About Questions, Worries And The One True Love
Erza ließ ihre mit Büchern vollgepackte Tasche mit einer solchen Wucht auf einen Stuhl fallen, dass es ein Wunder war, dass dieser darunter nicht zusammenbrach. Dann plumpste sie auf den Stuhl daneben und richtete ihren Blick aufmerksam zu ihrem Gegenüber auf der anderen Seite des Tisches. „Da bin ich! Was gibt’s?“, wollte sie wissen und Natsu richtete sich unwillkürlich gerader auf.
Um ihn herum summte die Luft von Gesprächen, irgendwo lachte jemand zu laut und hinter ihm klackerten drei Frauen in hochhackigen Schuhen über den Steinboden des Cafés. Es roch nach Kaffee und frischem Gebäck und die Stimmung war ausgelassen. Das Lokal war ein kleines, rustikal eingerichtetes Studentencafé in der Nähe des Campus‘, so dass Erza nicht allzu weit laufen musste, um hierher zu kommen.
Seit sie das Hauptstudium begonnen hatte, war sie noch anstrengender als die Semester davor und auch wenn sie immer wieder über das Pensum und das Tempo meckerte, blühte sie unter dem Stress auf wie eine Rose. So zumindest hatte Lucy sich einmal ausgedrückt. Natsu war nur froh, wenn die Rothaarige ihre überschüssigen Energien in ihr Studium lenkte und nicht während des Trainings an ihm ausließ.
„Ist etwas passiert?“, fuhr Erza fort, ohne ihn überhaupt zu Wort kommen zu lassen, und blickte sich nach der Kellnerin um. „Wie geht es meinem Patensohn?“ Als ob sie den nicht erst vor zwei Tagen gesehen hätte!
„Er redet den ganzen Tag. Hat die ganze Zeit was zu erzählen und du verstehst nur die Hälfte. Lucy hat ihn vorhin mit in die Bibliothek genommen.“, erklärte er und spielte nervös mit einer kleinen Tüte Zucker. „Und ich habe schon bestellt.“
Wie auf Kommando tauchte die Kellnerin neben ihnen auf und stellte ihm den schwarzen Kaffee vor die Nase. Vor Erza lud sie eines von diesen hochkomplizierten Kaffeegemischen mit viel Milchschaum, Vanille und Kakao ab, dessen Namen er von einem Zettel hatte ablesen müssen. Doch Erzas Augen leuchteten begeistert auf und sie nahm die Tasse schon hoch, noch ehe die Bedienung sich wieder entfernt hatte, also hatte es sich gelohnt.
Genüsslich sog sie den aromatischen Duft ein und trank genießerisch ein paar Schlucke, während Natsu nur seinen Zucker in das dunkle Getränk kippte und dann die Tasse am Henkel hin und her drehte. Sein Knie wippte nervös auf und ab, doch er konnte sich einfach nicht halten, er saß nun mal wie auf glühenden Kohlen und dass schon seit Tagen.
Seit er den Entschluss gefasst hatte, dass er fragen würde und es jetzt kein Zurück mehr gab.
Nicht, dass er es nicht wollte.
Nicht, dass er glaubte, dass es schiefging.
Nicht, dass er irgendwelche Zweifel hatte.
Aber es war nun mal ein großer Schritt und sie waren beide noch so jung, erst zwanzig. Die meisten Leute ließen sich heutzutage weit mehr Zeit, bis Mitte Zwanzig oder sogar Dreißig. Aber sie machten ja eh alles schneller und wieso warten, wenn man den Richtigen gefunden hatte?
Schließlich stellte Erza ihre Tasse wieder weg und konzentrierte sich auf ihn. „Also, was ist passiert? So aufgeregt hab ich dich selten gesehen.“ Misstrauisch runzelte sie dir Stirn. „Hast du was angestellt und ich soll dich rausboxen?“
„Wa…? Nein, natürlich nicht!“ Er verzog beleidigt das Gesicht. „Warum denkst du immer gleich, dass ich was angestellt habe?“
Sie zog nur demonstrativ eine Augenbraue hoch, als ob er sich das selbst aus einer langen Liste von Ereignissen aussuchen konnte. Und irgendwo hatte sie ja recht, aber darum ging es hier ja gar nicht!
Natsu verdrehte die Augen und zuckte mit den Schultern. „Also gut, wie auch immer. Diesmal ist es was anderes.“ Unwillkürlich tastete seine Hand nach dem Hubbel in seiner Hosentasche, unter dem sich ein kleines Kästchen verbarg. Vorgestern hatte er es abgeholt und seitdem trug er es mit sich herum, auch wenn es Zuhause in seiner Sockenschublade sicherlich besser aufgehoben wäre. Aber dort könnte Lucy es finden. Vielleicht hätte er es seinem Vater anvertrauen sollen, aber der würde nur blöde Fragen stellen. „Und zwar brauche ich deine Hilfe. Ich bin nicht gut mit sowas, aber es soll perfekt werden und mit all diesem romantischen Zeugs und du kennst dich doch damit aus, also dachte ich…“
Sie hob die Hand. „Moment. Ich glaube, du hast da was ausgelassen. Worum geht es denn jetzt eigentlich?“
Natsu holte tief Luft und antwortete so schnell, dass die Worte verwischten: „Iwillushifragenobsiemicheiratet.“ Warum war es auch so schwer, das zu auszusprechen, obwohl alles klar auf der Hand lag?
Erza blinzelte einmal und dann erneut und dann schüttelte sie mit einem belustigten Lächeln den Kopf. „Ich habe kein Wort verstanden.“
Natsu schluckte. Das war viel schwerer, als er sich vorgestellt hatte und ihm gegenüber saß noch nicht einmal Lucy, sondern nur Erza!
Er hatte entschieden, dass sie die beste Person dafür war, um Rat zu fragen. Denn auch wenn sie immer so tat wie ein echtes Mannsweib und während dem Training und Turnieren und zu allen anderen Gelegenheiten jeden unangespitzt in den Boden rammte, als gelte es, dafür eine Goldmedaille zu gewinnen, so hatte sie doch ein butterweiches Herz und eine sehr, sehr mädchenhafte Seite, die ihm Angst einjagte, wenn sie zum Vorschein kam. Sie konnte ihm sicher helfen, den besten Augenblick auszuwählen und die Sache so romantisch wie möglich zu machen.
Aber erstmal musste er ihr erklären, was genau er vorhatte. „Ich will Lucy fragen, ob sie mich heiratet.“, erklärte er und Erza öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch anstatt von verständlichen Worten drang ein begeistertes Quietschen über ihre Lippen. Entsetzt starrte Natsu sie an, kamen diese Geräusche tatsächlich von Erza, der ungeschlagenen Meisterin darin, jeden mit dem kleinen Finger umzuhauen? Wer war das und was hatte sie mit Erza getan?!
