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Metamorphosis

von

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Money


 

Metamorphosis

Metamorphose (griechisch μεταμόρφωσις metamórphosis) steht für:

Veränderung oder Umwandlung von Form oder Zustand

o1. Money

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Geld.
 

Darauf hatte ich mein Leben ausgerichtet. Es war das einzig wichtige für mich. Auf Geld konnte man sich immer verlassen. Es betrog und hinterging einen nicht, sein Wert war immer offen ersichtlich. Geld konnte nicht lügen.

Die Menschen hingegen schon. Sie waren es nicht wert, dass man ihnen vertraute. Vor langer Zeit, als ich es noch nicht besser wusste, hatte ich es doch einmal getan. Und alles, was es mir einbrachte, war Verrat, Enttäuschung und Schmerz.
 

Doch diesen Fehler würde ich nicht wiederholen.
 


 

Unsere Gegner machten keinen besonders starken Eindruck. Doch ich wusste, dass sie noch irgendein Ass im Ärmel haben mussten. Oder sie waren einfach nur dumm uns anzugreifen.
 

«Überlass den da mir!» Hidan deutete mit vor Kampfeslust funkelnden Augen auf den stämmigen Kerl, der sich als Anführer der fremden Shinobi entpuppt hatte. Ich nickte, bemitleidete ihn eine halbe Sekunde lang dafür, dass sein Leben durch ein qualvolles Ritual eines Fanatikers enden würde.
 

«Pass auf, unterschätz ihn nicht», warnte ich Hidan, doch der Silberhaarige lachte nur selbstgefällig. Innerlich schwor ich mir einmal mehr, dass ich ihn irgendwann für seine Arroganz umbringen würde.
 

Während Hidan sich mit dem Anführer befasste, kümmerte ich mich um die drei anderen. Recht schnell stellte sich heraus, dass meine Gegner zwar nicht schwach waren, mir jedoch keine Schwierigkeiten bereiten würden. Es war nicht einmal nötig meine Masken aus meinem Rücken zu beschwören.

Dem Ersten schnitt ich die Kehle durch, der Zweite erwischte ich mit meinen Fäden. Ich schlang sie um seinen Körper und zerquetschte ihn wie eine Fliege. Man hörte sogar wie seine Knochen brachen.
 

Nach dem Tod des Zweiten, hatte sich der Letzte erstmal zurückgezogen. Ich war großzügig, ließ ihm die Zeit sich einen Plan zurechtzulegen, wie er gegen mich vorgehen sollte und nutzte die Pause, um zu überprüfen, ob Hidan mit dem Stämmigen fertig wurde.

Die beiden waren in einem raschen Schlagabtausch im Nahkampf verwickelt. Hidan musste wohl irgendwann im Kampf seine Sense verloren haben, denn er versuchte ohne sie an das Blut des Gegners zu gelangen. Doch sein Kontrahent war schnell, teilte viele Schläge aus, steckte nur wenige ein und wich dem Kunai, das Hidan statt seiner Sense benützte, immer geschickt aus.
 

Sie sprangen auseinander um zu verschnaufen und während Hidan mit wütendem Gesicht die Gegend nach seiner Sense absuchte, formte der Fremde plötzlich Fingerzeichen. Dieses Jutsu hatte ich noch nie gesehen. Seine rechte Faust glomm plötzlich auf, während Blitze seine Knöchel umwaberten. Chidori kam mir in den Sinn, aber bei genauerer Betrachtung, sah es doch irgendwie anders aus.

Hidan konnte dem Schlag nur knapp mit einem Sprung zur Seite ausweichen. Der Kerl traf mit seiner Faust stattdessen einen massiven Felsen der Steinklippe, die hinter uns in die Höhe ragte. Ein heftiger Knall entstand, eine kleine Druckwelle rollte über sie hinweg, die sogar mich erreichte, als ein großer Teil des Gesteins in tausend Einzelteile zersprang. Die Klippe erbebte, krachend kamen Felsbrocken von oben herabgestürzt. Die Überreste des getroffenen Felsens waren kaum mehr als Partikel, welche so klein waren, dass sich ein feiner Sprühregen vom Himmel ergoss.
 

Was für eine zerstörerische Kraft.
 

«Hidan, pass auf!», versuchte ich ihn zu warnen, als der Jüngere sicher am Boden aufkam. Doch Hidan schnalzte nur mit der Zunge, schien genervt über mein Einmischen. Er begriff wohl nicht, wie ernst die Lage war. Wenn er sich von diesem Jutsu treffen ließ, würde nur noch Staub von ihm übrig sein. Auch wenn er von seiner Unsterblichkeit überzeugt war; Staub konnte ich nicht zusammennähen.
 

Der Kerl formte erneut Fingerzeichen, kurz darauf waren wir in Nebel gehüllt, den er nun als Deckung nutzte. Ich sah, wie er zu einem weiteren Angriff von hinten ansetzte. Hidan schien sein Positionswechsel nicht mitbekommen zu haben, denn er stand ungeschützt noch an derselben Stelle und versuchte seinen Gegner in der falschen Richtung auszumachen.
 

Gebannt sah ich zu, wie der fremde Shinobi unbemerkt mit gewaltiger Geschwindigkeit auf Hidan zu raste. Ich wollte ihn erneut warnen, doch dafür blieb keine Zeit mehr. Mein Kopf war leer und alles, woran ich denken konnte war, dass von Hidan nicht mehr viel übrig sein würde, sollte er da nicht ganz schnell verschwinden.

Meine Beine bewegten sich wie von selbst. Ich preschte vor, überwand den Abstand zu ihm so schnell ich konnte, warf mich gegen ihn und schaffte es noch rechtzeitig, ihn aus der Gefahrenzone zu stoßen.
 

Dann traf das Jutsu mich anstelle von Hidan.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

I want you to be alive

I want you to be alive, You don't gotta die today

You don't gotta die

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Partner


 

o2. Partner

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Partner.
 

Ich hasste jeden meiner Partner. Doch Hidan hasste ich von allen am meisten. Dass ich ihn nicht töten konnte und gezwungen war mich mit ihm auseinanderzusetzen, war der Hauptgrund dafür. Ich war ein Einzelgänger und brauchte niemanden der mir im Weg stand. Doch diese Partnerschaft konnte ich nicht wie die vorherigen, durch einen unglücklichen Unfall, auflösen. Also ertrug ich sie widerstrebend. Tag um Tag fiel es mir ein Stück leichter, bis ich sie irgendwann akzeptiert hatte. Ich gewöhnte mich an Hidan. Und auch wenn ich ihm noch immer oft damit drohte, dass ich ihn irgendwann umbringen würde, so dachte ich immer seltener darüber nach, es auch wirklich in die Tat umzusetzen.
 

Ich konnte nicht genau sagen, wann diese ernst gemeinte Drohung ein leeres Versprechen geworden war.
 


 

Als ich zu mir kam, wunderte ich mich, dass ich noch lebte.
 

Doch schon im nächsten Augenblick wünschte ich, ich wäre tot. Denn mein Körper durchzuckten heftige Muskelkrämpfe, mir war unsagbar schlecht und alles brannte wie Feuer. Es fühlte sich an, als würde ich von tausend Nadeln durchbohrt werden.

Ich lag auf dem Rücken und schaffte es nur mit Mühe, mich auf die Seite zu drehen. Ich fühlte mich elend. Obwohl mir alles weh tat, spürte ich meinen Körper nicht, er war regelrecht taub. So musste es sich anfühlen, wenn man vom Blitz getroffen worden war. Meine Brust schmerzte höllisch, ich war wie benommen und jede Sekunde schien der Schmerz noch etwas stärker zu werden. Ich schnappte nach Luft, versuchte normal zu atmen, mich zu beruhigen und nicht in Panik zu verfallen. Irgendwann würde es schon besser werden.
 

Als mich das Jutsu erwischt hatte, musste ich wohl im Reflex meinen Körper verhärtet haben. Anders konnte ich mir nicht erklären, wie ich das überlebt haben sollte. Aber ich konnte mich auch zu früh freuen. Denn es fühlte sich eher so an, als würde mich mein Ende gerade herbeieilen.
 

Meine Finger gruben sich in die Erde und da ich es nicht schaffte aufzustehen, schliff ich mich unter Anstrengung vorwärts. Ich kroch orientierungslos geradeaus, wusste nicht wo ich war oder wohin ich wollte.

Um mich herum war Wald, also konnte ich mich nicht mehr auf dem Kampfplatz befinden. Ich musste durch die Wucht des Schlages wohl bis in das kleine Waldstück, das sich links der Klippe erstreckte, geschleudert worden sein.
 

Das war gut.

Ich konnte nicht weiterkämpfen. Ich brauchte eine Pause.
 

Ein Geräusch von herannahenden Schritten nahm ich plötzlich hinter mir wahr, als ich es gerade bis an einen Baum geschafft hatte, gegen den ich mich nun mit der Schulter lehnte. Meine Kleidung wies an zahlreichen Stellen Risse auf, mein Stirnband sowie meine Gesichtsverhüllung war fort. Sie mussten wohl hier irgendwo im Wald herumliegen.

Meine erhitzte Stirn berührte die raue Rinde und ich kniff die Augen zusammen, als mich eine weitere Welle des Schmerzes durchfuhr.
 

Die Schritte verstummten dicht hinter mir.
 

«Ah, da bist du. Hat dich ganz schön erwischt, was?»
 

Hidan. Ich wollte ihn nicht sehen. Ich wollte in meinem geschwächten Zustand niemanden um mich haben.

Ich drehte ihm den Rücken zu, da ich nicht wollte, dass er mitbekam wie fertig ich war. Zumal mir erst jetzt auffiel, dass sich mein Körper nicht mehr richtig zusammenhalten konnte. Die Nähte hatten sich gelockert, meine Arme baumelten halb an den schlaffen Fäden und ich wollte gar nicht wissen, wie mein Gesicht aussah. Die Fäden zuckten immer mal wieder irritiert, ich hatte kaum noch Kontrolle über sie. Da war es nicht verwunderlich, dass ich mich nur noch kriechend fortbewegen konnte.
 

«Verschwinde», krächzte ich und erschrak über meine kraftlose Stimme. Meine Zunge lag mir wie ein vollgesogener Schwamm im Mund. Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper an, wodurch mir das Sprechen schwer fiel.
 

Ich war es gewohnt, dass Hidan nicht auf mich hörte, doch gerade hoffte ich inständig, dass er es dieses mal tun würde.
 

«Warum hast du dich eingemischt? Ich hätte den Kerl schon noch fertiggemacht!»

Der Plauderton, den Hidan angeschlagen hatte, hätte mir nicht deutlicher zeigen können, dass er sich der Gefahr, der er vor nur wenigen Minuten so knapp entgangen war, noch immer nicht bewusst war.
 

«Wo sind die Feinde?», fragte ich, bemüht, meine Stimme dieses mal fester klingen zu lassen.
 

«Dem Fettsack ist die Puste ausgegangen und ist mir entwischt. Sein Jutsu hat ihn wohl viel Kraft gekostet, er hat es kein drittes mal anwenden können. Einer seiner Untergebenen hab ich in den Büschen gefunden. Er hatte die Ehre mir als Opfergabe für Jashin-sama zu dienen.»
 

Ich musste ein Keuchen unterdrücken, als meine Brust erneut ein starker Schmerz durchzuckte. Meine Sicht verschwamm, als ich mit zitternden Fingern umständlich meinen Mantel öffnete. Nachdem ich mir das Oberteil auch noch runter gerissen hatte, ergoss sich ein Schwall Fäden, die sich nicht mehr in mir halten konnten, wie ein Wasserfall aus meiner halb offenen Brust über den Boden.
 

«Hey, was ist mit dir? Du siehst irgendwie übel aus…»

Ich konnte seinen Blick regelrecht auf meinem Rücke kleben fühlen. Dann hörte ich, wie er sich mir langsam näherte.
 

«Bleib weg!», zischte ich und Hidan blieb stehen.
 

Ich musste die zerstörten Herzen aus mir entfernen. Auch wenn ich das nicht tun wollte, solange Hinan in meiner Nähe war, es musste jetzt geschehen. Ich musste sie so schnell wie möglich loswerden. Denn wenn ich dieses tote Gewebe zu lange in mir trug, würde es mich nach und nach vergiften. Dazu war es nicht sehr angenehm etwas in sich zu haben das langsam verfaulte.

Ich schloss die Augen, konzentrierte mich darauf, die Herzen, die nicht mehr schlugen, hinauszubefördern. Das erste glitt aus meiner Brust, das zweite fiel mit einem klatschenden Geräusch daneben.
 

«Du erinnerst dich, was mit dem Felsen geschehen ist…?», versuchte ich Hidan meinen Zustand zu erklären. Auch wenn ich im Moment gewiss besseres zu tun hatte.

Er antwortete mir erst nach einer langen Verzögerung.
 

«Du meinst, dass, wenn er mich erwischt hätte, ich genauso wie der Felsen….»

Er redete nicht weiter, also musste er es endlich begriffen haben.
 

Ein drittes Herz folgte. Beim vierten geriet ich für einen Moment in Panik und tastete mit den Fäden, die mir noch gehorchten, aufgeregt nach dem letzten. Doch mein eigenes schlug noch. Zwar schnell und unregelmässig, doch es schien ansonsten unversehrt.
 

Das Jutsu des Fremden hatte mich vier mal umgebracht. Es war schon Jahrzehnte nicht mehr vorgekommen, dass ich mehr als drei Herzen einbüssen musste.
 

«Es hat dich vier Herzen gekostet.» Stellte Hidan fest und ich realisierte erschrocken, dass er neben mich getreten war. Mit fasziniertem Blick musterte er die toten Herzen auf dem Waldboden, bevor er mich dann mit undeutbarer Miene anstarrte. Ich drehte mich noch etwas mehr von ihm weg, im Versuch, mein entstelltes Äußeres vor ihm zu verbergen.
 

«Ich will es sehen», forderte er leise.
 

Ich wusste nicht, was er damit meinte. Doch als er vor mir in die Hocke ging, wurde ich unruhig. Ich traute Hidan nicht, er war unberechenbar. Er sollte mir nicht zu nahe kommen. Vor allem gerade jetzt nicht, wo ich so verwundbar war und es nur einem einzigen Handgriff bedurfte, um mir den Rest zu geben.

Aber vielleicht hatte er ja genau das vor? Lag es in seiner Absicht mich zu töten? Wollte er die Gelegenheit nutzen und mir all meine Gemeinheiten zurückzahlen indem er mich womöglich seinem Gott opferte?
 

«Das, das noch übrig ist… es ist dein eigenes, nicht wahr?»
 

Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn, als mir so langsam aufging wovon er sprach. Die übelsten Vorstellungen – davon, was er alles mit mir vor haben könnte – manifestierten sich in meinem Geist. Dieser Stress wirkte sich negativ auf meinen Kreislauf aus, weiße Flecken tanzten mir bereits vor den Augen. Ich musste weg von hier. Doch wie sollte ich davonkommen, wenn ich mich kaum bewegen konnte?
 

Ich versuchte meinen Kopf anzustrengen und mir was zu auszudenken. Doch alles was es mir einbrachte waren Kopfschmerzen, ein schummriges Gefühl – als ob die Welt sich drehen würde – und Übelkeit.
 

Ich wollte doch bloß in Ruhe gelassen werden.
 

«Bleib weg, verpiss dich!» Ich verharrte wo ich war und versuchte bedrohlich zu klingen, keine Schwäche zu zeigen. Doch sogar in meinem benebelten Zustand merkte ich, dass ich kläglich gescheitert war.
 

Hidan ignorierte meinen Einwand einfach. Ich konnte nichts dagegen tun, als er mich an der Schulter zu sich drehte. Er musterte mein Gesicht ausgiebig, sah dann hinab auf meine Brust, die noch immer offen stand. Als er die Hand nach mir ausstreckte, versuchte ich meine gelähmten Arme mit aller Kraft dazu zu bewegen, ihn von mir fern zu halten. Doch ich war zu geschwächt, um wirklich etwas ausrichten zu können. Hidan machte meine Versuche mit Leichtigkeit zunichte und irgendwann fehlte mir die Kraft für weitere Gegenwehr. Als er schließlich die Fäden berührte, die sich um das Loch in meiner Brust gesammelt hatten, glaubte ich, mein letztes Herz würde gleich stehenbleiben.
 

«Argkh…»
 

Meine Augen weiteten sich, mir wurde kurz schwarz vor Augen, als er mit seiner Hand einfach in mich glitt. Es tat nicht sonderlich weh. Doch es war absolut unangenehm und fühlte sich intimer an als alles, was ich bisher mit jemandem geteilt hatte.

Er bewegte seine Finger in mir, durchwühlte mein Inneres, als wäre er auf der Suche nach etwas. Verzweifelt drückte ich mich von Hidan weg, um so viel Distanz wie möglich zu ihm zu schaffen, doch der Baumstamm in meinem Rücken verhinderte jedes Entkommen.
 

Ich keuchte erstickt auf, als meine Befürchtung wahr wurde und Hidan die Stelle fand, die er gesucht hatte. Die Fäden, die sich zu einer Art Schutzschild um mein letztes Herz gesammelt hatten, schob er einfach beiseite.
 

«Hör auf», krächzte ich, war nun schon so weit, dass ich darum flehte. Doch ich wusste, er würde nicht aufhören.

Ich bekam kaum noch Luft, verfiel beinahe in Schnappatmung und verkrallte mich mit aller Kraft, die mir noch geblieben war, in seinen Arm. Ich kratzte ihm die Haut auf, hinterließ ein paar blutige Striemen, was Hidan jedoch einfach ignorierte.

Und dann trafen sich unsere Blicke, verhakten sich ineinander. Das Lila seiner Irden brannte sich in meine Netzhaut, während mir mein eigener, hektischer Herzschlag in den Ohren hämmerte und ich meinem Ende entgegensah.
 

Das Letzte das ich spürte war eine zarte Berührung. Wärme, die sich um mein Herz legte und dann war da nur noch… Finsternis.
 


 

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I don't wanna be alive

I don't wanna be alive, I just wanna die today

I just wanna die

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Death


 

o3. Death

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Tod.
 

Man konnte ihn hinauszögern oder verkürzen, doch betrügen konnte man ihn nicht. Irgendwann würde ihn jeder ereilen. Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, ihn so lange wie möglich hinauszuzögern. Der Tod sollte es schwer haben, mich holen zu kommen. Ich wollte leben. Lang. Länger als irgendjemand sonst.

Doch mit den Jahren hatte ich vergessen, was meine Gründe dafür waren. Warum wollte ich das? Warum wollte ich überhaupt leben? Was gefiel mir daran die Menschen, die mir begegneten, aufwachsen, leben und dahinscheiden zu sehen? Ging es mir nur darum, sie alle zu überdauern?

Oder wartete ich? Wartete ich auf etwas, das ich noch erleben wollte, bevor ich mich mit dem Tod abfinden konnte? Dachte ich wirklich, dass das Leben noch etwas Gutes zu bieten haben müsste?
 

Warum nur erschien mir das alles so sinnlos?
 


 

Kälte.
 

Hidans Hand fühlte sich kalt an und am liebsten wollte ich schreien. Doch meine Kehle war wie zugeschnürt, deshalb würgte ich nur einen erstickten Laut hervor.
 

Ich sah sein boshaftes Grinsen, als er seine Finger fester um mein Herz schloss, welches verzweifelt gegen das sich immer enger werdende Gefängnis anschlug. Als ich glaubte es nicht länger auszuhalten ging plötzlich ein Ruck durch meinen Körper. Aus Schock geweiteten Augen sah ich, wie mir Hidan das Herz aus der Brust riss. Seine Hand war blutbeschmiert und ich starrte auf den Fleischklumpen, der darin lag. Ein, zwei mal pochte dieser noch schwach, bevor es endgültig erstarb.
 

Der Silberhaarige grinste noch immer, sah mit einer verzogenen Grimasse des Hasses auf mich hinab, bevor er seine Zähne in mein totes Herz schlug. Wie ein hungriger Wolf riss er einen Fetzen davon ab, rümpfte die Nase und spuckte ihn mir angewidert entgegen.
 

Als er mein fassungsloses Gesicht bemerkte, brach ein manisches Lachen aus ihm. Sein Brustkorb vibrierte, ein irres Funkeln lag in seinen Augen. Sein Gelächter hallte auf widerwärtigste Weise in meinen Ohren wider. Mir dröhnte der Schädel und ich schnappte nach Luft. Erfolglos. Ich brauchte dringend Sauerstoff, doch mit jedem Atemzug wurde das Gefühl, als würde ich ersticken, schlimmer. Und dann wusste ich plötzlich auch warum – da war kein Herz mehr, das ich mit Sauerstoff versorgen konnte.
 

Ich war tot.
 

Doch warum fühlte ich kein Bedauern, keine Trauer oder Furcht? Da war nur… Erleichterung. Erleichterung darüber, dass das alles nun endlich ein Ende hatte.
 

Keuchend und schweißnass fuhr ich auf. Mein Atem ging stoßweise, als ich panisch meine Brust abtastete. Doch da war kein Loch. Und nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass mein Herz noch in meiner Brust war und seinen Dienst tat, wurde mir klar, dass ich bloß geträumt hatte. Beruhigt legte ich mich wieder hin, doch schon im nächsten Moment rebellierte mein Magen und ich rollte mich zur Seite und übergab mich auf den kalten Steinboden. Da sich nichts in meinem Magen befand, kam nur Galle hoch.

Angewidert spuckte ich noch ein paar mal aus, bis sich der Geschmack wenigstens ein bisschen aus meinem Mund verflüchtigt hatte. Schwer ließ ich mich wieder zurückfallen, atmete tief ein und aus. Eine eisige Kälte hatte sich bis in meine Knochen gefressen, was sich als starkes, unkontrolliertes Zittern äußerte, das mich keine Sekunde in Ruhe ließ. Ich ignorierte es – genauso wie das taube, kribbelnde Gefühl in meinen Gliedern, als wäre die Blutzufuhr unterbrochen – und versuchte mich stattdessen zu erinnern was geschehen war.
 

«Du bist wach.»
 

Ich wandte den Kopf und entdeckte Hidan, der am Eingang der kleinen Höhle stand, in der ich mich befand. Er hielt gesammeltes Brennholz in den Händen und musterte mich, sah nur kurz auf mein Erbrochenes, wozu er jedoch nichts sagte, ehe er wieder mich fixierte.

Seine bloße Erscheinung reichte aus, um meine Erinnerung schlagartig zurückkehren zu lassen – der Kampf, wie ich mich gegen ihn warf, das Jutsu das ich abbekam, der Wald, meine zerstörten Herzen und wie Hidan mir mein letztes herausreißen wollte.
 

«Ich dachte schon, du wachst gar nicht mehr auf.»
 

«Wie lange war ich weg?»
 

Mein Partner trat näher, was ich unter Anspannung beobachtete. Doch meine Bedenken waren unbegründet, denn er setzte sich nur zu mir hin und machte sich daran, die Zweige und Äste in die kleine Feuerstelle zu stapeln.
 

«Fast drei Tage.»
 

«Mir ist so kalt», rutschte es mir heraus. Mir war es gerade egal, was Hidan von mir denken mochte, aber mir war so elend kalt, dass ich es kaum aushielt.
 

«Sorry, mir ist das Feuer ausgegangen. Wird gleich besser. Aber vielleicht war das nichtmal schlecht. So bist du wenigstens wieder von den Toten auferstanden. Ich hätte bald wirklich nicht mehr gewusst, was ich noch tun soll. Hier, trink.»

Er schob mir einen Becher hin, den ich sogleich mit zitternden Fingern ergriff. Mühselig richtete ich mich auf und erst als das Wasser meine Kehle benetzte, merkte ich, wie durstig ich eigentlich war. Ich trank so hastig, dass ich mich beinahe verschluckte. Als mein Durst vorerst gestillt war, fiel ich keuchend zurück.
 

Und während Hidan mit dem Feuer beschäftigt war, nutzte ich die Gelegenheit um zu überprüfen, wie schlimm es um mich stand.

Mein Körper schmerzte, mir war unsagbar kalt und ich wurde noch immer von leichten Krämpfen geschüttelt. Jedoch konnte ich mich wieder einigermaßen bewegen, wenn auch jede Bewegung enorme Anstrengung kostete. Meine Nähte lagen wieder straff, die Fäden quollen mir nicht mehr wie kraftlose Würmer aus den Öffnungen. Was nichts daran änderte, dass ich mich schwach, ausgelaugt und auch ein wenig benommen fühlte.
 

Ein Knacken ertönte, als Hidan es geschafft hatte, das Feuer neu zu entfachen. Vorsichtig rutschte ich etwas näher heran, griff mir meinen Mantel, der halb meine Beine bedeckte und zog ihn mir als Decke fungierend bis hoch zu den Schultern.

Wachsam beobachtete ich Hidan, folgte jeder seinen Bewegungen misstrauisch und suchte nach dem kleinsten Anzeichen dafür, dass er etwas im Schilde führte. Auch wenn ich noch lebte, konnte ich nicht ausschließen, dass er meine momentane Schwäche doch irgendwie ausnutzen wollte – auf welche Weise auch immer.

Doch Hidan verhielt sich normal. Nur ein wenig schweigsam kam er mir vor, wie er da im Schneidersitz am Feuer saß und in die Flammen starrte. Ein paar mal sah er zu mir rüber, wandte den Blick jedoch gleich wieder ab, wann immer er dem meinen begegnete.
 

Und irgendwann war ich zu erschöpft, um ihn weiter im Auge zu behalten. Ich gab auf, schloss die Augen – die mir sowieso schon immer mal wieder zugefallen waren – und ließ mich von der wohltuenden Wärme des Feuers einmummen.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

I've been on the low, I been taking my time

I feel like I'm out of my mind, It feel like my life ain't mine

Who can relate?

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Heart


 

o4. Heart

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Herz.
 

Ich dachte wirklich, dass es mir Hidan herausreißen würde.

Wir waren Partner und ein eingespieltes Team wenn es ums Kämpfen ging. Doch das waren wir nur weil wir es mussten. Sonst war da nichts zwischen uns. Hidan war einzig und allein an seinem Gott interessiert, so wie ich an meinem Geld. Etwas anderes war keinem von uns wichtig.

Er hatte es immer gehasst, wie ich mit ihm umgesprungen war. Ich stellte meine Überlegenheit ihm gegenüber immer offen zur Schau. Es bereitete mir Spaß, ihn damit zu provozieren. Deshalb dachte ich, dass er mich sofort seinem Gott opfern würde, sollte sich irgendwann die Gelegenheit dazu ergeben.
 

Warum hatte er sie verstreichen lassen?
 


 

Ich wollte mich ausruhen, doch anscheinend hatte ich die letzten Tage genug Ruhephasen gehabt, denn es gelang mir nicht mehr richtig einzuschlafen. Ich war wach, doch mein Körper zu geschwächt, als dass ich groß etwas anderes hätte tun können, als da zu liegen.

Und so vergingen Stunden, in denen ich bloß vor mich hin döste.
 

Ich dachte viel nach. Vor allem über Hidan.
 

Er verhielt sich soweit ruhig und tat ansonsten so, als wäre nichts passiert. Also kam ich zu dem Schluss, dass von ihm keine Gefahr ausging. Denn wenn er mich töten wollte, hätte er es schon längst getan. Und falls er es doch noch vor hatte, würde ich mich in nächster Zeit sowieso nicht verteidigen können. Also spielte es keine Rolle, wenn ich mich einfach fallen ließ. Denn ständig meine Sinne geschärft zu halten war auf Dauer anstrengend und das förderte wohl kaum meine Genesung.
 

Ich wusste nicht warum er sich zurückhielt. Aber vielleicht war es so etwas wie ein Waffenstillstand, eine Schonfrist, die vorbei sein würde sobald es mir besser ging? Weil er dachte, dass er mir etwas schulden würde? Würde jedenfalls erklären, warum er mit seinen Sticheleien sparte, mit denen er mir, vor dem allem, jeden Tag auf die Nerven gegangen war.
 

Im Halbschlaf bekam ich mit, wie er die Höhle einmal verließ, jedoch nicht lange weg blieb. Und als ich das nächste mal die Augen aufschlug, sah ich, dass er mir neues Wasser geholt, sowie mein Erbrochenes weggespült hatte. Ich sagte nichts dazu, war ihm aber dankbar, denn es war nicht gerade angenehm, daneben zu liegen und sich kaum davon weg bewegen zu können.
 

Auf unseren Reisen kümmerte sich jeder um seinen eigenen Kram und eigentlich waren wir zwei Einzelgänger, die gezwungenermaßen in einem Team feststeckten. Wir waren auf einer Höhe, schenkten dem anderen nichts. Deshalb war es ungewohnt, nun in gewisser Hinsicht auf Hidan angewiesen zu sein. Und umso seltsamer war es, dass er sich, ohne die Situation auszunutzen, tatsächlich um mich kümmerte – auch wenn es sich nur um das Nötigste handelte.
 

Eine Frage schwebte den ganzen Tag lang unausgesprochen zwischen uns. Und mit jedem Blick, den Hidan mir zuwarf, schien sie noch etwas drängender zu werden.
 

Warum hast du das getan?
 

Ein paar mal hatte es den Anschein, als würde sie mir Hidan tatsächlich stellen wollen. Doch am Ende tat er es doch nicht, was mir mehr als recht war. Denn ich hätte keine Antwort darauf gewusst. Wenn mir selbst nicht klar war, warum ich mein Leben für ihn auf's Spiel gesetzt hatte, wie sollte ich es dann ihm erklären?
 

Irgendwann in der Nacht, mein Bewusstsein schwebte noch immer zwischen Wach und Schlaf, da spürte ich etwas an meinem Rücken. Es war warm und drückte sich leicht gegen mich.
 

«Du hast mich gerettet», flüsterte eine Stimme in der Dunkelheit.
 

Nur wenig später war ich mir bereits nicht mehr sicher, ob ich mir das nicht doch bloß eingebildet hatte. Denn die zweite Wärmequelle trug dazu bei, dass diese hartnäckige Kälte wenigstens etwas aus meinen Knochen wich und ich langsam in einen tiefen, traumlosen Schlaf abdriftete.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –
 

Ich erholte mich nur sehr langsam.
 

Die meiste Zeit verbrachte ich damit, am Feuer zu liegen und meinen Gedanken nachzuhängen.

Ich hasste dieses nichts tun, doch mein Körper brachte Ruhe und ich war nicht so dumm, ihm diese nicht zu lassen oder ihn voreilig wieder zu stark zu belasten. Immerhin war ich nur knapp dem Tod entronnen, also ging ich es langsam an.

Ich war kein redseliger Typ, hielt mich was Kommunikation anging nur an das Nötigste. Und doch erfreute ich mich daran, wann immer mir Hidan etwas erzählte. Auch wenn es sich um noch so etwas Belangloses handelte und ich nur selten etwas darauf erwiderte – ich hörte zu. Es vertrieb meine Langeweile wenigstens ein bisschen.
 

Hidan verließ die Höhle mehrmals am Tag. Ich wusste nicht genau, was er tat oder wohin er ging. Doch vermutlich hielt er nach Feinden Ausschau oder vielleicht schlug es ihm genauso wie mir auf’s Gemüt, so lange untätig herumzusitzen und er vertrat sich nur die Beine.

Allzu lange ließ er mich jedoch nie alleine.
 

Unsere Essensvorräte mussten während meiner Bewusstlosigkeit zur Neige gegangen sein, denn Hidan kam gegen Abend des zweiten Tages mit einem erlegten Hasen und ein paar gesammelten Beeren von einer seiner Ausflüge zurück. Er briet das Fleisch über dem Feuer und auch wenn ich mehrmals sagte, dass ich keinen Hunger hätte, beharrte Hidan so lange darauf, dass ich etwas zu mir nahm, bis ich nachgab. Ich kriegte nicht viel runter, doch wenigstens behielt ich es im Magen.
 

Es vergingen zwei weitere Tage und das Bedürfnis mich zu waschen nahm am dritten Tag überhand.

Es war eine Erleichterung, als ich den ersten Schritt aus der Höhle tat und endlich etwas anderes zu sehen bekam als kalte Steinwände. Ich folgte mit noch wackeligen Beinen dem Weg, den Hidan mir beschrieben hatte und fand den kleinen Bach wenig später. Ich kniete mich ans Ufer, verschnaufte kurz, da mich der Weg hierhin schon angestrengt hatte.

Ein See wäre mir zwar lieber gewesen, da sich so das Waschen etwas praktischer gestaltet hätte. Doch jetzt noch nach einem solchen zu suchen würde meine Verfassung nicht zulassen.
 

Der Bach war erstaunlich klar und als ich mich meiner Kleidung entledigte, war es eine gute Möglichkeit meinen Körper mal genauer zu inspizieren. Sichtbare äußere Verletzungen schien ich von dem Vorfall keine davongetragen zu haben. Mal abgesehen von der gigantischen, hässlichen Blessur, die ovalförmig meine ganze Brust und den halben Bauch bedeckte. Es schmerzte noch etwas, wenn ich die Haut dort eindrückte. Der Fleck schien an den Rändern schon von Lila ins Gelb überzugehen. Was man als gutes Zeichen werten konnte, denn dann heilte es bereits ab.
 

Ich wusch mich mit einem Lappen, den ich zuvor in das kalte Wasser tunkte. Es tat unglaublich gut, den ganzen Schweiß und Dreck der letzten Tage loszuwerden.

Nachdem ich meine Haare auch noch notdürftig gewaschen hatte und mich wieder einigermaßen sauber fühlte, war ich gezwungen wieder meine zerfetzte Kleidung anzuziehen. Auch mein Mantel sah reichlich mitgenommen aus. Das würde eines der Dinge sein, die ich als erstes erledigen würde, sobald wir weiterzogen – neue, saubere Kleidung beschaffen. Immerhin konnte ich doch nicht weiter so rumlaufen, dachte ich noch und trat den Rückweg an.
 

Hidan erwartete mich bereits. Er saß am Feuer und machte sich über einen der beiden Spieße her. Er sah nur kurz auf, als ich eintrat.

Ich setzte mich zu ihm, nahm mir meinen Spieß und biss hungrig rein. Heute gab es Eichhörnchen – das Fleisch schmeckte weniger scheusslich als es sich anhörte, doch ich freute mich jetzt schon darauf, endlich etwas anderes essen zu können als das, was gerade im Wald herumlief.
 

«Ich hab was für dich.» Hidan griff in seine Manteltasche und warf mir dann ein Stoffbündel zu. Welches ich mit einer Hand auffing – es bestand aus meinem Stirnband, samt Kopfbedeckung und Maske.
 

«Ich hab es im Wald gefunden. Es lag nicht sehr weit von der Stelle weg, wo ich dich nach dem Kampf gefunden habe. Ich dachte du willst es sicher wiederhaben, weil… keine Ahnung… es dir vielleicht wichtig ist. Oder so.»
 

Die Platte mit dem eingestanzten Zeichen meines Dorfes, war ein wenig verdreckt, doch die Kerbe, die mich als Abtrünniger kennzeichnete, und sich quer durch das Metall zog, war auch unter der getrockneten Schlammschicht gut zu erkennen. Ich starrte einige Sekunde schweigend darauf und drängte die Erinnerungen zurück, die sich gerade in meinen Geist schleichen wollten. Kopfschüttelnd legte ich die Sachen neben mich.
 

«Eigentlich nicht», erwiderte ich kalt und aß weiter.
 

«Wir sollten uns langsam mal bei Pain melden», wechselte ich dann das Thema.
 

In den letzten Tagen war ich zu sehr mit mir beschäftig gewesen, als auch nur einen Gedanken an etwas anderes zu verschwenden. Doch nun ging es mir besser und der Leader fragte sich bestimmt schon, wo wir abblieben. Im Normalfall meldeten wir uns regelmässig, gaben Bericht ab, wie wir mit den Aufträgen vorankamen, die er uns erteilte. Und wenn Pains Ungeduld Überhand gewann, nahm er direkt mit seinem Gedanken-Jutsu Kontakt mit uns auf.
 

Als letztes sollten wir den Nibi fangen und hatten uns eigentlich auf dem Weg nach Kumo befunden, bevor uns diese fremden Shinobi dazwischengekommen waren. Von unserem jetzigen Standort aus dauerte es nicht länger als zwei Tage bis nach Kumo, von daher waren wir schon knapp eine Woche im Verzug.

Dass sich Pain also noch nicht nach uns erkundigt hatte, war deshalb schon etwas verwunderlich.
 

«Das habe ich bereits», antwortete Hidan.

Ich ließ den Spieß sinken und sah zu ihm rüber.
 

«Was hast du ihm gesagt?»
 

«Dass sich der Jinchūriki gut versteckt hält und wir bisher nicht herausfinden konnten, in wen der Nibi versiegelt wurde. Ich hab ihm verklickert, dass wir derweil ein Kopfgeld verfolgen, bis sich unser Informant mit Neuigkeiten bei uns meldet.»
 

«Du hast ihn angelogen», bemerkte ich sachlich, ohne ihm einen Vorwurf zu machen. Obwohl es vielleicht nur halb gelogen war, immerhin hatten wir wirklich noch keine Meldung von unserem Informanten erhalten. Was nicht erklärte, warum er den Vorfall dem Boss verschwiegen hatte.
 

«Ja. Ich dachte, das sei dir lieber.»
 

Ich sah ihn einen Moment lang stumm an, da ich nicht gedacht hätte, dass er meinetwegen gelogen hatte.

Er schien meinen Blick nicht zu bemerken, denn er aß unbeirrt weiter. Etwas Fett lief ihm den Mundwinkel hinab, welches er jedoch schnell mit der Zunge aufleckte.
 

«Ist es», brummte ich schließlich.
 

Als hätte Hidan nichts anderes erwartet, nickte er daraufhin nur.
 

Ich wollte mich wieder meinem Essen widmen, als meine Brust plötzlich ein starkes Stechen durchfuhr. Ich kniff die Augen zusammen, fasste mir an die schmerzende Stelle und grub meine Nägel in den Stoff meines Oberteils.

Solche Attacken waren in den letzten Tagen öfters vorgekommen. Aber dass die Nachwirkungen so heftig und langwierig ausfallen würden, war beunruhigend. Ich hoffte nur, dass es nicht für immer so sein würde und sie irgendwann verschwanden.
 

«Was ist?», fragte Hidan, als ihm wohl meine verkrampfte Haltung aufgefallen sein musste. Prüfend sah er mich an und ich bemühte mich, mein Gesicht nicht allzu stark zu verziehen, damit er nicht gleich wusste was los war.
 

«Nichts.» Wehrte ich ab und dann ließ der Schmerz glücklicherweise wieder nach.
 

Nachdem ich aufgegessen hatte, legte ich mich nahe der Feuerstelle hin, sah eine Weile den Flammen zu, wie sie um einander herumtanzten, bevor ich die Augen schloss und versuchte zu schlafen. Die Nacht brach langsam herein, das Dämmerlicht von draußen flutete die Höhle und gab dem Schattenspiel, das vom Feuer an den Steinwänden erzeugt wurde, einen gespenstischen Touch.

Ich brauchte nicht lange zu warten, bis sich Hidan zu mir legte.
 

Das tat er seither jede Nacht. Und so wie jedes mal, unternahm ich auch dieses mal nichts dagegen.
 

Dass er jetzt plötzlich meine Nähe suchte kam zwar unerwartet und da jetzt einfach jemanden neben sich liegen zu haben war auch gewöhnungsbedürftig, doch richtig stören tat es mich nicht. Es war eigentlich ganz angenehm und ich mochte die Wärme die von ihm ausging.

Auch wenn es mir nun schon besser ging, auf Kälte reagierte ich noch immer sehr empfindlich. Mir war fast permanent kalt und das, obwohl erst Herbst war und die Temperaturen noch nicht besonders niedrig. Ich wusste nicht genau, woran das lag. Doch ich hatte die Vermutung, dass es etwas mit meinen verlorenen Herzen zu tun hatte. Vielleicht arbeitete mein Blutkreislauf nun nicht mehr so effektiv wie zuvor noch, jetzt, da ich nur noch ein Herz besaß. Würde auch erklären, warum ich mit voll aufgestockten Herzen sogar im Winter selten gefroren hatte.
 

Meine Gedanken wurden unterbrochen, als ich Hidan hinter mir wahrnehmen konnte, der noch etwas näher an mich rückte und die Worte von sich gab, die er mir schon so oft zugeflüstert hatte.
 

«Du hast mich gerettet.»
 

So simpel und einfach die Wortwahl auch war, der Tonfall zeugte von einer tiefen Bedeutung.
 

Bisher war es dabei geblieben, dass Hidan sich nah an mich legte – gerade so, dass ich ihn hinter mir spürte. Doch heute wagte er mehr. Wohl ermutigt davon, dass ich ihn bisher nie weggestoßen hatte, legte er zögerlich einen Arm um mich und als ich nicht darauf reagierte, platzierte er seine Hand auf meinem Bauch. Ich verspürte auch dann nicht das Bedürfnis mich von ihm zu lösen, als sein Atem meine Schulter streifte, während er seine Wange an meinen Nacken schmiegte.

Und dann, ganz plötzlich, wusste ich es einfach.
 

Hidan hatte damals in dem Waldstück nie vorgehabt mir zu schaden. Er hasste mich nicht. Hatte es nie. Genauso wenig wie ich ihn niemals wirklich gehasst hatte.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Pain don't hurt the same, I know

The lane I travel feels alone

But I'm moving 'til my legs give out

And I see my tears melt in the snow

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Hate


 

o5. Hate

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Hass.
 

Ich sah ihn überall. In anderen, aber vor allem in mir selbst. Seit damals, als mich die Dorfältesten als Lohn für meine Loyalität in eine dreckige Zelle geworfen hatten, hatte er Besitz von mir ergriffen. Er nährte mich, vergiftete mich, verlieh mir Stärke und hinterließ gleichzeitig eine tiefe Leere.

Irgendwann überschattete er alles andere und ich glaubte, nie wieder etwas anderes fühlen zu können.
 

Ich hatte mich geirrt.
 


 

«Na endlich sind wir aus dieser stinkenden Höhle raus! Aber wohin gehen wir jetzt eigentlich, Kakuzu?»
 

«Wir spüren diesen Kerl auf, ich werde es ihn büßen lassen. Sobald wir ihn gefunden haben, wird er sich wünschen er wäre nie geboren worden. Aber zuerst muss ich meine Herzen aufstocken. Also halten wir Ausschau nach Shinobi die halbwegs was drauf haben. Vorher sollten wir allerdings noch einen kleinen Abstecher in ein Dorf machen. Proviant und neue Kleidung besorgen.»
 

«Oh man, ich glaube ich hab dich noch nie so viel an einem Stück reden hören. Scheint dir ja wieder gut zu gehen, hm?» Hidan grinste mich von der Seite an und seufzte dann, als ich nicht auf ihn reagierte.
 

«Aber schön, von mir aus schlachten wir die nächsten ab, die das Pech haben unseren Weg zu kreuzen. So lange dabei einer für mich rausspringt, den ich Jashin-sama opfern kann, ist mir das nur recht.»
 

Wir hatten vor einer halben Stunde die Höhle verlassen und waren Richtung Osten unterwegs. Momentan befanden wir uns in Shimo no Kumi, waren kurz vor der Grenze zu Kumo.

Ich war zwar noch nicht völlig auskuriert, doch länger hätte auch ich es nicht mehr in dieser Höhle ausgehalten. Dazu wollte ich mir so schnell wie möglich neue Herzen zulegen. Im Moment war ich äußerst verwundbar – wenn wir auf stärkere Gegner treffen würden hätte ich schlechte Karten.
 

Ein Dorf kam schon bald in Sicht und nachdem wir uns in diesem neu eingedeckt hatten, machten wir uns auf die Suche nach dem Kerl, der mich so übel zugerichtet hatte. Unser Weg führte uns durch dichte Wälder mit vereinzelten Lichtungen, welche wir aus der Deckung der Bäume auf mögliche Feinde ausspähten. Als wir kurze Zeit später tatsächlich eine kleine Ninjagruppe aus Kumo entdeckten, war ich plötzlich wie auf Nadeln. Ich zeigte es nach Außen hin nicht, aber es beunruhigte mich nur mit einem Herz die Konfrontation mit anderen zu suchen. Ich wägte zweimal ab, ob wir uns ihnen zeigen sollten. Doch einer von ihnen besaß die seltene Chakraaffinität Wind, die sich in meiner Sammlung sicherlich prächtig machen würde, und so war es zu verlockend sie einfach weiterziehen zu lassen. Also gab ich Hidan das Zeichen zum Angriff.
 

Glücklicherweise sollten wir keine Probleme mit ihnen haben. Ich hielt mich im Kampf dennoch zurück und ließ Hidan den Großteil der Arbeit machen. So freudig wie dieser seine Sense schwang und ein Gegner nach dem anderen zu Boden beförderte, schien er es nichtmal zu bemerken.

Nur wenig später waren sie besiegt und während Hidan sein Ritual an einem der beiden anderen durchführte, kniete ich mich neben den Dritten, der bewusstlos und mit einer klaffenden Bauchwunde im Dreck lag. Ich zog mir Mantel und Oberteil aus und befreite auch den Verletzten von seiner Oberbekleidung.
 

Zu spitzen Nadeln geformt drangen meine Fäden in den Körper des Bewusstlosen ein. Dieser war so weggetreten, dass er nur einmal kurz zusammenzuckte, als meine Fäden in seinem Inneren ihren Weg durch Gewebe, Knochen und Organe bahnten. An der linken Brusthälfte angelangt, wickelten sie sich um sein wummerndes Herz. Als ich alle Verbindungen zum Körper kappte, bäumte sich der Liegende ein letztes mal verzweifelt auf, bevor er erschlafft zurückfiel.

Das Herz pochte noch schwach und lag warm und samtig in meinen Fäden, als ich es dem Toten vorsichtig durch die Bauchwunde hinauszog. Meine Brust hatte sich bereits so weit geöffnet, dass ich es mir problemlos einverleiben konnte.
 

Das neue Organ fühlte sich zunächst wie ein Fremdkörper in mir an und ich musste mich stark zusammennehmen, dem ersten Impuls – es sofort wieder aus mir zu befördern – nicht zu folgen. Es würde eine Weile dauern, bis ich mich an das neue Herz gewöhnt hatte.

Als es an seinem vorhergesehenen Platz saß, machte ich mich daran, es in mich zu integrieren. Es war ein schwieriger Prozess, der einige Zeit beanspruchen würde.
 

Ich senkte meine Lider, konzentrierte mich darauf alle Verbindungen richtig herzustellen und es vollständig an meinen Kreislauf anzuschließen. Sobald meine Arbeit erledigt war, sollte es wieder anfangen zu schlagen. Und falls es das nicht tat, müsste ich es als einen weiteren Fehlschlag abtun, der bisher schon zwei, drei mal vorgekommen war. Ich war bisher selbst nicht dahinter gekommen, woran es lag, dass mein Körper die neuen Herzen manchmal abstieß.
 

«Du bist kein Mensch mehr, oder?»
 

Ich wagte einen Blick rüber zu Hidan, der in seinem Ritualkreis lag, den er zuvor mit seinem Blut auf den Boden gezeichnet hatte. Der Stab, mit dem er sich selbst aufgespießt hatte, steckte ihm noch in der Brust, doch seine Haut hatte die Skelett ähnliche Tönung bereits wieder verloren.

Missmutig stellte ich fest, dass er mich beobachtet haben musste.
 

«Kommt drauf an wie du Menschsein definierst», brummte ich.
 

«Das ist eine gute Frage», antwortete er und keuchte, als er sich den Stab aus der Brust zog. Er setzte sich auf, wischte ihn an seinem Mantel sauber und steckte ihn zurück zu seinen Habseligkeiten. «Wenn man nach der Hülle geht sind wir wohl beide keine Menschen mehr.»
 

«Mag schon sein.»
 

«Wir sind uns eigentlich ziemlich ähnlich», sinnierte er und starrte nachdenklich auf seine blutbeschmierten Hände.

Ich gab ein Schnauben von mir, da ich gänzlich anderer Meinung war. Dann, als wüsste er etwas, das ich übersehen hatte, verzogen sich seine Mundwinkel zu einem schmalen Schmunzeln.
 

«Doch, ich finde schon, dass wir uns ähnlich sind.» Behauptete er weiter, während ich versuchte dahinter zu kommen, worauf er eigentlich hinaus wollte. «Wir beide sind… also vielleicht hat es ja–», er brach kopfschüttelnd ab, was mich dazu brachte die Stirn zu runzeln.
 

«Was?», fragte ich nach.
 

«Ach, vergiss es. Das kommt blöd, wenn ich dir das jetzt sagen würde.»
 

Ein wenig war meine Neugier geweckt, doch ich schob sie gleich beiseite, da ich schon wusste, dass es nichts brachte nachzuhaken. Hidan konnte überaus stur sein, deshalb ließ ich es dabei und nahm das eigentliche Thema wieder auf.
 

«Du bist ein Narr, wenn du denkst wir seien uns ähnlich.»
 

Uns zu vergleichen war absurd. Wir mochten beide einen Weg gefunden haben unser Leben zu verlängern – doch das war es auch schon. Ansonsten waren wir so unterschiedlich wie wir es nur sein konnten. Ob Äußerlich oder was den Charakter betraf.

Wenn ein Außenstehender uns vergleichen würde, käme er zum gleichen Schluss. Man sah es ja schon auf den ersten Blick. Hidans Unsterblichkeit, seine Gabe – oder wie man es nennen wollte – war so viel heller, klarer, reiner… so viel schöner als meine. Sein Körper regenerierte sich, stellte sich binnen wenigen Stunden wieder vollends her, so dass seine Haut jedes mal aussah, als wäre sie noch nicht einmal berührt worden. Als würde er nach jedem Kampf neu geboren werden. Wo hingegen ich mit meinem vernarbten Körper das absolute Gegenteil bildete.

Daher erschien es mir unsinnig, uns zu vergleichen. Wenn man ihn ansah, würden einen solche Dinge wie abartig oder unmenschlich nie in den Sinn kommen, wo hingegen es mir wortwörtlich im Gesicht geschrieben stand. Mir, dem Monster.
 

Dem Monster, das sich nicht darum scherte, dass es eines war. Auch wenn das meine feste Überzeugung war, irgendwo tief in mir war noch immer ein kleiner Teil zurückgeblieben, der dem widersprach. Und manchmal hörte ich Dinge in meinem Kopf, die er mir zuflüsterte.
 

Warum hast du das getan?

Warum hast du zugelassen ein solches Monster zu werden?

Du bist stärker geworden, aber zu welchem Preis?

Was ist das für ein Leben?

Wie konntest du nur so sehr vom Weg abkommen?

Warum hast du hierfür deine Seele verkauft?
 

«Warum meinst du?», holte mich Hidan aus meinen Gedanken. Ich brauchte einen Moment, bis ich wieder wusste, was ich als letzte gesagt hatte.
 

«Sieh mich doch an. Du bist noch lange nicht so abartig wie ich.» Verbitterung hatte sich in meinen Tonfall geschlichen und ich hasste mich selbst dafür, dass ich nicht im Stande war sie zurückzuhalten.

Selbstmitleid. So etwas konnte ich mir nicht erlauben, durfte es nicht – es stand mir einfach nicht zu. Ich selbst hatte mich zu dem gemacht, das ich heute war. Niemals durfte ich es so weit kommen lassen, dass ich meine Entscheidungen in Frage stellte oder anfange sie zu bereuen. Denn dann wäre alles aus.
 

Nein. Kakuzu der Mensch war in dem Augenblick gestorben, als ich die Schriftrolle stahl und das verbotene Jutsu auf mich selbst anwendete. Und das war gut so. Ich bereute nichts. Und da konnte auch dieser kleine Teil, der immer mal wieder aufmuckte, nichts daran ändern. Denn irgendwann würde auch dieser verschwinden. Irgendwann würde es mir gelingen auch das letzte Bisschen von dem Mann, der ich einmal gewesen war, auszulöschen.
 

Obwohl es nicht als Aufforderung gemeint war, kam ihr Hidan nach. Er sah mich an. Sein Blick wanderte über meinen vernarbten Rücken, mein Gesicht, das durch das eingeschnittene Glasgow-Smile auf viele sicher wie eine scheußliche Fratze wirkte, huschte weiter hinauf zu meinen pupillenlosen, blutunterlaufenen Augen, und blieb schließlich an meiner ebenso verunstalteten Brust hängen.

Etwas blitzte in Hidans Augen auf, als er mich einen Moment länger als nötig musterte. Ungeahnt bescherte er mir damit eine Gänsehaut, doch bevor ich die Möglichkeit hatte seinen Blick zu deuten, erlosch das, was auch immer darin gelegen hatte. Schulterzuckend löste er seinen Blick von mir.
 

«Ob abartig oder nicht, die Hülle spielt sowieso keine Rolle. Die Seele ist das, was zählt. Wie viel Menschlichkeit ist deiner Seele noch übrig geblieben, Kakuzu?»
 

«Zu viel.» Genug um unter deinem Blick zu erschaudern.
 

Da ich mich wieder auf die Integration meines neuen Herzens konzentrieren wollte, wandte ich mich von ihm ab und schloss die Augen. Doch ich wurde sogleich wieder unterbrochen, da ich hörte, wie Hidan aufstand und sich mir näherte.
 

«Was wird das?», knurrte ich warnend, musterte ihn abschätzend von der Seite, was ihn dazu brachte stehen zu bleiben. Ruhig erwiderte er meinen Blick.
 

«Du kannst es nicht ab, wenn man dir zu nahe kommt, wenn du… da… an dir…» Er machte eine Geste mit der Hand, als suche er nach Worten. «…rum bastelst? Mh?»
 

Ich schwieg, meine Miene blieb hart, was ihm Antwort genug sein sollte.

Spätestens nach der Sache damals im Wald, zweifelte ich nicht daran, dass er eine gewisse Faszination gegenüber meinem Jutsu Jiongu hegte. Mir waren seine interessierten Blicke schon früher aufgefallen, wann immer ich meine Fäden benutzte oder meine Masken vom Rücken beschwor. Doch da hatte ich ihnen noch keine große Bedeutung zugesprochen.

Wollte er wissen wie mein Körper funktionierte? Wollte er meiner Existenz auf den Grund gehen oder war es bloß oberflächliche Neugier? Vergleichbar mit einem Kind, das alles befingern wollte, was es nicht kannte?
 

«Ich wollte es mir nur mal aus der Nähe ansehen. Denn ich finde Abartigkeit unheimlich reizvoll, Kakuzu.»

Ich rechnete mit einem spöttischen Grinsen – ein solches, das er immer aufsetzte, wenn er mich aufziehen wollte. Doch es blieb aus und dann wurde mir klar, dass er es tatsächlich ernst meinte. Nur wie ich sollte ich das verstehen?

Als er einen Schritt auf mich zu machte, spannte ich mich automatisch an, da ich befürchtete, dass er es erneut tun wollte. Mir gegen meinen Willen so nahe kommen wie letztes mal, mich für seine schrägen Interessen missbrauchen und in mir herum tatschen, als wäre ich ein Versuchsobjekt.

Doch dieses mal würde ich es nicht einfach so über mich ergehen lassen. Ich war nicht mehr wehrlos. Vielleicht war ich noch nicht ganz auf dem Damm, aber sicherlich fit genug, um Hidan in die Schranken zu weisen wenn es nötig war.
 

Hidan sah mir meine Anspannung wohl an, denn er lachte plötzlich laut auf.
 

«Oh man! Mach dir nicht gleich ins Hemd. Wenn du drauf bestehst, lass ich dich eben in Ruhe. Aber echt, ich beiße nicht, ich hätte es mir nur ansehen wollen. Geh doch nicht immer gleich vom Schlimmsten aus.» Beschwichtigend hob er die Hände und kicherte noch immer leise vor sich hin. Ich fand das weniger witzig.
 

«Tu ich aber. So kann einen wenigstens nichts mehr überraschen. Solltest du auch mal versuchen.»
 

«Ich werd’s mir merken», grinste er. «Übrigens hasse ich dieses Wort. Abartig. Wie scheußlich ist das denn? Wenn ich und du abartig sind, dann ist die ganze verdammte Welt abartig.» Er schnaubte verachtend, als wolle er dadurch seinen Hass auf die Welt verdeutlichen.

«Du bist nicht abartig. Fuck, wenn du mich fragst ist das nicht die passende Bezeichnung für dich. Ich würde mir ein viel geileres Wort für dich ausdenken. Wie Herzdieb zum Beispiel. Klingt doch wesentlich cooler! Fast wie einer dieser Schurken aus diesen Comics. Du weißt schon, die, die ich mir ansehe, wenn du mich in eine dieser Buchhandlungen schleifst. Die haben auch immer solche abgefahrenen Namen, niemand nennt die beim richtigen Namen.»
 

Ich war mal wieder erstaunt, wie schnell Hidans Stimmung umschwenken konnte. Gerade noch hatten wir uns ernst unterhalten – das glaubte ich jedenfalls, Hidan war für mich dahingehend noch immer undurchsichtig – und jetzt kam ein Redeschwall von Unsinnigkeiten aus seinem Mund gesprudelt.
 

«Das unsterbliche Duo», kicherte er. «Der Herzdieb und ich bin dann… uhm…»
 

«Der Todesgott.»
 

Hidan runzelte im ersten Moment die Stirn, grinste mich dann breit an.
 

Der Begriff war mir herausgerutscht, ohne dass ich es hätte verhindern können. Es war wohl das Erste, das mir zu Hidan in den Sinn gekommen war.

Auf unseren Reisen redete er oft solchen Stumpfsinn, beschwerte sich über unwichtige Dinge oder quasselte, ohne auch nur einmal zu atmen, irgendwelches zusammenhangsloses Zeug vor sich hin. Er ging mir damit oft auf die Nerven. Doch manchmal, da beneidete ich ihn für seine Sorglosigkeit.
 

«Ich dachte du seist Atheist und glaubst an keinen Gott? Aber gut… der Herzdieb und der Todesgott.» Er nickte anerkennend, schlenderte zu seiner Sense, hob sie auf und schulterte sie auf seinen Rücken.

«Das gefällt mir», fügte er etwas leiser an und warf mir noch einen kurzen Blick über die Schulter zu.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

All this other shit I'm talkin' 'bout they think they know it

I've been praying for somebody to save me, no one's heroic

And my life don't even matter, I know it, I know it

I'm hurting deep down but can't show it

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Change


 

o6. Change

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Veränderung.
 

Seit dem Vorfall, der mir fast das Leben gekostet hätte, war etwas anders. Ich wusste nicht genau was, nur dass etwas anders war. Mit Hidan. Mit mir. Mit uns beiden. Ich konnte es mir nicht erklären. Hatte er irgendetwas mit mir gemacht, als er mein Herz anfasste?

Denn seither fiel es mir schwer, meine Gedanken beisammen zu halten, mich zu konzentrieren. Als hätte sich Hidan in meinen Verstand geschlichen und sich so sehr darin festgesetzt, dass es unmöglich schien, ihn wieder loszuwerden. Ich konnte nicht aufhören über ihn nachzudenken, ihn zu beobachten, wenn er es nicht mitbekam. Mich zu fragen, was in seinem Kopf vorging oder wie sein Leben bisher ausgesehen hatte.
 

Ich konnte nicht aufhören mir auszumalen, was zwischen uns sonst noch alles anders sein könnte.
 


 

Es war mitten in der Nacht und etwas hatte mich geweckt.
 

Ich lag auf dem Rücken, Hidan lag wie immer bei mir und konnte sich aus irgendeinem Grund nicht still halten. Erst als sich der Nebel um meinen schlaftrunkenen Verstand lichtete, wurde mir klar, was er da tat.

Er hatte seinen Kopf auf meiner Schulter gebettet, ein Arm lag quer über mir, während eines seiner Beine angewinkelt über meines geschoben war. Was an sich alles nichts Außergewöhnliches mehr war. Nur das abgehackte Atmen war neu. Genauso wie das Festkrallen in meine Seite, wann immer sein Becken seitlich gegen meine Hüfte stieß.
 

Er rieb sich an mir. Dass er erregt war brauchte man nicht zusätzlich erwähnen.
 

Als er merkte, dass ich wach war, sog er erschrocken die Luft ein und hielt sofort in seinem Tun inne. Schnell rückte er ein Stück von mir ab, so dass sein Schritt nicht mehr direkt an mir lag. Dann war es still, er rührte sich nicht mehr, lag vollkommen versteift neben mir. Fast so, als würde er sich tatsächlich vor meiner Reaktion fürchten. Was mich ein wenig wunderte, denn sonst scherte er sich doch auch kaum darum, wie ich über die Dinge dachte.

Ich rechnete mit einer dummen Bemerkung, Kraftausdrücken oder ähnlichem. Einfach etwas, das das hier irgendwie erklären würde. Doch Hidan blieb wider erwarten stumm.
 

Was dazu führte, dass ich eine Zeit lang nur schweigend in die Dunkelheit starrte – was sollte ich hiervon halten? Wirklich schockiert oder sprachlos war ich nicht – schließlich bildete ich mit Hidan schon eine Weile ein Team und wusste, dass der immer mal wieder für eine Überraschung gut war. Diese waren hiermit jedoch nicht zu vergleichen, weswegen das hier für mich schon etwas… unerwartet kam.

Doch ich empfand es weder als abstoßend, noch ekelte es mich an – sonst hätte ich ihm wohl schon längst eine reingehauen und aus dem Bett befördert.
 

«Ganz schön frech von dir, sowas zu tun während ich schlafe», war das Erste, was mir hierzu in den Sinn kam.
 

«Was meinst du?», fragte er eine Spur zu schnell nach.
 

Ich schnaubte lautlos – wollte er mich für dumm verkaufen?
 

Ein Zucken ging durch Hidans Körper, als ich meine Hand kommentarlos auf seinen unteren Rücken legte, sein Unterleib wieder an mich zog und ihm damit klar machte, dass ich sehr wohl mitbekommen hatte, was er bis eben getrieben hatte.

Sogleich stemmte er sich gegen mich, versuchte wieder Abstand zu mir zu gewinnen, was ihm aber nicht gelang, da ich nicht locker ließ und ihn eisern bei mir hielt. Es schien als befürchtete er Schläge oder sonstige Gewaltanwendung meinerseits – eigentlich nachvollziehbar, denn im Normalfall fackelte ich nicht lange, wenn mir etwas nicht passte.

Doch warum sollte ich wegen dem hier wütend sein?
 

«Willst du nicht beenden was du angefangen hast?»
 

Ich musste ihn damit ziemlich verwirrt haben, denn nachdem ich das gesagt hatte, erstarb seine Gegenwehr augenblicklich. Mit einem Ruck zog ich ihn wieder ganz an mich heran. Sein Schritt drückte sich erneut gegen meine Hüfte und erst nachdem ich mit seinem Becken seine vorherigen Bewegungen nachahmte, ihm andeutete, dass er weitermachen durfte, entspannte er sich allmählich.

Zögernd kam er meiner Aufforderung nach und während ich meine Hand auf seinem Rücken behielt, seine Bewegungen führte, fiel die Unsicherheit langsam von ihm ab, bis er sich schließlich an mir rieb wie zuvor.
 

Seine Bewegungen wurden fordernder, ich spürte nun auch ganz deutlich seine Erregung, die er ohne Zurückhaltung an mir rieb. Hidans Kopf rutschte in meine Halsbeuge, wodurch ich sein schweres Atmen noch etwas deutlicher wahrnehmen konnte. Das alles führte dazu, dass sich eine Hitze in mir breit machte, die nicht allein von der Reibung herrühren konnte.

Hidan krallte sich erneut in meine Seite, fester als zuvor und als er es dann wagte, seine Finger unter mein Oberteil gleiten zu lassen, hatte ich alle Mühe das hier weiter unberührt geschehen zu lassen. Ich hatte ihm zwar erlaubt sich an mir abzureagieren, aber dass ich mich daran in irgendeiner Weise beteiligte, war eigentlich nicht in meinem Sinne gewesen. Doch Hidan schien darüber anders zu denken, oder aber er ließ sich einfach zu sehr mitreißen und konnte deswegen seine Finger nicht bei sich behalten.
 

Ich schauderte, als er meine Seite abtastete und über jeden Zentimeter Haut strich, den er zu fassen bekam, so, als würde es ihm bereits nach mehr Hautkontakt verlangen. Eine Gänsehaut befiel meinen Körper und ich kämpfte gegen einen kehligen Laut, der sich schlussendlich doch aus meiner Kehle zwängte, als sich Nägel in meine Haut gruben und leicht meine Seite nach unten kratzten.

Hidan schien es nicht bewusst zu sein, aber an dieser Stelle war ich sehr empfindlich. Dazu bearbeitete er sie auch noch genau so wie ich es mochte und mein Blut am schnellsten in Wallung geriet. Ob es Hidans Intention war oder nicht – sein Zutun zeigte langsam aber sicher Wirkung. Denn ich spürte bereits, wie mir das Blut in untere Regionen schoss.
 

So war das zwar nicht geplant gewesen, doch für einen Rückzieher war es nun zu spät.
 

Mit meiner freien Hand packte ich das Bein, welches er über mir liegen hatte und zog es ein wenig höher, um seinen Schenkel gegen meine Mitte zu drücken. Hidan stöhnte leise, als er spürte, dass ich von dem allem auch langsam hart wurde.

Nur kurz stockte er in seinen Bewegungen, ehe er sich weiter an mir befriedigte und gleichzeitig begann seinen Oberschenkel über meinen Schritt zu reiben. Ein raues Knurren entglitt mir, während ich meine Nägel in seinen Schenkel bohrte, sein Bein fester gegen mich presste. Fordernd wölbte ich ihm mein Becken entgegen und schließlich fanden wir uns in einem Rhythmus, der beiden zugute kam.
 

Ich hatte schon früh gemerkt, dass ich dem männlichen Geschlecht nicht ganz so abgeneigt war, wie ich es eigentlich sein sollte. Und auch wenn ich dieser Neigung bisher nie nachgegangen war, hätte ich nie im Leben gedacht, dass ich sie mal mit Hidan ausleben würde. Dennoch war das Einzige, das mir daran wirklich seltsam vorkam, die Tatsache, dass wir noch völlig bekleidet waren.

Innerlich belächelte ich mich ein wenig selbst. Denn das letzte mal, als ich etwas Sexuelles auf eine so harmlose und zurückhaltende Art ausgelebt hatte, war in meiner Jugend gewesen. Eigentlich war ich viel rabiater, fordernder, nahm mir alles und gab mich nicht mit halben Sachen zufrieden. Dass ich solche Dinge normalerweise mit Frauen ausübte, war aber nur einer der Gründe, warum ich mich zurückhielt.
 

Meine Kleidung klebte mir bereits verschwitzt an der Haut, wir wurden zunehmend schneller, fester, gröber. Wir steigerten uns immer mehr hinein, verloren immer mal wieder den Takt, da wir mittlerweile schon so weit waren, dass wir unsere Bewegungen einfach nicht mehr richtig koordinieren konnten.

Je näher Hidan seinem Höhepunkt kam, desto hemmungsloser wurde er. Er hielt sich nicht zurück, ließ sich geradezu fallen und unterdrückte keinen Laut mehr. Er war nicht gerade leise und hätte er mich nicht schon vorhin geweckt; davon wäre ich bestimmt wach geworden. Doch mich darüber zu beschweren lag mir fern.
 

Es dauerte nicht mehr lange und dann spannte sich Hidan plötzlich an, krallte sich so fest an mir fest, dass es schon weh tat. Da er in dem Moment sein Gesicht in meine Halsbeuge presste, war von ihm nur ein erstickter Laut zu hören. Sein Atem schlug heiß gegen meine Haut, scharfe Zähne kratzten über meinen Hals und ich glaubte kurzzeitig etwas Feuchtes gespürt zu haben, was das Kribbeln in meinem Unterleib noch eine Spur intensivierte und schließlich auch mich an meine Grenzen trieb. Meine Hand krampfte sich in Hidans Oberschenkel, während ich diesen mit einem letzten, harten Ruck gegen mich zog, ehe ich die Beherrschung verlor und mit einem rauen Stöhnen kam.
 

Nachdem die Wellen meines Orgasmus über mich hinweggerauscht waren, sank ich schnaufend zurück in die Matratze. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Atmung normalisierte und ich mich etwas runtergefahren hatte. Und so still wie es ansonsten war, schien auch Hidan kein Redebedarf zu verspüren oder das hier zu kommentieren – was mir mehr als recht war.

Der Jüngere rührte sich als erster wieder, zog sein Bein aus meinem Griff und mir wurde erst jetzt bewusst, dass ich es bis gerade eben noch festgehalten hatte. Locker legte er wieder einen Arm über mich, wälzte sich noch ein wenig herum, um es sich bequem zu machen.
 

Als er sich endlich still hielt, schloss auch ich die Augen und versuchte das unangenehm klebrige Gefühl in meiner Hose zu ignorieren. Das konnte bis morgen warten.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

It's holding on, though the road's long

And seeing light in the darkest things

And when you stare at your reflection

Finally knowing who it is

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Die folgenden Tage zogen sich hin und waren lang und anstrengend.
 

Auf der Suche nach geeigneten Shinobi denen ich das Herz rauben konnte, streiften wir nun schon gute zwei Wochen durch die Gegend. Inzwischen trug ich wieder drei Herzen in mir und die Kälte, die mich seit meinem Beinahe-Tod nicht losließ, war seither ein wenig gewichen. Das beruhigte mich und gab meiner Vermutung recht, dass es an den verlorenen Herzen gelegen haben musste.

Es würde dennoch etwas dauern, bis ich meine ursprüngliche Kraft wiedererlangt hatte. Zwei weitere Herzen fehlten mir bis dahin noch, doch das Letzte reservierte ich mir für den Kerl, dessen Jutsu es geschafft hatte, mich erst so in die Knie zu zwingen. Das würde er mir büssen.
 

Auf unserem Streifzug hielten wir uns nahe Kumo. Denn obwohl Hidan uns mit seiner Lüge bei Pain Zeit verschafft hatte, war es dennoch praktischer, wenn wir uns nicht zu weit von unserem eigentlichen Zielort entfernten. Wir nutzten die kleineren Dörfer um uns Proviant zu beschaffen und gelegentlich die Nacht unter einem Dach zu verbringen, schadete auch nicht.
 

Eine weitere, knappe Woche verging, bis der Informant, der uns den Aufenthaltsort des Jinchūriki mitteilen sollte, früher als erwartet mit uns Kontakt aufnahm. Womit er mir einen Strich durch die Rechnung machte, denn ich hatte mir erst das vierte Herz aneignen können. Ich und Hidan waren gerade erst ein paar Stunden wieder unterwegs; auf dem Weg in ein kleines Dorf am Waldrand, auf der Spur des Blitz-Jutsu Typen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn ich mich erst vollständig hätte aufrüsten können – und sich nebenbei auch die Sache mit dem Kerl erledigt hätte – bevor uns Akatsukis Angelegenheiten einholten.

Dennoch entschied ich, dass wir uns erstmal um den Nibi kümmern würden. Der Kerl mit dem Blitz-Jutsu würde mir schon nicht davonlaufen. Dazu würde Pain erstmal zufrieden gestellt sein, wenn wir seinen Auftrag beendeten. Auch wenn wir seit Hidans Lüge nichts mehr vom Leader gehört hatten, war es dennoch so, als würde er uns direkt im Nacken sitzen und zur Eile drängen. Ihn allzu lange warten zu lassen war daher nicht ratsam und sogar mir nicht sonderlich geheuer.
 

Bis nach Kumo benötigten wir nicht länger als einen halben Tag. Zwei weitere dauerte es, bis wir den Jinchūriki in unserer Gewalt hatten. Es war eine junge Frau namens Yugito Nii, die wir in einem verstrickten Tunnelsystem abfangen konnten.

Auch wenn sie Träger eines der neun Bijū-Geister war, war sie kampftechnisch doch sehr enttäuschend gewesen. Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt sie zu besiegen. Da aus jeder Ecke des Landes gemunkelt wurde, wie ungeheuer stark und mächtig die Bijūs waren, hatte ich dahingehend schon mehr von ihr erwartet.
 

Wir erstatteten Pain Bericht, der über den Fortschritt überaus erfreut schien und die Extrahierung des Bijūs auf gleich anordnete. Also brachten wir die bewusstlose Frau in ein nahes Versteck und brauchten nicht lange auf die anderen Mitglieder Akatsukis zu warten, denn durch Pains Jutsu bedurfte es sie nicht körperlich zu erscheinen.
 

Das Bijū aus dem Körper zu extrahieren und anschließend in die schaurige Statue zu versiegeln, dauerte drei volle Tage und Nächte. Es forderte eine gewaltige Portion Konzentration und war enorm kräftezehrend – geistig wie körperlich.

Um den Hunger zu stillen, um den wir uns in der Zeit ja nicht kümmern konnten, schluckten wir Nahrungspillen, die Zetsu eigens herstellte. Dadurch wurde das Hungergefühl gedämmt, außerdem waren darin die wichtigsten Vitamine, die der Körper brauchte, enthalten, womit es uns möglich war, die drei Tage überhaupt erst durchzustehen.

Die Erschöpfung fiel im Nachhinein jedoch umso heftiger auf einen zurück, weswegen ich – als es endlich geschafft war – Hidans Bitte nachgab und wir ein Zimmer in einer Gaststätte bezogen, damit wir uns ein, zwei Tage erholen konnten, bevor wir weiterziehen würden. Die anderen Mitglieder taten es uns wohl alle gleich und sogar Pain schien erschöpft, da er uns gleich danach entließ und wohl erst später mit weiteren Anweisungen auf uns zukommen würde.
 

Die Gaststätte machte einen sehr einfachen Eindruck, doch das Nötigste würde uns schon genügen. Die Erschöpfung saß so tief, dass wir die nächste Zeit sowieso nichts anderes tun würden als uns auszuruhen oder zu schlafen – mehr als eine halbwegs bequeme Schlafstätte brauchten wir dazu nicht.
 

Hidans Seitenblick entging mir nicht, als ich das Zimmer mit einem Bett buchte, genauso wenig wie die unübersehbare Irritation der Dame an der Rezeption, als sie mich und Hidan abwechselnd musterte und nach der Richtigkeit bezüglich dem Doppelbett fragte. Meine einschüchternde Erscheinung und die schroffe Art in der ich sie fragte, ob sie ein Problem damit hätte, reichte aus und sie senkte ihren Blick, wagte es nach der genuschelten Entschuldigung nicht nochmal das Wort an mich zu richten.
 

Mochte sie denken was sie wollte – es war mir egal. Nur ergab es für mich keinen Sinn, für zwei Betten zu bezahlen, wenn eines schlussendlich doch unbenutzt bleiben würde. Der Jashinist schien das genauso zu sehen oder wenigstens nichts gegen die Änderung zu haben, andernfalls hätte er mit Sicherheit auf sich aufmerksam gemacht.
 

«Man bin ich geschafft!», meinte Hidan, als wir die Treppen zu den Zimmern hinaufstiegen. «Ich will echt nur noch schlafen. Essen und schlafen. Ich könnte ein ganzes Buffet verschlingen, so Bock hab ich was zu mampfen.»
 

«Eigentlich sollten die Nahrungspillen noch wirken…», gab ich darauf zurück, als wir in unser Zimmer traten. Ich legte sogleich meinen Mantel ab, hängte ihn über eine Stuhllehne und schälte mein Gesicht aus den Stoffschichten, hinter denen ich mich tagsüber verbarg.

Hidan kam neben mir zum Stehen und schien einen Moment das Zimmer zu inspizieren. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen gefiel ihm nicht sonderlich, was er da sah. Aber um sich darüber zu beschweren, schien er zu müde. Was an ein kleines Wunder glich, denn die Einrichtung sah sogar für unsere Verhältnisse schon ziemlich schäbig aus. Da war es nicht verwunderlich, dass wir fast die einzigen Gäste hier waren.
 

«Richtigen Hunger habe ich eigentlich auch nicht, aber so einen eklig leeren Magen zu haben ist trotzdem scheiße. Und ich mag es einfach zu essen.»
 

Das war auch mir schon aufgefallen.
 

«Denkst du ich krieg hier was?», fragte er, den Blick auf mich gerichtet. Ich zuckte mit den Schultern, schüttelte leicht den Kopf.
 

«Sah nicht so aus, als ob die hier eine Küche hätten.» Mal davon abgesehen, dass ich stark anzweifelte, dass das Essen hier genießbar sein würde. «Da musst du dir wohl was weiter holen gehen.»
 

Leicht verzog Hidan das Gesicht.

«Ne lass mal», meinte er und zog sich ebenfalls seinen Mantel aus. «Echt null Bock jetzt nochmal raus zu gehen.»
 

«Wir können morgen was essen gehen», schlug ich vor und sah mich kurz in dem kleinen Bad um. Wenigstens Handtücher waren da. Dann stand einer heißen Dusche nichts mehr im Weg. Denn auch ich hatte nur noch das Bedürfnis mich zu waschen und dann schlafen zu gehen. Wenn man so lange wach war, kam es mir immer vor, als stecke man in einer anderen Realität, meine Optik war seltsam stockend – wie als hätte ich ein Glas über den Durst gehoben – und alles erschien mir doppelt und dreifach anstrengend.
 

«Gut.» Hörte ich den Jüngeren noch sagen, bevor ich die Tür hinter mir zumachte.
 

Nachdem ich geduscht hatte, legte ich mich in Unterwäsche und noch leicht feuchten Haaren ins Bett. Nur das leise Prasseln der Dusche war zu hören, während ich mich auf die Seite wälzte und vergeblich versuchte zu schlafen. Seltsam, ich war so erschöpf und müde und doch, nach dieser langen Wachzeit kam es mir unnatürlich vor, jetzt einfach die Augen zu zu machen. Es war gerade mal später Nachmittag, dementsprechend noch hell, was wohl auch ein Faktor war, warum mir Abschalten jetzt so schwer fiel.
 

Das Wasser der Dusche wurde abgedreht, kurze Zeit später trat Hidan aus dem Bad, der damit beschäftigt war, sich mit einem Handtuch die Haare trocken zu rubbeln. Ich beobachtete ihn dabei, bis er eher zufällig zu mir rüber sah und etwas überrascht wirkte – vermutlich hatte er gedacht, dass ich schon schlafen würde.
 

«Hey, was machen wir jetzt eigentlich? Nachher mein ich, sobald wir ausgepennt und was gefuttert haben.»
 

Fragend erwiderte ich seinen Blick.

«Wir nehmen die Spur von dem Kerl wieder auf.»
 

Hidan zog das Handtuch von seinem Kopf, worauf seine Haare wirr in allen Richtungen abstand. Wenn man mich fragte, wirkte er gleich wie ein anderer Mensch, wenn sein Haupt nicht seine übliche, strenge Frisur zierte.

«Du willst dir den Kerl immer noch schnappen?», fragte er überrascht.
 

«Natürlich.» Ich hatte gedacht das sei klar.
 

Er legte das Handtuch weg, fuhr sich ein paar mal durch die Haare, um sie wieder halbwegs zu ordnen.

«Ich weiß ja, dir fehlt noch ein Herz, aber eigentlich könntest du doch auch einfach den nächst besten dafür abmurksen. Warum durch’s halbe Land rennen, wegen so nem Typen? Wozu der Aufwand? Ich sage kill einfach den nächsten der dafür in Frage kommt und damit hat sich’s. Läuft ja auf’s selbe hinaus. Und ist wesentlich einfacher.»
 

Ich drehte mich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinterm Kopf.

«Einfacher, aber nur halb so befriedigend.» So wie mich Hidan daraufhin ansah, schien auch ihm aufgegangen zu sein, dass ich auf Rache aus war und ich die Jagd auf den Kerl nicht so einfach aufgeben würde.
 

«Heh.» Er grinste mich keck an. «Kapier schon, du willst ihn fertig machen, hm? Na gut, bin dabei.» Ein mörderisches Funkeln trat in seine Augen, was mich nur unschwer erahnen ließ, dass er sich gerade ausdachte, auf welche grausame Art wir den Kerl zur Strecke bringen könnten.

Ich sagte nichts darauf, denn eigentlich war es egal, ob er mich bei meinen Plänen unterstützte oder nicht – ich würde sie so oder so verfolgen und da wir ein Team waren, blieb ihm gar keine andere Wahl, als mitzukommen. Ich nahm dennoch nicht ganz ungerührt zur Kenntnis, dass er mir aus freien Stücken helfen wollte.
 

Tat er es aus reiner Mordlust oder hatte es noch einen anderen Grund?
 

Ich hängte noch ein wenig meinen Gedanken nach, bis Hidan wieder meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Dieser stand etwas verloren im Raum, rieb sich den Nacken und wirkte plötzlich ganz und gar verunsichert. Was so gar nicht zu ihm passen wollte. Er sah zu mir rüber, schien etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber.

Verwundert hob ich eine Braue, brauchte eine Weile bis ich begriff, was sein Problem war.
 

«Du schläft jede Nacht bei mir und traust dich jetzt nicht, dich zu mir zu legen?», fragte ich mit leicht amüsiertem Unterton in der Stimme.

Etwas in seinem Gesicht veränderte sich – mochte daran liegen, dass es das erste mal war, dass dieses Thema offen von einem von uns angesprochen wurde. Langsam nahm er seine Hand vom Nacken, reckte mir trotzig sein Kinn entgegen.
 

«Machst du dich über mich lustig?», fragte er mit missmutig heruntergezogenen Mundwinkeln.
 

Einerseits fand ich das tatsächlich amüsant, andererseits konnte ich auch nachvollziehen, was ihn zögern ließ. Die Umstände waren andere als bisher. Sonst legten wir uns getrennt hin und Hidan schlich sich erst zu mir, wenn ich schon fast eingeschlafen. Doch nun war ich wach, es gab nur ein Bett und folglich für ihn auch keine Möglichkeit sich erstmal wo anders hinzulegen.

Ich hatte zwar nie darüber nachgedacht, warum er sich nicht von Anfang an zu mir legte oder wozu diese Zeitpuffer gut sein sollte, doch ich hätte nie gedacht, dass das alles daher herrührte, weil er sich nicht traute. Solch eine Scheu überraschte mich und ich hätte sie ihm auch nie zugetraut. Was mal wieder deutlich machte, dass ich nur geglaubt hatte, dass ich ihn kennen würde und ich in Wirklichkeit gar nichts von ihm wusste.
 

«Nein.» Erwiderte ich, auch wenn das fiese Zupfen an meinen Mundwinkeln nicht nachlassen wollte. Ich hatte nicht vorgehabt ihn damit aufzuziehen, aber witzig war es trotzdem.
 

«Sieht mir aber danach aus», grummelte Hidan mit zusammengezogenen Brauen. «Ich weiß halt auch nicht was in deinem Schädel abgeht. Keine Ahnung was du von mir willst, okay?» Er verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust und allein dass er dachte sich rechtfertigen zu müssen, genügte aus, um mir zu zeigen wie unsicher er gerade war. Sogar das wütende Gesicht und die keifende Stimme konnte das nicht verschleiern.
 

«Ich mache mich nicht lustig über dich», beteuerte ich dann wieder ernst. «Und dachtest du wirklich, dass ich uns ein Zimmer mit einem Bett buchen würde, wenn ich etwas dagegen hätte, dass du dich zu mir legst?»
 

Hidan zuckte mit den Schultern.

«Vielleicht wolltest du mich auf dem Boden schlafen lassen.» Meinte er dann, was mich nur schnauben ließ. Ich war zwar kein netter Mensch, aber so herzlos dann doch nicht. Und der Jüngere sah auch nicht so aus, als würde er wirklich glauben, dass so meine Absichten aussahen.
 

«Mach dich nicht lächerlich.» War mein abschließender Satz zu dem Thema. Es vergingen ein paar Sekunden, bevor sich Hidan zögerlich in Bewegung setzte und auf mich zu kam. Ich drehte den Kopf zu ihm, als er unter die Decke schlüpfte und sich mit etwas Abstand zu mir neben mich legte. So blieb er steif auf dem Rücken liegen, wagte einen kurzen Seitenblick zu mir, ehe er stumpf hoch zur Decke starrte.

Ruhig hatte ich das alles beobachtet und kam nicht daran vorbei mich zu fragen, warum er sich so anstellte. Durch sein merkwürdiges Verhalten brachte er eine Anspannung mit, die mir nicht sonderlich gefiel.
 

Schließlich streckte ich meine Hand nach ihm aus, umfasste seinen Kiefer und drehte seinen Kopf zu mir. Sein Blick traf den meinen, während ich kurz mit dem Daumen seinen Kieferknochen entlangfuhr.
 

«Unsicherheit steht dir nicht, Hidan.»

Unter meinen Fingern spürte ich, wie sich seine Muskeln spannten, als er seine Lippen zu einer schmalen Linie zusammenpresste.
 

«Ich weiß einfach nicht, was du willst oder von mir erwartest.»
 

«Was ich von dir erwarte?», wunderte ich mich. Warum sollte ich etwas von ihm erwarten? Wie kam er auf die Idee? «Ich erwarte gar nichts von dir, Hidan. Außer vielleicht dass du dich wieder einkriegst. Denn sonst machst und tust du doch auch einfach wie’s dir gefällt, ohne zu grübeln, was andere davon halten könnten.»

Vielleicht war es die Müdigkeit, dachte ich mir, weswegen er sich so seltsam benahm. Möglich dass seine Synapsen überanstrengt waren und nun ein wenig verrückt spielten?

«Und wenn du dich jede Nacht wie ein Weib an mich kuscheln willst, dann bitte, halte dich nicht zurück.» Flüsterte ich neckisch, konnte es nicht lassen, ihn nun doch etwas aufzuziehen.
 

«Bastard», zischte er, ehe er sich mir schnaubend meinem Griff entzog und seinen Kopf zur Seite wandte.
 

Ich packte ihn jedoch sogleich wieder, er wehrte sich kurz, ließ dann aber zu, dass ich sein Gesicht wieder zu mir drehte. Eine leichte Röte, die er zuvor wohl von mir hatte verbergen wollen, hatte sich auf seinen blassen Wangen ausgebreitet. Als ich jedoch seinen Blick bemerkte, war ich mir nicht sicher, ob sie nicht doch vor Wut entstanden war.

Hidan sah mit dieser zarten Röte trotzdem seltsam aus… irgendwie so viel nahbarer. So zeigte er sich mir selten und ehrlich gesagt hätte ich mir auch nie vorstellen können, wie er verlegen aussehen würde. Doch nun war das Bild in meinem Kopf und unwillkürlich drifteten meine Gedanken ab, zu jener Nacht, über die bisher keiner von uns je auch nur ein Wort verloren hatte. Da es damals zu dunkel gewesen war hatte ich sein Gesicht nicht sehen können. Aber… als ich ihn erwischte, hatte er da genauso ausgesehen? Wie hatte er geschaut, als er…
 

Abrupt ließ ich von ihm ab, hatte gar nicht gemerkt, dass ich unbewusst mit meinem Daumen über seine Wange gestrichen hatte. Der Rotton war inzwischen fort und Hidan sah mich an, nicht mehr wütend, sondern nun vielmehr fragend.
 

Ich räusperte mich.

«Wir sollten schlafen.» Ich drehte mich von ihm weg auf die andere Seite, bettete meinen Kopf auf dem weichen Kissen, bis ich eine bequeme Position gefunden hatte und schloss die Augen. Hinter mir vernahm ich leises Rascheln, dann war es still.
 

Die Müdigkeit schien mich nun auch langsam mal einzuholen. Es konnten kaum ein paar wenige Minuten vergangen sein, da spürte ich, wie sich die Matratze neben mir bewegte. Kurz darauf drückte sich ein warmer Körper leicht an meinen Rücken und während sich locker ein Arm über mich schob, wurde mir klar, dass es nicht nur der Schlaf war, der mir die letzten Tage gefehlt hatte.
 

«Ich bin nicht derjenige, der unsicher ist oder sich zurückhält.»
 

Auf diese Aussage hin öffneten sich meine Augen wie automatisch. Ich spürte Hidans warmer Atem, den er gegen meine Haut blies. Das jedoch war nicht der Grund, warum sich mir die Nackenhaare aufstellten.
 

«Und eigentlich weiß ich, dass dir das hier auch gefällt.»
 

Sondern es war die Erkenntnis, dass Hidan recht hatte. Mit allem.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

It's the very first breath

When your head's been drowning underwater

And it's the lightness in the air, When you're there

Chest to chest with a lover

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Conflict


 

o7. Conflict

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Konflikt.
 

Ich ging Konflikten so gut wie nie aus dem Weg. Was nicht hieß, dass ich sie provozierte – ich mochte einfach nur ein geregeltes Leben. Ich packte die Dinge am Schopfe, löste Probleme möglichst schnell, um effizient weitermachen zu können. Ich war ganz einfach pragmatisch.

Womit ich weniger gut klar kam, waren innere Konflikte. Diese schob ich oft und lange vor mich her. Vor allem dann, wenn sie emotionalen Ursprungs waren. Für Sentimentalitäten gab es in meinem Leben einfach keinen Platz mehr – warum sich also überhaupt erst damit auseinandersetzen? Zumal ich mich auch irgendwo davor fürchtete, was ich entdecken würde, sollte ich nur zu tief in meiner Seele graben.

Deswegen ignorierte ich alle tiefergehenden Gefühle – diese standen mir sowieso nur im Weg. Ich drehte ihnen den Rücken zu, sperrte sie weg in die tiefsten aller Tiefen. An einen Ort, bei dem ich hoffte, dass nichtmal ich ihn würde wiederfinden können, auch wenn ich wollte. Auf ewig begraben.

Doch wie konnte ich auch ahnen, dass sie unter der Oberfläche stärker wurden und wuchsen wie ein Schattengewächs. Und irgendwann schmerzhaft nach Aufmerksamkeit verlangen würde?
 

Wie sollte ich wissen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der erste Sproß die Erde durchbrechen würde. Den anhaftenden Dreck abschüttelte und sich erhob, wie eine Pflanze gen Sonnenlicht?
 


