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Persona : Mirror Realm

Neuauflage von "Persona: Shadows of Mirror"
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Nicht erschrecken! Nein, die Uploadzeit hat sich nicht verkürzt. xD Heute gibt es ein kleines Zusatzkapitel. Die Erklärung folgt am Ende.
Viel Spaß beim Lesen. Komplett anzeigen

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0 – The Beginning


 

*~* 0 – The Beginning *~*

[ ~??.??.????~ ]

[ ??? ]
 

Es war still. Kein Geräusch war zu vernehmen in der tiefen Dunkelheit, die sich an diesem Ort breitgemacht hatte. Ein unheimlicher Ort, dessen Umgebung so tief schwarz war, dass es alles um sich, sogar aufkommende Geräusche, zu verschlucken schien. So dunkel, dass man nicht einmal die eigene Hand vor Augen erkennen konnte, und so kalt, dass es einen schauderte. Egal in welche Richtung man blickte, einzig und allein die Finsternis beherrschte diesen Ort. Plötzlich jedoch leuchtete aus der Ferne ein Licht; ganz schwach und zart, sodass man es für eine Einbildung hätte halten können. Je länger man es allerdings betrachtete, desto näher schien es zu kommen und so bildete sich nach nicht allzu langer Zeit ein kleines Wesen in der Ferne ab. Ein kleiner, blau leuchtender Schmetterling zog freudig seine Bahnen. Ihn umgab ein warmes, freundliches Licht, welches jedoch zu schwach war, um die gesamte Umgebung zu erhellen oder gar die Kälte zu vertreiben, die sich hier so hartnäckig hielt. Aus dem Nichts erklang plötzlich das Rasseln von metallenen Ketten, was den kleinen Flattermann zu erschrecken schien. Panisch schlug er mit den Flügeln und beendete seine koordinierte Bahn. Stattdessen flog er einige Schlängellinien, ehe er sich auf den Weg machte; genau in die Richtung, aus welcher das erschreckende Geräusch gekommen war. So drang er immer weiter ein in diesen Ort, dessen Umgebung nun nach und nach Gestalt annahm. Rechts und links zu seinen Seiten erschienen eng aneinander gereihte Spiegel, die das kleine leuchtende Insekt in verschiedenen Größen und Formen wiedergaben; ähnlich wie in einem Spiegelkabinett. Das jedoch schien den Schmetterling nicht zu stören. Er flog unbeirrt weiter durch den verglasten Gang, welcher sich nach einiger Zeit zu beiden Seiten nach außen hin öffnete. Kurz darauf gelangte das Wesen in einen großen runden Raum, dessen Wände ebenfalls aus aneinandergereihten Spiegeln bestanden, die sein Licht zurückwarfen und diesen Ort damit erhellten, sodass man mehr erkennen konnte. Der Boden dieses merkwürdigen Zimmers zierte ein dunkelblauer, weich wirkender Teppich, den ein goldenes V zierte, das von einem ebenso goldenen Lorbeerkranz eingerahmt war. Darauf stand ein großer, runder, dunkelbrauner Holztisch und dahinter ein, mit blauem Samt bezogenes, Sofa, auf welchem ein alter Mann mit lichtem, grauem Haar und einer ungewöhnlich großen Nase Platz genommen hatte. Er hatte die Hände auf dem Tisch abgestützt, ähnlich einer Brücke, und seinen Kopf auf die verschränkten Finger gelegt, während er zu schlafen schien. Plötzlich jedoch öffnete er seine riesig wirkenden Augen, welche von buschigen Augenbrauen eingerahmt waren, und blickte auf den kleinen, blauen Schmetterling, welcher sich ihm näherte, dann jedoch stoppte und eine Kehrtwende machte, nur um einen Moment später auf zwei mitten im Raum freistehende Spiegel zuzufliegen, um welche sich dicke Eisenketten schlangen, so als seien sie versiegelt. Zwischen den beiden Gebilden stoppte er plötzlich und begann eine kreisende Flugbahn. Der alte Mann auf dem Sofa beobachtete das Schauspiel einen Moment lang, ehe er seine Augen wieder für einen Moment schloss.

„Du hast also erneut Auserwählte gefunden, Philemon…“, erhob er daraufhin seine ungewöhnlich hohe Stimme, bevor er seinen Blick auf den Tisch vor sich richtete, auf welchem sich nun sieben verdeckte Tarot-Karten befanden, die in einem Kreis um zwei weitere umgedrehte Karten lagen.

Plötzlich zierte ein breites Grinsen das Gesicht des merkwürdigen Mannes, welcher nun die rechte Hand unter seinem Kinn wegnahm, dabei jedoch nicht seine restliche Position aufgab, um diese über den Tisch vor sich schweben zu lassen. Daraufhin leuchteten die beiden mittleren Karten blau auf, schwebten für einen winzigen Moment und legten sich danach wieder aufgedeckt in waagerechter Position auf den Tisch.

„Interessant“, murmelte der Mann noch immer grinsend, als er auf die Tarot-Karten des Narren und des Todes schaute, welche jedoch keine eindeutige Position, also weder aufrecht, noch umgekehrt, eingenommen hatten.

Er wandte sich wieder den beiden Spiegeln in der Mitte des Raumes zu, ohne dabei seinen Gesichtsausdruck zu verlieren: „Ich verstehe… die Entscheidung muss erst noch fallen. Äußerst interessant. Nun denn… so möge es beginnen…“
 

Das Bild verschwamm, während sich der Mann zu entfernen schien. Doch noch bevor das Bild gänzlich verschwand erkannte man hinter dem blauen Sofa zwei dunkle Gestalten, die sich jedoch nur als Schatten abzeichneten. Genug Zeit, um etwas Genaueres zu erkennen, blieb jedoch nicht, da kurz darauf alles wieder in tiefste Finsternis tauchte.
 

*~*~*~*

[ ~Samstag, 04. April 2015~ ]

[ *später Nachmittag* ]

[ Kagaminomachi ]
 

„Hallo Kagaminomachi“, schallte es aus dem Autoradio und ließ die junge Frau aus ihrem unruhigen Schlaf schrecken, „Wir hoffen ihr hattet bisher einen schönen Tag. Auch den restlichen Tag, sowie am morgigen Sonntag soll das Wetter weiterhin so angenehm bleiben. Nutzt also die letzten Tage der Ferien und erfreut euch an den wunderschönen Kirschblüten!“

Etwas irritierungslos schaute sich die Oberschülerin um und realisierte erst nach einiger Zeit, dass sie sich im Auto ihrer Mutter befand, welche rechts neben ihr saß und konzentriert auf die Straße vor sich blickte. Erst nach und nach kamen die Erinnerungen zurück, welche zu den Umständen führten, die sie hierherführten. Die Versetzung ihrer Mutter war der Grund dafür, dass sie nun hierherziehen mussten; nach Kagaminomachi, einer verschlafenen, mittelgroßen Stadt, die sich jedoch nicht besonders von anderen Städten gleicher Größe unterschied. Seufzend lehnte die junge Frau, deren ungestümes, violettes Haar zu einem seitlichen Zopf gebunden war, ihren Kopf an die Fensterscheibe und blickte auf die an ihr vorbei huschenden Gebäude, darauf hoffend, endlich ihr angesteuertes Ziel zu erreichen. Der Wagen stoppte, woraufhin die Violetthaarige ihren Blick nach vorne auf die rote Ampel richtete, die es den Verkehrsteilnehmern verbot weiterzufahren. Plötzlich blitzte etwas Blaues in ihrem Augenwinkel auf, woraufhin sie sich wieder abwandte und aus dem Seitenfenster schaute. Sie wusste nicht wieso, jedoch hatte dieses blaue Licht etwas Vertrautes. Doch kaum hatte sie sich umgewandt, war es bereits wieder verschwunden und die Oberschülerin blickte nur auf weitere Verkehrsteilnehmer und eine Gruppe von anderen Oberschülern, die gerade den Gehweg entlanggingen und sich angeregt über etwas zu unterhalten schienen.

„Was ist denn los Mirâ?“, fragte plötzlich ihre Mutter, die nun auch kurz ihre Aufmerksamkeit von der Straße nehmen konnte.

Angesprochene schüttelte jedoch nur den Kopf: „Nichts… ich dachte, ich hätte etwas gesehen, aber es war wohl nur Einbildung…“

Einbildung… genau das war es wohl gewesen. Genau wie ihr merkwürdiger Traum, der nach und nach aus ihren Erinnerungen verblasste, je mehr sie versuchte darüber nachzudenken. Es ruckte erneut, woraufhin sich das Auto wieder in Bewegung setzte und kurz darauf in ein Wohnviertel mit verschiedenen Einfamilienhäusern einbog. Erneut lehnte Mirâ ihren Kopf gegen die Fensterscheibe und beobachtete die Häuser, die sich langsam an ihr vorbeischlängelten. Hier würde sie nun für die nächste Zeit leben. Was auf sie zukommen würde wusste sie nicht, doch sie hatte das Gefühl, dass irgendetwas da draußen auf sie wartete, dass ihr Leben vollkommen auf den Kopf stellen würde.
 

~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
 

I – Encounters and Stray Paths


 

*~* I – Encounters and Stray Paths *~*

[ ~Sonntag, 05. April 2015~ ]

[ *Nachmittag* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

Seufzend ließ sich Mirâ auf ihren zusammengelegten Futon sinken, welcher in der hintersten Ecke ihres Zimmers lag. Sie streckte sich ausgiebig, bevor sie sich gegen die Wand hinter sich lehnte und dann ihr neues Reich betrachtete. Ruhig ließ sie ihren Blick schweifen. An der Wand zu ihrer linken stand ein niedriges Bücherregal, in welches sie bereits einzelne Lernbücher und Romane gestellt hatte. Ihr Blick ging weiter und landete daraufhin auf ihrem noch ziemlich leeren Schreibtisch, auf dem einsam und allein ein roter, zusammengeklappter Laptop lag. Gleich daneben stand ein weiteres schmales, aber hohes Bücherregal, welches die Höhe der Wand bis zur Dachschräge optimal füllte. Auch von der Tiefe her passte es perfekt in diese Ecke, denn die offene Seite endete beinahe Bündig mit dem Rahmen der Tür, welche sich an der Wand ihr gegenüber befand. Rechts daneben hing ein schmaler, aber hoher Spiegel an der Wand und nutzte somit den letzten Platz an dieser Wand, ehe die Türen ihres Kleiderschrankes begannen, der an der Wand zu ihrer Rechten stand und durch ein langes Lowboard ergänzt wurde, dass die Lücke zwischen dem Schrank und ihrer Schlafecke füllte, und auf dem ein kleiner Fernseher stand. Noch wirkte alles ziemlich leer und leblos, doch sobald sie sich hier besser eingelebt hatte, würde mit Sicherheit auch die Dekoration wieder zunehmen und das Zimmer mit Leben füllen. Ihre Augen wanderten weiter auf die leeren, zusammengelegten Kartons, welche in der Mitte ihres kleinen Reiches lagen, ehe sie ihren Blick nach draußen durch das Fenster warf, das sich über ihrem Schreibtisch befand. Dort erkannte sie einen strahlend blauen Himmel, der nur von einzelnen Wölkchen durchzogen war, während die Sonne ihre langsam wärmer werdenden Strahlen aussendete und die Umgebung damit regelrecht zum Leuchten brachte. Sie seufzte noch einmal, erhob sich und bewegte sich auf die Tür zu, dabei die Kartons von ihrem Fußboden aufhebend, ehe sie ihr Zimmer verließ und in die untere Etage ging, wo ihre Mutter ebenso beschäftigt mit Ausräumen war.
 

Als diese die Schritte der Oberschülerin vernahm blickte die Erwachsene mit den dunkelblauen, kurzen, lockigen Haaren auf und sah sie mit ihren roten Augen liebevoll und zugleich fragend an:

„Schon fertig mit auspacken?“

„Ja, es ging doch schneller als erwartet“, antwortete die Jüngere prompt, während sie ihr Gepäck in der kleinen Abstellkammer unter der Treppe verstaute, die unmittelbar an das Wohnzimmer grenzte.

Vorsichtig schob sie die Holztür wieder zu und blickte dann zurück ins Wohnzimmer, welches noch ziemlich unordentlich wirkte:

„Wo ist Junko?“

„Ich habe sie in ihr Zimmer geschickt, weil sie hier nur noch mehr Chaos veranstaltet hat. Könntest du kurz nach ihr sehen?“, fragte ihre Mutter nach.

Ohne eine Antwort zu geben nickte die Violetthaarige und schritt dann wieder die Treppen hinauf, um kurz darauf die erste Tür gegenüber dieser anzusteuern, an der bereits ein kindliches Schild hing, auf dem groß „Junko“ stand. Sie klopfte vorsichtig und wartete einen Moment, bekam jedoch keine Antwort. Als auch nach erneutem Klopfen keine Reaktion kam, öffnete sie leise die Tür und musste schon im nächsten Moment schmunzeln. Auf dem Fußboden verteilt lagen verschiedene Spielsachen, die die Grundschüler aus den Kartons, die in einer Ecke standen, herausgeholt haben musste. Doch wiedererwartend saß die Blauhaarige nicht dazwischen und spielte damit, nein, das kleine Mädchen lag stattdessen auf ihrem zusammengerollten Futon und schlief. Ihre Schwester nicht weiter störend, schloss Mirâ die Zimmertür wieder leise und ging zurück hinunter zu ihrer Mutter, welche mittlerweile damit beschäftigt war die Schränke mit Inhalt zu bestücken.

„Und?“, kam es nur fragend, ohne einen Blick auf die Oberschülerin zu richten.

„Sie ist eingeschlafen“, antwortete diese mit einem Schulterzucken, „Brauchst du Hilfe?“

„Nein, schon gut. Sieh dich doch draußen ein wenig um und mach dich mit der neuen Umgebung etwas vertraut“, lächelte ihre Mutter sie freundlich an.

„Gute Idee“, nickte Mirâ und verschwand noch einmal für einen kurzen Moment im oberen Stockwerk, um ihr hellblaues Jackett und ihre graue Hüfttasche zu holen. Noch während sie die Treppe wieder herunter kam, zog sie die Jacke über und band sich die Tasche um, bevor sie im Eingangsbereich in ihre schwarzen Stiefeletten schlüpfte und nach einem Schlüssel griff, der auf der Kommode lag. Dann schob sie die Eingangstür beiseite und verließ, nach einer kurzen Verabschiedung, das Haus. Kaum auf die Straße getreten sah Mirâ sich um und überlegte dann, in welche Richtung sie zuerst gehen sollte. Allzu weit wollte sie heute nicht mehr gehen, immerhin war es bereits Nachmittag. Wohin also nun? Noch einmal sah sie sich zu beiden Seiten um und entschloss sich dann für eine Richtung, welche sie tiefer in das Wohnviertel hineinbrachte.
 

Viel zu entdecken gab es hier allerdings nicht. Es reihte sich ein Einfamilienhaus an das nächste. Einzig und allein die Bauweisen, Fassaden und Aufmachungen der Vorgärten änderten sich und zeigten den jeweiligen Charakter der darin lebenden Menschen. Nach einer Weile kam die junge Frau an einem größeren Supermarkt vorbei, in dem aber zu dieser Zeit kaum noch Betrieb war. Nur einzelne Autos standen davor und auch so wirkte es so, als wäre kaum ein Kunde vor Ort. Die meisten nutzten wahrscheinlich den letzten Tag der Frühjahresferien ohnehin lieber, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Auch heute Morgen im Radio hatte der Moderator darauf hingewiesen, dass man sich bei diesem Wetter die Kirschblüten ansehen sollte, solange man noch die Chance dazu hatte; immerhin war es ein vergängliches Phänomen. Während die junge Frau weiter ihres Weges ging, warf sie einen Blick auf ihr rotes Smartphone, um herauszufinden, wo genau sich eigentlich der Kirschblütenhain befand, von dem im Radio immer wieder gesprochen wurde. Vielleicht konnte sie mit ihrer Mutter und Junko noch einmal hingehen, bevor die Bäume wieder verblüht waren. So auf ihr Handy konzentriert ließ die Violetthaarige vollkommen ihre Umgebung außer Acht und bemerkte demnach auch nicht die Person, welche sich ihr mit eiligen Schritten näherte.
 

„Vorsicht! Aus dem Weg!“, ließ sie eine weibliche, leicht panisch wirkende Stimme aufschrecken und dabei beinahe ihr Telefon fallen.

In genau diesem Moment zog ein großer brauner Bernhardiner genau an ihr vorbei, der an einer schwarzen Leine wie verrückt zu ziehen schien, da diese extrem gespannt wirkte. Sie folgte dem schwarzen Band mit den Augen, doch in diesem Moment knallte es bereits und sie stieß mit der Person zusammen, die am anderen Ende der Leine hing. Schmerzhaft gingen sie und ihr Gegenüber zu Boden, wodurch diese die Leine losließ und der große Hund ohne weiteres weiterrennen konnte.

„Oh nein! Muffin komm zurück!“, rief das Mädchen, welches mit Mirâ zusammengestoßen war und nun quer über deren Schoß lag.

„Muffin?“, ging der Violetthaarigen durch den Kopf, während sie dem riesigen Hund hinterher schaute.

Dieser schien zu bemerken, dass das Gewicht auf der anderen Seite fehlte, blieb plötzlich stehen und kam dann in aller Seelenruhe zurückgelaufen, nur um dann gut einen Meter vor den beiden Mädchen stehen zu bleiben und den Kopf schief zu legen. Mit einem Satz setzte er sich auf seine vier Buchstaben und sah die beiden mit treudoofen Augen an.

„Ernsthaft jetzt!? Willst du mich veräppeln, Muffin? Erst zerrst du mich quer durchs Viertel und jetzt tust du so lieb?“, fragte das Mädchen erneut und schaute den großen Hund dabei böse an, welcher jedoch nur ein liebes Murren von sich gab, „Na warte du!“

Die junge Frau, deren dunkelbraune Haare mit dem herausgewachsenen Pony ihr locker auf die Schulter fielen, wollte sich aufrichten, wodurch ihr endlich wieder aufzufallen schien, dass sie kurz zuvor mit jemandem kollidiert war und nun bei demjenigen welchem auf dem Schoß lag. Überrascht hob sie deshalb den Kopf und blickte Mirâ mit irritierten dunkelgrünen Augen.

„Ähm… entschuldige, aber es wird langsam kalt“, sagte die Angesehene daraufhin nur mit einem kleinen Lächeln.

Sofort sprang ihr Gegenüber peinlich berührt auf: „Oh tut mir wirklich leid. Ich hoffe du hast dir nicht wehgetan.“

Auch die Violetthaarige erhob sich und richtete ihre Kleidung, bevor sie sich wieder der Braunhaarigen zuwandte, die ein kleines Stück kleiner war als sie: „Nein alles gut. So schlimm war es ja nicht.“

„Tut mir trotzdem leid“, entschuldigte sich das Mädchen noch einmal, bevor sie sich wieder dem Hund zuwandte und nach dessen Leine griff.

Kaum hatte sie diese wieder in der Hand, wollte das Tier am anderen Ende bereits wieder losstürmen, so als hätte es nur Spaß daran den eigentlich Führenden hinter sich herzuziehen. Dieses Mal jedoch reagierte die junge Frau gleich und stemmte sich mit ganzer Kraft dagegen.

„Nichts da, du bleibst hier. Ich lass mich garantiert nicht nochmal hinterherzerren!“, schimpfte sie dabei und gab ihr Bestes nicht wieder hinterhergezogen zu werden.

Leicht irritiert beobachtete Mirâ dieses Schauspiel, welches nach kurzer Zeit jedoch unterbrochen wurde, als an dem Gebäude neben ihnen eine Glastür aufgeschoben wurde und ein Mann mittleren Alters mit dunkelbraunen kurzen Haaren heraustrat.

„Akane verdammt, ich hatte dir doch gesagt, dass du mit Muffin nicht Gassi gehen sollst. Er ist viel zu ungestüm für dich!“, schimpfte dieser und riss dann der Brünetten regelrecht die Leine aus der Hand, wobei er aufpassen musste nicht selbst von dem Bernhardiner mitgerissen zu werden, „Muffin aus!“

„Aber ihr wart beschäftigt und Muffin brauchte dringend seine Runde“, versuchte sich die junge Frau zu erklären, bekam jedoch als Antwort nur ein leicht genervtes Seufzen ihres Gegenübers.

„Muffin wird doch nachher eh abgeholt, dann hätte er seine Runde doch noch bekommen“, versuchte dieser ruhig zu bleiben, „Was, wenn er dich in den Fluss gezerrt hätte? Du weißt doch, dass sogar sein Besitzer seine Probleme mit ihm hat…“

„Ich weiß… tut mir leid, Papa…“, schien die Oberschülerin nun doch ein Einsehen zu haben.

Erneut seufzte ihr Vater und lächelte dann: „Ich weiß ja, dass du nur helfen möchtest. Aber übertreib es nicht. So Muffin, wir beide gehen jetzt wieder rein, dein Herrchen kommt dich gleich abholen.“

Der Braunhaarige wandte sich ab und ging dann mitsamt Hund zurück in Richtung des Gebäudes, aus dem er gekommen war. Mirâ sah ihm kurz nach und erkannte daraufhin auch ein Schild, welches an der Fassade des Hauses angebracht war und auf dem das Zeichen für Veterinärmedizin abgebildet war. Darunter stand in großen Schriftzeichen „Tierarztpraxis Chiyo“.
 

Ein Räuspern holte sie aus ihren Gedanken und ließ sie wieder zu dem Mädchen schauen, von dem sie kurz zuvor umgerannt wurde. Sie trug eine dunkelblaue 7/8 Hose mit Latz, an dem allerdings nur ein Träger befestigt war, sodass er teilweise nach unten hing. Darunter trug sie einen mittelgrünen Pullover, mit weitem Kragen, der ihr auf einer Seite herunterhing, und etwas weiteren Ärmeln, die ihre Hände teilweise verdeckten. Auf der freien Schulter, die nicht verdeckt war, erkannte Mirâ die Träger eines schwarzen Tops, was die Brünette drunter trug. Dazu steckten ihre Füße in roten knöchelhohen Chucks. Ihr Stil war sportlich, wirkte an ihr aber auch unglaublich süß.

„Nochmal sorry für eben. Ich hab echt gedacht, dass ich ihn beherrscht bekomme…“, sagte die junge Frau etwas schüchtern.

Mirâ schüttelte den Kopf: „Ach schon gut. Es ist ja nichts passiert. Ich dachte erst, dass das dein Hund war, aber wie es scheint, ist dem nicht so.“

Nun schüttelte auch ihr Gegenüber den Kopf und lächelte dann: „Nein, so ein temperamentvoller Hund wäre gar nichts für uns, auch wenn ich gerne einen hätte. Aber dafür fehlt meinen Eltern auch die Zeit.“

Sie zeigte nun neben sich, genau auf die Praxis: „Sie sind Tierärzte, weißt du. Die Praxis gehört ihnen. Sie haben zwar ein großes Herz für jegliche Art von Tieren, aber für Haustiere die viel Arbeit machen, haben sie keine Zeit. Von daher gebe ich mich mit meinen drei Katzen zufrieden…“

Drei Katzen? Mirâ überlegte kurz, ob sie sich verhört hatte, dann aber wurde ihr bewusst, dass die Brünette ihr gegenüber es vollkommen ernst meinte. Andererseits wusste sie auch, dass es viele Katzenliebhaber gab, die mehr als nur eine Katze hielten. Von daher war das vielleicht auch gar nicht so ungewöhnlich und klang nur für sie, die selbst nie Haustiere hatte, viel. Die Violetthaarige wandte ihren Blick von der Praxis wieder auf das Mädchen, ohne dabei von ihren Gedanken loszulassen. Erst als sie den eindringlichen Blick ihres Gegenübers auf sich bemerkte, schreckte sie aus diesen auf.

„W-was ist?“, fragte sie deshalb etwas verunsichert.

„Du wirkst nicht so, als würdest du von hier kommen. Vorhin hast du doch auch etwas über die Navi-App gesucht oder? Habs nur zufällig bei unserem Zusammenstoß gesehen“, sagte die junge Frau plötzlich und legte dabei den Kopf schief, „Bist du erst hergezogen?“

„A-ah“, nickte die Angesprochene leicht verunsichert, „Meine Mutter musste beruflich hierher und deshalb sind wir gestern hergezogen.“

Ihr Gegenüber nickte und wollte etwas erwidern, wurde jedoch unterbrochen, als sich erneut die Glastür öffnete und dieses Mal eine Frau, mittleren Alters, hinausschaut, deren dunkelbraune Haare zu einem lockeren Zopf gebunden waren.

„Ach ein Glück, du bist noch da Akane. Wir bräuchten dann doch nochmal deine Hilfe. Würdest du bitte reinkommen?“, fragte sie nach.

Etwas überrascht sah die Brünette namens Akane zu ihrer Mutter und nickte dann, bevor sie sich wieder an Mirâ wandte:

„Du hast es gehört. Meine Hilfe wird benötigt. Vielleicht sieht man sich ja wieder. Komm gerne mal wieder hier vorbei.“

Sie hob zum Abschied kurz die Hand und machte sich auf den Weg, blieb jedoch dann nochmal kurz stehen und drehte sich nochmal um: „Ach total vergessen. Mein Name ist Chiyo Akane. Und deiner?“

„Shingetsu Mirâ. Freut mich“, stellte sich Mirâ vor.

Ihr Gegenüber lächelte breit: „Mich ebenso. Dann bis zum nächsten Mal.“

Damit hatte sie sich endgültig abgewandt und war dann in der Praxis verschwunden, während die Violetthaarige ihr noch einige Minuten nachsah, bevor sie sich auch endgültig abwandte, um sich langsam auf den Heimweg zu machen.
 

*~*~*~*
 

Die Sonne war bereits im Begriff unterzugehen und tauchte die Umgebung in ein zartes Orange, als Mirâ wieder den Supermarkt erreichte, dessen Parkplatz nun gänzlich leer war. Bis hierhin hatte sie sich relativ gut zurückgefunden, auch wenn sie einige Male falsch abgebogen war und dann einen Umweg laufen musste. Nun jedoch stand sie an einer großen Kreuzung, welche sich in unmittelbarer Nähe des Supermarktes befand und die sich in 5 verschiedene Richtungen aufteilte. Etwas ratlos schaute sie sich um. Zwei der drei Richtungen konnte sie bereits ausschließen; aus einer davon war sie immerhin gerade gekommen und die andere führte ungefähr in die gleiche Richtung. Doch bei den anderen dreien war sie überfragt. Da es mittlerweile dunkel wurde, musste sie sich langsam etwas beeilen, bevor sich ihre Mutter noch Sorgen machte. Deshalb entschied sie sich lieber die Navigations-App ihres Handys zu verwenden, um sofort den richtigen Weg zu finden und so schnell wie möglich nachhause zu kommen. Noch während sie ihr Smartphone aus ihrer Hüfttasche kramte, hörte sie hinter sich eine Gruppe von jungen Männern, die sich lautstark und lachend unterhielten und voneinander verabschiedeten. Das jedoch interessierte die Oberschülerin gerade nur beiläufig. Stattdessen drückte sie den Powerknopf ihres Telefons, um damit das Display einzuschalten. Dieses jedoch reagierte nicht.

„Eh?“, überrascht starrte die Violetthaarige auf den schwarzen Bildschirm und betätigte die Taste noch einmal, jedoch mit dem gleichen Ergebnis, „Ist der Akku alle? Ich bin der Meinung vorhin hatte es noch genügend Akku…“

Noch während sie so zu sich selbst sprach, drückte sie die Taste noch etwas länger, um das Handy dazu zu bewegen sich einzuschalten. Endlich reagierte es, doch kaum hatte es das Logo des Herstellers eingeblendet, schaltete es sich auch schon wieder aus.

„Oh nee… muss das jetzt sein?“, machte Mirâ eine leicht ausschweifende und theatralische Bewegung, ehe sie betroffen den Kopf hängen ließ, „Und nun?“

Sie schaute wieder auf die Kreuzung und in jeweils eine der Richtungen, die sie potentiell nutzen könnte. Was sollte sie nun machen? Im Grunde blieb ihr ja eigentlich nichts anderes übrig, als auf gut Glück loszulaufen; in der Hoffnung, den richtigen Weg zu finden, ehe es endgültig dunkel geworden war. Vielleicht hatte sie ja Glück und traf jemanden unterwegs, der ihr wenigstens den Weg beschreiben konnte. Eigentlich war ihre Orientierung nicht so schlecht, doch in einer ihr noch so unbekannten Stadt war das schon etwas anderes. Noch einmal blickte sie sich kurz um, bevor sie schwer seufzte. Sie wollte sich gerade auf den Weg machen, als jemand sie unvermittelt von hinten ansprach.

„Hey, kann man dir helfen?“, fragte die männliche Stimme, die sie sich etwas erschrocken umdrehen ließ, „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“

Überrascht sah Mirâ auf einen jungen Mann vor sich, der beschwichtigend eine Hand gehoben hatte, während er mit der anderen einen Fußball festhielt, den er unter seinen Arm geklemmt hatte. Sie schätzte ihn ungefähr auf ihr Alter. Seine blonden, eindeutig gefärbten, Haare fielen ihm locker auf die Schultern und waren hinten teilweise zu einem kleinen Zopf zusammengebunden. Er trug eine weiße Trainingsjacke mit schwarzen Ärmeln, an denen weiße Streifen angenäht waren, und dazu eine etwa knielange, ebenfalls schwarze Hose mit weißen Streifen. Noch während sich die junge Frau fragte, ob er darin nicht frieren musste, bemerkte sie die weißen, mit Dreck besprenkelten, Fußballstulpen, die ihm bis zu den Knien reichten.

„Ich hab zufällig mitbekommen, wie du gerade geflucht hast. Ist etwas passiert? Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“, ließ seine Stimme sie wieder aufschauen und in seine strahlend blauen Augen blicken, die ziemlich untypisch für Japaner waren.

„Ähm… naja…“, begann Mirâ und überlegte, wie sie sich erklären sollte, ohne dass es für sie zu peinlich wurde, „Ehrlich gesagt… ich bin erst hierhergezogen und kenne mich noch nicht so aus. Ich habe einen kleinen Spaziergang gemacht und… nun weiß ich nicht mehr wie ich nachhause komme…“

„Oh… und dein Handy?“, fragte ihr Gegenüber nach, auf die Navi-App anspielend.

„Akku leer…“, murmelte die junge Frau mit leichtem Rotschimmer auf den Wangen.

Sie rechnete schon damit, dass der junge Mann laut loslachen würde, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen hatte er sich den Finger an sein Kinn gelegt und schien zu überlegen:

„Das ist ja ärgerlich. Wo musst du denn hin?“

Überrascht sah Mirâ den Blonden an, doch erwachte dann aus ihrer Starre und griff in ihre Hüfttasche, in welcher sie ihr kleines Notizbuch verstaut hatte, dass sie nun herausholte. Wenigstens ihre neue Adresse hatte sich dort hineingeschrieben, eben für den Fall, dass jemand fragte oder sie diese irgendwo benötigte.

„Ähm… Tsukimi-kū Kinshi 11-Chome 5-banchi“, las sie aus dem kleinen Büchlein vor und ließ dabei bewusst ihre Hausnummer weg; wenn sie erst einmal wusste, wo sie lange musste, dann würde sie auch ihr Haus wiederfinden.

„Das müsste in die Richtung sein“, überlegte der junge Mann in eine bestimmte Richtung schauend, eher zu sich sprechend, bevor er in seine Jackentasche griff und nun sein Smartphone hervorholte, an dem Mirâ einen kleinen Fußballanhänger erkennen konnte.

„Er muss wirklich verrückt nach Fußball sein…“, ging ihr durch den Kopf, während sie beobachtete, wie ihr Gegenüber sich den Ball zwischen die Knie klemmte und dann mit schnellen Bewegungen die Adresse in sein Telefon eingab.

„Ah dort… ich denke, ich weiß wo das ist. Wenn du möchtest kann ich dich ein Stück begleiten“, bot er ihr plötzlich an.

Etwas überrumpelt von dem Angebot sah Mirâ den Blonden mit großen Augen an: „A-also ich möchte dir keine Umstände machen…“

„Das macht mir keine Umstände. Es würde für mich auf dem Weg liegen“, erklärte der Blonde daraufhin und schien dann zu merken, wie das rüberkommen musste, „Aber ich will mich dir nicht aufdrängen, also…“

Bei Mirâ meldete sich das schlechte Gewissen, immerhin meinte es der junge Mann mit Sicherheit nur gut und sie war so misstrauisch. Er wirkte ja auch nicht bedrohlich oder gefährlich, zudem war er ungefähr in ihrem Alter und hatte sie in ihrer Not auch sofort angesprochen.

„Dann… vielen Dank für deine Hilfe“, sagte sie plötzlich und stimmte damit seinem Vorschlag zu sie ein Stück zu begleiten, um ihr den Weg zurück zu zeigen.

Ein Lächeln zierte das Gesicht ihres Gegenübers, dass zu einem frechen Grinsen wurde: „Cool. Dann los. Gleich gehen die Laternen an.“

Damit hatte sich der Blonde in Bewegung gesetzt und die Ampel an der Kreuzung angesteuert.

„Darf ich dich eigentlich nach deinem Namen fragen?“, fragte er, als die Violetthaarige neben ihn trat, „Mein Name Makoto Hiroshi.“

„Ich heiße Shingetsu Mirâ, freut mich“, stellte nun auch sie sich höflich vor.

„Mich auch“, lächelte der junge Mann namens Hiroshi sie freundlich an und schritt dann los, als die Ampel auf Grün schaltete, woraufhin ihm Mirâ in das angrenzende Wohnviertel hineinfolgte.

„Was verschlägt deine Familie denn in diese verschlafene Stadt?“, stellte ihre Begleitung noch eine Frage.

Die Oberschülerin überlegte kurz, ob sie darauf antworten sollte, erzählte es dann aber doch: „Meine Mutter arbeitet in einem großen Immobilien-Büro. Die Firma hat hier einige Gebäude erworben und möchte deshalb eine Zweigstelle eröffnen, die meine Mutter führen soll. Deshalb sind wir nun hier…“

„Deine Mutter ist also Immobilienmaklerin?“, kam eine weitere Frage, auf die Mirâ nur nickte, „Verstehe…“

Schweigen breitete sich aus, obwohl die Oberschülerin das Gefühl hatte, dass Hiroshi sie noch mehr fragen wollte. Jedoch hielt er sich offensichtlich zurück, um sich ihr nicht zu sehr aufzudrängen. Mirâ war ihm dankbar dafür, auch wenn die Stille zwischen ihnen nach und nach etwas unangenehm wurde. So gingen sie noch eine Weile still nebeneinander her, bis ihre Begleitung plötzlich stehen blieb, was ihm die junge Frau überrascht nachtat.

Der Blonde zeigte nach links: „Wenn du der Straße folgst, dann kommst du zum Kinshi 11-chome. Den Rest solltest du dann ja eigentlich alleine schaffen. Oder?“

Er lächelte sie breit an, woraufhin auch sie ihm ein liebes Lächeln schenkte und dann nickte: „Ja, das sollte ich schaffen. Vielen Dank für deine Hilfe, Makoto-kun.“

Sie verbeugte sich leicht, woraufhin der Angesprochene sich jedoch nur verlegen am Hinterkopf kratzte und meinte, dass das kein Problem war.

Dann wandte er sich mit einem breiten Grinsen ab: „Ich muss jetzt hier lang. Dann komm gut heim. Vielleicht trifft man sich ja mal wieder.“

Mirâ nickte daraufhin nur und sah dem jungen Mann kurz nach, wie er sich mit jedem Schritt immer weiter von ihr entfernte. Auch sie wandte sich kurz darauf endlich ab und folgte wie geheißen der Straße, bis sie sich endlich wieder halbwegs auskannte und dadurch auch schnell ihr Zuhause fand. Gerade noch rechtzeitig, denn kaum hatte sie die Tür aufgeschlossen leuchteten bereits die ersten Laternen in den Straßen auf. Mit einem kleinen Lächeln beobachtete sie, wie eine Straßenlampe nach der anderen aufleuchtete und dankte gedanklich ihrem Retter in der Not, bevor sie die Tür beiseiteschob und endlich eintrat:

„Tadaima!“
 

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II – Welcome to Jûgôya High


 

*~* II – Welcome to Jûgôya High *~*
 

[ ~Montag, 06. April 2015~ ]

[ *Früher Morgen* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

„Es tut mir wirklich leid, dass ich dich nicht begleiten kann, Mirâ“, entschuldigte sich Mirâs Mutter nun schon zum gefühlt hundertsten Mal, während sie der Violetthaarigen in den Flur folgte.

Diese war gerade dabei in ihre schwarzen Lederslipper zu schlüpfen und wandte sich dann wieder der Älteren zu: „Keine Sorge, Mama. Ich bin in der Oberstufe. Das bekomme ich schon alleine hin. Die Formalitäten hast du letzte Woche doch schon geklärt.“

Sie lächelte und sah dann an der Blauhaarigen vorbei auf ihre kleine Schwester, die etwas verunsichert vom Wohnzimmer aus in den Flur sah: „Außerdem ist heute Junkos Einschulung. Das hat Vorrang. Freu dich lieber darauf.“

Haruka, wie ihre Mutter hieß, wandte sich nun auch ihrer jüngsten Tochter zu und seufzte dann: „Danke, dass du es verstehst.“

„Keine Sorge, alles gut“, lachte die Oberschülerin und schenkte Junko dann ein breites Grinsen, „Junko, ich wünsche dir heute viel Spaß bei deiner Einschulung. Präg dir den Schulweg gut ein. Vergiss nicht, Mama darf dich ab morgen nicht mehr hinbringen.“

Sie zwinkerte und hob ihre schwarze Ledertasche auf, bevor sie sich umdrehte und die Haustür öffnete.

„Also dann, bis heute Nachmittag“, damit war sie aus dem Haus getreten und hatte sich auf den Weg gemacht.

Um zu ihrer neuen Schule, der Jûgôya High School zu gelangen, musste sie mit der U-Bahn nach Jûgôya-kû fahren. So hieß das Stadtviertel, in dem sich die Privatschule mit der markanten schwarz-weiß-roten Uniform befand. Zwar hätte Mirâ auch auf die Yûzora High School gehen können, bei der es sich um eine staatliche Schule handelte, die in dem Stadtviertel lag, in dem sie lebte, doch ihre Mutter hatte sich für die bekannte Privatschule entschieden, die nur aus Oberstufe und Universität bestand. Umso schwerer war es eigentlich auch, dort aufgenommen zu werden, weshalb sie sofort den Aufnahmetest schreiben musste, als feststand, dass sie nach Kagaminomachi ziehen würden. Wieso das so schnell ging und wieso ihre Mutter gerade auf diese Schule kam, wusste sie nicht. Aber sie erinnerte sich daran, dass die Aufnahme extrem schwer war und konnte sich vorstellen, dass sich dies auch im Lernniveau der Schule widerspiegelte. Ein wenig Sorge bereitete ihr das schon, immerhin würde das auch bedeuten, dass sie sich ziemlich reinhängen musste, um mithalten zu können. Es war nicht so, dass sie Schwierigkeiten beim Lernen hatte, allerdings war das Lernniveau an den staatlichen Schulen, die sie zuvor besucht hatte, nicht ganz so hoch gewesen, was ihr letzten Endes auch etwas Probleme bei der Aufnahmeprüfung gemacht hatte. Nun war sie zwar froh, dass sie es geschafft hatte, doch durfte jetzt nicht nachlässig werden. Sie seufzte tief, als sie die Tsukimi Central Subway Station erreicht hatte und ließ damit von ihren Gedanken erst einmal ab. Leicht verunsichert blieb sie oberhalb der Treppe, welche sie zu den U-Bahnen führte, stehen und sah sich kurz um, während immer wieder Schüler an ihr vorbeiliefen. Die meisten von ihnen trugen eine andere Uniform als sie, die hauptsächlich in Schwarz gehalten war und sich in zwei Formen unterschied, was wohl dran lag, dass es sich um die Uniform der Mittel- und Oberstufe handelte. So trugen die Mädchen zumeist schwarze Oberteile mit weißem Matrosenkragen und einer blauen Schleife oder einen schwarzen Blazer mit weißer Bluse und blauer Schleife. Zu beiden Uniformen gehörte ein schwarzer Faltenrock. Die Jungs wiederum trugen entweder eine typische schwarze Schuljacke mit weiß-blauem Stehkragen oder einen schwarzen Blazer mit weißem Hemd und blauer Krawatte und dazu jeweils eine schwarze Hose. Beide Varianten der Uniformen wirkten schlicht, aber alles andere als hässlich. In ihrem Augenwinkel erkannte sie aber auch Schüler, die wie sie die Uniform der Jûgôya trugen und an ihr vorbeiliefen, weshalb sie sich diesen an die Fersen heftete, da sie sich noch etwas unsicher war mit welcher Bahn sie überhaupt fahren musste. Zwar hatte sie am Abend recherchiert, dass es möglich war mit zwei Linien zu fahren, wobei sie bei einer am Hauptbahnhof umsteigen musste, jedoch wusste sie noch nicht wo genau sie hinmusste. Ihr Plan war es mit der Linie zu fahren, die sie ohne Umsteigen direkt nach Jûgôya-kû bringen würde. So folgte sie dem Strom der Schüler und achtete darauf an denen dran zu bleiben, die in die gleiche Richtung mussten wie sie. So landete sie nach kurzer Zeit auf einem der Bahnsteige, auf dem sich tatsächlich prozentual mehr Schüler der Jûgôya aufhielten. Erleichtert, dass sie wohl richtig war, atmete sie auf, doch schreckte im nächsten Moment zusammen, als ihr jemand auf sie Schultern tippte. Überrascht von dieser Aktion drehte sie sich um und blickte dann in zwei strahlend blaue Augen, die zu Hiroshi gehörten, welcher sie mit einem breiten Lächeln ansah. Er trug ebenfalls die Uniform ihrer neuen Schule, hatte jedoch die Jacke offen, sodass man das weiße Hemd darunter erkennen konnte, dessen obersten Knopf er offengelassen hatte und das locker über den Bund seiner Hose hing. Auch die locker gebundene rote Krawatte war dadurch komplett zu sehen.

„Guten Morgen“, grüßte er lieb, „Das ist ja ein Zufall. Du gehst also auch auf die Jûgôya?“

„J-ja. Guten Morgen“, ein kleines unsicheres Lächeln schlich sich über ihre Lippen.

Damit, ihren Retter vom Vortag bereits am nächsten Tag wiederzusehen, hatte sie nicht gerechnet und es war wirklich ein überraschender Zufall. Am Gleis gegenüber fuhr eine U-Bahn ein und wirbelte dabei einiges an Luft auf, welche sie im Tunnel vor sich hergeschoben hatte und die sich nun wieder ausbreiten konnte. Erschrocken von dem plötzlichen Wind kniff Mirâ die Augen zusammen und versuchte irgendwie zu verhindern, dass ihre Haare nicht ganz so durcheinandergebracht wurden. In diesem Moment stieg ihr ein süßlicher Geruch in die Nase, weshalb sie überrascht die Augen wieder öffnete und zu Hiroshi blickte, der durch den aufkommenden Wind ebenfalls etwas zusammengezuckt war und dann auf die Bahn auf der anderen Seite blickte. So schnell wie der Duft aufgekommen war, war er jedoch auch schon wieder verschwunden, doch er blieb der jungen Frau in Erinnerung. War er von ihrem Gegenüber gekommen? Auf den ersten Blick wirkte der junge Mann nicht so, als würde er viel auf so etwas geben. Seine Haare waren eindeutig gefärbt, was an japanischen Schulen eigentlich strengstens verboten war und auch auf die Einhaltung der Schulordnung, was das Tragen der Uniform anging, schien er nicht viel zu legen. Und trotzdem hatte er anscheinend etwas Parfüm oder etwas ähnliches aufgetragen.

„Sag mal…“, setzte Hiroshi zu einem Satz an, weshalb sie wieder aus ihren Gedanken schrak.

Doch noch ehe er weiterreden konnte wandte er sich erneut um, als eine andere männliche Stimme nach ihn rief. Überrascht sah Mirâ an ihm vorbei und erkannte dann zwei junge Männer, die in ihre Richtung winkten. Anscheinend handelte es sich dabei um Kumpels ihres neuen Bekannten. Äußerlich schienen sie jedenfalls ziemlich gut zusammenzupassen, denn auch die beiden wirkten sehr auffällig in ihrem Auftreten. Während einer der beiden ziemlich groß war und für diese Jahreszeit ungewöhnlich gebräunte Haut hatte, wirkte der andere dagegen fast schon winzig und hatte zudem noch silbergrau gefärbte Haare, die zu einem Undercut geschnitten waren.

„Oh ähm“, erklang wieder die Stimme des Blonden vor ihr, woraufhin sie sich ihm wieder zuwandte und dabei bemerkte, dass er nun doch etwas unsicher wirkte.

Sie vermutete, dass er ihr anbieten wollte sie zur Schule zu begleiten, sie aber nicht auch noch mit seinen Kumpels überfordern wollte. Jedenfalls wirkte es so, als könne er sich nicht entscheiden, ob er nun bei ihr bleiben oder lieber zu den anderen beiden Jungs gehen beziehungsweise sie heranwinken sollte, weshalb sich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen schlich. Irgendwie fand sie das ja schon ganz süß, jedoch wollte sie sich nicht einfach dazwischendrängen und zu viele Kontakte auf einmal wollte sie nun auch nicht knüpfen. Zumal es sicher merkwürdig aussehen würde, wenn sie gleich am ersten Schultag mit drei Jungs im Schlepptau an der Schule auftauchen würde. Dummes Gerede würde zwar eh irgendwann kommen, doch gleich am ersten Tag musste das nicht sein. Deshalb tippte sie den jungen Mann vor sich leicht an und bekam daraufhin wieder seine Aufmerksamkeit.

„Schon in Ordnung. Geh ruhig zu deinen Kumpels. Bis zur Schule finde ich mich. Ich habe ja genug Leute an die ich mich halten kann“, sagte sie lächelnd, woraufhin Hiroshi sie erst etwas irritiert ansah, dann jedoch erleichtert wirkte.

Er nickte und wandte sich dann ab: „Dann vielleicht bis später…“

Damit hatte er sich gänzlich umgedreht und war zu den beiden Jungs gelaufen, welche ihn gleich breit angrinsten. Wahrscheinlich machten sie nun ihre Späße mit ihm, weil er sich mit ihr unterhalten hatte, denn so waren Jungs eben. Sie lächelte leicht und drehte sich dann wieder in Richtung des Gleises, auf dem in diesem Moment die U-Bahn einfuhr, welche sie zu ihrer Schule bringen würde. Erneut wurde Wind aufgewirbelt, welcher sich jedoch etwas schneller legte, da er mit dem Zug gleich mitgezogen wurde. Mit lautem Quietschen kam die Bahn zum Stehen, bevor ein penetrantes Piepen ertönte, ehe sich die Tür öffneten und einige Passagiere ausstiegen. Geduldig wartete Mirâ mit der Masse an Schülern, ehe sie einsteigen konnte und sich in die gegenüberliegende Tür stellte. Woanders war ohnehin bereits kein Platz mehr und bis zu ihrer Schule waren es laut Anzeige nur zwei Stationen, weshalb es ihr auch nichts ausmachte bis dahin zu stehen. Erneut ertönte das Piepen, bevor sich die Türen wieder schlossen und sich das Verkehrsmittel wieder in Bewegung setzte.
 

Der Weg bis zur nächsten Station war nicht sonderlich weit, sodass sie diese bereits nach nicht mal fünf Minuten erreichten und der Zug erneut zum Stehen kam. Wieder öffneten sich die Türen mit dem piepsenden Ton und ließen einige wenige Fahrgäste aussteigen, die den Platz mit einer weiteren Traube von Schülern tauschten; fast alle in die Uniform der Jûgôya gekleidet. Die ganze Zeit über hatte Mirâ ihren Blick auf ihrer Seite aus dem Fenster gerichtet, selbst wenn sie nicht wirklich etwas erkennen konnte, doch nun, da der Zug wieder stand wandte sie sich der Tür ihr gegenüber zu und blickte daraufhin in zwei große, grüne Augen, die genauso überraschten wirkten, wie sie selbst es war. Vor ihr stand nun eine weitere Bekannte vom Vortag: Das Mädchen deren Eltern eine Tierarztpraxis betrieben und von dem sie über den Haufen gerannt wurde. Chiyo Akane war ihr Name, wenn sie sich recht erinnerte. Die junge Frau schien auch auf die Jûgôya zu gehen, jedenfalls ließ dies ihre weiß-schwarz-rote Trainingsjacke mit dem Logo der Schule darauf vermuten. Darunter erkannte sie den roten Rock mit dem weißen Streifen, unter dem ihre durchtrainierten Beine hervorschauten, die in schwarzen Overknees steckten. Mit lautem Piepen schlossen sich die Türen, bevor sich die Bahn mit einem Ruck wieder in Bewegung setzte, während sich die beiden jungen Frauen einfach nur anschauten. Konnte es wirklich Zufall sein, dass sie gleich zwei Leuten, die sie am Tag zuvor das erste Mal getroffen hatte, am nächsten Morgen erneut begegnete? Es kam ihr in diesem Moment schon eher wie Schicksal vor, obwohl sie niemand war, der an so etwas glaubte. Doch Zufall war es mit Sicherheit auch nicht.

„Du besuchst auch die Jûgôya?“, wurde ihr diese Frage nun zum zweiten Mal gestellt, als die Brünette ihr gegenüber als erstes aus ihrer Starre erwacht war.

Mirâ nickte: „Ja, das ist wirklich ein Zufall.“

Ein Lächeln schlich sich auf Akanes Gesicht, welche nun einen Schritt an die Violetthaarige herantrat und sich daraufhin neben sie an die Tür stellte: „Kann man so sagen. Man könnte da ja schon fast von Schicksal sprechen. Oder?“

Ihr Gegenüber lachte und sprach dann weiter, bevor sie auf den kleinen Anstecker am Kragen von Mirâs Blazer zeigte: „Spaß. Laut dem Anstecker an deinem Blazer gehst du auch ins zweite Jahr. Soll ich dir dann vielleicht bei Gelegenheit etwas die Schule zeigen, ähm… Shingetsu, nicht wahr?“

„Richtig…“, bestätigte die Violetthaarige die Frage und freute sich dabei über das Angebot der Brünetten, „Danke, es wäre nett, wenn du mich etwas herumführen könntest, Chiyo-san.“

Das Lächeln auf Akanes Gesicht wurde breiter. Dabei fiel Mirâ auf, dass sie wohl versuchte ihre wirkliche Freude etwas zu unterdrücken, denn es wirkte so, als hätte sie die Annahme ihres Angebotes am liebsten richtig gefeiert. Da sie dieses Verhalten doch etwas niedlich fand, musste auch die Violetthaarige noch etwas breiter lächeln. Offensichtlich war ihr Gegenüber ein sehr sozialer Mensch, dem es Freude bereitete Kontakte zu knüpfen.

»Nächster Halt Jûgôya Central Subway Station. Jûgôya High School und University«, erklang es durch den Lautsprecher und ließ die Violetthaarige damit wieder aus dem gegenüberliegenden Fenster blicken, wo kurz darauf sie Station auftauchte.

Einen Moment später blieb der Zug stehen und entließ seine Insassen auf den bisher leeren Bahnsteig, der sich nun rasant füllte. Auch Mirâ und ihre Begleitung verließen das Fahrzeug, bevor sie dem Strom der Schüler aus der Station hinaus auf die Straße folgten, über welche sie nach nur wenigen Minuten ein großes eingezäuntes Gelände erreichten. Das große Tor stand weit offen und lud so zum Eintreten ein. Der breite Weg, der aus hellen Steinen bestand und von mehreren Blumenbeeten und Bäumen gesäumt war, führte geradewegs zum Hauptgebäude der Schule, welches sich durch einen hohen Mittelbau auswies, an dessen Spitze eine große Uhr prangerte, die mit ihren vergoldeten Zeigern 7:30 Uhr anzeigte. Im Erdgeschoss befand sich ein niedriger Vorbau, dessen Eingangstüren weit offenstanden, sodass Mirâ bereits einen kurzen Blick auf die unzähligen Schuhschränke erhaschen konnte, die sich dort befanden. Vom Mittelbau aus erstreckte sich das Gebäude jeweils nach links und rechts. Die rechte Seite war ein langer niedriger Bau von maximal zwei Stockwerken, an dem an der äußeren rechten Wand ein niedriger Flachbau anschloss, der zu einer offensichtlich großen Turnhalle führte. Mirâ erkannte auf dem rechten Anbau der Schule einen hohen Zaun, was wohl darauf schließen ließ, dass es hier erlaubt war das Dach zu betreten, was nicht immer selbstverständlich war. Die linke Seite des Schulgebäudes war um einiges kürzer als die Rechte, jedoch weitaus höher und bestand aus vier Etagen. Links neben dem Hauptgebäude der Schule stand mit etwas Abstand eine weitere große Turnhalle.
 

„Dort links ist die große Hauptturnhalle. Dort trainieren auch der Volleyball- und der Basketball-Club“, holte Akane sie aus ihren Gedanken, welche anscheinend mitbekommen hatte, wie sie das Gebäude betrachtet hatte, „Auf der rechten Seite sind die Hallen für die traditionellen Sportarten, wie Karate, Kendo und Kyudo. Sie sind mit dem Hauptgebäude verbunden, weil sich die Umkleiden im hinteren Teil des rechten Anbaus befinden. Die anderen Sportanlagen haben separate Umkleiden. Die befinden sich alle hinter dem Hauptgebäude.“

„Ich habe gehört, dass die Jûgôya eine der größten Auswahlen von Sportclubs hat“, sprach Mirâ das Thema der Sportanlagen an, die Akane kurz angeschnitten hatte.

„Ja, die ist ziemlich groß“, meinte die Brünette und zog ihre Hände aus den Jackentaschen, um mit ihren Fingern aufzuzählen, was es alles gab, „Wir haben, wie bereits erwähnt, Kyudo, Kendo und Karate, dann noch Volleyball und Basketball. Unsere Fußballmannschaft ist im aktuellen Regionalvergleich ziemlich gut. Dann gibt es noch Tennis, Leichtathletik und Schwimmen. Eigentlich wundert es, dass es kein Softball- oder Baseball-Club gibt oder so… ist ja auch ziemlich angesagt. Aber wahrscheinlich ist das Interesse hier dann doch zu gering.“

Sie steckte ihre Hände wieder zurück in ihre Taschen und sah Mirâ dann lächelnd an: „Wir haben auch viele Kulturclubs. Zehn oder so. Krass oder?“

Ein Grinsen legte sich auf ihre Lippen, während sie ihre violetthaarige Begleitung immer noch ansah. Überrascht von dem Angebot der Schulclubs, die diese Schule bot, sah Mirâ die junge Frau neben sich kurz mit großen Augen an, bevor sie sich wieder fing und dann nur darauf nickte.

„Jedenfalls: Herzlich willkommen an der Jûgôya High School“, wurde das Grinsen der Brünetten noch etwas breiter, woraufhin sich nun wieder ein Lächeln auf Mirâs Lippen legte.

„Vielen Dank“, lachte sie daraufhin nur.

Mit einem Ruck drehte sich Akane in Richtung des Haupteingangs: „Soooo… wollen wir dann? Weißt du schon wo du hinmusst? Oder musst du noch ins Lehrerzimmer?“

„Ähm ja… ich muss noch zu Masa-sensei. Dort erfahre ich dann auch, in welche Klasse ich komme…“, antwortete die violetthaarige Oberschülerin auf die Fragen ihrer Begleitung.

Diese sah sie kurz aus dem Augenwinkel an und setzte sich dann in Bewegung: „Alles klar. Dann zeig ich dir, wo du hinmusst.“
 

Damit betraten beide junge Frauen den niedrigen Vorbau, der an das Hauptgebäude anschloss, um kurz darauf zwischen den Schränken ihres Jahrgangs nach dem Fach zu suchen, welches ihnen für das neue Schuljahr zugeteilt war. Akane hatte ihres relativ schnell gefunden und auch Mirâ wurde nach einiger Zeit fündig. Erleichtert wechselte sie ihre Straßenschuhe gegen die schuleigenen Hausschuhe, die aus weißem Gummi bestanden und an der Spitze rot eingefärbt waren. Das sie bereits ein eigenes Fach hatte war ein gutes Zeichen. Es bedeutete nämlich, dass die Formalitäten wirklich alle geklärt waren und dass ihr Transfer zu dieser Schule reibungslos funktioniert hatte. Als beide mit dem Wechseln der Schuhe fertig waren traten sie in den großen weiträumigen Eingangsbereich, in dem sich Mirâ kurz umsah. In der linken hintersten Ecke erkannte die junge Frau einen Kiosk, welcher um diese Zeit allerdings noch geschlossen war. Wahrscheinlich öffnete er erst gegen Mittag seine Pforten, um so einen verfrühten Ausverkauf zu verhindern. Es war nicht unüblich, dass es an Schulen spezielle belegte Brote gab, um die sich die meisten Schüler regelrecht prügeln mussten, um an das beliebte Stück heranzukommen. Sie konnte sich da noch an einige Szenen an ihrer alten Schule erinnern, die nicht wirklich schön waren. Da sie aber immer ihr eigenes Bentô dabei hatte war sie auch glücklicherweise nie gezwungen gewesen sich etwas am Kiosk zu kaufen und war dem Trubel deshalb immer aus dem Weg gegangen. Ihre Gedanken abstreifend ließ sie ihren Blick weiter schweifen. Rechts neben dem Kiosk befanden sich mehrere Türen, die anscheinend in den Innenhof der Schule führten und noch etwas weiter rechts daneben in der anderen Ecke des Gebäudes war eine breite Treppe, die in die nächste Etage führte. Direkte davor hatte sich eine Traube von Schülern gebildet, die alle gemeinsam auf eine große weiße Tafel starrten, an der anscheinend die diesjährige Klassenaufteilung angepinnt war. Sie hörte einige wenige Schüler über ihr Schicksal fluchen, während sich andere freuten wieder gemeinsam ein Jahr verbringen zu dürfen. Unter den Schülern erkannte sie auch eine ihr bekannte Person, welche sich ihr nun zuwandte und dann lächelte, bevor sie ihr kurz zuwinkte und dann im Schlepptau mit zwei Jungs die Treppe hinaufstieg. Auch Mirâ hatte der Person aus Reflex heraus kurz zugewinkt, weshalb sie einen skeptischen Blick von der Seite kassierte.

„Du kennst Makoto?“, fragte Akane plötzlich mit einem merkwürdigen Unterton, der der eigentliche Anlass für sie war, wieder aus ihren Gedanken zu schrecken.

„Hm?“, etwas überrascht sah die Violetthaarige zu ihrer neuen Bekannten und schien dann erst zu registrieren, was diese zu ihr gesagt hat, „Ach… j-ja flüchtig. Er hat mir gestern Abend geholfen nachhause zu finden, nachdem der Akku meines Handys alle war und ich nicht mehr weiterwusste. Und heute Morgen sind wir uns kurz auf dem Bahnsteig begegnet.“

„Ah ja…“, kam es daraufhin nur von der Brünetten, welche kurz in Richtung der Treppe sah.

Etwas irritiert über diese Reaktion sah Mirâ das Mädchen neben sich an, welches jedoch in diesem Moment ihre Fassung zurückerlangte und ihr wieder ein Lächeln schenkte.

Sie drehte sich leicht nach rechts und zeigte auf einen Gang neben sich:

„Dort befindet sich das Lehrerzimmer. An dieser Stelle verabschiede ich mich erstmal von dir. Cool fände ich es ja, wenn wir in die gleiche Klasse kämen. Ansonsten schau ich in der Pause einfach mal bei den anderen Klassen rein, um dich zu finden. Bis dann.“

„Ja ist okay. Ich freue mich. Danke. Bis später“, verabschiedete sich die Oberschülerin von ihrer Begleitung, deren Lächeln wieder breiter wurde, bevor sie sich abwandte und ebenfalls zu der Tafel mit der Klassenaufteilung ging.

Mirâ sah ihr kurz nach und hatte dabei einen leicht besorgten Blick aufgesetzt. Irgendwie hatte sich die Atmosphäre für einen Moment geändert, als Akane mitbekommen hatte, dass sie Hiroshi kannte, wenn auch nur flüchtig. Sie hatte beide erst kennengelernt und kannte sie eigentlich noch gar nicht richtig, doch trotzdem war sie sich sicher, dass zwischen den beiden etwas vorgefallen sein musste; Irgendetwas, dass Akane nun dazu veranlasste so zu reagiert. Sie schüttelte leicht den Kopf. Auch wenn sich etwas Sorge in ihr breit machte, so durfte sie sich nicht in die privaten Angelegenheiten anderer einmischen; es ging sie einfach nichts an. Mit diesem Gedanken wandte sie sich nun dem Gang zu ihrer Rechten zu, um diesen zu betreten.
 

Durch die großen Fenster, welche sich zu ihrer Rechten befanden, war der Flur sehr hell und musste deshalb auch nicht mit künstlichem Licht beleuchtet werden. Zu ihrer Linken befanden sich mehrere verschiedene Türen über denen kleine Schilder hingen, die auf den Zweck des jeweiligen Raumes hinweisen sollten. Über der ersten Tür hing ein Schild mit „Krankenzimmer“. Hier befand sich also der Schularzt. Die beiden Türen dahinter waren mit „Bibliothek“ gekennzeichnet und erst auf dem Schild dahinter erkannte Mirâ den gesuchten Raum, auf den sie daraufhin gezielt zusteuerte. Noch ehe sie jedoch dort ankam öffnete sich die vordere Tür des Lehrerzimmers und ein schwarzhaariger junger Mann trat heraus.

„Vielen Dank für das Gespräch“, hörte sie leise, nachdem er sich noch einmal in Richtung des Raumes umgedreht hatte, um die Schiebetür wieder zu schließen.

„Und denkt daran, dass der Disziplinarausschuss strengstens auf die Einhaltung der Schulregeln achtet. Ich möchte nicht wieder so ein Chaos wie das letzte Jahr!“, ertönte eine schimpfende Stimme, die zu einem älteren Mann, wohl einem Lehrer, gehören musste.

„Ja natürlich, Toshizou-sensei. Ich werde es an die anderen Mitglieder des Schülerrats herantragen“, mit diesen Worten und einer leichten Verbeugung schloss er nun endgültig die Tür und seufzte dann tief.

„Warum muss ich das immer über mich ergehen lassen? Als wenn irgendjemand hier auf ein paar andere Schüler hören würde…“, murmelte er genervt, richtete sich dabei wieder vollständig auf und kratzte sich dann im Nacken, während er sich umwandte, um wieder zurück in die Haupthalle zu gehen.

In diesem Moment schien er zu bemerken, dass jemand vor ihm stand und blieb wieder abrupt stehen, während er Mirâ mit großen braunen Augen anschaute. Seine kurzen, schwarzen, etwas ungestümen Haare waren an den Seiten etwas länger und fielen ihm bis knapp übers Kinn, während sie hinten relativ kurzgehalten waren. In seinem Pony, welchen er zu einem Linksscheitel gelegt hatte, steckten zwei überkreuzte silberne Haarnadeln, die wohl dafür sorgen sollten, dass ihm die Haare nicht ins Gesicht fielen. Er trug seine Uniform vollkommen akkurat; das Jackett geschlossen und die Krawatte hineingesteckt, dazu die schwarze Hose und braune Lederslipper. Am Kragen seines Jacketts erkannte Mirâ einen kleinen schwarz-roten Anstecker, welcher die Klassenstufe anzeigte. Auch sie hatte einen solchen an ihrem Kragen geheftet, welcher zweigeteilt war und auf einer Seite die Farbe rot und auf der anderen Seite schwarz aufwies. Der Anstecker des jungen Mannes ihr gegenüber jedoch war dreigeteilt und in den Farben rot-schwarz-rot. Das hieß es handelte sich hierbei um einen Schüler aus dem dritten Jahr. Immer noch überrascht sah er die Jüngere an und schien dann erst zu bemerken, dass sie seinen kleinen Ausraster mitbekommen haben musste, weshalb er sich schnell räusperte und ihr dann ein Lächeln schenkte.

„Möchtest du ins Lehrerzimmer?“, fragte er dann freundlich nach.

Ein leichter Rotschimmer legte sich bei diesem Lächeln auf ihre Wangen, weshalb sie etwas verlegen zur Seite schaute: „Ähm j-ja… i-ich habe dieses Jahr auf diese Schule gewechselt u-und muss mich noch bei Masa-sensei melden.“

Warum sie plötzlich so nervös war wusste sie eigentlich gar nicht, aber aus irgendeinem Grund wollte ihr jedes Wort im Halse stecken bleiben, seit er sie angesprochen hatte. So etwas hatte sie bisher noch nie erlebt.

„Ich verstehe. Eine Transferschülerin also?“, ließ seine Stimme sie wieder aufschauen und in sein lächelndes Gesicht blicken, „Dann herzlich Willkommen an der Jûgôya High School. Mein Name ist Shin Masaru. Ich gehöre zum Schülerrat. Wenn du also irgendwelche Sorgen hast, dann scheu dich nicht uns anzusprechen. Bis dann.“

In diesem Moment trat er einen Schritt beiseite, um so die junge Frau passieren zu lassen, bevor er mit einem leichten Nicken in ihre Richtung an ihr vorbei zurück in die Eingangshalle ging. Überrascht sah Mirâ ihm nach, während sich ihre Nervosität langsam wieder legte und sie etwas erleichtert aufatmete.

„Oh man… was war das denn gerade?“, ging ihr auf ihr eigenes Verhalten durch den Kopf, als sie sich wieder umwandte und dann gegen die Tür des Lehrerzimmers klopfte, aus dem kurz darauf ein leises „Herein“ erklang, welches sie veranlasste nun einzutreten, jedoch nicht ohne noch einmal kurz in die Richtung zu sehen, in welche der Schwarzhaarige verschwunden war.
 

„Guten Tag“, grüßte sie freundlich, als sie in den Raum trat, welcher vollgestellt mit Schreibtischen war, an denen vereinzelt Lehrer saßen, die sich Unterlagen anschauten oder in aller Ruhe eine Tasse Kaffee tranken, „Ich wollte zu Masa-sensei.“

„Ah du bist die neue Schülerin“, erklang eine erwachsene Frauenstimme, welche Mirâ dazu veranlasste sich dieser zuzuwenden.

Kurz darauf kam eine junge Frau mit nackenlangen schwarzen Haaren auf sie zu, die in ein sanftrotes Kostüm gekleidet war, das aus einem Blazer und einem gleichfarbigen, knielangen Rock bestand. Unter dem Blazer erkannte man leicht den Kragen eines weißen Shirts, dass sie daruntergezogen hatte. In ihrer Hand hielt sie einen Stapel Papiere, die sie nun kurz durchsah und sich dann wieder der Oberschülerin zuwandte.

„Shingetsu Mirâ. Richtig?“, fragte die Lehrerin mit einem Lächeln.

Mit einem Nicken beantwortete die Violetthaarige die Frage, woraufhin die Lehrerin die Unterlagen auf den Tisch neben sich legte und sich ihr dann wieder gänzlich zuwandte: „Dann herzlich Willkommen an unserer Schule. Mein Name ist Masa Ienami, ich bin die Klassenlehrerin der 2-1 und damit auch deine.“

„Es freut mich sehr“, verbeugte sich die Oberschülerin, was der jungen Lehrerin einen verwunderten Blick abrang.

„Du bist aber höflich. Sowas findet man heutzutage auch nur noch selten“, murmelte sie leise vor sich hin, was jedoch nicht verhinderte, dass Mirâ es trotzdem mitbekam.

Leicht irritiert sah sie deshalb auf, blickte dann aber in das erneut lächelnde Gesicht ihrer Lehrerin, die daraufhin einen Blick auf ihre Armbanduhr warf: „Wo ist nur die Zeit wieder hin? Wir sollten uns langsam auf den Weg machen.“

Schnell öffnete Masa-sensei die Tür und schob dann ihre Schülerin mit sanftem Druck hinaus auf den Gang, nur um kurz darauf die Tür wieder zu schließen und dann in Richtung des Eingangsbereichs zu laufen, wo sie die Treppe des mittleren Aufgangs nahm, die sie zu den Klassenräumen führte. Auf ihrem Weg sah sich Mirâ noch einmal etwas um, wobei sie gerade im Erdgeschoss erst einmal nicht mehr viel entdecken konnte. Nach nur wenigen Schritten erreichte die Zweiergruppe das erste Obergeschoss, welches jedoch um diese Zeit wie leergefegt war; was vor allem daran lag, dass sich hier anscheinend die Räume des ersten Jahres befanden, welches jedoch erst zur Eröffnungszeremonie zu erscheinen hatte, die erst im Laufe des Tages stattfand. So war es jedenfalls an ihrer letzten Oberschule gewesen und darin würde sich die Jûgôya mit Sicherheit nicht unterscheiden. Das erste Stockwerk ähnelte dem Erdgeschoss und teilte sich auch hier in einen rechten und linken Gang auf. Dem äußeren Aufbau nach befanden sich zu Mirâs Rechten wahrscheinlich die Klassenräume der Erstklässler, während sie zu ihrer Linken Clubräume oder ähnliches befinden mussten. Das Treppenhaus war an dieser Stelle jedoch wesentlich kleiner und beschränkte sich hier nur auf die Treppe, während es sich im Erdgeschoss wesentlich weiter erstreckte. Allerdings fehlte ihr leider die Zeit sich hier näher umzusehen, um ihrer Vermutung nachzugehen, da ihre Lehrerin eine Kehrtwende machte und bereits auf die nächste Treppe stieg, die sie und ihre Schülerin in das zweite Obergeschoss bringen würde, wo sich, der Logik nach, die Klassenräume des zweiten Jahres befanden. Doch noch bevor es die Schülerin der Älteren nachmachen konnte blieb sie plötzlich stehen, als aus dem Gang zu ihrer Linken ein Mann mittleren Alters mit nackenlangen, dunkelbraunen und leicht gewellten Haaren heraustrat und seinen Blick auf sie richtete. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie in die dunklen Augen ihres Gegenübers blickte.

„Shingetsu-san?“, holte sie die Stimme ihrer Lehrerin wieder ins Hier und Jetzt, woraufhin sie die Gewalt über ihren Körper zurückgewann.

Schnell nickte sie dem Mann zur Begrüßung zu, bevor sie die Beine in die Hand nahm und Masa-sensei eilig in das nächste Stockwerk folgte. Derweil war die Schwarzhaarige bereits weitergegangen, was allerdings kein Problem war, da dieses Stockwerk nur aus einem einzigen Gang bestand, in den man gehen konnte. So folgte Mirâ dem Gang zu ihrer Rechten, während sie die Tür zu ihrer Linken vollkommen ignorierte. Nur wenige Schritte weiter erkannte sie auch wieder ihre Lehrerin, die bereits vor der ersten Tür des ersten Raumes stand, welcher sich im darauffolgenden Gang befand. Mirâ warf einen kurzen Blick nach rechts in den neuen Gang hinein und musste feststellen, dass in diesem nichts anderes außer Klassenräume waren.

„Die Toiletten in dieser Etage sind ganz hinten rechts“, erklärte ihre Lehrerin daraufhin ruhig, als sie den Blick der Jüngeren bemerkte, „Und links gegenüber ist das hintere Treppenhaus. Das führt sowohl in den dritten, als auch in die unteren Stockwerke.“

Verstehend nickte die Violetthaarige und wandte sich dann wieder ihrer Lehrerin zu, die nun die Schiebetür beiseiteschob und dann in den Raum trat. Sofort ertönte das Schaben der Stühle auf dem Boden, bevor ein gemeinschaftliches „Guten Morgen“ erklang; gefolgt von erneutem Schaben auf dem Boden, als sich alle wieder setzten.

„Guten Morgen“, grüßte auch die Lehrerin freundlich, bevor sie sich der Tafel zuwandte und etwas an diese schrieb, „Ich hoffe ihr hattet schöne Ferien und geht gestärkt in das neue Schuljahr. Ich freue mich euch alle gesund und munter wiederzusehen und euch dieses Schuljahr als Klassenlehrerin zu betreuen.“

Sie legte die Kreide beiseite und wandte sich der Tür zu: „Als erster Tagesordnungspunkt haben wir folgendes auf dem Plan: Ihr bekommt ab heute eine neue Mitschülerin. Komm doch bitte herein und stell dich kurz vor.“

Der Aufforderung folgend trat Mirâ nun in den Raum ein und stellte sich ihrer Klasse gegenüber:

„M-mein Name ist Shingetsu Mirâ. Ich bin mit meiner Familie jetzt am Wochenende hierhergezogen. Ich hoffe wir kommen gut miteinander aus.“

Sie verbeugte sich höflich, bevor sie sich langsam wieder aufrichtete und dabei einen kurzen Blick über ihre neuen Mitschüler schweifen lies. Überrascht weitete sie die Augen, als ihr gleich zwei bekannte Gesichter auffielen. Zum einen war da Hiroshi, welcher in der Mitte links vor ihr saß und sie lieb anlächelte und zum anderen war da Akane, welche rechts von ihr an der Wand saß, freudig lächelte und dann auf den freien Platz neben sich zeigte. Konnte es wirklich nur Zufall sein, dass sie gerade mit den ersten Personen, denen sie in Kagaminomachi begegnet war, in eine Klasse ging? So richtig dran glauben konnte sie es nun wirklich nicht mehr. Woher jedoch das Gefühl kam, dass es eine tiefere Bedeutung hatte, wusste sie allerdings auch nicht.

„Nun denn Shingetsu-san, such dir bitte einen Platz aus, damit wir beginnen können“, holte sie die Stimme ihrer Lehrerin aus ihren Gedanken, woraufhin sich die Violetthaarige in Bewegung setzte und direkt den freien Platz neben Akane ansteuerte, auf dem sie, unter dem breit grinsenden Gesicht ihrer Bekannten, Platz nahm.

Ohne Weiteres begann die junge Lehrerin daraufhin mit ihrer Homeroom-Stunde, welche an diesem Tag länger war, als üblich, da es einige organisatorische Aufgaben zu erledigen gab. So teilte die Schwarzhaarige mehrere Dokumente aus, erklärte welche Events die Schüler in diesem Jahr erwartete und an denen sie sich beteiligen mussten und eröffnete die Wahl zum Klassensprecherpaar, dass die Klasse das Jahr über vertreten musste. So zog sich der Vormittag, der darin endete, dass sich alle Schüler der Schule in der Turnhalle einfinden mussten, um der Einschulungszeremonie der Erstklässler beizuwohnen, in welcher der Direktor eine ziemlich monotone Willkommensrede hielt, der nicht wenige Schüler erlagen. Nach einer gefühlten Ewigkeit entließ der alte Herr seine Schützlinge endlich in die verdiente Mittagspause.
 

[ *Mittag* ]
 

„Hach… ich dachte schon die Rede des Rektors endet nie…“, seufzte Akane, als sie gemeinsam mit Mirâ die Turnhalle verließ.

„Die Rede war wirklich sehr… ähm…“, versuchte die Violetthaarige die richtigen Worte zu finden.

„Einschläfernd…“, murrte ihre Begleitung und gähnte dabei präsentativ.

„So hätte ich es vielleicht nicht gleich ausgedrückt, aber im Grunde hat sie recht“, dachte sich Mirâ, während sie ihre brünette Begleitung mit einem Lächeln beobachtete.

Diese klopfte sich nun auf die Schultern und bewegte ihren Kopf hin und her, um ihren Nacken zu lockern: „Da wird man ganz Steif. Wie sieht es aus? Wir haben jetzt eine Stunde Pause, bevor wir nochmal den Homeroom von Masa-sensei über uns ergehen lassen müssen. Soll ich dir dann mal kurz etwas die Schule zeigen, bevor wir was essen?“

„Ja gerne“, nickte die Angesprochene, woraufhin sich ihre Mitschülerin bei ihr unterhackte und sie mit sich zog.

Da sie einmal auf dem Gelände unterwegs waren, zeigt ihr Akane zu aller erst die Sportanlangen der Schule. Direkt gegenüber der Turnhalle befand sich das große Fußballfeld, vor dem sich ein kleiner Flachbau befand, in dem sich laut Akane die Umkleiden des Fußball-Clubs befanden. Einige Jungs, darunter auch Hiroshi und seine Kumpels, hatten sich auf dem Feld eingefunden und kickten sich einen Ball zu, ohne jedoch wirklich wild herumzulaufen. Die beiden Mädchen beobachteten die Jungs einen Moment, ohne allerdings von diesen bemerkt zu werden, ehe sich Akane plötzlich abwandte und dann weiterging. Etwas überrascht drehte sich Mirâ zu ihrer Mitschülerin und bemerkte dabei deren leicht verbitterten Gesichtsausdruck. Noch während sie der Brünetten folgte überlegte sie kurz, ob sie sie darauf ansprechen sollte, beließ es jedoch dann dabei. Auch wenn sie interessierte, warum Akane so auf Hiroshi reagierte, so wollte sie nicht aufdringlich werden oder sich gar irgendwo einmischen. Vielleicht war es auch etwas, worüber die Oberschülerin nicht sprechen wollte. Ohne Weiteres schritten die beiden Mädchen weiter über das Gelände und erreichten einen Moment später ein großes offenes Feld, auf dem sich mehrere Bahnen befanden, die eine große Freifläche einkreisten, auf der sich auch ein großer Sandkasten für Weitsprung befand. Akane erklärte der Transferschülerin, dass sich an dieser Stelle der Sportplatz für den regulären Sportunterricht beziehungsweise den Leichtathletik-Club befand. Sie drehte sich um, wieder in die Richtung des Schulgebäudes, hinter dem sich alles befand und zeigte dann auf einen weiteren relativ großen Flachbau, der in etwas Abstand zum Hauptgebäude stand.

„Das ist die Mensa. Das Essen ist lecker und günstig, allerdings muss man zeitig dort sein, um noch einen Platz zu ergattern“, erklärte sie.

Wieder drehte sie sich um und lief weiter, woraufhin Mirâ ihr weiterhin folgte. Nach nur wenigen Metern erreichten sie eine große Halle, die mit riesigen Fenstern bestückt war und etwas höher stand.

„Hier ist die Schwimmhalle für den Schwimm-Club. Im Sommer kann das Dach geöffnet und die Halle als Freibad genutzt werden“, sagte Akane und zeigte dann links an der Schwimmhalle vorbei, „Und dort hinten trainiert der Tennis-Club. Damit haben wir das Gelände hier draußen durch.“

Sie zeigte anschließend nach rechts: „Lass uns zurück zum Hauptgebäude gehen, dann kann ich dir die Hallen für die traditionellen Sportclubs zeigen.“

Erneut setzte sie sich in Bewegung, worauf sie kurz darauf durch einen Hintereingang wieder das Hauptgebäude betraten. Daraufhin schaute Mirâ auf einen langen schmalen Gang.

„Das hier ist der östliche Seitenflügel. Der hat nur zwei Stockwerke: Hier das Erdgeschoss und oben drüber noch den ersten Stock“, sprach Akane weiter und zeigte dann rechts neben sich, „Dort am Ende des Gangs sind die Toiletten, sowie die Treppe nach oben. Und hier gleich hier vorne rechts sind die Umkleiden für den Kyudo-, Kendo und Karate-Club. Und wenn wir jetzt den langen Gang hier hinter gehen, dann kommen wir zu den Hallen für die Clubs. Allerdings ist die Tür noch abgeschlossen, bis die Clubs offiziell öffnen. Deshalb können wir leider nicht reinschauen.“

Sie schritten den Gang entlang und erreichten kurz darauf besagte Tür, welche sich genau gegenüber dem Gang befand, in dem sich auch das Lehrerzimmer befand. Von ihrer aktuellen Position aus war dies das zweite Zimmer von rechts. Erst als die beiden jungen Frauen näher an die Räumlichkeiten herantraten erkannte Mirâ auch, was sich in dem Raum vor dem Lehrerzimmer befand. „Student Council“ stand groß auf dem Schild. Damit war auch geklärt, wo sich die Schülervertretung befand. Die restlichen Räume hatte Mirâ bereits am Morgen gesehen, weshalb sie und ihre Begleitung ohne weitere Erklärungen weitergingen. In der Eingangshalle blieb Akane wieder stehen und zeigte dann auf den Gang, der sich gegenüber ihrer Position befand:

„Dort befinden sich die Kulturclubs… es gibt verschiedene wie Hauswirtschaft, Botanik, Spiele, Media, Fremdsprachen, Kaligraphie, Karuta, Theater und Musik. Der Hauswirtschafts-Club hat sogar zwei Räume. Hier unten ist der Raum für den Fachbereich Mode, also Nähen und sowas. Und oben im ersten Stock ist die Schulküche für den Fachbereich Kochen und Backen. Der Gang an sich ist aber so aufgebaut, wie auch in den Stockwerken darüber. Nur dass sich hier mehr Räume befinden als oben. Wenn du nichts dagegen hast würde ich jetzt gleich nach oben und dann wieder in Richtung unseres Klassenraums gehen. Die Pause ist nämlich fast rum und ich würde gerne noch etwas essen.“

Die Violetthaarige nickte und stimmte so dem Vorschlag ihrer Begleitung zu, woraufhin die beiden die Haupttreppe betraten, über die sie bereits am Morgen mit ihrer Lehrerin gegangen war. Im ersten Stockwerk hielt Akane noch einmal kurz an und erklärte der neuen Schülerin, dass sich in dem Gang zu ihrer Linken die Schulküche und weitere Räumlichkeiten befanden, die teilweise aber auch aktuell nicht genutzt wurden. Zudem befand sich in dem Gang auch das Büro des Schulpsychologen beziehungsweise des Vertrauenslehrers.

„Allerdings solltest du dir gut überlegen, ob du seine Sprechstunde in Anspruch nehmen willst. Erst ist… ein wenig speziell…“, sprach die Brünette unverblümte weiter, „Links geht es zum einen zu den Räumen des ersten Jahres, was du sicher schon mitbekommen hast. Und gleich hier neben dem Treppenhaus befindet sich das Büro des Direktors und das Sekretariat.“

Sie wandte sich wieder ab und stieg dann die Treppe weiter hinauf, was Mirâ ihr nachtat, woraufhin sie kurz darauf im Stockwerk für das zweite Jahr angelangt waren.

„Durch die Tür links kommst du aufs Dach. Uns ist es erlaubt die Pausen dort zu verbringen, allerdings nur in dem umzäunten Areal. Darauf wird immer verwiesen, wobei es eigentlich unmöglich ist woanders hinzugehen. Die Türen, die auf das restliche Dach führen sind immer abgeschlossen. Aber wieso sollte da auch jemand hingehen?“, die Brünette zuckte mit den Schultern und machte sich dann auf den Weg zu ihrem Klassenzimmer, „Oben drüber ist das dritte Jahr. In deren Stockwerk ist aber nichts weiter außer deren Klassen, deshalb denke ich können wir jetzt an dieser Stelle aufhören und lieber noch schnell was essen, bevor die Pause vorbei ist.“

Langsam meldete sich auch Mirâs Magen lautstark, weshalb sie dem Vorschlag nicht abgeneigt war und zustimmend nickte, woraufhin sie gemeinsam ihr Klassenzimmer betraten, sich an ihre Plätze setzten und dann gemeinsam ihre Bentos aßen.
 

Den darauffolgenden Homeroom hielt ihre Klassenlehrerin relativ kurz, da sie das Meiste bereits am Vormittag geklärt hatten, sodass die Oberschüler der 2-1 pünktlich zum Klingeln in ihren verdienten Nachmittag entlassen wurden. Bevor die junge Lehrerin den Raum verließ verwies sie noch einmal darauf, dass am nächsten Tag der reguläre Unterricht begann und somit alle pünktlich zu erscheinen hatten. Danach waren die Schüler erlöst, was zur Folge hatte, dass mindestens die Hälfte der jungen Leute sofort aufsprangen, ihre Sachen zusammenpackten und daraufhin so schnell wie möglich verschwunden waren. Auch Mirâ packte ihre Sachen zusammen und erhob sich dann, während sie von ihrer Banknachbarin mit großen Augen beobachtet wurde.

„Danke nochmal für deine Führung heute, Chiyo-san“, bedankte sie sich anschließend bei dieser.

„Ja klar, kein Problem… ähm…“, kurz zögerte Akane, ehe sie sich dazu durchrang weiterzusprechen, „Hättest du vielleicht Lust irgendwo einen Bubble Tea oder sowas trinken zu gehen? In der Einkaufsstraße gibt es einen Laden, der echt leckere Tees macht.“

Etwas überrascht über das Angebot sah die Violetthaarige die Brünette an, doch schüttelte dann mit einem Lächeln den Kopf: „Tut mir leid, aber heute nicht. Meine kleine Schwester wurde heute eingeschult und deshalb wollten wir heute essen gehen oder bestellen. Deshalb muss ich heute gleich nachhause. Morgen vielleicht?“

Nun traf auch sie ein überraschter Blick, während er zuvor noch etwas enttäuscht wirkte, der jedoch kurz darauf zu einem strahlenden Lächeln wurde: „Ja sehr gerne.“

Die Brünette sprang auf und schulterte ihren grünen Rucksack: „Dann lass uns für heute heimgehen.“

Gemeinsam verließen die beiden jungen Frauen den Raum, während sie sich angeregt unterhielten, wodurch sie nicht einmal mitbekamen, dass sie für einen Moment von Hiroshi beobachtet wurden.
 

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III – Shadows beyond the Mirror


 

*~* III – Shadows beyond the Mirror *~*

[ ~Dienstag, 07. April 2015~ ]

[ *Früher Morgen* ]

[ Jûgôya Central Subway Station ]
 

Mit lautem Piepen schlossen sich die Türen der U-Bahn ehe diese sich wieder in Bewegung setzte, nachdem sie ihre Insassen entlassen hatte. Mirâ sah der grauen Bahn, an dessen Seite ein gelber Streifen angebracht war, kurz hinterher, bevor sie sich in Bewegung setzte, um den restlichen Schülern in Richtung Schule zu folgen. Ein wenig enttäuscht seufzte sie, da sie eigentlich gehofft hatte wieder Akane zu begegnen. Zwar kannte sie diese erst seit zwei Tagen, aber trotzdem war sie ihr irgendwie schon etwas ans Herz gewachsen. Auch deshalb, da sie mit ihr jemanden kannte, mit dem sie sich unterhalten konnte. Ihr Start an der neuen Schule wäre wohl wesentlich unangenehmer geworden, wenn sie ganz auf sich alleine gestellt gewesen wäre. Wieder kam ihr der Gedanke, dass es wohl sowas wie Schicksal sein musste, dass sie die junge Frau gleich an ihrem ersten Tag getroffen hatte. Vielleicht entwickelte sich daraus ja sogar eine gute Freundschaft; für die Violetthaarige wäre es jedenfalls sehr wünschenswert. Doch alles mit der Zeit. Mirâ hob den Blick und erkannte weiter vorne in der Masse den blonden Haarschopf von Hiroshi, der sich wieder angeregt mit seinen beiden Kumpels unterhielt. Auch ihn hatte sie direkt an ihrem ersten Tag getroffen, jedoch blieb noch offen, ob es sich dabei auch nur um einen Zufall gehandelt hatte. Seit dem Gespräch am Vortag auf dem Bahnsteig in Tsukimi-kû hatte sie kein Wort mehr mit dem jungen Mann gewechselt, was hauptsächlich wohl auch daran lag, dass Akane bei ihr war und diese offensichtlich etwas gegen ihn hatte; auch wenn noch nicht ganz klar war, was genau zwischen den beiden vorgefallen war.

„Du warst ja doch in der Bahn!“, hörte sie plötzlich eine leicht aufgeregte Stimme, die sie aus ihren Gedanken schrecken ließ.

Überrascht sah sie sich um und erkannte dann etwas weiter hinter sich Akane, die den Arm hob und mit schnellen Schritten auf sie zukam. An einer Stelle, wo das Gedränge nicht mehr so groß war, blieb die Angesprochene stehen und wartete auf die Brünette, die es nach wenigen Sekunden bereits geschafft hatte sie zu erreichen.

„Ich war irgendwie enttäuscht, als ich dich nicht gesehen habe. Aber anscheinend hab ich nur nicht richtig geschaut“, grinste Akane schief, „Guten Morgen.“

„Guten Morgen“, grüßte Mirâ ihre Bekannte mit einem kleinen Lächeln, „Ehrlich gesagt ging es mir ähnlich. Ich habe schon gedacht, du hast die Bahn verpasst.“

„Also hast du auf mich gewartet?“, sah ihr Gegenüber sie mit großen, überraschten Augen an, woraufhin die Violetthaarige mit einen lächeln nickte, „D-das freut mich…“

Etwas verlegen sah Akane zur Seite und schien wieder zu unterdrücken, wie sehr sie sich wirklich darüber freute.

„Wie wäre es, wenn wir uns eine Stelle ausmachen, an der wir uns immer treffen? Zum Beispiel die zweite Tür der Bahn oder so?“, schlug Mirâ vor, da sie sich auch sehr freuen würde, wenn sie mit der Brünetten gemeinsam zur Schule fahren könnte.

Noch einmal sah diese sie mit großen Augen an, doch lächelte dann strahlend, bevor sie dem Vorschlag zustimmte und beide sich einen Treffpunkt im Zug ausmachten. Währenddessen setzten sie sich in Bewegung und stiegen daraufhin die Treppe der Station hinauf, um dann zur Schule zu laufen, die sie nach nur wenigen Gehminuten erreicht hatten.
 

Sie betraten das Gelände der High School und wollten sich auf direktem Weg zum Eingang begeben, als Mirâ plötzlich unsanft von hinten angerempelt wurde und dabei einige Schritte nach vorn stolperte. Ein Fallen konnte Akane im letzten Moment noch verhindern, indem sie ihre Klassenkameradin am Arm packte und somit stützte. Als sie sicher war, dass die Violetthaarige wieder sicher stand wandte sie sich dem Übeltäter zu, der es anscheinend nicht einmal für nötig hielt sich zu entschuldigen.

„Hey du Rüpel! Entschuldige dich gefälligst!“, schimpfte sie, woraufhin der junge Mann plötzlich stehen blieb und sie erst etwas irritiert ansah, „Du hättest sie beinahe umgeschubst! Sowas macht man nicht.“

Der Junge schaute auf Mirâ, die ihn etwas verunsichert ansah, und zuckte dann plötzlich mit den Schultern: „Is doch nichts passiert. Also was willste?“

„Bitte!? Ich will, dass du dich entschuldigst!“, sagte die Brünette nachdrücklich.

„Lass mich mit so nem scheiß in Ruhe. Kann doch nichts dafür, wenn sie im Weg steht“, zuckte der junge Mann erneut mit den Schultern und wandte sich dann ab, um weiter zu rennen.

„Hey! Bleib gefälligst stehen!“, rief Akane ihm nach und wäre ihm wohl sogar nachgelaufen, hätte Mirâ sie nicht davon abgehalten: „Lass gut sein, Chiyo-san. Mir ist ja nichts passiert.“

„Aber…!“, die junge Frau wollte protestieren, doch die Violetthaarige schüttelte nur den Kopf und erklärte, dass es sich nicht lohne sich darüber aufzuregen.

Akane schnaubte darauf hin nur etwas abwertend, ließ jedoch ihre Angriffsstellung fallen und sah dem Jungen mit verächtlicher Miene nach. Auch Mirâ blickte in die Richtung, in die er gerannt war und sah dabei, wie er einem Jungen mit rotbraunen, strubbeligen Haaren, welcher für sein Alter ziemlich klein wirkte, unsanft seinen Arm um die Schulter legte, sodass der Kleinere etwas zusammensackte und damit noch schmächtiger wirkte. Besorgt beobachtete die Violetthaarige das Schauspiel einen Moment, denn obwohl sie schon oft gesehen hatte, wie Jungs so miteinander umsprangen oder sich so begrüßten, wirkte diese Szene anders; so gar nicht freundschaftlich oder herzlich, sondern eher fremd und kalt. Kurz machte sie sich Sorgen, ob mit dem kleineren Jungen alles in Ordnung war, doch erkannte dann ein schmales Lächeln auf seinem Gesicht. Hatte sie sich umsonst Sorgen gemacht? Ein Seufzen holte sie aus ihren Gedanken, weshalb sie wieder zu Akane sah, die ihre Hände in ihre Jackentaschen gesteckt hatte und das Schauspiel auch beobachtete, bevor sie sich wieder Mirâ zuwandte und dieser vorschlug endlich ins Gebäude zu gehen. Mit einem Nicken bestätigte die junge Frau den Vorschlag, woraufhin die beiden ein Eingangsbereich betraten und ihre Schuhe wechselten.
 

Mirâ war zuerst fertig und betrat bereits die Eingangshalle, um dort auf Akane zu warten, während ihr das Bild von vor wenigen Minuten nicht aus dem Kopf gehen wollte. Irgendetwas an der Szene hatte sie gestört. Ob es der Umgang der Jungs untereinander war oder das merkwürdig schmale Lächeln des Kleineren, konnte sie gar nicht sagen. Doch irgendetwas daran hatte nicht gestimmt. Plötzlich jedoch tippte sie jemand an der Schulter, weshalb sie erschrocken aufschaute und in die blauen Augen von Hiroshi blickte, welcher sie wieder lieb anlächelte.

„Guten Morgen“, grüßte er freundlich, „Alles in Ordnung bei dir? Ich hab das gerade eben zufällig gesehen…“

Überrascht davon, dass sich der junge Mann anscheinend Sorgen um sie gemacht hatte, sah sie ihn kurz mit großen roten Augen an, doch lächelte dann: „Ja, es ist alles in Ordnung. Aber danke für deine Sorge. Und dir auch einen guten Morgen.“

„Dann ist ja gut…“, er stoppte, während sein Lächeln erstarb und er plötzlich an der Violetthaarigen vorbeischaute.

Diese folgte seinem Blick und erkannte dann Akane, die nun neben sie getreten war und den Blonden mit einem bösen Blick betrachtete. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren packte sie Mirâ plötzlich am Arm und zog diese bestimmt, aber ohne Gewalt, mit sich in Richtung der Treppe. Überrascht von dieser plötzlichen Wendung folgte die Violetthaarige, sah jedoch noch einmal zurück zu dem jungen Mann, den sie hatten stehen lassen. Für einen Moment hatte sie das Gefühl einen traurigen Blick erkannt zu haben, doch da sie bereits zu weit weg waren, konnte sie sich nicht sicher sein. Nur einen Moment später betraten beide die erst Stufe der Treppe, woraufhin die Brünette sie endlich wieder losließ und dann schweigend nach oben schritt. Mirâ folgte ihr.

„Du Chiyo-san… k-kann es sein, dass du Makoto-kun nicht leiden kannst?“, stellte sie anschließen doch die Frage, welche sie bereits seit dem Vortag beschäftigte, „Ist zwischen euch etwas vorgefallen?“

Kurz blieb Akane darauf stehen, was die Violetthaarige ihr nachtat, bevor sie dann allerdings doch wieder weiterging: „Ich möchte gerade nicht darüber sprechen. Sorry.“

Schweigend blieb Mirâ auf der Treppe zurück und sah ihrer neuen Bekanntschaft nach. Was hatte sie auch erwartet? Dass Akane einer praktisch Fremden einfach mal so von ihren Problemen erzählte? Eigentlich war es doch klar gewesen, dass sie keine Antwort auf ihre Frage erhalten würde. Trotzdem enttäuschte sie diese Aussage, doch wusste sie auch, dass sie es im Moment nicht ändern konnte. Deshalb seufzte sie nur schwer und hoffte, dass sie damit keinen Fehler begangen hatte, ehe sie sich auch wieder in Bewegung setzte und ebenfalls in ihren Klassenraum ging.
 

[ *Mittag* ]
 

Seufzend streckte sich Mirâ, als es endlich zur ersehnten Mittagspause läutete. Der Vormittagsunterricht hatte sich für die junge Frau wie Gummi gezogen, wobei sie sich gar nicht wirklich darauf hatte konzentrieren können. Viel zu sehr waren ihre Gedanken immer wieder zu der Situation auf der Treppe abgedriftet, in der sie Akane nach ihrem Problem mit Hiroshi gefragt hatte. Seitdem hatte sich die Brünette in Schweigen gehüllt und teilweise abwesend einfach nur auf ihren Tisch gestarrt, was die Violetthaarige ziemlich verunsicherte. Dabei war es ja eigentlich abzusehen, dass ihr Gegenüber bei einer so persönlichen Frage so reagieren würde. Trotzdem belastete sie die Situation, dass diese sie nun offensichtlich anschwieg, ziemlich, immerhin war ihr Akane sehr sympathisch und sie wollte sich nicht gleich am Anfang mit ihr zerstreiten. Ein wenig bereute sie es, dass sie sich nun doch mehr oder weniger eingemischt hatte, obwohl sie genau wusste, dass es sie nichts anging. Erneut seufzte sie und holte dann ihre Bento-Box aus ihrer Tasche, um sich danach irgendwo einen Platz zu suchen, an dem sie in Ruhe essen konnte. Sie wollte sich gerade erheben, als ihre Banknachbarin plötzlich wieder zu sich kam.

„Wollen… wollen wir gemeinsam essen?“, fragte diese plötzlich leicht verunsichert, während sie immer noch auf ihren Tisch schaute; offensichtlich, da sie sich nicht traute der Violetthaarigen in die Augen zu sehen.

Überrascht darüber, nun doch wieder angesprochen zu werden, sah Mirâ ihre Klassenkameradin etwas irritiert an, doch lächelte dann lieb: „Ja gerne. Wo kann man denn in Ruhe essen?“

Nun war es Akane, die sie mit großen Augen überrascht ansah; wahrscheinlich, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass ihr Gegenüber völlig normal darauf reagierte. Es dauerte einen Moment, ehe sie augenscheinlich registriert hatte, welche Frage die Violetthaarige noch drangehängt hatte, doch dann sah sie plötzlich an dieser vorbei aus dem Fenster.

Kurz darauf schaute sie Mirâ wieder in die Augen: „Ähm… da das Wetter passt, sollte das Dach offen sein. Wollen wir dorthin?“

„Ja gerne“, erleichtert darüber, dass Akane ihr anscheinend doch nicht böse auf ihre Frage war, kam sie nicht umhin fröhlich zu lächeln, während sich eine einzelne kleine Träne in ihren Augenwinkel gesammelt hatte, die sie jedoch schnell wegwischte.

Nun lächelte auch die Brünette und erhob sich, woraufhin die beiden Mädchen sich auf den Weg zum Dach machten. Weit mussten sie dafür nicht gehen, denn der Zugang zum begehbaren Dach befand sich genau gegenüber dem Gang zu den Klassenräumen, neben dem mittleren Treppenhaus.
 

Als sie das Dach betraten wurden sie von den schon etwas wärmeren Strahlen der Frühlingssonne begrüßt, welche auf die Fläche hinunterschien, und mussten dann feststellen, dass sie nicht die Einzigen waren, die die Idee hatten hier zu Essen. Mehrere Schüler hatten sich hier versammelt und hatten alle vorhandenen Sitzmöglichkeiten eingenommen, sodass den beiden Mädchen keine andere Wahl blieb, als sich auf den Boden zu setzen. So suchten sie sich einen Platz am Zaun, der das Dach umgab und von dem aus sie hinunter in den Innenhof beziehungsweise in den hinteren Teil des Schulgeländes schauen konnten. Einen Moment lang beobachtete Mirâ die Schüler, welche sich auf dem Gelände verteilt hatten, die über den Innenhof liefen oder die Mensa betraten, bevor sie sich ihrer Bento-Box zuwandte und diese auspackte und öffnete.

„Wow, die ist ja hübsch gestaltet. Hat die deine Mama gemacht?“, fragte Akane mit einem Blick auf die schön eingepackte Box.

„Ja, aber manchmal mach ich sie auch selber“, lächelte Mirâ und blickte auf die Box der Brünetten, welche zwar reich gefüllt, aber nicht ganz so hübsch gestaltet war.

„Meine Mama kann das nicht so gut…“, murmelte die junge Frau und schnappte sich dann ein aufgeschnittenes Würstchen.

Die Violetthaarige entgegnete dazu nichts, da sie der Meinung war, dass niemand darüber urteilen sollte, wie die Bentos eines anderen gepackt waren. Sicher gab es aktuell einen Trend, dass die Boxen schön gestaltet wurden, indem der Reis wie Häschen geformt oder die Würstchen zu kleinen Oktopussen geschnitten wurden, doch nicht jeder hatte die Zeit oder auch das Talent dazu, etwas so herzurichten. Wichtig jedoch war, dass es genügend war und man satt wurde. Deshalb hielt sie sich lieber zurück, nahm sich ihre Stäbchen zur Hand und wünschte der Brünetten einen guten Appetit, bevor sie sich ihr Essen schmecken ließ.

„Woah du siehst richtig schrecklich aus“, hörte sie plötzlich die Stimme eines Mädchens, welches etwas abseits von ihr saß; jedoch nah genug, dass sie das darauffolgende Gespräch mitbekommen konnte.

„Ja, ich habe echt schlecht geschlafen, nachdem, was mir gestern passiert ist…“

„Was ist denn passiert?“

„Hm… ihr werdet mir das bestimmt nicht glauben, aber…“

„Nun sprich schon!“

„Habt ihr schonmal von dem Spiegelspiel gehört?“

„Spiegelspiel?“

„Ah ich hab davon gelesen. Das ist ein neuer Trend im Netz.“

„Worum geht es da?“

„Man schaut nachts in seinen Spiegel… und dann soll er einem sein wahres Ich zeigen.“

„Klingt nicht wirklich spektakulär. Was soll man da sehen?“

„Keine Ahnung…“

„Sag bloß, du hast das ausprobiert?“

„Ja… aber…“

„Was denn nun?“

„Als ich in den Spiegel geschaut habe passierte erst einmal gar nichts. Ich habs deshalb als dummes Gerücht abgetan und wollte ins Bett, aber als ich mich wegdrehte erkannte ich was im Augenwinkel und habe wieder in den Spiegel geschaut und…“

„Ja was denn?“

„Da war so ein schwarzer Nebel… und plötzlich starten mich eiskalten gelbe Augen an. Erst war der Nebel sehr wabbelig, doch dann formte sich daraus etwas… und plötzlich stand da ich, mit gelben Augen… und dann…“

„????“

„Das Ich aus dem Spiegel griff nach mir! Ich habe mich so erschrocken und bin zurückgestolpert und mit dem Kopf gegen den Schreibtisch gestoßen. Als ich danach wieder zu meinem Spiegel sah, war der Schatten verschwunden.“

Es herrschte Stille, ehe eines der Mädchen plötzlich schrill anfing zu lachen und meinte, dass sich ihre Freundin da ja ne hübsche Gruselgeschichte ausgedacht hatte, um sie zu veräppeln. Kurz beobachtete Mirâ, wie das Mädchen, dass das Thema angesprochen hatte, etwas verunsichert wirkte, doch dann ein Lächeln aufsetzte, um ihrer Freundin beizupflichten.
 

Noch einen Moment ließ sie ihren Blick auf die Gruppe gerichtet, ehe sie sich wieder Akane zuwandte, deren Gesicht plötzlich mächtig an Farbe verloren hatte und die sehr abwesend wirkte.

„Chiyo-san? Ist alles in Ordnung?“, fragte Mirâ vorsichtig nach und holte damit die Angesprochene wieder aus ihren Gedanken.

Erschrocken sah diese nun wieder auf, während langsam die Farbe in ihr Gesicht zurückkehrte: „J-ja… alles in Ordnung. Ich… ich mag solche Gruselgeschichten nur nicht sonderlich…“

Ein kleines Lächeln schlich sich auf das Gesicht der Violetthaarigen. Ihre neue Bekannte hatte also Angst vor Horrorgeschichten. Eine Tatsache, die sie der Brünetten auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hatte. Ihre sportliche Art ließ sie darauf schließen, dass sie eher zu der Sorte Mensch gehörte, die sich in jedes Abenteuer stürzen würde; selbst, wenn es unheimlich enden würde. Sie nun doch etwas eingeschüchtert zu sehen passte irgendwie nicht in das erste Bild, dass sie von ihr hatte. Doch machte diese Schwäche die Brünette für Mirâ nur noch sympathischer.

„Kennst du dieses Spiel auch?“, fragte sie, um noch einmal kurz auf das Thema zu kommen und bemerkte dabei, dass ihr Gegenüber eigentlich lieber das Thema gewechselt hätte.

Um ihre Unsicherheit zu überspielen stopfte diese sich etwas Reis in den Mund und kaute erst einmal genüsslich, bevor sie nach dem Schlucken antwortete: „Ich hab davon im Schulforum gelesen. Es gibt wohl einige, die das schon ausprobiert haben, aber dabei scheiden sich auch die Geister. Einige schreiben, es sei gar nichts passiert, andere meinen einen Schatten gesehen zu haben, so wie es das Mädchen beschrieben hat. Ich glaube ja, dass es nur Einbildung ist… wer weiß, wie die an dem Abend drauf waren… vielleicht waren sie auch nur total übermüdet oder so.“

„Du hast es also noch nicht probiert?“, fragte Mirâ nochmal nach, obwohl sie die Antwort eigentlich bereits kannte.

„Himmel NEIN“, kam es nur etwas aufgebracht zurück, was allerdings dazu führte, dass auch andere Schüler in ihre Richtung sahen, weshalb sie die Stimme wieder senkte, „Selbst, wenn es nur Einbildung war… allein die Vorstellung es könnte ein Schatten erscheinen, der mich packen will, macht mich schon verrückt…“

Die violetthaarige junge Frau nickte daraufhin nur und aß den Rest ihres Bentos, bevor die Schulglocke bereits zum ersten Mal läutete, um damit das Ende der Pause anzukündigen. Nun würden sie ungefähr zehn Minuten zeit haben, um ihre Sachen zusammenzupacken und wieder zurück in ihr Klassenzimmer zu gehen, bevor der Nachmittagsunterricht begann. So räumten die beiden Oberschüler, wie auch der Rest auf dem Dach, ihre Sachen zusammen und begaben sich daraufhin zurück in ihre Klassen, um sich dem alltäglichen Wahnsinn wieder hinzugeben.
 

[ *Abend* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

Seufzend lehnte sich Mirâ auf ihrem Schreibtischstuhl zurück und streckte einmal den Rücken durch, ehe sie einen Blick auf die Uhr ihres Handys warf, welche bereits kurz nach halb elf angab. Sie blickte auf ihre Unterlagen des heutigen Schultages, die auf ihrem Tisch verteilt lagen und die sie die letzten drei Stunden noch einmal systematisch durchgegangen war. Zwar hatte das Jahr erst begonnen, doch es war noch nie ihre Art gewesen den Stoff erst noch einmal durchzugehen, wenn die Prüfungen anstanden. Lieber ging sie alles bereits am Abend noch einmal durch, um dadurch auch eventuell Dinge zu finden, die sie nicht verstand und nach denen sie am nächsten Tag noch einmal fragen konnte. Nun jedoch war es genug. Sie klappte ihre Hefte und Bücher zusammen, ehe sie diese nach und nach wieder in ihrer Schultasche beziehungsweise in ihrem Regal verstaute. Danach lehnte sie sich wieder auf ihrem Stuhl zurück und legte den Kopf in den Nacken, um so an die Decke zu schauen, während sie den heutigen Tag noch einmal Revue passieren ließ. Ihr kam der Junge wieder in den Sinn, der so unsanft von seinem vermeintlichen Kumpel umarmt wurde und wieder hatte sie so ein ungutes Gefühl. Irgendetwas an den beiden störte sie. Waren sie überhaupt befreundet? Oder sollte es für die anderen nur so aussehen? Mirâ kannte solche Szenen aus ihrer alten Schule, in denen im Nachhinein herauskam, dass sie wahrscheinlich gemobbt wurden. Meistens dann, wenn sie urplötzlich nicht mehr in der Schule erschienen waren. Und oft handelte es sich dabei um Gerüchte, die von Schülern gestreut wurden, denn kein einziger Lehrer hatte sich zu dem Thema jemals geäußert. Offiziell gab es nämlich an japanischen Schulen kein Mobbing. Ob es dem jungen Mann auch so erging? Natürlich konnte sie da auch viel hineininterpretieren, doch irgendwas beunruhigte sie. Seufzend schloss sie kurz die Augen und nahm sich vor die Sache erst einmal zu beobachten und gegebenenfalls einzugreifen, immerhin sollte niemand wegen was auch immer fertig gemacht werden. Sollte es sich dann doch um ein Missverständnis handeln konnte sie sich wenigstens nicht vorhalten weggesehen zu haben. Ihre Gedanken wanderten weiter zu der Aktion von Akane nach ihrem Aufeinandertreffen mit Hiroshi und was danach geschehen war, wobei ihr einfiel, dass sie sich bei der Brünetten noch für ihr taktloses Verhalten entschuldigen musste. Immerhin hatte sie sich wirklich ungefragt eingemischt und war zu sehr in ihre Privatsphäre eingedrungen.

„Ich werde mich morgen bei ihr entschuldigen“, ging der Oberschülerin durch den Kopf, während ihr das Gespräch von ihren Mitschülern in den Sinn kam, dass sie zufällig beim Mittag mitbekommen hatte.

„Ein Schatten im Spiegel? Das wahre Ich? Was soll das überhaupt sein?“, fragte sie sich gedanklich und richtete dann ihren Blick auf den Spiegel, welcher schräg rechts hinter ihr an der Wand hing, „Ob das wirklich nur Einbildung war?“

Noch während sie ihren Gedanken nachhing stieß sie sich vorsichtig mit dem Fuß ab und rollte dann langsam auf Höhe ihres Spiegels, vor dem sie kurz darauf zum Stehen kam und hineinstarrte. Doch außer ihrem eigenen Spiegelbild, dass sie genauso ratlos ansah, erkannte sie nichts Besonderes. Als auch nach einigen Minuten nichts weiter geschah wandte sich die Violetthaarige seufzend wieder ab und wollte zurück zu ihrem Schreibtisch rollen, als sie plötzlich etwas Gelbes im Augenwinkel aufblitzen sah. Erschrocken drehte sie sich wieder zurück und wurde plötzlich kreidebleich, als sie ein dunkler Schatten, der die Form ihrer Silhouette hatte, mit tiefgelben Augen anstarrte. Ein eiskalter Schauer lief der jungen Frau über den Rücken und eigentlich hatte sie das Bedürfnis zurückzuweichen, doch aus irgendeinem Grund war sie wie erstarrt. Ihr Körper wollte ihr einfach nicht gehorchen. Der Schatten bewegte sich und plötzlich tauchte aus dem Glas eine schwarze Hand auf, die nach ihrem Arm griff. Immer noch versuchte Mirâ ihrem Körper zu befehlen sich endlich zu bewegen, damit sie flüchten konnte, doch egal was sie versuchte, er gehorchte ihr einfach nicht. Ein kalter Hauch streifte sie und mit einem Mal wurde sie von einer eiskalten Hand gepackte, die sie mit Gewalt in Richtung des Spiegels zog. Da sie noch immer auf dem rollbaren Schreibtischstuhl saß hatte sie nicht viel entgegenzuwirken, weshalb sie immer näher herangezogen wurde, bis ihre Knie bereits das kalte Glas berührten. Ein erstickter Schrei entkam ihrer Kehle, bevor ihr schwarz vor Augen wurde.
 

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IV – Awakening in the Shadows


 

*~* IV – Awakening in the Shadows *~*

[ ??? ]
 

Ein Geräusch erklang aus der Ferne und sorgte dafür, dass Mirâ langsam wieder zu Bewusstsein kam. Sie spürte etwas hartes unter sich und öffnete langsam die Augen, wodurch ihr als erstes alte Tatamimatten auffielen, die auf dem Boden verteilt waren, auf dem sie lag. Sich den schmerzenden Kopf haltend richtete sie sich langsam auf und sah sich vorsichtig um. Wo war sie? Sie befand sich in einem großen Zimmer, dessen Wände aus traditionellen alten Papierwänden bestanden, die verschiebbar waren. Zu einer Seite war der Raum offen und gab den Blick auf einen kleinen Garten preis, dessen Umgebung jedoch so dunkel war, dass die junge Frau so gut wie nichts erkennen konnte. Sie blickte nach oben in den Himmel, konnte jedoch keine einzige Wolke entdecken, weshalb sie sich wunderte, wieso es dort draußen so düster war; immerhin war vor wenigen Tagen erst Vollmond gewesen. Eigentlich sollte der Mond also in der abnehmenden Phase und dementsprechend noch recht hell sein. Doch viel mehr als dies interessierte sie, wo sie eigentlich war. Nur langsam kam die Erinnerung zurück, was eigentlich geschehen war. Sie hatte dieses Spiegelspiel ausprobiert, als plötzlich dieser merkwürdige Schatten in ihrem Spiegel aufgetaucht war. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und ließ sie frösteln. Bei dem Versuch sich etwas zu wärmen, schlang sie ihre Arme um ihren Oberkörper und sah sich weiter um, doch viel konnte sie nicht entdecken; denn außer einem einzelnen großen Standspiegel, der einsam inmitten des Zimmers stand, war eben dieses leer. Was war das für ein Ort? Und vor allem: Wir kam sie wieder nachhause? Oder träumte sie einfach nur? Zwar wollte sie hoffen, dass sie einfach nur über ihren Hausaufgaben eingeschlafen war, jedoch fühlte sich das hier nicht wie ein Traum an. Irgendwie wirkte es ziemlich real. Ein Geräusch ließ sie aufschrecken und umdrehen, worauf sie kurz darauf auf ein kleines Mädchen starrte, dass in der offenen Tür zum Garten stand und sie mit großen dunklen Augen ebenso überrascht ansah. Auf den ersten Blick sah sie nicht viel älter aus, als neun oder zehn Jahre. Jedenfalls wirkte sie nicht so, als würde sie schon in die Mittelstufe gehen. Also eine Grundschülerin? Was machte ein so kleines Mädchen an einem solch merkwürdigen Ort? Lebte sie hier? Ihrer Kleidung zu urteilen würde es jedenfalls passen, denn sie trug ein Kimonooberteil, das mit einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde, der zu einer großen Schleife gebunden war. Darunter erkannte Mirâ einen dunklen kurzen Rock.

„Wer bist du?“, fragte die Kleine erschrocken, woraufhin die Oberschülerin wieder in das Gesicht der Jüngeren sah, die sie etwas verängstigt ansah.

„M-Mein Name ist Shingetsu Mirâ“, stellte die Violetthaarige sich kurz vor, was die Kleine etwas zurückschrecken ließ, da sie anscheinend nicht damit gerechnet hatte wirklich eine Antwort zu bekommen, „Und wer bist du? Kannst du mir sagen, wo ich hier bin?“

„Wo du hier…?“, die Jüngere stockte plötzlich, als sie ein Geräusch vernahm und in hinaus in den Garten schaute.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen setzte sie sich mit einem Mal in Bewegung und packte die Violetthaarige am Arm, bevor sie diese weiter in das Gebäude hineinzog.

„W-Was ist denn los?“, fragte diese nach.

„Wir müssen weg hier. Sie haben uns entdeckt und werden uns so lange jagen, bis sie uns vernichtet haben“, kam nur eine knappe Antwort.

„Sie?“, erschrocken sah Mirâ kurz über ihre Schulter und erkannte dann zwei dunkle Schatten, die sich vom Garten aus in das Haus schlichen, jedoch keine wirklich feste Form besaßen.

„Shadows“, erneut fiel die Antwort des Mädchens sehr knapp aus, während die beiden durch das Gebäude irrten, welches sich nach einiger Zeit als alter verfallener Tempel herausstellte, allerdings mit der Zeit immer skurriler wurde.

Immer weiter zog die Jüngere sie auf der Suche nach einem Ausgang, doch egal welchen Weg sie einschlugen oder welche Tür auch immer sie öffneten, immer wieder landeten sie in gleich aussehenden, endlos wirkenden Gängen. Als Mirâ einen weiteren Blick nach hinten warf bemerkte sie zudem, dass sie immer noch den Raum mit dem Spiegel erkennen konnte, von welchem die schwarzen Schatten immer näher kamen.

„Verdammt, was ist das hier?“, fragte die Jüngere genervt, nachdem sie eine weitere Tür geöffnet hatte und wieder mit dem gleichen Ergebnis belohnt wurde.

Immer noch blickte die Ältere auf die schwarzen Wesen, die sich näherten, bevor sie sich leicht panisch der Jüngeren zuwandte: „Ich dachte du kennst dich hier aus?“

„Nein! Woher denn? Ich kenne diesen Ort nicht. Er war plötzlich da und ich hatte so ein komisches Gefühl… nur deshalb habe ich ihn betreten…“, erklärte sich die Kleinere.

„Wie er war einfach da?“, die Oberschülerin hatte die Frage noch nicht einmal richtig beendet, da spürte sie im Rücken eine große Hitze auf sich zukommen.

Im nächsten Moment wurde sie bereits zu Boden gezogen; kurz bevor ein Feuerball auf die Wand hinter ihr prallte und mit lautem Knall explodierte. Erschrocken sah die Violetthaarige auf die Stelle, welche nun einen schwarzen Fleck aufwies, und dann zu den schwarzen Wesen, welche sie nun erreicht hatten, sodass sie nun erkannte, dass das Schwarze, was um sie herumwabberte, Nebel war, der nun begann sich langsam zu lösen. Wie Wasser floss er plötzlich von oben nach unten herab und verteilte sich auf dem Boden, während darunter zwei schleimartige Wesen zum Vorschein kamen, die Mirâ einen eiskalten Schauer über den Rücken liefen ließen. Wo war sie hier nur gelandet? Wenn dies ein Albtraum war, dann wollte sie auf der Stelle aufwachen. Doch egal wie sehr sie es sich auch wünschte, es gelang ihr einfach nicht. Währenddessen kamen die beiden Monster immer näher, während sich unter einem der beiden plötzlich ein rötlicher Schein bildete. Kurz darauf raste erneut ein Feuerball auf sie zu. Nur mit knapper Not hatte es die Oberschülerin geschafft sich das kleine Mädchen zu schnappen und diese mit sich beiseite zu ziehen. Jedoch schaffte sie es nicht gänzlich aus der Schussbahn, weshalb der Feuerball sie an ihrer Wade streifte. Mit verzerrtem Gesicht landete sie gemeinsam mit der Jüngeren wieder auf dem Boden, versuchte den Schmerz aber vorerst zu ignorieren, während sie den Arm der anderen griff und diese daraufhin mit sich zog. Die Wunde schmerzte unerträglich, doch Mirâ versuchte es zu ignorieren. Sie musste einfach hier weg. Weg von diesen Wesen, weg aus diesem Haus, weg aus dieser merkwürdigen Welt. Sie wollte wieder nachhause. Ein weiterer Feuerball explodierte neben ihr an der Wand und brachte sie zum straucheln, weshalb sie gemeinsam mit ihrer Begleitung durch eine der Papierwände fiel und in einem weiteren Gang landete, der sich nicht von den anderen unterschied.

„Oh nein, sie kommen“, hörte sie die Stimme der Jüngeren und versuchte sich dann mit deren Hilfe wieder aufzurichten, doch dieses Mal war der Schmerz zu groß, sodass sie nicht dazu in der Lage war, während ihre Gegner sich immer weiter näherten.

Panisch blickte Mirâ auf die beiden Wesen, die bereits wieder zum Angriff übergingen, während sich dabei das rote Licht um sie bildete. Dem nächsten Angriff würden sie definitiv nicht ausweichen können. Zum einen fehlte der Platz, zum anderen konnte sich die junge Frau einfach nicht mehr aufrichten. Sie sah zu dem kleinen Mädchen, welches ebenso panisch auf die beiden Monster blickte und zu überlegen schien, wie sie dieser Situation entkommen konnten. Sie wusste nicht, ob es an der Erschöpfung lag oder daran, dass die Kleine ungefähr im gleichen Alter war, aber für einen Moment erkannte sie in ihr Junko wieder, was dazu führte, dass die Panik in ihr stärker wurde. Sie wollte nicht sterben und noch weniger wollte sie, dass ein kleines Mädchen starb, dass noch sein ganzes Leben vor sich hatte. Doch was sollte sie machen? Sie war verletzt und hatte auch so keine Kraft mehr sich zu rühren. Fliehen war keine Option, Kämpfen ging allerdings auch nicht. Also was nun? Würde sie hier sterben müssen, ohne überhaupt zu erfahren, wieso sie hier gelandet war und was das für ein Ort war? Gemeinsam mit dem kleinen Mädchen, dessen Namen sie noch nicht einmal kannte? Das rote Licht um die Wesen verschwand und wieder sauste ein Feuerball auf sie zu. Sie konnte die Hitze bereits deutlich spüren, die immer näherkam. Plötzlich jedoch regte sie sich doch noch einmal. Mit allerletzter Kraft schaffte sie es nun doch noch die Jüngere und sich auf den Boden zu drücken, sodass die Flammen doch noch an ihnen vorbeischossen.

„Nein! Ich gebe nicht auf!“, ging ihr durch den Kopf, „Ich werde hier nicht sterben!“

Überrascht über diese Worte sah das kleine Mädchen auf und bemerkte dann ein blaues Licht, welches vom Boden aus zu ihr hinaufschien. Dem Licht folgend erkannte sie ein viereckiges Gerät, dass unter ihr auf dem Boden lag und das Bild eines blauen Schmetterlings zeigte, welcher seine Flügel angelegt hatte.

Auch Mirâ war das Licht aufgefallen, woraufhin sie ihr Smartphone aufhob, welches ihr wohl aus der Tasche gefallen sein musste. Zwar erinnerte sich nicht daran, ihr Telefon in die Hosentasche gesteckt zu haben, jedoch interessierte sie das gerade nur beiläufig. Viel mehr starrte sie wie gebannt auf den leuchtenden Bildschirm, der auf einmal eine magische Anziehungskraft zu haben schien.

„Du hast die Kraft aufgebracht dein Leben nicht wegzuschmeißen…“, erklang eine vertraute Stimme in ihrem Kopf, „Akzeptiere diese Kraft in dir, dann leihe ich dir die Meine um die Wahrheit zu finden. Die Zeit ist gekommen.“

Ein stechender Schmerz zog durch Mirâ Kopf, der sie zusammenzucken ließ, während sich die Worte immer und immer wieder wiederholten und ihr nach und nach ein weiteres Wort in den Sinn kam, dass ihr unbekannt und doch vertraut war.

„Per…“, begann sie genau dieses langsam auszusprechen, „…so…“

Sie bäumte sich unter Schmerzen auf, die jedoch langsam durch ein warmes angenehmes Gefühl verdrängt wurden, je näher sie sich dem Ende des Wortes näherte: „…na!“

Der Schmetterling auf dem Display ihres Smartphones breitete die Flügel aus, während die Schmerzen in ihrem Kopf verschwanden und durch eine angenehme, wohltuende Wärme verdrängt wurden, die ihren gesamten Körper einzunehmen schien. Unter ihr bildete sich ein blauer Strudel, dessen Partikel langsam in die Luft stiegen und über ihr ein Wesen formten, welches sich als junge Frau mit dunkler Haut entpuppte, die in weiße Leinen gehüllt war, welches auf der Innenseite hellblau schimmerte und zu einer Mischung aus Hosenanzug und Kleid geschnitten war. Oberhalb trug sie ein Oberteil mit tiefem Ausschnitt und schulterfreien Ärmeln, die an den Handgelenken mit goldenen Armschienen bestückt waren, an denen runde blaue Saphire angebracht waren. Dieses ging über in ein langes Kleid, mit tiefen Gehschlitzen, an dessen Hüfte die gleichen eingefassten Steine zu finden waren. Darunter trug sie eine Hose, welche seitlich an den Oberschenkeln bis knapp über die Knie offen war und an den Knöcheln mit goldenen Beinschienen gehalten wurde, die mit einer ebenso goldenen Kette verbunden waren, sodass sie die Beine nur bis zu einem bestimmten Grad auseinanderbekam und die bei jeder Bewegung ein klimperndes Geräusch von sich gaben. Um ihre Taille schlang sich ein goldenes Unterbrustkorsett, waren das ihre schlanke Gestalt betonte und an dem vorn zwei karoförmige Saphire angebracht. Ihr Gesicht war vollständig von einer weißen Maske verdeckt, während um ihren Körper ein weißer Schleier wehte, der ihr vorne bis kurz über die Augen und hinten bis zum Po reichte und mit einem dunkelblauen Saum versetzt war. Über ihrer gesamten Gestalt schwebte eine goldene Scheibe, die im blauen Licht, dass sie umgab, sanft leuchtete.

„I am though… though art I. Ich komme vom Inneren deines Herzens. Ich bin die Hüterin der inneren Kraft: Hemsut!“
 

Vollkommen überrascht blickte das kleine Mädchen auf die Ältere, welche nun mit blau leuchtenden Augen auf ihre Gegner starrte, die panisch zurückwichen. Ohne ein weiteres Wort richtete Mirâ ihre Hand in deren Richtung, woraufhin das weibliche Wesen hinter ihr automatisch zu reagieren schien. Mit Schwung erhob sie sich in die Luft und richtete ebenfalls ihre Hand auf die beiden Monster, vor der sich nun ein Eisbrocken bildete, der mit hoher Geschwindigkeit auf einen der beiden Gegner zu sauste und diesen mit voller Wucht traf. Mit lautem Kreischen zuckte dieser zusammen und löste sich daraufhin in schwarz-rotem Nebel auf. Nicht einmal darauf wartend, dass ihr zweiter Gegner einen Gegenangriff starten könnte, wandte sich Mirâ auch diesem zu, welcher im nächsten Moment auf die gleiche Weise das zeitliche segnete. Dann wurde es still. Noch immer stand Mirâ wie angewurzelt da; angespannt und auf den nächsten Angriff gefasst, während Hemsut über ihr schwebte, jederzeit bereit erneut anzugreifen. Erst nach und nach, als keine weitere Gefahr zu drohen schien, löste sich langsam die Anspannung in ihren Knochen, woraufhin sie zu Boden sackte. Das weibliche Wesen unterdessen löste sich nach und nach in blaue Partikel auf, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Das warme Gefühl in Mirâs Brust jedoch blieb bestehen.
 

„Alles in Ordnung?“, ließ sie die Stimme des kleinen Mädchens wieder müde aufschauen.

Erschöpft nickte sie und musste sich dabei zusammenreißen nicht das Bewusstsein zu verlieren: „Ja. Und bei dir?“

„Ja… das… das war der Hammer. Wie hast du das gemacht? Was war das für ein Wesen?“, fragte die Jüngere aufgeregt.

„Ich habe… keine Ahnung…“, murmelte Mirâ leise.

Sie hatte wirklich keine Ahnung und konnte nicht einmal sagen, was gerade genau passiert war. Dieses Wort, welches ihr plötzlich in den Sinn gekommen war: Persona. Sie hatte diesen Begriff noch nie zuvor gehört und doch hatte es ihr ein sehr vertrautes Gefühl gegeben, weshalb sie erst gar keine Zweifel daran gehegt hatte, dass es ihr in dieser Situation weiterhelfen würde. Das daraufhin dieses Wesen erschien hatte sie allerdings nicht erwartet. Hemsut… ein merkwürdiger Name, den sie noch nie gehört hatte. Aber auch er war ihr vertraut. Was hatte das nur alles zu bedeuten? Ihr Kopf schmerzte und die Müdigkeit wollte sie langsam übermannen. Trotzdem versuchte sie wach zu bleiben und blickte wieder auf ihre Begleitung, die sie noch immer mit großen Augen ansah, die, wie Mirâ nun feststellte, strahlend rot waren, wie ihre eigenen.

„Wie… wie heißt du überhaupt?“, fragte sie daraufhin schwach.

„Ähm…“, das kleine Mädchen nahm wieder abstand und setzte sich auf den Boden, „Mein Name ist… glaube ich… Mika…“

„Du glaubst…?“, die Violetthaarige stockte, als sich erneut ein stechender Schmerz durch ihren Kopf zog, der sie zusammenzucken los.

Als wäre das nicht genug gewesen bemerkte sie, wie nach und nach ihr Bewusstsein schwand. Sie konnte es nicht verhindern, denn egal wie sehr sie sich dagegenstemmte, ihr Geist driftete immer weiter ab, während das Bild vor ihren Augen immer weiter verschwamm.

„Hey, was hast du!? Alles in Ordnung?“, hörte sie noch die panische Stimme Mikas nach ihr rufen, ehe sie endgültig in tiefe Finsternis tauchte.
 

[ ??? ]
 

Ein lautes Rasseln war zu vernehmen, gefolgt von einem ebenso lauten Klirren.

Der alte Mann, der noch immer unverändert auf seinem blauen Sofa saß, öffnete die Augen und blickte auf die beiden Spiegel, die sich bis eben noch vor ihm befanden. Nun jedoch war einer der beiden zersprungen, während der andere noch immer unverändert und in Ketten gelegt dastand. Zusätzlich hatten sich nun dahinter sieben weitere in Ketten gewickelte Spiegel gebildet, die in einer geraden Linie standen. Der kleine Schmetterling, der sich derweil die ganze Zeit zwischen den ersten beiden Spiegeln im Kreis gedreht hatte, schlug nun eine neue Bahn ein und nahm Kurs auf die nun neu erschienen.

„Die Entscheidung ist also gefallen…“, sprach der Nasenmann, dessen Gesicht nun ein breites Grinsen aufwies.

Er richtete seinen Blick auf den Tisch vor sich, auf dem sich die Position einer der beiden aufgedeckten Tarotkarten verändert hatte. Die Karte des Narren lag nun in aufrechter Position, während die des Todes weiterhin keine eindeutige Lage preisgab, jedoch wesentlich näher an die andere herangerutscht war. Wie gebannt starrte er auf die beiden Karten und versuchte herauszulesen, was diese Position zu bedeuten hatte. Dabei bemerkte er ein leichtes Leuchten in seinem Augenwinkel, woraufhin er auf die Karten schaute, welche im Kreis um die beiden herumlagen. Zwei von ihnen leuchteten auf, jedoch war dieses Licht merkwürdig. Es versprühte sowohl Furcht, als auch Hoffnung und keines von beiden schien dem anderen den Platz räumen zu wollen. Der Mann wandte den Blick wieder gerade aus auf die aufgereihten Spiegel, von denen zwei nun ebenso leuchteten, während die Ketten darum begannen zu klappern, so als wollten sie sich lösen.

„Interessant… sehr interessant…“, grinste er daraufhin und wandte sich zu seiner rechten Seite, an welcher nun der Schatten einer männlichen Person erschien, „Nun … wie es scheint braucht unser neuer Gast etwas Unterstützung, um zurückzufinden. Kümmere dich bitte darum…“

Die Gestalt verbeugte sich knapp, ehe sie mit einem Male im Schatten hinter sich verschwunden war. Währenddessen wandte sich der Alte seiner anderen Seite zu, wo nun eine junge Frau neben ihm Platz genommen hatte, deren platinblonde, gewellte und schulterlange Haare von einem dunkelblauen Haarband durchzogen waren. Sie trug ein dunkelblaues Kleid, das mit goldenen Accessoires bestückt war. Als sie den Blick des Älteren auf sich spürte sah sie mit einem kleinen Lächeln auf, woraufhin sich ihre goldgelben Augen auf ihn richteten.

„Nun denn Margareth… wie es scheint werden wir wieder einen werten Gast erwarten können. Wir sollten ihm einen würdigen Empfang breiten“, sprach dieser dann merklich amüsiert, so als hätte er nur darauf gewartet erneut jemanden empfangen zu dürfen.

Wieder richtete er seinen Blick auf die Spiegel vor sich, während sein Grinsen immer breiter wurde.
 

~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
 

V – Something between Dream and Reality


 

*~* V – Something between Dream and Reality *~*

[ ??? ]
 

Etwas Helles streifte ihre geschlossenen Lider, was Mirâ dazu veranlasste die Augen zu öffnen. Das Erste was ihr dabei auffiel war ein tiefes Blau, welches sie umgab. Erschrocken schlug sie daraufhin die Augen vollständig auf und sah sich irritiert um. Sie befand sich in einem runden Raum, dessen Wände aus Spiegeln bestanden, die das blaue Licht, welches hier herrschte reflektierten. In ihrem Augenwinkel konnte sie etwas helles Leuchten sehen, weshalb sie sich umdrehte und auf acht von Ketten umschlungene Spiegel blickte, deren Bild jedoch nicht klar, sondern sehr trüb war. Um diese herum flog ein kleiner Schmetterling, von dem die junge Frau der Meinung war, ihn schon einmal gesehen zu haben. Allerdings konnte sie sich nicht daran erinnern, wann und wo. Ihr Blick ging weiter, bis sie sich wieder vollständig umgedreht hatte und plötzlich zurückzuckte, als sie auf einen alten Mann mit riesiger Nase blickte, der sie mit seinen großen Glubschaugen und einem breiten Grinsen eingängig musterte. Er saß auf einem blauen Sofa, das hinter einem dunklen Holztisch stand, auf den er seine Arme abgestützt hatte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, während sie den Blick ihres Gegenübers ganz deutlich auf sich spürte. Irgendwie machte er ihr Angst, obwohl sie dabei auch das Gefühl hatte, ihm schon einmal begegnet zu sein.

„Sei willkommen, werter Gast, den ein faszinierendes Schicksal umgibt“, sprach er plötzlich mit ungewöhnlich hoher Stimme und ließ die Violetthaarige damit zusammenzucken, „Willkommen im Velvet Room. Mein Name ist Igor. Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen. Dieser Raum existiert zwischen Traum und Realität, Geist und Materie. Nur diejenigen, die an einen „Vertrag“ gebunden sind, können diesen Raum betreten. Und du, mein werter Gast, bist einer der wenigen, denen dieses Schicksal vergönnt ist.“

Überrascht weiteten sich Mirâs Augen: „An einen Vertrag gebunden?“

Ihre Stimme klang rau und es fiel ihr schwer überhaupt einen Ton herauszubekommen. Diesen Raum umgab eine merkwürdige Macht, die sie dazu brachte nicht mehr zu sprechen, als eigentlich nötig. Jedenfalls hatte sie das Gefühl, dass es so sei.

Das Grinsen im Gesicht des Mannes namens Igor wurde breiter und er zeigte mit der rechten Hand auf die junge Frau: „Deine Persona. Ihr Erwachen war deine Eintrittskarte in diesen Raum.“

Ihre Persona? Rein aus Reflex berührte die Violetthaarige ihre Brust; genau an der Stelle, an welcher ihr Herz schlug und spürte dort eine unglaubliche Wärme, die sich immer mehr in ihrem Inneren auszubreiten schien.

„Eine Persona ist der Spiegel der eigenen Seele. Sie ist die Seite des Spiegels, die zum Vorschein kommt, wenn du dich der Welt dort draußen stellst. Man könnte sagen, sie ist eine Art Maske, die du trägst, um manch schwierige Situation zu bewältigen. Indem du diese Seite an dir akzeptiert hast, hast du einen Vertrag geschlossen, der dir den Zutritt zu diesem Raum gewährt. Wir sind hier, um dich bei deiner Reise zu unterstützen und du wirst diese Hilfe mit Sicherheit nötig haben. Also scheue dich nicht jederzeit hierher zu kommen, wenn du unsere Unterstützung benötigst“, erklärte Igor ruhig und sachlich, was Mirâ jedoch trotzdem stutzig machte, vor allem, als er plötzlich begann in der Mehrzahl zu sprechen.

In diesem Moment fiel der Oberschülerin die Frau auf, welche neben dem alten Mann auf dem Sofa saß. So sehr Mirâ auch versuchte sich zu erinnern, sie konnte nicht sagen, ob diese bereits von Beginn an dort gesessen hatte oder eben erst dazu gekommen war. Doch eigentlich war es egal, denn an diesem Raum war nichts, das nach irgendwelchen Regeln der Physik zu funktionieren schien.

„Verzeih, ich habe ganz vergessen dir meine Assistentin vorzustellen. Das hier ist Margareth. Sie hat bereits Erfahrungen in der Unterstützung unserer Gäste“, mit einer Hand zeigte ihr Gegenüber auf die junge Frau, die eine leichte Verbeugung andeutete.

„Es freut mich sehr. Mein Name ist Margareth und ich bin hocherfreut meinem Meister erneut bei der Betreuung unseres Gastes behilflich zu sein. Bitte scheue nicht, mich anzusprechen, wenn dir etwas unklar ist“, stellte sie sich daraufhin höflich vor.

„Nun denn, werter Gast… oder sollte ich liebe Shingetsu Mirâ sagen? Der Anfang ist getan… alles weiter liegt nun in deiner Verantwortung. Deine Aufgabe ist es nun den Vertrag zu erfüllen, doch denke daran: Du musst die Verantwortung für dein nun folgendes Handeln tragen“, der Gong einer Glocke ertönte, bevor das Bild für einen kurzen Moment verschwamm, was Igor dazu veranlasste kurz nach oben zu blicken, „Unsere Zeit ist damit für heute um, werter Gast. Ich bin mir sicher, dass wir uns bald wiedersehen werden. Bis dahin. Lebewohl.“

Das Bild verschwamm gänzlich, während Mirâ das Gefühl bekam immer mehr in einen tiefen Schlaf zu fallen, der sie in absolute Dunkelheit zog.
 

[ ~Mittwoch, 08. April 2015~ ]

[ *früher Morgen* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

Ein permanentes und ziemlich penetrantes Piepen ließ Mirâ aus ihrem unruhigen Schlaf schrecken. Schon fast panisch tastete sie nach dem roten Gerät und haute dann einmal mit Schwung oben auf, damit es endlich Ruhe gab. Murrend vergrub sie ihr Gesicht in ihr Kissen, bevor wieder Stille einkehrte, in der sie noch einmal leicht wegnickte. Dabei kehrten langsam bruchstückhafte Erinnerungen an den vorangegangenen Abend zurück. Plötzlich war sie hellwach, als sie sich daran erinnerte, wie sie das Spiegelspiel ausprobiert hatte und dann in diese merkwürdige Welt gezogen wurde. So schnell, wie in diesem Moment saß sie noch nie aufrecht, während ihr immer mehr Details von diesem Ausflug einfielen. Sie sah an sich herunter und war daraufhin jedoch nur verwirrt. Sie trug ihren Schlafanzug, dabei hatte sie am Abend noch ihre Heimsachen angehabt. Prüfend zog sie den Stoff hoch, der ihr rechtes Bein bedeckte, um ihre Wade zu prüfen, die definitiv während des Kampfes verletzt wurde; doch dort war alles in Ordnung. Nicht der kleinste Kratzer war zu sehen. Schnell besah sie sich auch ihr anderes Bein, weil sie dachte sich vielleicht geirrt zu haben, doch auch dort war keine Wunde. Hatte sie das alles nur geträumt? Hatte sie sich diesen Schatten, diese komische Welt, das kleine Mädchen, die Monster und auch diesen merkwürdigen Raum nur eingebildet? Dabei hatte sich alles so real angefühlt. Sie wusste sich keinen Rat. Dazu kam, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie von dort wieder zurückgekommen war. Umgezogen war sie ja auch. So, als sei sie ganz normal ins Bett gegangen. Daran jedoch erinnerte sie sich nicht mehr. Wie also war sie hierhergekommen?

„Was war das nur?“, ging ihr durch den Kopf, als sie ein leises Klopfen vernahm.

Fragend sah sie auf und bat herein, woraufhin sich die Tür öffnete und das Gesicht ihrer Mutter dahinter zum Vorschein kam.

„Ach du bist wach, gut. Ich habe deinen Wecker gehört und dann wurde es wieder so still. Deshalb wollte ich mal nach dir sehen“, sagte sie mit einem kleinen Lächeln, „Dann mach dich fertig und komm runter zum Frühstück.“

„Hai…“, nickte die Violetthaarige und wandte sich dann nochmal an ihre Mutter, „Ähm Mama…?“

„Hm?“, fragend drehte sich die Blauhaarige wieder zu ihr um.

„Ähm…“

Was wollte sie ihre Mutter eigentlich fragen? Ob sie gestern Abend plötzlich verschwunden war? Nie im Leben! Zumal sich die Ältere dann auch jetzt anders verhalten würde. Sie wirkte eher so, als hätte sie davon gar nichts mitbekommen. Vielleicht war es also wirklich nur Einbildung oder ein Traum gewesen. Am Ende würde sie ihrer Mutter nur unnötig Sorgen machen und das war eigentlich das Letzte, was sie aktuell wollte; wo diese doch genug andere Sachen um die Ohren hatte.

„A-ach schon gut…“, lächelte Mirâ die begonnene Frage von eben plötzlich wieder weg.

„Sicher?“, Haruka hob eine Augenbraue und gab der Violetthaarigen damit das Gefühl, dass sie sie durchschauen würde.

Mirâ kannte das schon, weshalb sie versuchte standhaft zu bleiben und nur zu nicken. Sie wollte ihrer Mutter keine Sorgen bereiten, nur weil sie offensichtlich komisch geträumt hatte.

Diese sah sie noch eine Weile mit ernster Miene an, bevor sie sich endlich abwandte: „Na gut. Mach dich bitte jetzt fertig, sonst kommst du noch zu spät.“

Damit war sie wieder im unteren Stockwerk verschwunden, während Mirâ ihr kurz nachblickte, ehe sie sich seufzend erhob und ihre Sachen für den heutigen Tag zusammensuchte.
 

[ *Mittag* ]

[ Jûgôya High School Dach]
 

Seufzend ließ sich Mirâ auf eine der Bänke nieder, die auf dem Dach verteilt standen und zum Ausruhen einluden. Sie lehnte sich gehen die Lehne und blickte dann gen Himmel, an dem vereinzelte graue Wolken vorbeizogen.

„Das war ja mal ein tiefer Seufzer“, ließ sich Akane neben ihr nieder, woraufhin sie zu dieser sah, „Du wirktest heute Morgen auch schon etwas abwesend. Ist was passiert?“

Angesprochene blickte einen Moment an ihrer Mitschülerin vorbei, während sie überlegte, ob sie dieser erzählen sollte, was ihrer Meinung nach am Vorabend passiert war. Wahrscheinlich würde das Akane aber nur Angst einjagen, immerhin hatte sie ja erzählt, dass ihr solche unheimlichen Dinge nicht lagen. Andererseits wollte Mirâ gerne mit jemandem darüber sprechen, selbst wenn es sich letzten Endes wirklich nur um eine Einbildung oder einen Traum gehandelt haben sollte.

Sie wandte ihren Blick nach vorn auf die Bento-Box auf ihrem Schoß, bevor sie anfing zu berichten: „Weißt du, nachdem wir gestern die Mädchen gehört hatten, wie sie über dieses Gerücht gesprochen haben, da… hab ich das gestern auch mal ausprobiert. Nicht wirklich absichtlich, aber ich habe in den Spiegel geschaut. Und genau wie das Mädchen es berichtet hatte passierte erst gar nichts. Doch dann tauchte ein Schatten auf…“

Sie bemerkte, wie sich die Brünette neben ihr versteifte, und stoppte, während sie darüber nachdachte hier abzubrechen. Wahrscheinlich war das ganze doch einfach zu unheimlich, um es jemandem wie Akane zu erzählen. Mit Sicherheit würde diese es letzten Endes eh nur versuchen irgendwie zu überspielen und als Einbildung oder einen schlechten Traum abtun; und Mirâ würde es ihr nicht einmal verübeln. Wer konnte solche eine Geschichte auch glauben? Eine Welt im Spiegel? Ein blauer Raum mit einem merkwürdigen Nasenmann? Eine Persona? Das klang alles schon ziemlich wirr. Sie selbst konnte es ja auch nicht wirklich glauben.

„U-und weiter?“, fragte die Brünette neben ihr plötzlich vollkommen angespannt und leicht zitternd, was Mirâ nun doch dazu veranlasste ihren Gedanken nachzugeben.

Sie seufzte leise und setzte ein kleines Lächeln auf, mit dem sie Akane ansah: „Nichts weiter.“

„Eh?“

„Es ist nichts weiter passiert… im nächsten Moment war der Schatten bereits wieder verschwunden. Wahrscheinlich hab ich mir das auch nur eingebildet“, erklärte die Violetthaarige mit einem nicht ganz ernst gemeinten Lachen.

Sie bemerkte, wie ihre Mitschülerin langsam wieder lockerer wurde und dann erleichtert ausatmete: „Na klar, was auch sonst? Aber man ehrlich… musst du mich so erschrecken?“

Das Lachen der Angesprochenen wurde etwas lauter, während sie sich bei der jungen Frau entschuldigte, welche daraufhin nur leicht beleidigt die Wangen aufblähte und sich dann über ihr Essen hermachte. Auch Mirâ öffnete ihre Box und begann zu essen, während ihre Gedanken jedoch weiterhin an den Geschehnissen des Vortrages hängen blieben. Sie wollte selber dran glauben, dass es nur Einbildung oder ein Traum war und eigentlich sprachen auch alle Indizien dafür. Trotzdem blieb dieses ungute Gefühl, dass es doch wirklich geschehen war. Außerdem ließ sie das Gefühl nicht los, dass das erst der Anfang war und noch etwas viel Schlimmeres passieren würde. Sie steckte sich etwas Reis in den Mund, bevor sie ihren Blick wieder gen Himmel hob, an dem sich im äußersten Westen bereits einige Wolken über den Bergen sammelten, die langsam auf die Stadt zusteuerten. So, als wollten sie ihre schlimme Vorahnung noch untermauern.
 

[ *Nach der Schule* ]
 

Im Laufe des Tages hatten sich die dunklen Wolken, die von den Bergen her in die Stadt gezogen waren etwas verdichtet, sodass das Wetter umgeschlagen hatte. Zwar war es den restlichen Tag über bisher trocken geblieben, doch die dunklen Wolken, die durch den beginnenden Sonnenuntergang noch bedrohlicher wirkten, hatten bereits leichten Wind mit sich gebracht und ließen erahnen, dass es wohl bald regnen würde, weshalb sich die meisten Schüler bereits eiligst auf den Heimweg gemacht hatten.

„So ein Mist…“, fluchte Akane mit einem Blick auf den dunklen Himmel, „Dabei wollte ich dich fragen, ob wir noch etwas unternehmen wollen. Aber so wie es aussieht wird es wohl bald regnen.“

„Sieht so aus“, sah auch Mirâ besorgt hinauf, „Aber vielleicht können wir ja morgen etwas zusammen machen. Was hältst du davon?“

Strahlend sah die Brünette zu ihr rüber und freute sich wieder wie ein Schneekönig über dieses Angebot: „Ja gerne.“

Fröhlich hakte sie sich bei der Violetthaarigen unter, die ihr nur ein liebes Lächeln schenkte, jedoch nicht drum herum kam darüber nachzudenken, wieso sich die junge Frau so aktiv mit ihr abgab. Mit Sicherheit hatte sie doch noch andere Freunde, mit denen sie etwas unternehmen wollte oder konnte. Oder? Mirâ traute sich nicht diesbezüglich nachzufragen, da sie bereits mit ihrer Frage in Bezug auf Hiroshi in ein Fettnäpfchen getreten war. Die Brünette wirkte nicht wie jemand der aktiv ausgeschlossen oder gemobbt wurde. In der Beziehung hatte die Violetthaarige die letzten Tage auch nichts mitbekommen. Aber so richtig aktiv Kontakt zu den anderen Schülern schien sie auch nicht zu haben. Ob das einen bestimmten Grund hatte?

„Shingetsu?“, holte sie Akanes Stimme aus den Gedanken, woraufhin sie zu der etwas Kleineren blickte, die sie mit großen grünen Augen fragend ansah, „Alles in Ordnung?“

Das Lächeln auf Mirâs Gesicht kehrte zurück, bevor sie nickte: „Ja. Wir sollten langsam los, bevor wir noch nass werden. Oder was meinst du?“

„Ja los geht’s“, grinste ihre Begleitung, woraufhin sich die beiden auf den Weg machten.

Doch kaum waren sie einige Schritte gelaufen, blieben sie auch schon erschrocken stehen, als sie eine erboste, laute Stimme vernahmen. Sofort wandten sie sich dem Lärm zu und erkannten dann eine Gruppe von Schülerinnen, die an einem der Beete standen, welche den Weg vom Tor zum Eingang schmückten. Eines der Mädchen hatte eine der Blumen in der Hand und wirkte ziemlich verunsichert, während sie auf das andere Mädchen blickte, welches sich vor ihr aufgebaut hatte. Dieses hatte kurze schwarze Haare, die an einer Seite etwas länger waren und auch etwas heller wirkten, als der Rest. Sie trug kein Jackett. Stattdessen erkannte man die schwarze langärmlige Bluse, deren Manschetten sie offen hatte und über die sie eine Schürze gebunden hatte. Zudem hing die Bluse locker über dem roten Rock und war nicht wie üblich hineingesteckt. Dazu trug sie eine schwarze blickdichte Strumpfhose und kniehohe Stiefel mit leichtem Absatz. In ihrer Hand, die in einem knallgelben Handschuhe steckte, hielt sie eine kleine Schaufel. Sie schien wütend zu sein, auch wenn Mirâ es nicht gänzlich erkennen konnte, da sie ihr den Rücken zugewandt hatte, doch ihre Körpersprache verriet einiges.

„Wie kommst du dazu hier einfach die Blumen rauszureißen?“, fragte sie erzürnt, „Weißt du eigentlich wie viel Arbeit es macht sie einzupflanzen?“

„I-ich… ich fand sie so schön und…“, stotterte die Andere.

Ein tiefes Seufzen war zu vernehmen: „Und das ist ein Grund sie einfach zu pflücken? Würde es dir gefallen, wenn man dir einfach ein paar Haare abschneidet oder herausreißt, nur weil jemand sie schön findet?“

„Ähm nun…“

„Nun sei nicht so! Sie hat es doch nicht aus bösem Willen getan“, meldete sich ein weiteres Mädchen aus der Gruppe zu Wort, um ihre Freundin zu verteidigen, „Deshalb musst du sie doch nicht gleich so anranzen!“

„Bei solchen Intelligenzbestien wie euch ist das leider nötig…“, meine die Schwarzhaarige nur ernst, „Wenn ich euch nochmal erwische, wie ihr meine Blumen pflügt, dann werde ich richtig ungemütlich. Verstanden?“

„Was hast du gesagt?“, die Verteidigende wollte schon auf die Schwarzhaarige losgehen, als sie zurückgehalten wurde.

„Schon gut… es war ja meine Schuld. Es tut mir leid“, damit hatte sich die Verursacherin leicht verbeugt und abgewandt, ehe sie davonschritt.

Dabei blieb Mirâ jedoch nicht verborgen, dass sie ein paar Tränen in den Augen hatte, die wohl dem Ärger geschuldet waren. Die Freundin des Mädchens wirkte erst etwas irritiert, sah dann jedoch nochmal böse zu der Schwarzhaarigen, bevor auch sie sich umwandte und ging. Die Violetthaarige und Akane sahen den beiden nach, bevor sie sich wieder dem zurückgebliebenen Mädchen zuwandten und dann einen Schritt zurückschreckten, als sie deren böser Blick traf.

„Was gibt’s hier zu glotzen!?“, fragte sie wütend, woraufhin sich Akane und Mirâ mit einem kurzen „nichts“ ebenfalls abwandten und sich endlich auf den Weg machten, während ihnen die Schwarzhaarige unbemerkt nachschaute.
 

[ *Abend* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

„So das wars. Gut gemacht, Junko“, lobte Mirâ ihre kleine Schwester, als diese mit ihren ersten Hausaufgaben fertig war.

Freudestrahlend lächelte die Blauhaarige sie an, bevor sie ihre Sachen zusammensammelte und diese wieder in ihren roten Schulranzen verstaute. Die Oberschülerin beobachtete die Grundschülerin dabei und lächelte zufrieden. Ihre kleine Schwester hatte sich allem Anschein nach schon ziemlich gut in ihrer neuen Schule eingefunden. Obwohl sie die Einzige war, die von Außerhalb kam, hatte sie wohl nach deren Erzählung bereits einige Freunde gefunden. Eine Tatsache, die sowohl Mirâ, als auch ihre Mutter beruhigte. Immerhin musste Junko ihre ganzen Kindergartenfreunde, mit denen sie eigentlich hätte eingeschult werden sollen, in ihrer alten Heimatstadt zurücklassen. Sowohl die Oberschülerin, als auch Haruka hatten Sorge, dass es der Jüngeren dadurch schwer fallen würde sich hier einzuleben, jedoch schien dies unbegründet.

„Wie versprochen darf ich jetzt noch meine Serie gucken“, holte die Stimme der Blauhaarigen Mirâ aus ihren Gedanken.

Etwas erschrocken sah sie ihre kleine Schwester an, doch nickte dann lächelnd, bevor sie sich erhob und in Richtung Flur ging:

„Ja. Versprochen ist versprochen. Ich geh jetzt Baden, danach bist du dran und dann geht’s auch gleich ins Bett. Ja?“

„Haaaaaai!“, kam die langgezogene Antwort, ehe auch schon aus dem Fernseher das Intro der aktuell beliebten Serie Featherman lief.

Seufzend beobachtete die Violetthaarige die Grundschülerin einen Moment, die nun gebannt auf den Bildschirm starrte, bevor sie in den oberen Stock ging und dort an die Tür klopfte, die direkt links neben der Treppe war. Ein leises „Herein“ ertönte, woraufhin sie die Tür einen Spalt öffnete und hineinsah.

„Junko ist jetzt mit den Hausaufgaben fertig. Sie schaut jetzt ihre Serie und geht dann Baden und ins Bett“, erklärte sie daraufhin ihrer Mutter, die sie von deren Schreibtisch aus erwartungsvoll ansah, „Ich geh jetzt auch baden. Wenn Junko im Bett ist kümmere ich mich um meine Schulaufgaben. Deshalb wollte ich dir schonmal eine gute Nacht wünschen.“

„Das ist lieb, Mirâ. Danke für deine Hilfe. Und entschuldige bitte, dass du dich darum kümmern musstest. Bis das neue Büro soweit ist gibt es noch so viel zu tun, aber die Immobilien sind ja schon da…“, entschuldigte sich ihre Mutter kleinlaut.

„Schon okay. Mach nicht mehr so lange, Mama. Gute Nacht“, leise schloss die junge Frau die Tür wieder, nachdem Haruka den Gruß erwidert hatte, und begab sich kurz in ihr Zimmer, um sich frische Sachen zu holen.

Begleitet vom Trommeln des eingesetzten Regens, der auf die Dachschräge über ihrem Zimmer fiel, schob sie die Tür ihres Schrankes beiseite und sammelte alles zusammen was sie brauchte. Dabei erkannte sie im Augenwinkel ihren Spiegel, dem sie einen kurzen flüchtigen Blick zuwarf. Doch genauso schnell, wie sie hingeschaut hatte, hatte sie sich auch schon wieder abgewandt. So sehr sie sich auch einredete, dass alles vom Vorabend nur Einbildung war, sie beschlich ein ungutes Gefühl, kaum dass sie ihren Spiegel sah. Es kam ihr so vor, als sei dort etwas drin. Etwas das sie beobachtete. Mit einem etwas lauteren Knall fiel die Tür ihres Schrankes wieder zu, bevor sich die junge Frau abwandte, um ihr Zimmer wieder zu verlassen. Immer darauf bedacht nicht noch einmal direkt in den Spiegel zu sehen.
 

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VI – Reflections of the City


 

*~* VI – Reflections of the City *~*
 

[ ~Donnerstag, 09. April 2015~ ]

[ *Früher Morgen* ]

[ Jûgôya Central Subway Station ]
 

Ein leises Gähnen entkam Mirâ, während sie versuchte dieses hinter ihrer Hand zu verstecken, damit niemand um sie herum es sehen konnte; immerhin gehörte dies zum guten Ton. Sie fühlte sich so müde. Nachdem ihr diese Sache mit dem Schatten geschehen war, bei der sie sich immer noch nicht ganz sicher war, ob es wirklich passiert oder nur ein Traum war, hatte sie die letzte Nacht so gut wie gar nicht geschlafen. Und wenn sie doch mal eingenickt war, war sie bei jedem noch so kleinen Geräusch wieder aufgeschreckt; immer mit einem zögerlichen Blick zu ihrem Spiegel. Sobald sie sich davon überzeugt hatte, dass dort nichts vorzufinden war, was ihr gefährlich werden konnte, hatte sie sich wieder zurückgelegt und war im nächsten Moment auch wieder weggenickt, nur um wenige Minuten später wieder aufzuschrecken. Es war einfach schrecklich. Würde sie das nun für immer verfolgen?

„Hoffentlich nicht“, dachte sie sich, während sie erneut gähnen musste, dieses Mal etwas stärker.

„Da ist aber jemand müde“, hörte sie eine ihr bekannte Stimme, woraufhin sie sich umdrehte und Hiroshi erkannte, der sie mit erhobener Hand grüßte, „Morgen.“

„Guten Morgen, Makoto-kun“, grüßte auch sie und unterdrückte ein weiteres Gähnen.

„Oha. Hast du die Nacht durch gemacht?“, fragte er leicht grinsend.

Mirâ seufzte: „Könnte man so sagen. Ich habe einfach so schlecht geschlafen…“

Überrascht sah der junge Mann sie an: „Das klingt gar nicht gut. Gabs dafür einen Grund?“

Nun war es an der Violetthaarigen den Blonden überrascht anzusehen. Er schien sich ernsthaft Sorgen um sie zu machen; dafür, dass sie sich ja eigentlich nur flüchtig kannten und sich nur ab und an mal unterhielten. Doch so nett gemeint, wie diese Geste auch war, es würde wohl nichts bringen ihm von ihren Erlebnissen zu berichten, von denen sie nicht einmal selber wusste, ob sie wirklich geschehen waren. Wahrscheinlich würde er ihr sowieso nicht glauben. Mit Sicherheit kannte er auch die Gerüchte um das Spiegelspiel und die Diskussion darüber, ob wirklich etwas passierte oder eben nicht. Deshalb würde er es wohl auch nur als Einbildung abtun und das Thema damit herunterspielen. Aus diesem Grund setzte die junge Frau nur ein Lächeln auf und schüttelte den Kopf: „Nein. Ich glaube einfach, dass ich mich erst an unser neues Zuhause gewöhnen muss. Es war ja schon eine ziemliche Umstellung von einer Wohnung in ein Haus zu ziehen. Dazu noch eine völlig fremde Stadt. Das muss ich erstmal alles richtig verarbeiten.“

„Oh… verstehe. Dann pass auf, dass du dich nicht überanstrengst“, mahnte sie der junge Mann, was sie nur mit einem nicken bestätigte.

In diesem Moment ertönte auch schon wieder Hiroshi Name, weshalb sie an diesem vorbeischaute und dann seine beiden Kumpels sah, die ihm zuwinkten.

„Deine Kumpels erwarten dich schon“, setzte Mirâ daraufhin ein Grinsen auf, „Sie kommen nie her. Hast du sie darum gebeten?“

Etwas ertappt sah der Blonde sie erst mit großen Augen an, bevor er zur Seite blickte und sich dann an der Wange kratzte: „Naja… zum einen wollte ich nicht, dass du dich irgendwie überrannt fühlst. Und außerdem besteht dann die Gefahr, dass Akane uns zusammen sieht und ehrlich gesagt möchte ich nicht, dass sie sauer auf dich ist, wo ihr euch doch so gut versteht. Die Aktion letztens war schon…“

Überrascht darüber, dass der junge Mann ihre Bekannte direkt mit Vornamen benannte, im Gegensatz zu dieser, die ihn beim Nachnamen genannt hatte, sah sie ihn mit großen Augen verwundert an. Das bestärkte nur wieder ihr Gefühl, dass etwas passiert war, was das Verhältnis der beiden belastete.

„Ehrlich gesagt interessiert mich das schon eine ganze Weile. Ist zwischen euch etwas vorgefallen?“, fragte sie deshalb dieses Mal den jungen Mann, in der Hoffnung nicht wieder in ein Hornissennest zu stechen.

Angesprochener zuckte kurz zusammen und stoppte in seinem Tun, bevor er sich weiter an der Wange kratzte: „Also… es ist etwas kompliziert, ehrlich gesagt.“

„Ich verstehe…“, sagte die Violetthaarige nur leicht enttäuscht über diese nichtssagende Antwort, die allerdings verdeutlichte, dass er nicht näher drauf eingehen wollte.

Er wollte also auch nicht darüber sprechen. Natürlich hatte sie auch dieses Mal damit gerechnet, trotzdem enttäuschte sie die fehlende Antwort. Dabei sollte sie eigentlich nicht so neugierig sein; das wusste sie. Trotzdem interessierte es sie so sehr und sie wusste nicht einmal wieso überhaupt. Die beiden waren bisher nur Bekannte, Hiroshi tatsächlich nur flüchtig, und deshalb sollte sie das alles auch nicht stören; und doch hatte sie das Gefühl etwas unternehmen zu müssen. Irgendwie war auch das ziemlich kompliziert. Ein nachdrücklicheres „Hiroshi“ ertönte aus der Ferne, weshalb sich Gerufener kurz umdrehte und sich ihr dann wieder zuwandte.

„Sorry. Vielleicht ein anderes Mal. Okay?“, bot er ihr an und hob dann zum Abschied die Hand, bevor er sich abwandte und unter dem besorgten Blick von Mirâ zu seinen Kumpels hinüberging.
 

[ *Morgen* ]
 

„Du glaubst gar nicht, was das für ein Chaos war“, seufzte Akane, nachdem sie Mirâ erzählt hatte, was am frühen Morgen bei ihr zu Hause los war, weil ein Notfall in der Klinik ihrer Eltern eingetreten war, „Mein Vater war total gestresst…“

Gemeinsam stiegen die beiden Oberschülerinnen die Treppen zu ihrer Jahrgangsstufe auf, um dann in ihre Klasse zu gelangen. Die Violetthaarige hörte aufmerksam zu, driftete jedoch ab, als sie Hiroshi hinter sich bemerkte, der gerade mit seinen beiden Kumpels den Eingangsbereich betrat, um sich die Schuhe zu wechseln und dabei über einen dummen Witz zu lachen. Die drei wirkten irgendwie immer fröhlich, im Gegensatz zu der Reaktion, die der Blonde gezeigt hatte, als sie das Thema mit Akane angesprochen hatte. Beide wollten ihr nicht verraten, was zwischen ihnen vorgefallen war, doch es war offensichtlich, dass sie etwas belastete.

„Shingetsu? Hallo?“, holte sie Akanes Stimme aus den Gedanken.

Erschrocken sah sie zu eben dieser und entschuldigte sich sogleich, dass sie nicht zugehört hatte. Etwas beleidigt blähte die Brünette die Wangen auf, doch seufzte dann:

„Ach schon gut. Die Sache hat sich jedenfalls am Ende geklärt.“

„Sei mir nicht böse. Ich war irgendwie in Gedanken…“, entschuldigte sich Mirâ noch einmal eindringlich.

„Das hab ich bemerkt“, meinte ihr Gegenüber mit angehobener Augenbraue und blickte an der Violetthaarigen vorbei, „Hör mal… Ein gut gemeinter Rat: Halte dich von Makoto fern. Der ist ein undankbarer Vollidiot. Mit dem hat man nichts als Ärger. Ganz ehrlich…“

Überrascht, dass ihre Mitschülerin nun etwas von sich gab, dass leicht darauf schließen ließ, was zwischen ihnen vorgefallen sein könnte, sah Mirâ sie mit großen Augen an. Doch ehe sie nachfragen konnte, wie ihre Bekannte das meinte, hatte diese sich bereits abgewandt und war die Treppen weiter nach oben gestiegen. Schnell folgte die Oberschülerin ihr, damit sie sie nicht aus den Augen verlor, jedoch war Akane um einiges schneller. Erleichtert atmete sie jedoch auf, als sie diese am oberen Absatz der Treppe vom zweiten Jahrgang auf sie warten sah. Mit verschränkten Armen sah sie zu ihr hinunter, bis die Violetthaarige auf ihrer Höhe war.

