal konnte der Blonde sich wirklich in die größten Dummheiten verrennen. Für gewöhnlich fand Rogue diese Macke auf ihre eigene Art irgendwie anziehend, aber in diesem Fall hatte er schwarz gesehen und eigentlich nur darauf gewartet, dass Sting irgendwann doch das Handtuch warf.

Vielleicht hätte Sting das auch tatsächlich getan. Mehrmals hatte Rogue seinem alten Schulfreund angemerkt, wie entnervt dieser war – zweifelsohne war jedes Mal sein ungelehriger Schüler daran schuld gewesen. Aber dann hätte Sting es nicht auch noch Minerva sagen dürfen. Sting und Minerva waren die explosivste Mischung, die Rogue kannte. Dagegen war alles, was er jemals im Chemieunterricht kennen gelernt hatte, kalter Kaffee.

„Du hast den doch unter Drogen gesetzt“, schnaufte Minerva und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Denkste! Ich habe Natsu Dragneel tanzen beigebracht! Ich habe die Wette gewonnen!“

„Da ist etwas faul! Du hast einen Zwillingsbruder ausgegraben oder so etwas!“

Rogue verdrehte die Augen, während Sting und Minerva sich noch über die Gültigkeit von Stings Sieg stritten. Die Beiden und ihre albernen Wetten. Das machten sie schon seit der frühen Schulzeit und irgendwie wollten sie einfach nicht aus dieser Sache heraus wachsen. Die Hoffnung darauf, dass die Beiden irgendwann doch noch erwachsen wurden, hatte Rogue schon vor einigen Jahren begraben. Wenn nicht einmal ein knallhartes Jura-Studium Minerva kurieren konnte, was dann?

Während seine Freunde sich leidenschaftlich zankten, beobachtete Rogue weiter Natsus und Lucys Showeinlage. Mittlerweile spielte ein anderer Song, aber Natsu bewegte sich souverän wie ein Profi und das, obwohl er doch den einen oder anderen Patzer drin hatte. Er ließ sich von seinen eigenen Fehlern nicht aus dem Konzept bringen, sondern tanzte einfach vergnügt weiter. Lucy schäumte geradezu über vor Freude, was wiederum Natsu noch mehr zu befeuern schien.

Neben Rogues unbeeindruckten Cousin Gajeel saßen dessen Freunde Gray und Lyon mit Mienen, als hätten sie ein Mordkomplett gegen Natsu im Sinn, während Lucys Freundinnen allesamt mit verträumt funkelnden Augen das Schauspiel auf der Tanzfläche beobachteten. Sogar die sonst so besonnene Yukino hatte einen leicht verklärt wirkenden Gesichtsausdruck, als stünde sie unter Drogen. Rogue schüttelte den Kopf. So viel Theater um eine so alberne Sache…

„Gib’s endlich zu, Minerva!“, verlangte Sting mit erhobener Stimme. „Ich habe das Unmögliche vollbracht. Du hast verloren!“

Die Schwarzhaarige presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, ehe sie eine Verbeugung andeutete. „Jawohl, großer Meister der Tanzschule, du hast Natsu Dragneel das Tanzen beigebracht und ich habe die Wette verloren.“

„Jawohl!“, lachte Sting und schlug sich auf den Oberschenkel. Aus seiner Kehle drang ein irres Lachen, das einige Umstehende dazu verleitete, auf Distanz zu gehen – Rogue konnte es ihnen nur zu gut nachempfinden.

Der Schwarzhaarige seufzte leise und drehte sich zur Bar um, um bei Kinana noch drei Bier zu bestellen. Leider wusste er nur zu gut, dass die Sache mit dieser Wette noch nicht ausgestanden war. Sting war ein schlechter Gewinner und würde sich und seine Leistung noch eine ganze Weile feiern – und Minerva war eine lausige Verliererin und würde schnellstmöglich nach einer Chance für eine Wette suchen, die sie todsicher gewinnen konnte. Wie gut, dass die Beiden noch nie um Geld oder Gefälligkeiten gewettet hatten, sondern nur um „Ehre“, wie sie es nannten. Obwohl gerade dieser Ehrbegriff das Ganze umso alberner für Rogue machte.

Na ja, manchmal konnte man sich seine Freunde wohl doch nicht aussuchen…
 

Wenig später – Eine boshafte Rache
 

„Hör’ endlich auf zu grinsen, Sting, sonst schmeißt uns Kinana raus“, brummte Rogue eine Viertelstunde später, doch sein bester Freund kicherte nur angeheitert und trank noch einen Schluck Bier.

„Hn… Sting, wollen wir um noch etwas wetten?“, meldete Minerva sich zu Wort.

Rogue stöhnte entsetzt. Er musste die Schwarzhaarige nicht einmal ansehen, er wusste auch so schon, dass sie etwas richtig Fieses im Sinn hatte. Manchmal hatte seine Kommilitonin einen sehr beunruhigenden Hang zum Sadismus.

„Was denn, willst du noch mal verlieren?“, prustete Sting albern und gab Kinana ein Zeichen. Unauffällig winkte Rogue die Barfrau wieder fort, als sie zu ihnen hinüber kommen wollte. Die schaltete glücklicherweise sofort und drehte sich einem anderen Kunden zu. Rogue war sich sicher, dass Sting der Wunsch nach einem weiteren Bier sowieso gleich vergehen würde.

„Um was wetten wir, dass Natsu es deiner Schwester heute so richtig heftig besorgt?“, sagte Minerva betont unschuldig.

Das Grinsen gefror auf Stings Gesicht und der Blonde drehte sich so heftig auf seinem Barhocker um, dass er beinahe herunter gefallen wäre. Rogue drehte sich ebenfalls um und ließ seinen Blick über die Tanzfläche schweifen. Natsu und Lucy waren nicht mehr darauf zu sehen, sondern saßen auf der Bank bei ihnen Freunden. Allerdings sah es nicht so aus, als würden sie noch großartig etwas um sich herum mitkriegen. Lucy saß rittlings auf Natsus Schoß und hatte die Hände um sein Gesicht gelegt, während er beide Hände auf ihren Hintern gelegt hatte und sie an sich drückte. Wäre Frosch jetzt hier, hätte Rogue Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit sie das nicht zu sehen bekam, denn ein unschuldiger Schmusekuss war das garantiert nicht, was Natsu und Lucy dort austauschten.

Sting darauf aufmerksam zu machen, war selbst für Minervas Verhältnisse ausgesprochen bösartig. Der Blonde machte ein Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Sonst mochte er in Bezug auf Lucy recht unbeschwert drauf sein, aber Rogue war sich sicher, dass Sting sich lieber wieder in den Geschichtsunterricht des alten Org setzen würde, als auch nur ein Wort über Lucys Sexleben zu erfahren.

„Pass’ auf, gleich…“, sagte Minerva mit einem Schnurren in der Stimme.

Tatsächlich standen Natsu und Lucy wenige Sekunden später auf. Natsu kramte ein paar zerknitterte Geldscheine aus seiner Hosentasche und warf sie auf den Tisch für die Zeche, dann ergriff er Lucys Hand und zog sie durch den Club in Richtung Ausgang. Lucy, die Wangen hochrot, beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten. Gajeel pfiff ihnen spöttisch nach.

„Wenn Natsu clever war, hat er heute damit gerechnet, dass er nichts trinken wird, und sein Auto ganz in der Nähe geparkt – und er hat es geschafft, tanzen zu lernen, da dürfte er diesen Geistesakt auch noch hinkriegen. Ups, Akt ist jetzt vielleicht nicht das richtige Wort?“, plauderte Minerva entspannt weiter.

Stings Wangen bekamen ordentlich Farbe – und ganz unwillkürlich dachte Rogue bei sich, wie anziehend diese verschämte Seite seines Freundes war – und der Blonde drehte sich mit einem Schmollen wieder zur Bar um, um seine Zeche darauf zu klatschen.

„Du bist ein böser, böser Mensch, Minerva“, knurrte er und deutete anklagend auf die Schwarzhaarige, ehe er aufstand. „Ein ganz böser Mensch!“

Die Beschuldigte sagte nichts dazu. Sie griff nur nach ihrer Bierflasche und nippte daran, während sie provokant mit den schmalen Augenbrauen wackelte. Seufzend legte Rogue seine Stirn auf die Theke, während Sting den Club verließ. Er würde Natsu und Lucy natürlich nicht folgen – das könnte ihn ansonsten einen Tobsuchtanfall á la Lucy einhandeln –, aber die Feierlaune hatte es ihn eindeutig verhagelt.

Und das alles nur wegen dieser bescheuerten Wetten, dachte Rogue genervt bei sich. Aber er musste sich eingestehen, dass der Anblick von Stings schamroten Wangen die ganze Sache doch irgendwie wert gewesen war…

Das Erwachen

Der Wecker, der Rogue aus dem Tiefschlaf riss, war nicht seiner. Es war ein Handywecker, der irgendeine Rockmusik vor sich hin dudelte, welche sich wie eine Pinzette oder etwas ähnlich Unangenehmes durch Rogues gematerten Kopf schob. Leise stöhnend tastete der Schwarzhaarige nach dem Handy, während er das Gesicht weiter in die Kissen presste, um seine überreizten Augen vor dem Tageslicht zu schützen.

Als seine Hand eine nackte Männerbrust berührte, zuckte Rogue zurück.

Himmel noch eins, wer war das und wo waren sie überhaupt?!

Angestrengt rief Rogue sich den vergangenen Abend in Erinnerung. Orgas Geburtstagsfeier. Der hünenhafte Koch hatte sich natürlich mal wieder selbst übertroffen und sie hatten sich alle durch das reichhaltige Büffet durch geschlemmt. Insbesondere Sting und Minerva, die mal wieder eines ihrer lächerlichen Wettessen veranstaltet hatten. Dann hatte Orga die selbst gemischte Bowle kredenzt. Rogue hatte sich eigentlich vorgenommen, nüchtern zu bleiben, um die Schnapsdrosseln Sting und Minerva nach Hause zu fahren, aber die Beiden hatten ihn so lange beschwatzt, bis er sich doch hatte hinreißen lassen…

Wieder stöhnend drehte Rogue den Kopf in Richtung des Bettgenossens und versuchte, die Augen zu öffnen. Das Licht schien seine Augen regelrecht zu zerstechen und die Kopfschmerzen, die darauf folgten, waren die reinste Qual.

Noch immer hatte er keine Ahnung, wo er war.

Rufus, der Trinkfesteste unter ihnen, hatte Minerva in ein Taxi komplimentiert und war mit eingestiegen, um sicher zu gehen, dass die Schwarzhaarige auch wirklich Zuhause ankam. Sting hatte sich bei Rogue untergehakt und diesen durch die nächtlichen Straßen bugsiert. Vage erinnerte Rogue sich daran, dass der Blonde ihn zu einem flotten Walzer über den Bürgersteig gewirbelt hatte. Oh weh, er musste wirklich extrem betrunken gewesen sein, dabei brachten ihn sonst keine zehn Pferde auf eine Tanzfläche!

Aber Stings Körper hatte sich aufreizend an Rogues geschmiegt und die Hände des Blonden hatten ihn mit völliger Sicherheit geführt. In seinem benebelten Zustand hatte Rogue alle Hemmungen vergessen und sich einfach von seinen Sehnsüchten nach dem sportlichen, warmen Körper treiben lassen…

Abrupt riss Rogue die Augen auf – und zuckte prompt wieder zusammen, als er ausgerechnet in Stings extrem geweitete Augen blickte. Der Mund des Blonden stand vor Verblüffung offen.

Für einen winzigen Moment huschte Rogues Blick abwärts, dabei bräuchte es gar nicht mehr dieser Untersuchung, damit er begriff, dass sein bester Freund nackt vor ihm lag. Erst jetzt begriff Rogue so richtig, dass er selbst auch nackt war, und an mindestens drei Stellen an Hals und Schultern spürte er seltsam wunde Stellen.

Sting presste ihn hart gegen seine Wohnungstür und nestelte blindlings neben ihm mit dem Schlüssel herum. Ihre Lippen verschlangen einander regelrecht, forderten immer mehr, gierig, verzehrend. In Rogues Hose war es unangenehm eng und mit einem unwilligen Knurren fuhr der Schwarzhaarige über das Shirt seines besten Freundes.

Als die Tür sich endlich öffnete, stolperten sie in die Wohnung und rissen beinahe die Kommode um. Ungeduldig knallte Sting die Tür zu und riss sich dann das Shirt über den Kopf. Seine blauen Augen glühten in der Dunkelheit vor Begierde und Rogue ließ sich nur allzu willig seines eigenen Shirts entledigen…

Dem Blonden stieg die Hitze ins Gesicht und er leckte sich nervös über die Unterlippe – und für einen Moment fühlte Rogue sich versucht, vor zu rutschten und wieder diese Lippen zu schmecken und diesen Körper zu spüren.

Doch dann huschte Rogues Blick wieder hoch zu Stings Augen. Die Augen seines besten Freundes. Schock und Verwirrung spiegelten sich darin wieder.

„Scheiße…“, murmelte Rogue und richtete sich abrupt auf.

Für einige Sekunden war ihm schwindelig, aber er kämpfte dagegen an, um ja nicht zurück in Stings Bett zu sinken.

Er hatte mit seinem besten Freund geschlafen!

Das war nicht richtig! Sie waren seit dem Sandkasten miteinander befreundet, waren durch dick und dünn gegangen, hatten sich um Minerva gekümmert, hatten gemeinsam ihre jüngeren Geschwister gehütet, hatten einander vor wichtigen Prüfungen beigestanden – und sie hatten einander über ihre flüchtigen Liebesabenteuer hinweg geholfen. Wer sollte ihnen jetzt über dieses Liebesabenteuer hinweg helfen?

Schwer schluckend drehte Rogue sich und schwang die Beine aus dem Bett. Hinter sich hörte er Sting mit seiner Decke rascheln und ihm wurde unangenehm bewusst, dass sein bester Freund gerade einen hervorragenden Blick auf seine Kehrseite hatte – eben jene, die Sting in der vergangenen Nacht fordernd gepackt hatte, als Rogue sich über ihn gebeugt hatte…

Vom Bett bis zur Schlafzimmertür zog sich eine Spur aus fallen gelassenen Kleidungsstücken, von der Rogue wusste, dass sie bereits im Flur begann. Er würde durch Stings gesamte Wohnung laufen müssen, um sich wieder anzuziehen. Es kam ihm wie ein Spießrutenlauf vor. Aber hatte er eine Wahl? Er musste hier endlich weg!

Mit steifen Bewegungen stand er auf und bückte sich gleich, um seine Socken einzusammeln. Eisern starrte er zu Boden und suchte nach weiteren Kleidungsstücken, obwohl er Stings Blick nur zu deutlich auf sich spürte.

In Boxershorts verließ er schließlich das Schlafzimmer. Seine Jeans lagen neben dem Sofa, dessen Kissen zerwühlt waren.

Stings Hände schienen überall zu sein, strichen über Rogues Brust und Bauch und Rücken und Hintern, fuhren Arme und Beine nach, streichelten Rogues Gesicht, spielten mit seinen Haaren…

Mit zittrigen Fingern schloss Rogue seinen Gürtel. Er fühlte sich von einer Angst gepackt, die er nicht in Worte fassen konnte. Was hatte diese Nacht für ihre Freundschaft zu bedeuten? Konnten sie einfach normal weiter machen? So tun, als wäre nichts geschehen? Wollte Rogue das denn?

Ja und nein…

Die Schleifen seiner Schuhe waren jetzt zu viel für Rogue, er stopfte die Schnürsenkel einfach in die Schuhe und schlüpfte dann mit den Füßen hinein. Danach klaubte er sein Shirt vom Boden. Stings Shirt lag direkt darunter und für einen Moment verspürte Rogue den Drang, es aufzuheben und seine Nase hinein zu drücken, aber er zwang sich, den Blick davon abzuwenden und sich sein eigenes Shirt über den Kopf zu ziehen.

Als er wieder etwas sehen konnte, bemerkte er aus dem Augenwinkel Sting. Der Blonde trug seine Boxershorts und hielt eine einzelne Socke in der linken Hand. Noch immer waren seine blauen Augen geweitet und er kaute nervös auf der Unterlippe herum. Für einen Moment öffnete er die Lippen und holte tief Luft, aber dann flackerte sein Blick und er stieß einfach nur geräuschvoll die Luft aus.

„Bis bald“, murmelte Rogue und er war selbst erschrocken, wie hohl seine Stimme klang.

Obwohl er spürte, dass es ein Fehler war, drehte er Sting den Rücken zu und verließ die Wohnung. Auf dem gesamten Heimweg geisterten die Erinnerungen durch seinen Kopf. Wie Sting ihn zum Schluss angesehen hatte – diese Verletztheit und Enttäuschung, als hätte Rogue ihm einen Dolch in die Brust gerammt.

Wie sie sich gestern in Stings Bett aneinander gedrängt hatten, ihre Bewegungen träge vor Erschöpfung, aber ihre Küsse noch viel intensiver als vorher. Lang und zärtlich und liebkosend. Rogues Sinne waren voll und ganz von Sting erfüllt. Sein Geschmack, sein Geruch, seine Wärme und sein seliges Seufzen…

Ein Plan in vier Schritten

Schritt 1: Unerwartete Begegnung
 

Dreyars Allerlei, verkündete das große antik-hölzerne Schild über dem Eingang mit charmant-verspielter Schrift und dem Emblem einer abstrahierten Fee. Die Schaufenster darunter und darüber waren auf allen drei Etagen vollgestopft mit Kleidungspuppen, Stoffbahnen, Nähutensilien, verschiedenen Nähmaschinenmodellen, Schuhen, Accessoires und einer Kollektion an Babykleidung.

Sting ächzte leise. Als seine Schwester ihn um Hilfe gebeten hatte, hatte er eher damit gerechnet, dass er ihr beim Schleppen von Umzugskartons helfen sollte. Nicht damit, dass sie ihn zum Shoppen mitschleppen würde.

„Nun guck’ doch nicht so“, erboste Lucy sich und stemmte die Hände in die Hüften. „Wir brauchen Bettwäsche und Vorhänge und all so etwas! Soll ich das ganze Zeug alleine schleppen?“

„In deinem Zustand solltest du sowieso keine Vorhänge mehr aufhängen“, erwiderte Sting und betrachtete den kugelrunden Leib der Blonden mit einem Stirnrunzeln. „Und davon abgesehen, wieso kannst du damit nicht warten, bis dein Natsu in ein paar Stunden von seinem Lehrgang zurück ist?“

„Weil er für so etwas absolut nicht zu gebrauchen ist.“

„Aber ich?“

„Ich habe vollstes Vertrauen in dich, Brüderchen“, erwiderte Lucy keck und harkte sich bei ihm unter, um ihn in das Kaufhaus zu zerren.

Blieb ihm denn eine andere Wahl? Er konnte sich ja wohl kaum drücken und seine hochschwangere Schwester hier alleine lassen. Abgesehen davon, dass er damit selbst nicht leben könnte, fielen ihm auf Anhieb mehr als genug Leute ein, die ihn dafür einen Kopf kürzer machen würden. An erster Stelle sein zukünftiger Schwager – und der kam an ziemlich gefährliches Werkzeug heran. Das wollte Sting lieber nicht riskieren.

Schicksalsergeben folgte er Lucy in den zweiten Stock, der für Haushaltswaren vorgesehen war. Zum Glück war seine Schwester ein Mensch, der ganz genau wusste, was er wollte. Nach nicht einmal einer Stunde trug Sting ihr drei schwere Tüten mit Vorhängen, Bettwäsche, Handtüchern und wusste der Teufel, was noch, hinterher zur Rolltreppe. Er glaubte schon, um das gefährliche Gewässer des Erdgeschosses herum gekommen zu sein, aber dann sah er, wie Lucy einen sehnsüchtigen Blick auf die Ständer mit den Kleidern warf.

„Nur kurz“, brummte er, aber Lucys strahlendes Lächeln entlockte ihm unwillkürlich auch ein Lächeln.

„Nur kurz“, versprach sie und watschelte davon – wobei er ihr gegenüber niemals zugeben würde, dass sie watschelte. Keiner, der noch ganz bei Trost war, würde das ihr gegenüber jemals zugeben. Außer Natsu, dieser Idiot. Wie oft Lucy ihrem Bruder nicht damit in den Ohren lag, was ihr Verlobter schon wieder von sich gegeben hatte! Mit Worten konnte der junge Mann nicht einmal ansatzweise so gut umgehen wie mit Holz.

Seufzend lehnte Sting sich gegen das Geländer neben der Rolltreppe und beobachtete, wie seine Schwester den Stoff einiger Kleider überprüfte. Aus der Herrenabteilung in der Nähe schielte ein junger Mann zu ihr hinüber, was Sting keineswegs entging, aber er verlegte sich darauf, ihn nur im Auge zu behalten. Lucy war schon immer von allerlei Verehrern umgeben gewesen, was bei ihrem Aussehen kein Wunder war. Das musste sogar Sting zugeben, obwohl er erstens ihr Bruder war und zweitens schwul. Allerdings hatte Lucy sich – sehr zu Stings Stolz und Erleichterung – nie von flotten Sprüchen und 08/15-Valentinsgeschenken beeindrucken lassen. Damit sie ihr Herz an einen Mann verlor, hatte sie erst in den Restauratorengesellen stolpern müssen, der in der opulenten Villa ihres Vaters die Wohnzimmerschränke gepflegt hatte…

„Sting? Was für eine schöne Überraschung!“

Der Blonde ließ den Blick von seiner Schwester und sah zur Seite. Vor ihm stand eine Frau im Alter seiner Schwester mit kurzen weißen Haaren und großen braunen Augen. Yukino, eine Freundin seiner Schwester, die er selbst von Kindesbeinen an kannte. Hinter ihr stand – und in Sting begann etwas Undefinierbares zu rumoren – ein junger Mann mit schwarzen, zu einem hohen Pferdeschwanz gebundenen Haaren, roten Augen und einer Narbe über seinem Nasenrücken.

„Yukino, Rogue… was macht ihr denn hier?“, fragte Sting lahm.

„Wir haben nach etwas für Lucys Baby-Party gesucht“, erklärte Yukino eifrig und hob die kleine Tüte hoch. „Hast du schon etwas gefunden?“

„Ähm…“

Sting überlegte krampfhaft, wann diese komische Baby-Party überhaupt noch mal hatte steigen sollen. Irgendwann vor kurzem hatte jemand ihm deswegen beinahe ein Ohr abgekaut, aber er hatte das erfolgreich wieder verdrängt. Er würde bei Gelegenheit Gray fragen, wann diese Sache steigen sollte. Wobei der das wahrscheinlich auch schon wieder vergessen hatte. Vielleicht wusste Minerva es. Minerva wusste alles, hatte Sting manchmal das Gefühl.

„Wir können gleich los gehen, Rogue“, versprach Yukino und drückte dem Schwarzhaarigen die Tüte in die Hände. „Ich möchte nur eben zu Lucy gehen und sie soll das noch nicht sehen.“

„Ich muss aber-“

„Dankeschön!“, flötete Yukino über Rogues Protest hinweg und schon war sie auf dem Weg zu Lucy.

Überschwänglich umarmten die Beiden einander und begannen sofort, munter zu schwatzen, als hätten sie einander seit Tagen nicht gesehen. Dabei war Sting sich sicher, dass sie einander regelmäßig an der Uni trafen, unterschiedliche Fachrichtungen hin oder her. Aber Frau und ihre Gespräche – oder nein: Lucy und ihre Gespräche…

„Wenn du einen Termin hast, sag’ ihn lieber ab. Das dürfte jetzt eine Weile dauern“, riet Sting dem Schwarzhaarigen bemüht lässig.

Der gab nur ein frustriertes Brummen von sich, zückte sein Handy und wählte eine Nummer. Die Person am anderen Ende der Leitung nahm erstaunlich schnell ab. „Hey, Minerva. Tut mir Leid, aber ich hänge hier noch eine Weile fest… Wie lange…?“ Auf Rogues fragenden Blick hin hob Sting zwei Finger hoch, wackelte abwägend mit der Hand und machte dann drei Finger daraus. „Vielleicht sollten wir es auf morgen verschieben mit dem Lernen“, seufzte der Schwarzhaarige. Kurzes Schweigen, dann klang Rogue bei seinen nächsten Worten verblüfft. „Okay… gut… Ähm, danke… Bis morgen also!“

Verwirrt steckte er sein Handy wieder weg. „Normalerweise nimmt sie es nicht so gut auf, wenn unsere Lerntreffen platzen“, murmelte er.

„Dann hast du also keine Ausrede, um dich aus dem Staub zu machen“, versuchte Sting zu scherzen, aber ihm war selbst bewusst, wie lahm er dabei klang.

Rogue warf ihm einen seltsamen Blick zu und lehnte sich dann mit einigem Abstand neben ihm gegen das Geländer, um ebenfalls zu warten, während Lucy und Yukino allmählich im Gewühl des stets überfüllten Kaufhauses verschwanden. Es kam Sting so vor, als würde der Rettungsring von ihm davon treiben, während er hilflos im Wasser trieb…
 

Triumphierend klatschten Lucy und Yukino einander ab und verließen das Kaufhaus, nachdem sie die Rolltreppe ungesehen umrundet hatten. Am Eingang wartete eine hochgewachsene Schwarzhaarige mit edlem, schmalem Gesicht und mandelförmigen, braunen Augen auf die Beiden. Lucy reckte ihr den erhobenen Daumen entgegen.

„Danke fürs Mitspielen, Minerva!“

Die Schwarzhaarige grinste. „Wie hätte ich nein sagen können? Die schlechte Laune der Beiden in den letzten Wochen war unerträglich.“

„Jetzt haben sie endlich Gelegenheit, das zu klären“, kicherte Lucy und beugte sich um den Diebstahlschutz am Eingang herum, um ihren Bruder und dessen alten Schulfreund zu beobachten. Noch standen die Beiden steif nebeneinander, aber das würde sich schon noch auflockern. Wäre ja wohl gelacht, wenn nicht!
 

Schritt 2: Unangenehmes Schweigen
 

Rogue unterdrückte ein Seufzen und versuchte, unauffällig auf seine Armbanduhr zu schielen. Er wünschte sich, er hätte Yukino nicht vor Kurzem versprochen, dass sie etwas gut bei ihm hatte, dann hätte er sie wegen der Geschenk-Geschichte ruhigen Gewissens abwimmeln können. Dann stünde er jetzt nicht hier. Neben Sting, der ihn gar nicht mehr richtig ansah und auch nicht mehr mit ihm sprach.

Er wechselte mit einigem Trimborium die kleine Tüte mit den Babyschuhen, für die Yukino seiner Meinung nach zu tief in die Tasche gegriffen hatte, in die andere Hand und schaffte es dabei endlich, einen Blick auf seine Armbanduhr zu erhaschen. Seit einer Viertelstunde stand er jetzt hier. Erst?! Es war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Wenn Sting mit seiner Prognose Recht hatte – und das hatte er fast immer, wenn es um seine temperamentvolle Halbschwester ging –, wie sollte Rogue das dann aushalten?

Im nächsten Moment fühlte Rogue sich richtig elend. Wie hatte es so weit kommen können, dass ihm die Gegenwart seines besten Freundes derart zusetzte? Konnte eine einzige Nacht wirklich so viel ändern? War ihre Freundschaft wirklich so leicht zu erschüttern?

„Viel Stress an der Uni?“, durchschnitt Stings Stimme seine Gedanken. Rogues Eingeweide verkrampften sich. Stings Stimme klang ganz anders als früher, irgendwie steif und formell.

„Prüfungen“, antwortete Rogue knapp. Dabei hätte er eine Menge darüber erzählen können, wie viel Schiss er hatte, denn in einem halben Jahr hatte er sein finales Staatsexamen und sein Kopf fühlte sich seit neustem an wie Watte. Er bekam den vielen Stoff einfach nicht mehr hinein. Dabei hatte er am Anfang so viel Spaß an seinem Jura-Studium gehabt.

„Wird schon.“

„Hm…“

Irgendwie ärgerte Rogue sich über diesen 08/15-Kommentar. Hatte er das nach gut zwanzig Jahren Freundschaft wirklich verdient? Nachdem er Sting bei seiner Abschlussprüfung geholfen und mit ihm gefeiert hatte, als er seinen Gesellenbrief und seinen Arbeitsvertrag bei der besten Kfz-Werkstatt der Stadt bekommen hatte? Was war aus dem Sting geworden, der ihn und Minerva am Vorabend ihrer Zwischenprüfungen bekocht hatte – oder es zumindest versucht hatte? Wo war der Sting hin, der ihn immer davor bewahrt hatte, vor lauter Prüfungsangst die Nerven zu verlieren und alles hinzuschmeißen, bevor er auch nur richtig darüber hatte nachdenken können?

Das Schweigen zog sich zäh wie alter Kaugummi dahin und irgendwann wurde es Rogue zu bunt und er sank in die Hocke nieder, um einen seiner Lernordner aus der Umhängetasche zu holen und aufzuklappen. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie Sting zusammen zuckte, und es tat ihm sofort Leid, aber er tat so, als hätte er es nicht bemerkt, und starrte auf die aufgeklappte Seite. Neben seinen eigenen ordentlichen Notizen waren lauter Marker angeklebt. Das hatte er mit Minerva noch mal besprechen wollen. Himmel, warum waren das so viele?
 

Hinter Lucy stöhnte Minerva entnervt. „Wie blöd kann Mann sich eigentlich anstellen?“

„Du hast noch nicht viel Zeit mit Natsu verbracht, sonst würdest du die Frage nicht stellen“, erwiderte Lucy mitleidig.

Die Schwarzhaarige zog beide Augenbrauen in die Höhe. „Und warum noch mal willst du ihn dann heiraten?“

Lucys Wangen wurden heiß. Yukino neben ihr kicherte leise. Sie kannte die Geschichte ja schon, wie Lucy sich Hals über Kopf in Natsu verliebt hatte, nur weil er ihr ein Lächeln geschenkt hatte. Mit diesem Lächeln konnte er sie auch heute noch um den kleinen Finger wickeln.

„Weil auch Blödmänner etwas Liebenswertes haben können“, nuschelte sie und drehte sich demonstrativ wieder den Geschehen im Kaufshaus zu. Auch auf die Entfernung konnte sie sehen, wie Sting das Gesicht verzogen hatte. Und Rogue wirkte alles andere als auf seine Notizen konzentriert. Die werdende Mutter strich unwillkürlich über ihren Bauch und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass ihr Kind ein Mädchen wurde. Das Y-Chromosom schien mit viel zu viel Dummheit kombiniert zu sein!

„Was wird das denn?“

Lucy drehte den Kopf und erkannte ihren besten Freund Gray und dessen Cousin Lyon, letzterer noch in seiner Arbeitskleidung, auch wenn er sich das Jackett über den Arm gelegt und die Krawatte gelockert hatte, was ihm aber noch viel besser stand, wie mehrere interessierte Frauenblicke in der Nähe bewiesen. Gray trug aufgrund der Wärme zu seinen Cargo-Hosen nur ein offenes Hemd.

Die beiden Männer sahen teils skeptisch, teils amüsiert drein und Lucy konnte es ihnen nicht verdenken. Es musste schon reichlich kurios aussehen, wie sie, Minerva und Yukino sich hier aneinander drängelten und immer wieder ins Kaufshaus schielten.

„Wir retten meinen Bruder vor seiner eigenen Dummheit“, erklärte Lucy erhaben und drückte sich eine Hand in den schmerzenden Rücken. Sie war so unendlich dankbar, dass sie die Schwangerschaft bald hinter sich hatte. Allein die Rückenschmerzen waren die reinste Tortur und sie konnte sich gar nicht mehr erinnern, wie ihre eigenen Füße aussahen.

„Aha…“, machte Gray sehr intelligent und blickte an den drei Frauen vorbei ins Kaufhaus. Als er Sting und Rogue erkannte, machte er nochmals „Aha“, ehe er sich mit einem Stirnrunzeln zu Lucy umdrehte. „Solltest du in deinem Zustand wirklich so lange hier draußen herum stehen?“

„Was denn für ein Zustand?“, schnappte Lucy sogleich. Lyon warf seinem Cousin und Ziehbruder einen äußerst mitleidigen Blick zu und Minerva stöhnte hinter Lucy etwas, was nach „Vollidiot!“ klang.

Gray zog den Kopf ein. „Ich meine ja nur…“

„Schwangerschaft ist keine Krankheit, Gray Fullbuster!“, erklärte Lucy und trat auf ihrem besten Freund zu, um ihm einen Finger in die Brust zu bohren. „Frauen bringen schon seit tausenden von Jahren Kinder auf die Welt!“

„Ja, aber das da ist mein Patenkind“, brummte Gray trotzig.

Für diesen Spruch könnte Lucy den Schwarzhaarigen auf der Stelle umarmen, aber gleichzeitig fuhren ihre Schwangerschaftshormone mal wieder Achterbahn und sie stieß ihren Finger noch mal in Grays Brust, sodass der junge Mann langsam vor ihr in sich zusammen schrumpfte, während sie loslegte: „Das ist zuallererst mein Kind! Ich schleppe es seit neun Monaten mit mir herum. Ich habe dafür auf meinen geliebten Kaffee und tausend andere Sachen, die ich mag, verzichtet. Ich werde auf dem Tisch liegen und es aus mir heraus-“

Minervas lautes Räuspern ließ Lucy innehalten und herum wirbeln. Die Lippen der Schwarzhaarigen zuckten verdächtig, aber sie sagte nichts zu Lucys Ausbruch, sondern nickte stattdessen ins Kaufhaus hinein. „Es tut sich endlich etwas.“

Sofort nahm Lucy ihre alte Position wieder ein und schielte erneut zu ihrem Bruder, der irgendetwas zu Rogue gesagt haben musste, denn der Schwarzhaarige hatte den Blick von seinen Notizen erhoben.

Hinter Lucy nuschelte Gray etwas Unverständliches und Lyon gluckste. „Selber schuld.“

„Schweig’ still, du Superdaddy!“

„Neidisch?“

„Worauf? Auf deine Speckfrisur und die Leine um deinen Hals?“

„Pscht!“, machte Lucy ungeduldig und verengte die Augen, während sie versuchte, zu erraten, was Rogue ihrem Bruder antwortete.

„Irgendwann wird Juvia aus dir hoffentlich noch einen Mann machen“, seufzte Lyon erhaben.

„Du-“

„Ruhe!“, zischte es dreistimmig und Gray schluckte schwer, während Lyon wieder in sich hinein gluckste.
 

Schritt 3: Ungelenke Worte
 

„Wie geht es Frosch?“

Das war das erste Mal, dass Sting wieder ganz normal klang. Die Sorge in seiner Stimme war zu hundert Prozent aufrichtig, das wusste Rogue sofort. Unwillkürlich war er richtig erleichtert, aber als er aufblickte, war seine Miene angespannt. Der Gedanke an seine kleine Schwester stach ihm richtig ins Herz.

„Sie hat immer noch Albträume“, erklärte Rogue und machte eine hilflose Geste. Er fand einfach nicht die richtigen Worte für seine Ängste, aber in Stings blauen Augen mit den schlitzartigen Pupillen, die ihn seit jeher so fasziniert hatten, erkannte er, dass er verstand.

Rogue klappte seinen Ordner zu, stopfte ihn zurück in die Tasche und richtete sich wieder auf.

„Wie geht es Lector? Er war seit ein paar Tagen nicht bei uns.“

„Er will Frosch nicht mit seinem blauen Auge erschrecken.“

Stings Anspannung war beinahe mit Händen zu greifen. Rogue erkannte, wie die geballten Fäuste seines besten Freundes zitterten.

„Was ist passiert?“

„Diese kleinen Drecksmaden haben ihm aufgelauert, um sich zu revanchieren…“

Rogue presste die Lippen aufeinander. Stings kleiner Bruder hatte sich in der Schule durch seinen Einsatz für Frosch ganz schön unbeliebt gemacht. So dankbar Rogue ihm für diese Geste auch war, auch er machte sich Sorgen um den quirligen Teenager. Wie musste da erst Sting gehen?

Ohne darüber nachzudenken, legte Rogue dem Blonden eine Hand auf die Schulter. Überrascht sah dieser ihm direkt in die Augen und erst da wurde Rogue klar, wie nahe er Sting war. Ihm wurde auf einmal heiß und seine Knie fühlten sich an wie Wackelpudding. Zu seiner Überraschung röteten sich Stings Wangen und in den tiefblauen Augen blitzte Unsicherheit auf. Sting haderte offensichtlich mit sich, doch dann beugte sich der Blonde langsam zu ihm hinüber. Um Rogue schien sich alles zu drehen. Er konnte sich nicht mehr bewegen, konnte nur noch in Stings Augen starren.

„Vielleicht sollten die Beiden es an einer anderen Schule versuchen“, krächzte er, ohne darüber nachzudenken.

Die knisternde Stimmung verpuffte und Sting richtete sich zu Rogues Enttäuschung wieder auf, wandte sogar den Blick ab, aber Rogue erkannte, wie angespannt Stings Kieferpartie war, und er hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen deswegen. Er hatte Panik gekriegt und nach einem Ausweg gesucht, aber damit hatte er Sting ein weiteres Mal verletzt. Verdammt, wenn er die ganze Sache jemals wieder auf die Reihe kriegen wollte, dann musste er endlich den Mund aufkriegen!

„Ja, vielleicht…“, murmelte Sting tonlos.
 

Am Eingang erklang ein fünfstimmiges Stöhnen und zwei ältere Damen sahen sich pikiert nach den Urhebern um, die jedoch keine Notiz von ihnen nahmen, sondern weiterhin wie gebannt zu den Rolltreppen starrten.

„Glückwunsch, Gray. Die Beiden könnten sich tatsächlich dümmer anstellen als du“, murmelte Lyon.

„Fresse, alter Mann“, knurrte der Schwarzhaarige.

Lucy verdrehte die Augen, sagte jedoch nichts zum Gekabbel der beiden jungen Männer. Alten Hunden konnte man bekanntermaßen keine neuen Tricks mehr beibringen – und die Beiden hockten schon fünfzehn Jahren aufeinander, seit Lyon nach dem Tod seiner Eltern von den Fullbusters aufgenommen worden war.

„Vielleicht solltest du den Beiden Tipps geben, Gray“, schlug Lyon vor.

„Damit sie es erst im nächsten Jahrhundert schaffen? Das Risiko sollte man besser nicht eingehen.“

„Woah! Gajeel, wo kommst du denn auf einmal her? Autsch! Warum kneifst du mich, Lucy?“

„Weil du zu laut bist!“, zischte Lucy drohend und wandte sich den Neuankömmlingen zu, bei denen es sich nicht nur um Gajeel Redfox, sondern auch um drei weitere von Lucys Freundinnen hielt. Levy McGarden, Meredy Vastia und Juvia Lockser.

„Was wird das hier?“, fragte Gajeel skeptisch nach einem Blick ins Kaufhaus, die Arme vor der muskulösen Brust verschränkt. „Glaubt ihr, das hilft den Beiden, wenn ihr euch hier die Beine in den Bauch steht?“

„Wir wollen wissen, wie es läuft“, erklärte Lucy trotzig. Von Rogues hünenhaften Cousin hatte sie sich noch nie beeindrucken lassen.

„Na dann… Ich gehe rüber zu Lily, viel Spaß euch noch“, erklärte Gajeel an seine Freundin Levy gewandt, die grinsend abwinkte und sich auf die Zehenspitzen stellte, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Gajeel brummte leise und forderte einen richtigen Kuss ein, ehe er davon stapfte.

„Ich checke immer noch nicht, wie der vor mir eine Freundin klar machen konnte“, murmelte Gray.

Jeder konnte vor dir eine Freundin klar machen“, erklärte Lyon grinsend und zog Meredy an sich, um ihr zur Begrüßung einen langen gefühlvollen Kuss zu geben und dann liebevoll über ihren noch flachen Bauch zu streicheln.

„Gute Dinge brauchen ihre Zeit“, sagte Juvia und gab ihrem Freund einen versöhnlichen Kuss auf die Wange, dann gesellte sie sich zu Lucy. „Hat Juvia etwas Spannendes verpasst?“

„Sie waren beinahe so weit, aber dann haben sie doch nen Rückzieher gemacht“, schnaufte Lucy.

„Wir wissen ja nicht, was genau zwischen den Beiden vorgefallen ist. Vielleicht steht das immer noch zwischen ihnen“, wandte Yukino mit besorgter Miene ein.

„Oh, in der Tat. Das wird es auch in Zukunft tun“, murmelte Minerva mit einem sadistisch wirkenden Grinsen.

„Hä?“, machte Gray, während die anwesenden Frauen geradezu an Minervas Lippen hingen.

Die Schwarzhaarige hob in üblicher Manier die Augenbrauen an und ihr linker Mundwinkel zuckte amüsiert. „Sagt mir bitte nicht, dass ihr das allesamt nicht bemerkt habt?“

„Was denn bemerkt?“, fragte Levy verwirrt.

„Nichts Wichtiges“, winkte Minerva ab und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre beiden Schulfreunde, die noch steifer als am Anfang der Operation wirkten.

Lucy überkam eine Ahnung und sie errötete. Darüber wollte sie in Bezug auf ihren Bruder wirklich nicht nachdenken! Schnell verdrängte sie die Vorstellung wieder und beobachtete konzentriert, wie Rogue herum zu drucksen schien.
 

Schritt 4: Ungeplante Handlung
 

„Also… ähm…“

Sting wandte den Blick wieder seinem besten Freund zu, der schrecklich hilflos und verlegen aussah. Auf Rogues Wangen war eine verräterische Röte zu erkennen, die ihm in Stings Augen ausgesprochen gut zu Gesicht stand. Sehr aufmerksam beobachtete Sting, wie der Schwarzhaarige sich den Nacken rieb und mal hierhin, mal dorthin starrte, während er nach Worten rang.

„Diese Nacht damals, Sting…“

Dem Blonden wurde bei der Erinnerung heiß. Insbesondere auch deshalb, weil diese Erinnerung ihn in den letzten Wochen immer wieder bis in seine Träume verfolgt hatte. Himmel, er war 27 Jahre alt! Aus so etwas war er doch schon vor zehn Jahren raus gewachsen! Oder zumindest hatte er das geglaubt…

„Das war… also ich… du…“

„Dass dir mal die Worte fehlen…“, seufzte Sting unwillkürlich, ehe sich ein schiefes Grinsen auf seine Lippen schlich. Seine Wangen brannten noch immer, aber nun, da Rogue das Thema endlich auf den Tisch brachte, gewann er seine eigene Fassung wieder. „Darf ich daraus schlussfolgern, dass es dir gefallen hat?“

Zu seiner Verblüffung blickte Rogue ihm endlich direkt in die Augen. Die Miene des Schwarzhaarigen war bitterernst, als er unmissverständlich nickte. Sting spürte, wie die Röte über sein Gesicht und seinen Hals wanderte. Wie genau das aussehen musste, hatte er dank Rogue direkt vor Augen, dessen Gesicht auch immer dunkler wurde.

„Es war… es hat… etwas bedeutet“, presste Rogue hervor. Er schien vor lauter Verlegenheit an seinen Worten beinahe zu ersticken.

Sting fühlte sich auf einmal federleicht. Ihm war noch immer heiß, aber die Angst und die Anspannung der letzten Wochen waren wie fortgeblasen. Er dachte gar nicht weiter darüber nach, sondern zog Rogue am Kinn zu sich, schob ihm eine Hand in den Nacken und legte ihm die Lippen auf.

Der Schwarzhaarige fügte sich sofort und erwiderte mit seinen weichen Lippen den Kuss. Sie rückten näher aneinander und Sting ließ sich hinreißen, mit seiner Zunge über Rogues Lippen zu fahren. Als diese sich öffneten, machte Stings Herz einen Hüpfer. Er nahm die Einladung an und entfesselte einen leidenschaftlichen Zungenkuss. Er spürte Rogues Atem, die Hitze seiner Haut und den rasend schnellen Herzschlag. Und er hatte das Gefühl, auf Wolken zu schweben.
 

„Sollte nicht irgendjemand einschreiten?“, nuschelte Yukino mit feuerroten Wangen, die der ganzen Szene mittlerweile den Rücken zugedreht hatte, während Lucy hingerissen ihren Bruder und dessen frisch gebackenen Freund beobachtete.

Die Beiden passten so unglaublich gut zusammen! Sie hatte es immer gewusst, jawohl!

„Wie lange wollt ihr euch das eigentlich noch ansehen?“, fragte Gray skeptisch, aber Lucy machte eine scheuchende Handbewegung in seine Richtung, ohne ihren Blick von der Szene im Kaufhaus abzuwenden. Auch ihr vibrierendes Handy ignorierte sie einfach.

„Die Beiden sind so süß!“, seufzte Juvia hingerissen. Meredy und Levy neben ihr nickten eifrig.

„Inwiefern?“, brummte Gray, aber seine Freundin blieb ihm eine Antwort schuldig und Lyon gluckste mal wieder in sich hinein.

„Also wisst ihr, früher hat man sich in ner Bar oder im Park oder so getroffen.“

Lucy blickte über ihre Schulter zu ihrem Cousin Loke, der hinter Gray und Lyon am Ende der Beobachter-Reihe stand und wie immer wie eine Sexbombe aussah. Die Haare wie eine Löwenmähne gestylt, die Augen hinter einer halbdurchsichtigen Sonnenbrille, Cargohosen, ein weißes Muskelshirt und ein weißes offenes Hemd, dessen Ärmel nach oben gekrempelt waren.

Lokes Lippen umspielte ein amüsiertes Grinsen, aber Lucy verengte die Augen und musterte ihn eindringlich.

„Hast du mal wieder die Nacht durchgefeiert?“

Der junge Mann zuckte mit den Schultern, warf noch einen Blick ins Kaufhaus und machte dann auf dem Absatz kehrt. Zutiefst skeptisch blickte Gray dem Gleichaltrigen hinterher und sogar Lyon war das amüsierte Grinsen vergangen. Die beiden Cousins hielten nicht viel von Loke und Lucy konnte es ihnen nach den bisherigen Ereignissen leider auch nicht verdenken. Seufzend drehte die Blonde sich wieder um. Ein Seitenblick verriet ihr, dass Minerva ebenfalls angespannt war, während Yukino schweigend zu Boden blickte.

Meredy blickte zwischen den Dreien hin und her, aber Lucy schüttelte sachte den Kopf und die Pinkhaarige nickte verstehend. „Was denkt ihr, wie weit sie noch gehen?“, lenkte sie das Thema wieder auf etwas Erfreuliches.

„Erregung öffentlichen Ärgernisses haben Rogue und ich vor kurzem gepaukt, er wird sich schon noch zusammen reißen“, meinte Minerva grinsend.

„Bist du sicher? Sting scheint sehr überzeugend zu sein“, stellte Lucy nicht ohne einen gewissen Stolz fest.

„Juvia glaubt, dass die Beiden schon vergessen haben, wo sie sind.“
 

Nachspiel
 

Mangels Luft mussten Sting und Rogue den Kuss schließlich abbrechen, aber sie standen immer noch eng beieinander und Sting schöpfte eigentlich schon Atem, um seinen Freund ein weiteres Mal zu küssen, aber just in diesem Moment vibrierte sein Handy.

Frustriert holte er es aus seiner Hosentasche und öffnete die eingegangene Nachricht von seinem zukünftigen Schwager: Wo steckt Lucy?

In Stings Kopf begann es zu rattern. Lucy… Da war ja was… Er blickte sich nach der Kleiderabteilung um, aber dort war kaum noch etwas los, keine Spur von Lucy oder Yukino. Neben ihm stöhnte Rogue entnervt auf und als Sting seinem Blick folgte, erkannte er den Grund dafür. Am Eingang des Kaufhauses hinter dem Diebstahlschutz standen Lucy und einige ihrer Freunde.

Er schrieb Natsu zurück: Am Dreyars. Sie hat mich verschleppt, um mich zu verkuppeln -.-

Und? Hat es geklappt? :D

Sting verdrehte die Augen, aber seine Lippen zuckten. Kommst du sie abholen?

Schon unterwegs!

Der Blonde schob sein Handy zurück in die Hosentasche, angelte nach den Tüten mit den Sachen, die Lucy eingekauft hatte, und legte dann einen Arm um die Schultern seines perplexen Freundes, um ihn zum Ausgang zu führen.

Yukino sah schrecklich verlegen aus, Minerva und Lucy hingegen schienen sehr zufrieden mit ihrem Werk zu sein. Das sah ihnen ähnlich. „Ihr konntet es echt nicht lassen, oder?“

„Nein“, antworteten Lucy und Minerva wie aus einem Mund.

„Unverbesserlich“, murmelte Sting kopfschüttelnd und drückte Gray die Tüten in die Hände, während Rogue Yukino die Tüte aus der Babyabteilung unterjubelte. „Pass’ auf Lucy auf, ich habe mein Soll für heute erfüllt.“

„Sag’ das nicht so, als wäre ich ein Hund oder so was!“, empörte sich Lucy.

„Wuff“, erwiderte Sting und streckte ihr die Zunge raus, ehe er sich wieder in Bewegung setzte, aber dann schob sich Minerva zwischen ihn und Rogue und harkte sich unnachgiebig bei ihnen ein.

„So leicht kommt ihr mir nicht davon, Jungs! Ich habe mir seit Jahren geduldig euer Gehampel mit angesehen und ich war auch geduldig, als ihr schlechte Laune geschoben habt. Jetzt will ich Details!“

„Bitte?!“
 

Sehr zufrieden blickte Lucy den Dreien hinterher. Sting und Rogue hatten feuerrote Gesichter, während Minerva sie durch die Einkaufspassage bugsierte. Endlich war zusammen, was zusammen gehörte!

Nach und nach verabschiedeten sich die Anderen. Meredy und Juvia mussten noch in die Universitätsbibliothek und Lyon wollte endlich aus der Arbeitskluft raus. Yukino eilte davon, weil ihre Schicht im Café bald anfing. Levy verschwand in Richtung des Fitnessstudios.

Schließlich saßen Gray und Lucy alleine auf einer Bank vor dem Kaufhaus.

„Du solltest endlich aufhören, so zu grinsen, als hättest du gerade die Welt gerettet“, brummte Gray.

„Lass’ sie doch, Eisbirne, in gewisser Weise hat sie das doch.“

„Natsu!“, jubelte Lucy und streckte die Arme nach ihrem Verlobten aus, der mit wenigen Schritten bei ihr war, sich zu ihr runter beugte und ihr einen langen Kuss aufdrückte.

„Du hast also deinen Bruder verkuppelt?“, gluckste Natsu leise. „Und das machst du, während ich nicht da bin? Ganz schön unfair, findest du nicht?“

„Ich musste die Gunst der Stunde nutzen. Es war gar nicht so einfach, alles zu organisieren“, erwiderte Lucy grinsend.

Gray neben ihnen verdrehte die Augen, reichte die Tüten weiter und machte sich aus dem Staub. Natsu schlang den freien Arm um Lucys Schulter, sie einen um seine Hüfte und so machten sie sich nach einem sehr erfolgreichen Tag auf dem Weg zu ihrer eigenen kleinen Wohnung.

Höhlengeheimnisse (Kleine Gesten)

Als er die Etage von Stings Wohnung erreichte, kam ihm ein breit grinsender Lector entgegengehüpft und drückte ihm einen Schlüssel in die Hand. Der Junge wirkte so vergnügt, dass das Veilchen kaum noch auffiel.