„Hast du schon einen Ring?“, fragte sie aufgeregt und rutschte auf ihrem Stuhl herum, als hätte sie Hummeln in der Hose. „Und weißt du schon, wo und wann du sie fragen willst? Es muss etwas Besonderes sein! Am besten du buchst gleich einen Flug nach Alvarez und fragst sie am Brunnen des Kaiserpalastes wie damals der Sonnenprinz seiner Angebeteten den Antrag gemacht hat.
Oder nein, warte, so weit müsst ihr gar nicht weg! Außerdem braucht eine großartige Liebesgeschichte wie die eure ein eigenes Ende. Stell dir das vor: Nach einer entspannenden Nacht im Crocus Gardens führst du sie am nächsten Abend ins beste Restaurant aus, nachdem ihr in der Königlichen Galerie wart, das wird ihr gefallen. Du musst jetzt gleich Reservierungen für das Restaurant machen, die sind immer schon Wochen vorher ausgebucht! Danach geht ihr spazieren in den King’s Garden und zum Rosengarten hinüber. Dort gehst du vor ihr auf die Knie, hältst ihr den Ring hin und…“
Natsus Augen wurden bei jedem Wort größer. Alvarez? Oder auch nur Crocus, aber dann bitte schön gleich das teuerste Hotel der Stadt? Wie sollte er sich das denn bitte leisten? Schließlich unterbrach er sie mit genau dieser Frage. „Wo soll ich denn das Geld dafür hernehmen? Soll ich ihren Vater fragen, ob er es mir zusteckt?“
Erza starrte ihn für einen Moment schweigend an, dann klappte sie den Mund zu und wandte sich nachdenklich ab. Mit gefurchter Stirn tastete sie nach ihrer Tasse und nahm einige Schlucke, während sie durch das hohe Fenster auf die Straße starrte. Draußen eilten die Leute vorbei, der Frühsommerhimmel war strahlend Blau und die Sonne sommerlich heiß.
Natsu versuchte, sich seine Ungeduld nicht anmerken zu lassen und widmete sich seinem eigenen Kaffee. Aber sein Bein war noch immer in ständiger Bewegung und er drehte seine Tasse immer wieder unruhig in den Händen, anstatt etwas zu trinken.
Als ihr eigenes Getränk schon halb leer war, wandte Erza sich ihm wieder zu. „Zeig mir den Ring.“, verlangte sie und nach kurzem Zaudern zog er das kleine Kästchen aus seiner Hosentasche. Noch zögerlicher schob er es ihr über den Tisch zu.
Es war ein einfaches, in schwarzen Samt geschlagenes Kästchen und sie klappte es auf, um einen Blick hineinzuwerfen. Der Ring war ein schlichtes, bescheidenes Stück, ein einfaches Silberband, das drei Sterne hielt. In jeden der Sterne war ein winziger, durchsichtiger Stein eingelassen – echte Diamanten, allerdings waren sie ursprünglich Teil von Ohrringen seiner Mutter gewesen. Das erschien ihm passend.
„Der ist echt schön!“, gab sie ihren Segen und blickte auf. Den überraschten Unterton in ihrer Stimme überhörte er geflissentlich. „Lucy wird ihn lieben! Er passt wunderbar zu ihr!“
Erleichtert von der Zustimmung nahm er das Kästchen wieder zurück, um es erneut in der Hosentasche verschwinden zu lassen. „Ich wollte es klein halten.“, gab er zu. „Aber romantisch. Ein Picknick vielleicht?“
„Du lässt dir die Gelegenheit für eine grandios romantische Geste entgehen.“, warnte Erza ihn, aber er hob die Schultern. Eigentlich war ihm das alles auch egal. Aber Lucy nun mal nicht und das war für sie.
„Ich habe nicht wirklich das Geld für diese grandiosen Gesten.“, wies er auf. „Und für einen Abend können wir Sting bei Pa lassen, aber länger geht nicht. Und wir haben gerade Hochbetrieb, ich kann jetzt nicht wirklich Urlaub machen. Und ich will nicht länger warten, sonst mache ich doch einen Rückzieher.“
„In Ordnung! Ein Picknick also. Weißt du schon einen Ort? Ich würde etwas vorschlagen, das wichtig für euch ist, aber auch etwas abgelegen ist, damit ihr ungestört seid.“
Natsu nickte, während er in Gedanken schon nach einem geeigneten Platz suchte. Vielleicht oben am See? Dort hatten sie sich auch das erste Mal geküsst… Aber dort waren immer so viele Menschen.
„Ich werde mir ein Menü ausdenken. Was du noch brauchst, ist der richtige Zeitpunkt. Kommt demnächst ein Jahrestag auf euch zu?“
„Jahrestag?“
„Irgendwas, was eine Bedeutung für euch hat? Erstes Date, erster Kuss…?“
Natsu hob hilflos die Schultern. Woher sollte er das wissen? Er war schon froh, wenn er den Tag nicht vergaß, an dem sie zusammengekommen waren! Und jetzt würde bald noch ein zweites solches Datum dazukommen… War er denn verrückt?
Aber dann dachte er an das Mädchen, um das es ging, an ihre sanften Augen und ihr strahlendes Lächeln und es war ihm egal. Für Lucy würde er gern verrückt sein.
„Du bist hoffnungslos.“, erklärte Erza und kippte den Rest ihres Kaffees hinunter. „Also gut. Ich werde mir etwas ausdenken! Und du sorgst derweil dafür, dass sie die Lunte nicht riecht! Wir wollen ihr doch nicht die Überraschung verderben.“
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Natsu blickte von seinen Büchern auf, als er die Tür gehen hörte. (Ein paar Lernstunden vor den Prüfungen konnte er noch reinquetschen. Vor allem, wenn er wie jetzt Ruhe hatte und keinen winzigen, aber überaus lauten Wirbelwind, der lärmend durch die Wohnung stürmte und bespaßt werden wollte.)
Einen Moment später drang Stings Geplapper zu ihm herüber und er grinste unwillkürlich. Der Junge mochte ja ungewöhnlich oft ein stilles und sehr braves Baby gewesen sein, aber seit er gelernt hatte zu sprechen, hielt er einfach nicht mehr die Klappe. Zwischendurch war Lucy zu hören und ein paar Augenblicke später das vielsagende Geräusch von etwas Schwerem, das auf dem Boden abgestellt wurde. Vermutlich war sie einkaufen gewesen und Natsu war eh frustriert mit seinen Lernbüchern, also stand er auf und ging den Flur hinunter um zu sehen, ob sie Hilfe brauchte.
Neben der Haustür stapelten sich die Einkäufe in Kisten und seine beiden Blondschöpfe saßen nebeneinander auf der niedrigen Bank, die unter der Garderobe stand. Sting zerrte so konzentriert an seinem Turnschuh, dass er darüber sogar das Reden vergaß, und Lucy öffnete die Schnallen ihrer einfachen Sandalen nebenbei, während ihr zärtlicher Blick auf ihrem Sohn ruhte.