„Ich meine das nicht böse und prinzipiell kann ich dir nicht verbieten, dich mit ihm zu unterhalten… aber… auch wenn er jetzt super nett zu dir ist, am Ende wird er dir mit Sicherheit nur wehtun…“, sagte sie anschließend, „Deshalb der gut gemeinte Rat. Okay?“

Mirâ nickte, wusste allerdings nicht, was sie wirklich darauf antworten sollte. Allerdings hatte sie nun einen ungefähren Einblick darin, was die Brünette an der ganzen Sache störte. Oder besser gesagt hatte sie eine starke Vermutung, woran es liegen könnte und ihre Mitschülerin so sauer auf den Blonden war. Kurz überlegte sie es noch einmal direkt anzusprechen und so ihre Vermutung zu bestätigen, doch ließ es dann. Sie wollte Akane nicht wieder so sauer machen, wie das letzte Mal. In diesem Moment wollte sie sich mit diesen Informationen zufriedengeben. Die Brünette schien das wohlwollend so hinzunehmen und lächelte leicht, bevor sie sich in Bewegung setzte, um nun endlich in die Klasse zu gehen. In diesem Moment jedoch stieg erneut jemand die Treppe hinauf, weshalb sie diesem genau an die Brust lief.

„Au… hey kannst…“, Akane schimpfte kurz, doch stoppte, als sie aufsah und auf einen jungen Mann blickte, welcher sie fast zwei Köpfe überragte.

Mit müdem Blick sah er sie an, doch murmelte dann nur eine leise Entschuldigung, während er sich durch das dunkelblaue, strubbelige Haare strich und dann unter den Blicken der Mädchen weiterging; genau auf die Tür zu, die auf das Dach der Schule führte. Dort jedoch wartete bereits Masaru mit vor der Brust verschränkten Armen und blickte den Blauhaarigen böse an.

„Jo IIn-chô“, grüßte dieser den etwas Kleineren.

Der Schwarzhaarige seufzte: „Esuno, ich bin kein Klassensprecher mehr… und wenn du häufiger den Unterricht besuchen würdest, dann wüsstest du das auch. Ich würde dich gerne bitten dich auch jetzt dorthin zu begeben. Toshizou-sensei liegt mir schon damit in den Ohren, dass er dich die Tage ständig während des Unterrichts auf dem Dach gesehen hat. Und für sowas habe ich weder Zeit, noch Nerven. Also… bitte?“

Er wies wieder zurück auf die Treppe, während sich beide nur anstarrten. Es vergingen gefühlt mehrere Minuten, ehe der Blauhaarige sich im Nacken kratzte und tief seufzte, bevor er sich umdrehte und wieder an den beiden Mädchen vorbeischritt, um dieses Mal die Treppe hinauf zur Etage des dritten Jahrgangs zu nehmen. Der schwarzhaarige Schülervertreter folgte ihm und grüßte beim Vorbeigehen noch knapp die beiden Mädchen, die ihnen nachsahen.

„Esuno heißt er also…“, hörte sie Akane neben sich murmeln.

Überrascht sah sie deshalb zu dieser, was leider nicht unbemerkt blieb. Mit leichtem Rotschimmer auf den Wangen schrak die Brünette auf und sah sie kurz panisch an, ehe sie den Blick abwandte:

„Ähm… weißt du… er besitzt einen großen Hund und kommt mit dem für Untersuchungen in die Praxis meiner Eltern.“

Die Violetthaarige konnte sich plötzlich ein freches Grinsen nicht verkneifen, da sie bereits ahnte was dieser Blick bedeutete: „Ah ja?“

„W-was? Was schaust du so? E-Es ist nicht so wie du denkst“, schon leicht panisch setzte sich Akane in Bewegung, um in ihre Klasse zu gehen.

Mirâ sah ihr kurz nach, bevor sie der Brünetten folgte, während ein kleines Lächeln ihr Gesicht zierte, dass verriet wie erleichtert sie war, dass sich die Stimmung zwischen den beiden durch die Aktion eben wieder gelockert hatte.
 

[ *Nach der Schule* ]
 

Der Gong der Schulglocke läutete das Ende des Nachmittagsunterrichts ein, woraufhin Masa-sensei mit einem tiefen Seufzen den Unterricht für diesen Tag für beendet erklärte. Sie hatte noch nicht einmal richtig ausgesprochen, da war ein Teil der Schüler bereits aufgesprungen und hatte seine Sachen zusammengepackt, was die junge Lehrerin veranlasste erneut tief zu seufzen und dann den Klassenraum zu verlassen, während sie allen einen schönen Nachmittag wünschte. Ein Teil der Schüler hatte das Zimmer bereits verlassen, als auch Mirâ endlich ihre Sachen zusammensuchte und in ihre schwarze Ledertasche packte. Ein Tippen an ihrem Arm ließ sie zur Seite schauen und auf Akane blicken, die ihren Rucksack in den Armen hielt und sie mit großen, grünen Augen ansah, woraufhin die Violetthaarige fragend den Kopf etwas schief legte.

„Sag… steht dein Angebot von gestern noch? Also… dass wir heute etwas zusammen unternehmen?“, fragte ihre Banknachbarin daraufhin nur etwas zurückhaltend.

Ein Lächeln bildete sich auf Mirâs Lippen, auch weil sie erleichtert darüber war, dass die Braunhaarige wegen der Sache mit Hiroshi nicht mehr böse auf sie war: „Ja das Angebot steht noch. Was schlägst du vor?“

Die grünen Augen ihres Gegenübers wurden noch etwas größer und glänzten freudestrahlend, während sich die junge Frau erhob und dann kurz zu überlegen schien: „Wie wäre es, wenn wir ins Einkaufszentrum gehen und dort irgendwo einen Kaffee oder so trinken? Bei der Gelegenheit kann ich dir auch gleich etwas die Innenstadt mit der Einkaufsstraße zeigen.“

Überrascht sah die Violetthaarige ihre Mitschülerin an, doch nickte dann lächelnd. Sie hatte ohnehin vor sich bei Gelegenheit die Innenstadt anzuschauen. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass es dort eine große Einkaufsstraße mit vielen Geschäften gab, was ihr Interesse geweckt hatte. Das Unterfangen nun mit einer ortskundigen Begleitung anzugehen war natürlich noch besser. Mit Sicherheit würden sie zwar nicht alles schaffen, aber einen kleinen Einblick in die Stadt konnte sie so trotzdem gewinnen. Glücklich darüber, dass ihr Vorschlag angenommen wurde hackte sich Akane daraufhin bei der jungen Frau unter und zog sie so mit sanfter Gewalt aus dem Klassenraum, um sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen.
 

Bis in die Innenstadt war es gar nicht so weit, wie Mirâ es erwartet hatte. Sie mussten lediglich mit der Taiô Linie nach Hansha-kû fahren, wo sich das Stadtzentrum und somit auch das Einkaufszentrum befand. Dabei stellte sie verblüfft fest, dass gar nicht so viele Schüler mit dieser Linie unterwegs waren, wie sie erwartet hätte. Die Meisten von ihnen stiegen bereits nach zwei Stationen wieder aus, was jedoch noch etwas vom eigentlichen Zentrum entfernt war, wie sie auf der Anzeige erkennen konnte. Die wenigen Schüler, welche sie noch weiter begleiteten, hatten demnach wohl einfach die gleiche Idee, wie die beiden jungen Frauen. Darunter erkannte Mirâ auch die Schülerin mit den kurzen schwarzen Haaren, die an einer Seite etwas länger waren, die etwas entfernt von ihnen in der Tür stand und auf ihr Handy starrte. Dabei fiel der Oberschülerin auf, dass die längere Seite der Anderen violett gefärbt war und ihr aufgrund der Länge auch leicht ins Gesicht fielen. Aus diesem Grund konnte sie auch deren Gesichtsausdruck nicht erkennen. Allerdings schien sie wiederum zu bemerken, dass sie angestarrt wurde, denn plötzlich wandte sie sich der Violetthaarigen zu, welche sofort zusammenzuckte und in eine andere Richtung sah. Das war auch gut so, denn der Blick den die Schwarzhaarige aufgesetzt hatte, wirkte tödlich. So viel hatte Mirâ noch mitbekommen, bevor sie weggeschaut hatte. Wie es schien konnte die Andere es nicht leiden angestarrt zu werden, was jedoch auch für die junge Frau mehr als verständlich war.

„Central Shopping Mile. Ausstieg zum Stadtzentrum”, erklang eine computergenerierte Stimme aus den Lautsprechern, die Akane dazu veranlasste sich zu erheben und schonmal an die Tür zu treten.

Mirâ tat es ihr nach und bemerkte dabei bereits, wie der Zug langsam an Fahrt verlor. Nur wenige Sekunden später erschien auch schon der hell ausgeleuchtete Bahnsteig, an welchem schon die nächsten Passagiere warteten. Mit einem leichten Ruck blieb das Gefährt stehen, woraufhin das penetrante Piepen der Türen folgte, die sich kurz darauf automatisch öffneten und die Insassen ausstiegen ließen. Gemeinsam verließen die beiden Oberschülerinnen die U-Bahn und folgten der Masse an Menschen zu einer Treppe, die sie hinauf an die Oberfläche brachte. Oben angekommen herrschte reges Treiben, während von allen Seiten her leise Musik aus den Geschäften drang, die sich entlang der Straße aneinanderreihten. Nachdem beide Mädchen etwas Abstand vom Zugang zur U-Bahn genommen hatten sah sich Mirâ in aller Ruhe um. Sie standen auf dem Gehweg einer breiten Straße, welche jedoch frei von jeglichem Verkehr war, sodass selbst die Passanten in deren Mitte laufen konnten. Einzig die deutlichen Abgrenzungen zwischen dem breiten Bordstein und der eigentlichen Straße zeugte noch davon, dass hier einst Autos fuhren.

„Willkommen in der Einkaufsstraße. Kagaminomachis einzige verkehrsfreie Zone“, sagte Akane grinsend mit weit ausgestreckten Armen.

„Bis vor zwei Jahren war das hier noch eine ganz normale Straße mit Geschäften links und rechts“, erklärte die Brünette anschließend auf den überraschten Blick ihrer Begleitung, während sie ihre Hände wieder in ihre Jackentaschen steckte, „Als vor zwei Jahren das neue Einkaufszentrum fertig wurde hat der Bürgermeister diese Straße zur verkehrsfreien Zone erklärt. Anfangs waren die Anlieger hier ziemlich sauer darüber, aber mittlerweile hat sich gezeigt, dass das keinen Einfluss auf die Geschäfte hat.“

Kurz darauf zeigte sie Richtung Westen: „Dafür gibt es genug kostenlos Parkmöglichkeiten. Einmal dort. Am Ende der Straße steht ein Junes, was auf dem Grund des alten Einkaufszentrums steht.“

Dann zeigte sie nach Osten: „Und dort hinten, fast am Ende der Straße auf der Anhöhe, ist das neue Einkaufszentrum mit einem kleinen Parkhaus. Dort, das Gebäude, was so schön in der untergehenden Sonne glänzt.“

Mirâ musste etwas die Augen zusammenkeifen, weil sie von etwas geblendet wurde, was sich bei genauer Betrachtung als das von Akane genannte Gebäude herausstellte.

„Die hier liegenden Geschäfte haben natürlich eine Sondergenehmigung, in Bezug auf Warenanlieferungen und so. Ist ja klar, sonst wären sie bald pleite“, die Brünette zuckte mit den Achseln und steckte ihre Hände wieder zurück, „Wie gesagt würde ich gern mit dir ins Einkaufszentrum gehen. Dort gibt es ein schönes Eiscafé, wo wir uns reinsetzen könnten. Aber wenn du lieber woanders hinmöchtest, dann können wir auch etwas anderes machen.“

Noch einmal sah sich Mirâ kurz um, doch schüttelte dann den Kopf. Es würde ohnehin länger dauern die gesamte Straße zu erkunden, was an diesem Tag definitiv nicht mehr möglich war, sodass sie sich erst einmal damit zufriedengab. Auf dem Weg zu ihrem Ziel konnte sie sich ja schon einmal ein kleines Bild machen. Lächelnd nickte ihre Begleitung daraufhin nur und zeigte mit ihrem Kopf in Richtung Osten, bevor sie sich abwandte und loslief. Die Violetthaarige folgte ihr und sah sich dabei noch etwas um. Die meisten der Geschäfte, welche sich in dieser Straße aneinanderreihten kannte die junge Frau auch schon aus ihrer alten Heimatstadt. Dabei handelte es sich zumeist um ganz bekannte Marken, die es im gesamten Land zu kaufen gab. Ab und an erkannte sie auch ein paar fast versteckte Läden oder Schilder, die auf Geschäfte hinwiesen, die sich etwas versteckt hielten. Besondere Aufmerksamkeit jedoch richtete sie für einen Moment auf eine Bäckerei mit Café, welches sich zu ihrer Rechten befand und um diese Zeit so stark besucht war, dass die Kunden sogar draußen vor der Tür warten mussten, sodass sich eine lange Schlange gebildet hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte die Violetthaarige das Firmenschild, welches die Form eines frisch gebackenen Brotes hatte. Darauf stand in schön geschwungenen Schriftzeichen „Bäckerei & Café Fukagawa“. Näher konnte sie es jedoch nicht begutachten, da die beiden Oberschülerinnen kurz darauf auch schon daran vorbei waren. Daraufhin folgten noch einige Fastfood Restaurant, wie Wild Duck Burger, die in den letzten Jahren einen rapiden Aufstieg hatten, und andere bekannte Ketten, sowie kleinere Snackbars und weitere Klamottenläden. So dauerte es nicht lange, bevor die beiden jungen Frauen vor einer Treppe zum Stehen kamen, die Mirâ stark an den Aufstieg zu einem Tempel erinnerte. Hätte ganz am Ende noch ein Tori gestanden, so hätte die Violetthaarige eindeutig darauf gewettet, dass es sich hierbei um eine spirituelle Kultstätte handelte. Nur kurz kam der jungen Frau der Gedanke, dass dieser Ort etwas ungewöhnlich als Standort für ein Einkaufszentrum gewählt war. Doch bevor sie sich auch noch darüber Gedanken machen konnte, was vorher an dieser Stelle stand, hatte sich das Mädchen neben ihr schon in Bewegung gesetzt und war die ersten Stufen hinaufgestiegen. So schnell Mirâ konnte holte sie zu ihrer Begleitung auf und so erreichten sie nach nur wenigen Minuten einen großen Vorplatz, auf dem in der Mitte ein kleiner Springbrunnen stand, der von Sitzbänken flankiert war. Dahinter befand sich ein großes Gebäude, dessen gesamte Fassade von verspiegeltem Glas umgeben war, was dem Ganzen einen ziemlich futuristischen Touch gab. Gleichzeitig wurden sie regelrecht von der im Glas gespiegelten Sonne geblendet, sodass die Violetthaarige kurz blinzeln musste, um sich an das Bild zu gewöhnen.

Erneut blieb Akane stehen und drehte sich ihr zu, bevor sie auf das Gebäude zeigte: „Das neue Einkaufszentrum. Die Fassade besteht aus verspiegeltem Glas, deshalb sieht es aus wie ein riesiger Spiegel. Frag mich aber bitte nicht, wie man auf die Idee kam es so zu bauen. So schön, wie es drinnen ist, so sehr nervt diese Fassade.“

Auf die Erklärung der Brünetten musste Mirâ kurz lachen, denn irgendwie konnte sie es nur nachvollziehen. Vor allem im Sommer musste es sich hier oben wie in einem Ofen anfühlen, wenn das Gebäude die gesamte sommerliche Hitze reflektierte. Wer auch immer sich diese Konstruktion so ausgedacht hatte, er hatte nicht die Konsequenzen überdacht. Eine Hand griff nach ihrem Arm und zog sie mit sich, woraufhin sie sich nach wenigen Minuten in dem klimatisierten Gebäude befand. Erstaunt sah sich die junge Frau daraufhin um. Obwohl das Gebäude von außen so imposant wirkte, so war es innen gar nicht so groß, wie es der Anschein machte. Sie und ihre Begleitung standen in einem weiträumigen Eingangsbereich, welcher an einen langen breiten Gang anschloss, der jedoch auch nur ungefähr hundert Meter hinein reichte, ehe sie bereits die Türen eines Geschäftes erkannte. Genau vor ihnen befand sich ein digitaler Tisch, auf dem man sich allem Anschein nach orientieren konnte, also warf sie einen Blick darauf, um sich einen Überblick zu verschaffen. Auf den ersten Blick zählte die junge Frau elf Geschäfte in der unteren Etage, von denen eines das Café war, welches ihre brünette Begleitung angesprochen hatte. Direkt zu ihrer Rechten befand sich ein Buchladen, der, so wie es auf den ersten Blick zu erkennen war, über zwei Etagen reichte. Direkt daneben befand sich ein Schuhladen, dem ein Laden mit Klamotten der aktuellen Mode folgte. Dann folgte ein Durchgang, welcher wohl auch nach draußen führte und dann ein Geschäft für traditionelle und Hochzeitsmode, dem letzten Endes ein weiterer Laden mit Klamotten folgte. Direkt am Ende, etwas versteckt hinter der Rolltreppe gerade vor ihr, sollte sich ein Bastel- und Schreibwarenladen befinden. Da die Treppe jedoch im Weg war konnte sie ihn von ihrer Position nicht erkennen. Auf der linken Seite schloss sich dann ganz hinten ein Laden für spezielle Geschenkideen und Krimskrams einer bekannten Kette an, sowie davor ein Geschäft für Elektronik und Haushaltsgeräte. Danach folgte ein weiterer Ausgang, sowie eine Drogerie. Als sie nach links blickte erkannte sie dann direkt daneben das Café von dem Akane gesprochen hatte, sowie ganz vorne am Eingang ein Restaurant für Ramen, in dem sie ebenfalls eine Treppe erkannte, die in das obere Stockwerk führte. Akane sah Mirâ kurz über die Schulter und deutete dann auf das Café, welches sie kurz darauf ansteuerte. Die Violetthaarige folgte ihr, auch wenn sie interessiert hätte, was sich im oberen Stockwerk befand. Sie unterdrückte jedoch ihre Neugier, da sie noch genug Zeit haben würde, um dies herauszufinden, denn dafür hatte sie noch genügend Zeit.
 

[ *später Nachmittag* ]
 

Es dämmerte bereits, als die beiden Oberschülerinnen das Café wieder verließen und sich auf den Weg zum Ausgang machten, um von dort aus den Heimweg anzutreten. Sie hatten sich über alles Mögliche und Gott und die Welt unterhalten, sodass Mirâ der Meinung war, dass sie der Brünetten etwas nähergekommen war. Ja, eigentlich würde sie diese wohl mittlerweile als Freundin bezeichnen, jedoch wusste sie nicht, wie ihr Gegenüber darüber dachte. Mit Sicherheit waren ihre Gedanken diesbezüglich ähnlich, doch die Violetthaarige wollte es nicht überstürzen. Immerhin kannten sie sich erst fünf Tage. So liefen sie lachend Seite and Seite an dem Buchladen vorbei, als Mirâ etwas ins Auge stach, dass ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Sofort blieb sie stehen und sah zu dem Geschäft, dass vollgestopft mit Büchern war. Doch nur eines weckte ihr Interesse, weshalb sie sich kurz bei Akane entschuldigte und den Laden betrat. Direkt am Eingang stand ein Präsentiertisch, auf dem mehrere Bücher ausgestellt waren. Darunter auch eines mit einem hellblauen Einband auf dem sich ein dunkelblau-schwarzer Schmetterling mit weißen Punkten befand. „I am thou… thou art I“ war der Titel des recht dicken Buches, der in der jungen Frau ein merkwürdiges Gefühl auslöste. Ihr war so als hätte sie die Worte vor nicht allzu langer Zeit schon einmal gehört. Was das in ihrem Traum? Die Erinnerungen daran verblassten allmählich wieder, wenn auch nur langsam. Noch immer war er eigentlich viel zu Lebendig in ihrem Kopf, doch an manche Details erinnerte sie sich einfach nicht mehr. Doch bei dem Titel klingelte es irgendwie bei ihr. Wie ferngesteuert wollte sie nach dem Buch greifen, doch zuckte plötzlich zurück, als sie von der Seite angesprochen wurde.

„Alles in Ordnung, Shingetsu?“, erklang Akanes Stimme und holte die Violetthaarige aus ihren abdriftenden Gedanken, „Stehst du auf solchen Esoterikkram?“

Überrascht sah Angesprochene zu der Brünetten und lächelte dann leicht verunsichert: „N-nein eigentlich nicht. Aber irgendwie hat mich der Schmetterling auf dem Cover magisch angezogen. Irgendwie sah es interessant aus.“

„Heeeeh?“, meinte die junge Frau neben ihr nur langgezogen, „Naja der Schmetterling sieht schon cool aus. Aber der Titel klingt irgendwie total esoterisch.“

„J-ja… wahrscheinlich hast du recht“, meinte Mirâ daraufhin nur und wandte sich dann ab, „Lass uns langsam gehen. Es wird schon dunkel.“

Akane sah sie kurz von der Seite her an, doch nickte dann, woraufhin sich beide Oberschülerinnen nun endgültig auf den Weg machten. Das Buch jedoch ging der Violetthaarigen auch am späten Abend nicht mehr aus dem Kopf, denn irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es noch eine größere Bedeutung für sie haben würde.
 

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VII – Paths of Passion and Interest


 

*~* VII – Paths of Passion and Interest *~*

[ ~Freitag, 10. April 2015~ ]

[ *Früher Morgen* ]

[ Jûgôya High School ]
 

Etwas überrascht blieb Mirâ ruckartig stehen, als sie das Schulgelände betrat und dort von einem mächtigen Tumult begrüßt wurde. Auf dem gesamten Weg vom Tor zum Eingang waren Gruppen von Schülern verteilt, die jeden ansprachen der an ihnen vorbeilief, nur um demjenigen kurz darauf einen Flyer in die Hand zu drücken. Dabei gingen sie alles andere als zimperlich vor. Selbst Schüler, die es offensichtlich vermeiden wollten angesprochen zu werden, wurde ohne weiteres ein Zettel zugesteckt. Ein solches Bild hatte die Violetthaarige schon einige Male erlebt, doch egal wie oft sie es sah, so richtig daran gewöhnen konnte sie sich nicht. Bei diesem Phänomen, was immer am Anfang des Schuljahres auftrat, handelte sich um das Anwerben von Mitgliedern für die außerschulischen Klubaktivitäten. Jeder der einzelnen Schulklubs hatte dafür Schüler abgestellt, die für neue Mitglieder werben sollten. Auch an ihrer alten Schule war dies kurz nach Schulbeginn nichts Ungewöhnliches gewesen. Die letzten Tage hatte sie bereits immer mal wieder mitbekommen, dass die Klubs am kommenden Montag wieder eröffnen würden. Sie selbst hatte sich jedoch noch keine wirklichen Gedanken darüber gemacht. Wobei… einen Klub gab es da schon, der sie interessierte. Ihr Blick wich von dem Tumult vor ihr ab auf eines der Gebäude, was rechts neben dem Hauptgebäude stand und mit diesem durch einen Durchgang verbunden war. Akane hatte ihr an ihrem ersten Tag erklärt, dass dort die traditionellen Sportarten wie Karate, Kendo und Kyûdô betrieben wurden. Schon damals hatte diese Erkenntnis ihr Interesse geweckt, denn in ihrer Jugend hatte sie selbst aktiv Kyûdô betrieben. Ihr Vater hatte sie auf diesen Sport gebracht, da er selbst einem Verein angehörte. Bis zur Trennung ihrer Eltern vor fünf Jahren war sie regelmäßig mit ihm zum Training gegangen. Auch nach der Scheidung war sie noch einige Male dort gewesen, doch kurz vor Eintritt in die Mittelstufe war sie das erste Mal mit ihrer Mutter umgezogen und fand danach kaum noch Zeit; zumal der Weg zu besagtem Kyûdô-Verein nicht der kürzeste war und sie ihren Vater auch nicht ständig darum bitten wollte sie abzuholen. Seither hatte sie dieses eigentlich liebgewonnene Hobby ruhen lassen. Dass ihre neue Schule diesen Sport nun als Klubaktivität anbot wirkte dabei schon ein wenig wie ein Wink des Schicksals. Vielleicht sollte sie sich dort einschreiben, auch wenn sie sich wahrscheinlich ziemlich blamieren würde mit ihren Fähigkeiten. Sie war so in ihren Gedanken versunken, dass sie gar nicht mitbekam, wie sich ihr jemand von der Seite näherte. Erst als ihr jemand auf die Schulter tippte kehrte sie wieder ins Hier und Jetzt zurück. In genau diesem Moment wurde ihr ein Flyer unter die Nase gehalten, was sie dazu veranlasste etwas erschrocken zurückzuweichen. Kurz darauf erkannte sie die fein geschwungenen Zeichen für das Wort „Kyûdô“, das mitsamt einigen Bildern und anderen Informationen auf ein Blatt gedruckt waren. Sie blinzelte, während sie auf das Stück Papier schaute, als sie eine männliche Stimme vernahm, die leicht amüsiert wirkte:

„Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken.“

Etwas irritiert hob Mirâ daraufhin den Blick und erkannte dann einen jungen Mann mit kurzen braunen Haaren und dunkelblauen Augen, der sie leicht frech anlächelte. Noch immer hielt er den Flyer in der Hand, während sich in seiner anderen noch ein weiterer Stapel vorfand. Anstatt der weiß-rot-schwarzen Jacke trug er einen weißen Pullunder über dem weißen Hemd, der an den Seiten und den Schultern jeweils einen schwarzen Streifen, sowie ebenso schwarze Bündchen an Kragen, Armen und Hüfte aufwies. Die rote Krawatte hatte er ordentlich hineingesteckt.

Auf die fehlende Antwort der Violetthaarigen legte der junge Mann den Kopf schief: „Alles in Ordnung? Ich wollte dich wirklich nicht erschrecken oder so. Mir war nur aufgefallen, dass du zur Turnhalle für traditionelle Sportarten geschaut hast und dachte, dass dir vielleicht unser Klub zusagen würde.“

Nun endlich reagierte die junge Frau und nickte: „J-ja… entschuldige, ich war in Gedanken. Ähm…“

Sie sah wieder auf den Flyer vor sich und nahm diesen ihrem Gegenüber aus der Hand, während sie sich noch einmal genau durchlas, was dort eigentlich draufstand. Darauf war haarklein beschrieben wann sich der Klub zum Trainieren traf, welche Vorrausetzungen für den Beitritt vorhanden sein mussten und welche Ziele sie sich für das kommende Jahr gesteckt hatten. So erfuhr sie, dass sich der Kyûdô-Klub immer montags und mittwochs nach dem regulären Unterricht traf und das Training maximal zwei Stunden ging. Wirkliche Vorkenntnisse brauchte man nicht, da einem alles von Beginn an erklärt werden würde, aber auch Leute, die bereits diesen Sport ausgeübt haben waren herzlich willkommen. Voraussetzungen für den Beitritt jedoch konnte Mirâ nicht finden, auch wenn sie wusste, dass man einiges an Kraft mitbringen musste, um den Bogen überhaupt spannen zu können. Wahrscheinlich würde das viele bereits in den ersten Tagen abschrecken. Trotzdem war sie der Meinung, dass es mit auf dem Flyer hätte stehen sollen. Ziel des Klubs war die Qualifikation der nationalen Landesmeisterschaften der Oberschulen.

„Es klingt interessant…“, meinte die junge Frau, nachdem sie sich alles angeschaut hatte.

Sie blickte wieder auf und sah dabei in das fröhlich wirkende Gesicht ihres Gegenübers: „Wirklich? Dann komm doch Montag einfach mal vorbei. Wenn es dir zusagt würden wir uns über einen Beitritt freuen.“

„Ähm ja okay… ich überlege es mir…“, meinte die junge Frau, woraufhin das Lächeln des Größeren noch strahlender wurde: „Klasse. Dann vielleicht bis Montag.“

Der Brünette wandte sich daraufhin ab und hatte bereits sein nächstes Opfer ins Visier genommen, während Mirâ ihm kurz nachschaute und dann nochmal einen Blick auf das Blatt in ihrer Hand warf. Vielleicht sollte sie dort am Montag wirklich mal vorbeischauen. Mit Sicherheit konnte es nicht schaden wieder einem Sportklub beizutreten. Und wieso nicht wieder Kyûdô? Der Gedanke daran ließ ihre Finger kribbeln, während sie langsam merkte, wie ihr Interesse immer weiter stieg. Anscheinend hatte sie nie wirklich mit dem Hobby abgeschlossen. Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während sie den Flyer sorgfältig zusammenfaltete und in ihrer Tasche verschwinden ließ. Am Abend würde sie ihre Mutter fragen, ob es für sie in Ordnung wäre, wenn sie wieder Kyûdô machen würde, immerhin brauchte sie dafür eine neue Ausrüstung. Der Bogen, den sie als Kind hatte war mit Sicherheit mittlerweile zu klein für sie, es müsste also ein neuer her. Doch ohne die Unterstützung ihrer Mutter würde sie sich diesen aktuell nicht leisten können. Noch während sie ihren Gedanken nachhing setzte sie sich wieder in Bewegung und ging dann geradewegs in Richtung des Eingangs der Schule.
 

[ *Morgen* ]
 

„Hah! Endlich geschafft“, ließ sich Akane neben Mirâ nieder.

Die Violetthaarige blickte von ihren Unterlagen auf, welche sie noch einmal durchgegangen war, und lächelte ihre Klassenkameradin lieb an, die ihren Kopf auf den Tisch gelegt hatte. Noch am frühen Morgen hatte sie sich etwas Sorgen gemacht, weil sie die Brünette nicht wie die Tage zuvor in der U-Bahn angetroffen hatte. Doch auf dem Weg zum Schuleingang hatte die den Grund dafür erfahren, als sie auch Akane in einer der Gruppen entdeckt hatte, die für neue Klubmitglieder warb. Lächelnd war sie auf einige vorbeilaufende Schüler zugegangen und hatte ihnen Flyer in die Hand gedrückt, die sie in deren Klub locken sollte. Um welchen es sich dabei handelte, hatte die Violetthaarige jedoch nicht herausfinden können.

„Konntet ihr ein paar Interessenten finden?“, fragte sie deshalb die Brünette, welche etwas verträumt aufsah und sich dann wieder vollständig aufrichtete.

Dann zuckte sie mit den Schultern: „Es schienen einige interessiert, aber wer weiß, wer am Ende wirklich auftauchen wird. Aber neue Mitglieder können wir gebrauchen. Wenn das dritte Jahr geht fehlt uns über die Hälfte an Leuten.“

„Wow. So viele ältere habt ihr?“, kam eine weitere Frage, auf die die Brünette nickte.

„Das jetzige dritte Jahr war der stärkste Jahrgang bisher im Karate-Klub. Der Jahrgang, der im März gegangen ist, hat nur einen Bruchteil dessen ausgemacht, was wir an Mitgliedern haben. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir Leute aus dem ersten Jahr zu uns holen“, erklärte sie daraufhin.

Erstaunt sah Mirâ ihre Bekannte an: „Oh. Du machst Karate? Das hätte ich jetzt nicht gedacht.“

Ein erneutes Nicken der Angesprochenen war zu erkennen: „Ja. Ich wollte schon immer etwas lernen, mit dem ich mich selbst verteidigen kann. Außerdem meinte mein Vater mal, dass ich zu viel Kraft habe und lernen sollte sie zu beherrschen. Deshalb war er mit mir mal bei einem Probetraining, als ich noch im Kindergarten war. Und seitdem gehe ich zum Karate.“

Sie grinste breit, was die Violetthaarige nur lächeln ließ. Nun wurde der Violetthaarigen auch einiges klar, allem voran, wie es die Brünette geschafft hatte während ihres ersten Treffens mit diesem riesigen Hund fertigzuwerden; jedenfalls nachdem sie sich darauf konzentriert hatte ihn festzuhalten.

„Hast du vielleicht auch Lust dem Karateklub beizutreten?“, fragte die junge Frau plötzlich immer noch grinsend.

Überrascht sah Mirâ sie an, doch schüttelte dann den Kopf: „Danke für das Angebot, aber ich glaube ich werde den Kyûdô-Klub besuchen. Als Kind habe ich mal Kyûdô gemacht, deshalb weiß ich auch, worauf ich mich da einlasse.“

„Wow echt? Ich habs auch mal versucht, aber man… diesen Bogen zu spannen ist verdammt anstrengend. Nicht, dass ich keine Kraft hätte, aber ihn gespannt zu halten und sich gleichzeitig darauf zu konzentrieren richtig zu zielen ist echt… und du kommst damit klar?“, mit großen Augen sah ihr Gegenüber sie an, woraufhin die Oberschülerin jedoch nur mit den Schultern zuckte:

„Ich weiß es nicht genau. Ist eine Weile her, dass ich das letzte Mal einen Bogen in der Hand hatte. Aber ich will es gerne wieder versuchen.“

„Na dann viel Erfolg“, eine Hand berührte kurz ihre Schulter und ließ sie über diese Blicken, woraufhin sie auf Hiroshi blickte.

Er hob lächelnd und zwinkernd die Hand und ging dann an ihr vorbei, um sich auf seinen Platz links schräg vor ihr zu setzen. Mirâ sah ihm kurz nach und wandte sich dann wieder Akane zu, welche dem Blonden ebenfalls hinterher gesehen hatte, jedoch mit einem ziemlich düsteren Blick, der dafür sorgte, dass die Atmosphäre sich ziemlich abkühlte. Etwas ratlos sah Mirâ zwischen den beiden Parteien hin und her und überlegte, wie sie die Wogen wieder etwas glätten konnte.

„Ähm Chiyo-san… viel-vielleicht kannst du mir kurz erklären, wie das mit den Klubs ist. Wie viele darf man machen?“, fragte sie daraufhin das Erste was ihr plötzlich einfiel.

Etwas irritiert sah Akane sie daraufhin an, doch seufzte dann leise, ehe sie erklärte, was die Violetthaarige wissen wollte: „Also… erlaubt sind maximal zwei Klubs. Davon darf einer aus dem Bereich Sport sein und einer aus dem Bereich Kultur. Dabei musst du drauf achten, dass beide Klubs nicht am gleichen Tag stattfinden. Sollten sich die Aktivitäten aber an einem der zwei bis drei Tage überschneiden, dann ist das okay. Du musst das dann nur mit den jeweiligen Klubleitern absprechen. Wir haben viele Kulturklubs… Hauswirtschaft, Fremdsprachen, Theater, Kunst und Musik sind dabei nur ein kleiner Teil.“

„Ich verstehe… Hast du neben Karate noch einen Kulturklub?“, schob Mirâ eine weitere Frage nach.

„Nein“, schüttelte Akane den Kopf, „Ehrlich gesagt interessiert mich nichts wirklich davon… aber in der Mittagspause können wir ja mal runter zu den Kulturklubs schauen. Die wollten glaube ich Flyer auslegen. Da kannst du gern mal schauen, ob etwas für dich dabei ist.“

„Ja gerne“, nickte ihre Klassenkameradin und richtete dann ihren Blick nach vorn, als die vordere Tür des Raumes aufgeschoben wurde.

Kurz drauf trat Masa-sensei ein, die das Klassenbuch unter den Arm geklemmt hatte. Sofort standen alle Schüler auf und grüßten ihre Klassenlehrerin im Chor, bevor diese den Homeroom begann.
 

[ *Mittag* ]
 

Die Schulglocke beendete den Vormittagsunterricht, was den Großteil der Schüler dazu veranlasste den Klassenraum zu verlassen, um in einer ruhigen Ecke ihr Mittag zu genießen. Auch Mirâ und Akane hatten ihren Platz vorerst verlassen, um sich im Eingangsbereich der Schule die Liste der Kulturklubs anzusehen. Zwar hatte die Brünette bereits mitgeteilt, dass sie an keinem der vorhandenen Klubs wirklich Interesse hatte, jedoch hatte sie der Violetthaarigen versprochen sie zu begleiten. So verließen die beiden jungen Frauen ihr Klassenzimmer und stiegen danach die Treppe hinunter, während Akane noch einmal erklärte, dass sich im ersten Stock die Schulküche befand, die der Hauswirtschaftsklub im Bereich Kochen und Backen für sich beanspruchte.

„Die müssen da echt leckere Sachen machen…“, meinte die junge Frau, während sie kurz stehen blieb, „Manchmal riecht es dort echt lecker.“

„Klingt gut“, lachte Mirâ und wandte dann ihren Blick ab, als sie eine männliche Stimme vernahm, die ihr bekannt vorkam.

Kurz darauf erkannte sie den jungen Mann, der sie vor einigen Tagen beinahe umgerannt hatte und danach noch diskutieren wollte. Wieder ging er auf eine Gruppe Jungs zu, die um einen etwas kleineren Schüler mit rotbraunen kurzen Haaren herumstanden. Der Größere legte grinsend seinen Arm um diesen und zog ihn dann unsanft an sich heran:

„Hey Arabai. Hab gehört du hast nen Klub eröffnet.“

„Echt jetzt? Was für einen?“, kam es von einem weiteren der Jungs.

„Ihr glaubts nicht… nen Spieleklub“, lachte der Erste und brachte damit seinen kleinen Kumpel mächtig in Verlegenheit.

„Ernsthaft jetzt?“, das Gelächter wurde lauter.

„I-ich hab den nicht gegründet, so-sondern n-nur übernommen. So-sonst hätten die Lehrer alles entsorgt…“, versuchte sich der Kleinste von ihnen zu verteidigen.

Erneut lachte die Gruppe laut auf, bis wieder der erste Sprach: „Ach Gott, wie niedlich. Vielleicht melde ich mich ja bei dir an… so als Freundschaftsdienst. Damit du nicht so alleine bist.“

Das Lachen wurde wieder lauter, woraufhin der Rotbrünette mit einstimmte, jedoch so wirkte, als würde er das nicht so lustig finden.

„Apropos Freundschaftsdienst… wärst du so lieb und würdest mir ein Sandwich kaufen? Ich hab mein Geld zuhause vergessen“, bat derjenige, der noch immer seinen Arm um Arabai gelegt hatte.

Verunsichert sah dieser auf: „Sch-schon wieder?“

„Ach komm schon. Wir sind doch Freunde oder?“

„J-ja…“, der Rotbrünette senkte den Kopf und löste sich aus der groben Umarmung seines Kumpels, bevor er an Mirâ und Akane vorbeitrottete und hinunter in die Eingangshalle ging.

Währenddessen hörten die beiden Mädchen aus der Ecke der Jungs nur lautes Lachen, was bei Mirâ ein ungutes Gefühl hinterließ, während sie dem Jüngeren nachschaute. Auch Akane war ihm mit ihrem Blick kurz gefolgt, ehe sie wieder zurück zu der Gruppe sah und sich dann mit einem Brummen abwandte, um ebenfalls die Treppe hinunter zu steigen. Der Violetthaarigen war die Reaktion ihrer Begleitung aufgefallen, jedoch sagte sie nichts dazu. Allerdings schien es so, als hätte auch Akane mit dem, was sie gesehen hatten, ein Problem. Doch auch wenn die Situation merkwürdig wirkte, so stand nicht fest, ob sie wirklich so gemeint war. Dazu fehlten den beiden jungen Frauen einfach weitere Information. Die Gruppe wirkte vertraut, jedoch verhielten sie sich anders, als zum Beispiel Hiroshi und seine Kumpels, doch das konnte für sie auch einfach nur so wirken. Mirâ nahm sich deshalb vor, die Sache etwas zu beobachten und dann zu entscheiden, ob sie etwas unternehmen musste.

Als beide Mädchen die letzte Stufe erreicht hatten ließ Mirâ ihren Blick kurz durch die Halle schweifen und erkannte daraufhin Hiroshi, der sich den Kleineren von eben beiseitegenommen hatte. Er schien diesen in ein Gespräch verwickeln zu wollen, doch der Brünette winkte nur ab und lief mit seinem Gepäck in Richtung Treppe, nur um einen Moment später an der Violetthaarigen vorbeizustürmen. Der Blonde sah ihm nach, weshalb sich kurz die Blicke der beiden Zweitklässler trafen. Ein kleines Lächeln zierte das Gesicht des jungen Mannes, welches jedoch verschwand, als er von hinten von einem seiner Kumpel umarmt wurde. Erschrocken wandte er sich daraufhin diesem zu und lachte dann herzlich, was auch Mirâ ein kleines Lächeln aufs Gesicht zauberte. Etwas zupfte an ihrem Ärmel und ließ sie wieder zu Akane sehen, die sie mit einem Blick bedachte, den sie nicht ganz einordnen konnte. Irgendwie wirkte sie wieder böse, andererseits schien sie zu versuchen diese Seite an sich zu unterdrücken, um ihr kein schlechtes Gewissen zu machen; immerhin verstand sich Mirâ eigentlich ganz gut mit dem Blonden und mit dem Streit der beiden hatte sie eigentlich nichts zu schaffen. Um die Brünette daraufhin zu beschwichtigen, schenkte sie auch ihr ein liebes Lächeln und setzte sich dann mit ihr in Bewegung, um hinüber zur Aushangtafel zu gehen, an der die Kulturklubs aufgelistet waren. An diese heranzukommen erwies sich jedoch als schwieriger als gedacht, denn vor der weißen Tafel hatte sich eine Traube von Schülern versammelt. Kaum bei dieser angekommen, lösten sich aus der Gruppe zwei junge Frauen, die unterschiedlicher gar nicht sein konnten. Die eine groß und etwas kräftiger gebaut, mit tiefschwarzen schulterlangen Haaren und leicht gebräunter Haut. Die andere dagegen klein und zierlich, mit mittelbraunen, nackenlangen, gewellten Haaren und sehr heller Haut. So unterschiedlich sie auch wirkten, so sehr schienen sie dennoch zu verstehen.

„Hast du gesehen, Megu-chan? Es gibt sogar einen Literaturklub“, sagte die Schwarzhaarige aufgeregt, während sie ihre Begleitung leicht aneckte, „Das ist genau das Richtige für mich.“

Die Kleinere lachte, während sie aufpassen musste nicht plötzlich umzufallen: „Ja, das passt zu dir, Rika-chan. Ich denke, ich werde wieder den Kunstklub besuchen.“

„War ja klar“, kam es lachend zurück, „Wäre doch eigentlich cool, wenn es eine Kombination aus Literatur- und Kunstklub gäbe. Oder? Das wäre was für uns. Apropos Kunst… wann findet der nächste Wettbewerb statt?“

„Im Sommer irgendwann… aber ich denke nicht, dass ich gut abschneiden werde…“, meinte die Brünette etwas geknickt und stolperte etwas nach vorn, als ihre Freundin ihr auf sie Schultern klopfte.

„Ach Mensch, na klar schaffst du das. Glaub mehr an dich“, damit waren die beiden jungen Frauen auf der Treppe in den ersten Stock verschwunden und damit auch aus Mirâs Blickfeld.

Dem geschuldet wandte sie sich nun doch endlich der weißen Tafel zu, an der sich die Menge langsam gelichtet hatte, sodass sie näher herantreten und einen Blick auf die Liste werfen konnte. Die Klubs, die darauf standen, unterschieden sich nicht wirklich von denen, die Akane bereits erwähnt hatte, doch es war aktuell keiner dabei, der ihr zusagte. Zwar fand sie den Fremdsprachenklub sehr interessant, jedoch war sie froh einigermaßen mit englisch klar zu kommen. Da wollte sie sich eigentlich nicht noch an eine weitere Sprache trauen.

„Du siehst so aus, als würde dir jetzt auch nichts so zusagen…“, meinte Akane neben ihr, woraufhin sie sich dieser zuwandte, „Aber du musst das auch nicht gleich entscheiden. Du kannst auch immer noch im Laufe des Schuljahres beitreten, wenn dich doch noch einer interessiert.“

Überrascht sah sie die Brünette an: „Das ist hier möglich? An meiner alten Schule waren die Klubs da ziemlich streng…“

Die Brünette zuckte mit den Schultern: „Sofern noch Plätze frei sind, haben unsere Klubs damit eigentlich kein Problem. Die Lehrer auch nicht. Letztes Schuljahr sind einige noch später bei Klubs beigetreten. Beim Karate hatten wir auch mittendrin ein paar Zugänge.“

„Interessant… dann überlege ich mir das nochmal in Ruhe“, meinte Mirâ, woraufhin ihre Begleitung nickte und dann meinte, dass sie dann erstmal zurück zum Klassenraum gehen sollten, um noch etwas von ihrer Mittagspause zu haben.
 

[ *Nach der Schule* ]
 

Die Tür des Supermarktes öffnete sich mit einem leisen Ton, woraufhin Mirâ seufzend und mit zwei Tüten beladen aus dem Gebäude trat. Als sie nach Ende des Nachmittagsunterrichts auf ihr Handy geschaut hatte, war ihr eine Nachricht ihrer Mutter aufgefallen, die sie darum bat noch ein paar Dinge für das Abendessen zu besorgen. Da sich Akane direkt nach dem Unterricht schon von ihr verabschiedet hatte, da sie noch einige Vorbereitungen in ihrem Klub erledigen musste, hatte sich die Violetthaarige ohnehin alleine auf den Heimweg machen müssen, weshalb sie an sich nichts gegen die kurzfristige Aktion hatte. Allerdings nervte sie es schon ein wenig, dass sie alles alleine Nachhause tragen musste; selbst, wenn es nicht extrem viel war. Noch einmal seufzte sie, als sie sich abwandte und dann über den Parkplatz hinüber zu der großen Kreuzung ging, an der sie sich an ihrem ersten Tag mehr oder weniger verlaufen hatte. Sie drückte den Warteknopf an der Ampel, als sie diese erreicht hatte, und sah sich dann etwas um. Dieses Mal konnte sie wohl nicht damit rechnen, dass plötzlich Hiroshi hinter ihr auftauchte. Sie seufzte etwas enttäuscht. Obwohl sie den jungen Mann erst wenige Tage kannte und auch nur ab und an mit ihm gesprochen hatte, so hatte sie ihn schon etwas ins Herz geschlossen. Trotz anfänglicher Skepsis empfand sie seine Anwesenheit mittlerweile alles sehr angenehm und würde sich gerne mehr mit ihm unterhalten. Jedoch hielt sie sich Akane zu liebe zurück. Zwar kannte auch sie sie bisher nur wenige Tage, doch trotzdem sah sie in ihr schon so etwas wie eine Freundin, der sie nicht vor den Kopf stoßen wollte. Hiroshi schien das ähnlich zu sehen, denn er hielt sich offensichtlich aktiv von ihr fern, sobald die Brünette in der Nähe war. Noch immer hatte sie keine Ahnung, was genau zwischen den Beiden vorgefallen war, doch je länger sie dieses hin und her beobachtete, desto mehr wollte sie, dass sich das Problem zwischen ihnen bald klären würde. Ein leises Klacken ertönte, auf das ein Piepen folgte, dass die Fußgänger an der Ampel darauf aufmerksam machte, dass sie auf Grün umgeschaltet hatte. Also setzte sich die Violetthaarige in Bewegung und überquerte die Straße. Doch kaum hatte sie die andere Seite erreicht, blieb sie plötzlich stehen, als sie vor sich an einer Laterne eine kleine Vase vorfand, in der eine Blume steckte. Da es so wirkte, als sei die Pflanze erst vor kurzem dorthin gestellt worden, sah sich die junge Frau kurz um und erkannte dann einen jungen Mann mit schwarzen, kurzen Haaren, welcher sich bereits wieder von der Kreuzung entfernte und dann auf ein Motorrad stieg, das er in einer der Straßen abgestellt hatte. Mit lautem Knattern fuhr dieses kurz darauf davon, während Mirâ ihm hinterher schaute und dann ihren Blick wieder auf die Blume richtete. Ob sie von dem Unbekannten kam? Und wenn ja, wieso? War hier etwas passiert? Die Violetthaarige sah sich erneut um, konnte aber nichts erkennen, dass auf einen Unfall oder ähnliches hinwies. Vielleicht war es aber auch einfach schon zu lange her. Noch einmal sah sie auf die kleine Blume, während sie sich Gedanken darüber machte, was hier wohl passiert war und in welcher Beziehung der junge Mann dazu stand, bevor sie sich nun abwandte und sich dann auf den Heimweg begab.
 

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VIII – The First Tremors of Fate


 

*~* VIII – The First Tremors of Fate *~*
 

[ ~Samstag, 11. April 2015~ ]

[ *Mittag* ]

[ Jûgôya High School Foyer ]
 

Mit lautem Scheppern fiel die Getränkedose in die Auslage des Automaten, woraufhin ein Piepen folgte, dass verriet, dass man die Ware entnehmen durfte. Mirâ beugte sich herunter, um diese herauszunehmen, nur um kurz darauf eine weitere Münze hineinzustecken und eine weitere Auswahl zu treffen. Während der Automat daraufhin damit beschäftigt war die richtige Dose in der richtigen Temperatur bereitzustellen, wandte die Violetthaarige ihren Blick durch die große Tür zu ihrer Linken, welche in den Innenhof der Schule führte. Dieser war jedoch vollkommen verwaist. Nur ab und an sah man einzelne Schüler im Eiltempo auf ein Gebäude zulaufen, welches sich grade zu hinter dem Schulgebäude befand und von ihrer Position sehr gut einzusehen war. An dieser Stelle befand sie die Mensa und die Schüler, welche noch schnell dorthin rannten, wollten dort wohl zu Mittag essen. Alle anderen hielten sich allerdings von draußen fern. Was jedoch kein Wunder war, denn es regnete bereits seit dem Vormittag in Strömen. So war es auch nicht verwunderlich, dass es innerhalb des Schulgebäudes aktuell etwas lauter war, da sich alle irgendwo drinnen ein lauschiges Plätzchen für ihre Pause gesucht hatten. Erneut schepperte es neben ihr, als ihre zweite bestellte Dose in die Auslage fiel, woraufhin sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Gerät zuwandte, um dann, begleitet von dem lästigen Piepen, die gewünschte Ware herauszunehmen. Vorsichtig packte sie die kleine Dose am oberen Rand, da der Milchkaffee, den sie für Akane mitbringen sollte, ziemlich heiß war und wollte sich dann auf dem Weg zurück in ihre Klasse machen, wo die Brünette bereits auf sie wartete. Als sie sich jedoch abwandte, um den Rückweg anzutreten, fiel ihr eine junge Frau auf, die am Kiosk stand und etwas ratlos wirkte, während sich hinter ihr eine lange, etwas ungeduldige Schlange gebildet hatte.

„Nun junges Fräulein… bitte entscheide dich endlich, damit auch die anderen etwas kaufen können“, mahnte die ältere, etwas korpulentere Dame hinter dem Tresen.

Die Schülerin, deren schulterlange, gewellte Haare zum Großteil schwarz waren, während ihr blonder Pony ihr über die rechte Gesichtshälfte fiel, legte den Kopf etwas schief und wirkte noch weitaus mehr irritiert, als zuvor schon. Dabei hatte sich mittlerweile auch schon ein leicht verzweifelter Blick dazugesellt. Mirâ stoppte und überlegte kurz, ob sie helfen sollte, auch wenn sie nicht genau wusste, was eigentlich das Problem war. In diesem Moment jedoch passierte sie eine weitere junge Frau mit dunkelvioletten Haaren, die zu zwei dicken Zöpfen geflochten waren, die mit gezielten Schritten auf die Schwarz-blonde zuging und diese an der Schulter abtippte. Erschrocken sah diese daraufhin auf.

„May I help you?“, fragte die Violetthaarige plötzlich auf Englisch und kassierte damit einen überraschten Blick, „I’m from your class. My Name is Naru. You can’t read the characters properly. Right?“

Ein Nicken folgte auf die Frage, woraufhin die junge Frau vorlas, was auf den Anzeigetafeln stand, damit sich die Schwarz-blonde etwas davon aussuchen konnte. Die junge Frau, die sie angesprochen hatte, half ihr noch das richtige Geld zusammen zu suchen und zu bezahlen, bevor sich die beiden von dem Kiosk entfernten und endlich auch die anderen Schüler ran konnten. Mirâ sah den beiden kurz nach, bis sie in einem der Gänge verschwunden waren, bevor sie sich auf den Weg zurück zu Akane machte, die bereits ungeduldig auf sie wartete.
 

[ *Nach der Schule* ]
 

Seufzend schloss Mirâ ihr Schuhfach, nachdem sie ihre Hausschuhe gegen ihre Slipper getauscht hatte und wartete dann auf Akane, die noch die Schleifen ihrer Turnschuhe band. Hinter sich bemerkte die junge Frau eine Bewegung, woraufhin sie sich umwandte und auf Hiroshi blickte, der in diesem Moment ebenfalls in seine braunen Slipper schlüpfte. Überrascht sah er auf, als er ihren Blick auf sich spürte und lächelte dann:

„Ein Glück hat es endlich aufgehört zu regnen, was? Schönes Wochenende dann.“

„J-ja das stimmt. Dir auch ein schönes Wochenende“, erwiderte die Violetthaarige.

Das Lächeln auf dem Gesicht des Blonden erstarb, als er an ihr vorbei auf Akane blickte. Auch Mirâ wandte sich dieser nun zu und erkannte daraufhin einen vernichtenden Blick, der eindeutig dem jungen Mann gewidmet war. Eindringliches Schweigen bereitete sich aus, dass schnell unangenehm wurde.

„Hey Hiro, nun mach mal hinne“, ließ eine männliche Stimme die Gruppe aufschrecken.

Kurz darauf tauchte hinter dem Blonden dessen brünetter Kumpel auf und blickte dann etwas verdutzt in die Runde:

„Was ist denn hier für eine Totengräberstimmung?“

„Was geht’s dich an?“, reagierte Akane ziemlich aggressiv, während sie ihre Tasche schulterte und dann an den beiden jungen Männern vorbeiging; dabei den Kumpel des Blonden an der Schulter anrempelnd.

Irritiert von diesem Verhalten zögerte Mirâ kurz, ehe sie der Brünetten mit einer Verbeugung an die beiden Jungs folgte. Dabei rannte sie beinahe noch Hiroshis anderen Kumpel mit den silbergrauen Haaren um, der sie etwas erschrocken ansah, doch dann mit einem Lächeln beiseite ging, sodass die junge Frau ihn passieren konnte.
 

„Was war das denn gerade?“, hörte Mirâ ihn daraufhin nachfragen.

Der Brünette lachte etwas betroffen: „Chiyo kann mich nicht leiden. Wegen der Sache damals… also vielleicht irgendwie verständlich. Ich verstehe nur nicht, wieso sie so auf Hiro reagiert. Ihr wart doch immer ein Herz und eine Seele, so wie du ihr immer am Rockzipfel gehangen hast und heulend zu ihr gerannt bist. Au…“

„Lass das…“, erklang Hiroshis Stimme, „Und was heißt hier am Rockzipfel gehangen? Sie hat sich halt immer gleich eingemischt. Deshalb wirkte das immer so.“

„WAS!? EINGEMISCHT!?“, erschrocken zuckte die Violetthaarige zusammen, als Akanes erboste Stimme erklang, welche nun an ihr vorbei wieder in den Eingangsbereich stampfte; genau auf die Gruppe von Jungen zu.

Erschrocken zuckten diese zusammen und sahen dann zu der Brünetten, die plötzlich ausholte und Hiroshi eine scheuerte.

„So nennst du das also, wenn man dir hilft, du Idiot. Ja? Einmischung!?“, schrie sie den Blonden an.

Dieser schwieg kurz und nuschelte dann etwas davon, dass er sie nie darum gebeten hatte.

„Aber angenommen hast du die Hilfe trotzdem! Du undankbarer Arsch!“, schrie sie erneut, wandte sich dann ab und ging davon.

Erschrocken sah Mirâ ihr nach und dann nochmal zu dem Blonden, der sich die rote, schmerzende Wange rieb und genauso erschrocken von seinen Kumpels angesehen wurde. Dann sah er der Brünetten kurz nach, mit einem Blick, der nur so vor Reue strotzte. Ein winzig kleines Lächeln legte sich jedoch auf sein Gesicht, als er sich Mirâ zuwandte und ihr riet, der Brünetten zu folgen. Erst in diesem Moment schaltete die junge Frau und lief dann ihrer Mitschülerin nach, was jedoch nicht so einfach war, da sie einen ziemlich schnellen Schritt draufhatte.

„Chiyo-san warte doch“, rief die Violetthaarige, als sie Akane fast erreicht hatte.

Diese blieb dann auch tatsächlich stehen, doch sah sie nicht an: „Entschuldige Mirâ, aber lass mich bitte für den Moment in Ruhe.“

Mit diesen Worten, die die Angesprochene dazu veranlassten stehen zu bleiben, setzte sich die Brünette wieder in Bewegung und war kurz darauf aus der Sichtweite der Violetthaarigen verschwunden, welche etwas fassungslos zurückblieb. Nicht, weil Akane sie plötzlich bei ihrem Vornamen genannt hatte, sondern der Situation geschuldet, dass sie nicht genau wusste, was eigentlich gerade passiert war.
 

Niedergeschlagen verließ die junge Frau nach einiger Zeit das Schulgelände und setzte sich dann auf eine nahegelegene Bank, um über das nachzudenken, was gerade eben passiert war. Irgendwie wirkte das alles für sie noch so unwirklich. Sie verstand, dass Akane nicht darüber reden wollte und hätte aus diesem Grund auch nicht nachgefragt, selbst wenn sie nun wirklich brennend interessierte, was eigentlich vorgefallen war. Rein aus dem Kontext heraus, klang es so, als habe die Brünette Hiroshi des Öfteren geholfen, was dieser ihr anscheinend nicht gedankt hatte. Jedoch wirkte es für Mirâ nicht so, als sei er absichtlich so undankbar. Mit Sicherheit steckte da mehr dahinter, was Akane jedoch offensichtlich entging. Wahrscheinlich war sie einfach zu wütend, um es zu bemerken. Dabei schien es offensichtlich, dass den Blonden etwas bedrückte, sobald er die Brünette sah. Aber solange, wie diese immer davor wegrannte konnten sie sich natürlich auch nicht aussprechen. Mirâ seufzte tief. Was sollte sie jetzt nur machen? Sollte sie zu Akane gehen, um mit ihr zu sprechen? Immerhin wusste sie ungefähr, wo diese wohnte. Die Frage war nur, ob die junge Frau dann auch mit ihr sprechen würde.

„Aktuell Wahrscheinlich eher nicht.“

„Alles in Ordnung?“, ließ sie eine männliche Stimme aufschauen.

Daraufhin erkannte sie neben sich einen jungen Mann, der jedoch eindeutig älter war als sie, mit braunen, nackenlangen Haaren, die von Blonden Strähnchen durchzogen waren, und braunen Augen, die sie besorgt musterten. Überrascht sah die junge Frau ihr Gegenüber an.

„Oh entschuldige, falls ich dich erschreckt habe. Du sahst so niedergeschlagen aus, deshalb dachte ich, ich spreche dich mal an und schaue, ob ich helfen kann“, meinte der junge Mann lächelnd.

„Ähm naja…“, wusste die Violetthaarige gar nicht so recht, was sie sagen sollte.

Eigentlich hätte sie jetzt einen Rat gebrauchen können, doch sich einem Fremden anvertrauen wollte sie eigentlich auch nicht. Andererseits hatte sie in den letzten Tagen so oft Hilfe von völlig Fremden angenommen und es bisher nicht bereut. Und auch dieser junge Mann wirkte nicht bedrohlich oder so als hätte er böse Absichten. Sie senkte den Blick auf ihre Schuhe und dachte noch einmal kurz darüber nach, während der Ältere meinte, dass er sie nicht bedrängen wollte.

„N-nein, das tun Sie nicht…“, wandte die Violetthaarige plötzlich ein und erntete damit einen überraschten Blick, welcher sich jedoch einen Moment später in ein liebes Lächeln verwandelte.

Einen Moment später saß der junge Mann mit gebürtigem Abstand neben ihr auf der Bank und sah sie lächelnd an.

„Nun… ich bin erst letzte Woche hierhergezogen und habe bisher schon zwei Menschen kennengelernt, die mir doch ziemlich ans Herz gewachsen sind. Aber zwischen den beiden scheint etwas Schlimmes vorgefallen zu sein und nun hat sich die Sache so verschärft, dass eine der beiden Personen gerade nicht mit mir sprechen will. Ich nehme an, dass sie einfach nur Zeit braucht, um alles zu verarbeiten, aber irgendwie macht mich das unruhig…“, sprudelte es aus der jungen Frau heraus.

„Hm…“, kam es von dem Brünetten, woraufhin Mirâ zu ihm sah.

Er hatte den Finger an sein Kinn gelegt und schien zu überlegen, bevor er den Blick hob und Richtung Horizont sah: „Du redest zwar ziemlich distanziert von den beiden, aber deiner Erzählung zufolge scheint es mir so, als sei mindestens eine der Personen ein guter Freund für dich… oder vielleicht auch eine Freundin? Du hast Angst, dass sie nun nichts mehr mit dir zu tun haben will. Oder?“

Er sah sie wieder an und lächelte dabei verständnisvoll, was Mirâ dazu veranlasste noch einmal direkt über seine Worte nachzudenken. Es stimmte schon… Akane war für sie mittlerweile eine Freundin und je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr hatte sie Angst, dass diese nun nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Zwar hatte sie gemeint, dass sie ihr nicht verbieten konnte sich mit Hiroshi zu unterhalten, jedoch war offensichtlich, dass es sie bisher gestört hatte. Andererseits wollte sie auch Hiroshi nicht vor den Kopf stoßen, immerhin hatte dieser ihr nichts getan, sondern ihr sogar geholfen. Außerdem war er bisher immer nett zu ihr gewesen. Eigentlich hätte sie ihn sogar gern besser kennengelernt. Beide waren ihr also schon auf die eine oder andere Art wichtig, weshalb sie keinen von beiden missen wollte. Doch nun steckte sie in dieser verzwickten Situation, in der sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Sie nickte also auf die Aussage des Älteren hin vorsichtig.

„Am besten wäre es, wenn du mit ihr darüber sprichst. Vielleicht solltest du ihr morgen aber noch die Möglichkeit geben sich etwas zu beruhigen. Sie muss sicher über einiges nachdenken“, sagte der junge Mann mit einem kleinen Lächeln in ihre Richtung, „Wenn ihr euch also Montag wieder seht, dann solltest du versuchen das Gespräch zu suchen.“

Mit großen Augen sah Mirâ ihn an, doch lächelte dann ebenfalls und nickte. Das machte Sinn und so würde sie es auch handhaben. Mit Sicherheit hatte sich Akane bis Montag wieder beruhigt, dann konnte sie mit ihr sprechen und sie aufmuntern. Sie würde von nun an einfach besser darauf achten, dass Akane ihre Beziehung zu Hiroshi nicht in den falschen Hals bekam.

„Das mache ich so“, sagte sie darauf und verbeugte sich leicht, soweit es im Sitzen eben ging, „Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben und auch für den guten Rat, ähm…“

„Takama Shuichi. Freut mich“, stellte sich der Brünette lächelnd vor, „Ich bin Student an der hiesigen Uni.“

„Freut mich ebenso, Takama-san. Nein Name ist Shingetsu Mirâ“, lächelte die Oberschülerin und schaute dann etwas verdutzt drein, als ihr eine kleine Visitenkarte vorgehalten wurde.

„Ich muss jetzt leider los, aber falls du mal wieder jemanden zum Reden oder einen gut gemeinten Rat brauchst, dann schau doch gerne hier vorbei“, sagte ihre neue Bekanntschaft und zeigte auf das kleine Kärtchen, das in schwarz gehalten war und von vielen kleinen weißen Streifen durchzogen war, sodass es wie gesplittertes Glas aussah.

Darauf stand in weißer Schrift „Shâdo – Konzertbar Takuma“.

„Ich bin dort eigentlich jeden späten Nachmittag und Abend anzutreffen, aber auf jeden Fall immer freitags und samstags“, meinte Shuichi grinsend, bevor er sich dann langsam abwandte, „Also dann. Vielleicht sieht man sich bald wieder. Machs gut, Shingetsu-chan.“

Damit hatte er sich gänzlich umgedreht und war gegangen, während Mirâ ihm kurz nachblickte und dann noch einmal einen Blick auf die kleine Visitenkarte warf. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie diese Karte aufheben musste, während ihr so war, als sei es nicht das letzte Mal gewesen, dass sie diesem netten jungen Mann begegnet war.
 

[ *Abend* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

Vorsichtig legte Mirâ ihre Stäbchen quer auf die Reisschüssel und legte dann ihre Hände zusammen, um ihrer Mutter für das Mahl zu danken:

„Es war sehr lecker.“

„Schön. Hauptsache ihr seid alle beide satt geworden“, lachte Haruka, während sie ihre beiden Töchter beobachtete, die ihr Geschirr zusammenräumten, „Sagt mal ihr beiden. Wollen wir morgen einen Ausflug machen?“

Fragend sahen die beiden Mädchen ihre Mutter mit großen Augen an und warteten regelrecht darauf, dass sie weitersprach und verriet, wo es hingen soll.

„Ich habe rausgefunden, wo der Kirschblütenhain ist. Dort soll sich auch eine Aussichtsplattform befinden, von der aus man über die Innenstadt schauen kann“, erklärte die Ältere daraufhin weiter und trank dann einen Schluck von ihrem Tee, „Wir könnten ein Picknick machen. Das Wetter soll morgen auch wieder besser werden, als heute.“

„Au ja“, rief plötzlich Junko freudig auf und ließ dabei beinahe ihre Schüssel fallen, nach der ihre ältere Schwester jedoch noch schnell greifen konnte.

Entschuldigend sah die Grundschülerin zu der Größeren, die sie mit einem bösen Blick strafte und sich dann wieder ihrer Mutter zuwandte: „Das klingt gut. Ich wollte dich auch schon fragen, ob wir mal dorthin können.“

„Sehr gut. Dann ist das entschieden“, lächelte die Blauhaarige und räumte dann auch ihr Geschirr zusammen, „Dann lasst uns abräumen. Junko, du gehst dann bitte gleich ins Bad und machst dich fürs Bett fertig. Und du, Mirâ, sei so lieb und hilf mir die Bentôs vorzubereiten.“

„Jaaaaaa“, kam es sofort von der blauhaarigen Grundschülerin, die daraufhin ihr Geschirr in die Küche trug.

Die violetthaarige Oberschülerin folgte ihr und stellt erst einmal alles auf die Anrichte, während ihre Mutter den Geschirrspüler öffnete und begann das Geschirr darin einzusortieren. Gleich darauf war Junko auch schon im Bad verschwunden, während sich die beiden anderen Frauen an die Zubereitung der Bentôs für den morgigen Tag machten.
 

[ ??? ]
 

Seit geraumer Zeit saß sie auf ihrem Bett in ihrem Zimmer, dass seit gut einer Stunde in Dunkelheit getaucht war und starrte aus dem Fenster hinaus auf den dunklen Himmel, an dem der immer dünner werdende Halbmond durch die einzelnen Wolken hindurchschien, während sie über das nachdachte, was nach der Schule passiert war.

„Hiroshi ist so ein verdammter Idiot…“, ging ihr durch den Kopf, während sie das Kissen in ihren Armen noch fester an sich drückte.

Es ärgerte sie, wie er nun, nach all der Zeit, mit der Situation umging, die ihnen in der Mittelschule einige Probleme bereitet hatte. Sie hatte ihm immer uneigennützig geholfen, denn immerhin waren sie beste Freunde gewesen; ja sogar beinahe wie Geschwister aufgewachsen. Aus diesem Grund konnte sie es auch nicht ertragen, wenn er Probleme hatte. Und wie dankte er es ihr? Indem er sie ignorierte und alles verleugnete was vorgefallen war. Dass er nun auch noch mit einem der Idioten abhing war noch eine andere Sache, die sie ärgerte. Dabei hatten sie ihnen so übel mitgespielt. Und nun? Jetzt klebten sie aneinander.

„Ätzend…“, knirschte sie mit den Zähnen.

Doch nicht nur das beschäftigte sie, sondern auch, wie sie am Ende reagiert hatte. Wie sie Mirâ behandelt hatte war wirklich gemein gewesen; das wusste sie selbst. Sie hätte anders reagieren müssen, immerhin konnte die Violetthaarige nichts für die Situation. Doch in diesem Moment nervte es sie so ungemein, dass diese sich so gut mit dem Blonden verstand. Wie hatten sie sich überhaupt kennengelernt? Nein, das tat nichts zur Sache. Und auch die Tatsache, dass sich die Violetthaarige mit Hiroshi unterhielt war eigentlich etwas, dass sie nicht stören dürfte. Doch trotzdem…

„Du armes Ding…“, erklang eine leise Stimme, die sie aufschrecken und sich panisch umschauen ließ.

Was war das? Hatte sie sich das nur eingebildet?

„Hiroshi ist wirklich undankbar und wie er dich behandelt ist unter aller sau“, da war sie wieder.

Noch einmal sah sich die Brünette um und erhob sich dann langsam von ihrem Bett, während sie ihr Kissen fallen ließ. Die Stimme hatte sie sich definitiv nicht eingebildet. Doch wo kam sie nur her? Vorsichtig wanderte die junge Frau durch ihr Zimmer und versuchte den Ursprung herauszufinden.

„Niemand hat das Recht dich so zu behandeln und erst recht nicht er“, wieder erklang die Stimme; dieses Mal hinter ihr.

Schnell drehte sie sich um und starrte daraufhin auf ihr eigenes Spiegelbild, dass sie genauso erschrocken ansah. Plötzlich jedoch färbten sich die Augen dieses giftgelb, sodass sie regelrecht in der Dunkelheit zu glühen schienen, und ein Grinsen legte sich auf die Person im Spiegel. Erschrocken wollte Akane zurückweichen, wurde jedoch plötzlich am Arm gegriffen und, ehe sie reagieren konnte, in Richtung des Spiegels gezogen. Ein erstickter Schrei ertönte, bevor sich tiefe Stille ausbreitete in dem nun menschenleeren Zimmer.
 

[ ??? ]
 

Langsam öffnete Igor seine großen Augen, als ihn ein blau-rotes Licht durch die geschlossenen Augenlider traf. Er starrte auf die gelegten Tarotkarten vor sich auf dem Tisch. Die zwei Karten, die bereits eine ganze Weile zart geleuchtet hatten und dessen Licht er nicht einschätzen konnte, leuchteten nun um einiges stärker. Dieses Mal auch so, dass man die dunkle Macht dahinter spüren konnte.

„Interessant“, ohne seine gehabte Position aufzugeben hob der alte Mann seine rechte Hand und wischte damit über den Tisch.

Kurz darauf erhoben sich die beiden Karten und drehten sich um, nur um sich dann wieder auf die gleiche Stelle zu legen, woraufhin die Arcana der Stärke und der Gerechtigkeit zum Vorschein kamen, welche jedoch genau wie die Tarot des Todes keine eindeutige Position einnahmen, dafür jedoch noch etwas intensiver begannen zu leuchten.

„Wie es scheint wird unser Gast bald unsere Hilfe in Anspruch nehmen müssen“, sprach Igor mehr zu sich selbst, als zu seiner Assistentin, die noch immer unverändert neben ihm saß und ebenfalls auf die aufgedeckten Karten starrte, „Ich bin schon sehr gespannt, wie sie diese Hürde überwinden wird.“

Ein Glucksen erklang aus seinem Mund, dass sich schnell in ein Kichern wandelte, bevor der Raum wieder in tiefe Dunkelheit tauchte.
 

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IX – Spring Whispers and Silent Questions


 

*~* IX – Spring Whispers and Silent Questions *~*
 

[ ~Sonntag, 12. April 2015~ ]

[ *früher Nachmittag* ]

[ Kirschblütenhain ]
 

Lachend lief Junko vorweg, über das weite Feld, welches von unzähligen blühenden Kirschbäumen gesäumt war und unter denen sich die Menschen versammelt hatten, um ein Picknick zu machen und das Spektakel der herabfallenden Blütenpracht zu bewundern. Auch Mirâ und ihre Familie hatten sich an diesem Tag, der versprach sonnig und warm zu werden, hier eingefunden, um sich an diesem Bild zu ergötzen. Jedoch mussten sie dabei feststellen, dass sie wohl schon früher hätten herkommen müssen, denn auf den ersten Blick gab es so gut wie keine freien Plätze mehr. Seufzend sah sich Haruka um, nachdem sie Junko zum wiederholten Male aufgefordert hatte nicht zu weit wegzulaufen, und ärgerte sich dann über ihre Naivität, die sie dazu veranlasst hatte erst jetzt herzukommen. Mirâ unterdessen hatte ein Auge auf ihre kleine Schwester, um so ihrer Mutter wenigstens etwas Arbeit abzunehmen. Doch auch das erwies sich als nicht so einfach wie gedacht, denn bei den vielen Menschen war es echt schwer ihr mit den Augen zu folgen, weshalb sie sie sogar für einen kurzen Moment aus diesen verlor. Leicht panisch sah sich die Violetthaarige um, in der Hoffnung ihre Mutter würde dies nicht merken, und atmete dann erleichtert auf, als die die Blauhaarige einen Moment später wieder erspähte. Überrascht musste sie jedoch feststellen, dass die Grundschülerin nun nicht mehr alleine war. In Begleitung eines gleichaltrigen Mädchens kam sie nur einen Moment später auf die Oberschülerin und deren Mutter zugelaufen. Aufmerksam betrachtete Mirâ die Bekannte ihrer Schwester, deren dunkelbraune, schulterlange Haare teilweise zusammengebunden waren und sie damit stark an die Frisur von Hiroshi erinnerten. Die Kleine, die eine dunkel Latzjeanshose und darunter ein blaues Shirt trug, bemerkte den Blick der Oberschülerin auf sich und sah sie daraufhin fragend mit ihren braunen, großen Augen an, ehe sie ein breites Grinsen aufsetzte.

„Mama sieh mal. Hiro-chan ist auch hier“, freute sich Junko aufgeregt.

„Hallo Hiromi-chan“, grüßte Haruka Junkos Freundin lächelnd, „Das ist ja ein Zufall.“

„Hallo“, grüßte Hiromi freundlich, „Meine Eltern haben gesagt, dass ihr euch gerne zu uns setzen dürft, wenn ihr möchtet. Bei uns ist noch etwas Platz.“

„Das ist aber nett“, sagte Haruka erleichtert, da sie keine Lust mehr hatte nach einem geeigneten Platz zu suchen, „Bringt ihr uns dann hin?“

Breit strahlend nickten die beiden Grundschülerinnen, während sie sich bei den Händen nahmen und dann losliefen, sodass Mirâ und ihre Mutter nur noch folgen mussten.
 

Es dauerte nicht lange, ehe sie den Platz erreichten, der tatsächlich nicht ganz so stark besucht war. Dort fanden sie ein Pärchen im mittleren Alter vor, die sie freundlich anlächelten. Die Frau, deren dunkelbraune, fast schwarze, lange Haare zu einem hohen Pferdeschanz gebunden waren, war schlank und zierlich, wirkte aber zugleich auch sehr selbstsicher. Ihr Mann hatte ebenso dunkelbraune Haare, welche jedoch etwas heller waren, und die er mit etwas Gel sorgfältig hinter die Ohren gelegt hatte. Sein Gesicht wirkte etwas streng, aber gleichzeitig auch sehr gütig und aus irgendeinem Grund kamen Mirâ seine Züge sehr bekannt vor. So, als wären sie ihm schon einmal irgendwo begegnet. Jedoch war sie sich sicher ihn noch nie gesehen zu haben. Woher kam nun also dieses Gefühl?

„Guten Tag. Vielen Dank, dass wir uns dazusetzen dürfen“, grüßte Haruka freundlich mit einer höflichen Verbeugung, „Shingetsu Haruka. Es freut mich sehr Sie kennenzulernen. Das sind meine Töchter Mirâ und Junko.“

Sie zeigte auf ihre beiden Kinder, woraufhin Mirâ ebenfalls eine höfliche Verbeugung vollzog, während Junko die beiden anderen Erwachsenen nur freudig grüßte, da sie diese bereits zu kennen schien.

„Naja sie geht mit Hiromi in eine Klasse…“, ging der Violetthaarigen durch den Kopf, nachdem sie sich kurz über Junkos unhöfliches Verhalten geärgert hatte.

„Ach, das ist doch kein Problem“, nahm Hiromis Mutter das Gespräch auf, „Es freut uns auch sehr. Makoto Shizuka mein Name. Und das hier ist mein Mann…“

„Makoto Hirota. Sehr erfreut“, stellte sich nun auch Hiromis Vater vor, woraufhin Mirâ ihn nun doch noch einmal eingängig musterte.

In diesem Moment und in Zusammenhang mit dem genannten Namen wusste sie auch plötzlich woher er ihr bekannt vorkam. Er ähnelte Hiroshi verdammt stark. Einziger Unterschied war das Alter und die wesentlich dunkleren Haare. Da sie jedoch wusste, dass die Haare ihres Klassenkameraden nicht natürlich blond, sondern nur gefärbt waren, überkam sie ein Verdacht, der sich vor allem daran verhärtete, als ihr die hellblauen Augen des Mannes auffielen, die denen Hiroshis viel zu ähnlich waren. Ihr Gegenüber bemerkte ihren Blick und wandte sich ihr etwas überrascht zu, bevor er ihr ein freundliches Lächeln schenkte, welche sie ebenso an das des Blonden erinnerte. Sofort wandte sie etwas peinlich berührt den Blick ab und sah sich daraufhin in der Menschenmasse um. Zum einen, um sich von diesem peinlichen Moment abzulenken und zum anderen, da sie die Hoffnung hegte ihren Klassenkameraden hier vorzufinden. Jedoch konnte sie ihn nirgends erspähen. Doch was hatte sie gedacht? Nur weil seine vermeintliche Familie hier war, musste das nicht zwangsläufig bedeuten, dass auch er sich hier aufhielt. Immerhin war es für Oberschüler in ihrem Alter nicht unüblich ihre Freizeit anders zu gestallten. Außerdem war ja gar nicht sicher, dass es sich hierbei um seine Eltern handelte. Zwar waren der Nachname und auch die Ähnlichkeiten viel zu Auffällig, jedoch musste dies nicht zwangsläufig bedeuten, dass es sich dabei nicht wirklich nur um einen Zufall handelte. Vielleicht gab es auch eine andere Verbindung zwischen ihnen. Auch wenn es Mirâ eigentlich brennen interessierte, so traute sie sich allerdings nicht nachzufragen. Ganz zu schweigen davon, dass es ihr doch ziemlich unhöflich vorkam nachzufragen, weshalb sie es erst einmal dabei beließ. Vielleicht konnte sie ja auch Hiroshi direkt drauf ansprechen, wenn sie ihn das nächste Mal sah. Ihm gegenüber fiel es ihr vielleicht sogar leichter. Sie schluckte schwer, als sie immer noch den Blick des Älteren auf sich spürte und ihn deshalb kurz aus dem Augenwinkel her beobachtete. In diesem Moment wandte sich der Brünette wieder von ihr ab, da ihn Hiromi in ein Gespräch verwickelt hatte und ihm dann lachend um den Hals gefallen war, ehe sie gemeinsam mit Junko den Platz wieder verlassen hatte. Kurz darauf stand er auf und half Haruka dabei die Decke auszubreiten, damit sich auch Mirâs Familie endlich zu den beiden gesellen konnte. Diesen Moment nutze die Violetthaarige, um sich von ihren Gedanken abzulenken, indem sie nun auch half alles herzurichten, nur um sich kurz darauf mit ihrer Mutter auf der Decke niederzulassen. Die beiden Grundschülerinnen unterdessen tobten wieder über den Hain, jedoch mit der Aufforderung Shizukas, dass sie bitte niemand anderen belästigen sollten.

„Die beiden haben wirklich viel Energie“, lachte Hiromis Mutter und wandte sich dann wieder Haruka zu, „Hiromi hat erzählt, dass Sie erst hierhergezogen sind. Gab es dafür einen bestimmten Grund? Verstehen Sie mich nicht falsch… Kagaminomachi ist eine schöne Stadt, aber so weit ich weiß nicht gerade der Ort, an den man unbedingt ziehen muss.“

Etwas überrascht von dieser Frage sah Angesprochene auf, doch nickte dann: „Da gab es sicher mehrere Gründe dafür. Aber der Hauptgrund ist eigentlich, dass das Immobilien-Büro, in dem ich arbeite, hier einige Gebäude erworben hat, um die ich mich als Filialleiterin kümmern muss. Allerdings ist unsere neue Geschäftsstelle noch nicht ganz fertig. Ich hoffe aber, dass ich nächste Woche dort einziehen und dann mit der Arbeit beginnen kann.“

„Das klingt aber stressig. Also hatte es berufliche Gründe“, meine die Brünette etwas nachdenklich, „Arbeitet Ihr Mann da auch in diesem Büro? Oder konnte er so einfach die Arbeitsstelle wechseln?“

„Shizuka…“, wurde sie von der Seite von ihrem Mann angeeckt.

„Was denn? Hab ich was falsches gesagt?“, fragte Shizuka etwas überrascht.

Besorgt musterte Mirâ ihre Mutter und beobachtete deren Reaktion. Doch da die Blauhaarige in den letzten Jahren gehäuft solche Gespräche führen musste, ließ sie sich auch dieses Mal nichts anmerken und seufzte stattdessen nur ganz leise und unauffällig, ehe sie ein freundliches Lächeln aufsetzte und dann auf die Frage einging: „Mein Mann und ich sind seit gut fünf Jahren geschieden. Er lebt noch in Osaka.“

In diesem Moment erkannte die jüngere Frau ihren Fehler und schrak etwas betroffen zurück: „Verzeihung. Ich wollte nicht unhöflich werden.“

Haruka jedoch ließ sich auch weiterhin nichts anmerken und schüttelte nur beschwichtigend den Kopf: „Schon gut. Das konnten Sie ja nicht wissen. Es ist nur eine etwas komplizierte Geschichte, deshalb…“

„Ich versteh schon. Kein Problem. Ich wollte Ihnen auch nicht zu nahetreten“, entschuldigte sich die Brünette noch einmal und wechselte dann schnell das Thema, um die Sache nicht noch unangenehmer werden zu lassen.

Mirâ jedoch hörte nicht mehr zu. Stattdessen versank sie in ihren Gedanken und beobachtete dabei weiter für einen Moment ihre Mutter. Es war tatsächlich eine sehr komplizierte Geschichte und wenn sie ehrlich war, wusste sie selbst gar nicht so wirklich, was eigentlich so richtig vorgefallen war. Denn lange Zeit gab es keine Anzeichen dafür, dass es irgendwelche Unstimmigkeiten in ihrer Familie gab, die zu einer Trennung hätten führen könnten. Jedenfalls war ihr nie etwas aufgefallen. Eigentlich lief es sogar immer sehr harmonisch ab. Sie konnte auch gar nicht mehr genau sagen, wann es eigentlich anfing, doch irgendwann häuften sich plötzlich die Streitereien unter ihren Eltern, die letzten Endes der Grund für die Trennung und die anschließende Scheidung waren. Den konkreten Grund hatte Mirâ allerdings nie erfahren, auch nicht auf Nachfrage bei ihren Eltern, was allerdings auch einen bitteren Beigeschmack in der Beziehung zu beiden zu Folge hatte. Dies hatte sich mittlerweile wieder gebessert und auch das Verhältnis ihrer Eltern untereinander war mittlerweile alles andere als schlecht; tatsächlich hielten sie sogar noch Kontakt untereinander. Jedoch würde es wohl nie wieder eine Zukunft für sie als gemeinsame Familie geben. Traurig senkte sie den Blick, als sie sich plötzlich wieder an das Gesicht ihres Vaters erinnerte, mit dem er sie verabschiedet hatte, als sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester ausgezogen war. Damals hatte er ihr so leidgetan, sodass sie am liebsten zurückgelaufen wäre und sich an ihn geklammert hätte. Bis heute bereute sie es etwas, dies nicht damals einfach getan zu haben.

„Nee-chan ist alles in Ordnung? Tut dir etwas weh?“, holte sie Junkos unschuldige Stimme aus den Gedanken, weshalb sie etwas erschrocken aufsah; direkt in die rotbraunen, großen Augen ihrer kleinen Schwester, die sie besorgt anschauten.

Schnell setzte die Oberschülerin ein Lächeln auf, um die Sorgen der Kleinen wieder zu zerstreuen: „N-nein, alles in Ordnung Junko. Ich war nur in Gedanken. Aber jetzt geht es mir wieder gut.“

„Sicher?“, fragte die Grundschülerin nach und sah die Ältere weiterhin eindringlich an.

Mirâ jedoch lächelte weiter, was dazu führte, dass sich die Jüngere doch überzeugen ließ und sich dann wieder lächelnd von ihr abwandte, um kurz darauf weiter mit Hiromi zu spielen. Die Violetthaarige sah ihr nach und bemerkte dabei den Blick ihrer Mutter auf sich ruhen, die sie ebenso besorgt anschaute und der man ansah, dass sie genau wusste, worüber die Schülerin nachgedacht hatte. Diese jedoch schenkte auch ihr nur ein Lächeln, um ihr zu signalisieren, dass alles in Ordnung sei. Allerdings wusste Mirâ, dass ihre Mutter sich nicht so einfach überzeugen ließ, immerhin kannte sie sie viel zu gut und wusste um das Verhältnis zu ihrem Vater, durch dass es ihr erst recht schwer fiel ihn alleine zurückzulassen. Die Trennung hatte auch bei der Violetthaarigen Spuren hinterlassen. Nicht zu Letzt hatte dabei auch das Verhältnis zu ihrer Mutter stark gelitten. Denn lange Zeit hatte sie dieser die Schuld für die Trennung gegeben, was vor allem der fehlenden Information geschuldet gewesen war, wieso das alles geschehen war. Zwar hatte es Mirâ nie offen angesprochen, doch Haruka muss es bemerkt haben. Diese hatte es aber geduldig ertragen und alles getan, um ihr Verhältnis wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, wodurch sich alle Parteien mittlerweile wieder angenähert hatten. Noch immer spürte sie den Blick Harukas auf sich ruhen, weshalb ihr Lächeln noch etwas breiter wurde, in der Hoffnung, dass die Ältere es dabei beruhen ließ. Und tatsächlich. Endlich seufzte die Blauhaarige und wandte sich dann wieder ab. Auch, weil sie von Shizuka wieder in ein Gespräch gezogen wurde. Erleichtert atmete die Oberschülerin auf und dankte Hiromis Mutter für die willkommene Ablenkung, während sie ihr Smartphone aus der Tasche kramte, um sich damit etwas abzulenken. Sie entsperrte ihr Display und ging sogleich in das Menü, um eines ihrer Geduldsspiele zu suchen, die sie oft spielte um auf andere Gedanken zu kommen. Plötzlich jedoch stoppte sie, als ihr das ungewöhnliche Logo einer App ins Auge stach, das sie so gar nicht kannte. Darauf zu sehen war ein blauer Schmetterling im Profil, der sich vor einer blauen Karte und einer hellblau-weißen Maske befand. Doch das allein war es nicht, was sie stutzig werden ließ, sondern allem voran der Name der App, welche darunter stand und mit „Persona“ betitelt war. Vollkommen überrascht ließ sie beinahe ihr Handy fallen, als sie sich wieder an ihren merkwürdigen Traum erinnerte, in dem sie ein Wesen mit diesem Namen beschworen hatte. Noch immer war sie sich eigentlich gar nicht so sicher, ob es sich dabei wirklich um einen Traum, Einbildung oder die Realität gehandelt hatte, doch beim Anblick der kleinen Applikation, deren blaue Farbe sie regelrecht in den Bann zog, überkam sie ein merkwürdiges, aber vertrautes Gefühl. Neugierig, was sich hinter diesem Programm verbarg, wollte sie es öffnen und hob leicht verunsichert ihre andere Hand, um mit deren Finger darauf zu tippen. Doch kurz bevor dieser das Display berühren konnte zuckte sie plötzlich zusammen, als neben ihr das doch recht laute Klingeln eines weiteren Handys erklang. Erschrocken sah sie auf und bemerkte, wie Hirota, unter dem bösen Blick seiner Frau, ebenso erschrocken in seiner Taschen nach etwas suchte, wobei es sich wohl um das klingelnde Gerät handeln musste. Es dauerte nur einen Moment, ehe er das Telefon aus seiner inneren Jackentasche gekramt hatte und einen skeptischen Blick darauf warf, während ihn Shizuka weiterhin böse ansah. Entschuldigend lächelte er lieb und hob beschwichtigend die Hand, bevor er sich abwandte, aufstand und dann das Klingeln beendete.
 

„Makoto“, ginge er ran, bevor er mit der Person am anderen Ende schimpfte, dass er an seinem freien Tag nicht gestört werden wollte, dann jedoch ruhig zuhörte, was ihm zu sagen war, „Wann ist das aufgefallen? Hm… du weißt doch, dass wir da noch nicht viel machen können. In den meisten Fällen tauchen sie doch in den ersten 24 Stunden wieder auf. Außerdem gibt es dafür noch andere aus unserer Abteilung, die…“

Wieder hörte er zu, was sein Gegenüber ihm zu sagen hatte und murrte dann: „Ich verstehe… ja, ich schaue, was ich machen kann. Bis gleich.“

Seufzend legte er auf und sah dann zu seiner Frau, die ihm einen allessagenden Blick zuwarf, der eigentlich keine Ausreden oder Widerworte zuließ.

„Shizuka, es tut mir leid, aber…“, begann er, wurde jedoch sogleich wieder unterbrochen, als die Angesprochene laut seufzte:

„Ja ich weiß schon. Ohne dich sind sie wieder alle aufgeschmissen. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, als ich dich geheiratet habe. Aber du musst Hiromi selbst erklären, wieso du schon wieder wegmusst…“

„Danke für dein Verständnis“, ein Lächeln legte sich auf die Lippen des Brünetten, bevor er sich vor Haruka und Mirâ verbeugte, „Ich muss mich leider entschuldigen und schon verabschieden, aber ich wünsche euch noch einen schönen Nachmittag.“

Ein Nicken Harukas und Mirâs genügte als Bestätigung, damit er sich abwandte und dann hinüber zu Hiromi ging. Die Violetthaarige sah ihm kurz nach und beobachtete, wie er sich noch von seiner Tochter verabschiedete, die sich offensichtlich mit einem Fingerschwur etwas von ihm versprechen ließ, und dann endgültig ging. Das erneute Seufzen Shizukas ließ sie wieder zu dieser schauen.

„Ich bin ja mal gespannt, was er Hiromi dieses Mal versprochen hat, dafür dass er plötzlich gehen musste…“, meinte sie nur murmelnd.

„Ähm entschuldigen Sie die Frage, aber was genau arbeitet Ihr Mann?“, fragte Haurka interessiert nach.

„Ach dafür brauchen Sie sich doch nicht entschuldigen“, lachte Angesprochene, „Mein Mann ist Polizist. Genau genommen arbeitet er bei der Kriminalpolizei. Aber ich kann Ihnen sagen: Das ist wirklich anstrengend. Irgendwie wird er ständig gebraucht und ist dann tage- und nächtelang nicht zu Hause. Vor allem, wenn sie gerade an einem Fall arbeiten. Aber was meckere ich darüber? Ich hab es mir ja so ausgesucht. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, als ich ihn geheiratet habe.“

Sie lachte verlegen und ließ damit die Situation etwas lockerer werden, bevor sie Haruka mit einem anderen Thema wieder in ein Gespräch verwickelte. Mirâ unterdessen sah noch einmal in die Richtung, in welche der Polizist verschwunden war, während sich in ihrem Inneren eine unangenehme Unruhe breit machte, die ihr das Gefühl gab, dass dies nur die Vorboten von etwas viel Größerem waren.
 

[ *später Nachmittag* ]
 

Die Sonne war bereits im Begriff unterzugehen und tauchte die Umgebung in ein zartes Orange, als sich Mirâs Familie von Hiromi und ihrer Mutter verabschiedeten und zurück zum Hauptbahnhof fuhren, um von dort mit der Han’ei-Linie nachhause zu fahren. Ihre Schwester an sich lehnend saß Mirâ nun auf einer der wenigen Bänke, die es auf dem Bahnsteig gab und beobachtete die Menschen, um sich herum, während sie darauf wartete, dass die U-Bahn endlich kam. Da es in diese Richtung zwei Linien gab, welche ab der zentralen U-Bahnstation von Tsukimi-kû in zwei unterschiedliche Richtungen fuhr, mussten sie darauf achten, in welche der beiden Züge sie stiegen. So war es auch nicht verwunderlich, dass sie einige Minuten auf die nächste Bahn warten mussten. Junko bewegte sich und ließ Mirâ neben sich schauen, woraufhin sich ein Lächeln auf ihren Lippen bildete, als sie die Blauhaarige erkannte, die vor Erschöpfung bereits leicht weggedöst war. In diesem Moment kam aus der anderen Richtung eine Bahn eingefahren und wirbelte die Luft auf dem Bahnsteig auf, woraufhin die Violetthaarige leicht zusammenzuckte und versuchte ihre Haare zu bändigen, die ihr wild ins Gesicht schlugen. Murrend strich sie sich diese wieder hinter die Ohren und sah dann auf, woraufhin ihr Blick auf eine ihr bekannte Person fiel, die sich auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig befand. Dabei handelte es sich um Shin Masaru, der Drittklässler, der sich ihr als Mitglied der Schülervertretung vorgestellt hatte. Der junge Mann mit den schwarzen Haaren jedoch schien sie gar nicht zu bemerken, was allerdings kein Wunder war, da er sich in Begleitung einer jungen Frau mit grünen langen Haaren befand, die eine weiße Schuluniform mit grauem, kariertem Rock trug. Noch während Mirâ darüber nachdachte, zu welcher Schule diese Uniform gehören könnte, beobachtete sie, wie die beiden die Rolltreppe nach oben nahmen und kurz darauf aus ihrem Blick verschwunden waren. In diesem Moment ertönte die Ansage über die nun einfahrende U-Bahn nach Tsukimi-kû, mit welcher die Familie der Violetthaarigen fahren musste. Neben ihr erhob sich Haruka und weckte Junko, die nur murrend und widerwillig wieder von ihrer großen Schwester abließ, bevor auch schon der angesagte Zug einfuhr.
 

[ *Abend* ]
 

Erschöpft ließ sich Mirâ auf ihren ausgebreiteten Futon fallen und war froh darüber bereits fertig gebadet zu sein, denn nun überkam sie unglaublich Erschöpfung. Auch wenn sie einen wirklich wunderschönen Tag hatte, so war er auch sehr anstrengend gewesen. Aufstehen wollte sie nun wirklich nicht mehr. Müde gähnte sie und blickte dann auf ihr rotes Handy, dass neben ihr auf dem Fußboden lag, woraufhin ihr wieder diese merkwürdige App einfiel, die ihr am Nachmittag aufgefallen war. Ohne ihre Position groß zu ändern griff sie nach dem Gerät neben sich und drehte sich dann auf den Rücken, um so besser draufschauen zu können. Sie entsperrte das Display und öffnete das App Menü, nur um kurz darauf alle Seiten durchzugehen und das merkwürdige Programm zu suchen. Es dauerte auch nicht lange, bis sie das Gesuchte gefunden hatte. Wieder starrte sie auf das kleine Bild, welches sie, warum auch immer, tief in ihren Bann zog. Sie schüttelte kurz den Kopf, um nicht noch weiter darin zu versinken, bevor sie endlich auf das kleine Bild tippte; in der Hoffnung endlich zu erfahren, was es damit auf sich hatte. Doch es passierte… nichts. Skeptisch hob sie eine Augenbraue an, als sie mehrmals versuchte das Programm zu öffnen, jedoch mit dem gleichen Ergebnis.

"Was soll das denn?", sie legte den Kopf leicht schief und zuckte dann mit den Schultern, ehe sie die App länger antippte, bis der kleine Mülleimer erschien und sie diese dorthin schob.

Seufzend ließ sie ihre Hand mit dem Smartphone auf den Boden sinken und starrte dann an die Decke, während sie darüber nachdachte, was wohl so Schlimmes passiert sein musste, dass Hirota so dringend gehen musste. Er sprach etwas davon, dass jemand in den meisten Fällen innerhalb von 24 Stunden wieder auftauchen würde. Ging es um einen Vermisstenfall? Es klang so, doch soweit sie wusste wurde nur bei kleinen Kindern sofort gesucht. Vielleicht ein Teenager in ihrem Alter? Das konnte wohl hinkommen. Während sie noch so darüber nachdachte und dabei dafür betete, dass derjenige schnell wiedergefunden wurde, merkte sie bereits wie ihre Augenlider immer schwerer wurden und sie langsam in einen tiefen Schlaf gezogen wurde.
 

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[ side I ] – Drenched in Silence [Mirâ]


 

*~* [ side I ] – Drenched in Silence [Mirâ] *~*
 

[ ~Sonntag, 22. November 2010~ ]

[ ??? ]
 

Die Wolken hingen tief am Himmel und sorgten für ein eintöniges Grau der Umgebung. Trotz fortgeschrittener Stunde wurde es an diesem Tag nicht hell. Viel zu Dicht war das Geflecht an Schwaden, die über die Stadt zogen und kaltes Nass mit sich brachten, dass unaufhörlich zu Boden fiel; ein gleichbleibendes Rauschen, das in ihren Ohren klang und jegliche andere Geräusche zu verschlucken schien. Traurig und mit wehmütigem Blick schaute sie auf die vom Regen durchnässte Fassade des Hauses, in dem sie die letzten Jahre glücklich gelebt hatte; nicht ahnend und darauf vorbereitet auf das, was gleich folgen würde. Sie musste fortgehen. Weg aus dem Haus, dass früher immer voller Wärme war, nun aber einfach nur kalt wirkte. Raus aus den Räumlichkeiten, die ihre ganze kleine Welt waren. In ihrem Kopf schwirrten unzählige Fragen; allem voran die, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Egal wie sehr sie darüber nachdachte, sie erinnerte sich an keinen einzigen Moment, in dem es so sehr eskaliert war, dass dieser Schritt nun nötig gewesen wäre; jedenfalls bis vor gut einem Jahr. Da hatte es ganz plötzlich und unerwartet angefangen. Ihre Eltern, die sonst alle Probleme in Ruhe klärten, begannen jeden Abend über irgendwelche Erwachsenenthemen zu diskutieren. Am Anfang noch ruhig und besonnen, doch je weiter die Zeit voranschritt, desto lauter wurden diese Diskussionen, bis sie in schier endlosen Streitereien endeten. Es war nicht so, dass ihre Eltern sich nicht auch vorher schon gestritten hatten, jedoch nie so schlimm, dass ihr Vater wutentbrannt das Haus verlassen hatte und ihre Mutter weinend in der Küche zurückblieb, während sie genau dazwischenstand; gemeinsam mit ihrer gerade einmal knapp zweijährigen kleinen Schwester, die erst recht nicht verstand was vor sich ging. Trotzdem hätte sie nie gedacht, dass es irgendwann genau an diesem Punkt enden würde und sie ein letztes Mal ihr gewohntes Heim betreten würde, um ihre letzten Habseligkeiten herauszuholen. Nie wieder würde sie hierher zurückkehren; das war ihr schmerzhaft bewusst. Denn selbst wenn der Kontakt zu ihrem Vater bestehen blieb, so würde auch er sich recht bald eine neue Bleibe suchen. So viel hatte sie bereits mitbekommen. Es war also endgültig vorbei.

Eine Bewegung neben sich ließ sie wieder aus ihren Gedanken schrecken und aufschauen, woraufhin sie auf ihre Mutter blickte, die, ihre kleine Schwester an der Hand haltend, aus dem Haus trat; ein paar letzte Worte an ihren Vater richtend, die für das, was die letzten Monate voranging, ruhig und gelassen klangen. Jedoch verstand sie nicht, was genau sie sagte, dafür war das Rauschen des Regens in ihren Ohren viel zu laut. Plötzlich wurde ihr eine Hand gereicht, doch sie zögerte, diese zu greifen. Etwas sagte ihr, dass es den endgültigen Abschluss einläuten würde, sollte sie diese ergreifen; dabei hatte sie noch immer die Hoffnung, dass es sich irgendwie im letzten Moment verhindern ließ. Doch eigentlich war ihr schon lange bewusst, dass es nun kein Umkehren mehr gab. Die Würfel waren gefallen und die letzten Worte gewechselt. Es war entschieden, egal wie sehr sie sich wünschte wieder zurückzukehren. Deshalb griff sie zaghaft nach der Hand ihrer Mutter, die sie daraufhin mit sanfter Gewalt mit sich zog; direkt zu dem Fahrzeug, welches sie zu ihrem neuen Heim bringen würde. Dumpf drang die Stimme an ihr Ohr, der ihnen alles Gute wünschte und die sie nun doch noch einmal kurz stoppen ließ. Überrascht blieb auch ihre Mutter stehen und sah sie an, doch weder das noch der traurige Blick, den sie dabei aufgesetzt hatte, bemerkte sie. Stattdessen schluckte sie schwer und kniff die Augen zusammen. Krampfhaft versuchte sie es zu ertragen, doch es ging einfach nicht. Sie drehte sich ein letztes Mal um – und bereute es sofort, als sie das von innerlichem Schmerz zerfressene Gesicht und die tieftraurigen, braunen Augen ihres Vaters erkannte, mit denen dieser ihnen nachblickte. Schmerzhaft zog sich ihr Herz zusammen, während sie sich auf die Lippe biss und die Hand ihrer Mutter noch etwas fester griff. Das Bedürfnis, sich loszureißen und zurück zu rennen, sich ihrem Vater in die Arme zu schmeißen und zu sagen, dass sie bei ihm bleiben würde, machte sich in ihr breit. Doch etwas hielt sie zurück. Nicht nur die warme Hand ihrer Mutter, die ihren Griff etwas verfestigte, sondern auch das Gefühl in ihrem Inneren, dass ihr sagte, dass es so besser sein würde; selbst wenn ihr Herz ihr etwas anderes sagte. Noch einmal schluckte sie schwer und wandte sich dann schweren Herzens ab, um ihrer Mutter endlich zu folgen und dann ins trockene innere des Autos zu steigen. Einen Moment später fiel die Tür ins Schloss und sie blickte traurig aus dem vom Regen benetzten Fenster. Nur verschwommen erkannte sie die Umgebung draußen und ihren Vater, der noch immer in der Haustür stand und ihnen nachblickte. Sein Gesicht erkannte sie nicht mehr, doch sie wusste auch so um den Ausdruck darin. Dieser hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt; für immer. Plötzlich wurde ihr schwer ums Herz, als sich warme Tränen ihren Weg über ihr vom Wetter gekühltes Gesicht einen Weg bahnten, die der Beweis dafür waren, dass sie ihre Entscheidung bereute, für die es nun zu spät war. Denn im nächsten Moment setzte sich das Fahrzeug in Bewegung und ließ ihren geliebten Vater mit nichts als dem kalten Regen – und seiner Einsamkeit – zurück.
 

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X – Fate’s First Thread


 

*~* X – Fate’s First Thread *~*
 

[ ~Montag, 13. April 2015~ ]

[ *Mittag* ]

[ Jûgôya High School ]
 

Der Gong der Schulglocke schallte laut durch die Gänge der Schule und kündigte damit endlich die heiß ersehnte Mittagspause an. Ruhig schlug Tanazaki-senei, die Lehrerin für Naturwissenschaften, das Buch in ihrer Hand zu und entließ ihre Schüler danach mit einem leisen Seufzen in die Pause, ehe sie sich selbst auf den Weg zum Lehrerzimmer machte. Auch Mirâ seufzte leise und lehnte sich dann auf ihrem Stuhl zurück, ehe sie einen besorgten Blick auf den leeren Platz neben sich warf. Akane war heute nicht in der Schule erschienen. Als Mirâ die Brünette nicht in der U-Bahn angetroffen hatte, hatte sie noch gedacht, dass diese verschlafen oder gar bereits am frühen Morgen Clubaktivitäten hatte, doch als sie auch zum Unterrichtsbeginn und danach nicht aufgetaucht war, überkam sie leichtes Unbehagen. Sie machte sich Sorgen um die junge Frau. Vor allem nachdem, was am Samstag geschehen war. Leider hatte sie es bisher versäumt sich die Kontaktdaten der Brünetten geben zu lassen, weshalb es ihr in diesem Moment auch nicht möglich war, sie zu kontaktieren und nachzufragen, ob alles in Ordnung war. Bei der Anwesenheitskontrolle während des Homerooms wirkte Masa-sensei zwar etwas überrascht, doch schien sich nichts weiter dabei zu denken. Unbeirrt hatte sie eine Notiz an den Namen der Brünetten geschrieben und dann weiter gemacht wie immer. Dass ihr Banknachbarin einfach verschlafen hatte, konnte sich Mirâ mittlerweile nun auch nicht mehr vorstellen. Entweder war sie also krank oder es lag wirklich an dem Streit vom Wochenende. Immerhin schien das Akane wirklich stark mitgenommen zu haben.

„Hoffentlich ist alles in Ordnung…“, ging der Violetthaarigen durch den Kopf, ehe sie erneut leise seufzte und den Blick auf ihren leeren Tisch wandte, bevor sie wieder in Gedanken versank.

Ein Tippen auf Ihrer Schulter ließ sie allerdings wieder aus diesen zurückkehren und sich leicht erschrocken umdrehen. Daraufhin erkannte sie Hiroshi, der sie lächelnd, aber doch besorgt ansah. Er zeigte auf den leeren Platz neben der Violetthaarigen:

„Weißt du, was mit Akane ist?“

Auf sie Frage hin schüttelte Mirâ den Kopf: „Nein. Ich kann sie auch nicht erreichen, weil ich ihre Kontaktdaten nicht habe…“

„Hm…“, kam es nur von dem Blonden, während er nachdenklich zur Seite schaute.

Anscheinend machte auch er sich Gedanken um die junge Frau. Ob es jetzt vor allem an dem Streit lag oder ob er sich allgemein Sorgen machte, war dabei irrelevant. Jedoch hatte Mirâ bereits am Samstag bemerkt, dass das, was da geschehen war, wohl nicht so gemeint war, wie es rüberkam. Schon da hatte sich der Blonde merkbar Gedanken darüber gemacht. Jedenfalls hatte das sein Gesichtsausdruck verraten.

„Vielleicht…“, er setzte zu einem Satz an, woraufhin ihn die Violetthaarige mit großen Augen ansah.

Dann jedoch schüttelte er den Kopf und lächelte: „Nein schon gut. Vergiss es…“

„Hey Hiro“, ließ ihn die Stimme seines Kumpels Kô aufschauen, „Komm schon, bevor wir keinen Platz mehr bekommen!“

Auch Mirâ sah hinüber zur Tür, wo die beiden Freunde des Blonden standen und ihr grinsend zuwinkten. Der Blonde hob nur kurz die Hand, als Zeichen, dass er verstanden hatte und wandte sich dann wieder der jungen Frau zu:

„Möchtest du vielleicht mitkommen? Dann bist du nicht so alleine…“

Etwas überrascht sah die Angesprochene auf und überlegte tatsächlich kurz das Angebot anzunehmen. Dann jedoch schüttelte sie lächelnd den Kopf und lehnte freundlich ab. Auch wenn das Angebot nett gemeint war, so würde sie sich wahrscheinlich unter den drei Jungs gar nicht so wohl fühlen. Sie kannte die anderen beiden immerhin nicht wirklich. Außerdem wollte sie nicht, dass sich merkwürdige Gerüchte verbreiteten.

„Bist du sicher?“, fragte ihr Klassenkamerad nach, woraufhin sie nickte, „Oookayyy. Solltest du es dir aber noch überlegen, kannst du gerne nachkommen. Wir wollen aufs Dach. Ansonsten wünsche ich dir guten Hunger.“

„Danke. Auch für das Angebot. Euch auch guten Hunger“, nickte die Oberschülerin und beobachtete dann, wie sich der junge Mann langsam von ihr entfernte und dann mit seinen Kumpels ging.

Erst als er weg war griff die junge Frau nach ihrem Bentô und packte dieses aus. Doch kaum stand die Dose geöffnet vor ihr bereute sie es bereits das Angebot des Blonden abgelehnt zu haben, denn plötzlich fühlte sie sich ziemlich einsam. Es war das erste Mal, seit sie auf die Jûgôya ging, dass sie alleine Essen musste. Sie blickte hinüber zur Tür, aus welcher Hiroshi verschwunden war und überlegte kurz, ob sie sich ihm nicht vielleicht doch anschließen sollte. Immerhin hatte er es ihr ja auch angeboten. Mit Sicherheit wären die Jungs über ihre kurzfristige Entscheidung nicht sauer. Und doch fühlte sie sich in diesem Moment gehemmt, weshalb sie an ihrem Platz verweilte und sich doch dazu entschloss alleine zu bleiben.
 

[ *Nach der Schule* ]
 

„So ich wünsche euch dann einen schönen Nachmittag und allen, die jetzt ihre Klubs aufsuchen, viel Erfolg“, verabschiedete sich Masa-sensei von ihrer Klasse und verließ mitsamt dem Klassenbuch und ihren Unterlagen unter dem Arm den Raum.

Daraufhin wurde es gleich unruhig im Zimmer, als alle Schüler fast zeitgleich aufsprangen und eben dieses verließen. Mirâ indes räumte in Ruhe ihre Sachen zusammen, während sie den Gesprächen ihrer Klassenkameraden lauschte, die sich darüber unterhielt wer nun zu welcher Klubaktivität ging. Dabei merkte sie neben sich eine Bewegung, die sie dazu bewegte aufzuschauen. In diesem Moment legte sich Hiroshi seine lederne Schultasche über die Schulter und sah sie dann etwas überrascht an, ehe er ihr ein breites Grinsen schenkte.

„Hast du dich für einen Klub entschieden?“, fragte er nach.

„Ähm ja…“, die Violetthaarige erhob sich von ihrem Stuhl und strich sich dabei eine ihrer Strähnen hinter das Ohr, „Ich habe überlegt beim Kyûdo-Klub vorbei zu schauen.“

„Kyûdo? Stimmt, das hattest du letztens mal gegenüber Akane erwähnt“, grinste der Blonde sie schief an, „Dann viel Erfolg.“

„Danke, dir auch… ähm… in welchen Klub gehst du?“, fragte nun auch die junge Frau, wobei sie schon eine Vermutung hatte.

Das Grinsen wurde breiter: „Fußball.“

Es war also tatsächlich, wie sie vermutet hatte. Lächelnd setzte sich Mirâ daraufhin in Bewegung und wünschte dem jungen Mann viel Spaß, was dieser mit einem liebevollen Lachen quittierte, während er sie hinaus in den Gang begleitete. Dort trennten sich ihre Wege, da Hiroshi von seinen beiden Kumpels abgepasst wurde, welche offensichtlich den gleichen Klub besuchten, wie er. Mit einem weiteren Lächeln verabschiedete sich die violetthaarige Oberschülerin von den dreien und machte sich auf den Weg zum Kyudo-Klub.
 

Sie brauchte eine Weile, bis sie tatsächlich die richtige Halle gefunden hatte, denn sie kannte zwar die grobe Richtung, doch innerhalb der großen Turnhalle, in der die traditionellen Sportarten ausgeführt wurden, kannte sie sich absolut nicht aus. Doch letzten Endes schaffte sie es doch und öffnete vorsichtig die hölzerne Schiebetür, woraufhin sie in eine große Halle gelangte, die zu einer Seite hin offen war. Der Bereich direkt vor ihr war abgegrenzt und mit Schuhregalen ausgestattet, die den Besuchern bedeuten sollten, dass sie die Schuhe auszuziehen hatten, um diese heiligen Hallen zu betreten. Mirâ tat wie geheißen und trat dann endgültig ein.

„Bist du neu? Willst du hier teilnehmen?“, eine weibliche Stimme ließ sie erschrocken aufschauen und dabei gleich wieder zwei Schritte zurückmachen.

Vor ihr stand eine junge Frau mit blonden, lockigen, schulterlangen Haaren und hellgrünen Augen, die sie ernst musterten. Die rechte Hand an ihre Hüfte gestemmt, hatte sie sich vor der Violetthaarigen aufgebaut und wartete offensichtlich auf eine Antwort.

„Ähm j-ja… m-mein Name ist… Shingetsu Mirâ. E-es freut mich…“, stellte sich Mirâ etwas verunsichert vor, „Die Verspätung tut… tut mir leid. Ich kenne mich hier noch nicht so aus…“

„Hm…“, meinte ihr Gegenüber nur, während diese sie weiter musterte.

„Hime, jetzt lass doch gut sein. Heute ist doch der erste Tag, da können wir drüber wegsehen“, eine Hand legte sich auf die Schulter der Blonden, welche sofort zur Seite blickte.

Auch Mirâ folgte ihrem Blick und erkannte den jungen Mann, der sie am Freitag auf diesen Klub hin angesprochen hatte. Wie es schien war er der Kapitän, jedenfalls nannte ihn die Blonde in diesem Moment so und beschwerte sich darüber, dass er viel zu nachsichtig sei. Dazu trug er, im Gegensatz zu der jungen Frau, die noch immer die Schuluniform anhatte, das traditionelle Gewand für Kyudoka, welches aus einem schwarzen Hakama, einem weißen Gi, mit halblangen Ärmeln, weißen Tabi und einem halb durchsichtigen Muneate, dem Brustschutz, bestand.

„Entschuldige unsere Klub-Managerin“, entschuldigte sich der Brünette und verbeugte sich leicht, „Es freut mich, dass du dich hierher gefunden hast. Kyudo zählt nicht gerade zu den beliebtesten Sportarten bei Mädchen.“

„Ich weiß… weil es meist zu anstrengend ist den Bogen zu spannen. Ich hoffe, dass ich das noch hinbekomme…“, sprudelte es plötzlich aus Mirâ heraus, weshalb sie sich leicht erschrocken den Mund zu hielt, „Gomen. Ich war zu euphorisch…“

Überrascht sah der Kapitän sie an und lächelte dann: „Scheint, als hättest du Erfahrung. Tritt doch erst einmal näher, damit wir die Vorstellungsrunde machen können und ich euch alles erklären kann.“

Damit hatte er sich abgewandt und war zu den übrigen Schülern gegangen, die sich in dieser Halle aufhielten. Dabei war sofort zu erkennen, wer bereits Mitglied war und wer sich hier versuchen wollte, denn die Kyudokas trugen alle ihre volle Ausrüstung, während die anderen noch in Schuluniform oder Sportanzug dastanden. Mirâ gesellte sich zu den Neuankömmlingen und musterte sie einmal kurz. Viele Mädchen hatten sich tatsächlich nicht her getraut. Neben ihr waren gerade einmal zwei weitere Schülerinnen anwesend. Dagegen standen fünf Jungs. Viele neue Mitglieder waren es also auch nicht. Die Violetthaarige konnte sich jedoch denken, wieso das so war, denn dieser Sport war alles andere als einfach. Zusätzlich zu den Anstrengungen, den Bogen überhaupt gespannt zu halten, musste man äußerst konzentriert bleiben, um sein Ziel überhaupt zu treffen. Alleine das was schon eine enorme Herausforderung. Dazu kam, dass man sich mit dem Wind etwas auseinandersetzen musste, um optimal zu treffen, selbst wenn es mal etwas windiger war. Dies war auch ein Grund, wieso viele bereits nach kurzer Zeit wieder das Handtuch warfen und aufgaben. Wie viele der jetzt Anwesenden am Ende übrig blieben, blieb also vorerst noch offen. Ein Räuspern holte sie aus ihren Gedanken und ließ sie zu ihren Senpais schauen, von denen auch nur eine weiblich war, bevor diese sich nacheinander vorstellten. Zum Schluss erhob der Brünette das Wort:

„Ich bin der derzeitige Kapitän des Klubs. Mein Name ist Kazuma Dai. Die blonde, junge Frau hier neben mir ist unsere Managerin Iwato Ami. Es freut uns sehr, dass ihr so zahlreich erschienen seid, um euch an diesem Sport zu versuchen. Heute werden wir euch ein paar Einblicke in unseren Klub gewähren und euch einige Dinge erklären, die ihr beachten müsst. Allem voran ist es wichtig, dass ihr wisst, dass ihr euch eure Ausrüstung selber zulegen müsst. Also Pfeile, Bogen, Sehnen und den Köcher zum Transportieren, sowie den Muneate, wobei ihr da selbst entscheiden dürft, ob ihr ihn tragen wollt oder nicht. Die Sachen, wie Hakama und Gi stellt euch die Schule. Zum Aufnahmeformular, dass euch unsere Managerin zum Ende des Klubs überreichen wird, bekommt ihr einen Zettel, auf dem steht, welche Ausrüstung ihr braucht und wo ihr diese herbekommt. Im Einkaufszentrum gibt es einen Laden, der sich auf traditionelle Sportarten spezialisiert hat. Dort werdet ihr auch beraten, welcher Bogen am besten zu euch passt. Wenn ihr dort den Zettel der Schule vorlegt, bekommt ihr dort auch eure Sachen.“

Ein Raunen ging durch die Reihen, dass sich jedoch Mirâs Meinung nach angebahnt hatte. Denn sobald es darum ging eigene Ausrüstung für einen Klub zu besorgen machten viele einen Rückzieher. Entweder, weil sie den Preis der Ausrüstung nicht zahlen wollten oder eben konnten. Das machte es gerade für Schulen schwer solche Sportarten überhaupt anzubieten. Jedoch hatte das ganze einen bestimmten Grund.

„Ich weiß, dass ist etwas, was euch stört. Jedoch geht es nicht anders. Genau wie man im Kendo eine speziell angepasste Rüstung und Schwert braucht, so ist es im Kyudo unabdingbar, eine eigene Ausrüstung zu besitzen, um die man sich auch selber kümmern muss. Wir haben hier zwar einige Übungsbögen, mit denen ihr euch heute ausprobieren könnt, doch ihr werdet schnell merken, dass diese sich nicht eignen, um damit regelmäßig zu arbeiten. Außerdem muss jeder für sich selbst wissen, wie stark er seinen Bogen gespannt haben muss und so weiter“, erklärte Dai beschwichtigend, „Wie gesagt, ihr seid heute zum reinschnuppern hier. Schaut euch alles also erst einmal in Ruhe an und entscheidet dann. Solltet ihr euch jedoch dazu entscheiden hier mitzumachen, so bitten wir euch, das Formular am Mittwoch wieder mitzubringen. Um die Ausrüstung könnt ihr euch bis Ende der Woche kümmern. Da reicht es, wenn ihr sie am Montag vollständig habt.“

Die Violetthaarige sah zu den anderen Neulingen, die sich gegenseitig fragende Blicke zuwarfen. Diese Reaktion war zu erwarten gewesen. Das kannte sie auch aus ihrer Mittelschule. Dort war sie kurz davor ebenfalls einem Kyûdo-Klub beizutreten, jedoch wurde dieser aufgrund fehlender Nachfrage letzten Endes geschlossen. Grund dafür war auch, dass die meisten Eltern nicht bereit waren so viel Geld für die Ausrüstung auszugeben, die auch dort selbst getragen werden musste. Da sie zu dem Zeitpunkt bereits eine eigene Ausrüstung besaß, hatte sie das nicht gestört. Umso mehr war sie enttäuscht gewesen, als sie den Klub nicht mehr besuchen konnte, zumal sie durch die Trennung ihrer Eltern auch nicht mehr so regelmäßig den Kyudo-Klub besuchen konnte, in dem ihr Vater Mitglied war. Letzten Endes war das dann auch der Grund, wieso sie diese Sportart vorerst nicht weiter ausführen konnte. Nun war ihre alte Ausrüstung nicht mehr für sie geeignet. Sie würde sich also auch eine neue kaufen müssen, jedoch machte sie sich keine großen Gedanken darüber, dass ihre Mutter etwas dagegen hatte. Zur Not hatte sie noch etwas Taschengeld beiseitegelegt, mit dem sie es erst einmal bezahlen konnte. Während sie so darüber nachdachte kam ihr der Gedanke, dass sich vielleicht ein Nebenjob anbieten würde, um wegen solcher Dinge nicht immer ihre Mutter anbetteln zu müssen. Während sie sich vornahm zuhause nach passenden Jobs zu suchen, schob sie die restlichen Gedanken erst einmal beiseite, denn die Klubmitglieder teilten sich nun auf, um den Neulingen alles zu zeigen. So konzentrierte sich Mirâ erst einmal wieder auf das Hier und Jetzt und gesellte sich zu den anderen Schülern, während die einzelnen Mitglieder sich die Zeit nahmen alles in Ruhe zu erläutern.
 

[ *später Nachmittag* ]
 

„Rei“, rief Dai, woraufhin sich alle anwesenden Schüler in Richtung der Kamiza verbeugten.

Damit waren die Klubaktivitäten für heute beendet und die Mitglieder wurden in ihren freien Nachmittag entlassen. Einer nach dem anderen verließ daraufhin das schulinterne Dôjô, wobei außerhalb der heiligen Hallen zwischen einigen Neulingen eine rege Diskussion entstand, ob sie nun teilnehmen würden oder nicht. Auch Mirâ bekam davon einiges mit und ärgerte sich über die teils abfälligen Bemerkungen, die nicht zu überhören waren. Sie wusste, dass dieser Sport nicht jedermanns Sache und ziemlich anstrengend war, deshalb machte sie niemandem Vorwürfe, wenn er sich letzten Endes dagegen entschied. Jedoch sollte man wenigstens so viel Anstand besitzen dies nicht lautstark vor den anderen Mitgliedern kund zu tun. Murrend sah sie den anderen nach, ehe sie sich beugte, um nach ihrem schwarzen Slippern zu greifen und diese wieder über zu streifen.

„Shingetsu war dein Name. Oder?“, holte sie plötzlich eine männliche Stimme aus den Gedanken, woraufhin sie sich umwandte und dann Dai erkannte, der sie lächelnd ansah, „Du hast dich heute ziemlich gut geschlagen. Ich lag also mit der Vermutung richtig, dass du Erfahrungen in diesem Sport hast. Oder?“

„Ähm… ja ein wenig. Ich war in der Grundschule in einem außerschulischen Verein, habe aber seit der Mittelschule keinen Bogen mehr in der Hand gehabt“, erklärte die Violetthaarige etwas zurückhaltend.

Überrascht sah der Brünette sie an: „Tatsächlich? Seit der Mittelschule? Dafür hast du es noch ganz gut drauf, finde ich. Wäre schön, wenn du unserem Klub beitrittst. Ich denke von den anderen werden nicht viele dabeibleiben“.

Dai lachte, was dafür sorgte, dass auch die Jüngere etwas lockerer wurde: „Die Vermutung habe ich auch, aber ich habe mich bereits entschieden und werde beitreten.“

Wieder sah der Ältere sie überrascht an, doch grinste dann: „Das freut mich. Dann komm gut nachhause Shingetsu. Bis Mittwoch.“

„Ja du auch, Kazama-senpai“, lächelte die junge Frau und verließ dabei das Dôjô.

Doch kaum war sie herausgetreten fühlte auch sich etwas merkwürdig. Eine plötzliche Wärme stieg in ihr auf, die jedoch alles andere als unangenehm war, und schien kurz darauf ihr Herz zu umschließen, welches dieses angenehme Gefühl aufzunehmen schien.

„I am thou… thou art I. Du hast eine neue Bindung hergestellt … Du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest Personas der Kaiser Arcana zu erschaffen…“, erklang plötzlich eine weibliche Stimme.

Erschrocken sah sich Mirâ um, doch konnte sie niemanden sehen, der dies zu ihr hätte sagen können. Verwirrt ließ sie ihren Blick noch einmal durch den Gang schweifen, während die Worte in ihrem Kopf langsam wieder verblassten. Als sie erneut niemanden sah, tat sie dies erst einmal als Einbildung ab, weshalb sie mit den Schultern zuckte und sich dann auf den Heimweg machte.
 

[ ??? ]
 

In dem blauen Raum, der sich zwischen Traum und Realität befand, saßen seine Bewohner unverändert auf dem blauen Sofa, während der ältere Herr, der sich als Meister dieses Raumes vorgestellt hatte, die Augen geschlossen hatte. Das einzige Geräusch, was dieses Zimmer flutete, war die leise Arie, die im Hintergrund aus einer nicht definierbaren Quelle erklang. Plötzlich jedoch erklang das leise Klingeln eines Glöckchens. Ganz sanft und leise, sodass man es glatt zwischen dem Gesang der Arie hätte überhören können. Igor jedoch hatte es vernommen und öffnete seine Augen, um auf den Stapel Tarotkarten zu blicken, der sich neben denen im Kreis liegenden befand und dessen erste Karte sanft blau leuchtete. Einen Moment beobachtete er das Schauspiel, ehe er eine Hand aus der Brücke löste, die er damit immer formte und nach eben dieser Karte griff, nur um sie sich einen Moment später eingängig zu betrachten.

Ein breites Grinsen formte sich in seinem Gesicht, während er weiter auf das Bild zwischen seinen Fingern starrte: „Wie es scheint hat unser Gast den ersten Bund geschlossen, der sie auf ihrem Weg begleiten und stärken wird.“

Er legte das Objekt in seiner Hand über das obere Ende des Kreises, welchen die anderen Tarotkarten bildeten. Noch immer leuchtete die einzelne Karte sanft, aber bestimmt und versprühte eine angenehme Wärme, während nach und nach das Bild des Kaisers zu erkennen war, unter dem sich eine römische vier bildete.

Er wandte sich seiner Assistentin zu, die nur seinen Blick deuten musste, um zu verstehen, was er von ihr wollte und daraufhin nur nickte, während sie ihr dickes Buch noch ein wenig mehr an sich drückte und der Raum wieder in Dunkelheit versank.


 

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XI – Shadows of the Past


 

*~* XI – Shadows of the Past *~*
 

[ ~Dienstag, 14. April 2015~ ]

[ *Nach der Schule* ]
 

Die Schulglocke beendete den Nachmittagsunterricht, woraufhin Unruhe in die Klasse kehrte, als alle anwesenden Schüler schnell ihre Sachen zusammenräumten, um endlich in ihren freien Nachmittag oder zu ihren Klubs zu kommen. Auch Mirâ erhob sich und packte ihre Sachen zusammen, bevor sie einen besorgten Blick auf den immer noch freien Platz neben sich warf. Akane war auch heute nicht zum Unterricht erschienen. Allmählich machte sich die Violetthaarige deshalb sorgen. Natürlich konnte es auch sein, dass es die Brünette einfach nur extrem erwischt hatte und sie deshalb flach lag, doch irgendwas in Mirâ ließ ihre Alarmglocken schrillen. Und mit jedem Tag den ihre neue Bekannte nicht anwesend war, wurde es nur schlimmer. Da sie keine Handynummer von Akane hatte, konnte sie diese nicht kontaktieren, weshalb sie überlegte einfach mal bei ihr vorbei zu schauen. Es wäre zwar ein kleiner Umweg, jedoch nichts, was der Rede wert wäre. Sie seufzte und verließ den Raum, während sie noch darüber nachdachte, ob es Sinn ergab oder nicht.

„Ah Shingetsu, gut, dass du noch da bist“, erklang die Stimme ihrer Klassenlehrerin Masa-sensei.

Die Violetthaarige hob den Blick und erkannte dann die Schwarzhaarige, die direkt auf sie zugelaufen kam; dabei mehrere Unterlagen in der Hand. Nur wenige Sekunden später stand die Ältere bereits neben ihr:

„Du verstehst dich doch ganz gut mit Chiyo. Oder? Jedenfalls sieht man euch häufig zusammen. Wäre es möglich, dass du bei ihr vorbei gehst und ihr diese Unterlagen bringst?“

Fragend sah Mirâ die Schwarzhaarige an und wandte ihren Blick, dann kurz auf die Papiere, die ihr kurz zuvor unter die Nase gehalten wurden.

„Ähm… j-ja sicher“, antwortete sie daraufhin leicht verunsichert und griff vorsichtig nach dem Stapel, der ihr dann in die Hand gegeben wurde, „Wissen Sie denn, was mit Chiyo-san ist?“

Masa-sensei seufzte und legte sich dann einen Finger an das Kinn: „Leider nein. Es ist auch ungewöhnlich, dass ich bei ihr zuhause derzeit niemanden erreiche. Vielleicht könntest du ihren Eltern mitteilen, dass sie sich doch bitte bei mit melden mögen.“

„Ja, kann ich machen“, kam eine weitere Antwort der Schülerin, auch wenn sie dies nur noch mehr oder weniger beiläufig sagte, denn ihre Gedanken waren bereits wieder am abdriften.

Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte breitete sich immer mehr in ihrem Körper aus und dabei beschlich sie der Gedanke, dass etwas schlimmes passiert sein musste. Nur beiläufig bekam die junge Frau noch mit, wie sich ihre Lehrerin bei ihr bedankte und verabschiedete, während sie sich immer weiter in ihren Sorgen verlor. Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie mit einem Mal aufschrecken und erschrocken herumfahren, woraufhin derjenige welche seine Hand schnell wieder wegzog und diese beschwichtigend hob. Nur einen Moment später erkannte sie Hiroshi, der sie ebenfalls etwas erschrocken ansah, dann jedoch lächelte.

„Hab ich dich erschreckt? Das tut mir leid“, entschuldigte er sich, „Du wirktest nur irgendwie so abwesend… alles in Ordnung?“

„Ähm ja… ich habe nur nachgedacht“, atmete Mirâ erleichtert auf, „Ich mache mir etwas Sorgen um Chiyo-san, weil sie heute wieder gefehlt hat. Ich werde gleich mal zu ihr gehen. Masa-sensei hat mir sowieso Unterlagen für sie gegeben.“

Hiroshi schwieg kurz und wandte für meinen Moment den Blick ab, ehe er sie wieder ansah: „Hast du etwas dagegen, wenn ich dich begleite?“

Fragend legte die Oberschülerin den Kopf schief, woraufhin der Blonde weitersprach: „Ehrlich gesagt habe ich ein schlechtes Gewissen, wegen der Sache am Samstag. Gut möglich, dass sie deshalb nicht in die Schule kommt…“

Einen weiteren Moment sah Mirâ den jungen Mann an, ehe sie leicht lächelte und nickte: „Gern. Aber dafür erzählst du mir, was da eigentlich zwischen euch läuft…“

„Ich denke, das ist ein Deal“, meinte ihr Gegenüber, während er sich im Nacken kratzte.

Das Lächeln der Violetthaarigen wurde breiter und sie setzte sich in Bewegung, um hinunter in den Eingangsbereich zu gehen und ihre Schuhe zu wechseln. Der blonde junge Mann tat es ihr gleich und folgte ihr, bevor sie sich danach auf den Weg machten.
 

Nur wenige Minuten später waren sie gemeinsam auf dem Weg zur U-Bahn Station. Zwischendurch hatte Hiroshi noch seine beiden Kumpels abwimmeln müssen, die sich einen Spaß mit ihm erlauben wollten, als sie die beiden so zusammen sahen. Gekonnt hatte ihre Begleitung darauf reagiert und sich bei ihnen für den Tag verabschiedet, bevor er sich dann bei ihr für die Dreistigkeit der beiden Jungs entschuldigte. Die Violetthaarige jedoch hatte nur mit dem Kopf geschüttelt. Sie hatte ohnehin nicht ganz verstanden, was die beiden damit gemeint haben könnten. Immerhin wollten sie nur Akane besuchen und waren nicht auf einem Date oder ähnlichem. Ein Seufzen neben ihr ließ sie zu ihrer Begleitung schauen, welche daraufhin erst zu bemerken schien, dass er ziemlich laut geseufzt hatte. Etwas verlegen lächelte er daraufhin und winkte nur ab, weshalb es Mirâ vorerst dabei beließ. Es gab ohnehin ein anderes Thema, was sie viel mehr interessierte.

„So nun erzähl mal, Makoto-kun. Was ist das zwischen dir und Chiyo-san?“, fragte sie deshalb gerade heraus.

„Dafür, dass du eher zurückhaltend wirkst, bist du ganz schön direkt“, lachte Hiroshi darauf nur, was es für Mirâ schon wieder etwas peinlich machte, denn eigentlich war sie weder so aufdringlich, noch so neugierig.

In diesem Fall jedoch konnte sie sich einfach nicht zurückhalten.

„Schon okay“, kam es von dem jungen Mann, „Hm… wie erklär ich das am besten? Sagen wir es so: Akane und ich waren sowas wie Sandkastenfreunde. Wir waren Nachbarn und sind zusammen in den Kindergarten und die Grundschule gegangen, bis sie irgendwann wegzog… und als wir uns am Anfang der Oberschule wiedergesehen haben, da habe ich sie wohl etwas ungerecht behandelt… ich bin nicht stolz drauf, ehrlich gesagt, aber in dem Moment hab ich einfach etwas unglücklich gehandelt…“

„Deshalb ist sie jetzt also so sauer auf dich? Sie meinte du seist ziemlich undankbar…“, sagte die Violetthaarige, als sie die letzte Stufe zum Bahnsteig genommen hatte.

„Hat sie das gesagt?“, kam eine überraschte Frage, auf die kurzes Schweigen folgte, in dem der Blonde zu überlegen schien, „Damit hat sie vielleicht gar nicht so Unrecht…“

Es war nur genuschelt, doch die junge Frau hatte es trotzdem mitbekommen. Ehe sie jedoch noch einmal nachhaken konnte fuhr auch schon die U-Bahn der Hahen Linie ein, die sie nach Mangetsu-kû bringen würde, wo Akane lebte. Während der kurzen Fahrt schwiegen die beiden Oberschüler. Zwar interessierte Mirâ, was der junge Mann mit seinem letzten Satz gemeint hatte, jedoch wirkte er seit diesem Moment auch etwas abwesend. So, als würde er über etwas nachdenken. Wahrscheinlich über das, was die Violetthaarige ihm gesagt hatte. Da die Fahrt jedoch nicht länger als fünf Minuten dauerte, beließ sie es erst einmal dabei. Zumal sie das Gefühl hatte, dass er darüber sowieso zu diesem Zeitpunkt nicht sprechen wollte.
 

Mit leichtem Ruck verringerte die Bahn ihre Geschwindigkeit, als sie in die Mangetsu Central Subway Station einfuhr und nur wenige Sekunden später ihre Fahrgäste in die Station entließ. Auch Mirâ und Hiroshi stiegen hier aus und liefen die Treppe zur Hauptstraße hinauf, wo Mirâ sich jedoch einen Moment orientieren musste. Von dieser Seite aus kannte sie sich noch gar nicht aus, immerhin war sie das letzte Mal aus Richtung ihres Hauses zu der Praxis gelangt, über welcher ihre Klassenkameradin lebte. Leicht irritiert sah sie sich um und war bereits im Begriff ihr Handy heraus zu kramen, als sich Hiroshi neben ihr bereits in Bewegung setzte. Überrascht sah sie ihm kurz nach, woraufhin er wieder stehen blieb und sie Fragend ansah:

„Wir müssen da lang. Bin vor ner Weile mal zufällig an der Praxis vorbeigekommen. Deshalb weiß ich, wo wir lang müssen.“

„O-okay…“, nickte die junge Frau daraufhin nur und folgte dem Blonden, der nun auch weiterlief.

Der Weg zog sich ein wenig, was wahrscheinlich auch daran lag, dass sich die beiden Schüler noch immer anschwiegen. Jedoch war das kein Problem, denn Mirâ nutzte die Zeit, um sich etwas umzusehen und sich den Weg zu Akane auch aus dieser Richtung einzuprägen. Außerdem würde es mit Sicherheit von Vorteil sein, sich auszukennen. Nach einigen Minuten Fußmarsch allerdings konnte sich die Violetthaarige bereits wieder an einige Dinge erinnern, die sie schon an ihrem ersten Tag hier entdeckt hatte. Nun wusste sie auch ungefähr wo sie waren: Nämlich ganz in der Nähe von Akanes Haus. Und tatsächlich tauchte dieses nur wenige Meter vor ihnen auf. Nicht einmal fünf Minuten später hatten sie es erreicht und belieben vor der Einfahrt stehen. Ein wenig hatte Mirâ die Hoffnung, dass jeden Augenblick die Brünette mit einem der Hunde, die hier behandelt wurden, aus der Praxis stürmen und von ihrem Besuch überrascht wirken würde. Doch leider wurde sie enttäuscht. Nichts dergleichen passierte. Stattdessen wirkte die Praxis verlassen. Aus der Ferne erkannte die junge Frau einen Zettel, der an der Glastür befestigt war. Bevor sie jedoch darauf zugehen und ihn lesen konnte, setzte sich bereits Hiroshi wieder in Bewegung und lief stattdessen einmal um das Gebäude herum. Überrascht folgte die junge Frau und stellte dann fest, dass er zur Eingangstür des Wohngebäudes gegangen war, welches direkt an den Flachbau, in dem sich die Praxis befand, angrenzte. Bestimmt trat er auf die Tür zu und klingelte, während sich die Violetthaarige zu ihm gesellte.

Für eine Weile geschah nichts, doch dann öffnete sich ganz langsam, ja fast wie in Zeitlupe, die Tür und eine Frau im mittleren Alter mit braunen, langen Haaren, die zu einem lockeren Zopf gebunden waren, erschien darin. Sie wirkte müde und blass, noch ganz anders, als vor über einer Woche, als Mirâ sie das erste Mal gesehen hatte. Müde und gleichzeitig überrascht sah sie die beiden Oberschüler an.

„Guten Tag Chiyo-san… ähm… erkennen Sie mich noch?“, fragte Hiroshi vorsichtig nach, „Makoto Hiroshi?“

„Hiroshi-kun?“, für einen Moment wirkte sie etwas wacher.

Mit einem Mal setzte sie sich in Bewegung, kam aus dem Haus gestürmt und packte den jungen Mann an den Armen, der etwas erschrocken zurückwich.

„Hiroshi-kun, hast du sie gesehen? Akane? Weißt du, wo sie hin ist?“, fragte die Brünette aufgeregt und krallte sich regelrecht in die Ärmel seiner Jacke.

Vollkommen irritiert versuchte der Blonde zu reagieren, wusste jedoch nicht, was genau er sagen sollte. Auch Mirâ war verwirrt. Was meinte Akanes Mutter damit? Es klang ja beinahe so, als…! Plötzlich erinnerte sie sich an den Anruf, den Makoto-san am Sonntag erhalten hatte, als sie diesem auf dem Kirschblütenhain begegnet war. Bedeutete das etwa…!?

„Michiko?“, erklang plötzlich eine männliche Stimme, „Wer war denn…?“

Akanes Vater erschien in der Tür und unterbrach sich sogleich, als er sah, wie sich seine Frau an Hiroshi krallte und ihn immer noch nach Akane fragte. Sofort stürmte er zu ihr und befreite den Oberschüler aus ihrem Griff, nur um seine Frau dann in den Arm zu nehmen.

„Es ist alles gut. Sie wird wiederkommen. Die Polizei wird sie finden. Ganz sicher“, versuchte er Michiko zu beruhigen, welche jedoch nur in Tränen ausbrach und fragte, wann dies geschehen wird.

Darauf jedoch konnte ihr Mann keine Antwort geben. Stattdessen wandte er sich Hiroshi und Mirâ zu, die noch immer vollkommen perplex waren.

„Entschuldigt sie. Die letzten Tage waren schwer…“, entschuldigte er sich für das Verhalten seiner Frau und lächelte dann traurig, „Du hast dich ganz schön verändert, Hiroshi. Ich hätte dich beinahe nicht erkannt, wenn Michiko deinen Namen nicht erwähnt hätte…“

„Ähm naja…“, der Blonde war noch immer zu perplex, um wirklich reagieren zu können, weshalb Mirâ nun diesen Part übernahm.

„Was ist denn passiert?“, ergriff sie das Wort, „Wir ähm… wir haben uns Sorgen gemacht, weil Chi… Akane-san gestern und heute nicht in der Schule war. Wir wollten ihr eigentlich etwas vorbei bringen…“

Akanes Vater sah sie einige Sekunden nur schweigend an, während er seine weinende Frau an sich drückte und dann seufzte: „Michiko, geh rein. Du erkältest dich nur…“

Nur zaghaft ließ die Brünette von ihm ab und sich dann ins Haus begleiten, doch als Akanes Vater sicher war, dass sie drin war, wandte er sich wieder an die beiden Oberschüler:

„Um ehrlich zu sein… Sie ist seit Samstagabend spurlos verschwunden.“

„Verschwunden?“, kam es synchron von den beiden Jüngeren.

„Ja… es ist total merkwürdig. Sie kam an dem Tag ziemlich niedergeschlagen nachhause und hat sich in ihrem Zimmer verkrochen. Als wir zum Abendessen nach ihr gesehen haben, war sie weg… aber all ihre Sachen sind noch da. Sogar ihre Schuhe. Sie würde doch aber ohne Schuhe nicht das Haus verlassen. Außerdem sagt sie immer bescheid. Und selbst ihr Handy liegt noch auf dem Tisch…“, erklärte der Brünette mit leichter Verzweiflung in der Stimme, „Wir wissen uns keinen Rat… ich denke, deshalb hat meine Frau auch so reagiert. Sie hatte die Hoffnung, dass einer ihrer Freunde weiß, wo sie sich aufhält… vielleicht hat sie nun Angst nachhause zu kommen, weil sie denkt, dass sie Ärger bekommt. Aber uns wäre es einfach nur wichtig, dass sie gesund zurückkommt…“

Geschockt hörten die beiden Schüler zu, während Mirâ einen Seitenblick auf Hiroshi richtete, dem jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Auch ohne, dass er etwas sagte, konnte sie erahnen, dass er sich nun wahrhaftig Vorwürfe machte, immerhin war Akanes Laune an besagtem Tag ihm zu verdanken gewesen. Schweigen breitete sich aus, weshalb Mirâ nun endlich reagiert, denn immerhin wurde diese Situation plötzlich noch unangenehmer:

„L-leider wissen wir auch nicht, w-wo sich Akane-san aufhält… wir ähm…“

„Schon gut…“, unterbrach sie der Mann, „Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Sie wird bestimmt bald wieder zurückkommen. Entschuldigt mich jetzt bitte…“

„J-ja sicher…“, entgegnete die Violetthaarige noch knapp, ehe sich Akanes Vater abgewandt und das Haus wieder betreten hatte.

Zurück bleiben die beiden Oberschüler, die sich daraufhin ratlos ansahen, bevor sich der Blonde mit der Begründung, dass es besser war zu gehen, in Bewegung setzte und sich von dem Haus entfernte.
 

Nach kurzer Zeit hatten sie sich einige Meter entfernt, woraufhin sich Hiroshi gegen eine Mauer lehnte.

„Dreck!“, fluchte er, während er den Blick gesenkt hielt, „Hätte ich mal lieber nichts gesagt…“

Besorgt sah Mirâ ihn an: „Makoto-kun, es ist nicht deine Schuld…“

„Lieb von dir, dass du das sagst, aber… Akane ist verschwunden, nachdem ich ihr sowas an den Kopf geknallt habe…“, meinte der Blonde zähneknirschend.

„Was hast du ihr an den Kopf geknallt?“, erklang eine männliche Stimme, die der Violetthaarigen bekannt vorkam.

Erschrocken wandte sie sich um und auch Hiroshi hob den Blick, ehe er diesen leicht verzog, als er Makoto-san entdeckte, welcher, gekleidet in einen anthrazitfarbenen Anzug mit hellblauer Krawatte und schwarzen offenem Mantel, auf ihn zukam. In seiner Begleitung war ein weiterer Mann, der etwas jünger als Hirota wirkte und einen dunkelroten Anzug mit schwarzer Krawatte trug. Da Mirâ bereits wusste, dass Makoto-san Polizist bei der Kripo war, war ihr sofort bewusst, dass auch der jüngere ein Kommissar sein musste. Auch war ihr recht schnell bewusst, wieso sie auf sie zukamen, während sie endlich den Zusammenhang zu dem mitbekommenen Telefonat am Sonntag aufbauen konnte.

„Ist eine ganze Weile her, Hiro. Du bist groß geworden“, ein Lächeln legte sich auf das Gesicht des älteren Polizisten, als er bei den Oberschülern ankam, „Du hast dich ganz schön verändert…“

„Höre ich oft…“, meinte der Blonde nur, während er sich von der Wand abstieß und somit wieder geradestand, „Was verschafft mir die Ehre? … Ach sag nichts. Kanns mir schon denken… aber darfst du an dem Fall überhaupt arbeiten? Ich meine wegen Befangenheit und so…“

Ein Grinsen legte sich auf Hirotas Gesicht, ehe er mit den Schultern zuckte: „Personalmangel… Außerdem weiß das ja keiner…“

„Und dein Kollege?“, Hiroshi nickte in die Richtung der Begleitung des Älteren.

Hirota sah zu Genannten: „Ach das geht schon in Ordnung. Nicht wahr, Suou-kun?“

Der Brünette verzog kurz das Gesicht und räusperte sich dann, ehe er den Älteren mahnend ansah: „Keine Ahnung, wovon Sie sprechen und was hier gespielt wird. Aber sollten wir nicht wieder zum Thema kommen, Makoto-san?“

Erneut grinste Hirota und wandte sich wieder den beiden Oberschülern zu: „Siehst du? Aber Suou-kun hat natürlich recht. Hiroshi, magst du uns nicht erzählen, worum es gerade ging? Ihr wart doch gerade bei Akane-chan zuhause. Oder? Was wolltet ihr dort?“

Vollkommen perplex schaute Mirâ zwischen den Parteien hin und her, seit dieses mehr als merkwürdige Gespräch begonnen hatte. Noch immer irritierte sie zum einen die extreme Ähnlichkeit der beiden Makotos, die nun, wo sie sich gegenüberstanden, noch mehr auffiel. Dass der Ältere Hiroshi nun auch noch so vertraut ansprach, machte die Sache nicht wirklich besser. Der Blonde hatte etwas von Befangenheit gesprochen, was darauf schließen ließ, dass auch der Brünette etwas mit Akane zu schaffen hatte, selbst wenn es in der Vergangenheit lag. Die Vermutung der Violetthaarigen, dass er der Vater ihres Klassenkameraden war, schwankte jedoch, nachdem sie seiner Aussage entnommen hatte, dass die beiden sich für einen längeren Zeitraum nicht gesehen hatten. Welches Verhältnis also hatte er zu dem Blonden?

„Wird das jetzt ein Verhör?“, holte sie dessen Stimme aus den Gedanken.

Erneut zuckte der Ältere nur leicht mit den Schultern: „Du weißt doch, wie das abläuft. Also?“

„Hah… oh man…“, seufzte Hiroshi daraufhin nur, „Weil Akane seit gestern nicht in der Schule war, bat unsere Klassenlehrerin Shingetsu hier ihr ein paar Unterlagen vorbei zu bringen. Ich hab sie gebeten, sie zu begleiten, weil… ich mich mit Akane gestritten hatte und mich eigentlich entschuldigen wollte…“

Hirota wandte sich Mirâ zu, die nur zustimmend nickte, woraufhin er sich wieder an den Blonden wandte: „Ihr habt euch gestritten? Wann? Und worum ging es?“

„Bin ich jetzt verdächtig oder was?“, man merkte, dass Hiroshi langsam die Geduld abhanden ging und Mirâ verstand auch irgendwie wieso.

Immerhin hatten sie sich nur gestritten und waren nicht handgreiflich geworden. Andererseits verstand sie auch, wieso der Ältere diese Fragen stellte. Immerhin musste er ein Verbrechen ausschließen können.

Aus diesem Grund mischte sich die junge Frau nun in das Gespräch ein: „Makoto-kun hat etwas nicht so Nettes zu Akane-san gesagt. Das war eigentlich alles. Danach ist sie nachhause gegangen. Ich wollte sie begleiten, aber sie hat mich weggeschickt, weil sie alleine sein wollte.“

„In welchem Verhältnis steht ihr beide zu Chiyo-san?“, fragte nun auch Suou sie ganz direkt.

Überrascht von ihm angesprochen zu werden, wandte sie sich ihm zu und schrak kurz zurück, als sie einen blau leuchtenden Schmetterling sah, welcher fröhlich seine Runden um den brünetten Mann zog, von diesem aber offensichtlich nicht wahrgenommen wurde. Noch einmal kurz zog der kleine Flattermann eine Runde, ehe er über den braunen Haaren des Mannes plötzlich verschwand. Kurz blinzelte sie, doch auch danach war nichts mehr zu erkennen, weshalb sie es als Einbildung abtat und sich wieder auf das Hier und Jetzt konzentrierte, wodurch ihr auffiel, wie sie böse gemustert wurde. Leicht erschrocken von diesem Blick wich sie ein Stück zurück.

In diesem Moment erhob Hiroshi bereits wieder die Stimme: „Hirota-j… Hirota müsste doch wissen, wie ich zu Akane stehe… wir waren Sandkastenfreunde, aber wir haben aktuell eigentlich nicht viel miteinander zu tun, weil wir uns schon vor einer Weile zerstritten hatten. Es war ein dummer Zufall, dass es am Samstag nochmal eskaliert ist. Und Shingetsu hier…“

„Ähm… Akane-san ist sowas wie eine Freundin für mich. Sie hat mich als erstes angesprochen und so…“, warf Mirâ ein, „Deshalb mache ich mir Sorgen um sie…“

Suou notierte sich ihre Aussagen in seinem kleinen Notizbuch und nickte dabei, während Hirota ihn mit einem kleinen, schiefen Grinsen beobachtete und sich dann wieder den beiden Oberschülern zuwandte:

„Entschuldigt, dass wir euch hier so verhört haben… wir notieren uns noch eure Daten und dann könnt ihr gehen. Okay?“

Gesagt, getan. Nachdem die beiden ihre Daten vorgetragen hatten, verabschiedeten sich die beiden Polizisten von ihnen und gingen. Zurück blieben die beiden Schüler und sahen ihnen noch einen Moment nach, bevor sich Mirâ dem Blonden zuwandte und ihn fragend ansah. Dieser bemerkte den Blick, versuchte ihn jedoch einen Moment zu ignorieren, bevor er schwer seufzte und sich wieder an die Wand hinter sich lehnte.

„Das… war einer der jüngeren Brüder meines Vaters, sprich mein Onkel. Er ist, wie du gerade mitbekommen hast, Kommissar bei der Kripo“, erklärte er daraufhin.

Verstehend nickte die Violetthaarige und hatte nun endlich die Verbindung zwischen den beiden Männern und deren Ähnlichkeit herstellen können. Doch dabei kamen ihr noch viele andere Fragen in den Sinn. Zum einen war da die Aussage der Befangenheit, denn nur weil er Hiroshis Onkel war, bedeutete das ja nicht immer zwangsläufig, dass sie viel miteinander zu tun hatte. Denn da schloss sich bereits die zweite Frage an. Ihr war nämlich aufgefallen, dass der Blonde recht kühl und distanziert seinem Onkel gegenüber wirkte, was offensichtlich auf kein sonderlich gutes Verhältnis schließen ließ. Andererseits hatte sie auch keinen Einblick in dessen Familienverhältnisse, weshalb sie es für besser erachtete die Sache damit erst einmal dabei zu belassen. Genau in diesem Moment schob sich ihre Begleitung wieder von der Wand ab und sah sie dann leicht lächelnd an:

„Die Unterlagen haben wir natürlich vollkommen vergessen bei der ganzen Aufregung. Am besten wir schmeißen sie noch schnell in den Briefkasten und gehen dann nachhause. Oder was meinst du?“

Da der Violetthaarigen auch nichts anderes mehr einfiel, als genau das, nickte sie nur, woraufhin die beiden Oberschüler die Unterlagen nur wie besprochen in den Briefkasten steckten und sich dann auf den Heimweg machten.
 

[ ??? ]
 

Die Melodie eines Klavieres, welche kurz darauf von einer weiblichen Stimme begleitet wurde, ließ Mirâ ihre Augen öffnen. Überrumpelt von dem strahlenden Blau, welches sie daraufhin traf, zuckte die junge Frau erschrocken zusammen und musste erst einmal blinzeln, um sich an die plötzliche Helligkeit zu gewöhnen. Erst dann sah sie sich vorsichtig um und bemerkte, dass sie sich wieder in diesem merkwürdigen, runden Raum befand, dessen Wände aus Spiegeln bestanden, wie in einem Spiegelkabinett. Sie erinnerte sich noch dunkel an ihren letzten Besuch hier und hätte eigentlich schwören können, dass es sich dabei um einen Traum gehandelt hatte. Doch nun… wie oft kam es vor, dass man den gleichen Traum ein weiteres Mal hatte? Konnte sie dies hier also wirklich als einen solchen bezeichnen? Sie ließ ihren Blick weiter schweifen, von der verglasten Wand, über die acht in Ketten gelegten Spiegel, die noch immer von dem Schmetterling umrundet wurden. Etwas jedoch war nun anders. Skeptisch legte sie kurz den Kopf schief, bevor sie sich vorsichtig von ihrem Sitzplatz erhob und auf die aufgereihten verglasten Möbelstücke zuging, von denen zwei sich besonders hervorhoben, denn im Gegensatz zu den anderen umgab diese eine rote und auch eine blaue Aura, die sowohl Wärme, als auch unangenehme Kälte absonderte und der Violetthaarigen damit einen Schauer über den Rücken jagten. Doch trotz der Unruhe, die diese beiden Spiegel in ihr auslösen, machten sie sie auch neugierig, weshalb sie vorsichtig die Hand hob, um die Ketten damit zu berühren. Doch ehe ihre Finger diese berührten, begannen sie mit einem Mal zu Rasseln und sich zu bewegen, weshalb die Violetthaarige ihre Hand schnell wieder zurückzog und einen Schritt nach hinten machte. Dabei knirschte es mit einem Mal unter ihren Füßen, was sie veranlasste nach unten zu sehen, wo sie mehrere zerbrochene Glassplitter entdeckte, die eindeutig auch von einem Spiegel stammten. Doch sah sie auf die anderen, so waren diese alle intakt. Was also hatten diese Scherben zu bedeuten und wo kamen sie her?

„Willkommen im Velvet Room, werter Gast“, ertönte plötzlich Igors Stimme, die die junge Frau aufschrecken und hinüber zum Tisch blicken ließ, der definitiv wenige Minuten zuvor noch leer gewesen war.

Nun jedoch saß dahinter der unheimliche alte Mann, mit den riesig großen Augen und neben ihm seine hübsche Assistentin, während auf dem Tisch vor ihm neben einem Stapel Karten auch mehrere Tarot-Karten im Kreis lagen. Ein kurzer Blick darauf genügte, um zu erkennen, dass sich auch hier etwas getan hatte. Neben einer weiteren Karte, die über dem Kreis auf circa 12 Uhr und in aufrechter Position gelegt war, waren auch zwei weitere vom Rand aufgedeckt worden, die jedoch noch keine eindeutige Position preisgaben, dafür jedoch in demselben Licht leuchteten, das auch die beiden Spiegel umgab. Erschrocken wandte sich Mirâ eben diesen beiden noch einmal kurz zu und drehte sich dann wieder zu Igor, welcher sie nur unverblümt angrinste.

„Es ist eine Weile her, werter Gast. Aber es freut mich, dass du dich noch einmal hierher gefunden hast…“, sprach er mit seiner hohen Stimme, ohne seinen Gesichtsausdruck zu ändern, „So setz dich doch.“

Endlich änderte er seine sonst recht starre Position, und wies mit der rechten Hand auf den Stuhl, auf dem Mirâ zu Beginn ihres Besuches saß. Diese zögerte kurz und starrte den Nasenmann unverwandt an, bevor sie der Bitte endlich nachkam und sich wieder setzte. Auch wenn ein Teil ihres Geistes immer noch der festen Überzeugung war, dass es sich hierbei um einen Traum handelte, so war dem anderen Teil durchaus bewusst, dass die Persona, die sie einst rief, nur zu real und sie deshalb mit diesem Raum verbunden war. Das starke, warme Gefühl in ihrem Inneren, welches aufglühte, kaum dass sie daran dachte, bestätigte ihr es nur noch einmal. Deshalb hatte ihr Besuch hier mit Sicherheit einen Grund. Ihr Blick wanderte wieder auf den Tisch. Wahrscheinlich hatte es etwas mit den nun aufgedeckten Karten zu tun, allerdings war ihr noch nicht ganz klar, was genau. Ratlos blickte sie wieder auf, genau in Igor grinsendes Gesicht.

Das Grinsen wurde plötzlich breiter, was der jungen Frau das Gefühl gab, als könne er ihre Gedanken lesen:

„Glaubst du an Wahrsagerei? Die Vorhersage wird immer mit den gleichen Karten getroffen, aber das Ergebnis ist immer anders. Das Leben folgt den gleichen Grundsätzen. Nicht wahr?“

Mirâ wusste nicht genau, was sie auf diese Aussage entgegnen sollte, weshalb sie ihren Gegenüber nur weiterhin unverwandt ansah.

Dieser schien dies als Zeichen zu sehen weiter zu sprechen: „Wusstest du, dass eine Karte zwei Bedeutungen hat? Je nachdem ob sie aufrecht oder umgekehrt gezogen wird, kann das Ergebnis positiv oder negativ ausfallen. Manchmal jedoch nehmen die Karten auch eine ungenaue Position ein. In dem Moment ist das Schicksal noch nicht entschieden und kann tatsächlich noch geändert werden.“

Der Blick der Oberschülerin ging wieder zu den aufgedeckten Karten auf dem Tisch, von denen drei noch immer eine neutrale Position eingenommen hatten. In diesem Fall waren es die mit den römischen Ziffern acht, elf und 13, wobei man kein Experte sein musste, um zu erkennen das letztere die Arcana des Todes war. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus, auch wenn sie wusste, dass die Karte des Todes nicht zwangsläufig auch diesen bedeuten musste. Außerdem wirkte diese aktuell weniger bedrohlich, als die beiden anderen, deren Namen sie noch nicht benennen konnte. Deshalb kam ihr der Gedanke, dass Igors Aussage sich auf diese beiden Karten beziehen musste. Angestrengt starrte sie auf diese und versuchte herauszufinden, was es damit auf sich hatte, als sie plötzlich den Klang einer Glocke vernahm. Auch Igor schien sie zu bemerken, denn er hob den Blick, ehe er sie wieder grinsend ansah:

„Unsere Zeit ist damit wohl um, aber ich denke, dass wir uns alsbald wiedersehen werden. Bis dahin… Lebewohl.“
 

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XII – Through the Looking Glass


 

*~* XII – Through the Looking Glass *~*
 

[ ~Mittwoch, 15. April 2015~ ]

[ *Früher Morgen* ]

[ Jûgôya Central Subway Station ]
 

„Ohayou“, wurde Mirâ an diesem Morgen von Hiroshi gegrüßt, welcher aktuell noch alleine inmitten der Menschenmassen stand.

„Ohayou“, grüßte auch die Violetthaarige und sah sich kurz um.

„Nao und Kô kommen immer erst auf den letzten Drücker“, sagte ihr Gegenüber, als dieser ihren Blick bemerkte.

Etwas ertappt zog die junge Frau den Kopf ein, was dem Blonden jedoch nur ein leichtes Lachen abrang, welches allerdings kurz darauf wieder erstarb. Zurück blieb ein kleines wehmütiges Lächeln, in dem sich auch Schuldgefühle und Sorge spiegelte. Die Tatsache, dass Akane plötzlich spurlos verschwunden war, beschäftigte beide Oberschüler, aber vor allem Hiroshi. Besorgt sah Mirâ zu ihm auf, während dieser einen Blick auf die Anzeigetafel warf. Er kannte die Brünette von ihnen beiden am längsten und hatte zu dieser deshalb auch eine ganz andere Verbindung, um die Mirâ den jungen Mann schon etwas beneidete. Doch gerade dieser Umstand und die Tatsache, dass er etwas so Gemeines zu seiner Sandkastenfreundin gesagt hatte, nagten schwer an ihm und das sah man ihm an. Obwohl die Violetthaarige eigentlich sonst immer gebürtigen Abstand zu anderen hielten und auch deren privaten Raum einhielt, konnte sie sich dieses Mal nicht davon abhalten, vorsichtig den Arm des jungen Mannes neben sich zu berühren. Überrascht wandte dieser sich ihr zu, woraufhin sie die Hand etwas verlegen wieder wegnahm.

„Ähm… ich bin sicher, dass es Chiyo-san gut geht. Sie wird bestimmt wieder auftauchen. Bitte mach dir keine Vorwürfe. Wer weiß, was wirklich hinter ihrem Verschwinden steckt…“, sagte sie daraufhin, um die Situation irgendwie zu erklären.

Noch immer blickte Hiroshi sie überrascht an, doch lächelte dann wieder: „Danke dir. Ich hoffe du hast recht.“

Ein leichter Rotschimmer legte sich auf die Wangen der jungen Frau, während sie aus dem Augenwinkel zu dem Blonden aufsah. Hiroshi war wirklich ein herzensguter Mensch, auch wenn sein etwas wildes Äußere es nicht unbedingt vermuten ließ, weshalb es ihr schwer fiel zu glauben, dass Akane wirklich so über ihn dachte, wie sie immer vorgab. Immerhin musste sie diese Seite an ihm auch kennen.

„Morgen Hiro“, ertönte eine weitere männliche Stimme, auf die kurz darauf ein junger Mann folgte, der sich zu den beiden gesellte.

Dabei handelte es sich um Hiroshis Kumpel mit den silbergrau gefärbten Haaren. Grinsend blieb er neben den beiden Oberschülern stehen, wodurch Mirâ ihn das erste Mal richtig betrachten konnte. Seine Haare waren zu einem lockeren Undercut geschnitten, wodurch man im Nacken seine noch immer schwarzen Haare erkennen konnte; genauso wie die vielen Ohrringe, die er an seinen Ohren befestigt hatte. Er trug keine Jacke der Schuluniform. Stattdessen hatte er das weiße Hemd teilweise offen, sodass man sein schwarzes Shirt darunter erkennen konnte, und locker in die Hose gesteckt. Die rote Krawatte lag locker um seinen Nacken. Mit ungewöhnlichen, grauen Augen sah er sie freundlich an.

„Guten Morgen“, grüßte er freundlich.

„Morgen Kô“, grüßte auch Hiroshi seinen Kumpel, der ihm nur freundlich auf die Schulter klopfte und sich dann wieder Mirâ zuwandte.

„Wir hatten noch nicht das das Vergnügen. Oder? Auch wenn wir uns schon ein paar Mal gesehen haben“, grinste er anschließend, „Mein Name ist Itô Kôsuke. Freut mich sehr.“

„Shingetsu Mirâ. Freut mich ebenso, Itô-kun“, stellte sich Mirâ lächelnd vor.

Hiroshi sah sich um: „Wo hast du Nao gelassen?“

„Der ist schon in der Schule. Gestern hat er erzählt, dass das Orchester heute vor dem Unterricht noch irgendwas zu besprechen hat. Haben sie wohl gestern nicht mehr geschafft…“, zuckte Kô mit den Schultern und grinste dann, „Hättest du auch mitbekommen, wenn du dich gestern nicht so schnell abgeseilt hättest. Was hattet ihr beiden Hübschen denn so Schönes vor? Verheimlichst du uns was?“

Peinlich berührt von dieser Aussage zuckte Mirâ zusammen. Im Gegensatz zum Vortag, als sie die Aussagen der beiden Jungs für nicht ganz voll genommen hatte, verstand sie diese direkte Ansage doch ziemlich gut, was dazu führte, dass es ihr doch etwas unangenehm war. Hiroshi unterdessen verpasste dem Silbergrauhaarigen einen Klaps auf den Hinterkopf, was diesen nun auch zusammenzucken ließ.

„Baka! Es ist nicht so wie du denkst. Ich habe Shingetsu nur zu Akane begleitet, weil ich wegen dem letzten Samstag ein schlechtes Gewissen hatte…“, erklärte er daraufhin.

