Five Kisses: First Kiss
(März 2001)
„Ich schlafe in letzter Zeit so schlecht.“ Sephiroth blickte an Whatley vorbei, der in seinem üblichen Sessel Platz genommen und sein Klemmbrett auf ein Knie gestützt hatte, und aus dem Fenster dahinter. Von hier aus war allerdings nur der verhangene Märzhimmel zu sehen.
„Schlechter noch als sonst, meinst du?“ Obwohl er genau an Whatley vorbei schaute, konnte er erkennen, dass der ihm beim Schreiben wiederholt Blicke zuwarf, als ob er aus der Ferne irgendwelche Werte ablesen wollte. Sephiroth hatte sich in dem recht kleinen quadratischen Raum wie immer auf dem vierbeinigen Bürostuhl vor dem Tisch zwischen ihnen niedergelassen. Das Sofa, das ihn zu sehr an eine Liege erinnerte, und die Sessel, die in dem Raum verstreut waren, ließ er für gewöhnlich aus.
Er nickte als Antwort auf Whatleys Frage. „Ich brauche neuerdings so lange zum Einschlafen. Und mein Ruhepuls war jetzt über mehrere Messungen hinweg höher als sonst.“
Whatley beobachtete ihn aufmerksam über den Rand seiner Brille hinweg. Er hatte plötzlich aufgehört, sich Notizen zu machen. „Und du isst ordentlich, oder ...?“
Sephiroth wandte den Blick ab, nickte aber erneut. „Ein Soldat braucht Treibstoff.“
„Und wie ist das mit der Konzentration?“
Mittlerweile kostete es ihn einiges an Kraft, nicht damit anzufangen, die Hände zu kneten. Whatley hatte die grauen Betonwände seit Neuestem mit Farbe gestaltet. Es standen Trockenblumen in Vasen verteilt herum. Wo waren sie hier bitte? „Etwas schwierig, aber es geht.“ Er betrachtete den Boden. Unter dem gewohnten Tisch entdeckte er einen neuen Teppich, irgendein dunkelrotes Muster. Nicht unangenehm eigentlich.
„Und Sephiroth – Seph“, korrigierte sich Whatley. Seit Angeal sich ausgedacht hatte, ihn nicht mehr mit seinem vollen Namen anzusprechen, hatte es sich auch Whatley in den Kopf gesetzt, dasselbe zu tun. Bisher hatte er sich damit eigentlich nie wirklich identifizieren können, bis Angeal ihn so vorgestellt hatte, und zwar ... „Kann es sein, dass du in letzter Zeit jemand Neues kennengelernt hast?“
„Ähm.“ Sephiroth schaute verwundert auf. Wie kam Whatley jetzt darauf? Und wie hatte er das überhaupt erraten können? Was für ein willkürlicher Gedanke. Sephiroth hätte sich damit zufrieden gegeben, wenn Whatley ihm einfach Schlafmittel empfohlen hätte. „Ja. Wieso?“
„Und kann es sein“, fragte Whatley weiter, und er schob seine Brille ein Stück hoch, „dass es sich bei diesem Jemand um einen jungen Mann handelt?“
Sephiroth runzelte die Stirn. „Schon. Aber können wir zum Thema –“
„Gerne. Was sind das für Gedanken, die dich so am Einschlafen hindern?“
Sephiroth blinzelte, rührte sich ansonsten jedoch nicht. „Ich hab gar nicht von Gedanken gesprochen.“
„Oh nein, natürlich nicht“, erwiderte Whatley, die Augen wieder auf dem Klemmbrett. „Aber nur angenommen. Lass mich ein bisschen teilhaben.“
„Ich –“ Sephiroth betrachtete seinen Therapeuten. Sie kannten sich nun seit etwa sechs Jahren, und Whatley musste ungefähr zehn Jahre älter sein als er selbst. Er trug weder Uniform noch Anzug und erschien meistens in unterschiedliche Blautöne gekleidet, jedoch nicht wie die Seconds. „Canadian Tux“, hatte er Sephiroth einmal erklärt, aber er verstand nicht, was das sein sollte. Er hatte Whatley nie gefragt, ob er aus Kanada stammte. „Es sind nicht wirklich – ich glaube nicht wirklich, dass ich –“
„Aber sie drehen sich schon um diesen Jemand.“ Sephiroth fixierte Whatley jetzt scharf. Whatley hatte nicht gefragt. Er hatte festgestellt. Whatley ließ das Klemmbrett sinken, beugte sich leicht zu ihm vor und betrachtete ihn ebenso genau durch seine Brillengläser. „Seph, es ist ziemlich eindeutig, dass du verliebt bist. Du hast auch nie wirklich Interesse an Mädchen gezeigt ...“
„Aber ja wohl auch nicht an Männern“, schoss Sephiroth augenblicklich mit fester Stimme zurück.
„Ja, gut“, sagte Whatley, hob die Schultern und führte die Hände zusammen. „Das überrascht mich eher weniger.“ Sephiroth starrte Whatley noch einige Momente ungläubig an, in denen niemand von ihnen ein Wort sagte. Whatley hatte sich mittlerweile wieder zurückgelehnt und hielt Sephiroths Blick stand.
„Ich bin raus hier.“
Und er verließ das Zimmer schneller, als es ihm selbst bewusst war.
Er hatte sich beim Training verausgabt. Hatte in seinem Büro Tausende von Plänen abgearbeitet, Inventare, Logistik, sogar Budgets, hatte mehr Beurteilungen geschrieben und gelesen, als er es sonst für gewöhnlich tat, und das alles, um Whatleys Worte endlich aus dem Kopf zu bekommen, und hier saß er nun, an seinem eigenen Tisch in seinem kleinen Quartier, an seinen Aufzeichnungen für den Offizierslehrgang, und hatte sie immer noch im Ohr. Oder wo auch immer. Er schüttelte den Kopf. Legte den Stift beiseite. Was sollte das alles bitte bedeuten. Dieser Jemand. Genesis.
Sephiroth schloss seufzend die Augen und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie hatten sich kennengelernt, kurz nachdem er zwanzig geworden war. Im Mondschein. Whatley würde das sicherlich direkt als romantisch bezeichnen, doch Sephiroth dachte nur daran, dass im Februar die Sonne nun einmal verdammt früh unterging. Ob der Mond tatsächlich am Himmel war, darauf hatte er gar nicht geachtet. Spät abends jedenfalls, im Licht der Makoleuchten. Das klang gleich viel romantischer, dachte er augenrollend. Eine Bank. Ein Soldat. Ein Buch. Und Sephiroth hatte ... ganz normal reagiert, wie auf alle anderen auch. Höflich und distanziert. Wie auf einen Kameraden. Dessen Blick aus hellblauen Augen ... Er schüttelte erneut den Kopf. Unsinn.
Die eigenen grünen Augen hellwach geöffnet, nahm er den Stift wieder zur Hand. Vielleicht konnte er jetzt auch so einen Kaffee gebrauchen, wie Genesis ihn machte, in dieser Teeküche. Das erste Mal war er noch geflohen. Genesis hatte ihn hereingebeten. „Setz dich doch schon mal“, hatte er danach gesagt. „Setz dich“, hallte es in einer ganz anderen Stimme in Sephiroths Kopf wider. Ein Schauer lief ihm auch jetzt über den Rücken. Das Bild der Liege vor seinem inneren Auge wich langsam den Sofas im Pausenraum, den er versöhnlicherweise noch einmal aufgesucht hatte. Sich mit Genesis zu setzen brachte nichts Schlimmes. Ein wenig beklommene Stille vielleicht. Und Blicke. Und die Verlegenheit, etwas sagen zu müssen. Sie saßen sich gegenüber, vor Genesis eine dampfende Tasse. Weiß mit Shinralogo. Darüber kluge hellblaue Augen in einem makellosen –
Verdammt. Er warf den Stift auf seine Aufzeichnungen und massierte sich stattdessen die Schläfen. Rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Statt Kaffee, der wohl aufputschte, brauchte er wohl eher eine Abkühlung, die die Konzentration förderte. Vielleicht sollte er auch mit Schwimmen anfangen, wie Genesis. Er hatte ihn sogar einmal am firmeninternen Schwimmbecken aufgesucht. Keine Blicke an die falschen Stellen. Nur zwei Kameraden, einer von ihnen ... tätowiert ... fast unbekleidet ... Sephiroth schluckte. Nein. Nein. Die Tätowierungen waren ihm eigentlich fast nicht aufgefallen. Ein kleines, verschlungenes A auf dem rechten Unterarm, direkt unter dem Handballen, und ein kleiner stilisierter Flügel auf dem linken Schulterblatt. Hatte er kaum zur Kenntnis genommen. Und er dachte auch nicht daran ... nicht jetzt ... Er schluckte erneut. Seufzte tief. Sein Mund war trocken. Er brauchte Wasser. Er stand auf. Nein.
Nein, absolut nicht, das konnte nicht sein. Nicht jetzt. Das war ein absoluter Zufall. Musste es sein. Er goss sich das Wasser an der Spüle ein. Atmete tief. Es musste ein Fehler sein. Er atmete noch einmal tief durch, kippte das Wasser hinunter. Er stellte das Glas ab und umklammerte stattdessen den Rand der kleinen ungenutzten Küchenzeile. An nichts denken. Atmen. Die Augen schließen. An nichts denken. Nicht an Tätowierungen und nicht an Genesis‘ gepiercte Ohren, die im Licht zwischen den kupferroten Strähnen glitzerten. Er seufzte wieder, und es verkam beinahe zu einem Keuchen. An nichts denken. Atmen. Er ließ kaltes Wasser in der Spüle über seinen Puls laufen. Die Hose spannte weiterhin.
Vielleicht, wenn er weniger in Panik geriet. Körper waren manchmal seltsam. Dann musste man das einfach aushalten, ganz normal weitermachen und irgendwann würde wieder alles wie sonst auch sein. Er goss das Wasser noch einmal in das Glas und stellte es dann ab. Setzte sich vor seine Aufzeichnungen. Wenn er in den nächsten Jahren weiter aufsteigen wollte, musste er sich dieses Kapitel zur Personalführung jetzt einprügeln, egal, was gerade eine Etage weiter unten vor sich ging. Er atmete noch einmal durch. Also. Rechtsgrundlage ...
Ein neuerlicher Schauer lief ihm über den Rücken, als er zur Hälfte durch den Absatz durch war. Wirklich ein Wort behalten hatte er nicht. Hellblaue Augen, die ihn verstehend anschauten, geisterten ihm durch den Kopf, und ein Lächeln, das ihn nicht zu verspotten schien. Sein Mund war schon wieder trocken, doch trinken wollte er nicht wirklich. Sein Puls war schnell. Seine Atmung war kurz. Vielleicht sollte er sich eine Minute nehmen, um sich des Problems zu entledigen. Doch so richtig traute er sich nicht ... Zum wievielten Mal in wenigen Minuten er nun einen Gedanken abschüttelte, konnte er nicht mehr sagen. Also. Von vorne. Rechtsgrundlage ...
Und so biss er sich durch die zähen Stunden, Abschnitt für Abschnitt. Zweiundzwanzig Uhr kam und ging. So auch der Druck ... dort. Wenn es zu viel wurde, schaute er an die Decke, atmete seufzend aus, drückte die Schultern durch und begann von Neuem zu lesen, was er zuvor nicht mitbekommen hatte. Und noch einmal. Und noch einmal, wenn es sein musste. Und dann ging es auch wieder. Er würde den Kampf gegen seinen Körper gewinnen, wie noch jedes Mal. Durst, Hunger, Müdigkeit, Schwindel, Schmerz. Alles keine Gegner für ihn. Und das nun erst recht nicht. Die Uhr zeigte eine dreiundzwanzig an, als er endlich den Stift beiseitelegen und sich über die trockenen Augen streichen konnte. Er seufzte befreiend. Endlich hatte er alles durchstiegen, sein Pensum geschafft. Zeit fürs Bad und dann fürs Bett.
Und als er seine Uniform abstreifte, konnte er triumphierend verbuchen, den Kampf gegen seinen Körper tatsächlich gewonnen zu haben. Er verstaute die Kleidung ordentlich im Schrank, löschte das Licht, schlüpfte unter die Decke und streckte sich auf dem Rücken aus. Dann wandte er sich auf die rechte Seite um. Und ihn überkam unweigerlich ein Gedanke. Blaue Makoaugen in der Dunkelheit. Ob Genesis auch noch wach war? Erneut stieß er dieses keuchende Seufzen aus. Nein ... Das hatte er doch gerade geklärt ... Er wand sich unter der Decke, als ob er dem Gedanken und der einsetzenden Wärme irgendwie ausweichen konnte, doch wenn ihm die vorangegangenen Stunden etwas gezeigt hatten, dann ...
Verstohlen blickte er sich im Dunkeln in seinem eigenen Zimmer um, als ob irgendjemand außer ihm da sein konnte. Nur der Tisch, die Küchenzeile. Der Schrank. Die Tür zu seinem eigenen Bad. Er wusste, was zu tun war, seine Hand wie ein versteinerter Fremdkörper direkt vor ihm auf der Matratze. Ganz sicher war er sich nicht, ob Shinra dieses Zimmer nicht überwachte. Wenn er ... keinen Mucks ... keine Regung ... bis auf ... natürlich ... Vorsichtig verschwand seine Hand unter der Decke. Ob Genesis wohl ...? Mit geschlossenen Augen, in dem Versuch, jedes Geräusch dabei zu unterdrücken, verfluchte er sich selbst.
„Genesis ...“ Er sollte den Namen nicht mehr aussprechen, zumindest war er zu dem Schluss gekommen, dass es für ihn besser war. Und doch fühlten sich diese drei Silben eben wie die Poesie an, die sein Gegenüber so gerne studierte. Auch in diesem Moment auf dem Gang der SOLDAT-Ebene. Genesis, der gerade im Begriff gewesen war, am anderen Ende des Ganges um die Ecke zu biegen, hielt inne und warf noch einmal einen Blick zurück.
„Du!“, sagte er, als er erkannte, dass Sephiroth, gerade aus seiner eigenen Bürotür heraus, ihn gemeint hatte. „Fünf Minuten, Pausenraum.“
Und er war verschwunden, noch ehe Sephiroth „Wieso, was hab ich angestellt?“ hatte aussprechen können. Er senkte den Blick. Er wusste ganz genau, was er angestellt hatte ... Vielleicht war es besser, den Pausenraum nicht aufzusuchen. Aber ... wollte er sich die Zeit mit Genesis wirklich entgehen lassen? Er seufzte. Er seufzte zu viel, seit er Genesis kannte. Trotzdem gab er sich geschlagen. Er wählte die Treppen.
Er war zuerst im Pausenraum, wo sich um die eher späte Uhrzeit niemand mehr aufhielt. Natürlich. Die fünf Minuten waren noch nicht um. Was Genesis wohl vorhatte? Ob er irgendwie ... Wind davon ...? Er schüttelte den Kopf über seine eigenen Gedanken. Unmöglich. Wie denn? Da hörte er bereits Schritte auf dem Gang. Genesis erschien in der Tür. „Den haben meine Eltern da gelassen“, sagte er, eine Flasche in der Hand.
„Deine ...?“, echote Sephiroth, da durchschritt Genesis bereits den Raum und suchte zwei Gläser aus dem Schrank über der Spüle. Sephiroth registrierte den Inhalt der Flasche. „Ich bin eigentlich nicht – ich darf noch nicht –“, begann er verunsichert, doch Genesis winkte ab.
„Ich weiß, das bleibt unser Geheimnis.“ Er goss zwei Fingerbreit Wein in ein Glas, deutlich mehr in das andere. „Du kannst erst mal probieren“, sagte er, und bewegte sich mit den Gläsern in Richtung der zwei einander zugewandten Sofas mit dem Tisch dazwischen. Sephiroth folgte ihm und setzte sich gegenüber, nachdem Genesis sich niedergelassen hatte. Sephiroth griff nach dem Wein. Schnupperte daran. Rümpfte die Nase. In erster Linie roch das Getränk sauer. Er nippte daran. Und gab sich alle Mühe, nicht das Gesicht zu verziehen.
„Und?“, fragte Genesis, als Sephiroth das Glas absetzte. Er schüttelte den Kopf. Die Situation erinnerte ihn an das allererste Mittagessen, bei dem sie zusammengesessen hatten. „Sag nicht, du gehörst zu diesen unsäglichen Vegetariern“, hatte Genesis damals gesagt, sobald sie sich gesetzt hatten. Sephiroth hatte ihm, die Augen niedergeschlagen, erklärt, dass er Fleisch schlicht nicht mochte. Wie er aufgewachsen war, überwacht, vor Rationen voll Fleisch, gezwungen, die Teller vollständig zu leeren, hatte er ihm nicht direkt auf die Nase binden müssen. Aber Genesis lenkte auch so ein.
„Man muss ja auch nicht alles mögen“, hatte er damals bereits eingeräumt. Wie Fleisch. Oder Wein. Oder sich zu setzen. Genesis nahm ihm das Glas ab. Sephiroth taxierte die Stelle, an der er selbst an dem Glas genippt hatte, dasselbe Glas, das nun Genesis an die Lippen führte, von dessen anderer Seite er nach und nach den Wein trank. Was hatte er nur getan? Was hatte Whatley gesagt? Und warum kam ihm das nun schon wieder in den Sinn?
„Kann es sein, dass du jemand Neues kennengelernt hast, einen jungen Mann? Was sind das für Gedanken, die dich am Einschlafen hindern? Sie drehen sich um diesen Jemand. Du bist verliebt.“ Den Blick nun auf das noch unberührte Glas auf dem Tisch zwischen ihnen gerichtet fragte er sich, was das bedeuten sollte. Verliebt. Waren das nicht nur kleine Mädchen in irgendwelchen drittklassigen Groschenromanen? Oder die Julias dieser Welt, die sich in ihrem fehlgeleiteten Wahn selbst umbrachten? Sein Puls beschleunigte sich.
Was wusste er schon übers Verliebtsein. Irgendwo am Rande hatte er mitbekommen, dass Männer Frauen haben sollten. Besitzen. Über sie verfügen. Über eine Frau an seiner Seite verfügen. Zum Rückenfreihalten und zum Kinderbekommen. Daran hatte er nie Interesse gehabt, da hatte Whatley ganz recht. Gleichzeitig, so setzte er seine Erziehung weiter zusammen, waren Frauen eigentlich zu vermeiden. Zu viel Gift, zu viel Drama. Frauen hatten wohl nur eines im Kopf, nämlich Männern das Leben schwer zu machen. Das konnte er nicht einschätzen. Und jetzt saß er hier. Und vielleicht war mit Lebenschwermachen dieses Verliebtsein gemeint. Er schluckte. Seine Kehle war trocken. Wie sollte er Genesis eigentlich je wieder in die Augen schauen?
Er hob den Blick. Genesis beobachtete ihn, das leere Glas noch immer in der Hand. „Verzeihung?“, fragte Sephiroth.
„Ob du jemals Ovid gelesen hast“, fragte Genesis. Und schrie ihn dabei gar nicht an.
„Die Metamorphosen“, erwiderte Sephiroth stirnrunzelnd.
„Nicht die Liebesdichtung?“, fragte Genesis weiter. Sephiroth erstarrte innerlich. Genesis wusste es. Wusste es doch. Irgendwie. Sephiroth schüttelte den Kopf. Gegenüber dem hohen literarischen Anspruch der Metamorphosen waren die Liebesgedichte und die Liebeskunst doch wirklich belanglos. Soweit er das einschätzen konnte, ohne sie gelesen zu haben. Genesis stellte das Glas zwischen sie beide. Das andere nahm er jedoch nicht zur Hand, dafür aber den Faden wieder auf. „In der Liebeskunst schildert Ovid verschiedene Möglichkeiten, wie sich Liebende geheime Botschaften senden können. Zum Beispiel, indem man Wein verschüttet und mit dem Finger etwas in die Pfütze schreibt ...“
Sephiroth nickte. Das klang genau nach Ovid. Trunkenheit, Partys, Liebschaften. Ihm lief erneut ein Schauer über den Rücken, als er überlegte, was er Genesis für Botschaften ... Nein, hallte es ihm laut durch den Kopf. Nicht schon wieder von vorne. Das hatte er in der Nacht hinter sich gelassen. Keine solchen Gedanken mehr. Es reichte. Aus dem Augenwinkel registrierte er fast nicht, dass Genesis sich erhob, erst als er vor ihm stand, hob Sephiroth den Blick. Genesis setzte sich direkt neben ihn. „Oder indem ...“, fuhr er fort, den Blick auf ihr Weinglas gerichtet, und Sephiroth brauchte einen Moment, um gedanklich zu ihrem Gespräch zurückzukehren, „sie ... vom selben Becher tranken ...“
Sephiroths Herz setzte aus. Dann begann es zu sprinten. Gewaltmarsch, vierzig Kilo Gepäck durch unwegsames, doch vor allem unbekanntes Gelände. Genesis‘ kluge hellblaue Makoaugen richteten sich auf ihn. Sein Mund war trocken. Irgendwo zuckte sein Bein kurz. Genesis hob eine Hand, und Sephiroth wich unwillkürlich zurück – woraufhin Genesis wundersamerweise innehielt. Sephiroth runzelte die Stirn. Diese Hand, so wurde ihm klar, die er da gerade stumm betrachtete, würde ihm keinen Schmerz zufügen. Er rückte näher an Genesis, dessen Fingerkuppen über Sephiroths Gesicht fuhren, dabei unfassbar weich, bis sie zu seinem Ohr kamen und ihm ein paar Strähnen aus dem Gesicht strichen. Sephiroths Welt bestand aus Genesis‘ heller Haut, die im Mondschein – doch, es war eindeutig der Mond – sein Gesicht strahlen ließ, aus dem Duft nach Duschgel, den er, nun aus der Nähe, wahrnahm, und aus der Hand an seiner Wange, die er – War es möglich? – mit seiner eigenen Hand ergriff. Und Genesis ... lächelte sanft. Und kam noch näher.
Sephiroth blinzelte. Was jetzt kommen würde, kannte er nur vom geschriebenen Wort. Doch mit einem Blick zwischen ihnen, Himmelblau in Makogrün, wurde ihm klar, dass es das war, was er sich seit einem Monat wünschte. Genesis war verdammt nah. Hielt inne. Zögerte. Und Sephiroth, übermann von seinem eigenen Mut, schloss die Lücke zwischen ihnen, in diesem einen, perfekten Moment, der für immer zu sein schien, und vielleicht, nur vielleicht, war er dabei bis über beide Ohren verliebt.
Oder zumindest wären das seine Gedanken gewesen, wenn Schritte auf dem Gang sie nicht Sekunden später auseinander gesprengt hätten ...
Naked
Ein verhangener Märzmorgen, es war noch immer dunkel um 6:41 – und Sephiroth verharrte noch immer auf seinem Bett, den starren Blick auf nichts gerichtet, nur aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass seine Stiefel noch immer unangetastet vor dem Bett standen. Seit über zwei Stunden wach, hatte er noch nichts essen können. Er hatte noch nicht einmal das Quartier verlassen. Ständig tauchte dieses Gesicht vor ihm auf. „Oder indem ... sie ... vom selben Becher tranken ...“ Diese kurze Verbindung zwischen ihnen.
Und wie Genesis aufgesprungen war und fluchtartig den Raum verlassen hatte, als plötzlich doch noch ein verstreuter Second den Weg zur Teeküche gefunden hatte. Es war an Sephiroth, Ruhe zu bewahren, den Wein wegzuräumen – von dem er, noch zu jung, wie er dem Second versicherte, nichts getrunken hatte – und zu scherzen, dass Genesis sich wohl ertappt fühlte, dem zu jungen Hauptmann Alkohol gegeben zu haben. Ja, das war es. Nichts war geschehen. Nur ein bisschen verbotener Alkohol ...
