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Zwischen Licht und Schatten

von

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Verschlingende Dunkelheit

Die Kälte des Herbstes ließ die Luft schwer werden und dichte Nebelschwaden über den Boden tanzen. Langsam schlich sie sich mit eisigen Fingern unter die Hose und krallte sich Stück für Stück höher in das nackte Fleisch. Hinterließ ein Frösteln und das Gefühl, lieber woanders zu sein.

Instinktiv kuschelte er sich tiefer in seine Jacke und zog den Kopf ein, um der Kälte ein bisschen besser zu entgehen. Sein Blick glitt über die leere Straße, die man unter dem dichten Nebel kaum erkannte. Die Uhr an seinem Handgelenk sagte ihm, dass die Zeit bald vorbei war. Er hatte umsonst gewartet. Wieder nichts.

Dabei wirkte heute alles perfekt dafür. Es hätte glücken müssen, und dennoch waberte der Nebel nur stumm hin und her. Ließ sich von der sanften Brise vorantreiben, die so leicht war, dass man sie gar nicht spürte, aber gleichwohl war sie da. Entführte jeden vor ihm und niemand konnte es verhindern. Auch nicht er.

Er seufzte und grub seine Hände tiefer in die Taschen seines schwarzen Anoraks. Schwarz, wie alles an ihm. Die Hose, der Pulli, die Mütze, der Schal, die Handschuhe, die Schuhe, die Socken und selbst seine Unterhose. Er hatte sich sogar seine Haare gefärbt, damit auch sie die Farbe der Dunkelheit trugen und sein Unterfangen nicht zum Scheitern verurteilten, doch es war scheinbar sinnlos.

Nun stand er hier schon die dritte Nacht in Folge. Jede perfekter als die davor, aber die Zeit verstrich und es blieb ruhig. Nichts von dem, was man ihm sagte, passierte. Der Nebel trieb vor sich hin und sein Atem stieg weiter als weiße Wölkchen aus seiner Nase in die Höhe.

Du bist so ein Idiot. Wie kommst du nur darauf, dass es funktionieren könnte? Die haben dich doch alle verarscht. Von wegen, sie sind vom Nebel verschluckt worden. Abgehauen sind sie. Wie die letzten Feiglinge und lachen sich irgendwo einen Ast ab, dass ich so dumm bin und auf ihre albernen Märchen hereinfalle. Ich sollte nach Hause gehen und mich bei einer heißen Tasse Tee aufwärmen. Es war zu schön, um wahr zu sein.

Ein Schauer ließ ihn frösteln und er zog seinen Schal enger um seinen Hals, doch die Wärme schien weiter erbarmungslos aus seinem Körper gezogen zu werden. Sodass seine Fingerspitzen begannen, sich langsam taub anzufühlen. Die Temperatur um ihn herum sank immer tiefer und seine Nase fing zu laufen an, um sich gegen die Auskühlung zu wehren.

Bald war das Zeitfenster geschlossen, doch mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde die Umgebung kühler. Egal, wie eng er sich in die Jacke kuschelte, die Wärme, die ihn noch vor kurzem so wohlig in ihr empfangen hatte, verschwand immer mehr. Die einst so sanfte Brise wurde zu einem zerrenden Wind, der den ruhigen Tanz des Nebels in ein wildes Gezappel verwandelte.

Ein Schauer glitt über seinen Rücken, als ihn langsam die Erkenntnis ergriff, dass hier etwas nicht so lief, wie es normal war. Nur wenige Schritte von ihm entfernt war etwas in dem Nebel. Er konnte die Gefahr greifen, als sie mit kleinen Spinnenbeinen seine Wirbelsäule empor eilte.

Lauf! Nimm die Beine in die Hand und lauf weg! Lauf so schnell du kannst! Renn! Los! Jetzt sofort! Egal, was jetzt kommt, es wird dich verschlingen! Warum stehst du hier noch herum?! Lauf endlich weg! Renn! Renn um dein Leben!

Seine Beine bewegten sich nicht, stattdessen starrte er in den immer dichter werdenden Nebel, der sich Stück für Stück vor ihm aufbaute. Die weiße Suppe begann sich zu trüben und dunkler zu werden. Der Wind jaulte auf und trug ein Heulen zu ihm, das wie ein Wolf klang. Oder war es sogar ein Bär? Er wollte wegrennen, aber seine Beine bewegten sich nicht. Sie fühlten sich von der Kälte taub an und reagierten nicht auf seine Befehle.

In ihnen war dieses frostige Gefühl, das in seinen Zehen begonnen hatte und nun langsam seine Beine empor wanderte. Es raubte ihm sämtliche Wärme und die Kontrolle über seinen Körper. Glitt zu seinen Unterschenkeln und seinen Knien, als aus dem Heulen schon ein Knurren wurde.

Der flatterhafte Schemen gewann immer mehr Struktur in den unruhigen Nebelschwaden. Das Kratzen der Krallen auf den Beton zerschnitt die eisige Stille und ließ den jungen Mann zusammen zucken. Es war so weit! Ein schweres Schnaufen trieb den Nebel zurück auf den Boden. Hektisch begannen die Straßenlaternen zu flackern. Das eisige Gefühl wanderte über den Oberschenkel zu seiner Hüfte empor.

Langsam wurde der Schemen vom Nebel freigegeben, doch die Schwärze der Nacht verschluckte sämtliche Konturen des Wesens vor ihm. Vor seinem Gesicht war nicht einmal der heiße Atem, der als Wölkchen emporstieg, sondern nur das Geräusch der schweren Klauen auf dem harten Boden und die Kälte, die sich immer höher arbeitete.

Lauf endlich weg!

Meine Beine gehorchen mir nicht mehr!

Dann mach, dass sie dir gehorsam sind. Befrei dich und renn weg, sonst wirst du wie alle anderen enden.

Ja, aber ...

All die Angst wich aus seinem Geist, als ihm mit einem Lächeln auf den Lippen wieder der Grund seines Daseins bewusst wurde. Er war hier, weil er vom Nebel verschlungen werden wollte. Zumal er nicht mehr zurück und nur verschwinden wollte. Nicht länger zurücksehen und die Chance haben, dass es dann besser wurde.

Die unförmige Gestalt verlor sämtliche Gefahr für ihn, als sie langsam auf ihn zutrat. Im Schein der Straßenlaterne blitzte ein gewaltiger Kiefer auf, der alles und jeden töten konnte und bereit war, zu verschlingen. Geifer lief das Maul herunter, und ihre dunklen Augen fixierten ihn. Er war willig. Gewillt zu verschwinden.

Sie kam näher. Er hätte Wärme spüren müssen, doch um ihn herum war nur die Kälte, die sich immer weiter emporarbeitete und langsam seine Brust einschnürte. Glück erfasste ihn, als er auf die Kreatur vor sich sah. Sie würde ihm all seine Schmerzen nehmen und ihn endlich von diesem leidvollen Leben befreien, doch kaum dass sie nur noch einen Schritt von ihm entfernt war, blieb sie stehen.

Ihr schwerer Atem durchzog die Stille und der Nebel umspielte weiter ihre Beine, kletterte an ihnen empor, um über die Schulter und den Rücken zu gleiten. Raubte ihr so jegliche Kontur und hielt die Wärme fest, denn wenn er seine Augen schloss, dann spürte er keine andere Präsenz vor sich. Er schien alleine zu sein. Nur ihr Atem und das Kratzen der Krallen zeugten von ihrer Existenz.

»Nimm mich mit. Bitte, nimm mich mit«, flüsterte er ihr sehnsüchtig zu, doch sie rührte sich nicht. Die Kälte kroch immer höher und langsam an seinen Armen entlang. Kaum erreichte sie seinen Hals, verschwand sein Atem vor seinen Augen und er hörte auf zu frieren. Seine Finger ließen sich nicht mehr bewegen und die Träne, die über seine Wange glitt, gefror auf halben Weg.

Auf einmal konnte er nicht weiteratmen. Die Kälte hatte seine Lunge gelähmt, doch die Panik blieb aus. Stattdessen befiel ihn eine unendliche Müdigkeit, die ihn langsam seine Augen schließen ließ.

Bitte ... Bitte, nimm mich mit. Befreie mich aus diesem Leben ... Aus dieser Dunkelheit.

Um ihn herum war endlose Schwärze, doch er hörte den Atem der Bestie und das Wetzen ihrer Krallen. Sie war noch hier, aber er auch. Sein Herz schlug immer langsamer, während die Kälte bis zu seinen Ohren glitt und so die Geräusche des Monsters verschlang. Er fühlte sich alleine. Sie durfte nicht ohne ihn gehen. Er hatte so verzweifelt auf sie gewartet. Sie musste ihn mitnehmen.

Er wollte seine Augen panisch aufreißen, doch die Kälte war auch bei ihnen angelangt. Sorgte dafür, dass sich die Lider nicht mehr bewegen ließen und er hatte nur noch seine Gedanken, die ungezügelt in ihm aufschrien.

Nimm mich mit! Bitte! Nimm mich mit! Ich kann dorthin nicht mehr zurück! Es kann so nicht weitergehen! Du musst mich retten! Rette mich endlich! Ich habe so lange auf dich gewartet! Du kannst mich jetzt nicht hängen lassen! Bitte! So befreie mich doch endlich aus dieser Qual!

Ich rette nicht. Ich verschlinge!

 

Ruhig glitt der Nebel über die verlassene Straße, die von einer einsamen Straßenlaterne erhellt wurde, deren Licht immer wieder klickend zu flackern begann. Die winterliche Kälte war verschwunden und der Herbstkühle gewichen. Auf dem Beton war nur eine kleine Pfütze aus geschmolzenem Eis, die eine Maus aus ihrem Versteck lockte, um sofort gierig aus ihr zu trinken. Ihre Ohren zuckten unruhig und der Kopf schnellte immer wieder nach oben. Sie schnupperte, doch hier war nichts mehr. Nichts, außer dem schweren Kratzen der Krallen über den Betonboden ...

 

Ende

Geliebte des Herbsts

Das Rascheln des Herbstlaubes begleitete jeden ihrer Schritte. Genauso wie das Lachen der Kinder, das durch das Zwitschern der Vögel brach. Er hielt ihre warme Hand sanft in seiner. Am liebsten ließe er sie nie wieder los, doch diese Vereinigung würde bald ihr Ende finden.

Er sah auf ihr perfektes Profil. Die leichten Sommersprossen, die umso mehr verblassten, je näher der Winter kam. Ihre sanften Lippen lächelten unbekümmert, sodass selbst ihre grünen Augen unter der sanften Mimik strahlten.

Sie bemerkte sein Starren und stoppte. Verwirrung zog eine Furche zwischen den Brauen und zerriss die perfekte Symmetrie, als auch das Lächeln verloren ging. Er kannte die Frage schon, bevor sie diese aussprach. Aber er ließ sie dennoch erklingen. »Was ist los? Warum machst du so ein niedergeschlagenes Gesicht?«

Er lächelte traurig und griff auch nach der anderen Hand, um diese ebenfalls sanft zu umschließen. Ihre Finger waren so zart. Wie schön würde der Ring dort aussehen. In der Tasche drückte sein Gewicht leicht gegen den Schenkel, doch er zog ihn nicht heraus. Noch nicht. Erst musste sie den Test bestehen.

»Der Herbst ist bald vorbei«, flüsterte er und die sanfte Brise entriss ihm jedes Wort. Trug es weit weg und er befürchtete, dass sie ihn nicht verstand, doch der fragende Blick zeigte ihm das Gegenteil.

»Ja, durchaus. Dann kommt der Winter.« Ihre Unwissenheit war süß und ließ ihn stärker lächeln. Er spielte mit ihren Fingern und wünschte sich, dass er sie nie wieder gehen lassen musste. Doch das war erst möglich, wenn sie den Test bestand.

»Ja, der Winter.« Sein Blick glitt höher und er sah auf die schon kahlen Bäume. Nur vereinzelt hingen Blätter an den nackten Zweigen. Wiegten sich im Wind, der sie herunterriss und mit sich nahm.

»Erinnerst du dich noch an unser erstes Treffen?« Er umschloss eine Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. Sie kicherte sanft und wurde rot dabei. »Ja, du kamst aus dem Nebel auf mich zu. Ich dachte, du wärst ein Sittenstrolch, aber dann hast du mir den schönsten Abend meines Lebens bereitet.«

»Es war auch mein schönster Abend. Doch erinnerst du dich noch an meine Worte, bevor wir uns trennten?« Sein Griff um ihre Hand wurde fester, flehender, und die zweite legte sich sanft auf ihre Wange. Sie sollte nur ihn ansehen. Ihren Blick nicht von ihm abwenden und erkennen, dass er alles war, was sie brauchte. Verwirrung zog ihre Kreise über sie und ließ sie die Augen zusammen ziehen, sogar das Lächeln erstarb.

Sie überlegte kurz, bis Erkenntnis ihr Gesicht erhellte und sie wieder zum Grinsen brachte. »Ja, du meintest, dass unsere Zeit begrenzt sei, aber wenn wir diese Trennung überstehen, dann werden wir für immer zusammen sein.«

»Ja, so ist es. Dieser Moment rückt näher. Mit dem ersten Frost werde ich gehen müssen. Meine Zeit hier ist vorerst vorbei, doch ich werde in einem Jahr zurückkehren. Wirst du auf mich warten?« Erneut ein Kuss auf ihren Handrücken, der um Gnade und Liebe bettelte.

»Natürlich. Ich würde auch zwei Jahre auf dich warten. Oder noch länger. Ich liebe dich, Autumn. Mehr als ich jemals jemanden geliebt habe. Wenn ich nur ein Jahr ohne dich verbringen muss, um dann nie wieder zu weichen, werde ich dieses Opfer bringen.« Sie zog ihn in ihre Arme und küsste ihn stürmisch.

Wie gerne würde er ihre Worte glauben, aber sie war nicht die Erste, die ihm dieses Versprechen gab und sich dann doch anders entschied. Ein Jahr war lang. Da konnte viel geschehen. Vor allem, sich erneut zu verlieben, was alle vor ihr getan hatten.

Er wollte nicht an ihrer Liebe zweifeln, aber all die Jahrhunderte hatten ihm gezeigt, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen war. Wieso gab er nicht endlich auf? Weil er der Letzte von ihnen war, der keinen Nachfahren hervorgebracht hatte. Der noch nicht die Partnerin fürs Leben gefunden hatte.

»Danke, meine Liebste. Deine Worte bedeuten mir so unsagbar viel.« Sie trennten sich schwer atmend voneinander. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und versank noch einmal in diesen strahlenden grünen Augen. Ruhig strichen seine Finger durch ihr seidiges, rotes Haar, bevor er eine Strähne griff und einen Kuss darauf hauchte. Sie roch nach Herbst und strahlte alles aus, was diese Jahreszeit ausmachte. Sie war perfekt, um seine Partnerin zu werden. Aber das hatte er auch von den vielen Frauen vor ihr gedacht.

Noch einmal nippte er an ihren Lippen und sah ihr tief in die Augen. Er wollte nicht gehen, doch er hatte keine Wahl. Dies war Tradition. Nur wer drei Jahreszeiten warten konnte, ohne sich neu zu verlieben, durfte mit in die Ewigkeit. Er hoffte es so sehr, dass sie es schaffte.

Da war dieser Zug an ihm, der jedes Mal zeigte, dass es Zeit war zu gehen. Drei Monate umwarb er sie, band sie an sich und ersehnte, dass alles genug war. Dort war endlose Liebe in ihren Augen, doch auch dieser Anblick war ihm nicht fremd. Früher war es einfacher gewesen. Jetzt lebte diese Welt so schnell. Niemand konnte mehr warten und trotzdem versuchte er es immer wieder.

Er trat einen Schritt zurück und lächelte sie an. »Meine liebste Valeria. Vergiss niemals, dass ich dich liebe, und ich werde dich in neun Monaten am Ort unseres ersten Treffens abholen. Bitte komme, meine Liebste.«

Er beugte sich vor und hauchte einen Kuss auf die zarte Haut, bevor er schweren Herzens diese Verbindung zu ihr kappte. »Autumn, ich liebe dich auch. Ja, ich werde da sein. Vertrau mir. Ich werde dort sein. Ver-«

Der Nebel, der sich um ihn bildete, verschluckte ihre Worte. Er öffnete das Tor zurück in seine Welt. Autumn wandte sich um und trat darauf zu. Daraus kam ihm ein kleines Mädchen entgegen, das ihn breit angrinste. »Na, Onkel Autumn? Hast du endlich deine Traumfrau gefunden oder wird das wieder nichts?«

Er hasste es, das Gespött seiner ganzen Familie zu sein. Ein Zischen drang über seine Lippen und er funkelte das blasse Kind mit den weißen Haaren zornig an. »Es ist nicht mehr so wie früher. Das wirst du bald schmerzhaft erfahren, Elsa.«

»Ach, ich hab noch Zeit. Jetzt will ich nur Spaß haben und den Menschen beim Lachen zusehen.« Sie winkte ab und drehte sich zu ihm um, bevor sie durch den Nebel schritt. Er blieb ebenfalls stehen und begegnete ihrem Blick. »Du solltest aber versuchen, mal kälter zu werden. Wenn du weiter so schwache Arbeit ablieferst, werde ich dir nicht mehr weichen oder Freya wird dich schneller ablösen als dir lieb ist.«

Das zornige Blitzen war ihm Antwort genug und so trat er wieder in seine Heimat ein. Diese Schikane der Kinder seiner Geschwister machte seine Situation nicht besser. Er wusste selbst, dass es schon lange Zeit war, einen Nachfolger zu zeugen und sich langsam zur Ruhe zu setzen. Er war zu mächtig und brachte dadurch das Gleichgewicht der Jahreszeiten durcheinander.

Aber er tat ja schon alles, was in seiner Macht stand, um dies zu ermöglichen. Schließlich sehnte er sich selbst nach dem Ruhestand und jemandem, der in seinem Haus auf ihn wartete, bis er zurückkam. Jetzt empfing ihn nur erdrückende Stille und eine Kälte, die ihn frösteln ließ.

Er zündete den Kamin an und wischte die Staubschicht von seinen Möbeln, bevor er sich bereit machte, hier die nächsten drei Jahreszeiten auszuharren. Neun Monate voller Bangen und Hoffen, doch anstatt dieser Nervosität und Angst, die sonst immer Kreise in seinem Bauch drehten, war dort nur Resignation.

Er glaubt nicht daran, dass sie da sein wird, wenn er zurückkehrt. Sein Haus wird auch jetzt leer bleiben und sich niemals füllen. Er ist auf ewig verdammt die Rolle des Herbstes zu spielen. So lange bis er keine Kraft mehr hat und zu Grunde geht. Dann werden Elsa und Sam sich seine Monate aufteilen. Nie wieder Herbst.

Bei der Vorstellung musste er traurig auflachen. Diese Müdigkeit kam zurück, die er schon seit einigen Jahrzehnten verspürte. Ihm ging seine Kraft aus. Nicht einmal der neunmonatige Schlaf änderte etwas daran. Dennoch verkroch er sich wie immer in sein Bett.

Sein Körper schrie nach Ruhe und Schlaf. Aber vor allem nach einer wärmenden Seele, die neben ihm lag. Er dachte an Valeria. Ihre warme Haut, die feurigen Küsse und diese bodenlose Liebe in ihren Augen. Sie musste es sein: Seine Gefährtin.

 

Autumn, mein Liebster. Ich warte auf dich. Komm zu mir. Ich werde auf dich warten, denn ich liebe dich. Ich liebe dich, Autumn.

 

Sein Körper war schwer wie Blei, als er durch den drängenden Zug an seinem Geist erwachte. Er gähnte und streckte sich, bevor er sich durch die Haare strich und sich in der Dunkelheit des Hauses umsah. Das Feuer war längst erloschen, aber dennoch war es nicht kalt, sondern angenehm warm.

Erneut hatte er die neun Monate verschlafen. Das war nicht gut. Ihm lief die Zeit davon. Wenn es mit Valeria nicht geklappt hat, sollte er dann überhaupt noch jemanden suchen?

Sein Herz schlug schneller, als er an ihren berauschenden Duft dachte, und seine Finger legten sich wie in Trance auf seine Lippen, um noch einmal ihre Küsse zu schmecken. Nein, dieses Mal war es anders. Schon die drei Monate waren intensiver gewesen. Sie war die Richtige.

Seine Füße trugen ihn zu dem Portal, an dem ihm Sam entgegenkam. Seine perfekten weißen Zähne blitzten ihm entgegen. Verstärkt durch den Kontrast zu der dunklen Haut. Die blonden, schulterlangen Haare machten ihn zu einem noch größeren Exoten, doch auch er hatte noch einige Jahrzehnte vor sich, bevor er mit der Brautschau beginnen musste. Jetzt war er ein Jugendlicher und nicht auf dem Zenit seiner Macht.

»Hey, Onkelchen. Hast dir ja eine süße Schnitte ausgesucht. Wird auch Zeit, dass du endlich mal zum Schuss kommst.« Er lachte auf, als er Autumn freundschaftlich auf die Schulter klopfte, bevor er nach Hause zurückkehrte. Autumn selbst konnte die Worte nicht glauben, doch sie schlugen die Schwere von seinen Schultern und gaben seinen Schritten die Leichtigkeit zurück, die er aus seinen Kindertagen kannte.

Sofort eilte er durch das Portal und den Nebel. Die kühler werdende Sommernacht begrüßte ihn. Mit dem leichten Wind, der ihn ankündigt, drang das sanfte Parfüm zu ihm durch, das ihm so viele Schmetterlinge bereitet hatte.

Er trat gänzlich aus dem Nebel heraus und sah sie dort stehen. Wie am Abend ihres ersten Treffens saß sie auf der Bank und wartete im Licht der Straßenlaterne auf den Bus, der noch einige Zeit brauchte. Sie umklammerte ihre Handtasche und zog ihre leichte Sommerjacke enger um die Schultern.

Dort war sie. Sie war wirklich gekommen. Seine Suche war endgültig erfolgreich. Seine Einsamkeit war vorbei und er konnte seine Macht weitergeben. Er hatte seine Lebenspartnerin gefunden. Mit eiligen Schritten trat er auf sie zu und holte einmal tief Luft, bevor er sich wie damals vor ihr verbeugte.

»Wie kann es sein, dass eine so schöne Frau alleine in dieser Nacht unterwegs ist?« Sie fuhr kurz vor Schreck zusammen, doch als sie ihn erkannte, hellte sich ihr Gesicht auf. »Autumn? Du bist zurückgekommen! Das ist unglaublich.. Diese Zeit ohne dich war schrecklich! Bitte, bitte verlass mich nie wieder.«

Sie fiel ihm um den Hals und er umarmte sie innig. »Nein, ich werde nicht mehr gehen. Jetzt können wir zusammen sein. Du hast drei Monate Zeit, dich von deiner Familie zu verabschieden. Dann werde ich dich mit mir nehmen.«

Irritiert nahm Valeria von ihm Abstand und sah ihn durchdringend an, doch bevor sie etwas sagen konnte, ergriff er ihre Hand und steckte ihr einen goldenen, feinen Ring mit einem Rubin an den rechten Ringfinger.

Ein dünner, weißer Nebel stieg von dem Schmuckstück auf und umschlang den Körper der jungen Frau gänzlich, bevor er verschwand. Die Verwirrung war aus ihrem Gesicht gewichen und dort war wieder die Liebe.

»Ja, mein Geliebter. Ich werde dir überallhin folgen. Ein Leben ohne dich kann ich mir nicht vorstellen.« Er lächelte bei ihren Worten und küsste sie erneut. Ja, endlich hatte er sie gefunden. Die Frau, die ihm in seine Ewigkeit folgte und an seiner Seite blieb, bis seine Macht gänzlich auf ihr Kind übergegangen war.

Er hatte es geschafft. Sie war zurückgekommen und der Ring würde sie nicht mehr gehen lassen. Nicht bis in den gemeinsamen Tod hinein. Ihr Leben war nun vereint.

Erneut holte er sich einen Kuss und sie schmiegte sich an ihn. Ihre Wärme kroch in sein Herz und säte dort neue Hoffnung, gab ihm Kraft und Zuversicht. Seine Suche war vorbei. Endlich vorbei...

 

Ende

Tanz des Meeres

Die Wellen schlugen unaufhörlich gegen den dunklen Stein der Klippe. Er hörte das Kreischen der Vögel und die sanfte Brise strich durch sein Haar. Dort lag der salzige Geruch in der Luft, die seine Lungen umschmeichelte und ihn zu einem tiefen Atemzug verleitete.

Mit einem Lächeln stand er auf und sah in den Abgrund. Die Gischt gierte nach dem Land, doch erreichte es nicht. In seinem Rücken lag die Sonne und wärmte weiter seine Haut. Das Surfbrett in seiner Hand gab ihm Halt und zusammen mit dem Verfestigen seines Griffes darum wurde sein Grinsen breiter.

Mit einem freudigen Schrei stieß er sich von der Klippe ab und stürzte hinab in das kühle Nass. Es umschloss ihn, raubte ihm die Luft und die warmen Strahlen. Er sah einen kleinen Fisch in seinem Augenwinkel und ignorierte das Brennen des Wassers in seinen Augen. Das war Leben und Freiheit.

Mit einem tiefen Atemzug tauchte er auf und zog sich auf sein Surfbrett, um ein wenig von den Klippen weg zu paddeln. Erst dann kniete er sich auf das Brett und legte sich in die nächste Welle, die ihn vorwärtsbrachte.

Dort war das Lachen der Kinder, die über den Strand tollten, zu dem ihn die Fluten trugen, und da war auch die Gruppe von Jugendlichen, mit denen er gerne seine Zeit hier verbrachte. Die Sonne schien stärker, kaum dass er sich auf dem Surfbrett aufrichtete.

Mit jedem Ritt durch das Wasser wurde es eine Spur wärmer und der kalte Wind verwandelte sich in eine sanfte Sommerbrise, die für eine leichte Abkühlung sorgte.

Dort waren die Heranwachsenden und auch er war dabei. Die kurzen, schwarzen Haare bildeten einen Kontrast zu seinen eigenen und obwohl er viel draußen unterwegs war, wurde seine Haut nie braun. Er war das Gegenteil von ihm und das faszinierte den jungen Surfer.

„Sam!“ Die kleine Gruppe kam auf ihn zu gerannt, kaum dass sein Surfbrett Bodenhaftung gewann und er ebenfalls auf den Strand trat. Drei Jugendliche, aber er blieb im Schatten sitzen. Er war immer erst im Spätsommer bereit dabei zu sein. Jetzt saß er nur am Rand und dennoch konnte Sam seine Augen nicht von ihm abwenden.

„Schön, dass du wieder da bist!“ Man klatschte ihn ab. Oben, unten und in der Mitte, bevor man sich herzlich umarmte. Ihr persönlicher Gruß, den er mit jedem vollzog. „Ich komme immer wieder gerne zu euch. Mit euch habe ich die geilste Zeit ever.“

Als er alle begrüßt hatte, lief Sam zu dem Jungen im Schatten und lächelte ihn an. Auch sie durchliefen den Gruß bis zur Umarmung. Dort war der Duft nach Sommer, der von ihm ausging und Sam festhielt. Die Wärme, die von ihm ausstrahlte, obwohl er im Kühlen saß. So viel Hitze ohne die Hilfe der Sonne. Sam ließ dies nicht kalt, dennoch lösten sie sich wieder voneinander.

„Immer noch erstmal Reservebank, Theo?“ Ein kurzes Nicken war die Antwort und dann ein Schulterzucken. „Wie immer halt. Ich brauch ein wenig länger, um mich an die Sonne zu gewöhnen. Aber es macht auch Spaß euch zu zusehen.“

„Feuer mich vernünftig an, ja?“ Sam knuffte ihn gegen die Schulter und schon kam ein empörter Aufschrei von hinten. „Hey! Theo ist unparteiisch! Der feuert niemanden an! Das wäre unfair.“

Sam lachte stumm auf und zwinkerte Theo nur kurz zu, bevor er sich dann mit erhobenen Händen wieder zu den anderen umdrehte. „Ich hab gar nichts gemacht. Außerdem brauche ich keine Anfeuerung, um euch alle fertig zu machen.“

Er rannte an ihnen vorbei direkt auf sein Surfbrett zu und stürzte sich dann mit ihm zusammen in die Wellen. Dort war der Blick von Theo, der ihn einen Schauer über den Rücken jagte und gleichzeitig beflügelte. Er kam nur wegen ihm immer wieder hierher zurück. Jedes Jahr aufs Neue an diese Klippe und warf sich in die Tiefen, um ihn dann zu finden.

„Er ist dein Tamashi. Wenn die Zeit reif ist, wird er dir in deine Welt folgen und dir dabei helfen deine Energie weiterzugeben, damit sie nicht übermächtig wird und dich selbst zerstört. Aber dafür hast du noch Zeit. Deine Macht muss erst noch wachsen.“ Die Erklärung seiner Mutter hallte in seinen Gedanken nach, als er an seine Beichte dachte.

Bisher waren immer alle mit dem gegengeschlechtlichen Part zurückgekommen. Er selbst verstand es nicht, warum er so an diesem Jungen hing, die ihn die Zeit in seiner Heimat unerträglich machte. Aber scheinbar war es kein Problem. Die Verbindung musste nur stimmen.

„Sam?! Träumst du? Wir hängen dich noch ab!“ Der Ruf von einem seiner Freunde riss ihn aus seinen Gedanken. Sofort bemerkte er, dass er auf dem letzten Platz war. Durch diese Tatsache schwoll Ehrgeiz in seiner Brust an und schenkte ihm Kraft. Er schob sich einmal kurz vorwärts mit den Armen, bevor er aufstand und dann zu los surfte.

Dort waren Wellen, die versuchten ihn zu verschlingen, doch er entkam den nassen Fluten jedes Mal aufs Neue. Er liebte diese Geschwindigkeit. Das Rauschen um sich herum und dieses Zwielicht des Meeres, dem er gegenüberstand, wenn er durch einen Wellentunnel fuhr.

Seine drei Freunde landeten immer wieder im kühlen Nass, während er auf dem Surfbrett blieb. Er war der Beste. Dies war sein Element. Das Wasser und die Sonne. Der Wind, der die Wellen formte und das Ganze erst ermöglichte. Jedes Mal, wenn er hier war, wünschte er sich, niemals wieder zu gehen. Er wollte auf ewig mit seinen Kameraden die Wellen reiten, über alles und nichts reden und dabei Eis essen. Alleine bei dem Gedanken zurückzukehren, wurde sein Herz schwerer.

Doch auch jetzt vergingen die drei Monate viel zu schnell, aber anders als sonst, war dort kein Ziehen und Drängen. Das Portal rief ihn nicht. Sein Onkel schien noch zu schlafen. Er hatte ihn schon lange nicht mehr wach zu Hause erlebt und kurz legte sich Sorge über seine Schultern.

Die wurde jedoch sofort von dem Arm von Theo hinunter gestoßen. „Hey, Sam. Was ist los? Musst du bald gehen?“

Diese Hitze ließ seinen Körper kalt wirken. Kein Mensch war wärmer als Sam. Niemand, außer Theo und so genoss er dessen Nähe jedes Mal wieder. Endlich saß er auch bei ihnen im Sand an ihrem Lagerfeuer.

Die Sterne strahlten am Firmament und ihre Zelte standen hinter ihnen im Kreis. Vier Stück. Sam besaß keines. Er schlief immer bei Theo mit. „Nein, ich kann wohl noch ein wenig bleiben.“

„Wie kommt es? In drei Tagen fängt die Schule wieder an. Normalerweise bist du dann längst weg. Musst du nicht auch zur Schule gehen?“ Er lächelte darüber. Dieses Wort hatten sie schon öfters genannt, doch er verstand es nicht. Zuhause wurde ihm alles Wichtige von seiner Familie beigebracht. Das kam dem Prinzip Schule wohl am nächsten.

„Ja, ich weiß. Aber scheinbar kann ich noch ein wenig länger bleiben.“ Er lächelte und beantwortete die fragenden Blicke seiner Freunde mit einem Schulterzucken. „Ich weiß es auch nicht. Mein Onkel scheint sich zu verspäten.“

„Das find ich gar nicht so schlecht. Solange du da bist, ist der Sommer da. Ich mag es, wenn es warm ist und man die ganze Zeit draußen sein kann.“ Das Mädchen lächelte breit und ließ sich dann nach hinten in den Sand fallen. „Wenn es nach mir ginge, könntest du für immer hierbleiben. Dann wird der Sommer bestimmt nie enden.“

„Ach, Klara. Das ist jetzt aber Schwachsinn. Was hat Sam schon mit dem Sommer zu tun? Er kommt halt immer in den Sommerferien hierher. Das ist alles. Der Herbst kommt, egal, ob Sam bleibt oder nicht.“ Der zweite Junge im Bund schlug ihr leicht gegen die Schulter, was diese mit einem wehleidigen Laut quittierte.

Sam selbst lächelte nur darüber. Seine Eltern hatten es ihm verboten über seine Kräfte zu sprechen. Dafür war er noch zu schwach. Erst, wenn es so weit war Theo mit in seine Welt zu nehmen, durfte er seine wahre Identität offenbaren, weil er dann in der Lage war ein Portal zu öffnen und bei Gefahr entkommen konnte. Aktuell musste er darauf warten, dass sein Onkel es öffnete.

„Ja, der Herbst wird bald kommen.“ Er lächelte und sah zu den Sternen, die um die Wette funkelten. Diese Momente liebte er an seiner Zeit in der Menschenwelt, wenn er mit seinen drei Freunden hier saß und dem Rauschen der Wellen lauschte.

„Hey, wisst ihr was? Ich habe meinen Eltern Marshmallow aus den Rippen geleiert. Kommt, braten wir sie über dem Feuer!“ Er huschte kurz in das Zelt hinter ihm und kam einen Augenblick später mit vier Stöcken und einem Beutel voller Marshmallow zurück. Freude brach unter seinen Freunden aus, die ihn ansteckte.

Sofort wurden die Stäbe verteilt und dann pikste jeder einen Marshmallow auf, den er ins Feuer hielt. Der Geruch von verbranntem Zucker lag in der Luft und Sam wünschte sich, dass sein Onkel noch eine Weile brauchte, bevor er erwachte. Diese Momente waren perfekt. Theo an seiner Seite, gemeinsam mit Klara und Benedikt.

Sie unterhielten sich lange über alles Mögliche und aßen die Packung Marshmallow leer. Erst dann krabbelten sie in ihre Zelte und Sam legte sich neben Theo. Dort war wieder diese Wärme, die sofort die Kühle des Abends vertrieb und Sam unter die Haut kroch. Doch auch wenn er sich an ihn schmiegen wollte, blieb er auf seiner Seite liegen und atmete den Duft nach Zitrone und Orange, der sich mit dem Geruch des Meeres vermischte, ein. Er entspannte ihn und geleitete ihn in einen angenehmen Schlaf.

Ich will noch ein bisschen hierbleiben.

 

Es war dieses leichte Ziehen an seinen Gedanken und seinem Herzen, das ihn wieder aus dem Schlaf holte. Theo schlief und schnarchte leise, was Sam lächeln ließ, doch der Drang zu gehen wurde stärker. Er schlüpfte aus dem Zelt und sah den Nebel, der sich über den Strand legte. Die Wärme verschwand mit jedem seiner Atemzüge mehr und der Zug wurde drängender.

Ein letzter Blick auf Theo. „Bis zum nächsten Sommer.“ Ein leises Flüstern und wie der Nebel legte sich dieser Satz über den Strand, den Sam hinter sich ließ. Sein Surfbrett in der Hand kehrte er an die Portalstelle zurück.

Dort stand eine junge Frau, die sehnsüchtig die Gegend beobachtete und auf etwas zu warten schien. Sam hatte sie schon das Jahr zuvor bemerkt. Ob sie auf seinen Onkel wartete?

„Er kommt gleich.“ Mit diesen Worten rannte er voller Freude an ihr vorbei durch den Nebel in das Portal, das sich geöffnet hatte. Autumn kam ihm entgegen. Die Ringe unter seinen Augen waren dunkel und er sah miserabel aus. Die Angst, die er all die Jahre schon dort gesehen hatte, war tief in sein Gesicht eingraviert.

„Hey, Onkelchen. Hast dir ja eine süße Schnitte ausgesucht. Wird auch Zeit, dass du endlich mal zum Schuss kommst.“ Er lachte auf und schlug ihm sanft gegen die Schulter. Die Hoffnung in Autumns Mimik kam zurück und der schlanke Riese richtete sich auf, um dann schon davon zu eilen.

Sam kam erneut Theos Antlitz in den Sinn und er kannte das Gefühl. Jedes Mal freute er sich darauf, den Jungen zu sehen, wenn er durch diesen weißen Gang schritt. Jetzt musste er wieder neun Monate auf ihn verzichten. Eine Zeit, die ihn wie eine kleine Ewigkeit vorkam, in der man ihm mehr von seiner Zukunft erzählte, die so fern schien.

„Wann kann ich ihn mit mir nehmen, Mama?“ Sam sah seine Mutter flehend an. „Ich will ihn dort nicht länger zurücklassen.“

„Wenn ihr erwachsen seid. Jetzt würde man ihn nicht gehen lassen, Sam. Ich kann dich verstehen. Deinen Vater habe ich auch schon sehr früh kennen gelernt und ich musste lange warten. Aber dafür kam er auch, ohne zu zögern, mit mir.“ Sie strich ihm sanft über den Kopf. „Gedulde dich noch vier Sommer, dann kannst du ihn auch mit dir nehmen, Sam.“

Vier Sommer. Das war zu lange. Sam wollte Theo jetzt bei sich haben. Jedes Jahr aufs Neue hatte er Angst, dass der andere nicht mehr in dem Schatten saß, wenn er an den Strand kam. Sam wusste nicht, was er dann tat, doch der Kuss seiner Mutter auf sein Haupt beruhigte ihn und er nickte. Theo verschwand nicht. Er war sein Tamashi. Sie waren füreinander bestimmt und so wäre er auch da, wenn er endlich mit ihm kommen konnte. Ganz sicher.

 

Lieber Sam,

Ich musste leider wegziehen. Aber ich komme wieder hierher zurück, sobald ich kann. Versprochen. Ich werde unter dem Sonnenschirm sitzen, wenn du aus dem Meer auftauchst. Sowie ich frei von allem bin. Okay?

Dein Theo

Teufelsverschlinger

Am Anfang ist es nur ein leichtes Kribbeln, das wie tausend kleine Ameisen von seiner Schulter zu seinen Fingerspitzen wandert. Direkt dahinter kommt die Wärme, die seinen Verstand benebelt und jede Faser in seinem Körper entzündet bis sie eine alles verschlingende Hitze wird.

Sein Rücken krümmt sich nach hinten, als er den Druck ausgleicht, kaum dass sich die gewaltige Feuersäule von seinen Fingern löst und in Richtung des Gesichts seines Gegenübers giert. Dieses Grinsen soll es verzehren und zu einer Fratze des Grauens machen.

Er riecht das verbrannte Fleisch. Ein Lächeln legt sich auf seine Lippen, das jedoch jung stirbt. Vor seinen Augen schält sich das Gesicht seines Gegners ab, wirft die verkohlte Haut und damit den Gestank von sich, um erneut breit zu grinsen.

Ein, zwei, drei Schritte kommt er auf ihn zu. Hochmut und Stolz durchziehen die grünen Augen, kaum dass er einladend die Arme von sich streckt. „Ist das Alles, was der berüchtigte Feuerteufel kann? So ein kleines Flämmchen? Dass ich nicht lache! Soll ich dir mal wahres Feuer zeigen?“

Man wartet nicht auf eine Antwort, sondern sein Gegner holt tief Luft. Den Oberkörper leicht nach hintengebeugt, um mehr Platz zu haben. Dann rast sie schon auf ihn zu. Eine gewaltige Wand aus alles verzehrenden schwarzen Feuer. Schützend hebt er die Arme vor sein Gesicht.

Schmerz frisst sich durch seine Glieder und entzündet jeden Nerv, sodass er keine andere Information mehr weitergibt. Der Geruch nach verbrannten Fleisch kehrt zurück, doch dieses Mal bleibt er und trägt als Nachgeschmack einen endgültigen Tod in sich.

„Merk dir eines? Niemand schlägt das schwarze Feuer der wahren Feuerteufel. Du bist nur ein kleiner Brandstifter und wirst nie zu uns gehören. Also, hör auf, dich als solcher auszugeben. Mit deinen roten Flammen bist du ein Nichts und wirst niemals etwas werden. Verstanden?“

Die Worte dringen durch den Nebel aus Schmerz nur gedämpft zu ihm durch, doch dann verschwindet das Gefühl der Hitze und zurück bleibt nur die Erinnerung an diese. Leicht pocht die Pein noch nach, aber sie findet keine Heimat mehr und zieht ebenfalls von dannen. Erst jetzt wagt er es, sich aufzurichten.

Sein Körper ist unversehrt. Ohne jegliche Spur der Flammen, die ihn verschlangen. Nur die Erinnerung bleibt und frisst sich tiefer in seinen Geist, als das Kribbeln seines eigenen Feuers zurückkommt und seine Hand leicht zittert.

Wo ist meine Macht hin? Ich habe mich doch so stark gefühlt. Nun ist alles weg. Ich bin ein Nichts. Ein Niemand, wie ich es vorher war. Derweil wollte ich die Welt verändern und Arschlöcher wie ihn in ihre Schranken weisen. Aber jetzt... Jetzt merke ich, dass ich meine Kraft falsch eingeschätzt habe. Wie erbärmlich.

Das Kribbeln verändert sich. Aus der einstigen Wärme wird eine Kälte, die sich vom Herzen aus in seinem ganzen Körper ausbreitet. Sie kriecht bis in seine Zehen und Fingerspitzen. Sogar seine Ohren. Rauben die Hitze, die ihn seit diesem einen schicksalhaften Tag begleitet hat, und geben ihn etwas Neues.

Blaue Flammen umspielen seine Finger, aber statt Wärme strahlen sie eine Kälte aus, die ihn frösteln lässt. Sie kriechen langsam seinem Arm empor und züngeln nach seinen schwarzen Haaren, ohne sie zu ergreifen, sondern bleiben stehen und warten. Warten auf einen Befehl.

Er legt seine Hand auf dem Boden und das Feuer breitet sich um ihn herum aus. Die Leute in seiner Nähe schreien erschrocken auf, doch das Knistern der Flammen fängt den Großteil ihrer Laute ab.

Selbst wenn nicht. Ihm sind sie egal. Er starrt fasziniert auf diesen kleinen Flammenkreis, der durch seinen Willen zu einer Mauer wird, die ihn vor allem versteckt. Aber auch jetzt dringt keine Wärme zu ihm durch. Nichts von der verschlingenden Hitze, die sich unbarmherzig über seinen Körper zog, als ihn das schwarze Feuer befiel.

Er erhebt sich und kaum bricht der Kontakt ab, erlöschen die Flammen um ihn herum. Die an seinem Arm bleiben. Mit gemächlichen Schritten schreitet er durch die Straße. Ohne Ziel oder gar einem Gedanken, was er tun will. Treiben lassen. Er will sich treiben lassen.

Die Passanten weichen vor ihm zurück und ihre Hände zittern, wenn sie auf ihn deuten. Die Gesichter sind kreidebleich und die Lippen beben, kaum dass sie ein Wort formen: „Teufel.“

Oh, nein. Das bin ich nicht. Ich bin nicht, wie dieser Widerling, der mich mit seinem schwarzen Flammen fast verbrannt hat. Mein Feuer raubt Wärme. Es verzerrt sie und wird auch ihm seine nehmen. Ich bin ein Teufelverschlinger.

 

„Mama! Mama! Schau mal! Ich kann Feuer machen! Jetzt müssen wir im Winter nie wieder frieren!“ Seine kleinen Hände waren von Flammen umgeben, die sich an ihn klammerten, aber seine Haut nicht verbrannten. So oft hatte er im kalten Bett gelegen und sich nach Wärme gesehnt. Endlich wurde sein Flehen erhört.

Sie war aus seinem Herzen gekommen und hatte seinen Arm entzündet, doch ohne ihn zu verbrennen, sondern nur um die Kälte zu vertreiben. Jetzt konnte er nützlich sein und seine Familie musste nicht mehr frieren. Egal, ob sie Feuerholz hatten oder nicht.

Allerdings blieb die Freude, die er erwartete, aus. Das Gesicht seiner Mutter wurde kreidebleich und ihre Augen waren noch nie so groß gewesen. Sie versuchte, nach seiner Hand zu greifen, doch zuckte zurück, kaum dass ihre Haut von den Flammen verbrannt wurde. Der Geruch krallte sich in seine Nase und verewigte sich in seinem Geist als sein ewiger Begleiter.

„Warum verbrennst du nicht? Hast du einen Pakt mit dem Teufel geschlossen?“, hauchte sie fassungslos und starrte ihn weiter an. Er überlegte kurz und dann erinnerte er sich: „Da war kein Teufel. Nur ein kleines, schwarzes Männlein mit spitzen Ohren und roten Streifen. Es hatte einen langen, sehr dünnen Schwanz, weswegen ich nicht sich bin, ob es wirklich ein Männlein war und nicht ein Tier. Ich sollte ihm nur böse Seelen bringen, und dann würde es mir die Macht verleihen euch zu wärmen.“

Er sah auf seine Hände, die immer noch von dem sanften Feuer umschlossen waren, und lächelte dann traurig, bevor er fortfuhr: „Ich dachte, das wäre okay. Es gibt ja viele böse Menschen und die können ruhig sterben. Ich will nur auch mal helfen. Papa ist doch schon ganz wütend, weil ich nur Essen wegfresse und nichts tue.“

Tränen stiegen in seine Augen und die Hilflosigkeit, die er sonst immer nur unter der Decke wahrnahm, kehrte zurück in sein Herz. Er schluchzte leise, als die erste salzige Perle über seine Wange glitt und wischte sie sofort wieder weg. Sie verdampfte zischend in den Flammen auf seinen Händen und seine Mutter ging vor ihm auf die Knie. „Es... es ist okay. Aber dein Feuer darf niemand sehen. Auch Papa nicht. Kannst du es verschwinden lassen?“

Sie berührte ihn sanft mit ihren Fingern am Unterarm und lächelte liebevoll. Selbst wenn es die Sorge und die Trauer nicht aus ihren Augen vertreiben konnte, beruhigte es ihn. Doch er zuckte mit den Schultern und sah ratlos auf die Flammen. „Ich weiß es nicht. Hab es noch nicht probiert.“

Er konzentrierte sich auf die Wärme, die sich beim Feuer sammelte und versuchte, sie zurückzuholen. Tiefer in sich hinein. Es funktionierte. Die Flammen um seine Hände wurden immer kleiner und seine Mutter stöhnte erleichtert auf. Umschloss einen Arm komplett, um ihn Kraft zu geben. „Ja, du schaffst es. Nur noch ein bisschen, dann-.“

Das Krachen der Tür unterbrach sie und schwere Schritte kamen näher. Ihre Hände zitterten leicht und er wusste, was das bedeutete. Instinktiv versuchte er sich zu beeilen, doch die Wärme entglitt ihm immer wieder. Der Griff seiner Mutter wurde stärker. Schon fast schmerzhaft, als sie ihn mit Blicken zur Eile drängte.

„Ich bin zuhause, Weib. Wo ist das-?“ Die dunkle Stimme stockte und die Kälte, die sich im Raum ausbreitete, verschlang den letzten Rest der Flammen, doch zu spät. Seine Mutter zerrte ihn sofort schützend hinter sich und stellte sich dem bulligen Mann in den Weg.

„Geh zur Seite, Weib!“ Es war keine Bitte, sondern ein eiskalter Befehl, den sie verweigerte. „Nein, er ist ein Kind. Unser Kind.“

Ein Schnauben war die einzige Antwort, dann wurde sie von ihm weggerissen. Krachend riss sie die Stühle, gegen die sie fiel, mit sich zu Boden und war er schon da. Baute sich über ihn auf und verschlang all den Stolz, den er vorher zwecks des Feuers verspürt hatte.

„Du bist mit dem Teufel im Bunde! Wir können keinen Teufelsbraten brauchen! Ich wusste schon immer, dass du nur Unheil bringst! Ich hätte dich gleich in der Wiege erschlagen sollen!“ Jedes Wort kam gepresst und mit so viel Zorn über die bärtigen Lippen, dass sie sich unaufhaltsam in seine Seele bohrten. Zerrissen sein gesamtes Sein und hinterließen nur ein Feld puren Chaos und Leids.

„Ich... ich kann uns wärmen. Wir... wir müssen nicht... nicht mehr frieren“, stotterte er und holte erneut das Feuer hervor. Es war warm und nahm ihn die Kälte, die der Erwachsene in ihm hinterließ.

„Teufelskind! Hier hast du kein Zuhause! Wir sind ein frommes Haus! Der Satan darf hier nicht bleiben!“ Sein Vater packte ihn hart am Kragen und zerrte ihn in Richtung Tür. Verzweifelt suchte er Halt, doch seine nackten Füße fanden keinen auf dem kalten Boden und ein Nagel riss ihm ein, als er sich an eine leicht erhobene Holzlatte mit den Zehen kurz festkrallte.

Du musst mir nur hin und wieder eine böse Seele verbrennen, dann kannst du das Feuer für immer behalten.