Der Silbergrauhaarige überlegte kurz, als müsse er erst überlegen, was an dem Samstag vorgefallen war, eher er ein verstehendes „aaaaah“ von sich gab und dann grinste: „Du meinst die Sache mit Chiyo. Auch wenn ich immer noch nicht ganz verstehe, was da los war. Aber sie war sauer, das stimmt.“

„Siehst du!?“, meinte der Blonde und wandte sich dann dem Bahnsteig zu, da in diesem Moment die U-Bahn einfuhr.

Mit quietschenden Bremsen blieb die Bahn neben ihnen stehen und öffnete darauf die Türen, sodass die drei Oberschüler einsteigen konnten.
 

Entgegen der letzten Tage begleitete Mirâ die beiden Jungs bis zur Schule, wo sie schlussendlich von Hiroshis anderem Kumpel in Empfang genommen wurden, welcher sich als „Obata Naoto“ vorstellte und ihr dabei grinsend die Hand reichte. Dabei fielen Mirâ die ungewöhnlich hell wirkenden grünen Augen des jungen Mannes auf, mit denen er sie fröhlich durch die schwarze Brille hindurch anstrahlte und die durch seine dunklere Haut noch viel heller wirkten. Anstatt der Schuljacke trug er den weiß-schwarzen Pullover über dem Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte und unter dessen Saum an der Hüfte das Hemd herausschaute. Seine etwas längeren, strubbeligen Haare versuchte er mit einem breiten grünen Stoffband zu bändigen. Freundlich stellte sich die Violetthaarige auch dem Brünetten gegenüber vor, bevor sie sich mit einem Lächeln vorerst von der Gruppe verabschiedete, um ihre Schuhe wechseln zu gehen, während die drei jungen Männer offensichtlich noch etwas zu besprechen hatten. So betrat sie das Schulgebäude und ging schnurstracks auf ihr Fach zu, in dem ihre Hausschuhe standen. Als sie diese jedoch herausnehmen wollte, stoppte sie kurz, als sie das Gespräch zweier Schüler mitbekam, dass ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Ich hab es gestern wirklich ausprobiert.“

„Was?“

„Na das Spiegelspiel!“

„Echt jetzt? Und? Ist wirklich was passiert?“

„Hm… es war irgendwie komisch. Erst passierte nichts, aber dann tauchte plötzlich ein dunkler Schatten im Spiegel auf.“

„Und dann?“

Ein Rascheln war zu vernehmen, dass auf ein Schulterzucken hinwies: „Ich hab mich kurz erschrocken… und dann war der Schatten plötzlich wieder weg.“

„Eeeeh? Wie enttäuschend…“

„Ja nicht wahr? Voll lame. Ich dachte echt da passiert was interessantes…“

Die Stimmen der beiden wurden leiser, was bedeutete, dass sie sich von Mirâ entfernten, die noch immer wie angewurzelt dastand, während ihr jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Mit einem Mal waren die Erinnerungen an ihre Erfahrung mit dem Spiegelspiel wieder präsent, die sie eine ganze Weile als Traum oder Einbildung abgetan hatte. In Zusammenhang mit ihrem Besuch im Velvet Room wurde ihr nun jedoch endgültig bewusst, dass es sich dabei um keines der beiden gehandelt haben konnte, sondern dass es Realität war. Und plötzlich überkam sie eine ganz böse Vorahnung, als ihr das Bild von Akane in den Sinn kam, die des Nachts von diesem Schatten hinübergezogen wurde, so wie sie den einen Abend. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und ließ sie erschrocken herumwirbeln, woraufhin auch ihr Gegenüber erschrocken zusammenzuckte. Sie sah auf und blickte wieder auf Hiroshi, der sie besorgt musterte.

„Alles in Ordnung mit dir? Du bist plötzlich so blass“, hinterfragte er ihren Zustand und erklärte damit den Umstand, dass er sie noch einmal direkt angesprochen hatte.

„Ähm… ja… … n-nein… eigentlich nicht…“, murmelte die junge Frau leicht verwirrt.

Kurz sah sich der Blonde um, ehe er ein Stück näher an sich herantrat, um leiser zu sprechen: „Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Ähm… ehrlich gesagt ist das etwas kompliziert… wahrscheinlich wirst du mir nicht einmal glauben…“, meinte Mirâ zurückhaltend, während sie tunlichst versuchte dem Blick des jungen Mannes auszuweichen, „Aber ich habe… eine Vermutung, was mit Chiyo-san passiert ist…“

Mit großen blauen Augen sah ihr Gegenüber sie an, bevor er sie an den Schultern packte und sie damit zwang ihn anzusehen: „Wie bitte? Wenn du eine Ahnung hast, was mit Akane passiert ist, dann sprich… selbst, wenn es irrsinnig klingen sollte!“

Die Schülerin zögerte kurz, bevor sie einmal kurz durchatmete, um ihre Gedanken wieder etwas zu ordnen: „D-das würde jetzt zu lange dauern… lass uns in der Mittagspause darüber sprechen. Okay?“

„Ähm… alles klar!?“, Hiroshi wirkte leicht verwirrt, doch schien dann zu bemerken, in welcher Situation sich die beiden befanden, weshalb er schnell Abstand nahm, „Sorry. D-dann sprechen wir in der Mittagspause darüber.“

„Uhm“, die junge Frau nickte, woraufhin sich der Blonde erst einmal abwandte und dann hinauf zum Klassenzimmer ging.

Mirâ sah ihm nach und war sich nicht sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, das dem Blonden gegenüber zu erwähnen. Nun aber konnte sie keinen Rückzieher mehr machen. Sie musste es ihm nun erzählen, selbst wenn er sie daraufhin für verrückt erklären sollte.
 

[ *Mittagspause* ]
 

Die Glocke beendete die erste Hälfte des Schultages und entließ die Schüler der 2-1 in die Mittagspause. Seufzend packte Mirâ ihre Sachen zusammen und ihr Bento aus, als sie neben sich einen Schatten bemerkte. Sie musste nicht einmal aufschauen, um zu wissen, dass es sich dabei um ihren Klassenkameraden Hiroshi handelte. Ihre Hoffnungen, dass er wieder vergessen hatte, worüber sie am Morgen sprachen, waren damit zerstört. Verunsichert blickte sie auf und in das ernste Gesicht den Blonden.

„Kô und Nao wissen Bescheid, dass ich heute nicht dabei bin, also…“, sagte er nur auf ihr Schweigen hin.

Kurz sah sich die Violetthaarige vorsichtig um, bevor sie sich erhob: „Können wir irgendwo ungestört reden?“

Hiroshi stutzte kurz, doch überlegte dann und winkte sie mit sich, woraufhin sie gemeinsam das Gebäude verließen und sich draußen im Hof eine ruhige Ecke suchten. Auf ihrem Weg hatte Mirâ das Gefühl von den Blicken der anderen durchbohrt zu werden. Mit Sicherheit sah diese Konstellation mehr als merkwürdig aus, zumal sie sich einen Platz etwas abseits suchten. Doch in diesen sauren Apfel musste sie nun beißen, denn sie wollte auch nicht, dass irgendjemand sonst mitbekam, was sie dem jungen Mann gleich erzählen würde. Es reichte ihr schon, wenn er sie am Ende für verrückt erklärte. Der Blonde ließ sich auf einer niedrigen Mauer nieder und wies dann neben sich, woraufhin sich die junge Frau nach kurzem Zögern neben ihn setzte.

„Also? Was ist deine Vermutung? Was ist mit Akane passiert?“, stellte Hiroshi sogleich die Fragen, die ihm auf der Zunge lagen.

Noch einmal schwieg die Violetthaarige daraufhin kurz und sortierte ihre Gedanken, ehe sie seufzte und dann ansetzte zu erklären: „Kennst du das Spiegelspiel?“

„!? Dieses komische Gerücht, was gerade im Umlauf ist?“, fragte ihr Gegenüber und bekam als Antwort nur ein Nicken, „Sicher… man hört ja überall davon. Aber was hat das mit Akane zu tun. Das ist doch nur irgendein Schwachsinn, den sich irgendwer ausgedacht hat…“

„Und was, wenn nicht?“, mit eindringlichem Blick sah Mirâ zu ihm, woraufhin er leicht zusammenzuckte.

„Wie meinst du das?“, kam verunsichert eine weitere Frage.

Noch immer sah die junge Frau ihr Gegenüber an und seufzte dann erneut, bevor sie erzählte, was ihr vor einigen Tagen geschehen war; wie sie das Spiegelspiel gespielt hatte und kurz darauf in dieser merkwürdigen Welt aufwachte und dort auf die kleine Mika getroffen war. Wie sie kurz darauf von diesen unheimlichen Wesen angegriffen wurde und versuchte wegzulaufen, dann plötzlich Hemsut erweckte, mit der sie diese besiegen konnte, und danach wieder zuhause aufgewacht war.

„Ich hab das Anfangs für einen Traum gehalten, aber…“, sie legte ihre Hand auf die Brust, „Das Glühen in mir sagt mir eindeutig, dass es keine Einbildung war. Dass das wirklich geschehen ist und diese Welt hinter dem Spiegel real ist. Und ich vermute, dass… Chiyo-san sich dort befindet. Wahrscheinlich wurde sie auch von diesem Wesen geschnappt und in diese Welt verschleppt und kommt dort nicht wieder raus…“

Sie sah wieder auf und genau in Hiroshis Gesicht, dem jegliche Züge entglitten waren.

Aus diesem Grund seufzte Mirâ leise, denn sie hatte ja geahnt, dass er ihr nicht glauben würde: „Ich sag ja, dass das ziemlich verrückt klingt… Und ich verstehe auch, wenn du mir nicht glaubst.“

Es folgte kurzes Schweigen, in dem der Blonde offensichtlich erst einmal verarbeiten musste, was er gerade gehört hatte. Natürlich rechnete die Violetthaarige damit, dass er ihr nicht glaubte und sie für verrückt hielt. Wenn ihr das alles nicht wirklich passiert wäre, würde sie genauso reagieren. Etwas enttäuscht starrte die junge Frau auf ihr immer noch unberührtes Bentô, dass auf ihrem Schoß stand.

„Das klingt wirklich alles echt schräg“, holte sie seine Stimme wieder aus ihren Gedanken.

Sie rechnete bereits damit, dass er gleich anfangen würde zu lachen, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen blieb er ernst und sprach weiter:

„Aber… wieso solltest du dir sowas ausdenken? Außerdem… naja… man hört ja öfters von diesen Gerüchten. Auch beim Fußball haben sich Montag einige darüber unterhalten und erwähnt, dass sie das Gefühl hatten, als würde dieser Schatten aus dem Spiegel kommen. Wenn das so viele sagen, dann muss ja irgendwas dran sein, auch wenn das echt unheimlich klingt. Naja… wie soll ich sagen? Vielleicht hast du ja recht und Akane wurde wirklich von diesem Wesen entführt. Die Frage ist nur… wie können wir ihr da helfen?“

Überrascht sah Mirâ auf und auf den jungen Mann, der sich den Finger an das Kinn gelegt hatte und überlegte. Es dauerte einen Moment, ehe er ihren Blick auf sich spürte und dann zu ihr sah.

„Kommt man denn so einfach hinein?“, fragte er dann plötzlich.

Etwas überrumpelt von dieser Frage zuckte die Oberschülerin zusammen und schüttelte dann den Kopf: „Ich… ich habe keine Ahnunge… ehrlich gesagt habe ich mich seither nicht mehr so intensiv in meinen Spiegel gesehen, aber… ich glaube, dass ich ihn berühren konnte, ohne dass meine Hand durch ging, aber da war es hell…“

„Hm…“, Hiroshi überlegte kurz, „Das Gerücht besagt, dass dieses Wesen nur im Dunkeln auftaucht. Vielleicht ist das der Auslöser… Deshalb sollten wir es Abends probieren…“

„Wahrscheinlich… ähm warte… wir!?“, fragte die junge Frau erschrocken.

Ihr Gegenüber lehnte sich leicht zurück: „Natürlich… denkst du, ich lass dich da alleine rein gehen, nachdem, was du erlebt hast? Außerdem hast du mir das doch bestimmt nicht ohne Grund erzählt. Oder?“

Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht, während Mirâ ertappt auf ihre Bentobox schaute. So ganz Unrecht hatte er damit wirklich nicht. Vielleicht hatte sie wirklich ein wenig gehofft er würde ihr glauben und sie dabei unterstützen.

Das Lächeln wurde breiter, bevor Hiroshi wieder nachdenklich wurde: „Die Frage ist nur… wie stellen wir das an? Wir könnten uns eine Zeit ausmachen und es dann jeweils bei uns ausprobieren. Aber am Ende finden wir uns nicht wieder… Du hast ja erzählt, dass du an einem Ort gelandet warst, den du nicht kanntest. Das könnte dann also ein Problem werden. Und wenn wir uns bei einem von uns treffen, um den gleichen Spiegel zu nutzen, gibt es mit Sicherheit nur dumme Fragen… Also wie…?“

Mit großen Augen beobachtete die Violetthaarige den jungen Mann, der sich tatsächlich Gedanken darüber machte, wie er ihr und damit auch Akane helfen konnte. Dabei war es gar nicht wirklich sicher, dass die Brünette in dieser komischen Welt war und dass sie es irgendwie hinüberschafften. Trotzdem erleichterte es sie ungemein, dass er ihr glaubte und gleich die Initiative ergriff.

Plötzlich schien Hiroshi einen Geistesblitz zu haben, denn er klopfte sich mit der Faust in die offene Hand: „Ich habs… das Einkaufszentrum…“

„Huh?“, kam es nur überrascht von der Schülerin.

„Na die Fassade des Einkaufszentrums besteht aus versiegeltem Glas. Das heißt, es funktioniert wie ein großer Spiegel. Verstehst du? Und es schließt 19 Uhr… die Sonne geht gegen 18:30 Uhr unter. Das heißt, wir müssen uns nur gegen 20:30 Uhr dort treffen und es ausprobieren“, erklärte der Oberschüler aufgeregt, „Was meinst du? Um die Zeit sollte es dort kaum noch Verkehr geben und wir fallen nicht auf.“

Mirâ war vollkommen überrumpelt und wusste gar nicht so genau, was sie darauf antworten sollte. Die Uhrzeit war schon ziemlich spät, weshalb sie gar nicht wusste, ob ihre Mutter sie dann überhaupt noch das Haus verlassen ließ. Andererseits blieb ihnen doch gar keine andere Wahl, um herauszufinden, ob sie Recht hatte oder nicht. Sie wandte sich wieder ihrem Schoß zu und überlegte welche Ausrede sie ihrer Mutter auftischen konnte, um so spät Abends noch einmal das Haus verlassen zu können. Zumal sie nicht wusste, wie lange es dauern würde. Am Ende machte sich ihre Mutter noch Sorgen, wenn sie sie überhaupt gehen ließ. Ihrem Schweigen entnahm Hiroshi offensichtlich, dass sie Zweifel hatte:

„Ne doofe Idee oder? Wird schwierig nochmal raus zu kommen oder?“

Schnell sah sie wieder auf und schüttelte den Kopf: „N-nein, die Idee war gut. Aber mit dem anderen hast du Recht. Es könnte schwierig werden, aber… ich werde es versuchen. Irgendwie krieg ich meine Mutter überredet, keine Sorge. Aber… geht das denn bei dir klar?“

Der Blonde winkte ab: „Ich schiebe einfach meinen Nebenjob vor… genörgelt wird dann zwar trotzdem, aber das ist nicht so schlimm.“

Verblüfft darüber, dass ihr Klassenkamerad einem Nebenjob nachging, sah sie ihn mit großen Augen an und versuchte irgendwie zu erraten, was er machte, wenn er dafür Abends noch einmal raus konnte. Lange konnte sie jedoch nicht darüber nachdenken, denn in diesem Moment grinste Hiroshi sie schon wieder an:

„Also machen wir das fest? 20:30 Uhr am Einkaufszentrum?“

„Ähm… ja. Das machen wir so“, nickte Mirâ darauf nur.

„Sehr gut! Aber jetzt sollten wir was essen, bevor die Pause rum ist“, lachte der Blonde und packte seine Sandwiches aus, in die er genüsslich biss.

Erneut nickte die Violetthaarige und packte dann auch endlich ihr Bento aus, um dieses noch vor Ende der Pause zu sich zu nehmen.
 

[ *Nach der Schule* ]

[ Kyûdû-Klub ]
 

„Und so wird der Bogen gespannt. Achtet darauf, dass…“, erklärte ein Mitglied des Klubs, während er demonstrierte, wie man die Sehne des Bogens richtig anbrachte.

Dabei musste er ziemlich viel Kraft aufbringen, um dies zu bewerkstelligen. Gebannt schauten die potentiellen neuen Mitglieder zu. Auch Mirâ schaute hin, war jedoch mit ihren Gedanken ganz woanders. Zum einen wusste sie ja eigentlich schon, wie genau das funktionierte, auch wenn sie eigentlich wieder Übung darin brauchte, zum anderen kreisten ihre Gedanken um die Mission, die sie an diesem Abend erwarten würde; sofern ihr Plan überhaupt aufgehen und sie in diese merkwürdige Welt gelangen würden. Ihr kam der Gedanke, dass sie vielleicht nicht ganz unbewaffnet dort auftauchen sollte. Das letzte Mal konnte sie nur davonlaufen, bis Hemsut erschienen war; und deren Fähigkeiten hatten an ihrer Kraft gezerrt, jedenfalls war es ihr so vorgekommen. Also war es wohl besser, wenn sie etwas zur Verteidigung mitnehmen würde. Die Frage war nur was? Wie gebannt blieb ihr Blick an dem Bogen hängen, den ihr Senpai zu Vorführzwecken in seiner Hand hielt.

„Das könnte klappen…“, ging ihr durch den Kopf, während sie einen Entschluss fasste und dann versuchte irgendwie dem Rest der Stunde zu folgen.
 

[ *Abend* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

Ein dumpfes Knallen war zu hören, auf das ein leises Fluchen folgte, bevor das Geräusch von Kisten, die über den Boden geschoben wurden erklang. Fragend blickte Haruka in die kleine Abstellkammer unter der Treppe zum ersten Stock und beobachtete ihre älteste Tochter dabei, wie diese etwas in der engen Kammer zwischen Kartons suchte.

„Kann man dir helfen, Mirâ?“, fragte sie etwas besorgt, „Was suchst du überhaupt?“

„Nicht wirklich… ich habs gleich“, meinte sie junge Frau und stieß gegen eine weitere Kiste, woraufhin etwas herunter und auf ihren Rücken fiel, „Au… ah jetzt hab ichs.“

Mit lautem Geraschel kämpfte sich die junge Frau durch das Gerümpel wieder hinaus in den Flur, wo ihre Mutter sie mit hochgezogener Augenbraue beobachtete.

„Was sollte das denn jetzt? Und was möchtest du mit deinem alten Bogen? Der ist doch viel zu klein… wir hatten doch gesagt, dass wir am Sonntag eine neue Ausrüstung besorgen werden“, fragte die Blauhaarige skeptisch.

Eingängig betrachtete Mirâ den relativ kleinen Bogen in ihrer Hand und drehte ihn in alle Richtungen. In der anderen Hand hielt sie zum einen ein kleines Schächtelchen, in dem sich noch Sehnen befinden sollten, und zum anderen einen schmalen, dafür langen Köcher mit Pfeilen.

„Ja ich weiß, Mama. Ich wollte aber schauen, ob der hier nicht doch noch geht…“, murmelte die junge Frau.

Natürlich ging er für den eigentlichen Sport nicht mehr. Das war ihr sofort bewusst geworden, als sie ihn in die Hände bekommen hatte, doch für ihre Mission sollte er noch gehen. Die Frage war nur, wie sie diesen aus dem Haus bekam, ohne, dass ihre Mutter es merkte. Am späten Abend noch hinaus zu gehen, war die eine Sache, die sie schon vor eine Herausforderung stellte. Dabei aber auch noch eine Waffe mit sich zu führen, war mehr als verdächtig. Sie hatte zwar einen ungefähren Plan, aber wusste nicht, ob er auch so aufgehen würde.

Ein Seufzen neben ihr ließ sie über ihre Schulter blicken, während sie sah, wie sich ihre Mutter langsam von ihr entfernte und ins Wohnzimmer ging: „Das hätte ich dir gleich sagen können, dass er zu klein ist, Mirâ. Du bist doch keine Anfängerin mehr im Kyudo…“

„Ich weiß, Mama. Aber er kam mir früher so groß vor“, log die Violetthaarige mit einem leichten Lachen, „Ich werde ihn mir als Glücksbringer ins Zimmer stellen.“

„Na wenn du meinst…“, seufzte Haruka erneut, „Ich muss dann noch ein bisschen Papierkram erledigen und bin deshalb in meinem Büro. Kümmerst du dich bitte dann darum, dass Junko rechtzeitig um 8 ins Bett geht?“

„Ja sicher“, versprach die Oberschülerin, während die Ältere sich nun mit einigen Unterlagen unter dem Arm nach oben begab, wo sich ihr kleines Büro befand.

Mirâ sah ihr kurz nach und sah in dieser Situation ihre Chance für die Mission am späten Abend.
 

[ *später Abend* ]

[ Innenstadt ]
 

Mit schnellen Schritten eilte Mirâ durch die beinahe verlassene Einkaufsstraße von Kagaminomachi in Richtung des Einkaufszentrums. Nachdem sie Junko wie versprochen ins Bett gebracht hatte, hatte sie ihrer Mutter verkündet, dass sie noch einmal kurz in einen der Konbinis müsse, weil sie noch etwas für die Schule brauchte. Zwar wirkte Haruka für einen Moment irritiert und hinterfragte, ob es denn so dringend sei, doch nachdem die Oberschülerin dies eindringlich bestätigt hatte, nahm sie es so hin und ließ die junge Frau gehen; jedoch mit der Bitte nicht zu lange zu trödeln. So schnell sie konnte hatte Mirâ daraufhin das Haus verlassen und auf ihrem Weg noch nach ihrer Ausrüstung gegriffen, die sie sich vorher bereitgelegt hatte.

Sie sah auf, als sie die Treppe erkennen konnte, die sie auf die Anhöhe zum Einkaufszentrum bringen würde, bevor sie einen kurzen Blick auf ihre Uhr warf. Diese zeigte bereits kurz nach halb neun. Da sie nicht eher das Haus verlassen hatte und die U-Bahnen ab 19 Uhr nicht mehr so regelmäßig fuhren, war sie etwas in Zeitnot geraten. Sie beschleunigte ihre Schritte noch etwas und stieg dann die alte Steintreppe hinauf, an dessen Ende sie bereits einen Teil des Gebäudes sehen konnte, welches sie angesteuert hatte. Mit einem ausfallenden Schritt erreichte sie die oberste Stufe und somit den Vorplatz, welcher ebenfalls wie leergefegt wirkte. Etwas weiter entfernt entdeckte sie ein kleines Grüppchen, dass sich auf einer der Bänke niedergelassen hatte, von ihr jedoch keine Kenntnisse zu nehmen schien. Deshalb lief sie unbeirrt auf das große verglaste Gebäude zu und sah sich dabei um, in der Hoffnung Hiroshi zu finden.

„Oi“, hörte sie jemanden vorsichtig rufen.

Überrascht drehte sie sich zur Seite und erkannte im Schatten eines Baumes eine Gestalt, die sich daraufhin in Bewegung setzte und sich kurz darauf als ihr blonder Begleiter zu erkennen gab.
 

Einen Moment später hatte der junge Mann sie erreicht und lächelte sie erleichtert an.

„Ich dachte schon, du kommst nicht…“, lachte er etwas verlegen.

„Entschuldige… ich musste mich noch um meine kleine Schwester kümmern und dann musste ich irgendwie an meiner Mutter vorbeikommen“, erklärte sich die Violetthaarige.

„Alles gut“, Hiroshi grinste schief und blickte dann auf die Ausrüstung, die sie auf ihrer Schulter trug, „Ist es dort drüben wirklich so extrem gefährlich?“

Die junge Frau blickte auf die schwarze längliche Tasche, in der sich ihre alte Kyūdo-Ausrüstung befand: „Letztes Mal war ich unbewaffnet und empfand es schon als ziemlich erschreckend. Ich dachte, es könnte nicht schaden, etwas zur Verteidigung mitzunehmen. Allerdings ist der Bogen noch aus meiner Grundschulzeit, deshalb ziemlich klein. Aber für den Moment wird es wohl gehen…“

„Ich verstehe…“, für einen Moment wirkte ihr Begleiter etwas nachdenklich, doch wandte sich dann ab, „Ich hab eine gute Stelle gefunden, wo wir versuchen können hinüber zu kommen. Komm mit.“

Die beiden Oberschüler setzten sich in Bewegung und liefen einmal um das Gebäude herum, bis sie in einer Ecke angelangt waren, die nur spärlich beleuchtet war, dafür jedoch auch ziemlich unbeobachtet. Etwas mulmig war der jungen Frau dabei in diesem Moment dann doch, aber sie wusste auch, dass es ansonsten wohl keine andere Möglichkeit als diese hier gab. Besorgt blickte sie in ihr Spiegelbild, dass von den Scheiben des Gebäudes auf sie zurückgeworfen wurde.

„Also… was müssen wir machen?“, holte sie Hiroshis Stimme aus den Gedanken.

Etwas erschrocken schaute sie zu dem Blonden und wandte sich dann wieder der verglasten Wand zu, ehe sie einen Schritt darauf zuging. So richtig wusste sie eigentlich nicht, was sie machen sollte. Das letzte Mal war sie immerhin unfreiwillig in dieser Welt gelandet, deshalb war nicht klar, ob funktionieren würde, was sie gleich testen wollte. Noch einmal sah sie kurz zu Hiroshi, ehe sie schwer schluckte, sich den großen Spiegeln zuwandte und dann vorsichtig ihre Hand darauflegte. Kurz darauf spürte sie das kalte Glas unter ihren Fingern, doch sonst passierte nichts. Etwas erleichtert atmete sie auf. Vielleicht hatte sie sich ja doch getäuscht und das letzte Mal war nur ein Traum gewesen. Das würde zwar bedeuten, dass auch Akane sich nicht dort befand, jedoch auch, dass es der Polizei möglich war sie wiederzufinden. Erleichtert wollte sie sich ihrem Begleiter zuwenden, als sie plötzlich den Halt an dem Spiegel verlor. Erschrocken sah sie auf die Fläche, in welcher ihre Hand plötzlich verschwunden war. Und als sei dies nicht schon kurios genug, griff sie plötzlich etwas und versuchte sie hineinzuziehen; und das mit so viel Kraft, dass sie keine Chance hatte sich dagegen zu wehren. Sie spürte noch, wie Hiroshi nach ihrem anderen Arm griff, ehe die Welt um sie herum dunkel wurde.

Kurz darauf herrschte Stille in der spärlich beleuchteten Ecke des Einkaufszentrums, welche nun leer war.
 

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XIII – Beyond the Glass Veil


 

*~* XIII – Beyond the Glass Veil *~*

[ ~Mittwoch, 15. April 2015~ ]

[ *später Abend* ]

[ Kagaminomachi Einkaufszentrum ]
 

Mit einem dumpfen Geräusch purzelten erst Mirâ und dann Hiroshi aus der verspiegelten Wand hinaus auf die freie Fläche davor.

"Urgh...", hörte man die Stimme des Blonden bei seinem Aufprall.

Auch die Landung der Violetthaarigen war alles andere als sanft, wie man ihrem kurzen Fluchen entnehmen konnte. Schmerzhaft konnte sie sich gerade so mit den Händen abstützen, bevor sie mit der vollen Länge und dem Gesicht voran auf dem Asphalt aufgeprallt wäre. Sie schüttelte den Kopf, um so wieder Herr ihrer Sinne zu werden, ehe sie diesen wieder hob und einen Blick auf ihre Umgebung warf. Auf den ersten Blick konnte sie nichts erkennen, was darauf schließen ließ, dass sie in einer anderen Welt gelandet waren. Der Platz sah genauso aus, wie der, den sie eigentlich vor wenigen Sekunden verlassen haben sollten. Dabei war sie sich sicher, dass etwas nach ihr gegriffen und sie in den Spiegel gezogen hatte. Da Hiroshi sogar nach ihr gegriffen hatte, musste auch er davon etwas mitbekommen haben. Oder hatten sie sich das alles nur eingebildet? Nein mit Sicherheit nicht. Irgendwas hier war anders, doch noch konnte sie nicht sagen, was genau sie störte. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie auch ihr blonder Begleiter sich umsah und dabei einen Überblick verschaffte. Er blickte sich genau wie sie in alle Richtungen um und sah dann in den Himmel, wo er die Hand vor die Augen legte.

"Sag mal", begann er und war sich so der vollen Aufmerksamkeit der jungen Frau sicher, "Hatten wir nicht beinahe Neumond?"

"Wie?", kam nur eine verwirrte Frage der Oberschülerin, ehe auch sie ihren Blick gen Himmel richtete und dort einen fast vollen Mond erkannte, der ungewöhnlich groß wirkte.

Überrascht musste sie kurz blinzeln, um sicher zu gehen wirklich das zu sehen, was sich dort am Himmel befand. Tatsächlich hatten sie eigentlich fast Neumond. Der Mond in ihrer Welt war beinahe vollständig verschwunden und aktuell eigentlich nur noch eine dünne Sichel, weshalb es ohne Straßenbeleuchtung draußen unangenehm dunkel war. Hier jedoch strahlte der Mond hell, fast schon unnatürlich und erhellte die Umgebung. Nun erkannte Mirâ auch, was sie die ganze Zeit gestört hatte. Sie setzte sich in Bewegung und ging zu einem der kleinen Bäume, die rund um das Einkaufszentrum gepflanzt waren und betrachtete dessen Blätter, die aussahen wie kleine Glassplitter. Wunderschön glitzerten sie im hellen Licht des großen Mondes und gaben der Umgebung somit einen surrealen Touch.

"Komisch...", hörte sie ihren Klassenkameraden hinter sich und wandte sich ihm wieder zu, "Naja... ich bin mir sicher, dass die Wand durch die wir gegangen sind rechts von uns war... aber jetzt ist sie..."

Er wandte zu seiner Linken: "Auf der anderen Seite... auch die Umgebung sieht irgendwie so aus, als sei sie gespiegelt... ich bin mir sicher, dass das Geschäftsviertel links von hier ist... und nicht rechts..."

Er zeigte auf die Hochhäuser, die sich rechts von ihm befanden: "Dort seh ich auch den Bahnhof... der ist eigentlich auch auf der anderen Seite..."

Mirâ sah in die Richtung, in welche der junge Mann gezeigt hatte.

"Sieht so aus, als hätte es geklappt", der Blonde stellte sich neben sie, "Das was du erlebt hast, war also doch keine Einbildung gewesen."

"Scheint so...", murmelte die Schülerin, denn eigentlich wäre ihr ein Traum lieber gewesen.

Nun jedoch hatte sie die Erkenntnis, dass alles, was vor einiger Zeit geschah, wirklich passiert war. In ihrer Brust breitete sich wieder das warme Glühen aus, so als wollte ihr ihr zweites Ich dies noch einmal bestätigen. Dass sich Akane also hier befand war also wirklich gar nicht so abwegig. Hoffentlich konnten sie sie dann zurückholen.
 

"Wer ist da?", erklang plötzlich eine weibliche Stimme, die die beiden Oberschüler erschrocken aufschauen ließ.

Kurz darauf erschien aus dem Schatten der Bäume eine kleine Gestalt mit rückenlangen Haaren, die auf die beiden zukam. Erst als das Licht des Mondes die Person traf erkannte Mirâ das kleine Mädchen, welches sie bei ihrem ersten Besuch in dieser Welt getroffen hatte.

"Mika-chan...", sprach sie unbewusst laut aus, woraufhin Hiroshi sie erst überrascht ansah und dann wieder zu der Hinzugekommenen blickte.

Sie hatte ihm ja von der Blauhaarigen erzählt, weshalb sich seine Überraschung in Grenzen hielt. Viel mehr war er erstaunt darüber sie so schnell selber kennenzulernen.

"Ach du bist das...", sagte die Jüngere, "Dir geht es also gut. Ein Glück. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, nachdem du zusammengebrochen warst."

"Du hast dir...?", überrascht von diesen Worten sah Mirâ die Kleinere an, doch stoppte dann, "Danke. Ähm... weißt du was danach passiert ist?"

"Hm... Plötzlich war ein platinblonder Typ in merkwürdigen blauen Klamotten aufgetaucht und hat dich irgendwo hingeschleppt. Ich hab ihn gefragt, wo er dich hinbringt, aber er meinte nur, dass nun alles in Ordnung sei", erklärte Mika, "Ich wollte ihm nach, aber da wart ihr schon verschwunden. Aber wie es scheint hatte er nichts Böses im Sinn. Aber... wieso bist du wieder hier? Und wer ist das?"

Die Violetthaarige überlegte kurz, da sie sich nicht an einen platinblonden Mann in blauen Sachen erinnern konnte. Wenn sie über seine Beschreibung nachdachte, kam ihr als erstes der Velvet Room in den Sinn, immerhin hatte Margaret auch platinblonde Haare und trug merkwürdige blaue Kleidung, aber sie war eine Frau und konnte es deshalb nicht gewesen sein. Wen meinte Mika also dann? Gab es noch einen Bewohner im Velvet Room? Bei ihren letzten Besuchen dort hatte sie niemand anderen als den Nasenmann und die junge Frau getroffen. Da sie auf keinen grünen zwei kam beschloss sie diese Sache erst einmal beiseite zu schieben und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Deshalb wandte sie sich wieder dem kleinen blauhaarigen Mädchen zu, die sich mittlerweile Hiroshi angenähert hatte.

"Mein Name ist Makoto Hiroshi", stellte sich der junge Mann vor und hockte sich etwas zu der Kleinen hinunter, "Und du bist Mika-chan? Freut mich."

Etwas skeptisch sah Angesprochene ihn an und legte den Kopf schief: "Kannst du etwa auch dieses komische Wesen rufen? Diese... Persona?"

Hiroshi wirkte überrascht und schüttelte dann den Kopf: "Nein. Nicht dass ich wüsste..."

"Wieso bist du dann hier? Dieser Ort ist ziemlich gefährlich...", mahnte Mika noch immer etwas misstrauisch.

"Das mag sein", lächelte der junge Mann und erhob sich dann wieder, "Aber vermutlich befindet sich hier jemand, der mir wichtig ist und wegen der wir hier sind."

"Jemand der dir wichtig ist?", noch einmal legte die Blauhaarige ihren Kopf leicht schief und legte dann ihren Finger an ihr Kinn, als würde sie über etwas nachdenken, "Hm..."

"Weißt du etwas, Mika-chan? Es handelt sich um eine gute Freundin", erklärte Mirâ, "Sie ist vor einigen Tagen spurlos verschwunden. Ihre persönlichen Sachen sind noch zuhause... und nachdem ich letztes Mal plötzlich hier gelandet bin, dachte ich, dass es ihr genauso ergangen ist..."

"Das kann schon sein...", sah Mika ernst auf und kassierte dadurch erstaunte Blicke, "Wisst ihr... vor einigen Tagen habe ich gespürt, dass etwas oder jemand hierher gekommen ist..."

"Das spürst du?", kam eine überraschte Frage von Hiroshi.

Die Blauhaarige nickte und erklärte, dass sie nicht wisse wieso sie diese Fähigkeit besaß. Jedoch lief ihr immer dann ein kalter Schauer über den Rücken, sobald jemand in dieser Welt erschien.

"Erstmalig habe ich dieses Gefühl gehabt, als du vor einigen Tagen hier erschienen bist", erklärte sie weiter mit einem Blick auf Mirâ, "Auch den Standort der Person kann ich dann ungefähr eingrenzen."

"Dadurch wusstest du, dass du uns hier findest?", fragte Mirâ nach und bekam als Antwort ein Nicken.

Mika erklärte weiter, dass sie natürlich nicht spürte wer genau hier auftauchte, aber eine Präsenz nahm sie wahr.

"Das heißt, du weißt wo sich Akane aufhält?", in den Augen des Blonden spiegelte sich leichter Hoffnung.

"Ob es sich wirklich um diese Akane handelt, weiß ich nicht. Aber ich kann euch an den Ort führen, wo sich die Person aufhält, die vor einigen Tagen erschienen ist", meinte das kleine Mädchen ernst.

Sofort trat Mirâ an sie heran und nahm ihre Hände in die Ihren: "Dann bitten wir dich darum, Mika-chan."

Überrascht sah die Kleine die Oberschülerin mit roten großen Augen an, doch nickte dann, bevor sie jedoch noch eine Warnung aussprach:

"Aber der Weg dorthin wird nicht einfach... wir müssen laufen, denn Bahnen fahren hier nicht. Außerdem werden mit Sicherheit Shadows auftauchen..."

"Shadows?", fragte Hiroshi nach.

"Diese Wesen, die Mika-chan und mich das letzte Mal angegriffen haben, bevor meine Persona erwacht ist", erklärte die Violetthaarige, "Bring uns bitte trotzdem dorthin. Notfalls kann ich kämpfen."

"Gut, wie ihr meint...", nickte Mika, "Dann folgt mir."
 

Die Blauhaarige setzte sich in Bewegung, woraufhin die beiden Oberschüler folgten und sie gemeinsam als Gruppe die steile Treppe zur Einkaufsstraße hinunterstiegen. Unten angekommen lief Mika nach rechts weg, die leergefegte Straße entlang. Dabei stellten die beiden Älteren erneut fest, dass diese Stadt tatsächlich spiegelverkehrt aufgebaut war. Denn am Ende der Straße erkannten sie sowohl das Gebäude von Junes, als auch den Shinzaro Tempel, der erhöht zu allen anderen Gebäuden auf einem Hügel stand. Alleine dem surrealen Licht des Mondes hatten sie es zu verdanken, dass die überhaupt alles erkennen konnten, denn dieses war so stark, dass es alles in der Umgebung erhellte. Noch ehe die Gruppe bei Junes angelangt war, verließ sie die Einkaufsstraße durch eine Seitengasse zu ihrer Rechten und querte nach einiger Zeit den Fluss Gyakuryu über eine Brücke, auf die nach nur wenigen Minuten eine weitere folgte. Je weiter sie fortschritten, desto mehr spürte Mirâ die Unruhe, welche sich bei Hiroshi breit machte. Anscheinend hatte er bereits eine Ahnung, wohin ihr Weg sie führen würde, auch wenn dieser genau entgegengesetzt zur realen Welt war. Kurz nachdem sie die zweite Brücke passiert hatten, wurde ihr bis dahin ruhiger Weg durch mehrere Shadows gestört, die sich ihnen in den Weg stellten. Wie bereits bei Mirâs erstem Aufenthalt handelte es sich dabei um Schleime, die aus zuvor schwarzen Schatten erschienen. Anfangs versuchte die Violetthaarige ihnen noch mit Pfeil und Bogen entgegenzutreten, was jedoch aufgrund fehlender Praxis zumeist im Leeren endete. Schnell musste sie deshalb zu einer anderen Strategie greifen und entschied sich, nun doch ihre Persona zu rufen. Da sie diese das letzte Mal instinktiv gerufen hatte, hatte sie nun jedoch keine wirkliche Ahnung, wie sie dies schaffen sollte. Leider warteten ihre Gegner nicht darauf, bis sie sich erinnerte und griffen sie an, was die junge Frau zum Ausweichen bewegte. Auch Hiroshi und Mika blieben leider von den Angriffen nicht verschont, sodass auch sie immer wieder zur Seite springen mussten. Mirâ entkam einem weiteren Angriff nur mit größter Not und überlegte krampfhaft, was sie das letzte Mal getan hatte, als Hemsut erschienen war. Jedoch waren ihre Erinnerungen daran so schwammig, dass sie einfach keine Antwort fand. Verzweifelt wich sie erneut aus und landete daraufhin in einer Höhe mit ihren beiden Begleitern, um dann festzustellen, dass sie in eine Sackgasse gedrängt wurden, aus der es kein Entkommen gab. In diesem Moment sah sie, wie sich ihre Gegner erneut zum Angriff bereit machten. Sollte dieser Angriff durchkommen, so würden sie dies wahrscheinlich nicht überlegen. Irgendwie musste sie es also schaffen, sich und ihre Freunde zu beschützen.

"Verdammt! Wie ging das?", ging ihr verzweifelt durch den Kopf.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde sie den Klang eines Glöckchens vernehmen. Ganz kurz und nur für einen winzigen Moment, darin schwang eine leise weibliche Stimme mit, die ihr etwas zuflüsterte:

"Dein Smartphone..."

"Mein... Smartphone?", überrascht kramte sie das rote Telefon aus ihrer Tasche, dessen Display bereits entsperrt war und somit aufleuchtete.

Darauf erkannte sie, dass bereits ein Programm geöffnet war, in dem es mehrere Auswahloptionen gab, von der jedoch eine besonders herausstach. Und plötzlich erinnerte sie sich wieder. Ohne groß noch einmal darüber nachzudenken tippte sie auf sie Option "Summoning", woraufhin sich unter ihren Füßen ein blauer Strudel bildete, der kleine Partikelchen in die Luft schleuderte, aus denen sich daraufhin eine Gestalt in weißen Leinen, mit einem langen Schleier bildete.

"Hemsut!", rief Mirâ, deren Augen blau aufleuchteten.

Die Violetthaarige musste keine weiteren Befehle aussprechen, damit ihre Persona reagierte. Viel mehr wirkte es so, als würde Hemsut genau wissen, was sie gerade dachte. Mit Schwung erhob sich das weibliche Wesen in die Luft und richtete ihre Hand auf die schleimigen Shadows vor sich. Daraufhin flogen nacheinander mehrere Eisblöcke auf die Gegner, die sich mit lautem Kreischen in schwarz-rotem Nebel auflösten. Kaum war die erste Gruppe besiegt wandte sich Mirâ den übrigen zu, was ihre Persona ihr gleichtat und somit auch diese besiegte. Daraufhin kehrte wieder Ruhe ein. Trotz allem blieb die Violetthaarige noch weiter in Angriffsstellung, falls doch noch weitere Shadows auftauchen sollten. Das jedoch geschah nicht, weshalb sie endlich ihre angespannte Position aufgab und das Adrenalin ihren Körper verließ. Das jedoch hatte zur Folge, dass auch ihre Beine den Halt verloren und sie zu Boden sackte, während sich Hemsut langsam wieder in blaue Partikel auflöste. Gerade noch rechtzeitig konnte Hiroshi zu ihr hechten und sie auffangen, ehe sie aufschlug. Müde öffnete sie die Augen und blickte in die besorgten blauen Augen ihres Begleiters.

"Alles in Ordnung?", fragte er vorsichtig.

"J-ja, nur etwas erschöpft. Es geht gleich wieder", versuchte die Violetthaarige ihn zu beruhigen und setzte sich dabei vorsichtig auf.

"Scheint so, als würde der Einsatz einer Persona die Kondition beanspruchen", kam Mika auf die beiden zu, was diese zu ihr schauen ließ, "Du solltest es ruhig angehen lassen."

"Wir müssen Chiyo-san hier rausholen...", versuchte die junge Frau sich aufzurichten, wurde jedoch von Hiroshi aufgehalten

"Überstürz bitte nichts, Shingetsu", mahnte er, "Ruh dich noch kurz aus. Wir passen auf, dass wir nicht wieder angegriffen werden."

Er lehnte sie gegen die Mauer eines Gebäudes, sodass sie sich kurz ausruhen konnte.

Mika sah sich unterdessen um: "Allzu lange sollten wir allerdings nicht an einem Ort verweilen..."

"Wieso?", fragte der Blonde nach.

"Es gibt da einen echt schlimmen Shadow. Einen, vor dem man unbedingt weglaufen sollte. Er taucht auf, wenn man sich zu lange an einem Ort aufhält...", erklärte die Blauhaarige, den Blick auf alle Straßen haltend, "Ein lästiges Wesen..."

"Wo wir beim Thema sind... wer oder was bist du, Mika-chan?", fragte der junge Mann und schob gleich noch eine Entschuldigung nach, "Sorry für diese Frage, aber... bist du ein Mensch? Wieso bist du hier? Und wie lange?"

Das kleine Mädchen starrte ihn für einen Moment unverblümt an, ehe sie zu einer Antwort ansetzte: "Wieso und wie lange ich hier bin kann ich nicht sagen. Irgendwann bin ich hier aufgewacht, alleine und ohne Erinnerungen. Ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin und wann. Nur an meinen Vornamen erinnere ich mich noch. Zu der Frage, ob ich ein Mensch bin... ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Tut mir leid, dass ich dir darauf nicht antworten kann..."

Hiroshi schüttelte den Kopf: "Nein schon gut. Du kannst ja nichts dafür, auch weil das hier alles etwas schräg ist. Oder gerade deshalb? Hätte nie gedacht, dass es eine verkehrte Version unserer Stadt hinter den Spiegeln gibt..."

"Es gibt Dinge, die entziehen sich unserem Geist...", meinte die Blauhaarige plötzlich.

Überrascht sah der junge Mann sie an und wunderte sich über das doch recht erwachsene Verhalten, welches in extremen Kontrast zu dem Aussehen der Blauhaarigen stand. Ihr Körper mochte der einer Grundschülerin sein, doch ihr Geist was wesentlich weiter. Etwas, was dieses Mädchen noch mysteriöser machte, als so schon. Es gab mit großer Sicherheit einen Grund dafür, dass sie hier war und irgendwie hatte der junge Mann das Gefühl, dass es etwas mit dem Spiegelspiel zu tun haben könnte. Die Frage war nur: Was und wieso? Neben sich bemerkte Hiroshi eine Bewegung, woraufhin er sich an Mirâ wandte, die allmählich wieder zu Kräften gekommen war und damit wieder zu sich kam.

"Wir sollten weiter...", sagte die Violetthaarige, während sie sich langsam wieder aufrichtige.

Ihre Kraft war wieder etwas zurückgekehrt, allerdings nicht vollständig, weshalb sie leicht schwankte, als sie wieder aufrecht stand. Sofort war Hiroshi wieder an ihrer Seite und stützte sie, bevor er sie ermahnte es nicht zu übertreiben.

"Es... es geht schon wieder", entgegnete Mirâ jedoch und befreite sich aus dem Griff des Blonden, "Wir sollten nicht so viel Zeit vergeuden. Wer weiß, was mit Chiyo-san passiert..."

Hiroshi schwieg dazu und sah seine Klassenkameradin nur besorgt an, bevor er mit Mika einen Blick wechselte, welche jedoch nach kurzer Zeit nur mit den Schultern zuckte und sich dann wieder in Bewegung setzte. Ohne weitere Worte folgte ihr Mirâ, während der Blond noch einige Sekunden still dastand, bevor auch er zu den beiden aufholte.
 

So durchquerten sie weiter das anliegende Wohnviertel und erreichten kurz darauf den Ort, an dem Mika diese ungewöhnliche Kraft gespürt hatte. Bei dem Anblick des Gebäudes war nun auch Mirâ klar, was Hiroshi so unruhig werden ließ. Er hatte also wirklich bereits eine Ahnung, welchen Ort sie aufsuchen würden. Auch wenn die Zeichen gespielt waren, so konnte Mirâ sie deutlich lesen. "Tierarztpraxis Chiyo" stand auf dem Schild am Eingang, dessen Türen weit offenstanden.

"Akane ist also wirklich hier...", nuschelte Hiroshi.

Er hatte seine Hände zu Fäusten geballt und knirschte mit den Zähnen, während er offensichtlich versuchte dem Drang zu widerstehen einfach hinein zu stürmen. Besorgt sah Mirâ ihn an. Ihre Kräfte hatten dich weitgehend wieder etwas regeneriert, weshalb sie sich wieder einigermaßen fit fühlte. Trotzdem wussten sie nicht, was sie dort drinnen erwarten würde, weshalb es ratsam war Vorsicht walten zu lassen. Ein guter Plan war hier wohl das A und O. Leider konnte sich die Violetthaarige nicht wirklich lange Gedanken darüber machen, denn plötzlich stürmte Hiroshi voran und in das Gebäude.

Erschrocken sah Mirâ ihm hinterher und tauschte dann einen Blick mit Mika, die ebenfalls sehr irritiert wirkte.

"Toll... und nun?", fragte die Blauhaarige, woraufhin die Oberschülerin seufzte:

"Da bleibt mir wohl keine Wahl, als einfach durch... vielen Dank für deine Hilfe, Mika-chan. Den Rest schaffen wir schon irgendwie..."

Mit diesen Worten hatte sich die Ältere abgewandt und war ebenfalls durch den Eingang verschwunden, während die Jüngere etwas verlassen zurückblieb.
 

Sie umgab ein Strudel aus verschiedenen Farben, der von schwarzen Rissen teilweise unterbrochen war, als würde sie sich in einem zerbrochenen Spiegel befinden. Dieses Spektakel hielt jedoch nur für wenige Sekunden an, ehe sich ein weiterer, viel größerer Riss auftat, der sie regelrecht einzusaugen schien. Erschrocken nahm sie die Arme vor ihr Gesicht, um sich vor möglichen Schäden zu schützen, während es kurzzeitig um sie herum schwarz wurde. Erschrocken schloss sie die Augen, spürte jedoch weder Schmerz, noch einen Widerstand, weshalb sie diese nach kurzer Zeit wieder öffnete. Daraufhin befand sie sich in einem langen Gang, dessen Wände mit regenbogenfarbenen Fliesen versehen waren, die von schwarzen Fugen umgeben waren. Der Fliesenspiegel reichte ihr bis knapp zur Schulter. Die Wand darüber war schwarz, wurde jedoch von regenbogenfarbenen Rissen durchzogen, die jede Sekunde ihre Farbe änderten. Im kompletten Kontrast dazu standen zum einen die antik wirkenden Fackeln, die in gleichfolgenden Abständen die obere Wand säumten und zum anderen der vollkommen schlichte Sandsteinboden, der aus verschiedenen unterschiedlich großen Platten zusammengepflastert war. Es war ein extrem surreales Bild, welches sich der Violetthaarigen bot und dass ihr mächtige Kopfschmerzen verpasste. Die bunten Farben waren einfach zu viel des Guten. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sich neben ihr plötzlich ein schwarzer Riss auftat, aus dem kurz darauf Mika erschien, die sie etwas böse ansah.

"Erst lasst ihr euch von mir führen und dann lasst ihr mich zurück?", fragte sie etwas beleidigt.

"Ähm naja...", das schlechte Gewissen überrannte Mirâ, obwohl sie eigentlich nur das kleine Mädchen nicht mit hineinziehen wollte, "Also eigentlich... ich wollte dich da nicht noch tiefer mit reinziehen."

"Das ist schon in Ordnung", meinte die Blauhaarige plötzlich, "Es passiert jetzt wenigstens mal etwas. Und ich würde auch gerne wissen, was hier los ist."

Plötzlich schenkte sie der Oberschüler ein breites Lächeln, welches endlich perfekt zu ihrem kindlichen Aussehen passte. Dieses Mädchen war wirklich mysteriös. Mirâ kam einfach nicht um diese Gedanken drumherum. Auch ihr war aufgefallen, dass ihr Verhalten im kompletten Kontrast zu ihrem Aussehen stand; genau wie der Aufbau dieses Ganges. Es passte einfach nicht wirklich zusammen. Wie lange mochte sie wohl schon hier leben?

"Weißt du", begann die Blauhaarige plötzlich, "Ich weiß nicht wer genau ich bin und wie ich hierher gelangt bin. Ich dachte mir, dass ich vielleicht etwas herausfinde, wenn ich euch begleite. Ich weiß zwar nicht, ob mein Aufenthalt hier mit dem im Zusammenhang steht, was dort in eurer Welt passiert, aber mehr als dem auf den Grund zu gehen, kann ich nicht. Deshalb lass mich dich begleiten. Ich werde dir auch nicht im Weg stehen und versuchen dich so gut es geht zu unterstützen."

Überrascht sah Mirâ das kleine Mädchen an. Sie konnte deren Beweggründe nachvollziehen, wollte allerdings auch nicht, dass jemand wie sie ihr Leben aufs Spiel setzte. Andererseits würde sie die Kleine wahrscheinlich eh nicht umstimmen können. Außerdem war auch sie neugierig geworden, was es mit ihr auf sich hatte, denn schon seit ihrem ersten Aufeinandertreffen fühlte sich Mirâ ihr gegenüber sehr vertraut. Woher dieses Gefühl kam wusste sie nicht und genau aus diesem Grund würde es sich wohl anbieten, wenn sie vorerst zusammenarbeiten würden. So würde sie vielleicht auch irgendwann herausfinden, woher dieses Gefühl kam.

"Also gut... aber bitte pass auf sich auf", ein kleines Lächeln legte sich auf das Gesicht der Violetthaarigen, während sie der Blauhaarigen ihre Hand hinhielt, "Auf gute Zusammenarbeit, Mika-chan."

Genauso überrascht, wie die Ältere zuvor geschaut hatte, sah nun auch Mika diese an, doch schlug dann ebenfalls ein: "Auf gute Zusammenarbeit, Mirâ."

"I am though... though Art I... Du hast eine neue Bindung hergestellt ... Du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest Personas der Todes Arcana zu erschaffen...", ertönte plötzlich erneut die weibliche Stimme, die sie bereits vor einigen Tagen vernommen hatte, als sie sich mit dem Kapitän des Kyudo-Clubs unterhalten hatte.

Etwas irritiert sah sich Mirâ daraufhin kurz um, konnte jedoch erneut nicht ausmachen woher genau diese Stimme kam. Hatte sie sich diese wieder nur eingebildet? Und wieso erklang sie immer dann, wenn sie mit bestimmten Personen sprach?

"Mirâ?", holte Mikas Stimme sie aus ihren Gedanken, "Alles in Ordnung?"

"J-ja... alles gut. Ich dachte nur, dass ich etwas gehört hätte...", murmelte die Violetthaarige und schrak plötzlich auf, als sie wirklich eine Stimme vernahm, die jedoch männlich war und immer wieder Akanes Namen rief.

"Wo bist du, Akane?", hörte sie aus der Ferne.

Erst in diesem Moment fiel ihr wieder ein, wieso sie so überstürzt hier reingekommen waren. Sie mussten Hiroshi finden, bevor er von Shadows angegriffen und womöglich schwer verletzt wurde; oder schlimmeres. Sofort setzte sich die Violetthaarige in Bewegung und forderte Mika auf ihr zu folgen, damit sie den Blonden schnell finden konnten.
 

[ ??? ]

Die Stille des Velvet Rooms wurde nur durch die erklingende Arie unterbrochen, die zwar an den verspiegelten Wänden widerhallte, sich jedoch kurz dann in der unendlich wirkenden, blauen Decke verlor. Mit geschlossenen Augen saß Igor in seiner üblichen Position an seinem Platz und wirkte dabei so, als würde er schlafen. Dies jedoch war ein Trugschluss, dem man schnell erliegen konnte, denn seine Sinne waren auf das schärfste gespannt. So war es auch kein Wunder, dass er die Augen öffnete, als sich etwas auf dem Tisch vor ihm tat. Die Arcana des Todes, welche bis eben noch in einer neutralen Position platziert war leuchtete plötzlich hellblau auf und drehte sich nur wenige Sekunden später in eine aufrechte Position, mit der sie daraufhin etwas näher an die Position der Arcana des Narren rutschte und dort dann wieder zum Stillstand kam.

"Unser Gast hat eine weitere Bindung geschaffen und gleichzeitig damit den Kampf gegen das unabdingbare Schicksal begonnen. Diese Reise scheint eine sehr interessante zu werden...", ein Glucksen entkam dem Grinsen des Nasenmannes, welches sich langsam zu einem unheimlichen Lachen entwickelt, welches die blonde Assistentin jedoch in keiner Weise zu stören schien.

Unbeirrt starrte sie auf die Arcana des Todes, welche noch immer blau leuchtete, bevor sie sich auf der Couch wieder zurücklehnte und die Augen schloss und dabei das dicke Buch in ihren Armen fest an ihre Brust drückte.
 

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XIV – The Path of the Wild Card


 

*~* XIV – The Path of the Wild Card *~*

[ ~Mittwoch, 15. April 2015~ ]

[ *später Abend* ]

[ Welt hinter den Spiegeln / Akanes Haus ]
 

Dumpf hallten Mirâs Schritte durch den endlos wirkenden Gang dieses merkwürdigen Ortes, dessen wechselnde Farben der Wände einen trotz der Geradlinigkeit die Orientierung zu rauben versuchten. Allmählich verursachte dieses Phänomen bei der jungen Frau Kopfschmerzen, doch trotzdem versuchte sie nicht schlapp zu machen, auch wenn sie so fertig war, dass sie am liebsten sofort eingeschlafen wäre. Die kurze Pause hatte ihr einen kleinen Energieschub verschafft, welcher sich jedoch langsam wieder aufbrauchte. Wenn sie es nicht bald schaffte Hiroshi einzuholen und Akane zu finden, dann wollte sie nicht wissen was geschah. Neben ihr lief Mika und versuchte mit ihren kurzen Beinen Schritt zu halten. Auch dem kleinen Mädchen merkte man die langsam eintretende Erschöpfung an, selbst wenn sie nicht ganz so extrem war wie bei der Oberschülerin. Das Einzige woran sich die beiden versuchten zu orientieren war Hiroshis Stimme, die immer wieder erklang, wenn er nach Akane rief. Allerdings wirkte es mit jedem Mal mehr, als würde er sich immer weiter von den beiden Mädchen entfernen. Egal wie schnell sie liefen, sie hatten das Gefühl, dass der Blonde immer weiter weg war. War es überhaupt möglich ihn hier einzuholen? Mit der Zeit kam Mirâ der Gedanke, dass der Ort selbst vielleicht sogar dafür sorgte, dass sich die Oberschüler nicht mehr treffen konnten. Als wollte er verhindern, dass sie sich wiedersahen. Schnaufend hielt die junge Frau plötzlich an und stützte sich dabei an der Wand ab, während sie versuchte nach Luft zu schnappen. Erschöpft blickte sie in den Gang vor sich, der sich nicht von dem unterschied, den sie bisher durchquert hatte. Es wirkte, als würde sich die Umgebung immer und immer wieder wiederholen, so, als sei sie die ganze Zeit im Kreis gelaufen. Wie sollte sie so Hiroshi einholen und die Brünette retten können?

„Werde ich es überhaupt zu ihr schaffen?“, ging ihr durch den Kopf, bevor sie gleich darauf den Kopf schüttelte.

Nein, sie durfte jetzt einfach nicht aufgeben. Sie musste durchhalten und ihrer Klassenkameradin… nein… ihrer Freundin helfen. Mit Sicherheit würde ihr dann auch Hiroshi wieder über den Weg laufen. Jedenfalls wollte sie daran glauben und hoffen, dass ihn keines dieser Monster angriff. Zwar konnte sie sich vorstellen, dass der junge Mann sich zu verteidigen wusste, ob es jedoch gegen diese Wesen wirksam sein würde, war fraglich. Wieder etwas erholt und mit etwas neuer Hoffnung erhob sich Mirâ wieder vollständig und wollte ihren Weg fortsetzen, als sie plötzlich Schritte vernahm, die leicht und beschwingt durch den Gang hallten. Nach ihrem Begleiter klang es allerdings nicht, denn dafür waren die Geräusche zu langsam und gleichmäßig. Außerdem hörte es sich nicht an wie Turnschuhe, die mit ihren weichen Gummisohlen über den Boden liefen; viel mehr klang es wie Schuhe mit hartem Absatz. Plötzlich tauchte aus dem Schatten des Ganges eine Frau im weißen Mantel auf, die ein Klemmbrett in ihren Händen hielt. Locker lief sie auf Mirâ zu, die erschrocken zurückwich, als sie bemerkte, dass die Gestalt kein Gesicht besaß. Den schwarzen Kopf zierten weder Augen, noch Nase, Mund oder Haare, sondern nur eine graue Maske mit einem verzerrten Ausdruck darauf, der der Oberschülerin einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte.

„Ist das etwa…?!“, begann Mika, doch ehe sie zu Ende gesprochen hatte setzte sich das Wesen bereits mit hoher Geschwindigkeit in ihre Richtung in Bewegung.

Plötzlich verlor es seine Form und ändere seine Gestalt. Der weiße Mantel, sowie die restliche Kleidung löste sich auf und gaben den Blick auf einen nackten Körper frei, dessen pikanteste Stellen von dicken schwarzen Lederriemen bedeckt waren. Um ihren schlanken Hals lag ebenfalls ein dickes schwarzes Band, an dem eine lange Eisenkette befestigt war und auch ihre Augen waren von einem solchen Band verdeckt, auf dem ein weißes Symbol eingezeichnet war. Ihre blonden langen Haare wehten im aufkommenden Wind, die sie mit ihren weißen Schwingen verursachte.

„Ein Shadow!“, rief Mika erschrocken und ging instinktiv hinter Mirâ in Sicherheit, die wiederum in eine verteidigende Stellung ging.

Und das gerade noch rechtzeitig, denn keine Sekunde später erwischte sie ein starker Wind, dem sie nur mit viel Mühe und Not widerstehen konnte. Trotzdem blieb sie nicht gänzlich davon verschont, denn während der Sturm um sie herum tobte, spürte sie die kleinen Klingen, die sich hier und da durch den Stoff ihrer Jacke in ihre Haut schnitten. Schmerzhaft zuckte sie zusammen, während sie versuchte ihr Gesicht zu schützen, damit es nicht auch etwas davon abbekam. Schwerfällig ließ sie ihren Arme wieder sinken, als sich der Wind endlich gelegt hatte.

„Diese Wesen nehmen also auch andere Formen an…“, ging ihr durch den Kopf, während sie sich darüber wunderte, dass ihr Gegner so menschlich wirkte, im Gegensatz zu den Schleimen zuvor. Jedoch hatte sie keine Zeit sich länger darüber Gedanken zu machen, denn im nächsten Moment leuchtete es unter ihrem Gegner rot auf; ein Zeichen dafür, dass es erneut einen Angriff deklarierte. Kurz darauf spürte Mirâ erneut wie sich die Luft um sie bewegte, doch ehe sie reagieren konnte wurde sie bereits von den Füßen gerissen und gegen die Wand zu ihrer Linken geschleudert.

„Argh“, schrie sie auf, als sie schmerzhaft zu Boden ging.

„Mirâ“, kam Mika erschrocken auf sie zugelaufen.

Vorsichtig erhob sich die Violetthaarige wieder: „Geht… schon…“

Sie schenkte der Jüngeren ein kleines Lächeln und wandte sich dann wieder ihrem Gegner zu. Wenn sie ehrlich war tat ihr alles weh und auch die Müdigkeit wollte sie schon seit geraumer Zeit wieder einnehmen, doch für Akane, Hiroshi und auch Mika musste sie durchhalten und dieses Wesen besiegen. Es gab einfach keinen anderen Weg. Doch sie musste sich beeilen, bevor der Shadow einen weiteren Angriff startete. Deshalb griff sie hinter sich in den Köcher, zog einen Pfeil heraus und spannte ihn in den Bogen in ihrer anderen Hand. Dabei hielt sie sich in keinster Weise an die Regeln, die es dazu im Kyûdo gab, doch es gab in diesem Moment auch keine andere Wahl, denn dafür fehlte einfach die Zeit. Sie zog den Pfeil zurück und hob ihre Waffe auf Augenhöhe, um so besser zielen zu können. Die letzten Male waren ihre Pfeile daneben gegangen, doch dieses Mal musste sie es einfach schaffen zu treffen. Ihr Arm zitterte. Obwohl es sich um einen Kinderbogen handelte, so hatte sie ihn doch recht straff gespannt. Außerdem schmerzen noch immer ihre Arme. Das jedoch musste sie jetzt einfach ignorieren, weshalb sie kurz die Augen schloss und dann ruhig, langsam und tief durchatmete und dabei spürte, wie auch ihr Körper wieder ruhiger wurde. Im nächsten Moment öffnete sie die Augen, fixierte dabei ihren Gegner und ließ den Pfeil fliegen. Mit einem lauten Zischen flog dieser durch die Luft, während das engelsähnliche Wesen versuchte auszuweichen. Jedoch geschah dies alles viel zu schnell, sodass es keine Chance hatte und im nächsten Moment zu Boden geschleudert wurde, nur um sich daraufhin mit lautem Kreischen in schwarz-rotem Nebel aufzulösen. Stille kehrte ein, in der Mirâ nur schweigend auf die Stelle blickte, an welcher der Shadow sich eben noch aufgelöst hatte. Ein leerer und trauriger Blick hatte sich auf ihre Augen gelegt, als sie den kläglichen Schrei ihres Gegners vernommen hatte, der sie bis ins Mark erschüttert hatte. Er hatte irgendetwas in ihr ausgelöst, was sich nun tief in ihrem Inneren regte. Eine Hand legte sich auf ihren Arm und ließ sie erschrocken aufschauen, woraufhin sich ihr Blick wieder klarte und sie auf Mika sah, die sie besorgt ansah.

„Alles in Ordnung, Mirâ?“, fragte sie besorgt.

Ein kleines Lächeln legte sich auf die Lippen der Oberschülerin: „Ja, alles gut. Einen Moment…“

Sie zog ihr Handy aus der Tasche und rief damit Hemsut zu sich, die daraufhin ihre Hand auf die junge Frau hielt, um welche sie ein grüner Schleier legte, der ihre Wunden etwas abheilte.

„So… lass uns weitergehen“, sagte sie anschließend und setzte sich dann in Bewegung, wo sie sogleich wieder in einen rennenden Schritt überging.

Das kleine, blauhaarige Mädchen sah ihr kurz besorgt hinterher, ehe sie ihr folgte und die beiden somit tiefer in den Gang eindringen.
 

Auf ihrem Weg begegneten der jungen Frau immer wieder diese engelsähnlichen Wesen, die sich wohl „Angel“ nannten, soweit sie dies mittlerweile herausfinden konnte. Zwar konnten ihre Pfeile nicht noch einmal einen so starken Schaden anrichten, wie bei ihrer ersten Begegnung, jedoch wurden ihre Angriffe mit ihrer Waffe mit jedem Mal präziser und damit auch effektiver. Dadurch konnte sie einiges an Energie sparen, die sie ansonsten mit Hemsuts Fähigkeiten hätte aufbrauchen müssen. So hoffte sie noch genug Energie für den Notfall zu haben, sollte dieser eintreffen. Sie wusste nicht wieso, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie am Ende dieses Ganges, sollte sie es jemals erreichen, etwas sehr Mächtiges erwartete, für das sie ihre volle Kraft brauchen würde.

Noch einmal machten sie eine kurze Pause, um wieder etwas zu Kräften zu kommen. Wie lange sich Mirâ mittlerweile hier aufhielt wusste sie nicht. Mittlerweile hatte sie jegliches Gefühl von Zeit und Raum verloren, woran auch der Aufbau dieses Gebäudes nicht ganz unschuldig war. Noch immer glich er dem, den sie anfangs betreten hatte und noch immer sah sie kein Ende. Sie atmete kurz tief durch und legte dann ihre Hand an die Wand neben sich, um sich kurz abzustützen, nur um sie einen Moment später erschrocken wieder zurück zu ziehen, als sie etwas Kaltes berührte und zusätzlich noch ein Stück durch die Wand hindurchgriff. Überrascht wandte sie sich dieser zu und entdeckte dann etwas, was ihr vorher noch gar nicht aufgefallen war. Neben ihr hatte sich die Wand aufgetan und ging in einen großen Raum über, dessen ganze Ausmaße sie jedoch nicht einschätzen konnte, da er nach hinten weg zu dunkel wurde. Doch in einer Ecke erkannte sie einen glänzenden Gegenstand. Einfach hineingehen und nachsehen konnte sie jedoch auch nicht, denn der Zugang wurde ihr von einem rostigen Gitter versperrt, welches sich über die gesamte Länge der Öffnung zog. Ganz kurios war jedoch die Tür, die sich inmitten des Gitters befand und an die Haustür eines modernen Wohnhauses erinnerte und somit überhaupt nicht in das Bild passte, was sich hier sonst bot.

„Ein geheimes Zimmer?“, fragte Mika, während sie um die Ältere herumschaute.

„Sieht so aus…“, eingängig betrachtete die Oberschülerin erst das Gitter und dann die Tür, welche offensichtlich in diesen Raum hineinführte.

Irgendetwas sagte ihr, dass es sich lohnen würde diese Tür zu öffnen, doch gleichzeitig war da auch dieses ungute Gefühl, welches ihr sagte, dass sich dahinter etwas Gefährliches verbarg. Trotzdem war die Neugier stärker, sodass sie vorsichtig ihre Hand hob und diese auf die Klinke legte. Noch ehe sie diese jedoch nach unten drücken konnte wurde sie von dem kleinen Mädchen zurückgehalten.

„Nicht. Das könnte gefährlich werden“, warnte sie eingängig.

Mirâ jedoch lächelte nur: „Das kann sein, aber etwas sagt mir, dass es sich lohnen wird.“

„Aber…“, begann die Kleine erneut, doch brach ab, als sie das Lächeln der Violetthaarigen sah, sodass sie von dieser ab lies.

Daraufhin drückte Mirâ endlich die Klinke nach unten und öffnete die Tür vor sich, welche mit einem leisen Quietschen aufschwang. Vorsichtig und mit Mika an ihrer Seite, trat die Oberschülerin in den neuen Raum ein und blickte sich zu allen Seiten um, immer darauf bedacht, dass aus der Dunkelheit vor ihr plötzlich ein Gegner auftauchen könnte. Doch auch als sie weiter hinein ging, geschah dies nicht. Dafür konnte sie nach und nach erkennen, wie dieser Raum eingerichtet war. Auch hier herrschte das gleiche Farbschema, wie in den Gängen draußen, jedoch weitaus gedämpfter; beinahe so, als wäre ein dreckiger Schleier auf die Wände gelegt worden. Aus diesem Grund erhellten die farbigen Wände auch nicht den Raum. Direkt links vor ihr in der vermeintlichen Mitte des Zimmers stand eine lange, schmale Pritsche, wie sie üblich in den Sprechzimmern von Ärzten zu finden war. Darüber hing eine große Lampe, welche jedoch kein Licht spendete, weshalb die Oberschülerin davon ausging, dass sie kaputt war. An den Wänden entlang erstreckten sich Medikamentenschränke, die jedoch in der Dunkelheit vor ihr zu verschwinden schienen. In der hintersten Ecke links erkannte sie wieder das Glitzern, welches ihr auch bereits außerhalb dieses Zimmers aufgefallen war und auf das sie nun langsam und vorsichtig zusteuerte. Plötzlich jedoch stoppte sie, als ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken lief, auf das ein aggressives Knurren folgte. Erschrocken zuckte die Violetthaarige zusammen, bewegte sich jedoch nicht weiter. Ihr war bewusst, dass sie rausfinden musste, woher dieses Geräusch kam, doch traute sie sich einfach nicht sich diesem zuzuwenden. Erneut erklang das Knurren; dieses Mal jedoch wesentlich näher. Ein kalter Luftzug streifte sie im Nacken, der auf ein Schnauben gefolgt war.

„Es ist… hinter mir…?“, ging ihr durch den Kopf und traute sich nun doch ganz langsam ihren Blick nach hinten zu richten.

Es dauerte auf Grund der langsamen Geschwindigkeit, in der sie sich bewegte, einen Moment, ehe sie sehen konnte, was genau sich hinter ihr befand. Doch kaum hatte sie dieses erblickt, drehte sie sich wie vom Blitz getroffen komplett um und machte dann einen gewaltigen Satz nach hinten, nur weg von dem Wesen, dass sich nun vor ihr auf der Pritschte aufgebaut hatte und sie mit fletschenden Zähnen und knurrend ansah. Dieses stellte sich als ungewöhnlich großer, schwarzer Wolf heraus, auf dessen Kopf als Gesicht die gleiche Maske mit dem verzerrten Ausdruck saß, die sie auch schon bei den Angels vor ihrer Verwandlung erkannt hatte. Umso skurriler und unheimlicher wirkte diese Szene.

„I-ich wusste doch, d-dass das gefährlich ist…“, jammerte Mika, die sich versuchte hinter der Älteren zu verstecken.

In diesem Moment wirkte sie ihrem Alter entsprechend, wie Mirâ bemerkte. Doch war dies gerade nicht das Problem, denn plötzlich setzte sich der Wolf in Bewegung und kam auf die beiden Mädchen zugelaufen; dabei immer noch die Zähne fletschend und knurrend. Die Violetthaarige und ihre kindliche Begleitung rückten derweil immer weiter zurück, obwohl ihnen bewusst war, dass es ihnen nichts bringen würde. Plötzlich verformte sich die Gestalt des Wolfes und verzerrte sich bis zur Unkenntlichkeit, bis daraus ein rot-schwarzer Nebel entstand aus dem sich ein neues Wesen formte, dass sich kurz darauf als ein grünliches Pferd entpuppte, dessen Hinterläufe jedoch ab der Hüfte so aussahen, als würden sie aus vielen Ranken bestehen. Mit tiefroten Augen starrte es auf die Oberschülerin, die reflexartig nach einem der Pfeile in ihrem Köcher gegriffen hatte und diesen in unglaublicher Geschwindigkeit eingespannt hatte, jedoch vor Aufregung noch viel zu zappelig war, als dass sie damit einen glatten Treffer erzielen könnte und deshalb nicht loslies. Zwar war die jetzige Gestalt des Shadows wesentlich weniger erschreckend, als seine vorherige Form, jedoch wusste Mirâ noch nicht, welche Fähigkeiten es hatte und wie es auf einen Angriff mit Pfeilen reagieren würde. Außerdem war ihr Körper noch voller Adrenalin, dass sich nur langsam wieder abbaute. So kam sie einfach nicht zur Ruhe, um präzise zu zielen. Unter ihrem Gegner bildete sich das bekannte rote Licht, woraufhin sie merkte, wie sich die Luft um sie herum veränderte. Gerade noch rechtzeitig konnte die junge Frau gemeinsam mit Mika zur Seite springen, ehe ein kleiner Wirbelsturm genau auf die Stelle traf, an welche sie noch wenige Sekunden zuvor gestanden hatte. Viel Zeit zum Ausruhen ließ das grüne Pferd ihr jedoch nicht, denn kaum hatte sie wieder festen Boden unter ihren Füßen erkannte sie im Augenwinkel erneut das Glühen. Doch noch ehe sie darauf reagieren konnte, traf sie der Wind genau in die Seite und sorgte dafür, dass sie stürzte und dabei den Pfeil in ihrer Hand mitsamt dem Bogen fallen ließ.

„Urgh…“, entkam ihr nur, als sie schmerzhaft den Boden berührte und schrak daraufhin gleich wieder auf, als sie eine erneute Änderung der Luft um sich bemerkte.

Jedoch reagierte ihr Körper aufgrund des vorangegangenen Schocks noch nicht so wie sie es wollte, weshalb sie keine Chance sah auszuweichen. Die Attacke würde sie also mit voller Wucht treffen und ob sie dies in ihrem aktuellen Zustand überleben würde, mochte sie bezweifeln. Doch egal wie sehr sie es auch versuchte, wie sehr sie auch ihrem Körper befahl sich zu bewegen, er verwehrte ihr erneut seinen Dienst, weil er von den Kämpfen zuvor noch viel zu geschwächt war. Der Wind um sie wurde stärker und sie rechnete jeden Moment mit dem Aufprall, doch nichts geschah.

„Argh!“, hörte sie dagegen plötzlich Mikas Stimme.

Erschrocken riss sie wieder die Augen auf und blickte nach oben, wo sie gerade noch mitbekam, wie diese durch den Angriff von ihren Füßen gerissen und gegen einen der Medizinschränke geschleudert wurde.

„Mika-chan!“, schrie die Ältere auf, als sie beobachtete, wie das kleine Mädchen bewusstlos zu Boden sank.

Mit der letzten Kraft, die sie in diesem Moment aufbringen konnte kämpfte sich die Oberschülerin zu ihrer Freundin, dessen Körper von Verletzungen übersäht war. Und plötzlich meldete sich bei ihr das schlechte Gewissen, immerhin hatte sie Mika in diese Situation gebracht, weil sie unbedingt ihre Neugierde befriedigen wollte. Nun jedoch bereute sie diese Entscheidung, denn nicht nur, dass sie ihrer kleinen Begleitung dadurch Schaden zugefügt hatte, auch ihr Leben hing an einem seidenen Faden, denn die Kraft zum Kämpfen fehlte ihr. Wenn sie Glück hatte, so schaffte sie es vielleicht noch einmal ihren Bogen zu spannen, jedoch bezweifelte sie in diesem Zustand irgendein Ziel auch nur annährend zu treffen. Vorsichtig nahm sie das blauhaarige Mädchen in den Arm und drückte sie leicht an sich, während sie sich für ihre Entscheidung verfluchte. Sie hätte auf Mika hören sollen. Diese hatte sie immerhin gewarnt. Nun jedoch war es zu spät, denn der Gegner bereitete sich bereits wieder auf einen Angriff vor.

„Verdammt!“, fluchte sie, während sie den kleinen Körper Mikas an sich drückte und sich darauf vorbereitete gleich hier ihr Ende zu finden.

Einen Moment später jedoch zuckte sie erschrocken zusammen und blickte überrascht auf, als sie eine kleine warme Hand an ihrem Gesicht spürte. Mit großen verzweifelten Augen sah sie in die Rubine ihres Gegenübers, die sie mit einem ermutigenden Lächeln anblickten.

„Gib nicht auf, Mirâ“, sagte die Blauhaarige mit geschwächter Stimme, „Du… du willst doch deinen Begleiter finden und… deiner Freundin helfen. Oder? D-dann lass es hier nicht enden…“

„Aber… ich habe keine Kraft mehr…“, sagte Angesprochene kleinlaut.

„Ich weiß… dass du es irgendwie schaffen wirst… d-das hast du vorhin schon bewiesen…“, hauchte Mika, während ihr Bewusstsein langsam wieder schwand.

„Mika-chan!“, rief die junge Frau, als sie bemerkte, wie ihre Begleitung wieder in Ohnmacht fiel.

Wieder drückte sie den kleinen Körper vorsichtig an den ihren. Es stimmte zwar, dass sie zuvor noch einmal Kräfte aufbringen konnte, um einen gezielten Angriff zu starten, jedoch fehlte ihr nun sowohl die physische, als auch die psychische Kraft, um etwas auszuwirken. Ihr ganzer Körper schmerzte, sodass sie keinen Pfeil mehr ordentlich einspannen konnte und sie fühlte sich auch nicht mehr in der Lage dazu Hemsut zu rufen. Sie konnte nichts mehr ausrichten. Es ging einfach nicht. Trotz ihrer geschlossenen Augen erkannte sie, dass der Shadow erneut zum Angriff ansetzte, weshalb sie ihre kleine Freundin noch enger an sich drückte und darauf wartete, dass es endlich vorbei war; denn dieses Mal konnte sie nicht auf eine Wunderrettung hoffen.
 

[ ??? ]
 

Noch immer kniff sie die Augen zusammen und wartete darauf von der Attacke ihres Gegners erwischt zu werden. Doch auch nach einer gefühlten Ewigkeit passierte nichts dergleichen. Stattdessen ertönte plötzlich aus dem Hintergrund die Arie, welche sie zuletzt im Velvet Room gehört hatte. Erschrocken öffnete sie daraufhin die Augen, nur um einen Moment später zu merken, dass sie sich nicht mehr in dem Dungeon befand und dass sie auch Mika nicht mehr in ihren Armen hielt, sondern nun auf dem mit blauem Samt bezogenen Stuhl saß und direkt in das grinsende Gesicht Igors blickte.

„Willkommen im Velvet Room, werter Gast“, begrüßte er sie mit seiner unnatürlich hohen Stimme, „Wie es scheint bereitet dir der Gegner einige Schwierigkeiten. Wie gut nur, dass wir dazu da sind, um dich bei deiner Reise zu unterstützen. Nicht wahr?“

Er gluckste vergnügt, was der Violetthaarigen jedoch nur einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Es kam ihr so vor, als würde sich Igor an ihrer aktuellen Situation erfreuen. So, als sei dies alles nur ein Spiel für ihn, in dem sie eine seine Spielfiguren war. Was genau hatte er nur vor? Das Grinsen auf seinem Gesicht wurde größer und ließ Mirâ zurückschrecken, da sie das Gefühl hatte, dass er ganz genau wusste, was sie dachte. Ohne jedoch ein weiteres Wort zu verlieren wandte er sich seiner Assistentin zu, die sich daraufhin kurz räusperte.

„Mit deiner Arcana des Narren, deren Leitzahl die Null ist, besitzt du eine einmalige Fähigkeit: Die der Wild Card. Begründet ist diese Kraft in dem unendlichen Potential, das sich in der Narr-Arcana verbirgt“, erklärte sie daraufhin und schlug das dicke Buch auf ihrem Schoß auf, woraufhin eine Art Liste zum Vorschein kam, die jedoch noch leer war, „Unter anderem ist es dir so gestattet mehrere Personas gleichzeitig zu besitzen und diese auch einzusetzen. Dir wird es auf deinem Weg wahrscheinlich nicht aufgefallen sein, doch einige der Shadows… nein… der Personas, die dir auf deinem Weg begegnet sind, haben aus unterschiedlichen Gründen Gefallen an dir gefunden und sind nun bereit, dich bei deinem Kampf zu unterstützen.“

„Personas? Moment! Heißt das, diese Wesen, die uns in den Dungeons angreifen, sind ebenfalls Personas?“, fragte die Oberschülerin überrascht nach.

Erneut erklang das Glucksen aus Igors Richtung, woraufhin sie den Blick auf diesen richtete: „Der Grad zwischen Personas und Shadows ist so schmal, wie die Stärke eines Blattes Papier, sodass ihre Grenzen schnell verschwimmen und sie vergessen, was sie einst waren.“

Fragend legte Mirâ den Kopf schief, denn sie hatte nichts von dem verstanden, was der alte Mann ihr sagen wollte. Sollte das bedeuten, dass Shadows und Personas das gleiche waren? Doch was machte daran den Unterschied aus?

Margareths erneutes Räuspern ließ sie wieder zu dieser schauen: „Schon sehr bald wirst du wissen, was der Meister dir damit sagen möchte. Für diesen Moment solltest du dich jedoch mit dieser Aussage zufriedengeben.“

Sie schlug eine weitere Seite auf, die ebenfalls mit der leeren Liste bestückt war. Dieses Mal jedoch erkannte die Oberschülerin, dass eine Zeile gefüllt war, jedoch war nicht zu erkennen, was darauf stand. Was ihr aber auffiel war, dass diese plötzlich begann zu Leuchten. Erschrocken zuckte Mirâ jedoch einen Moment später zurück, als die blonde Frau ihr gegenüber das Buch mit Schwung zuschlug und sie dann mit ihren bernsteinfarbenen Augen ansah. In genau diesem Moment merkte Mirâ, wie der Raum um sie herum für einen Moment verschwamm.

„Wie mir scheint ist unsere Zeit um…“, sprach Igor, „Alles weitere liegt in deinen Händen, werter Gast. Nutze deine Fähigkeit der Wild Card und gelange so an dein Ziel. Wir werden deine Reise von hier aus weiterhin beobachten und dir helfend zur Seite stehen, wenn dies nötig ist. Bis dahin… Lebewohl.“

In diesem Moment zersprang das Bild vor Mirâs Augen, wie ein zu Boden gefallener Spiegel, während sie das Gefühl hatte immer mehr in die Dunkelheit gezogen zu werden.
 

[ Welt hinter den Spiegeln / Akanes Haus ]
 

Erschrocken riss Mirâ ihre Augen wieder auf und befand sich daraufhin wieder inmitten des Kampfgeschehens, welcher noch immer tobte, während sie ihre kleine Freundin Mika wieder eng an sich drückte. Irritiert blickte sie zu ihrem Gegner, der noch immer in dem Zustand war, in dem er seine Kräfte sammelte, um einen Angriff zu deklarieren. Wie lange genau sie sich im Velvet Room aufgehalten hatte wusste sie nicht, jedoch mussten es mehrere Minuten gewesen sein, in denen sie mittlerweile eigentlich schon von dem grünen Pferd ins Jenseits hätte befördert werden müssen. Wieso also war dies noch nicht geschehen? Bedeutete dies, dass die Zeit um sie herum stillstand, sobald sie den Velvet Room betrat?

„Halt nein! Dafür habe ich jetzt gar keine Zeit“, löste sie sich selbst wieder von den Gedanken, als das rote Glühen ihr gegenüber immer kräftiger wurde, „Igor und Margareth meinten, dass ich mehrere Personas nutzen könnte und dass sich mir bereits weitere angeschlossen haben…? Wann soll das geschehen sein?“

Sie wusste keine Antwort darauf und erst recht nicht, wie sie es schaffen sollte diese Personas zu rufen. Ein warmes Glühen aus ihrer Jackentasche ließ sie letzten Endes wieder aufschauen und in diese greifen, nur um kurz darauf ihr Smartphone herauszuziehen, auf welchem noch immer diese merkwürdige App geöffnet war und das Menü zeigte, über welches sie zuvor ihre Persona gerufen hatte. Ihr fiel auf, dass es neben dieser Auswahl noch weitere Optionen gab, die man wählen konnte, weshalb sie einen genaueren Blick darauf warf und ihr sofort die Schaltfläche „Personas“ auffiel. Schnell tippte sie darauf, woraufhin ihr zwei weitere Optionen genannt wurden, die sie auswählen konnte. Eine davon war Hemsut, deren Schaltfläche aktuell grau unterlegt war, da sie anscheinend ausgewählt war. Darunter befand sich noch eine weitere, welche den Namen einer ihr nun bekannten Persona anzeigte. In dem Moment, als die Violetthaarige genau diese Option auswählte, erlosch das rote Licht um ihren Gegner und wieder begann sich die Luft um sie herum zu verändern. Doch wiedererwarten traf dieser weder sie noch ihre verletzte Begleitung. Stattdessen wirkte es so, als würde der Sturm von einer Art Barriere aufgesaugt werden; und als wäre dies nicht genug gewesen spürte Mirâ, wie sie wieder zu Kräften kam. Überrascht über diese Wendung der Geschehnisse blickte sie hinüber zu dem Shadow, welchem das ganze gar nicht zu passen schien und erneut einen Sturm gegen sie schleuderte, der jedoch das gleiche Ergebnis brachte und dafür sorgte, dass der Gegner etwas zurückwich. Von dieser neuen Kraft wieder gestärkt legte Mirâ die kleine Mika vorsichtig auf dem Boden ab und erhob sich dann langsam aus ihrer Position. Dann warf sie einen erneuten Blick auf ihr Telefon, auf dem nun unter der Liste ihrer Personas der Button „Summoning“ erschienen war. Ohne zu zögern bediente sie diese Option, woraufhin sich um sie ein blauer Strudel bildete, der von starkem Wind begleitet war.

„Angel!“, rief die Persona-Userin daraufhin, als sich der halbnackte Engel über ihr manifestierte.

Es bedurfte keiner weiteren Worte, damit ihre neue Unterstützung zum Kampf überging. Während sich um die Violetthaarige der warme blaue Schein bildete, streckte Angel ihren schlanken Körper durch, woraufhin sich unter dem Shadow ein weiß-gelbes Feld bildete, welches mit Runen und weißen Siegelzetteln besetzt war. Dann wurde es mit einem Mal strahlend hell, sodass Mirâ ihre Augen verdecken musste, um nicht geblendet zu werden. Sie musste jedoch auch nichts sehen können, um zu bemerken, dass ihr Angriff Erfolg hatte, denn kaum war der Raum in gleißendes Licht getaucht ertönte ein markerschütternder Schrei, der ihr ein unangenehmes Frösteln verursachte, bevor sich das grüne Pferd in schwarz-roten Nebel auflöste. Schwer atmend stand Mirâ da und starrte auf die Stelle, an welcher kurz zuvor noch der Shadow war, während Stille in den Raum einkehrte. Mit überraschtem Blick sah sie hinauf zu Angel, die noch immer über ihr schwebte und sie leicht anlächelte, bevor sie sich mit einem kleinen Nicken wieder in ihre blauen Partikel auflöste und verschwand.

„D-du hast es geschafft“, erklang die leise und geschwächte Stimme Mikas hinter ihr.

Ruckartig drehte sich Mirâ um und erkannte, wie sich das kleine Mädchen langsam versuchte aufzusetzen. So schnell sie konnte war sie an deren Seite und half ihr dabei, indem sie sie mit ihren Armen stützte.

„Du solltest langsam machen…“, mahnte sie daraufhin ernst, doch biss sich dann auf die Lippe, denn eigentlich hatte sie gar kein Recht die kleine zu Maßregeln, „… Entschuldige… das war meine Schuld. Ich hätte auf dich hören sollen, Mika-chan. Meinetwegen wurdest du verletzt.“

Ganz vorsichtig schüttelte Angesprochene den Kopf und lächelte dann leicht: „Schon gut. Ich lebe ja noch…“

Ein kleines Grinsen legte sich auf das Gesicht der Blauhaarigen, was jedoch nicht half Mirâs schlechtes Gewissen zu bekämpfen. Das alles hier hätten sie sich erspart, wenn sie nur vernünftig genug gewesen wäre.

„Mach dir bitte keine Gedanken, Mirâ…“, holte Mikas Stimme sie wieder aus ihren Gedanken, „So schnell sterbe ich nicht. Es ist nicht das erste Mal, dass ich von Shadows angegriffen wurde. Auch wenn sie mich häufig ignorieren, so gibt es doch einige, die so aggressiv sind, dass sie alles und jeden angreifen, der in ihrem Weg ist.“

Mit großen Augen sah sie das kleine Mädchen an und bemerkte erst jetzt so richtig, wie abgewetzt deren Klamotten eigentlich waren. Das hellviolette Kimonooberteil, mit den ausladenden Ärmeln war an einigen Stellen durchlöchert und eingerissen, ebenso der türkisblaue kurze Faltenrock und die Bänder des hellblauen Obis. Was musste sie nur bisher alles schon durchgemacht haben, seit sie hier war? Sie hatte ja erzählt, dass sie sich nicht daran erinnern konnte, wie lange sie sich hier schon aufhielt oder wie sie hier gelandet war. Was mochte nur geschehen sein? Eine Bewegung neben sich ließ sie aus ihren Gedanken schrecken, während Mika ganz vorsichtig versuchte aufzustehen. Noch immer stützend half die Oberschülerin der Kleinen auf, doch hoffte, dass sie es nicht übertreiben würde.

„Lass uns nachschauen, was uns dort gelockt hat… hoffen wir, dass es kein Anglerfisch war…“, murmelte diese daraufhin.

Erneut sah die Ältere ihre Begleitung überrascht an und brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie damit meinte. Immerhin täuschten Anglerfische ihren Opfern etwas vor, um sie letzten Endes zu fressen. Wenn sie Pech hatte, dann war das Glitzern, was sie gesehen hatten, nur eine Falle, um sie in die Fänge der Shadows zu locken. Das wäre dann wirklich die Krönung des ganzen Unterfangens gewesen. Trotzdem überkam die Violetthaarige bei dieser Aussage ein merkwürdiges Gefühl. Für das Alter, auf dass sie das kleine Mädchen schätzte, wirkte sie sehr gebildet, wenn sie es mit diesem Synonym umschreiben konnte. Jeder andere hätte wohl einfach nur darauf hingewiesen, dass es hoffentlich keine Falle war. Die Blauhaarige löste sich vorsichtig von Mirâ und machte sich langsam auf den Weg zu der Stelle, an welcher sie zuvor noch das Glitzern gesehen hatten. Die Ältere folgte ihr und konnte kurz darauf einen Koffer erkennen, um den sich eine surreal wirkende, glitzernde Aura befand. In der Hoffnung, dass nichts weiter passieren würde, griff Mirâ zaghaft nach dem Gegenstand. Erst als auch nichts geschah, nachdem ihre Hand eine Weile darauf lag, atmete sie erleichtert aus, öffnete dann die Verschlüsse und hob den Deckel an. Darunter kamen zwei kleine Kärtchen zum Vorschein, die Guthabenkarten oder Geschenkgutscheinen ähnelten. Irritiert griff Mirâ nach den Karten und betrachtete sie eingängig.

„Was ist das?“, fragte Mika.

„Sieht aus wie Guthabenkarten…“, erklärte die Oberschülerin und drehte diese in ihrer Hand, um die Rückseite zu erkennen, „Souma… Was bedeutet das? Und wofür sind die gut?“

„Keine Ahnung…“, fragend tauschten die beiden Mädchen einen Blick aus, bevor die ältere der beiden seufzte.

Dafür hatte sie ihr Leben riskiert? Toller Mist. Enttäuscht steckte sie die beiden Karten in ihre Jackentasche, als plötzlich ein ihr unbekannter Ton aus dieser erklang. Überrascht ließ sie die beiden Gegenstände in ihrer Hand los und griff daraufhin nach ihrem Smartphone, welches sich direkt daneben befand. Das Display war noch immer entsperrt und diese merkwürdige App geöffnet, weshalb sie erkannte, dass sich auf einem weiteren Auswahlfeld, welches sich „Items“ nannte, ein kleines Häkchen befand.

„Was ist los?“, fragte Mika nach und versuchte zu erkennen, was die Violetthaarige da auf ihrem Gerät machte.

Diese tippe auf das ihr neue Feld und öffnete damit eine weitere Liste, in welcher jedoch nur ein einziges Wort stand. Überrascht schaute die Oberschülerin auf ihre Jackentasche, in der sie die beiden gefundenen Karten verstaut hatte und dann wieder auf ihr Handy, denn der vermeintliche Gegenstand, der in der Liste stand war „Souma“. Sie nahm das rote Telefon in die andere Hand und holte mit der anderen noch einmal die Karten heraus.

„Was ist?“, fragte ihre Begleitung erneut.

„Also… ich weiß es nicht ganz genau, aber anscheinend befindet sich auf diesen Karten sowas wie ein Gegenstand, der über das Handy eingescannt wird… ähm…“, Mirâ stoppte, als sie den verwirrten Blick der Blauhaarigen bemerkte.

Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie sie es der Kleinen besser hätte erklären können. Aus diesem Grund tippte sie auf den angezeigten Gegenstand, auch wenn sie nicht wusste, welchen Effekt es ausrichten würde. Jedoch hatte sie so ein Gefühl, dass es ihr helfen würde, immerhin musste der vorangegangene Kampf ja für etwas gut gewesen sein. Kaum hatte ihr Finger die Schaltfläche berührt legte sich ein regenbogenfarbener Schleier um die beiden Mädchen, der alle ihre Wunden heilte. Zusätzlich spürte die Oberschülerin noch, wie ihre Kraft vollständig zurückkehrte und gleichzeitig ihre Erschöpfung verschwand.

Fragend sah Mika an sich herunter: „Wie hast du das gemacht?“

„Ehrlich gesagt… ich hab keine Ahnung. Aber es scheint so, dass die Karten hier besondere Fähigkeiten enthalten. Wenn sie in die Nähe des Smartphones kommen, werden sie anscheinend von dieser merkwürdigen App eingescannt und dann kann man sie verwenden. Wie es scheint handelt es sich bei „Souma“ um einen starken Heilzauber. Das ist alles ganz schön schräg…“, erklärte die Größere, als ihr endlich die passenden Worte für ihre vorangegangene unverständliche Erklärung eingefallen waren, „Ich bin froh, dass du auch geheilt wurdest, Mika-chan. Geht es dir gut?“

Angesprochene nickte: „Ja. Und dir?“

„Ich fühle mich, wie neu geboren“, lachte die Oberschülerin, „Ich bin beruhigt, weil ich schon Angst hatte, dass sich der Kampf nicht gelohnt hätte und ich uns umsonst in diese Gefahr gebracht habe. Aber hätten wir uns dieser Gefahr nicht ausgesetzt, dann hätten wir diese Gegenstände nicht gefunden. Ohne diesen Energieschub wüsste ich nicht, ob ich es geschafft hätte weiter nach Makoto-kun und Chiyo-san zu suchen…“

Sie wandte sich dem Ausgang des Raumes zu, in dem es nun nichts mehr zu finden gab und setzte sich langsam in Bewegung: „Lass uns weitergehen, Mika-chan.“
 

Das kleine Mädchen blieb noch einen Moment stehen und beobachtete, wie sich Mirâ langsam dem Ausgang näherte. Seit diese das erste Mal in dieser Welt aufgetaucht war ging es drunter und drüber. Auch vorher kam es ab und an zu Shadow-Angriffen. Vor allem an bestimmten Tagen waren sie äußerst aggressiv, sodass man ihnen besser versuchte aus dem Weg zu gehen. Jedoch kam es bisher noch nie vor, dass sich ein Mensch hierher verirrt hatte oder sich gar in einem der Gebäude verschanzte. Ganz zu schweigen davon, wie diese Gebäude dann im Inneren aussahen. Erst nachdem die Violetthaarige mitsamt diesem merkwürdigen Tempel aufgetaucht war geschahen diese Dinge. Es musste also etwas mit ihr zu tun haben. Wieso und weshalb entzog sich jedoch dem Verstand der Blauhaarigen. Dies würde wohl noch längere Beobachtungen mit sich ziehen.

„Apropos der Tempel…“, ging ihr durch den Kopf, während sie ihren Finger an ihr Kinn legte.

Doch noch ehe sie diesen Gedanken weiter fortführen konnte, wurde sie von Mirâs Stimme wieder zurück ins Hier und Jetzt geholt, welche nach ihr rief und sie fragend ansah.

Kurz zögerte die Blauhaarige, doch schüttelte dann den Kopf, ehe sie endlich der Älteren folgte: „Das hat noch Zeit… Jetzt gibt es wichtigeres zu tun.“
 

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XV – The Power of Light


 

*~* XV – The Power of Light *~*

[ ~Mittwoch, 15. April 2015~ ]

[ *später Abend* ]

[ Welt hinter den Spiegeln / Akanes Haus ]
 

Zischend flog ein Pfeil durch den Gang und traf mit einem dumpfen Geräusch eine weitere Angel, welche sich Mirâ in den Weg gestellt hatte. Mit lautem Kreischen löste diese sich in schwarz-rote Partikel auf und machte so den Weg frei, sodass die Oberschülerin gemeinsam mit Mika weitergehen konnte. Nach ihrem Aufeinandertreffen mit dem Kelpie, wie sich das grüne Pferd nannte, hatten die beiden Mädchen ihren Weg fortgesetzt, um zum einen mit Hiroshi aufzuschließen, welcher vorgerannt war, und zum anderen Akane zu retten, die seit einigen Tagen hier festsaß. Der Energieschub, den das Item Souma Mirâ verschafft hatte, kam ihr dabei nur gelegen. Nicht nur, dass es ihre körperlichen Verletzungen komplett geheilt hatte, auch ihre Energiereserven mit denen sie ihre Personas rufen musste, waren wieder vollkommen aufgeladen. Dadurch waren auch ihre Konzentration und Präzision wieder gestiegen und die Treffer, die sie mit ihrer Waffe erzielte, waren effektiver, als noch zu Beginn. Der Gang, durch welchen sie seit Beginn dieser Mission gerannt war, hatte sich seither nicht wirklich verändert, außer dass nun ab und an häufiger diese versteckten Räume auftauchten. Um nicht sinnlos in einen Kampf verwickelt zu werden und damit ihre neu gewonnenen Kräfte aufzubrauchen warf Mirâ immer erst einmal einen Blick hinein, um zu überprüfen, ob sich darin auch wirklich ein Koffer befand, der ihnen nützlich sein konnte. Dabei konnte sie getrost ungefähr die Hälfte der Räume unbetreten hinter sich lassen, da sich darin offensichtlich nichts befand, was ihr helfen konnte. Wiederum hatte sie in einem dieser Zimmer sogar etwas sehr Nützliches gefunden: Einen neuen Bogen, der genau auf ihre Bedürfnisse angepasst war. Woher er genau kam und wer ihn dort platziert hatte, war ihr in diesem Moment relativ egal. Sie nahm diesen Fund dankbar an und setzte ihn natürlich auch gleich ein. Auch das sorgte dafür, dass ihre Angriffe weitaus effektiver waren, als noch mit ihrem Kinderbogen, sodass ihr der Weg etwas einfacher vorkam. Doch nicht nur ihre Waffe hatte sie in den Koffern finden können, sondern auch wertvolle Items, die ihr halfen ihre physische und psychische Stärke aufrecht zu halten. Ein wenig erinnerte sie dies mittlerweile an eines dieser bekannten Rollenspiele, die es für die bekannten Spielekonsolen zu kaufen. Sie selbst spielte zwar nicht wirklich aktiv, jedoch kannte sie die Werbung von Spielen wie „Dragon Hunter“ und „Eternal Fantasy“, die sich, soweit sie mitbekommen hatte, wohl auch im Ausland großer Beliebtheit erfreuten. Soweit sie wusste war es auch dort die Aufgabe des Helden Monster zu besiegen und dabei Items einzusammeln, die ihn bei seiner Reise unterstützen. Gerne hätte Mirâ das alles als etwas Erfreuliches angesehen, jedoch wusste sie, dass es sich hierbei nicht um ein Spiel auf einer Konsole handelte, sondern um die Realität, in der sie Gefahr lief ihr Leben zu verlieren, wenn sie nicht aufmerksam blieb. Ein starker Wind zog auf, der jedoch von einer Barriere aufgehalten wurde, die sich errichtete, als der Angriff sie treffen sollte, und dabei so wirkte, als würde er aufgesaugt werden. Mit schnellen Schritten lief die Oberschülerin auf ein weiteres Kelpie zu, dass sich ihr in den Weg gestellt hatte, während sie Angel rief, die sofort einen Angriff mit „Hama“ auf den Gegner startete. Mit lautem Kreischen löste sich der Shadow in schwarz-roten Nebel auf, sodass Mirâ weiterlaufen konnte. Sie warf einen kurzen Blick hinter sich, um sicher zu gehen, dass Mika noch immer an ihrer Seite war. Erleichtert stellte sie fest, dass das kleine Mädchen trotz ihrer kurzen Beine gut schritthielt. Als die Violetthaarige wieder nach vorn blickte reduzierte sie plötzlich die Geschwindigkeit, was auch Mika zu ihrem Erstaunen wahrnahm und es ihr gleichtat. Sie blickte an der Älteren vorbei und erkannte den Grund für die plötzliche Reduzierung, als sie auf ein großes braunes Tor blickte, dass ihnen nun den Weg versperrte. Genau wie die Türen an den versteckten Räumen, so wirkten die schlichten, aber riesigen Flügel dieser Tür viel zu Normal für diesen Ort.

„Haben wir es geschafft?“, ging der Oberschülerin durch den Kopf, während sie das braune Tor vor sich eingängig musterte, „Ob dahinter Hiroshi und Akane sind?“

Sie zögerte kurz. Irgendetwas in ihr sträubte sich plötzlich weiter zu gehen. Dahinter lauerte etwas. Das hatte sie mittlerweile im Gefühl, jedoch hatte sie Zweifel, dass es sich dabei um ihre beiden Freunde handelte. Es war etwas anderes. Vorsichtig setzte sie nun doch einen Schritt vor den anderen und ging so langsam auf die Tür zu. Dabei fiel ihr auf, dass sie einen kleinen Spalt geöffnet war. Jemand war also definitiv hier durch gegangen.

„NEIN HÖR AUF!“, ließ sie eine ihr bekannte Stimme aufschrecken.

„Das war Makoto-kun“, sagte sie geistesgegenwärtig und ging nun doch schneller auf die Flügeltüren zu, gegen deren offene Seite sie sich stemmte und so den Durchgang vollständig zu öffnen. Kurz darauf stand sie in einem runden Raum, welcher sie stark an den Velvet Room erinnerte, denn auch seine Wände bestanden fast vollständig aus Spiegeln. Einzig und allein das Tor, durch welches sie gekommen war, sowie eines, welches sich ihr gegenüber befand, unterbrachen den Kreis. In der Mitte des Raumes fand sie Hiroshi vor, welcher auf dem Boden hockte und sich die Ohren zuhielt. Schnell rannte sie zu dem jungen Mann und hockte sich zu ihm herunter:

„Makoto-kun. Ist alles in Ordnung?“

„Na sieh einer an… du hast ja Unterstützung dabei…“, erklang plötzlich eine Stimme, die der von Hiroshi glich und doch etwas verzerrter klang und aus einer undefinierbaren Richtung kam.

„Wer ist da?“, angespannt sah sich Mirâ um, doch konnte niemanden entdecken.

„Das ist aber typisch für dich. Immerhin bist du nicht in der Lage alleine etwas auszurichten“, sprach die Stimme, ohne auf die Frage von Mirâ einzugehen, „So war es schon immer. Als Kind wärst du ohne Akane aufgeschmissen gewesen. Und in der Mittelschule…“

„Nein! Halt den Mund! Das stimmt nicht!“, schrie Hiroshi, der nun endlich wieder aufsah.

Überrascht sah die Violetthaarige zu dem jungen Mann: „Makoto-kun, wer spricht da?“

Ein Lachen ertönte hinter der Oberschülerin, weshalb sie sich umdrehte und dann in einen der Spiegel blickte, die den Raum umgaben. Doch anstatt ihres eigenen Spiegelbilds erkannte sie darin eine Person, die Hiroshi bis aufs Haar glich. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt grinste sie die beiden Schüler an, dabei fielen Mirâ auch die stechend gelben und eiskalten Augen auf. Erschrocken wich sie etwas zurück.

„Nun tu nicht so. Du weißt, dass es stimmt…“, grinste die Person im Spiegel, „Akane hat dich immer beschützt und du hast es ihr gedankt, indem du ihr gegen den Kopf gestoßen hast. Haha das war vielleicht ein Schauspiel. Wirklich lustig anzusehen. Und irgendwie befreiend. Was?“

Der echte Hiroshi zuckte zusammen und sah fassungslos auf sein Gegenüber. Plötzlich tauchte in dem Spiegel daneben eine weitere Gestalt auf, die aussah wie Hiroshi.

Diese kniete auf dem Boden und hatte den Kopf gesenkt: „Ich bin so ein Schwächling… dass ich es nicht einmal schaffe, mich selbst zu verteidigen…“

„N-nein hör auf…“, murmelte Hiroshi, „D-das habe ich hinter mir gelassen…“

„So?“

Ein weiteres Abbild des jungen Mannes erschien: „Ständig verstecke ich mich hinter Akane-chan und immer wieder verletzt sie sich deshalb, weil sie mich verteidigt…“

Immer mehr Spiegelbilder des Blonden erschienen in den Spiegeln, die sich im Kreis um sie herum befanden.

„Ich bin so ein Weichei, dass ich mich immer wieder beschützen lasse.“

„Wieso kann ich nicht einmal selbst die Initiative ergreifen und mich selber wehren?“

„Ohne Akane-chan habe ich einfach keinen Mut etwas zu verändern…“

„Ich bin so feige…“

„Ich schaffe es nicht einmal ihr ehrlich ins Gesicht zu schauen und mich aufrichtig zu entschuldigen…“

Irritiert hörte Mirâ auf die Stimmen um sie herum, die sich immer und immer wieder wiederholten und zu einem Rauschen verschmolzen, dass ihr den Verstand zu rauben drohte.

„NEIN! HÖR AUF!“, schrie plötzlich Hiroshi und ließ damit seine Ebenbilder verstummen und die Violetthaarige erschrocken in seine Richtung blicken, „Hör endlich auf. Was weißt du schon?“

„Nun… ich weiß eine ganze Menge über dich. Um genau zu sein sogar alles“, grinste das erste Abbild frech, „Ich kenne deine Vergangenheit, deine Gefühle, deine geheimsten Gedanken… einfach alles. Denn ich bin du!“

Erschrocken wich der Blonde zurück und schüttelte den Kopf: „Nein! Das stimmt nicht!“

Ein dunkler, eiskalter Nebel sammelte sich auf dem Boden und ließ Mirâ aufschrecken. Irritiert folgte sie dem Ursprung dieses Nebels, welcher aus genau dem Spiegel kam, in welchem das erste Abbild des Blonden zu finden war, dessen Grinsen immer breiter wurde und sich immer mehr verzerrte.

„Ich will einfach nicht akzeptieren, dass du ich sein sollst!“, rief sein echtes Ebenbild lautstark, was sein Spiegelbild dazu verleitete laut zu Lachen.

Genau in diesem Moment zersprangen die Spiegel, welche den Raum umgaben, während sich aus deren Splitter und dem Nebel ein neues Wesen formte, dass die Form eines riesigen weißen Stieres hatte, dessen Kopf schwarz war. Darauf saß eine dunkelgraue Maske, dessen Gesichtszüge zur Unkenntlichkeit verzerrt waren. Sein Körper war mit einer Decke bestückt, die aus roten und gelben Perlen bestand, während an seinem Schwanz ein goldener Reif hing. Seine tiefroten, riesigen Hörner hielten eine goldene Scheibe, von welcher mehrere Strahlen abgingen, die an ihren Enden an Hände erinnerten. Mit einem lauten Schnaufen, stampfte es hart auf den Boden und ließ den Raum damit erzittert. Mit bleichem Gesicht starrte Mirâ auf das Wesen vor sich, dass beinahe die gesamte Höhe bis zur Decke einnahm. Wie sollte sie das besiegen?

„Was zum…!?“, hörte sie Hiroshi neben sich fluchen und wandte sich ihm deshalb kurz zu, nur um zu sehen, wie ihn der restliche schwarze Nebel, der sich noch auf dem Boden befand, umschlang.

Kurz darauf bildete sich daraus eine sechseckige Kiste, welche den Blonden offensichtlich darin einsperrte.

„Makoto-kun“, rief sie erschrocken, doch musste im nächsten Moment beiseite springen, als sie beinahe der Schweif des riesigen Stieres getroffen hätte, „Wer bist du? Und was hast du mit Makoto-kun gemacht?“

„Mein Name ist Month! Ich bin ein Shadow! Das wahre ich!“, erklang die verzerrte Stimme, welche nun viel tiefer klang, als noch zuvor, „Ich werde dich aus dem Weg räumen und dann seinen Platz einnehmen.“

„Du willst was!?“, erneut wich Mirâ dem Schlag des Schweifes aus und entfernte sich damit noch weiter von der Kiste, in der ihr Kumpel eingesperrt war, „Das lasse ich nicht zu! Kelpie!“

Im nächsten Moment legte sich um die junge Frau der gleißende blaue Schein, aus dessen Partikel sich ihre Persona formte, die sich ihr auf ihrem Weg ebenfalls angeschlossen hatte. Ohne weitere Worte ging diese sofort zum Angriff über, welcher in Form eines kleinen Wirbelsturmes auf den Shadow zusteuerte. Dieser traf direkt, richtete jedoch augenscheinlich kaum Schaden an, denn kaum war er vorüber, stampfte ihr Gegner stark auf den Boden, sodass dieser wieder bebte. Daraufhin bildete sich um ihn ein tiefroter Schein, auf den über der Violetthaarigen und ihrer Persona ein riesiges Schwert aus Licht erschien, welches Kelpie kurz darauf mit einem gekonnten Schnitt traf. Schmerzhaft zuckte die Oberschülerin, während sich das grüne Pferd nach und nach in seine Partikel auflöste. Schwer atmend beobachtete Mirâ, wie ihre Persona verschwand und richtete dann ihren Blick auf Month vor sich. Nur langsam ließ der Schmerz nach, doch trotzdem griff sie nach einem der Pfeile in ihrem Köcher und spannte diesen in ihren Bogen ein. Noch einmal musste sie dem Schweif ihres Gegners ausweichen, ehe sie einen festen Stand fand und dann ihren Pfeil auf diesen abfeuerte, der jedoch abprallte, als dieser erneut seinen Schwanz in die Luft schwang.

„Tze…“, schnalzte die junge Frau mit der Zunge.

Endlich hatte der Schmerz gänzlich nachgelassen, weshalb sie einen erneuten Versuch mit ihrer Persona startete, jedoch dieses Mal eine andere wählte.

„Hemsut!“, rief sie laut, als die weibliche Persona erschien, die aus ihrem innersten erwacht war.

Mit Schwung erhob sich das weibliche Wesen in die Luft und hielt ihre Hand auf den Shadow vor sich, vor welcher sich ein kleiner Eisbrocken bildete, der daraufhin auf den Stier zuraste. Diese Attacke ging tatsächlich durch, jedoch zuckte ihr Gegner nicht einmal. Er schien sogar, als hätte er gar keinen Schaden angerichtet.

„Hahaha. Du mickriges Ding. Meinst du wirklich, dass du mich damit besiegen kannst?“, fragte das Wesen und starrte sie von oben herab an.

„Ich muss… irgendwie, werde ich das schon schaffen“, rief die Violetthaarige.

„Dann versuch es!“, wieder stampfte der Stier auf, dieses Mal jedoch so stark, dass es die junge Frau von den Beinen riss.

Dabei ließ sie ihre Verteidigung fallen und konnte sich deshalb auch nicht wehren, als sie mit voller Wucht von dem Schweif des Shadows getroffen und gegen die nächste Wand geschleudert wurde.

„MIRÂ!“, rief Mika erschrocken, als sie mit ansehen musste, wie die Ältere zu Boden sank.

„Hahaha! Siehst du? Ich habe es dir gesagt! Du kannst mich nicht besiegen!“, sprach der Stier anschließend.

„Urgh…“, erschöpft versuchte sich die junge Frau wieder aufzurichten, doch verließ sie kurz darauf die Kraft und sie sackte wieder zu Boden.

Wie sollte sie nur gegen einen so mächtigen Gegner bestehen? Er war anders, als die Shadows, die ihr vorher begegnet waren; eine völlig andere Klasse. Er spielte in einer völlig anderen Liga als sie. Und doch durfte sie jetzt nicht aufgeben. Ihr Blick richtete sich auf die Kiste, in welcher Hiroshi eingesperrt war. Sie musste ihn befreien. Month durfte nicht siegen und seinen Platz einnehmen. Das würde sie nicht zulassen. Sie formte ihre Hände zu Fäusten und nahm noch einmal alle ihre Kraft zusammen, um sich wieder aufzurichten, bevor sie ihren Gegner ins Visier nahm. Er musste eine Schwachstelle haben und bis sie diese gefunden hatte, musste sie es irgendwie schaffen zu überleben.

„Mirâ!“, hörte sie Mikas Stimme, die kurz darauf auf sie zugelaufen kam, „Geht es dir gut?“

„Es ging mal besser…“, murmelte die Violetthaarige mit einem kleinen Lächeln, „Ich muss ihn irgendwie aufhalten…“

Das blauhaarige kleine Mädchen richtete auch ihren Blick auf den Gegner, welcher sich darüber erstaunt zeigte, dass sie es doch geschafft hatte sich wieder aufzurichten: „Das wird nicht einfach. Er hat es sogar geschafft deine Persona zu zerschneiden mit diesem Lichtschwert… wenn dich das direkt trifft, dann…“

Überrascht sah die Ältere ihre Freundin an: „Sagtest du gerade Licht?“

Zwei irritierte rote Augen sahen sie an: „J-ja. Dieses Schwert mit dem es deine Kelpie zerstört hat. Ich glaube, dass war ein Angriff mit Licht…“

Mirâ schwieg und dachte nach, während sie ihr Smartphone anhob und auf das Display starrte. Ihr kam eine Idee um sich zu verteidigen. Jedoch würde diese nur aufgehen, wenn sie es schaffen würde den anderen Angriffen auszuweichen. Das sollte ihr jedenfalls etwas Zeit verschaffen den Schwachpunkt ihres Gegners herauszubekommen. Vorsichtig stand sie wieder auf und wechselte daraufhin ihre Persona.

„Oh ich bin erstaunt… du stehst ja wieder. Nicht schlecht. Aber jetzt beenden wir es“, Month stampfte mit seinen Hufen auf und bildete damit den roten Schein um sich, woraufhin sich erneut ein Lichtschwert über der jungen Frau bildete.

Angespannt starrte sie auf die Erscheinung über sich und hoffte inständig, dass ihr Plan aufging. In diesem Moment sauste das Schwert nach unten, während sie die Augen schloss.
 

[ ??? ]


 

„Urgh… was ist hier los?“, hielt sich Hiroshi den schmerzenden Kopf, als er aus seiner Ohnmacht erwachte, „Huh!?“

Erschrocken sah er sich um, als ihm auffiel, dass er sich in einem geschlossenen dunklen Raum befand. Obwohl es keine Lichtquelle gab, so erkannte er doch, dass sich vor, neben und hinter ihm Wände befanden, welche nur so weit voneinander entfernt waren, dass er dazwischen sitzen konnte.

„Was soll das? Hey!“, rief er und schlug dabei gegen die Wand vor sich, „Wo bin ich hier? Shingetsu, wo bist du? Mika-chan?“

„Versuch es erst gar nicht. Niemand kann dich hören und heraus kommst du auch nicht“, erklang plötzlich eine ruhige Stimme, die seiner glich.

Sofort zuckte der junge Mann zusammen, als er die Stimme vernahm, da er Angst hatte, dass es sich dabei um sein Ebenbild aus dem Spiegel handelte, welches ihm wieder diese fiesen Dinge an den Kopf knallen wollte. Wobei… Im Grunde…

„Keine Angst. Ich bin nicht hier um dich zu verurteilen…“, erklang die Stimme erneut und holte den Blonden damit aus seinen Gedanken, „Jedoch sollte dir bewusst sein, dass du für immer hier festsitzen wirst, wenn du dir nicht bewusstwirst, was es mit den Worten auf sich hat, die dich in diese Lage gebracht haben…“

„Wie meinst du das?“, fragte der junge Mann und zuckte plötzlich zusammen, als ihn ein helles Licht blendete.

Überrascht sah er in die Richtung und erkannte dann eine Szene, welche sich auf einer der Wände abzeichnete. Anfangs dachte er noch, dass es sich dabei um einen Film handelte, doch kurz darauf erkannte er Mirâ, welche versuchte gegen einen riesigen Stier zu bestehen. Immer wieder wich sie seinen Angriffen aus und versuchte ihm mit den ihren Schaden zuzufügen, leider mit wenig Erfolg. Plötzlich stampfte das riesige Tier auf und sorgte dafür, dass die junge Frau den Halt unter den Füßen verlor, nur um daraufhin seine Chance zu nutzen und seinen Gegner mit dem Schweif gegen die nächste Wand zu schleudern.

„Oh nein, Shingetsu!“, rief Hiroshi schockiert.

„Sie kann dich nicht hören…“, sagte die Stimme erneut, „Dieses Wesen ist aus den tiefsten Ängsten deines Wesens entstanden. Es machte sich deiner größten Schwäche habhaft, um dich damit aus der Reserve zu locken.“

„Meine größte Schwäche…“, so langsam dämmerte es dem jungen Mann, was die merkwürdige Stimme ihm sagen wollte.

Etwas helles in seinem Augenwinkel ließ ihn wieder auf das Bild neben sich schauen, wo er erkannte, wie sich ein riesiges Lichtschwerter über seiner Klassenkameradin gebildet hatte. Anstatt auszuweichen stand sie jedoch wie versteinert da und blickte zu dem Gebilde nach oben. Panik befiel den Blonden, als er dieses Bild sah, denn er befürchtete, dass sie diesen Angriff nicht überleben würde. Sie musste doch ausweichen. Wieso tat sie es nicht? In diesem Moment schnellte das Schwert auf sie hinab, doch noch immer machte sie keine Anstalten auszuweichen. Und dann erreichte die Attacke sie, doch es geschah nichts. Viel mehr wirkte es, als würde das riesige Lichtschwert aufgesaugt werden. Überrascht sah Hiroshi dem Spektakel zu, während der riesige Shadow der jungen Frau gegenüber erschrocken zurückwich, da er damit nicht gerechnet hatte. Jedoch blieb das Erstaunen nur kurz, denn kurz darauf griff er wieder mit seinem Schweif an, welchem die Violetthaarige versuchte auszuweichen.

„Ho? Nicht schlecht. Sie hat eine seiner Schwachstellen gefunden“, selbst die merkwürdige Stimme schien erstaunt.

„Du sagtest, dass meine größte Schwäche dieses Wesen herbeigerufen hat“, wiederholte der junge Mann noch einmal die Worte und bekam darauf auch eine Bestätigung: „So ist es.“

Er senkte den Blick und dachte kurz nach: „Ich glaube ich weiß was du meinst. Allerdings ist es nicht so einfach seine Schwächen zu akzeptieren, vor allem, wenn man weiß, was andere darüber denken…“

Sein unsichtbares Gegenüber schwieg, da es anscheinend selbst nicht wusste, was es darauf erwidern sollte.

„Du wirst ihn nicht retten können, dummes Gör. Ich werde seinen Platz einnehmen, sobald ich dich besiegt habe!“, rief der Stier erzürnt.

„Ich werde nicht zulassen, dass du die Schwäche von Makoto-kun ausnutzt, um ihn damit gefangen zu nehmen und seine Position einzunehmen“, hörte er plötzlich Mirâs Stimme, „Makoto-kun muss sich nicht dafür schämen, was geschehen ist oder was er getan hat. Jeder macht Fehler und jeder hat etwas, wovor er Angst hat. Das ist nichts, was einem peinlich sein sollte. Auch gegenüber Akane-san hat er mit Sicherheit nicht böswillig gehandelt und das weiß sie garantiert auch. Sie mag böse auf ihn sein, doch das ist nichts, was man nicht regeln kann. Und… wenn Makoto-kun es nicht alleine schafft, dann helfe ich ihm gerne und gebe ihm einen Schubs in die richtige Richtung!“

„Halt den Mund! Er kann dich sowieso nicht hören!“

Überrascht sah der Blonde auf die Szene, in welcher die Violetthaarige erneut einem Angriff auswich und somit etwas Abstand zu ihrem Gegner nahm, während dieser immer wieder versuchte ihr zu schaden. Ein kleines Lächeln hatte sich auf seinen Lippen gebildet, obwohl es die Situation eigentlich nicht zuließ. Trotzdem erfreuten ihn die Worte der jungen Frau, die er doch erst seit einigen Tagen kannte und mit der er eigentlich nur spärlich Kontakt hatte. Trotzdem sicherte sie ihm ihre Unterstützung zu und wollte ihm helfen seine Probleme mit Akane zu beheben. Und noch mehr freute es ihn, dass sie ihn nicht verurteilte; dafür, dass er eigentlich gar nicht so stark ist, wie er immer versuchte sich zu geben. Sie akzeptierte ihn und das machte ihn unglaublich glücklich. Diese Dinge, die ihm der Shadow an den Kopf geknallt hatte, sie taten weh und am liebsten würde er sie immer noch alle von sich weisen, doch…

„… sie entsprechen der Wahrheit“, sagte er plötzlich mit gesenktem Blick, „Ich schäme mich für mein früheres Ich und dafür, wie ich mit der Situation umgegangen bin. Und noch mehr schäme ich mich dafür, wie ich Akane behandelt habe, obwohl sie lange Zeit die Einzige war, die fest an meiner Seite stand. Ich schäme mich dafür, doch muss es akzeptieren und das Beste daraus machen…“

„Du stehst also zu deinen Gefühlen?“, fragte die Stimme erneut und ließ den jungen Mann aufschauen.

Erstaunt blickte er daraufhin auf sein eigenes Spiegelbild, über welchem sich ganz sanft eine Gestalt abbildete, die ihm unbekannt und doch vertraut war und auf deren eigentlich starrem Gesicht sich ein kleines Lächeln abbildete, als er nickte.

„So sei es… so nimm alle deine Gefühle zusammen und befreie dich!“, in diesem Moment leuchtete das Handy in Hiroshis Jackentasche auf.

Das jedoch ignorierte der junge Mann und formte stattdessen seine linke Hand zu einer Fast, mit welcher ausholte und dann mit ganzer Kraft gegen die Wand schlug, an welcher er bis eben noch das Geschehene beobachten konnte.
 

[ Kampfgeschehen ]
 

Erneut wich Mirâ einem Angriff ihres Gegners aus und strauchelte dann, weil ihre Beine ihr mittlerweile den Dienst versagten. Diesen Moment nutzte Month, um wieder hart aufzustampfen und damit die junge Frau zu Fall zu bringen, nur um dann mit seinem Schweif erneut auszuholen und diese hart zu treffen, sodass sie noch einmal quer durch den Raum flog. In diesem Moment ertönte ein lautes Knacken, welches den riesigen Stier aufschauen ließ, nur um dann zu sehen, wie die Kiste, in welcher er sein Opfer eingesperrt hatte, in tausend Teile zersplitterte. Daraufhin erschien Hiroshi auf der Bildfläche, dessen eh schon blaue Augen noch viel heller strahlten.

„Wie kann das sein!?“, rief der Stier erstaunt.

„Unterschätz mich nicht“, sagte der Blonde darauf nur, während er nach dem leuchtenden Smartphone in seiner Tasche griff, „Erscheine: Aton!“

Um den Körper des Blonden bildete sich ein strahlend blauer Strudel, welcher nach oben stieg und dessen kleine, glitzernde Partikel sich zu einem Wesen formten, welches männlich war und dunkle Haut besaß. Er war in weißes Leinen gehüllt, dessen Innenseite in einem hellen gelb gehalten war. Nur seine linke Schulter wurde von dem Stoff bedeckt und zog sich dann quer über den Körper, vor welchem eine goldene Scheibe befestigt war, von der vier Strahlen nach unten abgingen, die an den Enden zu offenen Händen geformt waren. Sein weißer Leinenrock reichte ihm bis kurz über die Knie und wurde in der Mitte von einem langen roten Tuch bedeckt, auf dem auch ein goldener Strahl abgebildet war, der offensichtlich zu der Scheibe an seinem Körper gehörte. Um seine Beine wickelten sich dunkelbraune Lederriemen, die zu ebenso braunen Ledersandalen gehörten. Sein Gesicht, welches unter einen weiß-gelben Kapuze hervorschaute, war von einer weißen Maske bedeckt. Geschwind erhob sich das Wesen mit Namen Aton in die Lüfte und schaffte es gerade noch rechtzeitig Mirâ aufzufangen, bevor diese wieder Bekanntschaft mit der Wand machte. Erstaunt blickte sie auf die erschienene Persona, welche die junge Frau neben Hiroshi auf dem Boden absetzte.

„Alles in Ordnung?“, fragte der junge Mann besorgt, „Entschuldige, dass ich dich in diese Lage gebracht habe…“

Die Angesprochene lächelte und schüttelte dann vorsichtig den Kopf: „Schon okay. Mir geht es gut und ich bin froh, dass du auch wohlauf bist.“

Ein Grinsen legte sich auf das Gesicht ihres Gegenübers, welcher sich wieder dem riesigen Stier zuwandte: „Dann wollen wir hier mal aufräumen. Auf geht’s, Aton!“

Wieder bildete sich das blaue Licht um den Körper des Blonden, während sich Erwähnter in die Luft erhob und seine linke Hand auf den Shadow vor sich richtete. Plötzlich knallte es ohrenbetäubend, als ein Blitz in das Wesen einschlug, welcher dieses von den Beinen und zu Boden riss.

„NEIIIIIIN“, erklang dessen erschrockene Stimme.

Für einen Moment war Mirâ vollkommen perplex, als sie sah, wie einfach das Monster, mit dem sie mächtig zu kämpfen hatte, niedergestreckt wurde. Im nächsten Moment war sie jedoch wieder voll da, als sie hörte wie Hiroshi ihren Namen rief. Sofort machte sie sich wieder kampfbereit und stürmte, als hätten sie sich vorher abgesprochen, gemeinsam mit dem Blonden auf Month zu, um ihn gemeinsam anzugreifen. Endlich zeigte dieser Angriff auch Wirkung, jedoch schaffte er es nicht, trotz des massiven Schadens, den Gegner vollends zu bezwingen.

„Tze…“, schnalzte der junge Mann mit der Zunge und wollte mit seiner Persona einen weiteren Angriff starten, musste dann jedoch ausweichen, als ihn beinahe der Schweif des Shadows erwischt hätte, welcher es geschafft hatte sich nach der Attacke wieder aufzurichten.

„Das lasse ich nicht zu!“, schrie dieser daraufhin, „Ich werde dafür sorgen, dass dies hier euer Grab wird.“

Er bäumte sich in rasender Wut auf, während sich unter seinem wuchtigen Körper wieder der rote Schein bildete. Kurz darauf erstrahlte der Raum in hellem Licht, als sich überall an der Decke riesige Lichtschwerter bildeten. Die beiden Persona-User blickten nach oben und beobachteten das Schauspiel, dann jedoch fiel Mirâ wieder ein, dass Mika auch noch da und vollkommen schutzlos war. Sie selbst war durch Angel noch immer vor den Angriffen mit Licht geschützt, die Kleine jedoch hatte keine Persona, war jedoch vor Angriffen von Shadows nicht gefeit. Panisch sah sie sich um und merkte dann, dass sich die Blauhaarige genau am anderen Ende des Raumes befand. Niemals würde sie es schaffen rechtzeitig zu ihr zu gelangen; selbst, wenn sie noch in der Lage dazu gewesen wäre zu springen. Doch ihre Beine zitterten durch die vorherige Anstrengung. Ein Sprint war nicht mehr möglich. In diesem Moment jedoch setzten sich die Lichtschwerter schon in Bewegung und rasten auf die Gruppe zu. Im Augenwinkel erkannte Mirâ jedoch einen Augenblick später, wie Hiroshi zu dem kleinen Mädchen lief und dieses an sich drückte. Plötzlich erstrahlte der Raum in gleißendem Licht und sorgte dafür, dass die Violetthaarige die Augen schließen musste und somit nicht wusste, was eigentlich um sie herum passierte.

„Hahahaha. Das habt ihr nun davon!“, erklang die Stimme Month‘, was die Oberschülerin bereits das Schlimmste erahnen ließ.

Sie selbst hatte keinen Schaden erlitten; viel mehr hatte der Angriff ihrer Gesundheit wieder etwas auf die Sprünge geholfen. Was aber war mit den anderen beiden? Sie öffnete die Augen und brauchte einen Moment, um diese wieder an die Umgebung zu gewöhnen, dann jedoch erkannte sie den riesigen Stier, welcher sich über seinen kleinen Erfolg zu freuen schien.

Er wandte sich ihr zu: „Dich werde ich auch noch los. Alleine kannst du in deinem Zustand eh nichts mehr ausrichten…“

Schwer schlucken zuckte die junge Frau zurück, immerhin hatte das Monster mit seiner Annahme gar nicht so Unrecht. Sie war schwer angeschlagen, ihre Beine fühlten sich an wie Gummi und auch ihre Kraft zum rufen ihrer Personas ließ allmählich nach. Alleine hatte sie keine Chance. Das war ihr mehr als bewusst. Bevor sie jedoch den Mut verlieren konnte, bemerkte sie bereits eine Bewegung hinter dem Stier. Im nächsten Moment krachte auch bereits mit ohrenbetäubendem Lärm ein weiterer Blitz in das Wesen ein und riss es zu Boden.

„W-was?“

„Unterschätz mich mal nicht…“, erklangt daraufhin Hiroshis Stimme, „Du solltest dir deines Sieges nicht so sicher sein, ohne vorher nachzusehen, was sich hinter deinem Rücken tut.“

Erleichtert atmete die Violetthaarige auf, als sie ihren Begleiter unbeschadet vorfand, welcher sich nun schützend vor Mika positioniert hatte und sein leuchtendes Smartphone in der Hand hielt.

„W-wie? Dieser Angriff hätte dich…“, Month war vollkommen perplex, während er versuchte sich aufzurichten, jedoch keine Chance hatte, da sich um seinen Körper kleine Blitze gebildet hatten, die ihn zu paralysieren schienen.

Ein Grinsen legte sich auf das Gesicht des Angesprochenen: „Sorry, aber Atons Element ist Licht. Mit deinen kleinen Zahnstochern hast du mir vielleicht ein wenig am Rücken gekratzt. Mirâ, lass uns noch einmal gemeinsam angreifen und dem Elend ein Ende bereiten!“

„NEIN!“

Mirâ nickte und machte sich kampfbereit, bevor sie wieder gemeinsam mit dem anderen Persona-User auf das Monster in ihrer Mitte zustürmte, welcher sich daraufhin mit einem lauten Schrei endlich in schwarz-roten Nebel auflöste. Zurück blieb ein Spiegel, der Hiroshis gelbäugiges Ebenbild in sich trug und auf welchen der junge Mann dann zutrat. Kurzzeitig starrten sich beide in die Augen, ehe der Echte kurz seufzte.

„Oh man… da hat uns mein Schamgefühl ja ganz schön in die Bredouille gebracht“, kratzte er sich am Nacken und sah sein Ebenbild dann wieder an, „Du wolltest mir nur im wahrsten Sinne des Wortes den Spiegel vorhalten. Ich habe verstanden, dass ich mich dem stellen muss und werde von nun an zu dem stehen, was ich war, was ich bin und was ich tue.“

Das Spiegelbild schwieg, nickte jedoch mit einem kleinen Lächeln, woraufhin der Spiegel einen Augenblick später riss und dann in tausende Teilchen zerfiel, die sich in schwarzem Nebel auflösten. Dann kehrte Schweigen ein.
 

„Noch jemand mit einer Persona…“, ging Mika durch den Kopf, als sie sich in Richtung der beiden Oberschüler in Bewegung setzte, „Was geht hier nur vor sich? Und wieso verhalten sich die Shadows so merkwürdig?“

Sie beobachtete die beiden Älteren vor sich, welche noch immer auf die Stelle starrten, an welcher noch zuvor der Spiegel mit dem Ebenbild des Blonden stand. Plötzlich schwankte Mirâ und fiel mit einem Mal auf ihre Knie, als ihre Beine plötzlich nachgaben. Erschrocken wandte sich der junge Mann ihr zu, doch im nächsten Moment schwankte auch er und fiel dann mit Schwung und einem dumpfen Knall auf seinen Hintern. Überrascht sahen sich die beiden Oberschüler an, dann jedoch lachten sie plötzlich.

„Wir sind beiden ganz schön angeschlagen“, lachte Hiroshi.

„Das war ein harter Kampf“, trat Mika auf die beiden zu, „Danke, dass du mich beschützt hast, Hiroshi.“

„Ah… woher wusstest du, dass Mika ebenfalls von dem Angriff betroffen sein würde?“, fragte Mirâ plötzlich, während sie sich etwas bequemer hinsetzte.

„Dein Blick… du hast so verzweifelt nach Mika-chan Ausschau gehalten, dass ich mir irgendwie denken konnte, dass sie auch Schaden nimmt. Außerdem sieht man ihren Sachen an, dass sie wohl schon häufiger Bekanntschaft mit diesen Wesen gemacht haben muss“, setzte Angesprochener ein Grinsen auf und wandte sich dann wieder dem kleinen Mädchen zu, „Gern geschehen, Mika-chan.“

Überrascht über diese Aussage sahen die beiden Mädchen ihn an, während die Blauhaarige das ansprach, was der Violetthaarigen bereits durch den Kopf ging:

„Du bist ziemlich aufmerksam, wenn dir das in dem Chaos auffiel…“

Mit irritiert großen Augen sah der Blonde die beiden an und fühlte sich dann doch etwas in seiner Ehre gekränkt, dass man ihm offensichtlich nicht so viel Aufmerksamkeit zugetraut hatte. Dann jedoch legte sich ein verbittertes Lächeln auf sein Gesicht, als er daran dachte, dass es mindestens eine Person gab, die ihnen in diesem Moment wohl widersprochen hätte.

„Ich denke Akane sieht das anders…“, murmelte er und erhob sich dann langsam wieder, „Wir sollten weitergehen. Oder?“

Wieder trafen ihn überraschte Blicke, bevor Mika Einwände gab: „Lasst das lieber. In eurem Zustand kommt ihr nicht weit. Mirâ ist vollkommen durch und auch du kannst kaum richtig geradestehen. Außerdem ist deine Persona erst erwacht…“

„Naja… Aber sonst geht’s mir eigentlich gut“, meinte Angesprochener daraufhin und blickte dann zu Mirâ, nur um festzustellen, dass Mika in ihrer Hinsicht wirklich recht hatte, „Aber vielleicht hast du Recht. Auch wenn es mich ärgert, weil ich Akane so schnell wie möglich hier rausholen will.“

Auch die Violetthaarige erhob sich kurz darauf mit wackeligen Beinen: „Das will ich eigentlich auch. Wir könnten auch noch einmal Souma einsetzen, dann…“

„Lass das lieber“, unterbrach sie Mika, „Heb dir ein so effektives Item lieber auf. Wer weiß, was euch noch erwarten wird…“

Vollkommen irritiert sah Hiroshi zwischen den beiden Mädchen hin und her, da er keine Ahnung hatte wovon sie sprachen. Souma? Item? Es klang ein wenig wie in einem RPG. Bedeutete das etwa, dass es auch hier Gegenstände gab, die ihre Gesundheit wieder aufwerteten? Und Mirâ besaß eines, welches sie vollständig heilen würde und mit dem sie weiter vorrücken könnten? Er blickte auf das noch immer geschlossene Tor, welches gegenüber dem war, durch welches er den Raum betreten hatte. Mithilfe des Items könnten sie weiter zu Akane vorrücken. Andererseits hatte Mika natürlich auch recht. War das Item erst einmal aufgebraucht, so würden sie später vielleicht Probleme bekommen. Auch wenn es ihm schwerfiel, so musste er zugeben, dass eine Pause vielleicht gar keine so schlechte Idee war, zumal sich bei ihm langsam ermattende Müdigkeit breit machte.

Er seufzte und wandte sich dann wieder der Violetthaarigen zu: „Mika-chan hat Recht. Lass uns eine Pause machen…“

Mit großen roten Augen sah Mirâ ihren Begleiter an, doch nickte dann etwas erleichtert. Wenn sie ehrlich war, so wollte sie eigentlich keinen Schritt mehr gehen. Zwar wollte sie Akane so schnell wie möglich befreien, doch wollte sie es nicht riskieren in dieser Welt das zeitliche zu segnen. Zumal sie feststellen musste, dass ihr Souma zwar geholfen hatte ihre Kräfte wieder aufzubauen, jedoch auch, dass der Effekt schneller wieder nachließ und sie auch viel schneller diese neu gewonnene Kraft aufbrauchte. Frisch gestärkt würden sie sicher besser vorankommen. Allerdings gab es da noch ein Problem…

„Wie kommen wir eigentlich hier raus?“, fragte plötzlich Hiroshi die Frage, die sich auch ihr in diesem Moment in den Vordergrund drängte.

Fragend sah der Blonde sie und Mika an, welche jedoch ebenso Ratlos waren, wie er. Plötzlich jedoch erblickte die Violetthaarige im Augenwinkel etwas blauen, was sie hinüber zu dem geschlossenen Tor blicken ließ. Daraufhin erkannte sie einen blauen Schmetterling, welcher rechts neben der Tür freudig seine Runden zog. Sie kannte diesen kleinen Flattermann. Jedenfalls hatte sie das Gefühl, dass es sich dabei um den gleichen handelte, welchen sie auch im Velvet Room gesehen hatte. Daraus schlussfolgerte sie, dass er ihnen vielleicht hier heraushelfen könnte. Aus diesem Grund setzte sie sich langsam in Bewegung; genau auf das kleine leuchtende Insekt zu. Hiroshi und Mika tauschten einen kurzen Blick und folgten ihr dann, ehe auch ihnen das kleine Tier auffiel, welches die Violetthaarige einen Augenblick später vorsichtig mit ihrer Hand berührte. In diesem Moment umschloss ein gleißendes Licht die Gruppe und als sie ihre Augen wieder öffneten, fanden sie sich vor dem Einkaufszentrum wieder.
 

Überrascht sahen sich die drei um, während vor ihnen der kleine Schmetterling immer noch seine Runden zog und sich von alledem nicht beeinflussen ließ. Mirâ wandte sich wieder dem Insekt zu und musterte es einen Moment, wie es weiter seine Kreise zog. Er hatte sie also wirklich wieder an ihren Startpunkt gebracht; sogar direkt vor den Eingang zu dieser Welt, sodass sie nicht noch einmal zurücklaufen mussten. Dankbar für diesen Transport, der ihnen einen Fußmarsch erspart hatte, drehte sie sich wieder zu ihren Freunden, die sie mit großen Augen betrachteten.

„Fragt bitte nicht… ich hatte da nur so ein Gefühl…“, antwortete sie auf die stummen Fragen, womit sich die beiden jedoch erst einmal zufrieden zu geben schienen.

Daraufhin machten sich die drei wieder auf den Weg zurück zu der Wand, durch welche die beiden Oberschüler in diese Welt gestolpert waren. Da alles jedoch spiegelverkehrt war, brauchte Hiroshi einen Moment, um sich überhaupt wieder richtig zu orientieren, weshalb das ganze Unterfangen noch einmal einige Minuten in Anspruch nahm. Kurz darauf hatten sie besagte Seite jedoch gefunden. Etwas irritiert darüber, dass Mika offensichtlich diese Welt nicht verlassen konnte, verabschiedeten sich die beiden Älteren deshalb von dieser und berührten daraufhin das kalte Glas an der Wand, woraufhin sie hindurchschritten.
 

[ Reale Welt ]

[ Einkaufszentrum ]


 

Erneut purzelten die beiden Jugendlichen mit dumpfem Knall aus der verspiegelten Wand und fielen dann auf den davor liegenden Asphalt.

„Au… geht das nicht etwas sanfter?“, jammerte Hiroshi, welcher mit dem Rücken gegen einen kleinen Baum getorkelt war.

„Wäre schön“, murmelte Mirâ, die einmal in voller Länge auf dem Boden lag.

Sich die Schulter reibend half der Blonde der jungen Frau wieder auf die Beine und sah sich dann um, nur um festzustellen, dass sie sich offensichtlich wieder in der realen Welt befanden. Die Richtungen stimmten wieder und auch die Bäume sahen wieder so aus, wie sie es eigentlich sollten. Erleichtert darüber wieder zurück zu sein, aber auch etwas enttäuscht, dass sie Akane nicht sofort helfen konnte, blickte der Blonde noch einmal auf die verspiegelte Fläche des riesigen Gebäudekomplexes. Wer hätte gedacht, dass sich hinter den Spiegeln eine weitere Welt befinden würde. Hätte man ihm das vor zwei Wochen erzählt, er hätte denjenigen für verrückt gehalten. Nun jedoch hatte er sie selber erlebt, auch wenn er auf dieses Abenteuer gerne verzichtet hätte. Ein warmes Glühen in seiner Brust ließ ihn aus seinen Gedanken schrecken und seine Hand an besagte Stelle legen. Es war definitiv kein Traum. Seine Persona, Aton, war real. Sie war ein Teil von ihm. Es war merkwürdig. Plötzlich hatte er das Gefühl, als würde etwas in seinem Inneren ausgefüllt werden, von dem er nicht einmal wusste, dass es ihm gefehlt hatte. Er wandte sich Mirâ zu, die sich den Staub von ihren Sachen klopfte. Und das alles nur, weil er ihr begegnet war. Er bezweifelte, dass er auch nur einen Versuch unternommen hätte, um die Sache mit Akane zu klären, wenn er diese junge Frau nicht getroffen und sie sich nicht zufällig mit der Brünetten angefreundet hätte. Es kam ihm ein wenig wie Schicksal vor, dass er ihr begegnet war. Auch wenn er schon nach ihrem zweiten Aufeinandertreffen so eine Vermutung hatte, so hatte er nun ein wenig die Bestätigung dafür.

„Die Frage ist, wohin mich diese schicksalhafte Begegnung bringen wird…“, ging ihm durch den Kopf, als er bemerkte, wie sich auf dem Gesicht seines Gegenübers ein kleines Lächeln abzeichnete.

Seine Gedanken beiseiteschiebend wandte er sich deshalb nun an die Violetthaarige: „Ich fühl mich echt schlapp. Das hatte ich lange nicht mehr. Lass uns schnell nachhause gehen.“

Mirâ nickte, doch setzte plötzlich ein ernstes Gesicht auf: „Makoto-kun, vorher möchte ich aber noch etwas sicherstellen. Versprich mir, dass du nicht plötzlich alleine in diese Welt gehst. Ich möchte Akane-san genauso schnell wie du retten, aber… nach diesem Kampf weiß ich, dass einer alleine das nicht schaffen wird. Lass uns das bitte nur gemeinsam angehen.“

Überrascht sah der Blonde sie mit seinen hellen blauen Augen an, doch nickte dann: „Abgemacht. Keine Alleingänge. Wir retten Akane gemeinsam.“

Lächelnd hielt er ihr die Hand entgegen, welche sie einen Moment erstaunt betrachtete. Dann jedoch lächelte auch sie und schlug ein, woraufhin sie plötzlich wieder das Glöckchen vernahm, dass sie bereits zweimal gehört hatte.

"I am though... though Art I... Du hast eine neue Bindung hergestellt ... Du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest Personas der Narren Arcana zu erschaffen...", meldete sich die ihr nun doch schon bekannte Stimme.

Dieses Mal verzichtete sie darauf sich umzuschauen, denn offensichtlich erklang diese nur in ihrem Kopf. Ob dies nun ein Zeichen dafür war, dass sie langsam verrückt wurde, oder es mit etwas anderem zusammenhing, war ihr jedoch in diesem Moment vollkommen egal. Viel mehr war sie froh darüber, einen Verbündeten gefunden zu haben, der sie bei der Rettung ihrer Freundin unterstützte.
 

[ ??? ]
 

Ein lautes Klirren war zu vernehmen, als einer der noch immer versiegelten Spiegel, welcher zuvor noch in einem intensiven Blau geleuchtet hatte, seine Ketten sprengte und zersprang. Gleichzeitig bemerkte Igor ein intensives Leuchten in seinem Augenwinkel, weshalb er seinen starren Blick von dem Scherbenhaufen vor sich auf den Tisch lenkte, ohne dabei seine starre Sitzposition zu verändern. Das Dauergrinsen, welches sich ständig unter seiner langen Nase abzeichnete, wurde breiter, als seine Augen auf die Justice Arcana trafen, welche sich nun in aufrechte Position gelegt hatte und die eine angenehme warme Aura umgab. Zwar wusste der Meister dieses überaus merkwürdigen Raumes, der sich zwischen Traum und Realität befand, auch ohne diese Zeichen, was sich ereignet hatte, doch schienen ihn diese trotzdem zu erfreuen. Sein Blick wanderte weiter in die Mitte des Kreises aus Tarot-Karten, wo die Death und die Fool Arcana in aufrechter Position lagen. Auch zweitere leuchtete mit einem Mal intensiv blau auf, was dem alten Mann ein Glucksen entlockte. Margareth, welche noch immer unverändert neben ihm saß, nahm das Glucksen auf, doch starrte dabei auf die beiden leuchtenden Karten, während sie ihre Finger um das dicke Buch auf ihrem Schoß presste, als wolle sie damit verhindern, dass es ihr jemand stahl.

„Auch dieses Mal wird es eine sehr interessante Reise, wie mir scheint…“, gluckste der Nasenmann, ehe das Blau um ihn herum verschwamm und sich in tiefe Dunkelheit wandelte.

XVI – A Bond Sealed in Coffee and Courage


 

*~* XVI – A Bond Sealed in Coffee and Courage *~*

[ ~Donnerstag, 16. April 2015~ ]

[ *früher Morgen* ]

[ Hahen Ringlinie ]
 

Müde gähnte Mirâ, während sie in die U-Bahn der Hahen Ringlinie stieg und sich einen freien Sitzplatz suchte. Kurz blickte sie sich um, als sich der Zug wieder in Bewegung setzte und seufzte dann. Anders als die Tage zuvor war ihr Hiroshi dieses Mal nicht auf dem Bahnsteig begegnet, weshalb sie sich etwas Sorgen machte. Sie hoffte darauf, dass er vielleicht nur verschlafen hatte und würde es ihm nicht einmal übelnehmen. Auch sie war hundemüde und war kurz davor wieder einzuschlafen. Damit ihr dies nicht wirklich noch passierte zog sie ihr Smartphone aus der Jackentasche und entsperrte das Display, um kurz darauf ihr Menü zu öffnen und eine ganz bestimmte App zu finden. Dies dauerte nur wenige Sekunden und kurz darauf leuchtete ihr Display in einer strahlendblauen Farbe auf, bevor sich vor ihren Augen ein Menü aufbaute, dessen Hintergrund ein kleiner blauer Schmetterling in der rechten unteren Ecke zierte. Bereits am Abend hatte sie sich mit dem Programm, welches trotz Löschung wieder auf ihrem Telefon erschienen war, beschäftigen wollen, war jedoch nach wenigen Minuten direkt eingeschlafen. Allgemein kam sie am vorangegangenen Abend vollkommen fertig wieder zuhause an. Zu ihrem Erstaunen musste sie daraufhin feststellen, dass seit dem Verlassen des Hauses gerade einmal eineinhalb Stunden vergangen waren, weshalb ihre Mutter ihre Rückkehr noch nicht einmal wirklich mitbekommen hatte, da sie noch immer mit ihrer Arbeit beschäftigt war. Zu Mirâs Glück, musste diese zugestehen, denn sie hatte keine Ahnung, wie sie ihrer Mutter hätte erklären sollen, weshalb sie so ramponiert aussah. Ihre Kleidung war teilweise zerlöchert und überall an ihr klebte Staub. Im Nachhinein betrachtet war es ein Wunder, dass sie und auch Hiroshi deshalb nicht bereits in der U-Bahn angesprochen worden waren. Nur mit viel Mühe hatte sich die junge Frau kurz unter die Dusche schleppen können, um nicht vollkommen verdreckt ins Bett gehen zu müssen, bevor sie in eben dieses gefallen war. Der Griff zu ihrem Telefon und das Öffnen der App war das letzte, an das sie sich noch erinnerte, bis ihr offensichtlich die Augen zugefallen waren. Als ihr Wecker am Morgen dann geklingelt hatte, lag das rote Telefon direkt neben ihrem Futon, weil sie es wahrscheinlich während der Nacht heruntergeschmissen hatte. Allgemein gesehen, war der gestrigen Abend ziemlich skurril und anstrengend gewesen und würde es nicht um ihre Freundin gehen, so hätte sie es nach aktuellem Stand gerne vermieden noch einmal zurückzukehren. Das jedoch war vorerst nicht möglich, denn sie mussten Akane einfach retten. Die junge Frau schüttelte kurz ganz leicht den Kopf, um sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, bevor ihr Blick wieder auf ihr Telefon wanderte, wo noch immer unverändert die Persona-App geöffnet war. Unter der Überschrift Overview standen fünf Auswahlmöglichkeiten: Status, Social Links, Personas, Summoning, welches grau unterlegt war und somit nicht auszuwählen ging, und Items. Auch wenn sie neugierig war, was wohl geschehen mochte, wenn sie Summoning auswählte, so wandte sie sich erst einmal den anderen Optionen zu. Mit dem Daumen tippte sie auf Status, woraufhin sich eine Tabelle öffnete, in welcher sie den Status, die Fähigkeiten und Attribute ihrer aktuell angelegten Persona einsehen konnte. So hatte Angel, welche noch immer ausgewählt war, aktuell das Level fünf und konnte Garu, Patra und Sukukaja einsetzen. Neben den erwähnten Fähigkeiten stand jeweils eine kurze Beschreibung. So handelte es sich bei ersteres wohl um einen leichten Windangriff, während man mit Patra anscheinend Statuseffekte wie Panik, Angst und Stress beheben konnte. Sukukaja dagegen schien eine unterstützende Fähigkeit zu sein, mit der man die Treffer und Ausweichquote eines Verbündeten steigern konnte. Je länger die junge Frau auf die Beschreibungen der Skills starrte, desto mehr kam ihr wieder in den Sinn, dass dies alles stark an typische RPG-Elemente erinnerte, was es irgendwie immer skurriler machte. Leise seufzte die Oberschülerin und verließ den Status wieder, um zurück zum Menü zu gelangen und dann die Option wählte, die sie bisher am meisten interessierte: Social Links. Was es damit auf sich hatte, konnte die junge Frau einfach nicht aus dem Zusammenhang erklären. Soziale Links… was sollte das immerhin sein? Nicht einmal eine kleine Vermutung dazu konnte sie anstellen. Als sich die Seite jedoch kurz darauf aufgebaut hatte, änderte sich dieses allerdings schlagartig. Zu sehen war hier eine Auflistung von Bildern, die sie zum Großteil an die Rückseite der Tarot-Karten erinnerten, welche sie bei Igor im Velvet Room gesehen hatte. Damit war ihr bewusst, dass es sich wohl um diese Tarotkarten handeln musste; vor allem dann, als sie die Bilder der drei bereits aufgedeckten Karten erkannte, die sie ebenfalls schon in dem blauen Raum gesehen hatte. Sie stutzte jedoch kurz, als ihr einfiel, dass auf dem Tisch von Igor noch zwei weitere Karten offen lagen, welche jedoch noch keine eindeutigen Positionen eingenommen hatten. Ob es wohl daran lag? Sie horchte kurz auf, als die nächste Station angekündet wurde, und blickte dann auf, als der Zug zum Stehen kam, was jedoch schnell in Enttäuschung umschlug, nachdem das Gefährt weitergefahren war. Irgendwie hatte sie doch immer noch die Hoffnung, dass Akane jeden Moment um die Ecke kam und sie freundlich wie immer begrüßte. Jedoch wusste sie, dass dies aktuell nicht möglich war, denn immerhin steckte die Brünette noch immer in der Welt hinter den Spiegeln fest. Wieder seufzte sie leise und konzentrierte sich wieder auf ihr Telefon, bei dem sie nun nach und nach die offenen Karten antippte. Bei jeder einzelnen öffnete sich eine separate Seite, welche den Namen, die Nummer und das vergrößerte Bild anzeigte. So zeigte die erste Abbildung einen Jungen mit einem Beutel und einen Hund, welcher diesem hinterhertrottete. Die Nummer war die Null und der Name dazu Der Narr. Was jedoch der Balken darunter bedeuten sollte, welcher nur zu einem geringen Teil gefüllt war, wusste die junge Frau nicht und sie konnte es auch nicht ergründen, egal wie lange sie auch darauf starrte. Stattdessen ging sie zurück und wählte die nächste Karte, welche sich als Der Herrscher mit der Nummer vier entpuppte, während sein Bild eine große schlanke Gestalt mit einer Krone abbildete. Auch hier war ein Balken darunter, welcher genauso weit gefüllt war, wie der des Narren. Den Namen der Karte, die sie als letztes auswählte, wusste sie auch, ohne dass er ihr angezeigt wurde. Der helle Totenkopf, der vor einem großen Tor dargestellt wurde, war eindeutig genug, um diese Tarot-Karte als die des Todes zu erkennen, dessen Nummer die 13 war. Der unter dem Bild liegende teilweise gefüllte Balken unterschied sich nicht von denen der anderen, weshalb sie auch diese Seite erst einmal schloss, zumal sie ihr ein ungutes Gefühl bescherte. In diesem Moment wurde bereits die Station der Jûgôya High School angesagt, weshalb die junge Frau die App schloss und das Telefon erst einmal auf Flugmodus stellte. In diesem Moment stoppte die Bahn und entließ die darin befindlichen Schüler hinaus auf den Bahnsteig. Genau wie alle anderen um sich herum verließ auch Mirâ den Zug und trottete die Treppen hinauf zur Hauptstraße, während sie noch eine Weile ihren Gedanken nachhing, die sie erst einmal richtig sortieren musste.
 

[ *Morgen* ]
 

Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen, als plötzlich jemand an ihr vorbei stürmte und sich auf den Platz links vor ihr niederließ. Überrascht sah sie auf Hiroshi, der sich völlig fertig auf seinen Stuhl sinken ließ und den Kopf auf den Tisch legte.

„Gerade noch rechtzeitig…“, murmelte er fix und fertig.

Und tatsächlich ging nur einen Moment später die Tür auf und Masa-sensei trat ein, um die Anwesenheitskontrolle durchzuführen. Mirâ jedoch blickte weiter auf den blonden jungen Mann, der noch immer völlig außer Atem seine Unterlagen aus seiner Tasche kramte und diese danach an seinen Tisch hing. Nur einen Moment später sank sein Kopf auch schon wieder auf den Tisch, von dem er ihn nur kurz hob, als sein Nachname genannt wurde, um sich als anwesend zu melden. Erst als auch Mirâs Nachname von Masa-sensei gerufen wurde, wandte sich die genannte junge Frau wieder von dem Blonden ab und versuchte sich, trotz ihrer Müdigkeit, auf den Homeroom ihrer Klassenlehrerin zu konzentrieren.
 

[ *Nach der Schule* ]
 

Seufzend packte Mirâ ihre Sachen zusammen und wollte sich von ihrem Stuhl erheben, um sich dann auf den Heimweg zu machen. Dabei ließ sie ihren Blick noch einmal über Hiroshis Platz schweifen, welcher bereits leer war. Der junge Mann hatte sich, kaum war der Unterricht beendet gewesen, von seinem Stuhl erhoben und hatte das Klassenzimmer verlassen. Verständlicherweise, denn er sah absolut fertig aus. Nicht nur einmal war er während des Unterrichts eingeschlafen und auch während der Mittagspause hatte er die Zeit anstatt zum Essen lieber zum Schlafen genutzt. Die Ereignisse des vorangegangenen Abends und die Erweckung seiner Persona mussten ihn wirklich mächtig schlauchen. Deshalb war es für die junge Frau auch vollkommen nachvollziehbar, dass er so schnell wie möglich nachhause wollte. Trotzdem war sie etwas enttäuscht, denn sie hätte gerne noch ein kurzes Gespräch mit ihm darüber geführt, wie sie nun weiterverfahren wollten. So musste sie wohl darauf hoffen, dass es dem Blonden am nächsten Tag wieder bessergehen würde. Deshalb erhob sie sich nun mit einem tiefen Seufzen und verließ auch endlich den Klassenraum, um runter ins Foyer zu gehen und ihre Schuhe zu wechseln. Sie stieg die Treppen zum ersten Stockwerk hinunter, in dem sich die Klassenräume des ersten Jahres befanden, als sie zufällig das Gespräch zweier Mädchen mitbekam, die noch vor ihr die Stufen zum Erdgeschoss nahmen.

"Du warst wirklich bei diesem Vertrauenslehrer?"

"Nur weil es mir von unserem Lehrer empfohlen wurde..."

"Und wie war er?"

"Es war irgendwie komisch..."

"Wie komisch?"

"Ja keine Ahnung. Er wirkte ziemlich desinteressiert, was das Problem anging..."

"Eh? Also stimmen die Gerüchte gar nicht, die die Schüler aus dem zweiten und dritten Jahr erzählen?"

"Hm keine Ahnung. Ich hatte schon ein komisches Gefühl..."

Mehr konnte die Violetthaarige nicht verstehen, denn im nächsten Moment bogen die beiden jungen Damen in Richtung der Kulturclubs ab, während Mirâ gerade erst die letzte Stufe zum Foyer erreichte. Dort blieb sie kurz stehen und blickte noch einmal hinauf in den ersten Stock, wo sich auch das Zimmer des Vertrauenslehrers befinden sollte. In der Regel waren solche Leute als Schulpsychologen ausgebildet und sollten dazu beitragen, Schülern zu helfen, die private oder schulische Probleme hatten. Doch nachdem, was sie gerade gehört hatte, schien dieser Lehrer alles andere als dafür geeignet zu sein. Wie konnte eine so renommierte Schule, wie die Jûgôya so jemanden einstellen? Mirâ schüttelte den Kopf und verwarf diesen Gedanken wieder, während sie sich abwandte und zu den Schuhfächern lief. Sie sollte sich abgewöhnen sich anhand von Gerede anderer ein Urteil zu bilden. Wer weiß, was bei dem Gespräch der Wahrheit entsprach. Zwar würde sie interessieren, was das für Gerüchte waren, die anscheinend im Umlauf waren, jedoch wusste sie auch, dass man sich anhand von Gerüchten auch kein Bild der Situation machen sollte. Mit diesem Gedanken trat sie an die Reihe der Schuhregale, wo sich ihr Fach befand und öffnete dieses, um ihre Straßenschuhe herauszunehmen und daraufhin ihre Hausschuhe hineinzustellen. Dann schlüpfte sie in ihre schwarzen Collageschuhe und wollte sich auf den Weg machen, als ihr eine Person auffiel, welche sich, auf der Seite des Eingangs, an die Regale lehnte und auf jemanden zu warten schien.

"Makoto-kun, ich dachte du wärst schon nachhause gegangen...", sprach sie den Blonden an, welcher sie daraufhin etwas überrascht anblickte, "Du warst so schnell weg."

"Ah", Angesprochener kratzte sich am Nacken, ehe er weitersprach, "Ich wollte mich beeilen, um mich bei meinem Kulturclub abzumelden."

Die Violetthaarige legte den Kopf schief und rätselte einen Moment lang darüber, welchen Kulturclub der junge Mann wohl besuchte, sprach dies allerdings nicht an, sondern stellte eine andere Frage: "Und nun wartest du auf jemanden?"

"Ehrlich gesagt hab ich auf dich gewartet. Ich wollte nochmal in Ruhe mir dir darüber sprechen, was da gestern passiert ist... leider war ich in der Pause zu müde dafür, außerdem dachte ich, wir hätten nach der Schule mehr Ruhe dafür. Also... wenn das für dich in Ordnung wäre...", erklärte sich Hiroshi, während er sich weiter im Nacken rieb und den Blick dabei hinaus auf den Schulhof gerichtet hatte.

Dem kurzen Erstaunen der jungen Frau folgte ein kleines Lächeln, welches sich auf ihre Lippen schlich, bevor sie nickte: "Das trifft sich gut. Ich wollte nämlich auch mit dir sprechen. Wollen wir uns in ein Café setzen?"

Überrascht sah der Größere sie kurz an und nickte dann lächelnd, bevor sich die beiden gemeinsam auf den Weg machten.
 

[ *Nachmittag* ]

[ Café "Lune" im Einkaufszentrum ]
 

"Herzlich willkommen", wurden sie beiden Oberschüler begrüßt, als sie das Café Lune im unteren Teil des Einkaufszentrums betraten, "Gerade ist nicht viel los. Ihr könnt euch also setzen, wohin ihr möchtet."

"Vielen Dank", dankte Hiroshi mit einem freundlichen Lächeln und ließ seinen Blick dann kurz schweifen, um eine ruhige Ecke zu finden.

Währenddessen sah auch Mirâ sich kurz um. Zwar kannte sie diese Lokalität bereits, da sie vor einiger Zeit schon mit Akane hier war, doch damals hatte sie sich nicht ganz so intensiv umgesehen. Die Tische inmitten dieses kleinen aber feinen Cafés standen zwischen kleinen künstlichen Kirschbäumen, während sich sie Plätze an den äußeren Rändern in Nischen befanden, die von kleinen künstlichen Grünpflanzen voneinander abgeschirmt waren. Einen solchen Tisch steuerte ihre männliche Begleitung im nächsten Moment auch schon an und setzte sich dann in die Nische hinein. Mirâ tat es ihm gleich und setzte sich neben ihn. Noch ehe sie daraufhin jedoch ein Gespräch starten konnten, stand auch bereits eine Bedienung vor ihnen, um ihre Bestellung aufzunehmen. Zwar waren sie nicht vorrangig deshalb hergekommen, jedoch würde es wohl unhöflich wirken sich einfach nur hinzusetzen, ohne etwas zu bestellen. Deshalb wählten die beiden Schüler jeweils einen Kaffee nach ihrem Geschmack und warteten dann, bis die junge Kellnerin sich abgewandt hatte und gegangen war.

"Du magst also Milchkaffee?", stellte Hiroshi plötzlich eine Frage, die mit dem eigentlichen Thema nicht wirklich etwas zu tun hatte.

Überrascht sah die Violetthaarige ihn an und nickte dann: "Ja. Schwarzer Kaffee ist mir zu bitter. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass du ihn so trinkst. Du wirkst etwas so, als würdest du Süßes mögen..."

Nun war es an dem Blonden sie überrascht anzusehen, bevor er leise lachte: "Seh ich so aus? Tatsächlich mag ich Süßes gar nicht so gerne, wobei es schon ein paar Sachen gibt, die mir schmecken."

