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Zwei Käuze zum Verlieben

eine Liebeserklärungs an das Universitätsleben
von

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Auf los gehts los!

Es war so, und ich konnte daran nichts ändern. Jedenfalls nicht im Moment. Wenn sich herausstellen sollte, dass die Chemie nicht stimmte, dann dürfte ich mich selbstverständlich bei der Koordinatorin melden und um einen anderen Mentor bitten. Doch erst einmal sollte ich sehen, wie es sich anließe – mit meinem jetzigen Mentor, den mir das Team sorgfältig, wie die Koordinatorin betonte, ausgesucht hatte. Er entspreche am besten meinen Bedürfnissen. Ja? War das so? Und warum hatte ich dann nicht im Traum daran gedacht, ihn auf meine Wunschliste zu setzen und stattdessen drei Frauen gewählt, die mir aus meinen bisherigen Studien recht vertraut waren und von denen ich sagen konnte, dass sie meine Fragen rund um den weiteren Verlauf meines Promotiopnsstudiums beantworten konnten und auch Hilfe bei der Frage nach einer eventuellen wissenschaftlichen Karriere sowie einer Lebensplanung zwischen Familie und Universität boten. Und nun das? Was sollte ich mit dieser Entscheidung anfangen, für ein Jahr lang einem in die Jahre gekommenen Typen gegenüberzusitzen, der von Frauenquote in der Wissenschaft noch nichts gehört zu haben schien? So zumindest gab er sich laut seiner Homepage: seine zwei Putzerfische – wie die Mitarbeiter des wissenschaftlichen Mittelbaus genannt wurden, weil sie ihren Hai immer umschwärmen mussten – waren Kerle, die nichts Besseres zu tun hatten, als ihre Ergüsse, die geistigen, ganz weit zum Fenster herausspritzen zu lassen, damit sie auch ja jeder wahrnahm. Eine Veröffentlichung nach der anderen – und das in so kurzer Zeit, dass selbst das Universum in seiner Inflationsphase alt aussah. Ok, ich übertreibe! Es reicht auch, die jetzige Expansionsrate als Grundlage zu nehmen. Wenn ich diesem Friedrich-Ludwig Quakenburg, der gerade einmal 25 Jahre alt war, das so sagen würde, also, dass er schneller publizieren würde, als das Universum je expandieren könnte, wäre er wahrscheinlich hocherfreut über diesen Vergleich und fortan mein bester Freund. Mag sein, dass ich an dieser Stelle nicht ganz vorurteilsfrei und wenig sachlich erscheine, doch ich durfte von mir behaupten, dass ich diese kleinen aufgeblasenen Wissenschafts-Blagen hinter ihren klugscheißenden runden Brillen, mit mittelgescheiteltem, leicht angefettetet wirkendem Haar und der professoral anmutenden Fliege um den dicken Hals besser kannte als mir lieb war. Gut, Ausnahmen gab es immer wieder, aber die meisten waren von solch eitler Selbstverliebtheit, dass sie den Herrn Professoren regelrecht Konkurrenz machten und sich, wenn diese nicht anwesend waren, so sehr aufbliesen, dass, wären sie ein Heißluftballon, ein winziges Flämmchen genügen würde … Aber dieses Flämmchen brauchte es im Grunde nicht, denn kaum erschien der Herr Professor, konterkarierten sie ihr Verhalten augenblicklich selbst, indem sie ganz eilfertig Taschen und Gerätschaften des werten Chefs packten und hinter diesem die langen Uniflure zum Seminarraum hergingen – stets mit leicht gekrümmtem Rücken – aber nur, solange der Herr Professor in der Nähe war.
 

Ich ahnte, dass Quakenburg ganz genauso einer war. Und Philipp Wessels, der zweite Putzerfisch? Ebenfalls Brille, nur eckig, wohl um eine gewisse Strenge zu verbreiten und das Haar im exakten Seitenscheite gelegt. Dazu Anzug und Krawatte wie frisch von einer Tagung kommend. Nun, vielleicht durfte der sich bereits über einen oder zwei taschentragefreie Tage in der Woche freuen, immerhin war er schon 30 Jahre alt, also bereits ein alter Mann im Vergleich zum fünf Jahre jüngeren Quakenburg. Das war ihm wohl auch bewusst, denn seine Homepage las sich in der Tat wie eine Kakophonie an Forschungsinteressen, Konferenzteilnahmen und … natürlich Publikationen.
 

Wieder drängte sich mir der Vergleich mit der Expansionsrate des Universums auf, die ja stetig zunahm. Und eigentlich hätte ich beeindruckt sein sollen, wie es jemand schaffte, mit annähernd Lichtgeschwindigkeit Dinge aus seinem Hirn zu pressen und aufs Papier zu wursten. War ich aber nicht, denn so viel Wurst in so kurzer Zeit ging gar nicht. Selbst bei höchstbegabten Wissenschaftler nicht. Aber: Dr. Philipp Wessels war ein Spezialist auf allen Gebieten. Ein Tausendsassa, der in seiner Freizeit sogar Piano und Violine spielte und auch Querflöte als Solist wohlgemerkt. Nebenbei schreibe er an seiner Habil., hieß es da. Mit zahlreichen Preisen sei er auch schon geehrt worden, zuletzt von der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Klasse! Ach, und nicht zu vergessen, sein Abitur! Das hatte er mit der Note 0,85 bestanden! Was war dem noch hinzuzufügen? Vielleicht, dass Quakenburg, Friedrich-Ludwig, dem Älteren in nichts nachstehen wollte und bald Dr. des. war? Ehrlich? Ich wollte zwischen diesen beiden wissenschaftlichen Pfundskerlen nicht sitzen müssen. Musste ich ja auch nicht. Ich musste nur … Und da war es wieder … Ich musste nur zu deren Chef, dem Hai, der mich mit schiefem Grinsen von seinem Homepagefoto her ansah und so wirkte, als hätte er sich extra Mühe gegeben, um abschreckend zu wirken.

 

Die Idee, die hinter diesem Mentoring-Programm steckte, war im Grunde ganz einfach und klang verlockend. Die Teilnehmer des Programms – Studenten, die sich in der Endphase ihrer Master-Arbeit befanden über Promovenden bis hin zu PostDocs – sollten die Möglichkeit zur Orientierung in der Wissenschaft erhalten und dazu mit einem – möglichst von ihnen selbst gewählten Mentor! – in Kontakt treten dürfen, um dem all jene Fragen stellen zu können, die sich im normalen Wissenschaftsbetrieb verbaten. Und da ich meine Fragen ganz klar formuliert hatte und eben drei Professorinnen genannt hatte, war ich davon ausgegangen, dass ich eine dieser Damen als Mentorin bekommen würde. Punkt! Aus! Ende! Dass ich nun mit einem Herrn Professor an der Backe dasaß, wollte mir partout nicht ein. Nein, ich war nicht daran interessiert, wie Männer in der Wissenschaft bestanden – und er im Speziellen –, denn das konnte ich mir denken: wenn zum Beispiel die Sekretärin meines ehemaligen Professors darüber klagte, dass sie bis spät in der Nacht sitzen und Manuskripte für ihn tippen musste, die der Herr pünktlich am nächsten Tag zum Verlag schicken lassen wollte, dann musste ich schon sehr an mich halten. Ein Dank wäre nie über seine Lippen gekommen, im Gegenteil: wie oft hätte er sie gefragt, warum sie so müde aussähe und ihr dann vorgeworfen, dass ihre allgemeine Arbeitsorganisation unter aller Sau sei. Und wenn sie ihm dann zu erklären versuchte, dass er ihr die Unterlagen zu spät gegeben hätte, brüllte er, was sie sich einbilde.