Ein sanftes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen und ihre rehbraunen Augen funkelten belustigt. Natsu konnte sich denken, dass sie versucht hatte, dem kleinen Jungen zu helfen, der aber nichts davon wissen wollte. In letzter Zeit war immer häufiger ein lautstarkes Nein! zu hören.
Das lange Haar fiel ihr über die leicht gebräunten Schultern wie ein Wasserfall, vom Sonnenlicht beschienen, das durch die kleinen Fenster fiel, so dass es wirkte wie flüssiges Gold. Manchmal fragte er sich, wie eine solche Frau ausgerechnet an seine Seite geraten war. Sie war nicht nur wunderschön, sondern auch noch klug und herzensgut und ein wortwörtlicher Schatz, den er nicht mehr hergeben würde. Und sie hatte ihn erwählt.
„Hi, ihr zwei.“, begrüßte er sie und Lucy blickte auf, während sich ein unwillkürliches Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete.
„Natsu!“ Sie sprang von ihrem Platz auf und fiel ihm um den Hals, um ihn zu küssen. Diese besondere Frau in den Armen zu halten und ihre Nähe zu spüren, ließ ihn immer noch auf den höchsten Wolken schweben und bei einem war er sich sicher: das würde sich niemals ändern. Es wurde wirklich Zeit, das fest zu machen.
Lucy jedenfalls schien nichts dagegen zu haben, den Kuss zu vertiefen, und ließ die Hände in seine Haare gleiten. Ihre sanften Berührungen sandten wohlige Schauer über seinen Rücken. Er konnte ihr Lächeln gegen seine Lippen fühlen und sie schmeckte nach Glück und Freude und…
„Papa, schau mal!“
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„Ich habe einen Plan für dich ausgearbeitet!“, machte Erza bekannt, als sie durch die Wohnzimmertür marschierte. Sie hielt sich dabei nicht einmal mit einer Begrüßung auf.
„Tante Eza!“, brüllte Sting und sprang von seinem Platz neben dem Tisch auf, wo er zufrieden auf einem Blatt herumgekritzelt hatte. (Nachher würde zwar wieder die Raterunde losgehen, was genau er gemalt hatte, aber das waren sie ja schon gewohnt.) Allerdings war nur für ihn wenig interessanter als Erza. Sting hatte einen Narren an ihr gefressen und klebte nahezu an ihrer Seite, wann immer sie anwesend war. Eigentlich kein Wunder, wenn man bedachte, wie sehr sie ihn verwöhnte.
Jetzt ließ sie sich auf die Knie fallen und breitete die Arme auf, um den kleinen Junge mit einer bärigen Umarmung aufzufangen. „Hallo, mein kleiner Drache!“, begrüßte sie ihn begeistert. Als ob sie ihn nicht erst gestern gesehen hätte, als sie zum Abendessen vorbeigekommen war, und presste Küsse auf seine Wangen und seine Stirn.
Sting kicherte und erwiderte die Umarmung mit aller Kraft, zu der er fähig war. Er beschwerte sich auch nicht, als sie aufstand ohne ihn loszulassen, obwohl er erst heute Morgen seiner Mutter überzeugt erklärt hatte, er wäre groß genug um selbst zu laufen. (Da sie nicht wirklich weit irgendwo hatten hingehen müssen, hatten sie ihn gewähren lassen. Man musste seine Schlachten weise wählen.)
„Und wir?“, wollte Gray von der Seite wissen, im Rahmen der Terrassentür stehend und die Arme vor der Brust verschränkt. Im Hintergrund waren Loke und Igneel noch in ein Gespräch vertieft. „Sind wir keine Begrüßung wert?“
„Nö.“, antwortete Erza, doch ihre braunen Augen funkelten. „Fußvolk beachte ich nicht.“
Natsu interessierte sich nicht für Begrüßungen, sondern blickte ihr aufrecht entgegen. „Wie sieht er aus?!“, verlangte er zu wissen. „Dein Plan?“
„Hervorragend und perfekt!“, erklärte Erza überzeugt und kam herüber, um sich in den Sessel fallen zu lassen.
Gray blickte von ihr zu Natsu und zurück. „Was für ein Plan eigentlich?“
„Natsu will Lucy endlich einen Antrag machen.“, erklärte Igneel aus dem Hintergrund. „Da er so etwas alleine nicht hinkriegt, hat er die Waffen gestreckt und um Rat gefragt. Er wird langsam erwachsen.“
„Das sollte ein Geheimnis sein.“, jammerte Natsu beleidigt. „Woher weißt du das eigentlich? Ich hab es doch nur Erza gesagt!“ Er fuhr herum und fixierte die Rothaarige, die sich inzwischen einen Holzelefanten vom Tisch geschnappt hatte und ihn über ihr Bein auf Sting zulaufen ließ, während der kichernd versuchte ihn zu fangen. „Hast du es etwa verraten?“
„Natürlich nicht.“, widersprach die junge Studentin abgelenkt und sein Vater schnaubte. „Denkst du wirklich, du könntest solche Sachen vor mir verheimlichen?“ Er hob die Hände mit den Handflächen nach oben. „Aber keine Sorge, soweit ich das sehen konnte, hat Lucy nichts davon mitgekriegt.“
Das war zumindest eine kleine Erleichterung, aber eigentlich hatte Natsu nicht vorgehabt, das Thema hier im Kreis seiner Familie so zu erörtern und zwar…
„Wie, du denkst richtig darüber nach, anstatt die Frage einfach beim Zähneputzen oder dem Abwasch fallen zu lassen, du Unromantiker?“, stichelte Gray.
…darum. Natsu verzog beleidigt das Gesicht und warf die Arme hoch. „Mir wäre das doch egal, aber Lucy mag so romantisches Zeug. Und ich will ja das Beste für sie.“
„Das will ich auch wohl hoffen.“, knurrte Loke und ließ sich neben ihn fallen, um einen Arm um seine Schultern zu schlingen. Doch was wie eine freundschaftliche Geste aussah, fühlte sich an wie ein Schraubstock. „Ich meine, da sich hier sonst niemand in der Position befindet, muss ich diese Aufgabe wohl übernehmen, aber dir ist bewusst, wenn du Lucy unglücklich machst, gibt es keinen Ort, an dem du dich vor meiner Rache verstecken könntest, oder?“ Der bedrohliche Unterton in Lokes Stimme war ein wenig zu überzeugend, als dass Natsu nicht für einen Moment innehielt und schluckte.
„Ehrlich, nach über zwei Jahren und einem Kind kommst du mit sowas an?“, grinste Gray und Igneel lachte höchst amüsiert, ehe er in die Küche verschwand. Das die auch alle nur zusahen, wie er langsam erwürgt wurde, anstatt ihm beizuspringen…! Dreckskerle.