 

«Man, ist das lecker!»
 

In dem Lokal herrschte üppiges Treiben. Es war gut gefüllt und überladen von den Geräuschen, die von allen Seiten herzukommen schienen. An den Nachbartischen wurde angeregt miteinander geredet, das Klirren von Gläsern war aus Richtung der Bar zu vernehmen, während man vom Billardzimmer weiter hinten, das Klackern von laut aneinander schlagenden Kugeln hören konnte.
 

Hidan hatte sich schon freudig über sein Mahl hergemacht, während ich nur ein paar Bisse heruntergewürgt bekam und nun eher lustlos darin herumstocherte.

Ich beobachtete meinen Partner eine Weile beim Essen, wie hungrig er zugriff, sich über die Lippen leckte, einen Schluck trank, nur um wieder beherzt in den großen Spieß zu beißen. Er tat das alles so unbekümmert, als würde er keine Ahnung haben, was er letzte Nacht in Gang gesetzt hatte. Geradezu heraufbeschworen hatte er das Chaos, das nun in meinem Kopf herrschte.

Es fiel mir schwer mich davon abzulenken, noch schaffte ich es, es zu ordnen. Wie sollte es mir auch gelingen, wenn die Ursache meiner geistigen Verwirrung doch immer in meiner Nähe war und mir gerade direkt gegenübersaß?
 

«Ich bin nicht derjenige, der unsicher ist oder sich zurückhält.»
 

Ich wünschte, ich könnte es eine Lüge nennen. Doch da ich mir gestern schon eingestanden hatte, dass Hidan damit recht hatte, wäre es nun feige, das wieder zurückzunehmen.

Doch egal wie es sein mochte, letztendlich spielte es keine Rolle. Lächerlich war ja, dass es doch tatsächlich danach aussah, als würde Hidan irgendetwas von meiner Seite erwarten. Seine Worte hatten geklungen wie eine Einladung, einen Anstoß, den er dachte mir geben zu müssen.

Hidan wartete. Auf mich. Auf das, was er sich von mir erhoffte.
 

Was auch immer das genau sein mochte – es würde nie passieren.
 

Warum schob ich ihn dann nicht von mir? Warum ließ ich zu, dass er sich jede Nacht zu mir legte? Seine Nähe sogar erwartete?
 

Anfangs hatte ich Hidans Annäherungen geduldet, da ich dachte, dass das seine Art wäre sich bei mir zu bedanken. Damals in der Höhle hätte man es auch auf meine Verfassung abwälzen können, dass ich nie etwas dagegen unternahm. Doch nun war ich schon lange wieder auf dem Damm und wies ihn trotzdem nicht zurück oder sagte etwas dagegen. Stattdessen buchte ich uns ein Zimmer mit Doppelbett – und warum?
 

«Und eigentlich weiß ich, dass dir das hier auch gefällt.»
 

Es fiel mir schwer das zuzugeben, aber ja. Ja, das tat es. Mit jedem mal mehr. So sehr, dass sich mir der Wunsch nach mehr schon ein paar mal aufgedrängt hatte.
 

Woher kam das? War es womöglich Neugier? Wollte ich wissen, wie es mit einem anderen Mann wäre?

Einen kleinen Vorgeschmack darauf hatte mir Hidan ja bereits gegeben. Auch wenn ich unsere nächtliche Aktivität damals eigentlich als einen Ausrutscher unter unglücklichen Umständen verbucht hatte – bestimmte Bedürfnisse hatten sich im falschen Zeitpunkt gemeldet – war es dennoch nicht nur schlecht gewesen. Sicher, wenn man es nüchtern betrachtete, konnte man über das, was wir da getrieben hatten, nur den Kopf schütteln.
 

Und doch…
 

«Hey Kakuzu, ist irgendwas?», riß mich Hidan aus den Gedanken.
 

Ich blickte von meinem Teller auf und sah mich seinem skeptisch musternden Blick ausgesetzt. Doch auch das hinderte meine Gedanken nicht daran, sich weiter zu drehen.

Der Vorstellung, die Nacht mit einem x-beliebigen Kerl zu verbringen, um meine Neugier zu stillen, empfand ich dann aber wenig bis gar nicht reizvoll. Bei Hidan hingegen sah die Sache schon anders aus.
 

«Was soll sein?», antwortete ich kühl.
 

Unbewusst neigte ich meinen Kopf, als ich mich tatsächlich dazu hinreißen ließ, die Pro und Kontras abzuwägen. Sollte ich mich auf Hidan einlassen?
 

Es ist Hidan, brüllte sogleich eine Stimme in meinem Kopf, als müsse sie mich erst wieder zur Vernunft bringen. Und ich konnte ihr nur recht geben; es war absolut absurd und unvorteilhaft etwas mit Hidan anzufangen. Es war auf so vielen Ebenen falsch und würde bestimmt zu Problemen führen. Schließlich waren wir Teampartner.

Dazu kam, dass, seit wir uns kannten, wir kaum ein nettes Wort für einander übrig gehabt hatten – wir feindeten uns stattdessen andauernd an. Und auch wenn mir nun klar geworden war, dass ich ihn nicht hasste und wir mittlerweile ein wenig besser miteinander zurechtkamen, war das noch lange kein Grund, auch nur in Erwägung zu ziehen, mich ihm (i)auf diese Art(i) anzunähern.
 

«Sag du’s mir. Du bist den ganzen Tag schon so still und ziehst dieses zerknitterte Gesicht. Als müsstest du eine übelst schwere Rechenaufgabe lösen. Und dein Essen hast du auch kaum angerührt.»
 

Ich schob ihm meinen Teller hin, worauf sich seine Brauen fragend hoben.

«Iss wenn du willst, ich hab keinen Hunger mehr.»
 

Egal aus welchem Blickwinkel man es betrachten wollte – eines stand fest. Ich hatte ein Problem. Und da meine Unruhe sogar schon Hidan aufzufallen schien, sollte ich bald etwas dagegen unternehmen. Großartige Lust, mir weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, hatte ich auch nicht, deshalb versuchte ich alles schnell objektiv zusammenzufassen und auf einen Punkt zu bringen.
 

Da ich die Sache mit Hidan damals nicht als übermäßig spektakulär betiteln würde, schob ich es guten Gewissens darauf, dass mein Verlangen rein körperlicher Natur war. Was an sich auch Sinn ergab. Denn das letzte mal, dass ich mir bei jemanden Abhilfe verschafft hatte, lag schon eine Weile zurück.

Über die Jahre hatte Sex für mich seinen Reiz verloren und irgendwann hatte ich es dann einfach ganz bleiben lassen. Natürlich waren die körperlichen Bedürfnisse, die sich ab und an meldeten, geblieben. Doch in der Regel sah ich keinen Grund, jemand anderes darin einzubinden. Doch vielleicht war ja genau daraus mein jetziges Problem entstanden?
 

«Na gut», meinte der Silberhaarige verwundert und nahm sich meinen Teller. «Wenn ich deins immer ab kriege, dann unterstütz ich dich natürlich bei deinem Hungerstreik.» Er grinste mich an, doch als keinerlei Reaktion meinerseits folgte, ließ er es wieder.
 

«Im Ernst, was los bei dir? Ich seh’ doch, dass dich irgendwas abfuckt.»
 

«Ich wüsste nicht, was dich das angeht», erwiderte ich schroff, was mir einen säuerlichen Blick einbrachte.
 

«Sorry, dass es mich interessiert, was bei dir ab geht, kommt nicht wieder vor.» Hidan schnaubte, widmete sich dann seiner zweiten Portion. Das Besteck kratzte über das Keramik, als der Jüngere noch gehässig anfügte: «Dann schweig halt und glotz mich weiter so an, als hätte ich irgendwas verbrochen.»
 

Ich ließ mich nicht dazu herab, etwas darauf zu erwidern und so verblieben wir eine Weile schweigend.

Irgendwann erhob ich mich jedoch abrupt vom Stuhl. Was weniger an Hidans bissigen Kommentaren, sondern vielmehr daran lag, dass mir etwas eingefallen war. Wie ich mein Problem würde lösen können – wenigstens vorübergehend, so hoffte ich.
 

«Was jetzt los? Bist du deswegen jetzt sauer oder was?»
 

«Nein. Ich muss nur noch was erledigen.» Ich schnappte mir meinen Mantel, zog ihn über und ignorierte Hidans fragenden Blick, der mich sogleich traf. «Iss ruhig auf und lass dir Zeit, ich zahle schonmal. Wir treffen uns dann nachher in der Unterkunft.»
 

«Ja, aber–» Er sah mich verdutzt an, kam aber nicht dazu weiterzureden, da ich mich einfach von ihm abwandte und, nachdem ich die Rechnung beglichen hatte, das Lokal verließ.
 

Als ich nach draußen trat, war die Straße hell erleuchtet vom Vollmond, der hoch am Himmel prangte. Der Wind frischte auf, brauste an mir vorbei, als ich mich in Bewegung setzte und östlich der Straße folgte. Dieser Weg würde mich am schnellsten aus dem Dorf, über einen Trampelpfad in das lebhaftere Nachbardorf bringen. Dieses war nicht allzu weit entfernt und doch würde ich ein Stück laufen müssen – was mir aber gerade gelegen kam. Der kleine Fußmarsch würde mir gut tun und war perfekt um meine Gedanken frei zu bekommen.
 

Auf dem Weg dachte ich darüber nach, was ich für schlimmer befinden sollte. Wenn sich gleich herausstellte, dass mein Problem nicht verschwand, es zwangsläufig doch etwas komplizierter war und ich mich womöglich doch zu Hidan als Person und nicht nur körperlich hingezogen fühlte. Oder wenn es sich gleich in Luft auflöste, was jedoch nur bedeuten konnte, dass ich fast gestorben wäre für jemanden, der mir nichts bedeutete.
 

Konnte mir mein Leben denn so wenig wert sein?
 

Im Nachbardorf angekommen stellte ich ärgerlich fest, dass mich das ganze Chaos in meinem Kopf dann doch mehr belastete als angenommen. Denn als ich mich vor einem Etablissement wiederfand, das sich meiner annehmen würde, hatte sich eine Wut in mir geschürt, die mich das Ganze nur noch schnell hinter mich bringen lassen wollte.

Die rote Leuchtschrift flackerte über dem Eingang, erleuchtete die dunkle Gasse, in der kaum noch einer unterwegs war. Auch wenn ich nicht sonderlich viel von Bordellen hielt, so war das doch die effektivste und schnellste Lösung für mein Problem.
 

Der Sake, den ich mir vorher an der Bar gönnte, schmeckte billig und hinterließ einen fahlen Nachgeschmack. Das Weib, das ich mir aussuchte, sah, wenn man den hohen Preis für ihre Dienste bedachte, ein wenig verbraucht aus. Dazu roch sie für meinen Geschmack zu sehr nach Parfum und hatte zu viel Make up aufgetragen. Ich beschwerte mich jedoch nicht, zumal die anderen, die zur Auswahl gestanden hatten, noch weniger meinem Geschmack entsprachen.

An der Bar versuchte mich die Rothaarige noch in ein lockeres Gespräch zu verwickeln. Nachdem ich ihr gesagt hatte, dass ich nicht zum Reden hier war, schien sie brüskiert. Ich folgte ihr nach oben in den zweiten Stock und die wenigen Anweisungen die ich ihr gab, was ich von ihr wollte, blieben die einzigen Worte, die noch zwischen uns fielen.
 

Als ich später das Etablissement mehr oder weniger zufrieden wieder verließ, war die Nachtluft deutlich kühler geworden. Der Himmel war bewölkt und ein leichter Schauer hatte eingesetzt, weswegen ich mich auf dem Rückweg beeilte.
 

Als ich, in der Unterkunft angekommen, die Tür zu Hidan und meinem Zimmer aufstieß, lag dieses im Dunklen. Weshalb ich zuerst vermutete, dass ich noch vor dem Jüngeren zurückgekehrt war. Doch ich wurde eines Besseren belehrt, als ich das in die Decke gewickelte Bündel auf dem Bett entdeckte.

Leise schloß ich die Tür hinter mir und legte meinen halbnassen Mantel ab. Ich war gerade dabei, mich von meiner restlichen Kleidung zu befreien, da nahm ich eine Regung vom Bett her wahr.
 

«Da bist du ja endlich», murmelte Hidan müde und rollte sich schwerfällig auf die Seite, um mich aus kleinen Augen anzusehen. «Dachte schon du wurdest aufgegriffen und steckst in Schwierigkeiten. Hatte die schwierige Aufgabe mich zu entscheiden: dir zu Hilfe eilen und deinen Arsch retten oder doch lieber liegen bleiben und weiterschlafen.» Sein mattes Grinsen konnte ich sogar in der Dunkelheit erkennen.
 

«Wie ich sehe hast du dich für letzteres entschieden.»
 

«Nope. Ich bin durch’s ganze, verdammte Dorf gelatscht und hab dich stundenlang gesucht. Fünf Minuten bevor du zur Tür rein bist, bin ich noch im Zimmer auf und ab gelaufen.» Er gähnte gedehnt, senkte die Lider und wirkte allgemein so, als würde er jeden Moment gleich wieder weg dämmern.
 

«Der war schlecht.»
 

«War er nicht, du hast bloß kein Humor. Und in Wahrheit wusste ich, dass du schon klar kommen würdest. Sonst hätte sich meine Intuition gemeldet.»
 

«Wusste nicht, dass du dich für eine Frau hältst.»
 

Als ich mich bis auf die Shorts ausgezogen hatte, dachte ich kurz darüber nach, ob ich vorher noch unter die Dusche springen sollte, ließ es dann aber bleiben. Dafür war ich zu müde. Mir war leicht schwummrig, der Alkohol machte mich träge und die Anstrengung der Versiegelung war noch immer nicht ganz aus meinen Knochen gewichen.
 

«Bastard!», nuschelte Hidan etwas verzögert, da ihm wohl erst jetzt aufgegangen war, was ich damit gemeint hatte. «Du weißt schon, dass das nicht nur Frauen haben können, oder?»
 

«Es heißt nicht umsonst weibliche Intuition.»
 

«Man, sieh’ doch nicht immer alles so streng. Nur weil man es so nennt, heißt das noch lange nicht, dass das nicht auch Männer haben können.»
 

Ich seufzte resigniert und war gleichzeitig doch amüsiert darüber, dass dieser Dickschädel sogar noch im Halbschlaf eine Diskussion vom Zaun brach und nicht von seinem Standpunkt ablassen wollte.
 

«Genug davon. Rutsch lieber mal rüber.»
 

Hidan lag mittig im Bett und nahm dieses fast ganz ein, auf meine Aufforderung hin machte er mir jedoch Platz. Ich zögerte, blieb einen Moment unschlüssig neben dem Bett stehen. Irgendwie fühlte es sich nicht richtig an, mich jetzt zu ihm zu legen, wo ich doch vor knapp einer Stunde das Bett noch mit einer Frau geteilt hatte.

Kopfschüttelnd verteufelte ich diesen absurden Gedanken, der zudem völlig unsinnig war, und ließ mich ins Bett sinken. Doch das drückende Gefühl verschwand nicht – wurde vielmehr schlimmer – als ich Hidan neben mir wahrnahm und kurz darauf spürte, wie er sich an mich schmiegte.
 

Der Silberhaarige musste schon eine Weile geschlafen haben, denn er fühlte sich angenehm warm an. Beinahe heiß war er, doch vielleicht kam es mir nur so vor, weil mich die Nacht ausgekühlt hatte. Nachdem er mir ein Teil der Decke abgegeben hatte, sank sein Kopf auf meine Schulter. Seufzend legte er einen Arm um mich.

Von seiner gestrigen Unsicherheit war offensichtlich nicht mehr viel übrig geblieben. Leider. Denn gerade jetzt wünschte ich, er würde sich nur weiterhin so zieren.
 

«Hast du getrunken? Bastard, hättest mich ruhig mitnehmen können. Wolltest den ganzen Spaß wohl alleine haben, hm?» Er drückte sein Gesicht in meine Halsbeuge und noch während er einatmete wurde mir klar, dass er vielleicht nicht nur das würde riechen können.
 

«Wo hast du dich rumgetrieben? Du riechst irgendwie nach… Parfüm?», fragte er verwundert und schnupperte an mir, während ich mich gedanklich einen Narren schimpfte. Vielleicht wäre es doch klug gewesen, vorher noch duschen zu gehen.

«Ja, Parfüm und noch was anderes. Du riechst nach… nach…» Er stockte und richtete sich etwas auf, um mich anzusehen.

«Hast du… warst du… wo bist du gewesen?» Seine Stimme bebte leicht, als wäre er sich nicht sicher, ob er wirklich eine Antwort darauf haben wollte.
 

«Ich war in einem Bordell», eröffnete ich nonchalant.
 

Es blieb still, eine ganze Weile sagte er nichts, rührte sich nicht, starrte mich nur an.
 

«Aha», murmelte er dann, scheinbar teilnahmslos. Anders als seine Stimme, war seine Mimik facettenreich – seine Gesichtsmuskeln sprangen von einer Emotion zur nächsten. Erst hoben sich erstaunt seine Brauen, dann verzogen sich angeekelt seine Lippen, sein Mund öffnete sich, nur um sich gleich wieder zu schließen. Es machte den Anschein, als würde er nicht wirklich wissen, wie er darauf reagieren sollte. Hatte ich ihn damit so kalt erwischt?
 

Einige Sekunden später schien eine Emotion Überhand gewonnen zu haben – Wut.
 

«Warum zum Teufel erzählst du mir das? Einfach so?»
 

«Warum nicht?»
 

«Du hättest wenigstens lügen können oder… keine Ahnung! Den Schnabel aufmachen und mit mir reden, anstatt abhauen und ne Nutte vögeln gehen.»
 

«…»
 

Hidan schnaubte abfällig und machte nicht den Anschein, als würde er weiter mit mir diskutieren wollen. Denn er löste sich endgültig von mir, wandte sich ab und rutschte zur Bettkante. Mit einem Arm um den Bauch fing ich ihn jedoch noch rechtzeitig ein, ehe er die Möglichkeit hatte aus dem Bett zu steigen.
 

«Lass mich los», verlangte er, die Wut in seiner Stimme nun nicht mehr zu überhören.
 

Seinen Wunsch ignorierend, fing ich nun doch an zu bereuen. Ich hätte es ihm nicht erzählen sollen. Denn so wie sich die Sache gerade entwickelte… so hatte ich das nicht gewollt.
 

Aber eigentlich hätte ich mir doch denken können, dass er nicht sonderlich erfreut darüber sein würde.
 

«Warum sollte ich?», antwortete ich, nun auch ein wenig gereizt, da mich sein abrupter Rückzug unzufrieden stimmte. «Normalerweise kannst du mir doch nicht nah genug sein, so wie du dich manchmal halb auf mich drauf legst. Ich dachte das ist es, was du willst.» Ich zog ihn so nah an mich heran, bis sein Rücken meine Brust berührte. Fest drückte ich mich an ihn, ließ keinen Raum zwischen unseren Körpern.

«Dass ich dich anfasse. Das ist es doch, was du willst.» Zur Verdeutlichung ließ ich einmal meine Hand über seinen Oberkörper wandern. Aufdringlich. Und ohne seinem Sträuben Beachtung zu schenken.
 

Hidan genoss doch jede noch so kleine Annäherung meinerseits. Sei es auch nur, dass ich ihm des nachts nicht gleich den Rücken zukehrte. Da sollte ihm das hier doch gefallen.

Doch das tat es anscheinend nicht. Widerspenstig wand er sich in meinem Griff, versteifte sich wie ein Felsbrocken und zuckte vor meiner Berührung zurück, als ekelte er sich vor ihr.
 

«Fick dich!», zischte er, während er mit seinen Nägeln über meinen Unterarm kratzte, diesem rote Striemen verpasste. Das scharfe Brennen auf meiner Haut brachte mich jedoch nicht von ihm los. Ich hielt ihn weiter fest, dachte nicht daran ihn loszulassen.

«Ich schlafe nicht neben jemanden, der nach Sex und billiger Hure riecht. Du stinkst! Geh weg, das ist ja widerlich.» Verabscheuend spuckte er die Worte aus, während es ihm gelang, sich in meiner Umklammerung zu mir umzudrehen. Mit finsterem Blick stemmte er seine Hände gegen meine Brust, während sich seine angewinkelten Knie in meinen Magen bohrten. Mit allen vieren versuchte er sich von mir wegzudrücken, meinen Arm zum Nachgeben zu bewegen.
 

Wir starrten einander in die Augen, lieferten uns ein Blickduell, welches mehrere Minuten anhielt. Als mein Arm langsam anfing zu schmerzen, ich allmählich wegzurutschen drohte, nahm ich den Linken zur Verstärkung dazu. Ich schob ihn unter Hidan hindurch und verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. So festigte ich meine Umklammerung, was dem Jüngeren ein aufgebrachtes Knurren entlockte.

Anscheinend hatte er genug, denn er verlor die Geduld und fing an mich gegen die Brust zu boxen. Er zappelte, schlug immer wilder und fester zu, was es mir schwer machte, ihn weiter unter Kontrolle zu behalten. Schließlich entstand eine kleine Rangelei, die ihren Höhepunkt darin fand, dass ich beinahe eines seiner Knie in meine Weichteile gerammt bekommen hätte, wäre ich nicht reflexartig zurückgewichen.
 

«Den brauche ich noch!», grollte ich erzürnt und war mir dennoch nicht ganz sicher, ob er vielleicht nicht doch nur abgerutscht war und es nicht absichtlich getan hatte.

«Nicht sehr sportlich von dir. Hast du eine Ahnung wie sehr das weh tut?» Grob wirbelte ich ihn herum und da es mir so langsam reichte, rollte ich mich auf ihn. Um Fluchtversuche direkt zu unterbinden und auch nicht Gefahr zu laufen, doch noch von ihm verletzt zu werden, begrub ich ihn unter mir, drückte ihn mit meinem Körpergewicht bäuchlings in die Matratze.
 

Er sollte sich erst mal wieder einkriegen.
 

«Ach ja? Mir doch egal! Heul jemand anderen voll, zum Beispiel deine kleine Nuttenfreundin!»
 

Er keuchte, als ich den Druck verstärkte.

«Warum macht dich das so wütend, Hidan?», wollte ich ehrlich wissen, doch die Frage schien ihn nur noch aggressiver werden zu lassen.
 

«Hör auf! Lass mich los, verpiss dich endlich!» Er schrie und beschimpfte mich, verfiel immer mehr in Hysterie, was ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Ich wunderte mich – warum war er denn so außer sich? Zuvor war er wütend gewesen, doch das hier, wie er sich nun verhielt, nahm gerade ein völlig anders Ausmaß an. Als wäre bei ihm von der einen auf die andere Sekunde ein Schalter umgelegt worden.

Sein Gebrüll drang mittlerweile nur noch gedämpft zu mir vor, da er mich ja geradezu dazu zwang, meinen Griff zu festigen und seinen Kopf runter in die Kissen zu drücken.
 

Es vergingen einige Minuten, in denen er sich weiter fluchend und unter Leibeskräften gegen mich wehrte, strampelte, tobte und sich wand, als ginge es um sein Leben. Ich keuchte auf, als sein Ellenbogen meine Rippen erwischte und fing seine Arme sogleich ein, pinnte sie neben seinem Kopf fest. Diesen riss er plötzlich ruckartig zurück, wobei er mir fast eine blutige Nase verpasst hätte, wäre ich nicht schnell genug zurückgewichen.

Er suchte weiter nach Möglichkeiten mir weh zu tun, fand irgendwann aber keine mehr, da ich ihn mittlerweile so sehr fixiert hatte, dass er kaum mehr einen Muskel rühren konnte. Er war bewegungsunfähig und ließ es dennoch nicht bleiben, sich immer wieder verzweifelt aufzubäumen – wie ein in die Enge gedrängtes Tier. Dabei sollte doch schon lange klar sein, dass er damit rein gar nichts bezweckte. Außer vielleicht, dass er noch mehr Bewegungsfreiheit einbüßte.
 

Es dauerte, bis er sich verausgabt hatte und erst dann wurde er allmählich ruhiger. Schließlich gab er vollkommen auf und blieb regungslos liegen, ächzte nur noch schwer unter meinem Gewicht. Dann schlug das Ächzen in ein seltsames Geräusch um. Es hörte sich für mich beinahe wie ein Wimmern an.

Mit gerunzelter Stirn wog ich ab, ob es tatsächlich möglich war, dass er heulte. Seine rechte Schulter zuckte plötzlich unkontrolliert zurück und erst da wurde mir bewusst, dass ich meine Kraft unterschätzt hatte. Hidan bekam keine Luft – ich war dabei ihn zu erdrücken.
 

Sofort nahm ich den Druck von seinem Brustkorb und lockerte die Fixierung seines Kopfes, gab ihm so die Möglichkeit, diesen zur Seite zu drehen. Das tat er auch augenblicklich – er holte er keuchend Luft, tat dann eine ganze Weile lang nichts anderes, außer angestrengt durchzuatmen.
 

Ich betrachtete sein Profil, die geschlossenen Augen und die geöffneten Lippen, die so gierig Sauerstoff einsogen. Er schwitzte, sein helles Haar war zerzaust und lag im starken Kontrast zu seiner Haut, die durch die Anstrengung und des Luftmangels einen satten Rotton angenommen hatte.
 

Hidan schnaufte noch ein paar mal durch, ehe er die Augen öffnete. Seine Pupillen huschten unruhig umher, als würde er sich erst orientieren müssen. Als sein Blick schließlich klarer wurde und dem meinem begegnete, senkten sich seine Lider sogleich wieder. Er drehte den Kopf weg, vergrub sein Gesicht locker in den Kissen, als würde er nicht wollen, dass ich ihn ansah.
 

«Wusste nicht, dass wir wieder so weit sind und du mich umbringst, sobald dir was nicht passt», murmelte er mit rauer Stimme, die den verbitterten Tonfall nur noch mehr zur Geltung brachte. «Ich hab da ein kleiner Tipp für dich: verbrennen ist viel qualvoller als ersticken. Wenn du mich also leiden sehen willst, dann fackle mich das nächste mal ab.»
 

«Ich hab nicht bemerkt, dass du keine Luft bekommst.» Verteidigte ich mich und versuchte die Entschuldigung, die mir so plötzlich auf der Zunge brannte, unausgesprochen zu lassen.
 

«Schön. Mir egal. Aber geh' jetzt endlich von mir runter.»
 

«Zuerst erklärst du mir, was das gerade eben war.»

Mochte sein, dass Hidan nicht sehr glücklich über die Sache mit dem Bordell war. Dass er deswegen auf Abstand gehen wollte war ja noch nachvollziehbar – aber gleich derart ausrasten?
 

«Ich weiß nicht was du meinst.»
 

«Verarsch mich nicht.»
 

Hidan zögerte mehrere Sekunden, antwortete mir dann aber doch.
 

«Ich kann es einfach nicht ausstehen, wenn ich mich nicht bewegen kann.» Wie auf Kommando bewegte er seine Arme ein Stück – so weit es ihm in meinem Griff eben möglich war. «Bei engen, dunklen Räumen ist es auch schlimm. Wenn ich keine Möglichkeit sehe, mich aus einer Situation zu befreien… da kriege ich Panik, okay? Da bekomme ich so schon schlecht Luft. Dass du mich unter dir begräbst, macht es das dann auch nicht gerade besser.» Er drehte seinen Kopf erneut zur Seite und schielte zu mir hoch.
 

Ich runzelte nur die Stirn, da mir das suspekt vorkam. Ein Unsterblicher, der das Sterben und die höllischsten Schmerzen schon unzählige male durchlebt hatte, sich aber vor engen Räumen und eingeschränkter Bewegungsfähigkeit fürchtete?
 

«Was?», fauchte Hidan gereizt, als er meinen Blick bemerkte. «Ich bin nicht Gott oder so. Dachtest du denn, dass es nichts gäbe, das mir irgendwie was ausmacht?»
 

Ich hätte es zwar nicht so ausgedrückt – aber ja, das hatte ich tatsächlich geglaubt.
 

Hidan tat immer so furchtlos und abgebrüht – ob in Kämpfen oder generell wie er sich gab. Anfangs hatte ich noch geglaubt, dass er einfach nur gut schauspielern konnte und dass er doch eine Schwäche haben müsste.

Als ich ihn frisch als Teampartner zugeteilt bekommen hatte, hatte ich geradezu fieberhaft nach einer solchen gesucht. Etwas, das mir geholfen hätte ihn gefügig zu machen und womit ich ihn vielleicht auch etwas hätte quälen können. Doch ein brauchbares Druckmittel hatte sich mir nie offenbart. Dass es eine ganz simple Klaustrophobie sein würde – damit hätte ich nicht in tausend Jahren gerechnet.
 

Umso mehr verblüffte es mich, dass Hidan mir das nun, gerade heraus, einfach so offen legte.
 

Als würde der Jüngere meine Gedanken lesen, verzog er ertappt die Mundwinkel, ehe er eine gleichgültige Miene aufsetzte, die mich jedoch nicht täuschen konnte. Wahrscheinlich befürchtete er, dass ich immer noch vor hatte, diese Information gegen ihn zu verwenden.
 

«Geh’ jetzt runter von mir», erklang es kalt.
 

«Kriegst du dich dann ein und bleibst liegen?»
 

Er schnaubte, ließ sich jedoch nicht zu einer Antwort herab – machmal erschien mir seine Sturheit grenzenlos. Doch ich konnte genauso stur sein, wenn ich wollte.
 

«Was willst du eigentlich von mir?», fragte er mich dann schnaubend, als ihm wohl klar wurde, dass ich nicht vorhatte ihn lozulassen. Mir war direkt klar, dass sich die Frage nicht darauf bezog, was ich gerade jetzt im Augenblick wollte.
 

Ja, was wollte ich eigentlich?
 

Ich zögerte mit meiner Antwort.
 

«Ich will, dass alles wieder normal wird.»
 

Bockig sah er zu mir hoch und zog dann offensichtlich die falschen Schlüsse.

«Ich beruhige mich nicht, nur, weil du das gerade so willst.»
 

«Das meine ich nicht.»
 

«Was dann?»
 

«Unser Verhältnis.»
 

Er lachte trocken auf, als hätte ich einen schlechten Witz gerissen.

«Scheiße, das war doch noch nie normal, Kakuzu.»
 

«Mag sein, aber darum geht's nicht. Ich will, dass es so wird wie vorher. Vor dieser Sache im Wald. Und ich dachte, dass ich dafür nur mal wieder eine Frau brauchen würde.»

Es war alles noch so einfach gewesen als wir uns noch gehasst hatten – doch nun war so vieles anders, ungewohnt und einfach nur verwirrend. Das allein hätte ich ja noch akzeptieren können, doch dann pflanzte mir Hidan mit dieser einen, dämlichen nächtlichen Aktionen diese Gedanken in den Kopf, rief dieses absurde Verlangen in mir wach, das einfach nicht mehr verschwinden wollte.
 

«Willst du mich verarschen?», lachte er höhnisch, ballte seine Hände zu Fäusten. «Wo zum Teufel soll das logisch sein? Aber gut, dann hoffe ich, dass du jetzt zufrieden bist.» Grollend spannte er sich unter mir an, als würde er sich gleich wieder aufbäumen wollen.
 

Nein. Nein, bin ich nicht. Ich bin weit davon entfernt zufrieden zu sein.
 

Der Bordellbesuch hatte gar nichts gebracht, ich hätte ihn mir genauso gut auch sparen können. Ich fühlte mich noch immer zu Hidan hingezogen. Sogar jetzt, wenn wir stritten, sogar in solchen Momenten, in denen er mir das Leben schwer machte und ich ihm am liebsten den Hals umdrehen würde.

Diese Anziehung, sie mochte zum Teil schon immer da gewesen sein, doch richtig bewusst war sie mir erst seit kurzem. Und nun, wo sie so stark geworden war, gelang es mir einfach nicht mehr sie zu ignorieren.
 

«Und jetzt lass mich endlich los!» Seine Stimme war scharf, schneidend und hatte einen drohenden Unterton angenommen, der mir unmissverständlich klar machte, dass es nun genug war.
 

Kurz festigte sich mein Griff, ehe ich ihn widerwillig losließ. Ich gab ihn frei, rollte mich von ihm runter und nur Sekunden später war Hidan aus dem Bett geflohen. Unzufrieden blieb ich auf der Matratze zurück, beobachtete, wie er sich mit finsterer Miene eines der Kissen schnappte.
 

«Was wird das?»
 

«Wonach sieht’s denn aus?», giftete er zurück. «Ich sagte ja schon: du stinkst. Und lieber schlafe ich in der Badewanne als neben dir!»
 

Ein verachtender Blick traf mich, der mein Blut nur noch weiter zum Kochen brachte. Frustriert darüber, wie das alles so aus dem Ruder hatte laufen können, verfluchte ich Hidan und die widersprüchlichen Gefühle, die er in mir hervorrief. Ich verfluchte mich selbst und die ganze Welt, die mich doch schon gehasst hatte, kaum dass ich auf der Welt war.
 

«Ich wünschte ich hätte dich sterben lassen.» Es war nur ein flüchtiger Gedanke, der es dennoch geschafft hatte in Form von Worten meinen Mund zu verlassen.
 

Hidan blieb auf halbem Weg stehen. Langsam wandte er sich mir zu, mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich nicht zu deuten wusste.
 

«Nicht das. Sag was immer du willst, aber nicht das. Was du getan hast, das… wag es nicht, das in den Dreck zu ziehen.»
 

Es war als würde ich Hidan gar nicht hören, die Welt schien in Watte gepackt – das Einzige, das ich wahrnahm war das Rauschen meines eigenen Blutes in den Ohren. Ich dachte an die Zeit vor der Partnerschaft mit Hidan und daran, wie geordnet damals alles doch gewesen war. Probleme waren nicht existent gewesen, wie auf einem Laufband war ich geradlinig dem Pfad, der mein Leben darstellte, gefolgt, ohne mich auch nur einmal nach links oder rechts zu drehen oder ablenken zu lassen. Doch nun hatte ich mich verirrt, es fühlte sich so an, als würde ich nur noch im Kreis laufen.
 

«Ich wünschte du wärst tot. Dann hätte ich meine Ruhe und könnte mein Leben friedlich weiterführen.»
 

«Hör auf!» Sein Schrei kam so plötzlich und unerwartet, dass das Dröhnen in meinem Schädel von hier auf jetzt verschwand. «Du verdammter Mistkerl, das ist nicht fair!» Sein Gesicht verzog sich wütend, während sein Körper zu beben anfing als stünde er unter Strom.

«Was ist eigentlich dein Problem, huh?! Warum gibst du so ne Scheiße von dir, nur, weil ich grad keinen Bock mehr auf dich hab!? Ich blick bei dir nicht mehr durch, weil, erst sagst du was, tust dann aber das Gegenteil und umgekehrt. Ich kapier da echt gar nichts mehr, aber gut, meinetwegen, mach wie du willst. Aber gib mir nicht die Schuld an deiner Verkorkstheit. Und fick mich nicht so blöd von der Seite an! Halt ganz einfach deine Schnauze, wenn eh nur Müll raus kommt!» Hidan hatte sich regelrecht in Rage geredet, schnaufte nun einmal durch, da er kaum zu Atem gekommen war.

«Du tust immer so oberwichtig, als wüsstest du alles, aber in Wahrheit bist du einfach nur ein Kotzbrocken, der von nichts einen Plan hat. Du weisst ja nichtmal was du willst! Ich kann jetzt echt verstehen, warum dich dein Dorf damals in den Kerker geworfen hat. Du bist einfach unausstehlich, das hält man ja nicht aus!»
 

Ungerührt hatte ich seinen Wortschwall über mich ergehen lassen, doch bei den letzten Worten versteifte sich jeder Muskel in mir. Unbewusst krallten sich meine Nägel in das Laken. Unbändiger Zorn flammte in mir auf, Angesicht dessen, dass Hidan es wagte Dinge aus meiner Vergangenheit für seinen Wutausbruch zu missbrauchen. Dinge, die hier absolut nicht hingehörten. Dinge, die – auch wenn noch so lange Zeit vergangen sein mag – noch immer an mir nagten. Der Jüngere konnte über alles schimpfen, mich beleidigen und anschreien so viel er wollte. Ich würde alles hinnehmen können – aber nicht das.
 

Es machte mich rasend.
 

«Sprich nicht über Dinge, von denen du einen Dreck weisst», warnte ich ihn mit drohender, dunkler Stimme. Die Augen zu Schlitzen verengt starrte ich ihn hasserfüllt an. Ich rang um Beherrschung und hatte alle Mühe damit, nicht gleich aufzuspringen und ihn meine Wut spüren zu lassen.

«Ich werde diesen Ort morgen verlassen und solltest du auch nur darüber nachdenken mir zu folgen, werde ich dich in Stücke reißen und deine kümmerlichen Überreste irgendwo im Wald verscharren.»
 

Hidan geriet für einen Moment ins Stocken, ein Schatten der Unsicherheit huschte über seine Mimik, ehe er meinen Blick trotzig erwiderte.
 

«Du kannst mich nicht einfach so zurücklassen, wir sind ein Team. Was ist mit Akatsuki? Pain würde das sicher nicht erlauben und–»
 

«Du glaubst ja nicht wie egal mir das ist. Und nun geh mir aus den Augen, ich will dich nicht mehr sehen.»
 

«Schön!», zischte er. «Dann verpiss dich halt! Ich bin froh wenn ich dich endlich los bin!»

Wütend donnerte Hidan ins Bad und ließ die Tür mit Krach ins Schloss fallen. Der Lichtkegel, der unter dem Türschlitz hindurch fiel, erlosch nur Sekunden später. Es polterte noch einmal gedämpft, dann war es still.
 

Langsam ließ ich mich zurück in die Matratze sinken. Mein Gemüt war noch immer erhitzt, die Wut floß brütend heiß durch meine Adern und würde mich gewiss für eine Zeit lang am Einschlafen hindern.

Ich zog die Decke hoch, wälzte mich auf die Seite und starrte in die Dunkelheit, während ich versuchte an nichts zu denken.
 

Irgendwann, als ich mich ein wenig beruhigt hatte, konnte ich, rückblickend betrachtet, das Ausmaß unseres Streits nur noch als lächerlich bezeichnen. Dennoch war es so typisch – unsere Meinungsverschiedenheiten schaukelten sich immer hoch. Manchmal ging es sogar so weit, dass selbst mir der ursprüngliche Grund für unseren Streit nicht mehr einfallen wollte.

Für gewöhnlich ignorierte ich Hidan nach einem Streit ein paar Tage lang, schwieg ihn an, während er mich mit gehässigen Kommentaren strafte. Am Anfang hatte ich noch versucht ihn mit Gewalt in die Schranken zu weisen und war ihn oftmals körperlich angegangen. Ich hatte jedoch schnell einsehen müssen, dass das nicht viel brachte – er ließ sich damit einfach nicht einschüchtern.
 

Auch wenn wir uns schon so oft gestritten hatten, dieses mal war etwas anders. Was daran liegen konnte, dass sich die Dinge, die wir uns normalerweise an den Kopf warfen, nur aus Lappalien bestanden. Doch in diesem Fall waren Worte gesagt worden, die schwerer wogen – über die konnte man nicht so einfach hinwegsehen. Und mein Gefühl sagte mir, dass es dieses mal nicht damit erledigt sein würde, indem wir uns für ein paar Tage aus dem Weg gingen.
 

Ich wusste nicht wie viel Zeit vergangen war – eine Stunde, vielleicht auch zwei – als das Licht im Bad wieder anging. Die Tür wurde leise aufgeschoben und Hidan kam in dem entstandenen Spalt zum Vorschein. Seine Augen huschten durchs Zimmer, als würde er mich in der Dunkelheit erst ausmachen müssen.
 

«Hey, bist du wach?», murmelte er dann, obwohl er sich die Frage auch selbst hätte beantworten können. Denn er sah direkt in meine Richtung und musste demnach auch bemerkt haben, dass ich nicht schlief.
 

«Ich kann nicht schlafen, weil… die scheiß Wanne ist echt hart und… keine Ahnung.» Er massiert sich den Nacken, neigte den Kopf, als würde er selbst nicht wissen, was er sagen sollte. «Ich hätte das mit deinem Dorf nicht sagen sollen.»
 

Was du nicht sagst, hatte ich ihm trocken antworten wollen, doch mein Stolz ließ es nicht zu.
 

«Gut, na schön, es tut mir leid, okay? Aber ignorier mich nicht», meinte er dann energisch. «Außerdem bin ich nicht der einzige, der Scheiße gebaut hat.»
 

«Und jetzt willst du eine Entschuldigung von mir oder was?» Es war schon an meinem Tonfall zu entnehmen, dass er vergebens darauf warten würde.
 

«Was?», entkam es ihm leicht verwirrt. «Nein. Ich meine, wäre nett, wenn du das tun würdest, aber nein.»
 

«Was wird das hier dann?»
 

«Ich muss wissen, ob du das ernst gemeint hast. Es hat sich nämlich so angehört und… das würdest du nicht tun, oder? Abhauen, meine ich. Einfach so, ohne irgendwas? Wir sind schon so lange ein Team und haben so viel Mist erlebt und dann sind wir doch gerade erst… wir haben doch irgendwie… das… keine Ahnung. Und da haust du doch nicht ab und lässt mich einfach so zurück? Oder?»
 

Ich war ein wenig verwundert darüber, dass es das war, was ihn so beschäftigte. Und nicht meine Aussage von vorhin, dass ich mir seinen Tod wünschen würde.
 

«Das tust du nicht, oder?», hakte Hidan nach.
 

«Warum beschäftigt dich das plötzlich? Wir streiten andauernd.» Und drohen uns gegenseitig mit Dingen, die wir dann doch nie wahr machen.
 

«Ich weiß.»
 

«Aber so bist du noch nie angekommen.»
 

«Ich weiß.»
 

«Warum also jetzt?»
 

«Weil dieses mal etwas anders ist.»
 

Dann hatte er es also auch gespürt?
 

Vorsichtig, als würde er nicht wissen, ob ich ihn jede Sekunde wieder zum Teufel jagen würde, näherte er sich dem Bett. Die Tür vom Bad stand noch immer offen, das Licht brannte ungenutzt weiter, doch das schien den Jüngeren nicht weiter zu kümmern. Als er bei mir angelangt war, wartete er mit fragendem Blick einige Sekunden ab – als würde er mich um Erlaubnis bitten. Ich starrte nur stumm zurück, war emotional einfach zu erschöpft und wollte keinen Zündstoff für einen weiteren Streit liefern.

Das Kissen musste noch immer in der Badewanne liegen, denn als er sich mit Abstand neben mich auf die rechte Betthälfte legte, sank sein Kopf direkt auf das Laken. Schweigend lag er da, starrte nur hoch zur fleckigen Decke. Nicht wissend, was ich davon halten sollte, tat ich es ihm nach einer Weile einfach gleich.
 

«Vorhin sagtest du, du wünscht dir alles wäre wieder so wie früher. Aber weisst du was?»
 

Etwas berührte mich am Arm. Ich starrte weiter auf einen imaginären Punkt an der Decke.
 

«Ich finde, so wie es jetzt ist, ist es doch viel besser.» Kühle Finger legten sich zögerlich um meinen Unterarm, verharrten in locker aber beständigem Griff. Im ersten Moment wollte ich meinen Arm wegziehen, tat es dann aber doch nicht.

«Was ist so schlimm daran, wenn wir uns ein wenig anfreunden?»
 

«Das ist keine Freundschaft», widersprach ich sogleich. Ganz egal was das zwischen uns sein mochte, Freundschaft war es bestimmt nicht.
 

«Ich weiß», hörte ich ihn leise sagen. Irgendwie wusste ich auch ohne hinzusehen, dass er gerade lächelte. «Ich wusste nur nicht wie ich es nennen sollte.»
 

Seine Stimme hatte sich bis auf ein müdes Flüstern hinabgesenkt, so dass ich es beinahe nicht mehr verstanden hätte. Hidans gleichmäßige Atemzüge sollten schließlich die letzten Geräusche sein, die das Zimmer bis zum Morgen erfüllten.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

I've been on the low

I been taking my time

I feel like I'm out of my mind

It feel like my life ain't mine

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Loss


 

o8. Loss

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Verlust.
 

Es gab vieles, das ich verloren hatte. In jungen Jahren noch darum bemüht, Dinge und Menschen um mich zu scharen, die mein Leben bereicherten, musste ich später erfahren wie schmerzhaft es sein konnte, wenn einen in nur einem Augenblick alles genommen wurde. Mit den Jahren hatte ich gelernt damit zu leben. Die Leere jedoch blieb, ich spürte sie jeden Tag – sie war einfach allgegenwärtig.

Doch ich fand mich damit ab, dachte, so wäre es besser. Zu tief war ich gefallen, als dass ich noch mal ein Risiko eingehen wollte. Wer sich an nichts band, der hatte auch nichts, das er verlieren konnte.
 

Doch nun fragte ich mich, ob das der richtige Weg war. Ich war diese Leere überdrüssig. Ich war es einfach leid, nichts zu haben. Und sehnte mich nach etwas, das mich ausfüllte.
 


 

Die Sonne war schon vor einigen Stunden aufgegangen und noch immer verharrte ich. Wartete. Auf was, konnte ich selbst nicht sagen.

Der altersschwache Stuhl war unbequem, meine wenigen Habseligkeiten hatte ich alle sorgsam in meinem Mantel verstaut. Eigentlich hatte ich alles – war zum Aufbruch bereit. Ich müsste nur noch durch die Tür und dann hätte ich meine Drohung wahr gemacht und wäre unbemerkt verschwunden.
 

Doch ich rührte mich nicht. Starrte stattdessen weiter zum Bett hinüber.
 

Hidan schlief noch. Bisher hatte er sich nur einmal kurz herumgewälzt, sein Schlaf war ansonsten relativ tief. Er war nicht wach geworden, als ich aufgestanden war. Die Dusche hatte ihn auch nicht geweckt. Er hatte sich nicht mal dann gerührt, als ich im Zimmer umher ging, mich anzog und meine Sachen packte. Mich fertig machte.
 

Doch anstatt zu gehen – so, wie ich es eigentlich vorgehabt hatte – hatte ich mich auf diesen Stuhl niedergelassen. Und nun saß ich da, betrachtete seine schlafende Gestalt und sah mich nicht im Stande, meinen Körper in Bewegung zu setzen.
 

Mir entwich ein lautloses Seufzen.
 

Eigentlich war ich ein Mann, der sein Wort hielt, leere Phrasen gab es bei mir nicht. Das, was ich gestern Nacht Hidan angedroht hatte, war mein voller ernst und nicht bloß leichtfertig daher gesagt. Doch gerade fiel es mir unendlich schwer, meinen Prinzipien treu zu bleiben und meine Drohung wahr zu machen.
 

Dabei war ich doch immer noch wütend.
 

Wenn ich nur daran zurückdachte, was er im Streit über mein Dorf gesagt hatte – dann brodelte es erneut in meinem Inneren. Ich wollte es ihm zurückzahlen, ihm weh tun. So wie er mir mit seinen Worten weh getan hatte.

Meine Vergangenheit war nunmal mein Schwachpunkt. Und auch wenn ich mich selbst dafür verabscheute, so empfindlich auf banale Worte zu reagieren, ändern konnte ich nichts daran.
 

Aber seit ich mich hier hingesetzt hatte, war meine Wut einer inneren Unruhe gewichen. Ich steckte in einem Zwiespalt fest. Was sollte ich tun? Wenn ich Hidan wie angedroht zum Teufel jagte, ihn zurückließ, mich weigerte länger mit ihm als Team zu agieren… was würde dann geschehen? Was würde aus ihm werden?
 

Eigentlich sollte es mir egal sein. Er war eine Bürde, alleine zu sein würde mir einiges erleichtern. Ohne ihn würde ich meine Aufgaben schneller und effizienter erfüllen können. Ich hätte meine Ruhe, müsste mich nicht mit diesen ganzen Dingen herumschlagen, die nunmal mit einer solchen Partnerschaft einhergingen. Ich müsste nicht mehr auf ihn warten, wenn er nicht mit mir mithalten konnte. Müsste sein Geschwätz nicht länger ertragen, seine Beschwerden, wenn ihm etwas nicht passte. Müsste mich nicht mehr über sein leichtsinniges Vorgehen in Kämpfen ärgern.
 

Ohne ihn war ich sehr viel besser dran. Das war eine Tatsache. Zu gehen und ihn wenn nötig mit Gewalt loszuwerden, war eine gute Entscheidung. In mehrerlei Hinsichten. Es war notwendig, es war logisch. Ich hätte es schon viel früher tun sollen.
 

Hidan hatte es nicht anders verdient.
 

Ich nickte mir mental zu, festigte meinen Entschluss. Seine lächerliche Entschuldigung konnte daran auch nichts mehr ändern.

Mein Blick glitt hinüber zur Tür, aus der ich eigentlich schon vor einer Ewigkeit hatte gehen wollen.
 

Was, verdammt noch mal, hielt mich dann zurück!?
 

Was sprach schon dafür, weiter mit ihm als Team zu agieren? Ich war schon seit jeher ein Einzelkämpfer gewesen und kam besser alleine zurecht. Teamarbeit empfand ich als lästig, auch wenn ich mich mittlerweile damit abgefunden hatte. Doch das war nicht der Grund für mein Zögern. Ich machte mir nichts vor, es gab bloß eine Sache, die Schuld daran hatte, warum ich hier saß und grübelte.
 

Interesse. Meinem idiotischen Partner gegenüber.
 

Jedenfalls glaubte ich, dass es Interesse war. Mir fiel kein besseres Wort dafür ein. Dass ich mich für meinen Partner interessierte, konnte man mir jedoch nicht verübeln. Sogar ein Blinder sah es – Hidan war attraktiv. Mit seiner Art strahlte er etwas Aufregendes, Wildes aus. Er versprühte eine Leidenschaft, die enorm reizvoll war. In seiner Nähe fühlte man sich so lebendig. Er hatte ganz einfach etwas an sich, das ganz schön anziehend war. Und manchmal erschien es mir, als wäre er sich dessen selbst nicht mal bewusst.

Mit dieser Meinung stand ich ja auch nicht alleine da – mir waren schon oft verstohlene Blicke einiger junger Frauen aufgefallen. Und mir hatten sie bestimmt nicht gegolten.
 

Natürlich war er immer noch ein fluchendes Großmaul. Doch blendete man seine negativen Eigenschaften einmal aus, verbarg sich dahinter eine starke Persönlichkeit. Wir mochten nicht immer einer Meinung sein, doch Hidan blieb sich selbst treu. Wenn es darauf ankam konnte man auf ihn zählen. Er war keiner von der Sorte, die einen hinterlistig in den Rücken fiel. Wenn er ein Problem hatte, sagte er es demjenigen offen ins Gesicht. Das war etwas, das ich wirklich an ihm schätzte.
 

Dass ich so über ihn dachte, machte mal wieder deutlich, dass mein Interesse an ihm über das Körperliche hinausging. Das hatte auch die Bordell-Geschichte gestern nur zu deutlich bewiesen. Ansonsten hätte ich ihn mir einfach nehmen können und die Sache hätte sich damit erledigt. Nur glaubte ich nicht, dass es so einfach sein würde. Genauso sprach es doch schon Bände, dass ich noch immer hier wie festgewurzelt verharrte. Und nicht aufhören konnte darüber nachzudenken… was wäre wenn?
 

Was wäre, wenn ich bleiben würde? Was, wenn ich mich nicht verweigerte? Wie würde sich die Sache entwickeln, wenn ich diese verschrobenen Gefühle akzeptieren würde, ihnen Platz gab?
 

Was würde mir entgehen, wenn ich jetzt ging?
 

Seufzend schloss ich die Augen und massierte mir die pochenden Schläfen. Mein Grübeln führte zu nichts, es würde mich nicht weiterbringen, bescherte mir nur Kopfschmerzen. Als ich ein Brummen vom Bett vernahm, sah ich wieder auf.

Hidan lag noch genauso da wie er gestern eingeschlafen war. Nur sein Gesicht hatte er zur Seite gewandt, der leeren Betthälfte zu. Dort, wo ich bis vor kurzem noch gelegen hatte. Er regte sich langsam, träge hob er die Lider, rieb sich verschlafen übers Gesicht. Als sich sein Blick auf die leere Seite des Bettes haftete, weiteten sich seine Augen. Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper. Schlagartig setzte er sich auf und ließ seinen Blick hektisch im Zimmer umher wandern.

Als er mich in voller Montur an dem alten Holztisch sitzen sah, entspannte sich seine Haltung nur minimal. Er sagte nichts, starrte mich nur an und schien die Situation richtig erfasst zu haben. Normalerweise weckte ich ihn, sobald ich wach war. Dass ich es dieses mal nicht getan hatte, sagte genug aus.
 

«Wie lange sitzt du schon da?», fragte er und musterte mich abschätzend.
 

«Eine Weile.»
 

Er blinzelte unsicher, sah mich dennoch unverwandt an, während ich seinen Blick starr erwiderte. Der Teil in mir, den ihn noch immer leiden sehen wollte, wollte ihn noch ein wenig länger zappeln lassen. Es durfte nicht sein, dass er sich erst so einen Fehler erlauben durfte und dann noch ungeschoren davon kam.

Man konnte Hidan seine Anspannung ansehen, was mir wiederum Genugtuung verschaffte. Dass ich ihm den Rücken kehren und bei Pain einen neuen Partner verlange könnte, widerstrebte ihm offenbar sehr. Und dass ich ihn damit in der Hand hatte, ihm mit einem Wort einen derben Schlag verpassen könnte, war ein befriedigendes Gefühl.

Hidan hing regelrecht an meinen Lippen, bang darum, was ich sagen würde. Wie ich mich entscheiden würde.
 

In Wahrheit stand mein Entschluss doch schon längst fest. Nur weigerte sich noch immer ein kleiner Teil in mir, ihn zu akzeptieren.
 

Mein Blick wurde noch eine Spur finsterer, als ich knurrend meine Entscheidung verkündete:

«Beeil dich. Oder ich gehe wirklich ohne dich.» Es gab keine Worte, die beschreiben konnten, wie sehr ich ihn gerade dafür hasste, mich so weit gebracht zu haben.
 

Hidans offensichtliche Erleichterung – sie war ihm sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben – verstärkte meinen momentanen Groll ihm gegenüber nur noch.

Nur Sekunden später sprang er vom Bett und sprintete ins Bad, ohne auch nur einen Mucks von sich zu geben. Eilig machte er sich fertig und als wir los gingen fügte er sich mir stillschweigend. Er widersprach mir für die nächste Zeit nicht ein einziges mal, fügte sich mir und egal was ich sagte, er gehorchte mir auf's Wort – als würde er möglichen Zündstoff für Streitigkeiten von vorn herein vermeiden wollen.
 

Diese Unterwürfigkeit kam mir zunächst sehr entgegen, doch irgendwann, ab einem gewissen Punkt ging sie mir nur noch auf die Nerven. Er schaffte es dennoch, mich damit milde zu stimmen – ich konnte nicht mehr wirklich wütend auf ihn sein. Denn, dass er sich so sehr zusammenriss, konnte nur bedeuten, dass ihm unsere Partnerschaft etwas bedeutete. Und er nicht wollte, dass sich unsere Wege trennten.
 

Und eigentlich wollte ich das doch auch nicht.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Moving with the wind

We are free falling now

No choice but to trust this

As we go into the void

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Es war purer Zufall, dass wir diesen Hinweis aufschnappten, der uns, wie ich hoffte, auf direktem Weg zu unserem Gesuchten führen würde. Was auch immer der Kerl für einer war, auf seiner Reise war er offensichtlich nicht gerade darum bemüht, sich bedeckt zu halten. Er erregte eine Menge Aufmerksamkeit, pflasterte auf seinem Streifzug die Straßen mit Leichen. Wenn man den Gerüchten denn trauen durfte. Diesen zufolge soll er das letzte mal im nördlichsten Teil Kumos gesichtet worden sein.

Auf mein Geheiß hin nahmen wir die Spur auf und reisten einige Tage nach Nordosten, ehe wir auf neue Gerüchte stießen. Und so folgten wir den Brotkrümeln, die er hinter sich zurückließ.
 

Je weiter wir nach Osten wanderten, desto feuchter und schwüler wurde die Luft. Die Landschaft ebnete sich, immer seltener trafen wir auf Hügel oder Erhebungen, der letzte Berg lag Meilen hinter uns. Der Boden wurde lockerer, schlammig und als wir die ersten Sumpfgräser entdeckten, fing das Nächtigen unter freiem Himmel schließlich an unangenehm zu werden.
 

Der Norden war arm besiedelt und wir konnten von Glück reden, wenn wir alle paar Tage auf eine Siedlung stießen, die aus mehr als einer Handvoll alter Landhütten bestand. Durch die veränderte Vegetation wurde es immer schwieriger Bäume zu finden, dessen Äste kräftig genug waren, um unser Gewicht zu tragen. Dementsprechend hatten wir kaum eine andere Wahl, als mit dem aufgeweichten Boden vorlieb zu nehmen. Das Laufen war mühselig, Schlamm haftete sich an unsere Schuhe, Dreck wurde beim Gehen aufgespritzt und besudelte unsere Mäntel.
 

Hidan ließ sich unentwegt über die Umstände aus, während ich sie stillschweigend hinnahm.
 

Es war die sechste Nacht nach unserem Aufbruch und nach langer Suche hatten wir einen halbwegs geeigneten Schlafplatz gefunden. Eine Stelle, die ein paar wenige Quadratmeter umfasste. Der Boden in dem Bereich war trocken und hart genug, so dass wir am nächsten Morgen nicht noch mehr eingesaut aufwachen würden.
 

Nach einer kleinen Mahlzeit legten wir uns nieder. Hidan beschwerte sich die nächsten paar Minuten über das Surren der Mücken, die uns seit einigen Tagen plagten. Hier in den Sümpfen stoben diese Mistviecher bei jedem Schritt in Schwärmen auf.

Das Meckern verklang irgendwann, Stille legte sich nieder, welche nur von gelegentlichem Zirpen durchbrochen wurde.
 

Es war eine Nacht wie jede andere. So dachte ich zumindest, ehe ich in einen unruhigen Schlaf fiel.
 

Aus dem ich irgendwann mit hämmerndem Herzen aufschreckte. Kerzengerade saß ich da und starrte aus geweiteten Augen vor mich hin. Die Nacht war klar, Sterne prangten am Himmel, doch ich nahm nichts davon wahr. Ich war wie gebannt, konnte mich nicht rühren und glaubte, den penetranten Gestank von modrigem Holz, Blut und Pisse noch immer riechen zu können. Als hätte er sich in meine Schleimhäute gefressen.
 

Schweres Eisen um meine Handgelenke. Ketten, die bei jeder Bewegung rasselten. Dunkelheit, die meine Verzweiflung nicht verstecken vermochte. Das Licht einer Fackel, die das Kommen von jemandem ankündigte. Und damit jeder noch so kleine Funke Hoffnung in mir erstickte.
 

Mein Atem ging schwer und als meine Brust plötzlich ein stechender Schmerz durchfuhr, keuchte ich auf. Nicht das auch noch! Innerlich fluchte ich über mein Unglück – warum mussten sich zu diesem Alptraum auch noch die Nachwirkungen meines Beinahe-Tod zeigen?

Doch ich war viel zu abgelenkt von dem Traum, dass die Schmerzattacke beinahe darin unterging. Die Erinnerungen, die ich glaubte schon längst erfolgreich verdrängt zu haben, hatten mich fast schon in eine kleine Schockstarre versetzt.
 

Abartige Werkzeuge die im Schein der Fackel glänzten. Mein Stolz, den ich glaubte bersten zu hören, als der erste Schrei aus mir brach. Das warme Gefühl von Blut, das meine Haut hinab rann. Ein höhnisches Lachen, wann immer mich meine Kraft verließ und ich zu Boden sackte.
 

Es ist bloß ein Traum, versuchte ich mir einzuschärfen und mich so zu beruhigen. Und dennoch Wirklichkeit, widersprach eine Stimme in meinem Kopf.

Ich verkrampfte mich – die Wahrheit war wie ein schlag in den Magen. Ich wollte es nicht wahrhaben, wollte nicht daran denken müssen, was mir widerfahren war. Ich wollte mich nicht erinnern. Ich war nicht mehr in diesem Kerker. Doch so oft ich mir das gedanklich vorsagte, es änderte nichts daran, dass mich der Traum so eiskalt erwischt hatte, dass ich mich gerade so fühlte, als säße ich noch immer in diesem Loch fest.
 

Ein sadistisches Grinsen, das ich auch dann noch sah, sobald ich die Augen zukniff. Durst, der mich beinahe besinnungslos werden ließ. Der widerliche Geschmack von Urin auf der Zunge, als man mir den Mund auf zwängte. Die Demütigung, die schwerer wog als alle Fleischwunden, die mir zugefügt wurden.
 

Ich schnaufte, atmete gepresst und hätte es am liebsten geleugnet. Doch es hatte sich alles genau so zugetragen… und je länger ich darüber nachdachte, desto unerträglicher fühlte es sich an, in meiner Haut zu stecken.

Ich versuchte mich zu beruhigen, doch es gelang mir nicht. Mein Körper stand unter Strom, mein Geist war unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Wie ein Echo hallte dieser Traum in mir nach. Er war noch immer so gegenwärtig. Die Bilder… die Details, an die ich mich, jetzt, nach so langer Zeit, wieder erinnerte. Sie waren intensiv und wirkten so real, dass es mir den Schweiß in den Nacken trieb und ein Gefühl der Ohnmacht in mir auslöste. Und mit jeder Sekunde die verstrich, befürchtete ich, dass ich davon gleich übermannt wurde und einfach nach hinten kippte.
 

Die Angst davor, den Verstand zu verlieren, wann immer die Fackel neu entzündet wurde und das Spiel unweigerlich von Neuem begann. Die Achtung, die ich vor mir selbst verlor, als ich die Nässe auf meinen Wangen spürte. Die quälende Gewissheit, dass mir das alles von meinen eigenen Landsleuten angetan wurde. Jenen, denen ich Jahre lang treu gedient hatte.
 

Mein Körper erbebte und ich verabscheute mich selbst für diese schwächliche Reaktion.

Warum gerade jetzt? Warum holten mich gerade jetzt diese Erinnerungen ein? Im Schlaf verarbeitete man bekanntlich ja die Dinge, die einen tagsüber widerfuhr. Doch was war hierfür die Ursache? Mir fiel nichts ein, was diesen Traum hätte provozieren können. Und ich weigerte mich zu glauben, dass Hidans Bemerkung letztens dafür verantwortlich sein sollte.
 

Ich fuhr mir erschöpft übers Gesicht, legte mich anschließend wieder hin und drehte mich auf die Seite, einfach nur um irgendwas zu tun. Nicht wissend wie ich diese Erinnerungen vertreiben sollte, starrte ich auf den mir zugekehrten Rücken meines Partners. Er bewegte sich in steten, leisen Atemzügen und ich versuchte mich darauf zu konzentrieren. In stupidem Rhythmus hob und senkte sich der Brustkorb vor mir. Heben, senken, heben, senken, heben, senken…
 

Durch mein stummes Mantra konnte ich mich ein wenig von den Bildern in meinem Kopf ablenken. Meine verkrampften Muskeln lockerten sich allmählich, die Schmerzen in meiner Brust waren unbemerkt auch schwächer geworden, wodurch es mir gelang mich nach und nach wieder zu fassen.

Eine Weile blieb ich so liegen, konnte mich dennoch nicht dazu zwingen, mich wieder gerade hinzulegen. An Schlaf war nun nicht mehr zu denken und ich befürchtete, kaum dass ich die Augen schloss, die Erinnerungen wieder präsenter werden würden.
 

Mein Blick haftete noch immer auf Hidan, als dieser sich plötzlich regte. Er schien jedoch nicht aufzuwachen und ich war kurz versucht, ihn wachzurütteln, nur um mich mit ihm irgendwie abzulenken. Den Gedanken tat ich aber schnell wieder ab – was sollte ich ihm für eine Begründung entgegenbringen? Dass ich schlecht geträumt hätte? Lächerlich! Er hätte dafür nur Spott übrig und auf seine Sprüche konnte ich gerade jetzt nur zu gut verzichten.
 

Also. Was nun?
 

Verbissen presste ich die Kiefer aufeinander. Ich hasste so etwas.

Wenn sich Probleme auftaten, war eine Lösung für mich in der Regel immer recht schnell greifbar. Doch gerade jetzt war dies nicht der Fall, ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte. Es raubte mir den letzten Nerv, solch eine Hilflosigkeit verspüren zu müssen – bei etwas so Banalem.

Ich durchschaute die klügsten Taktiker, konnte mir in Windeseile einen Konterplan ausdenken, aber versagte dabei einen läppischen Traum abzuschütteln.
 

Ich steckte mental in einer Sackgasse und das führte dazu, dass ich meine Wut auf all die nebensächlichen Unannehmlichkeiten projizierte. Wie der Boden, der so ekelhaft modrig und kalt war – bei dem man auch so schon Mühe hatte einzuschlafen. Der ständige Regen, die Nässe und Kälte, dieses ganze verdammte Land! Warum musste unser Gesuchter auch eine so unliebsame Gegend durchqueren? Warum gelang es Hidan seelenruhig zu schlafen, während ich mich hier verrückt machte? Und warum lag er dort und nicht hier bei mir?
 

«Hey», brummte ich ohne nachzudenken und hoffte, dass er dadurch wach werden würde.
 

Seit unserem Streit vor ein paar Tagen ging Hidan auf Abstand. Obwohl ich nicht sagen konnte, dass es mir egal war, hatte ich diese Distanz einfach hingenommen. Jede Überlegung, jedes Grübeln in Bezug auf Hidan und unser merkwürdig angespanntes Verhältnis, hatte ich mir seither verboten. Doch nun ärgerte ich mich darüber, dass er glaubte mir aus dem Weg gehen zu müssen und sehnte mich plötzlich nach etwas Nähe.
 

«Wach auf», sagte ich etwas lauter. Als er auch darauf nicht reagierte, streckte ich meinen Arm nach ihm aus. Gerade so bekam ich seinen Mantel zu fassen und zerrte einmal kräftig daran. Hidan wurde dadurch auf den Rücken gezogen und schreckte endlich aus seinem Schlaf auf.
 

«Was los?», brabbelte er und schaute sich orientierungslos um.
 

«Komm her.»
 

Nachdem sich sein Blick ein wenig geklärt hatte, starrte er mich verständnislos an.
 

«Was? Warum?»
 

Ich seufzte lautlos und da ich keine Lust verspürte eine Erklärung abzugeben, zerrte ich einfach weiter an seinem Mantel, wollte ihn so zu mir ziehen. Mit verwirrter Miene beobachtete er erst das Geschehen, ehe ihm doch sehr verspätet aufging, was ich vorhatte.
 

«Nein, man.» Er schüttelte den Kopf, doch das war mir egal. Als ich einfach weiter an ihm zerrte, stemmte er sich dagegen, drehte sich hilfesuchend auf die Seite und versuchte sich an etwas festzuhalten. Doch die Gräser waren nicht stark genug und so wurden sie von Hidan einfach ausgerissen.

«Was soll das?», regte er sich auf. «Ich bin nicht dein verdammter Hund, der sofort springt wenn du…» Der Rest des Satzes ging in ein unwilliges Murren über, als ich seine Hüfte zu fassen bekam und ihn einfach grob zurück riss.
 

«Stell dich nicht so an.»
 

Ich zog ihn nah an mich heran, hielt einen Arm um ihn gelegt. Wehren tat er sich nicht mehr und doch lag er steif in meinem Griff und knurrte unwillig. Was mich jedoch nicht davon abhielt, ihn noch etwas fester an mich zu drücken.
 

Das brauchte ich jetzt.
 

Hidans unverkennbarer Geruch stieg mir in die Nase und ich vergrub mein Gesicht in seinem Nacken. Die Wärme, die er ausstrahlte beruhigte mich auf seltsame Weise. Es war so vertraut und doch wieder nicht. Doch ich war nicht mehr allein mit meinen Erinnerungen. Es war jemand da. Ich hatte jemanden. Hidan stand mir unwissend bei. Spendete mir Trost, obwohl ich mich weigerte zuzugeben, dass ich welchen benötigte.
 

Hidan war da. Und das war… gut.
 

Auch wenn ich nicht vor hatte ihn einzuweihen oder gar wollte, dass er irgendwie herausfand, was mit mir los war, so war ich bloß froh, dass Hidan mich gewähren ließ und mich nicht direkt wieder wegschob. Erleichtert atmete ich durch und spürte richtig, wie sich das schlechte Gefühl, das seit meinem Aufwachen wie ein dunkler Schatten über mir schwebte, nach und nach verschwand.
 

Besser.
 

«Was hat dich denn gestochen?», murmelte Hidan verwirrt.

Er konnte sich wohl keinen Reim auf mein Verhalten machen. Verständlich, schließlich war das ja auch nicht meine Art. Ich war gerade nur nicht ich selbst. So wie ich mich hier gerade aufführte war schwach. Eine armselige Überreaktion. Albern und peinlich.
 

Doch noch nie im Leben war mir etwas so egal.
 

Als ich nicht antwortete, kicherte Hidan leise vor sich hin.

«Schlecht geträumt oder was?», witzelte er.
 

Unbewusst versteifte ich mich, drückte mein Gesicht noch etwas fester gegen seinen Nacken. Missmut befiel mich und ich zweifelte einen Moment daran, ob es eine gute Idee gewesen war, ihn aufzuwecken. Ich ärgerte mich darüber, dass er mich nun verspottete, obwohl ich doch geahnt hatte, dass es so kommen würde. Dabei hatte er das doch nur gesagt um mich aufzuziehen, er konnte doch gar nicht ahnen, dass er damit voll ins Schwarze getroffen hatte.
 

«Halt einfach den Mund», knurrte ich, bemüht darum, mich wie immer zu geben. Dennoch meine Stimme hörte sich irgendwie matt und entkräftet an. Ob Hidan merkte wie aufgekratzt ich war oder nicht – er sagte nichts mehr darauf. Wofür ich ihm im Stillen dankbar war, denn ich hatte keine Lust zu streiten. Oder mit ihm zu diskutieren. Oder überhaupt zu reden. Dazu fühlte ich mich gerade einfach nicht im Stande.
 

Ich merkte, wie Hidan sich allmählich in meiner Umarmung entspannte. Er schien sich mit der Situation abgefunden zu haben, denn er platzierte seinen Arm unter seinen Kopf, benutzte ihn als Kissen, bettete sein Haupt darauf. Kurz spürte ich seine Finger, wie sie über meinen Arm streichelten, den ich um ihn gelegt hatte.
 

Als ich die Augen schloss, waren die Bilder zwar noch da, doch nicht mehr so präsent in meinem Kopf. Ich war selbst ein wenig erstaunt darüber, wie einfach sie sich mit Hidans Nähe vertrieben ließen. Eine Weile lagen wir still da und schwiegen, während Hidan irgendwann anfing Symbole auf meinen Unterarm zu malen.
 

Das war... schön.
 

Ich gab ein zufriedenes Brummen von mir und genoss die keineswegs unangenehme Stille. Am morgigen Tag würde ich bestimmt bereuen, was ich hier gerade tat. Normalerweise hatte ich mich besser im Griff und ließ mich nicht so extrem von etwas aus dem Konzept bringen. Und war schon gar nicht so anschmiegsam. Doch ich versuchte nicht darüber nachzudenken und genoss stattdessen.
 

«Ich dachte du wolltest Normalität.»
 

Wie automatisch öffnete ich die Augen und erblickte Hidans entblößten Nacken, der sich direkt vor mir befand. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er noch mal das Wort ergriff, da ich annahm, dass er bereits wieder eingeschlafen war. Auch wenn diese Vermutung im Nachhinein nicht sehr realistisch war, immerhin streichelte er mich noch immer.
 

Ich wusste sofort, worauf er mit dieser Aussage hinaus wollte. Womöglich hatte er sich deswegen die letzten Tag von mir zurückgezogen. Weil er dachte, dass ich das so wollen würde. Daher war es nachvollziehbar, dass er nun eine Erklärung für mein Verhalten suchte. Und diese eine, indirekte Frage stellte.
 

Was hat das zu bedeuten?
 

Die Wahrheit war: ich hatte gerade eben nur deshalb seine Nähe gesucht, damit ich nicht an den Mist zurückdenken musste, der mir widerfahren war. Er sollte herhalten, damit es mir besser ging. Es war reiner Egoismus. Meine ursprüngliche Intention war nicht die gewesen, auf ihn zuzugehen. Oder ihm wieder näher zu kommen. Und eigentlich hatte ich auch kein Problem damit, ihn das genau so wissen zu lassen.

Doch nun, wo wir uns so nahe waren, dass ich seinen Herzschlag spüren konnte, missfiel mir der Gedanke, dass das hier eine Ausnahme sein sollte. Nun merkte ich erst, dass mir das hier die letzten Tag gefehlt hatte. Und ich wollte das die folgenden nicht wieder missen müssen.
 

Ich neigte meinen Kopf ein wenig, führte meinen Mund nah an Hidans Ohr heran. Mein Atem streifte seine Haut und ich spürte, wie der Körper in meinen Armen erschauderte.
 

«Vielleicht habe ich meine Meinung geändert.»
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

We are standing, staring into empty space

Asking all our questions, answers we can’t chase

Is this all there is?

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Ein neuer Morgen brach an und wie so oft war ich derjenige, der als erstes erwachte.
 

Eine wohlige Wärme umgab mich, worüber ich mich im ersten Moment wunderte, dann aber zufrieden brummte. Als ich die Augen aufschlug wurde mir auch klar, warum mich nicht die obligatorische Kälte empfing – mit der ich eigentlich gerechnet hatte, da wir die Nacht ja unter freiem Himmel verbrachten.

Als ich Hidan erblickte, erinnerte ich mich wieder daran, was in der Nacht geschehen war. Mir war das nun doch sehr unangenehm. Unweigerlich schämte ich mich für mein Verhalten… wie ich mir nicht anders zu helfen gewusst hatte, als mich an Hidan zu klammern, war einfach nur erbärmlich.
 

Der Silberhaarige hatte sich im Schlaf zu mir gedreht, sein Gesicht war direkt vor mir. Dicht lag er bei mir, hatte sich leicht eingerollt und blies stetig seinen warmen Atem gegen mein Schlüsselbein. Wir waren uns nah. Zu nah.

So sehr ich seine Nähe in der vergangenen Nacht gebraucht hatte, nun engte sie mich ein. Ich fühlte mich davon erdrückt. Gerade war mir das einfach zu viel.
 

Hidan gab ein Murren von sich, als ich ein Stück von ihm wegrückte.
 

Ich versuchte mich ganz von ihm zu lösen, wollte den Arm, den der Jüngere um mich gelegt hatte, wegschieben. Doch es gelang mir nicht, da sich die Finger plötzlich an mir fest krallten. Ich schaute zu Hidan runter, der meinen Blick ruhig erwiderte.
 

«Warte», bat er leise. Dafür, dass er eben erst aufgewacht sein sollte, schien er sehr gefasst, sein Blick war erstaunlich klar.
 

Nach gestern Nacht fiel es mir irgendwie schwer, ihm in die Augen zu sehen.
 

«Bleib doch noch ein wenig… mit mir… liegen.»
 

Überrascht hob ich die Brauen, wägte zweifelnd ab ob ich nachgeben sollte, reagierte dadurch nicht sofort. Da Hidan mein Zögern fälschlicherweise als Einverständnis auffasste, machte er Anstalten mich sachte wieder runter ziehen zu wollen. Doch ehe dies geschah, löste ich mich aus meiner Starre, entzog mich ihm schnaubend und setzte mich wortlos auf.

Ich hatte mir schließlich schon genug Blößen gegeben.
 

Hidan murrte enttäuscht.
 

«Hätte dich jetzt nicht umgebracht», setzte er beleidigt hinterher.
 

Während wir uns fertig machten, versuchte ich die gestrigen Geschehnisse aus meinem Gedächtnis zu tilgen. Ich verbot es mir, mich zu stark von dem Traum beeinflussen zu lassen und versuchte so wie immer weiterzumachen. Wenn ich nicht aufpasste, würde ich wieder in diesen Strudel geraten, der mich schon mal beinahe verschluckt hätte. Die Erlebnisse, was ich in diesem Kerker aushalten musste… daran wäre ich damals beinahe zerbrochen. Und ich wollte nie wieder an diesen Punkt gelangen. Meine Psyche hatte stark gelitten, war nicht mehr so gefestigt wie zuvor, deshalb musste ich mein Gesicht wahren und schnell wieder zu mir selbst finden.
 

Ich durfte es nicht soweit kommen lassen, dass jemand herausfand, wie kaputt mich das alles gemacht hatte.
 

Den ganzen Morgen über befürchtete ich, dass Hidan nachhaken würde, was mein Verhalten in der Nacht betraf. Ahnte er etwas? Zuweilen beäugte er mich zwar ein wenig komisch von der Seite, sprach mich jedoch nicht darauf an. Wahrscheinlich konnte er es sich schon denken, dass ich ihn mit einer Lüge oder eisernem Schweigen abwürgen würde.
 

Doch schon Minuten später schien Hidan bereits andere Dinge im Kopf zu haben. Worüber er sich auch Gedanken machte, es wirkte sich positiv auf sein Gemüt aus – er hatte ungewohnt gute Laune. Mit angehobenen Brauen erwischte ich ihn sogar einmal dabei, wie er beim Frühstück gedankenverloren vor sich hin grinste.
 

Die Sonne stand im Zenit, demnach war es kurz nach Mittag, da stießen wir auf eine Siedlung, die im Vergleich zu denen, die wir bisher passiert hatten, relativ groß war. Wir liefen die unebene Straße entlang und zogen sofort die Blicke der Bewohner auf uns. Kaum dass wir an einen von ihnen vorbei gingen, hielten sie in ihrem Tun inne und starrten uns hinterher. Wir wurden regelrecht begafft – alles begleitet von einer erdrückenden Stille.
 

«Was ist denn mit denen los?», murmelte Hidan verwundert, worauf ich nur ahnungslos die Schultern zuckte.

Darauf konnte ich mir auch keinen Reim machen. Mir mochten nicht gerade ein unauffälliges Bild abgeben – wir waren es gewohnt, ein paar Seitenblicke auf uns zu ziehen – doch so angestarrt und beglotzt zu werden war dann doch eher ungewöhnlich. Seltsamerweise lag in ihren Blicken keineswegs Feindseligkeit, vielmehr Verblüffung und Erstaunen.
 

Hidan regten die Blickte schon nach kurzer Zeit ziemlich auf. Er knurrte finster und verzog das Gesicht, erwiderte das Gegaffe mit bösem Blick. Irgendwann ging sein Temperament mit ihm durch.
 

«Was ist los mit euch Hinterwäldlern!», rief er laut aus und knirschte mit den Zähnen. «Was glotzt ihr so behindert! Das ist scheiße unhöflich, das wisst ihr schon oder!?» Mit einer Drohgebärde polterte er auf die Person los, die das Pech hatte ihm am nächsten zu stehen. Das alte Weib zuckte erschrocken zurück, senkte den Blick und fuhr damit fort den Gehweg mit einem knorrigen Besen zu wischen.

Sie blieb still, gab keine Erklärung ab, linste dennoch immer wieder zu Hidan hoch. Den Jüngeren trieb dieses Verhalten beinahe zur Weißglut – ich wusste genau, dass er es hasste, ignoriert zu werden. Deshalb machte ich schnell einen Schritt auf ihn zu.
 

«Beruhig dich, Hidan. Das bringt nichts.» Beschwichtigend legte ich eine Hand auf seine Schulter, um wenn nötig einzugreifen, sollte er sich zu irgendwelchen Dummheiten hinreißen lassen. Es war nicht so, dass mich das Leben dieser Menschen interessierte, aber solche Zwischenfälle erschienen mir einfach nur sinnlos.

Mit leichtem Druck drängte ich den Jüngeren zum Weitergehen.
 

«Ja, aber das nervt!», beschwerte er sich und schüttelte meine Hand ab. Er warf der Alten noch einen letzten, vernichtenden Blick zu, ehe er sich schnaubend von ihr abwandte.
 

Wir gingen weiter, doch ich bekam das Gefühl nicht los, dass hier irgendwas sehr Merkwürdiges vor sich ging. So ländlich und abgeschieden die Gegend auch sein mochte, ab und zu mussten hier doch sicherlich auch Fremde vorbeikommen.
 

«Oh. Oh! OH! Ich sehe Gäste! Hierher meine werten Herren!»
 

Wir waren schon fast am Ende des Dorfes angelangt, da warfen Hidan und ich gleichzeitig die Köpfe herum, in die Richtung, aus der wir die Stimme vernommen hatten. Ein etwas altertümlicher Kerl in traditionellem Gewand trippelte aufgeregt durch den Vorgarten eines geschmackvoll, aber doch sehr renovierungsbedürftigen, Gebäudes auf uns zu.
 

«Ha! Ihr seht aus, als könntet ihr etwas Erholung vertragen. Kommt nur herein und folgt mir, keine falsche Scheu! Hier werdet ihr behandelt wie Könige, das verspreche ich euch!» Der große, hagere Kerl nickte mehrfach, deutete hinter sich auf das Gebäude. Er winkte uns zu, dass wir ihm folgen sollten.
 

Mit angehobenen Brauen musterte ich ihn etwas genauer.

Die wenigen, grauen Haare, die sein Haupt noch zierten, hatte er zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Er lächelte uns unentwegt an, wobei ihm die tiefen Falten um seine Augen einen warmen Ausdruck verliehen. Nichts desto trotz kam mir der Kerl suspekt vor. So viel Freundlichkeit, gepaart mit dieser Offenheit Fremden gegenüber war mehr als verdächtig. Was wollte der Typ also von uns?
 

«Alles okay bei dir im Kopf? Was genau willst du Clown von uns?», nahm mir Hidan das Wort aus dem Mund. Mit misstrauisch gerunzelter Stirn beäugte mein Partner den Kerl ebenfalls von oben bis unten.

Diesen schien kein Wässerchen trüben zu können, denn er kicherte nur erfreut.
 

«Was ich von euch will? Oh, entschuldigt!» Mehrmals verbeugte er sich vor uns. «Aber müsste es nicht eher heißen, was ihr bei mir erwarten dürft, mh?» Er wackelte vielsagend mit den Brauen, vollführte dann eine peinliche Pose, in der er das Gebäude hinter sich anpries und – wohl seiner Vorstellung nach – gut in Szene setzte. In Wahrheit war sein Getue einfach nur lächerlich.
 

Innerlich stimmte ich Hidan zu – der Kerl war wirklich ein Clown.
 

«Willkommen in unserem bescheidenen Kurort! Unser Haus ist bekannt für ihre Schlammbäder und deren heilende Wirkung. Es gibt nichts, dass wir mit einem erholsamen Bad und der entsprechenden Behandlung nicht wieder hin bekommen würden! He, he! Okay, ich gebe zu, das war nun doch etwas übertrieben.» Die Witzfigur kicherte verlegen. «Nichts desto trotz werdet ihr euch danach wie neu geboren fühlen! Also, auf, auf! Ich werde sofort alles für euch vorbereiten!»
 

«Schlammbäder?», machte Hidan pikiert und verzog angewidert das Gesicht. «Iiiih, ihr Typen badet in dem Dreck? Wie widerlich! Hau mir bloß ab mit dem Scheiß, Opa! Außerdem… nach dem Empfang vorhin ist mir die Lust an dem Kaff hier vergangen. Da lass ich mir doch nicht auch noch so nen Mist aufschwatzen! Also, zieh ab!»
 

Hidans Bemerkung schien den Alten nun doch aus seiner Euphorie zu holen, denn er ließ die Schultern sinken, seufzte langgezogen und kratzte sich resigniert am kahlen Hinterkopf.
 

«Argh!» Wütend schlug sich der Alte einmal mit der Faust in die Handfläche. «Sie haben wieder gestarrt, oder? Dabei wissen sie doch, dass das nicht gut für's Geschäft ist!» Mit verengten Augen starrte er die Dorfstraße hinab – als würde er die Dorfbewohner von hier aus tadeln wollen.
 

«Heh», machte Hidan keck und setzte mit verschränkten Armen sein breitestes Grinsen auf. «Die Typen können von Glück reden, dass ich heute gute Laune hab, sonst hätte ich ihnen gezeigt was sie davon haben. Obwohl ich ja immer noch übel Lust hätte, runter zu gehen und sie zu massakrieren für diese Frechheit!»
 

Ich hielt mich noch immer aus dem Gespräch raus, verdrehte innerlich jedoch die Augen über Hidans Beschwerde. Als ob der Jüngere so viel besser wäre – Sitte und Manier waren für ihn doch genauso Fremdwörter.
 

Der Alte blickte Hidan verwirrt an, ehe er den Kopf schüttelte und ihm leise kichernd auf die Schulter schlug. «He, he! Was für ein Spaßvogel!» Belustigt grinste er meinen Partner an, welcher durch diese unspektakuläre Reaktion nur die Stirn runzelte und einen Blick mit mir wechselte. Ich hatte definitiv auch mit etwas anderem gerechnet – Angst oder Fassungslosigkeit, in Anbetracht dessen, dass der Silberhaarige hier gerade offen seine Lust am Morden gestand. Doch offenbar nahm der Alte an, Hidan hätte sich einen Scherz erlaubt – er konnte gar nicht falscher liegen.
 

Noch immer musterte der Alte verzückt meinen Partner, ehe er seinen Blick zu mir schweifen ließ. «Du und dein finsterer Freund gebt wirklich ein witziges Bild ab.» Er tätschelte vorsichtig meine Schulter, doch als ich die Augen warnend verengte, zog er seine Hand schnell wieder zurück.
 

«Genug jetzt», brummte ich. «Wir verschwenden hier unsere Zeit.»
 

«Wartet!», rief der Alte uns hinterher, als wir uns schon zum Gehen wandten. «Ich mache euch ein Sonderpreis! Fünfzig Prozent Rabatt auf alles, nur bleibt doch wenigstens eine Nacht. Ihr werdet es nicht bereuen, das verspreche ich euch!»
 

Ohne anzuhalten tauschte ich mit Hidan einen kurzen Blick aus, woraufhin der Jüngere laut aussprach, was wir wohl beide dachten: «Da ist doch was faul an der Sache, wenn der uns so unbedingt hier behalten will.»
 

«Wohl wahr», brummte ich zurück.
 

Die Sache war für uns damit erledigt. Der Alte hinter uns nahm das unglücklich zur Kenntnis, doch seine folgenden Versuche uns mit Angeboten und Vergünstigungen anzulocken blieben erfolglos. Am Ende schlug sein Gemüt um. Frustriert fluchte er auf, schleuderte uns Beleidigungen hinterher und jagte uns zum Teufel. Es fielen Worte wie Monster und dass er froh sein würde, wenn wir gefressen würden.
 

Ich gab mir nicht mal die Mühe den Sinn hinter seinem Wutausbruch zu verstehen. Hidan wohl genauso, denn er zeigte mir mit einem gezischten Spinner den Vogel und zuckte dann mit den Schultern.
 

Es fing an zu regnen, als wir in einen dichten Moorbirkenwald gelangen. Der verwilderte Trampelpfad, dem wir bis dato folgten, verblasste immer mehr, bis wir uns schließlich mitten im Wald widerfanden und keinem ersichtlichen Weg mehr folgen konnten. Die Birken ragten rund um uns herum in die Höhe und aufgrund fehlendem Gebüsch, wenigem Unterholz und der hoch gelegenen Äste, konnte man fast einen Kilometer weit die Umgebung ausspähen.
 

Der Himmel war von grauen Wolken durchzogen, während unbarmherzig der Regen auf uns herabfiel. Schon nach kurzer Zeit waren wir durchnässt bis auf die Knochen. Der moosige Boden zu unseren Füßen wurde durch die Nässe noch mehr aufgeweicht, als er ohnehin schon war. Dreck klebte uns an den Sohlen und mit jedem Schritt schien es, als würden meine Füße noch etwas mehr im Schlamm versinken.

Da ich gerne drauf verzichten konnte auszurutschen und im Matsch zu landen, gab ich ein dementsprechend langsames Tempo vor. Auch wenn es mich mächtig ärgerte, so gar nicht vorwärts zu kommen.
 

«Man, lauf nicht so schnell!», beschwerte sich Hidan, der hinter mir lief und sich irgendwie gehetzt anhörte.
 

«Wenn wir noch langsamer laufen geht uns das Essen aus, noch bevor wir das nächste Dorf erreichen», erwiderte ich unbeeindruckt. Wir hatten vorhin versäumt uns neu einzudecken. Zugegeben, nach dem Eindruck, den ich von diesem Dorf gewonnen hatte, hatte ich wenig Lust verspürt, uns dort neue Essensvorräte zu beschaffen.

Außerdem wusste ich nicht was Hidan hatte, wir liefen ja jetzt schon im Schneckentempo.
 

«Ich hab ja auch keinen Bock zu hungern aber verdammt, wenn du weiter so rennst leg ich mich irgendwann noch auf die Fresse! Das scheiß Wetter ist einfach nur zum kotzen! Und dann der ganze Dreck überall… was ist das hier für ne scheiß Gegend?! Wenn ich gewusst hätte, wo du uns hinführst, hätte ich es mir noch mal überlegt mitzukommen. Warum muss …»
 

Ich unterdrückte den Drang die Augen zu verdrehen, fragte mich, wo nur seine gute Laune abgeblieben war. Ich hörte ihm schon gar nicht mehr zu, doch dann ertönte hinter mir plötzlich ein Schrei. Angespannt drehte ich mich um, befürchtete, dass uns Feinde aus dem Hinterhalt angriffen und machte mich schon zum Kampf bereit. Doch als ich sah, was hinter mir los war, ließ ich meine Abwehrhaltung fallen und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
 

«Fuck!»
 