 

Das war nicht das einzige Beispiel, das ich hätte nennen können. Kurzum: ich kannte solche Typen, die sich auf den Rücken anderer, vor allem Frauen, die wissenschaftlichen Lorbeeren ansteckten – möglichst vor ihrem intimen Spiegel im Büro, um zu prüfen, ob sie auch richtig säßen und um sich ein leises: Schade, schade, dass es keinen Nobelpeis für mich gibt!, zuzuflüstern. ... Und zu so einem sollte ich hin?

 

Das Koordinationsteam hielt den Kerl, Karl-Viktor Friedman hieß er, war 56 Jahre alt und zierte sich sogar mit zwei Doktortiteln, am geeignetsten für mich. Da verbat sich weiteres Fragen, außer, ich hätte mich partout querstellen wollen. Aber ehrlich, eine Weile war ich sogar drauf und dran, die Sache hinzuschmeißen. Ich war wütend. Doch dann sagte ich mir: wenn ich schon nichts für mein weiteres Leben lernen würde, so würde ich doch wieder mal einem dieser Wissenschaftspfeifen gegenüberstehen und könnte endlich einmal zurückfeuern ... Und darauf freute ich mich!

Es wird geheimnisvoll


 

K

eine drei Wochen später stieg ich frühmorgens in den Zug, der mich zu diesem Herrn Professor Karl-Viktor Friedman bringen sollte. Vier Stunde würde ich ins schöne München benötigen. Der Termin war für 12 Uhr vereinbart worden – in seinem Büro. Persönlich hatte ich noch nicht mit ihm sprechen können. Das Organisatorische hatten die Koordinatoren vereinbart. Für das erste Treffen, hieß es, war das besser. Warum eigentlich? Ich hatte mir die Frage verkniffen und mich eher an die Vorbereitung des Treffens gesetzt, denn darauf kam es schließlich an. Stumm vor dem Kerl zu sitzen, brachte es ja nicht. Also hatte ich mir eben einige Fragen ausgedacht, die ihn, so meinte ich, des Snobismus und der Kaltblütigkeit überführen sollten. Ganz direkt waren meine Fragen und wenn er auswiche, was er garantiert täte, dann würde ich ihn mir trotzdem packen, Lange genug hatte ich miterleben müssen, wie Frauen unter Männer in der Wissenschaft leiden mussten und von ihnen gedrückt und an den Rand gedrängt wurden. Warum gab es denn so viele Männer mit Professorentitel und nur so wenige Frauen? Und außerdem galt, dass es für einen Mann mit guten Ergebnissen reichen würde, eine Frau hingegen müssen sehr gute und bessere Ergebnisse vorweisen, ehe sie die Chance auf eine Anstellung erhielt. Und warum nahmen diese wenigen Frauen, die es geschafft hatten, immer männlichere Attribute an, je höher sie auf der wissenschaftlichen Leiter stiegen? Klar, weil sie verflucht nochmal in einer männlich dominierten Arbeitswelt agierten und ihnen nichts anderes übrigblieb, als sich durchzuboxen und Ellenbogen zu zeigen. Aber entsprach das weiblichem Denken und Fühlen? Oder verhielt es sich nicht eher so, das Frauen ganz anders tickten als Männer? So jedenfalls hatte es mir die Sekretärin meines damaligen Professor erklärt, die, die Nächte lang hindurch seine Manuskripte abtippte, die, die sich hatte zur Sau machen lassen, wegen ihrer angeblich desolaten Arbeitsorganisation. Mich hatte ihre Sichtweise ganz zu Anfang meines Studiums irritiert. Tickten Männer und Frauen tatsächlich anders? Kamen, um es salopp zu sagen, Männer wirklich vom Mars und Frauen von der Venus? Steckte Männern das kriegerische Potential in den Genen? Sahen sie sich Zeit ihres Lebens in einem Wettstreit mit anderen und waren immer gezwungen zu gewinnen, koste, was es wolle? Und war ihnen letztlich jedes Mittel recht dafür? Und Frauen? Waren sie wirklich immer auf Harmonie aus? Betrachteten sie eine Diskussion – anders als Männer – nicht als Machtkampf, in dem sie die Oberhand haben mussten? Am Anfang,wie gesagt, zweifelt ich an dieser Sichtweise, doch je länger ich studierte, desto häufiger kam es vor, dass es gerade Männer waren, die sich ihren Platz, besser als Frauen, zu sichern wussten, eben weil sie kämpften und das auch unter unfairen Bedingungen. Und wenn man dann im Seminar über Gleichberechtigung fragte, warum es so wenige Frauen auf feste Posten in der Wissenschaft schafften, kam die lapidare Antwort: „Sie geben ja vorher auf.“ Ja, aber warum gaben sie denn auf? Und warum gab es im Verhältnis zu Männern mehr Frauen, die bei gleicher Qualifikation einfach keinen Lehrstuhl erhielten und so in ständiger Abhängigkeit und finanzieller Unsicherheit gehalten wurden. Dass Frauen darauf keine Lust hatten und vorher die Segel strichen, war doch klar. Wie aber könnte man dem beikommen? Was müsste sich ändern? Und wie konnte man es ändern?
 

Eben diese Fragen hatte ich eigentlich mit einer von diesen drei Professorinnen, die ich in meiner Bewerbung genannte hatte, besprechen wollen. Stattdessen musste ich nun zu diesem Karl-Viktor Friedman. Okay, München war ein schönes Pflaster. Und wenn es mit diesem Typen schieflief, wovon ich ausgehen durfte, dann war da immer noch die Stadt, der Englische Garten zum Beispiel, in dem ich meinen Frust heraus brüllen konnte.
 

Und so als wolle mich dieser Kerl in meinen Vermutungen bestätigen, empfing er mich in seinem Büro mit den Worten: „Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Frau ...“ Er geriet ins Stocken. Verdammt, er wusste noch nicht einmal meinen Namen!
 

„Hübner“, antworte ich so ruhig ich konnte und versuchte diesen großen dürren Kerl, der es noch nicht einmal für nötig hielt, sich von seinem Schreibtisch zu erheben, genau in Augenschein zu nehmen. Graue kurze Haare, schmales Gesicht, randlose Brille, dazu das gleiche schiefe Grinsen wie auf dem Foto. Deutlich sah ich seine gebleckten Zähne. Mir stieß es sauer auf.
 

„Hübner, Carolyn“, wiederholte er, nickte dazu und begann wie beiläufig in einem Buch zu blättern, um mir zu zeigen, dass ich störte. „Also, Frau Hübner ...“ Er sah kurz auf und unsere Blicke trafen sich. „Ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein.“ Wieder unterbrach er sich und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. Abwehrhaltung, schoss es mir durch den Kopf. „Ich habe heute nur eine halbe Stunde für Sie Zeit ...“
 

Mir stockte der Atem. Das durfte doch nicht wahr sein. Da ließ mich der Kerl über vier Stunden lang fahren, um mir zu eröffnen, dass er nur 30 Minuten Zeit für das Gespräch eingeplant hatte? Der war ja schlimmer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Und so als meinte er, dass ich dafür auch noch dankbar war, überhaupt einen Termin bei ihm erhalten zu haben, fuhr er fort: „Ich hoffe, Sie haben sich gut auf dieses Treffen vorbereitet?“
 

Fast wollte ich fragen: Und Sie? Was ist mit Ihnen, Herr Professor…? Aber das verkniff ich mir. Für’s Erste. Dafür schoss er weiter. „Denn, wie ich Ihren Unterlagen, die man mir leider viel zu spät zugesandt hat, entnehme, sind Sie ja auch nicht mehr ganz jung ...“ Er sah auf, zog eine Mappe zu sich heran – offensichtlich meine – und begann darin zu blättern.
 

