Rettung (Takeru)
„Ich rette dich“, rief ich inbrünstig und erfasste sie gerade noch so an ihrem Handgelenk, ehe sie mit voller Wucht auf dem Boden aufgekommen wäre. Der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Mal wieder hatte sie mehr auf ihr Handy geachtet als auf ihre Umgebung. Den länglichen Ast vor ihren Füßen hatte sie glatt übersehen.
„Danke TK“, sagte Hikari erleichtert als ich sie wieder auf ihre Füße zog.
„Ist dein Handy denn so lebensnotwendig?“, fragte ich genervt.
„Du weißt doch, dass ich auf eine Nachricht von Kenya warte“, erwiderte sie verliebt, was in mir den blanken Brechreiz auslöste.
Kenya war ihr neuer Schwarm, der mit ihr zusammen einen Uni-Kurs besuchte. Vor wenigen Tagen hatten sie ihre Nummern getauscht und seither war meine beste Freundin blind vor Liebe.
„Sag mal Takeru“, begann sie vorsichtig. „Kannst du Kenya nicht leiden?“
Ich blieb stehen und blickte sie entrüstet an. „Wie kommst du denn darauf? Das nächste Mal lasse ich dich gerne den Boden küssen.“
Ich schnaubte verächtlich, während mir Hikari ein warmes Lächeln schenkte. Sie kam auf mich zu und hauchte mir einen warmen Kuss auf die Wange, was mich sofort erröten ließ.
„Du bist ein wahrhaftiger Held, TK.“, bedankte sie sich freudig. „Aber ich muss jetzt los. Ich habe jetzt ein Seminar. Mit Kenya.“ Sie zwinkerte mir vielsagend zu, während die Eifersucht in mir hochstieg. Nachdenklich blickte ich ihr hinterher und erkannte, dass ich in der Freundeszone wohl ewig feststecken würde, wenn ich nicht etwas unternahm. Ich musste meinen Mut zusammennehmen und ihr endlich gestehen, dass ich mich in sie verliebt hatte.
Selbst wenn ich alles auf eine Karte setzen musste. Ich konnte nicht mehr länger ihr bester Freund sein, da mich meine Gefühle für sie immer mehr zerfraßen. In solchen Momenten musste man sich selbst retten, um endlich glücklich zu werden.
Symphonie (Hikari)
Als mich Takeru zum Open Air Kino eingeladen hatte, freute ich mich nicht nur auf den fast zwei-Stündigen Sandra Bullock Steifen, sondern in seiner Nähe fühlte ich mich einfach geborgen.
Doch meine Gefühle für ihn hielt ich konstant zurück, da ich unsere Freundschaft nicht gefährden wollte. Ich hatte mich sogar mit Kenya verabredet, um ihn für einen kurzen Moment vergessen zu können, doch nach unserem ersten Date fühlte ich mich nur leer.
Kenya war nicht Takeru.
Wir saßen auf der ausgebreiteten Picknickdecke und hatten uns kleine Leckereien mitgebracht. Um uns herum befanden ausschließlich Pärchen, die dicht beieinander gekuschelt lagen und sich liebevoll küssten, während ich sie sehnsuchtsvoll dabei beobachtete und mir insgeheim das Gleiche wünschte.
Wir waren Freunde von Kindesbeinen an, weshalb es mir schwerfiel, den nächsten Schritt zu wagen.
Ich wollte, dass wir wie eine Symphonie aufeinandertrafen, wusste aber auch, dass es ein Risiko darstellte, da es keine Garantie auf Beziehungen gab. Takerus Eltern waren wohl das beste Beispiel hierfür.
Dennoch war die Begierde an diesen Abend besonders spürbar. Ich rutschte unbemerkt weiter an ihn heran, sodass sich unsere Gesichter nur wenige Millimeter voneinander entfernt befanden.
Er schenkte mir ein zuckersüßes Lächeln, dass ich bis in meine Zehenspitzen spürte.
Gerade als Sandra Bullock von Ryan Reynolds überraschend geküsst wurde, verharrte sich unser Blick und der Moment des Umschwungs lag über uns.