Mit Wut verzerrtem Gesicht hockte Hidan im Matsch. Aus Reflex hatte er seinen Sturz mit den Händen abgefangen. Als er diese nun anhob, verzog er das Gesicht, während er angewidert den Dreck von seinen Fingern zu schütteln versuchte. Unzufrieden schaute er an sich hinab, ehe er den Blick hob und mich fixierte.
 

«Ich hab’s dir gesagt! Aber du wolltest ja nicht hören. Das ist alles deine Schuld!» Zischte er wütend, doch seine Vorwürfe ließen mich kalt. Er war schließlich selbst für seine Unfähigkeit verantwortlich.

Hidan schien meine Gedanken wohl erraten zu können, denn für einen Moment sah es so aus, als ob er mich gleich anfallen würde, sollte ich vorhaben seine Misere zu kommentieren. Doch diesen Fehler würde ich bestimmt nicht begehen.

Stattdessen begnügte ich mich damit, schadenfroh zu grinsen. Dank der Maske, die mein Gesicht verhüllte, war es von Außen nicht erkennbar. Worüber ich ganz froh war, denn andernfalls hätte er mich bestimmt angesprungen. Das zu provozieren lag nicht in meiner Absicht, auch wenn es mich in den Fingern juckte, ihn ein wenig zu ärgern. Aber nein, das wäre unpraktisch. Noch mehr Verzögerungen konnten wir uns nicht leisten.
 

Hidan erhob sich fluchend und als er sicheren Stand hatte, verdrehte er seinen Oberkörper leicht nach hinten, um den Matsch von seiner Kehrseite zu klopfen.
 

«Wehe du sagst auch nur ein dummes Wort, dann flipp ich aus und schmeiß dich gleich mit um», murrte er. «Schlimm genug dass du grinst wie der Teufel, da kann ich auf deine Besserwisser-Sprüche echt verzichten. Danke, Kakuzu, ein toller Kamerad bist du.»
 

Mein Grinsen erlosch.
 

Woher…?
 

«Woher ich weiß, dass du dir einen abgrinst?», formulierte er die Frage, die ich mir gerade selbst versuchte zu beantworten. Hidan hatte doch nichtmal in meine Richtung gesehen. Wie also hatte er es bemerkt?

Nachdem der Jüngere sich wieder aufgerichtet hatte, schloss er zu mir auf.
 

«Ich kenn' dich mittlerweile halt», meinte er schulterzuckend. «Und dass du dich am Unglück anderer erfreust ist jetzt auch nicht grad ein Geheimnis.» Er grinste ein selbstzufriedenes Grinsen.
 

Ich schnaubte und wollte schon weitergehen, da legte sich eine Hand auf meine Brust.
 

«Halt! Von jetzt an geh ich voraus.» Entschied Hidan einfach mal so und schob mich zurück, ging bestimmt an mir vorbei. Nachdem er seine Hand zurückgezogen hatte, blickte ich verärgert an mir hinab auf den dreckigen Abdruck, den er auf meinem Mantel hinterlassen hatte.

Wortlos folgte ich ihm und ließ ihm widerwillig die Führung übernehmen. Zumindest vorerst.
 

«Ich weiß eh nicht, warum du immer derjenige sein musst, der vorne läuft. Ich kann das schließlich genauso gut!» Hidan schien sichtlich Gefallen an der Führerrolle zu finden. Immer wieder warf er einen Blick zu mir zurück, ohne richtig auf den Weg vor sich zu achten. Was er hätte tun sollen. Denn ich bemerkte das, worauf wir gerade zusteuerten, früh genug.
 

«Hidan», versuchte ich ihn darauf aufmerksam zu machen und blieb stehen. Doch mein Partner plapperte einfach munter weiter.
 

«Auch wenn ich keinen Plan habe wo wir uns gerade befinden… aber das spielt keine Rolle! Wenn irgendwo ne Gabelung oder so kommt, sag mir einfach wo lang wir müssen und fertig.» Selbstgefällig warf er mir einen Blick über die Schulter zu und schien sich nicht daran zu stören, dass ich einfach stehengeblieben war. Als seine Beine schließlich immer tiefer im Schlamm absackten, warf er verärgert den Kopf wieder nach vorne.
 

«Was ist das jetzt wieder für eine Scheiße?!» Anstatt anzuhalten und umzukehren, stampfte er wütend ein paar Schritte weiter, versank dadurch aber immer tiefer im Schlamm. Irgendwann war es ihm nicht mehr möglich einen Fuß vor den nächsten zu setzten, da ihm der Morast schon bis zu den Knien reichte. Nachdem er eingesehen hatte, dass seine Füße keinen festen Grund finden würden, fluchte er und fing an auf der Stelle zu treten. Wahrscheinlich im Versuch seine Beine hinauszuziehen – was er auch eiligst tun sollte so lange er es noch konnte.
 

Mir war zuvor die veränderte Färbung des Bodens aufgefallen und so hatte ich mich davor bewahren können in diese natürliche Falle zu treten. Vor uns lag ein ovalförmiger Bereich, auf dem weder Baum noch Busch wuchs. Er glich beinahe einer kleinen Lichtung. Die Erde schien an dieser Stelle frischer, nasser, der Boden war heller gefärbt und war bloß von vereinzelten Blättern bedeckt. Das Schlammloch war auf den ersten Blick schwer zu erkennen, doch für ein halbwegs geschultes Auge – und wenn man ein wenig auf den Weg achtete – kaum übersehbar.
 

Ich schüttelte den Kopf und musste daran denken, dass es typisch für Hidan war, da einfach blind reinzustolpern.
 

Erneut wurde ein Fluchen hörbar. Seufzend trat ich näher, schätzte ab, wie weit ich mich vorwagen konnte, um Hidan zu erreichen, ohne selbst verschluckt zu werden. So ganz ungefährlich war so ein Schlammloch ja nicht. Obwohl ich uns im schlimmsten Falle ja immer noch mit meinen Fäden würde rausziehen können.
 

«Gib mir deine Hand.» Ich streckte meinen Arm nach ihm aus, doch Hidan lehnte meine Hilfe patzig ab.
 

«Ich kann das alleine.» Knurrend stapfte er weiter auf der Stelle, fluchte lautstark auf, wann immer er noch tiefer sank.
 

Mit verschränkten Armen stand ich am Rand und schaute dem Schauspiel eine Weile zu. Sollte er es eben alleine versuchen, er würde schon sehen wie weit er damit kam. Ich wusste ganz genau – so tief wie er jetzt schon drin steckte, war es fast unmöglich alleine wieder herauszukommen. Außer man wendete die richtige Technik an. Aber ich bezweifelte stark, dass Hidan über diese in Kenntnis war.
 

«Nicht strampeln. Dadurch machst du es nur noch schlimmer.» Erbarmte ich mich ihm einen Tipp zu geben, da ich das fast nicht mitansehen konnte. Wie er sich da abmühte… und wirklich alles, was man nur falsch machen konnte, falsch machte.
 

«Danke, das weiß ich jetzt auch!», keifte er zurück und war nun schon bis knapp zur Hüfte abgesackt. Dann nahm er seine Arme zu Hilfe, versuchte sich an der zähen Masse abzudrücken und hochzustemmen. Doch alles, was er damit erreichte, war, dass seine Arme nun auch noch einsanken, anstatt dass er es schaffte, seine Beine zu befreien. Irgendwann steckte er so tief drin, dass nur noch sein Kopf und seine Arme herausragten.
 

«Verdammt!», fluchte er leise, hörte dann endlich auf sich zu winden. Er gab sich anscheinend geschlagen, denn er suchte meinen Blick und biss sich dabei auf die Lippe. Unbeeindruckt und noch immer mit verschränkten Armen schaute ich zurück, dachte gar nicht daran mich zu rühren. Und Hidan schien genau zu wissen was ich von ihm wollte und dass ich nicht einen Finger krümmen würde, bis ich es bekommen hatte.

Er zögerte, war im ersten Moment wohl zu stolz dafür, mich nun um Hilfe zu bitten, wo er sie vorhin doch noch voller Selbstüberschätzung ausgeschlagen hatte.
 

«Gut, nach schön, du hast gewonnen, man! Kannst du mich also bitte endlich aus diesem Drecksloch rausziehen?!», knurrte er finster und wandte sein Gesicht verlegen zur Seite.
 

Eigentlich hatte ich vor gehabt ihn noch ein wenig schmoren zu lassen – die Vorstellung, wie er mich anbettelte, hatte schon etwas für sich. Doch dann erbarmte ich mich seufzend und trat etwas näher an ihn heran. Da Hidan nun außerhalb meiner Reichweite war, kam ich nicht darum herum, meinen Arm auszufahren. Meine Hand kapselte sich vom restlichen Arm ab, war durch meine Fäden, die ich beliebig verlängern konnte, immer noch mit diesem verbunden. So erreichte ich Hidan problemlos. Meine Hand wurde sogleich von ihm gepackt und mit festem Griff umklammert. So zog ich ihn Stück für Stück heraus, bis der Morast ihn am Ende ploppend frei gab. Da dies so plötzlich geschah, wurde Hidan in meine Richtung geschleudert. Ich taumelte leicht zurück, als er mit Wucht gegen mich knallte. Kurz hielt er sich an mir fest, zog sich so auf die Beine und blickte mit verzogenem Gesicht zu mir auf.
 

«Fuck, du glaubst ja nicht, wie kalt es in dem Scheiß war. Ich fühl’ mich, als hätte ich in nem verdammten Tiefkühler gesteckt!» Bibbernd schlag er die Arme um den Körper – seine Lippen bebten und waren schon leicht blau angelaufen. Dass es noch immer in Sturzbächen regnete und allgemein recht kalt war, machte es wohl auch nicht gerade besser. Nun war es für ihn wohl zweitrangig, dass er von oben bis unten dreckig war und so aussah, als ob er in Schlamm gebadet hätte. Was er eigentlich ja auch hatte.
 

«Da bist du selbst schuld.»
 

Hidan gab darauf nur ein Zischen von sich, fing dann zum zweiten mal an diesem Tag an, seine Kleidung vom Morast zu befreien. Einmal griff er sogar in seine Hose und beförderte eine Ladung davon nach draußen, was mich nur das Gesicht verziehen ließ. Dass das Zeug so weit vorgedrungen war, musste ganz schön unangenehm sein.

Wohl eher unbewusst wischte er sich mit dem Handrücken über die Stirn. Als er sich wieder aufrichtete und zu mir sah, machte er nicht den Eindruck, als wäre ihm bewusst, dass er sich den Dreck nun auch noch ins Gesicht geschmiert hatte.
 

«Was?», fragte er gereizt.
 

Ich brummte nur, packte ihn grob an den Schultern und zog ihn etwas näher heran. Er zuckte leicht zurück, als ich anfing, sein besudeltes Gesicht vom Dreck zu befreien. Ich säuberte seine Stirn, strich mit dem Daumen über Wangen und Nasenrücken, um auch die dortigen Spritzer fortzuwischen. Mit den feinen Pünktchen im Gesicht, sah es beinahe so aus, als hätte er Sommersprossen. Hidans Haare hatten hinten im Nacken auch etwas abbekommen, weshalb ich ein paar mal durch die Strähnen fuhr, um den Dreck rauszukriegen. Der Regen war hierbei nun doch ganz hilfreich.
 

Während ich ihn so bearbeitete, merkte ich gar nicht, dass er mich mit großen Augen anstarrte.
 

«Ich wusste gar nicht, dass du so... so sein kannst.»
 

Ich gefror in der Bewegung, ehe ich meine Hände schnell zurückzog. Finster starrte ich ihn an, fühlte mich irgendwie ertappt und dieses Gefühl behagte mir gar nicht.
 

«Ich weiß nicht was du meinst», grunzte ich schroff.
 

«Das soll nicht heißen, dass du aufhören sollst», fügte er schnell an, nachdem ich so abrupt von ihm abgelassen hatte.
 

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, also hielt ich mich in Schweigen. Zögerlich führte ich meine Hände erneut an Hidans Gesicht heran, ehe ich langsam anfing ihn von den letzten paar Dreckspritzern zu befreien.
 

«So bist du wenigstens wieder halbwegs anzusehen», brummte ich, während ich mit dem Daumen über sein Kinn fuhr.
 

Hidan lächelte seicht, was mir ein schwummriges Gefühl im Magen bescherte. Unentwegt sah er mich dabei an, was eine Spannung zwischen uns entstehen ließ, die mit jeder verstrichener Sekunde greifbarer wurde.

Nur das Geräusch des fallenden Regens war zu vernehmen, während ich noch einen Moment sein Gesicht betrachtete. Mit diesen friedlichen Zügen sah Hidan so jung aus. Der angespannte, gehässige Ausdruck der Tag für Tag sein Gesicht zierte machte ihn so viel älter. Dann fiel mir erst auf, dass ich gar nicht wusste, wie alt Hidan tatsächlich war.
 

Eines der Dinge, die in Akatsuki keine Rolle spielte.
 

Ich hatte Hidan bist dato immer nur als meinen Partner gesehen. Seine Hintergründe waren unwichtig und für die Organisation nicht von Belang. Also hatte das auch für mich gegolten.

Doch nun sah ich zum ersten mal, dass sich hinter der Maske des fluchenden, fanatischen Killers ein ganz normaler junger Mann verbarg. Ob Hidan in einer anderen Wirklichkeit ein normales Leben führte? Eines ohne Gewalt, Leid und Tod? Eines, in dem er behütet in seinem Dorf aufwachsen konnte? Eines, in dem er eine Tätigkeit ausführte die ihn erfüllte? Ein ganz normales Leben, in dem er sich nach Anerkennung und Liebe sehnte?
 

Eine Bewegung seitens Hidan brachte mich schließlich aus meiner Gedankenwelt zurück.
 

Etwas in seinen Irden blitzte auf – ich konnte nicht benennen was es war, doch das schwummrige Gefühl in meinem Magen wurde stärker. Sein Atem schlug gegen meine Maske – ich konnte mich nicht erinnern, wann er mir so nah gekommen war.
 

«Ey...», sagte er leise und zögerlich, während er unsicher auf seiner Unterlippe kaute und mir noch ein Stück näher kam. «Ich... darf ich... ich meine...»
 

In mir keimte eine vage Ahnung auf, worauf das alles hinauslief.
 

Er hob die Hand, führte sie zu meiner Maske und wollte diese schon von meinem Gesicht ziehen. Doch bevor dies geschehen konnte, packte ich sein Handgelenk.
 

«Hidan.»
 

«Mh?»
 

«Du stinkst.»
 

Mein Partner sah mich für einen kurzen Moment bedröppelt an, ehe er mich empört zurück stieß. Er zischte und verzog beleidigt das Gesicht. Was nichts daran änderte, dass ich bloß die Wahrheit ausgesprochen hatte. Hidan verströmte einen äußerst üblen Geruch.
 

«Danke, das weiß ich auch!», maulte er. «Ich will gar nicht wissen, in was genau ich da gebadet hab, sonst kotz ich! Mir gefällt es auch nicht so rumzulaufen, aber ich kann jetzt auch nichts daran ändern, kapiert?»
 

«Schon klar.» Warum rechtfertigte er sich überhaupt?
 

Ich grinste, schüttelte den Kopf. Innerlich fragte ich mich, ob Hidan tatsächlich das vorgehabt hatte, was ich dachte. Wie gewagt von ihm, anzunehmen, dass ich auf so etwas eingehen würde.
 

Hidan regte sich weiter auf und ich ließ es mir nicht nehmen, ihn belustigt von der Seite zu beobachten. Doch dann erlosch mein Grinsen schlagartig. Plötzlich, wie aus dem Nichts, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Ich konnte nicht genau sagen was los war, aber aus irgendeinem Grund war ich in Aufruhr. Meine Alarmglocken schrillten, ich bekam das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden.

Hidan ließ sich im Hintergrund weiter über seinen Zustand aus, was es mir unmöglich machte, mich zu konzentrieren.
 

«Sei still!», gebot ich scharf.
 

Doch der Jüngere schnaubte nur.

«Zum Teufel, ich werd–»
 

Kurzerhand hielt ich ihm den Mund zu, da es zu lange dauern würde, ihm das jetzt zu erklären. Erst glotzte er mich noch wütend an, doch als ich aufhorchte und den Wald mit Argusaugen absuchte, schien ihm aufzugehen, dass die Sache ernst war.
 

«Hörst du das?», fragte ich und nahm meine Hand weg.
 

«Ich höre gar nichts», erwiderte er mit gerunzelter Stirn.
 

«Das ist es ja.»
 

Der Regen hatte mittlerweile ein wenig nachgelassen und wenn man das Prasseln ausblendete, war da nur Totenstille. Zuvor waren noch vereinzelte Vögel zu hören gewesen. Ein Frosch, der irgendwo quakte oder ein Zirpen eines Insekts. Davon war nun gar nichts mehr zu hören. Als wären alle Lebewesen plötzlich verstummt.
 

Oder geflohen.
 

Alle meine Sinne waren geschärft und ich versuchte denjenigen, der uns beobachtete, aufzuspüren. Minuten verstrichen, in denen ich in den Wald hinein starrte. Hidan neben mir tat es mir anscheinend gleich, denn er gab keinen Mucks mehr von sich. Doch weder konnte ich ein fremdes Chakra ausmachen, noch sonst war da ein Hinweis darauf, dass uns jemand belauerte.
 

Da war nichts.
 

Gerade als ich es schon als Einbildung abtun wollte, war da ein seltsam gurrendes Geräusch. Im nächsten Moment schrie Hidan neben mir auf und als ich zu ihm herumwirbelte, sah ich gerade noch, wie er von Etwas in die Höhe gerissen wurde.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

I feel the wave of the change

Reflect on everything we know

How do you stand?

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Fight


 

o9. Fight

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Kampf.
 

Im Leben gab es Dinge, die man sich antrainieren konnte und es gab Dinge, die man im Blut haben musste. Ich hatte schon als Kind gewusst, dass ich fürs Kämpfen geboren worden war.

Damals hatte ich mich oft zum Kräftemessen mit Gleichaltrigen gerauft, mich aus dem Dorf geschlichen, um im Wald mit Kunais zu üben. Ich folgte meiner Bestimmung, absolvierte die Akademie, stieg als junger Mann zur Elite auf und durfte mich schließlich zu den Besten zählen, die Taki hervorbrachte.

Ich ruhte mich jedoch nicht auf meinem Erfolg aus. Getrieben von Ehrgeiz stählte ich meinen Körper, schärfte meine Sinne und trainierte meinen Verstand. Ohne zu wissen, dass ich all dies einmal dazu verwenden würde, meinen Weg mit Blut zu tränken.

Als Gesetzloser geächtet und gejagt, hatte ich schnell lernen müssen, dass nur der Sieger lebend aus einem Kampf hervorging. Anfänglich trauerte ich den Leben nach, die durch meine Hand ausgelöscht wurden. Sie taten nur ihre Pflicht, so wie ich es stets getan hatte – sie waren nicht anders als ich. Ihre Gesichter verfolgten mich in meinen Träumen, ihre toten Augen ließen mich keinen Schlaf mehr finden. Doch mein Bedauern wandelte sich mit den Jahren in Resignation und schließlich zu Gleichgültigkeit. Das Töten machte mir nichts mehr aus, es war zur Gewohnheit geworden. Manchmal durchfuhr mich sogar ein erregter Schauder, ich verspürte eine faszinierende Genugtuung, wenn die Augen ihren Glanz verloren und ich beobachten konnte wie das Leben aus dem Körper wich. Und so verlor für mich das Leben, der Tod und alles was damit einherging an Bedeutung.

Doch ganz egal was für einen Lauf die Dinge genommen hatten, das Kämpfen war schon immer ein Teil von mir gewesen. Als Kind kämpfte ich aus Spaß. Als heranreifender Mann um mich zu beweisen. Als frisch Geächteter um zu überleben. Und heute tat ich es, weil es das war, was ich am besten konnte.
 

Es war das Einzige, das mir noch geblieben war. Und das war weder gut noch schlecht – es war ganz einfach genug.
 


 

Es war groß.
 

Ich hatte mit Angreifern gerechnet, ein Trupp bestehend aus ein paar Mann. Feindlichen Shinobi, Söldnern, Banditen oder einfaches Gesindel. Doch ich hatte mit keinem Tier gerechnet. Wenn man es denn so nennen konnte. Seine Größe übertraf alles, was ich bis dato gesehen hatte – sofern es natürlichen ursprungs war. Doch ob Laune der Natur oder fehlgeschlagenes Experiment, wir hatten es mit einem gut acht Meter großen Insekt zu tun.
 

Bei seinem Anblick dachte ich wie automatisch an die Biju – doch das vor uns war unmöglich eines davon. Weder spürte ich Chakra von ihm ausgehen, noch wäre mir bekannt, dass es eines in Form einer Gottesanbeterin geben würde.
 

Die großen, starren Augen des Tiers waren auf Hidan fixiert, während es den Silberhaarigen mit einem ihrer Fangarme hochriss. Dieser fluchte lautstark – er wurde eingeklemmt wie in einem Schraubstock. Die längere Seite des Fangarmes war mit Dornen besetzt, zwei davon bohrten sich in Hidans Bauch. Sollte das Tier die Scheren weiter zuziehen, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass Hidan entzwei geteilt wurde, wenn man die Größe und die Kraft des Insekts bedachte.
 

«Verdammte Scheiße, was ist das denn für ein hässliches Ding! Lass mich los du kack Vieh!», brüllte Hidan, nachdem er sich in dem Klammergriff immer wieder ungläubig über die Schulter sah. Beim Anblick des hochgewachsenen, schlanken Insekts zappelte er wie wild, versuchte sich aus ihren Fängen zu befreien. Als das nicht klappte, griff er nach seiner Sense, versuchte diese zu ziehen. Doch da sie sich an seinem Rücken befand, war sie zwischen ihm und dem Fangarm eingeklemmt. Sie steckte genauso fest wie er selbst.

Würde er seine Waffe dennoch mit Gewalt zu ziehen versuchen, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass er sich dabei selbst verletzte. Und bereits am Anfang eines Kampfes mit einer Gliedmaße weniger dazustehen, war etwas, das man bei Möglichkeit vermeiden sollte. Glücklicherweise war das auch Hidan bewusst, da er von seinem Vorhaben absah und sich stattdessen hilfesuchend an mich wandte.
 

«Verdammt, nun tu doch was Kakuzu!»
 

Ich rührte mich nicht, starrte das Getier an und analysierte sein Verhalten, mir entging keine seiner Bewegungen. Die Aufmerksamkeit des Insekts lag augenscheinlich nur auf Hidan, so interessiert wie es an ihm war. Es begutachtete ihn von allen Seiten, seine Kauwerkzeuge mahlten vorfreudig, was mich vermuten ließ, dass es meinen Partner als Beute ansah.
 

«Kommst du mal in die Gänge?! Mach es platt, so lange es mit mir beschäftigt ist!», beschwerte sich der Jüngere aufgebracht. Anscheinend war ihm das Vieh nicht geheuer, da er immer wieder erschrocken zurückzuckte, sobald ihm das Ding mit dem Kopf zu nahe kam. Einmal bekam das Insekt Hidans Haar zu fassen, was diesem einen Schrei entlockte. Die Kiefer des Tiers arbeiteten und seine Kauwerkzeuge mahlten – es knabberte an Hidans Haupt als testete es, ob dieser genießbar war.
 

«KAKUZU?!», brüllte der Jüngere nun ungehalten.
 

«Bleib ruhig, ich überlege ja schon.»
 

«Was gibt es da noch zu überlegen, hä!? Mach es einfach platt!»
 

Hidan hatte es wohl nicht bemerkt, denn obwohl das Ding beschäftigt wirkte, war es sich meiner Anwesenheit und der möglichen Gefahr, die von mir ausging, durchaus im klaren. Vorhin hatte ich mich nur einen halben Schritt vor bewegt und die Fühler des Tiers hatten sofort darauf reagiert. Auch wenn es bisher keine Anzeichen dafür gab, dass es von jemanden gesteuert wurde, sondern vermutlich nur ein Tier war, das über keine übermäßige Intelligenz verfügte, hatte es dennoch Instinkte. Gegenwärtig zeigte es sich nicht aggressiv, zur Wehr setzen würde es sich aber dennoch, sollte es sich bedroht fühlen.
 

Das vermutete ich zumindest – normalerweise hatte ich es mit menschlichen Gegnern zu tun, daher fiel mir eine Einschätzung schwer.
 

Sollte ich also unbedacht eingreifen, würde es Hidan entweder entzwei teilen und sich mir dann stellen, was die bessere Möglichkeit für uns wäre. Denn obwohl wir Zeit verlieren würden, da ich Hidan zusammensetzen müsste, könnte ich das Ding auf diese Weise schnell erledigen.

Die andere Vermutung war, dass es sich samt Beute aus dem staub machte. Und da ich nicht wusste, wie flink das Vieh war und ob ich mithalten könnte, wäre das der unangenehmere Ausgang.
 

Am besten war es, wenn ich ihm den Kopf abschlug, noch bevor es den Angriff überhaupt kommen sah. Dafür müsste ich nur unbemerkt näher ran...
 

«Du überlässt mich ihm echt, oder??»
 

«Nur noch einen Moment, Hidan.»
 

«Was für nen scheiß Moment denn?! Fuck, Kakuzu, ich glaube, der will mich fressen! Gleich liege ich zerschnibbelt am Boden!»
 

«Wirst du nicht, keine Sorge. Uns bleibt noch etwas Zeit...»
 

«Ahja, woher willst du das wissen?», fragte er gehässig.
 

Hidan fuchtelte mit den Armen, um das Tier zu verscheuchen, doch dieses schnappte erneut nach ihm, bekam seinen Mantel zu fassen und riss ihm ein Stück Kragen ab. Der Stoff verschwand nach und nach zwischen den Kauwerkzeugen des Tiers.
 

«Gottesanbeterinnen pflegen ihre Beute lebend zu verspeisen*. Kann sein, dass es dich nur etwas anknabbert.»
 

«Wow, danke! Das ist sehr beruhigend!»
 

Ich ignorierte meinen keifenden Partner, konzentrierte mich stattdessen darauf den Abstand richtig einzuschätzen. Mein Arm hatte sich nämlich unbemerkt zum Boden hin verlängert, meine abgekapselte Hand grub sich in diesem Moment durch die Erde, arbeitete sich im Untergrund näher zu den beiden hin.

Als sich meine Hand nahe eines Beines der Bestie aus der Erde erhob, entschied ich mich kurzerhand dazu um, ihr nun doch vorher die Gliedmaße samt Hidan vom Körper zu trennen. Falls etwas schief ging, würde sie immerhin nicht mehr mit meinem Partner abhauen können.
 

Gerade als ich meine Hand verhärtete und mit ihr einer Klinge gleich unbemerkt zum Angriff ansetzen wollte, gab das Tier ein klickendes Geräusch von sich und schlug hektisch mit den Schwingen. Mein Blick schnellte zu Hidan und ich fand sofort den Grund für die Aufregung des Tiers. Mein Partner hatte ein Kunai in die Klaue der Bestie geschlagen und als Reaktion darauf wurde er – zu seinem Glück – fallen gelassen und nicht zerteilt wie in einem Klappmesser.
 

«Ah, fuck!», fluchte er, als er am Boden aufkam.
 

Ich schluckte meinen Ärger über ihn für den Moment runter – warum konnte er nicht einmal auf mich hören? Schnell zog ich meine Hand zu mir zurück, da das Tier, aufgescheucht durch Hidans Aktion, sich vor uns aufbaute und in Angriffshaltung überging. Es hob seine Fangarme in die Luft, streckte sie weg vom Körper, wodurch es noch ein Stück größer wirkte. Seine Flügel schlugen unablässig, während es mich ins Visier nahm – vermutlich stellte ich für ihn gegenwärtig die größere Bedrohung dar, da Hidan sich erst noch aufrappeln musste. Es schlug einige male nach mir, jedoch wich ich jedem seiner Angriffe aus, sprang zur Seite weg, während es mir trippeld nachsetzte.
 

Seine Geschwindigkeit war nicht außer acht zu lassen. Bei jedem seiner Hiebe sauste sein Arm durch die Luft und erzeugte ein pfeifendes Geräusch. Nachdem ich einen Satz nach hinten gemacht hatte, um Anlauf zu holen, setzte ich zum Gegenangriff über. Ich preschte vor, direkt auf ihn zu. Es holte erneut mit seiner Klaue aus, doch darauf hatte ich bereits gewartet. Kurz bevor er mich erwischte ließ ich mich nach hinten fallen, so dass ich über den rutschigen Boden schlitterte und seine Attacke nur haarscharf über mir vorbei zog. Dabei löste ich meine Arme vom Körper, packte die Bestie an den Hinterbeinen und während ich zwischen seinen Läufen unter ihm entlang glitt, brachte ich ihn durch meinen Schwung zu Fall.
 

Im nächsten Satz sprang ich hinter ihm in die Lüfte, holte mit meiner verhärteten Rechten zum Schlag aus. Das Tier lag vornüber gekippt vor mir, sein wunder Punkt, der Nacken, offen dargelegt.
 

«Fuck, pass auf!», hörte ich Hidan rufen.
 

Nicht sicher, was genau er damit meinte, brach ich vorsichtshalber den Angriff ab und brachte vorerst etwas Abstand zwischen mir und der Bestie.

Hatte mein Partner etwas gesehen, was mir entgangen war? Eine Gefahr, in die ich blind rein gestürmt wäre?

Ich beobachtete das Insekt, wie es sich wieder aufrichtete, aber konnte keinen Hinweis darauf entdecken. Die Gelegenheit, das Vieh zu erledigen, war nun jedenfalls ungenutzt verstrichen.
 

«Hidan, ich hoffe du hast einen guten Grund mich abzuhalten.»
 

Knurrend wandte ich mich dem Jüngeren zu, der nur ein paar Schritte von mir entfernt war. Nun fiel mir auch auf, dass etwas merkwürdig war – was hatte mein Partner die ganze Zeit getrieben? Und was war mit seiner Hand, dass er so gebannt drauf starrte?
 

«Das brennt wie Sau», keuchte er mit schmerzvoll verzogenem Gesicht. «Es ist sein Blut... bekomm das besser nicht ab.»
 

Ich trat neben ihn, um mir seine Hand anzusehen. Sein Handrücken war mit einer grünlichen Substanz bedeckt. Blasen hatten sich gebildet, wobei die Haut praktisch nicht mehr vorhanden war. Fleisch, Muskeln und Sehnen lagen frei, die Substanz hatte sich durch seine Haut gefressen und schien seine Hand noch immer weiter zu verätzen.

Hidans Schmerzempfinden war eine Sache für sich, er steckte vieles unbekümmert weg. Dass ihn die Verätzung nicht kalt ließ, musste zwangsläufig bedeuten, dass mit der Verletzung nicht zu spaßen war. Und da ich gerne darauf verzichten konnte, dass mir das Fleisch von den Knochen schmolz, musste ich mir eine andere Strategie überlegen um dem Tier den Garaus zu machen.
 

«Wo ist es hin?», fragte Hidan plötzlich.
 

Ich hatte nur eine Sekunde nicht aufgepasst und die Gottesanbeterin war wie vom Erdboden verschluckt.
 

«Bestimmt noch in der Nähe», erwiderte ich.
 

Wir hielten Ausschau nach den Vieh und suchten Rücken an Rücken die nähere Umgebung ab. Als ich hörte wie Hidan seine Sense zog, gab ich ein Schnauben vor mir.
 

«Keine gute Idee.»
 

Jeder Angriff, der der Bestie blutige Schnitte und Wunden zufügte, traf im Umkehrschluss nur uns. Ach wenn man vorsichtig vorging, in Kämpfen nicht von umherfliegenden Blutspritzern getroffen zu werden war beinahe unmöglich. Vor allem, wenn der Gegner eine kurze Reichweite besaß und zwangsläufig deine Nähe suchen wird.
 

«Ich weiß, aber wie zum Teufel soll ich mich denn sonst verteidigen, wenn es mich wieder fressen will?»
 

«Lass dich halt erst gar nicht von ihm fangen», grunzte ich. Mein Partner zog durch den unterschwelligen Seitenhieb nur eine Grimasse.
 

Der Wald blieb weiterhin still, nirgendwo eine Spur von unserem Gegner. Und da dieser kein Chakra besaß, konnten wir ihn auch nicht auf diese Weise orten. Ich fragte mich, ob es möglicherweise die Flucht ergriffen hatte. Andererseits hatte es sich dafür bis dato viel zu furchtlos verhalten.
 

Das war ganz gewiss nicht die erste Begegnung, die das Vieh mit Menschen hatte.
 

«Glaube das Mistding ist abgehauen», meinte Hidan nach einer Weile und ließ meiner Meinung nach viel zu schnell alle Vorsicht fallen.
 

«Wollen wir weiter? Gibt keinen Grund dem Vieh hinterher zu jagen...» Als ich nicht reagierte seufzte Hidan auf.
 

«Die Bohnenstange hat sich bestimmt schon ins nächste Loch verzogen, hast doch gesehen wie es den Schwanz eingezogen hat. Naja, ist mir nur recht, weil mir echt langsam etwas kalt wird, wenn wir weiter so blöd in diesem Sauwetter rumgammeln. Auch wenn ich sagen muss, dass der Regen meiner Hand echt gut tut. Spült wohl die Kacke weg und so.» Hidan war bereits losgelaufen, drehte sich im Gehen jedoch zu mir um, als er merkte, dass ich ihm nicht folgte.
 

«Ey, willst du da Wurzeln schlagen? Lass uns endlich los.» Er winkte mir mit der Hand zu, während er rückwärts weiter lief. Es kam nicht sehr überraschend, dass er mit einem Baum kollidierte – das kam davon, wenn man nicht schaute wo man hin lief. Manchmal kam er mir vor wie ein Baby.

Mein Partner fluchte, drehte sich ärgerlich um und schlug mit der Faust gegen den Stamm.
 

«Wo kommt der denn her, der war vorhin doch noch nicht da!»
 

Ihm fiel wohl im gleichen Augenblick wie mir auf, dass etwas mit dem Baum nicht stimmte, da er verdutzt auf die merkwürdig aussehende Rinde starrte. Dann bewegte sich der Stamm plötzlich, er änderte seine Form, ehe Hidan erschrocken einen Satz zurück machte.

Das verdammte Vieh hatte einen Baum gemimt, dabei die natürliche Beschaffenheit seines Körpers genutzt und sich auf die Lauer gelegt. Durch seine langen Gliedmaßen, der Färbung und Maserung seines Körpers, die an welke Blätter erinnerten, hatte es, in vollkommener Reglosigkeit, einem Baumstamm zum verwechseln ähnlich gesehen.
 

Wahrlich ein Meister der Tarnung.
 

Nachdem Hidan der Klaue einmal ausgewichen war, stürmte er mit erhobener Sense kopflos auf das Vieh zu. Innerlich schimpfte ich ihn einmal mehr einen Idioten.
 

«Gahahahaha!! Jetzt bist du fällig! Stiiiiirb du elendiges Vieh!» Hidan lachte wie ein Wahnsinniger, als er seine Sense erst über dem Kopf kreisen, dann auf die Kreatur niedersausen ließ. Doch dessen Körper wurde nicht wie erwartet zerteilt... Hidan entgleisten die Gesichtszüge, als seine Sense am überraschend harten Panzer des Tiers zerschmettert wurde. Eine Sekunde zu lange abgelenkt und mein Partner war wieder in ihre Fänge geraten.
 

Am Fuß gepackt, hing Hidan nun kopfüber in der Luft, seine zerbrochene Sense verloren unter ihm im Matsch liegend. Durch die Schwerkraft fiel ihm der Mantel vors Gesicht, welchen er immer wieder wütend zur Seite schlug.
 

«Warum immer ich verdammte Scheiße!!»
 

Das war einfach zu erklären – wäre ich an Stelle des Insekts, hätte ich auch eher Hidan als Leckerbissen angesehen.
 

«Hast du denn gar nichts gelernt?», herrschte ich meinen Partner geduldlos an, als ich bemerkte, wie er erneut nach einem Kunai greifen wollte.
 

«Was zum Fick soll ich denn sonst tun, hä?! Diesmal scheint es erst zu machen!»
 

Er hatte recht, das Insekt hatte jede Zurückhaltung verloren, navigierte Hidan über seinen Kopf und öffnete seinen Schlund.
 

«Einmal auf mich hören sollst du! Also halt einfach still!» Ich riss mir den Mantel von den Schultern, damit sich die Blitz-Maske aus mir erheben konnte. Schwarze Masse floss aus meinem Rücken, formte sich neben mir zur altvertrauten Gestalt, gerade als mich noch Hidans unsicherer Blick traf. Im nächsten Moment war sein Kopf im Schlund des Tiers verschwunden.

Abgelenkt durch dieses kuriose Bild, welches sich mir bot, verharrte ich eine Sekunde lang. Mein Partner glitt tiefer, steckte schon bald bis zur Hälfte im Rachen des Untiers und wölbte dessen Hals auf perverse Weise. In einem Stück wurde er verschlungen, bis nur noch seine Sandalen oben rausschauten.
 

Ich löste mich aus meiner Starre – man sah ja schließlich nicht jeden Tag, wie ein Mann verschluckt wurde – und sprang ein Stück zurück an einen Baum, hielt mich an einem Ast fest. Von Hidan war mittlerweile gar nichts mehr zu sehen, weswegen sich der Blitzelementargeist zum Angriff bereit machte.
 

Mein Plan war nicht der beste und Hidan würde es wahrscheinlich nicht gefallen und sich später darüber aufregen, doch um einen gewiefteren auszuklügeln blieb keine Zeit.

Die Blitz-Maske schmiedete Chakra und entließ das Raiton: Gian in Form eines riesigen Blitzstrahls auf die Bestie ab, welche den Angriff zwar kommen sah, sich ihm jedoch entgegen stellte anstatt auszuweichen. Erneut baute es sich eindrucksvoll auf, als bestünde seine einzige Abwehr darin, was auch immer auf ihn zukam, einzuschüchtern.
 

Schrill kreischte das Insekt auf, als ihn die Attacke frontal traf und es kurzzeitig paralysierte. Die Luft knisterte und kleine gelbliche Blitze zischten, einem statischen Feld gleich, noch ein gutes Stück weit ab vom Zielpunkt über den nassen Boden, geleitet durch Regen und Pfützen. Unglücklicherweise reichte das Raiton nicht aus um das Vieh zu erledigen – was mich erneut an seiner Natürlichkeit zweifeln ließ. Jemand musste das Ding in einem Labor gezüchtet haben.

Immerhin setzte ihm die Attacke stark zu. Durch die Paralyse geriet es ins Wanken, es wirkte orientierungslos und doch kämpfte es sich langsam wieder auf die Beine. Seine Bewegungen waren von nun an jedoch steif und eingeschränkt, die Elektrizität lähmte seinen Körper.
 

Im Stillen befahl ich der Blitz-Maske weiterzumachen – die Bestie würde das nicht ewig durchhalten.
 

Es hatte deutlich an Schnelligkeit eingebüßt, da es der nächsten Attacke nicht entgehen konnte, auch wenn es dieses mal hatte ausweichen wollen. Wieder ging es kreischend zu Boden, als ihn der Blitzstrahl erfasste. Ich ließ ihm nicht mal die Zeit sich aufzuraffen – meine Blitz-Maske feuerte einen Strahl nach dem anderen ab. Das Tier versuchte kläglich standzuhalten, doch es schaffte es nicht mal mehr sich vom Fleck zu rühren. Ich zwang es mit jedem Angriff tiefer in die Knie.
 

Das war kein Kampf mehr – das war Quälerei.
 

Obwohl ich kein Mitleid verspürte, war es doch eine unnötige Tortur. Aber wer hätte denn ahnen können, dass das Vieh so zäh war und mehrere meiner Angriffe überlebte? Sogar Hidan musste im Inneren der Kreatur längst tot sein oder zumindest das Bewusstsein verloren haben. Außer die Widerstandsfähigkeit des Insekts rührte aus einer Art genetischen Manipulation? War jedenfalls naheliegend, dass seine Größe nicht das einzige Ungewöhnliche an ihm war. Vielleicht besaß es eine bedingte Immunität gegenüber Ninjutsu? Nach seinem Panzer, der hart genug war um Stahl zu brechen, würde mich das nicht wundern.
 

Was man für meinen Partner nicht hoffen wollte, denn dann war es gut möglich, dass die Angriffe nur abgeschwächt bis zu Hidan vorgedrungen waren und dieser litt genauso wie das Insekt es tat.
 

Überraschenderweise schaffte es die Gottesanbeterin nun doch aus dem Teufelskreis auszubrechen. Obwohl erneut Blitze über sie hinweg zischten, setzte sie mit letzter Kraft zum verzweifelten Gegenangriff über. Besinnungslos kreischend stürmte sie auf mich zu und holte mit ihren Klauen nach mir aus. Ich ließ den Ast, an dem ich bis dato gehangen hatte, los und ließ mich fallen, entging so den Hieben, die, anstelle von mir, auf den dicken Stamm einschlugen. Die Dornen der Fangklauen gruben sich ins Holz, verhakten sich und blieben darin stecken.

Ich befand mich nun unter dem Tier und blickte auf, sah wie dieses versuchte sich zu befreien. Dann gab es erneut ein ohrenbetäubendes Kreischen von sich, ehe im nächsten Moment etwas auf meine Schulter tropfte.
 

Ich sah hoch und erkannte direkt über mir eine Kunaispitze, die aus dem Bauch der Bestie ragte. Augenblicklich sprang ich zur Seite, bevor ich noch mehr Blut abbekam. Meine Schulter- und Nackenpartie fing sofort an fürchterlich zu brennen. Ich fasste an die Stelle, versuchte die Substanz wegzuwischen, was keine gute Idee war, da sich das Zeug nun auch auf meine Hand übertrug. Doch der Schmerz war so unerträglich, dass mein Körper von alleine reagierte. Die aufflammende Wut auf meinen idiotischen Partner wurde dadurch nur noch größer.
 

«Warum kannst du nicht einmal auf mich hören?!», grollte ich erzürnt. Doch dafür schien mein Partner gerade kein Ohr zu haben.
 

Denn dieser war gerade dabei, sich durch das Innenleben des Tiers zu arbeiten und sich einen Weg ins Freie zu kämpfen. Am Bauch, zwischen zwei Panzerplatten, kamen Hidans Arme schon bald herausgeschossen wie bei einem Ertrinkenden auf See. Mein Partner schrie dabei unentwegt, was mit der Bestie zusammen ein skurriles Duett ergab. Als er sich mit dem Oberkörper herausdrückte, war er überall mit grünem Blut bedeckt. Einer grotesken Geburt gleich, kam er aus dem Tier gekrochen, welches leidend zusammenbrach, inzwischen nur noch ersticktes Geheul von sich gab und schon bald ein kümmerliches Ende finden würde.
 

Währenddessen wusste ich mir nicht anders zu helfen und versuchte die Verätzung an meiner Schulter mit Hilfe von Schlamm zu stoppen. Rasch presste ich eine Handvoll auf die Wunde, was jedoch nur eine schwache Linderung zur Folge hatte.

Ich biss die Zähne zusammen. Verdammt, das war ein größeres Problem als angenommen. Zudem reagierte mein Körper darauf, als wäre mir eine Gliedmaße abgetrennt worden. Adrenalin jagte durch meine Venen, mich überkam eine plötzliche Hitzeattacke und ein Schwächegefühl setzte ein.
 

Wasser. Hidan meinte doch, das würde helfen. Die Wunde ausspülen.
 

Mit Blick auf meinen Partner sollte ich wohl froh sein nur wenig abbekommen zu haben. Doch leid tat er mir gewiss nicht – es war immerhin Hidans Schuld, dass wir überhaupt in dieser Lage waren. Deshalb geschah es ihm ganz recht, dass er wie von Sinnen schrie, zuckte und sich unkontrolliert auf dem Boden herumwälzte. Zu seinem Pech sammelte sich genau dort eine Pfütze aus Blut – die grüne Flüssigkeit floss noch immer aus dem toten Leib der Bestie und mischte sich mit dem schlammigen Erdboden. Doch Hidan schien so besinnungslos durch den Schmerz, dass er alles um sich herum gar nicht mehr wahrnahm.

Ich erinnerte mich an den kleinen Tümpel, an dem wir vorbeigekommen waren und zögerte keine Sekunde länger. Ungeachtet meiner Hand, packte ich Hidan am Oberarm und zog ihn mit mir, überwand die kurze Entfernung im Eiltempo.
 

Beim Tümpel angekommen schmiss ich Hidan ins dreckige Wasser und stürzte mich dann selbst hinein, um mit der verätzten Stelle im flachen Wasser untertauchen zu können. Das teuflische Brennen sank langsam auf ein erträgliches Maß, als ich die Wunde lange und gründlich auswusch. Das musste ich später dringend noch mit sauberem Wasser tun – Mücken und anderes Gefleuch schwirrte hier zuhauf umher, das Wasser – trüb und übelriechend – war bestimmt voller Bakterien.

Als ich ein letztes mal darüber strich, ertastete ich deutliche Vertiefungen und Krater überall dort, wo sich Haut und Fleisch angenfangen hatten aufzulösen. Meine Rechte war der Säure weniger lang ausgesetzt gewesen, war aber dennoch stark gerötet, die Haut spannte und sah aus wie die einer angeschwitzten, halb garen Bratwurst.
 

Hidan derweil, zappelte in dem kniehohen Wasser wie ein Fisch auf dem Trockenen und tat weiterhin nichts anderes, als sich die Seele aus dem Leib zu brüllen, was meine Wut auf ihn gerade nur noch steigerte. Es reichte ihm anscheinend nicht, den Kampf zu vermasseln, zu allem Überfluss ging er mir nun auch noch auf die Ohren.
 

Er sollte endlich still sein.
 

Ich watete zu ihm, packte ihn am Mantel, um ihn zu mir zu drehen. Wild und ziellos schlug er um sich und ich musste aufpassen, dass er mich nicht traf, so unberechenbar wie er sich bewegte. Mir wurde erst bewusst wie schlimm es ihn erwischt hatte, als ich seine Vorderseite erblickte.

Seine Augen waren weit aufgerissen, das eine sah aus, als würde es ihm aus dem Schädel quellen. Einen Moment später erkannte ich auch warum – ihm fehlte das komplette Augenlid. Und nicht nur das. Seine rechte Gesichtshälfte war zerfressen, Muskelstränge, Fleisch und Sehnen waren zu sehnen. Seine Nase war nicht mehr vorhanden, da war nur noch ein schwarzes Loch. Er war einseitig kahl, an einer Stelle konnte man sogar den Schädelknochen sehen. Die Backe war nicht mehr vorhanden, nur noch dünne Gewebestränge zogen sich wie ein erbärmliches Netz über das freigelegte Gebiss. Der Rest seines Körpers sah nicht viel besser aus.
 

Ein Wunder war er noch bei Bewusstsein.
 

Seine bis zum Skelett zerfressene Hand schoss in die Höhe, als ich ihn am verbleibenden Stoff seines Mantels packte und unter Wasser drückte. Die Schreie versiegten, stattdessen waren nur noch blubbernde, platschende Geräusche zu hören. Seine Instinkte schienen noch nicht ganz erlahmt, da er sich gegen mich wehrte. Das Gefühl von blankem Knochen auf meiner Haut, als er versuchte meine Hand mit seiner wegzureißen, ließ mich vor Ekel das Gesicht verziehen. Mittlerweile war das Wasser um Hidan zu einer rot-braunen Suppe geworden, in der auch kleinere Mantel- und Gewebefetzen mit schwammen.

Nachdem ich einen Kick gegen die Seite kassiert hatte und nur noch wenige Luftblasen an die Oberfläche stiegen, zog ich Hidan hoch, ließ ihn Luft holen. Ich wiederholte mein Tun ein paar mal, tauchte ihn erneut unter, um ihn kurze Zeit wieder Luft holen zu lassen. Doch beruhigen tat er sich nicht. Er tobte, nachdem er beim vierten mal hustend Wasser ausgespuckt hatte, genauso weiter wie davor.
 

Sein Anblick war noch eine Spur schlimmer geworden – er glich immer mehr einer zerfledderten Leiche. Obwohl ich über die Jahre schon weitaus Schlimmeres gesehen hatte, war sein Zustand erschreckend.

Ich legte beide Hände um den Hals meines Partners und tastete geübt nach seinem Genick. Sein Blick war panisch, voller Terror und schien das erste mal bewusst auf mir zu liegen, als ob er mich tatsächlich wahrnehmen würde. Ich konnte mir kaum ausmalen, welchen Horror er gerade durchlebte. Mit einem schnellen Handgriff knirschte und knackte es unter meinen Fingern, ehe Hidans Körper augenblicklich erschlaffte.
 

Endlich Stille.
 

Ich ließ ihn zurück ins Wasser gleiten und erhob mich. Der Regen war wieder stärker geworden, dicke Tropfen fielen hinab, verschlechterten die Sicht. Mein Blick blieb an der Blitz-Maske hängen, die mir gefolgt war und vor dem Tümpel hockte, brav auf weitere Befehle wartete. Hidans Sense – oder besser gesagt ein Bruchstück davon – lag neben ihr. Sie musste es mitgenommen haben, obwohl ich ihr nichts dergleichen aufgetragen hatte.
 

Als ich wieder auf meinen Partner hinuntersah und mich fragte, ob ich seinen Arsch nun wirklich tragen musste, fiel mir etwas auf. Ich hatte schon zuvor seine zur Faust geballte Linke merkwürdig gefunden. Er hatte besinnungslos um sich geschlagen und sich aufgebäumt wie der wildgewordene Teufel, aber die Linke immer geschlossen gehalten. Nun erkannte ich, dass er etwas umschlossen hielt und beugte mich hinab, um es ihm aus der zersetzten Hand zu ziehen.
 

Es war sein Anhänger.
 

Er musste ihn sich vom Hals gerissen und mit seinem Leib vor der Säure beschützt haben.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

out from the infinite, the rate of growth

is hard to keep up with

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* Diese Aussage wurde von mir zurecht gebogen und ist so nicht ganz richtig. Gottesanbeterinnen Weibchen verspeisen zumeist die Männchen nach oder sogar noch während der Paarung. Wie es um normale Beute steht, da gab Wikipedia nicht viel her. Ich nehme an tot oder lebendig, Hauptsache Futter.

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1o. Home

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Zuhause.
 

Früher, da hatte ich eines. Einen Ort, an den ich zurückkehren konnte, der mich in die Arme schloss, wie eine Mutter ihr Kind. Einen Platz, an den ich hingehörte. Meine Heimat. Diese Verbundenheit; ich dachte, das wäre etwas, das ewig währen würde und mir nie genommen werden konnte. Ich lag falsch. Wenn ich heute an Taki dachte, empfand ich nur Verachtung und Hass. Mehr verband mich nicht mit diesem Dorf.

Damals, nach meiner Flucht aus Taki, war ich eine Zeit lang als Kopfgeldjäger durch die Weltgeschichte gestreift. Um mir selbst zu beweisen, dass ich nicht auf einen derartigen Ort wie ein Zuhause angewiesen war, hatte ich mein Leben ganz bewusst als Vagabund weitergeführt. Ich bereute nichts.
 

Und doch wünschte ich mir nicht selten, es wäre anders gekommen.
 


 

Mir war kaum eine andere Wahl geblieben als umzukehren.
 

Normalerweise brauchte Hidan nicht allzu lange um wieder fit zu werden. Aber in der Regel beschränkten sich seine Verletzungen auf eine abgetrennte Gliedmaße, ein tödlicher Schnitt oder ein durchstoßener Brustkorb. Zweifelsohne waren das fatale Wunden, doch die beschädigte Fläche an sich war eher klein.

Aber nun war grob geschätzt ein viertel seines Körpers zerstört worden und daher würde er auch mehr Zeit für die Heilung benötigen. Mein Partner hatte sich oft genug zurichten lassen, dass ich beinahe besser wusste als er, wie lange er flach liegen würde – nicht zuletzt, weil ich mich über die lange Wartezeit aufregte.
 

Dieses mal würde es nebenbei gesagt nicht anders sein.
 

Er würde auf jeden Fall ein paar Stunden brauchen, wenn nicht sogar einen halben Tag, um wieder auf die Beine zu kommen. Die Zeit an Ort und Stelle auszusitzen kam nicht in Frage. Wer wusste schon, ob sich hier nicht noch ein weiteres mutiertes Vieh herumtrieb.
 

Weswegen mir die Entscheidung leicht gefallen war und ich knapp eine Stunde später mit Hidan – oder das, was von ihm übrig war – auf meiner Schulter das Dorf erreichte, an dem wir nur kurz zuvor vorbeigekommen waren. In diesem war keine Menschenseele mehr vorzufinden, die Einwohner mussten durch den Regen in ihre Häuser geflüchtet sein. Der Alte, der uns zum Schluss so übel beschimpft hatte, war auch wie vom Erdboden verschluckt. Doch als ich das Gelände seines sogenannten Kurhauses betrat und die Steinplatten hoch zum Eingang des Gebäudes lief, schob sich plötzlich die Schiebetür zur Seite und ich konnte ihn im Rahmen stehen sehen. Er gefror in der Bewegung, als er mich entdeckte und legte erstaunt den Kopf schief.
 

«Ihr seid am Leben.»
 

«Nur zum Teil», erwiderte ich trocken und ignorierte seine darauf folgende Verwirrung. «Es war etwas von Rabatten die Rede. Wir haben es uns anders überlegt.» Damit war ich so frei und ging an ihm vorbei ins Innere.
 

In dem großen, hell eingerichteten Empfangsraum kniete eine junge Frau – oder fast noch Mädchen – auf dem Boden und war gerade dabei frische Handtücher aus einem Wäschekorb zusammenzulegen. Sie schreckte auf, als ich so plötzlich in den Raum drang. Sie faltete ihre Hände in ihrem Schoß und erwiderte schüchtern den Blick.
 

«Meine Enkelin, Misaki», erklärte der Alte, der mir gefolgt war.
 

«Nun», brummte ich. «Zeit zu beweisen, dass eure Versprechungen nicht nur Geschwätz waren und die angepriesenen Heilbäder tatsächlich etwas taugen. Mein Partner braucht dringend eine Behandlung.»
 

«Aber natürlich! Ihr werdet nicht enttäuscht sein. Habt ihr vor hier zu nächtigen?»
 

Ich bejahte widerwillig. Auch wenn wir dadurch weiter zurückfielen, machte es keinen Sinn, heute noch weiterzuziehen, wenn schon bald die Nacht einbrach.
 

«Misaki-chan, richte bitte zwei Zimmer für unsere Gäste her. Und ein Kräuterbad sollte dem jungen Mann dienen.»
 

Misaki nickte höflich, ehe sie sich stumm erhob und gehorsam davon huschte. Als der Alte sich wieder mir zuwandte, beäugte er Hidans vom Mantel verhüllte Gestalt interessiert, räusperte sich und fragte dann vorsichtig:
 

«Seid ihr im Wald zufällig auf etwas gestoßen? Hat sich euer Weggefährte verletzt?»
 

Ich schnaubte – der scheinheilige, alte Dreckskerl hatte genau gewusst, was uns in den Wäldern erwartete und hatte uns als Rache, dass wir sein Angebot abgelehnt hatten, geradewegs hineinlaufen lassen.
 

«Solltet ihr von der acht Meter großen Gottesanbeterin sprechen, dann ja, sie ist uns über den Weg gelaufen. Nur hat sie sich leider die falschen als Häppchen ausgesucht und musste die Rechnung dafür bezahlen.»
 

«Wartet, wartet!», meinte der Alte verblüfft und schüttelte ungläubig den Kopf. «Wollt ihr damit sagen, ihr habt das Monster erledigt?»
 

Ich nickte.
 

«Wo lang? Sobald ich Hidan abgesetzt habe, erzähle ich mehr.»
 

Ich setzte mich in Bewegung, bog rechts in den Flur ein, in den ich Misaki hatte verschwinden sehen. Der Alte folgte mir und gab eine kurze Wegbeschreibung ab.
 

«Ich fasse es nicht! Ist das wahr? Ihr sprecht die Wahrheit, richtig? Das Monster ist wirklich tot?»
 

Ich bejahte erneut, worauf der Alte euphorisch jubelte.
 

«Das ist ja fantastisch!»
 

Das hörte sich so an, als brach er vor Freude beinahe in Tränen aus. Anscheinend hatte er – trotz meiner düsteren Erscheinung und den Startschwierigkeiten – durch unsere jüngste Tat Vertrauen gefasst, da er plaudernd anfing die Geschichte des Kurortes mit mir zu teilen.
 

Wenn man ihm glauben durfte, war die Gegend nicht immer schon so heruntergekommen gewesen. Einst stand sie in voller Blüte, das Dorf hatte vor Lebhaftigkeit gestrotzt und die Anwohner hatten in Wohlstand gelebt. Tourismus und Handelsumschlagplatz, der Ort soll ein beliebtes Reiseziel gewesen sein. Jedoch verschwanden auf einmal immer wieder Leute. Erst nur vereinzelt Durchreisende, die den unwegsamen Pfad durch die Sümpfe nahmen. Doch dann traf es auch die Einwohner und fortan machten hartnäckige Gerüchte über ein Monster in den Wäldern die Runde. Diese vergifteten das Gewerbe und trieb das Dorf in den Ruin.

Jedoch hatte niemand das Untier je gesehen und war lebend zurückgekehrt. So wurde das Monster von einigen als Mythos abgetan, andere wiederum waren überzeugt von dessen Existenz. Nichts desto Trotz litt das Dorf unter den wirtschaftlichen Schäden und war immer mehr verkommen.
 

«Ich kann euch gar nicht genug danken. Ihr habt unseren Ort von einer Plage befreit!», schloss der Alte, der sich mir als Shou vorstellte und anschließend nach meinem Namen fragte.
 

«Kakuzu», brummte ich.
 

Endlich erreichten wir den Badebereich, der anscheinend mehrere Räume umfasste. Wände und Boden bestanden aus mintfarbenen, beziehungsweise weißen, Kacheln. Ein großes Becken lag zu meiner rechten, doch dieses war leer und schien schon länger nicht mehr genutzt geworden zu sein. Als wir weiter hinten den Entkleidungsbereich passierten, wehte uns ein angenehmer Kräutergeruch entgegen. Wir betraten einen Raum und ich konnte Misaki neben einer Wanne knien sehen. Der Hahn war offen – dampfend ergoss sich das heiße Wasser in die Wanne, die schon bis zur Hälfte gefüllt war. Verschiedene Kräuter schwammen in dem leicht grünlichen Wasser mit, während noch weitere von Misaki dazugegeben wurden.
 

Das Mädchen hatte unser Kommen gehört und drehte sich zu um, schlug jedoch plötzlich ihre Hand vor den Mund, während sich ihre Augen in Entsetzen weiteten.
 

«Mein guter Herr, Kakuzu-san», richtete nun auch Shou erblasst das Wort an mich. «Unsere Quellwasser, Kräuter und Öle sind einzigartig in der Unterstützung der Wundheilung, aber ich fürchte bei eurem Begleiter kommt jede Hilfe zu spät.»
 

Eigentlich hatte ich darauf geachtet, Hidans Körper so gut es ging mit seinem Mantel bedeckt zu halten, um niemanden zu verstören. Doch nach ihrer Reaktion fiel mir Hidans Arm auf, der wohl beim Tragen hierher aus der Verhüllung gerutscht sein musste. Die bis auf die Knochen zerfressene Hand war der Grund für die Erschütterung der beiden.
 

Dabei hatten Hidans Wunden bereits zu heilen begonnen. Vor einer Stunde sah sein Körper noch schlimmer aus.
 

Wortlos hievte ich Hidan von meiner Schulter und verfrachtete ihn samt Kleidung in die Wanne. Wasser schwappte über den Rand, doch das schien niemanden zu kümmern, lag ihr Augenmerk doch auf Hidans nun enthüllte Vorderseite. Der grauenvolle Zustand meines Partners ließ Misaki und Shou entsetzt die Luft einziehen. Das Mädchen wandte sogleich ihren Blick ab. Zittrig atmete sie in ihre vor den Mund gepresste Hand, während sich Tränen in ihren zugekniffenen Augen sammelten.
 

«Ich bitte euch, Kakuzu-san. Dieser Mann benötigt offensichtlich einen Iryounin*. Wenn er denn noch lebt, was ich jedoch bezweifle…», redete Shou leise auf mich ein. Vermutlich dachten sie, ich wäre verrückt und trug die Leiche meines Partners mit mir herum, da ich seinen Tod nicht akzeptieren wollte.
 

Es war immer dasselbe.
 

«Mein Partner ist nicht gewöhnlich. Er hat eine besondere… Fähigkeit. Er wird sich erholen, auch wenn es nicht danach aussehen mag. Also kümmert euch um ihn.»
 

«Es mag viele ungewöhnliche Begabungen in der Shinobi-Welt geben», entgegnete der Alte. «Doch es gibt niemanden, der sich vom Tod erholt. Das käme einem Wunder gleich.»
 

Das war mit ein Grund, warum ich es bei Möglichkeit vermied, dass Leute Hidan so zugerichtet zu Gesicht bekamen – ich war die langen Erklärungen leid.
 

«Tut was ich sage», gab ich knurrend von mir – meine Geduld neigte sich dem Ende. «Wenn es euch graust ihn in diesem Zustand zu behandeln, dann lasst ihn meinetwegen eine Zeit lang in der Wanne liegen. Aber macht euch anschließend nützlich. Ich will mich nicht umsonst dafür entschieden haben umzukehren. Solltet ihr euch jedoch weigern, dann seid euch bewusst, dass ich mich nicht davor scheue ungemütlich zu werden.»
 

«Wollt ihr uns etwa drohen?», entrüstete sich Shou, wofür ich nur ein Schnauben übrig hatte.
 

«Lasst es mich höflich formulieren: macht was ich sage, ansonsten kenne ich einige äußerst effektive Wege, euch dazu zu bringen. Meine Geduld ist schnell ausgereizt, also tut euch selbst einen Gefallen und diskutiert nicht. Ihr habt unsere Stirnbänder gesehen und uns trotzdem hereingelassen. Wir haben uns die Kerbe bestimmt nicht durch edle Taten verdient, also tut nicht so, als hättet ihr nicht gewusst, worauf ihr euch einlasst.»
 

Das brachte den Alten vorerst zum Schweigen. Für eine Weile sah er mich nur starr an – vermutlich wurde ihm gerade schlagartig bewusst, dass wir nicht die Art von Erretter waren, die er sich vielleicht vorgestellt hatte. Ob er schon bereute uns eingeladen zu haben? Die Geldnot hatte ihn vermutlich dazu getrieben, über unseren Status als Nuke-Nin hinwegzusehen.
 

«Wir besitzen nichts. Ihr habt die Räumlichkeiten gesehen, es gibt hier nichts zu holen. Und Misaki… ich bitte euch, tut ihr nichts zuleide. Sie ist die reinste Unschuld und das Kostbarste für mich.»
 

Seine Reaktion erschien mir etwas übertrieben, so heftig wie er zurückruderte, doch offensichtlich hatte ich ihm mit meinen Worten einen herben Schrecken eingejagt. Er befürchtete wohl, als nächstes mit Raub und Vergewaltigung rechnen zu müssen. Dieser Gedankengang war gar nicht so weit hergeholt, in Anbetracht der Tatsache, dass seine Enkelin mit ihren Mandelaugen und dem scheuen Lächeln, für viele bestimmt eine Verlockung darstellte.
 

Mir entkam ein dunkles, raues Lachen, wodurch die Sorgenfalten auf der Stirn des Alten nur noch tiefer wurden.
 

«Haltet eure Versprechen und ihr habt nichts zu befürchten.»
 

Obwohl die Sache damit geklärt war, blieb der Alte von nun an vorsichtig und mir gegenüber misstrauisch. Wir verweilten im Raum, eine unangenehme Stille herrsche vor, während sich Misaki langsam von Hidans Anblick erholte. Nach kurzer Zeit schlug Shou vor, mich zu unseren Zimmern zu geleiten. Ich durchschaute natürlich sofort die Gründe dafür – er wollte mich nicht in der Nähe seiner Enkelin wissen. Da es nichts gab was dagegen sprach, ging darauf ein und folgte ihm hinaus.

Obwohl meine – nicht ganz so – unterschwellige Drohung die Euphorie des Alten über den Tod der Bestie einen sichtlichen Dämpfer verpasst hatte, stellte er mir dennoch interessiert Fragen über das Vieh, den Kampf und dessen Ableben. Als ich von seinem säureähnlichen Blut erzählte, legte er seine Stirn in Falten und murmelte etwas von Salben und Wundumschläge.
 

Offenbar war die Bestie schuld am Tod einiger Väter, Mütter, Töchter und Söhne des Dorfes, da er mich vor dem Zimmer absetzte und die Kunde sogleich im Dorf unter die Leute bringen wollte.
 

Ich öffnete die Schiebetür und sah mich kurz in dem spärlich möblierten Zimmer um. Es war ein einzelnes Futon auf dem Boden ausgebreitet worden. An sich nichts Außergewöhnliches, doch mein Blick blieb daran hängen. Nach Tagen auf hartem, kaltem Waldboden erschien er mir umso einladender. Warum nicht die nassen, dreckigen Klamotten loswerden? Eine Dusche hatte ich auch dringend nötig. Der unangenehme Geruch nach Moor und Fäule war kaum mehr zu ignorieren. Zudem blutete meine Wunde in der Nacken- und Schulterpartie immer noch, was ich durch kurzes Abtasten feststellen konnte. Das kleine Rinnsal, das ich die ganze Zeit schon meinen Rücken runter laufen spürte, war demnach kein Regen.
 

So gerne ich mich auch ausruhen wollte, jetzt war nicht die Zeit dafür.
 

Ich verließ das Zimmer mit dem Plan, im Dorf neuen Proviant für die weitere Reise zu besorgen, damit wir morgen zeitig aufbrechen konnten. Doch noch bevor ich das Gebäude verlassen konnte, wurde ich aufgehalten.
 

«U-Uhm… Kakuzu-san?»
 

Ich stoppte und wandte den Blick nach links, wo ich Misaki schüchtern im Rahmen stehen sehen konnte. Nervös zuppelte sie am Stoff ihres hellblauen Kimonos.
 

«Würdet ihr mir kurz behilflich sein?»
 

Mehr aus Neugier folgte ich ihr zurück in den Raum, in dem Hidan in der Wanne lag. Das Wasser war abgelassen worden, wobei hier und da Reste von den Kräutern an seinem Körper hängengeblieben waren.
 

«Das Wasser hat sich so schnell braun verfärbt, da dachte ich, es wird vielleicht notwendig sein es mehrmals zu wechseln.»
 

«Ist das alles?», fragte ich barsch.
 

«N-Nein, ich–... worum ich euch eigentlich bitten wollte, ist, mir zu helfen ihn zu entkleiden. Euer Gefährte ist ziemlich schwer, da ist es mir fast unmöglich ihn zu bewegen, zudem... ich bemühe mich wirklich sehr, aber sein Anblick schlägt mir immer noch auf den Magen, und... ihr hattet Recht, er lebt, ich konnte einen schwachen Puls fühlen. Deswegen traue ich mich jedoch gar nicht ihn zu berühren, in der Angst, es noch schlimmer zu machen. Aber ich möchte helfen und es ihm noch so angenehm wie möglich machen.» Mitleidig sah sie auf meinen Partner hinab.
 

Ich sparte mir einen Kommentar dazu – es brachte ja doch nichts. Sollte sie ruhig glauben, dass er im Sterben lag. Dass Hidan bereits wieder Puls hatte, war jedoch gut zu wissen. War zu hoffen, dass er noch eine Weile bewusstlos bleiben würde. Wenigstens so lange, bis der Rest seines Körpers etwas mehr geheilt war. Aber bei meinem Glück, würde er schon bald erwachen und ich durfte mir sein Jammern anhören.
 

Offensichtlich war Misaki zart besaitet und überfordert mit der Aufgabe, Hidan wieder auf Vordermann zu bekommen. Auch wenn ich für ihre Zaghaftigkeit nur Spott übrig hatte – in einer Welt wie dieser hatte man damit gleich verloren – machte ich mich schnaubend daran ihr zur Hand zu gehen. Nur um gleich feststellen zu müssen, dass ihre Auffassung von behilflich sein sich nicht mit meiner deckte, da ich alles alleine machen musste, während sie nur steif daneben stand.
 

Ich schob einen Arm unter Hidans Achsel und hob ihn ein Stück hoch, um seinen Mantel – oder besser gesagt das, was davon übrig war – entfernen zu können. Es waren nur noch ein paar Fetzen, wobei einige in den blutigen, fleischigen Wunden festzukleben schienen, da sie sich fast nicht davon lösen wollten. Ich musste sie beinahe schon abreißen, was die Wunden teils wieder zum bluten brachte.

Bei genauerer Inspizierung fiel mir etwas Erstaunliches auf. Hidans Heilfähigkeit war bereits im vollen Gange und so stark ausgeprägt, dass sein Körper sich nicht mal um mögliche Fremdkörper scherte. Wie mit dem Kopf durch die Wand, wollte sein Fleisch so sehr wieder zusammenzuwachsen, dass die Stofffetzen einfach zwischen dieser Kraft eingeklemmt wurden.
 

Als ich fertig war ließ ich Hidan zurück in die Wanne gleiten, zog ihm den einen, verbliebenen Schuh vom Fuß, der nicht mehr war als eine verkümmerte Sohle. Nach seinem Stirnband war als nächstes die Hose dran, die auch reichlich mitgenommen aussah. Jedoch war sie noch soweit intakt, dass sie nicht direkt von Hidans Hüften fiel, als ich meinen Partner erneut hochzog. Sein Kopf fiel gegen meine Brust, die weniger arg zugerichtete Seite seines Gesichts zu mir gewandt.
 

«Entschuldige», meinte Misaki plötzlich mit leiser Stimme, ehe sie ihren Blick peinlich berührt abwandte. «I-Ich bin mit dem Körper des Mannes nicht vertraut», erklärte sie ihre Reaktion auf die bevorstehende Entblößung.
 

Darauf entkam mir nur ein erneutes Schnauben. Ich hatte schon nach Hidans Hosenbund gegriffen, als mich ganz unerwartet nun doch etwas zögern ließ.

So etwas wie Privatsphäre war in der heutigen Zeit und erst recht als Abtrünniger ein Luxusgut. Man konnte froh sein, wenn man noch lebte. Und es war auch nicht so, dass ich Hidan noch nie nackt gesehen hatte – mein Partner war an heißen Sommertagen das ein oder andere mal schon vor meinen Augen zur Abkühlung in einen Fluss gesprungen. Die Meisten an meiner Stelle, mit der gleichen sexuellen Orientierung, hätten wenigstens unterbewusst mal hingeschaut. Doch ich hatte mich zu keiner Zeit darum geschert. Nicht mal zu einem Seitenblick hatte ich mich verleitet gefühlt. Doch nun hatte sich seither so einiges verändert und mein bisheriges Desinteresse existierte so nicht mehr.
 

Ich stand nun anders zu Hidan.
 

Davor war er nur Hidan gewesen, mein lästiger Partner, der immer da war. Doch jetzt war er Hidan, mein lästiger Partner, der immer da war und quälende Träume vertrieb. Hidan, der es plötzlich schaffte auch andere Dinge in mir zu wecken, als nur Wut. Deswegen fühlte es sich an, als würde ich eine Grenze überschreiten, die vorher nicht da gewesen war, sollte ich ihm jetzt auch noch den Rest ausziehen. Ich war zwar keiner, der groß die Grenzen anderer respektierte, doch der Punkt war, dass der Jüngere davon nicht mal was mitbekommen würde und auch nicht die Chance hatte, Einwände zu erheben.
 

Ich sah auf Hidan hinab. Seine Züge waren eben und wenn man die ganzen Wunden ausblendete, könnte man meinen er würde schlafen. Unweigerlich musste ich an die Nacht zurückdenken, über die wir noch immer kein Wort verloren hatten. Und an den Ausdruck auf seinem Gesicht, als er...

Durch die Dunkelheit war er mir verwehrt geblieben und seither hatte ich mich immer wieder dabei erwischt, wie ich mir vorstellte, wie Hidan dabei ausgesehen haben mochte.
 

Grollend schüttelte ich den Kopf, ärgerte mich über mich selbst. Hidan war nicht mal bei Bewusstsein, in einem Zustand, der doch recht abturnend war – müsste man meinen – und ich hegte solche Gedanken. Außerdem ließ ich mich hier gerade wegen etwas Nacktheit aus der Ruhe bringen – ich stellte mich nicht besser an wie die prüde Jungfer neben mir.
 

Mit einem Ruck zog ich Hidan die Hose hinunter... und wunderte mich nicht allzu sehr über die fehlende Unterwäsche. Ich setzte meinen Partner wieder ab, zog ihm die durchweichte Hose von den Beinen und ließ sie klatschend neben die Wanne fallen.
 

«Wars das?», knurrte ich, um Misakis Aufmerksamkeit zu erlangen, da ihr Blick stur in die Zimmerecke gerichtet war.
 

Sie zuckte zusammen, wandte sich mir mit geröteten Wangen zu, stocksteif darauf bedacht, ihren Blick nicht an Hidan hinab wandern zu lassen.
 

«Uhm, j-ja, ihr wart mir eine große Hilfe, ich danke euch, Kakuzu-san.»
 

Die Erleichterung war ihr anzuhören. Dann öffnete sie rasch den Hahn und die Wanne lief langsam wieder mit Wasser voll, verschluckte Hidan Stück um Stück. Als sie erneut Kräuter ins Badewasser gab und anfing Hidans Körper vorsichtig mit einem Schwamm abzutupfen, verließ ich das Zimmer wortlos.
 

Draußen erwartete mich erneut Kälte und Nässe. Der Regen war zwar versiegt, doch die dunkelgrauen Wolken verhießen keine Besserung.

Gerade als ich das Anwesen über die Steinplatten hinter mir ließ, war aus einiger Entfernung eine Menschentraube auszumachen. Sie bewegte sich in meine Richtung und ich nahm an, dass es sich um einen wütenden Mob handelte, da die Leute sichtlich in Aufruhr waren. Vielleicht hatte ich den Alten so verängstigt, dass er sich Verstärkung geholt hatte und uns nun davonjagen wollte.
 

«Das ist er!», rief Shou aus der Mitte der Traube und deutete auf mich. Sofort kamen die Bewohner auf mich zu und bildeten aufgeregt tuschelnd einen Kreis um mich.
 

«Ist es wahr was der Alte sagt?»
 

«Nur ein Mythos, lasst euch nicht täuschen, dieser Mann ist ein Lügner!»
 

«Wie habt ihr das Vieh erlegt?»
 

«Existiert das Monster wirklich?»
 

«Habt ihr meinen Sohn gesehen? Er ist vor kurzem aus den Sümpfen nicht mehr zurückgekehrt.»
 

«Seht, sein Stirnband, ein Nuke-Nin!»
 

«Wie hat die Bestie ausgesehen?»
 

«Ihr seid unser Erlöser! Ich will euch danken, ihr habt für uns Rache genommen!»
 

«Was ist mit seinen Augen? Ist er womöglich das Monster?»
 

Von allen Seiten wurde ich mit Fragen und Blicken durchlöchert. Obwohl die Stimmen gemischt waren, überwog Misstrauen und Argwohn. Schließlich trat ein ernst dreinblickender Kerl mit Bart vor und die Leute verstummten.
 

«Fremder! Sagt, ist die Kreatur tatsächlich tot?»
 

«Das ist sie», bestätigte ich, worauf das Geraune von vorne losging.
 

«Schwindler! Nichts weiter als Behauptungen! Beweist uns, dass die Kreatur tot ist, bringt uns ihren Kopf!», war einer der lauteren Zwischenrufe.
 

«Überzeugt euch selbst, seine Überreste befinden sich eine Stunde nordwestlich von hier», gab ich knurrend zur Antwort. «Mein Partner und ich werden bald weiterziehen und diesen verkümmerten Ort verlassen. Doch bis dahin, lebt mit unserer Anwesenheit. Gibt es einen Händler der uns Proviant verkauft?»
 

Viele der Augenpaare huschten zu einem kleingewachsenen Kerl mittleren Alters mit braun gelocktem Haupt. Ich nahm stark an, dass er der Händler war, doch er gab sich nicht als solcher zu erkennen, sondern hüllte sich in Schweigen.
 

«Würdet ihr uns hinführen?», nahm der Bärtige das Wort wieder an sich. «Unser Dorf hat jahrelang unter diesem Untier gelitten. Akio wird euch bestimmt mit Freuden seine Waren anbieten, sobald die tote Kreatur geborgen wurde.»
 

Es war nicht misszuverstehen. Ich würde gar nichts von den Bewohnern erwarten können, so lange ich ihnen nicht das Vieh lieferte. An sich würde es mich keine große Mühen kosten, mir einfach zu nehmen was ich brauchte. Doch mit den Jahren hatte ich gelernt, dass es unklug war, sich unnötig Feinde zu machen, wenn es auch anders gelöst werden konnte. Eine wütende Meute im Nacken zu haben, war in der gegenwärtigen Situation nicht von Vorteil. Auch wenn es keine Kämpfer waren, sondern nur einfache Landsleute – sie alle zu töten wäre verschwendete Energie. Ein sinnloser Mehraufwand, den ich auch ganz einfach umgehen konnte, indem ich sie einfach benutzte statt zu töten. Sollten sie also ruhig die Leiche des Viehs bergen. So lange sie danach gefügig sein würden, nahm ich diesen Umstand in kauf.
 

«Tretet zur Seite.»
 

Ich zog mir den Mantel von den Schultern und ging in die Knie. Die Dorfleute blieben fragend stehen, ehe sie erschrocken zurückwichen, als sich die Blitz-Maske von meinem Rücken löste. Erneut wurde aufgeregt getuschelt, doch dieses mal schwang in den Stimmen deutliche Angst mit. Worte wie Monster, Teufel und Höllenschatten fielen, doch solche Bezeichnungen berührten mich schon lange nicht mehr.
 

«Sie wird euch hinführen», erklärte ich, als sich die Blitz-Maske zur vollen Größe neben mir aufgebaut hatte. Die teils argwöhnischen, teils ängstlichen Blicke der Dorfleute zwangen mich dazu noch etwas anzufügen. «Sie gehorcht auf meinen Befehl, handelt jedoch eigenständig und weiß sich durchaus zur Wehr zu setzen. Also gebt ihr keinen Grund dazu.»
 

Damit war alles gesagt. Die Stimmung blieb noch eine Weile angespannt, doch dann flaute die Aufregung langsam ab und die Menschentraube löste sich auf. Die Meisten gingen ins Dorf zurück, nur ein paar wenige – darunter auch der Bärtige, der eine Art Führungsposition innerhalb des Dorfes zu haben schien – blieben zurück und sammelten sich bei der Blitz-Maske.

Ich sah der Gruppe nach, als sie sich nach kurzem in Bewegung setzte. Sie waren noch nicht weit, als der Elementargeist plötzlich stehen blieb und zurück schaute. Er starrte mich an. Verwundert zog ich die Brauen zusammen, interpretierte sein Verhalten als eine Art Anflug von Ungehorsam und wiederholte den Befehl durch unsere mentale Verbindung mit Nachdruck. Sofort drehte er sich um und huschte ergeben davon.
 

«Was seid ihr?»
 

Shou war bei mir zurückgeblieben und bedachte mich mit einem Blick, den ich schon zuhauf gesehen hatte. Die Art wie sie mich ansahen änderte sich immer, sobald sie Zeuge meiner unmenschlichen Gestalt wurden.
 

«Geht und kümmert euch um meinen Begleiter», knurrte ich dunkel, worauf der Alte nach kurzem Zögern nickte und sich abwandte. Ich folgte ihm kurz später, hatte keinen Grund mehr das Dorf aufzusuchen und würde auf die Rückkehr des Bergungstrupps warten müssen.
 

Plötzlich überkam mich eine ungeahnte Übelkeit, die Steinplatten zu meinen Füßen fingen an kurzzeitig vor meinen Augen zu verschwimmen. Kälte befiel meine Glieder und ein Schwächegefühl setzte ein, gegen das ich jedoch zu kämpfen wusste. Ich zwang mich einfach einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Ich musste mich noch eine Weile zusammenreißen, denn jetzt war nicht die Zeit einzuknicken.
 

«Alles in Ordnung?», fragte Shou, der über seine Schulter zu mir schaute und dem mein Wanken aufgefallen sein musste.
 

«Das hat dich nicht zu kümmern!», grollte ich aggressiv. Ich hasste es, wenn sich jemand in meine Angelegenheiten einmischte. Und noch viel mehr, wenn jemand während eines schwachen Moments in meiner Nähe war.
 

Nur am Rande bekam ich mit, wie der Alte zurückschreckte und ins Innere verschwand, war ich doch gerade zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich schleppte mich das letzte Stück bis unters Dach. Hinein gehen stand jedoch außer Frage, drinnen würde die Übelkeit womöglich nur noch größer werden.

Stattdessen lief ich am Gebäude entlang, bis ich am hinteren Teil des Anwesens einen Kräutergarten entdeckte. Ich sah hinab auf meine zitternden Hände, setzte mich im überdachten Bereich auf die Holzveranda, um meinen schwachen Kreislauf nicht noch mehr herauszufordern. Mir war kalt und warm zugleich, meine Brust plagte ein leichter Schmerz, doch dieses mal war er kaum der Rede wert und nicht vergleichbar mit den vorderen malen.
 

Vielleicht war es gar keine Attacke und ich hatte mich bloß übernommen. Schon seit dem Kampf gegen die Gottesanbeterin hatte mich ein Gefühl der Erschöpfung und ein flauer Magen begleitet, doch ich hatte es als unwichtig abgetan und einfach weg ignoriert. Vielleicht kam jetzt alles zusammen – die Anstrengung des Kampfes, die harten Nächte im Freien und die ständige Nässe und Kälte.
 

Ein weiterer Grund, warum ich nicht glaubte, dass es einer dieser Attacken war: die Übelkeit war gerade weitaus schlimmer. So schlimm, dass ich mir die Maske runterziehen musste, um freier atmen zu können. Tief sog ich die kalte Luft in meine Lungen, nur um sie wieder auszustoßen. Es sammelte sich übermäßig Speichel in meinem Mund, die Übelkeit kroch langsam meine Speiseröhre hoch und ich spuckte ein paar mal aus.

Eine Weile war ich gefangen in dieser Schleife: spucken, atmen, mit geschlossenen Augen gegen die Übelkeit kämpfen und wieder von vorne. Mein Mageninhalt behielt ich schlussendlich drin, auch wenn ich mir zwischenzeitlich nicht sicher war, ob es nicht besser wäre, einfach einmal zu brechen.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

under a diamond sky

everyone wants to shine

under a diamond sky

everyone wants to shine

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Ich konnte nicht sagen wie lange ich da draußen verharrte, aber irgendwann legte sich die Übelkeit und das Zittern verschwand. Langsam ging es mir wieder besser, auch wenn das fast fiebrige Schwächegefühl nicht fortgehen wollte.

Ich blieb noch eine Weile sitzen, lauschte dem Regen, der erneut eingesetzt hatte und den Boden aufs neue durchnässte. Der Garten sah hübsch aus. In der Mitte lag ein kleiner Teich mit Fischen, umrandet von Gräsern und Steinen. Das Kräuterbeet sah gepflegt aus – hier kümmerte sich jemand gut um die Pflanzen. Unkraut war keins zu sehen, welk gewordene Blätter waren sorgsam entfernt worden.
 

Diese Mühen waren nicht allein wegen des Nutzens der Kräuter aufgebracht worden. Die Person, die sich hierum kümmerte, hatte es aus einem Grund getan, der mir immer fremd sein würde: uneigennützige Hingabe.
 

Ich horchte auf, als von drinnen plötzlich Schreie zu hören waren. Aufgebrachte Rufe und ein erschrockenes Fiepen. Ich kam sogleich auf die Füße und gelangte durch den Seiteneingang nach drinnen, als ich meinte Hidans Stimme darunter herauszuhören.
 

Klang als würde er Probleme machen.
 

Ich hatte mich nicht getäuscht. Hidan war wach, wie ich von der Schwelle aus erkannte. Er stand kerzengerade in der Wanne, seine Kehrseite mir zugewandt. Seine Verletzungen waren mit großen Umschlägen behandelt worden, wobei einige durch sein Aufbrausen von seinem Körper abgefallen waren. Hidans Wunden sahen bereits sehr viel besser aus. Rohes Fleisch und Knochen waren fast nirgendwo mehr zu sehen, dünne, durchscheinende Haut spannte sich bereits über einige Stellen. Die Wunden waren geschrumpft, das neu gebildete Gewebe makellos.
 

Es wäre gelogen, wenn ich behauptet hätte, dass ich mir nur deshalb ein paar Sekunden Zeit genommen hatte Hidans Körper zu mustern, um den Status seiner Verletzungen zu überprüfen. Doch die freie Aussicht auf seinen blanken Arsch war nicht das, was ich erwartet hatte als erstes vorzufinden.

Jedoch schien mein Partner gerade in einem ganz anderen Film festzustecken, denn er hielt Misaki am Kragen gepackt und redete aufgebracht auf sie ein.
 

«Wo ist sie, hä?! Nein, nein, das darf nicht sein! Ich darf sie nicht verlieren, ich...!! Wo hast du sie, gib sie mir zurück!»
 

Er klang fast schon hysterisch und so verzweifelt wie er Misaki am Kragen durchschüttelte, um ihr eine Antwort zu entlocken, machte er auf mich immer mehr den Eindruck eines in Panik geratenen. Misaki, die in eine defensive Schutzhaltung übergegangen war, die Hände zur Abwehr gehoben und zur Salzsäule erstarrt, hatte die Augen erschrocken und ängstlich aufgerissen.
 

«Hidan», mahnte ich, doch er schien mich nicht zu hören.
 

«Ich schwöre bei Jashin, für diesen Diebstahl wirst du bezahlen! Ich mach dich kalt!!»
 

«Hidan!»
 

Innerhalb einer Sekunde war ich bei den beiden und riss Hidan von ihr los, worauf sie keuchte und unsanft zu Boden fiel.
 

«Beruhige dich.»
 

Eindringlich sah ich ihn an, doch er schien mich noch immer nicht wirklich wahrzunehmen. Sein Blick war wirr, als wäre er in einer anderen Realität gefangen. Er verhielt sich seltsam, sein Kopf zuckte von rechts nach links, als würde er von Dingen aufgeschreckt werden, die nicht da waren. Sein Atem ging schnell, als stünde er kurz vorm Hyperventilieren. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich gesagt, dass er sich in der Arznei vergriffen hatte.
 

War es möglich, dass sein Gehirn Schaden genommen hatte? Seine Wunden an Gesicht und Schädel sahen soweit zwar sehr gut verheilt aus. Wie eine Brandwunde war die Haut an besagten Stellen zwar noch gerötet und fleckig, an seiner kahlen Schädelseite war jedoch bereits ein Haarflaum gewachsen. Er sah wieder mehr lebendig als tot aus.
 

«Ich muss, ich-ich bin... verloren. Bitte. Ich darf sie nicht verlieren! Ich darf ihn nicht enttäuschen!», brabbelte mein Partner weiter aufgewühlt vor sich hin.
 

Mit Seitenblick auf Misaki hoffte ich, dass sie Aufschluss geben konnte. Doch die junge Frau hatte mit anderen Dingen zu kämpfen.

Beschämt und mit tiefrotem Gesicht hatte sie sich abgewandt, da sie kniend mit ihrem Kopf auf Hüfthöhe war und Hidan bekanntlich immer noch nichts am Leibe trug.
 

«M-Meine Güte», murmelte sie peinlich berührt, wobei sie Hidans Angriff wohl bereits gut weggesteckt zu haben schien.
 

«Alles in Ordnung, Misaki-chan? Was hat dieser Tumult zu bedeuten?» Shou war im Türrahmen erschienen, versuchte die Situation zu analysieren und musterte besorgt seine Enkelin, die jedoch nur abwinkte.
 

«E-Es ist nichts… Hidan-san ist wach geworden und hat mich erschreckt.» Sie wurde noch eine Spur röter. Anscheinend war es ihr zusätzlich peinlich, dass ihr Großvater sie in Gegenwart eines nackten Mannes sah.
 

Schnaubend schüttelte ich den Kopf, musste feststellen, dass ich hier nur von beschränkten Idioten umgeben war, die zu nichts zu gebrauchen waren. Doch dann hatte ich einen Geistesblitz – vielleicht hatte mein Partner mit (i)sie(i) gar keine Person gemeint.
 

«Meinst du die hier?»
 

Ich holte den Anhänger, den ich Hidan nicht lange zuvor abgenommen hatte, aus meiner Hosentasche und ließ ihn direkt vor seinem Gesicht an der Kette hin und her baumeln. Sein zusammenhangsloses Gebrabbel verstummte, das Schmuckstück holte ihn augenblicklich ins Hier zurück. Seine Augen fixierten den Anhänger und weiteten sich. Sogleich hellte sich seine Miene auf, mit einem Ausdruck purer Erleichterung umschloss er den Anhänger mit einer Hand. Er ließ die Faust dankbar gegen meine Brust sinken, gefolgt von seiner Stirn, mit der er sich wie zu einem Gebet dagegen lehnte. Seine Linke krallte sich zusätzlich in meinen Mantel fest und ich konnte zusehen, wie er sich langsam beruhigte. Runter kam, zu sich kam.
 

Mir war zwar klar gewesen, dass Hidan fanatische Züge an den Tag legte und ihm sein Glaube wichtig sein musste. Doch ich hatte nicht gedacht, dass er so abhängig davon war. Er hielt es ja kaum eine Sekunde ohne das Amulett seines Gottes aus, ohne gleich abzudrehen.
 

«Kakuzu», flüsterte Hidan. «Wo bin ich? Was ist passiert?»
 

