Der Weg, der zur Höhle führte
Das letzte Wegstück bis zur Höhle von Zirkonis war steil und bröckelig. Immer wieder lösten sich Steine unter dem Druck von Händen und Füßen, Pfade endeten vor unüberwindlichen Überhängen und Steigungen wurden steiler und steiler, bis sie beinahe senkrecht zum Boden standen. Zusätzlich wehte ein stetig stärker werdender Wind unablässig Sand umher. Das waren alles andere als ideale Bedingungen.
Rogue hatte seinen Tagelmust über Mund und Nase gezogen und die Augen zu winzigen Schlitzen verengt, während er halb kletterte, halb lief, an seiner Taille beständig der leichte Zug des Seils, das ihn mit Lucy und Sting verband. Er vertraute darauf, dass sein Partner sie Beide zur Höhle führen konnte. Für Sting waren diese Winde kaum der Rede wert. Als Wüstenomade fand er sich immer noch problemlos zurecht.
Dennoch hätte Rogue den Sandsturm – so harmlos er letztendlich auch sein mochte – am liebsten ausgesessen. Keiner von ihnen hatte sich von den Kämpfen gegen die Wolfsdämonen am Vortag richtig erholen können, aber als sie gerochen hatten, dass sich die Dämonen näherten, die sie in den letzten Tagen verfolgt hatten, war ihnen nichts anderes mehr übrig geblieben, als aufzubrechen. Der Sandsturm könnte sich als Vorteil erweisen, wenn er vielleicht die Dämonen zum Halt zwang oder zumindest die Spuren der drei Menschen störte, aber gleichzeitig verwischte er auch die Gerüche der Dämonen. Sting und Rogue hatten nicht die geringste Ahnung, wie dicht ihnen die Dämonen nun auf den Fersen waren.
Seines sonst so feinen Geruchssinns beraubt, konzentrierte Rogue sich auf das, was er sehen konnte. Weil Sting aus Rücksicht auf Lucy versuchte, den einfachsten Weg zu finden, schlugen sie mehrere Umwege ein, aber sein Gefühl sagte ihm, dass Sting sie immer noch in die richtige Richtung führte. Das genügte Rogue und er konzentrierte sich voll und ganz auf das, was er von Lucy durch das Sandtreiben hindurch erkennen konnte.
Nachdem die Blonde gestern bewusstlos geworden war, hatte sie die ganze Nacht hindurch geschlafen. Sie war nicht einmal wach geworden, als Rogue die Wunde an ihrem Arm genäht hatte. Rogue hatte sich mit Sting damit abgelöst, Wache zu halten, und kurz nach Beginn der Morgendämmerung war er vom Geflüster der beiden Anderen geweckt worden. Lucy war offensichtlich noch immer müde gewesen und hatte neben der versorgten Wunde am Arm einige Kratzer und eine aufgeschürfte Handkante davon getragen und ihre steifen Bewegungen hatten verraten, wie sehr ihre Muskeln schmerzten. Einzig und allein der Hunger habe sie geweckt, hatte sie verlegen gestanden, während ihr Magen laut gegrollt hatte – sehr zu Stings Erheiterung.
Rogue hätte ihr – und auch Sting und sich selbst – gerne eine längere Rast zugestanden, eben weil er gewusst hatte, was ihnen für ein beschwerlicher Aufstieg bevorstand, aber ihnen war nichts anderes übrig geblieben.
Der Aufprall einiger Steine auf seinem Schienbein war Rogues einzige Warnung, ehe ihm Lucy auch schon entgegen rutschte, als sie eine besonders steile Geröllhalde erklommen. Er schlang einen Arm um ihre Taille und suchte mit der anderen Hand einen Halt an dem Felsen, der neben ihnen aus dem lockeren Steinschutt ragte. Der poröse Stein gab mehrmals nach und sie rutschten gemeinsam noch eine Mannslänge nach unten, ehe sich das Seil an Lucys Taille straffte und ihren Fall abrupt aufhielt. Über das Rauschen von Wind und Sand hinweg hörte Rogue Stings Stöhnen und es kostete dem Schattenmagier alle Selbstbeherrschung, um nicht panisch mit den Füßen nach Halt zu suchen, damit sein Gewicht nicht mehr an Stings Taille hing.