Nichts war geschehen. Der restliche Wein landete im Abfluss, die Gläser kehrten gespült in den Schrank zurück, mit der Flasche wusste Sephiroth nichts anzufangen, also ließ er sie stehen. Auf dem Bett sitzend seufzte er. Hätte er sie mitgenommen. Er hätte die perfekte Ausrede gehabt, Genesis aufzusuchen. Aber ... wollte der ihn überhaupt noch sehen? Er war so überstürzt aufgebrochen, hatte er nicht nur nach einem Anlass gesucht, Sephiroth sitzen zu lassen? Wie sollte es möglich sein, dass Genesis, ein Mensch, ein Mann, älter als er, weltoffen, irgendetwas an ihm fand, zerbrochen, kalt, unfähig, wie er nun einmal war? Was sollte jemand wie Genesis von einem wie Sephiroth wollen?
Hilflos seufzend setzte Sephiroth sich auf sein Bett und vergrub das Gesicht in den Händen. Wie er es auch betrachtete, es drehte und wendete, er hatte ein Problem, und zwar ein großes. Und er sah sich nicht dazu in der Lage, damit umzugehen, wusste nicht, was er von sich selbst halten sollte. Er kam nicht vorwärts und nicht rückwärts.
Ein Blick auf die Uhr auf dem Tisch gegenüber verriet ihm allerdings, dass er sich um seine privaten Probleme später würde kümmern müssen: Er war mittlerweile eine gute halbe Stunde zu spät dran, um neue Kadetten willkommen zu heißen. „Wenn das publik wird, hab ich meinen Ruf als Diva weg“, flüsterte er in dem Versuch, sich selbst aufzumuntern und wieder etwas Normalität in seine aktuelle Lebenssituation zu bringen.
Nach dem Treffen mit den Kadetten und einer längeren Besprechung mit Direktor Lazard war Sephiroth gerade auf dem Weg in sein Büro, als er Genesis auf dem Gang entdeckte, der in ein Gespräch mit einem Rang-3-Soldaten vertieft war. Urplötzlich fiel Sephiroth auf, wie schmerzhaft trocken seine Kehle war. Er versuchte zu schlucken, doch es fühlte sich an, als ob etwas in seinem Hals feststecken würde. Wie in Trance ging er auf Genesis zu, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was er vorhatte und was er sagen würde.
Schließlich blieb er neben dem Rang-3-Soldaten und Genesis stehen; dieser bedachte ihn mit einem flüchtigen Blick, der ein leichtes Lächeln vermuten ließ. Die Unterhaltung dauerte noch wenige Minuten an, in denen Sephiroth danebenstand und fieberhaft nachdachte, wie er Genesis erklären sollte, was er nicht einmal in seinen eigenen Gedanken entwirren konnte, doch je angestrengter er überlegte, desto mehr leerte sich sein Kopf, bis sich darin reine Schwärze ausbreitete.
Nachdem Genesis den Soldaten endlich entnervt verabschiedet hatte, wandte er sich an Sephiroth. Er wirkte völlig normal, als er ungezwungen fragte: „Ist noch was?“
Sephiroth fühlte sich von der simplen Frage völlig vor den Kopf gestoßen. Stockend setzte er an: „Also, eigentlich …“ Ihm war quälend bewusst, dass dies der Augenblick schlechthin war, in dem er sich auszudrücken hatte, in dem er sagen musste, was ihm sein Herz seit Stunden sachte zuflüstern wollte, und wenn er nur mit der banalen Tatsache begann, dass ihm ihr Kuss am Abend zuvor, gelinde gesagt, sehr gefallen hatte. Wenn er nur einmal anfangen würde, würde sich bestimmt alles andere schnell von selbst lösen. Mit dem festen Vorhaben, endlich jemandem zu erzählen, was Sache war, setzte er erneut an: „ … nichts, nein.“
Entsetzt von dem, was da eben aus seinem eigenen Mund gekommen war, suchte Sephiroth verzweifelt nach einer Reaktion auf Genesis‘ Gesicht, doch Fehlanzeige. „Ok“, erwiderte dieser nämlich, „dann sehen wir uns.“ Völlig unberührt drehte er sich um und setzte seinen normalen Alltag fort. Und ließ einen versteinerten Sephiroth zurück, der seiner vielleicht einzigen Chance, ein Gespräch über den gestrigen Abend mit Genesis zu beginnen, nur trauernd hinterher starren konnte.
In seinem Kopf fand jetzt nur noch ein Gedanke Platz: Ich habe versagt, musste er einräumen und er ließ die Schultern hängen und starrte zu Boden. Ich habe so versagt …
Five Kisses: Just One Kiss
(März/April 2001)
„Oder indem ... sie ... vom selben Becher tranken ...“
Sephiroth lag im Dunkeln auf seinem Bett, den Blick gen Zimmerdecke gerichtet, und ging zum, wie er meinte, millionsten Mal durch, was in der Teeküche passiert war. Er hatte dort gesessen, tief in Gedanken an Verlangen und Verliebtsein. Genesis hatte ihn beobachtet. Zeichen gedeutet. Verstanden. Vielleicht hatte er es einfach nur probieren wollen. Und war zum Schluss gekommen: nope. Männer? Nicht für ihn. Oder vielleicht Männer, aber Sephiroth? Nein. Absolut nein. So stellte es sich ihm nun seit etwa zwei Wochen dar. Was ihm nur nicht aus dem Kopf ging, war diese unbekannte Ovidstelle. Was war das mit geheimen Botschaften und Bechern? Die Frage ließ ihn nicht los. Nicht seitdem ...
Er schwang sich vom Bett. Angezogen war er noch immer. Warum sollte er nicht auf die Archivetage fahren und in der Bibliothek, aus der er früher immer die Metamorphosen entnommen hatte, auch nach der Liebeskunst suchen? Er hatte Genesis mit einem Buch auf dem Schoß kennengelernt. Er konnte in einem Atemzug von LOVELESS, Ovid, der Ilias und Shakespeare reden, dass es Sephiroth schwindelig wurde. Die Stelle musste eine Bedeutung haben. Er nickte sich selbst zu. Dann war es also beschlossen. Die Bibliothek des Archivs.
Er schaltete kein extra Licht ein, watete zwischen den schummrig erhellten Regalen, die sich in mehreren Kreisen vom Zentrum zur äußeren Wand verteilten. Hier hatte er gesessen, Caesar und sein Wörterbuch vor sich, und hatte Strategien analysiert. Von Caesar aber hatte Genesis nie gesprochen. Sondern von Ovid. Das Altertum war alphabetisch nach Autor geordnet, Ovid stand weiter unten im Regal, einen Schritt von Caesar entfernt. Da waren sie, ein Wälzer, kleines Format, grüner Schutzumschlag: die Metamorphosen, Ausgabe Tarrant. Links und rechts daneben keine Liebesdichtung. So recht erwartet hatte er das auch nicht. Ob er wohl im Katalog fündig werden würde? Er steuerte das Zentrum des Raums an, kehrte allerdings unverrichteter Dinge zurück. Laut Kartei sollte es von Ovid hier nichts anderes geben als die Ausgabe vor seinen Augen. Er entnahm das Buch, wog es in den Händen. Und dann war da ein Geräusch: hinter der ersten Bücherreihe war ein weiteres Buch umgekippt.
Sephiroth legte die Metamorphosen aus der Hand und griff nach dem Buch in der zweiten Reihe: weiß und rot. „OVID LIEBESKUNST“ stand auf dem Schutzumschlag. Er öffnete die Übersetzung. Eine zweisprachige Ausgabe. Kein Zweifel, hier war das Buch, von dem Genesis gesprochen hatte. Sephiroth starrte die Seite an. Das war doch ... wohl kaum ein Zufall. Er blätterte die Seiten durch, auf der Suche nach poculum oder irgendeiner anderen Vokabel für Becher. Erst auf Seite 46 wurde er fündig: pocula. Pocula, quaque bibit parte puella, bibas – das war genau das, was Genesis gesagt hatte. Trinke an der Stelle, an der auch das Mädchen genippt hat. Er suchte den Anfang des Abschnitts.
Ein Gastmahl. Eine geheime Liebschaft. Ein Rat, nicht zu sehr vom Wein zu kosten, der Liebsten in einer Art Geheimcode ganz offen Dinge anvertrauen, die sie gekonnt auf sich selbst bezog; schmeichelnde Worte in den Wein schreiben, um ihr zu vermitteln, wie sehr man sie als Herrin verehrte, sinnliche, von Glut untermalte Blicke austauschen, vom selben Becher trinken, von denselben Speisen nehmen – auch dem Ehemann der Geliebten schmeicheln. Sephiroth blinzelte. Römische Dekadenz, schoss es ihm durch den Kopf. Eine verbotene Liebe direkt vor den Augen jener, die sie erst verboten machten. Er erhob sich, das Buch noch immer aufgeschlagen in der Hand.
Vom selben Becher trinken – um sich vor aller Augen zu küssen, ohne sich zu küssen. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er versuchte, mit trockener Kehle zu schlucken. Genesis hatte ihn getestet. Wollte ihm auf die Sprünge helfen. Hatte ihn gefragt. Offen, gleichzeitig versteckt. Mit Codes. Die er aber nicht kannte. Er schloss das Buch und wog es in der Hand. Es war nicht halb so dick wie die Metamorphosen. Und doch hatte er gerade mehr daraus gelernt als in allen Jahren Lateinunterricht zusammen.
Genesis wirkte trotz allem überrascht, als er mitten in der Nacht die Tür öffnete und Sephiroth vor sich fand. Verschlafen und in einem schnell übergeworfenen Hemd stand Genesis da, sich langsam mit der Hand durchs Haar fahrend. Dieses wunderbare Kupferhaar, unordentlich, mühelos perfekt.
„Hast du eine Ahnung, wie spät es ist?“, fragte Genesis missbilligend, und sein Blick wanderte nur langsam hoch zu Sephiroths Gesicht.
„Nein“, erwiderte Sephiroth aufrichtig. Er trat unaufgefordert ein und schloss die Tür hinter sich, das Buch noch immer in der Hand. Obwohl er von Genesis‘ ehrlich verwunderter Reaktion etwas verunsichert war, hatte er nun das vor, wonach es ihn so sehr verlangte. Er versuchte sich an Genesis‘ Vorgehen in der Teeküche zu orientieren. Vorsichtig näher kommen, innehalten. Genesis, das Gesicht nun nah an Sephiroths, war plötzlich offenbar hellwach, und Sephiroth meinte ein verstehendes Lächeln zu entdecken. Genesis kam ihm auch näher. Sanft legte Sephiroth seine Hände auf Genesis‘ Hüfte, das dünne Buch zwischen zwei Fingern balancierend, und küsste ihn leicht auf die Lippen. Ein Seufzen entfuhr ihm, als sie sich trennten. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er die Augen geschlossen hatte. Oder die Hände an seinen Schultern. Genesis‘ Hände. Genesis schmunzelte.
„Dafür kommst du extra mitten in der Nacht her?“, neckte er ihn.
„Offenbar schon“ war alles, was Sephiroth dazu einfiel. Er trat einen Schritt zurück. Was tat er jetzt? Er konnte schlecht ebenso verschwinden wie Genesis Wochen zuvor ...
„Was hast du da?“
Sephiroth hob das Buch zwischen ihnen empor. „Hab ich ... eher zufällig gefunden“, sagte er. Er betrachtete Genesis‘ Gesichtsausdruck genau.
„Ha“, machte der. „Verrückt.“
„Hm“, machte Sephiroth nun. Und blickte sich erstmals um. Genesis‘ Quartier war größer als sein eigenes, verwinkelter. Sie waren hier wohl in einer Ecke des HQ. Sie standen in einem kleinen Eingangsbereich mit Spiegel, dahinter die Tür zum Bad. Rechts erkannte er eine kleine Küchenzeile mit einem runden Tisch und vier Stühlen. Dahinter ein Bücherregal, das bis auf den letzten Zentimeter, auch in Doppelreihen, belegt war. Ein Sessel, der nicht so aussah wie die in Whatleys Sprechzimmer. Der Sessel beschwor Bilder von altehrwürdigen Bibliotheken vor seinem inneren Auge herauf, auch wenn er nicht genau sagen konnte, warum. Und dann war da noch eine Tür, die offen stand, weil Genesis Minuten zuvor hindurchgegangen war, um ihm selbst ... Sein Blick kehrte zu Genesis vor ihm zurück.
„Also ... wenn ich dich rumführen soll ...“, sagte der mit einem Blitzen in den Augen, das Sephiroth nicht einordnen konnte.
„Nein“, sagte er schnell. „Am besten, ich geh wieder ...“
„Nein!“, sagte da aber Genesis, und noch ehe Sephiroth sich hatte umwenden können, hatte Genesis sein Handgelenk ergriffen, sanft, seine Haut warm. Er zog Sephiroth zu sich, die andere Hand nun wieder an Sephiroths Arm. „Bleib doch ...“
„Ich ...“ Was sollte er dazu sagen? Nichts wünschte er sich sehnlicher, aber ... allein mit dem Küssen hatte er noch seine Schwierigkeiten, wie ...? Doch Genesis schien seine Gedanken zu erraten.
„Ganz unschuldig, natürlich“, sagte er. Sephiroth senkte den Blick. Zerbrochen, kalt, unfähig ... So viel hatte Genesis also schon verstanden. Da spürte Sephiroth leichten Druck auf seinen Lippen. Wie automatisch erwiderte er den Kuss, die Augen wieder geschlossen. Umschloss Genesis, dessen Arme sich um seine Schultern schlossen. „Du bleibst, ja?“, fragte Genesis, als sich ihre Gesichter wieder trennten, Millimeter voneinander entfernt, immer noch umschlungen. Und Sephiroth, wenn auch verschüchtert, nickte trotzdem. Genesis‘ Blick ging kurz nach unten, kehrte aber sofort wieder zurück. „Trotz allem – mit der Uniform kommst du nicht in mein Bett. Die wird ausgezogen.“
Sephiroth erstarrte. „Muss ich?“
„Schläfst du in Klamotten?“, fragte Genesis, eine Augenbraue hochgezogen.
„Nein, ich ... nur ...“, stammelte Sephiroth.
„Komm, wir legen erst mal dein Buch ab – ich befürchte, Platz im Regal ist aber nicht mehr“, sagte Genesis, nahm ihm die Ovidausgabe ab und legte sie auf den Tisch vor dem Regal ab, strich darüber. Er sah sich um, sah Sephiroth immer noch im Eingang angewurzelt. „Komm schon, ich helf dir aus der Uniform – ganz unschuldig.“ Sephiroth arbeitete gegen den Widerstand in seinen Gliedmaßen und durchmaß die zwei Schritte zum Tisch. Er machte keine Anstalten, auch nur einen Knopf zu öffnen. Genesis suchte seinen Blick, hob die Hände, immer fragend, streifte ihm vorsichtig die schwarze Uniform von den Schultern.
„Ich ...“, sagte Sephiroth, doch Genesis konnte schon genau sehen, was ihn hadern ließ, „bin vernarbt ...“ Er senkte den Blick. Wappnete sich für den unausweichlichen Ekel, der ihm entgegengeschleudert werden würde. Er war vernarbt. Beschädigt. Wertlos.
„Dann ist das so“, sagte Genesis jedoch, fuhr mit den Fingerkuppen vorsichtig über das raue Gewebe, überall dort, wo Kleidung es normalerweise verdeckte. Dann jedoch zog er die Hand blitzartig zurück. „Oder tut das weh?“
Sephiroths Blick kehrte zu Genesis‘ Gesicht zurück. Was hatte er da gefragt? „Aber Narben tun normalerweise nicht weh, oder?“, fragte Genesis, und er sprach plötzlich schneller. Was war hier los? „Vielleicht hab ich ein bisschen zu viel Harry Potter gelesen.“
„Zu viel ... – was?“
„Nicht so wichtig“, winkte Genesis ab. „Jetzt zieh den Rest aus, ich bin müde.“
Und als Genesis sich unberührt abwandte und den Weg zurück in sein Schlafzimmer einschlug, spürte Sephiroth seine Mundwinkel zucken. Er öffnete den Rest seiner Uniform, streifte alles bis auf die Unterhose ab und platzierte die Klamotten auf dem Sessel, die Stiefel ordentlich davor. Als er durch die Schlafzimmertür trat, hatte sich auch Genesis seines Hemdes entledigt und die Decke zurückgeschlagen. Vor Sephiroth stand ein Doppelbett, größer als sein eigenes, neben ihm ein großer Holzschrank mit feiner Schreinerarbeit. Und an der Wand links hing doch tatsächlich ein Wandteppich. Er hatte nicht gewusst, dass es die wirklich gab, hatte sie für ein Relikt aus mittelalterlichen Erzählungen gehalten. Er schloss die Tür hinter sich.
Genesis war bereits ins Bett geklettert, auf die linke Seite, näher am Schrank, doch Sephiroth verharrte noch an der Tür. „Und das ist wirklich ... in Ordnung?“, fragte er noch einmal. Die rechte Hälfte, die am Wandteppich war noch unberührt.
„Klar“, sagte Genesis nur und wies auf die freie Hälfte. Das Bett war bedeckt nicht von zwei Decken, sondern nur von einer. Sie würden sie sich ... teilen müssen. Er blinzelte. Und gab sich einen Ruck. Er umrundete das Bett, kletterte von der anderen Seite auf die Matratze, rückte unter die Decke – und dann, einer spontanen Eingebung folgenden, kurzerhand bis zur Mitte der einzelnen, breiten Matratze, um näher bei Genesis zu sein. Der lächelte ihn tatsächlich an, und dahinter schien sich nichts zu verstecken. So lagen sie da, einander zugewandt, und Genesis streckte eine Hand aus, vor der Sephiroth diesmal nicht zurückzuckte, legte sie ihm auf den Arm. Ganz unschuldig. Rückte näher heran. Gab Sephiroth erneut einen Kuss. „Gute Nacht“, sagte er. Sephiroth war sich nicht sicher, diese Worte jemals vorher laut gehört zu haben. Auf der Seite vielleicht in seinem Kopf. Aber nicht so. Und er dachte, er würde sich daran gewöhnen können.
Five Kisses: Hot Kisses
Natürlich war an Schlaf nicht zu denken. Obwohl Genesis sich schließlich umgedreht hatte, Sephiroths Blick abwechselnd auf dem Rücken mit der kleinen Tätowierung direkt vor sich und dem Mond hinter dem Fenster. Die Gedanken an ... diese eine Nacht Wochen zuvor ließen ihn nicht los. Und wenn ihn nicht alles täuschte, war sein Körper drauf und dran, noch so eine Nacht aus dieser zu machen. Sollte er nicht ... vielleicht doch besser gehen? Er rutschte ein Stück unter der Decke. Aktuell war das eher keine gute Idee. Auch Genesis seufzte. Er wandte sich um, die blitzenden blauen Makoaugen im Dunkel deutlich zu erkennen.
„Das hast du doch so geplant“, sagte er, und Sephiroth erstarrte. Was war jetzt falsch? Doch Genesis gab ihm keine Sekunde später Entwarnung. „Es war vielleicht etwas naiv, sich ganz unschuldig ins selbe Bett legen zu wollen ... nach ... all der Zeit ...“
„Das kann ich nicht beurteilen“, sagte Sephiroth, um überhaupt etwas zu sagen, und er fühlte sich sofort dumm. Genesis‘ Hand fand wieder Sephiroths Arm. Er unterdrückte ein Keuchen. Genesis‘ Blick suchte seinen, eine stumme Frage darin, die Sephiroth aber weder vollkommen verstehen noch ehrlich beantworten konnte.
„Wir könnten ...“, sagte Genesis daher. Sephiroth schlug die Augen nieder, doch sie wanderten augenblicklich zu Genesis zurück, als der vorschlug: „Soll ich ... dir zeigen ...?“ Zeigen? Was? „Kann ich ... näherkommen?“ Sephiroth nickte langsam. Was hatte Genesis vor? Er setzte sich auf und ohne zu zögern spiegelte Sephiroth die Bewegung. Genesis rückte unter der Decke näher an ihn heran, die Hände zuerst wieder an seinen Schultern, seinen Oberarmen. Sephiroth schluckte trocken. Ihm wurde warm. Sein Blutfluss ... Genesis‘ Lippen verschlossen die seinen erneut, bewegten sich fordernd, Sephiroth umfasste mit einer Hand das Laken unter sich. Das hier lief in eine ganz ungünstige Richtung ...
Genesis löste den Kuss und sah ihn von unten an. „Was willst du tun?“, fragte er, die Stimme heiser. Seine Augen deuteten Sephiroth an, den Blick nach unten zu richten, und erstmals nahm er Genesis‘ Anblick in sich auf. Genesis nickte. Sephiroth hob zitternd eine Hand, näherte sich Genesis‘ Haut mit den Fingerkuppen.
„Weich“, sagte er unwillkürlich. „Nicht wie ...“ Genesis umfasste sein Gesicht, ehe er den Satz beenden konnte, und zog ihn erneut in einen Kuss, umschloss seinen Nacken, zog ihn näher. Ihre Oberkörper, zusammen, warm. Weich an rau. Gedanken verstummten. Mehr Blut strömte nach unten. Sie waren außer Atem. Sephiroths Blick ging erneut an Genesis entlang. Er leckte sich über die Lippen. Genesis schlug die Decke zurück, beugte sich über Sephiroth und setzte sich kurzerhand rittlings auf ihn, ihre Körpermitten aneinander. Sephiroth keuchte. Das fühlte sich gut an. Er hatte nicht gedacht, dass ... das zu etwas gut sein konnte.
Genesis küsste ihn erneut, erhitzt, fordernd, innig. Sie berührten sich. Dort. Genesis löste den Kuss. „Was willst du tun?“, wiederholte er, atemlos. Sephiroths Blick verließ Genesis‘ Gesicht in Richtung Süden, kehrte dann fragend zurück. Genesis nickte. Sephiroth, nicht denkend, für einen wunderbaren Moment einfach nicht denken, nahm beide Hände zu Hilfe, fühlte, griff, packte, erprobte. Die Geräusche, die sie – beide – dabei verursachten, waren ihm neu, vielleicht waren das all die Geräusche, die er immer unterdrückt hatte, was sollte es, Genesis wechselte die Position, legte sich ins Laken, zog Sephiroth auf sich, an eine sehr angenehme Stelle zwischen Genesis‘ Schenkeln, ergriff jedoch Sephiroths Kinn mit einer Hand. „Soll ich dir was sagen? Dieser Mund ist noch zu was anderem gut“, keuchte er, verschwitzte Strähnen im Gesicht. Sephiroth starrte ihn für einen Moment an, der sich ewig anfühlte. Dann rastete die Erkenntnis in sein langsames Gehirn ein, und mit Genesis‘ Einladung folgte er einfach dem Verlangen in seinem Körper, um den anderen Körper vor ihm genauestens zu erkunden ...
Weiter
Sephiroth saß auf seinem Bett. Er hielt einen Schlüssel in der Hand. Den SOLDATEN ersten Ranges waren von Shin-Ra Wohneinheiten im Hauptquartier zugeteilt, deren Türen mit einem täglich ändernden Zahlencode und persönlichen Schlüsselkarten gesichert wurden. Für den Fall, dass die Technik verrücktspielte, hatte man jedem von ihnen auch einen Schlüssel überreicht. Und vor zwei Tagen hatte Sephiroth von Genesis ein extra angefertigtes Ersatzexemplar zu dessen Wohnung erhalten.
Von dieser Handlung war er noch immer sehr überrascht, da Genesis nie sehr erpicht auf seine Nähe schien und sich auch sonst eher abweisend verhielt, womit Sephiroth sich mittlerweile sogar einfach arrangiert hatte. Ihm war klar geworden, dass es auch möglich war, dass er Genesis viel bedeutete, wenn dieser es nicht direkt sagte – zumindest nicht mit Worten – und wenn er nicht jede freie Minute mit Sephiroth verbringen wollte.