Die korrekte Antwort auf Lokes überflüssige Drohung war Lucy ist alles für mich. Neben Sting natürlich, aber stattdessen befreite Natsu sich aus dem schraubstockartigen Griff. „Keine Sorge, du bist in Sachen Frauen nicht mein Vorbild. Ich pass schon auf meine Lucy auf.“
Loke presste sich gespielt geschockt die Hand auf die Brust. „Du verletzt mich!“
Erza überließ Sting endlich den Elefanten und räusperte sich vernehmlich, ehe die Situation eskalieren konnte. (Nicht, dass Natsu etwas dagegen gehabt hätte, Loke steckte er doch mit links in die Tasche.) „Ich hab mich an deine Vorgabe mit dem Picknick gehalten. Du wirst es an dem Pavillon abhalten, den Lucy so gerne hat, den im Park.“ Sie verzog unzufrieden das Gesicht. „Auch wenn er gleich hier ums Eck ist, so ideal ist das nicht…“
Aber Natsu horchte auf und grinste. „Das ist der perfekte Ort!“, freute er sich. „Es ist unser Ort. Sagt Lucy.“
Das schien Erza halbwegs zufrieden zu stellen, denn sie fuhr fort: „Jedenfalls habe ich eine Liste gemacht, was du alles zum Essen mitnehmen musst.“ Sie zog einen Zettel aus der Tasche und Natsu ein langes Gesicht. „Ich muss kochen?“
„Keine Sorge, ich helfe dir.“, erklärte sie hoheitsvoll und warf ihm den Zettel etwas zu heftig zu.
„Okay…“, murmelte er und öffnete das eng beschriebene Blatt. Das meiste, das darauf stand, klang auf der einen Seite so lecker, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief, – und auf der anderen so kompliziert, das man vermutlich einen Profi brauchte, um es zu machen. „Vielleicht sollte doch lieber Gray mir helfen.“, grummelte er und blickte zu dem Schwarzhaarigen auf, der nach seinem Auszug zuhause eine überraschende Leidenschaft fürs Kochen entdeckt hatte. (Oder vielleicht nicht so überraschend, wenn man Grays Qualitätsansprüche an den Geschmack in Betracht zog.)
Loke warf einen Blick darauf. „Ist das nicht ein wenig übertrieben?“, wollte er belustigt wissen. „Wer soll denn das alles essen?“
Erza sah beleidigt aus, aber Natsu interessierte sich schon gar nicht mehr für das Thema. Irgendwie kam immer alles weg. „Was, wenn sie ‚Nein‘ sagt?“, stellte er stattdessen die Frage, die ihm immer wieder durch den Kopf schoss, seit er sich zu diesem Schritt entschlossen hatte.
„Nach über zwei Jahren und einem Kind stellst du so eine Frage?“, wiederholte Gray seine Worte von vorher und Natsu runzelte die Stirn. Irgendwo hatte er recht, das zwischen ihnen war eine langfristige Sache. Eine Sache bis zum Schluss, wie in diesen romantischen Romanen, die Lucy so gern las, die wahre, die einzige, die ewige Sache.
„Aber was, wenn sie gar nicht heiraten will?“ Manche Frauen – unabhängige wie Lucy, die sich um sich selbst sorgen konnten – zogen es vor, ungebunden zu blieben.
„Wir reden hier von Lucy.“, zeigte Loke nüchtern auf. „Vermutlich wartet sie nur darauf, dass du endlich in die Gänge kommst. Hat ja auch lang genug gebraucht.“ Erza nickte bekräftigend, was allerdings nicht sehr überzeugend war, da sie gerade dabei war, einen zweiten Elefanten gegen Stings anrennen zu lassen, der das überaus lustig fand.
„Aber was, wenn es ihr nicht romantisch genug ist?!“ Das brachte ihm doch schlagartig Erzas volle Aufmerksamkeit ein.
„Na hör mal! Ich habe das geplant!“, empörte sie sich und Sting protestierte: „Nochmal! Nochmal!“ Dabei wedelte er mit dem Elefanten vor ihrem Gesicht herum, was sie kaum zu bemerken schien. „Ziehst du etwa meine Fähigkeiten in Zweifel?!“
Natsu schrumpfte unter ihrem Blick in sich zusammen. Was diese Frau alles auf die Palme brachte! „N-nein.“, stotterte er. „Ich…“
„Dachte ich es mir doch!“ Zufrieden wandte sie sich wieder dem Spiel zu.
„Der will nur einen Grund finden, um sich Sorgen zu machen.“, erklärte Gray in die Runde und wandte sich dann direkt an Natsu. „Du solltest nicht so angestrengt nachdenken, da kommt nur Blödsinn bei raus.“
„Aber… Aber es muss perfekt sein!“, beharrte der. Warum verstand hier niemand seine Sorgen? Wollten diese Idioten nicht auch, dass Lucy den besten Heiratsantrag von allen bekam? „Und was, wenn es regnet?!“, verlangte er zu wissen. „Was mache ich dann?“
„Verschieben?“, schlug Loke vor, aber Natsu hörte gar nicht mehr auf ihn. „Was, wenn der Pavillon zusammenbricht? Oder gerade dann ein Gärtner beschließt, dort die Hecken schneiden zu müssen? Oder, oder… Wenn ich gerade dabei bin, ihr den Ring zu präsentieren und mich ein Blitz erschlägt!“
Gray kugelte sich inzwischen fast vor Lachen, auch wenn Natsu nicht erkennen konnte, was an seinen Fragen so lustig war. Loke starrte ihn mit großen Augen an und schüttelte dann den Kopf, um etwas vor sich hin zu murmeln, das wie „du hast eine verrückte Phantasie!“ klang. Erza warf ihm kurzerhand den Elefant gegen die Brust.
„Aua, das tut weh!“, beschwerte Natsu sich und rieb sich die Stelle, an der das Holztier ihn getroffen hatte.
„Nicht schmeißen!“, belehrte Sting seine Lieblingstante. Er hatte alles aus großen Augen mit angesehen und rutschte nun von Erzas Bein hinunter, um den Elefanten wieder aufzuheben. Er klang zutiefst verraten von dieser unerhörten Tat.
Die Rothaarige bestimmte: „So etwas darf nur ich tun. Das ist ein Gesetz.“
Sting starrte sie einen Moment zweifelnd an, aber sie hatte wie immer so überzeugt von sich selbst gesprochen, dass er nach einem Moment nickte und dies als gegeben hinnahm. Grays Lachanfall nahm daraufhin noch weiter zu, während Natsu weiter in sich zusammensackte. Wenigstens hatte der Wurf nicht Lucys Erziehungsarbeit kaputt gemacht.