Er zwängte Lucys hilflos rudernde Arme ein und versuchte selbst, so ruhig wie möglich zu bleiben und seine Lage einzuschätzen. Er hatte einen guten Griff am Felsen, aber wenn er auch mit der anderen Hand danach greifen wollte, würde er Lucy nicht mehr stabilisieren können, was den Zug an Stings Taille verschlimmern würde. Zuerst musste er für sich und Lucy einen sicheren Stand im Steinschutt finden und er durfte es nicht übereilen.
Sting hing mit seinen Rebmessern so sicher an der Wand, wie es nur möglich war, und er würde eine ganze Weile so aushalten können, wenn es nötig sein sollte. Die Griffe seiner Rebmesser waren mit Schlaufen ausgestattet, die er sich über die Handgelenke geschlungen hatte, bevor sie aufgebrochen waren. Wüstennomaden hängten sich mitunter einen ganzen Tag in diese Schlaufen, während sie Basilisken ritten. Fürs Erste waren Rogue und Lucy also sicher.
Ganz langsam lockerte Rogue seinen Griff um Lucys Taille und tastete mit den Füßen nach einem sicheren Halt zwischen den bröckelnden Steinen. Er spürte Lucys Zittern, als einzelne Steine sich lösten, aber die Blonde begann nicht noch mal zu zappeln. So weit, so gut…
Je länger er brauchte, desto mulmiger fühlte Rogue sich. Immer mehr Horrorszenarien, die in ihrer aller Tod endeten, kamen ihm in den Sinn. Das Seil könnte reißen. Der Sandsturm könnte schlimmer werden. Der Stein könnte unter Stings Füßen nach geben. Die Dämonen könnten zu ihnen aufholen.
Was würde dann passieren? Würde Zirkonis dennoch irgendwie von all dem hier erfahren und die Bruthöhle rechtzeitig töten? Würden Sabertooth und Jadestadt gerettet werden und ihre Freunde überleben? Würden Weißlogia und Skiadrum neue Reiter bekommen?
Der Gedanke an seinen Drachen unterbrach Rogues Zweifel. Skiadrum und die Anderen hatten ihren Reitern die Stille Wüste anvertraut. Sie waren sich sicher gewesen, dass die Menschen die Probleme hier gemeinsam lösen konnten!
Mit einem tiefen Luftholen grub Rogue seine Füße durch lockere Steine, bis er einen sicheren Halt fand. Er stemmte sich selbst und Lucy nach vorn und nach oben. Der Zug des Seils wurde lockerer, Rogue hörte Lucys erleichtertes Seufzen, aber er schob sie weiter.
Als sie näher an den Felsen heran kamen, half er Lucy dabei, Halt mit Händen und Füßen zu finden und langsam mit dem Aufstieg weiter zu machen. Er gab ihr etwas Zeit und schüttelte dabei seinen strapazierten Arm aus, dann folgte er ihr.
Lucy war jetzt langsamer, noch vorsichtiger, prüfte jeden Schritt sorgsamer denn je. Sie war niemand, der denselben Fehler mehrmals machen wollte. Und Sting und Rogue stimmten sich auf ihr Tempo ein.
Bei all den immer gleichen Bewegungen und mit dem beständigen Rauschen des Sandes verlor Rogue irgendwann sein Gefühl für Zeit und Raum. Unter dem Tagelmust fiel ihm das Atmen immer schwerer und seine Gedanken wurden träger und träger…
Bis er auf ebenen, festen Boden stieß und im gleichen Moment in den Windschatten eines Überhangs gezogen wurde. Er blinzelte mühsam und erkannte, dass Lucy bereits am Boden saß und ihren Tagelmust mit steifen Fingern löste. Sie atmete schwer und zitterte am ganzen Körper.
Neben Rogue stand Sting. Er zog sich das Halstuch von Mund und Nase und darunter kam ein schiefes Lächeln zum Vorschein.
„Gut gefangen vorhin.“
Stings Stimme klang heiser und matt. Auch wenn er schon schlimmere Aufstiege hinter sich gebracht haben mochte, er war momentan alles andere als in Bestform.
„Gleichfalls“, erwiderte Rogue, riss sich den Tagelmust herunter und zog seinen Partner an sich.