„Unglaublich, wie gut Sting dich kennt. Der meinte, ich würde dich spätestens hier treffen.“

Rogue zog die Augenbrauen in die Höhe. „Ich bin einfach nur-“

„Pünktlich wie eine Funkuhr“, lachte Lector und schlug Rogue auf die Schulter. Manchmal war seine Ähnlichkeit mit Sting beinahe schon beängstigend. „Viel Spaß euch.“

Der Schwarzhaarige verdrehte die Augen. Schön und gut, dass alle sich für sie freuten, dass sie jetzt zusammen waren, aber musste jetzt jeder blöde Anspielungen bringen?

Er ging zu Stings Wohnungstür und schloss mit dem Schlüssel auf, den Lector ihm gegeben hatte. Am Bund hing ein kleiner, weißer Plüschdrachen. Das schwarze Pendant dazu saß seit Jahren auf Rogues Nachttisch. Andenken von einer Kirmes, die sie vor Jahren zusammen mit Minerva, Rufus und Orga besucht hatten. Sting und Rogue waren von Minerva beim Tontaubenschießen gnadenlos platt gemacht worden und hatten sich nur Trostpreise aussuchen dürfen, während Minerva damals den Hauptgewinn mit nach Hause genommen hatte. Obwohl sie alle so getan hatten, als würden sie schmollen, hatten sie sich doch insgeheim für Minerva gefreut, die kurz zuvor eine wirklich harte Zeit durchgemacht hatte.

Das erinnerungsselige Lächeln wich einem verdutzten Gesichtsausdruck, als Rogue Stings Wohnzimmer betrat, das… irgendwie anders als sonst aussah. Das Sofa und der dazugehörige Tisch waren an die Wand gerückt worden und stattdessen waren Stings Schreibtischstuhl, die Küchenstühle und der Sessel in einigem Abstand voneinander aufgestellt worden und darüber spannten sich mehrere Laken und Decken, sodass eine Höhle entstand.

Durch einen Spalt lugte Stings Kopf heraus, seine blauen Augen mindestens genauso vergnügt funkelnd wie die seines kleinen Bruders eben. Um seine Lippen spielte ein Grinsen, bei dem Rogue ganz anders zumute wurde.

Dennoch verwirrt hockte Rogue sich vor den Eingang des Zelts und ließ seine Umhängetasche neben sich zu Boden gleiten. „Was genau soll das hier darstellen?“

„Eine Höhle“, erklärte Sting schlicht.

Wieder verdrehte Rogue die Augen und klopfte seinem Freund mit dem Fingerknöchel gegen die Stirn. „Das sehe ich auch. Die Frage ist, warum du eine Höhle gebaut hast?“

„Lector war deprimiert. Er vermisst Frosch“, erklärte Sting nun doch deutlich ernster.

„Das beruht auf Gegenseitigkeit“, seufzte Rogue und wippte auf dem Fußballen vor und zurück. „Aber wenn er mit dem Veilchen bei ihr auftauchen würde, würde sie sich wahrscheinlich wirklich zu Tode ängstigen.“

„Das weiß er, aber das ändert ja nichts an der Situation. Deshalb wollte ich ihn etwas aufheitern.“

„Ist er nicht schon ein bisschen zu alt für so etwas?“

Ein übermütiges Grinsen schlich sich auf Stings Lippen. Ehe Rogue reagieren konnte, hatte er diesen bereits am Kragen gepackt und zu sich runter gezogen. Der Schwarzhaarige kippte nach vorn und halb in die Höhle hinein. „Für so etwas ist man nie zu alt, Rogue“, raunte Sting, dessen Gesicht auf einmal direkt vor seinem war. Im Dämmerlicht der Höhle schienen Stings Augen noch mehr zu leuchten und sein Atem streifte Rogues Lippen.

Rogue stützte sich mit den Armen ab und zog seinen Unterkörper nach, sodass er schließlich gänzlich in der Höhle saß. Sting und Lector hatten sogar den Boden der Höhle mit einer Isomatte und einer weiteren Decke ausgepolstert und Bettzeug lag auch bereit. Der Schwarzhaarige zog verdattert die Augenbrauen in die Höhe. „Willst du etwa hier schlafen?“ Seine Stimme war verräterisch heiser. Obwohl er nun schon einen Monat lang mit Sting zusammen war, schaffte dieser es immer wieder, ihn aus der Bahn zu werfen.

„Klar, warum nicht?“, erwiderte Sting mit diesem unwiderstehlichen spitzbübischen Lächeln, das geradezu darum bettelte, mit einem Kuss belohnt zu werden.

Als könnte er seine Gedanken lesen, beugte der Blonde sich vor. Auf halber Strecke kam Rogue ihm entgegen und ihre Lippen trafen einander. Rogue legte den Kopf schräg und seine Hand wanderte in Stings Nacken, spielte dort mit den feinen Haaren, während der Kuss zunehmend intensiver wurde. Als Stings Zunge Einlass verlangte, gehorchte Rogue mit einem leisen Stöhnen. Dann war da auf einmal Stings Hand in seinem Nacken, fuhr durch die Haare und löste dabei den Pferdeschwanz auf, aber Rogue war viel zu vereinnahmt von dem Kuss, von Stings Körper und von seinem Geruch, dass er sich überhaupt nicht darum scherte.

Die Luft wurde knapp und sie mussten den Kuss abbrechen. Erst jetzt bemerkte Rogue, dass Stings Haare mehr denn je aussahen, als hätte der Blonde in eine Steckdose gefasst, aber es stand ihm. Rogue gefiel der Gedanke, dass sonst niemand Sting so zu Gesicht bekommen würde.

Dieser Gedanke muss ihm irgendwie anzusehen sein, denn Sting grinste zufrieden, drehte sich um und legte seinen Kopf in Rogues Schoß. Verdutzt blickte der Schwarzhaarige zu seinem Freund hinunter, doch der hatte die Augen geschlossen und atmete tief ein. Eine Strähne hing ihm dabei vorwitzig in die Augen und ganz automatisch strich Rogue sie zurück und fuhr mit den Fingern dann durch die weichen, blonden Haare, strich über die Kopfhaut. Sting seufzte wohlig, weshalb Rogue weiter machte. Seine Fingerspitzen kribbelten dabei und ihm wurde behaglich warm.

In der Höhle roch es ganz intensiv nach Sting, wie ihm jetzt auch auffiel. Seine Skepsis wegen dieses Kindheitsrelikts war schon längst verflogen. Vielmehr fühlte er sich hier drin so losgelöst, so zufrieden, dass er gar nicht wusste, wohin mit all diesen Gefühlen.

Stings Griff nach seiner Hand ließ den Schwarzhaarigen innehalten und runter blicken. Sein Freund hatte die Augen wieder geöffnet und blickte seltsam verklärt zu ihm hoch. Er führte Rogues Hand zu seinen Lippen und küsste den Handteller. Von der Stelle, wo die Lippen seine Haut berührt hatten, breitete sich ein intensives Kribbeln in Rogues gesamten Körper aus. Ihm stockte der Atem. Er war wie benebelt.

Sting richtete sich wieder auf und setzte sich neben ihn, rieb dabei mit seiner Schulter an Rogues.

„Hast du schon gegessen?“, fragte er mit belegter Stimme.

Der Schwarzhaarige schüttelte nur den Kopf. Er konnte seiner eigenen Stimme nicht mehr vertrauen.

„Willst du essen?“

Wollte er? Bevor er von Sting in die Höhle gezogen worden war, hatte er Hunger gehabt, aber jetzt war das völlig in den Hintergrund gerückt. Die Vorstellung, jetzt die Höhle zu verlassen, kam ihm geradezu frevelhaft vor.

Langsam schüttelte er wieder den Kopf.

„Gut…“, krächzte Sting und beugte sich wieder vor.

Nur allzu bereitwillig kam Rogue ihm entgegen…

Noch einmal Aufwachen (Kleine Gesten)

Ein vorwitziger Sonnenstrahl mogelte sich durch einen winzigen Spalt in der Höhle und kitzelte Stings Nase. Brummelnd drehte der Blonde sich herum und stieß an einen warmen, männlichen Körper. Einen nackten Körper, dessen Geruch Sting richtig benommen machte.

Seufzend schmiegte Sting sein Gesicht in die Halsbeuge des Mannes und zog die Decke über ihnen Beiden wieder zurecht. Eine Hand auf seiner Hüfte ließ Sting wohlig erschaudern, aber er ließ sich von Wärme und Geruch wieder einlullen und döste friedlich weiter…

Bis irgendwo außerhalb der Höhle ein Piepen erklang. Ein monotoner, sich ständig wiederholender Ton. Von allen grauenhaften Weckern auf der ganzen, weiten Welt war das mit Abstand der schlimmste, den Sting jemals gehört hatte – und er wusste genau, wem dieser Wecker gehörte.

Er schnaufte protestierend, als der warme Körper sich von ihm löste, und drehte sich schmollend herum, um zu beobachten, wie Rogue zum Ausgang der Höhle kroch und nach seiner Tasche fischte, um das Handy heraus zu holen und den Wecker auszuschalten.

Ungeniert betrachtete er jede Einzelheit am Körper des Mannes, der zwanzig Jahre lang sein bester Freund gewesen war. Von der blassen Haut hoben sich am Hals und an den Armen mehrere Male ab, die Sting mit einer tiefen Zufriedenheit erfüllten. An seiner linken Schulter spürte er auch mindestens zwei solcher Male. Die schwarzen Haare des Jurastudenten waren zerzaust, was ihm ausgesprochen gut stand, obwohl Sting gegen den sonst üblichen Pferdeschwanz gewiss nichts einzuwenden hatte. Rogue könnte mit seinen Haaren machen, was er wollte, er wäre immer heiß…

Über seine eigenen Gedanken amüsiert schüttelte Sting den Kopf. Er hatte auch früher schon guten Sex gehabt und seinen bisherigen Beziehungen durchaus einiges abgewinnen können, aber all das verblasste im Vergleich zu dem, was er in der vergangenen Nacht mit Rogue geteilt hatte. Eine einzelne Berührung des Schwarzhaarigen reichte Sting, um ihn regelrecht zu elektrisieren. Und Rogues Küsse… Nein, dafür gab es gar keine Worte!

Nachdem Sting Rogue in die Höhle gezogen hatte, hatten sie sich unendlich oft geküsst, hatten eigentlich nur Pausen gemacht, wenn ihnen der Sauerstoff ausgegangen war. Ihrer Sachen hatten sie sich nur nach und nach und beinahe beiläufig entledigt, zu gefangen waren sie von der Berührung ihrer Lippen gewesen. Irgendwann waren ihre Hände auf Wanderschaft gegangen, hatten den Körper des jeweils anderen erkundet und liebkost und schließlich auch erregt, alles ganz langsam und sanft und genüsslich. So zärtlichen, erfüllenden Sex hatte Sting nie zuvor gehabt!

„Weißt du eigentlich, dass man dir ganz genau ansieht, was du gerade denkst?“

Überrascht blinzelnd blickte Sting zu Rogue auf, dessen Gesicht auf einmal wieder direkt über ihm war. Die Lippen des Schwarzhaarigen umspielte ein amüsiertes Lächeln, dem ein Hauch Lüsternheit anhaftete, der Stings Mund trocken werden ließ. Hatte Rogue eigentlich schon immer so einen verruchten Blick gehabt? Sting fühlte sich wie hypnotisiert davon.

„Ich habe keine Ahnung, was du meinst“, versuchte Sting, einen letzten Rest an Coolness zu bewahren, aber seine Stimme war verräterisch heiser. Seine Hand tastete nach Rogues Haut und fand die ausgesprochen attraktive Kehrseite des Schwarzhaarigen, um langsam darüber zu fahren.

Mit großer Befriedigung realisierte Sting trotz der dämmrigen Lichtverhältnisse in der Höhle eine Röte auf den blassen Wangen seines Freundes bei dieser Berührung. Ruckartig rollte er sich mit Rogue herum, bis er über diesen kniete, und drückte seine Lippen auf die Lippen seines Freundes. Das Seufzen, das Rogue bei diesem Kuss ausstieß, brachte Sting beinahe um den Verstand.

Als sie den Kuss lösen mussten, ließ Sting sich auf den blassen Körper sinken und genoss die intensive Nähe in vollen Zügen, die gleich noch viel behaglicher wurde, als Rogue die Arme um ihn schlang.

„Rogue…“, durchbrach er die Stille nach einer Weile, als ihm etwas einfiel.

Sein Freund brummte nur zum Zeichen, dass er ihn hört. Sein Atem strich dabei durch Stings Haare, was ihm schon wieder eine Gänsehaut beschwerte. Himmel, er war wirklich bis über beide Ohren verliebt!

„Warum hast du dir einen Handywecker gestellt, wenn du bei mir übernachten wolltest?“

Unter sich spürte Sting ein tiefes Seufzen und er hob den Kopf, um in Rogues Gesicht blicken zu können. Schon wieder waren die blassen Wangen gerötet. Sting hätte nie gedacht, dass der sonst so beherrschte Jurastudent so leicht in Verlegenheit zu bringen war. Diese Seite hatte etwas ausgesprochen Niedliches und Sting verspürte den Drang, diese entzückenden roten Wangen über und über mit Küssen zu bedecken.

„Ich wollte heute eigentlich mit Minerva pauken“, gestand Rogue kleinlaut.

Sting richtete sich etwas mehr auf. Na klar, es war Samstag und Rogue und Minerva hatten nicht mehr ewig Zeit bis zum Staatsexamen, das den Gerüchten nach ein echter Höllenritt sein sollte. Auf diese Prüfung arbeiteten die Beiden schon seit Jahren hin. Da war es nur logisch, dass sie jede freie Minute zum Lernen nutzen wollten.

„Dann solltest du vielleicht duschen gehen, sonst weiß Minerva sofort, was du heute früh gemacht hast“, schlug Sting vor, obwohl ihn der Gedanke, Rogue jetzt ziehen zu lassen, zutiefst betrübte.

„Die weiß das sowieso“, brummte Rogue und verdrehte die Augen auf beinahe kindisch schmollende Weise. „Ich habe das Gefühl, dass sie schon lange vor uns Beiden wusste, was zwischen uns läuft.“

Stings Wangen wurden heiß. Mit der Einschätzung hatte sein Freund wahrscheinlich Recht. An dem Tag, als sie von Minerva, Lucy und Yukino verkuppelt worden waren, hatte Minerva sie Beide gnadenlos in die Mangel genommen. Irgendwoher hatte sie gewusst, was der Auslöser für das vorangegangene Schweigen zwischen ihnen gewesen war, und sie hatte mehr als nur einmal betont, dass sie es ja schon seit Jahren gewusst hätte, dass es irgendwann so weit kommen würde.

„Du solltest dennoch lernen gehen, deine Prüfung ist wichtig“, versuchte Sting, vernünftig zu sein. So gerne er noch weiter mit seinem Freund Zeit verbringen würde, das lief ihnen ja nicht weg. Die Prüfung war wichtiger als ein paar… Schmusestunden – Sting hätte echt nie gedacht, dass er so ein Wort tatsächlich mal denken würde!

„Das Staatsexamen ist erst in sechs Monaten und die Prüfungen in den nächsten Wochen werden schon nicht so schlimm sein“, erwiderte Rogue jedoch und ergriff Stings Gesicht, um ihn herunter zu ziehen.

Vollkommen überrumpelt blickte Sting auf das Gesicht des Schwarzhaarigen hinunter. Er war so verblüfft, dass er den Kuss nicht einmal erwidern konnte, weshalb Rogue ihn wieder abbrach und mit erhobenen Augenbrauen zu ihm aufblickte.

„Was ist?“

„Ich hätte nicht gedacht, dass du jemals ein Lerntreffen mit Minerva sausen lassen würdest“, gestand Sting noch immer mit großen Augen.

Schon wieder zupfte dieses amüsiert-lüsterne Lächeln an Rogues Lippen. „Soll ich denn gehen?“

„Nein!“, platzte es auf Sting heraus, ehe er überhaupt darüber nachdenken konnte.

Im nächsten Moment wurden seine Wangen schon wieder warm. Bei allem, was ihm heilig war, er konnte einfach nicht klar denken, wenn Rogue ihn so ansah und dann auch noch so lächelte. Das gehörte verboten, jawohl!

„Da will ich schon mal vernünftig sein und dann bist du derjenige, der mich verführt“, schmollte er mit immer noch heißen Wangen und ließ sich wieder sinken.

„Ausnahmsweise mal“, raunte Rogue und dann spürte Sting feste Hände auf seinem Rücken, die langsam nach unten wanderten, während sich Rogues Lippen zärtlich gegen seine Stirn drückten. „Ich vermute mal, du hast nichts dagegen einzuwenden, noch ein paar Stunden hier zu bleiben, oder?“

Die Antwort ging in einem leisen Keuchen unter, als Rogues Hände sich auf Stings Kehrseite legten…

Das Sternbild des Löwen

Alterf – Das Kennenlernen
 

„Fullhouse!“

Von allen Seiten erklang Stöhnen, als Yukino grinsend den gesamten Gewinn zu sich rüber zog – Gummibärchentütchen, einzeln verpackte Bonbons, Schokoriegel und Zuckerstangen – und dann sorgsam aufschichtete.

„Wie kannst du so ein gutes Pokerface haben?“, fragte Gray ungläubig, dessen Topf nun komplett leer war, während Juvia neben ihm mit ihrer letzten Zuckerstange spielte.

Die Weißhaarige grinste nur geheimnisvoll. Von der anderen Seite des Tisches her zwinkerte Minerva ihr schalkhaft zu und Yukino zwinkerte vergnügt zurück. Sting und Rogue, die links von Minerva saßen, grinsten einander an, aber keiner der Vier verriet auch nur ein Sterbenswörtchen.

Lucy, die auf Nummer Sicher gegangen war, frühzeitig ausgestiegen war und daher noch genug Einsätze auf Reserve hatte, kicherte amüsiert. Natsu, der ebenfalls all in gegangen war, stützte das Kinn auf der Tischplatte ab und schmollte. Er war der lausigste Pokerspieler, den Yukino kannte. Sogar noch schlechter als Juvia, die ihre Mitspieler zumindest manchmal damit täuschen konnte, dass sie sich über die Kartenmotive freute – wobei man das kaum als Strategie bezeichnen konnte, da Juvia das nicht aus Kalkül heraus tat.

„Pause“, entschied Gajeel mürrisch, der nur noch drei Schokoriegel und einen Bonbon übrig hatte, und stand auf, um Getränke zu besorgen. Levy, deren Topf noch ordentlich voll war, eilte ihm kichernd hinterher. Aus Rücksicht auf Lucys Zustand hatten sie sich alle darauf geeinigt, nur alkoholfreie Getränke für die Verlobungsfeier von Natsu und Lucy zu besorgen. Dabei hatte Lucy sogar gesagt, dass es ihr nichts ausmachen würde, wenn sie sich ein Bierchen oder Wein gönnen würden, solange sie sich nicht abschossen, aber das hatte gar nicht zur Debatte gestanden. Sie waren sich alle einig gewesen, dass sie Alkohol nicht nötig hatten.

Während Gajeel mit einem bunt gefüllten Kasten in das abnorm große Esszimmer der Heartfilia-Villa zurückkam – Levy mit einer riesigen Familienpizza, die sie kaum richtig tragen konnte, hinterdrein –, mischten Meredy und Minerva die Karten neu, wobei sie nicht an allerlei Kartentricks sparten. Die Beiden waren in der geselligen Runde die versiertesten Spielerinnen. Dass Yukino die letzte Runde gewonnen hatte, lag auch daran, dass sowohl Minerva als auch Meredy aufgrund mieser Blätter frühzeitig ausgestiegen waren – denn wie Yukino gelernt hatte, sollte man nur mit einem miesen Blatt bis zum Äußersten weiter bieten, wenn man todsicher war, die anderen Spieler täuschen zu können.

Das Läuten der Türklingel ließ alle verwirrt aufblicken. Langsam stand Lucy auf. „Hast du noch jemanden eingeladen, Natsu?“

„Nein, wir hatten uns auf diese Fieslinge da geeinigt“, erklärte Natsu und warf einen bösen Blick in die Runde.

„Selbst schuld, wenn du gleich alles in die Mitte schiebst, obwohl du nur zwei Zweien hast“, zog Sting seinen zukünftigen Schwager auf.

„Idiot“, spottete Gray, worauf alle ihn und seinen ebenfalls leeren Topf vielsagend ansahen.

„Ihr Armen“, kicherte Lucy und strich zärtlich durch die Haare ihres Verlobten, ehe sie das Esszimmer verließ.

Minerva und Meredy verteilten gerade synchron die Karten, wobei sie es irgendwie schafften, einander überhaupt nicht ins Gehege zu kommen, als von der Tür ein freudiges Quietschen erklang, gefolgt von einem Lachen, das Yukinos Herz flattern ließ.

Nun waren alle neugierig und standen auf, um sich in den Eingangsbereich der großen Villa zu begeben, die schon seit mehreren Generationen im Familienbesitz der Heartfilias war. An der Tür stand Lucy und umarmte einen hochgewachsenen Mann in Natsus und Grays Alter, der einfach umwerfend gut aussah. Wie gebannt betrachtete Yukino das mähnenartig gestylte kupferfarbene Haar, die markanten Gesichtszüge und die braunen Augen. Obwohl der Mann aufgrund der eisigen Februartemperaturen einen Parka trug, war sich Yukino sicher, dass er einen gut trainierten Oberkörper hatte – und schon im nächsten Moment wurden ihre Wangen bei dem Gedanken an eben diesen Oberkörper heiß.

„Da brat’ mir doch einer nen Storch!“, lachte Sting und war mit wenigen Schritten bei der Tür, um den Fremden ebenfalls zu umarmen. „Loke, du Gauner, wieso hast du dich nie gemeldet?“

„War viel zu tun in Crocus“, erklärte der Mann mit einer tiefen Stimme, die schon wieder Yukinos Herz vibrieren ließ. Seine Lippen umspielte ein joviales Lächeln und seine Augen funkelten. „Aber da ich nun in Magnolia wohne, dachte ich mir, ich schaue mal bei meinen Lieblingscousins vorbei.“

„Alter Charmeur“, lachte Lucy und drehte sich mit strahlenden Augen zu den Anderen um. „Leute, das ist Loke, unser Cousin. Seine Eltern sind vor zehn Jahren nach Crocus gezogen und diese treulose Nudel hat den Kontakt einschlafen lassen.“

Der junge Mann zuckte mit einem unschuldigen Grinsen mit den Schultern und wandte sich Natsu zu, der zuerst vortrat und ihm die Hand anbot.

„Das ist Natsu, mein Verlobter“, erklärte Lucy voller Stolz und schenkte dem Pinkhaarigen ein verliebtes Lächeln, das Yukino als stiller Beobachterin unwillkürlich auch ein Lächeln entlockte. Sie freute sich sehr für ihre alte Schulfreundin, dass die den Mann fürs Leben gefunden hatte.

„Du Glückspilz“, gratulierte Loke und schlug in die Hand ein.

Dann wandte er sich den Anderen zu. Er reichte Rogue, der ganz am Rand stand, die Hand und dann stand er auf einmal direkt vor Yukino. Sie musste zu ihm aufblicken und auf ihre Wangen schlich sich noch mehr Hitze, als sie seinem Blick begegnete. Zaghaft reichte sie ihm die Hand, doch zu ihrem Erschrecken beugte er sich vor und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. Bei der Berührung seiner Lippen wurde Yukino abwechselnd heiß und kalt.

„Und du bist…?“, fragte er mit vibrierender Stimme und blickte aus seiner gebeugten Haltung zu ihr auf, ihre Hand noch immer in seiner haltend, seine Lippen ganz nahe an ihrem Handrücken, sodass sie seinen Atem spüren konnte. Der Weißhaarigen gaben beinahe die Knie nach.

„Yu-yukino Aguria“, stammelte sie mühsam.

„Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Yukino Aguria“, raunte er vertraulich, ehe er endlich ihre Hand losließ und sich wieder aufrichtete, um sich dem nächsten zu zuwenden.

Als er Meredys Hand ebenfalls küssen wollte, ergriff diese die seine und schüttelte sie kräftig, während sie mit der Linken eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich, sodass ihr Ehering gut zur Geltung kam. „Meredy Vastia“, erklärte sie bestimmt.

„Lyon Vastia“, stellte sich ihr Mann vor und schüttelte Lokes Hand, doch seine sonst so entspannte Miene wirkte nun etwas steif.

Als nächstes kam Minerva, deren Miene unverhohlen abweisend war. Sie bot Loke ihre Hand nicht an, sondern nannte ihm nur ihren Namen, sodass er sich schnell der neben ihr stehenden Juvia zuwandte.

Mit einem verärgerten Stirnrunzeln legte Gray den linken Arm um die Schultern seiner Freundin, sodass sie ihre rechte Hand nicht heben konnte, und reichte Loke die Hand. „Gray Fullbuster und Juvia Lockser“, erklärte er angespannt.

Lokes Mundwinkel zuckten, als er dem Paar zunickte und sich dann Levy zuwandte. Allerdings beließ er es nach einem Blick auf Gajeels finstere Miene auch bei ihr bei einem Nicken, nachdem sie ihm ihren Namen genannt hatte und danach noch den ihres Freundes, der keine Anstalten machte, dem Fremden die Hand zu reichen.

Dann stellte sich unbehagliches Schweigen ein. Yukino bemerkte, wie Lucy und Sting einander unruhig ansahen, während Loke immer noch mit milde zuckenden Mundwinkeln die Hände in die Taschen seines Parkas schob. „Nun, ich will nicht eure Party sprengen, eigentlich wollte ich sowieso zu Tante Layla.“

„Ma ist mit Jude im Urlaub“, erklärte Sting. „Jude hat sich endlich mal Zeit freischaufeln können. Die Beiden sind erst in anderthalb Wochen wieder da.“

„Dann komme ich ein anderes Mal wieder“, verkündete Loke unbeschwert und ging zurück zur Tür. Noch einmal umarmte er Lucy, die jedoch zu verwirrt war, um die Geste richtig zu erwidern, und klopfte Sting auf die Schulter. „War schön, euch mal wieder zu sehen. Ich melde mich demnächst.“

„Und es war nett, eure Bekanntschaft zu machen“, fügte er mit einem weiteren jovialen Lächeln in die Runde hinzu. Für einige Sekundenbruchteile begegnete sein Blick Yukinos und schon wieder wurde der Weißhaarigen ganz schwummrig zumute. Bildete sie sich das ein oder schenkte er ihr ein ganz spezielles Lächeln? „Bis zum nächsten Mal“, sagte er noch etwas leiser, dann drehte er sich um und trat aus der Tür.

Noch immer schwiegen die Freunde, bis Sting, der sich unbehaglich den Nacken rieb, vorschlug, dass sie sich erst einmal über das Essen hermachen sollten, das in der Küche bereit stand. Benommen folgte Yukino ihren Freunden zurück ins Esszimmer, als Minerva sie mit einem Zupfen am Ärmel zurück hielt. Ihre olivgrünen Augen musterten Yukino sorgsam.

„Ist alles in Ordnung?“

War es das? Noch immer hatte Yukino das Gefühl, Lokes Lippen auf ihrer Hand zu spüren. Ihre ganze Hand kribbelte davon und bei der Erinnerung an Lokes Augen flatterte ihr Herz sofort wieder. Sie hatte schon ein paar Mal mit Jungen und Männern geflirtet. Allein ihr Job im Cherry Blossom brachte das nun einmal mit sich. Aber so hatte sie sich wirklich noch nie gefühlt!

„I-ich… ich denke schon“, antwortete sie heiser, weil sie sonst nicht wusste, was sie sagen sollte.

Das schien Minerva jedoch nicht zufrieden zu stimmen. Die Schwarzhaarige knirschte sogar leise mit den Zähnen. „Du solltest diesen Lackaffen gleich wieder vergessen. Der ist nur auf ein flüchtiges Abenteuer aus. Du hast etwas Besseres verdient“, erklärte sie mit gedämpfter Stimme und brachte Yukinos kurze Haare durcheinander, ehe sie den Anderen in die Küche folgte, die sich dort eine Salatschüssel oder eine Platte oder einen Korb schnappten, um alles ins Esszimmer zu bringen, wo Sting und Rogue bereits den Tisch vorbereiteten.

Die Beiden Freunde blickten aufmerksam zu Yukino, die mitten im Raum stand und sich geistesabwesend die Haare wieder glatt strich. Hatte Minerva wirklich Recht? War Loke so oberflächlich? Yukino konnte es sich selbst nicht erklären, aber der Gedanke machte sie entsetzlich traurig…
 

Delta Leonis – Das Verhör
 

Einige Dinge würden sich wohl nie ändern und dieses Mal hatte Loke es mit einer Sache zu tun, von der er auch inständig hoffte, dass sie sich nie ändern würde. Ja, er mochte jetzt seinen extrem sturen Cousins gegenüber sitzen, die von ihm Rede und Antwort verlangten, aber das war ihre Art, sich um ihn zu sorgen – und er wusste gar nicht mehr, wie lange es her war, dass sich jemand um ihn gesorgt hatte. Es war ein gutes Gefühl. Vielleicht hätte er schon früher nach Magnolia zurückkehren sollen, aber gut, er hatte Gründe für sein Fernbleiben gehabt und auch jetzt noch machten diese Gründe ihm zu schaffen.

„Also…“, begann Lucy, während sie ihre Teetasse wieder abstellte, von der sie vorsichtig genippt hatte, ohne Loke aus den Augen zu lassen. Sie war noch genauso resolut wie früher. Beinahe wurde der junge Mann wehmütig bei so vielen schönen Kindheitserinnerungen. „Was hast du in den letzten zehn Jahren getrieben, dass du dich nie bei uns melden konntest oder wolltest?“

Mit dieser Frage hatte Loke gerechnet und er hatte sich eine passende Antwort zurechtgelegt, aber nun zögerte er doch, seinen Text einfach runter zu rattern. Zu gerne hätte er Lucy und Sting einfach alles erzählt, schon damals, als alles vor die Hunde gegangen war, aber damals wie heute schämte er sich viel zu sehr für all den Scheiß, den er verbockt hatte. Wie könnte er ihnen, die ihr Leben wunderbar gemeistert hatten – hey, Lucy war immerhin verlobt und im dritten Monat schwanger, wie er mittlerweile erfahren hatte, während Sting als KfZ-Mechaniker arbeitete, wie er es als Kind schon gewollt hatte, und sich auf seine Meisterprüfung vorbereitete –, erzählen, wie katastrophal er versagt hatte?

„Ich musste mich damals an alles neu gewöhnen und es sind einige Sachen zusammen gekommen, da war nie die Zeit, um sich bei euch zu melden“, sagte Loke also doch, obwohl er sich auch dafür schämte. „Ich habe meinen Schulabschluss nur mit Ach und Krach geschafft, deshalb musste ich nach einem Job suchen, mit dem ich mich über Wasser halten konnte, und na ja, es klappt zwar, aber er frisst ganz schön viel Zeit…“

„Was ist das denn für ein Job, der dir nicht einmal einen einfachen Anruf gestattet?“, fragte Sting Stirn runzelnd, während er die mit Zimt bestreute Sahne seiner Heißen Schokolade löffelte.

Loke rang sich ein joviales Lächeln ab, wie er es sich schon vor einigen Jahren antrainiert hatte. „Ich bin Model.“

Die Reaktionen seiner Cousins fielen ziemlich genau so aus, wie er es erwartet hatte. Zuerst starrten sie ihn einfach nur ungläubig an, dann wurde Lucys Miene nachdenklich und Stings Miene skeptisch. Schon wieder wurde Loke wehmütig. Er hatte die Beiden echt vermisst und am liebsten würde er ihnen das einfach sagen, aber dann müsste er auch mit dem Rest der Geschichte rausrücken und das konnte er einfach nicht. Noch nicht.

Er schob ihnen eine Zeitschrift zu, den Weekly Sorcerer, auf dem Cover war eine junge Frau mit dunkelbraunen Haaren, kurvig-sportlicher Statur und einem Tattoo auf der linken Taille. Sie trug einen dunkelblauen Bikini mit Schnörkelmuster und grinste verschmitzt in die Kamera, während sie sich an eine Säule lehnte, ein Fuß daran abgestützt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt.

„Ich bin damals in Crocus gewissermaßen rein gerutscht und es hat Spaß gemacht und brachte Geld. Jetzt habe ich mit dem Umzug die Agentur gewechselt und arbeite für den Weekly Sorcerer“, erklärte Loke lässig. „Seite Siebzehn.“

Lucy blätterte auf die entsprechende Seite. Darauf waren mehrere Fotos von Loke in verschiedenen Outfits, die größtenteils immer seinen Oberkörper frei ließen, entweder komplett oder indem das Hemd nicht zugeknöpft worden war. Sting sah gleich noch skeptischer aus, als er den Blick von der Illustrierten hob. „Früher hast du dich über so etwas lustig gemacht.“

„Früher hat Lucy für den Englischreferendar geschwärmt, heute ist sie mit einem Tischler verlobt“, erwiderte Loke mit einem Schulterzucken.

„Das ist schon etwas anderes“, meinte Lucy spitz und schob die Zeitschrift wieder über den Tisch. „Hast du dich deshalb gegenüber unseren Freunden so… affektiert verhalten?“

Loke grinste ungerührt. „Ich hab’ schon gemerkt, die waren nicht gerade begeistert von mir, oder?“

„Das ist noch untertrieben“, murmelte Sting in seine Heiße Schokolade hinein, ehe er seinen Cousin über den Rand seiner Tasse hinweg scharf musterte. „Aber du hast Lucys Frage nicht beantwortet. Was sollte diese Macho-Nummer mit Yukino?“

Es kostete ihm wirklich Kraft, das Grinsen beizubehalten, aber er schaffte es, während er antwortete: „Was für eine Macho-Nummer? Sie ist süß, ich wollte ein bisschen flirten. Hätte ich ahnen können, dass sie Wachhunde hat?“

„Diese Wachhunde sind Rogue und Minerva und glaub’ mir, mit denen willst du es dir nicht verscherzen“, mischte Lucy sich ein. Noch immer sah sie nachdenklich aus. „Loke, früher warst du nicht so.“

„Wie denn so?“, fragte er provokant nach, obwohl er genau wusste, was seine Cousine meinte.

„So…“

„Ein Blender? Ein Weiberheld? Ein Vollidiot?“, half Sting unverblümt nach.

Das war hart. Gerade weil es von Sting kam und weil Lucy auch keinen Protest erhob. Aber am härtesten war, dass sie Recht hatten. Doch Loke überspielte es, indem er sich theatralisch an die Brust fasste und passend stöhnte. „Wie grausam von euch!“

Sting brummte genervt und auch Lucy runzelte verärgert die Stirn, aber keiner der Beiden ließ sich provozieren. Dabei hatten sie nicht unbedingt das ruhigste Gemüt. Loke hätte gedacht, dass es einfacher wäre, aber insgeheim war er ihnen auch dankbar. Was für eine Scheiß Situation!

„Hört mal, das da ist nur ein Job. Ein gut bezahlter Job“, erklärte Loke und tippte auf die Illustrierte vor sich. „Das mit der Kleinen war nur ein Jux. Ich wollte ihr nicht zu nahe treten.“

„Die Kleine heißt Yukino, du Vollpfosten“, knurrte Sting, aber er verstummte, als Lucy ihm eine Hand auf den Arm legte. Bei allem, was ihm heilig war, nicht einmal das hatte sich bei den Beiden geändert!

„Loke, was auch immer du sonst noch aus Jux mit Frauen machst, mach’ das nicht mit Yukino oder Juvia“, sagte Lucy ruhig, aber Loke hörte ihre Warnung nur zu deutlich heraus. Schon damals hatte Lucy sich immer für ihre Freunde eingesetzt. Das war einer von vielen Punkten gewesen, warum Loke sie so sehr gemocht hatte. Aber Lucy wäre nicht Lucy, wenn sie nicht auch Klartext sprechen würde: „Du gehörst zur Familie Loke, egal was du hier gerade für eine Nummer abziehst. Aber wenn du einer meiner Freundinnen weh tust, werde ich sauer – und ich bin momentan vollgestopft mit verrückten Hormonen, also lege es lieber nicht darauf an.“

„Ich hänge an meinem Leben, also keine Sorge, ich werde mich von euren Freundinnen fernhalten“, erwiderte Loke nachlässig und stand auf, wobei er seine Geldbörse aus der Gesäßtasche grub und einen Geldschein heraus zog, der ein großzügiges Trinkgeld versprach. „Ich lade euch zur Feier des Tages ein. Lasst es euch gut gehen. Wir sehen uns.“

Er wollte schon in Richtung der attraktiven Kellnerin, die ihn und seine Cousins vorhin bedient und dabei ziemlich eindeutige Signale ausgesendet hatte, verschwinden, aber Sting fischte blitzschnell den Schein aus Lokes Hand und wedelte damit herum. „Danke für die Einladung. Das nächste Mal geht auf mich, ich kenne ein gutes Steak House.“

Verdutzt blickte Loke zu den Beiden hinunter. Obwohl er sich wie ein Ekel verhalten hatte, sahen weder Sting noch Lucy besonders feindselig aus. Im Gegenteil, Beide blickten besorgt und ernst zu ihm auf. Für einen Moment wurde Loke schwindelig. Um das zu kaschieren, schob er seine Sonnenbrille wieder richtig auf die Nase, aber er bemerkte selbst, dass seine Finger zitterten. Verdammtes rührseliges Pack…

„Du glaubst wohl, nur weil ich Model bin, kommst du billig aus der Nummer raus, hm?“

„Unwahrscheinlich, wenn Lucy mit dabei ist“, erwiderte Sting glucksend, wofür Lucy ihm mit beleidigt aufgeblasenen Wangen in die Seite kniff.

Für einige Sekunden vergaß Loke völlig, was in den letzten zehn Jahren alles schief gelaufen war. Er legte den Kopf in den Nacken und lachte ausgelassen. Wann hatte er das letzte Mal ehrlich gelacht? Es tat so unglaublich gut. Noch kichernd legte er einen Arm um Lucy und drückte sie kurz an sich, ehe er Sting kameradschaftlich gegen die Schulter boxte.

„Leg’ dich nicht mit deiner Schwester an, Sting, gegen Lucy ist kein Kraut gewachsen“, prustete er, ehe er zwei Finger zu einem lässigen Salut an die Stirn hielt. „Bis die Tage.“

Während er sich durch die Tische zum Ausgang des Cafés schlängelte, bemerkte er den hoffnungsvollen Blick der Kellnerin, aber er verspürte nicht die geringste Lust, sich noch ihre Nummer zu besorgen. Heute Abend brauchte er keine Zerstreuung. In seinen Gedanken geisterte ohnehin das Bild einer süßen Weißhaarigen mit entzückend geröteten Wangen und sanften braunen Augen herum – und er wollte dieses Bild nicht durch etwas Bedeutungsloses besudeln. Zumindest für heute Abend wollte er sich dem Glauben hingeben, dass alles gut werden konnte. Dass er sein Leben vielleicht doch noch auf die Reihe kriegen konnte…
 

Aldhafera – Die Warnung
 

Eigentlich vertrat Yukino die Ansicht, dass man Menschen in der Not immer helfen sollte, sofern es denn im Bereich des Möglichen lag – aber heute wünschte sie sich, sie wäre abgebrüht genug gewesen, Gray einfach mit seiner Lucy-Schicht alleine zu lassen.

Nicht dass Lucy mit ihren Schwangerschaftshormonen tatsächlich schwieriger als früher wäre – Yukino verbrachte nach wie vor unglaublich gerne Zeit mit ihrer alten Schulfreundin! –, aber der Blonden beim Essen Gesellschaft zu leisten, war so ziemlich die härteste Prüfung, die man sich vorstellen konnte. Zuerst hatte Yukino es ja für übertrieben gehalten, als Gray, kaum dass sie ihm gesagt hatte, Juvia würde nach ihm suchen – eine kleine Notlüge sollte ja wohl erlaubt sein –, aufgesprungen und mit grünlichem Gesicht an ihr vorbei gehastet war, aber jetzt war ihr selbst danach zumute, aufzuspringen und zum nächsten Klo zu rennen. Es gab doch diese ganzen Schauergeschichten darüber, was für verrückte Essenkombinationen Schwangere in sich hinein schaufelten – und in Lucys Fall waren die allesamt sogar noch untertrieben.

Während um sie herum der ganz normale Mensa-Trubel herrschte, beobachtete Yukino mit einem unangenehmen Gluckern im Bauch, wie ihre Freundin sich eine Scheibe Vollkornbrot mit mehreren Schichten belegte, die in der Kombination einfach nur grausam waren. Hering, Rote Beete, fettarmer Käse, Gurke, Hähnchenbruststreifen und obenauf Apfelringe. Zugegeben, es war schon ein Kunststück, das alles auf eine einzige Brotscheibe zu kriegen und davon abzubeißen, ohne dass der Turm gleich wieder in sich zusammen fiel, aber Yukinos Magen fühlte sich allmählich an, als würde er sich gleich nach außen stülpen.

Um sich abzulenken, hatte sie ihre Aufzeichnungen für das Referat heraus geholt, das sie in zwei Wochen halten musste, aber ihr Blick wurde immer wieder wie magisch von der Mahlzeit ihrer Freundin angezogen. Es war wie bei einem Autounfall – man wollte weg sehen, aber man konnte einfach nicht. Sogar an einigen der Nachbartische beobachteten die Leute dieses absonderliche Schauspiel beinahe schon wie gebannt.

Als Lucy eine weitere Scheibe Brot heraus holte und diese zuerst mit Senf bestrich, ehe sie Tomatenscheiben darauf verteilte, suchte Yukino geradezu panisch nach einem Gesprächsthema, um die Blonde abzulenken. Ohne noch einmal darüber nachzudenken, platzte sie mit dem erstbesten heraus, was ihr in den Sinn kam: „Wie geht es eigentlich deinem Cousin? Hat er sich schon wieder in Magnolia eingelebt?“

Lucys Kopf ruckte hoch. Für einen Moment war Yukino einfach nur dankbar, denn Lucy verschwendete jetzt offensichtlich keinerlei Gedanken mehr an die Konstruktion auf ihrem Teller. Doch dann wurde der Weißhaarigen klar, was für ein heikles Thema sie dort angeschnitten hatte. Heikel vor allem für sie selbst.

Seit Loke vor zwei Monaten in Natsus und Lucys Verlobungsfeier hinein geplatzt war, war Yukino ihm nicht noch mal begegnet, dennoch bekam sie ihn nicht aus dem Kopf. Noch immer glaubte sie manchmal, das Kribbeln auf ihrer Hand zu spüren, das seine Lippen verursacht hatten, und der Blick seiner braunen Augen verfolgte sie bis in ihre Träume.

„Gut, glaube ich“, sagte Lucy langsam. „Sting und ich treffen ihn hin und wieder mal auf einen Kaffee, aber für mehr hat er nie Zeit. Sein… Job nimmt ihn ganz schön in Anspruch.“

„Was ist das denn für ein Job?“, fragte Yukino verwirrt. Bislang hatten Lucy und Sting nie irgendetwas über Loke erzählt. Dabei waren die Beiden normalerweise nicht solche Geheimniskrämer.

„Er modelt für den Weekly Sorcerer“, erklärte die Schwangere wenig begeistert.

Unwillkürlich stellte sich Yukino den jungen Mann bei einem Fotoshooting vor. Wie er sich in Pose warf und dabei wieder dieses verführerische Lächeln aufsetzte… Ihre Wangen wurden heiß und zu ihrem Entsetzen bemerkte sie, dass ihre Freundin das sofort bemerkte.

Verschwörerisch beugte Lucy sich vor. „Yukino, du schwärmst doch nicht etwa für Loke?“

„N-natürlich nicht! Ich kenne ihn doch gar nicht richtig“, quietschte die Weißhaarige hastig, aber sie wusste genau, dass sie sich schon verraten hatte.

„Also ja“, seufzte Lucy und lehnte sich wieder zurück, ihre Miene auf einmal sehr angespannt.

Yukino hätte mit einem begeisterten Verhör oder mit Verkupplungsplänen oder irgendetwas in der Richtung gerechnet, aber nicht damit. Das vertrieb ihre Verlegenheit beinahe augenblicklich und ließ sie sogar die Stirn runzeln.

„Sollte ich etwa nicht?“

Ihre Freundin schien mit sich zu hadern, aber schließlich beugte sie sich vor. Sofort folgte Yukino der wortlosen Aufforderung und beugte sich ebenfalls vor, damit sie Lucys gedämpfte Stimme verstehen konnte.

„Wir wissen nicht genau, was mit ihm ist. Er scheint große Probleme zu haben und wir vermuten, dass er diese Probleme schon seit zehn Jahren hat. Eben seit er damals einfach den Kontakt abgebrochen hat. Aber er umschifft das Thema immer und wir können ihn ja schlecht dazu zwingen, es uns zu sagen. Wir hoffen darauf, dass er sich uns irgendwann anvertraut.“

Manchmal hatte die Blonde ja einen gewissen Hang zur Theatralik, aber davon war ihr nun wirklich nichts anzumerken. In Lucys braunen Augen erkannte Yukino aufrichtige Sorge und sogar Angst. Loke war ihr und Sting eindeutig wichtig.

„Wieso seid ihr damals eigentlich nie selbst mal nach Crocus gereist, um Loke zu besuchen?“, fragte Yukino vorsichtig.

„Sind wir doch. Zweimal sogar“, erklärte Lucy mit einem frustrierten Seufzen. „Aber beim ersten Mal hat Tante Liza gesagt, Loke wäre nicht Zuhause, und beim zweiten Mal waren sie umgezogen. Wir hatten nie einen besonders guten Draht zu Tante Liza. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten wir Loke auch gar nicht kennen gelernt, aber er war damals neugierig auf uns und stand eines Tages vor unserer Haustür. Fünf Jahre lang haben wir uns regelmäßig mit ihm getroffen, bis er eben mit seinen Eltern nach Crocus gezogen ist. Er hat damals versprochen, dass er mit uns in Kontakt bleiben würde…“

Der Schmerz, der sich in Lucys Gesichtszügen abzeichnete, stach Yukino unwillkürlich ins Herz. Ihr war klar, dass Loke für Lucy fest zur Familie gehört hatte, und dass es ihr sehr weh getan hatte, als er einfach aus ihrem Leben verschwunden war. Yukino fragte sich, wie sie sich fühlen würde, wenn zum Beispiel Minerva nicht mehr wäre. Das würde eine klaffende Lücke hinterlassen!

„Jedenfalls“, erhob Lucy wieder das Wort und ihr Blick war nun ganz eindringlich auf Yukino gerichtet, „weiß ich nicht, ob Loke momentan überhaupt in der Verfassung für eine Beziehung ist.“

„Ich habe doch gar nicht gesagt, dass ich eine Beziehung mit ihm will“, protestierte Yukino mit sofort wieder flammend roten Wangen.

„Und ich habe nichts von einer Beziehung speziell mit dir gesagt“, erwiderte Lucy neckisch, aber ihre Miene wurde sofort wieder ernst. „Wirklich, Yukino, Loke ist momentan in einer Casanova-Phase und ich glaube kaum, dass das etwas für dich ist. Ich sage ja nicht, dass du dich von ihm fernhalten sollst. Im Grunde seines Herzens ist er schwer in Ordnung. Du solltest nur seine Flirts nicht so an dich heran lassen. Er macht das leider mit einer Menge Frauen.“

Mit einem unbestimmten „Hm“ lehnte Yukino sich zurück und senkte ihren Blick auf ihre Referatsnotizen, ohne diese tatsächlich zu sehen. Sie wusste nicht, warum, aber irgendwie machte sie der Gedanke traurig, dass Lokes Begrüßung damals überhaupt keine Bedeutung haben sollte. Warf er wirklich allen Frauen diese intensiven Blicke zu? Schenkte er allen dieses feine Lächeln? Yukinos Herz tat richtig weh bei der Vorstellung.

Aber das war doch albern! Sie kannte Loke doch gar nicht und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihm zufällig noch mal begegnen würde, war sehr gering. Immerhin war Magnolia kein Dorf und Loke war ganz offensichtlich schwer beschäftigt. Sie hatte sich da nur zu einer kleinen Spinnerei hinreißen lassen, genau!

„Yukino?“

Die Weißhaarige blickte auf. Noch immer sah ihre Freundin sie sehr besorgt an. Yukino rang sich ein beruhigendes Lächeln ab. „Er hat mich damals nur aus dem Konzept gebracht, Lucy, du musst dir nicht so viele Gedanken darum machen. Wenn er sich nicht auf einmal in den Astronomie-Trakt oder ins Cherry Blossom verirrt, werde ich ihn sowieso in nächster Zeit nicht sehen.“

„Du hast wohl Recht“, murmelte Lucy und griff nachdenklich nach einer weiteren Box, aus welcher sie Ananasringe holte, welche sie auf die Brotscheibe mit dem Senf und den Tomaten legte. „Wenn er sich nicht mehr so machohaft gibt, lade ich ihn mal zu einem unserer Treffen ein. Vielleicht werden Gray und die Anderen ja doch noch warm mit ihm.“

Machohaft. Casanova-Phase. Lackaffe.

Die Worte stießen Yukino sauer auf. Sie vertraute Minerva und Lucy blind und sie wollte ihre Warnungen keineswegs in den Wind schlagen, aber ihre Urteile über Loke gefielen ihr irgendwie nicht. Sie hatte dabei das Gefühl, dass sie Loke schweres Unrecht taten, wofür sie sich selbst gleich wieder einen Dummkopf schalt. Sie kannte den jungen Mann doch gar nicht, wie konnte sie also wissen, ob er nicht tatsächlich ein Casanova war?

Und doch…

Yukinos Gedanken verflüchtigten sich, als ihre beste Freundin auf einmal in die Höhe schoss und in Richtung Toilette hechtete. Schnell raffte sie ihre und Lucys Sachen zusammen – nur das grauenhafte Werk, das sich Mittagessen schimpfte, musste sie zurücklassen – und eilte ihrer Freundin hinterher. Aus der dritten Kabine von links erklangen ziemlich eklige Würgegeräusche. Eine Studentin, die an der halboffenen Kabinentür vorbei ging, rümpfte angeekelt die Nase, wofür Yukino ihr eine Grimasse schnitt. Sie legte die Sachen ab und ging zu ihrer besten Freundin, um ihr über den Rücken zu reiben.

In einer Operationsbesprechung hatte Natsu sie und alle Anderen bereits darauf vorbereitet, dass die Kotzanfälle seiner Verlobten jedes Mal ohne Vorwarnung kamen. Alle Eingeweihten wussten schon längst, was Lucy dann am besten half, und daher konzentrierte Yukino sich jetzt voll und ganz auf ihre beste Freundin. Für Gedanken an irgendetwas anderes hatte sie jetzt überhaupt keine Zeit.
 

R Leonis – Die Kollegen
 

„Cool, cool, coooooool!“

Loke unterdrückte ein genervtes Seufzen, als Jason neben Warren, dem Fotobearbeiter, auf und ab hüpfte, der auf seinem IPad die Bilder vom gerade abgeschlossenen Shooting durch ging. Schön und gut, dass Jason immer mit Feuereifer dabei war, aber Loke konnte bei weitem nicht so viel Begeisterung für ein paar Bilder aufbringen. Nicht einmal am Anfang, als es noch Spaß gemacht hatte, war er jemals so ausgerastet.