Umso mehr beschäftigte ihn die Frage, warum Genesis ihm ständigen Zutritt zu seiner Wohnung gewährte, anstatt weiterhin die Kontrolle darüber zu behalten, wann sie sich sahen und wann nicht. Und damit nicht genug – er hatte ausdrücklich gesagt, dass es ihm nichts ausmachte, wenn Sephiroth sich so weit bei ihm einrichtete, dass er ohne Weiteres die eine oder andere Nacht bei Genesis statt nebenan bei sich verbringen konnte. Es war ja nicht so, dass Sephiroth sich nicht freute, im Gegenteil. Jedoch musste er sich eingestehen, dass er Genesis doch vollkommen falsch eingeschätzt hatte.
Er drehte den kleinen silbernen Schlüssel weiter in der Hand, sah sich vom Fußende seines Bettes aus in seinem Zimmer um. Wenn er es sich recht überlegte, war es bei Genesis sowieso viel schöner als hier, wo an den Schränken, Regalen und dem Schreibtisch, alles aus dunklem Wengéholz, nichts Persönliches zu finden war – wobei, fast nichts. Im Laufe der Jahre war er an ein Schwarz-Weiß-Photo seiner bei seiner Geburt verstorbenen Mutter Lucretia gekommen*, das neben seiner Schreibtischlampe in einem schlichten Rahmen steckte. Ansonsten wäre man fast nicht auf die Idee gekommen, dass hier überhaupt jemand wohnte.
Den Schlüssel weiter in seinen Händen drehend kam Sephiroth der Gedanke, dass es gar keine schlechte Idee war, teilweise bei Genesis zu wohnen. Jetzt, wo er dazu kam, darüber nachzudenken, gefiel ihm die Vorstellung sogar so gut, dass er sich fragte, warum er nicht gleich ganz bei Genesis einziehen sollte. Seufzend erhob er sich vom Bett und begann langsam, ein paar Sachen zusammenzusuchen, während er sich all die Vorteile vor allem in Sachen Zeitmanagement vor Augen führte. Er musste unbedingt mit Genesis darüber reden …
Seine Sachen in einem Rucksack geschultert, zog er die Wohnungstür hinter sich zu, wandte sich nach rechts und durchquerte den Korridor, bis er zur letzten Tür kam. Er nahm den neuen Schlüssel zur Hand und verschaffte sich damit Zugang zur Wohnung seines Freundes.
Direkt links neben der Tür hing ein großer Spiegel an der Wand, in den Genesis vor dem Verlassen der Wohnung immer einen kurzen Blick warf. Doch Sephiroth wandte sich nach rechts, wo neben einer Küchenzeile ein runder Tisch und drei Stühle standen; von dort aus wiederum links führte eine Tür ins Schlafzimmer. Sephiroths Blick fiel allerdings auf den Sessel hinter dem Tisch, in dem Genesis die ganze Zeit regungslos verharrt war, vertieft in seine neueste Errungenschaft, ein weltweit populäres britisches Buch – dessen Namen Sephiroth sich beim besten Willen nicht merken konnte**. Er baute sich vor dem lesenden Genesis auf, sodass der ihn einfach bemerken musste. Trotzdem dauerte es noch fast eine Minute, ehe Genesis das Buch zuklappte und zu ihm aufschaute. „Musstest du mich an der spannenden Stelle unterbrechen?“, fragte er vorwurfsvoll.
„Das hättest du doch jetzt an jeder Stelle behauptet“, erwiderte Sephiroth wagemutig, wie er fand, aber Genesis ging nicht weiter darauf ein.
„Also“, sagte er stattdessen, „du hast es dir überlegt?“
„Schon“, gab Sephiroth zurück. Die Tatsache, über Genesis zu stehen, da dieser saß, gab dem Gespräch für ihn eine angenehme Note. So traute er sich direkt hinzuzufügen: „Ich könnte mich generell an den Gedanken gewöhnen, hier zu bleiben.“
„Abwarten“, sagte Genesis mit skeptischem Blick. Ihm schien Sephiroths plötzlich optimistische Art nicht geheuer zu sein; Sephiroth selbst war nicht ganz klar, wo sein Frohmut herkam. Mit einem Schulterzucken ging er los und räumte seine Sachen ein.
Am Abend, als Sephiroth langsam begann sich zu fragen, was er mit sich selbst anfangen sollte, da Genesis wieder einmal nur geringes Interesse an ihm zeigte, kam Angeal mit einem Forelleneintopf vorbei, der für sie alle drei gedacht war; zu dritt wäre es bei Angeal etwas eng geworden. Freudig machten sie sich über den Eintopf her. Während Sephiroth sich still Gedanken darüber machte, warum eigentlich ausgerechnet Genesis die größte Wohneinheit, die diesen Namen auch tatsächlich verdiente, zugeteilt bekommen hatte und wie Angeal regelmäßig dazu kam, für sich selbst zu kochen und warum bei Sephiroth keine Kochgelegenheit zu finden war – nicht, dass er eine vermisste –, kamen Genesis und Angeal schnell dazu, über das Wesentliche zu sprechen.
Nur leider bemerkte Sephiroth erst sehr spät, dass er angesprochen worden war. „Hm, was?“, fragte er und riss sich von seinen eigenen Gedankengängen los.
Angeal lachte. „Physisch hier und in Gedanken ein paar Kilometer weit weg?“, mutmaßte er.
„Eigentlich nicht“, erwiderte Sephiroth, „ich war sogar noch ziemlich genau auf dieser Etage.“
„Also“, setzte Angeal erneut an, „ein Vögelchen zwitscherte mir, du sollst dich hier wie zu Hause fühlen.“
„Ich zwitschere nicht“, unterbrach Genesis ihn mürrisch. „Und nenn mich nicht Vögelchen. Verniedlichungsformen gehören verboten.“ Angeal schien von diesem kleinen Ausbruch ziemlich amüsiert, sagte aber nichts weiter dazu. Sein Blick ruhte stattdessen neugierig auf Sephiroth.
„Ja …“, sagte der, um sich Zeit zu verschaffen. Er wusste nicht so recht, was Angeal hören, worauf er hinauswollte. „Ich hab mich hier vorhin sozusagen provisorisch eingerichtet.“
„Ach, vorhin erst?“ Angeal stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. „Aber den Schlüssel hattest du doch schon eine ganze Weile?“
„Schon …“ Sephiroth warf Genesis, der ihn wiederum nicht ansah, einen finsteren Blick zu. Ihm war klar, dass sich die beiden praktisch ihr ganzes Leben lang kannten und sich einiges erzählten – aber alles? „Aber … ich hatte so einiges zu tun …“ Sephiroth wand sich mit einer Antwort. Ihm war nicht wirklich danach, sich vor Angeal zu rechtfertigen. Also stammelte er weiter: „Und überhaupt, jetzt bin ich ja hier. Das wird schon … das wird toll …“
Genesis schaute Angeal vielsagend an. „Ich sag ja, schlimmer als ein Teenager***.“ Sie lachten und Sephiroth war sich nicht ganz sicher, ob er sich nun angegriffen fühlen sollte oder nicht: „Schlimmer als ein Teenager“ konnte er absolut nicht einordnen.
„Stimmt, hast du gesagt“, bestätigte Angeal. „Aber ich glaube, das war jetzt schon das vierte Mal.“ Langsam begann es Sephiroth zu dämmern, wie viel die beiden Freunde über ihn sprachen. Und auch diesmal wusste er nicht, ob ihm das gefallen sollte …
Die beiden konnten sich allerdings lustig machen, wie sie wollten. Auch wenn er Angeal nicht so recht hatte überzeugen können, so war Sephiroth beim Aussprechen seiner (wenn auch noch unvollendeten) Gedanken ein Licht aufgegangen. Es mochte noch etwas forschend anmuten, doch seine eigentlich bloß einige Wochen alte Beziehung zu Genesis war gerade dabei, ein völlig neues Level zu erreichen. Zwar waren ihre Wohnungen nur wenige Meter voneinander entfernt und sie liefen sich auch manchmal im gesamten Hauptquartier über den Weg.
Doch sollte ihr „Projekt“ gut laufen, sollte Genesis tatsächlich zustimmen, dass Sephiroth ganz und gar bei ihm einziehen sollte, hätten sie etwas Gemeinsames, etwas Geteiltes, das sie miteinander verband und ihre Beziehung besonders machte, sie von allem abhob, was Sephiroth je erlebt hatte. Da war er sich sicher.
Zufrieden und zur Abwechslung vollkommen optimistisch, gar gespannt in die Zukunft blickend, widmete Sephiroth sich dem Rest des Eintopfes.
Ein Hoch auf Klimaanlagen
Midgar erstickte vor Hitze. Im Schatten wurden Temperaturen zwischen 35 und 40 Grad gemessen und der Wind, so er überhaupt zu spüren war, wirkte ebenso warm. Und Sephiroth, der seit seiner Geburt dazu verdammt schien, immer Pech zu haben, hatte den ganzen Tag draußen verbringen müssen. Fast hätte er vor dem Losgehen vergessen, sich Wasser abzufüllen und einzupacken, doch mittlerweile war die Flasche sowieso leer. Gerade brach die heißeste Stunde des Tages an, als er noch schnell seinen letzten Auftrag erledigte, um unverzüglich ins gekühlte Hauptquartier zurückkehren zu können.
Eine Wand aus frischer gekühlter Luft empfing ihn dort, sobald er durch die automatischen Türen getreten war. Seufzend spürte er, wie sich sein Körper umgehend entspannte und sein Kopf etwas klarer wurde. Gelöst bewegte er sich in Richtung des Aufzugs, der zu den Wohneinheiten führte, im Sinne den vagen Plan, sich unter die Dusche zu stellen und sich danach auf die Suche nach etwas Essbarem zu begeben.
Oben angekommen, betrat er Genesis‘ leere Wohnung, da sich dort seine Sachen zum Duschen befanden, drehte mithilfe großer Nadeln und Klammern seine Haare ein, die vorher bereits zusammengebunden gewesen waren, und duschte sich im Bad den Schweiß und die Hitze vom Körper. Sich noch mit dem Handtuch abtrocknend ging er übers Wohn- ins Schlafzimmer, um sich dort etwas Neues anzuziehen, doch zuerst musste er feststellen, dass er doch gar nicht allein war. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und nur mit einer Unterhose bekleidet, lümmelte Genesis auf seinem Bett und schaute Sephiroth mit verrucht blitzenden Augen an. Scheinbar hatte er schon eine ganze Weile dort gewartet.
Sephiroth durchquerte das Zimmer und löste die Befestigungen um seine Haare, ohne ein Wort zu sagen; ihm wäre sowieso nichts eingefallen, während Genesis‘ belustigter Blick ihm folgte. „Angenehm kühl hier“, sagte er schließlich doch.
„Komisch“, sagte Genesis amüsiert, „den Eindruck hatte ich gar nicht.“
Sephiroth drehte sich um und ihm wurde schlagartig wieder heiß, aber diesmal auf eine ganz andere Art und Weise. Genesis hatte sich auf dem Bett leicht aufgerichtet und zu ihm vorgebeugt. Alles von seinem lüsternen Blick über seine ihm zugewandte Haltung bis hin zu seinem bereits erhitzt wirkenden Körper schrie förmlich nach Sex. Sephiroth schluckte und ließ die gesamte verführerische Sinnlichkeit seines fast nackten Freundes auf sich wirken, dessen einladende Körperhaltung ihn plötzlich mit aller Macht magisch anzog.
Auch Genesis‘ Augen wanderten begutachtend an Sephiroths Körper entlang. „Ich sehe da etwas, das mir sehr gefällt“, bemerkte er daraufhin, als sein Blick etwa in der Mitte hängen blieb. „Ich wusste doch, dass es sich lohnen würde, so etwas Junges zu nehmen.“
„Aber du bist doch gar nicht so viel älter als ich …“, sagte Sephiroth verwundert und setzte sich mit aufs Bett. Genesis verdrehte die Augen und kam Sephiroth jetzt ganz nahe.
„Hör auf nachzudenken, du brauchst dein Blut woanders.“ Noch bevor Sephiroth etwas antworten konnte, fing Genesis ihn mit einem Kuss in seiner Leidenschaft ein und zog ihn in die Laken.
Zwischen Spaß und Ernst
Als Sephiroth Genesis‘ Wohnung betrat, wusste er, dass er seinen Freund in der Küche vorfinden würde; er war nicht in der Kantine aufgetaucht.
In der Küche standen Salat und selbstgebackenes Brot, die Hälfte davon war offensichtlich schon verspeist. Sephiroth nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu Genesis.
„Wo hast du das her?“, begann er ohne Umschweife. Genesis nahm sich Zeit mit seiner Antwort, doch Sephiroth kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er ihm antworten würde. Er nahm noch eine Gabel Salat zu sich, sah demonstrativ in eine andere Richtung – er inszenierte die Situation wie immer nach seinem Geschmack.
„Von Angeal“, gab er am Ende zu. Sephiroth lachte darauf leise.
„Weißt du, ich glaube, du bist der einzige Essensdieb hier bei Shin-Ra.“
„Ich stehle nichts“, entgegnete Genesis leicht gereizt. Er machte eine weitere Spannungspause. „Angeal teilt gerne mit mir.“
Sephiroth seufzte. „Das glaub ich dir, aber er würde das sicher auch gerne wissen.“
„Wo wir gerade beim Teilen sind“, überging Genesis ihn, „willst du auch was?“
„Nein.“ Plötzlich wurde er ernst. Er seufzte erneut, diesmal resignierend. „Ich gehe gleich zu Hojo, besser, ich hab da nichts im Magen.“
Genesis sah ihn mitleidig an. „Du weißt, ich bin hier.“
"... When you've beaten it into my head ..."
„Und siehst du, hier in Akt II wird die Liebe der Göttin erstmalig als ihr Geschenk angedeutet, das ist eine wirklich wichtige Stelle, sie sollte nicht unterschätzt werden, denn das tun viele, du glaubst es gar nicht, die gängigen Kommentare – ich hab einen hier, wenn du kurz – hörst du mir zu?“
Sephiroth bemerkte nur wenige Augenblicke zu spät, dass er angesprochen worden war. „Ja, doch, natürlich“, sagte er wenig überzeugend. Genesis blitzte ihn daraufhin derartig an, dass er sich schutzsuchend vom Bett erhob, auf dem sie bis eben LOVELESS erörtert hatten, und rückwärts langsam zur Tür herauszugehen begann, während er vorschlug: „Können wir’s für heute nicht einfach dabei belassen?“
Er hatte das Falsche gesagt. Genesis richtete sich in seinem Schneidersitz auf dem Bett kerzengerade auf, klappte das Buch zu und nach seiner Miene zu schließen, die er aufsetzte, als er tief Luft holte, war er gerade dabei, genügend Kraft für eine längere Moralpredigt zu sammeln. Jedenfalls witterte Sephiroth Gefahr, also startete er einen neuen Versuch: „Sieh mal, wir haben doch jetzt detailliert den Prolog und Akt I besprochen –“ Genesis neigte interessiert den Kopf; Sephiroth wich vorsichtshalber trotzdem weiter zurück. „Wir können doch später weitermachen, oder?“
Auch Genesis stand nun vom Bett auf und ging Sephiroth nach; der war mittlerweile rücklings am Tisch vor der Küchenzeile angestoßen. Mit angehaltenem Atem erwartete er sein Urteil für das Verbrechen, die LOVELESS-Lektüre unterbrochen zu haben. Genesis liebte das Stück, er war vernarrt in seine ledergebundene Ausgabe. Sicherlich hatte er alle verfügbaren Kommentare in verschiedenen Sprachen aus verschiedenen Jahrhunderten gewälzt. Dass Sephiroth nun schon nach dem ersten Akt schlappmachte, musste ihn unheimlich enttäuschen.
Tatsächlich legte Genesis den Band mit einem resignierten Seufzer auf dem Tisch ab. „Wenigstens bemühst du dich“, sagte er leise, ohne ihn anzuschauen. „Das hab ich schon ganz anders erlebt.“
„Da bin ich aber froh, siehst du, morgen ist auch noch ein Tag.“ Er registrierte, was Genesis gesagt hatte. „Wen meinst du jetzt speziell?“
Genesis zögerte kurz. Er sah ihm immer noch nicht in die Augen. „Meinen Ex. Furchtbar unbelesener Kerl.“
Sephiroth wusste darauf nichts zu sagen. Zunächst mal konnte er sich überhaupt nicht vorstellen, dass Genesis sich mit so jemandem abgab. Und dann war da noch die Traurigkeit in Genesis‘ Augen, als der nun doch zu ihm aufschaute.
„Es ist nicht schön, wenn Beziehungen zerbrechen, weißt du.“
Zu Besuch Im Hause Rhapsodos: Erste Schritte
Sephiroth betrat die Privatbibliothek seiner Schwiegereltern. Als er die Tür hinter sich schloss, entfuhr ihm ein Seufzen. Abgesehen von Genesis‘ Zimmer, in dem sie allein sein konnten, war die Bibliothek der erste Raum, in den er die Hoffnung setzte, sich hier an diesem Wochenende bei Familie Rhapsodos endlich wohl zu fühlen. Doch auch hier fiel es ihm als außergewöhnlich auf, dass in dem gleichsam kathedralenartigen Raum die edlen, mehr als mannshohen Holzregale nicht die Wände säumten, sondern in mehreren Reihen auch die Raummitte durchzogen. Das war ihm generell bereits mehrfach am Hause Rhapsodos aufgefallen: Möbel und andere Gegenstände waren nicht möglichst nah an der Wand aufgestellt, sondern befanden sich mitten im Raum, der Esstisch etwa, oder ein Sofa. Er nahm an, es hatte mit der Größe der Zimmer an sich zu tun. Ihm jedoch erschwerte es schlicht die Orientierung.
Mit der Sortierung in den Regalen war er noch nicht vertraut. Gleichzeitig war er sich auch noch nicht sicher, was er suchte, was in sich bereits vollkommen unlogisch war. Er wusste immer, was er suchte. Er wusste immer, was zu tun war. Nur nicht in diesem Haus, in dem, wo Platz sein sollte, etwas stand und an den Wänden dafür Bilder hingen. Keine Bilder, die irgendetwas ausdrückten, sondern einfach nur ... Bilder. Die ihm nichts sagten. Doch Bücher. Mit denen konnte er etwas anfangen. Nur ... wo anfangen?
Er konnte nur systematisch ein Regal nach dem anderen abgehen. Das Regal in der Ecke auf seiner rechten Seite beinhaltete Titel wie Die Geschichte der Kunst und Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten. Sephiroth runzelte die Stirn. Zwar wusste er nicht, was er suchte; aber das sicherlich nicht. Er befand sich hier wohl in der Abteilung für Kunstgeschichte. Die Namen von Linné und Humboldt daneben sagten ihm, dass darauf Botanik folgte. Namen wie Albrecht Thaer, Adam Smith und Max Weber jedoch hatte er noch nie gehört; welche Abteilung mochte das sein? Er nahm das Buch von Adam Smith aus dem Regal: Wohlstand der Nationen. Er schnaubte verächtlich. Von Shinra wusste er zur Genüge, wie das mit dem Wohlstand Einzelner auf dem Rücken der Vielen funktionierte. Er stellte das Buch zurück.
Daraufhin wurden Regalreihen von Enzyklopädiesammlungen eingenommen. Britannica hatte er tatsächlich schon einmal gesehen. Den französischen Titel der anderen Kollektion verstand er jedoch nicht. Ach so. In einem mehrsprachigen Haushalt befand er sich also auch noch. Nun gut. Latein und Alt-Griechisch konnte er auch. Die Regale der rechten Wand boten nichts weiter. So machte er mit der Mitte weiter. Der erste Titel, der ihm in die Augen fiel, war Sonnets from the Portuguese. Sonette hatte er als Gedichtsform abgespeichert. Was konnte man in Gedichtform über Portugal lernen? Er schlug den Band willkürlich auf. „How do I love thee? Let me count the ways. I love thee to the depth and breadth and height –“ Zeitverschwendung, schoss es ihm durch den Kopf. Hier stand überhaupt nichts über Portugal drin. Er war schon bereit, diese sehr offensichtliche Belletristik-Abteilung vollends zu überspringen, als ihm etwas Vertrautes entgegenblitzte: Ein Schriftzug in goldenen Lettern in einem Regal zu seiner Linken. Er nahm das Theaterstück heraus. Eine kommentierte Ausgabe, mit Randnotizen und Zetteln versehen. LOVELESS. Er schaute sich um. Umgeben war das Stück von Shakespeare, Goethe, Molière. So weit nachvollziehbar. Doch mit Soyinka, Mishima, García Lorca oder Ibsen folgten Namen, die ihm nichts sagten. Gab es denn über das Theater wirklich so viel mehr zu wissen als LOVELESS und „Romeo, oh Romeo“?
Die zweite Regalreihe in der Raummitte war offenbar den Romanen der Weltliteratur gewidmet: Gehört hatte er schon einmal von Gatsby, den Buddenbrooks und auch Dorian Gray. Und er wusste, dass die Göttliche Komödie und Ulysses irgendetwas mit der Antike zu tun hatten, mit der er sich im Moment mehr verbunden fühlte als mit seiner eigenen Zeit. Aber – Die Geschichte vom Prinzen Genji oder Von Den Drei Reichen? Gabriel García Márquez und Jorge Luis Borges? Wer waren all diese Menschen? Was sollten all diese Bücher? Warum hatte er davon noch nie gehört? Er wusste nun ziemlich sicher, was er suchte – etwas Vertrautes, woran er sich festhalten konnte.
Mit diesen Regalen in der Raummitte – wo sie ohnehin nichts verloren hatten, wie er nun nur umso genauer wusste – wollte er nichts mehr zu tun haben. Er wandte ihr den Rücken zu und konnte nur hoffen, an der letzten Regalwand fündig zu werden, da blitzte ihm schon wieder derselbe vertraute Titel entgegen: „Das Epos vom Geschenk der Göttin: LOVELESS (Urtext)“ hieß es da. Hierbei musste es sich um das antike Original handeln. Er war im Altertum angekommen. Volltreffer. Er erwartete, Xenophons Anabasis vorzufinden, Platons Staat, Plinius‘ Naturgeschichte, Caesars Kommentare, Lucans Pharsalia, Augustus‘ Tatenbericht, Catos Buch über den Landbau, Marc Aurels Selbstbetrachtungen, Ciceros Briefe und andere Werke, oder schlicht die Ilias. Die Ilias – und Odyssee – standen sehr wohl am Anfang des Regals. Doch auch Sappho, Alkaios, Pindar, von denen er bisher nur am Rande gehört hatte. Platons Staat sah er vor sich – aber auch das Symposion. Ebenso ein Symposion von Xenophon. Und dann war da ganz viel Aristophanes und Menander. Aristophanes als Spiegel seiner Zeit konnte Sephiroth ja noch nachvollziehen, aber Menander ...? Ausgaben von Kallimachos? War denn von dieser, wie Cicero sie bezeichnet hatte, neuartigen Dichtung mehr überliefert als reine Fragmente? Den römischen Teil machte – neben der tatsächlich vorhandenen Naturgeschichte – vor allem Horaz aus. Caesar war mit nur zwei Bänden vertreten. So viel Plautus. So viel Terenz. Ovid – aber nicht nur die Metamorphosen. Das Wörterbuch von Festus. Sogar die antiken Romane waren hier vertreten. Doch eines schlug dem Fass den Boden aus – das Gelehrtenmahl von Athenaios. Das konnte nicht wahr sein. Er nahm das Buch ungläubig in die Hand und schlug es an irgendeiner Stelle auf. Tatsächlich. Eine dreiseitige Abhandlung über die verschiedenen Arten von Feigen.