«Erinnerst du dich an den Kampf mit dem Rieseninsekt? Und wir sind im Kurhaus von diesem Clown. Das ist seine Enkelin Misaki, sie behandelt deine Wunden. Also benimm dich und mach mir keinen Ärger.»
 

Hidan folgte meinem Deut und musterte Misaki einen Moment. Dann, als würde er sich wieder erinnern können, fuhr er sich mit der Hand über Kopf und Gesicht, ertastete die halb verheilten Verätzungen.
 

«Fuck», meinte er, ehe plötzlich unterschwellige Wut in ihm aufwallte. «Du hast mir das Genick gebrochen, richtig?»
 

Ich behielt es mir vor, etwas dazu zu sagen.
 

«Als wäre der Versuch mich zu ertränken und die Kacke mit dem Vieh davor nicht schon schlimm genug gewesen, musste ja noch eine deiner scheiß Launen hinzukommen.»
 

«Gib mir nicht die Schuld. Ich bin nicht derjenige, der sich nicht an den Plan gehalten hat.»
 

Hidan schnaubte nur, ließ es aber ohne weitere Beschwerden dabei bleiben. Schließlich ließ er von mir ab und blickte mehr zufällig an sich hinunter.
 

«Warum bin ich nackt?», fragte er irritiert. Es schien ihm nicht sonderlich unangenehm zu sein, es machte den Anschein, als wäre er nur verblüfft über die reine Tatsache seiner Blöße. Was ihm recht spät auffiel, wenn man mich fragte.
 

«Ein Bad nimmt man für gewöhnlich unbekleidet. So nebenbei ist von deiner Kleidung eh nicht mehr viel übrig.»
 

«Oh», machte er nur, ehe er mich plötzlich feixend angrinste. «Hast du mich ausgezogen?»
 

«Was spielt das für eine Rolle?»
 

«Keine? Ich wüsste es nur gern.»
 

«Sieht sie für dich so aus, als wäre sie dazu im Stande?», erwiderte ich kühl, mit Deut auf die in Scham versunkene Misaki. Hidan konnte sich seine Frage damit selbst beantworten, jedoch blieb sein Grinsen bestehen. Er hielt sich weiterhin mit einer Hand an mir fest, war wohl noch nicht sicher genug auf den Beinen.
 

«Und?»
 

«Und was?», grollte ich.
 

«Komm schon, du weißt was ich meine! Tu nicht so, ich weiß doch, dass du nicht so tot bist, wie du nach außen hin allen weismachen willst. Schließlich hab ich es sozusagen am eigenen Leib erfahren.»
 

Ich schnaubte – er spielte auf jene Nacht an, was mir insgeheim einen Schauder bescherte. Sie spukte also auch ihm immer mal wieder im Geist herum.
 

«Wozu eine große Sache draus machen? Ist nicht das erste mal, dass du nackt vor mir stehst. Und auch wenn, es ist nichts Besonderes.»
 

Sein Selbstvertrauen wurde an meiner Kaltschnäuzigkeit abgeschmettert, was ihn deutlich verunsichert zurückließ.
 

«Ja, ich weiß doch! Aber wow, nichts Besonderes also. Ich dachte halt… ach, vergiss es!»
 

«Du solltest weniger denken», grunzte ich abschließend.
 

Er verzog darauf nur angesäuert das Gesicht. Seine Züge glätteten sich plötzlich, seine Augen starrten ins Nichts und sein Blick schien auf einmal ganz leer. Ich bemerkte wie er taumelte und packte ihn an den Oberarmen, bevor er noch zusammenklappte. Er war wohl doch noch nicht ganz auf der Höhe – und ich nicht der Einzige, dem etwas Erholung nicht schaden würde.
 

«Du solltest dich ausruhen.»
 

Ich half ihm sich zurück in die Wanne zu setzen, wodurch sein Kreislauf stabil bleiben sollte. Er lehnte sich sogleich zurück und konnte kaum mehr die Augen offen halten, obwohl er gegen die Erschöpfung ankämpfte, die ihn zu übermannen drohte.
 

«H-Hidan-san ist unglaublich.»
 

Die junge Frau mit den Mandelaugen hatte wieder den Mut gefunden, sich uns zuzuwenden. Zögerlich streckte sie ihren Arm nach Hidan aus und berührte vorsichtig die gerötete, wunde Haut an seiner Schulter.
 

«Eine solch stark ausgeprägte Regenerationsfähigkeit habe ich noch nie gesehen.»
 

Sie lächelte schüchtern, bevor sie ihre Arbeit zögerlich wieder aufnahm. Eine Schale mit gelblicher Salbe wurde herangezogen, ehe sie anfing, die Paste mit den Fingern auf Hidans Wunden aufzutragen und neue Umschläge vorzubereiten.

Sie nickte mir einmal zu, als wollte sie mir danken oder mir signalisieren, dass sie von nun an alleine zurecht kam. Ob so oder so, ich ließ sie alleine. Im Flur traf ich Shou an, der mein Gehen abgewartet haben musste. Sein Blick war nicht falsch zu deuten – er traute mir kein Stück über den Weg.
 

«Ich werde nun anfangen das Abendessen vorzubereiten. Gesellt euch doch zu uns. Ich gebe Bescheid, sobald es fertig ist.»
 

Ich nickte. Obwohl ich wusste, dass diese Freundlichkeit nur vorgetäuscht war – vermutlich zwang ihn seine Erziehung, Sitte und Manier, seine Gäste nicht hungrig in die Nachtruhe zu entlassen – gab es keinen Grund, die Einladung nicht anzunehmen. Das war schließlich Essen, das nicht bezahlt werden musste.
 

Shou war bereits um die Ecke verschwunden und ich wollte es ihm schon gleich tun, als Hidans schwache Stimme hinter mir aus dem Zimmer drang.
 

«Ey, Puppe.»
 

Es gab keinen besonderen Grund, aber ich hielt inne und lauschte.
 

«Uhm, ja?»
 

«Sorry, falls ich dir Angst eingejagt habe, ich war nicht ganz bei mir. Kakuzu hat gesagt, dass ihr uns helft, also hast du nichts von mir zu befürchten.»
 

«Oh, o-okay. Danke?»
 

«Wie heißt du nochmal, Kleine?»
 

«M-Misaki.»
 

«Was ist das für Zeug, das du mir da anschmierst? Das fühlt sich verdammt gut an. Damit lassen sich die Schmerzen echt aushalten.»
 

«Eine Salbe aus verschiedenen Kräutern. Ich stelle sie selbst her.»
 

«Tatsächlich?»
 

«Hn. Bisher hat sie sich sehr gut bewährt, aber sie ist nichts gegen deine Selbstheilung. Die ist einfach nur unglaublich. Ich begreife immer noch nicht, wie das überhaupt möglich ist...»
 

«Nah, ich bin ganz froh um die Pampe. Könnte mich dran gewöhnen an das Zeug. Du musst wissen, es erwischt mich schon mal etwas heftiger. Da ist es ne nette Abwechslung, mal nicht mit Höllenschmerzen aufzuwachen. Gerade dieses mal hätte ich echt keinen Bock gehabt.»
 

«Ich kann dir ja mal meinen Kräutergarten zeigen. Uhm, ich meine natürlich sobald du dich erholt hast. Und nur wenn du magst!»
 

Leise lachte Hidan auf.
 

Ich hatte genug gehört, wandte mich ab und ging.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

we are connected, to each other now

reaching new dimensions

as we go into the void

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 


 


 


 

* Bezeichnung für einen Medizin-Ninja/Sanitäter

Scars


 

11. Scars

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Narben.
 

Mein Körper war mit unzähligen bedeckt. Lange, kurze, tiefe, breite, kreuz und quer zogen sie sich einem Schlachtfeld gleich über meinen Leib. Sie waren unvermeidlich, gehörten zum Leben eines Kämpfers dazu und waren Andenken starker Gegner. Ich fühlte weder Stolz noch Abscheu, wenn ich sie betrachtete. Ich war noch nie besonders Eitel gewesen und spätestens seit der Einverleibung des Jutsus, hatte ich aufgegeben, mich um mein Äußeres zu scheren.

Doch dann gab es noch jene andere Narben. Jene, die streng genommen gar keine waren, da sie nie die Chance bekommen hatten zu verheilen. Die Entstellungen in meinem Gesicht, das eingeschnittene Glasgow-Smile, sowie die übrigen Schnitte, die meinen Körper zu teilen schienen, waren nicht allein dem verbotenen Jutsu zu verdanken. Dieses hatte nur ihr Möglichstes getan und Fäden gespannt, mich vor dem Schicksal bewahrt, durch diese fatalen Wunden, die mir zuvor zugefügt worden waren, kümmerlich zu verenden.
 

Diese Nähte, diese Narben, sie waren der Beweis meiner Stärke und gleichzeitig meine größte Schmach.
 


 

Das Wasser tat gut.
 

Ich hatte mich mit den Unterarmen an der gekachelten Wand abgestützt und ließ das Wasser auf mich niederprasseln. Blut und Dreck wurden von meinem Körper gespült und ich beobachtete, wie das Gemisch im Abfluss verschwand. Die Wunde an meinem Nacken hatte wieder arg zu brennen begonnen, kaum dass das Wasser sie berührt hatte. Mit meiner Rechten sah es ähnlich aus, obwohl sie im Vergleich kaum der Rede wert war.
 

Ich verharrte eine Weile unter dem Strahl und wartete auf die Ruhe, die eine heiße Dusche stets in mir einkehren ließ. Doch heute wollte sie sich partout nicht einstellen, die Erschöpfung hielt sich eisern in meinen Knochen.

Durch den Wasserfluss waren meine Haare wie ein zugezogener Vorhang um meinen Kopf gefächert und ich stellte fest, dass sie mal wieder viel zu lang geworden waren. Seit wann schon reichten sie mir gut bis zur Brust? Unwirsch strich ich sie zur Seite und stellte das Wasser ab.
 

Ich sollte sie dringend mal wieder schneiden.
 

Ich verließ den Duschraum, der groß genug war, um ein halbes Dutzend Mann unterzubekommen, und trocknete mich mit einem Handtuch ab. Mit Blick auf meine dreckigen Klamotten, die ich zuvor in dem geräumigen Entkleidungsbereich auf einer Ablage zurückgelassen hatte, hoffte ich, dass ich etwas anderes zum anziehen finden würde. Glücklicherweise fand ich, nachdem ich meine Haare halbwegs trocken bekommen hatte, in einem der Schränke verschiedene Yukatas in diversen Größen. Ich zog mir einen schlichten in Braun mit dezentem Muster heraus.
 

Gerade als ich mich fertig gemacht hatte, hörte ich Stimmen auf den Gängen.
 

«Nein, nein, nein. Lord Jashin ist der einzig wahre Gott. Jeder, der etwas anderes sagt, ist ein Heide und verdient den Tod.»
 

Ich spähte zur Tür hinaus, blickte den Gang hinunter und entdeckte Hidan, der sich zusammen mit Misaki in Richtung der Gästeschlafzimmer bewegte. Er war in einen bordeauxfarbenen Yukata gesteckt worden und wurde von Misaki gestützt. Sie war so klein und zierlich, dass sie Hidans Gewicht nur unter Mühen standhielt.

Sie kicherte leise, als er ihr weiter seine fanatischen Ansichten darlegte, hielt diese wohl für einen Scherz oder zumindest eine Übertreibung. Dann bogen sie um die nächste Ecke und verschwanden aus meinem Sichtfeld.
 

Ich begab mich meinerseits nun nach draußen, um auf den Bergungstrupp zu warten, der bald eintreffen würde. Die Blitz-Maske war nah, das spürte ich, außerdem hatte sie mir vor Minuten schon ihr Kommen angekündigt.
 

Das Band, das ich zu den Masken-Tieren pflegte, war stark. Sie waren ich. Und doch waren sie es nicht. Unsere geistige Verbindung blieb auch über weite Strecken bestehen. Je näher sie mir waren, desto deutlicher konnte ich wahrnehmen, was um sie herum geschah. Es war wie eine laufende Berichterstattung – die Eindrücke wurden nonstop, ohne Unterbruch an mich gesendet. Je weiter sie sich von mir fortbewegten, desto leiser wurde die Stimme und desto mehr war ich auf ihre Eigenständigkeit angewiesen. Ich konnte die Verbindung, und dadurch auch diese Dauerbeschallung, nach Belieben in den Hintergrund schieben, was bei Kämpfen mit mehreren beschworenen Masken auch notwendig war, wenn ich innerlich nicht in einem völligen Chaos versinken wollte.

Trennte uns eine größere Entfernung, verließ ich mich darauf, dass sie aktiv Kontakt zu mir aufnahmen. Dies geschah durch eine Art Stupsen, das meinen Geist berührte – ich war immer dafür empfänglich, solange ich nur nicht zu sehr mit etwas anderem abgelenkt war. Und auch wenn unsere Kommunikation nicht aus Worten bestand, ein Missverstehen gab es nicht.
 

Ich brauchte nicht allzu lange warten und konnte die Rückkehrer schon bald zwischen den Bäumen entdecken. Die Dorfleute hatten es tatsächlich wörtlich gemeint – einer der Männer schliff den abgetrennten Kopf des Viehs hinter sich her. Nicht nur das, die Bestie musste regelrecht zerlegt worden sein, denn andere führten Teile der Panzerung des Insekts mit sich. Die Platten würden sie wohl weiterverarbeiten und für sich nutzen wollen – ganz nach dem Motto: nichts verschwenden.

Die Begeisterung der Dorfleute war groß, einer nach dem anderen kam aus dem Haus gerannt, bis beinahe das ganze Dorf sich auf dem Marktplatz versammelt hatte. Mit einem kräftigen Ruck an dem Seil, wurde der Kopf der Bestie für alle ersichtlich in die Mitte des Platzes geschleudert, worauf das Dorf in tosenden Jubel ausbrach.
 

Abseits des Trubels konnte ich die Blitz-Maske in Begleitung von zwei Personen den Weg zum Anwesen hochgehen sehen. Als sie näher kamen, erkannte ich, dass es sich um den Bärtigen und den Händler namens Akio handelte. Zweitgenannter stockte kurz, als er mich unter dem Vordach des Gebäudes stehen sah. Vermutlich hatte er sich vor meinem Gesicht erschrocken. Der Bärtige hingegen verfügte noch über so viel Anstand, sich nichts anmerken zu lassen. Dennoch tauschten sie einen kurzen Blick miteinander aus.
 

Ich nahm es dem Händler nicht mal krumm – ich bemühte mich auch gar nicht, mein übles Aussehen wenigstens mit einem freundlichen Blick aufzuwerten. Lieber wurde ich gefürchtet, statt bemitleidet.
 

«Ihr habt die Wahrheit gesagt.»
 

«Es gab keinen Grund zu lügen», erwiderte ich, worauf der Bärtige nur nickte.
 

«Akio wird euch als Dank alles überlassen, was ihr als Verpflegung für eure weitere Reise benötigt.»
 

«So ist es», bestätigte der Händler, der meinem stechenden Blick kaum standhielt. Unruhig fummelte er am Stoff des Bündels, das er auf seinen Armen mit sich führte.
 

«Gut.»
 

«Sucht ihn vor eurer Abreise auf», nahm der Bärtige das Wort an sich. «Ihr findet ihn auf dem Marktplatz. Falls ihr ihn dort nicht antrefft, klopft an das Haus mit der roten Tür.»
 

«Das werde ich.»
 

Obwohl alles geklärt war, wandten sich die beiden nicht ab, daher fragte ich: «Gibt es sonst noch etwas?»
 

Der Bärtige räusperte sich, nickte Akio zu, der ihm das Bündel übergab und sich entfernte.
 

«Das hier.»
 

Er faltete das Bündel auseinander und unter dem Stoff kam Hidans in Teile zerbrochene Sense zum Vorschein.
 

«Sie hat wie... darauf bestanden, es mitzunehmen.»
 

«Sie?», fragte ich verwundert.
 

Mit einer ausschweifenden Kopfbewegung meinte der Bärtige: «Das Ding mit der Maske.»
 

Mein Blick fiel auf den Blitzgeist, der starr neben uns stand und augenscheinlich ergeben auf Befehle von mir wartete. Mit zusammengezogenen Brauen starrte ich die hölzerne Maske an und versuchte, mir ihr Verhalten zu erklären. Etwas derartiges hatte ich ihr nicht aufgetragen. Doch weder gab sie mir durch ihre physische Erscheinung einen Hinweis, noch hatte sie mir auf geistiger Ebene etwas zu sagen.
 

«Das ist eine sehr außergewöhnliche Waffe. Ihr müsst über viel Geschick verfügen, um sie führen zu können.»
 

«Sie gehörte meinem Partner.»
 

«Sie ist im Kampf gegen die Bestie zerbrochen, nehme ich an? Eine Schande, ich habe selten ein vergleichbares Stück gesehen. Dieses ist etwas Besonderes.»
 

Er betrachtete sich eine der zerbrochenen Sensenblätter und schien stirnrunzelnd das Material der roten Schneide ergründen zu wollen, was mich auf etwas schließen ließ.
 

«Ihr kennt euch aus?», fragte ich, worauf der Bärtige nickte.
 

«Ich bin Schmied. Die letzten Jahre habe ich mich zwar nur mit der Herstellung von Hufeisen für das Vieh oder Werkzeuge für die Felder beschäftigt, doch mein Handwerk habe ich einst fernab des Dorfes bei einem angesehenen Waffenschmied erlernt.»
 

Das war eine unerwartete Fügung. Ich hatte die Sense eigentlich für verloren geglaubt. Deswegen hatte ich mich, als die Blitz-Maske bereits nach dem Kampf mit der Bestie mit einem Bruchstück der Waffe angekommen war, auch nicht weiter darum geschert – nicht, dass ich mich abseits dessen für das Eigentum anderer verantwortlich fühlte. Doch nun hatten die Einzelteile hierher zurückgefunden und der Bärtige entpuppte sich als ehemaliger Waffenschmied.
 

Hidan hing an der Waffe.
 

Mein Partner war ein nachlässiger junger Mann. Seine Kunais, Shuriken und die anderen Shinobi-Werkzeuge waren oft schartig, stumpf, er benutzte sie mit roher Gewalt. Manchmal auch gegen die vorgesehene Weise, wie man sie benutzen sollte – ich hatte einmal gesehen, wie er mit einem Katana auf jemanden eindrosch, als wäre es ein Hammer. Er trug kaum Sorge für seine Habseligkeiten, selbst seine Kleidung wies oft Löcher und Risse auf. Doch bei seiner Sense verhielt es sich anders. Ich hatte oft gesehen, wie er sie pflegte. Sich beinahe schon liebevoll darum kümmerte.
 

«Könnt ihr sie reparieren?»
 

Es fühlte sich wie einen Gefallen an, den ich meinem Partner tat, doch den Gedanken schüttelte ich schnell wieder ab. Nein. Bestimmt nicht. Erst hielt er sich nicht an den Plan und versaute uns so den Kampf, dann musste ich seinen Arsch hierher tragen und nun fielen wir dank ihm immer weiter zurück, da hatte er etwas derartiges erst recht nicht verdient. Zumal er sich gefälligst selbst um seinen Kram kümmern konnte.

Es war nur eine günstige Gelegenheit, die sich gerade ergab. Und spätestens wenn wir weiter zogen, war Hidan als Nahkämpfer schließlich wieder auf eine halbwegs vernünftige Waffe angewiesen. Ohne war er nutzlos als Teampartner. Deshalb war mein Handeln auch in meinem Interesse.
 

Die Stirn des Bärtigen legte sich einmal mehr in Falten.
 

«Eine Reparatur ist sicherlich nicht unmöglich. Man müsste sie neu schmieden, aber ich weiß nicht, ob ich der richtig–»
 

«Versucht es», schnitt ich ihm das Wort ab. «So wie die Waffe jetzt ist, haben wir keine Verwendung für sie.»
 

«Wie ihr wünscht. Ich kann nicht versprechen, dass meine Arbeit glückt, aber ich werde mein Bestes geben.»
 

Ich brummte, orderte dann den Blitzgeist zu mir und schlüpfte mit den Armen aus dem Yukata. Der Wind frischte auf und mich fröstelte, als ich ihn hinunter streifte und meinen Oberkörper entblößte, damit sich die Maske wieder mit mir vereinigen konnte.
 

«Ich will nicht undankbar erscheinen. Ich würde euch gerne die Kosten erlassen, doch das kann ich leider nicht. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, hängt das ganze Dorf am Rande der Existenz.»
 

Ich blickte ihn düster an und grunzte spöttisch. Ihr Schicksal kümmerte mich kein Stück. Eine Woge aus Widerstand, Unzufriedenheit und Wut braute sich in meiner Brust zusammen, wie jedes Mal, wenn es um bevorstehenden Verlust von Geld ging.
 

«Ich bezahle bei getaner Arbeit», knurrte ich und beendete damit das Gespräch.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

moments away from our one true destiny

time won’t slow down at all

like a bird set free

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Der Schrei war hoch und schrill, ein Klirren folgte, als das Tablett mit den Schälchen zu Boden fiel. Misaki hatte die Arme wie zur Abwehr erhoben, den Kopf mit den zusammengekniffenen Augen von mir weggedreht.
 

Ich hatte sie zwar von hinten angesprochen, doch es war nicht meine Stimme, die ihr diesen Schrecken eingejagt hatte.
 

«K-Kakuzu-san? S-Seid ihr das?», stotterte sie, als sie einen Blick wagte.
 

Nach den Reaktionen der Dorfleute auf mich, hatte ich mir schon gedacht, dass die von Shou und ihr nicht anders ausfallen würden. Für ein junges, behütetes Mädchen, das nie ihr Dorf verlassen hatte und daher auch kaum der Abnormitäten der Shinobi-Welt begegnet war, musste ich aussehen wie ein aus einem Schauermärchen entsprungener Albtraum.
 

Ich erwiderte ihren Blick kalt und grollte:
 

«Pass doch auf, Mädchen.»
 

Im nächsten Moment öffnete sich links von uns eine Schiebetür und Hidan und Shou erschienen in der Schwelle.
 

«Ey, Kakuzu!», begrüßte Hidan mich. «Was war das für Lärm?»
 

Mein Partner sah sich suchend nach einem Grund für Misakis Missgeschick um. Derweil war Shou hinter Hidan stehen geblieben und starrte mich mit minimal geweiteten Augen an.
 

«Entschuldigung, i-ich habe Kakuzu-san nicht direkt erkannt», stammelte Misaki weiter und ging in die Knie, um sich um die Scherben zu kümmern.
 

Hidans verwirrter Blick wanderte von mir, zu ihr und wieder zurück zu mir. Dann entkam ihm ein spöttisches Auflachen, ehe er seine Brauen zusammenzog und auf Misaki hinunter sah als wäre sie dumm. Das Mädchen war zu sehr mit Aufräumen beschäftigt, weshalb sie das nicht mitbekam. Abschließend schüttelte Hidan den Kopf, bevor er mich mit sich winkte.
 

«Du musst unbedingt diese panierten Fleisch-Dinger probieren, die sind verdammt geil!»
 

Ich folgte ihm ins Speisezimmer und wir setzten uns auf unsere Plätze. Das Abendessen würden wir traditionell am Boden sitzend einnehmen. Vor uns war ein Buffet aufgetischt worden, dutzende kleine Schälchen mit Fleisch, Fisch, Reis, Gemüse, roh, gekocht und gedünstet, Meeresfrüchten, Saucen in den verschiedensten Farben und vielem mehr. Hidan empfahl mir plaudernd dieses und jenes, hielt mir eins nach dem anderen unter die Nase.

Seine sorglose, fast einfältige Energie ging mir oft auf die Nerven, doch gerade kam sie für die anderen wohl ganz gelegen. So löste sich die angespannte Situation und ließ Normalität einkehren. Shou setzte sich kurz darauf auch wieder auf seinen Platz, jedoch nicht ohne mir dabei einen Blick zuzuwerfen, als hätte ich seiner Enkelin sonst was angetan. Dabei hatte ich sie noch nicht mal angerührt.
 

Doch durch seine unausgesprochene Anschuldigung hatte ich nicht wenig Lust, genau das doch noch zu tun.
 

Ich war kein angenehmer Zeitgenosse und mir war durchaus bewusst, dass man mir das schon ansah, doch ich hasste es, nur aufgrund dessen unwahren Unterstellungen ausgesetzt zu sein.

Ich hatte mich lange damit abgefunden der Freak zu sein und schämte mich auch nicht dafür, was ich war oder wie ich aussah. Es war nicht ich, sondern die anderen, die ein Problem damit hatten. Im Alltag versteckte ich mich deshalb unter Stoffschichten, weil es sich so unproblematischer lebte. Außerdem hatte es im Kampf taktische Vorteile, seinem Gegner so wenig wie möglich von sich preiszugeben.
 

Obwohl ich es bei Fremden und in der Öffentlichkeit vermied, mich zu enthüllen, war es hier gerade nicht anders möglich, ohne sich komplett lächerlich zu machen.
 

Shou erhob das Wort, bedankte sich nochmal ganz förmlich bei uns für unsere Hilfe, hob das Schälchen mit Sake zum Prost und wünschte einen guten Appetit. Hidan prostete lautstark mit, während ich nur nickte, ehe wir den Sake hinunterstürzten. Mein Partner war wohl zum Feiern aufgelegt, denn er goss sich sogleich neuen Sake nach, was ich mit zusammengezogenen Brauen beobachtete. Er grinste schelmisch, als er meinen Blick bemerkte, kippte den Reiswein erneut hinunter und verzog dann kurz das Gesicht.
 

Hofften wir, dass das der letzte war – Hidan vertrug nichts und benahm sich fürchterlich, wenn er unter Alkoholeinfluss stand.
 

Wir speisten dank Hidan nicht in totaler Stille, mein Partner hatte immer etwas zu erzählen. Er war beinahe wieder der Alte, wie mir nun auffiel. Nur an seiner einst kahlen Stelle am Kopf waren seine Haare noch nicht wieder zur vollen Länge gewachsen. Ansonsten war er vollständig wiederhergestellt.

Ich lud mir ein paar der Köstlichkeiten auf den Teller, obwohl ich keinen richtigen Hunger hatte und mir immer noch leicht übel war.
 

Misaki stieß wenig später auch zu uns. Als sie eintrat, sah sie kurz zu mir, wandte ihren Blick jedoch sogleich wieder ab, als sie dem meinen begegnete. Sie räusperte sich, trug dann mit zum Gespräch bei. Sie und Hidan verstanden sich unerwartet gut und auch Shou schien die laute, direkte Art meines Partners zu mögen. Misaki kicherte immer wieder mal, sobald Hidan wild gestikulierend seine Erzählungen untermalte.
 

Ich beteiligte mich kaum an dem Gespräch, hörte nur nebenher zu und ließ meine Gedanken schweifen. Ich musste an Misakis heftige Reaktion auf mein Aussehen denken und daran, wie sehr Hidan sich schon daran gewöhnt zu haben schien. Andernfalls hätte er bestimmt eher erkannt, warum das Mädchen schrie.
 

Auch wenn ich mich sogar unter Gleichgesinnten eher ungern zeigte, hatte Hidan mich als Teampartner natürlich schon zuhauf zu Gesicht bekommen. Auf unseren Reisen hockten wir oft tagelang aufeinander, dass es praktisch unmöglich war, mich die ganze Zeit vor ihm zu verbergen. Außerdem brauchte ich zwischendurch auch mal Luft, musste aus den Stoffschichten raus.

Also hatte ich schon ganz am Anfang unserer Partnerschaft einsehen müssen, dass er mich früher oder später sowieso sehen würde und hatte es demnach recht zügig hinter mich gebracht. Ich konnte mich noch gut an seine Reaktion erinnern und was er sagte, als er mich überrascht gemustert hatte.
 

Passt zu dir, du hässlicher Bastard.
 

Daraufhin hatte ich ihm eine blutige Nase verpasst und damit hatte sich das Thema für uns erledigt.
 

Erst mit der Zeit waren seine Blicke neugierig geworden und spätestens als er mein Jutsu in voller Aktion miterlebt hatte, hatte sich bei ihm eine gewisse Faszination dafür entwickelt.
 

«…und dann war das Mistvieh plötzlich weg und wir dachten, es hätte sich verzogen!» Hidan lachte verschwörerisch, legte in seiner Erzählung eine künstliche Pause ein, um Spannung aufzubauen.
 

«Nicht wir, sondern du, Hidan. Ich hatte mir schon gedacht, dass der Kampf noch nicht vorbei sein konnte», korrigierte ich ihn, worauf er mit einem Ja, ja die Augen verdrehte, als wäre dieser Fakt unwichtig.
 

«Und was ist dann passiert?», fragte Misaki gespannt.
 

Hidan holte schon Luft, aber ich kam ihm zuvor.
 

«Er ist blindlings in das Vieh reingestolpert und hat sich erneut fangen lassen.»
 

Mein Partner warf mir einen todbringenden Blick zu.
 

«Erzählst du die Geschichte oder ich?!»
 

Ich verkniff mir ein schadenfreudiges Grinsen – es war so einfach, ihn zu ärgern. Doch dann zuckte ich nur schnaubend mit den Schultern und überließ ihm die Erzählung. Er fuhr fort und eigentlich lag es nicht in meiner Absicht, ihm noch mal reinzureden…
 

«Dann hat es mich verschluckt. Zack! Ich sag euch, da drin war es echt scheiße eng und dunkel, alles war glitschig. Ich bin durchgeschüttelt worden, das könnt ihr mir glauben! Weil, Kakuzu hat das Ding von außen ja weiter bekämpft.»
 

«Meine Güte, wie fürchterlich.» Misakis Blick war voller Mitgefühl.
 

«So muss es allen unseren Leuten ergangen sein», schloss Shou bestürzt.
 

«Auf jeden Fall, das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich im Dreck liege und mein ganzer Körper höllisch brennt. Ich dachte einmal wirklich kurz, dass ich in Flammen stehe.» Hidan lachte auf und schüttelte den Kopf.
 

Nein, ich wollte nicht reinreden… konnte mich an dieser Stelle aber nicht zurückhalten.
 

«Und wem haben wir das zu verdanken, Hidan?», fragte ich mit unterdrückter Wut in der Stimme.
 

«Was meinst du?»
 

«Ich meine, wer schuld an alldem ist und sich nicht an den Plan gehalten hat.»
 

Anscheinend hatte sich nicht nur bei mir etwas aufgestaut.
 

«Fick dich!», brauste er sogleich auf. «Ich hab mich nur wegen dir fressen lassen! Du hast gesagt, dass ich dir vertrauen soll und ich habs getan. Aber du hast mich einfach im Stich gelassen!»
 

«Du solltest dich in Geduld üben, ich hätte dich schon noch rausgeholt», erwiderte ich grollend.
 

«Tatsächlich?», funkelte er mich an. «Bevor oder nachdem du mich mit Hilfe von Blitzen gegrillt hast?! Weißt du, das hätte ich dir ja noch verziehen, weil es nichts Neues ist, dass du mich als Köder benutzt und in Kauf nimmst, dass ich Schaden nehme. Aber du hast mich da drin einfach komplett vergessen!»
 

Ich schnaubte.
 

«Entschuldige, ich war damit beschäftigt, mich alleine um das Ding zu kümmern, weil mein Partner einfältig genug war, sich wiederholt fangen zu lassen. Aber ich sollte mich nicht wundern… nicht das erste mal, dass ich deine Kopflosigkeit ausbaden muss. Wenigstens bin ich dieses mal nicht fast verreckt.»
 

Hidans Augen weiteten sich kurz, als ihm klar wurde, auf welches Ereignis ich anspielte. Im nächsten Moment verengte er sie zu Schlitze, er ballte die Hände, bis seine Knöchel weiß hervortraten.
 

«Ich.habe.dich.nie–…», presste er unter zusammengebissenen Zähnen hervor, hielt unter sichtlicher Anstrengung den Rest des Satzes zurück. Er holte einmal tief Luft, ließ einen Teil der Anspannung beim Ausatmen entweichen und schüttelte entschieden den Kopf.
 

Was er sagen wollte, würde ich nie erfahren.
 

«Ich frage mich, was so schwer daran ist, Hidan», setzte ich beharrlich nach, die Sache war für mich noch nicht geklärt. «Was ist so schwer, nur ein einziges mal auf mich zu hören.»
 

«Das hab ich doch versucht, verdammt!», brüllte er außer sich und schlug einmal mit der Faust auf den Boden, was die anderen beiden zusammenzucken ließ.
 

«Versucht? Verarsch mich nicht. Dann sag mir, woran ist es gescheitert? An deinem Verständnis an meinen Anweisungen oder deinem Starrsinn?»
 

Hidan zögerte, antwortete nicht sofort darauf.
 

«Du solltest wissen, woran», giftete er mit gesenkter Stimme zurück, als würde er nicht wollen, dass die anderen es hörten. Ich war nicht sicher, was er mir damit sagen wollte oder ob er nur eine falsche Fährte legte, um vom Thema abzulenken.
 

«Ich konnte mich kaum bewegen», half er mir widerstrebend auf die Sprünge. «Bin da drin fast verrückt geworden. Ich hab versucht es auszusitzen, hab es aber irgendwann nicht mehr ausgehalten und musste einfach raus. Ich hatte keine Kontrolle.» Obwohl er mich immer noch wütend ansah, schwang etwas Verletzliches in seiner Stimme mit. Er hörte sich an, als würde er mir gerade seine größte Schwäche gestehen. Und als ich einen Moment länger darüber nachdachte, fiel es mir wieder ein.
 

Oh.
 

Seine Klaustrophobie. Ich stellte mir vor, wie er mit der Panik kämpfend, die Sekunden gezählt haben musste, bis ich ihn endlich rausholte. Und offensichtlich hatte ich mir zu lange Zeit gelassen und er war von seiner Angst übermannt worden.
 

Ihm musste schon zuvor bewusst gewesen sein, dass er gegen seine Phobie würde kämpfen müssen – deshalb auch der zweifelnde Blick, kurz bevor er sich hatte verschlucken lassen.

Meine Miene blieb steinern, während ich etwas einräumte:
 

«Daran… hab ich nicht gedacht.»
 

Wenn doch, hätte ich vielleicht anders gehandelt. Ihn nicht aufgefordert, sich fressen zu lassen oder eine Möglichkeit gefunden, ihn eher rauszuholen.
 

Hidan schüttelte schnaubend den Kopf, sah auf sein Essen hinab, als wäre es ihm unangenehm, weiter darüber seine zu reden.
 

«Egal», murmelte er. «Vergessen wir die Scheiße einfach, okay?»
 

Dazu gab es nichts mehr zu sagen, ich ließ die Sache auf sich beruhen. Die beiden anderen hatten sich bis dato betreten herausgehalten und als sich Hidan wieder seinem Essen widmete, tat ich es ihm etwas später gleich.

Wir speisten fortan schweigend weiter. Nur das Klackern von Stäbchen auf Keramik, leise Kaugeräusche oder das Einschenken von Tee und Sake war zu vernehmen.

Ich hatte noch nicht viel gegessen und musste mich nun fast zwingen, etwas zu mir zu nehmen. Nach der ganzen Anstrengung brauchte mein Körper wieder Energie. Wir hatten uns die letzten Tage größtenteils nur von sehr Einfachem, lange Haltbarem, wie Trockenfleisch und Reis, ernähren können, da durfte ich die Chance auf frisch zubereitete Kost, die viele Mineralien und Vitaminen beinhaltete, nicht ungenutzt verstreichen lassen.
 

Was ich vielleicht doch hätte tun sollen.
 

Denn beim vierten Bissen wurde mir plötzlich erneut speiübel. Es lag nicht an dem Essen, dieses sah appetitlich aus und war bestimmt auch lecker. Doch für mich schmeckte das in meinem Mund wie eine fade Pampe. Aus irgendeinem Grund verweigerte mein Körper die Nahrungsaufnahme, doch ich zwang mich, es runterzuschlucken. Ab dahin stocherte ich nur noch lieblos in meinem Essen herum, während die Übelkeit immer schlimmer wurde. Schließlich gab ich mich geschlagen und ließ es mit Essen bleiben, da ich erneut das Gefühl hatte, mich gleich übergeben zu müssen.

Mit zitternder Hand griff ich nach dem Sake-Schälchen und versuchte, den Brechreiz mit dem Gesöff runterzuspülen. Doch mehr als ein warmes Brennen im Magen hatte es nicht zur Folge, die Übelkeit bekam ich dadurch nicht los.
 

Meine Herzen schlugen mir bis zum Hals, ich brach in kalten Schweiß aus und erhob mich abrupt, als mir langsam anfing schwummrig vor Augen zu werden. Ich entschuldigte mich, bedankte mich für das Essen und verließ rasch das Speisezimmer, was Hidan nur ein verwirrtes Ehh? entlockte.
 

Ich zog mich in mein Zimmer zurück, atmete schwer, als ich den Raum erreichte, die Tür hinter mir schloss. Im nächsten Moment fand ich mich kniend im Bad über der Kloschüssel wieder. Ich stützte mich mit einem Arm ab, fasste mir mit der anderen an die Brust, in der das leichte Ziehen so langsam in einen beißenden Schmerz überging. Mit jedem Atemzug schien er noch ein Stück heftiger zu werden, während ich nichts tun konnte, als hilflos auszuspucken. Mein Magen weigerte sich jedoch, sich zu entleeren, obwohl ich mir sehr sicher war, dass mich irgendetwas krank machte und raus musste.
 

Ich wusste nicht, wie lange ich so ausharrte, vielleicht ein paar Minuten, vielleicht eine Stunde. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.

Meine Nägel gruben sich in meine Haut und am liebsten wollte ich den Schmerz packen und aus mir reißen. Ich kniff die Augen zusammen – Schwindel und ein Schwächegefühl hatten mich schon längst eingeholt. Mein Atem ging stockend, Schweiß rann mir die Stirn hinab und mein ganzer Körper bebte, als nun auch noch Krämpfe dazukamen. Mit jeder Woge zogen sich meine Muskeln in voller Kontraktion zusammen, sodass ich beinahe vergaß zu atmen. Irgendwann rutschte ich von der Kloschüssel ab und ging zu Boden. Die Stirn gegen die kühlen Fliesen, stützte ich mich mit einem Unterarm ab, schnappte keuchend nach Luft, wann immer die Krampfwelle abebbte, bevor sich nur Sekunden später schon die nächste anbahnte.
 

Ich war gefangen in dieser Spirale. Das Denken stellte sich ein, mein Geist, fernab der Realität, glaubte durch das Rauschen in meinen Ohren, ein Geräusch wahrzunehmen. Ein hallendes Klackern. Wie, wenn etwas wiederholt auf Gitterstäbe schlug.
 

Rhythmisch. Ankündigend. Unheilvoll.
 

Meine Muskeln zogen sich sofort noch stärker zusammen, sofern das überhaupt möglich war. Adrenalin jagte durch meinen Körper, ich schleppte mich unter Mühen vorwärts, kroch zur Wand, suchte Schutz in einer Ecke. Ich musste weg von diesem Geräusch, von dem Fackelschein, der sich mir näherte.

Eine Flut an Eindrücken und Gerüchen überreizten meine Sinne. Ich konnte ihnen nicht mehr trauen, fühlte plötzlich Stroh und Erde unter meinen Fingern und wusste nicht mehr, was real war und was nicht.

Ich schaute nach unten, als ich glaubte, etwas an meiner Hand, die ich bis dato in meine Brust gekrallt hatte, zu fühlen. Meine Sicht war verschwommen, wie ein Betrunkener auf einem wankenden Schiff und ich musste meine Hand direkt vor mein Gesicht halten, um etwas zu erkennen.
 

Sie war voller Blut.
 

Der ganze Kerkerboden war getränkt mit Blut. Einen Wimpernschlag später waren es wieder Fliesen, doch das Bild blieb gleich. Der Boden sowie meine Hand waren von einer pechschwarzen Flüssigkeit bedeckt. Geistlos starrte ich auf die zähflüssige Substanz, die zwischen meinen zitternden Fingern zu Boden rann wie Öl.

Verwirrt darüber, was das war und wo es herkam, sah ich weiter an mir hinab und bemerkte wie betäubt, dass es aus meiner Brust trat. Den Nähten entlang sickerte es aus mir, sammelte sich mittig zu einem dünnen Faden, der zu Boden rann.
 

Es war kein Blut. Es waren meine Fäden, nur waren sie leblos, tot und wurden, zu einer Masse verflüssigt, von meinem Körper ausgesondert. Ich lief wortwörtlich aus.
 

War das Lebenskraft, das ich da verlor?
 

Plötzlich berührte mich etwas an der Schulter. Durch das Dröhnen in meinen Ohren hatte ich nichts gehört und war auch zu benommen, um vorher schon merken zu können, dass ich nicht mehr alleine war. Es war wie ein Blitz, der mich durchfuhr und für eine Sekunde glaubte ich, es wäre mein Peiniger, der mich zur nächsten Folter holen kam. Von Adrenalin durchflutet wirbelte ich herum, war innerhalb einer Sekunde auf den Beinen und packte denjenigen mit blinder Wut an der Kehle. Der Eindringling wurde von mir mit Gewalt an die nächste Wand geschmettert, so dass einige der Kacheln hinter ihm splitterten.

Schnaufend hielt ich ihn dort festgenagelt, während mir vor Schreck geweitete, magentafarbene Augen entgegenblickten. Es dauerte einen Moment, bis mein verwirrter Geist realisierte, dass es Hidan war, der mir gegenüber stand. Leicht lockerte sich mein Griff, ein Teil der Anspannung wich langsam aus meinem Körper, als ich mich selbst damit beruhigte, dass mir keine Gefahr drohte.
 

«Was zur Hölle ist mit dir.»
 

Nur dumpf konnte ich die Worte durch das Rauschen hören, mein Puls hämmerte mir noch zu laut in den Ohren. Ich wusste nicht, wie viel mein Partner mitbekommen hatte und ob er überhaupt meinen Zustand oder meine Attacke auf ihn meinte. Doch eigentlich wollte ich nur eines:
 

«Raus.»
 

«Einen Teufel werd ich», schnaubte Hidan, während er versuchte, meine Hand von seiner Kehle wegzubekommen, gleichzeitig immer wieder auf den Boden des Bads schielte. «Hast du dich schon mal umgeschaut? Was zum Fick ist hier passiert? Was ist das für Zeug und warum siehst du aus, als hättest du aus deiner Brust gekotzt?»
 

«Raus hier!», wiederholte ich scharf und zog meinen Griff enger, woraus er sich sogleich stärker zu winden versuchte.
 

«Bist du blöd? Ich bleibe! Außerdem lass ich mir von dir gar nichts sagen und–…» Er hielt inne, gab ein klägliches Husten von sich, was mich dazu brachte, meinen Griff wieder etwas zu lockern. Mit Folgendem wurde seine Stimme eine Spur weicher: «Ey, sag schon. Was ist mit dir? Du zitterst ja…»
 

Ich folgte Hidans Blick auf unsere Hände. Mein Partner hatte aufgehört, sich aus meinem Griff befreien zu wollen und hielt meine Hand einfach nur fest. Ich starrte darauf, sah und spürte, wie mein ganzer Körper bebte. Als ich aufsah, begegnete ich seinem verunsicherten Blick und ich meinte, auch Besorgnis darin lesen zu können.
 

Warum bemühte ich mich noch darum, ihm etwas vorzumachen? Ich war so entkräftet, ich schaffte es ja kaum noch mich auf den Beinen zu halten.
 

Dann streckte er seine Linke nach mir aus, doch kurz bevor sie meine komplett schwarz verschmierte Brust erreichte, klinkte sich etwas in meinem Kopf aus. Mein gewaltbereites Abwehrverhalten von vorhin wurde von blanker Raserei getoppt.

Blitzschnell fing ich seine Hand ab, brach ihm das Gelenk mit einem schnellen Dreh. Er hatte kaum Zeit schmerzerfüllt aufzujaulen, da hatte ich ihn schon am Kragen gepackt.
 

«ICH SAGTE RAUS HIER!», brüllte ich tollwütig und schleuderte ihn mit brachialer Gewalt fort. Es krachte laut, als er auf die Tür traf, diese halb mitriss und irgendwo hinten im Schlafzimmer gegen die Wand knallte.
 

Von der aufgebrachten Kraft, die ich eigentlich gar nicht mehr besaß, ging ich beinahe zu Boden. Ich spürte meine Knie zittern, während der Schwindel noch eine Nummer schlimmer wurde. Mir wurde beinahe schwarz vor Augen, als ich mich in die Dusche schleppte und dort halb zusammenbrach. Mit dem Kopf an die kühle Fliese gelehnt, fielen mir erschöpft die Augen zu. Tastend fuhr ich über meine Brust und grunzte. Der Schmerz war zwar fort – da war nur noch ein taubes Gefühl – doch ich verlor noch immer schwarze Flüssigkeit.
 

Ich versuchte wach zu bleiben und zu horchen, was sich im Nebenraum tat. Es gab ein lautstarkes Gefluche und ein Poltern, ansonsten war da nur Stille. Ich schaffte es nicht mehr lange, mich bei Bewusstsein zu halten, doch in der Zeit wagte Hidan nicht noch mal das Bad zu betreten.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

it will fly to the heights, of it’s whole life

do not hesitate in flight

just reach the sky

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Trust


 

12. Trust

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Vertrauen.
 

Es jemandem entgegenzubringen, dazu war ich nicht mehr in der Lage. Nicht in diesem Ausmaß, nicht so bedenkenlos wie ich es einst getan hatte. Ich erinnerte mich noch genau an jene einprägsamen Momente der Realisation. Als mir bewusst wurde, dass mein Gegenüber, die Menschen, die mir am nächsten standen, sich meiner nicht so sicher waren, wie ich ihrer. Eine harte Lektion, die mir das Leben erteilte. Und meine Grundhaltung für immer veränderte.

Es war nichts worauf ich Einfluss hatte. Keine aktive Entscheidung, nicht mein freier Wille. Das Brandeisen, das mir ins Fleisch gedrückt worden war, ließ mir gar keine Wahl als zu denken:
 

Jeder war mein Feind.
 


 

Meine Erschöpfung war nicht in Worte zu fassen.
 

Ich hatte mein Zeitgefühl verloren, wusste nicht wie lange ich geschlafen hatte. Ob es überhaupt Schlaf gewesen war oder doch eine Ohnmacht. Aber letzten Endes spielte es keine Rolle.

Denn das Einzige, was meinem Geist gerade beschäftigte, war der harte Wannenrand in meinem Rücken und die kalten Wandfliesen gegen die ich lehnte. Es schmerzte und mein Körper würde nur noch mehr leiden, wenn ich weiter in dieser Kauerhaltung verblieb. Der ausgebreitete Futon im Nebenraum, nur einige Meter entfernt, erschien mir dagegen wie der wahr gewordene Himmel. Gerade hinlegen, die steifen Glieder ausstrecken, die Decke über mich ziehen. Vielleicht würde dann auch endlich das Zittern nachlassen.
 

Der Futon. Mein einziges Ziel.
 

Es brauchte unglaubliche Anstrengung, um meinen trägen Körper in Bewegung zu setzen. Jedes Körperteil fühlte sich unsagbar schwer an, als würde alles von einer übernatürlichen Macht nach unten gezogen werden. Als hätte sich die Erdanziehung verstärkt.

Doch ich schaffte es, stützte mich an der Wand ab und mühte mich wankend auf die Beine. Die glitschige, schwarze Flüssigkeit, die sich zu meinen Füßen in der Wanne zu einer Pfütze gesammelt hatte, machte es mir fast unmöglich über den Rand zu steigen ohne dabei auszurutschen. Ich brauchte einige Versuche und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis es mir endlich gelang.
 

Meine Lider fühlten sich an wie Blei, wollten mir immer wieder zufallen, als ich mich an Waschbecken und Wand stützend entlang hangelte. Ich bewegte mich langsam vorwärts, obwohl die Kälte in Armen und Beinen so schlimm war, dass sich diese steif und taub anfühlten. Als wären sie blutleer.
 

Die Tür stand halb offen und wurde nur noch an der unteren Angel am Rahmen festgehalten. Ich lief einfach dagegen, schob sie mit meinem Körper auf und schleppte mich über die Schwelle. Mein Blick blieb sogleich an ersehntem Objekt hängen. Dem Futon.

Eine Bewegung im Augenwinkel verleitete mich dazu meinen Kopf nach rechts zu drehen. Da war ein Schatten, der sich vorsichtig vom Boden erhob. Ich brauchte einige Sekunden um zu erkennen, dass es Hidan war.
 

Er war noch da?
 

Er schien zu zögern, doch dann blieb er einfach wo er war. Ich schleppte mich mit letzter Kraft zum Futon und beim Versuch runterzukommen, gaben meine Knie nach und so plumpste ich das letzte Stück einfach auf die erlösende Matratze.
 

«Ey.»
 

Zum Zudecken hatte es nicht mehr gereicht, aber das machte nichts. Ich war so geschafft von dem kurzen Gang, dass ich das Zittern gar nicht mehr spürte.
 

«Fuck, was ist nur mit dir?»
 

Die weiche Matratze war besser als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie schien meinen schwer gewordenen Körper beinahe schon zu verschlucken, so sehr versank ich darin. Mein Geist kam langsam zur Ruhe, während mein Bewusstsein immer weiter abdriftete.
 

«Ey, hörs.... ....u mich?»
 

Die störende Stimme war lauter geworden, als wäre sie näher gerückt. Dennoch blieb sie unbedeutend in dem einhüllenden Nebel, dass ich mich nicht darum kümmerte. Genau wie die vermeintliche Berührung an meiner Schulter.

Nur blieb es nicht dabei. Aus der Berührung wurde ein Rütteln, während nun lauter auf mich eingeredet wurde. Ich spürte nur, wie sich meine Welt drehte – ich wurde bewegt, was meine Ruhe fortlaufend störte und den erlösenden Schlaf weiter zurück trieb.
 

Mit jedem Wort wurde die Stimme wieder präsenter, rückte immer mehr in den Vordergrund, was mich ärgerlich die Augenbrauen zusammenziehen ließ. Hände tatschten an mir rum. Ich konnte nicht sagen was sie taten, nur, dass sie zunehmend penetranter wurden und nicht mehr von mir abließen.
 

«KOMM ZU DIR VERDAMMT!»
 

Aufgeschreckt von dem Gebrüll, sprangen meine Lider von ganz alleine auf. Ich versuchte auszumachen woher dieser Lärm kam, erkannte jedoch kaum etwas. Mein Blick schweifte ohne Fokus umher – es drehte sich alles. Da war nur eine graue Suppe, in der sich undeutliche Flecken und Formen bewegten.
 

«Ja! Kakuzu! Hallo? Kannst du mich hören?»
 

Die Hände blieben unnachgiebig, tätschelten meine Wange und ich wollte ihm sagen, dass er das endlich lassen soll. Ich strengte mich an und tatsächlich – vor mir wurde langsam Hidans aufgekratzte Gestalt erkennbar. Allen voran sein Gesicht, das mir mit diesem besorgten Ausdruck seltsam fremd vorkam.

Mir fiel ein getrocknetes Rinnsal Blut an seiner Augenbraue auf. Die Platzwunde dazu war schon längst wieder verheilt.

Ein unwichtiges Detail, bevor die Ohnmacht schlagartig wieder ihre Klauen nach mir schlug. Meine Augen nach hinten verdrehend, wurde mein Bewusstsein über den Rand gekickt und hing nur noch an einem seidenen Faden über dem Abgrund.
 

Dieses mal klang Hidans Stimme beinahe verzweifelt – was er sagte, konnte ich schon nicht mehr verstehen. Dann hielten die nervigen Hände endlich still. Ich versuchte noch einmal zu mir zu kommen, doch brachte nicht mehr als ein Flattern meiner Lider zustande.
 

Ich gab auf, war so unendlich müde.
 

Mein Kopf sank zurück auf das Kissen. Dann drang nur noch ein Wispern zu mir hindurch, bevor sich der Rest in den Tiefen des Abgrundes verlor.
 

«Du glühst ja.»
 

Was? Nein, das konnte nicht sein. Mir war doch so fürchterlich kalt.
 

Die Präsenz zog sich zurück, gewährte mir endlich meine ersehnte Ruhe. In jener jäh ganz willkürlich ein Bild vor meinem geistigen Auge auftauchte.
 

Ein getrocknetes Rinnsal Blut. Eine Platzwunde an der Augenbraue. Und als das Bild klarer, größer wurde, waren es nicht Hidans magentafarbene Iriden die mir entgegen blickten, sondern Smaragde.
 

Mein Abbild in der Spiegelung des Fensters schaute stumm zurück. Ein feiner Schnitt zog sich quer über meine Wange, die Jo-Nin Uniform war am linken Oberarm angesengt – dem Feuerball war ich nur haarscharf ausgewichen – ansonsten hatte ich kaum etwas abbekommen. Einen Moment lang blieb mein Blick an der Platzwunde an meiner Augenbraue hängen. Während des Kampfes hatte ich davon gar keine Notiz genommen.
 

Ein Schmerzenslaut ließ meine Aufmerksamkeit wieder zurück zu meinen Kameraden wandern, welche eben von einer jungen Kunoichi behandelt wurden. Ihre Hände ruhten auf Naokis Unterarm, während ihr grünliches Chakra diesen umhüllte.
 

Der kurze Wortabtausch mit der leitenden Iryounin* war ernüchternd.
 

Rens Wunden waren nicht das Problem. Diese waren nur oberflächlich, weshalb er schnell wieder einsatzbereit sein würde. Naokis Arm hingegen konnte nur unterstützend behandelt werden. Es war ein komplexer Bruch mit Absplitterungen – er würde einige Wochen ausfallen. Ärgerlich, denn gerade in dieser schwierigen Zeit konnten wir auf keinen Mann verzichten.

Angriffe und Überfälle im Land hatten zugenommen. Obwohl Takigakure nur durch einen Geheimpfad zugänglich und dadurch selbst nicht davon betroffen war, litten die umliegenden Dörfer. Dem Land standen nur wenige Ressourcen zur Verfügung, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Die Shinobi waren die beste Option dafür, doch leider hatte Taki versäumt, diesen Berufszweig zu fördern und dementsprechend gering war die Zahl der gut ausgebildeten Kämpfer.
 

Da ich nichts gegen den Ausfall tun konnte, nahm ich ihn widerstrebend hin.
 

Die alte Iryounin wandte sich ab, um Naoki eine Schiene zu legen. Die Kunoichi, vermutlich ihre Schülerin, kam nun ihrerseits auf mich zu.
 

«Bist du auch verletzt?», fragte sie.
 

Mir fiel auf, dass ich sie hier noch nie gesehen hatte. Da es nicht viele Shinobi im Dorf gab, ging man hier als solcher regelmäßig ein und aus. Man ließ sich rasch verarzten, bevor man direkt dem nächsten Einsatz zugeteilt wurde. Deshalb wäre mir die junge Frau mit den langen, türkisfarbenen Haaren bestimmt aufgefallen. Ihr dicker Zopf fiel ihr über die rechte Schulter nach vorne und reichte ihr bis zur Hüfte. Sie trug einen kurzen Schurz, darunter enge, knielange Leggins und ein bauchfreies Top.
 

Ich verneinte ihre Frage.
 

«Was ist damit?» Sie deutete auf meine Augenbraue und wollte schon ihre Hand nach mir ausstrecken. Doch ich winkte ab.
 

«Ist nicht nötig.»
 

Überrascht hielt sie inne.
 

«Es wird nicht lange dauern. Und es bereitet mir auch keine Umstände. Da wird sonst eine Narbe zurückbleiben.»
 

«Soll es das ruhig. Dann wird es mich immerhin jeden Tag erinnern, woran ich noch an mir arbeiten muss.»
 

«Huh», machte sie erstaunt, ehe sie ihren Kopf schief legte. Anscheinend hatte ich ihr Interesse geweckt.
 

Ich erwiderte nichts darauf, beobachtete stattdessen, wie die Iryounin Naokis Arm eine Schlinge verpasste und die geeignete Länge einstellte.
 

«Na gut, dann lass mich die Wunde wenigstens versorgen.»
 

Auch das empfand ich als unnötig. Jedoch machte sie einen entschlossenen Eindruck – als würde sie mich erst dann wieder gehen lassen, sobald sie sich darum gekümmert hatte. Also setzte ich mich, worauf sie zufrieden nickte. Während sie ein Tuch befeuchtete, wies sie mir an mein Stirnband abzunehmen. Dann fing sie an, mir das Blut in geübter Manier abzuwischen, die Wunde zu säubern.
 

«Ich bin übrigens Suiko», stellte sie sich vor. «Bin noch relativ neu hier, wie dir vielleicht aufgefallen sein mag. Mein Vater hat mich vor einigen Jahren auf Reisen geschickt, damit ich bei verschiedenen Lehrmeistern Erfahrungen in der Heilkunst sammeln kann.»
 

«Kakuzu», erwiderte ich schlicht und ignorierte das Brennen, als sie die Wunde nun mit einem Jod getränkten Tupfer desinfizierte.
 

Sie lächelte, ihre hellgrauen Augen funkelten mich keck an.
 

«Ich weiß.»
 

Nun war ich es, dessen Interesse geweckt worden war.
 

Ihr Lächeln hielt an, als sie meine Braue mit einem Klammerpflaster versah. Doch auf einmal zog ein kalter Luftzug durch den Raum, der mich frösteln ließ. Ich sah zu den Fenstern, doch keines davon stand offen. Der Raum verdunkelte sich, jede Farbe schien sich aus der Umgebung zu ziehen. Das Licht der Sonne, das von draußen herein fiel, wirkte plötzlich vielmehr wie das des Mondes. Dann vernahm ich leises Gemurmel, das sich anhörte, als würde es ganz aus meiner Nähe kommen. Ich schaute mich um, doch es kam von keinem der Anwesenden.
 

«Hörst du das?», fragte ich, doch Suiko reagierte nicht. Ihre Bewegungen hatten sich seltsam verlangsamt, sie war wie eingefroren. Wobei es schien, als würde sie mich gar nicht hören.
 

War ich denn der Einzige, dem die Veränderung aufgefallen war?
 

Ich stand auf und ging im Raum umher, versuchte auszumachen woher die Stimmen kamen. Sie führten mich zur Wand und als ich davor stehen blieb und lauschte, waren sie laut genug, so dass ich das Gesprochene verstehen konnte.
 

«Iiiiiiiiikh!! W-was… ist hier passiert? Was ist d-dieses schwarze Zeug überall?»
 

«Keine Zeit die Scheiße zu erklären, komm her und hilf ihm!»
 

«Iiiikh, wie f-fürchterlich. W-was ist mit ihm?»
 

«Wenn ich das wüsste, hätte ich dich nicht geholt! Also tu endlich was, verdammt!»
 

«Was wollt ihr, das ich tue? I-ich bin keine Medizinerin…»
 

«Aber du hast mich doch auch behandelt mit deinen Salben und Kräutern!»
 

Ich führte mein Ohr näher an die Wand heran, um dem Gespräch besser lauschen zu können. Worum ging es da im Nebenzimmer?
 

«Ja, schon. Aber ihr seid auch– und er ist–… ich verfüge nur über Halbwissen. Ich habe nie eine Ausbildung oder dergleichen durchlaufen. Ich kenne mich mit Kräutern aus, ja, da habt ihr recht! Aber die meisten davon sind nur zur äußeren Wundheilung gedacht. Was die innere Medizin angeht, bin ich ein Laie. Erst recht wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um einen andersartigen Köper zu handeln scheint.»
 

«…»
 

«Ich meine, seht euch doch nur diese Fäden an, die überall in seiner Haut stecken. Ich finde es f-furchterregend wie sie zucken, als wären sie von Leben erfüllt. Wozu sind diese Würmer überhaupt gut?»
 

«…»
 

«Ich w-weiß nicht, ob… ahhh!»
 

Das helle, schmerzerfüllte Fiepen brachte mich dazu, mich alarmiert von der Wand zu lösen. Da auf der anderen Seite stimmte etwas nicht. Also riss ich schnell die Tür zum Nebenzimmer auf, doch dahinter kamen nur Ziegel zum Vorschein. Der Durchgang war zugemauert.
 

«Schluss damit oder ich raste aus!!!»
 

«Ah! B-bitte lasst mich los, Hidan-san. Ihr t-tut mir weh!»
 

«Dann tu endlich was ich sage und hilf ihm!»
 

«Schon gut, wie ihr wünscht. Tut mir leid, falls ihr das falsch verstanden haben solltet, ich–»
 

«Schnauze! Ich habe es genau so verstanden wie es gemeint war.»
 

«Verzeiht mir, i-ich… werde mein Möglichstes tun.»
 

Die Stimmen verstummten und ich starrte verwirrt auf die roten Ziegel. Ich wollte die anderen dazu befragen und wandte mich um, musste jedoch feststellen, dass sie wie vom Erdboden verschluckt waren.

Ich suchte nach ihnen, ging hinaus auf den Flur und öffnete Tür um Tür, doch nirgendwo war mehr eine Menschenseele vorzufinden. Als wären sie alle Kopien, sah jedes Zimmer eins nach dem anderen genau gleich aus. Ich arbeitete mich weiter vor, doch die Türen und Gänge wollten kein Ende nehmen.
 

Nein, das war nicht möglich. So groß sollte dieses Gebäude nicht sein. Der Grundriss enthob sich doch jeder Logik.
 

Panik machte sich bemerkbar, als ich schließlich komplett orientierungslos die Gänge entlang rannte und nicht mal mehr sagen konnte, in welcher Richtung sich der Ausgang befand. Bald konnte ich nicht mehr und hielt an um zu verschnaufen.
 

Dann war sie auf einmal da. Am Ende des Ganges.
 

Die Tür, die sich von den anderen abhob. Meine Atmung beruhigte sich sogleich. Ich konnte meinen Blick nicht mehr von ihr lösen und wusste einfach, dass jetzt alles gut war. Ich steuerte sie sicheren Schrittes an und wurde ein anderes Ich, als ich durch sie hindurch trat.
 

Ich blieb vor dem Schreibtisch stehen und deutete eine Verneigung an. Die Person dahinter hatte mir den Rücken zugekehrt.
 

Es war eine Ehre, dass dem Dorfoberhaupt, Takeru-sama, etwas an meiner Meinung zu liegen schien. Nicht das erste mal behielt er mich nach der Versammlung der Shinobi-Elite bei sich, um mit mir zu sprechen. Er teilte seine Ansichten und Ziele mit mir, oft sprachen wir über Takis Zukunft. Für mich war er die Verkörperung unseres Dorfes, er war mir wie ein zweiter Vater. Seine Autorität und mein Respekt vor ihm als mein Vorgesetzter, dem Führer Takis, hielten mich jedoch davon ab, unser Verhältnis als innig zu bezeichnen.
 

So gerne er mich zum Austausch – und gelegentlich sogar lockerem Plausch – hier behielt, heute schien es einen anderen Grund dafür zu geben. Denn als er sich zu mir umwandte, waren seine Züge streng und sein Blick ernst.
 

«Ich will, dass du ehrlich bist, Kakuzu. Sag mir wie deine Absichten aussehen.»
 

«Ich verstehe nicht.»
 

«Versuchst du es etwa zu leugnen?»
 

«Was meint ihr? Bitte erklärt mich auf.»
 

«Na schön, ich habe euch beide gesehen. Du triffst dich mit meiner Tochter. Suiko.»
 

Ich erstarrte. War für einen Moment völlig sprachlos. Takeru-sama war Suikos Vater?
 

Sie und ich sahen uns nun schon eine ganze Weile. Doch über ihre Familie hatte sie bisher kaum etwas erzählt, weswegen mich diese Erkenntnis gerade eiskalt erwischte. Das einzig markante, was ich aus ihren vagen Erwähnungen herausgehört hatte, war die schwierige Beziehung zu ihrem Vater. Hatte sie mir absichtlich verschwiegen wessen Tochter sie war? Und das, obwohl sie genau wusste, dass ich, der zur Shinobi-Elite gehörte, fast täglich mit Takeru-sama zu tun hatte.
 

«Nach deiner Reaktion nach zu urteilen nehme ich an, dass sie dich tatsächlich in Unwissen gelassen hat.»
 

«Ich fürchte so ist es.»
 

So lieb ich Suiko bekommen hatte, so bitter war es, dass sie mir das vorenthalten hatte. Dafür würde sie mir noch Rede und Antwort stehen müssen. Gleichzeitig erklärten sich mir jetzt auch die komischen Blicke meiner Kollegen, sobald ich erwähnte, mit wem ich mich noch verabredet hatte.
 

«Das sieht ihr ähnlich.» Takeru lächelte unglücklich.
 

Wahrscheinlich hatte es jeder gewusst außer mir. Das hatte ich davon, jedem Klatsch und Tratsch augenverdrehend aus dem Weg zu gehen.
 

«Aber gut, du scheinst die Wahrheit zu sagen. Ich wäre sehr enttäuscht von dir gewesen, hättest du dich bewusst für eine solche Heimlichtuerei entschieden. Ihre Intention hingegen entspricht wohl genau dessen, das lässt sich leider nicht schönreden.»
 

Seufzend machte das Dorfoberhaupt eine Pause, ehe er fortfuhr:
 

«Versteh mich nicht falsch, ich sorge mich nur um ihr Wohlergehen. Ich möchte sichergehen, dass der Mann an ihrer Seite zu etwas taugt und sie mit der Achtung behandelt, die sie verdient.»
 

«Es ist zwar noch etwas früh das zu sagen, da wir noch dabei sind uns kennenzulernen, aber...» Ich räusperte mich. «Ich mag ihre Tochter. Ich kann nicht vorhersagen wie es sich entwickeln wird, doch ich versichere ihnen, es steht nicht in meiner Absicht ihrer Tochter zu schaden.»
 

Ich wusste nicht, was mich dazu verleitet hatte mein Verhältnis zu Suiko herunterzuspielen. In Wahrheit waren wir schon längst übers Kennenlernen hinaus. Wir hatten eine Vertrauensbasis aufgebaut, meine Gefühle ihr gegenüber waren dabei sich zu vertiefen. Ich fühlte mich zu ihr hingezogen. Und sie machte keinen Hehl daraus, dass sie genauso für mich fühlte.
 

«Gut. Ich sehe dich keinesfalls als ungeeignet dafür, den Platz an ihrer Seite einzunehmen, Kakuzu. Ich möchte dennoch, dass du mir etwas versprichst.»
 

«Alles was sie wollen.»
 

«Es mag etwas altmodisch sein. Doch ich appelliere an deinen Anstand, dass du dich daran hältst. Ich möchte, dass sie sich erstmal auf ihren Werdegang konzentriert. Ihr ist vorbestimmt irgendwann die Führung des Dorfes zu übernehmen. Das ist eine wichtige Aufgabe und bedarf keiner Ablenkung. Diverse Ausschweifungen verbiete ich mir und ernste Familienplanung soll erst später von Relevanz sein. Bis dahin möchte ich, dass ihr euch gesittet verhaltet. Hast du das verstanden, Kakuzu?»
 

«Ich... denke schon», antwortete ich langsam und fragte mich, wie groß die Chance bestand, dass ich seine Worte fehlinterpretierte.
 

«Sie soll rein und unbefleckt bleiben.»
 

Er drückte es so unmissverständlich aus, dass es schon unangenehm war. Ein Vater sollte so nicht über seine Tochter sprechen.
 

Ich drehte meinen Kopf ruckartig zur Seite, als ich meinte erneut Stimmen zu hören. Doch dieses mal schienen sie in meinem Geist widerzuhallen.
 

«Und?!»
 

«Scheint, als würde sein Körper gegen etwas ankämpfen. Er hat starkes Fieber.»
 

«Ja, aber was bedeutet das?! Was fehlt ihm?»
 

«Das kann ich nicht ohne weiteres sagen, aber... ist er plötzlich in diesen Zustand geraten oder ging es ihm davor schon längere Zeit schlecht?»
 

«Ich… fuck, ich weiß es nicht! Kakuzu ist keiner, der sich so was anmerken lassen würde!»
 

«Kakuzu? Beantworte meine Frage», verlangte Takeru zu wissen, mit einer Ungeduld, die einer unterschwelligen Drohung gleichkam.
 

Ich blinzelte verwirrt.
 

«Entschuldigt, ich war kurz weggetreten. Könnt ihr eure Frage wiederholen?»
 

«Ich will wissen, ob es dafür etwa schon zu spät ist und du ihre Unschuld womöglich bereits geraubt hast.»
 

Das Dorfoberhaupt sprach so schamlos darüber, dass es mir fast übergriffig vorkam. Solche Fragen verletzten Suikos und meine Privatsphäre. Innerlich war ich davon sogar etwas peinlich berührt. Gegen außen hin blieb ich jedoch professionell und ließ mir nichts anmerken.
 

«Nein. Nein, seid unbesorgt. Selbstverständlich werde ich ihrem Wunsch entsprechen.»
 

«Gut. Du darfst gehen.»
 

Ich deutete eine Verbeugung an und entfernte mich. Doch bevor ich den Raum verlassen konnte, wurde ich noch mal von ihm zurückgerufen.
 

«Halt, warte. Ich hätte da noch eine letzte Frage.»
 

«Ja?»
 

«Ich möchte, dass du intuitiv antwortest. Wenn du wählen müsstest, wofür würdest du dich entscheiden? Meine Tochter oder das Dorf?»
 

«Das Dorf.»
 

Wie gewünscht hatte ich ohne langes Nachdenken, aus dem Bauch heraus entschieden. Wenn Suiko hier gewesen wäre und das gehört hätte, wäre sie bestimmt wütend und enttäuscht gewesen.

Ich stand zu meiner Entscheidung, obwohl sich ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber nicht leugnen ließ. Und um vor Suiko im Geiste meine Entscheidung zu rechtfertigen, begründete ich diese damit, dass die Wahl des Dorfes doch auch sie mit einschloss.
 

Unsicher suchte ich Takerus Blick mit der Befürchtung, dass ihm meine Antwort nicht gefallen haben könnte. Doch wider erwarten lag ein Lächeln auf seinen Lippen, ehe er mir anerkennend zunickte.
 

Dann traf uns plötzlich eine Erschütterung. Wir sahen uns überrascht in die Augen, ehe die Erde erneut zu beben anfing. Dokumente fielen vom Tisch, Bücher sprangen aus ihren Regalen, während die Stimmen in meinem Kopf zurückkehrten.
 

«Und was tun wir jetzt?»
 

«Ich vermute eine Vergiftung oder Infektion. Wir können nur auf letzteres hoffen, ihn dementsprechend behandeln und abwarten. Ich werde ihm etwas brühen, das das Fieber senken sollte und entzündungshemmend wirkt.»
 

«Gut und was soll ich tun?»
 

«Sucht seinen Körper nach einer entzündeten Wunde ab. Das kann auch nur ein Kratzer sein.»
 

Das Erdbeben wurde immer heftiger. Ich versuchte mich am Schreibtisch festzuhalten, doch bei einer besonders starken Welle riss es mich von den Beinen und ich ging zu Boden. Das Beben hatte aufgehört, kaum dass ich auf dem von Erde und Stroh bedeckten Untergrund aufgekommen war.
 

Blut lief mir aus Mund und Nase, tropfte vor mir zu Boden. Auf den Unterarmen abgestützt, versuchte ich zittrig hochzukommen, mich aufzurichten. Der Fuß an meinem Rücken brachte meine Arme jedoch zum einknicken und drückte mich erneut zu Boden. Ein schadenfrohes Auflachen folgte, ehe der Fuß durch ein Knie ersetzt wurde, welches genau zwischen meinen Schulterblättern schmerzlichen Druck gegen meine Wirbel ausübte und mich unten hielt. Zusätzlich wurde mein Hinterkopf gepackt, mein Gesicht in den Dreck gepresst.
 

Ich hustete kläglich. Da meine Nase geschwollen war, blieb mir keine andere Wahl als durch den Mund zu atmen und so gelangten gezwungenermaßen Staub und Dreck in meine Atemwege. Die vergangenen Wochen hatten meinen Körper zu sehr ausgezehrt, als dass ich die Kraft gehabt hätte, mich gegen all dies zu wehren.
 

«Wollen wir mal sehen, wie dir das gefällt.»
 

Der Mann hinter mir ließ erst von mir ab, doch im nächsten Augenblick krallte sich seine Hand in meinen Hinterkopf. Er zerrte mich an Haut und Haar gewaltvoll vorwärts, wobei ich instinktiv mit kroch, um zu verhindern, dass er mir nicht auch noch ein Büschel Haar ausriss.
 

Bei dem mit Wasser gefüllten Zuber angelangt, zwang er mich in eine gebeugte Haltung darüber. Ich stützte mich an den Rändern ab, ehe von mir abgelassen wurde. Da ich nicht gerade sanft dahin zugeführt worden war, schwappte das Wasser stark im Behältnis umher.
 

Wollte mir er mir mein Spiegelbild zeigen?
 

Ihm genügte es anscheinend nicht mehr, mich körperlich zu quälen. Schläge, Tritte, Schnitte, Verbrennungen und Nahrungsentzug… er hatte mir bereits einiges angetan. Dabei genoss er es, Herr über andere zu sein, über sie zu verfügen und empfand Befriedigung darin, zu foltern, ihnen Schreie zu entlocken. Er hatte es auf jene bemitleidenswerte Reaktionen abgesehen – weshalb ich mich erst recht weigerte, irgendwelche Laute von mir zu geben. Ich versuchte seine Grausamkeiten stillschweigend über mich ergehen zu lassen. So gut ich konnte. Er wollte mich brechen, doch das würde ihm nicht gelingen. Er konnte meinen Körper schneiden, doch er war nicht dazu in der Lage mich zu verletzen.

Auch wenn er nie die Lust daran verlor, mir jeden Tag neue Schmerzen zuzufügen, musste ihn meine Standhaftigkeit ein Dorn im Auge sein.
 

Suchte er deshalb neue Methoden? Wollte er nun meine Psyche angreifen?
 

Obwohl es mich vor meinem Spiegelbild grauste, nahm ich mir vor, auch hierbei stark zu bleiben und keine Schwäche zu zeigen – wie bei allem anderen davor.
 

Ich wandte den Blick nicht ab, sah wie gebannt aufs Wasser, dessen Oberfläche sich langsam beruhigte. Dann stutzte ich. Vielleicht war ich tatsächlich schon so ausgezehrt und geschwächt, dass ich anfing zu halluzinieren. Denn ich erkannte Schemen die sich bewegten – das war nicht mein Spiegelbild. Vielmehr war es eine andere Welt, auf die ich, wie durch ein Fenster, einen Blick erhaschen konnte. Zwei Gestalten, eine davon bewegte sich unruhig, in ihrer Mitte eine tote Silhouette.
 

Je mehr ich mich anstrengte, das verwackelte Bild klarer zu erkennen, desto lauter wurde das Piepen in meinen Ohren. Im nächsten Augenblick tauchte ich in diese vermeintlich andere Welt ein, als mein Kopf unter Wasser gedrückt wurde. Es war eiskalt und vor Schreck entwich mir ein Großteil der Luft aus meiner Lunge.
 

«Verdammte Scheiße!»
 

«Alles in Ordnung, Hidan-san?»
 

«Teufel, nein! Er will das Zeug einfach nicht schlucken! Ich schaffe es noch nicht mal, dass er sein Maul aufmacht, er sperrt sich komplett!»
 

«Versucht ihm gut zuzureden. Vielleicht hört er euch.»
 

Die dröhnenden Stimmen kamen aus dem Wasser, vom Grund des Zubers. Das war nicht möglich. Doch trotz immer knapper werdender Luft, öffnete ich die Augen einen Spalt und blickte vor mich. Der Boden des Zubers konnte nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt sein. Ich sollte ihn sehen können, doch alles was ich erkannte, war immer dunkler werdendes Blau. Keinen Grund, sondern ein tiefes Loch, das sich jeder Logik entzog.

Nur Sekunden später wurde mein Kopf wieder hochgerissen und während ich keuchend Luft holte, konnte ich hinter mir den Kerkermeister auflachen hören. Er ließ mir kaum Zeit zum durchatmen, ehe er mich erneut runterdrückte.
 

Dieses mal wehrte ich mich. Ich versuchte mit aller verbliebenden Kraft meinen Kopf wieder hochzureißen, doch es war schnell abzusehen, dass es sinnlos war. Erbarmungslos wurde ich unten gehalten, der eiserne Griff an meinem Hinterkopf machte ein Entkommen unmöglich. Also sparte ich mir die Gegenwehr, mir blieb ja sowieso nichts anderes übrig als abzuwarten.

Stattdessen konzentrierte ich mich darauf meinen rasenden Herzschlag zu beruhigen und die Panik, die sich in meiner Brust auftat klein zu halten.
 

Plötzlich schrie ich auf vor Schmerz, Luftblasen stiegen blubbernd nach oben, als ich ein scharfes Brennen an meiner linken Seite spürte. Es fühlte sich an, als würde mein Hintermann mit einem glühenden Schürhaken in meiner noch unverheilten Wunde herumstochern. Dabei mussten es bloß seine Finger sein, die ihren Spaß hatten, die Verletzung, die er mir bei einer seiner Folter-Sessions beigebracht hatte, zu traktieren und wieder zum bluten zu bringen.
 

Als er mich endlich hochriss, spuckte ich einen Schwall Wasser aus und schnappte röchelnd nach Luft, während mir kurz Schwarz vor Augen wurde.
 

«Und? Wie hat es dir gefallen?»
 

Ich versuchte die Restflüssigkeit auszuhusten, hatte aber auch nach einer Weile immer noch das Gefühl, als wäre Wasser in meiner Lunge.
 

«Wenn du mir nicht antwortest, kann ich leider nur mutmaßen. Na?»
 

Ich antwortete nicht, würde nicht auf seine Spielchen eingehen. Stattdessen spuckte ich verabscheuend zu Boden und obwohl es nicht sein Gesicht war, verstand er die Geste, denn mit dem nächsten Satz verdunkelte sich sein Tonfall.
 

«Schön, dann halt noch eine Runde.»
 

Das Spiel ging von vorne los und ich wurde wieder und wieder unter Wasser gedrückt. Ich verlor das Zeitgefühl, wusste nicht, zum wievielten mal er mich nun schon untertauchte, hoch riss und wieder untertauchte. Doch mit jedem mal schien er mich eine Sekunde länger unten zu halten und schließlich ließ er mich erst dann wieder Luft holen, als ich schon kurz davor war das Bewusstsein zu verlieren.
 

«Sag mir, dass ich aufhören soll», verlangte er.
 

Heftiger Schwindel lähmten meine Sinne, meine Welt drehte sich. Meine Glieder waren schwer geworden, einen klaren Gedanken zu fassen erschien kaum mehr möglich. Mein Gehirn wurde nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgt. Übrig blieben einzig meine Instinkte, die meinen Körper beherrschten. Kein Wasser einatmen. Durchhalten. Überleben.
 

«Na los! Bitte mich drum!»
 

Erneut kollidierte mein Gesicht platschend mit dem Nass und dieses mal kam mir die Zeit unter Wasser wie eine Ewigkeit vor. Meine Lungen schrien bereits nach Sauerstoff und fühlten sich an als würden sie platzen.
 

Er wollte mich umbringen. Da war ich mir sicher.
 

Ich wand mich im Todeskampf, zuckte unkontrolliert unter Widerwillen. Alles sträubte sich in mir aufzugeben, mich meinem Schicksal zu ergeben. Den Mund aufzureißen, Wasser einzusaugen und nie wieder einen weiteren Atemzug tun zu können.
 

«Kakuzu, jetzt sperr dein scheiß Maul auf!»
 

Nein, das konnte ich nicht!
 

«Komm schon! Es ist alles in Ordnung, damit wird es dir besser gehen.»
 

Nein, würde es nicht.
 

«Ich will dir doch nur helfen...»
 

Das war eine Falle. Oder?
 

«Weißt du, ich… du kannst mir vertrauen.»
 

Konnte ich?
 

Ich fand keine abschließende Antwort darauf und dennoch entspannte sich mein Kiefer, den ich bis dato verbissen zusammengepresst hatte, von ganz alleine. Und schließlich öffnete ich nachgebend meinen Mund und ließ das Wasser meine Lungen füllen.
 

Nie hätte ich gedacht, dass sterben so tröstend sein würde.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

They say we are what we are, but we don′t have to be

I'm bad behavior, but I do it in the best way

I′ll be the watcher of the eternal flame

I'll be the guard dog of all your fever dreams

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Als ich erwachte, fühlte ich mich miserabel.
 

Meine Kehle war staubtrocken und meine Schläfen pochten schmerzhaft im Takt meines Pulses. Das helle Licht stach in meinen Augen, als ich diese öffnete, um mich zu orientieren.

Ich lag noch immer auf dem Futon, auf den ich mich vergangene Nacht geschleppt hatte. Ich erinnerte mich an das Essen, die Übelkeit und meinen… Anfall im Bad.
 

Der Rest blieb ein einziger Fiebertraum.
 

Glücklicherweise hatte sich mein Zustand seit letzter Nacht verbessert, auch wenn es sich nicht wirklich danach anfühlte. Die schwarze Substanz lief mir nicht mehr aus der Brust wie bei einem undichten Fass. Ich hatte zwar Fieber und fühlte mich komplett matt, doch wenigstens plagten mich keine Krämpfe mehr, als würde mich jeden Moment mein Ende ereilen.

Die letzte Nacht hatte deutliche Spuren hinterlassen. Der Futon, die Decke, ich selbst – alles klebte und war beschmiert von dieser schwarzen Substanz, die ich gefühlt literweise verloren hatte. Meine Haut juckte unangenehm an den Stellen, an denen sie bereits eingetrocknet war.
 

Wenigstens ist diese überwältigende Übelkeit verschwunden, sagte ich mir und nahm erst jetzt die leisen Atemzüge wahr.
 

Ich drehte mich auf die andere Seite, blickte hinüber zu der schlafenden Gestalt, die im Schneidersitz eine Armlänge entfernt vor meinem Futon hockte. Mit leicht geöffnetem Mund und auf die Brust gefallenem Kopf. Eine untypische Schlafposition für meinen Partner.

Eine Teekanne und ein Becher standen auf einem Tablett neben ihm und direkt meldete sich mein Durst wieder. Ich streckte meine Rechte nach dem Becher aus – in der Hoffnung, dass er noch nicht leer war – und stockte, als mir die Bandagen an meiner Hand auffielen.
 

Die sich spannende und wunde Haut darunter fühlte sich viel besser an – sie musste mit einer Salbe oder ähnlichem behandelt worden sein. Als ich nach der verätzten Stelle in meinem Nacken tastete, stellte ich fest, dass man sich auch darum gekümmert hatte. Ein dickes Wundpad befand sich unter dem Verband, der zur Befestigung diagonal um meine Brust gewickelt worden war.
 

Ich konnte das nicht ausstehen.
 

Die Bewusstlosigkeit und alles, was sie mit sich brachte. Im Normalfall behielt ich sogar im Schlaf immer ein halbes Auge offen, ließ nie wirklich meine Schilde fallen. Denn wenn man die Kontrolle abgab, bot man Angriffsfläche und das wiederum machte einen verwundbar. Aus diesem Grund, war, nicht zu wissen, was um mich herum passierte, was mit mir passierte, für mich der absolute Horror. Und letzte Nacht musste ich völlig weg gewesen sein, denn ich konnte mich nicht erinnern, wer den Verband angebracht hatte. Das löste ein ekelhaftes Gefühl in meinem Magen aus, das ich versuchte zu ignorieren, genauso wie ich die Tatsache verdrängte, dass ich unter der dicken Deckenschicht nackt war.
 

Mein Blick blieb an dem Becher hängen und erneut streckte ich meinen Arm danach aus. Ich bekam ihn jedoch nur ungünstig zu fassen und er fiel klirrend auf das Tablett. Wenigstens wurde nichts verschüttet, denn der Becher war leer. Der Lärm hatte allerdings Hidan geweckt – er rieb sich über die Augen und fluchte leise.
 

«Eh? Du bist wach.» Er blinzelte ein paar mal. «Warum zum Fick hast du mir nichts gesagt?»
 

Sein Tonfall war innerhalb einer halben Sekunde umgeschlagen und es war direkt klar, dass er nicht mein Erwachen meinte.
 

«Hast mich einfach weggekickt als wär ich ein scheiß Fremder!»
 

Ich gab ein genervtes Grummeln von mir. Kaum wach und schon meckerte er mir die Ohren voll.
 

«Hab ja gecheckt, dass du empfindlich reagierst, wenn es um dein spezielles Jutsu geht. Aber spätestens wenn man aus der Brust kotzt und wortwörtlich ausläuft, könnte man meinen, dass man sich seinem Teampartner anvertraut!»
 

Sein Geschimpfe ignorierend, langte ich nach der Teekanne... die er mir geradewegs vor der Nase wegschnappte.
 

«Oder sich wenigstens helfen lässt!», fügte er wütend hinzu. «Weil, ich bin doch nicht der Feind! Musst ja nicht komplett alles mit mir teilen, aber doch wenigstens so viel, dass ich weiß was mit dir abgeht!»
 

«Hidan.»
 

«Ich meine, was dachtest du denn, warum ich nach dir geschaut hab, als du dich so plötzlich vom Essen verpisst hast? Um dir zu schaden? Dich abzustechen in nem schwachen Moment? Häh? Dachtest du das?»
 

«Gib mir die Kanne, Hidan.»
 

«Beantworte die scheiß Frage!», knurrte er zornig, hielt das Gefäß demonstrativ noch ein Stück weiter von mir weg.
 

«Nein, das dachte ich nicht.»
 

«Was war dann dein Problem?! Hattest du einfach nur so Lust, mich gegen die Wand zu donnern?»
 

«Ich hab dir gesagt, dass du verschwinden sollst.»
 

«Ja, das hab ich gehört! Was ich nicht verstehe, ist warum
 

«Weil ich in solchen Situationen niemanden um mich haben kann.»
 

«Du kannst nicht?»
 

«Ja, ich kann nicht.»
 

«Häh? Erklär mir das!»
 

Ich seufzte tief, war kurz davor, ihm mit einem Ich bin einfach so, leb damit! abzuspeisen. Ich wollte kein Buch aufmachen, war doch nur durstig und wollte etwas trinken. Aber Hidan würde in jedem Fall eine längere Diskussion erzwingen, sollte ich ihm keine halbwegs vernünftige Erklärung liefern.
 

«Das Leben hat mich gelehrt, niemandem vertrauen zu können. Und wenn das so tief in einen verankert ist, handelt man in solchen Momenten ganz automatisch.»
 

«Willst du damit sagen, du wurdest gesteuert? Aber von wem?»
 

Damit rang er mir erneut ein resigniertes Seufzen ab und ich widerstand dem Drang, meine Schläfen zu massieren und ihm zu sagen, dass er ein Vollidiot war. Dann gab ich ihm noch eine Chance.
 

«Von meinen Erfahrungen. Ich bin das Produkt davon und habe auf gewisse Verhaltensweisen keinen Einfluss mehr. Es hat sich in mich eingebrannt. Verstehst du das?»
 

«…»
 

«Stell es dir wie einen Selbstschutzmechanismus vor, dessen Ausschalter kaputt ist. Kapiert?»
 

«Ich denke schon. Aber soll das heißen, du willst wirklich, dass ich beim nächsten mal einfach weggehe, wenn du offensichtlich abkackst?»
 

Ich zögerte, wusste darauf keine Antwort und erwiderte schlussendlich nur:
 

«Es wird kein nächstes mal geben. Sowas wird nicht noch mal passieren.»
 

«Gut, wird ja auch Zeit, dass du dich raffst. War nämlich ganz schön anstrengend, sich um deinen Arsch zu kümmern.»
 

Gnädigerweise nahm er den Becher und schenkte mir ein, bevor er sein Gemaule fortsetzte.
 

«Du bist sogar dann noch ein Dickschädel, wenn bei dir die Lichter ausgegangen sind. Kann man sich nicht vorstellen sowas.»
 

Ich grunzte, setzte mich leicht auf und nahm den Becher entgegen.
 

«Du wetterst ganz schön, dabei vergisst du, dass ich es war, der dich den ganzen Weg aus dem Sumpf hergetragen hat.»
 

Ich hob den Becher zum Trinken, hielt jedoch Mitten drin inne und starrte misstrauisch auf den vermeintlichen Tee. Er roch irgendwie komisch.
 

«Keine Sorge, ist nur Medizin. Hat Misaki aufgebrüht. Und es geht dir dadurch doch besser, oder?»
 

Ich trank den Becher wortlos leer, trotz grauenhaft bitteren Geschmacks.
 

«Miskai war sich erst zwar nicht sicher, aber du musst dir irgend ne Infektion eingefangen haben. Vermutlich von dem Dreckwasser im Tümpel. Deine beiden Verletzungen haben zwar nicht nach Infektion ausgesehen und Misaki meinte, dass sowas eigentlich auch nicht so schnell gehen kann. Aber ne andere Wunde hab ich an dir nicht gefunden.»
 

«Was das angeht», sagte ich scharf und bedachte ihn mit einem warnenden Blick. «Tu das nie wieder.»
 

Hidan schnaubte, verschränkte die Arme vor der Brust, fing dann aber an zu grinsen.
 

«Was? Dir helfen? Oder dir an die Wäsche gehen?»
 

Ich legte mich wieder hin, kehrte ihm den Rücken zu und versuchte es mir bequem zu machen. Das Fieber entzog mir jede Energie, ich war bereits wieder todmüde.
 

«Awww, Kakuzuuu», zog er mich auf. «Du genierst dich doch nicht etwa, oder?»
 

«Ich bitte dich, ich wandle schon fast ein Jahrhundert auf dieser Erde. Was das angeht, hab ich mein Schamgefühl längst verloren.»
 

«Na, hätte mich auch gewundert! Weil sich dein Schwanz echt sehen lassen kann. Muss zugeben, es wurmt mich auch ein bisschen... du musstest mich ja auch da wieder übertrumpfen!»
 