„Aber was, wenn irgendetwas schiefgeht?!“, rief er verzweifelt aus und ließ sich nach hinten in die Kissen fallen. „Was, wenn sie enttäuscht ist? Dann verlässt sie mich und…!“
„Jetzt machst du dich selbst zum Affen.“, fiel Erza ihm grob ins Wort und irgendwie hatte sie ja recht. Aber Natsu kam nicht umhin, sich immer negativere Fragen zu stellen. Hier ging es um nichts weniger als um sein Glück und seine Zukunft! Sein Leben wäre zerstört, wenn Lucy wegginge!
Sting kletterte neben ihm auf das Sofa, die Elefanten noch immer mit den Fingern umklammert, und kroch dann auf seinen Schoß, während Natsu die Hände ausstreckte, um ihn festzuhalten. „Papa, du bist komisch.“, erklärte der Junge ernsthaft und warf die Arme um ihn, um ihn kräftig zu drücken. Eines der Holztiere drückte schmerzhaft gegen seine Schulter.
Natsu ließ den Kopf hängen und drückte seinen Sohn mit einem Arm an sich. Wenigstens einer der zu ihm hielt. Irgendwie zumindest. „Ich weiß.“
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Erschöpft taumelte Natsu durch die Haustür, die hinter ihm schwer ins Schloss fiel. Er war fertig mit sich und der Welt, aber wenigstens hatte er es jetzt hinter sich gebracht! Nie wieder lernen! (Zumindest nicht bis zur Meisterschule, die dann im Herbst losging…)
„Papa!“, kam ihm schon einen Moment später eine laute Stimme entgegen und kurz darauf krachte etwas – oder besser gesagt, jemand – mit vollem Karacho gegen seine Beine. Natsu ließ sich gegen die Tür zurückfallen und rief theatralisch aus: „Ich werde überfallen, Hilfe!“ Sting kicherte und machte Brüllgeräusche, die bald in hohes Kindergelächter übergingen, als sein Vater ihn in die Arme nahm und knuddelte.
Von dem Lärm angelockt kam Lucy herbei, sich die Hände an einem Tuch trockenreibend. Sie hatte die Haare im Nacken zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden, trug eine Schürze mit ein paar frischen Flecken darauf und war rot im Gesicht. Ihr Antlitz hellte sich erfreut auf, als sie ihn erkannte, als wäre er das Beste, was sie den ganzen Tag gesehen hatte. Neben einem gewissen Knirps natürlich, der sich jetzt an Natsus Schulter lehnte, zufrieden mit sich und der Welt.
„Du bist zu früh.“, stellte sie fest und gab ihm einen liebevollen Kuss. „Ich bin noch nicht ganz fertig.“
„Fertig?“ Natsu horchte auf. „Womit denn?“
Sie schenkte ihm ein geheimnisvolles Lächeln. „Das wüsstest du wohl gerne.“ Dann wurde sie wieder ernst. „Wie lief die Prüfung?“
Natsu sackte nach vorne; die plötzliche Bewegung entlockte Sting ein weiteres Kichern. „Anstrengend!“, jammerte er. Aber zumindest hatte er sie jetzt hinter sich, seine Gesellenprüfung! Die letzten Wochen hatte er sich echt reingehängt, gezittert und geschafft, beinahe wie vor seinen schulischen Abschlussprüfungen. „Ich krieg die Noten dann nächste Woche mit dem Zeugnis.“
Lucy blies die Wangen auf. „Haben sie dir wenigstens gesagt, ob du sie bestanden hast?!“
„Ja, das schon.“, gab Natsu zu, dem es langsam Spaß machte, sie so auf die Folter zu spannen, und es kaum schaffte, nicht zu grinsen. Sie war ja fast aufgeregter als er!
„Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, beschwerte sich Lucy, die Hände ungeduldig zu Fäusten geballt und angespannt vor Aufregung. Sie vibrierte beinahe auf der Stelle. „Hast du?“
Für einen Moment überlegte er, ihr etwas vorzumachen, aber tatsächlich war er selbst zu erfreut über das Ergebnis und seine Lippen formten bereits ein verräterisches Grinsen, also platzte es aus ihm heraus: „JA! Habe ich! Ich bin fertig mit meiner Ausbildung!“
Lucy stieß einen lauten Freudenschrei aus und fiel ihm um den Hals, um ihm begeisterte Küsse auf Wangen und Lippen zu drücken. „Das ist toll! Ich sagte doch, es lohnt sich!“
Natsus Grinsen fühlte sich an, als wollte es sein Gesicht sprengen, und er zog sie mit dem freien Arm zu sich, um seine gesamte Familie zu umarmen. Er war glücklich mit sich und der Welt, alles lief so, wie es sollte! Jetzt fehlte nur noch eine Kleinigkeit, aber das würde er schon noch hinkriegen. Immerhin steckten sie bis zum Hals in der Planung.
„Zur Belohnung gibt’s dein Lieblingsessen!“, verkündete Lucy ihre eigene Überraschung und löste sich von ihm. „Geht Händewaschen, ihr zwei, und dann könnt ihr den Tisch decken. Ich muss nur noch ein paar Sachen fertigmachen.“
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„Wehe dir, Natsu, nein! Lass das sein! Natsuuuu!“
Kreischend vor Lachen versuchte Lucy ihn abzuschütteln, doch Natsu ließ nicht los. Der Holzboden unter ihren Füßen war glitschig vom Wasser und die kleine Plattform im See schaukelte, so dass das kleine Handgemenge nur ein Ergebnis haben konnte. Mit einem lauten Platschen landeten sie beide im Wasser.
Für einen Moment konnte Natsu seine Freundin noch umfangen halten, dann glitt sie aus seinen Armen wie ein Fisch und durchbrach die Wasseroberfläche. Natsu kam ihr nach und grinste sie an. „Mach so etwas nie wieder!“, schimpfte sie und spritzte ihn nass, doch ihre Augen funkelten vergnügt. Die Ponyfransen hingen ihr klitschnass ins Gesicht und ein paar Strähnen ihres langen Pferdeschwanzes hatten sich neckisch in ihren Ausschnitt verirrt, der durch den pinken, mit gelben Sternen bedruckten Bikini besonders gut zur Geltung kam.
„Warum bin ich nur mit jemandem wie dir gestraft?“, jammerte sie theatralisch in den Himmel und Natsu grinste. „Weil das Leben sonst langweilig wäre!“, erklärte er tief überzeugt und warf sich nach vorne auf sie zu.
Lucy stieß einen spitzen Schrei aus, dann gingen sie gemeinsam unter.
Eine Weile tobten sie miteinander im See herum, bis Lucy genug hatte. Der ausgelassene Spaß im Wasser tat gut nach den stressigen Wochen, die er hinter sich hatte. Die Gesellenprüfung hatte alles von ihm gefordert und nebenher hatte er sich den Kopf über den Antrag zerbrochen.