Sting stieß einen überraschten Laut aus, aber sein Körper schmiegte sich nur allzu schnell an Rogues und sein Mund öffnete sich für einen hungrigeren Kuss, als Rogue es zuerst vorgehabt hatte. Er ließ sich hinreißen. Seine Hände schmiegten sich behutsam an Stings Hüften, er legte den Kopf schief und hob die Zunge…
Ein lautes Räuspern ließ ihn verlegen zurück zucken. Lucys Wangen brannten regelrecht, während sie betont auf ihre Feldflasche hinunter starrte. „Wie weit ist es jetzt noch?“
Sting kicherte albern. „Langweilst du dich etwa?“
„So kann man es auch nennen“, erwiderte Lucy pikiert, ohne aufzublicken.
„Dabei kannst du noch eine Menge von uns lernen“, lachte Sting, löste sich jedoch von Rogue, um sich des Seils an seiner Hüfte zu entledigen. Daran, wie vorsichtig er vorging, merkte Rogue, wie tief sich das Seil in seine Haut gegraben haben musste, aber seine Miene blieb ungerührt heiter.
„Rogue hat mich vor ein paar Tagen davor gewarnt, mir etwas von dir beibringen zu lassen“, war Lucys spitze Entgegnung, auch wenn ihre Wangen noch immer verräterisch rot waren.
„Stimmt“, schmunzelte Rogue und machte sich seinerseits am Seil zu schlafen. Während sein Partner beleidigt vor sich hin brummelte, wandte er sich an Lucy. „Wir sind fast da. Das letzte Stück führt über ein ungefährliches Plateau. Da brauchen wir das Seil nicht mehr.“
Nachdem er das Seil auch Lucy abgenommen und wieder aufgewickelt hatte, ließ er sich neben der Fürstin zu Boden sinken und erlaubte es sich, für einen Moment die Augen zu schließen. Während seiner knochenharten Ausbildung war er auch mal in einem Sandsturm ausgesetzt worden. Damals war er mehr tot als lebendig gewesen, als sein Vater ihn wieder hatte einsammeln lassen. Später hatte er noch zwei Sandstürme mit Sting und Yukino erlebt, aber da war er bei weitem nicht so erschöpft gewesen. Die Kämpfe von gestern und sein Einsatz des Drachengebrülls hatten ihn ganz schön ausgelaugt.
Ein stechender Geruch in seiner Nase ließ ihn wieder die Augen öffnen. Mit einem schiefen Lächeln hockte Sting vor ihm und hielt ein kleines Fläschchen unter seine Nase. „Wir sollten lieber schnell weiter. Der Sandsturm ist schon fast wieder vorbei und es ist noch eine Weile hell.“
Lucy seufzte leidig beim Anblick der Feldflasche. Rogue wusste bereits, dass es nicht besser wurde, wenn er es hinaus zögerte, und schluckte den widerlichen Dattelschnaps, den die Wüstennomaden Sandfeuer nannten und für Gelegenheiten wie diese verwendeten. Nach zwei Schlucken setzte er die Flasche wieder ab und hielt sie Lucy hin. Mit spitzen Fingern nahm sie sie entgegen und blickte geradezu gequält darauf hinunter.
„Muss ich das scheußliche Zeug wirklich trinken?“, jammerte sie.
„So schlimm ist es wirklich nicht“, kicherte Sting. „Du solltest mal Basiliskenblut probieren. Oder Mondgruß.“
Nun noch viel skeptischer wandte Lucy sich an Rogue. „Sollte ich?“
„Nur wenn dir nichts an deinem Geschmackssinn liegt.“
Sting schnaufte. „Rogue versteht nichts von richtigen Feiern!“
„Was auch immer du unter richtigen Feiern verstehst“, murmelte Lucy in sich hinein und schnupperte wieder an dem Sandfeuer. „Was genau ist das eigentlich?“
„Dattelschnaps“, erklärte Rogue und wünschte sich, er hätte die Zeit, etwas Brot zu essen, um den widerlich süßen Geschmack auf seiner Zunge loszuwerden. „Es ist kein Clovianischer Roter, aber es macht wach und munter.“
„Sofern es mich nicht umbringt“, fügte Lucy trocken hinzu.