«Halt die Fresse, Hidan. Oder ich schlag sie dir ein. Und jetzt lass mich in Ruhe, ich will schlafen.»
 

«Pfft, übertreib halt! War nur ein Kompliment.»
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

I am the sand in the bottom half of the hourglass

I try to picture me without you, but I can't

′Cause we could be immortals

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 


 

*Iryounin = Medizin-Ninja/Sanitäter

Lies

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Insecurity


 

14. Insecurity

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Unsicherheit.
 

Ein Gefühl, das jeder kannte. Ich war davon nicht ausgeschlossen. Es begleitete mich öfter als man denken mochte. Im Grunde konnte man sich keiner Sache vollkommen sicher sein. Es gab immer dieses eine Prozent, das die ganze Rechnung über den Haufen werfen konnte.

Im Dunkeln zu tappen und Entscheidungen treffen zu müssen konnte hart sein. Doch es gab kein Richtig und kein Falsch, nur Konsequenzen, mit denen man leben musste.
 

Und wie man damit umging, zeigte, aus welchem Holz man geschnitzt war.
 


 

Langeweile. Etwas, das fast noch belastender war, als ein trödelnder Hidan auf Reisen.
 

Im Normalfall hatte ich stets etwas zu tun und wenn nicht, wusste ich mich in der Regel zu beschäftigen. Ich war ein aktiver Mensch. Zu lange auf der faulen Haut herumzuliegen ging mir auf Dauer an die Substanz. Doch nun saß ich in diesem abgeschiedenen Dorf im Nirgendwo fest, war gezwungen die Füße still zu halten, das Fieber auszusitzen, ohne eine Aufgabe oder wirkliche Ablenkung. Schon wieder. Das letzte mal, als ich mich in einer ähnlichen Situation befunden hatte, war erst wenige Wochen her.
 

So etwas durfte nicht zur Gewohnheit werden.
 

Nichts desto trotz fügte ich mich den Gegebenheiten, ruhte mich die meiste Zeit aus oder schlief. Ich verließ nur selten mein Zimmer und ließ mir etwas bringen, sobald ich Hunger bekam.

Hidan indes, schien mit irgendetwas beschäftigt zu sein, da er oft einfach nicht aufzufinden war. Ich wusste nicht was er tat oder wo er steckte, suchte aber auch nicht großartig weiter nach ihm, wenn ich sein Zimmer leer vorfand. Solange er keinen Ärger verursachte, sollte es mich nicht kümmern. Gelegentlich leistete er mir dann aber doch Gesellschaft. Nur dauerte es meist nicht lange, bis ich ihn mit meiner schlechten Laune vertrieb.
 

Krank sein war lästig.
 

Am dritten Tag sank das Fieber allmählich, was mich etwas aktiver werden ließ. Ich fand ein Go-Spielbrett und meine Stimmung hob sich im ersten Moment. Bis sich herausstellte, dass mir der passende Mitspieler fehlte. Mein Partner war dafür nicht zu begeistern – er nannte es verabscheuend einen Gehirnfick und dass ihm davon nur die Birne platzen würde. Vermutlich eine Ausrede, da ich wusste, dass er ein überaus schlechter Verlierer war und er sich wohl schon denken konnte, dass ich kein einfacher Gegner sein würde.
 

Ich stellte die Steine dennoch auf das Brett und spielte eine Weile gegen mich selbst, bis mir auch das verleidete. Dann musste ich an Sasori denken und wünschte mir, dass er hier wäre.

Bei den Treffen die Pain einberief, hatte es sich irgendwie ergeben, dass die Holzpuppe und ich während des Wartens ab und an spielten. Ich hielt nicht viel von den anderen Akatsuki-Mitgliedern – sie waren mir allesamt egal. Bei Sasori verhielt es sich nicht anders. Doch gerade lernte ich die Partien mit ihm zu schätzen.
 

Als sich am fünften Tag das Wetter besserte, setzte mich draußen unter das Vordach, um etwas Sonne zu tanken.
 

Ich schloss die Augen und genoss die warmen Strahlen auf meiner Haut. Unterwegs bekam ich nur selten ausreichend Sonne ab, da sie mich durch die dicken Stoffschichten nicht wirklich erreichte. Nach den langen, grauen Tage tat die Wärme und das Vitamin D deshalb doppelt gut. Ich konnte mich richtig entspannen, während eine innere Ruhe einkehrte.

Der friedvolle Moment wurde jedoch jäh durch ein helles Lachen in der Ferne gestört. Mein Blick schweifte über den Garten, der sich parallel entlang des Gebäudes erstreckte. Ein schmaler Pfad schlängelte sich zwischen Büschen und Ziersträuchern nach hinten zum Kräutergarten hin, in dessen Nähe auch ein großer Kirschbaum emporragte. Mein Blick blieb an zwei Personen hängen, die umringt von Grün über den gekiesten Platz vor dem Baum schlenderten. Durch den roten Yukata war unschwer zu erkennen, wer sich dort mit der mandeläugigen Schönheit unterhielt.
 

War es das, was ihn die letzten Tage so eingenommen hatte?
 

Ich beobachtete wie Misaki auf verschiedene Pflanzen deutete, sich einmal kurz hinabbeugte, um Hidan anschließend einen Zweig hinzuhalten. Dieser roch daran, schien ihrer Erklärung untypisch geduldig zu lauschen. Ich wandte meinen Blick ab von diesem Bild, das mich nicht so kalt ließ, wie es eigentlich sollte. Und das ärgerte mich.
 

Nachdem ich erneut die Augen geschlossen hatte, versuchte ich alle störenden Geräusche auszublenden.
 

Der innere Frieden, der gerade erst Einzug gehalten hatte, war damit jedoch unwiderruflich zerstört. Wie ein Geschwür wuchs der Groll in mir, je länger ich darüber nachdachte. Und schließlich tat sich ein Gedanke... nein, ein Bedürfnis in mir auf, das sich hartnäckig hielt.
 

Misaki sollte verrecken.
 

Dafür zu sorgen würde mir keine großen Mühen bereiten, keine Frage. Trotzdem war es schwachsinnig sie zu töten, denn dafür gab es schlichtweg keinen Grund. Es ging keine Gefahr von ihr aus und so lange wir hier waren, war sie uns ja sogar nützlich. Wenn ich sie also verschwinden lassen würde, ohne einen strategischen oder praktischen Nutzen daraus ziehen zu können, würde ich damit nur ein falsches Bild vermitteln. Denn das glich einem Eingeständnis davon, dass ich mich von ihr auf eine andere Art... bedroht fühlte. Und das war beschämend.

Ich war ein landesweit gefürchteter Nuke-Nin, hatte zu Zeiten der größten Shinobi-Legenden gelebt und sie alle überdauert. Der Gedanke war absolut lächerlich... warum sollte sich jemand wie ich von einem jungfräulichen, naiven Mädchen bedroht fühlen?
 

Es vergingen Minuten, in denen ich meinen Groll herunterzuschlucken versuchte, ehe das Geräusch von knirschendem Kies unter Sohlen langsam näher kam.
 

«Ah, Kakuzu-san, guten Morgen», grüßte Misaki mich höflich, aber zurückhaltend.
 

Ich gab ein gebrummtes Morgen zurück und erst hatte es den Anschein, als wollte sich das Mädchen, wie es den Anstand gebührte, nach meinem Befinden erkundigen. Doch dann lächelte sie nur verlegen, während die beiden schweigend an mir vorbei liefen.

Mein Fokus lag allein auf Hidan, der meinen stechenden Blick mit blanker Miene erwiderte. Wir hielten den Blickkontakt unnatürlich lange und erst als er schon fast vorbei gelaufen war, er bereits zur Seite schielen musste, erst dann hoben sich seine Mundwinkel zu einem schelmischen Grinsen. Und ich fragte mich nur eins.
 

Was hatte er vor?
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Sometimes the only payoff for having any faith

Is when it′s tested again and again everyday

I'm still comparing your past to my future

It might be your wound, but they′re my sutures

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

«Ihr seid wegen des Tees hier, richtig? Verzeiht, ich kam heute noch nicht dazu, ihn für euch aufzubrühen.»
 

Misaki neigte entschuldigend den Kopf, ehe sie die Stäbchen beiseite legte und sich erhob.

Ich hatte sie und Shou offenbar beim Essen gestört. Doch es war bereits Mittag und der Tee, den sie mir stets morgens zu bringen pflegte, hatte bis jetzt auf sich warten lassen.
 

Ich konnte mir nur zu gut vorstellen, weswegen sie dafür noch keine Zeit gefunden hatte.
 

Halb hatte ich sogar schon damit gerechnet, Hidan bei ihr vorzufinden. Nicht unwahrscheinlich, so wie die beiden seit neustem aneinander zu kleben schienen. Doch überraschenderweise war neben Misaki nur Shou anwesend. Der Alte bedachte mich mit einem Seitenblick, aß ansonsten aber ungestört weiter. Er hielt sich seither im Hintergrund, versuchte insbesondere zu mir den direkten Kontakt zu meiden. Aus den Augen schien er uns dennoch nie zu lassen. Und obwohl er sich konstant unbeteiligt gab, war es offensichtlich, dass er unsere Abreise insgeheim kaum abwarten konnte.
 

«Einen Moment, ich werde das sofort nachholen», versprach das Mädchen und begab sich eilig in die angrenzende Küche.
 

Ich folgte ihr und wartete, während sie einen Topf auf den Herd stellte, um Wasser aufzukochen.
 

«Geht es euch besser? Wie fühlt ihr euch?», fragte sie und durchschnitt die Stille, die ihr offenbar unangenehm war.
 

«Gut.»
 

Mir ging es tatsächlich so weit besser, dass wir voraussichtlich in zwei, drei Tagen weiterziehen konnten. Fieber hatte ich keines mehr und die anderen Beschwerden waren weitestgehend auch alle verschwunden. Nur so richtig zu Kräften gekommen war ich noch nicht.
 

«Das ist schön. Hidan-san war ganz aufgelöst und wusste nicht was er tun sollte, falls die Medizin keine Besserung zeigen würde. In der ersten Nacht hat er ohne Unterlass an eurem Bett gewacht. Er war euretwegen sehr in Sorge.»
 

Es war unbezweifelbar merkwürdig, Dinge, die Hidan betrafen, von einer dritten Person erzählt zu bekommen. Mein Partner war stets an meiner Seite und deswegen wusste ich im Normalfall bereits über alles, was ihn betraf, Bescheid. Zudem war es fast schon unangenehm, dass sie mir in diesem Plauderton ihre Beobachtungen schilderte, durch die Hidans Gefühlswelt so offen zur Schau gestellt wurde. Wahrscheinlich war es für eine zarte Person wie Misaki normal, freiheraus darüber zu sprechen und es auch zu dürfen.

Als Shinobi war es untersagt Gefühle zu zeigen. Da war es als Gebrandmarkter und Verstoßener erst recht ein No-Go und konnte schon mal dein Tod bedeuten.
 

Hidan hätte diese Dinge niemals so beim Namen genannt wie Misaki es eben getan hatte. Vermutlich hätte er auch dann noch abgestritten, dass er sich Sorgen machte, wenn es durch sein Verhalten offensichtlich gewesen wäre. Demjenigen, der etwas anderes behauptete, hätte er den Vogel gezeigt oder ihn schlicht ausgelacht. Vielleicht hätte er ihn auch auf der Stelle kalt gemacht. Je nach Laune und Gegebenheiten.
 

«Mein Partner neigt dazu, sich zu sehr in Dinge hineinzusteigern», erwiderte ich schließlich sachlich.
 

«Da habt ihr recht. Und impulsiv kann er sein, nicht wahr?»
 

Sie lächelte schüchtern vor sich hin und da ich nicht vor hatte ihre Schwärmerei auch noch zu befeuern, sagte ich einfach nichts darauf. Das kochende Wasser holte sie schließlich aus ihren Tagträumen und sie machte sich daran, eine Tasse zu befüllen, um anschließend ein blättriges Kraut hinzuzugeben, welches vermutlich aus dem Garten stammte.
 

«Ist das alles? Ist das Kraut die Medizin?»
 

«Mh? Oh, nein, nicht ganz. Das Kraut dient nur dem Geschmack. Ohne würde man den Tee kaum runterbekommen. Das hier ist es.»
 

Sie holte ein kleines Fläschchen aus dem Schrank und gab eine Messerspitze des darin enthaltenen gelblichen Pulvers in den Tee.
 

«Was ist das?»
 

«Eine Wildpflanze. Kommt, wenn ihr wollt, kann ich es euch zeigen.»
 

Sie winkte mich mit sich und da ich interessiert war folgte ich ihr.
 

Neben der Küchenzeile befand sich eine Tür, die vom Stil her nicht ganz zum Rest der Einrichtung passen wollte und genau zu dieser führte sie mich. Bisher hatte ich stets angenommen, dass sich dahinter eine Vorratskammer oder dergleichen verbergen würde.
 

Sie schob die Tür auf und ein Schwall mit Gerüchen geschwängerter Luft traf uns – beim Betreten des dunklen, fensterlosen Raumes wurde man davon beinahe erschlagen. Misaki zündete eine Kerze an, stellte sie zurück in die Lampe und das Licht enthüllte eine kleine Kräuterwerkstatt.

Diverses Grünzeug war zum Trocknen kopfüber an Schnüren aufgehängt worden. Zum selbigen Zweck lagen auf einem Tisch bereits abgezupfte Blätter auf Papiertüchern verteilt. Das kleine Regal zur Rechten war voll mit unterschiedlich großen Fläschchen, die mit Pulvern oder Flüssigkeiten in diversen Farben gefüllt waren.
 

«Das Meiste hiervon sind Tinkturen und Öle, die wir als Duftzusatz verwenden. Es gibt aber auch eine Handvoll, die tatsächlich medizinische Wirkung haben.»
 

Sie ging um den Tisch herum und deutete auf eine der Pflanzen, die an einer Schnur an der Wand hinunterhing. Es war ein krautähnliches Gewächs mit einer kolbenförmigen, gelben Blüte.
 

«Wir nennen sie Tarabrela. Sie wächst nur in gewissen Teilen der Sümpfe und ist dementsprechend selten. Ihre Blätter habe ich unter anderem bei Hidans Behandlung verwendet. Das Pulver, das ich in euren Tee gegeben habe, besteht aus der getrockneten, gemahlenen Blüte.»
 

Ich entdeckte Mörser und Stößel, sowie andere Verarbeitungsutensilien auf dem Tisch. Diese schienen schon älter zu sein – durch die starken Gebrauchsspuren schloss ich, dass sie schon mehrere Generationen in Verwendung sein mussten.
 

«Ihr müsst wissen, dass die Versorgungstouren seit dem Wirtschaftseinbruch in unserem Dorf nicht mehr so zuverlässig eingehalten werden und wir deshalb immer mal wieder unter Knappheit leiden. Auch was die Arzneien angeht. Die Pflanze hat uns da hinsichtlich schon einige male aus einer Notsituation geholfen. Der Wirkstoff in der Blüte ist nicht zu unterschätzen, deshalb reicht meist schon eine Priese. Eure Größe und Statur bedacht, bin ich bei euch von einer Messerspitze ausgegangen. Jedoch darf sie nicht zu lange eingenommen werden, da sie ansonsten andere Probleme verursachen kann.»
 

Ich hatte zwar nicht nach Details gefragt, doch unterbrechen tat ich sie trotzdem nicht. Vielleicht waren mir diese Informationen irgendwann noch nützlich, auch wenn sie im ersten Moment nicht so erscheinen mochten.

Obwohl ich in all den Jahren einiges an Wissen angesammelt hatte, war mir diese Pflanze fremd. Deswegen wollte ich sie mir genauer ansehen und trat neben Misaki, worauf das Mädchen heftig zusammenzuckte.
 

Ich zog die Brauen zusammen, warf ihr einen Blick von der Seite zu.
 

Obwohl sie sich damit lächerlich machte, war es beinahe amüsant, wie schreckhaft sie war. In meiner Nähe fühlte sie sich sichtlich unwohl. Vielleicht hatte Shous Paranoia schon auf sie abgefärbt. Wobei zugegeben, ganz unberechtigt war diese nicht.
 

«D-deshalb...», stotterte sie kleinlaut und verstummte. Ich nahm meinen unangenehm stechenden Blick auch dann nicht von ihr, als sie diesem nicht mehr standhielt, zittrig einatmete und anfing nervös ihre Hände zu kneten.
 

«D-deswegen versteht ihr bestimmt, dass, uhm... dass das wohl der letzte Tee sein wird, den ich euch g-guten Gewissens geben kann. Da es euch jedoch besser zu gehen scheint, bin ich zuversichtlich, dass euer Körper mit dem Rest auch so fertig werden wird.»
 

Ich wandte mich zu ihr und ging noch einen Schritt auf sie zu, bis ich unmittelbar vor ihr stand. Eingeschüchtert sah sie zu mir auf. Ich überragte sie um gute zwei Kopflängen. Mein Blick wanderte über ihre zarte Gestalt – die hochgesteckten Haare mit der hübschen Stecknadel, die dezent geschminkten Lippen und der verzierte Kimono, den sie heute trug, obwohl keine Festlichkeiten bevorstanden.
 

«Lass mich dir etwas sagen, Mädchen», setzte ich in dunklem Ton an und hob meine Hand, worauf sie blinzelnd wegzuckte, als befürchtete sie, ich würde ihr etwas antun. Dabei schnippte ich nur gegen ihren Ohrring.
 

«Hidan lässt sich davon nicht beeindrucken. Es bleiben dir zwar nur noch ein paar Tage, aber wenn du ihm näher kommen willst, versuch es mit weniger Schminke, dafür echtes Interesse an seiner Religion und...» Ich musste einen Moment überlegen und mir wurde schlagartig bewusst, wie wenig ich eigentlich über Hidan wusste. «Er liebt Essen. Also warum lädst du ihn nicht ein? Mit Fleisch punktest du bei ihm am meisten.»
 

Da Hidan und ich nie wirklich tiefergehende Gespräche geführt hatten, waren meine Tipps dementsprechend oberflächlich. Die Punkte mit dem Essen und seiner Religion waren Dinge, die jeder wusste, der eine Woche mit Hidan verbrachte. Dazu war ich mir gar nicht sicher, ob Hidan tatsächlich keinen Wert auf Äußerlichkeiten legte. Mir war jedenfalls nicht aufgefallen, dass er sich auf der Straße großartig nach zurechtgemachten Frauen umdrehte. Bewusst darauf geachtet hatte ich jedoch auch nie.

Die Realisation traf mich wie ein Schlag. Wir waren nun schon eine ganze Weile Teampartner und ich war ihm nicht viel näher als ein Fremder. Meine Ahnungslosigkeit was Hidan betraf, hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Und auf einmal bedauerte ich es, ihm nie Fragen gestellt zu haben und verspürte das dringende Bedürfnis, das nachzuholen.
 

«Uhm, w-wie b-bitte?», stotterte Misaki überfahren, ehe sie vor Scham dunkelrot anlief. «I-ich... woher wisst ihr, ich m-meine... denkt ihr wirklich er... und ich, d-das–»
 

«Sprich in ganzen Sätzen, wenn du was wissen willst.»
 

«Verzeiht! Denkt ihr, er wird die Einladung annehmen?», fragte sie hoffnungsvoll.
 

«Woher soll ich das wissen? Finde es selbst heraus oder lass es. So oder so, wir werden bald fort sein. Ach, aber richte ihm was von mir aus. Sag ihm, dass ich weiß was er versucht und er es sich sparen kann. Das zieht bei mir nicht. Er soll machen was er will, es ist mir egal.»
 

«Was soll das bedeuten? Ich verstehe nicht.»
 

«Er wird schon wissen was ich meine.»
 

«Uhm, o-okay? Ich–»
 

«Misaki!», kam es aus Richtung Tür, in der Shou plötzlich stand und uns besorgt musterte. «Alles in Ordnung? Du warst so lange weg...»
 

Man sah Shou an, dass es ihn aufs tiefste beunruhigte, seine Enkelin allein mit mir in dieser dunklen Kammer vorzufinden. So unbegründet die Sorge um Misaki zu Anfang gewesen war, je mehr er versuchte sie von mir fernzuhalten, desto mehr reizte es mich, seine Befürchtungen wahr werden zu lassen.
 

Das Mädchen nickte, gab ein schlichtes Ja von sich, bevor Shou sie zu sich winkte.
 

«Komm», meinte er und sie gehorchte. Der Alte warf mir einen letzten, verachtenden Blick zu, ehe er seiner Enkelin in die Küche folgte.
 

Ich sah ihnen nur kalt nach.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Time slows down when it can get no worse

I can feel it running out on me

I don't want these to be my last words

All forgotten 'cause that's all they'll be

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Dass Hidan die Einladung annahm überraschte mich nicht. Er erzählte mir am folgenden Tag davon.
 

Ob ihn meine Nachricht über Misaki bereits erreicht hatte, ließ er jedoch nicht durchblicken. Doch das würde sie schon noch. Spätestens wenn die beiden sich zum Essen trafen.

Ich war mir noch immer nicht ganz sicher, was er mit der ganzen Aktion bezwecken wollte. Dass er ganz bewusst etwas damit auslösen oder provozieren wollte, stand jedoch außer Frage. In der Hinsicht kannte ich meinen Partner. Es gab einen Grund warum Hidan plötzlich so viel Zeit mit dem Mädchen verbrachte. Spätestens seit dem schelmischen Grinsen, als ich die beiden im Garten gesehen hatte, war der Fall klar.
 

Was auch dahinter steckte – Hidan würde durch Misaki nicht die geringste Gefühlsregung aus mir herausbekommen. Da konnte er sich noch so sehr ins Zeug legen.
 

Die Sache mit Misaki war nicht der einzige Auslöser für die Spannungen, die sich zwischen Hidan und mir aufgebaut hatten. Es kam mir nun doch ganz gelegen, dass wir in separaten Zimmern untergebracht worden waren. Ich wusste nämlich nicht, ob ich zurzeit ein Bett mit ihm würde teilen wollen.
 

Hidan hatte mir bisher noch immer keine Erklärung abgegeben – jedenfalls keine klare, vernünftige, die ich verstanden hätte – warum er sich mir verwehrt hatte. Warum er mir erst Dinge versprach, die er mir dann doch nicht geben wollte. Erst war er ganz klar auf Sex aus gewesen und hatte es auch so kommuniziert, nur um mich mit einem läppischen Handjob abzufertigen. Was nicht mal halb so befriedigend war, als das, was ich mit ihm vorgehabt hätte.

Doch das Frustrierendste blieb immer noch, dass ich nicht wusste woran ich war. Wie sollte ich Hidan auch einschätzen können, wenn er mittendrin gefühlt drei mal seine Meinung änderte? Obendrauf kam nun auch noch die Aktion mit Misaki.
 

Das war mir schlichtweg zu dumm. Hidan brauchte erstmal nicht mehr bei mir ankommen. Jedenfalls nicht, wenn er auf etwas hinaus war, aber im selben Zug nicht bereit war, den Weg bis zum Ende zu gehen.
 

Da war ich radikal.
 

Ich wollte ein klares Ja oder Nein haben und auf alles dazwischen, was mich... verunsicherte, konnte ich verzichten. Denn ich hatte genug Energie und Lebenszeit an Leute verschwendet, die nicht wussten was sie wollten.
 

«Du hattest echt recht was die Kleine angeht», kam es aus Richtung Bad.
 

Hidan hatte sich vor einer Weile darin verzogen, um eines seiner Rituale abzuhalten. Währenddessen hatte ich den Futon an die Wand geschoben und es mir mit einem Buch darauf gemütlich gemacht.
 

Seit Beginn unserer Partnerschaft waren seine Rituale nicht nur deswegen ein Streitthema gewesen, weil es uns stark ausbremste, sondern auch weil es Hidan ganz offen auslebte. Auf Reisen war das an sich kein Problem. In unserem Job trafen wir oft genug auf feindlich gesinnte Shinobi, die ihm als Opfergabe zu Verfügung standen. Sobald wir jedoch an einem Ort etwas länger blieben, war der Ärger vorprogrammiert. Nicht nur, dass mein Partner mit seiner makaberen Inszenierung eine Menge Aufsehen erregte, auch die Leben, die er opferte, wurden scheinbar wahllos ausgesucht. Ich war nicht nur einmal Zeuge davon geworden, wie mein Partner mitten auf der Straße einen Passanten abstach.
 

Befanden wir uns zu diesem Zeitpunkt in einer größeren Ortschaft, wurden wir entweder fortgejagt oder uns wurden zwei dutzend Shinobi auf den Hals gehetzt. War es nur ein kleines Dorf, hatten die Bewohner zu viel Angst vor uns, als dass sich uns jemand in den Weg stellte. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, uns anderweitig spüren zu lassen, dass wir nicht erwünscht waren. Sie entzogen uns jegliche Privilegien. Niemand beherbergte uns mehr oder gab uns Auskunft irgendwelcher Art.

Unannehmlichkeiten die nicht sein müssten. Und da ich mir die verdiente Rast zwischen den langen Reisen nicht nehmen ließ und dabei auch mal meine Ruhe haben wollte, hatte ich ihm dieses Verhalten sehr schnell ausgetrieben.
 

Seither nahm er sich zurück und hielt seine Rituale in der Zivilisation nur noch im Verborgenen ab. Doch warum er dafür jetzt gerade mein Bad beanspruchte, war mir schleierhaft.
 

«Hätte nur nicht gedacht, dass sie sich traut einen Schritt auf mich zuzugehen, wo sie mir doch kaum in die Augen schauen kann, ohne gleich rot anzulaufen. Hättest sie mal sehen sollen, als sie mich gefragt hat. Sie hat so sehr gestammelt, ich hätte fast nicht gecheckt was sie von mir will.»
 

Ein spöttisches Auflachen drang aus dem türlosen Durchgang der ins Bad führte.
 

Ich nahm die Information zwar auf, ging jedoch nicht darauf ein und konzentrierte mich stattdessen aufs Lesen.

Alte Bücher und Schriften zu studieren war eine meiner geheimen Leidenschaften – nur war ich seit meinem Beitritt bei Akatsuki zu beschäftigt gewesen, um mich ihr noch allzu oft zu widmen. Es gab zwar immer wieder Pausen zwischen unseren Jobs, in der ich dafür theoretisch Zeit gehabt hätte. Doch wir verweilten nur selten länger an einem Ort und Bücher mit sich zu führen, wenn man ständig unterwegs war, war ziemlich unpraktisch.
 

Das Buch, das ich mir am gestrigen Tag aus einem Regal in der Lobby genommen hatte, war bedauerlicherweise eher zweitklassige Lektüre. Ich legte es dennoch nicht aus der Hand. Es war immer noch besser sich beim lesen zu langweilen, als es zu tun ohne irgendeine Tätigkeit auszuüben.
 

«Ey, hörst du mir zu?»
 

Ein Keuchen ertönte, ehe Hidan im nächsten Moment blutbesudelt und mit Loch in der Brust aus dem Bad trat. Ich warf ihm nur kurz einen Blick über den Seitenrand zu, ehe ich mich wieder dem Buch widmete.
 

«Wenn du deine stumpfsinnigen Suizide schon nicht lassen kannst, dann begeh sie wenigstens wo anders. Du blutest mir alles voll.»
 

«Stumpfs–?! Du nennst Jashin-samas heiliges Ritual nicht wirklich stumpfsinnig, oder? Fuck, Kakuzu, du bist echt verloren. Außerdem hast du nicht das Recht dich zu beschweren! Weil, du warst es doch, der meinte, dass ich mich benehmen soll. Ich kann aus meinem Ritual auch liebend gern ne Show für die Hinterwäldler hier machen. Es juckt mich ja schon seit unserer Ankunft in den Fingern, einen von ihnen dafür abzuschlachten. Meine letzte Opfergabe ist sowieso schon viel zu lange her. Jashin-sama wird langsam ungeduldig, ich kann es spüren.»
 

«Du hast dich doch eben selbst geopfert. Reicht das deinem Gott nicht?»
 

«Himmel, Kakuzu, du hörst mir echt nicht zu wenn ich drüber rede, oder? Das sind natürlich zwei verschiedene Dinge! Jashin-sama fordert das ein, was ihm zusteht: die Seelen der Ungläubigen. Ich, sein Diener, bin das Werkzeug, das ihm diese Seelen zuführt. Das Ritual ist aber nicht nur dafür da. Wenn ich es an mir selbst durchführe, wird ihm kein Leben geopfert und auch keine Seele übertragen. Es dient der Besänftigung und ist gleichzeitig Beweis meiner demütigen Treue, da Jashin-sama das Geschenk der Unsterblichkeit jederzeit von mir nehmen könnte. Auch wenn ich mich in diesen Momenten Lord Jashin so nah wie sonst nie fühle, bin ich–»
 

Hidan verstummte abrupt, als sich unsere Blicke ineinander verhakten. Einige Sekunden sagte er nichts, bevor er augenverdrehend ein ach, vergiss es ausstieß, das Blut aus seinem Mundwinkel wischte und damit seinen Monolog beendete.
 

Er hatte sich wohl wieder daran erinnert, dass es sinnlos war, mir das alles zu erklären. Ich war überzeugter Atheist und Religion interessierte mich nicht. Das hatte ich ihm schon mehrfach klar machen müssen. Verbal und, wenn er anfing mir seinen Glauben in penetranter Manier aufdrängen zu wollen, auch schon mal mit Gewalt. In dieser Hinsicht hatte ich keine Geduld und war äußerst reizbar.

Nur hatte er meinen Blick eben missverstanden – dieses mal hatte ich gar nicht vor gehabt ihn abzuwürgen. Wäre vielleicht auch bereit gewesen meine atheistischen Ansichten beiseite zu schieben, um ihn zumindest einmal ausreden zu lassen.
 

Ich räusperte mich, nahm das eigentliche Thema wieder auf.
 

«Wenn du dich an den Leuten vergreifst oder allgemein zu viel Aufsehen erregst so lange wir hier sind, dann mache ich dich einen Kopf kürzer.» Nicht das erste mal, dass ich diese Drohung aussprach. Doch deshalb war sie nicht weniger ernst zu nehmen und Hidan wusste das.
 

Dieser schnaubte.
 

«Ja, ja, dann beschwer dich verdammt noch mal nicht, wenn ich für mein Ritual dein Bad nutze. War ja eh schon eingesaut. Da ist es doch eh der beste Ort, den du mir dafür hättest vorschreiben können.»
 

Obwohl ich ihm damit recht geben musste, kommentierte ich seinen Punkt nicht und ließ es so stehen. Dann lenkte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf das Buch, las den letzten Abschnitt und blätterte auf die nächste Seite.
 

«Ey.»
 

«...»
 

«Ey, Kakuzu.»
 

«Was?», grummelte ich, ohne aufzublicken.
 

«Ich...» Er hörte sich näher an, als hätte er ein paar Schritte auf mich zu gemacht. «Wer ist Suiko?»
 

Diese Frage erwischte mich kalt. Innerlich erstarrt, blieben meine Augen am letzten Wort des Satzes hängen.
 

«Woher hast du diesen Namen?»
 

«Von dir. In der ersten Nacht, als du so abgekackt bist, hast du–»
 

«Hab ich noch was gesagt?», schnitt ich ihm harsch das Wort ab und fügte einen Moment später hinzu: «Und hör auf das so zu nennen.»
 

«Eh? Nein... nicht, dass ich es mitbekommen hätte. Und wie soll ich es denn sonst nennen?!»
 

Ich las weiter, jedoch wollte der nächste Satz auch beim dritten und vierten mal keinen Sinn ergeben. Ich war vollkommen raus.
 

«Nur jemand von früher. Niemand Besonderes.»
 

«Früher?»
 

«...»
 

«Wann früher? Bei dir kann das alles bedeuten.»
 

«...»
 

«Besonders genug, dass du im Fieberwahn ihren Namen nennst», stellte Hidan fest, was mich einen leisen Seufzer ausstoßen ließ.
 

«Mag sein, doch das war ein anderes Leben. Es gibt keinen Grund darüber zu reden. Sie müsste sowieso längst tot sein.» Mein Tonfall war kühl und abweisend, wodurch deutlich werden sollte, dass ich nicht mehr dazu zu sagen hatte. Ich war nicht in der Stimmung alte Geschichten auszugraben.
 

Meine Vergangenheit um Suiko war eine verheilte Wunde die noch immer schmerzte.
 

Es war nicht direkt sie, die Schuld daran hatte, dass ich nie so richtig damit hatte abschließen können. Wenn ich an meine erste Liebe dachte, empfand ich nichts. Nicht sie ließ mich reumütig werden, sondern das, wofür sie stand. Das Leben, das ich mit ihr hätte führen können, wenn… wenn das Schicksal mich nur nicht so hart gefickt hätte. Doch wenn ich eines gelernt hatte, dann, dass es einen nur selbst schadete, Verlorenem hinterher zu trauern.
 

Also hatte ich Suiko zum Tabu erklärt. Und ich beabsichtigte nicht das rückgängig zu machen.
 

«Dann stammte sie aus deinem Heimatdorf? Meintest du das mit früher
 

Hidan wollte wohl trotz allem nicht locker lassen und verknüpfte die Anhaltspunkte, die ich ihm unbeabsichtigt gegeben hatte, auch noch richtig miteinander. Wenn er doch nur im Kampf seinen Kopf so anstrengen würde.
 

«Hidan», mahnte ich ihn genervt.
 

«Komm schon, sei nicht so! Du erzählst sonst nie was von dir. War sie deine Schwester oder deine Mutter? Vielleicht auch Freundin?»
 

«Hidan, ich lese», knurrte ich dunkel. «Tu mir den Gefallen und geh jemand anderen auf den Sack.»
 

«Zur Hölle, da stößt man einmal auf was Interessantes...» Er motzte und jammerte noch eine Weile unverständliches Zeug vor sich hin, bis er irgendwann still war.
 

Ich hatte mich währenddessen wieder in das Buch vertieft, blendete seine Anwesenheit dieses mal komplett aus. Das gelang mir jedoch nur so lange, bis ich etwas an meinem Bein spürte.
 

«Was wird das?»
 

Ich schielte von meinem Buch zur Seite runter. Hidan hatte die Beine an den Körper gezogen und sich neben mir eingerollt wie eine Katze. Sein Kopf ruhte dabei auf meinem Oberschenkel.
 

«Du weißt doch, dass ich immer scheiß müde werde, wenn mein Körper dabei ist sich zu regenerieren. Also lass mich in Ruhe, ich will mich kurz hinlegen.»
 

Mit kleineren Wunden wie das Loch in seiner Brust – auch wenn sie noch so fatal waren – kam er meist klar ohne dafür eine extra Ruhephase zu benötigen.

Er war schon öfter mit durchbohrtem Körper noch etliche Kilometer weit gelaufen, ohne dass er dabei übermäßig angeschlagen auf mich gewirkt hätte. Natürlich konnte er dabei seine Klappe nie halten und ließ sich darüber aus wie anstrengend und beschwerlich der Weg doch war, warf mir vor ihn zu hetzen, während er mir nebenbei ellenlange Beleidigungen an den Kopf schleuderte.
 

Nur hatte das nichts zu bedeuten. Das tat er selbst wenn er in Topform war.
 

Deswegen kaufte ich ihm nicht ganz ab, dass er jetzt so müde sein sollte, dass er sich hinlegen musste. Mal davon abgesehen, dass selbst das nicht erklärte, warum er dafür mich belagerte. Der Futon stand mit der kurzen Seite zur Wand, somit lag Hidan auf dem harten Fußboden. Das hielt diesen jedoch nicht davon ab, die Augen zu schließen und es sich bei mir bequem zu machen.
 

Ich ließ ihn und sah davon ab, ihm seine Bedürftigkeit unter die Nase zu reiben.
 

Eine Weile beschäftigte ich mich weiter mit meinem Buch, während von Hidan nur leise Atemzüge zu hören waren. Ich dachte dabei über etwas nach, was mein Partner zuvor gesagt hatte. Als es mir auch nach zwei mal umblättern nicht aus dem Kopf gehen wollte, sprach ich es schließlich an.
 

«Wenn du sagst, dass dein Gott leer ausgeht, wenn du dich ihm selbst opferst, bedeutet das dann, du hältst dich für seelenlos?»
 

Auch wenn sich Hidan seither nicht bewegt hatte, wusste ich, dass er nicht schlief. Ich sollte recht behalten, denn er antwortete mir beinahe sofort.
 

«Scheiße, ja», flüsterte er. «Anders hält man es in dieser Dreckswelt doch nicht aus.» Er lachte leise auf, obwohl es sich nicht so anhörte als würde er scherzen.
 

«Dann glaubt man als Jashinist, dass man als solcher ohne Seele geboren wird?»
 

«Nein. Jeder besitzt eine Seele. Meine ist bei Lord Jashin. Er hat sie zu sich geholt an dem Tag, an dem ich gestorben bin und hält sie seither bei sich.»
 

Ich fragte mich, ob mit gestorben einer seiner üblichen Tode gemeint war, doch dafür hätte Hidan es nicht so betonen müssen. Er musste von einem speziellen Ereignis sprechen. Mein Partner stellte sich selbst oft genug als mit Leib und Seele verschriebener Diener seines Gottes dar, doch wenn man seine Erklärung objektiv betrachtete, unterschied er sich nicht allzu sehr von einem Sklaven.
 

Dann kam mir ein Gedanke. War vielleicht das der Grund für Hidans Rückzieher?
 

«Gibt es in deinem Glauben auch irgendwelche... Verbote?»
 

«Klar, ein paar. Warum?»
 

«Zum Beispiel?»
 

«Warum fragst du? Ich dachte du glaubst nicht an all das?»
 

«Tu ich auch nicht.»
 

«Du bist echt hoffnungslos verloren, Kakuzu. Solltest du irgendwann sterben, blüht dir die endlose Verdammnis.» Er seufzte, ehe er etwas leiser hinzufügte: «Auch wenn Jashin-sama keine Ausnahmen macht und einen Sünder wie dich in keinem Fall verschonen würde, ich... ich hab trotzdem angefangen für deine Seele zu beten.»
 

Er redete zwar wieder Bullshit, aber... fuck. Das traf einen weichen Punkt.
 

Ich sah erneut hinunter auf seine schlafend aussehende Gestalt und konnte nicht anders. Meine Finger versanken in die unerwartet seidigen Strähnen, meine Hand kam auf seinem Haupt zur Ruhe.
 

«Idiot», sagte ich, in einem viel zu sanften Ton, ehe ich einhändig weiterlas.
 

Shit. Wenn ich nicht aufpasste, erweckte er auf einmal noch meine softe Seite wieder zum Leben.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Now there's only one thing I can do

Fight until the end like I promised to

Wishing there was something left to lose

This could be the day I die for you

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Es war der Abend vor unserer Abreise und ich kehrte soeben aus dem Dorf zum Kurhaus zurück.
 

Ich hatte mir bei dem schweigsamen Händler Vorräte besorgt – größtenteils Trockenfleisch, Reis und gedörrte Früchte, dazu ein paar Gewürze. Kein Festmahl, doch ich war schon mit weitaus weniger ausgekommen.

Ich war das erste mal wieder draußen unterwegs und hatte mir dementsprechend meine normale Kleidung angezogen. Diese hatte seit Tagen ordentlich gefaltet in meinem Zimmer für mich bereit gestanden. Da sie nicht allzu schlimm beschädigt worden war, hatte das Mädchen sie für mich gewaschen.
 

So befreiend es auch gewesen war die Stoffschichten abzulegen und aufzuatmen, so beruhigend war es, nun wieder verhüllt zu sein. Der weiche Stoff des Mantels auf meiner Haut, das Stirnband am rechten Platz, meine Mimik verborgen, mein Handeln für mein Gegenüber uneinschätzbar.
 

Das alles. Es fühlte sich wieder an wie ich.
 

Zudem hatte ich genug von diesem Ort und dem trüben Wetter, konnte unseren Aufbruch kaum noch abwarten. Es stand mir nur noch ein Abend und eine Nacht bevor und ich plante, diese entspannt mit einem Buch in meinem Zimmer zu verbringen. Die Route für morgen hatte ich bereits kalkuliert, so weit es mir möglich war jedenfalls. Sobald wir die Sümpfe durchquert hatten, würden wir uns in den umliegenden Dörfern erneut umhören müssen. Doch sollte der Kerl die Richtung beibehalten, wäre die Nordküste nicht mehr allzu fern. Was auch immer er vor hatte, er steuerte geradewegs in eine Sackgasse. Dort war nichts außer das Meer und vielleicht war das die Gelegenheit ihn endlich zu schnappen.
 

Mit dem Beutel voll Proviant ging ich den Pflastersteinweg zum Kurhaus hinauf und betrat das Anwesen. Die Lobby bestand aus einem Empfangsbereich mit Tresen, der seit Ausbleiben der Gäste jedoch nicht mehr aktiv genutzt wurde. Ein paar gut platzierte Pflanzen sowie ein großes Bücherregal rundeten die Einrichtung ab.

Ich überflog die Buchrücken auf der Suche nach einem ansprechenden Titel. Als mein Blick an einem möglichen hängen blieb, wollte ich danach greifen, um mir den Klappentext durchzulesen. Auf halbem Weg hielt ich jedoch inne. Starrte auf meine Hand.
 

Sie zitterte.
 

Als wäre es erst nötig gewesen diese Beobachtung festzuhalten, brachen sogleich weitere Symptome über mich herein wie Donner über das Land. Meine Eingeweide wurden von Blitze durchzuckt, die eine plötzliche Übelkeit in mir auslöste. Mein Mund füllte sich mit Speichel und am liebste hätte ich ausgespuckt. Ich brach in kalten Schweiß aus, während mir meine Hand vor Augen verschwamm. Mein Körper gelähmt, mein Denken eingefroren, wurde ich zum Fremden, der nur zusehen konnte, wie die Hand vor mir haltsuchend nach dem nächstbesten Strohhalm griff. Bücher segelten zu Boden, als sich meine Nägel in das Holz der Ablage gruben, während mein Körper wankend gegen das Möbel schlug. Ich trotzte dem Schwächegefühl, ließ mich nicht davon zu Boden reißen, auch wenn es ein Kampf war.
 

Benommen und mit versagenden Sinnen, blieb das Geräusch zu meiner Linken jedoch nicht von mir ungehört. Da war jemand. Und diese Erkenntnis allein genügte, damit sich meine Sicht sofort klärte. Es kehrte so viel Kraft zu mir zurück, dass ich mich mühevoll hochziehen und halbwegs gerade hinstellen konnte.
 

«Wie lange?»
 

Ich hatte mich nicht getäuscht. Durch das Rauschen in meinen Ohren hatte ich die Stimme jedoch nicht zuordnen können. Also fasste ich mich und wandte meinen Kopf zur Seite.
 

«Wie lange plagt euch das schon?», wiederholte Shou seine Frage und ich spürte eine Last von mir fallen.
 

Es war nur der alte Mann. Von allen Personen die dort hätten stehen können, war es jene, mit der ich am ehesten leben konnte.
 

«Ich weiß nicht wovon ihr sprecht», grollte ich.
 

Eine offensichtliche Lüge. Es war längst zu spät, um dem Alten etwas vorzumachen. Das wussten wir beide.
 

«Es wird nicht besser werden, indem ihr es ignoriert.»
 

«Was wisst ihr schon», knurrte ich erzürnt. «Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten.»
 

«Ich habe lange genug Misakis Mutter, meine Tochter gepflegt, um einen Kranken zu erkennen wenn er vor mir steht.»
 

Ich wandte meinen Blick ab, sah zu Boden. Der Beutel mit Proviant lag zu meinen Füßen – ich musste ihn in der Not fallen gelassen haben. Meine Arme zitterten, doch die aufkommende Wut erfüllte mich mit Kraft. Kurz schloss ich die Augen und drängte die Übelkeit zurück, ehe ich mich leicht vom Regal abstieß. Langsamen Schrittes ging ich auf Shou zu, um mich direkt vor ihm aufzubauen.
 

Mit stechend kaltem Blick sah ich auf den Greis hinunter, der in meinem Schatten immer kleiner zu werden schien.
 

«Verliert noch ein Wort darüber und ich werde eurer Enkelin Dinge antun, die euch noch lange danach bis in eure Alpträume verfolgen werden. Es wird nicht schnell vorbei sein, ich werde mir Zeit lassen. Und glaubt mir, ich kann dafür sorgen, dass ihr hinseht, damit ihr auch ja nichts verpasst.»
 

Damit ging ich an dem erstarrten und kreidebleich gewordenen Kauz vorbei und lief mit donnernden Schritten den Gang hinunter. Als mein erhitztes Gemüt langsam abkühlte und das Ohnmachtsgefühl drohte zurückzukehren, wurden meine Schritte schneller, bis ich schließlich das letzte Stück schnaufend bis in die Küche hastete.
 

Dort begrüßten mich ungespülte Töpfe und Pfannen auf dem Herd, ein heilloses Chaos auf der Anrichte, sowie gedämpfte Stimmen aus dem Esszimmer. Und dann fiel es mir wieder ein.
 

Das Essen. Hidan und Misaki befanden sich im Nebenraum.
 

So wenig Lärm wie möglich verursachend, stolperte ich die letzten Meter auf weichen Knien zu den Schränken und stützte mich auf der Anrichte ab. Ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln, da mir beinahe schwarz vor Augen wurde. Tief atmete ich ein und aus, im Versuch meinen Puls zu beruhigen, bevor ich zittrig den Schrank öffnete.
 

Nein... nein! Das durfte nicht sein!
 

Mein Herz rutschte mir in die Hose – das Fläschchen mit dem Pulver war nicht da. Und auch in den oberen Ablagen war es nirgends zu finden. Hatte Misaki es irgendwo anders hingestellt?

Panisch riss ich Schrank um Schrank auf und keuchte erleichtert auf, als ich das kleine Gefäß schließlich in meine Hand schloss.
 

Ich hatte mich bloß im Schrank geirrt.
 

Beinahe war ich versucht mir die Medizin wie ein Wilder in den Rachen zu kippen, besann ich mich jedoch und maß mir eine Messerspitze ab. Ich sparte mir den Aufwand einen Tee zu machen und nahm es einfach so ein. Sofort verzog ich das Gesicht – das Pulver in Reinform war ohne Geschmackszusatz extrem bitter. Dazu war ein ganzes Glas Wasser nötig, bis ich das Gefühl von Sand im Mund los bekam.
 

Langsam klang die Aufregung und die Panik ab. Ich versuchte die Schande über meine jämmerliche Verfassung runterzuschlucken, starrte das Fläschchen vor mir emotionslos an und wartete darauf, dass die Medizin anfing zu wirken.

Kraftlos sank ich langsam in mich zusammen, bis ich mit meinem Oberkörper halb auf der Anrichte zum liegen kam. Mir blieb nur die Möglichkeit so zu verharren oder das Risiko in Kauf zu nehmen und auf dem Weg in mein Zimmer zusammenzubrechen. Die Wahl war schnell getroffen. Meine Knie fingen heftig an zu beben, kaum dass ich mein Gewicht auf die Beine verlagerte. Dem Ganzen setzte Hidans laute, amüsierte Lache, die dumpf durch die Wand drang, noch die Krone auf.
 

Meine Faust schloss sich um das Fläschchen, meine Stirn sank wie zum Stoßgebet dagegen. Ich konnte es nicht mehr länger abtun, musste es mir eingestehen. Irgendwas stimmte nicht mit mir.
 

Ich wusste nicht was es war. Aber die Medizin hatte nicht geheilt, sondern nur unterdrückt. Und ohne regelmäßige Einnahme kam es zurück. Es war keine außergewöhnliche Beobachtungsgabe nötig, um es zu bemerken. Die zeitlichen Abstände, die Symptome...
 

Es wurde schlimmer.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

What do you see before it's over?

Blinding flashes getting closer

Wish that I had something left to lose

This could be the day I die for you

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Gift


 

15. Gift

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Geschenk.
 

Eine Geste der Wertschätzung. Ein Zeichen der Zuneigung. Ich hatte wenige Geschenke erhalten und noch seltener welche gemacht. Oft waren sie mit Erwartungen verknüpft, schnell geriet man in jemandes Schuld.
 

Doch manchmal war der Gedanke dahinter selbstlos.
 


 

Der Holzboden knarzte bei jedem Schritt.
 

Auf der Suche nach meinem Partner lief ich den Gang entlang. Es war längst Zeit aufzubrechen. Hidan war spät dran und meine Geduld neigte sich dem Ende. Die Morgensonne schien gegen die hellblau verkleideten Wände und ich zählte die vorbeiziehenden Türen. Drei. Vier. Bei der nächsten blieb ich stehen und lauschte.
 

Aus dem Zimmer war etwas zu vernehmen – leise und unbestimmbar.
 

Bereits als ich die Tür zur Hälfte aufgeschoben hatte, stellten sich die Geräusche deutlich als wohlige Seufzer heraus. Zum abgehackten Atmen der beiden, die dort in einer eindeutigen Pose auf dem Futon zugange waren, gesellte sich das Geraschel von Stoff hinzu, welches im selben Takt zum vorstoßenden Becken zu vernehmen war. Die Wangen des Mädchens zierte eine zarte Röte, ihr Blick war verklärt zur Seite gerichtet, ihre Lippen halb geöffnet. Einige Strähnen ihres braunen Haares hatten sich aus der Frisur gelöst. Ihre Arme waren, wie bei einer sinnlichen Malerei, um ihr Gesicht gerahmt. Der junge Leib hatte sich dem obigen vollkommen hingegeben.

Der verrutschte Kimono entblößte eine kleine, wohlgeformte Brust, an dem sich ein eifriger Mund zu schaffen machte. Zunge und Lippen umspielten neckend die abstehende Knospe, was dem kleinen Körper weitere lustgetränkte Laute entlockte, ihn zum erbeben brachte. Die blassen Schenkel zogen sich verlangend enger um die Hüfte des anderen, welcher sich frivol in den Schoß des Mädchens versenkte.
 

Die beiden mussten die Tür zweifellos gehört haben. Dennoch ließen sie sich davon nicht stören und trieben es schamlos weiter miteinander.
 

Als Hidan von Misakis Brust abließ, traf sein Blick den meinen. Ein anrüchiges Grinsen umspielte seine Lippen, während er sich verwegen über diese leckte. Er machte eine Show daraus, provozierte mich mit voller Absicht. Sein Ausdruck triefte vor Häme, als er in obszöner Manier tiefer in das Mädchen stieß und diesem damit einen spitzen Laut entlockte.
 

Erschrocken fuhr ich hoch, nur um festzustellen, dass ich geträumt hatte.
 

Leise fluchend ließ ich mich zurück auf den Futon sinken. Ich fuhr mir über die müden Augen, massierte mir kurz die Schläfen, ehe ich zerknirscht hoch schaute und die Decke anstarrte. Den hämmernden Schmerz in meiner Schädeldecke versuchte ich dabei zu ignorieren.
 

Es war noch dunkel draußen, jedoch konnte man bereits die Zikaden zirpen hören. Der Morgengrauen konnte nicht mehr allzu fern sein.

Zumindest hatte ich die Nacht ohne weitere Zwischenfälle überstanden und fühlte mich auch jetzt, bis auf die Kopfschmerzen, nicht allzu schlecht. Nachdem ich es gestern endlich gewagt hatte mich von der Küche in mein Zimmer zu schleppen, war schließlich noch offen gewesen, wie diese verlaufen würde.

Der gestrige Anfall hatte mir eines klar gemacht: es bestand Handlungsbedarf. Ich musste etwas unternehmen, herausfinden was mit mir nicht stimmte. Kurz hatte ich überlegt, ob ich unseren heutigen Aufbruch deswegen aufschieben sollte. Das hatte ich aber schnell wieder verworfen. Egal was mit mir los war, hier gab es nichts, was mir auf lange Sicht helfen würde.
 

Das Pulver war nur eine Zwischenlösung.
 

Mir blieb nichts anderes übrig, als Hilfe zu suchen. Ich musste jemanden finden, der über spezielles Fachwissen verfügte und sich das ansehen konnte. Da ich nicht mehr ganz Mensch war, würde ein normaler Mediziner oder Heiler wahrscheinlich nicht genügen. Das würde nicht einfach werden. Es gab bestimmt nicht viele Personen, die dafür in Frage kamen und das Aufspüren dieser, war noch mal eine andere Sache. Was allerdings die größere Hürde darstellen würde: mich blind in fremde Hände zu begeben.
 

Ich lachte freudlos auf.
 

Ein wenig absurd, dass mein Unterbewusstsein die Sache mit Hidan und Misaki offensichtlich mehr beschäftigte als mein Gesundheitszustand.
 

Ich drehte mich auf die Seite und stieß zischend Luft aus, als ich den Druck in meinen Lenden bemerkte. Tief atmete ich ein und versuchte mein hochkochendes Gemüt zu beruhigen. Die Bilder in meinem Kopf hatten wohl trotz negativen Gefühlen noch eine Wirkung auf mich gehabt. Wie demütigend.
 

Mein eigener Körper hinterging mich gerade schwerer, als es Traum-Hidan getan hatte.
 

Ich blieb liegen bis die Erregung abgeklungen war und stand erst auf, als es draußen allmählich anfing hell zu werden.

Um mich fertig zu machen brauchte ich nicht lange und fand mich kurz darauf in der Lobby ein, um auf Hidan zu warten. Der Beutel mit Proviant lang noch an der Stelle, an der ich ihn am Tag zuvor fallen gelassen hatte. Kaum dass ich ihn an mich genommen und verstaut hatte, tauchte auch schon Shou auf. Er kam nicht zur Verabschiedung. Wahrscheinlich wollte er nur sichergehen, dass wir auch wirklich fort waren.
 

«Wo ist euer Partner?», fragte der Alte.
 

«Trödelt wahrscheinlich. Wie jedes mal.»
 

«Wollen wir dann schon mal die Abrechnung erledigen?» Shou begab sich hinter den Tresen und beförderte eine Kasse zutage. Dann kramte er in den Schubladen und Ablagen nach einem Schlüssel.
 

«Sobald Hidan da ist», erwiderte ich harsch. Allein der Gedanke an ein Minusgeschäft war jedes mal schwer zu ertragen.
 

Der Alte schien nicht glücklich damit, doch Einwände brachte er auch keine vor. Und schließlich warteten wir schweigend.
 

Obwohl ich das Fläschchen mit der Medizin ganz sicher eingepackt hatte, konnte ich es nicht lassen. Ich tastete noch einmal prüfend danach und natürlich war es nicht wie auf wundersame Weise verschwunden, sondern befand sich nach wie vor in meiner Hosentasche.
 

Nach einer Weile des Wartens beschlich mich ein ungutes Gefühl, das ich nicht lange ignorieren konnte. Ungeduld setzte ein, die kaum auszuhalten war. Wo blieb Hidan nur? Es war nicht ungewöhnlich, dass er trödelte und auf sich warten ließ, doch...
 

«Wohin geht ihr?», fragte Shou.
 

«Ich gehe ihn holen.»
 

Der Holzboden knarzte bei jedem Schritt.
 

Auf der Suche nach meinem Partner lief ich den Gang entlang. Es war längst Zeit aufzubrechen. Hidan war spät dran und meine Geduld neigte sich dem Ende. Die Morgensonne schien gegen die hellblau verkleideten Wände und ich zählte die vorbeiziehenden Türen. Drei. Vier. Bei der nächsten blieb ich stehen und lauschte.
 

Aus dem Zimmer war nichts zu vernehmen.
 

Ich zögerte, konnte mich kaum überwinden. Es war alles zu ähnlich wie in meinem Traum. Wollte ich sehen was sich in dem Zimmer abspielte? Schließlich schüttelte ich grunzend den Kopf und wuchtete die Schiebetür energisch auf.
 

Innerlich atmete ich auf, war froh nicht die Szene aus meinem Traum vorfinden zu müssen. Trotzdem war der leere Raum beunruhigend. Mein Blick fiel als erstes auf den Futon, der unbenutzt aussah. Die Decke war ordentlich gefaltet, das Kissen sah aufgeschüttelt aus. Hidan machte sein Bett nicht. Plattgelegen und zerwühlt hätte seine Schlafstätte sein müssen. Doch so war es ausgeschlossen, dass er die Nacht hier verbracht hatte.

Im Gegenzug waren seine Habseligkeiten noch da. Im Zimmer zerstreut lagen die wenigen Shinobi-Werkzeuge, mit denen er arbeitete – die Hüfttasche mit den Kunai und Shuriken, als auch sein Speer, mit dem er sein Ritual meist beendete. Die vom Kurhaus bereitgestellte Kleidung, ein Paar Hosen, Unterwäsche, ein Oberteil, sowie ein dunkler Mantel, lagen unberührt auf der Kommode zu meiner Linken. Benutzte Handtücher auf der Tatami-Matte, sowie nicht weggeräumtes Geschirr vom Vortag auf dem kniehohen Tisch, unterstrichen den chaotischen Charakter meines Partners.
 

Doch keine Spur von Hidan selbst.
 

Ich wandte mich ab, sah den Gang hinunter und entdeckte Shou, der langsam auf mich zu kam.
 

«Habt ihr Misaki heute schon gesehen?»
 

«Was?», rief der Alte verwirrt zurück. «Nein, ich–»
 

«Wo ist das Zimmer des Mädchens?»
 

«Warum? Was wollt ihr von ihr?» Er kam misstrauisch neben mir zum stehen und ich ließ ihn kopfnickend einen Blick ins Zimmer werfen.
 

«Ich glaube es liegt auch in eurem Interesse die beiden zu finden.»
 

Er blinzelte.
 

«Wie meint ihr das?»
 

«Ihr könnt mir nicht sagen, dass es euch nicht aufgefallen ist, so oft wie sie die Tage zusammen verbracht haben. Und nun ist eines ihrer Betten leer.»
 

«Was... was wollt ihr damit andeuten?», knurrte er erzürnt. Anscheinend hielt er an Misakis Unschuld fest und würde stur ihre Ehre verteidigen. Wie tragisch.
 

Dabei wusste ich aus Erfahrung, dass auch die gesittetsten Damen wahre Schlampen sein konnten und die ein oder andere schneller die Beine breit machte als man denken würde. Zwar waren das keine Eigenerfahrungen – sogenannte Damen gaben sich in der Regel nur unfreiwillig mit mir ab – aber ich hatte es oft genug mitbekommen.
 

Auch wenn Shous finstere Miene keine Sekunde wankte, musste ich mit meiner Behauptung Zweifel bei ihm gesät haben. Schließlich ging er kommentarlos an mir vorbei und ich folgte ihm. Bald darauf standen wir vor dem Zimmer des Mädchens.
 

Dieses mal öffnete der Alte die Tür.
 

Ich machte mich erneut auf alles gefasst, redete mir ein, dass es mir egal war, was auch immer Hidan mit irgendwem tat.

Die Sicht wurde freigegeben auf ein rosa akzentuiertes Mädchenzimmer, das zwar sehr viel aufgeräumter, jedoch genauso leer war wie der Raum davor. Das Bett schien ebenfalls so, als hätte heute Nacht niemand darin gelegen. Shou trat ein und sah sich um, rief Misakis Namen, doch eine Antwort blieb aus.
 

Wo zum Teufel steckten die beiden?
 

Wie aufs Stichwort war plötzlich ein Poltern aus der Lobby zu hören. Die Eingangstür? Mein Blick blieb am Ende des Flurs haften, doch aus der Entfernung war nur ein kleiner Teil des Vorraumes einsehbar. Es war soweit niemand zu sehen. Eine Sekunde später eilte Shou an mir vorbei und ich ging ihm hinterher.
 

Der Alte erreichte die Lobby vor mir und kaum dass er einen Fuß über die Schwelle tat, blieb er erstarrt stehen. Als hätte ihn etwas blitzartig getroffen, ging ein Zucken durch seinen gebrechlichen Körper, ehe dieser heftig zu beben anfing.

Als ich zu ihm aufschloss, folgte ich seinem Blick zum Eingang hin und...
 

Hidan war getränkt in Blut.
 

Er sah aus als käme er von einer Schlachtung. Sein gesamter Körper war mit Spritzern und Schlieren bedeckt. Als hätte er seine Hände in Farbeimer getaucht, waren sie bis zu den Gelenken ausnahmslos rot. Kleine Blätter hatten sich in seinem Haar verfangen, sein Yukata war dreckig und saß unordentlich. Wie immer stand dieser in anzüglicher Manier halb offen und man hatte Sicht auf seine nackte Brust. Um seinen Hals vermischten sich unzählige Abwehrspuren, in Form roter Hand- und Fingerabdrücke, und bildeten einen blutigen Kragen.

Hidans Miene war blank. Bis auf seine Augen, die weit aufgerissen waren. Der überdrehte, wahnsinnige Blick lag allein auf mir. Als wäre er besessen, ließ er keine Sekunde lang von mir ab. Shous trostlose Gestalt wurde komplett ignoriert.
 

Was Hidans verstörende Erscheinung noch morbider machte, war die Erregung, die bei ihm nicht nur emotionaler Natur war. Deutlich zeichnete sie sich auch in seinem Schritt ab. Wie hypnotisiert stand mein Partner da und erst als Shou neben mir auf die Knie brach und den ersten leidvollen Schmerzensschrei ausstieß, sah ich ihn.
 

Misakis Kopf.
 

Hidan hielt ihn an den Haaren. Der Körper dazu fehlte. Dickflüssiger Lebenssaft rann aus dem durchtrennten Hals und sammelte sich am Boden zu einer Pfütze.
 

«Nein, nein, nein, nein...» Schluchzend und wimmernd fiel der Alte in sich zusammen. In einer Geste schierem Unglaube und Fassungslosigkeit streckte er die Hand nach Misaki aus, ohne sie zu erreichen.
 

«Du Monster», heulte er, sein Gesicht leidig verzogen, bevor der nächste gequälte Laut aus ihm brach.
 

Durch Shous lautes Geschrei wurde der pochende Kopfschmerz unter meiner Schädeldecke wieder präsenter. Genervt riss ich mich von Hidans Anblick los, zerrte den Alten brutal an seinem schütteren Pferdeschwanz hoch. Er kam jaulend auf die Beine und ich blickte kalt auf sein armseliges Antlitz.
 

«Monster? Ganz recht. Ihr habt euch von einer reinen Hülle täuschen lassen und wart blind für den verdorbenen Kern.»
 

Shou war zu sehr im Horror gefangen, meine Worte erreichten ihn nicht. Doch das war egal. Ich riss seinen Kopf zurück, wodurch sich mir seine Kehle ungeschützt entgegen reckte. Eine schnelle Handbewegung und ein Bruchteil einer Sekunde später war sie mit einem Kunai durchtrennt. Roter Sprühnebel schoss aus dem sauberen Schnitt, traf mich frontal. Die warmen Tröpfchen besprenkelten mein maskiertes Gesicht und ich rümpfte die Nase, ließ den Alten angewidert los. Gurgelnd und röchelnd ging dieser wie ein nasser Sack zu Boden.
 

«Du bist spät dran, Hidan.»
 

Ich spürte den Blick meines Partners auf mir, doch ich drehte mich ihm nicht zu. Stattdessen stieg ich über Shous zuckenden Leib und begab mich hinter den Tresen.
 

«I-ich–»
 

Ich sollte wütend sein – Hidan hatte sich mal wieder nicht an die Abmachung gehalten.
 

«Wenn du dich an den Leuten vergreifst oder allgemein zu viel Aufsehen erregst so lange wir hier sind, dann mache ich dich einen Kopf kürzer.»
 

Er hatte ein Blutbad angerichtet, obwohl ich ihm klar gesagt hatte, dass er das zu unterlassen hatte. Im Normalfall zog das ein gewaltiges Donnerwetter nach sich.
 

«Warum hast du das getan?», fragte ich lapidar, während ich nach dem Schlüssel für die Kasse suchte.
 

Trotz seines Ungehorsams hielt sich mein Groll in Grenzen. Denn insgeheim hatte er mir damit einen Gefallen getan.
 

«Ich dachte, du... wolltest es so. Er ist ein Geschenk.»
 

Ein Rumpeln ließ mich aufsehen und ich beobachtete, wie Misakis Kopf über die Dielen rollte. Er kam nahe Shous regloser Gestalt zum Stillstand. Durch die Drehung hatte sich das Haar um ihren Kopf gewickelt. Dennoch konnte man zwischen den Strähnen noch gut ihr aschfahles Gesicht erkennen. Ihre Mund- und Kinnpartie waren rot verschmiert. Sie musste einiges an Blut gespuckt haben. Ihre Lider waren bedauerlicherweise geschlossen. Zu gerne hätte ich ihre glanzlosen Augen gesehen.
 

«Was hat dich glauben lassen, dass ich das wollen würde?»
 

«Du hast sie gehasst. Oder etwa nicht?» Hidans Stimme überschlug sich beinahe vor Aufregung. «Und sie hat schlecht über dich geredet. Ich habe sie für dich getötet.»
 

Ich schloss die Kasse auf und fing an zu zählen. Geübt glitten die Scheine durch meine Hände und vielleicht war dieses mal nicht nur das Geld allein dran Schuld, dass ich tiefe Befriedigung und ein Hauch Glückseligkeit verspürte.

Mit Zählen war ich viel zu schnell fertig – die Summe war bedauerlicherweise nicht allzu hoch. Dennoch ließ ich nicht eine Münze zurück. Nachdem ich das Geld eingesteckt hatte, kam ich gemächlich hinter dem Tresen hervor.
 

«Was hast du mit Misaki angestellt?», fragte ich, wobei mein Blick erneut seinen Schritt streifte.
 

Hidan leckte sich über die Lippen und näherte sich mir langsam.
 

«Ich habe sie Jashin-sama geopfert.»
 

Ein Leben auszulöschen tat etwas mit einen. Es war mit Adrenalin und einer gewissen Aufregung verbunden. Ein intensives Gefühl von Macht. Die Auswirkungen waren von Person zu Person verschieden. Bei manchen konnte es sogar ein Hochgefühl auslösen.
 

«Und was noch?»
 

Sobald man sich eine längere Zeit mit dem Töten beschäftigte, entwickelte man sich zu einem von zwei Typus. Entweder stumpfte es einen ab und man wurde immun, fühlte dabei gar nichts mehr. Oder man blieb empfänglich für den Sturm an Reizen und Gefühlen, konnte sich sprichwörtlich darin verlieren. Ich war Typus A, Hidan ganz klar B.
 

Allein schon nur sein schweres Atmen und das Glänzen in seinen Augen, als er vor mir stehen blieb, machte es klar. Es gab ihm einen Kick.
 

«Danach habe ich ihr den Kopf abgehackt.»
 

Das eine vorhersehbar, das zweite sehr offensichtlich. Ich war auf etwas anderes aus, wollte etwas bestimmtes von ihm wissen.
 

«Und was noch
 

Mein Partner schien gerade noch in diesem Rausch gefangen zu sein. Dass ihn das nicht nur geistig, sondern auch körperlich anregen konnte, war mir nicht unbekannt. Das war mir bei seinen Ritualen schon das ein oder andere mal aufgefallen. Dennoch musste das nicht bedeuten, dass es dieses mal genau so war und es keinen anderen Grund für seine Erregung geben konnte. Erst recht nicht, wenn eine junge Schönheit darin involviert war.
 

Hidan blieb stumm und mein Verdacht zwang mich dazu weiter nachzubohren.
 

«Was hast du noch mit ihr getan?»
 

Ich hatte es überdeutlich betont, doch Hidans Brauen zucken nur im Anflug von Unverständnis.
 

«Was sollte ich denn noch mit ihr tun?», antwortete er.
 

Es war nicht gelogen. Er klang aufrichtig. Und dass er nicht mal auf die Idee zu kommen schien was ich meinen könnte, ließ meine harte Miene etwas weicher werden. Hatte ich mich umsonst verrückt gemacht?
 

«Hast du... gar nichts zu meinem Geschenk zu sagen?», fragte er dann und streckte eine blutige Hand nach mir aus.
 

Er platzierte sie auf meiner Brust und sah mir abwartend in die Augen. Als ich nicht antwortete machte er eine Grimasse. Dann krallte er sich in meinen Mantel und zog sich so abrupt an mich heran, dass unsere Körper kollidierten. Reflexartig schoss meine Hand vor und legte sich um seinen Hals.
 

Der schwere Geruch von Eisen stieg mir in die Nase. Misakis Blut war noch feucht und klebte.
 

«Bist du etwa sauer, dass ich sie gekillt hab?», fragte Hidan sogleich, der meine Impulsreaktion falsch interpretierte. «Du hast doch gesagt, dass es dir egal ist und ich tun kann was ich will. So hat es mir die Kleine von dir ausgerichtet.»
 

Ich rief mir meine Worte vor wenigen Tagen ins Gedächtnis zurück.
 

«Richte ihm was von mir aus. Sag ihm, dass ich weiß was er versucht und er es sich sparen kann. Das zieht bei mir nicht. Er soll machen was er will, es ist mir egal.»
 

Ob Misaki meine Nachricht tatsächlich komplett und korrekt wiedergegeben hatte oder Hidan sich bloß nichts drunter hatte vorstellen können, war nicht klar. Aber am Ende war es irrelevant. Denn Fakt war, dass bei Hidan nur der letzte Teil meiner Nachricht im Kopf geblieben war. Und diesen musste er mit dem Verbot, die Leute hier nicht anrühren zu dürfen, verknüpft haben. Demnach hatte ich ihm damit, seiner Auffassung nach, die Erlaubnis gegeben sich austoben zu dürfen. Und diese Gelegenheit hatte er natürlich sofort genutzt. Schließlich hatte er wegen mir lange genug auf eine Opferung verzichten müssen.

Mein Partner hatte mich nie bewusst eifersüchtig machen wollen. Sein verschlagenes Grinsen vor ein paar Tagen im Garten war dennoch nicht bedeutungslos gewesen. Nur hatte er mich damit nicht mit dem Mädchen an sich, sondern mit dem Mord an ihm provozieren wollen.
 

«Nein», antwortete ich schließlich. «Ich bin nicht wütend. Und ich muss zugeben, mit dem Geschenk hast du durchaus meinen Geschmack getroffen.»
 

Ich warf ihm nur einen kleinen Brotkrümel zu, doch Hidan stürzte sich darauf, als wäre er am verhungern. Und forderte sofort mehr. Er drückte sich mit ausgezehrtem Leib an mich, als würde er, ganz egal was es war, alles von mir nehmen.

Sein stürmisches Verlangen war kaum zu stoppen, doch zumindest hielt ich seinen Oberkörper auf minimalem Abstand. Das brachte ihn jedoch nicht davon ab, sich mit dem Rest umso energischer an mich zu pressen. Die Finger seiner Rechten gruben sich schmerzhaft in meine Schulter und ich konnte ihn abgehackt atmen hören. Sein lüsterner Blick machte deutlich, was er gerade ganz dringend brauchte.
 

«Hidan», raunte ich, mit leichtem Amüsement in der Stimme. Erstaunlich, dass diese paar Worte genügten, um ein solches Feuer in ihm zu entfachen.
 

«Fuck, ich musste dabei die ganze Zeit an dich denken.»
 

Auf sein Geständnis hin zog sich meine Hand ganz langsam enger um seinen Hals.
 

«Ist dem so?»
 

«Scheiße, ja. Ich hab mir vorgestellt wie wir Misaki gemeinsam fertigmachen. Du warst so verdammt heiß, als du mir den Pflock in die Eingeweide getrieben hast, ich hab es kaum ausgehalten.»
 

Eine Gänsehaut kroch meinen Rücken hinauf und ich erschauderte. Hidan machte es mir mit jedem Wort schwerer. Ich hatte mir vorgenommen ihn abzuweisen, sollte er sich mir mit Versprechungen annähern, bei denen ungewiss war, ob er sie auch halten würde. Und nun war ich so kurz davor nachzugeben und ihn mir hier, inmitten von Blut und Tod, zu nehmen.
 

Hidan keuchte überrascht auf, als ich ihm grob in den Schritt fasste.
 

Fest rieb ich einmal mit der Handfläche über sein hartes Glied. Obwohl der Stoff seines Yukatas noch dazwischen war, reichte das aus, damit Hidan einen erregten Laut ausstieß. Sofort drängte er mir seinen Unterleib fordernd entgegen.
 

«Ich wollte immer schon mal ein Monster vögeln», sagte er atemlos und als ich die Bewegung wiederholte, zerschmolz er regelrecht in meinen Händen. Seine nächsten Worte trafen mich jedoch unerwartet: «Aber nun da ich eins haben kann, weiß ich nicht, ob ich das schaffe...»
 

Er wusste nicht, ob er es schaffte? Es klang so, als würde er sich dazu überwinden müssen und das hatte einen faden Beigeschmack. Es musste mehr dahinter stecken, als er mir bislang mit seinen schwammigen Aussagen hatte weismachen wollen.
 

«Wovor fürchtest du dich, Hidan? Sag es mir.»
 

Ich sah ihm fest in die Augen und zunächst erwiderte er meinen Blick. Seine Lippen teilten sich zu einer Antwort, doch er brachte nicht eine Silbe heraus. Dann senkte er langsam den Blick und starrte auf seine Hand, die sich umso fester in meine Brust krallte.

So sehr es mich frustrierte erneut im Dunkeln gelassen zu werden, so sehr schien die Sache Hidan selbst zu zerfressen. Schließlich verzog er wütend das Gesicht und biss seine Zähne so fest zusammen, dass man seinen Kiefer spannen sehen konnte.
 

«Ich kann nicht», brachte er widerstrebend über die Lippen. «Ich hasse es. Glaub mir, es nervt mich genauso wie dich.»
 

Er kniff die Augen zusammen und als er diese wieder öffnete, hatte er jenen zermürbenden Gedanken abgeschüttelt. Als er seinen Blick hob, war der lustvolle Glanz zurückgekehrt.
 

«Bitte», wisperte er und schob sein Becken vor, forderte meine Hand, die seither tatenlos geblieben war, dazu auf, sich wieder mit ihm zu beschäftigen.
 

Meine Miene blieb unbewegt und ich schenkte ihm einen langen, nachdenklichen Blick. Erst als er schon drauf und dran war ungeduldig zu werden, bekam er eine Reaktion von mir.
 

«Nein.»
 

«Nein?», entkam es ihm irritiert. Damit hatte er nicht gerechnet.
 

«Keine halben Sachen mehr, Hidan.»
 

«Was?»
 

Hidan japste überrascht, als ich ihm erneut unsanft in den Schritt packte.
 

«Wenn du es mir nicht sagen kannst, na schön. Dann bohre ich ab jetzt nicht weiter nach. Aber...»
 

Schonungslos drückte ich zu, quetschte sein Geschlecht, was ihm einen gleichermaßen schmerzerfüllten wie erregten Laut entlockte.
 

«Du weißt was ich will. Wie ich es will. Und bevor du mir nicht klar sagst, dass du es genau so auch willst, bekommst du gar nichts mehr von mir.»
 

Obwohl ich eine Steigerung nicht für möglich gehalten hätte, spürte ich, wie sein Schwanz noch eine Spur härter wurde. Meine brutale Behandlung hatte ihn nur noch mehr angemacht.
 

«Sag, dass du mich willst.»
 

Ich konnte es nicht lassen. Da ich ihn wortwörtlich in der Hand hatte, war das so zwar nicht ganz fair. Doch ich spielte selten gerecht und griff gerne mal auf ruchlose Mittel zurück.
 

«Du mieser Pisser!», keuchte er erstickt und fing aus der Not an, sich eben selbst gegen meine Hand zu bewegen. Doch das wusste ich zu unterbinden und festigte meinen Griff einfach. So nahm ich ihm jeden Spielraum den er brauchte um Reibung zu erzeugen.
 

Dass ich ihn so auf der Schwelle hängen ließ, schien ihn mit jeder Sekunde wahnsinniger zu machen. Er wusste sich nicht anders zu helfen, als einen Arm um mich zu schlingen und sein Gesicht gegen meine Schulter zu pressen.
 

«Hör verfickt noch mal auf oder tu was», zischte er. «Aber tu es richtig, du gottloser Bastard.»
 

Ich grinste süffisant, fand immer mehr Gefallen daran, ein wenig mit ihm zu spielen, ihn zu quälen. Dennoch hatte ich nicht vor bis ans Äußerste zu gehen. Dass ich für Sex eine klare Einwilligung von ihm haben wollte – ohne dass er unter irgendeiner Form von Beeinflussung stand – daran hatte sich nichts geändert. Doch das bedeutete nicht, dass ich nicht doch etwas Spaß haben durfte.

Ich fasste ihn ganz bewusst nicht richtig an. Alles was ich tat war Druck auf sein Glied auszuüben und allein in der Intensität zu variieren. Mit jedem Wechsel trieben sich seine Nägel noch tiefer in meinen Rücken.
 

«Beleidigen ist der falsche Ansatz, Hidan. Mir hat der davor besser gefallen. Ich soll ich richtig anfassen?»
 

Im steilen Gegensatz zu meiner groben Behandlung, fuhr ich mit meiner anderen Hand sanft seinen Hals entlang. Eine hauchzarte Berührung an der Schlagader und ich spürte seinen rasenden Puls. Eine Wärme breitete sich an meiner Halsbeuge aus. Die Stelle, an der Hidans Atem durch meine Kleidung drang.
 

«Bitte mich darum», raunte ich.
 

Zwei, drei mal stockendes Luftholen, ehe ein Zittern durch seinen Leib ging und ein abgehacktes Stöhnen zu hören war. Ich schenkte dem erst keine große Beachtung, auch wenn die Reaktion ziemlich plötzlich kam und etwas viel war für die tatsächliche Stimulation die ich ausübte. Doch als ich bemerkte, wie sich die Spannung in seinem Körper langsam abbaute, zog ich verwirrt die Brauen zusammen.
 

«Bist du grade...?», fragte ich ungläubig.
 

Hidan rührte sich nicht.
 

Ich versuchte einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, doch mein Partner hatte dieses noch immer in meiner Halsbeuge vergraben. Sein langsam erschlaffender und sachte pulsierender Schwanz war Antwort genug.
 

«Halt die Schnauze, was kann ich dafür», nuschelte er schließlich entkräftet.
 

«Du bist echt so ne Jungfrau», grunzte ich und ließ von ihm ab.
 

Augenblicklich riss er seinen Kopf zurück und funkelte mich zornig an.
 

«Ich bin keine scheiß Jungfrau, kapiert?!»
 

«Glaub ich erst, wenn du es mir beweist.»
 

«Wie zum Fick soll ich–»
 

«Auf jeden Fall nicht, indem du aus heiterem Himmel abspritzt», entgegnete ich trocken.
 

«Du verdammter–!!!»
 

«Halt dein Maul, Hidan», schnitt ich ihm harsch das Wort ab und schob ihn ein Stück von mir weg. «Mach dich lieber fertig und dann lass uns hier endlich verschwinden.»
 

Er holte Luft um etwas zu entgegnen, doch ich ließ ihn nicht zu Wort kommen.
 

«Nein. Los jetzt.»
 

Ein mörderischer Blick traf mich. Doch ich ließ mich davon nicht beeindrucken. Und schließlich gehorchte er, jedoch nicht ohne lautstark fluchend seinen Unmut darüber zum Ausdruck zu bringen.
 

Ich sah ihm nach, als er den Gang hinunter stapfte und... ich konnte nichts dagegen tun. Verborgen unter dem Stoff meiner Maske und somit versteckt vor der Welt, hoben sich meine Mundwinkel auf ein mildes Lächeln.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Everything I know, everything I hold tight

When to let it go, when to make 'em all fight

When I'm in control, when I'm out of my mind

When I gotta live, when I gotta die, gotta die

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Die Neugier war zu groß.
 

Eigentlich hatte ich vor gehabt dem Schmied einen Besuch abzustatten, um Hidans – hoffentlich fertig gewordene – Sense abzuholen. Damit hätte ich die Zeit überbrückt, bis sich mein Partner fertig gemacht hatte. So könnten wir direkt im Anschluss aufbrechen und würden keine weiteren Verzögerungen verursachen.

Doch der Plan änderte sich, kaum dass ich aus der Eingangstür getreten war. Das Blut am Boden stach mir sofort ins Auge. Misakis abgetrennter Kopf hatte tropfend eine Spur hinterlassen. Ich blickte darauf hinab und verharrte einen Moment, während sich mir erneut Fragen auftaten.
 

Wo hatte Hidan gesteckt? Wie hatte er die Nacht verbracht? Was hatte er mit Misaki angestellt?
 

Mein Partner hatte mir zwar alles erzählt und es gab keinen Grund ihm nicht zu glauben. Dennoch war es zu verlockend, um sich das nicht doch noch mal mit eigenen Augen anzusehen.
 

Bereits als ich den schmalen Pfad zwischen den Sträuchern entlang ging, wusste ich, wohin mich die Spur führen würde. Ich näherte mich dem Kräutergarten, in dessen Mitte die Pflanzen stark plattgedrückt waren. Man erkannte den Abdruck eines Körpers und ich wunderte mich. Hatte sich Hidan etwa hier schlafen gelegt? Wir waren es zwar gewohnt draußen die Nacht zu verbringen, dennoch hätte es bestimmt gemütlichere Plätze gegeben. Dass mein Partner sich dennoch diesen Ort als Schlafplatz ausgesucht hatte, wies auf eine gewisse Symbolik hin.

Als ich dem Weg weiter folgte, entdeckte ich ausgerissene Gräser und aufgewühlte Erde. Kriechspuren. Das Mädchen hatte offenbar noch versucht zu fliehen.
 

Dabei hatte die tödliche Falle längst zugeschnappt.
 

Sie musste an dem Punkt wohl schon verletzt gewesen sein, da hier bei genauerem Hinsehen bereits einige größere, dunkle Flecken am Boden zu finden waren. Ich ging weiter und entdeckte Schleifspuren, die zum Kiesplatz führten. Hidan musste sie zurück geschleppt haben, wobei das Mädchen da noch gelebt haben musste. Er hätte sie auch einfach direkt töten können. Dass er das nicht getan hatte, konnte nur eines bedeuten.
 

Er hatte mit ihr gespielt.
 

Während Misaki um ihr Überleben kämpfte, hatte Hidan sich einen Spaß draus gemacht. Daher auch die Abdrücke an seinem Hals. Das Mädchen musste sich mit aller Kraft gegen ihn gewehrt haben.

Doch wie hatte ich davon nichts mitbekommen können? Hatte ich so felsenfest geschlafen? Und was war mit Shou? Hatte er die Schreie seiner Enkelin denn nicht gehört?
 

Ich schüttelte den Kopf und inspizierte als nächstes das Jashin-Symbol, das in der Nähe des Kirschbaumes auf den Boden gezeichnet worden war. Doch daran war nichts Ungewöhnliches festzumachen. Misakis zugerichteter Körper, der nicht unweit davon lag, war dagegen viel interessanter.
 

Der Kimono war verdreckt und blutüberströmt, ihr Leib von mehreren Wunden gezeichnet. Brust, Bauch, Beine, Arme. Hidan hatte jedes dieser Körperteile mindestens einmal durchbohrt. Dabei fiel auf, dass kein Vitalpunkt verletzt war. Mein Partner musste diese ganz bewusst ausgelassen haben. Misaki hätte die Tortur womöglich überlebt, wenn das Ritual nicht mit einem gezielten Stoß ins Herz beendet worden wäre.

Das Köpfen war post mortem geschehen und musste weder sauber noch schnell vonstatten gegangen sein. Der Halsstumpf sah überaus hässlich aus. Welches Werkzeug auch immer dafür verwendet worden war, die Verstümmelung zeigte gleichermaßen Spuren von Hacken und Sägen. Hidan hatte sich abgemüht, um mir den Kopf als Geschenk bringen zu können.
 

«Ich habe sie für dich getötet.»
 

Seine Worte hallten in meinem Kopf wider und ich wünschte, ich könnte in den Moment zurück, um ihm zu sagen, was mir nun so bitter klar wurde. Mochte sein, dass er Misaki meinetwegen ausgesucht hatte. Doch getötet hatte er sie allein für seinen Gott.
 

Hätte er tatsächlich im Sinn gehabt sie für mich zu töten, hätte er die Opferung auch nur allein mir widmen müssen.
 

Schnaubend ließ ich Fäden aus meinen Armen entweichen. Schlängelnd bahnten sie sich ihren Weg hin zu Misaki, um sich um ihre Fußknöchel zu wickeln. Langsam zog ich die Beine des Mädchen auseinander, so dass sich ihre Schenkel teilten. Eine Reihe weiterer Fäden verschwanden unter ihrem Kimono, gelangten zu ihrer Mitte und drangen in sie ein. Nur einen Augenblick später hatte ich Gewissheit.
 

Misaki war noch unberührt.
 

Ich zog mich aus ihr zurück. Meine Befürchtungen waren unbegründet gewesen. Hidan hatte die Wahrheit gesagt und sie nicht angefasst. Obwohl ich eine gewisse Erleichterung verspürte, konnte ich nicht sagen, dass ich nun zufrieden war. Diese Sache war zwar abgehakt, dennoch war da noch eine andere die mich wurmte.
 

«Ich habe sie für dich getötet.»
 

Was hatte ihn dazu gebracht, mir diese Lüge aufzutischen?
 

Die Fäden, die noch um Misakis Knöchel lagen, zogen sich langsam zu und schnitten stetig tiefer in das kalte Fleisch.
 

Warum sah er sich dazu genötigt, mir einen speziellen Stellenwert vorzugaukeln? Ich würde ja sowieso niemals gegen seinen Gott ankommen.
 

Die Beine des Mädchens spreizten sich in obszöner Manier, als ich diese weiter auseinanderzog. Doch es reichte nicht, dass der Kimono hochrutschte und man ihr geradewegs zwischen die Beine blicken konnte.
 

Warum machte ich mir überhaupt Gedanken dazu? Warum war mir wichtig, wer ihm wichtig war?
 

Es genügte mir nicht, sie zu entwürdigen. Misakis Überreste in diese vulgäre Pose zu rücken, ihren Intimbereich offen zur Schau zu stellen.
 

Und warum, zum Teufel, machte mich das so verdammt wütend?!
 

Ich zog weiter an den Beinen, obwohl es nicht das Mädchen war, gegen das sich derzeit mein Groll richtete. Ich hörte auch dann nicht auf, als der junge Körper sein Limit erreichte.
 

Ein Knirschen, ein Knacken. Noch etwas mehr Kraft, dann gab auch das Gewebe nach. Misaki riss. Blut spritzte, als sich ihr Leib an der schwächsten Stelle teilte. Ich warf das Bein beiseite und beobachtete einen Moment lang, wie die Innereien zwischen herausragendem Beckenknochen und aufgerissener Bauchdecke aus dem Torso quollen. Wie eine vergossene Suppe breiteten sie sich über dem Kies aus.

Dann wandte ich mich um. Auf dem Rückweg fiel mir ein kleiner Fleischklumpen in der Erde auf, den ich zuvor übersehen haben musste. Beim Vorbeigehen entpuppte er sich als abgeschnittene Zunge. Damit war dann auch das Rätsel, warum niemand etwas mitbekommen hatte, gelöst.
 

Ich verließ das Gelände und beschritt den Weg, der ins Dorf führen würde. Als ich Hidan plötzlich hinter mir hörte, blieb ich überrascht stehen.
 

«Ey!», brüllte dieser synchron zur zuschlagenden Tür, ehe er losrannte. «Warte doch auf mich, verdammt!»
 

Gehetzt schloss er zu mir auf und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, dem ich keine Beachtung schenkte. Ich war doch stehen geblieben, was wollte er denn noch? Zudem hatte ich nicht damit gerechnet, dass er so schnell fertig sein würde.
 

Da hatte er sich wohl einmal in seinem Leben beeilt.
 

Er hatte geduscht, sich vom Blut befreit, wobei seine Haare noch leicht feucht waren. Es war ein wenig ungewohnt, ihn in anderen Klamotten zu sehen, auch wenn sie sich nicht allzu sehr von seiner regulären Aufmachung unterschieden. Der schwarze Mantel war ihm eine halbe Nummer zu groß, die Hosen dagegen saßen perfekt. Auf ein Shirt hatte er wie immer verzichtet.
 

Vermutlich genauso wie auf Unterwäsche, wie ich seit kurzem wusste.
 

«Warum latschst du in die falsche Richtung? Ging es nicht hier entlang?», fragte er und deutete in Richtung Sumpf.
 

«Gibt noch etwas abzuholen.»
 

«Eh? Abholen? Was denn?»
 

Ohne zu antworten setzte ich mich wieder in Bewegung, worauf er es mir gleich tat.
 

«Und ey, spinn ich oder sind da auf deinem Mantel noch ein paar Blutspritzer dazugekommen?»
 

«Musst du dir einbilden.»
 

Die Schmiede war nicht zu verfehlen. Ein Schild mit Amboss und Hammer kennzeichnete überflüssigerweise das robuste Steingebäude. Schon aus der Ferne war das rhythmische Schlagen eines Hammers zu hören.
 

Als wir uns dem halboffenen Raum im Erdgeschoß näherten, unterbrach der Bärtige seine Arbeit. Das glühende Eisen wurde zur Abschreckung ins zischende Wasser gestoßen, ehe er sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn wischte. Lederschürze und Handschuhe schützten ihn vor Funken und Hitze. Ein Junge in ähnlicher Aufmachung war bei ihm. Vermutlich ein Jüngling, der das Handwerk lernte und zur Unterstützung der Arbeiten gebraucht wurde.

Wir blieben beim Herzstück der Schmiede stehen – die mit Ruß bedeckte Feuerstelle. Einige Metalle lagen in den glühenden Kohlen und waren mit Hilfe eines Blasebalgs auf eine entsprechend hohe Temperatur erhitzt worden.
 

«Ist sie fertig?», kam ich direkt zum Punkt.
 

Der Schmied nickte und gab dem Burschen einen Wink, der anschließend ins Innere verschwand.

Da ich keine Anstalten machte die Blutspritzer an meiner Kleidung zu verbergen, mussten sie dem Bärtigen zwangsläufig aufgefallen sein. Es blitzte zwar kurze Irritation in seiner Miene auf, ansonsten war von ihm jedoch keine Reaktion darauf erkennbar. Keiner würde von einem Blutbad im Kurhaus ausgehen, so selbstverständlich und gelassen wie wir nun durch das Dorf spazierten.
 