„32, ja“, ließ ich mich vernehmen.
 

„Und da promovieren Sie noch immer? Oder, wie ich gerade sehe, beginnen gerade. “
 

Ich schluckte. „Ja, was spricht dagegen?“
 

„Nun, nichts“, entgegnete er, sah auf, nahm sich die Brille ab und kratzte sich mit ihr in Hand an der Schläfe, ehe er sie sich wieder auf die Nase schob.
 

„Jeder in seinem Tempo“, brachte ich heraus.
 

Er nickte, fuhr sich dann mit der Hand durchs kurze graue Haar und spitzte die Lippen, so als überlege er. „Aber“, hob er dann wieder an, „ich sag’s ganz offen und verrate Ihnen damit sicher kein Geheimnis, aber in der Wissenschaft dürften Sie mit diesem Tempo hier in Deutschland keine Chance haben. Wenn ich rechne, dass Sie für Ihre Promotion mindestens 4 Jahre benötigen werden, eher 5, dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen werde helfen können.“
 

Er sah auf, offensichtlich suchte er zu erfahren, wie ich auf seine Worte reagierte. In der Tat begann es in mir zu brodeln, doch ich hielt jegliche Emotion zurück. Sah ihn meinerseits an. Es bestand kein Zweifel, der Kerl wollte mich loswerden und dazu war ihm jedes Mittel recht. Er war in dieser Hinsicht – und es durchzuckte mich wie ein Gedankengewitter – genauso, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Selbstherrlich, abkanzelnd. Meinem ehemaligen Professor in nichts nachstehend.
 

„Und wenn ich nicht in Deutschland bleiben möchte?“, fragte ich so ruhig ich konnte.
 

„So? Wohin wollen Sie denn gehen?“
 

Ich verkniff es mir, mit den Schultern zu zucken, denn was hier zählte, war ein geradliniges Auftreten. Das hatten mich die Coachings, die ich an der Uni belegt hatte, gelehrt.
 

„Nach England oder in die Vereinigten Staaten.“
 

„Können Sie denn ausreichend Englisch?“
 

„Ja“, schnappte ich.
 

„Sie könnten auch in die Schweiz gehen“, hörte ich ihn sagen. „Aber da müssen Sie Schweizerdeutsch beherrschen.“
 

„Quatsch!“
 

„Wie?“, fragte er und ließ meine Mappe sinken.
 

„Quatsch ist das!“, wiederholte ich.
 

„Was? Was haben Sie da gesagt?“
 

„Na ja ...“, beeilte ich mich. Ich wusste seinen Blick auf mich gerichtet, wusste auch, dass er eine adäquate Entschuldigung von mir erwartete. Doch die verkniff ich mir. Solche Typen wie er durften den größten Blödsinn erzählen, aber wehe, jemand sprach dagegen, demaskierte sie. Sollte er das Gespräch doch an dieser Stelle für beendet erklären, sollte er mich doch rauswerfen. Und wenn schon! Vor meinem Koordinatoren-Team konnte ich Rede und Antwort stehen und endlich meine gewünschte Mentorin bekommen. Mit dem hier ging es jedenfalls gar nicht. Also nahm ich meine Tasche auf den Schoss, wollte schon aufstehen, als er mich plötzlich fragte: „Wie also meinen Sie, kann ich Ihnen helfen kann?“
 

Augenblicklich holte ich tief Luft. Mir war klar, dass das der Rauswurf war, wenn auch positiv formuliert. Doch in der Tat gab es nichts mehr zu sagen.
 

„Gar nicht. Sie können mir nicht helfen“, erwiderte ich deswegen knapp und zog die Augenbrauen hoch. Er stutzte. Dann stieß er ein verwundertes „Wie?“ hervor und ich nickte. Mit dieser Reaktion hatte er wohl nicht gerechnet.
 

„Im Grunde bin ich nicht hierher gekommen“, fuhr ich daraufhin fort, „um mit Ihnen eine Strategie für mein wissenschaftliches Fortkommen zu erarbeiten, sondern, um Sie kennenzulernen.“
 

„Wie?“ Wieder wurde seine Verwunderung deutlich sichtbar, denn er hielt den Mund leicht geöffnet.
 

„Ja, aber ich wollte ...“, setzte ich wieder an, wurde aber von ihm unterbrochen. „Haben ich Sie richtig verstanden, dass Sie nur hier sind, um mich kennenzulernen?“
 

Ich nickte.
 

„Sie rauben mir meine Zeit, um mir das ...“
 

„Sie haben doch sowieso keine Zeit für mich“, entgegnete ich rasch.
 

Einen Moment lang herrschte Schweigen und mir war klar, dass er mich nun rauswerfen würde. Doch wiederum geschah nichts dergleichen. Stattdessen fragte er mich: „Und warum wollten Sie mich kennenlernen?“
 

„Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, die ich Ihnen nur persönlich stellen kann.“
 

Ich hätte gelogen,wenn ich behauptet hätte, dass mir in diesem Moment nicht das Herz in die Hose gerutscht wäre. Doch nun hatte ich ihn genau an der Stelle, an der ich ihn haben wollte. Ich konnte loslegen, konnte ihn mir vornehmen, ihm auf den Zahn fühlen.
 

„Also bitte!“
 

Ich ließ mich von seinem gönnerhaften Tonfall nicht einschüchtern.
 

„Was, denken Sie, warum gibt es so wenige Frauen in sicheren Positionen in der Wissenschaft? Warum erhalten Sie anders als ihre männlichen Kollegen viel später und auch viel schwerer eine gute Stelle? Sie wissen, auf Ihrem Stuhl könnte auch eine Frau sitzen. Was denken Sie, machen Frauen falsch?“
 

Ich unterbrach mich, sah ihm in die Augen.
 

„Das waren drei Fragen und eine Feststellung“, bemerkte er ruhig.
 

„Was denken Sie?“, beharrte ich.
 

„Nun, nichts. Nichts machen Sie falsch.“
 

„Was? Was soll das heißen?“, schnappte ich.
 

„Nichts weiter, als dass Frauen oftmals andere Prioritäten setzen als Männer.“
 

„Und welche wären das?“
 

„Nun“, begann er, „das wissen Sie doch als Frau viel besser als ich.“
 

„Sagen Sie es mir?“
 

Einen Moment lang tat er nichts, sah mich nur an, dann setzte er wieder die Brille ab, rieb sich die Augen, zwinkerte einige Male. Dann: „Lassen Sie es mich so sagen: An einem bestimmten Punkt im Leben einer Frau stellt sich ihr wohl die Frage, ob Wissenschaft oder Familie den Vorrang hat. Einige entscheiden sich dann für Letzteres, was Sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen um Jahre zurückwirft.“
 

„Und?“,wollte ich wissen, „Wie stehen Sie dazu?“
 

Er zuckte mit den Schultern. „Da ich ein Mann bin ...“
 

„Mit anderen Worten: Sie halten es für richtig, dass es Frauen nach der Gründung einer Familie meist sehr viel schwerer gemacht wird, wieder in der Wissenschaft Fuß zu fassen als Männern, ja, dass die Entscheidung für die Familie besser für Frauen ist als im Beruf weiterzukommen?“
 

„Das habe ich gerade nicht gesagt“, entgegnete er.
 