Er schlüpfte in den Bademantel, den die Assistentin Enno ihn reichte, wobei ihr Blick einmal ausgiebig von unten nach oben über seinen Körper wanderte, ehe sie ihn mit einem ziemlich eindeutigen Lächeln bedachte. Loke erwiderte das Lächeln mit einem Zwinkern. Warum eigentlich nicht? Mit Enno war es immer so schön unkompliziert…

„Oi, Loke, altes Haus, endlich fertig?“

Jemand schlug Loke hart gegen die Schulter, aber er kannte das bereits und war darauf gefasst, weshalb es ihn nicht wie am ersten Tag ins Straucheln brachte. Er drehte sich zu einer jungen Frau mit langen, dunkelbraunen Haaren um, die bereits ihre Straßenkleidung trug. Ein blaues bauchfreies Top, eine braune Lederjacke und schwarze Hüftjeans. Cana Alberona, der Star des Weekly Sorcerer. Sie war schon genauso lange wie Loke in der Branche, aber im Gegensatz zu ihm hatte sie noch immer Spaß daran. Schon oft hatte Loke sie darum beneidet. Alles wäre so viel einfacher, wenn er das hier auch lustig finden könnte.

„Jason wollte dieses Mal aber besonders viele Bilder von dir. Vielleicht will er dich aufs Cover bringen, um die Verkaufszahlen anzukurbeln“, lachte Cana munter. „Dann brauchen wir ne eigene Abteilung für deine Fanpost.“

Loke grinste unverbindlich. „Wir hatten bei meiner Einstellung ausgemacht, dass ich nicht aufs Cover komme.“

„Och, wenn die Redakteure das anders entscheiden, haben wir Hupfdohlen nicht mitzureden“, erwiderte Cana mit einer wegwerfenden Handbewegung und einem unbekümmerten Grinsen. „Was soll’s? Wird dir schon nicht schaden.“

Da war Loke anderer Meinung, aber er wusste, dass Cana das nicht verstehen würde. Nicht weil sie dumm wäre. Soweit er wusste, besuchte sie sogar aus Spaß einige Kurse an der Universität. Aber das hier war ihre Welt. Sie war nicht wie er von der Straße weg gecastet worden, sondern hatte sich gezielt beworben.

„Lass’ uns feiern gehen, Loke. Kamika, Cosmos und Eve sind auch mit dabei.“

„Eigentlich hatte ich schon etwas vor…“, begann Loke lässig und sah sich absichtlich offensichtlich nach Enno um.

Cana wackelte verstehend mit den Augenbrauen und grinste gleich noch breiter. „Schon kapiert.“ Und dann holte sie zu Lokes Entsetzen Luft und pfiff laut, um die Aufmerksamkeit der Set-Assistentin auf sich zu ziehen. „Jo Enno, hast du Lust, mit uns feiern zu gehen?“

Die Violetthaarige nickte sofort bereitwillig und warf Loke dabei ein verruchtes Lächeln zu, das er mühsam erwiderte.

„Perfekt. Je mehr, desto besser“, triumphierte Cana. „Also hopp, hopp, Loke, wir wollen ins Sabertooth, da haben sie die besten Drinks.“

„Ich fliege“, erklärte Loke bemüht eifrig und ging hinüber zu den Umkleidekabinen. Zum Glück hatte er das kleine Kabuff für sich alleine. Er lehnte sich gegen die Innenseite der Tür und versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren. Verdammt, ihm war so kotzübel…

Mit klammen Fingern zog er sich seine Baggy Jeans und das langärmelige schwarze Hemd an, dessen Kragen er besonders sorgfältig aufrichtete. Mehrmals fuhr er sich mit den Händen durch die Haare, richtete einzelne Strähnen, aber das Zittern wollte einfach nicht nachlassen.

Das Vibrieren seines Smartphones ließ ihn innehalten. Er holte das Gerät heraus und löste die Tastensperre auf. Eine Nachricht von Sting: Lust auf nen Spieleabend? Lucy ist momentan süchtig nach Tabu :D

Oh Mann, dieser alte Schinken! Was hatten sie das damals nicht rauf und runter gespielt. Immer und immer wieder. Sie hatten sogar Erweiterungskarten gekauft, weil sie die normalen schon in- und auswendig gekannt hatten. Lucys Zeichnungen waren grottenschlecht gewesen – oder sie hatte es ihnen einfach mit Absicht besonders schwer machen wollen -, aber dafür waren ihre Erklärungen allererste Sahne gewesen. Und Stings Pantomime! Loke und Lucy hatten damals immer wieder so laut gelacht, dass Spetto, die alte Haushälterin, jedes Mal besorgt herein gelugt hatte, ob auch alles in Ordnung war.

Loke tippte eine Antwort: Bin dabei! Wann und-

Ein Poltern an der Tür ließ Loke zusammenfahren. Das Smartphone rutschte ihm aus der Hand und landete mit einem leisen Knacken am Boden. „Jo, Loke, mach’ hinne!“, erklang Kamikas herrische Stimme.

„Bin gleich da!“, rief er zurück und ging in die Hocke. Der Bildschirm seines Smartphones war schwarz. Als er das Gerät einschalten wollte, tat sich nicht das Geringste. „Fuck…“

„Loke! Wir gehen gleich ohne dich“, erklang Cosmos’ zwitschernde Stimme.

Resigniert schob sich Loke das kaputte Smartphone zurück in die Hosentasche, schnappte sich seine schwarze Lederjacke und verließ die Umkleidekabine. Davor warteten bereits seine Kollegen auf ihn. Eve zwinkerte ihm verschwörerisch zu, Cana nahm gerade einen kräftigen Schluck von einer Bierflasche, die sie wahrscheinlich aus dem Pausenraum hatte mitgehen lassen – ein verdächtig verräuchertes Kabuff, das Loke nur ein einziges Mal an seinem ersten Tag betreten hatte und danach nie wieder.

„Bereit?“, fragte Cana mit einem vorfreudigen Grinsen.

„Lasst uns endlich gehen“, drängelte Cosmos und strich sich geziert durch die lockigen rosafarbenen Haare.

Enno kam dazu und legte wie selbstverständlich einen Arm um Lokes Hüfte. Der schenkte ihr ein verruchtes Lächeln und schlang den Arm um ihre schmalen Schultern, um so mit ihr den Anderen zu folgen.

Vor seinem inneren Auge sah er Sting, wie er den besten Pantomime-Löwen der Welt zum Besten gab, und er verspürte eine geradezu schmerzhafte Sehnsucht nach den alten Tagen, als so etwas wie unverbindliche Liebschaften noch nicht zu seinem Markenzeichen gehört hatten…
 

Ras Elased Australis – Die Begegnung
 

Summend band Yukino ihre schwarze Schürze fest und richtete nach einem prüfenden Blick in den Spiegel den Kragen ihrer rosafarbenen Bluse mit dem Kirschblütenemblem auf der linken Brust, dem Markenzeichen des Cherry Blossom, für das sie nun schon seit anderthalb Jahren kellnerte, ehe sie nach vorn in den Thekenraum ging.

Es war ein gemütliches, kleines Café am Platz vor der Kardia Kathedrale. Die Wände waren zur Hälfte mit hellem Holz vertäfelt und zur anderen Hälfte weiß verputzt und mit stilisierten Kirschblütenzweigen bemalt. Anstatt von Stühlen gab es Korbsessel mit wollenen Decken und Kissen in kräftigeren Farben. Die Sessel gruppierten sich um kleinere und größere Glastische herum, auf welchen Blumengedecke drapiert waren. Auf dem Schrank neben der Theke, welcher allerlei Utensilien beinhaltete, die die Kellner brauchten, stand ein Radio und dudelte leise vor sich hin.

Die Theke selbst war auch mit hellem Holz verkleidet und liebevoll mit einem großen Kirschzweig voller geöffneter Blüten bemalt. Ein handbeschriebenes Schild über der Theke gab genau wie die handbeschriebenen Kärtchen auf den Tischen Auskunft über die derzeitige Kuchen- und Teeauswahl.

Wie immer um die Mittagsstunde war das Café gut besucht. Die vielen Gespräche verursachten ein mal auf- mal abschwellendes Brummen wie in einem Bienenstock, durchsetzt von gelegentlichen Lachern und Rufen. Es roch nach Kaffee und Kakao und nach verschiedenen Teearomen. Yukino schnupperte angeregt, als sie das Aroma des neuen Sommertees wahrnahm. Wasserminze und Erdbeer. Sie war selbst ganz begeistert davon.

Hisui, die Tochter des Café-Inhabers, blickte lächelnd von einer Einkaufsliste auf, als Yukino neben sie trat. Wie Yukino trug sie eine schwarze Schürze und eine rosafarbene Bluse, ihre jadegrünen Haare hatte sie sich locker-elegant nach oben gesteckt. Sie schob der Jüngeren eine dicke Börse zu, die bereits ausgezählt worden war. Yukino verstaute sie sorgsam in der Tasche ihrer Schürze.

„Hinten an Tisch Fünf ist ein neuer Gast“, erklärte Hisui, ehe sie sich wieder der Liste widmete.

Yukino zückte einen Notizblock – ebenfalls mit einer Kirschblüte bedruckt – und schlängelte sich durch die besetzten Tische hindurch. Als sie besagten Tisch erreichte, blieb sie jedoch überrascht stehen, denn dort saß niemand geringerer als der Cousin ihrer besten Freundin.

Wie immer sah Loke unbeschreiblich gut aus. Er trug Jeans mit Auswascheffekt und ein rotes Hemd mit aufgestelltem Kragen. Seine Haare waren wie immer perfekt gestylt und auf seiner Nase saß eine halbdurchsichtige Sonnenbrille. Er hatte Yukino noch nicht bemerkt und blickte durch das Fenster zum Wahrzeichen der Stadt Magnolia hinüber, doch Yukino glaubte nicht, dass er die Kathedrale tatsächlich richtig sah. Sein Blick schien vielmehr durch das Gebäude hindurch in weite Ferne zu gehen und seine Miene wirkte im Profil irgendwie… einsam und schwach und sehnsüchtig…

Hastig senkte Yukino den Blick. Sie hatte das Gefühl, den jungen Mann bei einem sehr intimen Moment erwischt zu haben. In ihrer Brust stritten sich die Emotionen. Ein Teil von ihr hätte Loke aus irgendeinem Grund gerne in den Arm genommen, was sie unwillkürlich erröten ließ.

Sie wurde abgelenkt, als ihr Blick zufällig auf Lokes rechte Hand fiel, die mit einem kleinen, kupferfarbenen Gegenstand herumspielte. Er sah aus wie einer der Spielechips, die Minerva und die Anderen immer für ihre Pokerabende verwendeten, aber darauf war eine Gravur, anscheinend ein Zitat. Im Zentrum des Chips stand 10y. Loke ließ ihn über seine Finger rollen, schloss ihn fest in die Faust, dann drehte er ihn mit dem Zeigefinger über den Tisch, dann ging es wieder von vorne los. Yukino hatte das Gefühl, den Chip erkennen zu müssen, aber sie kam nicht darauf.

Noch immer hatte Loke sie nicht bemerkt und allmählich fühlte Yukino sich wie eine Stalkerin. Verlegen räusperte sie sich und setzte ihr Bedienerlächeln auf, doch es fühlte sich nicht so leicht und fröhlich wie sonst immer an, sondern richtig krampfhaft.

Loke zuckte erschrocken zusammen und schloss hastig die Faust um den seltsamen Chip, als wollte er ihn unbedingt verstecken. Als er sich zu Yukino umdrehte, setzte er ein gekünstelt-charmantes Lächeln auf, bei dem Yukino sich äußerst unwohl fühlte. Auf einmal verstand sie, was Lucy mit dem Casanova-Gehabe gemeint hatte. War Loke an jenem Abend in der Villa der Heartfilias eigentlich auch schon so gewesen?

„Oh…“, machte Loke, als er Yukino erkannte. Etwas in seiner Miene zuckte und sein Gesichtsausdruck wandelte sich, wurde weicher und wärmer, aber auch unsicherer. „Yukino, richtig? Du bist eine Freundin von Lucy und Sting. Ich dachte, du studierst.“

„Tue ich auch. Ich verdiene mir hier ein bisschen was dazu“, erklärte Yukino verlegen. „Ich spare für ein Teleskop und einige gute Sternatlanten und –globen, die sind ganz schön teuer. Und die Mitgliedschaft in der Sternwarte will ich mir auch nicht von meinen Eltern finanzieren lassen, ich bin schon glücklich, dass sie mir das Studium und den Unterhalt bezahlen…“

Sie verstummte, als sie bemerkte, dass sie ins Plappern gekommen war, doch Loke lächelte nachsichtig und interessiert. Jetzt bemerkte Yukino gar nichts mehr von seinem Macho-Gehabe. „Du studierst also Astronomie?“

„Hat Lucy dir das erzählt?“

„Nein, aber wer sich ein Teleskop und Sternatlanten kaufen will und sich eine Mitgliedschaft in der Sternwarte leistet, scheint ziemlich viel mit Astronomie am Hut zu haben“, erklärte Loke zwinkernd.

Yukino errötete vor Verlegenheit. „Tut mir Leid, ich wollte dich nicht bequatschen.“

„Schon gut, ich habe nachgefragt“, winkte der junge Mann ab und sein Lächeln wurde dabei noch einige Nuancen wärmer. Yukino schlug das Herz bis zum Hals und sie war sich peinlich berührt bewusst, dass ihre Wangen mittlerweile feuerrot waren.

Sie öffnete die Lippen, um nach der Bestellung zu fragen, aber sie brachte keinen Ton zustande. Ein leises Lachen kam von Loke und er strich sich durch die Haare, wodurch er das Styling durcheinander brachte, aber die nun wilderen Haare und die heitere Miene mit den vergnügt funkelnden Augen ließen ihn noch viel besser aussehen.

Ein leises Klicken lenkte Yukinos Aufmerksamkeit zu Boden. Dort lag der kupferfarbene Chip. Er musste Loke aus der Hand gefallen sein, als er sich durch die Haare gestrichen hatte. Automatisch ging Yukino in die Hocke, um den Chip aufzuheben. Sie erhaschte einen Blick auf den Anfang des eingravierten Zitats: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen…

Dann war da auf einmal Lokes Hand und schnappte den Chip hastig vom Boden weg. Yukino hob den Blick, auf einmal zutiefst bestürzt, denn jetzt wurde ihr klar, was das für ein Chip war – und sie sah Loke an, dass er wiederum ihr die Erkenntnis ansah. Auf seinem Gesicht spiegelten sich nun Entsetzen und Scham wieder, ja, sogar beinahe ein Anflug von Panik.

„Tut mir Leid, ich muss gehen“, erklärte Loke fahrig und stand so schnell auf, dass der Korbsessel beinahe umgekippt wäre.

Vollkommen perplex blickte Yukino dem jungen Mann hinterher. Es kam ihr wie eine Flucht vor, wie er sich durch die Tische bis zum Ausgang schlängelte. Nur langsam stand Yukino auf. Noch immer beobachtete sie Loke, als Hisui zu ihr kam und sie mit besorgter Miene anstupste. „Ist alles in Ordnung? Ist er dir irgendwie zu nahe getreten?“

„N-nein… er…“ Yukino verstummte, als sie durch das Fenster beobachten konnte, wie Loke draußen eine Frau mit schulterlangen, pinken Haaren begrüßte, die an jeder Hand ein Kind hatte. Die Kinder, ein Junge und ein Mädchen, beide mit hellblauen Haaren und einander so ähnlich, dass sie Zwillinge sein mussten, schienen etwa zehn Jahre alt zu sein. Die Frau war anscheinend einige wenige Jahre älter als Loke und begrüßte ihn mit einem Lächeln, das sich jedoch in Sorge wandelte.

Sie fragte etwas, aber Loke schüttelte hektisch den Kopf. Seine Miene konnte Yukino nicht sehen, bis er plötzlich einen Blick über seine Schulter warf. Wie unter einem Schlag zuckte Yukino zusammen, als sie in Lokes Augen Angst erkannte.

Die Pinkhaarige neben Loke folgte seinem Blick und die Sorge in ihrer Miene vertiefte sich. Sie sagte etwas zu Loke. Wieder schüttelte er den Kopf und fuhr sich durch die Haare – bildete Yukino sich das ein oder zitterte seine Hand wirklich? –, ehe er sich wieder umdrehte und der Frau anscheinend vorschlug, woanders hinzugehen. Zumindest nickte sie und deutete dann mit dem Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen war. Dann verließen sie und Loke mit den beiden verwirrten Kindern den Platz vor dem Cherry Blossom.

„Yukino?“ Verwirrt blinzelte die Weißhaarige, als auf einmal Hisuis Gesicht in ihr Blickfeld geriet. Die Ältere sah nun ernsthaft besorgt aus und fühlte sogar Yukinos Stirn. „Ist auch wirklich nichts passiert?“

„Nein, nichts…“, murmelte Yukino und fühlte sich sogleich schuldig, weil sie ihre Chefin und Freundin belog.

„Dir scheint es nicht gut zu gehen. Nimm dir einen Tag frei, heute ist ja nicht so viel los und in einer Stunde kommt Lisanna. Wir schaffen das hier schon.“

Yukino wollte zuerst protestieren, aber sie sah ein, dass sie heute nicht würde arbeiten können. Sie gab Hisui die Kellnerbörse zurück und zog sich hinten wieder um, ehe sie sich verabschiedete und auf den Heimweg machte.

Während des gesamten Wegs dachte sie an Loke. Wie natürlich er sich ihr gegenüber verhalten hatte, so offenherzig und interessiert, überhaupt nicht machohaft, wie Lucy und Minerva es gesagt hatten. Ob Lucy und Sting von dem Chip wussten? Und wenn nicht, sollte Yukino es ihnen erzählen? Loke schien damit ein ernsthaftes Problem zu haben. Er brauchte jemanden, der ihm beistand. Unwillkürlich wünschte Yukino sich, sie könnte diejenige sein. Aber dann kam ihr wieder die Pinkhaarige in den Sinn. In welcher Verbindung stand sie zu Loke? Und diese Kinder…

„Yukino, bist du das?“

Die Weißhaarige zuckte zusammen. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie das Haus ihrer Eltern betreten hatte, ohne überhaupt richtig darüber nachzudenken. Sie stand auf Höhe der Küchentür, von wo ihr Lucy und Minerva mit ernsten Mienen entgegen blickten. Hatte Hisui die Beiden etwa angerufen? Yukino verwarf den Gedanken wieder. Soweit sie es wusste, waren Lucy und Hisui nicht so eng befreundet und Minerva war sehr geizig im Bezug auf ihre Handynummer.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte sie, als ihr langsam weitere Details auffielen. Lucy hatte vor sich mehrere Pläne liegen, die in ihrem Strukturierungswahn anschaulich farbig gestaltet waren. Einer der Pläne trug Sting als Überschrift, ein weiterer Rogue. Auf einem Schmierzettel erkannte Yukino Stichworte wie Natsu und Frosch.

„Lucy hat eine Idee bezüglich Sting und Rogue“, erklärte Minerva, die Yukino aufmerksam musterte. Die Weißhaarige wusste bereits, dass sie um eine Befragung nicht herum kam, sobald Lucy aus dem Haus war, aber sie war mittlerweile fest entschlossen, nichts über das zu erzählen, was sie über Loke heraus gefunden hatte.

„Ihr meint, weil die Beiden sich seit Wochen so komisch verhalten?“, fragte Yukino und setzte sich an die Stirnseite des Küchentisches.

„Das ist noch harmlos ausgedrückt. Die Beiden gehen mir tierisch auf die Nerven. Ich bin also definitiv dabei, Lucy“, erklärte Minerva und wandte sich wieder an die Blonde, die mittlerweile einen beachtlichen Schwangerschaftsbauch vor sich her trug.

„Sehr gut! Was ist mit dir Yukino?“

Die Weißhaarige runzelte die Stirn. „Was habt ihr denn vor?“

Ein leicht verrückt anmutendes Grinsen schlich sich auf Lucys Gesicht. Sie wirkte wie ein verschrobener Wissenschaftler aus diesen trashigen Filmen, die sie manchmal zusammen sahen, wenn sie keine Lust auf etwas Anspruchsvolles hatten. „Aaaalso…“

Sehr aufmerksam hörte Yukino den ausgeklügelten Ausführungen ihrer besten Freundin zu. Der Plan war tatsächlich sehr clever und er würde Sting und Rogue hoffentlich wirklich auf die Sprünge helfen. Und es lenkte Yukino von ihren widerstreitenden Gefühlen in Bezug auf Loke ab.
 

Zosma – Der Vertrag
 

„Loke, komm’ mal rüber, du musst dir etwas ansehen“, rief Jason quer durchs ganze Studio.

Der junge Mann unterdrückte ein Seufzen. Eigentlich hatte er sich einfach davon stehlen wollen. Er fühlte sich schrecklich ausgelaugt und wollte unbedingt einer weiteren Party mit Cana und den Anderen entgehen. Langsam wusste er nicht mehr, wie er diese Partys überstehen sollte, ohne eine Dummheit zu begehen. Obwohl er wieder regelmäßig zu den Meetings ging und sich obendrein mit Aries und den Kleinen traf, stieß er allmählich an seine Grenzen.

Vor allem auch deshalb, weil sich in ihm Gefühle aufstauten, die ihm ganz und gar nicht behagten. Seit er Yukino im Cherry Blossom getroffen hatte, wusste er nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Für einige wundervolle Minuten hatte er völlig vergessen, in was für einer Scheiße er steckte. Yukinos Charme hatte ihn völlig verzaubert. Umso schlimmer war es für ihn gewesen, als ausgerechnet sie sein dunkelstes Geheimnis heraus gefunden hatte.

Was mochte sie jetzt über ihn denken? Hielt sie ihn für einen Taugenichts? Folgte sie den Vorurteilen ihrer Freunde, die aus ihrer Abneigung gegen Loke schon beim ersten Treffen damals keinen Hehl gemacht hatten? Loke würde nur zu gerne glauben, dass Yukino nicht so war, aber um sein Herz schloss sich jedes Mal eine eiskalte Faust aus Angst, wenn er an die Bestürzung in Yukinos Blick dachte.

Doch aller Angst zum Trotz sehnte sich ein Teil von ihm nach der sanften Weißhaarigen mit diesen wunderschönen braunen Augen. Vor seinem geistigen Auge sah er sie immer wieder, wie sie mit leuchtenden Augen von dem Teleskop erzählte, dass sie sich kaufen wollte, sah die entzückende Röte ihrer Wangen, sah ihr sanftes Lächeln...

Seit diesem Treffen brachte er es nicht mehr über sich, Ennos Einladungen anzunehmen. Sie war zuerst etwas pikiert gewesen, aber irgendwann hatte sie ihn ahnungsvoll angesehen und es einfach mit einem Schulterzucken abgetan. Seitdem pflegten sie einen rein kollegialen Umgang. Zumindest an der Front war alles geklärt, aber alle anderen verhärteten sich für Loke Tag für Tag.

Darum bemüht, seine lässige Fassade aufrecht zu erhalten, durchquerte Loke das Studio und stellte sich neben Jason, der hibbelig auf Warrens Bildschirm deutete. Loke wurde schwummrig zumute, als er begriff, was er dort sah: Auf dem Bild trug er lediglich ein offenes weißes, halbdurchsichtiges Hemd, der Bildausschnitt endete an der Hüfte, ließ aber genug Spielraum für geneigte Betrachter, sich den Rest zu denken. Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und blickte mit schief gelegtem Kopf nach oben, die Haare, ausnahmsweise ohne Gel, hingen ihm halb ins Gesicht. Darüber prangte der Titel der Zeitschrift, links und rechts die Hauptschlagzeilen.

„Jason, wir hatten doch ausgemacht, dass ich keine Coverfotos gebe“, begann er langsam, doch Jason wedelte hektisch mit der Hand.

„Papperlapapp! Die Leserinnen sind von dir begeistert, Loke. Die Redakteure wollen das ausnutzen. Mit dem Cover werden wir unsere Umsatzzahlen in die Höhe treiben! Und keine Sorge, du wirst natürlich hoch gestuft und bekommst mehr Geld. Alles schon in Sack und Tüten.“

„Mir geht es aber nicht ums Geld“, widersprach Loke scharf und er konnte sehen, wie Jason verwirrt die Stirn runzelte. „Jason, ich will nicht auf ein Cover, das habe ich damals ganz klar gesagt. Ich will diesen Rummel nicht.“

Abwägend wiegte Jason den Kopf hin und her. „Tja, da wird dir nichts anderes übrig bleiben, Loke. Im Vertrag steht eindeutig, dass die Redakteure dich jederzeit dort einsetzen können, wo sie wollen. Du hast das doch sicher gelesen, bevor du unterschrieben hast?“

„Aber man hat mir versichert, dass ich nicht aufs Cover muss, wenn ich nicht will“, begehrte Loke auf und er konnte dabei nicht mehr verhindern, dass seine Stimme lauter wurde. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Cana näher kam.

„Musst du auch nicht“, sagte Jason schlicht, seine Miene jetzt sehr ernst, beinahe finster. „Du kannst auch einfach kündigen, dann bist du in sechs Monaten raus aus der Nummer, aber bis dahin musst du machen, was die Redakteure wollen. Schau’ ruhig im Vertrag nach, steht alles so da drin.“

„Jason, ich will nicht aufs Cover!“, wiederholte Loke eindringlich und bemühte sich, seiner Stimme Herr zu werden. „Das war meine Bedingung, als ich unterschrieben habe. Das wurde mir versprochen.“

„Hast du das schriftlich?“ Als Loke benommen den Kopf schüttelte, hob Jason nur die Schultern an. „Dann hast du keine Chance. Wenn du vor Ablauf der Kündigungsfrist aus der Sache raus willst, musst du Schadensersatz zahlen. Steht auch im Vertrag.“

Unwillkürlich trat Loke einen bedrohlichen Schritt auf Jason zu. In ihm stieg unglaubliche Wut auf und nur allzu gerne würde er dieser Wut einfach Luft machen.

Noch bevor er irgendetwas sagen oder tun konnte, legte jemand den Arm um seine Schultern, zog ihn runter und zauste seine Haare. „Mensch, freu’ dich doch einfach über die zusätzliche Kohle, Loke. Die werden dich irgendwann schon wieder runter vom Cover nehmen“, sagte Cana gut gelaunt wie immer.

Als Loke Anstalten machte, sich aus ihrem Griff zu befreien, hielt sie ihn eisern fest und bugsierte ihn in Richtung Ausgang. „Lass’ uns das feiern gehen, Loke! Ich gebe die erste Runde aus.“

Nur zu gut wusste Loke, dass dies das schlimmstmögliche Szenario war. Das war genau der gefährliche Schritt über die Grenze, vor dem er immer gewarnt worden war und vor dem er sich so lange Zeit immer in Acht genommen hatte. Wenn er in seiner jetzigen Laune mit Cana mit ging, würde er sich nicht mehr beherrschen können und er würde es später tausendfach bereuen.

Aber in ihm hatte sich so viel Wut und Verzweiflung aufgestaut, dass er die warnende Stimme in seinem Hinterkopf einfach ignorierte und auch dann nicht stehen blieb oder gar Kehrt machte, als Cana ihn außerhalb des Studios schließlich los ließ. Er war bei all dem sowieso auf sich alleine gestellt, dachte er frustriert, also war es auch egal, was er jetzt tat. Lieber ertränkte er seinen Frust, als sich noch mehr Ärger mit diesen Sklaventreibern einzuhandeln.

Dann wurde er halt zum Callboy stilisiert. Darauf kam es jetzt wohl auch nicht mehr an, oder?
 

Al Miniliar al Asad – Der Fall
 

Gähnend strich Yukino sich über das Gesicht. Sie hatte eigentlich kein Problem mit den Teleskopseminaren – ganz im Gegenteil sogar –, aber heute hatte es sie ganz schön geschlaucht. Sie torkelte mehr durch die leeren Straßen Magnolias, als dass sie lief, aber sie war noch genug bei Sinnen, um die zwielichtigen Viertel zu umgehen. Rogue und Minerva hatten ihr wie immer angeboten, sie nach dem Seminar abzuholen, aber Yukino hatte wie immer abgelehnt. Die Beiden hatten nur noch fünf Monate bis zum Staatsexamen und Yukino merkte ihnen an, dass sie allmählich am Rad zu drehen begannen. Sogar die sonst so abgeklärte Minerva wurde bei so einer wichtigen Prüfung nervös. Da konnten die Beiden jedes Bisschen Schlaf gebrauchen, das sie mal kriegen konnten.

Yukino hatte sich sogar extra mit Sting abgesprochen, um das zu gewährleisten. Lucys Plan war ja zum Glück aufgegangen und Sting und Rogue waren jetzt ein Paar, da war Sting umso mehr um Rogue besorgt.

Wenn Yukino ehrlich war, beneidete sie Rogue beinahe um die Fürsorglichkeit, die ihm durch Sting zuteil wurde. Nicht dass sie auch nur ansatzweise etwas von Sting wollte. Er war wie ein großer Bruder für sie, es war undenkbar, dass zwischen ihnen mehr als Freundschaft laufen könnte.

Aber Yukino wünschte sich schon manchmal, eine ebenso schöne Beziehung zu haben, wie Sting und Rogue sie jetzt führten oder wie viele ihrer Freunde sie teilweise schon seit Jahren führten. Levy und Gajeel etwa, die schon seit fünf Jahren zusammen waren, oder Lyon und Meredy mit ihren sieben Jahren Beziehung, die Beiden waren sogar schon seit fast vier Jahren verheiratet und erwarteten Nachwuchs.

Yukino hätte einfach auch gerne jemanden an ihrer Seite – und wenn sie ehrlich war, nicht einfach irgendjemanden, sondern einen ganz besonderen Mann. Aber der hatte im Moment ganz andere Probleme…

Als sie in eine weitere Gasse einbog, erblickte Yukino vor sich eine männliche Gestalt, die sich mit der Stirn gegen die Hauswand lehnte und mit der rechten Faust immer wieder schwach dagegen hämmerte. Die Haare waren unordentlich, die Kleidung verrutscht und es roch nach Schweiß, Rauch und Alkohol.

Beinahe hätte Yukino kehrt gemacht, aber dann erkannte sie das Profil der Person. Diese edle, gerade Nase, die schmalen Lippen, die markante Kieferlinie. „Loke…“, wisperte sie.

Sofort schreckte der junge Mann auf. Seine Augen waren blutunterlaufen und hatten Schwierigkeiten, sich auf Yukino zu fokussieren. Als er begriff, wen er vor sich hatte, stolperte er zurück. Allem Alkohols zum Trotz waren ihm die Scham und die Angst nur zu deutlich anzusehen.

„Nnnainnn“, lallte er benommen. „Wwwweg!“

Es brach Yukino beinahe das Herz, Loke so zu sehen. Das war ein ganz anderer Loke als der, der ihr vor einem Monat so aufmerksam zugehört hatte, als sie davon geplappert hatte, was sie sich alles von ihrem Kellnergehalt kaufen wollte. Wo war dieser Loke mit dem umwerfenden Lächeln hin? Und wieso hatte der Loke, der es geschafft hatte, zehn Jahre lang trocken zu bleiben, nun doch den Kampf verloren?

„Loke, du brauchst Hilfe“, begann Yukino und machte einen zaghaften Schritt auf ihren Gegenüber zu. „Bitte… Ich kann dich zu Sting und Lucy bringen, wenn du mir nicht vertraust. Sie können dir helfen.“

„Nein!“, brachte Loke erstaunlich klar hervor und schüttelte so heftig den Kopf, dass er ins Straucheln geriet und sich wieder an der Wand abstützen musste. „Niemand! Niemals! Nicht!“

Zutiefst verunsichert blieb Yukino stehen. Sie begriff, dass Loke geschockt und am Boden verstört war. Ob er diesen Rückfall bereits befürchtet hatte? Was hatte ihn derart unter Druck gesetzt? Wie lange kämpfte er schon gegen dieses innere Monster an? Beinahe kamen der jungen Frau die Tränen.

„Loke-“

„Nein!“, stieß er wieder hervor und ging noch einen Schritt rückwärts, wobei er gegen einen Briefkasten stieß und aus dem Gleichgewicht geriet.

Yukino reagierte rein instinktiv, als sie vorsprang und die Arme um Loke schlang, damit er nicht zu Boden ging. Der Alkoholgeruch war ekelerregend und machte Yukino schreckliche Angst. Wie viel hatte Loke getrunken? Ging es ihm gut? Musste er womöglich zum Arzt?

Sie schluckte diese Fragen herunter, die Loke jetzt gewiss nicht hören wollte, und blickte zu ihm auf. Er war wirklich ein gutes Stück größer als sie. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht und sein Blick war noch immer verklärt, aber neben Angst und Scham war da jetzt noch etwas, was Yukino nicht definieren konnte.

„Loke, du musst das nicht alleine durchstehen. Sting und Lucy sind deine Familie und die Anderen werden dir auch helfen, wenn du ihnen eine Chance gibst. Ich werde dir helfen“, sprach sie eindringlich.

„Helfen…“, murmelte Loke und sackte nach vorn.

Viel zu spät begriff Yukino, dass er nicht nach vorn sackte, sondern sich vorbeugte – ihr entgegen. Auf einmal umschlangen seine Arme ihren Körper. Eine Hand legte sich in ihren Nacken und dann waren da weiche Lippen, die sich auf ihre pressten. Yukinos Augen weiteten sich. Lokes Gesicht war genau vor ihrem und er bewegte die Lippen schnell und sehnsüchtig gegen ihre.

Sie schmeckte Alkohol – definitiv etwas Härteres als Bier oder Wein – und Lokes Haare rochen nach Rauch, aber das Prickeln des Lippenkontakts war so intensiv, das alles andere bedeutungslos wurde. Vorsichtig legte sie den Kopf schief und erwiderte den Kuss. Loke seufzte dankbar und wurde sanfter. Es raubte Yukino schier den Atem. Sie hatte schon mal einen Freund gehabt, sie war nicht gänzlich unerfahren, aber etwas so Intensives hatte sie noch nie erlebt!

Als Lokes Zunge über ihre Lippen strich, öffnete Yukino diese ganz automatisch. Lokes Körper vibrierte unter einem leisen Stöhnen und Yukino keuchte in den Zungenkuss hinein. Sie hatte nun die Wand im Rücken. Die Hand in ihrem Nacken wanderte nun nach vorn, strich über ihre Wange und ihren Hals. Es fühlte sich an, als würde ihre Haut dort, wo Loke sie berührte, brennen.

Mit halb gesenkten Lidern blickte Yukino wieder zu Loke auf. Seine Miene war so voller Hingabe, dass ihr ganz schwummrig wurde. Sie musste sich gegen die Wand stützen, weil ihre Knie so schwach wurden. Loke lehnte sich vorsichtig gegen sie, sein Körper warm und stark und schützend. Er war einfach überall, schien Yukino sanft zu umhüllen.

Keuchend zog Loke sich schließlich einige Zentimeter zurück, seine Hand noch immer an Yukinos Wange. Selig seufzend schmiegte Yukino sich dagegen und schloss die Augen, genoss den Moment. Noch nie zuvor in ihrem Leben war sie so glücklich gewesen. Ihr war vorher gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie sich hiernach gesehnt hatte.

Lächelnd öffnete sie wieder die Augen und blickte in die Lokes. Sie wirkten nun warm und lebendig. Yukino versank förmlich darin.

„Ich liebe dich“, wisperte sie mit völliger Überzeugung.

Dann brach Lokes Blick. Auf einmal waren da grenzenlose Panik und Scham. Er zog seine Hand von Yukinos Wange, als hätte er auf eine heiße Herdplatte gefasst, und riss sich aus ihrer Umarmung, stolperte so schnell zurück, dass er beinahe über die Bordsteinkante gefallen wäre. Dann drehte er sich um und rannte davon.

Yukinos Herz, das vorher noch wie verrückt geschlagen hatte, schien auf einmal mit brachialer Gewalt zusammen gepresst zu werden. Die Beine gaben unter der jungen Frau nach und sie sackte an der Wand zu Boden, presste das Gesicht gegen die Knie und ergab sich ihren Tränen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals derartige Schmerzen empfunden zu haben…

Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie da hockte und weinte. Irgendwann erhob sie sich zitternd und schleppte sich weiter. Sie achtete gar nicht mehr auf den Weg. Es grenzte wohl an ein Wunder, dass ihr dabei nichts passierte.

Ihre Gedanken kreisten die ganze Zeit um Loke und um diesen Kuss. Hatte Loke den Kuss gar nicht so gemeint wie sie? Erwiderte er ihre Gefühle gar nicht? Und sie hatte ihm auch noch ins Gesicht gesagt, dass sie ihn liebte! Dabei kannten sie einander doch kaum! Noch nie zuvor hatte Yukino sich derartig geschämt.

Als sie die Haustür aufschloss, brannte in der Küche noch Licht und sie hörte mehrere Stimmen.

„Ich muss damals verrückt gewesen sein, mich ausgerechnet für Jura einzuschreiben! Ein Masochist!“

„Das sage ich dir schon seit Jahren… Aber Sadomaso werde ich nicht mit dir machen, okay?“

„Sting, hast du vergessen, dass wir mit ihr in einem Raum sind? Die wird uns gleich wieder ausquetschen!“

Mit wie Espenlaub zitternden Fingern versuchte Yukino, ihre Schnürsenkel zu lösen, aber sie zog am falschen Ende. Vor Panik zog und zerrte sie und machte den Knoten immer schlimmer. Ihr entfuhr ein Schluchzer, aber sie presste sich hastig die Hand auf den Mund und sprang auf.

„Ach, Minerva ist selbst erschöpft, ich lasse sie am langen Arm verhungern.“

Ein leises Schnauben erklang. „Das glaubst aber auch nur du! Ich- Wartet mal…“ Ein Stuhl wurde verrückt und Schritte näherten sich der halb geöffneten Küchentür. Obwohl Yukino sonst die häusliche Ordnung so wichtig war, ging sie einfach mit ihren Straßenschuhen weiter und in Richtung der Treppe. „Yukino, bist du das endlich? Hat Professor Michello mal wieder überzogen? Warum hast du denn nicht angeru- Yukino!“

Ehe sie an der Küchentür vorbei kam, hatte Minerva sie bereits am Arm festgehalten und gezwungen, sich umzudrehen. In der Küche polterte es und dann waren auch schon Sting und Rogue hinter Minerva. Alle Drei sahen voller Sorge auf Yukino hinunter. Das war genau das, was Yukino jetzt nicht gebrauchen konnte.

„Was ist passiert?“, fragte Rogue angespannt.

„N-nichts“, krächzte Yukino ganz automatisch und versuchte, sich aus Minervas Griff zu entwinden.

„Das sieht aber nicht wie Nichts aus“, erwiderte Minerva und ihre Miene wurde finster. „Hat dich jemand belästigt?“

„Nein!“, entfuhr es Yukino entsetzt. So sehr sie Lokes Abfuhr auch verletzt hatte, um nichts in der Welt wollte sie, dass ihre Freunde ihm unterstellten, sie belästigt zu haben. Das hatte er nicht verdient. Er brauchte Hilfe. Wenn er ihre schon nicht wollte, dann sollte er doch wenigstens Stings und Lucys Hilfe endlich bekommen.

„Yukino, was ist passiert?“, wiederholte Rogue seine Frage mit nun beängstigend finsterer Miene.

„Lasst mich einfach in Ruhe!“, rief Yukino schrill, stieß Minerva von sich, sodass diese gegen Sting und Rogue stolperte, und rannte dann die Treppe hoch.

Noch während sie in ihr Zimmer stürmte und die Tür von innen abschloss, konnte sie hören, wie ihre Freunde ihr folgten, aber sie drehte den Schlüssel noch ein zweites Mal herum und glitt dann an der Innenseite der Tür zu Boden. Während Sting, Rogue und Minerva durch die Tür riefen, ergab Yukino sich einfach wieder ihren Tränen…
 

Chertan – Der Besuch
 

Das Klopfen war so laut, dass es durch Lokes gesamte Wohnung hallte. Es hallte bis in seinen Kopf und schlug dort gnadenlos immer wieder auf einen ohnehin schon gepeinigten Nerv. Stöhnend lehnte er die Stirn auf die Küchentischplatte und schloss die Augen, versuchte das Klopfen und seine dröhnenden Kopfschmerzen auszublenden.

Sofort sah er wieder Yukino vor sich. Den Schmerz in ihren Augen, als er sie losgelassen hatte. Er hatte ihr das Herz gebrochen, das wusste er. Aber wäre es nicht noch viel schlimmer gewesen, wenn er ihr Liebesgeständnis erwidert hätte? Wie könnte er ihr jemals das bieten, was sie seiner Meinung nach verdient hatte? Sie sollte jemanden haben, der mit seinem Leben im Reinen war und sich ihr voll und ganz widmen konnte…

Weiter ging das Klopfen, hart und unnachgiebig. Loke richtete sich auf und griff nach der Sektflasche, die Cana ihm zu seinem Einstand geschenkt hatte und die seitdem unangetastet in seinem Kühlschrank gestanden hatte. Als er sie jedoch an die Lippen setzte, musste er feststellen, dass sie bereits leer war. Er knallte die Flasche zurück auf den Tisch und stand auf, begann, in der Wohnung herum zu tigern.

Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon auf den Beinen war. Er war nicht mehr richtig betrunken, aber er war definitiv noch nicht wieder nüchtern. Sein Kopf schwirrte. Obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – er es bewusst zu verhindern versuchte, musste er immer wieder an Yukino denken. Am liebsten hätte er sich tausendfach bei ihr entschuldigt!

Endlich hörte das Klopfen auf. Loke wollte schon aufatmen, doch dann erklang die scharfe Stimme seiner Cousine: „Loke, ich habe bereits zwei geschlagene Stunden an Yukinos Tür geklopft, bis sie nachgegeben hat. Glaub’ mir ruhig, ich kann das wiederholen! Ich gehe hier nicht eher weg, bis ich nicht endlich Antworten habe!“

Das war so typisch für Lucy. Es gab auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen, der sturer als Lucy Heartfilia war! Normalerweise bewunderte Loke diesen Charakterzug von ganzem Herzen, aber jetzt verfluchte er ihn.

Das Trommeln an der Tür ging weiter. Für Loke fühlte es sich an, als würde jeder Schlag ihn persönlich treffen. Verdient hatte er es, doch es trieb ihn dennoch in den Wahnsinn. Warum konnte Lucy ihn nicht einfach als Arschloch abstempeln und in Ruhe lassen? Wieso musste sie so vehement nach Erklärungen verlangen? Loke war sich vollkommen sicher, dass Yukinos restliche Freunde sich spätestens jetzt eine eindeutige Meinung über ihn gebildet hatten – noch etwas, was er verdient hatte.

„Jetzt ist es doch mal gut, junge Frau! Der Bursche ist nicht da. Gehen Sie nach Hause, Sie sollten in Ihrem Zustand sowieso nicht so lange hier rum stehen“, erklang die barsche Stimme von Lokes linken Nachbarn.

„Besten Dank, aber das ist immer noch meine Entscheidung“, erwiderte Lucy resolut und fuhr mit dem Klopfen fort. „Loke, es ist mir egal, wie lange es dauert, aber ich werde nicht aufgeben! Ich will endlich eine Erklärung!“

„Verschwinde“, murmelte Loke, viel zu leise, als dass Lucy ihn hören konnte, und sackte am Rahmen der Wohnzimmertür langsam zu Boden, vergrub die zitternden Hände in den Haaren. Und das Klopfen ging weiter.

Und weiter.

Und weiter.

Woher nahm Lucy nur diese Kraft? Wieso gab sie nicht einfach auf? Loke blinzelte heftig gegen die Tränen an.

„ES REICHT!!!“, keifte die Nachbarin von gegenüber. „Manch einer will an seinem Samstagmorgen ausschlafen!“

„Sie werden noch genug andere Samstagmorgende haben, ich habe hier zu tun“, fauchte Lucy zurück, ehe sie die Stimme noch mehr anhob. „Loke, du kannst dich nicht ewig verstecken!“

„Geben Sie es endlich auf, der interessiert sich nicht für Sie!“ Die Nachbarin von rechts. Mittlerweile musste es im Flur von Nachbarn wimmeln.

„Ich werde niemals aufgeben! Er gehört zur Familie. Hörst du, Loke?! Du gehörst zur Familie!“

Ein gequältes Krächzen entrang sich Lokes Kehle. Sein Blickfeld verschwamm. Verdammt, wann hatte er das letzte Mal eine Familie gehabt? Wann hatte das letzte Mal jemand um ihn gekämpft?

Zitternd zog er sich am Türrahmen in die Höhe, während vor seiner Wohnungstür eine heftige Diskussion zwischen Lucy und einigen seiner Nachbarn entbrannt war – und dennoch klopfte Lucy unablässig gegen seine Tür. Wenn sie das bereits bei Yukinos Tür zwei Stunden lang durchgezogen hatte, mussten ihr die Hände bereits schrecklich weh tun, egal wie viel Kraft sie vielleicht in den Armen hatte.

Unsicher sah Loke sich in seiner Wohnung um. Er ließ nie jemanden hinein, deshalb hatte er sich nie darum geschert, wie kahl und leblos sie wirkte. Nur das Nötigste an Mobiliar, keinerlei Dekoration. Nur die Zeichnungen, die sich über seinem Wohnzimmertisch ausbreiteten, verliehen dem Raum wenigstens einen Hauch Persönlichkeit. Lokes Kehle wurde schon wieder eng, als er eine Bleistiftskizze von Yukino erkannte. Von ihrer ersten Begegnung…

Langsam ging Loke zur Tür und drehte den Schlüssel einmal herum. Auf einmal zitterte seine Hand wie Espenlaub und er lehnte sich mit der Stirn gegen die Wohnungstür, während Lucy draußen mit mindestens vier Leuten gleichzeitig zu diskutieren schien. Ihr stetiges Klopfen pochte nun hart gegen Lokes Kopf, aber er entzog sich dem nicht.

Wenn er diese Tür jetzt öffnete, würde er Lucy Rede und Antwort stehen müssen. Er würde ihr absolut alles gestehen müssen. Anfangen von seinen grässlichen Fehlern von vor zehn Jahren über seine Feigheit in den darauffolgenden Jahren bis hin zu den Umständen, die zu jener furchtbaren Situation mit Yukino geführt hatten. Der Gedanke, sich das alles endlich von der Seele zu reden, war beängstigend und befreiend zugleich.

Loke richtete sich auf und legte wieder die Hand an den Schlüssel. Mit einem tiefen Luftholen drehte er den Schlüssel ein zweites Mal herum.

Und dann hörte er Lucys Schrei.

Er riss die Tür auf. Vor sich hatte er einen halben Menschenauflauf. Alle drängten sich um Lucy, die wimmernd am Boden kauerte, beide Hände um ihren riesigen Babybauch geschlungen. Rücksichtslos schob Loke sich durch seine Nachbarn und hockte sich vor Lucy, stützte sie an den Schultern.

„Lucy, was ist los?“

Zitternd und schwer atmend hob sie den Blick. In ihren braunen Augen erkannte er Angst. „Ich glaube, die Fruchtblase ist geplatzt…“

Was in den darauffolgenden Stunden alles geschah, bekam Loke im Nachhinein nicht mehr ganz auf die Reihe. Jemand rief den Notarzt an, der irgendwann auch tatsächlich kam, als Loke seine keuchende Cousine schon in seine Wohnung getragen und auf seinem Sofa abgelegt hatte, damit sie nicht auf dem Linoleumboden des Flures sitzen bleiben musste. Die beiden Sanitäter entschieden, dass Lucy noch ins Krankenhaus gebracht werden konnte, und Lucy bestand unter Tränen darauf, dass Loke mit kommen sollte.

Und so fand Loke sich schließlich auf einer Wartebank vor der Kreissaaltür wieder, die zitternden Hände miteinander verschränkt, die Füße nervös wippend, der Blick starr geradeaus gerichtet. Von drinnen erklang ein Schrei. Loke wurde übel. Er konnte sich vage erinnern, dass einer der Sanitäter etwas davon gesagt hatte, Lucy müsste schon seit einer Weile leichte Wehen gespürt haben. Hatte Lucy diese Wehen seinetwegen ignoriert oder gar überhaupt nicht bemerkt? War mit ihr und dem Kind alles in Ordnung?

„Loke!“

Erschrocken blickte er nach links, wo Natsu und Sting mit bleichen Gesichtern heran gestürmt kamen. Beide atmeten keuchend. Waren sie den ganzen Weg zum Krankenhaus gerannt? Zu zutrauen war es ihnen.

„Was ist passiert?! Die Geburt sollte erst in einer Woche sein!“, rief Natsu. Er wirkte gehetzt, beinahe panisch.

„Ich… ich glaube, es ist meine Schuld“, krächzte Loke. „Sie hat mindestens eine halbe Stunde lang vor meiner Tür gestanden und geklopft und ich habe sie nicht herein gelassen… Die Aufregung… Ich-“

„Du!“ Loke wurde am Kragen gepackt, in die Höhe gerissen und hart gegen die Wand gedrückt. Vor sich hatte er Natsus wutverzerrte Miene. „Du… Wie…“

Eine Hand schloss sich um Natsus rechten Unterarm und zog ihn zurück. Mit steinerner Miene war Sting dazu getreten. „Das hilft Lucy jetzt auch nicht, Natsu.“

Als im Kreissaal wieder ein Schrei erklang, zuckten alle Drei zusammen und Natsu begann zu zittern. Fahrig strich er sich durch die pinken Haare, versuchte, sich durch tiefes Ein- und Ausatmen zu beruhigen, aber der Blick, den er Loke schließlich zuwarf, war dennoch mörderisch.

„Wenn den Beiden irgendetwas passiert ist, schwöre ich dir-“

„Entschuldigen Sie? Ist einer von ihnen Herr Dragneel?“

Der Pinkhaarige wirbelte zu der Krankenschwester herum, die in der Tür des Kreissaals stand, wobei sie darauf achtete, dass man keinen Blick ins Innere werfen konnte. Lucys nächster Schrei klang noch viel lauter und schriller. Natsu wich alles Blut aus dem Gesicht.

„Das ist er. Er ist der Vater“, erklärte Sting und schob seinen zukünftigen Schwager nach vorn.

Die Krankenschwester nickte und hielt die Tür einen kleinen Spalt weit für Natsu auf. Steif setzte dieser sich in Bewegung und verschwand im Kreissaal. Als sich die Tür hinter der Krankenschwester wieder schloss, wurden die Schreie erneut gedämpft. Auf dem Flur lehnte Loke noch immer an der Wand. Sting, der noch immer auf die Tür starrte, rieb sich müde seufzend die Augen. Als er sich zu Loke herum drehte, konnte dieser erkennen, wie übermüdet sein Cousin aussah. Offensichtlich war er nicht der Einzige gewesen, der in dieser Nacht keinen Schlaf gehabt hatte.

„Ich denke, du solltest uns endlich erzählen, was bei dir alles schief gelaufen ist“, sagte Sting leise, aber sein Blick war eisenhart.

Mehr als ein schwaches Nicken brachte Loke nicht zustande.
 

Rasalas – Die Geschichte
 

Die Sitzordnung im Esszimmer ihrer Eltern kam Yukino wie eine absurde Mischung aus einem Gerichtssaal und der Tafelrunde vor. Loke saß an einer Stirnseite des ausgezogenen Tisches, Lucy ihm gegenüber, die kleine Leonida im Arm. Zu ihrer Rechten saß Natsu, neben ihm Rogue, daneben Sting. Yukino saß Natsu gegenüber. Minerva neben ihr hatte sich demonstrativ so hingesetzt, dass sie beinahe eine Sichtmauer zwischen Loke und Yukino darstellte. Auf einem freistehenden Stuhl neben Loke saß Aries, die pinkhaarige Frau, die Yukino damals vor dem Cherry Blossom gesehen hatte.