Die Worte hallten in seinem Kopf wieder und schon ergriff er den Arm seines Vaters. Sofort züngelte das Feuer nach der Kleidung des Mannes und verbiss sich darin. Kroch höher und verzerrte alles, was ihm im Weg stand. Dort war erneut der Geruch von verbranntem Fleisch, der dieses Mal kein Bedauern, sondern ein euphorisierendes Glücksgefühl in ihm auslöste.

Sein Vater ließ von ihm ab und taumelte unter Schmerzen schreiend einige Schritte zurück. Hektisch versuchte er, das Feuer auf seinem Körper auszuklopfen, bevor er sich über den Boden rollte. Aber nichts half. Die Flammen blieben und ergriffen von dem gesamten Leib besitzt, um mit dem Leben auch die Schreie zu ersticken und zu verzerren.

Als nur noch vereinzelte Stellen brannten, tauchte sein Paktpartner auf und trat an den schwarzen Leichnam. Ein weißer Schimmer erschien, den das kleine Wesen begierig in sich aufsaugte und dann genüsslich schmatzte, bevor es sich mit seiner roten, klauenbesetzten Hand über den Mund strich.

„Die Seele war köstlich. Du hast es also verstanden, Junge. Das freut mich. Liefere mir mehr von ihnen und dein Feuer wird niemals erlöschen.“ Es kicherte zum Schluss und verpuffte in einer kurzen Flamme.

Durch ein Stöhnen hinter ihm drehte er sich hektisch um und eilte zu seiner Mutter. Sie hielt beim Aufrichten ihren Kopf und die Augen waren eng zusammen gekniffen. Das Feuer an seinen Händen hatte er wieder in seinen Körper zurückgeholt, sodass er sie ohne Bedenken berühren und ihr beim Aufstehen helfen konnte.

„Ist alles okay, Mama?“, fragte er sie besorgt. Außer einer leichten Platzwunde an der linken Stirn konnte er keine Verletzungen entdecken und ihr Nicken bestätigte seine Vermutung. Erleichterung zauberte ein Lächeln auf seine Lippen und er umarmte sie kurz. Doch sie drückte ihn nach zwei Sekunden weg und ging auf den Leichnam ihres Mannes zu.

„Was hast du getan? Was... was hast du nur getan?“ Ihre Stimme zitterte und konnte allein durch die Stille in dem Haus bestehen, doch er verstand ihre Reaktion dennoch nicht. „Ich habe uns von Papa befreit. Jetzt kann er uns nicht mehr wehtun.“

Sie fiel neben ihn auf die Knie und weinte bitterlich, als sie ihn in ihre Arme zog. Er verstand es nicht. Wieso ist sie nicht stolz auf mich? Ich habe uns gerettet. Er wollte mich wegbringen und uns trennen. Ich habe uns doch endlich befreit. Jetzt kann er uns nie wieder wehtun. Wieso weint sie um ihn? Er war ein schlechter Mensch. Das hat auch das Männlein gesagt. Solche Menschen muss ich ihm bringen und um solche weint man aber nicht.

Er näherte sich ihr und berührte sie mit seiner Hand an der Schulter. „Ich... er wollte mich wegbringen. Er hat mir weh getan. Wir sind jetzt frei, Mama. Er kann uns nicht mehr weh tun.“

Noch einmal umarmte er sie, doch es kam keine Erwiderung. Nur das Schluchzen und die Tränen, die seine Leinenkleidung tränkten. Wieso hört sie nicht auf zu weinen? Ja, ich bin ja auch traurig. Ich habe jetzt keinen Papa mehr. Aber Papa war immer schlecht zu mir und hat uns oft weh getan. Er hat uns nicht geliebt.

Seine Umarmung blieb. Er hielt sie weiter fest. Solange bis sie ihn endgültig von sich stieß und er alleine auf dieser Welt wandelte. Nur er und das schwarz-rote Männlein.

 

„Der Kontakt mit dem schwarzen Feuer war das Beste, was dir passieren konnte. Es hat den passenden Hass in dein Herz gepflanzt und nun kannst du mir die richtig bösen Seelen bringen. Das wird ein Spaß, sag ich dir.“ Das Männlein sitzt auf seiner Schulter und klatscht voller Vorfreude in die Hände.

„Aber, sind das nicht Leute, wie ich?“ Er versucht zu verstehen, ob er am Ende sich selbst jagen soll, oder ob ihn noch etwas anderes von seiner Beute unterscheidet als nur das Feuer, das sie in sich tragen.

„Nein, es sind flüchtige Dämonen, die sich gerne als Teufel ausgeben, aber an sich so viel mit ihm gemeinsam haben, wie jeder andere. Der Boss hätte sie am liebsten wieder bei sich in der Hölle, um ihren Hochmut vernünftig bestrafen zu können, und da kommst du ins Spiel. Wenn du sie mit deinem Feuer verbrennst, kann ich ihre Seelen einsammeln und abliefern“, erklärt sein Begleiter die neuen Umstände, aber er versteht es nicht ganz.

„Was passiert mit mir, wenn alle Seelen gefangen sind?“ Angst schwingt in seiner Stimme mit und lässt sie leicht zittern, doch sie wird abgewunken und mit einem kurzen Zischen abgetan. „Das passiert nicht. Dämonen sind ein sündiges Volk. Immer wieder brechen welche aus. Der Nachschub ist gesichert und so auch dein Arbeitsplatz an meiner Seite. Mach dir da keine Sorgen. Solange du gute Arbeit leistest und dich nicht selbst als Teufel bezeichnest, passt alles.“

Er schaut auf seine Hand, die auf einen kurzen Gedanken hin von blauem Feuer umschlossen wird. Es fühlt sich anders an. Kälter, aber auch erbarmungsloser. Mit einem kurzen mentalen Befehl erlischt es wieder und er sieht, wie ein normaler Mensch aus, der unbehelligt durch die Welt wandern kann.

„Und was bist du dann? Auch ein Dämon?“ Die Stille zwischen ihnen wirkt falsch und an sich hatte er diese schon öfters gestellt, aber nie eine richtige Antwort bekommen. Nur, dass die Zeit dafür nicht reif war. Vielleicht ist sie das ja jetzt?

„Ich bin ein so genanntes Irrlicht. Ein Spross des Teufels, wenn man so will. Ich kann in den Herzen von intelligenten Leben den Funken erwecken, wie ich es bei dir getan habe, um damit dann auf Seelenjagd für den Teufel zu gehen. Das Fegefeuer ist nämlich kein Vorort der Hölle, sondern das sind wir. Das Feuer, das alle Sünder irgendwann holen und direkt in die Hölle schicken wird.“

Ehrfurcht fährt durch seinen Körper und lässt ihn leicht erschaudern. Solch eine Macht soll ich haben? Das ist doch Irrsinn. Wie konnte er einen Jungen zu solch einer Waffe machen? Ist er des Wahnsinns?

Als hätte das kleine Wesen seine Gedanken gelesen, antwortet es ihm sofort darauf: „Du hattest die nötige Motivation und den Ehrgeiz. Ich habe in dein Herz gesehen, dass du eine reine Seele hast, die perfekt für so eine Aufgabe ist.“

„Aber der Teufel darf doch keine reinen Seelen in Besitz nehmen.“ Es verwirrt ihn, dass dies scheinbar das einzige Kriterium für solch eine Stelle sei. Das Irrlicht auf seiner Schulter schüttelt erneut den Kopf und sieht ihn an, als wäre er dumm. „Deine Seele ist ja auch nicht im Besitz des Teufels. Wir sind sozusagen Partner. Sie gehört ganz alleine dir und solange sie rein bleibt, ist alles Tutti.“

Sein Magen verknotet sich bei dem letzten Satz und der Tragweite, die ihm mit jedem Atemzug stärker bewusst wird. Der Knoten wird größer und macht ihm seine Atmung schwer, verdrängt alles aus seinen Gedanken und macht diese träge. Sein Körper sinkt unter dem Gewicht leicht ein.

„Was passiert mit mir, wenn meine Seele nicht mehr rein ist?“ Die Frage ist nur ein Hauch, doch sie wiegt schwer und legt sich wie Blei über die beiden Partner, die so ungleich durch die Welt ziehen. Es verhallt in dem Dickicht des Waldes, der ihr nächstes Ziel schützend umschließt.

„Dann löst sich unser Pakt auf und-.“ Das Irrlicht bricht ab und lauscht in die Stille um sie herum. Er selbst kann nur die normalen Geräusche wahrnehmen, doch dann zieht etwas in seinem Inneren und er weicht instinktiv einen Schritt zurück.

Der schwarze Feuerball versengt ihn seine Augenbraue und erfüllt die Luft mit dem Geruch verbrannter Haare. Die Kühle des Waldes schickt einen kurzen Schauer durch seinen Körper, kaum dass die Hitze des Angriffes verschwindet.

„Du hast es doch tatsächlich überlebt.“ Ein kehliges Lachen erklingt und zwischen dem Geäst tritt die Gestalt hervor, die sein Antrieb ist. Diese grünen Augen sind immer noch voller Stolz und lassen die Galle in ihm aufsteigen, die er bitter schluckt. „Aber das ist kein gutes Zeichen. Vor allem nicht dieser Idiot von Irrlicht Azrael auf deiner Schulter. Wie viele hast du schon verschlungen?“

„Drei.“ Seine Antwort ist kühl und er strafft seinen Körper, streckt die Brust heraus und spürt das Kribbeln der Flammen in seinen Fingern. Ihn will er haben. Er soll brennen. Ganz langsam vergehen und dabei soll dieser Hochmut in diesen widerlichen Augen sterben, wie bei all denen vor ihm. Diese Seele wird er mit Freuden zurück in die Hölle befördern.

„Junge, pass auf deine Gedanken auf“, ermahnt ihn sein Partner, der immer noch auf seiner Schulter sitzt und ihm dann sanft an die Schläfe fasst. „Lass dich von ihm nicht verderben.“

„Asmodeus, du weißt nur allzu gut, was passieren kann, wenn dein schwarzes Feuer einen Feuerträger trifft. Deine Überraschung ist also nicht gerade überzeugend, aber auch du sollst zurückkehren. Diabolus hat deinem Tun lange genug zugeschaut“, wendet sich Azrael an den Dämon vor ihnen, der jedoch nur ein Lachen für ihn übrig hat.

„Der alte Knacker kann mich mal. Hier oben macht es viel mehr Spaß. Kannst ihm ausrichten, dass ich keinen Bock habe, zurückzukommen. Ich versau lieber hier ein paar Seelen.“ Schwarzes Feuer ummantelt erneut die Hand des Dämons und löst sich als Feuerball von dieser. Er stoppt den Angriff mit einer gewaltigen Wand aus blauem Flammen.

„Du hättest lieber darauf achten sollen, dass ich wirklich tot bin. Ich werde dich mit Vergnügen zurück in die Hölle schicken!“ Das Feuer bleibt an seiner Hand, bevor es sich begierig von dieser löst und nach dem Körper des Dämons züngelt. Da es nur nach fleischlichen Leben trachtet, erlöschen die Flammen beim Kontakt mit Holz und anderen Pflanzen nach wenigen Sekunden von selbst. Sie haben kein Interesse an diesen leblosen Objekten.

„Oh je, hast du das gehört, Azrael? Das klingt aber nicht nach einer reinen Seele. Ein Verschlinger, der Spaß an der Jagd hat? Scheinbar war es doch kein Fehler dich das Feuer überleben zu lassen.“ Asmodeus fängt die Flammen ab, die sich aber an seinen Körper haften und beginnen ihn zu verbrennen.

Der Geruch von verbranntem Fleisch dringt in seine Nase, doch das überhebliche Grinsen verschwindet nicht von dem Gesicht des Dämons. Er fixiert weiter seinen Gegenüber und Azrael wird auf seiner Seite unruhig. Er rutscht hin und her, berührt noch einmal die Schläfe seines Partners.

„Achte auf deine Gedanken. Ich weiß, dass du ihn hasst und seinen Tod willst, doch es ist nur ein Dämon und wenn du dich darin verlierst, dann-.“ Erneut bricht Azrael ab. Das Feuer beginnt sich anders anzufühlen. Sich zu verwandeln. Die Kühle weicht einer Hitze, die er so nicht kennt und die sich tiefer in sein Herz gräbt, als es die Kälte je tat. Sie nährt sich an dem Hass, der in ihm tobt und das helle Blau des Feuers wird immer dunkler.

Stirb! Er soll sterben! Dafür, dass er mich wie mein Vater ansieht. Diese Verachtung, der Spott und der Blick von oben herab! Er soll dafür verbrennen! Niemand darf mich so ansehen! Ich bin ein Teufelverschlinger! Alle müssen vor mir niederknien und Angst haben! Ich kann sie alle verbrennen und mit ihm fange ich an. Mit diesem überheblichen Grinsen, das ich ihm aus seinem Gesicht brennen werde.

„Nein, bitte. Denk daran, warum du damit angefangen hast! Du wolltest deine Mutter wärmen und nützlich für deine Familie sein. All die schlechten Menschen bestrafen, die anderen Unrecht tun. Asmodeus hat viel Leid verursacht. Mit seinen Flüstern die Sterblichen zu Dingen bewegt, die Familien, Beziehungen und Leben zerstört haben. Töte ihn deswegen. Verbrenne ihn mit diesen Gedanken und nicht, weil er dich zu dem gemacht hat, der du bestimmt bist zu sein.“ Nur langsam dringen die Worte von Azrael in seine Gedanken ein und er stockt. Sein Feuer versiegt.

Dort ist seine Mutter, die ihn erschrocken ansieht und ihn darum bittet, dass er seine Fähigkeit versteckt. Sein Vater, der ihn eiskalt vor die Tür setzen will und dann das Feuer, das von endlosen Tränen erstickt wird.

Die Hitze verschwindet aus seinem Herzen und jeder weitere Schlag wird schwerfälliger als der davor. Sein Arm sinkt und das Feuer erlischt. Nur die kleine Hand von Azrael bleibt auf seiner Schläfe und das enttäuschte Schnauben, das die Stille durchbricht.

„Tz, wie kann man nur so ein Idiot sein? Du hättest unendliche Macht bekommen! Die ganze Welt wäre dir zu Füßen gelegen! Wir hätten so viel Spaß zusammen haben können. Frauen verführen. Männer mit Zorn erfüllen. Alles, was dein Herz begehrte, wäre dein gewesen.“

„Nein, mein Herz begehrt nur eines.“ Die Worte sind leise, doch der sanfte Wind trägt sie in die Welt hinaus. „Ich will die Erde von allen bösen Seelen befreien. Menschen, wie meine Mutter, sollen ohne Angst leben können und Glück finden in den Armen, die sie lieben.“

Das blaue Feuer, das bis eben nur den Arm von Asmodeus befallen hat, breitet sich weiter aus und Schmerz durchzuckt das Gesicht des Dämons. Das Lächeln gefriert gänzlich und weicht einer Maske des Zorns, als er erst mit kräftigen Schlägen und Klopfen versucht, das Feuer zu löschen, bevor er dann sein eigenes schwarzes zu den Jungen schickt.

Es wird von den blauen Flammen erdrückt und verschlungen, so wie es immer mehr von dem Körper des Dämons einnimmt und der beißende Geruch von verbranntem Fleisch die Aromen des Waldes überschattet.

„So einfach wirst du nicht gewinnen, Junge. Ich bin Asmodeus! Einer der stärksten Dämonen! Dein Feuer ist zu schwach! Du kriegst mich nicht!“ Mit diesen Worten hüllt er sich komplett in seine schwarzen Flammen und verschwindet vor ihren Augen in diesen. Suchend züngelt die blaue Glut über die versengte Stelle, aber dann erlischt sie gänzlich.

„Das war knapp und die Begegnung wird er nicht so schnell vergessen“, lacht Azrael auf seiner Schulter, doch der Groll krallt sich in das Herz des Verschlingers. „Er ist entkommen. Seine Seele hätte dir bestimmt geschmeckt. Ich hätte ihn schneller verbrennen müssen.“

„Ach, mach dir da keinen Kopf, Maldiel. Wenn wir ihn das nächste Mal sehen, dann wird er uns nicht entkommen. Wir haben Zeit. Ganz viel Zeit. Ich bin nur froh, dass du dich noch einmal besonnen hast.“ Dort ist wieder seine Leichtigkeit, die das kleine Wesen auf seiner Schulter so sympathisch macht.

„Was wäre denn passiert, wenn ich mich diesem Hass hingegeben hätte?“ Neugier trieft aus seiner Stimme, aber er bekommt von Azrael nur ein sanftes Lachen zurück. „Ach, das ist nicht wichtig. Wir achten einfach darauf, dass das nicht mehr geschieht, okay?“

Die Antwort stellt ihn nicht zufrieden, doch das leise, glückliche Summen von seinem Begleiter zeigt ihm, dass er keine andere bekommen wird. Zumindest jetzt nicht, aber er kann diese Hitze nicht vergessen, wie sie alles in ihn verschlang und nur noch den Zorn zurückließ.

Er ballt seine Hand zur Faust und sie entzündet sich mit blauem Feuer, das sich kühl, wie der sanfte Wind an einem heißen Sommertag, anfühlt. Langsam wandern die Flammen auf seinen gedanklichen Befehl höher, bis sie bei seiner Schulter sind.

„Bist du eine gute Seele, Azrael? Gibt es unter Dämonen überhaupt gute Seelen?“ Das Summen neben seinem Ohr verstummt und die Leichtigkeit der Situation zerreißt unter der stummen Drohung, die in seinen Worten liegt.

„Wie meinst du das? Was... was hast du vor?“ Die Stimme von Azrael zittert leicht und er kommt ins Stocken, kaum dass die blauen Flammen über die Brust des Jungen zu ihm herüber wandern und nach seinen kleinen Füßen züngeln. „Spinnst du?! Wir sind Partner! Natürlich bin ich eine gute Dämonenseele. Ich jage die Schlechten! Wir gehören zusammen! Du darfst mich nicht verbrennen!“

„Aber du bist doch auch ein Teufel oder nicht?“ Die Kühle bleibt in seiner Stimme und die Augen des kleinen Irrlichts weiteten sich voller Angst. Sie tanzen zwischen seinem Profil und den blauen Flammen hin und her. „Nein, ich bin ein Irrlicht. Das sind die Boten des Teufels, so wie die Engel, die Gesandten von Gott sind. Wir-.“

„Aber alles, was vom Teufel kommt, ist böse oder nicht?“, unterbricht der Jüngling das kleine Wesen, das zu stottern beginnt: „Ja, aber nein, aber ja. Das ist nicht so einfach. Aber vertrau mir, Maldiel, mich zu verbrennen ist eine ganz dumme Idee. Du wirst dann deine Fähigkeit als Verschlinger verlieren und das willst du doch nicht, oder? Du willst doch Asmodeus und all seine Kameraden läutern, oder nicht? Jetzt, komm schon, Maldiel, lösch dein Feuer und lass uns die nächste böse Seele finden, ja?“

Nur langsam ziehen sich die blauen Flammen zurück, über die Schulter, den Arm hinunter, in die Hand und verschwinden dort. Azrael atmet erleichtert aus und entspannt sich wieder. Sein Lächeln wirkt leicht gequält, doch er versucht, es mit hohlen Sätzen zu überspielen: „Das war die richtige Entscheidung. Los, lass uns ins Dorf gehen. Ich bekomm allmählich Hunger und vielleicht finden wir dort ja eine böse Seele.“

Maldiel nickt ihm zu, doch der Zweifel an seinem Kameraden bleibt in seinem Herzen und nistet sich dort ein, um langsam zu wachsen und zu gedeihen.

Gibt es überhaupt gute Dämonen?

 

„Oh ja, die Seele schmeckt köstlich.“ Azrael schleckt sich genüsslich über die Lippen, als er den letzten Rest des weißen Nebels in sich aufsaugt und der verkohlte Körper zu Asche zerfällt.

„Das war Invisida. Ein eher niederer Dämon, doch wir jagen ihn schon sehr lange. Das hast du wirklich gut gemacht, Maldiel. Du wirst immer besser und ich bin mir sicher, sollten wir jetzt Asmodeus begegnen, dann werden wir ihn ohne Probleme besiegen können. Diabolus wird entzückt sein, wenn wir ihn diesen Störenfried endlich zurückbringen. Du willst gar nicht wissen, wie lange er schon hier auf der Erde herumstreunt.“

Er klatscht sich zufrieden in die Hände und pustet dann den grauen Staub hinfort. Mit sicheren, kleinen Schritten kommt er zu seinem Kameraden zurück und klettert an dessen Kleidung wieder auf die Schulter, die sein Lieblingsplatz ist.

Maldiel nimmt die Worte an genauso wie das geringe Gewicht des Irrlichts auf seiner Haut. Er sehnt sich danach, Asmodeus in die Hölle zu schicken, doch bei den Gedanken an den anderen Dämon kribbeln seine Fingerspitzen und das Feuer in ihm wird unruhig und wärmer.

„Gibt es weitere Verschlinger?“ Diese Frage begleitet ihn schon länger, aber bis eben hat er sich nie getraut, sie zu stellen. Jetzt huscht sie ihn wie ein leises Gebet über die Lippen. Eine schüchterne Hoffnung in seinem Herzen, die ihm zeigt, dass er diese Last nicht alleine stemmen muss.

„Ähm, ja, den ein oder anderen. Aber niemand ist so gut wie du, Maldiel.“ Azrael spürt den Zweifel, der sich, wie Gift in dem Herzen des Jünglings, ausbreitet. „Diabolus ist stolz auf dich und wenn wir hier fertig sind, dann wird er ein gutes Wort für dich einlegen.“

„Ein gutes Wort? Bei wem denn?“ Diese Antwort irritiert ihn. An sich hat er immer geglaubt, dass er dann zu einem normalen, menschlichen Leben zurückkehrt, doch scheinbar ist dem nicht so.

„Na, bei Gott natürlich. Damit du zurück in den Himmel kannst.“ Azrael lacht kurz auf, doch als die Verwirrung nicht aus dem Gesicht von Maldiel weicht, bleibt der Laut ihm im Halse stecken. „Du spürst es nicht? Oh, dann bist du doch noch nicht so weit, wie ich dachte.“

„Was spüre ich nicht?“ Er horcht in sich hinein, aber dort ist nur das leise Knistern des blauen Feuers, das ihn schon so lange begleitet und so viele Seelen mit sich nahm. Will er mich schon wieder für dumm verkaufen? Er weiß so viel und erzählt mir so wenig! Wer bin ich überhaupt für ihn? Nur der Idiot, der die Dämonen verbrennt, damit er sie fressen kann?! Wenn er mich nicht bald aufklärt, kann er sich einen anderen Depp dafür suchen!

„Es ist kein Zufall, dass ich dich ausgesucht habe, Maldiel. Denn nur ganz bestimmte Seelen können das dämonische Feuer in sich aufnehmen.“ Azrael holt kurz Luft, um sich die nächsten Worte noch einmal gründlich zu überlegen, dabei bricht er sogar kurz den Blickkontakt ab. „Sondern nur gefallene Engel können Partner von uns Irrlichtern werden und wenn ein Engel genügend dämonische Seelen zurückgeschickt hat, dann verhandelt Diabolus mit Gott, dass er sie zurück in den Himmel steigen lässt. Du bist so ein gefallener Engel, Maldiel.“

Maldiel lacht auf. Das ist nicht sein Ernst?! Ich? Ein gefallener Engel? Das ist so lächerlich! Schämt er sich denn nicht für diese dreiste Lüge?! Was erhofft er sich davon?! Dass ich brav weiter für ihn Dämonen anzünde?! Glaubt er, dass ich ihm so treu zur Seite stehe und besser zu kontrollieren bin?! Das ist idiotisch! Die Worte kann ich ihm nicht glauben! Er lügt mich an! Nach allem, was wir schon durchgemacht haben, sagt er mir immer noch nicht die Wahrheit! Es gibt keine guten Dämonenseelen! Sie sind alle verlogen, hinterhältig und nur auf ihr eigenes Wohl aus! Ja, sie müssen alle brennen.

Dort ist wieder das kühle Feuer in seiner Hand, das sich auf den Weg zu Azrael macht, doch dieses Mal stoppt es nicht, sondern greift nach dem kleinen Irrlicht, das panisch aufschreit: „Maldiel! Stopp! Hör auf! Nein! Verbrenn mich nicht! Ich bin alles, was du hast! Nur mit mir kommst du in den Himmel!“

Maldiel lacht trocken auf: „Ha, in den Himmel? Was will ich dort? Ich bin ein Teufelverschlinger. Im Himmel gibt es keine Teufel oder Dämonen. Aber hier schon. Ich, Idiot, habe sogar die ganze Zeit einen mit mir herum getragen. Nein, es gibt keine guten Dämonen. All ihre Seelen gehören zurück in Hölle.“

Er stoppt kurz, als die Kühle sich erneut ändert und ihn eine Erkenntnis ergreift, die zusammen mit dieser neuen Macht und der sanften Wärme, die er so nicht kennt, in seinem Herzen reift. „Nein, nicht in die Hölle. Sie gehören verbrannt. Zusammen mit ihren Körpern. Auf dass sie nie wieder zurückkehren können und all das Leid endgültig verschwinden wird. Ja, das ist mein Lebenssinn.“

Langsam erstirbt der gepeinigte Schrei von Azrael auf seiner Schulter, als das kleine Irrlicht gänzlich verkohlt zu Boden fällt. Mit einem einzigen Tritt zerbricht er zu Asche, die der Wind sofort mit sich nimmt und Maldiel spürt die Kraft in sich, die er sich schon immer gewünscht hat.

Das Feuer um seine Hand ist nun grün und warm. Voller Versprechen und der Zuversicht diese Welt wirklich in einen besseren Ort zu verwandeln. In eine Existenz ohne Dämonen, die gute Menschen zu bösen Dingen verleiten und somit Leid und Schmerz unter ihnen verteilen.

Ein Dasein, in dem seine Mutter ihn wieder in die Arme nimmt und ihm sagt, dass alles gut sei. Ja, alles wird wieder gut, denn sein Feuer verschlingt sämtliches Böses auf dieser Welt, auf dass es nie wieder zurückkehren wird. Nie wieder...

 

Ende

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt

Sein Schwert schnitt durch die Luft. Zerriss Rüstungen, Haut und Lebensfäden. Er sah nur noch die rote Flüssigkeit, die sich immer weiter auf seinem Körper verteilte. Alles verschlang, was er jemals war oder sein würde. Ihn umhüllte wie eine zweite Haut, all sein Denken benebelte und ihn dadurch immer tiefer in den Blutrausch führte.

Kurz schleckte er sich über die Lippen, um zu kosten, was er so sehr begehrte: Das Blut seiner Feinde. All diese Engel, um ihn herum. Sie mussten sterben, da sie sich immer schon für etwas Besseres gehalten hatten. Nur weil sie im Paradies lebten und nicht wie sie in der Hölle. Lächerlich. So schön war es hier auch wieder nicht. Die einst so reine und weiße Welt war nun befleckt mit der roten Flüssigkeit ihrer Bewohner. Sie hatte all ihre Unschuld verloren und wirkte nun viel mehr wie eine billige Kulisse in einem Horrorstreifen. Er hörte seine Kameraden triumphierend aufschreien, als ein Engel nach dem anderen fiel.

Dieser Angriff war für die Himmelsbewohner überraschend gekommen und würde zerstörerisch sein. Eigentlich hatten sie sich darauf geeinigt, sich nur auf der Erde zu bekriegen, doch die Dämonen wollten nicht mehr. Sie konnten nicht mehr weiter dabei zusehen, wie diese Federträger sich über sie lustig machten und so fielen sie jetzt in das Himmelsreich ein, um endgültig zu beweisen, wer der Stärkere von ihnen war. Nicht diese von Gott so geliebten Geschöpfe, sondern die Kreaturen, die verstoßen wurden und um ihr eigenes Leben kämpfen mussten. Die ihre Existenz hart erarbeitet hatten und nicht alles in den Arsch geblasen bekamen. Sie waren die wahre Spitze der Nahrungskette und auf der heutigen Menükarte stand Geflügel.

«Vorwärts, Xenio! Nur nicht nachlassen!» Eine Dämonin flog an ihm vorbei. Ihre Flügel waren so blutbefleckt wie seine und Xenio wusste nicht, ob es ihr eigenes oder das ihrer Feinde war. Aber es war auch egal. Sie hatte Recht. Er durfte seine Konzentration nicht verlieren, sondern musste weiter vorwärts drängen und durfte den Engeln keine Chance geben, sich zu sammeln und einen Gegenangriff zu starten.

Immer wieder warfen sich ihnen die hiesigen Bewohner entgegen. Xenio musste eine himmlische Klinge parieren und stach dann noch in derselben Bewegung zu. Seine schwarzen Handschuhe waren bereits vollgesogen und so lief der neuerliche Schwall Lebenssafts nur noch über den Stoff und tropfte hinunter, während Xenio in die entsetzten Augen des Engels blickte. Sie alle verstanden nicht, was hier passierte und das war ihr Untergang. Zu verwöhnt waren sie von dem scheinbaren Frieden und diesem fernen Krieg, der doch niemals vor ihre Tore gekommen war. Sie hatten sich zu sehr darauf konzentriert Seelen zu sammeln und ihre Kriegerausbildung schleifen lassen. Das würde jetzt ihr Todesurteil sein.

Xenio stieß den Toten unsanft von seiner Klinge und ließ ihn zu Boden stürzen, als er sich schon weiter umsah. Seine Kameraden wüteten unbarmherzig zwischen den heiligen Geschöpfen, die sich verzweifelt wehrten. So viele Feinde und doch so unbedeutend. Alle bis auf einen.

Der Dämon traute seinen Augen nicht, als er den Engel erblickte, der in den hinteren Linien stand und sein Zepter bedrohlich schwang. Er zauberte durch die Bewegung seiner Waffe, schickte Pfeile aus Licht in die Reihen der Dämonen, sodass kein Feind ihm nahe kam und heilte seine Kameraden, indem er ihnen seine Hand auflegte.

Dieser Körper war nicht gemacht, um ein Schwert zu schwingen. So zierlich und zerbrechlich wie er wirkte, konnte man meinen, dass er keine Gefahr war, doch die Aura, die von ihm ausging, sprach das genaue Gegenteil. Sie strahlte aus, dass er bereit war, alles zu zerstören und auch die Möglichkeit dazu besaß. Auch wenn er nur ein Paar Flügel besaß, so strahlte er die Macht eines Seraphim aus.

Das glatte, braune Haar fiel ihm wie flüssige Schokolade über die Schultern und schien seinen Körper fast gänzlich einzuhüllen. Obwohl sein Gesicht so zart und makellos war, ließ der Ausdruck darauf auf keine Gnade hoffen. Xenio konnte sich von dieser Entschlossenheit kaum lösen, doch plötzlich durchfuhr ihn ein gleißender Schmerz, der ihn kurz aufschreien und sofort herum schnellen ließ.

Noch in der Drehung trennte er den Kopf von den Schultern des Engels und hielt sich mit seiner freien Hand die blutende Seite. Das durfte nicht wahr sein! Er war so sehr von diesem Engel fasziniert gewesen, dass er seine Deckung vernachlässigt hatte. Das würden sie ihm büßen. Niemand verletzte ihn ungestraft! Sein Blut hatte einen hohen Preis und den würden sie nun bezahlen. Einer nach dem anderen. Niemand sollte die Begegnung mit ihm überleben. Kein einziger Engel.

Seine Hand umfasste den Griff seines Einhänders fester und mit einem animalischen Schrei stürzte er sich in eine Gruppe von Engeln. Sie sollten alle bezahlen. Für ihre Arroganz und für diese Wunde. Niemand würde ihn je wieder verletzten. Er war Xenio Achmaras. Ein hoher Dämonenfürst und daher konnte er gar nicht verlieren. Das verbat ihm sein Stolz. Sie hatten keine Chance und selbst wenn sie ihn trafen, hielt er nicht inne, sondern tötete sie nur einen Herzschlag später.

Er wütete weiter. Unnachgiebig und gnadenlos. Seine Klinge war getränkt in Blut und hatte jeden silbernen Schimmer verloren. Sein Gesicht war nur noch eine Fratze des Grauens. Er musste sie alle töten. Sie durften nicht mehr leben. Alle mussten sterben. Alle bis auf ihn. Diesen zierlichen Engel mit den braunen Haaren. Der sollte ihm gehören. Ihm ganz alleine. Für alle Zeit...

 

Es waren so viele. So viele, die auf sie einstürmten und Cido spürte, wie seine Muskeln unter der Belastung protestierten, als er immer wieder sein Zepter bewegte. Er war kein Krieger und hatte noch nie so lange am Stück zaubern müssen, aber wenn er jetzt aufgab, dann wäre sein Leben verloren. Darum biss er die Zähne zusammen und schickte einen neuen Pfeilhagel in die Reihen der Feinde.

«Cido! Wir müssen uns zurückziehen! Am besten in die große Kathedrale!» Ein Engel zog an seinem Arm und wollte ihn mit sich nehmen, doch Cido ließ es nicht geschehen. Noch einmal schwang er sein Zepter, um einen Lichtstrahl auszusenden, der alle Dämonen, die er berührte, verbrannte.

«Komm jetzt!», drängte der Engel weiter und Cido löste sich nur widerwillig von seinem Platz. Die Dämonen griffen weiter an. Sie töteten jeden, der sich ihnen in den Weg stellte. Die Infanterie fiel unter ihren Schwertern in einem Meer aus ihrem eigenen Blut.

All diese Fratzen, die nach dem Tod lechzten. Sie waren blutverschmiert und lächelten wahnsinnig, wenn sie nicht sogar lachten, kaum dass ein neuer Engel fiel. Cido konnte nicht verstehen, wie es hatte passieren können. Alles war so friedlich gewesen, bis das Horn erklungen war und den Angriff verkündet hatte. Seitdem waren da nur noch diese dunklen Gestalten, die diesen wunderschönen Ort in Blut tränkten.

Immer neue Engel warfen sich den Dämonen entgegen, während Cido weiter durch die Reihen gezogen wurde. Er wollte kämpfen und als er einen Verletzten erblickte, stoppte er kurz, doch sein Kamerad zog ihn weiter, ohne auch nur auf seinen Protest zu achten. «Halt, Shubi! Wir können ihn doch nicht liegen lassen!»

«Er ist schon so gut wie tot. Wenn du bleibst, wird es dir nicht besser ergehen. Außerdem sind wir schon fast da.» Shubi ließ sich nicht aufhalten und im nächsten Moment erblickte Cido die gewaltige Kathedrale. Man begann schon damit die Fenster zu zumauern und immer mehr Engel stürmten in das Gebäude. Da drinnen würden sie doch wie Mäuse in der Falle sitzen! Die Dämonen ließen sich davon sicher nicht aufhalten!

Noch einmal sah Cido zurück, nur um festzustellen, dass die Dämonen immer näher kamen, doch als er gerade wieder nach vorne sehen wollte, fiel ihm ein Dämon in der Masse auf. Sein kurzes, blondes Haar war verklebt von dem vielen Blut, das ihm in breiten Bahnen über das Gesicht lief, während sich der schwarze Stoff unter den Muskeln immer wieder spannte.

Die Art, wie dieser Dämon sein Schwert führte, war schon fast meisterlich. Er ließ fast keinen Angriff zu sich durchkommen, obwohl er bestimmt schon seit langer Zeit auf dem Schlachtfeld stand. Musste er da nicht müde sein? Cido selbst spürte, wie seine Arme immer schwerer wurden nur, weil er das Zepter hielt. Er könnte sich nicht mehr so bewegen wie dieser Dämon, der mit dem vielen Blut wirklich eklig aussah, doch Cido konnte nicht umhin ihn für seine Kampfkunst zu bewundern.

Plötzlich wurde er grob in die Kathedrale gestoßen und Shubi drängte ihn sofort weiter. «Nicht stehen bleiben. Geh weiter! Wir müssen uns einen sicheren Ort suchen!» «Aber so etwas gibt es hier doch nicht! Die Dämonen werden uns auch hier überrennen! Wir haben keine Chance!» «Hör auf so negativ zu sein! Da ist ein ruhiger Fleck!»

Cido wurde von Shubi in eine Ecke gedrängt und ließ dabei sein Zepter fallen, doch er war sich sicher, dass er es sowieso nicht mehr lange verwenden konnte. Auch ohne die Waffe war er in der Lage kleine Zauber zu sprechen. Sie verstärkte ihre Wirkung nur und um einen einfachen Dämon Ärger zu bereiten, reichten Cidos alleinige Kräfte allemal.

Er sah sich um. Viele Engel kauerten ängstlich auf dem Boden. Sie hofften und beteten, dass dieser Alptraum vorbeigehen würde, doch es war kein Traum und sie würden deshalb auch nicht daraus erwachen können. Einzelne Magier und Bogenschützen standen an den Fenstern, um die Dämonen so gut es ging abzuwehren. Für einen Moment spielte Cido mit dem Gedanken ebenfalls zu helfen, aber Shubi legte ihm sofort eine Hand auf den Arm und schüttelte dann den Kopf. «Du kannst da nicht helfen. Die Magier dort sind stärker als du. Überlass es ihnen. Sie werden die Dämonen schon abwehren.»

Shubi lächelte Cido an, doch dieser konnte es nur halbherzig erwidern, bevor er sich dann erhob und zu einem verletzten Engel ging, um zumindest diesen zu heilen. Dabei ignorierte er den Protest seines Freundes. Cido musste irgendetwas tun. Er war nicht der Typ, der tatenlos daneben stand, wenn er die Möglichkeit besaß, auch etwas beizusteuern und so begann er durch die Reihen zu wandern und Verletzungen zu heilen. Shubi hatte relativ schnell mit seinem Protest aufgehört und begleitete ihn jetzt lieber.

Plötzlich ertönte ein lauter Knall und einige Engel fielen schwer verwundet oder tot von ihren Verteidigungsposten. Unter einem weiteren Aufprall begann die Kathedrale zu beben und Cido konnte sich nur mit Mühe an einer Bank festhalten, wohingegen Shubi unsanft auf seinen Hintern fiel. Was geschah hier? War es nun so weit? Würden die Dämonen sie jetzt gänzlich überrennen und vernichten?

Immer mehr Engel fielen von ihren Posten und Dämonen drangen durch die freien Stellen ein, als auch das Tor unter einem lauten Splittern aufbrach. Dort waren sie wieder. Diese Fratzen voller Blut und Wahnsinn. Sie fielen über sie her, wie Heuschrecken über ein Feld und Cido begann sofort sich halbwegs mit seinen Lichtpfeilen zu verteidigen. Auch Shubi zog neben ihm sein Schwert, um die Meute zurückzudrängen, doch es schienen immer mehr zu werden.

Und dort war er wieder: Dieser blonde Dämon, der wie der Teufel selbst unter Cidos Kameraden wütete. Ihre Blicke trafen sich für einen winzigen Moment und Cido spürte ein Kribbeln in seinem Körper, als würde dieser Dämon tief in seine Seele sehen und dort alles erkennen, was ihn ausmachte, doch dann brach der Kontakt auch wieder ab und hinterließ nur Verwirrung in Cidos Kopf. Wer war dieser Dämon?

«Cido?! Pass auf!» Shubis Warnung kam zu spät. Im nächsten Moment spürte Cido noch einen gewaltigen Schlag auf den Hinterkopf, ehe alles um ihn herum schwarz wurde. Er hatte Recht. Sie hatten verloren. Er musste jetzt sterben. Ja, ganz bestimmt war es jetzt vorbei und Gott? Er hatte ihnen nicht geholfen. Warum? War er wütend auf sie? Cido verstand es nicht, aber jetzt war es eh egal, denn sie waren alle tot. Fühlte es sich so an zu sterben? Seltsam und unspektakulär. Na ja, besser als in die Hände dieser Dämonen zu fallen, oder? Ja, viel besser...

 

Die Engel knieten gefesselt in einer Reihe vor der großen Kathedrale. Dämonen liefen an ihnen vorbei und suchten nach weiteren Überlebenden. Aktuell waren es gerade einmal zwölf Stück, die den Ansturm der Dämonen überstanden hatte. Xenio saß nur wenige Meter von ihnen entfernt und säuberte sein Schwert mit der Hilfe von einem Stück Stoff, den er einem Toten abgenommen hatte.

Immer wieder musste er zu den Gefangenen sehen. Dort saß er, der braunhaarige Engel, den Xenio schon auf den Schlachtfeld gesehen hatte. Sein Blick war gesenkt und sein Körper eingesunken, doch auch wenn der Kampfeswille von eben nicht mehr zu sehen war, wurde die Faszination nicht weniger. Dieser zierliche Körper, der den Anschein erweckte, dass er zerbrach, wenn man ihn nur berührte, schrie nach dem Dämon, doch er hielt sich zurück. Niemand sollte merken, dass er Interesse an ihm hatte, denn das würde ihn nur für andere interessant machen.

Xenio schluckte trocken und entfernte auch den letzten Rest Blut von seiner Klinge, bevor er sie wegsteckte und sich dann mit einem neuen Stück Stoff notdürftig säuberte, denn langsam begann der Lebenssaft zu trocknen und dadurch unangenehm an seiner Haut zu kleben. Dieser Sieg war eindeutig. Auch wenn es Verluste unter den Dämonen gegeben hatte, so konnte man diese angesichts der Anzahl von Engelsleichen getrost ignorieren. Ihr Überfall war ein voller Erfolg gewesen.

«Gut gekämpft, Xenio. Wenn du willst, kannst du dir eine Trophäe aussuchen. Einen Gegenstand oder einen Engel. Du hast die erste Wahl, denn niemand hat so stark gekämpft wie du.» Die Dämonin lächelte ihn an und legte dann eine Hand auf seine Schulter, bevor Xenio nickte. «Danke. Ich werde mich gleich umsehen.»

Er richtete sich langsam auf, da seine Wunden leicht schmerzten, doch die meisten hatten schon wieder aufgehört zu bluten, wodurch Xenio anfing sie zu ignorieren. Wichtig war jetzt, dass er seinen Preis bekam und das so schnell wie möglich. Nicht, dass jemand anderes ihm diesen Engel wegschnappte. Denn, auch wenn sie ihm das erste Wahlrecht zugesprochen hatte, hieß das noch lange nicht, dass sich alle daran hielten.

Ruhig näherte er sich der Reihe Gefangener und ließ seinen Blick immer weiter wandern, doch nicht über die anderen Anwesenden, sondern einzig über den Körper des Braunhaarigen. Wie sich sein Oberkörper unter seiner Atmung bewegte und er leicht nach vorne gebeugt da saß um die Fesselung, die seine Arme hinter seinen Rücken hielt, erträglicher zu machen.

Xenio spürte ein freudiges Kribbeln alleine bei dem Gedanken ihn zu berühren. Beiläufig berührte er die andere Gefangenen, um sein großes Interesse zu verstecken. Niemand sollte merken, dass dieser Engel von unschätzbaren Wert für ihn war. Er durfte keine Schwäche zeigen, denn Schwäche bedeutete bei den Dämon den Tod und es gab viele Neider, die Xenio gerne fallen sehen würden.

Schließlich legte er seine Hand auf das seidige Haar von dem Engel seiner Träume. Dieser zuckte kurz zusammen und Xenio ertastete eine Beule am Hinterkopf. Scheinbar war er niedergeschlagen worden. Gott sei Dank. Sonst würde er wahrscheinlich nicht hier sitzen, sondern zu den Leichen gehören.

Seine Hand glitt über das Haar nach unten zur Wange, wo er die Strähne nach hinten schob und nach dessen Kiefer griff, um den Kopf bestimmt anzuheben. Ihre Blicke trafen sich und Xenio tauchte ein in einen friedlichen Wald, der so viel in sich lockte, aber nichts mehr hergab, doch jetzt war dort nur Verwirrung zu sehen und ganz tief hinten sogar ein kleines bisschen Angst.

Er spürte, wie der Engel zu zittern begann und strich ihm kurz mit seinem Daumen beruhigend über die Wange, während er sich nicht von dessen Gesicht lösen konnte. So perfekt. So wunderschön. Diese zarten Konturen und diese großen Augen, in denen die Angst immer mehr die Oberhand gewann.

Xenio konnte nicht verhindern, dass er kurz mit seinem Daumen sanft über die Lippen seiner Kriegsbeute strich und sich dabei über die eigenen schleckte. Wie dieser Engel wohl schmeckte? Er wollte ihn so sehr. In diesen einen Moment schrie alles in ihm danach ihn zu besitzen.

Er konnte den Impuls nicht unterdrücken ihn mit einer kraftvollen Bewegung auf die Füße zu reißen, wodurch ein kurzer Schmerzenslaut über die Lippen des Gefesselten kam und kurz Bedauern im Herzen des Dämons erwachte. Sie waren sich plötzlich so nah. Ihre Nasenspitzen berührten einander fast und die Augen von Cido huschten ängstlich zwischen Xenios hin und her, während dieser sich von dem Duft des Engels trunken machen ließ. Er spürte, wie sich alles in ihm nach diesem Engel verzerrte.

Langsam näherte er sich dessen Lippen, doch er stoppte kurz bevor sie sich berührten und genoss den warmen Atem auf seiner Haut. Es fühlte sich so perfekt an, wobei er dafür das leichte Zittern des Engels ignorieren musste. Nur noch eine Sekunde. Eine winzige Sekunde länger. Er wollte diese Nähe genießen und plötzlich war es ihm egal, was die anderen Dämonen von ihm denken würden. Das Einzige, was zählte, war der Engel in seinen Armen.

«Wie heißt du?» Xenios Stimme war rau und er sah wieder in diese grünen Augen, deren Besitzer immer noch gänzlich mit der Situation überfordert war. Cido versuchte das Beben seines Körpers zu unterdrücken und auch die Angst zu verbergen. Xenio fand den Kampf, den er dabei gerade ausfocht sehr amüsant, doch auch diesen verlor der Engel.

«Cido. Cido Hiwatari.» Er musste sich kurz räuspern, um seine Stimme zu festigen, was Xenio erneut leicht lächeln ließ, bevor er dem Engel, dann schon fast sanft über die Wange strich und ein wenig auf Abstand ging. «Okay, Cido. Ich bin Xenio. Von heute an gehörst du mir. Mir ganz alleine. Du bist meine Kriegsbeute.»

Xenio wandte sich zu der Dämonin, die ihn vorhin schon angesprochen hatte und deutete dann auf Cido. «Ich nehme den hier! Mit dem Rest könnt ihr tun, was ihr wollt.» Er griff nach Cidos Arm und zog ihn dann zu sich. Erneut trafen sich ihre Blicke. So unendlich weit und so wunderschön weich. Sie konnten bestimmt voller Liebe sein, wenn er dieses Gefühl in dem Engel erwecken konnte. Wie wunderschön sie dann wohl funkeln würden?

Er konnte sich nur schwer lösen, doch dann fasste er Cido stärker am Arm und verließ mit ihm zusammen das Schlachtfeld. In diesem Moment wollte er so schnell es ging mit dem Engel verschwinden. Nicht dass doch noch ein Dämon mitbekam, wie wertvoll Cido für ihn war. Er hatte zwar bis jetzt überlebt, aber solange sie hier waren, würde er in Gefahr sein. Xenio musste ihn zu sich nach Hause bringen. Dort würde er sicher sein. Sicher vor all den Neidern und Wahnsinnigen. Auch wenn Xenio ebenfalls ein Dämon war, so mochte er seine Artgenossen nur bedingt. Sie waren alle wahnsinnig und unberechenbar und voller Neid. Erkannten sie Schwächen, nutzten sie diese aus. Und ein wertvolles Wesen war in den Augen der Höllenbewohner eine perfekte Schwachstelle. Bekamen es die falschen mit, sähen sie sich womöglich bald einer Schar von Dämonen gegenüber, die ihren Kampfkameraden nur zu gerne im Himmelsreich zurücklassen würden.

Das ungleiche Paar war daher hier nur bedingt sicher. Weder Cido noch er und so kamen sie am Ende des Himmelsreich an, wo Xenio den Engel an sich zog.

Cido sah ihn ängstlich an, was Xenio lächeln ließ. Er ließ sich dazu hinreißen ihn einen Kuss auf die Stirn zu geben, bevor er ihn noch fester an sich drückte. «Jetzt geht es abwärts. Ich halt dich fest und werde dich beschützen. Du kannst mir vertrauen. Glaub mir, mein Engel. Dir wird kein Leid geschehen. Nicht solange ich hier bin, denn ich werde es niemals zulassen. Verstehst du? Niemals...»

 

Wieso war er ausgesucht worden? Was sollte dieses merkwürdige Verhalten des Dämons? Warum hatte er ihn nur in dieses Haus gebracht und ihn dann auf die Couch gesetzt? Danach kam nichts mehr. Was hatte das für einen Sinn? Es war doch dieser Schwertkämpfer, der sich mit so viel Geschick aber auch Gnadenlosigkeit durch die Reihen der Engel geschlagen hatte, oder nicht? Cido war sich sicher, dass er sich nicht täuschte. Dieser Xenio war der Dämon, den er auf dem Schlachtfeld gesehen hatte. Aber...

Er berührte seine Stirn, dort wo die Lippen von Xenio ihm einen Kuss geschenkt hatten. Diese Zärtlichkeit konnte nicht wahr gewesen sein. Es war nicht möglich, dass diese Sanftheit in diesem Krieger steckte. Das musste ein Irrtum sein.

Aber auch jetzt saß er nur in einem Sessel und sah ihn an. Seit sie hier angekommen waren, hatte er noch kein Wort ge­sprochen und langsam machte sein Blick Cido nervös, wodurch dieser anfing unruhig hin und her zu rutschen.