Er streichelte behutsam über meine Wange und legte zögerlich die Lippen auf meine. Ich seufzte in den Kuss hinein und schlag beherzt die Arme um seinen Nacken.
Es war einfach himmlisch. Es war…
„Sag mal habe ich irgendwas im Gesicht?“, fragte Takeru neugierig und fasste sich an sein Kinn. Ich schreckte hoch und erwachte aus meinem Fantasietraum, den ich mir zurechtgelegt hatte.
Es war immer noch so wie vorher. Ich hatte mich nicht getraut. Die Symphonie war verklungen.
Ängste (Takeru)
Die Wochen vergingen und mein schlimmster Alptraum wurde Wirklichkeit. Kenya und Hikari wurden ein Paar.
Schon seit zwei Monaten musste ich mit ansehen, wie er sie liebevoll küsste und ihr romantische Liebesschwüre zu säuselte.
Ich kämpfte täglich mit meinem Brechreiz und der Schuld, die ich mir aufgebürdet hatte.
Warum war ich nur so feige?
Eigentlich hatte ich es verdient, dass sie in den Armen eines anderen lag statt in meinen. Doch auch unsere Beziehung hatte sich verändert, da es sie nur noch im Doppelpack gab.
Heute waren wir ausnahmsweise nur zu zweit unterwegs, da Kenya arbeiten musste.
Ausgelassen stießen wir an und genossen unser Uni-Sommerfest in vollen Zügen.
Wir lachten und tanzten engumschlugen, während der Alkohol mir langsam den Kopf vernebelte.
Ich drückte meinen erhitzten Körper gegen ihren und fuhr mit den Händen ihre Hüfte entlang, um sie noch näher zu mir zu ziehen.
Sie lächelte verschmitzt und legte die Arme um meinen Nacken.
Ich betrachtete ihre zufriedene Miene und konnte selbst nicht fassen, dass mir meine eigenen Ängste so dermaßen im Weg standen. Ich tanzte mit der wunderschönsten Frau, die ich je im Leben gesehen hatte und verschenkte unsere Chancen, die wir all die Jahre miteinander hatten.
Jetzt war es zu spät.
Dachte ich jedenfalls.
Der gängige Beat der Musik erhitzte unsere Gemüter und der Alkohol gab mir den Mut, den ich all die Jahre verzweifelt gesucht hatte. Ich wanderte ihren grazilen Rücken mit meinen Fingerspitzen nach oben, während sie sich zitternd in meinen Hemdkragen krallte und meine Gesten genau beobachtete.
Es war der bekannte Funke, der auf einmal übersprang und ein unbändiges Feuer zum Lodern brachte.
Mein Kopf schaltete sich auf Standby und ich ließ mich von meinen Gefühlen leiten.
Ohne darüber nachdenken legte ich meine Lippen bestimmend auf ihre.
Es war der entscheidende Moment, der alles veränderte.
Hormone (Hikari)
Ich konnte nicht mehr klar denken. Der Alkohol pulsierte durch meinen Körper und Kenya wurde nebensächlich. Ich hatte die Beziehung begonnen, weil ich für uns keine Chancen sah.
Wir waren einfach Freunde. Nicht mehr und nicht weniger.
Doch nun lagen wir auf seinem Bett in seinem Studentenzimmer. Sein Gewicht presste sich gegen mich als er mir mein Oberteil über den Kopf streifte und es achtlos zu Boden fallen ließ.
Ich hatte seins schon als wir sein Zimmer betreten hatten, in die Ecke geworfen, da mir meine Hormone sämtliche Sinne vernebelten.
Ich wollte ihn, mehr als alles andere.
Die Konsequenzen waren mir egal.
Ich hatte aufgehört zu denken als er mich fordernd küsste.
Mittlerweile lag ich bereitwillig auf seinem Bett und genoss jede weitere Berührung von ihm in vollen Zügen.