Fast angewidert stellte er das Buch zurück. Sein gutes Altertum. Sein gutes, treues, überschaubares Altertum. Sein Blick begann zu wandern. Gab es hier denn nichts für ihn? Im römischen Teil stand Curtius Rufus‘ Alexanderroman. Hm. Das ging schon in die richtige Richtung. Vielleicht ein bisschen zu weitschweifig. Zu viel Gerede und Fabrikation. Neben der Altertumsabteilung begann offenbar die Rubrik der Geschichtsbücher. Vor- und Frühgeschichte. Wie passend. Antike. Athen und Demokratie ... aber dort – Volltreffer! Die Armee Alexanders des Großen, darin würde er fündig werden. Vielleicht konnte Alexander ihm erklären – oder vielmehr der Autor, der über Alexander schrieb –, wie er System in dieses Chaos bringen sollte. Mit einem erleichterten Seufzen zog er das Buch aus dem Regal. Es hatte nur etwas über einhundert Seiten. Perfekt für ein Wochenende. Das Buch in der Hand, wappnete er sich nun für einen erneuten Streifzug durch das Haus.
Die Bibliothek, deren Tür er behutsam hinter sich schloss, befand sich im hinteren Teil des Hauses – Anwesens, wollte Sephiroth es eher nennen. Für Genesis war es sein Elternhaus, für Sephiroth ein Landgut. Lange Flure – vorbei an einem Unterhaltungszimmer und einer Waschküche – führten ihn zurück in das Herzstück des Hauses: den weiten, offenen Wohnbereich mit dem Esstisch. Er konnte nicht genau sagen, was es an der von den großen Fenstern mit Licht durchfluteten Ebene war, das ihn störte, aber er fühlte sich immer unweigerlich ... beobachtet. Von diesem Teil des Hauses gingen die Treppen nach oben. Er war versucht, diesen Weg einzuschlagen, sich in Genesis‘ Zimmer zu verschanzen. Da hörte er aus der nahen Küche eindeutig Stimmen.
Er lief vorsichtig durch den Raum – streifte dabei beinahe das mitten im Weg stehende Sofa – und durch den Flur im vorderen Teil des Hauses. Der Küchentür näherte er sich nur langsam. Mary konnte er von Weitem erkennen – und als einzige Frau im Haus ohnehin an ihrer Stimme –, aber wer war bei ihr? Ergin, um die nächste Mahlzeit vorzubereiten? Ilias, um mit ihr all die gar-nicht-mal-so-portugiesischen Arten zu besprechen, wie man sich gegenseitig seine Liebe erklären konnte? Er lugte um die Ecke. Es war Genesis. Er saß an einer Ecke der Kücheninsel mitten im Raum, den Rücken der Tür zugekehrt. Über das Rückenkehren hatte Sephiroth eigentlich nur gelernt, dass es fatal war. Aber für einen Aufenthalt in der Küche der Eltern galt das wohl nicht.
Er stahl sich geräuschlos in die Küche, zunächst unbemerkt von Mary und auch Genesis, der jedoch, als Sephiroth, das Buch in der Hand, nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, doch den Kopf wandte. „Hey“, sagte Genesis, mit einem Lächeln zu ihm aufschauend, als Sephiroth auf einen Punkt in unmittelbarer Nähe zu manövrierte und das Buch auf dem Tisch ablegte, direkt neben die Shakespeare-Ausgabe, in der Genesis bis dahin noch geblättert hatte. Stumm schaute Sephiroth auf Genesis hinab, sich fragend, ob er sich wohl dazu setzen sollte, Genesis fragend, ob er sich dazusetzen sollte, doch Genesis schmiegte sich nur für einen Moment an Sephiroth, ehe er das Buch wieder zur Hand nahm und Sephiroths Frage unbeantwortet ließ. Es war Mary, die ihn ansprach.
„Ach, Seph, wo du gerade da bist“, sagte sie, während sie sich, an der Spüle neben der Kücheninsel stehend, zu ihm umwandte, „könntest du die Servierschale von ganz oben rausnehmen? Ich müsste sonst erst die Leiter holen.“ Sie zeigte auf den oberen Teil des Hängeschranks, vor dem sie stand. Mary, deren fuchsbrauner Schopf ihm tatsächlich höchstens bis zur Brust reichte, hätte vielleicht auch auf die Küchentheke unter dem Schrank klettern können, doch wenn er seiner mittlerweile über fünfzigjährigen zierlichen Schwiegermutter dieses Risiko ersparen konnte, war er froh über den Auftrag. Er umrundete die Kücheninsel, an der Genesis ganz unberührt sitzen blieb, näherte sich dem Schrank und wartete, dass Mary ihm Platz machte.
„Hier?“, fragte er dämlicherweise, um sich zu vergewissern, dass er nicht etwa den Schrank verwechselte. Mary nickte enthusiastisch, machte jedoch trotzdem keine Anstalten zurückzuweichen. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als die Mission direkt neben ihr stehend auszuführen. Fast schon langsam, immer mit einem rückversichernden Blick zurück auf Mary, öffnete er den Schrank, bereit, jederzeit auf etwaige Attacken zu reagieren, deren Form er sich bei einer Zivilistin wie seiner Schwiegermutter nur schwer vorstellen konnte – umso mehr musste er wachsam sein. „Das?“, fragte er dann ungläubig mit einem Blick in den Schrank.
„Ja, das ist unsere besondere Servierschale, wenn alle mitessen und noch Gäste da sind“, sagte Mary strahlend. Sephiroth hob ein Monster von einem Geschirrstück aus dem Schrank heraus. In seinen Händen war es federleicht – ein Grund mehr, es ordentlich zu packen, um es nicht versehentlich fallen zu lassen –, doch was er vor sich sah, war ein schweres Verbrechen. Blau und Gold schrien ihn förmlich an, das Muster verlor sich in unzähligen Ranken und Kelchen und Blumen, die Ringe oder Ebenen ließen sich überhaupt nicht zählen – alles war verschnörkelt und ging ineinander über. Er hatte sich vorher noch nie Gedanken über weißes Geschirr gemacht – noch nie Gedanken über Geschirr, um ganz präzise zu sein –, aber diese einzelne Schale schaffte es, ihn ebenso orientierungslos zu machen wie die Bibliothek zuvor und das gesamte Haus.
„Wohin?“, fragte er nur resigniert.
„Och, einfach abstellen“, sagte Mary mit einer Handbewegung. Sephiroth platzierte die Schale sanft vor sich auf der Küchentheke. Wie war das noch mal, was Leute über Gemälde sagten? Sie folgten einem mit den Augen? Konnte diese Schale den gegenteiligen Effekt haben: Egal, wo er hinging, er konnte den Blick nicht abwenden? Er trat den Rückzug zu Genesis an, der nun den Kopf hob.
„Hast du brav gemacht“, sagte er, eine Hand an Sephiroths Brust. „Du hast dir eine Pause verdient.“ Sephiroth setzte sich dankbar seufzend daneben. Genesis, der das Gesicht schon längst wieder in seinem Buch vergraben hatte, ahnte wohl kaum, wie sehr er recht hatte. Sephiroth schaute sich in der Küche um: Pause. Kraft tanken. Wie funktionierte das hier? Er kannte das Prinzip Kaffeepause mittlerweile: Man wartete darauf, dass der Kaffee fertig war, trank ihn dann und tauschte währenddessen Belanglosigkeiten aus. Mary hantierte an der Spüle tatsächlich mit dem Kaffee. Dabei konnte er ihr nicht helfen. Was für Belanglosigkeiten sich zum Austausch anboten oder nicht, hatte er noch nie verstanden. Sein Auftrag war also erst einmal erledigt: Er saß. Neben Genesis. Der hatte die Nase im Buch. In einem von den vielen Büchern aus dieser verdammten Bibliothek. Sicherlich fand er sich gut darin zurecht.
Sephiroths Blick ging erneut durch die Küche. Ergin hielt sie ordentlich und sauber, keine Frage. Dennoch war da etwas an den vielen Dingen, die offen herumstanden oder nach einer Ordnung aufgehängt waren, die sich ihm nicht erschloss, das ihm nicht zusagte. In der Mitte der Kücheninsel stand eine rostrote Schale mit einem Haufen Dummäpfel darin – fein geordnet im Kühlschrank, wo sie nicht schlecht werden konnten, wären sie ihm lieber gewesen. An der Wand über dem Herd rechts neben der Spüle hingen Utensilien, die beim letzten Besuch sicher anders angeordnet gewesen waren. Auf einem Regal darüber standen kleine Döschen mit Gewürzen, die auch nicht ordentlich platziert waren. Es war alles so unlogisch.
Genesis und Mary beherrschten diese Unlogik, so schien es ihm. Wie sie auch die Bibliothek beherrschten. Sie mussten all diese Bücher gekauft haben. Sie mussten sie alle gelesen haben. Verstanden haben. Ihnen erschloss sich etwas, was er nicht einmal kannte, was er nie kennengelernt hatte, so wurde ihm nun klar. Selbst das Buch, das noch immer unangetastet vor ihm lag, verhöhnte ihn. Alexander beherrschte Geselligkeit. Plutarch hatte ausführlich darüber geschrieben. Selbst der tote Stratege verfügte über ein Wissen, das Sephiroth vorenthalten blieb.
„Schatz, was möchtest du denn nachher gerne essen?“ Sephiroth registrierte nur nebenbei, dass Genesis‘ Mutter etwas gesagt hatte; am Rande seines Blickfeldes nahm Sephiroth wahr, dass Genesis den Blick von seinem Buch zu heben schien.
„Seph?“ Genesis betrachtete ihn nun eindeutig über seinen Buchrand hinweg.
Sephiroth hob auch den Blick, aus seinen tiefen Gedanken hochfahrend. „Hm?“
„Du bist mit ‚Schatz‘ gemeint.“ Sephiroth musterte Genesis kurz mit verengten Augen.
„Was?“, rutschte es ihm ungläubig heraus, bevor er sich korrigierte. „Verzeihung, ich meinte: wie bitte?“ Sein Blick ging zu Mary, die nun mit ihrer fertigen Tasse frisch gebrühten Kaffees vor der Küchentheke stand und ihn mit einem seltsamen Lächeln musterte. Hatte er in seiner Gedankenabwesenheit einen Fehler gemacht? Er konnte sich nicht vorstellen, worüber die beiden redeten und was genau an ihm zu „schätzen“ sei.
„Was du nachher gerne essen möchtest, mein Lieber.“
„Ähm.“ Sephiroth verstand die Natur der Frage nicht. Seine Hand auf dem Buch packte den Rand unwesentlich fester. Oder vielleicht war es vielmehr der Grund, den er nicht verstand: Sie fragte ihn, wie dieses Ungetüm einer Schale später gefüllt werden sollte. Doch warum ihn? Was konnte sie meinen? Er richtete das Buch vor sich noch einmal ganz gerade aus. Doch diese betonte Ruhe konnte auch nicht den aufkommenden Lärm in seinem Kopf verhindern: Dieser Lärm, der jedes logische Nachdenken über die Frage seiner Schwiegermutter ausschaltete. Er hob den Kopf wieder, um sich seiner Familie zu stellen. Sein Blick ging zwischen Genesis und Mary hin und her. Sie hatte ihn offenbar die ganze Zeit beobachtet, und ihm fiel nichts zu sagen ein. Wenn das die Belohnung dafür sein sollte, dass er etwas für sie erledigt hatte, dann verstand er den Zusammenhang nicht. „Warum?“, fragte er also schließlich. War es nicht ihre Aufgabe, das zu bestimmen?
Mary gluckste. „Weil ich dann Ergin sagen kann, was er nachher kochen soll.“
Sephiroths Blick schoss nun in der Küche umher. Was sollte das heißen, ‚was er essen wollte‘? Hatte er etwas falsch gemacht? Sofort liefen vor seinem inneren Auge die Szenen aller Mahlzeiten im Hause ab: Hatte er denn jemals bei seinen Schwiegereltern etwas nicht gegessen? Wollte sie ihm unterstellen, dass er undankbar gewesen war oder einen Fehler gemacht hatte? Er runzelte die Stirn. „Was immer – ähm, alles ist gut genug für mich.“ Ein leises „Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“ hallte im Lärm seines Kopfes wider. „Wenn ich sage, dass etwas gut genug für dich ist, dann sagst du danke und bist ansonsten still, haben wir uns verstanden?“
„Das mein ich ja gar nicht“, beharrte Mary. Sephiroth sank das Herz. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als ihr eine zufriedenstellende Antwort zu geben, doch etwas sagte ihm, dass er die grundlegende Frage nicht verstand. „Du willst also nichts Bestimmtes?“ Es gab nicht wirklich etwas, das er gerne aß, Essen war Essen. Es musste den richtigen Energiegehalt haben und sollte über Proteine verfügen, um seinen Körper stark zu halten, aber auch über andere Inhaltsstoffe, die den Körper am Laufen hielten. Seinen Bedarf konnte er jedoch mit dem der Familie nicht vergleichen. Was, wenn er das Falsche verlangte? Was wollte sie mit dieser Information anfangen? Sie ihm vorhalten? „Jetzt gibt es schon wieder das, dabei mag ich das gar nicht – dich gar nicht.“ Oder eintauschen? „Da es das ja extra für dich gab, kann ich doch wohl von dir verlangen, dass du ...“ Der Duft des Kaffees in der Küche bohrte sich ihm in die Nase. Als jemand, der keinen Kaffee trank, verstand er die Bedürfnisse der anderen gar nicht.
Plötzlich erinnerte er sich an keine einzige Mahlzeit im Hause Rhapsodos mehr. Was hatten sie denn sonst gegessen? Konnte er nicht einfach noch einmal um das Gleiche bitten? Sein Gedächtnis war wie ausgelöscht. Die Küche verschwamm vor seinen Augen und bot auch keine Anhaltspunkte mehr. Was sollte er nur sagen? Was wollte sie hören? Bei Shinra gab es Rationen, die zugeteilt wurden, fertig. Dort hatte er nichts zu entscheiden. Was wollte sie hören?
Genesis seufzte über seinem Buch, das er noch immer aufgeschlagen vor sich hatte. Seine Augen bewegten sich dabei jedoch nicht. „Mit so einer Fragen überforderst du den armen Seph, Mutter.“
„Was soll das denn heißen?“, fragte sie ganz entgeistert. Sephiroth spürte einen kleinen Stich. Genesis hatte recht. Er konnte eine einfache Frage wie die nach einer Mahlzeit nicht beantworten. Er ließ den Kopf leicht hängen, da legte Genesis eine Hand auf seine.
„Sag einfach Nudeln, das beendet die Diskussion“, sagte der ihm leise vor. Sephiroth schaute noch immer fragend drein. War die Antwort spezifisch genug? Akzeptabel sogar? „Doch, ehrlich. Vertrau mir.“
„Ähm“, sagte er an Mary gewandt, „Nudeln?“
„Ja, das ist gut“, sagte Mary nachdenklich, an ihrem Kaffee nippend. „Dann sag ich Ergin, er soll sich ein Nudelgericht einfallen lassen – vegetarisch natürlich“, fügte sie mit einem Lächeln an Sephiroth hinzu. Der fühlte sofort eine Welle des schlechten Gewissens über sich schwemmen. Seinetwegen musste die ganze Familie auf Fleisch verzichten, wenn sie doch eigentlich nicht vegetarisch lebten. So sehr Genesis ihm hatte helfen wollen, am Ende war er doch nicht in der Lage gewesen, die Frage richtig zu beantworten ...
Von Genesis‘ Hand, immer noch auf seiner, ging ein sanfter Druck aus. „Und die Welt ist gar nicht untergegangen“, sagte er trocken. Sephiroth fühlte sich ertappt. Er musste Genesis Recht geben.
„Wenigstens weiß ich jetzt, was ich in Zukunft sagen kann“, gab er leise zu.
„Jap“, sagte Genesis zustimmend. Er beugte sich zu Sephiroth vor, der die Geste ganz automatisch nachahmte. Genesis‘ Ton wurde verschwörerisch. Nur sie beide konnten hören, was er als nächstes sagte. „Und warte nur, bis ich dir andere Gerichte beibringe, die du dir wünschen kannst.“
Sephiroths Mundwinkel zuckte. „Kann’s kaum erwarten.“ Sein Puls beruhigte sich endlich, als Mary sich mit ihrer Tasse neben Genesis zu ihnen setzte. Sephiroth drückte den Rücken durch, trennte seine Hände von Genesis‘, um sich auf der Kücheninsel aufzustützen. Sein Blick streifte das geschlossene Buch vor ihm. Die andern beiden verfielen aber zunächst nur in ein Schweigen, eine Waffenruhe, der er nicht recht traute. Stumm schaute er zwischen seinem Buch und Genesis hin und her, strich über das Cover. War das Gespräch zum Thema Abendessen beendet? Genesis aber hatte sich nur seiner Mutter zugewandt.
„Wo krieg ich auch so einen?“, fragte er mit einem Nicken in Richtung ihres Kaffees.
Und Mary, die eben noch mehrere mühevolle Minuten damit verbracht hatte, aus Sephiroth herauszukitzeln, was er essen wollte, antwortete: „Da, wo ich den hier auch her hab – aus der French Press neben der Spüle.“
Sephiroth beobachtete, wie Genesis‘ Haltung sich vollkommen änderte: Er rückte näher an seine Mutter heran und versuchte, sie von unten her anzuschauen – soweit dies möglich war, wo er seine Mutter doch um einen Kopf überragte. „Aber ich bin doch hier Gast“, sagte er in einer langgezogenen Art, vor allem auf dem Wort „Gast“, die Sephiroth von ihm noch nie gehört hatte. Oder überhaupt noch nie. Der Ton wirkte auf ihn fast ... weinerlich.
„Freundchen, das hättest du wohl gerne“, entgegnete Mary nur unbeeindruckt.
„Gast ... im Hotel Mami?“, sagte Genesis, nun so gut wie an seine Mutter geschmiegt. Sephiroth beobachtete die beiden nur ungläubig. Doch eigentlich war ihm fast nicht danach, so genau hinzuschauen.
„Du provozierst mich nicht.“
„Bitte?“
„Genesis Rhapsodos, du wirst jetzt aufstehen und dir selbst einen Kaffee machen. Und frag deinen Freund am besten, ob er auch was haben will.“
Sephiroth schürzte die Lippen. Nicht diese Frage schon wieder.
„Ist ja gut.“ Genesis gab nach, nun wieder in seinem üblichen Ton. Der SOLDAT Erster Klasse war der Befehlshaberin dieser Küche gewichen. Die Hierarchie war klar. Genesis erhob sich, wenn auch vielleicht etwas widerwillig. „Und ich muss gar nicht fragen.“
„Oh, ich vergaß, du kannst Gedanken lesen“, versetzt Mary, während Genesis bereits am Wasserkocher und der French Press angekommen war. Sephiroth nahm das zum Anlass, endlich sein Buch aufzuschlagen. Er vergrub sich dahinter, Genesis drehte das Wasser auf. Das Kapitel über die Phalanx wollte sich ihm jedoch noch nicht so recht erschließen, die Buchstaben stellten nur langsam scharf, da erschien vor ihm ein großes Glas Wasser. Sephiroth schaute von seinem Buch auf. Genesis hielt ihm das kühlende Nass hin.
„Du hast heute noch gar nichts getrunken“, sagte er. Sephiroth nahm das Glas entgegen.
„Danke.“ Das Buch lag nun aufgeschlagen vor ihm, während er Genesis beim Kaffeekochen beobachtete: Wie er das Kaffeepulver aufgoss, ziehen ließ, den Stempel der French Press nach unten drückte und nach ein paar weiteren Minuten den Kaffee über einen zusätzlichen Filter in eine Tasse goss. Er sah ihm dabei nicht zum ersten Mal zu. Sein Glas stand in all der Zeit unangetastet neben ihm, bis Genesis sich wieder zu ihnen an die Kücheninsel gesetzt hatte. Erst als Genesis an seinem Kaffee nippte, setzte auch Sephiroth das Wasserglas an und, nachdem er mit nur einem Schluck festgestellt hatte, was für einen Durst er eigentlich hatte, leerte es in einem Zug. Genesis zwinkerte ihm zu.
„Das ist so viel besser“, sagte Genesis, sich mit dem Kaffee vorlehnend.
„Und umso mehr, wenn man den Kaffee selber gemacht hat“, versetzte Mary umgehend.
„Du provozierst mich nicht“, gab Genesis zurück, Shakespeare wieder aufschlagend und vereinzelt an seiner Tasse nippend. Auch Sephiroth, vor dessen Augen sich die Buchstaben endlich wieder angeordnet hatten, nahm seine Lektüre an alter Stelle auf, als Mary erneut das Wort an ihn richtete.
„Was hast du für dich gefunden, Schatz?“ Sephiroth, nun in dem Wissen, dass er angesprochen war, klappte das Buch erneut zu und hielt es ihr hin. „Huh“, machte seine Schwiegermutter daraufhin. „Hast du nichts Unbeschwerteres gefunden?“
Er zog das Buch instinktiv wieder zu sich zurück, die Finger fest darum schließend. „Warum? Ist das ... falsch? Es kommt doch aus eurer Bibliothek.“
„Oh Gott, nein, es ist nicht falsch“, sagte Mary gestikulierend. Sie beschaute sich den Titel noch einmal. „Ich wusste gar nicht, dass wir das haben.“
„Nicht?“, brachte Sephiroth nur zustande.
„Nein, ich hab doch nicht alles gelesen, was da steht – ich kenn nicht mal alles, was da steht.“
„Oh“, war erneut alles, was Sephiroth dazu einfiel. Die Familie hatte sich all das verfügbare Wissen in ihrem Haus also nicht einverleibt?
„Bücher werden vererbt, geschenkt, gesammelt, mit dem besten Intentionen gekauft“ – Sie warf Genesis einen offenbar vielsagenden Blick zu, der diesen zu verstehen schien – „und bleiben dann doch stehen. Ich hätte nur gedacht, dass du in deiner Freizeit vielleicht ... was anderes machen möchtest?“
„Ha, Freizeit“, meldete sich Genesis von hinter seinem Buch. Er blätterte um. „Warum sprichst du nicht gleich ‘ne Fremdsprache?“
In Sephiroths Kopf hatte sich der Lärm gelegt. Er dachte über eine Antwort nach. „Weißt du“, sagte er an seine Schwiegermutter gewandt. Er bekam das Gefühl, dem Grund des Problems näherzukommen. „Ich glaube, dass ich bei euch sowieso viel lerne – Sachbücher hin oder her.“ Und als Genesis in seinen Kaffee schmunzelte, entschied Sephiroth, sich nicht angegriffen zu fühlen. Sich nicht provozieren zu lassen.
Zu Besuch Im Hause Rhapsodos: Mit Liebe Gekocht
Sephiroth lief auf dem Weg in die Bibliothek, um sein Buch zurückzulegen, auch an der Küche vorbei, wo Ergin hörbar zugange war. Prompt rief der ihn rein. Sephiroth blieb ratlos im Türrahmen stehen. Er konnte sich nicht ganz vorstellen, was der erfahrene Koch von ihm wollen konnte. „Du hast gerufen?“
„Ja, jetzt komm rein“, rief ihm Ergin über die Schulter vom Herd aus zu. Er wirkte auf Sephiroth eher aufgeregt.
„Warum?“, fragte der also, noch immer im Türrahmen.
„Du sollst probieren, jetzt komm her!“ Der Haushälter gestikulierte wild in Sephiroths Richtung, bevor er ihm einen Löffel hinhielt. „Na los!“
Sephiroth, das Buch noch immer in der Hand, bewegte sich langsam auf den Herd hinter der Kücheninsel zu. Ergin stand vor einem Herd mit mehreren dampfenden Töpfen; aus einem von diesen war die rote Flüssigkeit auf dem Löffel gekommen, der nun vor Sephiroths Gesicht schwebte. Es war ein Beweis für sein Vertrauen in Ergins Kochkünste, dass Sephiroth sich schließlich überwand, von dem Löffel zu probieren.
„Heiß!“, war das erste, was er daraufhin herauswürgen konnte.