„Ihr seid Banausen!“, schmollte Sting.
Zur Antwort prostete Lucy ihm zu und setzte die Feldflasche an die Lippen. Nach einem großen Schluck schüttelte sie sich mit angeekelter Miene und gab Sting die Flasche zurück.
Rogue und Lucy banden ihre Tagelmuste wieder richtig und Sting zog sein Halstuch wieder hoch, dann machten sie sich erneut auf den Weg zur Höhle des Jadedrachen. Das Plateau, das Rogue erwähnt hatte, lag nur noch wenige Mannslängen über ihnen. Die Steigung, die sie bis dahin überwinden mussten, war nach den vergangenen Strapazen kaum der Rede wert. Dennoch hörte Rogue Lucy erleichtert ausatmen, als sie endlich auf ebenen Grund traten. Selbst froh, den Aufstieg hinter sich zu haben, richtete Rogue seinen Blick sofort auf die gut hundert Mannslängen entfernte Höhle.
Wobei Höhle hier doch eine übertriebene Bezeichnung war. Zirkonis hatte sich einige Felsbrocken so unter einem mächtigen Überhang zurecht geschoben, dass sie ihm nach links und rechts einen Sicht- und Windschutz boten. Das Areal dazwischen war immer noch weit genug, dass der Drache seine Flügel ausbreiten konnte.
Sting und Rogue waren hier einmal mit ihren Drachen gewesen, als sie auf dem Rückweg von ihrem ersten Treffen mit den anderen Drachen und ihren Reitern gewesen waren, und einmal mit Minerva, Hisui und ihren jeweiligen Begleitern, weil die beiden Fürstinnen sich mit dem Jadedrachen hatten vertraut machen wollen.
Der Wind war jetzt nur noch ein laues Lüftchen und wehte ihnen lediglich Sand um die Beine. Es gab nichts, was die Sicht über das Plateau behinderte. Das vollkommen leere Plateau…
Weit und breit keine Spur von Zirkonis, aber auch von den Dämonen war nichts zu sehen. Die Wolfsdämonen von gestern waren hier nicht mehr zu riechen, der Sandsturm musste ihre Fährte getilgt haben. Von Zirkonis war natürlich auch nichts zu riechen.
Rogue lag ein wüster Fluch auf den Lippen. Sie hatten solche Mühe gehabt, hierher zu kommen, während ihre Freunde im Gebiet der Stillen Wüste verstreut waren, um sich den Dämonen von Tartaros zu stellen oder andere Missionen zu erfüllen. Und jetzt war der ganze Weg umsonst gewesen?
Natürlich war von vorneherein nicht garantiert gewesen, dass sie Zirkonis hier finden würden, aber sonst war der lüsterne Drache doch auch immer hier und faulenzte.
„Bei den ausgekotzten Gedärmen des Großen Wurms!“
Seines derben Fluchs zum Trotz klang Sting müde und entmutigt, als er sich das Halstuch vom Gesicht zog und sich auf einem flachen Felsen nieder ließ.
Insgeheim stimmte Rogue seinem Partner zu, aber er setzte sich wortlos neben ihn und entledigte sich seines Tagelmusts. Er müsste eigentlich darüber nachdenken, wo sie Zirkonis finden konnten, stattdessen stellte er sich vor, wie sie unverrichteter Dinge nach Sabertooth zurückkehrten. Sie hatten ja nicht einmal eine Ahnung, wo diese verdammte Bruthöhle der Dämonen war!
Als Lucy ihren Rucksack zu Boden fallen ließ und sich in Bewegung setzte, hob er den Blick. Die Fürstin lief schweigend weiter, bis sie in der Drachenhöhle stand. Aus der Entfernung war es unmöglich, genug von ihrem Mienenspiel zu sehen, um es zu deuten. Auf Rogue machte es jedoch beinahe den Eindruck, als würde sie sich in der Höhle suchend umsehen. Erwartete sie, den Jadedrachen oder eine Spur von ihm zu entdecken?
Schließlich kehrte Lucy zu ihnen zurück. Auch sie wirkte nun mutlos. „Es sind keine Knochen in der Höhle zu sehen, also frisst Zirkonis hier anscheinend nichts. Es könnte sein, dass er nur für ein paar Tage auf der Jagd ist, aber…“
Mit einem schweren Seufzer hob Lucy hilflos die Hände.