Sanft strich er über meinen BH und wanderte mit seinen Händen hinter meinen Rücken. Geschickt öffnete er den Verschluss und stürzte sich wieder begierig auf meinen Mund, der ihm sofort Einlass gewährte. Heißblütig begegneten sich unsere Zungen, die einen feurigen Tango miteinander tanzten und sämtliche Stoppsignale aushebelten.
Ich öffnete den Knopf seiner Jeans und zog diese nach unten, während er mit seinem Mund heiße Spuren auf meinem Hals hinterließ.
Nach und nach entledigten wir uns auch dem Rest unserer Klamotten.
Vollkommen hüllenlos saßen wir uns gegenüber, doch ich fühlte mich nicht nackt. Er strahlte eine unbändige Sicherheit aus, die mich zurück in seine Arme trieb.
Behutsam legte er mich auf die Matratze und positionierte sich über mir.
Er beugte sich nach unten, strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste liebevoll meine Nasenspitze. Während ich mit Kenya diesen nächsten Schritt nicht gehen konnte, war ich mir bei Takeru umso sicherer.
Ich fühlte mich geliebt.
Wieder küsste er mich, bevor er sich sanft nach vorne schob und zärtlich in mich eindrang.
Trennung (Takeru)
Ich war komplett durch den Wind. Nachdem ich nackt neben Hikari aufgewacht war, konnte ich mir zusammenreimen was passiert war. Wir hatten miteinander geschlafen und ich erinnerte mich noch nicht mal daran.
Allerdings war Hikaris Reaktion am Schlimmsten für mich. Sie war panisch und ihr schlechtes Gewissen stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Sie hatte ihren Freund betrogen.
Mit mir.
Und ich hatte es zugelassen, weil ich es mir so sehr gewünscht hatte.
Natürlich hatte sie geweint, wollte aber nicht, dass ich sie in dieser Situation tröstete. Sie hatte einfach ihre Sachen zusammengesucht, sich angezogen und war verschwunden.
Seither ging sie mir aus dem Weg.
Ganze drei Tage reagierte sie nicht auf meine Nachrichten oder Anrufe. Niedergeschlagen lag ich auf dem Bett und seufzte in mein Kissen als ich ein zaghaftes Klopfen vernahm.
Fast schon widerwillig erhob ich mich langsam und schritt zur Tür.
Überrascht fand ich Hikari davor, die schuldbewusst den Kopf gesenkt hatte.
„Was ist los, Hika?“, fragte ich besorgt und ließ sie rein.
Sie setzte sich auf mein Bett und sah mich durchdringend an.
„Kenya weiß Bescheid. Er weiß, dass wir miteinander geschlafen haben.“
Verdutzt sah ich sie an und lehnte mich schwerfällig gegen die Tür.
„Was hat er gesagt?“
„Er wollte mir eine zweite Chance geben“, sagte sie leise, während mein Herz erneut in zwei Hälften zerbrach. „Er möchte allerdings, dass wir keinen Kontakt mehr zueinander haben.“
„Oh“, brachte ich hervor und verstand auf einmal, warum sie aufgetaucht war.
Sie wollte unsere Freundschaft beenden.
Ein beißender Schmerz durchfuhr meinen kompletten Körper, als sie sich aufrichtete und auf mich zukam.
„Ich habe die Beziehung mit Kenya beendet, weil du der einzige Mensch bist, den ich an meiner Seite haben will“, offenbarte sie.
Überrascht sah ich sie an und wusste, dass dieser Moment alles auf den Kopf stellen würde.
Erinnerungen (Hikari)
Glücklich betrachtete ich Takeru, der in dem Fotoalbum blätterte, dass ich ihm zum Jahrestag geschenkt hatte.
„Oh Gott, dass war doch damals von unserem Abschluss oder?“, fragte er überrascht als er das Foto von unserer Mittelstufenklasse entdeckte.
„Ja, Davis zieht darauf eine ganz schöne Grimasse“, sagte ich und strich ihm liebevoll durchs Haar.
In den letzten Jahren hatten wir so viel zusammen erlebt. Unsere Freundschaft hielt schon so lange und seit einem Jahr führten wir eine glückliche Beziehung, die seit neustem sogar eine gemeinsame Wohnung beinhaltete. Unsere Brüder hatten uns beim Umzug geholfen.