„Ja, gut, kommt ja auch grad aus dem Kochtopf“, sagte Ergin unbeeindruckt. Er warf den Löffel in die Spüle und nahm eine lange blaue Packung zur Hand. „Aber ansonsten?“
Sephiroth zerdrückte die Flüssigkeit in seinem Mund und versuchte, irgendetwas dazu zu sagen. Der Eindruck überforderte ihn in erster Linie: Das Prickeln auf seiner Zunge, das Stechen der Säure, die Aromen, die er nicht kannte, die sich eigentlich erst zeigten, als er schon geschluckt hatte. Ergin schaute ihn noch immer an. Er erwartete ein Urteil. „Keine Ahnung“, gab er ehrlich zu. „Viel?“
Ergin schaute ihn missbilligend an. „Mary!“, rief er Genesis‘ auch gerade vorbeilaufender Mutter zu. „Du musst in Zukunft deine Gäste besser erziehen!“
„Was?“, fragte Mary, als sie in die Küche kam. Sephiroth gefror. Jetzt war es passiert. Er hatte den Fehler gemacht. Er hatte Ergin beleidigt. Ergin, der immer nur gut zu ihm gewesen war. Ergin, der um fünf Uhr morgens sein Frühstück mit ihm teilte. Bei dem er immer Zuflucht finden konnte: Ob Ergin gerade in der Küche, beim Wäschesortieren oder beim Bügeln war. Und nun hatte er seine Kochkünste infrage gestellt. „Was ist passiert?“
„Ich geb ihm meine geniale Auberginen-Tomatensauce, und alles, was ihm dazu einfällt, ist ‚viel‘“, beschwerte sich Ergin bei Mary. Sephiroth trat, die Arme über seinem Buch verschränkt, ein paar Schritte zurück. Mary seufzte.
„Seph, sei nicht traurig“, sagte sie zu ihm. „Er wollte nur einen Witz machen.“
„Oh Gott, ja, natürlich!“ Ergin wirbelte von seinem Herd herum. „Seph, was dachtest du denn? Ich wollte dich nur ein bisschen auf dem Arm nehmen.“
Sephiroth wandte den Blick ab. Er kam sich unglaublich dumm vor. Natürlich war es nur ein Witz. Würde das Haus Rhapsodos jemals kein Spießrutenlauf mehr für ihn sein? Als Mary versuchte, ihn an der Schulter zu berühren, schüttelte er sanft ihre Hand ab. Er wollte ihr Mitleid nicht.
„Und du“, wandte sie sich daraufhin zurück an Ergin, der den Deckel von einem großen Topf genommen hatte, „nimmst in Zukunft mehr Rücksicht auf Familienmitglieder, klar?“
„Ja, ist ja gut.“ Er nahm nun die lange blaue Packung zur Hand. Sephiroth bemerkte ihre Wortwahl nur am Rande.
„Ach? Machst du heute gar keine Penne?“, fragte Mary.
„Die hatten heute nur Spaghetti“, erklärte Ergin. Er leerte die Packung in den Topf und setzte den Deckel wieder darauf.
„Ach, du Armer, gab es nicht deine Lieblingspasta?“ Ergin zuckte nur die Schultern. Marys Blick fiel zurück auf Sephiroth. „Weißt du, was? Am besten, du suchst Genesis und ihr deckt zusammen schon mal den Tisch, Essen ist gleich fertig.“
„Ja, das kann ich erledigen.“ Dankbar für den Auftrag verließ Sephiroth die Küche.
Schließlich saß Sephiroth am Abend zusammen mit der Familie – Genesis neben ihm, Mary und Ilias jeweils an den Tischenden – um den gedeckten Holztisch herum, als Ergin mit der gigantischen Servierschale hereinkam und sie abstellte. Auf Sephiroth wirkte der dampfende Inhalt nun wie ein rotes Schlachtfeld, das das monströse Muster des Geschirrs ersetzte; der Rest der Familie reagierte jedoch begeistert.
„Seph, dein Teller“, sagte Ergin.
„Oh, ja.“ Sephiroth beeilte sich, Ergin den Teller zu reichen. Das hatte er hier bereits erlebt. Bereits gelernt. Endlich gab es etwas Gewohntes. Das Essen stand in der Mitte des Tisches und Ergin tat allen nacheinander auf – nicht dem Hausherren zuerst, sondern dem Gast, und dann im Uhrzeigersinn um den Tisch herum zuerst Mary, dann Ilias und Genesis. Als Sephiroth das erste Mal im Hause Rhapsodos gegessen hatte, hätte er erwartet, dass Ergin sich dann zurückzog, doch er tat sich zuletzt etwas auf und setzte sich dann ihm und Genesis gegenüber an die andere lange Tischseite.
Sephiroth nahm seinen Teller wieder entgegen, stellte ihn auf dem Tisch ab und sah sich dann darauf um. Neben der großen Servierschale standen noch Schüsseln mit hellem und dunklem Inhalt, den er nicht erkannte. Er suchte allerdings vielmehr ein Messer, doch Genesis hatte neben die Teller ausschließlich Gabeln gelegt. Niemand sonst schien sich über das Besteck zu wundern. Sephiroth seufzte innerlich. Für seinen Geschmack hatte er mit seinem Unwissen bisher genug Aufmerksamkeit – und Spott – auf sich gezogen.
Kaum waren alle Teller gefüllt und verteilt, verkündete Ergin: „Ach, ich hab den Wein vergessen.“
„Oh, in der Tat“, bemerkte Mary, als wäre es ihr auch eben erst aufgefallen.
Ergin bewegte sich in Richtung der Vorratskammer. „Tomatensauce war ... Pinot Noir?“, fragte er im Weggehen.
„Richtig“, bestätigte Ilias. Sephiroth betrachtete ihn. Dieser Mann, der Genesis so ähnlich sah, war ihm offenbar auch darin ähnlich, auf Fehler entspannt zu reagieren. Oder speicherte er die Information nur für später ab?
Genesis beugte sich zu Sephiroth. „Siehst du, ein Fehler passiert, und niemand stirbt“, murmelte er ihm zu. Sephiroth rollte ein wenig mit den Augen. Er hatte es ja verstanden.
„Hey“, sagte er stattdessen leise. Genesis beugte sich noch näher zu ihm. „Also ... Ich hab so was noch nie gegessen und, ähm ... weiß nicht, wie das geht?“
„Oh ja, klar, kein Ding“, sagte Genesis sofort. Er machte Anstalten, nach Sephiroths rechter Hand zu greifen. „Ich zeig dir das. Nein, Sekunde – du bist Linkshänder.“ Ja, ein verdammter Linkshänder war er auch noch. Er spürte Ilias‘ Blick auf sich. „Also, du nimmst eigentlich einfach nur die Gabel und fängst damit ein paar Nudeln – das ist schon ein bisschen zu viel, weniger – genau – und dann drehst du sie am Tellerrand ein. Bis so ein Nest entsteht. Genau. Und dann“ – Er hob die Stimme ein wenig – „wenn der Haushälter wieder da ist“ – Er wandte sich wieder Sephiroth zu – „einfach in den Mund stecken. Aber ich warn dich vor, es ist kein sehr elegantes Essen.“
Gerade als Sephiroth das Gefühl hatte, den ziemlich wortwörtlichen Dreh rauszuhaben, kehrte Ergin mit zwei Flaschen Wein zurück, die er an Mary, Ilias und schließlich – wenn auch widerwillig – an Genesis verteilte. Er setzte sich und endlich konnte sich Sephiroth an den Nudeln probieren. „Nicht so krampfhaft“, flüsterte ihm Genesis sanft zu. „Mit Gefühl. Aus dem Handgelenk. Wie wenn du eine schöne Frau anfasst, weißt du?“
Sephiroth erstarrte in der Bewegung. Genesis‘ Lippen zitterten. „Das war ein Witz, richtig?“ Genesis nickte.
„Gut erkannt, ich bin stolz auf dich.“
Sephiroth versuchte es weiter mit dem Aufrollen, konnte sich aber noch nicht so recht vorstellen, was mit dem entstandenen Knäuel – Nest, hatte Genesis es genannt – dann passieren sollte. Verstohlen schaute er sich am Tisch um. Mary hatte sich genießerisch ihrem Teller zugewandt. Ilias befand sich nun im Gespräch mit seinem Haushälter – über die Weinpanne? Oder würde Ergin ihn über Sephiroths Patzer in der Küche informieren? Er sah Ergin nur nicken. „ ... wenn wir uns morgen die Plantage anschauen. Und für Montag brauche ich den guten Anzug. Hast du schon –“
„Was ist das?“, fragte Sephiroth Genesis leise mit einem Nicken in Richtung der kleinen Schüsseln auf dem Tisch. Genesis schluckte hinter vorgehaltener Hand und folgte Sephiroths Blick.
„Nur Käse und Oliven“, sagte er. Sephiroth konnte nicht mehr sagen, zum wievielten Mal an diesem Tag er sich dumm fühlte. „Das hast du schon mal gesehen.“
„Ja, weiß ich ...“, sagte er seufzend.
„Weißt du, ich glaube, du traust dir zu wenig zu“, sagte Genesis nachdenklich. Sephiroth sah ihn nur deswegen genau an, um sich abzuschauen, wie man diese Nudeln – Spaghetti, so hießen sie doch – nun eigentlich aß. Genesis hatte recht, wirklich elegant war es nicht. Er war nun wirklich das Gegenteil von tollpatschig; dennoch konnte sich Sephiroth kaum vorstellen, diesen Vorgang unfallfrei imitieren zu können.
„Also, Jungs“, sagte Ilias, nun an sie beide gewandt. „Was habt ihr heute denn den ganzen Tag so getrieben?“
Sephiroths Gabel fiel klappernd – ohrenbetäubend – in den Teller, und sein Herz blieb bei dem Lärm fast stehen. Er wagte es nicht, sich am Tisch umzusehen, was für Blicke er erntete. Während er die Gabel wieder zur Hand nahm, heftete er seine Augen fest auf den noch immer unberührten Teller. Da spürte er Genesis‘ Finger sanft an seinem Knie. „Alles gut“, sollte das heißen. „Ich weiß“, wollte Sephiroth sagen. „Fragen sind keine Fallen“, wollte er sagen.
„Nichts weiter eigentlich“, antwortete Genesis seinem Vater. „Ein paar Bücher gewälzt. Wie sieht’s auf der Plantage aus?“ Und so entstand ein Frage-Antwort-Spiel, von dessen Leichtigkeit Sephiroth fasziniert war. Niemand schien über Fragen länger als Sekundenbruchteile nachzudenken. Niemand schien davon auszugehen, dass eine Frage irgendetwas ... anderes implizierte. Sahen sie es nicht? Spürten sie es nicht? Oder ... war da wirklich nichts? Dabei führten sie unbekümmert die Gabeln zum Mund, schlürften die Spaghetti regelrecht. Sephiroth sah Tropfen der Sauce – Ergins „geniale“ Auberginen-Tomatensauce – auf das Tischtuch fallen. Und niemanden ... kümmerte es?
„Und wann fahrt ihr eigentlich wieder zurück?“, fragte Ilias schließlich. Und vielleicht ... vielleicht wollte er sie nicht loswerden, sondern ... sondern was? Wenn er ihnen nichts Böses wollte, wie Sephiroth nun meinte gelernt zu haben, was wollte er dann? Vielleicht ... einfach nur wissen, wann sein Haus wieder leer sein würde? Diese Information konnte Sephiroth ihm anbieten.
„Morgen Abend“, sagte er, ohne groß darüber nachzudenken. Genesis warf ihm einen Seitenblick zu. „Richtig?“
„Ja, ja“, sagte Genesis schnell. Er griff nach seinem Weinglas. Er schaute Sephiroth beschwörend an. „Ich hoffe nur, dass du heute Abend aufrichtig stolz auf dich selbst bist.“
„Ich hoffe, du bist stolz auf dich!“, hallte es einen Moment in Sephiroths Kopf wider. Und für einen Moment schnellte sein Puls hoch, sein Mund wurde trocken. Aber Genesis klang ganz anders, wenn er es sagte. Sephiroth mochte nicht immer alles verstehen, was in diesem Haus gesprochen wurde, überlegte er, während er mit dem Blick wieder auf seinen Teller zurückkehrte. Aber er mochte diese Familie, und irgendwie würde er hier schon reinwachsen. Während die andern ihre Gespräche fortführten, beugte sich Sephiroth diskret zur Ergin vor. „Sag mal“, fing er mit einem Nicken in Richtung der Teller an, während er endlich seine Gabel zur Hand nahm mit dem Ziel, wirklich von dem Essen zu probieren, „was ist das, was wir hier schmecken?“
Ergin schaute ihn über den Rand seines Wasserglases hinweg an. „Du meinst – außer ‚viel‘?“
„Ja“, gab Sephiroth seufzend nach. „Außer ‚viel‘.“
Ergin beobachtete ihn einen Moment lang, als würde er über seine Antwort nachdenken. Dann setzte er das Glas ab und beugte sich ebenfalls zu Sephiroth vor. „Also ...“
Kleine Hommage
Es war nicht so, dass Genesis Sephiroth vermisste, keineswegs. Nein, vermissen tat er ihn nun wirklich nicht. Was gab es auch an Sephiroth zu vermissen? Höchstens seine grünen Augen, aus denen zu jeder Tages- und Nachtzeit der Schalk hervorblitzte; oder seinen Humor, mit dem er mit jeder von Genesis‘ Launen umzugehen wusste; oder seine große, schlanke, muskulöse Statur; oder seine liebevolle, wenn auch sehr anhängliche Art; oder seinen zärtlichen Blick, mit dem er jedes „Ich liebe dich“, das er laut aussprach, unnötig machte; oder seine naive Ehrlichkeit und Unerfahrenheit, mit der er Genesis immer wieder erheiterte; oder seine Lippen, die sich zu einem katzenhaften Lächeln verziehen konnten; oder die Tatsache, dass Sephiroth sich hervorragend als Kissen missbrauchen ließ.
Alles in allem, nein, er vermisste Sephiroth ganz und gar nicht. Trotzdem würde Genesis ihm bei seiner Rückkehr seine Meinung darüber unterbreiten müssen, wie lange es für einen General zu dauern hatte, ein paar Reaktoren zu überprüfen.
Five Kisses: Kiss Goodbye
„Sephiroth Crescent, ich kenne dich seit fast neun Jahren, was verschweigst du mir?“
Sephiroth seufzte. So sehr er Rufus‘ Drohung von Genesis hatte fernhalten wollen, er musste zugeben, das Vorhaben war naiv gewesen. Also hatte er keine andere Wahl, als ihm davon zu erzählen. „Hat er jetzt vollkommen den Verstand verloren?“, fragte Genesis. „Und du? Findest es in Ordnung, Cloud von seiner Familie zu trennen?“
Der Gedanke war ihm natürlich auch schon gekommen. Und er wusste mittlerweile auch, was daran nicht stimmte. „Wäre es dir lieber, wenn ich es dir umgekehrt erzählt hätte?“ Hätte er Genesis bereitwillig opfern sollen, wenn ihnen nicht einmal garantiert war, dass Rufus Cloud dann in Ruhe lassen würde?
Genesis starrte ihn daraufhin fassungslos an. „Fuck you, Crescent“, spie er, als er seine Stimme wiedergefunden hatte. „Nein, natürlich nicht.“
Genesis wich in Richtung der Tür zurück, bis er sie mit dem Rücken berührte, das Gesicht in seinen Händen vergraben. Ein Schluchzer entkam ihm, und Sephiroth bewegte sich augenblicklich auf ihn zu, eine Hand erhoben, um sie sanft an seinen Arm zu legen, doch Genesis sagte: „Fass mich nicht an.“
„Was, und ich soll dir einfach beim Weinen zusehen?“, fragte Sephiroth, verharrte allerdings bewegungslos. Genesis sagte nichts, doch sein Kopf ruckte auf eine Art, die wohl „Von mir aus“ bedeuten sollte, und Sephiroth, eine Hand an Genesis‘ Taille, zog ihn zu sich, zog diesen Mann endlich zu sich, von dem er nicht eine Sekunde getrennt sein wollte.
„Also, entweder wir“, sagte Genesis, während Sephiroth sich verzweifelt an ihn drückte, das Gesicht an Genesis‘ Halsbeuge, „oder Clouds Familie?“
„Nach Rufus‘ krankem Nullsummenspiel, ja“, sagte Sephiroth, Genesis fest, aber sanft in seinem Griff, und nun schlangen sich auch Genesis‘ Arme um seinen Nacken. Schon im nächsten Moment tauschten sie Küsse aus, so leidenschaftlich, wie schon lange nicht mehr, und vor schwerer Atmung berührten sich ihre Lippen dabei dennoch kaum. Genesis, offenbar noch unentschieden, zog Sephiroth bald näher zu sich, stemmte bald eine Hand gegen dessen Brust, ohne ihn jedoch wirklich wegzustoßen. Ihre Uniformen landeten auf dem Boden, ihre Körper auf dem Bett, Sephiroth zwischen Genesis‘ Schenkeln, eine Hand an ihren Körpermitten.
Entladen wie ein Sommergewitter, sank Sephiroth kurze Zeit später neben Genesis aufs Bett, wandte sich ihm nur halb zu, die Augen nur noch halb geöffnet. Noch keuchend, verharrte Genesis eine Weile auf dem Rücken, ehe er sich, den Kopf auf die Unterarme gestützt, auf den klebrigen Bauch drehte, den Blick Sephiroth zugewandt, und der konnte ihn auch ohne Worte lesen: Was hast du mir nur angetan?
Sephiroth streckte eine Hand aus, um Genesis durchs Haar zu streichen, doch der setzte sich unbarmherzig auf. „Bleib du liegen“, wies ihn Genesis an. „Du bist schon den ganzen Tag übermüdet. Ich schaue, was sich richten lässt.“ Und er nahm ein Taschentuch vom Nachttisch zur Hand, entfernte ihre Liebe von seinem Bauch und schlüpfte wieder in seine Uniform. Erneut streckte Sephiroth eine Hand nach ihm aus. Genesis bedachte ihn mit einem irritierten Blick.
„Ein Kuss?“, fragte Sephiroth. Aber Genesis betrachtete ihn nur vernichtend.
„Das glaubst du doch wohl selber nicht“, sagte er düster. „Schlaf ein bisschen. Ich kümmer mich schon um Cloud.“ Er verließ das Zimmer, ließ die Tür hinter sich halb geöffnet und Sephiroth, überwältigt von Müdigkeit, emotionaler Erpressung und schließlich auch von ihnen selbst, schloss für einen Moment die Augen.
Naschkater
Sephiroth lehnte sich ruhig ausatmend weiter auf den weichen Laken seines Betts zurück und verschränkte entspannt die Arme hinter dem Kopf. Was ihn anging, so war er für den Moment zufrieden und darüber hinaus auch etwas schläfrig. Hinzu kam der herrliche Anblick, der sich ihm bot. Auf seinem Gesicht mochte sich ein schiefes Lächeln ausgebreitet haben, er hatte nur Augen für seine bessere Hälfte, die ohne Hemd und ohne Hose vor dem Spiegel stand und ihm dabei den Rücken zuwandte.
Sephiroth gefiel Genesis‘ Rückansicht. Das kupferrote Haar war gerade lang genug, um einen Nacken zu verdecken, der Sephiroth schon so oft so einladend vorgekommen war, über die Schultern hatte er unzählige Male seine Fingerspitzen tanzen lassen, die helle Haut zog sich weich weiter nach unten, bis Sephiroths Blick an Genesis‘ Unterhose hängen blieb. Aber Sephiroth kannte seinen Gatten auch so gut genug. Laufen war schon immer seine beste Disziplin gewesen – entsprechend schlank und ansprechend waren Genesis‘ Beine ...
Sephiroths Blick kehrte zurück zu Genesis‘ Gesichtsausdruck. Mit gerunzelter Stirn musterte der seine eigene Frontansicht im Spiegel. Sephiroth richtete sich in eine sitzende Position auf und warf an Genesis vorbei einen Blick in den Spiegel. Zwar hatte er immer noch einen stolz erhobenen Ausdruck im Gesicht, doch keine Frage, dass sich unter einem schlanken Hals langsam eine dünne Speckschicht über die einst so fein definierte Oberkörpermuskulatur legte, die ein etwaiges Sixpack nur noch erahnen ließ. Sephiroth erahnte die Bestürzung, mit der Genesis seinen sich verändernden Körper betrachtete. Er startete einen Versuch, Genesis etwas aufzumuntern. „Du weißt, laut Statistiken nehmen Menschen in Beziehungen zu.“
Der vernichtende Blick, den Genesis ihm daraufhin über die Schulter zuwarf, hätte ihn in früheren Zeiten sicherlich zusammenschrumpfen lassen, aber nun grinste Sephiroth nur schelmisch zurück. Seufzend setzte sich Genesis zu ihm aufs Bett; er ließ den Kopf hängen. „Vielleicht ...“, setzte er an, ohne Sephiroth dabei anzusehen, „sollte ich das Training doch wieder aufnehmen.“
„Auch wir werden nicht jünger“, pflichtete Sephiroth ihm nickend bei. Genesis warf ihm erneut einen tödlichen Blick zu, ließ diesmal allerdings auch ein Lächeln dabei vermuten. „Und nur ganz vielleicht ... müssen es auch nicht immer die Süßigkeiten und die Chips sein?“ Sephiroth konnte Genesis‘ hierauf folgenden Blick kaum deuten. War er ihm böse? Dachte er darüber nach?
„Vielleicht ...“, gab Genesis nach einer Weile zu, wieder ohne Sephiroth anzuschauen.
„Aber du weißt, mir ist es im Grunde gleich“, fiel es Sephiroth zu sagen ein. Möglicherweise hatte Genesis schon die ganze Zeit darauf gewartet, eben dies zu hören. Jedenfalls ging sein Blick skeptisch an Sephiroth auf und ab. Er sah selbst an sich herunter. Zugegeben, aus seinem Mund mochte eine solche Aussage seltsam klingen, immerhin hatte er kaum ein Gramm Fett am Körper und seine eigenen Schultern waren deutlich breiter als Genesis‘. Aber für ihre Beziehung war es ihm nun wirklich nicht wichtig, wie trainiert Genesis‘ Oberkörper war. Vielleicht war es eine gute Idee, ihm das zu zeigen. Sephiroth beugte sich sehr nah zu Genesis herüber, bis sie sich tief in die Augen blickten und nur noch Millimeter voneinander entfernt waren. „Ich werd schon dafür sorgen, dass du an nichts anderem knabberst als an mir.“
Genesis wirkte belustigt. „Oh, Seph, so kenn ich dich ja gar ni... – hmpf!“
Diät? Päh!
Sephiroth wollte eigentlich gar nicht wissen, wie spät es war, als er nach Hause kam; Fakt war, dass es sehr spät sein musste. Trotzdem zeigte ihm die Uhr gegenüber der Tür erbarmungslos „02:37“ an. Generell war es nicht gerade sein Tag gewesen.
Der Luftzug ließ die Wohnungstür laut zuschlagen; die Schlüssel fielen klappernd zu Boden, statt auf dem Flurschrank liegen zu bleiben; er brauchte drei Anläufe, um seinen Mantel aufzuhängen. Kurz überlegte er, ob er betrunken war, bis ihm einfiel, dass er keinen Tropfen Alkohol angerührt hatte.*
Was ihn allerdings wirklich wunderte, war, dass Genesis noch nicht angelaufen gekommen war. So wandte er sich nach links, durchquerte den kurzen Flur und öffnete die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Das Licht der Lampe auf dem Nachttisch brannte noch.
Genesis lag mit dem Rücken zur Tür im Bett und schlief. Als Sephiroth um das Bett herumging, sah er, dass sein Mann** den Arm um irgendeine Tüte Süßigkeiten gelegt hatte. Lächelnd machte er das Licht aus und nahm Genesis die Tüte ab; während er sich die Tüte näher ansah – Krokant mit Pralinenschokolade umhüllt –, wachte Genesis langsam auf.