Doch auf diesen beiden Fronten war inzwischen alles geklärt; die Noten hatte er vor zwei Tagen erhalten, besser als erwartet, und für das Picknick am nächsten Tag war alles vorbereitet und bei Makarov eingelagert worden. Natsu brauchte es nur abzuholen.
Auch Lucy war davon betroffen gewesen, hatte sie doch einige seiner Aufgaben im Haushalt übernommen, um ihm den Rücken freizuhalten, lieb wie sie war, und sich verstärkt um ihren Sohn gekümmert. Auf diese Weise hatte er ein paar Stunden mehr Zeit zum Lernen gehabt.
Im Moment hatten sie Sting bei Erza und Laxus gelassen. An letzterem hatte der kleine Junge einen unerklärlichen Narren gefressen und ebenso unerklärlich duldete Laxus die Anhänglichkeit. (Er protestierte nicht einmal sehr darüber, zu La-us degradiert worden zu sein, aber warum hatten so viele Leute in ihrem Freundeskreis auch so schrecklich komplizierte Namen? Lon und Onkel Gay waren noch weitere solche Kandidaten…) Und Erza würde schon aufpassen, dass nichts geschah.
Auf diese Weise hatten Natsu und Lucy auch ausnahmsweise mal beide gleichzeitig ihre Ruhe. Sie liebten ihren Sohn, aber manchmal war es doch ganz schön, sich nicht um ihn kümmern zu müssen. Er war gerade in dem Alter, in dem man ihm keine Sekunde aus den Augen lassen durfte, ansonsten stellte er irgendetwas an.
Natsu half seiner Freundin auf die schwimmende Plattform zurück, auf der Lyon noch herumlümmelte. Seine aktuelle Freundin, eine pinkhaarige Schönheit namens Sherry, leistete ihm Gesellschaft und ließ die Füße im See baumeln. „Du solltest dir einen weniger verrückten Freund suchen, wenn dich das ernsthaft stört.“, schlug sie grinsend vor und ihr Tonfall deutete an, dass sie keinen Moment annahm, dass Lucys Proteste der Wahrheit entsprachen.
Diese schüttelte sich die Haare aus der Stirn, während sie an ihrem Bikinioberteil herumzupfte. Sie warf einen Blick zu Natsu hinüber, der unschuldig grinsend zu ihr aufsah, und konnte das sanfte Lächeln nicht unterdrücken, das sich auf ihre Lippen schlich. Sie sah wunderschön aus, beschienen vom Licht der Nachmittagssonne, die Haut golden gebräunt und lebendig wie der junge Morgen.
„Ach, weißt du, eine Weile halte ich es noch mit ihm auf. Er bringt auch ein paar Vorteile mit sich.“ Dabei zwinkerte sie Natsu zu, dem wieder einmal bewusst wurde, wie sehr er sie liebte – und dass dieses Gefühl im gleichen Maße erwidert wurde, es stand so offen in ihrem Blick, als wäre es Schwarz auf Weiß in ein Buch gedruckt.
„Wollen wir doch wohl hoffen.“, warf Lyon ein, die Augen noch immer geschlossen. „Geb den zwei doch nicht solche Ideen ein!“
„Ach, wenn ihre Liebe stark genug ist, bringt nichts sie auseinander.“, wehrte Sherry mit großer Geste ab und stand auf. „Lass uns vor dem Abendessen noch eine Runde schwimmen.“, bot sie Lucy an, die erfreut zustimmte.
„Schon so spät?“, wollte Natsu überrascht wissen und blickt sich um, als würde er irgendwie eine Uhr finden, aber natürlich tat sich kein magisches Ziffernblatt am Himmel auf.
„Sie haben schon das Feuer angemacht.“, berichtete Sherry und streckte sich, eine schlanke Silhouette im Gegenlicht. „Vielleicht solltet ihr mal rüberschwimmen und helfen. Fertig?“, wandte sie sich an Lucy, die sich neben ihr aufgebaut hatte und jetzt nickte. Mit Kopfsprüngen verschwanden die beiden jungen Frauen einen Moment im Wasser, ehe sie sie zwei Meter weiter wieder auftauchten und Kopf an Kopf davonkraulten. Zwischen ihnen hatte sich in der kurzen Zeit, die sie sich kannten, eine freundschaftliche Rivalität entwickelt.
Lyon hatte sich aufgesetzt und sah ihnen nach, ehe er sich gänzlich erhob. „Lass uns zurückschwimmen, ansonsten machen die noch was mit dem Essen falsch.“
„Außerdem muss ich mal nachsehen, ob mein Sohn Laxus nicht schon in den Wahnsinn getrieben hat.“, gab Natsu zu.
Am Strand herrschte an dem Platz, den die kleine Gruppe von Freunden sich gesichert hatte, bereits geschäftige Betriebsamkeit. Bixlow kümmerte sich um das Feuer, dirigiert von Evergreen, die mit verschränkten Armen danebenstand und ihm Befehle gab. Loke und Evergreens riesenhafter Freund, dessen Namen Natsu schon wieder vergessen hatte, holten die Körbe mit dem Essen aus den Autos und Erza und Gray diskutierten leise über etwas.
Für einen Moment erstarrte Natsu, bis er seinen Sohn bei Laxus und Freed entdeckte – oder besser, auf Laxus‘ breiten Schultern, von wo er sich umsah wie ein kleiner König. „Guck, Papa!“, brüllte er und winkte heftig. „So hoch!“
„Na endlich!“, beschwerte sich sein Träger und kam mit langen Schritten herüber, die Hände sicher um Stings Handgelenke geschlossen. „Ich bin doch nicht euer Babysitter! Hier, nimm dein Balg wieder an dich.“
„Tu nicht so, als hättest du keinen Spaß daran.“, erwiderte Natsu grinsend und nahm den Jungen entgegen.
Der zog ein langes Gesicht. „Hoch?“, wollte er wissen, doch Laxus runzelte nur die Stirn und grummelte: „Du warst schon lange genug da oben.“ Er warf einen kurzen Blick über die Schulter. „Vielleicht später wieder.“ Dann trollte er sich rasch, als hätte er Angst, doch sofort wieder nachzugeben.
Sting schmollte, wenn auch nur einen Moment. „Mama?“, verlangte er dann enttäuscht und sah sich um.
Natsu kam sich ein wenig überflüssig vor. „Die kommt gleich. Lass uns erst mal sehen, was das Essen so macht.“ Das hellte das kleine Gesicht wieder auf und brachte Natsu eine Umarmung ein. Damit war die Welt wohl wieder in Ordnung.
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„Schau, da oben, das ist der Große Bär.“, klang Lucys Stimme leise herüber. Sie saß etwas entfernt auf einem Stein, ihren Sohn im Schoss. Sting war schon eine Weile müde und entsprechend grätig, aber er hatte sich auch geweigert, ins Bett gebracht zu werden, ehe es komplett dunkel war.