«Warum?», krächzte Cido und hoffte, dass er dieses Mal eine Antwort bekam, die er verstehen konnte, doch auch jetzt richtete sich Xenio nur auf, um dann zu ihm zu kommen. Seine Hand fuhr über Cidos Haar hinunter zu seiner Wange, wo er dieses dann hinter das Ohr strich und somit seine ganze Backe freilegte. Sie sahen sich in die Augen und Cido versuchte irgendetwas in diesem Meer aus Eis zu erkennen. Etwas anderes als dieses Gefühl, das er dem Dämonen nicht zugestehen wollte.

Erneut küsste ihn Xenio auf die Stirn und nahm dann Abstand, um sich neben ihn auf die Couch zu setzen. Er begann mit einer Strähne von Cidos Haar zu spielen und der Engel wusste nicht, was er davon halten sollte. Alles in ihm schrie danach, dass er Xenio auf Abstand hielt. Es ging nicht, dass ein Dämon ihn so berührte.

In einem Anflug von falschen Stolz entriss Cido Xenio die Strähne und funkelte ihn zornig an. «Warum? Was soll das Theater? Wieso hast du mich hierher gebracht? Was willst du von mir?» Er rutschte so weit es ging von Xenio weg und sah ihn immer noch wütend an. Der Dämon sollte ihm endlich Antworten geben. Er hatte es satt, dass Xenio ihn anschwieg und immer nur berührte. Vor allem so zärtlich, als könnte er jeden Moment zerbrechen.

Erneut streckte Xenio seine Hand nach ihm aus, doch dieses Mal schlug Cido sie weg und knurrte ihn an. Er wollte nicht von ihm berührt und befleckt werden. Seine Reinheit war alles, was ihm noch geblieben war. Er wusste ja nicht einmal, was mit Shubi passiert war und war der Gunst dieses Dämons ausgesetzt. Zum Kotzen!

«Antworte mir, dreckiger Dämon!» Er sah, wie diese Worte Xenio verletzten, denn die Zuneigung in seinen Augen wich kurz dem Schmerz, bevor sie sich bedrohlich verschlossen und man schon fast Zorn in der Tiefe des Eismeeres erkannte, als sie sich wieder öffneten. Xenio stand auf und positionierte sich direkt vor Cido. Er überragte ihn jetzt noch deutlicher, als wenn sie beide gestanden hätten, und Cido spürte kurz Angst in seinem Herzen, bevor sein Engelsstolz wieder zu schlug und er demonstrativ die Brust herausstreckte.

«Bist du so dumm oder tust du nur so, Engel?», spie ihn Xenio an und es war das erste Mal, dass er überhaupt etwas sagte, seitdem sie hier angekommen waren. «Ich hab dich gesehen! Auf dem Schlachtfeld! Du warst voller Blut und hast gnadenlos getötet! Wo ist diese Brutalität jetzt?»

«Willst du, dass ich brutal werde?!» Xenio packte Cido an den Handgelenken und drückte ihn in die Kissen der Couch, bevor er gänzlich über ihn kam. Cido versuchte etwas in diesen blauen Augen zu erkennen, das nicht von impulsiver Wut sprach, doch dort war nichts anderes.

Plötzlich presste Xenio seine Lippen hart auf Cidos. Dieser wusste zunächst nicht, wie es um ihn geschah und brauchte erst ein paar Herzschläge, bevor er dann versuchte Xenio von sich zu drücken, doch der Dämon ließ nicht sofort von ihm ab. Erst als er in die Lippe des Engels biss und einen Tropfen Blut von ihm klaute, nahm er wieder Abstand und sah schwer atmend auf ihn nieder.

«Ist es dir so lieber?» Xenio wartete auf eine Antwort und Cido versuchte zu verstehen, was gerade passiert war. Nein, das war ihm nicht lieber, aber er wollte diese Nähe generell nicht. Xenio musste doch auch einen Mittelweg kennen, oder?

Schließlich rang er sich zu einem Kopfschütteln durch. «Ich...» Cido konnte nichts sagen, weil sich plötzlich ein eisiger Kloß in seiner Kehle bildete und sein Körper zu zittern begann. Nein, das konnte er nicht brauchen. Diesen kalten Schweiß und das unnachgiebige Band um seine Brust. Wieso passierte das jetzt?

Sein Atem beschleunigte sich und er spürte, wie das Zittern sich in ein Beben wandelte. Das konnte nicht wahr sein. Er musste es stoppen. Wodurch er versuchte seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen, doch es gelang ihm nicht. Sein Herz begann zu rasen und er hatte das Gefühl, als drohte er zu fallen.

«Cido?» Xenios Stimme war voller Sorge und dann war dort wieder diese Hand, die Cido jedoch sofort wegschlug. «Fass mich nicht an! Bitte, fass' mich nicht an!» Sie verschwand, aber die Panik in Cidos Herzen blieb. Er musste sich beruhigen. Das lag schon so weit in seiner Vergangenheit. Er durfte sich davon nicht mehr beeinflussen lassen.

Es schien eine halbe Ewigkeit zu vergehen, bevor Cido wieder normal atmen konnte und sich langsam entspannte. Er hasste es, wenn das passierte, aber er konnte es nicht verhindern. Nur Stück für Stück nahm er seine Umgebung wieder wahr und blickte schließlich in das entsetzte Gesicht von Xenio. Dort war kein Zorn oder Schmerz mehr, sondern nur pure Angst um eine geliebte Person und Cido merkte, wie ihm kurz warm ums Herz wurde, doch dann erstickte er dieses Gefühl sofort wieder. Er durfte das nicht denken oder fühlen. Vor ihm stand ein Dämon. Niemals durfte er Zuneigung für ihn entwickeln. Niemals!

«Was? Was ist passiert? Geht's wieder?» Xenio näherte sich vorsichtig und Cido merkte, dass der Dämon ihn berühren wollte, doch er hielt sich zurück, was Cido leicht lächeln ließ und dann nicken. «Ja, es ist alles wieder in Ordnung.»

Kurz erwachte in ihm das Verlangen sich zu entschuldigen, doch er erstickte es sofort wieder. Das vor ihm war immer noch ein Dämon und diese Kreaturen hatten es nicht verdient, dass man sich bei ihnen entschuldigte. Schließlich hatte Xenio mehr als genug Engel auf den Gewissen, sodass sich Cido keiner Schuld bewusst sein sollte. Er hatte es verdient ein wenig zu leiden, oder?

Xenio seufzte erleichtert und lächelte Cido dann wieder an, bevor er ihn erneut berühren wollte, doch der Braunhaarige schlug seine Hand weg. «Pfoten weg! Deine Berührungen nerven! Ich bin kein Blindenbuch!»

Bei diesem Vergleich musste Xenio lachen, was Cido verwirrte, doch dann nahm der Dämon schließlich Abstand. Er setzte sich nicht in den Sessel, sondern drehte sich nach ein paar Schritten wieder zu Cido um. «Hast du Hunger? Ich würde was zum Essen machen. Irgendwelche Wünsche oder Unver­träglichkeiten?»

Diese Frage brachte Cido gänzlich aus dem Konzept und er brauchte erst ein paar Herzschläge, um deren Bedeutung zu verstehen, bevor er dann auch fähig war eine Antwort zu bilden: «Ähm... ja, etwas Essbares wäre nicht schlecht und ähm... nein, keine Wünsche oder Unverträglichkeiten.»

«Gut, ich bin gleich wieder da. Fühl dich ruhig wie zuhause.» Mit diesen Worten verschwand Xenio gänzlich aus dem Raum und obwohl Cido die Erlaubnis hatte, sich frei zu bewegen, so hatte er irgendwie Angst davor, aber er spürte auch einen drängenden Harndrang und somit entschloss er sich zumindest auf die Suche nach der Toilette zu gehen. Es musste ja irgendwo eine geben, oder nicht?

Es führte nur eine Tür aus dem Wohnzimmer und Cido wusste noch von seiner Ankunft, dass dahinter ein breitgefächerter Flur war und irgendeine dieser Türen musste ja hoffentlich zu dem Zimmer seiner Begierde führen, wodurch Cido noch einmal tief Luft holte, um dann aufzustehen und die Wanderung zu starten.

Irgendwie fühlte es sich falsch an. So unsagbar falsch, als er durch diese Tür schritt und kurz sein Blick auf der Haustür liegen blieb. Es wäre so einfach, jetzt abzuhauen. Aber was dann? Wohin sollte er gehen? Seine Heimat existierte nicht mehr und er war hier in der Hölle. Wahrscheinlich würde er nicht einmal die Nacht überleben. So ohne seinem Zepter oder irgendeiner anderen Waffe.

Darum löste er sich schweren Herzens von dem Ausgang und sah dann zu den anderen Türen. Es waren mit dem Wohnzimmer und dem Eingang insgesamt sieben Räume, die von dem Flur abzweigten. Aus einem konnte er das geschäftige Tun von Xenio hören, wodurch er vermutete, dass dort die Küche war und somit für ihn uninteressant.

Der Flur zog sich in die Länge und war nur wenig eingerichtet, während seine Farben wie auch schon im Wohnzimmer eher dunkel und drückend waren. Cido konnte sich hier nicht wohl fühlen. Das schwere Rot gemischt mit Schwarz und dunklen Brauntönen. Es war einfach nicht seine Welt, aber sie schien es ab jetzt zu sein.

Er spürte wie sein Herz schwerer wurde, doch im nächsten Moment erinnerte ihn seine Blase wieder an seinen eigentlichen Plan, wodurch er sich vom Türrahmen trennte und dann eine Tür nach der anderen öffnete. Dabei fand er ein Schlafzimmer, eine Bibliothek, einen Trainingsraum und natürlich erst zum Schluss die Toilette.

Doch keines der Zimmer war anders gestaltet. Xenio schien diese Farben zu mögen, aber Cido waren sie zu dunkel. Das war wohl der Unterschied zwischen Dämonen und Engel. Mit einem Seufzer schloss er wieder die Tür hinter sich und machte sich auf den Weg zurück ins Wohnzimmer. Dabei fiel sein Blick noch einmal auf die Schlafzimmertür. Dort war nur ein großes Bett drinnen. Nur ein Einziges. Würde das bedeuten?

Nein, Cido wollte diesen Gedanken nicht weiter spinnen. Es würde zu einem Ergebnis führen, das er nicht wahrhaben wollte. Er konnte sich heute Abend noch damit beschäftigen. Jetzt bekam er eher langsam Hunger, als er auch schon den Ruf von Xenio hörte: «Essen ist fertig. Komm in die Küche.»

In diesem Moment tat Cido nichts lieber als das, wodurch er sofort der Stimme folgte und sich darauf freute endlich wieder etwas zwischen die Zähne zu bekommen und dann. Ja, dann würde man weitersehen. Mit vollen Magen sah die Welt nämlich meistens schon viel besser aus. Schließlich war er noch am Leben und hatte somit die Chance auf eine Verbesserung. Er wusste zwar noch nicht, wie diese aussah, aber das würde sich schon noch zeigen. Eines wusste Cido jedoch ganz sicher. Er würde niemals mit Xenio das Bett teilen. Niemals...

 

Jetzt war es schon einige Wochen her, dass Xenio Cido von dem Schlachtfeld entführt hatte, aber der Engel ließ ihn immer noch nicht an sich heran. Er schlief auf der Couch und wehrte jede Berührung oder gar Annäherung sofort ab. Langsam wurde Xenio das zu blöd. Er war kein geduldiger Dämon und jetzt war er schon weit über seine normale Grenze hinaus gegangen, doch jedes Mal, wenn er sich Cido zu stark näherte, begann dieser zu zittern und dann konnte Xenio nicht mehr.

Er wollte ihm nicht weh tun oder Angst machen. Auch wenn er diesen wunderschönen Körper immer und immer wieder berühren wollte. So hielt er sich zurück. Auch jetzt als sie wieder gemeinsam im Wohnzimmer saßen. Xenio im Sessel und Cido auf der Couch. Er sah den Engel an und dieser starrte auf den Boden. Sie schwiegen und langsam wurde die Stille für Xenio unangenehm.

Er räusperte sich, doch Cido reagierte nicht, wodurch er den Laut noch einmal lauter wiederholte, doch auch jetzt kam keine Regung in den Körper des Engels, was den Zorn in Xenio weiter schürte. Seine Hand krallte sich fester in die Lehne des Sessels, als Cido nach wie vor nicht auf ihn zu reagieren schien und seine Haare durch seine gebückte Haltung sogar noch weiter um ihn herum fielen, wodurch sein Oberkörper nun fast gänzlich von ihnen verhüllt war.

Nein! Er sollte sich nicht weiter verkriechen! So würde das niemals etwas werden! Sofort schnellte Xenio in die Höhe. Er war kein Dämon der Worte, wodurch er auch jetzt nichts sagte, sondern einfach auf Cido zueilte und seine Haare hinter seine Ohren strich. Durch diese unerwartete Berührung zuckte Cido zusammen und sah Xenio erschrocken an.

Der Kämpfer wusste nicht, was er von diesem Verhalten denken sollte, doch er wusste eines und das presste er jetzt knurrend heraus: «Hör auf mich zu ignorieren!» Er griff nach dem Kinn von Cido und zog es zu sich, um ihn dann das erste Mal richtig zu küssen. Erneut spürte er, wie der Körper zu beben begann, doch es war ihm egal, als er sich näher an ihn presste und ein wildes Zungenspiel anzettelte.

«Bitte geh weg von mir», flehte Cido, als der Kuss beendet wurde, doch Xenio sah ihn nur an. Ja, dort war Angst in den Augen des Engels, die sich langsam in Panik verwandelte, doch es war ihm egal. Er hatte jetzt schon so lange darauf gewartet und war immer zuvorkommend und schon fast lieb gewesen. Hätten ihn die anderen Dämonen so gesehen, dann hätte er sich seinen Ruf in die Haare schmieren können. Aber jetzt war Schluss. Xenio konnte und wollte auch nicht mehr warten.

«Nein.» Dieses eine Wort ließ das Beben in dem Körper unter ihm stärker werden, doch in diesem Moment war es ihm egal. Seine Hand spielte mit einer Strähne des Haares und küsste sie sanft, bevor er erneut an den Lippen knabberte, doch dieses Mal ohne Cido zu verletzten. Irgendwie hatte das leichte Beben von Cidos Körper etwas Erotisches. Xenio redete sich ein, dass dieses Zittern von der Lust kam und entschloss sich nicht mehr in die Augen des Engels zu sehen, weil er sich sicher war, dass er sonst stoppen würde und er wollte nicht aufhören. Jetzt nicht mehr...

Langsam dirigierte er Cido in eine liegende Position und kam über ihn. Ließ seinen Blick über diesen wunderschönen Körper wandern, als seine Hand schon unter den Stoff der Kutte glitt. «Bitte...» Cidos Stimme zitterte immer noch, doch Xenio drehte es in seinem Kopf so, dass es eher nach einer Aufforderung weiterzumachen klang. Er hatte viel zu lange darauf gewartet. Schließlich war Cido seine Beute gewesen und er hatte bis jetzt nichts von ihr bekommen außer dass sie ihm den Kühlschrank leer fraß.

«Lass dich einfach darauf ein, Engelchen. Ich werde auch ganz sanft sein, versprochen.» Xenio knabberte an Cidos Ohr und strich dann mit seinen Händen die Kutte von den Schultern seiner Beute. Er wollte diesen Körper endlich spüren und erkunden. Wie oft hatte er in der Nacht wach gelegen und daran gedacht, wie es wäre, endlich intim mit ihm zu werden? Oh Gott, wie sehr er sich danach verzerrte.

Langsam wanderten seine Lippen hinunter. Über das Kinn zum Hals und schließlich zu den Schlüsselbeinen. Er küsste jeden Zentimeter, um dann bei den Brustwarzen anzukommen. Diese umspielte er mit seiner Zunge und saugte leicht daran. Cido begann sich unter ihm zu winden. Immer mal wieder kam das Beben zurück, doch Xenio merkte, wie es weniger wurde. Sein Engelchen schien sich doch darauf einzulassen.

Mit geschickten Fingern löste er die Kordel, die diese verfluchte Kutte noch um Cidos Körper hielt, sodass der Stoff nun gänzlich fallen konnte. Ruhig ließ er seinen Blick wandern und stockte überrascht. Cido trug doch glatt keine Unterwäsche. Dieser Umstand ließ Xenio ein wenig schmunzeln. Scheinbar war das kleine Engelchen doch nicht so verklemmt wie gedacht.

«Es ist bequemer so», flüsterte Cido, als hätte er Xenios Gedanken gelesen, doch dieser reagierte nicht darauf, sondern strich weiter mit seinen Händen über die sanfte Haut, die unter seinen Berührungen zitterte.

«Du bist wunderschön», hauchte er in das Ohr des Engels und knabberte leicht daran. Er war sich sicher, dass er ein leichtes Stöhnen hörte, auch wenn der Braunhaarige sich seinen Berührungen ein wenig entzog. Erneut küsste er sich sanft nach unten, doch dieses Mal über die Brust hinaus. Tiefer und inniger wanderte er über die Porzellan gleiche Haut. Er sog den Duft in sich ein und speicherte jeden noch so kleinen Geschmack.

Es kam ein Wimmern von Cido und als Xenio hoch sah, erkannte er zwei gänzlich unterschiedliche Anzeichen. Die Wangen waren leicht gerötet vor Erregung und auch die Lippen waren sinnlich einen Spalt geöffnet und luden so zu einem erotischen Spiel ein, doch die Augen von Cido waren gequält zugekniffen. Scheinbar schien der Engel nicht zu wissen, was er fühlen sollte. Vielleicht sollte Xenio ihm dabei ein wenig helfen.

Der Gedanke war kaum zu Ende formuliert, als er schon seine Hände auf Wanderschaft schickte. Sanft über die Brust, hinunter zu den Seiten, um dann den Nabel ein wenig neckisch zu um spielen. Seine Finger glitten noch weiter. Fuhren den Hüftknochen nach und streiften neckisch und nur kurz das Glied, um dabei überrascht festzustellen, dass es schon leicht erregt war.

Doch auch wenn die Versuchung allzu verlockend war, verfolgte Xenio seinen Plan weiter. Als er mit seinen Händen über die Schenkel zu streichen begann, starteten seine Lippen ihre Wanderung über den Körper des Engels. Seine Zunge spielte kurz mit einem Nippel und glitt dann tiefer, um in den Nabel einzutauchen. Erneut war dort dieses Beben und Xenio glaubte ein unterdrücktes Stöhnen zu hören, was eine leichte Hitze in seinem Körper erweckte, die ihn dazu trieb weiter zu gehen und anfing sein Denken zu benebeln.

Ohne nachzudenken küsste er sich tiefer und ließ sich nur noch von seinen Gefühlen leiten. Als seine Zunge dann schließlich bei dem Penis von Cido ankam, hatten seine Hände die Innenseite der Oberschenkel erreicht und drückten diese leicht auseinander.

Plötzlich erwachte etwas in Cido und dieser begann seine Beine mit einem spitzen Schrei wieder krampfhaft zu schließen, was Wut in Xenio erweckte und er leise gegen die weiße Haut knurrte. Sein Griff wurde fester als er dieses Mal bestimmter für mehr Platz sorgte und ein Wimmern von Cido forderte.

Dieser zierliche Körper begann erneut heftig zu beben, doch Xenio zwang sich dazu nicht nach oben zu sehen, sondern einfach weiterzumachen und so küsste er sich langsam Cidos Glied entlang bis er an der Spitze ankam. Diese umspielte er mit seiner Zunge und hauchte einen Kuss darauf. Erneut war dort ein Stöhnen und das Zittern veränderte sich leicht, was die Hitze in Xenios Körper weiter steigerte.

Ohne groß nachzudenken ließ er die halb erigierte Männlichkeit von Cido in seinen Mund gleiten. Es war ein ungewohntes Gefühl, doch der Geschmack, der ihn erwartete, gefiel ihm und ließ aus der Hitze langsam einen ansteigenden Druck werden. Durch diese Tatsache begannen ihm seine Kleider lästig zu werden, doch er wollte sich erst einmal um Cido kümmern. Er begann nun seinen Kopf zu bewegen und diesen herben Geschmack weiter zu genießen.

Die Schenkel unter seinen Händen fingen zu beben an und Xenio merkte, wie sich der Körper unter ihm immer mehr anspannte, während immer wieder ein Stöhnen und Wimmern zu hören war. Xenio war es an sich egal, dass Cido immer mal wieder versuchte zu entkommen. Er hielt ihn fest und setzte sein Tun fort.

Seine Zunge umspielte den Schaft sanft und mit leichten Schluckbewegungen erzeugte er einen Unterdruck in seinem Mund, bevor er weiter hoch und runter ging. Ließ das mittlerweile gänzlich steife Glied kurz gänzlich herausgleiten, aber nur um dann mit der Zunge erneut über die Spitze zu kreisen und der ganzen Länge entlang zu schlecken.

Nun verschwand auch der Gegendruck an seinen Händen und somit erlaubte er sich diesen eine andere Beschäftigung zu geben. Mit einer stütze er sich leicht auf der Hüfte des Engels ab, während die andere die Hoden von Cido kraulte, als er dessen Penis noch einmal in den Mund nahm, doch dieses Mal wurden seine Bewegungen schneller.

Seine kraulende Hand wanderte dann langsam tiefer. Sammelte dabei den Schweiß, der sich über ihre erhitzen Körper kämpfte, auf und begann die Rosette von Cido leicht zu massieren. Kaum berührte er diesen kleinen Muskelring verkrampfte sich Cidos Körper erneut und er wollte nach oben schnellen, doch Xenios zweite Hand hielt ihn waagrecht. «NEIN!»

Die einzige Antwort des Dämons auf diesen Ausbruch war ein kräftiges Saugen an dem Penis des Engels, wodurch aus dem Protest schon bald ein lustvolles Stöhnen wurde, doch Xenio merkte, wie sich Cido oberhalb des Bauchnabels versuchte zusammen zu rollen. Dennoch stoppte er nicht und glitt mit einem Finger durch Cidos Rosette. Erneut verkrampfte sich der Körper, doch auch wenn in Xenio alles nach Tempo schrie so zwang er sich noch einmal um Ruhe und so bewegte er den Finger erst einmal nicht. Er wartete darauf, dass sich der Muskel entspannte und erst dann begann er sich langsam vorzutasten, während seine Zunge nun eher halbherzig weiter versuchte Cido abzulenken.

«Bitte nicht...», wimmerte dieser nur und hatte sein Gesicht hinter seinen Armen versteckt, doch selbst wenn Xenio wollte. Er konnte jetzt nicht mehr aufhören. Dafür war er schon viel zu weit und hatte schon zu viel von dieser Ambrosia getrunken. Er wollte diesen Druck los werden. Schließlich nahm er einen zweiten Finger dazu und begann den Muskel langsam zu dehnen und hoffte darauf, dass er Cido so gut wie möglich auf das Kommende vorbereiten konnte.

Aus dem Wimmern wurde langsam wieder ein Stöhnen. Spätestens als Xenio kurz den magischen Punkt berührte und sich Cido sogar unter dieser Welle der Lust leicht aufbäumte, was die Hitze in Xenio stärker werden ließ und er sich kurz darauf von Cido trennte. Er zog seine Kleidung aus und sah derweil auf den leicht bebenden Körper des Engels. Dieser hatte sein Gesicht immer noch hinter seinen Armen versteckt und nur kurz erwachte in Xenio das Verlangen einen Blick zu erhaschen, doch er war sich nicht sicher, ob er das wirklich sehen wollte.

Ruhig beugte er sich zu dem kleinen Beistellkästchen neben dem Couchende auf dem Cidos Kopf lag und holte aus der oberen Schublade eine Tube Gleitgel heraus. Bevor er zurückkehrte, hauchte er Cido einen sanften Kuss auf das Haar und begann dann etwas Gel auf seinem Penis zu verteilen. Er massierte ihn kurz, um die Lust noch ein wenig zu steigern und sah dann noch einmal auf diesen perfekten Körper hinab. Oh Gott, wie er dieses Wesen liebte und begehrte. Er musste ihn haben. Niemand sonst sollte ihn je wieder berühren. Dieser Engel gehörte nur ihm. Ihm alleine.

Als er sich langsam auf den Körper niederließ, vergrub er sein Gesicht in der Halsbeuge von Cido. Atmete diesen herben Duft ein und spürte, wie die Hitze noch mehr stieg und den Druck in seinem Inneren steigerte. So sehr, dass er im Impuls zu biss und gleichzeitig mit einem Ruck in den Engel eindrang. Sofort verkrampfte sich der Körper unter ihm, als ein erstickter Schrei über die Lippen des Engels kam. Nur um dann in ein Wimmern überzugehen und den Körper zum Beben zu bringen.

Entschuldigend schleckte Xenio über die Bisswunde und richtete sich langsam wieder auf. Cido versteckte sich immer noch, doch der Dämon hauchte einen zärtlichen Kuss auf den oberen Arm, bevor er dann sogar noch einen auf das Haar drückte. Er stütze sich mit einer Hand ab und ließ die andere über den Körper unter sich wandern. Ruhig und zart, während er dem Drang sich zu bewegen zu widerstehen versuchte.

Seine Finger kamen an der Hüfte an und zeichneten den Knochen kurz ein wenig nach, bevor sie das mittlerweile fast erschlaffte Glied erreichten. Diese Tatsache stimmte Xenio traurig, doch er ließ sich nicht beirren, sondern begann es zu massieren. Zu Anfang ruhig und sanft, um dann das Tempo langsam zu erhöhen und als seine Berührungen Wirkung zeigten, begann er sich selbst zu bewegen.

Dabei zwang er sich langsam zu machen und konzentrierte sich gänzlich auf sein Handeln, wodurch das schmerzhafte Wimmern langsam wieder zu einem sinnlichen Stöhnen wurde und Xenio dazu antrieb ebenfalls loszulassen. Er begann dadurch nur noch auf seine Gefühle zu hören. Die Hitze, die sämtliches Denken verbrannte und nun auch Laute von ihm forderte. Genauso wie dieser Druck, der immer stärker wurde und ihn in seinen Bewegungen weitertrieb.

Cido selbst blieb aber unverändert liegen. Er ging nicht auf Xenio ein, doch die Laute, die er von sich gab, ermutigten Xenio weiterzumachen. Dieses sinnliche Stöhnen, das er verzweifelt unterdrückte, forderte Xenio heraus und so intensivierte er seine Stöße, wodurch es nicht lange dauerte, als der erste Laut über Cidos Lippen kam, den er nicht unterdrücken konnte.

«Du bist so schön», hauchte er dem Engel ins Ohr, «du fühlst dich so gut an.» Immer weiter trieb er sich dem Höhepunkt entgegen und knabberte hin und wieder an Cidos Ohr, während er weiter dessen Glied im Takt seiner eigenen Stöße massierte. Bald existierten nur noch sie und Xenios Bewegungen. Er wollte diesen Druck loswerden. Plötzlich zog sich Cido um ihn herum zusammen und riss ihn so mit sich in den Abgrund. Mit einer gewaltigen Explosion aus Glücksgefühlen entlud sich Xenios Lust mit einem Schlag fast zeitgleich mit Cidos und er spürte die warme Flüssigkeit auf seiner Haut, als er sich kraftlos auf den Körper unter ihn sinken ließ. Er war glücklich. Nur so unsagbar glücklich...

 

Dieses Glück fühlte sich so falsch an. So unsagbar falsch genauso wie dieser Körper auf ihm, der ihn immer weiter erdrückte. Cido spürte wie sich Hass in seinem Inneren entwickelte, als die Tränen weiter über seine Wangen liefen.

«Geh runter!», brachte er zitternd über seine Lippen, während er die Arme weiter auf seinem Gesicht liegen ließ. Er wollte Xenio nicht sehen und der Dämon sollte auch nicht bemerken, welches Chaos er angerichtet hatte. Cido wollte all das nicht, aber ganz weit hinten flüsterte ihm eine Stimme leise zu: «Es war doch gar nicht so schlecht, oder?»

Nein, so etwas konnte nicht gut sein! Es war niemals gut und es würde niemals gut werden! Niemals! Es ging immer nur darum, dass sie sich selbst befriedigten. Cido war ihnen immer egal. Immer und das würde sich niemals ändern. Verzweifelt klammerte er sich an dieser Einstellung fest, um diesem befriedigenden Gefühl zu entkommen. Doch es breitete sich weiter in seinem Körper aus.

Xenio rührte sich nicht. Sie waren immer noch verbunden und Cido redete sich ein, dass es ihn störte. Er wollte das Alles nicht. Dann konnte es sich nicht gut anfühlen! Das war nicht möglich! Niemals!

Langsam begann das Sperma von ihm zu trocknen und unangenehm zu kleben. Cido wollte sich waschen, doch der Dämon bewegte sich immer noch nicht. War er eingeschlafen? Ernsthaft? Xenio schnarchte sogar leicht. Wie konnte er?! Wieso war er der Meinung, dass dies jetzt in Ordnung war?!

Mit einer entschlossenen Bewegung stieß er Xenio von sich runter. Dieser fiel unsanft und mit einem lauten Knall auf den Boden. «Was? Was ist passiert?» Er sah sich irritiert um und ihre Blicke trafen sich. Oh ja, Cido hasste diesen Kerl abgrundtief! Dabei ignorierte er das leichte Gefühl nicht mehr vollständig zu sein.

«Warum hast du das getan?! Ich hab gesagt, dass du es lassen sollst!» Cido ging gar nicht auf Xenios Fragen ein, sondern starrte diesen zornig an. «Wer hat dir das Recht gegeben sowas mit mir zu tun?! Das ist widerlich!»

«Das Zeug hier sagt etwas anderes!» Xenio grinste Cido siegessicher an, als er ein bisschen Sperma von seinem Körper wischte und es den Engel hinhielt. «Gib es doch einfach zu. Dir hat es auch gefallen.»

«Nein! Hat es nicht! Es war einfach nur widerlich! Und warum? Warum musstest du in mir kommen?! Das ist so ekelhaft! Ich hasse dich dafür!» Cido steigerte sich weiter in seine Rage hinein. Er wollte diesem Akt nichts Positives absprechen. So was konnte einfach nicht positiv sein. Das war es noch nie gewesen und würde es auch nie sein. Nie!

Xenios Augen waren bis jetzt noch freundlich und offen gewesen, doch als er den letzten Satz von Cido hörte verschlossen sie sich und dort war wieder diese Wut, die zu diesem widerlichen Akt geführt hatte. Erneut begann sein Körper unter den Erinnerungen zu zittern, doch wenn es am Anfang nur Panik war, so war jetzt auch ein wenig Erregung dabei. Etwas, was Cido nicht empfinden wollte, wenn es darum ging.

«Du hasst mich?!» Xenio baute sich vor Cido auf, wodurch auch der Engel aufstand. Er war kleiner als der Dämon, doch es war ihm egal. Instinktiv ließ er seine Flügel erscheinen und breitete diese aus, um größer zu wirken.

«Ja, ich hasse dich. Dafür dass du mich hier gefangen hältst und mich vergewaltigst!» Cido war sich nicht einmal sicher, ob er dieses Gefühl wirklich empfand, doch er wollte, dass sich Xenio ihm nie wieder näherte. Nie wieder sollte ihn dieser dreckige Dämon berühren und beschmutzten. Er wollte nur noch duschen und diesen Akt von sich waschen.

«Ich hab dich vergewaltigt?!» Xenio lachte auf und griff nach dem Kiefer von Cido, um diesen ein wenig höher zu ziehen. «Das habe ich nicht. Ich hab mir genommen, was ich schon immer wollte und dir hat es gefallen, Engelchen. Gib es also endlich zu! Damit tust du uns beiden einen Gefallen!»

Xenios Körper war wirklich stark. Cido konnte die Muskeln unter der Haut sehen und dessen Brustkorb war fast doppelt so breit wie seiner eigener. Körperlich hatte er ihm wirklich nichts entgegenzusetzen.

«Fass mich nicht an!» Cido handelte instinktiv, als er einen Lichtzauber beschwor und Xenios Schulter damit verbrannte. Dieser ließ ihn mit einem Schmerzenslaut los. Er hielt sich seine Verletzung und Cido konnte das tiefe Knurren hören. Erneut spannte sich der Körper des Kämpfers an.

«Ohne mich wärst du tot, Engelchen! Mausetot! Niemand würde sich auch nur nach deiner Leiche umdrehen! Vielleicht hätte man dich aber auch nicht getötet, sondern auf den Dämonensklavenmarkt verkauft! Da wäre niemand so geduldig mit dir gewesen! Im Gegenteil! Deine Panikattacken hätten den ein oder anderen vielleicht sogar extra scharf gemacht! Du hast es gut hier! Ich meine es gut mit dir! Und das Einzige, was ich verlange, ist ein wenig Offenheit! Wenigstens die Möglichkeit dich von mir zu überzeugen! Aber nein! Du schaltest auf stur! Sprichst kein Wort und sobald ich näher komme, schaltest du auf Abwehr!»

«Ich wäre auch lieber tot, als hier bei dir zu sein!» Dieser Satz fiel im Affekt, doch Cido nahm ihn nicht zurück. Er war diesem Dämon nichts schuldig. Sein Körper fühlte sich nur schmutzig an und er wünschte sich, dass er sich die Haut abreißen könnte. Jeden Fleck, den der Dämon berührt hatte und somit entweiht hatte.

«Du verstehst die Welt nicht, Engelchen.» Cido konnte sehen, wie sehr er den Dämonen verletzt hatte, bevor sich das Eismeer erneut schloss und er sich dann abwandte. Xenio sammelte seine Kleider vom Boden auf und begann sich anzuziehen, während Cido immer noch nackt im Raum stand.

Was hatte er vor? Wieso zog er sich jetzt an? Cido konnte nicht verhindern, dass er zurückzuckte, als Xenio sich seinen Schwertgurt samt Waffe umschnallte, doch er mahnte sich zur Ruhe. Wenn er diese Auseinandersetzung gewinnen wollte, dann durfte er jetzt die Nerven nicht verlieren.

«Ich verstehe sie sehr gut! In meiner Welt nimmt man aufeinander Rücksicht! Da bedeutet ein Nein auch nein und es wird nicht übergangen! Du sagst, dass du mich begehrst. Aber ich bin dir doch egal! Sonst hättest du das nicht getan!» Cido wollte nicht aufgeben. Er wollte endlich verstehen, warum der Dämon so gehandelt hatte. Wieso er ihm dies angetan hatte? Wollte er ihn nicht vor Leid bewahren? Warum hatte er dann das Alles gegen seinen Willen getan?

«Tut man das?» Xenio drehte sich bedrohlich um. In dieser Bewegung ließ er seine Schwingen ebenfalls erscheinen und hob sie bedrohlich an. «Wenn das wirklich so ist, warum hast du so eine Angst davor? Ich bin ein Dämon, Cido, und das bedeutet nicht automatisch, dass ich blöd bin. Man hat dich vergewaltigt. Vielleicht sogar öfters. Es wurde mir bewusst, als ich über deine erste Panikattacke nachdachte. Darum hatte ich Geduld mit dir. Immer wieder. Aber... es gab keinen Fortschritt. Und auch wenn du es dir einredest, dass auch das eine Vergewaltigung war. Es war keine oder warum blutest du jetzt nicht?»

Cido brauchte erst ein paar Atemzüge um mit dieser Erkenntnis klar zu kommen. Xenio wusste es. Es war ihm klar und dennoch hatte er es getan. Er hatte ihn benutzt, um seine Gelüste zu stillen. Ungeachtet der Tatsachen, was er ihm damit antat. Nein! Er war nicht besser! Auch er war nur ein stinkender Dämon! Sie waren alle gleich!

«Dir war es bewusst?!» Cidos Stimme wurde schrill, als sich die Erkenntnis eisig in seinem Denken ausbreitete und ihm bewusst wurde, was das zu bedeuten hatte. Xenio hatte ihn bewusst seinem Trauma ausgesetzt. Es war ihm egal, dass Cido dadurch geistige Höllenqualen litt. Er war nicht besser. Niemals.

«Ja, es war mir bewusst. Deswegen habe ich mich ja gezwungen langsam zu machen und besonders vorsichtig zu sein.» Xenio versuchte sich weiter zu erklären und blieb seltsam ruhig. Sein Körper strahlte jedoch immer noch eine erdrückende Bedrohung aus.

«Besonders langsam?! Vorsichtig!?» Cido lachte gequält auf. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Niemals! Er hatte ihm weh getan! Festgehalten und sich genommen, was er wollte! Dieser erzwungene Orgasmus machte die Sache nicht wirklich besser!

«Ja», knurrte Xenio und seine Handschuhe knirschten bedrohlich, als er seine Hände zu Fäuste ballte, doch dem Engel war das egal. Er fühlte sich verarscht. Das konnte wirklich nicht Xenios Ernst sein!

«Du hast mir weh getan, als du in mich gerammt bist! Wo war das langsam?! Diese Schmerzen haben mich immer begleitet! Bei jeder Bewegung wurden sie neu entfacht! Du hast nicht auf mich geachtet! Weil ich dir egal bin! Für dich bin ich nur eine Trophäe! Was wirst du jetzt tun, nachdem du deinen Preis bekommen hast?! Wirst du das jetzt jeden Tag machen!?»

Plötzlich eilte Xenio wieder auf Cido zu und stieß ihn grob auf die Couch. Cidos Hintern schmerzte leicht unter dem etwas unsanften Fall. Er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen und sah trotzig in die Augen des Dämons, der sich über ihn beugte. Dessen Augen waren zu Schlitzen geworden und er konnte sehen, wie der Zorn in dem eisigen Meer Wellen schlug, doch es war ihm egal.

«Du bist kein Preis für mich», presste Xenio wütend hervor und griff dann nach Cidos Kinn, um dieses erneut leicht anzuheben. Ihre Blicke trafen sich und Cido konnte nicht verhindern, dass ihn etwas in den blauen Augen berührte. Denn unter all dieser Wut und diesen Schmerzen sah er wahre Zuneigung durchschimmern. Dieses pure, warme Gefühl ließ auch in Cido ein kleines Feuer erwachen, das er vorhin immer wieder verzweifelt ausgetreten hatte, doch jetzt brannte es weiter und ließ sich nicht löschen.

Xenio sagte nichts mehr, sondern drückte nur seine Lippen auf die von Cido und umschloss sein Gesicht mit beiden Händen, dass er ja nicht fliehen konnte. Aber irgendwie wollte der Engel gerade nicht entkommen. Dieser Kuss war anders als all die davor. Er war zwar auch dominant und ließ kaum eine Widerrede zu, aber er bettelte auch um Verzeihung. So voller Schuldgefühle und Bedauern, dass Cidos Herz schwerer wurde.

Dann löste sich Xenio von ihm und lächelte ihn kurz an, bevor er zärtlich die Haare hinter Cidos Ohr strich. Der Engel wollte diese Berührungen nicht. Nein, er wollte all diese Gefühle nicht und konnte den Impuls unterdrücken sich in die Hände von Xenio zu schmiegen. Dieser Dämon hatte all das nicht verdient. Er war nur ein elendiger Bastard.

«Ich hasse dich immer noch!», flüsterte Cido langsam und betonte dabei jedes einzelne Wort. Einerseits um Xenio so zu verletzten, wie es der Dämon vorhin mit ihm getan hatte. Andererseits um sich selbst von ihnen zu überzeugen. Er wollte diesem Kerl keine anderen Empfindungen entgegen bringen. Das hatte er sich nicht verdient.

Erneut wurde die Zuneigung in dem Eismeer von den Wellen des Zorns weggespült, als schon die Faust mit einem lauten Klatschen neben seinen Kopf in die Lehne schlug. Xenio knurrte tief und bedrohlich, als sich seine Kleidung erneut unter den angespannten Muskeln dehnte. Cido hatte das Gefühl, dass er jetzt leiden würde. Doch stattdessen wandte sich Xenio nur ab und eilte davon. Ließ dadurch einen verwirrten Engel zurück, der die Welt nicht mehr verstand, als schon die Tür ins Schloss fiel.

Was wurde denn jetzt gespielt? Hatte er etwa gewonnen? Wohin ging Xenio jetzt? Würde er zurückkommen? Wenn ja, wann? So viele Fragen und Cido fand keine einzige Antwort. Plötzlich bemerkte er wieder das klebende Sperma und verzog angewidert das Gesicht. Er musste sich wirklich waschen. Nach einer heißen Dusche würde die Welt schon wieder besser aussehen.

Mit diesem Vorsatz stand er nun auch auf, griff nach seiner Kutte und machte sich auf den Weg ins Bad. Xenio würde schon wieder kommen. Schließlich wohnte er hier und dann. Ja, dann würde man weitersehen...

 

Dieser Engel ist wirklich das Letzte! Was bildete er sich überhaupt ein?! Woher nahm er sich die Frechheit, ihm diese Worte ins Gesicht zu schleudern?! Immer wieder?! Xenio wollte das nicht. Cido durfte ihn nicht hassen. Er wollte doch, dass er ihn liebte und er die Zeit mit ihm genauso genoss wie er. War sein Handeln wirklich so falsch gewesen?

Plötzlich kam ihm wieder das Gesicht voller Widersprüche in den Sinn. Nein, Xenio hatte sich das nicht eingebildet. Cido hatte es gefallen. Definitiv. Er wollte nur nicht, dass er so empfand. Wenn Cido ihn wirklich hasste, warum hatte er dann den Kuss zugelassen? Es hatte keine Gegenwehr gegeben. Also war dort doch mehr als er zugeben wollte, oder?

«Argh!» Xenio würde noch verrückt werden, sollte der Engel weiter so widersprüchlich bleiben. Ja, er wollte ihm nicht weh tun, aber er konnte nicht anders. Außerdem hatte er sich das bestimmt nicht eingebildet. Cido hatte es gefallen. Ganz bestimmt. Er war nur zu stolz, um es zu zugeben.

Vielleicht hätte Xenio ein wenig länger mit Cido diskutieren sollen, aber er war sich sicher, dass er nicht mehr lange hätte ruhig bleiben können. Darum war er lieber gegangen, bevor er dem Engel doch noch ernsthaft verletzte. Er wusste, dass sein Eindringen zu schnell gewesen war, aber er konnte sich in diesem Moment nicht mehr zügeln. Derweil hatte sich doch alles so gut angehört.

Mit einem Seufzer flog er weiter durchs Land. Dabei achtete er nicht auf die kahle Umgebung. Er musste da raus, um einen klaren Kopf zu bekommen. Sie mussten sich beide jetzt erst einmal beruhigen und dann konnte man später vielleicht noch einmal vernünftig über die Situation reden. Es durfte nicht so hoffnungslos sein, wie es Cido gerade dargestellt hatte. Nein, das durfte wirklich nicht sein.

Plötzlich traf ihn ein Schlag in den Rücken und schickte ihn mit einer derartigen Wucht zu Boden, sodass ihm keine Möglichkeit blieb, zu reagieren, ehe sein Körper schon in die staubige Erde schlug. Der Aufprall raubte ihm für einen Atemzug das Bewusstsein, doch der Krieger ließ sich davon nicht beirren. Sofort rappelte er sich auf und zog noch in der selben Bewegung sein Schwert. Er fand den Angreifer nur wenige Meter über sich in der Luft und sofort stieß er sich mit einem Schrei vom Boden ab: «Yabu!»

Der violetthaarige Dämon grinste ihn breit an. Xenios Angriff wurde pariert und das Grinsen auf den Lippen seines Gegners wurde breiter. «Du riechst nach Sex, Xenio. Außerdem warst du so schön in Gedanken. Schade, dass du nicht liegen geblieben bist. Dann hätte ich mir diesen Kampf erspart und hätte mir deinen Engel so geholt.»

Sie trennten sich und Xenio versuchte die Bedeutung der Worte zu verstehen. Hieß das? Aber woher? Er war doch damals vorsichtig gewesen. «Du hast dich viel zu schnell entschieden und ich kenne dich. Das Federvieh bedeutet dir etwas. Also, muss ich es zerstören!» Mit einem lauten Klirren krallten sich ihre Klingen erneut ineinander.

«Du kriegst ihn nicht. Niemals!», knurrte Xenio und lenkte das Schwert von Yabu ab, um dann sofort zu attackieren, doch dieser parierte den Schlag. «Das werden wir ja sehen. Ich will, dass du leidest, Xenio! Außerdem ist es das erste Mal, dass dir etwas so wichtig ist. Ich muss diese Chance nutzen. Ansonsten würde ich es mir niemals verzeihen. Du weißt doch, Xenio. Dein Unglück ist mein oberstes Ziel.»

Yabu lachte boshaft auf und erneut schnellten sie aufeinander zu. Metall traf auf Metall. Die Schwerter klirrten und ächzten unter der Belastung, doch wie ihre Besitze wollte keines dem anderen nachgeben. Schlag um Schlag hielten sie einander immer wieder auf. Klinge glitt über Klinge. Drehungen und Tritte wurden vollführt, doch nichts traf. Alles ging ins Leere oder wurde pariert.

Xenio kämpfte verbissen. Er konnte Yabu nicht gewinnen lassen. Dieser Dämon war schwächer als er und hatte jetzt nur eine Chance, weil er verletzt war. Er musste ihn von Cido fernhalten und diesen Kampf für sich entscheiden. Mit diesem Gedanken zog er mit seiner freien Hand in einem unbeobachteten Moment seinen Dolch aus dem Stiefel. Ihre Schwerter kämpften immer noch um die Vorherrschaft. Xenio stach mit der kurzen Klinge zu.

Metall durchschnitt Stoff, Haut, Fleisch und Gefäße. Dort war der warme Saft. Er schlängelte sich begierig über Xenios Kleidung. Yabu schrie unter den Schmerzen auf und wich sofort zurück. Er hielt sich die verletzte Seite und funkelte Xenio zornig an. «Du Mistkerl! Das wirst du mir büßen!»

Sofort ging er wieder in den Angriff über und auch Xenio schnellte auf seinen Gegner zu. Klein traf auf Groß und hielten einander fest. Der Blonde holte mit seinem Schwert aus. Er sah noch wie sich die Augen von Yabu vor Entsetzen weiteten. Sofort riss dieser seine Klinge herum, doch es war schon zu spät. Xenios Schwert durchtrennte seinen Hals ohne Widerstand. Der Dolch glitt zusätzlich in den Brustkorb des Gegners und raubte ihm somit noch schneller das Leben.

Xenio spürte den warmen Lebenssaft auf seiner Haut, als Yabus Leichnam schon zu Boden stürzte. Sein Kopf landete einige Meter entfernt. Er hatte gewonnen. Wie immer hatte er gesiegt und endlich war er diesen Plagegeist los geworden. Gekonnt schlug er das Blut von den Klingen und steckte sie wieder ein. Er ließ seinen Blick über die Weite der Welt wandern. Sein Zuhause und doch würde er es sofort hergeben, wenn er dafür die Liebe von Cido bekäme.

Bei diesem Gedanken musste er schmunzeln. Dieser Engel bedeutete ihm wirklich alles. Er sollte zu ihm zurückkehren und sich bei ihm entschuldigen. Sein Verhalten war nicht in Ordnung gewesen. Auch wenn er es nicht wirklich bereute. So war es dennoch falsch gewesen. Vielleicht... ja, vielleicht gab ihm Cido dann eine zweite Chance. Xenio hoffte dies so sehr...

 

Cido trocknete sich seine Haare ab, als er wieder zurück in das leere Wohnzimmer kam. Die Dusche hatte gut getan und die Welt fühlte sich jetzt wirklich besser an. Dieses Gefühl, beschmutzt zu sein, war nicht mehr da, sondern nur noch eine bodenlose Zufriedenheit. Cido hatte sich schon lange nicht mehr so gut gefühlt und so konnte er nicht verhindern, dass er leicht lächelte.

Er sah sich kurz in dem Raum um, doch er fand kein Anzeichen, dass Xenio seit seinem Verschwinden noch einmal hier gewesen war. Konnte das sein? Eventuell war der Dämon ja wo anders. In der Küche vielleicht?

Sofort sah er in besagten Raum nach, doch auch dort war niemand zu sehen und so ging Cido kurzerhand an den Kühlschrank, um sich ein Stück Käse zu holen. Irgendetwas, um das leichte Hungergefühl in seinem Inneren zu bekämpfen. Nur um dann weiter im Haus nach Xenio zu suchen.

Er war nicht im Trainingsraum. Auch die Bibliothek war leer und verlassen. Cido stockte, als er bei dem Schlafzimmer ankam. Bis jetzt hatte er nur ein einziges Mal in diesen Raum gesehen und da auch nur, weil er nicht gewusst hatte, was sich hinter der Tür befand. Auch jetzt breitete sich ein vorwiegend ungutes Gefühl in seiner Magengegend aus. Aber dort war auch ein angenehmes Ziehen, das den leichten Geschmack einer unbekannten Vorfreude hatte.

Zögerlich klopfte er an die Tür, doch es kam keine Reaktion. Er versuchte es noch einmal. «Xenio? Bist du da drin?» Warum suchte er den Dämon überhaupt? Er sollte doch froh sein, wenn der Kämpfer nicht da war. Dann würde er zumindest seine Ruhe haben und musste auch keine Angst haben, dass er sich wieder an ihm verging. Ja, es war gut, dass Xenio immer noch weg war.