„Typisch“, meinte er, als sich Genesis‘ Blick auf ihn richtete, „ich komme nach Hause, mache einen Haufen Lärm, knipse das Licht aus und du schläfst weiter. Aber kaum versuche ich, dir deine Schokolade wegzunehmen, wachst du auf.“
Genesis brummte schlaftrunken. Übergehend, was Sephiroth gesagt hatte, fragte er: „Wo warst du überhaupt so lange?“
„Na ja …“, setzte er an, doch sein Liebster unterbrach ihn schon.
„Ist ja auch egal. Lass die Schokolade hier und scher dich auf die Couch.“
„Bitte?“, fragte Sephiroth perplex.
„Du bist für heute Nacht aus dem Bett verbannt. Hau bloß ab.“ Langsam tröpfelte in Sephiroths Hirn ein, dass das die Bestrafung dafür sein musste, dass er so spät nach Hause gekommen war, ohne Bescheid zu sagen. Da er Genesis‘ Launen und seinen Sturkopf kannte, war ihm klar, dass es das Beste war, zu tun, was Genesis ihm sagte, und die Nacht auf der Couch statt im Bett bei seiner Liebe zu verbringen.
Er legte noch schnell seine Kleidung ab, Genesis machte es sich wieder im Bett gemütlich. Sephiroth war gerade wieder auf dem Weg durch den Flur, diesmal zum Wohnzimmer mit dem Sofa, da hörte er Genesis rufen: „Seph?“
„Hm?“, antwortete er zum Zeichen, dass er zuhörte.
„Komm mal wieder her, die Schokolade isst sich nicht von alleine.“ Erleichtert seufzte er auf. Beinahe hatte er befürchtet, es sich mit Genesis verscherzt zu haben – für eine Nacht, den folgenden Tag, eine Woche – Genesis war unberechenbar.
Mit dem Gefühl, endlich wirklich zu Hause angekommen zu sein, ging er ins Schlafzimmer und legte sich zu Genesis unter die Decke. Eine Weile lagen sie schweigend Arm in Arm, Genesis dabei, sich über die Pralinen herzumachen.
„Warst du nicht auf Diät?“, fragte Sephiroth, sein Recht, im Bett schlafen zu dürfen, aufs Spiel setzend. Die Tüte schien ihm bereits zur Hälfte geleert.
Genesis nahm die Tüte unter die Lupe. „Hat nur dreiunddreißig Prozent Fett“, meinte er trocken.
„Na ja, gut, mir ist es egal …“ Er küsste Genesis auf die Stirn. „Ich weiß nicht, ob ich’s dir schon mal gesagt habe, aber ich liebe dich so oder so.“
Man lernt nie aus
Plötzlich fiel Sephiroth so vieles an Genesis auf.
Sein Freund – streng genommen ja nun auch sein Verlobter – sprach fließend und vor allem akzentfrei Portugiesisch. Nach näherem Erkunden erfuhr er, dass Genesis in Banora von klein auf von einem Muttersprachler unterrichtet worden war. Nun hatte sich für ihn die Frage, warum Genesis sich ausgerechnet für Lissabon entschieden hatte, wenigstens erledigt.
Außerdem bemerkte Sephiroth, dass Genesis zwar rote Haare, blaue Augen und blasse Haut hatte – jedoch keine Sommersprossen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war es ihm nie in den Sinn gekommen, den Genesis zu hinterfragen, den er vor fast zehn Jahren kennengelernt hatte. Jetzt, wo sie so oft im strahlenden Sonnenschein unterwegs waren, stellte sich ihm die Frage über Genesis‘ Haut auf einmal wie selbstverständlich. Dieser erklärte Sephiroth, dass das Mako seine Sommersprossen, die er in der Tat gehabt hatte, nach und nach hatte verschwinden lassen – und dass er absolut nichts dagegen einzuwenden hatte.
Doch es war etwas anderes, was ihn am meisten verblüffte, und es dauerte eine ganze Weile, bis es ihm überhaupt klar wurde. Nun kannte er Genesis schon so lange – trotzdem hatte er seinen Liebsten noch nie so viel lächeln und lachen sehen. Vor allem während ihres täglichen Aufenthaltes am Strand und bei regelmäßigen Besuchen der Confeitaria Nacional* war Genesis besonders ausgelassen. Nicht, dass er in den letzten Jahren immerzu eine Schnute gezogen hätte – aber seine Mundwinkel hatten sich tatsächlich selten nach oben verzogen.
Doch ob beim Überwinden der vielen Hügel mit der Tram**, auf der Praça do Comércio*** oder bei einem guten Stück vom iberischen Schwein****, sein Blick war nun immer mit einem sanften Lächeln verbunden.
Ja, plötzlich fiel Sephiroth auf, dass Genesis sich in den acht Monaten, während derer sie sich nicht gesehen hatten, sehr verändert hatte. Nun konnte er es kaum erwarten, nach Midgar zurückzukehren und die vielen nächsten Jahre auf sich zukommen zu lassen.
Papier
Sephiroth betrat mit Cloud die SOLDIER-Etage des Shin-Ra-Hauptquartiers in Midgar. Bevor er in sein Büro ging, wollte er noch sein Postfach überprüfen, in das er sich geschäftliche wie private Briefpost schicken ließ; er erwartete seine Gehaltsabrechnung. Doch als er das Fach öffnete, fand er nicht nur diese sowie Werbung von seinem Mobilfunkanbieter vor, sondern auch einen von Hand beschrifteten Umschlag, der in Banora abgestempelt worden war. Sephiroth glaubte, Genesis‘ Handschrift zu erkennen. Neugierig drehte er den Umschlag um. Es stand tatsächlich ihre Banora-Adresse darauf, bei der Genesis sich aufhielt, während Sephiroth zum Arbeiten in Midgar war.
Nichts Gutes ahnend suchte er den Blickkontakt zu Cloud, der seine eigene Gehaltsabrechnung nur kurz überflogen hatte. „Schau nicht mich so an“, sagte er, als er Sephiroths ratlosen Blick bemerkte. „Du hast den Brief in der Hand, nicht ich.“
Obwohl er sich nicht vorstellen konnte, was zur Hölle er verbrochen haben mochte, öffnete Sephiroth den Umschlag zutiefst beunruhigt. Dieser wirkte jedoch zunächst leer. Als er ihn näher inspizierte, fand er zwei Karten; er zog sie heraus. Es waren Theaterkarten. Sephiroth schaute erneut in den Umschlag, der nun allerdings wirklich leer war.
Und mit einem Schlag verstand er alles, als er das Datum auf den Karten entdeckte. Sephiroth steckte sie zurück in den Umschlag und reichte ihn Cloud, der ihn geduldig beobachtet hatte. Auch er inspizierte die Karten. „Nicht LOVELESS?“, fragte er.
„Du versteht nicht, oder?“, entgegnete Sephiroth, nun ganz erleichtert und gelassen.
„Nope“, räumte Cloud ein. Er händigte Sephiroth den Umschlag mit den Karten wieder aus.
Dieser seufzte. „Das ist unser Hochzeitstag.“
Cloud nickte verstehend. „Oh.“
„Das ist … Es ist so …“ Sephiroth suchte das richtige Wort, doch ihm fiel nichts Besseres ein als: „Es ist einfach so Genesis.“ Er sah Cloud an, dass dieser angestrengt ein Lachen zu unterdrücken versuchte. „Ich kann dir auch ganz genau sagen, wie dieser Tag ablaufen wird.“ Cloud begann langsam zu glucksen. „Irgendwann am Nachmittag wird er hier im Foyer auftauchen und wenn ich ihm dann über den Weg laufe, wird er mich gespielt vorwurfsvoll anschauen, so als ob wir seit Stunden verabredet wären“ – mittlerweile lachte Cloud ihn ganz offen aus – „und dann wird er als Entschädigung darauf bestehen, dass ich ihn zum Essen einlade. Natürlich wird er das Teuerste auf der Karte bestellen, egal, was es ist – er isst ja auch eigentlich fast alles.“
„Ach, ihr habt ja getrennte Konten, nicht?“, unterbrach ihn Cloud, der seinen schadenfrohen Lachanfall überwunden zu haben schien.
„Ja“, antwortete Sephiroth gereizt, „dieser Staat. Wir sind sogar verheiratet und dürfen nicht mal ein gemeinsames Konto haben.“
„Adoptieren dürft ihr auch nicht“, erinnerte Cloud ihn sensibel.
„Na, das sowieso nicht. Und es gibt keine Steuervorteile.“
„Hey, du solltest froh sein, dass du überhaupt wählen gehen darfst*“, meinte Cloud augenzwinkernd.
„Lustig“, sagte Sephiroth trocken. Dann nahm er den vorigen Gesprächsfaden wieder auf, während er erneut die Karten inspizierte. „Ich schätze, danach gehen wir schon in die Vorstellung. Und wenn ich es mir genau überlege – wir waren noch nie zusammen im Theater … Aber wie ich meinen Mann kenne, werde ich kein Wort sagen dürfen.“
„Dabei bist du doch so eine Plaudertasche“, meinte Cloud mit einer überraschend überzeugenden Unschuldsmine.
„Lustig“, sagte Sephiroth erneut. Nach einer kurzen Pause überlegte er laut: „Eigentlich hätte Genesis auch darstellerisches Talent.“
„Inwiefern das?", fragte Cloud skeptisch. Mit Genesis verstand er sich nicht wirklich gut.
„Na ja, er inszeniert so ziemlich jede Situation so, wie er sie haben möchte, das kann er sehr gut. Und er bekommt es ja sogar hin, obwohl es mir durchaus bewusst ist.“
„Normale Menschen nennen das manipulativ.“
„Wenn man es negativ ausdrücken möchte“, stimmte Sephiroth gezwungenermaßen zu. Er konnte nicht abstreiten, dass es nicht zu Genesis‘ positivsten Eigenschaften gehörte. „Und der restliche Verlauf des Abends bleibt fürs Erste offen …“
„Das will ich auch gar nicht so genau wissen“, sagte Cloud und verzog das Gesicht. „Ich sag dir seit Jahren, dass Frauen das einzig Wahre sind, mein Freund.“
„Was soll ich mit Frauen? Die können auch manipulativ sein.“
„Nein, Frauen wissen nur, was das Beste für uns ist.“
„Das kann auch nur ein Pantoffelheld sagen“, wandte Sephiroth ein.
„Zumindest habe ich zu Hause überhaupt irgendetwas zu sagen.“
„Ja, zum Beispiel: ‚Sehr gerne, Tifa, was immer du von mir verlangst, Tifa, natürlich springe ich von der Brücke, Tifa‘.“
„Ach, komm“, winkte Cloud ab, „du hast es nicht drauf, Crescent – ach nein, deinen Nachnamen hast du ja auch noch abgegeben.“
Sephiroth sah auf seine imaginäre Armbanduhr. „Um zwei auf Etage 49?“, fragte er.
„Naa, lass mal. Zum Duell trete ich nur gegen echte Männer an.“
Sephiroth lachte. „Dann um halb eins beim Essen?“
„Klingt besser.“ Sie verabschiedeten sich.
Sephiroth schaute nach diesem freundschaftlichen Schlagabtausch erneut auf den Umschlag in seiner Hand; diesmal breitete sich ein liebevolles Lächeln auf seinem Gesicht aus. Auch wenn Genesis die Angewohnheit hatte, sich über Sephiroth hinwegzusetzen – so musste er doch zugeben, dass er sich nun besonders auf seinen ersten Hochzeitstag freute.
Valentinsbonus: Papier Teil 2
Genesis war nervös. Er war es nicht oft. In den Spiegel hatte er schon unzählige Male geblickt. Trotzdem fasste er sich schon wieder ins Haar und legte eine Strähne nach links, nur um sie doch wieder nach rechts zu legen, wo sie hergekommen war. Er zupfte an seinem Hemd, zog die Hose ein Stück nach oben, nur um sie wieder nach unten zurückzudrücken. Er trat sehr nahe an den Spiegel heran; seine Gesichtshaut war genauso, wie sie schon vor zwanzig Sekunden gewesen war, der Hals war auch ansehnlich. Natürlich nur vom Nahen; er pflegte seine Hemden ordentlich zuzuknöpfen. Jemand anders als sein Mann brauchte seine Haut nicht zu sehen.
Ein Blick auf sein Handy verriet ihm, dass es Zeit wurde. Er atmete noch einmal tief durch, schulterte seinen kleinen Rucksack mit einem Buch und zwei Äpfeln darin, öffnete die Tür und trat hinaus in den Hausflur. Den Weg von ihrer Wohnung in Midgar zum Hauptquartier war er noch gar nicht sehr oft gegangen. Sein Ziel lag allerdings nicht weit entfernt, sodass er kurze Zeit später in der altbekannten Eingangshalle ankam. Er blieb im vorderen Bereich kurz stehen und atmete noch einmal tief durch. Sein Blick fiel nach links auf den kleinen Stand mit den Tischen davor. Nach einem kurzen Plausch ließ er sich mit einer dampfenden Tasse Kaffee auf einem davon nieder.
Wenn ihn nicht alles täuschte, musste es innerhalb der nächsten Minuten so weit sein. Er sammelte sich zum wiederholten Male und versuchte, möglichst lässig zu wirken: Er setzte sich nicht ganz aufrecht in den Stuhl, schaute in keine bestimmte Richtung, hatte einen, wie er hoffte, unbekümmerten Gesichtsausdruck. Er wusste, dass Klamotten und Haare einwandfrei saßen, seine Erscheinung war umwerfend. Eigentlich musste alles klappen. Nach Sephiroth konnte man für gewöhnlich die Uhr stellen.
Eine gesicherte Tür im hinteren Bereich öffnete sich und da erschien er. Sephiroth ließ den Blick durch das Foyer schweifen und entdeckte ihn zielsicher in kürzester Zeit. Lächelnd, als ob er es geahnt hätte, steuerte er den Tisch an, an dem Genesis sich lümmelte. Genesis tat überrascht. „Bist du öfter hier?“, fragte er unschuldig, aber mit stark ironischem Unterton.
„Ist das dein Anmachspruch?“, fragte ihn Sephiroth neckend zurück.
„Spruch? Pff“, machte Genesis nur. Er legte den Kopf schräg und streckte dabei den Hals etwas. „Ich hab ganz andere Methoden, dich anzumachen.“ Als Sephiroths Blick seiner Bewegung interessiert folgte und anschließend den Rest von ihm in Augenschein nahm, wusste er um den Erfolg seiner perfekt inszenierten Show. Schließlich kam Sephiroth wieder in der Wirklichkeit an.
„Wenn du eh wusstest, dass ich auftauche, hättest du mir gleich einen Tee holen können.“
Genesis gluckste belustigt. „Die Rechnung beim Imbiss ist übrigens noch offen.“
„Wow.“ Sephiroth lachte etwas hilflos. „Klar, was auch sonst?“
Nachdem sich auch Sephiroth seufzend mit einer Tasse an den Tisch gesetzt hatte, musterte er Genesis eingehend. „Erzähl jetzt nicht, dass ich ja dein Geld wert sei“, sagte dieser trocken. Sephiroth lachte darauf, sagte aber nichts. Ihre Getränke waren geleert, als er wieder das Wort ergriff.
„Wie ich dich kenne, hast du Hunger.“
„Ach, und du nicht?“, versetzte Genesis skeptisch.
„Das war ja nicht der Punkt“, sagte Sephiroth ruhig. „Wonach wär dir?“
„Nach dem Chinesen um die Ecke.“
„Aber der ist ja gar nicht teuer.“ Nein, dachte Genesis, dafür kann man dort unter sich bleiben. „Ich dachte, du willst den Tag nutzen, um mich zu schröpfen.“
„Ew, weißt du, wie widerwärtig Schröpfen ist?“ Sie schauten sich kurz vielsagend an, bevor sie sich von den Stühlen erhoben und Genesis das Thema wechselte. „Hast du übrigens die Karten?“
„Natürlich, wofür hältst du mich?“
„Hm ...“, machte Genesis gespielt unsicher. Sephiroth zog ihn an der Taille näher an sich heran.
In der Pause zwischen den beiden Teilen des Stückes zog Sephiroth ihn an der Hand in eine lauschige Ecke und, abgeschirmt von neugierigen Zuschauern, legte sanft die Arme um ihn, um ihn sehr nahe an sich heran zu ziehen. Er spürte kurz Sephiroths Lippen unter seinem Ohr und nahm seinen angenehmen Duft wahr, ehe er ihn mit sanfter Gewalt wegdrückte. Während Sephiroth ihn gespielt schmollend anschaute, griff Genesis zu seinem Rucksack und holte einen der beiden Äpfel hervor. Mit einem Taschenmesser halbierte er ihn und reichte eine Hälfte davon Sephiroth. Der nahm sie mit einem schwer lesbaren Lächeln entgegen.
„Du weißt, ich mag nichts Süßes.“
„Das ist ein Apfel, nichts Süßes, das ist was völlig anderes.“
Alles war genauso gelaufen, wie er es geplant hatte. Er hatte Sephiroth auf die Minute genau abgepasst, hatte ihn mit seinem Auftreten von Anfang an verzaubert, ihn entführt und in ihrer Zweisamkeit noch ein Stück weiter um den Verstand gebracht, *bevor er unter all den andern Leuten zurückhaltender geworden war und Sephiroths Hand nur um Schutz der dunkleren Szenen kurz gedrückt hatte. Nun standen sie hier, zwei allein unter so vielen, und schauten sich lange in die Augen.
„Ein Jahr“, sagte Sephiroth schließlich.
„Ein Jahr ist gar nichts“, sagte Genesis nachdrücklich. Damit und mit allem anderen wollte er alles aussprechen, was zwischen ihnen war: Dass sie so lange zusammen waren, dass sie zwischenzeitlich getrennt gewesen sein mochten, doch dass er erkannt hatte, dass Sephiroth der Mann für ein gemeinsames Leben war, niemand sonst, dass er diesmal alles richtig machen wollte, dass er für seinen Mann perfekt sein wollte, dass er sich bemühte, dass er wusste, dass sie füreinander kämpften, nicht gegeneinander, und zwar noch für eine möglichst lange Zeit und dass er ... nicht immer alles sagen konnte.
Und Sephiroths Blick sagte ihm, dass er verstand.
Love & Snow
Sephiroth hätte es eigentlich ahnen sollen. Seit einer Woche gab es im Dorf nur noch ein Thema, das von schnell Vorbeieilenden verschwörerisch besprochen wurde; niemand blieb mehr für einen kurzen Plausch stehen (was ihm als Liebhaber des kurzen Plauschs besonders negativ auffiel) und die Spannung war auf diesem Höhepunkt, den sie eben erreicht hatte, schon beinahe greifbar. Sogar Genesis hatte ihn schon darauf hingewiesen. Vor wenigen Tagen, während Sephiroth gerade das Abendessen vorbereitete, war seine wunderbare bessere Hälfte – ganz unüblich – zu ihm in die Küche gekommen und hatte leicht verträumt vier völlig harmlos wirkende Worte zu ihm gesagt: „Es wird bald schneien.“
Dabei hatte er sich nichts weiter gedacht. In Midgar schneite es immerhin auch jedes Jahr und das Leben lief ungehindert weiter. Schnee war nicht unbedingt sein Lieblingsniederschlag, das war sein erster Gedanke dazu gewesen. Aber ansonsten hatte ihn die Nachricht, dass es schneien würde, nicht wirklich berührt.
Auch als es schließlich tatsächlich zu schneien begann, nahm Sephiroth diesen Umstand höchstens zur Kenntnis. Er war kurz vor der Mittagsstunde nach einigen Besorgungen aus Banora zu seinem Haus auf den Hügeln zurückgekehrt*, da erspähte er sie: die ersten Schneeflocken. Er sah allerdings bloß zu, dass er schnell ins Warme kam und ging sorglos zu seinem normalen Alltag über.
Der Schock kam erst am nächsten Morgen: Eben erst aufgestanden, streckte er sich etwas und ging leicht gähnend am Bett mit dem noch schlafenden Genesis darin vorbei zum Fenster hinüber, hinter dem der Schnee einen unglaublichen halben Meter hoch lag, während es weiterhin schneite. Wie erstarrt schaute er minutenlang nach draußen, bevor er sich endlich fangen konnte und versuchte, seinen Morgen wie üblich fortzuführen: duschen, eine Kleinigkeit essen, anziehen …
Trotzdem musste er sich dem Schnee am Ende geschlagen geben: Auch für General Sephiroth war es nicht möglich, seine übliche Route durch beinahe knietiefen Schnee zu joggen. Betrübt machte er sich dennoch zu einem kurzen Spaziergang auf, von dem er bereits nach etwa fünfzehn Minuten zurückkehrte. Seufzend stand er an der Tür und wusste nicht recht, was er mit sich anfangen sollte. Kurz ging sein Blick zur Treppe, die nach oben zum Schlafzimmer führte, in dem Langschläfer Genesis noch immer im Bett lag. Der Gang zu seiner Rechten endete an einem Bibliothekarbeitszimmer, das mit Genesis’ vielen Büchern randvoll war. Und vor ihm erstreckte sich der Wohnbereich, der den Großteil des Erdgeschosses einnahm.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es noch lange nicht Zeit für ein ausgedehntes Frühstück mit seinem Ehegatten war. Also konnte er sich nur widerwillig murrend an andere Haushaltsaufgaben machen.
Kurze Zeit später landete Sephiroth allerdings wieder am Schlafzimmerfenster, von wo aus er resigniert seufzend den immer noch fallenden Schnee beobachtete. Leises Rascheln verriet ihm, dass Genesis mittlerweile auch aufgewacht war, allerdings war er vom Anblick des sich weiter anhäufenden Schnees zu gebannt, als dass er sich umgedreht hätte.
„Ich hab dir gesagt, dass es schneien würde“, sprach Genesis ihn an.
„Woher sollte ich wissen, welche Ausmaße das annehmen würde?“, fragte Sephiroth leise.
„Du bist so ein Stadtkind“, gähnte Genesis, bevor er aufstand und ins Bad ging.
Sephiroth begab sich in der Zeit nach unten und richtete das Frühstück her. Gerade als er Genesis nach unten kommen hörte, stellte er diesem eine Tasse Kaffee auf den Platz. Genesis setzte sich telefonierend an den gedeckten Tisch, und Sephiroth konnte nur raten, dass es sich beim Gesprächspartner um Genesis‘ Mutter handelte, da die beiden gerne Dialekt sprachen – und zwar einen, den Sephiroth beim besten Willen nicht im Geringsten verstand. So auch jetzt: Von den wenigen Dingen, die Genesis, der überwiegend zuhörte, überhaupt sagte, verstand er kein Wort.
Leicht genervt beendete Genesis das Telefonat und trank einen Schluck Kaffee. Auf Sephiroths fragenden Blick hin sagte er: „Meine Mutter. Tut so, als wäre das mein erster Winter in Banora.“ Ein weiterer Schluck Kaffee. „Wobei, eigentlich macht sie sich ja eher Sorgen um dich, weil du so was vorher noch nie erlebt hast. Da kennen wir uns jetzt schon so lange und du warst noch nie im Winter in Banora.“
„Aus dem einfachen Grund, dass man im Winter nicht nach Banora kommt“, entgegnete Sephiroth.
„Wohl wahr …“, seufzte Genesis. Den Rest des Frühstücks verbrachten sie in einer angenehmen schläfrigen Stille. Wenn Sephiroth danach überrascht war, dass Genesis sich bereit erklärte, ihm beim Abräumen zu helfen, so war er höchst erstaunt, als sein Mann sich auch noch an ihn schmiegte, ihm über die Brust strich und liebevoll auf die Wange küsste. „Ich verabschiede mich jetzt in den Winterschlaf“, sagte er nur und wandte sich zum Gehen.
„Und was genau hast du vorher gemacht?“, fragte Sephiroth ihn noch. „Wirklich aktiv warst du da ja auch nicht.“
In einer geschmeidigen Bewegung drehte Genesis sich noch einmal um und setzte einen koketten Blick auf, der Sephiroths Herz zum Stillstand brachte. „Das war mein normaler Tagesablauf.“ Gespielt verletzt sah er erst zu Boden und setzte dann seinen Weg zurück ins Bett fort.