„Was dann?“
 

Er räusperte sich, erwiderte aber nichts.
 

„Was halten Sie von der Frauenquote?“, fragte ich weiter.
 

„Sehr viel und gleichzeitig gar nichts“, entgegnete er, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete mich mit leicht schräg gelegtem Kopf. Mir gefiel diese Geste ganz und gar nicht.
 

„Würden Sie das bitte weiter ausführen?“, fragte ich.
 

„Das“, setzte er an, „kann ich Ihnen sehr genau ausführen.“
 

„Ich bin gespannt.“
 

„Nun, wie Sie schon richtig festgestellt haben, gibt es zu wenig Frauen in leitenden Positionen – das ist im Übrigen kein Phänomen, was sich allein in der Wissenschaft zeigt. Wohlgemerkt.“
 

„Ja und?“
 

Einen Moment lang sahen wir uns in die Augen, dann holte er tief Luft und wirkte so, als müsse er ein Gähnen unterdrücken. Unverschämter Kerl, fand ich.
 

„Ich wollte das nur klarstellen. Deswegen ist es gut, Frauen zu fördern.“
 

„Haben Sie deswegen nur männliche Mitarbeiter?“
 

„Wie?“, fragte er, „Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“
 

„Sehr viel. Oder etwa nicht?“
 

Er schüttelte den Kopf. „Wollen Sie mir vorschreiben, wen ich einzustellen habe?“ Seinem Ton war eine gewisse Schärfe zu entnehmen. Doch das schüchterte mich nicht ein.
 

„Nein, ganz bestimmt nicht. Ich frage mich nur, wo ihr Engagement bleibt. Sie sagen, dass Sie dafür sind, Frauen in der Wissenschaft zu fördern. Dann aber frage ich mich, warum Sie nicht wenigstens eine Mitarbeiterin haben?“
 

„Ganz einfach: weil sich keine um diese beiden Stellen beworben hat.“
 

„Das könnte auch an Ihnen liegen“, erwiderte ich und spürte, dass mein Herz schneller zu schlagen begann. Aber ich hatte mir ja vorgenommen, diesem Typen auf den Zahn zu fühlen.
 

„Könnte“, entgegnete er, beugte sich vor und stützte sich mit den Unterarmen auf seinem Schreibtisch ab, während er mich zu fixieren begann. „Und jetzt verrate ich Ihnen mal ein Geheimnis: Das könnte nicht nur so sein, das ist auch so. Ich aber stehe, anders als viele meiner Kollegen, wenigstens dazu, dass ich mit Männern sehr viel besser zusammenarbeiten kann, als mit Frauen.“
 

Ich hatte das Chauvinist! bereits auf den Lippen, als er fortfuhr: „Da ist mir die Frauenquote vollkommen egal – und solche Frauen, die meinen, sie auf diese Art, wie Sie sie hier an den Tag legen, verteidigen zu müssen, auch. So, und jetzt versuche ich es Ihnen noch einmal zu erklären, wenn Sie mich lassen.“
 

Ich war baff, obwohl ich gleichzeitig fürchterlich geladen war und ihm am liebsten zig Dinge gleichzeitig an den Kopf geknallt hätte. Aber den Moment meines Schweigens nutzte er aus.
 

„Ich bin, ebenso wie Sie, für eine Gleichberechtigung von Männer und Frauen in der Wissenschaft, doch wenn diese Gleichberechtigung dann in ihr Gegenteil verkehrt wird ...“
 

„Wird sie das?“, hörte ich mich fragen und ahnte, dass meine Stimme sich zu überschlagen drohte.
 

„Ja, das wird sie, wenn man mir plötzlich vorschreiben will, wen ich einzustellen habe und ich mich bei gleicher Qualifikation immer für die Frau zu entscheiden hätte … Ich frage nun Sie: ist das nicht auch eine Art der Diskriminierung?“
 

Eine Moment lang konnte ich nichts erwidern, doch dann kamen mir die Gedanken wieder.
 

„Wissen Sie, was Sie hier treiben, Herr Professor Friedman? Sie wollen Frauen in der Wissenschaft ganz einfach nicht und verdrehen dafür die Argumente. Sie sind in meinen Augen ...“, rief ich.
 

„Na, was bin ich in Ihren Augen?“, unterbrach er mich ruhiger, als ich gedacht hätte. „Das würde mich in derTat interessieren.“ Wieder lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was bin ich in Ihren Augen und in denen all dieser anderen Frauen, die meinen, dass Gleichberechtigung so ausschaut, Männern das Recht auf individuelle Entscheidungen zu nehmen und freie Stellen unter der Hand nur an andere Frauen vergeben? Früher hieß es Frauen müssten doppelt so gut sein wie Männer, um eine Stelle zu kommen. Heute gilt, dass der Mann noch so gut sein kann, er wird trotzdem keine Chance erhalten! So sieht es doch aus! Genau so? Und wenn Sie noch einmal solch eine Art von Gespräch, mit wem auch immer, zu führen beabsichtigen, lege ich Ihnen nah, sich vorher besser darauf vorzubereiten. Guten Tag, Frau Hübner!“

 

Eine tolle Nachricht


 

S

o, für mich war die Sache damit erledigt. Ich wollte darüber nicht mehr nachdenken und doch kamen mir auf der Heimreise die Tränen. Da hatte mich dieser professorale Zipfelträger ganz schön erwischt. Ich hatte doch das Sagen haben wollen. Und dann hatte er den Spieß umgedreht und mich sozusagen vor die Tür gesetzt – und das sogar mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Arschloch! Ok, das sagte man nicht. Ich am allerwenigsten, aber wenn mir so etwas passierte, dann gingen mit mir buchstäblich die Pferde durch. Ich verlor nicht gern gegen solche Typen, ließ mich auch nicht gern zurechtweisen oder belehren und rausschmeißen. Und schon gar nicht von so einem Typen, der Frauen hasste und einem die Worte im Munde umdrehte. Das, verdammt nochmal, war zu viel!
 

Kaum daheim angekommen, rief ich meine Freundin an: Katha,eigentlich Katharina heißend: lange, rote Haare, Studentenbrille auf der Nase und den gleichen Überzeugungen wie ich selbst. Der Zufall wollte es, dass sie bei unserer hiesigen Uni-Zeitung arbeitete, sozusagen als Chefredakterin. Sie hatte das Sagen, was reinkam und was nicht. Und dieses Ding, was ich gerade erlebt hatte … Man!
 

„Ja“, gähnte sie in den Hörer.
 

„Sorry“, stieß ich hervor, „hast schon geschlafen, oder?“
 

„Hmmm“, machte sie und gähnte laut.
 

„Tut mir Leid, aber ich … Man, bin ich geladen!“
 

„Was ist denn passiert?“
 

„Das Ding in München ...“, begann ich.
 

„Schief gegangen?“ Sie gähnte erneut.
 

„Und wie. Reinste Pleite.“
 

„War zu erwarten. Und nun?“
 

Verdammt, ich hatte sie wirklich aus dem tiefsten Schlaf gerissen, denn sonst reagierte sie immer schnell.
 