Cido nickte entschlossen, um sich selbst von seinen Gedanken zu überzeugen, doch es blieb ein komischer Nachgeschmack. Er fühlte sich nicht sicher, wenn der Dämon nicht hier war. Dieser Ort wirkte so leer und erdrückend, wenn er nur die Geräusche des Hauses hörte. Er fühlte sich dann wirklich gefangen.

Kurz ging er auf die Haustür zu, doch auf halben Weg stoppte er wieder. Nein, das war keine gute Idee. Wo sollte er denn hin? Ohne Zepter konnte er sich auch nicht richtig gegen einen Dämonen wehren. Der Lichtzauber vorhin verbrannte sie vielleicht leicht, aber er würde nicht reichen, um einen Kampf zu entscheiden.

Mit einem Seufzen ließ er sich schließlich auf die Couch nieder und hoffte, dass Xenio bald zurückkam. Halt! Stopp! Diese Gedanken waren definitiv falsch. Er wollte nicht, dass der Dämon zurückkehrte. Zumindest nicht wegen Xenio selbst, sondern damit diese Stille verschwand. Dieses Haus war unheimlich, wenn man darin alleine war. Viel zu unheimlich.

Cido sah sich kurz ängstlich um und seufzte dann schwer. Was sollte dieser Blödsinn? Er war nicht auf einen Dämonen angewiesen. Was sollte in diesem Haus schon sein, das ihn bedrohen konnte? Er hatte doch gerade überall nachgesehen. Es war keiner außer ihm hier. Er war ganz alleine.

Ein Seufzer stahl sich über seine Lippen und dann war er da: Der Duft von Xenio und Sex. Kurz erwachte in Cido der Impuls aufzuspringen und zu flüchten, doch dann war dort wieder dieses Glück. Es schlängelte sich kribbelnd durch seinen Körper, um ihm ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Cido begann sich wohl zu fühlen. Das erste Mal seit langem hatte er das Gefühl zuhause zu sein.

Sofort schüttelte er den Kopf. Das war doch lächerlich. Er konnte sich hier nicht geborgen fühlen. Das war das Haus des Dämons, der ihm weh getan hatte. Der ungeachtet Cidos Gefühle sich einfach das nahm, was er wollte und dann auch noch stolz darauf war.

Cido konnte das Grinsen von Xenio nicht vergessen, als dieser sich das Sperma vom Körper gestrichen hatte. Diese Siegessicherheit hatte Cido hart getroffen. Ja, vielleicht war es schön gewesen und irgendwo hatte es ihm bestimmt gefallen. Auch war Xenio sehr geduldig mit ihm gewesen. Aber er wollte das nicht einsehen.

Wie lange war er jetzt schon hier? Zwei Monate? Drei? Vielleicht sogar schon fünf? Cido hatte schon seit einer geraumen Weile aufgehört zu zählen. Es änderte sich ja eh nichts und auf Rettung brauchte er auch nicht hoffen. Es gab wahrscheinlich niemanden mehr, der ihn hätte retten können. Dieser Tatsache wurde sich Cido mit jedem Tag, der verging, bewusster. Er würde hier bleiben und irgendwie fühlte sich der Gedanke nicht mehr so falsch an wie am Anfang.

Wo blieb Xenio nur? Sollte er nicht langsam zurückkommen? Cidos Hunger kehrte mit der Zeit zurück und sein Blick wanderte zur Küche. Er kannte sich dort nicht aus, aber vielleicht würde er ja doch fündig werden und irgendetwas Essbares zaubern können. Ungeschickt war er in diesem Bereich an sich nicht und besser als hier herumzusitzen und nichts zu tun war es allemal.

Gedacht, getan. Cido machte sich auf den Weg in die Küche und begann den Kühlschrank und die Vorratsschränke nach Zutaten zu durchsuchen, die ihm bekannt waren. Da war die Auswahl sehr gering. Es blieben nur Eier, Nudeln und Käse. Alles andere konnte er nicht zu ordnen und somit wusste er nicht, wie sie schmeckten. Bestimmt hatte ihm Xenio das ein oder andere davon schon serviert, aber er erkannte nichts davon wieder.

Schließlich setzte er Wasser auf und begann die Eier aufzuschlagen und zu verrühren. Kurzerhand durchsuchte er das Gewürzregal, doch außer Pfeffer und Salz kamen ihm auch die Gewürze unbekannt vor. Ein Seufzer stahl sich über seine Lippen. Definitiv kein schweres Gericht, aber es würde ihn satt machen. Darum kochte er weiter und ohne es bewusst zu merken, bereitete er auch eine Portion für Xenio zu.

Er war gerade dabei das Essen auf die Teller zu verteilen, als plötzlich die Tür aufging. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen drehte er sich um. Doch als er Xenio erkannte, setzte sein Herz vor Schreck einen Schlag aus, um dann seine Arbeit beschleunigt fortzuführen. Der Dämon war voller Blut und wirkte erschöpft. War er verletzt? Was war passiert?

Sofort stürmte er auf den Kämpfer zu und blieb abrupt vor diesem stehen. Xenio schien ihn zuerst nicht zu bemerken, denn er streifte seine Handschuhe ab und löste auch den Gürtel seines Schwertes, bevor er aus seinen Schuhen schlüpfte und weitergehen wollte. Er wäre beinahe in Cido gerannt, doch der Engel wich mit einem Satz zurück.

«Cido?! Was? Was machst du hier?» Xenio verstand die Welt nicht mehr und auch Cido konnte sich sein Verhalten nicht erklären. «Was ist passiert? Bist du verletzt? Woher kommt das ganze Blut?» Sofort begann er damit den Körper des Dämons abzutasten, doch er konnte keine Verletzungen spüren. Zumindest keine neuen.

«Das Blut gehört einem anderen Dämon, der meinte, dass er mir ans Bein pissen muss. Tja, jetzt geht er niemanden mehr auf den Sack.» Xenio lachte auf und streifte sich auch seinen Kampfanzug von den Schultern. Cido wandte beschämt seinen Blick ab und merkte, wie er rot wurde. Seine Wangen begannen zu glühen und er schluckte trocken.

«Ich geh kurz duschen, okay? Hast du gekocht?» Xenio sah in die Küche und schien die Verlegenheit des Engels gar nicht zu bemerken, doch dieser konnte nur mit einem Nicken antworten. «Danke, mein Engel. Ich beeil mich.» Xenio hauchte Cido einen Kuss aufs Haar, bevor er dann im Bad verschwand.

Diese simple Berührung entfachte in Cido eine Hitze, die jede Faser seines Körpers entzündete. Es fühlte sich plötzlich so richtig an. Genauso richtig wie die Erleichterung, als ihm ein gewaltiger Stein vom Herzen gefallen war, als er den unversehrten Körper von Xenio gesehen hatte. Dieser Dämon war der Kämpfer, der damals auf dem Schlachtfeld ohne Gnade Engel um Engel vernichtet hatte. Dessen war er sich nun vollkommen sicher. Aber gnadenlos schien er nur zu seinen Feinden zu sein und Cido. Cido war in dessen Augen scheinbar genau das Gegenteil.

Aber was war der Dämon für ihn? Wieso hatte ihn eine solche Panik befallen, als er das Blut gesehen hatte? Sollte es ihm nicht egal sein, wie es Xenio ging? Warum war das dann nicht so? Wieso hatte er für ihn mitgekocht? Wünscht er sich insgeheim, dass sie zusammen aßen? Wollte er wieder die Nähe des Dämons spüren? Nein, Cido wollte nur nicht alleine sein. Oder?

Der Engel sah auf seine Hände und versuchte diese Gefühle zu verstehen. Noch nie hatte er so empfunden und langsam erwachte in ihm ein unguter Verdacht. Das konnte nicht sein. Nein, das durfte nicht sein! Wann war das passiert?!

Plötzlich war dort wieder der Duft des Dämons und im nächsten Moment fuhr eine starke Hand durch sein Haar. Dicht gefolgt von einem sanften Kuss. «Komm, Cido. Lass uns essen.» Xenio ging an ihm vorbei und holte die zwei Teller, um dann ins Wohnzimmer zu gehen.

Er trug erneut einen Kampfanzug, jedoch dieses mal in dunkelrot. Der Stoff schien ihm viel Freiheit zu schenken, betonte aber gleichzeitig die Muskeln auf eine schon fast sinnliche Weise. Cido musste trocken schlucken, als ihm bewusst wurde, was mit ihm geschehen war.

Ja, Xenio hatte ihn vielleicht vergewaltigt. Aber nur weil Cido sein Stolz im Weg gestanden hatte. Der Dämon war zärtlich gewesen. Immer zuvorkommend und geduldig. Diese eine Tat war ein Versehen gewesen und Cido hatte sie ihm bereits verziehen. Er war froh, dass Xenio zurück war und wünschte sich, dass der Dämon nie wieder verschwand. Denn er fühlte sich wieder sicher und auch wenn er Xenio nie an sich heran ließ, dann nur um sich nicht der Wahrheit stellen zu müssen, die er schon seit Tagen in sich trug: Dieser Dämon hatte ihn sein Herz gestohlen...

 

Xenio wusste nicht, was in Cido gefahren war, doch es gefiel ihm. Seit er blutverschmiert zurück gekommen war, wurde der Engel richtig zutraulich. Nicht nur, dass sich Xenio ihm nähern und ihn berühren konnte. Manchmal kam der Braunhaarige sogar von selbst und suchte die Nähe des Blondschopfs. Aber er schlief immer noch auf der Couch und so lag Xenio auch diese Nacht alleine in seinem großen Bett und starrte in der Dunkelheit an die Decke.

Er hatte seit diesem einen Geschlechtsverkehr keinen neuen angezettelt. Irgendwie hatte er Angst, dass er damit alles wieder zunichte machen würde und das war es ihm nicht wert. Er liebte diese kleinen Zärtlichkeiten, die sie austauschten: Ein flüchtiger Kuss, ein kurzes Streicheln oder einfach nur das Kuscheln.

Kurz stahl sich ein Seufzer über seine Lippen, als er sich zur Seite drehte und weiter in die Dunkelheit starrte. Alles in ihm schrie danach, dass er den Engel neben sich haben wollte. Er wollte ihn berühren und seine Wärme spüren. Der sanften Atmung lauschen und den sinnlichen Duft einatmen. Hier so alleine zu liegen, fühlte sich falsch an. Sollte er zu ihm gehen? Nur kurz einen Blick erhaschen, ob alles in Ordnung war? Oder sich ein Glas Wasser holen und dabei nach ihm sehen?

Wie konnte man sich nach einem einzigen Wesen so verzehren? Xenio verstand das nicht. Er hatte noch nie zuvor so gefühlt. Dieses reine Verlangen nach der simplen Nähe zu einer Person hatte er bisher nicht gekannt. Klar, er hatte früher schon Sex gehabt. Mit dem ein oder anderen Dämonen oder Menschen. Sogar ein weiterer Engel neben Cido war dabei gewesen. Aber selbst das war anders gewesen. Bei ihnen ging es nur darum das pure Verlangen zu stillen und Stress abzubauen oder sogar nur zu demütigen. Doch bei Cido war es der Wunsch eins mit ihm zu werden. Jeden Zentimeter seiner Haut zu erkunden und ihn Dinge fühlen zu lassen, die er so nicht kannte. Er wollte ihm ein Paradies in der Hölle erschaffen und ihn berühren. Seinen Geschmack erfahren und jeden Laut hören, den er zu bieten hatte.

Alleine bei dem Gedanken daran begann sein Körper erneut zu kribbeln und eine Hitze zu entfachen, die ihn trocken schlucken ließ. Immer wenn Cido nicht bei ihm war, hatte er das Gefühl, dass etwas fehlte und mit jeder Nacht, die er allein blieb, wurde dieses Empfinden stärker. Wann würde Cido zu ihm kommen? War er denn nicht auch einsam?

Plötzlich klopfte es zögerlich an der Tür und Xenio war sich nicht sicher, ob er es sich eingebildet hatte, doch wenige Herzschläge später erklang es noch einmal. «Xenio? Bist du wach?» Cido sprach sehr leise und hätte Xenio wirklich geschlafen, dann hätte er ihn damit nicht geweckt, doch jetzt zauberte er ein Lächeln auf die Lippen des Dämons.

«Ja, bin ich. Komm ruhig rein.» Sein Körper wurde von Glücksgefühlen überrannt und er strahlte wahrscheinlich wie ein Honigkuchenpferd, als der Engel kurze Zeit später die Tür tatsächlich öffnete und den Raum betrat. Er hatte seinen Blick leicht gesenkt und stand verloren im Raum, wodurch Xenio neben sich auf das Bett klopfte. «Komm, hüpf rein. Es ist groß genug für uns beide.»

Cido schreckte auf und nickte dann überhastet, bevor er der Aufforderung leicht zögerlich folgte und sich dann neben Xenio unter die Decke kuschelte. «Ich hoffe, dass ich dich nicht störe, aber die Couch wurde langsam unbequem.» Xenio war sich sicher, dass dies eine Lüge war, doch er tat so, als würde er sie ihm glauben. «Kann ich verstehen. Ist ja auch nicht dafür gemacht. Es freut mich, dass du da bist.»

Er hob einladend einen Arm, wodurch sich Cido fast sofort an Xenios Brust kuschelte. Dieser zierliche Leib in seinen Armen fühlte sich perfekt an. Er konnte den Duft wahrnehmen und spürte das seidige Haar auf seiner Haut, wodurch er damit begann, darüber zu streichen und mit der ein oder anderen Strähne zu spielen.

Ruhig fuhr er über den Rücken des Engels und spürte, wie dieser dadurch leicht zitterte und sich instinktiv näher an ihn drückte. Sein Atem war leicht erschwert und Xenio hatte das Gefühl, dass sich da jemand deutlich freute ihn zu sehen.

Cidos Hände gingen zögerlich auf Wanderschaft und erkundeten den nackten Oberkörper des Dämons. Dieser schlief nur in Boxershort, weil es ihm so am bequemsten war. Cido selbst trug wie immer seine Kutte und diese störte Xenio gerade ungemein. Er wollte seinen Engel pur spüren. Der Stoff stand dabei nur im Weg.

Cidos Finger zitterten leicht, als sie über die Brust von Xenio wanderten und damit begannen eine Hitze in den Dämon auszulösen, die diesen genießerisch die Augen schließen ließ. Endlich wurde sein Engel aktiv und der richtige Spaß konnte beginnen.

Die Hände des Dämons gingen nun ebenfalls auf Wanderschaft. Zielstrebig nach unten, um die Kordel zu lösen und dann sofort die Kutte von den Schultern des Engels zu streifen. Er wollte die Haut spüren. So unverfälscht spüren und nahe sein. Er wollte diese Hitze entfachen und an Cido weitergeben. Heute sollte er nur vor Lust stöhnen und er wollte keine Anzeichen von Schmerzen wahrnehmen.

Unsicher küsste sich Cido über seine Haut und entlockte ihm damit den ersten Lustlaut. Diese Jungfräulichkeit des Engels hatte etwas Sinnliches, das Xenios Lust noch weiter steigerte. Ihm wurde bewusst, dass er wohl das erste Geschöpf war, das Cido so berührte. Bei diesem Gedanken ging eine Welle der Lust durch seinen Körper. Er zog impulsiv den Engel näher zu sich und küsste ihn leidenschaftlich.

Ihre Körper berührten sich und nach einer kurzen Überraschung erwiderte Cido den Kuss, wodurch ihn Xenio noch näher zu sich zog. Er wollte, dass sie so eng aneinander waren, wie es nur ging. Cido sollte spüren welche Hitze er in ihm entfachte und er wollte, dass dieses Empfinden auf ihn übersprang.

«Du bist so schön. Ich will dich so sehr», flüsterte er an die Lippen seines Gegenparts und knabberte sanft daran, während seine Hände verlangend über den Rücken des Engels glitten. Cidos Körper zitterte leicht, doch wenn Xenio jetzt in dessen Gesicht sah, dann erkannte er dort nur Lust.

«Ich auch, denn ich glaube, dass es mit dir richtig schön werden kann.» Cido senkte ein wenig beschämt den Blick, was Xenio schmunzeln ließ. Zärtlich hob er das Kinn des Engels an, um ihn erneut zu küssen. Instinktiv begann er sich an dem Körper des anderen zu reiben und merkte, dass diese Aktion nicht nur ihn scharf machte. Auch Cidos Atem wurde immer schwerer, wodurch er sich nach wenigen Atemzügen Xenios Tun anschloss.

Es fühlte sich gut an, doch dann Xenio stoppte kurz, um sich seiner Boxershort zu entledigen. Ruhig kam er zurück und dirigierte Cido langsam in die Kissen, um dann über ihn zu kommen. Er sah in diese wunderschönen grünen Augen, die so voller Zuneigung waren. Sein Herz ging ihm bei diesem Anblick auf und er nippte kurz an den süßen Lippen. Dann wanderte er tiefer. Über das Kinn, den Hals und das Schlüsselbein hinab zur Brust. Er konnte die Rippen leicht spüren. Sanft fuhr er sie mit seinen Fingern nach und entlockte Cido ein leichtes Lachen.

«Hör auf. Ich bin kitzlig.» Der Engel schob Xenios Hand zur Seite, was diesen schmunzeln ließ. «Es ist schön, wie entspannt du jetzt bist.» Ohne auf eine Antwort zu warten, küsste Xenio Cido erneut und ließ seine rechte Hand tiefer wandern. Er folgte der Taille, umkreiste den Bauchnabel und zeichnete dann kurz den Hüftknochen nach. Ein sinnlicher Weg, der die Hitze in Xenios Körper langsam zu einem Druck umwandelte. Seine Hand glitt auf den Oberschenkel und wanderte verführerisch zur Innenseite. Einen kurzen Augenblick lang zögerte Cido, doch dann öffnete er seine Beine, um Xenio mehr Freiraum zu geben.

Diese kleine Geste ließ die Erregung in Xenios Körper explosionsartig steigen, wodurch er Cido kurz einen leidenschaftlichen Kuss aufdrückte, bevor er sich tiefer küsste. Er umspielte die Brustwarzen mit seiner Zunge und ging dann noch tiefer. Tauchte in den Bauchnabel ein und küsste sich weiter. Immer wieder ertönte von Cido ein leises Wimmern, das sich in ein Stöhnen wandelte, als Xenios Lippen die Hüfte erreichten.

Der Dämon konnte den herben Duft von Cido riechen, der ihn sämtliches Denken raubte. Nur kurz schmiegte er sich an das Glied des Engels, bevor er sich den Schaft nach oben küsste. Er umkreiste die Spitze mit seiner Zunge und wanderte mit ihr noch einmal den Weg zurück.

Jede noch so kleine Berührung brachte Cido zum Stöhnen und Keuchen. Sein Körper krümmte sich leicht und seine Oberschenkel zuckten. Xenio saugte kurz an den Hoden des Engels, was diesen erneut keuchen ließ. Erst dann richtete er sich leicht auf, aber nur um dann den Penis von Cido gänzlich in den Mund zu nehmen. Dem Engel entwich ein lustvoller Schrei und Xenio konnte die Laken knirschen hören. Dieser Fakt ließ ihn leicht lächeln, bevor er mit seinem Tun fortfuhr.

Seine Zunge umtanzte den heißen Schwellkörper, während sich sein Kopf hoch und runter bewegte. Es dauerte nicht lange und Cidos Becken begann sich gegen ihn zu bewegen. Dieser Fakt brachte Xenio leicht aus dem Konzept, wodurch er die Hüfte kurzerhand festhielt. Ein leidendes Grummeln kam vom Engel, doch Xenio ignorierte es. Er bewegte sich ruhig weiter, schluckte ab und an und genoss den Geschmack des ersten Lusttropfen. Kurz trennte er sich von seinem Spielzeug, um einen sanften Kuss auf die Eichel zu hauchen, bevor er sogar kurz bewusst darüber atmete. Diese Tat entlockte Cido erneut ein Keuchen und verpasste Xenio ein zufriedenes Grinsen. Solche Reaktionen gefielen ihm definitiv besser und auch der Druck, der sich in seinem Körper anstaute, wurde immer größer. Instinktiv rieb er sich leicht am Bein des Engels und stöhnte auf.

Oh Gott, fühlte es sich gut an, mit ihm so hier zu sein. Diese Hitze benebelte langsam Xenios Denken und so kam er wieder zu Cido hoch. Wie von selbst fanden sich ihre Lippen und der Dämon griff zielsicher neben sich ins Nachtkästchen um das Gleitgel heraus zu holen.

Sie trennten sich und sahen sich tief in die Augen. Dieser verschleierte Blick von Cido rüttelte verdammt stark an dem letzten Rest von Xenios Selbstbeherrschung. Aber er musste auch jetzt noch vorsichtig sein. «Bereit für den nächsten Schritt?»

Nicht einmal für eine Sekunde veränderte sich der Ausdruck des Engels und schließlich nickte er. Um seiner Zustimmung Nachdruck zu verleihen, schlang er ein Bein um die Hüfte des Dämons und drückte sie bestimmend nach unten. Dies ließ Xenio schmunzeln und er verteilte das Gleitgel auf seinen Fingerspitzen. «Nur Geduld. Ich besorge es dir gleich.»

Er knabberte an dem Ohr des Engels, bevor er dann langsam mit einem Finger in ihn eindrang. Kurz verkrampfte dieser, doch schon bald entspannte er sich und Xenio nahm einen Zweiten dazu. «Ruhig atmen. Ich werde dieses Mal vorsichtiger sein.» Cido brauchte wenige Atemzüge, um sich wieder zu entspannen und als der Druck um Xenios Finger nachließ, begann er den Muskel langsam zu dehnen. Dabei ließ er sich alle Zeit der Welt und erst als sich auch das Gesicht des Engels entspannte und die ersten Laute der Lust über dessen Lippen kamen, zog er seine Finger zurück.

Xenio platzierte sich zwischen Cidos Beine und sie sahen sich noch einmal tief in die Augen. «Bereit?» Er bekam nur ein Nicken als Antwort, doch das genügte ihm. Langsam und vorsichtig drang er Millimeter für Millimeter in den Engel ein. Sobald er merkte, dass der Widerstand zu groß wurde, stoppte er kurz und ließ ihm Zeit sich daran zu gewöhnen. Alles in ihm schrie danach mit einem Ruck einzudringen, doch er mahnte sich zur Vorsicht.

Schließlich wollte er sein früheres Verhalten wieder gut machen. Cido zeigen, dass er ihm auch in diesem Bereich vertrauen konnte und ihm so auch bewusst machen, was er ihm bedeutete. Erneut fanden sich ihre Lippen wie von selbst zu einem sinnlichen Spiel, bevor Xenio die letzten Zentimeter überwand und sie nun gänzlich vereint waren.

Abermals war dort diese Wärme, die ihn umschloss und das Denken von Sekunde zu Sekunde schwerer machte. «Es fühlt sich so gut an. Du fühlst dich gut an.» Er hauchte Cido einen Kuss auf die Wange und schleckte dann über dessen Ohr. Langsam begann er sich zu bewegen. Es dauerte ein paar Stöße bevor sich auch Cido in seinem Rhythmus bewegte.

Ihr Stöhnen und Keuchen erfüllte den Raum, während man nur die Bewegung ihrer Körper hörte. Xenio strich immer wieder über den Körper des Engels. Schenkte ihm einen Kuss nach dem anderen. Es fühlte sich so gut an. So richtig und endlich konnte er nur noch Lust auf dem Gesichts seines Engels erkennen. Es gefiel ihm.

Allein der Anblick ließ den Druck in Xenios Inneren wachsen, wodurch er sich schneller bewegte und sein Denken nun gänzlich ausschaltete. Nur noch Cido existierte. Ihre Körper, ihre Bewegungen, ihre Laute. Diese zitternde Hände, die ihn berührten und Halt suchten. Der Schweiß, der sich zwischen ihnen sammelte und die Laute, die diese Stille durchbrachen.

Immer wenn Cido Xenios Namen sagte, erhöhte sich die Hitze in seinem Körper und er spürte, wie er sich seinem Höhepunkt mit schnellen Schritten näherte. «Wo? Wo kommen?» Xenio konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, doch er wusste, dass sich Cido das letzte Mal beschwert hatte.

«Wo du jetzt bist.» Dieser eine Satz war getränkt in Lust und reichte aus, um Xenio gänzlich über den Abgrund zu befördern. Dort war dieses unsagbare Glück wieder, das alles mit sich riss und sein Denken für einen kurzen Moment komplett aus­schaltete.

Er sackte auf dem Engel zusammen und brauchte erst einige Herzschläge, um sich zu sammeln. Sein Denken wieder zu ermöglichen und dann zauberte sich ein Lächeln auf seine Lippen. Ruhig richtete er sich auf und hauchte Cido einen Kuss auf die Lippen, bevor er seine Stirn an dessen lehnte und ihm tief in die Augen sah. Dort war die klebrige Flüssigkeit wieder auf seinem Körper. Scheinbar war auch der Engel auf seine Kosten gekommen.

Ruhig ging er von ihm runter und löste so ihre Verbindung, bevor er sich aufrichtete und Cido die Hand reichte. «Lust dich zu waschen? Ich nämlich schon.» Der Engel nickte und ergriff die dargebotene Hand, um dann mit Xenio zusammen ins Bad zu gehen, um sich grob zu säubern. Xenio konnte nicht verhindern, dass es etwas Erotisches hatte, wie sein Sperma leicht aus dem Hintern von Cido lief. Der Anblick gefiel ihm. Sehr sogar.

Er hauchte dem Engel einen Kuss aufs Haar und schluckte die nächsten Worte hinunter. Nein, das war falsch. Es war zu früh dafür und irgendwie wirkten sie dann erzwungen. Die Zeit dafür würde schon noch kommen. Jetzt freute er sich nur auf die erste Nacht von vielen, die er endlich nicht mehr alleine verbringen musste. Denn Cido kam nach der Waschung wieder mit ihm ins Schlafzimmer und kuschelte sich nackt wie er war an den Dämon. Es fühlte sich gut an und Xenio kam gänzlich zur Ruhe. Er war komplett und schlief überglücklich ein. Sein Engel schien endlich ihm zu gehören, oder nicht?

 

Cido saß mit Xenio zusammen am Tisch und frühstückte. Er fühlte sich entspannt und wohl. Auch jetzt waren noch leichte Spuren des Glücks in seinem Körper vorhanden und ließen ihn sanft lächeln. Nur kurz kam ihn die Tatsache des Verrats in den Sinn, doch es gab wahrscheinlich niemanden mehr, den er verraten hätte können. Warum sollte er also nicht glücklich werden?

Sie schwiegen und die Stille fühlte sich gut an. Immer mal wieder sah er zu Xenio, der sich mit seinem Essen beschäftigte. Dieses markante Gesicht mit dem harten Wangenknochen und den wachen Augen. Selbst dieser kleine Teil des Dämons strahlte Macht und Kraft aus. Vermittelte dem Engel ein sanftes Gefühl der Sicherheit und ließ ihn sich gänzlich entspannen.

«Wenn du möchtest, darfst du gehen. Du bist nicht mehr länger mein Gefangener. Vielleicht willst du ja etwas tun oder jemanden suchen. Ich... ich will dich hier nicht unnötig festhalten. Aber du kannst jederzeit zurückkehren, wenn du willst.» Xenio sah Cido nervös an und der Engel verstand die Worte nicht. Er musste sie noch einmal im Kopf durchgehen. Wollte er gehen? Fühlte er sich hier gefangen? Beide Fragen konnte er mit einem klaren Nein beantworten, aber dennoch erwachte in ihm der Drang nach Shubi zu suchen. Er wollte wissen, was mit seinem besten Freund passiert war.

«Danke... ich... ich will mich wirklich noch über eine Sache bewusst werden.» Cido aß noch ruhig auf, dabei spürte er, wie ihn Xenio musterte. Trauer war im Gesicht des Kämpfers zu sehen und machte Cidos Herz schwerer, doch er musste es wissen. Er wollte wissen, ob Shubi noch lebte oder ob er beim Kampf um die Kathedrale gefallen war. Vielleicht wurde er sogar irgendwo von einem Dämonen gefoltert. Er musste wissen, was mit ihm geschehen war.

«Ist okay. Du hattest auch deine Freunde. Ich... ich werde warten.» Xenio lächelte traurig und kurz kam in Cido der Impuls hoch, dass er doch hier blieb. So wie er Shubi kannte, wurde er wahrscheinlich erschlagen. Und wenn nicht in der Schlacht, dann danach. Er hatte schon immer eine dicke Lippe riskiert und daher würde er eine Gefangenschaft wohl nicht lange überleben.

Doch Cido nickte nur. Er musste gehen und sehen, was aus seiner Heimat geworden war. Dieses Angebot ermöglichte es ihm mit diesem Kapitel seines Lebens abzuschließen. Er war ein Engel und er würde, solange es der Dämon zuließ, neben ihm hier leben. Aber irgendetwas rief ihn noch einmal in seine alte Heimat zurück.

Die Stimmung beim Essen war nun leicht bedrückt und sie wurde nicht besser, als sich Cido auf den Weg machte. Xenio drückte ihm noch einen Kuss auf die Stirn, bevor der Engel dann auch schon aus der Tür trat und in den Himmel abhob. Er spürte, wie mit jedem Flügelschlag sein Herz schwerer wurde. Kurz sah er zurück, doch Xenio stand nicht mehr da. Die Tür war verschlossen und für einen Wimpernschlag erwachte Panik in seinem Inneren, dass sie sich nie wieder öffnen würde. Aber dann war dort diese zarte Berührung und er wusste, dass dieser Dämon bis an sein Lebensende auf ihn warten würde. Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er sich auf den Weg in den Himmel machte.

Die kahle Umgebung ließ ihn frösteln. Er fühlte sich hier nicht wohl und wünschte sich, dass sie an einen einladenderen Ort wohnen könnten, doch Xenio hatte hier seine Bleibe. Bestimmt würde er sich nicht zu einem Umzug überreden lassen. Aber wer wusste es schon.

Sein Körper war angespannt, als er weiter durch die Hölle flog und bei jedem noch so kleinen Laut drehte er sich panisch um. Ja, er war in der Hölle. Nein, er wurde nicht von Dämonen verfolgt. Sie wohnten zwar hier, aber schienen ihn noch nicht bemerkt zu haben. Das versuchte Cido auch krampfhaft weiter so zu belassen, indem er so hoch wie möglich flog.

Der Weg auf die Erde und zum Himmel sollte nicht mehr weit sein. Es war zwar schon eine geraume Weile her, als ihn Xenio die Strecke getragen hatte, doch Cido hatte sich damals einige markante Wegpunkte gemerkt. Schließlich hatte er irgendwann entkommen wollen. Damals noch. Jetzt nicht mehr.

Schließlich kam er an seinem Ziel an und steuerte das Portal an, um dann den Weg ins Himmelsreich anzutreten. Es war ein komisches Gefühl diesen Pfad entlang zu fliegen. Das letzte Mal hatte er in den Armen von Xenio gelegen und sein Leben nicht mehr verstanden und jetzt... Jetzt schien plötzlich alles so klar zu sein. So klar, dass er nicht einmal eine Sekunde ins Schwanken kam.

Er flog an der Abzweigung zur Erde vorbei und begann zu frösteln als der kühle Wind des Himmelsreich zu ihm durchdrang. Erst jetzt fiel ihm auf, wie stark er sich schon an die natürliche Wärme der Hölle gewöhnt hatte. Eine Erkenntnis, die ihn schmerzlich traf, doch dann nur lächeln ließ. Er war schon über einem halben Jahr dort. Da hatte er ja kaum eine andere Wahl.

Ruhig verließ er den Verbindungsweg und blickte auf das große, goldene Tor des Himmelsreich. Es war immer noch aus den Angeln geschlagen und verbogen. Niemand war gekommen, um es wieder zu richten und auch als er es durchquerte, war die Verwüstung noch all gegenwärtig. Nur der Geruch von Blut war verflogen und dem säuerlichen Gestank der Verwesung gewichen. Cido musste darauf würgen, was der Anblick der halb verwesten Leichen nicht gerade besser machte. Sie alle lagen dort, wo sie gestorben waren.

Cido zwang sich nicht allzu genau hinzusehen. Er wollte diese Bilder nicht in sein Gehirn einbrennen, denn er wusste, dass er sie sonst nicht mehr so schnell los bekommen würde. Sein Weg führte ihn an seinem Haus vorbei und kurz zögerte er, bevor er sich dann entschloss hinein zu gehen. Darin herrschte ein heilloses Chaos. Seine Schränke waren aufgerissen und ihr Inhalt über den ganzen Boden verteilt. Alles, was auf den ersten Blick nicht wertvoll erschien, wurde achtlos liegen gelassen worden, doch Cido war sich sicher, dass der Gegenstand, den er hier heraus holen wollte, immer noch da sein würde.

Mit festen Schritten ging er in sein Schlafzimmer und tatsächlich. Auf der aufgeschlitzten Matratze und zwischen den zerrissenen Kissen saß unversehrt sein eingestaubter Teddybär. Die Tatsache, dass er schon sehr abgegriffen und an vielen Stellen geflickt worden war, hatte ihn wohl uninteressant gemacht. Doch für Cido war er der größte Schatz, den er je besessen hatte und so nahm er ihn behutsam in die Arme.

Wie sehr liebte er dieses kleine Stofftier und in diesem Moment war er froh, dass er gegangen war. Denn all die Nächte hatte ihm immer etwas gefehlt. Er schlief mit dem Stofftier im Arm einfach besser und daher band er ihn kurzerhand an seiner Kordel fest, um dann weiterzuziehen.

Sein Weg führte ihn zur großen Kathedrale. Das Gebäude war zum größten Teil verbrannt und vor ihr lagen in Reih und Glied einige Leichen. Cido zwang sich genauer hin zu sehen. Ihre halb verwesten Körper waren kaum noch zu identifizieren, doch sein Herz sagte ihm, dass Shubi nicht unter ihnen war. Also musste Cido in das Gebäude gehen.

Zittrig holte er Luft als er durch das aufgebrochene Tor trat und sich dann umsah. Auch hier lagen überall Leichen. Teilweise verbrannt oder halb verwest. Der Gestank ließ Cido kurz würgen, doch er zwang sich so flach wie möglich zu atmen, um sich dann in Ruhe umsehen zu können. Manche erkannte er. Andere waren für ihn wie Fremde. Kurz erblickte er sogar einen Engel, dessen Tod ihn ein Lächeln auf die Lippen zauberte.

Eine endlose Ruhe breitete sich bei diesem Anblick auf seiner Seele aus. Endlich war diese Bedrohung verschwunden. Er könnte ihm nicht mehr schaden und auch wenn ihm eine kleine Stimme zuflüsterte, dass Xenio ihn sowieso schützen würde. So war Cido froh zu wissen, dass dieses Wesen nicht mehr lebte.

Er kam schließlich an der Stelle an, an der er sein Bewusstsein verloren hatte und tatsächlich. Nur wenige Meter entfernt lag der leblose Körper seines besten Freundes. Er war nur noch schwer zu erkennen, doch Cidos Herz wusste es. Dieses Gefühl war so sicher, dass sich Tränen in seinen Augen bildeten. Er war wirklich gestorben. Wahrscheinlich auch noch bei dem Versuch ihn zu beschützen. Was er immer getan hatte seit dem Tag, an dem sie einander begegnet waren. Shubi war der Einzige, der seine Tränen damals gesehen und sie ihm wegwischte hatte. So viel Güte und so viel Wärme hatte Cido bis dato noch nie gespürt und jetzt war dieser Engel tot.

«Shubi», hauchte er, als er sich nieder ließ. Es war ihm egal, dass sich die Haut trocken anfühlte. Er musste ihn noch einmal berühren. «Es tut mir so Leid. Ich hoffe, dass du in Frieden ruhst.»

Cido wusste nicht, wie lange er dort kniete und nur weinte. Er konnte nicht gehen, denn immer wieder zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen. Wie gerne hätte er die Chance gehabt, ihn aus einer Gefangenschaft zu retten. Bestimmt hätte er Xenio überreden können, dies für ihn zu tun. Aber jetzt war er tot und Cido wirklich alleine. Alleine bis auf Xenio.

Xenio... In Cidos Herzen erwachte die Sehnsucht nach dem Dämon und mit einem letzten leisen Gebet hoffte er Shubis Seele Frieden zu spenden. Kurz überlegte er, ob er den Leichnam nicht lieber aufbahren sollte, doch ihm fiel keine Möglichkeit ein. Noch nie war ein Engel so gestorben. Sie gingen normalerweise in Licht auf und wurden zu ihrem Vater zurückgeholt. Aber jetzt waren es dafür wohl zu viele gewesen. Hoffentlich hatte Shubis Seele dennoch den richtigen Weg gefunden.

Mit einem schweren Seufzer trennte er sich gänzlich von der Leiche seines besten Freundes, um dann den Rückweg anzutreten. Sein Herz blieb schwer, als er seine alte Heimat hinter sich ließ und die Trauer ließ ihn auch nicht los, als er zurück in die Hölle kam und wieder so hoch wie möglich flog. Shubi war wirklich tot. Sein Lachen war verloren. Die herzlichen Umarmungen existierten nur noch in seinen Erinnerungen. Die freche Art würde Cido nie wieder zum Schmunzeln bringen. Sie würden nie wieder miteinander sprechen oder einfach nur beisammen sein. Shubi war weg. Weg für immer.

Erneut lief eine einzelne Träne über seine Wange und er setzte zur Landung an, als er das Haus von Xenio erreichte. Er holte zittrig tief Luft und öffnete dann die Tür. Mit festen Schritten trat er in sein neues Zuhause und sah sich um. Xenio war nirgends zu sehen. Er saß nicht im Wohnzimmer und war auch nicht in der Küche. Kurz lauschte Cido in das Haus, aber er hörte nichts.

«Xenio?!», rief er in den Raum, doch es kam auch jetzt keine Reaktion. «Xenio?! Ich bin wieder da!» Unsicher blieb er im Flur stehen, als plötzlich im Schlafzimmer Leben erwachte und man einen leisen Aufprall gefolgt von einem unterdrückten Fluch hörte. Dann wurde die Tür auch schon aufgerissen und er sah in das überraschte aber glückliche Gesicht von Xenio.

«Cido?!» Es war pure Freude, die in der Stimme des Dämons zu hören war. Sofort eilte er auf Cido zu und umarmte ihn stürmisch. Nur, um ihn dann im nächsten Moment leidenschaftlich zu küssen. Cido drängte sich ihm entgegen und erwiderte den Kuss nur allzu gerne. Ja, seine Heimat war zerstört, aber dafür hatte er hier die Liebe seines Lebens gefunden. Es wäre zwar viel schöner, wenn sein bester Freund deswegen nicht hätte sterben müssen, aber so wie es schien, war Cido der Einzige, der überhaupt überlebt hatte.

«Schön, dass du wieder da bist. Ich hab mir schon Sorgen gemacht.» Xenio griff nach dem Gesicht des Engels und zog ihm zu einem Kuss zu sich. Dieser war sanft aber bestimmend und Cido ließ sich fallen. Der herbe Duft des Dämons berauschte seine Sinne und ließ die Wärme in seinem Körper steigen. Ja, hier gehörte er hin. An die Seite dieses Dämons. Niemals hätte er gedacht, dass er einmal so für solch ein Wesen empfinden könnte. Aber er tat es und es fühlte sich perfekt an.

«Ich bin hoch geflogen und so keinem Dämon begegnet, aber ich musste gehen. Einerseits wollte ich wissen, was mit meinem Freund passiert ist und andererseits.» Cido stoppte kurz, um den Teddy von der Kordel zu binden, «wollte ich diesen kleinen Freund holen.» Xenio sah überrascht auf das kleine Stofftier und Cido kam sich plötzlich so kindisch vor, doch erneut bekam er von dem Dämon nur einen sanften Kuss.

«Ich liebe dich», flüsterte er gegen Cidos Lippen und der Engel traute seinen Ohren kaum. Hatte er das wirklich gerade gehört? Tatsächlich? Sein Herz begann schneller zu schlagen und sein Körper begann zu glühen vor Glück. Er war sich nicht sicher, doch Xenio wiederholte die Worte noch einmal. «Ich liebe dich so sehr. Wenn du nicht zurückgekommen wärst... ich... ich weiß nicht, was ich dann getan hätte.»

Cido musste sanft lächeln, als er sich schon zu Xenio hoch streckte und ihn ebenfalls ganz sanft und zärtlich küsste. Er sah dem Dämon tief in die Augen und erkannte die unbeschreibliche Schönheit dieses Eismeeres, das so voller Zuneigung für ihn war. Sie erwärmte sein Herz und machte das Lächeln auf seinen Lippen noch breiter, als er noch einmal auf seine Zehenspitzen ging, um an ihnen zu nippen. Er begegnete ruhig Xenios Blick und ließ ihn tief in seine Augen schauen. Der Dämon sollte sehen, dass die nächsten Worte wahr waren: «Ich liebe dich auch und ich werde immer bei dir bleiben. Denn du bist jetzt mein Zuhause, Xenio.»

Xenios Augen wurden gestürmt von Glück, als er den Engel noch einmal zu sich zog und einen leidenschaftlichen Kuss forderte, den dieser nur allzu gern erwiderte. Ja, hier war sein Zuhause. An der Seite dieses unglaublichen Dämons, der ihn all seine Sorgen vergessen ließ. Er fühlte sich ganz und geborgen. Darum war er endlich angekommen. Bei dem Wesen, das für ihn bestimmt war und ihm war es egal, dass es ein Dämon war. Diese Liebe war echt und sie wurde erwiderte. Ja, sie würde solange existieren, wie ihre Herzen schlugen. Und vielleicht sogar weit darüber hinaus...

 

Ende

Der Schmetterling und die Rose

Es gibt diese zwei Arten von Menschen,

die alle zu faszinieren scheinen.

Die Einen, die hell strahlen

und alle um sich herum versammeln.

Die Anderen, bei denen sich niemand traut, sie zu berühren

und die nur von der Ferne angehimmelt werden.

 

Du gehörtest zu der ersten Sorte.

Ich zu der zweiten.

Wir sollten einander nie berühren.

Und dennoch geschah es.

 

In diesem einen Moment,

in dem du zu mir kamst und mich ansprachst.

Ungeachtet der unausgesprochenen Regeln.

Ohne auf die Warnungen der anderen zu hören.

 

So standest du plötzlich vor mir.

Vor mir und sagtest nur diese Worte:

 

Hallo, ich bin Zeus.“

 

Dieser eine Satz,

der uns für immer verband.

Uns Ketten anlegte,

die wir nicht zerreißen konnten.

 

Denn du warst mein Schmetterling.

Dieser eine Schmetterling,

der für jede Rose existierte,

um ihr das Fliegen neu zu lehren.

 

Lass uns fliegen, für immer.

„Hallo, ich bin Zeus.“ Du strecktest mir deine Hand entgegen. Ruhig standest du vor meinem Tisch in der Klasse und ich hörte das Tuscheln der anderen. So viele Warnungen. So viele Befürchtungen, doch du strahltest mich an und ich verstand nicht, warum. Dein Dasein und deine Worte. War dir nicht bewusst, dass dieses Gespräch keinen Sinn hatte?

Deine blauen Augen sahen mich voller Hoffnung an. Das blonde Haar fiel dir glatt über die Schultern. Heute trugst du es offen, sonst immer in einem kleinen Pferdeschwanz. Das wusste ich, denn ich habe dich schon so lange beobachtet und insgeheim gehofft, aber niemals wirklich erwartet.

Diesen Tag hatte ich nicht kommen sehen. Nicht deine Worte und vor allem hatte ich niemals geglaubt, diese Hand jemals zu berühren. Nun war sie da, vor mir, lud mich ein, und ich musste trocken schlucken.

Zittrig hob ich meine Hand mit den schwarzen Fingernägeln. Ich war das Gegenteil von dir und dennoch waren wir uns irgendwie ähnlich. Ein Gespräch war deswegen vielleicht doch nicht so unwahrscheinlich. Zwei Schönheiten, die im Auge des Betrachters lagen.

Deine Hand war warm, als sich meine Finger um sie legten und ich sie sanft drückte, um sie dann zu schütteln.

„Hallo, ich bin Noir. Aber eigentlich weißt du das ja. Wir sind ja schließlich schon eine geraume Weile in einer Klasse.“

Die gegenseitige Vorstellung war eigentlich überflüssig, doch bis zum heutigen Tage hatten wir noch nie ein Wort gewechselt, daher hätte es durchaus sein können, dass mir dein Name entfallen war. Aber ich hatte ihn bereits für immer in meinem Herzen gespeichert, als ich ihn das erste Mal gehört hatte. Warum? Das wusste ich nicht.

Ich lächelte kurz und du erwidertest es. Ruhig blieben unsere Hände noch eine Weile zusammen, bevor du dich langsam befreitest und dann kurz auf die Gruppe hinter dir deutetest. Ja, die waren immer um dich herum. Schwärmten für dich, himmelten dich an, hingen an deinen Lippen. Doch jetzt töteten sie mich mit ihren Blicken.

„Ich bin eigentlich hier, um dich zu fragen, ob du vielleicht mit uns ins Kino gehen willst. Heute ist ja Freitag und wir wollen uns abends treffen und uns den neuen Streifen von Steffen Ding ansehen. Was sagst du? Bist du dabei?“

„Wie kommst du darauf, dass ich auf Steffen-Ding-Filme stehe?“

Ich sah dich irritiert an, obwohl ich den Grund schon ahnte. Nur weil ich mich schwarz kleidete, meine Haare dunkel färbte und recht düstere Augen hatte, vermuteten die meisten, dass ich meine Freizeit auf Friedhöfen verbrachte, um dort um einen Grabstein tanzend, blutverschmiert und mit gruseligem Singsang Satan eine Katze zu opfern. Doch irgendwie hatte ich gehofft, dass du dich von diesen Gerüchten nicht anstecken lassen würdest. Das schien leider vergebens gewesen zu sein.

„Keine Ahnung. War nur so eine Vermutung. Außerdem...“ Du stocktest und sahst dann betrübt auf den Tisch vor dir, doch ein paar Herzschläge später blicktest du wieder zu mir auf und lächeltest mich an. „Außerdem wollte ich schon immer mal etwas mit dir unternehmen. Also, kommst du mit?“

Diese Ehrlichkeit überraschte mich und ich brauchte ein paar Sekunden, um wieder zurück zu klarem Verstand zu finden. Mein Blick wanderte wieder zu deiner Fangemeinde, doch du tratst fast sofort dazwischen, kamst so zurück in mein Blickfeld und lächeltest weiter.

„Also, was ist nun? Ignorier die anderen einfach. Ich will dich besser kennenlernen. Vielleicht können wir sogar Freunde werden.“

Bei dem Wort Freunde zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen und mein Lächeln erstarb.

„Nein, ich habe keine Zeit. Ihr seid eh genug. Tut mir leid. Ein andermal vielleicht.“

Demonstrativ sah ich in mein Buch und nur im Augenwinkel bemerkte ich, wie dein Lächeln erneut erlosch. Eine Tatsache, die mehr schmerzte, als die Erinnerung an die Bedeutung des Wortes Freunde. Doch ich sagte nichts mehr, sondern blätterte um. Hoffentlich würdest du den Wink verstehen und einsehen, dass dein Interesse an mir eine unsagbar schlechte Idee war. Wir waren zu verschieden, um in dieser Welt einen gemeinsamen Weg zu beschreiten.

Nein, es war nicht gut, es würde niemals gut sein, wenn wir Freunde werden würden. Schwarze Rosen und bunte Schmetter­linge sollten keine Freunde sein. Niemals. Denn sie taten einander nur weh oder zerstörten sich sogar gegenseitig. Außerdem blieb kein Schmetterling lange genug bei einer Rose. Schmetterlinge blieben niemals lange. Sie umschwärmten dich, schienen deine Aufmerksamkeit zu begehren, und sobald sie hatten, was sie wollten, zogen sie weiter. Und auch wenn es hart klang.

Ja, du warst ein Schmetterling.

Leicht, frei und immer unterwegs. Niemals ruhig. Nichts schien dich zu halten, nichts auch nur ansatzweise lange zu interessieren. So jetzt auch ich. Du bekamst nicht, was du wolltest, und schon war ich wieder vergessen. Ein neues Ziel hatte deine Aufmerksamkeit geweckt. Du zogst weiter. So wie es Schmetterling nun einmal taten, schon seit Anbeginn ihrer Zeit, und immer tun werden. Immer...

 

Ruhig lauschte ich der Musik. Ich war wie des Öfteren alleine zu Hause und so lag ich auf der Couch und ließ mich von der hochwertigen Stereoanlage meines Vaters beschallen. Ich durfte sie nur in seiner Abwesenheit verwenden. Wenn er hier war, lief seine eigene Musik darauf, die ich nur bedingt ertragen konnte.

Jeder Basston, der durch meinen Körper vibrierte, entspannte mich ein Stück mehr. Ich ließ mich in die Musik fallen und schloss die Augen, lauschte nur noch den Klängen und der Stimme des Sängers. Die Welt verschwamm um mich herum und mein Körper fühlte sich mit jeder Sekunde, die verging, leichter an. Die Metalmusik begann mich immer mehr einzunehmen. Meine Sorgen und das kurze Gespräch mit dir verschwanden mit jedem neuen Gitarrensolo weiter in den unendlichen Tiefen meines Unter­bewusstseins. Die harten Riffs und schnellen Notenfolgen befreiten mich von diesem faden Geschmack, der seit dem Wortaustausch mit dir auf meiner Zunge haftete und ließen mich sogar leicht lächeln.