Ein kleines Lächeln legte sich auf die Lippen der jungen Frau und plötzlich hatte sie das Gefühl nicht mehr ganz so angespannt zu sein, wie noch vor einigen Minuten. Zwar war es ihr Vorschlag gewesen gemeinsam mit dem Blonden einen Kaffee trinken zu gehen, um sich über das Thema Spiegelwelt in Ruhe unterhalten zu können, jedoch war sie darauf doch etwas nervös geworden. Auch wenn es keine Verabredung in diesem Sinne war, so wirkte es wahrscheinlich auf Außenstehende so. Dies und die Tatsache, dass sie noch nie mit einem Jungen alleine irgendwo außerhalb der Schule unterwegs war, ließ ihre Anspannung dann doch etwas steigen. Dass sie am Abend zuvor keine Probleme gehabt hatte, lag wohl an der besonderen Situation, in der sie sich befanden. Das jedenfalls redete sie sich ein. Nun jedoch ließ diese wieder nach. Ob Hiroshi ihre Nervosität gespürt hatte und deshalb dieses Thema angesprochen hatte? Egal, ob es so war oder nicht, sie war ihm dafür dankbar, denn so konnte sie nun wirklich in Ruhe mit ihm sprechen. Bevor dies jedoch möglich war kam zuerst ihre Bestellung, die die Bedienung vor den beiden auf den Tisch stellte und sich dann vorerst verabschiedete. Kurz sahen die beiden Oberschüler ihr nach, bevor sie sich ihren Getränken zuwandten.

"So... wo fange ich am besten an?", sprach Hiroshi dann endlich das Thema an, während er noch einmal in Richtung Tresen sah, um sich zu vergewissern, dass sie auch wirklich unter sich waren, "Was genau... ist da gestern eigentlich passiert? Als wir zurück waren, war ich so fertig, aber als ich im Bett lag fing mein Hirn an zu rattern. Ich konnte das alles gar nicht richtig sortieren... Deshalb bin ich erst sehr spät eingeschlafen."

Mirâ schwieg kurz und überlegte, wie sie das ihrem Begleiter erklären konnte, denn eigentlich hatte sie selbst keine Ahnung, was eigentlich vorging. Diese Sache mit den Personas, den Shadows und dieser merkwürdigen Welt war einfach so verrückt, dass man es gar nicht richtig fassen konnte. Die einzige Art, wie sie es dem Blonden erklären konnte, war auf die Art, wie es Igor ihr gesagt hatte.

"Also mir hat jemand nach dem Erwachen von Hemsut gesagt, dass eine Persona sowas wie eine Maske ist, die wir uns aufsetzen, um uns vor der Welt um uns herum zu verstellen und uns zu schützen", erklärte sie, "Sie ist die Seite an uns, die wir zeigen, um nicht verletzlich zu wirken, also die Seite nicht zeigen zu müssen, die uns am angreifbarsten macht. Wenn wir aber genau diese Seite an uns akzeptieren, dann wird die Persona sowas wie unser zweites Ich."

Wieder traf sie der überraschte Blick Hiroshis, weshalb sie schnell weitersprach: "Also... ich weiß nicht, ob das so korrekt ist, aber... naja... wie gesagt, ungefähr so wurde es mir erklärt."

"Ich verstehe... und wer war diese Person, die dir das gesagt hat?", kam eine weitere Frage.

Wieder zögerte die Violetthaarige, da sie nicht wusste, ob es sinnvoll war von Igor zu erzählen. Dem Gesprächsverlauf nach zu urteilen war der Blonde nach Atons Erwachen nicht im Velvet Room gelandet. Das konnte aktuell nur bedeuten, dass sie die einzige mit der Fähigkeit war, die diesen Raum betreten konnte. War es deshalb ratsam davon zu erzählen? Wie sollte sie erklären, dass sie die einzige war, die dorthin kam, wenn sie doch selber nicht wusste, woran es lag?

Ihre Begleitung schien ihr Unbehagen zu spüren und seufzte dann: "Schon okay, wenn du aktuell nicht darüber sprechen kannst oder willst. Die ganze Sache ist ja auch schon verrückt genug. Dann zurück zum Thema... nach deiner Beschreibung ist Aton also erwacht, weil ich meine schwache Seite akzeptiert habe?"

Ein Nicken folgte auf die Frage, woraufhin sich der Blonde mit einem lauten Seufzen durch die Haare wuschelte und dann den Kopf hängen ließ: "Das war echt peinlich. Entschuldige, dass du das sehen musstest..."

Dieses Mal schüttelte die junge Frau den Kopf und griff dann nach ihrer Tasse Milchkaffee, die sie mit beiden Händen umschloss, um die aufkommende Kälte in diesen zu unterdrücken: "Du brauchst dich dafür nicht entschuldigen, Makoto-kun. Wir alle haben Seiten, die wir anderen nicht zeigen wollen, um nicht verletzt zu werden. Es ist verständlich, dass du so reagiert hast. Wichtig ist nur, dass du zu dir gestanden hast und diese Seite akzeptiert hast. Das hat auch mir das Leben gerettet. Hättest du deine Persona nicht erweckt, dann hätte ich keine Chance auf den Sieg gesehen..."

"Ich bin froh, dass ich dir damit helfen konnte, auch wenn es mir immer noch leidtut, dass du wegen mir erst in diese gefährliche Situation geraten bist", sagte Hiroshi seinen Blick auf sein schwarzes Getränkt gerichtet.

Auch wenn das sonst nicht Mirâs Art war, legte sie sanft ihre Hand auf den Arm des jungen Mannes und zwang ihn so in ihr lächelndes Gesicht zu blicken:

"Belassen wir es dabei. Okay?"

Mit großen blauen Augen sah Hiroshi sie an, doch nickte dann mit einem Lächeln, woraufhin die Violetthaarige ihre Hand wieder wegnahm und dann einen Schluck ihres Kaffees trank.

Auch der Blonde nahm nun einen Schluck seines Getränkes und kam dann wieder auf das Thema zurück: "Was Akane angeht... wie wollen wir da weiterverfahren? Ehrlich gesagt möchte ich sie nicht länger als nötig dort lassen..."

"Ich auch nicht. Am liebsten würde ich heute Abend gleich wieder in die Spiegelwelt, aber...", Mirâ sah den jungen Mann besorgt an.

Dieser bemerkte den Blick: "Keine Sorge. Mir geht's wieder gut. Das Nickerchen in der Mittagspause hat mir gereicht."

"Sicher?", fragte die junge Frau nochmal nach und bekam daraufhin ein Nicken mit breitem Grinsen als Antwort, "Okay, dann... lass uns heute Abend nochmal rübergehen..."

"Gut. Ach...", schien Hiroshi plötzlich etwas einzufallen, während er in seiner Jackentasche herumkramte und kurz darauf sein Handy hervorholte, "Wäre es für dich okay, wenn wir Kontaktdaten austauschen? So können wir uns schreiben, falls etwas schief gehen sollte..."

Mirâ brauchte einen Moment, um richtig zu registrieren, was ihr Gegenüber ihr gesagt hatte und zuckte dann plötzlich zusammen, bevor sie auch ihr Telefon aus der Jacke kramte: "Ähm ja, sicher. Gute Idee."

Ein kurzes Bingen erklang, als die beiden Jugendlichen ihre Telefone aneinanderhielten, um via Bluetooth die dort enthaltenen Kontaktdaten auszutauschen. Mit großen Augen sah Mirâ auf den nun in ihrer Liste aufgetauchten Kontakt, von welchen sie allgemein nicht sehr viele hatte. Bisher hatte sie es nicht gebraucht, weshalb sie nur die Nummern ihrer Eltern und ihrer noch lebenden Großeltern gespeichert hatte. Nun also stand auch der erste Kontakt eines Klassenkameraden darin. Irgendwie machte sie das auch etwas glücklich. Sie selbst wäre nicht auf die Idee mit dem Tausch gekommen und war froh, dass ihr Begleiter auf sie zugekommen war.

"Vielen Dank, Makoto-kun. Auch für deine Unterstützung", verbeugte sie sich leicht, soweit es ihr im Sitzen möglich war.

"Du kannst mich gern beim Vornamen nennen, wenn es für dich okay ist. Ehrlich gesagt, würde ich dich auch lieber mit Mirâ ansprechen", meinte Hiroshi plötzlich.

Wieder sah die Violetthaarige ihr Gegenüber mit großen Augen an und musste dann plötzlich leise lachen, was den jungen Mann nur etwas ratlos dreinblicken ließ.

Die Oberschülerin jedoch brauchte einen Moment, ehe sie diese Situation auflöste: "Ehrlich gesagt hast du mich gestern Abend während des Kampfes schon bei meinem Vornamen genannt. Also ist das wohl so in Ordnung. Nochmal auf gute Zusammenarbeit, Hiroshi-kun."

Der Blonde brauchte einen Moment, ehe er begriff, was die junge Frau ihm gesagt hatte, bevor er kurz betroffen den Blick senkte und sich am Hinterkopf kratzte. Dann blickte er schief grinsend auf:

"Auf gute Zusammenarbeit, Mirâ."

Erneut ertönte der Klang eines Glöckchens, als sich beide so fröhlich ansahen, bevor wieder die ihr bekannte Stimme ertönte...

"I am though... though Art I... Du hast eine neue Bindung hergestellt ... Du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest Personas der Arcana der Gerechtigkeit zu erschaffen..."

Mirâ ignorierte die Stimme dieses Mal, denn mittlerweile wusste sie, dass sie sich nur in ihrem Kopf abspielte, auch wenn sie das irgendwie denken ließ, dass sie langsam verrückt wurde. Da sie sich jedoch nun mit der Persona-App beschäftigt hatte, wusste sie nun auch, dass diese Stimme sie wohl einfach nur darauf hinwies, dass sie einen der sogenannten Social Links erstellt hatte. Was auch immer es damit auf sich hatte. Zumal sie bereits nach dem Gespräch mit Hiroshi am Vorabend diese Stimme gehört hatte. Wieso sie diese nun ein weiteres Mal in seiner Gegenwart vernahm und das mit einer anderen Arcana wusste sie nicht, jedoch beließ sie es erst einmal dabei, während sie mit ihrem neuen Verbündeten den nun folgenden Abend und ihr Vorgehen besprach.
 

[ ??? ]
 

Das intensive blaue Leuchten einer der Tarotkarten, welche vor Igor auf dem Tisch lagen, ließ diesen seine Augen öffnen und auf den vor sich ausgebreiteten Kreis blicken. Auf den ersten Blick wirkte er so, als habe sich nicht das geringste geändert, doch folgte man dem warmen Licht, so bemerkte man, dass sich eine der erst kürzlich aufgedeckten Arcanas bewegt hatte. So hatte die Karte der Gerechtigkeit ihre Position verlassen und war ein Stückchen weiter in den Kreis hinein und näher zu der des Narren und des Todes gerutscht. Auf Igors Gesicht breitete sich ein unheimlich wirkendes, breites Grinsen aus, welches kurz darauf in ein heiseres Glucksen überging, bevor der alte Mann wieder in tiefer Dunkelheit verschwand.
 

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XVII – The Sealed Gate


 

*~* XVII – The Sealed Gate *~*

[ ~Donnerstag, 16. April 2015~ ]

[ *später Abend* ]

[ Einkaufszentrum ]
 

Unsicher blickte sich Mirâ um, als sie den Treffpunkt am Einkaufszentrum erreichte, den sie am Nachmittag mit Hiroshi ausgemacht hatte, um der Welt hinter den Spiegeln einen weiteren Besuch abzustatten. Allerdings war von dem Blonden noch nichts zu sehen. Nachdem sie am vergangenen Tag etwas verspätet gekommen war, weil sie sich erst um Junko kümmern und dann einen Weg finden musste, dass Haus zu verlassen, war ihr dies an diesem Abend relativ einfach gelungen. Da ihre Mutter die letzten zwei Wochen so viel an den Abenden gearbeitet hatte, war diese gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter zeitig ins Bett gegangen. Mirâ dagegen hatte eine kleine Lernsession vorgeschoben, um etwas länger auf zu bleiben, weshalb sie sich aus dem Haus schleichen konnte, nachdem es dort ruhig geworden war. Sie musste nun hoffen, dass Haruka ihre Abwesenheit nicht bemerken würden, sollte diese während ihres Ausfluges plötzlich aufwachen. Zwar verlief die Zeit in der anderen Welt wesentlich schneller, weshalb hier viel weniger Zeit verging, als drüben, doch trotzdem hatte die Violetthaarige für den Fall ihren Futon präpariert, sodass es so aussah, als würde sie darin liegen. Ob sich ihre Mutter davon täuschen ließ wusste sie nicht, doch darüber wollte sie sich aktuell keine Gedanken machen. Ihr war es wichtig Akane so schnell wie möglich aus dieser merkwürdigen und gefährlichen Welt zu holen. Jedoch ahnte Mirâ bereits, dass das nicht so einfach werden würden. Sie hatte bereits die Vorahnung, dass wohl auch bei ihrer Freundin ein solch mächtiger Shadow auf sie wartete, um sie daran zu hindern diese mitzunehmen. Den Kampf am gestrigen Abend hatte sie auch nur überstanden, weil Hiroshi es geschafft hatte seine Persona zu erwecken, mit dessen Fähigkeiten sie diesen riesigen Stier in die Knie zwingen konnten. Wie würde es wohl dieses Mal laufen?

„Oh du bist heute schon da…?“, holte sie die Stimme des Blonden aus ihren Gedanken.

Leicht erschrocken wandte sie sich ihm zu und erkannte dann, wie dieser langsam auf sie zukam; dabei etwas rundes unter seinen Arm geklemmt. Leicht skeptisch legte die Violetthaarige den Kopf schief und kniff die Augen zusammen, um zu erkennen, was er da bei sich trug. Erst dachte sie, es wäre der Helm eines Mopeds gewesen, immerhin war es in Japan erlaubt mit 16 ein solches zu fahren. Demnach wäre es auch nicht verwunderlich, wenn ihr Klassenkamerad mit einem solchen hergekommen wäre. Doch nachdem er weiter an sie herangetreten war, erkannte sie einen weiß-schwarzen Fußball, welcher jedoch schon ziemlich abgenutzt wirkte. Anscheinend war der jungen Frau daraufhin anzumerken, dass sie darüber nachdachte, was er damit wollte oder ob er direkt vom Bolzplatz gekommen war, selbst wenn seine sauberen Sachen nicht darauf schließen ließen, weshalb der Blonde kurz auf das runde Leder blickte und sie dann angrinste:

„Nachdem ich gesehen habe, dass du eine Kyûdô-Ausrüstung dabeihast, um dich gegen die Shadows zu behaupten, habe ich darüber nachgedacht, was ich nehmen konnte. Ehrlich gesagt ist mir nichts Besseres eingefallen, als das hier. Keine Ahnung, ob es viel Wirkung zeigt, aber ich hab nen ziemlich harten Schuss drauf. Damit sollte ich mir die Viecher wenigstens vom Hals halten können, während Aton sie angreift.“

Auf seine Erklärung folgte kurzes Schweigen, da Mirâ keine Ahnung hatte, was sie darauf antworten sollte. Es gab wahrscheinlich weitaus besser Waffen, um sich gegen die Shadows zu verteidigen, als einen Fußball, jedoch wollte sie eigentlich auch nicht unhöflich wirken und etwas dagegen sagen. Der Blonde wusste sicherlich was er tat. Oder? Kurz kam ihr der Gedanke, ob der junge Mann sich überhaupt bewusst war, in welche Gefahr sie sich dort begaben. Schnell jedoch schüttelte sie diese wieder von sich, denn immerhin musste der Blonde am Abend zuvor einiges durchmachen. Es wäre unfair ihm gegenüber, ihm Leichtsinn zu unterstellen. Trotzdem war sie sich nicht sicher, ob der Ball wirklich etwas ausrichten konnte. Während es in Mirâs Kopf so vor sich hin ratterte starrten sich die beiden Oberschüler nur an, weshalb das schiefe Grinsen in Hiroshis Gesicht langsam erstarb und er sich daraufhin im Nacken kratzte.

„Entschuldige. Mir ist wirklich nichts Besseres eingefallen. Ich hab mich nie für traditionelle Kampfkünste oder ähnliches interessiert und sonst haben wir auch nichts dergleichen zuhause. Ich werde dir aber nicht im Weg stehen und mich selbst verteidigen. Versprochen“, entschuldigte er sich daraufhin, da er das Gefühl bekam, dass seine Idee nicht so gut bei der Violetthaarigen ankam.

In diesem Moment schrak diese jedoch endlich aus ihren Gedanken und schüttelte dann den Kopf: „Ah… nein, nein. Schon okay. Ich war nur… etwas skeptisch. Aber zur Abwehr sollte das schon passen.“

Erneut legte sich ein schiefes Lächeln auf Hiroshis Lippen, das ihr signalisierte, dass er das zwar so hinnahm, ihr aber nicht ganz abnahm, dass sie ihm in dieser Beziehung vertraute. Trotzdem beließ er es erst einmal dabei und sagte nichts weiter dazu. Mirâ dankte ihm dafür, denn ehrlich gesagt wurde ihr diese Situation langsam unangenehm. Um sich daraus endgültig zu lösen atmete sie daraufhin einmal ruhig durch und sah ihr Gegenüber mit einem entschlossenen Blick an:

„Wollen wir das?“

Es folgte ein Nicken, dass von einem ebenso entschlossenen Blick begleitet wurde, bevor sich die beiden Oberschüler der verspiegelten Wand zuwandten, durch welche sie bereits am Vorabend in die Welt dahinter gelangt waren.
 

[ Welt hinter den Spiegeln ]
 

„Uwah!“, mit Schwung rutschten die beiden durch das Glas des Einkaufszentrums und landeten anschließend unsanft auf dem Fußboden, „Uff!“

„Wir müssen unbedingt daran arbeiten, dass das sanfter geht…“, murmelte Hiroshi, der sich aufrichtete und seinen Hintern rieb.

Die andere Hand reichte er seiner weiblichen Begleitung, die diese Hilfe dankend annahm und wieder auf die Beine gezogen wurde, bevor sie sich kurz umsah. Es hatte tatsächlich noch einmal geklappt, dass sie in dieser gespiegelten Version der Stadt gelandet waren. Die Bäume, deren Blätter aus feinen Glassplittern bestanden, sowie der helle fast volle Mond, der die Umgebung erhellte, waren Beweis genug, um zu wissen, dass sie ihr erstes Ziel erreicht hatten. Erleichtert atmete die Violetthaarige auf und wandte sich dann einer kleinen versteckten Nische zu, in welcher sie den Bogen mitsamt Köcher und Pfeilen versteckt hatte, die sie am Abend zuvor in Akanes Haus gefunden hatte. Mit Sicherheit hätte sich ihre Mutter gewundert, wenn sie plötzlich den neuen großen Bogen in ihrem Zimmer gefunden hätte, obwohl sie es noch nicht geschafft hatten in einen Sportbedarf zu gehen, um einen zu kaufen. Außerdem wollte sie diesen nur für diese Welt nutzen, auch wenn es ihr für ihre Mutter etwas leidtat, die ihr für die Schule eine neue Ausrüstung besorgen musste. So hätten sie zwar Geld gespart, jedoch hätte die junge Frau keine Ahnung gehabt, wie sie der Älteren erklären sollte, wo sie den Bogen herhatte.

„Ob Mika-chan noch kommen wird?“, holte sie erneut Hiroshis Stimme aus den Gedanken und ließ sich ihm zuwenden.

„Ich weiß es nicht“, schüttelte die junge Frau den Kopf, obwohl sie darauf hoffte, dass das kleine Mädchen gleich um die nächste Ecke kommen würde.

Sie ließ ihren Blick schweifen und hielt nach dieser Ausschau, konnte jedoch niemanden sehen. Die Blauhaarige hatte ihr gestern erklärt, dass sie spürte, wenn jemand diese Welt betrat und deshalb auch wusste, wo sie hinmusste. Jedoch hatten sie ansonsten keine Möglichkeit mit dem kleinen Mädchen in Kontakt zu treten, um ein Treffen auszumachen. So mussten sie darauf hoffen, dass sie sie bemerken und zu ihnen kommen würde. Mirâs Lippen verformten sich zu einem geraden Strich, als sie daran dachte, dass es eigentlich viel zu gefährlich war, die Blauhaarige mitzunehmen, da sie sich nicht durch eine Persona verteidigen konnte, aber trotzdem von den Shadows angegriffen wurde. Trotzdem konnten sie nicht einfach ohne sie los. Sie würden sich zwar ohne sie wieder zu Akane finden, doch hatte sie Mika versprochen, dass diese sie begleiten durfte, um herauszufinden, was hier plötzlich los war. Außerdem würde die Kleine wahrscheinlich ohnehin wissen, wo sie sie finden konnte und dann bestand die Gefahr, dass sie ohne sie in das Haus ging und dort ungeschützt war. So war es wohl einfach besser, wenn sie an ihrer Seite blieb, wo sie sie im Blick hatte und beschützen konnte. Wieso sie so stark das Bedürfnis verspürte das kleine Mädchen zu beschützen, obwohl sie sich gar nicht wirklich kannten, wusste sie nicht. Sie vermutete jedoch, dass diese sie einfach so stark an Junko erinnerte, dass ihr Beschützerinstinkt sich meldete. Zudem wurde sie auch langsam neugierig, wer Mika überhaupt war und wieso sie in dieser Welt festsaß. Es musste immerhin einen Grund dafür geben.

Der Klang eines Glöckchens ließ sie aufhorchen, denn es war nicht das, welches sie immer vernahm, wenn sie diese merkwürdige Stimme hörte. Deshalb wandte sie sich ab und erkannte kurz darauf eine kleine Gestalt, die direkt auf sie zugelaufen kam. Auch Hiroshi drehte sich dem kleinen Mädchen zu, dass nur wenige Sekunden später vor den beiden Oberschülern zum Stehen kam und sie etwas verwirrt anblickte.

„Ihr seid schon wieder hier?“, fragte sie merklich überrascht, „Ich hätte gedacht, dass ihr euch ausruht, nachdem was gestern los war.“

„Das wäre nur die Option gewesen, wenn wir es nicht eilig hätten“, sagte Hiroshi ernst, „Oberste Priorität hat Akanes Rettung.“

Zustimmend nickte Mirâ, woraufhin die beiden Älteren skeptisch von der Blauhaarigen beäugt wurden. So wirklich überzeugt davon, dass sie jetzt schon wieder hier aufgekreuzt waren, wo sie sich gestern dermaßen verausgabt hatten, war mit Sicherheit keine gute Idee. Andererseits verstand sie auch deren Beweggrund. Dass eine gute Freundin von ihnen hier festsaß ließ sie wahrscheinlich nicht ruhen. Trotzdem war es gefährlich sich in schlechter Kondition in einen Kampf gegen Shadows zu stürzen. Zumal nicht sicher war, was sie am Ende erwarten würde.

„Wahrscheinlich noch so ein riesiger Shadow…“, ging ihr durch den Kopf, „Und der wird sicher stärker sein, als der letzte…“

Auf das Schweigen des kleinen Mädchens, welche dabei so wirkte, als sei sie mit ihren Gedanken ganz woanders, tauschten die beiden Oberschüler einen kurzen Blick, ehe Mirâ auf sie zutrat und ihr vorsichtig ihre Hand auf die Schulter legte.

„Alles in Ordnung Mika-chan?“, fragte sie, woraufhin Angesprochene aus ihren Gedanken schreckte, „Ich weiß, dass es gefährlich wird, aber wir wollen Akane so schnell wie möglich retten. Irgendwie werden wir das Ding schon schaukeln. Und Notfalls habe ich immer noch das eine Souma, um unsere Energie wieder aufzufrischen.“

Mit großen Augen sah die Kleine sie kurz an und seufzte dann leise: „Gut. Wie ihr meint.“

Ein Lächeln legte sich auf die Lippen der Violetthaarigen, ehe sie sich von Mika abwandte und auf den kleinen Schmetterling zuging, der noch immer an der gleichen Stelle, wie am Abend zuvor, seine Kreise zog. Mit ernstem Blick betrachtete die Oberschülerin den kleinen Flattermann und trat langsam auf ihn zu. Nach ihrem anstrengenden Kampf am Vorabend hatte er sie direkt hierher zurückgebracht, weshalb sie auch hoffte, dass er sie nun wieder an die Stelle bringen würde, an welcher sie aufgehört hatten. Ehrlich gesagt hatte sie keine Lust noch einmal von vorne anzufangen. Selbst wenn dieser Ort ziemlich geradlinig war und die Shadows nun kein großes Problem mehr für sie darstellen sollten, hatte sie keine Lust mehr Zeit und Kraft als nötig zu verschwenden, um zu Akane zu gelangen. Deshalb wäre es ihr nur Recht wieder in dem großen Raum zu landen, in dem der Zugang zum nächsten Teil war. Sie überzeugte sich noch einmal davon, dass Mika und Hiroshi in ihrer Nähe waren, ehe sie das kleine blaue Insekt vorsichtig berührte und daraufhin in gleißendes Licht getaucht wurde.
 

[ Unheimliche Tierpraxis ]
 

Als sie ihre Augen wieder öffneten blickten sie jedoch leicht enttäuscht auf den Eingangsbereich der Tierpraxis, welche in der realen Welt von Akanes Eltern betrieben wurde. Die Tür stand noch immer weit offen, als wollte sie damit sagen, dass die Besucher eintreten sollten. Mit leicht bösem Blick sah die Violetthaarige auf den kleinen Schmetterling, der sich jedoch nicht davon beeindrucken ließ und weiter seine Kreise zog. Da es nichts zu bringen schien, den Flattermann böse anzustarren seufzte die junge Frau stattdessen und sah dann wieder auf den Eingang vor sich. Wie es schien mussten sie wirklich wieder von vorne anfangen, wenn nicht doch beim Betreten des Gebäudes ein Wunder geschah. Auch Hiroshi schien diese Gedanken zu haben, denn er seufzte noch etwas stärker, als sie, doch sagte nichts zu der Situation, ehe er sich an sie wandte und fragte, ob sie dann soweit wäre. Mit einem kurzen Blick zu Mika, die sie nur bestimmt ansah, nickte sie daraufhin und betrat dann durch die Tür das Gebäude, woraufhin sie wieder von dem regenbogenfarbenen Strudel umgeben waren, der von verschiedenen Rissen durchzogen war, jedoch zum Glück nur wenige Sekunden anhielt.

Als das farbige Spektakel um sie herum sich auflöste, blickte sich die Gruppe erneut irritiert um. Denn anders als erwartet waren sie nicht am Anfang gelandet, sondern wirklich an der Stelle, an welcher sie am Abend zuvor aufgehört hatten. An gleicher Stelle wie gestern zog der kleine Schmetterling wieder seine Bahnen, wurde jedoch von den dreien vollkommen ignoriert. Erleichtert atmeten die beiden Oberschüler plötzlich zeitgleich auf, woraufhin sie sich kurz mit großen Augen anstarrten und dann leicht lachten.

„Ich hab echt gedacht, wir müssen wieder von vorn anfangen“, meinte Hiroshi erleichtert, „Aber zum Glück ist das nicht der Fall…“

„Ging mir genauso“, sagte Mirâ mit einem schiefen Grinsen.

„Dann sollten wir vielleicht gleich weiter“, kam es von Mika, die sich von dem blauen Schmetterling abwandte, den sie eine Weile beobachtet hatte, und sich den beiden Oberschülern zudrehte.

Mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht sah die Violetthaarige zu dem kleinen Mädchen und nickte dann, ehe ihr Gesichtsausdruck wieder ernst wurde. Zwar tat dieser kleine lockere Moment wirklich gut, da die Situation wirklich angespannt war und sich dadurch etwas lösen konnte, jedoch durften sie nicht vergessen wo und weshalb sie hier waren. Deshalb durften sie nicht nachlässig werden. Sie blickte kurz über die Schulter zu Hiroshi, welcher nickte, ehe sie auf die große noch immer geschlossene Holztür zutrat und sich dagegenstemmte, um sie zu öffnen.
 

Mit lautem Knarzen öffnete sich das Tor und gab den Blick auf einen langen Gang frei, der sich vom Aussehen her nicht von dem unterschied, den sie bereits aus dem ersten Teil kannte. Noch immer waren überall die bunten Farben, die offensichtlich dazu dienen sollten, um sie zu verwirren oder ihren Verstand zu benebeln. Zusätzlich erkannte die junge Frau jedoch auch die Gitter, welche den Zugang zu versteckten Räumen markierten, in denen sie Glück haben könnten ein paar nützliche Items oder Gegenstände zu finden. Aber auch merkwürdige Vertiefungen fielen ihr auf, die es beim letzten Mal nicht gab. Skeptisch betrachtete sie die Nische, welche sich in ihrer direkten Nähe befand. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus, dass ihr signalisierte an diesen Stellen besonders vorsichtig zu agieren. Mit Sicherheit war dies eine Falle ihrer Gegner, um es ihr noch schwerer zu machen weiter vorzudringen. Trotzdem konnten sie nun keinen Rückzieher mehr machen, weshalb sie sich langsam in Bewegung setzte, als sie merkte, wie Hiroshi und Mika an ihre Seite traten. Jedoch kamen sie nicht weit, denn kaum hatten sie die kleine Nische erreicht schrak die Gruppe zurück, als aus eben dieser eine männliche Gestalt in einem weißen Mantel hervortrat, dessen Gesicht eine graue Maske zierte, die einen verzerrten Gesichtsausdruck besaß. Er sah sich kurz um, woraufhin sein Blick auf die drei unerwünschten Besucher fiel. Nur einen Moment später verlor seine Gestalt ihre Form und änderte sich zu einem anderen Wesen, welches sich als Ritter mit roten Flügeln entpuppte. In seiner rechten Hand hielt er ein schmales Schwert, dessen Klinge er mit der linken Hand zu stützen schien. Mit einem bösen Blick, den man durch das halb geöffnete Visier seines Helmes erkennen konnte, auf dem eine rote Fahne wehte, musterte seine vermeintlichen Gegner einen Moment, bevor sich unter ihm ein rotes Licht bildete. Kurz darauf bildete sich vor Hiroshi ein kleiner Strudel, welcher sofort als Verteidigung die Arme hob. Doch auch als der Strudel bereits verschwunden war, passierte nichts, weshalb der Blonde für einen Moment etwas irritiert wirkte, dann jedoch nur grinste.

„Scheint nicht funktioniert zu haben“, meinte er daraufhin und ließ seinen Ball zu Boden fallen, welcher kurz auf den Boden aufprallte und dann wieder nach oben sprang.

Diesen Moment nutzte der junge Mann, um mit seinem linken Fuß auszuholen und seinen Ball auf den Gegner vor sich zu schießen. Mit einem dumpfen Geräusch flog das weiß-schwarze Geschoss auf den Ritter zu. Doch noch ehe der Ball sein Ziel erreichte, rückte der Shadow nur ein kleines Stück beiseite. Dies reichte jedoch schon aus, dass die Waffe des Blonden sein Ziel verfehlte, dann an der nächsten Wand abprallte und wie von Zauberhand zurück zu seinem Besitzer kullerte. Überrascht darüber zum einen sein Ziel verfehlt zu haben und zum anderen seinen Ball zurückzubekommen, blickte der Blonde kurz auf das runde Leder und dann wieder auf seinen Gegner. In diesem Moment jedoch flog zischend ein Pfeil an ihm vorbei und genau auf den rotgeflügelten Shadow zu. Mit einem metallenen Klang erreichte das schmale Geschoss sein Ziel und ließ dieses kurz zurückzucken, sorgte jedoch nicht für einen schnellen Sieg. Zunge schnalzend sah die Violetthaarige auf den Gegner, während sie langsam ihren Bogen sinken ließ, und bemerkte dann das erneut aufleuchtende rote Licht um dessen Füße, die über dem Boden schwebten. Plötzlich spürte sie etwas Scharfes an ihrem Arm, was sie zurückschrecken ließ. Reflexartig griff sie an die Stelle und spürte etwas Warmes, welches ihre Finger hinunterlief. Erschrocken blickte sie an die Stelle und erkannte daraufhin eine tiefe Schnittwunde, die sich kurz unter ihrer Schulter befand, woraufhin sie sich ihrem Gegner geschockt zuwandte. Wann hatte er sie getroffen? Oder kam dieser Angriff aus dem Nichts, weil zuvor das Licht erschienen war? Gab es etwa auch physische Angriffe, die man als Fähigkeiten einsetzen konnte? Bisher hatte die Violetthaarige für solche Attacken immer ihre eigenen Waffen verwendet und die Fähigkeiten ihrer Personas nur für Elementarangriffe verwendet. Jedoch hatte sie, wenn sie ehrlich war, auch kaum Zeit gehabt, sich mit der Materie so richtig zu beschäftigen, weshalb es eigentlich auch nicht verwunderlich war, dass sie noch nicht alles wirklich raushatte. Trotzdem kam das nun ziemlich unerwartet, weshalb sie für einen Moment wie paralysiert war. Diesen Moment nutzte jedoch der Shadow, um zu einem direkten Angriff über zu gehen. Er holte mit seinem Schwert aus und kam dann mit Schwung auf sie zugeflogen. Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen, doch da war es bereits zu spät. Sie konnte sich gerade noch etwas zur Seite drehen, sodass die Klinge nur ihren anderen Arm traf, welcher einen glatten Schnitt davontrug, welcher jedoch auch sofort anfing zu bluten.

„Mirâ, alles in Ordnung?“, fragte Hiroshi besorgt.

„J-ja es geht schon“, antwortete die Violetthaarige mit schmerzverzerrtem Blick.

„Na warte!“, knirschte der junge Mann mit den Zähnen und griff dann nach seinem Handy, auf dem bereits die Persona-App geöffnet war.

Ohne groß zu zögern tippte er auf die Option Summoning, woraufhin sich um ihn ein blauer Strudel bildete, dessen kleine Partikelchen sich zu einer männlichen Gestalt formten.

„Aton!“, rief der Blonde, als seine Persona erschien und sich sofort auf ihren Gegner stürzte.

Mit einem Satz sprang sie in der Luft auf den Engel zu und hielt ihre Hand in dessen Richtung. Daraufhin bildete sich um ihn herum ein hellgelber Kreis, welcher mit Runen und Bannzetteln bestückt war. In grellem Schein leuchtete der Bannkreis einen Moment später auf und riss dabei die Bannzettel nach oben. Doch wiedererwarten schien das ihren Gegner nicht sonderlich zu stören. Er zuckte nicht einmal zusammen, sondern stand unverändert aufrecht da und wirkte dabei sogar noch recht amüsiert.

„Kche“, kam es nur von dem Oberschüler, dessen Angriff wieder keine Wirkung gezeigt hatte, „Gibt’s doch nicht…“

Mirâ jedoch hatte der Angriff ihres Kameraden die Zeit verschafft, in der Itemliste der Persona-App nach einem Mittel zu suchen, welches wenigstens die Blutung ihrer Wunden stoppen und die Schmerzen etwas lindern konnte. Zu ihrem Glück hatte sie am Abend zuvor einige Mittelchen eingesammelt, sodass sie recht schnell das Mittel Medicine fand, welches ihr etwas Linderung verschaffte. Daraufhin nutzte sie gleich die Chance über die App Angel zu rufen, welche sich aus den blauen Partikeln bildete, die sich in dem Strudel befanden, der sich um die junge Frau gebildet hatte.

„Angel“, rief sie daraufhin laut und ließ ihre erschienene Persona sogleich einen Angriff deklarieren.

Das weibliche Wesen erhob sich in die Luft und breitete ihre Flügel aus, welche sie daraufhin mit Schwung nach vorne schob, sodass sich ein kleiner Wirbelsturm bildete, der direkt auf den anderen Engel zuflog und diesen mit ganzer Wucht traf. Zum Erstaunen der Oberschülerin wirkte diese Attacke besser als erhoffte, denn einen Moment später stürzte das Wesen ihr gegenüber zu Boden. Mit großen Augen starrte sie kurz auf den am Boden liegenden Gegner, doch wandte sich dann sofort dem Blonden neben sich zu, welcher nur nickte und zur gleichen Zeit wie sie auf den Shadow zustürmte. Gemeinsam griffen sie das Wesen mit allem an, was sie in diesem Moment aufbringen konnten, woraufhin sich dieser endlich in schwarz-roten Nebel auflöste.
 

Nach Luft schnappend starrten die beiden Oberschüler auf die Stelle, an welcher sie den Shadow gemeinsam besiegt hatten; darauf gefasst, dass jeden Moment ein weiterer Gegner um die Ecke kam. Doch auch nach einigen Minuten blieb es ruhig im Gang, weshalb die Anspannung der beiden allmählich nachließ und sie ihre Kampfstellung wieder aufgaben.

„Solche Shadow gibt es also auch? Hab mich ganz schön erschrocken, als der um die Ecke kam“, sagte Hiroshi daraufhin, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte.

Überrascht blickte Mirâ ihn daraufhin an, immerhin musste er diesen Wesen doch bereits im ersten Teil des Dungeons begegnet sein, als er so kopflos durch den Gang gerannt war. Oder waren sie nur ihr begegnet? Hatten sie ihn in Ruhe gelassen, weil er keine Persona besaß und damit keine Gefahr für sie bedeutete?

„Dann allerdings…“, sie warf einen Seitenblick auf Mika, die neben ihr stand und ebenfalls zu dem Blonden schaute.

Wenn Hiroshi ohne Persona nicht angegriffen wurde, weil er keine Gefahr bedeutete, wieso griffen sie dann Mika an, die ebenfalls nicht die Fähigkeit besaß ein solches Wesen zu rufen. Das ergab irgendwie keinen Sinn. Wieso also war der Blonde den anderen Wesen nicht begegnet, sie aber schon.

„Was ist?“, holte sie die Stimme des jungen Mannes aus ihren Gedanken.

Offensichtlich hatte der Oberschüler die Blicke der beiden Mädchen bemerkt und sich deshalb wieder an diese gewandt. Die beiden Erwähnten wechselten einen kurzen Blick, ehe Mirâ erklärte, was sie so erstaunte:

„Naja… wir wurden im ersten Teil schon von einigen dieser Wesen angegriffen.“

„Du müsstest ihnen doch auch begegnet sein, als du so kopflos durch die Gegend gerannt bist“, sprach Mika weiter, was dem Blonden jedoch nur einen erstaunten Blick abrang.

Er schüttelte den Kopf: „Nein. Gestern sind mir keine Shadows begegnet. Der Gang war ja ganz gerade und irgendwelche Nischen gab es ja auch nicht.“

„Und die Käfige?“, fragte die Violetthaarige nach.

„Da waren Käfige?“, legte Hiroshi den Kopf schief und legte den Finger an sein Kinn, „Falls du so etwas meinst, wie dort hinten an der Wand, dann… kann ich mich ehrlich gesagt gar nicht wirklich erinnern. Ich hab gar nicht so auf meine Umgebung geachtet. Deshalb kann es gut möglich sein, dass ich sie übersehen habe.“

„Ich verstehe…“, nun legte auch Mirâ ihren Finger ans Kinn und überlegte, „Aber den Shadows hättest du begegnen müssen.“

„Außer sie sind nur deshalb erschienen, weil es wir beiden waren…“, warf Mika plötzlich ein, „Auf mich nehmen sie ja auch keine Rücksicht.“

„Aber wieso? Ich hatte auch schon den Gedanken, dass sie Hiroshi-kun in Ruhe ließen, weil er für sie keine Gefahr darstellte ohne eine Persona. Aber… auch du besitzt keine Persona, Mika-chan. Wieso greifen sie dich also an?“, sprach die Ältere aus, was sie beschäftigte.

Die Kleine jedoch zuckte nur mit den Schultern: „Ich weiß es leider auch nicht. Sie haben mich aber auch schon angegriffen, bevor du hier gelandet bist.“

„Wie schaffst du es dann ihnen immer wieder zu entkommen? Du müsstest dafür ja nur unterwegs sein, Mika-chan“, sprach Hiroshi einen weiteren Punkt an, den auch die Violetthaarige schon seit dem Vorabend beschäftigte.

Angesprochene verschränkte die Arme hinter dem Rücken und sah die beiden mit ihren großen Augen an, weshalb sie wieder ihrem Alter entsprechend wirkte:

„Anscheinend gibt es Orte, an die sie nicht gelangen können oder wollen. Das Haus, in dem ich Unterschlupf gefunden habe, scheint so ein Ort zu sein. Dort habe ich meine Ruhe. Aber sobald ich vor die Haustür trete besteht die Gefahr, dass sie mich angreifen.“

Ihre Wortwahl passte absolut nicht zu ihrem Aussehen. Sie drückte sich erwachsener aus, als sie körperlich schien und das machte es schwierig sie richtig einzuschätzen. Allein ihrer Körpergröße geschuldet, war man gewillt sie wie ein Kind zu behandeln, doch kaum fing sie an zu reden hatte man das Gefühl einer gleichaltrigen gegenüber zu stehen.

„Und wie machst du das mit dem Essen?“, fragte Hiroshi nach.

Daraufhin schüttelte das Mädchen den Kopf: „So etwas wie Hunger oder Durst verspüre ich nicht. Deshalb ist das kein Problem.“

Nun war es an den beiden Oberschülern einen Blick zu tauschen, denn sie fanden die ganze Situation immer merkwürdiger. Immer mehr drängte sich ihnen die Frage auf, wer Mika eigentlich war. Doch je mehr sie über die Kleine erfuhren, desto mehr Fragen taten sich auf.

„Wir sollten uns vielleicht lieber wieder auf das hier konzentrieren. Meint ihr nicht?“, fragte sie plötzlich nach und erinnerte die beiden Älteren damit daran, wo sie sich gerade befanden.

Erstaunt sahen diese sie daraufhin an, waren jedoch dadurch schnell wieder bei der Sache. Also setzten sie sich wieder in Bewegung und riskierten dabei gleich einen Blick in die Nische, aus welcher der Shadow erschienen war. Zu ihrer Verwunderung handelte es sich dabei um eine Sackgasse, die bereits nach wenigen Metern endete. Woher der Shadow also aus dieser Richtung kam oder ob er bereits in dieser Vertiefung der Wand gewartet hatte, blieb offen. Nun ging jedoch hiervon erst einmal keine weitere Gefahr aus, allerdings war dies nicht die Einzige Nische, weshalb sie weiterhin achtsam bleiben mussten.
 

So drangen sie immer tiefer in den Ort ein. Wie zu erwarten begegneten ihnen auf ihrem Weg immer wieder Shadows, die ab und an aus den Nischen sprangen oder ihnen einfach entgegenkamen. Dabei unterschieden sich die Gegner darin, ob es sich bei der Gestalt, die ihnen entgegenkam, um eine männliche oder weibliche handelte. So wurden die weiblichen Gegner allesamt zu Angels, die Mirâ bereits im ersten Teil begegnet waren und von denen sie bereits eine als Persona eingesammelt hatte. Bei den männlichen Gestalten handelte es sich um Archangel, welcher sie am Anfang dieses Teils angegriffen hatte. Als Hiroshi feststellte, dass die Violetthaarige mit einer Persona angriff, welche den weiblichen Shadows zum Verwechseln ähnlichsah, wirkte er für einen Moment ziemlich irritiert. Die junge Frau jedoch versuchte ihm zu erklären, dass es wohl einen Zusammenhang zwischen Shadows und Personas gab. Da sie diese Info jedoch selber nur von Igor bekommen hatte und selbst nicht genau wusste, warum das so war konnte sie nicht wirklich ins Detail gehen. Der Blonde schien sich jedoch vorerst mit dieser Erklärung abzufinden und konzentrierte sich stattdessen auf ihre Gegner vor sich und den Weg, den sie noch zu gehen hatten. Dabei stießen sie auch wieder auf einige versteckte Räume. Jedoch bestand nun der Unterschied, dass sie nicht in alle Räume hineinkamen. Viele von ihnen besaßen keine Türen. Dafür wurden sie an genau diesen Käfigen jedes Mal von einer Chimäre, deren Gesicht von der verzerrten Maske bedeckt war, erschreckt, die sich dahinter befand. Im Vergleich zu denen, die ihnen jedoch begegneten, wenn sie einen der Räume betreten konnten, verwandelten diese sich nicht, sondern behielten ihre Form bei. Wieso und weshalb wussten die Persona-User nicht, jedoch waren sie über diesen Umstand alles andere als Enttäuscht. Immerhin hatten sie genug mit den Gegnern zu tun, gegen die sie tatsächlich kämpfen mussten, was mächtig in ihren Kräften zerrte. Zwar sah Mirâ noch keinen Grund Souma einzusetzen, jedoch war ihr Verbrauch an anderen Items ziemlich hoch, damit sie und ihr Begleiter nicht schon weit vor dem Ziel zusammenbrachen. Auch die kleinen Pausen, die sie zwischendurch einlegten, brachte nur bedingt Erleichterung, denn lange konnten sie nicht rasten; immerhin mussten sie immer wieder aufpassen, dass nicht plötzlich der Shadow erschien, den Mika Reaper nannte. Zwar wusste das kleine Mädchen nicht, ob er auch innerhalb eines Gebäudes auftauchen würde, jedoch wollte die Gruppe kein Risiko eingehen, weshalb sie so zügig wie möglich weitergingen, sobald sich ihre Kräfte etwas regeneriert hatten. So waren sie umso erleichterter, als nach einer gefühlten Ewigkeit vor ihnen eine schwarze Flügeltür auftauchte, welche die des letzten Raumes um einiges überragte und die mit weißen Ornamenten verziert war.
 

Mit großen Augen starrte die Gruppe auf das riesige Tor, ohne die Verzierungen wirklich wahrzunehmen. Viel mehr waren sie von der enormen Größe überwältigt, vor der sie sich wie kleine Ameisen vorkamen. Ein mulmiges Gefühl überkam die Violetthaarige, während sie das Portal vor sich so anstarrte. Befand sich dahinter wirklich Akane? Sie brauchte nicht sonderlich lange, um zu wissen, was ihr das merkwürdige Gefühl verpasste, denn im Vergleich zu dem Moment, als sie vor die Tür trat, hinter welcher Hiroshis Shadow lauerte, spürte sie hier nicht das geringste. Weder die Präsenz ihrer Freundin, noch eine unangenehme Aura. Es fühlte sich alles einfach…

„… leer an…“, sie blickte an dem schwarzen Holz hinauf, „Bist du wirklich hier Akane?“

„Was ist los, Mira?“, fragte Hiroshi, dem sie sich daraufhin kurz zuwandte.

„Irgendetwas ist komisch…“, antwortete sie, während sie ihren Blick wieder auf das schwarze Tor richtete, „Als ich gestern vor dem Raum stand, in dem dein Shadow erschien, da hat sich alles in mir gesträubt diesen zu betreten. Es war als wollten mich meine Instinkte davon abhalten hinein zu gehen, weil sie ahnten, dass etwas Gefährliches darin auf mich lauerte. Doch hier…“

Sie legte ihre Hand an das kalte Holz: „Ich spüre gar nichts.“

„Vielleicht bedeutet das auch einfach, dass nichts Gefährliches dahinter lauert. Vielleicht ist es wirklich nur Akane“, warf ihr Kumpel ein, woraufhin sie ihm wieder einen Seitenblick schenkte und dabei bemerkte, dass er anscheinend selber nicht so wirklich daran glauben konnte.

Ja… es war wahrscheinlich nur ein großer Wunschtraum der beiden, dass sich dahinter kein großer Shadow oder dergleichen verbarg, sondern einfach nur Akane darauf wartete, dass sie jemand retten kam. Doch richtig dran glauben konnte es keiner von ihnen. Es würde dem widersprechen, was sie bisher erlebt hatten. Diese ganzen Shadows griffen sie nicht ohne Grund an. Sie wollten verhindern, dass sie tiefer vordrangen, um die Person zu retten, die sich hier befand. Deshalb ergab es keinen wirklichen Sinn, dass es ihnen am Ende so einfach gemacht wurde. Das war auch mit einer der Gründe, die der jungen Frau Bauchschmerzen bereitete. Sie wandte ihren Blick zur Seite, wo sie bereits bei ihrer Ankunft den kleinen Schmetterling erkannt hatte, der dort seine Runden zog und welcher sie wieder zurück an den Eingang bringen würde. Er war mit Sicherheit nicht umsonst hier und nicht in dem Raum.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Mika nach.

Mirâ wandte sich wieder dem Tor zu, an dem noch immer ihre Hand lag: „Lasst uns hineingehen und schauen, was dahinter ist.“

Gemeinsam stemmten sich die drei daraufhin gegen das schwarze Holz, doch egal wie sehr sie sich auch anstrengten, die Türen bewegten sich keinen Millimeter. Auch nach mehreren Versuchen tat sich nichts, weshalb sie es vorerst aufgaben. Das ungute Gefühl im Magen der Violetthaarigen wurde wieder stärker. Irgendetwas hier stimmte ganz und gar nicht. Da hatten sie endlich fast ihr Ziel erreicht und wurden auf den letzten Metern behindert. Wie sollten sie so Akane retten? Hatten sie etwas übersehen? Brauchten sie etwa einen Schlüssel, um diesen Raum zu betreten? Welchen Fehler hatten sie gemacht, dass sie hier nicht weiterkamen? In ihren Gedanken versunken legte die junge Frau ihre Stirn gegen das kalte Holz und hämmerte dann mit der Faust gegen die Tür. Was sollten sie jetzt machen? War es überhaupt möglich Akane zu retten? War alles bis hierhin umsonst gewesen? Sollten sie hier aufgeben müssen? Aber was geschah dann mit ihrer Freundin?

Eine warme Hand an ihrem Handgelenkt, die sie daran hinderte weiter gegen die Tür zu schlagen, ließ sie aus ihren Gedanken schrecken und hinauf zu Hiroshi blicken, der neben ihr stand und sie mit einem ernsten Blick bedachte, der jedoch auch von leichten Zweifeln geprägt war. Auch ihn machte diese Situation fertig, immerhin wollte auch er seine Sandkastenfreundin so schnell wie möglich hier rausholen. Den jungen Mann so betrachtend ließ nun endlich auch die Anspannung im Körper der Violetthaarigen nach, weshalb ihr Gegenüber deren Hand wieder losließ, woraufhin sie diese sinken ließ. Sie senkte den Blick wieder und atmete dann einmal tief durch, um ihre Gedanken zu sortieren. Viel zu sehr hatte sie sich von diesem unerwarteten Ereignis durcheinanderbringen lassen, dabei gab es sicher eine Lösung für dieses Problem. Sie mussten nur gemeinsam darüber nachdenken, dann würden sie mit Sicherheit weiterkommen.

In diesem Moment schien Mika etwas aufzufallen, denn diese erhob plötzlich die Stimme: „Schaut euch mal die Ornamente an. Findet ihr nicht auch, dass sie ein Bild ergeben?“

Überrascht schlug die Oberschülerin die Augen auf und ließ ihren Blick wieder nach oben schnellen, doch aus ihrer aktuellen Position konnte sie nur schwarze und weiße streifen erkennen. Sie wandte sich um und bemerkte dabei, dass die Blauhaarige einige Schritte von ihnen entfernt stand und nach oben sah, um so offensichtlich das große Ganze zu erkennen. Noch einmal sah Mirâ kurz auf das schwarze Holz, ehe sie sich in Bewegung setzte und kurz darauf neben Mika stellte, die noch immer auf das Tor starrte. Daraufhin weitete sie die Augen, denn die weißen Ornamente auf dem Tor bildeten tatsächlich etwas ab. So zeigten die weißen Streifen auf der linken Seite die Silhouette einer Stadt, über der ein umrandeter Kreis abgebildet war. Dagegen befand sich auf der rechten Seite an gleicher Stelle ein ausgefüllter Kreis und darunter war ein Löwe abgebildet, der gesamte Höhe der Seite einnahm und dessen Gesicht offenbar von einer Maske verdeckt war, die einen weinenden Ausdruck wiedergab. Abgesehen von dem Abbild des Löwen und der Stadt kamen der Violetthaarigen die Bilder der beiden Kreise sehr bekannt vor. Irgendwo hatte sie diese schon einmal gesehen, nur fiel ihr auf Biegen und Brechen nicht ein, wo.

„Hmmmm?“, langezogen legte Hiroshi den Kopf schief und schien ebenfalls zu überlegen, als ihm plötzlich etwas in den Sinn kam, „Sieht das nicht aus wie im Mondkalender?“

„Wie meinst du das?“, fragte Mika, während auch Mirâ nun wieder einfiel, wo sie die beiden Zeichen schon einmal gesehen hatte.

„Ein Neumond und ein Vollmond!“, sprach sie laut aus, was ihr gerade eingefallen war.

Überrascht sah die Blauhaarige sie an und schien dann auch zu verstehen, was die beiden Älteren meinten. Tatsächlich schienen die beiden Kreise einen Neumond und einen Vollmond abzubilden. Was aber sollten die Umrisse Stadt und des Löwen bedeuten?

„Sag mal, Mirâ…“, ließ Hiroshis stimme Angesprochene zu ihm schauen, „Ist in ein paar Tagen nicht Neumond? Also bei uns drüben meine ich…“

Die Violetthaarige überlegte kurz: „Ja, ich glaube schon. Deshalb hatten wir uns gestern doch schon gewundert, weil es hier so hell…“

Sie schrak auf und blickte wieder auf die Flügeltür und betrachtete noch einmal die Ornamente, ehe ihr auffiel, was ihnen diese wohl sagen wollten: „Ich glaube, dass sich das Tor erst öffnen wird, wenn bei uns Neumond und demnach hier Vollmond ist.“

„Wie meint ihr das?“, fragte Mika nach.

Die Ältere wandte sich der Kleineren zu und erklärte dieser, dass ihnen am Vorabend aufgefallen war, dass es hier so hell war, weshalb sie sich darüber gewundert hatten, wieso hier der Mond schon so voll war, wo doch auf ihrer Seite des Spiegels aktuell abnehmender, sogar fast Neumond wäre.

„Das bedeutet, dass der Mond hier drüben genau das Gegenteil von dem abbildet, wie er bei uns zu sehen ist“, erklärte sie weiter und sah wieder auf die Tür, „Und ich glaube das Bild will uns den Zeitpunkt verraten, an dem wir diesen Raum betreten können. Die Stadt links soll mit Sicherheit Kagaminomachi darstellen und der Löwe rechts sieht mit seiner Maske aus wie ein Shadow. Damit könnte also diese Welt hier gemeint sein.“

„Um ganz sicher zu sein bleibt uns wohl keine andere Wahl, als solange abzuwarten. Oder?“, fragte Hiroshi.

Zähneknirschend und ihre Hände zu Fäusten ballend nickte die Violetthaarige, denn nun waren sie zur Untätigkeit verdammt und mussten abwarten, was passierte. Am liebsten hätte sie sich darüber aufgeregt, jedoch ließ es sich in diesem Moment wohl einfach auch nicht ändern. Deshalb beschloss die Gruppe vorerst den Rückzug anzutreten und die verbleibende Zeit zu nutzen, um sich auf den wohl kommenden Kampf vorzubereiten. Außerdem war ihnen so eine etwas längere Regenerierungsphase vergönnt, die es galt zu nutzen, denn sie wussten nicht was sie erwarten würde. So traten sie auf den kleinen im Kreis fliegenden Schmetterling zu, um sich von diesem wieder zum Eingang der Spiegelwelt teleportieren zu lassen. Noch einmal warf Mirâ einen besorgten Blick auf die verschlossene Tür, ehe sie den Flattermann berührte und die Gruppe daraufhin in einem hellen Licht verschwand.
 

Zurück blieb ein leerer Vorraum, der nun in Stille getaucht war. Doch genau gegenüber dem Schmetterling, an einer Stelle, die keiner von ihnen so richtig im Blick hatte und die von Dunkelheit umgeben war, hatte sich ein schmaler schwarzer Schatten gebildet, der aus feinem Nebel bestand. Seine roten, kalten Augen starrten auf die Stelle, an welcher die Gruppe verschwunden war. Ein Grummeln durchbrach die Stille, während es so wirkte, als würden sich die Augen kurz leicht zusammenkneifen, ehe das nebelartige Wesen sich wieder in seine Bestandteile auflöste und damit den Raum in absoluter Ruhe zurückließ.
 

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XVIII – The Devil’s Invitation


 

*~* XVIII – The Devil’s Invitation *~*

[ ~Freitag, 17. April 2015~ ]

[ *nach dem Mittag* ]

[ Jûgôya High School – Treppenhaus ]
 

Mit schnellen Schritten hastete Mirâ zur Treppe, die in den ersten Stock führte. Vor wenigen Minuten hatte es bereits zum Nachmittagsunterricht geklingelt, weshalb sie eigentlich schon längst in ihrem Klassenzimmer sein musste. Jedoch war sie von diesem noch recht weit entfernt, denn aktuell befand sie sich noch immer im Foyer des Schulgebäudes. Eigentlich war es nicht ihre Art sich zu verspäten, jedoch war es ihr nun doch passiert; wobei es noch nicht einmal wirklich ihre Schuld war, denn eigentlich hatte sie etwas für Masa-sensei erledigen sollen, da sie diese Woche Klassendienst hatte. Natürlich hatte sie sich dieser Aufgabe angenommen, nachdem sie etwas gegessen hatte, dabei jedoch ziemlich die Zeit vergessen. Und dann hatte es auch schon zum Ende der Pause geklingelt. Eilig hatte sie noch die Aufgabe zu Ende gebracht, dabei allerdings immer drauf bedacht, dass es nicht schlampig wurde, weshalb sie es nicht vor dem Klingeln, dass den Unterricht einläutete geschafft hatte. Nun war sie zwar mit der Aufgabe von ihrer Klassenlehrerin fertig geworden, kam dafür aber zu spät zum Englischunterricht. Immer zwei Stufen nehmend, stürmte sie nach oben und wollte dann die Treppe zur zweiten Etage nehmen, als eine erboste Stimme sie zusammenschrecken ließ:

„Im Gang wird nicht gerannt! Und wieso bist du nicht im Unterricht, wie alle anderen?“

Erschrocken blieb die Violetthaarige stehen und drehte sich in die Richtung, aus welcher die Stimme kam. Daraufhin sah sie einen kleinen schmächtigen Lehrer, der mit leicht gebeugten Rücken auf sie zukam. Seine schon weit ergrauten Haare waren ziemlich kurz und ordentlich zurückgekämmt und auf seiner Nase saß eine dünne, silberfarbene Brille, durch welche er sie mit leicht zusammengekniffenen Augen anschaute. Sein dunkelgrauer Anzug, der an einigen Stellen schon leicht ausgeblichen war, wirkte an seinem Körper etwas zu weit, während seine dunkelblaue Krawatte schon fast schmerzhaft eng geschnürt wirkte.

„In welche Klasse gehst du und wer ist dein Klassenlehrer?“, fragte er streng und ließ die junge Frau damit erneut zusammenzucken, „Los antworte!“

„Ähm ich… ich gehe in die 2-1 u-und…“, stotterte Mirâ zurecht, „U-und meine Klassenlehrerin Masa-sensei bat mich noch etwas zu erledigen und…“

„Masa-sensei?“, fragte er ohne eine wirkliche Erklärung abzuwarten und beäugte die junge Frau weiterhin streng, „Das ist typisch…“

Dass er sie nur noch weiter davon abhielt zum Unterricht zu gehen, schien ihm gar nicht in den Sinn zu kommen. Viel mehr hatte die Zweitklässlerin das Gefühl, dass er sich schon fast freute, dass er jemanden gefunden hatte, den er zur Schnecke machen konnte. Nun fiel ihr auch auf, dass sie seine Stimme bereits einmal gehört hatte: An ihrem ersten Tag, als sie dem jungen Mann aus der Schülervertretung begegnet war. Damals wurde dieser von dem vor ihr stehenden Lehrer zurechtgewiesen, dass die Schülervertretung mehr auf die Einhaltung der Schulregeln achten sollte. Dadurch verstand sie nun auch, wieso der ältere Herr sie angehalten hatte, als sie zu ihrer Klasse gehastet war.

„Denk ja nicht, dass du ungeschoren davonkommst, junges Fräulein. Nur weil deine Lehrerin dir eine Aufgabe gegeben hat, heißt das noch lange nicht, dass du einfach den Unterricht schwänzen kannst“, hielt ihr der Lehrer eine Predigt.

„Ehrlich gesagt wäre ich schon längst dort, wenn Sie mich nicht aufhalten würden“, ging ihr durch den Kopf, während der Mann ihr gegenüber weiterpalaverte.

Jedoch traute sie auch nicht ihn zu unterbrechen. Plötzlich allerdings wurde sie am Oberarm gepackt und beiseite gezogen, weshalb sie erschrocken aufschaute und auf einen weiteren Mann sah, der jedoch weitaus jünger wirkte, als der andere. Er hatte dunkelbraune, nackenlange, etwas gewellte Haare, die ihm vorne bis ans Kinn reichten, an welchem ein leichter Dreitagebart zu erkennen war. Überrascht blickte auch der ältere Lehrer drein, als der Brünette die Schülerin schon beinahe in seine Arme zog:

„Toshizou-sensei, bitte entschuldigen Sie. Die junge Dame hatte von Masa-sensei die Aufgabe mir zu helfen und wir haben leider etwas die Zeit vergessen, weshalb ich sie zu spät wieder zurückgeschickt habe.“

„Fudo-sensei, Sie schon wieder! Ich habe Ihnen bereits mehrmals gesagt…“, begann Toshizou-sensei, wurde jedoch daraufhin gleich wieder von dem Brünetten unterbrochen:

„Toshizou-sensei, bitte. Wenn wir hier weiter diskutieren, dann kommt diese junge Dame wirklich noch extrem spät. Ich werde sie jetzt in ihre Klasse geleiten und mich entschuldigen. Also Entschuldigen Sie uns bitte auch.“

Mit diesen Worten drehte er sich in Richtung Treppe und schob Mirâ mit leichter Gewalt mit sich. Ohne Gegenwehr ließ die Violetthaarige es geschehen, auch wenn ihr die körperliche Nähe zu dem für sie Unbekannten unangenehm war. Doch noch schlimmer würde sie es in diesem Moment finden, noch eine elend lange Standpauke über sich ergehen lassen zu müssen. Deshalb ließ sie sich von dem Brünetten zu ihrer Klasse begleiten, welcher sie erst losließ, als sie vor der Klasse waren. Doch anstatt die Tür zo öffnen und sich bei ihrer Englischlehrerin zu entschuldigen, die unwissend über ihre Situation hier draußen, ihren Unterricht fortsetzte, wandte er sich der jungen Frau zu.

„Nochmal Glück gehabt. Was?“, meinte er dann mit einem ernsten Blick, „Mit Toshizou-sensei ist nicht zu spaßen. Glaub mir. Wenn der einen auf dem Kieker hat, dann wird man ihn nicht mehr los.“

„Ähm… vi-vielen Dank für Ihre Hilfe, Fudo-sensei“, bedankte sich Mirâ mit einer höflichen Verbeugung.

Der Brünette jedoch sah sie nur weiter unverwandt an: „Wenn du mir wirklich danken willst, dann komm heute nach dem Unterricht in mein Büro. Du findest mich im ersten Stock, im Zimmer des Vertrauenslehrers. Kneifen gilt nicht!“

Mit diesen Worten hatte er seine Hände in die Hosentasche gesteckt, ehe er sich von ihr abwandte und dann den Gang zurück zur Treppe ging, welche er anschließend nach unten nahm. Etwas überrumpelt von der Situation sah die Violetthaarige ihm nach und wusste nicht so genau, wie sie darauf reagieren sollte. Was sollte sie denn noch als Dank machen, wenn nicht ein einfaches Dankeschön reichte? Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus, während sie sich der Tür ihres Klassenzimmers zuwandte und vorsichtig klopfte, bevor sie eintrat. Auf den fragenden Blick ihrer Englischlehrerin, verbeugte sie sich leicht und entschuldigte sich für ihre Verspätung. Zwar wirkte die Frau ihr gegenüber nicht begeistert, dass sie in ihrem Unterricht unterbrochen wurde, jedoch beließ sie es dabei und bat die junge Frau auf ihren Platz zu gehen. Deren Gesicht hatte mittlerweile die Farbe der Wand angenommen, während sie sich setzte und nochmal über die Worte nachdachte, die ihr dieses unwohle Gefühl beschert hatten. Ihr Körper sagte ihr eindeutig, dass sie nicht zu diesem Lehrer gehen sollte. Aber hatte sie denn überhaupt eine Wahl? Immerhin meinte ihr Lehrer, dass kneifen nicht galt. Was sollte sie also tun? Während sie so ihren Gedanken nachhing, flog der Unterricht regelrecht an ihr vorbei, ohne dass sie wirklich mitbekam worum es eigentlich ging. Auch dass sie von Hiroshi über dessen Schulter hinweg beobachtet wurde bemerkte sie nicht.
 

[ *nach der Schule* ]
 

„Mirâ, ist alles in Ordnung?“, holte sie die Stimme ihres Kumpels aus den Gedanken, als es zum Ende des Unterrichts geklingelt hatte.

Selbst das hatte die junge Frau gar nicht mehr so richtig mitbekommen. Erst als ihre Klassenkameraden um sie herum stürmisch aufstanden, war sie aus ihren Gedanken geschreckt. Wie auch immer sie es geschafft hatte durch den Unterricht zu kommen ohne aufgerufen zu werden, sie war froh darüber, denn ihre Mitarbeit wäre an diesem Nachmittag wohl eher peinlich geworden. Sie hatte keine Ahnung worum es eigentlich gegangen war. Viel zu sehr hatte sie sich Gedanken über dieses merkwürdige Gefühl gemacht und woher es kommen mag. Noch immer sträubte sich jede Faser ihres Körpers den Lehrer wieder aufzusuchen, doch wie sie bereits wusste, hatte sie eigentlich keine wirkliche Wahl. Und die Konsequenzen, die auf sie warten würden konnte und wollte sie nicht abschätzen. Also musste sie wohl oder übel in die Höhle des Löwen.

„Mirâ?“, fragte der Blonde nochmal nach und ließ sie nun endgültig wieder ins Hier und Jetzt kehren.

„Ähm was?“, fragte sie nach.

„Ob alles in Ordnung ist? Erst kommst du zu spät zum Unterricht und dann bist du auch noch so blass wie eine Hauswand. Bist du noch erschöpft von gestern?“, fragte der junge Mann besorgt nach.

„N-nein, eigentlich nicht“, schüttelte die Violetthaarige den Kopf, „Weißt du…“

Daraufhin erzählte sie ihrem Kumpel, wieso sie zu spät gekommen war und wie sie daraufhin auf Toshizou-sensei getroffen war, der ihr eine Standpauke verpassen wollte, und wie sie daraufhin von Fudo-sensei gerettet wurde, weshalb sie diesen nun in seinem Büro aufsuchen sollte.

„Fudo-sensei?“, fragte Hiroshi nach und verzog dabei das Gesicht, „Ich weiß ja nicht, ob es gut ist dich alleine dorthin gehen zu lassen, aber…“

„Neeee Hirooooo“, rief Stimme nach dem Blonden, weshalb dieser den Kopf hob.

Auch Mirâ blickte auf und sah dann den silbergrauen Haarschopf von Kô in der Tür, welcher die beiden breit angrinste und winkte.

„Der Club geht gleich los. Denk dran, dass Itou-sensei es nicht mag, wenn wir zu spät kommen“, rief er grinsend.

„Ähm ja… geht schonmal vor…“, meinte Angesprochener daraufhin nur.

„Komm nicht zu spät“, mahnte Nao daraufhin nur und zog dann Kôsuke mit sich, welcher nur noch mal grinsend winkte.

„Ähm du kannst ruhig zu deinem Club gehen, Hiroshi-kun. Ich komm schon klar“, meinte Mirâ, nachdem sie sich wieder an den Blonden gewandt hatte.

Dieser sah sie wieder besorgt an: „Sicher? Wie gesagt, ich würde dich ungern alleine dorthin gehen lassen…“

Mit einem leichten Lächeln legte die junge Frau den Kopf schief: „Ach, ist schon okay. Was soll schon passieren?“

Eben. Was sollte passieren? Immerhin waren sie in der Schule. Außerdem würde die Schule doch niemanden einstellen, der den Schülern Schaden zufügen würde. Oder? Zwar hatte die junge Frau schon einige Gespräche von anderen mitbekommen, die sich offensichtlich über Fudo-sensei unterhalten hatte, sofern es sich bei diesem, wie ihre Vermutung war, um den Schulpsychologen und Vertrauenslehrer handelte, jedoch wollte sie ja eigentlich nichts auf irgendwelche Gerüchte geben; auch wenn es sie etwas beunruhigte, dass selbst Akane so eine merkwürdige Andeutung gemacht hatte. Trotzdem musste sie das alleine schaffen, weshalb sie ihren Kumpel nur noch breiter Anlächelte. Daraufhin schien er sich geschlagen zu geben.

Er seufzte tief: „Na gut. Aber wenn was sein sollte, dann sag mir Bescheid.“

„Sicher“, nickte Mirâ nochmal und wünschte dann dem jungen Mann viel Spaß bei seinem Club, als dieser sich endlich verabschiedete.

Daraufhin packte sie ihre sieben Sachen zusammen und machte sich dann auf den Weg zum Büro des Vertrauenslehrers.
 

[ Jûgôya High School – 1st Floor – Zimmer des Vertrauenslehrers ]
 

Leise klopfte sie gegen die Tür, ehe sie diese vorsichtig aufschob und einen Blick in den Raum warf.

„Hallo?“, vorsichtig sah sie sich um und stellte daraufhin ein heilloses Chaos fest, dass sich durch das gesamte Zimmer zog.

Geschockt öffnete sie die Tür gänzlich und stand dann inmitten der Unordnung, welche sich von dem Schreibtisch ihr gegenüber am Fenster, über die ganzen Regale zu ihrer Rechten und Linken, sowie der kleinen Sitzecke zu ihrer Rechten erstreckte. Überall lagen die verschiedensten Unterlagen, Ordner, Papiere und sogar Stifte herum. Es wirkte, als hätte hier ein Tornado gewütet.

„Was ist denn hier passiert?“, ging der jungen Frau durch den Kopf, während sie sich weiter unsicher umsah.

Ein lautes Gähnen ließ sie einen leichten Satz zu ihrer Linken machen, weshalb sie sich diesem zuwandte. Kurz darauf kam hinter der Lehne einer der beiden Sofas ein brauner Haarschopf zum Vorschein, welcher offensichtlich zu Fudo-sensei gehörte. Dieser setzte sich nun langsam auf und streckte sich erst einmal.

„Verdammt, da bin ich wohl eingeschlafen“, rieb er sich im Nacken und sah dann in Richtung der Tür, wo ihn die Oberschülerin nur mit geschockten roten Augen betrachtete, „Ah du bist wirklich hergekommen. Sehr gut. Du scheinst jemand zu sein, der auf Erwachsene hört.“

„Ähm… w-was soll ich denn hier?“, fragte die Violetthaarige nach einer etwas längeren Pause, in der sie den Lehrer weiter angestarrt hatte.

Dieser ließ seinen Blick kurz durch den Raum schweifen, rieb sich dann erneut den Nacken und erhob sich: „Mir beim Aufräumen helfen.“

„Eh?“, bekam die Jüngere nur heraus.

Er nickte mit dem Kopf in Richtung Schreibtisch: „Du siehst selbst, wie das hier aussieht. Ich schaffe das nicht alleine…“

„Wenn Sie nicht während der Arbeit schlafen würde, dann schon…“, dachte sich Mirâ, sprach dies jedoch nicht frei aus und nickte stattdessen, „Ähm okay. Was… soll ich denn machen?“

Sie stellte ihre Tasche neben eines der Sofas und blickte den Lehrer dann erwartungsvoll an. Dieser jedoch winkte nur ab und meinte, dass sie sich eine Stelle aussuchen soll, wo sie anfangen möchte. Innerlich grummelte die junge Frau, doch ließ sich äußerlich nichts anmerken. Wenn er sie schon zum Aufräumen heranzitierte, dann sollte er gefälligst auch klare Anweisungen geben. Auch diese Gedanken behielt sie für sich und sah sich stattdessen noch einmal um, bevor sie den Schreibtisch ansteuerte und sich dazu entschloss erst einmal hier Ordnung zu schaffen. Wenn dort eine richtige Grundlage geschaffen war, würde es Fudo-sensei mit Sicherheit auch wieder einfacher fallen, den Rest in Schuss zu halten. Mit diesem Gedanken machten sie sich an die Arbeit, was sich jedoch als nicht so einfach herausstellte, wie sie es sich gedacht hatte. Kaum hatte sie begonnen, die Unterlagen, welche dort verteilt lagen auf einen Stapel zu packen, wies der Vertrauenslehrer sie an, diese doch gleich nach Jahr sortiert in die dafür vorgesehenen Ordner zu heften. Erneut grummelte Mirâ, dieses Mal jedoch so, dass man es leise hörte. Der Brünette schien dies allerdings gekonnt zu ignorieren und begab sich stattdessen an einen kleinen Tresen, auf dem eine dieser typischen Kapselmaschinen stand, mit denen man sich eine einzelne Tasse Kaffee zubereiten konnte. Unbeirrt von den verwirrten Blicken der Schülerin, die dachte, dass er ihr beim Aufräumen helfen würde, stellte er seine Tasse hinein, steckte eine Kapsel in das vorgesehene Fach und drückte auf Start, woraufhin das typische schlürfende Geräusch ertönte, was beim Aufbrühen dieser Getränke zu hören war.

„Was ist?“, fragte er plötzlich nach, „Wenn du dich nicht beeilst, kommst du hier nicht weg, bevor es dunkel ist.“

„Ähm…“, setzte die junge Frau an, doch stoppte, als sie eindringlich von ihrem Gegenüber angesehen wurde.

„Es reicht aber, wenn du heute den Schreibtisch schaffst. Also halt dich ran“, meinte der Mann daraufhin nur, nahm seine Tasse zur Hand und setzte sich dann auf das Sofa, auf dem er kurz zuvor noch geschlafen hatte, bevor er sich einige Unterlagen zur Hand nahm und so wirkte als würde er sie durchgehen.

Vollkommen überrumpelt von dieser Reaktion wusste die Violetthaarige gar nicht, was sie dazu sagen sollte. Dazu kam, dass sie gelernt hatte Erwachsenen nicht zu widersprechen, wenn es nicht angebracht war, was sie auch davon abhielt ihre Meinung offen kund zu tun. Dazu fehlte ihr in diesem Moment auch einfach der Mut. Aus diesem Grund machte sie sich lieber wieder an die Arbeit und sortierte daraufhin Unterlagen, die sie abheftete, räumte alles Überflüssige vom Tisch ordentlich in die Schubladen und packte Stifte in dafür bereitgestellte Becher, die allerdings auch überall verteilt auf dem Tisch herumrollten. Ohne weiter zu Murren verrichtete sie ihre Arbeit, bis die Schulglocke das Ende dieses Schultages einläutete und damit auch den Clubs, welche sich noch in der Schule aufhielten, Bescheid gab, ihre Aktivitäten nun einzustellen.

„Die Schule schließt in einer halben Stunde die Tore. Wir bitten alle Schüler sich nun auf den Weg nachhause zu machen. Bitte seid auf eurem Weg vorsichtig. Ich wiederhole…“, erklang die Stimme der Sekretärin durch die Lautsprecher, die überall angebracht waren.

„Oh. Ist es schon so spät?“, überrascht blickte Fudo-sensei auf seine Uhr und wandte sich dann Mirâ zu, die bisweilen so gut wie fertig mit dem Aufräumen des Tisches war, „Ooooh. Du warst ja doch richtig flott. Und dazu noch ziemlich ordentlich.“

Er stand auf und ging einmal um seinen Schreibtisch herum, auf dem Mirâ die Ordner fein säuberlich gestapelt und den Rest ordentlich beiseitegelegt hatte, und blickte dann kurz in die Schubladen, um darauf anerkennend zu nicken.

„Nicht schlecht“, meinte er, „Damit kannst du vorerst gehen. Schönen Nachmittag.“

„Ähm… vorerst?“, traute sich die Zweitklässlerin nun doch endlich mal etwas zu sagen, denn es klang so, als sollte sie wiederkommen.

„Ja sicher. Du bist hier doch noch gar nicht fertig. Oder?“, mit diesen Worten schob er die junge Frau in Richtung Tür, „Also dann. Bis zum nächsten Mal.“

Kurz darauf befand sich die völlig verwirrte Oberschülerin auf dem Gang des ersten Stockwerks der Schule. Bevor sie sich jedoch gänzlich umdrehen und Protest anmelden konnte, wurde hinter ihr bereits die Tür wieder zugezogen und sie stand alleine da. Mit großen, überraschten Augen starrte die die Violetthaarige auf die geschlossene Tür und wusste nicht so recht, was sie dazu sagen sollte.

„I am though... though Art I... Du hast eine neue Bindung hergestellt ... Du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest Personas der Teufel Arcana zu erschaffen...“, hörte sie wieder begleitet von dem Klang des Glöckchens die unbekannte Stimme, was ihre Stimmung nur noch weiter sinken ließ.

„Das auch noch“, seufzte sie tief, bevor sie sich nun auf den Weg zum Foyer machte.

Noch immer wusste sie nicht so wirklich, was sie mit der Aussage der Stimme eigentlich anfangen sollte, jedoch hatte sie das Gefühl, dass sie von nun an öfters mit diesem merkwürdigen Lehrer zu tun haben würde, als ihr lieb war. Aussichten auf die sie eigentlich gerne verzichtet hätte, denn nun wusste sie auch, wieso ihre Freunde sie vor ihm gewarnt hatten. Jedochmusste sie wohl oder übel erst einmal damit klarkommen, auch wenn es schwer fallen würde sich damit anzufreunden.
 

[ Velvet Room ]
 

In dem von blauen Farben dominierten Raum war außer der Arie kein anderes Geräusch zu vernehmen. Still und unverändert saß Igor auf seinen Platz und hatte seine Augen geschlossen, als würde er dem Lied im Hintergrund lauschen, das nun durch den sanften Klang eines Glöckchens kurz unterbrochen wurde. Der alte Mann öffnete seine riesigen Glubschaugen und richtete sie gezielt auf den Stapel, der sich neben dem in der Mitte liegenden Kreis befand. Wieder hatte die oberste Karte daraufhin begonnen zu leuchten, weshalb Igor nun doch seine übliche Position aufgab und seine rechte Hand von der Linken löste, mit welchen er sonst immer eine Brücke bildete, und mit dieser nach dem leuchtenden Blatt griff, um es zu ziehen. Eingängig betrachtete die Karte, die das Bild des Teufels in Zusammenhang mit der römischen Ziffer 15 zeigte. Ein breites Grinsen löste sich von seinen Lippen, dass sich dann über sein ganzes Gesicht zog, während er das Objekt in seiner Hand auf drei Uhr neben den zum Kreis gebildeten Karten legte, welches weiterhin ein warmes Licht ausstrahlte. Dann wanderte sein Blick auf das dicke Buch in Margareths Armen, welches sie noch enger ans ich drückte, bevor die Welt um sie herum wieder in tiefes Schwarz tauchte.
 

[ *später Nachmittag* ]

[ Jûgôya High School – Foyer ]
 

Überrascht blickte Mirâ auf Hiroshi, welcher offensichtlich auf sie gewartet hatte. Besorgt sah dieser sie an, nachdem sie ihre Schuhe gewechselt und sich der Tür zugewandt hatte. Auf die Lippen der jungen Frau jedoch legte sich nur ein kleines Lächeln, was dem Blonden vermitteln sollte, das alles in Ordnung war. Auch wenn sie sich in diesem Moment fragte, ob er nicht lieber mit seinen beiden Kumpels heimgegangen wäre, freute sie sich nun darüber, dass er auf sie gewartet hatte, um sie auf dem Heimweg zu begleiten. Denn zu ihrem Erstaunen trug seine Anwesenheit dazu bei, dass sie von dem eben erlebten leichter wieder herunterkommen konnte. Das Lächeln in ihrem Gesicht wurde etwas breiter, als sie sich dem bewusst wurde, während sie sich in Bewegung setzte. Ihr Kumpel schloss sich ihr schweigend an, während sie sich im Licht der untergehenden Sonne auf den Heimweg machten.
 

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XIX – Beneath the Crimson Moon


 

*~* XIX – Beneath the Crimson Moon *~*

[ ~Samstag, 18. April 2015~ ]

[ *nach der Schule* ]

[ >Neumond< ]

[ Jûgôya High School Außengelände ]
 

Langsam verließ Mirâ das Foyer der Schule, während sie auf ihr rotes Smartphone blickte, auf dem sie einen Mondkalender geöffnet hatte. Noch am Abend hatte sie Hiroshi darauf hingewiesen, dass heute Neumond sein würde, was wohl bedeutete, dass sich das Tor in der anderen Welt öffnen würde. Jedenfalls, wenn ihre Schlussfolgerungen bei ihrem letzten Besuch dort richtig waren. Gleichbedeutend hieß dies wohl auch, dass sie endlich in der Lage sein würden Akane von dort zu befreien. Allerdings bereitete ihr der Besuch an diesem Abend mächtige Bauchschmerzen, was nicht nur daran lag, dass sie erneut irgendwie aus dem Haus verschwinden musste, ohne dass ihre Mutter es bemerkte. Viel mehr machte sie sich Sorgen darüber, was sie hinter dem geschlossenen Tor erwarten würde. Wenn sie an den riesigen Shadow dachte, gegen den sie kämpfen musste, um Hiroshi zu retten, so wollte sie eigentlich gar nicht wissen, was als Nächstes kam. Natürlich war es auch möglich, dass nichts geschah, doch daran konnte sie irgendwie nicht glauben. Sie mussten also vorbereitet an die Sache herangehen. Seufzend schloss sie den Mondkalender und öffnete die Persona-App, um dort in die Liste ihrer Items zu schauen. Bei ihrem letzten Besuch vor zwei Tagen hatten die beiden ziemlich viele Items einsammeln können, auch wenn sie einen Teil davon schon wieder aufgebraucht hatten, um ihre Wunden zu heilen. Trotzdem war noch eine ganze Menge vorhanden, doch ob diese reichen würden, blieb abzuwarten. Mehr konnte sie ohnehin nicht machen. Woher hätte sie auch sonst noch Items besorgen können?

„Ist ja nicht so, als könnte man einfach mal in eine Apotheke schlendern und sich dort sowas kaufen…“, ging ihr durch den Kopf, während sie das Programm schloss und ihr Telefon in der Jackentasche verschwinden ließ.

Dann blickte sie besorgt in den Himmel, an dem vereinzelte Wolken vorbeizogen: „Hoffentlich geht das heute Abend gut. Und hoffentlich geht es auch Akane gut.“

Erneut seufzte sie und ließ den Kopf wieder sinken. Sie vermisste Akane. Gerade in solchen Momenten, wie diesen, wo sie alleine nachhause oder zur Schule gehen musste, fiel es ihr besonders auf. Aber auch während der Schule fehlte die Brünette einfach. Zwar hatte sie sich die letzten Tage häufig mit Hiroshi getroffen, doch auch er hatte seine eigenen Freunde und konnte diese nicht immer wegen ihr vertrösten. Das wollte sie auch gar nicht, weshalb sie es auch in Kauf nahm alleine zu bleiben. Gerade deshalb musste es heute einfach klappen die junge Frau aus den Fängen dieser Welt zu befreien. Dafür würde sie sich umso mehr anstrengen. Sie musste einfach positiv denken. Gemeinsam mit Hiroshi würde sie das schon irgendwie schaffen.
 

„Hallo“, hörte sie plötzlich eine männliche Stimme hinter sich, welche sie veranlasste sich umzudrehen.

Daraufhin blickte sie auf den schwarzhaarigen jungen Mann, der sich an ihrem ersten Tag an dieser Schule als Shin Masaru vorgestellt hatte. Genau wie damals sah er aus wie aus dem Ei gepellt. Mit seinen dunkelbraunen Augen sah er sie freundlich lächelnd an.

„Hallo, Senpai“, grüßte sie mit einer höflichen Verbeugung.

„Heute ganz alleine unterwegs?“, fragte Masaru, während er kurz seinen Blick schweifen ließ.

„Ähm j-ja… m-meine Freundin ist krank“, meinte die Jüngere etwas verlegen.

„Verstehe“, nickte ihr Gegenüber nur und sah sie dann wieder lächelnd an, „Und sonst? Hast du dich bisher gut hier eingelebt? Kommst du mit allem klar oder brauchst du irgendwo noch Hilfe?“

Ein Rotschimmer legte sich auf Mirâs Wangen, als sie das Lächeln des Älteren sah, weshalb sie schnell den Blick etwas abwandte: „Ähm… j-ja ich hab mich eingelegt. Und sonst komme ich auch klar. D-danke der Nachfrage.“

„Das freut mich“, das Lächeln auf seinem Gesicht wurde noch etwas breiter, „Falls du doch noch irgendwo Hilfe brauchst, dann schau ruhig beim Schülerrat vorbei. Also dann. Mach’s gut.“

„J-ja tschüss“, verabschiedete sich die Violetthaarige, während sich der Ältere langsam an ihr vorbeischlängelte und dann in Richtung des Tors ging, an welchem er kurz darauf verschwunden war.

Mirâ sah ihm mit glühendem Gesicht hinterher, während ihr Herz bis zum Hals schlug. Ein dicker Kloß hatte sich zusätzlich genau dort gebildet, weshalb ihr das Schlucken schwerfiel. Dieses Gefühl, was sie gleichzeitig verspürte war ihr neu und doch hatte sie eine Ahnung, worum es sich dabei handeln könnte. Als sie so darüber nachdachte spürte sie, wie ihr Gesicht nur noch mehr glühte, weshalb sie ihre Hände auf ihre Wangen legte, um diese damit etwas zu kühlen; leider mit geringem Erfolg.

„Manno“, schüttelte sie den Kopf, um sich vorerst von diesem Gefühl zu befreien, jedoch brachte es einfach nichts; das Kribbeln in ihrem Magen lies einfach nicht nach.

Ein Tippen auf ihrer Schulter ließ sie jedoch aufschrecken und sich wieder umdrehen, woraufhin sie auf Hiroshi blickte, der sie daraufhin ebenso erschrocken ansah.

„Entschuldige. Hab ich dich erschreckt?“, fragte er.

„Ähm… nein, nein, alles gut“, lachte die junge Frau verlegen auf.

Mit hochgezogener Augenbraue sah der Blonde sie an, doch beließ es dann dabei, bevor er die Stimme senkte und das Thema wechselte: „Wegen heute Abend. Treffpunkt zur gleichen Zeit?“

Obwohl es für die junge Frau aktuell eigentlich gar kein anderes Thema gab, als dieses, musste sie einen Moment nachdenken, was ihr Gegenüber eigentlich meinte. Dann jedoch stimmte sie nickend zu. Genau. Sie hatte gerade keine Zeit für irgendwelche Schwärmereien. Vielmehr sollte sie sich jetzt auf die Rettung Akanes konzentrieren, danach konnte sie sich immer noch mit ihren Gefühlen auseinandersetzen.

„Ich hoffe, dass wir das reibungslos über die Bühne kriegen“, meinte Hiroshi plötzlich, „Und dass es Akane gut geht.“

„Ja, das hoffe ich auch. Aber…“, Mirâ versuchte zuversichtlich zu schauen, „Wir werden das irgendwie schaffen. Ich glaube daran.“

Überrascht sah der junge Mann sie an, doch lachte dann: „Gut, wenn du so optimistisch bist, dann werde ich das auch sein.“

Er grinste breit und stolperte plötzlich nach vorn, als ihm jemand von hinten um den Hals fiel:

„Hey, hey. Worüber lacht ihr? Was ist so witzig?“

Leicht erschrocken blickte Mirâ auf Kôsuke, der über die Schulter des Blonden blickte.

„Mensch Kô, erschreck die beiden doch nicht so“, murrte Naoto, welche dazustieß und dem silbergrauhaarigen einen leichten Klapps auf den Hinterkopf verpasste, „Alles in Ordnung?“

Besorgt wandte er sich an die Violetthaarige, welche jedoch nur leicht lächelte und nickte. Währenddessen befreite sich Hiroshi aus den Armen seines eigentlich kleineren Kumpels und hielt ihm eine deftige Standpauke. Mirâ unterdessen beobachtete die drei Freunde, welche so ungezwungen miteinander umgingen, und konnte sich daraufhin ein Lachen nicht verkneifen, weshalb sie von den Jungs verwirrt angeschaut wurde. Doch auch das reichte nicht aus, um den Lachflash der Violetthaarigen zu beenden, weshalb es nicht lange dauerte, bis auch die der jungen Männer mit einstimmten, während sie von anderen Schülern, die an ihnen vorbeiliefen, irritiert beäugt wurden.
 

[ *später Abend* ]

[ Welt hinter den Spiegeln - Einkaufszentrum ]
 

Erschrocken machte Mika einen Schritt zurück, als die beiden Oberschüler durch den Durchgang hindurch in die Spiegelwelt purzelten und wieder kreuz und quer auf dem Boden lagen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Mika mit schief gelegtem Kopf.

„Wie sieht’s denn aus?“, murmelte Hiroshi, der sich bisweilen noch nicht an die schmerzhafte Landung gewöhnen konnte.

Wie bereits beim letzten Mal half der Blonde Mirâ wieder auf die Beine, nachdem er sich selbst aufgerichtet hatte und rieb sich dann das schmerzende Kinn, auf welches er dieses Mal gefallen war, ehe er seinen Blick schweifen ließ und plötzlich erschrocken zurückwich.

Mirâ, die sich unterdessen den Staub von ihrer Kleidung geklopft hatte, blickte erstaunt auf und bemerkte dann sofort, wieso ihr Kumpel so erstarrt war. Zum einen war da die Umgebung, die zwar hell erleuchtet, aber dafür in ein tiefes blutrot getaucht war und damit noch unheimlicher wirkte, als ohnehin schon. Und zum anderen war da die Ursache für diese farbliche Veränderung der Umgebung. Denn hinter den Gebäuden zeichnete sich ein riesiger roter Vollmond ab, der gefühlt den gesamten Horizont für sich einnahm.

„Was zum…!?“, presste der blonde Oberschüler hervor.

„Ein riesiger Blutmond“, murmelte die Violetthaarige überrumpelt.

Mika, die äußerlich von dem Phänomen unbeeindruckt wirkte, wandte sich diesem zu: „So riesig ist der Mond immer um diese Zeit. Das Einzige, was mich vorhin so erschreckt hat ist, dass er plötzlich so rot ist.“

„Wie?“, wandte sich die Ältere ihrer kleinen Freundin zu.

„Naja…“, wippte das kleine Mädchen hin und her, „Normalerweise ist er nicht rot… also der Vollmond. Das fand ich vorhin echt komisch. Außerdem verhalten sich die Shadows merkwürdig. Also… sie verhalten sich an Vollmond sowieso anders, aber dieses Mal ist es wirklich komisch. Es scheint, als würden sie vor etwas Angst haben. Normalerweise ist das nur der Fall, wenn der Reaper unterwegs ist, aber ich habe seine Ketten bisher noch nicht gehört. Das heißt er ist nicht hier.“

Besorgt tauschten die beiden Oberschüler einen Blick, während sich in Mirâ wieder das ungute Gefühl breit machte. Immer mehr hatte sie die Ahnung, dass es heute wieder zu einem harten Kampf kommen würde. Dass sich die Wesen dieser Welt nun auch noch so merkwürdig verhielten war mit Sicherheit ein schlechtes Omen, selbst wenn sie eigentlich gar nicht wirklich an so etwas glaubte. Dieses Mal jedoch konnte es einfach nichts Gutes bedeuten. Sie mussten also wirklich vorsichtig sein. Sie schluckte einmal schwer, während sie in die Richtung blickte, in welcher sich Akanes Gefängnis befand, bevor sie sich abwandte und auf die Nische zuging, in welcher sie ihre Waffen verstaut hatten. Bestimmt griff sie nach ihrem Bogen und den dazugehörigen Pfeilen, bevor sie sich hinunter beugte, um nach dem Fußball ihres Kumpels zu greifen, den dieser ebenfalls nach ihrem letzten Besuch hiergelassen hatten. Auf ihre damalige Frage hin, ob es nicht auffallen würde, wenn er den Ball hierlassen würde, meinte Hiroshi nur, dass sie sich darüber keine Gedanken machen müsse. Auch wenn sie neugierig war, so hatte sie es vorerst dabei belassen und alles dort versteckt, wo sie es nun wieder hervorholte und reichte dem Blonden dann seinen Ball, der ihn sich unter seinen Arm klemmte. Dann atmete die junge Frau noch einmal ruhig durch, bevor sie einen entschlossenen Blick aufsetzte. Ihre beiden Begleiter erwiderten diesen und die Gruppe setzte sich in Bewegung, um zu dem Schmetterling zu gehen, welcher sie zu Akane bringen würde. Ein gleißendes Licht umgab die drei, als die Oberschülerin den blauen Flattermann berührte und im nächsten Moment waren sie verschwunden.
 

[ innerhalb der Unheimliche Tierpraxis ]
 

Besorgt blickten Mirâ und ihre beiden Begleiter auf das große Tor vor sich, welches nun sperrangelweit offenstand und damit so aussah, als warte nur jemand darauf, dass die Gruppe eintrat. Ein eiskalter Hauch streifte die Beine der Violetthaarigen, welcher eindeutig aus dem Raum kam, den es nun galt zu betreten. Dazu mischte sich eine unheimliche Aura, die das Blut in ihren Adern gefrieren ließ und der ihren Fluchtinstinkt antrieb. Das Gefühl, welches ihr sagte, dass sie so schnell wie möglich von hier verschwinden sollte, war nun noch weit ausgeprägter, als noch vor dem Kampf gegen Month. Trotzdem konnte sie keinen Rückzieher machen, wenn sie Akane retten wollten, die sich höchstwahrscheinlich hinter diesem Durchgang befand. Deshalb schluckte sie nur schwer und vergewisserte sich mit einem Blick zu ihren Begleitern, dass sie alle bereit waren, ehe sie sich in Bewegung setzte und dann durch das Tor schritt. Kaum hatten alle drei die Schwelle überschritten gab es einen ohrenbetäubenden Knall, als die schweren Flügeltüren hinter ihnen zufielen. Erstarrt vor Schreck blickte die Violetthaarige auf den nun geschlossenen Durchgang, während jegliche Farbe aus ihrem Gesicht wich, als ihr bewusst wurde, dass sie von nun an hier gefangen waren. Von nun an gab es endgültig kein Zurück mehr. Noch einmal musste Mirâ den dicken Kloß herunterschlucken, welcher sich in ihrem Hals gebildet hatte, ehe sie ihren Blick wieder von den geschlossenen Türen nahm und ihn schweifen ließ. Auch dieser Raum war rund und seine Wände bestanden aus einzelnen Spiegeln, die das Innere des Raumes widerspiegelten. Außer dem Durchgang, durch welchen sie gekommen waren, gab es hier keine weiteren Türen oder Fenster. Stattdessen befand sich über ihnen eine riesige Kuppelt, die den Raum wie ein Gewölbe wirken ließen.

„Leute? Dort liegt jemand“, machte Mika auf eine Person aufmerksam, welche genau in der Mitte des Saales lag.

Sofort waren die Blicke der beiden Oberschüler auf diese gerichtet, woraufhin auch sie einen schmalen Körper auf dem Boden liegen sahen.

Hiroshi war der erste, der erkannte, um wen es sich dabei handelte, woraufhin er sofort losstürmte um zu dieser Person zu kommen: „Akane!“

Als sie den Namen ihrer Freundin hörte reagierte auch Mirâ endlich wieder und lief sogleich auch mit schnellen Schritten zu der Brünetten hinüber, welche bewusstlos auf dem Boden lag. Vorsichtig drehte Hiroshi die junge Frau auf den Rücken und klatschte ihr leicht auf Wangen, um sie so zum Aufwachen zu bewegen. Dabei rief er immer wieder ihren Namen. Nach kurzer Zeit schienen sich seine Bemühungen auch bezahlt zu machen, denn die Schülerin öffnete langsam ihre grünen Augen und blickte sich dann müde um.

„Wo… wo bin ich?“, fragte sie leise nach, während sie sich vorsichtig aufsetzte und dabei auch endlich ihre beiden Klassenkameraden bemerkte, „Hir… Makoto… und… Shingetsu?“

Irritiert sah sich die Brünette um und bemerkte dann erst, dass sie sich in einem merkwürdigen Saal befand, der so gar nichts mit ihrem gemütlichen Zuhause zu tun hatte. Dabei kamen auch langsam die Erinnerungen daran zurück, wie sie hierher gelangt war. Zitternd griff sie sich an die Oberarme und versuchte sich so etwas zu wärmen, denn alleine die Erinnerungen an den Schatten, welcher sie gegriffen hatte, reichten aus, um sie frösteln zu lassen.

„Es ist alles gut Akane“, setzte Hiroshi an und wurde daraufhin von seinem Gegenüber überrascht angesehen, „Wir sind hier um dich zu retten. Lass uns Nachhause gehen. Deine Eltern machen sich auch schon Sorgen.“

„Du und mich retten?“, fragte sie plötzlich und schlug dabei die Hand weg, die er ihr zur Hilfe geboten hatte, „Das ich nicht lache. Versuchst du jetzt auf stark zu machen, um mir zu beweisen, dass du mich nicht gebraucht hast? Deinen Egotrip kannst du dir sparen.“

Kurz zuckte Angesprochener zusammen, doch versuchte standhaft zu bleiben: „N-nein! So ist das nicht. Hier ist es wirklich gefährlich Akane. Ich weiß selbst, dass ich einen Fehler gemacht habe, aber lass uns bitte darüber sprechen, wenn wir hier raus sind. Okay?“

Überrascht sah die Brünette auf und schien plötzlich so, als wäre sie etwas beschwichtigt und würde deshalb auf das Angebot eingehen.

„Was soll es bringen darüber zu sprechen? Hiroshi hat seine Meinung dazu doch schon klar und deutlich kundgetan“, erklang jedoch plötzlich eine Stimme, die ihrer so ähnlich und doch leicht verzerrt klang.

Erschrocken sahen die drei Oberschüler und das kleine Mädchen auf und versuchten herauszufinden, woher diese Stimme kam; konnten jedoch niemanden erblicken.

„Genau wie bei Hiroshi-kun“, ging Mirâ durch den Kopf, während sie ihren Blick auf die Spiegel rings um sich richtete.

„Er will ja sowieso nur mit mir reden, damit er sich am Ende besser fühlt“, sprach die Stimme weiter, „Wenn es ihm wirklich ernst wäre, hätte er sich schon längst mal für sein Vershalten entschuldigt. Stattdessen ging er mir nur aus dem Weg.“

„W-was… n-nein“, murmelte die junge Frau, die ebenso verwirrt war ihre eigene Stimme zu hören.

„Nein? Doch natürlich. Er hat ja noch nicht einmal VERSUCHT mit mir darüber zu reden. Stattdessen hat er meine bösen Blicke einfach hingenommen und weggeschaut“, schallte es Laut durch den Saal, „Und das hat mich nur noch mehr geärgert.“

„Hör… hör auf…“, versuchte Akane die Stimme zu stoppen, die aber offensichtlich gar nicht daran dachte aufzuhören.

Plötzlich schrak die junge Frau zurück, als sie sich ihres eigenen Spiegelbilds gegenübersah, welches ziemlich wütend dreinblickte: „Jahrzehnte der Freundschaft hat er einfach mit Füßen getreten.“

Ein weiteres Abbild erschien, welches auf dem Boden kauerte: „Unsere Freundschaft war ihm wohl einfach nichts wert.“

„Als Prellbock für seine Probleme war ich aber anscheinend gut genug“, kam es Zähneknirschend aus einem weiteren Spiegel.

Als nächstes erschien ein Abbild der jungen Frau, welches auf dem Boden kniete und immer wieder mit der Faust auf diesen schlug: „Und dann gibt er sich auch noch mit diesem Abschaum ab. Das ist der größte Hohn!“

Ein weiterer Spiegel klang so, als würde er zerspringen, dabei sah man die Risse nur von innen, weil das Abbild dagegen geschlagen hatte: „Seine verdammte Selbstsucht kotzt mich so an!“

„NEIN! Nein hör auf! So ist das nicht!“, rief Akane plötzlich laut aus, „J-ja ich bin wütend, a-aber ich würde niemals…“

„Niemals was? Deinem Sandkastenfreund Selbstsucht unterstellen? So sehr von seiner Art, wie er mit dir umgesprungen ist, angepisst zu sein?“, ein hämisches Lachen erklang, „Oh doch! Und das weißt du auch. Sein Verhalten und seine Worte haben dich ziemlich verletzt! Und das Ganze frustet dich so richtig! Und diesen Frust hast du auch noch an Mirâ ausgelassen!“

„VERDAMMT HALT DEN MUND!“, schrie Akane laut auf und ließ damit die Stimmen um sich herum verstummen, „Was weißt du schon über mich und mein Verhältnis zu Hiroshi? Du kennst mich doch gar nicht!“

Erneut erklang das hämische Lachen: „Oh doch. Ich kenne dich sogar sehr gut. Deinen Ärger, deine Frustration, deine Wut, deine Ängste… ich weiß alles über dich. Denn ich bin du!“

Erschrocken riss die Brünette die Augen auf und schüttelte dann schnell den Kopf, als wollte sie alles von sich abschütteln, während aus den Spiegeln ein schwarzer Nebel wabberte, der begann den gesamten Raum einzunehmen.

Schockiert blickten sich die beiden Persona-User um, während die schwarze Masse um sie herum immer dichter wurde.

Im letzten Moment wollte Hiroshi noch eingreifen und seine Sandkastenfreundin daran hindern zu sagen, was ihr auf der Zunge lag, doch da war es bereits zu spät.

„Niemals! Du kannst niemals ich sein!“, schrie diese plötzlich aus ganzer Seele, woraufhin ihr Ebenbild lauthals anfing zu lachen.

Daraufhin zersprangen mit lautem Klirren alle Spiegel, die den Raum umgaben und formten sich, wie bereits bei Hiroshi, mitsamt dem Nebel zu einem neuen Wesen, dass die Gestalt eines riesigen Löwen annahm, dessen goldene Armschienen an den mächtigen Pranken mit roten Steinen besetzt waren. Auf seinem Kopf saß eine rote, hohe, flaschenförmige Krone, die von zwei grünen Federn gesäumt war. Auf seinem Rücken war ein großer Schild gespannt, welcher schon einige Schrammen vorwies. Mit einem lauten Brüllen manifestierte sich das riesige Tier und blickte dann mit seinen tiefroten Augen auf die für ihn winzigen Menschen vor sich. Geschockt sahen diese auf das monströse Wesen, welches sich als ihr Gegner entpuppt hatte.

„Eh!?“, schrie Akane plötzlich erschrocken auf.

Schnell wandte sich die Gruppe dieser zu, allerdings war es da bereits zu spät und sie war kurz darauf in eine sechseckige Kiste eingesperrt, die sich in die Lüfte erhob und über dem Geschehen schwebte.

„Akane!“, rief Hiroshi, doch wusste er in diesem Moment genau, dass er nicht mehr viel für sie tun konnte, außer gegen das Wesen zu kämpfen.

Den Rest musste sie mit sich selbst ausmachen.

„Du Dummkopf! Ich hoffe du bist dir bewusst, dass ich dir nicht böse bin“, ging ihm durch den Kopf, während er seinen Blick wieder auf den Löwen richtete.

„Mein Name ist Anath! Ich bin ein Shadow! Das wahre Ich!“, brüllte dieser, bevor sich um ihn ein bedrohliches rotes Licht bildete.

Im nächsten Moment flogen mehrere Bälle aus Feuer sowohl auf Mirâ, als auch Hiroshi und Mika. Gerade noch rechtzeitig hatte der Blonde das kleine Mädchen packen und zur Seite springen können, bevor sie von einem der heißen Geschosse getroffen worden wäre. Mirâ unterdessen war in eine andere Richtung gesprungen und nutzte dann die Chance ihren Bogen zu spannen, um damit einen Angriff auf ihren Gegner zu deklarieren. Mit einem Zischen flog das Geschoss durch den Raum und traf den Löwen an der Stirn, doch dieser prallte einfach nur ab, als sei er ein Spielzeug. Zähneknirschend wich die junge Frau daraufhin einer der Pranken aus, mit der der Shadow nach ihr schlug, bemerkte dabei jedoch nicht, dass er gleichzeitig auch noch einmal seine Fähigkeiten einsetzte. Im nächsten Moment traf sie ein Feuerball im Rücken und drückte sie zu Boden. Erschrocken musste Hiroshi mit ansehen, wie die Violetthaarige zu Boden stürzte und zog daraufhin sein Smartphone, um seine Persona zu rufen, welche bei ihrem letzten Besuch in dieser Welt eine neue Fähigkeit gelernt hatte, die er nun einsetzen konnte. Aton erschien auf der Bildfläche und flog zum Erstaunen seines Gegners an diesem vorbei um sich vor der Oberschülerin aufzubauen und seine Hand auf diese zu richten. Daraufhin wurde sie in ein sanftes grünes Licht gehüllt, welches ihre Wunden wieder heilte. Dabei hatte er jedoch seine Deckung nicht im Blick, denn kaum hatte er die junge Frau geheilt schlug eine der Pranken nach ihm und ließ die Persona in ihre blauen Partikel zerfallen. Schmerzhaft zuckte der Blonde zusammen und hielt sich die Brust, während er für kurze Zeit wie paralysiert war. Diese Chance nutzte Anath und schlug nach dem jungen Mann, woraufhin er gegen die Wand geschleudert wurde.

„Hiroshi-kun!“, schrie Mirâ geschockt, „Na warte! Angel!“

Der halbnackte Engel erschien auf Mirâs Befehl und ging gleich in den Angriff über, indem er einen kleinen Wirbelsturm auf das Ungetüm abfeuerte, welcher tatsächlich leichte Wirkung zeigte. Im nächsten Moment krachte ein Blitz auf das Monster, der jedoch wie ein kleiner Stromschlag an diesem abprallte, als sei nichts gewesen. Überrascht sah die Violetthaarige zu ihrem Kumpel hinüber, welcher zwar voller Schrammen war, allerdings nicht schwer verletzt wirkte. Über ihm schwebte wieder seine Herzenskraft, die er gerufen hatte und die sich in die Luft erhob, um einen erneuten Angriff zu starten. Plötzlich bildete sich über dem Shadow ein Lichtschwert, welches auf diesen hinabsauste, dabei jedoch auch nur wirkte, wie ein Spielzeug.

„Kche… gibt’s doch nicht“, fluchte der junge Mann.

„Change! Hemsut!“, rief die junge Frau und rief die Persona, die aus ihrer inneren Kraft erwacht war.

Diese erhob sich mit Schwung in die Luft, hielt ihre Hand auf den Löwen und feuerte daraufhin einen Eiskristall auf diesen. Doch auch dieser prallte nur ab und brachte somit keinen wirklichen Effekt.

„Wieso wirken unsere Angriffe nicht?“, fragte Hiroshi geschockt, während er einem weiteren Angriff der riesigen Pranken auswich.

„So war es bei deinem Shadow auch“, versuchte Mirâ in dem ganzen Wirrwarr zu erklären und blickte dann kurz über ihre Schulter zu der Box, in der Akane eingeschlossen war, ehe auch sie einer der Tatzen auswich, „Ich denke, dass wir dazu Akane brauchen…“

Auch der Blonde sah kurz nach oben und zog danach Mika erneut beiseite, bevor diese von dem Schwanz der Riesenkatze erwischt wurde: „Große Klasse… Ich hoffe dieser Dickschädel kriegt sich wieder ein!“
 

[ ??? ]
 

Erschrocken öffnete Akane die Augen, als die leicht gedämpften Geräusche des Kampfes zu ihr durchdrangen, und blickte sich dann ängstlich um. Trotz der Dunkelheit erkannte sie, dass sie sich in einem kleinen geschlossenen Raum befand, der gerade einmal so viel Platz bot, dass sie darin sitzen konnte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie ihre Hand an eine der sechs Wände legte. Zwar hatte sie kein Problem mit engen Räumen, doch im Dunklen alleine in einem solchen festzusitzen, war etwas, was ihr absolut nicht behagte. Leichte Panik befiel sie, weshalb sie sich zurücklehnte und mit ihrem Fuß gegen die Wand trat, um sie so eventuell zu zerstören, doch egal wie oft sie es versuchte und wie viel Kraft sie auch einsetzte, es passierte nichts.

„Was ist das hier? Wo bin ich? Wo sind Hiroshi und Shingetsu?“, fragte sie verzweifelt, während sie immer weiter gegen das Hindernis trat, „HEY! Hört ihr mich?“

„Das ist zwecklos. Sie können dich nicht hören“, ertönte plötzlich wieder die Stimme, die ihrer so ähnlich war.

Doch im Vergleich zu der zuvor, klang diese sanfter. Trotzdem zuckte die junge Frau zusammen und sah sich panisch um, während die Angst in ihr stieg, gleich wieder ihrem fiesen Spiegelbild gegenüberzustehen und weitere schreckliche Dinge zu hören, die sie angeblich über Hiroshi dachte. Sie stoppte bei diesem Gedanken in ihrem Tun, setzte sich wieder aufrecht hin und senkte den Blick. Denn eigentlich…

„Bitte hab keine Angst. Ich will dich nicht damit nicht belasten…“, sagte die Stimme plötzlich und ließ die Brünette überrascht aufschauen, „Dennoch solltest du dir der Situation bewusstwerden, wieso du in diese Lage geraten bist, denn sonst wirst du für immer hier festsitzen. Oder noch schlimmer…“

Ein helles Licht neben Akane ließ diese leicht zusammenzucken und dann in diese Richtung sehen, woraufhin sie die Gelegenheit bekam dem Kampfgeschehen außerhalb der Box zu folgen. Erst wirkte sie wegen des riesigen Löwen etwas verwirrt, da sie dachte es würde sich nur um eine Einbildung handeln, doch dann erkannte sie Hiroshi und auch Mirâ, die sich mithilfe zweier anderer merkwürdiger Wesen gegen das riesige Vieh zur Wehr setzten. Der Blonde hatte gerade sein Wesen gerufen, um die Wunden der Violetthaarigen zu heilen, als er seine Deckung vernachlässigte und gegen die abgerundete Wand geschleudert wurde. Geschockt war die Brünette weiter an die Wand gerutscht, durch welche sie das Geschehen beobachten konnte und sah dann wie Mirâ ein anderes Wesen rief, um damit einen Windstoß auf den Löwen abzufeuern, der tatsächlich mal einen Effekt zeigte, jedoch nicht zum Ziel führte. Im nächsten Moment krachte ein Blitz auf ihn, der allerdings auch nichts brachte; genauso wenig, wie das riesige Lichtschwert, das Hiroshi mithilfe der Gestalt über sich rief.

„Hiroshi… Shingetsu…“, murmelte Akane, die sich vorkam, als würde sie die Verfilmung eines RPGs verfolgen, „Was geht hier nur vor sich?“

„Dieses Wesen, gegen das deine Freunde da kämpfen, ist aus deinen tiefsten negativen Gefühlen erwacht. Es hat dich mit diesen konfrontiert, um dich zu provozieren“, erklang wieder die Stimme, die sie jedoch dieses Mal nicht zusammenzucken ließ.

Stattdessen beobachtete sie weiter das Geschehen, in welchem Mirâ ein weiteres anderes Wesen rief und mit dessen Hilfe einen Eiskristall auf den riesigen Löwen abfeuerte, der jedoch einfach so abprallte ohne eine Wirkung zu zeigen. Sie hörte ihren Kumpel fluchen, der sich beschwerte, wieso ihre Angriffe nicht funktionierten und von Mirâ die Antwort bekam, dass es bei seinem Shadow genauso war und sie wohl ihre Hilfe bräuchten, um ihn zu besiegen. Überrascht sah Akane bei diesen Worten auf. Sie brauchten ihre Hilfe? Und was sollte das bedeuten, dass es bei Hiroshis Shadow genauso war? Sie war verwirrt. Und doch hatte sie aus irgendeinem Grund das Gefühl zu wissen, was gemeint war. Doch wie sollte sie hier rauskommen?

Wieder erhob sich die Stimme, wirkte dabei dieses Mal jedoch etwas überraschter: „Scheint, als hätten deine Freunde schon Erfahrungen mit solchen Shadows gesammelt…“

Die Brünette ignorierte die Worte und dachte stattdessen über ihre Situation und darüber nach, was ihr die Stimme davor gesagt hatte: „Du hast gesagt, dass dieser Shadow mein größtes negatives Gefühl nutzt, um daraus Kraft zu ziehen. Und du meintest, dass ich hier nicht herauskomme, wenn ich es nicht einfach akzeptiere.“

„Genauso ist es…“

„Aber…“, die junge Frau senkte den Blick, „So einfach ist das gar nicht. Dieses Gefühl ist gewachsen, weil mich Hiroshi ganz schön verletzt hat. Es ist gewachsen, weil wir nie darüber gesprochen haben und nun… die Worte, die ich lange für mich behalten habe, hat er nun gehört. Wie könnte ich sie einfach akzeptieren und ihm dann gegenübertreten, als sei nichts gewesen?“

„Das ist etwas, was nur du alleine regeln kannst…“, sprach die Stimme weiter und sorgte dafür, dass sie ihre Lippen aufeinanderpresste.

Wie sollte sie das alleine regeln?

„Wir werden nicht zulassen, dass du Akanes Platz einnimmst. Sie wird ganz sicher zur Vernunft kommen und einschreiten!“, prophezeite Mirâ.

„Ihr könnt nichts gegen mich ausrichten!“, erklang die Stimme des riesigen Shadows, als er die beiden Oberschüler erneut auseinandertrieb.

„Ach halt doch den Mund, verdammt!“, erklang daraufhin Hiroshis Stimme, „Hey Akane! Ich weiß genau, dass du mich hörst!“

Überrascht, dass der junge Mann sie direkt ansprach, weiteten sich die grünen Augen der Brünetten, während ihr Kumpel weitersprach: „Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich hätte damals anders reagieren sollen oder das ganze wenigstens danach aufklären, indem ich direkt mit dir darüber gesprochen hätte. Leider kam damals meine Schwäche wieder durch und ich habe versucht mich irgendwie aus der Sache zu manövrieren. Es tut mir leid, dass ich dich damit verletzt und mich nie entschuldigt habe. Es war einfach dumm von mir. Und ich verstehe deshalb, dass du böse auf mich bist. Wenn du möchtest, kannst du mir später alles an den Kopf knallen, was dir auf der Seele brennt. Gerne kannst du mir auch eine scheuern. Ich verspreche, dass ich es akzeptieren und nicht böse auf dich sein werde. Dafür musst du aber erstmal deinen Dickkopf überwinden und dort rauskommen.“

Mit großen Augen beobachtete die Brünette, wie Hiroshi dem nächsten Angriff ihres Gegners auswich, dabei jedoch den Schwanz nicht bemerkte, der ihn wieder erwischte und damit gegen Mirâ schleuderte, die er mit zu Boden riss. Wieder lehnte sie sich erschrocken gegen die Wand, als sie die Szene sah und biss sich dann auf die Lippe. Sie riskierten beide ihr Leben, obwohl sie so gemein zu ihnen war. Obwohl sie sich benommen hatte, wie ein trotziges Kind und ihre Laune sogar an ihrer neuen und derzeit einzigen Freundin ausgelassen hatte. Sie wollten sie retten. Und was machte sie? Sie machte sich Gedanken darüber, ob sie ihnen jemals wieder normal gegenübertreten könnte. Wie kindisch konnte man nur sein?

Sie seufzte tief: „Oh man… ich hoffe dieser Idiot macht sich auf ne richtige Abreibung gefasst. Dieses Mal werde ich mich nämlich nicht zurückhalten.“

„Du stehst also zu deinen Gefühlen?“, fragte die Stimme erstaunt.

Akane nickte: „Ja. Ich bin ziemlich gefrustet darüber, was Hiroshi abgezogen hat. Aber er hatte seine Gründe und ich denke, dass wir das lieber richtig klären sollten.“

Sie blickte wieder auf und sah dann auf ihr Spiegelbild, über welches sich die Silhouette einer weiteren Person gelegt hatte, die ihr auf irgendeine Weise ziemlich vertraut war. Auf die weiße ausdruckslose Maske, die deren Gesicht zierte, hatte sich ein kleines Lächeln gelegt.

Unbemerkt von der jungen Frau leuchtete etwas in ihrer Jackentasche auf: „Das ist gut so. Nimm also alle deine Gefühle zusammen und zerstöre diese Wände!“

Die Brünette griff nach oben und bekam dort einen Griff zu greifen, um so halt zu haben, während sie sich zurücklehnte und ihre Beine anwinkelte, nur um diese kurz darauf mit voller Wucht gegen die Wand zu treten, über welche sie bis eben noch das Szenario beobachten konnte.
 

[ Kampfgeschehen ]
 

„Urgh…“, entkam es Mirâ, als sie mitsamt Hiroshi zu Boden gerissen wurde.

Mit diesem Angriff hatte der Blonde einfach nicht gerechnet und konnte deshalb auch nichts entgegenwirken, als er von dem langen Schweif des Löwen getroffen wurde. Auch sie selbst hatte nicht damit gerechnet und war deshalb regelrecht davon überrascht worden. Nun lagen sie beide mit schmerzenden Gliedern auf dem Boden und hatten ihrem Gegner eigentlich nichts mehr entgegen zu bringen, denn egal welche Waffe oder Fähigkeit sie anwendeten, es brachte einfach nichts. Sie ließ ihren Blick in Richtung der Box schweifen, in der Akane eingesperrt war. Wahrscheinlich konnte nur die Brünette etwas gegen ihn ausrichten. So war es bei Hiroshi auch gewesen. Die Frage war jedoch, ob es die junge Frau schaffte wortwörtlich über ihren Schatten zu springen. In diesem Moment jedoch erklang ein lautes Knacken, was Mirâ die Augen aufreißen ließ, ehe sich ein leichtes Grinsen auf ihr Gesicht legte. Kurz darauf zersplitterte die Box und Akane kam zum Vorschein, deren Augen in einem hellen blau leuchteten.

„Nein! Das kann nicht sein!“, der Shadow wirkte verwirrt, als die Brünette genau vor ihren beiden Freunden landete und ihn böse anstarrte.

„Denk nicht, dass ich mich so einfach unterkriegen lassen“, Akane griff in ihre Jackentasche und holte ihr Smartphone hervor, welches bereits die Persona-App geöffnet hatte, „Erscheine: Menhit!“

Ein strahlendblauer Strudel bildete sich um die Brünette, dessen kleine Partikel langsam nach oben stiegen und über ihr ein weibliches Wesen mit dunkler Haut formten, dessen rückenlange, tiefrote Haare wie die Mähne eines Löwen im Wind wehten. Sie trug ein weißes knielanges Kleid, dessen Innenseite in einem hellen rot leuchtete. Über ihrer Brust war ein dunkelbrauner Lederharnisch gespannt, der mit einer goldenen Halskrause bestückt war. Um ihr rechtes Handgelenk schlängelte sich ein goldenes Armband, dass die Form einer Schlange hatte, während um ihr rechtes Gelenk ein braunes Lederband lag. Ihre Waden waren mit goldenen Beinschienen belegt, unter denen weißes Leinen gelegt war, was oben und unten etwas hervorschaute. Als die Materialisierung abgeschlossen war, nahm sie eine Kampfhaltung ein und wartete auf weitere Befehle, die jedoch nicht lange auf sich warten ließen. Mit einem einzigen Blick zu ihrer Persona, gab Akane dieser den Auftrag anzugreifen, woraufhin sich diese in die Luft erhob und ihre Hand auf den Löwen vor sich richtete. Ein Feuerball bildete sich vor der erhobenen Hand und flog daraufhin direkt auf ihren Gegner zu, welcher laut aufschrie, als die heißen Flammen ihn trafen und dann zu Boden ging. Ein Blick über ihre Schulter reichte, um ihre Freunde mit einzubeziehen, die sich mittlerweile wieder aufgerichtet hatten. Diese nickten und gemeinsam stürmten die drei Oberschüler auf das am Boden liegende Wesen zu, um es mit allem, was sie hatten, anzugreifen. Dieser Angriff zeigte auch Wirkung, reichte jedoch leider nicht, um das Wesen zu besiegen.

„Ihr werdet mich niemals besiegen!“, schrie der Löwe auf, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte und während sich um ihn ein bedrohlicher roter Schein bildete, „Das hier wird euer Grab. Ich werde mich dir entledigen und dann deine geschwächten Freunde töten!“

Daraufhin erhob er die riesige Pranke und richtete sie auf Akane. Diese machte nicht einmal die Anstalten zu fliehen und kreuzte nur ihre Arme vor dem Körper, was ihre Persona, die sich genau vor sie stellte, ihr nachtat. Der Schlag folgte nur wenige Sekunden später und endete mit einem lauten Knall.

„AKANE!“, rief Mirâ geschockt, doch zuckte zusammen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte,

Erschrocken sah sie hinter sich und erkannte Hiroshi, der nur schief grinste: „Alles gut.“

Irritiert über diese Aussage blickte die Violetthaarige wieder auf das Geschehen vor sich und erkannte dann im aufgewirbelten Staub eine Silhouette. Kurz darauf tauchte daraus wieder Akane auf, welche zwar leichte Verletzungen am Arm hatte, jedoch sonst vollkommen in Ordnung wirkte. Auch sie hatte ein breites Grinsen aufgesetzt, während sie ihre Arme wieder sinken ließ und ihren Gegner vollkommen ratlos zurückließ.

„Wie kann das sein?“, fragte er schockiert und wich zurück, da ihm schwante, was als Nächstes folgen würde.

„Dank mal nicht, dass du mich mit so etwas besiegen kannst. Ich bin ziemlich robust gebaut“, die Brünette nahm eine typische Karatekampfhaltung ein und blickte ihren Shadow mit bösen Augen an.

Allerdings griff sie nicht direkt an, sondern befahl ihrer Persona einen weiteren Angriff, welche erneut einen Feuerball auf das Wesen abfeuerte, der dieses von den Beinen riss. Dieses Mal war keine weitere Kommunikation mehr nötig, um noch einmal einen gemeinsamen Angriff zu starten. Gleichzeitig rannten sie auf den Löwen zu, welcher sich nach der gemeinsamen Attacke in schwarz-roten Nebel auflöste. Zurück blieb ein einzelner Spiegel, welcher das Ebenbild der Brünetten zeigte. Ohne eigentlich wirklich zu wissen, was sie tun sollte, trat die Brünette auf den Spiegel zu und starrte ihrem Gegenüber tief in die gelben Augen.

Dann grinste sie: „Da hat uns mein Frust ganz schön Ärger gemacht. Was? Aber jetzt werde ich dazu stehen und Hiroshi kann sich auf was gefasst machen.“

Sie zwinkerte und stieß ihre Faust nach vorn. Ihr Ebenbild starrte kurz darauf, schloss dann die Augen und grinste ebenfalls, bevor es seine Faust ebenfalls nach vorne schob, sodass es so wirkte als würde sie einschlagen. Mit lautem Knacken bekam der Spiegel daraufhin einen Riss und zerbrach dann in tausend kleine Teile, die sich in schwarzen Nebel auflösten und davongetragen wurden. Zurück blieb die kleine Gruppe, die noch einen Moment auf die Stelle blickte, an dem der Spiegel verschwunden war.
 

Schweigend betrachtete Akane die Stelle, ohne auf ihre Umgebung zu reagieren. Erst als sie Schritte hinter sich vernahm zuckte sie kurz zusammen, drehte sich jedoch nicht um. Sie wusste auch so, wer sich ihr dort näherte.

„Alles in Ordnung, Akane?“, fragte Hiroshi, der hinter die Brünette trat, „Hör mal… wegen der Sache…“

Bevor der Blonde auch nur seinen Satz beenden konnte, wich er zurück, als sich seine Sandkastenfreundin mit Schwung umdrehte und mit ihrer Hand ausholte. Doch ehe diese ihr Ziel erreichten, versagten ihr plötzlich die Beine und sie flog auf ihren Hintern. Erschrocken hockte sich der junge Mann zu ihr hinunter und fragte noch einmal ob alles in Ordnung war, doch sein gegenüber hielt nur den Blick gesenkt.

„Urgh… nicht mal dafür hab ich noch Kraft…“, murmelte die junge Frau daraufhin und seufzte dann tief, ehe sie den Blonden mit einem schiefen Grinsen ansah, „Deine Abreibung bekommst du später. Versprochen!“

Erstaunt sah Angesprochener sie mit großen blauen Augen an, doch lächelte dann sanft, bevor sich sein Gesichtsausdruck noch einmal änderte und einen besorgten zeigte. Er ließ sich zurückfallen und setzte sich seiner Freundin gegenüber, die ihn nun ebenfalls überrascht ansah.

„Die Sache vor einem Jahr tut mir wirklich leid, Akane. Ich habe bemerkt, dass ich dich damit ziemlich verletzt habe und war trotzdem nicht in der Lage mich bei dir zu entschuldigen“, sprach er plötzlich aus, was ihn schon so lange auf der Seele brannte, „Für die Zeit, in der du für mich wie eine große Schwester da warst, bin ich dir unendlich dankbar. Aus diesem Grund war mein Verhalten dir gegenüber vollkommen inakzeptabel. Ich glaube, dass ich damals ziemlich viel Angst vor irgendwelchen dummen Sprüchen hatte, obwohl ich doch weiß, dass Kô und Nao es nicht ernst meinen. Das macht die Sache nicht besser, erklärt aber vielleicht, wieso ich damals so reagiert habe. Ich hoffe, dass du mir verzeihen kannst.“

Zu Akanes Überraschung beugte sich der junge Mann plötzlich im Sitzen nach vorn und deutete damit eine Verbeugung an. Diese schwieg darauf einen Moment und starrte dabei auf den blonden Schopf ihres Sandkastenfreundes, welcher es nun endlich geschafft hatte sich bei ihr zu entschuldigen. Und offensichtlich zeigte es Wirkung. Denn der dicke Kloß, der sich immer gebildet hatte, wenn sie ihn gesehen hatte und der auch dieses Mal noch in ihrem Hals steckte, löste sich langsam auf, während sich dafür langsam Tränen in ihren Augenwinkeln bildeten. Das waren die Worte, die sie das letzte Jahr über hatte hören wollen, um endlich diesen Frust loszuwerden, der sich in ihr angestaut hatte. Es waren die Worte, die ihr halfen, über diese Sache hinwegzukommen und die sie sich von ihm am meisten gewünscht hatte. Schnell wischte sie die Tränen mit dem Ärmel weg und seufzte dann einmal theatralisch, um den jungen Mann wieder zum Aufschauen zu bewegen.

Dann grinste sie breit: „Schon gut. Ich sehe, dass du es bereust. Danke, dass du dich endlich entschuldigt hast. Das bedeutet mir wirklich viel.“

Ein Lächeln bildete sich auf Hiroshis Lippen, während er sich wieder aufrecht hinsetzte und dann ihr Grinsen erwiderte; erleichtert darüber, dass sie seine Entschuldigung angenommen hatte und in der Hoffnung, dass es vielleicht wieder fast wie früher werden würde.
 

Lächelnd beobachtete Mirâ das Szenario und freute sich darüber, dass die beiden sich offensichtlich wieder versöhnt hatten. Endlich konnten sie das Problem, welches das letzte Jahr über zwischen ihnen stand, aus dem Weg räumen, auch wenn es dazu offensichtlich erst einen Kampf auf Leben und Tod geben musste. Erleichtert darüber, dass dies wohl auch nur dem Umstand zu verdanken war, dass sie sich in die Sache eingemischt hatte, obwohl das sonst nicht ihre Art war, seufzte auch sie leise; immerhin hätte das Ganze auch ganz anders ausgehen könnten. Eine Bewegung neben ihr ließ sie wieder aufblicken, als Mika an ihr vorbei auf die anderen beiden Oberschüler zuging, die noch immer auf dem Boden saßen.

„Wir sollten diesen Ort langsam wieder verlassen und zurückkehren, bevor noch andere unangenehme Zeitgenossen auftauchen…“, mahnte sie zum Gehen.

Überrascht sah Akane das kleine Mädchen an: „Oh… und du bist? Wieso ist ein kleines Mädchen hier?“

„Mein Name ist Mika“, stellte sich die Blauhaarige knapp vor.

Mirâ trat an die Kleine heran und versuchte eine Erklärung zu liefern: „Mika-chan lebt in dieser Welt und kann sie auch leider nicht verlassen. Sie hat auch keine Erinnerungen daran, wie sie hierhergekommen ist oder wie lange sie schon hier ist. Deshalb hat sie sich uns angeschlossen.“

„Ich möchte wissen, wer ich bin und wieso ich hier bin. Und auch, wieso die Shadows dieser Welt sich plötzlich so merkwürdig verhalten“, erklärte das kleine Mädchen den Rest.

„Ah ich verstehe“, nickte die Brünette und stand dann langsam auf, bevor sie auf die kleine zu gehumpelt kam und ihr ihre Hand entgegenhielt, „Freut mich, Mika-chan.“

Mit großen roten Augen sah Angesprochene erst auf die ihr dargebotene Hand und dann kurz zu Akane hinauf, ehe sie nickte und einschlug.

„Mika-chan hat recht. Lasst uns von hier verschwinden und Akane nachhause bringen…“, schleppte sich nun auch Hiroshi zu den Mädchen, die daraufhin einstimmig nickten.

Gemeinsam begaben sie sich zu dem kleinen Schmetterling, welcher nun in der Mitte des Raumes seine Bahnen zog. Für einen Moment wirkte Akane etwas überrascht, doch verstand dann was es damit auf sich hat. So gelangten sie zurück zum Eingang, durch welchen sie dann zurück in ihre eigene Welt kehrten.
 

[ ??? ]
 

Ein lautes Knacken durchbrach die Stille des Velvet Rooms und ließ Igor die Augen aufschlagen. In diesem Moment sprengten sich die Ketten an einem der versiegelten Spiegel, welcher bis vor kurzem noch bedrohlich rot geleuchtet hatte. Dieses Licht jedoch hatte sich vor dem lauten Knacken zu einem intensiven Blau verändert, das nun noch immer vorherrschte. Im nächsten Moment jedoch zersprang auch der Spiegel in tausende Einzelteile und hinterließ einen weiteren Scherbenhaufen. Zur gleichen Zeit legte sich die noch immer in neutraler Position liegende Karte der Stärke in eine aufrechte Position. Auch sie leuchtete nun intensiv blau und war von einer warmen Aura umgeben. Ein zufrieden wirkendes Grinsen legte sich auf seine Lippen, während er seine Augen wieder auf die Reihe von Spiegeln richtete, von denen nun ein weiterer begann zu leuchten, jedoch bei weitem nicht so intensiv wie die beiden Spiegel zuvor, sondern eher sanft und schwach. Der Meister des Velvet Rooms jedoch wusste genau, was dies bedeutete, doch er schwieg sich dazu aus. Seinem Gast sollte vorerst wohl etwas Ruhe vergönnt sein. Langsam schloss er die Augen und stützte seinen Kopf wieder auf seinen Händen ab, während er nach und nach im Dunkeln des blauen Raumes verschwand.
 

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[ side II ] – Whispers in the Air [Hiroshi & Akane]


 

*~* [side II] – Whispers in the Air [Hiroshi & Akane] *~*

[ ~Montag, 12. September 2005~ ]

[ *Mittag* ]

[ Yûzora Elementary School ]
 

Alleine saß Hiroshi auf einer der hintersten Bänke des Schulhofes, die Hände um seine Brotdose geschlossen, den Blick auf die zerkratzte Holzplatte gerichtet, während um ihn herum reges Treiben herrschte. In der Ferne vernahm er das dumpfe Trampel von Füßen und das leise Kichern, das immer dann verstummte, wenn er in genau diese Richtung sah. Deshalb hielt er den Blick lieber gesenkt, auf den Boden zu seinen Füßen, wo er ihre grinsenden Gesichter nicht erkennen konnte. Das änderte jedoch nichts daran, dass sie trotzdem da waren. Er wollte es nur nicht sehen. So einfach würde es nicht verschwinden: Das Tuscheln und Kichern, die dummen Sprüche und die alles sagenden Blicke. Doch er versuchte sie zu ignorieren. Trotzdem taten sie weh. Schritte kamen auf ihn zu, doch er traute sich nicht aufzuschauen, um nachzusehen, wer sich ihm näherte. Erst die ihm bekannten grünen Turnschuhe verrieten ihm die Person, die neben ihm zum Stehen kam. Langsam sah er nun doch auf. Zwei von dunkelbraunen Haaren eingerahmte, strahlend grüne Augen blickten ihn groß an und schenkten ihm ein breites Lächeln, dass er jedoch nicht erwiderte. Stattdessen lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder auf seine noch immer geschlossene Bentobox und schwieg. Ein Seufzen erklang, ehe sich Akane neben ihn auf die Bank fallen ließ. Aus der Ferne vernahm sie wieder das Tuscheln, welches für einen Moment verstummt war, als sie an ihnen vorbeigegangen war. Nun jedoch redeten sie weiter und lachten über Dinge, die sie nichts angingen. Das brünette Mädchen, das sich neben ihm niedergelassen hatte, ignorierte die Stimmen der anderen, bemerkte aber, wie Hiroshi neben ihr immer weiter in sich zusammenrutschte.

„Du isst ja gar nichts.“ Sie stupste ihn unvermittelt mit ihrem Finger gegen die geschlossene Faust und sorgte dafür, dass er kaum merklich zusammenzuckte, dann jedoch den Griff um die Dose wieder lockerte.

„Hab keinen Hunger“, sagte er leise.

„Lüg nicht“, erwiderte sie ruhig und öffnete demonstrativ ihre eigene Brotdose.

Der Geruch von frisch gemachten Reisbällchen stieg ihm in die Nase und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenfließen. Wortlos nahm die Brünette eines der Onigiris heraus und reichte es ihrem Banknachbarn, welcher jedoch noch zögerte. Ein paar Meter entfernt hörte er, wie jemand hustete – ein seltsam gezwungenes Geräusch, gefolgt von halblauten Worten, die er nicht verstand, aber deren Bedeutung er gut genug kannte. Er schluckte.

Sie bemerkte sein Zögern und legte ihm das Reisbällchen direkt in seine Hand: „Wenn du es nicht nimmst, esse ich deins auch noch.“

Seine Mundwinkel zuckten kurz – ähnlich einem Lächeln, das jedoch in einem Wimpernschlag wieder verschwand. Dann biss er hinein. Das Onigiri schmeckte nach Sesam und ein wenig nach Sojasauce – vertraut und beruhigend. Langsam kaute er, während die Brünette weiter ihr Essen verspeiste, als wäre alles ganz normal. Auch für ihn fühlte es sich für einen Moment so an, als wäre alles gut, doch dann huschte ein Schatten über den Boden vor ihnen, und er wusste, dass sie immer noch da waren. Die anderen. Sie standen nicht weit entfernt, lehnten sich scheinbar beiläufig gegen das Klettergerüst oder saßen unter den Bäumen des Hofes, doch er spürte ihre Blicke.

„Irgendwann hören sie auf“, die Stimme direkt neben ihm war leise, aber bestimmt.

Er senkte den Blick und legte das Reisbällchen auf seine Brotdose: „Tun sie das?“

Seine Freundin kaute nachdenklich: „Vielleicht nicht von selbst.“

Sie drehte den Kopf leicht und sah über ihre Schulter. Kurz begegnete sie den Blicken der anderen Kinder – ein stiller Austausch, ein Funke Trotz in ihren grünen Augen. Dann wurde das Flüstern etwas leiser.

Der Hellbrünette neben ihr sah auf seine Hände: „Wieso bist du überhaupt noch hier?“

„Blöde Frage“, Akane nahm sich das letzte Onigiri, als hätte sie nichts gesagt, „Du bist mein Freund.“

Hiroshi wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, doch freute er sich über ihre Worte. Das entfernte Läuten der Schulglocke erklang. Die Pause war vorbei. Nun musste er sich wieder dem stellen, wovor er sich so sehr fürchtete. Er ballte die Hände zu Fäusten und hielt den Blick gesenkt. Die Brünette jedoch sprang auf, klopfte sich die Krümel von ihren Händen und streckte ihm diese entgegen.

„Kommst du?“

Er zögerte einen Moment, nahm dann jedoch ihre Hand. In diesem Moment war das Gewicht auf seiner Brust ein wenig leichter geworden und er hatte das Gefühl, den Rest des Tages doch noch zu überstehen.
 

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XX – The Blue Butterfly's Whisper


 

*~* XX – The Blue Butterfly's Whisper *~*

[ ~Sonntag, 19. April 2015~ ]

[ * Nachmittag* ]

[ Kagaminomachi Einkaufsstraße ]
 

Die Sonne schien hell über Kagaminomachi, als Mirâ gemeinsam mit ihrer Mutter und Schwester die Stufen zum Shinzaro Tempel hinaufstiegen. Zwar war er nicht der eigentliche Grund, weshalb sie sich an diesem Tag überhaupt auf den Weg in die Innenstadt gemacht hatten, doch befand es Haruka als sinnvoll das gute Wetter für einen kleinen Stadtbummel zu nutzen, um sich noch etwas besser an diesem Ort zu orientieren. So kam es, dass sie nicht direkt an der U-Bahnstation ausgestiegen waren, die inmitten der Einkaufsmeile lag, sondern bereits eine eher. An dieser wurde auch der genannte Tempel erwähnt, weshalb die Älteste im Bunde spontan entschieden hatte, die Bahn bereits hier zu verlassen. Lächelnd beobachtete Mirâ ihre kleine Schwester, die freudig die teilweise etwas schief wirkenden Stufen hinaufhüpfte. Dabei wurde sie nicht nur einmal von ihrer Mutter ermahnt vorsichtig zu sein, damit sie nicht wegrutschte und sich verletzte. Die Jüngere beantwortete dies jedoch immer nur mit einem langgezogenen Ja, was der violetthaarigen älteren Schülerin ein kleines Schmunzeln abrang. Junkos verhalten erinnerte sie an ihre Kindheit, in der sie genauso von Haruka zurechtgewiesen wurde und beinahe gleich reagiert hatte. Mit dem Schmunzeln auf ihren Lippen wandte sie sich dem Ende der Treppe zu, dass von einem roten Tori gesäumt war, welches regelrecht in der Sonne strahlte. Daran und an der gepflegten Grünanlage, die sich rechts und links von ihnen den Hügel hinauf erstreckte, konnte man erkennen, wie gut sich die hiesige Familie um das Gelände kümmerte. Mit Sicherheit würde sich dies auch in der gesamten Tempelanlage wiederspiegeln.

Mit einem gekonnten Sprung erreichte Junko die letzte Stufe. Dabei streckte sie den Rücken durch und die Arme zu beiden Seiten aus, als hätte sie soeben eine Turnübung beendet. Schnaufend erreichten auch die beiden älteren kurz darauf den oberen Teil des Geländes und atmeten erst einmal tief durch, um wieder zu Kräften zu kommen, wobei sie von der Jüngsten etwas irritiert angeschaut wurden. Es dauerte einige Minuten, ehe die beiden Frauen wieder zu Atem gekommen waren und dann einen Blick über das weitläufige Gelände warfen, welches man auf den ersten Blick gar nicht auf diesem Hügel erwartet hätte. Direkt vor ihnen befand sich der Gebetsschrein, in dem man für ein wenig Geld seine Wünsche und Gebete vortragen konnte, in der Hoffnung der hiesige Gott würde sie erfüllen. Rechts von ihnen war ein kleines quadratisches Gebäude, an einer Seite eine große Öffnung eingelassen war, durch welche die Oberschülerin mehrere Talismane, Emas und Anhänger erkennen konnte. Darüber war ein Schild mit der Aufschrift Shop befestigt. Direkt gegenüber davon war ein kleiner Bambushain, inmitten welchem ein mannshoher Zaun, sowie eine große Holztafel standen, an der bereits unzählige Emas befestigt waren. Direkt geradezu, hinter dem Schrein, erstreckte sich der große Haupttempel, welcher mit seinem prächtigen roten Dach in der Sonne strahlte. Wie Mirâ es vermutet hatte war alles gepflegt und wirkte nicht so, als sei es schon mehrere hundert Jahre alt. Trotz allem schien der Tempel eine sehr lange Tradition in der Stadt zu haben. Die ansässige Familie schien sich wirklich mit Leib und Seele um das Anwesen zu kümmern.

Die kleine Familie machte eine kleine Runde über den riesigen Vorplatz, sodass die junge Frau auch einen kurzen Blick hinter das Tempelgebäude werfen konnte. Dort erkannte sie zwei weitere Gebäude, die links und rechts versetzt zum Tempel standen. Das Bauwerk, welches sich rechts befand, wirkte im Vergleich zum Rest der Anlage regelrecht winzig. Es bestand zwar aus zwei Stockwerken, jedoch wirkte es ansonsten eher schlicht und zurückhaltend. Mirâ vermutete deshalb, dass es sich dabei um das Wohnhaus der Priesterfamilie handeln musste. Dagegen war das Gebäude links zwar größer, aber immer noch kleiner als der Haupttempel an sich. Dabei handelte es sich um einen Flachbau, mit flachem Spitzdach, ähnlich dem der restlichen Gebäude, und einer tiefen hölzernen Veranda, die drumherum führte. Zudem erkannte die Violetthaarige einen schmalen überdachten Gang, der direkt zum Haus führte. Trotz intensiver Überlegung konnte sich die junge Frau jedoch keinen Reim darauf machen, um was für ein Gebäude es sich dabei handelte. Es konnte sich um ein altes Nebengebäude oder das historische Wohnhaus handeln oder auch um etwas vollkommen anderes. Den Kopf schief gelegt stand die Oberschülerin da und starrte auf das Bauwerk, von dem sich ihr der Zweck einfach nicht erschließen wollte, und rätselte um dessen Bedeutung. Unterdessen hatten sich ihre Mutter und Schwester beinahe unbemerkt von ihr entfernt, um sich umzusehen.

„Dort hinten befindet sich unser Kendo-Dôjo“, bekam sie unerwartet eine Erklärung von einer männlichen Stimme, die sie etwas erschrocken herumwirbeln ließ.

Daraufhin blickte sie auf ihren schwarzhaarigen Senpai, der sie mit freundlichen dunkelbraunen Augen anlächelte: „Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken. Du sahst nur ziemlich ratlos aus, während du das Gebäude inspiziert hast.“

Ein kleines Schmunzeln entwisch seinen Lippen, dass er versuchte mit seiner rechten Hand zu verstecken. Trotzdem hatte es Mirâ bemerkt, der das jedoch relativ egal war. Viel mehr war sie damit beschäftigt ihr glühendes Gesicht irgendwie zu verstecken, welches so wirken musste, als wollte es mit dem Dach des Tempels konkurrieren.

„N-nein, d-du hast mich nicht erschreckt“, versuchte sie ihr Zusammenzucken herunterzuspielen und blickte dann wieder auf den Flachbau, „A-Aber ja, du hast recht. Ich habe versucht zu raten, was sich dort befindet.“

„Wie gesagt, dort befindet sich unser Dôjo“, erklärte Masaru noch einmal mit sanftem Lächeln.

„Eurem…?“, fragend wandte sich die Violetthaarige endlich dem Älteren zu, wobei ihr erst in diesem Moment auffiel, dass er in die traditionelle Tempelkleidung, also einem dunkelblauen Hakama und einem weißen Gi, gekleidet war.

Er hatte seine Arme jeweils in den gegenüberlegenden Ärmel gesteckt und sah sie weiterhin freundlich an, während er erklärte, dass sein Vater neben dem Tempel noch eine Kendoschule betrieb.

„Hast du vielleicht Interesse daran? Es machen zwar nicht so viele Frauen diesen Sport, aber wir haben trotzdem eine kleine Gruppe“, hängte er anschließend noch an.

Etwas überrumpelt von dem Angebot zuckte die Jüngere leicht zurück, doch schüttelte dann den Kopf: „N-nein. Ich interessiere mich eher für Kyûdô. Aber danke für das Angebot.“

Nun traf sie ein überraschter Blick: „Ach? Dann besuchst du sicher den Kyûdô-Club unserer Schule oder? Dai erwähnte schon, dass er ein paar neue Mitglieder hätte.“

Letzteres murmelte der Schwarzhaarige mehr zu sich, als zu ihr, doch Mirâ bekam es trotzdem mit, ging jedoch nicht weiter darauf ein und erklärte stattdessen, dass der Club der Grund für den heutigen Stadtbummel mit ihrer Familie war.

„Dabei wurde an der Station euer Tempel angesagt, weshalb wir spontan entschieden hatten ihn uns anzuschauen“, erläuterte sie abschließend, „Das ist wirklich eine erstaunliche Anlage und so gepflegt. Deine Familie muss wirklich ihr Herzblut hier hineinstecken.“

Der Ältere schenkte ihr darauf nur ein Lächeln, welches jedoch nicht seine Augen erreichte. Diese wirkten in diesem Moment eher kühl und distanziert, doch nur für den Augenblick eines Wimpernschlags, denn dann wandte sich der junge Mann von ihr ab und betrachtete die alten Holzbauten vor sich. Dabei hatte er einen Blick aufgesetzt, den die junge Frau nicht wirklich zu deuten wusste. Er wirkte so… verletzt? Irritiert legte sie den Kopf schief, während sie den Schwarzhaarigen neben sich musterte. Was mochte nur gerade in seinem Kopf vor sich gehen, dass er dabei diesen Blick aufsetzte. Ob ihn etwas beschäftigte? Ihre Gedanken drifteten ab, während sie sich dem Boden vor sich zuwandte. Mit Sicherheit war es nicht einfach als Sohn eines Priesters aufzuwachsen und wahrscheinlich hatte es auch seine Familie nicht leicht mit dem Tempel. Vielleicht hatte sie mit ihren Worten etwas in ihm ausgelöst, dass ihn nun so handeln ließ. Ob sie ihn damit verletzt hatte? Ein leises Seufzen holte sie wieder aus ihren Gedanken, woraufhin sie wieder zu dem Größeren aufblickte, der ihr nun wieder ehrliches Lächeln schenkte.

„Vielen Dank.“

Überwältigt von dem Ausdruck im Gesicht ihres Gegenübers spürte die junge Frau, wie ihr erneut Warm im Gesicht wurde, was darauf hinwies, dass sie offensichtlich wieder rot anlief, weshalb sie seinem Blick wieder schnell auswich; in der Hoffnung, dass er es nicht bemerkt hatte. Wieder breitete sich in ihrer Brust dieses wohlig warme Gefühl aus, dass sich jedoch wieder von dem unterschied, welches sie im Zusammenhang mit der Stimme spürte. Mittlerweile wusste sie genau, worum es sich dabei handelte, doch war sie sich sicher, dass sie es niemals aussprechen würde.

„Masaru-san“, erklang plötzlich eine weibliche Stimme, die die Aufmerksamkeit der beiden Oberschüler auf sich zog.

Kurz darauf erschien vor ihnen ein junges Mädchen, dass vom Alter her auf die Mittelschule gehen musste. Auch sie trug die traditionelle Kleidung, jedoch mit einem dunkelroten Hakama, und hatte ihre tiefgrünen Haare zu einem lockeren Zopf gebunden, während ihr zwei dünne Strähnen rechts und links über die Schulter fielen. Mirâ erinnerte sich daran sie schon einmal kurz gesehen zu haben. Am Hauptbahnhof vor einer Woche, als sie mit ihrer Mutter und Junko vom Hanami zurückgefahren war. Damals war sie gemeinsam mit dem Schwarzhaarigen unterwegs gewesen. Da wirkten die beiden ziemlich vertraut, weshalb es die Oberschülerin stutzig machte, wie distanziert sie ihm gegenüber nun wirkte. Zwar sprach sie den Älteren mit dem Vornamen an, jedoch nutzte sie dazu ein sehr höfliches Suffix.

Die Jüngere blickte sie kurz an Masaru vorbei an, bevor sie sich ihm wieder zuwandte: „Misaki-san fragt nach dir. Sie braucht Hilfe im Lager.“

Für einen Moment wirkte der Ältere etwas überrascht, doch nickte dann: „Verstehe. Ich gehe gleich zu ihr.“

Mit einem Lächeln wandte er sich wieder seiner jüngeren Mitschülerin zu: „Also dann. Schaut euch in Ruhe um. Wir sehen uns sicher wieder in der Schule. Bis dann.“

„J-ja bis dann“, nuschelte Mirâ schon fast kleinlaut eine Verabschiedung, als sich ihr Senpai von ihr abwandte und ging.

Verträumt sah sie ihm kurz nach, weshalb sie den bösen Blick der Grünhaarigen gar nicht wirklich bemerkte.

„Du solltest ihn dir lieber aus dem Kopf schlagen“, meinte diese plötzlich vollkommen unvermittelt und ließ die Ältere damit erschrocken zusammenzucken.

Fragend wandte sich Mirâ der Jüngeren zu, die sie noch immer böse ansah, sich dann jedoch abwandte ohne eine weitere Erklärung für ihre Worte zu liefern. Schweigend lief sie stattdessen davon, während die Oberschülerin vollkommen irritiert zurückblickte und nicht wirklich wusste, was sie dazu sagen sollte. Ein Zupfen an ihrem Ärmel ließ sie jedoch wieder aus ihren Gedanken schrecken und nach unten schauen, wo sie Junko erkannte, die sie mit ihren großen braunen Augen anstarrte.

„Alles in Ordnung, Nee-chan?“, fragte sie besorgt.

Ein Lächeln umspielte Mirâ Lippen, während sie sich zu der Grundschülerin herunterhockte und ihr über den Kopf strich: „Ja sicher. Es ist alles in Ordnung, Junko. Aber danke der Nachfrage.“

Sie blickte auf, um nach ihrer Mutter Ausschau zu halten, die sie jedoch nirgends sehen konnte.

„Mama ist schon zurück zur Treppe gegangen“, meinte die Blauhaarige auf den suchenden Blick ihrer Schwester, welche sie kurz erstaunt ansah und dann erneut lächelte.

Sie erhob sich wieder und nahm die Hand der Jüngeren: „Dann lass uns zu ihr gehen.“

Das kleine Mädchen erwiderte das Lächeln und nickte, bevor sie sich gemeinsam in Bewegung setzten. Nur noch einmal ganz kurz wandte sich die Violetthaarige zurück, in die Richtung, in welche die Grünhaarige verschwunden war, während sie darüber nachdachte, was deren Worte wohl zu bedeuten hatten. Doch dann wandte sie sich wieder um und schüttelte den Kopf, als sie ihre Mutter sah, die neben dem roten Tori auf die beiden wartete. Es machte wahrscheinlich keinen Sinn über die Worte einer Mittelschülerin nachzudenken. Damit jedenfalls vertröstete sich die junge Frau erst einmal, um die Gedanken zu verdrängen, während die kleine Familie ihren Stadtbummel fortsetzte.
 

Gemütlich bummelten sie daraufhin durch die Fußgängerzone in Richtung der Einkaufsmeile, vorbei am Junes und direkt in das vorherrschende Getümmel der Innenstadt. Offensichtlich an diesem sonnigen Tag viele die Idee zu einer gepflegten Shoppingtour, denn die Straße war voller Menschen, die sich regelrecht aneinander vorbeidrängten. Überrascht von den Massen mussten Mirâ und ihre Mutter aufpassen Junko nicht zu verlieren, die sich begeistert die Schaufenster zu beiden Seiten ansehen wollte. Diese fest an der Hand haltend sah sich auch die Violetthaarige um, da sie diesen Abschnitt der Meile noch nicht kennte. Gemeinsam mit Akane waren sie bei ihrem ersten Besuch hier nur den zweiten Teil abgelaufen, der ab der U-Bahnstation in Richtung Einkaufszentrum führte. Umso überraschter war sie, was sich hier so alles fand. So entdeckte sie einige doch eher unbekannte Geschäfte, die ausgefallene Mode verkauften, und ein kleines, aber ziemlich stylisches Café, sowie einen etwas versteckten Laden für Anime- und Manga-Otakus. Ganz besonders fiel ihr das schwarze Schild einer Konzertbar auf, dass wirkte, wie ein zersplitterter Spiegel und auf dem groß Shâdo stand. Der Name kam ihr vertraut vor, jedoch konnte sie sich nicht daran erinnern, woher, weshalb sie es erst einmal beiseiteschob. Nach einiger Zeit erreichten die drei die zweite Hälfte der Einkaufsstraße, welche sie dank ihrer Freundin bereits kennengelernt hatte. Dabei kamen sie auch an der Bäckerei vorbei, die ihr das letzte Mal durch den Besucheransturm in Erinnerung geblieben war. Heute jedoch war sie weitaus weniger besucht, weshalb ihre Mutter die Chance nutzte, um etwas Gebäck und Brot zu besorgen und deshalb geradewegs auf den Laden zusteuerte. Kaum hatten sie diesen betreten, begegnete Mirâ einem weiteren bekannten Gesicht wieder: Der schwarzhaarigen jungen Frau, die vor einigen Tagen die beiden Mädchen auf dem Schulhof wegen ihrer Blumen zusammengestaucht hatte. Die Violetthaarige erinnerte sich noch an deren eiskalten, bösen Blick, mit dem diese sie und ihre Freundin gestraft hatte, als sie es gewagt hatten dem Geschehen zuzuschauen. Heute jedoch wirkte sie schon beinahe wie ein anderer Mensch und überaus gut gelaunt, was aber vielleicht auch daran lag, dass sie hinter dem Tresen stand und die Kundschaft bediente, die hier einkaufte. Ein wenig befremdlich wirkte es auf Mirâ jedoch trotzdem, doch sie sagte nichts dazu. Auch nicht, als sich die Blicke der beiden jungen Frauen trafen und ihr Gegenüber dies gekonnt zu ignorieren schien, während sie die Bestellung Harukas entgegennahm und abrechnete. Mit einem freundlichen „beehren Sie uns bald wieder“ verabschiedete sie sich von der kleinen Familie, als diese die Bäckerei wieder verließ.

Wieder auf der Straße setzten sie ihren Weg fort und erreichten schlussendlich das Einkaufszentrum, in dem es laut dem Kapitän ihres Clubs einen Laden geben sollte, der sich auf traditionelle Sportarten spezialisiert hatte. In diesem sollte sie auch ihre Ausrüstung und die gestellte Kleidung erhalten, die sie brauchte. Die mittlerweile tiefstehende Sonne spiegelte sich in der glänzenden Oberfläche des Gebäudes, die das Licht zurückwarf, weshalb Mirâ kurz blinzeln musste, um nicht gänzlich geblendet zu werden. Augenscheinlich war es wahrlich keine gute Idee gewesen, ein solches Gebäude auf einen erhöhen Platz wie diesen zu setzen, wo es der Sonneinstrahlung ungeschützt ausgesetzt war. Doch wie sie sich so umsah schien sich kaum einer noch wirklich daran zu stören. Die meisten der hier Anwesenden gingen unbeeindruckt daran vorbei, ohne von dem glänzenden Ding wirklich Kenntnis zu nehmen. Junko dagegen war von dem futuristischen Bauwerk mehr als angetan und nutzte kurz die Gelegenheit sich in den riesigen Spiegeln zu betrachten, bis ihre Mutter sie dazu aufforderte nun endlich mitzukommen. Daraufhin traten sie in das klimatisierte Gebäude und sahen sich kurz um, bevor Haruka noch einen Blick auf den Zettel warf, den Mirâ von ihrer Schule mitbekommen hatte. Dann bewegte sie sich mit schnellen Schritten auf den großen digitalen Tisch zu, welcher ihnen ihre Position verriet und wo sich welches Geschäft befand. So brauchte sie auch nur wenige Sekunden, um zu finden, was sie gesucht hatte und lief dann ohne zögern auf die Rolltreppe zu, die sich in der Mitte des langen und breiten Ganges befand und die drei daraufhin nach oben brachte. Nicht einmal eine Minute später standen sie gemeinsam in der ersten Etage, in welcher die Oberschülerin ihren Blick noch einmal schweifen ließ. Sie standen auf einer Art Brücke, die über den Mittelgang des Centers gespannt war und damit die beiden Seiten rechts und links verband. Direkt ihnen gegenüber, an einer der Stirnseiten befanden sich etwas abgetrennt vom Rest des Ganges die Toiletten. Links daneben erkannte die Violetthaarige ein großes Sportgeschäft, bei welchem es sich offensichtlich um das handelte, von dem ihr Senpai erzählt hatte. Daran anschließend auf der linke Seite folgte das Geschäft einer bekannten und weltweiten Klamottenmarke und daran ein Laden, dessen Fenster komplett zugeklebt waren, sodass man nicht hindurchschauen konnte. Auch die Doppeltür, die eigentlich als Eingang dienen sollte, war fest verschlossen, weshalb es so wirkte, als wäre dieses Geschäft leer. Jedoch erkannte Mirâ anhand der Farbgebung der Beklebung und der daran befindlichen Werbung, dass es sich bei dem Laden um das obere Stockwerk des unten befindlichen Ramenrestaurants handelte. Sie drehte sich noch einmal um und blickte so auf die andere Stirnseite des Einkaufszentrums, an dem sich ein Juwelier und ein Antiquariat befanden. Links daneben und somit gegenüber des Ramenladens erkannte die junge Frau den oberen Teil des Buchgeschäfts, dessen Türen einladend weit offenstanden. Links daneben folgte ein Geschäft für jegliche Art von Musik und Musikinstrumenten auf das ein großes Spielwarengeschäft folgte, welches ihre kleine Schwester am liebsten sofort angesteuert hätte. Haruka jedoch hatte diese stattdessen an der Hand gepackt und sie mehr oder weniger zu ihrem Leidwesen in das Sportgeschäft geschleift. Mit einem Lächeln, in dem sich leichtes Mitleid spiegelte, folgte die Oberschülerin den beiden und betrat daraufhin das Fachgeschäft, in welchem sich wirklich alles Mögliche für die verschiedensten Sportarten zu finden schien. Ganz hinten in der Ecke erspähte die junge Frau dann auch genau das, was sie suchte: Kyûdô-Ausrüstung, Bögen und Pfeile, sowie Unmengen an Zubehör.

„Ah der Kyûdô-Club der Jûgôya. Ich weiß schon bescheid“, hörte sie nur beiläufig die Stimme des Ladenbesitzers, der sich mit ihrer Mutter unterhielt.

Sie dagegen setzte sich in Bewegung, um sich die ausgestellten Bögen anzuschauen, die ordentlich in einer Reihe und ohne Sehne bespannt aufgehängt waren. Dabei fiel ihr besonders einer mit seiner dunklen Farbe ins Auge, weshalb sie diesen genauer betrachtete.

„Wie mir scheint hast du ein gutes Auge, Mädchen“, wurde sie plötzlich von der Seite angesprochen, was sie leicht erschrocken zusammenzucken ließ, „Ich nehme an, dass die Ausrüstung für dich ist?“

„Gu-Guten Tag“, grüßte sie noch immer leicht geschockt, doch verbeugte sich dann leicht vor dem Mann, dem der Laden offensichtlich gehörte, „J-ja genau. Die Ausrüstung ist für meinen Club.“

Der Ältere lächelte nur schief, während sich die Oberschülerin wieder dem Bogen zuwandte, der es ihr angetan hatte. Ein leises Glucksen erklang, welches an das Kichern von Igor erinnerte, und bescherte ihr damit eine leichte Gänsehaut. Sie versuchte es sich jedoch nicht anmerken zu lassen, da sie nicht unhöflich wirken sollte, und wandte sich stattdessen wieder dem Sportgerät zu, der eine magische Anziehungskraft auf sie zu haben schien. Der Ladenbesitzer neben ihr griff daraufhin nach oben und holte den Bogen nach unten, während er ihr anbot diesen für sie zu spannen, damit sie ihn einmal ausprobieren könnte. Dankend nahm sie dieses Angebot an und beobachtete daraufhin, wie der Ältere nach einer Schublade griff, um dort eine Sehne hervorzuholen, die er mit gekonnten Handgriffen befestigte.

Nur wenige Minuten später reichte er ihr diesen: „Kann sein, dass er etwas zu straff ist. Aber du weißt ja, dass du ihn dir später selber spannen musst.“

Die junge Frau nickte und nahm den Bogen entgegen, welchen sie zum Test einmal anhob, wie es sich beim Bogenschießen gehörte, dann nach der Sehne griff und diese nach hinten zog. Dafür musste sie einiges an Kraft aufbringen, weshalb es nicht verwunderte, dass sie dabei begann leicht zu zittern. Trotzdem schaffte sie es diese Position einige Sekunden lang zu halten. Dabei wurde sie von Junko mit großen, strahlenden Augen beobachtete, die es offensichtlich ziemlich faszinierend fand, wie ihre große Schwester es schaffte, eine so große Waffe zu kontrollieren. Tatsächlich war das jedoch eigentlich gar nicht so einfach, selbst für geübte Kyûdôkas, doch das behielt sie erst einmal für sich. Vorsichtig bewegte sie ihren Arm nach einiger Zeit wieder nach vorne und brachte so Sehne und Bogen wieder in die Ausgangsposition. Schweigend betrachtete Mirâ daraufhin den Gegenstand in ihrer Hand. Es war ein völlig anderes Gefühl, als mit dem Bogen, den sie in der Spiegelwelt gefunden hatte, aber alles andere als unangenehm. Sie würde mit Sicherheit einige Zeit brauchen, um sich daran zu gewöhnen, jedoch war sie sich sicher, dass sie mit diesem Bogen das Beste aus ihren Fähigkeiten innerhalb ihres Clubs herausholen konnte. Deshalb musste sie auch nicht lange überlegen, bevor ihre Wahl auf eben diesen fiel. Sie hatte einfach im Gefühl, dass es sich damit um den richtigen handelte, weshalb sie auch höflich ablehnte, als ihr der alte Ladenbesitzer anbot, dass sie noch weitere testen könnte. Mit einem zufriedenen Lächeln nickte dieser daraufhin nur und kümmerte sich danach um ihre restliche Ausrüstung. So dauerte es auch nicht lange, bevor eine Hand voll Pfeile, ein dazugehöriger Köcher, eine Tasche für den Bogen, Ersatzsehnen, ein Handschuh, sowie ein Muneate auf dem Tresen landeten, bevor er der Oberschülerin die von der Schule gestellten Sachen, also Hakama und Gi, brachte. Lächelnd nach die junge Frau alles entgegen, während sich ihre Mutter um die Bezahlung kümmerte.

Vollbepackt verließ die Gruppe daraufhin das Geschäft und wollte sich dann auf den Rückweg machen. Dabei kreuzten sie auch noch einmal die Buchhandlung, in welcher Mirâ bei ihrem ersten Besuch dieses blaue Buch mit dem wunderschönen Schmetterling darauf gesehen hatte, dessen Existenz sie bis eben beinahe wieder verdrängt hatte. Nun jedoch erinnerte sie sich wieder und das auch weitaus lebhafter, als noch vor den Ereignissen, die sie in der Spiegelwelt erlebt hatte. Sie hatte das Gefühl, dass ihr dieses Buch einige Antworten liefern könnte, die Igor ihr bewusst zu verschweigen schien. Aus diesem Grund meldete sie sich kurz bei ihrer Mutter ab, um daraufhin das Geschäft zu betreten und mit schnellen Schritten auf die Auslage zuzugehen, auf welcher sie das Buch das letzte Mal gesehen hatte. Dabei die Hoffnung mitschwingend, dass es sich noch genau dort befand. Und tatsächlich fiel ihr nach nur wenigen Minuten der blaue Einband ins Auge, welchen ein schwarz-blauer Schmetterling zierte, der für einen Moment zu glühen schien. Etwas irritiert nahm sie das Buch zur Hand, nur um festzustellen, dass das Glühen wohl nur ihrer Fantasie entsprungen war. Trotzdem fühlte sie plötzlich eine angenehme Wärme in sich, die ihre Vermutung nur verstärkte. Sie betrachtete den Umschlag eingängig, wobei ihr wieder die goldene Aufschrift auffiel, die das Buch mit „I am thou… thou Art I“ betitelte. Worte, die ihr mittlerweile mehr als vertraut waren. Sie war sich Anfangs nicht mehr ganz sicher gewesen, aber der Titel gab tatsächlich die Worte wieder, die sie nun schon mehrmals gehört hatte. Auch in dem Moment, als ihre Herzenskraft erwacht war. Mit leicht zittrigen Händen drehte sie das Objekt in ihrer Hand einmal um und flog über die Kurzbeschreibung.
 