„Wollen wir morgen? Ich meine, ich rufe dich morgen an“, versuchte ich meinen Fehler irgendwie auszuwetzen.
 

„Nein, nein, verzähl.“
 

„Aber es ist ...“
 

„... schon nach 12. Ja, ja … Leg los, was hat der Kerl vom Stapel gelassen?“
 

„Das Feinste ...“
 

Dann erzählte ich ihr alles, einfach alles und am Schluss kam wieder ein „Hmmm“ von ihr.
 

„Hm?“, machte auch ich, denn ich spürte, dass ich mich müde gequatscht hatte und das offensichtlich auch Katha, denn sie gähnte erneut.
 

„Dann würde ich sagen ...“, begann sie schließlich, „dass das unser neues Thema werden wird. Arschlöscher in der Wissenschaft und wie man mit Ihnen umgeht.“
 

„Arschlöcher?“, fragte ich.
 

„Trolls?“
 

Ich biss mir auf die Unterlippe.
 

„Meinst du?“
 

„Ja.“ Erneut gähnte sie. „Lass uns morgen weiterreden. Ok?“
 

„Ok. Danke dir. Jetzt geht’s mir besser.“
 

„Na klar. Immer wieder gern.“
 

„Nachty.“
 

„Nachty.“
 

Nach diesem Gespräch und der Aussicht auf eine kleine, aber feine Rache seitens eines Artikels in der Uni-Zeitung konnte ich endlich ins Bett gehen. Eines stand für mich fest: Diese Art der Behandlung wollte ich nicht auf mir sitzen lassen, denn sie entsprach genau dem, wovon viele Frauen in meinen Umfeld immer wieder sprachen: sie wurden von ihren männlichen Kollegen von oben herab behandelt, nicht ernst genommen, ja sogar belächelt und wenn alles nichts half, diffamiert und sogar gemobbt. Ihre Forschungen wurden kleingeredet oder gar als eigene Leistung ausgegeben. Natürlich konnte das auch Männer passieren, aber es waren deutlich mehr Frauen betroffen, die unter der Gemeinheit und Kaltblütigkeit ihrer Chefs zu leiden hatten. Nicht zu vergessen die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Aber wenn ich über dieses Thema nachdachte, wurde ich fuchtelig, dann war an Schlaf nicht mehr zu denken. Deswegen versuchte ich diese Gedanken fernzuhalten und mich zu beruhigen.
 

Am anderen Morgen rief ich Katha wieder an, die sofort auf unsere nächtliche Idee zu sprechen kam. Sie sagte, dass sie sich alles hätte durch den Kopf gehen lassen und das Konzept mit mir in der Mittagspause besprechen wolle. Eher hätte sie leider keine Zeit. Sie müsse gleich aus dem Haus, hätte ein wichtiges Treffen. Sie arbeitete nämlich nicht nur für die nur monatlich erscheinende Uni-Zeitung, sondern auch für die hiesige Tageszeitung als Reporterin. Oftmals nannte sie sich selbst „rasende Reporterin“ – immer auf der Suche nach aktuellen, spannenden Storys, die Kontroversen auslösten. Ja, das Privileg hatte sie, heiße Eisen anfassen zu dürfen. Andere durften das, wie sie sagte, nicht. Ja, man musste schon ein gewisses journalistisches Gespür für Themen und deren Handhabe besitzen und das besaß Katha zweifelsohne. Sie ging Themen sensibel an, auch wenn sie verbal manchmal ziemlich auf den Putz hauen konnte. Na, da nahmen wir uns beide nichts. Sie war etwas älter als ich, hatte nach ihrem Germanistik- und Journalistikstudium sofort einen Platz an einer Journalistenschule erhalten, später bei einer nicht ganz unbekannten Tageszeitung ein Volontariat bekommen und konnte nun einen festen Vertrag vorweisen. Dass ihr Lohn nicht sonderlich hoch war, störte sie nicht. Sie lebte alleine und war genügsam. Und auch in diesem Punkt glichen wir uns sehr. Auch ich lebte allein, brauchte nicht viel, um glücklich zu sein. Nur, wenn ich mich allein fühlte, überlegte ich mir, eine Katze aus dem Tierheim zu holen. Aber diesen Gedanken verwarf ich immer wieder schnell – so selten, wie ich zu Hause war – eine Qual für jedes Tier und auch für Pflanzen, wie ich bereits hatte feststellen dürfen. Ich war das wandelnde Klischee, das selbst Kakteen eingehen ließ. Manchmal machte mich der Gedanke daran traurig, dass ich es noch nicht einmal fertigbrachte, für eine so genügsame Pflanze Verantwortung tragen zu können. Aber vielleicht musste ich einfach mehr im Hier und Jetzt leben, statt immer irgendwo herumzuzappeln? Das hatten Katha und ich schon oft besprochen, denn auch sie schaffte es nicht, Pflanzen bei sich gedeihen zu lassen. Ein Trost, wenn auch ein schwacher, denn im Grunde mochte ich Pflanzen und Tiere und die Natur sowieso. Ich liebte das Grün der Wiesen, das Rauschen der Bäume, das Zwitschern der Vögel, doch leider schaffte ich es nur selten, die Großstadt zu verlassen und an die Peripherie zu fahren – vielleicht mit einem guten Buch: ein Traum! Ich war immer eingespannt, immer beschäftigt, denn ich arbeitete, um meine Dissertation schreiben zu können, in einem Supermarkt an der Kasse: Schichtdienst. Was ich da manchmal erlebte … Ok, das ist eine andere Geschichte. Nur eines: die, die man so landläufig als Penner bezeichnete, waren mir da noch die Liebsten, denn sie wurden meist weder laut noch aggressiv, wenn ihnen etwas nicht passte. Seltsamerweise wussten sie in Konfliktsituationen – besser als sogenannte Gebildete – adäquat zu reagieren und schlichteten manchmal sogar Streitigkeiten, die sie im Grunde gar nichts angingen. Sie waren richtige Mediatoren. Besonders Browni hob sich hervor. Seinen Namen trug er wegen seiner braunen Jacke, die er wohl, solange ich in diesem Supermarkt arbeitete – und das waren mittlerweile fast zwei Jahre –, noch kein einziges Mal gewechselt zu haben schien. Dementsprechend der Geruch, den er nach sich zog, aber hey: was ist einem lieber? Ein kreischendes Gör, was vom Vater eine Schokoladentafel verlangte und versprach, dann ganz lieb zu sein oder Browni, der gemütlich hinter den beiden stand und dem überforderten Vater den trockenen Rat gab, dem Kind einmal ordentlich Bescheid zu geben, als mit ihm wie mit einem Geschäftspartner zu verhandeln und sich erpressen zu lassen. Ganz meine Gedanken! Aber ich durfte sie ja nicht äußern. Doch ich schweife ab … Einer meiner größten Fehler. Ich wollte doch eigentlich … Gut, wenn ich nicht gerade im Supermarkt saß oder an meiner Dissertation schrieb, dann traf ich mich mit Freunden. Allein daheim zu sitzen kam für mich nicht in Frage. Dafür war, wie ich mir immer wieder sagte, meine Einzimmer-Wohnunng zu klein. Den ganzen Tag in einem Raum? Ich? Niemals! Und selbst wenn ich mir für ein freies Wochenende vorgenommen hatte, endlich einmal den aus der Bibliothek ausgeliehenen Thriller zu lesen, blieb es bei dem Entschluss. Spätestens um 15 Uhr rief ich einen meiner Freunde an – oder sie riefen mich an und die Planung für den Abend rollte an: Kino, Theater, Oper oder einfach mal schick Essen gehen. Dafür war ich. Weniger – man mochte es kaum glauben – für Disco oder diese Ü30-Partys, die überall und immer öfter veranstaltet wurden, ja, geradeso, als suchten wir verzweifelt nach dem oder der, nur weil wir Ü30 waren. Keine Chance bei mir. Keine Chance bei meinen Freunden. Wir Mädels – der feste Kern setzte sich aus Katha, Birgit, die alle wegen ihrer Baseballkappe auf dem Kopf Jeter nannten, Suse und mir zusammen. Ab und zu kam auch noch unser verflixt gutaussehender, aber leider schwuler Kumpel Pascal hinzu. Wir zusammen waren ein wandelndes Klischee. Aber es störte uns nicht. Pascal hatte seine vier Uschis, die er mit Geschichten aus seiner, teilweise doch grotesk anmutenden Suche nach dem Passenden erheiterte und wir hatten etwas zu lachen. Am liebsten saßen wir im Sommer zusammen im Biergarten. Alle zusammen. Wen brauchten wir da noch?
 