„Aber es könnte genauso gut sein, dass Zirkonis erst in einem Mond hier aufkreuzt“, stimmte Rogue müde zu. Die mutmaßlichen Jagdgründe für Zirkonis wären die Savannen im Norden an der Grenze zu Clover oder aber die Hochebenen von Bosco. Beide Gebiete waren für Zirkonis innerhalb weniger Tage zu erreichen, aber für sie hier wären das lange, beschwerliche Reisen – schon allein wegen des langwierigen Abstiegs von den Trümmersteinbergen. „Und es könnte auch sein, dass Zirkonis tatsächlich mal für einen oder zwei Monde in Bosco patrouilliert.“
„Oder den ganzen Sommer“, fügte Sting frustriert hinzu. „Wir hätten uns gleich auf die Suche nach dieser Dämonenhöhle machen sollen. Jetzt haben wir keine Sandschlitten, kaum noch Vorräte und Dämonen im Nacken!“
„Es war richtig, es zumindest zu versuchen, Zirkonis zu finden“, widersprach Lucy vorsichtig. „Wir haben keinerlei Informationen über Dämonenbruthöhlen, aber sie müssen dennoch sehr groß sein. Größer als ein Basilisk. Es braucht bestimmt eine unglaubliche magische Kraft, um sie zu töten. Ich bin mir nicht sicher, ob euer Drachengebrüll ausreicht.“
„Da mach’ dir mal keine Sorgen. Wir haben noch etwas Stärkeres in der Hinterha-“
Rogue bemerkte es genauso schnell wie sein Partner und zog sofort sein Schwert. Ohne darüber nachdenken zu müssen, war er auf den Beinen und an Stings Seite. Mit einigen Herzschlägen Verzögerung hörte er, wie Lucy ihren Rapier zog und neben sie trat.
„Keine Wolfsdämonen“, murmelte Sting nach einigen Atemzügen, die Nase gekräuselt ob des unangenehmen Geruchs, der auf einmal wieder in der Luft lag. „Das sind die, die uns die ganze Zeit verfolgt haben.“
„Wie konnten sie so plötzlich aufholen?“, fragte Lucy beunruhigt.
„Vielleicht ist einer von ihnen ein Winddämon und kann ihre Spuren verschleiern“, mutmaßte Rogue und positionierte sich so, dass Lucy zwischen ihm und Sting stand.
Sie erhob keinen Protest gegen diese Schutzmaßnahme, wie sie es noch am Anfang ihrer gemeinsamen Reise getan hätte. Sie riss sich nur den Tagelmust vom Kopf, um eine bessere Sicht zu haben. Sie war nicht die kampfgestählte, eisenharte Minerva, aber sie fügte sich dennoch wie selbstverständlich in die Trias ein. Rogue wusste, dass sie es wissen würde, wenn sie zurücktreten musste, das hatte sie bereits gestern im Kampf gegen die Wolfsdämonen bewiesen.
„Dann haben die Dämonen vielleicht die ganze Zeit Katz’ und Maus mit uns gespielt“, stellte Lucy unwillig fest.
„Aber warum haben sie uns dann nicht gemeinsam mit den Wolfsdämonen eingekesselt?“, fragte Sting, während er den Säbel um seinen Handrücken kreisen ließ.
„Die meisten Dämonen scheinen auch untereinander eine starke Rivalität zu hegen“, erklärte Lucy leise. „Es gibt nur wenige Dämonen mit einem ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl und selbst dann beschränkt es sich auf ihre eigene Art wie etwa bei den Golems.“
Sting knurrte leise. Auch wenn sie bislang keine Gelegenheit gehabt hatten, darüber zu reden, Rogue wusste, dass sein Partner sehr an der Wahrheit über die Golemkriege zu knabbern hatte. In seinem Volk gab es so viele glorreiche Abenteuergeschichten über die Kämpfe gegen die Golems. Nur wenige Wüstennomaden hatten je die Legitimität ihres ewigen Kriegs gegen die Dämonen angezweifelt. Selbst die Tatsache, dass eine Halbgolem unter ihnen lebte, hatte nur bei wenigen etwas geändert.