«Ihr reist ab?» Sein Blick schweifte kurz zu meinem Partner.
 

Hidan hatte sich derweil ein wenig gelangweilt die Werkstücke an den Wänden angesehen. Messer, Hufeisen, Nägel und andere metallene Gegenstände, bei denen ich nur vermuten konnte, dass sie bei der Landwirtschaft zum Einsatz kamen.

Organisatorische Angelegenheiten wie Routenplanung, Proviant- und Informationsbeschaffung fand er langweilig. Deshalb hielt er sich aus diesen raus und überließ sie komplett mir. Unseren Besuch gerade schien er auch für eine eben solche zu halten.
 

«Korrekt.»
 

Da es ansonsten nichts zu besprechen gab und der Bärtige auch nicht der gesprächigste Typ zu sein schien, warteten wir stillschweigend. Allein das Knacken der heißen Kohlen war zu hören, ehe nach einer Weile der Junge mit der Sense zurückkehrte. Da die Waffe überaus sperrig war, musste er sie seitwärts über die Schwelle tragen. Vorsichtig und langsam, um nirgendwo in der engen Schmiede anzuecken, kam er damit her zu mir. Auffordernd hielt er sie mir hin und ich warf einen raschen Blick drauf.
 

Sie sah aus wie neu.
 

Die drei Sensenblätter waren spiegelscharf geschliffen worden und nirgendwo erkannte man eine Abweichung im Material, was auf eine Reparatur hindeuten würde. Sie mussten komplett eingeschmolzen und neu geschmiedet worden sein. Ob die Arbeit zufriedenstellend war, würde jedoch mein Partner beurteilen müssen.
 

«Hidan.»
 

«Was?», fragte dieser genervt.
 

Sein Desinteresse war unverkennbar. Doch das änderte sich, als sein mürrisch über die Schulter geworfene Blick auf die Sense traf.
 

«Wie...? Du Scheißkerl! Wann hast du sie geholt? Und–!!»
 

Beschwingt kam er her und riss dem Burschen die Waffe fast schon aus den Händen. Er inspizierte sie genau, tippte mit dem Daumen gegen eine der Schneiden. Schaudernd und mit einem uh, geil leckte er sich anschließend das Blut vom Finger. Er führte testweise einige Hiebe in der Luft aus. Dann wechselte er sie von einer Hand zu anderen, während er sie flüssig um seinen Körper führte. Mit dem Schaft auf der Handfläche versetzte er die Waffe schwungvoll in Drehung. Sie begann zu rotieren und bildete eine unscharfe Scheibe, wobei die Klinge zischend durch die Luft schnitt.
 

«Ich habe mir zusätzlich erlaubt das Leder am Griff zu ersetzen. Das alte war ziemlich abgenutzt.»
 

Hidan nickte zufrieden, strich über das herumgewickelte Material, das ein Abrutschen verhindern sollte. Dann hielt er die Waffe vor sich und balancierte sie konzentriert am Griff, wobei sein Finger genau unter dem Punkt lag, an dem die Masse der Sense gleichmäßig verteilt war.
 

«Das ist nicht das Einzige was anders ist. Sie ist schwerer geworden. Nicht gravierend viel, aber spürbar. Dadurch hat sich ihr Schwerpunkt verschoben.»
 

«In der Tat», gestand der Schmied und kratzte sich am Bart. «Ich musste zusätzliches Material verbauen, da einige kleine Bruchstücke fehlten. Bei der Gelegenheit habe ich die Klingen einer speziellen Technik zur Härtung unterzogen. Sie sind also jetzt sehr viel robuster.»
 

«Ist das ein Problem?», fragte ich an Hidan gewandt. Dieser verdrehte nur die Augen.
 

«Ach bitte, das bisschen mehr werde ich schon noch heben können. Bin ja kein verdammter Schwächling.»
 

Das war nicht das, worauf ich hinaus war, doch ich sparte mir eine genauere Ausführung und sagte stattdessen:
 

«Ich will wissen, ob die Waffe was taugt und du klar kommen wirst.»
 

«Kann ich erst sagen, wenn ich sie ausprobiert habe. Aber klar, wird schon gehen. Werde mich halt dran gewöhnen müssen.»
 

«Gut.»
 

Hidans Blick lag noch immer auf der Sense, als dieser langsam ins Verträumte abdriftete. Dann sah er zu mir und schlug einen ungewöhnlich weichen Ton an.
 

«Hätte nicht gedacht, dass du dich so schnell für mein Geschenk revanchierst. Das ist...»
 

«Purer Eigennutz», kam ich ihm zuvor. «Ohne vernünftige Waffe bist du zu nichts zu gebrauchen.»
 

Seine Miene verzog sich zu einer Grimasse.
 

«Fick dich! Aber weißt du, nichts was du sagst, kann das kaputt machen. Du hast dabei an mich gedacht. Aber die Frage ist...» Ein dreckiges Grinsen schlich sich auf seine Züge. «Ob du als Dank jetzt auch erwartest, dass ich es dir mache. Ich weiß, du willst hier so langsam mal verschwinden, aber für einen Orgasmus bleibt doch noch Zeit.»
 

Ich schnaubte, während mir ein fieser Spruch auf der Zunge brannte.
 

Fünf Minuten mögen für dich ausreichen, aber so überempfindlich, dass ich es in der Zeit schaffe, bin ich getrost nicht.
 

Doch ich hielt mich damit zurück. Denn das hätte ihn nur weiter angestachelt, anstatt ihn zum schweigen zu bringen. Und für so eine Diskussion war weder der Ort noch die Zeit.

Glücklicherweise räusperte sich der Schmied just in diesem Moment und erinnerte uns daran, dass wir hier noch nicht fertig waren. Der Junge wurde aufgrund Hidans Äußerung vorsorglich ins Haus geschickt.
 

«Nun», fing der Bärtige an. «Da ich annehme, dass meine Arbeit zufriedenstellend ist, kommen wir doch zum geschäftlichen Teil.»
 

Meine Stimmung kippte – er wollte sein Geld. Ich gab ein tiefes, unwilliges Knurren von mir, worauf ich Hidan neben mir auflachen hörte.
 

«Darf ich? Die Gelegenheit zu testen, wie gut mein neues Baby schneidet.»
 

Mit verdüsterter Miene starrte ich den Schmied an, der instinktiv einen Schritt zurück machte. Trotz Verwirrung schien er die drohende Gefahr dennoch zu spüren.
 

«Er gehört dir, aber mach es schnell.»
 

Mein Partner machte sogleich jubelnd einen Satz nach vorne. Er stürzte sich auf den Bärtigen, welcher panisch die Augen aufriss und sich eines der heißen Eisen aus den Kohlen zog. Ein Zischen, ein kurzer Aufschrei, der Geruch von versengtem Fleisch. Doch das hielt Hidan nicht auf.
 

«Ich werde wohl eine andere Route für den Rückweg planen müssen», seufzte ich, als das erste Blut spritzte.
 

Bald darauf ließen wir das Dorf hinter uns und nahmen die Spur von unserem Ziel wieder auf.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Feeling like there's nothing I can do

This could be the end it's mine to choose

It's taken me my lifetime just to prove

This could be the day I die for you

Don't let it be the day

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Broken


 

16. Broken

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Gebrochen.
 

Ich wollte es eine lange Zeit nicht wahrhaben. Doch der Wahrheit konnte man nicht entkommen, selbst wenn man, wie ich, sein gesamtes Leben davon wegrannte. Ich war gebrochen. Nicht mehr derselbe wie einst. Seitdem rang ich alleine mit meinem Schmerz. Dazu verdammt, mich immer wieder zu schneiden, sollte ich versuchen die Scherben zusammenzusetzen. Hilfe anzunehmen war undenkbar. Zu tief saß die Angst, zu groß war die Scham, jemandem den kaputten Haufen zeigen zu müssen.

So sehr ich auch auf mich selbst fixiert war, im selben Zug fingen mir zunehmend an Dinge aufzufallen. Dinge, die meinen Partner betrafen. Kleinigkeiten. Die zusammengezählt jedoch ein Bild ergaben, das ihn in einem völlig neuen Licht zeigte. Scheinbar Unbedeutendes wurde weiter hinterfragt. Wie viel Schein war die reine Hülle? Wer oder was hatte den Kern verdorben?
 

Wie unberührt war Hidans makellose Haut wirklich?
 


 

Dieses mal durchquerten wir die Sümpfe ohne Zwischenfälle.
 

Die Nordküste des Landes war ab da nicht mehr allzu weit entfernt. Wir erreichten unser vorläufiges Ziel schon bald darauf. Das einzig nennenswerte Dorf der Gegend: Semboku. Von hier stammten die Gerüchte, die wir vor wenigen Wochen vernommen hatten. Sollten an diesen also etwas dran sein – und davon ging ich aus – mussten wir von nun an damit rechnen, jederzeit auf unseren Gesuchten zu treffen.
 

Wir verhielten uns so unauffällig wie möglich. Die Bewohner von Semboku schienen sich jedoch kaum um Fremde zu scheren und waren im Vergleich zum Kurort regelrecht kontaktfreudig. Also nutzen wir diesen Vorteil, teilten uns auf und hörten uns unauffällig im Dorf um. Ich nahm mir den Markt vor, während Hidan sein Glück in den Gaststätten versuchte.
 

Wir hatten abgemacht, uns gegen Abend in der Unterkunft zu treffen, in der wir bei unserer Ankunft bereits ein Zimmer bezogen hatten. Hidan war schon da, als ich zurückkehrte und schien ähnlich Erfolg gehabt zu haben wie ich.
 

«Der Kerl scheint nicht gerade beliebt zu sein.»
 

Mein Partner saß geduscht und nur in Shorts auf dem einzigen Bett und war damit beschäftigt, sich die Fußnägel zu lackieren. Seltsamerweise war der Anblick nicht so befremdlich, wie er nüchtern betrachtet sein sollte.
 

«Ein alter Kauz hat mir sogar Geld geboten, wenn ich ihm irgend so einen Ring von dem Typen bringe. Mit dem abgeschnittenen Finger dazu, wohlbemerkt.»
 

Da wurde ich hellhörig.
 

«Wie viel?»
 

Hidan warf mir schmunzelnd einen Seitenblick zu, ehe er wieder nach unten schaute. Er hatte die Beine angewinkelt, um besser an seine Füße heranzukommen. Mit zusammengekniffenen Augen konzentrierte er sich darauf, die Farbe sauber auf den nächsten Nagel aufzutragen.
 

«Warum genau müssen wir das noch mal machen?»
 

«Weil ich sein Herz haben will», erklärte ich stirnrunzelnd.
 

«Nicht das. Ich meine die Nägel.»
 

Darauf hatte ich keine Antwort. Wer wusste schon was sich Pain dabei dachte? Die Ringe hatten ihren Zweck, die einheitlichen Mäntel waren gerade noch nachvollziehbar. Doch wofür der Nagellack? Vermutlich hatte Konan da ihre Finger mit im Spiel.
 

Wortlos ließ ich mich auf einen Stuhl sinken und beobachtete ihn einen Moment in seinem Tun. Mein Blick fiel auf einen kleinen Pinselfleck auf der Bettdecke, nahe seines Fußes. Da musste er abgerutscht sein.
 

«Was hast du sonst noch rausfinden können?», fragte ich, um unsere gesammelten Infos abzugleichen.
 

«Isamu irgendwas, er–»
 

«Ohta.»
 

«Genau, Isamu Ohta. Stammt wohl ursprünglich von hier, lebt aber eigentlich schon lange in Tetsu no Kuni. Er kehrt jedes Jahr zur selben Zeit hierher zurück und bleibt dann einige Wochen. Niemand hat mitbekommen, dass er abgereist wäre. Er sollte sich also noch in der Nähe aufhalten.»
 

«Sein altes Haus. Eine abgeschiedene Hütte an den Nordklippen.»
 

Hidan nickte, wurde dabei jedoch kurz unachtsam. Ein kleines Zucken seiner Hand und der Pinsel malte über den Nagel auf die Haut. Fluchend gab er auf und warf den Nagellack zur Seite. Feinarbeiten gehörten wahrlich nicht zu seinen Stärken, wie ein Blick auf seine Zehen bestätigte. Von sauber aufgetragen war das weit entfernt.
 

«Du willst ihn dir morgen vorknöpfen, nicht wahr?» Er streckte seine Beine aus und ich bejahte.
 

«Er scheint zwar nicht zu ahnen, dass er verfolgt wird, das kann aber täuschen. So oder so, unvorbereitet sollten wir da nicht hingehen.»
 

«Wie ist der Plan?», fragte er, wohlwissend, dass ich mir bereits etwas überlegt hatte.
 

«Nach seinen Fähigkeiten zu urteilen, scheint er ein durchschnittlicher Shinobi zu sein. Ich hätte ihn höchstens auf oberes Chuunin-Level geschätzt. Wäre da nicht sein spezielles Jutsu. Das muss sein Ass im Ärmel sein. Wenn wir darum herumspielen, sollten wir keine Probleme haben.»
 

«Und wie willst du das anstellen? Wenn er einen von uns erwischt, wird's übel.»
 

«Wir kennen die Schwachstelle seines Jutsu: sein Limit. Letztes Mal konnte er es nur zweimal anwenden. Ich werde gleich zu Beginn des Kampfes all meine Masken beschwören. Mit dir dazu stehen wir dann fünf gegen eins, eine Überzahlsituation. Wir spielen auf Zeit und setzen ihm gleichzeitig so weit zu, dass er gezwungen ist, sein Pulver zu verschießen. Zu viele Ziele, zu wenige Anwendungen. Einfache Mathematik. Im schlimmsten Fall zerstört er zwei meiner Masken. Drei, falls sein Limit doch höher ist, als wir annehmen. Danach hat er uns nichts mehr entgegenzusetzen.»
 

«Klingt mir nach Abmüherei. Wenn ich an sein Blut gelange, könnte ich ihn ganz schnell erledigen.»
 

«Damit hältst du dich zurück. Wir werden auf Distanz bleiben und das Feld meinen Masken überlassen. Gegen so einen Gegner ist es unklug, den Nahkampf zu suchen. Solltest du trotzdem irgendwie an sein Blut kommen können, dann mach ihn bewegungsunfähig. Ich gebe ihm dann den Rest.»
 

«Aber–»
 

«Nein», sagte ich scharf. «Du wirst nicht blind drauflosstürmen, wie du es sonst immer tust. Es gibt keinen Grund, ein Risiko einzugehen. Unsere gewohnte Lockvogel-Taktik funktioniert hier nicht. Wie du selbst schon gesagt hast: wenn er einen von uns erwischt, wird's übel. Du kannst mich auch aus mittlerer Entfernung mit deiner Sense unterstützen.»
 

Hidan verdrehte mit einem genervten Na schön die Augen.
 

«Gut, dann wäre das geklärt», schloss ich und stand auf.
 

Ich wollte mir eine heiße Dusche gönnen. Doch noch bevor ich das Bad erreichte, hielt mich Hidan auf.
 

«Erzählst du mir nachher etwas?»
 

Ich wunderte mich über die Frage, die wie aus dem Nichts kam und drehte mich halb zu ihm um.
 

«Was soll ich dir erzählen?»
 

«Keine Ahnung. Irgendwas über dich zum Beispiel.»
 

«...»
 

«Es ist so, mir ist letztens erst so richtig klar geworden, dass du fucking hundert Jahre alt bist und da–»
 

«Ich bin einundneunzig», korrigierte ich ihn.
 

«Ist dasselbe! Jedenfalls musst du ja einen Haufen Zeug erlebt haben. Aber du erzählst nie was. Und, was soll ich sagen... ich bin scheiße neugierig!»
 

Ich schwieg einen Moment und überlegte, wie ich mich am besten aus der Sache wand, ohne ihn dabei allzu sehr zu enttäuschen.
 

«Erzähl du mir doch was.»
 

Hidan runzelte die Stirn, ehe er sich zurücklehnte und sich mit den Unterarmen auf der Matratze abstützte.
 

«Hab mit Sicherheit nicht so viele Geschichten auf Lager wie du, aber kann dir im Gegenzug auch was aus meinem Leben erzählen.»
 

Fuck. Ich hatte angenommen, er würde zurückrudern, wenn ich den Fokus auf ihn lenkte.
 

«Abgemacht?», hakte er nach. «Hab schon einige Fragen im Kopf.»
 

«Von irgendwelchen Fragen war nie die Rede.»
 

«Doch klar. Sonst tischst du mir doch nur deine übliche Langweiler-Kacke auf! Und dann können wir das Ganze auch gleich lassen. Will schon den interessanten Scheiß haben.»
 

«Eine», grummelte ich resigniert. «Eine Frage kannst du mir meinetwegen stellen. Keine mehr. Und das heißt nicht, dass ich sie auch beantworte. Überleg dir also gut, was du fragen willst.»
 

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, zog ich mich ins Bad zurück. Womöglich hätte er versucht noch mehr herauszuschlagen, wenn ich geblieben wäre. Dabei war das, worauf ich mich eingelassen hatte, bereits mehr als genug. Ich vernahm sein Rufen nur noch dumpf durch die Wand und sollte recht behalten.
 

«Gut, hab eine! Dann stelle ich dir die anderen halt die nächsten Male!»
 

Es rang mir ein schweres Seufzen ab.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Some resist the future, some refuse the past

Either way, it's messed up if we can't unplug the fact

That a world covered in cables was never wired to last

So, don't act so surprised when the program starts to crash

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

«Hattest du mal... jemanden?»
 

«Ist das schon deine Frage?»
 

«Ja.»
 

Ich lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Bett. Hidan neben mir, stützte sich bäuchlings mit den Ellenbogen auf der Matratze ab und sah gespannt zu mir.
 

«Einige.»
 

«Echt?»
 

«Ich hatte einige Teampartner, Feinde, Untergebene, Komplizen, Geschäftspartner.»
 

Irritiert blinzelnd legte Hidan den Kopf schief.
 

«Huh?»
 

«Ich bin dran.»
 

Er hatte sein Kinn bis eben noch entspannt auf seiner Handfläche abgestützt, doch nun schlug sein Arm verärgert auf die Bettdecke.
 

«Nein, halt! Du weißt genau wie ich es gemeint habe!»
 

«Weiß ich?», gab ich mich ahnungslos. «Wenn du auf etwas Spezielles aus bist, musst du deine Frage konkretisieren.»
 

«Warte, ich formuliere sie neu, ich–»
 

«Keine zweite Frage, Hidan.»
 

«Das ist keine zweite Frage, ich will nur–»
 

«Du hast deine Chance vertan. Halt dich an die Regeln oder ich bin raus.»
 

«Das ist nicht fair!»
 

Frustriert und mit zusammengezogenen Brauen schlug er mir mit der Faust einmal auf den Bauch. Nicht fest genug, dass es weh tat, trotzdem hatten sich meine Muskeln reflexartig angespannt.

Schon kurz darauf wich seine Wut der Resignation. Grummelnd sank er ein Stück in sich zusammen und legte quer einen Arm über mich. Er legte seinen Kopf darauf ab und sah mich sichtlich angefressen von unten an.
 

«Nun stell schon deine scheiß Frage...»
 

Er tat mir beinahe leid. Beinahe.
 

«Wie bist du aufgewachsen?»
 

Hidan zog eine Grimasse.
 

«Dein Ernst? Du kannst nicht für eine Frage meine ganze verdammte Kindheit bekommen.»
 

«Ein Stück davon reicht. Fang ganz vorne an. Erzähl mir was über deine Eltern und dein Dorf.»
 

Damit würde ich mich erstmal zufrieden geben. Seine ganze Kindheit anzuhören, würde sowieso zu lange dauern. Und draußen wurde es bereits dunkel. Wenn wir morgen ausgeruht und fit für den Kampf sein wollten, sollten wir nicht mehr allzu lange aufbleiben.
 

Hidan rollte mit den Augen.
 

«Ich find's übrigens geil, wie ich dich erst fast dazu hab überreden müssen und jetzt bist einfach du derjenige, der die ganzen Lorbeeren einsackt.»
 

Dass er jetzt zickte war zwar abzusehen gewesen, dennoch würde ich mich nicht auf dieses Spielchen einlassen. Die Idee zum Austausch kam von ihm. Mir war die Sache nicht wichtig genug, um sie durchsetzen zu müssen.
 

«Gut, lassen wir es einfach», brummte ich genervt.
 

«Nein! So war das nicht gemeint! Aber ich will morgen ne neue Frage gut haben, damit das klar ist! Das Ding gerade ist nur, ich... weiß es nicht. Ich kann nicht viel über die Zeit in Yugakure sagen.»
 

Ich wunderte mich.
 

«Wann bist du denn von dort fort? Wie war dein Leben da? Irgendetwas musst du doch noch wissen.»
 

Es war kaum möglich, dass er es bereits vergessen hatte. So lange dürfte das bei ihm ja noch nicht her sein.
 

«Ganz grob kann ich an sich schon alles aufsagen: keine Ahnung wer meine Eltern sind, hab keine Erinnerungen an sie. Hab auf der Straße gelebt, bis ich im Tempel aufgenommen wurde. Und wenn ich ehrlich bin, kann ich mich auch an die Zeit dort nur lückenhaft erinnern.»
 

«Tempel?»
 

«Der Jashin-Tempel. Die Priester haben immer mal wieder Kinder von der Straße geholt.»
 

«An mehr erinnerst du dich nicht?»
 

«Mmh, nicht wirklich... das meiste ist weg, da sind nur noch ein paar Fetzen übrig. Es ist schwer was in Worte zu fassen. Hab den Mist wohl verdrängt.»
 

Er lachte auf.
 

«...»
 

«Ey, muss es genau das sein? Dachte ich könnte dir paar geilere Stories erzählen. Wie ich umhergestreift bin und Ungläubige abgeschlachtet habe zum Beispiel.»
 

«Ich will den interessanten Scheiß haben», zitierte ich ihn.
 

«Aber das Abschlachten IST der interessante Scheiß!»
 

«Nicht für mich. Außerdem ging es doch darum, etwas über den anderen zu erfahren. Und ich glaube kaum, dass ein großer Teil von dir darin steckt.»
 

«Oh doch, da stecken genug Teile irgendwo drin. Es werden welche in mich gesteckt und ich stecke sie in andere. Du wirst also garantiert auf deine Kosten kommen.»
 

Er lachte über seine eigene, dumme Anspielung. Nächstes mal würde ich mich geschickter ausdrücken.
 

«Ich bleibe dabei.»
 

«Ich sagte doch: Langweiler», murmelte er, ehe er ergeben seufzte.
 

Dann senkte er seinen Blick, starrte auf meine Brust, während sich seine Miene verdunkelte. Der lockere Plauderton war plötzlich der Ernsthaftigkeit gewichen.
 

«Na gut. Ein paar Dinge weiß ich noch. Oder besser gesagt, ich kann sie mir zusammenreimen. Hab von Yugakure jedenfalls nur die Schattenseiten gesehen.»
 

«Wie meinst du das?»
 

Ich hatte nur oberflächliches Wissen über Yugakure, dem Dorf, versteckt hinter den heißen Quellen. Besucht hatte ich es einige Male und mir war es als eher friedlicher, verschlafener Ort in Erinnerung geblieben. Im Krieg war das Dorf von den Großmächten gelegentlich als neutrale Verhandlungsstätte genutzt worden. Mit Blubberblasen unterm Arsch war man wohl eher geneigt, auf Bedingungen zur Versöhnung mit dem Feind einzugehen.
 

«Die heißen Quellen haben viele Touristen angelockt, vorwiegend Reisende und Leute mit Kohle. Die Ansprüche waren hoch und Schaben, wie sie uns nannten, nicht gern gesehen. Streuner waren wie Dreck unter manikürten Fingernägeln. Und so wurde man auch behandelt. Nicht von den Auswärtigen, sondern von den Einheimischen. Die waren die Arschlöcher. Denn ein schmutziges Balg vor dem Laden versaut einen nur das Geschäft. Wette, dass du das ähnlich siehst, huh?»
 

Das konnte ich nicht leugnen. Wenn es ums Geschäft ging, hatte ich keine Toleranz für irgendwelche Störfaktoren. Außerdem fühlte ich mich nicht verantwortlich für das Schicksal anderer.

Doch die Bitterkeit in seinen Worten hielt mich davon ab, etwas darauf zu sagen.
 

«Erzähl weiter. Du hast also auf der Straße gelebt. Wie alt warst du da?»
 

«War noch ein Zwerg, vielleicht vier, fünf. Mit etwa sechs kam ich in den Tempel.»
 

«Wie hast du bis dahin überlebt?»
 

«Glück wahrscheinlich. Aber ich war nicht die ganze Zeit auf mich alleine gestellt. Es gab noch andere Kinder. Ich kann mich noch recht klar an ein Mädchen mit einem grünen Schal erinnern. Sie hatte eine ziemlich üble Narbe, genau hier.»
 

Er tippte sich an eine Stelle über der linken Augenbraue.
 

«Oder war es rechts? Naja, auf jeden Fall war sie die älteste von uns und hat versucht sich um die anderen zu kümmern. Ich glaube, sie war es auch, die uns Essen besorgt hat. Obwohl sie sehr oft verprügelt wurde, blieb sie furchtlos. Auf jedem Bild, das ich von ihr in meinem Kopf habe, hat sie Blut im Gesicht. Vielleicht war sie gerade deshalb mein großes Vorbild. Ich wollte unbedingt so sein wie sie, das weiß ich noch. Abgesehen davon weiß ich nur noch, dass wir täglich ums Überleben kämpfen mussten. Die Kälte war schlimm, der Hunger schlimmer.»
 

Ich musste an Hidans gesunden Appetit denken und daran, dass das eine Folge des früheren Nahrungsmangels sein könnte. Ein Trauma, das seine Psyche auf diese Art versuchte zu bewältigen. Zu essen, solange es die Möglichkeit gab.
 

«Was ist aus den Kindern geworden?», fragte ich, worauf Hidan mit den Schultern zuckte.
 

«Einige sind gestorben, andere einfach so verschwunden. Nachdem mich die Jashinisten aufgenommen hatten, hab ich keinen von ihnen je wiedergesehen.»
 

Damit beendete er seine Geschichte. Und da ich keine Fragen mehr stellte, wurde es still zwischen uns.
 

Hidan war dazu übergegangen, gedankenversunken eine Narbe an meiner Brust nachzufahren. Die Haut an den zusammengenähten Stellen war fast taub und es war seltsam dort angefasst zu werden. Ich konnte nicht sagen, ob es sich gut oder schlecht anfühlte.

Er folgte der Narbe vom Brustbein quer über meine linke Brust. Als seine Finger spielerisch an der Naht zupften, erschauderte ich. Bei jedem anderen wäre ich schon längst meinem inneren Impuls gefolgt und hätte die Hand zertrümmert.
 

Hidans hingegen fing ich sanft aber bestimmt mit meiner Rechten ein.
 

«Hör auf daran rumzuspielen.»
 

Mein Partner wurde dadurch zwar aus seinen Gedanken gerissen, allerdings fiel seine Reaktion überaus milde aus. Kein Keifen, kein Schnauben, kein spitzer Kommentar – nur ein verdutzter Blick.
 

Ich ahnte, weswegen seine Stimmung so getrübt war.
 

Zwar hatte Hidan frei und augenscheinlich unberührt über seine frühesten Erinnerungen gesprochen, doch eine gewisse Reserviertheit war mir nicht verborgen geblieben. Es ging ihm näher als er nach außen hin zeigen wollte. Ich könnte nachbohren, doch...

Nein, besser nicht. Damit würde ich ihm und auch mir selbst keinen Gefallen tun. Wenn es etwas gab, womit ich nicht umgehen konnte, dann war es Emotionalität. Und ich wollte ihn nicht im Stich lassen, nur weil ich aus eigener Überforderung die Flucht ergriff.
 

«Ey, weißt du schon, was du mit diesem Isamu anstellen willst?»
 

Hidan war derweil ein Stück an mir hochgerutscht. Sein Kopf ruhte auf meiner Brust, eines seiner Beine hatte sich zwischen meine geschoben. Er lag halb auf mir, was mir für ein entspanntes Beieinanderliegen beinahe wieder zu viel war. Zumindest hatte ich seine Finger davon abhalten können, weiter an mir herumzufummeln.
 

«Was sollte ich mit ihm anstellen? Ich werde ihn töten.»
 

«Schon klar, aber... du wolltest dich doch an ihm rächen.»
 

Erwartungsvoll schaute er mich an und ich erwiderte seinen Blick schweigend.
 

Ohne seine üblich strenge Frisur fiel ihm sein Haar strähnig ins Gesicht. Der ungewohnt weiche Look ließ ihn wie einen anderen Menschen erscheinen. Ich hatte ihn schon öfter so gesehen und war dennoch immer wieder verblüfft, dass eine einzige Kleinigkeit so viel ausmachte. Gab es noch jemanden, dem Hidan diese Facette von sich zeigte?
 

«Beschreib mir wie du ihn umlegen willst. Was hast du dir ausgedacht?»
 

«Warum willst du das wissen?», fragte ich, obwohl ich es mir bereits denken konnte.
 

So wie er mich drängte, erhoffte er sich vermutlich, sich durch die Gewaltfantasien besser zu fühlen. Von außen betrachtet war das ziemlich makaber. Doch ich wusste selbst zu gut, wie lindernd sich das Leid anderer auf den eigenen Schmerz auswirkte. Für den Moment zumindest.

Nur traute ich dem Lodern in seinen Augen nicht. Hidan sollte sich meinetwegen an dem Mord ergötzen. Doch was, wenn es ihm plötzlich anfing zu sehr zu gefallen?
 

Seit dem Kurort gab es keinen Zweifel mehr. Eine oder sogar mehrere Formen von Gewalt machten ihn an. Ob bereits das bloße Fantasieren darüber ausreichte, um eine Reaktion bei ihm hervorzurufen, blieb fraglich. Es juckte mich in den Fingern, mich etwas intensiver damit zu beschäftigen. Ein paar Dinge aktiv auszutesten. Doch ich würde es vorerst beim reinen Beobachten belassen müssen. Solange die Frage des Konsens nicht vollständig geklärt war, war ein anhänglicher, bedürftiger Hidan das Letzte, was ich gebrauchen konnte.
 

«Fuck, bitte», raunte er plötzlich. «Ich hab grad einfach Bock drauf das zu hören.»
 

Sein Atem hinterließ ein Kribbeln auf meiner Haut. Als sich seine Finger in meine Seite gruben, spannte ich mich leicht an.
 

Es war schwer mit einer so körperlichen Person wie Hidan umzugehen. Besonders für jemanden wie mich, der außerhalb von Sex nicht viel Nähe brauchte und auch keine gewohnt war. Jede Berührung brachte man dadurch ganz automatisch mit mehr in Verbindung. Auch wenn sie möglicherweise gar nicht so gemeint war.

Doch ich besann mich. Ich hatte ihm mein Wort gegeben und Konsens verlangt. Also würde ich auf Konsens warten. Schließlich konnte ich darauf verzichten, in etwas hineingelockt zu werden, aus dem ich nur wieder mit enormem Frust oder dem Bruch meines Versprechens hinausgehen würde.
 

«Dafür ist nicht die Zeit. Es ist spät, wir sollten schlafen.»
 

«Eh?», gab Hidan blinzelnd von sich.
 

Halb richtete ich mich auf und schob ihn von mir runter.
 

«Ey! Was soll das jetzt plötzlich?»
 

Ich schnaubte.
 

«Was soll was? Ich kann nicht schlafen wenn du mir so auf die Pelle rückst. Das nervt.»
 

«Ach ja?»
 

Seine Mundwinkel sanken hinab, während er mich uneinsichtig anschaute. Ich beachtete ihn jedoch nicht weiter und wandte ihm den Rücken zu, legte mich hin. Nur wenig später tat er es mir auf der anderen Betthälfte gleich.
 

«Fucking Kakuzu. Du nervst auch manchmal, nur damit du's weißt.»
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

How do I form a connection when we can't even shake hands?

You're like a phantom greeting me

We plot in the shadows, hang out in the gallows

Stuck in a loop for eternity

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Isamu Ohtas Haus war sichtlich in die Jahre gekommen.
 

Fehlende Dachziegel, verwitterte Fassade, Risse im Putz und verzogene Fensterrahmen prägten das Bild. Die Hütte war von wuchernden Gräsern und Moos umrahmt. Durch die mangelnde Instandhaltung machte sie umso mehr den Eindruck, unbewohnt und verlassen zu sein. Wäre da nur nicht der rauchende Schornstein. Oder die frisch gehackten Holzscheite, die verteilt lagen um einen dicken Eichenklotz, in dem eine Axt steckte.

Das Haus war gute hundert Meter vor den Klippen erbaut worden. Man konnte das Meersalz in der Luft schmecken, während das Rauschen der Brandung jeden anderen Laut übertönte.
 

Wir hatten uns etwas Abseits auf die Lauer gelegt, um erstmal die Lage zu checken. Doch als sich Isamu auch nach einer Weile nicht zeigte, entschied ich, dass wir genug gewartet hatten.
 

«Statten wir ihm einen Besuch ab.»
 

Ich sprang aus meinem Versteck und Hidan folgte mir. Als wir uns langsam der Hütte näherten, blieb mein Blick wachsam auf die Umgebung gerichtet. Die Landschaft war karg und das Gebiet gut überschaubar. So nah an den Klippen bestand die Vegetation nur aus Moos und vereinzelten Büschen. Auf dem harten, felsigen Untergrund wuchs nichts anderes. Der Wald lag ein gutes Stück weiter im Inland, was einen Hinterhalt beinahe ausschließen ließ.
 

Als wir uns der Frontseite näherten, bemerkte ich, dass die Tür offen stand. Hidan und ich tauschten einen kurzen Blick aus.
 

Das sah so offensichtlich nach einer Falle aus, dass es keine sein konnte. Zudem war es in dieser Abgeschiedenheit nicht ungewöhnlich, Türen und Fenster offen stehen zu lassen. Dennoch sollten wir nicht unachtsam werden. Also schärfte ich meine Sinnen, konnte aus dem Inneren des Hauses jedoch keine Bewegung wahrnehmen.

Es war unklar, ob wir erwartet wurden oder nicht. Wusste Isamu etwa doch, dass wir ihn verfolgten? Oder hatte er uns überhaupt nicht auf dem Schirm? Der sichere Weg wäre gewesen, uns zu erkennen zu geben, Lärm zu machen und nach ihm zu rufen. Vielleicht hätten wir unseren Gegner so ohne Risiko aus dem Haus bekommen. Doch ich wollte den Vorteil eines möglichen Überraschungsmoments nicht hergeben.
 

Als ich den Eingang erreichte, wagte ich einen Blick durch den Spalt ins Innere. Da ich nicht viel erkennen konnte, schob ich die Tür langsam weiter auf. Sie knarzte, und ich spannte mich an, horchte aufmerksam. Ich war jederzeit auf einen Angriff gefasst, doch eine Reaktion auf mein Eindringen blieb aus.
 

Zentimeter um Zentimeter suchte ich nach möglichen Gefahren ab.
 

Die Hütte war nicht groß. Es gab Regale mit staubigen Büchern und eine Nische mit Betten. Holzscheite knackten im Kamin, während ein Topf über dem Feuer hing. Eine dampfende Tasse war auf dem Lesepult abgestellt worden, daneben lag eine ausgebreitete Schriftrolle. Als hätte sie jemand gerade erst noch studiert. Ich überprüfte jede Ecke, konnte jedoch niemanden entdecken. Bis auf das Knistern des Feuers war es still im Haus.
 

Ein Teil der Anspannung fiel von mir ab. Dann trat Hidan neben mich.
 

«Wo ist der Bastard? Ich dachte, wir hätten jetzt etwas Spaß mit ihm.»
 

Seine Hand lag bereits am Griff seiner Sense. Bei Feindkontakt hätte er sie wohl ganz automatisch gezogen. In engen Räumen wie diesen war es jedoch eine denkbar schlechte Idee, eine solche Waffe zu schwingen. Eine Sense benötigte Spielraum und der war hier nicht gegeben. Vermutlich würde sie bereits beim ersten Hieb irgendwo in einer Wand stecken bleiben.

Doch zumindest nahm Hidan die Situation ernst und blieb wachsam – das war bei ihm nicht selbstverständlich.
 

«Ich sehe mich hier drinnen etwas genauer um. Halte du draußen Ausschau.»
 

Auf meine Anweisung hin konnte man Hidan seine Unzufriedenheit deutlich ansehen. Vermutlich hatte er einen hitzigen Kampf erwartet und nun sollte er Wache schieben – nicht gerade seine liebste Aufgabe.

Er gab ein Seufzen von sich, gehorchte jedoch ohne zu widersprechen.
 

Nachdem er durch die Tür verschwunden war, begann ich langsam umherzugehen. Ich wollte mir ein Bild von Isamu Ohta machen. Es war zwar nicht zwingend notwendig, etwas über ihn herauszufinden, schließlich waren wir ihm kräftemäßig überlegen. Er würde uns nicht gefährlich werden können, solange wir uns an den Plan hielten. Doch bis der Kerl hier auftauchte – falls er das überhaupt tat – schadete es nicht, ein paar Informationen über ihn zu sammeln.
 

Kenne deinen Feind.
 

Was sofort auffiel: Isamu war ganz offensichtlich ein großer Bücherfreund. Die Raumaufteilung ließ erkennen, wo seine Prioritäten lagen. Tisch, Stühle und Betten standen eng zusammengerückt, wobei der eigentliche Wohnbereich klein gehalten war, um so viel Platz wie möglich für Literatur zu schaffen. Die Menge an Büchern war so groß, dass man durchaus von einer Sammlung sprechen konnte.
 

Wenn ich Isamu nicht umbringen wollte, hätte ich mich vielleicht sogar mit ihm verstanden.
 

Ich ging die Regale ab und überflog die Buchrücken. Da ich sein Interesse teilte und in meinem Leben schon viel gelesen hatte, stieß ich nur auf wenige Werke, die mir unbekannt waren. Dazwischen fanden sich vereinzelt auch andere Dokumente: persönliche Briefe, handgezeichnete Landkarten und Abschriften alter Politabkommen verschiedenster Reiche.
 

Da das Haus insgesamt sehr aufgeräumt war, ließ sich auf einen ordnungsliebenden Charakter des Bewohners schließen. Im Essbereich fiel mir ein Bild an der Wand auf. Das Familienfoto zeigte Vater, Mutter und Kind, wobei der stämmige Mann mit den haselnussbraunen Haaren zweifellos Isamu war – auch wenn seine Ausstrahlung sich völlig von der unterschied, die ich in Erinnerung hatte. Der glücklich lächelnde Familienvater, der seinem Sohn durch die Haare wuschelte und seine Frau im Arm hielt, hatte nichts mit dem strengen und kalt wirkenden Shinobi gemein, dem wir vor nicht allzu langer Zeit begegnet waren.
 

Beim Betrachten des Fotos fragte ich mich, wo seine Familie geblieben war. Lebten sie mit ihm in diesem Haus? Irgendwo anders in Semboku? Oder waren sie vielleicht mit ihm zurück in seine Heimat, dem Eisenreich, gegangen und dort geblieben?
 

Falls uns Frau und Kind in die Hände fielen, wäre das äußerst praktisch. Die Schwachstelle eines jeden Mannes war sein Herz. Wusste man wonach es diesem verlangte, konnte man sich den Mann zur Marionette machen. Ein Druckmittel zu haben würde uns weitere Zeit und Mühen ersparen.
 

Ich wandte mich ab und entdeckte in der Nähe der Schlafnische eine Leiter, die ich zuvor übersehen haben musste. Sie führte durch eine Luke in der Decke zum Dachboden. Oben war es beengt, stickig und dunkel, so dass ich den Kopf einziehen musste. Doch das schmale, runde Fenster ließ gerade genug Licht herein, um meine Umgebung erkennen zu können: weitere Regale voller Lesestoff. Schon auf den ersten Blick war klar, dass hier wertvollere und seltenere Stücke lagerten. Viele der Schriftrollen waren unverkennbar versiegelte Jutsu. Einige waren mit dem Kanji des Familiennamens Ohta gekennzeichnet, was darauf hindeutete, dass Isamu und seine Sippe offenbar Fuuinjutsu-Nutzer waren. Die Kunst der Versiegelung war eine leicht zu erlernende, jedoch schwer zu meisternde Technik. Nach der hohen Zahl an Versiegelungen und dem Schwierigkeitsgrad der Methoden zu urteilen, musste sich Isamus Clan darauf spezialisiert haben.
 

Das erklärte, warum er als eher durchschnittlicher Shinobi ein derart starkes Jutsu besaß.
 

Es bestand zwar auch die Möglichkeit, dass es eine Clantechnik war, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Doch viel wahrscheinlicher war, dass er ein fremdes Jutsu entsiegelt und es sich einverleibt hatte. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass das Konsequenzen hatte. Große Macht wurde nicht einfach so erlangt – sie war stets ein Tausch. Genauso wie ich Körper und Seele hingegeben hatte, musste auch Isamu etwas geopfert haben.
 

Alles hatte seinen Preis.
 

Ein weiteres Mal ließ ich meinen Blick über die mit Schriftrollen gefüllten Fächer schweifen, als ich an einer dunklen Holzschachtel hängen blieb. An der Vorderseite war ein seltsames Symbol eingraviert, das mir unbekannt war, aber dennoch etwas in meinem Hinterkopf zum Klingen brachte. Ohne genau zu wissen, warum, fühlte ich mich davon angezogen. Fast wie in Trance ging ich hin und öffnete das Behältnis.

Die Schriftrolle darin war mit schwarzen Seidenbändern umwickelt. Das Papier war stark vergilbt – sie musste schon einige Jahrzehnte alt sein. Dennoch befand sie sich in bemerkenswert gutem Zustand.
 

Normalerweise wurden Schriftrollen, ähnlich einem Buchrücken, von außen zur besseren Übersicht beschriftet. Bei diesem Exemplar hatte man jedoch darauf verzichtet und auch hier war lediglich jenes Symbol darauf hinterlassen worden. Meine Finger strichen über die schwarze Tinte und zeichneten es nach. Die Linien bildeten ein nach oben verzerrtes Viereck, dessen untere Spitze auf einem Punkt ruhte. Die linke und rechte Ecke waren durch ein Dach miteinander verbunden. Die Form erinnerte mich an die Klinge eines Kunais.
 

Plötzlich horchte ich auf. Über das Rauschen der Brandung hinweg glaubte ich etwas gehört zu haben – und tatsächlich. Kampfgeräusche von draußen.
 

Schnell steckte ich die Schriftrolle ein, sprang durch die Luke nach unten und eilte hinaus.
 

Isamu war zurückgekehrt und hatte Hidan in einen Kampf verwickelt. Ich beobachtete, wie er meinem Partner unermüdlich nachsetzte, kaum dass dieser einen Satz zurück machte. Ohta kämpfte mit zwei Sai-Gabeln* und suchte daher immer wieder die unmittelbare Nähe zu Hidan. Dieser wich den Hieben und Stichen aus oder blockte sie mit seiner Sense. Er hielt sich an den Plan und versuchte Abstand zu gewinnen, auf Distanz zu bleiben. Doch da Isamu keinen Raum zwischen ihnen ließ, wurde Hidan dabei unweigerlich immer weiter in Richtung der Klippen gedrängt.
 

Ich war nicht unbemerkt geblieben, daher ließ der Feind erstmal von Hidan ab und sprang zurück, um die Situation neu zu überblicken.
 

«Wurde auch Zeit, dass du auftauchst!», keifte Hidan sogleich los. Er war sichtlich angepisst und fuhr sich gehetzt durch die Haare.
 

Ich schenkte Isamu vorerst keine Beachtung, behielt ihn im Augenwinkel jedoch im Blick.
 

«Selbst Schuld wenn du nichts sagst.»
 

«Willst du mich verarschen?!», entrüstete sich Hidan. «Ich hab wie ein Verrückter nach dir gerufen! Der Typ hat schon geglaubt, ich hätte schiss vor ihm, so wie ich rumgeschrien hab. Dabei hat es mich nur abgefuckt, dass du mir erst genau vorschreibst, was ich tun soll, nur um dann selbst zu spät zur Party zu kommen.»
 

Das konnte ich nur schwer glauben. Hätte ich seine Rufe nicht hören müssen? Oder war ich wirklich so abgelenkt gewesen?
 

«Aber scheiß drauf!»
 

Hidan lachte euphorisch auf, ehe er mit seiner Sense angriffslustig auf Isamu zeigte.
 

«Jetzt bist erstmal du dran! Aaah, ich kanns kaum abwarten! Du weißt ja gar nicht was dich erwartet!», verkündete er unheilvoll.
 

Mein Blick wanderte zu Isamu, doch Hidans Drohgebärde schien komplett an diesem vorbeigegangen zu sein. Ohtas Miene war wie in Stein gemeißelt. Er musste mich schon die ganze Zeit anstarren, erstaunt und forschend.
 

«Du müsstest tot sein. Warum bist du's nicht?»
 

«Überraschung», erwiderte ich mit dunkler Stimme.
 

«Niemand hat mein Fūatsu Kōgeki bisher überlebt.»
 

Hidan gab ein kurzes, scharrendes Lachen von sich.
 

«Mit etwas Vergleichbarem wie uns hattest du es offenbar noch nicht zu tun. Wir kratzen nicht so leicht ab.»
 

«Tatsächlich?»
 

«Hidan», grollte ich. «Halt die Klappe und überlass das Reden mir.»
 

Bevor er wieder zu viel über uns ausplauderte, würgte ich ihn lieber direkt ab. Auch wenn ich dabei riskierte, seine rebellische Ader zu provozieren. Denn Hidan war heißblütig und ließ nur selten etwas auf sich beruhen. Auf Aktion folgte von ihm stets eine Reaktion.

Sein Blick lag bereits stechend auf mir, sein Kiefer spannte sich an. Ein Zeichen dafür, dass er sich gerade stark zusammenriss. Wahrscheinlich hasste er mich in diesem Moment dafür, dass ich ihm das Wort verbot.
 

«Warum seid ihr mir gefolgt?», lenkte Isamu die Aufmerksamkeit wieder auf sich.
 

Ich antwortete mit einer Gegenfrage:
 

«Warum greift eine Gruppe lächerlich schwacher Shinobi zwei Nuke-Nin an? Und warum versteckt sich jemand Ungewöhnliches wie du unter ihnen?»
 

«Rechtschaffenheit. Meine Begleiter waren Verstoßene und hofften, durch eine gute Tat wieder in ihre Dörfer aufgenommen zu werden. Ihr Fehler war es euch zu unterschätzen. Und was mich angeht, das war kein Verstecken. Ich bin den anderen nur zufällig begegnet und habe mit ihnen am Abend zuvor das Lager geteilt.»
 

Isamu war redseliger als es seine grimmige Ausstrahlung vermuten ließ. Jedoch hielt er seine Körperspannung die ganze Zeit aufrecht, die Sai-Gabeln fest umschlossen. Als ich stumm blieb, stellte er schließlich die entscheidende Frage.
 

«Sag mir, was willst du?»
 

«Deinen Tod.»
 

«Ist das alles?»
 

«Genügt das nicht? Wegen dir war ich eine ganze Weile außer Gefecht gesetzt. Das wird nicht ungestraft bleiben.»
 

«Rache also. Verstehe.»
 

Langsam begann ich meinen Mantel aufzuknöpfen, um meine Masken freisetzen zu können. Doch Isamu ließ mir keine Zeit dafür.
 

«Dann sollte ich das Großmaul hier wohl besser schnell erledigen.»
 

Plötzlich schleuderte er seine beiden Waffen auf Hidan, der von dem Angriff überrascht wurde. Gerade noch rechtzeitig riss mein Partner seine Sense hoch und wehrte die Geschosse ab. Doch das war nur eine Ablenkung. Isamu nutzte den Moment, um Fingerzeichen zu formen und sein tödliches Jutsu zu aktivieren. Im nächsten Atemzug schoss er auf Hidan zu.
 

Das alles geschah in nur wenigen Sekunden. Meine Hand war noch in der Bewegung, der Mantel halb aufgeknöpft, als sich meine Gedanken überschlugen.
 

Nein! Nicht schon wieder! Hidan, verschwinde da!
 

Es war wie damals. Das Geschehen wiederholte sich. Eiskalte Finger schlossen sich um mein Herz, was mein Denken erstarren und meinen Körper lähmen ließ – nur für einen Augenblick. Dann schüttelte ich das, was ich später weigern würde Furcht zu nennen, ab. Ordnung kehrte in meinen Geist zurück und mit ihr mein Vertrauen in Hidan. Er würde diesem Angriff ausweichen. Auch wenn er ihn durch den vorangegangenen Block etwas verspätet wahrnahm.
 

Dennoch...
 

Entgegen jeder Vernunft und Rationalität stürmte ich los und erkannte noch im selben Moment, dass ich zu spät kommen würde. Die Entfernung war zu groß, ich würde nicht rechtzeitig bei ihm sein.

Hidans Augen weiteten sich, als er die drohende Gefahr kommen sah. Er sprang zurück, versuchte dem Jutsu zu entkommen, doch unser Feind war schneller. Mein Partner überkreuzte abwehrend die Arme vor sich, als es ihn schließlich traf.
 

Isamus Fuß.
 

Wider Erwarten verpasste Ohta ihm einen kräftigen Kick in den Magen, der ihn nach hinten schleuderte. Ich wiegte Hidan bereits in Sicherheit, bis mir klar wurde, dass Isamu einen anderen Plan verfolgte.

Sein Fūatsu kōgeki war nach wie vor aktiv. Doch anstatt damit auf Hidan loszugehen, schlug er es in den Boden. Ein lautes Zischen erfüllte die Luft, bevor das Glühen um seine Faust erlosch. Im nächsten Moment war das Gestein unter ihm verschwunden. Es war zu Staub zerfallen, hatte sich ganz einfach aufgelöst.
 

Nicht mehr weit von Isamu entfernt, hatte ich mich instinktiv vom Boden abgestoßen. Im Sprung sah ich das Ausmaß der Zerstörung, die das Jutsu angerichtet hatte und fing an Ohtas Plan zu durchschauen. Um den Einschlagpunkt herum war kugelförmig alles ausgelöscht worden. Im massiven Fels klaffe ein tiefer Krater. Durch die enorme Kraft, die ausgeübt worden war, bildeten sich Risse im Gestein.

Von meiner Position aus erkannte man, dass das Plateau nahe der Klippen die Form eines riesigen Felsvorsprungs hatte. Und Hidan war genau in Richtung Spitze geschleudert worden. Die Spitze, die drohte wegzubrechen.
 

Ich wehrte einige Kunai ab, die Isamu von unten auf mich schoss, als ich über ihn hinwegsprang. Am tiefsten Punkt des Kraters kam ich auf und nahm mit zunehmender Besorgnis wahr, dass die Risse schlimmer wurden. Meine Instinkte schrien, dass ich da sofort verschwinden sollte. Doch ich ignorierte sie und kletterte über Felsbrocken und Geröll den Hang empor.
 

Über das Tosen der See hinweg glaubte ich Hidan fluchen zu hören.
 

Ganz oben an der Spitze angelangt zerrte ein kalter Wind an meiner Kleidung. Am Horizont waren dunkle Wolken aufgezogen und kündigten einen Sturm an.
 

Erst konnte ich ihn nicht finden, dann entdeckte ich seine Sense, die mit zwei Klingen im Fels an der Kante steckte. Vorsichtig wagte ich mich zum Rand vor, an dem Hidan, durch das Seil verbunden mit seiner Waffe, wie ein Pendel über dem Abgrund baumelte. Er musste seine Sense im Flug wie einen Enterhaken ausgeworfen haben. Ich hätte erleichtert sein müssen, doch ich verspürte nur Wut.
 

Er hatte mich schon wieder dazu gebracht, aus einer Emotion heraus unvernünftig zu handeln. Um den Feind sollte ich mir Sorgen machen, nicht um ihn.
 

«Beweg dich, Hidan. Komm hoch und dann nichts wie weg hier.»
 

Er hatte sich bereits so weit am Seil hochgezogen, dass nicht mehr viel fehlte, bis er die Kante greifen könnte. Doch genau in dem Moment, als er die Hand danach ausstreckte, brach der Fels samt Sense weg. Seine Nägel kratzten haltsuchend über den Stein, während ich mich blitzschnell zu Boden warf und ihn gerade so noch zu fassen bekam. Nun hing ich selbst halb über der Kante, hielt seinen Unterarm fest umschlossen, während er den meinen umklammerte.
 

Eine denkbar ungünstige Situation.
 

«Mit dir hat man nur Ärger», knurrte ich mit unterdrückter Wut in der Stimme.
 

Sich jetzt weiter aufzuregen brachte jedoch nichts – zumal wir größere Probleme hatten. So saß mir nämlich der Feind im Rücken. Ich konnte Hidan nicht festhalten und gleichzeitig Isamu bekämpfen. Blieb zu hoffen, dass dieser an seinem Leben hing und mir nicht gefolgt war.
 

«Hilf mir, verflucht noch mal! Zieh mich hoch!», krächzte Hidan panisch, nachdem er einen Blick nach unten geworfen hatte.
 

Die See donnerte wie eine entfesselte Naturgewalt gegen die Klippen. Fontänen schossen in die Höhe, bevor die Gischt mit der Brandung schäumend zurückgespült wurde. Am Grund ragten spitze Felsen bedrohlich aus dem Wasser. Hidans Körper würde zerschmettert und aufgeschlitzt werden. Die Wellen würden ihn mitreißen und langsam ertränken. Vorausgesetzt er überlebte den Sturz und wurde nicht unter herabstürzendem Fels begraben. So oder so.
 

Ein unangenehmer Tod. Selbst für ihn.
 

Das sah er wohl ähnlich, denn er drängte mich pausenlos zur Eile. Doch gerade als ich begann ihn hochzuziehen, grollte und knirschte der Fels an dem wir hingen. Plötzlich sackte der Boden ein Stück ab und ein Ruck ging durch uns. Das führte dazu, dass mir Hidan beinahe entglitt. Als mein Griff wieder gefestigt war, wagte ich keinen neuen Versuch mehr ihn hochzuziehen.

Der Vorsprung... er würde nicht halten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er wegbrach und alles in die Tiefe stürzte. Hidan war still geworden. Wir sahen einander an und uns beiden war klar, dass sich nur einer von uns würde retten können.
 

Er presste die Lippen zusammen.
 

«Scheiß drauf, lass mich los...»
 

Ich zögerte.
 

«Nun mach schon! Sonst stürzt du noch mit runter oder der Arsch fällt dir in den Rücken!»
 

Er gab sich großspurig, doch ich sah wie seine Lippe bebte. Ich hatte ihn schon unzählige Male in ähnlichen Situationen miterlebt, wenn ihm ein Unglück bevorstand und es keine Chance auf Entkommen gab. Doch es war das erste Mal, dass ich seine Angst sah. Dabei musste sie immer schon da gewesen sein, nur waren seine Gefühle bisher nie von Belang gewesen.
 

Ich brachte es nicht über mich, ihn einfach loszulassen.
 

Doch dann ging ein weiteres Grollen durch den Fels. Der Boden sackte erneut ein Stück ab, während um uns herum kleineres Gestein hinunterbröckelte. Das Gefälle war gefährlich steil geworden und ich musste sämtliche Muskeln anspannen, damit wir nicht abrutschten.
 

«Bist du blöd?! Lass mich endlich los, du Idiot!!»
 

Er schrie, seine Stimme vibrierte. Ich hielt ihn immer noch fest, dabei hatte er selbst längst losgelassen. Doch lauter werdende Grollen zwang mich schließlich zum Handeln.
 

«Du... du wirst doch nach mir suchen, oder?»
 

Ein letzter Blick in seine unsicher wirkenden Augen, dann ließ ich ihn los. Ich blieb nicht lange genug um ihn fallen zu sehen.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Do you know why the flowers never bloom?

Will you retry or let the pain resume?

I need a new leader, we need a new Luden

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* Sai-Gabeln: Kurze, schnelle Waffen mit typisch dreizackiger Form. Der mittlere Dorn ist lang und spitz zulaufend, während die beiden kürzeren äußeren Dorne, leicht nach außen gebogen sind.

Care


 

17. Care

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Fürsorge.
 

Ich erinnerte mich vage an eine kühle Hand auf meiner Stirn. An Lindenblütentee, Umschläge und den beißenden Geruch einer Salbe. Und an die Langeweile, die einherging mit den endlos langen Tagen, an denen ich das Bett hüten sollte.

Meine Mutter war eine pflichtbewusste Frau gewesen. Wenn der Sohn krank wurde, kümmerte man sich um ihn. Sie erledigte diese Aufgabe gewissenhaft und hakte sie ab, wie jede andere auch.
 

Erst viele Jahre später lernte ich, dass zu echter Fürsorge noch mehr dazugehörte.
 


 

Der Boden sank unter mir weg wie bei einem Erdrutsch.
 

Risse fraßen sich durch den Fels, ließen das Gestein nach und nach mit einem ohrenbetäubenden Krachen in sich zusammenstürzen. Mir blieb keine Zeit das Schauspiel zu beobachten. Eilig sprang ich von einem wegbrechenden Stück zum nächsten, jedes Mal kurz davor den Halt zu verlieren und zu fallen. Doch ich schaffte es zurück zum Krater, an dessen Kante ich mich schließlich ein letztes Mal kraftvoll abstieß.
 

Auf der anderen Seite entdeckte ich Isamu. Er bewachte den Hang, als wollte er dafür sorgen, dass es niemand zurück schaffte. In der Luft war ich ein leichtes Ziel und das würde er zweifellos ausnutzen.
 

Doch Ohta war ein vorsichtiger Gegner.
 

Anstatt sein tödliches Jutsu erneut zu aktivieren, formte er andere Fingerzeichen und entließ mit einem Fuuton: Daitoppa einen mächtigen Windstoß aus seinem Mund. Auf sowas war ich jedoch vorbereitet und ließ blitzschnell meine Fäden aus meinem Arm schießen. Kurz bevor die Druckwelle mich traf, erreichten sie das sichere Ufer und wickelten sich dort fest um einen Fels. Dank dieses Ankers ging der wuchtige Windstoß über mich hinweg, ohne dass er mich meterweit zurückschleudern konnte. Dann zog ich mich an den Fäden wie an einem Seilzug heran.
 

Sowie ich auf festen Boden aufkam, fiel der erste Tropfen. Isamu und ich standen uns mit grimmigen Mienen gegenüber, während allmählich der Regen einsetzte. Der Wind frischte auf, trieb die grauen Wolken unaufhaltsam von der See in Richtung Festland. In der Ferne war ein dumpfes Donnergrollen zu hören, ein drohender Vorbote, während der Schauer nun alles in Sekunden durchnässte.
 

Isamus Blick bohrte sich in meinen.
 

Bisher hatte er darauf verzichtet Hidan oder mich direkt mit seinem Jutsu anzugreifen. Mindestens zweimal hätte er die Gelegenheit dazu gehabt. Dass er das nicht getan hatte, konnte nur bedeuten, dass ihn mein Überleben und Hidans Aussage, dass wir schwer zu töten seien, verunsichert haben musste. Wenn einer von uns einen Treffer überstand, dann vielleicht auch der andere. Und was einmal funktionierte, könnte auch ein zweites Mal klappen. Die Klippen zum Einsturz zu bringen, war ihm da wohl als die erfolgversprechendere Methode vorgekommen, um einen von uns auszuschalten.
 

Somit sprach alles dafür, dass er sich sein Fūatsu Kōgeki so lange wie möglich aufsparen würde.
 

«Was war das eben für eine Technik?», unterbrach er schließlich unser stummes Blickduell.
 

Wortlos nahm ich meine Tätigkeit wieder auf meinen Mantel aufzuknöpfen.
 

«Dafür, dass es deinen Kameraden gerade erwischt hat, wirkst du ziemlich gelassen.»
 

Ich versuchte nicht an Hidan und sein ungewisses Schicksal zu denken und schmiss das Kleidungsstück schließlich beiseite. Dabei fiel die Schriftrolle aus der Innentasche und blieb auf dem nassen Moos neben dem durchweichten Stoff liegen. Isamus Blick wanderte kurz zu ihr.
 

«Du hast mich bis hierher verfolgt um Rache zu nehmen. Und nun bestiehlst du mich auch noch?»
 

«Du redest zu viel», grunzte ich.
 

Dann befahl ich den Masken sich aus mir zu erheben. Eine nach der anderen löste sich aus meinem Rücken, während Isamu jede meiner Bewegungen mit unerschütterlicher Wachsamkeit verfolgte. Kein Zucken meiner Fäden entging seiner Aufmerksamkeit und da bemerkte ich, wie sich seine Körperhaltung subtil veränderte. Etwas blitzte in Ohtas Augen auf, ehe sein Blick ungläubig und mit einer eigentümlichen Ehrfurcht an den schwarzen Massen haften blieb. Seine Reaktion ähnelte der vieler anderen, die mein Jutsu zum ersten Mal erlebten. Und doch lag in seiner Reaktion etwas, das ich nicht ganz zu deuten vermochte.
 

«Was–... das ist doch...!»
 

Jegliche Farbe war aus Isamus Gesicht gewichen, als die Masken sich neben mir in ihre jeweiligen Gestalt formten. Der Mann, den ich als kampferprobten und hartgesottenen Gegner eingeschätzt hatte, schien nun bis ins Mark erschüttertet. Für einen Augenblick ließ er vollständig seine Deckung fallen – eine Gelegenheit, die ich mir unter normalen Umständen niemals hätte entgehen lassen. Doch ich zögerte. Mein Instinkt sagte mir, dass etwas nicht stimmte.
 

Man könnte meinen, Ohta hätte Angst vor mir, doch dem war nicht so. In seinem Blick lag etwas anderes, etwas, das sich schwer benennen ließ. Es hatte den Anschein, als...
 

«Du bist das also», sprach Isamu, nachdem er sich wieder gefasst hatte.
 

Er kannte mich.
 

Die Maskenwesen – sie waren ihm nicht fremd. Isamu hatte sie wiedererkannt.

Im Geiste durchforstete ich meine Erinnerungen, doch ich fand nichts, das in irgendeiner Weise eine Verbindung zu ihm herstellte. Kein Hinweis, kein verblassender Schatten einer Begegnung. Es war, als ob ein Puzzlestück fehlte, das ich niemals zuvor gesehen hatte.
 

«Sind wir uns schon einmal begegnet?»
 

Nun war Isamu derjenige der schwieg. Ein Ausdruck reiner Entschlossenheit trat auf sein Gesicht, als hätte er soeben eine unumstößliche Entscheidung getroffen. Er war wie ausgewechselt.
 

«Ich weiß, was du vorhast, und ich werde es nicht zulassen», sagte er schließlich mit fester Stimme. «Das habe ich beim Namen Ohta geschworen.»
 

Meine Miene blieb reglos.
 

Ich hatte mir antrainiert jedem Feind mit stoischer Gelassenheit zu begegnen, ihm keine Gefühlsregung zu zeigen. Es war eine einfache, aber wirkungsvolle Taktik, um den anderen im Ungewissen zu lassen und meine Absichten und Gedanken zu verbergen. Doch gerade fiel mir das schwer. Denn ich hatte nicht den blassesten Schimmer worauf Isamu hinauswollte. Und schließlich konnte ich mich nicht zurückhalten.
 

«Wovon sprichst du?»
 

Isamu ging nicht darauf ein, sondern fuhr einfach fort.
 

«Letztendlich bringt es nur Leid. Allen in deinem Umfeld und auch dir selbst. Ich weiß das, und du müsstest es ebenfalls wissen.»
 

Meine Verwirrung wuchs mit jedem seiner Worte, doch ich wollte nicht noch mal nachfragen. Zuvor war Isamu trotz unserer Feindschaft offen für ein Gespräch gewesen, doch jetzt war das anders. Seine Körpersprache verriet, dass ihm nichts mehr daran gelegen war. Stattdessen machte er mir eine letzte Ansage.
 

«Doch es ist nicht meine Aufgabe dich umzustimmen, sondern dich zu stoppen. Vielleicht kann ich so zumindest einen Teil meiner Schuld sühnen.»
 

Er ließ mir keine Zeit, seine Aussagen zu entschlüsseln und formte sogleich Fingerzeichen. Nur Sekunden später waren wir durch sein Suiton: Kirigakure no Jutsu in dichten Nebel gehüllt. Die Bedingungen waren perfekt – die hohe Feuchtigkeit ließ diesen so undurchdringlich werden, dass ich kaum einen Meter weit mehr sehen konnte.

Meine Gedanken drifteten zurück zu unserer ersten Begegnung. Damals hatte er dasselbe Jutsu eingesetzt, um unbemerkt an Hidan heranzukommen. Was er auch geschafft hätte, wäre ich nicht dazwischengekommen. Doch war Isamu wirklich so töricht, dieselbe Taktik noch einmal gegen denselben Gegner einzusetzen?
 

Ich rief meine Masken zu mir und ließ sie wie ein Schutzschild um mich versammeln.
 

Wenn Otha sein tödliches Jutsu aktivierte und mich verfehlte, wäre das sein Aus. Es gab keinen Grund mich vom Nebel verunsichern zu lassen. Das war kein Nachteil für mich, auch wenn man das denken mochte. Ich schärfte meine Sinne und konzentrierte mich. Wenn ich nichts sehen konnte, musste ich eben vorausahnen, aus welcher Richtung sein Angriff kommen würde.

Doch eine Variable hatte ich in meinem Plan gestern nicht berücksichtigt und die könnte sich als problematisch erweisen: Er kannte mein Jutsu und wusste vermutlich auch, wie es funktionierte. Obwohl ich mir sicher war den Kampf zu gewinnen, sollte ich nicht nachlässig werden. Ich durfte mich nicht dazu verleiten lassen, meine Herzen vorschnell zu opfern. Denn genau darauf müsste er es abgesehen haben.
 

Wahrscheinlich würde er vortäuschen mit seinem Fūatsu Kōgeki anzugreifen und darauf spekulieren, dass ich jede Attacke mit meinen Masken abwehrte. So könnte er meine Verteidigung und damit meinen Trumpf zunichte machen. Zumindest würde ich an seiner Stelle so vorgehen.
 

Mein Kopf ruckte nach rechts, als ich glaubte von dort ein lauteres Plätschern zu hören – eines, das sich von dem monotonen Prasseln des Regens abhob. Voller Erwartung spannte sich mein Körper an, bereit, in jeder Sekunde zu reagieren.
 

Doch es kam nichts.
 

Wenn er sich absichtlich Zeit ließ, um mich zu zermürben, würde er sich damit keinen Gefallen tun. Auf mentaler Ebene hätte er es schwer gegen mich zu bestehen. Im Gegensatz zu jemand wie Hidan konnte ich enorme Geduld aufbringen, sollte es nötig sein. Und der Nebel würde nicht ewig bestehen bleiben. Der Sturm war nah, der Wind würde ihn bald forttragen. Die Zeit lief gegen ihn.
 

...
 

Immer noch nichts.
 

Kein verräterisches Geräusch, keine erkennbare Bewegung. Kein Zeichen dafür, dass er hier irgendwo lauerte und den passenden Moment abwartete. Weitere Minuten vergingen, ohne dass ich mir eine Blöße gab. Ich blieb wachsam, selbst als sich der Nebel langsam zu lichten begann.

Als die Umgebung nach und nach wieder sichtbar wurde, scannte ich jeden freigelegten Meter mit Argusaugen ab. Doch Isamu war nirgends zu finden. Die Umrisse der Felsen wurden immer deutlicher erkennbar, selbst die Hütte tauchte langsam in der Ferne auf. Als sich der Nebel schließlich vollständig verzogen hatte, fand ich mich alleine auf dem Plateau wieder.
 

War es möglich, dass...?
 

Instinktiv wanderte mein Blick nach rechts, zu dem Punkt, von dem ich vorhin das Plätschern gehört hatte. Mein Mantel lag an der Stelle, doch die Schriftrolle war verschwunden.
 

«Es ist nicht meine Aufgabe dich umzustimmen, sondern dich zu stoppen.»
 

Warum haute er dann ab, wenn er erst so große Töne spuckte, mich aufhalten zu wollen? War die Schriftrolle etwa derart wertvoll für ihn?
 

Mir entkam ein tiefes Grummeln – so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich war davon ausgegangen, der Sache heute ein Ende zu setzen. Doch nun sah es ganz danach aus, als würde ich Isamu weiter nachjagen müssen. Mit etwas Glück würde er sich mir vielleicht doch noch stellen, wenn seine Ansage nicht bloß leere Worte gewesen waren. Dennoch blieben sein Handeln und seine Motive fürs Erste ein Rätsel. Ich wurde nicht schlau aus ihm.
 

Aber darüber konnte ich später nachdenken.
 

Fakt war: Er war fort und eine Konfrontation lag vorerst nicht in Reichweite. Ich könnte die Verfolgung zwar sofort aufnehmen und würde ihn vermutlich innerhalb eines halben Tages eingeholt haben. Doch das wäre eine überstürzte Aktion und so etwas war nicht meine Art. Lieber ließ ich Isamus wirre Aussagen erst einmal sacken und sammelte mehr Hintergrundwissen, bevor ich den nächsten Schritt tat. Außerdem hieße das, dass ich Hidan zurücklassen müsste.
 

Nachdem ich die Umgebung gründlich durchkämmt hatte und sicher war, dass Isamu sich nicht doch irgendwo in der Nähe versteckte, machte ich mich auf die Suche nach Hidan. Der Sturm hatte mittlerweile das Festland erreicht und erschwerte mein Vorhaben erheblich. Regen und Wind peitschten mir ins Gesicht, während ich am Rand der Klippe stand und auf die aufgewühlte See hinunterblickte. Blieb zu hoffen, dass er von der Strömung nicht komplett aufs Meer hinausgetrieben worden war.
 

Der Einsturz des Felsvorsprungs hatte zumindest einen Vorteil. Die aufgehäuften Trümmer boten die Möglichkeit relativ sicher hinunterzusteigen. Ich befahl zwei meiner Kreaturen unter den Steinbrocken nach Hidan zu suchen, während die Wasser-Maske und ich jeweils eine Seite der Klippe übernahm. Falls die Wellen meinen Partner tatsächlich mitgerissen hatten, könnte er ein Stück weiter abgetrieben worden sein.
 

Auf meiner Seite gab es keine Möglichkeit unten an der Küste entlangzugehen, ohne selbst von den Naturgewalten erfasst zu werden. Mir blieb also keine andere Wahl, als von oben Ausschau zu halten. Am liebsten hätte ich gewartet, bis der Sturm vorübergezogen war, denn dann hätte man deutlich gründlicher und effizienter suchen können. Doch dafür blieb keine Zeit. Jede Verzögerung hätte den Suchradius unnötig vergrößert und die Chancen, Hidan zu finden, verringert.

Sobald mir in der tobenden Brandung etwas Verdächtiges auffiel, ließ ich mich an meinen Fäden so weit hinuntergleiten, dass ich es genauer in Augenschein nehmen konnte. Doch auch beim dritten Mal entpuppte sich das fragwürdige Objekt nur als ein verloren gegangenes Fischernetz.
 

Grummelnd zog ich mich wieder hoch, ehe ich mir ein kurzes, raues Auflachen nicht verkneifen konnte, als mir ein Gedanke durch den Kopf schoss. Es war noch gar nicht so lange her, da hätte es mich nicht im Geringsten gekümmert, wenn einem meiner Teampartner etwas zugestoßen wäre. Im Gegenteil. Den ein oder anderen hätte ich vermutlich sogar selbst von der Klippe gestoßen.
 

Und jetzt? Jetzt stand ich hier, kämpfte mich durch Sturm und Regen, um diesen Idioten wiederzufinden.
 

Wie absurd.
 

Nur einen Moment später empfing ich auf mentaler Ebene etwas von der Wasser-Maske. Ihre Aufregung war deutlich spürbar – sie musste etwas gefunden haben. Sofort machte ich kehrt und eilte zur anderen Seite der Klippen, wo sie bereits auf mich wartete. Sie drehte ihren Kopf zur See und ich folgte ihrem Deut nach unten.

Die Wellen schlugen hier ziemlich hoch und im ersten Augenblick konnte ich nichts Auffälliges entdecken. Doch als sich die Brandung schäumend zurückzog und den felsigen Küstenstreifen freigab, blitzte etwas rotes zwischen den Steinen auf.
 

Hidans Sense.
 

Ohne zu zögern ließ ich mich mithilfe meiner Fäden wie an einem Seil entlang der Felswand bis zur Hälfte hinabgleiten und wartete die nächste Welle ab. Meerwasser spritzte mir entgegen, als die Woge mit brachialer Gewalt gegen die Klippe unter mir krachte. Für einen Augenblick glaubte ich, einen dunklen Fleck inmitten der Fluten gesehen zu haben. Kaum dass sich die Brandung zurückzog, ließ ich mich auf den unterspülten Küstenstreifen fallen. Das Wasser stand hier knöchelhoch und die Steine waren von Algen überzogen. Ich verlor keine Zeit und sprang die wenigen Meter zu Hidans Sense, die mit einem ihrer Klingenblätter zwischen zwei Felsen stecken geblieben war.
 

Sie schien soweit unbeschädigt zu sein. Ich wollte sie gerade herausziehen und mich vor der nächsten Welle in Sicherheit bringen, als mir etwas auffiel. Das Seil, das am Griff befestigt war, stand straff gespannt. Ich zog testweise daran, doch es ließ sich nicht ohne weiteres einholen. Irgendetwas Schweres hing daran.

Mein Blick wanderte hinaus auf die See, wo bereits die nächste Welle heranrollte. Gleichzeitig spürte ich, wie sich das Seil mit der Bewegung des Wassers lockerte. Was auch immer daran hing – und ich hatte so eine Ahnung, was das war – würde mit der Flut hergetragen werden.
 

Mit Hidans Waffe im Gepäck setzte ich mich parallel zu den sich schnell nähernden Wassermassen in Bewegung. Chakra strömte in meine Sohlen und ich stürmte die steile Klippe empor. Die nächste Welle krachte mit voller Wucht gegen die Felsen unter mir, wobei ich meine Fäden bereits nach oben ausgeschickt hatte, um mich zusätzlich abzusichern.

Ich spürte einen wilden Zug am Seil, gefolgt von einem heftigen Ruck, als ich durch das zurückweichende Wasser das volle Gewicht des Anhangs zu spüren bekam. Ich wagte einen Blick nach unten. Zwischen den tosenden Winden und der Gischt baumelte ein dunkles Bündel, hin- und hergeworfen wie ein Spielball der Natur.
 

Zumindest schien Hidan noch in einem Stück zu sein.
 

Oben angekommen wurde ich von allen drei Masken in Empfang genommen – die beiden anderen waren in der Zwischenzeit zu uns gestoßen. Ich holte das Seil nach und nach ein, bis ich schließlich Hidans Arm zu fassen bekam und ihn das letzte Stück über den Rand zog. Bei der Berührung hatte ich knirschende Knochen unter meinen Fingern gespürt. Und das war erst der Anfang. Ein flüchtiger Blick reichte aus, um zu erkennen, dass es ihn schlimm erwischt hatte. Dabei hatte er noch großes Glück gehabt, nicht unter den Felsbrocken zerquetscht worden zu sein. Er blieb bewusstlos, als ich ihn über meine Schulter hievte und mich auf den Weg machte, um uns beide vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen.
 

Wenigstens blieb mir sein Gejammer erspart.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

So, come outside, it's time to see the tide

It's out of sight, but never out of mind

I need a new leader, we need a new Luden

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Das Badezimmer in Isamus Hütte war klein und beengt, aber immerhin gab es fließend Wasser.
 

Ich hatte Hidan in der Duschkabine unter aufgedrehtem Hahn abgesetzt, um mich zuerst selbst aus den kalten, nassen Klamotten zu schälen. Mein Oberteil und die Kopfverhüllung samt Stirnband landeten mit einem klatschenden Geräusch auf den Fliesen. Die Hose ließ ich vorerst an, nur die beiden Fläschchen, die ich von Misaki hatte mitgehen lassen, nahm ich vorsorglich aus der Tasche und stellte sie auf den Rand des Waschbeckens. Besonders das gelbliche Pulver in dem einen durfte auf keinen Fall nass werden, andernfalls hätte ich ein Problem. Was das andere Fläschchen anging... bei dem fragte ich mich so langsam, ob es überhaupt noch zum Einsatz kommen würde.
 

Den Gedanken abschüttelnd, stieg ich zu Hidan in die Dusche und kniete mich neben ihn, um mir seine Verletzungen einmal anzusehen. Wenn ich ihn zusammenflickte, würde sich der Heilprozess zumindest ein wenig beschleunigen.
 

Ich seufzte.
 

Oben an der Klippe, als ich ihn fallen gelassen hatte, war mein Groll noch so präsent gewesen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, ihn draußen im Sturm liegen zu lassen, sobald ich ihn aus dem Meer gefischt hätte. Doch nun konnte ich das nicht mehr. Erst recht nicht, weil ich einsehen musste, dass sich meine Wut nicht wirklich gegen ihn richtete, sondern gegen das, was er in mir auslöste.
 

Ich zog Hidan Mantel und Schuhe aus, befreite ihn von einen Strang Seegras, der sich um seinem Arm gewickelt hatte. Nach kurzer Untersuchung stellte ich fest, dass die schlimmsten Verletzungen innerlich waren. Gebrochene und zerschmetterte Knochen, eine ausgekugelte Schulter, diverse Quetschungen und von seinem Kopf wollten wir nicht sprechen. Vermutlich lag noch einiges mehr vor, nur ließ sich das als Laie von außen nicht so leicht bestimmen. Bei dem Wellengang musste er sich aber mindestens eine Gehirnerschütterung zugezogen haben, viel wahrscheinlicher ein Schädel-Hirn-Trauma.
 

Abgesehen von den zahlreichen Schrammen und Kratzern hielten sich die oberflächlichen Wunden jedoch in Grenzen. Eine Platzwunde, ein blutiges Ohr und ein schwer verletztes Bein, um das ich mich gleich kümmern würde. Zusätzlich hatte sich ein spitzer Fels in seine Seite gebohrt. Das abgebrochene Stück steckte noch im Fleisch, ließ sich jedoch mühelos herausziehen. Sofort quoll Blut hervor und vermischte sich mit dem heißen Wasser, das unaufhörlich auf unsere unterkühlten Leiber niederprasselte. Ich tastete die Stelle sorgfältig ab, um sicherzugehen, dass keine Fremdkörper zurückgeblieben waren. Dann nähte ich die Wunde geübt zu.
 

Als nächstes nahm ich mir das Bein vor, das unnatürlich verdreht aussah. Bei jeder Bewegung strömte ein heftiger Blutschwall unter dem Hosenbein hervor. Ich zog Hidan das letzte Kleidungsstück aus und zum Vorschein kam ein derart hässlicher Bruch, dass selbst ich kurz das Gesicht verzog. Der Knochen ragte in einem gut vierzig Grad Winkel aus dem Fleisch und war so stark gesplittert, dass das Bein wie ein abgeknicktes Streichholz wirkte.

Nach kurzem zögern packte ich Hidans Fußgelenk und drückte den Knochen mit einem feuchten, saftenden Geräusch zurück in die Wunde. Dabei bemerkte ich, dass das Knie darüber vollständig zertrümmert sein musste. Die Gliedmaße ließ sich viel zu leicht in jede Richtung bewegen.
 

Plötzlich ging ein Zucken durch den bislang reglosen Körper und ich blickte auf. Hidan lag noch immer so da, wie ich ihn zuvor abgesetzt hatte — seitlich zusammengesunken, halb gegen die Fliesenwand gelehnt. Nur eines war anders: seine Augen standen offen.
 

«Hidan?»
 

Als hätte er einen Anfall, bebte sein Brustkorb immer wieder in unregelmäßigen, krampfartigen Stößen.
 

Ich ließ von seinem Bein ab, nahm ihn bei den Schultern und zog seinen Oberkörper in eine aufrechte Position.
 

«Hid–»
 

Mit einem Blärgh spuckte er plötzlich einen Schwall Meerwasser über meinen Arm. Dann rang er röchelnd nach Luft, bevor seine Atmung in ein hektisches, fast schon hechelndes Muster verfiel. Seine weit aufgerissenen Augen starrten ins Leere.

Ich wartete einen Moment ab, doch selbst danach zeigte er keine Reaktion auf mein erneutes Ansprechen. Kein Blinzeln, keine Veränderung in seiner Mimik, kein Anzeichen, dass er mich auch nur wahrnahm.
 

Ich fasste ihn am Kinn und drehte seinen Kopf leicht zur Seite. Die Platzwunde war kaum der Rede wert, das Ohr darunter hatte es schlimmer erwischt. Was mir allerdings weitaus mehr zu denken gab, war die eingedrückte Schädeldecke – vermutlich der Grund für Hidans momentanen Zustand. Die Delle war deutlich sichtbar und ich wagte es nicht die Stelle abzutasten. Sein Schädel war nicht bloß gespalten, sondern musste regelrecht eingebrochen sein. Wahrscheinlich waren Knochenteile ins Innere gedrückt worden und hatten dabei sein Gehirn verletzt.
 

Sein Kopf musste mit voller Wucht gegen einen Felsen geschlagen sein.
 

Wenn man die Stelle der Verletzung bedachte, waren vermutlich Frontal- und Temporallappen beschädigt worden. Soweit ich wusste, waren diese Areale unter anderem zuständig für Sprache, Bewegung, Gedächtnis und Hören.

Ein Wunder, dass er jetzt schon zu sich gekommen war. Allerdings bezweifelte ich stark, dass er wirklich bei Bewusstsein war oder seine Umgebung wahrnahm. Es schien eher, als hätte sich bloß die Mechanik eingeschaltet – der Körper funktionierte instinktiv und begann langsam, seine Prozesse wieder hochzufahren. Angefangen mit der Atmung.
 

Mit ihm zu reden hatte also keinen Sinn. Es würde eh nichts wirklich bei ihm ankommen.
 

Also zog ich seinen Kopf wortlos ein Stück zu mir heran und hielt das blutende Ohr direkt unter den Strahl. Hidan ließ sich wie eine Puppe bewegen und zuckte nicht einmal, als das heiße Wasser sein Gesicht traf und ihm in die Augen lief. Das Blut wurde weggespült und, wie ich es mir bereits gedacht hatte, war von der Ohrmuschel nicht mehr viel übrig. Etwas in den Wellen musste sie abgerissen haben und nun trieb sie wohl irgendwo auf offener See. Die Chance, sie wiederzufinden, war gleich null.
 

Unweigerlich fragte ich mich, wie Hidans Selbstregeneration eigentlich funktionierte. Was war der Kern des Ganzen? Sein Herz? Das Gehirn? So wie sich an diesem verletzten Ohr neues Gewebe bilden würde, konnte man wohl kaum erwarten, dass an dem verlorenen Stück ein neuer Hidan nachwuchs.
 

Als die Blutung langsam nachließ, lehnte ich ihn erneut gegen die geflieste Wand. Was das Ohr anging konnte ich nicht mehr tun, doch mit dem Bein war ich noch nicht fertig. Gerade als ich mich diesem zuwenden wollte, spürte ich plötzlich eine Berührung. Verwundert sah ich hinab auf die Hand, die sich auf meinen Unterarm gelegt hatte. Auf Hidans Gesicht war jedoch nach wie vor keine Regung zu erkennen. Seine aufgerissenen, starren Augen blickten weiterhin ins Leere, während er in hastigen, unregelmäßigen Zügen atmete. Es erinnerte an ein sterbendes Tier.
 

Ich schüttelte seine Hand ab.
 

Dann widmete ich mich seinem Bein und begann damit, die Wunde so gut es ging mit meinen Fäden zu verschließen. Da der Knochen ein ziemlich großes Loch hineingerissen hatte und mir deswegen nur wenig Haut zur Verfügung stand, gestaltete sich das nicht ganz so einfach. Dazu schweifte mein Blick immer wieder von meiner Arbeit ab, hin zu Hidan. Ohne mich als Stütze war er etwas in sich zusammengesackt. Seine Haltung ließ ihn noch hilfloser erscheinen.

Ich versuchte mich nicht ablenken zu lassen, doch seine Geste ließ mich nicht mehr los. Dabei hatte sie wahrscheinlich nichts zu bedeuten. Sein Körper stand unter Schock und seine Muskeln hatten ein eingeprägtes Bewegungsmuster abgespielt.
 

Ich setzte den letzten Stich und zog die Naht straff, während ich mich grummelnd davon abhalten musste etwas Unsinniges zu tun. Hidan hatte schließlich schon weitaus Schlimmeres überstanden. Und das alles ohne, dass ihm jemand die verfluchte Hand hielt.
 

Doch es half alles nichts.
 

Seufzend fasste ich ihn erneut bei den Schultern und als ich ihn dieses Mal aufrichtete, bemerkte ich, dass sich sein Unterleib keinen Millimeter mit bewegte. Ein klares Zeichen dafür, dass auch sein Rücken gebrochen war.
 

«Hidan... hörst du mich?», fragte ich und kam mir ein wenig albern vor.
 

Er zeigte auch dieses Mal keine Reaktion. Über das Rauschen des Wassers hinweg war nur seine viel zu hastige Atmung zu hören, was mich unweigerlich an sein psychisches Problem erinnerte. Die Panik, die ihn bei Einengung und Bewegungsunfähigkeit überkam. Sanft berührte ich seine Wange, doch der Ausdruck in seinen Augen blieb geistlos, auch wenn sein Blick nun unentwegt auf mich gerichtet war.
 

In einem gelähmten Körper gefangen zu sein musste für ihn einem Albtraum gleichkommen.
 

«Deine Wirbelsäule ist gebrochen», erklärte ich sachlich und hielt kurz inne. Noch immer war nicht sicher, ob er mich überhaupt hörte.
 

«Das ist der Grund, warum du nichts spürst. Es ist aber alles noch dran... bis auf dein Ohr. Doch das wird schon wieder. Außerdem hast du ein Loch in deinem Schädel. Das wird dich wohl noch eine Weile beeinträchtigen. Um dein Bein hab ich mich bereits gekümmert und deine Schulter werde ich dir gleich einrenken, okay?»
 

Ich wartete keine Antwort ab und drückte seinen Oberkörper zur Fixierung gegen die Fliesen. Als ich seinen ausgekugelten Arm nahm und vorsichtig in eine günstige Position drehte, schien sich Hidans Atmung allmählich zu beruhigen. Das hektische Heben und Senken seines Brustkorbes reduzierte sich auf ein normales Tempo, zeitgleich liefen ihm stumme Tränen über die Wangen.
 

Vermutlich nur das Wasser... oder eine verspätete Reizreaktion.
 

Ich wandte meinen Blick ab, konzentrierte mich wieder auf meine Arbeit. Dann führte ich einen schnellen, präzisen Handgriff aus – ein hörbares Klicken, als das Gelenk wieder in seinen ursprünglichen Platz sprang. Testweise bewegte ich seinen Arm in jede Richtung, um zu prüfen, ob auch alles richtig saß. Es schien in Ordnung zu sein, also ließ ich von Hidan ab. Dann drehte ich den Hahn zu und ging in den angrenzenden Raum. Dort schlug ich die Decke des Elternbettes zurück und breitete ein Handtuch über dem Kissen aus. Da ich aufgrund der Verletzung Hidans Kopf nicht anfassen sollte, musste ich ihn wohl oder übel mit nassen Haaren ins Bett verfrachten.
 

Zurück im Badezimmer hob ich den Jüngeren vorsichtig auf meine Arme. Dabei vermied ich es ihm ins Gesicht zu blicken. Mit Tränen konnte ich nicht umgehen. Nicht bei ihm. Hidan so verletzlich zu sehen würde nur mein Herz erweichen. Und das durfte ich mir nicht erlauben.
 

Ich war oft genug enttäuscht worden und hatte keine Kraft mehr, um noch mal jemanden an mich heranzulassen.
 

Hidans Gesicht lehnte sich gegen meine Brust, während sein unverletzter Arm ein wenig orientierungslos Halt an mir suchte. Seine Hilflosigkeit machte es mir nicht gerade leichter, die emotionale Distanz zu ihm zu wahren.

Ich trug ihn zum Bett und setzte ihn behutsam darauf ab. Seine Hand hielt selbst dann noch an mir fest, als ich mich zurückziehen wollte. Ich musste sie von mir lösen, wobei sich seine Augen langsam schlossen. Bevor ich die Decke über ihn zog, achtete ich noch darauf, sein Ober- und Unterkörper möglichst gerade auf eine Linie zu bringen. Auf diese Weise würde seine Wirbelsäule leichter heilen können.
 

Anschließend trat ich einen Schritt zurück und betrachtete einen Moment lang die schlafende Gestalt. Meinen Partner, der unbestreitbar einen immer größer werdenden Einfluss auf mich ausübte. Auf mein Denken, mein Handeln, meinen Körper.
 

Und während der Sturm draußen weiter an Stärke zunahm, Blitze und Donner über das unliebsame Land hinwegrollten, fragte ich mich nur eines.
 

Wohin würde das führen?
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Sticks and stones may break my bones

But soon the sting will pass

But names can dig so many graves

You won't know where to stand

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Sacrifice


 

18. Sacrifice

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Opfer.
 

Manchmal musste man etwas zurücklassen, um voranzukommen. In meinem Fall war der zerstörte Körper und die gebrochene Seele nichts, was noch irgendeinen Wert gehabt hätte. Ich hatte beides, ohne einen weiteren Gedanken darüber zu verschwenden, hergegeben. Lieber opferte ich mich dem Ungewissen und nahm jede Konsequenz blind in Kauf, als mit Verrat und Ungerechtigkeit langsam dahinzuraffen. Meine Wut und der Wunsch nach Rache hatten mich am Leben gehalten und schließlich war ich vom Schicksal erhört worden.
 