So spät war er noch nie eingeschlafen, überlegte Natsu und warf wieder einen Blick zu seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind hinüber. Sting hatte sich an seine Mutter gekuschelt, Drachi den weißen Plüschdrachen eng an sich gedrückt. Sie hatten beide die Köpfe in den Nacken gelegt und Lucy deutete nach oben zu dem prägnanten Sternbild, das sogar Natsu von allein erkennen konnte.
Der Himmel war wolkenlos und sternenklar und hier draußen am See, wo es nur der Schein von Feuern und Taschenlampen gab, waren die Lichter der Himmelskörper besser zu sehen als an jedem anderen Ort, den Natsu kannte. Tausende und abertausende von kleinen Pünktchen waren am schwarzen Firmament verteilt, kleine Juwelen der Nacht. Wie Lucy in diesem Wirrwarr ihre geliebten Sternbilder ausmachen konnte, war ihm ein Rätsel, aber sie hatte keine Probleme dabei, sie zu finden.
„Oder besser, die Große Bärin, denn es ist ein Mama Bär.“ Lucy lächelte sanft und ihr Finger wanderte weiter nach oben zu einem anderen Sternbild. „Und das da oben ist der kleine Bär, ihr Sohn.“
„Ein Babybä.“, murmelte Sting schläfrig, seine Stimme kaum zu verstehen. „So wie ich und du.“
„Genau, so wie wir.“, bestätigte Lucy zärtlich. „Gemeinsam wandern sie jede Nacht über den Himmel, auch wenn sie wir sie nicht sehen können.“
Gray knuffte Natsu in die Seite. „Du siehst ziemlich rührselig aus.“
Für einen Moment war Natsu versucht, alles heftig abzustreiten, dann zuckte er nur mit den Schultern und grinste. „Mir wird nur wieder einmal mehr klar, dass ich die Beste von allen abbekommen habe.“ Er warf wieder einen Blick zu Lucy hinüber, auf deren Haar das Feuer goldene Highlights hinterließ.
Gray schnaubte, widersprach aber nicht, was so gut wie eine Zustimmung war.
Natsu wusste eh, dass er in diesem Punkt absolut recht hatte. „Apropos, was ist eigentlich mit deiner… Wie hieß die noch? Charlotte? Bei all den Weibern, die du mit anschleppst, kommt man ja durcheinander. Du bist inzwischen fast so schlimm wie Loke.“
„Carlotta.“, verbesserte Gray. „Wir haben uns getrennt. Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen, was wir von einer Beziehung wollen.“
Natsu konnte sich ganz gut vorstellen, wie genau diese aussahen. Die Ex wollte etwas Tiefergehendes, Langanhaltendes, während Gray mehr denn je nur mit einer Sexbeziehung etwas anfangen konnte. Lucy erklärte immer, das würde sich ändern, sobald er die Richtige traf, aber noch war das nicht geschehen.
Natsu war nur froh, dass ihm solche Dramen erspart blieben. Er hatte seine Richtige gefunden und morgen… morgen würde er das offiziell machen!
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Lucys Hand lang fest und sicher in seiner, während sie sich langsam einen Weg durch das knietiefe Gras suchten. Sie hatten für ihren spontanen Nachtspaziergang eine Taschenlampe mitgenommen, aber da die Wiese weit und frei war und das spärliche Licht vom Himmel doch noch hell genug, hatten sie darauf verzichtet, sie anzumachen. Wobei es eher Lucy war, die darauf bestanden hatte, Natsu hätte nichts dagegen, etwas mehr zu sehen.
Doch sie war so begeistert von dem Anblick über ihnen, den Sternen, der dünnen Mondsichel, dem weiten, dunklen Firmament, das hier so gut zu sehen war, dass er ihr den Spaß nicht nehmen wollte. Auch wenn das bedeutete, über die eine oder andere Wurzel oder Senke zu stolpern.
Immer wieder deutete sie nach oben und zeigte aufgeregt auf diesen oder jenen Stern und nannte seinen komplizierten Namen. Sie zeichnete mit dem Zeigefinger Bilder in den Himmel und erzählte die Geschichten dazu, angefangen bei Kalliope, die von einer Göttin in eine Bärin verwandelt worden war, weil sie das Keuschheitsgelübde gebrochen hatte – oder eher, weil ein anderer Gott sie dazu gezwungen hatte. Und nun wandelte sie gemeinsam mit dem daraus entstandenen Sohn über den Himmel.
Warum waren mit den Sternen eigentlich immer solch grauenvolle Geschichten verbunden? Nicht nur beim Großen Bär, irgendwie schienen sie das alle zu betreffen. Wie auch von Orion, der zur Strafe für seine Untaten auf ewig von dem Skorpion verfolgt wurde? Mord, Todschlag, Vergewaltigung… Als ob die damals nicht besseres zu tun hatten.
„Hey, warum gibt es eigentlich keine netten Geschichten, die mit den Sternen in Zusammenhang stehen?“, fasste er seine Gedanken in Worte und Lucy lachte. „Die gibt es schon. Manche Bilder haben mehrere Geschichten. Die Meinungen gehen halt auseinander.“
Nachdenklich blieb sie stehen, den Kopf noch immer in den Nacken gelegt. Auf ihrem Gesicht war das leichte, verzauberte Lächeln zu erahnen und in ihren Augen spiegelten sich die Sterne wider. „Sie sind wunderschön, oder nicht?“, flüsterte sie ergriffen und drückte seine Hand, ehe sie ihn losließ und lachend tiefer in die Wiese lief, noch immer nach oben blickend.
Ihre Haare, selbst jetzt in der Dunkelheit der Nacht gut zu erkennen, tanzten hinter ihr her und ihr weißes Sommerkleid schwang um ihre wohlgeformten Beine und für einen Moment konnte Natsu nur starren. Sie war wie eine wundersame, atemberaubende Fee aus einem Märchen, eine Sternenfee, die nur für ihn vom Himmel herabgestiegen war.
Übermütig und voller Leben drehte sie sich im Kreis, die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt, lachend in kindlicher Freude. Ihr Gesicht war mehr zu erahnen als zu erkennen, doch er sah das strahlende Lächeln darauf vor dem inneren Auge vor sich, ihre glänzenden Augen, ihre schlichte Begeisterung.
Um die so plötzlich aufwallenden, heftigen Gefühle zu überspielen, stopfte er sich die Hände in die Taschen seiner Shorts. Er hoffte, dass ihm diese Intensität niemals verloren ging. Automatisch schlossen sich seine Finger um das kleine Kästchen mit dem Ring darin, der ihn begleitete, seit er ihn gekauft hatte, und den er auch heute bei sich trug.
Worauf wartete er eigentlich noch? Auf ein blödes Picknick im Park? Auf strahlenden Sonnenschein und einen Pavillon, der Schatten warf? Auf Romantik, die nicht von ihm stammte, nicht wirklich, was Lucy auch ganz genau wusste?