Die Dämonen kamen in Sicht. Sie waren groteske Gestalten, breitschultrig und schier riesig, größer noch als die Wolfsdämonen von gestern, die Unterleiber saßen aus einem Wulst aus Tentakeln, die an Schlangenschwänze erinnerten. Ihre Köpfe waren unförmig und seltsam zackig, die Gesichter breit und flach, Haare besaßen sie nicht. Angeführt wurden sie vom Größten unter ihnen, einem ähnlich unförmigen Unwesen mit hellblauer Haut, das ein zusätzliches Paar Arme besaß, die sogar noch muskulöser als Orgas Arme wirkten.
Als er mit zwei Tentakeln fest auf den Boden schlug, um das Grunzen der anderen Dämonen zu unterbinden – erfolgreich –, gruben sie sich in die Erde. Oder tauchten einfach ein, das war schwer zu sagen. Es sah danach aus, als würde der Dämon einfach durch Schlamm waten und nicht durch festen Stein.
Rogue unterdrückte einen Seufzer. Statt eines Winddämons hatten sie hier einen Erddämon vor sich. In dieser Umgebung erschwerte das die Dinge erheblich. Wahrscheinlich hatte er seine Magie und die Gunst der Stunde während des Sandsturms genutzt, um seinen Geruch zu verwischen. Der Aufstieg hierher dürfte ihm auch sehr viel leichter gefallen sein als den drei Menschen.
„Ihr habt es also geschafft, Tempesta zu töten“, stellte der Dämon mit unangenehm schnarrender Stimme fest. „Der Meister wird mich sicher belohnen, wenn ich ihm eure Köpfe bringe.“
Neben Rogue seufzte Lucy müde, ehe sie das Wort erhob: „Wer ist euer Meister? Wer führt Tartaros an?“
Der Dämon zog die Luft ein, Erkennen trat in seine Augen und er grinste Lucy verschlagen an. „Jemand, dem es eine Freude sein wird, die Geister einer Freundin zu berauben.“
Über Lucys Kopf hinweg tauschte Rogue einen beunruhigten Blick mit Sting. Tempesta hatte gestern auch schon so komisch reagiert, als er erfahren hatte, wer Lucy war. Was hatten diese Dämonen selbst jetzt noch mit den Geistern zu schaffen? Wenn Rogue auch nur geahnt hätte, wie gefährlich diese Reise für sie werden würde, hätte er nicht eingewilligt, Lucy mit zu nehmen.
„Das haben nun schon mehrere Leute getönt und ich stehe immer noch hier“, rief Lucy zu Rogues Überraschung. Ihre Schultern waren gestrafft, ihre Stimme fest. „Ich bin die Fürstin von Heartfilia. Meine Ahnen haben den Geistern eine Heimat gegeben. Ich werde dieses Erbe nicht enttäuschen.“
Es war absurd: Sie standen hier einer Horde Dämonen gegenüber und ihre Mission, Zirkonis um Hilfe zu bitten, schien zum Scheitern verurteilt. Sie waren alle Drei erschöpft, hatten kaum noch Vorräte, wussten nichts darüber, wie es ihren Freunden ging – und doch hatte Rogue das Gefühl, von einem frischen Wind erfasst zu werden. Lucys Worte weckten in ihm Kraftreserven, an die er nicht mehr geglaubt hatte.
Es waren nur ein paar aufsässige Worte, aber dahinter erkannte Rogue eine kraftvolle Entwicklung, einen starken, hoffnungsvollen Beginn – und er erhaschte einen Blick darauf, was für eine große Fürstin Lucy werden würde. Kein Selbstzwang lag mehr in ihren Worten, kein Zweifel, nur Vertrauen und Entschlossenheit.
Genau dieser Funke war es, den Rogue vor all der Zeit auch bei Minerva wahrgenommen hatte, während er sie bei einem heimlichen Treffen mit den Bewohnern des Knüpferviertels beobachtet hatte. Dieser Funke, der ihn davon überzeugt hatte, dass sie die wahre Fürstin von Sabertooth war. Damals hatte er noch nicht einmal geahnt, dass Sting mit seinem strahlenden, immer abenteuerlustigen Lächeln zu ihr gehörte, hatte noch nichts von all dem gewusst, was ihn erwarten würde, aber dass Minerva Orland Sabertooth retten würde, das hatte er mit jeder Faser seines Körpers gespürt.