Da Sephiroth sonst nichts mehr zu tun hatte, folgte er seinem Mann kurz darauf ins Schlafzimmer, wo er Genesis mit Lesebrille und Buch im Bett liegend vorfand. Eigentlich war Sephiroth kein Freund von sinnlosem Faulenzen am Tage, aber in seiner Lage sah er keine andere Lösung mehr, als sich zu Genesis unter die Decke zu gesellen. Er legte seinen Kopf an dessen Schulter und strich ihm sanft über den Bauch.
Doch bald merkte er, dass Genesis unruhig wurde: Immer wieder seufzte er und rückte hin und her, ständig blieb sein Blick auf der Buchseite stehen, anstatt weiterzulesen. Und Sephiroth wusste auch, woran das lag. Langsam weitete er seine Streicheleinheiten aus, bis Genesis sein Buch unachtsam zu Boden fallen ließ und sich die beiden nur noch aufeinander konzentrierten.
Wenn das die kalte Jahreszeit war, überlegte Sephiroth, als er sich mit Genesis im Arm in die Laken kuschelte, konnte er sich dem absoluten Winterblues gerne völlig hingeben.
Warum ich?
Es war ein schöner, milder Sommertag. Die Sonne schien zum leicht geöffneten Fenster herein, durch das eine angenehme Brise in die Küche wehte. Sephiroth hatte eine ungefähre Ahnung, dass er hungrig war, aber das war nebensächlich; er war glücklich. Unheimlich glücklich. Er lehnte mit einem Glas in der Hand an der Spüle und schaute ihr beim Kochen zu, während sie ihm erklärte, was sie da so machte.
„Siehst du, und jetzt kommen die Tomaten in die Pfanne, die guten italienischen Tomaten“, sagte sie gerade, als sie genau dies tat: Tomaten in die Pfanne geben. „Das zischt ein bisschen, ist ja viel Wasser dabei.“ Trotz des Dampfes, der nun emporstieg, blieb sie ganz ruhig. Sie lächelte fröhlich und strich sich die braunen Haare aus der Stirn, die sie mit ihrem Haarband nicht hatte bändigen können. Hübsch war sie, hoch gewachsen, wie so oft in einer lila Bluse. Neben dem Herd stand ein Glas Wein. „Beim Kochen mit Wein muss man immer aufpassen, dass auch was davon im Essen landet“, hatte sie lachend gesagt.
„Salz nicht vergessen“, ermahnte sie ihn nun, indem sie zu ihm herübersah und nebenbei Salz zu den Tomaten gab. Dann wandte sie den Blick wieder dem Herd zu, als sie einen Holzlöffel in die Sauce tauchte und vorsichtig probierte. Sie nickte anerkennend. „Dann die Pasta direkt aus dem Topf mit einer Zange zu den Tomaten in die Pfanne geben – so, siehst du – gut schwenken, Basilikum drunter heben. Ist gleich fertig.“
„Wenn ich dich nicht hätte“, sagte Sephiroth neckend, „wüsste ich nicht, wie man Spaghetti mit Tomaten kocht.“
„Du“, sagte sie mit einem Tonfall wie ein erhobener Zeigefinger. Dann streckte sie einen Arm nach ihm aus. „Komm her, Baby.“
Er stellte sein Glas in der Spüle ab und ging auf sie zu, woraufhin sie einen Arm um seine Taille schlang und ihren Kopf unter seinen drückte. Dann schaute sie ihn liebevoll von unten an. Und da waren sie. Diese grünen Augen. Die exakt so aussahen wie seine.
„Mama hat dich lieb, Schatz.“
Sephiroth schlug die Augen auf. Oft hatte er gelesen, Leute würden schreiend aus Albträumen auffahren und augenblicklich kerzengerade im Bett sitzen, schwer atmend und mit schnell pochendem Herzen. Doch auch wenn er oft schlecht träumte, hatte er diese Erfahrung noch nie gemacht. Wie jetzt auch wachte er für gewöhnlich mit dem Bewusstsein auf, eben noch geträumt zu haben, war aber trotzdem noch verschlafen und musste sich erst orientieren und an den Traum erinnern, der ihn geweckt hatte. Manchmal wusste er schon Sekunden nach dem Aufwachen aus dem Albtraum nicht mehr, worin genau er bestanden hatte.
Was er dafür gegeben hätte, dass dies nun auch der Fall wäre.
Er konnte sich furchtbar genau daran erinnern, was er geträumt hatte.
Schwer schluckend schaute er zu seiner Linken, wo Genesis neben ihm im Bett lag und seelenruhig weiterschlief. Die schlimmsten Albträume waren nicht die, in denen Hojo, Mako und Behandlungen mit Injektionen vorkamen, deren Effekt er schon vorher genau kannte. Es waren auch nicht die, die in Wutai spielten, in denen er Schreie, Röcheln, Blut und Knochenknacken wieder durchlebte. Dies waren die Träume, bei denen er sich umherwälzte und die Genesis weckten, sodass sie zusammen wieder einschlafen konnten.
Sephiroth richtete sich langsam auf. Er spürte es sich anbahnen, dass sein Körper wach wurde und dass er lange nicht mehr würde einschlafen können. Er warf noch einen Blick auf Genesis. Konnte er es über sich bringen, ihn zu wecken? Und wenn er ihn geweckt hätte, was dann? Wie sollte er ihm erklären, was ihn wach hielt? Dass Sephiroth häufig von Albträumen geplagt wurde, war für seinen Mann nichts Neues, aber was hatte er soeben geträumt? Und würde es nicht albern klingen, wenn er erzählte, was ihn gerade beschäftigte?
Leise, um Genesis wirklich nicht zu wecken, stahl sich Sephiroth aus den Laken und durchquerte das Schlafzimmer; öffnete die Tür zum Flur. Dort zögerte er. Wollte er wirklich sehen, was er sehen wollte? Wenn er jetzt weiterginge – wie tief war dann der Abgrund, der sich vor ihm auftun würde, wenn er nur einen falschen Schritt machte? Er hatte von Narben gelesen, die die Brust wie eine Schlucht aufklaffen ließen, sobald sich der geringste Anlass bot. Und war seine Brust nicht seit der Geburt schrecklich vernarbt? Oder war genauer gesagt nicht sein ganzer Körper von Narben gezeichnet? So vieles, das immer neue Verletzungen geschlagen hatte.
Angefangen hatte es bei ihr. Er musste es wissen. Nein, er wollte nicht sehen, was er sehen wollte. Aber er musste. Er musste jetzt einen Fuß vor den andern setzen und sich dem stellen, was dort nicht wartete.
Ohne Licht einzuschalten – er konnte ja im Dunkeln gut genug sehen –, warf er noch einen letzten Blick auf Genesis zurück und schloss dann die Tür zum Schlafzimmer. Nun war es wirklich stockfinster. Sephiroth bemühte angestrengt all seine Sinne: Er spitzte die Ohren, aber kein Geräusch drang daran; er versuchte, den Weg vor sich zu erkennen, aber selbst seine Augen machten in dieser Dunkelheit kaum ungefähre Schemen aus. Aus dem Gedächtnis lief er den kurzen Flur entlang, bis er, wie er wusste, zu der Tür gekommen war, durch die er jetzt gehen musste. Sie war geschlossen. Natürlich. Abends, bevor er zu Bett ging, schloss er alle Türen. Immer. Ein neues Hindernis. Er verharrte kurz. Wappnete sich. Atmete tief ein. Aus. Atmete noch einmal ein. Hielt die Luft an, ohne es zu merken. Er legte eine Hand auf die Klinke und drückte die Tür auf.
Was hatte er zu sehen erwartet? In der kurzen Zeit war er nicht dazu gekommen, darüber nachzudenken. Wäre ihm auch nur ein vernünftiger Gedanken gekommen, wäre er wohl im Bett geblieben.
Im hereinfallenden Mondlicht lag die Küche da, wie er sie zurückgelassen hatte: Der Herd war sauber, die Oberflächen gewischt, das Geschirr gespült, abgetrocknet und weggeräumt, der Boden war gefegt. Alles war ordentlich. Kein Zeichen davon, dass hier jemand zugange gewesen wäre.
Die Leere der Küche wirkte zerstörerischer auf ihn, als er angenommen hatte; als er jemals angenommen hätte. Sie übertrug sich auf ihn.
Er stand im Türrahmen und starrte in den Raum. Da war niemand. Da konnte ja auch niemand sein. Zumindest sollte dort niemand sein. Es war noch nie jemand dort gewesen außer ihm selbst. Sein Leben lang. Schon früher. Immer.
Sephiroth sackte gegen den Türrahmen. Atmete er eigentlich noch? Sollte er noch atmen? In ihm sollte nichts sein. Nirgendwo. Vielleicht konnte er eins mit dem Nichts werden und verschwinden. Vielleicht konnte ihn das Nichts mitnehmen.
Langsam glitt er am Türrahmen herunter, bis er am Boden angekommen war. Er versenkte die Hände in den eigenen Haaren, krümmte sich, versuchte irgendwie, die Leere in sich zu fassen, das Nichts, das immer mehr wurde. Es fraß schmerzhaft mit eiskalten Zähnen an ihm, die wie heiße Klingen in ihn schlugen. Er öffnete den Mund, aber es kam kein Schrei heraus; gar kein Laut. Sein Körper schmerzte, krampfte, schmolz. Es tat so weh.
Sein Atem ging so schnell.
Er atmete.
Atmete.
Atmete ein. Aus. Ein.
Er schloss die Augen und atmete lange aus.
Langsam kam er wieder zu sich. Er spürte etwas an seiner Schulter; etwas Warmes. Als er hinschaute, sah er etwas in dem spärlichen Licht blitzen, das zum Fenster hereinkam. Er blinzelte. Es war ein Ring. Er sah noch einmal genauer hin. Genesis hockte neben ihm und sah ihn bestürzt und fassungslos an.
Sephiroth merkte, wie sein Verstand langsam wieder einsetzte. Jetzt, mit einem Blick in Genesis' weit aufgerissene Augen, in denen sich das Mondlicht fing, fiel ihm auch wieder ein, dass die Welt ja überhaupt nicht leer war.
Und doch.
Sephiroth sah, dass Genesis ihn ansprach, er folgte den Bewegungen seiner Lippen, aber er hörte ihn nicht. Er konnte ihn einfach nicht verstehen. Mit Genesis‘ Hilfe erhob sich Sephiroth, ein lautes Rauschen im Ohr, langsam vom Boden; sein Rücken schrie vor Schmerz; seine Glieder waren kalt und starr. Er ahnte nur, wie lange er dort in sich selbst versunken gehockt haben musste. Gegen den Schmerz in seinen Muskeln ankämpfend, ließ er sich langsam von Genesis zurück ins Schlafzimmer leiten. Während das Dröhnen in seinen Ohren abnahm, spürte er, wie ihm dafür beim tiefen Durchatmen leicht schwindelig wurde.
Genesis zog ihn stützend durch die Schlafzimmertür und half ihm vorsichtig aufs Bett; Sephiroth fühlte, wie sich sein wilder Herzschlag allmählich beruhigte. Nun verstand er auch Genesis‘ beruhigendes Einreden, der sich über ihn beugte, ihm einen Kuss unter das Ohr gab und sich sanft an ihn schmiegte. Erst jetzt merkte Sephiroth, wie erschöpft er war. Er zog Genesis in seine Arme und zusammen sanken sie wieder aufs Bett.
Genesis, so sah Sephiroth, fiel schnell wieder in einen wenn auch unruhigen Schlaf; immer wieder blitzte das Leuchten seiner Augen in der Dunkelheit auf, suchte und fand Sephiroth neben sich und erlosch wieder für eine Weile. Sephiroth aber blieb noch lange wach, seine Gedanken kreisten. Es mochten seltene Momente sein, aber manchmal fragte er sich doch, warum er schon kurz nach der Geburt so allein gelassen worden war. Er wusste, er würde nie eine Antwort erhalten. Aber manchmal brach es einfach aus ihm heraus.
Warum ich?
So Suddenly The Wind Blows
Genesis war einem akuten Zustand von tiefem Glück verfallen. Auch wenn ihm die heißen Sommertemperaturen nicht zusagten, so konnte er doch nicht anders, als sich zufrieden seufzend am Ufer des Sees bei Banora umzusehen. Die Sonne, die von einem komplett blauen Himmel herabstrahlte, tauchte den Grasfleck, an dem er saß, und die Bäume um das Wasser herum in eine friedliche Idylle; die Familien aus dem Dorf hatten sich versammelt; die Kinder sträubten sich gegen ihre Eltern, weil sie lieber direkt in den See stürmen wollten, als sich vorher mit wasserfestem Sonnenschutz einschmieren zu lassen; ein paar begabte Jünglinge lieferten sich ein spannendes Volleyballspiel und auf der anderen Seite hatten die Schulkinder ihren Einweggrill aufgebaut.
Als Genesis von seinem im Sonnenschein glänzenden Ehering aufsah, war der Dorfnachwuchs bereits freudig kreischend bis zum Wasser vorgedrungen. Er musste grinsen; sie belagerten seinen Seph, dessen langes Haar mittlerweile fast bis zu den Schultern durchnässt war, wie ein Klettergerüst.
Die leichte Sommerbrise wehte ihm angenehm ins Gesicht und Genesis fühlte sich genau hier perfekt aufgehoben. Er dachte daran, wie sehr die Luft in Midgar stehen musste, schloss die Augen und genoss das Rascheln der Blätter, die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht, das Beisammensein mit den anderen aus dem Dorf, die Ruhe und vor allem das Gefühl völliger Unbeschwertheit.
„Mit Kindern kann Seph gut, oder?“, riss ihn sein anderer Begleiter, den er aus Jugendtagen kannte, aus seinen Gedanken. Er sah ihn an. Starres dunkles Haar umgab ein energisches Gesicht von olivefarbenem Teint, in dem lange Wimpern dunkle Augen einfassten, die von Freundlichkeit und Durchsetzungsvermögen zugleich sprachen. Er lächelte mit schönen großen Zähnen.
„Ja …“, erwiderte Genesis schlicht.
„Hm“, machte sein Begleiter. „Dann ist‘s ja schade mit euch beiden.“
„Pass auf, was du sagst“, entgegnete Genesis gelassen, „sonst jubel ich dir Alkohol unter.“
„Das wagst du nicht!“, entrüstete sich sein muslimischer Freund.
„Nein, natürlich nicht“, räumte Genesis lächelnd ein, woraufhin er erneut vor Glück seufzte. Es war ein schöner Tag mit Seph und Ergin.
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~ So suddenly things went wrong
Just like that you were gone ~
Genesis schloss vorsichtig die Tür hinter sich, was in der klirrenden Kälte laut widerhallte. Er atmete kurz durch – weiße Wölkchen bildeten sich vor seinem Gesicht – und wappnete sich innerlich für seinen Weg. Er machte sich auf durch den Schnee, den Kopf eingezogen und die Hände tief in den Taschen vergraben. Alleine wanderte er vorsichtig den Hügel hinab ins Dorf und zog dabei Spuren durch den beinahe knöcheltiefen Schnee. Vorbei ging es an kargen, zugeschneiten Bäumen und Büschen; sogar der Fluss, der Banoras Wasserquellen speiste, war zugefroren. Weit und breit sah Genesis niemanden auf den Hügeln über Banora.
Langsam näherte er sich dem Dorfkern mit der Hauptstraße, an der sich das Wirtshaus und der Laden befanden. Auf dieser kam ihm Katie mit ihrem kleinen Sohn entgegen. Zuerst hatte er vor, sich an ihnen vorbeizustehlen, doch das war gar nicht nötig, denn der kleine Mann beanspruchte die ganze Aufmerksamkeit seiner Mutter, weil er jammerte, nicht in den Kindergarten gehen zu wollen. Eine Weile beobachtete Genesis das Schauspiel abwesend, dann entschied er, seiner ehemaligen Schulkameradin und guten Freundin unter die Arme zu greifen.
Er ging auf die beiden zu. „Na, Großer, willst du nicht in den Kindergarten gehen?“, fragte er den Jungen. Dieser stampfte beeindruckend mit dem Fuß auf.
„Nein!“, heulte er.
„Willst du lieber mit mir mitkommen?“ Katie schaute Genesis irritiert an, aber das überging er.
„Wohin gehst du denn?“, fragte ihn ihr Sohn strahlend.
Genesis beugte sich tief hinunter, bis er dem Kind genau ins Gesicht sehen konnte. „An einen sehr traurigen Ort*“, sagte er mit allem Ernst, den er aufbringen konnte. Das verfehlte seinen Effekt nicht: Erschrocken konnte der Junge gar nicht schnell genug mit seiner Mutter wegkommen. Sie hauchte Genesis noch ein „Danke“ zu, dann waren sie weg und er stand einen Moment lang etwas ratlos auf der Stelle.
Dann fiel ihm sein Ziel wieder ein. Mit einem Blick über die Schulter fragte er sich kurz, ob er sich im Wirtshaus etwas Moral dafür aneignen sollte, doch das schien ihm besonders in diesem Fall nicht angemessen**. Resigniert seufzend setzte er seinen Marsch durch den Schnee fort, bis ihm kurz vor dem angestrebten Ort eine gute Freundin seiner Mutter über den Weg lief.
Gut gelaunt begrüßte sie ihn. „Heute ganz in Schwarz?***“, fragte sie ihn nach seiner Kleidung.
„Ja“, sagte er nur.
„Das ist ja ein schöner Kontrast zu dem ganzen Schnee“, plapperte sie drauflos, „und Schwarz steht dir auch so gut.“
Er nickte gedankenversunken. „Ich wollte jetzt eigentlich auch weiter, weißt du.“
„Ach“, sagte sie, ein wenig vor den Kopf gestoßen. „Dann will ich dich nicht aufhalten. Grüß deine Mutter von mir.“
Er murmelte noch eine unbestimmte Antwort, bevor er seinen Weg nun widerwillig erneut fortsetzte. Ein wenig fühlte er sich, als würde er auf seinen Galgen zugehen, dabei war es nicht sein Ende, dem er entgegenlief. Immer tiefer versank er in Erinnerungen, in traurig-schönen Erinnerungen, die ihn nicht losließen, seit etwas gar Schreckliches vorgefallen war. Als er angekommen war, wagte er es erst nicht, sich umzudrehen, doch er wusste, dass er da war; diese Strecke war er in letzter Zeit zu oft abgegangen.
Genesis schloss die Augen und lauschte.
Stille.
Niemand.
Die Luft war kalt und ungastlich.
Es würde nichts darum herumführen. Indem er sich umwandte, richtete er seinen Blick auf den schlichten Grabstein vor sich:
Ergin Aydın
D. 19.12.1976
Ö. 28.09.2012
****
Genesis sank auf die Knie. Seine Augen brannten in der kalten Luft. Er fühlte sich unendlich verloren in der Weite der Schneelandschaft um den Friedhof herum und die Stille erdrückte ihn, während kein Atemzug seine Brust ausfüllen wollte. Der Schmerz über den brutalen Verlust eines seiner ältesten Vertrauten schlug in blinde Wut um, sein Magen brannte lichterloh, wann immer er daran dachte, wer ihm Ergin gewaltsam entrissen hatte.
Doch tief in sich spürte Genesis noch etwas, was sich zu Trauer und Zorn mischte. Er war in seiner Nähe gewesen, er hätte da sein können. Warum hatte er Ergin allein losziehen lassen?
Immer noch auf dem Boden kniend sah Genesis gen Himmel. Wie er sich immer weiter in sich verlor, wehte ihm der Wind ins Gesicht.
~ I’ll leave when the wind blows. ~
The Naked Chef
Sephiroth war gerade damit fertig, die Küche aufzuräumen, als seine bessere Hälfte es doch noch für angebracht hielt, nach Hause zu kommen. Da Genesis ihn in der Küche werkeln hörte, steuerte er diese direkt an.
„Schönen guten Abend“, sagte Sephiroth lächelnd, als Genesis sich an den Türrahmen lehnte. „Wie war dein Tag?“
„Hn …“, brummte Genesis.
„So schlimm?“ Genesis sah ihn mit leerem Blick an. „Soll ich dir was Leckeres kochen?“
Mitleiderregend schlurfend kam Genesis auf ihn zu und schmiegte sich an Sephiroth. „Ja, bitte“, schmollte er.
„Was willst du denn haben?“, fragte Sephiroth ihn.
„Mir würden schon Nudeln mit Tomatensauce alle Wünsche erfüllen.“ Er seufzte. „Hauptsache Essen.“
„Hauptsache mit Liebe gekocht“, erwiderte Sephiroth lächelnd. Er küsste Genesis flüchtig, aber mit allem Gefühl auf die Stirn und schickte ihn unter die Dusche.
Als sie endlich beim Abendessen zusammensaßen, konnte Sephiroth beobachten, wie Genesis sich mit jedem Bissen mehr entspannte.
„Kochen wär ja nichts für mich“, meinte Genesis.
„Weiß ich“, sagte Sephiroth. Sofort warf Genesis ihm einen strafenden Blick zu – wie immer, wenn er seine Monologe unterbrechen musste. „‘tschuldige.“
„Nun …“ Sephiroth erkannte Genesis‘ Gereiztheit – er hasste es abgrundtief, unterbrochen zu werden. „Jedenfalls wär das nichts für mich – ich seh ja, was du immer machst. Du machst die Küche sauber, um sie zu benutzen – nur um sie wieder sauber machen zu dürfen.“
„Ja, das gehört irgendwie dazu“, antwortete Sephiroth amüsiert. Dass sein Mann jede Form von „sinnloser“ Arbeit ablehnte, war ihm nur zu bewusst. „Wie praktisch, dass du einen Mann geheiratet hast, der dir Koch, Diener, Sexsklave und Hausmädchen zugleich ist.“
„Praktisch, stimmt“, meinte Genesis trocken. Er hasste es auch, unterstellt zu bekommen, gefühllos und berechnend zu sein. Dabei war es ihm egal, dass Sephiroth es sowieso besser wusste. Ihm war klar, dass Genesis ihn aus der gleichen Liebe geheiratet hatte, aus der Sephiroth ihn gerne mit Streicheleinheiten, gutem Essen und Komplimenten verwöhnte. Und von ihm aus konnte das für immer so bleiben.
Was wäre, wenn ...
Ständig waren alle der Meinung, Sephiroth könnte Cloud nicht leiden. Dabei waren die gegenseitigen Sticheleien nur ihr Ausdruck dafür, dass sie sich gut leiden konnten. Ja, um ehrlich zu sein, er mochte den blonden Wuschelkopf recht gerne.
Tatsächlich gingen sie verhältnismäßig oft zusammen essen, wenn sie nicht in Midgar waren. Clouds kulinarische Vorlieben deckten sich einfach am besten mit Sephiroths eigenen. Cloud wusste überraschend genau, was in welchen Maßen gesund war. Wenn Sephiroth da an Genesis‘ Schokoladen- und Chipsbunker dachte …
Die Presse hatte Sephiroth schon oft unterstellt, seinem hübschen Mann fremdzugehen. So war das nun einmal, wenn man berühmt war – kaum traf man sich regelmäßig mit jemandem, schon hatte man etwas am Laufen. Doch solange Genesis wusste, dass dem definitiv nicht so war, war Sephiroth vollauf zufrieden.
Obwohl er zugeben musste, dass Cloud nicht gerade schlecht aussah; wenn er sein Gegenüber über den Rand des Weinglases so betrachtete, fiel ihm auf, dass dieser gar keine schlechte Partie war. Schade eigentlich, dass er eindeutig auf Frauen stand.
Und schade, dass sie beide seit weit über zehn Jahren vergeben waren, sich aber erst seit ein paar Jahren kannten …
Besuch
„Also, lieber Apfelkuchen. Wenn ich nicht schon verheiratet wäre und wenn ich dich nicht gleich aufessen würde, könnte ich dich glatt heiraten.“
„Schön, dass es dir schmeckt.“ Wenn Genesis die Tarte Tatin mit Dummäpfeln gefiel, war Sephiroth durchaus zufrieden. Gemütlich seufzend breitete er sich auf dem Sofa aus, den Kopf gegen Genesis‘ Beine gelehnt.