Seit Lucys Niederkunft waren fünf Tage vergangen. Man hatte Lucy noch vier Tage im Krankenhaus behalten, um sicher zu gehen, dass mit ihr und ihrer Tochter alles in Ordnung war. In der Zeit hatte Loke bei Sting übernachtet. Nach Lucys Entlassung hatte Sting alles für dieses Treffen in die Wege geleitet.

Yukino hatte zugestimmt, das Gespräch hier abzuhalten. Im Haus ihrer Eltern war genug Platz dafür und hier würden sie weder gestört werden, noch mussten sie sich übermäßig Sorgen machen, Nachbarn zu stören. Skiadrum war mit Frosch bei der Lebensgefährtin von Natsus älterem Bruder, einer renommierten Kinderpsychologin, und wollte danach mit ihr und Lector in den Tierpark gehen. Für Frosch war also den ganzen Tag gesorgt.

Rogue und Minerva hatten ihre Lernpläne für den gesamten Tag gestrichen. Beide bedachten Loke mit besonders finsteren Blicken, was Yukino extrem unangenehm war, da sie ja der Grund für dieses beinahe schon aggressive Verhalten war. Natsu hatte skeptisch die Arme vor der Brust verschränkt, aber er hatte sich insgesamt besser im Griff als die beiden Schwarzhaarigen – wäre die Situation nicht so ernst, hätte Yukino sich über diesen Umstand sehr gewundert.

Stings und Lucys Mienen hingegen waren zwar ernst, zuallererst aber besorgt. Ihre Blicke wichen kaum einmal von ihrem Cousin, der übernächtigt auf seinem Platz saß, die Schultern eingezogen, den Blick gesenkt. Er hatte sich ein altes Bandshirt von Sting geliehen und seine Haare hingen ihm ungestylt ins Gesicht. Er wirkte furchtbar erschöpft, aber er war trocken. Sting hatte ihn in den letzten fünf Tagen nicht aus den Augen gelassen. Sogar zu den Meetings hatte Sting seinen Cousin begleitet, wie Yukino wusste.

Aries als Lokes Mentorin wirkte ruhig und gefasst. Vielleicht hatte sie so etwas schon selbst durchgemacht? Yukino wusste nichts weiter über die Geschichte der Pinkhaarigen, nur dass sie seit elf Jahren trocken war und seitdem ein geregeltes Leben führte. Ihre Zwillinge – Gemi und Mini – würden nach der Grundschule von ihrer Kollegin Virgo abgeholt und beaufsichtigt werden.

„Also…“, begann Lucy schließlich langsam, während sie sanft über Leonidas pinken Haarflaum strich. „Du bist in Crocus kurz nach eurem Umzug an die falschen Leute geraten und hast angefangen zu koksen…“

„Harmlos ausgedrückt“, seufzte Loke müde. „Ich war damals ein ziemlicher Vollidiot.“

Damals“, schnaubte Minerva leise, worauf Loke den Kopf noch ein wenig mehr einzog. Aries runzelte missbilligend die Stirn, aber Minerva ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Als ich es endlich aus der Sache raus geschafft hatte, war mein Schulabschluss bereits im Arsch“, fuhr Loke fort, den Blick noch immer auf die Maserung des Tisches geheftet. „Ich habe zuerst gekellnert, aber das hat kaum etwas abgeworfen. Dann bin ich als Model angeworben worden. Am Anfang hat es noch Spaß gemacht und es war leicht verdientes Geld.“

„Früher wolltest du immer etwas mit Kunst machen“, mischte Sting sich ein, als Loke eine längere Pause machte. „Du wolltest Illustrator werden.“

Loke lachte hohl: „Mit dem lausigen Schulabschluss kann ich das vergessen.“

„Es gibt für so etwas Abendschulen und –studiengänge“, erwiderte Lucy mit leichter Schärfe in der Stimme.

Als Loke sich ausschwieg, ergriff Aries das Wort. „Ich denke, ihr unterschätzt einen wichtigen Faktor: Lokes Eltern. Er musste sich lange Zeit schwere Vorwürfe wegen seines ‚Versagens’ von ihnen anhören. So etwas ist alles andere als hilfreich für jemanden, der sich gerade durch einen Entzug gequält hat. Loke hat mir verraten, dass er in Crocus sogar für eine Aufnahmeprüfung gelernt hat, aber dann doch nicht hingegangen ist.“

Bestürzt sah Yukino den jungen Mann an, der jedoch beharrlich den Tisch anstarrte, während er die Lippen fest aufeinander presste. Sting und Lucy wirkten auf einmal sehr steif. Yukino erinnerte sich wieder daran, was Lucy ihr erzählt hatte: Sie und Sting waren nach Crocus gefahren, um Loke zu besuchen, aber dessen Mutter hatte behauptet, Loke sei nicht da. Das war offenkundig entweder eine Lüge gewesen oder aber die Frau hatte absichtlich ihrer Nichte und ihrem Neffen einige sehr wichtige Dinge verschwiegen. So oder so, Sting und Lucy war dadurch damals die Chance genommen worden, Loke schon viel früher beizustehen.

„Warum hast du nie versucht, Sting und Lucy zu kontaktieren?“, mischte Natsu sich ein, der eine Hand auf die angespannte Schulter seiner Verlobten gelegt hatte. „Sie hätten dir jederzeit geholfen.“

Soweit dies möglich war, sank Loke noch weiter in sich zusammen. „Ich habe mich geschämt“, nuschelte er und senkte den Blick so weit, dass seine Haare den Blick auf sein Gesicht versperrten.

„Aber warum?“, platzte es aus Yukino heraus, ehe sie überhaupt darüber nachdenken konnte.

Sofort hatte sie die Aufmerksamkeit aller auf sich gebündelt. Minerva bedachte sie mit einem warnenden Stirnrunzeln, aber Yukino straffte trotzig die Schultern und fuhr fort: „Du hast damals den Entzug geschafft und du bist all die Jahre trocken geblieben, obwohl du es so schwer hattest! Es gibt keinen Grund, warum du dich schämen solltest!“

Schweigen setzte ein. Sting und Lucy schenkten Yukino ein dankbares Grinsen, bei dem ihre Verwandtschaft so deutlich zu Tage trat wie sonst selten. Natsu nickte anerkennend, Aries lächelte dankbar, sogar Rogue und Minerva schienen nicht an Protest zu denken. Was Yukino aber wirklich aus der Bahn warf, war Lokes Blick. Mit großen Augen starrte er sie direkt an – das hatte er die ganze Zeit seit seiner Ankunft hier nicht getan. Zuerst wirkte der Blick nur ungläubig, dann trat jedoch noch etwas anderes in diesen Blick.

Und dann senkte Loke den Blick hastig wieder und strich sich tief einatmend über das Gesicht, wobei seine Schultern verräterisch zitterten. Am liebsten hätte Yukino den Tisch umrundet, um den jungen Mann zu umarmen.

Unsicher blickte Yukino zu Lucy, doch diese lächelte beruhigend, ehe sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Tochter richtete, die nun leise quengelte. „Die Windel“, erklärte Lucy mit einem schiefen Lächeln und wollte schon aufstehen, aber Natsu kam ihr zuvor und nahm ihr die gemeinsame Tochter ab.

„Dieses Mal kriege ich es besser hin“, versprach er eifrig. Sting kicherte.

„Als ob du besser wärst“, mahnte Rogue seinen Freund, wofür dieser ihm die Zunge heraus streckte.

Der Schwarzhaarige verdrehte die Augen und stand mit den Worten auf, dass er etwas zum Trinken besorgen würde. Yukino, immerhin so etwas wie die Gastgeberin hier, beeilte sich, ihm in die Küche zu folgen.

Während sie sich streckte, um mehrere Gläser aus einem der oberen Schränke zu fischen, holte Rogue zwei Wasser- und eine Saftflasche aus dem Kühlschrank. Bevor sie sich einen Stuhl zur Hilfe holen konnte, trat Rogue zu ihr und holte die letzten zwei Gläser heraus, die ganz hinten im Schrank standen.

„Yukino, ist das alles wirklich in Ordnung für dich?“, fragte Rogue sehr ernst. „Er hat dich immerhin sehr verletzt.“

„Er hat es nicht aus Böswilligkeit getan, das ist mir jetzt klar“, erwiderte Yukino ebenso ernst und blickte direkt in Rogues Augen. „Ich… es hat mich verletzt, zu glauben, dass er… na ja…“ Vor lauter Verlegenheit schaffte sie es nicht, ihre Gedanken richtig in Worte zu fassen. Jetzt bekamen ihre Wangen doch ordentlich Farbe und sie senkte verlegen den Blick.

Rogue brummte leise: „Ich weiß gar nicht, wie Sting das ausgehalten hat, als Lucy sich in Natsu verliebt hat…“

Das machte Yukino noch viel verlegener. Sie kannte Rogue schon ihr ganzes Leben lang. Sie waren von klein auf Nachbarn gewesen und irgendwie hatte erst er immer auf sie aufgepasst und später sie auf Frosch. Für Yukino war Rogue genau wie Sting so etwas wie ein großer Bruder. Dass er einen derartigen Beschützerinstinkt bei ihr an den Tag legte, bedeutete ihr unermesslich viel.

„Ich will nicht, dass er dir wieder weh tut“, fuhr Rogue fort.

„Das ist aber kein Grund, ihm keine Chance mehr zu geben“, erwiderte Yukino nun wieder mutiger und hob wieder den Blick.

„Ich bin der Letzte, dem du etwas über Chancen erzählen musst“, brummelte Rogue zu ihrer Überraschung verlegen. „Sting musste viel Nachsicht mit mir üben…“

„Dabei ist er sonst immer der Hitzkopf von euch Beiden“, prustete Yukino.

Rogue zauste ihre Haare, kichernd wich sie aus und ergriff die Flaschen, die sie besser tragen konnte als die vielen Gläser, ehe sie sich wieder ernst zu dem Schwarzhaarigen umdrehte. „Bitte sei fair zu ihm.“

„Du verlangst ganz schön viel“, seufzte Rogue, nickte jedoch zustimmend und balancierte zwei Gläserstapel in Richtung Esszimmer.

Dort saß Natsu wieder am Tisch. Die kleine Leonida lag jetzt in Stings Armen und rieb sich mit ihren Händchen die müden Augen, während ihr Onkel sie sanft hin und her wiegte. Aus dem Augenwinkel sah Yukino, wie Rogues Miene bei diesem Anblick ganz weich wurde, und sie musste lächeln.

Dann fiel ihr Blick auf Loke. Zwar hatte er sich wieder etwas gefasst, aber er wirkte noch immer verunsichert. Nur kurz sah er sie an, ehe er sich auf die Unterlippe biss und den Blick wieder senkte. Aries, die sich vorgebeugt und Loke eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, setzte sich nun wieder richtig auf und warf einen skeptischen Blick in Minervas Richtung. Die hatte die Arme vor der Brust verschränkt und musterte Loke mit der Intensität eines Röntgengeräts – zumindest kam es Yukino so vor. Nur mit Mühe konnte die Weißhaarige sich davon abhalten, ihre Freundin und Mitbewohnerin darauf anzusprechen.

Sie stellte die Flaschen in die Mitte des Tisches, Rogue verteilte die Gläser und sie nahmen Beide wieder Platz. Lucy wartete noch, bis jeder, der es wollte, sich bei den Getränken bedient hatte, ehe sie wieder das Wort erhob.

„Du hast also angefangen zu modeln, obwohl das offensichtlich nicht dein Ding ist, und du hast das Jahre lang durchgezogen. Warum bist du dann nach Magnolia gekommen?“

„Du hättest bei der Polizei anfangen können“, seufzte Loke und zauste sich selbst die Haare, ehe er von Lucy zu Sting blickte und wieder zurück und offensichtlich um die richtigen Worte rang.

„Er wollte zu euch“, mischte sich Aries helfend ein. „Er wollte zu seiner Familie…“

Zutiefst verlegen senkte Loke den Blick wieder. Lucys Wangen röteten sich leicht und Sting rieb sich mit der freien Hand den Nacken.

Es war Natsu, der schließlich die Hand seiner Verlobten in seine nahm und sanft drückte, ehe er das Wort ergriff: „Und warum sind die Dinge hier dann so aus dem Ruder gelaufen?“

„Weil ich ein Vollidiot bin?“, schlug Loke mit einem gequälten Lächeln vor. „Ich habe mich bei der Suche nach einer Modelagentur hier auf einen beschissenen Arbeitsvertrag eingelassen. Die haben mich in der Hand, sie zwingen mich an die Öffentlichkeit, obwohl ich das nie wollte, und an dem Abend wurde es dann zu viel und ich habe die Kontrolle über mich verloren. Und…“ Er verstummte und warf Yukino einen flüchtigen Blick zu, so gut das eben mit Minerva als Sichtblockade möglich war.

„Es tut mir wirklich Leid“, murmelte er wieder der Tischplatte entgegen. „Ich habe mich hinreißen lassen und dann habe ich Panik gekriegt. Ich wollte niemandem weh tun, am allerwenigsten dir, Yukino.“

Die Weißhaarige hatte das Gefühl, als würden ihre Wangen brennen. Verlegen senkte sie den Blick und konnte daher nicht sehen, was die Anderen taten. Sie konnte nur Minervas leises Schnauben und Rogues angespanntes Einatmen hören.

„Das ist die lausigste Entschuldigung aller Zeiten“, begann Minerva schließlich, ihre Stimme so schneidend wie ein Laserstrahl. „Du hast Yukino belästigt und dann hast du sie wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen.“

„N-nein, so war das nicht!“, protestierte Yukino und hob ruckartig den Kopf wieder an. „E-er hat mich überrascht, a-aber ich… ich…“

Lucy räusperte sich verhalten. „Unter normalen Umständen wäre ich sehr dafür zu haben, Details zu hören, aber in diesem Fall sollten wir uns darauf einigen, dass das eine Privatangelegenheit zwischen Loke und Yukino ist.“

„Nicht, wenn er-“

„Minerva.“ Stings Stimme war ungewohnt angespannt. Yukino wurde mulmig zumute. Es gab nur selten einmal eine richtige Konfrontation zwischen Sting und Minerva, aber hier und jetzt schien es beinahe darauf hinaus zu laufen.

Die kleine Leonida schien die geladene Stimmung zu spüren. Sie begann in Stings Armen leise zu greinen. Ehe Sting jedoch versuchen konnte, seine Nichte zu beruhigen, nahm Rogue ihm das Kind ab und gab ihm dann einen Klaps auf den Hinterkopf. Dann blickte er mahnend in Minervas Richtung.

„Dieses spezielle Thema müssen wir nicht heute klären.“

„Ich habe doch gar nichts gemacht“, nuschelte Sting und rieb sich den Hinterkopf. Minerva schnaubte leise, aber Yukino merkte ihr an, dass die Anspannung wieder nachgelassen hatte. Erleichtert atmete die Weißhaarige aus.

Leonida wanderte weiter in die Arme ihres Vaters und Rogue richtete seine Aufmerksamkeit auf Loke. „Was ist das für ein Arbeitsvertrag?“

Verwirrt blickte der junge Mann zurück. „Nen Arbeitsvertrag halt?“

Minerva stöhnte genervt. „Meine Fresse, schon mal was von Arbeitsrecht gehört?“

„Nicht jeder ist so mit Jura bewandert wie ihr beiden Freaks“, nahm Sting seinen Cousin in Schutz, ehe er sich an eben diesen wandte. „Bring’ den Beiden eine Kopie, sie werden dir sicher sagen können, wie du aus diesem Drecksvertrag wieder raus kommst.“

„Wenn wir es denn wollen“, merkte Minerva spitz an.

„Jetzt hört doch endlich mal auf!“, rief Yukino und sprang so heftig auf die Beine, dass ihr Stuhl nach hinten krachte. Leonida begann wieder zu weinen, aber Yukino war viel zu aufgeregt, um das zu bemerken. „Ihr habt Jura studiert, weil ihr den Leuten helfen wolltet! Ihr wollt euch Beide doch nicht aus Spaß auf Strafrecht spezialisieren! Loke braucht eure Hilfe, also helft ihm gefälligst!“

Erst als sie die reihum offenen Münder ihrer Freunde sah, wurde Yukino bewusst, wie sehr sie aus der Haut gefahren war. Mit feuerroten Wangen drehte sie sich um und stellte den Stuhl wieder auf, um sich darauf plumpsen zu lassen, den Blick auf ihre zitternden Finger gerichtet.

„Gut gebrüllt“, gluckste Natsu schließlich anerkennend. Mit seiner immer noch weinenden Tochter stand er auf. „So wie ich das sehe, ist die Sache klar. Rogue und Minerva helfen Loke aus dieser Agentur raus und dann sucht Loke sich einen vernünftigen Job und fängt an für die nächste Aufnahmeprüfung zu pauken, damit er Illustrator werden kann, wie er es immer wollte.“

„Aber ich-“

„Babababa! Keine Chance, Loke, Sting und Lucy werden dich wenn nötig durch diese Prüfungen durchprügeln. So sind die eben“, erklärte Natsu kichernd und beugte sich vor, um seiner Verlobten einen Kuss zu geben, ehe er sich umdrehte, um mit Leonida an die frische Luft zu gehen. Allerdings hielt er noch mal an und blickte über seine Schulter zu Loke. „Und in zwei Wochen geben wir bei Jude und Layla eine Gartenparty, um Leonidas Geburt zu feiern. Du wirst gefälligst da sein, bist ja immerhin so etwas wie ein Onkel für sie.“

Offenen Mundes blickte Loke dem Pinkhaarigen hinterher, der sich im Garten einfach mit seiner Tochter ins Gras setzte und beruhigend auf sie einredete. Schließlich blickte er über den Tisch hinweg zu Lucy. „Wo hast du diesen Vogel her?“ Aries neben ihm verbarg ein Lächeln hinter ihrem Wasserglas.

„In gewisser Hinsicht ist er mir zugeflogen“, erwiderte sie mit einem versonnenen Lächeln.

Sting kicherte und schlug Loke kräftig auf die Schulter. „Aber dieser Vogel hat so seine lichten Momente und das eben traf den Nagel auf den Kopf, Loke. Dieses Mal gibt es keine Ausreden. Lucy kann mit dir büffeln und ich höre mich mal nach einem Job für dich um.“

„Und du wirst zu dieser Party kommen, ansonsten werde ich sehr ungemütlich“, fügte Lucy noch mit drohender Miene hinzu, aber Yukino neben ihr konnte deutlich das Lächeln sehen, das an Lucys Mundwinkel zupfte.
 

Regulus – Die Party
 

Nur zu gut konnte Loke sich erinnern, wie er als Dreikäsehoch von zehn Jahren das erste Mal vor der Villa der Heartfilias gestanden hatte. Damals hatte er geglaubt, sich mit der Adresse vertan zu haben, war wieder umgedreht und hatte das Straßenschild noch mal überprüft. Irgendwann hatte er einsehen müssen, dass diese riesige, einschüchternde Villa tatsächlich das Zuhause seiner Tante war. Ihm hatten damals die Knie geschlottert, als er sich schließlich dazu durchgerungen hatte, zu klingeln.

Auch heute schlotterten ihm die Knie, als er vor der Einfahrt der Villa stand, auf der sich mehrere Autos und Motorräder arrangiert hatten. Die Vehikel von Lucys und Natsus zahlreichen Freunden, mit denen er es sich doch eigentlich vor einem halben Jahr verschissen hatte. Die wollten ihn ganz bestimmt nicht dabei haben, das hatte er auch mehrmals zu Sting und Lucy gesagt, aber die hatten unnachgiebig darauf bestanden, dass er zu dieser Party kommen sollte.

In den letzten zwei Wochen hatten die Beiden sich beinahe rund um die Uhr um ihn gekümmert. Rogue und Minerva hatten ihm tatsächlich helfen können, aus dem Arbeitsvertrag beim Weekly Sorcerer heraus zu kommen, und nächste Woche würde er den Job in der Stadtbibliothek antreten, den Lucys Freundin Levy ihm verschafft hatte. Die Aufnahmeprüfungen an der Abendschule für Freie Künste waren in einem Monat. Lucy hatte ihm schon alte Prüfungsbögen heraus gesucht und einen Lernplan erstellt.

Man sollte meinen, dass Lucy ganz andere Sachen zu tun hätte, wo sie doch einen Säugling versorgen musste, während der Kindsvater wieder ganztags berufstätig war. Aber irgendwie bekam sie das alles tadellos auf die Reihe. Ihren Worten zufolge erhielt sie von allen Seiten tatkräftige Unterstützung. Anscheinend rissen ihre Freunde sich geradezu darum, auch mal auf die kleine Leonida aufpassen zu dürfen.

Seufzend strich Loke sich durch die Haare, die er nicht mehr stylte, seit er nicht mehr beim Weekly Sorcerer arbeitete, dann blickte er auf die Geschenktüte hinunter, in der sich ein schlecht eingepacktes Löwenplüschtier und ein Entspannungsschaumbad befanden. Lucy hatte zwar gesagt, er müsste kein Gastgeschenk mitbringen, aber da er zwei linke Hände beim Kochen hatte und daher nichts für das Büffet mitbringen konnte, hatte er sich kurzerhand in diesem einen Punkt über Lucy hinweg gesetzt.

Langsam ging er die Einfahrt entlang und folgte einem Kiesweg um die Villa herum. Vom hinteren Garten hörte er ein wildes Stimmengewirr und er konnte bereits gegrilltes Fleisch und Bratwürste riechen.

Vor dem Gartenhaus blieb er stehen und lauschte den Stimmen in der Partygesellschaft.

„Seht euch dieses Prachtmädchen an! Sie hat die Nase ihres Lieblingsgroßvaters!“

Lieblingsgroßvater?“

„Das arme Kind wäre gestraft, wenn es deinen riesigen Zinken erben würde.“

„Sag’ das noch mal!“

„Gib sie mal her.“

„Hey, das ist meine Tochter!“

„Hallo kleine Leonida! Na, du willst ganz bestimmt eine Spielgefährtin haben, nicht wahr?“

„Dad, du machst meiner Patentochter Angst und ich werde jetzt garantiert nicht Juvia schwängern, nur damit du deine Großvatervorstellungen ausleben kannst!“

„Hey, gebt mir endlich meine Tochter!“

„Fresse, Feuerkopf, das ist mein Patenkind und ich habe viel häufiger den Drachen gehütet als jeder andere hier.“

„Dürfte ich vielleicht erfahren, was ihr mit Drachenhüten meint?“

„Ähm… ja… also das…“

„Ihr seid ja solche Vollidioten.“

„Klärt ihr das mal, ich kümmere mich um Leonida. Hach, ich kann es kaum erwarten, bis ich Lennox im Arm halten kann!“

„Du willst ihn immer noch Lennox nennen?“

„Juvia findet den Namen schön!“

„Duhu, Rogue… Wann adoptieren du und Sting eigentlich ein Baby?“

„Rogue?!“

„Atmen, Junge. Wäre jammerschade, wenn du so kurz vorm Staatsexamen an Bowle ersticken würdest.“

„Genau, Rogue, wann macht ihr Weiß und mich zu Großvätern?“

„Ich bin noch nicht bereit, um Großvater zu werden.“

„Keine Sorge, Weiß, du wirst es lieben! Enkel sind großartig, die kannst du so richtig schön verwöhnen!“

„Würdest du vielleicht mal aufhören, ihm das schmackhaft zu machen, Ma?!“

„Ach wieso denn? Ich würde mich über ein weiteres Enkelkind freuen.“

„Wir sind erst seit zwei Monaten zusammen!“

„Ihr seid schon seit zwanzig Jahren zusammen, ihr ward nur zu blöd, um es zu begreifen.“

„Auf wessen Seite bist du eigentlich?!“

„Auf der, die am meisten Spaß verspricht.“

„Und so was schimpft sich Freundin!“

„Ich will nicht, dass Sting und Rogue ein Baby adoptieren, dann muss ich Windeln wechseln.“

„Du wirst es gerne tun.“

„Wohl kaum.“

„Spätestens bei deinem eigenen-“

„Layla, der Bengel ist sechzehn!“

„Ich bin kein Bengel!“

„Bist du wohl und du wirst so viele Windeln deines Neffen oder deiner Nichte wechseln, wie ich dir sage.“

„Ach, auf einmal willst du doch ein Enkelkind?“

„Ich will endlich meine Tochter halten!“

„Nicht in diesem Leben. Du kannst ja weiter Drachenhüten.“

„Nun sei doch nicht so. Wir haben es nur gut gemeint…“

„Wer ist Wir?“

„Ähm…“

„Vollidioten.“

„Sei nicht so hart zu ihnen, sie haben sich wirklich Sorgen um dich und Leonida gemacht.“

„Hast du etwa davon gewusst? Du kannst dich nicht ewig hinter deinem Freund verstecken!“

„Ich will so gerne Enkel haben. Mein Sohn ist so ein Spätzünder.“

„Hör’ auf zu jammern, von wem hat er das wohl?“

„Was soll das nun wieder heißen?!“

„Ma, ich werde Rogue jetzt keinen Heiratsantrag machen!“

„Kein Grund, rot zu werden.“

„Reiß’ dich zusammen, Rogue, ist ja nicht so, als stünde hier eure vorverlegte Hochzeitsnacht zur Debatte.“

„Minerva!“

„Irgendwie habe ich mir diese Gartenparty anders vorgestellt…“

„Kopf hoch, Jude, es ist für deine Mädels!“

Loke schüttelte fassungslos lächelnd den Kopf. Und in diesem Chaos sollte er sich zurecht finden? Das klang beängstigend und aufregend zugleich. Aber würden Lucys und Natsus Freunde ihn aufnehmen, nachdem er sich beim ersten Treffen so bescheuert verhalten hatte? Laut Lucy und Natsu ja, aber waren sie da nicht vielleicht etwas zu optimistisch?

Das Knirschen von Schritten auf Kies veranlasste ihn dazu, sich umzudrehen. Zuerst sah er nur drei übereinander gestapelte Schüsseln, gekrönt von einem großen Kuchenblech, das himmlisch nach Schokolade duftete. Dann erkannte er Yukinos zierliche Hände, die die untere Salatschüssel eisern festhielten und das Wackeln des Turms auszugleichen versuchten.

„Achtung“, sagte Loke leise, um Yukino nicht zu erschrecken, ehe er auf sie zutrat und ihr die obere Schüssel und das Kuchenblech abnahm. Bei dem nun noch intensiveren Schokoladengeruch lief ihm das Wasser im Mund zusammen, aber noch viel fesselnder war der Anblick von Yukinos leicht geröteten Wangen, als sie zu ihm hoch blickte.

Seit dem Gespräch im Haus ihrer Eltern hatte er sie nicht wieder gesehen. Er hatte ihr nur über Lucy eine Nachricht zukommen lassen, dass er mit ihr in Ruhe über alles reden wollte, sobald er seine Angelegenheiten geregelt hatte. Dabei hatte er sie Tag für Tag vermisst. Sein Schreibtisch war voll von lauter Skizzen von Yukino, was Lucy bei einem Besuch natürlich nicht entgangen war. Sie war ganz angetan davon gewesen.

„Hey…“, begrüßte er sie lahm, unfähig, den Blickkontakt wieder abzubrechen.

„Danke“, hauchte sie und auch sie machte keine Anstalten, den Blick abzuwenden.

Sie sah wirklich hübsch aus heute – also das tat sie natürlich immer, aber heute eben ganz besonders. Sie hatte sich eine Papierblume ins Haar gesteckt und trug ein blau-weißes Sommerkleid, das ihr ausgesprochen gut stand. Loke wurde ganz kribbelig zumute und um sich selbst davon abzulenken, durchbrach er die knisternde Stille zwischen ihnen mit einem ungefährlichen Thema: „Du willst die Party wohl im Alleingang versorgen?“

„I-ich konnte mich nicht entscheiden, welchen Salat ich machen soll, und den Kuchen hat Natsu sich gewünscht“, erklärte Yukino mit nun noch dunkleren Wangen.

Mehr als ein „Hm“ brachte Loke einfach nicht zustande. Sein Gehirn fühlte sich wie leer gefegt an, er wusste überhaupt nicht, was er sagen sollte. Bei allem, was ihm heilig war, war er wirklich so ein Vollidiot?

„Lucy hat mir Bescheid gesagt, dass du mit mir reden willst“, beendete Yukino das verlegene Schweigen schließlich. Sofort erhielt Lokes Stimmung einen Dämpfer. „Wir müssen nicht darüber reden.“

Perplex blinzelte er, ehe er die Stirn runzelte. „Doch, müssen wir. Was ich getan habe-“

„War keine Abweisung“, unterbrach Yukino ihn mit sanftem Nachdruck, aber ein Rest Unsicherheit war doch in ihren braunen Augen zu erkennen, als sie direkt in die seinen blickte. „Oder doch?“

„Nein“, krächzte Loke. „Also doch… also ich meine…“ Seufzend balancierte er Tüte und Salatschüssel mit einer Hand, um sich durch die Haare streichen zu können. „Ich meine, dass ich mich nicht von dir entfernt habe, weil ich dich nicht wollte… sondern weil ich dich nicht verdient habe…“

„Unsinn“, widersprach Yukino und stellte die Salatschüsseln kurzerhand auf einer Steinbank neben ihnen ab, um Loke dann einfach eine Hand an die Wange zu legen. Ihre Finger waren weich und von den Salatschüsseln etwas kühl, aber Loke wurde dennoch warm zumute. „Ich entscheide alleine, was ich verdient habe, Loke.“

„Aber… das wird nicht einfacher mit mir… Ich werde mein ganzes Leben lang krank sein. Das will ich niemandem zumuten, vor allem dir nicht…“

Seufzend nahm Yukino ihm die Sachen ab, die er hielt, und stellte sie ebenfalls auf der Bank ab, ehe sie sein Gesicht in beide Hände nahm. „Ich will es mir aber zumuten, Loke. Ich will dir helfen, gesund zu bleiben und dein Leben endlich wieder richtig zu genießen.“

Lokes Kehle fühlte sich staubtrocken an. Schon wieder hatte er keine Ahnung, was er sagen oder tun sollte. Wie automatisch legte er eine Hand an Yukinos Wange und wie damals schmiegte sie sich vertrauensvoll dagegen. Womit hatte er diese Frau verdient? Es ging ihm einfach nicht in den Kopf. Aber er konnte und wollte sie nicht von sich stoßen. Alles in ihm sehnte sich nach ihr!

Er nahm all seinen Mut zusammen und nahm nun seinerseits ihr Gesicht in beide Hände, um sich vorzubeugen. „Ich… liebe dich auch“, krächzte er heiser.

Das Funkeln in ihren Augen ließ sein Herz gleich noch viel höher schlagen. Er fühlte sich jetzt federleicht, geradezu selig. Ohne noch mal darüber nachzudenken, überwand er den letzten Abstand und küsste Yukino, küsste sie mit aller Inbrunst und Zärtlichkeit, die er verspürte. Sie schlang die Arme um ihn und erwiderte seinen Kuss mit der gleichen Intensität…

Ein lautes Räuspern ließ sie auseinander und herum fahren. Wenige Meter von ihnen entfernt standen Sting, Lucy, Minerva und Rogue. Während Sting und Lucy begeistert grinsten, machte Rogue ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen, und Minervas Miene war beängstigend finster.

„Wir haben uns schon gefragt, wo ihr bleibt“, gluckste Sting und ging um sie Beide herum, um sich den Stapel mit der Salatschüssel und dem Kuchenblech, sowie die Tüte mit Lokes Geschenk, zu nehmen. „Hach, das duftet himmlisch, Yukino! Rogue, hilf mir mal.“

Der Schwarzhaarige setzte sich steif in Bewegung. Als er an Loke vorbei kam, warf er diesem einen sehr finsteren Blick zu. Dem Jüngeren wurde schon ein wenig mulmig dabei zumute. Sting legte den freien Arm um Yukinos Schultern und führte die Weißhaarige in Richtung der Gartenparty. Rogue folgte ihnen mit den beiden verbliebenen Salatschüsseln, sodass Loke schließlich mit Lucy und Minerva alleine blieb.

Noch immer grinste Lucy breit, während Minervas Miene nach wie vor finster war. Loke konnte sich richtig gut vorstellen, wie sie damit vor Gericht die Verbrecher in die Knie zwang.

„Also“, ergriff Lucy das Wort und kam langsam auf Loke zu, um sich bei ihm unter zu haken. „Du und Yukino, ja?“

Wollte seine Cousine Minerva wirklich noch mehr provozieren? Selbst für ihre Verhältnisse erschien das Loke eindeutig zu gewagt, aber Lucy ließ sich offensichtlich nicht von Minervas Blicken beeindrucken, sondern blickte lächelnd zu Loke auf.

„Ähm…“

Herrje, er war wirklich schon mal eloquenter gewesen…

„Das freut mich sehr für euch“, erklärte Lucy mit leuchtenden Augen und umarmte ihn ungelenk von der Seite und dann wurde ihre Miene auf einmal mörderisch finster. „Aber lass’ dir eines gesagt sein, Loke. Familie hin oder her, wenn du Yukino jemals unglücklich machst, werfe ich dich den Wölfen zum Fraß vor… und die werden dich in der Luft zerreißen…“

Lucy nickte zu Minerva hinüber, die die Arme vor der Brust verschränkt hatte. Loke lief es eiskalt den Rücken herunter. Er wusste nicht, wer schlimmer war – Lucy oder Minerva?

Dann hellte sich Lucys Miene schlagartig wieder auf und sie bugsierte Loke in Richtung Gartenparty an Minerva vorbei. „Aber das wirst du natürlich nicht, oder?“

„Natürlich nicht“, sagte er entschieden. „Ich will sie glücklich machen!“ Er blickte über seine Schulter zu Minerva, um seine Aussage mit einem entschlossenen Blick zu bekräftigen.

Und tatsächlich wurde ihre Miene ein bisschen weicher und sie nickte ihm minimal zu. Er fühlte sich ein bisschen so, als hätte er gerade von höchster Stelle einen Ritterschlag erhalten…

Das Quaken des Frosches

Bombina bombina – Eine Beinahe-Eskalation
 

„Paaaaaapiiiiii! Wo bist duuuuu?!“

Das jämmerliche Jaulen des Jungen, der seine Stimme extra schrill ansteigen ließ, ließ Lectors Ohren klingeln. Die Sportzeitschrift in seinen Händen knitterte, aber noch zwang Lector sich, sie weiterhin vor sein Gesicht zu halten, um nicht den Urheber dieser bösartigen Nachahmung sehen zu müssen.

Tief durchatmen, rief er sich die Ermahnung seines Vaters in Erinnerung. Bis Zehn zählen und dabei an nichts anderes denken.

„Rooooguuuue! Ich ha-ha-ha-habe soooooolche Angst!“, wimmerte nun ein anderer Junge, wofür seine Freunde ihm Beifall klatschten.

Die Buchstaben vor Lectors Augen verschwammen und er presste sich die Zeitschrift aufs Gesicht.

Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun, Zehn.

Noch immer war das Gelächter der Jungen überdeutlich zu hören. Dabei hatte Lector geglaubt, hier unter dem krüppligen Apfelbaum am Rande des Schulhofs hätte er seine Ruhe. Genau die hatte er doch gesucht. Zu wissen, dass diese Schweine sich noch immer über diese Sache lustig machten, die schon mehr als acht Wochen zurück lag, war eine Sache, aber es schon wieder hören zu müssen, brachte Lector schier um den Verstand.

Einszweidreivierfünfsechssiebenachtneunzehn!!!

„Lectoooooor! Biiiiitte hiiiiilf miiiiir!“, jammerte ein Dritter, gefolgt von einem nachgeahmten Heulen, bei dem einige andere Jungen laut aufschrien vor Lachen.

Lector schmiss seine Zeitschrift beiseite und war auf den Beinen, ohne überhaupt noch mal darüber nachdenken zu können. Schon wollte er nach vorn stürmen, aber da wurde er von zwei Händepaaren kräftig gepackt und zurück gerissen.

„Ignorier’ sie, Lector. Du bist gerade erst dein Veilchen losgeworden“, beschwor Happy ihn.

Lector knurrte seinen Freund nur an und ruckte mit seinen Armen, aber weder Happy noch Romeo ließen nach. Dann stellte sich auch noch Charle mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihn.

„Damit hilfst du Frosch auch nicht, Lector“, erklärte sie rigoros.

„Vielleicht sollten wir alle rein gehen“, schlug Wendy zaghaft vor, die betreten neben der Szene stand und immer wieder beschämt in Richtung der Witzbolde blickte.

„Lectooooooor!“, jaulte der Junge von vorhin noch einmal und seine Kumpane johlten und pfiffen vor Freude.

„Was glaubt ihr eigentlich, was ihr hier macht?!“

Romeo neben Lector stöhnte leise auf und Wendy keuchte erschrocken. Gemeinsam drehten die fünf Jugendlichen sich um und beobachteten, wie Chelia sich vor den Jungen aufbaute und die Arme vor der Brust verschränkte.

„Was denn, Fräulein Schülersprecherin? Mal wieder auf dem Samariter-Trip?“, lachte einer der Jungen und die Anderen spendeten ihm gleich wieder Beifall. „Sammelst du Punkte für die Spasten?“

Chelia holte tief Luft und ließ ihr prächtiges Stimmorgan erklingen, um die Idioten nach allen Regeln der Kunst zusammen zu falten. Der halbe Schulhof wurde darauf aufmerksam und die Witzbolde ernteten nun zahlreiche abschätzige Blicke. Nicht dass Frosch sonderlich beliebt gewesen wäre, aber Chelia verstand etwas davon, Dinge in ihrem Sinne in Szene zu setzen.

Ruckartig riss Lector sich aus den Griffen seiner Freunde und drehte sich herum, um zurück zum Schulgebäude zu stapfen. Er trat so fest auf, wie er nur konnte, in der Hoffnung, so vielleicht seiner Wut Herr zu werden, aber das wirkte genauso wenig wie all die anderen Tipps seines Vaters und seines Bruders, die er bereits ausprobiert hatte.

Denn zuallererst war er nicht auf diese Vollidioten wütend, sondern auf sich selbst. Durch seinen Kopf pochte immer wieder der unaussprechliche Gedanke, dass er seine beste Freundin nicht richtig beschützt hatte…
 

Vipera berus – Ein weiterer Alptraum
 

Sie rannte durch einen Wald.

Die Bäume waren riesig und finster und bedrohlich. Ihre Zweige streckten sich wie gierige Finger aus und ihre Kronen hielten jedwedes Licht vom Boden fern. Ihre Wurzeln schienen aus dem Boden zu brechen, um sie zu Fall zu bringen.

In der Ferne johlten Jungen, ahmten ihre Hilferufe nach, die schon vor einer Weile verstummt waren, erstickt von stetig anschwellender Panik.

Sie war völlig alleine.

Ihr Bruder und ihr Vater waren weit entfernt in Magnolia und dachten sie sicher in der Jugendherberge, in der ihre Klasse während der einwöchigen Exkursion untergekommen war. Natürlich, wie sollten sie auch ahnen, dass die Lehrer bei Zehntklässlern noch auf die Idee kamen, eine Nachtwanderung zu machen? Und wie sollten sie weiterhin jemals auf die Idee kommen, dass einige Mitschüler diese Nachtwanderung für einen grausamen Streich ausnutzten?

Und ihr bester Freund – der Mensch, der vor allen anderen hier hätte sein können – lag mit einer dicken Erkältung im Bett und kurierte sich hoffentlich aus. Er war für sie genauso unerreichbar wie die Jugendherberge.

Wenn er doch nur hier wäre. Er würde sie sicher sofort finden und in Sicherheit bringen. Schon immer hatte er sie gefunden, egal wo und wie schlimm sie sich verlaufen hatte. Nur dieses Mal konnte er ihr nicht helfen.

Sie stolperte über eine Baumwurzel und fiel der Länge nach hin. Wimmernd kauerte sie sich zusammen und barg das Gesicht in den Händen.

Sie war vollkommen alleine…
 

Mit einem Schrei fuhr Frosch hoch. Beinahe sofort konnte sie es im Nebenzimmer poltern hören. Sie konnte noch nicht einmal richtig Atem schöpfen, dann wurde ihre Zimmertür aufgestoßen und ihr Bruder kam herein. Er trug aufgrund der frühsommerlichen Nachttemperaturen nur seine Boxershorts und ein T-Shirt und seine Haare waren aufgelöst, aber er eilte sofort zu ihr ans Bett.

„Rogue“, jammerte Frosch und streckte die Arme nach ihm aus.

Es war ihr völlig egal, dass sie schon fünfzehn Jahre alt und damit längst aus dem Alter heraus war, in dem ihr Bruder sie auf den Arm nehmen konnte und sollte. Sie zitterte am ganzen Körper und ihr war trotz der Hitze eiskalt zumute.

Rogue war es genauso egal. Er setzte sich auf ihre Bettkante und zog sie an sich, um ihr beruhigend über Haare und Rücken zu streichen.

„Es ist alles gut, Frosch“, sagte er sanft. „Du bist Zuhause. Ich bin hier. Pa ist auch da. Hier tut dir niemand etwas.“

Schluchzend klammerte Frosch sich an ihren Bruder und presste ihr Gesicht in seine Brust.

Ja, sie war Zuhause und in Sicherheit. Hier konnte ihr niemand etwas tun, hier konnte sie niemand erreichen – und hier konnte auch sie niemanden erreichen. Sie war gefangen im Käfig ihrer eigenen Angst…
 

Bufo bufo – Ein fantastisches Geschenk
 

In übertrieben verschnörkelter Schrift stand Stellar World über der Eingangstür des großen Buchladens, in dessen Schaufenster Erd- und Himmelsgloben, Sextanten, Sanduhren und allerlei anderer alter Kram standen, den Lector nicht zu benennen wusste. In einer Ecke waren einige unechte Präparate. Ein Fuchs, ein Rabe, ein Eichhörnchen und eine Erdkröte.

Der Anblick der falschen Amphibie drückte gleich wieder Lectors Laune. Es war bezeichnend, dass er, der Biologie-Muffel schlechthin, ausgerechnet die Kröte ganz eindeutig bestimmen konnte. Froschs Leidenschaft für Amphibien und Reptilien hatte nicht direkt auf ihn abgefärbt, aber sie hatte ihm so viel davon erzählt, dass doch so einiges hängen geblieben war.

Immerhin war er schon ein gutes Dutzend Mal mit ihr im Aquarium der Stadt gewesen, um die Tiere in der herpetologischen Abteilung zu bewundern. Ob nun Frösche, Kröten, Unken, Molche, Salamander, Wühle, Schlangen, Eidechsen, Schildkröten, Chamäleons, Skinke oder Geckos, Frosch kannte sich phänomenal gut damit aus. So gut, dass sie sogar Fehler in den Erklärungstafeln erkennen und korrigieren konnte.

Im vergangenen Frühjahr hatte Lector sich von Frosch breitschlagen lassen, seine Wochenenden an Amphibienschutzzäunen zu verbringen. Und unter normalen Umständen wäre er jetzt mit Frosch wahrscheinlich im Stadtpark, um in einem der verwilderten Weiher nach Fröschen, Unken und Molchen zu keschern. Er hätte Saft und Kekse mitgebracht und Frosch eine Picknickdecke und die Ausrüstung – extra für ihn Watstiefel, weil er sich davor ekelte, im Matsch zu stehen, während sie sich überhaupt nicht daran störte.

Diese Gedanken ließen Lector bereuen, dass er sich von Happy und den Anderen hatte mitschleifen lassen, die am Kardia Platz auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für Frosch waren. Aber seine beste Freundin hatte nun einmal schon in zwei Wochen ihren Ehrentag und er hatte immer noch nichts für sie gefunden. Dabei hatte er sich doch fest vorgenommen, dass es etwas Besonderes sein musste, nachdem Frosch ihm zu seinem Geburtstag im Dezember Tickets für ein Basketballspiel der Ersten Liga geschenkt hatte und mit ihm auch zu diesen Spiel gegangen war. Gut, sie hatte ihm gestanden, dass ihr Vater und ihr Bruder etwas beigesteuert hatten, aber dennoch: Die Idee war ihre gewesen…

Neben Lector übte Romeo auf seinem Einrad einige Flips. Nachdem sein Vorschlag, Frosch ein Set aus dem Terraristik-Shop zu besorgen, abgeschmettert worden war, hatte sich Romeos Begeisterung für den Trip in Grenzen gehalten. Wenn er sich nicht gerade auf seine kleinen Tricks mit seinem Einrad konzentrierte – für die wirklich spektakulären Sachen hatte er hier leider keinen Platz –, schielte er immer wieder zu Wendy hinüber, die sich von Charle und Happy mehr oder weniger von Laden zu Laden mitziehen ließ, während Chelia wie ein General vorweg marschierte, ihr eigenes Einrad vor sich her schiebend.

Romeos schmachtende Blicke hätten Lector normalerweise erheitert, aber der Vorfall in der großen Pause steckte ihm noch in den Knochen und in seinen Rücken bohrte sich beständig der Blick der Erdkröte, vorwurfsvoll und enttäuscht und unendlich traurig. Allmählich fühlte Lector sich von seinen eigenen Schuldgefühlen verfolgt, regelrecht gejagt.

Als die Glocken der Kardia Kathedrale zweimal schlugen, rutschte Romeo beinahe von seinem Einrad. „Verdammt!“, zischte er. „Ich komme zu spät! Natsu wollte doch heute mit mir den neuen Schrank abschleifen!“

„Dann verschwinde doch einfach. Merken die doch sowieso nicht“, brummte Lector und ruckte mit dem Kinn in Richtung ihrer Freunde, die nun eine Boutique ansteuerten.

Mit einem Stirnrunzeln drehte Romeo sich zu ihm herum und öffnete die Lippen, um etwas zu sagen, schloss sie jedoch wieder und schüttelte den Kopf. Besser für ihn. Wenn er jetzt den Spruch gebracht hätte, den so gut wie jeder schon an Lector gerichtet hatte, hätte dieser sich vielleicht vergessen: Es ist nicht deine Schuld…

Doch, das war es. Er hatte die Erkältung als Gelegenheit willkommen geheißen, nicht mit auf diese blöde Klassenfahrt zu müssen. Er hatte Frosch im Stich gelassen. Und jetzt konnte er Frosch nicht helfen. Sie traute sich nicht mehr aus dem Haus, hatte Alpträume, war nur noch ein Schatten ihres Selbst. Wenn er bei ihr war, fehlte ihren Augen das begeisterte Leuchten, das sie früher immer ausgezeichnet hatte. Sie spielten nur Karten- oder Brettspiele, arbeiteten an dem 5000-Teile-Puzzle, das Frosch letztes Weihnachten geschenkt bekommen hatte, machten Hausaufgaben, oder lümmelten im Garten – der einzige Ort außerhalb des Hauses, an den sie sich noch traute – und redeten über Belanglosigkeiten. Weder mit Worten noch mit Taten hatte Frosch ihn jemals angeklagt, aber dennoch fraß der Gedanke sich immer tiefer in Lector hinein, dass er Frosch hätte beschützen müssen.

„Zisch’ ab“, knurrte Lector und stopfte seine Hände in die Hosentaschen, um zu verbergen, wie sehr seine Fäuste zitterten.

„Du solltest endlich mit jemandem reden“, begann Romeo vorsichtig, stieg jedoch auf sein Einrad zurück und fuhr zwei Meter rückwärts.

„Sagt genau der Richtige“, schnappte Lector zurück.

Getroffen zog Romeo die Schultern ein, wodurch er beinahe wieder mit dem Einrad umkippte, und sein Blick huschte für einen Moment wieder zu Wendy, ehe er frustriert seufzte und einfach davon fuhr. Sofort tat es Lector Leid, seinen Freund und Teamkollegen so angeblafft zu haben. Der war nun einmal bis über beide Ohren verknallt, aber das Mädchen seiner Wahl war super schüchtern und verstand seine ungeschickten Annäherungsversuche nicht. Das war eine beschissene Situation und Lector hätte nicht darauf rumtrampeln sollen.

Nun noch viel frustrierter ließ der Junge den Blick über den Kardia Platz schweifen. Für einen Moment erwog er, sich ins Cherry Blossom zu setzen, dort hatten sie gute Eisschokolade, aber er verwarf den Gedanken wieder. Wenn Yukino heute dort war, würde sie ihn garantiert ansprechen – und so gut er sie leiden konnte, er wollte jetzt nicht mit ihr reden. Er wollte mit überhaupt niemandem reden.

Als sein Blick Charles Blick begegnete, die ihn scharf musterte, drehte er sich schnell herum. Beinahe entfuhr ihm ein Fluch, als er in die Augen der Erdkröte sah. Von allen Amphibien, die er mit Frosch gefangen hatte, konnte er die Erdkröten am meisten leiden. Bei den Amphibienzaunkontrollen hatte er sich über jede einzelne davon riesig gefreut und seinen Bruder mit lauter Krötenbildern zugetextet…

Eingezwängt zwischen Charles Blick und dem der Erdkröte, ergriff Lector die Flucht in den Buchladen. So konnte er wenigstens so tun, als wäre er auch auf der Suche. Charle würde hoffentlich dafür sorgen, dass die Anderen ihm nicht folgten. Ihm war nicht nach Gesellschaft zumute.

Das Stellar World war viel größer, als man es von außen vermuten würde, hatte jedoch durch die vielen verwinkelten, holzvertäfelten Räume und Nischen dennoch einen heimeligen Charme. Die Regale reichten hier überall drei Meter hoch vom Boden bis zur Decke und im Zentrum jedes Raumes standen Vitrinen mit weiterem altem Kram. Alle Regal- und Raumplaketten waren handbeschrieben. Die Buchstützen in den Regalen waren aus Holz und Stein. Die Böden waren mit Teppichen ausgelegt, um die Schritte der Besucher zu dämpfen.

In der Nähe des Eingangs stand der ebenfalls holzvertäfelte Tresen mit der Kasse, hinter welchem ein Mann mit dünnem Schnurbart und einem Gesicht stand, das Lector irgendwie an eine Uhr erinnerte. Seine Haare waren altmodisch lockig frisiert und seine Augen musterten Lector mit einem verwirrten Blick, als hätte er noch nie einen Menschen gesehen. Wahrscheinlich verirrten sich nicht so oft Leute seines Alters hierher, überlegte Lector, der selbst auch lieber Bücher online bestellte, statt sie umständlich in einem Laden zu suchen.

„Fragte er nach Hilfe?“

Jetzt war es an Lector, verwirrt zu blinzeln. Er blickte über seine Schulter durch das kleine Fenster in der Tür und erwartete für einen verrückten Moment wirklich, auf der Straße Kutschen und Rickschen zu sehen. Aber nein, dort draußen herrschte eindeutig noch das 21. Jahrhundert. Wenn hier also jemand eine Zeitreise wie in Lectors geliebten Science Fiction Filmen und Büchern unternommen hatte, dann dieser komische Kauz.

„Ähm… nein… nein, danke“, stammelte Lector, als er sich bewusst wurde, dass er unhöflich lange geschwiegen hatte. „Ich schaue mich nur mal ein bisschen um.“

„Sagte er, wonach er sucht?“

„Die Biologie-Abteilung“, antwortete Lector spontan.

Die Sprechweise des Mannes brachte ihn völlig aus dem Konzept, dabei sollte man meinen, er wäre durch Frosch diesbezüglich abgehärtet, aber bei Frosch fiel ihm das einfach nicht mehr auf. Er kannte sie vom Babyalter an und sie hatte immer von sich selbst in der dritten Person gesprochen. Für Lector war das himmlische Normalität.

„Biologie, sagte er“, murmelte der Mann und deutete auf die enge Wendeltreppe im hinteren Bereich des Ladens. „Im zweiten Stock, sagte ich. Bei der Treppe dann nach links, sagte ich.“

„Oookay… danke“, sagte Lector artig und deutete eine Verbeugung an, weil ihm das irgendwie angemessen erschien, ehe er sich durch den verwinkelten Korridor schlängelte und die Treppe zu erklimmen begann.