Ok, an diesem Morgen brauchte ich nur eines: Zeit! Meine Schicht begann gleich und zuvor wollte ich noch meine Koordinatorin anrufen, um ihr zu sagen, dass ich einen neuen Mentor – besser, endlich eine Mentorin von meiner Wunschliste – bräuchte. Das Gespräch ließ sich nett an. Sie hieß Carina, wollte, dass ich sie duzte, also tat ich ihr den Gefallen und erhoffte mir, dass diese Vertrautheit nicht nur Show war. Denn wenn doch … Schon wieder spürte ich Wut in mir hochkommen, die ich jedoch hinunterschluckte. Die gute Carina hörte sich weiterhin alles an, machte zwischendurch einige Male „Hmm“ und „Ja“ und „Ach so, das tut mir aber leid, aber ...“
 

Ich wurde hellhörig: Aber? Was, Aber? Kein Aber! Verdammt nochmal, kein Aber. Weder ein kleines noch ein großes. Ich brauchte kein Aber, sondern eine ordentliche Mentorin, mit der ich zusammenarbeiten konnte, ja die mich nicht abkanzelte und mir schon, bevor ich überhaupt eingetreten war, die Tür vor der Nase wieder zuschlug, die sich, so dämlich wie es klang, meiner annahm und mit mir zusammen eine Strategie entwickelte.
 

„Hmmm, aber ...“
 

Verdammt, ich konnte es nicht mehr hören, dieses: „Herr Prof. Dr. Karl-Viktor Friedman erschien uns als einer der Besten für dich.“
 

„Ach ja?“, rief ich in den Hörer. „Davon habe ich nichts bemerkt.“
 

Schweigen.
 

„Ich möchte dich nochmals bitten, mir eine Mentorin zu geben, ansonsten breche ich das Programm ab“, erwiderte ich.
 

„Gut, gut, lass uns gemeinsam nach einer Lösung suchen.“
 

„Ich bitte darum!“
 

„Komm doch am Nachmittag bei uns vorbei ...“, setzte Carina wieder an.
 

„Geht nicht! Da arbeite ich.“
 

„Achso, ja dann … wann kannst du kommen?“
 

„Nach 18 Uhr.“
 

„Oh … gut“, erwiderte sie, „es drängt ja.“
 

„Ja, das tut es.“ Ich schnaubte leise, sah auf die Uhr und stellte fest, dass ich mich schon längst hätte auf den Weg machen müssen. „Gut, dann bin ich 18h30 bei dir an der Uni. Ok?“
 

„Ja.“
 

Ich legte auf, schnappte mir meine Sachen und rannte los. Natürlich fuhr mir der Bus gerade vor der Nase weg, sodass ich 10 Minuten warten durfte und nun endgültig zu spät zur Arbeit käme. Zum Glück hatte ich einen netten Chef, doch gerade, weil er so nachsichtig war, wollte ich ihn nicht enttäuschen. Und auch meine Mitarbeiter, die sich ja auf mich verlassen mussten.
 

„Tut mir leid“, rief ich vollkommen außer Atem in die Runde. Ein allgemeines Brummen war die Antwort und schon hockte ich an meiner Kasse und zog Waren über den Scanner und fragte mich dabei nicht das erste Mal, wie so ein Laser überhaupt funktionierte. Manchmal ertappte ich mich auch dabei, mir Geschichten auszudenken, während meine Hände von ganz allein arbeiteten. Immer klappte das nicht, meist musste ich aufpassen, manchmal aber, ja manchmal, da gelang es mir, mich in eine andere Welt zu manövrieren, während ich arbeitete und sogar, während ich Geld entgegennahm und rausgab. Manchmal hatte ich die Konzentration dafür. Doch heute war alles anders: es begann damit, dass ein junger Kerl eine Flasche Schnaps aus dem Supermarkt entwenden wollte und sie ihm, während er fliehen wollte, aus der Hand rutschte. Die Splitter flogen überall hin und penetranter Geruch nach billigem Fusel machte sich blitzschnell breit. Das allein hätte schon genügt, aber nein, just in dem Moment musste eine alte Frau hereinkommen, die doch glatt auf einer dieser Scherben ausrutschte und sich langlegte. Und ich an der Kasse saß wie versteinert. Der junge Kerl verschwand. Die Frau lag auf dem Rücken und sagte kein Wort mehr. Im ersten Moment dachte ich, sie sei tot, bis sie ein: „Oj“ von sich gab und sich mein Hirn wieder einschaltete, ich zuerst den Chef anpiepte und dann zu der Frau sprang. Sie hatte sich Gott sei Dank nur leicht verletzt, doch als wir sie zusammen mit meinem Chef wieder aufgesetzt hatten, sah ich, dass in ihrem Mantel zig kleine Splitter steckten und auch in ihrem Haar fanden sich welche. Ich wollte schon damit beginnen, sie von all dem zu befreien und sagte ihr auch, dass wir einen Krankenwagen holen würden, als sie leise erwiderte: „Lassen Sie nur, junges Fräulein. Ich brauche keinen Krankenwagen. Das, was ich schon alles erlebt habe, da ist so ein wenig Glas gar nicht.“ Na, da wusste ich und wusste doch nicht, wie ich mit der Frau umgehen sollte. Sie wollte sich erheben, mein Chef und ich zwangen sie fast dazu, sitzen zu bleiben.
 

„Aber mir geht es gut“, versicherte sie.
 

„Aber ihre Kleidung und ihr Haar ...“, erwiderte ich, „und außerdem sollte doch ein Arzt auf sie schauen.“
 

„Nein, an mir waren schon genug Ärzte dran“, sagte sie wiederum sehr leise und bedeutete meinem Chef, ihr hochzuhelfen. Der wollte nicht, sondern tippte die Nummer der Schnellen Medizinischen Hilfe. „Na, ist das denn charmant, eine alte Dame im Alkohol sitzen zu lassen?“, echauffierte sie sich.
 

„Ja, nein. Entschuldigen Sie vielmals. Wir kommen selbstverständlich für den Schaden auf“, murmelte er und sprach dann in sein Handy.
 