Unser inneres Wesen ist voller Geheimnisse.

Wir tragen nach außen hin, was wir gerne sein würden,

dabei lebt in uns etwas, was wir alle versuchen zu verstecken:

Unterdrückte Gefühle, Wut, Scham, Neid, Eifersucht…

… manchmal auch eine Persönlichkeit, die wir tief in uns vergraben haben.

Doch was, wenn diese Persönlichkeit plötzlich versucht aus uns herauszubrechen?

Können wir sie kontrollieren?

In diesem Buch befasse ich mich mit dem Thema der inneren Persönlichkeit und deren Schattenseiten.

Und mit den Menschen, die das Potential haben ihre innere Persönlichkeit zu kontrollieren.

Amano Maya
 

Überrascht riss Mirâ die Augen auf, als sie die Worte las, die die Autorin auf die Rückseite hatte drucken lassen. Sie wusste nicht wieso, aber sie hatte plötzlich das Gefühl, als sei dieses Buch nur für sie geschrieben worden. Sie war sich sicher, dass mit der inneren Persönlichkeit eine Persona meint war… oder sogar ein Shadow. Jedoch war dies kein Thema, was man an jeder Straßenecke zu hören bekam oder über das man sich einfach mal so unterhielt. Deshalb war es umso erstaunlicher, woher die Autorin davon wusste. Dazu der Titel und der blaue Schmetterling als Cover. Das konnte kein Zufall sein, auch wenn es wirklich verrückt war. Vielleicht konnte ihr dieser Band wirklich ein paar Informationen darüber geben, die das erklärten, was gerade um sie herum geschah. So fiel ihr die Entscheidung nicht sonderlich dieses Buch zu kaufen und sie kehrte wieder zu ihrer Mutter und Junko zurück, die geduldig auf sie gewartet hatten, bevor sie sich endlich gemeinsam auf den Heimweg machten.
 

[ *später Abend* ]
 

Seufzend klappte Mirâ ihr Heft zusammen, in welchem sie noch einige Aufgaben für die Schule durchgegangen war, um sich auf den morgigen Tag vorzubereiten. Eigentlich war sie müde, doch das Lernen wollte sie deshalb nicht schleifen lassen. Für die nächsten Prüfungen wollte sie gewappnet sein und nicht erst kurz vorher anfangen sich den Stoff einzuprügeln, den sie zuvor nicht gelernt hatte. Bringen würde es sowieso nichts. Sich streckend lehnte sie sich zurück und ließ ihren Blick über ihren Schreibtisch wandern, auf dem auch das blaue Buch lag, dass sie am Nachmittag gekauft hatte. Bisher hatte sie nicht die Zeit gefunden, um hineinzuschauen, da anderes wichtiger war. Nun jedoch sprach nichts dagegen einen Blick hinein zu werden. Deshalb räumte sie ihre Schulsachen beiseite, nahm sich den blauen Band zur Hand und öffnete ihn.
 

Vorwort

Hallo, schön, dass du dieses Buch für dich entdeckt hast. Ich nehme an, dass du deine Gründe hattest genau nach dieser Lektüre zu greifen, die du nun in der Hand hast. Deshalb werde ich versuchen dir hier einige Antworten zu geben, die du bis hierhin bestimmt schon vergeblich gesucht hast. Und solltest du dieses Buch nur aus Neugier gefunden haben, so wird es dir mit Sicherheit deinen Horizont erweitern.

In diesem Buch befasse ich mich mit einem Thema, dass uns alle betrifft, doch von dem nur die wenigsten wirklich etwas mitbekommen. Einige von euch werden es sicher als Hirngespinst abtun, doch es gibt Wesen, die wirklich in uns existieren: Personas und Shadows. Beides sind Seiten einer Medaille, Seiten unserer Persönlichkeit. Sie sind Licht und Dunkelheit. Eigentlich agieren sie im Hintergrund, unbemerkt von uns, doch manchmal machen es extreme Situationen erforderlich, dass wir uns mit diesen Seiten auseinandersetzen müssen. In diesen Situationen ist es möglich, dass Menschen lernen ihre innere Persönlichkeit, ihre Persona, zu kontrollieren, sobald sie es schaffen ihren eigenen Schatten zu überwinden. Manche von ihnen besitzen die spezielle Fähigkeit nicht nur eine, sondern mehrere Persönlichkeiten zu kontrollieren, sodass sie zu weit mehr fähig sind, als andere.

Auf den nächsten Seiten möchte ich dir, meinem Leser, erklären wobei es sich bei diesen Persönlichkeiten handelt, welche Formen sie annehmen und zu was sie im Stande sind.
 

Erstaunt blickte Mirâ auf die erste Seite, während ihr die Worte so vertraut vorkamen. Auch Igor hatte bereits erwähnt, dass Personas und Shadows im Grund das gleiche widerspiegelten. Damals hatte sie es nur so verstanden, dass diese Wesen, gegen die sie erst gekämpft hatte und die sich ihr schließlich anschlossen, einfach nur von etwas benebelt wären, weshalb sie sich nicht mehr daran erinnern konnten, dass sie einst etwas Gutes waren. Andererseits galt dies wiederum nicht für die riesigen Shadows, die sie angegriffen hatten, bevor Hiroshis und Akanes Personas erwacht waren, weshalb ihre Theorie genau dort ins Schwanken geriet. Nun jedoch konnte sie vielleicht ein paar Antworten darauf bekommen.
 

Definitionen

Beginnen wir also mit den Definitionen der Begrifflichkeiten „Persona“ und „Shadow“.

Eine Persona ist einfach gesprochen das, was wir nach außen hin vorgeben zu sein. Also das, was wir bereit sind unserer Umgebung zu zeigen. Sie ist eine Maske, mit der wir es schaffen unseren Alltag zu bewältigen und schwere Situationen zu überstehen. Fasst ein Individuum in seinem Herzen einen starken Entschluss, so durchläuft die Persona eine Verwandlung und wird stärker. Das alles läuft unbemerkt in unserem Inneren ab, sodass wir selbst es gar nicht mitbekommen. Allerdings gibt es auch Menschen, deren Willensstärke so groß ist, dass es ihnen gelingt die Persona zu materialisieren und sie sichtbar hervorzubringen. Dafür sind allerdings auch einige Voraussetzungen vonnöten. Dennoch… schafft es ein Mensch seine Persona zu materialisieren, dann ist er auch in der Lage sich gegen einen Shadow zu behaupten. Der Einsatz einer Persona erfordert allerdings einen starken Geist, denn die Beschwörung verbraucht eine Menge Kraft und Ausdauer.
 

„Das würde erklären, wieso ich nach dem Rufen meiner Persona und dem Kämpfen so ausgelaugt bin und auch, wieso es so schmerzt, wenn sie zerstört wird…“, ging der jungen Frau durch den Kopf, während sie ihre Hand an ihr Herz legte und sich den Schmerz in Erinnerung rief, der bei der Vernichtung ihrer Personas auftrat; ein unangenehmes Gefühl, dem sie eigentlich gerne entgehen würde.

Dafür würde es allerdings notwendig sein stärker zu werden. Zwar hatte sie keine große Lust noch einmal gegen einen so riesigen Shadow zu kämpfen, jedoch hatte sie sich vorgenommen Mika zu helfen und herauszufinden, wieso die Kleine dort festsaß. Dafür war es allerdings unabdingbar noch einmal in die Welt hinter den Spiegeln zu gehen. Demnach würden sie auch wieder auf Shadows treffen, die sie angriffen. Ein Kampf war also unvermeidbar. Seufzend ließ sie die Hand wieder sinken und konzentrierte sich wieder auf die Seiten vor sich.
 

Der Persona gegenüber steht der Shadow. Im Grunde genommen ist dieser das gleiche wie eine Persona. Wie ich bereits erwähnte sind sie zwei Seiten der gleichen Medaille. Beides sind Formen der eigenen Gedanken und Gefühle. Doch anders als eine Persona, deren Gefühle antrainiert zurückgehalten werden, sind Shadows bösartige Erscheinungen der überquellenden Gefühle und Gedanken, die wir nicht mehr kontrollieren können. Demnach bilden sie sich, sobald wir nicht mehr in der Lage sind diese Gefühle zu unterdrücken. Sie übermannen uns und vielleicht sind sie auch so etwas wie ein Schutzmechanismus für uns, der uns sagt, dass es allmählich genug ist und dass wir diese Gefühle einfach loslassen sollen, um unsere Seele nicht noch mehr zu verletzen. In einigen Fällen kommt es dazu, dass sich diese starken Gefühle manifestieren, so wie es auch bei der Persona ist, doch erwacht dieser Shadow muss er um jeden Preis besiegt werden. Schafft man es nicht, so ist derjenige in Gefahr, dessen Gefühle sich manifestiert haben.

Aber wie besiegt man einen Shadow überhaupt?

Dafür braucht man eine sehr starke Willenskraft und manchmal auch das Eingeständnis, dass es in Ordnung ist, diese Gefühle in sich zu tragen.
 

„Ich verstehe… deshalb haben es Akane und Hiroshi geschafft ihre Persona zu erwecken. Sie haben die Gefühle in sich akzeptiert und sie angenommen. Deshalb war es ihnen auch möglich ihren Shadows schweren Schaden zuzufügen…“, dachte Mirâ über die gelesenen Worte nach und kam dabei jedoch wieder an ihre Grenzen, „Aber was ist dann eigentlich mit mir? Ich bin meinem eigenen Shadow nicht gegenübergetreten und habe trotzdem eine Persona erweckt. Zudem besitze ich die Fähigkeit mehrere unterschiedliche Personas zu rufen. Was aber unterscheidet mich eigentlich genau von den anderen beiden?“

Ihr kam in den Sinn, dass Igor bei ihrem letzten Besuch im Velvet Room eine Wild Card erwähnt hatte. Ob es daran lag? Aber was war die Wild Card überhaupt? Sie seufzte tief, als sie bemerkte, dass sie auf keinen grünen Zweig kam. Deshalb schlug sie ihr Buch erst einmal wieder zu, erhob sich von ihrem Stuhl und ließ sich dann auf ihren ausgebreiteten Futon fallen. Sie starrte an die Decke und ließ ihre Gedanken noch einmal schweifen, während sie jedoch bemerkte, wie ihre Augen immer schwerer wurden und es deshalb nicht lange dauerte, ehe sie in tiefe Finsternis versank.
 

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XXI – The Bonds That Shape Us


 

*~* XXI – The Bonds That Shape Us *~*

[ ??? ]
 

„Willkommen im Velvet Room“, erklang eine bekannte Stimme, die Mirâ dazu veranlasste ihre Augen zu öffnen.

Erschrocken wich sie daraufhin zurück, als sie in die großen Glubschaugen Igors blickte, der sie mit seinem üblichen breiten Grinsen begrüßte. Sie blinzelte und registrierte erst dann so wirklich, dass sie erneut in diesem merkwürdigen Raum gelandet war, der sich laut Aussage seiner Bewohner zwischen Traum und Realität befinden sollte. Ihr letzter Besuch war eigentlich noch gar nicht so lange her, aber damals hatte sie auch andere Probleme, als sich wirklich darüber Gedanken zu machen. Damals fiel auch die Begrüßung etwas anders aus. Darauf, nun auf diese rabiate Art geweckt zu werden – denn wach war sie nun definitiv – hätte sie gerne verzichten können. Es war nicht sehr angenehm, wenn es sich bei dem ersten was sie nach dem Aufwachen sah, um Igors auffälliges Gesicht handelte. Da war es kein Wunder, dass ihr Körper gleich in Alarmbereitschaft ging, weil er mit etwas Gefährlichem gerechnet hatte. Erleichtert, dass dies nun nicht der Fall war, atmete die junge Frau erst einmal durch und wandte sich dann wieder den Bewohnern des Velvet Rooms zu, deren Gesichtszüge sich nicht verändert hatten.

„Dein letzter Besuch hier war etwas überstürzt. Nicht wahr?“, grinste der Nasenmann weiter. „Aber es freut mich, dass du die erste Hürde deiner Reise unbeschadet überstanden hast.“

„Die erste!?“, erschrocken zuckte die Violetthaarige zusammen, doch besann sich dann wieder.

Sie schloss die Augen und schüttelte leicht den Kopf. Natürlich. Es wäre merkwürdig gewesen, wenn die Kämpfe gegen Hiroshis und Akanes Shadows die einzigen Hindernisse gewesen wären, wo doch noch weitere dieser merkwürdigen Spiegel hinter ihr standen. Vorsichtig wandte sie ihren Blick leicht über die Schulter, wo erwähnte noch immer in Reih und Glied standen. Zwei von ihnen waren nun zerbrochen, bei denen es sich wohl um die ihrer beiden neuen Freunde handelte. Doch noch immer waren sechs weitere übrig. Nach dem letzten Wochenende ahnte sie auch bereits, was sie mit ihnen erwarten würde. Es war also noch lange nicht vorbei. Sie seufzte leise, während sie sich wieder Igor zudrehte, der seine Position um keinen Millimeter verändert hatte und sie weiterhin mit seinem breiten Grinsen ansah. Um seinem Blick nicht länger standhalten zu müssen, wanderten ihre Augen auf den Tisch vor sich, woraufhin ihr eine Veränderung der Karten auffiel. Deren Lage hatte sich an einigen Stellen verändert. Die Arcana des Narren in der Mitte leuchtete zart blau auf, ebenso die Karte des Todes, welche sich nun in aufrechte Position gedreht und sich der ihren angenähert hatte. Gleichzeitig war die Karte der Gerechtigkeit ein kleines Stück aus dem ersten äußeren Kreis in das Innere hineingerutscht, während sie von einem zarten Schein umgeben war. Die Karte der Stärke dagegen hatte sich zwar nun in aufrechte Position gelegt, war jedoch von keinem Licht umgeben. Anhand der bisherigen Ereignisse hatte die junge Frau eine Ahnung davon, um wessen Arcanas es sich bei diesen beiden handelte. So gehörte die Gerechtigkeit mit Sicherheit zu Hiroshi und die Stärke demnach zu Akane. Wieso jedoch die ihres Kumpels im Gegensatz zu der von ihrer Freundin leuchtete, konnte sie sich nicht erklären. Da sie jedoch bereits ahnte, dass sie keine Antwort darauf bekommen würde, wenn sie direkt nachfragte, nahm sie es erst einmal so hin und blickte stattdessen auf zwei weitere Karten, die außerhalb des Kreises mit den Arcanas ihrer Freunde platziert waren. Dabei handelte es sich um die Tarots mit der Nummer vier, welche direkt vor ihr und damit auf zwölf Uhr von Igors Position aus lag, sowie der Nummer fünfzehn, die von ihr aus am linken Rand lag. Auch ohne sich wirklich mit Tarot auszukennen wusste die junge Frau bei dieser Karte genau, worum es sich dabei handelte. Der auffällige schwarze Schädel mit den gewundenen Hörnern wies eindeutig auf die Karte des Teufels hin. Dagegen brauchte sie eine Weile, um die Karte des Herrschers zu erkennen, bei der es sich um die andere handelt, die direkt vor ihr lag. Zwar hatte sie sie schon in der Persona-App gesehen, aber da sie für sie auf dem Kopf stand hatte sie sie nicht sofort erkannt.

Ein Glucksen ließ die Violetthaarige wieder zu Igor blicken, der sie noch immer unverändert ansah:

„Interessant. Nicht wahr? Die Fähigkeit deiner Arcana ist wahrlich erstaunlich.“

Überrascht sah Mirâ ihn an, woraufhin er wieder das Wort ergriff: „Bei deinem letzten Besuch haben wir dir bereits erklärt, dass die Arcana des Narren unendliches Potential in sich trägt. Ihr Leitzahl Null, steht für die Leere aus der alles beginnt. Gleichzeitig gibt es ihr die Fähigkeit zu wachsen.“

Ein Räuspern ließ die Violetthaarige zu Margaret schauen, die ihr ein ganz kleines Lächeln schenkte: „Eine der Fähigkeiten deiner Arcana, der Wild Card, hast du bereits kennengelernt. Aber das Sammeln von Personas ist nur eine von vielen. Eine weitere zeigt sich darin mächtige Bindungen mit anderen Menschen einzugehen: Die Social Links.“

Überrascht zog die Oberschülerin eine Augenbraue hoch. Der Begriff war ihr geläufig. Sie hatte ihn bereits in der Persona-App gelesen, konnte jedoch nicht viel damit anfangen. Und nun dämmerte ihr auch was es damit auf sich hatte und was die merkwürdige Stimme zu bedeuten hatte, die sie immer mal wieder hörte. Zudem verstand sie nun endlich auch die Option der Social Links in ihrer App. Das erklärte nämlich auch, wieso die Karte ihrer Freundin noch stumm vor ihr lag und nicht leuchtete. Bei ihr wurde eine solche Verbindung noch nicht angekündigt. Dieser Logik weiter folgend konnte sie nun auch die anderen Arcanas zuordnen, wobei ihr vor allem die des Todes Sorgen machte, da diese zu Mika zu gehören schien. Dagegen war sie sich sehr sicher, dass die des Teufels dem Vertrauenslehrer zuzuordnen war. Und die andere, die außerhalb des einen Kreises lag? Sie überlegte kurz, bis ihr einfiel, dass sie anscheinend bereits vor Akanes offiziellem Verschwinden eine solche Verbindung eingegangen war – nämlich mit dem Kapitän des Kyûdô-Clubs, welchem sie nun die Karte des Herrschers zuordnen konnte.

„Wie ich sehe hast du bereits selbst verstanden, worauf wir hinauswollen“, gluckste Igor erneut und ließ die junge Frau aus ihren Gedanken schrecken. „Je stärker der Bund ist, den du schließt, desto stärker wird auch die Kraft sein, die aus dieser erwächst. Deshalb ist es ratsam dir Verbündete zu suchen und mit ihnen eine Verbindung einzugehen Je mehr, desto besser. Nun denn… da die Weichen nun gestellt sind haben wir noch ein Geschenk für dich, werter Gast.“

Ein gleißendes Licht ließ die Violetthaarige zusammenzucken und die Augen zusammenkneifen. Jedoch nur für einen Moment, denn kaum war die Helligkeit vergangen öffnete sie diese wieder und blickte dann auf einen kleinen Schlüssel, dessen Kopf aussah wie das Gesicht auf der Rückseite der Tarot-Karte. Vorsichtig hoch sie die Hände, in welche der kleine Gegenstand hinabschwebte. Überrascht sah sie Igor an.

„Das ist der Schlüssel zum Velvet Room. Mit ihm hast du die Möglichkeit jederzeit nach eigenem Ermessen hierherzukommen, wenn du unsere Hilfe in Anspruch nehmen möchtest. Mit Sicherheit wird er dir auf deinem Weg eine große Hilfe sein. Vor allem, wenn die Stärker deiner Social Links steigt“, erklärte der alte Mann. „Scheue dich nicht hierherzukommen, wenn du ein Anliegen hast. Natürlich werden wir es uns trotzdem nicht nehmen lassen, dich auch nach unserem Ermessen zu uns zu rufen.“

Der Nasenmann kicherte verheißungsvoll, was der Violetthaarigen einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Bevor sie jedoch auf seine Worte eingehen konnte, war der Klang eines Glöckchens zu vernehmen. Während Igor kurz seinen Blick nach oben richtete, bemerkte die junge Frau, wie das Bild vor ihren Augen für einen Moment verschwamm. Im nächsten Augenblick sah sie wieder in das breite Grinsen des Meisters dieses Raumes: „Unsere Zeit ist damit für heute um, aber ich bin mir sicher, dass wir uns bald wiedersehen werden. Bis dahin… Lebewohl.“

Die Umgebung um Mirâ herum zersprang mit einem Mal und riss sie in tiefe Finsternis.
 

[ ~Montag, 20. April 2015~ ]

[ *früher Morgen* ]

[ Tsukimi Central Subway Station ]
 

Das stetige Rauschen des Regens, der auf die Stadt herniederging, verschluckte die meisten Geräusche der Umgebung, während die Bewohner Kagaminomachis gezwungen waren sich zu beeilen, um trocken an ihr Ziel zu gelangen. Mit einem Ruck schloss Mirâ ihren roten Regenschirm, als sie die U-Bahnstation erreichte und ließ diesen kurz abtropfen, ehe sie mit der Rolltreppe hinunter zum Bahnsteig fuhr. Noch einmal drehte sie sich kurz um und blickte hinauf in den wolkenverhangenen Himmel, von dem unaufhörlich das kalte Nass strömte. Sie seufzte leise, als das Grau hinter einer Betondecke verschwand, und strich sich eine verirrte Strähne ihres violetten Haares hinter das Ohr, während sie den unteren Bahnsteig erreichte, auf welchem sich bereits jede Menge Schüler und Arbeitstätige tummelten. Mit Mühe unterdrückte sie ein Gähnen und rückte weiter nach vorne – immer darauf bedacht nicht von jemand anderen umgestoßen zu werden. Sie fühlte sich ziemlich fertig und müde, obwohl sie der Meinung war durchgeschlafen zu haben. Jedoch hatte sie die Vermutung, dass der Aufenthalt im Velvet Room dazu geführt hatte, dass sie nicht wirklich erholt war. Jedenfalls fühlte sie sich, als hätte sie die Nacht kein Auge zugetan. Das aktuelle Wetter hatte dazu sein Übriges getan, weshalb sie an diesem Morgen wirklich träge war und eine ganze Weile brauchte um in die Gänge zu kommen – die fragenden Blicke ihrer Mutter inklusive. Während sie hoffte, dass sich die Müdigkeit über den Tag hinweg verflüchtigen würde, versuchte sie ein erneut aufkommendes Gähnen zu unterdrücken, was ihr allerdings nicht so wirklich gelang.

„Wow. Da ist aber jemand müde“, erklang plötzlich Hiroshis Stimme, die die junge Frau aufschrecken ließ.

Im nächsten Moment tauchte der junge Mann bereits neben ihr auf. Ein leichter Rotschimmer legte sich auf die Wangen der Violetthaarigen, da es ihr peinlich war, dass ihr blonder Kumpel sie hatte Gähnen sehen. Dieser jedoch grinste nur breit und ging nicht weiter darauf ein, sondern grüßte sie nur freundlich.

„Guten Morgen, Hiroshi-kun“, erwiderte die junge Frau kleinlaut und seufzte dann.

„Hast du schlecht geschlafen?“, fragte ihr Gegenüber besorgt und stoppte dann, als ihm ein anderer Gedanke zu kommen schien, „Oder ist wieder etwas passiert?“

Überrascht sah Mirâ auf und brauchte einen Moment, ehe sie verstand was er meinte. Ganz kurz, nur für wenige Sekunden, hatte sie gedacht, dass der Blonde etwas vom Velvet Room ahnte, doch dann fiel ihr auf, dass er eigentlich die Spiegelwelt meinte. Erneut seufzend schüttelte die Oberschülerin den Kopf und strich sich erneut eine Strähne aus dem Gesicht, ehe sie ihn beruhigen konnte und erklärte, dass nichts passiert sei und sie nur schlecht geschlafen hatte. Den Velvet Room ließ sie wieder einmal weg, denn offensichtlich war nur sie in der Lage dazu diesen zu betreten – auch wenn sie immer noch nicht ganz verstand, wieso.

„Wie geht es dir?“, fragte sie stattdessen.

Sie blickte wieder auf und damit in das nun etwas überraschte Gesicht ihres Teamkameraden, auf dessen Gesicht sich kurz darauf wieder ein breites Grinsen bildete.

„Mit geht’s super“, lachte er. „Ich hab gestern den ganzen Tag verpennt, weil ich komplett durch war. Meine Mutter war davon natürlich wenig begeistert, aber soll sie ruhig meckern…“

Er zuckte mit den Schultern und fuhr im nächsten Moment zusammen, als sich ein Arm über seine Schultern legte.

„Ach ja? Nur gepennt? Kein Wunder, dass man nichts von dir gehört hat, du treulose Tomate…“, sagte Kô, der sich an den Blonden gehängt hatte.

„Ich hab doch abends noch geantwortet und mich entschuldigt“, entgegnete Hiroshi und schob Kôs Arm lachend beiseite. „Wie wär’s? Als Wiedergutmachung Burger heute nach dem Training?“

„Nee, lass mal. Muss nach dem Club meinem Alten helfen“, winkte der Silbergrauhaarige an, während sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht legte. „Aber ich komme darauf zurück.“

„Lass dich von ihm nicht einlullen, Hiro“, sagte nun auch Naoto, der gerade zur Gruppe gestoßen war. Er grüßte Mirâ freundlich, ehe er weitersprach: „Als hätte er Zeit gehabt, dich zu vermissen. Der war gestern schließlich arbeiten…“

„Aber auch nur, weil keiner von euch reagiert oder Zeit hatte“, murrte Kô beleidigt zurück, woraufhin eine kleine, aber doch hitzige Diskussion entfachte, die Mirâ nur schweigend beobachtete.

Ein zartes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Ihr gefiel es, wie unbeschwert die drei miteinander umgingen und sie wünschte sich, dass es mit Akane eines Tages ebenso sein könnte. Bisher hatte sie sich nie wirklich auf jemanden eingelassen – nie so tief, dass daraus eine enge Freundschaft hätte wachsen können, wie sie es jetzt vor sich sah. Nach der Scheidung ihrer Eltern und ihrem ersten Umzug hatte sie ständig Angst, ihre Freunde wieder zu verlieren. Aus Angst vor Abschied hielt sie sich von anderen fern – und blieb so oft für sich. Es war nicht so, dass sie ausgeschlossen wurde, doch sie konnte einfach nie ganz frei und offen mit anderen umgehen. Sie senkte den Blick, als ihr bewusst wurde, dass es diesmal alles anders zu sein schien. Alles, woran sie sich in den letzten Jahren festgehalten hatte, hatte sie in den letzten Tagen über Bord geworfen. Wieso das so war, konnte sie nur erahnen. Doch eins stand fest: Es lag an den Dingen, die sich gerade um sie herum abspielten. Die Frage war nur, was geschehen würde, wenn das alles plötzlich vorbei wäre. Doch kaum war dieser Gedanke aufgekommen, verdrängte sie ihn schon wieder. Jetzt war nicht der Moment, um darüber nachzudenken.

In diesem Augenblick fuhr die U-Bahn ein – eine willkommene Ablenkung, um sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Leise seufzend wandte sie sich der stehenden Bahn zu und stieg gemeinsam mit den drei Jungs ein. Kurz darauf setzte sich das Fahrzeug in Bewegung – in Richtung Jûgôya-kû.
 

Wie gewohnt hielt der Zug nach wenigen Minuten erneut an, um weitere Fahrgäste an der Mangetsu Central Subway Station aufzunehmen, unter denen sich auch Akane befand. Mit großen, überraschten Augen musterte sie die ungleiche Gruppe, die ungewöhnlicherweise noch immer beisammenstand. Ihr Schweigen ließ Mirâ bereits mit einer erneuten Konfrontation rechnen, doch entgegen ihrer Erwartungen seufzte die Brünette nur leise, trat mit einem sanften Lächeln auf sie zu und begrüßte sie freundlich. Überrascht erwiderte die Violetthaarige den Gruß, bemerkte dabei jedoch den Blick, den ihre Freundin Hiroshi zuwarf. Der Blonde zuckte leicht zusammen und schluckte, als rechne er auch damit, dass sie gleich wieder aus der Haut fahren würde – doch auch das blieb aus. Stattdessen glitt ihr Blick von ihm zu seinen beiden Freunden. Bei Naoto verharrten ihre Augen einen Moment länger – kühl, aber nicht herausfordernd. Dann nickte sie den dreien höflich zu, wenn auch spürbar distanziert. Die Jungs tauschten daraufhin verwunderte Blicke, die Akane jedoch bewusst ignorierte. Sie hatte sich vorgenommen, sich nicht mehr in die Freundschaft zwischen Hiroshi und Naoto einzumischen – selbst wenn in ihr noch längst nicht alles geklärt war. Stattdessen wandte sie sich wieder Mirâ zu.

„Es tut mir leid, dass ich euch so viele Sorgen und Probleme bereitet habe. Könnten wir später vielleicht darüber sprechen?“

„Natürlich. Du hast bestimmt einige Fragen“, antwortete die VIoletthaarige mit einem kurzen Seitenblick auf die Jungs, die sich inzwischen wieder in ein Gespräch vertieft hatten und nichts von dem Austausch der beiden Mädchen mitbekamen.

Akane dagegen nickte nur und schwieg. Auch Mirâ sprach das Thema nicht weiter an – nicht in Gegenwart der anderen. Denn das, was sie miteinander verband, war ein Geheimnis. Eines, dass nur sie drei kannten – die Persona-Nutzer. Würde es jemand anderes erfahren, würde man sie vermutlich für verrückt halten. Besser also, sie besprachen es, wenn sie unter sich waren.

„Nächste Station: Jûgôya Central Subway Station. Umstieg zur Taiô- und Gazô-Linie. Zugang zu Jûgôya High School, Universität und Sport Forum“, erklang die Durchsage aus den Lautsprechern des Fahrgastraums und lenkten die Aufmerksamkeit der beiden Oberschülerinnen auf sich.

Kurz darauf bremste der Zug allmählich ab, als er in die Station einfuhr und blieb kurz darauf stehen. Dort trennten sich die beiden kleinen Gruppen fürs Erste, um sich auf den Weg zur Schule zu machen.
 

[ *nach der Schule* ]

[ Jûgôya High School Foyer ]
 

Leise seufzend beobachtete Mirâ die letzten Wassertropfen, die vom Vordach der Schule auf den noch immer teilweise nassen Asphalt fielen und dort eine kleine Pfütze gebildet hatten. Obwohl der Regen bereits gegen Mittag aufgehört hatte, waren viele der Clubs, die im freien stattfanden, aufgrund der total aufgeweichten Böden, wortwörtlich ins Wasser gefallen. So auch der Kyûdo-Club. Dieser war zwar teilweise überdacht, jedoch war der Boden auf dem Weg zwischen Halle und Zielscheiben so weich und schlammig, dass es unmöglich war hindurch zu laufen, ohne am Ende eine riesige Schweinerei anzurichten. Aus diesem Grund hatte Dai seine Mitglieder in den freien Nachmittag entlassen, woraufhin sich die Violetthaarige ins Foyer der Schule begeben hatte, um dort auf ihre beiden Freunde zu warten, deren Clubs offensichtlich stattfanden. Sie hatten sich vorgenommen, nach Ende ihrer Clubs an einem ruhigen Ort über die Geschehnisse in der Spiegelwelt zu reden. So jedenfalls der Plan, der auch nur deshalb so entstanden war, weil sie es im Laufe des Tages nicht geschafft hatten ein Gespräch zu führen. In der Mittagspause, wo sie den ersten Versuch starten wollten, wurde Akane von Masa-sensei ins Lehrerzimmer bestellt, um sich zu ihrem Fehlen in der letzten Woche zu äußern, während Hiroshi von seinen beiden Kumpels entführt wurde, die er in den letzten Tagen ziemlich vernachlässigt hatte. So war Mirâ letzten Endes alleine zurückgeblieben und als ihre Freundin endlich wieder zurück war, blieb von der Pause kaum mehr Zeit übrig, um überhaupt in Ruhe zu essen. So waren sie letzten Endes so verblieben, dass sie sich nach der Schule gemeinsam treffen würden. Aus diesem Grund fand sie sich nun erneut alleine hier vor und musste auf ihre beiden Freunde warten, die noch bei ihren Clubs waren. Dem Wetter zufolge hatte die Violetthaarige eigentlich damit gerechnet, dass auch der Fußballclub ausfallen würde, doch von Hiroshi war weit und breit keine Spur zu sehen. Seufzend lehnte sie sich an den Schuhschrank hinter sich und schaute auf ihre rote Armbanduhr, die erst 16:30 Uhr anzeigte und damit vermittelte, dass sie noch gut eine Stunde totschlagen musste, bis die anderen Clubs mit ihren Aktivitäten fertig waren. Sie kramte ihr Smartphone aus der Tasche und schrieb ihrer Mutter eine Nachricht, um sie darüber zu informieren, dass sie nach der Schule noch mit ihren Freunden unterwegs sein und deshalb erst später nachhause kommen würde. Zwar gehörte Haruka nicht zu den Müttern, die von ihren Kindern verlangte sofort nach der Schule nachhause zu kommen, doch trotzdem wollte sie wissen, wenn es bei der jungen Frau später wurde, damit sie sich keine Sorgen machen musste. Mittlerweile verstand die Oberschülerin diese Sorgen auch, doch in der Mittelschule war sie von diesem Verhalten ziemlich genervt gewesen. Jedoch musste man bedanken, dass zu diesem Zeitpunkt das Verhältnis zu ihrer Mutter allgemein wegen der Scheidung schwierig gewesen war. Nun jedoch sah sie die Sache gelassener und verstand den Standpunkt der Älteren. Erneut leise seufzend schickte sie ihre Nachricht ab und blickte dann wieder in den immer noch grauen Himmel, durch welchen kein einziger Sonnenstrahl zu dringen schien. Schritte, die in ihre Richtung kamen, richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Innere des Foyers, weshalb sie ihr Telefon wieder in ihrer Jackentasche verschwinden ließ. Kurz darauf betraten Hiroshi und seine beiden Kumpels die große Eingangshalle – begleitet von einer Schülerin mit braunen, nackenlangen Haaren. Anstatt des Blazers trug sie die hiesige Sportjacke, unter welcher man die schwarze Blue mit der roten Schleife erkennen konnte. Ihre langen, sportlichen Beine, die unter dem roten Faltenrock hervorschauten, waren mit einer schwarzen Strumpfhose bekleidet, auf welcher bei jeder Bewegung etwas aufblitzte, was offensichtlich mit silberner Farbe auf den Stoff aufgedruckt war.

„Das war es dann für heute. Danke für eure Hilfe“, sagte sie mit einem leisen seufzen. „Sorry, dass das Training heute ausfallen musste. Aber der Platz ist die reinste Rutschbahn. Wir können nicht verantworten, dass ihr wegrutscht und euch schwer verletzt. Vor allem jetzt, wo bald die Vorrunden des Inter Highs beginnen. Leider sind auch alle Turnhallen gerade belegt.“

Mit leichtem Schwung klopfte Kôsuke ihr auf die Schulter und grinste breit: „Mach dir darüber mal keine Gedanken, Suzuka-chan. Du kannst doch nichts dafür.“

„Genau. Außerdem wissen wir doch, dass ihr euch nur Sorgen um uns macht“, meinte Naoto.

„Gut, wie ihr meint“, lächelte das Mädchen Namens Suzuka und drückte dabei ein paar Unterlagen an ihre Brust. „Ich muss dann noch etwas zu Itou-sensei bringen. Kommt gut nachhause, Jungs.“

„Du später auch“, verabschiedete sich Hiroshi, während die Brünette an ihm vorbeiging und dann im Gang verschwand, in dem sich das Lehrerzimmer befand.

Mirâ sah ihr kurz nach, bevor sie einen Schatten neben sich bemerkte, der direkt bei ihr zum Stehen kam. Überrascht wandte sie sich um und blickte dann auf ihren blonden Kumpel, der sie freundlich anlächelte und seine Hand zum Gruß hob. Nur wenige Sekunden später waren auch die anderen beiden Jungs an sie herangetreten.

„Hallo Shingetsu-chan“, grüßte Kô immer noch breit grinsend. „Sag bloß, du hast auf Hiro gewartet?“

Ein leichter Rotschimmer legte sich auf die Wangen der Oberschülerin. Mit dieser Frage hatte sie absolut nicht gerechnet und war dementsprechend damit auch ziemlich überfordert. So ganz unrecht hatte er zwar nicht, doch verriet ihr der Unterton seiner Stimme, dass er auf etwas ganz Bestimmtes abzielte, was nicht der Beziehung entsprach, die zwischen ihr und ihrem Kumpel wirklich bestand. Wieso sie diese Erkenntnis so aus der Fassung brachte, wusste sie nicht, denn eigentlich hätte sie nur darauf antworten und das Ganze aufklären müssen, doch jedes Wort blieb ihr im Hals stecken, in dem sich ein dicker Kloß gebildet hatte. Im nächsten Moment jedoch zuckte sie zusammen, als der Silbergrauhaarige einen Klaps auf den Hinterkopf bekam, der in der Stille des Foyers regelrecht schallte.

„Hör auf sie so zu bedrängen, Baka!“, schimpfte Naoto, bevor er sich der Violetthaarigen zuwandte. „Entschuldige diesen Idioten. Er ist manchmal etwas aufdringlich, weil er es nicht so mit privatem Raum und sowas hat…“

„Hey… wieso bin ich jetzt wieder der, der sich merkwürdig verhält?“, fragte genannter beleidigt nach und wurde daraufhin nur mit einem allessagenden Blick seiner beiden Kumpels gestraft, der ihn kleinlauter werden ließ. „Was denn?“

„Kô…“, seufzte Hiroshi tief, während er verständnislos den Kopf schüttelte.

Offensichtlich war ihm das Verhalten seines Kumpels doch etwas unangenehm, weshalb auch er sich nochmal an Mirâ wenden wollte, um sich zu entschuldigen. Diese begann in diesem Moment jedoch an zu kichern, was die drei Jungs etwas verwirrt dreinblicken ließ. Nur wenige Sekunden später war aus dem Kichern ein amüsiertes Lachen geworden, dass die drei jungen Männer dazu veranlasste einen irritierten Blick zu tauschen. So unangenehm die Situation kurz zuvor noch war, so lustig fand sie die aktuelle nun. Es war sehr erquickend, wie herzlich die drei miteinander umgingen und sich dabei gegenseitig auf die Schippe nahmen, ohne dass der andere gleich beleidigt war. Es wäre genau das gewesen, was sie den Dreien hätte sagen müssen, doch es war ihr einfach nicht möglich einen ordentlichen Satz zustande zu bekommen. Der Lachflash hatte sie voll in seiner Hand und er tat erstaunlicherweise ziemlich gut. Obwohl ihr Bauch bereits anfing zu schmerzen, so fiel mit einem Mal der ganze Stress, die Müdigkeit und auch ihre Sorgen von ihr ab. Selbst wenn sie wusste, dass es nur eine Momentaufnahme war, so genoss sie das Gefühl für den Augenblick. Dabei war es ihr auch egal, dass sie von den Schülern schief angeschaut wurde, die nun langsam ins Foyer kamen.
 

Es brauchte eine knappe Viertelstunde, bis sich die junge Frau wieder vollends beruhigt hatte und sich Naoto und Kôsuke von ihr und Hiroshi verabschiedet hatten, um sich auf den Heimweg zu machen. Die beiden Zurückgebliebenen sahen ihnen nach, dabei beobachtend, wie sie sich gegenseitig wieder stichelten. Ein Lächeln lag noch immer auf den Lippen der Violetthaarigen, während sie sich an ihren blonden Kumpel wandte:

„Ist das in Ordnung für dich?“

Überrascht sah dieser sie an und schien einen Moment zu brauchen, um zu verstehen, dass sie damit meinte, dass die beiden wieder ohne ihn den Heimweg antreten mussten. Aktuell wirkte des immerhin so, als hätte er plötzlich keine Zeit mehr für sie, um sich stattdessen mit ihr abzugeben. So bestand immerhin die Gefahr, dass sie ihm irgendwann böse werden würden und ihm die Freundschaft kündigten.

Der Blonde jedoch seufzte nur leise und nickte dann lächelnd: „Ja, das geht in Ordnung. Früher hätte ich wohl mehr Angst vor ihrer Reaktion gehabt. Aber die beiden sind nicht so nachtragend, dass sie mir nicht verzeihen könnten, wenn ich nicht 24/7 mit ihnen abhänge. Wir haben so viel gemeinsam durchgemacht, sodass schon etwas richtig Unverzeihliches passieren muss, dass sie böse auf mich wären. Das weiß ich mittlerweile. Viel mehr habe ich das Gefühl, dass vor allem Kô froh ist, dass ich noch andere Freunde außerhalb unserer Gruppe habe.“

„Meinst du?“, fragend legte die Violetthaarige ihren Kopf schief.

Verlegen lachte ihr Kumpel auf diese sentimentalen Worte und nickte dann breit grinsend, weshalb sich auch ein Lächeln auf ihre Lippen legte. Die Freundschaft dieser drei Jungs schien wirklich etwas Besonderes zu sein und eigentlich hätte sie wirklich brennend interessiert, was Hiroshi mit seinen Worten gemeint haben könnte, die offensichtlich eine tiefere Botschaft enthielten. Doch sie hielt ihre Neugier im Zaum und beließ es dabei, während sie ihren Blick wieder hinaus auf den Hof richtete, wo von den beiden erwähnten Oberschülern jedoch mittlerweile keine Spur mehr zu sahen war.
 

[ *später Nachmittag* ]

[ Café „Lune“ ]
 

„Willkommen im Café Lune“, wurden sie drei Oberschüler begrüßt, als sie das Lokal betraten.

Mit einer angedeuteten Verbeugung erwiderten sie die Geste, bevor Hiroshi und Mirâ zielstrebig einen Tisch in der hinteren Ecke ansteuerten – abseits des Trubels beim Tresen. Im ersten Moment wirkte Akane überrascht, dass die beiden scheinbar genau wussten, wohin sie wollten, sagte jedoch nichts dazu und folgte schweigend. Wenig später saßen die drei an dem abgelegenen Tisch, an den ihnen kurz darauf ein Kellner folgte, der ihre Bestellung aufnahm. Dabei fiel die Entscheidung von Hiroshi und Mirâ wieder auf die Getränke vom letzten Mal, während sich Akane für einen Cappuccino entschied. Mit einer leichten, aber höflichen Verbeugung verschwand der Kellner wieder in den vorderen Teil des Cafés, während die drei Oberschüler ihm schweigend nachblickten. Dann ergriff Hiroshi das Wort.

„Wollen wir dann anfangen?“

Er sah zu den beiden Mädchen ihm gegenüber. Akane zuckte leicht zusammen, senkte den Blick und schluckte. Sie hatte dieses Treffen selbst vorgeschlagen, weil sie Antworten wollte. Doch nun war sie sich nicht mehr sicher, ob sie sie wirklich hören wollte. Ein Teil von ihr ahnte, dass es unheimlich werden würde – und genau das wollte sie eigentlich vermeiden. Sie hasste gruselige Dinge. Andererseits konnte sie aber auch nicht einfach so tun, als wäre nie etwas passiert. Ihre Freunde hatten ihr Leben riskiert, um sie zu retten. Außerdem war da dieses seltsame warme Leuchten in ihr, dass ihr eindeutig sagte: Du darfst sie damit nicht alleine lassen. Deshalb atmete sie tief durch, hob den Blick und sah die beiden entschlossen an.

„Gut“, sagte Mirâ ruhig.

Sie verstummte für einen Moment, als der Kellner zurückkehrte und die Getränke auf dem Tisch verteilte. Erst als er wieder gegangen war, sprach sie weiter:

„Du hast bestimmt viele Fragen. Aber vielleicht ist es besser, wenn wir erst erzählen, was genau passiert ist. Das klärt womöglich schon einiges.“

Akane nickte gespannt. Hiroshi und Mirâ tauschten einen kurzen Blick – dann begannen sie zu erzählen. Die Violetthaarige berichtete, wie sie sich zunächst große Sorgen gemacht hatte, als Akane nicht zur Schule erschienen war.

„Ich dachte, du bräuchtest einfach Zeit für dich – wegen des Streits. Aber als du auch am nächsten Tag nicht kamst und ich dich nicht erreichen konnte, wurde ich unruhig.“

Dann habe Masa-sensei sie gebeten, ihr ein paar Unterlagen zu bringen. Es war der perfekte Anlass, bei ihr vorbeizusehen. Mirâ wandte ihren Blick auf Hiroshi und erzählte, dass dieser sie begleitet hätte – und gemeinsam erfuhren sie von ihren Eltern, dass sie seit Samstagabend spurlos verschwunden war.

„Als wäre das nicht schon schlimm genug, kam auch noch Hirota auf uns zu…“, fügte der Blonde hinzu.

„Dein Onkel?“, fragte Akane überrascht.

Ihr Gegenüber nickte. „Er hatte gesehen, wie wir mit deinen Eltern gesprochen haben, und wollte wissen, was los ist. Kripo-Kram halt. Aber wir konnten ihm nicht viel sagen.“

Am Tag drauf, so fuhr er fort, hatte ihm Mirâ schließlich von ihrer Begegnung mit der Spiegelwelt erzählt – und von ihrer Vermutung, dass sie dorthin verschwunden sein könnte.

Die Brünette sah sie mit großen Augen an: „Moment… das heißt, du warst schon dort? Noch bevor wir über das Spiegelspiel gesprochen haben?“

Schulbewusst zuckte die Violetthaarige leicht zusammen: „Ja… ich wollte dir keine Angst machen. Du hasst solche Sachen – deshalb habe ich nichts gesagt. Es tut mir leid,“

Akane schwieg und senkte den Blick, woraufhin sich Hiroshi einschaltete: „Sie meinte es nicht böse. Nimm es ihr nicht übel.“

„Ist schon okay“, erwiderte die junge Frau darauf jedoch nur leise. „Ich verstehe, warum sie es für sich behalten hat.“

Einen Moment lang war es still, dann erklärte Mirâ, dass sie noch am selben Abend das Spiegelspiel ausprobiert hatten – und tatsächlich in der Welt hinter dem Spiegel gelandet waren.

„Ich weiß nicht, wie viel du vom Samstag noch weißt“, sagte sie, „aber diese Welt ist wie Kagaminomachi – nur spiegelverkehrt. Und es gibt dort diese Wesen… Shadows. Der Löwe, der aus deinen Gedanken entstanden ist, war einer von ihnen.“

Akane nickte langsam: „War es bei euch so? Ich meine… mit dem Shadows?“

Hiroshi und Mirâ tauschten einen Blick, bevor der junge Mann darauf antwortete: „Bei mir war es so. Mein Shadow ist aus Schuld und Scham entstanden – wegen dem, was damals passiert ist. Aber Mirâ hat mir geholfen, ihn zu besiegen.“

Erneut sah seine Sandkastenfreundin ihn überrascht an und senkte dann doch wieder den Blick: „Ich verstehe.“

„Mach dir keine Gedanken darüber“, sagte der Blonde daraufhin sanft. „Es war meine Schuld. Und ich muss lernen, damit zu leben.“

Mirâ ergänzte: „Dass du deine Persona erwecken konntest, zeigt, dass du dich deinen Gefühlen gestellt hast.“

Die junge Frau neben ihr starrte auf ihren Cappuccino: „Vielleicht. Aber es ist trotzdem schwer zu fassen. Eine Welt im Spiegel? Monster aus negativen Gefühlen? Personas? Klingt alles ziemlich verrückt.“

Ihr beiden Begleiter nickten zustimmend.

„Aber ich war dort“, fuhr sie fort. „Und ihr habt mich gerettet. Ich spüre dieses Leuchten in mir – und das ist zu real, um es als Traum abzutun. Also… was ist jetzt der Plan?“

Zwei überraschte Blicke trafen sie.

„Ich meine“, sagte sie daraufhin weiter, „wir haben diese Fähigkeiten. Und da ist doch noch dieses Mädchen…“

„Mika-chan“, bestätigte Mirâ nickend. „Ich will herausfinden, warum sie dort ist – und ob wir ihr helfen können. Deshalb werde ich zurückgehen. Außerdem…“

Sie machte eine kurze Pause, ehe sie die Vermutung verlauten ließ, dass es mit den beiden wohl nicht getan war. Erneut erwähnte sie den Velvet Room nicht, doch sie erklärte, dass es wohl noch weitere Opfer geben könnte, die ihre Hilfe brauchen würden. Trotzdem sprach sie die Bitte nicht aus, die ihr eigentlich auf der Zunge lag. Sie hatte Angst die beiden um Hilfe zu bitten und das war spürbar, immerhin wollte sie sie nicht erneut in Gefahr bringen. Doch noch bevor sie weitersprechen konnte, tauschten diese beiden einen kurzen Blick – und nickten dann.

„Das klingt doch nach einem Plan“, sagte Hiroshi mit einem Grinsen.

Verblüfft blickte Mirâ auf.

„Was? Denkst du etwa, wir lassen dich alleine da reingehen? Hast du vergessen, was du mir letzte Woche gesagt hast?“, lächelte Hiroshi schief. „Wir machen das gemeinsam.“

„Da stimme ich zu“, sagte Akane entschlossen. „Diese Welt macht mir Angst – aber ich will helfen. Zusammen schaffen wir das. Und vielleicht erfahren wir, was wirklich mit Mika-chan passiert ist. Und auch, wer hinter diesem Spiegelspiel steckt.“

Ein breites Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Mirâ dagegen starrte sie kurz sprachloch an, doch spürte dann, wie sich ein warmes Gefühl in ihrer Brust ausbreitete. Es war ihr bekannt und doch etwas intensiver, als noch vor fast einer Woche, als sie es in Hiroshis Beisein gespürt hatte. Und irgendwo in der Ferne – ganz leise – vernahm sie das Klingeln eines Glöckchens.

„Lasst uns Nummern tauschen“, sagte Akane plötzlich und zog ihr Smartphone aus der Tasche.

Die anderen beiden folgten ihrem Beispiel, woraufhin kurz darauf ein leises Piepen den Austausch bestätigte.

„Wir sollten eine Gruppe erstellen“, meinte Hiroshi und tippte dabei auf seinem Display herum. „Dann können wir uns besser austauschen.“

Wenig später verschwanden die Telefone wieder in den Taschen. Und mit ihnen auch der letzte Zweifel – zumindest für den Moment.
 

„Da fällt mir noch was ein, Akane“, sagte Hiroshi plötzlich, und sofort war ihm die Aufmerksamkeit der Brünetten sicher. „Wie haben deine Eltern eigentlich reagiert, als du gestern Abend wiederaufgetaucht bist? Und was hat Masa-sensei gesagt?“

Angesprochene blinzelte überrascht, legte den Kopf leicht schief und runzelte nachdenklich die Stirn: „Jetzt, wo du’s sagst… das war wirklich seltsam.“

Sie verschränkte die Arme auf dem Tisch: „Klar, meine Eltern waren total aufgelöst – gleichzeitig wütend und erleichtert. Meine Mutter hat mich angeschrien, dass ich so was nie wieder machen soll… und sich dabei gleichzeitig an mich geklammert, wie eine Ertrinkende. Mein Vater hat kaum ein Wort gesagt, der war einfach nur froh, dass ich wieder da war.“

Sie zögerte einen Moment: „Aber gestern Morgen… war alles auf einmal ganz normal. Als wäre nie etwas gewesen. Kein Wort über mein Verschwinden. Ich hab es nicht angesprochen, weil ich befürchtet habe, sie sperren mich sonst zu Hause ein oder so… aber es war schon merkwürdig.“

Sie warf einen kurzen Blick zu Mirâ, dann zu ihrem Sandkastenfreund.

„Und bei Masa-sensei war’s ähnlich. Sie hat mich gefragt, ob bei uns zu Hause alles in Ordnung sei und ob meine Eltern mich bitte für die Woche noch entschuldigen könnten. Keine große Nachfrage, keine Vorwürfe.“

Mirâ legte den Zeigefinger nachdenklich an ihr Kinn: „Seltsam… vor allem, weil sie letzte Woche meinte, sie hätte niemanden bei euch erreicht. Und wenn dann plötzlich eine Schülerin nach Tagen wiederauftaucht, fragt man doch genauer nach, oder?“

„Auch das Verhalten deiner Eltern ist komisch…“, ergänzte Hiroshi mit gerunzelter Stirn. „Aber vielleicht wollten sie dich einfach nicht zusätzlich beunruhigen.“

„Kann gut sein“, nickte Akane langsam. „Ich werde mal ein Auge darauf haben. Vielleicht kommt ja noch was.“

Dann warf sie einen kurzen Blick auf ihre Uhr: „Aber jetzt sollten wir langsam los – sonst wird’s spät.“

Die anderen beiden nickten zustimmend. Gemeinsam erhoben sie sich, gingen zum Tresen, bezahlten ihre Getränke und traten schließlich hinaus in die kühle Abendluft – bereit, sich auf den Heimweg zu machen, mit dem Wissen, dass die eigentliche Reise gerade erst begonnen hatte.
 

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XXII – Fragments of a Vanished Truth


 

*~* XXII – Fragments of a Vanished Truth *~*

[ ~Dienstag, 21. April 2015~]

[ *früher Morgen* ]

[ Jûgôya High School Foyer ]
 

Mit einem Lächeln schloss Mirâ ihr Schuhfach und wandte sich Akane zu, die mit einem breiten Grinsen auf sie wartete. Es war der erste Tag seit dem Vorfall in der Spiegelwelt, an dem die beiden wieder nur zu zweit in die Schule gefahren waren. Sie genossen diese Zeit, die für die Violetthaarige mittlerweile schon so kostbar geworden war. Ihrer Freundin schien es ähnlich zu gehen, denn seit sie in der U-Bahn aufeinandergetroffen waren, grinste sie ununterbrochen wie ein Honigkuchenpferd. Anders noch, als am Tag zuvor, wo sie vor allem in Gegenwart der drei Jungs sehr reserviert war. Jedenfalls wirkte sie froh darüber, dass die drei jungen Männer an diesem Tag auf Abstand zu ihnen geblieben waren. Mirâ vermutete, dass es etwas mit Hiroshis Kumpels zu tun hatte. Offensichtlich hatte die Brünette mit einem von ihnen ein Problem und wenn sie an die Reaktion während des Streits mit dem Blonden dachte, dann musste es sich dabei um Naoto handeln. Was genau das Problem war und wieso es bestand, wusste sie jedoch nicht; und sie traute sich auch nicht nachzuhaken. Denn obwohl sie sich noch bei Hiroshi und Akane eingemischt hatte, weil sie mit beiden seit Beginn an so etwas wie eine Freundschaft pflegte, so waren die beiden Kumpels des Blonden für sie nicht mehr als flüchtige Bekannte. Sich in deren Angelegenheiten einzumischen stand ihr nicht zu, weshalb sie der Meinung war, dass es in diesem Fall Hiroshis Aufgabe war den Vermittler zu spielen. Dieser wusste wahrscheinlich am besten mit der Situation umzugehen. Das war der Grund, wieso Mirâ das Thema ihrer Klassenkameradin gegenüber nicht angeschnitten hatte und stattdessen mit dieser über Gott und die Welt sprach. Dabei ließen sie jedoch auch die Spiegelwelt außen vor, denn keiner von beiden wollte sich im Moment damit befassen. Lieber genossen sie einfach die Zeit zu zweit, die ihnen eine ganze Weile verwehrt geblieben war.

„Hör mal“, begann Akane plötzlich, als beide das Foyer durchschritten und auf die Treppe zugingen.

Fragen sah Mirâ zu ihr, woraufhin sie sofort weitersprach: „Hättest du heute Nachmittag Zeit? Oder musst du gleich Nachhause?“

„Ich habe Zeit“, antwortete die Violetthaarige lächelnd, „Wollen wir irgendwo hingehen?“

„Ja gerne. Ich… würde nämlich gerne in aller Ruhe mit dir sprechen…“, murmelte die Brünette etwas zurückhaltend, was eigentlich gar nicht zu ihrem sonstigen Verhalten passte.

„Gerne“, stimmte Mirâ zu und zauberte damit ein Lächeln auf das Gesicht der anderen.

„Super. Das freut mich“, grinste diese breit, während sie gemeinsam die Treppe hinaufstiegen.

Sie erreichten den ersten Stock und wollten diesen ungeachtet passieren, um hinauf in das Stockwerk ihrer Jahrgangsstufe zu gelangen, als sie abrupt stehen blieben. Überrascht blickte Mirâ auf Hiroshi, der auf dem Absatz zwischen ersten und zweiten Stock stand und sich mit einem Mädchen unterhielt, dessen braune Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden waren, der ihr leicht auf die Schultern fiel. Sie trug eine schwarze Kaputen-Sweatjacke, anstatt des vorgegebenen Blazers, unter der eine weiße Bluse zu erkennen war, obwohl eine schwarze für die Schülerinnen vorgeschrieben war. Die Ärmel ihrer Jacke hatte sie leicht nach oben gezogen, sodass ihre Handgelenke frei lagen. Dazu trug sie weiße Overknees. Die einzigen Accessoires der ursprünglichen Uniform, die Mirâ entdeckte waren der rote Faltenrock mit dem weißen Streifen, sowie die rote Schleife, die sie jedoch sehr locker gebunden hatte.

„Es ist alles in Ordnung, aber danke, dass du fragst, Hiro“, lächelte sie leicht, während sie sich von dem Blonden abwandte und weiter nach oben ging – zu einem weiteren Mädchen, mit dunkelbraunen schulterlangen Haaren, die am oberen Absatz auf sie zu warten schien.

Diese trug ebenfalls nicht den Blazer der Uniform. Stattdessen war über der schwarzen Bluse der weiß-rote Pullunder zu erkennen, der alternativ zur vorgeschriebenen Jacke getragen werden konnte.

Um ihren Hals war eine rote Krawatte gebunden, die es ebenfalls als Alternative zur roten Schleife gab. Aufgrund der Spiegelungen ihrer Brillengläser konnte Mirâ deren Gesichtsausdruck nicht erkennen, jedoch waren ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, weshalb es so wirkte, als würde sie etwas stören. Als die Brünette jedoch an sie herantrat schlich sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht, ehe sich beide abwandten und gingen. Hiroshi sah ihnen nach und wirkte dabei ziemlich angespannt.

„Alles in Ordnung?“, hakte Akane nach und warf dabei einen kurzen Blick nach oben, „Wusste gar nicht, dass du so gut mit Mädchen kannst…“

Der Blonde verzog das Gesicht und blickte zu seiner Sandkastenfreundin: „Was soll das denn heißen? Das klingt ja so, als sei ihr unausstehlich…“

„Dem wiederspreche ich“, warf Mirâ grinsend ein, ohne wirklich darüber nachzudenken, was ihr einen überraschten Blick ihrer Freundin einbrachte.

Der junge Mann neben ihr unterdessen zuckte leicht zusammen und lief plötzlich rot an, was er sofort versuchte zu verbergen, indem er sich von den beiden Mädchen abwandte. Die Violetthaarige jedoch schien gar nicht zu bemerken, was ihr Spruch für Reaktionen hervorgerufen hatte und erkundigte sich stattdessen nun auch bei ihrem Kumpel, was ihn so besorgt hatte wirken lassen.

Angesprochener brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen und räusperte sich dann, während er den allessagenden Blick Akanes versuchte zu ignorieren: „Ähm… alles in Ordnung. Ich habe mich bei Emi nur über etwas erkundigt.“

„Emi?“, fragte seine brünette Freundin den Kopf schief, „Jetzt geben wir den Mädels schon Spitznamen?“

„Sag mal, was ist denn jetzt mit dir verkehrt?“, erkundigte sich Hiroshi mit hochgezogener Augenbraue, doch erklärte dann, um wen es sich bei dem Mädchen handelte. „Ihr Name ist Sakura Emiko und sie geht in die Parallelklasse. Wir kennen uns seit dem ersten Jahr. Sie spielt öfters mit, wenn wir in der Pause Fußball oder Basketball spielen. Und ja, wir sind recht gut befreundet, weshalb es in Ordnung sein sollte, dass ich ihr einen Spitznamen gebe.“

Schweigend und mit ernstem Blick starrten sich die beiden Kindheitsfreunde an, bevor der Blonde zuerst nachgab und seufzte: „Egal. Lasst uns zur Klasse gehen, bevor es Ärger gibt. Der Unterricht fängt gleich an.“

Mit diesen Worten wandte er sich von den beiden ab und ging die letzten Stufen hinauf in den zweiten Stock. Die beiden jungen Frauen tauschten einen kurzen Blick, bevor Akane mit den Schultern zuckte und ihrem Kumpel folgte. Mirâ blieb unterdessen noch einen Moment stehen, denn sie hatte das Gefühl, dass es einen bestimmten Grund gab, wieso der Blonde die junge Frau angesprochen hatte. Jedoch schien er nicht näher darauf eingehen zu wollen, weshalb er das Gespräch so abrupt beendet hatte, um weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen. Genau wie bei den beiden Sandkastenfreunden damals hatte sie auch hier das Gefühl, dass da etwas mehr dahintersteckte, als es anfangs schien. Da der junge Mann jedoch offensichtlich nicht darüber sprechen wollte und es hierbei nur um jemanden ging, mit dem alleine er befreundet war, wollte sie sich nicht einmischen. Genau wie bei der Sache mit seinen Kumpels würde der Blonde schon wissen, was er zu tun hatte oder eben auch nicht. Da war sie sich sicher. Deshalb seufzte sie einmal leise und folgte dann endlich ihren Freunden nach oben, um sich dem Homeroom bei ihrer Klassenlehrerin hinzugeben, der nun auf sie warten würde.
 

[ *nach der Schule* ]
 

Gemeinsam verließen die beiden jungen Frauen das Schulgebäude, um sich, wie am Morgen besprochen, gemeinsam irgendwo zurückzuziehen, um zu besprechen, was Akane auf dem Herzen lag. Dabei war die Wahl auf deren Heim gefallen, da sie zum einen nicht erneut im Café Lune Einzug halten wollten und zum anderen das Wetter langsam umschlug, sodass es wahrscheinlich bald regnen würde. Da ihnen sonst kein ruhiger Ort zum Reden eingefallen war, hatte die Brünette vorgeschlagen zu ihr zu gehen, dem Mirâ nicht abgeneigt war. In ein entspanntes Gespräch vertieft erreichten sie das Haupttor der Schule und bemerkten dann einige Schüler, die sich merkwürdig verhielten. Allesamt schauten überrascht in eine bestimmte Richtung und liefen dann teilweise tuschelnd weiter. Irritiert über dieses Verhalten tauschten die beiden Oberschülerinnen einen kurzen Blick und wandten sich dann neugierig in die Richtung, in welcher es offensichtlich etwas Interessantes zu sehen gab. Daraufhin erkannten einen brünetten Mann, der sich mit verschränkten Armen an einen der Pfeiler lehnte. Er trug einen schwarzen Anzug in Kombination mit einem dunkelroten Hemd, dessen oberen Knopf er offengelassen hatte. Durch die Sonnenbrille, die er trug, obwohl der Himmel wolkenverhangen war, wirkte er besonders zwielichtig, was das Verhalten der anderen Schüler auf die eine oder andere Art erklärte. Mirâ erkennte ihn jedoch sofort, doch ehe sie reagieren konnte, stieß sich der Ältere plötzlich von der Wand ab und kam auf die beiden jungen Frauen zugelaufen. Erschrocken zuckten diese zusammen und überlegten bereits das Weite zu suchen, als ihr Gegenüber die Brille von der Nase nahm und sie mit ernsten braunen Augen ansah.

„Chiyo Akane?“, fragte er in einem scharfen Ton nach.

„Wer will das wissen?“, stellte Genannte angespannt eine Gegenfrage.

Der Mann steckte seine Brille in seine linke Brusttasche und griff dann in die Innenseite seines Jacketts, um kurz darauf einen Ausweis hervorzuholen: „Kriminalpolizei. Oberkommissar Suou Tetsuya. Ich untersuche da einen gewissen Vermisstenfall und hätte ein paar Fragen an dich.“

Ohne eine direkte Antwort abzuwarten, griff er erneut in seine Brusttasche und zog ein kleines Notizbuch hervor, bevor er direkt zur Sache kam: „Vor wenigen Tagen galtst du noch als vermisst. Es gab eine laufende Untersuchung, du wurdest in der ganzen Stadt gesucht – und dann bist du plötzlich wiederaufgetaucht.“

„Worauf wollen sie hinaus?“, hakte Akane vorsichtig nach.

„Nun… Seltsamer weise gibt es keine Akten mehr zu deinem Fall, und niemand scheint sich daran zu erinnern, dass du jemals fort warst.“

Überrascht zuckten die beiden Mädchen zusammen und tauschten einen flüchten Seitenblick. Beiden war die Frage ins Gesicht geschrieben, wieso gerade er sich noch erinnerte, wo es sonst niemand tat. Der eindringliche Blick ihres Gegenübers verhinderte, dass es ihnen nicht gelang, sich nichts von alledem anmerken zu lassen.

Trotzdem versuchte Akane ihm eine überzeugende Lüge zu verkaufen: „Ich versteh nicht ganz. Dass muss ein Missverständnis sein. Ich war nicht verschwunden, sondern krank.“

„Krank?“, Tetsuya zog die Augenbraue hoch und blätterte dann noch einmal in seinem Buch. „Dann erklär mir das: Ich habe Berichte gesehen, in denen deine Familie vor wenigen Tagen eine Vermisstenanzeige erstattet hat. So etwas macht man nicht einfach so. Doch als ich deine Eltern heute befragte, wirkten sie verwirrt und meinten ebenfalls, dass du krank gewesen seist.“

„Damit ist doch alles geklärt“, sagte die Brünette ernst.

„Eben nicht. Es gab Akten, die ich selbst in der Hand hielt. Doch nun sind sie verschwunden. Zeugen, die vor einigen Tagen noch vollkommen aufgelöst waren, erinnern sich nicht mehr daran. Aber ich schon. Ist das nicht merkwürdig?“, mit ernstem Blick sah er die junge Frau wieder eindringlich an, was sie einen Schritt zurücktreten ließ.

In diesem Moment übernahm Mirâ die Initiative und stellte sich leicht vor ihre Freundin. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, doch sie versuchte so selbstsicher wir möglich zu klingen.

„Suou-san… das klingt wirklich nach einem großen Missverständnis. Wenn doch nur Sie sich erinnern können, dann haben Sie vielleicht einfach zu viele Fälle im Kopf und verwechseln etwas?“

Sie spürte den Blick des Kommissars auf sich ruhen, während sie versuchte sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Sie musste einfach darauf hoffen, dass er ihnen irgendwann glauben würde. Denn anders würden sie aus der Sache nicht herauskommen. Ganz davon abgesehen, dass er ihnen doch niemals glauben würde, wenn sie ihm von der Spiegelwelt erzählen würden. Viel eher würde er sie in eine Psychiatrie stecken. Die Minuten vergingen elendig langsam, weshalb es der Violetthaarigen wie eine Ewigkeit vorkam, während der Brünette sie einfach nur anstarrte und offensichtlich versuchte so die Wahrheit aus ihr herauszubekommen. Es war nicht schwer zu erraten, dass er ihnen nicht glaubte. Trotzdem mussten sie versuchen dies durchzuziehen.

Dann endlich senkte der Ältere den Blick und schloss sein kleines Buch wieder, das kurz darauf in seiner Jackentasche verschwand: „Zu viele Fälle… hm. Du glaubst also, ich bilde mir das nur ein? Nun gut. Wenn es nur eine Grippe war, dann gibt es nichts weiter dazu zu sagen. Aber…“

Er sah wieder auf, direkt auf Akane, die erneut zusammenzuckte, und sprach dann weiter: „Falls du dich an irgendetwas erinnerst, von dem du glaubst, dass du es nicht sagen kannst… dann sei vorsichtig.“

Er wandte sich zum Gehen, während die Mädchen erleichtert aufatmeten und ihre angespannte Haltung langsam aufgaben. Dann jedoch blieb er noch einmal stehen, kramte etwas aus seiner Brusttasche und reichte es den beiden:

„Und noch etwas: Falls euch doch noch etwas einfällt, dann ruft mich an.“

Damit hatte er sich endgültig umgedreht und war nach kurzer Zeit hinter der nächsten Kreuzung verschwunden, während ihm die jeweils noch anwesenden Oberschüler irritiert nachblickten.

„Meinst du… er weiß etwas?“, fragte Akane nach einer gefühlten Ewigkeit, in der sie sich nur angeschwiegen hatten.

Mit skeptischem Blick sah Mirâ auf die kleine Visitenkarte in ihrer Hand: „Er meinte, er sei der Einzige, der sich noch erinnern könne. Das heißt Hiroshi-kuns Onkel erinnert sich auch nicht daran, der Suou-sans Partner ist. Solange das der Fall ist können wir es bestimmt überspielen. Trotzdem ist die Situation für uns gefährlich. Vor allem, falls sich weiter solcher Fälle ereignen…“

Überrascht sah die Brünette sie an, während sich die Violetthaarige auf die Unterlippe biss und angestrengt überlegte. Wenn sie Glück hatten, dann hielt Makoto-san ihn davon ab, weitere Nachforschungen anzustellen, jedoch hatte sie auch im Gefühl, dass Suou-san dies nicht so einfach zulassen würde. Zwar würde es ihnen einfacher fallen, die ganze Sache zu vertuschen, solange es wirklich nur Suou-san war, der sich an all das erinnern konnte. Doch wie lange möge ihnen das gelingen? Sollte wirklich noch jemand verschwinden, den sie retten mussten, könnte er schnell einen Zusammenhang zu ihnen ziehen und ihre Tarnung auffliegen lassen. Sie mussten sich also so unauffällig wie möglich verhalten. Besondern, solange sie nicht wussten, wieso gerade er sich noch erinnerte, die anderen jedoch nicht.

„Mirâ?“, holte sie die Stimme ihrer Freundin aus den Gedanken.

Überrascht sah sie zu der jungen Frau, die sie besorgt anblickte, und schenkte ihr dann ein Lächeln: „Wir sollten bei Gelegenheit Hiroshi darüber informieren und uns dann überlegen, wie wir weiter vorgehen sollten. Aber jetzt scheinen wir erst einmal in Sicherheit zu sein.“

Ja… diese Hürde hatten sie gemeistert, weshalb das Lächeln in ihrem Gesicht etwas breiter wurde. Es dauerte einen Moment, doch bald darauf spiegelte sich der Ausdruck auch auf den Lippen ihrer Freundin. So versuchten sie das Thema erst einmal beiseite zu schieben, weshalb sie sich nun endlich von der Schule abwandten, um sich auf den Weg zu machen.
 

[ *später Nachmittag* ]
 

„Oh man. Mir schlottern noch immer die Beine“, seufzte Akane, während sie die Haustür aufschloss.

Sie drehte sich kurz um und hielt Mirâ die Tür auf, damit diese an ihr vorbei eintreten konnte. Die Brünette folgte ihr, streifte sich ihre Turnschuhe von den Füßen und stellte ihr ein paar Schlappen parat, in die die Violetthaarige schlüpfte. Dann ließ sie ihren Blick kurz schweifen. Sie befand sich in einem geräumigen Flur, der in einen Eingangsbereich und einen wohnlichen Bereich geteilt war. Links vor ihr war eine leicht angekippte Tür, die offensichtlich in die Küche führte, die mit mintgrünen Schränken eingerichtet war. Gerade zu, gegenüber dem Eingang, befand sich eine geschlossene Tür, an welcher ein Bild mit der Aufschrift Praxis klebte und damit wohl in die Tierklinik führte, die direkt an das Wohnhaus angrenzte. Und zu ihrer Rechten befand sich eine Treppe mit einer Kellertür darunter. Sie folgte Akane die Treppe hinauf und kam dabei an weiteren Türen vorbei, die Mirâ jedoch nur flüchtig wahrnahm. Oben angekommen erkannte Mirâ drei weitere Räume, von denen Akane den Äußersten rechts ansteuerte, an dem ein grünes Schild hing, das ihren Namen trug.

„Komm rein. Setz dich ruhig schonmal, ich bringe uns was zu trinken. Ist Gerstentee in Ordnung?“, fragte die junge Frau.

„Ja gerne“, nickend betrat die Violetthaarige das Zimmer und sah sich etwas neugierig um.

Das Tageslicht fiel durch eine breite Fensterfront zu ihrer Rechten, die auf einen langen Balkon führte, auf einen schlichten, aber liebevoll eingerichteten Raum. Diese nahm jedoch nicht die gesamte Länge der Wand ein, sodass am Ende genug Platz für einen Schreibtisch war, auf dem ein schmales Regal stand, in dem die Brünette Stifte, Hefte und Blätter gestapelt hatte. Dem gegenüber stand ein großes Bett, dass mit einer Tagesdecke bedeckt war, und auf dem mehrere Plüschtiere in Form von Katzen und Hunden saßen. Daran grenzte ein flaches Regal, auf dem ein kleiner Flachbildfernseher stand, der in Richtung des Bettes gerichtet war. Direkt links neben ihr stand ein großer Eckschrank, während sich in der Ecke zu ihrer Rechten ein Kratzbaum befand, der sie wieder daran erinnerte, dass ihre Freundin am Anfang erwähnte drei Katzen zu besitzen. Ein großer, runder, hellgrüner Teppich trug einen niedrigen Tisch, umgeben von Sitzkissen. Auf diesen steuerte die junge Frau nun zu und setzte sich auf eines der Kissen. Nur wenige Sekunden später betrat die Besitzerin des Zimmers dieses wieder – dabei zwei Gläser mit Tee in der Hand, die sie auf den Tisch stellte. Gleich darauf ließ sie sich neben der Violetthaarigen nieder und atmete kurz durch.

„Sorry… es hat etwas gedauert. Ich musste den Tee erst suchen“, meinte sie daraufhin mit einem leichten Lächeln.

Angesprochene schüttelte nur den Kopf: „Nein, schon gut. So lange hat es ja gar nicht gedauert. Ich hab mich etwas umgeschaut. Du hast ein wirklich schönes Zimmer.“

„Danke“, grinste Akane breit und lehnte sich dann zurück, ehe sich ihr Blick etwas verfinsterte. „Was vorhin passiert ist… ich bekomme das nicht aus dem Kopf. Der Typ hat mir echt Angst gemacht.“

„Ging mir genauso“, senkte Mirâ leicht den Kopf. „Wer hätte gedacht, dass sich niemand außer uns an den Vorfall erinnern kann. Und er! Fast so, als hätte jemand die Realität manipuliert.“

Akane zog ein Bein an und blickte gedankenverloren ins Leere: „Unsere Nachbarin hat mich heute Morgen gefragt, ob es mir wieder besser geht. Sie hätte sich Sorgen gemacht, weil meine Eltern extra wegen mir die Praxis geschlossen hatten. Mal ganz davon abgesehen, dass sie das noch nie gemacht haben, weil sie ja immer in der Nähe sind. Aber offensichtlich denken alle Außenstehenden nun, dass ich krank war. Das gleiche dachte auch Masa-sensei. Es ist, als hätten alle die gleiche falsche Erinnerung.“

„Aber warum kann sich dann ausgerechnet dieser Kommissar noch erinnern?“, nachdenklich legte Mirâ einen Finger an ihr Kinn. „Ich verstehe, dass wir uns erinnern. Immerhin stecken wir direkt mit drin. Ehrlich gesagt bin ich auch froh, dass alle Außenstehenden eine andere Erinnerung haben, weil es uns Ärger erspart. Aber wieso kann ausgerechnet er sich erinnern?“

Keine der beiden wusste eine Antwort darauf, weshalb es still im Raum wurde. Jede von ihnen hing für einen Moment seinen eigenen Gedanken in Bezug auf die Spiegelwelt nach. Etwas Weiches an ihrem Bein ließ Mirâ jedoch zusammenzucken. Erschrocken zog sie dieses ein Stück zurück und sah daraufhin, wie etwas Schwarzes unter dem Tisch vorhuschte und in dem Kratzbaum verschwand. Kurz darauf lugte ein kleines, schwarzes Katzengericht mit dunkelbraunen Augen aus der Öffnung hervor.

„Oh“, entkam es der Oberschülerin fast entschuldigend.

„Kuro!“ Akane stand überrascht auf. „Na du? Willst du Hallo sagen?“

Sanft hob sie den kleinen Kater mit der linken weißen Pfote hoch und strich ihm mit der Wange liebevoll über den Kopf. Sofort drückte sich das kleine Tier gegen sie und schnurrte dabei ganz entspannt. Mit Kuro im Arm setzte sich Akane wieder zu Mirâ.

„Möchtest du ihn auch streicheln? Oder hast du Angst vor Katzen?“

„Nein, nur…“, begann die Violetthaarige zögerlich, hatte jedoch kurz darauf das schwarze Tier auf ihrem Schoß sitzen.

Mit großen Augen sah dieses sie daraufhin an und wirkte dabei etwas ratlos, wieso es nicht mehr liebkost wurde.

„Keine Sorge. Kuro ist sehr zutraulich“, meinte Akane lächelnd und strich genannten noch einmal kurz über den Kopf, was der kleine Kater sehr zu genießen schien.

Noch immer etwas überfordert blickte Mirâ auf die schwarze Katze auf ihrem Schoß. Es war nicht so, dass sie sie nicht gerne gestreichelt hätte, doch sie wusste auch, dass diese Tiere sehr eigen waren und sich meist selbst aussuchten, wer ihnen etwas Gutes tun konnte. Aus diesem Grund hob sie nur zögerlich die Hand, an welche sich Kuro jedoch sofort schmiegte, ohne darauf zu warten, was sie als Nächstes tun würde. Etwas erschrocken zuckte Mirâ noch einmal zusammen, doch entspannte sich dann, sodass sie dem kleinen Kater anschließend über den Kopf strich. Dieser wiederum genoss es und machte es sich nach wenigen Sekunden auf ihrem Schoß richtig bequem, während er laut vor sich hin schnurrte.

„Kleiner Schmusetiger“, lachte ihre Freundin daraufhin, deren Blick nun in Richtung ihrer Zimmertür schweifte. „Hallo Tako. Möchtest du auch?“

Mirâ sah auf und erkannte daraufhin ein rotbraun getigertes Kätzchen, dass den Kopf schief legte und sie offensichtlich beobachtete. Akane lehnte sich nach vorn und bot Tako ihre Hand an, bekam daraufhin jedoch nur ein Fauchen als Antwort, dass sie mit einem leichten Buckel unterstrich. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ stolzierend das Zimmer wieder.

„Kleine Diva“, murrte die Brünette daraufhin nur, was Mirâ ein kleines Lachen entlockte. „Tako ist sehr neugierig, aber eigen. Sie kommt nur kuscheln, wenn sie es wirklich will. Heute hat sie aber anscheinend keine Lust.“

„Süß“, lachte Mirâ und blickte wieder auf Kuro, der sie ebenfalls mit seinen großen Augen anstarrte. „Da fällt mir ein… du hast erwähnt, dass du drei Katzen hast. Damals dachte ich, dass das ziemlich viel ist. Aber vor allem dieser kleine Tiger hier ist wirklich niedlich.“

Allmählich wurde die junge Frau etwas mutiger und nahm den kleinen Kater einen Moment hoch, um mit ihrer Nase die des Tieres zu berühren, bevor sie es wieder auf ihren Schoß setzte.

Ihr Gegenüber bedachte sie mit einem Blick, auf dem sich ein kleines Lächeln absetzte: „Ja es gibt noch Ame, aber sie ist sehr scheu und hält sich von Fremden prinzipiell fern. Ich denke sie liegt unten im Wohnzimmer und schläft. Die drei sind alles Notrettungen, die ich auf der Straße gefunden und zu meinen Eltern gebracht hatte. Danach sind sie einfach alle geblieben. Und vor allem Ame muss etwas Schreckliches erlebt haben, weshalb sie so ängstlich ist. Ich möchte sie auch nicht überfordern, deshalb sei mir nicht böse, wenn du sie nicht zu Gesicht bekommst.“

Mirâ schüttelte den Kopf, als Zeichen, dass es in Ordnung sei und blickte dann ihre Freundin mit mehr als flüchtigem Interesse an. Es überraschte sie, dass die drei Katzen Findelkinder der Brünetten waren. Sie musste wirklich ein großes Herz für Tiere und noch dazu einen starken Beschützerinstinkt haben. In diesem Moment umgab sie so viel Mitgefühl und Wärme, dass es die Violetthaarige nicht wunderte, dass Tiere sich ihr anvertrauten. Ein kleines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, während sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem schwarzen Kater schenkte, der noch immer auf ihrem Schoß saß. Es machte sie sie glücklich eine Seite an der Brünetten kennenzulernen und sie wünschte sich, noch viel mehr über sie zu erfahren. Auch Dinge, die vielleicht nicht immer positiv waren. Sie wollte einfach alles über sie wissen.

„Ähm“, holte sie die Stimme ihrer Freundin aus den Gedanken. „Um auf das Thema zu kommen, weswegen ich mit dir sprechen wollte. Du hast dein Leben für mich riskiert und dafür möchte ich dir noch einmal danken. Es ist nicht selbstverständlich so etwas für jemanden zu tun, den man erst einige Tage kennt. Aber… seit wir uns kennengelernt haben spüre ich eine Verbundenheit zu dir. Ich möchte dich gerne besser kennenlernen und… wenn es für dich in Ordnung ist, dich beim Vornamen nennen.“

Erneut sah Mirâ sie überrascht an, während die junge Frau den Kopf gesenkt hatte und auf ihre Hände starrte, die sie verkrampft in ihren Schoß gelegt hatte. Plötzlich bewegte sich ihr Körper von wie von selbst. Sie unterbrach die Streicheleinheiten und griff nach den Händen der Brünetten, die sie etwas erschrocken ansah. Währenddessen bildete sich auf dem Gesicht der Violetthaarigen ein breites, glückliches Grinsen.

„Mir geht es genauso, Akane“, sagte sie daraufhin und gab ihrer Freundin damit die Erlaubnis auch ihren Vornamen zu nutzen. „In der Zeit, in der du nicht da wars, habe ich mich sehr einsam gefühlt. Hiroshi-kun hat zwar versucht mich mit einzubinden, aber es war nicht das Gleiche, wie mit dir. Es würde mich freuen, wenn wir Freundinnen sein könnten.“

Mit einem Mal fiel Akane ihr um den Hals, woraufhin Kuro erschrocken von ihrem Schoß sprang und gebührenden Abstand nahm. Den Schwung den beide dabei hatten riss sie gemeinsam zu Boden, doch das störte sie nicht. Sich gegenseitig in den Armen liegend begannen sie plötzlich zu lachen und wurden dabei von einer völlig irritierten schwarzen Katze beobachtet.

„I am though… though Art I… Du hast eine neue Bindung hergestellt ... Du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest Personas der Arcana der Stärke zu erschaffen...“, erklang kurz darauf die weibliche Stimme in Begleitung des Glöckchens, welche Mirâ jedoch ignorierte.

Denn in diesem Moment war es ihr egal, dass sie einen Bund in Zusammenhang mit ihrer Mission geschlossen hatte. Viel mehr war sie glücklich darüber eine Freundin gefunden zu haben, die ihr so viel bedeutete.
 

[ ??? ]
 

Die Dunkelheit, die mit dem Blau in diesem Raum zu verschmelzen schien, wurde mit einem Mal von einem intensiv blauen Leuchten durchbrochen. Igor, der unverändert an seinem Tisch saß öffnete ein Auge und blickte auf die Karte der Stärke, von welcher das intensive Strahlen ausging, und die ihre Position minimal geändert hatte, in dem sie ein kleines Stückchen tiefer in den Kreis hineingerutscht war. Ein zufriedenes Lächeln, dass schon fast die Grenze zu einem Grinsen überschritt, bildete sich unter seiner großen Nase, während er wieder die Augen schloss und der Raum daraufhin wieder in tiefe Dunkelheit tauchte.
 

[ *Abend* ]

[[ Team ]]
 

Akane 16:30

Hey Hiroshi. Kurze Info… ich wurde gerade von einem Kommissar angesprochen, der mich wegen meinem Verschwinden befragen wollte. Anscheinend haben alle vergessen, dass ich verschwunden war. Sogar meine Akte ist verschwunden. Aber der Typ erinnert sich noch, genau wie wir. Irgendwas stimmt da nicht. Vor dem sollten wir uns in Acht nehmen.
 

Hiroshi-kun 20:14

Kurz ist etwas anderes… Klingt aber nicht so gut. Lasst uns morgen drüber reden.
 

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XXIII – When Threads Begin to Weave


 

*~* XXIII – When Threads Begin to Weave *~*

[ ~Mittwoch, 22. April 2015~ ]

[ *Mittag* ]

[ Jûgôya High School Dach ]
 

Die Sonne strahlte unerwartet warm vom Himmel, als hätte sie beschlossen, die unsteten, kühleren Tage zuvor vergessen zu machen. Diese angenehme Wetterwende hatten Mirâ, Akane und Hiroshi dazu veranlasst ihre Mittagspause auf dem Dach der Schule zu verbringen. In einer ruhigen Ecke ließen sie sich nieder, packten ihr Essen aus und genossen die sanfte Brise, die über das Gebäude hinwegstrich.

„Bist du sicher, dass das in Ordnung ist?“, fragte Mirâ mit einem besorgten Blick zu Hiroshi, der sich gerade sein Sandwich zurechtlegte. „Du hast deine Freunde heute wieder sitzen lassen.“

Überrascht hielt Hiroshi inne, das Sandwich nur Zentimeter von seinem Mund entfernt. Dann zuckte er mit den Schultern: „Mach dir keine Sorgen. Sie nehmen mir das nicht übel.“

Ohne weitere Erklärungen biss er herzhaft in sein Brot, kaute genüsslich und sprach erst weiter, nachdem er geschluckt hatte: „Außerdem wollten wir doch über diese Sache reden.“

Sein Blick wanderte prüfend über das Dach, um sicherzugehen, dass niemand in Hörweite war. Mirâ folgte seiner Geste und nickte dann: „Stimmt.“

„Also, was genau ist gestern passiert?“, meldete sich der Blonde erneut zu Wort und sah dabei Akane an, die sich gerade mit ihren Stäbchen etwas Reis in den Mund steckte.

Sie kaute in aller Ruhe, schluckte schließlich und antwortete gelassen: „Ein Kommissar hat uns angesprochen. Er stellte sich als Suou Tatsuya vor...“

Hiroshi tauschte einen schnellen Blick mit Mirâ: „War das nicht Hirotas Partner?“

Die Angesprochene nickte und berichtete dann, dass Suou Akane über ihr Verschwinden befragt hatte. Seltsamerweise konnte sich außer ihm offenbar niemand daran erinnern – selbst die offiziellen Akten waren verschwunden. Er hatte sogar mit Akanes Eltern gesprochen, die keinerlei Erinnerungen an das Ereignis hatten.

„Nicht einmal die Nachbarn erinnern sich“, fügte die Brünette hinzu. „Sie glauben alle, ich sei einfach nur krank gewesen.“

Hiroshi legte nachdenklich einen Finger an sein Kinn: „Das ist wirklich merkwürdig. Deine Mutter war total aufgelöst, als wir dich damals gesucht haben.“

„Und jetzt tut sie so, als sei nie etwas passiert...“, seine Sandkastenfreundin zuckte mit den Schultern. „Es ist fast, als wären die Erinnerungen aller manipuliert worden. Nur wir scheinen uns noch zu erinnern.“

„Und Suou-san“, ergänzte Mirâ. „Die Frage ist nur: Warum er? Was hat er mit der Spiegelwelt zu tun... oder hat er überhaupt etwas damit zu tun?“

„Sicher nicht“, Hiroshi schüttelte entschieden den Kopf. „Er kann unmöglich etwas mit der Spiegelwelt zu tun haben. Er ist ein ganz normaler Ermittler… oder?“

Sein letzter Satz ließ erahnen, dass er seinen eigenen Worten selbst nicht wirklich glaubte. Ein unangenehmes Schweigen breitete sich unter den drei Oberschülern aus, dass Mirâ zum Anlass nahm, um ihren Blick in Richtung Himmel schweifen zu lassen, als wolle sie in den Wolken eine Antwort auf ihr aktuelles Problem finden. Doch das mulmige Gefühl in ihrer Magengegend, dass ihr ein unangenehmes Zwicken verursachte, wollte einfach nicht weichen. Etwas an der ganzen Sache war merkwürdig.

„Es ist trotzdem merkwürdig“, sagte sie anschließend. „Warum ist er der Einzige, der sich – neben uns – noch erinnert?“

Die Brünette neben ihr stützte ihr Kinn auf ihre Hand und blickte auf ihr angefangenes Bentô: „Vielleicht besitzt er auch eine Persona…“

Zwei erschrockene Blicke trafen sie, was sie für eine Weile versuchte zu ignorieren, dann jedoch tief seufzte und durch ihre Haare strich: „Schaut mich nicht so entgeistert an. Das war nur eine spontane Eingebung und total abwegig, wenn er eigentlich mit der Spiegelwelt nichts zu tun hat. Vergesst das wieder… aber es macht die Sache nur noch mysteriöser.“

Für einen Moment sagte niemand etwas. Nur das Läuten der Schulglocke unterbrach die Stille zwischen ihnen. Um sie herum wurde es nun unruhig, als sich alle weiteren Schüler, die sich mit ihnen hier aufhielten, auf den Weg zurück ins Schulgebäudemachten. Hiroshi sah ihnen kurz nach und seufzte dann.

„Egal woran es liegt, wir müssen vorsichtig sein“, entschied er anschließend. „Wenn er weiter nachbohrt, dann haben wir ein großes Problem. Vor allem, wenn wir Mika-chan helfen wollen…“

Er sah ernst in die Runde, was die beiden Mädchen mit einem Nicken erwiderten, ehe sich die kleine Gruppe langsam erhob, um den anderen Schülern zu folgen. Besorgt biss sich Mirâ auf die Unterlippe, während sie ihren Blick kurz wieder in Richtung Himmel wandte. Sie hoffte inständig, dass sich Suou-san nicht zu einem ernsten Problem entwickelte, das sich ihnen in den Weg stellen würde. Sie brauchten ein Alibi, um Mika in der Welt hinter den Spiegeln helfen zu können. Da konnten sie niemanden gebrauchen, der ihnen nachspionierte. Vorerst war es deshalb wohl das einfachste sich dem Kommissar gegenüber unwissend zu geben. Jedoch hatte sie das Gefühl, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihnen der Ältere auf die Schliche kommen würde und das beunruhigte sie. Mit sorgenvollem Blick sah sie auf die vorbeiziehenden Wolken und hoffte inständig, dass sie sich vorerst umsonst so viele Sorgen machte.
 

Nur wenige Minuten später hatten die drei das Gebäude wieder betreten und machten sich auf den Weg zu ihrer Klasse, welche sich auf gleicher Ebene wie das begehbare Dach befand. Aus diesem Grund hatten sie es ohnehin nicht sonderlich eilig und stoppten deshalb, als sie im Treppenhaus Zeugen einer unangenehmen Szene wurden. Vor ihnen befand sich ein Mädchen mit hellbraunen, welligen Haaren, die rechts teilweise zu einem Zopf zusammengebunden waren, während ihr der Rest locker auf die schmalen Schultern fiel. Anstatt des Blazers trug sie den weiß-roten Pullover, unter dem man die schwarze Bluse erkannte, deren obersten Knopf sie offengelassen hatte. Leicht eingeschüchtert blickte sie auf zwei Mitschülerinnen, die sich vor ihr aufgebaut hatten.

„Hey Minatsuki, du weißt schon, dass du hier nicht hingehörst. Oder?“, begann eine der beiden Schülerinnen mit gespielter Freundlichkeit.

Die andere lachte spöttisch: „Genau. Schulen wie diese sind nicht für Leute wie dich gemacht.“

Die Angesprochene wich einen Schritt zurück, hielt den Blicken der andern aber ansonsten stand.

„Was soll das heißen?“, fragte sie ruhig, auch wenn ihre Finger sich in den Saum ihres Ärmels krallten.

„Na, das weißt du doch selbst“, schnippte das erste Mädchen. „Denkst du ernsthaft, du kannst hier mithalten? Träum weiter!“

Für einen Moment herrschte Stille, dann richtete sich die brünette junge Frau gerade auf; ihre Haltung straffte sich und ein unerwarteter Funke flammte in ihren Augen auf.

„Vielleicht werfen eure Eltern mit Geld um sich und ihr könnt euch etwas darauf einbilden, aber ich bin hier, weil ich es mir verdient habe“, sagte sie daraufhin scharf. „Also erspart mir eure herablassenden Kommentare und verschwindet.“

Plötzlich erstarrten die beiden Mädchen, die offensichtlich nicht mit der Gegenwehr ihres Gegenübers gerechnet hatten. Für einen Moment wirkten sie etwas verunsichert, doch dann warf eine der beiden ihre Haare mit Schwung nach hinten und wandte sich von der Hellbrünetten ab.

„Wie dem auch sei. Lass uns gehen“, sprach sie zu der anderen und ging dann an ihrem Opfer vorbei, jedoch nicht ohne sie noch leicht an der Schulter anzurempeln.

Das andere Mädchen folgte ihr, wandte sich jedoch noch einmal an ihr Opfer: „Denk dran, wir haben dich im Auge.“

Mirâ, die das Ganze mit angespanntem Blick beobachtet hatte, spürte wie sie ihre Hände unbewusst zu Fäusten geballt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass sie eine solche Szene beobachtet hatte, und mit Sicherheit würde es auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Trotzdem ärgerte sie so etwas immer wieder sehr, während sie der Brünetten jedoch auch großen Respekt zollte. Diese schien einige Probleme mit ihren Klassenkameraden zu haben, ließ sich jedoch offensichtlich nicht davon unterkriegen und stellte sich ihnen mit aufrechter Haltung entgegen. Nicht jeder konnte von sich behaupten, so in solchen Situationen reagieren zu können. Es war jedenfalls besser, als sich in eine Opferrolle zu drängen, in der einem keiner helfen konnte; immerhin waren japanische Schulen nicht unbedingt bekannt dafür, dass sie Mobbing aktiv bekämpften. Andererseits konnte sich die Violetthaarige auch vorstellen, dass das alles nicht ganz spurlos an der Schülerin vorbeiging.

„Hey Shina. Ist alles in Ordnung?”, fragte Hiroshi plötzlich, ohne sich groß zu rühren.

Angesprochene zuckte leicht zusammen und drehte sich ihnen zu, woraufhin sich ihre hellblauen Augen für einen Moment weiteten, als sie den Blonden bemerkte. Dann bildete sich ein kleines Lächeln auf ihren Lippen, dass jedoch mehr als gezwungen wirkte.

„Ja, alles gut. Danke der Nachfrage“, antwortete sie dann nur. „Mach dir keine Gedanken. Ich komm schon klar.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren wandte sie sich ab und verschwand die Treppe zum ersten Jahrgang hinunter, während die drei Zweitklässler teils irritiert, teils besorgt zurückblieben. Hiroshi brummte leise und strich sich durch die Haare in seinem Nacken, bevor er sich Zunge schnalzend in Bewegung setzte und in Richtung ihres Klassenraumes ging. Die Violetthaarige blickte ihm irritiert nach, während sie ganz genau spürte, dass mehr hinter der ganzen Situation steckte, als es auf den ersten Blick wirkte. Doch ehe sie bei Akane nachfragen konnte, hatte auch diese sich bereits in Bewegung gesetzt und dabei den Kopf geschüttelt:

„Belassen wir es besser erst einmal dabei. Ich erkläre es dir bei Gelegenheit. Okay?“

Mirâ zögerte kurz, nickte dann allerdings und folgte den anderen; doch das unangenehme Gefühl in ihrer Brust wollte nicht verschwinden.
 

[ *nach der Schule* ]

[ Jûgôya High School Ostflügel ]
 

Ihren Gi richtend verließ Mirâ die Umkleide der Mädchen und wollte sich auf den Weg zu der Turnhalle begeben, in der die traditionellen Sportarten gelehrt wurden. Sie war etwas früher dran als sonst, da sie sich direkt nach dem Unterricht von ihren Freunden verabschiedet und auf den Weg gemacht hatte. Sie hatte sich vorgenommen, sich noch etwas mit ihrem neuen Bogen vertraut zu machen, ehe das Training begann, um dann etwas vorbereiteter zu sein. Aus diesem Grund schulterte sie noch einmal die Tasche, in der sich ihre neue Ausrüstung befand, und setzte sich in Bewegung, nur um nach nur wenigen Schritten wieder stehen zu bleiben, weil sie vor sich zwei junge Männer erkannte, die sich angeregt unterhielten. Einer der beiden Jungs war der Kapitän des Kyûdô-Clubs und auch der andere, welcher mit dem Rücken zu ihr stand, kam ihr mit seinen schwarzen, leicht wuscheligen Haaren bekannt vor. Es dauerte auch nicht lange, bis sie wusste woher. Denn als er aufblickte, um dem anderen in die Augen zu sehen, erkannte sie Masaru wieder. Dieser trug ebenfalls einen Hakama und einen Gi, da sie ihn jedoch die letzten Tage nicht in ihrem Club entdeckt hatte, ging sie davon aus, dass er Mitglied des Kendo-Clubs war. Die beiden waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie die junge Frau gar nicht bemerkten.

„Hör mal, Masa. Ich mach mir nur Sorgen. Übertreib es bitte nicht und sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst“, sagte Dai plötzlich, während er seinem Gegenüber die Hand auf die Schulter legte.

Dieser seufzte schwer: „Das weiß ich zu schätzen, Dai. Danke. Aber ich komme schon klar. Wir sollten dann langsam.“

Damit wandte sich der Schwarzhaarige ab und ging zu der Turnhalle für traditionelle Sportarten, während ihm der Brünette kurz nachschaute und dann Zunge schnalzend folgte. Kurz darauf waren beiden hinter der Tür verschwunden, die in den Verbindungsgang zwischen beiden Gebäuden führten. Mirâ wartete unterdessen noch einen Moment, ehe sie sich in Bewegung setzte und den beiden folgte, während sich wieder ein leicht mulmiges Gefühl in ihrem Magen breit machte, dass sie jedoch versuchte vorerst zu ignorieren.
 

[ *später Nachmittag* ]
 

Sich streckend betrat Mirâ das Foyer der Schule und massierte sich dabei die Schultern. Sie war absolut fertig und wollte nur noch nach Hause. Das erste richtige Training, welches an diesem Tag stattgefunden hatte, war anstrengend gewesen. Dazu kam, dass sie noch nicht an ihren neuen Bogen gewöhnt war und ihr deshalb nun jede einzelne Faser in den Armen wehtat. Da sie sonst auch keine Chance hatte irgendwo damit zu üben würde es wohl auch noch eine ganze Weile dauern, ehe sie sich an den Umgang mit dem Sportgerät gewöhnt hatte. Bis dahin musste sie sich damit abfinden, das Ziel öfters zu verfehlen. Leider war sie aufgrund dessen an diesem Tag nicht nur einmal die Zielscheibe der spöttischen Kommentare der Managerin geworden. Zwar hatte sich Dai irgendwann eingemischt und die Blonde darauf hingewiesen, endlich damit aufzuhören, doch diese hatte sich seine Worte nicht zu Herzen genommen, sondern eine Diskussion angefangen und ihm vorgeworfen, dass er selbst nicht bei der Sache war. Damit würde er die Qualifikation der Landesmeisterschaft niemals schaffen, hatte sie ihm noch zusätzlich an den Kopf geknallt. Diese Aussage jedoch reichte bereits, um den Brünetten zum Schweigen zu bringen. Eine Situation, die letzten Endes dem gesamten Team unangenehm war, weshalb die Stimmung danach auch ziemlich gedrückt war. Doch abgesehen von dem Tonfall, den ihre Managerin an den Tag gelegt hatte, musste Mirâ dieser zustimmen, denn der Kapitän schien wirklich nicht ganz da gewesen zu sein. Nicht nur einmal verfehlten seine Pfeile das Ziel gänzlich. Etwas, was in den zwei Klubtagen zuvor so gut wie nicht der Fall gewesen war. Die Violetthaarige vermutete, dass es an dem Gespräch lag, welches sie zuvor mitbekommen hatte. Dai und der junge Mann aus der Schülervertretung schienen sehr vertraut zu sein, immerhin hatte der Brünette ihn bei einem Spitznamen genannt. Das jedoch gab der ganzen Situation, in der er betonte, wie sehr er sich um seinen Kumpel sorgte, noch einmal einen viel ernsteren Beigeschmack. Sie fragte sich, worum es in dem Gespräch wohl gegangen sein musste. Die letzten Male, als sie den Schwarzhaarigen getroffen hatte, wirkte er nicht so, als würde er größere Schwierigkeiten oder gesundheitliche Probleme haben. Jedoch waren das auch nur Momentaufnahmen und mit Sicherheit würde er ihr, als Fremde, so etwas auch nicht offen zeigen. Dai hatte da wahrscheinlich einen viel tieferen Einblick. Trotzdem beschäftigte sie das Thema. Eben auch, weil es ihr ein so ungutes Gefühl verpasste. Geistesabwesend wandte sich Mirâ ihrem Fach zu und wechselte die Schuhe, bevor sie sich in Richtung Ausgang drehte, um das Gebäude zu verlassen. Plötzlich jedoch stieß sie mit einer Person zusammen. Erschrocken sah sie auf und blickte auf Dai, der ebenso überrascht wirkte.

„Oh Shingetsu. Du bist noch da?“, fragte er, wirke dabei jedoch nicht ganz anwesend.

„Ja. Ich habe etwas länger gebraucht, als sonst“, antwortete die Violetthaarige und legte dann den Kopf schief. „Alles in Ordnung, Kazuma-senpai?“

Ihr Gegenüber brauchte einen Moment, ehe er auf ihre Worte reagierte: „Hm. Was?“

„Du bist abwesend. Das war auch schon beim Training so. Ist etwas passiert?“, fragte die junge Frau erneut nach. „Kann es sein, dass es etwas mit dem Gespräch zu tun hat, dass du vorhin mit Shin-senpai geführt hast?“

„Du hast uns gesehen?“, kam nur eine Gegenfrage.

„Ja, aber ich weiß nicht worum es ging. Aber seitdem wirkst du so abwesend und besorgt“, antwortete Mirâ ehrlich.

Der Ältere senkte den Blick: „Ich verstehe. Hm… ja daran liegt es wohl… oder viel mehr an Masarus Verhalten. Weißt du… er ist jemand, der schlecht nein sagen kann. Wenn jemand Hilfe braucht, dann springt er sofort, ohne auf sich selbst zu schauen. Dabei hat er zuhause schon genug Stress. Ich mache mir Sorgen, dass es ihm irgendwann Probleme bereiten könnte.“

Dai wandte sich dem immer noch blauen Himmel draußen zu, während ihn die Jüngere überrascht ansah. Sie hatte eigentlich nicht den Eindruck gehabt, dass der Schwarzhaarige Stress hatte, als sie diesen im Tempel getroffen hatte. Aber auch das war nur eine kurze Momentaufnahme gewesen, mit der sie sich eigentlich kein vollständiges Bild der Situation machen konnte. Da der Kapitän des Kyûdô-Clubs Masaru jedoch schon länger zu kennen schien, wusste dieser mit Sicherheit besser, wie es bei seinem Kumpel privat aussah. Eine Freundschaft, in der man sich so gut kannte, war schon etwas Schönes, fand sie.

Ein Seufzen ließ sie wieder zu dem Brünetten schauen: „Ich werde wohl einfach erstmal hoffen müssen, dass er irgendwann einsieht, dass er nicht alles alleine schultern kann. Ich hoffe, dass bis dahin nichts passiert.“

„Ihr seid wirklich gute Freunde. Was?“, warf die junge Frau plötzlich ein und stellte sich neben den Älteren, dem sie ein freundliches Lächeln schenkte. „Ich bin sicher, dass deine Sorgen Shin-senpai erreichen werden. Es wird sicher alles gut gehen.“

Wieder sah ihr Gegenüber sie überrascht an, doch erwiderte dann ihr Lächeln: „Ich hoffe du hast recht. Vielleicht sollte ich Masaru einfach auch mehr vertrauen. Danke Shingetsu. Lieb von dir, dass du mich aufmuntern wolltest.“

Mirâ nickte noch immer lächelnd, während sie ein warmes Gefühl in ihrer Brust spürte, dass sich immer weiter in ihrem Körper ausbreitete und ihr ein Gefühl der Geborgenheit gab. Es war das gleiche, wie das, was sie gespürt hatte, als sich der Social Link mit dem Älteren geformt hatte, weshalb sie ahnte, was es zu bedeuten hatte, selbst wenn sie sich der gesamten Tragweite dessen noch immer noch bewusst war. Doch sie wusste, dass es etwas Gutes war, weshalb sie das Gefühl zuließ. Plötzlich streckte sich der junge Mann neben ihr und atmete einmal tief durch, ehe er sich noch einmal lächelnd an sie wandte und sich dann von ihr verabschiedete. Zufrieden sah sie ihm nach und war froh darüber, ihrem Kapitän auf diese Weise offensichtlich etwas geholfen zu haben. Sie blickte noch einmal kurz in den Himmel, an welchem sich die Sonne bereits auf den Weg gen Horizont gemacht hatte, bevor sie auch noch einmal tief durchatmete und sich dann endlich auf den Heimweg begab.
 

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XXIV – Passing Glances


 

*~* XXIV – Passing Glances *~*

[ ~Donnerstag, 23. April 2015~ ]

[ *nach der Schule* ]

[ Jûgôya High School – Klasse 2-1 ]
 

Der Gong der Schulglocke schallte über das Gelände der Jûgôya High School und unterbrach damit die vorherrschende Stille auf dem Areal; dabei eine kleine Schaar Vögel aufscheuchend, die in den Bäumen rund um das Hauptgebäude saßen. Innerhalb des Gebäudes löste dieser Klang eine leichte Unruhe aus, als die jeweiligen Klassenlehrer ihre Schützlinge in den freien Nachmittag oder zu ihren Clubs entließen. Auch im Klassenraum der 2-1 war es lauter geworden nachdem sich Masa-sensei verabschiedet hatte, als beinahe alle Schüler wie von der Tarantel gestochen aufsprangen und hinaus auf den Gang stürmten. Mirâ und Akane unterdessen ließen sich etwas Zeit, da sie ohnehin keinen der heute anstehenden Clubs besuchten; deshalb packten sie in aller Ruhe ihre Hefte zusammen und machten sich langsam auf den Weg ins Foyer.

"Wollen wir etwas zusammen unternehmen?", fragte die Brünette, als die beiden in den Gang des zweiten Jahres traten.

Fragend wandte sich Angesprochene ihrer Freundin zu, die sie erwartungsvoll ansah, bevor sie nachfragte, was der jungen Frau denn so vorschwebte.

Ein breites Grinsen legte sich auf Akanes Lippen: "Lass uns einen kleinen Spaziergang machen und ich zeig dir dabei noch ein paar Ecken der Stadt. Heute ist das Wetter doch so angenehm."

Für einen Moment war die Violetthaarige etwas überrascht, doch lächelte dann: "Sehr gerne... oh..."

Neben sich merkte sie, wie sich Hiroshi langsam an ihnen vorbeibewegte, der kurz stoppte und ihnen ein Lächeln schenkte: "Schöne Idee."

"Möchtest du mitkommen, Hiroshi-kun?", fragte Mirâ leicht verunsichert nach, da sie sich nicht sicher war, ob sich der Blonde ausgeschlossen fühlte.

Dieser jedoch grinste nur und hob die Hand: "Danke für das Angebot, aber ich verzichte heute. Ich hab mich letzte Woche nicht einmal in meinem Club blicken lassen, deshalb wird es langsam Zeit."

"Oh ich verstehe", sagte die Oberschülerin etwas überrascht, "Dann viel Spaß."

"Danke, euch auch. Bis morgen", verabschiedete sich der junge Mann und war kurz darauf die Treppe hinab verschwunden.

Immer noch leicht irritiert sah Mirâ ihm nach, immerhin wusste sie, dass er letzte Woche definitiv beim Fußballclub war; dann jedoch fiel ihr ein, dass er einmal meinte, sich vorher bei seinem Clubleiter abgemeldet zu haben. Und soweit sie sich erinnerte war das am letzten Donnerstag der Fall gewesen; und den Dienstag davor hatte er sie mit zu Akane begleitet. So langsam ergab es für sie einen Sinn, auch wenn für sie immer noch die Frage blieb, welchen Kurs er eigentlich besuchte. Sie wandte ihren Blick an ihre brünette Freundin, die offensichtlich daraus die stumme Frage lesen konnte, denn sie zuckte kurz darauf mit den Schultern.

"Ganz genau weiß ich es nicht, aber ich habe da so eine Vermutung", sagte sie anschließend, was ihr gegenüber nur neugierig die Augen aufreißen ließ und sie damit zum weitersprechen aufforderte, "Hiroshi mochte als Kind schon Fremdsprachen sehr gerne... Deshalb ist es gut möglich, dass er den Fremdsprachen-Club besucht. Aber ganz genau kann ich es dir nicht sagen."

Ohne weiter darauf einzugehen setzte sich die Brünette daraufhin wieder in Bewegung und stieg nun ebenfalls die Treppen ins Foyer hinunter, während Mirâ noch einen Moment brauchte, um die gerade erhaltene Information zu verarbeiten. Für sie wirkte Hiroshi eigentlich nicht unbedingt wie jemand, der Spaß an anderen Sprachen hatte, jedoch musste sie sich auch wieder einmal eingestehen, dass sie ihn ja eigentlich auch noch gar nicht so gut kannte. Daraufhin bildete sich ein kleines Lächeln auf ihren Lippen, während sie ihrer Freundin nun folgte und sie daran dachte, dass dies ja eigentlich eine weitere wertvolle Information über ihn war, auf die sie den Blonden bei Gelegenheit ansprechen würde. Am untersten Ende der Treppe, welche nahtlos ins Foyer überging wartete Akane geduldig auf sie, bis sie zu dieser aufgeschlossen hatte und mit ihr gemeinsam zu den Schuhfächern ging, um dort ihre Schuhe zu wechseln. Dabei fiel ihr plötzlich eine schwarzhaarige junge Frau auf, die direkt auf sie zukam und sie dann passierte. In diesem Moment hatte Mirâ für einen Moment das Gefühl, als würde sie ein kalter Hauch streifen, während sie den Klang eines Glöckchens vernahm. Erschrocken blieb sie deshalb stehen und drehte sich zu der Schülerin um, deren schwarze Haare ihr bis zur Hüfte reichten und nach unten hin in dicken locken fielen, während sie oberhalb sehr glatt wirkten und dazu noch an den Spitzen rötlich schimmerten. Sie wiederum schien weder Kenntnis von Mirâ genommen, noch bemerkt zu haben, dass diese sich nach ihr umgedreht hatte, und lief unbeirrt weiter ihres Weges.

"Was ist los Mirâ?", holte Akanes Stimme sie aus ihren Gedanken, die sehr wohl mitbekommen hatte, dass sich die Violetthaarige merkwürdig verhielt.

"Ähm dieses Mädchen...", begann Angesprochene etwas unsicher darüber, ob sie ihrer Freundin von ihrem Gefühl erzählen sollte.

"Ah du meinst Kagetō-san... Sie ist sehr auffällig oder?", meinte ihre Freundin nur in Richtung des gemeinten Mädchens.

"Kagetō-san?", fragte Mirâ nach, während sich ein merkwürdiges Gefühl in ihr breit machte.

"Ähm ja... erinnerst du dich nicht an sie? Sie geht doch... in unsere Klasse?", für einen Moment schien auch ihr Gegenüber verwirrt über ihre eigene Aussage, fing sich dann jedoch wieder, "Sie sitzt doch ganz hinten rechts."

Mit einem Mal hatte auch Mirâ das Gefühl den Namen schon einmal gehört und sie selbst schon einmal gesehen zu haben. Jedoch fiel ihr nicht ein bei welcher Gelegenheit; egal wie sehr sie auch versuchte sich daran zu erinnern. Jedoch waren die letzten beiden Wochen auch ziemlich aufregend gewesen, weshalb es gut möglich war, dass sie einfach nicht aktiv auf sie geachtet hatte. Aus diesem Grund verwarf sie ihre anfänglichen Zweifel und wandte sich wieder dem Ausgang zu, um endlich die Schuhe zu wechseln und dann ihren Plan mit Akane in die Tat umzusetzen.
 

[ *Nachmittag* ]
 

Die Nachmittagssonne stand noch hoch am Himmel, tauchte die Stadt jedoch bereits in ein sanftes goldenes Licht. Ein leichter Wind kam auf und brachte die Blätter der Bäume an Flussufer zum Rascheln. Ein sanftes Rauschen erklang, das sehr beruhigend auf Geist und Seele wirkte und Mirâ die Strapazen der letzten Tage vergessen ließ. Sie sog die frische Luft tief ein, während sie neben Akane entlang des gepflasterten Weges schlenderte, der sich entlang des Wassers schlängelte.

„Ich liebe diese Zeit“, sagte Akane mit einem zufriedenen Lächeln, während sie ihre Arme hinter ihrem Kopf ausstreckte, „Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Einfach perfekt.“

Die Violetthaarige neben ihr nickte und ließ ihren Blick über das sanft glitzernde Wasser gleiten. Hier und da schwammen gemächlich einige Enten an ihnen vorbei, während auf der gegenüberliegenden Seite ein paar ältere Leute auf einer Bank saßen und sich unterhielten. Es war eine dieser Szenen, die eine friedliche Vertrautheit ausstrahlten, als wäre hier alles in seiner Ordnung.

„Wirklich ein schöner Ort“, merkte Mirâ nachdenklich an, während sie die Umgebung auf sich wirken ließ.

Ihre Freundin setzte ein triumphierendes Lächeln auf: „Ich wusste, dass es dir hier gefallen würde. Das hier ist einer der besten Orte, um nach der Schule abzuschalten.“

„Ich kann es verstehen“ Die Violetthaarige trat ein wenig näher an das Geländer und ließ ihre Finger über das kühle Metall gleiten. Doch während sie den Blick über das Wasser schweifen ließ, spürte sie plötzlich wieder diese Unruhe in sich aufkommen. Es war, als würde etwas an den Rändern ihrer Wahrnehmung lauern, kaum greifbar, aber dennoch präsent. Die Ereignisse in der Spiegelwelt traten ihr wieder ins Gedächtnis und sie kam nicht umher daran zu denken, dass dies wohl erst der Anfang war. Es waren nicht nur Igors Worte, die sie zu dieser Vermutung drängten – auch die noch immer versiegelten Spiegel in ihrem Velvet Room waren für sie Indizien darauf. Und genau das beunruhigte sie. Nicht zu wissen, was sie noch erwarten würde, bereitete ihr Sorgen, doch sie wusste auch, dass sie in diesem Moment nichts daran ändern konnte. Es gab keine andere Wahl, als es erst einmal so hinzunehmen. Aus diesem Grund seufzte sie einmal tief und versuchte so ihre Gedanken etwas beiseite zu schieben. Dabei war ihr nicht einmal aufgefallen, wie laut ihr Seufzen überhaupt war, sodass Akane sie nun überrascht ansah.

„Alles in Ordnung?“, fragte diese daraufhin und legte den Kopf leicht schief.

Mirâ blinzelte und zwang sich zu einem Lächeln: „Ähm ja… ich war nur kurz in Gedanken.“

„Wegen der Welt hinter den Spiegeln?“, sprach ihre Freundin das Thema ganz direkt an, was der Oberschülerin einen erstaunten Blick abrang.

Dann nickte sie vorsichtig: „Ja. Es beunruhigt mich, nicht zu wissen, was uns noch erwarten wird…“

Die Brünette neben ihr lehnte sich nach vorn an das Geländer und blickte auf vorbeifließende Wasser: „Keine Sorge… uns geht es genauso. Ich verstehe dich also.“

Sie setzte ein ehrliches Lächeln auf und wandte sich damit wieder an die Violetthaarige: „Deshalb kannst du auch jederzeit mit mir oder Hiroshi darüber sprechen, wenn du Sorgen hast. Wir werden für dich da sein, Mirâ. Wir stehen das gemeinsam durch.“

Die Brünette legte ihre Warme Hand auf die von Mirâ, die noch immer das Geländer umfasste und sorgte dafür, dass die innere Unruhe der jungen Frau langsam wieder abnahm. Allmählich verließ sie ihre Anspannung wieder, weshalb sie ihre hochgezogenen Schultern wieder sinken ließ. Genau, ihre Freunde waren bei ihr und unterstützten sie. Egal was sie nun also noch erwarten würde, sie war nicht alleine.

„Vielen Dank, Akane“, sagte sie daraufhin nur mit einem erleichterten Lächeln, welches ihr Gegenüber mit einem breiten Grinsen erwiderte.

Kurz darauf stieß diese sich wieder vom Geländer ab und wandte sich dem Weg zu, den sie noch zu gehen hatten. Ein stilles Zeichen für Mirâ, dass sie ihren Weg fortsetzen sollten, bevor es dunkel wurde. Immer noch lächelnd wandte sich deshalb auch die Violetthaarige wieder vom Geländer ab und trat an ihre brünette Freundin heran, sodass sie weitergehen konnten.
 

Ihr Weg führte die beiden Oberschülerinnen weiter am Fluss entlang, bis sie eine größere Freifläche erreichten, die zwischen dem Wasser und dem Pfad lag, auf dem sie unterwegs waren. Darauf erkannte Mirâ einen eingezäunten Fußballplatz, der um diese Zeit sehr gut besucht war. Mehrere Kinder rannten über das Feld, jagten dem Ball hinterher und riefen sich lauthals Anweisungen zu. Das aufgeregte Lachen und das dumpfe Geräusch von aufprallendem Leder mischte sich mit dem sanften Rauschen des Wassers und dem entfernten Zwitschern der Vögel. Gebannt von der Szenerie blieb Mirâ stehen und blickte auf das Geschehen. Dabei bemerkte sie ein brünettes Mädchen, welches etwas Abseits im Gras saß und auf das Feld vor sich starrte. Sie wirkte ruhig, fast verträumt, als würde sie in Gedanken versunken das Spiel verfolgen. Ihre Hände ruhten locker auf ihrem Schoß, und eine leichte Briese spielte mit den Spitzen ihres Ponys. Sie wirkte ein wenig einsam, wie sie dort so saß, doch ehe Mirâ so richtig darauf reagieren konnte, wurde sie von einer lauten Stimme aus den Gedanken gerissen.

„Du kannst doch nicht erwarten, dass alle sofort begeistert sind, wenn du ihnen von deinem Hobby erzählst“, sagte jemand lautstark mit einem hörbaren Anflug von Frustration.

Mirâ wandte sich um und sah zwei Mädchen, die in ihre Richtung liefen. Die eine hatte auffällig rosafarbene Haare, die zu einem hohen, dicken Zopf gebunden waren. Ihre violetten Augen funkelten amüsiert, während sie ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt hielt. Neben ihr ging eine wesentlich kleinere junge Frau mit wilden, ungestümen roten Haaren, die unaufhörlich mit den Händen gestikulierte.

„Aber wieso denn nicht?“, fragte die Rosahaarige mit schief gelegtem Kopf, „Es ist nun mal mega cool. Ist ja nicht so, als würden wir uns nur raufen oder so – es gibt richtige Techniken, Taktiken und so viele verschiedene Moves.“

„Ich sag ja nicht, dass es uncool ist“, meinte ihr Gegenüber und seufzte dann schwer. „Aber was reg ich mich darüber auf? Ich werde ja auch immer schief angeschaut.“

Ihre Freundin lachte: „So ist das halt mit ausgefallenen Hobbys.“

Mirâ beobachtete die beiden mit einem Hauch von Belustigung, als sie an ihr vorbeigingen. Dabei traf sie den Blick der Rosahaarigen, die ihr ein kurzes Lächeln schenkte und sogar freundlich nickte, bevor sie die Violetthaarige passiert hatten.

„Kanntest du die beiden?“, fragte Akane etwas irritiert.

„Nein“, schüttelte Mirâ den Kopf, „Aber sie gehen offensichtlich auch auf die Jûgôya.“

„Jetzt wo du es sagst. Sie tragen die gleiche Uniform“, sah die Brünette ihnen kurz hinterher. „Sie haben sich über ausgefallene Hobbys unterhalten. Was meinst du? Was sind ihre Hobbys?“

„Keine Ahnung… die eine hat etwas von raufen erzählt. Vielleicht macht sie auch Karate?“, versuchte die Violetthaarige eine Vermutung anzustellen, die ihre Freundin jedoch wieder dementierte:

„Nein. Karate ist gesellschaftlich anerkannt. Das würde niemand als merkwürdig bezeichnen…“

Mirâ schmunzelte über diese Aussage und ließ dann ihren Blick noch einmal zu dem braunhaarigen Mädchen auf dem Graf schweifen. Sie saß noch immer regungslos da und schien völlig in ihre Gedanken versunken zu sein. Und obwohl Mirâ das Bedürfnis verspürte sie anzusprechen, so hielt sie sich für diesen Moment zurück.

„Ich glaube so einfach finden wir die Antwort nicht“, wandte sie sich wieder ihrer Freundin zu, bezugnehmend auf das Thema, welches sie gerade hatten, „Lass uns lieber weitergehen. Die Sonne geht schon unter.“

Überrascht blickte Akane zum Horizont, an welchem die Sonne bereits begann zu verschwinden, weshalb sie ihrer Freundin zustimmte und das Thema erst einmal fallen ließ, bevor sie sich weiter auf den Weg machten.
 

[ *später Nachmittag* ]
 

Der Himmel hatte sich inzwischen in warme Orange- und Rosatöne getaucht, als die beiden jungen Frauen sich auf den Weg zur nahegelegenen U-Bahnstation von Mangetsu-kû machten, von welcher aus Mirâ den Heimweg antreten würde. Der Spaziergang am Fluss hatte beiden gutgetan. Eine angenehme Stille lag zwischen ihnen, nur unterbrochen vom entfernten Summen der Innenstadt. Plötzlich jedoch spürte Mirâ, wie Akane neben ihr abrupt langsamer wurde. Verwundert drehte sie den Kopf und bemerkte, dass ihre Freundin mit leicht geröteten Wangen nach vorne starrte. Neugierig folgte die Violetthaarige ihrem Blick und erkannte dann einen großgewachsenen jungen Mann auf sie zukommen. Seine dunkelblauen, strubbeligen Haare wirkten im abendlichen Licht leicht grünlich, doch die Violetthaarige erkannte ihn sofort. Es handelte sich dabei um den älteren Schüler, der vor einigen Tagen von Shin-senpai zurechtgewiesen und zurück zum Unterricht geschickt wurde, als er diesen schwänzen wollte. Neben ihm lief ein wunderschöner Golden Retriever, dessen seidiges Fell im Abendlicht glänzte. Brav trottete dieser neben seinem Herrchen her, die Rute sanft wedelnd, während sein Besitzer mit lässigem Gang die Straße entlangging. Neben sich bemerkte Mirâ, wie Akane den Atem anzuhalten schien. Ihre Augen verfolgten jede seiner Bewegungen, und für einen Moment wirkte sie völlig entrückt. Der Junge jedoch schien die beiden nicht einmal zu bemerken. Mit den Kopfhörern auf seinen Ohren und ohne seine Umgebung weiter zu beachten, lief er an ihnen vorbei, während sein Hund kurz in ihre Richtung blickte, dann aber ebenfalls weiterging. Kurze Zeit später war er bereits wieder außer Sichtweite, woraufhin die Brünette einmal tief ausatmete und fast unmerklich den Kopf schüttelte.

Mirâ grinste leicht: „Dein Schwarm?“

„N-nein! Das habe ich dir letztens doch schon erklärt“, wehrte Angesprochene viel zu schnell ab, doch die verräterische Röte auf ihren Wangen sprach eine andere Sprache.

Mirâ schmunzelte, während Akane demonstrativ nach vorne schaute und versuchte das Thema zu wechseln. Doch das Lächeln auf den Lippen der Violetthaarigen wollte trotzdem nicht weichen, denn das Verhalten ihrer besten Freundin verriet mehr, als sie eigentlich preisgeben wollte.
 

[ *später Abend* ]
 

Wach lag Mirâ auf ihrem Futon und starrte an die Zimmerdecke. Das weiche Licht, welches von dem nun wieder zunehmenden Mond durch ihr Fenster fiel, tauchte den Raum in ein sanftes, silbernes Schimmern. Ein hellerer Lichtstrahl bewegte sich die Wände entlang, als ein Auto an ihrem Haus vorbeifuhr und nur wenige Sekunden später bereits wieder verschwunden war. Die junge Frau atmete tief ein und spürte, wie die Erschöpfung des Tages ihr langsam anheimfiel. Der Spaziergang mit Akane, die Begegnungen am Flus, das flüchtige Zusammentreffen mit dem älteren Schüler und seinem Hund – all das wirkte nun wie kleine Momentaufnahmen in ihrem Kopf, die sich nach und nach vermischten. Besonders jedoch war ihr das Mädchen mit den braunen Haaren in Erinnerung geblieben. Wer war sie? Warum hatte sie so verträumt auf das Fußballfeld gestarrt? Irgendetwas an ihr hatte Mirâs ganz besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Doch was? Sie drehte sich auf die Seite, zog ihre Decke ein Stück höher und seufzte leise. Vielleicht interpretierte sie auch zu viel in diese Begegnung hinein. Vielleicht war es einfach nur ein zufälliger Moment, der keine größere Bedeutung hatte. Trotzdem war ihr der Gedanke, sie anzusprechen nicht vollständig aus dem Kopf gegangen. Erneut drehte sich die junge Frau herum und blickte dann auf ihren Spiegel, der am anderen Ende des Raumes an der Wand hing. Darin erblickte sie ihr eigenes Spiegelbild, das ihr ruhig und unverändert entgegenblickte. Nichts ließ darauf schließen, dass sie vor etwas mehr als zwei Wochen durch diesen das erste Mal in der Spiegelwelt gelandet war. Damals hatte sie noch an einen Traum geglaubt. Hätte ihr damals jemand gesagt, dass sie fast zwei Wochen später ihre neue Freundin von dort retten musste, sie hätte denjenigen wohl für verrückt erklärt. Doch nun… noch immer starrte sie auf ihren Spiegel, von welchem aus ihr Ebenbild ihr entgegenblickte – und allmählich machte sich ein ungutes Gefühl ihrem Magen breit, während sie an die erste Begegnung mit dem Wesen im Spiegel dachte. Sie brummte leise und drehte sich wieder in Richtung der Wand. Daran wollte sie nun nicht mehr denken. Ein sanfter Windstoß ließ ihre Vorhänge rascheln, und für einen Moment hatte Mirâ das Gefühl ein kaum wahrnehmbares Klingeln zu hören. Ein Echo aus einer anderen Welt. Sie schloss die Augen. Morgen würde ein neuer Tag beginnen – und mit ihm würden sich vielleicht auch neue Antworten, aber auch Fragen ergeben. Doch für diesen Moment war es genug. Mit diesen Gedanken schwand allmählich Mirâs erschöpfter Geist und führte sie ins Reich der Träume.
 

[ Jûgôya High School Schwimmhalle ]
 

Das leise Plätschern des Wassers hallte durch die fast leere Schwimmhalle. Nur eine einzige Gestalt zog noch ihre Bahnen, während das Licht der Deckenlampen auf der Wasseroberfläche flackerte. Jeder Zug war kräftig, fast mechanisch, doch je länger sie schwamm, desto schwerer fühlten sich ihre Arme an. Noch immer hallten die Worte ihrer Klassenkameraden in ihrem Kopf nach. Worte sie die verunsicherten und verletzten.

„Eigentlich gehörst du doch gar nicht hierher.“

„Leute wie du sollten sich nicht einbilden, mit uns mithalten zu können.“

„Eine andere Schule wäre wesentlich besser für dich gewesen.“

Ein Schwall Luft entwich ihren Lippen, als sie sich mit einem kräftigen Tritt vom Beckenrand abstieß und noch eine letzte Bahn zog. Das kühle Wasser war für sie ein Zufluchtsort – hier konnte sie all das abschütteln, was sich außerhalb des Beckens wie eine erdrückende Last anfühlte. Und doch… selbst hier drangen ihre Stimmen zu ihr durch und sorgten dafür, dass sie nicht vollständig abschalten konnte.

„Hey, Mädchen. Mach dann bitte Schluss für heute. Ich möchte abschließen“, ließ sie die tiefe, raue Stimme des Hausmeisters aus ihren Gedanken hochschrecken.

Er stand am Beckenrand, die Arme vor der Brust verschränkt und sichtlich ungeduldig.

„Ähm… j-ja… entschuldigen Sie“, murmelte die junge Frau und zog sich mit einem leichten Zittern aus dem Wasser.

Seufzend griff sie nach ihrem Handtuch und trocknete sich langsam ab, während sie die aufkommende Müdigkeit in ihren Gliedern spürte. Sie hatte gehofft, dass sie beim Schwimmen auf andere Gedanken kommen würde, doch nun fühlte sie sich noch schwerer als zuvor. Unter den strengen Blicken des älteren Mannes zog sie sich in die Umkleide zurück, wo sie schnell ihre Kleidung wechselte und sich dann auf den Weg Heimweg machte.
 

Die Nachtluft war kühl und trug das entfernte Rauschen der Stadt mit sich. Die Straßenlaternen warfen lange Schatten auf den Boden, während sie schnellen Schrittes das Wohnheim der Jûgôya High School erreichte. Sie hatte kaum die Eingangstür durchquert, da wurde es kurzzeitig still im Foyer, in welchem sich zu dieser späten Stunde noch erstaunlich viele Schüler aufhielten. Und plötzlich spürte sie unangenehme Blicke auf sich Ruhen, die sie dazu veranlassten so schnell wie möglich weiterzugehen, direkt auf die Treppe zu, welche sie hinauf zu den Zimmern bringen würde. Doch kaum hatte sie diese erreicht und war außer Sichtweite ihrer Mitschüler, drang es bereits wieder an ihr Ohr: Das Gekichere.

„Ich versteh echt nicht, was sie hier will. Sie tut so, als könnte sie dazugehören.“

„Ist doch klar, dass sie ständig im Schwimmbad ist. Da muss sie wenigstens niemandem unter die Augen treten.“

Das Lachen wurde lauter. Fest umklammerte sie mit ihren Fingern den Träger ihrer Sporttasche, während sie rasch die Treppe hinaufeilte. Weg von dem Stimmen, die leiser wurden, aber immer noch in ihren Gedanken nachhallten.
 

Kaum hatte sich die Tür zu ihrem Zimmer hinter ihr geschlossen, ließ sie die Tasche achtlos zu Boden fallen und rutschte selbst langsam daran herunter. Wieso hatte sie überhaupt gedacht, dass es anders werden würde? Dass sie irgendwann akzeptiert werden könnte? Wie konnte sie die Hoffnung haben, dass alles gut werden würde? Mit leerem Blick starrte sie auf den Boden, dabei die Beine angewinkelt und fest an ihren Oberkörper gedrückt, während der Raum in tiefe Stille gehüllt war. Doch plötzlich horchte sie auf, als sie ein Geräusch vernahm. Eine Stimme. Leise, fast einem Flüstern gleichend, die sich sanft in ihre Gedanken schmiegte.

„Sie haben recht.“

Erschrocken hob sie den Kopf und sah sich dann fragend um. Einen Moment tat sie die Stimme als Einbildung ab. Ein Hirngespinst, durch ihre Erschöpfung erschaffen.

„Ich bin nicht genug“, erklang es dann jedoch erneut, dieses Mal deutlicher.

Es kam aus der Ecke ihres Zimmers. Von dort, wo ihr Kleiderschrank stand. Langsam erhob sie sich und ging langsam auf diesen zu, während ihr Puls sich beschleunigte. Kurz darauf sah sie sich ihrem Spiegelbild entgegen, doch etwas daran wirkte falsch. Es lächelte. Ein kaltes, hämisches Grinsen, das nicht zu ihr passte. Doch nicht das war es, was ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ, sondern die giftgelben Augen, die ihr entgegenschlugen. Ihr Atem stockte, ihr Körper erstarrte und ihre Hände zitterten.

„Warum versuchst du es überhaupt?“

Erschrocken riss sie die Augen auf. Eigentlich wollte sie sich abwenden, doch es ging nicht. Viel zu sehr war sie von ihrem Ebenbild gefesselt. Diese neigte leicht den Kopf, während das Grinsen auf seinem Gesicht immer breiter wurde. Dann schoss eine Hand aus der Glasoberfläche hervor und packte sie am Arm. Ein Schrei, erstickt, als sie nach vorn gerissen wurde. Dann Stille. Der Raum lag wieder im Dunkeln und der Spiegel war leer.
 

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XXV – Fragments of a Hidden Fear


 

*~* XXV – Fragments of a Hidden Fear *~*

[ ~Freitag, 24. April 2015~ ]

[ *früher Morgen* ]

[ Jûgôya High School ]
 

Kühl lag die Morgenluft über dem Schulhof, als Mirâ und Akane durch das Eingangstor traten und sich dabei angeregt unterhielten. Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen und zog lange Schatten über den gepflasterten Hof, auf dem sich Gruppen von Schülern träge in Richtung des Hauptgebäudes zubewegten. Einige von ihnen unterhielten sich verschlafen, während andere gelangweilt auf ihren Handys scrollten, dabei aber immer weiter voranschreitend. Mit einem Lächeln auf den Lippen hörte die Violetthaarige ihrer besten Freundin zu, die bei ihrer Erzählung heftig mit den Händen gestikulierte, als plötzlich eine aufgebachte Stimme erklang, die Akane abrupt stoppen ließ.

„Was glaubst du eigentlich, was du da tust?“

Die beiden jungen Frau blieben stehen, wandten sich um und blickten in Richtung des Vorfalls, wo sie unter einem der Bäume, die den Weg säumten, wieder die Mitschülerin mit den schwarzen kurzen Haaren erblickten, die vor einer Weile bereits ein anderes Mädchen zusammengestaucht hatte. Mit vor der Brust verschränkten Armen schaute sie mit einer Mischung aus Verärgerung und Unglauben auf einen jungen Mann vor sich. Beinahe völlig in sich eingesunken stand dieser da, die Schultern tief gesenkt, mit nervös zuckenden Fingern und den Blick auf den Boden gerichtet. Seine blasse Haut wirkte beinahe weiß im Kontrast zu seinen tiefschwarzen Haaren, die irgendwie völlig fehl am Platz schienen.

„Warum bist du beigetreten?“, fuhr das Mädchen eindringlich fort, „Erst sagst du ewig nichts und dann das!? Willst du mich verarschen?“

Der Schwarzhaarige sagte nichts. Seine Schultern zuckten leicht, als hätte er eine Antwort, die er nicht aussprechen konnte – oder wollte. Seine Finger ballten sich kurz zu Fäusten, bevor sie sich wieder entspannten.

Besorgt blickte Mirâ auf die Szene vor sich, die sie stark an das erinnerte, was ihre beste Freundin noch wenige Tage zuvor mit Hiroshi durchgemacht hatte. Das Problem schien ähnlich zu liegen und doch wesentlich tiefer. Jedenfalls hatte die junge Frau das Gefühl. Ein Blick zu Akane verriet ihr, dass diese ähnlich dachte und wohl auch schon mit dem Gedanken spielte sich einzumischen, jedoch auch zögerte.

Die Brünette bemerkte den Blick auf sich ruhen und seufzte dann leise: „Eigentlich hab ich das Bedürfnis mich einzumischen, so wie du es bei Hiroshi und mir getan hast. Immerhin hat uns das geholfen. Aber…“

Mirâ verstand sofort, was sie damit sagen wollte. Auch ihr Instinkt sagte ihr, dass es richtig wäre, etwas zu sagen. Aber dann fiel ihr Blick auf den Jungen. Er stand zwar nervös da, wirkte jedoch nicht so, als würde er sofort die Flucht ergreifen wollen. Anders als Akane und Hiroshi, schien sich der junge Mann diesem Problem ernsthaft stellen zu wollen. Nur schienen ihm die richtigen Worte zu fehlen.

„Ich denke wir sollten uns hier nicht einmischen. Vorerst…“, entschloss Mirâ letzten Endes.

Mit einer Mischung aus Verwunderung und Sorge sah die Brünette zu ihrer Freundin, die ihr daraufhin ein Lächeln schenkte. Bevor sie jedoch eine genauere Antwort darauf geben konnte, wurde die Szene bereits von der Schwarzhaarigen beendet, die so laut schnaubte, dass es sogar die beiden Mädchen mitbekamen.

„Weißt du was? Mach was du willst. Wahrscheinlich wirst du am Ende auch nur als Karteileiche enden, wie alle anderen auch“, mit diesen Worten hatte sich die Schülerin abgewandt und war in Richtung des Eingangs verschwunden.

Zurück blieb der schwarzhaarige Schüler, der nun erleichtert aufatmete und sich dann ebenfalls in Bewegung setzte.
 

[ *Mittag* ]
 

Die letzten Minuten der Mittagspause waren beinahe vorbei, während Mirâ und Akane entspannt die Treppen zum ersten Stock hinaufliefen, noch ein wenig träge vom Essen, dabei ihre Mitschüler passierend, die sich allesamt auf den Weg zurück in ihre Klassen machten.

„Wir haben jetzt Englisch“, murmelte Akane leicht genervt, „Fremdsprachen sind gar nicht so meins…“

Mirâ musste schmunzeln: „Geht mir genauso. Vielleicht sollten wir Hiroshi-kun um Hilfe bitten. Du hast doch gesagt, dass er da ziemlich bewandert ist.“

„Ja das wäre mal eine Maßnahme.“

Die Violetthaarige grinste, während die beiden den ersten Stock erreichten. Sie wollten sich gerade abwenden, um die Treppe weiter hinauf zu laufen, als sie plötzlich ein Gespräch aufschnappte.

„Sie ist heute nicht zum Unterricht erschienen“, sagte eine Frauenstimme, leicht besorgt. „Ich habe mich bereits erkundigt, aber die wurde von niemandem gesehen. Im Wohnheim hat sie auch niemand seit gestern Abend gesehen. War sie vielleicht bei Ihnen?“

Neugierig verlangsamte Mirâ ihre Schritte. Als sie hörte, dass jemand nicht zum Unterricht erschienen war, schrillten sofort ihre Alarmglocken. Es mochte sein, dass sie sich unbegründet Sorgen machte, immerhin konnte das Fehlen auch andere Gründe haben. Doch nach den Ereignissen mit Akane war sie sehr überempfindlich, was das anging. Sie wandte sich um und erkannte eine zierliche Frau, etwas älter als Masa-sensei, die etwas unsicher vor einem Mann mittleren Alters stand, der sie nur leicht unverwandt anblickte. Mirâ schluckte schwer, als sie bemerkte, dass es sich dabei um Fudô-sensei handelte, dem Vertrauenslehrer.

„Hm“, seufzte dieser und klang dabei ein wenig überrascht. „Nein, sie war nicht bei mir.“

„Sind sie sicher? Ich mache mir Sorgen. Sie hat seit Beginn des Schuljahres noch nicht ein einziges Mal gefehlt und sie gilt als sehr zuverlässig. Dass sie sich nicht einmal abmeldet… Ich dachte, dass sie vielleicht Probleme hatte und damit zu ihnen gekommen ist.“

„Wenn sie mich aufgesucht hätte, würde ich mich sicher daran erinnern. Oder?“ Fudô-senseis Stimme war ruhig, aber bestimmt. Es wirkte, als wolle er die Lehrerin unterschwellig dazu auffordern nicht weiter nachzubohren.

Diese zögerte kurz, seufzte dann aber leise. „Ich verstehe. Aber falls sie sich doch bei ihnen melden sollte, dann… lassen Sie es mich bitte wissen. Ja?“

„Natürlich.“

Mit gesenkten Schultern wandte sich die Frau von ihm ab und ging. Auch Mirâ entschloss sich daraufhin lieber weiter zu gehen, bevor der Vertrauenslehrer sie noch bemerkte. Doch als sie sich abwenden wollte und dabei seinen Blick streifte, ahnte sie bereits, dass er sie schon längst bemerkt hatte.

„Ah Shingetsu, gut, dass ich dich hier treffe.“ Sein Tonfall war beiläufig, doch in seinem Blick lag ein unterschwelliger Ausdruck, der ihr sagte, dass sie aus dieser Situation nicht mehr herauskommen würde. „Ich könnte nochmal deine Hilfe gebrauchen. Du hast doch bestimmt demnächst irgendwo Zeitreserven. Oder?“

„Ich ähm“ Mirâ wollte gerade antworten, als Akane näher an sie heranrückte, ihr einen eingängigen Blick schenkte und flüsterte: „Sag bitte nicht, dass du das wirklich in Erwägung ziehst. Der Typ ist sowas von verdächtig.“

Die Violetthaarige schmunzelte nur. Sie ahnte, worauf ihre beste Freundin hinauswollte, auch wenn sie nicht genau wusste, wieso alle so reagierten. Auch Hiroshi hatte sich Sorgen gemacht, als sie das erste Mal in das Büro des Schulpsychologen gehen sollte. Sie hatte mitbekommen, dass es anscheinend einige Gerüchte über den Lehrer gab, die sie jedoch nicht kannte. Außerdem hatte sie das letzte Mal nicht wirklich als schlimm empfunden. Zwar war seine Gegenwart unangenehm, jedoch wirkte er nicht gefährlich.

„Keine Sorge, alles in Ordnung“, sagte sie deshalb leichthin, bevor sie sich wieder dem älteren Mann zuwandte. „Ich versuche es einzurichten.“

Er nickte und wirkte dabei tatsächlich leicht zufrieden, bevor er sich ebenfalls abwandte und in Richtung seines Büros stolzierte. Akane wiederum schenkte ihr einen skeptischen Blick, während die Violetthaarige daraufhin nur mit den Schultern zuckte und sie dann vorsichtig mit sich zog.

„Wirklich, mach dir keine Gedanken.“

Die Brünette murmelte noch etwas vor sich hin, aber beließ es dann dabei. Und während sie in Richtung des zweiten Stocks gingen, warf Mirâ noch einmal einen Blick über ihre Schulter. Was auch immer es mit der verschwundenen Schülerin auf sich hatte, irgendetwas daran beunruhigte sie.
 

[ *nach der Schule* ]
 

Noch einmal atmete Mirâ tief durch, bevor sie nun doch leicht verunsichert anklopfte und dann die Tür zum Büro des Vertrauenslehrers aufzog. Sie würde einfach genauso arbeiten, wie das letzte Mal. Einen Teil der Arbeit hatte sie immerhin schon erledigt. So schlimm würde es mit Sicherheit nicht werden. Oder? Doch kaum hatte sie den Raum betreten wurden alle ihre Hoffnungen zerschlagen, denn es sah sogar noch schlimmer aus, als vorher. Zwar wirkte der Schreibtisch noch halbwegs ordentlich, aber drumherum war es noch viel chaotischer, als das letzte Mal. Überall lagen Papierstapel, Ordner türmten sich gefährlich aufeinander und mittendrin saß Fudô-sensei auf seinem seiner Sofas; vertieft in ein paar Unterlagen. Er beachtete sie gar nicht, schien noch nicht einmal mitbekommen zu haben, dass sie überhaupt eingetreten war, weshalb Mirâ sich leise räusperte. Für einen Moment passierte nichts, doch dann zuckte er kurz zusammen, so als wäre ihr Räuspern erst versetzt bei ihm angekommen, und wandte sich ihr dann zu.

„Ah. Du bist tatsächlich gekommen.“

Die Violetthaarige zögerte kurz. „J-ja. Sie meinten ja, dass sie Hilfe benötigen.“

Der Lehrer sah sie eingängig an, doch seufzte dann leise: „Gut. Du weißt ja, was zu tun ist.“

Damit wandte er sich wieder seinen Unterlagen zu und ließ sie etwas verloren im Raum stehen. Einen Moment zögerte die Schülerin noch, dann seufzte sie leise, stellte ihre Tasche ab und machte sich ans Werk. Schweigend begann sie erst einmal die umliegenden Blätter einzusammeln und so gut es ging nach Datum zu sortieren, bevor sie vorsichtig die Ordner in etwas kleinere Stapel legte, um der Gefahr zu entgehen von diesen vergraben zu werden. Sie wunderte sich, dass er sich innerhalb dieses Chaos überhaupt noch irgendwie zurechtfand und noch erstaunlicher fand sie, dass er sich von ihr helfen ließ. Immerhin war nicht sicher, dass sie alles so wegräumte, wie er es gerne hätte und so, dass er es auch schnell wiederfand… und doch ließ er ihr einfach freie Hand, ohne sich einzumischen. Sie räumte einen weiteren Stapel Blätter beiseite, als ihr etwas daraus hervor rutschte und auf den Boden fiel. Überrascht blickte sie auf den Gegenstand, der sich zwischen den Unterlagen versteckt hatte und stellte fest, dass es sich dabei um ein Foto handelte. Es war vergilbt und leicht abgegriffen. Neugierig hob sie es auf. Die Aufnahme zeigte eine Gruppe von Menschen in weißen Kitteln – Forscher oder Ärzte vielleicht. Unter ihnen fiel ihr eine Person sofort auf: Fudô-sensei. Etwas jünger zwar, jedoch klar zu erkennen. Sein Gesichtsausdruck darauf wirkte ungewohnt freundlich, aber doch fokussiert.

„Ähm das hier…?“ fragte sie leise und zögerlich.

Das Geräusch des Blätterns, welches er beim Durchsehen seiner Unterlagen gemacht hatte, verstummte, während er den Blick hob. Kühle Augen trafen sie, bevor er sich erhob und zielsicher auf sie zukam. Mit zwei Fingern nahm er ihr das Foto aus der Hand und drehte es so um, dass das Bild nicht mehr sichtbar war.

„Nicht so wichtig.“ Seine Stimme war ausdruckslos wie immer und doch hatte Mirâ das Gefühl, dass etwas Wehmut darin mitschwang.

Sie reagierte jedoch nicht darauf, sondern senkte nur den Blick. „Verstehe…“

Die Oberschülerin hatte nicht erwartet, dass er offen darüber sprechen würde, aber die Kälte in seiner Antwort bescherte ihr einen unangenehmen Schauer. Vielleicht wäre es besser gewesen das Foto einfach wortlos beiseite zu legen. Sie schluckte schwer und schüttelte leicht den Kopf. Nun war nicht die Zeit weiter darüber nachzudenken. Um auf andere Gedanken zu kommen wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu und nahm den sortierten Stapel unterlagen, um damit zum Schreibtisch zu gehen und diese zu lochen. Sie legte den Stapel Blätter vor sich auf die Platte, wobei ihr Blick auf ein Buch fiel, dass genau in der Mitte des Tisches lag. Sie erinnerte sich daran, dass es das letzte Mal noch nicht dort lag, weshalb sie einen neugierigen Blick darauf war.

„Psychologische Methoden zur Manipulation von Verhaltensmustern.“

Ein ungutes Gefühl bereitete sich in ihr auf.

„Dieses Buch… gehört das zu Ihrer Arbeit als Vertrauenslehrer?“ fragte sie vorsichtig.

Der Angesprochene blickte wieder von seinen Unterlagen auf und richtete seinen Blick auf das Objekt, das Thema von Mirâs Frage war. Dann seufzte er leise und zuckte mit den Schultern.

„Berufliches Interesse.“

Mehr sagte er nicht. Keine Erklärung, keine Rechtfertigung. Die Oberschülerin schluckte schwer. Seine Worte waren nicht hart, aber sie ließen keinen Raum für weitere Fragen. So vertiefte sie sich wieder in ihre Arbeit. Fudô-sensei war es schließlich, der die Stille nach einer ganzen Weile wieder brach.

„Du beobachtest ziemlich viel. Zu viel.“

Mirâ hob überrascht den Blick: „Ich… beobachte?“

Fûdo-sensei legte seinen Stift beiseite, den er bis eben noch in seinen Fingern gedreht hatte und bewegte sich auf die voll bepackten Regale zu, als wolle er daraus etwas entnehmen. Doch stattdessen lehnte er sich nur dagegen.

„Es gibt Dinge, die sollte man nicht auseinandernehmen. Noch nicht. Nicht, wenn man sie nicht einordnen kann.“

Er hob seinen Blick und wandte sich ihr zu, wodurch seine durchdringenden Augen sie trafen: „Zu früh zu viel verstehen zu wollen führt selten zu etwas Gutem.“

Mirâ erwiderte, doch sie spürte, dass mehr hinter diesen Worten steckten, als es den Anschein machte.

„Mach einfach mit dem weiter, was du gut kannst“, sagte der Vertrauenslehrer nach einem Moment der Stille, während er sich wieder in Richtung seiner Sitzecke in Bewegung setzte. „Ordnung machen.“

In diesem Moment erklang die Schulglocke und läutete damit das Ende des Schultages ein, bevor die Durchsage des Sekretariats kam, dass nun alle Schüler bitte das Schulgebäude verlassen und nachhause gehen sollen. Fudo-sensei hielt inne und wandte seines Blick kurz dem Lautsprecher zu, bevor er sich wieder zu der Schülerin umdrehte und diese dann vorsichtig in Richtung der Tür begleitete. Er griff nach ihrer Tasche und reichte ihr diese, ehe er die Tür aufzog und sie sanft hinausstieß.

„Du hast heute wieder gute Arbeit geleistet. Ich verlasse mich auch das nächste mal auf dich.“ Mit diesen Worten schob er die Tür hinter hier zu und ließ Mirâ etwas verlassen im Gang zurück. Leicht irritiert blickte sie auf die geschlossene Tür hinter sich, doch seufzte dann schwer, bevor sie sich abwandte und die Treppen hinunter ins Foyer lief; begleitet von dem nun doch etwas vertrauteren warmen Glühen, dass sich langsam in ihrem Bauch breit machte.
 

[ *Abend* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

Erschöpft stellte Mirâ ihre Tasche auf ihrem Stuhl ab und gähnt einmal herzhaft. Obwohl an diesem Tag nichts wirklich Aufregendes passiert war, so hatte er sie doch ganz schön erschöpft. Sie wollte eigentlich nur noch etwas essen, dann ein Bad nehmen und danach ins Bett fallen. Mit diesen Gedanken drehte sie sich in Richtung ihres Schrankes, um sich ein paar bequeme Sachen herauszunehmen, doch stoppte plötzlich als ihr etwas im Augenwinkel auffiel. Erschrocken wandte sich die Oberschülerin um und machte dann einen Satz zurück, als sie unerwarteterweise jemanden in ihrem Wandspiegel erblickte, der sie mit seinen großen roten Augen ruhig ansah.

„Mika-chan!?“ Brachte die Ältere nur erstickt heraus. „Aber… wie…?“

„Ich hatte so ein Gefühl“, antwortete das kleine Mädchen leise. Ihr Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch sie hallten in Mirâs Ohren nach. „Mir war so, als hätte mich etwas zu dir geführt.“

Die Violetthaarige schluckte ihre Überraschung hinunter und musterte die Blauhaarige genauer. Diese hatte ihre Arme hinter ihrem Rücken verschränkt, die von den weiten Ärmeln ihres teils löchrigen helllilafarbenen Oberteils verdeckt waren. Die kurzen, nackten Beine, die unter ihrem kurzen, teilweise zerrissenen, türkisenen Faltenrock hervorschauten, tippelten unsicher auf dem Boden hin und her.

„Ich hab mich erschreckt…“ bemerkte Mirâ vorsichtig an und atmete dann einmal kurz durch. „Ist alles in Ordnung?“

Die Jüngere zögerte einen Moment. „Ich wollte mal nachsehen, wie es dir geht. Und Akane und Hiroshi.“

„Uns geht es gut.“ Der Blick der Violetthaarigen wurde wieder weicher. „Akane hat sich sehr schnell wieder erholt und Hiroshi-kun geht es auch gut.“

Mika nickte nur still, was die Ältere dazu brachte überrascht den Kopf zu neigen. Irgendetwas stimmte nicht. Das kleine Mädchen wirkte, im Gegensatz zu den letzten Malen, als sie sich getroffen hatten, verunsicherter. So, als würde sie etwas beschäftigen.

„Mika?“ Mirâ trat näher an den Spiegel. „Was ist los?“

Die Kleine senkte kurz den Blick, als würde sie mit sich selbst ringen. Schließlich hob sie den Kopf wieder, und ihre roten Augen wirkten einen Moment lang weit entfernt.

„Ich… habe ein seltsames Gefühl.“

Das ältere Mädchen legte die Stirn in Falten: „Ein Gefühl?“

Ihr Gegenüber nickte erneut, dann fügte sie hinzu: „Aber es ist anders, als zu dem Zeitpunkt, als Akane hier drüben war. Diesmal… fühlt es sich sehr diffus an. Nicht direkt gefährlich. Aber irgendwie auch nicht normal.“

Mirâ verkrampfte sich. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus, während ihr das Gespräch von heute Mittag wieder einfiel. Es konnte auch einfach nur ein Zufall sein, doch irgendetwas sagte ihr, dass es nicht so einfach war. Die Vermutung, dass es doch einen Zusammenhang gab ließ ihr keine Ruhe. Doch sie wusste auch, dass sie in diesem Moment nichts unternehmen konnte. Es war bereits zu spät, um sich mit ihren Freunden zu treffen, weshalb ihr keine andere Wahl blieb, als die Sache auf den nächsten Tag zu verschieben.

„Ich verstehe…“ Sie atmete tief durch und wandte sich dann entschlossen wieder der Kleinen im Spiegel zu: „Ich werde morgen mit Akane und Hiroshi-kun darüber sprechen. Vielleicht finden wir heraus, was das alles bedeutet.“

Ihr Gegenüber lächelte er leichtert und nickte: „Danke. Dann verabschiede ich mich jetzt. Schlaf gut.“

Das Bild verblasste, noch bevor auch Mirâ sich verabschieden konnte, die nun wieder nur noch auf ihr eigenes Ebenbild schaute. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Was auch immer Mikas Gefühl zu bedeuten hatte, es würde ihr keine Ruhe lassen, bis sie eine Antwort darauf gefunden hatten.
 

[ ??? ]
 

Der sanfte Klang eines Klaviers, das die ihr mittlerweile sehr vertraute Melodie einer Arie spielte, ließ Mirâ die Augen aufschlagen. Sanft spürte sie den weichen Teppich unter ihren Füßen, in den sie mit jedem Schritt leicht einsank, und die weiche Lehne des Stuhles, auf dem sie saß, in ihrem Rücken. Überrascht sah sie sich um. Nichts hatte sich an diesem Ort verändert. Nichts, das darauf hinweisen könnte, dass ein Besuch in diesen Gefilden nun von Nöten gewesen wäre. Nur eine Kleinigkeit war dieses Mal anders. Das blaue Sofa hinter dem nun leeren Tisch, auf dem ansonsten die Tarotkarten ihres Schicksals ausgelegt waren, war nicht besetzt. Der Herr über diesen Raum, der ansonsten mit seinem nichtssagenden Grinsen und seiner überdimensional auffallenden Nase, dort saß, war nicht da.

„Willkommen im Velvet Room, werter Gast“, wurde sie trotz allem mit sanfter Stimme begrüßt.

Leicht erschrocken wandte sie sich von Igors üblichem Platz ab und sah in die Richtung, als welcher sie die Stimme vernommen hatte. Daraufhin erblickte sie Margaret, die entgegen der letzten Male, seitlich hinter dem blauen Sofa stand - das Kompendium in ihren Armen fest an sich gedrückt. Ihre Augen, kühl und analytisch, aber mit einem leicht amüsierten Ausdruck darin, musterten die Violetthaarige einen Moment lang. Dann schmunzelte sie kurz: „Es ist immer wieder erfrischend, dies selbst zu sagen.“

Es dauerte nicht einmal einen Wimpernschlag, da hatte sich die Platinblonde jedoch wieder beruhigt und einen ernsten Blick aufgesetzt: „Wie es scheint, rühren sich die Wellen des Schicksals erneut.“

„Wie darf ich das verstehen?“ fragte Mirâ darauf nur vorsichtig.

Ein schmales Lächeln bildete sich auf den Lippen der Älteren: „Es gibt diejenigen, die nicht in den Zyklus der bekannten Arcana passen. Sie sind außerhalb der Muster, die du bereits kennst. Und dennoch… ihr Leid, ihre Angst, ist nicht weniger real.“

Die Oberschülerin runzelte die Stirn. Obwohl es dieses Mal nicht Igor war, der ihr einen Hinweis auf das gab, was sie erwartete, so waren die Worte seiner Assistentin nicht weniger mysteriös und undurchschaubar. Jedoch hatte sie trotzdem eine Ahnung, was die Platinblonde damit meinen könnte.

„Das klingt so, als sei wieder jemand in die Welt hinter den Spiegeln geraten“, sprach die junge Frau ihre Vermutung aus, die auch Klarheit über Mikas merkwürdiges Gefühl geben würde.

Die Blonde sah sie zufrieden an: „Nicht jeder besitzt eine tief verankerte Wahrheit, die sich gegen ihn selbst stellt. Doch solche Seelen sind verletzlicher. Sie rufen nicht nach Hilfe – doch sie müssen trotzdem gehört werden.“

Das ungute Gefühl in Mirâs Magen wurde konkreter. Ihre Vermutung war also richtig: Jemand war in Gefahr. Die Frage war nur: Wer? Und wieso?

„Kannst du mir mehr sagen?“ versuchte sie darauf ihr Glück, um eine Antwort zu bekommen.

Ihr Gegenüber jedoch schüttelte nur den Kopf: „Es tut mir leid. Der Rest liegt bei dir. Doch ich bin sicher, du wirst die Antwort in deinem Herzen finden. Und in den Spiegeln, die du gelernt hast zu durchschreiten.“

Der Klang eines Glöckchens erklang. Leise und sanft, doch trotzdem so, dass Margaret aufblickte und ihr dann ein Lächeln schenkte: „Unsere Zeit ist damit um. Mögest du den richtigen Weg finden, werter Gast. Lebewohl.“

Das Bild vor Mirâs Augen verschwamm und wandelte sich danach in tiefe Dunkelheit, die sie wieder zurück in ihren traumlosen Schlaf führte.
 

[ *später Abend* ]

[ Wohnung der Makotos ]


 

Entspannt seufzend schlich Hiroshi durch den Flur auf dem Weg zu seinem Zimmer, dabei seine Haare mit einem Handtuch vorsichtig trocken rubbelnd. Er gähnte einmal herzhaft und freute sich bereits auf sein Bett, dass zu seinem Leidwesen noch warten musste, denn auf ihn warteten noch einige Arbeitsblätter, die er noch durcharbeiten musste. Eigentlich hatte er keine wirkliche Lust mehr dazu, doch er wusste auch, welche Konsequenzen es haben würde, wenn er sich heute nicht mehr darum kümmerte. Noch einmal leise seufzend schritt er am Wohnzimmer vorbei, dessen Türen leicht angelehnt war, und blieb plötzlich stehen, als er die angespannte Stimme seines Vaters vernahm.

„Fumiko, beruhige dich bitte“, sagte dieser gedämpft. „Es ist bestimmt nichts passiert. Vielleicht hat sie einfach nur so viel zu tun und ihr Handy auf lautlos gestellt.“

Eine Pause folgte, in welcher sein Vater wohl der Stimme derjenigen lauschte, die am anderen Ende der Leitung war: Hiroshis Tante Fumiko. Es musste irgendetwas passiert sein, wenn diese bei seinem Vater anrief, denn ansonsten war der Kontakt zu ihr seit Jahren schon sehr sporadisch. Jedoch wusste Hiroshi, dass sein Vater wohl immer die erste Anlaufstelle war, wenn dessen jüngere Schwester ein Problem hatte. Zwar hatte der Blonde solche Situation bisher noch nie live miterlebt, jedoch erinnerte er sich daran, dass seine Mutter sich darüber häufiger aufregte. Welches Problem auch immer sie damit zu haben schien. Das jedoch war in diesem Moment eher nebensächlich, denn in seinem Magen machte sich ein ungutes Gefühl breit. Er hatte bereits eine Ahnung, um wen sich das Thema gerade handelte und wenn er an die Szene zurückdachte, die er vor einigen Tagen mitbekommen hatte, dann kam er nicht drumherum sich langsam Sorgen zu machen.

„Warte noch bis morgen ab“, fuhr sein Vater fort und ließ ihn aus seinen Gedanken schrecken. Seine Stimme klang beschwichtigend, aber auch entschlossen: „Wenn du bist dahin nichts von ihr hörst, dann kontaktiere ich Hirota.“

Nun wurde Hiroshi erst recht hellhörig und seine Sorge wurde größer. Wenn sein Onkel ins Boot geholt wurde, dann musste es wirklich etwas Ernstes sein. Eine Tatsache, die seine Vermutung nur noch verstärkte. Er biss sich auf die Lippe und fasste einen Entschluss: Er würde der Sache am nächsten Morgen umgehend nachgehen, in der Hoffnung, dass es sich nur um ein großes Missverständnis handelte.
 

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XXVI – Flames of Silent Despair


 

*~* XXVI – Flames of Silent Despair *~*

[ ~Samstag, 25. April 2015~ ]

[ *früher Morgen* ]

[ Tsukimi Central Subway Station ]
 

Mirâ trat aus dem Schatten der Treppe und betrat den Bahnsteig der Tsukimi Central Subway Station. Ein kühler Luftzug wehte ihr entgegen, als auf der gegenüberliegenden Seite eine Bahn in entgegengesetzter Richtung einfuhr. Ihr Blick wanderte durch die wartende Menge und blieb dann an einer vertrauten Gestalt hängen: Hiroshi, der etwas Abseits nahe der Bahnsteigkante stand. Seine Schultern waren leicht nach vorne gesunken, während sein Blick starr auf seinem Handy ruhte, dass er in seiner linken Hand hielt. Mirâ runzelte die Stirn, denn sie sah dem jungen Mann sofort an, dass etwas nicht stimmte. Er wirkte unruhig und so kannte sie ihn bisher nicht.

Sie trat näher: „Hiroshi-kun?“

Erschrocken zuckte der Angesprochene leicht zusammen, als hätte er ihre Anwesenheit nicht bemerkt. Sein Kopf fuhr hoch, und für einen Moment wirkte er überrascht, bevor er sich langsam wieder fing. „Ah… guten Morgen, Mirâ.“

„Guten Morgen. Alles in Ordnung?“

„Ja, klar“, antwortete er viel zu schnell, während er sein Telefon in seiner Hosentasche verschwinden ließ.

Mirâ zog eine Augenbraue hoch, doch bevor sie weitere Fragen stellen konnte, ertönte bereits die Bahnsteigdurchsage, die die einfahrende U-Bahn ankündigte. Ein kalter Windstoß begleitete die Ankunft des Zuges, bevor sich mit lautem und penetrantem Piepen die Türen öffneten.

„Kommst du?“, fragte der Blonde mit einem nicht ganz eindeutig einzuschätzenden Lächeln, während er die Bahn betrat.

Noch immer leicht skeptisch nickte die junge Frau und folgte ihrem Kumpel ins Innere der Bahn, die sich nur wenige Sekunden später mit einem Ruck wieder in Bewegung setzte.
 

Obwohl die Bahn nicht wirklich voll war stellten sich die beiden Oberschüler an die gegenüberliegende Tür. Dort, wo sich Mirâ immer mit Akane traf, wenn diese an der nächsten Station einsteigen würde. Für einen Moment sagte keiner etwas. Die Ansage der Stationen, das leise Rattern der Schienen und das gedämpfte Murmeln der anderen Fahrgäste füllte die Stille zwischen ihnen. Mirâ jedoch beobachtete Hiroshi weiterhin aus dem Augenwinkel. Er wirkte fahrig, sein Blick huschte immer wieder zur Anzeige über der Tür, zu seinem Smartphone, welches er kurz betrachtete und daraufhin wieder in seiner Tasche verschwinden ließ, nur um es kurz darauf erneut hervor zu holen.