Ich begann zu dösen und war kurz davor einzuschlafen, als mich plötzlich das Surren der Türklingel hochschrecken ließ. Sofort war ich wach und meine Muskeln spannten sich automatisch an. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass es nicht meine Eltern sein konnten, die den Schlüssel vergessen hatten, aber auch sonst hatte sich niemand angekündigt. Erwarteten wir ein Paket? Ich hatte nichts bestellt. Meine Eltern hatten aber auch nichts in die Richtung erwähnt.

Mit einem Murren stand ich auf, als es erneut klingelte. Scheinbar wollte der unangekündigte Besucher nicht aufgeben und war sich seiner Sache sehr sicher. Lauter Dinge, die mich jetzt schon nervten und so wurde meine Laune nicht besser, als es erneut klingelte. Besaß der Kerl denn keine Geduld?!

„Was gibt’s denn? Schon mal was von Reaktionszeiten gehört?! Man kann sich nicht sofort an die Tür beamen! Ein wenig Zeit braucht man schon dafür!“, wetterte ich los, ohne auch nur darauf zu achten, wer da vor der Tür stand und so blickte ich in deine überraschten himmelblauen Augen. Deine Hand war erhoben und scheinbar warst du gerade dabei, erneut auf die Klingel zu drücken. Deine unschuldige Miene machte die Sache nicht unbedingt besser. Scheinbar warst du dir deines eigenen Irrsinns nicht einmal bewusst.

„Du?! Was willst du hier, Zeus?!“

Ich musste den Impuls unterdrücken, die Tür wieder zu zuwerfen, doch dann war da wieder dein Lächeln, als hätte es meine Schimpftirade niemals gegeben.

„Ich wollte dich fürs Kino abholen. Du meintest ja, dass du nicht mit den anderen gehen willst. Also hab ich ihnen abgesagt und würde jetzt nur mit dir gehen. Kommst du? Der Film fängt gleich an. Wir haben also nicht mehr allzu viel Zeit.“

Deine Worte verwirrten mich nur noch mehr und ich versuchte, sie verzweifelt zu erfassen. Warum warst du hier? Was erhofftest du dir davon? Und hatte ich das gerade richtig verstanden? Du hattest deine Freunde für mich versetzt?

„Warum?“, hauchte ich und versuchte dein Verhalten zu verstehen, doch alles, was ich fand, war nur wieder dein Lächeln.

„Wie gesagt: Weil ich dich gerne besser kennenlernen würde. Also, kommst du jetzt? Alleine will ich ihn nämlich auch nicht sehen.“

Erneut botest du mir deine Hand an. Ich versuchte, dich zu durchschauen, doch es gelang mir nicht. Dort war dein Lächeln und diese ausgestreckte Hand, während die zweite sich in deiner Hosentasche versteckte. Alles an dir wirkte freundlich und nett. Schon fast perfekt. Konnte es wirklich sein? War es möglich, dass du kein falsches Spiel mit mir triebst? Keine schwachsinnige Wette dahinter stand? Kein Wahnsinn, der dir deinen Verstand geraubt hatte? Dass dieses Interesse wirklich echt war? Nein, bestimmt nicht, aber ich hatte auch nicht viel zu verlieren.

„Welcher Film war es gleich nochmal?“

Ich ließ die Schultern hängen. Es war ja nur ein Kinobesuch. Was war schon dabei? Vielleicht gabst du danach endlich Ruhe und unsere Wege trennten sich wieder, so wie es sein sollte.

„Der Neue von Steffen Ding. Ich weiß den Titel gerade nicht mehr.“

Skeptisch sah ich dich an und dein Lächeln wurde leicht beschämt, doch dann griff ich nach meinem langen Mantel, bevor ich kurzerhand in meine Springer schlüpfte und dann neben dich trat.

„Sicher, dass du mit mir gehen willst?“

Ich sah dich noch einmal fragend an und bekam ein breites Lächeln von dir als Antwort, bevor du kräftig nicktest. Es schien wirklich dein Ernst zu sein.

Ein Seufzer stahl sich über meine Lippen, als ich nach meinem Haustürschlüssel griff und die Tür hinter mir zuzog, um dir dann zu folgen.

Es war ein komisches Gefühl neben jemanden herzugehen. Du fingst sofort an zu reden, doch ich konnte dir nicht lange zuhören, sondern mich nur über dich wundern.

Warum sollte ein Schmetterling wie du zu mir kommen und bleiben? Es ergab keinen Sinn und dennoch warst du da, lächeltest mich an und umschwirrtest mich wie ein nervöser kleiner Falter. Hattest du keine Angst? Keine Angst, dass dich meine Dornen erstechen könnten? Oder warst du einfach so naiv und dämlich, dass du dennoch zu mir kamst, ungeachtet der Gefahr, die an meiner Seite auf dich wartete?

Du solltest wegfliegen, kleiner Schmetterling. So weit weg, wie dich deine Flügel trugen, und nie mehr zurückkommen. Denn an meiner Seite würdest du nur zu Grunde gehen. Wie schon so viele vor dir...

 

„Boah! Der Streifen war so hardcore!“

Ich erkannte, dass deine Hände noch leicht zitterten, und auch jetzt musste ich durch die Erinnerung an deinen immer wieder zusammenzuckenden Körper leicht schmunzeln. Ich hätte nicht gedacht, dass du so ein Angsthase warst und dennoch in einen Horrorfilm gehen wolltest. Wem wolltest du damit etwas beweisen? Vor allem war er noch nicht einmal einer von der schlimmen Sorte gewesen.

Gut, der Film hatte schon ein paar Schockmomente, doch er war nicht so hardcore wie du ihn gerade beschrieben hattest. Ich sah dich zweifelnd von der Seite an.

„Kann es sein, dass du solche Filme normalerweise nicht schaust?“

Durch die Frage kamst du ins Stocken und bliebst sogar kurz stehen. Nach zwei Schritten stoppte ich ebenfalls und sah zu dir zurück. In deinem Gesicht erkannte ich Überraschung, die sich in Schrecken und dann in Scham verwandelte. Verlegen fuhrst du dir mit der Hand über den Nacken und wichst meinen Blicken immer wieder aus.

„Ähm, erwischt. Das war mein erster Horrorstreifen. Aber ich dachte...“

Du konntest nicht weiterreden, denn ich unterbrach dich sofort: „Du dachtest, dass ich so was mag, nur weil ich ein Goth bin? Bist wohl auch der Meinung, dass ich die ganze Nacht auf dem Friedhof sitze und das Blut von irgendwelchen Tieren trinke, oder was?“

Ich knurrte und sah in dein überraschtes Gesicht, doch als du den Mund aufmachtest, um etwas zu sagen, fuhr ich fort: „Du bist echt wie alle anderen. Was willst du überhaupt von mir? Mich kennenlernen? Dass ich nicht lache! Bleib bei deinen ach so tollen Freunden, aber lass mich in Ruhe! Es war ein Fehler! Ich wusste es! Es war ein...!“

Du unterbrachst mich, indem du mir kurz einen Kuss aufdrücktest. Warum? Wieso? Doch nicht hier! Hast du nicht mehr alle Tassen im Schrank!? Man küsst in der Öffentlichkeit keinen anderen Jungen! Das führt doch nur zu Problemen!

„Bist du jetzt mal still und lässt mich was sagen?“

Ich sah in deine verletzten Augen und biss mir auf die Lippen, um ruhig zu bleiben. Dennoch war dort immer noch die Wut, die raus wollte. Schon lange sah niemand mehr mich. Nur das schwarze Gewand, das ich aus Schutz gewählt hatte.

„Ja, dein Erscheinungsbild lässt gewisse Vermutungen zu, aber das sollte dir selbst auch klar sein. Dafür allen anderen die Schuld zu geben, ist wirklich schwach. Du hättest ja auch sagen können, dass du solche Streifen nicht magst. Wir hätten einen anderen Film gefunden oder wir wären nur ein Eis essen gegangen. Vielleicht gehst du gerne schwimmen. Wir hätten uns im Freibad treffen und einen schönen Tag haben können. Aber du tust nicht gerade viel dafür, diese Vorurteile loszuwerden. Außerdem: Du hast doch selbst genug Vorurteile.

Klar, ich bin jetzt nicht so düster wie du, aber dennoch bin ich in deinen Augen doch nur dieser Allerweltsliebling. Dass ich vielleicht doch auch andere Seiten habe und eben nicht nur dieser Sunnyboy bin, das willst du gar nicht erst in Betracht ziehen.

An sich hätte das wirklich ein schöner Abend werden können, aber du musst ja alles kaputtmachen. Vielleicht ist an den Gerüchten ja doch was dran und ich hätte dich nicht einladen sollen.“

Noch bevor ich irgendwie reagieren konnte, wandtest du dich ab und eiltest davon. Meine Lippen kribbelten immer noch von diesem kurzen Kuss und deine Worte kreisten in meinem Kopf. Hattest du recht? War ich wirklich nicht besser als all die Leute, die ich verfluchte?

Aber warum? Warum wolltest du den Nachmittag mit mir verbringen? Wieso hattest du mich geküsst? Aus welchem Grund sprachst du mich an? Weshalb wolltest du mich kennenlernen?

Ich... ich war so ein Idiot! So ein verdammter Idiot! Warum konnte ich nicht einfach ruhig sein, diesen Moment genießen und endlich wieder Freundschaft schließen? Wieso ging das nicht mehr?! Nur wegen ihm? Tatsächlich nur deswegen? Wegen diesem einen Menschen, der den Schmetterling in mir erschlagen hatte und mich zur Rose werden ließ. Diese eine Begegnung in meinem Leben, die mir meine Flügel geraubt hatte, mich auf den Boden verbannt und mir Dornen aufgezwungen hatte. Dornen, die mich schützten sollten, aber auch einsam machten.

Es war eine Einsamkeit, die ich suchte und zugleich hasste. Aber du wolltest sie durchbrechen. Du, der Schmetterling, der zu mir kam und sich dabei fast selbst erstach.

Es ist gut, dass du davongeflogen bist. So unsagbar gut. Bleib weg. Komm nicht zurück. Sonst wirst du das nächste Mal vielleicht wirklich verletzt und das bin ich einfach nicht wert. Das ist niemand...

 

Die Tage vergingen. Ich sah dich immer wieder in der Klasse. Du warst bei deinen Freunden und ignoriertest mich. Das war auch besser so. Dein Strahlen war so hell, dass es für mich kaum zu ertragen war. Du gehörtest nicht neben mich.

Mein Leben ging so weiter, wie ich es für richtig hielt. Fern von menschlichen Kontakten innerhalb dieses Gebäudes des Wissens. Die anderen Schüler kannten mich nicht und würden es nie tun. Da waren mir die Treffen mit all den Gleichgesinnten am Wochenende um einiges lieber. Dort fühlte ich mich wohl.

So auch an diesem Abend. Wir saßen zusammen im Park auf der Wiese. Musik ertönte aus einem mitgebrachten Lautsprecher und wir unterhielten uns über alles und nichts.

„Hey, Noir. Wie geht's dir? Du bist heute noch stiller als sonst. Irgendwas in der Schule vorgefallen? Hat dich da wieder jemand blöd angequatscht?“

Der Junge, der auf mich zukam, hatte einen bunten Irokesen-Haarschnitt, den er aber nicht aufgestellt hatte. Seine Tarnhose war abgetragen und auch das weiße T-Shirt hatte schon bessere Zeiten gesehen, genauso wie die schwarze Lederjacke, die er darüber trug.

„Man lebt, Rudi. Man lebt einfach nur und jein, schwer zu sagen. Sie lassen mich an sich in Ruhe. Langsam scheint mein Ruf gefestigt zu sein. Ich hab es also tatsächlich geschafft.“

Ich hätte lächeln sollen, während ich das sagte, aber irgendwie konnte ich nicht.

Immer wieder musste ich an deinen verletzten Blick denken, als du mir all diese Sachen an den Kopf geworfen hattest. Auch diese aktive Ignoranz, die du seitdem an den Tag legtest, tat mir in der Seele weh. Und obwohl ich wusste, dass es keine Zukunft hatte, wünschte ich mir, das Gespräch von damals ändern zu können.

„Das ist doch ein Grund zum Feiern. Also, hoch die Flasche.“

Rudi hob seine Flasche Bier und ich prostete ihm mit meiner zu, doch seine Feierlaune wollte nicht auf mich überspringen. Immer wieder musste ich an deine eiskalten Augen denken. Ich wollte mich bewusst von anderen abgrenzen, aber dein Blick war immer da. Ich verstand es nicht. Warum war ich darüber nicht glücklich?

„Noir? Warum trinkst du nicht?“

Rudi sah mich irritiert an und ich blickte auf die immer noch volle Bierflasche in meiner Hand. Ich sollte einfach trinken, trinken und trinken, bis ich deine Augen vergessen und endlich wieder mit meiner Entscheidung zufrieden sein konnte.

„Muss ich dir zeigen, wie das geht?“

Plötzlich griff Rudi nach meiner Flasche und setzte sie an meinem Mund an. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie mir das kalte Getränk über Kinn und Hals lief und sich in meine Kleidung sog.

„Hey! Spinnst du? Ich kann das alleine!“

Ich entriss ihm die Flasche wieder und nahm nun selbst einige tiefe Schlucke. Ich fühlte, wie mein Kopf leichter wurde und all die Gefühle Stück für Stück verschwanden.

Ja, er hatte recht. Ich sollte einfach Spaß haben und dich vergessen. All das sollte so sein. Und mit diesem Vorsatz lief ein Bier nach dem anderen meine Kehle hinunter, bis deine Augen endlich verschwanden und mit ihnen auch meine Erinnerungen an den Rest des Abends…

 

Mein Schädel dröhnte, als ich nach und nach die Augen öffnete. Die Sonne war viel zu grell und durchflutete ein Zimmer, das ich nicht kannte.

Fuck! Wo bin ich?

Sofort schnellte ich nach oben und spürte, wie die Decke von meiner nackten Brust rutschte. Aber nicht nur die war ohne Bekleidung. Ich trug kein einziges Kleidungsstück am Körper.

Fuck! Was ist passiert? Wo sind meine Klamotten? Wieso bin ich nackt?

Plötzlich kam Bewegung in die Decke neben mir und ich hörte ein leises Grummeln, das mein Herz schneller schlagen ließ.

Das… das kann nicht sein. Oh, fuck. Das ist mir noch nie passiert. Bei welchem Mädel von der Gruppe bin ich gelandet? Fuck! Wieso hab ich mich nur so abgeschossen? Am besten hau ich ab, bevor das Mädel wach wird und mich noch doof anlabert.

Ich warf die Decke auf die Seite und sprang aus dem Bett, um meine Kleidung zusammenzusammeln, die in einem viel zu chaotischen Zimmer verteilt war.

„Das sind meine Boxershorts, die du da gerade anziehst.“

Ein Schauder rann über meinen Rücken, als ich eine zu dunkle Stimme hörte, die mir aber allzu bekannt war.

„Guten Morgen, Noir. Wolltest du wirklich klang heimlich verschwinden?“

Ich blieb wie angewurzelt stehen und hoffte, dass ich einfach nur aufwachen würde. Das alles konnte nur ein böser Traum sein.

„War der Sex wirklich so schlecht, dass du mich nicht mal mehr ansehen kannst? Ich dachte, dass wir gestern durchaus beide auf unsere Kosten gekommen sind.“

Ich hörte das Rascheln der Decke und das leise Klatschen von Füßen, die auf den Boden gestellt wurden.

Ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Jeder Mensch wäre besser gewesen. Wirklich jeder andere hätte nun hinter mir stehen und mir seinen warmen Atem in den Nacken blasen können. Jeder, nur nicht du.

Deine Lippen hauchten einen flüchtigen Kuss auf meinen Nacken, während sich deine Arme sanft um meinen Körper legten. Ich spürte deine Hitze hinter mir und der Fakt, dass du ebenfalls nackt warst, machte die Situation nicht wirklich besser.

Deine letztem Worte sickerten nur langsam in meinen Verstand und so blieb mir ihr Sinn noch verborgen. Hauchzart fuhren deine Finger über meinen Bauch und brachten meine Haut zum Kribbeln. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten und mein Körper sinnlich auf dich reagierte.

„Du bist ganz schön schweigsam. Gestern hast du kaum aufhören können zu reden. Außer, wenn dein Mund anderweitig beschäftigt war.“ Ein kurzer Kuss auf meine Schulter und ich spürte, wie mein ganzer Körper erschauderte. Bild 1

„Eigentlich hatte ich gehofft, dass wir das ganze heute nochmal wiederholen könnten, wenn du ein wenig kontrollierter bist und vor allem steckst du dieses Mal vielleicht auch was ein.“

Wie konntest du all diese obszönen Sachen nur sagen, ohne dabei rot zu werden oder dich auch nur ein bisschen zu schämen?

„Ich… ich muss jetzt gehen.“

Ich versuchte mich aus deiner Umarmung zu befreien, doch du ließest mich nicht los.

„Was ist denn los mit dir? Gestern standest du noch vor meiner Tür und hast mich angefleht, dass ich dir zuhören soll und dir alles leid täte. Und jetzt willst du einfach so abhauen? Was soll das, Noir?!“

„Ich hab gestern zu viel getrunken und einen großen Fehler gemacht. Ich hätte niemals herkommen sollen, okay? Du hättest mir auch nicht die Tür aufmachen sollen! Warum hast du das getan? Ich dachte, dass du mich hasst!“

Dein Lachen war schmerzvoll und schneidend. Du nahmst einen Schritt Abstand und erst jetzt wagte ich es, mich umzudrehen und dir in die Augen zu sehen. Ich hatte gehofft, dass mich ein anderer Anblick erwarten würde, doch dort war schon wieder dieser Schmerz und dieser Zorn in deinen Augen.

„Das ist jetzt nicht wirklich dein Ernst, oder? Glaubst du ernsthaft, dass du jetzt einfach durch diese Tür gehen kannst und die letzte Nacht ist dadurch nie passiert? Willst du das wirklich?“

„Ich kann mich gar nicht an diese Nacht erinnern. Meine letzte Erinnerung ist, dass ich auf der Wiese sitze und ein Bier nach dem anderen trinke. Ich weiß nicht, warum oder wie ich hierher gekommen bin! Also, es tut mir leid, aber für mich ist die letzte Nacht tatsächlich nicht passiert!“

Erneut zerbrach etwas in deinen Augen. Warum musste das passieren? Wieso waren wir einander erneut so nahe gekommen? Was faszinierte dich so sehr an mir, dass du diese Schmerzen noch einmal in Kauf nahmst? Ich verstand es nicht.

„Du willst mir also sagen, dass die gestrige Nacht ein riesiger Fehler war?“

Deine Stimme zitterte leicht und ich konnte Tränen in deinen Augen sehen.

„Egal, was passiert ist, es hätte nicht passieren dürfen. Ich war betrunken und nicht mehr Herr meiner Sinne. Es tut mir leid, wenn ich dich dabei verletzt habe. Aber was auch passiert ist, es wird sich niemals wieder wiederholen.“

Ich konnte sehen, wie mit jedem meiner Worte etwas in dir zerbrach und ich wollte es nicht verstehen. Ich verschloss meinen Geist vor deiner Reaktion.

„Du hast recht. Du solltest jetzt gehen.“

Du drehtest mir den Rücken zu und ich konnte nicht verhindern, dass ich dich anstarrte. Deine helle Haut wirkte makellos und dein Körper zeichnete verführerische Konturen, die dazu einluden, sie näher zu erkunden.

Mit einem Ruck löste ich mich von deinem Anblick, ließ deine Boxershorts wieder auf den Boden fallen und zog meine eigene Kleidung an.

Die Wohnung war still und wirkte auf sonderbare Weise leer, doch ich ignorierte das beklemmende Gefühl, das mich dabei beschlich und ging durch den Flur auf die Haustür zu.

Ich wollte sie gerade hinter mir schließen, als ich deine Stimme noch einmal hörte.

„Du willst also tatsächlich gehen, einfach so, und all das vergessen? Soll es wirklich nie passiert sein? Waren all deine Worte Lügen? Wirklich alle?“

Ich spürte, wie sich meine Brust schmerzhaft zusammenzog, doch ich zwang mich, zu schweigen, und zog einfach die Tür hinter mir ins Schloss. Mit dem Klicken wollte ich die letzte Nacht in den dunklen Tiefen meines Unterbewusstseins vergraben. Und wenn es nach mir ging, sollte sie dort auch für immer bleiben…

 

Die Tage vergingen. Ich sah dich immer wieder in der Schule, doch anstatt deiner Ignoranz begegnete mir jetzt dein Groll, der verzweifelt versuchte, deinen Schmerz zu verstecken.

An manchen Tagen wünschte ich mir, dass ich mich doch wieder an diese Nacht erinnern könnte, doch dann war ich wieder froh über meinen totalen Blackout. Ich wollte mich nicht mehr als nötig mit dir beschäftigen und jeder Moment, in dem du in meine Gedanken eindrangst, war einer zu viel.

Ich lag auf der Couch und lauschte der Musik aus der Anlage meines Vaters, ließ mich von dem Bass und den etwas härteren Tönen beruhigen und treiben.

Immer wieder tauchte dein Gesicht vor mir auf. Erst voller Freude strahlend und dann plötzlich so voller Schmerz. Was hast du dir denn von dieser Nacht erhofft? War dir unser erstes Treffen nicht schmerzhaft genug? Hattest du daraus nicht gelernt?

Aber warum? Warum tat es mir selbst so weh, wenn ich an deine letzten Fragen und an deine Reaktion dachte? Wieso konnte ich mich nicht daran erinnern?

Nein! Stopp! Es muss mir egal sein. Egal, was passiert ist und warum wir miteinander im Bett gelandet sind. Alles egal. Nur egal, aber… dein Körper. Deine Wärme. Dieser kurze Kuss.

Alleine bei der Erinnerung an diese kurzen, aber dennoch zärtlichen Berührungen begann eine Hitze in meinem Körper hinabzusteigen, die in mir das Verlangen weckte, mich doch an diese Nacht zu erinnern. Aber warum sollte ich? Sie war ohne Bedeutung.

Wehmut stieg in mein Herz und ich spürte, wie meine Laune mit jedem weiteren Herzschlag tiefer sank. Deine Blicke, deine Worte, deine Stimme und dein Körper. Sie alle wollten nicht mehr aus meinen Gedanken verschwinden und erweckten in mir den Wunsch, dass ich all das wiederhaben könnte. Ich wollte deine Haut berühren und dich wieder neben mir wissen, denn ich hatte noch nie so gut geschlafen wie in dieser einen Nacht. Seitdem wachte ich immer wieder mit der Gewissheit auf, dass mir etwas fehlte.

Fuck! Wie soll das weitergehen? Ich will das doch gar nicht. Zeus soll seinen eigenen Weg gehen. Wir passen nicht zusammen. Wir… das kann niemals gut gehen.

Ohne mein Zutun leckte ich mir über die Lippen, als würde ich versuchen, einen lang vergessenen Geschmack wiederzuentdecken, doch blieb er mir verborgen.

Plötzlich klingelte es an der Tür und ich war froh über diese Ablenkung. Ohne zu zögern stand ich auf und machte mich auf den Weg, doch dem Unbekannten war das zu langsam. Immer und immer wieder läutete es.

Was soll das? Hat da schon wieder jemand gar keine Geduld? Wieso kann man nicht einmal angemessen warten, bevor man sturmklingelt? Lästige, hektische Gesellschaft!

„Boah, ja, ich hab es gehört! Hör auf zu klingeln!“, tobte ich daraufhin los, ohne auf den Besucher zu achten. Dann begegnete ich deinem Blick und musste stutzten..

Wer hat ihm nur so ein Verhalten beigebracht? Und ich dachte, dass Zeus mich nicht mehr sehen will? Wieso ist er jetzt hier? Am Besten mach ich einfach die Tür wieder zu.

Aber anders als beim ersten Mal kam mir jetzt neben deinem Lächeln eine gewaltige Alkoholfahne entgegen. Der Rausch ließ dich wanken und dein Grinsen wirkte schief.

„Was? Wieso bist du hier, Zeus?“

Ich verstand die Welt nicht mehr, doch du drängtest dich einfach an mir vorbei in die Wohnung.

„Das isch total ejal. Isch bin hia, weil wir reden müschen. So geht dasch nischt weiter. Wir… wir können nischt einfasch so tun, als wäre nischts gewesen. Isch kann dasch nicht, Noir“, lalltest du und ich hatte zeitweise Probleme, dich zu verstehen.

Hattest du dir Mut angetrunken? Oder war das einfach unser Ding, dass immer einer betrunken sein musste, damit wir irgendwie miteinander agieren konnten?

„Ich kann mich aber an nichts mehr erinnern, Zeus. Da ist nichts und du bist betrunken. Wahrscheinlich weißt du morgen auch nicht mehr, was heute so passiert ist.“

Ich wollte nach dir greifen, doch du wichst zurück und kamst leicht ins Stolpern.

„Nein, isch will, dasch du mir zuhörscht. So soll esch nischt weitergehen. Isch will, dasch du disch erinnerscht. Esch ischt nischt fair, dass…“

Du brachst ab und stolpertest auch schon über deine eigenen Füße, als du dich mir nähern wolltest. Ich fing dich reflexartig auf und schon roch ich den Alkohol und spürte die Hitze, die von dir ausging. Sie drang in meinen Kopf ein und rang sämtliche Vernunft nieder. Ich konnte nicht reagieren, als deine Lippen plötzlich auf meinen lagen und sich dein Geschmack mit Alkohol vermischte.

Du drücktest dich an mich und ich wusste nicht, was passierte, als sich meine Lippen wie von selbst öffneten. Sofort nahmst du die Einladung an und schicktest deine Zunge auf Erkundungsreise. Diese simple Berührung jagte einen elektrischen Blitz über meinen Nacken und den Rücken hinunter in meine Lenden.

Ohne mein bewusstes Zutun stöhnte ich in diesen so einfachen, aber doch alles umfassenden Kuss. Meine Hände wanderten von selbst zu deinem Rücken und drückten dich an mich. Dein Körper fühlte sich so berauschend an, aber was war das?

Erschrocken schob ich dich von mir, als ich den harten Druck an meinem Oberschenkel spürte. Konnte das wirklich sein? War es möglich das?

„Warum hast du einen Ständer?“

Ich konnte es gar nicht fassen. War das wirklich möglich? Von einem einfachen Kuss? Mit mir? Das war doch verrückt!

„Weil du schooo geil bischt.“

Du schwanktest hin und her. Deine Hand klammerte sich verzweifelt an meinem Arm fest, damit du nicht fielst und irgendwie fühlte es sich gut an, dass du dieses Vertrauen in mich hattest.

„Du bist total betrunken, Zeus. Geh bitte nach Hause und schlaf erstmal deinen Rausch aus.“

Ich wollte dich in Richtung der Tür schieben, doch du drücktest dich erneut an mich und ich spürte deine Lippen an meiner Wange. Dein Atem strich über mein Ohr und ließ mich erschaudern. Warum flogst du nicht weg, Schmetterling?

„Nein, isch will ihn hier ausschlafen. Isch hab dir ja auch ein warmesch Bett angeboten und misch sogar um deinen kleinen Freund gekümmert. Warum bischt du so kalt zu mir?“

Du sahst mich aus großen Augen an und ich musste trocken schlucken. Wieso hattest du solch eine Macht über mich?

„Du bist total betrunken.“

Ich wollte mehr sagen, doch du unterbrachst mich sofort: „Dasch haben wir schon zur Genüge festgestellt. Aber isch weisch, was isch will. Und dasch ischt nicht nach Hause gehen und misch alleine in mein Bett legen, sondern hier bei dir sein und misch von dir vögeln zu lassen, bis isch meinen Namen nischt mehr weiß.“

Ich spürte, wie mir alleine durch deine Worte heiß wurde. Auch meine Hose schien immer weiter zu schrumpfen und ich zog instinktiv ein wenig daran, doch es wurde einfach nicht bequemer.

„Du bist betrunken und weißt nicht, was du da sagst. Außerdem sind wir beide Kerle. Das klappt doch nicht.“

Ich klammerte mich verzweifelt an den letzten Rest meines Verstandes, doch dieser entzog sich mir immer mehr.

„Das hat letztens auch supa funktioniert. Wir hatten beide unseren Spaß. Also, komm, isch beweis es dir.“

Du kamst wieder näher. Deine Hand auf meiner Brust war so unendlich heiß und ihre Hitze schien durch mein Shirt bis tief in mein Knochenmark zu strahlen.

Ich wollte dich von mir stoßen, doch deine Lippen legten sich fordernd auf meine und erstickten jeden noch so kleinen Widerspruch, genauso wie dein Körper, der sich innig an meinen drückte, und dann spürte ich schon dein Lächeln an meinen Lippen.

„Scheinbar lässt disch das alles hier auch nicht so kalt, wie du gerade tuscht.“

Plötzlich war deine Hand in meinem Schritt und ich zuckte mit einem Japsen zurück.

„Spinnst du? Das hat gar nichts zu bedeuten“, begehrte ich auf und wollte wieder Abstand zu dir gewinnen, doch du stolpertest mir sofort hinterher. Ich fing dich reflexartig auf.

„Isch wusst, dass ich misch auf dich verlassen kann.“

Du schmiegtest dich sofort in meine Arme und ich spürte dein Gewicht auf mir ruhen, was es mir fast unmöglich machte, dich von mir zu stoßen.

„Du solltest nach Hause gehen“, stöhnte ich, als du dich noch mehr fallen ließest und ich nun dein ganzes Gewicht stemmen musste. Langsam wurdest du wirklich schwer. „Es ist besser so. Schlaf deinen Rausch aus und dann komm wieder.“

„Isch darf dann wiederkommen?“

Du sahst mich erneut mit großen Augen an und ich musste trocken schlucken. Auch wenn meine Vernunft schrie, dass wir einander nie wieder so nahe kommen sollten, so spürte ich doch ein angenehmes Kribbeln bei dem Gedanken, mich noch einmal mit dir zu treffen. Und bevor ich wirklich verstand, was ich tat, nickte ich…

 

Du warst daraufhin tatsächlich gegangen und als die Tür hinter dir ins Schloss fiel, begann sich eine Leere in mir auszubreiten, die ich nie wieder hatte spüren wollen, und dennoch war sie da, in meinem Herzen, und breitete sich immer weiter aus, als würde sie dort Zuhause sein und sich gerade gemütlich einrichten. Langsam ging ich zurück zur Couch und ließ mich darauf nieder, um weiter der Musik zu lauschen.

Ich komme morgen wieder. Deine Worte wiederholten sich immer und immer wieder in meinem Geiste und irgendwie zauberten sie ein Lächeln auf meine Lippen. Ich freute mich darauf, dich wiederzusehen. Auch wenn ich nicht wusste, ob es wirklich gut war.

Was wird dann passieren? Willst du wirklich wieder mit mir schlafen? Warum ausgerechnet mit mir?

Meine Finger tasteten über meine Lippen und ich spürte immer noch, wie sie leicht kribbelten. Langsam leckte meine Zunge darüber, doch dein Geschmack war nicht mehr wahrzunehmen. Eine Tatsache, die mich leicht betrübte, doch ich schüttelte sofort den Kopf. Solche Gedanken sollte ich nicht haben. Das ging doch niemals gut! Wir sollten getrennte Wege gehen! Sofort! Kein Wiedersehen! Nichts!

Diese Worte klangen richtig, aber sie fühlten sich gleichzeitig so unglaublich falsch an, so als wären sie nur aus einer schlechten Erfahrung geboren, um mich vor Schmerzen zu bewahren. So als wären sie in diesem Fall komplett falsch, weil die ganze Situation eine andere war.

Erneut erwachte in mir der Wunsch, dass ich mich an diese eine Nacht erinnern könnte. Doch da war nur dein heißer Atem, diese sanfte Berührung und deine unglaubliche Hitze, die sich immer tiefer in meinen Körper brannte und alles entzündete.

Langsam wanderte meine Hand über meine Brust, als ich daran dachte, wie du dich an mich gedrückt hattest. Der Druck deiner Erektion ließ mich begierig über meine Lippen schlecken.

Ich streichelte tiefer und merkte, wie es in meiner Hose wieder enger wurde, während ich an diesen Kuss dachte, der so voller Alkohol gewesen war, aber ohne Hemmungen und Grenzen. Dein Duft, der darunter gelegen und jeden noch so kleinen Nerv in meinem Körper aktiviert hatte.

Mein Atem wurde schwerer, als sich die Hitze weiter in meinem Körper ausbreitete. Ich stellte mir vor, dass du mich noch einmal so auf meine Haut küsstest, deine Lippen tiefer wanderten. Dein warmer Atem auf meiner Haut.

Dort waren deine Augen, die mich voller Begehren ansahen, dein nackter Körper, der sich an mich presste, während wir uns aneinander rieben.

„Zeus“, stöhnte ich, als ich über meine Lippen leckte und mir wünschte, dass ich dich küssen könnte. Alleine bei der Erinnerung biss ich mir erregt auf meine Unterlippe.

Die Hitze stieg immer weiter an und mein Stöhnen wurde kehliger, inniger, sehnsüchtiger. Immer mehr klammerte ich mich an die Erinnerung deiner Berührungen, deines Dufts, deiner Wärme und deiner Stimme, solange bis sich die Hitze immer mehr in einen Druck verwandelte und ich sämtliche Kontrolle über meine Stimme verlor.

Ich stellte mir vor, wie ich über deinen Rücken strich und mich über deine Haut küsste. Kurz bevor ich zu dem Punkt kam, dass ich in dich eindrang, entlud sich all die Lust in einem alles verschlingenden Glücksrausch und ich spürte die heiße Feuchtigkeit an meiner Hand.

Mein Atem ging schwer und ich spürte, wie die Euphorie langsam abklang. Mit ihrem Verschwinden erwachte eine ernüchternde Scham.

Sofort sprang ich auf und eilte ins Bad, um all die Spuren dieser Schmach von mir zu waschen. Wir durften uns nie wieder so nahe kommen, nie wieder. Doch ich spürte die Sehnsucht in mir wachsen. Langsam und stetig kroch sie in jeden Winkel meines Seins, um mich gänzlich auszufüllen.

Ich möchte bei dir sein…

 

Die Tage vergingen und ich war schon fast der Meinung, dass du dich an unsere Abmachung nicht mehr erinnern konntest. Auch in der Schule verhieltest du dich wie vor deinem unangekündigten Besuch. Vielleicht hatte der Spuk endlich ein Ende und ich konnte wieder so leben wie vor diesem verhängnisvollen Tag, an dem du zu mir gekommen warst und unsere Leben begonnen hatten, sich ineinander zu verschlingen.

Zwar dachte ich immer wieder an diesen einen Zwischenfall auf der Couch, doch auch dieser war ein Einzelfall gewesen. Du solltest nie wieder meine Gedanken so stark beherrschen wie in diesem Augenblick. Du solltest nie wieder dort sein.

Doch jedes Mal, wenn wir aufeinander trafen, hoffte ich, dass du mich anlächeln oder zumindest ansehen würdest. Doch nichts davon geschah.

Ich seufzte schwer, als diese Gedanken sich langsam in meinen Magen zu einem harten und schweren Stein bündelten. Wir waren einfach zu unterschiedlich.

Die Sonne und der Mond passten auch nicht zusammen. Sie würden einander nur verletzten und niemals wirklich zueinander stehen können. So wie der Schmetterling die Rose irgendwann zurückließ oder durch ihre Dornen starb.

Dennoch wuchs in mir der Wunsch, dass du endlich zu mir kamst, mit jedem Tag, der verging, weiter an. Ich wollte mit dir sprechen, aber fand nicht den Mut dazu. Wie sollte ich auch? Scheinbar war deine letzte Erinnerung, dass ich dich einfach stehen gelassen und mich nicht mehr umgedreht hatte.

Langsam wurde mir bewusst, wie du dich nach unserer gemeinsamen Nacht gefühlt haben musstest. Schließlich warst du der Einzige, der sich daran erinnern konnte. Die Erinnerung an dein Auftauchen belastete mich von Tag zu Tag mehr und trieb mich langsam aber sicher an meine Grenzen.

„Mann, Noir, du sitzt wieder da wie sieben Wochen Regenwetter. Was ist denn los mit dir?“

Rudi ließ sich neben mir auf der Wiese nieder und drückte mir eine Flasche Bier in die Hand.

„Nur? Es fühlt sich eher nach Monaten Regenwetter an. Ich hab übelst den Mist gebaut“, seufzte ich und drehte die Flasche in meiner Hand. An sich hatte ich keine große Lust zu trinken. Der Alkohol hatte nichts leichter gemacht, sondern alles zwischen uns nur noch verkompliziert.

„Dein Freund hier wird es wieder richten.“

Rudi prostete mir zu und lächelte mich breit an, bevor er einen tiefen Schluck aus seiner Flasche nahm, doch ich rührte mich nicht.

„Nein, der macht es immer nur schlimmer. Darauf kann ich echt verzichten.“

Ich stellte die Flasche neben mir auf den Boden und strich mir frustriert durchs Haar. Was sollte ich nur tun? Einfach zu dir gehen? Und dann? Ich lachte in Gedanken schmerzhaft auf und bemerkte dann den besorgten Blick von Rudi.

„Wenn dir nicht mal Bier hilft, dann muss der Karren ja ganz schön tief im Dreck stecken. Also, wo drückt der Schuh? Du weißt, du kannst mir vertrauen.“

Er grinste mich breit an und ich wollte es erwidern, doch erneut brachte ich nur ein Seufzen heraus.

„Ich… ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Am besten am Anfang. Da beginnen alle Geschichten und wenn es eine gute werden soll, dann darf der Satz Halt mal mein Bier nicht fehlen.“

Rudi lachte auf. Scheinbar war diese Flasche nicht seine erste, aber vielleicht machte das die ganze Sache ein wenig einfacher.

„Wenn ich dir mein Bier gebe, dann hab ich danach keins mehr.“

Ich musste ebenfalls lachen und über die Sorglosigkeit von Rudi den Kopf schütteln. Er war ein lieber Kerl. Auch wenn ihm das niemand ansah.

„Da könnte was dran sein. Also, raus damit. Du weißt, wir sind alle wie eine große Familie hier.“

Sein Grinsen wurde breiter und ich spürte, wie zumindest ein Teil des Schwermuts von meinen Schultern glitt. Diese Treffen gaben mir so viel und ich wünschte mir, dass nur einer aus der Gruppe in meiner Klasse wäre, aber irgendwie ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung.

„Ja, das weiß ich. Aber es ist nicht so leicht, weil ich nicht weiß, was ich selbst will.“

„Das finden wir dann schon zusammen raus. Also, unterhalte mich endlich.“

Erneut musste ich grinsen, als sich Rudi neben mich auf den Rasen schmiss und einladend die Arme zur Seite ausstreckte. Dann stützte er sich auf seinen Ellenbogen ab und sah mich erwartungsvoll an.

Nur noch einmal schüttelte ich kurz den Kopf, bevor ich ihm von dir und all unseren Zusammentreffen erzählte. Dabei ging ihm Stück für Stück die gute Laune verloren. Ja, Alkohol ver­stärkte Gefühle, aber es war ihm egal, welche das waren.

„Das klingt echt nicht gut. Aber du solltest dir zuerst mal klar werden, was du von diesem Jungen willst. Dann kannst du das Gespräch suchen, sonst wirst du wieder von seinen Erwartungen überrollt und wirst auf keinen grünen Zweig kommen. Also, was willst du von ihm?“

Bei dieser Frage konnte ich nicht verhindern, dass ich mir kurz sehnsüchtig über die Lippen leckte und auf meine Hand sah. Erneut kam das Kribbeln in meinen Körper zurück, als ich über die Fantasie nachdachte. Dein nackter Körper vor mir. Unter mir. So heiß. So willig.

Das Kribbeln wurde zu einer Hitze, die ich sofort mit einem Kopfschütteln unterdrücken wollte. Nicht hier daran denken. Das brachte gar nichts. Ich brauchte mein Blut jetzt in meinem Kopf und nicht in meinen Lenden.

„Aber er ist ein ganz anderer Typ als ich. Wir passen nicht zusammen. Er liebt die Aufmerksamkeit und ich will einfach nur meine Ruhe.“

„Ja, das wirkt auf den ersten Blick vernünftig, aber an sich ist das auch ganz egal. Du suchst dir aus, wen du bei dir haben willst. Er lässt sich von jedem ein Stück begleiten. Genießt die Aufmerksamkeit, die du so hasst. Aber all das ist nicht wichtig, sondern es geht darum, was ihr von euren Leben wollt. Von einander. Ob die Chemie stimmt und ihr euch gut versteht. Der Rest der Welt ist egal. Was zählt, seid nur ihr zwei.“

Er deutete mit seiner Flasche auf mich und dann ließ er sich plötzlich überwältigt nach hinten fallen.

„Woah! Das klang ja mal intelligent. Ist das wirklich Bier? Ich glaub, dass es noch nicht wirkt.“

Rudi lachte auf und erhob sich dann, um sich eine neue Flasche zu holen, während ich zurückblieb.

Kurzerhand griff ich nach meinem Bier und drehte es in meinen Händen, betrachtete das schimmernde Etikett und wiederholte immer und immer wieder die Worte von Rudi in meinem Kopf, und mit jeder weiteren Wiederholung musste ich ihm mehr zustimmen.

Kinder und Betrunkene sprachen angeblich die Wahrheit und er hatte recht. Es war egal, was die Welt mit uns tat. Wichtig war nur, was wir voneinander wollten. Konnte ich bei dir sein? Deinen Charakter akzeptieren? Oder würde er mir ziemlich schnell auf die Nerven gehen?

Ich dachte an unseren gemeinsamen Kinobesuch zurück. Damals, als du einen Film ausgesucht hattest, den du selbst gar nicht ertragen konntest, nur um etwas mit mir unternehmen zu können. Unser erster Kuss, als du mir das Wort abschneiden wolltest. Einfach so.

Meine Finger glitten über meine Lippen und ich starrte erneut auf die Flasche in meinen Händen. Was war das, was du suchtest? Was wolltest du von mir? Diese Nähe? Diese Wärme? Diese Liebe?

Dieser Moment, als sich dein Körper an meinen lehnte. Ich roch dich auch jetzt noch und spürte deine Wärme, die sich langsam unter meine Haut stahl. Erneut war dort das Kribbeln, das sich in eine Hitze verwandelte, die ich nicht spüren wollte. All das wollte ich nicht, doch es war da und es fühlte sich gut an. Sollte ich? Konnte ich? Einfach so?

„Hallo, Noir. Wir müssen reden.“

Ich traute meinen Augen nicht, als du einfach so vor mir standest. Deine farbenprächtige Kleidung und das blonde Haar fielen in dieser Versammlung mehr auf als ein bunter Puma im Streichelzoo. Alle starrten dich an, doch es schien dir nicht unangenehm zu sein.

„Wieso? Woher wusstest du, dass ich hier bin?“

Ich stand auf, um mit dir auf Augenhöhe zu sein, beziehungsweise dich sogar ein wenig zu überragen, doch dieser Fakt schien dich nicht zu stören, denn die Entschlossenheit in deinen Augen blieb.

„Na ja, eure Treffen sind nicht gerade unbekannt und ich dachte mir, dass ich einfach mal schau, ob ich dich hier finde.“

Du lächeltest ein wenig beschämt, doch dann kam der Ernst zurück in dein Gesicht.

„Wir müssen wirklich reden, Noir. So... so kann das nicht weitergehen. Würdest du bitte kurz mit mir mitkommen?“

So höflich kannte ich dich gar nicht. Zumindest nicht mir gegenüber. Begannst du, dich langsam unwohl zu fühlen? Zumindest wirkte dein nervöses Fingerspiel so und auch der unruhige Blick, der immer wieder über das Feld glitt. Ich seufzte schwer.

„Wenn es dir so wichtig ist, dann können wir ja ein Stück gehen.“

Ich deutete auf den Weg, der durch den Park führte, und wir entfernten uns von der Gruppe. Zumindest war das mein Plan gewesen, doch Rudi sprang plötzlich an unsere Seite.

„Hey, Noir! Ist er das? Der Kleine, der dich in den Wahnsinn treibt? Der Schmetterling?“

Du sahst mich irritiert an.

„Schmetterling? Was ist denn das für ein Bullshit?“

„Nichts Wichtiges.“

Ich versuchte, Rudi mit einem Handwischen zu vertreiben, doch dieser grinste nur breiter.

„Das ist er wirklich! Hey, Butterfly! Bestäub die Blume hier mal richtig!“

„RUDI!“

Ich traute meinen Ohren kaum, doch dein Blick war nicht entsetzt, sondern dein Grinsen wurde versaut.

„Wenn es darum geht, ist wohl eher Noir der Schmetterling.“

Ich konnte richtig sehen, wie Rudi alles aus dem Gesicht fiel, und schon spürte ich seinen Stoß in meiner Seite.

„Hey, du hast nicht gesagt, dass... du weißt schon. Knick-Knack.“

„Ich kann mich auch nicht daran erinnern.“

Ich zuckte mit den Schultern und erneut entgleisten meinem wohl besten Freund alle Gesichtszüge.

„Häh? Wie? Ich kapier gar nichts mehr.“

„Egal, später. Lässt du uns jetzt bitte ein wenig Privatsphäre?“

Ich deutete erneut auf die Gruppe auf der Wiese, von der wir uns schon einige Meter entfernt hatten. Rudis Blick folgte meinem Arm, nahm dann einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und sah uns abwechselnd an. Dann zuckte er mit den Schultern und trottete davon.

„Aber den Schutz nicht vergessen.“

Nach zwei Schritten drehte er sich noch einmal um und schnippte mir ein eingepacktes Kondom zu. Überrascht fing ich es auf und spürte, wie mir die Hitze in den Kopf stieg.

Du dagegen begannst plötzlich zu lachen.

„Dein Freund ist witzig. Ich mag Leute, die viel reden. Da erfährt man viel und hat immer was zum Diskutieren.“

Bevor ich irgendwie reagieren konnte, gingst du aber schon weiter und ich sah noch einmal unschlüssig auf das Kondom in meiner Hand, bevor ich es einsteckte.

„Na ja, gerade ist es eher ungünstig. Vor allem weil er betrunken ist.“

Ich folgte dir eilig, um dann ruhig neben dir herzugehen. Meine Hände versteckte ich in meinen Hosentaschen, wobei meine Finger nervös mit der Kondomverpackung spielten.

„Betrunkene sind witzig. Du machst in dem Zustand auch Spaß.“

Erneut lachtest du auf und ich begann, mich wie ein kleines Kind zu fühlen, über das du dich lustig machtest. Bild 2

„Du bist dagegen äußerst lästig und aufdringlich“, zischte ich und sah nur verstohlen zu dir hinüber. Dadurch bemerkte ich, wie das Lächeln auf deinen Lippen kurz gefror.

Nein, wir passen einfach nicht zusammen. Schon wieder verletze ich dich. So wird es immer sein. Warum bist du zu mir gekommen? Du hättest einfach fernbleiben sollen.

„Du hast mich noch nie betrunken erlebt. Ich bin nicht wie du und gebe mir jedes Wochenende im Park die Kante.“ Du stiegst in den Kampf ein und wir fixierten uns immer wieder von der Seite, ohne uns direkt anzusehen, während wir weiter nebeneinanderher gingen.

Ich lachte auf deine Worte hin hart und laut auf. Wie schön wäre es, wenn dieses Treffen nicht stattgefunden hätte. Dann wäre ich jetzt nicht so verwirrt und wahrscheinlich würde es auch dieses Gespräch nicht geben und Rudi hätte niemals diese peinlichen Worte gesagt.

„Oh doch, Zeus, das hab ich erlebt. Vor einigen Tagen warst du total betrunken bei mir. Hast wieder geklingelt wie bekloppt und mich damit fast in den Wahnsinn getrieben und wolltest dann unbedingt mit mir schlafen.“

„Oh shit.“

„Keine Ahnung, warum du dich so abgeschossen hast. Aber ich...“

Kurz stoppte ich und biss mir auf die Unterlippe.

Kann ich das wirklich? Soll ich dir das tatsächlich an den Kopf werfen? Einfach so? Zack?

„Ich habe die Situation nicht schamlos ausgenutzt.“

Ich umfasste das Kondom in meiner Tasche fester und blieb dann stehen. Du gingst noch zwei Schritte weiter, drehtest dich dann um und unsere Blicke trafen sich. Erneut konnte ich die Wunden sehen, die ich dir zugefügt hatte, doch du gingst nicht weg.

„Warum tust du das?“, flüstertest du mir zu. „Wieso versuchst du, mich mit allen Mitteln zu verletzten? Warum willst du, dass ich verschwinde?“

Du kamst einen Schritt näher und zogst meine Hand aus der Tasche, um sie in deine zu nehmen.

„Du bist ein Schmetterling. Ich eine Rose.“

„Was soll das? Ist das irgendein Code, den ich nicht raffe?“

Erneut verdunkelte sich dein Blick und ich wollte dir meine Hand entziehen, doch du ließest es nicht zu.

„Wir sind zu verschieden.“

Ich wich einen Schritt zurück, doch auch jetzt hieltst du meine Hand fest.

„Nein, sind wir nicht! Du... du spürst es doch auch.“

Dein Griff wurde stärker und im nächsten Moment zogst du mich an dich. Unsere Lippen trafen sich, doch nur für den Bruchteil einer Sekunde, denn ich stieß dich sofort wieder weg.