Oder das hier?
Hier, unter den leuchtenden Sternen am weiten, dunklen Himmelszelt, nur hundert, zweihundert Meter von ihren Freunden und ihrem friedlich schlafenden Sohn entfernt, war der perfekte Ort, der perfekte Zeitpunkt.
„Hey, Natsu, was ist!?“ Lucys Stimme riss ihn aus den Gedanken und sie hob die Hände, um ihn zu sich zu winken. „Bist du im Stehen eingeschlafen, oder was?“ Sie lachte und Natsu beeilte sich, zu ihr aufzuschließen.
Als er sie erreichte, packte er sie aus lauter Übermut um die Hüften und schwang sie im Kreis, was ihr ein erschrockenes, kreischendes Auflachen entlockte. Doch statt sie wieder abzusetzen, hielt er sie nur fest und starrte zu ihr hinauf, ihre Silhouette dunkel gegen den Himmel und ihre Hände auf seinen Schultern.
„Ich hab nachgedacht.“, erklärte er und sie knuffte ihm leicht gegen die Schulter. „Pass nur auf, dass du dir dabei nicht weh tust.“ Sie blinzelte ihm zu, lächelnd. Er konnte es nicht sehen, weil ihr Gesicht im Schatten lag, aber er kannte sie. Er kannte sie besser als sich selbst und jeden anderen Menschen.
„Manchmal bin ich zu sowas fähig.“, versicherte er ihr hoheitsvoll. „Und ich dachte… Ich…“ Er verstummte. Trotz aller Sicherheit, dass das hier der richtige Zeitpunkt war, begleitet mit der Gewissheit, wie ihre Antwort aussehen würde, und seinem plötzlichen Entschluss, dass es hier und jetzt geschehen musste, war es nicht so leicht, die Worte über die Lippen zu bringen. Es mussten die richtigen Worte sein, verdammt noch mal! Nichts weniger hatte sie verdient.
„Ja?“, hakte sie nach, ihre Stimme sanft, und spielte mit den Haaren in seinem Nacken.
„Lass uns gemeinsam durchbrennen.“ Am liebsten hätte er sich geschlagen. Das waren nicht nur die völlig falschen Worte, eigentlich hatte er eine Frage stellen wollen, nicht einfach so annehmen wollen, dass sie zustimmte, Ja sagte, sondern…
Lucy aber gluckste nur amüsiert. „Natsu, so macht man keinen Heiratsantrag.“
Sie kicherte und beugte sich vor, um ihn zu küssen, sanft und so, so liebevoll, dass er ganz benommen davon wurde. Beinahe hätte er sie fallen lassen, aber stattdessen verstärkte er seinen Griff um sie und ihre Arme glitten um seine Schultern. Sie schmeckte süß und ihr Kuss war wie ein Versprechen für die Ewigkeit.
Später wusste er nicht mehr, wie lange es dauerte, bis sie sich wieder voneinander lösten. „Jaja, ich weiß.“, murmelte er, wie benebelt von ihrem lieblichen Duft nach Sommer und See und Sternennacht. „Aber soll das jetzt ein Ja sein, oder was? Ich hab auch einen Ring dabei.“
Sie schlug ihm leicht auf die Schulter. „Natürlich war das ein Ja, du Trottel! Und jetzt lass mich runter, damit wir zu den anderen zurückgehen und die frohe Botschaft verkünden können. Aber zuerst will ich diesen Ring sehen.“
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Hand in Hand kehrten sie an das Feuer zurück, dessen Flammen hoch schlugen und hell in der Dunkelheit brannten, so dass sie schon von weitem gut zu sehen waren. Alle darum Versammelten blickten auf, als sie wieder herantraten, als könnten sie riechen, dass etwas vorgefallen war.
Oder vielleicht war es auch nur Lucys strahlendes Lächeln, das ihr Gesicht zierte und nicht weichen wollte. Natsu fragte sich, ob ihre Wangen von dem Dauerlächeln schon schmerzten, doch sie schien das nicht zu realisieren. Alle ihre Freunde waren inzwischen wieder um das Feuer versammelt, selbst Lyon und Sherry, die sich vorhin ebenfalls davongemacht hatten, waren wieder zurückgekehrt. Nur Sting lag etwas entfernt auf der mitgebrachten Decke, eingekuschelt in seinen Quilt und Drachi fest im Arm, wie ein kurzer, vergewissernder Blick in seine Richtung zeigte.
„Wir werden heiraten!“, verkündete Lucy ohne weitere Formalitäten und für einen Moment war es still.
„Herzlichen Glückwunsch!“, posaunte Evergreen dann lautstark, dicht gefolgt von einer zurückhaltenderen Sherry mit den gleichen Worten.
„Wurde aber auch Zeit!“, brüllte Bixlow aus dem Hintergrund und Laxus knurrte. „Na endlich!“
Erza dagegen stieß einen empörten Schrei aus. „A-aber…!“
„Her mit der Kohle.“, verlangte Gray und streckte eine Hand in Erzas Richtung aus.
Die blies beleidigt die Backen auf. „Was ist mit all der Arbeit, die ich in diese Angelegenheit hineingesteckt habe?! Und…“
„Geld…?“, fiel Lucy ihr ins Wort und verengte die Augen.
Auch Natsu blinzelte verwirrt. Von Geld war nie die Rede gewesen…? Worum ging es da genau…?
Loke lachte. „Die haben nur eine Kleinigkeit gewettet.“
„Auf was? Auf uns?!“ Lucy stieß einen empörten Schrei aus und Natsu lachte. Was hatte sie anders erwartet?
„Darauf, dass Natsu es nicht bis morgen abwarten kann wie geplant.“
„Geplant?“ Lucy runzelte die Stirn und wandte sich zu Natsu um. In ihrem Gesicht stand ein schwer lesbarer Ausdruck – war das echte Ergriffenheit in ihrem Blick?
„Schau nicht so, der ist auch zu sowas in der Lage.“, bemerkte Freed und Natsu schob gespielt schmollend die Unterlippe vor.
„Ich habe wirklich vorgeplant!“, verteidigte er sich. „Ich kann das auch!“
„Wie auch immer“, wischte Loke all das beiseite und nahm Lucy in die Arme. „Ich freue mich für euch! Herzlichen Glückwunsch!“
Die Blondine lachte und jetzt kamen sie alle heran für Glückwünsche und eine Umarmung oder zumindest einen Handschlag, selbst Laxus. Im Hintergrund wechselten einige Geldscheine den Besitzer und Erza sah dabei ziemlich sauer aus, während Gray unverschämt breit grinste.
Aber das konnte Natsus Freude nicht schmälern und Lucy nahm seine Hand und schenkte ihm das strahlendste Lächeln, das er heute von ihr gesehen hatte, und er wusste, sein Leben war vollkommen. Das musste Liebe sein.
Die Einzige, die Wahre.