„Hiroshi-kun“, sagte sie anschließend leise. „Wenn dich etwas beschäftigt, dann kannst du mit mir darüber reden.“

Für einen Moment wirkte der junge Mann überrascht, doch schüttelte dann langsam den Kopf: „Es ist nichts. Jedenfalls nichts, was gerade von Belangen wäre.“

Erneut hob die junge Frau eine Augenbraue. Sie war skeptisch. Man merkte dem Blonden sofort an, dass ihn etwas beschäftigte, dass ihm wichtig war. Anders konnte man sich sein Verhalten auch nicht erklären. Dass er nicht darüber sprechen wollte, machte ihr Sorgen und die Sache damit auch nicht unbedingt einfacher. Zumal sie eigentlich vorhatte, mit ihm und Akane über die Sache zu sprechen, die ihr Mika am Abend zuvor erzählt hatte. Doch so würde es wohl keinen Sinn machen. Aus diesem Grund setzte sie noch einmal an nachzuhaken, doch in genau diesem Moment wurde die Mangetsu Central Subway Station angekündigt, in der ihre Freundin zu ihnen stoßen würde, und nur wenige Sekunden später verlangsamte der Zug bereits seine Fahrt. Mit einem leichten Ruck blieb er kurz darauf stehen und öffnete die Türen, um weitere Passagiere zusteigen zu lassen, darunter auch Akane, die sich mit schnellen Schritten zu ihnen gesellte.

„Morgen!“, grüßte sie gut gelaunt, doch ihr Lächeln verschwand in dem Moment, als sie Hiroshi sah. „Du siehst schrecklich aus. Hast du die Nacht durchgemacht?“

„Es ist alles gut. Ich bin nur etwas müde“, murmelte der Blonde nur leicht genervt.

In diesem Moment zog er erneut sein Smartphone aus der Hosentasche und warf einen Blick darauf, nur um es kurz darauf wieder Zunge schnalzend zurück zu stecken. Mit einem fragenden Blick sah Akane zu Mirâ, die jedoch nur mit dem Kopf schüttelte. Es war wohl besser den jungen Mann vorerst mit dem Thema in Ruhe zu lassen. Mit Sicherheit würde er noch mit ihnen darüber sprechen, wenn er der Meinung war, dass die Zeit dafür reif war. Sie sah ihrer brünetten Freundin an, dass sie gerne widersprochen hätte, doch ein Blick ihrerseits reichte, damit diese es erst einmal dabei beließ.
 

[ *Morgen* ]

[ Jûgôya High School – Klasse 2-1 ]
 

Von Stimmgewirr erfüllt füllte sich das Klassenzimmer nach und nach mit Schülern, von denen die ersten bereits ihre Bücher hervorholten, während andere träge zu ihren Plätzen schlurften und sich dort niederließen. Mirâ stellte ihre Tasche auf ihrem Platz ab und beobachtete Akane, die sich auf dem Stuhl neben ihr niederließ und sich murrend darüber beschwerte, dass sie gleich nach dem Homeroom mit Masa-sensei Geschichte haben würden, was ihr so gar nicht lag. Die Violetthaarige antwortete darauf mit einem Schmunzeln und beobachtete im Augenwinkel, wie Hiroshi noch immer leicht geistesabwesend an ihr vorbei zu seinem Platz trottete.

„Hiroshi-kun warte kurz“, bat sie den jungen Mann, der etwas erschrocken stehen blieb und sich zu ihr umdrehte. „Ich wollte kurz etwas anbringen.“

Fragend lehnte sich auch Akane nach vorn und blickte sie mit großen grünen Augen an.

„Ich würde gerne in der Mittagspause mit euch über etwas Wichtiges sprechen“, sagte Mirâ mit leiser Stimme, aber so, dass ihre Freunde es genau verstehen konnten.

Ihre brünette Freundin hob eine Augenbraue: „Klingt ernst.“

„Ist es auch.“

„Sagt mir nachher, wo ihr seid. Ich komme dann nach“, entgegnete Hiroshi plötzlich und ließ die beiden Mädchen überrascht aufschauen. „Ich muss vorher noch etwas nachprüfen.“

Skeptisch musterte Mirâ ihren Kumpel: „Hat es etwas mit deinem merkwürdigen Verhalten zu tun?“

Dieser wich ihrem Blick aus: „Eventuell.“

Bevor sie die Möglichkeit bekam tiefer nachzuhaken, wurde die vordere Tür des Klassenzimmers aufgeschoben und Masa-sensei trat ein. Geräuschvoll ließ sie das Klassenbuch auf das Pult fallen und sorgte damit, dass nach und nach Ruhe einkehrte. Auch Mirâ hatte sich auf ihrem Platz niedergelassen, doch ruhte ihr Blick noch einen Moment auf dem blonden Mitschüler, der sich mittlerweile auch zu seinem Platz begeben hatte und unter diesem noch einmal auf sein Handy starrte. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Und irgendwie musste sie herausfinden, was es war.
 

[ *Mittag* ]
 

Die Mittagssonne lag warm über der Stadt und auf dem Dach der Schule war es durch den sanften Wind angenehm. Mirâ saß auf einer der Steinbänke, die sie hatte ergattern können, und lehnte sich gegen das Geländer hinter sich und ließ ihren Blick über die Dächer der umliegenden Gebäude schweifen. Neben ihr stand Akane, die ungeduldig mit den Fingern an dem Maschendrahtzaun herumspielte. Die Mittagspause war bereits zur Hälfte rum, doch von Hiroshi war noch keine Spur, obwohl er versprochen hatte sich zu beeilen und nachzukommen.

„Wie lange wollen wir noch warten?“, fragte sie schließlich und warf ihrer Freundin einen fragenden Blick zu. „Du meintest doch, dass es wichtig wäre.“

„Ist es auch. Aber wir müssen trotzdem auf Hiroshi-kun warten. Ich möchte es direkt mit euch beiden besprechen“, sagte die Violetthaarige ruhig.

In diesem Moment öffnete sich lautstark die Tür des Daches und Hiroshi trat ins Freie. Sofort hielten die beiden Mädchen inne. Der Blonde sah noch schlimmer aus, als am Morgen. Sein Gesicht war kreidebleich, beinahe so, als hätte er einen Geist gesehen, und seine Schultern hingen kraftlos herunter. Er sagte nichts, kam nur langsam zu ihnen hinüber und setzte sich zu Mirâ auf die Bank. Als er saß, atmete er tief durch.

Akane war die erste, die sich wieder fing: „Was ist passiert, Hiroshi?“

Er hob den Kopf, woraufhin die beiden seinen ernsten, fast schon verzweifelten Blick erkennen konnten: „Shina ist verschwunden.“

Ein Moment der Stille folgte, während Mirâ und Akane die Antwort auf sich wirken ließen. Während die Brünette nach wenigen Sekunden zu wissen schien, wer gemeint war, musste ihre Freundin dagegen einen Moment überlegen, ehe sie sich an das hellbrünette Mädchen erinnerte, dass vor einigen Tagen so arg von ihren Mitschülern angegangen worden war. Sie hatten ihr damals gesagt, dass sie nicht hierhergehöre.

„Wie… verschwunden?“, holte sie die Stimme ihrer Freundin aus den Gedanken.

Hiroshi rieb sich mit der Hand über das Gesicht: „Gestern Abend habe ich mitbekommen, wie mein Vater mit meiner Tante telefoniert hat. Sie war völlig aufgelöst, weil sich Shina seit vorgestern nicht gemeldet hat, was nicht üblich für sie ist. Anscheinend meldet sie sich sonst jeden Abend. Und niemand weiß was los ist.“

„Vielleicht hatte sie nur keine Zeit sich zu melden und ist krank“, versuchte Akane die Situation etwas zu beschwichtigen, doch der Blonde schüttelte den Kopf.

„Ich habe gerade in ihrer Klasse nachgefragt. Seit gestern war sie nicht im Unterricht und im Wohnheim hat sie auch seit vorgestern niemand mehr gesehen.“

Mirâs Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als sie sich an das Gespräch vom Vortag erinnerte, dass sie zwischen Fûdo-sensei und der Lehrerin mitbekommen hatte. Dazu kam das plötzliche Auftauchen von Mika am Abend und ihr Besuch im Velvet Room.

„Das kann kein Zufall sein…“, murmelte sie mehr zu sich selbst, was jedoch nicht verhinderte, dass ihre Freunde es trotzdem hörten.

Akane sah sie verwirrt an: „Was meinst du?“

Die Angesprochene atmete einmal tief durch: „Es geht um das, was ich euch eigentlich erzählen wollte. Gestern Abend tauchte Mika in meinem Spiegel auf und erzählte mir, dass sie ein merkwürdiges Gefühl habe. Sie spürt ja, wenn jemand in die Spiegelwelt eindringt. Sie meinte aber, dass es sich anders anfühlt, als bei dir, Akane. Sie konnte es nicht einordnen.“

Die anderen beiden Oberschüler wechselten einen kurzen Blick.

„Du meinst… Shina ist in der Spiegelwelt?“, fragte Hiroshi schließlich.

„Die Wahrscheinlichkeit ist groß“, nickte die Violetthaarige darauf nur.

Stille breitete sich aus und für einen Moment wirkte es so, als würde die Zeit stillstehen, bis jedoch leichter Wind aufkam, der Mirâ einige Haare ins Gesicht wehte, die sie mit ihrer Hand wieder hinter ihr Ohr strich. Im Augenwinkel bemerkte sie eine Bewegung, die sie aufschauen ließ und sie bemerkte, dass Hiroshi aufgestanden war. Er hatte seine Hände zu Fäusten geballt und wirkte angespannt.

„Dann müssen wir sie dort rausholen“, sagte er daraufhin.

Akane nickte entschlossen: „Wir sollten keine Zeit verlieren. Also lasst uns heute Abend rübergehen.“

Mirâ blickte in ihre Gesichter, die fest entschlossen wirkten. Sie selbst dagegen war noch etwas skeptisch so Hals über Kopf loszustürmen, wo sie doch erst vor kurzem die Brünette aus der Gefahr gerettet hatten. Doch sie wusste auch, dass jede Minute, die Shina länger dort war, gefährlich werden könnte. Aus diesem Grund nickte auch sie kurz darauf und erhob sich.

„Dann ist es beschlossen. Heute Abend suchen wir nach Shina-san“, sagte sie schließlich und besiegelte damit ihre nächste Reise in die Spiegelwelt.
 

[ *später Abend* ]
 

Das schwache Licht des abnehmenden Mondes hüllte die Umgebung in einen silbernen Schein, der die Landschaft in ein sanftes, mystisches Leuchten tauchte. Die filigranen Glasblätter an den Bäumen funkelten im Mondlicht und verliehen dem Areal um das Einkaufszentrum einen beinahe magischen Charme. Kein Hauch von Wind war zu spüren, und eine bedrückende Stille lag über dem Ort – bis sie plötzlich durchbrochen wurde, als die drei Oberschüler hastig durch das Portal stolperten und in einem heillosen Durcheinander zu Boden gingen. Mit einem dumpfen Geräusch landeten sie übereinander, direkt vor den verglasten Fensterflächen.

„Uff!“

„Urgh“, brummte Akane. „Passiert das immer?“

Hiroshi seufzte genervt, während er Mirâ wieder auf die Beine half: „Leider ja.“

„Prima“, entgegnete die Brünette daraufhin trocken, die sich langsam erhob und ihren Blick über die Umgebung schweifen ließ. „Ich erinnere mich zwar noch dunkel an diesen Ort, aber ihn jetzt noch einmal richtig zu sehen ist dann doch nochmal was anderes.“

Demonstrativ schüttelte sich die junge Frau, als ihr offensichtlich ein kalter Schauer über den Rücken lief, und rieb sich dann die Oberarme. Mirâ nickte beiläufig auf den Kommentar ihrer Freundin und sah sich ebenfalls um; auf der Suche nach Mika, von der sie hoffte, dass diese das Eindringen der Gruppe bemerkt hatte und sich daraufhin zu ihnen begab. Da die Violetthaarige nicht wusste, wie sie das kleine Mädchen von sich aus kontaktieren konnte, hatte sie ihr nicht sagen können, dass sie sich bereits an diesem Abend hier einfinden würden. Ihr kam für einen kurzen Moment der Gedanke, dass es praktisch wäre etwas zu besitzen, mit dem es ihr jederzeit möglich war mit der Blauhaarigen zu kommunizieren. Dabei bleib jedoch die Frage offen, was sich dafür eignen könnte. Doch gerade jetzt war es nebensächlich, immerhin waren sie nicht deshalb hier. Deshalb schüttelte sie leicht den Kopf und setzte sich in Bewegung, um aus der versteckten Nische ihre Waffe und den Ball von Hiroshi hervorzuholen. Mit leichtem Schwung warf sie das runde Leder zu ihrem Kameraden, der dieses gekonnt auffing.

„Du hast also wirklich einen Ball als Waffe?“, fragte Akane plötzlich nach und beäugte ihren Kumpel skeptisch. Zwar hatte sie bei ihrer Rettung schon mitbekommen, wie der Blonde kämpfte, es jedoch nun wirklich so zu erleben schien ihr dann doch etwas merkwürdig.

Der Angesprochene jedoch hob nur die Augenbraue: „Ja und es funktioniert dank meinem gekonnten Schuss ziemlich gut. Aber was ist eigentlich mit dir?“

Die Brünette grinste nur auf die Frage hin und nahm eine typische Karate-Pose ein: „Mein ganzer Körper ist eine Waffe.“

Schweigend betrachtete Hiroshi seine Sandkastenfreundin, ehe er nur betroffen seufzte: „Den Kommentar dazu spare ich mir jetzt…“

Beleidigt blähte die junge Frau ihre Wangen auf und warf dem Blonden einen tötenden Blick entgegen, der jedoch aufgrund ihres restlichen Ausdrucks jegliche Wirkung verlor. Dann jedoch schien ihr etwas einzufallen, weshalb das Grinsen auf ihrem Gesicht zurückkehrte:

„Tja, manche trainieren ihren Körper, andere werfen mit Spielzeug. Aber dass du einen mächtigen Schuss hast wusste ich ja schon.“

Es brauchte einen Moment, bis die Wirkung ihrer Worte dort ankamen, wo sie wirklich trafen und daraufhin den jungen Mann etwas zusammenzucken ließ.

„Hey!“

Leicht amüsiert beobachtete Mirâ das Miteinander der beiden Kindheitsfreunde, selbst wenn die Situation es eigentlich nicht zuließ. Jedoch hatte dies zur Folge, dass sich die Anspannungen zwischen ihnen wieder etwas lockerte, die noch wenige Minuten zuvor fast unerträglich war. Insbesondere Hiroshi wirkte nun nicht mehr ganz so angespannt, wie noch den ganzen Tag über. Sie schmunzelte, während sie ihren Köcher schulterte und dann den Blick wieder schweifen ließ. Noch immer war keine Spur von Mika zu sehen, jedoch wusste die junge Frau auch nicht, woher das Mädchen kommen würde und wie viel Zeit es in Anspruch nehmen würde zu ihnen zu gelangen; selbst wenn in dieser Welt Dinge wie Zeit und Raum irrelevant erschienen. Das sanfte Klingeln eines Glöckchens ließ sie allerdings kurz darauf aufschauen. Einen Moment später tauchte die Silhouette einer kleinen Person auf, die aus Richtung Treppen immer näherkam und sich nur wenigen Sekunden darauf als die Gesuchte entpuppte.

Mit großen roten Augen blickte sie auf die drei Oberschüler: „Ihr seid ja schon da.“

Mirâ nickte und ging der Blauhaarigen einige Schritte entgegen: „Ja. Nachdem du mich gestern Abend darauf angesprochen hast und in Hiroshis Familie jemand plötzlich vermisst wird, hatten wir die Vermutung, dass es sich um diese Person handelt.“

Fragend wandte sich die Kleine an den Blonden, der mittlerweile die aufgekommene Diskussion mit Akane beendet hatte: „Jemand aus deiner Familie?“

„Meine Cousine um genau zu sein“, erklärte dieser leicht angespannt. „Seit vorgestern hat sie niemand im Wohnheim gesehen und gemeldet hat sie sich auch nirgends, obwohl das nicht ihre Art ist.“

„Hm?“, Mika legte den Kopf schief und schien für einen Moment über etwas nachzudenken. „Irgendwie haben bisher alle, die hier landen etwas mit dir zu tun. Kann das sein?“

Mit einem Mal waren alle Blicke auf Hiroshi gerichtet, welcher etwas erschrocken zusammenzuckte und offensichtlich kurz brauchte, um zu verstehen, was sein Gegenüber damit meinte.

Sofort hob er beschwichtigend die Hände: „Dieses Mal wasche ich meine Hände aber in Unschuld. Ja, Shina ist meine Cousine, aber im Grunde genommen haben wir seit einigen Jahren eher sporadischen Kontakt. Ihre Eltern leben außerhalb von Kagaminomachi. Deshalb wohnt sie im Wohnheim. Davon erfahren hab ich aber auch erst, als sie am ersten Tag plötzlich in der Schule aufgetaucht ist…“

„Sie ist gar nicht Makoto-sans Tochter?“, fragte Mirâ nun etwas irritiert nach, woraufhin ihr Kumpel den Kopf schüttelte: „Nein. Shinas Mutter ist die Schwester meines Vaters und Hirota.“

„Ah ja…“, man merkte die Fragezeichen, die sich über dem Kopf der Violetthaarigen gebildet hatten, was sie jedoch eigentlich versuchen wollte irgendwie zu überspielen.

„Hiroshis Familie ist etwas größer, aber das ist doch jetzt egal. Oder?“, mischte sich Akane plötzlich in das Gespräch ein und sorgte dafür, dass dieses beendet wurde. „Viel wichtiger ist doch, dass wir Shina-chan so schnell wie möglich hier rausholen. Oder was meint ihr?“

„Du hast Recht“, entgegnete Hiroshi nun wieder fokussierter.

Entschlossen trat er auf Mika zu und griff nach deren kleiner Hand: „Mika-chan, du weißt doch sicher, wo sich Shina aufhält. Oder? Bring uns bitte dorthin.“

Irritiert blickte die Angesprochene erst auf die Hand des Älteren und dann in seine blauen, besorgten Augen, bevor sie etwas verhalten nickte: „Ich habe keine Ahnung, ob es sich um diese Shina handelt, aber ich bin ja dafür hier, um euch zu unterstützen.“

„Dann lasst uns gehen“, beschloss Mirâ daraufhin.

Mika nickte nun etwas sicherer, bevor sie sich abwandte und die Gruppe dann von dem Plateau mit dem Einkaufszentrum herunter in die Stadt führte.
 

Einige Minuten später hatten sie das Stadtzentrum in Richtung Süden verlassen. Sie querten eine breite Brücke, die über den Gyakuryu führte, dessen Wasseroberfläche keine einzige Welle aufwies und dadurch wirkte, wie ein Spiegel, der das abnehmende Mondlicht reflektierte. Kurz darauf erreichten sie den Kirschblütenhain, dessen Bäume allesamt ebenfalls mit Blüten und Blättern aus filigranem Glas bestückt waren. Fand man den echten Hain schon bewundernswert, so war dieser Anblick nun unvergleichbar. Dieses Spektakel hätte die Gruppe sicher genossen, hätten sie es unter anderen Umständen gesehen. Doch sie wussten genau, dass sie nicht zu ihrem Vergnügen hier waren. Die düstere Atmosphäre dieser Welt erinnerte sie immer wieder daran, dass ein falscher Schritt ihnen das Leben kosten konnte. Ein Geräusch ließ die Gruppe zusammenzucken und in Richtung der eng aneinander stehenden Bäume blicken, in dessen Schatten sich plötzlich etwas regte. Sofort gingen die Oberschüler in Kampfstellung, während Mika etwas Abstand nahm, um nicht in den Kampf hineingezogen zu werden. Im nächsten Moment tauchten zwischen den Glasbäumen mehrere männliche Gestalten auf, die in einen Knielangen dunkelgrauen Mantel gekleidet waren. Ihre Gesichter zierte eine graue Maske, deren Züge vollkommen verzerrt waren; so wie es Mirâ und Hiroshi bereits in Akanes Dungeon gesehen hatten. Die Brünette dagegen, welche diesen Anblick noch gar nicht kannte, machte erschrocken einen Satz nach hinten.

„Was ist das?“, fragte sie geschockt.

„Shadows!“, antwortete ihr blonder Kumpel.

In genau diesem Moment änderten die Gestalten ihre Formen, indem sie in sich zusammenfielen. Aus den daraus entstandenen Partikeln formten sich zwei unterschiedliche Wesen, von denen eines Mirâ bereits geläufig war. Dabei handelte es sich um ein wild schnaubendes Kelpie, welches sie mit glasigen Augen anstarrte. Zweiteres war eine Gestalt mit dunklem Körper, welcher von Knochen umgeben war, was es so wirken ließ, als sei dieser von einem Skelett umgeben, an dessen Steiß sich ein knöcherner Schweif befand. An der Stelle, wo eigentlich seine Arme sein sollten, befanden sich schwarze Flügel und sein Kopf zierte der Schädel eines Vogels, an dessen Stirn sich jedoch zwei spitze Hörner und ein roter Stein befanden. Den Blick durch die hohlen Augenhöhlen auf die drei Oberschüler gerichtet, holte das Wesen mit seinen riesigen Schwingen aus und wirbelte dabei Staub auf, die seine Gegner dazu zwang die Arme vor das Gesicht zu nehmen, um sich vor dem Dreck zu schützen. Diesen Moment nutze das Kelpie zu einem Angriff. Ein rot-schwarzer Strudel aus Licht bildete sich um seinen wurzelähnlichen Unterleib, woraufhin sich die Luft in der Umgebung veränderte. Der Staub legte sich wieder mit einem Schlag und im nächsten Moment traf ein starker Windstoß Akane, die dem Angriff nur mit Mühe wiederstand.

„Akane alles in Ordnung?“, fragte Mirâ erschrocken.

„Ja, alles gut“, murrte die Brünette und starrte auf das Pferd mit dem merkwürdigen Körper. „Ich bin zwar ziemlich tierfreundlichen, aber das hier lass ich dir nicht durchgehen, du komischer Gaul.“

Sie zog ihr Handy aus der Jackentasche und tippte ohne einen weiteren Blick darauf zu verschwenden, auf die einzige Option, die für sie gerade relevant war: „Persona! Erscheine Menhit!“

Um die Füße der jungen Frau bildete sich ein strahlend blauer Strudel, dessen kleine Partikel nach oben stiegen und ihre Persona formten, die ohne weitere Worte zur Tat schritt. Mit Schwung erhob sie sich in die Lüfte und hielt dann ihre Hände auf das grüne Pferd. Kurz darauf stolperte dieses zurück, als es von einem kleinen Feuerball getroffen wurde. Ein größerer Effekt jedoch blieb aus.

Zur gleichen Zeit wichen Hiroshi und Mirâ dem anderen Wesen aus, welches sich plötzlich auf sie gestürzt hatte. Mit seinen Schwingen hatte es nach den beiden geschlagen und dabei die Luft aufgewirbelt, weshalb die Sicht um die beiden ziemlich schlecht war. Immer weiter griff der skelettähnliche Shadow an und ließ den beiden Oberschülern kaum eine Lücke und damit auch keine Chance einen Gegenangriff zu starten. Wieder wich die Violetthaarige zurück, als aus dem Staub um sie herum ein Flügel nach ihr schlug, und blieb plötzlich mit der Hacke an einer Kante hängen, die sich hinter ihr befand. Mit einem erstickten Schrei fiel sie zurück auf ihren Hintern. Bevor sie es jedoch schaffte sich wieder aufzurichten erkannte sie bereits erneut, wie die Schwinge ihres Gegners auf sie zuschoss. Erschrocken kniff sie die Augen zusammen, doch der erwartete Schmerz blieb aus. Stattdessen erklang der dumpfe Aufprall eines Balles, der auf einen Wiederstand traf. Vorsichtig öffnete sie wieder ihre Augen und erkannte dann, wie der Fußball ihres blonden Kameraden das Wesen am Flügel traf und damit aus ihrer Reichweite katapultierte. Den kurzen Moment, als der Shadow mit der Violetthaarigen beschäftig war, hatte Hiroshi für sich genutzt, um einen Angriff zu starten und dieser wiederum aus der Patsche zu helfen. Dankend schenkte die junge Frau ihm ein Lächeln und erhob sich wieder, nur um kurz darauf ihren Bogen zu spannen und einen Pfeil auf ihren Gegner abzuschießen. Leider vergebens, denn das Wesen hatte sich schneller als erwartete wieder gefangen und war ausgewichen. Im nächsten Moment jedoch schlug ein Blitz in den Shadow ein, der ihn erneut zurückdrängte.

„Hey! Ich bin dein Gegner!“, rief Hiroshi und war sich damit der Aufmerksamkeit des Skeletts sicher.

Bevor dieses jedoch erneut zum Angriff übergehen konnte hatte der Blonde seiner Persona bereits einen erneuten Auftrag gegeben: „Kouha!“

Plötzlich wurde die Umgebung in gleißendes Licht getaucht, sodass Mirâ sich die Augen zuhalten musste. Als sie diese wieder öffnete lag der Shadow zusammengesunken auf dem Boden.

„Haaaaaa!“, erklang Akanes Stimme von der Seite.

Wenige Sekunden später landete das Kelpie neben dem am Boden liegenden vogelähnlichen Wesen und rührte sich nicht mehr.

„Das ist unsere Chance!“, rief die Brünette und machte damit deutlich, dass sie gemeinsam angreifen sollten.

Keiner der anderen Beiden wartete auch nur einen Moment länger, bevor sie gemeinsam auf die beiden Shadows zustürmten, die sich daraufhin in schwarz-roten Nebel auflösten. Schwer atmend blickten die drei Persona-User auf die Stelle, an welcher eben noch ihre Gegner lagen; die Anspannung noch in den Knochen - immer darauf bedacht, gleich noch einmal angegriffen zu werden. Doch ein weiterer Angriff blieb vorerst aus. Trotzdem dauerte es einige Zeit, ehe die drei ihre verteidigende Position aufgaben. Stille kehrte ein. Nur das klingen der Glasblätter im schwachen Mondlicht war zu vernehmen.

„Puh… das war knapp“, meinte Hiroshi, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte.

„Aber wir haben sie niedergerungen… irgendwie…“, seufzend setzte Mirâ ihren Bogen ab. „Danke für deine Hilfe, Hiroshi-kun.“

„Nicht dafür“, grinste er leicht. „Ehrlich gesagt hätte ich keine Chance zum Angriff gesehen, wenn dieses Vieh sich nicht auf dich konzentriert hätte…“

„Diese Viecher haben uns echt überrascht, aber bei den nächsten sind wir drauf vorbereitet und machen sie schneller platt“, sagte Akane, der man jedoch anmerkte, dass sie leicht erschöpft war.

Ein kleines Lächeln zierte die Lippen der Violetthaarigen, während sie den Tatendrang ihrer Freundin bewunderte. Trotzdem hatte sie ihre Bedenken: „Wir sollten versuchen nicht so häufig in Kämpfe verwickelt zu werden und stattdessen unsere Kräfte sparen.“

„Mirâ hat recht“, sagte Mika, die aus den Schatten der Bäume hervortrat. „Zwar ist nicht sicher, ob euch am Ende wieder ein solch riesiger Shadow erwartet, aber ihr solltet immer damit rechnen. Dann braucht ihr nämlich alle Kraft, die ihr aufbringen könnte…“

Die Brünette steckte ihre Hände in Taschen ihrer Jacke: „Du gehst also davon aus, dass wir gegen so ein riesen Vieh kämpfen müssen, wie in meinem Dungeon?“

„Dungeon?“, fragend legte die Blauhaarige den Kopf schief, während Hiroshi nur tief seufzte und darauf antwortete: „So nennt man in Rollenspielen Orte, an denen man Gegner besiegt. Eigentlich ist der Vergleich für die Situation unpassend, aber wiederum auch nicht…“

„Eben…“, zuckte seine Sandkastenfreundin mit den Schultern.

Das kleine Mädchen jedoch schien einen Moment zu brauchen, um zu registrieren, was da gerade gesprochen wurde und schüttelte dann leicht den Kopf, um den Gedanken wieder aus diesem zu bekommen: „Egal… jedenfalls solltet ihr davon ausgehen, dass euch am Ende wieder ein großer, starker Shadow erwartet. Also teilt euch eure Kräfte ein.“

„Mika hat recht. Versuchen wir so viele Kämpfe zu meiden, wie es geht. Ich weiß nicht, ob wir unterwegs noch einmal Items finden, die unsere Kräfte wieder auffüllen“, erklärte Mirâ nun etwas ernster.

Ihre Freundin dachte kurz über die Worte nach und seufzte dann leise: „Ja okay, ihr habt Recht. Dann sollten wir keine weitere Zeit verlieren…“

Mirâ nickte: „Stimmt. Lasst uns weitergehen.“
 

Ihr Weg führte sie weiter nach Süden, entlang der glasigen Kirschbäume. Nach einiger Zeit erkannte Mirâ zu ihrer linken die Umrisse eines großen, flachen Gebäudes, was sie jedoch nicht zuordnen konnte. Lange konnte sie sich allerdings auch keine Gedanken darüber machen, denn zu ihrem Leidwesen tauchten erneut Gegner vor ihnen auf, die sich ihnen in den Weg stellten. Erneut handelte es sich um dieses skelettartige Wesen, welches sich als Gurr entpuppte, und das von einer Angel begleitet wurde. Da die Gruppe jedoch mittlerweile wusste, wie sie mit den einzelnen Wesen umzugehen hatte, war der Kampf schnell beendet. Allerdings blieb es daraufhin nicht bei diesem einen, denn immer wieder kamen ihnen Shadows entgegen. Nur selten hatten sie die Gelegenheit ihnen auszuweichen, was leider an den Kräften der drei zerrte, die zwischendurch eine kurze Pause einlegen mussten. Dieses Mal war es Akane, der erklärt werden musste, wieso sie ihren Stopp so kurz wie möglich halten mussten, um nicht dem Reaper zu begegnen, der hier sein Unwesen trieb. Zwar hatte die Brünette anfangs noch das Wunschdenken, dass es für sie einfach werden würde, ihn zu besiegen, doch als Mika ihr erklärte, zu was er fähig war, wurde sie doch etwas kleinlaut. Zu ihrem Glück jedoch tauchte genannter Gegner nicht vor ihnen auf, weshalb sie ihren Weg fortsetzen konnten. Nach einiger Zeit wurden zu ihrer linken die Umrisse der Jûgôya High School sichtbar. Das riesige Gelände lag in Dunkelheit, die nur durch das schwache Licht des Mondes durchbrochen wurde, und in tiefer Stille. Die Tore waren geschlossen, sodass es ihnen unmöglich war auf das Grundstück zu gelangen. Das jedoch schien ohnehin nicht ihr Ziel zu sein. Denn kurz bevor sie dieses überhaupt erreicht hatten bog Mika in einer der unzähligen Straßen nach Osten ab. Wieder war es Hiroshi, der zu ahnen schien, wohin sie ihr Weg führte, denn sein Körper spannte sich merklich an, je näher sie ihrem Ziel kamen.

„Ich verstehe“, auch Akane schien eine Idee davon zu haben, wohin ihre Schritte sie leiten würden.

Mirâ, die erst seit einigen Wochen in dieser Stadt lebte, dagegen hatte absolut keinen Plan und war deshalb umso erstaunter, als sie vor einem großen fünfstöckigen Gebäude anhielten, dessen zweiflüglige Eingangstür weit offenstand. Auf einem Schild links von dieser stand in Gespiegelten Schriftzeichen Jûgôya Dorm.

„Das Wohnheim der Schule?“, ging der jungen Frau durch den Kopf, bevor ihr wieder einfiel, dass Hiroshi erklärt hatte, dass seine Cousine im Wohnheim lebte, da sie von außerhalb der Stadt kam. „Also handelt es sich wohl wirklich um Shina-san…“

Besorgt blickte sie auf Hiroshi, dem anzumerken war, dass er – wie bereits bei Akane – am liebsten sofort losgestürmt wäre, um der dort drinnen gefangenen zu helfen. Doch er hielt sich eisern zurück und wandte sich seinen drei weiblichen Begleitern zu.

„Also… wie verfahren wir weiter?“, fragte er anschließend angespannt.

Mirâ sah den Blonden für einige Sekunden eindringlich an, doch richtete dann ihre Aufmerksamkeit dem offenen Eingang zu. Bereits bei ihrer Ankunft an diesem Ort war ihr aufgefallen, dass es sich anders anfühlte, als bei dem Dungeon ihrer Freundin. Damals hatte sie am Eingang absolut nichts gespürt. Hier jedoch war ganz deutlich die Aura einer Person zu spüren. Es fühlte sich ähnlich zu dem an, als sie sich vor dem Raum befunden hatten, in welchem sie auf den Shadow der Brünetten gestoßen waren und doch ganz anders. Da war kein kalter Hauch, der um ihre Beine streifte und sie drohte gefangen zu nehmen, aber trotzdem war es kein angenehmes Gefühl. Es war drückend, aber nicht so extrem, dass sie das Gefühl bekam sofort die Flucht ergreifen zu müssen. Was würde sie hier nur erwarten? Eine Bewegung im Augenwinkel ließ sie einen Moment neben sich schauen, wo Mika stand und ebenso angespannt auf das Gebäude vor sich blickte. Auch sie schien etwas zu spüren, dass den anderen beiden verborgen blieb. Wieso gerade sie beide dieses Gespür besaßen, dabei das kleine Mädchen noch etwas mehr als sie selbst, war der jungen Frau ein einziges Rätsel; wobei sie es sich bei sich selbst noch aufgrund ihres Rangs als Wild Card erklären konnte. Bei der Blauhaarigen jedoch blieb es rätselhaft.

„Theoretisch sollte uns dahinter doch ein Dungeon erwarten. Oder?“, sprach Akane ihre Gedanken aus, woraufhin die Violetthaarige ihre Aufmerksamkeit auf die Brünette richtete.

„Könntest du bitte aufhören diesen Vergleich zu ziehen? Das hier ist kein Spiel“, ermahnte Hiroshi sie ernst. "Verdammter Dreck!"

Überrascht wandte sich Mirâ ihrem Kumpel zu, als sie diesen in einer Sprache fluchen hörte, die ihr unbekannt war. Dass es sich dabei um einen Fluch handelte entnahm sie eher seiner Stimme, als dem, was er tatsächlich gesagt hatte und dass sie ohnehin nicht verstanden hatte.

Seine Sandkastenfreundin hingegen schien das nicht wirklich zu beindrucken, denn sie zuckte nur mit den Schultern: „Ich weiß, dass das hier ernst ist. Aber mir fällt es leichter, wenn die Dinge Namen haben. Oder hast du einen besseren Begriff dafür?“

Auf die Frage hin folgte nur Schweigen, dem auch Mirâ nichts mehr hinzuzufügen hatte. Denn auch sie hätte keine Idee, wie sie die Dinge, die sie hier erwarteten, benennen sollte. Zwar machte es die Sache nicht einfach, doch dem Unbekannten einen Namen zu geben, machte es greifbarer. Da wollte sie ihrer Freundin auch gar nicht widersprechen. Hiroshi schien es ähnlich zu gehen, denn er seufzte nur und beließ es dann dabei.

„Also? Was machen wir?“, fragte er anschließend noch einmal.

Mirâ holte unterdessen ihr Handy aus ihrer Jackentasche und öffnete das Item-Menü, in dem sie die bisher eingesammelten Gegenstände prüfte: „Ich weiß nicht wieso, aber mein Gefühl sagt mir, dass wir uns schon auf einen größeren Kampf vorbereiten sollten.“

Sie wählte ein Item aus, woraufhin die drei Oberschüler von einem grünen Licht eingehüllt wurden und sich daraufhin die kleinen Blessuren heilten, die sich über ihre Körper verteilten. Damit war die junge Frau jedoch noch nicht fertig, denn gleich darauf wählte sie einen weiteren Gegenstand, der die Gruppe in weißes Licht tauchte. Sofort spürte die Violetthaarige, wie ihre Erschöpfung allmählich nachließ. Auch ihren beiden Begleitern schien es so zu gehen, denn vor allem Akane wirkte wieder viel aufgeweckter. Mit einer gekonnten Drehung stieß sie ihr rechtes Bein in die Luft und tippelte danach kurz von einem Bein auf das nächste, ehe sie sich wieder mit festem Stand aufstellte.

„Wow, ich fühle mich wieder viel leichter“, grinste sie daraufhin nur.

„So wie du immer nach vorne stürmst ist es kein Wunder, dass du erschöpft bist…“, seufzte Hiroshi, was ihm einen bösen Blick der Brünetten einbrachte, die aber ansonsten nichts weiter dazu sagte.

Ein kurzes Schmunzeln ging über Mirâs Lippen, was jedoch nach nur wenigen Sekunden wieder verschwand, ehe sie sich wieder dem Eingang zuwandte: „Dann lasst uns gehen.“

Nun richteten auch ihre Freunde ihre Blicke auf das Ziel ihrer heutigen Mission und nickten dann, bevor sich die Gruppe in Bewegung setzte und durch den Eingang trat.
 

Wie bereits bei Akanes Dungeon umgab die drei ein Strudel aus bunten Farben, der mit schwarzen Rissen durchzogen war und ihnen die Orientierung zu rauben versuchte. Doch wie zuvor dauerte dieses Spektakel nur wenige Sekunden, ehe sich die drei Oberschüler und das kleine Mädchen in einem großen Foyer wiederfanden, das jedoch absurde Ausmaße angenommen hatte und so groß wirkte wie eine riesige Sporthalle. Die Wände strahlten wieder in den wechselnden Farben des Regenborgens und waren von schwarzen Rissen durchzogen, als würden sie aus Glas bestehen, dass jemand zerbrochen hatte. Daran hingen in regelmäßigen Abständen schwarze Halterungen, an denen Kerzen angebracht waren, die den Saal in flackerndes Licht tauchten, welches durch den riesigen Spiegel an der Decke reflektiert wurde und die Umgebung damit heller wirken ließ, als sie eigentlich wirklich war. Der Boden dagegen bestand aus bröckeligem Sandstein, was wieder im krassen Gegensatz zum Rest der Einrichtung stand, die allerdings auch eher spärlich war. Weit am Rand des Zimmers standen vereinzelte gepolsterte Möbel und Tische, die jedoch nicht so wirkten, als könne man sich daraufsetzen. Mehr war nicht zu entdecken; nicht einmal Fenster waren hier zu finden. Es wirkte wie ein abgeschlossener Raum ohne die Chance einer Fluchtroute. Der einzige Weg nach draußen war die große Flügeltür, durch welche die vier gekommen waren, doch diese war nun, da sie eingetreten waren, plötzlich verschwunden.

„Ein abgeschotteter Raum ohne Fenster und Türen… unheimlich…“, schauderte es Akane, die sich leicht panisch umschaute.

Auch Mirâ ließ ihren Blick schweifen, darauf hoffend doch irgendwo einen Weg nach draußen zu finden oder etwas, dass sie weiterbringen würde. Dabei fiel ihr Augenmerk auch auf die Mitte des Raumes, wo eine einzelne Person stand; die Schultern tiefhängend und den Blick gen Boden gerichtet. Die hellbrünetten Haare fielen ihr leicht über die in die Schuluniform der Jûgôya gekleideten Schultern und über das Gesicht, welches sie nach unten gerichtet hatte.

„Shina!“, setzte sich Hiroshi plötzlich in Bewegung und ging auf die junge Frau zu, die sich wirklich als seine Cousine herausstellte.

Sie zuckte kurz zusammen, als sie die Stimme des Blonden vernahm: „Hi-ro?“

Genannter hatte die Jüngere nun erreicht: „Ja, Kleines, ich bin es. Wir sind hier, um dich hier raus zu retten.“

„Um mich zu… retten?“

„Ja genau“, vorsichtig griff der junge Mann nach der Hand seiner Cousine, die eisigkalt war und ihn leicht stutzen ließ.

Plötzlich ging ein zittern durch den Körper der jungen Frau, auf welches ein Lachen folgte. Leise, kehlig, bitter. Es kroch aus ihrer Kehle wie Rauch aus einem schwelenden Feuer.

„Retten? Wovor? Vor dem Gefühl, dass ich nie genug bin? Vor dem ständigen Versuch, jemand zu sein, den ihr stolz anschauen könnt?“

Ihre Stimme klang tiefer, fremder. Wie zwei Stimmen in einer. Im nächsten Moment hob sie den Blick und ließ Hiroshi damit zurückschrecken, als diesen zwei stechend gelbe Augen trafen, die ihn wie Nadeln fixierten.

„Ich bin es leid. Leid vom Kämpen. Vom Erklären. Vom Hoffen.“

Der Boden unter der jungen Frau begann zu flimmern, ähnlich dem Phänomen, wenn eine Persona gerufen wurde. Doch dieses Licht war nicht blau… es war blutrot und gleichzeitig tiefschwarz. Erschrocken wich der junge Mann, welcher noch vor ihr hockte, zurück und nahm gebürtigen Abstand, während das Licht um die Brünette immer stärker wurde.

Shina richtete sich auf, aber ihre Bewegungen waren ruckartig, marionettenhaft. Ihr Körper spannte sich, als würde etwas in ihr zerren. Sie streckte den Arm nach oben, die Stimme zu einem donnernden Befehl erhoben:

„Komm, Onmoraki! Zeig ihnen, wer ich WIRKLICH bin!“

Geschockt blickten die drei Oberschüler auf die Brünette, um die herum ein Strudel aus rot-schwarzen Partikeln tobte aus denen sich nach und nach ein Wesen formte, dessen Körper einem nackten Hähnchen ähnelte, auf dessen dünnen Hals ein runder Kopf mit breitem Mund befand, aus dessen Schlund es Feuer spuckte. Seine Präsenz schrie förmlich: Ich bin das, was du nie zeigen darfst.

Die gelben Augen in Shinas Gesicht leuchteten auf, während schwarze Energie in Wellen von ihr ausging, die so mächtig waren, dass sie den Spiegel an der Decke zum Springen brachten, deren Scherben zu Boden fielen. Schützend hielten sich die drei Oberschüler die Arme über den Kopf, um sich vor den herunterfallenden Teilen zu schützen, bevor sie sich wieder auf das Mädchen vor sich konzentrieren konnten.

„Ist das… ihre Persona?“, rief Akane entsetzt.

„Nein. Das ist ein Shadow“, entgegnete Mirâ, die aus welchem Grund auch immer spürte, dass es sich dabei nicht um die gleiche Art Shadow handelte, wie der von Hiroshi und ihrer Freundin. „Der hier ist anders. Wir müssen uns beeilen und versuchen Shina-san zu erreichen, bevor er vollständige Kontrolle über sie erlangt.“

Hiroshi trat vor, das Herz schwer, aber voller Entschlossenheit. Er spürte wie die dunkle Energie gegen ihn drückte, doch er ließ sich nicht einschüchtern.

„Shina. Ich kenne dich“, rief er laut. „Das bist nicht du. Du bist nicht nur diese Zweifel. Du bist nicht dieses Monster. Und du bist nicht alleine – du musst das alles nicht alleine tragen.“

Onmoraki kreischte, die gestutzten Flügel ausgebreitet, zum Angriff bereit. Aber für einen kurzen Moment flackerte etwas in Shinas Augen. Etwas Menschliches. Jedoch nur für den Hauch einer Sekunde, denn gleich darauf glühten ihre Augen wieder stechend gelb. Das Wesen über ihr breitete seine zerfetzten Flügel aus und der Raum begann unter seinem markerschütternden Schrei zu beben. Schwarze Flammen loderten plötzlich rings um die Gruppe auf – züngelten an den Wänden und verzerrten den Raum wie eine brennende Erinnerung. Shina stand inmitten des Chaos, die gelben Augen grell aufleuchtend, wie das Licht eines Zuges in der Dunkelheit.

„Wenn ich schon brennen muss, dann soll alles mit mir untergehen!“, schrie sie mit verzerrter Stimme auf.

In diesem Moment war sie kein einfaches Opfer mehr. Onmoraki hatte sie vollständige Kontrolle über sie erlangt. Die Schatten um ihren Körper zogen sich zusammen, während ihre Stimme wie das Echo eines anderen Selbst‘ klang.

„Fühlt den Fluch, den ich trage! Fühlt meinen Sturm!“

Ein Wirbelsturm fegte durch den Raum – ein mächtiger Garu-Angriff folgte, der durch die umherzüngelnden Flammen unerträglich heiß war. Hiroshi riss den Arm vors Gesicht, doch alles Entgegenstellen half nichts, denn im nächsten Moment wurde er von den Füßen gerissen und gegen die Wand geschleudert.

„Urgh!“

„Hiroshi-kun!“, rief Mirâ erschrocken.

„Was ist das für ein Shadows? Verdammte scheiße", keuchte Hiroshi schmerzhaft auf.

„Wir müssen irgendwie zu ihr durchdringen“, sagte Mirâ und griff nach ihrem Smartphone. „Hemsut!“

Der blaue Strudel aus Licht umgab die Violetthaarige, aus dem Hemsut erschien, die sich sofort auf Onmoraki stürzte und ihre Hand auf diesen hielt. Kurz darauf traf ein Eisbrocken den Shadow, welcher daraufhin kreischend zurückwich. Im nächsten Moment tauchte Akane aus den Schwaden auf, die durch das Feuer rundherum hervorgerufen wurden und versetzte dem Wesen einen gekonnten Tritt, der jedoch weniger bewirkte als erhofft. Onmoraki kreischte erneut auf und wieder leuchtete das rot-schwarze Licht um Shinas Körper auf. Daraufhin formte sich unter Akanes Füßen ein dunkler Strudel, doch ehe sie dies wirklich bemerkte war es bereits zu spät. Dunkelviolett-schwarzen Schwaden zogen sie sich von unten nach oben und schlossen die Brünette für einen Moment ein, die schmerzhaft zu Boden ging.

„Akane!“, rief Hiroshi aufgebracht, der sich wieder aufgerappelt hatte. „Das wirst du büßen! Komm Aton!“

Die männliche Gestalt erschien über ihm und richtete sich sofort auf den vor sich befindlichen Gegner, die Hand nach oben gehoben. Kurz darauf erschien darüber ein gleißendes Schwert aus Licht, welches die Persona auf den Shadow schleuderte. Gleißend durchbrach das Licht die Dunkelheit und traf Onmoraki frontal, der aufheulte und im nächsten Moment zu Boden ging.

„JETZT!“, rief der Blonde, woraufhin die drei Oberschüler nach vorn stürmten und einen kombinierten Angriff auf den Gegner starteten.

Zwar nahm dieser enormen Schaden, jedoch reichte es nicht, um ihn damit zu besiegen. Shina jedoch schrie schmerzhaft auf und ließ damit die Persona-User erschrocken zusammenzucken. Doch für einen winzig kleinen Moment konnten sie im Gesicht der Jüngeren wieder etwas Menschliches erkennen: Verwirren. So, als hätte das, was sie bisher übernommen hatte, allmählich die Kontrolle verloren und ihr damit die Chance gegeben diese langsam wieder zu erlangen.

„Shina-san ist noch da. Sie kämpft“, merkte Mirâ an. „Change! Angel!“

Sie rief die Persona in Engelsgestalt, die ihre Energie sammelte, woraufhin sich unter Onmoraki eine gleißende Fläche bildete. Bannzettel wurden in die Luft gehoben, bevor der Raum in gleißendes Licht getaucht wurde und der Shadow damit erneut zurückgedrängt.

„NEIN! Ich bin ihr wahres Ich! Ich bin ihre Stärke, geboren aus Schmerz!“, erklang die Verzerrte Stimme des Wesens, das Besitz von der Oberschülerin ergriffen hatte.

Der Boden brach auf. Flammen schossen empor. Shina hob schreiend die Arme, während der Raum um sie herum glühte. Für einige Sekunden schien sie vollständig mit Onmoraki zu verschmelzen.

„Wir müssen eingreifen“, schrie Akane und stürmte nach vorn. „Mira! Hiroshi! Erscheine Menhit!“

Die Persona mit der roten Mähne erschien auf der Bildfläche und nahm für einen Moment eine Kampfhaltung ein, bevor sie mit ganzer Kraft zu einem Tritt ausholte, der den Shadow zurückriss. In dem Moment, als Menhit zurückwich flog ein Eisgeschoss an dieser vorbei, dass von Hemsut kam und den Gegner mit sich riss. Gleichzeitig bildete sich um Hiroshi der blaue Strudel, woraufhin sich wieder Aton in die Luft erhob und erneut die Hand hob, in welcher sich wieder das Lichtschwert bildete, dieses Mal etwas größer, als noch zuvor. Er holte Schwung und schleuderte seine Waffe dann auf das vogelähnliche Wesen, welches mit voller Wucht zu Boden gerissen wurde. Mit lautem Knall explodierte die gesammelte Energie und riss den Shadow mit sich, der sich in rot-schwarzem Nebel auflöste. Shina sackte in sich zusammen und hielt sich die keuchend die Brust. Die gelben Augen flackerten kurz, bevor sie sich langsam wieder hellblau färbten. Die Schatten um die herum verschwanden und die Flammen erloschen. Zurück blieb ein in schwarzen Ruß getauchter Raum und darin die vier Oberschüler und das kleine Mädchen.

„Ich… ich wollte doch nur… gesehen und ernst genommen werden…“, sagte sie mit zittriger Stimme.

Hiroshi trat vor sie und hockte sich zu ihr hinunter.

„Ich sehe dich. Nicht wegen dem, was du bisher erreicht oder nicht erreicht hast, sondern weil du so bist, wie du bist“, seine Stimme war fest, aber freundlich und warm.

Die Brünette hob den Blick, in welchem sich Schmerz und Verzweiflung wiederspiegelten: „Dann… darf ich für mich selbst kämpfen?“

Der Blonde nickte und schenkte seinem Gegenüber ein liebes Lächeln: „Du solltest nur für dich kämpfen. Nicht für jemand anderen. Nicht um dich damit hervorzutun. Sondern um deiner selbst willen.“

Shina schwieg kurz, bevor sich immer mehr Tränen in ihren Augen sammelten und sie sich weinen nach vorn in die Arme ihres älteren Cousins fallen ließ, welcher sie sanft an sich drückte. Erleichtert sah er zu seinen drei Begleiterinnen, die ihm ein ebenso erleichtertes Lächeln schenkten.

„Was für ein merkwürdiger Shadow…“, sprach Mika dann jedoch plötzlich an und blickte dabei auf die einzelnen Persona-User vor sich. „Er ist einfach verschwunden, aber…“

Sie blickte sich um: „Er hat sich nicht in eine Persona verwandelt.“

Mirâ nickte, während ihr die Worte von Margaret wieder einfielen, die sie ihr gesagt hatte, bevor sie von Shinas Verschwinden erfahren hatte.
 

„Nicht jeder besitzt eine tief verankerte Wahrheit, die sich gegen ihn selbst stellt. Doch solche Seelen sind verletzlicher. Sie rufen nicht nach Hilfe – doch sie müssen trotzdem gehört werden.“
 

Nun, da sie mitbekommen hatte, wie aus einem Shadow keine Persona wurde, glaubte sie die Worte endlich zu verstehen. Es gab also auch Menschen, die in die Fänge der Spiegelwelt gerieten, aber nicht mit ihrem Ebenbild konfrontiert wurden und sich aber trotzdem ihren Ängsten stellen mussten. Aus diesem Grund war wohl auch das Gefühl, dass sie bei diesem Ort hatte anders. Das was sie gespürt hatte waren die verzerrten Gefühle der Person und nicht der Shadow an sich, so wie es bei Hiroshi und Akane war. Kurz richtete sie ihren Blick auf ihre beiden Freunde, die sich darüber unterhielten, wie sie nun am besten mit Shina verfuhren, die derweil das Bewusstsein verloren hatte.

„Ich denke“, begann die Violetthaarige und sorgte so dafür, dass die gesamte Aufmerksamkeit auf ihr lag, „dieser Shadow war anders, weil es sich dabei nicht um ein Abbild ihrer selbst handelte. Es waren nur ihre Selbstzweifel in geballter Form.“

„Mit scharfen Zähnen“, warf Akane etwas schelmisch ein und wurde dann wieder ernst. „Du meinst, dass es nichts war, was sie verdrängt hat, sondern selbst erschaffen? Wie eine Art Panzer?“

Hiroshi blickte hinunter auf die Brünette, deren Kopf er vorsichtig auf seinen Schoß gebettet hatte: „Es war also nichts, was sie ablehnen wollte. Sondern etwas, wovon sie dachte, dass es in ihr ist. Dieser kleine Dummkopf.“

„Sagt der richte“, kam es von seiner Sandkastenfreundin, der er jedoch nur einen Blick schenken musste, um diese wieder zum Schweigen zu bringen; immerhin galt das gleiche auch für sie.

Mirâ seufzte auf den Kommentar und wandte sich dann dem nun wieder erschienen Ausgang zu: „Lasst uns gehen. Es ist besser, wenn Shina-san nicht länger als nötig hierbleibt.“
 

[ *später Abend* ]

[ Reale Welt – Einkaufszentrum ]
 

Seicht wurde die Umgebung der realen Welt von dem leicht wieder aufglimmenden Mond erhellt, während die Laternen rundherum ihr übriges taten. Mit Schwung stolperten die drei Oberschüler aus der verglasten Wand des Einkaufszentrums, darauf bedacht nicht wieder einen Sturzflug hinzulegen. Vor allem Hiroshi versuchte tunlichst auf den Beinen zu bleiben, denn er hatte die immer noch bewusstlose Shina huckepack genommen, um sie besser tragen zu können. Als er aus dem Spiegel heraustrat hatte er wie alle anderen etwas viel Schwung, schaffte es aber nach wenigen Schritten zum Stehen zu kommen, was ihn erleichtert aufatmen ließ.

„Puh das ging ja doch etwas sanfter“, sprach Akane aus, was jeder von ihnen dachte, und wandte sich dann ihrem Sandkastenfreund zu. „Was machen wir jetzt mit Shina?“

Besorgt blickte der Blonde über seine Schulter: „Ich nehme sie mit zu mir nachhause. Muss mir nur noch überlegen, wie ich das meinem Alten erkläre. Offiziell war ich heute bei meinem Nebenjob.“

„Wie wäre es, wenn du sagst, dass du sie unterwegs zufällig aufgegabelt hast?“, schlug die Brünette vor. „Offiziell gilt sie ja als vermisst. Und wer weiß, ob das morgen noch so stimmt.“

„Auch wieder wahr“, mit leichtem Ruck schob der junge Mann das Mädchen auf seinem Rücken wieder etwas höher, da sie leicht heruntergerutscht war. „Wird wohl das Beste sein. Dann lasst uns gehen.“

Damit setzten sich die drei in Bewegung und machten sich auf den Heimweg, jeder erschöpft von dem, was sie an diesem Abend erlebt hatten und erleichtert darüber ihre Mission erfolgreich abgeschlossen zu haben.
 

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[ side III ] – The Day the Blossoms Fell [ Shina ]


 

*~* [ side III ] – The Day the Blossoms Fell [ Shina ] *~*

[ ~Dienstag, 07. April 2015~ ]

[ *Morgen* ]

[ Jûgôya High School ][/I
 

Das Licht fiel weich durch die hohen Fenster des Jûgôya-Gebäudes und malte helle Flecken auf den Holzfußboden. Im Flur roch es nach frischem Papier und einem Haus Kreide, einer Mischung, die auf Shina auf seltsame Weise einen beruhigenden Effekt hatte. Leicht nervös stand vor dem Raum der 1-3, der Klasse, die sie ab diesem Schuljahr besuchen würde. Was würde sie nun erwarten? Wie waren wohl ihre Klassenkameraden? Würde sie sich mit ihnen verstehen? So viele Fragen irrten durch ihren Kopf und doch kam sie bei keiner von ihnen auf eine konkrete Antwort. Sie wusste nur eins: Sie alle gehörten nun endlich zu den Oberschülern, die sich mit viel Mühe und Kraft einen Platz an dieser Schule erkämpft hatten. Shina schluckte schwer, ehe sie in die Vertiefung der Schiebetür griff und diese vorsichtig aufschob. Sofort drangen aufgeregte Stimmen zu ihr herüber. Stimmen von Schülern, die sich aufgeregt unterhielten und lachten. Die Meisten von ihnen schienen sich bereits zu kennen; eine Erkenntnis, die die junge Frau doch etwas unsicher werden ließ. Andererseits hatte sie auch nichts anderes erwartet, immerhin lebten die Meisten von ihnen hier in der Stadt und kamen nicht, wie sie von Außerhalb. Sie zögerte kurz und schluckte noch einmal schwer, ehe sie sich darauf besann, dass sie sich doch vorgenommen hatte mit erhobenem Haupte in die neue Schule einzutreten. Immerhin konnte sie doch stolz auf sich sein, denn sie hatte den Eintritt hierher mit eigener Kraft und viel Fleiß geschafft. Die Monate dahin waren alles andere als einfach gewesen und sie hatte auf vieles verzichten müssen, doch es hatte sich gelohnt. Deshalb atmete sie noch einmal tief durch und trat ein. Sofort waren einige Blicke ihrer Mitschüler auf sie gerichtet, teils neugierig, teils interessiert, was sie doch noch einmal kurz zusammenzucken ließ. Es dauerte jedoch nur wenige Sekunden, ehe sich alle auf ihre ruhenden Blicke wieder abwandten und ihre Klassenkameraden sich wieder in ihre Gespräche vertieften. Die Anspannung fiel wieder, weshalb sie leise aufatmete.

Plötzlich erklang eine weibliche Stimme hinter ihr: „Minatsuki Shina-san?“

Überrascht drehte sich Angesprochene um und erkannte dann eine kleine, recht zierliche junge Frau, die gekleidet in einen hellblauen Hosenanzug, auf sie zukam; die dunkelbraunen Haare zu einem lockeren Dutt gebunden und ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Ihre Klassenlehrerin, soweit sich Shina noch erinnern konnte.

„J-ja, das bin ich“, antwortete sie deshalb mit einer höflichen Verbeugung. „Es freut mich, Tanazaki-sensei.“

„Mich ebenso“, sagte die Ältere leicht euphorisch, sich offensichtlich darüber freuend, dass sich ihre neue Schülerin ihren Namen gemerkt hatte. „Ich habe schon einiges von dir gehört. Deine Leistungen in der Mittelschule und bei den Aufnahmeprüfungen waren wirklich erstklassig. Es wundert mich nicht, dass du ein Stipendium bekommen hast. Aber du weißt sicher selbst, dass das auch einiges mit sich bringt. Wir erwarten einiges von dir. Du wirst dich beweisen müssen – nicht nur mit Noten.“

„Genau deshalb bin ich doch hier“, dachte sich die Erstklässlerin und verbeugte sich erneut leicht. „Ich werde mein Bestes geben.“

Unbemerkt von dem Gespräch wurden ihnen verstohlene Blicke ihrer Mitschüler zugeworfen, die das Gespräch mitbekommen hatten. Darunter auch ein Mädchen mit makellos zusammengebundenem Zopf und funkelnden Haarspangen, welches auf einem Stuhl in der Nähe der Tür saß und die Brünette mit einem mürrischen Blick musterte. Shina bekam davon allerdings nichts nicht; auch nicht als ihre Klassenlehrerlin endlich von ihr abgelassen hatte, um den Unterricht zu beginnen.
 

[ *Mittagspause* ]
 

Summend lief Shina den Gang zurück in ihr Klassenzimmer, nachdem sie draußen auf einer der Freisitze ihr Mittagessen zu sich genommen hatte. Sie war euphorisch. Die Stunden waren wie im Flug vergangen, während sie das Wissen, dass ihr dort vermittelt wurde, wie ein Schwamm aufgesogen hatte. Bereits jetzt merkte sie, dass es anspruchsvoll werden würde, aber gerade das machte es für sie so aufregend. Es war vollkommen anders, als auf ihrer Dorfschule; viel größer, schneller, heller. Und trotzdem hatte sie das Gefühl mithalten zu können. Mehr noch: Es machte ihr Spaß und sie blühte auf. Wie schnell sich das jedoch ändern konnte, musste sie auf schmerzhafte Weise nur wenige Minuten später feststellen.

Noch immer von dem leichten Hochgefühl begleitet betrat sie ihren Klassenraum und bemerkte dabei bereits die drückende Stimmung, die sich aufgebaut hatte. Plötzlich war es still geworden und die Blicke der Anwesenden waren auf sie gerichtet. Den Kopf leicht verunsichert eingezogen ging sie zu ihrem Platz zurück und entdeckte dort ein heilloses Chaos. Erschrocken blickte sie auf ihre aufgeschlagenen Bücher, deren Seiten zerknittert waren, und das Lesezeichen mit den hübschen Sakurablüten darauf, welches sie zum Abschied von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte, und dass nun zerrissen darauf lag.

„Stip-Gör“, prangerte in krakeliger Schrift auf ihren Heften.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, während sie merkte, dass etwas in ihr zu bröckeln begann.

„Wieso?“

Sie bückte sich langsam und hob mit zitternden Fingern die einzelnen Teile ihres Lesezeichens auf, als wäre es etwas sehr Zerbrechliches.

Leises Lachen ließ sie aufhorchen, bevor eine Stimme hinter ihr erklang; zuckersüß und schneidend: „Tja, man merkt eben, wer sich einen Platz erkauft hat… und wer ihn sich nur erbettelt.“

Ihre Worte waren wie Honig, zäh und süß, mit einem Beigeschmack von geschärftem Stahl. Sie schnitten sich mitten ins Herz und ließen die Brünette leicht zusammenzucken. Sie sah nicht auf. Traute es sich nicht derjenigen in die Augen zu blicken, die dieses Chaos vermeintlich verursacht hatte. Ihre Kehle war trocken, ihre Schultern steif.

„Nicht jetzt. Bleib standhaft. Zeig ihnen nicht, dass du getroffen bist.“

Schweigend setzte sie sich und strich wie mechanisch gesteuert die Seiten ihres Buches wieder glatt. Die Umrisse ihrer Mitschüler verschwammen an den Rändern ihres Blickfeldes. Alles wurde plötzlich still – nicht nur im Raum, sondern auch in ihr selbst. So still, dass sie ihr eigenes Herz schlagen hörte. Und dann – ganz kurz – glaubte sie, etwas zu sehen. In der glänzenden Oberfläche ihres Smartphones: ihr Spiegelbild. Doch es lächelte nicht. Es sah sie traurig an. Verzerrt. Fremd. Sie blinzelte. Das Bild war verschwunden und nur ihr glasiger Blick war zu erkennen. Zurück blieb sie in ihrer Stille, einzig und allein mit ihrem Herzschlag.

„So muss sich Einsamkeit anfühlen“, dachte sie. „Oder die Wahrheit, wenn sie wehtut.“
 

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XXVII – Where Thoughts Wander


 

*~* XXVII – Where Thoughts Wander *~*

[ ~Sonntag, 26. April 2015~ ]

[ *früher Nachmittag* ]

[ Junes ]
 

Sich streckend lehnte sich Akane auf ihrem Stuhl zurück und ließ ihren Kopf in den Nacken fallen, sodass sie hinter sich auf die Menschen schauen konnte, die sich allesamt ebenfalls auf dem Foodcourt von Junes eingefunden hatten. Die Leute um sich herum unterhielten sich angeregt oder standen an einem der verschiedenen Essensstände an, um sich dort etwas zu bestellen, sodass man die allgemeine Stimmung als sehr ausgelassen bezeichnen konnte. Kein Vergleich zu der eher ernsten Atmosphäre, die an ihrem Tisch herrschte. Seufzend hob sie den Kopf und wandte sich wieder Mirâ zu, die ihr gegenübersaß und etwas verunsichert in Richtung der Massen von Menschen blickte, als würde sie nach etwas Ausschau halten. So ganz falsch war diese Annahme nicht einmal, denn vor gut einer viertel Stunde war Hiroshi losgezogen, um ihnen etwas zu trinken zu holen und war bisher nicht wieder zurückgekehrt. Über ihnen erklang der Slogansong des Supermarktes, dessen Beliebtheit in den letzten Jahren stetig gewachsen war, sodass er bisweilen in fast jeder Stadt in Japan zu finden war, und ließ Akane zu den Lautsprechern blicken. So gern, wie sie zu Junes ging, der Slogan nervte sie dann doch etwas. Vor allem, wenn er alle paar Minuten erklang.

„Drei Getränke, wie bestellt“, erklang plötzlich Hiroshis Stimme, welcher endlich wieder an den Tisch trat und das Tablet abstellte. „Sorry, es war verdammt voll…“

Er ließ sich auf den freien Stuhl neben Mirâ sinken und seufzte genervt, bevor er sich einen der Becher griff. Auch die Mädchen nahmen sich eines der beiden andren Getränke.

„Danke dir“, bedankte sich Mirâ.

Der Blonde winkte jedoch nur ab: „Nicht dafür. Also… kommen wir zum Thema.“

Tatsächlich hatten sich die drei Oberschüler an diesem Tag nicht zum Vergnügen hier verabredet, sondern um noch einmal über den Vorfall am Vorabend zu sprechen. Zwar hatten sie schon grob darüber gesprochen und dabei festgestellt, dass es sich bei Shina nicht um eine Persona-Userin handelte, doch noch immer waren einige Fragen offen.

„Wie geht es Shina-san?“, fragte Mirâ vorsichtig nach.

„Sie ist erschöpft und verwirrt, aber körperlich in Ordnung“, antwortete Hiroshi nachdem er einen Schluck seines Softdrinks getrunken hatte.

Akane setzte gerade von ihrem Trinkhalm ab, als sie weiter nachhakte: „Weiß sie denn noch, was gestern passiert ist? Oder was allgemein passiert ist?“

Der junge Mann ihr gegenüber schwieg einen Moment, doch schüttelte dann den Kopf: „Nein. Sie hat keine Ahnung, was passiert ist. Sie scheint auch nicht zu wissen, dass sie in der Spiegelwelt war. Deshalb habe ich ihr erzählt, dass ich sie auf dem Heimweg von meinem Nebenjob in der Nähe unseres Hauses gefunden habe. Meine Eltern glauben das übrigens auch, anders hätte ich denen das gestern auch gar nicht erklären können. Mein Vater hat gestern sogar extra einen Arzt kommen lassen, um sie zu untersuchen. Aber der meinte nur, dass sie wohl einfach extrem erschöpft sei. Sie soll sich die nächsten Tage ausruhen.“

„Sie hat also weder das Potential, wie wir, noch bringt es etwas sie dazu zu befragen, wie sie in die Spiegelwelt gelangt war, weil sie sich sowieso nicht erinnert. Oder?“, stellte die Brünette fest und erhielt daraufhin nur ein Nicken ihres Kumpels.

Mirâ hörte schweigend zu und machte sich dabei ihre eigenen Gedanken. Es musste einen Grund gegeben haben, wieso Shina in der Spiegelwelt gelandet war, immerhin war es bei Akane ebenfalls so gewesen.

„Sag mal Akane“, sprach sie plötzlich und ließ die Brünette damit zu ihr sehen. „Erinnerst du dich noch daran, wie du in die Spiegelwelt gelangt bist? Darüber hatten wir noch gar nicht gesprochen. Oder?“

Sie sah ernst auf und damit in das etwas erschrockene Gesicht ihrer besten Freundin, welches kurz darauf einen nachdenklichen Ausdruck bekam. Innerhalb von Sekundenbruchteilen veränderte dieser sich jedoch wieder erneut, als sich die junge Frau an etwas zu erinnern schien und bleich wurde. Schnell griff sie nach ihrem Becher und nahm einen kräftigen Schluck ihres Getränks, welches dafür sorgte, dass sie wieder etwas Farbe bekam.

Mit Schwung stellte sie den Softdring wieder ab und sah dann ernst in die Runde: „Jetzt wo du es erwähnst… es war echt unheimlich. Ich hab mich so über Hiroshis Worte geärgert und plötzlich hörte ich aus meinem Spiegel eine Stimme. Sie klang wie meine und sie hatte so einen zynischen Unterton. Also habe ich nachgesehen und plötzlich bekam mein Spiegelbild gelbe Augen und zog mich durch den Spiegel. Danach ist alles verschwommen…“

„Wie bei dem Spiegelspiel…“, murmelte die Violetthaarige, als ihr etwas auffiel. „Du sagst, dass du dich über Hiroshi-kuns Worte geärgert hast, als die Stimme erklang.“

Die Brünette nickte: „Sie sagte das, was ich in dem Moment unterbewusst gedacht habe…“

Erneut überlegte Mirâ einen Moment, bevor sie sich daran erinnerte, wie Shina vor ihrem Verschwinden von ihren Mitschülern angegangen wurde: „Bestimmt… es hat bestimmt etwas mit der Sache damals in der Schule zu tun.“

Sie sah auf und in zwei fragende Gesichter: „Na… als Shina-sans Mitschülerinnen ihr gesagt haben, dass sie nicht dazu gehörte…“

Es herrschte kurzes Schweigen, bevor ihre beiden Freunde wirklich zu realisieren schienen was sie meinte und plötzlich war es Hiroshi, dessen Gesicht blass wurde. Offensichtlich hatte sich mit dieser Erkenntnis etwas in ihm zusammengesetzt, wo bisher noch das letzte Puzzleteil gefehlt hatte.

"Scheiße!", fluchte er plötzlich mit leicht erstickter Stimme. „Wahrscheinlich hast du Recht, Mirâ. Ich hätte damals gleich eingreifen sollen. Wieso hat sie nichts gesagt? Dann hätte ich ihr doch geholfen.“

„Wahrscheinlich wollte sie dir keine Sorgen oder Umstände machen“, warf Akane ein. „Aber was genau ist denn nun eigentlich das Problem an Shina? Sie ist doch kein typisches Opfer, dass sich so schnell unterbuttern lässt. Sie hat sich ja auch verbal gewehrt. Was hatten denn diese Weiber für ein Problem mit ihr? Weißt du etwas Hiroshi?“

Wieder schwieg der junge Mann für einen Moment und schien zu überlegen, ob er das, was er wusste, offen ansprechen sollte oder nicht. Ihm war anzusehen, dass er anscheinend etwas erfahren hatte, was er bisher gar nicht wirklich mit dem Vorfall in Verbindung gebracht hatte, dass ihm aber nun die Erklärung lieferte. Es dauerte einige Sekunden, ehe er seufzte und sich leicht unsicher durch die blondierten Haare strich, nur um daraufhin zu erklären, dass seine Cousine für den Besuch der Jûgôya High School ein Leistungsstipendium besaß.

„Es hat aber nichts damit zu tun, dass ihre Eltern sich die Jûgôya nicht leisten könnten. Shina hat das für sich selbst entschieden und sich das Stipendium mit viel Mühe erarbeitet“, erklärte er abschließend.

„Das ist doch aber echt bemerkenswert und nichts, wofür man sie verteufeln sollte“, warf Mirâ ein, die einfach nicht verstehen konnte, wieso jemand dafür so runtergemacht wurde.

Hiroshi seufzte jedoch erneut, dieses Mal etwas tiefer: „Kurz gesagt liegt das Problem in der Auslegung des Wortes Stipendium. Für die Meisten bedeutet es einfach, dass derjenige arm ist. Dass das damit oft gar nichts zu tun hat, sehen sie nicht.“

Er erklärte weiter, dass er selbst erst am Morgen davon erfahren hatte, dass Shina dieses Stipendium besaß, weil sein Vater sie darauf angesprochen hatte. In dem Moment wirkte sie anscheinend auch etwas verstört, wollte jedoch nicht weiter drauf eingehen und meinte nur, dass alles in Ordnung sei.

"Ach Dreck! Von wegen alles in Ordnung. Nichts ist in Ordnung. Dieser Dummkopf. Hätte ich das eher gewusst, dann wäre es vielleicht erst gar nicht so weit gekommen. Scheiße Mann!"

Frustriert ließ der junge Mann den Kopf hängen und wuschelte sich erneut durch seine Haare. Dass er seiner Cousine nicht von Beginn an helfen konnte, ärgerte ihn sichtlich. Mirâ konnte es auch irgendwie nachvollziehen. Schon seit ihrem ersten Tag an der Schule hatte sie mitbekommen, dass der junge Mann sich für Leute einsetzte, die Schwierigkeiten mit ihren Mitschülern hatten. Immer wieder hatte sie beiläufig mitbekommen, wie er vor allem jüngere Schüler ansprach, die zuvor mit anderen aneinandergeraten waren. Es war also nur verständlich, dass es ihn besonders grämte, wo auch eine direkte Verwandte von ihm betroffen war. Das musste ihn wirklich frustrieren. Mirâ schenkte ihm einen besorgten Blick, während er weiterhin auf den Boden starrte. Sie wollte ihn aufmuntern, wusste aber einfach nicht, was sie sagen sollte.

„Es ist ja schön, dass du deine Deutschkenntnisse so erweitern konntest, aber ich glaube nicht, dass sie einzig dazu dienen sollten um zu fluchen“, war es letzten Endes Akane, die das Wort ergriff und dafür sorgte, dass Hiroshi wieder den Kopf hob.

Auch Mirâ sah sie überrascht an. Es war nicht der Tatsache geschuldet, dass sie das Wort erhoben hatte, sondern dem, was genau sie gesagt hatte. Schnell ging ihr Blick wieder hinüber zu Hiroshi, der seine Sandkastenfreundin nur stumm anstarrte und der in den letzten Minuten häufig in einer Sprache geflucht hatte, die die Violetthaarige nicht verstanden hatte. Auch am vergangenen Abend, als sie in der Spiegelwelt waren, war ihr dieses Verhalten aufgefallen. Zu dem Zeitpunkt hatte sie sich jedoch keine weiteren Gedanken darüber machen können. Nun jedoch war es kein Problem. Bei der unbekannten Sprache handelte es sich also um Deutsch. Damit war für sie auch geklärt, wieso er den Fremdsprachenclub belegte, auch wenn sie sich denken konnte, dass er dort nicht zwingend das Fluchen lernte.

„Außerdem…“, holte sie die Stimme ihrer brünetten Freundin wieder aus den Gedanken. „Es bringt nichts sich darüber jetzt aufzuregen. Gehen wir davon aus du hättest gewusst, was los ist. Du hast doch gar nicht die Chance sie durchgängig davor zu beschützen, immerhin bist du nicht 24/7 in ihrer Nähe. Du solltest wissen, wovon ich spreche. Wie ich schon sagte: Wahrscheinlich wollte sie dir keine Umstände oder Sorgen machen. Sonst hätte sie mit Sicherheit schon etwas gesagt, als du sie nach dem Vorfall angesprochen hast. Also hör auf dir darüber den Kopf zu zerbrechen.“

„Das sagst du so einfach. Shina hätte sterben können“, wütend schlug der Blonde mit der Faust auf den Tisch.

Erschrocken zuckte Mirâ zusammen, die damit überhaupt nicht gerechnet hatte, während sich gleichzeitig die Blicke derer auf sie richteten, die um sie drumherum saßen. Die Brünette schien das allerdings nicht zu stören. Eisern hielt sie dem Blick ihres Gegenübers stand, während sich betroffene Stille ausbreitete. Schweigend starrten sich die beiden Sandkastenfreunde an. Es wirkte wie ein Wettbewerb im Blinzeln und gleichzeitig so, als wolle keiner der Beiden klein beigeben. Letzten Endes war es, zum erstaunen der jungen Frau, jedoch Hiroshi, welcher zuerst nachgab und den Blick seufzend abwandte, während sich auf den Lippen der Brünetten ein triumphierendes Grinsen bildete.

Dieses verschwand jedoch nach nur wenigen Sekunden wieder, ehe sie wieder ins Gespräch fand: „Ich weiß, dass es dir zu schaffen macht. Mir würde es nicht anders gehen. Aber trotzdem ändert es nichts an der Tatsache, dass du nicht zwingend etwas hättest daran ändern können. Und es grämt dich nur so, weil du genau weißt, dass es stimmt.“

„Mann…“, murrte der junge Mann darauf nur, doch lächelte dann leicht verbittert. „Ich hasse es, wenn du Recht hast.“

„Ich weiß“, das Grinsen auf dem Gesicht seiner Sandkastenfreundin kehrte zurück, dieses Mal jedoch weitaus breiter, als noch zuvor.

Erleichtert atmete Mirâ auf, während sich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen legte. Die bis eben noch angespannte Situation lockerte sich langsam wieder, was sie dazu veranlasste in ihren Stuhl zu sinken. Für einen Moment hatte sie Angst, dass sich aus der eben entstandenen Diskussion ein größerer Streit entwickeln könnte, doch offensichtlich hatten ihre beiden Freunde wieder gelernt, so etwas ruhig beizulegen. Mit Sicherheit wäre ein Streit auch nicht in ihrem Sinne gewesen, doch abwegig war es dennoch nicht.

Akane streckte sich, bevor sie sich noch einmal an Hiroshi wandte: „Wie geht es nun weiter? Bleibt Shina jetzt bei euch?“

„Nur solange, bis es ihr wieder besser geht“, schüttelte Hiroshi als Antwort den Kopf. „Sie möchte eigentlich so schnell wie möglich wieder ins Wohnheim zurück. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass sie dort nur weitere Probleme erwarten. Aber… sie kommt halt nicht mit meiner Mutter aus.“

„Die Wahl zwischen Pest und Cholera… was?“, seufzte die Brünette und grinste dann schief. „Aber irgendwie kann ich es nachvollziehen.“

„Ja ich auch“, stimmte der Blonde ebenso schief grinsend zu.

Für einen Moment grinsten sich die beiden einfach nur an, ehe sie leicht betroffen über den offensichtlich internen Witz, den Mirâ nicht wirklich verstand, lachen mussten. Völlig ahnungslos blickte sie irritiert zwischen ihren Freunden hin und her und wusste nicht so recht, wie sie darauf reagieren sollte, da sie keine Ahnung hatte, worum es überhaupt ging.
 

[ *Nachmittag* ]
 

Gegen 15 Uhr machten sich die drei Oberschüler wieder auf den Weg zur nächstgelegenen U-Bahnstation. Angeregt in ein Gespräch vertieft, in dem sich Hiroshi und Akane immer wieder gegenseitig aufzogen, war die Stimmung wieder weiteraus lockerer, als noch kurz nach ihrem Gespräch. Lächelnd beobachtete Mirâ wieder das hin und her ihrer beiden Freunde und war froh darüber, dass sie das Thema soweit abschließen konnten. Es war zwar nicht so, dass wirklich alles bis ins kleinste Detail geklärt war, jedoch war ihnen bewusst, dass sie diese wohl auch nicht so schnell klären konnten, selbst wenn sie dauerhaft die Köpfe zusammenstecken würden. Sie würden sich Stück für Stück in Richtung Wahrheit kämpfen und so herausfinden, was genau alles um sie herum vorging. Gemeinsam würden sie das schon schaffen. Da war sich Mirâ ziemlich sicher. Etwas im Augenwinkel weckte ihre Aufmerksamkeit, als sie kurz vor der U-Bahnstation war, welche sich unweit des Shinzaro Tempels befand. Genau dieser war es auch, der die Aufmerksamkeit der jungen Frau geweckt hatte. Genauer gesagt die Treppe dorthin, welche sich ihnen gegenüber auf der anderen Straßenseite befand. Etwas zu ruckartig blieb sie stehen, was auch ihre beiden Freunde dazu veranlasste zu stoppen und ihr fragende Blicke zuzuwerfen. Die Violetthaarige jedoch bekam das gar nicht so wirklich mit, da sie bereits in ihren Gedanken versunken war. Diese drehten sich um das Gespräch zwischen ihrem Teamkapitän und Masaru, welches sie vor einigen Tagen in der Schule mitbekommen hatte. Irgendetwas daran hatte sie gestört. Ob es das Verhalten des Schwarzhaarigen war oder die Sorge, die Dai ausstrahlte, konnte sie gar nicht genau benennen. Jedoch hatte sie nun plötzlich das Gefühl, dass sie dem Tempel einen Besuch abstatten sollte, um gegebenenfalls noch einmal kurz mit dem älteren Schüler zu reden. Vielleicht konnte sie ja herausfinden, was mit ihm los war. Viel Hoffnung hatte sie zwar nicht, immerhin war sie für ihn eine Fremde. Wieso also sollte er ihr etwas über seine Sorgen verraten? Doch trotzdem sagte etwas in ihr, dass sie diese Chance nutzen sollte

„Mira?“, holte sie Akanes Stimme aus den Gedanken. „Alles in Ordnung?“

Leicht erschrocken wandte sich die Angesprochene wieder ihren Freunden zu, doch schwieg für einen Moment. Dann sah sie wieder zurück auf die andere Straßenseite und fasste einen Entschluss:

„Ich denke, ich werde dem Tempel noch einen kurzen Besuch abstatten.“

Ihre Freunde tauschten einen kurzen fragenden Blick.

„Ähm okay…“, meinte die Brünette daraufhin. „Aber ich kann dich leider nicht begleiten, Mirâ. Ich habe meinen Eltern versprochen ihnen nachher noch in der Praxis beim Aufräumen zu helfen. Tut mir leid.“

Überrascht blickte die Violetthaarige zu ihrer Freundin, kam jedoch nicht dazu etwas zu erwidern, da sich nun auch Hiroshi mit in das Gespräch einklinkte: „Ich kann leider auch nicht mitkommen. Hab nachher noch eine Schicht übernommen und muss vorher noch schnell nachhause und mein Zeug holen.“

Mit entschuldigenden Blicken sahen die beiden Mirâ an, auf deren Lippen sich nur ein freundliches Lächeln bildete.

Sie schüttelte den Kopf: „Ist schon in Ordnung. Ich geh alleine. Ich bin schon froh, dass ihr euch für heute Zeit genommen habt.“

„Ach ist doch selbstverständlich“, grinste ihre brünette Freundin, während sie ihre Hände in ihren Jackentaschen versteckte.

„Wir wollten das ja auch klären“, schenkte ihr auch ihr blonder Kumpel ein liebes Lächeln. „Wenn was ist, dann schreib uns ruhig.“

Mit einem Nicken verabschiedete Mirâ ihre beiden Freunde, die nun die Treppe hinunter zum Bahnsteig nahmen und kurz darauf aus ihrem Blickfeld verschwunden waren, bevor sie sich abwandte und zur nächsten Ampel lief, die sie sicher über die Straße bringen würde. Nur wenige Minuten später stieg sie die Treppen zum Tempel hinauf und erreichte das obere Plateau kurz darauf leicht schnaufend. Dort angekommen sah sie sich kurz um. Im Vergleich zu ihrem letzten Besuch hier hatte sich nicht viel verändert. Die kühle Frühlingsluft streifte Mirâs Wangen, während sie langsam den gepflasterten Weg entlang ging, der sie tiefer in das Tempelgelände führte. Das leise Rauschen des Windes in den Bäumen und das gelegentliche Zwitschern der Vögel hüllte den Ort in eine friedliche Atmosphäre, doch aus irgendeinem Grund wuchs in ihr mit jedem Schritt eine gewisse Unruhe. Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Ihr Blick glitt über den offenen Hof, vorbei an den sorgfältig geharkten Kiesflächen und den kleinen Laternen aus Stein, die sich in der Nachmittagssonne abzeichneten. Niemand war zu sehen, sodass die junge Frau bereits dachte sie sei hier völlig alleine. Doch dann erkannte sie im Augenwinkel eine Bewegung, die sie herumdrehen ließ. Am Rand des Hauptgebäudes, dort wo eine schmale Bank unter einem alten Ahorn stand, entdeckte sie plötzlich eine Person, die leicht nach vorn gebeugt dasaß, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und die Hände locker verschränkt.

„Masaru-senpei?“

Der schwarze Haarschopf hing tief und schwer auf den nach unten gesunken Schultern, sodass sie einen Moment brauchte, um ihn wirklich als den zu erkennen, nach dem sie gesucht hatte. Es war ein sehr ungewohntes Bild den jungen Mann so zu sehen, wo er doch sonst immer kontrolliert und stolz wirkte. Doch nun war davon nichts mehr zu sehen. Er wirkte einfach nur erschöpft. Für einige Sekunden zögerte Mirâ zu ihm zu gehen. Sie kannte ihn kaum, hatte eigentlich nur wenige Worte mit ihm gewechselt, und doch hatte sie das Gefühl, dass gerade dieser Moment von Bedeutung war. Deshalb trat sie langsam und vorsichtig näher.

„Senpai?“, ihre Stimme war ruhig, doch der junge Mann schien sie trotzdem zu bemerken, denn er zuckte kaum merklich zusammen.

Doch er hob nicht sofort den Kopf, sondern verweilte noch einen Moment in dieser Pose, bevor er ihr langsam den Blick zuwandte, der sie erschrocken leicht zurückweichen ließ. Seine sonst so scharfen und fokussierten Augen waren trüb und leer und es wirkte so, als würden sie ihre Anwesenheit gar nicht wirklich wahrnehmen. Doch nur für einen winzigen Moment, denn kaum hatte er sie bemerkt, klarte sich sein Blick etwas und er setzte ein neutrales Gesicht auf, was ihm jedoch nur halbherzig gelang.

„Shingetsu?“, seine Stimme klang schwach und rau.

Die junge Frau nickte: „Ich hoffe, ich störe dich nicht. Ich… war zufällig in der Nähe und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich hierherkommen sollte.“

Ein schwaches, fast ironisches Lächeln zuckte über seine Lippen: „Dann hat dich dein Gefühl wohl an einen schlechten Ort geführt.“

Etwas irritiert über diese Aussage weiteten sich die Augen der jungen Frau, doch nur für wenige Sekunden, bevor sie den Kopf leicht schüttelte: „Das glaube ich nicht. Aber… ich wollte wissen, ob es dir gut geht. Neulich habe ich zufällig etwas von dem Gespräch zwischen dir und Kazuma-senpai mitbekommen. Irgendwas daran lässt mich einfach nicht los.“

Schweigend sah er sie eine ganze Weile an. Sein Blick war prüfend, vielleicht sogar etwas überrascht. Dann seufzte er.

„Du machst dir Gedanken über jemanden, den du kaum kennst?“, fragte er schließlich, mehr erstaunt als vorwurfsvoll.

Für einen Moment herrschte Schweigen zwischen den beiden. Masaru wirkte, als wäge er ab, wie viel er dazu sagen wollte – oder ob überhaupt. Schließlich lehnte er sich zurück, ließ den Blick über den Hof gleiten und meinte dann mit betont gleichgültiger Stimme:

„Es war nichts weiter. Dai ist manchmal etwas… zu engagiert. Er macht sich zu viele Gedanken darüber…“

Die junge Frau merkte sofort, dass das nicht die ganze Wahrheit war; wahrscheinlich nicht einmal ein Teil davon. Doch sie hakte nicht weiter nach, sondern beobachtete ihr Gegenüber nur still. Da sie ihm nicht wirklich nahestand konnte sie ihn auch nicht dazu zwingen, ihr etwas zu erzählen, was ihn beschäftigte. Manchmal sagte das, was nicht ausgesprochen wurde, ohnehin mehr.

„Okay, wenn du das sagst“, antwortete sie darauf ruhig, fast sanft mit einem kleinen Lächeln.

Masaru warf ihr einen flüchtigen Blick zu, der irgendwo zwischen Skepsis und stiller Dankbarkeit schwankte, sagte jedoch nichts weiter. Gerade als das Gespräch in eine seltsame, aber nicht unangenehme Stille überging, erklang das Geräusch leichter Schritte auf dem Kiesweg. Kurz darauf kam ihnen die junge Miko entgegen, die Mirâ das letzte Mal so merkwürdig behandelt hatte. Ihre rot-weiße Tracht flatterte leicht im Wind und ihre grünen, zu einem lockeren Zopf gebundenen Haare, wippten bei jeder ihrer Bewegungen hin und her. Als sie näherkam richtete sie ihren Blick direkt auf Masaru.

„Hier bist du, Masaru-san“, sagte sie ohne große Umschweife. „Dein Vater bittet dich in den Tempel. Er möchte mit dir reden.“

Angesprochener verzog leicht das Gesicht, als hätte man ihm gerade einen unangenehmen Termin beim Zahnarzt angekündigt. Er atmete tief durch, ließ seinen Kopf kurz in den Nacken fallen und stieß ein leises Seufzen aus. Dann stand er langsam auf.

„Natürlich… warum auch nicht“, murmelte er halblaut, bevor er sich Mirâ zuwandte.

„War nett, dich zu sehen.“

Seine Worte klangen einfach und doch lag ein Hauch von Aufrichtigkeit in ihnen, die Mirâ kurz stutzen ließen.

„Wir sehen uns in der Schule.“

Sie nickte kurz, sagte aber nichts weiter, denn das fühlte sich in diesem Moment genau richtig an. Ihr Senpai wandte sich daraufhin ab und folgte dem Weg zum inneren Tempelbereich, während Mirâ und die Miko zurückblieben und ihm nachschauten. Plötzlich trat die jüngere näher an sie heran.

„Keine Ahnung was du dir erhoffst, aber du solltest dir bei Masaru-san keine Hoffnungen machen“, sagte sie ernst und wandte sich dann wieder ab, um dem Schwarzhaarigen in Richtung Tempel zu folgen.

Erneut blieb die Violetthaarige verdutzt zurück und schaffte es nicht, darauf etwas zu erwidern, solange die Grünhaarige noch in ihrer Sichtweite war. Die Worte hallten in ihr nach, doch anstatt sie zu entmutigen, weckten sie nur ein leises Feuer in ihr. Denn egal was dieses freche Gör auch sagte, etwas in der jungen Frau sagte ihr, dass sie den älteren Schüler besser kennenlernen wollte. Außerdem änderte die Aussage der Jüngeren nichts daran, dass sie sich Sorgen um Masaru machte. Denn sie war sich sicher, dass da etwas war, was ihn beschäftigte, auch wenn er nicht darüber sprechen wollte. Und sie war nicht bereit, darüber einfach hinweg zu sehen.
 

[ *früher Abend* ]
 

Der Himmel hatte sich inzwischen sanft verfärbt. Zarte Orangetöne mischten sich in das Blau, während die Sonne langsam dem Horizont entgegenglitt. Ihr Smartphone in der linken Hand haltend hatte sie sich auf den Rückweg gemacht. Doch ihre Aufmerksamkeit galt nicht dem Gerät in ihrer Hand, welches ihr den Weg diktierte, sondern ihren Gedanken, wegen derer sie sich erst dazu entschieden hatte, den Heimweg zu Fuß zurückzulegen, obwohl sie den Weg gar nicht kannte. Die Begegnung mit Masaru hallte noch in ihre nach. Ebenso die Worte von der Miko. Sie hatte nicht erwartet, dass ein einfacher Tempelbesuch so viele Gedanken in ihr auslösen würde. Vor allem, wenn sie an den Zustand des Schwarzhaarigen dachte, wurde sie innerlich unruhig. Etwas an der Situation machte ihr Sorgen, doch sie konnte nicht genau sagen was es war. Sie hatte das Gefühl, als müsse sie unbedingt ein wachsames Auge auf Masaru haben.

Inmitten ihrer Gedanken fiel ihr Blick auf ein altes Holzgebäude neben ihr. Als sie einen genaueren Blick darauf warf erkannte sie den Aufbau eines traditionellen Dôjô, dass von einem kleinen Kiesweg gesäumt und umgeben von einer niedrigen Steinmauer war. Ein scharfer, klarer Ton durchbrach die Stille. Das Surren einer gespannten Sehne, gefolgt von einem satten Plopp eines Pfeils, der sein Ziel traft. Automatisch blieb Mirâ stehen, denn dieser Ton, den man im Kyûdo Tsurune nannte war ihr mehr als vertraut und ließ all ihre bis eben noch herumschwirrenden Gedanken verschwinden. Ihre Neugier war stattdessen geweckt. Vorsichtig lief sie um das Gebäude herum und blickte kurz darauf auf ein offenes Feld, an dessen Enden eine einzelne Zielscheibe hing. Neugierig trat sie noch etwas näher an den niedrigen Zaun heran, der das Gelände umgab und blickte auf die andere Seite, gegenüber der Zielscheibe, wo sie einen offenen Raum entdeckte, der etwas höher lag, als der Garten davor. Dort stand eine Frau, elegant, fast schon ehrfürchtig wirkend in ihrer Haltung. Ihre grauen Haare waren zu einem lockeren Knoten gebunden und ihr Gesicht blickte konzentriert auf das Ziel ihr gegenüber. Sie wirkte ernst, doch auch etwas Warmes, fast Sanftes lag in ihrer Ausstrahlung. Mit fließenden, ruhigen Bewegungen hob sie erneut ihren Bogen, spannte die Sehne mit bemerkenswerter Kraft und ließ den Pfeil los. Wieder ein Treffer, präzise, genau ins Zentrum. Mirâ starrte gebannt auf die Szene, wie verzaubert von dem, was sie gerade gesehen hatte. Derweil hatte sie ältere Dame sie bemerkt und legte ihren Bogen zur Seite, um an die heranzutreten. Ihre Bewegungen strahlten dieselbe Ruhe aus wie ihr Umgang mit Pfeil und Sehne.

„Hat dich der Klang neugierig gemacht?“, fragte sie mit einem kleinen Lächeln, als sie bei Mirâ angelangt war.

Diese blinzelte kurz und nickte dann: „J-ja. Es sah… beeindruckend aus.“

Das Lächeln der Älteren wurde etwas breiter, während sie den Kopf etwas schief legte: „Möchtest du es einmal ausprobieren?“

Überrascht blickte die Oberschülerin auf und wusste nicht so genau, was sie dazu sagen sollte.

„Früher war das hier mal eine Schule. Kyûdo, die Kunst des Bogenschießens. Nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist. Leider trauen sich die jungen Leute nicht mehr an diese Sportart, deshalb trainiere ich hier nur noch alleine.“

Mirâ neigte leicht den Kopf. Der Gedanke war verlockend. Vielleicht konnte sie damit sogar ihre eigenen Fähigkeiten verbessern. Nicht nur für ihren Club, sondern auch für ihr Einsätze in der Spiegelwelt. Doch irgendwie erschien ihr heute nicht der richtige Tag dafür.

„Das ist lieb, danke. Aber ich denke heute nicht“, sagte sie freundlich, aber bestimmt.

Die ältere Dame nickte verstehend: „Manchmal muss man den richtigen Moment abwarten. Wenn du dich irgendwann anders entscheiden solltest, dann findest du mich hier. Ich heiße übrigens Kawasaki Moe und mir gehört dieses Dôjô.“

Ein Lächeln huschte über Mirâ Lippen, die sich höflich verbeugte: „Ich heiße Shingetsu Mirâ und ich werde darauf zurückkommen.“

Mit einem stillen Nicken verabschiedete sich Moe darauf von der Jüngeren und ging zurück in den offenen Raum, wo sie ihren Bogen wieder vorsichtig aufhob, während sich die Schülerin nun endlich weiter auf den Weg nachhause machte. Doch auch als sie längst die nächste Straßenecke erreicht hatte, spürte sie noch immer die Ruhe dieses Ortes nachklingen. Es war ein kurzer Moment gewesen, doch er hatte etwas in ihr berührt. Sie konnte es nicht erklären, aber tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie nicht das letzte Mal diesen Ort betreten hatte.
 

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XXVIII – Fragments of Unrest


 

*~* XXVIII – Fragments of Unrest *~*

[ ~Montag, 27. April 2015~ ]

[ *früher Morgen* ]

[ Jûgôya High School ]
 

Das weiche Licht des Aprilmorgens fiel schräg durch die Fenster der Jûgôya High School und malte helle Muster auf den polierten Boden des Eingangsbereichs. Draußen trugen die Kirschbäume noch die letzten Blüten, die der Wind gelegentlich in kleinen, taumelden Spiralen durch die Luft trug – als wollten sie sich nur zögerlich vom Frühling verabschieden. Mirâ trat durch eine der Flügeltüren in den Vorraum des Foyers. Ihre Schritte hallten leise auf dem Steinboden wider, während sie zielstrebig auf die Regalreihe zuging, in welcher ihre Hausschuhe standen. An diesem Tag war sie wieder alleine, weil Akane früher losmusste, um etwas in ihrem Club zu erledigen. Ob es sich dabei um ein frühes Training, den Aufbau für den Nachmittag oder etwas Organisatorisches handelte, hatte sie nicht erwähnt.

„Wer weiterkommen möchte, muss auch mal in den sauren Apfel beißen und vor dem Sonnenaufgang aufstehen“, hatte sie ihr am Abend geschrieben, als sie ihr davon erzählt hatte.

Mirâ schmunzelte bei der Erinnerung und schob sich die weißen Gummislipper über die Füße, nachdem sie ihre Straßenschuhe ordentlich ins Fach gestellt hatte. Dann wandte sie sich dem Foyer zu, welches sie nur wenige Sekunden später betreten hatte, und dabei fiel ihr Blick automatisch zur Seite, wo sich ein paar Schüler neben dem schwarzen Brett unterhielten.

„Hey, hast du gehört? Die suchen wieder Aushilfen im Shâdo.“

„Meinst du diese Konzertbar in Hansha-kû? Die mit den Live-Bands?“

„Ja, genau die. Freitag bis Sonntag dürfen da auch Oberschüler rein. Ist ne gute Gelegenheit, wenn man mal raus will – oder eben was dazuverdienen.“

„Shâdo?“

Der Name ließ die Violetthaarige unwillkürlich innehalten. Er kam ihr vage bekannt vor, so als hätte sie ihn schon einmal gehört. Einen Moment lang durchforstete sie ihre Gedanken, bis das Bild in ihrem Kopf klarer wurde und ihr ein weiterer Name in den Sinn kam. Takuma Shuichi. Der nette Student, der sie versucht hat aufzuheitern, nachdem Akane sie nach ihrem Streit mit Hiroshi alleine zurückgelassen hatte. Er hatte ihr damals eine Visitenkarte überreicht. Wie von selbst begann die junge Frau in ihren Jackentaschen zu kramen und wurde tatsächlich fündig. Kurz darauf holte sie das kleine Kärtchen hervor, was leider durch den Transport schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen war. Eigentlich war es unhöflich eine Visitenkarte so in die Jackentasche zu stecken, doch damals hatte Mirâ keine andere Wahl gehabt, als sie dort zu verstauen. Und dann war sie in Vergessenheit geraten. Bis heute. In filigraner Schrift stand darauf der Name der Bar geschrieben, in welcher er neben dem Studium arbeitete: Shâdo. Es handelte sich also tatsächlich, um den erwähnten Laden. Sie betrachtete das Stückchen Karton in ihrer Hand für einen Moment, bevor sie es wieder in ihre Tasche packte; leise seufzend, während sie die Information erst einmal verarbeitete. Sie nahm sie erst einmal so auf, ohne gleich wirklich zu wissen, was sie damit anfangen sollte. Aber irgendetwas daran sagte ihr, dass sie diese Information mit Sicherheit bald gebrauchen könnte.
 

[ *nach der Schule* ]

[ Foyer ]
 

Sich die schmerzenden Schultern massierend betrat Mirâ das Foyer der Schule. Das Training war wieder sehr anstrengend gewesen. Noch immer hatte sie sich nicht richtig an ihren neuen Bogen gewöhnt. Dazu kam auch immer noch die fehlende Kondition der letzten Jahre. Vielleicht wäre es auch gar nicht so schlimm gewesen, wenn sie nicht am Wochenende hätten in die Spiegelwelt gehen müssen, um Shina zu retten. Jedenfalls ging sie davon aus, dass auch dieser Einsatz zu ihrem jetzigen Muskelkater beigetragen hatte. Seufzend drückte sie noch einmal etwas fester, in der Hoffnung, damit die Verspannung etwas lösen zu können, und ließ dann von ihren Schultern ab, während sie die Reihe der Schränke betrat, in welcher ihre Straßenschuhe standen. Sie wollte nur noch nachhause und ein warmes Bad nehmen, um die Verspannung los zu werden. Murrend stellte sie ihre Straßenschuhe auf den Boden, bevor sie die Gummislipper von ihren Füßen zog und dann in ihre schwarzen Lederschuhe schlüpfte. Gerade als sie ihre Hausschuhe zurückstellte, vernahm sie im rechten Ohr zwei männliche Stimmen, die ihr sehr bekannt vorkamen. Fragend blickte sie hinaus auf den Hof, während sie ihr Fach schloss, und ging dann vorsichtig zur offenen Flügeltür, um neugierig hinauszuschauen.

„Masaru, was ist denn nur los? Du blockst in letzter Zeit alles ab. Ich will dir doch nur helfen“, erklang Dais besorgte Stimme.

Kurz darauf tauchten er und der genannte Schüler in ihrem Augenwinkel auf. Nebeneinander hergehend waren sie auf dem Weg zum Tor, wobei Masaru um einiges gehetzter wirkte, als Dai, der Mühe hatte mit seinem Kumpel Schritt zu halten. Dieser blieb plötzlich abrupt stehen und schenkte dem Brünetten einen Blick, der schlecht zuzuordnen war. Einerseits merkte man ihm an, dass er versuchte das, was da in ihm brodelte zu unterdrücken, andererseits gelang es ihm nur bedingt, sodass etwas Wut durch seine braunen Augen blitzte.

„Helfen? Wobei? Du hast doch keine Ahnung, worum es geht“, meinte er anschließend, sich merklich zurückhaltend den anderen Jungen nicht anzuschreien.

„Woher soll ich das denn auch wissen, wenn du nicht mit mir redest? Meine Güte!“, Dai wirkte verzweifelt und gleichzeitig von der Art seines besten Kumpels genervt. „Du weißt doch, dass du mit mir über deine Probleme reden kannst. So war es doch immer.“

Schweigend starrte der Schwarzhaarige ihn an, offensichtlich mit sich ringend, ob er nun wirklich sagen sollte, was ihm auf der Zunge brannte. Dann seufzte er schwer und wandte den Blick ab, während er leicht die Schultern sinken ließ.

„Entschuldige Dai. Aber ich möchte einfach gerade nicht darüber sprechen. Es ist nicht so einfach, okay?“, seine Stimme wirkte angespannt, aber ruhiger, als noch wenige Sekunden zuvor. „Gib mir etwas Zeit. Ja?“

Sein Kumpel wirkte betroffen, doch nahm es erst einmal so hin: „Wenn du das sagst… aber ich bin da, wenn du reden willst. Okay?“

Ein Nicken, dann wandte sich Masaru ab und verließ das Gelände alleine, während sein Kumpel zurückblieb. Mirâ schluckte schwer. Nachdem sie am vergangenen Tag mit dem Schwarzhaarigen gesprochen hatte, wusste sie, dass ihn etwas bedrückte, über das er nicht sprechen wollte. Vor allem nicht mit jemand für ihn fremden. Umso betroffener machte es sie, dass er nicht einmal mit jemand Vertrautem darüber sprechen wollte. Oder war es gerade deshalb, weil Dai sein bester Kumpel war?

„Ob es vielleicht sogar etwas mit Kazuma-senpai zu tun hat?“, ging ihr durch den Kopf, während sie daran dachte, dass es bei Akane und Hiroshi ja irgendwie ähnlich war. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus, während sie so den Kapitän des Kyûdô-Clubs beobachtete, wie er einsam dastand und seinem Kumpel nachblickte. Plötzlich zuckte der junge Mann leicht zusammen und drehte sich zu ihr um. Ein überraschter Blick traf sie, den sie genauso erwiderte.

„Oh Shingetsu… hast du… das mitbekommen?“, fragte er mit einem kleinen schiefen Grinsen, woraufhin die Violetthaarige keine andere Wahl hatte, als zu nicken. „Irgendwie hast du ein ziemlich schlechtes Timing. Ständig siehst du uns nur streiten.“

Seine Stimme wirkte belegt, so als müsse er sich zurückhalten nicht zu weinen. Gleichzeitig wirkte er so, als wolle er mit jemanden darüber sprechen und war froh, dass es gerade sie war. Aus diesem Grund trat die junge Frau langsam an ihn heran.

„Tut mir leid, dass ich das ständig mitbekomme…“, entschuldigte sich die Jüngere, bekam dafür aber nur ein kleines Lächeln als Antwort. „Alles in Ordnung? Shin-senpai wirkte… so genervt…“

Der Ältere sah sie kurz schweigend an und nickte dann: „Ja ich weiß. Ich habe das Gefühl, dass er mir seit einiger Zeit bewusst aus dem Weg geht. Ich dachte erst, dass er vielleicht wieder Stress zuhause hat. Sein Vater ist ziemlich streng und spannt ihn sehr mit ein, weshalb er nicht viel Zeit für sein privates Vergnügen hat. Ich dachte, dass es daran liegt und wollte mit ihm darüber sprechen. Aber… naja… du hast es ja mitbekommen. Dabei will ich ihm doch nur beistehen und helfen.“

„Das kann ich verstehen“, nickte die Violetthaarige.

Dai stieß ein müdes Lachen aus. Eines, dass eher wie ein tiefer Seufzer klang.

„Ich wünschte, er würde das auch verstehen…“, seine Schultern sackten etwas ab, und er blickte zum Schultor hinaus, durch das Masaru wenige Minuten zuvor verschwunden war. „Ich weiß, dass bei ihm gerade viel los ist. Aber das macht’s ehrlich gesagt nur schlimmer. Ich fühle mich so nutzlos.“

Die jüngere Schülerin schwieg einen Moment, bevor sie sich neben ihn stellte.

„Vielleicht… musst du nicht immer sofort helfen“, sagte sie anschließend leise.

Der Brünette sah sie überrascht an: „Was meinst du?“

„Ich meine… du bist da. DU machst dir Sorgen. Du bietest ihm deine Hilfe an. Das ist doch schon viel“, erklärte sie ruhig, „Aber manche Dinge brauchen einfach Zeit. Wenn du ihn zu sehr drängst, dann fühlt er sich vielleicht nur noch mehr unter Druck gesetzt.“

Der Ältere runzelte die Stirn, senkte dann aber den Blick: „Also sollte ich lieber gar nicht tun?“

„Nicht nichts“, entgegnete sie sanft. „Nur… nicht alles auf einmal. Manchmal ist es wichtiger, dass jemand weiß, dass du da bist – und nicht, dass du alles sofort klären willst. Du kannst ihm nichts abnehmen, was er noch nicht mal in Worte fassen kann oder will.“

Dai schwieg, seine Miene wirkte ernst, fast nachdenklich. Dann atmete er langsam aus und schüttelte den Kopf: „Dafür, dass ich der ältere bin, bist du ganz schön weise.“

„Ich glaube das hat nichts mit dem Alter zu tun“, zuckte Mirâ mit den Schultern, ein vages Lächeln auf den Lippen.

Es vergingen einige Sekunden, in denen die beiden einfach nur dastanden. Dann hob Dai die Hand und legte sie sich in den Nacken.

„Weißt du… du bist irgendwie verdammt gut darin, einem den Kopf zurechtzurücken“, grinste er schief, fast schon erleichtert. „Danke. Echt.“

Mirâ erwiderte sein Lächeln leicht, während sie das blaue Glühen in ihrem Inneren spürte, dass sie mit wohliger Wärme umgab: „Keine Ursache. Falls du nochmal jemanden zum reden brauchst, dann sag einfach Bescheid.“

„Mach ich. Versprochen“, seufzte der Brünette nach einer kurzen Pause und schenkte ihr dann wieder ein Lächeln.

Mit einem letzten Nicken verabschiedete sich der junge Mann anschließend von ihr und wandte sich ab, um langsam den Schulhof zu verlassen, während Mirâ noch einen Moment stehen blieb. Der Wind spielte leicht mit ein paar losen Strähnen ihres violetten Haares, während ihre Gedanken sich leise weitersponnen. Dai gab sich so viel Mühe und schaffte es trotzdem nicht, Masaru zu erreichen. Was ging wohl in dessen Inneren vor sich? Ein flüchtiges Unwohlsein breitete sich wieder in ihrer Brust aus – nicht laut, nicht dringlich. Aber spürbar. Wie ein Schatten, der sich ganz langsam vor sein Licht schob. Masaru wirkte so… alleine. So, als würde er sich selbst den Weg versperren. Doch je mehr Dai versuchte, zu ihm durchzudringen, desto tiefer zog er sich anscheinend zurück. Seufzend senkte sie den Blick, während sie das ungute Gefühl hatte, dass es sich hier genau wie bei Akane nur um die Spitze des Eisbergs handelte und dass da noch etwas großes Folgen würde; auch wenn sie die Hoffnung hatte sich zu irren.
 

Das Geräusch ihres Handys ließ sie aus ihren Gedanken schrecken und das Gerät aus ihrer Jackentasche kramen. Sie entsperrte das Display und bemerkt, dass sie eine Nachricht bekommen hatte, die sie sofort öffnete.
 

[[ Team ]]
 

Akane 17:30

Ist einer von euch noch in der Schule? Q_Q
 

Hiroshi-kun 17:31

Ich bin schon weg. Wieso? Was ist passiert?
 

Akane 17:32

Ich hab mein Englischbuch vergessen. Und wir sollen doch da diese eine Aufgabe lösen bis morgen. Ich hab nicht mehr dran gedacht und bin schon fast zuhause. T_T
 

⌠ 17:33

Ich bin noch da. Ich hole es dir schnell und bringe es dir vorbei.
 

Akane 17:34

Wirklich? *_* Danke! Ich liebe dich, Mirâ!
 

Hiroshi-kun 17:35

Gewöhn dir an, an deine Sachen zu denken u_u
 

Akane 17:36

Jaja >_</)
 

Seufzend steckte Mirâ ihr Telefon wieder in ihre Jackentasche und wandte sich wieder dem Eingang der Schule zu, den sie kurz darauf noch einmal betrat, um ihrer Freundin diesen Gefallen zu tun.
 

[ *später Nachmittag* ]
 

Seufzend stieg Mirâ die Treppe vom zweiten Stockwerk in das erste. Die Suche nach Akanes Englischbuch hatte sich doch etwas hingezogen, da diese ein heilloses Chaos unter ihrem Tisch hatte. Erst nachdem sie fast alle Bücher und Hefte, die dort lagen hervorgeholt hatte, war ihr das gesuchte Objekt aufgefallen, welches ganz unten und weit hinten lag. Kopf schüttelnd hatte sie das Buch herausgenommen und den Rest wieder zurück gepackt, bevor sie das Klassenzimmer verlassen hatte, um sich endlich auf den Heimweg zu machen; mit kurzem Zwischenstopp bei ihrer besten Freundin. Sie nahm gerade die letzte Stufe der Treppe zum ersten Stock, als ihr ein süßlicher Geruch auffiel. Überrascht blickte sie auf, während ihr einfiel, dass sich in dieser Etage auch die Küche des Hauswirtschaftsclubs befand. Doch nicht nur der süßliche Geruch lag in der Luft. Je länger sie dort stand, desto mehr mischte sich etwas anderes darunter: Angebrannt, bitter, kratzend… fast schon… bedrohlich?

Plötzlich knallte es und ließ die junge Frau zusammenzucken. Schnellen Schrittes lief sie in Richtung des Gangs, in welchem sich die Küche befand; den Gedanken im Hinterkopf, wie sie helfen könnte, wenn es brenzlich wurde. Lautes Scheppern erklang, gefolgt von hastigen Schritten und aufgeregten Stimmen. Die Tür zur Küche flog auf und zwei Schülerinnen stürmten hinaus, die Mirâ nur zu bekannt vorkamen. Bei der einen handelten es sich um die Schwarzhaarige, die sich offensichtlich immer um die Blumenbeete auf dem Hof kümmerte und bereits zwei Schüler zusammengestaucht hatte, weil ihr irgendwas nicht gepasst hatte. Die andere Schülerin war die junge Frau, die ihr vor einigen Tagen bei dem Spaziergang mit Akane entgegengekommen war. Ihre magentafarbenen Haare waren zu einem unordentlichen Dutt gebunden, aus dem mehrere Strähnen herausstachen. Beide trugen weiße Schürzen, die jedoch mit Flecken übersäht waren und ihnen mittlerweile Schief auf den Schultern saßen. Ihre Gesichter waren gerötet, jedoch wahrscheinlich nicht durch die Hitze, die in der Küche herrschte.

„Sag mal, Endô! Hast du nicht mehr alle Latten am Zaun?“, fauchte die Schwarzhaarige böse.

„W-was? A-aber ich versteh das nicht… was hab ich denn schon wieder falsch gemacht, Fukagawa?“, rief die andere zurück, während sie ihre Schürze richtete und dabei beinahe über ihre eigenen Füße stolperte.

„Wenn du schon Öl in der Pfanne erhitzt, dann achte gefälligst auch darauf und glotz nicht auf dein verdammtes Handy. Willst du uns alle umbringen?“, kamen es gereizt von dem Mädchen deren Nachname Fukagawa war.

„A-aber das war doch keine Absicht. Es war nur so… spannend…“, protestierte Endô und verschränkte trotzig die Arme, was ihr einen tötenden Blick der Schwarzhaarigen einbrachte.

„Urgh, du bist unmöglich“, schimpfte diese weiter.

„Und du bist gemein. Sei mal etwas respektvoller Älteren gegenüber…“

Beide schauten sich kurz an. Die Luft zum zerreißen gespannt. Dann verdrehte Kuraiko die Augen, schnaufte und drehte sich halb weg, wodurch sie Mirâ bemerkte, die am Eingang zum Gang stand und die beiden etwas irritiert musterte. Es wurde Still, während die Schwarzhaarige ihr einen Blick zuwarf, der scharf wie ein Messer war. Die andere unterdessen grinste nur freundlich, als wäre nichts gewesen.

„Was glotzt du so?“, fragte Fukagawa schließlich mit hochgezogener Augenbraue, wobei ein Anflug von Röte über ihre Wangen huschte.

„Es ist alles gut. Nichts passiert. Wir hatten nur eine kleine Meinungsverschiedenheit über Küchensicherheit“, ergänzte die Rosahaarige schnell und wirkte dabei ein klein wenig albern. „Keine Sorge. Wir haben alles unter Kontrolle.“

Sie lachte etwas verschmitzt und hob zwei Finger zu einem Peace-Zeichen, während aus der Tür zu ihrer rechten eine leicht graue Wolke herauszog, die sie offensichtlich versuchte damit wettzumachen. Der Blick der Anderen dagegen blieb hart, so als wollte sie Mirâ nur eines sagen: Geh weiter. Jetzt sofort.

Mirâ blinzelte und zog die Schultern zurück bei dem Blick, der ihr zugeworfen wurde, ehe sie nur ein „Alles gut“ hervorpresste und sich dann abwandte, um zu gehen. Doch kaum war sie um die Ecke verschwunden erklangen bereits wieder die zankenden Stimmen der beiden Mädchen, welche kurz darauf von einem sehr genervt klingenden Lehrer unterbrochen wurden. Die Violetthaarige jedoch versuchte Land zu gewinnen und verließ so schnell wie möglich das Gelände, während sie das Gefühl hatte, als hätte sie gerade einen kurzen Blick in ein absurd chaotisches Paralleluniversum geworfen. Schnell schüttelte sie den Kopf, um diese seltsame Begegnung so schnell wie möglich zu vergessen.
 

[ *Abend* ]
 

Das warme Licht der Badezimmerlampe spiegelte sich auf dem feuchten Fließen, während sich der aufsteigende Dampf langsam an der Fensterscheibe sammelte. Mirâ lehnte sich in der Wanne zurück, schloss die Augen und atmete tief durch. Das Wasser war angenehm heiß, fast schon zu heiß, aber genau das brauchte sie jetzt. Ihre Schulter, die den ganzen Tag über schmerzten, fühlten sich jetzt endlich etwas leichter an. Sie seufzte leise, während die Stille des Raumes sie wie ein sanftes Tuch umgab. Nur das leise Plätschern des Wassers und das entfernte Ticken der Uhr im Flur waren zu hören. Für einen Moment konnte sie alles vergessen. Die Spiegelwelt, die Schatten, die Sorge um Shina oder Masaru. Sie umgab einfach nur wohlig tuende Wärme. Und Ruhe. Doch je länger sie versuchte abzuschalten, desto mehr spürte sie dieses Gefühl in sich aufsteigen. Eine Unruhe, von der sie nicht genau wusste, woher sie kam. Ihre Gedanken schweiften zurück zu Masarus Blick, der gezeichnet war von einem Hauch Wut und Verzweiflung und den er so sorgfältig zu verbergen versuchte, Dais hilflosem Lächeln und dem Geruch von verbrannten Essen. Dazu das Gespräch ihrer Mitschüler über diese Konzertbar. Es war heute eine Menge passiert. Alles Kleinigkeiten, bei denen es sich jedoch irgendwie so anfühlte, als würden sie zusammengehören. Sie öffnete die Augen und ließ ihren Blick an der Decke entlangwandern. Der Wasserdampf hatte dort einen kleinen Fleck beschlagen, der wage wie ein Kreis aussah. Oder eher… wie ein Auge? Die blinzelte und plötzlich war der Fleck verschwunden.

„Eine Einbildung?“, legte sie irritiert den Kopf schief.

Ein leises Blubbern unter Wasser ließ sie zusammenzucken. Nur Luftblasen, wahrscheinlich. Und doch pochte ihr Herz plötzlich ein kleines bisschen schneller. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als wäre etwas mit ihr im Wasser. Aber da war nichts.

„Natürlich nicht“, sie schloss die Augen und zwang sich zur Ruhe.

Sie sollte heute zeitig schlafen gehen. Wahrscheinlich war sie einfach nur erschöpft vom Tag und ihr Geist spielte ihr einen Streich. Erneut seufzte sie und tauchte noch einmal tiefer in die Wärme des Bades ein und versuchte ihren Kopf so frei wie möglich von allen Gedanken zu bekommen.
 

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XXIX – When Spring Hides Its Secrets


 

*~* XXIX – When Spring Hides Its Secrets *~*

[ ~Dienstag, 28. April 2015~ ]

[ *früher Morgen* ]

[ Tsukimi Central Subway Station ]
 

Die kühle Morgenluft hing noch schwer in der unterirdischen Station, während sich die wenigen Frühaufsteher und die verschiedenen Schüler versteut auf dem Bahnsteig versammelte. Das gedämpfte Summen der Neonlichter vermischte sich mit dem metallischen Echo der Lautsprecheransage, die den nächsten Zug ankündigte. Kurz darauf hallt das meallene Dröhnen der einfahrenden Bahn vom gegenüberliegenden Gleis durch die Station, während sie wie jeden Morgen den vertrauten Bahnsteig betrat. Kaum hatte sie die Treppe verlassen, fiel ihr eine Gruppe Jungs ins Auge, die einige Meter entfernt kichernd über ein Handy gebeugt waren.

„Ey, ey… hier, schau dir das an! Wie sie dem an die Wade springt!“

„Boah, was ist denn mit der falsch!? Die sieht aus wie so’n Endbos in nem RPG!“

„Haha… seht mal wie der Typ schreiend wegrennt. Krass.“

Ein kurzes, aggressives Fauchen aus den Handylautsprechern war zu vernehmen, dass von lautem Gelächter begleitet wurde. Irritiert hob Mirâ eine Augenbraue und fragte sich, was sich die Jungs dort ansahen.

„Das ist im Kirschblütenhain oder?“, fragte einer.

„Ja, das hat mir ein Kumpel geschickt, der live dabei war.“

„Na ein Glück ist die Kirschblütenschau schon um. Stellt euch vor die greift da die Leute an…“

Neugierig blieb die Violetthaarige stehen, als sie ungefähr auf Höhe der Gruppe Jungs war und riskierte einen Blick über deren Schulter. Darauf zu erkennen war ein Mann, der von einer Katze angegriffen wurde, die sich auffällig aggressiv verhielt. Sie sträubte ihr Fell und fauchte vorbeilaufende Passanten an, die ihr zu nahekamen.

„Echt seltsam“, ging ihr durch den Kopf.

Sie kannte sich zwar mit Katzen nicht so gut aus, aber in der Regel griffen sie doch nicht einfach so Menschen an. Oder? Für einen Moment dachte sie darüber nach, doch zuckte dann mit den Schultern. Sie kannte ja nur diesen einen Ausschnitt. Wer weiß, was da vorher noch passiert war. Offensichtlich waren an dem Tag viele Menschen vor Ort. Vielleicht hat sie sich einfach bedroht gefühlt. Sie wandte sich von der Gruppe ab und verschwendete vorerst keinen weiteren Gedanken mehr an das Video, welches sie höchstwahrscheinlich spätestens am Abend wieder vergessen haben würde.

„Morgen, Mirâ“, hörte sie eine vertraute Stimme hinter sich.

Sie drehte sich um und erkannte Hiroshi, der sie mit seinem typischen Lächeln ansah. Lässig kam er auf sie zu, die Schultasche unter den Arm geklemmt und die Hände tief in den Hosentaschen vergraben.

„Guten Morgen, Hiroshi-kun. Kann es sein, dass du etwas später als sonst dran bist?“, fragte sie mit einem schiefen Lächeln.

Überrascht sah der Blonde sie an, doch grinste dann: „Wenn, dann bist du heute einfach etwas früher dran. Ich denke Nao und Kô kommen auch gleich.“

„Aaaaaalter“, hörte sie da bereits die Stimme Naotos hinter ihrem Kumpel, „Hiro du Penner! Du hast uns doch mit Absicht ignoriert. Oder?“

Mit einem frechen Grinsen drehte sich Angesprochener zu den beiden jungen Männern um, die in diesem Moment an sie herantraten: „Was meinst du?“

„Grins nicht so blöd, du Arsch. Wir haben dich gerufen und du bist einfach weitergegangen“, trat Kô an ihn heran und legte ihm einen Arm über die Schulter, um ihn so etwas zu sich heranzuziehen, „Aber, jetzt wo wir hier sind, ist mir klar warum.“

Mirâ musste etwas schmunzeln, als die die Szene vor sich sah. Da Kôsuke etwas kleiner war als Hiroshi musste er sich etwas strecken, um seinen Arm um diesen legen zu können. Der wiederum musste etwas in die Hocke gehen, um dann auf Augenhöhe mit dem Silberhaarigen zu sein. Ein äußerst witziges Bild, wie sie fand, doch sie versuchte nicht zu lachen, da sie es als unhöflich empfand. Jedoch waren ihre Gedanken ihr anscheinend ins Gesicht geschrieben, denn plötzlich trat Naoto an sie heran.

„Du brauchst dich nicht zurückhalten. Lach ruhig, wenn dir danach ist. Wir wissen ja, dass Kô ein Zwerg ist“, grinste er breit und ließ die junge Frau etwas peinlich berührt zusammenzucken.

Erwähnter ließ von seinem blonden Kumpel ab und sah den Brünetten böse an: „Wer ist hier ein Zwerg, du Golem?“

„Jetzt werd mal nicht persönlich, du Giftzwerg“, meinte Naoto darauf nur, allerdings ohne jeglichen Ernst in seiner Stimme.

Mirâ beobachtete das Geplänkel still. Mittlerweile hatte sie festgestellt, dass die drei Jungs eine eingespielte Dynamik entwickelt hatte, die irgendwo zwischen echtem Drama und einer Dauer-Comedy lag. Sie waren nett, doch sie war froh, dass sie außer mit Hiroshi, nur bedingt Kontakt mit ihnen hatte. Sie waren ihr eindeutig zu direkt und laut, vor allem am frühen Morgen.

Sie seufzte leise.

„Ihr seid wie drei verschiedenen Radiosender auf einmal“, murmelte sie trocken, woraufhin Stille einkehrte.

Erst im Nachhinein bemerkte sie, dass sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hatte, was dafür sorgte, dass sich ein mächtiger Rotschimmer auf ihre Wangen legte. Besonders peinlich war es für sie, da keiner der drei Jungs etwas sagte. Im nächsten Moment fing Hiroshi jedoch an zu lachen.

„Der war gut“, meinte er dann.

„Hey du bist ja richtig schlagfertig“, grinste Kô sie an, „Hätte ich gar nicht von dir erwartet.“

Peinlich berührt wandte die junge Frau den Blick ab und wünschte sich in das nächste Mäuseloch. Eigentlich war sie niemand, der einfach so trocken etwas erwiderte oder es laut aussprach. In diesem Moment erklang die Durchsage des Bahnsteigs, welche die Ankunft ihres Zuges ankündigte. Im nächsten Moment ging ein Windstoß durch die Halle, als genannter durch den Tunnel in die Station einfuhr. Mit penetranten Piepen öffneten sich die Türen der Bahn, woraufhin ein warmer Lufthauch hinausströmte, begleitet von den Fahrgästen, die hier aussteigen mussten. Gemeinsam stieg die kleine Gruppe in den Wagen, Mirâ immer noch mit gesenktem Blick. Doch kaum hatten sie ihren üblichen Platz erreicht, an welchem sie üblicherweise standen, klopfte ihr jemand beruhigend auf die Schultern. Vorsichtig sah sie auf und blickte in die blauen Augen ihres Kumpels, der sie nur lieb anlächelte.

„Alles gut. Das war wirklich schlagkräftig“, meinte er daraufhin nur leise, sodass nur sie es hören konnte, „Das braucht dir nicht unangenehm sein. Kô und Nao sehen es mit Humor. Siehst du?“

Er nickte in die Richtung der beiden Erwähnten, welche aufgrund ihrer Aussage darüber debattierten, welche Kanäle sie eigentlich wären. Einen Moment beobachtete Mirâ die beiden Jungs, ehe sich ein kleines Schmunzeln über ihre Lippen legte. Die drei Jungs hatten wirklich ihre eigene Dynamik. Sie waren laut und aufgedreht. Aber so schlimm war das wohl gar nicht.
 

[ *nach der Schule* ]
 

Die letzten Schüler verließen das Schulgebäude, während die Nachmittagssonne lange Schatten auf den Schulhof warf. Die Luft war angenehm war, mit einem Hauch von Frühling, der in den Kirschblüten auf dem Campus zitterte.

„Ich mach mich dann zu meinem Club“, meinte Hiroshi, sich seine Tasche wieder unter den Arm klemmend, „Schöne Golden Week. Wir schreiben uns.“

„Ja. Viel Spaß“, erwiderte Mirâ mit einem leichten Nicken.

Ein Tippen auf ihrer Schulter ließ sie sich abwenden und auf Akane blicken, die neben ihr stand und irgendwie nervös wirkte, was für sie eher ungewöhnlich war.

„Hast du heute Nachmittag schon etwas vor?“, frage sie vorsichtig.

Wenn ihre Freundin schon so fragte, dann musste es wohl was Wichtiges sein, weshalb sie den Kopf schüttelte: „Nein, eigentlich nicht. Wieso?“

„Ich wollte dich um einen Gefallen bitten“, antwortete ihre Freunde, senkte kurz den Blick und lächelte dann schief. „Es ist nichts Großes… ich brauch einfach nur jemanden, der mitkommt. Sicher ist sicher.“

Überrascht und leicht verwundert sah die Violetthaarige Akane an, doch nickte dann und stimmte so zu.
 

Wenig später schlenderten sie gemeinsam durch den Kirschblütenhain, der sich nördlich der Schule befand und auf welchem Mirâ vor etwas mehr als einer Woche mit ihrer Mutter und Schwester zur Kirschblütenschau war. Sie ließ den Blick über die langsam kahler werdenden Bäume schweifen, durch die ein leises Rauschen ging, als der Wind hindurchfegte. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an die Jungs, die sie am Morgen beobachtet hatte und die sich über das Video mit der Katze amüsiert hatten.

„Sag mal… hier soll sich doch eine aggressive Katze herumtreiben. Meinst du es ist gut hier zu sein?“, fragte sie daraufhin.

Ihre Freundin nickte: „Ja, genau sie ist der Grund, warum ich dich gefragt habe, ob du mitkommst.“

Verwirrt blinzelte Mirâ: „Wirklich?“

„Ich glaube, die Katze ist verletzt. Vielleicht hat sie Schmerzen oder ist einfach nur völlig verängstigt. Wenn sie auf Menschen losgeht, dann nicht, weil sie böse ist. Sondern weil sie nicht weiß, wohin mit sich.“

Diese ruhige Klarheit in Akanes Stimme überraschte die junge Frau. Es war kein Mitleid, das da sprach, sondern echte Entschlossenheit. Sie hatte wirklich vor diesem Tier zu helfen, obwohl die Gefahr bestand, dass sie sich dabei verletzte. Irgendwie bewunderte Mirâ ihre Freundin dafür. Sie selbst wäre wohl nie auf die Idee gekommen einem Streuner zu helfen. Für die Brünette jedoch schien das eine absolute Herzensangelegenheit zu sein, denn ihr Blick war voller Enthusiasmus. Ein Lächeln huschte über die Lippen der Violetthaarigen, ehe sie sich daran machte mit offenen Augen durch die Reihen von Bäumen zu streifen, in der Hoffnung das gesuchte Tier zu finden. Sie suchten einige Minuten, liefen langsam zwischen den Kirschbäumen entlang, während die Blüten wie Schnee um sie herum rieselten. Schließlich, in der Nähe eines abgeknickten Baumstamms, hörten sie ein leises Knurren.

„Da“, flüsterte Akane.

Zwischen den Wurzeln des alten Baumes saß eine kleine graue Katze, die Ohren angelegt, die Augen voller Panik. Sie war noch relativ jung und war schrecklich zugerichtet. Ihre linke Pfote war verletzt und das Blut daran schon völlig verkrustet, ebenso wie bei der Wunde an ihrem Kopf.

„Du armes Ding. Wer hat dir das nur angetan?“, fragte die Brünette und machte vorsichtig einen Schritt auf sie zu.

Je näher sie kam, desto lauter wurde das Fauchen, welches die Kleine von sich gab. Dann plötzlich machte sie einen Satz nach vorne. Ihre Krallen blitzten kurz auf, als sie Akanes Hand streiften, die sie nach dem Tier ausgestreckt hatte. Diese zuckte nicht einmal, während Mirâ leicht zurückwich.

„Alles in Ordnung?“

„Ja, alles gut“, murmelte die junge Frau, die schon dabei war ihre Sportjacke auszuziehen, „Alles gut Kleines…“

Sie beobachtetet die Katze ruhig und wartete einen Atemzug, bevor sie die Jacke mit sicherem Schwung über das Tier warf. Sofort wackelte das Bündel, doch sie griff danach und hielt es sanft fest, bevor sie es vorsichtig in die Arme nach und leicht wiegte.

„Bringen wir sie zu meinen Eltern. Die wissen mit solchen Verletzungen umzugehen“, stand sie langsam auf und schenkte Mirâ dann ein kleines Lächeln, „Danke, dass du mitgekommen bist. Ich war mir nicht sicher, ob ich’s schaffe.“

Die Violetthaarige betrachtete ihre Freundin einen Moment. Deren Hände waren leicht zerkratzt, aber sie verzog keine Miene. Stattdessen wirkte sie ruhig, entschlossen, glücklich… so als wäre es für sie selbstverständlich. Und wahrscheinlich war es das wohl auch. Sie konnte wohl einfach nicht anders, als helfen. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, während sie das warme blaue Glühen in ihrem Bauch spürte, dass ihren ganzen Körper einzunehmen schien und etwas stärker wirkte, als das letzte Mal.

„Du bist ziemlich stark, weißt du das?“, sagte sie anschließend.

Die Brünette sah sie erst ein wenig verwundert an, doch erwiderte dann das Lächeln: „Ich kann einfach nicht zusehen, wenn jemand leidet. Egal ob Mensch oder Tier.“

Während Akane vorsichtig das zappelnde Bündel hielt, machten sich die beiden jungen Frauen auf den Heimweg. Gleichzeitig fühlte sich der Nachmittag für Mirâ etwas bedeutungsvoller an, als gedacht.
 

[ *später Nachmittag* ]
 

Die Sonne stand bereits ziemlich tief, als die beiden jungen Frauen den schmalen Weg am Flussufer entlanggingen. Da die kleine Katze bei ihnen war, hatten sie sich entschlossen zu Fuß zu gehen, da sie in der U-Bahn wohl nur Ärger bekommen hätte. So hatten sie eine Weile gebracht, um hierher zu gelangen. Das Wasser des Flusses glitzerte im goldenen Licht, leichte Wellen kräuselten sich gegen die Steine am Rand. Grillen ziepten irgendwo zwischen den Büschen, und in der Ferne hörte man das gedämpfte Lachen einer Jugendlicher, die wohl den Frühlingsabend genießen wollten. Die Geräusche der turbulenten Innenstadt waren hier nur weit entfernt zu vernehmen. Eine angenehme Ruhe umgab diesen Ort. Akane trug die zusammengerollte Jacke mit der darin eingewickelten Katze vorsichtig an sich gedrückt. Hin und wieder bewegte sich das Tier, aber es schien ruhiger geworden zu sein. Vielleicht hatte es bemerkt, dass die Brünette ihm nichts Böses wollte oder es war einfach nur sehr erschöpft und kam nun endlich langsam zur Ruhe.

„Tut mir leid, dass wir jetzt alles zu Fuß gehen müssen“, sagte sie schließlich, den Blick nach vorn gerichet.

„Ist schon okay. Frische Luft tut uns beiden gut. Und ihr wahrscheinlich auch“, antwortete Mirâ, einen Blick auf das zappende Bündel werfend.

Als sie ihren Blick wieder nach vorne richtete, fiel ihr ein Junge mit braunen Augen auf, der ihnen entgegenkam. Er war noch recht jung. Mirâ schätzte ihn auf nicht viel älter als dreizehn oder vierzehn. Jedenfalls war er mit Sicherheit noch nicht in der Oberstufe. Seine Uniform jedenfalls war auf den ersten Blick erkennbar, ja, eigentlich sogar nicht zu übersehen. Der schwarze Blazer mit dem blauen Kragen, der am Saum golden eingestickt war, und den goldenen Knöpfen und der hellblauen akkurat gebundenen Schleife war mehr als auffallend. Das Embleme auf seiner Brusttasche glänzte in der Abendsonne. Er schien etwas in Gedanken, hatte die Hände tief in den Taschen vergraben und den Blick gesenkt. Als er die beiden Mädchen bemerkte, sah er kurz auf und wirkte etwas überrascht, vielleicht sogar ein wenig verunsichert, bevor den Blick wieder senkte und zügig an ihnen vorbeiging. Akane blieb stehen und sah ihm einen Moment nach.

„Was macht denn ein Schüler der Hoshizora hier? Vor allem in der Uniform? Ganz schön mutig…“, murmelte sie daraufhin.

„Die Hoshizora? Und wieso ist das mutig?“, fragte Mirâ überrascht nach.

Die Brünette richtete ihre grünen Augen auf ihre Freundin, bevor sie begann zu erklären: „Die Hoshizora ist eine elitäre Privatschule in Kyôzô-kû, dem Bonzenviertel der Stadt. Nur die Superreichen schicken ihre Kinder dorthin. Eigentlich ist es eher unüblich, dass sich die Leute von dort hier blicken lassen.“

Mirâ wandte sich noch einmal um und blickte in die Richtung, in die der Junge verschwunden war. Dieser war mittlerweile ein ganzes Stück von ihnen entfernt, sodass sie nur noch ganz klein seinen Rücken erkannte, der etwas in sich zusammengefallen wirkte. Auch als er sie passiert hatte war ihr aufgefallen, dass er sich komisch verhalten hatte. Irgendwie unsicher.

„Ob er sich verlaufen hat?“, fragte sie nach, „Er wirkte etwas verunsichert.“

„Vielleicht wollte er auch nicht gesehen werden“, zuckte ihre Freundin mit den Schultern und wandte sich dann wieder ihrem Weg zu, „Lass uns weitergehen.“

Mirâ nickte und folgte der Brünetten, die mittlerweile weitergegangen war. Sie passierten schließlich die Brücke, welche sie auf die andere Seite des Flusses bringen würde, während die untergehende Sonne den Himmel in flammendes Orange tauchte. Das Licht spiegelte sich auf der Wasseroberfläche. Wunderschön und vergänglich zugleich. Die junge Frau ließ ihren Blick kurz an ihre Seite schweifen, wo Akane, noch immer das geborgene Tier in den Armen haltend, mit entschlossenem Schritt neben ihr herlief. Im Großen und Ganzen war es doch ein recht ruhiger Tag gewesen, auch wenn er einige Spuren hinterlassen hatte: in Gedanken, Gefühlen und eventuell sogar einigen Fragen, auf die sie im Moment keine Antworten hatte. Trotzdem war sie froh, dass sie ihre Freundin heute begleitet hatte, was ihr ein Lächeln auf die Lippen zauberte.
 

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XXX – Between Pages and Possibilities


 

*~* XXX – Between Pages and Possibilities *~*

[ ~Mittwoch, 29. April 2015~ ]

[ *früher Nachmittag* ]

[ Shopping Center ]
 

Weich und angenehm schien das Licht im Buchladen, fernab vom Flackern der Neonröhren im Hauptbereich des Einkaufszentrums. Zwischen den hohen Regalen und geordneten Tischen lag eine angenehme Stille, die nur vom gelegentlichen Rascheln von Papier und dem leisen Piepen der Kasse am anderen Ende des Geschäfts unterbrochen wurde. Langsam bewegte sich Mirâ durch die Gänge, die Hände hinter ihrem Rücken verschränkt, während ihr Blick suchend über die Buchrücken glitt. Der Teppichboden unter ihren Schuhen schluckte fast jedes Geräusch, selbst das entfernte Treiben des Einkaufszentrums erreichte sie nur wie ein ferner, unaufdringlicher Klangteppich. Sie war aus einem bestimmten Grund hier, um etwas Konkretes zu finden: ein Buch über Tarotkarten. Nicht irgendeines. Sie hatte schon genug durch endlose Webseiten gescrollt, Artikel gelesen, deren Sprache ihr zu vage, zu sehr auf Energieflüsse und mystische Seelenreisen ausgelegt war. Sie wollte etwas Greifbares. Klare Begriffe und Strukturen. Vielleicht eine Übersicht, eine Deutungsliste, etwas Handfestes, das ihr helfen konnte, die Karten aus dem Velvet Room besser zu verstehen. Da war dieses Gefühl. Als würde der Velvet Room mit ihr sprechen, aber in einer Sprache, die sie nur zur Hälfte verstand. Wenn überhaupt. Die Karten dort hatten Gewicht. Sie wusste mittlerweile, dass es sich bei jeder einzelnen um eine Person handelte, mit der sie ein Band geschlossen hatte. Doch welche Bedeutung genau sich dahinter verbarg, blieb ihr einfach ein Rätsel. Sie schaffte es einfach nicht sie zu deuten. Im Internet fand sie nur schwammige Antworten. Wie „Die Hohepriesterin steht für Intuition“ – schön, aber was bedeutete dies für sie? Für ihre Rolle in diesem Bund? Für die Entscheidungen, die sie treffen musste und für die sie die Verantwortung übernehmen sollte? Igor hatte von einem Weg gesprochen, von Schicksal und Entwicklung. Aber das alles war einfach so abstrakt, dass es sie eher verunsichert, als erleuchtete. Sie wollte verstehen, was sie ihr sagen wollten. Nicht fühlen. Verstehen. Leise seufzend setzte sie ihre Suche fort. Doch je tiefer sie in die Esoterik-Abteilung vordrang, desto frustrierten wurde sie. Die Bücher waren dick und blumig formuliert, mit Titeln in geschwungenen Lettern und abgehobenen Untertiteln, die von inneren Pfaden und kosmischen Türen sprachen. Einige sahen aus wie Requisiten aus einem Laden für okkulte Deko, andere wie schlecht gebundene Selbstverlage mit Pastelcovern. Immer wieder zog sie einige heraus, blätterte durch die Seiten, auf denen jede Karte mehr Gefühl als Bedeutung hatte. Zitate, Intuition, Energie… aber nichts davon sagte ihr, was der Herrscher, die Stärke oder die Gerechtigkeit konkret bedeuteten. Nichts, was sie weiterbrachte. Geschlagen atmete sie durch, ließ das letzte Buch wieder zurück ins Regal gleiten und trat einen Schritt zurück. Ihre Augen brannten leicht vom langen Suchen. Vielleicht war es heute einfach nicht der Tag, an dem sie eine Antwort finden würde. Vielleicht musste sie einfach lernen, die Dinge geduldiger zu nehmen. Oder auch einen anderen Weg suchen, sie zu verstehen. Mit einem Seufzen wandte sie sich von dem Regal ab. Ihre Schritte führten sie weiter, mehr aus Gewohnheit als aus Absicht, bis sie vor dem Regal mit den Mangas zum Stehen kam. Es war nicht so, dass sie ein großer Fan davon war, jedoch gab es auch einige Serien, die sie gerne las. Der farbige Kontrast zwischen den Buchrücken und das rhythmische Auf und Ab der unterschiedlich hohen Reihen hatte etwas Beruhigendes an sich. Sie ließ den Blick wandern, ein wenig schräg geneigt, fast ohne Ziel, bis er an einem vertrauten Buchrücken hängen blieb. Ein neuer Band von Black Cross, einer Serie, die sie schon einige Jahre begleitete, war erschienen. Die Mischung aus düsterem Fantasy-Horror, philosophischen Fragen, gezielt gesetztem Humor und einem Protagonisten, der nie ganz wusste, ob er Held oder der Untergang der Welt war hatte sie schon immer fasziniert. Und nun war Band 24 da. Sie zog den Band heraus. Das Cover zeigte den weißhaarigen Protagonisten, in einen langen, dunklen Mantel gehüllt, wie er sich in einer bedrohlich leeren Kathedrale nach vorne bewegte. In seiner linken Hand trug er ein zerzaustes, geflügeltes Wesen, bei dem nicht ganz klar war, ob es nur bewusstlos oder tot war. Um ihn herum befanden sich gewaltige Fenster aus zersplittertem Glas. Licht und Schatten kreuzten sich wie Bruchlinien auf seinem Gesicht, das keine eindeutige Regung zeigte. Dieses Bild war in seiner Symbolik voller Spannung, Andeutungen und beinahe schmerzhaft. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Nicht aus Angst, sondern aus dieser eigentümlichen Mischung aus Wiedererkennen und Neugier. Sie griff nach dem Band und hielt ihn in den Händen. Das Papier war frisch, der Druck sehr klar. Für einen Moment vergaß sie die Enttäuschung über die Tarot-Bücher und das endlose Scrollen durch widersprüchliche Artikel, sowie das Grübeln. In diesem Moment war es nur sie und das Versprechen einer Geschichte, die sie kannte und von der sie doch nicht wusste, wohin sie sie führen würde. Ein kleiner, aber echter Trost.
 

Lächelnd und mit dem Manga in der Tasche verließ sie die Stille des Buchladens und bog dann nach rechts ab, um noch etwas in den Trubel des Einkaufszentrums einzutauchen und einen Blick auf das zu werfen, was in diesem alles angeboten wurde. Bei ihren letzten Besuchen war ihr diese Möglichkeit verwehrt geblieben, da sie immer zwecks eines bestimmten Grundes hierhergekommen war. Heute jedoch war sie frei. Ohne Uhr im Nacken, ohne Ziel. So schlenderte sie durch das Erdgeschoss und warf neugierige Blicke auf die Auslagen in den Schaufenstern der einzelnen Läden. Vorbei an einem Schuhgeschäft, das die Schuhe der aktuellen Saison präsentierte – elegante Sandalen mit schmalen Riemen und auffällige Sneaker in Bonbonfarben – sowie einem Kleidungsgeschäft, das Modepuppen in den neuesten Streetwear-Trends ausstaffiert hatte. Weite Hosen, oversized Hemden, Leinenwesten in Pastelltönen – ein Mix aus zurückhaltender Eleganz und auffälliger Lässigkeit, der ihr zwar gefiel, aber nicht so recht zu ihrem eigenen Stil passen wollte.

An dem daneben angrenzenden Geschäft für Hochzeitsmode und traditionelle Kleidung blieb sie einen Moment stehen. Ihr Schritt verlangsamte sich, und dann blieb sie ganz stehen. Hinter der großen Glasscheibe stand ein aufwendig arrangiertes Brautset, dass ihr sofort ins Auge fiel. Das Kleid – schulterfrei, bodenlang – war an der gesamten rechten Seite mit dunkelblauen Stickereien versehen. Feine Ranken und stilisierte Blüten zogen sich in kunstvollen Bahnen über den weißen Stoff, jeder Blütenkern von einem hellblauen Edelstein akzentuiert. Es funkelte leicht im Licht der Deckenstrahler, fast wie Tautropfen im Morgengrauen. Der voluminöse Rock ging in eine lange Schleppe über, die aus Platzgründen kunstvoll gerafft worden war. Der Schleier fiel wie Nebel über die Schultern der Puppe, gehalten von einem silbernen Diadem, in das ebenfalls kleine blaue Steine eingearbeitet waren. Daneben stand der Bräutigam – eine Schaufensterpuppe in einem maßgeschneidert wirkenden Anzug aus anthrazitfarbenem Stoff. Die Weste darunter war in tiefem Dunkelblau gehalten, während die hellblaue Krawatte einen eleganten Kontrast zum weißen Hemd bot. Feine, fast unscheinbare Steinchen glitzerten an den Ärmelabschlüssen und Knöpfen.

Mirâ betrachtete die Szene still. Sie hatte irgendwie etwas Beruhigendes an sich. Vielleicht lag es an der Ausgewogenheit der Farben oder an der Vorstellung eines Lebens, das nach einem klaren Plan verlief, dass im Gegensatz zu ihrem eigenen Leben stand, dass gerade alles andere als wirklich planbar war. Noch einmal seufzte sie leise und wandte sich schließlich ab, um ihren Weg fortzusetzen. Ihre Schritte führten sie an einem weiteren Klamottenladen vorbei, dessen Sachen jedoch eindeutig an ein älteres Publikum gerichtet war, und kam dann schlussendlich am Ende des ersten Stockwerks an, was die breite gläserne Flügeltür vor ihr ankündigte. Direkt daneben beziehungsweise zwischen den beiden Ausgängen, die sich hier befanden, befand sich ein weiteres Geschäft, an dessen Türen in geschwungener Schrift Satō – Bedarf für Handarbeit, Bastel- und Schreibbedarf stand. Neugierig warf die Oberschülerin einen Blick durch die Schaufenster in das Ladeninnere, welches bunt und liebevoll dekoriert war. Von außen wirkte der Laden erst einmal sehr unscheinbar, doch als sie ihre Aufmerksamkeit im Schaufenster nach unten richtete staunte sie nicht schlecht. Auf kleinen Podesten waren mehrere Stoffpuppen drapiert, die sie mit breitem Grinsen ansahen. Eine davon war das Maskottchen einer im ganzen Land bekannten Arcade – eine weiße Gestalt mit übergroßem Kopf, violetter Zipfelmütze und gleichfarbigem zackigen Kragen, der unschuldig, aber breit lachte: Jack Frost. Daneben saß eine Puppe, die dem weißen Wesen ähnlichsah, jedoch eher wie etwas wirkte, was man sich an Halloween vor die Tür setzte. Den großen Kürbiskopf, auf dem ein schwarzer Hexenhut saß, zierte ein breites, zackiges und leicht fies wirkendes Grinsen. Der schwarze Körper war von einem Mantel umgeben, während eine der Hände daraus hervorschaute und eine kleine Laterne hielt, die offensichtlich ebenso aus Stoff gefertigt war. Staunend betrachtete Mirâ die beiden Puppen, die nicht so wirkten, als seien sie offizielles Merchandise der Arcade, sondern etwas Besonderes.

„Süß, oder?“, ließ eine bekannte Stimme sie zusammenzucken.

Rasch drehte sie sich um und sah sich gleich darauf dem grinsenden Gesicht eines silbergrauhaarigen jungen Mannes gegenüber. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, stand er lässig vor ihr. Sie brauchte nicht lange, um ihn als Hiroshis Kumpel Itô Kôsuke zu erkennen.

„Itô-kun“, entfuhr es ihr überrascht.

„Hab dich wohl erschreckt, hm?“ Sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter. „War nicht meine Absicht.“

Die Violetthaarige schüttelte den Kopf. „Schon okay. Ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass mich jemand von der Seite anspricht.“

Kôs Blick wanderte wieder zur Schaufensterscheibe. „Die sind cool, oder? Tatsumi-senpai hat die gemacht.“

Fragend sah die junge Frau ihn an, woraufhin er schnell ergänzte: „Ein Kollege von mir hier im Laden. Studiert eigentlich, aber jobbt nebenbei hier. Sieht manchmal ein bisschen grimmig aus, aber ist eigentlich ‘n echt netter Kerl. Und was Handarbeit angeht, total krass. Der hat mir das mit den Puppen gezeigt. Ich übe noch, aber… ist gar nicht so einfach, wie’s aussieht.“

Er lachte, während Mirâ ihn leicht erstaunt ansah.

„Du arbeitest hier?“, fragte sie zögerlich.

Es war nicht so, dass sie Männern keine Handarbeit zutraute, aber bei ihm hatte sie es schlicht weg nicht erwartet, immerhin wirkte er eher wie der sportliche Typ.

Kô wirkte für einen kurzen Moment überrascht, zuckte dann aber mit den Schultern und grinste: „Klar. Ich steh total auf Nähen und Design. Ist irgendwie das genaue Gegenteil von Fußball – da geht’s halt zur Sache, hier ist’s dafür sehr ruhig. Gibt mir irgendwie die Balance. Und der Laden hier ist echt ‘n Paradies für Leute, die so was lieben. Stoffe, Garne, Papierkram – du findest hier einfach alles.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der jungen Frau. Man sah ihm an, dass er es wirklich ernst meinte. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht ganz zu seinem Auftreten passte, wirkte es kein bisschen aufgesetzt. Im Gegenteil – es hatte etwas angenehm Ehrliches. Und wenn sie etwas respektierte, dann war es die Tatsache, wenn jemand mit Leib und Seele zu seinen Leidenschaften stand. So wie es Kô hier tat.

„Wir bieten übrigens auch Workshops hier an“, fügte er hinzu. „Tatsumi-senpai zeigt manchmal, wie man solche Puppen näht. Die Chefin gibt Häkel- und Strickkurse. Und ich mach ab und zu was zum Thema Schnittmuster und Basics beim Nähen. Andere Kollegen machen Bastelkurse und sowas.“

„Du kannst sowas echt?“, fragte Mirâ interessiert.

„Klar. Ist gar nicht so kompliziert, wie’s aussieht“, sagte er mit einem leichten Nicken. „Aber gerade ist Pause. Während der Golden Week machen wir keine Kurse. Tatsumi-senpai ist bei seiner Familie in Inaba und die Chefin ist unterwegs neues Material besorgen.“

Er lächelte sie aufrichtig an. „Aber wenn du irgendwann mal Lust hast, dann sag ruhig Bescheid oder komm vorbei. Ist ‘ne coole Sache.“

Mirâ hob rasch die Hände. „Danke für das Angebot. Aktuell erst mal nicht, aber ich werde drauf zurückkommen.“

„Wie du willst“, meinte Kô mit einem leichten Augenzwinkern. „Ich muss jetzt los. Meine Schicht fängt gleich an. Dir noch ‘nen schönen Tag!“

„Danke. Und dir eine entspannte Schicht“, verabschiedete sie sich, während ihr Gegenüber mit einem letzten Grinsen im Laden verschwand.

Mirâ sah ihm einen Moment lächelnd nach, ehe sie sich – mit einem letzten Blick auf die beiden Puppen – abwandte und sich dann in Richtung des Hauptausgangs begab.
 

Als sie wenige Minuten später in Freie hinaustrat musste sie kurz blinzeln, da die am Himmel hochstehende Sonne sie leicht blinzelte. Sie brauchte einen Augenblick, um sich wieder an das natürliche Licht ihrer Umgebung zu gewöhnen, ehe sie ihren Blick schweifen ließ und darüber nachdachte, was sie als Nächstes tun sollte. Im Grunde hatte sie das erledigt, wofür sie hierhergekommen war, weshalb sie eigentlich bereits den Heimweg hätte antreten können. Doch irgendwie war ihr noch nicht danach wieder zurückzukehren. Noch einmal blickte sie in den blauen Himmel über sich. Das Wetter war einfach zu schön, um sich im Haus zu verschanzen. Vielleicht sollte sie noch einen Spaziergang durch die Stadt machen und – genau wie sie es im Einkaufszentrum getan hatte – noch einmal genauer auf die Geschäfte achten, die sich entlang der großen Einkaufsstraße aneinanderreihten. Wer weiß was für Schätze sie dabei noch entdecken würde. Ein kleines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, während sie ihren Blick wieder in Richtung der Innenstadt lenkte, die sich zu Füßen des erhöht liegenden Einkaufszentrums erstreckte. Sie lächelte breiter und nickte, ehe sie sich in Bewegung setzte, um ihr neues Vorhaben in die Tat umzusetzen. Mit beschwingten Schritten lief sie die Treppe hinunter, an deren Ende sie noch einmal kurz Halt machte, um sich umzusehen. Dann blickte sie auf den Wegweiser auf der anderen Straßenseite, der ihr sagte, was sich in welche Richtung befand. Die beiden Pfeile auf der rechten Seite, welche im Gegensatz zu den nach links zeigenden in der Unterzahl waren, wiesen lediglich daraufhin, dass sich in diese Richtung die staatliche Universität und die Stadtbibliothek befanden. Mirâ war ein wenig erstaunt darüber, dass sich die Bibliothek nicht, wie die meisten, direkt in der Innenstadt befand, jedoch hatte sie das Gebäude selbst noch nie gesehen und wusste deshalb auch nicht, wie groß es wirklich war. Vielleicht war hier einfach auch kein Platz dafür gewesen. Mirâ nahm sich vor bei Gelegenheit ihre Freunde danach zu fragen und schob den Gedanken dann erst einmal in die hinterste Ecke, während sie weiterhin auf die Schilder vor sich schaute. Auf der linken Seite waren es genau vier Pfeile, die auf wichtige oder interessante Orte hinweisen sollten: die Einkaufsstraße, die sich ebenso zu ihrer Linken erstreckte, das Kino, von dem sie jedoch bereits wusste, dass es etwas versteckt lag, die Stadtverwaltung und das Rathaus, die auch etwas Abseits der Einkaufsstraße lagen, Junes, dass sich am Ende der eben erwähnten befand, sowie der Shinzaro Tempel, der allerdings noch ein Stück entfernt war, sobald man die Shopping Meile im Westen verließ. Mit einem Seufzen wandte sich die junge Frau nach kurzer Zeit ihrer linken Seite zu, um in Richtung Westen zu laufen, da es östlich von ihr nicht mehr viel zu entdecken gab, um sich dort noch einmal die Läden anzuschauen. Kaum hatte sie sich jedoch in Bewegung gesetzt erklang das Geräusch ihres Smartphones aus der Tasche, die sie um ihre Hüfte trug. Sofort blieb sie wieder stehen und kramte das kleine Gerät heraus, um es kurz darauf zu entsperren und zu bemerkten, dass sie eine Nachricht ihrer Mutter bekommen hatte.
 

[[ Mama ]]
 

⌠ 14:05

Bist du noch in der Stadt? Falls ja, könntest du noch etwas Brot aus dieser Bäckerei mitbringen, wo wir letztens waren? Und drei der Eclairs. Junko fand die sehr lecker.
 

⌠ 14:07

Mach ich! Bis später
 

⌠ 14:09

Danke!
 

Mit einem kleinen Seufzen, aber lächelnd, steckte Mirâ ihr Handy wieder zurück in die Tasche, bevor sie ihren Weg fortsetzte. Als sie ihren Blick hob sah sie bereits in der Ferne das auffällige Schild besagter Bäckerei und steuerte damit direkt auf sie zu. So dauerte es auch nicht lange, bis sie das kleine, aber feine Geschäft erreichte, wo es bereits davor lecker nach frisch gebackenem Brot und süßen Melonpan roch. Als sie eintrat wurde dieser Geruch noch viel intensiver, während ihr eine angenehme Wärme entgegenkam, die im Inneren herrschte. Nur wenige Sekunden später wurde sie von einer freundlichen Stimme begrüßt, die ihr bekannt vorkam. Als sie aufsah wusste sie auch wieso, denn hinter der Theke stand wieder die schwarzhaarige junge Frau, deren Pony und eine breitere Strähne an der Seite in einem auffälligen Violett glänzten, und die ihr mit ihren recht aufbrausenden Art bereits mehrmals negativ aufgefallen war. Für den Bruchteil einer Sekunde bemerkte Mirâ eine kurze Veränderung im Ausdruck der violetten Augen, der in diesem Moment wahrlich genervt wirkte. Doch dies dauerte kaum einen Augenschlag, da hatte sie auch bereits weiter ihre freundliche Miene aufgesetzt.

„Was darf es sein?“, fragte sie mit beinahe übertriebener Freundlichkeit, die Mirâ eher unangenehm zusammenzucken ließ.

„Ähm… ein halbes Brot und drei Eclairs bitte“, bestellte diese daraufhin mit leichter Verunsicherung.

Ohne weitere Worte wandte sich die Gleichaltrige von ihr ab und verpackte alles mit gekonnten Griffen, bevor sie die bestellten Sachen auf den Tresen legte und alles in die Kasse eingab, die das gewünschte Ergebnis ausspuckte: „Das macht 1200 Yen.“

Auch wenn Ihre Worte freundlich waren, so beschränkte sich die Schwarzhaarige nur auf das wesentliche, weshalb es Mirâ allmählich unangenehm wurde. Aus diesem Grund war sie auch froh, als sie die Bäckerei wieder verlassen konnte, nachdem sie bezahlt hatte. Draußen angekommen blickte sie noch einmal kurz zurück. Irgendetwas an der jungen Frau machte Mirâ jedes Mal ziemlich nervös, wenn sie aufeinandertrafen. Sie wusste jedoch nicht genau, ob es an deren Art lag, wie sie mit ihren Mitmenschen umging, oder ob es an etwas anderem, etwas tieferliegendem lag. Irgendetwas war komisch. Doch um nicht länger darüber nachzudenken schüttelte die junge Frau den Kopf und setzte ihren Weg weiter fort und sah sich dabei noch weiter um.

In einem der Schaufenster glitzernde Ketten und Ohrringe im zarten Licht der Sonne, während sie an einem anderen Laden einen kleinen Automaten mit Gachapon-Figuren erkannte, deren Aufdrucke von bekannten Anime-Figuren sprachen. Ihr Blick wanderte weiter, ohne Ziel, bis dieser auf ein schwarzes Schild fiel, das von weißen Rissen durchzogen war und das über einem schmalen Eingang hing, der eine Etage unter ihr über eine schmale Treppe zu erreichen war. Neugierig blieb sie stehen, als sie die filigrane Schrift auf dem Schild erkannte, dass mit Shādo betitelt war. Der Name kam ihr bekannt vor und es dauerte eine Weile, ehe sie sich wieder an das Gespräch erinnerte, dass sie vor einigen Tagen von ihren Mitschülern mitbekommen hatte, in dem es um coole Livemusik und einen Ort ging, an dem man „richtig abschalten“ konnte. Doch da war noch etwas. Auch damals bei dem Gespräch hatte sie das Gefühl, dass da noch etwas war, an dass sie sich erinnern sollte. Doch irgendwie war sie nicht fassbar. Bevor sie jedoch tiefer darüber nachdenken konnte, trat jemand aus dem Schatten des Eingangs. Ein junger Mann - groß gewachsen, schlank und mit nackenlangen braunen Haaren, die von Blonden Strähnchen durchzogen waren - hielt einen Stapel Flyer in der Hand und runzelte kurz die Stirn, als er sie erkannte.

„Hey… wenn das nicht Shingetsu-chan ist.“ Er neigte den Kopf leicht. „Konntest du dich mittlerweile mit deiner Freundin aussprechen? Habt ihr euch wieder vertragen?“

Mirâ blinzelte überrascht und brauchte tatsächlich einen Moment, um das ihr bekannte Gesicht zuordnen zu können; genau wie seine Aussage. So dauerte es einige Sekunden, ehe sie sich wieder daran erinnerte, wie sich der junge Mann ihrer angenommen hatte, als Akane sie hatte stehen lassen. Freundlich hatte er sie etwas aufgemuntert und ihr danach eine Visitenkarte gegeben hatte, auf der der Name dieser Bar stand. So konnte sie auch endlich die Verbindung zu dem Namen herstellen, die ihr die ganze Zeit gefehlt hatte.

„Guten Tag, Takama-san. Es ist eine Weile her. Nochmal vielen Dank für deine Hilfe damals“, bedankte sich die Violetthaarige für das vergangene Gespräch. „Ähm und ja… ich habe mich mit meiner Freundin wieder vertragen.“

„Das freut mich zu hören“, schenkte ihr der Ältere ein breites Lächeln. „Sag, hast du schon einen Nebenjob? Wir suchen nämlich gerade Leute.“

Immer noch lächelnd reichte ihr der junge Mann einen der Flyer in seiner Hand, den Mirâ etwas überrascht entgegennahm.

„Hier?“, fragte die Oberschülerin und blickte an dem Brünetten vorbei.

Dieser nickte und blickte nochmal zurück: „Ja. Keine Sorge. Das hier ist nichts verbotenes.“

Er lachte leicht verlegen, bevor er weitersprach: „Das hier ist eine Konzertbar. Hier spielen am Wochenende immer wieder kleine Bands, während die Gäste entspannt zuhören oder feiern können. Auch Oberschüler kommen hier regelmäßig her. Schichten für Oberschüler wären bei Bedarf Freitag oder Samstag. In den Ferien könnte es auch mal in der Woche sein. Dabei geht es hauptsächlich um Bedienung. Und keine Sorge, wir achten akribisch darauf, dass unsere Angestellten nicht angegraben werden. Hättest du Interesse?“

Immer noch leicht skeptisch blickte die junge Frau auf den Flyer in ihrer Hand. Abgeneigt war sie dem ganzen eigentlich nicht, auch wenn sie trotzdem etwas Respekt davor hatte am Abend irgendwo zu arbeiten. Zumal es wahrscheinlich unglaublich viel Überzeugungskraft brauchte, um ihrer Mutter die Zustimmung zu entlocken. Es war nicht so, dass sie eine schriftliche Genehmigung bräuchte, um zu arbeiten, weshalb sie es auch ohne diese machen könnte. Doch es einfach hinter dem Rücken ihrer Mutter durchzuziehen ging für sie auch nicht. Trotzdem war plötzlich ihr Ehrgeiz und auch ihre Neugier geweckt. Irgendwie fand sie es spannend in so einem Lokal zu jobben; allen Bedenken zum Trotz.

„Also es würde mich interessieren, aber ich müsste das vorher mit meiner Mutter besprechen“, erklärte sie daraufhin.

„Kein Problem. Wenn deine Mutter zustimmt und du Interesse hast, dann schreib mir doch einfach eine Nachricht über LINE. Auf meiner Visitenkarte findest du die Nummer.“, sagte der Ältere und wirkte dabei echt glücklich über ihr Interesse.

„Shu! Kommst du bitte rein? Wir haben hier ein kleines Problem!“, erklang plötzlich eine weibliche Stimme aus Richtung des Eingangs.

Leicht erschrocken drehte sich der Student um, bevor er sich mit einer Entschuldigung von Mirâ verabschiedete und dann die Treppe hinunter verschwand. Die Oberschülerin sah ihm noch einen Moment nach, ehe sie den Flyer in ihrer Hand sorgfältig faltete und in ihrer Tasche verschwinden ließ, um sich daraufhin endlich auf den Heimweg zu machen. Dabei mit einem leichten Anflug von Aufgeregtheit, denn je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr wollte sie hier jobben. Doch getrübt wurde diese Vorfreude durch den Gedanken an das Gespräch, welches sie am Abend dazu führen müsste. Die junge Frau jedoch nahm sich vor dafür zu kämpfen. Komme was wolle.
 