„Hör auf damit! Hör endlich auf! Es ist sinnlos! Siehst du das nicht?! Wir können nicht zusammen sein! Du wirst mich verlassen oder an meinen Stacheln krepieren! Das mit uns hat keine Zukunft!“

„Wer sagt das?“

Deine Stimme blieb ruhig und immer noch hieltest du meine Hand fest. Du überwandest noch einmal den Abstand zwischen uns und ich konnte deinen Atem auf meiner Wange spüren.

„Du bist ein Schmetterling. Ich eine Rose. Wir werden einander nur zerstören.“

Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Ich werde dich töten oder du wirst mich eh nur verlassen! Egal, wie... Am Ende werde ich wieder alleine sein! Immer nur alleine! Darum hau endlich ab! Hau endlich ab! Hau ab!

Ich wollte dich von mir stoßen, doch anstatt sich zu bewegen, kam dein Körper zu mir und dort waren sie wieder: deine weichen Lippen, die sich auf meine legten und dieses wunderschöne Gefühl in mir auslösten. Dieses Gefühl wie damals. Damals, als ich selber noch ein bunter Schmetterling gewesen war...

 

„Du bist wunderschön, Noir.“

Sanfte Finger strichen mir eine Strähne aus dem Gesicht und hinter mein Ohr. Ich sah in ein grünes Augenpaar, das mich immer wieder fesselte. Am liebsten würde ich für immer darin versinken.

Drei kurze Küsse. Auf meine Lippen, meine Nase und meine Stirn, bevor er sich gegen sie lehnte. Ich atmete seinen Duft ein. Spürte seine Wärme. Fühlte mich glücklich. Geliebt.

Monatelang schwebte ich auf Wolke Sieben, hätte die ganze Welt umarmen können und hatte das Gefühl, dass mich niemand aufhalten konnte. So stark hatte ich mich nie wieder gefühlt und auch nie wieder so schwach wie in dem Moment, als man mir die Flügel gewaltsam herausriss.

Plötzlich zerfiel das Lächeln vor mir und an seine Stelle trat ein gelangweilter und genervter Ausdruck. Verwirrt musste ich beobachten, wie er sich aufrichtete und lässig mit einer Hand durch sein Haar fuhr. Als sein Blick wieder auf mich fiel, stöhnte er genervt auf. „Wie kann man nur so langweilig sein? Eigentlich wollte ich ja sehen, wie lange ich es mit dir treiben kann, aber so begriffsstutzig, wie du bist, könnte ich dich bis ans Ende deines Lebens an der Nase herumführen. Die Wette habe ich ja auch schon nach der ersten Nacht mit dir gewonnen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel Bock ich auf diese Geburtstagsparty habe, die meine Kumpels jetzt für mich ausrichten dürfen. Voll genial und wie einfach das war. Ein paar nette Worte und du hast mir wie ein Welpe aus der Hand gefressen. Pah! Von wegen du wärst hart zu knacken! Ja und zunächst war es mit dir ja sogar recht spaßig. Aber allmählich reicht es mir echt. Jeden Tag den verliebten Schwulen zu spielen wird mir allmählich zu stressig. Zumal du nicht mal wirklich mein Typ bist. Sind wir mal ehrlich, zum Aushalten und für ein paar Schäferstündchen reicht's, aber für etwas Richtiges fehlt es dir einfach an dem gewissen Etwas. Also tu mir den Gefallen und komm nicht auf meine Party, okay? Ich hab keinen Bock auf ne Szene, ja?“

Ich prallte hart auf dem Boden der Tatsachen auf, als ich plötzlich alleine war. Keine Wärme mehr. Kein Kribbeln mehr. Keine süßen Worte mehr. Kein „Ich liebe dich“ mehr.

„Heißt das, dass du nur mit mir gespielt hast? War das alles nur eine Lüge? Warum?“

„Ich wollte eine geile Party und Sex ist immer gut. Zum Druck ablassen kann auch ein Kerl herhalten. “

Ich konnte immer noch sein Lachen hören und spürte die spöttischen Blicke der Jungen auf mir. Für sie war ich eine Lachnummer. Eine Witzfigur. Und sie waren für mich gestorben.

Meine bunte Kleidung fiel zusammen mit meinem Vertrauen in eine endlose Dunkelheit.

Ich verjagte sie alle. Niemand sollte mehr an meiner Seite sein. Ich wollte keine Nähe mehr. Keine Falschheit. Keine Liebe.

Nie wieder...

 

Deine Wärme war so nah. Ich konnte dich riechen und deine Haare kitzelten sanft an meiner Nase. Du warst hier. Deine Lippen lagen pulsierend auf meinen. Deine forsche Zunge raubte mir auch noch den letzten Funken meines Verstandes und alles in mir schrie, dass ich mich fallen lassen sollte.

Doch im nächsten Moment stieß ich dich wieder von mir. „Nein! Ich... ich will das nicht. Hör endlich auf! Wir brauchen einander nicht. Es passt nicht. Du machst dir nur was vor. Das ist alles falsch.“

„Was soll daran falsch sein? Bin ich das Problem? Oder dieser Rose-und-Schmetterling-Quatsch? Was soll das überhaupt heißen?“

„Der Schmetterling ist wunderschön. Er fliegt zu jedem hin, umschwärmt ihn und sammelt gerne Leute um sich herum. Man kann ihn berühren, aber wenn man es falsch tut, wird er daran zugrunde gehen.“

Ich sah dich bei diesen Worten nicht an, sondern durch dich hindurch in eine Welt, in der ich selbst noch geflogen war, bevor man mich gewaltsam zerquetscht hatte.

„Die Rose wird auch von vielen bewundert, aber sie will nicht mehr berührt werden, nicht mehr zerstört werden und schützt ihre Schönheit mit ihren Stacheln.“

„Dein Gelaber ist totaler Blödsinn. Rosen haben Dornen.“

Ich musste auf diesen lächerlichen Versuch von deiner Seite aus hin herzhaft auflachen.

„Nein, haben sie nicht. Lies es nach. Und jetzt geh einfach und akzeptiere es. Wir passen nicht zusammen.“

Ich warf dir die Kondompackung entgegen und wandte mich dann ab, um nach Hause zu gehen. Ich wollte mich nicht länger damit beschäftigen. Es war doch eh sinnlos. Niemals würde unsere Liebe irgendeine Zukunft haben. Warum sahst du das nicht ein?

Es war doch so offensichtlich. So offensichtlich...

 

Du warst mir nicht gefolgt und ich hatte daher die starke Hoffnung, dass die Sache endlich auch für dich erledigt war und wir wieder zu unserem ursprünglichen Alltag zurückkehren konnten. Wir würden einfach wieder so tun, als würden wir einander nicht kennen.

Leider belehrte mich bereits der nächste Tag eines Besseren, als es an meiner Tür erneut Sturm klingelte. Kurz wollte ich mich aufregen, doch ich wusste ja schon, wer vor der Tür stand. Die Lust zu öffnen schrumpfte mit jedem Klingeln mehr, bis es endlich verstummte. Für meinen Geschmack hatte das viel zu lange gedauert, doch ich schloss wieder die Augen und lauschte von der Couch aus der Musik. Ich würde nicht mehr lange die Möglichkeit dazu haben. Meine Eltern würden bald vom Einkaufen zurückkommen und dann müsste ich auf der kleinen Anlage in meinem Zimmer weiter hören. Der Bass war hier viel besser. Totale Verschwendung für die Musik meines Vaters.

Ich seufzte schwer und schloss die Augen, um mich einfach treiben zu lassen, mich in diesen Klängen zu verlieren und die Welt um mich herum immer mehr zu vergessen. Es fühlte sich so unglaublich gut an, so dass ich immer weniger von dem mitbekam, was um mich herum geschah.

„Noir? Du bist ja da. Warum hast du nicht aufgemacht? Es ist unhöflich, jemanden vor der Tür warten zu lassen.“

Die Stimme meiner Mutter zerriss die wohlige Atmosphäre und ich schlug träge die Augen auf, nur um mir dann zu wünschen, dass ich es nicht getan hätte, denn ich sah in dein strahlendes Gesicht.

„Hallo, Noir. Wir müssen reden.“

Du verschränktest deine Arme vor der Brust, als das Grinsen auf deinen Lippen schon wieder gefror und der Ernst in deine Mimik zurückkehrte.

Ich seufzte schwer, als ich mich aufrichtete und die Musik ausmachte, bevor sich meine Eltern auch noch darüber aufregen konnten.

„Dann lass uns in mein Zimmer gehen. Da haben wir unsere Ruhe. Ich weiß zwar nicht, worüber du schon wieder reden willst, aber gut. Wenn du dann endlich mal Ruhe gibst.“

Mit wenig Elan ging ich voraus und führte dich in mein Zimmer, das nur eine Türe weiter war. Dabei ignorierte ich, wie meine Hände leicht zu schwitzen anfingen, und auch den beschleunigten Herzschlag in meiner Brust. Alles nur Dinge, die diese Sache verkomplizieren würden, und darauf hatte ich wirklich keine Lust mehr.

Ich schloss die Tür hinter uns und bedeutete dir, auf meinem Schreibtischstuhl Platz zu nehmen, während ich mich selbst meinem Bett näherte, das auf der anderen Seite des Zimmers stand. Doch statt meinem Deut zu folgen, kamst du mir nach und nahmst neben mir auf der weichen Matratze Platz.

„Was soll das?“

Es war mir unangenehm, dass du so nah warst, doch dich schien das kalt zu lassen.

„Ich habe lange über deine Worte nachgedacht und auch mit ein paar Freunden geredet.“

Bei dem Wort Freunde stellten sich meine Nackenhaare auf und ich spürte einen unangenehmen Schauder meinen Rücken hinunter gleiten, doch ich schluckte nur trocken und verschränkte meine Finger ineinander.

„Sie haben mir ein bisschen was über die ganzen Gerüchte erzählt und... Es hat ein paar Anrufe gedauert, aber ich habe auch erfahren, was da genau passiert ist und wie es zu deiner Wandlung kam. Ich glaube, ich weiß jetzt auch, was dieser Schmetterling-und-Rosen-Quatsch soll.“

Ein abfälliges Zischen kam über deine Lippen und du schütteltest kurz den Kopf, als sich auch deine Hände ineinander legten und du dich kurz nach vorne beugtest. Du schwiegst und starrtest nur an die Wand. Ich spürte, dass du etwas erwartetest, irgendeine Reaktion, doch ich konnte nichts sagen.

Meine Kehle war wie zugeschnürt und ich wehrte mich gegen die aufkommenden Bilder von damals. Gegen das Gefühl, das zurückkehren wollte, obwohl ich es doch schon so lange erfolgreich verdrängt hatte.

„Es ist gut, dass der Kerl nicht mehr auf unsere Schule geht und auch nicht mehr in unserer Nähe wohnt. Ich hätte ihn sonst umgebracht.“

„Und das hätte was gebracht? Nichts. Rein gar nichts. Glaubst du wirklich, dass du mich damit beeindrucken kannst? Ich brauche keinen Rächer. Keinen Psychologen. Keinen Berater. Ich komme mit meinem Leben wunderbar alleine zurecht.“

Es verletzte meinen Stolz, dass du mich verteidigen wolltest. Beziehungsweise der Meinung warst, dass du mich verteidigen musstest.

„Wie oft hast du vor dem Spiegel gestanden und dir das immer wieder ins Gesicht gesagt, bis du es dann endlich geglaubt hast?“

Du sahst mich weiter offen an und ich musste erneut trocken schlucken.

„Das habe ich ni-“

Ich kam nicht weiter, denn sofort unterbrach mich dein Kopfschütteln.

„Warum belügst du dich so sehr, Noir?“

Ich wusste auf diese Frage keine Antwort und sah dich weiter an, versuchte irgendetwas in deinem Gesicht zu finden, das mir zeigte, dass dies alles nur Vermutungen waren oder du mich auch nur auf den Arm nahmst. Doch dort war nichts.

„Ich belüge mich nicht“, flüsterte ich, doch von dir kam nur ein trockenes Lachen.

„Doch, das tust du. Du bist einsam. Eigentlich willst du dieses Leben gar nicht. Warum glaubst du, bin ich damals auf dich zugekommen und habe dich ins Kino eingeladen?“

„Keine Ahnung! Woher soll ich das wissen? Kann ich in deinen Kopf sehen! Es ist mir auch egal! Ich wünsche mir seitdem jeden Tag, dass du mich niemals angesprochen hättest!“

„Und wieder lügst du dich an. Ich habe dich seit meinem ersten Tag beobachtet. Ja, du wolltest keinen Kontakt. Du hast auf deine Umwelt nicht reagiert. Zumindest sollte das so wirken, doch du hast uns alle beobachtet. Darauf geachtet, dass dir niemand zu nahe kommt. Bist jedem ausgewichen und wolltest mit niemanden sprechen. Lasst mich in Ruhe, das hat deine ganze Körperhaltung geradezu herausgeschrien.“

„Und warum bist du dann trotzdem zu mir gekommen, wenn es für dich doch so offensichtlich war, dass ich das nicht wollte?“

„Weil du auf mich wie ein verwundetes Raubtier gewirkt hast. Und dann habe ich gehört, was dir passiert war. Interessanterweise von einem Mädchen. Die Jungs haben alle nur gelacht und abgewunken. Ich soll dich einfach ignorieren, haben sie gesagt. Du wärst der Mühe nicht wert und lauter so Sachen. Aber... jeder Mensch ist es wert, dass man ihn beachtet.“

Deine Hand legte sich sanft auf meine und ich spürte, wie der Zorn in meinem Inneren verschwand. Dort waren wieder die Erinnerungen. Der Geschmack deiner Zunge. Deine weichen Lippen auf meinen. Ich wollte diese Wärme noch einmal spüren. Dieses angenehme Gefühl.

Nein! Das ist falsch! Er darf mir nicht so nah kommen! Niemand. Darf. Das. Je. Wieder.

„Irgendwann bist du mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich wollte dir die Trauer nehmen, weil ich mir sicher war, dass du ein wunderschönes Lächeln hast und es hat sich sogar herausgestellt, dass das stimmt. Klar, deine Worte waren oft verletzend, aber sie dienten nur deinem Schutz. Mir war klar, dass du sie wohl zu jedem gesagt hättest, der kein Gleichgesinnter war.“

Ein Seufzer stahl sich über deine Lippen und du nahmst deine Hand wieder weg, um sie dann mit ihrem Gegenpart zu verschränken und dich leicht nach vorne zu beugen.

„Ich glaube, dass jeder Mensch sowohl ein Schmetterling als auch eine Rose ist. Es kommt nur darauf an, wem er gegenüber steht. Manche sind öfter Schmetterlinge, andere wiederum meistens Rosen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie nicht zusammen sein können. Mal davon abgesehen, dass man als Rose keine Beziehungen führen kann. Das geht nur, wenn beide sich als Schmetterlinge gegenüberstehen.“

Mit einem Seufzer lehntest du dich zurück und sahst mich an.

„Eigentlich dachte ich echt, dass es keine Zukunft mit uns geben wird. Bis zu dem Moment, als du betrunken vor meiner Tür standest. Da habe ich gesehen, was wirklich in dir vorgeht.“

Du lehntest dich zu mir und ich spürte deinen warmen Atem auf meiner Wange, was mich zusammenzucken ließ.

„Das bezweifle ich“, flüsterte ich aus Angst, diese Spannung zu zerstören.

Du warst so nah. Ich konnte deine Wärme spüren und dich riechen. Mit jeder Sekunde, die ich dir länger in deine blauen Augen sah, verschwand die Welt um mich herum mehr und mehr.

Ein kurzes Lachen von deiner Seite und du drängtest mich langsam zurück, brachtest mich so in eine liegende Position, um dann über mich zu kommen.

„Ich bin dir nicht so egal, wie du es dir jeden Tag einredest. Jedes Mal, wenn wir uns sehen. Du hast dir gewünscht, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen. Ja, du wolltest mit mir schlafen und hast es auch getan. Du hast mir sogar gesagt, dass du mich liebst.“

Stille trat zwischen uns und ich spürte, wie sich meine Kehle immer mehr zuschnürte, als ich die Wunden in deinen Augen flackern sah. Mir wurde mit jedem Herzschlag bewusster, was ich dir mit meinem Verhalten am Tag nach unserer gemeinsamen Nacht angetan hatte.

„Es tut mir leid“, hauchte ich und die Worte klangen unglaublich hohl in meinen Ohren. Dein trauriges Lächeln zeigte mir auch mehr als deutlich, dass sie wirkungslos waren.

„Ich habe dir damals meine erste Nacht geschenkt. Es hat sich gut angefühlt. Ich hatte mich noch nie so geborgen gefühlt und ich hab mir gewünscht, dass diese Nacht niemals enden würde.“ Du lachtest kurz schmerzhaft auf. „Hätte sie das doch nur wirklich nie. Auf den Morgen danach hätte ich nämlich echt verzichten können. Und auch wenn es wehtat, ich... Ich konnte dich nicht vergessen.“

Ich leckte mir verlangen über meine Lippen. Diese Weichheit. Ich wollte sie spüren. Dich schmecken. Deine Wärme über mir raubte mir immer mehr den Verstand. Wieso hattest du solch eine Wirkung auf mich?

„Aber egal wann ich mich dir näherte, du hast mich immer wieder weggestoßen. Und langsam begreife ich auch, warum. Du bist kein Schmetterling, wenn du bei mir bist. Verzweifelt klammerst du dich an deine Rosengestalt. Doch ich will... Ich will, dass du mit mir fliegst. Darum bitte ich dich. Verwandle dich. Für mich. In einen Schmetterling.“

Du wartetest nicht auf eine Reaktion von mir, sondern legtest deine Lippen auf meine und mir wuchsen Flügel. Meine zerfetzten Schwingen heilten und ich spürte diese Leichtigkeit, während ich mich fallen ließ. In diesen Kuss. In deine Wärme. Deine Arme.

Lass uns gemeinsam fliegen, mein Rosenschmetterling. Für immer und alle Zeit. Flieg mit mir. Bitte, flieg mit mir...

 

Dein Atem ging schwer, während sich dein heißer Körper über mir wand. Ich konnte dich riechen. Dich schmecken. Dich spüren. Zittrig fuhren meine Finger über deinen Körper, während sich meine Lippen über jeden noch so kleinen Zentimeter küssten.

Immer mehr verschwand mein Zimmer aus meiner Wahrnehmung und es existierten nur noch unsere Laute und das Rascheln der Bettdecke.

„Noir“, stöhntest du und bogst deinen Rücken durch, bevor ich mich erneut über deine Brust küsste und tiefer wanderte. Ich fuhr mit meiner Zunge jede einzelne deiner Rippen nach und saugte mich dann darunter kurz an deiner Haut fest, um dort ein Mal zu hinterlassen, das nie wieder verschwinden sollte. Zumindest wenn es nach mir ginge.

Meine Hände fuhren fahrig tiefer und spielten mit dem Hosenbund, bevor sie zittrig und nach mehreren Anläufen schließlich den Knopf öffneten und unter den Stoff strichen. Die Hitze, die mich empfing, trieb auch noch die letzten Zweifel aus meinem Kopfe. Es fühlte sich so anders an. So richtig. Hier. Mit dir.

Ich musste stoppen, denn plötzlich kamst du mit deinem Gesicht auf die Höhe von meinem. Deine Lippen legten sich hungrig auf meine und raubten mir einen Kuss, der mir noch einmal deutlich zeigte, dass dies kein Spiel war. Kein Wetteinsatz. Kein Witz. Du wolltest mich. Wirklich nur mich.

Plötzlich zogst du dir deine restliche Kleidung aus: Hose, Socken und Unterhose flogen nur so durch mein Zimmer, bevor du mich erneut hungrig küsstest.

„Du bist zu langsam. Ich will dich. Ohne Alkoholfahne macht das Ganze sogar noch mehr Spaß.“

Du lachtest auf und bisst kurz neckisch in meine Unterlippe, bevor du dich nach unten vorarbeitetest.

„Ich will nur das Ganze genießen. Für mich ist es schließlich unser erstes Mal“, versuchte ich mich zu verteidigen, doch ich hörte nur ein kurzes Schnauben von dir und im nächsten Moment zogst du mich komplett aus. So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie ich nun auch nackt unter dir lag, und bevor ich mich beschweren konnte, nahmst du schon meinen Penis in deinen Mund.

Sämtlicher Protest von meiner Seite aus wurde in einem leidenschaftlichen Stöhnen erstickt, das sich stattdessen aus meiner Kehle befreite, während mein restliches Denken von einer Welle aus Lust weggespült wurde.

Sanft stieß ich in deine Richtung, doch du hieltst mein Becken fest und begannst, deine Bemühungen zu erhöhen, wodurch sich die anfängliche Wärme in mir langsam in eine Hitze verwandelte und der Druck in meinem Inneren immer weiter anwuchs.

„Mmmh, Zeus, aaah!“

Ich krallte mich in deine Haare, um zu verhindern, dass du auch nur im Ansatz daran denken konntest zu verschwinden. Du warst hier. Bei mir. Schenktest mir Flügel und nahmst mich mit in atemberaubende Höhen, als deine Finger über meine Seiten tanzten und jede noch so kleine Stelle auf meinem Körper erkundeten.

„Wenn du so weitermachst...“

Der Druck wurde immer größer und drängender. Alles in mir schrie danach, sehnte nach diesem Gefühl der Erleichterung.

„Ich merk es, aber so leicht kommst du mir nicht davon.“

Erneut warst du bei mir. Unsere Nasenspitzen berührten sich und deine Zunge leckte über meine Lippen, ehe du mich erneut begierig küsstest. Zumindest zu Anfang. Kurz danach wurde der Kuss sanft und zärtlich, während du deine Finger durch mein Haar gleiten ließest.

„Du bist so schön“, wispertest du an meinen Lippen, als du dich aufrichtetest und ich deinen nackten Körper betrachten konnte, während du so über mir saßest. Ich wollte in dem neckischen Spiel deiner Muskeln versinken und darin, wie sich das Licht in deinem Haar brach, doch meine ganze Aufmerksamkeit wurde wieder auf mein Becken gelenkt.

Heiß und eng fühlte es sich an, als du dich langsam auf meinem Schoß niederließest und somit meinen Penis in dich einführtest.

„Was? Was ist mit dem Kondom?“

Ich wollte dich stoppen, doch du lächeltest nur kurz zärtlich.

„Wir sind beide clean und selbst wenn nicht. Irgendwie ist es mir egal. Ich... ich will dich einfach spüren. Alles von dir.“

Ein kehliges Stöhnen kam über deine Lippen, als auch noch das letzte Stück meines Glieds in dir versank und ich spürte, wie in mir der Wunsch erwachte zuzustoßen, doch irgendwas stoppte mich. Ich wartete darauf, dass sich dein Gesicht langsam wieder entspannte, während meine Hände fahrig über deine Schenkel strichen.

Deine Augen waren geschlossen und dein Gesicht war eine Mischung aus Schmerz und Lust.

Ist das hier wirklich in Ordnung? Bevor ich diesen Zweifel in Worte fassen konnte, begannst du schon damit, dich zu bewegen und fegtest so jeden noch so kleinen Widerstand in mir hinfort.

Die Hitze. Dein Geruch. Die Enge. Unsere Bewegungen. Immer schneller. Tiefer. Inniger. Ich schmeckte deinen Schweiß, als ich dir über die Brust leckte, umarmte dich, bewegte mich. Ich wollte dich spüren. Tiefer. Schneller. Heißer.

Dein Atem auf meinem Ohr. Deine Stimme, die mir zu stöhnte, meinen Namen flüsterte. Kehlig. Rauchig. Du hier. Ich hier. Zusammen. Schneller. Gierig. Lippen, die sich fanden. Zungen, die einander umschlangen. Arme, die halten wollten. Umklammern. Finger, die Muster zeichneten. Haut auf Haut. Weiter. Schneller.

„Noir. Ah.“

„Zeus. Mmh.“

„Ich will dich spüren. Noir. Aaaah!“

Ich verlor mich immer mehr in meinen Bewegungen, folgte deinen Aufforderungen und konzentrierte mich nur noch auf dich. Deine Laute. Deine Bewegungen. Jede kleine Regung auf deinem Gesicht. Bis der Druck sich entlud. In einer riesigen Welle aus Glück, die uns auf ewig hinfort spülte und uns lächeln ließ.

Schwerer Atmen. Warme Körper. Dein Duft. Du hier. Bei mir. In meinem Arm. Ein kurzer Kuss. Aufs Haar. Leicht. Unschuldig. Es kitzelte. Du bliebst. Es fühlte sich gut an, als wir weiterflogen. Hinauf in den Himmel und tanzten. Für alle Zeit.

 

Ich liebe dich, mein Schmetterling.

 

Ende

Der, der den Donner bändigt

Mach dich auf in den Norden. Dort soll es jemanden geben, der uns Regen schenken kann. Finde ihn und bring ihn her, mein Sohn. Sonst wird unser Volk den Hungertod erleiden.

Die Worte seines Vaters schallten immer wieder in seinem Geiste nach. Seit Wochen hatte es in seiner Heimat Griechenland nun nicht mehr geregnet und die gesamte Ernte drohte einzugehen, wenn sich an diesem Wetter nicht bald etwas ändern würde.

Ich habe von einem Donnergott gehört, der die Macht besitzt es regnen zu lassen. Leider kann ich nur Blitze verschießen. Das bringt unserem Volk nicht viel. Daher geh nach Norden und finde den Donnergott Thor. Er muss uns helfen. Kehre nur mit ihm zurück und tue alles dafür, dass er dich begleitet, mein Sohn. Sei der Held, den unser Volk in dir sieht.

Das Schnauben des Pferdes an seiner Seite drückte aus, wie er sich selbst fühlte. Umso weiter er in den Norden kam desto kälter wurde es. Seine dünne, weiße Tunika hatte schon in den eisigen Bergen den Willen aufgegeben ihn irgendwie zu schützen. Dennoch hing sie noch an seinem Leib und versuchte ihn verzweifelt gegen den kalten Wind zu verteidigen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es hier oben so kalt ist. Mit der Zeit sehne ich mich immer mehr nach der Sonne Griechenlands. Auch wenn sie uns gerade mehr Probleme macht. So ist sie allemal besser als das hier.“ Er streckte seinen Arm aus und umfasste damit alles, was gerade vor ihm lag.

Zwar wuchs hier immer noch Gras und Wälder, doch es war um einiges kälter, als er es gewohnt war und so zog er die Decke um seine Schultern ein wenig enger, doch auch sie konnte ihn nicht wärmen. Ohne seine Muskeln wäre er wahrscheinlich schon jämmerlich erfroren. Sie wehrten sich wenigstens noch verzweifelt gegen die Kälte.

„Vater hätte mir auch sagen können, dass mein Schuhwerk für diesen Ausflug nicht geeignet war.“ Ruhig ließ er sich im Gras nieder und zog seine Sandalen aus.

Seine Füße waren überzogen von Blasen und Blessuren, die durch das unnachgiebige Gelände der Gebirgskette hinter ihm kamen, doch er hatte noch eine gewaltige Strecke vor sich, bevor er auch nur im Ansatz daran denken durfte eine Pause zu machen oder gar umzudrehen.

Er seufzte schwer, strich sich eine seiner schwarzen Locken aus der Stirn und erhob sich, als er schon nach den Zügeln seines Tieres griff. Es diente ihm in erster Linie als Lasttier, doch ab und an wünschte er sich, dass es ihn ein paar Kilometer tragen könnte. Ein törichter Wunsch.

„Komm, wir haben es hoffentlich nicht mehr weit. Vater meinte, dass er ab hier zu finden sein müsste. Jedoch...“ Er schwieg und seufzte dann schwer, als ihm auch die Warnung wieder in den Kopf stieg.

Hinter den Bergen kennt uns niemand. Dort bist du ein Niemand und wir können dir nicht helfen. Wir haben dort keine Macht. Also, pass auf dich auf, Herkules, und komm heil wieder zurück. Du bist der Einzige, der uns jetzt noch helfen kann.

Erneut schüttelte er den niederdrückenden Schleier dieser Worte ab und atmete tief ein, bevor er dann die Zügel fester fasste und weiterging. Dabei ignorierte er die brennenden Schmerzen in seinen Füßen und die stechende Taubheit in seinen äußeren Körperteile, wie Hände, Nase und Ohren.

Solltest du diese Reise erfolgreich beenden, werden wir den Mord an deiner Familie vergessen und dich wieder in den Olymp lassen. Sieh es als Chance, um wieder der zu werden, der du einst warst. Du bist Herkules. Mein Sohn und einer der größten Helden von Griechenlandes. Ein Halbgott. Niemand ist stärker als du.

Daher solltest du mit den nordischen Göttern auch kein Problem haben. Ich bin mir sicher, dass du es schaffst. Bringe uns Thor und damit den Regen, den wir so dringend brauchen. Ich glaube an dich, mein Sohn.

 

Der Geruch der Wälder war hier ganz anders. Es lag nicht dieser salzige Meeresduft in der Luft, sondern nur eine holzige Schwere und auch diese unglaublich hohen Bäume, die jeden Sonnenstrahl verschluckten und die Welt noch kälter werden ließen, machten es Herkules nicht unbedingt einfacher seinen Weg zu finden.

„Ruhig, Acheron, ich werde dich schon beschützen.“ Das Pferd neben ihn, ein weißer Araberhengst, begann unruhig zu werden, doch er tätschelte ihm den Hals und begann ihn zärtlich über die Nüstern zu streicheln. Nur langsam beruhigte sich das Tier wieder und schnaubte dann befreit.

„So ist es gut. Ich hoffe, dass wir bald auf Menschen treffen werden und dann können wir uns auch wieder vernünftig ausruhen.“ Er zog noch einmal die Decke dichter um seinen Körper, als ein eisiger Windhauch ihn frösteln ließ. Dann ging er weiter und ignorierte den Protest seines Körpers. Er wollte nicht über deren Gründe nachdenken, denn dann müsste er sich seine Schwäche eingestehen und dafür war er noch nicht bereit.

„Vater hätte mich ruhig warnen können, dass es so kalt wird. Ich will gar nicht wissen, wie weit die Temperaturen sinken, wenn es Winter wird. Wir haben doch erst Herbst.“ Er schüttelte kurz den Kopf und ging dann weiter.

Das Klappern der Hufe schien verzweifelt einen Ausweg aus diesem Meer von Bäumen zu suchen, doch es fand keinen, sondern wurde nur verschluckt, wie so gut wie jedes Geräusch, das es wagte zu entstehen.

„Waren wir hier nicht schon einmal, Acheron?“ Nachdenklich fuhr Herkules über die Rinde eines Baumes, die ihm irgendwie bekannt vorkam, doch dann musste er sich eingestehen, dass sie für ihn alle gleich aussahen. Es gab da nichts, was ihn auch nur ansatzweise ein Anhaltspunkt sein könnte, ob er noch in die richtige Richtung ging.

Erneut kroch ein Seufzer über seine Lippen und er ließ die Schultern kurz fallen, als die Stille plötzlich einen fremdartigen Singsang zu ihm trug. Kurz sah er zu Acheron, der erneut nervös schnaubte, doch Herkules verstärkte seinen Griff um die Züge und eilte dem Geräusch der Feier entgegen. „Acheron, Menschen! Dort sind bestimmt Menschen! Sie können uns helfen! Unsere Vorräte aufstocken und uns ein warmes Bett geben! Wir sind unserem Ziel endlich einen Schritt näher!“

Leicht fiel das Tier neben ihn in den Trab, als Herkules zu rennen begann und versuchte sich so gut es ging an den Geräuschen zu orientieren. Er musste diese feiernden Leute finden sonst würde seine Mission scheitern. Da gab es gar keine andere Alternative.

All die Bäume, die an ihm vorbeirauschten, sahen für ihn gleich aus. Sie schluckten die Geräusche und täuschten Richtungen vor, die so nicht existierten. Immer wieder musste Herkules einen anderen Weg einschlagen, als sich die Geräusche wieder entfernten und langsam begannen seine Muskeln in den Beinen schmerzhaft zu ziehen.

„Sie müssen hier doch irgendwo sein, Acheron.“ Verzweiflung befiel sein Herz, als er erneut durch einen Wall aus Bäumen lief und der Gesang nicht näher wirkte. „Warum kann ich sie nicht finden?“

Der Hengst schnaubte nervös und schlug mit seinem Kopf auf und ab, als plötzlich der Schrei einer Krähe erklang. Sofort hob Herkules seinen Kopf und erblickte das schwarze Tier auf einem Ast über ihn. Ihre intelligenten Augen fixierten ihn immer wieder, während es den Kopf hin und her bewegte.

Dann stieß sie noch einmal einen Schrei aus und hob ab. Flog in die Richtung des Singsangs und Herkules überlegte gar nicht lange. „Los, Acheron. Hinterher.“

Er stolperte weiter und versuchte noch einmal die letzten Reste seiner Energie zu sammeln, um den dunklen Vogel nicht aus den Augen zu verlieren. Kurz überfiel ihn die Angst, dass das Tier ihn in seinen sicheren Tod geleitete, doch dann brach er schon durch das Dickicht und blickte auf eine Ansammlung von Hütten.

In der Mitte stand ein langer Tisch an dem feiernde Menschen saßen. Sie trugen dicke Felle und Kleidung aus Leder. Immer wieder erklang das hohle Klirren, wenn sie ihre Krüge aneinander schlugen. Das Essen wurde ohne Besteck mit der Hand genommen und hing bei den Männern in den langen Bärten.

Herkules spürte wie Ekel in ihm aufstieg, als er dem Gelage weiter zu sah. Sie lachten, grölten, sauften und fraßen. Sein Blick fiel dann auf die Schätze, die auf einem Haufen nicht unweit der feiernden Menge lagen. Zusammen mit Blut verschmierten Waffen, die Herkules in solch einer Größe nicht kannte.

„Bei meinem Vater Zeus, steh mir bei.“ Diese Worte flogen wie von selbst über seine Lippen und Acheron begann neben ihn erneut unruhig zu werden. Er tribbelte auf der Stelle und warf seinen Kopf immer wieder hin und her, sodass Herkules Probleme hatte die Zügel festzuhalten.

Plötzlich durchbrach das ängstliche Wiehern die Feier und zog somit alle Aufmerksamkeit auf die Eindringlinge. Sofort wurden die Becher hingestellt und eine handvoll Männer standen auf, während der Rest Herkules misstrauisch musterten.

Ihre blonden Haare und die blauen Augen wirkten auf Herkules unwirklich. Solche Exoten gab es in seiner Heimat kaum und dadurch hatten sie fast schon eine magische Anziehung auf ihn. Wären da nicht die Essensreste in den Bärten und diese breiten Schultern, die ihm in keinsterweise nachstanden.

„Na? Was für ein Püppchen ist denn hier angekommen?“ Herkules verstand kein Wort und sah den Mann vor sich an. Er überragte ihn um eine gute Kopflänge und baute sich noch zusätzlich vor ihm auf, doch Herkules ließ sich davon nicht beeinflussen.

„Mit diesem schönen Kleidchen erfrierst du hier nur. Los, ich pump ein wenig Wärme in dich hinein.“ Man griff nach dem Saum seiner Tunika und warf sie leicht in die Höhe, bevor man versuchte nach seinem Hintern zu greifen.

Reflexartig schlug Herkules den Arm zur Seite, jedoch mit solch einer Kraft, dass man das Brechen der Knochen im Wald hinter ihm noch widerhallen hörte. Mit einem schmerzhaften Schrei brach der Wikinger vor ihm auf sein Knie ein.

Sofort spannten sich die anderen Männer an und kamen auf Herkules zu. „Da scheint sich jemand zu zieren. Unsere Frauen können durchaus Verstärkung brauchen. Diesen Angriff wirst du gleich bereuen, Bürschchen.“

Vier Männer näherten sich ihm gänzlich, wobei zwei nach seinen Handgelenken griffen, während einer versuchte hinter ihm zu kommen. Doch Herkules sah es gar nicht ein sich so behandeln zu lassen. Sofort kramte er nach den letzten Resten seiner Energiereserven und stieß die vier Angreifer von sich. Erneut brachen Knochen unter der gewaltigen Wucht seines Angriffs.

„Ich bin Herkules! Sohn des Zeus und der Alkmene! Ich komme in Frieden und bin auf der Suche nach Thor! Aber ich werde mich wehren, wenn ihr mir Leid zufügen wollt!“ Er sah in die ratlosen Gesichter der Menschen um ihn, doch dort war auch Angst.

„Was willst du von Thor, Sohn des Zeus?“ Diese Frage konnte er verstehen, was ihn irritierte und er sah auf den groß gewachsenen blonden Mann. Er überragte die Anwesenden auch noch einmal um einen Kopf und sein blonder Vollbart war gepflegt und in zwei Zöpfe geflochten.

„Ich möchte ihn um Regen bitten. Mein Volk leidet unter einer gewaltigen Dürre und wird vom Hungertod bedroht. Man erzählte sich bei uns, dass es hier einen Gott namens Thor gibt, der Gebieter über den Regen wäre. Sie verstehen mich? Ich brauche nur ein paar neue Vorräte, wärmere Kleidung und eine Wegbeschreibung. Mehr verlange ich nicht.“ Herkules spürte, dass sein Herz vor Erleichterung schneller schlug und dennoch wich er einen Schritt zurück, als der Riese näher kam.

„Ja, ich spreche deine Sprache und es ist viel was du verlangst. Doch ohne diese Dinge wirst du Thor niemals erreichen. Was bist du bereit dafür zu zahlen und für die Verletzung meiner Männer?“

„Was?! Sie haben mich angegriffen! Ich habe mich nur gewehrt!“

„Du machst ein eindeutiges Angebot mit deiner Kleidung. Bist freier angezogen als die bekannteste Hure des Dorfes und niemand hatte feindliche Absichten dir gegenüber. Dein Angriff war also unbegründet.“

„Das ist die normale Kleidung eines Mannes in meinem Land.“

„Das ist ein Kleid.“

„Wir nennen sie Tunika.“

„Sieht trotzdem wie ein Kleid aus und trägst nichts drunter. Bereiter als jede Hure. Also, was ist deine Bezahlung?“

Herkules schluckte die nächsten Worte herunter. Dieser Mann schien seine einzige Hoffnung zu sein, wodurch er die stechend blauen Augen ignorierte und dann zu Acheron ging, um in eine der Satteltaschen einen Beutel voller Münzen herauszuholen, die er dem Fremden dann entgegen streckte.

„Das ist Alles, was ich bei mir habe. Ihr könnt einen Teil davon haben.“ Sein Blick wanderte kurz zu den Schätzen und sein Angebot kam ihm plötzlich so töricht vor.

„Und was sollen wir damit? Davon haben wir genug und das lässt die Knochen meiner Männer auch nicht heilen.“ Der Hüne trat noch näher auf Herkules zu, sodass dieser seinen Kopf nun gänzlich in den Nacken legen musste.

„Ich habe auch Heilsalben dabei und könnte versuchen sie zu verarzten.“

Plötzlich griff man grob in seine Haare und drückte ihn nach unten auf die Knie. Er roch Schweiß und Dreck, was ihn angewidert die Nase rümpfen ließ.

„Wie viel sind dir deine Leute wert?“

„Ich bin Herkules! Stolzer Sohn des Zeus!“ Er versuchte aufzustehen oder gar die Hand aus seinen Haaren zu bekommen, doch es geschah etwas, was Herkules so nicht kannte: Widerstand.

„Das hatten wir schon.“ Sein Gesicht wurde grob in den Schritt des anderen gedrückt und bei dem animalischen Geruch musste er leicht würgen. „Aber du bist hier nicht in Griechenland. Zeus ist nichts wert. Niemand kennt ihn. Hier herrschen Odin und seine Familie! Um in diesen Land zu reisen, muss man sich unserem Volk unterwerfen! Bist du dazu bereit?“

Tu alles, was nötig ist, um Thor zu uns zu bringen. Einfach alles.

Herkules schluckte schwer und versuchte in die Augen des anderen zu sehen. Alles in ihm schrie danach zu kämpfen, doch er konnte sich aus diesem Griff nicht befreien. So leicht, wie die anderen Männern besiegt waren, so unüberwindbar wirkte nun dieser Mann auf ihn.

Einfach alles...

Herkules ließ locker und senkte demütig seinen Kopf, bevor er dann nickte. „Ja, ich bin bereit.“

 

Ruhig versorgte er den letzten Bruch in der kleinen Hütte, in die man ihn geführt hatte. Er baute so gut es ging eine Schiene für den Arm und trug ein paar Heilkräuter und -salben auf, die er an sich für sich selbst dabei hatte. Ein kleiner Rest war noch da und er hoffte, dass ihm dies auch reichen würde.

Gerade stoppte er seine Handlung, als er schon die raue Hand an seinem Hintern spürte, die fest zupackte, was ihn sich instinktiv verkrampfen ließ.

„Zeit für die zweite Bezahlung.“ Die Hand wanderte höher und griff unnachgiebig in seine Haare, als man ihn erneut in den Schoß dirigierte. Mittlerweile hatte er den Dreh bei der Kleidung dieser Wilden, Herkules fand das Wort mittlerweile mehr als passend, raus und somit ragte ihm wenige Sekunden später ein halb erigierter Penis entgegen.

Den Geruch kannte er schon und auch dieser bittere Geschmack war ihm vertraut, als er mit seiner Zunge den Schaft entlang fuhr. Sein Kiefer schmerzte leicht, als er ihn öffnete, um das Glied in seinen Mund aufzunehmen.

Es fühlte sich an, als würde er bald einen Krampf bekommen, doch er stoppte nicht und versuchte auch jetzt wieder den Würgereiz zu unterdrücken, als sich ein salziger Geschmack in seinem Mund auszubreiten begann. Immer wieder schluckte er und umschmeichelte das pulsierende Fleisch mit seiner Zunge.

Die Hand in seinen Haaren blieb und ließ ihn sich kaum bewegen, denn kaum ging er ein wenig nach oben, drückte man ihn fast wieder gänzlich nach unten, sodass er sogar nur schwer Luft zum Atmen bekam.

Das kehlige Stöhnen erfüllte immer mehr die Luft und wurde immer wieder von einem Grunzen unterbrochen, das den tierischen Vergleich in Herkules' Geist bestärkte.

Er wollte gerade seine Bemühungen ein wenig verstärken, um diese Sache endlich zu Ende zu bringen, als man ihn plötzlich nach oben zog.

Man ließ von seinen Haaren ab und griff erneut nach seinen Hintern, um diesen verlangend nach oben zu ziehen. „In der oberen Schublade findest du ein wenig Öl. Ich will diesen Hintern kosten, wenn ich mir dafür schon den Arm brechen lassen musste. Wenn du gute Arbeit geleistet hast, dann geht es auch ohne Öl.“

Herkules verstand die Worte nicht, doch der Druck war fast unmissverständlich und als er dann dem Blick zu dem Schränkchen folgte, auf dem verschiedene Arzneien standen, erblickte er eine Flasche mit einer öligen Flüssigkeit.

Er schluckte als er schon spürte, wie man begierig über seine Poritze strich und so beugte er sich hinüber. Mit zitternden Händen griff er nach der Flasche.

Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper, als man ihn so unverhofft auf den Schoß hievte und er das erregierte Glied an seinem Damm spürte. Bei diesem Gefühl erbebte er leicht und musste erneut trocken schlucken.

„Du solltest dich beeilen.“ Die Stimme ist harsch und er spürte den Druck an seiner Rosette, wodurch er fast schon panisch die Flasche öffnete und das Öl auf seiner Hand verteilte, um es dann mit überhasteten Berührungen auf das Glied zu streichen.

Der Wikinger unter ihm stöhnte erneut kehlig auf und dann war dort wieder die große Hand, die sich in seine Hüfte grub, bevor er nach unten gedrückt wurde.

Ihm wurde die Luft aus der Lunge gepresst, als sich plötzlich dieser unnachgiebige Druck in seinem Inneren ausbreitete, der leicht schmerzhaft war. Herkules zwang sich ruhig zu atmen, doch der Hüne ließ ihm kaum Zeit sich an diese Situation zu gewöhnen, sondern stieß mehrmals zu, bevor er ihm auf den Schenkel klopfte.

„Los, reit mich, kleines Pferd.“ Er verstand die Worte nicht. Erst als man seine Hüfte noch einmal hoch und runter hob, begriff er, was der Kerl von ihm wollte, wodurch er die Bewegung selbstständig weiterführte.

Nur langsam wurde der Schmerz von einer Hitze in seinem Körper abgelöst und seine Bewegungen dadurch schneller. Gemeinsam mit seinem Atem, als die Hitze stetig zu nahm und sich Stück für Stück in einen Druck verwandelte, der sich immer mehr in der Mitte seines Körpers sammelte.

Der Wikinger bewegte sich ebenfalls unter ihm so gut es seine aktuelle Position zuließ, wobei sein Stöhnen jeden noch so kleinen Winkel in diesem Haus ausfüllte. Herkules selbst blieb stumm. Er wollte sich das Vergnügen nicht eingestehen.

Diese Rolle sollte er nicht haben. Er war kein Eromones und dennoch war er jetzt hier und hatte den Penis in sich, der ihn gänzlich ausfüllte und den Druck immer weiter in ihm steigen ließ.

Diese starke Hand auf seiner Hüfte, die ihn zu dirigieren begann, versuchte ebenfalls ein Stöhnen aus ihm herauszulocken, doch er biss sich auf die Unterlippe damit kein einziger Laut über seine Lippen kam.

Plötzlich wurde er von dem Schoß geschubst und konnte sich gerade noch abfangen, dass er nicht stürzte, doch bevor er sich versah, drängte ihn der Wikinger an die nächste Wand, schob die Tunika leicht nach oben und drang erneut in ihn ein.

Das überraschte Keuchen konnte er nicht unterdrücken und als hätte man eine Versiegelung gebrochen, kam nun immer wieder ein Stöhnen über seine Lippen, als der Druck in seinem Inneren langsam unangenehm wurde.

Das Grunzen und Stöhnen an seinem Ohr schwächte die Erregung in seinem Körper ein wenig ab, doch die Härte und der Winkel ließen den Druck dennoch nicht weniger werden. Dann kam es: Drei letzte, kräftige, tiefe Stöße und er spürte, wie der Druck sich plötzlich auflöste, doch ohne dass er sich ergoss und dennoch war dieses befriedigende Gefühl in seinem Kopf vorhanden.

Seine Beine zitterten und er sank zu Boden, als der Wikinger von ihm abließ. Kurz strich man ihm über die Haare und er hörte schon wie sich die Schritte schließlich entfernten. „Der Arsch war den Bruch durchaus wert. Ich hoffe auf eine zweite Runde irgendwann einmal.“

Herkules wusste nicht, ob dies ein Lob oder eine Drohung war. Die Sprache dieser Kerle klang in seinen Ohren so unheimlich roh und brutal, dass er selbst beim Sex das Gefühl hatte, dass man ihn jeden Moment aufschlitzen würde.

Die Tür fiel ins Schloss und Herkules spürte, wie das warme Sperma an seiner Haut klebte. Er atmete mehrmals tief durch um sich wieder zu beruhigen, bevor er dann langsam aufstand. Dieses feuchte Gefühl, das zäh über seine Innenschenkel glitt, ließ ihn zittern. Das war nicht seine Rolle in der Gesellschaft und dennoch war es passiert.

In solch einer Gesellschaft kann es keinen Gott geben, der über solch eine Macht verfügt. Ich bin hier bestimmt falsch. Vater hatte irreführende Infor­mationen, die nicht wahr sein können. In dieser Welt voller Wilden gibt es bestimmt niemanden, der mir helfen kann.

Er spürte Wut in seinem Inneren, doch bevor er dieser Luft machen konnte, öffnete sich die Tür und man warf Sachen auf den Boden.

„Du hast deinen Teil der Abmachung erfüllt. Hier hast du neue Kleidung und ein paar Vorräte. Für dein Pferd ist auch gesorgt. Gerne kannst du die Nacht heute hier verbringen oder wir gehen sofort los.“ Die dunkle Stimme ließ Herkules frösteln, doch dann packte ihn eine eiskalte Erkenntnis.

„Wir? Wieso wir? Ich brauche keine Hilfe! Eine Beschreibung reicht! Ich werde Thor alleine finden!“ Er drehte sich schwungvoll zu seinem einzigen Dolmetscher um, doch dieser musterte ihn kühl.

„Du kennst dich hier nicht aus und niemand außer mir versteht dich. Ich weiß, wo du Thor finden kannst. Daher werde ich mit dir kommen. Ob du willst oder nicht. Du hast für Thor bezahlt. Ich bringe dich zu Thor. Wir begleichen immer unsere Schuld. Morgen zum Sonnenaufgang brechen wir auf. Ruhe dich aus. Der Weg wird hart.“ Der Namenlose wartete nicht einmal auf eine Reaktion von Herkules, sondern verließ das Haus wieder und ließ den kleinen Griechen zurück.

Er sah auf den Haufen von Kleidung und dann auf den kleinen Eimer mit Wasser, das er für die Versorgung der Wunden verwendet hatte. Das beschmutzte Gefühl in seinem Körper blieb und so begann er sich unten herum zu waschen und die neue Kleidung anzuziehen.

Sie war um einiges schwerer als die leichte Tunika, doch er fühlte sofort, wie ihm wärmer wurde und die Kälte ihn kaum noch berührte. Dann erst begann er nach dem Essen zu greifen: Fleisch, Käse und Brot. Sein Magen grummelte vor Freude und mit jedem Bissen ergab er sich mehr in sein Schicksal.