„Ach das, Jungchen. Wenn sie wüssten, wie es mir früher gegangen ist. Aber da lebten Sie alle ja noch nicht.“ Sie sah uns beide aus ihren großen braunen Augen an, während in einer ihrer Locken ein Glassplitter schimmerte.
 

„Sie haben da ...“, begann ich und wollte ihr wenigstens das entfernen. Doch sie, ganz behände, fuhr sich durchs Haar, erwischte den kleinen Splitter und hielt ihn mir grinsend unter die Nase.
 

„Doch trotzdem sollten sie sich absammeln lassen“, ließ sich da plötzlich Browni vernehmen. Er war unbemerkt neben uns getreten und blickte auf uns herab.
 

„Ach, würden Sie das tun?“
 

Die Dame schien plötzlich ganz verzückt. Warum, war mir unerklärlich. Browni war ja Browni und seine Jacke seine Jacke. Aber er hatte ein liebes Gesicht, wenn auch etwas aufgedunsen vom vielen Alkohol. Eigentlich schade um ihn, dachte ich bei mir. Doch Browni wusste um meine Gedanken nichts, machte sich stattdessen ans Werk und half der Dame schließlich noch auf die Beine.
 

„So, meine Lieber. Und nun kommen Sie mit zu mir, dann koche ich uns etwas Schönes ...“
 

„Aber der Krankenwagen“, rief mein Chef ihr nach.
 

„Der, der ist mir egal, Jungchen“, erwiderte die alte Frau und packte Browni beim Arm.
 

Ich sah den beiden noch nach, als sie zusammen zur Kreuzung ging, oder eher wackelten: Browni, weil er wohl wieder etwas über den Durst getrunken hatte und die Frau hoffentlich nicht, weil sie sich etwas getan hatte. Mein Chef stand bei mir mit zerfurchter Stirn. „Eigentlich hätten wir sie festhalten sollen ...“
 

In der Mittagspause traf ich Katha in einem nahegelegenen Café. Sie strahlte mich an, wir umarmten uns und dann strömte es auch schon aus ihr heraus. Eilig, fast hektisch. Das war verständlich, denn sie hatte nie Zeit, war ja immer auf Achse. Gerade einmal 30 Minuten hatten wir.
 

„Also“, begann sie und nahm einen großen Schluck Milchkaffee, wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab, was sie nur in meiner Gegenwart tat, und fuhr fort: „Ich hab mir Folgendes überlegt: wir suchen uns Frauen, denen es ebenso wie dir geht. Alle erzählen ihre Geschichte und wir machen eine Reihe daraus. Wie findest du das?“
 

Sie sah mich mit großen Augen an.
 

„Ja“, erwiderte ich und nickte. „Das hört sich gut an.“
 

„Wir können natürlich auch einen allgemeiner gefassten Artikel zu dem Thema schreiben, aber ich denke, wenn wir die Frauen selbst zu Wort kommen lassen, hat es mehr Schlagkraft.“
 

„Toll“, sagte ich, nahm auch einen großen Schluck, biss einen Happen von meinem Eibrötchen ab und schon war Katha wieder verschwunden. Die Formel 1 auf zwei Beinen.
 

Am Abend dann empfing mich Carina mit einem Lächeln im Gesicht an der Uni, so als freue sie sich, mich zu sehen.
 

„Hallo, Carolyn, ich habe eine tolle Nachricht für dich.“
 

Sie umarmte mich sogar, was ich etwas befremdlich fand. Doch ich tat, gegen meine sonstige Haltung, mit. Ich war einfach zu müde, um mich gegen sie zu stellen.
 

„Du wirst es nicht glauben, wir haben eine Lösung für dein Problem.“
 

„Ja?“
 

„Herr Prof. Dr. Friedman ist einverstanden, weiterhin dein Mentor zu sein. Er hat dir auch eine Email geschrieben, die du wohl noch nicht gelesen hast?“


 

Was hat der vor?

Ich finde es immer wieder witzig, wie schnell die Kerle ihren Schwanz einziehen, wenn’s scheinbar brenzlig wird“, sagte Katha kopfschüttelnd, biss in ein Brötchen und beugte sich über meinen Laptop. Wir saßen wieder zusammen in einem Café. Mit Katha traf ich mich fast nur im Café, denn sie war wie immer auf dem Sprung. Und doch fand sie Zeit für mich. Manchmal fragte ich mich, wie ich das jemals würde wieder gut machen können. Aber wenn ich ihr das sagte, grinste sie nur und zuckte mit den Schultern. „Na ja, dafür sind doch Freunde da, oder?“
 

Kurzum: sie war einfach toll!
 

„Ich vermute, der wird einen Anpfiff vom Koordinationsteam bekommen haben“, fuhr sie fort.
 

„Meinst du?“
 

Sie nickte grinsend. „Aber klar. So uneinnehmbar, wie er tut, ist er nicht. Der hat Schiss!“
 

„Schiss? Der?“ Ich schüttelte den Kopf. Vielleicht war ich naiv, aber vorstellen konnte ich mir nicht, dass der vor einer Frau kuschte. Dem war doch dieses Mentoring-Programm vollkommen egal.
 

„Schiss!“, beharrte sie und deutete auf die Email dieses Kerls. „Aber im Grunde spielt er uns damit doch in die Hände.“
 

„Ja?“, fragte ich verwirrt, weil ich nicht ganz bei der Sache war. Ich hatte mich wieder furchtbar aufgeregt. Was bildete sich der Kerl ein mir zu schreiben:
 

Sehr geehrte Frau Hübner,

Bezug nehmend auf unser gestriges Gespräch teile ich Ihnen mit, dass ich bereit bin, auch weiterhin Ihr Mentor zu sein. Bitte kommen Sie zum nächsten Termin, dem 28. Mai, in mein Büro nach München.
 

Mit freundlichen Grüßen …
 

Das war einfach nicht zum Aushalten! So gönnerhaft, als würde er mir mit dieser Zusage das größte Geschenk auf Erden machen. Und dabei … ja konnte es wirklich sein, dass er Schiss hatte?
 

„Na überleg mal“, riss mich Katha aus meinen Gedanken.
 

„Schiss“, murmelte ich und spürte plötzlich neben all der Aufregung eine dumpfe Müdigkeit in mir aufsteigen. Der Tag war lang gewesen und nun konnte ich einfach nicht mehr klar denken.
 

„Schiss“, hörte ich Katha sagen. „Und das ist unser Vorteil. Denn je mehr Informationen wir für unseren Artikel erhalten, desto besser ...“
 

Sie sah mich mit großen Augen an. Ich benötigte einige Momente, um zu begreifen, was sie mir soeben hatte sagen wollen.
 

„Was?“, begann ich langsam. „Soll das etwa heißen, du willst, dass ich nochmals zu diesem Klops fahre?“
 

Ich sah sie zweifelnd an, doch sie lachte mir offen ins Gesicht. „Betrachte es als Feldstudie.“
 

„Feldstudie ...“
 

Sie nickte.
 

„Schau, wie er sich gibt, was er tut ...“
 

Katha war voll in ihrem Element und schien – im Gegensatz zu mir – auch gar nicht müde zu sein. Sie saß da, biss von ihrem Brötchen ab, nahm einen Schluck Tee, denn Kaffee trank sie ab 16 Uhr nicht mehr. Sie könne dann nachts nicht schlafen.
 