[ *früher Abend* ]
 

Langsam legte sich die Dämmerung über die Stadt, als Mirâ – bereits wieder in Tsukimi-kū – auf ihrem Weg nachhause war. Ab der Station unter dem Shinzaro Tempel hatte sie die U-Bahn zurückgenommen und war nun auf dem Weg von der Station zurück, in der Hoffnung es noch vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen. Diese kündigte sich nun langsam an, denn nach und nach begannen die Laternen auf ihrem Weg zu leuchten und tauchten dabei die Umgebung allmählich in ein silbrig-graues Licht. Vereinzelt rauschte ein Auto an ihr vorbei, doch im Allgemeinen war der Verkehr sehr ruhig, sodass sie ihren Weg ohne größere Schwierigkeiten und längere Wartezeiten an den Ampeln gehen konnte. Gedanklich war sie noch bei dem Gespräch mit Shuichi und dem Job in der Konzertbar. Die Vorstellung dort zu arbeiten war aufregend, aber auch beunruhigend und sie fragte sich, ob ihre Mutter dem überhaupt zustimmen würde. So in Gedanken versunken bemerkte sie erst im letzten Moment das laute Stimmengewirr, das an der großen Kreuzung vor ihr ertönte. Die Kreuzung, an der ihr vor einiger Zeit die kleine Vase mit der Blume aufgefallen war, die an einer Seite auf dem Bürgersteig stand. Erschrocken blickte sie auf und erkannte drei Jugendliche – etwa in ihrem Alter, aber mit ziemlich auffälliger Kleidung - die vor der kleinen Vase standen, die wieder mit einer einzelnen Blume gefüllt war. Eine stumme Geste, deren Bedeutung Mirâ nicht kannte, aber die mit Sicherheit einen wichtigen Hintergrund hatte. Gerade in dem Moment trat einer der Jungen grinsend gegen die Vase, während er seiner Körperhaltung nach so tat, als hätte er es nicht bemerkt. Die anderen jedoch lachten bei dieser Geste. Die Vase wackelte kurz und kippte dann zu Boden, wo die mit einem leisen Klirren zerbrach, während die Blume auf dem Asphalt landete.

„Hey!“, rief Mirâ plötzlich aus, ehe sie wirklich darüber nachgedacht hatte. Ihre Stimme war klar, wenn auch zögerlich. „Was soll das? Hört auf damit!“

Die drei jungen Männer drehten sich zu ihr um. Einer von ihnen, ein hochgewachsener, mit zu großem Hoodie, verzog das Gesicht: „Was willst du denn, Kleine? Willste ne Moralstunde halten, oder was?“

„Ihr habt kein Recht, das kaputtzumachen“, sagte Mirâ fester. „Was denkt ihr euch dabei?“

„Was geht’s dich an? Biste ne Moralapostel?“, knurrte ein anderer, der einen Schritt auf sie zutat, die Fäuste in den Taschen vergraben, aber die Schultern fest angespannt, um noch größer zu wirken. „Pass lieber auf, dass du nicht kaputt gehst.“

Mirâ stockte für einen Moment der Atem. Sie wollte sich nicht zurückziehen, nicht jetzt, doch sie spürte das Zittern in ihren Knien und das Aufbäumen von Angst, das nicht weichen wollte und ihr sagte, dass sie lieber gehen sollte. Dann ging alles ganz schnell. Die Jugendlichen kamen ihr bedrohlich nahe, doch ehe sie sie endgültig erreicht hatten, wurden sie von einer männlichen Stimme zurückgehalten.

„Schluss jetzt.“

Die Stimme war ruhig, aber durchdringend. Und plötzlich trat ein junger Mann aus dem Schatten. Groß, mit schwarzen kurzen Haaren, die leicht nach oben gekämmt waren und erster Miene. Über seinem linken Auge erkannte Mirâ zwei lange Narben, die sich quer über die Augenbraue zogen. Er hatte die Hände in die Taschen seiner schwarzen Lederjacke gesteckt und wirkte eher lässig, doch sein Blick ließ die Gruppe erstarren.

„Was geht’s dich an?“, versuchte es der eine der Jugendlichen noch, doch der Fremde trat langsam näher, in völligem Schweigen und schien dabei die Halbstarken zu ignorieren.

Diese zögerten kurz und wichen dann zurück. Einer von ihnen murmelte noch einen Fluch, ein anderer spuckte auf den Boden, doch als sie merkten, dass dieses Getue alles nichts wirkte, trollten sie sich davon. So, als wäre ihnen langweilig geworden.

Erleichtert atmete Mirâ auf: „Danke…“

Der junge Mann jedoch sah sie scharf an.

„Was hast du dir dabei gedacht?“, sagte er kühl. „Allein, ohne nachzudenken, auf so eine Gruppe Halbstarker loszugehen? Willst du Ärger heraufbeschwören? Oder hast du geglaubt, du bist unverwundbar?“

Sein Ton war nicht wütend, aber durchzogen von ernstem Vorwurf, was Mirâ etwas erschrocken zurückweichen ließ.

„Ich konnte nicht einfach zusehen…“

Der Schwarzhaarige schüttelte kaum merklich den Kopf, ging an ihr vorbei, hob vorsichtig die Scherben der Vase auf und sammelte diese in seiner Hand. Für einen Moment verharrte er und betrachtete die Überreste der stillen Geste.

„Das wäre nicht nötig gewesen“, langsam erhob er sich, um an Mirâ vorbeizugehen. „Aber danke, dass du ihr geholfen hast…“

Überrascht wandte sich die Violetthaarige ihm zu, doch der Fremde war schon weitergegangen. Seine Silhouette verschwand nur wenige Minuten später um die nächste Ecke, während die Oberschülerin irritiert zurückblieb. Sie überlegte ihm zu folgen, doch entschied sich letzten Endes dagegen. Stattdessen richtete sie ihren Blick noch einmal auf sie Stelle, an der die Vase gestanden hatte und von der nur noch ein nasser Fleck zeugte. Etwas an diesem jungen Mann war… eigenartig gewesen. Nicht nur sein plötzliches Auftauchen oder seine kühle Art, sondern seine Entschlossenheit, mit der er gehandelt hatte. Irgendetwas sagte ihr, dass er nicht einfach nur ein Passant war. Nachdenklich drehte sie sich um und trat den restlichen Heimweg an. Dabei das Gefühl nicht loswerdend, einem Geheimnis begegnet zu sein, dass sie noch nicht verstand.
 

[ *Abend* ]

[ Haus der Shingetsus ]
 

Leicht angespannt saß Mirâ ihrer Mutter gegenüber am Esstisch; den ernsten Blick dieser genau auf sich spürend. Das Abendessen war bereits seit einer guten halben Stunde vorbei und bereits davor hatte sie Haruka offenbart, dass sie über etwas mit ihr sprechen wollte. Mittlerweile war das Geschirr schon abgewaschen und Junko saß vor dem Fernseher im Wohnzimmer und bekam so nichts von der angespannten Situation hinter ihr mit. Der Regen, der vor einigen Stunden eingesetzt hatte trommelt gegen die Fensterscheiben und durchbrach damit die etwas unangenehme Stille, die sonst nur leise durch den Fernseher gestört wurde. Lange hatte die Violetthaarige überlegt, wie sie das Thema am besten ansprechen sollte, doch hatte zu ihrem Bedauern keine Lösung gefunden. Doch egal wie, sie musste sich ihrer Mutter diesbezüglich nun öffnen.

„Also? Worüber möchtest du mit mir sprechen?“, unterbrach die Ältere die Gedankengänge der Schülerin, die nun ihren Fokus wieder auf das Hier und Jetzt lenkte.

„Ähm also… es ist so. Mir wurde heute ein Nebenjobb angeboten. In einer Konzertbar namens Shādo. Dort werden gerade Leute gesucht, die am Wochenende aushelfen können… und… ich würde das gerne machen…“

Ihre Stimme wurde zum Ende hin immer leiser, denn der Blick, den Haruka ihr zuwarf, war alles andere als positiv.

„Ein Nebenjob? In einer Bar? Mirâ ganz ehrlich? Ich bin davon nicht begeistert. Nicht, dass du keinen Nebenjob machen dürftest, aber solche Bars sind nichts für ein Mädchen in deinem Alter. Wer weiß, was sich dort für Leute herumtreiben“, sagte diese schließlich ernst.

Die Oberschülerin schluckte schwer. Sie wusste, dass es nicht einfach werden würde, immerhin hatte sie mit dieser Reaktion gerechnet. Doch anstatt sich einschüchtern zu lassen hob die entschlossen den Blick:

„Ich verstehe deine Bedenken, Mama. Aber Takama-san hat mit erklärt, dass dort streng darauf geachtet wird, dass weder Gäste noch Angestellte belästigt werden. Es gibt klare Regeln und harte Strafen für jeden, der sich danebenbenimmt. Und sie kontrollieren das sehr genau.“

„Weißt du das wirklich?“ Haruka sah sie zweifelnd an.

Für einen Moment brachte diese Frage sie aus dem Konzept, doch dann setzte sie ein kleines Lächeln auf und antwortete ehrlich: „Nicht aus eigener Erfahrung, aber Takama-san wirkt ehrlich und verantwortungsbewusst. Außerdem wäre ich ja nicht alleine. Dort jobben noch andere in meinem Alter. Außerdem wäre es eine gute Gelegenheit für mich, selbständiger zu werden und ein bisschen Geld zu verdienen.“

Ihre Mutter schwieg einen Moment und bedachte sie dabei mit einem langen besorgten Blick, während sie über die Worte der Schülerin nachzudenken schien. Für Mirâ wirkte es wie eine Ewigkeit, bis Haruka schlussendlich tief seufzte:

„Na schön… aber nur unter der Bedingung, dass du mir verspricht vorsichtig zu sein und sofort aufhörst, wenn du belästigt wirst. Verstanden?“

„Ja ich verspreche es!“, antwortete Mirâ begeistert, während sie aufsprang und ihrer Mutter um den Hals fiel.

Die Blauhaarige lächelte: „Ach und noch was… Deine Noten dürfen nicht darunter leiden!“

Die Jüngere strahlte: „Abgemacht! Danke Mama!“
 

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XXXI – Ripples in Quiet Water


 

*~* XXXI – Ripples in Quiet Water *~*

[ ~Donnerstag, 30. April 2015~ ]

[ »Golden Week // Brückentag« ]

[ *früher Nachmittag* ]

[ Flussuferpromenade ]
 

Die frühe Nachmittagssonne legte sich sanft über das Flussufer und tauchte die Umgebung in ein warmes Licht, das in den sanften Wellen des Gewässers glitzerte. Der Wind rauschte leicht durch das helle Blattwerk der Bäume und trug den Duft von frischem Gras und Wasser mit sich. Mirâ schlenderte gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester den gepflasterten Uferweg entlang, während ihre Mutter ein Stück hinter ihnen ging, die Jacke über den Arm gelegt und den Blick über die Landschaft gleiten lassend. Junko hüpfte fröhlich von einem Stein zum nächsten, die den Weg säumten, und hielt immer wieder an, um kleine Schätze aufzusammeln. Flache Kieselsteine, die in der Sonne glänzten, ein Federchen, dass sich im Gras verfangen hatte und besonders schön geformte Blätter landeten dabei in ihrer kleinen Umhängetasche: Ihrer kleinen Schatztruhe. Jeden der Funde präsentierte sie Stolz ihrer großen Schwester, die sie aufmerksam begutachtete und mit einem Lächeln kommentierte, sodass die Blauhaarige sie strahlend ansah. Am nahegelegenen Bolzplatz jagten einige Kinder und Jugendliche einem Ball hinterher, sich dabei immer wieder laute Anweisungen zurufend. Plötzlich ging ein lautes Raunen durch die Spieler, als man hörte, wie der Ball zu kräftig getreten wurde. Dann ein Aufschrei – und im nächsten Moment flog der Ball über die Umzäunung, rollte dann den leichten Abgang hinunter und plumpste mit einem dumpfen platschen ins Wasser. Ganz langsam trieb er etwas vom Ufer weg und drehte sich dabei träge in der Strömung.

„Oh nein er treibt davon“, rief Junko aufgebracht, die das ganze beobachtet hatte, und lief dann hinunter Richtung Ufer.

Mirâ folgte ihr schnell, um zu verhindern, dass sie ins Wasser lief. Schnell griff sie nach dem Arm der Jüngeren, die bereits mit den Spitzen ihrer Schuhe nahe dem Fluss war und schenkte ihr einen bösen Blick, den diese mit eingezogenem Kopf quittierte. Dann wandte sich die Violetthaarige dem auffällig grünen Ball zu, der bereits dabei war sich langsam zu entfernen, sich jedoch noch immer in Reichweite befand.

„Ich mach das. Vielleicht erreichen wir ihn noch, bevor er ganz weg ist“, meinte die Oberschülerin und griff nach einem langen Ast, der in ihrer Nähe lag.

Dann ging sie langsam nach vorn und kniete sich auf einen flachen Stein, der auf dem Wasser ragte, um sich weiter hinauszulehnen. Mit dem Stock berührte sie vorsichtig den treibenden Gegenstand und schaffte es nach einiger Zeit ihn näher ans Ufer zu bugsieren, sodass sie nur noch danach greifen brauchte. Doch in dem Moment, als sie auf sich leicht kräuselnde Wasserüberfläche blickte, erstarrte sie. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie das Gefühl, als würde auf ihrem Spiegelbild ein dunkler Schatten liegen, der sie mit stechend gelben Augen anstarrte. Im nächsten Augenblick jedoch war er mit der nächsten Kräuselung wieder verschwunden und sie blickte auf ihr eigenes Ebenbild. Ein kurzer Schauer lief ihr über den Rücken, der ihr ein ungutes Gefühl bescherte.

„Nee-chan, der Ball!“, holte sie Junkos aufgebrachte Stimme wieder aus den Gedanken.

In diesem Moment bemerkte sie, dass sich genannter wieder langsam entfernte, weshalb sie schnell nach dem grünen Gegenstand griff und ihn endgültig aus dem Wasser fischte.

„Du hast ihn“, rief die Jüngere triumphierend und sich über den Erfolg freuend.

„Das war knapp“, meinte Mirâ, den nassen Ball in ihren Händen haltend.

Im nächsten Moment hörte sie schnelle Schritte hinter sich, dann ein leicht außer Atem klingendes: „Zum Glück!“

Mirâ und Junko drehten sich überrascht um und erkannten dann einen jungen Mann, der auf sie zu gelaufen kam. Er trug ein paar abgewetzte Sportsachen, die mit Flecken von Erde bedeckt waren. Auch die sonst wohl weißen Stulpen an den Schienbeinen waren vollkommen verdreckt. Seine blonden, nackenlangen Haare wirkten zerzaust, während er mit gehetztem Gesichtsausdruck das Ufer entlanggelaufen kam. Einige Schritte vor den beiden Mädchen blieb er dann stehen und atmete erst einmal tief durch.

„Hiroshi-kun“, entkam es der jungen Frau überrascht, als sie ihren Kumpel vor sich stehen saß, der versuchte wieder zu Luft zu kommen und sich den Schweiß vom Kinn wischte.

„Danke fürs rausholen. So schnell war ich dann doch nicht, dass ich es geschafft hätte, bevor er ganz abgetrieben wäre“, schnaufte der Blonde mit einem schiefen Grinsen. „Aber hallo erstmal. Ist ja ne Überraschung dich hier zu treffen.“

Ein kleines Schmunzeln legte sich auf das Gesicht der jungen Frau, als sie ihren Kumpel betrachtete, der in seinen abgewetzten Klamotten vollkommen fertig wirkte: „Ja stimmt.“

Nun trat auch Haruka auf die kleine Gruppe zu, während sie leicht irritiert zwischen den beiden Oberschülern hin und her schaute: „Ein Freund von dir, Mirâ?“

Angesprochene brauchte einen Moment, um zu registrieren, was ihre Mutter von ihr wollte, doch nickte dann: „Ähm ja…“

„Mein Name ist Makoto Hiroshi. Es freut mich sehr Sie kennenzulernen. Mirâ und ich gehen in die gleiche Klasse“, stellte sich der junge Mann mit einer leichten Verbeugung vor.

„Freut mich auch“, nickte die ältere Frau und wirkte dabei immer noch leicht darüber irritiert, dass die beiden Jugendlichen offensichtlich schon sehr vertraut waren.

Diese bekamen von den Gedanken gar nichts mit. Stattdessen wandte sich Hiroshi wieder an Mirâ, die noch immer den nassen Ball in ihren Händen hielt.

„Danke nochmal fürs Retten“, zeigte er auf den runden Gegenstand, was für die Violetthaarige ein Zeichen war, ihn wieder zurückzugeben. „Der gehört Kô. Wenn er abgetrieben wäre, hätte er mich gelyncht. Ich hab ihn zu stark getreten, da ist er übers Fanggitter geflogen.“

„Ein Glück haben wir gesehen, wie er ins Wasser gefallen ist“, mischte sich Junko ein und wurde daraufhin von Hiroshi mit großen Augen angesehen.

„Oh und wer ist diese junge Dame?“, fragte er überrascht und hockte sich zu der Grundschülerin herunter.

„Mein Name ist Junko“, stellte sich die Kleine vor.

Ein freundliches Lächeln bildete sich auf dem Gesicht des Blonden, während er dem Mädchen die Hand auf den Kopf legte: „Freut mich, Junko-chan. Ich bin Hiroshi. Du kannst mich auch Hiro nennen.“

Für einen Moment sah die Blauhaarige ihn mit großen braunen Augen an und legte dann den Kopf schief: „Weißt du was, Hiro-niichan? Ich habe eine Freundin, die auch Hiro heißt. Und sie hat eine ähnliche Frisur wie du.“

„So?“, nun war es an Hiroshi den Kopf schief zu legen, während ihm ein Gedanken zu kommen schien und er wieder ein leicht verzerrtes Grinsen aufsetzte. „Kann es sein, dass sie Hiromi heißt?“

Mirâ brauchte nicht lange, um zu verstehen, worauf ihr Kumpel hinauswollte, während ihre kleine Schwester total davon begeistert, war, dass der junge Mann offensichtlich Gedanken lesen konnte, was sie auch offen ansprach. Dieser lachte darauf jedoch nur:

„Nicht ganz. Wenn wir die gleiche Hiromi meinen, dann ist das meine Cousine. Zufälle gibt’s.“

„Wieso?“, fragte Junko wieder den Kopf schief legend.

Wieder musste der Blonde lachen und strich der Grundschülerin dann über den Kopf: „Weil du mit ihr befreundet bist und ich mit deiner Schwester. Bestell Hiro-chan doch einen lieben Gruß, wenn du sie wiedersiehst. Machst du das?“

Endlich schien die Blauhaarige zu verstehen, was der Ältere meinte und lächelte dann breit, während sie nickte: „Ja mach ich.“

„Danke“, mit leichtem Schwung erhob sich Hiroshi wieder und schenkte Mirâ ein kleines Lächeln, ehe die Gruppe aus der Ferne genervte Stimmen hörte, die nach dem Blonden riefen, der sich kurz in die Richtung wandte. „Ich muss dann wieder. Danke nochmal fürs Rausfischen. Wir sehen uns, Mirâ.“

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Auf wiedersehen“, wandte er sich mit einer leichten Verbeugung an Haruka und strich danach noch einmal Junko über den Kopf. „Mach’s gut Junko-chan.“

Damit drehte er sich um und lief zurück zum umzäunten Bolzplatz, auf dem seine Freunde bereits ungeduldig auf ihn warteten. Mirâ und ihre Familie sahen ihm nach. Dabei konnten sie gedämpft hören, wie Hiroshi mit einigen dummen Sprüchen gestraft wurde, die er jedoch nur mit einem Lachen abtat.

„Netter junger Mann“, sagte Haruka plötzlich und wandte sich mit einem Lächeln an ihre Tochter. „Es freut mich, dass du offensichtlich schon gute Freunde gefunden hast.“

Überrascht sah die Violetthaarige ihre Mutter an, doch nickte dann ebenfalls mit einem kleinen Lächeln. Tatsächlich war sie wirklich froh Freunde gefunden zu haben, die ihr beistanden, auch wenn die Umstände ihres Kennenlernens etwas skurril waren. Das und auch die wiederkehrende Erinnerung an das Bild von dem Schatten vor ihren Augen vor wenigen Minuten, trübten diese Freude jedoch etwas. Vorsichtig sah sie noch einmal auf die sich kräuselnde Wasseroberfläche, die sanft auf das flache Ufer traf. Hatte sie sich das vorhin nur eingebildet? Machte die Sache mit der Spiegelwelt sie allmählich paranoid? Oder war dieser Schatten ein böses Omen? Plötzlich frischte der Wind merkbar auf und ein starker Stoß erfasste die junge Frau, die mit Mühe versuchte ihre Haare aus ihrem Gesicht fern zu halten. Als sich der Windstoß gelegt hatte wandte sie sich den Bergen im Westen zu, aus deren Richtung der Wind gekommen war und über denen bereits langsam dunkle Wolken aufzogen, die wohl den zum späten Nachmittag angekündigten Regen bringen würde. Etwas beunruhigte sie. Da war ein Gefühl, dass sich wieder etwas verändert hatte… nein… dass wieder etwas geschehen würde. Doch es war nicht konkret genug, um es greifen zu können. Eher wie ein Schatten in der Stille, der nicht dorthin gehörte. Das, was sie gesehen hatte, bedeutete bestimmt nichts Gutes, auch wenn sie nur hoffte, dass sie es sich nur eingebildet hatte. Die Stimme ihrer Mutter holte sie aus ihren Gedanken, als diese darauf hinwies, dass sie allmählich wieder Nachhause gesehen sollten. Schweigend griff Mirâ deshalb nach der Hand ihrer Schwester, die sie mit fragenden Augen betrachtete, um sie dann sanft mit sich zu ziehen und ihren Weg fortzusetzen. Das gleichmäßige Plätschern des Flusses begleitete sie, doch irgendwo tief in ihrem Inneren blieb ein leiser Nachklang von Unruhe zurück.
 

[ *Abend*]
 

Mit leisem Trommeln fiel der Regen auf die Fensterscheiben, während Mirâ es sich mit leicht angewinkeltem Bein auf der kleinen Couch im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatte. Nach dem Abendessen hatte sich ein ruhiger Rhythmus im Haus eingestellt. Das Licht im Wohnzimmer war warm und gedämpft, auf dem niedrigen Couchtisch standen noch zwei halb geleerte Teetasse, und aus dem Fernseher drangen die hellen Stimme zweier Animefiguren, die sich gerade über irgendeinen überdrehten Plan stritten. Junko saß mit angezogenen Beinen auf dem Teppich vor dem Gerät, ein Kissen in den Armen und vollkommen vertieft in die alte Serie, die sie zum wiederholten Mal sehen wollte. Auch Mirâ blickte auf den Bildschirm, war jedoch halb in Gedanken versunken und bekam so eigentlich so gut wie gar nicht mit, was sich vor ihr abspielte.

Die vertraute Stimme ihrer Mutter ließ sie jedoch wieder ins Hier und Jetzt zurückkehren: „Mirâ? Kannst du mir kurz in der Küche helfen?“

„Klar“, antwortete die junge Frau, ohne aufzublicken.

Sie streckte sich ein wenig, richtete sich auf und tappte in die angrenzende Küche, wo Haruka bereits mit aufgekrempelten Ärmeln an der Spüle stand. Der Duft von Reinigungsmittel lag in der Luft, während das warme Licht aus der Deckenlampe weiche Schatten auf die Wände warf. Wortlos griff Mirâ nach einem Geschirrtuch und begann, die gespülten Teller abzutrocknen. Daraufhin arbeiteten die beiden Freuen eine Weile schweigend nebeneinanderher, während das einzige Geräusch was dabei erklang das Plätschern des Wassers und das gelegentliche Klirren von Geschirr war.

„Weißt du, ich bin froh, dass du hier offensichtlich langsam deinen Platz findest“, sagte Haruka plötzlich in einem Tonfall, der beiläufig klang, es aber definitiv nicht war.

Mirâ hob kurz den Blick, sah aber nur das Profil ihrer Mutter, das von der Küchenlampe weich umspielt wurde.

„Der Umzug war nicht leicht – für keine von uns. Aber ich sehe, dass du Freunde gefunden hast. Das… beruhigt mich“, ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie Mirâ einen kurzen Seitenblick schenkte. „Dieser Hiroshi scheint ganz in Ordnung zu sein.“

Die Violetthaarige blinzelte kurz, während sie an die Begegnung mit ihrem Kumpel am Nachmittag erinnert wurde. Dann legte sich ein kleines Schmunzeln auf ihre Lippen, als sie daran dachte, wie der Blonde, der vom Bolzen total verdreckt war, so geschickt auf ihre Mutter und Junko eingegangen war.

Nickend stellte sie einen Teller zur Seite: „Er ist ein wirklich netter Mensch.“

Sie bemerkte den überraschten und doch irgendwie allessagenden Blick ihrer Mutter, doch ignorierte es und schwieg.

Dann seufzte die Ältere und wandte sich wieder dem Abwasch zu: „Jedenfalls bin ich wirklich froh, dass das alles so gut geklappt hat.“

Das Gespräch versiegte, doch dieses Mal war es an der Oberschülerin Haruka einen leicht überraschten Seitenblick zu schenken. Für einen Moment hatte sie das Gefühl gehabt, dass in dieser Aussage mehr steckte, als ihre Mutter wohl rausblicken lassen wollte. Irgendetwas an ihrem Tonfall hatte die junge Frau stutzig werden lassen und doch konnte sie nicht genau sagen, was es war. Vielleicht klang es für sie nach Sorge. Einer, die tief in der Älteren verankert war und die nur wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun hatte. Eine Sorge, die viel älter war. Haruka jedoch schwieg und Mirâ beließ es vorerst dabei. Vielleicht hatte sie es sich ja auch nur eingebildet. So kehrten beide wieder stumm zu ihrer kleinen Routine zurück. Das Geräusch des Fernsehers ließ die junge Frau jedoch wieder aufhorchen, als die vertrauten Klänge eines lokalen Abendmagazins durch die Durchreiche vom Wohnzimmer herüber schallten – das typische Intro, gefolgt von der ruhigen Stimme des Moderators.

„Heute Abend in unserer Reihe: Die alten Pfade Kagaminomachis – ein Blick auf den Shinzaro-Tempel und seine lange Geschichte.“

Mirâs Hände hielten inne und sie wandte sich um, um durch die Durchreiche auf den Fernseher zu starren. Auf dem Bildschirm war nun die im Dämmerlicht getauchte Treppe des Shinzaro zu sehen, der mit wehenden Bannern und der typischen Stille der Tempelstätte präsentiert wurde. Die Kamera schwenkte über das Hauptgebäude, verweilten kurz auf dem Gittertor, dann auf einem verschwommenen Schatten, der durch die Anlage ging. Eine Stimme sprach über Tradition und Opferbereitschaft, sowie über die Verantwortung, die die Angehörigen des Tempels auf ihren Schultern trugen. Augenblicklich wanderten die Gedanken der jungen Frau zu Masaru. An die Müdigkeit in seinem Blick, die Ungeduld in seinen Gesten, die Art, wie er sich Dai gegenüber verschloss, obwohl in ihm etwas arbeitete. Schwer und still. Sie erinnerte sich an die wenigen Male, in denen sich ihre Wege zufällig gekreuzt hatten und wie er dabei mit jedem Mal mehr wirkte, als trüge er eine Last, die so groß war, dass sie ihn zu Boden drückte. Mit einem Male schlich sich wieder die Erinnerungen des Schattens vom Nachmittag in ihre Gedanken. Ihr Blick glitt zum Fenster, an welchem Wassertropfen in feinen Bahnen herunterliefen, während immer wieder neue hinzukamen, vom Regen und Wind dagegen gedrückt. Der Moment am Fluss war ihr noch zu lebhaft in Erinnerung – wie der Hauch einer Ahnung, ein Flackern, das sie sich vielleicht nur eingebildet hatte. Oder auch nicht. Das Bild ihres eigenen Spiegelbilds, überlagert von etwas Dunklem, Fremden. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde und doch hatte es sich tief in ihr festgesetzt. Ein Frösteln kroch ihr über den Rücken, obwohl es in der Küche nicht kalt war. Sie nahm das letzte Glas, trocknete es bedächtig ab und stellte es leise auf die Anrichte, während draußen der Regen in regelmäßigen Tönen gegen die Fensterscheibe trommelte – als wollte er sie damit beruhigen. Doch es nützte nichts. Da war etwas. Ein leiser Druck, kaum greifbar, aber spürbar. Und er ließ sie nicht mehr ganz los.
 

[ ??? ]
 

Der Velvet Room lag in zeitloser Stille. Das tiefe Blau des Raumes vibrierte leise, wie die Melodie am Rande des Bewusstseins. Inmitten dieser Welt, jenseits der Schwelle von Traum und Wirklichkeit, saß Igor in seiner unveränderten Position an dem mit blauer Samttischdecke bedeckten Tisch. Die Augen geschlossen, als würde er schlafen oder gar der leisen Arie lauschen, die aus dem Hintergrund zu vernehmen war. Das leise Rasseln von Ketten jedoch ließ ihn aufblicken, direkt auf einen der noch vorhandenen Spiegel, der nun etwas stärker, als noch zuvor in einem roten Licht leuchtete. Das milchige Glas, dass nichts der Umgebung wiedergab, glänzte matt. Noch nicht bedrohlich, doch androhend, dass etwas dahinter brodelte. Auch unter sich nahm der alte Mann ein solches Licht war, weshalb er seinen Blick auf die Karten wandte, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Bereits vor einiger Zeit hatte auch eine von ihnen schon begonnen zu leuchten und auch deren Licht war nun etwas weiter angewachsen. Mit einer leisen Ahnung löste der Nasenmann seine Hand aus seiner üblichen Position und ließ sie über den Karton schweben, der darauf einen Moment begann sich zu bewegen. Doch noch war nicht die Zeit um die nächste Arcana bekannt zu geben. Dazu fehlte noch ein winziges Stück, ein kleiner Anstoß, der das Rad des Schicksals erneut ins Rollen bringen würde. Igor jedoch wusste bereits, um welche der Karten es sich dabei handelte. Er schloss die Augen, das Grinsen in seinem Gesicht breiter werdend, während er seine übliche Position wieder einnahm.

„Interessant“, murmelte er. „Diese Energie… sie ringt mit sich selbst. Doch sie strebt voran. Ob sie standhält, wird sich zeigen.“

Seine Stimme klang fast erfreut, als würde ihn die bevorstehende Entwicklung, von der er offensichtlich bereits Kenntnis hatte, amüsieren. Neben ihm stand Margaret. Still. Ihren Blick auf den Spiegel gerichtet, der für den Bruchteil einer Sekunde das gezeigt hatte, was auch Igor bereits wusste. Sie sagte kein Wort. Das musste sie auch nicht. Das Licht des Spiegels wurde wieder etwas schwächer, so auch das Leuchten um die auf dem Tisch liegende Karte und das Grinsen auf Igors Gesicht wurde noch eine spur breiter, bevor er wieder die Augen schloss und die Dunkelheit das Blau des Raumes wieder verschlang, ehe nur noch tiefe Finsternis zurückblieb.
 

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XXXII – Where Music Meets Fate


 

*~* XXXII – Where Music Meets Fate *~*

[ ~Freitag, 01. Mai 2015~ ]

[ »Golden Week / Brückentag« ]

[ *früher Morgen* ]
 

Der Morgen war trüb und von einem feinen Dunst durchzogen, der wie ein Schleier über den Dächern Kagaminomachis hing. Ihre Tasse mit dampfendem Tee zwischen den Händen haltend saß Mirâ am großen Esstisch, der an die Durchreiche zwischen Küche und Wohnzimmer angrenzte, und blickte aus dem Fenster. Das Frühstück war längst beendet, doch die junge Frau ließ sich Zeit mit ihrem Getränkt, was vor allem dem geschuldet war, dass ihre Gedanken Kreise zogen. Der Himmel war ein graues Aquarell, wirkte schwer, so als würde es jeden Moment wieder regnen wollen, was der feine Nebel noch verstärkte. Ganz feine Wasserspuren lagen auf dem Glas und zogen dünne Bahnen.

„Richtiges Wetter zum Liegenbleiben…“, ging ihr bei einem Seufzen durch den Kopf.

Für einen Moment löste sie den Blick von dem grauen Einheitsbrei der Außenwelt und ließ ihn durch das Wohnzimmer streifen. Im Fernseher liefen soeben die Morgennachrichten, die sich mal wieder überschlagen hatten: ein Unfall, politische Spannungen im Ausland, die Premierministerwahl im nächsten Jahr und der abschließende Wetterbericht, der für diesen Tag keine besseren Aussichten ansagte. Junko saß an dem kleinen Couchtisch und bastelte etwas; mit einem fröhlichen Summen auf den Lippen. Gleichzeitig hörte sie ihre Mutter in der Küche werkeln und den Abwasch erledigen. Es war ein ruhiger Morgen. Unspektakulär. Eigentlich eine gute Möglichkeit sich etwas zu entspannen und in Ruhe ein Buch zu lesen, doch das war für die Oberschülerin gerade nicht möglich. Seit sie am Vorabend den Bericht über den Shinzaro-Tempel gesehen hatte, spürte sie diese Unruhe in sich. Als würde sich etwas anbahnen, etwas Schlimmes. Vielleicht war es übertriebene Vorsicht und total unsinnig. Vielleicht hätte es auch einfach gereicht noch etwas zu warten. Aber das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmte, ließ sie einfach nicht los. Sie musste einfach Gewissheit haben. Mit einem tiefen Seufzer stellte sie ihre halbleere Tasse auf den Tisch ab; mittlerweile war der Tee ohnehin abgekühlt. Dann erhob sie sich und stellte das Gefäß auf die Durchreiche, während ihre Mutter sie mit einem fragenden Blick bedachte.

„Alles in Ordnung Mirâ?“, fragte sie vorsichtig nach.

„J-ja. Ich glaube, ich gehe etwas frische Luft schnappen“, meinte die Angesprochene und ging hinaus in den Flur, wo sie in ihre schwarzen Stiefelletten schlüpfte.

Noch einmal wandte sie sich der kleinen Garderobe zu, die zu ihrer Linken an der Wand stand und griff dann nach ihrem Schlüssel, bevor sie die Tür aufschob. Im Augenwinkel bekam sie noch mit, wie ihre Mutter mit besorgtem Blick in den Flur trat und ihr nachsah, bevor sie die Tür hinter sich wieder zuschob und ohne ein weiteres Wort das Grundstück verlies.
 

[ *Morgen* ]
 

Die Stufen hinauf zum Tempel fühlten sich ewig lang und viel steiler als sonst an. Mit jedem Schritt wurden ihre Beine schwerer, als wolle etwas verhindern, dass sie oben ankam. Dazu war es stiller als sonst. Kein Laut war von oben zu hören. Auch die Vögel schienen sich in Schweigen zu hüllen. Es war eine beinahe unheimliche Atmosphäre, die sich auch nicht änderte, als sie den obersten Absatz der Stufen erreichte und somit auf das weitläufige Gelände des Tempels blicken konnte. Tief durchatmend ließ sie ihren Blick schweifen, doch egal wohin sie auch sah, sie konnte niemanden finden. Keinen Priester, keine Miko. Ja nicht einmal Besucher. Alles wirkte wie ausgestorben. Schwer schluckend trat sie nun einen Schritt nach vorne und lief weiter in das Gelände hinein, in der Hoffnung doch noch den älteren Schüler anzutreffen – oder eben jemand, der ihm sagen konnte, wo sie ihn fand. Doch eine ganze Weile blieb es weiterhin so still. Und von Masaru war keine Spur zu sehen. Dann hörte Mirâ plötzlich Schritte und wandte sich um, woraufhin sie eine junge Frau in Mikotracht erkannte. Ihr Anblick ließ die Violetthaarige erneut schwer schlucken und innerlich genervt aufstöhnen, denn gerade diese Person war die letzte, die sie heute antreffen wollte. Schon ihr Blick, mit dem sie auf die Ältere zukam, verriet dieser, dass sie hier nicht willkommen und geduldet war. Schweigend trat die Miko an die Oberschülerin heran, die grünen langen Haare wieder zu einem lockeren Zopf gebunden und über die Schulter gelegt.

„Masaru-san ist nicht da“, sagte sie ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden sie höflich zu begrüßen.

Man merkte ihr an, dass sie gar nicht auf den Gedanken kam ihr gegenüber höflich zu sein, was dazu führte, dass sich etwas in Mirâ regte, dass sonst still blieb. Vielleicht lag es an der Erschöpfung, vielleicht war es nur die Summe der letzten Tage in Kombination mit ihren Sorgen, aber sie wollte sich dieses Verhalten nicht mehr einfach so gefallen lassen.

„Was genau ist eigentlich dein Problem? Was hast du gegen mich?“ fragte sie, der Ton ruhiger, als sie sich eigentlich fühlte. „Und wer bist du überhaupt, dass du meinst mir ständig sagen zu müssen, dass ich mich von Shin-senpai fernhalten soll?“

Die Jüngere sah sie an, als hätte sie bereits mit der Frage gerechnet – nicht erschrocken, nicht empört, sondern mit einer fast provozierenden Ruhe. Und das, obwohl sie eindeutig jünger war, als die Violetthaarige selbst. Etwas, dass Mirâ ihre Wut brodeln ließ, doch sie versuchte es zu unterdrücken.

„Samejima Chisato“, sagte sie dann. „Ich arbeite an den Wochenenden und Ferien hier im Tempel und lerne dabei die Pflichten einer Miko – mit allem, was dazugehört. Und dazu gehört auch, dass ich erkenne, wenn sich Leute in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. Oder sich an Angehörige des Tempels ranschmeißen, obwohl sie nicht deren Kragenweite sind.“

„Woher willst du wissen, was ich vorhabe? Du kennst mich doch gar nicht“, entgegnete die Ältere mit zusammengepressten Zähnen.

„Ich weiß genug, wenn ich dich ansehe“, sagte Chisato, und ihre Stimme wurde plötzlich schärfer. „Ich sehe dir an, dass du die Nähe zu ihm suchst. Du glaubst, du hättest eine Chance. Aber bei Masaru-san kannst du dir das abschminken. Also geh bitte. Jetzt!“

Noch bevor Mirâ antworten konnte, erklang plötzlich ein Glöckchen in der Luft, das beinahe im Rauschen der Blätter unter ging. Sie wusste jedoch trotzdem sofort was es zu bedeuten hatte. Das starke blauen Glühen in ihrem Inneren verriet es ihr.

Und dann erklang auch die ihr bekannte Stimme – ruhig, bestimmt, nicht von dieser Welt:

„I am though... though Art I... Du hast eine neue Bindung hergestellt ... Du sollst unseren Segenhaben, wenn du dich entscheidest Personas der Arcana der Mäßigkeit zu erschaffen...“

Die Luft um Mirâ flirrte und der Wind schien plötzlich aufzufrischen, das alles jedoch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann war sie wieder im Hier und Jetzt. Chisato unterdessen war bereits dabei, sich abzuwenden, ohne den Hauch einer Ahnung, was soeben geschehen war. Sie verschwand hinter einem der Tempelgebäude. Mirâ blieb zurück, das Herz pochend, der Kopf voll leerer Fragen und noch immer mit dem Gefühl der Unruhe in sich. Die Vorahnung, dass etwas Schreckliches passieren würde, ließ sich einfach nicht abschütteln. Noch einmal ließ sie ihren Blick schweifen, in der Hoffnung doch noch eine vernünftige Person anzutreffen, doch diese blieb aus.

Seufzend wandte sie sich um und stieg dann langsam die Stufen wieder hinunter:

„Von wegen Mäßigkeit…“

Sie hatte noch nicht ganz die letzten Stufen erreicht, da fiel ihr ein junger Mann mit braunen Haaren auf, welcher einer älteren Dame gegenüberstand und dabei ziemlich nervös wirkte. Mirâ hatte das Gefühl, ihm schon einmal begegnet zu sein, doch braucht eine Weile, um ihn als den Jungen zu identifizieren, welchem sie an dem Tag begegnet war, als sie gemeinsam mit Akane die kleine Katze gerettet hatte. Damals hatte er die auffällige Uniform der Hoshizora Academy getragen, durch welche Akane und sie erst auf ihn aufmerksam geworden waren, weil es sich dabei um eine extrem teure Eliteschulen handelte. Nun jedoch trug er ein einfaches Shirt, kombiniert mit einem dunklen Sweatshirt und einer dunklen weiten Hose mit jeder Menge Taschen. Entgegen seinem Kleidungsstil wirkte er jedoch eher schüchtern. Er sagte noch etwas zu der älteren Dame und wandte sich dann schnell ab, um zu verschwinden; genau in dem Moment, als Mirâ die letzte Stufe erreicht hatte und damit auf Höhe der Beiden war. So bekam sie nur noch mit, wie die Frau noch versucht hatte ihn vom Gehen abzuhalten, um zu erfahren, was er denn gemeint hatte.

„Merkwürdiger Junge“, murmelte sie jedoch nur nach ihrem missglückten Versuch; und als der Schüler bereits aus ihrer Sichtweite war.

Auch sie drehte sich daraufhin um und wandte sich den Stufen zu, die die Violetthaarige soeben hinabgestiegen war. Dass die Ältere an ihr vorbei ging, bekam die Oberschülerin dabei nur beiläufig mit, da sie noch immer in die Richtung sah, in die der Brünette verschwunden war. Für einen Moment dachte sie darüber nach, was er der Dame wohl erzählt haben sollte, dass diese ihn als merkwürdig betitelte und ganz kurz hatte sie Angst, dass er dieses Gespräch auch nur als Ablenkung genutzt haben könnte, um sein Gegenüber zu bestehlen. Doch offensichtlich war dies nicht der Fall gewesen. Trotzdem wandte sie sich nun doch der älteren Dame zu, die mittlerweile an ihr vorbei und bereits mehrere Stufen hinaufgestiegen war. Wie sich herausstellte sollte dies auch ihr Glück gewesen sein, denn genau in diesem Moment trat sie ungünstig auf eine der schiefen Absätze und rutschte dabei ab. So schnell Mirâ reagieren konnte war sie ihr hinterher geteilt und schaffte es gerade noch rechtzeitig nach der Frau zu greifen, um sie vor ihrem Sturz zu bewahren.
 

Wenige Minuten später hatten es die beiden Frauen auf den oberen Absatz des Tempelgeländes geschafft und sich kurz darauf auf eine der nahegelegenen Bänke niedergelassen.

„Geht es Ihnen gut? Möchten Sie etwas trinken?“, fragte die Oberschülerin nach, während sie bereits ihren Blick auf den roten Automaten geworfen hatte, der nahe der Treppe stand.

„Nein schon gut, mein Kind. Danke, dass du mir geholfen hast. Ohne dich hätte ich mich wohl verletzt“, meinte die Frau, die kurz durchatmete.

„Das war wirklich knapp“, sagte die Violetthaarige besorgt.

„Wer hätte das gedacht…“, meinte die Ältere daraufhin mit einem leichten Schmunzeln. „Ich komme seit 40 Jahren jeden Tag hier her und das ist mir noch nie passiert. Muss an meinen alten Knochen liegen. Der junge Mann vorhin muss bemerkt haben, dass ich heute nicht in Höchstform bin. Sonst hätte er mich wohl nicht gewarnt.“

Irritiert blickte Mirâ ihr Gegenüber an: „Wie meinen Sie das?“

„Ach weißt du… mich hat vorhin ein Junge angesprochen. Er meinte, dass ich beim Hinaufsteigen der Stufen vorsichtig sein soll. Als hätte er es geahnt…“, erklärte diese daraufhin.

Überrascht weiteten sich die roten Augen der Oberschülerin. Sie schwieg, doch spürte, wie sich ein merkwürdiges Gefühl in ihrer Brust breit machte. Es war schon ungewöhnlich genug, dass der Junge die Frau einfach so angesprochen hatte, doch dass er ihr auch noch so präzise geraten hatte vorsichtig zu sein, war schon beinahe unheimlich. Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken und ihre Gedanken wanderten wieder zu dem nervösen jungen Mann und dem Moment, in dem er sich ruckartig umgedreht hatte und gegangen war. Vielleicht war es Zufall gewesen. Vielleicht aber auch nicht.

Unwillkürlich blickte sie hinunter auf den Treppenabsatz, an dem sich all dies abgespielt hatte, während sich ein leiser Entschluss in ihr formte: Sollten sich ihre Wege erneut kreuzen, so würde sie ihn nicht einfach davonlaufen lassen.
 

Als Mirâ einige Zeit später wieder hinab zur Hauptstraße gelaufen war blieb sie am letzten Absatz noch einmal stehen und blickte hinauf zum Tempel, an dem sie sich nun doch länger aufgehalten hatte, als ursprünglich geplant. Und doch hatte sie nicht den Plan umsetzen können, der ihr ursprünglich vorschwebte; weil Masaru nicht anwesend war. Leise seufzend ließ sie deshalb den Kopf hängen, da sie ja eigentlich schauen wollte wie es dem Schwarzhaarigen ging. Stattdessen war sie mehreren anderen Leuten begegnet; auch wenn einige davon eher unangenehm waren. Trotzdem musste sie feststellen, dass ihr Weg hierher nicht ganz umsonst war. Noch einmal seufzend hob sie ihren Blick wieder und ließ ihn gen Himmel schweifen, ehe sie auch ihre Arme hob und sich einmal kräftig streckte. Ja, so unnütz war ihr Besuch hier definitiv nicht gewesen. Mit diesem Gedanken wollte sie sich abwenden und in Richtung der U-Bahn laufen, als sie ein Vibrieren aus ihrer Tasche spürte. Überrascht nahm sie ihr roten Smartphone aus dieser und entsperrte das Display, um dort eine Nachricht des Studenten Shuichi vorzufinden, dem sie vor einigen Tagen geschrieben hatte, dass sie den Nebenjob in der Konzertbar annehmen würde.
 

[[ Takama-san ]]
 

⌠ 11:16

Hallo Mirâ-chan

Ich hoffe es ist okay, wenn ich dich so nenne…

Es freut mich, dass du den Nebenjob annimmst. Wie wäre es heute mit der ersten Schicht?

Wäre dir das recht? Melde dich bitte. :) ⌡
 

Überrascht blickte sie auf die einzelnen Nachrichten, denn eigentlich hatte sie so schnell gar nicht mit einer Nachricht von Shuichi gerechnet. Doch andererseits hatte sie an diesem Abend noch nichts vor und etwas Geld könnte sie mittlerweile auch wieder gebrauchen. Mit diesem Gedanken schrieb sie ihrem neuen Kollegen zurück, dessen Antwort auch nicht lange auf ich warten ließ.
 

⌠ 11:25

Super. Die Schicht beginnt 18 Uhr. Mitbringen brauchst du nichts. Wenn du da bist erkläre ich dir Alles. Bis später und danke.
 

Lächelnd schrieb auch Mirâ noch eine ganz kurze Antwort, ehe sie sich endlich in Richtung der U-Bahn auf machte, um nachhause zu fahren – immerhin musste sie sich für ihre erste Schicht in ihrem Nebenjob fertig machen.
 

[ *Abend* ]
 

Satte Gitarrenklänge und vibrierende Basslinien empfingen Mirâ, als sie das erste Mal in ihrem Leben eine Konzertbar betrat; als Teil des Teams, dass an diesem Tag für die Versorgung der Besucher zuständig war. Die Sounds, die zu ihr herüberklangen, waren laut, auch wenn es sich dabei bisher nur um einen Soundcheck handelte, wie die junge Frau beiläufig mitbekommen hatte, als der etwas ältere Kollege, der heute für die Tageskasse zuständig war, sie an den bereits wartenden Gästen vorbeigeschleust und dann an Shuichi verwiesen hatte, der hinter dem Tresen zu finden sein sollte. Der Geruch des Rauches aus der Nebelmaschine mischte sich mit dem leicht süßlichen Aroma von Cocktails, während immer wieder Leute an ihr vorbeiliefen, die es eilig zu haben schienen. Alles war ein bisschen zu laut, ein bisschen zu eng und ein bisschen zu chaotisch – aber auch überaus aufregend. Mirâ ließ ihren Blick schweifen, um sich einen kurzen Überblick, über die Räumlichkeiten zu verschaffen. Direkt hinter dem Zugang, vor dem noch immer Menschen auf den Einlass warteten, erstreckte sich bereits ein offener Raum, an dessen gegenüberliegender Seite ein erhöhtes ziemlich Podest stand, dass bis auf wenige Meter die gesamte Breite des Saals einnahm. Rechts und links entlang des Raumes befanden sich ebenfalls etwas erhöht Nischen in denen hohe Tische mit Barhockern standen. Allgemein wirkte der Saale nicht besonders groß. Grob geschätzt passten hier nur maximal 200 Leute rein, doch trotzdem schien dieser Ort ziemlich beliebt zu sein; jedenfalls wenn man von dem Andrang draußen ausging.
 

Shuichi fand sie hinter dem Tresen, welcher sich in der hinteren Ecke zu ihrer Linken befand, und unterhielt sich mit einer jungen Frau, die ein Headset auf dem Kopf trug und ein Klemmbrett in den Armen hielt. Die beiden unterhielten ich angeregt, während sie immer wieder in den Innenraum in Richtung Bühne blickten, nur um dann wieder in ihr Gespräch zurückzukehren. Geduldig wartete Mirâ mit gebürtigem Abstand und erkannte dann, dass Shuichi sie im nächsten Moment zu bemerken schien. Daraufhin richtete er noch einige Worte an seine Kollegin, die sich daraufhin von ihm entfernte, woraufhin er sich der Oberschülerin zuwenden konnte, die nun an ihn herantrat.

„Da bist du ja. Sehr gut“, versuchte seine Stimme gegen die dröhnenden Bässe anzukommen. „Komm, ich zeig dir Alles und erkläre dir die Basics.“

Mit einem Lächeln wandte sich der Student von ihr ab und trat auf eine schmale Tür zu, die offensichtlich in den hinteren Bereich der Bar führte. Mirâ folgte ihm und kaum war die Tür hinter ihnen wieder ins Schloss gefallen, waren sie von einer weitaus angenehmeren Lautstärke umgeben, auch wenn man den Soundcheck von draußen noch klar hören konnte.

„Ich glaube hier können wir uns besser unterhalten“, lachte der Ältere und wandte sich der jungen Frau wieder zu. „Erstmal herzlich Willkommen im Shâdo. Der angesagtesten Konzertbar in Kagaminomachi.“

Der letzte Satz klang ein wenig ironisch, doch trotzdem merkte die Violetthaarige, wie stolz ihr Gegenüber doch darüber war. Nach einer kurzen Einführung, begann Shuichi eine kleine Führung durch das Gebäude, welche die beiden zu den Umkleiden der Angestellten, in die kleine Küche, sowie in den kleinen Raum hinter der Bühne führte, wo sich die Künstler für ihren Auftritt fertig machten. Dabei erklärte er der jungen Frau, um was für Bands es sich dabei handelte. So traten hier vor allem noch recht unbekannte Indiebands auf, aber auch Schulbands konnten hier ihr Glück versuchen, um Fans zu gewinnen. Ab und an kam jedoch auch mal eine schon etwas bekanntere Band. Was sie jedoch meistens alle einte, war die Liebe zur Rockmusik, was allerdings nicht bedeutete, dass nicht auch Popbands hier auftraten. Nach dem kurzen Rundgang übergab er Mirâ an eine Kollegin, die diese mit Arbeitssachen ausstatten und sie danach wieder in die Bar bringen sollte. Die junge Frau mit den schwarzen langen Haaren, deren Spitzen hellblau eingefärbt waren und die sie zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden hatte, war zwar etwas überrascht, tat dann jedoch wie geheißen.
 

Als Mirâ wenige Minuten später, eingekleidet in eine dunkelgraue ärmellose Bluse mit weißer Schleife und einen schwarzen Schlauchrock, an dessen Seiten weiße Applikationen waren, wieder vor dem Tresen in der Bar stand, wurde sie von einem lächelnde Shuichi empfangen. Mittlerweile war der Soundcheck vorbei, weshalb es ruhiger geworden war. Zeitgleich hatte der Einlass begonnen, sodass sich der Saal langsam füllte.

„Wie ich sehe habt ihr etwas Passendes gefunden. Sehr schön“, sagte er freundlich. „Dann erkläre ich dir mal das gröbste. Und keine Sorge. Wir fangen klein an. Wichtig ist erst einmal, dass wir Alkohol nur an die Gäste ausgeben, die sich persönlich an den Tresen begeben. Grund ist, dass wir prüfen müssen, ob sie volljährig sind. Außerdem dürftest du noch gar keinen Alkohol ausschenken, aus dem gleichen Grund. Dementsprechend wirst du auch nur die Gäste an ihren Plätzen bedienen.“

Shuichi wandte sich den Sitzflächen zu und erklärte, wie diese eingeteilt waren. Danach erklärte er der jungen Frau, wie der allgemeine Ablauf stattfand, worauf sie zu achten hatte und welche Handzeichen für sie wichtig waren, um sich mit ihren anderen Kollegen zu verständigen. Der Informationsfluss war in diesem Moment doch etwas höher, weshalb die junge Frau langsam nervös wurde, was ihrem Gegenüber aufzufallen schien.

„Mach dir keinen Stress. Fang erst mal klein an. Nimm erstmal die Bestellung für einen Tisch an und arbeite dich dann langsam voran“, meinte er daraufhin mit einem aufmunternden Lächeln. „Keine Sorge, ich hab ein Auge auf dich und helfe dir, wenn es nötig ist.“

Nickend band sich die junge Frau die Gürteltasche um, die ihr gereicht wurde, und in dem ein großes Portmonee steckte, bevor sie sich noch etwas unsicher unter die Leute mischte. Mittlerweile hatte sich der Raum fast komplett gefüllt und mit lautem Jubel war die Band auf der Bühne erschienen, die an diesem Abend hier auftraten und deren Name ihr bisher gänzlich unbekannt war. Die Musik vibrierte durch den Boden, als das vierköpfige Gespannt begann zu spielen, und das Stimmengewirr vermischte sich mit dem Höhen der Gitarre. Trotz der Lautstärke, die ihr doch etwas zu schaffen machte, hatten sich eine Menge Leute vor er Bühne versammelt und bewegten sich im Takt, während es sich andere an den Tischen in den Nischen gemütlich gemacht hatten und einfach nur der Musik lauschten. Und mittendrin Mirâ, die sich die beste Mühe gab, zwischen den lauten Sounds und dem Stimmengewirr singender Besucher, zu verstehen, was die Gäste bestellten.
 

Vorsichtig balancierte sie ein Tablett mit drei Drinks zu Tisch sechs und musste dabei mehreren Leuten ausweichen, die plötzlich ruckartig zur Seite gingen, weil es von der Musik her passte. Dabei fiel ihr Blick für einen Moment auf eine kleine Gruppe von Oberschülerinnen, von denen ihr mindestens zwei dunkel bekannt vorkamen: Ein schwarzhaariges Mädchen, dessen blonder Pony besonders ins Auge stach und eines mit langen, dunkelvioletten Haaren, die zu einem dicken Zopf geflochten waren. Beide hatte sie schon einmal in der Schule am Kiosk gesehen, als die Schwarzhaarige Probleme hatte die Liste zu lesen, wo ihr von der Anderen geholfen wurde. Die dritte junge Frau im Bunde, mit schwarzen langen Haaren, die von einzelnen hellen Stähnen durchzogen waren, war Mirâ jedoch völlig unbekannt. Ganz kurz blieb die Violetthaarige stehen und beobachtete die kleine Gruppe, deren Augen hell leuchteten, während sie der Musik lauschten. Besonders erstes Mädchen wirkte so, als hätte dieser Besuch hier im Shâdo für sie eine größere, besondere Bedeutung. Für einen Moment überlegte die junge Frau, was genau es sein könnte, doch dann schüttelte sie den Kopf und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Vorsichtig brachte sie daraufhin die bestellten Getränke an ihren Platz und nahm dabei noch einzelne leere Gläser mit, um diese wieder zurück an die Bar zu bringen. Mit einem kurzen Blick wandte sie sich an Shuichi, der ihr mit einem Daumen hoch signalisierte, dass sie sich wacker schlug, während er die nächsten Drinks vorbereitete. Mirâ lächelte und unterdrückte das Bedürfnis sich noch einmal zu der Gruppe von Mädchen umzudrehen, um sich wieder voll und ganz dem zu widmen, wegen dem sie eigentlich hierhergekommen war: ihrem Nebenjob. Auch wenn das Gefühl zurückblieb, dass offensichtlich nicht jeder hierherkam, nur um der Musik zu lauschen.
 

[ *später Abend* ]
 

Die letzte Zugabe der Band war bereits seit einiger Zeit verklungen und die große Tanzfläche des Shâdos hatte sich wieder geleert, während die letzten Gäste das Gebäude verließen. Nur vereinzelt hörte man ab und an noch kurz die Klänge der Instrumente, die auf der Bühne mitsamt der Technik abgebaut wurden und aus der Küche hinter der Bar hörte man die Gläser klirren, die von einigen der Angestellten abgewaschen wurden. Shuichi hatte die Ärmel seines dunkelgrauen Hemdes hochgezogenen und stand gemeinsam mit dem Kollegen, der für den Einlass zuständig war, am Tresen und zählte die heutigen Tageseinnahmen zusammen. Dabei waren beide spaßend in ein Gespräch vertieft. Mirâ ließ ihren Blick kurz durch den nun leeren Saal schweifen, auf dessen großer Freifläche nun verteilt einzelne Plastikbecher lagen, die ihre Kollegen mit breiten Besen zusammenkehrten und dann in große Müllsäcke schmissen. Dann wandte sie sich wieder dem Tisch vor ihr zu, dessen Fläche sie mit großen, ausladenden Bewegungen sauber wischte, bevor sie die Hocker daran wieder ordentlich hinstellte und sich dann dem nächsten zuwandte. So arbeitete sie sich nach und nach durch die Sitznischen, bis sie wieder fast vorn am Tresen angelangt war. Am letzten Tisch, den sie noch zu bearbeiten hatte, lehnte derweil Shuichi und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.

„Du hast dich gut geschlagen. Dafür, dass du sowas zum ersten Mal gemacht hast“, meinte er, als die junge Frau ihn erreicht hatte. „Wie hast du es empfunden? War es sehr schlimm?“

„Nein eigentlich nicht. Es war zwar anstrengend und laut, aber ich denke, dass ich mich daran gewöhne. Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht“, antwortete die junge Frau.

Ihr Gegenüber lachte: „Ja, dass man sich daran gewöhnt, sagen sie alle. Aber schön, dass du Spaß hattest.“

„Shu… wir machen dann Feierabend“, verabschiedeten sich zwei Kolleginnen aus dem Service mit einem Winken von dem jungen Mann.

Dieser wandte sich den beiden zu und verabschiedete sich mit einem warmen, freundlichen Lächeln. Sein Tonfall war locker und selbstverständlich, fast wie bei einem großen Bruder. Die beiden Frauen kommentierten dies mit einem Kichern, ehe sie aus dem Saal verschwunden waren.

Mirâ hatte die Szene mit einem schiefen Lächeln beobachtet: „Du scheinst hier sehr beliebt zu sein.“

Der Ältere wandte sich ihr wieder zu und zog dabei eine Braue in die Höhe.

„Naja… du bist zuvorkommend und sehr hilfsbereit, dazu auch unglaublich nett zu allen… kein Wunder, dass dich alle mögen“, brach es aus der Violetthaarigen heraus.

Für einen Moment traf sie ein irritierter Blick, dann schmunzelte Brünette leicht und hob einen weißen Umschlag an, den er der jungen Frau reichte. Dann lehnte er sich gegen den Tisch und stützte seinen Kopf auf seiner Hand ab.

„Danke, Kleines“, sagte er leide. „Das ist nett zu hören.“

Sein Blick schweifte in den Raum hinein und wirkte dabei etwas abwesend: „Aber weißt du… manchmal frage ich mich, ob sie wirklich den Menschen sehen, der ich bin… oder nur das Bild, das sie von mir haben.“

Stille breitete sich zwischen den beiden aus, während Mirâ den Umschlag entgegennahm. Plötzlich erklang zum zweiten Mal an diesem Tag das leise Klingeln eines Glöckchens. Ein vertrautes Geräusch, dass die junge Frau sanft darauf vorbereitete, was gleich kommen würde. Und tatsächlich ließ die immer darauffolgende Stimme nicht lange auf sich warten.

„I am though… though Art I… du hast eine neue Bindung hergestellt… du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest, Personas der Kaiserinnen Arcana zu erschaffen…“

Wie auch die letzten Male geschah dies alles, ohne dass die betroffenen Personen es bemerkten. So war auch Shuichi nicht bewusst, was in der Oberschülerin gerade vorging, die für einen Moment wie zur Salzsäule erstarrt war. Erst, als sich der Ältere wieder vollständig aufrichtete und sich leicht vom Tisch abstieß, kehrte Mirâ wieder ins Hier und Jetzt zurück und sah ihr Gegenüber mit großen Augen an. Dieser schenkte ihr ein liebevolles Lächeln.

„Noch einmal offiziell, Mirâ-chan: Herzlich willkommen im Shâdo“, sagte er anschließend mit einem frechen Grinsen und griff sich in die Brusttasche seines Hemdes, woraufhin er ihr drei schwarze Tickets reichte. „Hier. Als kleines Willkommensgeschenk. Bring deine Freunde mal mit. Immerhin sollst du die Bar nicht nur als Angestellte kennenlernen.“

Überrascht starrte Mirâ kurz auf die kleinen Kärtchen, auf denen das Logo der Bar prangerte. Als sie sich ihrem älteren Kollegen zuwandte, schenkte er ihr nur ein breites Grinsen und wünschte ihr dann einen schönen Feierabend.

„Pass auf dem Heimweg auf ich auf. Ja? Wenn was sein sollte, ruf mich ruhig an. Und melde dich bitte, wenn du zuhause angekommen bist. Es ist schon spät“, damit hatte er sich abgewandt und war zurück zum Tresen gegangen. Mit einem kleinen Lächeln blickte die Oberschülerin dem jungen Mann nach, während sich ein leises „Danke“ auf ihren Lippen formte. Mit einem letzten Blick auf die drei Karten in ihrer Hand wandte sie sich ab, um sich umzuziehen und dann nachhause zu gehen.
 

[ ??? ]
 

Die leise Melodie der Arie drängte sich in dem von tiefem Blau durchdrungenen Raum in den Vordergrund, als wolle sie beweisen, dass sie auch Teil des Ganzen war. Starr saß Igor in einer üblichen Position auf seinem Platz, dem saphirfarbenen Sofa, dass hinter dem, mit einer blauen Tischdecke bedeckten Tisch stand, und blickte auf den Kreis der bereits offen liegenden Tarotkarten, die das Schicksal seines aktuellen Gastes bestimmten. Der bereits leicht geschrumpfte Stapel zu seiner Rechten, in dem noch das Schicksal steckte, dass bisher noch verborgen war, begann plötzlich zu leuchten und richtete damit die Aufmerksamkeit des Meisters dieses Raumes auf sich. Dieser hob die Hand und ließ sie über dem Stapel schweben, worauf sich zwei Karten daraus lösten, die hinaufstiegen. Igor warf einen flüchtigen Blick auf die beiden Zuzügler, die die Bilder der Mäßigkeit und der der Kaiserin abbildeten, woraufhin sich wieder sein typisches Grinsen zeigte. Mit einer ausschweifenden Bewegung sorgte er dafür, dass sich die beiden Arcanas an den für sie vorgesehenen Platz begaben: In den äußeren Kreis, um sich so zu der Karte des Teufels und der des Kaisers zu begeben. Ein Glucksen erklang, dass schon bald in ein hohes Kichern überging.

„Das Schicksal unseres Gastes geht weiter seiner Wege und mit jedem Band stärkt es den Weg, den sie gehen muss…“, mit diesen Worten verschwand Igor allmählich wieder in der blauen Dunkelheit des Velvet Roomes, während auch die Arie immer leiser wurde und letzten Endes gänzlich verstummte.
 

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XXXIII – Quiet Lessons


 

*~* XXXIII – Quiet Lessons *~*

[ ~Samstag, 02. Mai 2015~ ]

[ »Golden Week / Brückentag « ]

[ *früher Morgen* ]
 

Das summende Geräusch, dass ihr Handy mit jeder Vibration von sich gab und damit über den Boden rutschte, ließ Mirâ aus ihrem Schlaf erwachen und müde nach dem nervigen Gerät tasten. Wieso sie ihr Smartphone nicht komplett auf lautlos gestellt hatte, wie sie es in der Regel des Nachts tat, wusste sie nicht mehr. Aber am wahrscheinlichsten war die Tatsache, dass sie nach ihrer ersten Schicht im Shâdo einfach total erschöpft war und nur noch in Bett gefallen war, als sie endlich zuhause war. Und genauso fertig fühlte sie sich gerade auch noch. Umso unangenehmer war es, nun so aus dem Schlaf gerissen zu werden. Sich mit der linken Hand die Augen reibend setzt sich die Violetthaarige auf und entsperrte mit dem Daumen der Rechten das Display, um kurz darauf ihren Messenger zu öffnen, in dem sich mehrere Nachrichten befanden. Die Meisten davon, und damit auch die Ursache, befanden sich im Chat ihrer Gruppe; begonnen mit Akane.
 

[[ Team ]]
 

Akane 08:41

Guten Morgen ihr beiden. Habt ihr heute Lust auf Kino? ^o^/
 

Hiroshi-kun 08:59

Wieso bist du so früh so gut gelaunt? =_=
 

Akane 09:01

Wieso nicht? Ist doch ein schöner Tag! =D Also... was ist nun mit Kino?
 

Hiroshi-kun 09:05

Was für ein Film schwebt dir denn so vor?
 

Akane 09:07

Vielleicht in den aktuellen Case Closed Film? Oder in Drachenkugel S? Lady Hokuse klang irgendwie auch interessant...“
 

Hiroshi-kun 09:10

>_> Das sind ja alles Animes...
 

Akane 09:11

Was dagegen? >_<
 

Hiroshi-kun 09:12

Nicht direkt... wenn wäre ich für Drachenkugel...
 

Akane 09:13

Das war auch mein erster Gedanke. *^*
 

Hiroshi-kun 09:15

Wer hätte das gedacht?

Wenn wir vormittags gehen, dann gerne... hab heute Nachmittag noch ne Schicht...
 

Akane 09:17

Yay! Dann müssen wir nur auf Mirâs Antwort warten
 

⌠ 09:26

Morgen

Ich habe zwar nicht so viel Ahnung von Drachenkugel S, aber wenn ihr mir einen kleinen Überblick gebt, dann bin ich gerne dabei.
 

Akane 09:30

Yay! Ich erklär dir alles. *^* Der Film läuft 11:00 Uhr im Kino. Schafft ihr das?
 

Hiroshi-kun 09:31

Wow... das ist doch ziemlich spontan. Aber sollte für mich kein Problem sein. Für dich auch fein, Mirâ?
 

⌠ 09:34

Ja, dass sollte ich hinbekommen.
 

Akane 09:35

Supi. Dann bis gleich. Ich freu mich. <3
 

Damit war die Unterhaltung beendet. Seufzend ließ Mirâ ihre Hand mit dem Handy wieder auf ihre Decke sinken, ehe ihr ein Gähnen entwich. Dann legte sie ihr Telefon beiseite und schlug die Decke auf, um sich langsam zu erheben und sich für den Tag fertig zu machen, der nun doch etwas stressig begann.
 

[ *Morgen* ]
 

Etwas mehr als eine Stunde später erreichte Mirâ mit schnellen Schritten das Kino in der Innenstadt. Sie hatte einige Schwierigkeiten gehabt es zu finden, da es sich nicht direkt in der Einkaufsstraße befand, sondern in einer der Seitengassen, die davon abgingen. Zwischendurch musste sie einmal nach dem Weg fragen, nur um dann festzustellen, dass sie eigentlich schon fast ihr Ziel erreicht hatte. Nun konnte sie das doch recht imposante Gebäude erkennen, dessen dunkle Außenfassade vereinzelt von fenstergroßen, schwarzen Glasscheiben unterbrochen wurde, die in der Sonne glänzten. Noch bevor sie gänzlich angelangt war, erkannte sie bereits Akane und Hiroshi, die an das Geländer auf der Treppe lehnten und sich zu unterhalten schienen.
 

„Da bin ich“, grüßte sie ihre Freunde, woraufhin Hiroshi zum Gruß die Hand hob, während ihr Akane ein fröhliches Lächeln schenkte.

Obwohl beide ganz gelöst wirkten, so hatte Mirâ trotzdem das Gefühl, dass noch immer etwas zwischen ihnen stand. Da war noch eine ganz leichte Spannung, was jedoch nicht verwunderlich war, wenn man die Umstände bedachte. Zwar hatten sich die beiden Sandkastenfreunde wieder vertragen, aber es war nur verständlich, dass es nach langer Zeit der Funkstille nicht so schnell so werden würde, wie es einmal war. Trotzdem war merkbar, dass sie sich anstrengten, damit sich das zwischen ihnen wieder richtete.

„Bereit für zwei Stunden übernatürlicher Kräfte und viel Geschrei?“, grinste Hiroshi, während er Mirâ ihr Ticket reichte.

Etwas skeptisch nahm sie dieses entgegen: „Ähm... ja?“

Lachend legte Akane ihren Arm um ihre Schulter: „Ach hör nicht auf ihn Mirâ. Drachenkugel S ist cool und hat mehr Tiefe, als man denkt. Bis der Film losgeht erkläre ich dir das Gröbste.“

Noch ehe die Violetthaarige etwas erwidern konnte wurde sie von ihrer Freundin in Richtung des Eingangs gezogen. Dabei bereitete sich ein Gefühl der Ungewissheit in ihr aus, was sie dort drin erwarten würde.
 

Einige Minuten später hatte die kleine Gruppe, bepackt mit Popcorn und Getränken, ihre Plätze gefunden. Der Saal war bereits leicht abgedunkelt, was bedeutete, dass er wohl jeden Moment starten würde. Akane hatte unterdessen Mirâ auf den aktuellsten Stand der Serie gebracht, wodurch dieser etwas der Kopf rauchte. Sie war sich sicher das Meiste bereits wieder vergessen zu haben. Trotzdem hatte sie sich vorgenommen den Film und vor allem die Zeit mit ihren Freunden zu genießen und konzentrierte sich deshalb auf die Leinwand vor sich, als das Licht gänzlich gelöscht wurde und die Werbung begann. Für die nächsten zwei Stunden wollte sie einfach alles vergessen, was sie die letzten Wochen begleitet hatte... der Umzug, die neue Umgebung, die neue Schule, die Spiegelwelt und der Velvet Room. All das war für die Zeit des Films egal.
 

[ *früher Nachmittag* ]
 

Die angenehme Nachmittagssonne empfing die drei Oberschüler, als sie nach etwas mehr als zwei Stunden aus dem Kino traten und die Treppe zur Hauptstraße nach unten stiegen.

„Die Kampfszenen waren echt der Hammer“, schwärmte Akane und machte dabei eine der Posen nach, ehe sie mit einem gekonnten Sprung die letzten Stufen überwand und auf dem Bürgersteig landete. „Auch wenn ich zugeben muss, dass das bei Drschenkugel immer etwas übertrieben dargestellt wird. Vor allem seit es mit S weiterging.“

„Sagt die Kampfsportbegeisterte und brach sich dabei beinahe den Hals...“, kommentierte Hiroshi ihren Sprung von der Treppe mit einem Kopfschütteln.

„Du klingt wie meine Mutter“, murrte die Brünette und entlockte damit Mirâ ein herzhaftes Kichern. „Mirâ, ich hoffe du bist mitgekommen bei der Story...“

Die Violetthaarige nickte lächelnd: „Ja keine Sorge. Einige Folgen der Serie hatte ich schon gesehen, deshalb konnte ich mit den meisten Charakteren auch etwas anfangen. Mich hat nur die blaue Version des Super Seijin irritiert. Sonst waren sie doch immer nur Golden...“

„Ja, das ist eine neue Stufe, die nach der God Stufe kommt, die übrigens rot ist...“, erklärte Akane. „Die tauchte im letzten Film das erste Mal auf, als der Gott auftauchte...“

„Ich verstehe...“, nickte die Violetthaarige, auch wenn sie eigentlich nur die Hälfte wirklich verstand. „Aber der Film war wirklich unterhaltsam.“

„Nächtes Mal sollten wir aber einen Film wählen, mit dem Mirâ etwas anfangen kann“, warf ihr blonder Kumpel ein. „Hätte Case Closed dir vielleicht eher zugesagt?“

„Etwas mehr vielleicht, aber auch da bin ich mittlerweile weit raus. Bei über 800 Folgen hab ich irgendwann den Faden verloren“, seufzte Angesprochene mit einem leichten Lächeln.

Auch Hiroshi seufzte und verschränkte die Arme hinter dem Kopf: „Ja versteh ich. Zumal man gar nicht die Zeit hat jede Folge zu schauen... und aufholen ist einfach unmöglich.“

„Da habt ihr Recht“, meinte auch Akane und wandte sich ihrer Freundin zu. „Nächstes Mal gehen wir in einen Film den du aussuchen kannst. Versprochen.“

„Das ist lieb, aber macht euch keine Gedanken. Ich hatte wirklich Spaß. Vor allem, weil ich mit euch beiden die Zeit verbringen konnte“, sagte Mirâ mit einem breiten Lächeln.

Daraufhin trafen sie erst zwei irritierte Blicke, welche sich kurz darauf ebenfalls zu einem Lächeln, sowie einem breiten Grinsen formten. Ja, sie hatte diesen Vormittag wirklich genossen. Und auch jetzt freute sie sich über die Zeit, die ihr mit ihren Freunden noch blieb und ließ sie die Sache mit der Spiegelwelt für einen Moment komplett vergessen.
 

[ *Nachmittag* ]
 

Die Sonne begann sich bereits gen Horizont zu bewegen, auch wenn sich noch nicht abzeichnen ließ, dass es gleich dunkel werden würde, als Mirâ noch etwas unschlüssig am Ende der Einkaufsstraße stand und hinüber zu Junes schaute. Ihre Freunde hatten sich bisweilen schon von ihr verabschiedet. Während Hiroshi zu seinem Nebenjob musste, hatte Akane wieder einen Anruf ihrer Eltern bekommen, in dem sie um ihre Hilfe baten. So hatten sich die drei Oberschüler an der U-Bahnstation getrennt und Mirâ war noch etwas durch die Fußgängerzone spaziert, ohne wirklich ein Ziel vor Augen zu haben. Sie ließ ihren Blick schweifen und erkannte in nicht allzu weiter Entfernung den Shinzaro Tempel auf seiner Anhöhe stehen, in dessen Nähe die nächste U-Bahnstation war, über die sie nachhause fahren konnte. Noch immer ohne klares Ziel setzte sie sich daraufhin in diese Richtung in Bewegung, dabei die Umgebung auf sich wirken lassend, die mit jedem Schritt etwas von der Hektik der Innenstadt verlor. Dabei ließ sie ihre Gedanken treiben und die Stimmen und Geräusche der Stadt an ihr vorbeiziehen. So vertieft lief sie unbeirrt weiter und merkte erst viel zu spät, dass sie bereits ziemlich weit an der Station vorbeigelaufen war, wobei ihr jedoch auffiel, dass ihr die Umgebung in der sie sich befand trotzdem bekannt vorkam. Sie hatte sich mittlerweile in ein ruhiges Stadtviertel verirrt, das mit alten, traditionellen Häusern mit großen Gärten bebaut war und dessen Gassen mit jedem Schritt schmaler wurden. Durch die Stille der Straßen hörte sie dann plötzlich ein bekanntes Geräusch, dass sie dazu verleitete sich endgültig umzusehen: Das Zischen eines Pfeiles und das Ploppen, wenn dieser sein Ziel erreichte. Und sofort wusste sie genau, wo sie war.

Vor ihr erhob sich der Haupteingang des Kyudo-Dojos, welches sie einige Tage zuvor erst entdeckt hatte und plötzlich kam es ihr wie Schicksal vor, dass ihre Beine sie ausgerechnet hierhergetragen hatten. Dabei erinnerte sie sich an die Worte der Besitzerin, Kawasami Moe, die ihr angeboten hatte jederzeit noch einmal vorbeikommen zu können, um sich an Pfeil und Bogen zu versuchen. Damals hatte sie abgelehnt, weil sie sich unsicher gefühlt hatte und auch so mit ihren Gedanken und den Sorgen um die Spiegelwelt zu beschäftigt gewesen war. Doch wo sie nun hier stand und darüber nachdachte, so verspürte sie das Bedürfnis sich der älteren Frau doch einmal zu stellen. Vor allem mit dem Gedanken daran, dass sie noch immer Probleme hatte ihren neuen Bogen zu beherrschen. Gleichzeitig kam ihr die Idee, dass zusätzliches Training nicht schaden könnte, denn noch immer trafen nicht alle ihre Pfeile ihr Ziel, was in der Welt hinter den Spiegeln zu einem echten Problem werden könnte.
 

Das Rattern der Holzschiebetür direkt vor ihr ließ die junge Frau erschrocken zurückweichen und dann auf die ebenso erstaunt wirkende Moe blicken.

„Nanu?“, sagte diese überrascht und lächelte dann freundlich. „Ich hatte also doch Recht, als ich das Gefühl hatte, dass jemand vor der Tür steht. Du hast dich also doch noch einmal hierher verirrt.“

Ein leichter Anflug von Nervosität überkam die Oberschülerin, die sich plötzlich total ertappt fühlte. Auch wenn sie bereits für sich entschieden hatte sich von Moe unterrichten zu lassen, sofern das Angebot noch stand, so hatte sie nicht damit gerechnet mehr oder weniger direkt in sie hinein zu rennen.

Die Ältere bemerkte die plötzliche Unsicherheit der Violetthaarigen und legte den Kopf leicht schief: „Alles in Ordnung?“

Endlich schaffte es Mirâ aus ihrer Starre zu erwachen und verbeugte sich schnell: „Entschuldigung, dass ich hier herumgelungert habe. Ich... Wenn Ihr Angebot noch steht, dann würde ich gerne unter Ihrer Anleitung Kyudo machen.“

Wieder bildete sich ein warmes Lächeln auf den Lippen der Älteren, während sie beiseitetrat und Mirâ bedeutete einzutreten: „Natürlich. Es freut mich sehr.“
 

Das Dôjô lag still im warmen Schein der Sonne, deren Licht durch die halb geöffneten Schiebetüren fiel und lange Streifen über den leicht abgetretenen Holzboden zog. Ein feiner Geruch von Bambus, Wachs und Tatami lag in der Luft – vertraut und gleichzeitig ein wenig einschüchternd. Kaum hatte Mirâ den Raum betreten, umfing sie eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Obwohl sie mit Moe alleine war hatte die junge Frau das Gefühl von vertrauten Geräuschen umgeben zu sein – leises Surren gespannter Sehnen und das dumpfe Aufschlagen von Pfeilen auf Zielscheiben. Sie konnte sich genau bildlich vorstellen, wie es hier zu aktiveren Zeiten zugegangen sein musste; wie einige der Mitglieder in Linie standen, um in präzisen Bewegungen und mit ruhiger Atmung ihr Ziel zu treffen, während die anderen still im Raum saßen und verfolgten, was die vor ihnen taten. Ein Gefühl der Vertrautheit durchzog den Körper der jungen Frau. Es war wie ein Deja-vú. Als wäre sie schon einmal hier gewesen. So als kannte sie diesen Ort. Bevor sie sich jedoch weiter in diesen Gedanken verlieren konnte schüttelte sie unbemerkt den Kopf. Das konnte gar nicht sein, immerhin hatte sie diesen Ort erst vor einigen Tagen entdeckt.

„Es freut mich, dass du dich entschieden hast bei mir zu trainieren“, sagte Moe ruhig, aber mit einem bemerkbar freudigen Unterton. „Lass mich doch erst einmal sehen, was du kannst.“

Während die Ältere mit ihr sprach, hatte sie bereits nach einem Yumi, einem traditionellen Bambusbogen, gegriffen und ihn Mirâ gereicht.

„Da du anscheinend mit Kyudo schon vertraut bist, möchte ich gerne sehen auf welchem Stand du gerade bist“, ihre Worte klangen streng, doch das Lächeln auf ihren Lippen wurde dem nicht ganz gerecht.

Die Bambusoberfläche des Yumis fühlte sich kühl an, doch sehr vertraut. Als sie nach vorne trat und sich in Position stellte, spürte sie, wie ihre Schultern leicht verspannten. Das war ihr bereits im Training in der Schule aufgefallen, doch sie hatte keine Ahnung, woran es lag.

„Locker lassen“, kam sofort Moes Stimme.

Sie war ruhig, aber scharf genug, um jede Unsicherheit aufzubrechen. Mirâ atmete aus und senkte die Schultern. Der erste Pfeil flog… zu früh. Er traf die Zielscheibe zwar, aber der Einschlag war schief, das Geräusch dumpfer als sonst.

„Du ziehst zu hastig“, erklärte Moe ruhig und trat hinter sie. Sie griff nicht ein, aber ihre Stimme war fest. „Kyûdo ist Geduld. Wenn du die Sehne spannst, darfst du sie nicht jagen. Du musst sie führen.“

Mirâ versuchte es erneut. Diesmal achtete sie auf ihre Haltung, den Atem, auf das Gewicht in ihren Fingern. Ihre Hände zitterten leicht. Nicht vor Nervosität, sondern weil ihre Körper den alten Rhythmus noch nicht wiedergefunden hatte.

„Geh in die Form zurück“, sagte Moe leise. „Atme. Öffne nicht die Augen. Fühle, wann der richtige Moment kommt.“

Die Sekunden dehnten sich. Dann löste sich der Pfeil – sauberer als zuvor. Ein klarer Thunk hallte durch das Dôjô. Kein perfekter Schuss, aber besser. Mirâ spürte, wie sich ein kleines Stück der alten Sicherheit zurückmeldete.

„Genau so“, Moe trat neben sie.

Ihre Augen musterten die Violetthaarige streng, aber in der Tiefe lag ein leises Funkeln der Anerkennung: „Das war wirklich gut. Ich sehe, dass du weißt, worauf es ankommt. Aber du versuchst noch zu schnell zu viel zu erreichen. Kyudo ist keine Kunst von Kraft. Es ist die Kunst, mit dir selbst ins Reine zu kommen und deine Innere Ruhe zu bewahren.“

Seufzend ließ die Oberschülerin den Bogen sinken: „Ich weiß, dass es falsch ist, aber... ich möchte einfach schnell besser werden. Für den Club. Und... auch sonst.“

Moe nickte nur. Ein kaum sichtbares Lächeln hatte sich auf ihren Lippen gebildet, als sie erwiderte: „Dann fang damit an, in dich selbst zu horchen. Nutze die Stille, wenn sie dich umgibt. Mit etwas Übung und Geduld kommst du schneller voran, als mit Hektik.“

Der vertraute Klang eines Glöckchens war zu vernehmen, ehe sich die sanfte Stimme zu Wort meldete:

„I am though... though Art I... du hast eine neue Bindung hergestellt... du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest Personas der Hierophant Arcana zu erschaffen...“

Ein sanfter Windhauch ging durch das Dôjô und umspielte Mirâs violette Haare, die sanft ihr Gesicht kitzelten. Sie blinzelte und blickte dabei in das Gesicht ihrer Lehrerin, das sie freundlich anlächelte; dabei jedoch einen musternden Blick aufgesetzt, als würde sie über etwas nachdenken.

„Du erinnerst mich an jemanden“, sagte die Ältere anschließend. „Aber vielleicht bilde ich es mir auch nur ein.“

Überrascht sah die Oberschülerin auf: „Jemand aus ihrer Vergangenheit?“

Moe überlegte kurz, doch schüttelte dann den Kopf: „Vielleicht. Aber ich komme nicht drauf. Anscheinend werde ich mit dem Alter sentimentaler.“

Sie wandte sich ab und blickte in hinaus in den Himmel, welcher sich bereits langsam Orange färbte: „Ach je, wo ist nur die Zeit hin? Ich denke es wird langsam Zeit, dass du nachhause gehst. Bevor sich deine Familie noch Sorgen macht.“

Mirâ nickte und verbeugte sich tief: „Ich danke Ihnen für die heutige Lektion. Ich konnte vieles daraus mitnehmen.“

„Das freut mich. Komm gern jederzeit wieder, wenn du wieder etwas lernen möchtest. Ich bin jedes Wochenende hier anzutreffen und in den Ferien täglich“, erklärte Moe mit einem Lächeln, als ihr noch etwas einzufallen schien. „Falls es dich interessiert. Morgen findet im Sportpark ein städtisches Kyudo-Turnier statt. Vielleicht hast du Interesse daran es dir anzuschauen. Auch durch zusehen kann man sehr viel lernen.“

Überrascht sah Mirâ sie an, doch nickte dann verstehend. Wenn sie genauer darüber nachdachte, dann war es wohl keine schlechte Idee, sich das Turnier einmal anzusehen, weshalb sie sich den Tag erst einmal vormerkte. Noch einmal verneigte sie sich tief und verabschiedete sich, bevor sie sich dann auf den Heimweg machte. Noch immer das warme Glühen spürend, welches sich kurz zuvor in ihr ausgebreitet hatte.
 

[ ??? ]
 

In dem von kühlem Blau durchbluten Raum herrschte Stille. Das fahle Licht der Spiegelwände brach sich sanft und ließ den Raum in zahllosen Spiegelungen verschwimmen. Es wirkte, als würde er sich selbst endlich wiederholen. Die Arie durchzog die Luft und tauchte den Raum in sanfte, ruhige Stimmung. Igor verharrte wie immer auf seinem Platz. Die Finger fest zu einer Brücke verschränkt, während der Glanz seiner großen Augen träge auf der kreisrunden Tischplatte mit den Karten ruhte, die ihm das Schicksal seines aktuellen Gastes verrieten und von denen ein leichtes Vibrieren ausging. Ein Glöckchen ertönte, kaum hörbar, und die oberste Karte des noch nicht aufgedeckten Stapels begann in einem golden-blauen Licht zu leuchten. Der Meister des Velvet Rooms hob den Kopf, während sich das Lächeln in seinem Gesicht zu der bekannten grinsenden Fratze verzog, die gleichsam Neugier sowie Vergnügen verriet. Langsam löste er die Hände voneinander und ließ die Rechte einmal über der Platte kreisen, sodass sich die oberste verdeckte Karte des Stapels abhob und kurz darauf in seine Richtung umdrehte, dessen Blatt er dann erkennen konnte.

„Der Hierophant. Wie interessant“, murmelte er daraufhin. „Das Symbol der Führung für jene, die durch Glauben und Erfahrung andere leiten und dabei selbst nach Wahrheit suchen. Da hat unser Gast wahrlich einen interessanten Bund geschlossen, der ihrem Schicksal näher ist, als sie glaubt.“

Sein hohes Kichern durchbrach die Stille, während sich die Karte des Hierophanten auf neun Uhr in den äußersten Kreis legte, dabei noch immer zart glühend. Margaret, die bisher schweigend neben ihrem Meister gesessen hatte, hob ihren Blick vom Compendium und betrachtete die neu hinzu gekommene Karte, deren Glimmen sich in ihren goldgelben Augen spiegelte.

„Ein Licht in der Dunkelheit. So wie ein Lehrer, der auf einem einsamen Weg führt“, sprach sie leise aus, ohne wirklich darüber nachzudenken.

Das amüsierte Kichern Igors füllte erneut den Raum: „In der Tat. Ein Führer... und gleichzeitig auch ein Suchender.“

Ein Moment der Stille folgte, bevor das goldblaue Licht der Karte wieder erlosch. Der Raum schien für einen Herzschlag stillzustehen, dann kehrte das unendliche Blau zurück, und mit ihm die sanfte, zeitlose Arie.

„Möge der Pfad dieses Signums den Suchenden Erkenntnis bringen“, sprach Igor, während er seine Hände wieder zu einer Brücke legte. „Denn Wissen allein erleuchtete nicht... Erst, wenn es geteilt wird.“

Das Licht der Karte erlosch nun zur Gänze und tauchte damit den Raum wieder in endlose Dunkelheit.
 

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XXXIV – Fragments of a Faltering Heart


 

*~* XXXIV – Fragments of a Faltering Heart *~*

[ ~Sonntag, 03. Mai 2015~ ]

[ »Golden Week / Tag der Verfassung« ]

[ *später Vormittag* ]

[ Städtische Schwimmhalle ]
 

Hell und warm schien die Sonne durch die hohen Fenster der städtischen Schwimmhalle und brachte die Oberfläche des Beckenwassers zum Glitzern, was helle Schatten an die Wände und Decke zauberte. Ein leichter Geruch von Chlor lag in der Luft, während Stimmen von den feuchten Wänden hallte, die sich mit dem Plätschern der Wellen und dem gelegentlichen Lachen von Kindern vermischte. Mit einem tiefen Zug holte Mirâ Luft, ehe sie abtauchte und sich kraftvoll vom Beckenrand abstieß. Kurz darauf tauchte sie wieder auf und zog gleichmäßig einige Bahnen, während ihre Gedanken langsam zur Ruhe kamen. Das kühle Gefühl des Wassers auf ihrer Haut, das sanft an ihr vorbeizog, während sie im Kraulstil durch dieses zog, verursachte eine leichte Gänsehaut, die jedoch nicht unangenehm war. Ganz im Gegenteil. Es sorgte dafür, dass sie langsam abschalten konnte, sich frei machen, von den Strapazen, die sie seit einigen Wochen begleiteten und die ihr immer wieder Sorgen bereiteten. Ihr Kopf war leer. Frei von der Spiegelwelt, den Shadows, den Peronas, ja sogar von dem Mysterium rund um Mika. Nichts dergleichen blieb länger als einen Wimpernschlag hängen und so schaffte sie es, einmal gänzlich zu entspannen, auch wenn es sich dabei nur um eine kurze Momentaufnahme handelte. Als sie zum dritten Mal das Ende der Bahn erreichte, legte sie eine Pause ein. Mit Schwung zog sie sich aus dem Becken und setzte sich auf den Rand, um kurz nach Luft zu schnappen. Dabei warf sie einen Blick hinüber in das Nichtschwimmerbecken, in welchem ihre Mutter Junko bei ihren ersten Schwimmversuchen half. Gerade in diesem Moment hatte es die Blauhaarige geschafft einige Meter ohne Hilfsmittel zu ziehen, ehe sie sich wieder an den Beckenrand krallte und dabei hinüber zu ihrer älteren Schwester blickte. Mit einem breiten Lächeln winkte sie der Oberschülerin zu, die dies erwiderte, ehe sie ihren Daumen hob und der Jüngeren damit signalisierte, wie toll sie das machte. Das Lächeln wurde noch breite, weshalb sie nun bis über beide Ohren grinste, ehe sie von Haruka dazu aufgefordert wurde, es noch einmal zu versuchen. Kurz darauf war sie auch schon wieder hoch konzentriert beim Üben und Mirâ wandte sich wieder dem Schwimmerbecken zu, in welchem an diesem Vormittag nur wenige Leute schwammen. Allgemein waren neben ihr nur drei weitere Personen dabei ihre Bahnen zu ziehen; darunter zwei ältere Damen, die sich offensichtlich zu kennen schienen und die ganze Zeit nebeneinander her schwammen, während sie dabei ein Kaffeekränzchen hielten. Bei der dritten Person schien es sich um jemand jüngeren zu handeln. Jedenfalls ging die Oberschülerin davon aus, da derjenige die gezogenen Bahnen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Stilen zu schwimmen schien. Mal zischte die Person regelrecht durch das Wasser, dann zog sie wieder langsam Bahnen, bevor sie im nächsten Moment im Schmetterlingsstil wieder durch das Wasser glitt. Fasziniert beobachtete Mirâ die Person, welche sich an der äußersten Bahn links aufhielt. Immer wieder stieß sie sich Kraftvoll am Beckenrand ab, sobald sie dieses erreicht hatte. Unermüdlich ging es immer wieder hin und her. Noch ganze vier Mal beobachtete die Violetthaarige das Schauspiel, ehe sich die Person endlich am Beckenrand abstützte und sich dann daran hochzog, um das Wasser zu verlassen. Erst in diesem Moment erkannte Mirâ, dass es sich dabei um eine junge Frau handelte, die ungefähr in ihrem Alter sein musste. Auf ihrem Kopf saß eine straff sitzende Schwimmkappe und ihre Augen waren von einer Schwimmerbrille verdeckte, weshalb sie nicht mehr erkennen konnte, als den gut durchtrainierten, schlanken Körper. Weiterhin fasziniert beobachtete die Oberschülerin das Mädchen, dass sich nun vorsichtig streckte, ehe sie in ihrem Nacken griff und dann die Badekappe mitsamt Schwimmerbrille herunterzog. Hellbraune, schulterlange Haare fielen auf die nassen Schultern und als sie sich umdrehte, blickte Mirâ in zwei hellblaue, strahlende Augen, die sie nun ebenfalls zu bemerken schienen. Nun endlich erkannte sie die Person als Shina wieder; der Cousine von Hiroshi, die sie noch vor einigen Tagen aus der Spiegelwelt gerettet hatten. Überrascht sah die Brünette sie an und schien offensichtlich darüber nachzudenken, wo sie Mirâ schon einmal begegnet war. Diese nahm dies zum Anlass, um nun gänzlich aus dem Wasser zu steigen und dann mit einem lieben Lächeln auf die Jüngere zuzugehen, die daraufhin zu überlegen schien, ob sie wirklich hierbleiben oder lieber das Weite suchen sollte.

„Hallo. Du bist Minatsuki-chan, die Cousine von Hiroshi-kun. Nicht wahr?“, ging die Violetthaarige gleich in die Offensive, in der Hoffnung Shina nicht noch mehr zu verschrecken.

Diese wirkte in diesem Moment jedoch so, als hätte sie einen Geistesblitz, blieb jedoch trotzdem noch distanziert, als sie antwortete: „Ach… du gehörst zu Hiros Freunden. Oder? Ich habe dich den einen Tag mit ihm zusammen gesehen…“

Auch wenn sie nicht direkt erwähnte, welchen Tag sie genau meinte, so wusste Mirâ doch, um welchen es sich handelte. Der, an dem sie von ihren Mitschülerinnen so mies angemacht worden war. Die Violetthaarige ging jedoch nicht tiefer darauf ein, sondern nickte nur:

„Ja. Ich bin erleichtert, dich hier zu sehen. Hiroshi-kun hatte die Tage erwähnte, dass er sich Sorgen um dich mache, weil es dir nicht gut ging.“

Die Hellbrünette blinzelte sie überrascht an, doch wandte dann den Blick in Richtung des Beckens: „Ja, alles gut. Ich war nur etwas… überarbeitet…“

„Das kann ich mir vorstellen… Hiroshi-kun erzählte, dass du ein Stipendium für die Jûgôya bekommen hast. Das ist wirklich beeindruckend“, sprach sie das Thema an, von welchem sie hoffte, dass sie die Jüngere damit nicht verschreckte.

Diese wirkte erneut für einen Moment überrascht, doch nickte dann nur, während sie das Thema versuchte herunterzuspielen: „Es ist nichts Besonders. Wirklich. Und um ehrlich zu sein, macht es die ganze Sache manchmal nur… schwieriger…“

Die Ältere überlegte noch etwas zu sagen, doch schwieg, während sie beobachtete, wie sich ihr Gegenüber etwas nervös durch die Spitzen ihrer Haare ging. Sie wusste, dass dieses Thema bei der Jüngeren einen wunden Punkt traf und sie sich damit nicht sonderlich wohlfühlte. Deshalb bohrte sie fürs erste nicht weiter nach und beließ es dabei. Shina dagegen schien erleichtert, dass die sie nicht tiefer nachbohrte. In diesem Moment wirkte es so, als schien etwas zwischen ihnen aufzublitzen. Keine direkte Offenheit, aber ein unausgesprochenes Verständnis füreinander. Etwas, das auf einer tieferen Ebene zu verbinden schien, ohne dass es ausgesprochen werden musste.

Plötzlich spürte Mirâ eine angenehme Wärme in sich aufsteigen. Es war ähnlich dem Gefühl, wenn sich ein Social Link formte und doch anders.

„I am thou… thou art I… Durch eure verflochtenen Seelen habt ihr ein Echo erschaffen… Dies ist der Außenseiter der nun in deinem Herzen widerhallt. Möge diese Bindung dich stärken… nicht in Macht, sondern in Wahrheit.“

Überrascht blickte Mirâ auf, als sie die bekannte Stimme vernahm, die jedoch etwas anderes sagte als bei den Social Links. Doch bevor sie sich tiefere Gedanken darüber machen konnte, bemerkte sie, wie Shina ihren Blick von ihr abwandte und in Richtung der großen Uhr blickte, die ihnen gegenüber an der Wand hing.

„Entschuldige mich. Ich muss langsam los“, sagte sie daraufhin, während sie sich langsam von der Älteren wegdrehte.

Dieser blieb in diesem Moment nichts anderes übrig, als zu nicken. Doch bevor ihr Gegenüber sich gänzlich von ihr verabschiedet hatte, sprach sie noch schnell aus, was ihr in diesem Moment in den Sinn kam:

„Minatsuki-chan, bitte pass auf dich auf und überanstreng dich nicht wieder. Fall du irgendwie Hilfe oder jemanden zum Reden brauchst, sprich mich gerne in der Schule an.“

Erneut traf sie ein überraschter Blick, der sich jedoch kurz darauf in ein kleines Lächeln verwandelte:

„Danke, das ist nett. Ich komme schon klar, aber sollte es mal so weit sein, komme ich gerne auf das Angebot zurück.“

Damit hatte sich die Erstklässlerin gänzlich von ihr abgewandt, war auf die Stelle zu gegangen, wo ihr Handtuch lag und griff danach, ehe sie in der Umkleide verschwand. Mirâ blickte ihr nach; mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht, dass verriet, dass sie mit der Situation gar nicht so unzufrieden war.
 

[ ??? ]
 

Der Velvet Room lag wie immer in jener zeitlosen Stille, die mehr fühlbar als hörbar war. Nur die leise Arie unterbrach den Nebel aus samtiger Dunkelheit und tiefem Blau. Auf dem Tisch vor Igor lagen unverändert die bisher aufgedeckten Tarotkarten, die in sanftem Blau leuchteten und die ein Spiegel der bisher gefestigten Banden war, die sein Gast bisher geschlossen hatte. Nur die eine verdeckte Karte, deren Aura bedrohlich rot glühte durchbrach dies friedliche Bild. Igor jedoch ignorierte es, denn er hatte die Augen wie immer geschlossen und wirkte, als würde er schlafen. Dies änderte sich jedoch, als ein kaum vernehmbares Flirren durch die Luft vibrierte. Ruckartig schlug er seine riesigen Glubschaugen auf und richtete diese auf den Stapel noch nicht gelegter Arcanas, welcher in diesem Moment begann in einem blau-goldenen Licht zu strahlen; nicht grell, sondern wie von innen heraus pulsierend. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, der jedoch ausreichte, um die Luft um sich herum in eine wohlige Wärme zu verwandeln. Es wirkte so, als hätte ein unbekannter Impuls ihre Ordnung gestört. Igors lange Finger zuckten für einen Moment, während sein Blick starr auf dem Stapel hing, von dem sich wie von Geisterhand die oberste Karte löste. Sie schwebte über die anderen hinweg und strahlte dabei heller als die restlichen. Langsam griff der Nasenmann nach ihr und hob sie so an, dass er ihre Vorderseite erkennen konnte. In diesem Moment verengten sich seine Augen ganz leicht; etwas, dass man selten bei ihm sah.

„Hm…“, seine hohe Stimme klang beinahe erstaunt.

Die Karte, die er nun hielt, unterschied sich von den bisher bekannten Tarot Karten der großen Arcana. Kein vertrautes Symbol prangerte darauf – stattdessen war die Illustration diffus. Das Hauptaugenmerk lag auf einer einzelnen Laterne in der Dunkelheit, die auf einen schmalen Weg wies, der in neblige Leere führte. Direkt am Anfang des Weges erkannte man den Schatten einer einzelnen Person, der durch die das Licht der Laterne erhellt wurde. Trotzdem strahlte das Bild keine Bedrohung aus. Nur Stille und Distanz.

Ein neuer Bund… verwandt mit den bekannten Verbindungen… und doch ganz anders.

Igor wandte den Kopf langsam zur Seite auf Margaret, die wie immer neben ihm auf dem Sofa saß; das Compendium auf ihrem Schoß und die Hände darauf gefaltet. Auch sie wandte sich ihrem Meister zu, der offensichtlich versuchte in ihrem Blick etwas zu lesen. Doch dieser war unverändert, ruhig und unergründlich. Keine Regung, kein Erstaunen. Da war nur ein flüchtiger Glanz in ihren Augen, als hätte sie das Kommen dieser Karte schon lange erwartet und der ausreichte, um ihrem Meister zu bestätigen, was er bereits ahnte: Dass sie genau wusste, worum es sich bei diesem Bund handelte. Doch Igor sprach sie nicht darauf an, sondern schwieg. Genau wie sie. Stattdessen legte er die leuchtende Karte nun an den äußersten Rand der bereits ausgelegten Karten. Ein neuer Kreis begann sich zu bilden. Eine neue Ordnung. Der alte Mann lehnte sich zurück und faltete sie knochigen Finger zu einer Brücke, während ein hohes Kichern seiner Kehle entwich.

„Interessant… wirklich sehr interessant. Ich bin gespannt zu welchen Überraschungen unser Gast noch aufgelegt ist…“

Das Kichern verlosch im verklingenden Licht der Karten und der blauen Umgebung, während der Raum in immer tieferer Finsternis versank.
 

[ *früher Nachmittag* ]
 

Die feuchte Hallenluft hing noch immer leicht in der Luft, als Mirâ gemeinsam mit ihrer Familie das Schwimmbad verließen. Junko plapperte aufgeregt über ihre Fortschritte, auf die sie unglaublich stolz war, während ihr Haruka lächelnd zuhörte und ihr ein paar einzelne Strähnen aus dem Gesicht strich. Mirâ dagegen hörte nur halb zu. Sie fühlte sich angenehm erschöpft und etwas schläfrig vom Chlorgeruch. Gerade als die kleine Gruppe den Vorplatz betrat, trug der Wind einen dumpfen, rhythmischen Klang herüber: Das sauber gedämpfte Schnappen gespannter Sehnen, gefolgt vom gedämpften Aufprall der Pfeile auf Zielscheiben. Vertraute Geräusche, die die Oberschülerin abrupt stehen ließen, deren Müdigkeit mit einem Mal verflog.

„Kyûdô…?“, ging ihr durch den Kopf, während sie diesen in die Richtung wandte, aus welcher sie die Geräusche meinte zu lokalisieren.

Ihre Mutter wandte sich zu ihr um: „Alles in Ordnung?“

Mehr automatisiert nickte die junge Frau, doch ließ den Blick dorthin gerichtet, von wo immer wieder die gedämpften Klänge vom Wind herangetragen wurden. Es brauchte einen Moment, ehe sie zwischen den Bäumen hindurch ein Kyudo-Feld erblickte, das gut geschützt in einer Senke lag; nur wenige Meter vom Schwimmbad entfernt. Und plötzlich fiel ihr wieder ein, was Moe ihr am Vortag erzählt hatte: Dass an diesem Tag im Sportforum ein Kyudo-Turnier stattfinden würde.

„Vielleicht hast du Interesse daran es dir anzuschauen. Auch durch zusehen kann man sehr viel lernen", hatte sie zu ihr gesagt.

Obwohl noch nicht einmal ganz ein Tag vergangen war, so hatte sie diese Information bis eben vollkommen vergessen. Nun jedoch war ihre Neugier geweckt.

„Mama… würdet ihr schon vorgehen? Ich komme später nach“, sagte sie daraufhin schon fast übermäßig aufgeregt. „Heute findet ein kleines städtisches Kyûdô-Turnier statt. Auch wenn es schon am Laufen ist, würde ihr mir das gerne anschauen.“

Haruka wirkte kurz überrascht und schien dabei auch einen Moment zu brauchen, um diese Informationen überhaupt zu verarbeiten, doch dann seufzte sie mit einem sanften, aber alle sagenden Lächeln: „Wer hätte gedacht, dass du mal wieder so Feuer und Flamme für diesen Sport wirst? Na schön. Aber melde dich, falls es später wird, damit wir nicht mit dem Abendessen auf dich warten müssen.“

„Mach ich“, breit grinsend, wandte sich die Violetthaarige von ihrer Familie ab und stieg die Treppen hinunter, die zu dem Platz führten, während ihr Junko noch wild hinterher winkte.
 

Kurz darauf wurden die Klänge der Sehnen deutlicher und klarer und mit jedem Schritt begann ihr Herz etwas mehr vor Aufregung zu schlagen. Es war sehr lange her, dass sie einem Turnier beigewohnt hatte. Sie selbst hatte es bisher noch nie geschafft zu einem der wenigen Turniere zugelassen zu werden, doch ihr Vater hatte bereits einige Preise gewonnen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie begeistert sie immer war, wenn sie ihn zu einem Wettkampf begleiten durfte. Kurz darauf erkannte sie das unverkennbare Gelände, das halbgeschützt unter einem dunklen Holzdach lag und von einer kleinen Tribüne flankiert war, die nur teilweise besetzt war. Groß war der Andrang der Zuschauer also nicht. Mirâ setzte sich wenig später in die reihe nahe dem Rand und ließ ihren Blick über die nun gleich antretenden Schützen schweifen. Sie alle waren in weiße Dogi und schwarze Hakama gekleidet und waren abgesehen von den weißen Socken barfuß. In ruhigen Bewegungen und ritualisierten Schritten reihten sie sich in zwei Reihen auf; darauf wartend, dass die Schiedsrichter ihre Zustimmung zum Beginnen gaben. Plötzlich stockte Mirâ, als ihr eine nur allzu bekannte Person in den Blick fiel: Dai, der selbstbewusste Kapitän des Kyûdô-Clubs ihrer Schule, der jedoch, wie sie wusste, aktuell so seine Probleme hatte. Er stand in zweiter Reihe, den Bogen über der linken Hand, die Haltung auf den ersten Blick perfekt. Doch je länger sie den jungen Mann beobachtete, desto mehr zeichnete sich für sie ab, dass etwas nicht stimmte. Seine Schultern waren um Nuancen zu streif, sein Atem ging ungleichmäßig und immer wieder bemerkte sie, wie sein Blick in Richtung der Zuschauertribünen glitt, als würde er fieberhaft nach jemandem suchen. Und die Jüngere hatte auch eine Ahnung, um wen es sich dabei handelte. Auch sie ließ ihren Blick einmal kurz über die wenigen Zuschauer schweifen, doch konnte denjenigen auch nicht sehen, den Dai offensichtlich verzweifelt erwartete.

„Shin-senpai ist nicht da. Bestimmt hat Kazuma-senpai gehofft, dass er ihm zuschaut…“, ging ihr durch den Kopf, als sie sich wieder den Teilnehmern zuwandte.

Mittlerweile hatte die erste Gruppe ihren Durchgang beendet, sodass die zweite Reihe nach vorn treten konnte. Dann kam das Zeichen zu starten, woraufhin der erste Schütze in der Reihe seinen Bogen spannte, während die anderen darauf warteten, dass er seine drei Versuche beendete. Dai war als viertes an der Reihe, doch Mirâ merkte, dass sein Auftreten immer unruhiger wurde, je länger er warten musste. Dann war der Zeitpunkt gekommen, an dem er sich beweisen musste. Ein Gong ertönte und er hob seinen Bogen, den Pfeil bereits darin eingespannt. Für einige Sekunden verweilte er in dieser Position, fixierte das Ziel vor sich und atmete langsam aus. Seine Linie war sauber, doch im letzten Moment schien etwas seine Ruhe zu stören, der ihn aus dem Fokus riss. Der Pfeil flog, doch er landete zu weit rechts. Ein Murmeln ging durch die Reihen der Zuschauer, kaum hörbar und doch schneidend für jeden, den es betraf. Merklich atmete der junge Mann noch einmal durch, versuchte seine Haltung beim zweiten Versuch zu korrigieren, doch wieder glitt sein Blick in letzter Sekunde zur Seite und erneut verfehlte er damit das Zentrum. Auch das dritte Mal war es nicht besser. Ungläubig starrte der Brünette auf seine drei Pfeile, von denen nicht ein einziger das Ziel wirklich getroffen hatte. In diesem Moment wirkte er wie jemand, dem der Boden unter den Füßen entzogen worden war, ohne dass er begriff, wann es passiert war. Vollkommen verwirrt vergas er sogar, sich hinzuhocken, damit der Teilnehmer nach ihm endlich schießen konnte. Erst, als ein Werterichter ihn darauf hinwies, schreckte er aus seinen Gedanken und kniete sich hin, doch seinem Blick entnahm man noch immer pures Unverständnis.
 

Als sich das Turnier dem Ende neigte und die Schützen für ihre Ergebnisse geehrt wurden, fiel Dais Name nicht. Er hatte an diesem Tag ganz und gar schlecht abgeschlossen. Etwas, dass Mirâ genauso schwer traf, wie ihn, denn wenn sie an ihre ersten Tage im Kyûdô-Club dachte, in denen er immer so fokussiert, ruhig und gelassen wirkte, so war er heute eine wahrliche Enttäuschung gewesen. Auch wenn sie eine Ahnung hatte, woran es lag, so konnte sie es noch immer nicht mit dem Bild von ihm überein bringen, dass sie bisher von ihm hatte. Aus diesem Grund hatte sich die junge Frau dafür entschieden nach dem Wettkampf das Gespräch mit ihm zu suchen, auch wenn sie noch keinen richtigen Plan hatte, was sie eigentlich sagen sollte. Aus diesem Grund fing sie den Brünetten ab, sobald dieser das Gelände verließ.

„Kazuma-senpai?“, sprach sie ihn vorsichtig an, da sie keine Ahnung hatte, wie er reagieren würde.

Leicht erschrocken fuhr der Ältere zusammen und wandte sich ihr dann zu. In diesem Moment setzte er mit einem Mal ein gequältes Lächeln auf, dass so gar nicht zu ihm und seiner aktuellen Situation passte.

„Ah… Shingetsu. Hast du dir das Turnier angesehen?“, fragte er beinahe unbeteiligt.

Die Angesprochene nickte: „Mir wurde gestern ans Herz gelegt, doch hier mal vorbeizuschauen, weil ich dabei etwas lernen könnte.“

Sie machte eine kurze Pause, weil sie hoffte, dass Dai etwas darauf entgegnete, doch das geschah nicht, weshalb sie wieder die Initiative ergriff: „Senpai… ist alles in Ordnung?“

„Sicher“ kam die Antwort viel zu schnell, die eher so wirkte, als wollte der junge Mann vom Thema ablenken.

Die Zweitklässlerin presste die Lippen zusammen, bevor sie aussprach, was ihr gerade durch den Kopf ging: „Es geht um Shin-senpai. Nicht wahr? Du hast die ganze Zeit nach ihm Ausschau gehalten und warst deshalb unkonzentriert. Hab ich Recht?“

Dais Haltung erstarrte und die Maske begann sich zu lösen. Er wandte den Blick ab und starrte auf die Bäume, die das Gelände umgaben.

„… ich weiß nicht. Vielleicht… war unsere Freundschaft nie so… stabil, wie ich dachte…“

Seine Stimme klang brüchig, als würde etwas in seinem Inneren versuchen, nicht zu zerbrechen.

„Er redet nicht mit mir. Geht mir aus dem Weg und weicht mir aus. Und ich versteh es einfach nicht…“

Er schluckte schwer. Mirâ dagegen wollte etwas erwidern. Etwas tröstendes oder Erklärendes sagen, doch Dai schüttelte den Kopf, bevor sie überhaupt die Gelegenheit bekam Luft zu holen.

„Lass gut sein, Shingetsu“, er wandte sich ihr wieder zu; sein Blick gezeichnet von Müdigkeit. „Entschuldige mich. Ich muss los.“

„Kazuma-senpai“, wollte die junge Frau den Brünetten noch aufhalten, doch dieser hatte sich bereits umgedreht und war mit schnellen, unruhigen Schritten gegangen.

Nur noch einmal blieb er ganz kurz stehen und blickte sich um, auf der Suche nach demjenigen, der doch nie dort gewesen war. Dann war er weg und Mirâ blieb zurück. Das Turnier hatte sich mittlerweile zum Großteil aufgelöst. Nur um sie herum herrschte noch ein leichtes Stimmengewirr. Und in ihrem Inneren ballte sich etwas zusammen: Eine dunkle Vorahnung. Eine Befürchtung, die wie heißes Metall auf ihrer Haut brannte. Dieser Streit… Ihr Gefühl sagte ihr, dass es kein Gewöhnlicher war. Etwas im Hintergrund zog an den Strippen und Bestimmte über den Verlauf. Etwas, dass mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Spiegelwelt in Verbindung stand. Viel zu groß waren die Parallelen zu Akanes Fall. Viel zu ungemütlich das Gefühl in ihrer Magengegend, das immer dann kam, wenn sie darüber nachdachte. Noch immer hoffte sie innig, dass sie sich irrte. Doch das Gefühl war einfach zu schwer zu ignorieren.
 

[ *Abend* ]
 

Der gedämpfte Schein der Lampe fiel auf die Bücher und Hefte, die verteilt auf Mirâs Schreibtisch lagen, über welche sie gebeugt saß und dabei immer wieder seufzte. Bereits seit einer geschlagenen Stunde brütete sie über ihren Notizen, schaffte es aber nicht etwas davon in ihrem Gedächtnis abzuspeichern. Immer wieder drifteten ihre Gedanken auf die Geschehnisse dieses Tages zurück. Da war zum einen die Begegnung mit Shina im Schwimmbad, die in ihr ein vertrautes und doch ungewohntes Gefühl ausgelöst hatte, die dem der Social Links ähnelte und doch völlig anders war. Und zum anderen musste sie immer wieder an das Kyûdô-Turnier und Dais klägliche Niederlage denken und daran, was diese ausgelöst hatte: Der Zwist, in dem er und sein Kumpel Masaru gerade steckten. Erneut kam Mirâ nicht drumherum, darüber nachzudenken, dass es sich dabei um keinen gewöhnlichen Streit handeln konnte. Es musste etwas dahinterstecken und wenn sie ihr Gefühl nicht trog, so hatte es wohl etwas mit der Spiegelwelt zu tun, auch wenn sie hoffte, dass dem nicht so war und sich alles noch irgendwie klären würde.

Erneut seufzte sie tief, schob ihre Notizen nach hinten und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück: „So wird das nichts…“

So kam sie einfach nicht voran und ein wenig nervte sie der Umstand, dass sie einfach nicht zum Lernen kam, wo sie doch endlich mal die Zeit dafür hatte. Doch sie konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen, sodass ihr die Wörter vor ihr nur fremd vorkamen und absolut keinen Sinn ergaben. Deshalb beschloss sie es für diesen Abend aufzugeben. So lehnte sie sich wieder vor und sammelte alles sorgfältig zusammen, um es, auf einen Stapel gepackt, an den Rand ihres Tisches zu legen und dann nach ihrem Smartphone zu greifen, dass links von ihr lag. Sie musste erst einmal auf andere Gedanken kommen und entschloss sich deshalb dazu, ein wenig in den Sozialen Medien zu surfen. Vielleicht fand sie ja ein paar lustige Videos, die sie auf andere Gedanken bringen würden. Doch weiter, als den Plan zu fassen, kam sie nicht, denn kaum hatte sie das Display ihres Telefons entsperrt, lächelte sie ein kleines Häkchen an, dass sich an die linke obere Ecke der Persona-App geheftet hatte und darauf hinwies, dass sich dort etwas getan hatte. Für eine Sekunde überlegte die junge Frau, ob diese Markierung bereits den ganzen Tag vorhanden war und sie es einfach nicht bemerkt hatte. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam ihr der Gedanke, dass es wohl keinen Sinn machte. Stattdessen tippte sie neugierig auf die Applikation, um diese zu öffnen und riss sogleich überrascht die Augen auf. Das Menü hatte sie etwas verändert. Es war eine neue Kategorie dazu gekommen, die sich direkt unter die Social Links gesetzt hatte. Soul Bonds stand in weißer Schrift in dem blauen Kästchen, dass die Option umgab. Verwundert tippte sie auf die Schaltfläche, woraufhin sich eine Seite öffnete, die der Auflistung der Social Links sehr ähnlichsah, mit dem Unterschied, dass dort nur eine einzige Karte abgebildet war. Als sie diese auswählte, vergrößerte sich das Bild und zeigte eine einzelne Laterne in der Dunkelheit, die einen schmalen Weg erleuchtete, der ins Nirgendwo führte. Direkt davor erkannte man den Schatten einer Persona, den das Licht der Laterne jedoch nicht erreichte. Das ungewöhnliche an der Karte war, dass sich darauf keine römische Ziffer befand, wie es bei den Arcanas normalerweise der Fall war. Auch der Name, welcher sich direkt unter der Abbildung befand, klang vollkommen anders, als man es vom Tarot gewohnt war. Der Außenseiter stand in weiß geschrieben. Jede weitere Information fehlte, mit Ausnahme eines Balkens, den Mirâ bereits von ihren Social Links kannte, der jedoch im Vergleich zu diesen schon viel weiter gefüllt war.

Sie erinnerte sich an die Stimme, die erklang, nachdem sie sich mit Shina unterhalten hatte und konnte daher auch schnell den Zusammenhang zu dieser außergewöhnlichen Karte stellen.

„Wieso der Außenseiter?“, ging ihr durch den Kopf.

Sicher, die Bezeichnung passte zur aktuellen Situation der Brünetten, doch trotzdem ergab es für Mirâ keinen wirklichen Sinn. Das lag aber vielleicht auch einfach daran, dass sie die Bedeutung dieser Karte nicht kannte. Aus diesem Grund schloss sie die Persona-App und öffnete die gängige Suchmaschine, um sich dort einen Überblick zu verschaffen. Mit schnellen Handbewegungen gab sie in das Suchfeld die Begriffe ein.
 

( Tarot Bedeutung Der Außenseiter )

Dann hieß es kurz warten, bis sich alle Suchergebnisse aufgelistet hatten. Doch als die Violetthaarige ihren Blick über die angegebenen Ergebnisse schweifen ließ stockte sie, denn keiner der Treffer gab ihr auf den ersten Blick eine wirkliche Antwort. Zwar erschien das Ergebnis zur Beschreibung der Tarot Karte der Gehängte doch diese hatte nach erstem Überblicken absolut nichts mit der gesuchten Karte zu tun, außer vielleicht ein wenig in der Beschreibung. Mirâ schnalzte mit der Zunge. Die Ergebnisse waren alles andere als befriedigend.

„Vielleicht muss ich es anders formulieren…?“, ging ihr durch den Kopf, während sie einen erneuten Versuch startete.
 

( Der Außenseiter Tarot Arcana

Wieder brauchte die Suchmaschine einen Moment, ehe sie Ergebnisse ausspuckte, doch auch diese waren nicht viel besser. Das Einzige, was Mirâ herausfand war, dass es wohl eine abgewandelte Version des übrigen Tarots gab, dass sich Outsider Tarot nannte. Doch sie war sich sicher, dass das mit der angegebenen Karte nichts zu tun hatte, weshalb sie dem nicht weiter nachging. Seufzend schaltete sie das Display ihres Telefons wieder aus und stützte ihr Gesicht auf ihre Hand. Es würde wahrscheinlich nicht einmal etwas nützen nach Begriffen wie Social Link oder Soul Bond zu suchen, denn mit Sicherheit hatten sie nur etwas mit der Welt der Shadows zu tun und damit mit Persona-Usern.

„Das war wohl nichts…“, grummelnd ließ sie ihren Blick über ihren Schreibtisch schweifend, auf der Suche nach etwas, dass ihr vielleicht irgendeine Antwort auf ihre Fragen geben würde.

Doch leider tat ihr nichts diesen Gefallen. Jedenfalls bis zu dem Moment, als ihr Blick an einem blauen Umschlag hängen blieb, dass zu einem Buch gehörte, welches sie sich vor einiger Zeit gekauft hatte. Sie hatte es schon wieder beinahe vergessen, zumal es zur Hälfte unter irgendwelchen Unterlagen begraben lag. Nun jedoch schöpfte sie Hoffnung, dass sie doch Antworten fand. Deshalb richtete sie sich langsam auf und schob die Blätter beiseite, die auf dem Buch lagen, dessen blauer Umschlag nach nur wenigen Sekunden in voller Farbe zu erkennen war. Der blaue Schmetterling darauf schien sie regelrecht anzuleuchten. So, als wolle er ihr sagen, dass sie hier etwas finden würde. Mit einem gekonnten Griff nahm sie sich das literarische Werk zur Hand und setzte sich dann wieder richtig hin. Nur wenige Sekunden später lag das Buch aufgeschlagen vor ihr. Konzentriert ging sie das Inhaltsverzeichnis ab, was jedoch dafür sorgte, dass ihre Hoffnungen langsam wieder schwanden. Immer wieder glitt ihr Blick über Schlagworte wie Persona, Shadows, Wild Card und Social Links, doch weder fand sie etwas zu Soul Bonds, noch eine Beschreibung der Arcanas oder dergleichen. Zunge schnalzend wollte die junge Frau das Buch wieder zuschlagen, doch zögerte dann und machte es doch wieder richtig auf, ehe sie die Seiten aufblätterte, auf denen etwas über Social Links stehen sollte. Zwar hatten ihr Igor und Margaret schon ein wenig erzählt, wovon sie sich jedoch das meiste aus dem Zusammenhang irgendwie selber zusammengedichtet hatte, doch es konnte nicht schaden dieses Kapitel zu lesen. Vielleicht würde sie ja doch irgendwelche Antworten finden. Zudem war ihre Hoffnung, dass die Soul Bonds vielleicht nur ein Unterthema der Social Links waren, sodass sie nur nicht explizit erwähnt wurden.

„Außerdem habe ich das Kapitel noch nicht gelesen… und im Velvet Room erfährt man ja nicht viel…“, dachte sie sich, als sie auf der ersten Seite des Kapitels ankam.
 

Social Links, Wild Card & Arcanas

In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit einem Thema, dass selbst für mich ein riesiges Mysterium ist. Die Rede ist von Social Links. Dabei handelt es sich um wundersame Verbindungen zu anderen Menschen in unserem Umfeld. Das erstaunliche daran ist, dass es sich dabei zumeist um wildfremde Menschen handelt, mit denen wir unter normalen Umständen wohl niemals in Kontakt getreten wären. Menschen, die wir normalerweise schweigend passieren würden, ohne wirklich Kenntnis von ihnen zu nehmen. In Form eines Social Links treten diese Personen plötzlich vollkommen unerwartet in das Leben ihres Gegenübers. In manchen Fällen handelt es sich dabei um Mitkämpfer, also Persona-User in unserem näheren Umkreis. Dies jedoch ist tatsächlich nur die Ausnahme. Die Meisten von ihnen sind für uns völlig fremde Menschen. Wie diese Personen jedoch ausgewählt wurden, konnte ich leider nicht ergründen.“
 

„Hm…“, murrte die Violetthaarige nach diesem Absatz. Zwar erklärte ihr dieser zwar nun endlich, warum sie sowohl mit zwei Persona-Usern, als auch mit einigen normalen Menschen einen Social Link geschlossen hatte, jedoch nicht, wieso es gerade diese Personen waren. Und sie vermutete auch, dass sie diesen Aspekt der Sache selber herausfinden musste. Jedoch war sie sich sicher, dass es einen Grund dafür gab.
 

„Die Social Links setzen sich meinen Recherchen nach aus den 22 Tarot-Karten der großen Arcana zusammen. Sie beginnen mit der Nummer 0 und enden mit der Nummer 21.

Doch was genau ist denn eigentlich das Besondere an diesen Social Links? Nun, dabei handelt es sich um ganz besondere Bindungen, die ein Persona-User eingeht, der mit der Fähigkeit der Wild Card gesegnet ist. Warum auch immer, doch für die Wild Card sind diese Social Links unerlässlich, um die eigenen Fähigkeiten und die der eigenen Personas zu stärken.“
 

Mirâ riss die Augen auf, insbesondere, als sie das Wort Wild Card las. Igor und Margaret hatten bereits etwas dazu erwähnt, als sie ihr etwas über die Social Links gesagt hatten. Doch so wirklich schlau war sie daraus nicht geworden.
 

„An dieser Stelle möchte ich kurz etwas ausholen, denn mit Sicherheit wirst du, mein Leser, nun etwas verwirrt von dem Begriff der Wild Card sein. Aus diesem Grund möchte ich diesen Begriff kurz erklären, auch wenn er für mich ebenso ein großes Mysterium ist.

Bei der Wild Card handelt es sich um einen ganz speziellen Persona-User, der ebenfalls einer Arcana zugeteilt wird: In diesem Falle bisher immer der Nummer 0, dem Narren. Da genau diese Arcana für die Leere steht, aus der alles entstehen kann, erreicht die Wild Card im Laufe ihrer Reise ganz spezielle Fähigkeiten, die sie von herkömmlichen Persona-Usern unterscheidet. So besitzt sie die Fähigkeit mehrere Personas einzusammeln, diese zu kontrollieren, zu stärken und sogar zu neuen, stärkeren Personas zu fusionieren.“
 

Beinahe wäre der violette Haarschopf der Oberschülerin von ihrer Hand, auf den sie ihren Kopf gestützt hatte, auf die Tischplatte gefallen, als sie den letzten Absatz gelesen hatte. Fusionieren? Das bedeutet… eine neue Persona zu erschaffen? Sie wandte sich kurz ihrem Smartphone zu. Hatte sie diese Fähigkeit bereits? War es ihr schon möglich eine neue Persona zu erschaffen? Igor hatte bisher nichts dergleichen erwähnt und sie bezweifelte wirklich eine Antwort zu bekommen, wenn sie ihn direkt darauf ansprechen würde. Wahrscheinlich war es wohl besser es auf sich zukommen zu lassen, denn anders würde sie wohl nicht vorankommen, da sich der Nasenmann offensichtlich einen Spaß daraus machte, sie im ungewissen zu lassen.
 

„Wie gesagt, ist mir die Sache mit den Social Links und auch mit der Wild Card ein großes Mysterium. Und vor allem drängt sich mir die Frage auf: Wieso jetzt? Es gab eine Zeit, da gab es so etwas wie die Wild Card nicht, ebenso wenig die Social Links. Und dass, obwohl meine Kameraden und ich alle im Besitz einer Arcana waren. Waren diese Social Links einfach nicht nötig? Oder gibt es einen anderen Grund? Und wieso gibt es nun das System einer Wild Card, die die Fähigkeiten all jener anderen Persona-User bei weitem übertrifft? Was hat sich verändert, dass es zu diesen Abweichungen kommen musste?

Das ist und bleibt mir bisher noch ein großes Rätsel.“
 

Mirâ stutzte kurz und las sich diesen Absatz noch einmal durch, dann noch einmal, doch das Ergebnis blieb das Gleiche und sorgte dafür, dass sie leicht an Farbe verlor. So wie sich dieser Absatz las bedeutete dies doch, dass auch die Autorin, Maya Amano, eine Persona-Userin war oder sogar noch ist. Und auch, dass es noch weit mehr Menschen gab, die in der Lage waren, eine Persona zu beschwören, als nur sie und ihre beiden Freunde. Das natürlich würde auch das Wissen erklären, dass Amano-san über dieses Thema besaß, denn dann war sie ja sogar selber betroffen. Auch wenn sie bereits schrieb, dass sie sich mit dem Thema der Wild Card nicht sonderlich auskannte, da es sogar für sie neu war. Das wiederum bedeutete jedoch auch, dass sie sich diese Informationen irgendwo geholt hatte. Plötzlich kam Mirâ ein Geistesblitz. Wenn sie es schaffte eine der Wild Cards vor ihr ausfindig zu machen, dann würde sie vielleicht auch endlich die Antworten bekommen, die sie suchte. Die Frage war nur, wie sie das anstellen sollte. Es war nun wirklich nicht so, dass jeder in die Welt hinausschreien würde, dass er ein Persona-User und zugleich eine Wild Card war.

Sie seufzte. So einfach würde es wohl nicht werden, doch sie konnte dieses Vorhaben ja erst einmal im Hinterkopf behalten. Stattdessen wollte sie sich weiter dem Kapitel zuwenden und blätterte um, nur um festzustellen, dass es an dieser Stelle zu Ende war. Mehrmals blätterte die junge Frau hin und her, um zu überprüfen, dass sie auch nichts überblättert oder übersehen hatte, doch es änderte nichts. Auch an dieser Stelle blieb ihre Frage zu den Soul Bonds unbeantwortet, weshalb sie erneut tief seufzte, und das Buch zuschlug.

„Das war ein Satz mit x…“, ging ihr durch den Kopf, als sie das Buch weglegte, sich erhob und sich dann auf ihren Futon fallen ließ.

Mit einem Mal war sie unglaublich erschöpft und müde, sodass es nicht lange dauerte, ehe sie eingeschlafen war.
 

[ ??? ]
 

Die mittlerweile vertraute Melodie der Arie ließ Mirâ ihre Augen öffnen, dabei was das Erste, was sie dieses Mal erblickten, der Kreis mit den bereits gelegten und teilweise aufgedeckten Arcanas. Noch immer lagen der Tod und der Narr wie gewohnt nebeneinander mitten im Kreis, umgeben von den anderen Tarotkarten, die ihr Schicksal bestimmten. Einige von ihnen hatten mittlerweile ihre Positionen geändert, so waren die Gerechtigkeit und die Stärke näher in die Mitte gerückt. So, als hätten sie mehr an Bedeutung gewonnen. Auch der Teufel und der Hermit wirkten leicht verändert, selbst wenn Mirâ dies nur an ihrer Aura ausmachen konnte, da sich die Karten im äußeren Rand wieso auch immer nicht bewegten. Zudem hatten sich die Karten der Mäßigkeit, der Kaiserin und des Hierophants zu ihnen gesellt. Besorgniserregend jedoch fand Mirâ die noch zugedeckte Karte im ersten Kreis, die in einem bedrohlichem rot pulsierte und ein unheilvolles Licht von sich gab, dass ihr ein mulmiges Gefühl in der Magengrube bescherte. Schnell wandte sie den Blick ab, wollte den Anblick nicht länger ertragen, und sah wieder das große Ganze, woraufhin ihr eine weitere Veränderung auffiel. Eine weitere Karte hatte sich zu den nun aufgedeckten gesellt. Eine, die ihr seit diesem Abend bekannt war: Der Außenseiter.

Er lag nicht in der Reihe mit den bereits einzeln aufgedeckten Karten, sondern noch davor und bildete damit den Anfang für einen weiteren Kreis. Sie starrte auf die Karte des Außenseiters, wobei ihr erst so richtig der Unterschied zu den regulären Arcanas auffiel. So war die Abbildung vollkommen anders als die der restlichen Tarots. Zudem war sie nicht nummeriert.

Ein Kichern ließ die junge Frau aufschauen und in Igors grinsendes Gesicht blicken. Seine Präsenz hatte sie die vergangenen Minuten, wenn man es denn überhaupt an diesem Ort so nennen konnte, vollkommen ignoriert. Oder war er wirklich nicht da? So genau konnte sie es gar nicht sagen.

„Willkommen im Velvet Room, werter Gast“, sprach der Nasenmann mit seiner markanten Stimme, die ihr immer wieder einen Schauer über den Rücken laufen ließ. „Dein Schicksal ist wahrlich interessant und hält einige Überraschungen bereit. Sie ist sogar so groß, dass sie aus dem Nichts ein vollkommen neues Band geformt hat.“

Für einen Moment kehrte ihre Stimme zurück und sie wagte es, nachzufragen, was dies bedeutete. Igor jedoch grinste nur, ohne etwas zu verraten. Dabei fiel ihr auf, dass seine Augen für den Bruchteil einer Sekunde zu Margaret schwenkten, die neben ihm saß. Es war nur ein winziger Moment, doch Mirâ nahm ihn wahr und blickte zu der Platinblonden hinüber, die ihr ein Lächeln schenkte, dass mehr zu sagen schien, als es Worte je könnten.

Ohne die Züge in ihrem Gesicht zu verändern, wandte sie sich der Violetthaarigen zu: „Diese Bündnisse sind etwas Besonderes. Sie verbinden dich mit jenen, die jenseits der Regeln in der Spiegelwelt wandelten… jene die anders sind, als die Norm und dessen innerste Gedanken trotzdem ernst genommen werden sollten.“

Die Oberschülerin versuchte, die Bedeutung zu verstehen, doch die Worte ihres Gegenübers waren einfach zu wage, um sie wirklich greifen zu können. Ihr war bewusst, dass es keine gute Idee war bei diesem Thema weiter nachzuhaken, denn sie würde ohnehin nicht mehr erfahren, als bereits gesagt. Trotzdem gab es noch etwas, dass sie unbedingt wissen wollte, nachdem sie dieses Buch gelesen hatte. In diesem Moment kehrte auch erneut ihre Stimme wieder, sodass sie ihre Frage in Worte fassen konnte:

„Könnt ihr mir sagen, was mit den anderen Wild Cards passiert ist?“

Zum ersten Mal, seit sie diesen Ort besuchte, erkannte sie in Igors Blick eine Regung, die weit über das übliche Erstaunen hinausging. Doch das hielt nicht lange an. Stattdessen wurde sein Grinsen nur noch breiter. In diesem Moment erklang das Glöckchen, das darauf hinwies, dass ihre Zeit hier beendet war, und ihr Blick begann langsam zu verschwimmen.

„Dies, mein werter Gast, ist ein Thema für einen anderen Besuch hier. Heute jedoch ist unsere Zeit herum. Bis zu unserem nächsten Treffen. Lebewohl“, waren die letzten Worte Igors, die sie hörte, bevor sie in tiefe Dunkelheit tauchte.
 

~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
 

XXXV – Cracks in the Calm


 

*~* XXXV – Cracks in the Calm *~*

[ ~Montag, 04. Mai 2015 ~ ]

[ » Golden Week / Tag des Grünens « ]

[ *Morgen* ]

[ « Vollmond » ]
 

Mit dem Rücken an die geöffnete Glasschiebetür gelehnt saß Mirâ auf der hölzernen Veranda, die in Richtung Garten an das Haus grenzte, und blickte in den blauen Himmel, während sie die angenehme Morgenluft genoss. In der Hand hielt sie eine noch dampfende Tasse Tee und neben ihr lagen einige Unterlagen, auf denen verschiedene Vokabeln und Notizen für den Englischunterricht standen, die sie eigentlich noch einmal durchgehen wollte. Nachdem ihre Lernsession am vergangenen Abend so ins Leere verlaufen war, hatte sie sich vorgenommen nach dem Frühstück noch etwas zu tun, um nicht plötzlich vor den Prüfungen dazustehen. Doch bisher hatte sie noch so gut wie gar nichts getan. Weder hatte sie sich die Vokabeln und Notizen angesehen, noch irgendwelche Übungen gemacht, um in ihrer Aussprache besser zu werden. Stattdessen hatte sie beobachtet, wie die Sonne langsam über die Hecke hinter ihrem Haus und die dahinterliegenden Häuser stieg und mit jeder Minute stärker und angenehmer wurde. Aus dem Wohnzimmer hörte sie ihre Schwester nach ihrer Mutter rufen, um ihr ein Bild zu zeigen, was sie gezeichnet hatte. Das Geklapper des Geschirrs, mit dem Haruka bis dahin beschäftigt war, verstummte für einen Moment, bevor ein erfreuliches Lob erklang, dass Junko in regelrechte Ekstase versetzte, sodass sie sich gleich an das nächste Bild setzen wollte. Für einige Sekunden nahm die Mirâ ihren Blick von dem Naturschauspiel vor sich und blickte aus dem Augenwinkel in den Raum hinter sich, in dem sich die Grundschülerin zurück an den niedrigen Couchtisch gesetzt hatte und nun wieder mit ihren Stiften beschäftigt war. Ein kleines Lächeln schlich sich auf das Gesicht der Oberschülerin, dass sie nun wieder gen Sonne drehte und kurz die Augen schloss, um die Wärme zu genießen, die der große Stern bereits zu ihnen hinuntersandte. Ein stiller Moment ohne Bedrohung. Doch sie wusste, dass es nur ein kurzer Augenblick zum Durchatmen war. Das Lächeln verschwand wieder, während sie ihren Blick auf ihre Füße richtete. Etwas Bedrohliches bahnte sich an, das fühlte sie ganz deutlich, und Mirâ ahnte auch, woher es kam. Sie dachte wieder an das Gespräch mit Dai vom Vortag, welches sie mit ihm nach dem Turnier geführt hatte. Er machte sich wirklich Sorgen um Masaru. Offensichtlich hatte sich der erwähnte junge Mann verändert. Das jedenfalls entnahm sie der Reaktionen ihres Club-Kapitäns. Sie hatte bei der Sache einfach ein ungutes Gefühl, konnte aber auch nicht wirklich sagen woher. Vielleicht war es die Angst, dass es etwas mit der Spiegelwelt zu tun haben könnte, aber genau konnte sie es auch nicht sagen.

„Stimmt etwas nicht, Mirâ?“, holte sie die Stimme ihrer Mutter aus den Gedanken.

Leicht erschrocken und dabei fast die Tasse in ihrer Hand fallen lassend, wandte sie sich zur Seite und blickte in die besorgten braunen Augen ihrer Mutter.

Diese kniete sich zu ihr herunter und legte ihre Hand auf die Stirn der Oberschülerin: „Du wirkst schon die ganze Zeit so abwesend, dabei meintest du noch, dass du lernen wolltest. Geht es dir nicht gut?“

Ein leichter Rotschimmer legte sich auf die Wangen der Violetthaarigen, während sie sich kurz abwandte, um die Hand ihrer Mutter abzuschütteln. In diesem Moment fühlte sie sich wie eine Grundschülerin und das war ihr unangenehm, auch wenn sie wusste, dass es ihre Mutter nicht böse meinte.

„Nein… es ist alles in Ordnung. Ich war nur kurz in Gedanken versunken“, erklärte sie und blickte dann in das erwartungsvoll lächelnde Gesicht ihrer Mutter, woraufhin sie kurz stutzte.

Sie kannte diesen Blick nur zu gut. Er sagte „Erzähl mir mehr!“. So hatte es ihre Mutter schon immer mit solchen Situationen gehandhabt. Nie hatte sie Mirâ dazu gezwungen über etwas zu sprechen, doch ihre Blicke verrieten, dass sie alles erfahren wollte und forderten ihr Gegenüber regelrecht dazu auf zu sprechen. Eigentlich war das eine gute Art, denn sie wusste, dass Haruka ihr immer zuhören würde, wenn etwas war, doch in dieser Situation konnte sie schlecht mit der Tür ins Haus fallen. Ihre Mutter würde sie für verrückt erklären. Doch obwohl sie dieser Situation ganz einfach aus dem Weg hätte gehen können, indem sie ihrem Gegenüber sagte, dass sie später darüber sprechen möchte, ging sie doch darauf ein.

„Weißt du… ich mache mir Sorgen um einen Klassenkameraden. Ich musste vor einiger Zeit miterleben, wie meine beste Freundin sich mit ihrem Sandkastenfreund zerstritten hat, was sehr unschöne Konsequenzen hatte. Und jetzt…“, sie stockte kurz. „Und jetzt habe ich eine ähnliche Situation erlebt… nur… dieser Schüler ist mir nicht so nah, wie Akane, aber trotzdem mache ich mir irgendwie Sorgen und ich weiß nicht, was ich machen soll…“

„Ich verstehe“, das sanfte Lächeln kehrte auf Harukas Gesicht zurück. „Nun, ich denke, dass du nicht viel machen kannst. Die Situation, so unschön sie auch sein mag, muss sich leider von alleine wieder regeln. Aber… wenn du dir solche Sorgen, um diese Person machst, dann schau doch einfach bei ihr vorbei und überzeuge dich selbst davon, dass alles in Ordnung ist.“

„Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich jemanden antreffe und wenn, ob derjenige mit mir sprechen möchte. Die letzten Male hatte ich das Gefühl zu stören…“, erklärte Mirâ ruhig. „Also nicht in Gegenwart dieser Person, aber… trotzdem…“

Ihre Mutter sah sie eindringlich an, das Lächeln noch immer auf ihrem Gesicht: „Du wirst es nicht herausfinden, wenn du es nicht versuchst. Und wer weiß… vielleicht lösen sich deine Sorgen ja auch in Wohlgefallen auf.“

Die Jüngere dachte kurz über die Worte der Dunkelblauhaarigen nach und wog noch einmal alle ihre Optionen ab, bevor sie leise seufzte und sich dann erhob.

Sie schenkte der Älteren ihr gegenüber auch ein Lächeln: „Danke, Mama.“

„Sehr gern“, sagte die Erwachsene, während sie beobachtete, wie Mirâ ihre Sachen zusammensammelt, nach drinnen ging, um ihre Tasse in die Spüle zu stellen, und dann im oberen Stockwerk verschwand.
 

[ *später Vormittag* ]
 

Mit fortschreitender Uhrzeit nahm auch die Temperatur zu, weshalb Mirâ doch ganz schön ins Schwitzen kam, als sie die Treppen hinauf zum Tempel stieg; dabei immer darauf bedacht den wenigen Schatten auszunutzen, der von dem Grün rechts und links gespendet wurde. Sie hatte keine Ahnung, ob sie überhaupt jemanden antreffen würde, doch hoffte, dass es, wenn dann, nicht Chisato sein möge. Für ihre merkwürdige Art hatte die Oberschülerin gerade so gar keinen Nerv. Wieso ausgerechnet sie auch ein Social Link war entzog sich dem Verständnis der jungen Frau. Obwohl sie ja gelesen hatte, dass diese Verbindungen zufällig gewählt wurden. Doch der genaue Nutzen dahinter war ihr noch fremd. Sie seufzte und blickte nach oben, wo sie bereits die letzten Stufen erkennen konnte, als sie eine aufgebrachte männliche Stimme vernahm.

„Was willst du hier?“

Leicht erschrocken über die Lautstärke, die sogar bis zu ihr vordrang, holte sie Schwung und nahm die letzten sechs Stufen in Zweierschritten, um schneller oben zu sein. Dort angekommen stoppte sie abrupt, als sie in etwas Entfernung Dai und Masaru entdeckte, die sich gegenüberstanden und sich anstarrten; der eine mit sorgenvollem Blick, der andere ziemlich abschätzig.

„Weil ich mir Sorgen mache, deshalb… sprich doch bitte mit mir!“, sagte der Brünette schon beinahe verzweifelt. „Ich versteh dich einfach nicht mehr Masa…“

„Lass das Masa…“, schnauzte der Schwarzhaarige und unterbrach damit sein Gegenüber. „Selbst wenn ich es versuchen würde, du würdest es sowieso nicht verstehen.“

„Du hast es noch nicht einmal versucht. Vertraust du mir so wenig?“

„Das hat nichts mit Vertrauen zu tun! Aber wie sollte jemand wie du mein Problem verstehen?“, fragte Masaru nachdrücklich und ließ Dai erschrocken aufschauen.

In diesem Moment schien er Verhalten richtig zu bemerken, sowie das, was er eben gesagt hatte und wandte sich ab: „Geh bitte Dai. Ich habe dazu nichts mehr zu sagen…“

Angesprochener wollte noch etwas erwidern, doch stoppte, bevor er mit der Zunge schnalzte und sich ebenfalls abwandte: „Ich hatte immer gedacht, dass wir als Freunde uns gegenseitig vertrauen können. Aber… wahrscheinlich war das nur meine Sicht der Dinge…“

Mit schnellen Schritten entfernte er sich und lief an Mirâ vorbei die Treppe hinunter, ohne wirklich Kenntnis von ihr zu nehmen. Sie hatte jedoch in dem kurzen Moment den Gesichtsausdruck ihres Club-Kapitäns genau erkennen können, welcher ihr beinahe das Herz zerriss. Noch einmal wandte sie sich kurz zu ihm um und wollte ihn ansprechen, doch ließ es bleiben. Sie hatte das Gefühl, dass das nicht der richtige Zeitpunkt sei und sie es damit wohl nur noch schlimmer machen würde. Stattdessen drehte sie sich wieder in Richtung des Tempels und erblickte Masaru, der noch immer den Blick zu seinen Füßen gerichtet, auf dem Kies stand und sich nicht rührte. Seine Hände waren zu Fäusten gespannt und auch seine ganze Körpersprache verriet, dass er angespannt war. Man sah ihm an, dass ihm die Worte, die er an seinen besten Kumpel gerichtet hatte leidtaten. Die frage war nur, wieso er das ganze nicht einfach aufklärte, anstatt es mit seinen Aktionen nur noch schlimmer zu machen. Plötzlich zuckte der Ältere zusammen und sah in ihre Richtung, so als hätte er plötzlich mitbekommen, dass sie auch da war. Mit trüben braunen Augen blickte er zu ihr hinüber, sagte jedoch kein Wort.

„Entschuldige, ich wollte nicht lauschen. Ich…“, die Jüngere rang mit den Worten. „Ich wollte nur mal schauen, wie es dir geht und…“

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, entgegnete Masaru, was Mirâ aufgrund des Tones zusammenzucken ließ. „Ich bitte dich jetzt zu gehen.“

„Ähm… o-okay… nur eins…“

„Sofort!“

Erschrocken wich die Violetthaarige zurück und schluckte schwer. Sie hatte mit vielem gerechnet, doch nicht damit so harsch weggeschickt zu werden. Eine Tatsache, die sie ziemlich verunsicherte. Aus diesem Grund verbeugte sie sich nur, wandte sich ab und rannte dann schnell die Treppen hinunter. Dabei entging ihr jedoch der traurige Blick, mit dem der junge Mann ihr nachblickte.
 

Schniefend wischte sich Mirâ die Tränen aus dem Gesicht und fluchte innerlich über sich selbst. Eigentlich war sie nicht so nah am Wasser gebaut, doch die Worte des älteren Schülers hatten sie tief getroffen, zumal sie ihn bisher immer nur als zuvorkommend und freundlich erlebt hatte. Dass er sie nun so anpflaumt hatte war für sie wie ein Schlag ins Gesicht. Langsam verringerte sie ihre Geschwindigkeit und blickte noch einmal zurück. Sie hatte bereits ein ganzes Stück zurückgelegt, seit sie den Tempel verlassen hatte, doch die Treppe dort hinauf war noch immer zu sehen. Vielleicht hatte sie sich dieses Mal einfach zu weit hinausgelehnt, war sich zu sicher gewesen, dass sich alles durch ein Gespräch klären ließe. Ähnlich wie damals bei dem Streit zwischen Hiroshi und Akane. Auch da war sie danach der Meinung, dass sie sich nicht hätte einmischen sollen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto stärke wurde wieder das Unbehagen in ihrem Bauch und sie begann Parallelen zu ziehen, die ihre Vermutung, dass es mit der Spiegelwelt zusammenhing nur verstärkten. Das jedoch würde bedeuten…

„Hey, was stehst du hier so rum?“, ließ eine weibliche Stimme sie herumwirbeln.

Daraufhin blickte Mirâ auf Chisato, die, bepackt mit Einkaufstüten, direkt vor ihr stand.

Als diese in das verheulte Gesicht der Älteren blickte legte sie fragend den Kopf schief: „Was ist denn mit dir passiert?“
 

«- - - -»
 

„Hier“, reichte ihr Chisato leicht genervt eine Dose aus dem nahgelegenen Getränkeautomaten, als die beiden Mädchen fünf Minuten später am Fußende der Treppe zum Tempel saßen.

Überrascht blickte Mirâ auf das ihr gereichte Getränk, doch nahm es dann dankend mit einem Nicken an.

„So… du hast also zufällig mitbekommen, wie sich Masaru-san und Kazuma-san gestritten haben. Ja? Und als du Masaru-san drauf ansprechen wolltest hat er dich eiskalt weggeschickt. Ja?“, fasste die Grünhaarige noch einmal zusammen, was ihr die Ältere kurz zuvor erzählt hatte, nachdem sie fast ineinander gerannt waren.

Die Oberschülerin nickte und blickte dann schweigend auf ihre Schuhe.

Chisato seufzte: „Mal ganz davon abgesehen, dass ich Masaru-san verstehen kann, immerhin belauscht man fremde Gespräche nicht einfach. Aber du solltest dir sein Verhalten nicht ganz so extrem zu Herzen nehmen. Masaru-san ist aktuell ziemlich angespannt. Er hatte heute Morgen auch noch eine Auseinandersetzung mit seinem Vater, das hat ihn mächtig aufgewühlt. Verständlich, dass er dann gegenüber Kazuma-san und dir so kalt ist, wenn ihr dann auch noch unvermittelt auftaucht. Und jeder von uns erreicht doch irgendwann mal seine Grenzen, sodass der Geduldsfaden reißt.“

Überrascht blickte Mirâ auf und direkt in Chisatos Gesicht. Diese versuchte diesen Umstand einige Sekunden lang zu ignorieren, in der Hoffnung, die Ältere würde sich wieder abwenden, doch geschah dies nicht.

„Was ist denn?“, fragte sie deshalb leicht genervt.

„Du kannst ja richtig nett sein“, platzte es aus der Violetthaarigen heraus, was dazu führte, dass ihr Gegenüber beinahe von der Stufe gerutscht wäre.

„Was soll das denn heißen? Ich bin immer nett!“, maulte sie daraufhin zurück.

„Zu mir nicht unbedingt…“

Chisato schnalzte mit der Zunge, verschränkte die Arme vor der Brust und wandte dann den Blick ab: „Mach dir mal keine Hoffnungen… das ist heute nur eine Ausnahme, weil mir das Verhalten von Masaru-san eigentlich auch Sorgen bereitet."

„Wie meinst du das?“, fragte Mirâ nun nach. „Du meintest doch, dass ich mir sein Verhalten nicht zu Herzen nehmen soll…“

„Stimmt ja auch. Aber trotzdem macht es mir Sorgen. So ist er eigentlich nicht“, erklärte die Mittelschülerin und seufzte tief. „In den letzten zwei Wochen ungefähr… da hat sich sein Verhalten so massiv verändert. Ständig wirkt er genervt, fängt Streit mit seinem Vater oder Kazuma-san an, geht seiner Mutter, Misaki-san und mir aus dem Weg… Da macht man sich halt Sorgen.“

Erneut sah Mirâ die Jüngere überrascht an. Nicht nur dem Umstand geschuldet, dass sie sich offensichtlich wirklich Sorgen um den Schwarzhaarigen machte, sondern seinem beschriebenen Verhaltens wegen. Sie hatte ja bereits geahnt, dass Masaru eigentlich jemand war, der vordergründig immer höflich blieb, selbst wenn es in seinem Inneren anders aussah. Dass er dieses Verhalten nun so extrem nach außen trug, wirkte da wirklich merkwürdig. Natürlich konnte man darüber debattieren, denn irgendwann ist jedermanns Fass übergelaufen, sodass man seine Gefühle nicht mehr so gut unter Kontrolle hatte, doch bei dem Älteren schien dies bisher noch nie der Fall gewesen zu sein.

„Du…“, begann sie einen Gedanken und zögerte dann kurz ihn auszusprechen, „Du magst Shin-senpai wirklich sehr. Oder?“

Mit knallrotem Gesicht wandte sich die Jüngere ihr wieder zu und schrie sie regelrecht an: „WAS? Nein! Also… doch… ich mag ihn, aber nicht so wie du denkst. Unser Verhältnis ist eher zu vergleichen, wie zwischen Cousin und Cousine… würde ich sagen.“

„Ich verstehe…“, nickte Mirâ. „Aber hier leben tust du nicht. Oder?“

Ein überraschter Blick traf die Violetthaarige, weshalb sie gleich darauf weitersprach: „Ich habe dich vor einiger Zeit gemeinsam mit Shin-senpai am Bahnhof gesehen. Da hattest du eine weiß-graue Schuluniform an. Ich lebe noch nicht lange hier, deshalb kenne ich mich nicht ganz so gut aus, aber ich glaube mich erinnern zu können, diese Schuluniform hier in der näheren Umgebung noch nie gesehen zu haben.“

„Ich komme aus Gyakuten-mura. Einem Dorf westlich von Kagaminomachi. Meiner Familie gehört der dortige Tempel. Und weil ich ihn irgendwann übernehmen soll, schickt mich meine Mutter hierher zu Masasu-sans Familie, um die Grundlagen einer Miko zu lernen… oder sowas in der Art“, den letzten Satz hatte die junge Frau nur vor sich hin genuschelt, doch alleine am Tonfall hatte Mirâ erkennen können, dass Chisato etwas an der Situation zuwider war.

Plötzlich sprang diese jedoch auf, was die Ältere kurz erschrocken zusammenzucken ließ: „Aber warum erzähl ich dir das eigentlich? Urgh… denk mal nicht, dass ich das aus Nettigkeit getan habe. Klar? Ich kanns nur nicht leiden, wenn Leute hier rumheulen.“

Ein kleines Lächeln legte sich auf Mirâs Lippen, während sie das angenehme blaue Glühen in ihrem inneren spürte, das langsam aufstieg: „Schon klar.“

„Na dann… du solltest jetzt wirklich gehen. Du hast mich lange genug aufgehalten. Ich muss zur Arbeit…“, Chisato wandte sich ab, sammelte ihre Einkäufe zusammen und stieg langsam die Treppen hinauf.

Die Violetthaarige sah ihr nach, bis sie am oberen Ende verschwunden war, ehe sie sich mit einem tiefen Seufzen ebenfalls erhob und sich nun wieder auf den Heimweg machte, während das ungute Gefühl noch immer von dem warmen Glühen überlagert wurde.
 

[ *Abend* ]
 

Reglos saß er auf der Kante seines Bettes in seinem dunklen Zimmer. Kühl wehte der Wind durch das leicht geöffnete Fenster und brachte damit eine leichte Bewegung in die grauen Vorhänge, die er zugezogen hatte. Noch wenige Minuten zuvor hatte er ein Gespräch seiner Eltern mit angehört, das einer Diskussion während des Abendessens gefolgt war. Seine Mutter hatte seinen Vater darum gebeten etwas nachsichtiger mit ihm zu sein. Sie wollte nicht, dass er, genau wie seine Geschwister vor ihm, in eine Rolle gedrückt wird, die für ihn aktuell nur eine Last war. Doch sein Vater hatte nur abwertend geschnaubt und sich darüber echauffiert, dass gerade diese nachlässige Seite an ihr dazu geführt hatte, dass seine Geschwister sich alle nach einander aus dem Staub gemacht hatten und sich nur noch selten blicken ließen. An diesem Punkt hatte er den dunklen Flur verlassen und war die Treppe hinausgestiegen, auch wenn er genau wusste, dass seine Mutter noch etwas erwiderte, dass jedoch letzten Endes auch nichts an der aktuellen Situation ändern würde. Sein Vater war einfach…

„… ein sturer alter Esel…“, gingen ihm die Worte durch den Kopf, die er sich niemals trauen würde dem Älteren gegenüber zu sagen.

Er seufzte tief und atmete dann einmal ruhig durch. Versuchte damit die erneut aufkommende Wut zu unterdrücken, die ihm seit einigen Tagen immer wieder die Brust zuschnürte. Er musste sich beruhigen. Es brachte nichts, sich darüber aufzuregen. Er war es immerhin nicht anders gewohnt. Ein anderes Leben, als dieses, war ihm einfach nicht bestimmt. Er hatte seine Rolle zu spielen, die ihm zugeteilt worden war. Ohne Wenn und Aber. Für ihn gab es die Option einer Wahl einfach nicht und eigentlich hatte er sich damit doch abgefunden. Wieso also…? Erneut seufzend ließ er sich rücklings auf das Bett fallen und starrte an die Decke, doch auch dort fand er keine Ruhe. Nur eine erneute Unruhe, die ihn umtrieb. Er schloss die Augen und sah plötzlich das Bild einer Person vor sich. Einen jungen Mann mit braunen kurzen Haaren, der ihn leicht frech angrinste: Dai.

„Dai hat es gut…“, dachte er und spürte daraufhin gleich wieder dieses unangenehme Gefühl aufsteigen, dass ihn seit einiger Zeit befiel, sobald er seinen besten Kumpel sah.

„Du kannst einem echt leidtun…“, erklang plötzlich eine leise, säuselnde Stimme, die ihn die Augen wieder aufschlagen ließ. „Dabei quälst du dich so sehr mit diesen Gedanken herum… und keiner versteht dich.“

Erschrocken richtete er sich wieder auf und blickte sich in seinem Zimmer um, doch er konnte niemanden erkennen. Da war nur der Wind, der sanft an den Vorhängen zerrte. Ansonsten war der Raum leer. Woher also…?

„Und was macht Dai? Der lebt, wie er will. Sagt, was er denkt. Und gibt neunmalkluge Ratschläge, die ja doch nichts ändern. Und du? Du wirst nicht einmal gefragt, was wirklich in dir vorgeht.“

Die Stimme war rau, dumpf und dennoch klang sie wie seine eigene, aber verzerrt. So, als würde sie aus einem Hohlraum sprechen. Er stand auf, wanderte durch den Raum und blickte sich erneut um, versuchte so die Herkunft der Stimme zu bestimmten.

„Was bringt dir also all deine Zurückhaltung und dein Schweigen? Sie sehen dich nicht. Keiner sieht dich.“

Langsam wandte er seinen Blick hinter sich auf den großen Spiegel, der an der Tür seines Schrankes befestigt war und stolperte dann einen Schritt zurück. Da war er. Sein Spiegelbild. Doch die Augen seines Gegenübers waren giftgelb verfärbt und wirkten bedrohlich, was sich noch verstärkte, als dieser begann breit zu grinsen. Doch ehe er reagieren konnte schnellte eine Hand aus dem Spiegel, griff seinen Arm und zog mit einem Ruck daran, woraufhin er nach vorne stolperte, genau auf den Spiegel zu. Mehr als ein erstickter Schrei war nicht mehr zu hören, bevor das dunkle Zimmer in stiller Leere zurückblieb, das nur vom Rascheln der Vorhänge unterbrochen wurde.
 

[ ??? ]
 

Ein bedrohliches blau-rotes Licht durchflutete das tiefe Blau des Velvet Rooms und ließ Igor die Augen aufschlagen, jedoch ohne seine weitere Position zu verändern. Er starrte auf die verdeckte Karte im inneren Kreis, die bereits seit geraumer Zeit dieses bedrohliche Glühen von sich gab, und das Grinsen in seinem Gesicht wurde breiter, wirkte durch das unwirkliche Licht bedrohlich. Das jedoch schien Margaret nicht zu stören. Auch sie starrte wie gebannt auf die leuchtende Karte, die sich nun offenbaren wollte.

„Die Räder des Schicksals drehen sich weiter“, erhob der Nasenmann die Stimme und löste eine Hand aus der Brücke, mit der er üblicherweise sein Gesicht stützte.

Mit einer schwebenden Bewegung wischte er damit über den Tisch, woraufhin der leuchtende Gegenstand begann zu zittern. Für einen Moment wirkte es so, als wolle sich die Karte dagegen wehren aufgedeckte zu werden, doch dann drehte sie sich um und gab den Blick auf die Arcana des Streitwagens frei, die sich in eine neutrale Position legte und damit das Schicksal noch offenließ, dass sie erwartete. Das Leuchten wurde noch etwas intensiver und spiegelte sich in Igors riesigen Augen wider, was ihm erneut etwas Unheimliches verpasste.

„Die nächste Hürde für unseren Gast ist aufgetaucht… ich bin gespannt, wie sie diese lösen wird“, gluckste der alte Mann, dessen Umrisse allmählich wieder in der Dunkelheit verschwanden, die sich nach und nach ausbreitete und damit das Blau und auch das Rot verdrängte.
 

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XXXVI – Moonlight and the Hermit’s Flame


 

*~* XXXVI – Moonlight and the Hermit’s Flame *~*

[ ~Dienstag, 05. Mai 2015~ ]

[ » Golden Week // Tag es Kindes « ]

[ * Nachmittag* ]

[ Stadtmuseum ]
 

Das Stadtmuseum befand sich in einer abgelegenen, ruhigen Gegend von Kagaminomachi. Weit abseits des Trubels der Innenstadt, sodass von diesem unscheinbaren Bau aus hellem Stein eine unglaubliche beruhigende Atmosphäre ausging, was dafür sorgte, dass Herz und Seele zur Ruhe kamen. Mit großen Augen starrten die Oberschülerin und deren Schwester auf das große Gebäude, das vor ihnen lag und dass sie heute besuchen wollten. Lange hatte die Familie überlegt, ob sie die letzten beiden Tage der Golden Week lieber Zuhause verbringen sollten oder ob sie doch noch etwas unternahmen. Letzten Endes hatte ihre Mutter den Vorschlag gemacht, dass sie das Stadtmuseum besuchen könnten, wenn die beiden Mädchen es denn wollten. Junko wirkte zwar Anfangs nicht begeistert, stimmte dem jedoch letzten Endes zu, während Mirâ sofort Interesse daran fand. Sie hatte das Gefühl, als würde dort etwas auf sie warten, was sie unbedingt wissen sollte. Woher genau dieses Gefühl kam wusste sie nicht, doch es stieg sofort auf, als ihre Mutter das Ziel erwähnte. So war die Entscheidung also doch recht schnell gefallen und sie waren an diesem Tag hierhergefahren.

Beim Betreten des Gebäudes umfing die kleine Familie ein vollkommen anderer Duft. Eine Mischung aus Papier, Wachs und der fernen Kühle von etwas sehr Altem lag in der Luft. Haruka mahnte die beiden Mädchen, insbesondere Junko, sich zu benehmen, als sie das große Foyer betraten, in dem die ersten Ausstellungsstücke zu sehen waren. Direkt in der Mitte des großen Saales stand ein aktuelles Model der Stadt, auf das Junko voller Begeisterung zu rannte. Mirâ folgte ihr langsam und verschaffte sich einen kurzen Überblick über das Model, auf dem sie sowohl ihre Schule, als auch die Einkaufsstraße, das neue Einkaufszentrum, den Shinzaro Schrein und das Sportforum erkennen konnte. Noch kurz betrachteten die drei das Model, ehe sich auf den Weg in den ersten Ausstellungsraum machten, in dem es laut Überschrift um die Entstehung Kagaminomachis ging.
 

Sobald sie den Raum betreten hatten fiel ihnen eine große Tafel, eingerahmt von Fotos archäologischer Funde und alten Schriftrollen, auf, die den Titel trug:
 

„Die ersten Siedler: Vom Tempel zum Dorf, vom Dorf zur Stadt“
 

Darunter lag die Kopie eines brüchigen Tempeldokuments. Die Schrift war bereits verblasst und kaum noch zu lesen, doch die Erläuterung daneben fasste sie gut zusammen:
 

„Erstmals erwähnt wurde Kagaminomachi in einem Dokument über die Errichtung zweier Tempel – des Shinzaro Schreins und des Tsukiyama Schreins. Beide wurden von Priestern aus Gyakuten-mura gegründet, einem alten Zweig des Samejima-Clans.“
 

Mirâ blinzelte überrascht. Samejima… Chisatos Familie also und offensichtlich stammte die Familie von Masaru von deren Familie ab. Also war es gar nicht so weit hergeholt, dass Chisato das Verhältnis der beiden wie Cousin und Cousine erklärte, selbst wenn das Verwandtschaftsverhältnis bereits mehrere Generationen vorüber ist. Es wirkte schon etwas wie Schicksal, dass sie diesem Namen nun begegnete, nachdem sie am Vortag noch mit Chisato gesprochen hatte. Ihre Augen wanderten weiter über den Text, der noch geschrieben stand und noch etwas mehr über die Geschichte der beiden Tempel preisgab:
 

„In der Frühzeit waren beide Schreibe eng miteinander verbunden. Sie teilten religiöse Pflichten, überlieferte Praktiken und eine gemeinsame Verwaltung, die auf einer engen Zusammenarbeit ihrer Gründerfamilien beruhte. Historische Hinweise deuten darauf hin, dass beide Schreine in spirituellen Fragen unterschiedliche Schwerpunkte hatten, sich aber stets ergänzten.“

„Der Shinzaro Schrein entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem bedeutsamen kulturellen Zentrum. Er galt als Ort des Schutzes, des Alltagssegens und des sozialen Zusammenhalts. Er war für die Menschen der damaligen Zeit ein Zufluchtsort bei Sorgen und Ängsten und gab so seelische Stabilität und Trost.“

„Der mittlerweile zerfallene Tsukiyama Schrein war in alten Zeiten für seine rituellen Praktiken bekannt, die sich mit innerer Einkehr und moralischer Läuterung beschäftigte.“
 

„Seelischer Beistand und rituelle Praktiken, um den Menschen ihre Ängste und Sorgen zu nehmen…“, ging Mirâ durch den Kopf. „Zwei Seiten der gleichen Medaille. Oder so ähnlich.“

„Schaut mal!“, holte sie Junkos Stimme aus den Gedanken.