Es würde erst morgen weiter gehen. Zusammen mit diesem seltsamen Mann und er hoffte, dass sie Thor dann bald fanden. Sein Volk hatte nicht mehr allzu viel Zeit und auch er sehnte sich zurück nach Griechen­land.

An den Ort, an den er etwas bedeutete. Weg von hier, wo er nur ein Niemand war. Ein unbedeutender Niemand...

 

Die Nacht war eisig und wenn es nach Herkules ging, wäre er am Liebsten erfroren. Dieses feuchte Gefühl an seinem Hintern und das leichte Wundsein kratzten unnachgiebig an seinem Stolz und erschwerten es ihm auch für eine gewisse Zeit Schlaf zu finden. Doch irgendwann gewann die Erschöpfung und so öffnete er erst wieder seine Augen, als er das geschäftige Treiben von draußen hörte.

Die rauen Rufe schienen keinen Widerspruch zu zulassen und als er sich nach seiner Morgenwäsche schließlich nach draußen wagte, erkannte er wie die Wikinger noch die letzten Reste des gestrigen Festes aufräumten und die Schätze zu verteilen begannen.

Im nächsten Moment kam sein Reiseführer auf ihn zu. An jeder Hand hatte er ein Pferd und eines davon war Acheron, der schon gesattelt und fertig bepackt war.

Der weiße Araberhengst wirkte neben dem anderen Pferd wie ein Pony. Das dunkle, gewaltige Schlachtross überragte fast den Hünen und stand ihm im breit sein auch in nichts nach. Herkules hatte das Gefühl, dass dieses Tier einfach über ihn drüber rennen würde, wenn er ein normaler Mensch wäre und wahrscheinlich würde es dies nicht einmal bemerken.

„Hast du gut geschlafen, Herkules, Sohn des Zeus?“ Der blonde Hüne überreichte ihm die Zügel. Der Kriegshelm wirkte mit seinen zwei Hörnern bedrohlich und auch die mit Ketten verstärkte Lederrüstung machte eher den Eindruck, dass sie in einen Krieg ziehen würden anstatt auf eine Suche zu gehen.

„Ja, es ging schon.“ Herkules wollte nicht zugeben, dass ihn die Bezahlung länger nachhing, als es vielleicht sollte. Auch jetzt verabscheute er sich noch dafür, dass er sich nicht mehr gegen den Wikinger gewehrt hatte.

Die orale Befriedigung der anderen war eine Sache. Dies hatte er irgendwie noch mit seinem Stolz aus­machen können, aber diese Art der Wiedergut­machung war ihm an sich nicht willkommen gewesen, doch er war Herkules, Sohn des Zeus, und er würde sich davon nicht brechen lassen. Er tat alles für sein Volk und dann würden ihn die Götter wieder annehmen müssen. So war es abgemacht. Thor war sein Ticket zurück in den Olymp.

„Dann können wir ja jetzt los gehen. Es ist ein weiter Weg nach Asgard.“ Damit wollte der Wikinger los­ziehen, doch Herkules stoppte ihn kurz.

„Tut mir Leid. Aber, ich kenne nicht einmal deinen Namen. Wie soll ich dich ansprechen? Schließlich scheinen wir eine geraume Weile zusammen zu sein.“ Herkules lächelte kurz verlegen. Normalerweise kannte er die Manieren, aber diese ganze Situation war nicht zu seinem Vorteil gewesen und so hoffte er auch, dass der Riese ihn dieses Verhalten nicht allzu übel nahm.

„Mein Name ist unwichtig. Aber wenn du willst, kannst du mich fürs Erste Donnar nennen.“ Bei dieser Antwort sah er nur kurz über seine Schulter zurück auf Herkules, bevor er dann weiter schritt. „Wenn dies also nun geklärt ist, lass uns aufbrechen. Dein Volk hat es eilig und daher dürfen wir keine Zeit verlieren.“

Herkules runzelte kurz irritiert die Augenbraue, doch nachdem Donnar nicht mehr stehen blieb, beeilte er sich, um zu ihm aufzuschließen und sich nicht abhängen zu lassen. Acheron fiel auch in einen kurzen Trab neben ihm und schließlich verließen sie gemeinsam das Dorf.

Die Wälder um sie herum blieben hoch, dicht und kühl. Für Herkules kamen kaum Unterschiede auf und so versuchte er krampfhaft seinen Reiseführer nicht aus den Augen zu verlieren.

Würde es nach ihm gehen, dann hätten sie den Weg über geschwiegen. Er hatte kein großes Interesse diese Barbaren, die den Stolz eines Mannes nicht akzep­tierten, auch nur im Ansatz besser kennen zu lernen, doch Donnar schien da anderer Meinung zu sein, denn als die Sonne ihren Zenit erreichte, brach dieser bei der ersten Rast, die sie einlegten, schließlich das Schweigen.

„Warum hat man dich geschickt? Oder ist Zeus ein niederer Gott? Aber so wie du es betonst und aussprichst, hört es sich eher nach einem sehr wichtigen Gott an.“ Donnar biss ein Stück des gedörrten Fleisches ab und Herkules spürte diesen Widerstand gegen diese Unterhaltung, doch er wollte auch nicht unhöflich sein und sich somit auf das Niveau der Barbaren herablassen.

„Ich habe den ein oder anderen Fehler begangen und diese würde man mir verzeihen, wenn ich Thor ins Land bringen kann.“ Viel mehr wollte Herkules nicht bekannt geben, doch die irritiert gehobene Augenbraue seines Gegenübers zeigte ihm, dass dies für ihn nicht genug war.

„Was hast du angestellt, Herkules, Sohn des Zeus?“ Ein Schauer ging durchs Herkules' Körper, als er die Nennung seines Namens hörte und ließ ihn trocken schlucken. Donnar hatte diese vier Worte so intensiv betont, dass in ihm eine angenehme Wärme erwachte, die er jedoch mit einem kurzen Räuspern wieder vertrieb.

„Ich wurde getäuscht und habe im Wahn meine Frau und meine Kinder getötet. Dies hat mich meine Göttlichkeit gekostet und man verstieß mich aus dem Olymp.“

„Olymp?“

„Ja, das ist unsere Heimat der Götter. Meine Mutter war nur ein Mensch, wodurch ich nur ein Halbgott bin. Gesegnet mit sehr großer Stärke und als ich mich würdig erwies ein Gott zu sein, hatte man mich eingelassen.“

„Für Täuschung und Wahnsinn kannst du aber nichts. Bist du Loki auf den Leim gegangen? Er kann auch die besten unserer Götter hinters Licht führen. Es ist keine Schande dem zu unterliegen.“

„Ich hätte aber nicht meine Familie töten sollen. Sie konnten nichts dafür und ich habe sie geliebt.“

„Daher bist du doch schon genug gestraft. Man muss dich nicht noch verbannen. Eure Götter sind gnadenlos.“

„Euer Volk auch. Daher bin ich schon auf eure Götter gespannt. Bei solchen Barbaren kann es ja nur schlimmer werden.“ Herkules fühlte sich angegriffen. Er war nicht gnadenlos und so schlimm waren die anderen auch nicht. Donnar wusste nicht, wovon er sprach.

Donnars Blick verfinsterte sich und er grunzte kurz zornig, bevor er energisch von seinem Fleisch abbiss und dieses dann mit einem Schluck aus seinem Trinkschlauch herunter spülte.

„Du reißt dein Maul weit auf. Zwar hast du dich tapfer gegen die Männer vorhin gewehrt, doch unsere Götter werden es dir nicht so leicht machen. Was hast du vor zu tun, wenn du Thor gefunden hast? Ihn einfach zu bitten? Hast du etwas, was du ihm für seine Hilfe anbieten kannst? Dein Hintern ist zwar sehr schön, aber ich zweifel daran, dass er diese Bezahlung annehmen wird.“

Man hörte deutlich, dass Donnars Stolz angekratzt war und der letzte Satz rein der Provokation diente, doch Herkules konnte diesen Angriff nicht widerstehen. Sofort war dort wieder das Gefühl und sein Hintern zuckte leicht unter der Erinnerung, wodurch sich seine Augen zu Schlitzen verengten.

„Das hatte ich auch nicht vor. Wir haben viele Schätze in unserem Land oder Frauen, die wir ihm anbieten können. Egal, was er für einen Wunsch haben sollte, wir würden ihm diesen erfüllen.“

Herkules blieb ruhig. Donnar war seine einzige Chance auf Thor und somit sollte er dessen Gunst nicht verlieren. Er durfte sich also nicht weiter von seiner Wut steuern lassen. Dieser Sex mit dem Wikinger war tragisch, aber er konnte daran jetzt nichts mehr ändern. Es war sein Deal und er hatte zugestimmt. Er war bereit alles für den Erfolg dieser Mission zu tun.

„Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Dann hoffen wir mal, dass Thor mit diesem Angebot einverstanden sein wird. Wenn du fertig mit den Essen bist, dann sollten wir weitergehen.“ Donnar schob sich den letzten Rest des Fleisches zwischen die Zähne und erhob sich schon wieder, um alles für die Weiterreise fertig zu machen.

Auch Herkules stopfte sich den Rest seiner Portion zwischen die Kiefer und trat dann an Acheron heran, um dessen Zügel zu greifen und die Reise fortzusetzen. Zum größten Teil noch schweigend, aber Donnar zeigte ihm nun hin und wieder Besonderheiten dieses Waldes und als Herkules wegen zwei Raben nervös wurde, beruhigte ihn Donnar, dass es nur die Tiere von Odin sein würden. Ein Zeichen, dass sie auf den richtigen Weg wären und Asgard wohl nicht mehr allzu fern.

 

Sie waren nun schon seit drei Tagen unterwegs, als plötzlich die Stimmung im Wald kippte. Das fröhliche Zwitschern der Vögel verstummte und selbst das Rascheln der Tiere im Laub verschwand. Eine bedrückende Stille erwachte und Donnar spannte sich neben Herkules an.

„Was ist los? Werden wir angegriffen?“ Acheron begann unruhig zu tänzeln und der Grieche strich seinem Hengst sanft über die bebenden Nüstern.

„Ich weiß es nicht. Etwas kommt. Etwas großes und wenn sich meine Ahnung bewahrheiten sollte, dann wird es ein unschöner Kampf.“ Donnar band sein Pferd an den nächsten Baum und Herkules tat es ihm gleich.

„Keine Angst, Acheron. Ich werde auf dich aufpassen.“ Herkules sah die Angst in den Augen des Tieres und hoffte, dass er sein Versprechen halten konnte, doch bevor er noch ein wenig mehr auf seinen treuen Begleiter eingehen konnte, drang das Brechen von Holz zu ihnen durch und im nächsten Moment schnellte ein riesiger, schwarzer Wolf auf sie zu.

Er schnappte nach Donnar und versuchte ihn in seinem gewaltigen Kiefer zu zerbrechen. Reflexartig griff Herkules nach dem Schwanz, als das Tier an ihm vorbeieilen wollte und stoppte es mit einem gewaltigen Ruck in seinem Lauf.

Es jaulte auf, als Donnar ihm einen gewaltigen Hieb zwischen die Augen verpasste und ließ von ihm ab. Sofort sprang Herkules auf den behaarten Rücken und schlug mit einer geballten Doppelfaust genau zwischen die Schulterblätter hinein.

Das Tier jaulte auf und versuchte den Schwarzhaarigen von seinem Rücken zu reißen, doch er erreichte ihn nicht mit den geifernden Kiefer, wo­durch der Wolf begann wild hin und her zu springen, um den kleinen Menschen abzuschütteln.

Erneut ein Jaulen, als Donnar ihm einen heftigen Hieb in die Niere verpasste. Durch diesen Ruck verlor Herkules den Halt und stürzte zu Boden. Sofort waren dort die zornigen Augen des Tieres und die gewaltigen Zähne, die sich nach ihm ausstreckten.

Im nächsten Moment wurde er aber schon von ihm fortgerissen und Donnar schleuderte das Tier an den nächsten Baum. „Fenrir! Was soll dieser Angriff? Wir haben dir nichts getan!“

Der Wolf kämpfte sich zitternd in die Höhe und auch Herkules stand wieder auf, um neben Donnar zu treten und das Tier ebenfalls fragend anzusehen. „Du kennst diesen Wolf? Ist er etwas Besonderes oder sind alle Wölfe so riesig?“

„Fenrir ist der Sohn von Loki und Loki ist ein alter Trickser.“ Donnar spannte sich an, als das Tier erneut zu knurren begann. „Du kannst sprechen, Fenrir! Also, erkläre dich!“

„Dieser Halbgott soll verschwinden. Er hat in diesem Land nichts zu suchen. Sein Auftauchen steht unter einem schlechten Stern. Odin will nicht, dass er zu Thor gelangt.“

„Und deswegen attackierst du mich, wenn er dein Ziel ist?“ Wut und Angriffslust verzerrten das Gesicht von Donnar zu einer angsteinflößenden Maske.

„Du bringst ihn zu Thor. Ohne dich, würde er umkehren und wir würden keinen Streit mit seinen Göttern bekommen, weil wir ihn getötet haben.“

„Das sind nicht die Worte von Odin! Du sprichst für Loki!“ Mit einem Kampfschrei rannte er erneut auf Fenrir zu und verpasste ihn einen gewaltigen Hieb auf den Kiefer. Der Wolf jaulte auf und strich sich gepeinigt mit der Pfote über die Schnauze, bevor er dann Herkules fixierte.

„Verschwinde, Grieche, oder du wirst sterben!“ Dieses Mal wollte Fenrir auf Herkules zustürmen, doch der Hieb von Donnar stoppte ihn und erneut schüttelte sich der Wolf benommen, doch er warf sich nochmal auf den Kleineren.

Herkules fing seine Kiefer mit seinen bloßen Händen ab und sah den Wolf unbeeindruckt direkt ins Gesicht. „Ich bin kein normaler Mensch. Ich bin Herkules, Sohn des Zeus. Ein Halbgott, der mit unbegrenzter Stärke gesegnet ist. Du wirst mich niemals besiegen.“

Seine Muskeln spannten sich an, als er die Kiefer immer weiter auseinanderriss. Das Knacken der Knochen ging in den schmerz­erfüllten Jaulen des Tieres unter. Nur kurz sah er zu Donnar, doch dieser schien erst gar nicht zu reagieren. Erst als Blut aus dem Maul zu fließen begann, erhob er seine Stimme. „Stopp! Fenrir ist nur ein Bote für unseren Gott Loki. Lass es gut sein. Er wird seine Lektion gelernt haben.“

Warum soll ich ihn leben lassen? Er hat uns angegriffen! Er will unseren Tod! Er hat es nicht verdient diese Begegnung zu überleben! Ich sollte ihn töten, bevor er uns zuvorkommt.

„Lass es gut sein, Herkules, Sohn des Zeus. Fenrir hat seine Lektion gelernt. Er wird uns nicht mehr angreifen. So ein Narr ist er nicht.“ Mit einem wütenden Schnauben gab Herkules schließlich der Bitte von Donnar nach und ließ dann den Kiefer von Fenrir los.

Dieser rannte sofort mit einem gepeinigten Jaulen hinfort durch den Wald und erst jetzt erlaubte es sich der Schwarzhaarige tief durchzuatmen. Das war ein seltsamer Kampf und vor allem schien ihm Donnar in keinster Weise unterlegen zu sein.

„Sind alle Menschen von euch so stark?“ Herkules ging zu Acheron, um ihn von dem Baum loszubinden.

„Nein, ich bin eine Ausnahme.“ Kurz sah er zu Donnar, der keinen Kratzer abbekommen zu haben schien, obwohl ihn der gewaltige Kiefer hätte entzweien müssen.

„Deine Rüstung ist auch sehr stabil.“ Er versuchte eine andere Richtung, doch auch jetzt blockte Donnar ab. „Das bin eher ich. Ich bin kein normaler Mensch, Herkules. So wie du.“

„Wer oder was bist du dann?!“ Herkules sah ihn zornig an. Er wollte endlich wissen mit wem er da genau reiste. Natürlich war ihm die gewaltige Gestalt von Donnar schon im Dorf aufgefallen, doch er konnte auch einfach nur groß gewachsen sein. Doch dieser Kampf gerade eben hatte schon etwas übernatürliches an sich, wenn nicht sogar göttliches.

„Du wirst es erkennen, wenn die Zeit dafür reif ist. Aber jetzt sollten wir weitergehen. Wir haben noch einen langen Weg nach Asgard vor uns. Scheinbar machst du die Götter nervös, Herkules. Wir sollten uns also beeilen, bevor sie uns noch mehr Gegner in den Weg stellen.“ Donnar hatte sein Pferd ebenfalls wieder an sich genommen und wollte weitergehen, doch Herkules stoppte ihn.

„Nein, ich will erst wissen, wer du bist!“ Er stampfte nachdrücklich mit dem Fuß auf, was Donnar verwundert eine Augenbraue heben ließ.

„Was soll dieses Verhalten? Du willst Thor finden. Ich werde jetzt zu Thor gehen. Es liegt an dir, ob du jetzt zurückbleibst und schmollst oder mir weiter folgst. Aber Antworten werde ich dir erst geben, wenn ich der Meinung bin, dass du sie verdient hast.“ Er wandte sich dem Weg, den sie ursprünglich gegangen waren, wieder zu und setzte ihn fort.

Herkules spürte den Frust in seinen Inneren. Er wollte endlich wissen, mit wem er es zu tun hatte. Scheinbar schien Donnar wenn nicht ein Gott dann zumindest ein Halbgott zu sein. Warum konnte er Herkules nicht einfach die Wahrheit sagen?

Schließlich drohte Donnar zwischen den Bäumen zu verschwinden und Herkules setzte mit einem Seufzer zur Verfolgung an. Er musste Thor finden. Da konnte es an sich egal sein, wer Donnar wirklich war. Hauptsache er führte ihn zu dem Donnergott. Alles andere sollte für Herkules keine Rolle spielen. So redete er es sich immer ein, doch die Neugier blieb, aber die harten Züge machten jede Wahrheitsfindung unmöglich und so ließ es Herkules nach einer Weile einfach bleiben.

Diese Antwort würde schon noch irgendwann kommen und wenn nicht, dann wäre es auch egal. Sobald Herkules Thor gefunden hatte, würden sich ihre Wege für immer trennen. Also war es an sich egal, wer oder was sein Führer war. Wichtig war nur, dass er ihn zu Thor brachte und das schien er zu tun. Zumindest hoffte Herkules dies. Er wollte seinen Körper nicht umsonst verkauft haben. Nicht umsonst...

 

Schließlich lichtete sich der Wald vor ihnen und sie traten auf eine leichte Erhöhung, die von einem Regenbogen gesäumt wurde, was Herkules irritiert eine Augenbraue heben ließ.

Wo sind wir hier? Ist am Ende des Regenbogen nicht normalerweise ein Topf voller Gold? Wo ist der Kobold, der es beschützt?

„Herkules, das ist die Asenbrücke. Sie wird uns nach Asgard bringen. Der Heimat unserer Götter und dort wirst du auf Thor treffen können, um ihn deine Bitte mitzuteilen.“ Donnar deutete auf den Regenbogen und ging dann weiter darauf zu.

„Unsere Pferde müssen hier bleiben. Binde das Tier an, wenn du ihm nicht traust oder Heimdall wird darauf aufpassen.“ Kaum hatte er diese Worte ausge­sprochen, erhob sich eine Gestalt neben der Brücke und trat auf sie zu.

Sie war genauso groß wie Donnar und trug ebenfalls diesen gehörnten Helm, doch an ihrem Gürtel war ein gewaltiges Horn befestigt und in seiner Hand hielt sie einen Dreizack, was Herkules skeptisch werden ließ.

War dies eine Falle? Sollte nicht nur Fenrir gegen mich sein? Würde mir Donnar auch jetzt im Kampf beistehen? Meine Waffe habe ich im Dorf vergessen. Sie schien mir nicht wichtig, doch jetzt...

Herkules spannte sich an und machte sich bereit zum Kampf, doch Donnar neben ihm blieb gelassen und trat auf den anderen Hünen zu.

„Wir wollen zu Thor. Öffne bitte die Brücke, Heimdall.“ Seine Stimme schien keine Widerrede zu dulden, doch der andere schien sich nicht zu rühren, sondern griff seine Waffe fester.

„Wer ist wir? Was macht dieser Mensch bei dir? Er darf nicht ins Reich der Götter. Kein Mensch würde diesen Weg überleben.“ Heimdall trat vor den Regen­bogen und blockierte ihnen den Weg, wodurch sich Herkules sofort anspannte.

„Meine Begleitung ist Herkules. Ein Halbgott aus Griechenland, der Hilfe von Thor erbeten will. Also, lass uns durch, Heimdall. Mach es nicht unnötig schwer.“ Donnar schien noch ruhig und Heimdall griff schließlich nach dem Horn an seiner Seite, um hinein zu blasen.

Mit dem Tönen des Hornes begann sich die Brücke zu verfestigen und Donnar nickte ihm zu, bevor er dann schon auf die Brücke trat. Herkules wollte ihm gerade folgen, als er schon von dem Dreizack des Wächters gestoppt wurde.

„Beweise deine Göttlichkeit. Du siehst aus wie ein Mensch.“ Der Dreizack machte eine kleine Kurve und raste auf Herkules zu, der im letzten Moment auswich, doch die Waffe stoppte nicht, sondern lechzte erneut nach seinem Leben.

Mit einem beherzten Griff stoppte er sie am Weiterkommen. Die Macht, auf die er traf, trieb ihn an seine Grenzen. Sie war durchaus vergleichbar mit der von seinem Vater und anderen göttlichen Verwandten und es fiel ihm sichtlich schwer sich dagegen zu wehren.

Blut lief über seine Hände, als er die Zacken weiter versuchte von seinem Brustkorb fernzuhalten. „Gar nicht schlecht für einen Menschen. Aber ein Gott würde jetzt nicht bluten.“

„Hör auf, Heimdall! Er ist mein Gast!“ Die Stimme von Donnar klang wie Donnerknallen, als er schon seine Hand in den Himmel streckte und im nächsten Moment einen Hammer darin festhielt.

„Ich bin Thor! Odins Sohn! Lass von ihm ab oder es wird dir schlecht ergehen!“ Die Ausstrahlung von Donnar hatte sich plötzlich verändert. Er wirkte unglaublich mächtig und Herkules spürte, wie er unruhig wurde, bevor es ihm wie Schuppen von den Augen fiel.

Er ist Thor! Ich hatte Thor immer an meiner Seite?! Wir hätten schon längst in Griechenland sein können! Was sollte dieses Versteckspiel?!

Zorn verlieh ihm Kraft und bevor Heimdall auf die Aufforderung von Thor reagieren konnte, schleuderte Herkules ihn von sich und eilte auf den Donnergott zu. Es war ihm egal, dass er ihm gerade einmal bis zum Bauch ging. Er funkelte ihn trotzdem zornig an.

„Du bist Thor?! Warum hast du das nicht gesagt?!“ Doch der Hüne wandte sich nur zur Brücke um. „Ich erklär es dir später. Komm jetzt. Lass uns nach Asgard gehen. Da können wir in Ruhe sprechen.“

Herkules spürte erneut diesen Frust in sich und er wollte aufstampfen, doch der Fakt, dass sich Heimdall schon wieder in die Höhe arbeitete, ließ ihn nur seufzen und schließlich Thor folgen. Dieser gewaltige Hammer in der Hand des anderen, ließ Herkules frösteln. Alleine sein Kopf war so groß wie der Torso des Griechen und er war sich nicht einmal sicher, ob er dieser Waffe etwas entgegen zu setzen hatte.

Warum hat er den Hammer nicht schon beim Kampf von Fenrir verwendet und wo hatte er diese gigantische Waffe versteckt? Sie ist wie aus dem Nichts erschienen. Was für ein Magier ist dieser Thor nur?

Die Brücke führte sie hinaus aus der Welt der Menschen. Weit nach oben. So weit, dass Herkules kurz das Gefühl hatte, dass sie die Welt, wie er sie kannte, verließen und alles in ihm schrie nach Antworten, doch er schwieg und folgte nur diesem großen Kerl. In der Hoffnung, dass er ihn als Helfer gewinnen könnte...

 

Herkules saß Thor gegenüber an einem schlichten, runden Tisch und hatte vor sich einen Becher mit Met stehen. Zumindest hatte Thor dieses Getränk so genannt. Es war süßlich und schmeckte nach Honig. Der Alkohol schien sofort in seinen Kopf zu steigen und sein Denken unsicher und schummrig zu machen.

„Warum sitzen wir jetzt hier? Wir sollten schon längst auf den Weg nach Griechenland sein! Mein Volk braucht deine Hilfe! Und zwar sofort!“ Herkules schlug zornig auf den Tisch, doch Thor blieb ruhig und hob nur kurz eine Augenbraue, bevor er dann seinen Becher leerte, der sofort wieder aufgefüllt wurde.

„Ich musste mich erst einmal davon überzeugen, dass du der bist, der du vorgibst zu sein.“ Der Hammer stand neben Thors Sitz und Herkules griff schließlich nach ihm. Er legte all seine Kraft in seine Arme, um die gewaltige Waffe hochzuheben, doch sie rührte sich nicht, sondern wirkte wie festgeklebt.

„Lass es gut sein, Herk. Mjölnir kann nur von denjenigen angehoben werden, den er für würdig hält. Aber ja, wir könnten jetzt schon in deiner Heimat sein, aber ich musste erst Gewissheit erlangen.“

Ich bin Herkules. Niemand ist stärker als ich. Ich muss diesen Hammer heben können! Es gibt keine andere Möglichkeit. An meine Kraft kommt niemand ran! Niemand ist stärker als ich! Niemand!

Schließlich griff Thor nach dem Hammer und stellte ihn mit Leichtigkeit auf der anderen Seite, fern von Herkules, wieder ab, um ihn dann eindringlich anzusehen. „Du solltest mir schon zuhören, wenn du eine Antwort willst. Los, trink noch was.“

Er schob ihn den Becher wieder näher und Herkules griff nach dem Gefäß, um es dann in einem Zug zu leeren. Er wollte nicht wie ein Schwächling wirken, wobei er die Auswirkung des Alkohols immer deutlicher spürte. Seine Zunge wurde schwerer und seine Gedanken fahriger. Sie entglitten ihn immer öfters, während sich eine angenehme Wärme in seinem Körper ausbreitete.

„Ich will keine Erklärung, sondern nur mein Land retten. Entweder du kommst mit mir oder ich werde ohne dich wieder gehen. In Schmach und Schande.“

„Ich dachte, dass du vorher erst einmal alles versuchen wirst, um mich zum Mitkommen zu überzeugen. Schließlich schien es dir um sehr viel zu gehen.“ Ruhig legte er eine Hand auf den Oberschenkel von Herkules, wodurch dieser Thor irritiert ansah. Ein Schauer glitt durch seinen Körper und er schob die Hand weg.

„Warum führst du mich hierher? Du wusstest, dass ich keine Zeit habe. Wenn du keine Lust hast mitzukommen, dann hättest du mir das auch in dem Dorf sagen können. Stattdessen...“ Herkules schwieg bei der Erinnerung an die Erniedrigung und biss sich kurz auf die Lippe, bevor er dann leicht knurrte.

„Ich musste mir erst einmal deiner Absichten sicher sein.“ Thor leerte erneut seinen Becher und schob auch Herkules wieder seinen näher hin, was den Griechen kurz stutzig machte.

Welches Ziel verfolgt der Gott vor mir? Ist das irgendein Zaubertrunk oder was geht hier vor? Er ist schwerer als der Wein bei uns, aber ich will auch nicht als Schwächling dastehen. Also, runter damit. Wenigstens schmeckt es gut.

Erneut trank er den Becher in einem Zug leer und spürte, wie sein Körper langsam leichter wurde. „Was sollen das für Absichten sein? Ich bin ein Halbgott aus Griechenland. Was soll ich schon von dir wollen außer Hilfe? Niemals würde ich mit Kriegsabsichten den ganzen Weg alleine hierher kommen!“

„Das mag sein. Aber wir Götter hier können von Menschen getötet werden und Loki ist ein Hund, der nur zu gerne meinen Tod wahr gemacht sehen würde. Ich kann also nicht jedem Menschen sofort glauben. Er könnte von Loki geschickt sein.“ Erneut nippte Thor an seinem Getränk und Herkules spürte, dass sein Körper ihn zur Pause riet, wenn er noch Kontrolle über ihn haben wollte, doch er ignorierte es und trank erneut von dem süßen Met.

„Und du hast geglaubt, dass ich einer von Lokis Schergen bin?!“ Herkules Griff um den Becher wurde fester und er sah seinen Gegenüber finster an.

„Ja, das hätte durchaus möglich sein können. Loki hat überall seine Finger im Spiel. Er hat uns schon oft getäuscht und spielt gerne unfair und falsch. Ein griechischer Halbgott ist ihm durchaus zu zutrauen.“

Herkules spürte, wie ihm die Galle hochkam, als er schon mit einem Ruck aufstand und dann davon eilte. Diese ungeheuerliche Unterstellung musste er sich wirklich nicht geben. Er würde sobald wie möglich zurückkehren. Ob mit oder ohne Thor. Diese Welt kotzte ihn immer mehr an.

Sie war kalt und überall schien es nur Verrat zu geben. Kurz kam ihm Hades in den Sinn, der auch gerne gegen alle anderen arbeitete, ob Loki das Ebenbild von ihm war? Dann könnte er Thors Zweifel durchaus verstehen, doch er fühlte sich verraten. Er wurde durch tiefe Wälder getrieben und von einem riesigen Wolf angefallen.

All das hätte man doch schon im Dorf klären können und sie wären jetzt auf dem Weg zurück nach Griechenland, doch jetzt wirkte seine Heimat so fern, dass ihn die Sehnsucht danach packte und langsam die Wut verschlang, um sie mit einer unendlichen Leere zu ersetzten.

Herkules schluckte trocken, als er schließlich vor die Tür trat und sein Blick in Richtung der Brücke schweifen ließ. Diese Welt sah dem Olymp irgendwie ähnlich und doch war sie gänzlich anders. Die Wälder und Kälte, die auch auf Erden zu regieren schienen, waren auch hier an der Macht und ließen die Umgebung hart und brutal wirken.

Ich muss nach Hause gehen. Meine Leute warten auf mich und desto früher ich ihnen von meinem Scheitern berichte, umso schneller können sie nach einer Alternative suchen. Die Götter hier sind wie das Land selbst. Hart und brutal. Nicht fähig das Leben zu schätzen oder es gar mit aller Kraft irgendwie zu ermöglichen.

„Herkules?“ Thors Stimme durchschnitt Herkules' Gedanken und er unterdrückte den Impuls sich umzudrehen. Er sah den großen Hünen nicht einmal an, als dieser neben ihm zu stehen kam, sondern starrte weiter auf die Brücke, die ihn wieder nach Hause bringen würde.

„Ich weiß nicht, wie die Sitten bei euch sind, doch bei uns ist es so, dass sich die Götter untereinander nicht töten können. Nur ein Mensch hat die Macht dazu und daher...“ Thor seufzte und schüttelte dann den Kopf. „Vielleicht hätte ich mit offenen Karten spielen sollen und wahrscheinlich hättest du – wärst du wirklich von Loki geschickt worden – mich sofort erkannt. Daher war mein Misstrauen vielleicht ein wenig übertrieben. Aber...“

Erneut seufzte Thor und Herkules sah ihn aus dem Augenwinkel an, während er nur schwieg und darauf wartete, dass der Blonde sich erklärte.

Plötzlich war dort die gewaltige Hand von Thor auf seiner Schulter. Sie fühlte sich unglaublich schwer an und als sie leicht zudrückte, erwachte kurz die Angst, dass er ihm die Knochen brechen würde, doch es geschah nicht. Es fühlte sich gut und erdrückend zugleich an. Ein seltsames Gefühl, dass Herkules so nicht kannte.

„Wie würdest du dich verhalten, wenn die Möglichkeit bestehen würde, dass man dich töten könnte?“ Thor schien es aus einer anderen Richtung zu versuchen, wodurch sich Herkules zu ihm umdrehte und irritiert eine Augenbraue hob.

„Mich hätte auch dieser Wolf im Wald töten können. Durch den Mord an meiner Familie habe ich meine Göttlichkeit und somit meine Unsterblichkeit verloren. Ich versuche sie so zurück zu bekommen. Aber diese Reise war umsonst.“ Herkules drehte sich wieder um und wollte gerade auf die Brücke zugehen, als ihn Thor mit einem Griff ums Handgelenk stoppte.

„Warte, Herkules.“ Er wollte sich losreißen, doch die Kraft von Thor stoppte ihn, was ihn bedrohlich knurren ließ. Aber anstatt wegzukommen, zog ihn der Donnergott näher zu sich und plötzlich lag die zweite Hand auf seinem Hintern. Ein Kribbeln ging durch seinen Körper, als er sich an die Lust erinnerte, doch sein Stolz schlug dieses gute Gefühl sofort wieder nieder.

„Ich wollte dich nicht wütend machen. Warum ich dich hierher gebracht habe, war um einerseits deine Göttlichkeit zu testen, aber auch um dich ein bisschen besser kennen zu lernen. Dein Auftritt in dem kleinen Dorf hatte mir sehr imponiert und an sich habe ich mir gewünscht, dass du dich auch bei mir entschuldigen musst.“

Bevor Herkules die Tragweite dieser Worte verstand, wurde er von Thor hochgehoben und geküsst. Diese Lippen fühlten sich im ersten Moment anders an, als die seiner verstorbenen Frau, doch dann war es irgendwie gleich.

Nur die Bewegungen, als sich die große Zunge in seinem Mund verirrte, waren anders und zeigten ihm, dass es ein anderer Mensch war, den er da gerade küsste. Der Griff um seine Pobacken wurde verlangender und erneut war dort dieses aufregende Kribbeln, dass sich durch seinen Körper schlängelte und den Weg in seine Lenden suchte.

Nur am Rande nahm er wahr, dass sich Thor mit ihm bewegte und als sie sich nach Luft schnappend von einander trennten, wurde er von Thor in ein großes Bett gelegt.

Was? Wie bin ich hierher gekommen? So lange haben wir uns doch gar nicht geküsst.

Doch bevor Herkules weiter über diesen Umstand nachdenken konnte, war dort wieder die große Hand von Thor, die verlangend über seine Seite strich. Die Lippen küssten sich über seinen Hals bis zu seinem Schlüsselbein und noch bevor Herkules reagieren konnte, wurde sein Oberkörper entblößt.

„Was-?“ Herkules wollte noch mehr sagen, doch Thor legte ihn nur sanft einen Finger auf die Lippen und sah ihm tief in die Augen, sodass ein Schauer über seinen Rücken glitt.

„Du hast mich schon vom ersten Moment an verzaubert. So ein starker Mensch war mir noch nie begegnet. Zumindest nicht von deiner Statur. Ich...“ Thor schwieg und küsste Herkules erneut, was das Kribbeln in seinem Körper erneut erwachen ließ und sogar ein kurzes Stöhnen aus seinem Mund entlockte.

Die Hände strichen weiter über seinen Körper und schienen jede noch so empfindliche Stelle zu finden und genau richtig zu stimulieren, wodurch Herkules' Kopf immer freier wurde, während ein Stöhnen nach dem anderen über seine Lippen glitt.

Die Lippen folgten den Fingern willig und hinterließen eine feuchte Spur, die sich mit der kalten Luft zu einem elektrisierenden Gefühl verband. Der Alkohol ließ Herkules' Zunge immer freier werden und er ließ sich nur fallen. In dieses schöne Gefühl und erneut stöhnte er kehlig, als sich eine feuchte Wärme um sein Glied legte und schon die begierige Zunge über sein heißes Fleisch hermachte.

Herkules krallte sich in das Laken unter sich, als sich das Kribbeln in eine unglaubliche Hitze verwandelte, die den Druck in seinem Körper in seinen Lenden sammelte und stetig erhöhte. Erneut ein kehliger Laut und unbewusst fing er an sich gegen diese Lippen zu bewegen, um der ersehnten Erlösung schneller näher zu kommen.

Thor drückte das Becken des Griechen zurück ins Laken und erzeugte dadurch das Gegenteil. Diese kleine Gefangenschaft ließ ihn nur kehliger aufstöhnen als sein Körper von einer völlig anderen Erregung durchflutet wurde.

Seine Hände krallten sich in das blonde Haar des Donnergottes, als er spürte, dass der Höhepunkt nicht mehr fern war und drückte ihn instinktiv tiefer in seinen Schoß. Zumindest hätte er das gerne getan, doch die Kraft des anderen war seiner ebenbürtig und somit bewegte sich der Kopf nicht weiter als er sonst getan hatte.

Noch einmal umspielte die Zunge sein Glied, bevor sich der Hüne von ihm trennte und ihn aus Lust verschleierten Augen ansah. Erneut waren dort die Hände auf seinem Hintern und er spürte, wie sich sein Stolz erneut meldete und dadurch die Lust in seinem Körper wieder ein wenig nachließ.

Dadurch geschah etwas für Herkules merkwürdiges. Thor stoppte in seinen Berührung und ließ seine Hände das wieder leicht erschlaffte Glied des Griechen massieren, sofort war dort die Lust und das Stöhnen wieder. Noch einmal strich die Zunge über seine gesamte Länge und umspielte kurz die Spitze des Gliedes, bevor Thor sich über Herkules beugte.

Er sah ihm tief in die Augen und erneut war dort dieser angenehme Schauer, der ihn fast atemlos machte. Man hielt sein Glied fest und im nächsten Moment ließ sich Thor auf Herkules' Schoß nieder.

Diese warme, feuchte Enge entlockte ihm ein erneutes Stöhnen und instinktiv stieß er einmal kräftig zu, was nun auch das erste Geräusch von Thor forderte, doch dann wurde er erneut auf dem Laken fixiert, sodass er nicht mehr zustoßen konnte.

Dort war wieder dieses kribbelnde Gefühl, was noch den letzten Zweifel aus seinen Gedanken riss und als wäre dies das Stichwort begann sich Thor zu bewegen. Erst langsam, zu langsam für Herkules, doch desto lauter sein Stöhnen wurde, umso schneller wurden die Bewegungen.

Ihre Laute der Lust vermischten sich in der Stille des Raumes und begleiteten das Klatschen ihrer verschwitzten Körper. Herkules versuchte Thor mit dem Griff um die Hüfte leicht zu dirigieren, doch Thor fixierte auch dieses Mal wieder Herkules und ließ sich nicht beeinflussen.

Stürmisch begann er den Griechen erneut zu küssen, während er sich immer tiefer in den Schoß drückte, um so noch mehr zu spüren. Immer wieder versuchte Herkules ebenfalls zu zustoßen, doch Thor ließ es kaum geschehen.

Das Glied des Donnergottes hüpfte vor ihm auf und ab. Schien nach Aufmerksamkeit zu lechzen, wodurch Herkules schließlich begann es im Takt ihrer Stöße zu massieren.

Thor stöhnte kehlig auf, als er die Berührung spürte und seine Bewegungen wurden stürmischer, bevor er sich dann nach drei tieferen Stößen plötzlich von Herkules herunter bewegte. Nur um sich dann neben ihn mit erhobenen Hintern in die Kissen fallen zu lassen.

Ihre Blicke trafen sich und Herkules verstand wortlos, wodurch er sofort in die Höhe kam und sich hinter Thor positionierte, um dann mit einem einzigen Ruck in den bebenden Körper einzudringen. Er stieß nur zweimal langsam zu, bevor er sein Tempo rasant erhöhte und sich gänzlich in seine Lust fallen ließ.

Jeder Stoß diente in erster Linie der Erhöhung des Drucks in seinem Körper, während sich der Körper unter ihm zu winden begann. Dort war der nasse Schweiß, der jeden Griff erschwerte und das kehlige Keuchen von Thor, das mit jedem Stoß lauter wurde, während er sich immer mehr ins Laken sinken ließ und nur noch seine Beine irgendwas hielten.

Herkules spürte, wie ihm dieser Anblick gefiel. Das verschwitzte, blonde Haar breitete sich über die Schultern aus und die vor Lust geschlossenen Augen.

Das lustvolle Zucken des Hinterns um sein Glied, das mit jedem Stoß fester wurde und ihn somit unbarmherzig weiter auf seinen Höhepunkt zutrieb, während er weiter stöhnte und sogar damit begann die Hüfte des anderen sich selbst entgegen zu ziehen, um noch besser zustoßen zu können.

Herkules vergaß durch die Lust und die Ekstase gänzlich die Zeit, als sich der Druck mit einer gewaltigen Glückswelle schließlich entlud und er noch dreimal tief und innig zustieß, als er seinen Samen schon in Thor ergoss.

Die Beine des Donnergottes bebten, als sich Herkules schließlich zurückzog und schwer atmend ins Laken fallen ließ. Thor selbst ließ sich zur Seite fallen und atmete ebenfalls schwer.

Ruhig sah Herkules auf den breiten Rücken neben sich und als sein Blick nach unten wanderte, erkannte er, wie das Sperma in einer dünnen weißen Bahn herauslief, was ihn auf unbekannte Weise gefiel und ein erneutes Kribbeln in ihm auslöste.

Er folgte einem Impuls, als er sich zu dem Größeren rollte und ihm einen Kuss auf das Schulterblatt hauchte, wodurch sich dieser zu ihm umdrehte, um dann einfach seinen Arm um den Kleineren zu legen und sie mit der gewaltigen Decke zu zudecken.

Noch bevor Herkules begriff, was da gerade geschah, hörte er das leise Schnarchen von Thor und spürte seine eigene Müdigkeit, die ihn nur wenige Augenblicke später ebenfalls erbarmungslos in den Schlaf zerrte. So wie er war. Nah bei Thor und noch der Geruch von Sex in der Luft. Die Wärme des anderen hüllte ihn ein und führte ihn sicher in diese erholsame Dunkelheit, die ihn mehr Zeit kosten sollte, als er eigentlich wollte...

 

Es war die Kälte, die Herkules erwachen ließ. Der Grund dafür war die leere Bettseite neben ihm und auch als er sich noch schlaftrunken erhob, erblickte er Thor nicht.

Träge strich er sich durchs Gesicht und gähnte einmal kräftig, als er sich dann schon streckte und schließlich aus dem Bett stieg,um sich seine Kleidung anzuziehen und nach einer Waschgelegenheit zu suchen.

Die Hallen waren riesig und Herkules kam sich unglaublich klein vor, als sich seine Schritte in ihrem eigenen Echo verloren, während er schließlich nach der vierten Tür ein großes Badezimmer fand, wo er sich waschen konnte und somit auch die letzten Spuren des Geschlechtsaktes von sich waschen konnte, um sich dann auf die Suche nach Thor zu machen.

Ich glaube, dass er sich die letzte Nacht definitiv anders vorgestellt hatte. Ob er mir deswegen beleidigt ist. Ich hoffe, dass er jetzt endlich mit mir nach Griechenland kommt, um meinen Volk zu helfen.

Er wurde in dem Saal, in dem sie sich in der Nacht davor betrunken hatten, schließlich fündig. Thor saß gebeugt an dem Tisch und neben ihm stand wieder provokativ dieser Hammer, den Herkules nicht heben konnte. Das Erste, was seiner Kraft widerstand.

„Morgen, Thor.“ Herkules wusste nicht, wie er auf den Donnergott zugehen sollte, wodurch er ihn kurz unsicher anlächelte. „Ich hoffe, dass du gut geschlafen hast.“

Thor brummte nur kurz und starrte weiter auf den Tisch vor sich, was das ungute Gefühl in Herkules weiter ansteigen ließ und er trocken schluckte, bevor er sich dann auf seinem gestrigen Stuhl niederließ und den Größeren ruhig ansah.

„Ich werde wohl nur kurz etwas essen und mich dann auf den Weg zurück in meine Heimat machen. Wirst du mich begleiten, Thor?“ Ein bedrohliches Zucken breitete sich im Gesicht von Thor aus und die ineinander gefalteten Hände begannen sich zu verkrampfen, als ein leises Knirschen zu hören war.

„Ich werde gehen. Ob mit dir oder ohne dich.“ Schließlich stellte man vor Herkules etwas zu essen ab. Es war Fleisch, Brot und Käse mit einem Becher voll Met. Scheinbar schien dies die normale Ernährung von den Einheimischen zu sein, doch Herkules spürte, wie ihm die süßen Früchte langsam fehlten, dennoch griff er beherzt zu.

„Ist dies alles, was dich interessiert?“, durchbrach Thor schließlich das Schweigen, wodurch ihn Herkules irritiert ansah. „Du weißt, dass ich hier bin wegen meinem Volk. Daher ja! Es ist alles, was mich interessiert.“

„Bedeutete dir die letzte Nacht nichts?!“ Thor sah ihn immer noch nicht an und erneut verkrampften sich seine Hände stärker, was Herkules irritiert eine Augenbraue heben ließ.

„Sie war schön. Aber sonst auch nichts. Was willst du von mir hören? Dass ich dich liebe? Ich... ich will nur mein Volk retten.“ Herkules spürte erneut diese Verzweiflung, die ihm auch nach dem Sex mit dem Wikinger befallen hatte, doch er schluckte sie mit einem großzügigen Stück Brot herunter und versuchte Ruhe zu bewahren.

Gestern war anders. Er war der Erastes, was def­initiv eher zu ihm passte und somit war es für ihn okay und wenn er an das Verhalten von Thor dachte, dann schien er auch seinen Spaß an dieser Geschichte ge­habt zu haben. Deswegen verstand er gerade nicht, was sein Problem war.

„Warum hast du dich dann gestern darauf eingelassen? Willst du mich täuschen? Hast du dich auf mich eingelassen damit ich dir folge? Bist du doch von Loki gesandt?“

„Schon wieder dieser Loki! Ich kenne ihn nicht und du warst es doch, der damit angefangen hat. Du hast mich geküsst und in dein Bett gezerrt. Ich habe nur getan, was du von mir wolltest! Und ja, ich hatte gehofft, dass du mir dann eher hilfst!“ Herkules biss erneut kräftig ab, um seine Gefühle ein wenig zu zügeln, dabei ignorierte er den stechenden Blick von Thor.

„Warum willst du so dringend, dass ich dich be­gleite?“ Erneut war dort diese Skepsis in Thors Worten, die in Herkules die Galle hochtrieb und ihn hart schlucken ließ, als er sich nun gänzlich den Donnergott zuwandte.

„Weil du der verdammte Donnergott bist! Du ge­bietest über den Donner und Regen! Niemand in unserem Land hat diese Macht, aber Regen ist gerade das, was wir am dringendsten brauchen! Wie oft soll ich dir das noch sagen? Was soll ich tun, damit du mir endlich glaubst?!“ Zornig schlug Herkules auf den Tisch. Der Knall hallte in dem großen Raum nach, doch Thor zuckte nicht einmal.

„Beglücke mich mit deinem Mund. Wie du es bei den Wikingern in dem Dorf getan hast.“ Thor sprach dies so trocken aus, dass Herkules glaubte, dass er sich diese Worte nur eingebildet hatte, doch der direkte Blick von Thor machte ihm klar, dass dies nicht der Fall war.

Erneut musste er schlucke und biss dann noch einmal von dem Brot ab, bevor er schwer seufzte und schließlich nickte. Für mein Volk. Ich tue dies für mein Volk. Damit es überlebt und ich wieder ein Gott sein kann...

 

In dem Zimmer hing immer noch der leichte Duft des Sex', als Thor schon auf dem Bett Platz nahm und seine Hose öffnete, um dann erwartungsvoll in Herkules Richtung zu schauen.

Er selbst konnte nur trocken schlucken, als er schon seine Hände zu Fäusten ballte und schließlich auf den Hünen zu ging. Ruhig und bestimmt ließ er sich vor ihm auf die Knie sinken, um dann das schlaffe Glied mit den Händen zu massieren.

Es roch besser, als die der Wikinger und auch als er es schließlich in den Mund nahm, war dort ein anderer Geschmack. Wahrscheinlich hat er sich gereinigt. So wie ich heute morgen. Wenigstens etwas, was die Sache ein wenig erträglicher macht.

Ruhig ließ er seine Zunge über das Glied wandern. Umspielte den Schaft und die Spitze, während seine Hände ruhig die Hoden kraulten. Er tat all das, was ihm selbst auch gefiel und schon kamen die ersten Lustlaute von dem Blondschopf, als sich dieser weiter nach hinten lehnte und genießerisch die Augen schloss.

Herkules hob und senkte seinen Kopf, während er weiter mit der Zunge über das heiße Fleisch glitt. Die Bereiche, die sein Mund nicht umschließen konnte, bearbeitete er mit seiner Hand und erhöhte somit Stück für Stück das Tempo seiner Berührungen.

Desto schneller er wurde, umso kehliger wurden die Laute, die Herkules an die gestrige Nacht erinnerten und dafür sorgten, dass ihm seine Hose langsam zu eng wurde, doch er ignorierte die Wärme in seinem Körper, sondern konzentrierte sich nur auf seine Bewegungen und den Höhepunkt des nordischen Gottes.

Für Herkules seine Verhältnisse dauerte es viel zu lange, als sich der Körper unter ihm leicht verkrampfte und schließlich die salzige Ladung in seinen Mund schoss. Sein erster Impuls war das Sperma aus­zuspucken, doch als er den prüfenden Blick von Thor bemerkte, schluckte er übertrieben deutlich und schleckte sich sogar kurz mit seiner Zunge über die Lippen, bevor er sich schließlich erhob.