Total verrückt, dieser Typ! Dagegen waren selbst die trashigsten Zeitreise-Plots kalter Kaffee! Irgendwann musste Lector mal mit Frosch hierher kommen, das wäre unter Garantie sehr-

Lector stoppte mitten im Schritt und mitten im Gedanken, als sich ein hohles Gefühl in seiner Brust ausbreitete. Nein, er würde wohl nicht mit Frosch hierher kommen…

Mit nun wieder verbitterter Stimmung schlurfte er die letzten Stufen in den zweiten Stock und wandte sich nach links. In einem größeren Raum fand er alle möglichen und unmöglichen Bücher zur Biologie. Missmutig ließ er den Blick über die vielen Titel wandern, ohne so recht zu wissen, wonach er überhaupt suchte.

Frosch hatte schon so viele Bücher über Amphibien und Reptilien und auch über Terraristik und Aquaristik. Solange Lector denken konnte, hatte Frosch in ihrem Zimmer immer zwei oder drei Terrarien oder Aquarien mit verschiedenen Amphibien oder auch mal Reptilien gehabt. Am Anfang nur Frösche, Kröten, Unken und Molche, die sie selbst gefangen hatte, einmal auch eine Blindschleiche, die sie aus irgendeinem Grund Winnifred genannt hatte. Auf alle Fälle war es unsinnig, ihr noch ein Buch zu schenken. Ihre Regale quollen schon über!

Und wie Charle vorhin auch Romeo erklärt hatte, hatte Frosch auch eindeutig genug Zubehör für ihre Terrarien und Aquarien. Erst zu Weihnachten hatte sie von Skiadrum ein riesiges neues Aquarium mitsamt allem Zubehör für ihre beiden Axolotl Huberta und Hannelore bekommen. Und im Gegensatz zu Lector, der sein Taschengeld alle Nase lang für Comic-Hefte und Computerspiele verprasste, sparte Frosch sich ihr Geld, um sich dann neues Zubehör kaufen zu können, wenn sie es eben brauchte.

Lector zog weiter, an den Fachzeitschriften im angrenzenden Raum vorbei. Frosch hatte bereits ziemlich viel davon, da lief er nur Gefahr, ihr etwas zu schenken, was sie eigentlich schon hatte. Nach den Fachzeitschriften kam ein kleiner, enger Raum mit Bildbänden, die allesamt schräg in die Regale gestellt worden waren, damit man die Cover sehen konnte. Das brachte Lector auf die Idee, dass vielleicht ein Kalender für nächstes Jahr ein gutes Geschenk wäre. So ein richtig großer mit tollen Fotos, am besten mit Fröschen. So etwas gab es doch auch oft in Buchläden, oder?

Während er sich suchend nach einem Raum mit eben solchen Kalendern umsah, fiel Lectors Blick zufällig auf einen Bildband auf dem obersten Regalbrett. Vor einem schwarzen Hintergrund saß auf einem großen Blatt ein knallroter Frosch mit schwarzen Knopfaugen. Ein Galunesischer Tomatenfrosch, erkannte Lector.

Nur zu gut erinnerte er sich, wie aufgeregt Frosch gewesen war, als sie mit ihm im Aquarium diese auf Galuna endemischen Lurche gesehen hatte. Quietschend vor Freude war sie vor dem großen Fenster auf und ab gehüpft und hatte aufgeregt vor sich hin geplappert, was sie alles über diese großen Gesellen wusste. Tatsächlich war Lector selbst auch beeindruckt von den Fröschen gewesen, die mit ihrer knallroten Färbung und ihrer Größe – immerhin füllten sie locker die Hand eines ausgewachsenen Mannes aus! – eindeutig etwas Besonderes waren.

Die Kalender waren wieder in Vergessenheit geraten. Wie in Trance ging Lector auf das Regal mit dem Bildband zu und streckte die Hand nach dem begehrten Buch aus. Aber es war knapp außerhalb seiner Reichweite. Dabei war er wirklich nicht klein. Sein Vater beschwerte sich seit Jahren darüber, dass er wie ein Fliegenpilz wachsen würde. Jetzt wünschte er sich, er wäre bereits so groß wie Sting, dann käme er ganz problemlos an das Buch heran.

Weil nirgendwo ein Hocker oder ein Stuhl in Sicht waren, sah Lector sich noch mal verstohlen um, ehe er einen Fuß auf das untere Regalbrett setzte und dann die Knie durchstreckte. Mit einer Hand hielt er sich eisern am oberen Regalbrett fest, mit der anderen griff er nach dem Buch. Es war ein richtig dicker Schinken, stellte er fest. Er bekam es mit einer Hand nicht richtig zu fassen, also kletterte er noch ein Regalbrett nach oben, griff mit beiden Händen zu und stieß sich dann schnell nach hinten ab, bevor sein eigener Schwerpunkt gegen ihn arbeiten konnte. Er strauchelte einige Schritte nach hinten, ehe er gegen das gegenüberliegende Regal stieß und dabei drei Bildbände umschmiss, aber er hielt das gewünschte Objekt fest in den Armen.

Noch einmal vergewisserte er sich, dass niemand ihn beobachtete, dann ließ er sich im Schneidersitz am Boden nieder, legte das Buch auf seine Knie und schlug es auf. Es waren dicke Hochglanzseiten, ein- oder doppelseitig bedruckt mit Fotografien von Amphibien aller Arten. Lector erkannte alle möglichen Pfeilgiftfrösche, Riesensalamander, Blindwühle, Kammmolche, Kröten… Die Farben waren mal gestochen scharf, mal war extra mit Unschärfe und Überlichtung gearbeitet worden. Die Perspektiven waren teilweise atemberaubend.

Das war es! Das war das perfekte Geschenk für Frosch! An so einem Buch hätte sie auch in zehn Jahren noch riesige Freude, das stand für Lector vollkommen außer Frage!

Aufgeregt klappte er das Buch wieder zu und drehte es herum, um das Preisetikett zu überprüfen. Das freudige Grinsen gefror ihm, als er den Betrag las: Siebzig Jewel. Das war mehr, als er in einem Monat an Taschengeld bekam. Und er hatte nur noch zehn Jewel in der Tasche, Zuhause hatte er vielleicht noch mal zehn. Sein nächstes Taschengeld bekam er auch erst in drei Wochen und auch nur die Hälfte, weil er seinen Vater um einen Vorschuss gebeten hatte…

Stöhnend legte er den Kopf in den Nacken und starrte zu den Deckenbalken hinauf. Wenn er mit den Anderen zusammenlegen würde, wäre das alles überhaupt kein Problem, das war ihm klar, aber irgendwie wollte er das nicht. Das hier war sein Geschenk für Frosch. Er wollte ihr das alleine schenken, damit sie ihm endlich wieder dieses tolle strahlende Lächeln schenken konnte, das er so sehr vermisste!

Und er wollte auch nicht seinen Vater oder seinen Bruder um Hilfe bitten. Die würden ihm das Geld dafür einfach so geben, ohne dass er es ihnen zurückzahlen müsste. Das war lieb gemeint, aber dann wäre das auch nicht mehr sein Geschenk.

Nein, er wollte – er musste – das Geld irgendwie selber auftreiben. Er wollte sich Froschs Lächeln ganz alleine verdienen. Wenigstens dieses eine Mal wollte er als bester Freund nicht versagen!

Wild entschlossen presste er das Buch an seine Brust, stand wieder auf und eilte die Wendeltreppe hinunter und zum Tresen, wo noch immer der komische Kauz stand und nun seinen Schnurbart zwirbelte. Ganz behutsam legte Lector den Bildband auf den Tresen und sah zu dem Verkäufer auf.

„Können Sie das für mich zurücklegen? Ich habe das Geld im Moment nicht, aber ich kann es in zehn Tagen auftreiben, versprochen.“

„Zurücklegen, sagte er“, murmelte der Verkäufer konsterniert und schüttelte den Kopf. „So etwas machen wir normalerweise nicht, sagte ich…“

„Bitte machen Sie eine Ausnahme! Ich muss dieses Buch haben!“, erklärte Lector inbrünstig.

„Aber wir haben nur noch dieses eine Exemplar und wenn wir es nicht ausstellen, können wir es nicht verkaufen, sagte ich.“

„Ich werde Ihnen das Geld ganz bestimmt vorbei bringen!“

Noch immer haderte der Mann mit sich und Lector packte die Verzweiflung. Für einen winzigen Moment brannten seine Augen sogar verräterisch, ehe er sich wieder im Griff hatte. Er zog seine Geldbörse aus der Tasche und ließ alles, was er noch an Kleingeld hatte, sowie einen zerknitterten 5-Jewel-Schein auf den Tresen fallen.

„Das ist meine Anzahlung. Den Rest werde ich innerhalb einer Woche vorbei bringen, ich schwöre es Ihnen!“

„Er schwört es, sagte er“, seufzte der Mann und sah sich vorsichtig um, ehe er begann, das Kleingeld abzuzählen. „Nun gut, sagte ich, ich werde eine Ausnahme machen, aber wenn das Geld in einer Woche nicht da ist, muss ich das Buch wieder zum Verkauf anbieten…“
 

Rana arvalis – Ein normaler Tag
 

Ganz behutsam ließ Frosch ihre Hand in das Wasser des Transportbehälters gleiten und führte sie langsam an Hannelore heran, ein leuzistisches Axolotl-Weibchen. Das Tier bewegte träge rudernd die Gliedmaßen, als Frosch es um den Bauch fasste und vorsichtig heraus hob. Seine schwarzen Augen schienen gutmütig zu Frosch aufzublicken. Zumindest redete das Mädchen sich das gerne ein. Immerhin befand sich Hannelore schon seit fünf Jahren in Froschs Besitz.

Die freie Hand hielt Frosch unter den Axolotl und stand dann auf, um das Tier in das große Aquarium zu setzen, das sie soeben gereinigt hatte. Frische Mückenlarven tummelten sich im Wasser und drei Guppys schwammen auch neugierig herum. Hannelore mochte Guppys am liebsten. Um an einen der kleinen Fische heran zu kommen, konnte sie sogar richtig Fahrt aufnehmen.

Als die Hand mit dem Axolotl vollständig unter Wasser war, öffnete Frosch vorsichtig die Finger. Gemütlich ließ Hannelore sich zu Boden auf den neuen Feinkies fallen und blickte einfach weiter durch die Scheibe zu Frosch auf.

Mit einem sanften Lächeln ging diese wieder in die Hocke und holte auf dieselbe Weise auch Huberta aus dem Behälter, ein schwarzes Weibchen, das Frosch von einem professionellen Privatzüchter erworben hatte. Die schwarzen Tiere waren bei den meisten Aquarienbesitzern nicht so beliebt, dabei fand Frosch sie ausgesprochen hübsch. Huberta zappelte widerwillig. Dem gerade einmal zweijährigen Tier gefiel es nie, an der Luft zu sein, aber Frosch ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen und setzte Huberta genauso vorsichtig ins saubere Aquarium wie ihre Artgenossin.

Anders als Hannelore setzte sich das schwarze Weibchen gleich in Bewegung und hielt auf die sich windenden Mückenlarven zu. Ihre Kiemen wackelten aufgeregt, während sie das Maul um mehrere der roten Futtertiere schloss.

Frosch schloss die Abdeckung des Aquariums und griff dann nach einem Handtuch, um sich die klammen Finger abzutrocknen. Für die Axolotl war es wichtig, dass das Wasser kühl war, aber Frosch war eine Frostbeule. Im Winter neckte Lector sie immer damit, dass sie mit all ihren wärmenden Kleiderschichten wie ein Michelin-Männchen aussehen würde, aber dennoch hatte er ihr vergangenes Weihnachten diese tolle rosa Mütze mit den Froschaugen geschenkt, die Frosch so sehr liebte.

Noch einmal ging Frosch sicher, dass der Filter seine Arbeit richtig tat, dann verließ sie den Kellerraum, den ihr Vater ihr extra für ihre Axolotl frei geräumt, umgerüstet und mit einer Dimmlampe ausgestattet hatte, damit sie der Vorliebe der Axolotl für Dämmerlicht entsprechen konnte.

Sie sah in der Waschküche nach, ob die Waschmaschine fertig war – immer noch nicht, dabei hatte Frosch sich bei der Reinigung des Aquariums extra Zeit gelassen, das war immerhin eine sehr wichtige Angelegenheit! –, dann stieg sie die Kellertreppe hoch in die Küche des Einfamilienhauses. Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihr, dass es Zeit wurde, das Essen vorzubereiten.

Sie holte die Brötchen aus dem Gefrierfach und legte sie auf den Toaster, welchen sie anschaltete, ehe sie Mayonaise, Käse, Schinken, Salat, eine Gurke, eine Tomate und Frischkäse aus dem Kühlschrank holte. Als der Toaster das erste Mal klickte, drehte sie die Brötchen herum und schaltete ihn erneut an, ehe sie mit der Gartenschere durch Flur und Wohnzimmer zur Veranda ging und dort in einem der Kräuterbeete Petersilie und Schnittlauch erntete.

Sie nahm sich die Zeit, zu überprüfen, ob alle Kräuterbeete ausreichend gewässert waren, und ließ den Blick über den kleinen Garten wandern. Weder ihr Vater noch ihr Bruder hatten allzu viel mit Gartenarbeit am Hut, aber seit sie in der Grundschule bei der Garten-AG gewesen war, hatte Frosch ein Faible für die Arbeit mit Pflanzen.

Sie hatte ein Hochbeet mit Malven, Hornveilchen und Fuchsien angelegt, dahinter war im Halbschatten der Nachbarhecke eine Reihe mit fünf Tomatenpflanzen, sowie ein weiteres Hochbeet mit Kürbis- und Zucchinipflanzen. Auf der anderen Seite des Gartens waren diverse Beerenpflanzen. Am Zaun rankten sich Brombeerpflanzen. Yukino störte sich überhaupt nicht daran und erntete selbst gerne die dunklen Beeren, die jetzt jedoch noch durch ihre rote Färbung anzeigten, dass sie noch nicht reif waren. Ebenfalls neben dem Zaun standen einige Sonnenblumen, deren Blüten sich gierig den warmen Sonnenstrahlen entgegen reckten.

Auf der Veranda stand in einer Ecke ein großer Kübel mit Geranien, daneben befanden sich die Kübel mit den Kräuterbeeten und mit den verschiedenen Salaten. Auf der anderen Seite der Veranda befand sich eine gemütliche Sitzecke, über welcher eine Markise am Haus angebracht war, welche Frosch nun mit einem Knopfdruck ausfahren ließ, ehe sie in die Küche zurückkehrte.

Der Toaster war bereits wieder fertig, also setzte Frosch zwei neue Brötchen auf, schnitt die anderen auf und begann, sie zu belegen. Sie bestrich die Hälften dünn mit Mayonaise und legte dann entweder Käse oder Salami darauf, gekrönt von Salatblättern und Gurkenscheiben. Für sich selbst bestrich sie eine Hälfte mit Frischkäse und streute Schnittlauchstückchen darauf. Eine weitere Hälfte belegte sie mit Käse, Salat und drei Tomatenscheiben. Den Rest der Tomate verspeiste sie nebenbei, während sie schließlich auch die anderen beiden Brötchen halbierte und belegte.

Die acht Brötchenhälften drapierte sie auf einer Platte, danach holte sie eine Karaffe mit selbst gemachter Zitronenlimonade aus dem Kühlschrank. Damit das Getränk länger kühl blieb, warf sie einige Eiswürfel hinein.

Sie war gerade dabei, Gläser und Teller aus den Schränken zu holen, als ihr Handy vibrierte. Ein Blick auf das Display zeigte ihr eine knappe SMS: stehe vor der tür

Ganz unwillkürlich kam die Angst in ihr hoch und ihre Hände begannen zu zittern. Sie legte ihr Handy ab und ging in den Flur, wo sie sich ihren Haustürschlüssel von der Kommode griff und damit in die Küche zurückkehrte. Dort kippte sie das der Straße zugewandte Fenster an und warf den Schlüssel hindurch, ehe sie das Fenster schnell wieder schloss und sich mit heftig klopfendem Herzen auf die Fliesen kauerte.

Die Haustür wurde aufgeschlossen und dann schnell wieder geschlossen, aber Frosch blieb, wo sie war und verknotete ihre zitternden Finger miteinander, versuchte verzweifelt, das Bild von der Außenwelt auszublenden.

Erst als sich die immerwarmen Hände ihres besten Freundes um ihre Finger schlossen, hob sie den Blick. Mit ernster Miene sah Lector ihr in die Augen. Unter seinem umgedrehten Cappi ragten wie immer die unordentlichen, rotbraunen Haare hervor und seine dunklen Augen waren voller Gefühle, die sich alle um sie, Frosch, drehten. Die Sorgen und Ängste waren geradezu greifbar, aber gleichzeitig waren da auch bedingungslose Treue und Zuneigung. Und Schuldgefühle, die wie so oft ein bohrendes Gefühl in Froschs Brust verursachten.

Wie immer sagte Lector nichts dazu, dass Frosch nicht einmal in der Lage war, die Haustür aufzuschließen. Stattdessen verzog er die Lippen zu einem schiefen Lächeln. „Du sollst dir doch nicht so viel Arbeit mit dem Essen machen. Es reicht vollkommen, wenn ich mir alles aus eurem Kühlschrank nehmen darf.“

„Frosch macht das aber gerne“, protestierte sie stur und ergriff nun ihrerseits Lectors Hände. „Immerhin bringst du ihr immer die Hausaufgaben und erklärst ihr alles.“

„Dafür solltest du dich nicht bedanken“, brummte Lector verlegen, entzog ihr jedoch nicht seine Hände. „Charle und Wendy helfen dir da viel besser.“

Energisch schüttelte Frosch den Kopf. Sie hatte Charle und Wendy – und auch Chelia, Romeo und Happy – sehr gerne und war ihnen dankbar für ihre Hilfe, aber es waren Lectors Besuche, die ihren Tagen einen Lichtschimmer gaben. So viele Dinge zwischen ihnen auch unausgesprochen blieben, wenn Lector hier bei ihr war, erschien ihr alles viel sicherer und wärmer und hoffnungsvoller.

„Lass’ uns raus gehen. Frosch hat Zitronenlimonade gemacht“, erklärte sie eifrig und sprang auf die Beine, wobei sie Lectors Arme hochriss.

Der Rothaarige schnaufte leise und stand ebenfalls auf. Jetzt überragte er sie um eine halbe Haupteslänge. Allmählich wurden seine Schultern breiter und sein Gesicht wirkte irgendwie weniger rund als früher. Am Kinn waren einige Bartstoppeln den ersten Rasurversuchen entgangen und ein kleiner, fast verheilter Schnitt war am linken Kiefer zu erkennen. Er wurde unleugbar zum Mann, aber irgendwie fiel das Frosch erst auf, seit sie nicht mehr zur Schule ging.

„Wenn du mich weiter so verwöhnst, passe ich irgendwann nicht mehr in mein Trikot.“

„Das glaubt Frosch nicht, du machst doch so viel Sport!“

In Lectors Augen flackerte etwas und Frosch zog unwillkürlich den Kopf ein. Während des letzten Spiels war Lector nach den ersten zehn Minuten vom Spielfeld geholt worden, weil sein Trainer so unzufrieden mit seiner Leistung gewesen war. Nur zu gut hatte Frosch noch die Bitterkeit in seinen Augen in Erinnerung, als er ihr nach einigem Zögern davon erzählt hatte. Basketball war seine große Leidenschaft. Er war schon seit Jahren mit Feuereifer dabei und er war wirklich gut – so richtig gut. Sogar Frosch, die mit Sport gar nicht so viel anfangen konnte, wusste das ganz genau. Aber in letzter Zeit war Lectors Spielqualität massiv abgesackt. Um genau zu sein, seit jenem Tag…

Vorsichtig drehte Lector erneut den Spieß herum und ergriff ihre Hände, um sie sanft zu drücken, ehe er sie los ließ und mit einer Hand die Brötchenplatte und mit der anderen die Karaffe mit der Limonade an sich nahm, um Beides nach draußen zu tragen. Wortlos folgte Frosch ihm mit den beiden Tellern und den Gläsern auf die Veranda. Aus der Truhe neben der Tür holte Lector die Sitzauflagen für zwei der Stühle, dann warf er sein Cappi auf einen leeren Stuhl und ließ sich seufzend auf seinen Lieblingsplatz sinken.

Im einträchtigen Schweigen verputzten sie ihre Brötchenhälften – Frosch drei und Lector fünf – und tranken die Limonade. Als sie sich ihren letzten Happen in den Mund geschoben hatte, stand Frosch auf und ging in die Küche, um den Schokoladenpudding aus dem Kühlschrank zu holen, den ihr Vater auf ihren Wunsch hin gekauft hatte. Mit zwei kleinen Löffeln und dem Viererpack kehrte sie zu Lector zurück, dessen Augen beim Anblick des Puddings zu leuchten begannen. Seine beinahe kindliche Freude über etwas so Simples gab Frosch ein beruhigendes Gefühl von Normalität. So viel sich auch für sie geändert hatte, ihr bester Freund blieb doch immer noch ihr bester Freund!

„Du bist die Beste!“, erklärte er enthusiastisch und schob sich das letzte Brötchenstück in den Mund, für das Frosch mindestens noch drei Bissen gebraucht hätte.

Als auch der Pudding vernichtet war, lehnte Lector sich selig seufzend zurück und rieb sich den Bauch, während Frosch zunächst in den Keller hinunter stieg, um die saubere Wäsche aus der Maschine zu holen und sie draußen auf der Wäschespinne aufzuhängen. Es war nur Bettwäsche, die war schnell aufgehängt. Danach kehrte Frosch an den Tisch zurück, ließ sich wieder auf ihrem Platz nieder, zog die Beine an und blickte zum wolkenlosen Sommerhimmel auf.

Obwohl sie versuchte, den Gedanken zu verdrängen, kam ihr doch in den Sinn, dass sie jetzt auch mit Lector im Stadtpark sein könnte. Bestimmt würden sie einige Teichmolche fangen können, womöglich sogar einen Kammmolch. Frosch hatte schon zwei Jahre lang keinen mehr in Händen gehalten, aber sie hatte im Frühjahr inständig darauf gehofft, dieses Jahr endlich wieder einen zu fangen. Aber sie war dieses Jahr noch kein einziges Mal mit Lector keschern gegangen…

Sie wurde aus ihren trübseligen Gedanken gerissen, als Lector ihre Haare zerzauste und dann ins Haus ging – ihre beiden Teller, die Löffel und die leeren Puddingbecher nahm er mit, um sie in die Küche zu bringen. Kurz darauf kehrte er mit seiner Schultasche zurück. Ein ziemlich zerschlissenes Stück, an dem einige Basketball- und Comicbuttons hingen, aber auch gut sichtbar ein Button von einer Erdkrötenrettungsaktion des ortsansässigen Naturschutzvereins, dem Lector und Frosch dieses Jahr bei der Amphibienzaunkontrolle geholfen hatten. An der Öse des Reißverschlusses hing eine Häkelpuppe in Form einer roten Katze. Die hatte Frosch vor drei Jahren im Haushaltskundeunterricht gehäkelt und Lector geschenkt. Mittlerweile war sie ganz schön ramponiert, aber Lector nahm sie dennoch nicht ab – eine Geste, die Frosch viel bedeutete.

„Wir haben in Mathe und in Geo Hausaufgaben bekommen“, erklärte Lector und zog ein noch relativ neues Büchlein aus seiner Tasche, welches er nun aufschlug. In seiner krakeligen Schrift standen dort für jedes Fach, das er heute gehabt hatte, Notizen, welche Themen besprochen worden waren und welche Aufgaben gelöst worden waren. „Mathe ist gar nicht so viel und das ist auch nur Wiederholung, das kriegst du sicher schnell hin, aber der Text, den wir im Geo-Buch lesen müssen, ist ätzend lang“, fuhr er fort, ehe er seinen Finger die Tabelle im Notizbuch weiter wandern ließ.

„In Bosco haben wir die neue Lektion angefangen. Industrie und Wirtschaft. Ganz schön öde. Und in Fiore haben wir mit Dämonenzirkel weiter gemacht, Charakteranalysen und all so einen nutzlosen Kram.“ Lector zog eine Mappe aus seinem Rucksack und ließ sie aufschnippen, um mehrere Blätter heraus zu holen. „Und das hier sind die neuen Aufgabenblätter für Chemie, immer noch Reaktionsgleichungen.“

Frosch unterdrückte ein Seufzen, als ihr Blick über die Kopien und die Notizen im Büchlein glitt. Sie wünschte sich, das alles hier wäre nicht nötig. Sie wünschte sich, ihr bester Freund müsste sich nicht um alle das kümmern, wo er doch selbst immer so seine Schwierigkeiten mit der Schule hatte. Dennoch kam er jeden Tag her und ging mit Frosch alles durch und machte mit ihr zusammen die Hausaufgaben. Er opferte so viel Zeit und das alles nur, weil sie sich nicht mehr aus dem Haus traute.

Aber viel schlimmer wäre es, diese Mühen umsonst sein zu lassen, ermahnte Frosch sich, stand auf und eilte hoch in ihr Zimmer, um ihre eigenen Schulsachen zu holen und die einzelnen Fächer mit Lector durch zu gehen. Sie schrieb sich seine Mitschriften ab – die viel ordentlicher und ausführlicher waren, seit er für sie mit schrieb, früher hatte er da viel mehr geschludert – dann arbeitete sie mit ihm die Aufgaben durch. Zum Schluss machten sie gemeinsam die Mathehausaufgaben. Nur beim Text im Geographiebuch waren sie sich einig, dass sie den auch jeder für sich lesen konnten. Frosch schwirrte auch so schon der Kopf und sie konnte Lector ansehen, wie müde er war. Er blinzelte immer wieder angestrengt und seine Kiefer verkrampften sich immer wieder, wenn er versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.

„Frosch denkt, dass das genug für heute war“, erklärte sie energisch und schloss das Geographiebuch wieder. „Willst du ein Eis?“

Als Lector zustimmend nickte, kehrte sie in die Küche zurück und holte aus dem Gefrierfach zwei Packungen Wassereis heraus. Im Garten hatte Lector derweil die Picknickdecke aus der Truhe geholt und auf dem Rasenstück zwischen den Beeten ausgebreitet. Barfüßig tapste Frosch über das satte, grüne Gras und ließ sich neben ihrem besten Freund auf die Decke sinken, um ihm ein Eis zu geben.

Gemeinsam lümmelten sie sich auf der Decke, lutschten ihr Eis und redeten über ihre Freunde. Anscheinend hatte sich bei Romeo und Wendy immer noch nichts getan. Seit Wendy vor einem halben Jahr in seine Klasse gekommen war, war Romeo in sie verliebt, das war sogar für Frosch unübersehbar – und sie wusste selbst, dass ihr normalerweise einiges an Zwischenmenschlichem entging. Leider war Wendy sehr unerfahren, weil sie vorher an einer reinen Mädchenschule gewesen war, und obendrein auch noch super schüchtern.

„Frosch denkt, dass Wendy Romeo auch mag.“

„’türlich, sie beobachtet ihn andauernd, wenn er nicht hinsieht“, brummte Lector und steckte sich das Eispapier in die Hosentasche, ehe er sich auf der Decke lang legte. „Aber da mische ich mich nicht ein. Die Beiden haben bereits drei Kuppler, das reicht.“

„Frosch denkt das auch.“

Zufrieden seufzend legte die Grünhaarige sich neben ihren besten Freund und drehte sich auf die Seite, um sein Profil betrachten zu können. Das feine Grübchen in seiner Wange verriet, dass er lächelte, und er hatte entspannt die Arme unter seinem Kopf verschränkt. Als er ihren Blick bemerkte, drehte Lector sich auch auf die Seite und sah ihr direkt in die Augen.

„Willst du deinen Geburtstag mit den Anderen feiern?“, fragte er vorsichtig.

„Nein, Frosch möchte nur mit dir feiern“, erklärte sie ernsthaft. „Frosch möchte an dem Tag richtig für uns Beide kochen!“

In Wahrheit würde sie an dem Tag am liebsten mit Lector einen Ausflug machen. Irgendwohin, wo es ihnen Beiden gefiel, damit sie Beide Spaß haben konnten. Mit niemandem hatte Frosch so gerne Spaß wie mit Lector. In seiner Nähe fühlte sich einfach alles so viel besser an, sah alles so viel schöner und faszinierender aus!

Natürlich hatte sie ihre anderen Freunde sehr gern und sie wollte ihnen nicht vor den Kopf stoßen, aber ihren Ehrentag wollte sie nur mit Lector verbringen. Mit ihrem Vater und ihrem Bruder hatte sie schon darüber gesprochen. Skiadrum hatte dabei so merkwürdig gelächelt, aber er hatte sofort eingewilligt und ihr gesagt, dass sie ihm nur Bescheid sagen sollte, was sie für den Tag brauchte, und er würde es ihr besorgen.

„Na gut, wenn du das so entschieden hast…“

In Lectors Augen trat eine zärtliche Entschlossenheit, die Frosch schrecklich verwirrte, aber ehe sie danach fragen konnte, drehte Lector sich wieder auf den Rücken, verschränkte erneut die Arme hinter seinem Kopf und stieß einen leisen, zufriedenen Seufzer aus.

Frosch entschied sich, ihre Frage doch nicht zu stellen, sondern einfach nur den Frieden zu genießen, den Lector ihr momentan bieten konnte. Auch sie legte sich auf den Rücken und blickte träge zum Himmel hoch. Dieses Mal dachte sie nicht an den Weiher im Stadtpark oder an diese grauenhafte Nacht oder an die gefährliche Außenwelt. Dieses Mal dachte sie nur daran, wie schön es war, wenn sie Lector so nahe war, dass sie seine ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge hören konnte…
 

Coronella austriaca – Eine Selbst-Prüfung
 

Als der Wecker um vier Uhr morgens klingelte, hatte Lector das Gefühl, als hätte er sich gerade erst ins Bett gelegt. Knurrend tastete er auf seinem Nachttisch nach dem Handy. Als er es nicht fand, hob er verwirrt den Kopf.

Sein Handy lag auf dem Schreibtisch – und somit auf der anderen Seite des Zimmers. Bei dieser Erkenntnis fiel Lector wieder ein, wieso er sich selbst derartig folterte: Er hatte einen Job gefunden, mit dem er schnell das Geld für Froschs Geschenk zusammen kriegen würde!

Am Schwarzen Brett im Cherry Blossom hatte er nach seinen Verhandlungen mit dem Verkäufer im Stellar World und vor seinem Aufbruch zu den Cheneys eine Anzeige für einen Job gefunden, der wochenweise abgerechnet wurde, und sich sofort bei der dort angegebenen Nummer gemeldet.

Er musste Zeitungen austragen und er musste damit vor Schulbeginn fertig werden. Sein Vater war sonst ziemlich entspannt, aber beim Schuleschwänzen war er rigoros. Außerdem musste Lector doch auch für Frosch beim Schulstoff mitkommen!

Stöhnend rollte Lector sich aus dem Bett und kroch auf allen Vieren zum Schreibtisch. Ohne aufzustehen, angelte er nach seinem Handy und schaltete den verfluchten Weckton aus, ehe er sich auf seinen Teppich fallen ließ und erschöpft zu seiner Zimmerdecke hoch starrte.

In seinen Träumen war er noch mit Frosch im Garten der Cheneys gewesen. Sie waren dort gestern Nachmittag Beide auf der Picknickdecke eingeschlafen. Zwischendurch war Lector wach geworden, als seine Freundin sich an ihn gekuschelt hatte.

Was auch immer in dem Moment über ihn gekommen war, er hatte Frosch jedenfalls eine ganze Weile beim Schlafen beobachtet. Ihr Gesicht, bleicher und schmaler als früher, die niedlichen Sommersprossen auf Nasenrücken und Wangen aufgrund des mangelnden Aufenthalts im Freien beinahe völlig verblasst, mit angedeuteten Augenringen, sichtbare Anzeichen dafür, dass Frosch noch immer unter Alpträumen litt. Einige grüne Haarsträhnen hatten sich unter dem Kopftuch hervorgeschlichen, das Frosch sich zum Schutz vor der Sonne gebunden hatte, und das Gesicht eingerahmt. Eine Strähne hatte Froschs Nase gekitzelt und Lector hatte fasziniert beobachtet, wie die seidigen Haare in Froschs gleichmäßigen Atemzügen gezittert hatten.

Irgendwann hatte er einen Arm um Frosch geschlungen und war wieder eingeschlafen. Als er am frühen Abend von einem breit grinsenden Sting und einem verwunderten Rogue geweckt worden war, hatte er sich so friedlich und erholt gefühlt, dass er sich nicht einmal von den gutmütigen Sticheleien seines Bruders aus der Ruhe hatte bringen lassen. Nur weil der seit drei Wochen mit Rogue zusammen war, hieß das nicht, dass Sting auf einmal ein brauchbarer oder gar ernst zu nehmender Liebesberater war!

Ganz zu schweigen davon, dass Lector so nicht über Frosch nachdenken wollte. Nicht weil er sie nicht hübsch fand – im Gegenteil, sie war zwar ein ganz anderer Typ als sein früherer Schwarm Charle, aber mit ihrer zierlichen Statur, den meist locker geflochtenen, grünen Haaren und den großen, dunklen Augen hatte sie eine wunderschöne Ausstrahlung. Oder weil er sich grundsätzlich nicht mehr als Freundschaft mit ihr vorstellen könnte… Nein, er war schon vor einem halben Jahr, als Frosch mit ihm zu diesem Basketballspiel gegangen war, zu dem Entschluss gekommen, dass Frosch ihm weitaus mehr bedeutete, als er das vorher angenommen hatte.

Nur hatte er das Ganze nicht erzwingen wollen. Zwischen ihnen hatte sich immer alles ganz natürlich ergeben und er war davon überzeugt, dass es weiterhin so laufen würde. Sie waren bedingungslos ehrlich zueinander, was nicht gleichbedeutend damit war, dass sie einander alles sagten – manchmal brauchten sie das auch gar nicht, um den jeweils anderen dennoch zu verstehen.

Im Moment hielt Lector es jedoch nicht für angeraten, aus der Freundschaft mehr werden zu lassen. Frosch signalisierte unmissverständlich ihren Wunsch nach Stabilität und Sicherheit und das wollte Lector ihr mit allen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bieten. Er wollte all das sein, was Frosch im Moment brauchte, so wie sie alles für ihn war!

Von all dem hatte er seinem Bruder allerdings kein Sterbenswörtchen verraten, als dieser ihn nach Hause gefahren hatte. Normalerweise bewunderte Lector seinen großen Bruder und verbrachte gerne Zeit mit ihm, aber Stings neugierige Fragen danach, was zwischen Lector und Frosch lief, waren schon irgendwie peinlich. Erst Jahre lang blind dafür, dass er in seinen besten Freund verliebt war – jeder hatte es schon lange kommen sehen, nur die Beiden nicht! –, und jetzt auf einmal eifrig dabei, zu kuppeln. Dabei sollte man meinen, Sting wäre in der Beziehung mit Rogue beschäftigt genug.

Als sein Handy schon wieder klingelte, wurde Lector aus seinen schläfrigen Gedanken gerissen. Schnell schaltete er den zweiten Wecker auch aus und verfluchte dabei seine Umsicht, gleich mehrere Wecker einzustellen.

Immer noch reichlich verschlafen rappelte er sich auf und schleppte sich zum Schrank, wo er sich ein sauberes T-Shirt, Cargohosen und Socken schnappte, um dann ins Badezimmer zu verschwinden. Normalerweise duschte er lieber vor dem Schlafengehen, aber er hoffte, dass eine kalte Dusche helfen würde, seine Lebensgeister zu wecken. Das tat sie auch tatsächlich, aber ihm entfuhr ein lautes Quietschen, als er das erste Mal mit dem eisigen Wasser in Kontakt kam.

Zum Glück musste er sich kaum Sorgen machen, dass sein Vater ihn hörte. Weißlogia schlief wie ein Stein. Neben ihm könnte eine Marschkapelle auftreten und er würde dennoch weiter schlafen. Als Sting noch bei ihnen gewohnt hatte, hatten er und Lector sich mal den Spaß erlaubt, ihrem schlafenden Vater Lockenwickler in die Haare zu drehen, die Sting sich von Lucy „ausgeliehen“ hatte.

Bevor Weißlogia das Malheur mit einer Dusche wieder hatte beseitigen können, waren seine Freunde Skiadrum und Metallicana bereits aufgetaucht, mit deren Hilfe Weißlogia die Veranda hatte reparieren wollen. Bis heute fand Lector es beeindruckend, wie wenig der Vater seiner besten Freundin sich beim Anblick eines lockenköpfigen Weißlogia hatte anmerken lassen. Metallicana hatte sich jedenfalls offensichtlich königlich amüsiert und den alten Freund noch Wochen später Goldlöckchen genannt. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte Sting auch noch ein Bild von dieser Frisur gemacht und es seiner Mutter geschickt. Layla zog ihren besten Freund auch heute noch nur zu gerne damit auf.

Als er sauber – und nun auch richtig wach – war, schlich Lector zurück in sein Zimmer, packte seine Schultasche und ging damit in die Küche, um eine Flasche Wasser, eine Packung Kekse, zwei Äpfel und die Brote hinein zu stopfen, die er sich gestern Abend noch geschmiert hatte. So ausgerüstet verließ er das Haus, holte sein Fahrrad aus der Garage, zog sich die Warnweste an, die er in der Garage gefunden hatte, schnallte den Helm auf, der für den Job Pflicht war, und schaltete die einsteckbaren Lichter an seinem Fahrrad an. Es dämmerte bereits, aber auf den Straßen war noch so gut wie überhaupt nichts los. Klar, normale Menschen schliefen um diese Uhrzeit noch, dachte Lector, während er träge in die Pedalen trat.

Wie abgesprochen holte er die propenvollen Fahrradtaschen und den Routenplan im Verlagsbüro ab, ehe er mit seiner Tour in der Innenstadt begann. Angedacht waren zwei bis zweieinhalb Stunden dafür, also sollte er genug Zeit haben, um danach die Fahrradtaschen wieder hier abzugeben und dann zur Schule zu fahren.

Es war eine dröge Arbeit, von Wohnblock zu Wohnblock zu fahren und die Zeitungen in die Briefkästenschlitze zu schieben. Sie ließ ihm viel zu viel Zeit zum Grübeln. Über Frosch und darüber, wie er ihr helfen konnte, mit ihrer Agoraphobie umzugehen – er hatte in den letzten Wochen zig verschiedene Therapieansätze diesbezüglich im Internet gefunden, aber irgendwie schien es ihm doch zu brisant, um so etwas laienhaft anzugehen. Über sein Basketballteam und darüber, dass der Trainer ihm erklärt hatte, dass er den Saisonsieg der Mannschaft gefährdete – als ob er blöd wäre und sich das nicht selbst denken könnte…

Je heller es wurde, desto mehr Leute tummelten sich auf den Wegen, die meisten mit griesgrämigen Keine-Lust-auf-Arbeit/Schule-Gesichtern. Auch die Straßen füllten sich allmählich und einige Leute fuhren wie Henker, weshalb Lector sich bei jeder Kreuzung fünfmal umsah, bevor er weiter fuhr.

Er war fast am Ende seiner Tour angekommen und somit beinahe wieder beim Verlagsbüro, als er wieder vor einer roten Ampel halten musste. Er stützte sich mit einem Fuß auf der Bordsteinkante ab und ließ sorgsam den Blick schweifen. Direkt neben ihm hielt ein Auto, das nicht blinkte, dahinter stand ein Umzugswagen, der nach links wollte. Er konnte also ungefährlich gleich losfahren, sobald die Ampel grün wurde. Als er bemerkte, dass die Fußgängerampel rot wurde, stellte er den Fuß wieder auf die Pedale und richtete seine Aufmerksamkeit nach vorn.

Es wurde Grün und er fuhr an. Das Auto fuhr an ihm vorbei, der Umzugswagen auch. Als der Auspuff des letzteren ein Röhren von sich gab, sah Lector sich irritiert um. Als nächstes hörte er einen erschrockenen Warnruf von irgendwoher und das Quietschen von Reifen beinahe direkt neben sich und sein Kopf schnellte nach rechts, wo ein Einfamilienwagen einfach über Rot fuhr – genau auf ihn zu.

Vor Schreck rutschte Lectors rechter Fuß von der Pedale und der Junge riss in einem nutzlosen Schutzreflex die Arme hoch. Auf dem Fahrersitz erkannte er einen Mann in mittleren Jahren mit blutunterlaufenen Augen, die sich nun auf die Größe von Untertellern zu weiten schienen.

Dann folgte der Zusammenprall, aber Lector spürte ihn gar nicht richtig. Er wunderte sich noch, warum er auf einmal über das Auto hinweg flog und wo eigentlich sein Fahrrad abgeblieben war und wieso die Geräusche auf einmal so dumpf klangen. Er ruderte mit den Armen, einmal, zweimal, und dann schrie er.

Schrie und flog und schrie und flog – und dachte dabei die ganze Zeit, dass er doch so kurz vorm Ziel gewesen war und dass er doch alles richtig gemacht hatte und dass er Frosch doch versprochen hatte, heute mit ihr die Verfilmung von Dämonenzirkel zu sehen…

Der Aufprall auf dem Boden presste Lector alle Luft aus den Lungen. Für einen panischen Moment glaubte er, zu ersticken, aber dann gelang ihm ein zittriger Atemzug. Und noch einer. Sein Körper war seltsam taub. Ganz vage realisierte er, dass irgendetwas mit seinem Bein nicht zu stimmen schien. Sein Sichtfeld verengte sich immer mehr. Vor ihm tauchten Füße auf. Irgendjemand schien ihn anzusprechen, aber alles, was Lector verstand, war ein dumpfes Brummen.

Das Letzte, was Lector richtig erkennen konnte, war sein Rucksack, der irgendwie von seinem Rücken geraten war und nun wenige Meter von ihm entfernt auf der Straße lag. Am Reißverschluss baumelte die rote Häkelkatze, für die Frosch sich doch solche Mühe gegeben hatte. Wie sie sich auf und ab bewegte, sah es beinahe so aus, als würde sie winken. Ob sie sich verabschiedete?

Aber… warum…?
 

Bufo calamita – Eine furchtbare Nachricht
 

Der Küchentisch war übersäht mit Kochbüchern und -heften, sowie allerlei Ausdrucken. In vielen der Bücher und Hefte klebten Markierzettelchen. Einige Bücher waren aufgeschlagen liegen gelassen worden, andere waren auf unterschiedliche Stapel sortiert worden. Unmittelbar vor Frosch lag eine Liste – mittlerweile auf dritter Seite –, auf der sie ihre engere Wahl festhielt.

Mit einer Kaffeetasse in der Hand, die er irgendwann vom Tisch genommen hatte, um ihrer Arbeit Platz zu machen, saß ihr Vater am Küchentisch und beobachtete sie mit einem Schmunzeln. Sofern er nicht ins Gericht musste, fuhr Skiadrum immer erst am späten Vormittag in die Kanzlei. Früher war das anders gewesen, aber er hatte jüngst einige Fälle an einen Kollegen abgegeben und nahm nur noch neue an, wenn alte Fälle abgeschlossen waren.

Frosch verstand sehr wohl, dass Skiadrum seine Arbeit ihretwegen reduziert hatte, damit sie nicht so lange alleine Zuhause war – und obwohl sie gleichzeitig Schuldgefühle deswegen hatte, war sie ihm doch sehr dankbar dafür. Wenn sie alleine war, musste sie sich rund um die Uhr beschäftigt halten, um nicht zu sehr über das nachzudenken, was ihr so sehr zu schaffen machte.

Im Moment jedoch bemerkte Frosch ihren Vater kaum. Zu vertieft war sie in ihre selbst auferlegte Aufgabe. Auch wenn sie noch zwei Wochen Zeit hatte, sie musste sich so langsam entscheiden, was sie an ihrem Geburtstag für sich und Lector kochen wollte. Vom Nachtisch ganz zu schweigen!

Sollte sie Lectors Lieblingsgericht – Lasagne – nehmen? Darüber würde er sich garantiert freuen! Aber andererseits war das beinahe schon ein Standardessen, das sie immer wieder mal zubereitete, wenn er bei ihr übernachtete oder wenn sie früher auch mal bei ihm übernachtet hatte. Es sollte dieses Mal etwas ganz Besonderes sein!

Zum Glück – oder auch leider, denn das machte eine Einschränkung noch schwieriger – aß ihr bester Freund so gut wie alles. Nur Rotkraut, Sauerkraut und Tomaten mochte er nicht und er war auch nicht so begeistert von Rindfleisch und er mochte keine Meeresfrüchte. Dafür liebte er alles, was mit Nudeln zu tun hatte, und war auch sehr offen für neue Gerichte. Beim Nachtisch wäre er wahrscheinlich schon über simplen Schokopudding glücklich, aber auch da wollte Frosch sich nicht lumpen lassen und hatte bereits eine halbe Seite mit verschiedenen Optionen voll.

„Soll ich eigentlich auch Kerzen für den Abend besorgen?“, durchbracht Skiadrum die emsige Stille.

Verwirrt blickte Frosch von ihrer Arbeit auf. Die Augen ihres Vaters funkelten sie über den Rand seiner Tasse, aus der er gerade einen Schluck Kaffee nahm, amüsiert an. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er ihr etwas sagen – oder zumindest etwas andeuten – wollte, aber sie kam nicht so wirklich darauf.

Aber wenn sie so darüber nachdachte… Es wäre sicher sehr gemütlich, wenn sie und Lector auf der Veranda essen würden und Kerzen würden die heimelige Atmosphäre noch unterstützen. Die würden auch nicht ganz so viele Mücken anlocken wie die Verandalampe und Lector konnte Mücken ja nicht leiden. Stimmt, Frosch brauchte auch noch neues Mückenspray, damit Lector geschützt war und den Abend genießen konnte…

„Frosch denkt das auch“, erklärte sie also und fragte sich, warum die Mundwinkel ihres Vaters zuckten. „Teelichter fände Frosch toll. Haben wir genug Gläser dafür?“

„Nicht, wenn du den Grundriss der Veranda damit nachstellen willst… Wir können ja Yukino fragen, ob sie dir ein paar leiht“, erklärte Skiadrum auf gewohnt trockene Weise, aber mittlerweile umspielte ein offensichtliches Lächeln seine Lippen und Frosch fragte sich, welchen Witz sie mal wieder verpasst hatte.

Aber sein Vorschlag war gut! Yukino hatte ein Händchen fürs Dekorieren, sie könnte Frosch sicher viele Tipps geben, damit sie es auch nicht zu sehr übertrieb. Immerhin sollte das ein gemütliches Essen werden und kein steifes Staatsbankett. Und auch kein Date wie in diesem einen Film, den Frosch neulich mit Yukino und Lucy gesehen hatte. Da waren lauter rote Rosenblüten am Boden verteilt gewesen.

Warum eigentlich immer rote Rosenblüten? Ob Lector so etwas auch machen würde? Wenn es von ihm käme und er sich solche Mühe damit gegeben hätte, würde Frosch sich sehr darüber freuen, aber eigentlich gab es eine Menge Blumen, die sie schöner fand. Kornblumen und Veilchen und Malven, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen. Gut möglich, dass Lector sogar solche Blumen verwenden würde. Zu ihrem letzten Geburtstag hatte er ihr einen Topf mit Vergissmeinnicht geschenkt, weil er wusste, wie sehr sie die zarten, blauen Blüten mochte.

Oh, und sie musste Yukino und Lucy fragen, ob sie ihr bei der Auswahl eines Kleides halfen. Hatte sie überhaupt ein hübsches Sommerkleid? Zu Weihnachten hatte sie ein tolles Strickkleid von Yukino und Minerva geschenkt bekommen, von dem Lector sogar unverblümt gesagt hatte, dass es ihr sehr gut stand, aber das war für den Sommer zu warm. Ob sie im Notfall noch eines rechtzeitig bestellen konnte?

Auf einmal trübte sich Froschs Enthusiasmus. Wenn sie sich nur vor die Tür trauen würde, dann könnte sie Charle, Wendy und Chelia fragen, ob sie mit ihr einkaufen gingen. Im Dreyars Allerlei fände sie sicher etwas Schönes und wenn nicht dort, dann im Doll Palace, dem Laden von Chelias Cousine. Aber das war ja keine Option, weil sie sich selbst einfach nicht im Griff hatte. Rational gesehen wusste sie ganz genau, dass ihr dort draußen keine Gefahr drohte, und solange sie auf ihren bekannten Wegen ging, verlief sie sich auch nicht. Aber allein beim Gedanken, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen, wurde ihr schwindelig vor Angst…

Als sich die Hand ihres Vaters auf ihre hilflos zitternde Faust legte, hob sie den Blick wieder. Skiadrum hatte sich über den Tisch gebeugt und sah ihr beruhigend in die Augen. Nicht die Spur von Ungeduld war ihm anzusehen. Als Frosch erklärt hatte, dass sie sich nicht aus dem Haus traute, hatte er nur nach dem Telefon gegriffen und ihre Direktorin angerufen, um sie auf unbestimmte Zeit zu entschuldigen und mit ihr zu klären, wie Frosch dennoch auf dem Laufenden bleiben konnte, damit sie das Schuljahr nicht wiederholen musste. Er hatte eine Menge Dinge umgekrempelt, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich zu erholen, und um so oft und so lange wie möglich für sie da zu sein. Und wie oft er mitten in der Nacht aus dem Bett gesprungen war, um sie zu beruhigen, wenn sie wieder einen Alptraum gehabt hatte!

„Du musst dich zu nichts zwingen, Frosch“, erklärte er sanft und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. „Was auch immer dir noch eingefallen ist, wir kriegen es schon irgendwie hin, es für dich zu besorgen, damit du deinen Geburtstag mit Lector so richtig genießen kannst.“

Es gab keine Worte, um auszudrücken, wie dankbar Frosch ihrem Vater war, also richtete sie sich auf, beugte sich über den Küchentisch und umschlang den Hals ihres Vaters. Der richtete sich ebenfalls auf, um die ungelenke Umarmung zu erwidern und über ihre Haare zu streichen.

Als sie sich wieder voneinander lösten, ging Skiadrum zur Kaffeemaschine mit der halbvollen Kanne und füllte seine Tasse wieder auf. Mit nachdenklicher Miene lehnte er sich danach gegen die Küchenzeile.

„Ich habe mit Weißlogia gesprochen… Meinst du, dir könnte ein Schulwechsel helfen?“

Im ersten Moment wollte Frosch heftig den Kopf schütteln. Sie mochte ihre jetzige Schule. Dort waren ihre Freunde, die meisten der Lehrer waren sehr nett und die Wege dorthin waren ihr vertraut genug, damit sie auch alleine dorthin finden konnte – oder zumindest hatte sie das vermocht.

Aber an dieser Schule waren auch die Jungen, die sie in die Irre geführt und sich dann über sie und ihre Angst lustig gemacht hatten. Dieselben Jungen, die Lector geschlagen hatten, als dieser sie hatte bestrafen wollen für das, was sie mit Frosch gemacht hatten. Zwar hatten weder Lector noch Rogue noch Skiadrum es jemals offen zugegeben, aber Frosch hatte irgendwann begriffen, dass Lector ihretwegen zwei Wochen lang mit einem blauen Auge herum gelaufen war.