„Ja“, stieß ich hervor, „aber ...“
 

„Schreib ihm, dass du dich auf das kommende Treffen freust“, kommandierte sie mich.
 

„Ich will aber nicht. Feldstudie hin, Feldstudie her. Ich kann diesen Heini nicht noch einmal ertragen. Keine zwei Minuten lang“, blubberte ich.
 

„Caro, das weiß ich. Und trotzdem. Spiel das Spiel mit. Schau, wie er sich gibt, was er tut. Lass ihn aber diesmal kommen. Oh … am liebsten wäre ich dabei, wenn er sich in Ausflüchten ergeht und dir zu erklären versucht, warum er seinen Entschluss geändert hat.“
 

Sie rieb sich die Hände, ob nun, um die Krümel des Brötchens loszuwerden, oder weil sie bereits den Artikel vor Augen hatte, wusste ich in dem Moment nicht recht zu sagen.
 

„Ich muss mir das alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen, denn immerhin wollte ich aus dem Mentoring-Programm etwas mitnehmen, etwas lernen … “, begann ich wieder.
 

„Aber das tust du doch. Du lernst diesen Heini kennen“, entgegnete Katha.
 

„Ich meine doch ...“
 

„Wer sagt denn, dass du das Mentoring-Programm nicht auch nach dem zweiten Treffen abbrechen kannst und endlich deine Wunsch-Mentorin bekommst?“ Wieder sah mich Katha mir großen Augen an, dann fügte sie hinzu: „Der Artikel wäre sehr wichtig, denn mit ihm können wir vielen anderen Frauen helfen.“
 

„Ja, du hast ja Recht ...“
 

So ganz überzeugt war ich von der Sache nicht, mich als Versuchsperson herzugeben, immerhin hockte mir noch das letzte Erlebnis im Nacken. Schließlich aber willigte ich ein, denn ich begriff, dass ich Katha damit vielleicht auch einen Freundschaftsdienst erweisen konnte. Und schließlich wollte ich ja selbst, dass sich was tat. Dass endlich aufgedeckt wurde, dass Frauen noch immer benachteiligt waren.
 

„Und stell dir bloß vor, wie er sich überschlagen wird, um Erklärungen für sein Verhalten zu finden“, fuhr sie fort und holte weit aus. Es bestand kein Zweifel, es hatte sie gepackt. Und so müde wie ich war, musste ich doch bei der Vorstellung grinsen, dass dieser Kerl vielleicht kein solcher Steinbeißer war, als der er sich hinstellte.
 

„Wahrscheinlich wartet er jetzt auf deine Antwort und knottert herum: Schreibt sie und willigt ein? Und wenn nicht? Blüht mir dann was?“, hob Katha wieder an. „Und vielleicht solltest du ihm erst morgen oder gar übermorgen schreiben, damit er noch ein wenig zappeln kann. Aber vergiss nicht zu erwähnen, dass du dich über seine Entscheidung freust.“
 

Ihre Augen blitzten.
 

„Meinst du, dass der knottert und zapplig wird? Der erschien mir nicht so. Eher wie ein Tiger, der genau weiß, dass ihm niemand etwas kann. Und wenn es eben einen Artikel über ihn gibt … pö ... Schon ganz andere mussten kritische Artikel über sich lesen. Und was für welche“, erwiderte ich und rieb mir die Augen.
 

„Und du denkst, dass diese anderen keine Angst hatten?“
 

Ich zuckte mit den Schultern.
 

„Mensch Caro, alle haben Schiss. Keiner dieser Herren ist eine uneinnehmbare Festung. Interessant ist nur, wie diese Typen damit umgehen.“
 

„Und wenn er sich nichts anmerken lässt?“
 

„Der wird, lass dir das gesagt sein.“
 

Aber Katha täuschte sich gewaltig. Herr Prof. Dr. Karl-Viktor Friedman empfing mich am 28. Mai in seinem Büro ohne eine weitere Erklärung. Und auf meine Frage hin, was seine Sinneswandlung bewirkt hätte, erwiderte er nur: „Sie wollten mich kennenlernen und diese Möglichkeit biete ich Ihnen nun, Frau Hübner.“
 

Und da stand ich nun und wusste tatsächlich nicht weiter. Doch genau damit hatte dieser Kerl gerechnet. Er erhob sich von seinem Schreibtischstuhl, ging an mir vorbei, öffnete seine Bürotür, wandte sich zu mir um und sagte: „Kommen Sie!“
 

Ich musste ihn wohl sehr verwirrt angesehen haben, denn ich bemerkte, dass er seinen Mund wieder zu diesem schiefen Grinsen verzog. „Kommen Sie“, wiederholte er.
 

Erst, als wir uns beide auf dem Gang befanden, ich neben ihm hergehend, konnte ich mich nicht mehr beherrschen und fragte ihn: „Wohin gehen wir?“
 

„Zur Tiefgarage, zu meinem Wagen“, war die knappe Antwort.
 

„Und warum?“
 

„Wozu geht man zu einem Auto?“
 

Verdammt! Es bestand kein Zweifel, der Kerl hatte mich vollkommen überrumpelt und jetzt spielte er seinen Vorteil aus. Und ich neben ihm wie ein dummes Hühnchen. Wahrscheinlich weidete er sich daran, die Oberhand zu haben. Verdammt, verdammt, verdammt, ich durfte den Faden nicht verlieren.
 

„Wohin wollen Sie fahren?“, fragte ich auch prompt, doch er antwortete nicht, spitzte nur die Lippen und schüttelte den Kopf, ohne mich anzusehen.
 

„Das war aber nicht so abgemacht. Das Gespräch sollte in Ihrem Bü ...“, begann ich wieder, wurde jedoch von ihm unterbrochen: „Das ist mir alles reichlich egal.“
 

Und irgendetwas sagte mir, dass dies der Wahrheit entsprach. Doch mir war es nicht egal. Umso mehr, da mir all das viel zu schnell ging und mich das Gefühl störte, hier tatsächlich zum Spielball worden zu sein. Was hatte ich mir alles für Strategien mit Katha und den übrigen Mädels ausgedacht. Und nun … nun lief ich hier neben diesem Herrn Professor her und konnte kam Schritt halten, weil er – dank seiner langen Beine – einen Schritt machte und ich zwei.
 

„Wenn Sie mir nicht sagen, wohin Sie wollen, dann komme ich nicht ...“
 

„Tun Sie, was Sie wollen. Es ist Ihre Entscheidung. Ich fahre jetzt jedenfalls“, erwiderte er ruhig, hielt mir die Beifahrertür auf und sah mich zum ersten Mal durch seine randlose Brille an.
 

„Das geht so nicht!“, beharrte ich. „Sie können doch nicht einfach ...“
 

Er zuckte mit den Schultern. „Was stört Sie daran?“
 

„Tja …“, erwiderte ich, verkniff mir aber weitere Bemerkungen, Schließlich erinnerte ich mich an Kathas Rat, ihn einfach machen zu lassen und mitzuspielen. Und das hier, verdammt noch eins, das war ein Spiel. Seine Taktik, den Dingen aus dem Weg zu gehen. Er war eben doch ein Schwächling. Und als ich mir das sagte, nickte ich.
 

„Also gut, ich komme mit.“
 

Wortlos stieg er in seinen Wagen, einen dunkelblauen Audi A8, wie ich unschwer erkennen konnte. Offensichtlich liebte er teure und schnelle Autos – so, wie fast alle Kerle.



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