Seit zwei Monaten lebten wir in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Nähe der Universität, die wir bald sogar abschließen würden.
„Oh Gott, ist das in Amerika?“, er zeigte auf das Foto, auf dem wir beide in die Kamera lächelten. „Ja genau, wir haben doch damals Mimi besucht.“
„Und Davis war so eifersüchtig gewesen“, führte Takeru fort. Ich kuschelte mich an seinen Arm und küsste sanft seine Wange. „Ich bin froh, dass er in Kagome die Liebe seines Lebens gefunden hat.“
„Na hat aber auch ganz schön gedauert.“
„Als ob wir schneller gewesen wären“, lachte ich.
„Alles Gute braucht eben seine Zeit“, flötete Takeru und schlug sein Lieblingsfoto auf.
Nachdenklich blickte ich auf das Bild, dass schöne, aber gleichzeitig auch schmerzvolle Erinnerungen hervorrief.
„Damit hat alles angefangen“, sagte Takeru und fuhr mit dem Finger über die glatte Fläche. „Wie es unseren Freunden wohl geht?“
Ein trauriges Lächeln zeichnete sich auf meinen Lippen ab. „Bestimmt geht es ihnen gut und ich bin mir sicher, dass wir sie auch irgendwann wiedersehen werden.“
„Glaubst du wirklich?“, hakte Takeru nach.
Liebevoll strich ich ihm eine blonde Strähne aus dem Gesicht.
„Der Glaube kann Berge versetzen und solange wir sie nicht vergessen, ist ein Wiedersehen möglich“, antwortete ich und blickte hoffnungsvoll in unsere Zukunft.
Regenbogen (Takeru)
Ich konnte nicht fassen, dass mein kleines Mädchen schon vier Jahre alt war.
Ich erinnerte mich an den Tag als ich von ihr erfahren hatte. Kari hatte mir nach der Arbeit überrascht einen positiven Schwangerschaftstest vor der Nase gehalten.
Wir hatten es schon eine Zeitlang versucht, aber bisher hatte es nicht geklappt. Die Freude war daher unermesslich, besonders als ich das erste Mal ihren kräftigen Herzschlag hörte.
Ihre Geburt war das schönste Erlebnis, dass wir gemeinsam erleben durften.
Es war ein unbeschreibliches Gefühl, dieses kleine Wesen in meinen Armen zu halten.
Wir hatten sie aus unserer Liebe geschaffen und sie wuchs von Jahr zu Jahr zu einem kleinen neugierigen Mädchen heran.
Wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag machten wir ein großes Picknick. Hikari hatte Schoko-Muffins gebacken, die sich Hinami gewünscht hatte.
Zuvor hatte es kurz geregnet, aber wir fanden Schutz unter einem großen Kirschbaum, unter dem wir auch unsere Decke ausbreiteten.
„Guck mal Papa, da hinten ist ja ein Regenbogen“, Hinami deutete entzückt auf Himmel. Die Regenwolken hatten sich mittlerweile verzogen und die Sonne strahlte wärmend.
Vergnügt lief Hinami dem Regenbogen entgegen, während Hikari und ich unseren Picknickkorb leerten.
„Sie sieht wirklich aus wie du“, erwiderte Hikari neidisch.
„Ich glaube, sie hat mehr von uns beiden als du ahnst. Den Dickkopf hat sie allerdings von dir“, witzelte ich, während Kari eingeschnappt eine Traube nach mir warf.
„Du bist wirklich ein Idiot“, sagte sie, küsste mich aber im selben Augenblick liebevoll auf die Lippen.
„Mama? Papa?“, Hinami kam zu uns gerannt und hielt etwas in ihren kleinen Händen.
„Ich habe dahinten was gefunden! Es ist einfach aufgetaucht“, sagte sie unschuldig und hielt es nach oben.
Überrascht sagen wir uns an und erkannten sofort, dass es sich um ein Digivice handelte.
Es war ein neuer Anfang.
Der Anfang von einem neuen Abenteuer.