Vielleicht war es auch für Lector besser, wenn sie Beide an einer neuen Schule noch mal neu anfingen? Womöglich an der Schule, auf die Rogue und seine Freunde gegangen waren. Deren Sanierung und Modernisierung war jetzt abgeschlossen. Im Februar war Frosch mal dort gewesen, weil Lectors Mannschaft gegen das dortige Team angetreten war. Lector hatte davon geschwärmt, wie toll die Sporthalle war.

Unsicher blickte Frosch auf ihre Listen hinunter und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Hieße das denn nicht, dass sie sich diesen Jungen und ihrer Angst geschlagen gab? Ließ sie sich damit nicht von diesen Idioten von einem Ort vertreiben, an dem sie sich Jahre lang wohl gefühlt hatte?

„Du musst diese Entscheidung nicht übers Knie brechen“, versicherte Skiadrum ihr beruhigend. „Aber vielleicht sollten du und Lector zumindest mal darüber nachdenken, ob das ab dem nächsten Schuljahr gut für euch wäre.“

„Frosch denkt darüber nach“, versicherte sie langsam, noch immer den Kopf voller Pros und Kontras.

Sie wollte gerade nach den Kochbüchern greifen, um auf dem Küchentisch endlich wieder für Ordnung zu sorgen, als das Handy ihres Vaters klingelte. Der Anwalt las mit einem Stirnrunzeln die empfangene SMS, ehe er zu ihr blickte. „Rogue kommt rein, ich soll dich vorwarnen.“

Sofort schnürte die Angst ihr wieder die Kehle zu und Frosch sprang auf und eilte an die Seite ihres Vaters, der beschützend und beruhigend einen Arm um ihre Schultern schlang. Dennoch zitterte sie, als die Haustür aufgeschlossen und geöffnet wurde. Erst als Rogue im Flur stand und die Tür hinter sich schloss und wieder verriegelte, konnte Frosch sich wieder beruhigen.

„Solltest du nicht eigentlich in einem Vorbereitungskurs sitzen?“, begrüßte Skiadrum seinen Sohn, als dieser die Küche betrat.

Rogues Blick zuckte zu Frosch hinüber und diese vermeinte, Sorge in seinen Augen zu erkennen.

„Ich wollte gerade aufbrechen, als Sting einen Anruf vom Krankenhaus bekommen hat“, erklärte Rogue leise. „Sie haben Weißlogia nicht erreicht, also haben sie Sting kontaktiert… Lector hatte einen Unfall. Ein betrunkener Autofahrer ist über Rot gefahren und hat ihn erwischt.“

Auf einmal war Frosch eiskalt und taub zumute. Blindlings tastete sie nach dem Hemd ihres Vaters und klammerte sich daran fest, weil ihre Beine unter ihr nachzugeben drohten. Alles drehte sich und verschwamm vor ihren Augen. Sie hörte gar nicht mehr, was Rogue noch erzählte. Alles, woran sie denken konnte, war, dass ihr bester Freund einen Unfall gehabt hatte. Lector, der sich immer für sie einsetzte. Lector, der immer für sie da war. Lector, der sie in absolut allen Dingen so nahm, wie sie war. Lector, der ihr mehr bedeutete, als sie es jemals in Worte fassen könnte…

Als jemand ihr Gesicht in beide Hände nahm, blinzelte Frosch heftig und wunderte sich, warum ihre Sicht noch immer so verschwommen war und wieso sie auf einmal auf dem Sofa im Wohnzimmer saß. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie Rogue sie hierher getragen hatte. In der Küche konnte sie ihren Vater telefonieren hören: „Ich bleibe heute Zuhause, sagen Sie meine Termine ab… Ein familiärer Notfall… Nein, schicken Sie den neuen Mandanten zu einem anderen Kollegen… Ist mir klar, dass ich momentan wenige Mandanten habe, darauf müssen Sie mich nicht hinweisen… Schönen Tag noch…“

Frosch wischte sich die Tränen aus den Augen und versuchte, sich auf ihren Bruder zu konzentrieren, der vor ihr kniete und noch immer ihr Gesicht umfasst hielt. Zitternd ergriff sie seine Hände und drückte sie fordernd.

„F-frosch will wissen… w-wie… w-wie es Lector geht!“

„Er hatte Glück im Unglück“, erklärte Rogue geduldig und setzte sich neben sie. „Er hat sich ziemlich schlimm den Kopf gestoßen, aber er hat zum Glück einen Fahrradhelm getragen. Ihm wird einige Tage lang schlecht sein und er wird Kopfschmerzen haben, aber es ist nichts Gefährliches passiert…“

Frosch musste sich wieder über die Augen fahren, als ihr erneut die Tränen kamen, dieses Mal vor Erleichterung. Zwar verstand sie nicht einmal ansatzweise so viel von Medizin wie Wendy, aber dass Kopfverletzungen ganz schnell auch zum Tod führen konnten, war ihr auch bekannt.

„Schlimmer ist Lectors Bein“, fuhr Rogue bedrückt fort. „Ein ziemlich komplizierter Bruch. Lector muss operiert werden und es wird wahrscheinlich Monate dauern, bis er wieder normal laufen kann und… selbst danach muss er noch bis Ende des Jahres warten, bis er wieder spielen darf…“

„Aber dann…“

Frosch blieben die Worte im Halse stecken und sie schlug die Hände vors Gesicht, als ihr schon wieder die Tränen kamen. Sofort schlangen sich Rogues Arme um sie und strichen ihr besänftigend über Haare und Rücken. Schluchzend kroch Frosch auf seinen Schoß und drückte ihr Gesicht in sein T-Shirt.

Lector würde mindestens ein halbes Jahr auf seinen geliebten Sport verzichten müssen. Basketball und Lector, das war so eine feste Konstante gewesen wie Frosch mit ihren Tieren! Nichts liebte er so sehr wie diesen Sport und er war doch so gut! So viel Herzblut hatte er bereits in diese Sache investiert!

Was genau Rogue noch sagte, um sie zu beruhigen – oder ob er überhaupt noch etwas sagte oder nicht doch einsah, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt war –, hörte Frosch gar nicht. Sie klammerte sich einfach nur an ihn und weinte sich alles Elend von der Seele, ohne dass dieses Elend tatsächlich davon gelindert würde.

Denn der schlimmste Gedanke von allen war der, dass sie jetzt nicht für ihren besten Freund da sein konnte…
 

Pelobates fuscus – Ein Monolog-Dialog
 

Als Lector das zweite Mal wach wurde, war es bereits dunkel. Das Licht irgendeiner Laterne fiel durch die nur halb geschlossen Lamellen der Jalousie und schien ihm direkt ins Gesicht. Unwillig drehte der Junge den Kopf und erkannte neben seinem Bett die zusammengesunkene Gestalt seines älteren Bruders auf dem Besucherstuhl.

Dieser Anblick rief Lector in Erinnerung, was geschehen war: Der Unfall. Als nächstes das Erwachen in der Notaufnahme des Krankenhauses. Er hatte entsetzliche Schmerzen im Bein gehabt und kaum etwas um sich herum richtig wahrgenommen. Wahrscheinlich hatte er das halbe Krankenhaus zusammen geschrien, denn als das Schmerzmittel endlich gewirkt hatte, war er ganz heiser gewesen. Sein Vater und sein Bruder waren irgendwann aufgetaucht und hatten ihm Fragen gestellt.

Warum er so früh überhaupt unterwegs gewesen war.

Wieso er ihnen nichts von seinem Nebenjob erzählt hatte.

Weshalb er auf einmal Geld brauchte.

Warum er nicht mit ihnen darüber gesprochen hatte.

Wieso, weshalb, warum…

Lector hatte es einfach nicht fertig gebracht, von Froschs Geschenk zu erzählen, denn er hatte gewusst, wenn er damit erst einmal anfing, dann würden sich all sein Frust und all seine Verzweiflung schlagartig entleeren. Seine Enttäuschung darüber, dass er Frosch nicht diese eine Freude bereiten konnte, die sie doch so dringend brauchte…

Als ein Pfleger Lector abgeholt hatte, um ihn in den Operationssaal zu schieben, war der Junge beinahe dankbar gewesen, den unzufriedenen Blicken zu entgehen. Aber dafür hatte sich einer der Orthochirurgen neben ihn gestellt und ihm mit ruhiger Stimme erklärt, wie es nach der Operation für ihn weiter gehen würde. Zunächst natürlich Gips tragen und noch bevor der weg war, würde ihm bis Ende des Jahres Physiotherapie bevorstehen. Bis Ende des Jahres kein Sport. Er würde also auch die Herbstspielsaison komplett verpassen. Er würde immer herumkutschiert werden müssen, womit auch seine Besuche bei Frosch eingeschränkt waren. Als der Anästhesist ihm die Maske über Mund und Nase gehalten hatte, hatte er nicht verhindern können, wie eine Träne seine Schläfe hinab rann.

Jetzt kamen keine Tränen. Lector fühlte sich taub und schlapp und seine Gedanken flossen träge dahin, blieben nirgends lange hängen. Am ehesten beschäftigten sie sich noch damit, wie es ihm körperlich ging. Sein Bein hing in einem Gestell, sodass er gezwungen war, auf dem Rücken liegen zu bleiben. Am Kinn hatte er ein Pflaster, seine Hände waren verbunden. Schürfwunden, ging es ihm kurz durch den Sinn. Auf der Zunge hatte er einen unangenehmen Geschmack, den er nicht richtig definieren konnte. Seine Kehle war trocken. Sein Kopf pochte. Und zwischen seinen Beinen hatte er ein seltsames Gefühl. Als er vorsichtig danach tastete, stieß er auf einen kleinen Schlauch, der seltsam war. Sofort zog er angeekelt die Hand wieder zurück. Zwar hatte man ihm vor der Operation erklärt, dass ihm ein Katheter gelegt würde, damit er während der ersten Tage sein Bein nicht einmal für die Benutzung der Flasche bewegte, aber erst jetzt wurde ihm klar, um wie viel das die Sache noch schlimmer machte.

„Lec, bist du wach?“

Der Umriss seines Bruders richtete sich auf und griff nach Lectors Hand. Doch Lector entzog sie ihm wieder und klammerte sich an seine Bettdecke. Er konnte das jetzt nicht ertragen. Er wollte keinen Trost. Keine Mitleidsbekundung. Keine Sorge. Das alles machte ihn krank!

Sting seufzte besorgt und beugte sich auf seinem Stuhl nach vorn, ohne noch einmal nach der Hand zu greifen. „Die Operation ist gut verlaufen“, erklärte er mit gedämpfter Stimme. „Pa klärt gerade einige Dinge mit den Ärzten. Eigentlich ist die Besuchszeit schon vorbei, aber sie haben eine Ausnahme gemacht, weil sie meinten, dass du wohl etwa um diese Zeit wach wirst…“

Lector gab keine Antwort. Was sollte er auch sagen? Er wusste, dass sein Bruder es nur gut meinte, aber er brachte es nicht über sich, auch nur ein Wort zu sagen. Seine Kehle war randvoll mit bitterer Galle, die aus Enttäuschung und Verzweiflung und Angst bestand.

Was war, wenn er nie wieder Basketball spielen konnte? Wie sollte er Frosch jetzt noch mit der Schule helfen? Wusste Frosch überhaupt schon, was passiert war? War es ihr schonend beigebracht worden? Wie ging es ihr?

Als könnte er seine Gedanken irgendwie lesen, erhob Sting wieder das Wort. „Rogue war noch bei mir, als das Krankenhaus mich angerufen hat. Er hat mich hierher begleitet und ist geblieben, bis sie dich in den Operationssaal gebracht haben, danach ist er zu Frosch gefahren… Du kannst dir sicher vorstellen, wie aufgelöst sie ist. Vor einer Stunde hat Rogue mir eine SMS geschrieben, dass sie endlich schläft.“

Ob das gut war? Lector fürchtete, dass Frosch in dieser Nacht schreckliche Alpträume haben würde. Sie war doch so ängstlich und so überfürsorglich. Er mochte diese Fürsorglichkeit an ihr sehr. Als er sich mal den linken kleinen Finger gebrochen hatte, hatte sie ihn die ganze Zeit umsorgt. Aber sie hatte ihm auch gestanden, dass sie in der Nacht nach dem Unfall, dem er den gebrochenen Finger verdankt hatte – eine ziemlich heftige Kollision während eines Rebounds in der entscheidenden Minute des vorletzten Saison-Finales –, einen Alptraum gehabt hätte. Irgendwie war er die Hälfte der Zeit damit beschäftigt gewesen, Frosch die irrationale Angst, er könnte eines Morgens nicht mehr aufwachen, wieder zu nehmen.

„Lec, warum hast du Zeitungen ausgetragen?“, begann Sting unvermittelt wieder.

Sofort drehte der Rothaarige den Kopf Richtung Fenster, um seinen Bruder nicht ansehen zu müssen, aber der ließ sich von dieser wortlosen Abweisung nicht verschrecken.

„Wenn du dringend Geld brauchst, kannst du doch auch zu mir oder Pa kommen, das weißt du doch, Lec, oder?“

Ja, das wusste er nur zu gut. In jeder anderen Situation hätte er diese Möglichkeit auch dankend ergriffen, aber in diesem einen Fall hatte er das Geld alleine auftreiben wollen. Der Gedanke an Frosch hatte ihn angetrieben. Am Abend ihres Geburtstages nach dem Essen hatte er ihr das Buch schenken wollen. Er hatte ihre Freude sehen und wissen wollen, dass er es doch noch schaffte, ihr zu helfen. Sie war doch seine beste Freundin…

„Ach Mensch, Lector! Was ist bloß los mit dir?!“

Beim besorgten Unterton in der Stimme seines Bruders biss Lector sich auf die zitternde Unterlippe und ballte die Hände zu Fäusten. Er versuchte, nicht zu blinzeln, um die aufkommenden Tränen nicht freizusetzen. Wenn er jetzt anfangen würde zu weinen, dann würde er Stunden lang nicht aufhören können, das war ihm klar. Aber er wollte jetzt nicht weinen.

Stings Stuhl wurde zurück geschoben und dann hörte Lector Schritte, die um sein Bett herum führten. Als sein Bruder in sein Gesichtsfeld trat, schirmte er das Licht ab, das durch die Lamellen hereinfiel, sodass Lector nur vage die Gesichtszüge über sich ausmachen konnte.

Für einen Moment wollte Lector den Kopf wieder drehen, aber er verwarf diesen Gedanken wieder und konzentrierte sich nur darauf, ruhig zu atmen, um seine Beherrschung zu wahren. Auch als Sting die Hand nach ihm ausstreckte, blieb er stocksteif und angestrengt atmend liegen.

Was auch immer es war, irgendetwas ließ Sting innehalten. Die Hand zitterte in der Luft, ballte sich kurz zur Faust und fiel dann schlaff neben Stings Seite, begleitet von einem gequälten Seufzen.

„Tut mir Leid… ich will dich nicht zwingen, es ist nur… als ich diesen Anruf vom Krankenhaus bekommen habe, hatte ich furchtbare Angst“, gestand Sting heiser. „Und auch wenn die Ärzte sagen, dass es dir gut geht und dass du gute Heilungschancen hast, habe ich das Gefühl, dass es dir ganz und gar nicht gut geht…“

Das Quietschen der schlecht geölten Schiebetür ließ beide Brüder gleichermaßen zusammen zucken. Licht flutete ins Zimmer und Lector erkannte die Tränen, die über die Wangen seines Bruders rannen, ehe dieser sich hastig mit dem Unterarm darüber wischte.

„Sting, ist er wach?“, erklang die gedämpfte Stimme von Weißlogia.

„Ja, aber er ist wohl noch sehr benommen. Wahrscheinlich wird er bald wieder einschlafen“, erklärte Sting krächzend und zog etwas aus seiner Tasche, um es neben Lectors Faust auf die Bettdecke zu legen. „Vielleicht sollten wir für heute gehen. Er wird uns anrufen, wenn er dafür bereit ist, mit uns zu reden.“

Für einige Sekunden blieb Sting dennoch neben dem Bett stehen, ehe er es wieder umrundete und zu seinem Vater trat. Lector wollte irgendetwas sagen, wollte sich für sein Schweigen entschuldigen, wollte sich erklären, wollte sich bedanken. Doch noch immer steckte die Galle in seinem Hals fest und er wusste: Wenn er auch nur ein Wort sagen würde, würden viele mehr folgen. Und mit ihnen Tränen über Tränen, die er sich bisher immer verboten hatte.

Tatenlos nahm er es hin, dass sein Vater und sein Bruder verschwanden, und tastete nach dem Gegenstand neben seiner Hand. Es war sein Smartphone. Es schien einige Kratzer abbekommen zu haben, aber als er es hochhob und viermal auf das Display klopfte, öffnete sich der Startbildschirm problemlos. Mehrere Anrufe und SMS wurden angezeigt. Von seinem Trainer und von Romeo und Happy. Er löschte die Mailboxeingänge, ohne sie abzuhören, und drückte auch die Nachrichten weg, nachdem er sie überflogen hatte.

Dann drückte er zurück auf den Startbildschirm. Als Hintergrundbild hatte er ein Foto von einem großen Erdkrötenweibchen eingestellt, das mit seinen rechteckigen Pupillen direkt in die Kamera stierte. Lector hatte das Gefühl, als würden diese Augen direkt in sein Herz blicken.

Zitternd ließ er das Smartphone neben sich aufs Bett fallen und legte sich den Arm über die Augen, um die stummen Tränen vor jedem zu verbergen, der jetzt vielleicht ins Zimmer kam…
 

Triturus cristatus – Ein verzweifelter Anruf
 

Als Frosch sich am nächsten Morgen aus dem Bett quälte, fühlte sie sich schlapp und zerschlagen. Sie hatte kaum geschlafen, weil sie immer wieder von Alpträumen heimgesucht worden war, in welchen Lector zu ihren Füßen lag, blutend und mit starrem, leblosem Blick…

Sie band ihre Haare nur locker zusammen und schlüpfte in die Leggings und das weite, weiße T-Shirt mit der Abbildung eines Galunesischen Tomatenfroschs von gestern, dann blieb sie unschlüssig mitten im Raum stehen.

Was sollte sie jetzt tun?

Ihr erster Gedanke war, Lector zu besuchen. Er musste am Boden verstört sein, weil er jetzt so lange nicht mehr aufs Feld konnte. Und wahrscheinlich sagte ihm das Krankenhausessen auch nicht wirklich zu. Sie könnte ihm etwas Leckeres zubereiten, das auch kalt gut schmeckte. Vielleicht ein Salat oder Bouletten…

Frosch sank in sich zusammen, als ihr klar wurde, dass sie für dieses Unterfangen nach draußen müsste. In die Außenwelt, die groß und verwirrend und grausam und gefährlich war. Wo man sich über sie lustig machte, ihr furchtbare Streiche spielte und ihrem besten Freund weh tat. Wo man sie anstarrte, sie nicht verstand und auf sie herab blickte…

Schniefend wischte Frosch sich über die Augen und verließ ihr Zimmer. Sie sollte sich zuerst um Huberta und Hannelore kümmern. In der Zeit konnte sie sich immer noch überlegen, was sie tun sollte.

Als sie die Treppe hinunter kam, hörte sie aus dem Wohnzimmer die Stimme ihres Bruders. Daran, wie sanft er sprach, erkannte sie, dass Sting sein Gesprächspartner sein musste. Für Sting hatte Rogue schon immer eine ganz besondere Tonlage besessen. Frosch kannte es gar nicht anders von ihrem Bruder.

„Gib ihm Zeit. Dieser Unfall war für ihn ein Schock und er hat erfahren, dass er Ewigkeiten auf seinen Sport verzichten muss. Das lässt sich nicht so leicht verarbeiten.“

„Aber wie soll er das denn verarbeiten, wenn er nicht mit mir spricht?“, seufzte Sting und er klang dabei so müde und traurig, dass Frosch sich unwillkürlich auf der Treppe zusammen kauerte. „Da ist doch schon vor dem Unfall etwas im Busch gewesen, aber er hat immer abgeblockt…“

„Vielleicht…“

Bevor ihr Bruder weiter sprechen konnte, hörte Frosch über sich ein vernehmliches Räuspern und sie fuhr erschrocken herum. Ihr Vater stand oben. Kein Vorwurf lag in seinem Blick, weil sie gelauscht hatte, nur Sorge.

„Es tut Frosch Leid“, nuschelte sie und huschte in die Küche und die Treppe hinunter in den Keller.

Sie war gerade erst auf der dritten oder vierten Stufe, als ihr Handy das Unken von Rotbauchunken von sich gab, das sie als Klingelton für Anrufe eingestellt hatte. Schnell holte sie das Gerät aus der schmalen Tasche in ihrer Leggins und blickte auf den Display. Als der Name ihres besten Freundes angezeigt wurde, bekam sie einen solchen Schreck, dass sie ihr Handy beinahe fallen gelassen hätte.

Mit zitternden Händen wischte sie den grünen Pfeil von links nach rechts, wofür sie jedoch vier Anläufe brauchte, dann hielt sie sich das Handy ans Ohr und kauerte sich auf der Treppe zusammen, brachte jedoch keinen Ton hervor.

Am anderen Ende der Leitung konnte sie zuerst nur Atemgeräusche hören. Die Atemzüge klangen schwer. Als würde jeder einzelne unendlich viel Kraft kosten. Ganz deutlich hatte Frosch vor Augen, wie Lectors Blick hin und her huschte, während er nach einem Anfang für das suchte, was er sagen wollte. Wahrscheinlich spielte seine freie Hand nervös mit der Bettdecke und verkrampfte sich immer wieder in den Stoff.

„Wie geht es dir?“, durchbrach Frosch die Stille und zuckte beim Klang ihrer eigenen heiseren Stimme zusammen. „Es tut Frosch Leid, dass sie sich nicht bei dir gemeldet hat…“

„Nein, schon gut“, wehrte Lector sofort ab, aber seiner Stimme fehlte die sonstige Entschlossenheit. Er klang so schrecklich müde und vergrämt. Auf einmal war Frosch sehr froh, dass sie ihrem Freund im Moment nicht in die Augen blicken konnte. „Mir tut es Leid…“

„Das versteht Frosch nicht. Wieso tut es dir Leid? Du bist doch nicht mit Absicht vor das Auto gefahren. Rogue hat Frosch erzählt, dass der Mann über Rot gefahren ist…“

„Das meine ich auch nicht“, war die schwache Erwiderung und dann trat wieder Schweigen ein.

Ein schier übermächtiges Zittern überkam Frosch, während sie den angestrengten Atemzügen lauschte. Mehrmals setzte sie zu sprechen an, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was sie sagen sollte.

„Ich wollte dir ein richtig tolles Geschenk machen“, begann Lector ohne Vorwarnung. Seine Stimme überschlug sich beinahe und seine folgenden Worte sprudelten geradezu aus ihm heraus, als müsste er sie sich ganz schnell von der Seele reden. „Ich wollte, dass du dich endlich wieder richtig freuen kannst, und das Geschenk war perfekt. Aber ich habe nicht genug Geld dafür und ich wollte nicht, dass jemand anderes es dir kauft, weil es doch dann nicht mehr von mir gewesen wäre, deshalb habe ich Zeitungen ausgetragen. Und jetzt kann ich es dir doch nicht kaufen. Dabei hast du dir bei meinem letzten Geburtstag so viele Gedanken gemacht und ich wollte dir ein ähnlich tolles Geschenk machen. Und ich wollte endlich wieder dein Lächeln sehen. Ich wollte wieder gut machen, dass ich dich im Stich gelassen habe. Wenn ich damals nicht Zuhause geblieben wäre, hätte dir niemand etwas getan…“

Und dann brach Lectors Stimme. Wie unter einem Schlag zuckte Frosch zusammen, als sie begriff, dass ihr bester Freund schluchzte: „Es tut mir so Leid… so Leid… E-es tut mir so Leid…“

Niemals zuvor hatte Frosch etwas so Schreckliches gehört wie das hier: Das Wimmern ihres besten Freundes. Er schniefte immer wieder, schluchzte laut auf und stammelte in einem Fort seine Entschuldigungen.

Lector, der immer so stark und unbezwingbar und stolz war. Immer hatte er Frosch vor Hänseleien beschützt, hatte sie bei der Hand genommen, wenn sie sich verlaufen hatte, und wieder nach Hause gebracht, hatte ihr bei ihren Versuchen, sich endlich alleine zurecht zu finden, unerschütterlich und geduldig zur Seite gestanden. Er war einfach zu jeder Zeit und an jedem Ort Froschs Stütze gewesen, jederzeit bereit, damit sie sich anlehnen konnte, wenn sie es brauchte.

Aber jetzt war er nicht mehr unerschütterlich. Jetzt weinte er, wie er wahrscheinlich nie zuvor geweint hatte. Er weinte wie ein Mensch, der vollkommen verzweifelt war.

War das ihre, Froschs, Schuld? Hatte sie sich zu sehr auf ihn verlassen? Hatte sie Lector zu viel abverlangt? Hätte sie etwas bemerken müssen? Hätte sie endlich gegen ihre Ängste angehen sollen? Wäre Lector dann jetzt vielleicht noch gesund?

Alles schien sich zu drehen. Froschs Gedanken, ihre Sicht, einfach alles drehte sich immer schneller und schneller. Zitternd klammerte sie sich mit der freien Hand ans Geländer der Kellertreppe und presste sich mit der anderen Hand das Handy noch fester ans Ort, aber sie brachte keinen Ton hervor.

Was sollte sie jetzt sagen? Gab es für diese Situation überhaupt Worte?

Am liebsten wäre sie jetzt bei Lector gewesen, um ihn in den Arm zu nehmen, wie er es immer für sie getan hatte. Nur einmal wollte sie seine Stütze sein, wollte ihm beistehen, wollte ihm Halt geben. Aber sie war hier im Keller ihres Vaters, viel zu ängstlich, um auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen. Zwischen ihr und Lector schienen Welten zu liegen – und das war allein ihre Schuld…

„Lec…“

Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen wollte, aber sie kam auch gar nicht weiter. Auf einmal war die Verbindung tot. Entsetzt starrte Frosch ihr Handy an, dessen Display schwarz war. Sie versuchte, es einzuschalten, aber ihr wurde lediglich das Akkusymbol angezeigt.

Sie war hier und Lector im Krankenhaus und sie konnte nichts tun, nichts sagen!

Auf einmal war sie wieder auf den Beinen und wirbelte auf der Treppe herum. Im letzten Moment konnte sie nach dem Geländer greifen, wobei ihr das Handy aus der Hand rutschte, aber sie achtete gar nicht darauf, sondern lief wieder nach oben und in ihren Bruder hinein. Wenn er sie nicht in seine Arme gezogen hätte, wäre sie wahrscheinlich die Treppe hinunter gestürzt.

„Frosch, was ist passiert?“, fragte er zutiefst besorgt, aber Frosch entriss sich seinen Armen und eilte weiter ins Wohnzimmer, wo Sting schlapp auf dem Sofa saß und durch die großen Verandafenster in den Garten hinaus blickte.

„Sting!“ Der Blonde zuckte erschrocken zusammen bei Froschs Ruf. Ganz automatisch breitete er die Arme aus, als sie auf ihn zu stürzte und sich an ihn klammerte. „Sting, du musst zu Lector! Du musst ihm helfen! Es ist alles Froschs Schuld! Lector denkt, er hätte sie beschützen müssen, und dann wollte er ihr eine Freude machen und jetzt ist er ganz alleine! Sting, Lector braucht jetzt jemanden. Bitte geh’ zu ihm! Bitte!“

Stings Arme schlossen sich fest um Frosch und drückten sie für einen Moment ganz fest, ehe die Grünhaarige vorsichtig an den Schultern fort geschoben wurde.

„Niemand hat Schuld, Frosch. Lector nicht und du auch nicht. Lector würde niemals wollen, dass du dir so etwas einredest!“

„Das ist egal!“, klagte Frosch und griff flehend nach Stings T-Shirt. „Frosch will nur, dass jemand für Lector da ist, wenn sie es nicht kann!“

„Es ist nicht egal!“, widersprach Sting sanft und drückte Frosch schon wieder an sich, wobei er sie für einige Sekunden von den Füßen hob, ehe er sie erneut von sich schob – direkt in die wartenden Arme ihres Bruders. „Ich fahre jetzt zu Lector und kümmere mich um ihn, versprochen, aber dafür musst du mir versprechen, nicht mehr zu denken, du wärst schuld.“

Frosch schluchzte auf. Es war ihr vollkommen egal, ob sie Schuld hatte oder nicht, sie wollte nur, dass endlich jemand für Lector da war! Sie wehrte sich nicht, als Rogue sie fest an sich drückte. Sie realisierte es nicht einmal richtig. Nichts kam mehr richtig bei ihr an. Ihr war schwindelig vor Angst – oder vielleicht auch aus einem anderen Grund. Alles, woran sie sich klammern konnte, war der Gedanke, dass Sting für Lector da sein würde. Sting tat das, was sie nicht konnte…
 

Hyla arborea – Ein feierlicher Geburtstag
 

Gelangweilt blickte Lector aus dem Fenster, während aus seinen Kopfhörern laute Musik dröhnte. Auf seinem Schoß lag ein Comicheft, das sein Vater ihm mitgebracht hatte, aber er konnte sich nicht so recht darauf konzentrieren. Immer wieder glitt sein Blick nach draußen zum Park. Er war ziemlich übersichtlich, viel Grünfläche, ein paar Bäume, die in Reihe gepflanzt worden waren, sorgsam beschnittene Büsche und Hecken, ein paar Blumenbeete. Am Nordende war ein kleiner Teich, der an einer Seite mit Schilf bewachsen war. Das war das Zuhause der Teichfrösche, die Lector jeden Abend quaken hören konnte.

Eigentlich mochte Lector dieses Geräusch. In den letzten Sommerferien war er manchmal abends mit Frosch zum Stadtpark gegangen, um dem Quaken und Unken der Amphibien zu lauschen. Ganz in der Nähe hatte auch immer eine Nachtigall gesungen und ein paar Mal hatte eine Eule sich am Konzert beteiligt. Ein Konzert ganz allein für Frosch und ihn…

Seufzend legte Lector einen Arm aufs Fensterbrett und stützte den Kopf darauf. Mittlerweile hatte er den Dreh raus, wie er so sitzen konnte, ohne dass sein Rollstuhl ihm unter den Hintern weg rollte.

Seit zwei Wochen war er hier im Krankenhaus. Übermorgen durfte er nach Hause. Mit Gips und Krücken und einem lästig vollen Plan für die Physiotherapie. Dreimal in der Woche sollte er dorthin und diese dummen Übungen machen. Nein, eigentlich wusste er von der Geschichte mit seinem gebrochenen Finger letztes Jahr ja schon, dass Physiotherapie wirklich wichtig war, aber dennoch war er dauerfrustriert und dauerantriebslos.

Heute war Froschs Geburtstag. Heute hätte er mit ihr feiern sollen. Um diese Uhrzeit hätte er sich Gedanken machen sollen, ob es zu übertrieben war, wenn er über einem T-Shirt ein offenes Hemd trug, und ob er sich die Haare vernünftig zurückkämmen sollte, statt sie nur mal eben durchzubürsten, wie er es sonst immer machte. Heute Abend hätte er eigentlich ein sicher fantastisches Essen genießen sollen. Und er hätte Frosch heute den Bildband geben sollen.

Nichts davon würde in Erfüllung gehen. Alles, was er anlässlich zu Froschs Geburtstag getan hatte, war, ihr eine SMS zu schreiben. Er hatte es nicht fertig gebracht, sie anzurufen. Dann hätte er womöglich wieder geweint.

Als er sich vor zwei Wochen bei ihr entschuldigt hatte und dann in Tränen ausgebrochen war, hatte er sich in Grund und Boden geschämt, als eine halbe Stunde später sein Bruder in sein Zimmer gekommen war. Doch er war mit den Nerven so fertig gewesen, dass er keine Kraft dafür gehabt hatte, um seine Fassung zu ringen. Er hatte sich einfach alles von der Seele geredet und geweint, während Sting ihn festgehalten hatte.

Seitdem schrieb er jeden Tag zig SMS und MMS mit Frosch hin und her, aber es war einfach nicht dasselbe. Lector vermisste es, Froschs Stimme zu hören und das Leuchten in ihren Augen zu sehen.

Auch die tagtäglichen Besuche seiner Freunde und seines Bruders konnten nicht darüber hinweg täuschen. Zumal Lucy gestern ihr Baby gekriegt hatte und dementsprechend viele Leute jetzt nur noch um sie herum schwirrten. Lector war heute früh auch bei ihr gewesen, um zu gratulieren und sich die kleine Leonida zu beschauen, aber er war nicht so recht mit dem Herzen dabei gewesen, weil er immer wieder daran gedacht hatte, dass Frosch Lucy sicher auch gerne gratulieren und sich das Baby ansehen würde.

Irgendetwas war auch mit Stings und Lucys Cousine Loke vorgefallen, so viel hatte Lector begriffen, aber er hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, nachzuforschen. Loke hatte sich nur kurz blicken lassen und er hatte ganz schön fertig ausgesehen. Sting hatte ihn regelrecht hinter sich her gezogen. Anscheinend betreute er seinen Cousin momentan irgendwie.

Lector wollte sich deswegen nicht beklagen. Er war nicht der Nabel der Welt und das mit Loke schien eine wirklich ernste Sache zu sein. Daher hatte er sich auch nicht beklagt, als sein Bruder heute nur für ein paar Minuten hier gewesen war. Im Grunde wollte er gerade heute sowieso niemanden sehen.

Eher zufällig bemerkte Lector durch die Reflexion im Fenster, dass die Tür geöffnet wurde. Er wollte den Besucher schon ignorieren und tastete mit einer Hand nach seinem MP3-Player, um die Musik lauter zu stellen, aber dann erkannte er grüne Haare und schier unendlich große dunkle Augen…

Hastig riss er sich die Kopfhörer aus den Ohren und legte seinen MP3-Player achtlos beiseite, ehe er mit seinem Rollstuhl herum wirbelte, wobei sein Comicheft zu Boden flatterte. In der Tür stand tatsächlich Frosch. Sie atmete schwer und zitterte am ganzen Körper. Ihre dunklen Augen schwammen in Tränen. Es war furchtbar mit anzusehen. So hatte sich Lector das heutige Treffen mit ihr ganz sicher nicht herbei gesehnt!

„Frosch, was tust du hier? Bist du etwa ganz alleine hier?“, platzte es aus Lector heraus und er rollte weiter zur Tür.

Erst im Näherkommen erkannte er hinter seiner besten Freundin deren Vater, der sorgenvoll auf seine Tochter hinunter blickte und unschlüssig zu sein schien, was er tun konnte und sollte.

„F-f-frosch w-w-wo… wollte d-di-dich… a-an… an i-ihrem G-geburtstag sehen“, schluchzte Frosch mühsam.

Lector rang um seine Fassung. Was sollte er denn jetzt bloß tun? Seine beste Freundin war hier bei ihm, ja, aber sie hatte entsetzliche Angst. Sie bekam doch sogar im Haus der Cheneys Angst, wenn nur die Haustür aufgeschlossen wurde! Ein kleines bisschen war Lector stolz darauf, dass Frosch diese Angst bekämpft hatte. Er fühlte sich sogar geehrt und freute sich, weil er der Grund für diesen Kampf war. Aber er hatte auch Angst, was diese Konfrontation für Frosch noch bedeuten könnte. Er hatte gelesen, dass die Konfrontationstherapie die Agoraphobie sogar verschlimmern könnte, wenn etwas schief ging…

„Bitte hör’ auf zu weinen, Fro“, flehte Lector und rollte noch ein Stückchen weiter auf seine Freundin zu, um ihre Hände ergreifen zu können. „Heute ist dein Geburtstag, du solltest heute nicht weinen!“

Jaulend warf Frosch sich ihm um den Hals. Vollkommen überfordert konnte Lector nicht mehr tun, als seinerseits die Arme um die Grünhaarige zu schlingen und beruhigend ihren Rücken zu tätscheln. Über ihren Kopf hinweg blickte er Hilfe suchend zu Skiadrum, aber der griff nach der Klinke.

„Ich passe auf, dass ihr eure Ruhe habt. In einer Stunde hole ich Frosch wieder ab“, erklärte er ruhig.

Lector wollte protestieren. Was war, wenn er etwas falsch machte und Froschs Probleme damit verschlimmerte? Oder wenn er es einfach nur nicht schaffte, Frosch zu beruhigen? Wie konnte Skiadrum ihm einfach so Frosch anvertrauen?!

Doch der Anwalt schüttelte einfach nur sachte den Kopf, als Lector den Mund öffnete, und zog dann die Tür zu. Lector war mit Frosch alleine. Frosch, die weinte und zitterte und halb auf seinem Schoß saß, während sie sich an ihn klammerte.

Weil er sich nicht anders zu helfen wusste, schlang Lector auch den zweiten Arm um seine Freundin und tätschelte weiterhin ihren Rücken. Zu seiner großen Erleichterung spürte er nach ein paar Minuten, wie Frosch sich endlich wieder etwas beruhigte. Vorsichtig fuhr er mit ihr zu seinem Bett, wobei er ganz schön herumeierte, weil er versuchte, immer eine Hand an Froschs Rücken zu behalten, wodurch er immer wieder einen Drall nach rechts oder nach links hatte.

Am Bett angelangt, musste er jedoch einsehen, dass er ohne Froschs Kooperation nichts weiter tun konnte. Sie saß immer noch auf seinem Schoß und er konnte sie nicht einfach auf sein Bett bugsieren, zumal er sich das sowieso nicht traute. Um nichts in der Welt wollte er riskieren, ihr weh zu tun!

Als Frosch endlich nicht mehr schluchzte, zupfte er vorsichtig an Froschs Ponypartie, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. „Setz’ dich aufs Bett“, bat er behutsam und zauste ihr sanft die Haare. „Warte kurz, ja?“

Noch immer zitternd und schniefend leistete sie seiner Bitte folge und kletterte auf das Krankenbett, das etwas niedriger eingestellt worden war, damit Lector von seinem Rollstuhl aus alleine hinein gelangen konnte. Mit einem Zipfel seiner Decke wischte Lector seiner Freundin zuerst die Tränen von den blassen Wangen, ehe er sich mit dem Rollstuhl herum drehte und zu seinem Schrank rollte. Ein wenig umständlich öffnete er die Tür und holte dann das große Päckchen daraus hervor.

Ganz vorsichtig fuhr er mit seiner Ausbeute zurück zum Bett und drückte sie dann in Froschs Hände.

„Sting hat es für mich besorgt und er hat es auch bezahlt“, erklärte er kleinlaut, während Frosch mit großen Augen zwischen dem Päckchen und Lector hin und her sah. „Ich wollte es selbst für dich besorgen. So ist es irgendwie nicht wirklich ein Geschenk von mir, aber… dennoch alles Gute zum Geburtstag.“

Noch immer sagte Frosch nichts. Um sich irgendwie abzulenken, wuchtete Lector sich auf sein Bett, wobei er jedoch versehentlich seinen Rollstuhl anstieß, der daraufhin durch das halbe Zimmer eierte. Er unterdrückte einen frustrierten Seufzer. Er hatte noch keine Krücken bekommen. Wenn er wieder an seinen Rollstuhl wollte, musste er nachher nach einer Schwester klingeln. Nicht dass das Pflegepersonal hier unfreundlich wäre, aber er konnte es nicht leiden, von ihnen umsorgt zu werden.

„Lector…“

Er hob den Blick. Mittlerweile hatte Frosch den Bildband ausgepackt. Ihre Finger strichen zitternd über das Cover, ihre Augen jedoch waren auf Lector gerichtet. Bestürzt stellte Lector fest, dass schon wieder neue Tränen kamen.

„Ich… das… Es tut mir echt Leid… Das ist alles so beschissen gelaufen! Ich wollte doch nur, dass du wieder lächeln kannst, und ich hatte kein Geld dafür, aber ich wollte dir keinen Kleinkram kaufen… Deshalb habe ich mir einen Job gesucht und ich habe mich doch an alle Sicherheitsvorschriften gehalten… Es tut mir so Leid, dass ich deinen Geburtstag verdorben habe. Bitte ver-“

Lectors Redeschwall wurde abgewürgt, als Frosch ihm um den Hals fiel. Im wahrsten Sinne des Wortes überwältigt fiel Lector mit ihr aufs Bett. Schon wieder schluchzend klammerte Frosch sich an ihn und drückte ihr Gesicht in sein T-Shirt.

Schon überlegte Lector, ob er auf den Rufknopf drücken sollte, um jemanden um Hilfe zu bitten, aber dann verstand er endlich das Wort, das Frosch immer wieder gegen seine Brust stammelte. Mit einem Schlag fiel eine schreckliche Last von seinen Schultern und er schlang erleichtert die Arme um seine beste Freundin, die nun nicht mehr aus Angst weinte, sondern aus Freude und Rührung. Er hatte sich eigentlich ein Lächeln gewünscht, ja, aber das hier war fast genauso gut.

Also blieb er liegen, hielt Frosch fest und lauschte ihrer Stimme, die ganz allein für ihn ein Wort immer wieder wisperte: Danke…
 

Bufo viridis – Ein erster Versuch
 

Frosch konnte sich kaum auf den Beinen halten vor Angst. Die Haustür verschwamm immer wieder vor ihren Augen und jedes Mal, wenn Frosch sie klar sehen konnte, wirkte sie noch größer und dunkler und bedrohlicher. Wie eine Falltür, die in eine Welt aus Hohn und Spott und Grausamkeit und Kälte führte. Wochen lang hatte Frosch diese Tür gemieden, hatte sich immer davon ferngehalten oder ihre Schritte beschleunigt, um schnell daran vorbei zu kommen.

Als ihr Vater mit ihr ins Krankenhaus gefahren war, damit sie Lector besuchen konnte, hatte sie sich die Augen verbunden und sich die ganze Zeit an das Hemd ihres Vaters geklammert. Er hatte sie halb zum Auto getragen und im Auto hatte er, wann immer es ungefährlich war, eine Hand vom Lenkrad genommen und ihre Hand ergriffen und beruhigend gedrückt. Im Krankenhaus hatte er immer einen Arm um ihre Schultern geschlungen und sie erst losgelassen, als sie Lectors Zimmer betreten hatte.

Das war jetzt drei Tage her. Seitdem war Frosch nicht noch mal vor die Tür gegangen. Dabei vermisste sie Lector mehr denn je. Als er sie dort in diesem fremden, kalten Krankenhauszimmer im Arm gehalten hatte, das wundervolle Buch neben ihnen, für das er so viel auf sich genommen hatte, hatte Frosch sich so geborgen und warm gefühlt, wie es selbst hier im Haus ihres Vaters selten der Fall war.

Seit heute Morgen war Lector wieder raus aus dem Krankenhaus. Man hatte ihm Krücken mitgegeben, ihn aber dazu ermahnt, das Bein noch eine Weile ruhig zu halten und das Haus erst einmal für eine Woche nicht zu verlassen – abgesehen von den Physiotherapieterminen.

Noch immer war Lector frustriert wegen seines gebrochenen Beins, das merkte Frosch ihm bei den stundenlangen Telefonaten an, die sie seitdem jeden Abend führten. Er langweilte sich und er vermisste seinen Sport.

Wenn er endlich das Haus verlassen durfte, wollte er Frosch wieder regelmäßig besuchen kommen, aber Frosch hatte kein gutes Gefühl dabei. Der Weg war ziemlich weit, zu Fuß fast eine halbe Stunde, weshalb Lector früher meistens mit dem Fahrrad zu ihr gekommen war. Mit den Krücken bräuchte Lector wahrscheinlich mindestens doppelt so lange – und das war sicher gerade am Anfang viel zu anstrengend für ihn. Eine direkte Busverbindung gab es nicht, da müsste Lector einmal umsteigen und dann fast zwanzig Minuten an der einen Bushaltestelle warten. Und Lectors Bruder hatte momentan ein anderes Problem und Weißlogia konnte seinen Sohn doch auch nicht tagtäglich herumkutschieren…

Nein, Frosch wollte nicht, dass ihr bester Freund noch mehr auf sich nahm! Er hatte sich bereits so sehr verausgabt, um ihr mit diesem Buch eine Freude zu machen – was ihm auch gelungen war, Frosch liebte es, darin zu blättern und die fantastischen Fotografien zu bewundern –, dieses Mal wollte Frosch ihm zuvor kommen. Dieses Mal wollte sie kämpfen!

Beinahe schwanden Frosch die Sinne, als sie die Hand an die Klinke legte. Auf einmal war sie sich nicht mehr so sicher, ob es richtig war, das ausgerechnet in der kurzen Zeitspanne zu machen, in der sowohl ihr Vater als auch ihr Bruder nicht da waren. Skiadrum hatte ein paar unaufschiebbare Termine und Rogue musste eine der Vorbereitungsprüfungen schreiben, für die er in den letzten Wochen so viel mit Minerva gepaukt hatte.

Aber Frosch wollte es auch nicht mehr aufschieben. Sie wollte endlich den ersten Schritt machen – im wahrsten Sinne des Wortes. Zu lange schon hatte sie sich hier verkrochen und damit ihrer Familie und ihren Freunden das Leben schwer gemacht. Wie viel sie hatten umplanen müssen, um sich um Frosch zu kümmern! Damit sollte endlich Schluss sein! Ihr Vater sollte endlich wieder richtig arbeiten können und Rogue sollte sich auf sein Staatsexamen und auf seinen Freund konzentrieren!

Und Lector… Der gute, liebe, treue Lector… Frosch wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er schnell wieder gesund wurde und zurück aufs Feld durfte, damit er allen zeigen konnte, dass er immer noch der beste Basketballspieler des Teams war – und Frosch wollte an diesem Tag in der ersten Reihe sitzen und ihren Freund anfeuern!

Schniefend wischte Frosch sich die Tränen fort und drückte die Klinke der Haustür herunter. Als die Tür aufschwang, wich sie zur Seite aus und klammerte sich an den Türrahmen. Das Mittagslicht flutete in den Flur und blendete Frosch, sodass sie die Augen zukniff und zuerst nichts von der Außenwelt sehen konnte. Sie hörte nur weit entfernt die Autos auf der Hauptstraße, das Zwitschern von Vögeln und irgendwo das Bellen eines Hundes. Keine Menschenstimmen. Die Cheneys lebten in einer ruhigen Gegend mit beschaulichen Einfamilienhäusern. Die meisten Nachbarn waren so alt wie Froschs Vater und um diese Uhrzeit wohl noch auf Arbeit, die Kinder in der Schule oder an der Universität.

Ganz langsam öffnete Frosch die Augen wieder und ließ den Blick schweifen. Tatsächlich: Es war weit und breit niemand zu sehen. Zur Linken die leere Auffahrt der Agurias. Yukinos Fahrrad lehnte am Haus. Vielleicht hatte die Weißhaarige heute erst einen späten Kurs und keine Schicht im Cherry Blossom. Soweit Frosch es mitbekommen hatte, war vor vier Tagen irgendetwas vorgefallen, weswegen Rogue sich Sorgen um Yukino machte.

Aber – Frosch holte tief Luft und zwang sich, eine Hand vom Türrahmen zu nehmen – wenn Yukino jetzt aus dem Haus kommen sollte, wäre das in Ordnung. Vor ihr hatte Frosch keine Angst. Irgendwie war die Weißhaarige so etwas wie eine Schwester für Frosch. In den letzten Wochen hatte Yukino ihr auch einige Male Gesellschaft geleistet. Yukino war auch eine derjenigen, von denen Frosch so viel über Gartenpflege gelernt hatte.

Noch immer zitternd machte Frosch einen Schritt aus dem Haus heraus, dann noch einen. Sie senkte den Blick auf ihre Füße, um aufzupassen, dass sie ihre Schritte trotz der schlotternden Knie richtig setzte und nicht über eine Unebenheit in dem kurzen Pflasterweg stolperte, der zum Briefkasten führte.

Jeder Schritt brachte sie näher an Lector heran, rief sie sich selbst in Erinnerung. Jeder Schritt führte sie ein winziges Stück von ihrer Angst weg. Es gab keinen Grund, zu denken, dass ihr hier draußen etwas passieren könnte. Die Jungen, die ihr diesen grässlichen Streich gespielt hatten, waren weit weg… Und selbst wenn Frosch wieder in ihre Nähe kommen würde, so etwas wie damals würde nicht noch mal geschehen. Sie war jetzt klüger. Sie wusste jetzt, wem sie vertrauen durfte!

Als der Pflasterweg auf den schmalen Gehweg stieß, blieb Frosch stehen, hielt den Blick jedoch gesenkt. Ihr stand bildlich vor Augen, was sie sehen würde, wenn sie sich endlich dazu durchringen konnte, aufzublicken: Eine asphaltierte Straße mit Bremsschwellen, die sie und Lector gerne genutzt hatten, wenn sie hier mit ihren Rollschuhen lang gesaust waren. Ein gemütliches Einfamilienhaus neben dem nächsten. Gegenüber eines mit Fachwerk, dessen Garage mit den zwei kleinen Fenstern im darüber liegenden Lager wie ein Gesicht aussah. Daneben ein gelb gestrichenes Haus mit einem schrecklich überladenen Garten, der während der Blütezeit aufdringlich nach allen möglichen Blumen roch. Auf der anderen Seite ein kantiger Neubau von grauer Farbe, bei dem anscheinend alles mit einer Fernbedienung geöffnet werden konnte und dessen Bewohner selten einmal da waren, weil das junge Paar anscheinend oft berufsbedingt auf Reisen war… All das und noch viel mehr hier war Frosch nur allzu vertraut. Nichts davon war bedrohlich.

Doch als Frosch schließlich den Blick hob, musste sie sich dennoch am Briefkasten festhalten. Nur mit äußerster Willensanstrengung gelang es ihr, ihre Knie wieder durchzustrecken, aber die Angst drückte nun auch immer stärker auf ihre Lunge. Ihr Atem ging stoßweise. Ihr schwirrte bereits der Kopf.

Nichts hier war bedrohlich. Niemand hier tat ihr etwas zuleide. Das wusste sie doch. Warum hatte sie dennoch so furchtbare Angst?

Tränen verschleierten Froschs Sicht und ihre Knie gaben ganz allmählich nach. Während sich die Welt um sie herum immer schneller drehte, sank sie am Briefkasten zu Boden.

„Frosch?“

Jemand hockte sich vor sie, berührte sie jedoch nicht. Hastig senkte Frosch den Blick. Sie wollte nicht, dass jeder ihre Tränen sehen konnte. Sie wollte doch endlich stark sein! Sie wollte endlich kämpfen. Für Lector und für sich selbst. Damit sie die kostbare Zeit mit Lector endlich wieder richtig genießen konnte!

„Frosch, ich bin es, Yukino… Darf ich dich zurück ins Haus bringen?“

Zurück ins Haus… Dort war es sicher. Dort lachte niemand über Frosch. Dort spielte ihr niemand böse Streiche… Aber dort war sie auch eine Gefangene!

Unfähig zu sprechen, schüttelte sie nur hektisch den Kopf. Ihre Finger klammerten sich so fest an den Pfosten des Briefkastens, dass sie zu schmerzen begannen. Und noch immer bekam Frosch kaum richtig Luft.

Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie zusammen zucken. Sofort wurde die Hand wieder zurückgezogen.

„Frosch, hast du versucht, gegen deine Angst anzukommen?“

Noch immer konnte sie nicht antworten. Sie kauerte einfach nur am Boden, weinte und rang um Atem, aber das schien Yukino Antwort genug zu sein. Die Hand schob sich langsam in Froschs Blickfeld, die Handfläche nach oben zum Zeichen, dass keine Bedrohung von ihr ausging.