Leicht erschrocken blickte Mirâ auf ihre kleine Schwester, die auf zwei Figuren deutete, die in traditioneller Priesterkleidung in einer Glasvitrine standen. Laut dem Schild darunter sollten sie die Gründerpriester beider Tempel darstellen. Zwischen ihnen stand ein alter, verwitterter Spiegelrahmen. Sein inneres war leer, als hätte das Glas darin nie existiert oder sei längst herausgebrochen. Etwas überrascht neigte die Violetthaarige den Kopf, denn einen Spiegel in der historischen Darstellung über eine Tempelgründung war dann doch etwas überraschend. Langsam trat sie näher und schaute sich alles genauer an.

Vor dem Rahmen lag eine kleine Tafel:
 

„Nach mündlicher Überlieferung beschäftigten sich die frühen Priester des Tsukiyama Schreins intensiv mit rituellen Spiegeln. Diese galten als Werkzeuge zur Selbstreflexion und Seelenprüfung.“
 

Das ergab dann doch irgendwie Sinn. Bei genauerer Betrachtung bemerkte Mirâ ein noch ein Schild, auf dem ein weiterer Text stand, allerdings wesentlich kleiner, als noch bei den Informationen. Beinahe so, als wollte das Museum sich selbst nicht allzu sehr darauf festlegen:
 

„Einige Legenden sprechen sogar von einem „Schatten im Spiegel“, doch Historiker gehen davon aus, dass es sich um symbolische Darstellungen menschlicher Ängste handelt.“
 

Ein Frösteln ging durch Mirâs Körper, als sie die Worte las, die sie mehr als nur deutlich an das Spiegelspiel erinnerten und das, was sie innerhalb der Spiegelwelt erlebt hatte und doch passte dieser Satz nicht ganz genau auf das alles. Denn in den Kämpfen gegen Hiroshis, Akanes und auch Shinas Shadow ging es nicht um deren Ängste, sondern viel mehr um deren innersten Gefühle.

„Vielleicht ist es auch nur Zufall“, “, dachte sich die junge Frau. „Vielleicht höre ich tatsächlich schon die Flöhe husten.“

Sie versuchte sich mit ihren eigenen Worten etwas zu beruhigen und dabei das ungute Gefühl in ihrem Inneren zu ignorieren, dass versuchte ihr etwas zu sagen.

„Mama schau mal“, holte Junkos Stimme sie aus ihren Gedanken. „Dort steht etwas zu einem alten Ritual.“

Mirâ hob den Blick und folgte damit dem Fingerzeig ihrer kleinen Schwester, der auf eine große Tafel gerichtet war, auf der ein alter Wandteppich befestigt war. Darauf war eine rituelle Szene abgebildet: Ein Priester der vor einem Spiegel kniete, umgeben von flackernden Kerzen.
 

„Solche Dartstellungen waren in den alten Tempeln immer wieder zu finden, doch welche Bedeutung diese Rituale hatten, sind weder überliefert, noch irgendwo dokumentiert.“
 

Mirâs Herz schlug schneller und das Gefühl in ihrem inneren wurde stärke. Und doch versuchte sie es weiterhin vehement zu ignorieren. Dabei erinnerten sie diese ganzen Darstellungen an genau das, worüber sie nicht so einfach sprechen konnte.

„Wirklich interessant. Nicht?“, hörte sie ihre Mutter neben sich sagen. „Die Stadt hat eine wirklich sehr alte Geschichte… und noch immer sind nicht alle seine Geheimnisse offenbart.“

Überrascht sah sie zu der Älteren, die jedoch bereits mit Junko an der Hand weitergegangen war. Dem unguten Gefühl, dass sie bisher belästigt hatte, folgte ein weiteres, denn erneut schienen die Worte ihrer Mutter wieder mehr zu enthalten, als sie wirklich gesagt hatte. Bereits seit einigen Tagen hatte Mirâ das Gefühl, dass Haruka ihr gegenüber etwas zu verheimlichen schien. Viele der Worte, die sie seit ihrem Umzug hierher an sie gerichtet hatte, enthielten offensichtlich etwas, dass ihr noch nicht ganz klar war. Um was genau es sich dabei handelte, konnte Mirâ noch nicht einmal erahnen, doch sie hatte das Gefühl, dass es wichtig war. Doch gleichzeitig hatte sie auch das Gefühl, dass sie ihre Mutter nicht – oder besser noch nicht – darauf ansprechen sollte.

„Mirâ? Kommst du?“, holte sie die Stimme von Haruka aus den Gedanken, woraufhin die Oberschülerin leicht erschrocken aufschaute und dann nickte, bevor sie den beiden Blauhaarigen folgte.
 

Der nächste Saal war gespickt mit alten schwarz-weiß Fotos und alten Gemälden, die Kagaminomachi zeigten, bevor es sich zu einer modernen Stadt entwickelt hatte. Eines dieser Bilder zeigte die beiden alten Schreine, die jeweils auf einer Anhöhe standen und durch einen Pfad verbunden waren, der durch einen unbesiedelten Wald führte. Trotzdem war es ein leichtes die Konturen der heutigen Einkaufsstraße zu erkennen, die zwischen den beiden Anhöhen verlief, auf denen der heutige Shinzaro Schrein und das neue Einkaufszentrum standen. Daneben befanden sich alte Luftaufnahmen, deren Qualität aufgrund des Alters zu wünschen übrigließen, auf denen man jedoch trotzdem relativ gut die beiden Tempel erkennen konnte, zwischen denen sich nun mehrere alte Gebäude befanden. Dabei waren nun erstmals die festen Konturen der heutigen Einkaufsstraße zu erkennen.

„Mama, schau mal. Dort wo der eine Tempel steht, dort steht doch das Einkaufszentrum…“, sagte Junko überrascht.

„Ja“, nickte Haruka und blickte wieder auf die einzelnen Fotos. „Der alte Tsukiyama Schrein wurde irgendwann verlassen und zerfiel zusehends. Deshalb musste er abgerissen werden.“

„Aaaaah“, kam es interessiert von der Grundschülerin.

Mirâ unterdessen hob skeptisch die Augenbraue und blickte zu ihrer Mutter, deren Blick auf die Glasscheibe vor sich gerichtet war. Etwas an Harukas Aussage machte die Oberschülerin skeptisch. Sie kam einfach viel zu schnell und präzise, so, als hätte sie diese Antwort gewusst und nicht nur abgelesen. Doch woher hätte ihre Mutter sie wissen sollen? Immerhin waren sie erst vor knapp einem Monat hierhergezogen. Oder war sie früher schon einmal hier gewesen? Als Kind vielleicht? Aber hätte ihre Mutter ihr das nicht irgendwann einmal erzählt? Wieder wurde das Gefühl, dass ihr Haruka etwas verheimlichte, in ihrem Inneren stärker, während sie die Blauhaarige anstarrte. Diese schien den Blick auf sich irgendwann zu bemerken und sah dann überrascht zu ihrer älteren Tochter. Die Überraschung blieb jedoch nur für einen Moment, dann lächelte sie, während sie auf vorsichtig auf die Vitrine vor sich zeigte. Nun war es an Mirâ irritiert zu schauen und dann dem Zeig mit ihrem Blick zu folgen, woraufhin sie mehrere alte Farbfotos erkannte, auf denen man den Zerfall des Tempels regelrecht mitverfolgen konnte. Dazwischen hing ein Schild mit genau der Information, die ihre Mutter an Junko weitergegeben hatte. Plötzlich war Mirâ ihr Auftreten von gerade eben peinlich und sie bekam ein schlechtes Gewissen, ihrer Mutter etwas unterstellt zu haben, was offensichtlich gar nicht stimmte. Wieso sollte sie ihr auch etwas verheimlichen? Das ergab doch gar keinen Sinn. Auch wenn sie dieser Gedanke etwas beruhigte, sorgte er nicht dafür, dass das merkwürdige Gefühl gänzlich verschwand. Da war noch immer ein kleiner Fleck in ihrem Inneren, der nicht Ruhe geben wollte, doch die Oberschülerin ignorierte ihn, weil er sie zu sehr verunsicherte.

„Wieso wurde der Schrein denn verlassen?“, fragte Junko neugierig nach und sorgte dafür, dass Mirâ sich nicht weiter darin verlor.

„Manchmal…“, begann die Ältere leise, „endet eine Tradition, weil die Menschen sie vergessen oder weil es niemanden mehr gibt, der diese Tradition fortführen will.“

Noch immer starrte Mirâ auf die Fotos des zerfallenen Tempels, denn je länger sie sie betrachtete, desto vertrauter wirkten sie auf sie. So, als hätte sie sie schon einmal gesehen. Sie schüttelte leicht den Kopf. Nein, das konnte nicht sein. Mit Sicherheit bildete sie sich das nur ein. Sowas wie ein Déjà-vu vielleicht, in dem man sich einbildete eine Situation schon einmal erlebt zu haben. Wahrscheinlich hatte sie früher einmal ähnliche Bilder eines alten Schreins gesehen, die sie nun auf diese projizierte. Anders konnte sie sich das Gefühl der Vertrautheit nicht erklären, weshalb sie den Gedanken erst einmal so akzeptierte und sich abwandte, um ihrer Mutter und Junko zu folgen, die bereits in den nächsten Raum gehen wollten.
 

Bevor sie den Raum verließ, blieb sie an einer letzten Tafel stehen, auf welcher etwas über alte Mythen von Kagaminomachi stand. Eine Illustration davon zeigte einen vollen, runden Mond und einen alten, kunstvoll verzierten Spiegel – der Grund, weshalb sie überhaupt vor der Tafel stehen geblieben war.
 

„Es gibt Erzählungen über ein Ritual, dass ‚Die Nacht des Mondes‘ betraf. Der genaue Name ging jedoch im Laufe der Generationen verloren, ebenso was es mit diesem Ritual und auf sich hat. Nur vereinzelte Darstellungen sind noch erhalten geblieben, geben jedoch keinen Aufschluss auf den Nutzen oder den Grund.“
 

Mirâ runzelte die Stirn: „Die Nacht des Mondes?“

Wenn man nur dem Namen nach ging und sich dabei das Bild betrachtete, dann kam man nicht drumherum an den Abend einer Vollmondnacht zu denken. Und dabei hatte sie das Gefühl, das genau diese Information für sie besonders wichtig war. Für einen Moment hatte sie den riesigen roten Vollmond in der Spiegelwelt im Kopf, doch verwarf diesen Gedanken wieder, da unmöglich diese Nacht gemeint sein konnte. Woher sollten die alten Priester auch von der Spiegelwelt gewusst haben? Trotzdem war da dieses Gefühl. Doch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, rief Junko bereits nach ihr, da sie in den nächsten Bereich wollte, wo Kinder ein interaktives Spiel ausprobieren konnten. Die Oberschülerin warf noch einen letzten Blick auf die Illustration und folgte dann, war mit ihren Gedanken aber wieder weit entfernt. Ein voller Mond. Spiegel. Und Rituale. Sie hatte das Gefühl irgendeinen Zusammenhang zu sehen, der ihr jedoch noch nicht klar war. Sie war sich aber irgendwie sicher, dass es wichtig für sie wäre. Wie wichtig jedoch, wusste sie noch nicht.
 

[ *Abend* ]
 

Der Abend hing erstaunlich lau über der Stadt, als Mirâ mit Akane und Hiroshi die Einkaufsstraße entlanglief und kurz darauf vor einer Treppe stehen blieben, die hinunter zu einer eher unscheinbaren Tür führte, obwohl es sich dabei um dunklen Stahl handelte, die mit einzelnen Stickern beklebt war. Trotzdem war der Ort, den sie gleich besuchen würden alles andere als unauffällig, denn das Leuchtende Schild darüber, das die Form einer Glasscherbe besaß und auf der in großen, geschwungenen, weiß leuchtenden Buchstaben Shâdo stand, war nicht zu übersehen. Durch die leicht angelehnte Tür drang ein dumpfer Bass, der versprach, dass es dahinter bereits mächtig abging.

Als Mirâ am Vormittag ihre Tasche für den Museumsbesuch gepackt hatte, waren ihr die drei Tickets wieder in die Hand gefallen, die ihr Shuichi nach ihrer ersten Schicht geschenkt hatte. Er meinte damals, dass sie sich den Trubel auch einmal als Gast anschauen sollte, um die Atmosphäre in dieser Location einmal richtig genießen zu können. Daraufhin hatte die junge Frau ihre beiden Freunde kontaktiert, ob sie denn Zeit und Lust hätten und so kam es nun, dass sie sich hier eingefunden hatten.

Neugierig sah sich Akane um: „Das ist also das Shâdo? Gehört habe ich ja schon viel davon, aber sonst… es erstaunt mich, dass hier Oberschüler reindürfen.“

„Liegt daran, dass die hier echt strenge Regeln haben“, erklärte Hiroshi ruhig. „Kein Alkohol für Minderjährige und striktes Rauchverbot, was aber auch mit dem Brandschutz zu tun hat. Zudem achten sie wirklich streng darauf, dass weder Gäste, noch Angestellte in irgendeiner Weise belästigt werden. Feiern ja, aber so, dass niemand sich unwohl fühlen muss. Wer sich nicht dran hält, fliegt sofort raus und hat danach lebenslanges Hausverbot. Die meinen das ernst.“

„Das klingt, als wärst du schonmal hier gewesen…“, merkte die Brünette neben ihm an.

Der junge Mann zuckte mit den Schultern: „Ein oder zweimal. Wenn mal ne Band gespielt hat, die mir zusagt…“

„Verstehe… und da dein Geschmack so ausgefallen ist…“, kam es daraufhin zurück.

„Was soll das denn heißen?“

„Na genau das, was ich gesagt habe.“

Mirâ schmunzelte bei dem vertrauten Schlagabtausch ihrer beiden Freunde, während sie in ihrer Tasche nach den Tickets suchte und dann auf die beklebte Tür zuging, um diese vorsichtig aufzustoßen. Daraufhin wurden sie von einer jungen Frau empfangen, deren dunkelbraune Haare an den Spitzen knallig Pink zuliefen. Einen Moment musterte sie die drei Neuankömmlinge, ehe sie Mirâ als ihre neue Kollegin erkannte und die kleine Gruppe daraufhin durchwinkte. Kurz darauf standen sie auch schon mitten im Getümmel, während auf der Bühne am anderen Ende des Saales eine Rockband ihr Konzert abspielte. Die Leute, die sich davor eingefunden hatten, tanzen wild zu den Klängen oder lauschten ihnen klatschend. Es war erstaunlich voll für einen Tag mitten in der Woche, auch wenn sie sich in der Golden Week befanden.

„Ist ja richtig stylisch hier“, hörte Mirâ Akanes Stimme neben sich, die lauter sprechen musste, um überhaupt gegen die Musik anzukommen.

Sie ging jedoch nicht weiter darauf ein, sondern schaute hinüber zu den Bereichen, wo die Tische standen. Im nächsten Moment hatte sie gefunden, wonach sie gesucht hatte, weshalb sie nach Akanes Hand und Hiroshis Arm griff, um die beiden zu einem freien Tisch zu ziehen, den sie entdeckt hatte und an dem sie sich niederlassen konnten.

„Hier arbeitest du also?“, fragte ihre Freundin plötzlich nach. „Wie kommst du mir der Lautstärke klar?“

„Man gewöhnt sich dran“, meinte Mirâ.

In diesem Moment machte die Band eine kurze Pause, sodass kurz etwas Ruhe einkehrte, die von Gejubel und Gemurmel unterbrochen wurde.

„Kommst du denn mit so ner Musik klar, Hiroshi?“, eckte Akane ihren Kumpel an, dessen Blick auf die Bühne gerichtet war. „Ist das für dich nicht zu soft?“

Überrascht blickte der Blonde seine Sandkastenfreundin an: „Geht schon mal.“

„Was hörst du denn sonst so für Musik, Hiroshi-kun?“, fragte die Violetthaarige nun nach, da sie nun doch neugierig auf den Musikgeschmack ihres Kumpels war.

Bevor der junge Mann jedoch antworten konnte, mischte sich bereits Akane wieder ein: „Man sieht es ihm nicht an, aber erst hört voll hartes Zeug. Vor allem westlichen Metal. Da fliegen einem echt die Ohren weg.“

„Ach quatsch… übertreib es nicht. So schlimm ist es nicht, aber es ist halt anders als das, was man sonst so im Radio hört…“, widersprach Hiroshi sofort, dem man ansah, dass es ihm etwas unangenehm war.

Bevor Mirâ jedoch etwas darauf erwidern konnte, schrak sie auf, als ein mit Gläsern vollgestelltes Tablet an ihr vorbeischwebte. Erschrocken wich sie etwas zurück, woraufhin auch der Kellner sich zu erschrecken schien und plötzlich stehen blieb.

„Sorry… oh…“, vor ihr stand nun Shuichi, der sie mit großen Augen überrascht ansah. Jedoch nur für einen kleinen Moment, denn dann grinste er plötzlich: „Mirâ-chan. Schön dich zu sehen. Du hast die Karten also genutzt. Das freut mich.“

Er stellte das Tablet einen Moment auf dem Tisch der drei ab und blickte freudig in die Runde: „Sind das deine Freunde?“

Mirâ nickte: „Ja. Danke für die Tickets. Das hier sind meine Freunde Akane und Hiroshi-kun.“

Der Ältere deutete eine Verbeugung an: „Freut mich sehr. Mein Name ist Takama Shuichi. Ich arbeite neben meinem Studium hier. Es freut mich, dass ihr es hierhergeschafft habt. Aber denkt bitte dran: Keinen Alkohol für Minderjährige. Wir checken das.“

„Das wissen wir“, lachte die Violetthaarige auf den strengen Gesichtsausdruck ihres Kollegen, der jedoch nicht wirklich so ernst wirkte, wie er wohl sollte.

Sofort kehrte das Lächeln auf dessen Gesicht zurück: „Schön. Dann amüsiert euch schön. Wenn was ist, ruft mich gerne. Ich muss erstmal wieder.“

Er hob das Tablet wieder an und verabschiedete sich fürs erste mit einem Nicken von den dreien, ehe er in Richtung Tresen verschwand. Im nächsten Moment erklang auch wieder laute Musik, die das normale Unterhalten unmöglich machte, doch das störte Mirâ nicht. Denn sie waren ja nicht hierhergekommen, um sich unterhalten, sondern um einfach mal dem Alltag und vor allem der Spiegelwelt ein wenig zu entfliehen.
 

[ *später Abend* ]
 

Schweigend liefen Mirâ und Hiroshi nebeneinander her. Es war stiller zwischen ihnen geworden, seit sie Akane verabschiedet hatten. Der Wind trug leise den noch immer vorherrschenden Lärm der Innenstadt zu ihnen hinüber, jedoch nur so leicht, dass man diesen nur noch erahnen konnte. Auch die Geräusche aus der Konzertbar lagen mittlerweile in weiter Ferne und schwangen nur noch als Erinnerungen mit ihnen mit. Ein kühler Wind zog durch die schmalen Gassen und ließ Mirâs dunkle Haare sanft pendeln.

„Die Luft wird langsam kühler“, meinte sie, während sie ihre Nase in den Wind hielt.

„Ist dir kalt?“, fragte Hiroshi sogleich nach, was die junge Frau etwas überrascht aufschauen ließ.

Dann schüttelte sie den Kopf: „Nein. Ich finde den Wind eigentlich ziemlich angenehm. Dagegen war es in der Bar dann doch ziemlich warm. Aber danke, dass du fragst.“

Sie schenkte ihm ein liebes Lächeln, welches er nur erwiderte, indem er sich am Hinterkopf kratzte und dann wieder auf den Weg vor sich blickte – in seiner Hoffnung, dass Mirâ nicht bemerken würde, dass er absichtlich den Sichtkontakt beendet hatte. Diese jedoch schien es nur als Anlass zu nehmen, ebenfalls wieder nach vorn zu schauen. Dann breitete sich wieder diese Stille zwischen ihnen aus. Keine peinliche, sondern eine von der Art, die nur zwischen Menschen entstand, die sich in der Nähe des anderen wohlfühlten. Ab und an warf der Blonde seiner Begleiterin einen Seitenblick zu, die diese jedoch nicht zu bemerken schien. Für sie war es einfach nur ein normaler, ruhiger Spaziergang mit einem guten Kumpel.

„Es war heute ein cooler Abend“, sagte er nach einer Weile. „Ich finde es irgendwie cool, dass du sowas magst… also Musik und Leute und so.“

„Die Stimmung war toll“, erklärte Mirâ daraufhin. „Außerdem höre ich ja selber auch gerne Musik.“

Sie machte eine kurze Pause, bevor sie sich ihm wieder zuwandte: „Es freut mich aber, dass du auch Spaß hattest. Wenn man davon ausging, dass es nicht ganz deine Musikrichtung war, wie Akane das sagte.“

Für einen Moment war Hiroshi irritiert, dann kratzte er sich erneut im Nacken und sah wieder vor sich auf die Straße: „Akane übertreibt. So extrem harte Musik höre ich gar nicht. Ab und zu vielleicht, aber nicht ständig…“

„Was ist das denn für Musik, die du so hörst?“, setzte seine Begleiterin mit einer Frage nach. „Akane sagte westlicher Metal. Mit sowas kenne ich mich gar nicht aus.“

„Naja… eigentlich höre ich am liebsten europäischen Metal und deutschen Alternativrock, das ist etwas härter, als das, was wir so kennen. Manchmal höre ich auch amerikanische Bands, wo die Musik etwas härter ist“, erklärte Hiroshi ohne direkt einige Bands zu nennen.

„Klingt interessant. Vielleicht kannst du mir mal was empfehlen“, lachte Mirâ und brachte den Blonden damit mächtig aus dem Konzept, da er offensichtlich nicht damit gerechnet hatte. „Was? Ich mag auch gerne Rockmusik. Vielleicht nicht ganz so hart, wie du, aber ehrlich gesagt kenne ich auch nicht wirklich westliche Musik. Aber in der Mittelschule hatte ich mal eine V-Kei Phase.“

„Nein echt?“, erneut wirkte Hiroshi überrascht. „Das kommt jetzt doch überraschend. Hast du dich auch so angezogen?“

Schnell schüttelte die Violetthaarige den Kopf: „Nein! Das wäre mir zu unangenehm gewesen. Aber… ich hab die Musik nur gerne gehört.“

Kurzes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, während Hiroshi seine Arme hinter dem Kopf verschränkte: „Wer hätte das gedacht. Dann… bringe ich dir nächstes Mal einfach mal einen USB-Stick mit Musik mit. Was hältst du davon?“

„Gerne“, freute sich die junge Frau über das Angebot und ein wenig stieg die Neugier darauf, um was für Musik es sich dabei handelte. „Ach… ist das auch der Grund, wieso du dich so sehr für Fremdsprachen interessierst?“

Wieder blickte Hiroshi sie überrascht an und nickte dann: „Ja, das auch. Ich wollte die Texte verstehen, deshalb habe ich angefangen intensiv Englisch und Deutsch zu lernen.“

Mirâ musste lachen: „Das heißt, du hast es wirklich nicht nur zum Fluchen gelernt.“

Ein Rotschimmer legte sich auf die Wangen des Blonden, den man zum Glück aufgrund der Dunkelheit nicht sehen konnte: „N-natürlich nicht. Das… war dann nur ein Nebeneffekt… hey… hör auf zu lachen…“

Die Violetthaarige jedoch konnte einfach nicht aufhören, wenn sie daran dachte, dass es bei ihrem letzten Gruppengespräch bei Junes beinahe so klang, als hätte ihr Kumpel die Sprache nur zum Fluchen gelernt. Natürlich war ihr damals schon bewusst gewesen, dass dem nicht so war, trotzdem empfand die diesen Gedanken in dem Moment einfach nur lustig. Sie hörte ein leises Schnauben neben sich, dass jedoch dann auch in ein leichtes Kichern überging, dass sich zu ihrem Lachen gesellte. So liefen sie die nächsten Meter lachend nebeneinander her, ehe Hiroshi etwas zu sehen schien, was seine Aufmerksamkeit auf sich zog und er kurz stehen blieb. Auch Mirâ blieb daraufhin stehen und erkannte, dass sie sich neben einem Konbini befanden.

„Können wir nochmal kurz hier rein? Ich würde mir gerne was zu trinken kaufen“, erklärte er daraufhin.

„Ja sicher. Ich warte hier“, lächelte die Violetthaarige.

„Sicher? Möchtest du auch etwas?“

„Lieb von dir, aber ich bin wunschlos glücklich.“

„Okay. Ich beeile mich“, damit war der Blonde im Inneren des kleinen Ladens verschwunden.

Mirâ lehnte sich gegen die kühle Wand des Gebäudes und ließ ihren Blick gen Nachthimmel schweifen, an welchem sie hier und da ein paar Sterne aufblitzen sah. Dabei fiel ihr nicht auf, dass sich ihr jemand von der Seite näherte.
 

„Heyyyy. Wen haben wir denn da?“, ließ sie einen Moment später eine männliche Stimme aufblicken.

Erschrocken wandte sie sich dieser zu und erkannte dann die drei jungen Männer, denen sie vor einigen Tagen die Meinung gesagt hatte, als diese eine Vase mit einer Blume an der großen Kreuzung umgestoßen hatten. Sofort lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken und sie bereute es, nicht gemeinsam mit Hiroshi in den Konbini gegangen zu sein.

„Du bist doch die Kleine, die uns letztens so dumm gekommen ist. Was machst du denn hier so alleine?“, fragte einer der drei und kam ihr bedrohlich nahe, wodurch ihr ein leichter Hauch von Alkohol entgegenwehte.

Schnell versuchte sie einen Schritt zur Seite zu machen, um so Abstand zu gewinnen, doch da tauchte zu ihrer Linken der dritte Junge auf, der ihr den Weg versperrte.

„Was soll das? Lasst mich“, versuchte sie so selbstbewusst wie möglich zu sagen, was jedoch in dieser Situation nicht ganz einfach war.

„Wir haben noch eine Rechnung mit dir offen, du kleines Biest. Immerhin hast du uns das letzte Mal den Spaß verdorben“, meinte derjenige direkt vor ihr und griff ihr Handgelenk. „Das heißt, du schuldest uns noch etwas Spaß.“

„Lass los!“, versuchte sie sich aus seinem Griff zu befreien. „Was ist so spaßig daran, den Besitz anderer und das Andenken an jemanden zu zerstören?“

„Das verstehst du nicht… aber wir hätten da noch andere Dinge, die dir bestimmt Spaß machen würden…“, meinte der Junge zu ihrer Rechten und sorgte erneut für einen unangenehmen Schauer auf ihrer Haut.

Wie konnten Jungen, die im gleichen Alter waren, wie sie, nur solche Arschlöcher werden? Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln, denn langsam bekam sie wirklich Angst und wollte nur noch weg hier. Sie hoffte, dass Hiroshi gleich wieder zurück sein würde und ihr helfen könnte, doch in diesem Moment schien die Zeit wie stehen geblieben.

„Hilfe!“, gingen ihr die Worte durch den Kopf, die sie nicht schaffte laut herauszuschreien.

Im nächsten Moment wurde der Junge vor ihr herumgerissen und ließ dabei ihr Handgelenkt los. Überrascht riss Mirâ die Augen auf und hatte bereits die erleichternde Hoffnung, dass Hiroshi ihr zu Hilfe gekommen war. Doch als sie aufschaute war es nicht der Blonde, der den Jungen herumgerissen hatte, sondern der schwarzhaarige junge Mann, der ihr auch das letzte Mal aus der Klemme geholfen hatte.

„Macht es euch so viel Spaß kleine Mädchen zu schikanieren?“, fragte er mit bösem Blick.

Breitschultrig hatte er sich vor den drei Jugendlichen aufgebaut, was die schwarze Lederjacke über seinen Schultern nur noch verstärkte und ihn damit noch etwas bedrohlicher wirken ließ.

„Ich beobachte schon eine ganze Weile euer Treiben hier. Die Polizei wird sicher interessieren, wer hier für die ganzen Sachbeschädigungen und Belästigungen verantwortlich ist. Bin mal gespannt, wie ihr Halbstarken das euren Eltern erklären wollt“, sagte er und hielt dabei sein Smartphone nach oben, auf welchem er bereits die Notrufnummer eingegeben hatte, den Daumen knapp über dem grünen Hörer schwebend, um jeden Moment die Durchwahl zu betätigen. Und es schien zu wirken, denn die drei Oberschüler ließen gänzlich von Mirâ ab und zogen sich mit eingezogenem Kopf zurück.

„Wenn ich euch hier nochmal erwische, dann mache ich ernst und rufe wirklich die Polizei, also macht, dass ihr Land gewinnt!“, drohte der Schwarzhaarige, als die drei Jugendlichen sich mit schnellen Schritten entfernten.

Dann wandte er sich wieder Mirâ zu, während er sein Handy wegsteckte: „Alles in Ordnung? Nanu! Du bist doch das Mädchen vom letzten Mal.“

„Ähm ja… d-danke für Ihre Hilfe“, bedankte sich die Violetthaarige, die noch einen Moment brauchte, um diesen Schock zu überwinden.

„Wieso stromerst du zu dieser späten Stunde hier alleine herum? Du müsstest in deinem Alter doch wissen, wie gefährlich das für eine junge Frau ist“, mahnte ihr Gegenüber.

Plötzlich fühlte sich Mirâ etwas schlecht, denn eigentlich hatte er ja Recht, und deshalb senkte sie betroffen den Blick.

Ihr Gegenüber schien dies zu bemerken und schnalzte mit der Zunge: „So… war das nicht gemeint. Ich bin eigentlich auch nicht in der Position, dir Vorwürfe zu machen. Du solltest nur besser auf dich aufpassen. Vor allem, wo du das letzte Mal schon an die Typen geraten bist.“

„Steht denn wieder eine neue Vase an der Stelle?“, fragte Mirâ nach, ohne weiter auf das aktuelle Thema einzugehen, da es für sie nun zweitrangig war, nachdem er die Situation vom letzten Mal angesprochen hatte.

Überrascht sah ihr Gegenüber sie deshalb an: „Du wurdest gerade von irgendwelchen Typen schwer belästigt und das wichtigste für dich ist, ob an der Stelle eine neue Vase steht? Du bist ja komisch.“

Erschrocken wich die Oberschülerin kurz zurück, doch schüttelte dann den Kopf: „Das mag sein. Aber diese Stelle muss für jemanden doch ein besonderer Ort sein, wenn er dort eine Vase aufstellt. Deshalb…“

„Du bist wirklich ein komisches Mädchen“, murmelte der junge Mann und räusperte sich dann auffällig. „Die Vase mit der Blume ist von mir. Ein mir wichtiger Mensch ist dort vor einem Jahr gestorben. Deshalb… danke ich dir, dass du dir so viele Gedanken darüber machst. Solche Menschen sind selten…“

Er wandte sich ab und ging auf ein Motorrad zu, welches etwas Abseits von ihnen stand: „Trotzdem solltest du dich wegen so etwas nicht unnötig in Gefahr bringen. Denk das nächste Mal bitte daran. Okay?“

„Ähm… o-okay“, stimmte Mirâ zu, ohne weiter darüber nachzudenken und beobachtete, wie sich ihr Gegenüber auf das Motorrad schwang. „W-warten Sie kurz. Darf ich fragen, wie Sie heißen?“

„Arata Mamoru… aber die meisten nennen mich Alec“, antwortete ihr Retter, während er das Gefährt startete. „Und du brauchst nicht so höflich sein.“

„Es freut mich Arata-san. Ich heiße Shingetsu Mirâ. Vielen Dank nochmal für… deine Hilfe!“, rief sie Alec zu, der sich den Helm aufsetzte und ihr einen Daumen nach oben zeigte, bevor er mit lautem Knattern davonführ.

Schweigend sah sie ihrer neuen Bekanntschaft nach, während sich in ihrem Inneren ein angenehm warmes Gefühl ausbreitete, dem der Klang eines Glöckchens und dann eine sanfte Stimme folgte:

"I am though... though Art I... du hast eine neue Bindung hergestellt... du sollst unseren Segen haben, wenn du dich entscheidest Personas der Einsiedler Arcana zu erschaffen..."

Der junge Mann Namens Arata Mamoru, der ihr vor einigen Tagen schon einmal geholfen hatte, war also ebenso ein Mensch, der mit ihrem Schicksal verbunden war. Und so fragte sich Mirâ, ob die Begegnungen, die sie in dieser Stadt bisher gemacht hatte, nicht alle in irgendeiner Weise damit in Verbindung standen und welche Auswirkungen dies alles auf sie und ihr Abendteuer haben würde.
 

„Mirâ ist alles in Ordnung?“, holte sie Hiroshis Stimme aus den Gedanken.

Erschrocken wandte sie sich dem Blonden zu, der ziemlich gehetzt wirkte. Offensichtlich hatte er den Tumult hier draußen doch mitbekommen und sich extra beeilt, um ihr zu Hilfe zu eilen. Dass diese nun nicht mehr von Nöten war, war erst einmal nebensächlich. Deshalb nickte sie lächelnd und wandte sich dann ab, während sie ihm sagte, dass sie ihm auf dem weiteren Weg alles erklären würde.
 

[ ??? ]
 

Der Velvet Room lag still in tiefer Dunkelheit, als ein helles Licht diese durchbrach und damit das starre Gesicht Igors erhellte, welches wie immer auf seinen überkreuzten Händen ruhte; die Augen geschlossen, als würde er schlafen. Das blaue warme Licht jedoch ließ ihn diese öffnen und auf den Stapel mit den noch nicht aufgedeckten Tarotkarten schauen. Ein breites Grinsen legte sich auf seine Lippen, da ihm bewusst war, dass sein Gast einen erneuten Bund geschlossen hatte. Dieses Mal keinen Außergewöhnlichen, wie noch kurz zuvor, doch trotzdem einer, der ihr auf ihrem weiteren Weg behilflich sein würde. Er löste eine Hand aus der Brücke, die er immer formte, ohne dabei seine sonstige Haltung zu ändern, und ließ sie über den Stapel schweben. Daraufhin löste sich die obere Karte, schwebte hinauf und vollzog eine kurze Drehung um ihre eigene Achse, sodass Igor auf das Bild blicken konnte. Sein Grinsen wurde noch breiter, während sich die Karte in den Kreis der Social Links legte und dabei preisgab, um welche Arcana es sich handelte: Der Eremit. Still platzierte sich das kleine Stück Karton auf dem Tisch, als wisse es genau, welche Position für ihn bestimmt war; einzig und allein begleitet von Igors hohem Kichern, dass sich kurz darauf in der tiefen Dunkelheit verlor, die den Raum wieder einnahm.
 

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XXXVII – The Measure of Kindness


 

*~* XXXVII – The Measure of Kindness *~*

[ ~Donnerstag, 07. Mai 2015~ ]

[ *früher Morgen* ]

[ Tsukimi Central Subway Station ]
 

Mit schnellen Schritten lief Mirâ die Stufen der U-Bahnstation hinunter; immer darauf bedacht auf dem nassen Boden nicht wegzurutschen und die Treppe hinunterzufallen. Sie hatte sich beeilen müssen, da sie aufgrund des plötzlich einsetzenden Regens verspätet von Zuhause losgekommen war. Ungefähr auf der Hälfte der Treppe hörte sie bereits die Bahnsteigdurchsage, welche die Einfahrt des Zuges ankündigte und legte deshalb noch einen kleinen Zahn zu, nur um gerade noch rechtzeitig die letzte Stufe zu erreichen, als die Bahn einfuhr. Um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden, schlüpfte sie direkt durch die erste Tür, welche sich für sie öffnete, und schlängelte sich dann durch die Menschenmassen zu dem Wagen, in welchem sie sich in der Regel immer mit Akane traf. Nach wenigen Minuten hatte sie es durch die ersten beiden Waggons geschafft, als ihr der blonde Haarschopf von Hiroshi in den Blick fiel. Der junge Mann stand alleine an seinem üblichen Platz in der Bahn, das Tragebändchen seines schwarzen Schirmes um sein Handgelenkt gebunden, während er in eben diese Hand sein Handy hielt, auf das er leicht besorgt starrte.

„Ohayou, Hiroshi-kun“, grüßte sie den jungen Mann, als sie endlich bei ihm angekommen war.

Überrascht sah dieser von seinem Smartphone auf: „Morgen.“

Er schaltete das Display aus und ließ das Gerät in seiner Jackentasche verschwinden; immer darauf bedacht, seine Sachen nicht mit seinem Schirm zu benetzen: „Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Gibt es einen Grund, dass du so spät kommst? Verschlafen?“

Seufzend schüttelte die Violetthaarige den Kopf und hielt ihren roten Schirm ein Stück in die Höhe: „Nein. Als ich losging, fing es plötzlich an zu regnen, weshalb ich nochmal zurückmusste, um meinen Schirm zu holen. Dadurch wurde es plötzlich knapp.“

Ihr Gegenüber schmunzelte leicht: „Dabei wurde doch schon seit Tagen Regen angekündigt.“

„Ich weiß. Hab da aber heute Morgen einfach nicht mehr dran gedacht“, meinte die Oberschülerin leicht beleidigt. „Ich bin ja auch nicht davon ausgegangen, dass es so plötzlich kommt.“

„Naja, aber immer noch besser, als wenn es jetzt erst angefangen hätte und du dann nass geworden wärst“, versuchte Hiroshi die Situation etwas zu lockern.

Mirâ seufzte schwer: „Auch wieder wahr.“

Sie sah sich um und bemerkte, dass die beiden Kumpels des Blonden heute gar nicht anwesend waren. Nun wurde ihr auch bewusst, weshalb es hier so ruhig war, denn eigentlich war zwischen den drei jungen Männern immer etwas Stimmung. Zwar versuchten sie, während der Fahrt in der U-Bahn nicht so laut zu sein, immerhin gehörte es zu den Benimmregeln sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu benehmen, aber trotzdem war es nie ganz leise. So jedoch fehlte dann doch irgendwie etwas.

Hiroshi bemerkte die Blicke der jungen Frau und begann gleich mit einer Erklärung: „Wenn du Kô und Nao suchst… Nao ist heute schon eher in die Schule gefahren, weil er etwas für seinen Club erledigen wollte. Und Kô… der hat wahrscheinlich einfach verpennt. Die ersten Tage nach den Ferien hat er immer immense Probleme aus dem Bett zu kommen.“

Er grinste leicht schief, was Mirâ ein kleines Lächeln auf die Lippen zauberte, ehe sie verstehend nickte. Dann wandte sie sich den Fenstern zu, durch welche sie beobachtete, wie die Bahn gerade in die nächste Station einfuhr, an welcher Akane zu ihnen stoßen sollte. Wenige Sekunden später kam das Fahrzeug zum Stehen und öffnete seine Türen, durch welche einige Fahrgäste ausstiegen, ehe die nächsten wieder einstiegen; darunter auch Akane, die sie mit einem breiten Grinsen begrüßte:

„Guten Morgen.“

Lächeln grüßten die anderen Beiden zurück, während sie beobachteten, wie auch die Brünette sich kurz umsah und offensichtlich nach den beiden Anhängseln Hiroshis Ausschau hielt. Mirâ wusste ja, dass sie mit einem der beiden nicht sonderlich gut auskam, weshalb es nicht verwunderlich war, dass sie beinahe unauffällig erleichtert aufatmete. Im Gegensatz zu ihr jedoch, erklärte Hiroshi dieses Mal nicht, wo die beiden sich aufhielten, was jedoch nicht schlimm war, da es die Brünette offensichtlich eh nicht interessierte. Stattdessen schien dem Blonden etwas einzufallen, denn er kramte plötzlich in seiner Hosentasche herum, was von Seiten Akanes jedoch nicht unkommentiert blieb. Gekonnt schaffte es der Blonde jedoch diesen zu ignorieren und holte nach kurzer Zeit einen kleinen schwarzen USB-Stick heraus, welchen die beiden Mädchen mit großen Augen ansahen.

„Ich hätte beinahe nicht mehr daran gedacht. Hier“, reichte Hiroshi der Violetthaarigen den kleinen Stick, die ihn noch immer etwas irritiert anblickte.

Auch Akane schien über diese Geste mehr als verwundert: „Hab ich etwas verpasst? Was wird das hier? Heimliche Übergabe von Geheimdokumenten?“

„Du schaust eindeutig zu viele Filme, Akane“, murrte ihr Sandkastenfreund und wandte sich dann wieder Mirâ zu. „Du wolltest doch mal in meine Musik reinhören. Ich hab dir ein bisschen was zusammengestellt.“

Kaum hatte der junge Mann dies erwähnt, erinnerte sich auch Mirâ wieder an das Gespräch von vor zwei Tagen, in dem sie sich über ihre Lieblingsmusik unterhalten hatten. Endlich verstehend nickte sie und griff nach dem schwarzen Stick in der Hand ihres Kumpels, den sie einen Moment betrachtete und dann erst einmal in ihrer Jackentasche verschwinden ließ.

„Danke dir, Hiroshi-kun. Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht mehr daran gedacht“, sagte sie daraufhin. „Ich werde auf jeden Fall mal reinhören. Vielleicht ist ja was für mich dabei.“

Mit dem Ellenbogen eckte Akane ihren Kumpel an: „Du hast ihr aber nicht dieses Gebrülle mit drauf gemacht. Oder?“

„Natürlich nicht. Ich hab schon drauf geachtet, dass es nicht zu hart ist“, verteidigte sich der Blonde.

Mirâ lachte daraufhin leicht: „Ach, darauf hättest du keine Rücksicht nehmen müssen. Ich hätte schon bescheid gesagt, wenn mich die Musik zu sehr traumatisiert.“

„Das hört sich ja so an, als wäre meine Musik total verstörend… was denkt ihr eigentlich von mir?“, fragte Hiroshi etwas betroffen, was die beiden Mädchen jedoch nur Auflachen ließ, weshalb er das nur mit einem tiefen Seufzen kommentierte.
 

[ *nach der Schule* ]
 

Noch immer prasselte der Regen unaufhörlich und gleichmäßig gegen die großen Fensterfronten der Schule und zog graue Schlieren über das Glas. Leise atmete Mirâ aus, während sie den Gang vom Lehrerzimmer zum Ausgang entlang schritt. Masa-sensei hatte sie länger aufgehalten als gedacht. Sie hatte ihr geholfen ein paar Unterlagen ins Sekretariat und dann ins Lehrerzimmer zu tragen. Als sie nun in das Foyer trat war dieses bereits deutlich leerer als sonst, doch fiel ihr hinter einem der Schuhschränke ein blonder Haarschopf auf, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie lief etwas schneller und erkannte kurz darauf Hiroshi, der gerade in seine braunen Lederschuhe schlüpfte.

„Hiroshi-kun?“, fragte sie vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken.

Trotzdem hielt er für einen Moment in seinem Tun inne, besann sich dann jedoch wieder auf das was er gerade getan hatte, und wandte sich ihr dann mit einem Lächeln zu:

„Oh Mirâ. Du bist noch da? Wartest du auf Akane? Sie hat doch noch Karate.“

Sie trat näher und schüttelte den Kopf: „Ich musste Masa-sensei noch helfen. Aber…“

Sie stoppte kurz und runzelte dann die Stirn: „Wolltest du nicht zum Fremdsprachenkurs?“

Ihr Gegenüber zog sich den zweiten Schuh über: „Das war der Plan. Aber Minezuki-sensei fühlte sich nicht gut und hat uns alle nach Hause geschickt.“

„Oh“, bekam Mirâ nur heraus.

„Tja… lässt sich nicht ändern“, murmelte der Blonde und zuckte dann mit den Schultern. „Dann heißt es wohl wieder etwas Selbststudium betreiben.“

Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und grinste sie frech an, was ihr ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Für einen Moment standen sie einfach da, begleitet vom gedämpften Geräusch des Regens und dem entfernten Klappern einer zufallenden Tür. Dann durchbrach ein lautes, scharfes Geräusch die Ruhe. Stimmen ertönten. Aufgeregt. Spöttisch und zu viel zu laut für das fast leere Schulgebäude.

Hiroshi hob den Blick: „Hast du das gehört?“

Die Violetthaarige nickte und folgte Hiroshi, welcher sich, ungeachtet davon, dass er bereits Straßenschuhe trug, wieder ins Innere des Foyers begab und in den Gang lief, der zu den meisten Kulturclubräumen führte. Kurz darauf tauchte vor ihnen eine kleine Gruppe männlicher Schüler auf, die einen weiteren, recht kleinen Jungen, in eine Ecke gedrängt hatten. Mit angespannten Schultern saß er auf dem Boden und lehnte an der Wand. Er hatte den Blick gesenkt, während die anderen über ihm standen, lachten und ihn mit Worten und Gesten bedrängten. Erschrocken über dieses Bild blieb Mirâ kurz stehen und überlegte einzugreifen. Dann jedoch stoppte sie plötzlich, als sie sich an eine ähnliche Situation vor einiger Zeit erinnerte, in der sie sich auch für etwas eingesetzt hatte und dann von gleichaltrigen bedrängt wurde, was auch Auswirkungen auf ein Zusammentreffen vor zwei Tagen hatte. Doch sie wollte die Situation garantiert nicht einfach so hinnehmen. Zudem war sie dieses Mal nicht alleine, weshalb sie all ihren Mut zusammennahm und eingreifen wollte. Bevor sie jedoch dazu kam war bereits Hiroshi dazwischen gegangen. Sie hatte noch gehört, wie er neben ihr mit seinen Zähnen geknirscht hatte, ehe er sich in Bewegung gesetzt hatte und dann auf die Gruppe zugelaufen war. Mit festem Griff packte er einen der Jungs an der Schulter und riss ihn zu sich herum, um ihn auf sich aufmerksam zu machen.

„Hey“, seine Stimme klang ruhiger, als seine Körperhaltung es vermuten ließ, aber trotzdem bestimmt. „Hört auf damit. Lasst ihn in Ruhe.“

Derjenige, den er an der Schulter gepackt hatte schüttelte seine Hand ab, während er das Gesicht verzog und so tat, als würde er zu einer Rockerbande gehören: „Was mischst du dich ein? Wir werden hier doch noch eine kleine Meinungsverschiedenheit klären dürfen.“

„Das sieht nicht nach einer Meinungsverschiedenheit aus“, trat Hiroshi etwas näher und richtete seinen Blick kurz auf den rotbraunhaarigen Erstklässler, der ziemlich verängstigt wirkte.

Dann wandte er sich wieder seinem Gegenüber zu: „Fühlt ihr euch besonders stark, weil ihr jemand schwächeren schikaniert? Fühlt ihr euch damit besser? Erhaben? Hä? Los raus mit der Sprache.“

„Alter, was ist dein Problem?“, fragte ein weiterer Junge. „Das ist nicht dein Problem hier…“

Mit scharfem Blick sah Hiroshi ihn an und ließ ihn damit zusammenzucken: „Das hier kann aber ganz schnell zu meinem Problem werden.“

Ein kurzer Moment der Spannung lag in der Luft, während sich Hiroshi und der eindeutig jüngere Schüler, der dem zu noch einen halben Kopf kleiner war, als sein Gegenüber, sich anstarrten. Die Luft war zum Greifen gespannt; so als würde sich noch etwas Schlimmeres anbahnen.

„Hey! Was ist hier los?“, hörten sie plötzlich die aufgebrachte Stimme eines Lehrers, welcher aus dem Foyer in den Gang hineinblickte.

Überrascht erkannte Mirâ daraufhin einige Meter von ihr entfernt Fudo-sensei, welcher alles andere als begeistert von dem Auflauf aussah.

„Wenn ihr keinen Club habt, dann seht zu das ihr Land gewinnt oder ich vergesse mich!“, schimpfte er, was Wirkung zu zeigen schien.

Denn der junge Mann, der den Rotbaunhaarigen bedroht hatte, schnaubte abfällig und wandte sich ab, so als hätte er das Interesse verloren: „Kche… lohnt sich nicht. Lasst uns gehen.“

Bevor er jedoch endgültig ging, wandte er sich noch einmal dem kleineren Schüler zu und warf ihm einen verächtlichen Blick zu, welcher eindeutig sagen sollte: Wir sind noch lange nicht fertig! Dann schlichen sie an Fudo-sensei vorbei und verschwanden in Richtung des Foyers. Der Lehrer blickte ihnen missmutig hinterher, richtete seinen Blick dann noch einmal auf die zurückgebliebenen und wandte sich dann ebenfalls ab, um wieder zu gehen. Keine Frage, was los war oder wie es dem kleineren Schüler ging. Nichts. Das hinterließ nicht nur bei Mirâ einen bitteren Beigeschmack, die dem Vertrauenslehrer nachblickte, der ja eigentlich für solche Fälle da sein sollte. Zwar war sie ihm dankbar, dass er sich eingemischt und damit die Truppe vertrieben hatte, jedoch war sie der Meinung, dass er sich danach um den jüngeren Schüler hätte kümmern müssen.

Dieser war verunsichert zurückgeblieben; sichtlich überfordert mit der Situation. Als sich Mirâ ihm zuwandte bemerkte sie, dass sie ihn schon mehrere Male gesehen hatte, und sie erinnerte sich, dass er immer in Gegenwart dieser drei Typen war, die sich gerade verkrümelt hatten. Ihr merkwürdiges Gefühl bei den Situationen, in denen sie ihn gesehen hatte, hatte sie also nicht getrübt. Das, was die Gruppe verband, war keine gewöhnliche Freundschaft, sondern ein System von Unterdrückern und Unterdrücktem. Jedenfalls war das ihre Auffassung der Situation. Sie blickte noch einmal in die Richtung, in welche die anderen Jungs verschwunden war; begleitet von dem Gefühl, dass dies erst der Anfang von etwas größerem war. Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, holte sie die Stimme von Hiroshi aus ihren Gedanken.

Dieser hatte ebenfalls dem Lehrer kurz nachgeschaut und dann verächtlich mit der Zunge geschnalzt, bevor er sich dem Jüngeren zugewandt und ihm eine helfende Hand gereicht hatte: „Alles klar, Kleiner?“

Einige Sekunden lang betrachtete der Rotbraunhaarige die ihm dargebotene Hand, doch schlug diese dann bestimmt beiseite, während er den Blick abwandte und sich dann erhob: „Es war nicht nötig, dass ihr euch eingemischt habt. Das war wirklich nur eine Meinungsverschiedenheit. Die hätten wir auch so geklärt bekommen.“

Ohne einen Dank zu äußern, schlängelte er sich an dem Blonden vorbei und lief ebenfalls in Richtung des Foyers, sodass die beiden Oberschüler zurückblieben. Verständnislos sah Mirâ ihm nach und fand sein Auftreten extrem unhöflich, immerhin hatte sich Hiroshi extra für ihn eingesetzt. Und wie eine einfache Meinungsverschiedenheit sah dies ganz und gar nicht aus. Viel mehr wirkte es so, als wollten die anderen ihn fertig machen. Deshalb hatte sie erwartete, dass er etwas dankbarer dem Blonden gegenüber sei, weil dieser ihm aus der Situation herausgeholfen hatte. Das er nun einfach ging, machte sie wütend. Ihr Kumpel jedoch sagte nichts dazu, sondern steckte nur seufzend seine Hände in die Hosentaschen, bevor er an ihr vorbeiging, um auch zurück zum Foyer zu gehen und dann die Schule zu verlassen.

„Ach Mist, ich hab schon die Straßenschuhe an… hoffentlich hat das Fudo-sensei nicht bemerkt… und es taucht kein anderer Lehrer aus…“, murmelte er nur beiläufig und blieb erst stehen, als er bemerkte, dass Mirâ nicht neben ihm war.

Fragend wandte er sich ihr zu: „Kommst du?“

Nun endlich zuckte die Violetthaarige aus ihren Gedanken und blickte den Blonden etwas irritiert an: „Stört dich das gar nicht? Ich meine, dass er sich nicht einmal bedankt hat. Immerhin hast du ihm geholfen.“

Für einen Moment wirkte Hiroshi überrascht, doch lächelte dann lieb: „Schon gut. Ich mach sowas nicht, weil ich Dank dafür haben möchte.“

Er zuckte mit den Schultern: „Ich kann sowas einfach nicht leiden. Menschen die andere mobben, unterdrücken und fertig machen, um sich selber wichtig zu tun, sind das Letzte. Und viel zu selten wird den Opfern Gehör geschenkt. Viel mehr wird ihnen noch die Schuld dafür gegeben. Wieso hast du dich nicht einfach gewehrt? Warum hast du das überhaupt mit dir machen lassen? Geh doch einfach aus der Situation heraus. Lass es dir nicht gefallen. Das sind nur einige der Sätze, die Opfer von Mobbing zu hören bekommen, weil ihre Probleme nicht ernst genommen werden. Und damit werden Täter geschützt. Aus diesem Grund mische ich mich lieber ein und versuche den Opfern zu helfen. Immer noch besser, als Däumchen zu drehen und darauf zu warten, dass etwas Schlimmes passiert. Meinst du nicht?“

Er grinste schief, auch wenn das Thema ziemlich ernst war, während Mirâ ihn verwundert ansah. Auch wenn er äußerlich versuchte so neutral wie möglich zu klingen, so schwang in seiner Stimme etwas mit, dass ihn tief in seinem Inneren zu bewegen schien und der Grund für sein Handeln war. Seine Worte schienen etwas verraten zu wollen, was sie selbst noch gar nicht in vollem Umfang greifen konnte. Doch sie fragte nicht tiefer nach, denn sie hatte das Gefühl, dass jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür war. Stattdessen lächelte sie und schloss zu ihm auf, während sie in ihrem Inneren das warme blaue Glühen verspürte, dass ihr verriet, dass sie trotz allem eine neue Seite des Blonden kennengelernt hatte und ihm damit etwas nähergekommen war.
 

Schweigend verließen sie kurz darauf das Schulgebäude, ihre Schirme über sich aufgespannt, damit sie nicht nass wurden. Laut prasselten der Regen auf den Stoff, während um sie herum nur eintöniges Rauschen zu vernehmen war. Sie hatten sich gerade einmal ein paar Schritte vom Eingangsbereich entfernt, als Mirâ erneut stehen blieb, weil ihr ein junger Mann ins Auge fiel, der nur wenige Meter von ihnen entfernt unter einem Baum stand. Es war Dai; ohne einen Schirm, der ihn schützen konnte. Auch der Baum bot nur bedingten Schutz, sodass seine Uniform bereits bis auf die Knochen durchnässt war. Trotz der Entfernung konnte die Violetthaarige ein leichtes Zittern bei ihm ausmachen. Er wirkte abwesend; sein Blick gen Boden gerichtet. Mit schnellen Schritten überbrückte die Zweitklässlerin die paar Meter zum Kapitän des Kyûdô-Clubs und hielt ihm schützend ihren Schirm über den Kopf; auch wenn ihr bewusst war, dass es eigentlich keinen wirklichen Sinn mehr machte. Trotzdem schien diese Geste etwas auszulösen, denn plötzlich zuckte der junge Mann zusammen und sah sie an; seine Augen getrübt.

„Kazuma-senpai ist alles in Ordnung?“, fragte sie vorsichtig nach. „Was stehst du hier im Regen? Wo ist denn dein Schirm? Hast du ihn vergessen? Du wirst dich noch erkälten…“

Ihr gegenüber schien einen Moment zu brauchen, um die ganzen Fragen zu verarbeiten, ehe er antwortete: „Das… stört mich nicht. Aber… danke, Shingetsu…“

Hiroshi, der bis eben noch etwas betreten Abstand gehalten hatte, trat nun an Mirâ heran und bedachte sie mit einem fragenden Blick, den sie jedoch nur mit einem Schulterzucken beantwortete.

„Sag mal, Shingetsu… hast du… hast du Masaru heute in der Schule gesehen? Oder bist du ihm die letzten Tage über den Weg gelaufen?“, fragte der Brünette unvermittelt.

Überrascht riss die junge Frau die Augen auf. Darum ging es also. Vor einigen Tagen hatten sie sich heftig gestritten und durch Zufall hatte sie diesen Streit mal wieder mitbekommen. Daraufhin wurde auch sie von Masaru sehr direkt abgewiesen. War der Streit zwischen den beiden etwa noch weiter eskaliert? Oder war er etwa…? Wieder meldete sich dieses beklemmende, unangenehme Gefühl in ihrem Magen, dass sie bereits seit einiger Zeit begleitete und immer schlimmer wurde, wenn sie die beiden jungen Mann hatte streiten sehen.

„N-nein“, antwortete sie deshalb leicht verunsichert. „W-was ist denn passiert?“

Doch anstatt einer Antwort, schwieg der Brünette nur und starrte wieder auf den durchnässten Boden vor sich. Die Zeit schien für einen Moment stehen zu bleiben, doch je länger diese Situation so anhielt, desto stärker wurde das Gefühl in ihrem Inneren, als wollte es sie gleich verschlingen.

„Hey Senpai, was ist los?“, hakte nun Hiroshi nach, als er die Stille nicht mehr aushielt.

Nun schien Dai endlich zu reagieren. Er zuckte kurz zusammen und schüttelte dann den Kopf. So, als wollte er den Gedanken, der ihm gerade kam wieder verdrängen.

„Masa… er ist seit drei Tagen verschwunden…“, sagte er schließlich und ließ Mirâ damit erschrocken zurückweichen, sodass der Ältere für einen Moment wieder im Regen stand.

Schnell hielt sie ihren Schirm jedoch wieder über ihn und wandte sich dann ihrem blonden Kumpel zu, mit dem sie einen Blick tauchte, der verriet, dass sie beide den gleichen Gedanken hatten. Sofort war ihnen die Spiegelwelt in den Sinn gekommen und dass diese für das Verschwinden des Schwarzhaarigen verantwortlich war. Dass es sich um einen Zufall handelte, war für sie beinahe ausgeschlossen, denn die Parallelen zu Akanes Fall waren einfach zu groß. Auch sie hatte sich zuvor mit Hiroshi gestritten und war dann verschwunden. Trotzdem hegte Mirâ noch die Hoffnung, dass es nicht so war, weshalb sie sich wieder an den Älteren wandte:

„Vielleicht… vielleicht ist er ja nur bei einem Bekannten untergetaucht, weil er etwas Ruhe brauchte…“

„Das dachten seine Eltern ja auch zuerst. Deshalb… haben sie auch gleich bei uns angerufen, immerhin kam Masaru immer zu mir, wenn er Stress mit seinen Eltern hatte. Aber… er war nicht bei mir. Wir hatten uns ja kurz vorher noch gestritten…“, erklärte Dai mit zittriger Stimme. „Er war auch nicht bei anderen Leuten, die uns bekannt waren. Und es ist eigentlich auch nicht seine Art, egal wie viel Stress er zuhause hatte. Außerdem… hat er alles zuhause gelassen. Sein Geld, sein Handy… einfach alles, was er bräuchte, um irgendwo unterzukommen. Wir haben überall gesucht, aber konnten ihn einfach nicht finden.“

Noch einmal tauschten die beiden Persona-user einen Blick und waren sich nun ganz sicher, dass dieses Verschwinden keine natürlichen Ursachen hatte. Dafür waren die letzten Fälle einfach zu ähnlich.

„Entschuldigt mich…“, wandte sich Dai plötzlich von Mirâ ab und setzte sich in Bewegung.

Mit schweren Schritten ging er über den langen Hof, dass er ohne Schirm im rauschenden Regen unterwegs war, schien ihn gar nicht zu stören. Für einen Moment hatte die Violetthaarige das Bedürfnis ihm zu folgen und ihm ihren Schirm anzubieten, doch blieb dann stehen. Wahrscheinlich würde er sie gar nicht mehr wirklich wahrnehmen, da seine Gedanken schon wieder weit weg waren. Stattdessen sah sie ihm nur besorgt nach. Das Gefühl in ihrem Magen verursachte mittlerweile stechende Übelkeit, die sie nur mit Mühe unterdrücken konnte.

„Da steckt doch bestimmt wieder diese merkwürdige Welt dahinter…“, hörte sie Hiroshi neben sich murmeln, worauf sie nur etwas abwesend nickte.

„Hiroshi-kun… würdest du mich zum Tempel begleiten?“, sprach sie den ersten Gedanken aus, den sie wieder fassen konnte.

Der Blonde jedoch hielt sie direkt zurück: „Lass das lieber.“

Fragend blickte sie auf und in das ernste Gesicht ihres Gegenübers, der sogleich den Grund nannte: „Wahrscheinlich wird dort jetzt die Polizei rumgeistern. Um meinen Onkel mache ich mir da weniger Gedanken, aber dieser andere Kommissar wird bestimmt auch dort sein. Vergiss nicht, dass seine Erinnerungen an den Vorfall mit Akane offensichtlich nicht gelöscht wurden. Wenn er uns dort sieht, wird er wieder verdacht schöpfen. Wir haben auch gar keinen Grund dorthin zu gehen. Im Gegensatz zu Akane, mit der wir beide befreundet sind, ist Shin-senpai für uns nur der stellvertretende Schulsprecher.“

Für einige Sekunden ließ die junge Frau seine Worte durch ihren Kopf gehen und seufzte dann, als ihr bewusst wurde, dass er vollkommen Recht hatte. Dort einfach aufzukreuzen und nach dem Älteren Schüler zu fragen würde nur verdächtig wirken. Trotzdem mussten sie irgendwie mehr herausfinden. Wenn sie einfach blind in die Welt hinter den Spiegeln gingen, würden sie sich nur unnütz in Gefahr bringen. Sie brauchten einen Plan.

„Wir… ich muss versuchen Mika zu erreichen“, sagte die junge Frau plötzlich. „Sie tauchte vor einiger Zeit in meinem Spiegel auf. Vielleicht kann ich darüber mit ihr Kontakt aufnehmen und sie kann mir mehr darüber sagen.“

Der Blonde wirkte für einen Moment irritiert, doch nickte dann: „Gut. Lass uns auch Akane benachrichtigen, damit wir uns morgen einen Schlachtplan aufstellen können.“

Mirâ nickte, womit der vorläufige Plan feststand. Während sie anschließend gemeinsam den Weg zur U-Bahn einschlugen, breitete sich eine drückende Stille zwischen ihnen aus, die den Regen um sie herum noch lauter wirken ließ, als zuvor.
 

[[ Team ]]
 

⌠ 16:45

Es scheint, dass Shin-senpai ein Opfer der Spiegelwelt geworden ist.
 

Akane 18:05

Wie? Der stellvertretende Schülersprecher? O_o

Bist du dir sicher?
 

⌠ 18:10

Sicher bin ich mir noch nicht und Mika-chan habe ich noch nicht erreicht aber…
 

Hiroshi-kun 18:12

Die Parallelen sind einfach zu krass…
 

Akane 18:15

Woher habt ihr das dann?
 

⌠ 18:20

Kazuma-senpai hat uns heute erzählt, dass Shin-senpai verschwunden ist.
 

Akane 18:22

Oh Mist… und nun?
 

Hiroshi-kun 18:23

Warten wir ab, ob Mirâ Mika erreicht… dann sehen wir weiter…

Mirâ, melde dich bitte, falls du Mika erreichen konntest.
 

⌠ 18:27

Mach ich
 

[ *Abend* ]
 

Seufzend legte Mirâ ihr Handy beiseite, lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und wandte sich dann ihrem Wandspiegel zu, der die dämmrige Einrichtung ihres Zimmers wiedergab. Mehrmals hatte sie versucht Mika zu rufen, doch es hatte nichts genützt. Anscheinend war sie nur über diesen Spiegel erreichbar, wenn sie sich in ihrem Safeplace befand oder aber nur dann, wenn sie selbst es so wollte. So hingen sie noch immer in der Schwebe und waren sich nicht sicher, ob Masarus Verschwinden wirklich etwas mit der Spiegelwelt zu tun hatte. Die Parallelen zu Akanes Fall waren wirklich nicht zu übersehen, doch trotzdem war es ja immer noch möglich, dass der junge Mann auf natürliche Weise verschwunden war – was die Sache nicht unbedingt besser machte, dass wusste Mirâ. Trotzdem wäre ihr lieber, wenn ihr Gefühl sie trübte und er sich nicht in der Welt hinter den Spiegel aufhielt. Nach den Kämpfen gegen Hiroshis, Akanes und Shinas Shadow hatte sie vorerst eigentlich genug von dieser Welt. Auch wenn sie Mika versprochen hatte ihr zu helfen, so war sie doch froh, wenn sie nicht in hinüber gehen musste. Aus diesem Grund klammerte sie sich noch immer an das kleine Fünkchen Hoffnung, dass sich alles auf natürliche Weise aufklären ließe, dass Masaru einfach nur eine Auszeit genommen hatte und vielleicht bei anderen Freunden, Verwandten oder Bekannten untergekommen war, von denen Dai noch nichts wusste, oder dass er einfach in den nächsten Tagen wieder auftauchen würde, als sei nichts gewesen. Doch all ihre Hoffnungen wurden mit einem Male zerschmettert, als sie eine Silhouette in ihrem Augenwinkel erkannte, die sich in ihrem Spiegel befand. Schnell wandte sie sich dem kleinen Mädchen zu, das ziemlich außer Atem wirkte und sie ernst ansah:

„Da ist wieder jemand.“

In diesem Moment verschwand jegliche Farbe aus Mirâs Gesicht, sodass sie in ihrem halbdunklen Zimmer beinahe wie ein Geist wirkte. Geschlagen und unter den fragenden Blick der Blauhaarigen griff sie wieder nach ihrem roten Smartphone und tippte eine kurze Nachricht, bevor sie sich Mika gänzlich zuwandte.
 

[[ Team ]]
 

⌠ 18:59

Unsere Vermutung war richtig. Mika ist gerade aufgetaucht und sagte, dass jemand drüben ist.
 

Akane 19:05

Urgh nein!
 

Hiroshi-kun 19:07

Den Rest sollten wir morgen besprechen…
 

~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
 

XXXVIII – Before the Descent


 

*~* XXXVIII – Before the Descent *~*

[ ~Freitag, 08. Mai 2015~ ]

[ *nach der Schule* ]
 

„Herzlich Willkommen“, wurden Mirâ und Akane begrüßt, als sie das Café Lune im Einkaufszentrum betraten. Sofort stieg ihnen ein angenehmer Geruch von Kaffee in die Nase, während sie gemächlich durch das Lokal schlenderten und sich wieder einen Tisch etwas abseits des Trubels suchten, um sich dort niederzulassen. Dabei bemerkten sie leider auch die fragenden Blicke der Angestellten, die sich wunderten, denn an diesem Nachmittag war das Café alles andere als voll, sodass es noch mehr als genug Plätze im vorderen Bereich gab. Dort jedoch war es den beiden Schülerinnen immer noch zu geschäftig, weshalb die Gefahr bestand, dass sie dort belauscht werden könnten. Aus diesem Grund ließen sie sich von den Blicken der Kellner nicht aus der Ruhe bringen und setzten sich an den kleinen runden Tisch. Nur wenige Sekunden später stand auch bereits eine der Kellnerinnen neben ihnen und nahm ihre Bestellung entgegen.

„Oh man“, murrte Akane, als diese gegangen war. „Nervt mich immer noch, dass Hiroshi seinen Club vorzieht. Als gäbe es nichts wichtigeres…“

Sie hatte sich bereits fast den ganzen Weg über darüber beschwert, dass der Blonde seinen Club hatte ausgerechnet heute nicht einmal sausen lassen. Immerhin wollten sie besprechen, wie es nun weitergehen sollte, nachdem Mirâ und er erfahren hatten, dass Masaru verschwunden war. Der ursprüngliche Plan war es gewesen, in der Mittagspause darüber zu sprechen, doch leider war durch den Regen der letzten Tage sowohl der Hof, als auch das Dach der Schule, noch so nass gewesen, dass es keine Möglichkeit gegeben hätte sich in irgendeine ruhige Ecke zurückzuziehen, da sich die meisten Schüler deshalb innerhalb des Gebäudes aufgehalten hatten. So hatten sie entschiede nach der Schule ins Café zu gehen und dort in Ruhe zu sprechen, doch Hirsoshi hatte gleich betont, dass er nachkommen würde, da er seinen Club nicht ausfallen lassen konnte und wollte. Er hatte erklärt, dass sie gerade mitten in den Vorbereitungen für die nächsten Spiele standen und er seine Position als Stammspieler nicht verlieren wollte, der vor allem mit der regelmäßigen Teilnahme einherging. Doch genau das war es, was die Brünette so aufregte.

„Er hat doch erklärt, dass seine Stammstelle damit in Gefahr wäre. Ich kann es schon irgendwie verstehen“, versuchte Mirâ die Situation zu beschwichtigen. „Außerdem kommen wir doch eh erst spät abends rüber. Also läuft uns das jetzt auch nicht weg.“

„Nimm ihn nur in Schutz“, murmelte die Brünette leicht beleidigt, woraufhin ihre Freundin jedoch nur leicht lächelte.

Sie wusste ja, wie Akane es meinte. Und sie konnte schon irgendwie beide Seiten verstehen. Auch sie wollte eigentlich so schnell wie möglich alles abklären und dann hinübergehen, um Masaru zu retten. Doch wäre sie an Hiroshis Stelle, würde sie auch nicht anders reagieren. Zudem war es nicht gelogen, dass sie eh nicht eher hinüberkonnten. Zwar hatte sie noch nicht probiert, ob es auch bei Tageslicht funktionieren würde, doch aktuell war der Menschenauflauf rund um das Einkaufszentrum noch viel zu hoch, sodass sie auffallen würden. Sie mussten sich also gedulden. Eine Bewegung neben ihr ließ sie aufblicken und auf die Kellnerin schauen, die ihnen ihre Getränke und jeweils ein Stück Kuchen brachte, welches Akanes Laune wieder merkbar hob. Diese hatte spontan entschieden sich etwas Süßes zu bestellen und es einfach ohne Hiroshi zu essen, wenn dieser sich schon abschangelte. Mit einem Schmunzeln hatte die Violetthaarige dies zur Kenntnis genommen und sich ebenfalls etwas bringen lassen, auch wenn sie sich denken konnte, dass es den Blonden weit weniger traf, als es sich ihre brünette Freundin wünschte. So breitete sich kurz Stille aus, nachdem die Bedienung wieder verschwunden war, während die beiden Schülerinnen ihr Kleingebäck genossen.

„Wie kam es eigentlich, dass ihr beide von dem Verschwinden erfahren habt?“, fragte Akane nach einer Weile, während sie nach ihrem Kakao griff.

„Ich habe Hiroshi-kun gestern zufällig im Foyer getroffen, weil sein Club ausgefallen war. Als wir dann gemeinsam gegangen sind haben wir Kazuma-senpai getroffen“, antwortete Mirâ und bekam darauf als Antwort ein verstehendes Nicken.

Die Erinnerungen an den vergangenen Nachmittag kehrten zurück, woraufhin die Szene mit dem jüngeren Schüler auftauchten. Noch immer fand sie es schockierend, dass der einfach gegangen war, ohne sich zu bedanken und so tat, als wäre das ganze nur eine kleine Bagatelle gewesen. Wieso hatte er sich nicht einfach gewehrt und ließ das mit sich machen? Mit Sicherheit war es nicht das erste Mal gewesen, dass er so behandelt wurde.

„Mirâ?“, holte sie die Stimme ihrer Freundin aus den Gedanken. „Alles in Ordnung?“

„J-ja“, nickte Angesprochene schnell. „Ich hab nur gerade an gestern gedacht. Bevor wir Kazuma-senpai getroffen hatten, da… haben wir mitbekommen, wie ein jüngerer Schüler von anderen Jungs bedrängt wurde. Er wirkte im ersten Moment total verängstigt, aber nachdem sich Hiroshi-kun eingemischt und die anderen verjagt hatte, wurde er plötzlich regelrecht patzig und ging, ohne sich zu bedanken.“

„Manche Menschen sind leider so undankbar…“, murmelte Akane.

„Ja mag sein. Aber trotzdem…“, seufzte die Violetthaarige und lächelte dann. „Aber Hiroshi-kuns Eingreifen fand ich echt cool. Er war wütend, blieb aber äußerlich total cool und ruhig und hat die anderen nur mit Worten verjagt. So ein selbstsicheres Auftreten finde ich wirklich toll. Hm?“

Fragend sah sie ihre Freundin an, die sie mit großen Augen bedachte und wunderte sich über diese Reaktion. Immerhin wirkte Hiroshi auch so recht selbstbewusst und es war nicht das erste Mal, dass er irgendwo dazwischen gegangen war. Auch bei Shina hätte er sich wohl eingemischt, wenn diese die Situation damals nicht selbst so souverän gelöst hätte; unabhängig davon, dass es sich dabei um seine Cousine handelte. Wieso Akane also nun so überrascht wirkte, konnte sich die Violetthaarige nicht so richtig erklären. Ihr Gegenüber schien einen Moment später jedoch ihr leichtes Unbehagen zu spüren, denn sie räusperte sich leicht und seufzte dann.

„Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe. Ich bin nur überrascht, dass Hiroshi sich so souverän einmischt“, erklärte sie dann. „Also… ich weiß ja, dass er schon häufiger mit anderen gesprochen hat, wenn sie vorher einen Disput mit ihren Mitschülern hatten, aber…“

Sie machte eine kurze Pause und seufzte dann erneut: „Es ist für mich noch immer ungewohnt, wie sehr er sich verändert hat. Nicht nur äußerlich. Weißt du, bis zur Mittelschule war er… eher zurückhaltend und schüchtern, hat sich ständig hinter mir versteckt, wenn er Probleme hatte. Bitte versteh das nicht falsch, es hat mich nicht gestört oder so, aber damals hätte ich mir gewünscht, wenn er etwas selbstsicherer gewesen wäre. Andererseits war er deshalb wie ein kleiner Bruder für mich, den man ständig beschützen musste, was ich dann doch etwas süß fand. Und ich bin ehrlich… seit wir uns wieder vertragen, fällt es mir wirklich unglaublich schwer, mich bei ihm nicht einzumischen oder ihm reinzureden. Ich halte mich zurück, weil ich merke, dass er alleine klarkommt, aber es ist doch irgendwie ungewohnt plötzlich nicht mehr vom ihm gebraucht zu werden.“

Während sie erzählte, hatte sich ein kleines Lächeln auf ihren Lippen gebildet, mit dem sie auf die Tasse zwischen ihren Händen starrte. Dann jedoch schien ihr erst so richtig bewusst zu werden, was sie da gerade gesagt hatte, weshalb sie schnell aufblickte und etwas verschmitzt lachte.

„Das klingt komisch. Oder? So als wollte ich, dass er von mir abhängig ist… also…“, sie kam ins Stocken, da sie offensichtlich selbst nicht wusste, wie sie aus der Situation wieder herauskam.

Mirâ jedoch nahm es so hin und legte ihr, ebenfalls mit einem Lächeln auf den Lippen, ihre Hand sanft auf den Arm, um ihr verstehen zu geben, dass es okay sei und sie doch irgendwie verstand, was sie sagen wollte. Bei dem, was ihre Freundin ihr erzählt hatte, musste sie erneut feststellen, dass diese nicht nur ein großes Herz für Tiere hatte, sondern dass auch Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe ihr sehr am Herzen lagen. Sie wollte diese Menschen beschützen und stellte sie deshalb an erste Stelle. Mit großen grünen Augen sah Akane sie erst etwas überrascht an, doch lächelte dann ebenfalls, was ein angenehmes, blaues Glühen in Mirâs Brust entfachte, dass ihr verriet, dass sie auch ihrer Freundin wieder ein Stück nähergekommen war.
 

„Da bin ich“, erklang Hiroshis Stimme und ließ die beiden Mädchen aufblicken. „Entschuldigt, dass ihr warten musstet.“

Seufzend ließ sich der Blonde neben ihnen nieder und lehnte sich erst mal zurück. Er wirkte leicht gehetzt. Offensichtlich hatte er sich nach dem Training beeilt, um sie nicht länger als nötig warten zu lassen. Akanes Sorgen, dass er sein Training wichtiger nahm, als jemanden aus der Spiegelwelt zu befreien, waren also unbegründet gewesen. Ein kleines Lächeln bildete sich auf den Lippen der Violetthaarigen, da es ja mittlerweile irgendwie normal gewesen war, dass die beiden sich auf ihre Weise etwas dissten, wenn der jeweils andere nicht anwesend war. Wobei es sich nicht nur darauf beschränkte. So war es auch nicht verwunderlich, dass die beiden bereits wieder damit beschäftigt waren, nachdem Hiroshi gefragt hatte, ob er etwas verpasst hatte.

„Nein“, hatte Akane geantwortet, während sie ihren Kopf auf ihrer Hand abstützte. „Du hast nur gerade unser fröhliches Beisammensein gestört, in dem wir über dich gesprochen haben.“

„Über mich?“, er wirkte einen Moment betroffen, doch grinste dann schief. „Ich hoffe nur Gutes.“

Auch auf dem Gesicht der Brünetten bildete sich ein breites Grinsen, dass jedoch leicht bösartig wirkte: „Ich hab Mirâ erzählt, wie anhänglich du als Kind warst.“

Für einen Moment erstarrte der Blonde, während sein Gesicht sich leicht rot verfärbte. Dann murrte er leicht und ging in den Angriffsmodus.

„Anhänglicher Schutzsuchender“, korrigierte er anschließend grinsend.

Die Brünette schnaubte: „Du bist mir beinahe in den Ärmel gekrochen, so sehr hast du an mir geklettet.“

„Du wärst ja sonst außer Reichweite gewesen. Immerhin warst du immer Schneller als die anderen“, entgegnete er ohne Zögern. „Aber du hast mich auch nie zurückgelassen.“

Er sagte dies leicht, fast beiläufig, als wäre es nur eine weitere neckische Äußerung, doch Mirâ hatte für einen Moment das Gefühl, dass seine Stimme etwas ernster klang, was jedoch sofort wieder verschwand.

„Außerdem“, setzte er schnell nach, „irgendwer musste ja dafür sorgen, dass du nicht ständig Ärger bekommst, wenn du dich mit den anderen angelegt hast.“

„Ach ja? Für wen hab ich mich denn mit denen angelegt?“, stellte Akane klar.

„Siehste“, das breite Grinsen in Hiroshis Gesicht wurde breiter. „Das nannte sich Teamarbeit.“

„Urgh“, entgegnete die Brünette nur, während sie ihren Kopf in den Nacken warf und ihre Hand gegen die Stirn klatschte. „Du machst mich fertig.“

Nun war es der junge Mann, der seinen Kopf auf seiner Hand abstützte und seine Sandkastenfreundin mit einem lieben Lächeln ansah: „Ich weiß.“

Mirâ hatte diese kleine Neckerei zwischen den beiden still verfolgt, konnte sich jedoch nun nicht mehr zurückhalten und fing deshalb an zu lachen. Das Hin und Her der beiden war einfach zu komisch, wie sie fand, und mittlerweile würde sie es wohl vermissen, wenn es nicht mehr so wäre. Ihre beiden Freunde, dich sich bis eben noch einen Schlagabtausch geleistet hatten, sahen sie nun fragend an, tauschten dann einen Blick und stimmten dann in das Lachen mit ein, das erst unterbrochen wurde, als Hiroshis Bestellung gebracht wurde.
 

„Kommen wir lieber zum Thema“, sagte der Blonde, nachdem die Kellnerin gegangen war.

In diesem Moment schwenkte die Stimmung und fühlte sich etwas bedrückter an, als noch einige Minuten zuvor.

„Du hast Recht“, stimmte Akane zu und wandte sich dann an Mirâ. „Was genau hat Mika-chan gestern gesagt? Ist es wirklich Shin-senpai?“

„Wer genau sich drüben befindet konnte sie mir nicht sagen. Sie hat ja schonmal erklärt, dass sie nur spürt, wenn jemand hinüberkommt, aber nicht um wen es sich dabei handelt. Jedoch sprechen einige Dinge dafür“, erklärte die Violetthaarige. „Zum Beispiel war Mika zum Tempel gegangen. Dort scheint sich die Atmosphäre verändert zu haben. Auch die Shadows drüben verhalten sich wieder anders.“

„Sie ist doch hoffentlich nicht hinein gegangen“, fiel ihr Hiroshi ins Wort, doch Mirâ schüttelte den Kopf, bevor sie weitersprach: „Nein. Sie meinte, dass sie nur bis zur Treppe gegangen ist. Alleine von dort hatte sie schon gespürt, dass etwas anders war. Wer sonst außer Shin-senpai sollte dort sein, wenn er sich dort im Tempel aufhält?“

„Da ist was dran…“, Akane lehnte sich zurück und blickte einige Sekunden nachdenklich auf ihre fast leere Tasse.

„Wir sollten so schnell wie möglich aktiv werden“, warf die Violetthaarige ein, woraufhin ihre Freunde sie besorgt ansahen.

Hiroshi seufzte: „Ich stimme dir zu, aber… wir sollten nicht unvorbereitet hinübergehen.“

„Du bist gut. Vorbereitung ist gut, aber wie hast du dir das vorgestellt? Als würden wir hier einfach mal Heilmittel oder sowas herbekommen…“, murrte Akane, was den Blonden etwas abfällig schnauben ließ.

„Als wüsste ich das nicht selbst…“

Schweigen breitete sich aus, während jeder der drei seinen Gedanken nachhing. Die Spiegelwelt war gefährlich und die Wunden, die sie davontrugen waren echt. Selbst wenn Mirâ und Hiroshi in der Lage waren diese mit ihren Personas ein wenig zu heilen, so blieben trotzdem noch schmerzhafte Reste übrig, vor allem je länger sich die Rettungsaktion zog, denn jede Heilung über ihre Personas verbrauchte Energie, die sie eigentlich dringen brauchten. Zwar hatten sie in ihrem Inventar noch einige Heilmittel, die sie bei ihrem letzten Besuch zufällig gefunden hatten, doch wie lange diese reichen würden war fraglich. Doch genau diese Mittel gab es natürlich nicht in ihrer Welt.

„Die Drogerie…“, sprach Hiroshi plötzlich seinen Gedanken laut aus und ließ die beiden jungen Frauen aufblicken.

„Wie?“, fragte Akane nach.

„Lasst uns in der Drogerie einige Dinge besorgen… Verbandszeug, Desinfektionsmittel, Pflaster… vielleicht auch ein paar Elektrolyte und etwas Traubenzucker“, zählte er schließlich auf.

„Du willst mit Pflastern und Traubenzucker gegen Shadows kämpfen?“, seine brünette Freundin schien alles andere als überzeug.

Auch Mirâ war sich nicht sicher, ob das was bringen würde. Allgemein war nicht klar welche Auswirkungen Dinge aus ihrer Welt auf die hinter den Spiegeln haben würde und ob dies überhaupt der Fall war. Andererseits fiel ihr selbst auch nichts Besseres ein.

„Hast du eine bessere Idee?“, schoss der Blonde sofort nach.

Erschrocken blickte die Violetthaarige auf und zwischen ihren Freunden hin und her, die sich beide scharf ansahen. Für einen Moment wirkte die Luft zwischen ihnen extrem angespannt, weshalb Mirâ sich entschloss zu handeln und einzugreifen, bevor das ganze noch eskalierte.

„Einen Versuch ist es wert“, warf sie ein und hatte damit die Aufmerksamkeit ihrer Freunde auf sich gerichtet. „Mehr als ausprobieren können wir es nicht. Und es ist besser als vollkommen unvorbereitet hinüber zu gehen.“

Akane seufzte und lehnte sich wieder zurück. Dabei war ihr anzumerken, dass sie immer noch nicht überzeugt war. Trotzdem stimmte sie zu: „Na gut. Was Besseres fällt mir auch nicht ein. Also gehen wir als nächstes in die Drogerie, danach nach Hause und dann treffen wir uns heute Abend am üblichen Ort?“

Fragend blickte sie zu ihren beiden Teamkameraden, die kurz einen Blick tauschten und dann nickten. Damit war es beschlossen. Mirâ spürte, wie sich die Anspannung in ihrer Brust etwas löste, obwohl sie genau wusste, dass das schwerste doch noch vor ihnen lag. Sie war sich sicher, dass es ihnen die Spiegelwelt nicht einfach machen würde, doch ihr Entschluss stand felsenfest. Egal was kommen würde, sie würden den älteren Schüler da herausholen. Hiroshi griff schließlich nach seiner Tasse und trank den Rest seines Kaffees, als wolle er damit einen Punkt setzen. Akane tat es ihm gleich und wirkte dabei nun entschlossener, als noch einige Minuten zuvor.

„Dann lasst uns keine Zeit verlieren“, sagte sie schließlich. „Je schneller wir fertig sind, umso besser.“

Mirâ nickte und erhob sich ebenfalls. Als sie ihre Tasche griff wanderte ihr Blick kurz durch die großen Fenster hinaus ins Freie. Die Sonne stand mittlerweile etwas tiefer und warf deshalb lange Schatten auf die mittlerweile getrockneten Flächen; verlieh der Umgebung damit etwas Mystisches, das sich ein wenig wie eine Vorahnung anfühlte. Nachdem sie alle bezahlt hatten verließ die Gruppe ohne ein weiteres Wort das Café Lune, dass aktuell sowas wie ihr Besprechungsraum war, um sich um ihre Vorbereitungen zu kümmern. Dabei war jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, aber vereint in dem Entschluss, am Abend wiederzukommen und ihre Rettungsaktion in die Tat umzusetzen.
 

[ *später Abend* ]
 

Als Mirâ und ihre Freunde auf dem Plateau des Einkaufszentrums ankamen war die Stadt bereits in die tiefen Farben der Nacht getaucht und wurde nur noch durch das künstliche Licht der Straßenlaternen erhellt, die es jedoch nicht vermochten jeden Winkel zu erreichen. Die Geräusche der Innenstadt wirkten hier plötzlich gedämpfter, als noch am Tag. In der ferne hörte man noch fahrende Autos, ab und zu ein Hupen. Dagegen hörte sich das Summen der Laternen auf diesem Platz übermäßig laut an und doch wirkte alles hier, wie immer. So friedlich, als wäre die Spiegelwelt nicht existent. Die drei Persona-user wussten jedoch zu gut, dass sie real war. Mirâ blieb kurz stehen. Die gekauften Gegenstände aus der Drogerie fühlten sich in ihrer Tasche schwerer an, als sie es sein sollten. Verbände, Desinfektionsmittel, Traubenzucker… alles normale Dinge dieser Welt, die sie gleich mit an einen Ort nehmen würden, der alles andere als normal war. Der Gedanke daran ließ ihr Herz schneller schlagen, denn es war nicht sicher, ob diese Dinge wirklich etwas nutzten. Sie sah zu Akane hinüber, die mit verschränkten Armen dastand und versuchte, ihre Nervosität hinter gewohnter Entschlossenheit zu verbergen. Hiroshi stand neben ihr und blickte in den Himmel zum abnehmenden Mond, der das Areal leicht erhellte.

„Lasst uns gehen“, erhob Mirâ die Stimme, um die Aufmerksamkeit ihrer Freunde zu erlangen.

Sofort waren beide Blicke auf sie gerichtet. Die beiden nickten, woraufhin sich die Gruppe zu dem Punkt begab, über den sie hinüber in die andere Welt gelangten. Als Mirâ auf das dunkle Glas schaute schlug ihr Herz bis zum Hals. Das mulmige Gefühl in ihrem Magen machte sich wieder ziehend bemerkbar, doch noch etwas anderes mischte sich darunter, was viel fester und klarer war: Die Entschlossenheit den älteren Schüler so schnell wie möglich zu retten. Sie dachte an Masarus müden Blick und sein genervtes Auftreten, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. An die Spannung um ihn herum und an das Gefühl, vor dem er nicht nur versuchte zu fliehen, sondern von dem er schon gefangen war. Sie schluckte noch einmal schwer und trat dann einen Schritt nach vorn, um so mit ihrer Hand die glatte Fläche zu berühren, durch welche sie im nächsten Moment hindurchglitt; gefolgt von ihren beiden Freunden. Zurück blieb nur das leere Plateau, das so wirkte, als wäre nie etwas passiert.
 

[ *Welt hinter den Spiegeln* ]
 

Wie immer beim durchqueren des Spiegels in die andere Welt hatte Mirâ das Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. So, als hätte jemand die Welt schräg gestellt. Nach der Berührung des Spiegels gab dieser immer nach, wirkte so, als würde er flüssig werden. Dann war da ein ruckartiger Fall und sie verlor für einen Moment die Orientierung. Zum Schluss folgte der unsanfte Aufprall, den sie versuchte mit ihren Händen abzufangen, um nicht in voller Länge auf dem Boden zu landen. Der Aufprall ließ ihr trotzdem die Luft aus der Lunge entweichen.

„Uff!“

Neben ihr stolperte Akane vorbei, fluchte dabei und fing sich nur knapp, während Hiroshi ein paar Schritte weiter mit der Schulter hart gegen einen Baum prallte, woraufhin die kleinen Glasblätter begannen zu klingen. Für einen Moment war dann nur ihr schwerer Atem zu hören, während sie die Spiegelwelt in tiefer Stille begrüßte. Der Himmel über ihnen war dunkel, ein trüber Schleier aus Grau und fahlem Blau, der kein klares Licht zuließ.

„Jedes Mal aufs Neue…“, jammerte Akane.

„Daran werde ich mich wohl auch nicht gewöhnen können“, stimmte Hiroshi zu, der seine schmerzende Schulter rieb.

Mirâ erhob sich derweil und klopfte sich der Gewohnheit wegen den Staub von den Klamotten, bevor sie ihren Blick über die gewohnte Umgebung schweifen ließ. Auf der Suche nach Mika, mit der sie an diesem Ort verabredet waren. Dieses Mal war das kleine Mädchen über ihre Ankunft informiert gewesen, weshalb sie eigentlich schon längst hätte da sein müssen. Doch noch war nichts zu sehen. Im nächsten Moment erklang das Geräusch zweier Glöckchen und aus den Schatten der Bäume erkannte Mirâ eine Bewegung, aus welcher kurz darauf das gesuchte kleine Mädchen auftauchte.

„Da seid ihr ja endlich…“, ihre Stimme klang ruhig, aber angespannt.

Erleichtert atmete die Violetthaarige auf, als sie ihre kleine Freundin unversehrt neben sich erblickte, die jedoch mit ihrer Haltung verriet, dass sie wachsam war.

„Wartest du schon lange?“, fragte Akane nach.

„Nicht wirklich“, schüttelte sie Jüngere den Kopf. „Wobei das in dieser Welt echt schwer einzuschätzen ist.“

Ohne eine Entgegnung abzuwarten wandte sie sich ab und blickte über die Einkaufsstraße hinweg zu der anderen Erhöhung, etwas entfernt, auf welcher der Shinzaro Tempel stand. Die drei Oberschüler taten es ihr nach und bemerkten sofort, dass dort etwas nicht stimmte. Um den Hügel herum wirkte die Umgebung noch dunkler, noch bedrohlicher als in der restlichen Umgebung. Es bestand also kein Zweifel mehr daran, dass es sich bei ihrem Opfer um Masaru handelte. Mirâ spürte, wie ihr Magen verkrampfte, doch sie versuchte das Gefühl zu unterdrücken. Stattdessen richtete sie noch einmal ihre Tasche, woraufhin die kleinen Fläschchen darin klapperten; ein absurd alltägliches Geräusch an diesem Ort.

„Ich führe euch hin“, sagte die Blauhaarige und wollte sich in Bewegung setzen, als sie von Mirâ noch einmal zurückgehalten wurde: „Warte bitte kurz.“

Überrascht wandte sich die Kleinere der Violetthaarigen zu, die sogleich begann in ihrer Tasche zu kramen und dann einen kleinen Gegenstand herausholte. Für einen Moment zögerte sie, doch dann reichte sie es an Mika weiter, die nun irritiert auf den kleinen klappbaren Handspiegel in ihrer Hand starrte.

„Was ist das?“, fragte sie nach.

„Ein Handspiegel…“, antwortete Mirâ und zögerte dann erneut, bevor sie weitersprach. „Ich habe mir überlegt, wie ich dich erreichen kann, wenn du nicht in dem Raum mit dem Spiegel bist, über den zu mit mir Kontakt aufgenommen hast. Und als wir heute in der Drogerie waren habe ich diese Handspiegel gefunden. Ich habe keine Ahnung, ob es wirklich funktioniert, doch lass es uns bei nächster Gelegenheit testen.“

„Das wäre ja dann wie bei einem Handy“, stellte Akane fest.

„Ein Handy? Was ist das?“, fragte Mika nach, während sie den Handspiegel weiter eingängig betrachtete und ihn kurz aufklappte, um hineinzusehen. Der Begriff jedoch kam ihr seltsam vertraut vor, auch wenn sie es nicht laut aussprach.

„Ein Gerät mit dem man in Kontakt bleiben kann, selbst wenn man hunderte von Kilometern entfernt ist“, erklärte Hiroshi und zog sein Smartphone aus der Hosentasche. „Hier funktionieren sie irgendwie nur, um unsere Personas zu rufen. Aber in unserer Welt können wir damit kommunizieren.“

„Ich verstehe“, nickte die Blauhaarige. „Die Idee klingt nicht schlecht, auch wenn ich nicht weiß, ob es klappt. Aber lass es uns später testen, Mirâ.“

„Gern“, lächelte die Angesprochene. „Wenn es klappt, dann kannst du mich immer kontaktieren. So fällt es uns bestimmt auch leichter dir zu helfen, immerhin haben wir so die Chance, dass du uns gleich Bescheid geben kannst, sobald dir etwas einfällt. Und natürlich kannst du dich auch bei mir melden, wenn du dich einsam fühlst und jemanden zum Reden brauchst.“

Überrascht sah Mika zu der Violetthaarigen. Wenn sie ehrlich war, so hatte sie schon den Gedanken gehabt, dass Mirâ ihr Versprechen bereits weiter vergessen hatte. Dabei hatte sie sich auch bereits mit dem Gedanken angefreundet, dass sie wenigstens solange in deren Nähe bleiben konnte, wie sie nützlich für die Persona-user war. Denn eigentlich hatte sie einfach nur große Angst wieder alleine zu sein. Jedes Mal wenn die anderen wieder in ihre Welt zurückkehrten fühlte sie sich einsam. Nur mit Mühe schaffte sie es ihre innere Angst vor dieser Welt zu unterdrücken und nicht durch den Gedanken durchzudrehen, wieder alleine zu sein. Doch sollte der Plan mit dem Handspiegel aufgehen, so würde sie wenigstens nicht mehr gänzlich alleine sein. Sie hätte immer jemanden zum Reden. Das machte sie wirklich Glücklich.

„Vielen Dank, Mirâ“, sagte sie anschließend, während sie eher beiläufig den Gegenstand in ihrer Hand an ihre Brust drückte.

Die Ältere lächelte und war froh darüber, dass Mika sich über das Geschenk freute. Nun musste es nur noch funktionieren, doch das würden sie erst später testen können. Trotzdem empfand sie Erleichterung Mika gegenüber, während sich in ihrer Brust das blaue warme Glühen bemerkbar machte, das auch half, das beklemmende Gefühl in ihrem Magen zu unterdrücken.
 

Der anschließende Weg zum Shinzaro-Tempel war wesentlich kürzer, als die Wege zu Akanes Haus und dem Schülerwohnheim der Jûgôya. Die Einkaufsstraße wirkte wie ein verblasstes Abbild ihrer selbst. Sie war verlassen, während sich Geschäfte aneinanderreihten, deren Schaufenster gesprungen oder zu Spiegeln geworden waren, die jedoch nichts reflektierten. Mit jedem Schritt gen Westen schien das Licht zu schwinden, als würde die Dunkelheit dort dichter werden. Keiner sagte ein Wort, nur ab und zu hörte man das leise Murmeln Akanes, dass sich wie ein Mantra zog, als wollte sie damit böse Geister vertreiben. Das Bild, dass ihre Umgebung ihnen bot, wirkte wirklich unheimlich, weshalb Mirâ die Reaktion ihrer besten Freundin nachvollziehen konnte; besonders mit dem Wissen um deren Ängste. Hiroshi lief unterdessen schweigend neben ihr her. Dabei war er nah an sie herangerutscht, um ihr zu signalisieren, dass er ihr Schutz bieten würde, wenn sie es brauchte. Die Brünette nahm es dankbar zur Kenntnis, schien sich jedoch zurückzuhalten, sich an ihn zu klammern. Wahrscheinlich um sich keine Blöße zu geben, auch wenn niemand von ihnen dieses Verhalten verurteilt hätte. Immer wieder wanderten die Blicke der drei Persona-user über die Dächer und in die Seitenstraßen. Darauf bedacht sofort reagieren zu können, wenn sie angegriffen wurden, doch entgegen allen Erwartungen ließ sich kein einziger Gegner blicken. So erreichten sie nach wenigen Minuten die Treppe, die sie hinauf zum Shinzaro-Tempel führen würde. Und bereits hier spürte man eine enorme Veränderung der Umgebung. Die Luft war kälter und schwerer. Der Boden unter ihren Füßen war rissig und von feinen, dunklen Linien durchzogen, die sich wie Adern durch den Stein zogen. Auch die Stufen durchzogen diese Linien, sodass sie wirkten, als würden sie beim nächsten Schritt zerbröckeln.

„Urgh… ich hoffe die halten uns aus“, kommentierte Akane skeptisch.

„Ja keine Sorge“, sagte Mika ruhig, während sie bereits begann die Stufen hinaufzusteigen. „Die sehen nur so aus, aber sind eigentlich noch intakt. Was genau das zu bedeuten hat, weiß ich aber nicht.“

Für einen Moment zögerten die Oberschüler trotzdem noch, ehe sie dem blauhaarigen Mädchen folgten und kurze Zeit später am oberen Ende ankamen, wo sie ein roter Torii-Bogen empfing, der jedoch vollkommen verzerrt war und schief stand.

Mika, die an die drei Persona-user gewandt auf der obersten Stufe gewartet hatte, drehte sich langsam um und wollte ihre Begleiter dann zum Eingang des Dungeons bringen, doch stoppte plötzlich. Erschrocken riss sie die Augen auf, als sie den Tempel vor sich sah, jedoch nicht so, wie sie ihn kannte. Das Bild vor ihr zeigte einen wesentlich größeren Tempel, dessen Struktur verzerrt war. Einige Gebäude waren bereits bis zu den Grundmauern zerstört. Säulen lagen zerbrochen herum, Treppen waren eingestürzt und überall zogen sich Risse durch Stein und Holz, als wäre das Bauwerk von innen heraus zerfressen worden. Nur eines der Gebäude stand noch beinahe gänzlich da, doch um diese lag ein dunkler Schleier, wie ein schwarzer Schatten, der es zu verschlingen drohte; pulsierend und bedrohlich. Ein eiskalter Schauer lief der Blauhaarigen über den Rücken. Sie wollte zurückweichen, doch konnte nicht. Ihre Knochen waren wie erstarrt, so als würde eine Macht sie gefangen nehmen. Ihr Atem stockte erst, dann ging er schneller. Die pure Panik stieg in ihr auf. Jede Faser in ihrem Körper sagte ihr, dass sie weglaufen sollte und doch war es ihr einfach nicht möglich.

„Mika?“, erklang Mirâs Stimme.

Erschrocken zuckte die Kleine zusammen, blinzelte einmal und sah dann in die roten Augen der Älteren, die sie etwas besorgt musterten.

„Alles in Ordnung?“, fragte die Violetthaarige nach. „Du bist plötzlich so blass.“

„Und du warst zur Salzsäule erstarrt“, legte Akane nach.

Mika reagierte nicht sofort, sondern richtete ihren Blick zuerst wieder auf den Tempel, der nun wieder so aussah, wie sie ihn bereits kannte. Intakt, wenn auch bildlich von schwarzen, feinen Linien durchzogen, die wie Risse wirkten. Die Säulen standen wieder aufrecht, der schwarze Nebel war verschwunden und die übermäßig bedrohliche Atmosphäre war etwas zurückgegangen. Noch immer war klar, dass hier etwas nicht stimmte, doch es fühlte sich nicht mehr so extrem gefährlich an, wie noch wenige Sekunden zuvor. Sie sah wieder zu ihren Freunden, die offensichtlich nichts von alledem mitbekommen zu haben schienen; nicht einmal von ihrer Reaktion. Für sie schien es wirklich nur so gewirkt zu haben, als wäre sie nur erstarrt. Aus diesem Grund beschloss die Jüngere nichts weiter dazu zu sagen, sondern schüttelte nur den Kopf.

„Nein. Alles in Ordnung. Ich habe mich nur vor etwas erschrocken“, erklärte sie. „Lasst uns zum Eingang gehen.“

Um weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen, setzte sie sich wieder in Bewegung und lief in Richtung des Haupttempels. Doch sie betrat ihn nicht, sondern lief dann an diesem vorbei in den hinteren Teil des Geländes. Mirâ, Akane und Hiroshi zögerten einen Moment, da ihnen das Verhalten der Jüngeren merkwürdig vorkam. Sie tauschten einen kurzen, besorgten Blick, ehe sie sich doch abwandten und der Blauhaarigen folgten. Doch das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, folgte ihnen. Trotzdem versuchten die drei Oberschüler sich auf ihre aktuelle Aufgabe zu konzentrieren. Vor allem, da sie nur wenige Minuten später vor der Tür des Wohnhauses standen, dass sich in der rechten hinteren Ecke des Geländes befand. Die Holzschiebetür stand weit offen, sodass man eigentlich hätte hineinschauen können, doch die Stelle, die eigentlich ins Haus führen sollte, war schwarz. Wie ein finsterer Schlot, der einen zu verschlingen drohte.

„Urgh“, erneut schüttelte sich Akane, während ihr offensichtlich ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Mirâ ignorierte die Geräusche, die ihre Freundin machte und starrte auf die geöffnete Tür. Es wirkte so, als würden sie bereits erwartet werden, was dafür sorgte, dass das ungute Gefühl in ihrem Magen wieder zunahm. Auch bei Akane und Shina war dies der Fall gewesen, doch die bedrohliche Aura, die sie hier spüren konnte, war noch stärker als bei den letzten beiden Malen. Ihr war bewusst, dass es nicht einfacher werden würde, doch dass die Energien, die sie spüren konnte, sich so sehr voneinander unterschieden, beunruhigte sie.

„Hoffentlich kommen wir da unbeschadet durch“, ging ihr durch den Kopf.

Doch viel Zeit zum Zögern gab es nicht, das wusste sie. Sie mussten Masaru hier rausholen, egal wie. Sie wandte sich ihren Freunden zu, die sie mit Entschlossenheit im Blick ansahen, was auch ihr wieder etwas Sicherheit gab. Deshalb nickte sie einmal, als Zeichen dafür, dass sie sich nun bereit machten. Dann hob sie den Arm und machte eine Schritt nach vorn, sodass ihre Hand durch das undurchdringbare Schwarz glitt. Im nächsten Moment gab es einen Ruck und die Gruppe war verschwunden.
 

~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~
 


Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo und willkommen meiner Fanfiction "Person : Mirror Realm".
Dies ist eine Neuauflage meiner Fanfiction Persona: Shadows of Mirror und ich heiße alle, die mir von der ersten Version hierher gefolgt sind, und natürlich auch alle, die sich neu zu dieser Fanfiction verirrt haben. Ihr braucht keine Vorkenntnis zu meiner alten FF, jedoch kann es sein, dass ihr durch die alte FF bereits etwas gespoilert seid, solltet ihr diese bereits gelesen haben. :) In dieser Version habe ich einige Charaktere ausgetauscht und auch aussortiert, dadurch verändert sich ein wenig der Lauf der Story, was es vielleicht auch für diejenigen interessant macht, die Shadows of Mirror bereits gelesen haben. ^^ Dieses mal will ich es auch durchziehen und die Story zu Ende schreiben. =D
Der Upload der Kapitel wird 2x monatlich stattfinden: Immer am 1. und 15. des Monats. ^^
Ich hoffe der neue Anfang der Story hat euch gefallen. =D
Wir lesen uns dann wieder Mitte des Monats.
Bis dahin...
eure Shio~

PS: schaut auch gerne auf der Homepage zu meiner Story vorbei. Doch vorsicht: Kann sein, dass ihr dort gespoilert werdet. =D

Persona : Mirror Realm Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und schon sind wieder zwei Wochen rum. =D Und ihr bekommt das zweite Kapitel meiner Neuauflage. ^^ Ich hoffe das erste Kapitel war euch nicht zu langweilig... x'D
In diesem Kapitel betritt Mirâ also erstmals ihre neue Schule und trifft dabei gleich auf mehrere neue Personen. Welche Rolle sie spielen werden? Das müsst ihr selber rausfinden. :D
Viel mehr hab ich heute nicht zu sagen. ^^
Ich wünsche euch noch eine schöne Woche. Wir sehen uns dann wieder in 14 Tagen.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und Cut! =D Falls ihr gedacht habt, dass ich bei der Neuauflage nachsichtiger bin, was Cliffhanger angeht... ihr habt euch geirrt. >D Ich werde auch weiterhin sowas einbauen. Muahahahahaha...
Hat bei mir aber tatsächlich den Grund, dass ich so besser die Kapiten einteilen kann. xD Also joah. Ihr werdet euch da einfach dran gewöhnen müssen. Jedenfalls ist der Anfang für Mirâs Abenteuer getan. Was sie nun daraus macht werdet ihr dann Mitte November sehen. :3 Ich weiß ich bin fies. Aber so bin ich nun mal. >3
Ich hoffe jedenfalls, dass euch das neue Kapitel gefallen hat. ^_^
Wir lesen uns Mitte des Monats.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Guten Morgen ihr lieben.
Und schon ist wieder der halbe Monat rum. Das Jahr neigt sich immer mehr dem Ende zu. Dafür gibt's bei mir aber ein neues Kapitel. =D Ist doch auch was oder?
Ja, was soll ich groß dazu sagen? Ich hatte gehofft, dass ich Mirâs Erwachen noch etwas besser hinbekomme, aber irgendwie hat's da etwas gehakt. ^^" Ich hoffe aber, dass es euch trotzdem gefallen hat. :3 Und ja: Dieses Mal ist es kein Cliffhanger. xDDDDD Die bekommt ihr noch oft genug von mir um die Ohren gehauen. xD
Joah ansonsten habe ich heute glaube nicht viel zu sagen. =D
Wir lesen uns dann im Dezember wieder. ^^ Bis dahin eine schöne Zeit.
LG
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und zack! Da war der Dezember schon da. O_O Leute! In 23 Tagen ist Weihnachten. Und in 30 Tagen ist das Jahr schon wieder vorbei. Wo ist nur die verdammte Zeit hin?
Wir sind damit aber schon bei Kapitel 5 meiner Neuauflage angekommen. Und wie ihr sicher gemerkt habt, geht es nun etwas langsamer voran, als noch in der alten Version. Mit 10 Jahren Erfahrung im Schreiben einer Persona FF läuft halt alles ein wenig anders. XD Daran müsst ihr euch ab jetzt leider gewöhnen. Ich werde die FF jedenfalls nicht mehr so durchjagen, wie noch in der alten Version. :) So schaffe ich es auch besser die Social Links zu planen und muss die nicht so stauchen. x'D Denn ich habe tatsächlich vor *alle* zu maxen. xDDDDD Also ja... macht euch auf was gefasst. Aber noch hat Mirâ keinen einzigen geformt. Aber das Abenteuer hat ja erst angefangen. xD
Gut genug davon.
Ich hoffe, dass euch das Kapitel gefallen hat. ^_^
Wir lesen uns Mitte des Monats zum letzten Kapitel des Jahres wieder. =D
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und schon haben wir mitte Dezember und damit kommt das letzte Kapitel für dieses Jahr. =D
Viel will ich dazu nicht schreiben. Ich hoffe die Beschreibungen waren nicht zu langweilig. ^_^ Ich umschreibe gerne, damit ihr genau das seht, was ich vor Augen habe. =D
Damit wünsche ich euch frohe Weihnachten, schöne Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. ^^ Wir lesen uns dann im Jahr 2025 wieder.
Bis dahin
eure
Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich wünsche euch allen ein gesundes und frohes neues Jahr. =3
Seit ihr alle gut reingekommen? Ich hoffe doch sehr. ^^ Und gleich zum Jahresbeginn kommt das nächste Kapitel. :3 Um alles noch ausklingen zu lassen, dachte ich, lade ich euch gleich das Kapitel hoch. ^^
Ehrlich gesagt möchte ich gar nicht viel dazu sagen. =3 Ich denke das Kapitel spricht für sich. Ich hoffe jedenfalls, dass es euch gefallen hat. ^^
Dann nochmal euch allen ein frohes neues Jahr. Ich hoffe ihr schafft alles, was ihr euch für dieses Jahr vorgenommen habe. Auch ich habe mir dieses Mal ein paar Vorsätze gesteckt und hoffe, dass ich es schaffe sie umzusetzen. :3
WIr lesen uns dann Mitte des Monats wieder.
Macht euch bis dahin eine schöne Zeit.
Bye eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Da sind wir wieder. =D Es ist der 15. des Monats und meine Wenigkeit kommt mit dem nächsten Kapitel um die Ecke. Mirâ ist wieder einigen Leuten begegnet, die für ihren weiteren Weg wichtig werden und yeah, wir beginnen nun langsam mit dem interessanten Teil. xD In der alten Version habe ich nicht so lange gebraucht, um in den ersten Dungeon zu gelangen. Wobei ihr euch auch noch etwas gedulden müsst. XD Ist ja nicht so, als würde es gleich auffallen und alle losstürmen. xD Nichtsdestotrotz ist der erste Dungeon dieses Mal anders, als in der ersten Version, wie ihr sicher selber beim Lesen bemerkt habt. Höhöhö Ich habe mir halt so einige Gedanken gemacht. >D Jedenfalls könnt ihr euch nun auf die nächste Arc freuen. =D Wofür ich mich entschuldigen muss ist, dass die Szene am Ende wo Akane verschwindet nicht ganz so mysteriös geschrieben ist, wie ich es gerne hätte. >_< Ich versprech, dass ich mich bei den anderen etwas mehr bemühen werde.
Ich hoffe das Kapitel kam bei euch gut an. ^^
Wir lesen uns dann Anfang Februar wieder.
Bis dahin. =D
Eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und schon ist wieder Februar und damit kommt das nächste Kapitel. ^_^
Dieses mal ein kleines entspanntes Kapitel für Mirâ, trotzdem kommt die ganze Sache langsam ins Rollen. =D
Ehrlich gesagt hab ich heute nicht so viel zu erzählen. ^^"
Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen.
Bis Mitte des Monats ^^/)
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo ihr lieben. ^^
Ihr habt euch bestimmt gewundert, was los ist. xD Heute gibt es für euch das erste von - hoffentlich - einigen Zusatz- bzw Side-Kapiteln. Eigentlich hatte ich vor so etwas in der Hauptstory nicht einzubauen und später einmal zusätzliche Kapitel mit Einblicken in die Vergangenheiten meiner Charaktere zu veröffentlichen. Allerdings habe ich immer so viele Ideen, die in meinem Kopf rumschwirren, dass ich sie aufschreiben muss. Und ehe sie auf meinem PC vor sich hingammeln, dachte ich, ich bau sie an passender Stelle zwischen die Hauptkapitel. Diese hier kommen aber unregelmäßig. Wenn ich eins habe und das zwischen zwei Kapitel passt, dann erscheint es genau zwischen diesen. xD So wie das hier jetzt. Heute gab es einen kleinen Einblick in Mirâs Vergangenheit, an die sie sich noch erinnert. ^^
Ich hoffe, ich habe euch mit dem Inhalt nicht ganz so sehr verstört und es hat euch trotzdem gefallen. >_<
Das reguläre Kapitel kommt dann diesen Monat am 14.02., zum Valentinstag. xD Nur so romatisch wird es nicht. XDDDD
Bis dahin
eure Shio~

PS: Vielleicht habt ihr es schon bemerkt. Aber ich ändere aktuell die Titel der ersten Kapitel. Einige jedenfalls. x'D Keine Sorge der Inhalt der Kapitel ist der gleiche, aber die Titel sind neu. ^^ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo ihr lieben.
Ich hoffe ihr hattet einen schönen Valentienstag. ^^
Nachdem mein Tag heute leider etwas stressiger war, komme ich leider erst zu einem späten Upload. x'D
Heute ging es für Mirâ noch einmal etwas ruhiger voran und wie ihr seht, hat sie ihren ersten Social Link geschlossen. Noch hat sie aber keine Ahnung worum es eigentlich dabei geht und woher die Stimme kommt. xD Dafür hatte Igor was zu gucken. Hahaha
Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen. :3
WIr lesen uns dann Anfang März wieder.
Bis dahin
Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo meine Lieben,
schon ist der März da und damit auch der Frühling. ^_^ Und ich komme mit einem neuen Kapitel um die Ecke. =D
Und es gab das erste Persona-Cameo!! Wer hat ihn entdeckt? =D
So langsam nimmt die ganze Sache Schwung auf. Und Mirâ hat endlich etwas über das Verhältnis zwischen Hiroshi und Akane erfahren, dass sie der ganzen Sache näher bringt. Wohin das führt? Tja, das müsst ihr später noch lesen. xD
Ich hoffe jedenfalls, dass euch das Kapitel gefallen hat. ^^
Wir lesen uns dann wieder Mitte des Monats. ^^
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo Leute
da bin ich endlich mit dem nächsten Kapitel. Dieses Mal einen Tag später, als geplant, weil ich gestern was zu tun hatte. ^^"
Jetzt wird es langsam ernst. =D Mirâ hat ihren ersten, mehr oder weniger, verbündeten gefunden und sofort stürzen sie sich in das Abenteuer. xD Wie es weiter geht? Das erfahrt ihr im April. ^^
Viel mag ich heute nicht dazu sagen.
Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen.
Wir lesen uns im April.
Bis dahin.
Eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo meine Lieben,
heute ist zwar der 1. April, aber dies ist kein Aprilscherz. =D Dies war das nächste Kapitel meiner FF. ^^ Endlich geht es richtig los in der Spiegelwelt. ^^
Ich hoffe euch hat das Kapitel gefallen. ^^
Wir lesen uns dann wieder Mitte des Monats.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und schon ist die Hälfte des Aprils auch schon wieder rum. Und damit gibt es ein neues Kapitel. ^^ Endlich geht es richtig los und ich muss sagen, dass mir dieses Kapitel wirklich gefällt. ^^ Trotzdem musste ich wieder einen Cliffhanger einbauen und ihr müsst bis Mai warten, um zu wissen, ob Mirâ es schaffen wird Hiroshi und Akane zu finden. xD Ich weiß ich bin gemein, aber es ist so viel geworden, dass ich wohl noch mehr Kapitel daraus hätte machen können.
Ich hoffe aber, dass euch das Kapitel gefallen hat.
Wir lesen uns dann im Mai wieder.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Neuer Monat, neues Kapitel.
Und endlich ist die nächste Persona erwachst. XD Wuhu! Hat ja nur 15 Kapitel gedauert. Hahahaha xD
Das Hochladen des Kapitels war eine absolute Qual... x_x zu viele Textformatierungen... x_x
Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen. ^^/)
Wir lesen uns dann Mitte Mai. Genießt die schönen Tage.
Bis dahin
Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und schon ist wieder der halbe Mai rum. >___</ Bald ist wieder ein halbes Jahr vergangen. Wo geht die Zeit nur hin? Dafür komme ich wie immer pünktlich mit einem neuen Kapitel um die Ecke. x'D Leider nicht das vllt von euch erhoffte nächste Dungeon Kapitel, sondern ein wenig Alltag. Aber auch das muss sein. xD
Ich hoffe das Kapitel hat euch trotzdem gefallen. ^^
Wir lesen uns dann im Juni wieder. Ich kann nur nicht versprechen, ob es direkt am 01.06. erscheinen wird. Ich fahre nämlich nächste Woche in den Urlaub und werde da nicht durchgängig Internet haben. Also ja... Ich geb aber mein Bestes. ^^
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Grüße meine lieben Leser. :D
Dieses Mal einen Tag später als üblich. Liegt einfach daran, dass ich immer nur begrenzt Internet auf unserer Reise habe, weil wir auf dem Wasser unterwegs sind. Da gibt's Internet nur an Land. Oder teuer am Schiff... und ähm... nein. XD Deshalb gibt es heute das nächste Kapitel. Das hatte ich mir zum Glück schon rechtzeitig vorbereitet, sodass ich es nur noch komplett kopieren musste. XD Und ich hoffe, dass es komplett funktioniert hat.
Viel muss ich glaube ich nicht sagen. Oder? Mirâ und Hiroshi landen vor einem verschlossenen Tor - sagt der Titel ja eigentlich schon. XD Wie und wann sie zu Akane kommen? Dafür braucht ihr leider noch etwas Geduld. XD Sorry.
Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen. :)
Bis Mitte des Monats dann; da auch wieder pünktlich. XD
Bis dahin.
Eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo ihr lieben ^o^/)
Ich bin aus dem Urlaub zurück und bringe euch ein neues Kapitel. ^__^ Es war nicht wie vielleicht von euch erwartet Akanes Rettung, aber dafür gabs einen neuen Social Link. x'D Einer derjenigen, der sich zur alten Version verändert hat. ^-^ Der Devil ist nun ein Lehrer der Schule. Und was Mirâ mit ihm noch erleben wird könnt ihr ab jetzt regelmäßig erfahren. =D
Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen, auch wenn nicht ganz so viel passiert ist. xD
Wir lesen uns dann wieder im Juli. ^^
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Der Juli ist da und da ist es nun: das langersehnte Kapitel zu Akanes Erwachen. ^__^ Muahahahah
Ich hatte auch hier wieder total viel Spaß dieses Kapitel zu schreiben. =D Deshalb hoffe ich, dass ihr genauso viel Spaß beim Lesen hattet. ^^
Ehrlich gesagt hab ich heute auch nicht mehr zu sagen. xD
Wir lesen uns dann in ca 7 Tagen wieder, da kommt ein neues Zwischenkapitel. ^___^
Bis dahin...
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Mit einem Tag Verspätung kommt heute das zweite Side Kapitel. Dieses Mal zu Akane und Hiroshi. ^^ Damit bekam man auch mal einen winzig kleinen Einblick in die Vergangenheit der beiden. :3
Wie ich bereits bei Mirâs Side Kapitel geschrieben habe wird es davon mehrere geben. Keine genaue Zahl, da ich so viel für jeden schreibe, wie es für die Story passt und wie ich geschrieben bekomme. x'D (Es gibt auch einige Background-Story-Dinge von einigen Charakteren, die für die Hauptstory nicht relevant sind. x'D Joah...)
Ich hoffe dieses kleine Side-Kapitel hat euch gefallen. ^^
Wir lesen und dann wieder am 15.07.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hellow meine lieben Leser ^-^/)
Hier bin ich wieder mit dem nächsten Kapitel. Hach, der Juli ist schon wieder zur Hälfte rum. Wie das Jahr verfliegt.
Heute komme ich mit einem kleinen Alltagskapitel um die Ecke, in dem Mirâ ein wenig über ihre neuen Fähigkeiten forscht. =D Aber noch sind nicht alle Fragen geklärt... und wer weiß, ob ihr das Buch dabei helfen kann. X'D So leicht mache ich es meiner kleinen Mirâ dann nicht. x'D Wäre ja auch zu einfach.
Ich hoffe jedenfalls, dass euch das Kapitel gefallen hat, auch wenn nicht viel passiert ist. ^-^
Wir lesen uns dann wieder Anfang August. =D
Habt noch eine schöne Zeit.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola ihr lieben.
In diesem ziemlich durchwachsenen Sommer hat nun der August begonnen. Und dementsprechend komme ich mit dem nächsten Kapitel um die Ecke. :) Heute wieder mit einem kleinen Alltagskapitel und Social Link Stärkung. ^^ Ich hoffe, dass euch das Kapitel gefallen hat. :)
Wir lesen uns wieder Mitte des Monats. ^-^
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine Lieben ^^
Wieder ist die Hälfte eines Monats rum. Und das bedeutet? Genau! Ein neues Kapitel. ^^
Heute hat Mirâ endlich die erste Stufe in Akanes Social Link erschlossen, auch wenn ihr das eigentlich ziemlich egal ist, ob es sich dabei um einen SL handelt. x'D Zudem gab es heute einen kleinen Einblick in Akanes Privatleben. ^^ Ich hoffe, dass Kapitel hat euch gefallen.
Und ich hoffe, dass das Gespräch mit Tatsuya nicht ganz so merkwürdig rüberkam. x'D
Wir lesen uns dann wieder im September. ^^
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola ihr Lieben ^-^
Der Sommer neigt sich dem Ende und ich komme mit einem neuen Kapitel um die Ecke. :D Dieses Mal ging es um ein paar ernstere Themen, die darauf hindeuten, dass sich da etwas anbahnt. :D Wäre ja auch zu schön für die Gruppe gewesen, wenn der Besuch in Akanes Dungeon ein einmaliges Erlebnis gewesen wäre. Oder? xD
Ich hoffe jedenfalls, dass euch das Kapitel gefallen hat. ^-^
Wir lesen uns dann wieder Mitte des Monats. =D
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola ihr Lieben ^^
Schon ist der September wieder zur Hälfte rum. Unglaublich wie die Zeit fliegt. >__< Und ehrlich gesagt gehen mir ganz langsam die Kapitel aus. Ich muss unbedingt weiterschreiben. >___</) Ähm ja... aber noch hab ich ein paar Kapitel. Keine Sorge. x'D
Heute starten wir gleich mal ins nächste Abenteuer, wo das letzte doch gerade erst vorbei ist. :'D In dieser Version werden meine Charaktere nicht so viel Verschnaufpause bekommen, wie in der alten Version. xD Macht euch drauf gefasst. Gleichzeitig ist Mirâ noch einigen weiteren Charakteren begegnet. ^-^ Ihr könnt gespannt sein.
Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen. ^^
Wir lesen uns im Oktober wieder.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine lieben Leser ^^
Der Oktober hat begonnen und ich stolpere mit einem neuen Kapitel hinein. =D Und dem Start in eine neue Arc. Eine kurze neue Arc, denn in der neuen Version meiner Fanfiction wird es neben den Hauptarcs auch Nebenarcs geben, die dafür Sorgen, dass Mirâ und ihre Freunde nur ganz wenig Verschnaufpausen bekommen. Hehehehehe xD Ich bin so fies. Ich weiß.
Ich hoffe jedenfalls, dass euch das neue Kapitel gefallen hat. :)
Wir lesen uns dann Mitte des Monats wieder.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine Lieben ^-^
Der Monat ist wieder zur Hälfte rum und das bedeutet es gibt ein neues Kapitel. Dieses Mal ein ziemlich langes... ^-^" Tatsächlich hätte ich das Kapitel doch irgendwie trennen können, aber irgendwie wollte ich das nicht. x'D Ich hoffe ihr seht es mir nach. Seht es positiv, immerhin habt ihr gleich den Kampf dazu bekommen und müsst nicht noch einmal 14 Tage warten. x'D Auch okay. Oder? Dafür folgt auf dieses Kapitel ein Side-Kapitel, was demnach eigentlich nächste Woche am 22.10. folgen würde. Tatsächlich möchte ich euch auf diesem Weg aber sagen, dass es sein kann, dass es erst am 27.10. kommt. Ich fahre am Sonntag in den Urlaub und muss deshalb schauen, wie ich es mit dem Upload schaffe und hinbekomme. Also seid bitte nicht enttäuscht, falls es nicht nächste Woche kommt. ^-^"
Ich hoffe aber, dass euch dieses Kapitel gefallen hat. Ehrlich gesagt gefällt mir der Kampf gegen Shinas Schatten selber total. :D Bin ein wenig stolz auf mich. I'D Ich weiß Eigenlob stinkt, aber ich brauchs...
Wie gesagt hoffe ich, dass ihr Spaß beim Lesen hattet. ^-^
Wir lesen uns dann wieder am 22.10. oder 27.10. je nachdem, wie ich Zeit finden.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine lieben Leser.
Ich habe es heute dann doch noch geschafft das Side Kapitel hochzuladen. :) Ein kleiner Einblick in Shinas ersten Schultag. Und ja, dieses Mal wird es auch kleine Side Kapitel zu manch einem anderen Charakter neben meinem Main Cast geben. Je nachdem, wie wir was einfällt. :)
Ich hoffe dieses kurze Kapitel hat euch gefallen.
Wir lesen uns dann wieder Anfang November. ^_^
Bis dahin
Eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola ihr lieben.
Und schon ist der November da und ich komme mit einem neuen Kapitel um die Ecke.
Heute mal ein etwas ruhigeres Kapitel, in dem ein neuer Charakter auftaucht. ^^
Ich hoffe, dass Kapitel hat euch gefallen.
Wir lesen uns wieder Mitte des Monats. =D
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine lieben,
die hälfte des Novembers ist bereits rum und das heißt, es gibt ein neues Kapitel. ^^ Wieder ein kleines Alltagskapitel mit einigen Begegnungen, die für Mirâ sowohl angenehm, als auch unangenehm waren. =D
Leider muss ich eine euch sagen, dass es sein kann, dass ich ab Dezember vorerst nur noch monatliche Uploads mache, was daran liegt, dass mir langsam die Kapitel ausgehen. Genaueres dazu würde ich aber im Dezember noch einmal schreiben. Vielleicht schaffe ich es ja demnächst wieder etwas aufzuholen. Es tut mir sehr leid. T_T Ich hoffe ihr seht es mir nach.
Ich hoffe auch, dass ihr trotzdem Spaß am aktuellen Kapitel hattet und auch beim nächsten wieder dabei seid.
Eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine Lieben.
Heute kommt das Kapitel mit einem Tag Verspätung. Ich bitte vielmals um Verzeihung, aber die letzten Tage waren einfach so stressig, dass ich gestern nicht dazu gekommen war. u_u Aber jetzt ist es ja da. =D Vergessen habe ich es also nicht. x'D
Heute handelte es sich mal wieder um ein kleines Alltagskapitel - von denen jetzt wieder ein paar mehr folgen, bevor ich unsere drei Persona-User wieder in den Kampf schicke. x'D Die brauchen auch mal etwas Ruhe. =D
Ich hoffe jedenfalls, dass euch das kleine Kapitel gefallen hat. ^^
Wir lesen uns dann wieder mitte des Monats. =D
Bis dahin.
Eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine lieben Leser ^-^
Der Dezember ist zur Hälfte rum... und das Jahr schon wieder fast vorbei. Unglaublich. >_< Ich hoffe ihr hattet 2025 ein gutes Jahr und dass ihr die Dinge, die ihr euch vorgenommen hattet, gut umsetzen konntet. ^_^
Hiermit kommt dann auch das letzte Kapitel des Jahres 2025. Kaum zu glauben, aber die neue Version meiner Persona-Fanfiction läuft schon seit über einem Jahr. Ich bin selber total erstaunt. Und wir ihr sicher mitbekommen habt, läuft die Story dieses Mal auch etwas langsamer an, als noch in der ersten Version. Ich hoffe aber, dass ihr trotzdem immer noch Spaß am Lesen habt. ^-^
Damit verabschiede ich mich für dieses Jahr bei euch.
Ich wünsche euch allen frohe Weihnachten, besinnliche Tage und einen guten Rutscht ins neue Jahr 2026. Wir lesen uns dann pünktlich zum Neujahrestag wieder (ob Früh oder Abends wird sich zeigen =D).
Bleibt bis dahin gesund.
Eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Happy New Year ihr lieben ^_^/)
Ich hoffe ihr seid alle gut ins neue Jahr gekommen.
Ich starte das neue Jahr für euch gleich mal mit einem neuen Kapitel, dass dieses Mal wieder etwas ruhiger ist. =D Aber keine Sorge, es geht bald wieder richtig los. Aber die Golden Week möchte ich meinen Charakteren noch geben, bevor sie ins nächste Abenteuer stürzen. Hehehehe xD
Das letzte Jahr lief ziemlich gut für Mirror Realm, deshalb hoffe ich, dass dieses Jahr noch besser laufen wird. ^_^ Ich habe mir ein wenig für die Fanfiction vorgenommen. Dazu zählen auch mal wieder neue Bilder und das überarbeiten der Website, die ich die letzten Monate mächtig vernachlässigt habe. Aber im Fokus stehen auf jeden Fall erstmal neue Kapitel, damit ich immer Nachschub für euch habe. ^-^
Ich wünsche euch ein erfolgreiches Jahr 2026 und dass ihr alle eure Vorsätze dieses Jahr schafft. ^-^
Wir lesen uns Mitte Januar wieder.
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine lieben Leser ^-^/
Da sind wir wieder mit dem neuen Kapitel. =D Heute lernte Mirâ zwei neue Social Links kennen... die einen vielleicht nicht ganz so freiwillig, wie den anderen. x'D Tja... aber eine andere Wahl hat sie nicht.
Joah... ansonsten habe ich heute nicht viel zu erzählen. ^^ Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen.
Wir lesen uns dann im Februar wieder. =D
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola ihr lieben ^-^
Der Februar ist da und damit ist es Zeit für ein neues Kapitel. =D
Heute wieder ein ruhiges Alltagskapitel für Mirâ mit einem weiteren Social Link: :3 Wuhu... Igor hat in letzter Zeit etwas mehr zu tun. xDDDDDD
Noch befindet sich Mirâ in der Ruhe vor dem Sturm, denn langsam schlittert sie immer weiter in die nächste Arc. x'D
Joah mehr hab ich heute nicht zu erzählen. Ich hoffe, dass euch das neue Kapitel gefallen hat. ^-^
Bis zum nächsten Mal.
Eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola meine lieben Leser,
und sorry, dass das Kapitel heute etwas später kam. Ich bin den ganzen Tag nicht dazu gekommen. >_< (Außerdem ist mir aufgefallen, dass das Kapitel gestern schon hätte kommen müssen... x'D sorry...) Dazu möchte ich mich für die Qualität des Kapitels entschuldigen. Ich bin ehrlich... richtig zufrieden bin ich damit nicht. Ich weiß genau, dass ich es hätte besser schreiben können, aber ich bin die letzten Wochen auch nicht dazu gekommen es noch einmal von Grund auf zu bearbeiten. u_u Sorry. Ich hoffe, dass ich es wenigstens geschafft habe die Fehler auszubessern. Falls doch noch welche dabei sein sollten, tut es mir leid.
Ansonsten ist der Inhalt aber genau das, was ich rüber bringen wollte. >_< Nur halt nicht so geschrieben, wie ich es gerne hätte. T_T
Es gibt eine neue Art des Social Links, wie ihr sicher bemerkt habt. :) Ich hatte die Idee etwas besonderes einzubauen, was es in noch keinem Persona Spiel gab... jedenfalls bis ich Persona 5 X gespielt habe und feststellen musste, dass es dort etwas ähnliches gab. >_< Also nicht, dass ihr denkt, ich hätte es von da. Ich hatte die Idee tatsächlich schon, bevor das Spiel hier im Westen rauskam. Ähm ja... es wird ein paar Charaktere mit dieser Art von Link geben, die aber kürzer sind, als übliche Social Links. :)
Dann muss ich nochmal sagen, dass es sein kann, dass ich ab einem bestimmten Punkt nur noch monatliche Updates machen könnte. Aktuell habe ich noch kein neues Kapitel zustande bekommen. u_u Bis Ende April wären aber noch Kapitel vorhanden. Sollte ich bis mitte März aber nichts aufgeholt haben, muss ich erst einmal umschwenken. Tut mir leid. Q_Q
Ich hoffe ihr hattet trotz allem Freude am Lesen des aktuellen Kapitels.
Wir lesen uns wieder im März.
Bis dahin
Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola ihr lieben,
Der März ist da und damit endlich auch der Frühling. *^* Findet ihr das schöne Wetter die letzten Tage nicht auch total erfrischend? Jedenfalls tut der Sonnenschein meinem Gemüt wirklich gut. ^_^ Ich hoffe euch geht es auch so.
Mit diesem Kapitel war ich, im Gegensatz zum letzten, wesentlich zufriedener und ich denke, dass man es auch beim Lesen bemerkt hat. Joah... viel habe ich eigentlich heute auch gar nicht zu sagen. =D
Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen. ^-^
Wir lesen uns dann wieder Mitte des Monats. ^^/)
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hola ihr lieben ^-^
Da bin ich wieder mit einem neuen Kapitel. Und leider muss ich zugeben, dass mir langsam die Kapitel ausgehen. Irgendwie hab ich gerade eine leichte Schreibblockade. Q_Q Ich hoffe sehr, dass ich sie bald gelöst bekomme und wieder ein paar Kapitel Vorsprung gewinnen kann. Ansonsten muss ich ab April erst einmal monatliche Updates machen, in der Hoffnung, dass es mir hilft. Es tut mir so leid. Q___Q
Ich hoffe aber, dass euch diese Nachricht nicht zu sehr geschockt hat. >___< Dieses Kapitel ist für mich so Semigut. Vor allem der Teil mit dem Museum fiel mir irgendwie ziemlich schwer zu schreiben, weshalb ich den Teil nicht ganz so gut finde. Zumal ich mir ewig nicht sicher war, ob diese Szenen schon hier so gut passen. Ich hoffe es. Umso mehr gefallen mir aber die Szenen mit Hiroshi und Alec. <3 Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber es hat mir wirklich Spaß gemacht diese Szene mit den beiden zu schreiben.
Wie gesagt hoffe ich, dass ich endlich den Hintern hoch bekomme und es endlich schaffe den nächsten Dungeon zu schreiben, damit ihr weiterhin regelmäßig Kapitel von mir bekommt. >_<
Bis dahin
Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Guten Abend meine Lieben,
Da in ich mit dem nächsten Kapite. Und ab jetzt, so Leid es mir tut, werden die Kapitel vorerst nur monatlich kommen, da ich es bisher nicht geschafft habe, neue Kapitel zu schreiben. Tut mir wirklich leid. Ich hoffe ihr versteht es. Aber ich werde versuchen definitiv monatliche Updates zu bringen, damit ihr nicht zu lange auf Nachschub warten müsst. >_<
Ich hoffe, dass euch das aktuelle Kapitel gefallen hat.
Wir lesen uns dann im Mai.
Bis dahin
Shio~ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hallo ihr lieben,
der neue Monat hat begonnen und ich komme mit einem neuen Kapitel um die Ecke. ^-^ Es tut mir wirklich leid, dass ich die Kapitel jetzt erstmal nur noch monatlich veröffentlichen kann, aber die Anzahl der vorgeschriebenen Kapitel ist nur minimal nach oben gegangen. u_u Es tut mir leid. Aktuell fällt es mir etwas schwerer an den Kapiteln zu schreiben. Besonders die Dungeons fallen mir schwer. Ich hoffe, dass sich das demnächst wieder gibt.
Nun beginn also der zweite große Dungeon. >_< Ich hoffe ihr seid schon gespannt.
Wir lesen uns dann wieder im Juni. ^-^
Bis dahin
eure Shio~ Komplett anzeigen

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Kommentare zu dieser Fanfic (41)
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Von:  fubukiuchiha
2026-05-24T10:57:56+00:00 24.05.2026 12:57
Guten Morgen Shio,

Oh Gott… wie lange brauche ich hier Q.Q es tut mir leid, ich hole das sofort nach.

Puh, der Tag fängt ja gut für Mirâ an, erstmal schön in den Monsunregen rein XD
Und Hiroshi ist nicht hilfreich, dass er das offensichtliche Anspricht: Ja, das war doch bekannt. Ganz toll, Hiro.
Hoffentlich hat Akane an ihren Schirm gedacht und Hiroshi ist ein Ehrenmann, der an den Musikstick denkt. Ich liebe es, wie Akane ihn darstellt, als ob er so den härtesten Death Metal hören würde XD Die Reaktion ist einmalig, ich liebe es. Ich bitte um eine Playlist, Herr Makoto.

Nach der Schule geht’s von freundlichem Plausch in Drama… Oh man, da ist wieder der Kleine, der ja ganz offensichtlich und definitiv nicht „gemobbt“ wird. Man kann den Opfern aber keinen Vorwurf machen… das ist nicht einfach… Aber dennoch großen Respekt an Hiroshi, dass er sich für den Kleinen eingesetzt hat… und der Herr Vertrauenslehrer ist keine Hilfe!!!! Wieso ist der Lehrer??? Boah, diese Szene gibt mir Puls… Leck mich am Arsch.

Und jetzt… ENDLICH! Die Entführung!!! Warum bin ich so excited darüber <.<
Armer Dai, der ist mit den Nerven komplett am Ende Q.Q Sein bester Freund ist seit drei Tagen weg und er kann nichts tun, um ihm zu helfen… Keine Sorger, werter Dai! Die Kavalerie, in Form von drei Teenagern ist im Anmarsch! Ja sie retten ihn, yay!

Ich mag den Einbau des WhatsApp? Chats und wie sie sich dadurch Unterhalten und wie die Gruppe einfach „Team“ heißt XD
Und nach einem kurzen Chat mit Klein-Mika ist klar, Masaru sitzt tief in der Scheiße, also muss die Gruppe definitiv in Aktion treten. Ich bin gespannt, wie es laufen wird.

Lg Fubuki

Von:  fubukiuchiha
2026-03-22T15:17:14+00:00 22.03.2026 16:17
Huhu Shio,

weiter mit dem zweiten Kapitel und der Anfang ist doch mal was anderes. Mirâ mit Mama und Schwester im städtischen Museum. Ich finde die Idee tatsächlich ziemlich cool, zumal da etwas Backstory gedropped wird, die man auf den ersten Blick gar nicht gedacht hätte. Dazu finde ich die Einbindung von Chisatos Familie sehr gut gelungen ^^
Man merkt echt, wie sehr Mirâ kopftechnisch in der Sache mit der Spiegelwelt drin ist, denn es verfolgt sie gefühlt überall hin. Nun, in diesem Museum ist die Geschichte doch schon etwas zu zufällig als dass es da keine Verbindung geben sollte. Ich bin aber auch mal gespannt, ob Mirâs Gedanken bezüglich ihrer Mutter am Ende nur Hirngespinste sind oder ob da doch mehr dran ist.

Auf zum Abend und Mirâ löst ihren ersten kleinen Arbeitsbonus ein ^-^ sprich die Karten für sich und ihre Freunde. Ich glaube mir wäre der Ort vermutlich viel zu laut, aber schön dass die drei einen schönen Abend zusammen haben. Bei all dem Stress den Mirâ hat, auch wenn sie wegen Igor gefühlt unter Verfolgungswahn leiden wird, ist es wichtig, dass sie sich mit ihren Freunden ein bisschen erholen kann. Weil du sie im nächsten Kapitel vermutlich in den nächsten Alptraum schmeißen wirst <.< Warum sollten sie es auch einfach haben.

Wir kriegen auch einen kleinen Mirâ-Hiroshi Moment und den finde ich echt goldig XD dieser Drop von Mirâ glaubte, Hiroshi habe Deutsch nur zum Fluchen gelernt XD ich hätte mir das so gut vorstellen können. Wir haben so eine schöne Sprache zum Fluchen. Himmel, Arsch und Wolkenbruch! Tja, Hiroshi, du bist aufgeflogen. Leugnen ist zwecklos XD
Spaß beiseite, der kleine Musiktalk der beiden ist schon süß und ich weiß gar nicht, was dieses Ding ist, was Mirâ da beschreibt… aber Hiroshis Reaktion darauf war schon interessant. Muss ich mal googeln XD
Hiroshi geht sich was zu trinken holen und Mirâ landet im Schlamassel… ernsthaft Mädchen, bist du ein Probleme Magnet??? Aber zum Glück ist mit Mamoru der Retter in der Not da und dieser entpuppt sich auch noch als Social Link ^^
ich finde es irgendwie gerade cool, dass er Mirâ jetzt schon zweimal in Shcutz genommen hat, wo sein Name, Mamoru, einfach der Beschützer bedeutet ^^ Da kommt doch noch mehr dazu raus, nicht wahr ^-^

Zum Abschluss nochmal Igor, der sich wieder eine über seine Karten grinst. Ich frage mich ja gerade, ob er für jede Wild Card ein neues Set Tarotkarten nimmt oder ob er immer dieselben benutzt. Weiß nicht wieso ich mich das gerade frage.

Waren auf jeden Fall zwei sehr coole Kapitel und ich freue mich schon auf das nächste. Wenn es ab April auch nur monatliche Uploads sind ist das für mich absolut fein. Dass komme ich vielleicht mit Review Schreiben nach ^^‘‘

Man liest sich beim nächsten Mal.

Lg Fubuki

Antwort von: ShioChan
23.03.2026 06:46
Grüß dich Fubuki-kun,

Vielen lieben dank für die ganzen Kommentare zu meinen Kapiteln. >_< Sorry, dass ich lange nicht drauf geantwortet habe. Werde es mir wieder mehr angewöhnen.

Ich freue mich, sehr, dass die die letzten Kapitel so gut gefallen haben. ♡ Und mach dir bitte nicht so viel Stress wegen der Kommentare. ^-^ Ich freue mich über jeden, auch wenn er später kommt.

LG
Shio~
Von:  fubukiuchiha
2026-03-22T15:16:53+00:00 22.03.2026 16:16
Hallo Shio,

oh mann, ich krieg das einfach nicht mehr hin, pünktlich zu sein… mein Gott Q.Q
Rein ins Kapitel und erstmal eine Mirâ die eigentlich lernen will, aber irgendwie nicht wirklich dazu kommt. Naja, dafür ist Junko mit ihren Bildern umso produktiver. Süß zu sehen, wie begeistert sie ist ^^
Aber auch sehr schön zu sehen, wie sehr Haruka sich um Mirâ sorgt und ihr sogar einen hilfreichen Ratschlag für die Sache mit Dai und Masaru geben kann. Diesen „Sag-mir-mehr“-Blick hätte ich zu gerne mal gesehen.

Wenn Mirâ weiterhin den Schrein von Masaru besucht, hat sie irgendwann Waden aus Stahl. Diese Treppen sind doch gefühlt der Horror XD aber gutes Training jeden Tag. 10000 Schritte? Kein Thema! XD
Aber so erfreulich ist das Gespräch nicht… denn Dai und Masaru liegen sich wieder in den Haaren und dann wird Mirâ auch noch sehr barsch von Masaru weggeschickt… Da kann ich gut verstehen, dass das sie hart trifft… Sie will ja nur helfen…

Aber die Sache führt zu einem doch recht interessanten Gespräch mit Chisato, welche Mirâ tatsächlich ein bisschen aufbauen kann. Dieser Social Link wird für Mirâ noch ganz schön interessant XD Da freu ich mich echt drauf.

Und jetzt kommt endlich die Szene, die den nächsten Arc einleitet: Masaru im Dunkeln in seinem Zimmer. Der Streit zwischen seinen Eltern ist echt hart für ihn gewesen, aber man liest, dass seine Mutter ja versucht, für ihn einzustehen… aber sein Vater ist hier definitiv der dickköpfige Part… Armer Masaru… und dann schlägt auch noch sein Shadow zu. Der arme Kerl ist ja völlig am Arsch… Mirâ, tu was! Q.Q

Zum Abschluss nochmal Igor in seinem kleinen Kabuff, der auch noch einmal seinen Senf dazu gibt XD was wäre Persona nur ohne ihn. Vermutlich etwas klarer und weniger skurril.

Freu mich drauf, wie es weitergehen wird. Moment, das nächste Kapitel kenne ich ja schon XD

Lg Fubuki

Von:  fubukiuchiha
2026-03-01T09:48:03+00:00 01.03.2026 10:48
Guten Morgen Shio,

wieso kriege ich das zeitige Review Schreiben einfach nicht hin? Q.Q

Ein weiteres, schönes Chill Kapitel ^^ Mirâ im Schwimmbad, das sieht man auch nicht alle Tage, aber ist doch mal ne schöne Abwechselung und süß wie Junko gerade schwimmen lernt <3 sie ist einfach so knuffig.
Oho, da taucht ein bekanntes Gesicht auf: Shina. Irgendwie war der Gesprächsstart finde ich etwas holprig, aber MIrâ kriegt es ja dennoch hin und es ist lieb von ihr, dass sie Shina ihre Hilfe anbietet, wenn diese sich mal nicht gut fühlen sollte ^^ und als Belohnung gibt’s nen Social… wait, das ist kein Social Link?
Ich meine, selbst Igor ist über diese Wendung überrascht und das will ja was heißen XD da bin ich auf jeden Fall gespannt.

Weiter geht es mit dem Bogenschießturnier, was Moe erwähnt hat und natürlich ist Mirâ dabei zum Zuschauen XD und Dai ist auch dabei, als Teilnehmer… seine Performance ist aber alles andere als gut… aber was soll man von ihm erwarten, wenn sein Kopf gerade bei etwas völlig anderem ist… Leider spiegelt seine Leistung genau seinen Gemütszustand wider, nämlich absolut im Arsch. Mirâ versucht zwar, ihren Senpai ein bisschen aufzuheitern, aber… das wird sofort im Keim erstickt… Hoffentlich fängt sich das bald wieder… Masaru, jetzt lass dich endlich kidnappen, damit das geregelt werden kann. Mensch, Kerl!

Am Abend macht Mirâ mal wieder ein bisschen Recherche und sucht nach dem neuen „Social Link“, jedoch wird sie dabei absolut nicht fündig. Woran das wohl liegen kann XD Tja, wenn das Internet nichts hergibt, muss eben das Buch ran, was Mirâ sich gekauft hat und ich bin echt erstaunt, dass Maya solche Sachen wie die Wild Card kennt. Das lässt natürlich gewisse Theorien aufkommen, weil wenn sie über die Wild Card Bescheid weiß, muss sie entweder mit einer zu tun haben oder mit jemanden, der eine Wild Card kennt. Wären im Moment nur Makoto oder Yu, weil Joker ist noch nicht aktiv. Makoto ist im Koma, also bleibt unser lieber Yu übrig. Oder Maya hat irgendwie Kontakt zu Mitsuru bekommen. Ich bin echt gespannt, wie du das am Ende machst ^^

Zum Abschluss noch mal Igor, dieses Mal mit Mirâ und jetzt wissen wir, der neue Link ist was Besonderes. Aber natürlich drückt der Kerl sich darum, Mirâ was zu Makoto oder Yu zu sagen -.- Typisch.
Naja, dadurch bleibt es spannend und ich freue mich auf das nächste Kapitel.

Lg Fubuki

Von:  fubukiuchiha
2026-02-15T09:54:16+00:00 15.02.2026 10:54
Guten Morgen Shio,

Oh man, das wird ja immer schlimmer mit mir und den Reviews Q.Q ich muss das besser organisiert bekommen… Naja, rein in den Lachs.

Ich bin da voll bei Hiroshi, wie kann Akane eigentlich schon so gut gelaunt sein, wenn es so früh ist XD Aber Kino mit Freunden klingt doch nach einem schönen Zeitvertreib und ich schwöre, Miyuki wäre in der Zeit nicht mit erklären fertig gewesen XD die hätte alles im Detail erzählt, aber schön, dass Mirâ in der Zeit einfach mal ein bisschen abschalten und sich stumpfes gekloppe ansehen kann. Ich warte auf das Bild von Miyuki mit den beiden Herren Prota. Ähem XD Ob Akane das mögen würde? Who knows XD
Aber irgendwie lustig, wie Akane die Posen ein bisschen nachmacht. Man sieht hier mal wieder, wie gut Hiroshi und Akane miteinander klarkommen, die beiden sind echt wie Bruder und Schwester.

Der Nachmittag steht im Zeichen des Sports, denn Mirâ sieht sich nochmal dem Kyudo Dojo gegenüber und dieses Mal geht sie sogar rein, um sich eine kleine Lehrstunde zu nehmen. Hier sieht man sehr gut, was Erfahrung einer Person alles geben kann, denn Moe sieht ganz genau, wo Mirâs Probleme liegen und kann ihr entsprechend Ratschläge geben, um sich zu verbessern. Im Unterricht und Klub wird das Mirâ eine große Hilfe sein, aber bei den Shadows wird sie die Ruhe zum Zielen leider nicht bekommen ^^‘‘
Da wird man ein bisschen improvisieren müssen, aber ich bin mir sicher, dass sie das schon schaffen wird.

War ein schönes, ruhiges Kapitel und ich freue mich schon auf das nächste ^^ der nächste Dungeon ist ja nicht mehr weit entfernt. Höhö ^-^

Lg Fubuki

Von:  fubukiuchiha
2026-01-25T17:09:47+00:00 25.01.2026 18:09
Guten Nachmittag Shio,

ich nutze einfach mal das bisschen Motivation für irgendwas und hole das Review nach, bevor mich wieder die Lustlosigkeit packt ^^‘‘

Mirâs Laune an so einem grauen Morgen kann ich echt nur zu gut verstehen, da will man einfach im Bett liegen bleiben und schlafen, weil man eh zu nichts Motivation hat… fühl ich sehr. Aber hey, immerhin hat sie sich doch zu etwas aufrappeln können, auch wenn der Besuch beim Schrein nur aus ihrer Unruhe heraus entstanden ist. Besser als zu Hause zu bleiben, was?

Ganz ehrlich, was muss Masaru bitte für Beine und einen Knackarsch haben, wenn der jeden tag diese Treppen rauf und runterrennt XD Sportlicher Kerl, muss man ihm lassen. Leider trifft Mirâ nicht auf Masaru sondern auf Chisato und ganz ehrlich, ich liebe es, wie die beiden gefühlt einfach der komplette Gegensatz zu einander sind und Chisato sogar die sonst so liebe und wohlerzogene Mirâ dazu bringt, ihre Haltung zu brechen und Dinge zu tun, die sie normalerweise nicht tun würde. Ob das gut oder schlecht ist, muss jeder für sich wissen XD
Und dann noch der Sargnagel: Chisato ist ein Social Link XD Ich stell mir Mirâs Gesicht grade so gut vor XD das ist echt so ein „Nicht-dein-verdammter-Ernst“-Moment, aber da wird sie durchmüssen.

Unten an der Straße kommt mein zweiter Knuffel zum Einsatz und ich liebe es, wie du Satoshi so einbaust und das Mirâ dieses Mal rechtzeitig zur Stelle war, um einzugreifen. Auf den Social Link freue ich mich schon, vor allem darauf, wie Mirâ mit ihm in Kontakt treten wird, wenn sie ihn nicht gehen lassen will XD Das kann nur wunderbar schön Chaotisch werden.

Und zum Abschluss gibt’s noch eine Schicht zu MIrâs neuem Job und ja, der erste Tag ist echt immer so eine Sache für sich. So viel, was man sich merken muss, worauf man achten muss… Irgendwann hat man eine gewissen Routine, aber bis dahin heißt es erstmal sich durch zig Gewohnheiten zu manövrieren oder in Mirâs Fall mit vollen Tabletts durch Menschenmassen. Aber das Ambiente ist echt schön beschrieben und Mirâ hat sich ja gar nicht mal so schlecht geschlagen, würde ich mal sagen. Auch die Kollegen sind wohl ganz nett, auch wenn man da noch nicht so viel gesehen hat. Kommt alles noch. Als Belohnung für die gute Arbeit gibt’s einen Social Link und drei Eintrittskarten für die Bar gibt’s auch noch. Da bin ja mal gespannt, welche musikalischen Genüsse Mirâ, Akane und Hiroshi irgendwann mal genießen dürfen.

Zum Abschluss darf auch nochmal Igor seinen Senf dazugeben und lässt uns an seinen so viel sagenden Kommentaren teilhaben XD
War auf jeden Fall ein sehr schönes Kapitel und ich freue mich auf das nächste. ^-^

Lg Fubuki
Von:  fubukiuchiha
2026-01-14T12:26:59+00:00 14.01.2026 13:26
Hallöchen Shio,

neues Jahr, neues Kapitel und irgendwie ist es mir komplett entgangen, das Review zu schreiben… Mein Kopf ist gerade nicht auf der Höhe -.-°
Naja, egal, rein in den Lachs.

Golden Week, also heißt das, dass sich unsere Gurkentruppe mal ein bisschen Ruhe gönnen darf. Ist ja nicht so, als ob die nächste mentale Folter bereits im Raum steht, oder? <.<
Erstmal gibt’s einen kleinen, gemütlichen Spaziergang mit der Familie. Junko ist voll Happy und sucht Steine, Federn und Gräser. Eine kleine Abenteurerin. Ich sehe Mirâ mehr als einmal verzweifeln XD
Und die Ruhe ist vorbei, denn jetzt muss erstmal ein wegtreibender Fußball gerettet werden! Oho, da lauert was im Wasser und klar, dass Mirâ da erstmal ein bisschen verunsichert ist. Ich rieche einen neuen Dungeon und er riecht nach *Zensiert* Höhö
Gedanken abschütteln und schnell den Ball gerettet, der auch noch Hiroshi oder besser gesagt Kô gehört. Das wäre ne Standpauke geworden XD aber so lernt Hiroshi auch mal Mirâs Familie kennen. Ich weiß ja nicht wieso, aber ich glaube andersherum würde das nicht so locker von statten gehen XD
Noch mehr Familienverwebungen für Hiroshi XD den hast du gefühlt mit allem vernetzt, oder? XD
Ne kleine Cousine und ich würde ja schon gerne wissen, was Haruka sich dazu denkt. Ihre Tochter und ein Junge in ihrem Alter, beide sehr vertraut. Ja ja, so läuft das ^-^
Könnte ja noch ein schöner Tag werden, wenn Mirâ da nicht ein gewissen Schatten im Kopf herumspuken würde.

Und das Wetter ist im Arsch, schöner Platzregen am Ende und Mirâ ist ne gute Tochter, die beim Abspülen hilft. Haruka denkt sich ihren Teil zu Hiroshi und ich hätte zu gerne dieses allessagende Grinsen gesehen XD aber man merkt, dass sie einfach nur will, dass es ihren Töchtern gut geht. Sind nicht alle Mütter so liebevoll. Boah, heute schieß ich aber zur Seite <.<
Ein Bericht über den Tempel von Masarus Familie? Wenn man auf solche Dokumentationen steht, ist das bestimmt interessant, mir persönlich wäre das zu Trocken, aber der Wink zu Masaru und die Begegnung mit dem Shadow reichen, damit Mirâ ein verdammt mieses Gefühl bekommt… Sie hat wohl so eine Befürchtung und ich bin mir sicher, dass sie damit, so sehr sie es nicht will, recht behalten wird… Bald ists vorbei, mit der Müßiggängerei, dann werden die Teenies wieder ins kalte Wasser geschmissen.

Was könnte ein Kapitel besser beenden und unser liebster Langnasenmann Igor. Damit haben wir die Bestätigung, dass da jemand in der Spiegelwelt ist, nur bei Mirâ wird es noch ein bisschen dauern, bis sie es sicher weiß. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weitergehen wird ^^

Lg Fubuki
Von:  fubukiuchiha
2025-12-31T09:53:04+00:00 31.12.2025 10:53
Guten Morgen Shio,

ein letztes Mal für dieses Jahr und dieses Mal ein eher ruhigeres Kapitel.
Wir starten mit einem kleinen Einkaufsbummel von Mirâ, wobei ich mich gerade Frage: Gibt es überhaupt ein Buch, was die Bedeutungen der Arkana deutlich erklärt? XD da hat doch alles eine andere Art das zu beschreiben. Ich glaube, die Suche ist vergebens.
Tja, dann einfach weiter ein bisschen durch die Mall schlendern, vielleicht findet man was Schönes und Mirâ interessiert sich für ein Brautkleid? Oder zumindest bewundert sie es. Zum Glück hat das keiner gesehen, das wäre ihr vermutlich peinlich gewesen, aber das Kleid ist echt schön beschrieben. Mirâs zukünftiges Brautkleid? Wer weiß XD
Dann trifft sie noch auf Hiroshis Freund Kôsuke, der sich überraschenderweise mit Nähen und sowas auskennt. Ich bin überrascht aber hey, hier wurde eine ganz bestimmte Person erwähnt Hehe. Und ich bin gespannt, wann Mirâ das erste Mal auf Jack Frost oder Pyro Jack trifft und dann die Verbindung herstellt XD

Ein Kapitel mit Kuraiko ist ein gutes Kapitel, so viel sei gesagt XD
Auch wenn sie nur kurz auftaucht und ich kann es nicht erwarten, bis Mirâ mehr mit ihr interagiert. Mirâ selbst hat glaube ich so ein bisschen bammel vor ihr, weiß nicht warum, aber ich habe da so ein Gefühl XD

Weiter geht es zur Musikbar und ich bin echt überrascht, dass sich Shuichi an Mirâ erinnert, vermutlich hat sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber hey, sie kriegt sofort ein Jobangebot. Als ob ich es letztens bei der Erwähnung nicht schon gerochen hätte, höhö. Jetzt heißt es Mama überzeugen und das wird wohl die größte Hürde werden.

Also wirklich, Mirâ hat irgendwie ein Talent dafür, sich ungünstig in Sachen einzumischen… Auch wenn sie recht hat, denn man zerstört nicht einfach Sachen, die irgendwo rumstehen… Nur dumm, dass Mirâ alleine gegen die Rowdys nichts hätte machen können. Zum Glück kommt ein unbekannter Helfer, der den Halbstarken mal zeigt, was wahre Stärke ist. Nicht Kraft, sondern Ausstrahlung. Auf den Herren bin ich noch gespannt ^^

War ja irgendwie zu erwarten, dass sich Haruka als sehr besorgt und skeptisch entpuppen wird und man merkt aber, dass sie sich einfach nur um ihre Tochter sorgt. Ist ja nichts schlechtes, aber zum Glück konnte Mirâ sie am Ende überzeugen, auch wenn Haruka die normalsten Bedingungen überhaupt gestellt hat XD Schule und Sicherheit. Na gut, ich denke mal, damit hat Mirâ keine Probleme… oder doch? Warten wir mal ab, was die Shadows während den Prüfungen sagen XD

War wieder ein sehr schönes Kapitel und ich wünsche dir einen schon mal einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Lg Fubuki

Von:  fubukiuchiha
2025-12-13T19:58:20+00:00 13.12.2025 20:58
Hallöchen Shio,

ein eher kurzes, aber dennoch sehr schönes Kapitel ^^
Wir starten mit ein wenig aus der Gerüchteküche und Mirâ erfährt was von einer Katze, welche im Kirschblütenhain rumstreift. Es muss wirklich eine Menge passieren, wenn ein Tier so reagiert, denn normalerweise sind diese nicht so aggressiv… aber dazu später mehr.

Weiter geht es mit der japanischen Sitcom Hiro & Friends und Mirâ ist Mittendrin statt nur dabei. Ey, die drei sind wirklich wie so eine Comedy Nummer, können sie auf dem Culture Fest aufführen XD
Und ich liebe es einfach, wie Mirâ eigentlich das wohlerzogene Mädchen mit der typischen Ruhe sein will und dann manchmal einfach so die Sachen aus ihr rauskommen XD Der Spruch mit den verschiedenen Radiosendern war echt gut XD
Und schön, dass jeder der drei es mit Humor nimmt. Ich glaube die wissen ganz genau, wie sie auf andere wirken.

Nach der Schule gibt es erstmal ne kleine Sidequest von Akane: Rettet die Mieze. Ich muss sagen, es ist wirklich beeindruckend zu sehen, wie sehr Akane weiß, wie man mit Tieren umgeht. Bei einem so verängstigten Tier muss man Ruhe bewahren und ein Hieb oder eine Kralle sind nicht aggressiv gemeint, sie verteidigen sich nur aus Angst. Und schwupp, schon ist die Katze im Sack… äh, der Jacke XD
Guter Fang, Akane. ^-^ Und Mirâ erkennt, was für ein wunderbares Talent ihre Freundin hat ^^

Und die letzte Szene ist eine kleine Charakter Einführung, Hallo Satoshi ^^
Mein kleiner Knuffel, der wirkt alles andere als Glücklich Q.Q was ihn wohl bedrückt?
Okay, ich weiß es ganz genau… und es tut mir leid für meinen Kleinen Q-Q Aber hey, Mirâ hat ihn mal gesehen, wir wissen, dass er auf ne Bonzen Schule geht und ich freue mich auf ihre erste richtige Interaktion ^^

Ein sehr schönes Kapitel und ich schaue freudig auf das nächste kommende.

Lg Fubuki

Von:  fubukiuchiha
2025-11-30T09:49:16+00:00 30.11.2025 10:49
Guten Morgen Shio,

oh Gott, fast vergessen ein Review zu schreiben Q.Q Schnell noch nachholen, bevor das nächste Kapitel kommt.

Der nächste Morgen beginnt sehr chillig und Mirâ überhört einfach ne Diskussion über eine Konzertbar und sofort klingelt es bei Mirâ im Kopf. Boah, ich stelle mir gerade vor, wie zerknittert die Karte sein muss, wenn MIrâ die die ganze Zeit in der Jackentasche hatte XD dass die noch zu lesen ist. Aber hey, dieser Ort wird ja nicht umsonst mit dem Wort „Aushilfen“ in Verbindung gebracht, ne? Bin mal gespannt, wann MIrâ die Bar wirklich mal aufsuchen wird.

Sprung zu nach der Schule und dem Klub, da kann ich mir aber gut vorstellen, dass Mirâ nach all dem Stress jetzt echt geschunden ist… da muss jeder Muskel rebellieren Q.Q
Und wieder einmal läuft unsere liebe Protagonistin in eine Situation wo sie Dinge hört, die sie eigentlich nichts angehen XD
Mal wieder Zoff zwischen Masaru und Dai… meine Güte, Masaru muss ja richtig angepisst sein, wenn er so reagiert, aber ich kann auch Dai verstehen, dass er sich einfach nur Sorgen um seinen Freund macht und helfen will…
Mirâ hat da allerdings schon den richtigen Weg genannt, manchmal kann man solche Dinge eben nicht erzwingen und muss die andere Person kommen lassen… so weh es einem tut, wenn man nicht helfen kann… Armer Dai, aber da muss er einfach mal die Füße still halten und andere machen lassen.

Dieser kleine Chat zwischen dem Team ist echt ne coole Idee und ich liebe die Dynamik zwischen Akane und Hiro, die sind echt wie Bruder und Schwester und Mirâ so das dritte Rad XD
Aber sie tut Akane den Gefallen und geht ihr Buch holen… Was hat Akane bitte für ein Chaos unter ihrem Schreibtisch XD WTF? Nicht, dass da nachher noch irgendwas gezüchtet wird, weil sie keine Ordnung hat.

Ach du Scheiße XD Kairi und Kuraiko darf man zusammen echt nicht in die Küche lassen, oder zumindest sollte man Kairi nicht unbeaufsichtigt lassen. Heilige Scheiße, dass da nicht die Feuerwehr anrücken muss XD für Mirâ muss das echt das Seltsamste sein, was sie in diesem Jahr seit den Shadows gesehen hat. Gott, Kairi und Kuraiko sind ja mal das lustigste Gespann, was ich je gesehen habe XD und dieser Blick von Kuraiko muss Bände gesprochen haben, dass Mirâ wirklich lieber das Weite sucht, weil ganz ehrlich… da kommt jede Hilfe zu spät XD Mirâ, lauf einfach und schau nicht zurück.

Zum Abschluss gibt es noch ein entspannendes Bad, wobei… wenn ich mich beobachtet fühlen würde, könnte ich auch nicht entspannen, wobei ich mich frage, ob das wirklich nur Einbildung von Mirâ war (vermutlich nicht, sonst hättest du es nicht so hervorgehoben) oder eventuell Mister Oberbösi oder Mika. Hm… vielleicht erfahren wir es irgendwann mal ^^

War ein sehr schönes Kapitel und ich bin gespannt, was im nächsten passieren wird.

Lg Fubuki


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