Manch einer war bereit einen höheren Preis aus weitaus niederträchtigeren Gründen zu zahlen.
 


 

Der Sturm tobte unaufhörlich.
 

Ich hatte der Wasser-Maske befohlen draußen für uns Wache zu halten. Auch wenn ich einen gewissen Unwillen von ihr ausgehen gespürt hatte, folgte sie ohne zu zögern. Ich nahm zwar nicht an, dass Isamu so bald zurückkehren würde. Oder es bei diesem Wetter überhaupt konnte. Doch ich hasste Überraschungen und ging lieber auf Nummer sicher.
 

Während Hidan im Bett lag und heilte, kümmerte ich mich um den Rest. Ich duschte und lieh mir frische Kleidung aus Isamus Schrank. Nachdem ich unsere Sachen gewaschen hatte, hängte ich sie im Badezimmer zum Trocknen auf. Dann nahm ich den vergessenen Kessel vom Feuer und legte ein paar Holzscheite nach. Es war kalt geworden.

Der Tee duftete nicht schlecht, also füllte ich eine Tasse, um meine Arznei einzunehmen. Als ich das Pulver mit einem Schluck hinunterwürgte, verzog ich das Gesicht – an diese Bitterkeit würde ich mich nie gewöhnen.
 

Anschließend durchsuchte ich Isamus Hütte noch einmal gründlicher, in der Hoffnung, mehr über ihn zu erfahren. Vielleicht fand ich einen Hinweis darauf, wohin er gegangen war.
 

Und woher er mich kannte.
 

Ich vertiefte mich in die Geschichte seines Clans und nahm mir jedes Dokument vor, das ich dazu finden konnte. Doch auf einmal wurde ich unsagbar müde und kämpfte mich durch jede Zeile. Meine Lider wurden schwer und ich spielte mit dem Gedanken, mich für ein, zwei Stunden neben Hidan zu legen. Da ich jedoch keine Zeit verschwenden wollte, zwang ich mich dazu weiterzumachen.
 

Die Ohtas waren eine stolze Familie, die stets ehrbare Werte vertraten. Ihre Linie ließ sich weit in die Vergangenheit zurückverfolgen, und ein Stammbaum erstreckte sich über zwei Dutzend Generationen. Doch ein Name in den unteren Reihen war nachträglich entfernt worden. Da ich Isamus nirgendwo entdecken konnte, lag die Vermutung nahe, dass es seiner war.

Während unseres Kampfes hatte er von Schuld gesprochen. War es möglich, dass er etwas getan hatte, das seinen Clan dazu veranlasste, ihn zu verstoßen? Vielleicht war es aber auch umgekehrt – vielleicht hatte er sich von ihnen losgesagt. Doch warum? Und was hatte das alles mit mir zu tun?
 

Ein Rascheln vom Bett ließ mich von meiner Recherche aufsehen. Hidans Augen standen offen und sein Blick lag auf mir, doch ansonsten rührte er sich nicht.
 

«Hidan», sagte ich, unsicher, wie weit er bereits geheilt war. «Bist du bei dir?»
 

«Ja, man», erwiderte er matt.
 

Er machte einen ruhigen, erschöpften Eindruck. Kein Zeichen mehr von der innerlichen Panik, die er verspürt haben musste.
 

«Erinnerst du dich was passiert ist?»
 

«Ich bin gefallen und die Wellen haben mich gefickt.»
 

Das war eine ziemlich akkurate Beschreibung für das, was ihm widerfahren war. Nach der Ausdrucksweise zu urteilen, musste er außerdem wieder ganz der Alte sein.
 

«Versuch dich so wenig wie möglich zu bewegen. Dein Rücken ist gebrochen und dein Bein–»
 

«Brauchst du mir nicht zu sagen. Ich spüre was alles im Eimer ist du Schlaumeier.»
 

Das war gut. Wenn er Schmerzen hatte, bedeutete das, dass seine Wirbelsäule soweit wieder intakt war.
 

«Erinnerst du dich an was, nachdem ich dich herausgefischt habe?»
 

«Ich bin gefallen und das Meer hat mich gefickt.»
 

Meine Stirn legte sich in Falten. Danach hatte ich nicht gefragt. Und das war zwar nicht ganz derselbe Wortlaut, aber...
 

«Das sagtest du bereits.»
 

Er blinzelte mehrmals.
 

«Oh... scheiße, wirklich?»
 

Für einen Moment schien er komplett konfus und desorientiert. Wahrscheinlich war der Hirnschaden noch nicht ganz abgeheilt.
 

«Als ich dich in der Dusche zusammengeflickt habe warst du kurz wach. Weißt du noch?», versuchte ich es erneut.
 

«Nein, warum? Wieso fragst du?»
 

Ich zögerte.
 

«Nur so», brummte ich dann.
 

Da er einiges verpasst hatte, brachte ich ihn anschließend auf den Stand der Dinge. Ich berichtete von Isamus Flucht, nachdem er meine Masken gesehen hatte und auch, dass er mich auf irgendeine Art zu kennen schien. An den gesammelten Informationen zum Ohta-Clan schien Hidan wenig Interesse zu haben, doch er hörte sich alles bis zum Ende an.
 

«Meinst du, er ist zurück nach Tetsu no Kuni gegangen?», warf er dann in den Raum.
 

Ich rieb mir über die müden Augen und nickte.
 

«Davon ist auszugehen. Womöglich holt er sich von dort Verstärkung. Würde Sinn ergeben, da ihn die Bewohner von Semboku zu verachten scheinen. Deswegen sollte er von ihnen keine Hilfe erwarten dürfen. Nach dem Kampf ist ihm jedoch klar geworden, dass er alleine nicht stark genug ist mich aufzuhalten. Was auch immer das bedeuten soll. So wie er es ausgedrückt hat, scheint es für ihn aber einen persönlichen Hintergrund zu haben.»
 

Ich musste mich unbedingt noch mal hier im anliegenden Dorf umhören. Wenn wir die Verfolgung von Isamu wieder aufnahmen, musste ich wissen, was uns in Tetsu no Kuni erwarten würde. Sofern wir es nicht schafften, ihn bereits vorher einzuholen.
 

Fürs Erste hieß es aber, den Sturm aussitzen und Hidans Genesung abwarten.
 

Ich grübelte noch eine Weile vor mich hin, versuchte mir zusammenzureimen in welcher Weise Isamu mit mir in Verbindung stand. Einundneunzig Jahre waren eine lange Zeit. Gut möglich, dass ich ihm doch mal begegnet war und mich nur nicht mehr dran erinnern konnte. Vielleicht hatte ich irgendwann mal einen Ohta umgebracht und er hatte Wind davon bekommen.

Ganz automatisch musste ich an das Familienfoto denken. Aber, nein. So viele Leben ich auch genommen hatte, die Mehrheit davon waren Shinobi gewesen. Geächtete, Leute in der Regierung oder welche, die mir schlichtweg in die Quere kamen. Wenn es nötig war, machte ich zwar auch vor Unbeteiligten keinen Halt, doch dass es eben jene traf, war eher die Ausnahme. Die Gesichter von unschuldigen Frauen und Kindern vergaß ich nicht so schnell. Und ich war mir sicher, keines davon stimmte mit Isamus Familie überein.
 

Letztendlich hatte es keinen Sinn sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Wenn es für Isamu etwas Bedeutendes war, würde ich früh genug von ihm selbst erfahren, was es damit auf sich hatte. Und wenn nicht, dann eben nicht. Im Grunde war es mir egal.

Das Thema abgehakt, durchstöberte ich erneut die Regale und fand schon bald ein Buch, mit dem ich mir die restliche Zeit vertreiben wollte. Die Müdigkeit war zwar noch da, doch ich hatte das Gefühl, dass, wenn ich mich jetzt hinlegte, ich bis zum Abend schlafen würde.
 

«Na toll», nörgelte Hidan sogleich. «Nicht das schon wieder. Du klinkst dich jetzt nicht wirklich aus und überlässt mich meiner Langeweile, oder?»
 

«Du wirst es überleben.»
 

«Werd ich nicht. Ich kratz gleich ab wenn ich keine Beschäftigung kriege.»
 

«Mit Sicherheit», erwiderte ich trocken und setzte mich hin, schlug die erste Seite auf.
 

«Unterhalte mich etwas. Bitte.»
 

Ich seufzte tief, ging jedoch nicht darauf ein.
 

Von Hidan kam glücklicherweise auch nichts mehr und ich glaubte schon, er hätte es aufgegeben. Doch es blieb nicht lange still.
 

«Ey, ich...», fing er zögerlich an.
 

Was auch immer er ansprechen wollte, es fiel ihm offenbar schwer.
 

«Danke, dass du nach mir gesucht hast. Für einen Moment dachte ich, du würdest mich zurücklassen.»
 

Der Wechsel auf dieses Thema kam so überraschend, dass ich antwortete ohne nachzudenken.
 

«Hör einfach auf dich ständig in Schwierigkeiten zu bringen. Mit dir hat man nur Ärger.»
 

Kein dummer Spruch, keine keifende Erwiderung. Sogar der Versuch sich zu verteidigen blieb aus. Verwundert warf ich einen Blick über den Rand meines Buches. Von meinem Platz aus sah ich nur Hidans Profil. Er starrte stumm an die Decke.
 

War das zu hart gewesen?
 

«Wenigstens hast du dich nicht von dem Jutsu erwischen lassen», fügte ich etwas milder an.
 

Langsam und mit müdem Blick drehte er seinen Kopf zu mir.
 

«Hab ja nichts Nettes oder so von dir erwartet, aber Himmel, manchmal bist du echt ein Schwanz. Ich weiß, dass ich oft Schuld dran bin wenn wir reinscheißen. Aber dieses mal hab ich mich wirklich angestrengt und versucht alles so zu machen wie du es wolltest. Und es hilft nicht, wenn ich dann trotzdem ständig von dir zu hören bekomme wie unnütz ich bin.»
 

Der Tonfall und seine Miene blieben durchweg teilnahmslos. Ich war überrascht, wie sachlich er seinen Standpunkt vertrat, ohne dabei emotional zu werden. Vermutlich war er zu geschwächt um sich aufzuregen – für einen Streit fehlte ihm schlichtweg die Kraft. Doch mit dem nächsten Satz mischte sich unterschwellige Wut mit in seine Stimme.
 

«Nächstes mal reiß ich dich einfach mit mir in die Tiefe.»
 

Ich verengte die Augen.
 

Nächstes mal komme ich gar nicht erst um dir zu helfen.
 

Ich musste mich beherrschen, es nicht laut auszusprechen. Wer mir mit Gehässigkeit begegnete, bekam im Normalfall selbiges zurück. Doch so stark mein erster Impuls auch war, das, was mich daran hinderte, war stärker.

Nach allem was Hidan aufgrund des Sturzes durchgemacht hatte, fühlte sich jeder böse Konter wie Nachtreten an. Das Bild seiner Tränen und dieser schieren Verletzlichkeit hingen mir einfach noch zu präsent im Kopf.
 

Ich hatte ihn noch nie so nackt gesehen.
 

Das alles, weil sich einer hatte opfern müssen, um den anderen zu retten.
 

Ich fühlte mich nicht schuldig. Er hatte sich selbst dazu entschieden loszulassen. Und wenn man unsere jeweiligen Fähigkeiten bedachte, war es nur logisch, dass es in so einer Situation ihn treffen sollte. Wahrscheinlich hätte zwar auch ich den Sturz überlebt, doch zu welchem Preis? Hidans Wunden heilten relativ schnell und unkompliziert. Er musste nichts zusätzlich dafür tun. Wo hingegen es bei mir Mühen und Zeit kostete Ersatz für meine Herzen zu finden. Außerdem konnte ich auf noch mehr Narben verzichten. Alles sprach also für ihn als Leidtragenden, aber...
 

Er hatte Angst gehabt.
 

Ihm war bewusst gewesen, dass sein Körper an den Klippen zerschellen würde. Er hatte trotzdem losgelassen. Und diese Entscheidung war nicht aus einer logischen Schlussfolgerung getroffen worden.
 

Er hatte sich für meine Unversehrtheit in die Hölle gestürzt.
 

Man hätte sagen können, dass wir nun quitt waren. Doch so ließ sich das nicht abhandeln. Ich hatte nie eine Gegenleistung von ihm gefordert und auch nicht gewollt, dass er sich revanchierte.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Every saint could be a sinner

When their finger's on the trigger

I gave an inch, you take a life

It's do or die

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Es raschelte, als Hidan sich von mir abwandte, sein Gesicht wegdrehte. Es schien ihm nun nichts mehr daran gelegen, die Zeit mit mir totzuschlagen. Ich wollte es nicht, doch ich fing an meine harschen Worte von eben zu bereuen.
 

Mit einem mal klappte ich das Buch zu und legte es beiseite. Dann verschränkte ich die Arme vor der Brust, lehnte mich seufzend zurück.
 

«Meinetwegen», brummte ich genervt. «Wie hast du dir vorgestellt dass ich dich unterhalten soll?»
 

«Gar nicht, passt schon», murmelte er giftig.
 

«Sei nicht so zickig.»
 

«Fick dich einfach.»
 

Für eine Weile war nur der zischende Wind und das Prasseln des Regens zu hören. Das Dachwerk ächzte unter einer besonders starken Böe.
 

«Willst du mir deine Frage von heute Abend nicht schon jetzt stellen?», schlug ich vor.
 

«Du meinst die, die ich gestern gut bekommen habe?» Ein Schnauben. «Wozu? Damit du mich nur wieder verarschen kannst?»
 

«Ich habe nichts dergleichen getan. Deine Frage wurde beantwortet.»
 

«Du hast jedes Wort von mir auf die Goldwaage gelegt und nur Scheiße geantwortet. Obwohl du wusstest, wie ich es gemeint habe.»
 

Da hatte er allerdings recht. Ob es fair war, meine Überlegenheit ihm gegenüber auch in dieser Sache auszunutzen? Vermutlich nicht.
 

«Dieses mal beantworte ich sie richtig. Also frag.»
 

Hidan blieb stur und reagierte nicht. Nur das Zucken seiner auf der Bettdecke ruhenden Hand verriet, dass er vielleicht doch nicht ganz so desinteressiert war, wie er vorgab. Innerlich schüttelte ich den Kopf über sein Verhalten, das an ein bockiges Kind erinnerte. Wie mühselig.
 

«Aber wenn du nicht willst, auch gut», gab ich grummelnd von mir. «Chance vertan.»
 

Daraufhin drehte sich Hidans Kopf ruckartig zu mir. Seine Augen funkelten mich wütend an.
 

«Ja, dann mach endlich dein Maul auf, verdammt noch mal! Du schuldest mir immer noch ne Antwort auf die Frage von gestern!»
 

Er beharrte also auf jener Frage?
 

«Hattest du mal jemanden?»
 

Eigentlich hatte ich gedacht, er würde mir eine neue stellen. Doch nach seiner verbissenen Miene nach zu urteilen, schien er nichts dergleichen vor zu haben.
 

Mist.
 

Das waren vergangene, unbedeutende Geschichten, die ich nicht gerne teilte. Denn wer Altes ausgrub, musste sich zwangsläufig auch unangenehmen Wahrheiten stellen. Was verloren war zum Beispiel. Was man sich selbst verbot. Oder dass sich gewisse Dinge trotzdem nicht abstellen ließen. Und wenn es etwas gab, das mich rasend machte und gleichzeitig bis in den Kern beängstigte, dann war es keine Kontrolle zu haben.
 

Hätte ich gewusst worauf das hinauslief, hätte ich das mit der Fragerunde wohl gar nicht erst vorgeschlagen. Doch für einen Rückzieher war es nun zu spät.
 

«Das Konzept Liebe ist für einen abtrünnigen Shinobi nicht zumutbar. Wenn man ein gefährliches, unstetes Leben führt, ist eine Bindung nur zusätzliche Last.»
 

Hidans miese Laune zeichnete sich nach wie vor in seinem Gesicht ab. Abwartend starrte er mich an. Offenbar war er nicht zu täuschen. Ihm war klar, dass seine Frage damit nicht beantwortet war.
 

Ich räusperte mich.
 

«Deshalb versuche ich Derartiges zu vermeiden. Doch manchmal läuft nicht immer alles nach Plan. Also ja, ich hatte schon mal romantische Gefühle für jemanden.»
 

«Wirklich?», platzte es überrascht aus Hidan heraus, was mich die Brauen zusammenziehen ließ.
 

«Ist das so unvorstellbar?»
 

Dachte er tatsächlich, dass ich in einundneunzig Jahren nie etwas in diese Richtung gehabt hätte?
 

«Nein, nur...» Er verstummte, doch seine Miene hatte sich sichtlich aufgehellt. «Und weiter? Erzähl mehr darüber. Wie waren sie so? Diese Menschen, die dir wichtig waren?»
 

«Wie sollten sie sein? Es waren ganz normale Frauen.»
 

Er schnalzte mit der Zunge.
 

«Boahr ist es anstrengend was aus dir herauszubekommen. Nun sag doch einfach! Wer waren sie? Wie bist du ihnen begegnet? Was hast du besonders an ihnen gemocht?»
 

Ich brummte unwillig, hatte nicht damit gerechnet, dass er sich für die Personen im einzelnen interessieren würde.
 

«Um das erstmal zu differenzieren: wenn du das klassische Bild einer Beziehung im Kopf hast, davon habe ich nur eine nennenswerte geführt. Das war in Taki. Sie war eine Kunoichi und ihr Haar hatte die Farbe des Wassers. Der Rest waren mehr Bekanntschaften, bei denen sich vielleicht etwas hätte entwickeln können. Nur bin ich dafür nie lange genug geblieben.»
 

Hidan lachte leise auf.
 

«Das passt zu dir. Leute schwängern und dann abhauen.»
 

Vermutlich war es als Scherz gemeint, doch es kam der Realität näher, als er ahnte. Ich wusste zwar von keinem konkreten Fall, aber... es war nicht auszuschließen, dass es während meinen ausschweifenderen Phasen tatsächlich mal zu einer Befruchtung gekommen war. Glücklicherweise bohrte Hidan nicht weiter nach, sondern fragte stattdessen:
 

«Aber warst du nie einsam?»
 

Oh, doch.
 

«Man arrangiert sich», gestand ich. «Meine Prioritäten liegen wo anders und ich bin zufrieden wie es ist. Dazu gibt es Methoden sich abzulenken.»
 

«Mh, ich hab da so eine Ahnung, wie diese Methoden aussehen.»
 

Er grinste dreckig.
 

«Ich nehme was ich kriegen kann», erwiderte ich nüchtern, was ihn erneut zum auflachen brachte.
 

«Was?», knurrte ich leicht verärgert.
 

«Nichts.»
 

Er musste sich sichtlich das Lachen verkneifen.
 

«Schön dass dich das amüsiert», grollte ich. «Nicht jeder ist mit einem schönen Gesicht und makelloser Haut gesegnet. Wenn man so aussieht wie ich stehen die Frauen nicht gerade Schlange. Aber dir das zu erklären erspare ich mir. Du bist so ignorant, du merkst ja nicht mal wie gut du ankommst.»
 

«Ich checke es, sobald es auch für mich eine Rolle spielt. Aber danke.»
 

Ich schnaubte.
 

«Das war kein Kompliment.»
 

«Doch, der Teil mit dem schönen Gesicht auf jeden Fall.»
 

Es war mal wieder einer dieser Momente, in denen ich ihm sein selbstgefälliges Grinsen am liebsten aus der Fresse geschlagen hätte. Doch dann glätteten sich seine Züge und er sah mich an, als würde er etwas erkennen.
 

«Aber... jetzt versteh ich, warum du so bist. Du benutzt andere auch in der Hinsicht allein für deine Zwecke und wirfst sie danach weg. Und das schon seit einer Ewigkeit.»
 

Es war nichts falsch an seiner Aussage. Doch das aus seinem Mund zu hören, traf mich ganz unerwartet. Es machte die Stimme, die ich vor langer Zeit getötet hatte, plötzlich wieder hörbar.
 

Was tust du? Wie hat es so weit kommen können? Wie bist du nur so sehr von deinem ursprünglichen Kurs abgekommen?
 

Mein früheres Ich hätte mein jetziges verabscheut.
 

Wie bin ich denn?, wollte ich Hidan fragen, doch ich tat es nicht. Zu sehr fürchtete ich die Antwort. Der Jüngere würde es vermutlich aus erster Hand sagen können. Dafür war ich ihm nah genug gekommen.
 

Ganz plötzlich verspürte ich das dringende Bedürfnis, ihn vor mir selbst zu beschützen.
 

«Ey», holte er mich aus meinen Gedanken.
 

Hidan musterte mich argwöhnisch. Mir war es nur wie eine Sekunde vorgekommen, doch ich musste eine ganze Weile lang schon abwesend einen Punkt angestarrt haben.
 

«Du hast recht.»
 

Womöglich war das mit ein Grund, warum meine Vorlieben so speziell geworden waren.
 

«Ist das alles? Hast du nicht mehr zu sagen?»
 

«Nein. Außer vielleicht, dass das mit der Ewigkeit nicht ganz stimmt. Das letzte Jahrzehnt hatte ich nämlich kaum mehr Interesse daran.»
 

«Woran?»
 

«Sex.»
 

Er schenkte mir einen befremdlichen Blick.
 

Ich konnte sein irritiertes Häh?!, gefolgt von dem Warum zum Teufel sollte man darauf verzichten? beinahe schon hören. Doch war das tatsächlich sein Standpunkt dazu? Obwohl er anderes behauptete, zweifelte ich immer noch stark an, dass er viele Erfahrungen in dem Bereich gemacht hatte. Auf der anderen Seite wiederum war er doch zu fordernd, um Jungfrau sein zu können.
 

Hidan war in der Regel leicht zu durchschauen. Doch was das anging, blieb er undurchsichtig für mich.
 

«Verstehe», sagte er schließlich, obwohl ich mir nicht sicher war, ob er es tatsächlich tat. «Aber, warum hast du jetzt, also... warum hast du damit jetzt wieder angefangen? Und das waren alles Weiber, huh? Hattest du nie Interesse an Typen?»
 

«Ich denke, das sind Fragen fürs nächste Mal. Ich bin dran.»
 

Er verdrehte die Augen.
 

«Klar, jetzt wo es spannend geworden wäre.»
 

«Sei zufrieden mit dem was du bekommen hast. So ein Gespräch mit dir zu führen, hatte ich eigentlich nie vor gehabt.»
 

«Ja, ja», maulte er. «Dann sag halt an. Was willst du wissen?»
 

Da gab es einiges, was mir im Kopf herumschwirrte. Aber nur eine Sache, die ich unbedingt von ihm aufgeklärt haben wollte.
 

Warum versprühst du dein Feuer so provokant, nur um zurückzuschrecken, sobald es zur Sache geht? Was macht dich so nervös, wenn ich dich unter mir habe? Was ist es, das du mir nicht sagen kannst?
 

Doch sollte ich unsere Fragerunde ausnutzen, um ihm zusätzlichen Druck zu machen? Ich hatte ihm versprochen zu warten und daran würde sich nichts ändern. Es war nur so frustrierend, nicht zu wissen was das Problem war. Sich zurückhalten zu müssen, obwohl wir es beide wollten. Nicht die Chance zu bekommen Teil der Lösung zu sein.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mich noch gegen mein Verlangen gesträubt. Da hätte sich so eine Barriere womöglich als ganz hilfreich erwiesen. Ein weiterer Grund die Sache zu vergessen und die Fantasien aus meinem Kopf zu vertreiben. Doch nun hatte ich längst akzeptiert, dass ich sexuelles Interesse an meinem Partner hatte. Und würden uns keine Hindernisse im Weg stehen, hätte ich mir Hidan bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur einmal genommen.
 

Nur konnte ich ihn nicht schon wieder darauf ansprechen. Er würde dicht machen. Und damit hätte ich das Gegenteil von dem bewirkt was ich wollte.
 

Doch wenn ich meine Frage klug wählte, das Thema in die richtige Richtung lenkte und mich vorsichtig herantastete, fiel es ihm vielleicht leichter, es mir zu erzählen. Oder es hatte sich nach ein paar Antworten so weit ein Bild gezeichnet, dass ich es mir möglicherweise selbst zusammenreimen konnte.
 

«Ich gebe deine Frage zurück», sagte ich schließlich.
 

Seine Brauen hoben sich. Das schien ihn zu überraschen.
 

«Ich dachte, du wolltest alles über meine Kindheit wissen und würdest da weitermachen.»
 

«Das läuft nicht weg.»
 

Hidan schwieg einen Moment, ehe er sagte:
 

«Es gab nur einen. Er hieß Shiro.»
 

«Und weiter?»
 

«Wir sind zusammen im Tempel aufgewachsen.»
 

«...»
 

Stille.
 

So zäh wie er antwortete, war er offenbar nicht begeistert von meiner Wahl. Als ich ihn am gestrigen Abend über seine Kindheit ausgefragt hatte, war er deutlich redseliger gewesen. Wobei ihm selbst da das Thema schon nicht besonders behagt hatte.
 

«Wie alt war er?»
 

Die Luft schien noch etwas schwerer zu werden.
 

«Ein Jahr älter als ich damals. Er hat schon eine Weile im Tempel gelebt als ich dazukam.»
 

«Ihr wart da noch Kinder, richtig? Wie hat das mit euch angefangen?»
 

Hidans Hand bewegte sich hin zu seinem Hals und griff nach etwas. Eine unterbewusste Geste. Von meinem Platz aus konnte ich es nicht genau sehen, doch vermutlich umschloss er den Anhänger seiner Kette.
 

«Erst waren wir... Freunde, denke ich. Und als wir älter wurden, etwa mit elf, zwölf, haben wir beide gemerkt, dass das was anderes zwischen uns ist. Von da an haben wir uns heimlich getroffen.»
 

«Heimlich? Weil ihr beide Jungs wart? Wird das auch im Jashinismus nicht geduldet?»
 

Das war nicht ungewöhnlich. In fast jeder der mir bekannten Religion waren gleichgeschlechtliche Beziehungen verboten.
 

«Nein, das ist es nicht. Jashin-sama ist es scheiß egal auf wen oder was du stehst. Im Grunde kannst du als Jashinist tun und lassen was du willst, ohne Folgen fürchten zu müssen. Es gibt zwar ein paar Regeln, die werden aber eher als Leitfaden angesehen. Das Einzige, woran du dich zu halten hast, sind die sechs Gebote. Wenn du die missachtest bist du gefickt. Denn Jashin-sama wird dich jagen. Egal wo du bist oder was du tust, er wird immer einen Weg finden dich zu bestrafen.»
 

Auch wenn man viele Freiheiten zu haben schien – Terror und Verfolgung bei der kleinsten Verfehlung? Diejenigen, die hinter dieser Religion steckten und eine Gemeinschaft um diesen Humbug herum erschaffen hatten, hielten ihre Anhänger offenbar an der kurzen Leine. Es war mir unbegreiflich, wie ein gesund denkender Mensch sich einer – egal welcher – Glaubensrichtung anschließen konnte.

In Hidans Fall hatte ich jedoch ein Stück weit Verständnis. Er hatte nicht wirklich eine Wahl gehabt. Dazu spielten bei ihm weitere Faktoren hinein: Manipulation und Gehirnwäsche. Die Priester holten die Kinder nicht aus Gutherzigkeit von der Straße, nein. Sie taten es aus dem Grund, weil diese leicht zu beeinflussen waren. Formbare Diener.
 

«Wie lauten diese Gebote?»
 

«Die sechs Narben des Pfades», sagte er und zählte sie mir mit fast melodischer Stimme auf.
 

«Der erste Schnitt – Das Blut gehört Jashin

Kein Tropfen soll umsonst vergossen werden. Jede Wunde ist Anbetung.
 

Der zweite Schwur – Schmerz ist Erkenntnis

Wer nicht leidet, kennt ihn nicht. Der Weg zu Jashin ist durch Qual geweiht.
 

Die dritte Flamme – Der Tod ist ein Geschenk

Das Leben ist unrein. Nur wer tötet, gibt dem Herrn Nahrung.
 

Der vierte Blick – Heiden sind zu reinigen

Wer Jashin nicht dient, lebt wider den Willen. Sein Fleisch ist Schuld.
 

Der fünfte Kreis – Wiederkehr durch Vernichtung

Nichts endet. Im Töten wird neues Fleisch geboren, gebrandmarkt in seinem Namen.
 

Die sechste Stimme – Nichts existiert über Jashin

Kein Gesetz, keine Bindung, kein Glaube steht über dem Einen. Er ist Anfang und Zerfall.»
 

Er hatte es so sicher aufgesagt, als würde er es direkt von einem Buch ablesen. Die Zeilen mussten regelrecht in seinen Schädel reingehämmert worden sein.
 

«Jashin-sama ist absolut», fuhr er fort. «Wenn du dich ihm einmal hingibst, gibt es kein Zurück. Shiro war eine Ablenkung und die Priester befürchteten, wir würden das sechste Gebot brechen und uns von der Lehre Jashins abwenden. Unser Glaube ist das Wichtigste und sollte erst gefestigt werden. Deshalb durften wir uns außerhalb der Gemeinschaftszeiten nicht sehen.»
 

Der Jashinisten-Kult war nicht nur grausam und fanatisch, sondern auch komplett kompromisslos. Eigentlich nichts, was mich nach Blutriten und Menschenopfer noch überraschen sollte.
 

«Was ist aus ihm geworden?»
 

«Shiro?»
 

«Ja.»
 

«Er ist tot.»
 

Hidan verzog keine Miene.
 

«Wie ist es passiert?»
 

Kein Zucken. Kurz und knapp.
 

«Ich hab ihn verbrannt.»
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

You're just evil people

Crackin' smiles and twistin' knives

Friendly, but lethal

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Als ich nachhakte, meinte der Jüngere bloß, dass er Shiro im Arm gehalten hatte, als dieser starb. Es musste sein, waren seine abschließenden Worte dazu.
 

Hidans Blick war kalt und hart geworden.
 

So kannte ich ihn nur von seinen Ritualen. Wenn er eines davon durchführte, umgab ihn dieselbe unerschütterliche Energie. Fast so, als würde er für kurze Zeit in eine andere Haut schlüpfen und alles Menschliche verlieren.

Die Geschichte um Shiro warf mehr Fragen auf als sie beantwortete. Doch meinem Partner war danach nichts mehr daran gelegen, mir Aufschluss zu geben. Stattdessen schälte er sich aus der Decke mit der Aussage, dass er immer noch nach Fisch stinken würde.
 

Ich sah ihm nach, als er nackt vom Bett Richtung Bad humpelte – sein Bein war noch immer nicht ganz verheilt. Kurz darauf konnte man das Rauschen der Dusche hören.
 

Es war früher Nachmittag, als sich das Wetter endlich besserte. Wind und Regen hatten merklich nachgelassen und so bereitete ich mich darauf vor Semboku erneut einen Besuch abzustatten. Die Tür zum Badezimmer war noch immer zu, obwohl das Wasser der Dusche schon vor einer Weile abgedreht worden war. Ich gab Hidan durch die Tür Bescheid was ich vor hatte, bekam jedoch keine Antwort. Also versuchte ich es weiter.
 

«Mach dich schon mal fertig. Sollte ich die Informationen schnell beschaffen können, werden wir heute noch aufbrechen.»
 

Auch wenn wieder nichts zurückkam, er hatte mich bestimmt gehört. Deshalb wandte ich mich ab, schnappte mir beim Verlassen der Hütte eine Jacke und wickelte einen Schal um meine untere Gesichtshälfte. Meine Sachen lagen im Bad, dürften aber sowieso noch nicht ganz trocken sein.
 

Draußen empfing mich die Wasser-Maske, die ich hier zuvor als Wache postiert hatte. Sie hatte sich nah an die Hauswand gestellt, harrte unter dem schützenden Dach aus. Ganz vom Regen verschont geblieben war sie jedoch nicht. Aufgrund ihrer Größe ragte ihr Körper ein gutes Stück weit heraus. Nachdem ich hinausgetreten war, neigte sie ihren tropfenden Kopf vorwurfsvoll.
 

Ich ging an ihr vorbei ohne sie zu beachten – Wasser sollte doch ihr Element sein.
 

Der Sturm hatte deutliche Spuren hinterlassen. Einige Schindeln lagen verstreut rund um die Hütte, abgerissene Äste säumten den Boden. In der Ferne konnte man sogar den ein oder anderen entwurzelten Baum entdecken. Ich ließ die Maskenkreatur bei Hidan zurück und machte mich auf den Weg.
 

Unterwegs schweiften meine Gedanken immer wieder zu Hidans Geschichte ab. Was hatte ihn dazu gebracht seinen Freund zu töten? Ich versuchte die Lücken zu füllen, ging seine Worte immer wieder im Kopf durch. Dabei fiel mir etwas auf: Wenn Shiro durch ein Feuer ums Leben kam und Hidan ihn im Arm gehalten hatte, als er starb... bedeutete das dann nicht, dass der Jüngere selbst mit in den Flammen gewesen sein musste?
 

Ich schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf meine Aufgabe. Nachdem ich das Dorf erreicht hatte, gelang es mir relativ schnell, an neue Informationen zu kommen. In einer Schenke begegnete ich dem Greis, der Hidan am Vortag eine Belohnung für Isamus Finger angeboten hatte. Kaum fiel der Name unseres Gesuchten, überkam ihn ein Zorn, der kaum zu übersehen war. Trotzdem blieb er zunächst wortkarg. Erst nach ein paar Schalen Sake lockerte sich seine Zunge und mit ihr kam eine Flut aus wüsten Beschimpfungen. Während seiner Hasstriade konnte ich ihm problemlos alles entlocken was ich wissen musste. Neben wertvollen Hinweisen darüber, was mich in Tetsu no Kuni erwartete, kamen dazu noch andere interessante Dinge ans Licht.
 

Es war später Nachmittag, als ich zur Hütte zurückkehrte. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, nur die grauen Wolken hingen noch schwer am Himmel. Die Wasser-Maske harrte noch immer am Eingang aus und rührte sich erst, als ich mich ihr näherte. Ich begann meinen Rücken freizumachen, um sie wieder in mich aufzunehmen, doch dann hielt ich inne.
 

Hidan war nicht mehr in der Hütte.
 

Das hatte mir die Kreatur soeben über unsere mentale Verbindung mitgeteilt. Bevor sie meinem Befehl Folge leistete, deutete sie mit einer langsamen Bewegung ihres Kopfes in die Richtung, in die er gegangen war. Zu den Klippen hin – also konnte er nicht weit sein.
 

Zunächst ging ich jedoch hinein und sammelte meine Sachen zusammen. Meine Kleidung war noch immer nicht ganz trocken, aber der Rest würde sich mit der Körperwärme erledigen. Die Sachen meines Partners fehlten. Wo auch immer er steckte, immerhin hatte er auf mich gehört und sich fertig gemacht.
 

Ich musste nicht lange nach Hidan suchen. Nach ein paar hundert Metern Fußweg, vom Haus aus links zu den Klippen hin, entdeckte ich ihn.
 

Ich blieb vor den beiden Steinhaufen stehen, die sich auf der flachen Ebene vom Boden abhoben. Der eine etwa zwei Meter lang, daneben ein kleinerer. Frau und Kind. Ihre Namen waren in schlichte Steintafeln geritzt.

In morbider Symbolik lag Hidan daneben, eingereiht an die Gräber. Unter ihm prangte Jashins Zeichen, mit Blut gezeichnet. In Hidans Mitte klaffte eine halb verheilte Stichwunde, rote Rinnsale verliefen über seine Seiten und versickerten im staubigen Grund. Das Ritual war vorbei, seine Haut hatte bereits wieder ihre normale Farbe angenommen. Er lebte. Bei genauerem Hinsehen konnte man erkennen, wie sich sein Brustkorb hob und senkte. Er musste mich bemerkt haben, doch seine Augen blieben geschlossen und er rührte sich nicht.
 

Mimte er den Tod?
 

«Ich frage mich woran sie gestorben sind», sagte er plötzlich leise. Seine Lider öffneten sich einen Spalt.
 

«Dieser Isamu kommt ihretwegen jedes Jahr hierher zurück, oder? Um das Grab seiner Familie zu besuchen. Der Arsch muss sie echt geliebt haben.»
 

Er schaute hoch in den Himmel, starrte die grauen Wolken an, während wir uns beide anschwiegen. Das Meeresrauschen war zu einem Wiegenlied geworden. Nichts mehr übrig von dem Zorn der Erde.
 

«Hidan, ich will dass du eins weißt.»
 

Es war unnötig das Thema erneut anzuschneiden. Aber etwas zwang mich, es dennoch zu tun.
 

«Ich hasse Menschen. Und wenn ich etwas hasse, kannst man nicht erwarten, dass ich es gut behandle. Es hat mir sehr lange niemand einen Grund gegeben mich zu ändern. Ich war nicht immer so, wie du ständig sagst, nur gibt es kein Zurück. Wenn du also nicht damit klar kommst wie ich bin, dann war das zwischen uns wohl ein großer Fehler. Ich hatte dich gewarnt, dass du es bereuen würdest. Lieb und sanft gibt es bei mir nicht.»
 

Sein Blick war zu mir gewandert, doch seine Miene blieb undurchschaubar.
 

«Dann will ich dir auch mal was sagen. Du hast es nämlich immer noch nicht begriffen. Du sollst dich nicht verändern. Ich steh auf dich und darauf, wie du bist. Mit allem drum herum. Und das sage ich nicht nur so, also glaub es mir endlich.»
 

Er setzte sich keuchend auf und wischte sich mit dem Ärmel das Blut vom Mundwinkel.
 

«Aber», sagte er scharf und sah mich mit stechendem Blick an. «Was ich nicht ausstehen kann, ist, wenn ich nicht gesehen werde. Egal wie die Konditionen aussehen, also ob sanft, hart, liebevoll, stürmisch, meinetwegen auch blutig. Es gibt einen verdammten Unterschied zwischen benutzt werden und zwei, die miteinander Spaß haben.»
 

«Ist es das? Ist das der Grund, weshalb du–»
 

«Nein», seufzte er. «Wenn es nur das wäre, hätte ich wohl trotzdem schon mit dir gefickt.»
 

Es war das erste Mal, dass er es so deutlich und klar benannte. Und das ließ einen angenehmen Schauder meinen Rücken hinunterlaufen. Da es mir nun schwer fiel, mich nicht gedanklich darin zu verlieren, wechselte ich schnell das Thema.
 

«Isamu hat ihre Leben gegen Macht eingetauscht.»
 

«Was?»
 

«Das Jutsu hatte seinen Preis. Und er hat bereitwillig gezahlt.»
 

«Oh», machte er und wandte den Blick ab. «Und trotzdem kann er sie nicht vergessen, was?»
 

Warum nur hatte ich das Gefühl, dass wir gar nicht mehr über Isamu sprachen?
 

«Dieser Idiot», schnaubte er verächtlich.
 

Er schnappte sich einen Stein vom Boden und donnerte ihn zur Seite weg.
 

«Was ist mit deinem Freund passiert, Hidan? Warum hast du ihn getötet?»
 

«Du siehst das falsch, ich hab Shiro nicht umgebracht. Er war das Opfer und ich hielt die Fackel, das ist alles. Es war Jashin-samas Wille.»
 

Jemanden anzuzünden für einen religiösen Ritus oder jemanden abzuschlachten, war dasselbe. In beiden Fällen nahm man ein Leben. Doch für Hidan gab es da wohl einen Unterschied. Oder redete er sich das bloß ein, weil er die Wahrheit nicht ertrug?
 

«Nur, als es soweit war hat er Angst bekommen. Er wollte es nicht und hat mich angefleht ihn loszubinden. Ich hab seine Schreie fast nicht ausgehalten. Ihn in den Flammen leiden zu sehen, so ganz allein. Ich musste einfach zu ihm. Ich werd nie vergessen wie es sich angefühlt hat, als mein Fleisch mit seinem verschmolz. Danach war ich, wie ich heute bin.»
 

«Gläubig?»
 

Ein starrer Blick.
 

«Unsterblich.»
 

Dann fing Hidan plötzlich an laut loszulachen, was in Anbetracht von Shiros Schicksal mehr als unangebracht war. Als er sich beruhigt hatte, hoben sich seine Mundwinkel zu einem irren Lächeln.
 

«Du siehst, du bist nicht der Einzige, in dessen Leben es nie ein Zurück gab.»
 

Da wurde es mir klar. Wenn es ihm sein Gott befiehlt, würde er ausnahmslos jeden opfern. So nah ich ihm mittlerweile auch gekommen war, so sehr ich dachte ihm vertrauen zu können, ich sollte mir seiner nicht zu sicher sein. Shiros Geschichte war eine Warnung. Ich durfte nie vergessen, wer mein Partner wirklich war.
 

Ein unberechenbarer Kultist.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Like the devil in disguise, hiding in plain sight

You're just evil people

And I don't trust a single fuckin' one of y'all

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Secret


 

19. Secret

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Geheimnis.
 

Es gab viele Gründe eines zu bewahren: Angst. Scham. Schuld. Gier, Berechnung oder aus purer Bosheit. Manche hielt man fest, weil man sich einredete, es sei besser so. Andere, weil man gelernt hatte, dass Wahrheit selten nur Erleichterung bringt.

Doch die meisten kamen früher oder später ans Licht. Und wenn sie es taten, brach etwas auf. Nicht immer bei dem, der sie verschwiegen hatte.
 

Manchmal auch bei dem, der sie erfuhr.
 


 

Wir wählten eine andere Route zurück durch das Land.
 

Der Pfad östlich entlang der Küste von Kaminari no Kuni hatte seine Vor- und Nachteile. Zwar umgingen wir Sumpf, Moor – und vor allem den Kurort –, setzten uns dafür jedoch den heftigen Küstenwinden aus, vor denen wir im Landesinneren verschont geblieben wären. Unsere Nächte verbrachten wir unter halbkahlen Bäumen oder, wenn die Landschaft nichts besseres hergab, kauerten wir uns unter einem feuchten Felsvorsprung zusammen.

Hidan beschwerte sich unentwegt über Kälte und Nässe. Er schimpfte das Blitz-Reich den schlimmsten Ort, an dem er je gewesen sei, und schwor, nie wieder durch dieses Drecksland zu reisen. Erst nachdem ich ihm von anderen Teilen der Erde erzählte, in denen das Klima weitaus rauer war, gab er endlich Ruhe. Offenbar war er noch nie in Suna oder Yuki gewesen. Überhaupt schien er nicht viel herumgekommen zu sein und war einzig das milde, mittelkontinentale Klima gewohnt.
 

Dank meiner vier Herzen fror ich kaum. Selbst nachts nicht, wenn ein eisiger Wind über die Felsen hinwegpfiff und zeitweise halb gefrorener Regen mit sich brachte. Ich duldete Hidans bibbernden Leib an meinem Rücken, stieß ihn jedoch von mir, sobald mir sein Klammern zu viel wurde.

Wir hatten ihm noch immer keinen neuen Akatsuki-Mantel besorgt und er musste mit diesem billigen, viel zu dünnen Ersatz leben. Deshalb dauerte es nicht lange, bis er einen neuen Versuch wagte. Irgendwann erweichte ich und erlaubte ihm, sich wärmesuchend an mich zu drücken. Das anhaltende Zähneklappern hätte mich ohnehin früher oder später in den Wahnsinn getrieben.
 

Auch wenn sich im Grunde nichts an unserem Umgang verändert hatte, ließ sich nicht abstreiten, wie vertraut wir mittlerweile miteinander geworden waren. Was unsere Fragerunde anging – die hatte sich zu einem festen Ritual vor dem Schlafengehen entwickelt.
 

Eines Abends erkundigte er sich erneut nach meiner Sexualität und fragte, welches Geschlecht ich bevorzugte. Ich erklärte ihm, dass ich mich bislang ausschließlich auf das weibliche konzentriert hatte.
 

«Dann bin ich dein erster Kerl?», hakte Hidan dann nach.
 

Ich brauchte nicht zu antworten. Er zog die richtigen Schlüsse ganz von allein. Die Folge war ein keckes Grinsen und ein spitzbübisches Funkeln in seinen Augen.
 

«Wie alt du auch bist, selbst für dich gibt es wohl noch erste Male, hm?»
 

In letzter Zeit nahm er sich ganz schön was heraus.
 

Als wir den südlichen Teil von Kaminari no Kuni erreichten, beschloss ich, einen Schwenk nach Westen zu machen. Kumogakure, die Hauptstadt des Landes, lag so gut wie auf dem Weg. Die Aussicht auf ein warmes Bett und einer heißen Dusche war zu verlockend, um keinen kurzen Abstecher dorthin zu machen. Der Gedanke an ein wenig Luxus beflügelte Hidans Laune merklich und ließ ihn meine Fragen nicht mehr ganz so schwerfällig beantworten.
 

Ich wollte mehr über die Geschehnisse rund um Shiros Ableben wissen und erfuhr im selben Zug einiges über die Bräuche und Denkweise des Jashin-Kultes. Nach Hidans Erzählungen hatte ich zunächst angenommen, dass sie mit ihrem religiösen Wahn selbst vor den eigenen Leuten nicht Halt machten. Doch ich hatte mich geirrt.

Shiro war kein gewöhnliches Blutopfer gewesen, sondern die zentrale Figur eines besonderen Ereignisses: Kurobiraki — der Ritus der schwarzen Öffnung. Es erwartete ihn kein Tod, sondern Wiedergeburt durch Jashins Hand bei verdunkelter Sonne. Immer wenn eine Finsternis bevorstand, bei der sich der Mond vor unseren Stern schob, wurde einer aus ihren Reihen erwählt, um Jashins Mal zu empfangen. Shiro war jener Auserwählte gewesen. Und er hätte zu dem werden sollen, was Hidan heute war.
 

Er hatte die Fähigkeiten meines Partner bekommen sollen.
 

«Ich werde nie verstehen können, warum Jashin-sama ausgerechnet mich mit dem Mal gezeichnet hat. Shiro ist der Erwählte gewesen, nicht ich. Und was wäre passiert, wenn ich mich geweigert hätte die Opferstätte zu entzünden? Oder was, wenn ich nicht mit in die Flammen gesprungen wäre? Es macht mich krank darüber nachzudenken.»
 

Es überraschte mich zu hören, dass ursprünglich Shiro der gläubigere der beiden Jungen gewesen war. Hidan hatte bislang nie den Eindruck erweckt, als würde er auch nur einen Augenblick an seinem Gott zweifeln. Doch offenbar war das nicht immer so gewesen. Das Leben auf der Straße hatte ihn geprägt, sein Misstrauen tief verankert. Selbst nach seiner Aufnahme im Tempel hatte es Zeit gebraucht, bis er wieder Vertrauen fassen konnte.

Sein Freund dagegen soll ein unerschütterlicher Anhänger gewesen sein, der Hidan stets in seinem Glauben bestärkt hatte. Doch am Tag des Ritus stellte sich heraus, dass sich das Blatt längst gewendet hatte. Nicht Hidan war am Ende der Zweifler gewesen, sondern Shiro.
 

Hidan glaubte, dass sie beide damals von Jashin auf die Probe gestellt worden waren. Offenbar sollen selbst die Priester regelmäßig solche Spielchen mit den Kindern getrieben haben. Ich hatte selbst genug gesehen und erlebt, um eine ziemlich genaue Vorstellung von dieser manipulativen Psychoscheiße zu haben.
 

Es machte mich wütend. Auf Heimtücke reagierte ich allergisch.
 

Hidan war sechzehn, als er den Tempel verließ. Als Träger des Mals war es seine Pflicht, den Herrn mit Blut zu nähren. Und ihm, wenn möglich, jeden Tag eine Seele zu opfern.
 

«Ich wollte auch die anderen suchen», meinte er.
 

«Die anderen?»
 

Er erinnerte mich an Kurobiraki, die Zeremonie, die bei jeder Sonnenfinsternis abgehalten wurde. Solche Naturereignisse waren selten, aber nicht so selten, wie man vielleicht glaubte. Sie traten ein- bis zweimal pro Jahr auf, verteilten sich jedoch über den gesamten Erdball. In einer einzelnen Region ließ sich eine Sonnenfinsternis aber nur alle paar Jahre beobachten.
 

«Wenn es andere wie mich da draußen gibt, dann... dann muss ich sie finden. Aber ich wusste nicht wo ich anfangen sollte und bin ziellos umhergeirrt. Jashin-sama würde mich schon zu ihnen führen, dachte ich. Aber dann kam Akatsuki und ich bin dir begegnet.»
 

Ich war immer davon ausgegangen, dass Hidans Fähigkeiten einzigartig waren. In über neunzig Jahren war mir nie zu Ohren gekommen, dass es jemanden geben sollte, der Vergleichbares beherrschte. Doch wenn man Hidan glauben wollte, gab es sogar mehrere von ihnen. Grob geschätzt war von gut einem Dutzend weiteren Malträgern auszugehen.

Da jedoch nichts über sie bekannt war, ging ich davon aus, dass sie entweder nicht gefunden werden wollten oder nicht gefunden werden sollten. Auch wenn man einen Körper wie den ihren nicht töten konnte, existierten genügend Methoden, jemanden dauerhaft unschädlich zu machen. Es würde mich nicht wundern, wenn einige von ihnen versiegelt worden waren. Oder irgendwo in einer Zelle verrotteten.
 

Als wir die Grenze zum Frost-Reich passierten, wurde es entgegen des Namens merklich wärmer. Wir verbrachten eine Nacht in Shimogakure, wo mich Hidan überredete, abends mit ihm eine Schenke zu besuchen. So gesehen waren wir zwar auf einer Mission, doch gerade drohte uns keine unmittelbare Gefahr. Wir konnten es uns also erlauben, es sprach nichts dagegen. Und, ich tat es zwar nur sehr selten, doch eigentlich trank ich gelegentlich ganz gerne mal etwas.
 

«Wie lange hetzen wir dem Kerl nun schon hinterher?», knurrte mein Partner, bevor er sich bereits die zweite Schale Sake die Kehle hinunterstürzte.
 

«Eine Weile», erwiderte ich trocken.
 

Hidan hatte ja nicht unrecht. Die Sache dauerte länger als geplant. Akatsukis Angelegenheiten würden uns bald einholen, und dann bliebe uns keine Zeit mehr, Isamu zu schnappen.
 

«Himmel, kotzt es dich denn gar nicht an? Ich mein, wenn er nur endlich mal stehen bleiben würde. Dann könnten wir ihn erledigen und das wärs. Aber so...?»
 

Er gab dem Wirt ein Zeichen und seine Schale wurde prompt wieder aufgefüllt.
 

«Schlägst du mir gerade vor, dass ich ihn entkommen lassen soll?»
 

«Irgendwie schon. Ich glaub halt nicht, dass sich der ganze Aufwand lohnt.»
 

Ich nahm meinerseits einen Schluck.
 

«Mag sein. Nur werde ich die Verfolgung nicht aufgeben, nur weil sie sich zieht.»
 

Daraufhin verdrehte er die Augen. Mit einer wirschen Handbewegung und einem halbherzig gemurmelten was auch immer tat er die Sache ab.
 

Dann schaute er mich eine Weile still an, während seine Finger immer wieder gegen seine Schale tippten.
 

«Was ist damals eigentlich in deinem Dorf passiert? Wie bist du Nuke-Nin geworden?»
 

«Wozu die Frage?», entgegnete ich, überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel. «Wie mein Attentat auf den ersten Hokage ausging und was danach passiert ist, kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen, Hidan.»
 

Er schnaubte.
 

«Seh ich so aus, als würde ich diese langweiligen Schinken lesen?»
 

Ich hielt einen Moment inne, schaute ihn an. Dann nahm ich einen großen Schluck Reiswein.
 

«Du hast recht, gebildet sieht anders aus.»
 

Seine Miene verzog sich zu einer Grimasse.
 

«Ey, fick dich! Aber klar, ich kenne die Fakten und weiß, was sich erzählt wird. Nur... keine Ahnung, ich will halt deine Version hören.»
 

Ich nahm noch einen Schluck, ehe ich mit kalter Stimme aufsagte:
 

«Die Mission ist fehlgeschlagen. Ich habe versagt und Taki hat mich dafür in den Kerker gesperrt. Aber ich konnte entkommen und habe mir Jiongu einverleibt, um mich an den Ältesten zu rächen. Mehr gibt es nicht zu sagen.»
 

Man sah ihm an, dass ihm das nicht genügte, doch nachbohren tat er nicht. Stattdessen leerte er seine dritte Schale. Als er die vierte an seine Lippen setzte, schenkte ich ihm einen strengen Blick.
 

«Was?», fragte er süffisant.
 

«Übertreib es nicht.»
 

«Manchmal habe ich aber Lust zu übertreiben.»
 

Sein verschlagenes Grinsen und das Funkeln in seinen Augen hatten eindeutig etwas Zweideutiges. Ich ließ mich davon jedoch nicht beeindrucken. Er spuckte sowieso nur große Töne.
 

«Ach, jetzt sei nicht so steif. Ich dachte wir sind hier um Spaß zu haben. Aber du schaust halt immer noch so ernst aus der Wäsche.»
 

«Sich kopflos besaufen ist nicht meine Art.»
 

«Spaß haben wohl auch nicht», murmelte er augenrollend. «Was tust du denn dann, wenn du dich amüsieren willst? Ich meine, abgesehen von dem Finanzkram und den Büchern.»
 

Ich hatte nie viele Hobbys gehabt. So gesehen war die Arbeit das, was mich ausfüllte. Die Kämpfe, Strategien entwickeln, Gegner besiegen und die Beute einstreichen. Außer meiner Leidenschaft für Bücher gab es daneben nicht sehr viel mehr. Was ich sonst noch mochte? Geregelte Abläufe und wenn alles nach Plan lief.
 

Nur bezweifelte ich, dass etwas davon Hidan zufriedenstellen würde.
 

«Kein gutes Zeichen, wenn du so lange überlegen musst», seufzte er.
 

Mit zunehmender Stunde wurde die Schenke voller und die Stimmung ausgelassener. Klirrende Gläser, Gejohle und angeregte Gespräche füllten den Raum. Der Alkoholpegel der Gäste stieg an, ebenso wie Hidans. Er haute einen schlechten Witz nach dem anderen raus, giggelte unnatürlich viel und versuchte mich mit spitzen Kommentaren aus der Reserve zu locken. Mehrfach begann er Sätze und beendete sie nicht, weil er vergaß was er sagen wollte. Einmal legte er sich mit unseren Tischnachbarn an, doch ich griff ein, bevor es eskalierte.

Als es spät wurde entschied ich, dass es für heute genug war. Der Gastwirt kam, räumte unseren Tisch ab und ich bezahlte. Hidan machte ein verdutztes Gesicht, als er realisierte, dass wir etwa gleich viel getrunken hatten. Grinsend schimpfte er mich ein trinkfestes Arsch. Dann klopfte er mir anerkennend auf die Schulter, worauf ich lediglich die Brauen hob.
 

Ich verspürte zwar eine schwummernde Leichtigkeit, doch ansonsten war ich klar im Kopf. Trinkfest war ich deswegen nicht – Hidan vertrug bloß nichts. Ich tat mir selbst jedoch keinen Gefallen, ihm das jetzt unter die Nase zu reiben.
 

Wir hatten gerade die Treppen zu den Zimmern erreicht, als Hidan plötzlich ein leises Fuck ausstieß. Er stolperte halb über die Stufen und hielt sich im letzten Moment an mir fest. Mit schiefem Grinsen sah er zu mir hoch – eine stumme Frage. Ich brummte nur, griff seinen Arm und legte ihn mir über die Schulter. Eigentlich sollte ich ihm als Stütze dienen, doch mit jeder erklommenen Stufe machte er etwas anderes daraus. Seine Aufmerksamkeit galt nicht seinen Füßen, sondern mir. Was es nicht gerade leichter machte, ihn nach oben zu bekommen.

Er schmiegte sich an mich, mehr als nötig, bis er mir am Ende nur noch giggelnd am Hals hing. Immer wieder murmelte er meinen Namen, zog ihn in die Länge, Silbe für Silbe – als wüsste ich nicht, wie ich heiße.
 

Langsam kam mir der Verdacht, dass sein Stolperer kein Zufall gewesen war.
 

«Ey, Kakuzu, sag mal», säuselte er mir ins Ohr. «Kannst du eigentlich jedes beliebige Körperteil verhärten?»
 

Wieder dieses leise, dreckige Lachen.
 

Die Frage und sein warmer Atem an meinem Hals jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken. Er war betrunken und wusste vermutlich nicht was er da sagte. Doch allein die Tatsache, dass er überhaupt auf solche Ideen kam und darüber nachdachte, das...
 

Ich hatte Mühe mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich das anmachte.
 

«Warum? Willst du es ausprobieren?», gab ich als Konter zurück.
 

Es war dummes Gerede. Und doch klang meine Stimme tiefer, dunkler als beabsichtigt. Nicht ganz so eindeutig, wie sie hätte sein sollen. Hidan lachte wieder – leise, kehlig – während wir oben ankamen.
 

«Mit dir kann man ja doch Spaß haben.»
 

Im Zimmer bugsierte ich ihn aufs Bett. Er plumpste darauf wie ein nasser Sack und begann sich benommen aus seiner Kleidung zu schälen. Keine zwei Minuten später war er weggedöst. Schief auf der Matratze, nicht einmal zugedeckt.

Ich setzte mich an meine Seite des Bettes und sah ihn an. Sein Mund stand einen Spalt offen, und sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Er wirkte so harmlos, fast weich. Nichts mehr von seiner sonst so aufbrausenden Art zu sehen.
 

Mit dir kann man ja doch Spaß haben.
 

Was meinte er damit? Dass ich auf seine Sprüche einging? Oder etwas anderes? Es war nicht das erste Mal, dass er Andeutungen in diese Richtung machte. War er auch offen für... Experimentelles?
 

Scheiße. Das war übereifrig. Keine gute Idee, sich diese Gedanken zu machen, wenn noch nicht mal der erste Schritt getan worden war.
 

Es waren dennoch Fragen, die mich länger wach hielten, als mir lieb war.
 

Am nächsten Morgen zog ich in Erwägung unsere Route abermals zu ändern. Der kürzeste Weg ins Eisen-Reich hätte uns durch Oto no Kuni geführt. Doch seit Orochimaru der Akatsuki ausgetreten war und Otogakure übernommen hatte, war von Pain die Empfehlung ausgegangen, dieses Gebiet bei Möglichkeit zu meiden. Der Leader wollte sich wohl nicht in die Angelegenheiten des ehemaligen Mitgliedes einmischen. Das Verhältnis zu Orochimaru blieb angespannt. Und so würde das Auftauchen von Mänteln mit roten Wolken in diesem Land nur unnötig Ärger bedeuten. Für beide Seiten.
 

Auch Hidans gemurmeltes scheiß auf die verfickte Schlange konnte mich nicht umstimmen. Ich wusste genau, dass sein plötzlicher Trotz nur den Zweck hatte, sich noch eine Stunde länger im Bett herumzuwälzen. Und obwohl sein Gejammer über Kopfschmerzen bereits hart an meinen Nerven zehrte, blieb meine Entscheidung stehen.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

They tried to drown me in the drama

And now I'm swimming with piranhas

That bleed me dry, I won't survive

But that's alright

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Der Umweg führte uns in die Hafenstadt Namiura. Sie lag am östlichen Rand der Haran-Bucht im Land der heißen Quellen und diente als Umschlagplatz für Handelsgüter aus aller Welt. Die Stadt war alt, aus dunklem Holz erbaut, das längst vom Salz der See grau geworden worden war. Die Gebäude standen dicht gedrängt, ihre Dächer von Möwenkot gezeichnet. Einst ein kleines Fischerdorf, hatte die günstige Lage dafür gesorgt, dass Namiura zu einer Goldgrube wurde. Jeder wollte ein Stück vom Kuchen abhaben und entsprechend überfüllt waren die Gassen.
 

Die Holzlatten knarrten unter unseren Füßen, als wir entlang der Bootsanlegestellen den Fischmarkt durchquerten. Es herrschte reges Treiben, laut wurde gerufen, gefeilscht und geflucht. Fischer, die ihren frischen Fang an den Mann bringen wollten – lebendige Aale in Kübeln, Tintenfische, die noch zuckten. Etwas weiter boten Händler in Fässern und Kisten Waren aus fernen Ländern an: Kräuter, Gewürze, exotische Früchte und edle Stoffe wie Seide oder Kaschmir. Immer wenn wir an einem der wenigen Stände mit seltenen Waffen oder Werkzeugen vorbeikamen, blieb Hidan interessiert stehen.
 

«Was machen wir hier eigentlich?», fragte er, nachdem er zu mir aufgeschlossen hatte.
 

Auf den ersten Blick wirkte die Stadt wie ein friedlicher, geschäftiger Ort. Doch wer Namiura kannte, wusste, wer hier etwas suchte, fand es – ob legal oder nicht.
 

«Wir treffen den Shio-Kasa.»
 

«Shio-was? Wer soll das sein?»
 

«Ein Schmuggler. Er weiß über jedes seetüchtige Gefährt Bescheid das hier ablegt oder ankommt. Und, welche Ware sich darauf befindet.»
 

«Na gut, aber was interessiert uns das?»
 

Wir hatten den Markt hinter uns gelassen und erreichten den tiefer gelegenen Teil der Bucht, wo die großen Schiffe vor Anker lagen. Derzeit waren es nur zwei. Ein schwerer Dreimäster mit breitem Rumpf und ein wendiges Ein-Mast-Segelboot. Beide wurden von emsigen Arbeitern be- und entladen, während zwischen den Lagerhäusern und den schmalen Gassen ständiges Kommen und Gehen herrschte.
 

«Ich will sichergehen, dass Isamu sich nicht doch von hier aus irgendwohin abgesetzt hat.»
 

«Du glaubst ernsthaft, dass der sich klammheimlich übers Wasser verpisst hat?»
 

Ich sah ihn von der Seite an.
 

«Ich glaube nichts. Ich überprüfe.»
 

Fremdländische Schönheiten wurden von einem Mann über den Pier vom Dreimäster geführt. Als sie uns kreuzten, schaute Hidan der Gruppe kichernder junger Frauen kurz nach.
 

«Außerdem gibt es westlich von hier ein Akatsuki-Versteck. Dort besorgen wir dir einen neuen Mantel.»
 

Es kam keine Antwort. Als ich merkte, dass auch seine Schritte hinter mir verstummt waren, drehte ich mich um.
 

«Hidan?», rief ich und entdeckte ihn kurz darauf.
 

Er war ein Stück zurückgeblieben und hatte sich ans Geländer gestellt. Ich ging einige Schritte auf ihn zu und folgte seinem Blick hinaus aufs Meer.

Das Wasser leuchtete in strahlendem Blau und reflektierte das glitzernde Licht der Nachmittagssonne. Ein Fischerboot schaukelte sorglos auf den sanften Wellen. Eine leichte Brise war zu spüren, salzig und kühl. Am Horizont zeichneten sich schemenhaft die Umrisse ferner Inseln ab.
 

Ich konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.
 

«Ich hab mich als Kind immer gefragt, wie es jenseits des Meeres wohl aussieht.»
 

An der Art, wie er das sagte, wurde mir klar: Er war nicht zum ersten Mal hier. Warum mich das überraschte, wusste ich selbst nicht. Denn, natürlich kannte er diesen Ort. Wir befanden uns schließlich in seinem Heimatland. Vielleicht hatte er genau hier schon oft gestanden und in die Ferne gestarrt, so wie jetzt.
 

«Anders», antwortete ich schlicht.
 

Er warf mir einen verblüfften Blick zu.
 

«Du warst schon mal dort? Auf der Insel da zum Bespiel?»
 

Er zeigte mit dem Finger auf eine der fernen Landmassen am Horizont.
 

«Auch. Aber die Inselkette gehört noch zu den diesseitigen Reichen. Ich glaube, das was du meinst liegt dahinter.»
 

«Oh», machte er und zog die Brauen zusammen.
 

Vermutlich wurde ihm gerade bewusst, dass er in falschen Dimensionen gedacht hatte. In mancher Hinsicht war er eben immer noch mehr Kind als Erwachsener. Selbst dann, wenn man sein mangelndes Interesse an Geografie berücksichtigte.
 

«Komm, gehen wir weiter.»
 

Ich wollte mich gerade abwenden.
 

«Warte! Und was liegt dahinter?»
 

«Erstmal Mizu no Kuni», seufzte ich. «Eine große Insel mitten im Meer. Kisame kommt aus Kirigakure, der Hauptstadt des Landes. Und dahinter, wenn man die Kaizoku-See durchquert, erreicht man irgendwann einen neuen Kontinent.»
 

«Und was ist dort?»
 

«Verschiedene Länder. Komm jetzt, das–»
 

«Erzähl mir mehr darüber!»
 

So erwartungsvoll wie er mich ansah, schien ihm das wichtig zu sein. Also fasste ich mir ein Herz und gesellte mich schwer seufzend zu ihm. Mit den Unterarmen am Geländer abgestützt, blickte ich nun ebenfalls hinaus aufs Wasser.
 

«Dort gibt es keine Kriege und keine Shinobi. In Sora no Kuni kann man viele Naturschauspiele beobachten. Bunte Lichter am Himmel, seltsame Wolkenformationen und Winde, die ganze Siedlungen dem Erdboden gleichmachen können. In Ōkami no Kuni leben die Menschen im Einklang mit der Natur und eng mit den Wildtieren zusammen. Und in Mitsu no Kuni breiten sich endlos weite Wiesen aus, voller Blumen in jeder erdenklichen Farbe. Alles in allem, ein sehr friedvoller Kontinent.»
 

«Hmh», machte er, bevor sein Blick wieder in die Ferne schweifte. Der Ausdruck in seinen Augen wirkte fast melancholisch.
 

«Du würdest dich dort langweilen», schloss ich.
 

In einer so harmonischen Umgebung schien jemand wie Hidan völlig fehl am Platz. Es passte nicht zu ihm, von fernen Ländern zu träumen. Es fühlte sich an wie der Wunsch nach Flucht. Und ich hatte ihn noch nie weglaufen sehen.
 

«Irgendwann will ich das trotzdem mal sehen.»
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

It's like I can't keep 'em away from me

Could change my name and my identity

But either way, there's no escape

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Offiziell verkaufte der alte Kaji Haken, Netze, Seile und Köder. Ein ehrlicher Laden für Fischer, schräg gegenüber vom südlichen Pier. Doch wer sich auskannte, klopfte zweimal schnell und einmal langsam gegen das mit Zeitungsartikeln beklebte Brett direkt neben den Angelruten.
 

Der getarnte Durchgang blieb jedoch verschlossen. Uns wurde der Einlass verwehrt. Aus dem dahinterliegenden Raum war kein Laut zu hören.
 

«Kommt in einer Stunde wieder», brummte Kaji plötzlich.
 

Der Ladenbesitzer war gerade dabei, die Auslage mit Ködern aufzufüllen und hatte uns aus dem Augenwinkel beobachtet. Er trug einen weißen Bart und seine Haut war von der Sonne gegerbt. Einst selbst Schmuggler, war er heute nur noch stiller Teilhaber.

Ich nickte ihm zu. Der Shio-Kasa war derzeit also nicht anzutreffen. Hidan neben mir stieß einen genervten Laut aus, doch mir kam das gar nicht so ungelegen.
 

Draußen sagte ich meinem Partner, dass wir uns nach Ablauf der Stunde wieder hier treffen würden. Er erwiderte nur ein verwirrtes Huh?!. Für ihn gab es offenbar keinen Grund, weshalb wir uns trennen sollten. Doch bevor er eine Diskussion vom Zaun brechen konnte, wandte ich mich bereits ab und ließ ihn stehen.
 

Ich hatte Hidan nur die halbe Wahrheit gesagt. In Wirklichkeit glaubte ich nicht, dass Isamu eine Überfahrt plante oder sich aus dem Staub machen wollte. Wir waren aus einem anderen Grund in Namiura.
 

Zurück auf dem Markt suchte ich gezielt jeden Kräuterstand auf. Ich nannte den Händlern den Namen der Pflanze und beschrieb ihr Aussehen. Tarabrela. Doch nach dem dritten verständnislosen Kopfschütteln begann meine Hoffnung zu schwinden, sie hier zu finden. Trotzdem gab ich nicht auf. Ich erinnerte mich an Misakis Worte – das war nicht die offizielle Bezeichnung des Krauts. Es musste also noch unter einem anderen Namen bekannt sein. Deshalb fertigte ich eine grobe Zeichnung an, beschrieb zusätzlich Farbe, Geschmack und Wirkung der Arznei, und setzte meine Suche damit fort.
 

Aber keiner konnte mir weiterhelfen.
 

Auf dem Rückweg schloss sich meine Hand fester um das halbvolle Fläschchen in meiner Hosentasche. Mit jedem Tag wurde das Pulver darin weniger. Und mit jedem Tag nahmen die Nebenwirkungen zu – plötzliche Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, meist kurz nach der Einnahme. Besser als das, was mich erwartete, sollte ich die Medizin absetzen. Aber ich fürchtete, das war erst der Anfang. Weitere Symptome würden folgen.
 

Mir blieb nicht mehr viel Zeit eine Lösung zu finden.
 

Ich war etwas früher zurück im Laden, als mit Hidan abgemacht. Mein Partner war noch nicht da. Drinnen nickte mir Kaji diesmal zu und so klopfte ich erneut gegen das Brett. Nach kurzem Warten öffnete sich der Durchgang und ein bleicher Kerl, komplett in schwarz gekleidet, ließ mich nach prüfendem Blick wortlos eintreten. Die dunkle Kammer führte in ein ebenso fensterloses Hinterzimmer. Der Raum war schmal, eng und zu beiden Seiten türmten sich Kisten und Fässer. Was wie ein Lager aussah, war in Wahrheit Treffpunkt für Anfragen und Übergaben.
 

Kerzen tauchten den Raum in flackerndes Licht. Der Geruch von Wachs und Tabak hing in der Luft. Der Shio-Kasa saß an einem Tisch und schrieb etwas nieder. Als ich eintrat sah er auf und zog an seiner Pfeife.
 

«Ah, Kakuzu-san. Ihr wart lange nicht mehr hier.»
 

Er lehnte sich zurück und blies den Rauch geräuschvoll in die Luft.
 

Als Kopfgeldjäger hatte sich mein Weg des öfteren mit dem des Schmugglers gekreuzt. Der Shio-Kasa war eine wertvolle Informationsquelle, besonders wenn man Leute suchte, die nicht gefunden werden wollten. Er kannte den Untergrund wie kein anderer und wusste stets, was in der Region vor sich ging. Seine zahlreichen Kontakte machten ihn zu einem nützlichen Verbündeten. Natürlich hatte auch er selbst die Finger in allerlei zwielichtigen Geschäften mit drin. Wie fast alle, mit denen ich arbeitete.
 

«Bitte nehmt Platz. Was führt euch zu mir?»
 

Ich setzte mich auf einen der Hocker und zog die Skizze aus meiner Brusttasche, legte sie auf den Tisch.
 

«Ich bin auf der Suche danach.»
 

Der Shio-Kasa nahm das Blatt und betrachtete es eingehend, während ich meine Erklärung nachschob:
 

«Seltene Sumpfpflanze aus Kaminari no Kuni. Die Einheimischen nennen sie Tarabrela. Die gelbe Blüte wird zu medizinischen zwecken verwendet. Sagt euch das was? Habt ihr sie vielleicht sogar... vorrätig?»
 

«Hmh», machte der Schmuggler, die Stirn gerunzelt. Unter den dicken Gläsern seiner Brille warf er mir einen neugierigen Blick zu. «Eine Arznei? Normalerweise beschränken sich eure Anfragen auf Personen und Geldflüsse.»
 

«Hab mein Geschäftsgebiet erweitert», erwiderte ich knapp.
 

«Nun, es gibt eine ähnliche Pflanze mit gelb-orangener Blüte aus Numa no Kuni. Schwer zu bekommen, beliebt bei Quacksalbern. Ich habe gehört, manche mischen das Kraut in ihren Tabak und dröhnen sich damit zu.»
 

Farben wurden zwar von jedem etwas anders wahrgenommen, aber orange war Tarabrela mit Sicherheit nicht. Höchstens senfgelb. Doch die Herkunft dieser ähnlichen Pflanze machte Hoffnung. Numa no Kuni, das Sumpf-Reich, lag Übersee – und dort herrschten ähnliche Bedingungen wie im Blitz-Reich. Vielleicht handelte es sich um eine verwandte Art.
 

«Kann man sie derzeit irgendwo bekommen?»
 

Der Shio-Kasa schüttelte den Kopf.
 

«Die vereinzelten Lieferungen erreichen uns nur zum Frühlingsbeginn.»
 

Verdammt. Das war schlecht. Bis zum nächsten Frühling konnte ich unmöglich warten.
 

Plötzlich war hinter uns Radau zu hören.
 

«Flossen weg, du Wasserleiche!»
 

Unsere Aufmerksamkeit richtete sich sofort zur Kammer. Hidan und der Handlanger waren dort aneinandergeraten. Ein kurzes Gerangel, das damit endete, dass mein Partner laut aufschrie. Sein Arm war ihm schmerzhaft hinter dem Rücken verdreht worden.
 

«Schon gut, er gehört zu mir», sagte ich, um die Situation zu entschärfen.
 

Der bleiche Gehilfe lockerte seinen Griff und steckte das bereits gezückte Messer langsam wieder weg. Hidan schüttelte die fremde Hand aggressiv ab und schnaubte verächtlich.
 

«Hab ich doch gesagt», knurrte er, während er dem dunkel gekleideten Mann einen letzten, giftigen Blick zuwarf und an ihm vorbeischritt.
 

«Hättest ruhig mal was sagen können!», fuhr er mich an. «Ich stand da draußen wie der letzte Vollidiot. Dabei bist du ja schon längst da!»
 

«Seit wann ist es dir so wichtig mit dabei zu sein? Du hättest auch einfach im Laden auf mich warten können.»
 

«Und mich zu Tode langweilen? Pfft, würde dir so passen! Die Stunde davor hat mir schon gereicht.»
 

Während Hidan sich im Raum umsah und neugierig in eines der Fässer spähte, ließ ich die Skizze in meiner Brusttasche verschwinden. Dann nahm ich das Gespräch mit dem Shio-Kasa wieder auf.
 

«Noch etwas. Ich suche nach einem Mann namens Isamu Ohta. Könnte sein, dass er an Bord eines der Schiffe gegangen ist.»
 

Der Blick des Shio-Kasa verharrte für einen Moment länger auf Hidan, bevor er zu mir wanderte.
 

«Habt ihr eine Beschreibung?»
 

«Ungefähr eins siebzig, stämmiger Körperbau, kurze braune Haare. Um die vierzig.»
 

«Das trifft auf viele Männer zu...» Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. «Uhm, aber der Name sagt mir nichts. Er steht jedenfalls auf keiner unserer Listen.»
 

Mir fiel auf, dass er beim Sprechen immer wieder an mir vorbeischaute. Ich folgte seinem Blick, doch da war nichts. Nur Hidan, der vor einem Miniatur-Segelboot in einer bauchigen Flasche stehen geblieben war. Stirnrunzelnd starrte er auf den schmalen Flaschenhals, als könne er sich partout nicht erklären, wie das Boot dort hineingelangt war.
 

«Gibt es ein Problem mit meinem Partner?», fragte ich schließlich an den Schmuggler gewandt.
 

War ihm Hidan zu aufdringlich? Störte es ihn, dass der Jüngere hier alles anfasste, was nicht niet- und nagelfest war? Der bleiche Handlanger hatte ebenfalls wiederholt zum Jüngeren herübergeschielt, aber bei dem vermutete ich eher persönliche Abneigung.
 

«Nein, nein», winkte der Shio-Kasa ab. «Ich dachte nur... aber ja! Ist das nicht der Jashinisten-Junge?»
 

Die Bemerkung überraschte mich.
 

«Ihr kennt ihn?»
 

Der Shio-Kasa beugte sich leicht über den Tisch zu mir vor und senkte seine Stimme auf ein Flüstern.
 

«Er war lange verschwunden und trotzdem gingen für ihn durchweg sehr viele Anfragen bei mir ein. Als vor Kurzem der Tempel in Brand gesteckt wurde, hatte ich nicht mehr daran geglaubt, dass mir dieses lukrative Geschäft nochmal in den Schoß fällt.»
 

«Ich verstehe nicht», entgegnete ich in normaler Lautstärke.
 

Es gab keinen Grund zu flüstern. Ich war verwirrt. Wovon redete er?
 

Ein schmieriges Grinsen umspielten die Lippen des Schmugglers, während seine Augen vor Gier zu leuchten begannen.
 

«Kakuzu-san, ihr seid doch Geschäftsmann. Übernehmt ihr doch die Rolle der Priester. Ich stehe mit zahlreichen Interessenten in Kontakt, die den Jungen haben wollen. Lasst mich ihn vermitteln.»
 

Ich konnte die Worte kaum fassen. Mein Gehirn weigerte sich schlichtweg, sie zu verarbeiten. So völlig absurd klang das.
 

Ihn haben wollen?
 

«Wir können gleich jetzt etwas vereinbaren. Er wird direkt einen ganzen Monat ausgebucht sein. Und wir verdienen uns eine goldene Nase an ih–»
 

Ein Zischen.
 

Blitzschnell war etwas von links in mein Blickfeld geflogen. Dann brach der Shio-Kasa vor mir auf dem Tisch zusammen. Das Sensenblatt steckte tief in seinem Schädel. Die Pfeife fiel ihm aus dem Mund und Blut rann seinen halbkahlen Kopf hinunter. Er war auf der Stelle tot. Nur sein Auge zuckte noch einige Male. Offensichtlich hatte er nicht leise genug gesprochen.
 

Eine schwere, bedrohliche Stille lag in der Luft, als Hidan langsam an den reglosen Schmuggler herantrat.
 

«I-ich dachte ich hätte sie alle erwischt.»
 

Seine Stimme klang kalt und reserviert. Er stand halb von mir abgewandt und vermied es, mich anzusehen. Als er den Griff seiner Sense umfasste wirkte er ruhig und kontrolliert. Doch mir war nicht entgangen, dass seine Unterlippe beim Sprechen gezittert hatte.
 

Im nächsten Moment stürzte der bleiche Gehilfe mit einem Aufschrei auf ihn zu. Ganz automatisch reagierte ich und packte den Mann von hinten. Ich hielt ihn davon ab, meinem Partner das erhobene Messer in den Rücken zu rammen. Während ich den Handlager in Schach hielt, blieb Hidan vollkommen unbeeindruckt. Kein Umdrehen, kein Zucken, keine Reaktion auf den Angriff. Als wäre es ihm schlichtweg egal und eine Stichverletzung seine geringste Sorge.
 

Wie gebannt beobachtete ich, wie er den leblosen Körper des Schmugglers polternd zu Boden stieß.
 

Derweil wehrte sich der Gehilfe weiterhin heftig in meinem Griff. Doch ich nahm es kaum wahr. Meine Bewegungen liefen mechanisch ab, reflexhaft. Ich parierte seine Angriffe und schlug ihm die Waffe aus der Hand, ohne dabei einmal den Blick von Hidan zu nehmen.
 

Der Jüngere setzte einen Fuß auf das Gesicht des Shio-Kasa, um die Sense aus dem Schädel zu ziehen. Mit einem kräftigen Ruck löste sich die Klinge, begleitet von einem feuchten, schmatzenden Geräusch, als der Knochen sie freigab.
 

«Hidan», sprach ich ihn an.
 

Doch mein Partner reagierte nicht. Er stand einfach nur da, mit dem Rücken zu mir, reglos, den Blick auf den Toten zu seinen Füßen gerichtet.
 

Der schwarz gekleidete Mann stieß währenddessen eine wüste Verwünschung aus und bäumte sich erneut auf. Ich packte fester zu. Er sollte endlich still sein. Mit beiden Händen umfasste ich seinen Kopf und brachte ihn mit einer schnellen, präzisen Drehung zum Schweigen. Ein trockenes Knacken, dann ließ ich ihn los. Sein Körper sackte erschlafft zu Boden.
 

«Hidan», sagte ich erneut.
 

Dieses Mal reagierte er. Langsam wandte er mir sein Gesicht zu, und... ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit.
 

Er sah mich an, als wäre ich der Feind.
 

Sein Blick war hasserfüllt, seine Miene kalt und verhärtet. Mit jeder Sekunde spürte ich, wie die Spannung in ihm anschwoll, wie sie sich gefährlich der kritischen Grenze näherte. Seine Haltung war so verkrampft, dass es wirkte, als warteten seine Muskeln nur auf ein einziges falsches Wort – um sich auf mich zu stürzen.
 

«Schau mich nicht so an», sagte er. Leise, aber so scharf wie eine Schneide.
 

Ich kannte meinen Partner lange genug, um zu wissen: Es brauchte nicht mehr viel. Was ich auch sagen oder tun würde, es wäre zwecklos. Es würde ihn nicht erreichen, sondern nur zum ausrasten bringen.
 

Also schwieg ich. Ließ ihn atmen.
 

Vielleicht auch, weil ich das eben Gehörte selbst noch immer nicht ganz begriffen hatte.
 

«Ich muss raus. Hier drin stinkts nach Fisch.»
 

Er schnaubte verächtlich und schritt an mir vorbei. Ich blieb einen Moment stehen, dann ging ich ihm nach. Im Laden war nur Kaji vorzufinden. Hidan hatte sich nicht mal um den Zeugen gekümmert. Der Alte stand am Tresen und sah mich an. Wissend. Unmöglich, dass er nicht gehört hatte, was im Hinterzimmer abgegangen war. Und wenn doch, gab die blutbeschmierte Sense, mit der Hidan hinausspaziert war, genug Hinweise.
 

Langsam trat ich auf ihn zu.
 

«Es ist nichts Persönliches, Kaji.»
 

Ihm war bewusst, was nun folgte. Trotzdem machte er keine Anstalten zu fliehen.
 

«Ich kann es schnell machen», bot ich an. «Du wirst nichts spüren.»
 

«Das wird nicht nötig sein», erwiderte er ruhig.
 

Ohne ein Anzeichen von Angst oder Panik schlurfte er hin zu einem Schrank, kramte darin und zog schließlich einen Eimer samt Putzlappen hervor.
 

«Nicht das erste Mal, dass ich da hinten jemanden vom Boden aufkratze.»
 

«Gehörst du nicht zum Shio-Kasa?», fragte ich, überrascht von seiner Gelassenheit.
 

«Doch, das tue ich», murmelte er, während er Wasser in den Eimer füllte. «Aber es wird jemand neues kommen und den Platz des Schmugglers einnehmen. Der Shio-Kasa wird weiterleben.»
 

Er stapfte an mir vorbei, hinein in die Kammer. Ich warf ihm noch einen letzten Blick hinterher, bevor sich das Brett wieder vor den Durchgang schob. Kurz wägte ich alle Eventualitäten ab, entschied dann aber das Risiko einzugehen und ließ ihn am Leben.

Dann verließ ich den Laden und entdeckte zu meiner Überraschung Hidan draußen. Er lehnte an der Hauswand und wartete auf mich. Eigentlich hatte ich schon halb damit gerechnet, ihn nun suchen zu müssen.
 

Er stand da, als wäre nichts gewesen. Kein Tropfen Blut an seiner Kleidung, keine Reue im Blick – nur diese angespannte Stille, die sich wie ein kalter Lufthauch zwischen uns legte.
 

«Ich weiß, was du jetzt denkst.»
 

Er starrte zur belebteren Gasse eine Querstraße weiter, den Blick stur nach vorn gerichtet.
 

«Aber so ist es nicht. Ich hab das alles freiwillig gemacht, okay? Für Jashin-sama. Es war sein Wille.»
 

Seine Stimme war belegt und zitterte.
 

Ich glaubte ihm nicht. Er log nicht nur mich, sondern auch sich selbst an. Seine Taten dagegen sprachen die Wahrheit. Warum sollte er ohne zu zögern den Shio-Kasa töten, sowie vermutlich auch die anderen Vermittler, wenn alles mit seiner Zustimmung geschehen war?
 

Man hatte ihn verkauft.
 

Vielleicht hatte er mitgespielt, ja. Weil er glaubte es tun zu müssen. Die Priester hatten es von ihm verlangt, er durfte seinen Gott nicht enttäuschen. Welche Wahl war ihm da geblieben? Er war noch ein Kind gewesen. Man hätte ihn beschützen müssen. Vermutlich hatte er nicht mal richtig begriffen, worauf er sich einließ.

Was auch immer das war, wozu man ihn genötigt hatte. Zweifellos hatte ich nun die Wurzel von seinen Ängsten und Unsicherheiten gefunden. Das war der Grund für sein Zurückschrecken. Ich zwang mich, nicht darüber nachzudenken, was man ihm angetan hatte, wollte keine Mutmaßungen anstellen. Er sollte es mir sagen.
 

Aber nicht jetzt.
 

Jetzt, wo er versuchte mir vorzuspielen, dass alles in Ordnung war. Jetzt, wo er mir weismachen wollte, dass es sich hierbei nur um eine Kleinigkeit handelte, auf die ich zufällig gestoßen war. Dabei sah man ihm deutlich an, wie unwohl er sich in seiner Haut fühlte. Diese Begegnung hatte ihn immens aufgewühlt. Immer wenn sich unsere Blicke trafen, wich er sofort aus. Als könnte er mir nun nicht mehr gegenübertreten. Als fürchtete er, in meinen Augen lesen zu können, was ich über ihn dachte. Als könnte er es nicht ertragen.
 

Alles begleitet von einer brodelnden Wut.
 

«Tut mir leid, dass ich deinem... Freund», das Wort spie er verächtlich aus. «Den Schädel gespalten habe. Aber er war ein Wichser.»
 

Er stieß sich von der Wand ab und knurrte zum Abschluss:
 

«Und jetzt hör verflucht nochmal auf mich so anzusehen.»
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

So shape-shift into something wicked

Show us all that villain that you hide inside yourself

Yeah, you're just evil people

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Truth

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Weakness


 

21. Weakness

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Schwäche.
 

Sie den falschen Leuten zu offenbaren, konnte fatal enden. Als Shinobi durfte man keine Schwäche zeigen. Niemals. Nicht, wenn jeder Fehler dein Leben kosten konnte. Deshalb war es zur Gewohnheit geworden – das Verbergen all dessen, was einen angreifbar machte. Man spielte den Starken, den Gleichgültigen, den Fehlerlosen und unterdrückte das Menschsein. Umso befreiender war es, sich verletzlich zeigen zu dürfen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Weil man vertraute. Weil einen Schlimmes verband. Weil der andere genauso gezeichnet war wie man selbst.
 

Es war wie... Luft holen, nach einem viel zu langen Tauchgang.
 


 

Die Verstecke der Akatsuki lagen taktisch über die Reiche des diesseitigen Kontinents verteilt und waren als Versorgungs- und Rückzugspunkte konzipiert. Ideal für einen kurzen Zwischenstopp. Das bedeutete allerdings auch, dass unser Unterschlupf nicht gerade vor Luxus strotzte.

Die Höhle war relativ groß und zumindest so weit ausgebaut, dass sich mehrere Räume daraus ergeben hatten. Ein Gang führte zu einem unterirdischen Wasserlauf, dessen Plätschern man bis zum Eingang hören konnte. Was die Einrichtung betraf, blieb es jedoch mehr als spartanisch.
 

Im Hauptraum stand ein breiter Holztisch, umgeben von einfachen Stühlen. Noch immer lagen verschiedene Karten der Reiche darauf ausgebreitet – zurückgelassen vom letzten Besuch irgendeines Mitglieds. Aus früheren Aufenthalten wusste ich, dass sich in den restlichen Räumen lediglich mehrere Betten befanden. Das Gesamtbild wurde vor allem von den Versorgungskisten geprägt, die hier überall zahlreich herumstanden. Vollgestopft mit Waffen, haltbarer Nahrung und medizinischem Bedarf.
 

Nachdem wir den Eingang wieder hinter uns versiegelt hatten, blieben wir einen Moment schweigend im Hauptraum stehen. Dann zog ich seufzend meinen Mantel aus, hängte ihn über eine Stuhllehne und begann, die Fackeln an den Wänden zu entzünden.
 

«Du blutest.»
 

Ich hielt inne, folgte Hidans Blick und sah an mir hinab. Blut war aus der vernähten Wunde getreten – das hatte ich gar nicht bemerkt. Mein Oberteil war an der Stelle feucht und klebte, kaum sichtbar durch den schwarzen Stoff. Den pochenden Schmerz hatte ich bis eben erfolgreich ausgeblendet.
 

Ich musste es auf dem Weg nach Himi wohl etwas übertrieben haben.
 

Mit hochgezogenen Brauen sah ich wieder zu Hidan. So wie er gerade aussah, haftete etwas Absurdes an seiner Aussage. Dass ausgerechnet er das bemerkte. Er, der von Kopf bis Fuß in Blut getränkt war und selbst noch aus etlichen Wunden blutete.
 

«Ich denke, du bist eher derjenige, der eine Dusche vertragen könnte», sagte ich trocken.
 

Er blinzelte.
 

«Uhm, ja schon, aber eigentlich... also, ich wollte–»
 

«Ich weiß», fiel ich ihm ins Wort.
 

So schuldbewusst wie er mich anstarrte, war klar, dass es ihm nicht um Blut und Dreck ging.
 

«Ich will sagen, dass–»
 

«Ich weiß, Hidan.»
 

Damit wandte ich mich ab und schritt zur nächsten Fackel.
 

«Zur Hölle, lass mich doch mal ausreden! Ich... hab Scheiße gebaut. Bin ausgetickt und hab dich abgestochen, ich, ich... war einfach so sauer und hatte mich nicht im Griff.»
 

«Weiß ich doch längst.»
 