„Du musst diesen Kampf nicht alleine kämpfen, Frosch. Wir können dir dabei helfen.“

Hilfe. Wie viel Hilfe hatte man ihr bereits angeboten. Wendy, Charle und Chelia brachten Frosch die Schulaufgaben, Rogue machte ihre Besorgungen für ihre Aquarien und Terrarien. Ihr Vater hielt ihr den Rücken frei, damit von der Schule kein Druck kam. Und Lector…

Der Gedanke an Lector trieb Frosch noch mehr Tränen in die Augen. Ihr bester Freund hatte mehr für sie getan, als er selbst das vielleicht wusste. Sie wollte ihrer Dankbarkeit endlich richtig Ausdruck verleihen. Sie wollte, dass all seine Opfer nicht umsonst gewesen waren!

Und wenn sie dafür noch mehr Hilfe annehmen musste, dann musste sie selbst dieses Opfer bringen!

Zitternd legte sie ihre Hand in Yukinos. Deren Finger schlossen sich, sanft und warm, und drückten zärtlich. Mehr geschah nicht. Frosch wurde nicht abrupt in die Höhe gezogen oder fest umarmt. Yukino hielt einfach nur ihre Hand fest und je länger sie das tat, desto besser konnte Frosch wieder Luft holen.

Mit jedem tiefen Atemzug klärten sich Froschs Gedanken und schließlich hob sie zaghaft den Blick. Nicht einmal der Hauch von Ungeduld war Yukino anzusehen. Sie lächelte einfach nur aufmunternd und stolz.

„Frosch braucht richtige Hilfe“, krächzte Frosch und wischte sich mit der freien Hand die Tränen fort.

Bisher hatte sie sich immer davor gesperrt, aber jetzt erinnerte sie sich wieder daran, was ihr erboster Vater ihrer Klassenlehrerin mal am Telefon erklärt hatte: Ich werde meine Tochter nicht zu einem Psychologen bringen, wenn sie nicht dafür bereit ist!

Das war jetzt Wochen her. Skiadrum hatte das Thema nie zur Sprache gebracht und Frosch hatte so getan, als hätte sie nichts davon gehört, weil der Gedanke an professionelle Hilfe sie immer abgeschreckt hatte. Denn sie hatte gewusst, dass sie dann über das reden müsste, was ihr widerfahren war.

„Jetzt ist Frosch so weit!“
 

Anguis fragilis – Ein erhellendes Gespräch
 

Keuchend lehnte Lector sich an den Zaun und rückte seine Schirmmütze zurecht. Vom Gefühl her brachte die Sonne sein Gehirn zum Kochen. Die Luft stand und hier an der Hauptstraße stank es erbärmlich nach den Abgasen der Autos. Am liebsten wäre Lector weiter gehumpelt, um doch zu Fuß nach Hause zu kommen, aber er musste sich eingestehen, dass er noch nicht fit genug dafür war.

Es war anstrengender, als er sich das vorgestellt hatte, mit den Krücken unterwegs zu sein. Auf Dauer taten seine Handgelenke weh und in den Schultern kündigte sich Muskelkater an. Dabei hatte er sich dank seines Basketballtrainings eigentlich für ordentlich trainiert gehalten, aber er musste einsehen, dass erstens beim Basketball doch etwas andere Muskeln beansprucht wurden und dass er zweitens schon seit vier Wochen nicht mehr trainiert hatte. Ganz so schnell geriet man zwar nicht aus der Form, aber in den vier Wochen hatte er ja tatsächlich kaum eine Gelegenheit gehabt, sich großartig zu bewegen.

Natürlich könnte er einfach Sting anrufen, damit der ihn abholte – das hatte Sting ja von vorneherein angeboten –, aber Lector hatte genug davon, ständig herum kutschiert zu werden. Sein Bruder hatte eine stressige Zeit hinter sich und sollte sich endlich mal wieder Zeit für sich nehmen. Außerdem wusste Lector, dass er zurzeit nicht unbedingt die beste Gesellschaft war.

Als Frosch ihm erklärt hatte, dass sie eine Therapie machen wollte, hatte er sich für sie gefreut, aber da war ihm noch nicht klar gewesen, wie sehr das ihre Möglichkeiten für Treffen einschränken würde. War es zu fassen? Sie gingen momentan Beide nicht zur Schule, Lector hatte nur seine Physiotherapietermine und Frosch ging zur Therapie, mehr nicht, dennoch überschnitten sich ihre Termine so blöd miteinander, dass nur an den Wochenenden genug Zeit war, damit Lector Frosch besuchen konnte. Zum Glück hatte Froschs Vater ihr schon vor zwei Monaten eine Handy-Flat besorgt, so konnten sie wenigstens jeden Abend miteinander telefonieren, aber Frosch war oft so müde, dass die Gespräche jedes Mal nur von kurzer Dauer waren.

Die begleitete Konfrontationstherapie mit Doktor Belno setzte ihr ganz schön zu. Jeder Termin fand an einem anderen Ort statt und Frosch musste jedes Mal so lange stehen bleiben, bis ihre Angst endlich nachgelassen hatte. Diese ständigen Angstschübe gingen ihr an die Substanz. Lector hatte deswegen immer noch Angst, dass es schief gehen könnte, aber Frosch war nun wild entschlossen und berichtete stolz von jedem noch so kleinen Fortschritt. Gestern hatte sie zum ersten Mal ganz normal die Post aus dem Briefkasten geholt und sie war sogar im normalen Tempo ins Haus zurückgekehrt. Am liebsten wäre Lector bei ihr gewesen, um diesen Erfolg richtig mit ihr zu feiern, aber er hatte zur selben Zeit im Wartezimmer seines behandelnden Arztes gesessen, weil sein Gips die Haut an der Wade wund scheuerte.

Lector hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten, während seine beste Freundin immer größere Runden drehte. Sie setzte jetzt alles daran, in ihr altes Leben zurück zu finden, und Lector war felsenfest davon überzeugt, dass sie das schaffen konnte. Für sich selbst sah er diesbezüglich jedoch schwarz.

Selbst wenn er tatsächlich Glück haben und Anfang nächsten Jahres grünes Licht bekommen sollte, hieß das nicht, dass er einfach wieder Basketball spielen konnte. Seinen Platz in der Stammmannschaft würde er sich zurückerobern müssen. Nein, zuerst würde er seine Fitness wieder auf Vordermann bringen müssen. Physiotherapie hin oder her, diese Monate würden Lector einrosten lassen. Zu alter Form zurück zu finden, würde ein unfassbar harter Kampf werden. Vielleicht sogar ein zu harter…

Als sich jemand neben ihn stellte, blickte Lector von den verschmutzten Gehwegplatten auf. Er war einigermaßen überrascht, ausgerechnet Wendy zu erkennen. Die Blauhaarige nickte ihm schüchtern zu.

„Hattest du einen Termin bei der Physiotherapie?“, fragte sie so höflich, wie nur sie das konnte. Lector hatte sich schon des Öfteren gefragt, was die an Wendys Alter Schule eigentlich ins Essen gemischt bekommen hatten. Manchmal hatte er das Gefühl, als käme die Jüngere aus einer völlig anderen Zeit. Immer so förmlich, immer rücksichtsvoll, immer friedfertig. Keine schlechte Laune, keine Gereiztheit, nicht einmal ein Grummeln. Gut, Frosch war auch ein Sonnenschein, wie er im Buche stand, aber von Förmlichkeiten hielt sie nicht so viel. Sie war ein Wirbelwind, der immer Schwung in Lectors Leben gebracht hatte.

Der Junge blinzelte, als ihm bewusst wurde, dass seine Gesprächspartnerin ihn geduldig ansah und auf seine Antwort wartete. „Ja. War ein Kinderspiel.“

Das klang selbst in seinen eigenen Ohren ziemlich halbherzig, aber wenn er ehrlich war, hatte er einfach keine Lust, den Optimisten zu mimen. Wenn er bei Frosch war, versuchte er immer, sich zusammen zu reißen und sich auf Frosch zu konzentrieren, was auch ziemlich gut klappte, aber ansonsten war er wohl ein ziemlicher Stinkstiefel geworden.

„Und du?“, fragte er lahm, als Wendy ihn immer noch so geduldig und aufmerksam ansah. Wo war ihre Schüchternheit und Zurückhaltung eigentlich, wenn man sie mal tatsächlich brauchte?

„Ich habe meinem Vater etwas vorbei gebracht, was er vorhin Zuhause vergessen hat.“

„Ah, richtig… deine Eltern sind Beide Ärzte?“ Zur Antwort nickte Wendy nur und schon wieder entstand Schweigen zwischen ihnen.

Lector stierte lieber wieder auf den Gehweg und ließ seine Gedanken schweifen. Immer wieder landeten sie bei Frosch oder bei Basketball. Dabei hätte er beide Themen gerne ruhen gelassen, denn irgendwie beschlich ihn bei Beiden das schmerzhafte Gefühl, dass ihm ein Verlust bevorstand.

„Frosch hat mir gestern von dem Briefkasten erzählt“, begann Wendy langsam.

Lector schluckte einen ärgerlichen Kommentar herunter. Wollte Wendy ihn provozieren oder warum erinnerte sie ihn daran, was ihm im Leben seiner besten und wichtigsten Freundin alles entging? War sie wohl doch nicht so zurückhaltend? Das könnte sie sich ruhig für Romeo aufheben.

„Sie hat geweint…“

„Geweint?!“ Abrupt hob der Rothaarige wieder den Blick. „Warum? Sie hat mir erzählt, wie gut alles geklappt hat und dass sie keine schlimme Angst mehr hatte!“

„Hatte sie auch nicht, aber als sie Charle, Chelia und mir davon erzählt hat, ist sie in Tränen ausgebrochen, weil sie es dir nicht erzählen konnte“, erklärte Wendy leise.

In Lectors Brust breitete sich auf einmal ein hohles Gefühl aus. Warum hatte Frosch ihm nichts davon erzählt, dass sie geweint hatte? Ihm hatte sie nur voller Begeisterung von diesem Erfolg erzählt und er hatte sich schon gefragt, ob er der Einzige war, den es wurmte, dass er diesen Erfolg gar nicht richtig mit ihr feiern konnte.

„Warum-?“, begann Lector, wurde jedoch unterbrochen, als der Bus endlich vorfuhr.

Der Fahrer hielt nicht direkt am erhöhten Bürgersteig, sondern knapp dahinter, was es Lector mit seinen Krücken und dem Gips noch viel schwerer machte, in den Bus zu kommen. Mit wütend zusammen gepressten Lippen kämpfte er sich in das Gefährt, hielt dem genervt dreinblickenden Fahrer seine Karte unter die Nase und humpelte dann mühsam weiter. Er war heilfroh, dass Wendy wortlos voraus ging, statt sich seinem Schneckentempo anzupassen. Dankbar ließ er sich ihr gegenüber bei dem Viererplatz nieder, den sie für ihn frei gehalten hatte, verkeilte seine Krücken so in einer Lücke zwischen den Sitzen, dass er sie nicht die ganze Zeit festhalten musste, und entledigte sich seines Rucksacks.

„Sie wollte nicht, dass wir das mitkriegen“, sagte Wendy in einem entschuldigenden Tonfall, als der Bus ruckend anfuhr. „Und ich glaube, sie will eigentlich gar nicht, dass ich dir davon erzähle, aber ich denke, du solltest wissen, dass du nicht der Einzige bist, der euer Beisammensein vermisst.“

„Wie kommst du denn darauf?!“, schnappte Lector sofort, der sich in die Ecke gedrängt fühlte, ohne dass er dieses Gefühl vernünftig erklären könnte.

Wendy zuckte getroffen zusammen und senkte den Blick auf ihre Finger, die sie in ihrem Schoß gefaltet hatte. Augenblicklich tat es Lector Leid, so bissig reagiert zu haben, und er versuchte, zurück zu rudern. „Tut mir Leid, vergiss-“

„Du und Frosch seid etwas Besonderes“, unterbrach Wendy ihn zu seiner Überraschung, wobei sie ihren Blick nicht hob. „Das ist mir vom ersten Tag an aufgefallen.“

„Na ja, wir kennen einander halt seit dem Windelalter“, wiegelte Lector ab, der sich nicht sicher war, ob ihm die Richtung dieses Gesprächs gefiel.

„Aber das, was ihr miteinander teilt, hat damit nichts zu tun“, erwiderte Wendy und nun meinte Lector, sogar so etwas wie Wehmut heraus zu hören. „Es ist wie bei Romeo und Chelia.“

Es war ganz und gar fehl am Platz, aber Lector konnte nicht verhindern, dass er abfällig schnaubte: „Es ist überhaupt nicht so wie bei Romeo und Chelia. Du siehst Gespenster.“

Erschrocken ruckte Wendys Kopf wieder hoch. In ihren braunen Augen erkannte Lector eine Unsicherheit, die ihn wünschen ließ, doch einfach zu Fuß gelaufen zu sein. Warum musste er eigentlich derjenige sein, der Wendy auf das Offensichtliche stieß?

„Chelia hat einen Freund und das nicht, um von irgendwelchen tieferen Gefühlen für Romeo abzulenken. Die Beiden sind wie Geschwister füreinander. Frosch ist keine Schwester für mich.“

Von seinen letzten Worten war Lector selbst ein wenig überrascht. Bisher hatte er nie über dieses Thema gesprochen, hatte es sogar vermieden, allzu viel darüber nachzudenken. Er wollte das Ganze nicht tot interpretieren. Er wollte, dass es sich so entwickeln konnte, wie es sich für ihn und Frosch gut anfühlte. Dafür brauchte er keine große Geständnisse oder Ratschläge oder dergleichen.

„Warum hat Chelia nie von ihrem Freund erzählt?“

„Du hast sie wahrscheinlich nie gefragt“, schlug Lector vor. „Und selbst wenn sie keinen Freund hätte, Romeo will nichts von ihr.“

Alles Weitere schenkte Lector sich. Er war hier doch nicht der Liebesengel vom Dienst. Romeo sollte schön selber die Klappe aufkriegen, er war doch sonst nicht auf den Mund gefallen!

Doch Wendy schienen diese Worte bereits zu reichen. Ihre Augen strahlten auf einmal und auf ihre Wangen trat ein niedlicher Rotschimmer, der ihr ziemlich gut zu Gesicht stand. Geschmack hatte Romeo, das musste Lector seinem langjährigen Freund und Teamkameraden lassen, auch wenn Wendy bei ihm rein gar nichts auf Touren brachte. Ihr Lächeln war hübsch, aber Lector kannte ein noch viel hübscheres.

Wieder einmal entstand zwischen ihnen Schweigen und Lector verlegte sich darauf, aus dem Fenster zu starren, wo Häuser, Autos und Menschen vorbei zogen. Er nahm nichts davon wirklich auf. Im Gedanken war er doch wieder bei Frosch.

Ihr ging es also wirklich so wie ihm? Sie würde ihre Erfolge lieber mit ihm feiern? War das vielleicht verkorkst! Konnte sie sich nicht einfach nur über ihre Fortschritte freuen? Sie war doch so stark und entschlossen, sie hatte allen Grund dazu, stolz darauf zu sein! Lector wollte nicht, dass sie sich das selbst trüben ließ, selbst wenn er nicht Zeuge ihrer Fortschritte sein konnte.

„A-also…“ Als er seinen Blick wieder auf Wendy richtete, wirkte diese reichlich verlegen. „D-du und Frosch… seid ihr…?“

„Nein, wir sind kein Paar“, antwortete Lector seufzend und verdrehte die Augen. „Noch nicht.“

Wendys große Augen weiteten sich gleich noch mehr.

Beinahe musste Lector bei diesem Anblick grinsen. Warum stellten alle in seinem Umfeld sich eigentlich so dusselig bei dem Thema an? Allen voran sein Bruder, der schon seit Jahren von einer seichten Beziehung in die nächste gehüpft war, obwohl doch offensichtlich gewesen war, dass er in Rogue verliebt war? Und selbst jetzt, da Sting endlich mit dem Schwarzhaarigen zusammen war, machte er noch ein Riesentrara aus dem Thema.

Als seine Haltestelle angesagt wurde, drückte Lector auf den Knopf und quälte sich mit den Krücken in die Höhe. „Weißt du, vielleicht täte es dir ganz gut, nicht so viel über das Thema nachzudenken. Dann interpretierst du nur zu viel in Kleinigkeiten hinein. Wie das mit Chelia“, schlug Lector vor und lehnte sich gegen die Rückenlehne eines Sitzes, um nicht zu fallen, als der Bus bremste. „Das Thema wird nicht einfacher, indem man sich deswegen zum Affen macht. Einiges muss man einfach auf sich zu kommen lassen.“

Endlich stand der Bus richtig. Lector trat in den Gang, warf der Blauhaarigen über seine Schulter jedoch noch mal einen Blick zu. „Aber Danke, dass du mir das mit Frosch erzählt hast… Manchmal vergesse ich auch ein wenig, dass das Ganze ein Teamspiel ist…“

Er konnte Wendy die Verwirrung an der Nasenspitze ansehen, aber er hatte keine Zeit mehr, es ihr zu erklären. Er beeilte sich, aus dem Bus heraus zu kommen. Draußen drehte er sich um und blickte zu Wendy hoch, die ihn noch immer verwirrt anstarrte. Grinsend salutierte er lässig, während der Bus wieder anfuhr.

Ja, das mit ihm und Frosch war ein Teamspiel. Sie wollten ihre Freuden miteinander teilen, aber das ging nur, wenn sie auch ihren Frust und ihre Sehnsüchte miteinander teilten. Lector wollte keine oberflächlichen Telefonate mit Frosch führen. Er wollte ehrlich zu ihr sein. Er wollte ihr sagen können, dass er gerne dabei gewesen wäre, als sie es alleine zum Briefkasten geschafft hatte, weil er genau wusste, was für ein großer Schritt das für sie war!
 

Lacerta agilis – Eine fragwürdige Einladung
 

Gähnend hockte Frosch vor ihrem Kräuterbeet und zupfte Unkraut heraus. Ihr Bruder saß am Verandatisch und las in einem Buch, dessen Titel mehr Zahlen als Buchstaben enthielt. Irgendeine Abhandlung zu irgendeinem Gesetzestext.

Frosch bewunderte ihren großen Bruder so sehr wie kaum einen anderen Menschen, aber mit Jura hatte sie tatsächlich nicht das Geringste am Hut. Da schlug sie wohl ziemlich aus der Art, wo das mit der Juristerei doch irgendwie in der Familie zu liegen schien. Nach ihrer Mutter kam sie allerdings auch nicht, die war Verkäuferin in einem Modegeschäft gewesen. Etwas, was Frosch genauso wenig lag. Was genau sie später machen wollte, war ihr immer noch nicht so ganz klar, aber ihre Interessengebiete lagen eindeutig bei den Naturwissenschaften.

Im Moment hielt sich ihr Interesse an absolut allem allerdings in Grenzen. Sie war schrecklich müde. Gefühlt hatte sie nur ein paar Minuten Schlaf gehabt.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“ Ertappt zuckte Frosch zusammen und blickte über ihre Schulter zu Rogue, der sein Buch hatte sinken lassen und nun Stirn runzelnd zu ihr blickte. „Hattest du wieder einen Alptraum?“

Energisch schüttelte Frosch den Kopf, warf das Unkraut in den dafür vorgesehenen Eimer und wischte sich die Hand an ihren Shorts ab, ehe sie aufstand und zu ihrem Bruder hinüber ging, um sich ihm gegenüber auf einem freien Verandastuhl nieder zu lassen.

„Frosch hatte schon fünf Tage lang keinen Alptraum mehr“, erklärte sie beruhigend und lehnte sich müde seufzend zurück. „Frosch hat letzte Nacht sehr lange mit Lector telefoniert. Wir haben völlig die Zeit vergessen.“

Dabei neigten sie eigentlich gar nicht dazu, Stunden lange Gespräche zu führen. Gut, Frosch wusste, dass sie schier ewige Monologe über herpetologische Themen halten konnte, und wenn Lector so richtig in Fahrt kam, konnte er auch Ewigkeiten von spannenden Basketballspielen schwärmen, die er im Stadium mitverfolgt hatte, aber gerade in letzter Zeit waren ihre Telefonate immer ein wenig stockend gewesen. Frosch hatte nie so recht gewusst, was sie ihrem besten Freund eigentlich erzählen sollte. Nicht weil sie nichts zu erzählen hatte, sondern weil sie unsicher war, was für sie Beide überhaupt noch ein ungefährliches Thema war.

Sie wollte gerne wissen, wie es mit Lectors Physiotherapie voran schritt und was bei den Untersuchungen heraus kam und überhaupt wie es ihrem besten Freund ging, aber sie wollte auch nicht in Wunden herum stochern. Andererseits wollte sie selbst nicht so viel von ihrer Therapie erzählen, weil es sie doch so sehr wurmte, dass Lector so gut wie nie dabei sein konnte, wenn sie endlich Fortschritte machte. Es fühlte sich an, als wäre er auf einmal außen vor, dabei wollte keiner von ihnen das. Sie wollten füreinander da sein und gerade in ihrer momentanen Situation hätte Frosch sich nichts sehnlicher gewünscht, als nach einem Erfolg Lectors freudiges Grinsen zu sehen. Aufgrund all dieser Frustration hatte Frosch obendrein befürchtet, während der Telefonate in Tränen auszubrechen – und wie beängstigend so etwas für die andere Partei war, hatte sie erst vor wenigen Wochen am eigenen Leib erfahren, als Lector sie nach seinem Unfall angerufen und dann geweint hatte. Nach allem, was Lector bereits durchgemacht hatte, hatte sie ihm das ersparen wollen.

Nun legte Rogue endgültig sein Buch beiseite und musterte seine Schwester mit hoch gezogenen Augenbrauen. „Worüber habt ihr denn so lange gesprochen?“

„Über Froschs Therapie und über Lectors Bein“, antwortete sie und rieb sich die Augen.

Es hatte sie selbst auch überrascht, als ihr bester Freund ihr gestanden hatte, dass es ihm etwas ausgemacht hatte, zu hören, dass sie es in seiner Abwesenheit geschafft hatte, den Weg zum Briefkasten alleine zu bewältigen. Nachdem er immer so wenig mit ihr über ihre Therapie gesprochen hatte, hatte er ihr auf einmal sein Herz ausgeschüttet, wie sehr er sie vermisste und wie sehr es ihn frustrierte, sie nur so selten zu sehen und deshalb kaum Anteil an ihrer Therapie zu haben.

Diese Offenheit hatte sich wie ein Befreiungsschlag für Frosch angefühlt und sie hatte ihm ihrerseits gestanden, wie sehr sie sich um ihn sorgte und wie sehr sie sich wünschte, sie könnte ihn zu seiner Physiotherapie begleiten, damit er all das nicht alleine durchmachen müsste.

Stunden lang hatten sie miteinander geredet. Hatten einander ihre Ängste und Sehnsüchte anvertraut. Offen darüber zu sprechen, war etwas Neues zwischen ihnen gewesen. Solange sie einander tagtäglich gesehen hatte, waren Worte kaum nötig gewesen, weil sie einander oft gleich angemerkt hatten, was den jeweils anderen beschäftigte. Nun alles in Worte zu fassen, war aufwühlend, zuweilen sogar peinigend, gleichzeitig aber irgendwie auch befreiend gewesen.

Als Frosch schließlich ihr Smartphone auf den Nachttisch gelegt hatte, hatte sie sich ausgelaugt, aber auch unglaublich zufrieden gefühlt. Es war fast so, als wären sie einander dadurch noch näher gekommen. Ein Gedanke, der Frosch ein wohlig warmes Gefühl in der Brust verursachte.

„Zwischen euch ist alles in Ordnung?“, fragte Rogue nach und aller Müdigkeit zum Trotz merkte Frosch ihm die Sorge an.

Sie schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. „Uns geht es gut. Wir haben über einige Dinge gesprochen, die sehr schwierig waren, aber wir sind ab sofort ehrlich zueinander.“

Auch über Lectors schlimmste Angst hatten sie gesprochen. Frosch weigerte sich, in Betracht zu ziehen, dass ihr bester Freund vielleicht tatsächlich kein Basketball mehr würde spielen können, aber sie konnte seine Ängste nachvollziehen. Sie war dankbar gewesen, dass er diese endlich in Worte gefasst hatte. Er hatte während dieses Themas tatsächlich geweint. Sein Schniefen zu hören und ihn nicht in den Arm nehmen zu können, hatte Frosch schrecklich weh getan, aber sie hatte sich zusammen gerissen und ihn stattdessen angespornt, mit seinem Arzt und mit seinem Physiotherapeuten noch mal darüber zu reden. Lector sollte seinen geliebten Sport nicht kampflos aufgeben. Das würde Frosch nicht zulassen!

„Wir haben auch über Papas Vorschlag gesprochen, die Schule zu wechseln“, fuhr Frosch leise fort.

Angespannt lehnte Rogue sich vor und musterte sie. „Und zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?“

„Wir sind uns immer noch nicht sicher“, gestand Frosch kleinlaut. „Wir haben dort unsere Freunde und vor dieser… Sache hatten wird dort nie Probleme... Aber Frosch hat Angst vor den Jungen dort. Sie will nicht, dass Lector wieder weh getan wird.“

„Aber du weißt, dass das, was Lector passiert ist, nicht deine Schuld ist, ja?“, hakte Rogue vorsichtig nach und griff über den Tisch nach ihren Händen.

Dankbar erwiderte Frosch den sanften Druck und lächelte zaghaft. „Das weiß Frosch jetzt, ja, Lector hat ihr gedroht, dass er mitten in der Nacht hierher gehumpelt kommt, wenn sie ihm das nicht glaubt.“

Bei der Vorstellung zuckten Rogues Mundwinkel. „Das hätte auch Sting sagen können.“

Frosch kicherte. In so einigen Dingen waren Lector und Sting ganz anders, aber in vielen Dingen ähnelten sie einander sehr. Letztendlich hatten sie viel mehr Gemeinsamkeiten als Frosch und Rogue, aber darum hatte Frosch sich nie Gedanken gemacht. Sie hatte Rogue immer so geliebt, wie er war, und er hatte ihr nie auch nur ansatzweise einen Anlass dazu gegeben, zu glauben, dass es für ihn anders war. Um ihretwillen hatte er sich sogar ein wenig mit dem Thema Gartenarbeit befasst, um sich um ihre Pflanzen kümmern zu können, wenn sie mal nicht da war. Dabei lebte er selbst seit fünf Jahren pflanzenfrei, nachdem er es irgendwie geschafft hatte, auch den letzten Kaktus in seinem Zimmer zugrunde zu pflegen.

„Aber Frosch versteht es jetzt“, versicherte sie ruhig. „Diese Jungen waren feige und böse. Wenn sie sich nicht über Frosch lustig machen würden, würden sie einen anderen Vorwand finden… Dennoch macht Frosch sich Sorgen. Was ist, wenn diese Jungen Lector noch mal weh tun und er sich dabei noch schlimmer am Bein verletzt?“

Rogue seufzte schwer. „Wenn wir es ihnen nachweisen könnten, dass sie das waren, die dich in die Irre geführt haben und die Lector aufgelauert haben, dann können wir endgültig dafür sorgen, dass sie euch für immer in Ruhe lassen, aber so…“

„Gibt es keine Garantie“, beendete Frosch den Satz und drückte beruhigend die Hände ihres Bruders. „Deshalb sind wir uns noch nicht sicher, was wir tun wollen. Und Frosch weiß auch noch nicht, ob sie nach den Sommerferien überhaupt schon wieder so weit ist, zur Schule zu gehen.“

„Was sagt denn Doktor Belno dazu?“

„Sie sagt, dass Frosch nicht darüber nachdenken muss. Aber Frosch würde gerne endlich wieder zur Schule gehen, sie hat nur so furchtbare Angst, dass sich wieder jemand über sie lustig macht oder dass sie sich verläuft.“

Die Grünhaarige blickte auf ihre zitternden Hände hinunter. Sie wusste, wie irrational diese Ängste waren und dass sie sich voll und ganz auf ihre Freunde und auf ihre Familie und ganz besonders auf Lector verlassen konnte. Dennoch waren diese Ängste einfach da und ließen sich nicht einfach so ausblenden. Letztendlich musste Frosch sich selbst damit konfrontieren, so wie sie es auch schon mit anderen Dingen während der Therapie getan hatte.

„Ein Schritt nach dem anderen“, sagte Rogue ganz sanft und streichelte mit einem Finger ihre Wange. „Die Treppe fängt mit der ersten Stufe an.“

„Doktor Belno hat etwas ähnliches gesagt“, murmelte Frosch und wischte sich hastig über die Augen. „Aber manchmal ist Frosch schrecklich frustriert, weil sie so langsam ist.“

„Du bist nicht langsam“, widersprach Rogue ernst.

„Das hat Lector auch gesagt.“

Ihr Bruder schnaubte leise. „Ich wiederhole heute wohl lauter Dinge, die andere Leute schon gesagt haben.“

Die Anspannung fiel von Frosch ab, als sie wieder kichern musste. Sie stand auf und ging zu Rogue, um sich auf seinen Schoß zu setzen. Mit ihren sechzehn Jahren war sie vielleicht zu alt für so etwas, aber es fühlte sich gut für sie an und Rogue erhob auch keine Proteste dagegen, sondern schlang die Arme um sie. Seine Nähe hatte etwas unglaublich Beruhigendes für Frosch.

„Hör’ auf Lector, er ist ein cleveres Kerlchen.“

„Sagt das bloß nicht in seiner Gegenwart, sonst steigt ihm das zu Kopf.“

Frosch und Rogue blickten auf, als Sting auf die Veranda trat. Der Blonde trug noch den Geruch von Öl mit sich und hatte einen Schmierfleck an der rechten Wange. Wahrscheinlich war er direkt von der Arbeit hierher gekommen.

Dem Geruch zum Trotz sprang Frosch auf und umarmte den Freund ihres Bruders zur Begrüßung. Als er die Geste erwiderte, hob er sie kurz von den Füßen und Frosch quietschte vergnügt. Nachdem er sie wieder herunter gelassen hatte, setzte sie sich zurück auf ihren Platz und beobachtete, wie Sting und Rogue einander mit einem kurzen Kuss begrüßten. Frosch bemerkte den verlegenen Blick ihres Bruders in ihre Richtung sehr wohl, aber wenn sie ehrlich war, verstand sie ihn nicht.

Sie wusste doch schon seit Jahren, was ihr Bruder für den Blondschopf empfand. Es war für sie unübersehbar gewesen – und nicht nur für sie, sondern eigentlich für so ziemlich jeden, der die Beiden kannte. Einen Grund für Verlegenheit sah sie jedoch nicht. Sting und Rogue liebten einander, also sollten sie einander auch nahe sein. Dazu gehörten doch auch solche Gesten wie Küsse. In Froschs Augen war daran überhaupt nichts Schlimmes.

„Ihr lästert also über mein Brüderchen“, sagte Sting und setzte sich auf den Stuhl neben Rogues. Das Buch, welches Rogue vorhin gelesen hatte, schob er so weit wie möglich von sich, die Miene übertrieben angewidert, als könnte das Buch ihn beißen.

„Wir lästern nicht, wir sind nicht wie du“, erwiderte Rogue Augen rollend, wofür Sting ihm die Zunge heraus streckte. Frosch kicherte leise.

„Manchmal vergesse ich, warum ich mit dir zusammen bin, Rogue.“

Wenn Lector jetzt hier wäre, würde er unter Garantie etwas über alberne Flirts sagen, aber Frosch fand es schön, ihren Bruder und dessen Freund zu beobachten. Die Beiden waren ein tolles Paar. War doch egal, dass es länger gedauert hatte. Jetzt waren sie glücklich zusammen und das war es doch, worauf es ankam!

„Wie geht es Loke?“, wechselte Rogue das Thema, wohl um seinen Freund den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Gut, Lucys Freundin Levy konnte ihm tatsächlich den Job besorgen. Damit wird er schon über die Runden kommen.“

Worum genau es bei Loke ging, wusste Frosch noch immer nicht, aber sie fragte nicht nach. Ihr Bruder hatte sich dafür entschieden, ihm zu helfen, also musste Loke ja ganz in Ordnung sein. Alles andere ging Frosch nichts an.

„Und wie geht es Lucys Baby?“, fragte Frosch neugierig.

Bisher hatte sie die kleine Leonida leider nur ein einziges Mal sehen können. Dabei war sie so schrecklich neugierig gewesen, als sie vor Monaten erfahren hatte, dass Lucy schwanger war. Dadurch dass sich Stings und Lucys Freundeskreise schon immer miteinander vermischt hatten, hatte Frosch immer einen guten Draht zu Lucy gehabt. Ein paar Mal hatte die Blonde ja auch gemeinsam mit Yukino auf Frosch und Lector aufgepasst.

„Die Kleine ist toll!“, begann Sting sofort zu schwärmen. „Alle Untersuchungsergebnisse sind tadellos und sie ist ganz artig und lieb!“

Frosch beobachtete, wie ihr Bruder wiederum Sting beobachtete, während dieser noch mehr Vorzüge seiner Nichte aufzählte. Um Rogues Lippen spielte ein zärtliches, beinahe verträumtes Lächeln. Eben jene Art von Lächeln, die Rogue sich nur für ganz besondere Menschen vorbehielt. Unwillkürlich kam Frosch in den Sinn, dass Sting und Rogue sicher tolle Väter wären. Als Schwule konnten sie natürlich keine eigenen Kinder haben, aber sie wenn die Beiden ein oder zwei Kinder adoptierten, würde es diesen sicher an nichts mangeln. Bestimmt würden sie zusammen eine wundervolle Familie bilden!

„Ach, bevor ich es vergesse!“, unterbrach Sting seinen Redeschwall und riss dabei die Geschwister aus ihren jeweiligen Gedanken. „Ihr Beide und Skiadrum seid natürlich auch zur Gartenparty eingeladen, die Lucy und Natsu nächstes Wochenende geben. Ihr gehört ja immerhin mit zur Familie.“

Bei seinen letzten Worten schenkte Sting seinem Freund ein sanftes Lächeln, das diesen wieder verlegen machte.

Frosch jedoch sackte etwas in sich zusammen. „Wird Lector auch da sein?“, fragte sie unglücklich.

Sofort machte Sting ein betroffenes Gesicht und auch in Rogues Blick kehrte die Sorge zurück.

„Er ist eingeladen und Pa findet, dass es Lector gut tut, wenn er mitkommt, aber sonderlich begeistert klang er nicht, als ich die Einladung überbracht habe.“

Frosch unterdrückte einen traurigen Seufzer. Sie wollte so gerne zu dieser Party. Schon allein, um Lector wieder zu sehen, ganz zu schweigen von dem Baby und all den anderen tollen Freunden ihres Bruders, die unter Garantie auch eingeladen waren. Und Happy würde sicher auch mit dabei sein, immerhin war Leonida auch seine Nichte. Aber…

„Glaubst du, dass du noch nicht so weit bist?“, fragte Sting sehr direkt, was Frosch überrascht aufblicken ließ. Der Blonde hatte sich wieder gefangen und wirkte nun eher verwirrt als betroffen. „Du weißt doch, wer alles dabei sein wird. Die kennst du doch alle. Und Mas Garten kennst du doch auch schon.“

Ja, den kannte Frosch tatsächlich. Dieser Garten hatte sie immerhin dazu inspiriert, aus dem winzigen Garten ihres Vaters mehr zu machen, als nur eine wilde Rasenfläche. Und vor niemandem, der zu dieser Party kommen würde, musste sie auch nur in Entferntesten Angst haben. Dort würde sich keiner über sie lustig machen.

„Ich glaube nicht, dass das so einfach ist, Sting“, wandte Rogue besorgt ein.

„Wieso sollte es das nicht sein? Wir werden alle da sein und wenn Frosch eine Pause braucht, kann sie rein gehen. Niemand wird etwas deswegen sagen.“

Zweifelnd blickte Rogue von Sting zu Frosch und zurück. Frosch wiederum senkte den Blick auf ihre Hände hinunter. Sie teilte Rogues Zweifel. Was war, wenn sie wieder eine Panikattacke bekam? Sie würde damit allen den Spaß verderben. Es sollte doch darum gehen, Leonidas Geburt zu feiern. Aber… sie wünschte sich so sehr, dabei zu sein, und Sting hatte wirklich handfeste Argumente aufgezählt.

Außerdem…

„Frosch möchte sehr gerne kommen“, erklärte sie mit fester Stimme und hob den Blick wieder. Sting und Rogue sahen sie gleichermaßen überrascht an. „Aber Frosch hat eine Bitte an dich, Sting…“
 

Lacerta viridis – Ein Überraschungs-Wunder
 

Missmutig starrte Lector aus dem Fenster und beobachtete, wie die Straßen vorbei zogen und die Häuser immer opulenter wurden.

Er kannte diese Gegend hier schon wie seine Westentasche. Sein Vater hatte immer einen regen und sehr familiären Kontakt zu Layla unterhalten. Wahrscheinlich wäre das selbst dann so gewesen, wenn es Sting nicht gegeben hätte, aber so hatten Weißlogia und Layla sich natürlich umso mehr darum gekümmert, viel Kontakt zueinander zu unterhalten. Sting und Lucy waren im Grunde wie Vollgeschwister aufgewachsen und obwohl er überhaupt nicht mit ihr verwandt war, hatte auch Lector zu Lucy ein geschwisterliches Verhältnis.

Entsprechend oft war er in der großen Villa der Heartfilias gewesen und hatte den riesigen Garten und die umliegende Gegend erkundet. Gerade als er noch jünger gewesen war, war das jedes Mal ein kleines Abenteuer gewesen und Sting und Lucy hatten wie die Schießhunde auf Lector aufpassen müssen, damit der nicht verloren ging.

Aber hier und jetzt ging Lectors Abenteuerlust gegen Null. Er freute sich sehr für Lucy und Natsu und er konnte die kleine Leonida gut leiden, aber er hatte nicht die geringste Lust, zu dieser Party zu gehen. Von seinen Freunden war dort nur Happy. Nicht dass Lector etwas gegen Happy hatte, er verstand sich gut mit dem Blauhaarigen. Aber er würde auf dieser Party viel lieber Zeit mit Frosch verbringen.

Seit diesem klärenden Telefongespräch waren sie einander näher denn je. Lector freute sich jetzt sogar jeden Abend darauf, mit seiner besten Freundin zu telefonieren. Auf einmal konnten sie einfach über alles, was sie bedrückte, miteinander reden. Diese Art der Offenheit war für den maulfaulen Teenager eine neue Erfahrung, aber keineswegs eine schlechte.

Doch als er Frosch vorsichtig gefragt hatte, ob sie zu der Feier kommen würde, hatte sie nur bedrückt geantwortet, dass sie sich noch nicht sicher sei. Danach hatte er das Thema nicht noch mal angesprochen und stattdessen versucht, seinen Vater dazu zu überreden, ihn Zuhause bleiben zu lassen oder vielleicht sogar bei den Cheneys abzusetzen, damit er Frosch Gesellschaft leisten konnte. Doch Weißlogia war unerbittlich geblieben. Es täte Lector gut, mal wieder unter Leute zu kommen, hatte der Programmierer erklärt und seinen Sohn regelrecht zum Auto geschoben. Außerdem sei das ein Familiendienst. Frosch hätte bestimmt Verständnis dafür. Letzteres war leider ein Todschlagargument.

Die Villa von Jude und Layla Heartfilia befand sich am Ende einer Sackgasse. Allein der Vorgarten war zigmal größer als das winzige Fleckchen, das die Cheneys Garten nannten, und er war piekfein. Der Rasen sah aus, als würde jemand mit Lineal und Nagelschere kontrollieren, dass auch alles absolut gerade war, und der Kies war so strahlend weiß, dass man meinen könnte, jeder einzelne Stein würde extra jede Woche in einen weißen Farbeimer getunkt. Die Bäume und Hecken waren perfekt gerade zugeschnitten. Ja, der Vorgarten erfüllte so ziemlich alle Erwartungen, die man bei dem Wort Villa automatisch hegte.

Das musste so sein, immerhin hatte der Vorgarten auch repräsentative Zwecke, da er gleichzeitig als Auffahrt für Judes Geschäftspartner diente. Die Eingangshalle, der Flur und Judes Büro im Inneren der Villa passten auch perfekt in dieses Blendwerk. Davon abgesehen hatte das Heartfilia-Anwesen jedoch einen sehr herzlichen Charme, wie Lector nur zu gut wusste.

Mühsam humpelte Lector mit seinen Krücken den Kiesweg entlang. Immer wieder rutschten die Steinchen unter den Stockpuffern seiner Krücken weg, sodass er sich darauf konzentrieren musste, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Weißlogia ging geduldig neben ihm her und als Lector einmal wirklich zu fallen drohte, war er sofort zur Stelle und bewahrte seinen Sohn vor der unliebsamen Bekanntschaft mit dem Boden. Lector brummelte einen Dank und schleppte sich weiter, bis er die Villa umrundet hatte und den richtigen Garten erreicht hatte.

Direkt hinter dem Haus befanden sich der Wintergarten und die Veranda, die mit hellen Steinplatten ausgelegt war und auf der Gartenmöbel aus dunklem Holz zum Entspannen einluden. Danach begann eine ausgedehnte Rasenfläche, die von vielen liebevoll angelegten Blumenbeeten und einigen Bäumen und Sträuchern unterbrochen wurde.

Der größte Baum – eine riesige, ausladende Eiche – trug ein phänomenales Baumhaus mit kleinem Balkon, Strickleiter, einer höher gesetzten Aussichtsplattform und allerlei mehr. Ganz in der Nähe dieses Baumes befand sich der Pavillon, wo sich schon ein Großteil der Partygäste eingefunden hatte. Ein langer Gartentisch war bereits übervoll mit allen möglichen Leckereien – Weißlogia stellte die mitgebrachte Auflaufform dazu, ehe er zum jungen Elternpaar schritt, das neben dem Grill stand.

Grillmeister war Natsus und Happys Vater Igneel, angetan mit einer knallgrünen Schürze, die sich seltsamerweise nicht mit seiner natürlichen Autorität biss. In einem Arm hielt Igneel seine Enkelin, während er mit einer Zange einige Bratwürste umdrehte, und zwitscherte dem schlafenden Kind lauter Zuneigungsbekundungen ins Ohr. Grinsend klopfte Weißlogia ihm auf die Schulter, dann umarmte er Lucy zur Begrüßung und überreichte ihr sein Geschenk – ein Set Holzbuchstaben und –zahlen, sowie ein Zahlenmobile, wie Lector bereits wusste, weil er gestern Abend eine halbe Stunde lang beobachtet hatte, wie sein Vater sich abgemüht hatte, die beiden Pakete halbwegs ordentlich in Geschenkpapier einzuwickeln.

Lector überlegte, ob er sich einfach am Fuß der Eiche ins Gras setzen sollte, wo er ein bisschen abseits sein und seine Ruhe haben würde, als sein Blick zufällig auf seinen Bruder fiel, der mit Rogue am Tisch saß und seiner lebendigen Gestik und Rogues nachsichtigem Lächeln nach etwas über Autos erzählte, was der Schwarzhaarige eigentlich kaum verstand. Was Lectors Blick jedoch fesselte, war die Person, die neben Rogue saß.

Die Haare ausnahmsweise offen und mit einem hübschen Sommerkleid angetan, sah Frosch einfach umwerfend aus. Sie hielt sich an Rogues Arm fest und von Zeit zu Zeit strich der Jurastudent beruhigend über ihre Hand, aber Beide lauschten sie Stings ausführlichen Ausführungen. Dabei war Lector sich sicher, dass Frosch noch viel weniger als ihr Bruder davon verstand. Autos waren so überhaupt nicht ihre Welt.

Aber eigentlich war es Lector gerade völlig egal, was Frosch von all dem verstand. Alles, was er tun konnte, war, hier zu stehen und seine beste Freundin anzustarren, von der er eigentlich erwartet hatte, dass sie Zuhause sitzen würde. Eben genau dort, wo sie sich sicher fühlte. Immerhin kostete sie allein schon der Weg zum Auto, um zur Therapie zu kommen, unglaubliche Überwindung, wie sie Lector gestanden hatte. Dennoch war sie hier…

„Lector, wie geht es dir?!“, rief Happy fröhlich und schlug Lector so heftig auf die Schulter, dass dieser beinahe gestürzt wäre. „Hast du mitgekriegt, dass Romeo und Wendy sich verabredet haben? Glaubst du, das ist ein Date? Wie hat Romeo das denn hingekriegt?“

Durch Happys lautstarke Begrüßung wurden auch Sting, Rogue und Frosch auf Lector aufmerksam. Sofort machte Rogue Anstalten, aufzustehen, aber seine Schwester war bereits auf den Beinen und verließ seine Seite. In letzter Sekunde ließ Lector seine Krücken fallen und breitete die Arme aus, dann flog Frosch ihm bereits entgegen.

„Fro, was tust du hier? Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du hier sein wirst?“, stammelte Lector fassungslos, ohne seine Freundin loszulassen.

Dass Happy neben ihnen stand und sehr aufmerksam glotzte, ignorierte Lector geflissentlich. Er konnte einfach nicht den Blick von Frosch lassen. Ihre dunklen Augen leuchteten. Keine Spur von Angst. Alles, was Lector in ihnen erkennen konnte, war unbändige Wiedersehensfreude.

„Frosch wollte dich so gerne überraschen, aber sie wusste nicht, ob sie mutig genug ist, und sie wollte dich nicht in letzter Sekunde doch noch enttäuschen“, sprudelte es aus Frosch heraus. „Sie hatte auf dem Weg hierher noch große Angst, aber jetzt hat sie keine mehr. Hier tut ihr keiner etwas und jetzt bist du ja auch da!“

Lectors Kehle fühlte sich verräterisch eng an und seine Augen brannten auf einmal. Frosch war so unglaublich stark und lieb. Seinetwegen hatte sie sich dieser Herausforderung gestellt und die musste sie wirklich viel Überwindung gekostet haben, aber sie hatte es geschafft. Sie hatte ihre Ängste in den Griff gekriegt und jetzt war sie hier und sie war ganz wie früher die fröhliche, impulsive und absolut liebenswerte Frosch, die Lector so sehr vermisst hatte. Ihr Lächeln war sogar noch schöner als früher und ihre Augen leuchteten noch intensiver.

Widerstandslos ließ er sich von einer glücklich plappernden Frosch zum Tisch ziehen. Er bemerkte das Grinsen seines Bruders und das Stirnrunzeln, mit dem Rogue dieses Grinsen bedachte, aber er ignorierte die Beiden und konzentrierte sich voll und ganz auf Frosch, hörte ihr einfach zu, als sie schwärmte, wie niedlich Leonida war und wie toll der Garten der Heartfilias dieses Jahr aussah.

Nachdem Natsu und Lucys das Buffet eröffnet hatten, wurde Leonida immer weiter herum gereicht. Silver greinte, dass er auch gerne ein Enkelkind hätte, Gray verquatschte sich wegen des Drachenhütens und dann ließ Frosch die Bombe platzen, als sie Rogue fragte, wann er und Sting ein Baby adoptieren würden. Mit Genugtuung beobachtete Lector, wie das Gesicht seines Bruders tomatenrot anlief, während Rogue versuchte, die Bowle aus seiner Luftröhre zu husten. Lector lebte wieder so richtig auf und beteiligte sich rege an der Diskussion über Stings und Rogues imaginäres Adoptivkind.

Schließlich verschwanden Sting, Rogue, Minerva und Lucy gemeinsam und Lector blieb mit Frosch alleine zurück. Ihre kleine, zierliche Hand schlich sich in Lectors Hand. Sie zitterte nicht. Es war keine Schutz suchende Geste. Es war eine Geste der Zufriedenheit und des Glücks. Zärtlich erwiderte Lector den Druck.

„Lass’ uns an unserer Schule bleiben, Fro“, sagte er leise, damit wirklich nur Frosch ihn hören konnte. Überrascht sah sie ihn von der Seite an. Angst glomm in ihren Augen auf, aber er schenkte ihr ein beruhigendes Grinsen. „Wir haben dort unsere Freunde, bei denen du dich genauso wohl fühlst wie mit diesem Haufen hier. Auf die können wir uns verlassen. Und ich werde dich niemals im Stich lassen, versprochen.“

Für einige Minuten schwieg Frosch und sie beobachteten, wie erst Sting, Rogue und Yukino zurückkehrten und Yukinos kulinarische Kunstwerke am Buffet verteilten, ehe Lucy und Loke und zuletzt Minerva folgten. So wie Loke und Yukino aussahen und so wie Sting und Lucy grinsten, hatte Lector den Eindruck, als sei da etwas gelaufen.

Danach ging Lucy zu ihrem Verlobten hinüber, der es irgendwie geschafft hatte, seine Tochter zu ergattern, und mit ihr im Gras saß. Mittlerweile schien Lucy das mit dem Drachenhüten verziehen zu haben. Zumindest sah sie alles andere als böse aus, als sie sich neben Natsu ins Gras setzte und ihm einen Kuss gab.

Während Yukino von Levy, Juvia und Meredy ausgehorcht wurde, setzte Loke sich zu Gajeel, Gray und Lyon. So wie es aussah, schlossen die Männer Frieden miteinander. Zumindest reichten Gray und Lyon dem Anderen die Hand und Gajeel ließ sich dazu herab, ruppig zu nicken.

Aus der Ferne beäugte Rogue Loke mit skeptischer Miene, bis Sting sich zu ihm beugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, was ihn erröten und Sting auf den Arm schlagen ließ. Allerdings entging Lector nicht, wie der Schwarzhaarige verstohlen zum Baumhaus schielte und dann noch dunkler im Gesicht wurde. Lector schüttelte leicht den Kopf. Wahrscheinlich würde es noch Ewigkeiten dauern, bis Sting und Rogue es auf die Reihe bekamen, über Familiengründung auch nur nachzudenken. Bis dahin hatten Natsu und Lucy wahrscheinlich schon drei oder mehr Kinder – zumindest traute Lector ihnen zu, dass sie eine Großfamilie gründeten, sobald Lucy ihren Masterabschluss in der Tasche hatte.

„Ja“, flüsterte Frosch schließlich und ihre Finger verschränkten sich zwischen Lectors. Für einen Moment erzitterte ihre Hand, weshalb Lector mit seinem Daumen über ihren Handrücken strich. „Lass’ es uns versuchen. Frosch will nicht weg laufen. Frosch will stark werden!“

„Das bist du schon längst, Frosch“, erwiderte Lector mit einem stolzen Lächeln.

Zur Antwort schenkte seine Freundin ihm ein zärtliches Lächeln und dann tat sie etwas, mit dem Lector absolut nicht gerechnet hatte: Sie streckte sich und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Wärme breitete sich auf Lectors Gesicht und in seinem Bauch aus und ganz unwillkürlich verstärkte er die Verschränkung mit Froschs zierlichen Fingern. Er wusste vor lauter Verlegenheit gar nicht, wo er noch hinschauen sollte, aber gleichzeitig war er von einem tiefen, vibrierenden Glücksgefühl erfüllt und er entschied, es einfach nur zu genießen und alle neugierigen Blicke in seine und Froschs Richtung zu ignorieren. Sollten die doch alle ihre verrückten Fantasien pflegen. Lector war einfach glücklich mit dem, was er hier und jetzt hatte!
 

Emys orbicularis – Ein End-Anfang
 

Die rote Katze baumelte träge, wenn das Auto im Berufsverkehr anfuhr oder bremste. Die winzige gehäkelte Pfote schien beruhigend zu winken und das schiefe Auge sah aus wie ein Zwinkern. Frosch blieb in den Anblick der Häkelarbeit vertieft, um nicht daran zu denken, welcher Herausforderung sie sich gleich stellen musste.