„Schön, dass ich den Kuchen für mich allein haben werde.“ Da ist was dran … Wie schnell Genesis einen ganzen Kuchen allein vernichten konnte … Komisch, dass Guiness noch nicht an die Tür geklopft hatte.
„Das ist übrigens kein simpler ‚Apfelkuchen‘, was du da isst, klar?“
„Ja, ja, schon gut“, meinte Genesis abwesend. Die Tarte musste wirklich gut sein. Schade, dass Sephiroth Süßes nicht ausstehen konnte. Karamellisierte Äpfel … allein bei dem Gedanken grauste es ihm. „Hauptsache ich hab alles für mich.“
„Na ja“, wandte Sephiroth belustigt ein, „du kennst ja die Spontanbesuche deiner Mutter.“ Als Sephiroth einen genauen Blick in Genesis‘ Gesicht warf, merkte er, dass dieser kurz nachdenklich innehielt.
„Ich muss einfach schneller essen*“, sagte er schließlich. Dann setzte er erneut an: „Ist meine Mutter so schlimm?“
„Keineswegs“, meinte Sephiroth ehrlich, „aber du kannst dir vorstellen, dass ich gerne mit dir allein bin, oder?“
„Oh ja“, erwiderte Genesis, stellte den leeren Kuchenteller beiseite und strich Sephiroth mit der Hand durchs Haar. „Weil wir ja schon immer so wenig Zeit miteinander hatten.“
Sephiroth wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als es an der Tür klingelte. „Wenn man vom Teufel spricht“, sagte er stattdessen.
„Warum musst du bloß immer recht haben?“, fragte Genesis ratlos.
Zwei kurze Erzählungen, die irgendwie zusammengehören, aber nicht zusammenhängend erzählt werden
„Cheru?“, rief Sephiroth aus der Küche, als er diese startklar gemacht hatte.
„Hm?“, kam es aus dem Wohnzimmer.
„Komm mal her.“
„Komm du her, wenn was ist“, erwiderte Genesis trocken. Sephiroth musste unwillkürlich kurz auflachen; dass Genesis nicht auf ihn hören würde, hatte er schon geahnt. Also verließ er die Küche und ging zu seinem Mann, der lesend auf dem Sofa im Wohnzimmer saß. Dieser sah nicht einmal auf, als er sagte: „Ich lasse mich nirgendwo hin ordern, das weißt du.“
„Stimmt“, räumte Sephiroth ein. „Ich hatte vor, dich heute in unsere Küche einzuführen.“
Genesis sah ihn wie vor Schock versteinert durch seine Lesebrille an. „Ich koche nicht“, sagte er am Ende.
„Heute schon“, meinte Sephiroth souverän. „Es sei denn, du hast keinen Hunger.“
Genesis sah ihn immer noch schockiert an. Schon sein ganzes Leben lang war er bekocht worden – von seinen Eltern, von den Shin-Ra-Kantinenköchen, von Sterne- und Chefköchen, zuletzt von Sephiroth – und die Vorstellung, sich nun selbst versorgen zu müssen, war ihm zuwider.
„Komm schon“, bat Sephiroth. „Nur heute. Das macht Spaß, vertrau mir.“
Immer noch die pure Skepsis und blanken Horror im Blick, legte Genesis die Brille ab und das Buch beiseite, stand auf und kam mit seinem Mann in die Küche.
Es war einer der gemütlicheren Abende, den Sephiroth mit Genesis verbrachte. Das Licht der Schirmlampe auf Genesis‘ Nachttisch, der ansonsten mit Notizblöcken, Stiften und Büchern übersät war, warf sanfte Schatten gegen die Wände ihres Schlafzimmers. Draußen war es dunkel; Banora ruhte.
Sephiroth beobachtete seinen Gatten liebevoll beim Lesen; auch beim Wählen der Farbe für die Lesebrille hatte er Stil bewiesen – das recht breite Gestell war tiefgrün. Die blauen Augen hinter den schmalen Gläsern huschten hin und her, vertieft in eine Geschichte über Verrat, Sex, Meuchelmord, Macht* – nur das Wort „Shin-Ra“ fehlte. Der seit Neuestem wieder muskulöse nackte Brustkorb, der unter der Decke hervor lugte, hob und senkte sich regelmäßig. Die helle Haut am Hals wirkte in diesem dunkelgelben Licht besonders einladend.
Dieser Gedanke versetzte Sephiroth innerlich ein paar Stunden zurück; Genesis war dabei gewesen, über das Gemüse zu wachen und darin zu rühren, als Sephiroth der unbändige Drang überkam, die Kupferhaare beiseite zu schieben und den freigelegten Nacken zu küssen – woraufhin Genesis meinte, er müsse sich konzentrieren und habe keine Zeit für so etwas.
Sephiroth grinste. „Sag mal“ – Er wartete, bis Genesis‘ Augen zum Stillstand kamen – „wann hast du eigentlich vor, auch mal allein nur für mich zu kochen?“
„Das einzige, was ich dir jemals vorsetzen werde, ist ein Dummapfel“, erwiderte Genesis, ohne ihn anzusehen.
„Ich werde diesen Tag sehnsüchtig erwarten“, meinte Sephiroth, weiterhin grinsend. „Du könntest ja gleich zu den Apfelbäumen runtergehen und einen ganz frischen pflücken.“
Jetzt sah Genesis ihn tatsächlich an. „Rein theoretisch könnte ich jetzt auch in die Küche gehen, in den Obstkorb greifen, einen Dummapfel herausnehmen, wieder herkommen und ihn dir anbieten – könnte, aber ich bin jetzt mit diesem Buch beschäftigt.“
„Buch vor Ehe?“, fragte Sephiroth schelmisch.
„Jederzeit.“
„Heißt das, irgendwelche Heterosexszenen zu lesen erfüllt dich mehr, als mit deinem schwulen Ehemann zu schlafen?“ Wieder sahen sich die beiden Männer an, Genesis diesmal milde überrascht.
„Das hab ich nicht gesagt.“
„Warum legst du dann das Buch nicht weg?“
Pajamas?
Draußen war entfernt fröhliches Vogelgezwitscher zu hören, das aus dem Wald um den Hügel drang. Alles blühte üppig, alles war saftig grün, durch die dichten Bäume wehte eine angenehme rauschende Brise. Gleißendes Sonnenlicht fiel durch die Fenster herein und beleuchtete die frischen, weichen Laken auf ihrem großen Bett. Genesis räkelte sich gemütlich darauf und spürte überall dieses angenehme Gefühl auf seiner Haut; er fühlte sich ausgenommen geborgen und entspannt. Mit einem wohligen Geräusch drehte er sich quer über das Bett auf den Bauch und griff nach seinem Handy. Ihm war danach, seine sozialen Plattformen auf Neuigkeiten zu durchsuchen.
Langsam und etwas gedankenverloren wischte er auf dem Bildschirm vor sich hin. Den Großteil dessen, was er sah, ignorierte er ohnehin. Sein träger Geist war nahezu umwölkt vor endloser Muße. Er unterdrückte ein Gähnen und drehte sich auf eine Seite, das Handy ließ er nur lustlos neben sich auf die Decke fallen. Verträumt schloss er die Augen und fuhr sich geistesabwesend mit der Hand der einen Seite den Arm der anderen hinauf bis zur Schulter. Eine Weile nahm er so nur sein eigenes Atmen wahr, während er döste, die Arme beinahe so etwas wie ineinander verschlungen, die Augen nicht ganz offen, aber auch nicht ganz geschlossen auf die Bettseite neben sich blickend, ohne wirklich etwas zu sehen. Ruhig und warm, wie es war, stieg ihm ein angenehmer Duft in die Nase. Er blinzelte. Er merkte, dass er mit weit geöffneten Augen auf das Laken vor sich starrte. Allmählich erwachte Genesis auch innerlich.
Mit einem leisen Seufzen richtete er sich in eine sitzende Position auf und umschlang mit dem Armen seine eng an den Oberkörper geschlungenen Knie. Wieder ein Gähnen unterdrückend, streckte Genesis gemächlich seine Gliedmaßen und, die Hände in die Seiten gestützt, reckte seinen Rücken, bewegte die Schultern nach hinten. Nun aus seinem Tagesschlummer erwacht, nahm er wieder sein Handy zur Hand, öffnete erneut die sozialen Netzwerke und entschied sich, eine öffentliche Nachricht abzusetzen. Er war gerade am Tippen – „He thinks I’m sexy in my pajamas“, schrieb er – als sich die Tür öffnete und Sephiroth eintrat. Der blieb nach einem kurzen Blick ins Schlafzimmer wie angewurzelt stehen und schaute Genesis atemlos an. Genesis, unbeeindruckt, fügte zur Nachricht hinzu: „Wait ... I’m not wearing any ...“
You're Coming With Me
Sephiroth setzte sich lustlos seufzend Genesis zu Füßen aufs Sofa, der gebannt auf sein Handy starrte. „Du hast nicht zufällig Lust, mich nächste Woche auf diesen Empfang zu begleiten?“, fragte er, obwohl er Genesis‘ Erwiderung schon vorausahnen konnte.
Ohne aufzusehen, sagte dieser nämlich: „Du hast dir deine Frage schon selbst beantwortet.“ Er wischte weiter auf seinem Handy in alle Richtungen. Sephiroth machte ein enttäuschtes Gesicht, sagte aber vorerst nichts weiter dazu. Man hatte ihn von arbeitswegen dazu verpflichtet, einem Empfang mit hohen Tieren aus Wirtschaft und Kultur als Repräsentant für Shin-Ra beizuwohnen, um das Image des Konzerns aufzupolieren. Er hatte sich in einem Anzug einzusperren, schicke Schuhe dazu zu tragen, er sollte an einem Pulk von Reportern vorbeigehen, kurze Interviews geben und die ganze Zeit nett lächeln, während er erzählte, wie toll die Möglichkeit, sich mit solch bedeutenden Persönlichkeiten austauschen zu können, doch war, und das alles auf Shin-Ra zurückführte. Sephiroth hasste Henry, der für alles an PR, die mit ihm zu tun hatte, zuständig war, leidenschaftlich, was aber halb so schlimm war, da das immerhin auf Gegenseitigkeit beruhte. Henry war ein furchtbar missgünstiger, homophober Mensch, der Sephiroth wahrscheinlich lieber auf einem Scheiterhaufen als auf dem roten Teppich gesehen hätte.
„Ich hab auch absolut keine Lust, da hinzugehen“, klagte er leidvoll. Genesis schaute immer noch nicht von seinem Handy auf. Sephiroth warf ihm einen Seitenblick zu. Ihm war nicht danach, Genesis‘ Aufmerksamkeit an ein Handy zu verlieren. Sanft legte er zunächst eine Hand auf Genesis‘ Knie, als der aber nicht die geringste Reaktion vermuten ließ, nahm Sephiroth noch die andere Hand hinzu und legte sie auf Genesis‘ anderes Knie.
Der begann zu protestieren. „Seph, was willst du bitte von mir?“, fuhr er ihn halbherzig an, als Sephiroth ihm leicht die Knie auseinanderdrückte und sich über ihn beugte.
„Jetzt leg doch mal das Handy weg“, sagte er und nahm es Genesis tatsächlich aus der Hand, um es auf den Boden gleiten zu lassen. Seine Hände platzierte er nun an beiden Seiten von Genesis‘ Gesicht, der ihm die Arme um den Hals schlang. Ihre Zungen berührten sich in einem sanften Kuss. Genesis drückte ihn weg.
„Du kannst mich nicht überreden.“
„Ach, meinst du?“, fragte Sephiroth mit einem verschmitzten Grinsen und küsste an Genesis‘ Kiefer entlang.
„Seph“, sagte Genesis, der es wieder einmal seinem begriffsstutzigen Mann erklären musste, „ich schlafe seit 20 Jahren mit dir, glaubst du, damit kannst du mich noch hinterm Ofen hervorlocken?“
„Klar“, antwortete Sephiroth, seine Lippen nur Millimeter von Genesis‘ entfernt, „warum nicht?“
Tira-mi-sù
„Hab ich Geburtstag?“, fragte Genesis skeptisch, als Sephiroth neben ihm auftauchte und ihm einen Teller und einen Löffel hinhielt.
„Nein, wieso?“, fragte Sephiroth leicht irritiert. Nachdem Genesis ihm Teller und Löffel abgenommen hatte, setzte er sich zu dessen Füßen mit aufs Sofa.
„Oder haben wir heute Hochzeitstag?“, bohrte Genesis weiter.
„Brauch ich eine Ausrede, um dir ein bisschen was Süßes zu machen?“
Genesis tauchte den Löffel in ein herrliches Dessert aus dicker Crème und fluffigem Teig. Er roch Kaffee und Schokolade. Und noch etwas anderes. Alles zusammen in seinem Mund machte ihn sehr glücklich. „Ok“, sagte er, als er den ersten Bissen geschluckt hatte. Sephiroth beobachtete ihn. „Was hast du kaputtgemacht?“
Sephiroth gluckste. „Ich mach nie wieder was für dich.“
Genesis löffelte weiter seine Süßspeise. Beim dritten oder vierten Löffel, der Teller war nun fast geleert, fiel ihm etwas auf. „Das hat aber auch einige Umdrehungen, oder?“
Sephiroths Augen weiteten sich vor Entsetzen. „Ich hab den Alkohol mit dem Kaffee vermischt – ich hab das nicht noch mal probiert.“ Sephiroth hasste Kaffee ebenso wie Süßes.
„Nein, ist ok“, beschwichtigte ihn Genesis, der nun den Löffel auf dem leeren Teller ablegte. „Du hast nicht zufällig noch mehr?“ Sephiroth grinste geschmeichelt, nahm ihm den Teller ab und ging zurück in die Küche, um eine weitere Portion zu holen. „Und bring gleich noch den Likör mit, den du reingegeben hast“, rief ihm Genesis nach. Kurz darauf kehrte Sephiroth mit Nachschub zurück. Neben dem wiederbefüllten Teller drückte er ihm nun auch ein kleines Glas in die Hand. Genesis schnüffelte vorsichtig an dem leicht bernsteinfarbenen Gebräu. „Du nicht?“, fragte er Sephiroth, der selbst ohne Glas zurückgekehrt war.
„So früh am Nachmittag ist mir noch nicht nach so schwerem Alkohol“, entschuldigte er sich. Genesis zuckte die Schultern und stürzte den Likör in einem Schluck herunter, woraufhin er das Gesicht verzog. Als nach mehreren Sekunden das Brennen in Kehle und Magen nachließ, schmeckte der Alkohol eigentlich ganz gut. Nun mit einem leicht schwummrigen Gefühl im Kopf, verspeiste er auch die zweite Dessertportion.
„Und ‘s gibt ganz sicher keinen Anlass?“, fragte Genesis noch mal nach.
„Ganz sicher“, seufzte Sephiroth. „War gut?“
„Ja, ja, ‘s is‘ schon ganz ok“, erwiderte Genesis.
„Du schleifst das S schon ziemlich, so viel Alkohol war da jetzt auch nicht drin.“
Genesis warf Sephiroth einen koketten Blick und ein schiefes Lächeln zu, wenn auch mit ein wenig Schwierigkeiten. „Vielleicht war das heute ja nicht mein erster Alkohol.“
„Was, trinkst du heimlich in deinem Arbeitszimmer?“, neckte ihn Sephiroth. „Du weißt, vor mir musst du das wirklich nicht verbergen.“
Genesis‘ Lächeln wurde unmerklich breiter. „Vielleicht möchte ich dich einfach nicht mit dem Wissen um die Menge verletzen, die es braucht, um mir dich schön zu trinken.“
Sephiroth starrte ihn entgeistert an. Irgendwo zwischen Belustigung und Schock, brachte er zunächst gar keine Antwort heraus, obwohl ihm eine ganze Weile der Mund leicht offen stand. Genesis stellte den Teller beiseite und richtete sich etwas gerade auf. Immer noch hart getroffen, kam langsam wieder Leben in seinen Mann. „Und?“, fragte er. „War’s schon genug?“
Genesis zuckte die Schultern. „Müsste ich auf einen Versuch ankommen lassen.“ Sephiroth lächelte und kam ihm näher. Bevor er allerdings viel mehr tun konnte, fragte Genesis noch dazwischen: „Das hattest du die ganze Zeit vor, oder?“ Sephiroth hielt kurz inne und zwinkerte ihm zu. Genesis entschied, sich nicht gegen den Plan zu stellen. Er zog Sephiroth gierig in seine Umarmung.
D-I-N-O-S-A-U-R
~ D-I, N-O, S-A, U-R a dinosaur
D-I, N-O, S-A, U-R a dinosaur
An O-L, D-M, A-N, you’re just an old man
Hittin‘ on me what?
You need a CAT scan! ~
Sephiroth warf Genesis einen vorwurfsvollen Blick zu. „Was?“, fragte der gespielt unschuldig.
„Gar nichts“, sagte Sephiroth und schluckte den Drang herunter, mit den Augen zu rollen. Genesis stellte den Lautstärkeregler der Musik hoch. Elektronische Beats und menschliches Pfeifen dröhnten durch die Wohnung.
„Ich dachte mir, dass dir der Text zusagen würde“, sagte Genesis mit einem diabolischen Grinsen, das er kaum unterdrücken konnte.
„Du bist so unfassbar lustig.“ Sephiroth hatte nicht gerade die Geduld für Genesis‘ Humor. So alt, dass er ins Altenheim oder Museum gehörte, fühlte er sich nun wirklich nicht.
~ You're pretty old
Not long till you're a senior citizen
And you can strut around with that sexy tank of oxygen ~
Genesis nahm seinen fertigen Kaffee aus der Maschine in ihrer kleinen Küche. „Was machen wir denn dann heute?“
Sephiroth zuckte die Schultern. „Weiß nicht, es gibt ja nichts zu tun“, sagte er. „Also wie immer und Take-Away?“
Nun zuckte Genesis die Schultern, was wohl gleichgültige Zustimmung bedeutete. Als er also seinen Kaffee ausgetrunken hatte, machten sie sich auf den Weg; vom Hauptquartier aus konnten sie zu Fuß gehen. Das Wetter war unangenehm: Der Himmel über Midgar schwankte zwischen kleinen Schneeflocken und leisem Nieselregen; es ging ein leichter, dafür aber kalter Wind, der ihnen die Gesichter sachte rötete. Ihnen begegneten nicht viele Menschen, immerhin gab es Anweisung, wenn möglich zu Hause zu bleiben. Die Leute, die ihnen über den Weg liefen, trugen ihre Masken oder hatten sie schon unter das Kinn gezogen. Sephiroth wusste nicht, ob es am Wetter lag oder an der Pandemie, aber alle machten den Eindruck, schnell wieder nach Hause kommen zu wollen.
Sephiroth hingegen hatte es nicht unbedingt eilig, und Genesis hetzte ihn auch nicht. Am vierten Februar machte er immer denselben Weg, normalerweise ohne Genesis, weil der dann in Banora war, aber im Moment war alles anders. Seit nunmehr fast einem Jahr blieben sie allein in ihrer kleinen Wohnung oben im Hauptquartier; so war es Sephiroth möglich, sein Büro im selben Gebäude zu benutzen, während es den meisten andern im Moment nicht einmal gestattet war, überhaupt das Gelände zu betreten. Das Leben im Hauptquartier war etwas gespenstisch mit ihnen beiden als fast einzige Bewohner. Aber mittlerweile hatten sie sich daran gewöhnt. Trotzdem hoffte Sephiroth, dass sich der Zustand bald ändern würde.
Sie bogen in einen langen Weg ein, der auf ein geschweiftes Tor zu führte. Dahinter lagen weite grüne Bereiche, es gab große schattige Bäume, eine Kapelle und ein Bächlein. Sephiroth wurde das Herz schwer mit jedem Schritt, den sie den langen Weg entlanggingen; er nahm Genesis‘ Hand, die durch den kalten Wind selbst etwas kühl geworden war, und richtete den Blick starr aufs Tor. Solange es näherkam, bedeutete das, dass er weiterlief. Er mochte den Gang nicht, auch wenn er ihn jedes Jahr tat. Er hätte gedacht, nach mehreren Jahrzehnten wäre er daran gewöhnt. Aber der Friedhof verursachte ihm nach all der Zeit immer noch ein mulmiges Gefühl im Magen.
Der Grabstein, den sie suchten, lag nicht weit vom Tor entfernt. Es war ein schöner, aber schlichter Marmorstein. Er las darauf: „Lucrecia Crescent. 22. Juli 1950 – 4. Februar 1981.“ Nichts stand darauf von der Familie, die sie nie gehabt hatte, nichts von ihren Errungenschaften. Nichts davon, dass sie ihr Leben gegeben hatte, um es ihrem Sohn zu schenken. Genau an diesem Tag, nur vierzig Jahre zuvor.
Er starrte auf den nichtssagenden Stein, wütend, traurig, verwirrt. Wie konnte er eine Mutter lieben, die er nie kennengelernt hatte? Bildete er es sich ein? Oder war es die Sehnsucht, zu haben, was andere hatten? Wieso hatte er nach vierzig Jahren noch keine Antworten gefunden? Er seufzte und wandte sich ab.
Genesis, der sich bisher respektvoll im Hintergrund gehalten hatte, kam nun auf ihn zu und blieb vor ihm stehen, wurde so sein gesamtes Blickfeld, alles, was er sah. Genesis legte seine Hände um Sephiroths Gesicht und küsste ihn kurz sanft auf die Lippen. Sephiroth entspannte sich und lächelte sogar schon wieder ein bisschen. Genesis erwiderte das Lächeln und sagte verschmitzt: „Happy Birthday, alter Mann.“
At last, the promise has been made.
Es war ein unerträglich heißer Tag in Banora gewesen, an dem die Sonne bis zum Abend gnadenlos vom blauen Himmel herab gestrahlt hatte. Während Sephiroth am Ende des Tages zur vollen Größe und Breite ausgestreckt im Schatten hinter seinem Haus im kühlen Gras lag, saß Genesis neben ihm in einem Gartenstuhl, gedankenabwesend mit dem bunten Strohhalm in seiner linken Hand sein gekühltes Getränk umrührend, weil er mit der rechten seit Minuten gebannt auf seinem Panasonic* herum wischte. Doch bei der Hitze konnte Sephiroth sich nicht wirklich dafür interessieren, was Genesis so sehr faszinierte. Wenn es denn wichtig sein sollte, würde er schon damit herausrücken.
Seufzend wandte Sephiroth den Kopf zur anderen Seite. Zu mehr war er heute nicht mehr fähig. Vielleicht war es das Mako in seinem Körper, aber mit Hitze war er noch nie wirklich klargekommen …
„Das Internet explodiert gerade“, teilte Genesis ihm mit.
„Hm“, machte Sephiroth. „Warum?“
„So ein Spiel … Meine ganze Timeline ist voll damit. Facebook auch. YouTube, Instagram … Die Fans rasten aus“, erklärte ihm Genesis verwundert.
„Ein Spiel?“, fragte Sephiroth noch verwunderter. Was für ein Spiel sollte so wichtig sein?
„Ein Videospiel, stell dich nicht so an“, erwiderte Genesis gereizt. „So was kennst du natürlich nicht.“
„Und hab ich da was verpasst?“, fragte Sephiroth etwas beleidigt. Um sich doch versöhnlicher zu geben, fügte er hinzu: „Wie heißt das Spiel denn?“
Genesis ließ sich etwas Zeit, um zu antworten. „Ist schon ziemlich alt, jetzt kommt aber eine neue Version. Sieht nicht so aus, als ob die nur Geld machen wollen, die Fans wollten das Spiel tatsächlich noch mal. Es heißt wohl Final Fantasy …“