Minerva und Lucy waren offensichtlich aus demselben Holz geschnitzt. Sie waren Anführerinnen, sie brachten ihren Schutzbefohlenen mehr als nur Sicherheit und Stabilität, sie schufen eine Gemeinschaft, hielten sie beisammen, stärkten sie. Nicht indem sie alles konnten, sondern indem sie vertrauten.
„Gut gebrüllt, Löwin“, sagte Sting mit einem anerkennenden Grinsen – und er hätte es gar nicht besser ausdrücken können.
Den Dämonen war offensichtlich nicht klar, was hier vor ihren Augen geschehen war. Blindwütig setzten sie sich auf Befehl ihres Anführers in Bewegung und stürzten grölend auf ihre Beute zu.
Rogue verstärkte den Griff um seine Bosco-Klinge und drehte seinen Körper seitlich, während er federnd in die Knie ging. Er war bereit, bis zum Äußersten zu gehen und die anderen Beiden zur Not auch mit seinem Leben zu beschützen. Und er wusste, dass sie ebenso dachten. Sie würden hier gemeinsam kämpfen, einander beschützen. Lucy war endlich an dem Punkt angekommen, dass sie diese Bereitschaft begreifen, akzeptieren und sogar selbst spüren konnte. Sie war nun wahrhaft eine Fürstin und hier und jetzt waren Sting und Rogue ihr Schild und Schwert.
Die Dämonen waren nur noch zehn Schrittlängen von ihnen entfernt, als Rogue hinter sich ein Rauschen hörte. Er blickte über seine Schulter zurück und erkannte nur etwas Großes, Grünes, dann ließ er sich zu Boden fallen und zog Lucy mit sich, schützte ihren Kopf mit seinem Arm und spürte, wie Sting dasselbe tat.
Dann war der Drache über sie hinweg geflogen und pflügte sich mühelos durch die Dämonen. Einen zermalmte er unter seinem Hinterleib, einen schmetterte er mit einem Flügelschlag über den weit entfernten Abgrund, zwei weitere zerriss er mühelos mit seinen Vorderklauen. Innerhalb kürzester Zeit hatte der Drache alle Dämonen bis auf den Anführer getötet.
Und der war angesichts seines neuen Kontrahenten dumm genug, nicht die Flucht zu ergreifen. Er stampfte gleich mit drei Tentakeln auf, um unter dem Drachen eine Erdspalte entstehen zu lassen. Sie hatte ihr Ziel noch nicht einmal erreicht – geschweige denn, dass sie ihm gefährlich geworden wäre –, als der Drache auch schon genug Magie für sein Gebrüll gesammelt hatte. Es war innerhalb weniger Herzschläge für den Dämon vorbei. Die Attacke aus Jadesplittern zerfetzte ihn schon bei der ersten Berührung.
Als Rogue und die anderen Beiden wieder auf den Beinen waren, war der Dämon tot, sein Körper bis zur Unkenntlichkeit verwüstet. Rogue erinnerte sich, dass sein alter Lehrmeister aus Kindertagen während der wenigen Geschichtslektionen, die nicht von seinem Vater unterbunden worden waren, davon gesprochen hatte, dass keines der Völker sich damals mit den Drachen angelegt hatte. Offensichtlich waren die Drachen auch heutzutage noch allen Anderen überlegen – auch höhlengebundenen Dämonen.
Zumindest, was magische und körperliche Kraft betraf, dachte Rogue bei sich, als sich der Drache zu ihnen herum drehte. Sein Maul verzog sich zu einem breiten Grinsen und er beugte sich schnuppernd herunter.
„Wenn das mal nicht die Zweibeiner von Weiß und Skia sind! Da bringt ihr mir stinkende Dämonen in die Höhle, wo gibt es denn so etwas?! Hoffentlich kann eure hübsche Begleiterin das kompensieren!“
Rogue hörte Sting unwillig ächzen und unterdrückte selbst ein Seufzen, ehe er das Wort erhob. „Lucy, das ist Zirkonis, der Jadedrache.“