Lector hatte ihr die rote Katze gegeben, die sie ihm vor Jahren geschenkt hatte, und hatte stattdessen ihre grüne Häkelkatze an seinem Rucksack befestigt. So hatte Frosch immer etwas von ihm dabei und er etwas von ihr, hatte er lächelnd erklärt. Es half Frosch tatsächlich. Irgendwie flößte es ihr jedes Mal Mut ein, wenn sie die rote Katze sah. Es hielt ihr vor Augen, dass sie absolut immer auf ihren besten Freund zählen konnte.

Die Feier für Leonida war mittlerweile einen Monat her. In der Zeit hatte Frosch es sogar mal geschafft, mit Lector den Park zu besuchen. Sie hatten sich an ihren Lieblingsweiher gesetzt, ihr mitgebrachtes Picknick verputzt und die Stock- und Löffelenten beobachtet, die über den Teich paddelten. Lector hatte mit seinem Bein natürlich nicht ins Wasser steigen dürfen, aber Frosch hatte sich später getraut, von seiner Seite zu weichen und keschern zu gehen – und war prompt mit einem Kammmolch belohnt worden. Sie hatte sich wie verrückt gefreut und Lector hatte sich davon anstecken lassen.

An dem Tag hatten sie auch ihre Häkelkatzen miteinander getauscht. Lector hatte wohl bemerkt, wie sehr es Frosch vor dem heutigen Tag grauste. Denn obwohl sie wild entschlossen war, endlich wieder richtig zur Schule zu gehen, hatte sie doch auch Angst davor. Vor allem deshalb, weil sie keine Last für ihre Freunde sein wollte. Insbesondere nicht für Lector – obwohl er ihr geschworen hatte, dass sie niemals eine Last für ihn sein könnte.

Im Moment spürte Frosch kaum noch etwas von ihrer Entschlossenheit. Ihr war einfach nur noch furchtbar mulmig zumute. Schon während des Frühstücks hatte sie kaum einen Bissen herunter gekriegt und nur einsilbig auf die besorgten Fragen ihres Vaters und ihres Bruders geantwortet, die Beide ihre Termine so geschoben hatten, dass sie sie gemeinsam zur Schule bringen konnten.

Zur Schule…

Die Sommerferien waren vorbei. Dadurch dass sie dank Lector und den Anderen beim Unterrichtsstoff auf dem Laufenden geblieben war, hatte Frosch die Versetzungsprüfungen, die extra für sie abgehalten worden waren – es hatte immer ein Lehrer und entweder Rogue, Doktor Belno oder ihr Vater mit im Raum gesessen –, relativ gut überstanden. Zumindest hatte sie nirgends einen Ausfall gehabt, sodass sie keine Ehrenrunde drehen musste und im selben Jahrgang wie ihre Freunde bleiben konnte.

Durch die alljährliche Neuverteilung der Klassen war sie jetzt sogar nicht nur mit Lector in einer Klasse, sondern Romeo und Happy waren auch bei ihnen gelandet. Nur Chelia, Wendy und Charle waren in einer anderen Klasse gelandet – Frosch konnte gar nicht sagen, wer betrübter deswegen war: Happy oder Romeo, der es tatsächlich hinbekommen hatte, mit Wendy zusammen zu kommen.

Als der Wagen ihres Vaters hielt, hob Frosch den Blick von der roten Häkelkatze. Ihre Finger krampften sich um die Riemen ihres Rucksacks und ihre Kehle fühlte sich auf einmal wie zugeschnürt an. Sie hatte sich so sehr auf den Anhänger konzentriert, dass sie tatsächlich nicht bemerkt hatte, wie sie auf den Parkplatz vor der Schule fuhren.

Vorne drehte Skiadrum sich um und schenkte seiner Tochter ein beruhigendes Lächeln, ehe er mit seinem Kopf in eine ganz bestimmte Richtung ruckte. Frosch folgte mit ihrem Blick dem Hinweis und musste ganz unwillkürlich auch lächeln, als sie am Zaun des Parkplatzes Lector bemerkte. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Zaunpfosten, die Hände locker auf den Griffen seiner Krücken, den Schirm der Mütze tief ins Gesicht gezogen. An seiner Tasche, die er wie gewohnt nur an einem Riemen über der rechten Schulter trug, erkannte Frosch die grüne Häkelkatze.

„Bist du so weit?“, fragte Rogue leise.

Tief holte Frosch Luft, dann nickte sie bestimmt. Es gab keinen Grund, Angst zu haben, rief sie sich in Erinnerung. Lector würde bei ihr sein und auf sie aufpassen – und vor allem würde er ihr helfen, mit ihren Ängsten fertig zu werden. Doktor Belno war zuerst skeptisch gewesen, ob es gut war, wenn Frosch sich derartig von Lector abhängig machte, aber Frosch hatte das nie so empfunden und ihren besten Freund vehement verteidigt. Niemand durfte schlecht über Lector reden, auch nicht die Psychologin, die Frosch doch eigentlich so gern hatte!

Frosch stieg aus und wandte sich ihrem Vater zu, der ihr sanft über die Haare strich und stolz lächelte, jedoch sonst nichts weiter sagte. Auch so verstand Frosch die Geste und sie war dankbar darum. Ihr Vater vertraute ihr. Er glaubte daran, dass sie wieder gesund werden konnte. In den letzten Monaten hatte er so viel Geduld mit ihr gehabt, hatte sie nie gedrängt, war immer verständnisvoll gewesen, hatte ihr immer beigestanden…

Stürmisch warf Frosch sich in die Arme ihres Vaters und drückte ihr Gesicht an seine Brust. Sofort schlangen sich seine Arme schützend um ihren Körper und seine Hand strich weiter sanft durch ihre Haare.

„Frosch ist dir sehr dankbar, Papa“, krächzte sie ergriffen und blickte blinzelnd zu ihrem Vater auf.

Der lächelte sogar noch zärtlicher und drückte ihren Körper behutsam. „Ich würde es immer wieder tun, Frosch.“

Mit enger Kehle nickte Frosch. An diesen Worten hegte sie nicht den geringsten Zweifel. Skiadrum war schon immer für seine Kinder da gewesen und hatte für sie auch seine Arbeit immer hintenan gestellt. In Froschs Augen war er der beste und liebste Vater auf der ganzen Welt!

Nur zögerlich löste Frosch sich aus der Umarmung und wandte sich an ihren Bruder, der das Auto umrundet hatte und mit einem nicht minder stolzen Lächeln geduldig wartete. Schniefend flog Frosch auch in seine Arme und genoss es, als er sie fest an sich drückte.

„Frosch hat dich furchtbar lieb. Du bist der beste Bruder der Welt“, erklärte sie und versuchte, ihrer aufkommenden Tränen Herr zu werden.

„Und du bist die beste Schwester der Welt“, erwiderte Rogue flüsternd und drückte sie noch etwas stärker. „Viel Spaß an deinem ersten Schultag.“

„Den wird Frosch sicher haben“, lachte Frosch erstickt und sie meinte es voll und ganz ernst. Vielleicht würde sie heute auch Angst haben, aber zuallererst würde sie sich darüber freuen, endlich wieder mit Lector zusammen im Unterricht zu sitzen. Endlich wieder mit ihm Käsekästchen spielen und Zettelchen schreiben und ihn abschreiben lassen. Und wie sehr sie sich darauf freute, Lector nachher die Cookies zu geben, die sie extra für ihn gebacken hatte!

Mit der Hilfe ihres Bruders wischte Frosch sich die Tränen aus dem Gesicht, dann schulterte sie ihren Rucksack und wandte sich Lector zu. Mittlerweile hatte er sie bemerkt und sich vom Zaun abgestoßen, um ihr entgegen zu kommen. Frosch beschleunigte ihre Schritte, bis sie direkt vor ihrem besten Freund stand. Im Schatten seines Mützenschirms erkannte sie, wie weich seine Miene war. Bildete sie sich das ein oder schimmerte da eine Träne in seinem Augenwinkel?

„Willkommen zurück. Ich habe dich vermisst“, sagte er mit belegter Stimme.

Dabei hatten sie einander erst gestern gesehen, als sie gemeinsam zum Weiher gegangen waren, aber Frosch verstand, wie es gemeint war. Lector war hier all die Zeit alleine gewesen, wo sie doch früher unzertrennlich gewesen waren. Sie hätte ihn auch vermisst!

Geschickt hängte Lector seine linke Krücke in eine Schlaufe an seinem Rucksack, dann ergriff er mit der freien Hand Froschs Hand, um sie mit sich ziehen zu können, das Gewicht schwer, aber routiniert auf die rechte Krücke gestützt. Eigentlich durfte Lector das nicht. Er war dazu ermahnt worden, nicht eine Seite über zu beanspruchen, das wusste Frosch nur zu gut, aber sie konnte nicht deswegen protestieren.

Alles, was sie tun konnte, war, den sanften Griff zu erwidern, während sie ihrem besten Freund zum Parkplatztor folgte, wo ihre Freunde lächelnd und grinsend auf sie warteten.

Ein kleines Geschenk

Ein leises Plumpsen, gefolgt von einem empörten Knurren ließ Rogue aufhorchen. Er beeilte sich, die beiden Kaffeetassen zu füllen – natürlich welche mit Sprüchen, Sting hatte nur solche Tassen – und stellte sie zum Rest des Frühstücksmenüs auf das Tablett, ehe er damit ins Schlafzimmer zurückkehrte.

Sein Freund war wach und saß am Boden neben seinem Bett. Die blonden Haare standen in alle Richtungen ab und der Blick war eindeutig missgelaunt.

„Bist du aus dem Bett gefallen?“, fragte Rogue mit zuckenden Mundwinkeln und stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab.

„Du warst nicht da“, grummelte Sting und griff nach einer der Kaffeetassen.

„Ich habe Frühstück gemacht“, verteidigte Rogue sich.

„Du warst nicht da“, wiederholte sein Freund weiterhin schmollend und nahm einen vorsichtigen Schluck Kaffee.

Schmunzelnd schüttelte Rogue den Kopf und setzte sich aufs Bett, ehe er selbst nach der anderen Kaffeetasse griff. Er war es schon gewohnt, dass Sting nach dem Aufwachen erst einmal das Riesenbaby mimte. Je nachdem, wie er geweckt worden war, war er entweder ein Brummbär oder eine anschmiegsame Katze – letzteres endete nicht selten damit, dass Sting mehr als nur anschmiegsam wurde.

Nachdem Sting seine Tasse zur Hälfte geleert hatte, kletterte er aufs Bett, nahm Rogue seine Tasse ab und stellte sie zusammen mit seiner eigenen aufs Tablett zurück, um dann Rogues Gesicht in beide Hände zu nehmen und ihm einen Kuss zu geben. Konsequent zärtlich bewegten sich seine Lippen gegen Rogues und sie rückten näher aneinander heran, als würden sie wie Magnete voneinander angezogen. Rogue schlang beide Arme um seinen Freund und presste ihn fest an sich, um noch mehr von seiner Wärme zu erhaschen.

Als sie den Kuss schließlich lösten, ließ Sting sich aufs Bett sinken und räkelte sich wie eine übergroße Katze. „Wieso trägst du eigentlich meinen Pullover?“, fragte er und ließ den Blick über Rogue schweifen.

Der blickte auf den weißen Kapuzenpullover hinunter, auf dessen Brust ein stilisierter Säbelzahntiger abgebildet war, der das Maul zum Angriff aufgerissen und eine Pranke erhoben hatte. Weiß war eigentlich nicht so wirklich Rogues Farbe, er bevorzugte dunkle Töne, aber der Pullover war wunderbar weich und bequem und roch geradezu betörend nach Sting. Rogue könnte sich tatsächlich daran gewöhnen, Stings Sachen zu tragen, wenn er hier war, aber das musste er seinem Freund ja nicht auf die Nase binden, der jetzt schon wieder dieses anzügliche Lächeln auf den Lippen hatte.

„Weil meiner unter dir lag und weil ich keine Wechselsachen dabei habe, da du mich gestern regelrecht entführt hast“, erwiderte Rogue trocken und griff nach einem der Teller mit den belegten Brötchen.

„Entführen ist so ein böses Wort…“

„Trifft es in dem Fall aber gut.“

Rogue hatte gar nicht gewusst, wie ihm geschah, als er aus seiner Vorbereitungsprüfung gekommen war und noch mit Minerva eine besonders knifflige Frage erörtert hatte, als auf einmal Sting aufgetaucht war, sich bei ihm untergehakt und ihn einfach mit sich gezogen hatte. Eine typische Aktion á la Sting eben. Minerva hatte ihnen mit einem sehr anzüglichen Grinsen viel Spaß gewünscht und Sting hatte sogar noch ganz dreist zurück gerufen, dass sie den sicher haben würden. Der Blondschopf hatte sich die Verlegenheit erstaunlich schnell ab- und sich stattdessen vorlaute Konterkommentare angewöhnt.

„Vielleicht solltest du ein paar deiner Sachen hier unterbringen.“

Auf einmal steckte der Bissen in Rogues Hals fest und der Schwarzhaarige musste heftig husten. Erst als Sting ihm auf den Rücken klopfte, konnte er sich wieder etwas beruhigen. Er blinzelte die Tränen weg und blickte dann zu Sting auf, der ihn unschuldig angrinste.

„Was soll ich?“

„Ein paar Sachen hier unterbringen“, wiederholte Sting mit funkelnden Augen. „Eine Zahnbürste, ein paar Boxershorts, Hosen, Shirts und Pullover und was du eben so brauchst.“

„Fragst du mich gerade, ob ich bei dir einziehe?“, fragte Rogue fassungslos und er spürte, wie seine Wangen heiß wurden.

Zwar waren sie noch nicht einmal ganz vier Monate zusammen und er hatte noch zwei Monate bis zum Staatsexamen, aber… der Gedanke hatte etwas sehr verlockendes. Rogue genoss es jedes Mal, wenn er bei Sting übernachtete, und er musste selbst zugeben, dass er mittlerweile schon häufiger bei Sting als in seinem Elternhaus schlief.

Noch immer grinsend griff Sting an Rogue vorbei und öffnete die oberste Schublade des Nachttisches, um ein kleines in Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen daraus hervor zu holen und es Rogue in die Hände zu drücken. „Alles Gute zum Geburtstag.“

Verblüfft blickte Rogue von dem Geschenk zu Sting und wieder zurück. Er hatte völlig verpeilt, dass heute sein Geburtstag war. Gestern hatte er noch daran gedacht und sich gefragt, ob Frosch ihm verzeihen würde, wenn er an seinem Geburtstag mit Sting ausging, statt mit ihr und Skiadrum zu feiern.

Es gab da das Rune Knight, ein echt gutes Restaurant, in das er mal zusammen mit einigen anderen HiWis von Professor Grand Doma eingeladen worden war. Sting stand zwar eigentlich nicht auf solche Nobelschuppen, aber das Essen dort war ausgezeichnet und die Portionen auch nicht so mickrig wie in anderen Restaurants dieser Art. Dort würde selbst jemand wie Sting satt zu kriegen sein.

Das wäre dann auch endlich mal ein richtiges Date. Irgendwie hatten sie, seit sie zusammen gekommen waren, im Grunde immer nur dieselben Dinge wie vorher auch gemacht, abgesehen von den Nächten – oder auch mal verlängerten Wochenenden – natürlich. Rogue hatte etwas Besonderes gewollt. Als Sting ihn jedoch ent- und verführt hatte, war das irgendwie in Vergessenheit geraten. Sting konnte sehr… einnehmend sein.

Kichernd beugte Sting sich vor und gab Rogue einen neckischen Kuss auf die Lippen, kurz, aber ein Versprechen auf mehr. Ganz unwillkürlich beugte Rogue sich vor, als Sting sich wieder zurück zog.

„Mach’ schon auf“, drängte Sting.

Langsam löste Rogue das Schleifenband. So ordentlich wie das gebunden war, hatte er den Verdacht, dass Sting sich von seiner Mutter oder seiner Schwester beim Einpacken hatte helfen lassen. Wenn es um die winzigsten aller winzigen Schrauben für irgendein Autoteil ging, besaß Sting ein überragendes Fingerspitzengefühl, aber er hatte eindeutig kein Talent für solche Sachen.

Als Rogue die kleine Schachtel öffnete, kam ein Schlüsselbund zum Vorschein, an dem ein Wohnungs-, ein Briefkasten- und ein Kellerschlüssel hingen – und der kleine, schwarze Plüschdrache, den Rogue eigentlich auf seinem Nachttisch geglaubt hatte.

„Du musst ja nicht sofort richtig einziehen. Ich dachte nur, dass es gut wäre, wenn du endlich einen Schlüssel hast, damit du nicht wieder im Regen warten musst wie neulich, als ich die Panne hatte“, erklärte Sting eifrig. „Und wenn du hier ein paar Sachen hast, kannst du auch spontan hier übernachten, ohne dass du dir alles von mir leihen musst. Nicht dass ich etwas dagegen habe.“

„Wie bist du an meinen Drachen ran gekommen?“, unterbrach Rogue den Redeschwall seines Freundes.

„Frosch“, war die simple Antwort, die jedoch schon alles erklärte. Frosch war grundehrlich und ging normalerweise nicht in seiner Abwesenheit in Rogues Zimmer, aber dass sie sich von Sting für so etwas rekrutieren ließ, war typisch für sie.

„Also…?“

„Was also?“ Rogue blickte zu seinem Freund auf, der ihn gespannt betrachtete. Die Ungeduld war ihm an der Nasenspitze anzusehen.

„Was sagst du zu der Idee?“

Rogue legte das Päckchen mit dem Schlüsselbund auf eine freie Ecke des Nachttisches, dann beugte er sich vor, um Sting zu küssen. Dessen Augen weiteten sich vor Überraschung, als der Kuss abrupt Fahrt auf nahm, aber seine Lippen öffneten sich nur allzu bereitwillig, als Rogue mit der Zunge darüber fuhr. Ihre Zungen umkreisten einander leidenschaftlich. Stings wohliges Seufzen drang an Rogues Ohr und stachelte ihn noch mehr an. Er schwang sich über seinen Freund und drückte ihn aufs Bett, seine Lippen hart auf seine gepresst, während seine Hände über den athletischen Körper fuhren, die Arme entlang, über die breiten Schultern und über die Brust. Als er über Stings Bauch fuhr, stöhnte der Blonde leise.

Keuchend stemmte Rogue sich wieder in die Höhe, um auf Sting hinunter zu blicken. Der sah mit großen, leicht verklärt wirkenden Augen zu ihm auf. Im Gedanken war Sting wohl gerade bei ganz anderen Dingen, denen Rogue sich nur allzu gerne widmen würde. Das war mal eine andere Art, seinen Geburtstag zu beginnen, aber Rogue hätte nichts dagegen, das zur Tradition werden zu lassen.

„Eine Zahnbürste, eine Boxershorts und ein Wechselshirt“, erklärte er heiser. „Und wenn ich endlich das Examen hinter mir habe…“

Er ließ den Satz unvollendet. Der Gedanke, hier mit Sting zu leben, jeden Morgen neben ihm aufzuwachen, jeden Abend neben ihm einzuschlafen, sich einfach ein Zuhause mit Sting zu teilen… das war aufregend und schön und fantastisch. So etwas hatte Rogue bei keiner seiner vorherigen Beziehungen auch nur ansatzweise in Betracht gezogen, aber mit Sting wollte er all das und noch viel mehr. Ja, verdammt, irgendwann wollte er Sting heiraten und ein Kind mit ihm adoptieren. Das volle Programm eben. Er wollte ein Leben mit und für Sting führen!

Ein atemberaubendes Lächeln erblühte auf Stings Lippen und er ergriff Rogues Gesicht, um ihn zu sich runter zu ziehen. „Dann also willkommen Zuhause“, schnurrte er in den Kuss hinein und seine Hände schlüpften unter den Pullover, um über Rogues Rücken zu streichen.

Zutiefst zufrieden schloss Rogue die Augen und ließ sich den zweiten Teil seines Geburtstagsgeschenks gefallen.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Es ist übrigens nicht willkürlich gewählt, dass der OS acht Monate vor "Ein Plan in vier Schritten" spielt ;)

Ich hoffe, dieses Mal ist das Verhältnis der Charaktere ausgewogener. Und obwohl es sich ja um NaLu drehen sollte, haben die Beiden nicht wirklich viel Screentime, aber um ehrlich zu sein, sollte es sowieso nicht romantisch, sondern witzig werden^^' Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich hoffe, es ist halbwegs übersichtlich geblieben. Ursprünglich wollte ich sogar noch mehr Charakteren einen Gastauftritt geben, aber das habe ich dann doch verworfen. So ist es jetzt hoffentlich auch dann verständlich, wenn man die ganzen Hintergründe (noch) nicht kennt.

Was als nächstes kommen wird - und vor allem wann -, kann ich noch nicht genau sagen. Ich schreibe hier nur weiter, wenn ich genug Zeit dafür habe, ein anderes Projekt hat letztendlich Vorrang. Aber es sind auf alle Fälle schon mehrere konkrete Ideen da.

Konstuktive Kritik ist gerne gesehen! ;) Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Wie es danach weiter geht, überlasse ich ganz eurer Fantasie ;) Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich habe echt eine Weile überlegt, wie genau ich diesen OS enden lassen soll, aber diese kleine Sache mit Minerva war mir noch sehr wichtig und sie erschien mir für den Schluss auch sehr passend. Yukinerva durfte auf keinem Fall zu kurz kommen, nachdem sich diese kleine Rogue-Yukino-Szene im vorletzten Part so dazwischen gemogelt hatte >.<

Es gibt in dem OS so allerlei Andeutungen auf andere Sachen, unter anderem auch auf "Ein Plan in vier Schritten", aber auch auf so einige OS, die ich noch zu schreiben beabsichtige. Auch dass man von Lucys Schwangerschaft immer nur am Rande mitgekriegt hat, ist mehr oder minder beabsichtigt, denn die zentralen Charaktere sind hier Loke und Yukino gewesen.

Die arabischen Titel bei den Zwischenüberschriften sind übrigens die Namen der Sterne im Sternbild des Löwen. Die deutschen Teile der Überschriften sind jedoch keine Übersetzungen. Ich habe einfach die Sternnamen genommen, deren Übersetzung mir symbolisch passend vorkam. (Übrigens gibt es noch mehr Sterne im Sternbild des Löwen, aber ich brauchte ja nur zehn.)

Vielen Dank fürs Lesen! Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Der erste Teil jeder Szenenüberschrift ist übrigens immer der lateinische Name eines Reptils oder einer Amphibie. Ich habe mich dabei auf die in Brandenburg beheimateten beschränkt und dabei immer die verwendet, die aufgrund ihres Aussehens oder ihres Verhaltens gut zum Inhalt der Szene passten.
Hier die "Übersetzung":
Bombina bombina - Rotbauchunke
Vipera berus - Kreuzotter
Bufo bufo - Erdkröte
Rana arvalis - Moorfrosch
Coronella austriaca - Schlingnatter
Bufo calamita - Kreuzkröte
Pelobates fuscus - Knoblauchkröte
Triturus cristatus - Kammmolch
Hyla arborea - Laubfrosch
Bufo viridis - Wechselkröte
Anguis fragilis - Blindschleiche
Lacerta agilis - Zauneidechse
Lacerta viridis - Smaragdeidechse
Emys orbicularis - Europäische Sumpfschildkröte

Ich habe ziemlich viel herum gegoogelt, wie man bei Agoraphobie vorgeht und wie es nach einem Beinbruch mit der Heilung verläuft. Letztendlich war Beides meinen Informationen zufolge sehr variabel, entsprechend habe ich es so gedehnt, wie es eben für mich in die Story hinein gepasst hat. Wenn grobe Schnitzer drin sind, bitte dennoch Bescheid sagen!

Und ja, in diesem 'verse paire ich Lector und Frosch. Hier passt es wirklich gut und hat sich auch wie von selbst entwickelt, auch wenn sie in diesem OS nicht zusammen gekommen. Dazu wird es irgendwann mal einen eigenen OS geben.

Vielen Dank im Voraus für jeden Kommentar!
LG
Yosephia Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich hoffe, es hat gefallen!

Über Kommentare würde ich mich sehr freuen!
LG
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Von: Arianrhod-
2016-12-31T12:27:08+00:00 31.12.2016 13:27
Soooo~o. Ich komme jetzt endlich dazu, auch diese Story zu kommentieren. Zugegeben, ich hab den OS schon vor ein paar Tagen beendet, aber so eine Geschichte will anständig kommentiert werden und dafür brauch ich meine Zeit. ^^" Besser so als etwas kurz Hingeklatschtes.

Wie kommst du eigentlich immer auf die Zwischentitel? XD Ich meine jetzt, die Tiernamen, nach welchem Kriterium verteilst du die? ^^" Gibt es da ein geheimes System, das ich nicht verstehe?

Alles in allem hat mir die Story sehr gefallen und ich hatte sie ziemlich schnell durch. Man ist hinterher doch immer wieder erstaunt, wie schnell sich sowas wegließt, wenn man Spaß daran hat. Ich fand sie auch ziemlich niedlich, unter anderem wegen der Beziehung zwischen Lector und Frosch, die du ja sehr schön ausgearbeitet hast. (Obwohl ich gestehen muss, dass ich so manchen Augenblick ziemlich kitschig fand. ^^") Ich finde auch, dass deine Recherchen sich gelohnt haben, auch wenn ich mich natürlich nicht besser mit dem Thema auskenne als du. ^^"
Was mir auch ganz arg gefiel, waren die anderen Beziehungen, die nebenbei eingeflossen sind. Frosch&Lector und ihre Freunde, Rogue und Sting als die großen Brüder, der Rest der Familie und alle anderen. Das fand ich toll! *~* Oder auch die Sache mit der Häkelkatze, das hatte was symbolisches und war ganz nebenbei eine echt niedliche Geste. :)

Lector erschien mir etwas zu erwachsen und ... 'weise', wenn ich das mal so sagen darf. Er ist ja erst 15/16(?) und geht das ganze Thema doch schon sehr reif an, zu reif, wenn du mich fragst. Ein paar mal bist du ziemlich ausschweifend geworden. Ehrlich gesagt interessiert es mich nicht unbedingt, was die auf ihren Sandwiches haben. ^^"
Mir gefielen übrigens auch die kleinen Anspielungen auf die anderen Storys, Loke, Stingue, Lucy und ihre Schwangerschaft, etc. :)

Aber jetzt mal von vorne.
Diese Bullies am Anfang sind ja eklige Typen. >.< Kein Wunder, dass Lector sie zu Brei schlagen will. Da hätte ich ehrlich gesagt nichts dagegen und ich bewundere seine Freunde, dass sie so ruhig bleiben können. Frosch liegt ihnen immerhin auch sehr am Herzen und diese Typen waren echt widerlich. Zum Glück hat Chelia sich eingeschaltet, die in ihrer Funktion als Schülersprecherin ja offiziell was machen kann.

Frosch dagegen tut mir unendlich leid. :( Nicht nur, dass sie so mies behandelt wird, nur weil sie ein leichtes Opfer ist, sondern jetzt hat sie auch noch die Folgen zu tragen. Und was für welche. Nicht die Wohnung verlassen zu können, in Angst zu leben... >.< Das wünscht man nicht seinem schlimmsten Feind. (Allerdings kann sie stolz sein auf die Entwicklung, die sie während des OS durchgemacht hat, das hast du echt schön in Szene gesetzt!) Der kurze Einblick in das für sie so traumatische Erlebnis war auch absolut nicht schön.
Dass Rogue und Skiadrum ihr so bedingungslos zur Seite stehen, obwohl die Situation für sie auch nicht leicht ist, ist dagegen einfach nur herzerwärmend! :)

Lector macht sich ja echt viele Gedanken darum, was er seiner besten Freundin schenken könnte. Und so ein Bildband - so toll sie auch sind! - ist echt nicht billig. Da muss man ganz schön blechen, wenn man nicht Glück hat und etwas im Angebot findet.
Mir gefiel die Szene im Buchladen sehr und die Darstellung von Horologium war einfach klasse! :) Keine Ahnung, aber sein Sprechschema erschien mir überhaupt nicht gekünstelt oder irgendwie unpassend, es ist einfach mit dem Text geflossen. Und wie Lector sich freut, als er endlich das passende Geschenk findet! Er hat ja selbst Horologium mitgerissen in seiner Begeisterung.
(Die Situation zwischen Lector und Romeo lässt sich wohl kaum vergleichen. XD" Das sind ja zwei völlig verschiedene Paar Schuhe)

Fro ist schon lieb, wie sorgfältig sie sich um ihre beiden Tierchen kümmert (obwohl ich persönlich mit den Viechern ja nicht so viel anfangen kann) oder ihr Treffen mit Lector vorbereitet. Sie ist einfach so süß.
Aber die Szene zeigt nochmal, wie tief Froschs Probleme eigentlich gehen, dass sie nicht einmal die Tür öffnen kann, nicht einmal ein Fenster, ohne fast eine Panikattacke zu kriegen. Dafür ist es umso lieber, wie Lector sich bemüht. (Hat das Buch irgendeine Bedeutung? ö_ö Dämonenzirkel klingt ja doch ominös?)

Lectors Probleme mit dem Früh-Aufstehen kann ich gut nachvollziehen. >.< Ich leide mit ihm. Aber umso toller, dass er das doch alles auf sich nimmt! Ist entsprechend schade, dass das dann gleich am ersten Tag so endet und er ins Aus befördert wird. :/ (Die kleine Anekdote mit Weißlogia und den Lockenwicklern ist immer noch witzig. XD)

Frosch hat recht, Lasagne, so lecker sie auch ist, ist nicht das Richtige, wenn man ein besonderes Essen machen will! Schade, dass ihre Bemühungen, das perfekte Geburtstagsessen zu finden, umsonst sind. :( Aber vielleicht können sie das nachholen? :) Immerhin fiel der ganze Geburtstag ein wenig ins Wasser.
*lol* Die Anspielung mit den Kerzen flog direkt über Froschs Kopf hinweg. XD Die hat nicht mal mitgekriegt, dass sie ein wenig aufgezogen wurde.
Toll find ich auch, dass sie nicht sofort zu dem Schulwechsel zustimmt. Das zeigt doch, dass sich hinter aller Unsicherheit und Angst doch jemand befindet, der kämpfen möchte, der nicht einfach so klein beigeben und eine Niederlage eingestehen möchte (um es mal ein wenig übertrieben auszudrücken.) Das ist eine Entscheidung, die man gut überlegen will. Und nur, weil man den Problemen aus dem Weg geht, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht mehr da sind.
Und dann die Schreckensnachricht von Lectors Unfall... Frosch tut mir echt leid. :( Auch wenn das natürlich am Ende die Schlüsselszene ist, dass sie sich endlich ihren Problemen stellen will.

Lector macht sich ja ganz schöne Selbstvorwürfe, obwohl er ja der Letzte ist, der etwas für die eine oder andere Sache kann. Im Gegenteil, er tut ja alles, um zu helfen und scheut vor den größten Anstrengungen nicht. Dass er sich so vor allen verschließt, die ihm helfen wollen, macht die Sache natürlich nicht besser. Er sollte wirklich mal mit jemandem reden!
Aber Sting ist auch eine kleine Nervensäge. XD" Vielleicht hätte er seinem Bruder ein paar Stunden oder auch einen Tag geben sollen, um wieder runterzukommen. Auch wenn er sich natürlich schreckliche Sorgen um seinen kleinen Bruder machen muss. >.< So ein Anruf ist sicher schlimm!

Dass dann doch alles aus Lector herausbricht, find ich entsprechend wenig verwunderlich. Auch wenn ich nicht genau weiß, ob Frosch der richtige Ansprechpartner ist, immerhin hat sie mit genug eigenen Problemen zu kämpfen. Aber das Gespräch hat wohl auch eine klärende Wirkung, darum war es doch gar nicht so schlecht... (Jemanden, der außerhalb steht, wäre vielleicht doch besser gewesen, aber andererseits scheint Lector in seinem Zustand nicht mehr klar zu denken, also~) Dass gerade dann der Akku aufgibt, ist natürlich auch blöd.
Weißt du, wie toll ich den kleinen Sting-Frosch-Moment danach finde? >/////< Es war nur eine Kleinigkeit, aber ich fand diese Beschwichtigung und Stärkung so toll! ❤

Und dann der große Moment! :D Ich freue mich so für Frosch, dass sie endlich den Mut gefunden hat und aus ihrem selbstgebauten Gefängnis ausgebrochen ist! Klar, sie hat Hilfe gebraucht, aber es wäre zu unrealistisch gewesen, wenn sie allein aufgebrochen und ins Krankenhaus gefahren wäre. Außerdem braucht sie das gar nicht, wenn sie so eine wundervolle Familie als Unterstützung hat!
Trotzdem, den ersten Schritt hat sie getan und auch wenn sie noch einen langen Weg vor sich, die schlimmste Hürde hat sie in diesem Moment überwunden.
Das Lector sich schon wieder so runterredet, dass er sie an ihrem Geburtstag nicht sehen kann, ist nicht toll. Reiß dich zusammen, Lector! Frosch hat da schon eine Lösung gefunden. x) Und der folgende Moment zwischen ihnen war natürlich auch herzerwärmend und toll. :) Sie können echt froh sein, dass sie einander haben und sich gegenseitig unterstützen können! Und Fros Freude über das Buch!

Und Frosch macht auch gleich die ersten Schritte. Ganz allein zum Briefkasten zu gehen ist ein großer Sieg für sie! Dass Yukino ihr nachher unter die Arme greift und sie unterstützt, ist da nicht schlimm und es zeigt wieder einmal, wie groß der Kreis der Unterstützer für Frosch ist. :) Sie kann sich wirklich glücklich schätzen. Ganz zu schweigen davon, dass die Szene sehr süß war.
Außerdem ziemlich wichtig in Anbetracht der Tatsache, dass Frosch sich jetzt dazu entscheidet, dass sie Hilfe von außerhalb will, richtige, professionelle Hilfe, die hier wirklich angebracht ist. Belno als Psychiaterin/Therapeutin find ich übrigens gut. :) Hast du dich also doch für sie entschieden. (Mavis kriegst du sicher auch anders unter.)

Lector tut mir leid. ^^" Ist sicher nicht einfach für jemanden, der so aktiv ist, plötzlich derartig eingeschränkt zu sein. Obwohl er ja noch froh sein kann, dass es sein Bein war und kein Arm, das ist nochmal eine andere Liga. Trotzdem ist es natürlich blöd für ihn, jetzt überhaupt keinen Sport mehr treiben zu können und für sein Training ist es natürlich die Katastrophe. Er wird ewig brauchen, wieder zu alter Form zu finden, falls er das überhaupt schafft.
Und dann Wendy... Wendy ist so toll! :) Lector sollte sich schämen zu denken, dass ausgerechnet sie Hintergedanken hat. >__> Dass es ausgerechnet sie ist, die Lector auf den richtigen Weg führt, wundert mich gar nicht. Trotz aller Zurückhaltung ist sie nicht auf den Kopf gefallen und weiß es, die Dinge zu konfrontieren, wenn es wirklich wichtig ist. Wie in diesem Fall. Ich fand das sehr gut gelöst! :) (Das war übrigens eine von den Szenen, wo ich finde, dass Lector viel zu reif handelt.)

Schön zu sehen, dass die Therapie bei Frosch anschlägt und ihre Albträume nachlassen. :) Da hat sie ja den richtigen Weg für sich gefunden! Und die Lösung, die Frosch und Lector für sich gefunden haben, ist auch toll! Reden hilft nun mal, wenn man es richtig macht. Und dass die beiden sich auf Augenhöhe austauschen können, zeigt nur, wie tief ihre Beziehung tatsächlich ist.
*lol* @ Froschs Ungeduld. Aber die kriegt das schon hin. Übrigens ein sehr schöner Moment zwischen Rogue und ihr! ;) (Froschs Urteilsfreiheit/ehrliche Freude gegenüber den beiden find ich übrigens sehr erfrischend.) Ihr Zaudern bei der Einladung kann ich natürlich gut verstehen. Umso toller finde ich es, dass sie es nachher ja doch geschafft hat!

Lector ist schon ein alter Miesepeter. XD Frosch würde nicht wollen, dass er sich (und den anderen) den Tag/Abend versaut, nur weil sie nicht da wäre. (Wenn sie es nicht wäre. Wobei sie es ja ist. X_X Ich hoffe, das war jetzt verständlich?) Da kam mal der Teenager raus, das hat gut gepasst. (Es wundert mich übrigens gar nicht, dass Frosch so begeistert von dem Garten der Heartphilias ist. Übrigens fand ich den Kontrast zwischen der Front und dem Garten sehr interessant!)
Dass Frosch dann natürlich doch da ist, ist natürlich toll für Lector! Kein Wunder, dass er den ganzen Abend sozusagen an ihr klebt. XD Das war doch eine gelungene Überraschung von Fro. :) Süß, wie verlegen er bei ihren Zuneigungsbekundungen wird. ^^

Und dann die letzte Szene, der triumphale Sieg (über ihre Ängste, über ihre Bullies, über sich selbst) sozusagen, die Rückkehr an ihre Schule. Ich fand sie sehr schön, u.a. auch, weil sie von Rogue und Skiadrum begleitet und gleich von Lector empfangen wird und ihre Freunde auch schon auf sie warten. Ich kann nur nochmal sagen, dass ich diesen Zusammenhalt zwischen den Charakteren einfach toll finde!

Ich freu mich auf die nächste Story! :)
Gruß
Arian
PS. Jetzt ist der Kommentar doch länger geworden, als ich gedacht habe. o.o; Naja, du wirst dich ja wohl kaum beschweren! XD (Auf die 2.ooo Worte hab ich's jetzt aber leider doch nicht mehr geschafft. XD")
Von: Arianrhod-
2016-12-24T02:41:05+00:00 24.12.2016 03:41
Mich stört es gar nicht, dass du mehr zu den beiden schreibst. XD Ich bin immer offen dafür.
Alles in allem fand ich den OS sehr gelungen und es hat mir viel Spaß gemacht, ihn zu lesen. Die zwei sind einfach toll! :D

Mir gefiel die Stelle, wo Rogue darüber nachdachte, dass sie eigentlich nichts anders machen als vorher auch schon und ein Date darum angebracht wäre. Fänd ich ja auch! Das haben sie sich verdient. :) (Ich hätte ja auch nichts dagegen, wenn wir davon hören würden...? XD" Aber kein Zwang - allein die Idee gefällt mir.)
Und dass er auch schon ganz große Pläne für die Zukunft macht... ^////^ Ich glaube nicht, dass Sting daran schon denkt - nicht, weil er evt. anderer Meinung wäre, sondern eher, weil er zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch gar nicht auf diese Ideen kommt.

Die Szene mit dem Schlüssel fand ich ja auch süß. <3 Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Sting die kleine Schwester dazu angestiftet hat, Rogue den Drachen aus dem Zimmer zu klauen. Und Frosch hat natürlich gern mitgemacht, auch wenn es bedeutet, dass sie ihren großen Bruder in Zukunft nicht mehr so oft zu Gesicht bekommt.

So, dann freu ich mich schon wieder auf den nächsten OS. ^^ Aber jetzt hau ich mich erstmal aufs Ohr. >.<
Gruß
Arian
Von: Arianrhod-
2016-11-13T16:01:31+00:00 13.11.2016 17:01
Wie toll. >////<
Das ist doch ein schönes Aufwachen und steht ganz im Kontrast zum letzten Mal.

Immer diese blöden Handywecker... ~___~ Warum müssen die auch immer an den gemütlichsten Augenblicken stören. Ich kann Stings Gefühle da echt nachvollziehen. XD"
Und seine folgenden Gedanken über Rogue und dass er sich von diesem so leicht aus der Fassung bringen lässt, ist so süß. Die zwei sind echt... >////<

*lol* Wer hätte gedacht, dass man mal einen Moment erlebt, in dem Sting vernünftiger ist als Rogue? XD Aber für Rogue und sein Wohlergehen/seine Zukunft schwingt er sich in ungeahnte Höhen auf.
Aber wer kann es Rogue verdenken, dass er lieber bei Sting bleibt, als einen Nachmittag zu pauken? >__> Da kommt vermutlich jeder in Versuchung! XD

Gruß
Arian
Von: Arianrhod-
2016-11-02T17:09:02+00:00 02.11.2016 18:09
Hi ^^~
Mir gefiel der OS echt gut, auch wenn ich diesen beiden Trotteln am liebsten ein Buch über den Kopf geschlagen hätte. Oder ein Kissen oder so. Einfach so abhauen/den Mund nicht aufbekommen... >__> Zum Glück hat Lucy sich ihrer angenommen, sonst wäre das im Leben ja nichts mehr geworden.

Mir gefiel der Einstieg schon außerordentlich gut, mit dem Wecker, der nicht seiner ist. Das zeigt gleich, dass etwas seltsames von Statten geht. Dass Rogue so orientierungslos ist, kommt noch dazu, und dieser grässliche Kater noch dazu.

Und dann gleich der Schock. Ich kann da schon nachvollziehen, dass das keine leichte Situation war, aber dann gleich diese Kurzschlussreaktion? Man muss ja nicht sofort die Flucht ergreifen. XD" Ich bin ja dafür, dass er Sting einfach hätte küssen sollen, wie er das zuerst vorhatte. >.< Das hätte ihnen einigen Ärger erspart.
Zumindest war Sting genauso geschockt. Und stumm wie ein Fisch, dabei kriegt er doch sonst auch nie den Mund zu.

Die eingefügten Flashbacks fand ich auch klasse - nicht zu viel, nicht zu wenig, genau an den richtigen Stellen und mit genug Gefühl. ❤ Vor allem den letzten fand ich toll. ^///^
*lol* @ Walzer

Rogues Gedanken, wie sehr die Nacht seine und Stings Freundschaft stören könnte und die daraus entspringende Angst, den besten Freund zu verlieren, fand ich durchaus logisch und realistisch. Eigentlich kein Wunder, dass er erstmal abgehauen ist. Er war wohl noch nicht bereit für diese Konfrontation und Sting vermutlich auch nicht, wenn man bedenkt, dass er keinen Versuch unternommen hat, ihn aufzuhalten. Aber irgendwie hat das auch keiner von ihnen aufgegriffen, als die Gemüter sich wieder beruhigt hatten. >__>

Well, anyway... was ich jetzt noch toll fände, währe eine kleine Story über das nächste gemeinsame Aufwachen der zwei. ❤ Das sieht sicher ganz anders aus. XD

Gruß
Arian
Von: Arianrhod-
2016-09-11T20:38:13+00:00 11.09.2016 22:38
So, womit fange ich an ... ?
Ich find Sting und Lucy ja voll süß zusammen. >///< Die passen schon aufeinander auf und wenn Natsu doch ein Arsch gewesen wäre (was er ja nicht ist, da muss sich niemand Sorgen machen), hätte er von Sting eine schöne Abreibung bekommen. Außerdem hat Sting recht, Lucy kann ganz gut auf sich selbst aufpassen.

Ich mochte Natsus PoV sehr und seine Nervosität kam sehr gut rüber. Er ist wirklich bemüht, alles richtig zu machen und bei Lucys Familie gut anzukommen, das find ich unglaublich süß. <3 Auch, als er genervt ist, als der ‚neue Freund‘ von Lucy bezeichnet zu werden. XD

Dass Yukino auch noch einen kleinen Auftritt hatte, fand ich sehr schön! Ich gehe davon aus, dass Sting die Location für das Treffen ausgesucht hat? Zum Glück ist Yukino nicht fies, also kann man hier eigentlich nicht davon sprechen, dass Sting Natsu in ein offenes Messer rennen ließ.

Minerva ist da ein ganz anderes Kaliber. XD Wie sie die ganze Zeit daneben saß und sich eins abgelacht hat. XDDD Fies, Minerva.
Rogue tut mir echt leid, der hat aus allen Richtungen die Arschkarte gezogen. >.< Lucy war ja auch nicht ganz so freundlich wie Sting. >__> Obwohl das kaum nötig war, immerhin sind Rogue und Sting ja schon ewig Freunde. Wenigstens ist Sting am Ende noch aufgetaucht und hat ihn gerettet.
In diesem Zuge fand ich Lucys Verwirrung darüber, dass es Natsu nicht ähnlich ergangen ist, sowie ihre Empörung sehr lustig. ^^“

Mir gefiel dieses Bild mit der überlebensgroßen Lucy, die nachher wieder auf ihre Normalgröße schrumpft, als Sting auftaucht. Das hat sehr gut reingepasst.

Jedenfalls hat mir die kleine Story gut gefallen! :)
Bis dann ^^~
Arian
Von: Arianrhod-
2016-07-19T20:14:55+00:00 19.07.2016 22:14
So, und jetzt hierzu...
Wir haben jetzt schon so viel darüber geredet, dass ich gar nicht weiß, wo genau ich anfangen soll. Vielleicht erstmal damit: mir hat die Story sehr gut gefallen, sehr schön umgesetzt mit ... naja, allem. Das hat schon beim Kennenlernen angefangen, als Loke einen auf Gentleman gemacht hat und ihr die Hand geküsst hat und Yukino ist so süß. :) Das mit dem Kartenspiel fand ich auch toll! Stille Wasser und alles.

Loke hat's echt nicht leicht. Er tat mir so leid. :( Ihn so niedergeschlagen zu sehen und ohne der Unterstützung seiner Familie, weil er sich schämt und sich nicht traut, mit ihnen zu sprechen, das war nicht schön mit anzusehen. Umso glücklicher bin ich, dass er am Ende die Kurve doch noch gekriegt hat und sich aussprechen konnte. Und gleich auch eine ganze Horde von Leuten gekriegt hat, die ihm den Rücken stärken, nicht nur Sting & Lucy. Auch wenn Rogue und Minerva da doch etwas zögerlich waren. XD Aber die werden schon darüber hinwegkommen, dass ihre kleine Yukino jetzt auch langsam erwachsen wird.
Kriegen wir auch noch was über Loke und Aries zu lesen? Das kam etwas kurz, fand ich, darüber würd ich gern noch mehr lesen.

Und Yukino... Sie war echt der Sonnenschein der Geschichte und sie war so niedlich. ♥
Mir gefällt auch die Idee, Hisui zu ihrer Chefin zu machen sehr gut, das hat total gepasst! Lucys ... Sticheleien(? wenn man das so nennen kann?) bezüglich ihrer Schwärmerei für Loke fand ich auch gut. Wobei Lucy sich ja nur Sorgen gemacht hat...

Die anderen Charaktere fand ich auch gut verteilt! Damit meine ich jetzt nicht Yukinos Freundeskreis, der ja schon etabliert war, sondern die in Lokes Ecke - Jason als ziemlicher Kotzbrocken (konnte ich mir gut so vorstellen v.v), Enno (das fand ich ja irgendwie süß, gibt's dazu noch was, vielleicht ein winziger Zwischenos?), Cana & die anderen Models...

Das war natürlich ein superblöder Zufall mit dem kaputten Handy... Zum Glück hatte das Schicksal dann doch ein Einsehen mit ihm und hat ihm Yukino im rechten Augenblick geschickt... nur um dann alles wieder kaputt zu machen, als Aries auftauchte. XD"
Aber dass er dann wieder abgestürzt ist und fast Yukino auch noch mitgerissen hat... D: D: Und dann die Sache mit Lucy. Zum Glück sind weder ihr noch Leonida etwas passiert, das hätte Loke sich nie verzeihen.
Die Besprechungsszene fand ich auch sehr gut umgesetzt! Dass nicht jeder gleich begeistert davon war, Loke in ihre Mitte aufzunehmen und trotz allem noch Vorbehalte hatte, fand ich sehr realistisch... vor allem nicht bei dem, was vorher passiert ist... Aber dass Yukino durchgegriffen hat, war sehr passend! (Und OMG, die kleine Rogue-Yukino-Szene ♥) Aber ich bin froh, dass damit alle Fronten geklärt waren!

Naja, zumindest fast. Die letzte Szene war einfach süß! ♥
Es sieht Yukino auch absolut ähnlich, die ganze Festgesellschaft verköstigen zu wollen. Und wie zurückhaltend Loke sein kann...
Das mit Lucy und Minerva fand ich auch eine schöne Abrundung. :)

*lol* @ Drachenhüten, nochmal.
Und auch das Gespräch am Ende (wo man nur die gesprochenen Sätze hört und nicht, wer was sagt) fand ich auch toll. Man hat doch gemerkt, wer sich hier zu Wort meldet.)
Einzig, ich fand, es ging ein wenig zu schnell. Die beiden hatten ja nicht sonderlich viel Zeit miteinander...
Hab ich schon erwähnt, dass ich die Idee mit den Sternenamen des Sternenbilds als 'Überschriften' toll finde?

So, das war's aber für heute. Bis nächstes Mal! ^^~
Gruß
Arian
Von: Arianrhod-
2016-07-19T20:14:49+00:00 19.07.2016 22:14
Awwww. ♥
Damit ist eigentlich schon alles gesagt. >__>




Okay, noch ein wenig mehr, weil kurze Kommentare doof sind.
Wo fange ich an? Vielleicht bei der Tatsache, dass Sting Rogue so gut kennt, dass er weiß, wann sein Freund vorbeikommt. Wenn das nicht Liebe ist, dann weiß ich auch nicht.
Die zwei Drachen ♥ (Tolle Idee.)
Ich stimme zu, man ist nie zu alt für sowas. :) Und klar will Sting darin schlafen, warum auch nicht? XD Die meisten Leute würden das zwar wieder aufräumen, aber was soll's... XD
Und der Rest... ♥ Muss ich mehr sagen?

Gruß
Arian
Von: Arianrhod-
2016-07-19T20:14:46+00:00 19.07.2016 22:14
So, wird langsam Zeit, dass ich mich um diese Kommentare kümmere. :)

Vorneweg, ich fand die Story echt amüsant!
Gut geschrieben, die Charaktere waren IC und die Story selbst sehr kurzweilig, auch wenn nur wenig passiert. Slice of Life halt. :)

Ich kann Stings Gefühle am Anfang echt nachvollziehen... So rüde geweckt zu werden, wenn man schlafen will. Natsu, so was tut man nicht. >.< Aber es ist total süß, dass er das für Lucy auf sich nimmt. ♥ Ist ihm sicher nicht leicht gefallen, tanzen zu lernen, nachdem er all die Jahre vorher schon dabei versagt hat.

Gray ist auch süß. :) Wie er sich kümmert, dass er Juvias Wunsch nach einer großen Hochzeit (sehr passend, btw) erfüllen kann.
Und dann natürlich, wie ihnen allen das Gesicht entglitten ist, als Natsu entgegen aller Erwartungen doch tanzen konnte... XDD Und sie damit alle in den Schatten gestellt hat. Da müssen sie sich halt etwas anstrengen.
(Wie, Lyon kann nicht tanzen? Da hab ich jetzt doch etwas anderes erwartet. ^^" Immerhin hat ER seine Hochzeit schon hinter sich.)

*lol* @ Sting und die Sache mit den Wetten.
Alle sind süß, nur Minerva ist fies. >D

Und der kleine Stingue-Hint am Ende war natürlich das Tüpfelchen auf dem I. ♥

Gruß
Arian
Von: abgemeldet
2016-07-12T16:50:46+00:00 12.07.2016 18:50
ehrlich gesagt mag ich dieses Kapitel sehr
Lokino klingt ehrlich gesagt interessant
lachen musste ich im letzten Abschnitt als der Gedanke mit der Adoption kommt
warum nicht?
dann haben Sting udn Rogue ebenfalls die Hände voll XD
btw - ich mag es wie du schreibst ;)
Von: abgemeldet
2016-07-10T23:23:01+00:00 11.07.2016 01:23
ich liebe dieses Kapitel sehr
bitte mehr Stingue Momente ;)


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