Es war keine bewusste Entscheidung von ihm gewesen mich anzugreifen, sondern eher ein Schutzreflex. Ich hatte die Sache für mich bereits abgehakt. Doch es war genau das, was ihn gerade erst so wütend zu machen schien. Er ballte die Fäuste, die Stimme ein tiefes Knurren:
 

«Und das lässt du mir einfach durchgehen? Brich mir den Arm oder hau mir wenigstens in die Fresse, so wie ich es verdient hab. Aber tu verdammt noch mal etwas! Es mir nicht heimzuzahlen... das ist zu nett. Das bist nicht du!»
 

Das entlockte mir ein dunkles Auflachen.
 

«Nett? Glaub mir, es sind mir einige Ideen durch den Kopf gegangen, wie ich mich dafür revanchieren könnte. Aber ich weiß, dass du nicht du selbst warst. Und du weißt, ich vergebe keine dritte Chancen. Also ist es doch längst uns beiden klar: wenn du dir noch einmal so etwas erlaubst, wird nichts mehr so sein wie davor. Außerdem hab ich dir doch schon die Nase blutig geschlagen.»
 

Ironischerweise schien ihn meine Drohung regelrecht zu beruhigen. Er wollte behandelt werden wie immer. Mit Schonungslosigkeit, nicht mit Nachsicht. In Watte gepackt zu werden, würde ihn nur provozieren. Fast als bräuchte er Härte, um Nähe auszuhalten.
 

Vielleicht waren wir uns in dieser Hinsicht gar nicht so unähnlich.
 

Nachdem der Raum vom Fackelschein erhellt war, drehte ich mich zu Hidan um. Er hatte sich beruhigt, wirkte jedoch etwas verloren, so planlos wie er da stand.
 

«Und jetzt?»
 

«Hörst du das Wasser?», fragte ich.
 

«Äh, ja?»
 

«Folg dem Geräusch und wasch dich. Wir bleiben erstmal hier, bis sich die Aufregung draußen gelegt hat.»
 

Das war gelogen. Aber es war besser, ihm erstmal den Grund zu verschweigen.
 

Ich war mir ziemlich sicher, dass die Aufregung mit jedem Tag größer werden würde. In Wahrheit blieben wir hier, weil ich ihn gerade kaum einschätzen konnte. War das nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen oder der Anfang eines mentalen Absturzes? In keinem Fall würde ich einfach so mit einer tickenden Zeitbombe weiterziehen. Er musste sich einkriegen. Und ich musste mir sicher sein, dass er wieder bei Verstand war.
 

Wortlos nickte Hidan und verschwand in einem der Tunnel. Während er hoffentlich wieder er selbst wurde, verschaffte ich mir einen Überblick über die Vorräte. Nachdem ich einige Kisten durchgesehen hatte, rieb ich mir müde über die Augen. Es war nicht nur die schlaflose Nacht, die sich allmählich bemerkbar machte. Auch die Nebenwirkungen der Arznei wurden stärker und ließen mich immer träger werden. Gestern Abend war ich so sehr abgelenkt gewesen, dass ich vergessen hatte, sie rechtzeitig einzunehmen. Also hatte ich das heute Morgen nachgeholt und genau das brach mir jetzt das Genick.
 

Schon bald war ich vor Erschöpfung kaum noch bei mir. Ich schleppte mich in einen der Schlafräume und fiel ins Bett. Während ich wegdämmerte, wurde mir die Dringlichkeit der Situation erneut bewusst. Ich musste endlich etwas dagegen unternehmen.
 

Wenn mich diese Müdigkeitsanfälle in einem falschen Moment überkamen, konnte mich das den Kopf kosten.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Hmm, follow me

Said a long black dress on Halloween

If this is all just make believe

It might not be real, but it's real to me

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Seit Hidan der Akatsuki beigetreten war, hatte er sich bereits mehrfach kleinere Verfehlungen geleistet. Man hatte ihn bei Gelegenheit ermahnt – meist am Rande eines ohnehin einberufenen Treffens. Doch nichts davon war je so gravierend gewesen, dass der Leader aktiv auf ihn zugekommen wäre.

Sobald man den Mantel trug, war das eigene Leben unwiderruflich mit der Organisation verflochten. Und bei Akatsuki gab es Regeln. Zwar interessierte es meist niemanden, wie eine Mission erledigt wurde, solange sie nur erledigt wurde. Auch einzelne Morde in namenlosen Dörfern waren zwar unschön, doch selten Anlass für echte Konsequenzen. Aber das bedeutete nicht, dass man tun und lassen konnte, was man wollte.
 

Pain sah sich als Gott.
 

Und in Amegakure wurde er auch als solcher verehrt. Er stand für eine Ideologie. Die Menschen blickten zu ihm auf und glaubten an seine Visionen von einer besseren Welt – Frieden, Ordnung, Erlösung. Doch selbst ein Gott konnte sich keine offenen Widersprüche leisten. Zumindest keine, die bis zu seinen Untertanen durchsickerten. Willkürliche Gewalt zu dulden, brachte das sorgsam aufgebaute Bild ins Wanken. Und ohne Unterstützer, ohne Folk, ohne ihren Glauben, war selbst ein Gott machtlos.
 

Pain wusste das. Und er wusste, dass ein guter Ruf mehr wert sein konnte als hundert erledigte Missionen.
 

«Er will euch sprechen», sagte Zetsus weiße Hälfte mit dieser gewohnt ruhigen Gelassenheit, während die schwarze schadenfroh grinste.
 

«Oh ja, das will er!»
 

Drei Tage waren vergangen, seit wir untergetaucht waren. Nun war das ungewöhnliche Mitglied der Organisation ohne jede Vorwarnung mitten im Hauptraum aus dem Boden gewachsen. Dass sein plötzlicher Besuch nichts mit einer neuen Mission zu tun hatte, war mir sofort klar.
 

Hidan offenbar nicht.
 

«Schon wieder eine Versiegelung?», schnaubte er genervt.
 

Mein Partner war inzwischen wieder eine zumutbare Erscheinung. In sauberer Hose und dem lang ersehnten Akatsuki-Mantel, trug er endlich wieder seine gewohnte Kluft.
 

«Wer von den anderen hat ihren Jinchūriki geschnappt? Sag mir nicht Blondie und Holzkopf waren es.»*
 

Er verzog das Gesicht.
 

«Den Sieg kann uns zwar keiner mehr nehmen, aber ich wollte Deidara beim nächsten Treffen damit aufziehen. Dieser kack Loser. Kommt nur nicht so gut, wenn sie direkt Zweite sind.»
 

Mit einem genervten Schnauben warf er ein Shuriken zurück in eine der Kisten. Zuvor hatte er sie noch durchwühlt – nicht etwa, weil er etwas suchte, sondern aus purer Langeweile.
 

«Das ist kein Wettkampf, Hidan.»
 

Ich war über den Tisch gebeugt und hatte bis eben die Karten studiert.
 

Ein Abstecher nach Namiura war längst überfällig. In der Gaststätte der Hafenstadt lagen noch einige unserer Habseligkeiten – allen voran Hidans Sense. Außerdem wollte ich nicht auf den laufenden Kosten sitzen bleiben. Bei der Gelegenheit würde ich mich auch etwas umhören.

Bisher hatte keiner von uns die Höhle verlassen. Dementsprechend planlos waren wir, wie die Lage draußen aussah. Eigentlich hätten wir längst verschwinden sollen. Doch Hidans Verfassung hatte mir gar keine andere Wahl gelassen. Schließlich hatte ich nicht mit einem aufgewühlten, psychisch labilen Kultist umherreisen können, wenn ihn jedes falsche Wort erneut zum Durchdrehen bringen konnte.
 

«Jaja, lass mir doch den Spaß», erwiderte Hidan augenverdrehend.
 

Es tat gut ihn so zu sehen.
 

Ich hätte nie gedacht, dass ich seine rotzige Art einmal vermissen würde. Geschweige denn froh darüber sein könnte, dass sie wieder so präsent war. Aber genau so war es.

Anfangs war es schwer gewesen. Er hatte einen ganzen Tag nur im Bett verbracht und sich generell sehr zurückgezogen. Doch nun fand er langsam wieder zu sich selbst, wurde Stück für Stück der Alte. Vieles davon war noch Fassade, doch ich hatte auch nicht erwartet, dass er auf Knopfdruck wieder funktionieren würde. Zumindest war er nicht mehr grundlos zornig. Nicht mehr so unberechenbar, dass er loszog, um wahllos Leute abzuschlachten. Nur in ruhigen Momenten, wenn sein Blick sich in meinen bohrte, wurde deutlich, dass ihn die Geschehnisse noch lange nicht losließen. Da arbeitete einiges in ihm.
 

Zwischen losen Sprüchen, Gemecker und untypisch stillen Stunden.
 

«Es geht nicht um die Bijū», erklärte der weiße Zetsu.
 

«Definitiv nicht.»
 

Das schadenfrohe Grinsen war ihm noch immer nicht aus dem Gesicht gewichen. Weshalb nun auch Hidan allmählich begriff, dass er in Schwierigkeiten steckte.
 

«Was soll das heißen?»
 

«Das heißt», mischte ich mich ein und warf dem Jüngeren einen vielsagenden Blick zu. «Dass der Leader nur mit uns beiden etwas zu bereden hat.»
 

Hidan starrte mich an, ohne auch nur einmal zu blinzeln.
 

«Er erwartet euch bei Sonnenuntergang», sagte Zetsu abschließend.
 

«Kommt besser nicht zu spät.»
 

Ein schrilles, schadenfrohes Gackern hallte von den Wänden wider, während Zetsu langsam im Boden versank. Hidan sah auch danach weiter gebannt auf die Stelle, ehe er mich fragte:
 

«Denkst du Pain ist sauer?»
 

«Ich denke, du hast ihm ans Bein gepisst. Und jetzt wirst du's ausbaden müssen.»
 

«Fuck.»
 

Ein letztes Mal ließ ich den Blick über die Karten wandern, prüfte meine Route. Dann richtete ich mich auf, griff nach meinem Mantel und zog ihn über.
 

«Du gehst jetzt gleich?»
 

«Muss ich. Wenn ich vor Sonnenuntergang zurück sein will.»
 

Ich durchquerte den Hauptraum und blieb vor dem Felsen stehen, der den Höhleneingang versperrte. Die Finger zum Zeichen erhoben, hielt ich kurz inne und warf einen Blick über die Schulter.
 

Hidan war an den Tisch getreten und schaute sich gelangweilt die Pläne an.
 

«Du bleibst hier und rührst dich nicht von der Stelle, verstanden?»
 

«Verflucht, ja man!», knurrte er genervt. «Ich werd schon nichts anstellen. Mir geht's gut. Hör auf, mich wie ein scheiß Kind zu behandeln!»
 

«Dann gib mir keinen Grund dazu», erwiderte ich schroff.
 

Ich löste die Versiegelung und der Fels glitt beiseite. Noch bevor sich die Öffnung wieder zu schließen begann, war ich verschwunden.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Hmm, let her in

If you love her, son, it ain't no sin

Where she ends is where you begin

If you run, you'll run right back again

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Die Lage draußen war angespannt.
 

Mehrere Shinobi-Teams durchkämmten die Gegend. Ich beobachtete einige von ihnen eine Weile lang aus dem Schutz der Baumkronen heraus. Sie suchten nach Hinweisen, Spuren, irgendetwas. Offenbar bislang ohne Erfolg – sonst würden sie sich nicht die Mühe machen, einen derart großen Radius abzusuchen. Wie viel sie wirklich wussten, ließ sich schwer sagen. War ihnen Hidans Identität bereits bekannt? Oder bissen sie sich noch die Zähne aus, an der Beschreibung vom schwarzen Teufel? Hatte ich alle Spuren beseitigt? Um an diese Informationen zu kommen, müsste ich mich weiter vorwagen. Nach Himi gehen und sie abhören oder mich verdeckt unter sie mischen. Aber nur ein Idiot kehrte an den Tatort zurück.
 

Was ich jedoch sicher sagen konnte: bisher war zum Glück noch kein Sensor-Ninja unter ihnen. Meine Fähigkeiten zur Chakraunterdrückung und -wahrnehmung waren solide, aber nicht gut genug, um einem erfahrenen Spürtyp lange zu entgehen. Noch kamen sie mit gewöhnlichen Patrouillen auf Chuu-Nin Level. Doch früher oder später würden höherklassige Shinobi auftauchen – besser ausgebildet, besser ausgerüstet. Und dann würde es gefährlich werden, sich frei draußen zu bewegen.
 

Ich behielt das im Hinterkopf, während ich meine Beobachtung beendete und mich auf den Weg machte.
 

Zwei Stunden später erreichte ich das südliche Tor von Namiura – jenes, durch das Hidan und ich vor einigen Tagen zum ersten Mal die Hafenstadt betreten hatten. In den Gassen war vom Massaker kaum noch die Rede. In einer schnelllebigen Stadt voller Durchreisenden vergaß man Schicksale rasch. Besonders wenn sie andere betrafen.
 

Ich holte unsere verbliebenen Sachen aus der Gaststätte und kehrte ohne Umwege zur Höhle zurück.
 

Als ich Hidan nicht im Hauptraum antraf, zog sich mein Magen zusammen. Ich rief seinen Namen und kontrollierte unruhig die anderen Räume – bereit für das Schlimmste. Erleichtert atmete ich auf, als sich meine Sorge als unbegründet erwies. Er hatte sich in unseren Schlafraum zurückgezogen. Mit dem Gesicht zur Wand und in Embryonalstellung, lag er auf der Decke, den Mantel noch an.
 

«Was?», motzte er, ohne sich umzudrehen.
 

So hatte ich ihn die letzten Tage oft vorgefunden. Still grübelnd, in sich versunken, verloren in Gedanken. Und genauso war ich jedes Mal angemault worden, sobald er meine Anwesenheit bemerkte.
 

«Was machst du?»
 

«Was ich mache?»
 

Er seufzte, starrte weiter an die Wand.
 

«Ich lieg hier rum. Siehst du doch. Weil es nichts anderes gibt, was man hier tun kann. Ich hab alle Kisten bestimmt schon dreimal durchwühlt. Aber da ist nichts, womit man sich länger als ne halbe Stunde beschäftigen könnte. Mir ist einfach nur so verdammt langweilig!»
 

«Verstehe.»
 

Ich nahm die Sense von meinem Rücken und stellte sie neben dem Bett ab.
 

«Ach, tust du das?», fauchte er. «Weil du darfst ja raus und findest dich mit allem irgendwie ganz leicht ab. Während ich hier rumgammel und darauf warten muss, dass mir Pain jetzt auch noch an den Kragen will.»
 

Ein tiefes, frustgeladenes Knurren vibrierte in seiner Kehle.
 

«Und diese blöde Höhle ist so scheiße, es ist dunkel und feucht und so... erdrückend hier drin. Ich will endlich hier raus. So begraben zu sein kann ich überhaupt nicht ab. Ich fühl mich wie im Gefängnis.»
 

«Das ist ein wirklich schlechter Vergleich. Glaub mir, dafür hat man es hier noch viel zu gut.»
 

Stille.
 

Nur sein Kopf drehte sich ein Stück zur Seite. Gerade weit genug, dass er über seine Schulter zu mir schielen konnte.
 

«Und jetzt komm hoch. Es dämmert bereits. Bringen wir es hinter uns.»
 

Mit einem unwilligen Laut raffte er sich schließlich auf, und nur wenige Minuten später nahmen wir Kontakt zum Leader auf. Mithilfe des Shōshin no Jutsu, der Projektionstechnik, erschienen Abbilder unserer selbst auf der Hand der Versiegelungsstatue. Pain erwartete uns bereits. Er stand an seiner gewohnten Position – auf dem rechten Daumen – und empfing uns mit diesen kalten, durchdringenden Augen.
 

«Könnt ihr mir sagen, welcher Aufgabe ihr momentan nachgeht?»
 

Wie üblich übernahm ich das Reden.
 

«Wir verfolgen ein potenzielles Kopfgeld in nordwestlicher Richtung. Wahrscheinlich ist sein Ziel Tetsu no Kuni.»
 

Dass Isamu in keinem Bingobuch aufgeführt war, ließ ich bewusst aus.
 

«Mir ist ein Massaker in einer Siedlung zu Ohren gekommen.»
 

Pains hypnotisierender Blick lag nach der letzten Aussage unentwegt auf Hidan. Er forderte eine Erklärung. Wie viel er bereits wusste, war ungewiss. Aber wenn Pain eine Frage stellte, war es meist keine. Er kannte die Antwort längst. Selbst mir war dieser Mann aus Amegakure manchmal nicht ganz geheuer.
 

Hidan spannte den Kiefer an, seine Miene eine Mischung aus Trotz und schlechtem Gewissen.
 

«Jashin-sama verlangt regelmäßig Blutopfer», sagte er schließlich gepresst. «Mir wurde versprochen, dass ich meine Religion ungehindert ausleben kann, wenn ich der Organisation beitrete.»
 

«Das ist korrekt. Ich habe dir zugesichert, dass dir unser Weg genug Gelegenheiten bieten würde. Opfer, an denen du dich bedienen kannst. Und bis vor Kurzem hat das auch für beide Seiten funktioniert.»
 

Seine Stimme war ruhig und kontrolliert.
 

«Doch du hast dich nicht mehr mit dem begnügt, was dir dargeboten wurde. Du hast genommen, ohne Maß. Ohne Sinn. Und du hast dabei Spuren hinterlassen.»
 

Ich war kurz versucht einzugreifen, hielt mich dann aber zurück. Das war auf Hidans Mist gewachsen. Und genauso würde nun auch er allein die Konsequenzen tragen.
 

«Meine Fresse», stöhnte der Jüngere. «Einmal übertreib ich's ein bisschen und gleich ist die Hölle los. Ich habs ja schon kapiert, war scheiße von mir.»
 

Ein Moment lähmender Stille folgte.
 

Pains Augen schienen durch Hidan hindurchzusehen, als suchten sie nach dem Kern dessen, was ihn antrieb. Sein Abbild flackerte kurz, was der ohnehin angespannten Atmosphäre nur noch mehr Schwere verlieh.
 

«Warum bist du hier, Hidan? Was hat dich dazu bewegt, dich Akatsuki anzuschließen?»
 

«Was weiß ich... ihr wolltet mich doch so unbedingt haben! Und jetzt beschwert–»
 

«Beantworte meine Frage.»
 

Pains Stimme war wie eine Klinge. Scharf, kompromisslos und tödlich.
 

Obwohl Hidan der Ernst der Lage bewusst sein musste, stand ihm der Trotz noch immer deutlich ins Gesicht geschrieben. Es fiel ihm sichtlich schwer, sich dem Leader unterzuordnen. Auch wenn ich wusste, dass er Pain respektierte und klar war, dass dieser in einer anderen Liga spielte, war Hidan immer noch ein sturer Idiot. Übte man zu viel Druck auf ihn aus, wurde er zum Märtyrer. Und gerade war er kurz davor, der Klinge mit offenen Armen entgegenzurennen.

Trotzdem wanderte sein Blick mit zerknirschter Miene zu mir. Zwiegespalten, fast hilfesuchend sah er mich an. Ich schüttelte nur leicht den Kopf. Ein stummes Zeichen dafür, dass er jetzt ja bloß die Klappe halten und einfach gehorchen sollte.
 

Und tatsächlich schluckte er seinen Ärger herunter.
 

«Keine Ahnung, hatte nichts Besseres zu tun, schätze ich», grummelte er. «Mir ist egal was ihr vorhabt, mir ist nur mein Glaube wichtig. Und es hat mich überrascht, dass der da», dabei zeigte er auf mich, «nicht tot umgefallen ist, als ich ihm einen Pflock ins Herz gerammt habe. Das hat mir... Hoffnung gemacht. Dass es vielleicht doch noch andere wie mich da draußen gibt. Welche, die nicht sterben können.»
 

Ich warf Hidan einen kurzen Seitenblick zu – das hörte selbst ich zum ersten Mal.
 

«Also im Grunde bin ich dem Nagellackverein nur aus Langeweile und Neugierde beigetreten.»
 

«Gut», sagte Pain nur.
 

Ob Hidans Antwort ihn tatsächlich zufriedenstellte, war ihm nicht anzusehen. Doch ich bezweifelte es stark.
 

«Ich will noch allein mit dir reden, Kakuzu.»
 

Hidans Brauen zogen sich misstrauisch zusammen. Er sah erst mich, dann Pain an, während wir darauf warteten, dass er das Jutsu auflöste. Einen Moment lang wirkte es, als wollte er protestieren, doch dann verschwand seine Projektion flimmernd.
 

«Du scheinst dich endlich mit einem Partner arrangiert zu haben.»
 

«Ihr habt mir ja keine andere Wahl gelassen. Ich habe einige Male versucht ihn loszuwerden.»
 

«Ich gebe zu, seine Fähigkeiten haben zu gut gepasst, um ihn dir nicht als Denkzettel ans Bein zu binden.»
 

An Pains Mundwinkel zupfte so etwas wie ein vages Schmunzeln.
 

«Aber machen wir uns nichts vor. Du bist das unverzichtbare Mitglied, die Konstante und er nur der Lückenfüller. Er ist austauschbar. Ein taktisches Bindeglied, mehr nicht.»
 

Das war mir von Anfang an klar gewesen. Und Hidan? Dem war es schlicht egal, ob ihn jemand in der Organisation schätzte oder für entbehrlich hielt.
 

«Hidan ist uns nicht aus Überzeugung beigetreten. Aber das ist nicht das Problem, das trifft auf die wenigsten Mitglieder zu. Jeder verfolgt seine eigenen Ziele, wie du, der den großen Profit anstrebt. Trotzdem sind Akatsukis Mitglieder loyal und verlässlich. Hidan hingegen ist reines Chaos.»
 

«Da kann ich nicht widersprechen.»
 

«Es gibt nichts, das ihn an uns bindet.»
 

Die Richtung, in die dieses Gespräch verlief, gefiel mir ganz und gar nicht.
 

«Doch, eins. Er sagte, dass es ihm wichtig sei sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun.»
 

«Das stimmt. Nur meinte er damit niemand anderen von uns, Kakuzu. Zumindest scheint er dir gegenüber eine Art Verbundenheit zu empfinden.»
 

«...»
 

«Aber vielleicht ist es an der Zeit Störfaktoren zu beseitigen.»
 

«Wollt ihr–»
 

«Es gibt einen Anwärter. Jemand, der als Ersatz bereitsteht, falls ein anderes Mitglied... ausfällt. Ich würde ihn vorzeitig einsetzen. Zur Wahrung der Stabilität.»
 

«Hidan soll die Organisation verlassen?»
 

Ich zwang mich zu einem neutralen Ton. Dabei wehrte sich innerlich alles in mir. Ich hatte mit einer Rüge gerechnet, aber mit keinem Rauswurf. Konnte ich das einfach so geschehen lassen?
 

«Mit Tobi bürde ich dir erneut eine spezielle Persönlichkeit auf, fürchte ich. Doch er steht hinter Akatsuki und ist robuster als er aussieht. Er wäre in der Lage dich zu überleben, solltest du jemals die Geduld verlieren.»
 

Ich starrte ihn an. Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Nicht wegen Tobi, sondern weil das alles bedeutete, dass Hidan tatsächlich ersetzt werden sollte. Einfach so.
 

Pain neigte leicht den Kopf.
 

«Wie ich sehe stößt das bei dir auf wenig Begeisterung. Dabei dachte ich, dir damit einen Gefallen zu tun. Aber gut, ich bin bereit dir die Entscheidung zu überlassen. Wähle.»
 

Einst war Hidan mein persönlicher Fluch gewesen. Doch nun rief der Gedanke, von ihm getrennt zu werden, ein herbes Gefühl von Widerwillen hervor.
 

«Im Zweifel sollte man immer beim Gewohnten bleiben», sagte ich schließlich. «Trotz all unserer Unterschiede haben Hidan und ich eine Kampfstrategie entwickelt, die sehr effektiv ist. Es wäre also unklug, etwas wegzuwerfen, das funktioniert.»
 

«Dann sorg dafür, dass er sich keinen weiteren Fehltritt leistet. Er hatte Glück, dass er seinen Akatsuki-Mantel nicht getragen hat. Sonst hätte man uns die Tat zweifelsfrei zuschreiben können. Mach ihm das klar.»
 

«Das werde ich.»
 

«Gut. Du darfst gehen.»
 

«Ich hätte noch ein Anliegen», warf ich rasch ein, da Pain die Projektion bereits lösen wollte.
 

«Und das wäre?»
 

«Sasori. Wisst ihr, wo er sich momentan befindet?»
 

«Warum?»
 

«Nichts Wichtiges. Ich muss ihm lediglich eine Frage stellen.»
 

«Das Künstler-Duo wird bald nach Suna aufbrechen, um den Jinchūriki des Ichibi zu fangen. Wahrscheinlich werden sie sich zur Vorbereitung einige Tage im Feuer-Reich aufhalten. Ich weise Zetsu an dir Genaueres zu sagen.»
 

Ich nickte dankend, ehe ich das Jutsu ohne eine Verabschiedung auflöste.
 

Als ich die Augen wieder öffnete, wäre ich beinahe zusammengezuckt. Hidans Gesicht war unmittelbar vor meinem. Misstrauisch und mit unzufrieden vorgeschobener Unterlippe starrte er mich aus nächster Nähe an.

Ich hatte mich für die Projektionstechnik auf mein Bett gesetzt. Der Jüngere stand nun vor mir, die Hände auf meinen Knien abgestützt. Er hatte sich zu mir hinuntergebeugt, um mir auf Augenhöhe zu begegnen. So aufdringlich wie er mich belagerte und sich in mein Blickfeld schob, war klar was er wollte.
 

«Was hat Pain mit dir bequatscht? Ging's um mich?»
 

«Sozusagen», brummte ich.
 

«Und was war? Jetzt sag schon!»
 

«Der nächste Fehltritt wird dein letzter sein.»
 

«War so klar», schnaubte er.
 

«Und...»
 

«Und?»
 

Mir war bewusst, dass er sich aufregen würde. Ich sagte es ihm trotzdem.
 

«Und er hat mir angeboten, einen anderen Partner an meine Seite zu stellen.»
 

«W–... WAS?!», schrie er fassungslos und fuhr ruckartig zurück. «Was fällt ihm ein!! Das einfach über meinen Kopf hinweg zu entscheiden! Ich hab da ein Wörtchen mitzureden, verdammt noch mal! Das kann er nicht machen, das–»
 

Er unterbrach sich, ballte die Fäuste. Dann atmete er tief ein und wieder aus, rang sichtlich um Fassung.
 

«Tze, ich hoffe du hast ihm gesagt, dass er sich ficken gehen soll», blaffte er schließlich in schnippischem Ton und verschränkte die Arme vor der Brust.
 

Als ich nicht sofort antwortete, fragte er zögerlich:
 

«Hast du doch getan, oder?»
 

Das ließ meinen Mundwinkel leicht zucken.
 

«Es war nicht ganz dieser Wortlaut», erwiderte ich mit einem Anflug von Amüsement.
 

Pain hatte nicht unrecht – Hidans chaotischer Charakter machte vieles unnötig kompliziert. Ärger zog er beinahe magisch an. Und doch hatte ich keine Sekunde ernsthaft darüber nachgedacht, auf das Angebot einzugehen.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

You can hide but you can't stay gone

She'll find you, won't take her long

And she'll come on back with every dawn

And drag your ass where you belong

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

«Ey.»
 

Ein Rütteln an meiner Schulter.
 

«Ey, wach auf.»
 

Die Stimme penetrant, die Berührung drängend. Träge rührte ich mich.
 

«Scheiße, jetzt wach schon auf!»
 

Als das Rütteln noch energischer wurde, schlug ich grummelnd die Augen auf. Ich lag auf der Seite und blinzelte müde über meine Schulter.
 

«Was ist los?», brummte ich.
 

Hidan stand neben dem Bett. Er war bereits komplett angezogen, was mich verwundert die Brauen zusammenziehen ließ. Es war mitten in der Nacht. Warum schlief er nicht?
 

«Ja, das frag ich mich auch. Du pennst schon den halben Tag.»
 

Was? Was redete er da?
 

Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich fragend an. Doch so tief wie mir die Müdigkeit noch in den Knochen steckte, konnte das nicht stimmen. Zwar gab es in der Höhle keine Anhaltspunkte, wie spät es tatsächlich war – hier herrschte zu jeder Tageszeit dieselbe Finsternis, wobei nur das Fackellicht jene durchbrach. Aber so sehr konnte ich mich nicht täuschen. Ich fühlte mich, als hätte ich kaum eine Stunde geschlafen.
 

«Wie kann es sein, dass ich auspenne und trotzdem früher auf den Beinen bin. Du bist doch der gottverdammte Frühaufsteher. Jedes Mal machst du Terror und reißt mich aus den Federn. Aber heute hast du dich einfach nicht gerührt. Dabei ist bestimmt schon fast Mittag.»
 

Ich runzelte verwirrt die Stirn. Hatte mich meine innere Uhr wirklich so sehr im Stich gelassen? Aber es musste so sein. Warum sollte Hidan mich anlügen?
 

«Hab dich eben fast nicht wachgekriegt, so weg warst du.»
 

Er sah mich an, als würde er irgendeine Art Erklärung von mir erwarten. Ich fuhr mir wortlos übers Gesicht, musste erstmal richtig wach werden. Neben mir war die Matratze plattgelegen und ich erinnerte mich, dass er gestern das erste Mal wieder meine Nähe gesucht hatte. Die Betten hier waren eigentlich nicht für zwei Personen ausgelegt. Trotzdem war Hidan zu mir gekommen und ich hatte ihn nicht weggeschickt. Wenn ich nicht sofort eingeschlafen wäre, hätte ich mich womöglich noch über den Platzmangel aufgeregt. So wie ich den Jüngeren kannte, hatte der sich dagegen nicht im Mindesten daran gestört.
 

«In der Nacht hast du mich nicht einmal weggedrückt.»
 

Ein wenig absurd, dass er das erwähnte. Es klang beinahe wie ein Vorwurf. Doch vielleicht hatte er sich schon so sehr daran gewöhnt. Meinem Wegdrücken, wenn es mir zu viel wurde und seinem erneuten Anschmiegen, langsam und heimlich.
 

«Mein Körper hat den Schlaf wohl gebraucht», sagte ich schließlich und setzte mich auf.
 

Ich fühlte mich wie gerädert.
 

«Uhm, okay?» Er zog zweifelnd die Brauen hoch. «Ich glaub du wirst langsam alt. Obwohl... das bist du ja schon. Dann halt irre, genau wie ich. In dieser verdammten Höhle verliere ich nämlich den Verstand. Ich hab die Schnauze voll von Dunkelheit und Langeweile! Ich brauch was zu tun und vermisse den Himmel. Ich will endlich hier raus!»
 

Das schon wieder...
 

«Und ich hab die Schnauze voll von deinem Gejammer», brummte ich schlaftrunken. «Also hat jeder was, das ihn quält hier drin. Aber du kannst dich abregen. Wir bleiben nicht mehr lange.»
 

Ich schlug die Decke zurück, stand auf und begann mich anzuziehen.
 

«Boah, endlich!», knurrte er. «Aber was heißt das genau? Wann hauen wir ab?»
 

Ich speiste ihn mit einem bald ab. In Wahrheit hatte ich mit dem Gedanken gespielt bereits heute aufzubrechen – Zetsu hatte mir die Infos bezüglich Sasori schon gegeben. Doch nachdem ich verschlafen hatte, konnte ich das vergessen. Es wäre besser früh am Morgen loszugehen. Dann war das Risiko am geringsten, in eine Patrouille der Shinobi-Trupps zu geraten.
 

Den restlichen Tag über versuchte ich wach zu werden, doch mein Körper reagierte nicht wie sonst. Ich aß etwas, ging nach draußen, prüfte die Umgebung – alles mit dieser lähmenden Schwere in den Gliedern. Keine der Routinen schaffte es, die Erschöpfung abzuschütteln. Schließlich blieb mir nur noch die Dusche, in der Hoffnung, das Wasser würde meinen Kreislauf ankurbeln und mich aus diesem Zustand reißen.
 

Ich gab Hidan Bescheid und verschwand tiefer in der Höhle, suchte den Wasserlauf auf. Die Quelle sickerte von oben stetig durch eine Felsspalte und traf plätschernd – fast wie ein kleiner Wasserfall – auf die steinernen Platten darunter. Eine natürliche Ausbuchtung lenkte den Fluss in ein klares Höhlenbecken, bevor das Wasser irgendwo am Grund weiter versickerte. In Yu no Kuni war so etwas keine Seltenheit, doch im Vergleich zu den anderen Verstecken, in denen es meist nicht mal Zugang zu simplen Trinkwasser gab, war das hier ein großer Bonus.
 

Nachdem ich mich ausgezogen hatte, stellte ich mich unter das warme Wasser. Ich war dem Land der heißen Quellen schon immer zugetan gewesen. Es hatte ohne Zweifel seine Vorzüge. Auch wenn mir in meinem Zustand wohl kaltes Wasser dienlicher gewesen wäre. Trotzdem trat ich seufzend unter den fallenden Strahl, so dass er meine Schultern und den Nacken traf und dort sanft die Muskeln massierte.

Ich stand einfach nur da und spürte, wie sich nach einigen Minuten die Spannungen allmählich lösten. Auch mein Geist wurde klarer. Das stetige Plätschern und leise Tröpfeln ringsum entfaltete eine fast meditative Wirkung – gleichmäßig, beruhigend, durchdringend. Mit ihm wich schließlich auch die letzte bleierne Müdigkeit aus meinen Gliedern.
 

Mir entwich erneut ein Seufzen und ich schloss die Augen. Still genoss ich das Wasser, während meine Gedanken langsam in Bewegung kamen.
 

Seit wir in der Höhle untergetaucht waren, hatte Hidan sich merklich von mir zurückgezogen. Er hatte sich in seinem Bett verkrochen, mich teilweise gemieden. Und ich hatte ihn gelassen, hatte mich ihm nicht aufgedrängt. Vielleicht war die Offenbarung meines... Geheimnisses für ihn genauso ein Schock gewesen wie seine für mich. Er beharrte zwar drauf, dass sich nichts zwischen uns ändern sollte, aber auf manches hatte man keinen Einfluss. Ich wollte ihn nicht anders behandeln. Trotzdem hatte sich etwas zwischen uns verschoben. Unausweichlich und tiefgreifend.
 

Nur Hidan wusste von meinen dunkelsten Stunden. Noch nie zuvor hatte ich das jemandem anvertraut. Und ich hatte immer geglaubt, es würde mich zerreißen, sollte je jemand davon erfahren. Doch so seltsam es war, neben all der Unsicherheit, dem Schamgefühl, der nackten Angst, überwog schlichtweg die Erleichterung. Und es war, als wäre er der Einzige, der je wirklich verstehen könnte wie das war. Das alles.
 

Plötzlich hörte ich Schritte auf dem Gang und öffnete die Augen. Mit einem Arm an der Felswand abgestützt, drehte ich den Kopf in Richtung Eingang. Die Geräusche kamen näher.
 

Hidan wusste, dass ich hier war. Warum kam er–
 

Es musste etwas passiert sein. Doch nein, das passte nicht. Dafür waren seine Schritte viel zu ruhig, zu kontrolliert. Als er schließlich am Eingang erschien, blieb er einen Moment lang einfach stehen und sah mich an. Dann trat er wortlos näher. Ich wollte seinen Namen sagen, doch etwas an seinem Blick ließ mich verstummen. Nach ein paar Metern blieb er stehen und...
 

Gebannt sah ich zu, wie er begann, sich langsam auszuziehen.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

And you'll wake up all alone

On an old beat-down dirt country road

And you'll crawl back through fire and snow

Cause there ain't no other place to go

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 


 


 


 

* Was die Chronologie angeht, weiche ich hier vom Canon ab. Das ist Absicht. In meiner Story sind Deidara und Sasori also zu diesem Zeitpunkt noch nicht nach Suna aufgebrochen. Hidan und Kakuzu haben ihr Jinchūriki jedoch schon gefangen. Warum? Gibt mehrere Gründe, hab mir dabei also was gedacht. Und wer würde sich ein Zusammentreffen der Teams denn nicht wünschen (kinda spoiler lol)?

Desire

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Control


 

23. Control/B]

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Kontrolle.
 

Ich musste Herr über das Geschehen sein – jederzeit, überall. Nichts hinterließ ein tieferes Gefühl der Ohnmacht, als wenn einen die Kontrolle entglitt. Dazu verdammt ein stummer Beobachter zu sein, gezwungen zuzusehen, unfähig einzugreifen, während alles seinen Lauf nahm. Doch die penibel errichteten Stützpfeiler meines Daseins bewahrten mich davor, ließen die Gefahren auf ein Minimum schrumpfen – Kontrolle, Ordnung, Gewohnheit, Sicherheit. Damit würde dieser Alptraum niemals eintreffen.

Doch seit geraumer Zeit fragte ich mich immer wieder eines: wozu das alles? Nur die, die etwas zu verlieren hatten, gingen kein Risiko ein. Doch was hatte ich? Gab es überhaupt noch etwas zu beschützen? Oder war längst alles eingegangen und erstickt? Hatte ich zu sehr bewahrt, behütet, umklammert, dass alles Bedeutsame, wie Sand zwischen meinen Fingern hindurchgeronnen war?
 

Warum erschien die Vorstellung, loszulassen, plötzlich so beflügelnd? Mich nur ein einziges mal sorglos treiben zu lassen... ja, danach sehnte sich mein kaltes Herz.
 


 

Es war längst Zeit aufzustehen.
 

Wir sollten die Höhle verlassen, den Suchtrupps draußen entwischen, bevor sie das Versteck doch noch aufspürten. Ich musste endlich etwas gegen meinen Zustand unternehmen, weshalb Isamus Verfolgung erneut würde warten müssen. Stattdessen war das Feuer-Reich unser nächstes Ziel, ein Treffen mit Sasori, von dem ich mir Hilfe erhoffte.

Doch all das, die Sorgen, die Pläne, die Vorhaben, schien so weit weg, so unbedeutend. Fast, als blickte ich auf ein anderes Leben. Sich aufzuraffen fiel so unendlich schwer und das lag diesmal nicht allein an den Nachwirkungen der Arznei. Doch die Zeit blieb nicht stehen, so sehr ich es mir auch wünschte. Es war sieben, vielleicht acht Uhr morgens und Hidan schlief noch immer tief neben mir.
 

Und da wären wir beim eigentlichen Grund, der mich im Bett hielt.
 

Können wir nicht noch ein paar Tage hierbleiben?, hatte er mich gefragt, als er vom Wasserlauf zurückgekehrt war und mich bereits halb schlafend im Bett vorgefunden hatte. Es hatte mir nur ein müdes Schnauben entlockt. Noch Stunden zuvor hatte er diese Höhle verflucht, sie gehasst, kaum abwarten können, dass wir endlich verschwanden. Und nun ließ er sich so schnell von niederen Bedürfnissen lenken.

Seine Unvernünftigkeit hatte unweigerlich auf mich abgefärbt, denn ich hatte mich tatsächlich überreden lassen, noch einen Tag zu bleiben. Und nun war der Morgen des Aufbruchs gekommen – viel zu schnell – und anstatt aufzustehen, ihn zu wecken und mich fertigzumachen, lag ich einfach da und starrte ihn an.
 

Meine Gedanken kreisten ununterbrochen um unser erstes Mal, die letzten Stunden, den gestrigen Tag, den wir größtenteils im Bett verbracht hatten. Anfangs hatte ich noch versucht meinen täglichen Aufgaben nachzugehen. Doch ein Seitenblick, ein anzügliches Grinsen seinerseits genügten und er hatte mich wieder. Hidan war so unglaublich durstig. Und ich ließ zu, dass er mich mitriss. Kaum erlangten wir Befriedigung, dauerte es nie lange, bis es wieder von vorne losging. Einmal nahmen wir eine gemeinsame Dusche, um die Spuren auf unseren Körpern zu beseitigen, was damit endete, dass ich ihn doch nur wieder hart gegen die Felswand fickte. Selbst wenn wir geschafft im Bett lagen, müde, erschöpft, der Orgasmus gerade erst verklungen, führte eine Berührung zur nächsten, bis er mich wieder zwischen seine Beine zog.
 

Wir konnten schlichtweg nicht voneinander lassen.
 

Dabei taute Hidan immer mehr auf. Auch beim dritten, vierten Mal hatte ihm sein Kopf nichts Böses gezeigt – keine Bruchstücke einer Erinnerung, keine Parallele, die ihn plötzlich traf. Auch die Angst, dass noch etwas kommen würde, verlor er und zuckte deswegen auch nicht mehr zurück oder verschloss sich plötzlich. Stattdessen wurde er immer aktiver, mutiger, um nicht zu sagen dreist. Er hatte zwar davor schon keine wirklichen Berührungsängste gehabt, doch nun schien auch die letzte Unsicherheit von ihm abzufallen.
 

Provokation war seine Muttersprache, im Kampf, im Leben – und ganz speziell auch im Bett.
 

«Ey, woher hast du das Ölfläschchen überhaupt?», fragte er mich einmal.
 

Als ich sagte, dass ich es von Misaki hatte mitgehen lassen, lachte er nur. Den Deckel hatte ich bereits gelöst, als er mir das Fläschchen aus der Hand schnappte.
 

«Dann hast du da schon drüber nachgedacht, dass wir sowas mal brauchen könnten?»
 

Er grinste und roch kurz daran, ehe er das Glas leicht schwenkte, so dass die zähe Flüssigkeit darin hin und her lief. Es war nicht mehr allzu viel übrig, wie mir in dem Moment auffiel. Wenn das so weiterging, müssten wir bald neues besorgen.
 

«Glaub mir, darüber hab ich schon sehr viel früher nachgedacht», raunte ich.
 

Wieder ein anrüchiges Lachen, ehe er etwas Öl auf seine Hand gab und diese zu meiner Überraschung nach unten an seinen Hintern führte. Anschließend sah ich gebannt zu, wie er anfing sich selbst vorzubereiten, wobei er den Blickkontakt zu mir keine Sekunde abbrach.
 

Und nun stand unser Aufbruch vor der Tür und ich erwischte mich dabei, wie ich ihn Stunde um Stunde hinauszögerte. Dabei hatte ich doch bekommen was ich wollte und sollte zufrieden sein. Doch mein Verlangen war nicht gestillt, sondern nur weiter angefacht worden. Es war einfach nicht genug gewesen. Ich war wie auf Droge, benebelt, süchtig und brauchte unbedingt mehr Zeit mit ihm. Obendrauf wollte ich... verschiedene Dinge mit ihm ausprobieren.

Ich hatte bisher davon abgesehen weiter in diese Richtung zu gehen, wollte ihn nicht direkt wieder überfordern. Doch nun war die Grundlage gelegt und die Fantasien in meinem Kopf wurden langsam präsenter, drängender. Mir fiel es zusehends schwer sie zurückzudrängen, erst recht wenn die Versuchung kaum eine Armlänge entfernt schlief.
 

Hidan neben mir bekam mein Lauern nicht mit.
 

Sein Atem ging ruhig, die Lippen waren halb geöffnet, während ein Arm über den Kopf ausgestreckt lag. Seine Züge blieben entspannt, als meine Finger über sein Kinn glitten, die Konturen seines Kiefers nachzogen. Warm. Alles an ihm war weich und glatt, wirkte so rein, fast unberührt. Selbst der Körper einer Frau war damit nicht zu vergleichen. Und unter dieser Zartheit – festes, widerstandsfähiges Gewebe. Stark im Kern. Nichts Schwächliches, nichts, was leicht zerbrach. Ein Kämpfer. Diese Gegensätzlichkeit vermischt in Einem... nie zuvor war mir etwas so begehrenswert erschienen.
 

Langsam beugte ich mich über ihn, glitt zwischen seine Beine. Hidan regte sich leicht, seufzte, doch seine Augen blieben geschlossen. Ich spürte seinen Puls unter meinen Fingerspitzen, als ich über seinen Hals fuhr und unterdrückte den Impuls zuzudrücken. Seine Kehle zu packen, sie zu quetschen, seinen Atem stocken zu lassen. Stattdessen senkte ich mich tiefer, küsste ihn an dieser verletzlichen Stelle und ließ meine Lippen über das sanfte Pochen seiner Schlagader streichen.
 

Seine Atmung blieb weiterhin ruhig – schlief er noch oder war er längst wach? Sein Körper war schwer und fügsam, ließ sich nach meinem Willen bewegen, fast wie eine Puppe. Den Kopf zur Seite, die Beine etwas weiter auseinander. Ungewohnt, ihn so still zu erleben. Fast zahm. Ohne spitzen Spruch, ohne diese sprühende, unbändige Energie.
 

Schließlich sank ich ganz auf ihn nieder. Ein angenehmer Schauder durchfuhr mich, als seine Haut auf meiner lag, ich ihn an jeder Stelle spürte. So zart er sich für mich anfühlte, so anders musste ich für ihn sein – mein Körper, rau und kratzig. Und dennoch, oder gerade deswegen, seufzte er erneut leise, schmiegte sich träge an mich.
 

Langsam ließ ich eine Hand über seine Seite wandern, während ich weiter seinen Hals küsste. Ich registrierte jede Reaktion, jedes kaum wahrnehmbare Zucken das von ihm ausging. Selbst im Schlaf schien er sich nach jeder meiner Berührungen zu verzehren. Sein Puls beschleunigte sich, als ich mich dichter an ihn presste, meinen Unterleib gegen seinen.
 

Die Lust hatte mich längst wieder eingeholt. Und wie ich spüren konnte, ihn auch.
 

Wie von selbst fuhr meine Hand unter das Kissen, fand das Ölfläschchen, das ich dort gestern beiseitegeschoben hatte – griffbereit, falls nötig.
 

«Hidan... bist du wach?», flüsterte ich nah an seinem Ohr, die Finger fest um das Fläschchen geschlossen.
 

Einen Moment lang nur Stille, dann ein leises, verschlafenes Murmeln:
 

«...nein.»
 

Seine Augen blieben geschlossen, sein Körper reglos.
 

«Du bist ein wirklich schlechter Lügner», erwiderte ich und zog das Fläschchen hervor.
 

«Bin nicht der Einzige, der lügt.»
 

«Was meinst du?», fragte ich und konnte beobachten, wie ein leichtes Schmunzeln an seinen Mundwinkeln zupfte.
 

«So wie es aussieht, kannst du ja doch sanft.»
 

Auch wenn es längst zu spät war, es jetzt noch zu leugnen, hätte ich am liebsten genau das getan.
 

«Es scheitert meist nicht am Können, sondern am Wollen.»
 

«Achso?», meinte er und öffnete die Augen einen winzigen Spalt. «Dann ist es also etwas Besonderes für dich? Warum gerade in Stimmung dafür? Haben etwa diese positiven Gefühle etwas damit–»
 

«Vorsicht», warnte ich dunkel. «Fordere dein Glück nicht zu sehr heraus. Meine Stimmung kann ganz schnell wieder umschlagen.»
 

Ich ärgerte mich über meine Wortwahl damals im Kurhaus und darüber, dass ihm das anscheinend so im Kopf geblieben war.

Als ich mich ein Stück von ihm zurückziehen wollte, riss er plötzlich die Augen auf. Im selben Moment schlang er die Beine um mich, hielt mich fest an Ort und Stelle.
 

«Fuck, nein, bitte... geh nicht weg», flehte er, als wollte er meine Nähe für keinen Preis der Welt missen. «Ich will nicht, dass du aufhörst.»
 

Mir entkam ein kurzes, raues Lachen. Offenbar glaubte er, mich verstimmt zu haben und dass ich mich nun ganz von ihm lösen wollte.
 

«Das hatte ich nicht vor. Außerdem, wie war das noch mal? Du schläfst doch gerade, schon vergessen? Und ich bin mir nicht sicher, aber...»
 

Ich packte seinen Kiefer und drehte seinen Kopf unsanft zur Seite – eine kleine Strafe dafür, dass er die friedliche Ruhe gestört hatte. Aufmüpfig schielte er zu mir, während das Feuer in seinen Augen aufzublitzen begann.
 

«Schlafende reden nicht», raunte ich und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
 

Es war kaum überraschend, dass Hidan sich nicht in diese harmonische Passivität zurückdrängen ließ. Statt still liegen zu bleiben und die Klappe zu halten, schlang er die Arme um mich und versuchte, den Kopf zu mir zu drehen. Doch ich hielt seinen Kiefer eisern fest, harrte über ihm aus – amüsiert darüber, wie sehr er versuchte, mich zu küssen, mich zu sich herunterzuziehen, mehr von mir zu bekommen.
 

«Wichser», grollte er dabei. «Warum darf ich nicht– lass mich, ich will doch–»
 

Selbst als er sein Becken wölbte und seinen Schritt auffordernd gegen mich drückte, knickte ich nicht ein. Seine Aktion jagte mir dennoch einen Schauder über den Rücken. Diese hilflose Bedürftigkeit hatte durchaus ihren Reiz. Mir gefiel es, wenn er so deutlich zeigte, dass er mich wollte. Und wenn ich ihm im Gegenzug alles verwehrte, ihn ein wenig zappeln ließ, machte mich das noch mehr an.

Dabei spielte keine Rolle, dass ich ihn eigentlich genauso wollte. Denn es ging nur darum, ihm nicht nachzugeben, ihn nicht gewinnen zu lassen. Ich behielt die Oberhand, bestimmte, was als Nächstes geschah. Und er blieb dort, genau da, wo ich ihn haben wollte.
 

«Selbst wenn du schläfst bist du kratzbürstig.»
 

Daraufhin gab er ein leises Knurren von sich.
 

«Tu nicht so, als würdest du nicht drauf stehen, Bastard!»
 

Da hatte er nicht unrecht. Wenn das Zappeln vor ungestillter Lust etwas weiter ging, der Umgang rauer wurde... ein wenig Gegenwehr – das Zucken und Winden unter meinen Händen, das Zerren, wenn man nicht loskam, oder auch ein gepresstes, schmerzerfülltes Stöhnen – all das hatte durchaus eine Wirkung auf mich. Und es war beinahe erschreckend, wie schnell Hidan mich in dieser Hinsicht durchschaut hatte.
 

Schweigend löste ich seine linke Hand von mir und pinnte sie auf die Matratze neben seinem Kopf, Handfläche nach oben. Doch kaum griff ich nach dem Ölfläschchen, schlang er sie wieder um meinen Nacken. Ich musste sie mehrfach einfangen und erneut nach unten drücken. Erst als ich warnend bleib da grollte, gehorchte er.
 

Er schielte weiterhin zu mir herüber – forschend, nachdenklich und doch mit einer unverkennbaren Neugier.
 

«Eben... hättest du auch dann weitergemacht, wenn ich wirklich noch geschlafen hätte?»
 

Nur kurz erwiderte ich seinen Blick, während ich ihm etwas Öl auf die Handfläche träufelte. Und obwohl es, wie beim ersten Mal, wieder außerhalb seines Sichtfeldes geschah, zuckte er diesmal nicht zusammen.
 

«Nein.»
 

Das Kurhaus hatte es mich erkennen lassen und seither stand es unumstößlich fest: Es würde nichts gegen seinen Willen geschehen. Über ihn herzufallen, wenn er nichts mitbekam, stand genauso außer Frage. Und auch wenn Konsens für mich keine feste Regel im Umgang mit Sexpartnern war, hasste ich mich inzwischen dafür, dass ich auch bei ihm anfangs solche Grenzen nicht wirklich respektiert hatte. Vielleicht hatte ich nie tatsächlich eine überschritten, doch mit Sicherheit die ein oder andere gestreift – und das nicht nur einmal.
 

«Aber die Vorstellung, mich zu ficken, während ich schlafe... macht dich das an?»
 

Das kam so unerwartet, dass ich innehielt und einen Moment schwieg.
 

Nach seiner Vorgeschichte hatte ich alles sehr viel vorsichtiger angehen wollen, auch wenn das hieß, mich weiterhin zurückzuhalten. Ich wusste nicht, wie weit ich bei ihm gehen konnte, wie viel er von meinen spezielleren Wünschen vertrug und wollte nicht riskieren einen falschen Nerv zu treffen. Ich wollte das, was wir gerade frisch aufgebaut hatten, nicht direkt wieder einreißen.
 

«Die Vorstellung davon, ja, vielleicht.»
 

Das schien ihn nicht schockieren zu können, was schon mal ein gutes Zeichen war.
 

«Was stellst du dir sonst noch so vor? Und was davon willst du auch wirklich tun? Du magst es mich zu würgen, oder? Was noch?»
 

Offenbar war er neugierig auf das, was in mir vorging. Er tat es ohne jede Spur von Verurteilung in seinem Blick oder der Stimme, als wäre er offen für alles. Trotzdem zögerte ich. Denn im Grunde unterschied ich mich wohl nicht allzu sehr von diesen Männern. Und der Gedanke, dass er das irgendwann erkennen könnte, bereitete mir Bauchschmerzen. Wenn er nicht wollte, dass ich ihn als Opfer sah, sollte er nicht den Täter in mir suchen.
 

Da ich ihn weder verschrecken noch belügen wollte, blieb meine Antwort vage:
 

«Sagen wir, ich habe eine Schwäche für alles, was anders ist.»
 

Er sah mich wortlos an und ich konnte nicht einschätzen, was er dachte.
 

Ich hatte zu keiner Zeit verheimlicht, wie ich war – nur hatte ich bisher nie allzu tief blicken lassen. Da war etwas Dunkles in mir. Diese... Wut. Sie war tief verankert und weckte das Bedürfnis zu zerstören. Schmerzen zuzufügen, zu dominieren, mich an verursachtem Leid zu ergötzen. Lieber das alles, als jemals wieder auf der anderen Seite zu stehen. Es war nichts, das mich übermannte – ich war kein Wilder, der sich nicht im Griff hatte. Doch das änderte nichts an der wahren Natur im Kern, an diesem scharrenden Kratzen von innen an der Hülle. Eine ständige Erinnerung daran, dass da etwas war, das gestillt werden wollte.
 

«Verabscheust du mich jetzt?», fragte ich, bemüht um einen neutralen Ton.
 

Er lachte nur leise.
 

«Nein», versicherte er mir. «Dann bist du eben abgefucked, na und? Das ist okay, ich bins ja auch. Und ich vertraue dir, weil du... du weißt jetzt alles über mich und ich hab das Gefühl, dass du, egal was du tust, trotzdem irgendwie auf mich aufpasst.»
 

Wie von selbst lockerte sich mein Griff und meine Züge erweichten. Dieser Idiot. Er hatte definitiv ein viel zu gutes Bild von mir und sollte mir gegenüber zumindest grundlegende Bedenken haben. Davon mal abgesehen: wie machte er das nur? Nach allem was ihm widerfahren war, sollte er viel misstrauischer und verschlossener sein. Wie hatte er es bloß geschafft, weiterhin an die Menschen zu glauben?
 

«Diese Leichtfertigkeit bringt dich irgendwann noch um», brummte ich.
 

Mein Kommentar schien ihn jedoch nicht zu beeindrucken.
 

Langsam wanderte seine Hand zwischen uns nach unten und ich spannte mich leicht an, als ich seine kühlen Finger an meiner Erregung spürte. Sanft strich er auf und ab, verteilte das Öl, das eigentlich für seinen Arsch gedacht war, an mir.
 

«Vielleicht», gab er leise zu. «Aber du bist an meiner Seite, wenn ich wieder aufwache, oder? Dann kann ich gut damit leben.»
 

Es war nicht das erste Mal, dass er Aussagen dieser Art traf. Dass sein kurzweiliger Tod keine große Sache für ihn war. So eine Einstellung war überaus selbstzerstörerisch und definitiv nicht gesund für den Kopf. Und doch schien er sich damit arrangiert zu haben, es war sein Normal. Wahrscheinlich ein Weg, den jeder mit solchen Fähigkeiten und dieser Last irgendwann einschlagen musste: Besser die Hölle zum Zuhause machen, als gegen das Unausweichliche zu kämpfen und jedes Mal daran zu zerbrechen.
 

Wie verachtenswert war es, wenn ich mich an seiner Verkorkstheit bediente, um meine zu befriedigen? Und wie viel war er wirklich bereit wegzustecken... für mich?
 

Die stimulierende Hand an meinem Schwanz brachte mich davon ab, diesen Gedanken weiterzuverfolgen. Die Bewegungen wurden fester, schneller, während Hidan sich ungeduldig unter mir wand.
 

«Und jetzt küss mich... ich–», er versuchte erneut seinen Kopf zu mir zu drehen. «Lass mich endlich, ich will...!»
 

Er stand nicht in der Position Forderungen zu stellen – festgepinnt, unterlegen, gefügig gemacht wie er war. Doch das hielt ihn nicht davon ab, sich mir entgegenzudrücken, so weit es ihm möglich war. Und schließlich gab ich doch nach, riss seinen Kiefer zu mir und verwickelte ihn in einen harten, hungrigen Kuss.
 

Ich drängte mich in seinen Mund, nahm ihn ein, und Hidan hielt mit seinem Feuer dagegen. Er zog mich näher, und wir keuchten gleichermaßen auf, als sein Glied meines berührte. Mit Hilfe der zweiten Hand umfasste er uns beide und begann, unsere Schäfte gegeneinander zu reiben. Seine Finger glitten fest, rhythmisch über uns und nahmen einen gleichmäßigen Takt an. Ein lustvolles Keuchen vibrierte in unserem Kuss, als ich mich in seine Haare krallte und grob daran zog. In meinem Unterleib baute sich dieser altbekannte, heiße Druck auf, und ich unterdrückte den Drang vorzustoßen.
 

Schließlich lösten wir uns notgedrungen voneinander und sahen uns einen Moment schwer atmend an. Dann rutschte er ein Stück nach oben und ich fragte mich schon, was er vor hatte. Seine Beine spreizten sich etwas mehr, ehe er meine Erregung zwischen seine Pobacken führte. Die Geste ließ mich unwillkürlich erschaudern. Ich suchte erneut seinen Blick – musste wissen, ob er wirklich das wollte, was ich dachte.

Er war nicht vorbereitet worden, und das Öl auf meinem Schwanz allein reichte nicht aus, damit das Eindringen schmerzfrei verlief. Und so, wie er meinen Blick erwiderte, war er sich dessen durchaus bewusst.
 

«Willst du mir wehtun, Kakuzu?», säuselte er und verschlug mir damit die Sprache.
 

Es war keine Frage, sondern eine Einladung – und das Erotischste, was jemals zu mir gesagt worden war. Er hatte ja keine Ahnung, wie sehr er mich damit bediente.
 

Ohne zu antworten, packte ich ihn an den Hüften und stieß langsam vor, übte stetig mehr Druck aus. Stück für Stück zwängte ich mich in ihn, und je tiefer ich kam, desto stärker verzog er das Gesicht. Doch er verkrampfte nicht – im Gegenteil, seine Finger gruben sich in meine Oberarme, als wollte er mich noch näher an sich ziehen. Als ich schließlich ganz in ihm war, begann ich mich zu bewegen – lange, kraftvolle Stöße. Es war kein sanftes Gleiten, sondern ein scheuerndes, brennendes Reiben.
 

Ich nahm ihn mir, fickte seinen Arsch wund.
 

Was ihm Schmerz zufügte, fühlte sich für mich nur umso fantastischer an. Zwischen seinem gepressten Keuchen und den kleinen Zuckungen, wann immer ein Stoß ins Gewaltvolle kippte, ebbte seine Erregung jedoch keine einzige Sekunde ab. Unablässig drückte sie gegen meinen Bauch – Beweis genug, dass Hidans Verhältnis zu Schmerz außergewöhnlich war. Fasste er ihn gerade nicht durchweg als schlecht auf, weil er sich aktiv dafür entschieden hatte? Mein Partner war definitiv anders, als ich geglaubt hatte. Und vielleicht war meine Vorsicht, so intensiv wie ich ihn schonte, gar nicht nötig.
 

Denn unter der Schicht aus Trauma, war er selbst, der unverfälschte Kern, keineswegs unverdorben.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

But that's life, boy, what can you do?

I need someone and I need 'em soon

I called the doc and got new shoes

But all roads still lead back to you

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Anspannung machte sich in mir breit.
 

Die Versiegelung löste sich und der Fels des Höhleneingangs begann sich langsam zur Seite zu schieben. Wie bei meinen vorherigen Ausflügen, war auch dieses Mal ungewiss, wie die Lage draußen aussah. Besser, wir stellten uns auf das Schlimmste ein – eine Konfrontation, Gegner, vielleicht ein Kampf. Oder, mit etwas Glück, gar nichts davon.

Hidan neben mir war still und konzentriert. Zumindest jetzt. Noch Minuten zuvor hatte er eine ganz andere Attitude an den Tag gelegt.
 

«Ey, denkst du, die Nächsten, die herkommen, fragen sich, woher die ganzen Flecken auf den Betten stammen? Wir haben gefühlt jedes einmal eingesaut und nichts sauber gemacht.»
 

Kaum aufgestanden war er mir angehangen, hatte gegrinst und zweideutige Bemerkungen gemacht. Es war ihm sichtlich schwer gefallen sich zu lösen, den Schalter umzulegen und wieder zum Shinobi zu werden. Auch ich hatte mich innerlich selbst etwas disziplinieren müssen, da ich das zwischen uns genauso gerne noch etwas länger ausgekostet hätte. Doch dann hatte ich mich besonnen und ihn kalt und harsch zurückgewiesen. Der Aufschub war vorbei. In dieser mehr oder minder brenzligen Situation konnten wir nicht einfach sorglos rausspazieren, sondern mussten fokussiert bleiben. Als Nuke-nin und Mitglieder der Akatsuki gab es nur wenig Raum für Privates. Sich darin zu verlieren, wenn unklar war ob Gefahr drohte, durfte schlicht nicht passieren. Vielleicht hatte Hidan bisher Glück gehabt und er war trotz ausschweifendem Lebensstil immer glimpflich davongekommen. Doch das war nicht mein Stil, ich arbeitete gerne sauber und geordnet.
 

Also hatte ich ihn weggestoßen, ihn angeschnauzt und ihm ruppig klar gemacht, dass er den Mist jetzt lassen sollte. Zweifellos hatte ich ihn damit vor den Kopf gestoßen. Die säuerlich verzogene Grimasse und das gemurmelte Arschloch konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihn das getroffen hatte. Vielleicht ein wenig hart, ihm so plötzlich die kalte Schulter zu zeigen, nachdem wir Minuten zuvor noch Sex gehabt hatten. Doch anders begriff er es nicht. Und eigentlich sollte er wissen, dass ich mit dem Kopf bei der Sache zu sein pflegte. Wovon er sich ganz dringend ein Stück abschneiden sollte.
 

Als der Durchgang schließlich offen lag, trat ich einen Schritt vor und prüfte die Umgebung. Kein Mensch zu sehen – was allerdings wenig zu bedeuten hatte. Vielleicht lauerte jemand in den Büschen oder oben in den Baumkronen. Eine Falle?

Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, spähte in jede Richtung und lauschte auf jedes noch so leise Geräusch. Doch nichts. Keine Spuren, kein Hinweis auf einen Hinterhalt. Also gab ich Hidan ein Zeichen und wir setzten uns in Bewegung.
 

Ich gab ein relativ hohes Tempo vor, dennoch blieben wir wachsam. Bereits nach kurzer Zeit meldete sich mein Instinkt und mit jeder vergangenen Minute wurde es deutlicher. Schließlich schien es auch Hidan aufzufallen, da er mir einen Seitenblick zuwarf und sagte:
 

«Ey, sag mal, spinn ich oder...?»
 

«Nein», sagte ich. «Wir werden verfolgt.»
 

«Scheiße. Und was jetzt?»
 

Es war unwahrscheinlich, dass sie das Akatsuki-Versteck an sich entdeckt hatten – sonst hätten sie uns bereits am Eingang abgefangen. Wahrscheinlicher war, dass sie unser Chakra erspürt hatten. Dann musste tatsächlich ein Sensortyp unter ihnen sein, denn seit unserem Aufbruch hatten wir unser Chakra konsequent unterdrückt. Vorher hatte die Höhle uns abgeschirmt, und für unsere Gegner waren im nächsten Moment zwei starke Signaturen wie aus dem Nichts aufgetaucht.
 

Gerade folgten sie nur einer verdächtigen Spur, aber sobald sie unsere Stirnbänder sahen, würde sich die Frage nach der Schuld gar nicht erst stellen.
 

«Besser wir werden sie los.»
 

Hidans Miene hellte sich augenblicklich auf. Ein breites, mordlustiges Grinsen schlich sich auf seine Züge und seine Augen begannen zu funkeln. Er hatte lange die Füße stillhalten müssen und da war die Aussicht auf einen Kampf wohl eine willkommene Abwechslung.
 

Wir stoppten und sprangen hoch in die Bäume, legten uns unter dichtem Blätterwerk auf die Lauer. Nur wenig später hörte man Stimmen, die rasch näherkamen.
 

«Schneller, wir verlieren sie!»
 

Ich beobachtete, wie eine Gruppe aus vier Shinobi auftauchte – ein Kerl mit Brille, ein Rotschopf, eine Frau mit Zopf und ein Bleichgesicht. Vermutlich ein klassisches Drei-Mann-Team plus der Sensortyp. Kampfbereit suchte Hidan meinen Blick, doch ich schüttelte nur wortlos den Kopf. Geduld. Wir warteten ab, ließen sie noch ein Stück näher kommen.
 

«Halt, wartet!», rief das Bleichgesicht plötzlich alarmiert, doch die anderen wurden nicht langsamer. «Irgendetwas stimmt nicht, ich glaube... sie bewegen sich nicht mehr!»
 

Ich formte Fingerzeichen und verhärtete meine Rechte, passte in aller Ruhe den richtigen Moment ab. Als sie sich schließlich genau unter uns befanden, setzte ich zum Angriff an und stieß mich kraftvoll vom Ast ab.
 

«Was soll das heißen, sie beweghhhk–»
 

Wie ein Falke, der sich auf seine Beute stürzt, schoss ich nach unten und rammte dem Rotschopf den Kopf mit brutaler Gewalt in den Boden. Zwischen meiner verhärteten Hand und dem felsigen Grund zertrümmerte der Schädel wie eine zu dünne Tonschale. Die Frau stieß augenblicklich einen entsetzten Schrei aus, während der Rest zurücksprang. Mit geweiteten Augen starrte sie mich an, schien wie gelähmt, vor Schock erstarrt, als ich von ihrem toten Kameraden abließ und mich langsam aufrichtete.
 

«Hanako, pass auf!»
 

Einer der anderen schaffte es im letzten Moment, sie zur Seite zu reißen. Denn nur eine Sekunde später schlug Hidans Sense genau an der Stelle ein, wo sie eben noch gestanden hatte. Mit einem geknurrten verdammte Schlampe setzte mein Partner ihnen sogleich nach.

Während Hidan sich um die beiden kümmerte, suchte ich die Umgebung nach dem letzten ab. Doch der Sensortyp war nicht mehr zu entdecken, keine Spur von ihm. Da solche spezialisierten Shinobi in der Regel eine geringere Kampfkraft besaßen – ihre Aufgabe lag im Aufspüren und Verfolgen aus sicherer Distanz – war es naheliegend, dass das Bleichgesicht längst abgehauen war. Losgeeilt, um Bericht zu erstatten und Verstärkung zu holen.
 

Ich wollte bereits die Verfolgung aufnehmen, als sich mir der Brillenträger plötzlich in den Weg stellte.
 

«Schön hiergeblieben, das lasse ich nicht zu!», sagte er, reckte mir tollkühn das Kinn entgegen und nahm Kampfstellung an.
 

Die Augen verengend, warf ich einen Blick zu Hidan hinüber, der sich mit der Frau ein hitziges Duell lieferte. Die Kleine hatte sich offenbar gefangen und schaffte es zu unserem Pech, ihm allein standzuhalten. Gerade so. Nach meiner Einschätzung war er ihr durchweg überlegen. Doch seine Sense machte ihm zu schaffen, was ihn selbst zur Weißglut trieb. Schon zum zweiten Mal verfehlte er die Brünette, weil er die Waffe mit einmal zu viel und einmal zu wenig Kraft schwang. Wie ein rasender Bulle, stieß er dabei einen aggressiven, frustrierten Laut aus.

Seit dem Kurort hatten wir keinen richtigen Kampf mehr bestritten, und daher hatte er sich mit der neu geschmiedete Sense noch nicht wirklich eingespielt. Doch er würde die Kleine zweifellos erledigen – nur eben nicht so bald wie erwartet.
 

Seufzend begann ich meinen Mantel aufzuknöpfen, während mein Gegner mich angespannt beobachtete. Das Kleidungsstück beiseitegeworfen, entließ ich die Feuer-Maske aus meinem Rücken, die sich neben mir erhob. Im Geiste befahl ich ihr, den Sensortyp zu jagen und auszuschalten – dann würde sie das eben übernehmen. Ich wollte mich gerade wieder meinem Gegner zuwenden, als mir auffiel, dass die Kreatur immer noch neben mir stand. Mit zusammengezogenen Brauen wiederholte ich den Befehl, doch sie rührte sich nicht. Die geistlose Maske starrte mich an und ich starrte zurück, versuchte in sie hineinzusehen, herauszufinden was das Problem war. Im nächsten Moment setzte sie sich plötzlich doch in Bewegung – gehorchte, als wäre nichts gewesen – und verschwand zwischen den Bäumen.
 

«Was war das für ein Ding?», fragte mein Gegenüber.
 

Ich gab keine Antwort und griff ihn an. Der Kampf war keine große Herausforderung, dennoch entwischte mir der Brillenträger immer wieder. Wie ein glitschiger Fisch entglitt er meinen Schlägen jedes Mal um Haaresbreite. Er war schnell. Doch schließlich wurde ihm sein Übermut zum Verhängnis. Ich ließ ihn absichtlich einen Treffer landen, nahm den Schnitt am Oberarm in Kauf, um ihn anschließend erst die Schulter auszukugeln und ihm dann meine verhärtete Faust durch den Torso zu treiben.

Ohne aufzusehen wusste ich, dass Hidan seinen Kampf fast zeitgleich beendete. Die Schreie der Kleinen erklangen synchron mit denen des Brillenträgers.
 

«Zur Hölle war die nervtötend», knurrte Hidan und blickte verachtend auf den reglosen Leib der Frau hinab.
 

«Das hat kein bisschen Spaß gemacht, ich könnte kotzen!»
 

Wütend schritt er an ihr vorbei, als gäbe er ihr persönlich die Schuld an dem unsauberen Zusammenspiel zwischen ihm und seiner Sense.
 

«Hidan, räum hier auf. Ich kümmere mich um den Letzten.»
 

Er rollte genervt mit den Augen, sparte sich aber jede Widerrede.
 

Während Hidan notdürftig die Leichen versteckte und unsere Spuren verwischte, machte ich mich auf und ging der Feuer-Maske hinterher. Doch nach kaum zweihundert Metern kam sie mir bereits entgegen, den Sensortyp verkohlt und leblos über der Schulter. Ich rief sie zu mir her und sie gehorchte, warf den Toten ab. Nachdem ich ein Stück in die Knie gegangen war wartete ich darauf, dass sie zurück in meinen Rücken stieg. Ich spürte sie an meinem Rücken, doch anstatt an den Nähten in mich zu verschwinden, geschah etwas anderes. Die schwarze Masse berührte meine Haut, zog sich über mich, breitete sich langsam aus, als würde sie mich einhüllen wollen. Stück um Stück kroch sie vor, schwer, drückend, erreichte meine Schulter.
 

Ich war wie erstarrt.
 

Das Gefühl war so unwirklich, die Situation surreal. Aber doch, da war etwas, unmittelbar hinter mir. Und dieses Etwas hauchte mir kalt in den Nacken, jagte mir eine Gänsehaut über den Köper. Für einen Moment war ich mir vollkommen sicher: Das war nicht die Feuer-Maske, sondern etwas Fremdes.
 

«Ey!»
 

Hidans Stimme riss mich aus der Starre und ich fuhr herum. Doch da war nichts mehr: keine Berührung, kein Druck auf der Haut, kein Gefühl einer Bedrohung – und keine Feuer-Maske.
 

«Was machst du?», fragte Hidan, der ein paar Schritte entfernt stand und mich irritiert musterte. «Sollten wir uns nicht so langsam mal verpissen?»
 

Er war längst fertig mit seiner Aufgabe – dabei hatte er doch erst vor einer Minute den ersten Toten weggeschleift. Verwirrt tastete ich meinen Rücken ab und fand die Feuer-Maske an ihrem gewohnten Platz. Fest verankert an mir.
 

«Alles klar bei dir?» Er zog skeptisch die Brauen hoch.
 

Hatte ich mir das eingebildet? Ein Tagtraum? Oder eine weitere Nebenwirkung? Ließ mich die Arznei jetzt Geister sehen?
 

«Ja, ich hatte nur...», begann ich, verstummte aber. Wie sollte ich das erklären? «Vergiss es. Gehen wir.»
 

Ich schüttelte den Kopf, tat es als Einbildung ab und schnappte mir meinen Mantel. Nachdem ich ihn übergeworfen hatte, setzte ich mich in Bewegung.
 

Hidan folgte mir zögerlich.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

I need you like God needs the Devil, honey

Someday soon, this dust's gonna settle

Come real quick and get inside my mind

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

Wir reisten Richtung Westen. Der Plan war, die Grenze zum Feuer-Reich zu überqueren, jedoch nicht zu tief ins Landesinnere vorzudringen, sondern uns nördlich zu halten – nahe dem Reisfeld-Reich. Nach knapp einer Woche würden wir Seseki erreichen. Das Dorf lag im nordwestlichen Teil des Feuer-Reiches und wurde vor Missionen ins Wind- oder Erd-Reich häufig als letzte große Verpflegungsstätte genutzt. Zum Kräftesammeln, bevor man sich wochenlang nur noch Fels, Hitze und Sand gegenübersah.
 

Wir waren kaum ein paar Stunden unterwegs, befanden uns immer noch im Land der heißen Quellen, als Hidan plötzlich stehen blieb.
 

«Ey, ist der Weg da nicht schneller?»
 

Er deutete mit gerunzelter Stirn auf einen grasbewachsenen Pfad, der entlang des Flusses nach Norden führte. So schwach seine Kenntnisse in Geografie auch waren, in seinem Heimatland schien er sich zumindest nicht ganz so schlecht orientieren zu können.
 

«Wir gehen nicht nach Tetsu no Kuni.»
 

«Häh? Dachte, du wolltest Isamu so unbedingt abmurksen.»
 

«Daran hat sich auch nichts geändert», brummte ich. «Doch vorher treffen wir uns mit Sasori und Deidara im Feuer-Reich.»
 

«Fuck, ein Treffen mit Akatsuki?», fluchte er und klang alles andere als begeistert. «Du weißt, ich finds normalerweise ja geil, wenn die ganze Truppe mal zusammenkommt, aber ich bin immer noch sauer auf Pain. Und ich weiß halt jetzt schon, dass ich mich nur weiter in die Scheiße reiten werde, weil ich nicht anders kann und mein Maul aufreiße. Aber ich kann den Mist von Pain nicht einfach so schlucken.»
 

Das war erstaunlich selbstreflektiert und vorausschauend, doch...
 

«Du bist sauer auf ihn?», fragte ich und provozierte ihn damit mehr, als beabsichtigt.
 

«Hast du vergessen, dass er mich einfach so rausschmeißen wollte?!», brüllte er aufgebracht.
 

«Habe ich nicht. Und faktisch gesehen hatte er einen guten Grund dafür», erwiderte ich kühl.
 

Das stachelte ihn nur weiter auf und brachte mir einen mörderischen Blick ein. Doch ich würde keine Aussage zurückhalten, nur weil sie ihm nicht passte.
 

«Auf welcher Seite stehst du eigentlich?», knurrte er, bedrohlich ruhig.
 

«Auf der der Vernunft.»
 

Ich lief weiter und hörte, wie er hinter mir leise ein paar Flüche ausstieß. Als er mir auch nach einigen Metern noch immer nicht folgte, schaute ich grollend über meine Schulter.
 

«Kommst du?»
 

Er stand mit zerknirschter Miene da und starrte den anderen Weg entlang – den, den er so viel lieber gehen würde. Es rang mir ein tiefes Seufzen ab.
 

«Du kannst beruhigt sein: Es ist kein offizielles Treffen. Es werden nur Sasori und Deidara da sein.»
 

«Oh, gut», meinte er, auch wenn er dabei so klang, als wäre es das ganz und gar nicht. «Der Weg den Fluss entlang ist trotzdem besser. Bei deinem gibts nämlich eine Passage, die gerne mal unterspült ist. Und ehrlich, von Schlamm und Dreck hab ich die Schnauze voll.»
 

Er verschränkte die Arme vor der Brust und schien darauf zu bestehen. Ich fragte mich, warum er sich plötzlich Gedanken darüber machte. Seit wann war ihm was daran gelegen den Weg mitzubestimmen? Normalerweise interessierte ihn das nicht und er folgte mir einfach. Noch nie hatte er in meine Routenplanung hineingeredet oder etwas daran auszusetzen gehabt. Oder stellte er sich vielleicht deswegen quer, weil er noch angefressen wegen heute Morgen war? Verunsicherte ihn mein harter Wechsel? Dass ich ihn in diesem Moment wieder nur wie meinen Partner behandelte – und nicht wie meinen... Liebhaber?
 

«Wir sind Shinobi. Wir sollten es doch wohl hinbekommen, darüber zu springen. Im Notfall nutzen wir die Bäume.»
 

«Das wird scheiße umständlich, weil–»
 

«Ich werd keinen Umweg gehen, nur damit es gemütlicher ist», unterbrach ich ihn scharf.
 

Diese unnötige Diskussion machte mich so langsam sauer. Ich brauchte dringend Antworten zu meinem Gesundheitszustand und das Letzte, was ich gerade brauchte, waren noch mehr Verzögerungen. Er wusste zwar über nichts davon Bescheid, aber trotzdem. Warum konnte er nicht einfach generell mal etwas weniger anstrengend sein?
 

Er knirschte mit den Zähnen, ehe er grummelnd Luft ausstieß.
 

«Bitte, na schön!», gab er giftig zurück.
 

Als wäre ich derjenige, der alles verkomplizierte, stampfte er schnaubend zu mir herüber. Ich ließ es unkommentiert und schließlich setzten wir uns in Bewegung. Er folgte mir dennoch nur widerwillig und benahm sich seltsam. Unruhig, beinahe nervös schien er zu sein, während er zeitgleich unnatürlich still war. Wir liefen die nächste Viertelstunde schweigend nebeneinander her. Dann, viel zu spät, fragte er mit belegter Stimme:
 

«Seit wann treffen wir uns eigentlich einfach so mit anderen Teams?»
 

Warum bekam ich das Gefühl nicht los, dass bei ihm plötzlich etwas gewaltig im Argen lag?
 

«Ich hab erfahren, dass sie sich in Seseki eindecken, bevor sie für eine Mission weiter nach Suna ziehen. Liegt fast auf unserer Route, und ich will Sasori sowieso noch etwas fragen. Bietet sich also an. Was dagegen?»
 

Es lag natürlich ganz und gar nicht auf unserer Route – wir bewegten uns sogar ein gutes Stück von unserem eigentlichen Ziel weg. Doch Hidan würde die kleine Lüge nicht bemerken, dafür war sein Sinn für Distanzen und Richtungen schlicht zu schlecht. Zumindest außerhalb seiner Heimat, wie sich herausgestellt hatte.

Während uns der bewaldete Pfad einen kleinen Hang hinaufführte, grübelte ich über den Grund, der Hidan so dermaßen aus der Ruhe zu bringen schien. Ich hatte bereits einen Streit mit Deidara im Verdacht, als die Lichtung oben ganz unerwartet Aufschluss gab.
 

Von dem eigentlichen Weg zweigte ein schmaler Trampelpfad nach rechts ab, über eine von hohem Gras überwachsene Fläche, auf der vereinzelt noch vertrocknete Getreidestängel standen. Das Steingebilde, gute zweihundert Meter entfernt, hielt ich zunächst für eine alte, verfallene Ruine. Auf den zweiten Blick entpuppte es sich jedoch als etwas anderes.
 

Über den Waldboden ragte ein massiver Vorbau aus dunklem Stein, der größtenteils noch intakt war. Das konnte man von den Resten rechts und links daneben nicht behaupten. Das Mauerwerk war alt und an vielen Stellen von Moos und Ranken überwachsen. In der Mitte befand sich ein kleiner Hof, der Großteil der Anlage schien jedoch unterirdisch angelegt worden zu sein. In der näheren Umgebung war der Boden einst kultiviert worden. Gemüse und Weizen, nun teils herausgerissen oder zertrampelt.

Der Ort wirkte still, beinahe friedlich, doch die Schwärze an den Steinen erzählten eine andere Geschichte. Brandspuren und Ruß. Dunkle Flecken zogen sich über die Fassade, überall lagen zerbrochene Steinplatten und verkohlte Holzreste – Spuren eines Feuers.
 

Ein schwacher Geruch von Asche und Tod hing in der Luft. Mein Blick fiel auf mehrere Erdhügel etwas abseits der Zerstörung. Gräber. Viele davon zu klein, als dass die Körper darunter ausgewachsen sein konnten.
 

Da erinnerte ich mich: Der Shio-Kasa hatte einen Brand erwähnt. Und Hidan meinte, die Priester hätten öfter Kinder aufgenommen. Das, was vor uns lag, war unbestreitbar der Jashin-Tempel.
 

Genau in diesem Moment ging mein Partner an mir vorbei. Seine Bewegungen wirkten wie benommen, fast trancehaft, als er einige Schritte darauf zumachte und schließlich mit dem Rücken zu mir stehen blieb. Was löste der Anblick seines zerstörten Zuhause wohl in ihm aus? Empfand er Hass? Genugtuung? Oder schmerzte es ihn, es so zu sehen?
 

«I-ich dachte ich hätte sie alle erwischt.»
 

«Hidan, hast du... etwas damit zu tun?», fragte ich, obwohl das gar nicht möglich sein konnte.
 

Der Brand war geschehen, bevor wir Namiura erreicht hatten, und in dieser Zeit war Hidan ununterbrochen an meiner Seite gewesen. Doch das Massaker in Himi hing mir noch zu sehr im Kopf, und zugetraut hätte ich es meinem Partner allemal.
 

Er schnaubte.
 

«Was lässt dich glauben, ich hätte das getan?», fragte er leise, ohne sich umzudrehen.
 

«Sich zu rächen wäre nur logisch.»
 

«Wenn du so denkst, dann hast du ein völlig falsches Bild von uns. Wir bringen uns nicht gegenseitig um. Unser oberstes Ziel ist es, zu wachsen und unseren Glauben zu verbreiten. Für diese Schandtat kommen viele infrage, der Jashinismus hat genug Feinde. Aber wer auch immer das getan hat, das wird nicht ungestraft bleiben. Jashin-sama wird sie richten dafür, diesen Ort entweiht zu haben.»
 

Er sprach ohne jede Regung, so mechanisch, als würde er etwas auswendig gelerntes aufsagen. Als hätte er Jashin und den Glauben wieder über alles gestellt und sich selbst verboten, mehr zu sein als der treue Anhänger. Als hätte er seine Identität darunter begraben und sich das Recht genommen, etwas zu empfinden, das gegen diese Übermacht ging.
 

Plötzlich versteifte sich sein ganzer Körper, und als ich wieder zum Tempel blickte, erkannte ich den Grund. Der Ort war keineswegs so tot, wie es zunächst gewirkt hatte. In der Ferne waren Menschen zu sehen – Kinder, die auf dem Hof spielten, Ältere, die beim Aufräumen halfen und Steine beiseiteschafften. Dazwischen einige Erwachsene in schwarzen Roben mit violetten Akzenten, vermutlich die Priester.
 

Hidans Hände ballten sich zu Fäusten.
 

Schließlich schien einer der Jashinisten uns entdeckt zu haben, denn sein Blick blieb an uns haften, während er wie angewurzelt stehen blieb. Ein Moment verging, und dann, als hätte er Hidan aus der Distanz erkannt, breitete er die Arme aus. Eine Geste des Willkommens, als forderte er das verlorene Kind auf, in seine Arme zurückzukehren.

Ich wollte etwas sagen, verstummte aber, als ich die zitternde Hand an Hidans Seite sah. Sein Atem ging hörbar, ehe er plötzlich fast stolpernd einen Schritt zurückwich. Dann drehte er sich um und ging hastig an mir vorbei, zurück auf den Hauptpfad.
 

Bevor ich ihm folgte, warf ich noch einen letzten Blick zurück. Der Priester stand immer noch da, unverändert, unerbittlich, mit dieser auffordernden Geste. Als würde er kein Nein akzeptieren.
 


 

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –

Cause when I'm all fucked up, I don't feel no pain

Won't you run to me, run through my veins?

Baby, won't you come and get me high?

–    ∙   ◦  ☽  •  ☾  ◦   ∙    –


 

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[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]



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Kommentare zu dieser Fanfic (5)

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Von:  Lunax11
2022-09-02T01:10:28+00:00 02.09.2022 03:10
Hoffe es geht bald weiter is mega spannend 🤩
Antwort von:  hYdro_
04.06.2023 19:25
Danke fürs lesen :)
Von:  Saicke
2018-09-30T21:53:02+00:00 30.09.2018 23:53
Super, endlich ein neues Kapitel! =D
Ich hab es in einem Stück verschlungen und finde es fanatstisch geschrieben wie in Kakuzu immer mehr die Veränderung aufkeimt! =)
Also ich an seiner Stelle hätte ja die Dusche genommen. War ja klar, dass Hidan es bemert und wie Hidan daraufhin abgegangen ist, war verständlich und ich finde es lustig dass Kakuzu es nicht versteht. =)
Und wie sie sich zum Schluss wieder angenähert haben. Besonders dass es von Hidan ausging, da war ich doch recht überrascht, aber so stur wie Kakuzu ist, wäre der selbst nie auf ihn zugegangen. xD
Und klar, das ist keine Freundschaft zwischen ihnen und ich wüsste auch nicht ganz wie ich das da bezeichnen sollte. Irgendwie so ein Zwischendring? Aber ich bin gespannt wie sich das zwischen ihnen noch entwickelt und wie der nächste Morgen sein wird.
Freue mich schon auf das Nächste! =)
Antwort von:  hYdro_
04.06.2023 19:39
Hallo (:
Eine Dusche wäre bestimmt klüger gewesen, aber naja, Kakuzu rafft ja eh mal wieder gar nichts, also kann man ihm keinen Vorwurf machen. xD Und ja, irgendwie mussten sich die beiden ja wieder vertragen und Hidan hat vielleicht auch bemerkt, dass Kakuzu um den ersten Schritt zu machen, zu stur sein würde.
Es ist zwar ein paar Jahre her, aber mich würde es sehr freuen, wenn du irgendwann weiterlesen würdest.

Danke jedenfalls für dein Review. :)
LG hYdro
Von:  Saicke
2018-06-24T09:03:58+00:00 24.06.2018 11:03
Endlich ein neues Kapitel!!! <3
Und ein sehr Interessantes noch dazu, da sich ja was bei Kakuzu von seinen Gedanken gegenüber Hidan her was geändert hat =)
Ich habe ja eine Vermutung woran das liegen könnte, aber ich freue mich auf ie weiteren Kapitel um dies herauszufinden ^^
Und uch dieses Kapitel ist wieder sehr gut geschrieben :D
Besonders amüsant finde ich, wie sich Hidan an gewissen Stellen ziert und wie knallhart Kakuzu ihn damit konfrontiert XD
Und bei der ersten Szene, wo sich Hidan an ihm gerieben hat hätte ich nicht gedacht, dass er ihn dazu auffordert es zu beenden. 8) aber scheint ja auch daran zu liegen, dass sich etwwas in ihm zu Hidan geändert hat =)
Und die englischen Abschnitte am Ende der Kapitel gefallen mir auch gut. ^^

Mach auf jeden Fall weiter so, freu mich schon auf das Nächste! =)
Antwort von:  hYdro_
04.06.2023 19:24
Hallo (:
Ich bin zwar *etwas* spät, aber ich habe mir vorgenommen auf alles mal zu antworten.
Jepp, Kakuzus Ansichten im Bezug auf Hidan ändern sich so langsam. Seit dem Vorfall, bei dem er Hidan sozusagen das Leben gerettet hat, hat er angefangen einiges zu hinterfragen. Und Hidan auch.
Ich hatte erst Bedenken, dass Hidans Ziererei OOC sein könnte, aber es war von Anfang an geplant, dass Hidan in dieser FF eher unerfahren ist und da wäre es unlogisch, wenn er nicht wenigstens ETWAS Schamgefühl in der Hinsicht besitzen würde. Und joa, Kakuzu ist hingegen so erfahren und fast schon abgestumpft, könnte man sagen, dass er Hidan erlaubt, sich an ihm "abzureagieren". ;) Nur ist er doch noch nicht so abgestumpft wie er dachte.

Danke für dein Kommi und bis gleich (oben wird auch noch beantwortet :D)
LG hYdro
Von: abgemeldet
2018-03-25T08:08:09+00:00 25.03.2018 10:08
Oha. Hidan unsere kleine psychofreundin. xD
Dafür, dass Kakuzu ihm sein Leben gerettet hat, ist der ziemlich herzlos zu ihm. D: Spannendes Kapitel. ^.^
Von:  Karu
2018-02-15T12:38:26+00:00 15.02.2018 13:38
Gutes Kapitel. Die Charaktere sind in character, darüber freue ich mich besonders, und dein Kakuzu liest sich wirklich gut. Er verhält sich so, wie man es von ihm erwartet ... zumindest, bis er sich plötzlich vor Hidan wirft, um diesen zu beschützen. Du hast hier super Spannung aufgebaut, da man sich fragt, was jetzt mit Kakuzu passiert und ob sich bzw. wie es sich auf seine Beziehung zu Hidan auswirkt, dass er ihm mehr oder minder das Leben gerettet hat.

Leider hast du noch einige Flüchtigkeitsfehler und falsch gesetzte Kommata in deiner Geschichte, da solltest du nochmal drüber lesen oder es durch Word jagen.


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