Erneut trafen sich ihre Blicke und langsam richtete sich Thor wieder auf, schloss seine Hose und erhob sich gänzlich. Herkules sah zu ihm auf und wartete auf irgendeine Reaktion.

Sag was! Sag endlich was, Thor! Ich habe deine Spiele satt! Mein Volk stirbt und du lässt dich hier von mir sexuell befriedigen! Denken hier alle nur mit dem Stück Fleisch zwischen ihren Schenkeln?! Barbarisches Land! Ich bin froh, wenn ich es endlich hinter mir lassen kann! Nie wieder werde ich hierher zurückkommen! Auch nicht für diesen Arsch vor mir!

„Nicht einmal Loki würde schlucken.“ Mehr kam nicht über die Lippen von Thor, als er an Herkules vorbeiging und sich einen langen Umhang aus grauen Wolfspelz um die Schultern legte, bevor er sich dann wieder zu dem Schwarzhaarigen umdrehte.

„Du gehörst nicht zu Loki. Von Anfang an hast du die Wahrheit gesagt. Es tut mir Leid, dass ich so viel Zeit verschwendet habe. Lass uns nun in deine Heimat reisen. Ich werde dich begleiten, Herkules, Sohn des Zeus.“

Erneut war dort dieser Schauer, als ihn Thor auf diese Art und Weise ansprach, doch Herkules ließ sich nichts anmerken und nickte schließlich um mit ihm Asgard und die nordischen Länder zu verlassen in Richtung Südosten, um sein Volk endlich zu retten…

 

Ende

Zum Beißen gern

Tropf

Der Klang des herunterfallenden Wassers ist der Herzschlag der allumfassenden Dunkelheit, die ich schwer auf meiner Haut spüre. Einzig das Brennen meiner trockenen Kehle zeigt, dass ich noch am Leben bin. Oder bin ich doch schon gestorben, sodass die Qual meines Wartens mich in das Jenseits begleitet und eine ganz eigene Hölle geschaffen hat? Schwer seufzend lasse ich den Kopf gegen den kalten Stein hinter mir sinken.

Wie lange bin ich schon hier? Sind es Monate? Jahre oder sogar Jahrzehnte? Ewige Finsternis und ein immer wiederkehrender tiefer Schlaf haben mein Zeitgefühl vollständig aufgezehrt. Wie es meinen Eltern wohl geht? Haben sie mich vergessen? Warum habe ich mich nur freiwillig hier unten einsperren lassen? Die Alternative erscheint mir inzwischen so viel einladender, friedlicher und doch bin ich zu feige, es selbst zu tun.

Ein feines Kratzen von winzigen Krallen auf dem unebenen Steinboden durchbricht die Monotonie. Mein Herzschlag beschleunigt sich, während meine Zunge fahrig über die aufgesprungenen Lippen fährt. Endlich, endlich wagt sich wieder ein neugieriges Exemplar in meine Gefilde vor. Das Letzte liegt schon viel zu lange zurück. Noch sitze ich ruhig, lauere auf mein Opfer, bis etwas an meiner Hand entlang gleitet. Im nächsten Moment packe ich zu. Panisches Fiepsen schmerzt in meinen empfindlichen Ohren und ist gleichzeitig ein Klang süßer als Honig.

Ich rieche die Angst des Wesens, die mich zu Beginn meiner Gefangenschaft noch zurückweichen ließ, doch jetzt hat sie etwas Berauschendes bekommen wie ein guter Wein. Durch meine Hand spüre ich, wie das Blut in dem kleinen Leib zirkuliert und sich dabei der leichte Geruch von Eisen in meiner Nase ausbreitete. Er kommt aus meiner Erinnerung und schürt den Hunger zusätzlich. Meine Eckzähne wachsen und drücken unangenehm auf das gegenüberliegende Zahnfleisch. Der Hunger überrennt meinen Verstand und ich öffne mit einem schmatzenden Geräusch meinen Mund.

Dann beiße ich zu. Das warme Blut gleitet meine Kehle hinab und nur wenige Schlücke später bewegt sich das Tier nicht mehr. Der Geschmack des Blutes lässt mich nur kurz frösteln. Es ist nicht wirklich lecker, doch ich kenne nichts anderes mehr. Selbst die Erinnerung an das Essen meiner Mutter ist verschwunden. Der einzige Geschmack, der noch in meiner Welt existiert, ist der des Rattenblutes.

Ich spüre, dass sich mein Gebiss nicht in das eines Menschen zurückverwandelt und alles in mir nach mehr schreit, doch ich bewege mich nicht. Erneut lege ich den kalten Leib an meine Lippen, um vielleicht noch einen winzigen Schluck zu erhaschen, vergeblich.

Frustriert und mit einem leichten Aufschrei werfe ich den leblosen Körper von mir und grabe meine Finger verzweifelt in den lehmigen Boden. Wie lange wird es dauern, bis ein neues Mitglied der Rattenfamilie zu mir kommt? Werde ich davor wieder schlafen? Ich brauche noch ein Exemplar. Es ist nicht genug. Sie müssen zu mir kommen und mich nähren, doch ich weiß, dass dies so schnell nicht mehr passieren wird. Die Tiere werden mich aufgrund des Todes ihres Artgenossen nun für eine Weile meiden.

Ein knurrender Laut dringt erneut aus meiner Kehle, als ich meinen Kopf zurück gegen den Stein hinter mir sinken lasse. Ich ziehe ein Bein an meinen Körper und höre das Rascheln der Ketten, deren Gewicht ich nicht mehr wahrnehme. Das Blut hat meinen Geist etwas belebt und so wandert er unwiderruflich zurück zu den Bildern meines vergangenen wirklichen Lebens.

 

„Michael! Hilf deinen Vater die Kühe zu versorgen!“, die kräftige aber sanfte Stimme einer Frau schallte über den Hof und ich drehte den Kopf in ihre Richtung.

„Ja, Mutter! Ich füttere nur noch eben die Hühner!“, rief ich zurück und lächelte das Geflügel zu meinen Füßen an. Es pickte eifrig über den festgetretenen Boden und versuchte jedes noch so winzige Korn zu ergattern.

Ruhig tauchte ich meine Hand erneut in den Jutebeutel, um meine Schulter und streute wieder ein wenig Futter für sie auf den Boden. Glücklich beobachte ich das Treiben der Hühner, bis ich die barsche Stimme meines Vaters hörte: „Michael! Wo bleibst du?!“

Ein Seufzer stahl sich über meine Lippen, als ich den Futterbeutel an den dafür vorgesehenen Nagel am Hühnerstall hängte und zum Kuhstall lief.

Die Kühe waren einfach nur doof. Sie waren groß, standen nur da und kauten auf ihrem Futter herum, während wir bis zum Umfallen schufteten. Zu allem Überfluss stanken sie gewaltig. Fast so schlimm wie Schweine.

Oh Gott, war ich froh, dass wir keine Schweine hatten. Diese Tiere waren einfach nur widerlich. Ihre Ausdünste versengten mir die Nasenhaare, sie fraßen alles, was ihnen vor die Nase kam und waren meistens so dreckig, dass ihre eigentliche Farbe nicht mehr erkennbar war.

„Wo soll ich helfen, Vater?“, fragte ich meinen alten Herrn, als ich den Stall betrat. Er hatte schon die Hälfte der Tiere mit Heu aus dem Lager versorgt. Sofort packte ich mit an, auch wenn ich verwundert war, dass wir die Tiere bei dem Wetter nicht auf die Weide trieben.

Als ich mich zwischen zwei Handgriffen danach erkundigte, bekam ich als Antwort nur ein kurzes Schnauben. Mein Vater war mit seinen fast vierzig Jahren nicht mehr der Jüngste. Sein kurzes, braunes Haar wurde von den Schläfen ausgehend mit jeder Jahreszeit grauer und die Haut war gezeichnet von der vielen Arbeit in der Sonne.

Er trug wie ich nur einfaches braunes Leinengewand, das meine Mutter gemacht hatte. Sie war eine begabte Schneiderin und verdiente sich damit ein paar extra Schillinge, die wir in strengeren Jahren gebraucht hatten.

„Nein, wir haben heute viel Arbeit auf den Feldern und keine Zeit, sie heute Nacht wieder rein zu holen“, rechtfertigte er die Fütterung der Tiere mit dem wertvollen Heu für den Winter.

„Dann lassen wir sie halt einfach draußen. Das haben wir doch schon öfters getan.“ Ich zuckte mit den Schultern und gab der letzten Kuh ihr Futter, ehe ich mich zu meinem Vater umdrehe.

Sein Gesicht ist angespannt und zitterte er etwa? Im dämmerigen Licht der Scheune könnte es auch nur eine Einbildung sein, denn seine Stimme war fest und bestimmt, als er antwortete: „Das ist nicht mehr möglich.“

Bevor ich weiter fragen konnte, wandte er sich ab und verließ den Stall. „Komm, Michael. Die Felder bewässern sich nicht von selbst.“

Stirnrunzelnd folgte ich meinem alten Herren hinaus in die grelle Sonne. Ich war das einzige Kind und das hat er Mutter lange vorgeworfen. Im Endeffekt war es aber mehr ein Segen, denn ein Fluch gewesen, da selbst wir drei es manchmal nur so gerade eben durch einen harten Winter geschafft hatten.

Als ich auf den Hof schritt, lud mein Vater schon die Behälter für das Wasser auf dem Pferdekarren. Ich sah, wie schwer es ihm fiel, den Holzeimer anzuheben, sodass ich schnell an seine Seite eilte und ihm diesen abnahm.

„Lass mich nur machen, Vater. Spann lieber das Pferd vor den Wagen.“ Ich lief zur Pumpe und füllte das Gefäß mit kräftigen Hüben.

Kurz flammte der Stolz in seinen Augen auf, doch der befürchtete Protest blieb aus. Stattdessen lächelte er mich dankbar an, bevor er unser Pferd holte. Dieses Tier war unser wertvollstes Gut. Wir hätten uns den Kauf niemals leisten können, doch zum Glück hatten wir das Fohlen gefunden. Seine Mutter lag getötet nur wenige Schritte entfernt und wir zogen es mit Kuhmilch auf. Da niemand ihn zurückforderte, behielten wir ihn. Seitdem war es zu einem stolzen Hengst herangewachsen und half uns bei der Feldarbeit.

Unermüdlich füllte ich einen Eimer nach dem anderen mit Wasser und stellte ihn auf dem Wagen ab. Hoffentlich regnete es bald. Die Dürre hatte bereits erste Schäden an den Pflanzen angerichtet, die unsere Ernte drastischer verkleinern könnte, als wir es gewohnt waren.

„Bist du fertig, Sohn?“, hörte ich Vaters dunkle Stimme und musste lächeln, als ich ihn schon auf den Wagen sitzen sah. Es war ein schönes Bild meinen alten Herren arbeitswütig und munter zu sehen. Schließlich konnte jeder Tag der Letzte sein und ich wusste, dass ich mich darauf vorbereiten musste den Hof zu übernehmen.

„Ja, nur noch dieser Eimer.“

Ich war dankbar für meine Familie und wünschte mir, dass sie noch lange bestehen blieb. Ich liebte meine Eltern und ich wusste nicht, was ich ohne sie tun würde.

Der letzte Wasserstrahl schoss aus der Pumpe und ich hob den Holzkübel hoch. Ich trug ihn zu dem Wagen und hievte ihn darauf.

Ich nahm neben meinem Vater Platz, um mit ihn dann in Richtung der Felder aufzubrechen.

 

Tropf

Ein Wassertropfen trifft mein Gesicht und lässt mich hochschrecken. Der Geruch des kalten Steines dringt in meine Nase ein und jagt mir einen Schauer über den Rücken. Alles in mir sträubt sich gegen diesen Ort und sehnt sich nach Freiheit. Ich bleibe jedoch sitzen und öffne zögernd meine Augen, um in die Dunkelheit zu starren.

Mein Leben war wunderschön gewesen. Erst hier ist mir klar geworden, wie sehr ich es geliebt hatte und nun wünsche ich es mir zurück.Langsam stehe ich auf und gehe ein paar Schritte, bis die Kette an meinem Fußgelenk mich stoppt. Dieser kurze Zug erinnert mich immer wieder daran, was ich eigentlich bin. Ein Gefangener der Dunkelheit. Ich gehe seitlich weiter, obwohl ich nichts sehe. Alles in mir schreit nach Licht, trotz des Wissens, dass es mich verbrennen wird.

Ein Fauchen dringt aus meiner Kehle und ich spüre den unangenehmen Druck der Eckzähne an meinem Zahnfleisch. Er zwingt mich dazu meinen Mund ein Stück zu öffnen, während ich weiter hin und her laufe.

Das Verlangen die Ketten zu sprengen und zu fliehen wird immer stärker, doch auch wenn ich das Erste ohne Probleme schaffen werde, so weiß ich, dass mich das Licht töten wird und dazu bin ich nicht bereit.

Kraftlos sinke ich auf den Boden. Der Hunger verbrennt mich innerlich und das Verlangen nach Blut drängt mich, meinem Gefängnis zu entfliehen. Ich habe aber ein Versprechen gegeben und werde stark bleiben. Ich rolle mich zusammen und beginne zu weinen.

 

„Freust du dich schon auf die Hochzeit, mein Junge?“ Mein Vater strahlte mich stolz über den Tisch hinweg an. Ich sollte am kommenden Sonntag die Tochter seines guten Freundes heiraten.

Sie war hübsch und durchaus sehr nett. Die langen, blonden Haare fielen ihr wie flüssige Seide über die Schultern und strahlten wie Gold unter der Sonne. Sie hatte eine sehr weibliche Figur: breites Becken, schmale Schultern und feste Brüste. Ihre große Mitgift konnten wir im Moment sehr gut brauchen, da der heiße Sommer einen Großteil der Ernte zerstört hatte.

„Ja, Melanie ist ein sehr schönes Mädchen. Auch wirkt sie sehr nett und liebevoll. Ich glaube, dass wir uns gut verstehen werden“, beantwortete ich die Frage meines Vaters und ließ mir das Käsebrot schmecken.

„Das freut mich. Dich doch auch, Weib?“ Er wandte sich zu meiner Mutter, die lächelnd nickte: „Ja. Du wirst Melanie doch gut behandeln, oder Michael?“

„Natürlich, Mutter“, ich griff nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss auf den Handrücken. Niemand war mir heiliger als sie.

Ihr Gesicht war durchzogen von Sorgenfalten und das einst so wunderschöne, blonde, lange Haar, war mittlerweile schneeweiß und stumpf.

Ihre Hände zitterten unentwegt, sodass sie kaum noch etwas nähen konnte und ihre Augen glitten über die Umgebung, ohne etwas zu fixieren.

Ich hatte Angst um sie, dass sie bald nicht mehr bei mir sein konnte. Auch ihr zärtliches Lächeln konnte diesen eisigen Klumpen in meinem Magen nicht vollständig schmelzen.

Ich hatte noch nie verstanden, woher sie die Fähigkeit nahm, mir mit so einer simplen Geste all meine Sorgen zu nehmen. Ich beneidete sie um diese Macht. Hätte ich sie doch nur geerbt.

Sie brach den Augenkontakt ab und wir aßen ruhig zu Ende. Ich wusste nicht, ob das Schweigen gut oder schlecht war, dennoch durchbrach ich es nicht.

Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich an die kommende Hochzeit dachte. Sie würde mich gänzlich an diesen Hof fesseln und mein Leben in vorgegebenen Bahnen lenken. Wenn ich dieses Bündnis geschlossen hatte, dann gab es für mich kein Entkommen von diesem Hof mehr.

 

Ich spüre einen leichten Luftzug auf meiner Haut und rieche den Duft des Frühlings, der in mein Gefängnis eindringt. Ein Lächeln legt sich auf meine Lippen, als ich mich diesem zuwende. Ist es nun so weit? Ist die Zeit gekommen, dass man mich freilässt? Kommen mich meine Eltern holen?

Wenn ich ganz genau lausche, dann kann ich etwas hören. Die Stille der Leere stirbt unter den dumpfen Schlägen auf Gestein und führt mich weiter in das Hier und Jetzt.

Ich erhebe mich und gehe auf das Geräusch zu. Nach nur zwei Schritten stoppt mich die Kette, doch ich reagiere dieses Mal nicht und ziehe den Fuß ruckartig an meinen Körper ran. Die verrosteten Glieder zerspringen mit einem lauten Knall.

Nur wenige Schritte trennen mich von der Wand, hinter der die Laute erklingen. Ich lege meine Hände auf den kalten Stein und lehne meine Stirn dagegen. Die Kühle dringt in meine Gedanken ein und beruhigt mein erhitztes Gemüt ein wenig.

Meine Beine sind es nicht gewohnt, dass sie mich so lange tragen. Ich spüre, wie sie zu zittern beginnen und ich zu Boden sinke. Meine Hände selbst bleiben an der Wand liegen und graben sich tiefer in das Gestein, bis meine Nägel unter einem stechenden Schmerz einreißen und ich stoppe. Holt mich hier raus!

 

Morgen würde ich Melanie heiraten. Mein Leben war kurz davor, sich drastisch zu ändern, denn nun wäre ICH der Mann im Haus. Der, der alle Entscheidungen zu treffen und dafür grade zu stehen hatte. Morgen würde ich mich in Ketten von Pflicht und Verpflichtung legen lassen.

Es wirkte so unwirklich. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich mein Leben doch noch gar nicht wirklich genossen hatte. Ich hatte mich weder vergnügt, noch meine Freiheit ausgelebt. Immer nur meinen Eltern geholfen und gearbeitet. Langsam wurde mir klar, dass ich mir die tiefe Zufriedenheit nur eingeredet hatte.

Ich seufzte leise, als ich mich auf der Weide niederließ. Nein, ich wollte nicht weit weggehen. Was würde es mir bringen, diese Nacht ziellos umherzuziehen, wie ein ruheloser Streuner?

Nichts.

Während meine Augen die leeren Weiden musterten, wanderten meine Gedanken augenblicklich zu meiner zukünftigen Frau. Außer ihrem Aussehen wusste ich eigentlich nicht wirklich etwas von ihr. Wir waren uns nur ab und an auf Dorffesten begegnet und hatten selten mehr als ein paar höfliche Worte gewechselt.

Ich wünschte mir so sehr, dass sie mehr war, als nur ein üppiges Dekoltee und ein hübsches Gesicht.

Langsam ließ ich mich nach hinten in das Gras fallen und starrte in die Sterne. Ich liebte die Gebilde der Nacht, wenn sie Hoffnung erweckend auf uns herunter sahen und strahlten wie lauter kleine Diamanten.

Manchmal wünschte ich mir, dass ich nur die Hand ausstrecken musste, um sie zu pflücken. Hätten wir nur ein paar dieser Edelsteine, dann würden wir nie wieder Hunger leiden. Meine Eltern müssten nicht mehr so hart arbeiten und könnten ihr Leben zum Schluss endlich einmal genießen, während ich keine Frau wegen ihrer üppigen Mitgift heiraten müsste.

Mit einem Mal vernahm ich Schritte neben mir im Gras. „Schöne Nacht, nicht wahr?“ Ich wollte augenblicklich in die Höhe schnellen und blieb doch ruhig liegen, als die Angst in meinem Herzen, einem Strohfeuer gleich, verpuffte.

„Ja.“ Meine Stimme war nur ein Hauch, der von dem Nachtwind davon getragen wurde und ich betrachtete im Augenwinkel die große Gestalt neben mir.

Sie war in einen langen, schwarzen Mantel gekleidet und trug einen schlichten Hut, der ihr Gesicht noch mehr in Dunkelheit hüllte. Sie wirkte wie ein Reisender auf mich. So wie die Gestalten, die ich öfters auf dem Marktplatz sitzen sah und nach kurzweiliger Arbeit suchten, um ihr Leben finanzieren zu können.

Ihr Mantel raschelte, als sie sich langsam neben mir niederließ. Aus sich gebotener Höflichkeit wollte ich mich aufsetzen, doch meine Muskeln gehorchten mir nicht. Seltsamerweise versetzte mich das nicht in Sorge.

„Was treibt ein Jüngling wie du mitten in der Nacht so alleine auf dieser dunklen Weide?“ Die Stimme war sanft und männlich, mit fremder Aussprache und hüllte mich in eine wohlige Sicherheit.

Es fühlte sich an, als würde mein Verstand in einem dichten Nebel versinken und jegliches Gefühl von Vorsicht und Selbsterhaltung verlieren. Was geschah mit mir?

„Nachdenken“, flüsterte ich und ließ meinen Blick wieder zum Firmament wandern.

„Worüber denn? Du bist so jung. Eigentlich solltest du in die Welt ziehen und das Leben kennenlernen.“ Seine Worte ließen mich schmunzeln. Wie seltsam, dass ich noch vor wenigen Herzschlägen etwas Ähnliches gedacht habe.

„Meine Worte: Ich könnte so viel von meinem Leben erwarten und stattdessen werde ich morgen heiraten. Damit ist mein Schicksal besiegelt. Ich werde hier alt werden und sterben, ohne irgendetwas von der Welt gesehen zu haben. Aber“, ich stockte kurz, verwundert über die plötzliche schmerzhafte Intensität des Freiheitsdranges. Als hätten die wenigen Worte des Fremden ihn aus seiner Winterruhe erweckt.

„Aber was?“, bohrte der Schwarzgekleidete nach, doch ich schüttelte nur den Kopf: „Das ist nicht wichtig.“ Mein Blick musterte verträumt die Sterne.

„Der Himmel ist so weit und ähnlich endlos stelle ich mir die Welt vor. Ich jedoch bin schon seit meiner Geburt in diesem Dorf. Leider kann man seinem Schicksal nicht entkommen.“

Ich spürte Bedauern in meinem Herzen, als ich mich selbst an dieses Dorf kettete. Sicher war Hamburg ein schöner Ort, mehr noch, es war meine Heimat. Hier unter der Unendlichkeit der Nacht fühlte ich mich dennoch eingeengt, wie ein beschnittener Vogel.

„Ich kann dir die Freiheit schenken, die du dir wünschst.“ Wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, setze ich mich auf und spüre plötzlich seinen Atem über meinen Hals streichen. Ich erschauderte und wandte mich zu ihm um.

Sein Gesicht lag immer noch im Schatten seines Hutes und ich erkannte nur das Grinsen auf seinen Lippen, das mir alles versprach, was ich mir wünschte. Besaß er wirklich die Kraft, mich hier raus zu holen und mir die Welt zu zeigen?

Er sah nicht wie ein reicher Mann aus. Sein Mantel war abgenutzt und hatte sogar an manchen Stellen Löchern. Auch der Hut hatte schon bessere Zeiten gesehen. Sein Rand war ausgefranst und an einigen Stellen schien der Dreck schon mit dem Stoff verschmolzen zu sein. Selbst der Dreitagebart wirkte ungepflegt und schmutzig.

Das leise, warnende Stimmchen in mir gewann durch das Lächeln des Fremden wieder an Kraft. Etwas stimmte nicht. Es war zu schön, um wahr zu sein und man bekam nichts im Leben geschenkt.

Mein Blick glitt zurück zu meinem Geburtshaus. Die Lichter waren gelöscht, weil meine Eltern schon längst schliefen. Auch ich sollte dort auf meiner Strohmatratze liegen und nicht hier draußen bei einem seltsamen Fremden.

„Ich glaube, das ist keine gute Idee und ich sollte jetzt gehen, denn ich habe morgen einen langen Tag vor mir.“ Mit diesen Worten erhob ich mich und wollte gehen, doch die einnehmende Stimme des Fremden hielt mich auf.

„Ist es wirklich das, was sich dein Herz wünscht? Bist du dir sicher, dass du so glücklich werden wirst?“ Sein Mantel raschelte wie totes Laub um Wind, als er sich erhob und sich mir mit ruhigem Schritt näherte.

„Ich habe keine Wahl“, presste ich hervor. Kurz lachte er auf, bevor er mich am Oberarm packte. Sein Griff war kräftig und unnachgiebig, ohne mir aber wehzutun.

„Du hast immer eine Wahl. Vertrau mir und ich werde dir Freiheit schenken.“ Seine Worte waren süß wie Honig und legten sich klebrig über meinen Verstand, dennoch konnte sie das sarkastische Lachen nicht unterbinden.

„Na, klar. Wer’s glaubt, wird selig.“ Ich wollte mich aus seinem Griff losreißen, doch er drückte fester zu. Schmerz raste durch meinen Arm und ich unterdrückte mit Mühe einen Laut.

„Du Unwürdiger“, zischte er bedrohlich, als er mich gewaltsam zu sich umdrehte. Ich spürte, wie er mich fixierte, obwohl seine Augen nach wie vor im Schatten verborgen blieben.

„Wie kannst du es wagen, mich der Lüge zu bezichtigen?! Ich verspreche dir die Unendlichkeit der Welt und du spuckst mir ins Gesicht!“ Seine Zähne glänzten unnatürlich im Licht, als er weiter sprach.

„Viele würden sich nach diesem Geschenk sehnen, doch du trittst es mit Füßen!“, wütete er weiter. „Ich … ich verstehe nicht. Was wollt Ihr von mir?“ meine Frage klang idiotisch.

Plötzlich lockerte sich seine Hand um meinen Arm und ich spürte, wie das Blut in den Fingern kribbelte.

„Dir ewige Freiheit schenken. Vertrau mir und schließe deine Augen.“ Seine dunkle Stimme brach jeden Widerstand in mir und ich ließ meine Lider langsam sinken. Vollkommene Finsternis umschloss mich.

Der Wind frischte auf und für einen Moment nahm ich einen leichten Verwesungsgeruch war. Ein verendetes Tier? Es sollte mich ebenso beunruhigen, wie der immer noch feste Griff an meinem Arm. Ich war mir so bewusst wie noch nie, dass er vor mir stand und alles tun konnte, was er wollte. Egal, was es war, ich würde mich nicht wehren.

Kurz erschrak ich selbst vor meinen eigenen Gedanken und zuckte zurück, als ich seinen Atem so warm auf meinen Hals spürte, dass sich alles in mir verkrampfte. Das Gefühl, dass ich fliehen sollte, wurde stärker. Sie blieb wie ein Frosch in meinem Hals stecken und fand den Weg zu meinen Muskeln nicht. Sein Atem kam näher und im nächsten Moment spürte ich eine Berührung am Hals und ein leichtes Stechen.

Ich stöhnte unter dem Schmerz auf und spürte, wie meine Knie zu zittern begannen, als der Mann zu saugen anfing. Es war ein seltsames Gefühl, immer mehr Blut zu verlieren. Ich hätte nicht gedacht, dass es auf diese Weise möglich war. Mein Geist fühlte sich so frei an und all meine Sorgen lösten sich in Luft aus. Ein Lächeln trat auf meine Lippen, als ich verstand, was für eine Freiheit er meinte.

Irgendwann gaben meine Knie einfach nach, doch ich fiel nicht. Behutsam wurde ich auf das weiche Gras gelegt. Der Fremde lies nicht von mir ab und labte sich weiter an meinem Blut. Das konstante Schlürfgeräusch geleitete mich in die ewige Dunkelheit.

All die Fragen, die ich stellen wollte, wirkten so bedeutungslos, als ich losließ und sich seine Lippen von meinem Hals lösten.

Trink das, Junge!

 

Als ich meine Augen öffnete, war die Dunkelheit noch da. Zuerst war ich sicher, tot zu sein, doch der vertraute Geruch nach frischem Heu lies mich bald daran zweifeln. Die ungeduldigen Laute der Kühe drangen zu mir durch, genauso wie die hektischen Schritte und Rufe von Menschen.

Ich wollte mich aufsetzen, doch ein gleißender Schmerz glitt durch meinen Kopf und ließ mich wieder zurücksinken.

Was war nur geschehen? Unsicher tastete ich meinen Hals ab, doch ich spürte dort keine Wunden. War der gestrige Abend nur ein Traum gewesen? Konnte das wirklich sein? Wie bin ich dann hierher gekommen? War ich überhaupt auf dieser Wiese gewesen?

Ich blieb liegen und wartete darauf, dass die Schmerzen in meinem Kopf nachließen. Woher diese kamen, würde ich auch gerne wissen. Schließlich war ich kein Mensch, der dem Alkohol verfiel. Im Gegenteil, ich war noch nie betrunken gewesen. Ich hatte zu oft gesehen, was dieses Gebräu aus Menschen machte. Was war es also dann? Hatte ich mich vielleicht gestoßen?

Sofort tastete ich meinem Kopf nach Beulen oder Verletzungen ab, doch auch diese waren nicht zu finden.

Ein Seufzer stahl sich über meine Lippen, als ich gepeinigt meine Augen wieder schloss und hoffte, dass das unaufhörliche Pochen in meinem Schädel endlich aufhörte.

„Michael? Bist du hier irgendwo?“, drang die besorgte Stimme einer Frau zu mir durch.

„Mutter, ich bin im Heuboden!“ Mir war zu schlecht, um mich zu bewegen, also wartete ich darauf, dass sie mich fand.

Es dauerte nur wenige Atemzüge und sie stand vor mir. Die Sorge verschwand nur kurz aus ihrem Gesicht, als sie mich erkannte und im nächsten Moment stürmisch umarmte.

„Oh Gott, Michael. Du hast mir solchen Kummer bereitet. Warum liegst du hier?“ Sie strich mir behutsam über die Wangen und ein paar wirre Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Ich weiß es nicht. Aber ich habe furchtbare Kopfschmerzen.“ Ihre kühlen Hände taten unsagbar gut und ich schmiegte mich leicht in ihre Berührung.

„Du siehst auch gar nicht gut aus. Du bist total blass. Kannst du aufstehen?“, fragte sie mit warmer Stimme. Sorge grub tiefe Falten in ihr Gesicht, die ich ihr am liebsten einfach weggestrichen hätte.

„Ich weiß es nicht.“ Ich stöhnte erneut, als ich mich langsam in die Senkrechte brachte, doch die Kopfschmerzen ebbten sehr schnell ab. Mit der Hilfe von meiner Mutter stand ich nach einer halben Ewigkeit wieder auf meinen eigenen Beinen. Dankbar lächelte ich sie an.

„Komm, du brauchst sicher was zu essen und Kraft für die Hochzeit. Jetzt komm erst einmal mit ins Haus.“ Sie nahm meinen Arm und führte mich aus dem Stall. Als ich in das grelle Sonnenlicht trat, brannte ein gleißender Schmerz durch meinen Körper, der mich gepeinigt aufschreien ließ. Ich fühlte mich, als würde ich bei lebendigem Leibe verbrennen. Alles in mir kochte und ich konnte die Tränen des Schmerzes nicht zurückhalten.

„Michael? Was ist los?“, rief meiner Mutter alarmiert. Sie wollte mich mit sich ziehen, doch kaum glitt meine Hand aus dem Schatten ins Licht, zog ich sie blitzschnell zurück, als hätte ich in das Feuer eines Ofens gegriffen.

„Es tut weh! Die Sonne tut weh!“ Mehr noch, sie verbrannte mich. Ich zog die verkohlten Finger an meine Brust und krümmte mich unter den Schmerzen zusammen. Was stimmte nur nicht mit mir?

„Michael. Geh zurück in den Stall. Ich hole deinen Vater.“ Die Stimme meiner Mutter war plötzlich kühl und als ich meinen Blick hob, eilte sie schon davon.

Nur langsam stand ich auf und hinkte zurück in den dunkelsten Schatten. Zögerlich betrachtete ich meine Hand. Die Haut warf Blasen und war feuerrot. Sie schmerzte und alleine ihr Anblick trieb weitere Tränen in meine Augen. Was war nur mit mir geschehen?

Noch einmal tastete ich über meinen Hals, doch dort war nichts. Ich versuchte mich daran zu erinnern, was mir meine Eltern einst erzählt hatten. Die Schauergeschichten, als ich ein kleines Kind war, um zu verhindern, dass ich in der Dunkelheit nach draußen ging.

Das waren doch alles nur Geschichten von Kreaturen, die es niemals wirklich gab. Sie sollten mir Angst machen, um mich zu schützen vor den wahren Gefahren, die es dort nun einmal gab. Menschen, die einem Kind allzu gerne wehtaten.

„Michael?“ Ich hörte die besorgte Stimme meines Vaters und hob den Blick. Er kniete bereits vor mir, obwohl ich ihn nicht hatte reinkommen hören. Scharf zog er die Luft ein, als er erkannte, dass die Brandblasen schon verheilten.

„Habe keine Angst, mein Sohn“, sprach er beruhigend auf mich ein, während seine Hand an meinem Hals entlang glitt. Er bog meinen Kopf erst nach links und dann nach rechts. Seine Finger berührten zwei Punkte an meinem Hals und ich hörte, wie meine Mutter zu weinen begann. Die Schmerzen begannen schwächer zu werden und ich konnte mich besser auf meine Umgebung konzentrieren.

„Michael? Hast du Hunger?“ Seine Frage verwirrte mich ein wenig, doch plötzlich knurrte mein Magen zur Bestätigung und ich nickte kurzerhand: „Ja, irgendwie schon. Warum fragst du?“

„Wenn du die Wahl hast, was würdest du dann gerne essen?“ Meine Verwirrung stieg immer mehr und ich setzte zu einer Gegenfrage an, doch mein Vater gebot mir zu schweigen: „Bitte, beantworte die Frage einfach nur.“

Mein Blick glitt nur kurz umher und blieb ruckartig an der pulsierenden Ader am Hals meines Vaters hängen. Hunger und Furcht verwandelten meine Kehle in einen staubtrockenen Acker. Ich erkannte meine Stimme nicht wieder, als sie heiser aus meiner Kehle kam: „Dein ... Blut, Vater.“

Meine Mutter brach zusammen und hörte nicht mehr auf zu weinen. Ich selbst zitterte, wie Espenlaub. Das war nicht normal, das war keine Reaktion eines Menschen. Das war die Antwort eines Monsters.

„Maria, geh bitte ins Haus und sage Herbert, dass die Hochzeit nicht stattfindet.“ Fluchtartig kam meine Mutter den Worten nach, nur mein Vater blieb bei mir. Er nahm neben mir in der Dunkelheit Platz und griff sanft nach meiner gesunden Hand.

„Michael, du weißt, dass du mein einziger Sohn bist und mein ganzer Stolz. Niemals hätte ich gewollt, dass dies mit dir geschieht.“ Er seufzte schwer, streichelte stumm meine Hand. Solch eine Zärtlichkeit war ich von ihm nicht gewohnt. Noch mehr verstörten mich die Tränen, die ich in seinen Augen sah.

„Kannst du dich noch daran erinnern, dass ich nicht wollte, dass die Kühe über Nacht auf der Weide sind?“, fragte er dann ruhig und ich nickte. Damals hatte ich nicht verstanden, warum er so handelte, doch dies war schon Monate her und mittlerweile nahm ich es als gegeben hin.

„Ein Raubtier ging umher, das die Kühe gerissen hat. Seltsamerweise wurden oft große Teile der Kadaver zurückgelassen. Bald schon vermuteten wir Bauern keinen Wolf, sondern einen Vampir“, erklärte er sein Verhalten von damals, doch ich selbst konnte nur kurz auflachen.

„Ach, komm schon, Vater. Das glaubst du doch selbst nicht! Vampire gibt es nicht! Hast du mir selbst nicht erzählt, dass dies nur Lügengeschichten der Kirche seien, um Leute verschwinden zu lassen?“, erinnerte ich ihn an seine Worte. Mein Vater schwieg nur und strich über die leicht gerötete Haut.

„Aber was hat das Ganze mit mir zu tun?“, begehrte ich auf. Der Schmerz in meiner Hand war inzwischen nur noch ein leichtes Kribbeln einer fast verheilten Wunde. Panik verwandelte meinen Magen in einen Eisklumpen, als ich die frische, blasse Haut betrachtete. Das war nicht menschlich. Das war nicht normal.

„Was ist mit mir geschehen, Vater?“, ich sah ihn flehend an, „sag es mir! Was geschieht mit mir?!“ Meine Hand krallte sich in sein dreckiges Leinenhemd und alles in mir schrie nach einer Antwort und nach …

Blut!

Plötzlich wurde ich grob weggestoßen: „Reiß dich zusammen, Junge! Wenn du es nicht schaffst, dann bist du eine Bedrohung für uns alle!“

„Was?! Nein! Vater, sag das nicht! Ich würde euch niemals etwas antun!“, begehrte ich auf und wollte nach ihm greifen, doch er wich zurück und öffnete kurzerhand eines der Fenster.

Das Licht fiel auf meinem Körper und ich schrie unter den Schmerzen auf. Ruckartig wich ich in das letzte Stück Dunkelheit zurück und kauerte mich zusammen.

„Du wolltest mich beißen, Junge. Niemand ist mehr vor dir sicher. Du wirst uns allen den Tod bringen.“ Seine Stimme war voller Trauer und als ich ihn ansah, erkannte ich die Tränen, die über seine Wange liefen.

„Was wird jetzt mit mir geschehen?“ Meine Stimme war nur ein Flüstern, doch mein Vater hatte mich gehört und er senkte seinen Blick.

„Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder wir töten dich oder übergeben dich der Kirche, damit sie dies für uns tut. Oder wir lassen dich ziehen und somit auf die Menschheit los.“ Ich wollte aufbegehren, ihm sagen, dass er mich, seinen einzigen Sohn, nicht in den Tod würde schicken können. Ich wollte nicht sterben!

Mit einer Handbewegung schnitt er meine Worte ab und fuhr fort: „Oder du entscheidest dich für die vierte Möglichkeit, bei der weder du, noch andere Menschen den Tod finden werden. Ich warne dich aber, sie wird hart und beschwerlich. Hättest du die Kraft durchzuhalten, Sohn?“ Ich reckte das Kinn vor und stimmte zu, ohne zu wissen, was auf mich zukommen würde.

 

 Klick.

Das Metall schloss sich klickend kalt um mein Fußgelenk und ich spürte die sanfte Berührung meiner Mutter auf meiner Haut. Ihre Hände zitterten stärker als jemals zuvor und ich sah die nassen Spuren auf ihrem Gesicht.

Ich schluckte trocken, als ich das schwache Pulsieren ihrer Ader am Hals sah. Meine Kehle schnürte sich zu und ein trockener Kloß bildete sich in meiner Kehle. Ich wollte etwas trinken, aber hier gab es nichts für mich und dem Monster in mir wollte ich nicht nachgeben. Zwanghaft wandte ich meinen Blick von dem verführerischen Hals ab und sah ihr in die glasigen Augen.

Sanft strich ich ihr eine wirre Strähne hinters Ohr und lächelte sie an: „Ich hab dich lieb, Mutter. Danke für alles. Ihr kommt mich doch besuchen oder?“

Sie erhob sich und entfernte sich ein paar Schritte von mir. Mein Vater stand am Eingang des Verlieses und lächelte. „Bestimmt. Du bist unser Sohn und wir lieben dich. Egal, was du bist.“

Ich nahm diese Worte und klammerte mich an ihnen fest, als er nach der Hand meiner Mutter griff und sie langsam aus dem kleinen Raum führte. Die Sonne ging langsam auf und in ihrem rötlichen Licht, konnte ich die Silhouetten meiner Eltern gut erkennen.

„Wir lieben dich, Michael. Vergiss das niemals“, drangen die letzten Worte meines Vaters zu mir durch, als er die Tür zu zog. Ich hörte, wie er begann den Eingang Stein für Stein zu zumauern. Mit jedem dumpfen Klang, den ich vernahm, wuchs die Angst, dass ich sie nie wiedersehen werde.

 

Bumm

Das stetige Klopfen dringt in meine Gedanken vor. Ich vernehme den schweren Atem und kann ihren benebelnden Duft riechen. Er ist herb und darunter liegt der süßliche Geruch des Eisens. Ich sehne mich nach dem menschlichen Blut, das hinter der Mauer für mich bereit ist. 

Meine Finger tasten über den kalten Stein, bis ich das morsche Holz spüre. Hier ist sie also: Die Tür, die sich seit jenem schicksalhaften Tage nie wieder geöffnet hat.

Immer mehr Steine werden abgetragen und ich spüre erneut den Wunsch in mir, endlich wieder frei zu sein. Ich kann den Geschmack von Rattenblut nicht mehr ertragen! Endlich richtiges Blut schmecken. Menschliches Blut und einmal satt werden. Beeilt euch mich zu befreien! Meine Zähne drücken unangenehm an meinen Kiefer, als die Vorfreude auf ein köstliches Mahl all mein Denken befällt. Menschenblut! Ich will es schmecken! Endlich einmal schmecken!

Ich rieche den Schweiß von zwei Menschen. Er ist sehr männlich und herb. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen und der Speichel fließt über mein Kinn. Endlich richtiges Blut schmecken und satt sein. Nur einmal satt sein.

„Was die da wohl zugemauert haben? Vielleicht ja irgendeinen Schatz.“ Die Stimme ist jung und neugierig. Voller Leben und Naivität. Ich jubelte innerlich, das bedeutet ein leichtes Opfer. Ideal um die Jagd zu üben.

„Das werden wir bald wissen. Es ist schon erstaunlich, dass die Aufzeichnungen über den unterirdischen Lagerraum, die mein Vater bei sich gefunden hatte, stimmen.“ Der andere Mensch klingt sehr viel älter und reifer. Bei seinen Worten spüre ich einen leichten Stich in meinem Herzen.

War es wirklich ihr größter Schatz, den meine Eltern hier vergruben, oder doch eher die größte Schande? Wenn ich ihr Schatz wäre, hätten sie mich doch wieder raus geholt. Aber alles wird irgendwann entdeckt. Früher oder später.

Die letzten Steine fallen und ich sehe, wie das Licht durch die Risse im Holz dringt. Sofort weiche ich zurück und verkrieche mich in der dunkelsten Ecke.

Schwerfällig öffnet sich die Tür und im nächsten Moment treten die Jünglinge ein. Ich kann das Eisen in ihren Adern riechen. Meine Zähne wachsen in freudiger Erregung noch ein Stück weiter, als sich mein Körper anspannt.

„Man ist es hier stickig und dunkel.“ Ich höre das Husten von dem Älteren, bevor eine neue Lichtquelle erscheint. Vorsichtshalber weiche ich dem Strahl aus und bewege mich langsam auf die Tür zu. Das Licht muss verschwinden oder der Hunger wird meine geringste Sorge sein.

„Oh Mann, hier ist nichts. Nur Ratten. Die ganze Arbeit war umsonst“, jammert der Jüngere und erntet dadurch nur ein Schnauben.

„Sieh es so. Immerhin haben wir jetzt ein cooles Versteck gefunden“, versucht der Ältere noch einen Vorteil aus der Sache zu ziehen und sein Freund springt sofort darauf an: „Geile Idee! Wenn man es herrichtet, kann es bestimmt super gemütlich sein.“

Inzwischen stehen beide im Raum und leuchten mit ihren hellen, seltsamen Kerzen umher. Sie konzentrieren sich auf den hinteren Teil und diskutieren schon über Möbel, sodass sie mich noch nicht bemerkt haben.

Ich habe mein Ziel erreicht und lasse die Tür zurück ins Schloss fallen. Sofort schnellen sie zu mir herum. Der Lichtstrahl hätte mich beinahe erwischt, doch ich kann ihm in letzter Sekunde ausweichen.

„Scheiß Tür“, grummelt der Ältere und will sich ihr nähern, um sie zu öffnen. Als er nah genug an mir dran ist, schnelle ich auf ihn zu und reiße ihn zu Boden.

Seine seltsame Lichtquelle fällt scheppernd zu Boden, als ich ihn unter mir begrabe und meine Zähne in seinen Hals schlage. Endlich schmecke ich das Blut und es lässt mich freudig aufstöhnen, als es über meine verdorrte Kehle gleitet und meinen Magen füllt.

Ich spüre die Vibration des Kehlkopfes, als der Mensch unter mir schreien will, doch kein Laut entsteht. Als kein Bluttropfen mehr aus ihm herauskommt, lasse ich von ihm ab.

„Hey, Lars! Was ist passiert?! Wo bist du, Alter?! Sag doch was! Warum hast du die Taschenlampe fallen gelassen?“, die Panik des Jüngeren ist berauschend. Ich erkenne, wie sein Umriss auf die Taschenlampe zu eilt, um sie an sich zu nehmen.

Ruhig richte ich mich auf und wische mir mit dem Handrücken das Blut vom Mund. Der Trank hat wirklich gut getan, aber ich könnte durchaus noch einen kleinen Nachschlag vertragen.

Er kommt bei der Lichtquelle an und hebt sie auf. Der Strahl schnellt auf mich zu, ohne mich zu finden. Ein erstickter Schrei erklingt, als er seinen Freund entdeckt.

„Fuck! Fuck! Fuck! Ich muss hier raus!“ Das Licht wandert unruhig durch den Raum und sucht die Tür. Kaum findet er sie, eilt er schon darauf zu.

Ich eile hinter ihn und rieche seine Angst. Schmecke förmlich das Adrenalin, das durch seine Adern rast und ihn auf alles vorbereitet. Alles nur nicht das, was ich bin.

Ich höre, wie seine Hand sich um den Türgriff legt und ihn hinunter drückt. Im gleichen Moment umschließe ich seinen Oberkörper mit meinen Armen und reiße ihn an mich.

Instinktiv treibe ich meine Zähne durch die dünne Haut am Hals. Ruhig beginne ich zu trinken, während ich den Körper erbarmungslos an mich drücke. Das Zappeln des Jungen ignoriere ich und genieße jeden Schluck des köstlichen Elixiers.

Wie es warm durch meine Kehle hinab fließt und den Hunger in meinem Inneren stillt. Nach langer Zeit fühle ich mich endlich wieder glücklich. So unendlich glücklich.

Langsam lässt die Gegenwehr in meinen Armen nach und ich gleite mit meiner Beute zu Boden. Erst als kein Tropfen der roten Flüssigkeit mehr aus der Wunde kommt, lasse ich von der Leiche ab. Ruhig umschließen meine Finger den Metallring an meinem Fußgelenk und reißen ihn einfach in zwei. So kräftig habe ich mich noch nie gefühlt! Ich erhebe mich und blicke in Richtung der Tür.

Die Sonne dringt noch immer durch die Spalten im Holz, doch ich erkenne, dass sie dabei ist, unterzugehen. Bald kann ich mein Gefängnis für immer verlassen. Und dann? Ja, dann werde ich frei sein.

 

Ich schenke dir ewige Freiheit.

 

Ende

Victoria Rose

Das Klackern von Zahnrädern erfüllte die Luft. Sein Atem ging schwer und man hörte ein leises, metallisches Trippeln, das ihn überallhin folgte. Die Menschen wichen ihm aus, als er so durch die Straße lief, doch er sah sie nicht eine Sekunde an. Dieses Verhalten war normal seit dem Tag, als das Stöckeln begann und beides verfolgte ihn auf Schritt und Tritt.

Derweil sollten sie seinen Anblick doch schon längst gewohnt sein, dennoch konnten sie ihn nicht ignorieren, wie er es tat. Am Anfang hatte er Angst sich zu bewegen. Sorge, dass ihm irgendwann der Antrieb ausging, doch scheinbar schien er endlos zu sein. Nein, seine Zeit wurde nicht in Bewegungsmomente, sondern in Blütenblättern bemessen. Egal, wie viel Dampf aus ihm kam, er schien nie gänzlich zu verschwinden und bewegte seine metallischen Glieder weiter.

„Hallo, André. Wie jede Woche? Ich glaube zwar nicht, dass es anders aussieht als letzte Woche, aber wenn es dich beruhigt.“ Kaum verstummte die Ladenglocke, drehte sich der Besitzer schon mit einem leichten Lächeln um.

Er wischte sich das Öl mit einem dreckigen Lumpen von den Händen und kam dann hinter den Tresen auf seinen Kunden zu. „Ich kann es mir zwar nicht erklären und finde es faszinierend, doch irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass ich dich über den Tisch ziehen würde.“

Man berührte seine kalte Schulter und sofort stellte er sich auf seine Hinterbeine, bevor der Mechaniker mit seinen Untersuchungen begann. „Und du hast das Teil wirklich in einem alten Schloss gefunden?“

„Ja, es war die einzige Maschine, die sich noch bewegt hat. Sie und diese komische Blume, die ihr hinterher rennt, wie ein Hund. Ich mache mir Sorgen, um sie. Bei der Blume sind mittlerweile drei Blütenblätter erloschen. Ich habe Angst, dass der Große hier auch kaputt geht. Darum sieh ihn dir bitte genau an, Pierre, okay?“

Die Sorge in der Stimme neben ihn trübte seine Stimmung und er blickte auf den Menschen an seiner Seite. Das braune, gewellte Haar hing neckisch in seinem Gesicht, während seine drahtige Gestalt gut versteckte, welche Stärke hinter den grünen Augen steckte.

„Ich versteh dein Verhalten nicht, André. Es ist nur eine Maschine. Eine beeindruckende, in der Tat, aber dennoch nur eine Maschine. Irgendwann wird sie kaputt gehen.“ Der Mechaniker hatte an sich blondes Haar, das jedoch mit Maschinenöl durchzogen war, während es in einem Pferdeschwanz vor größerer Verschmutzung bewahrt wurde.

Die blauen Augen, die ihn immer wieder untersuchten, wirkten akribisch und schienen nicht den kleinsten Fehler zu übersehen, doch er traute diesem Menschen nicht so sehr wie André, aber er wollte ihm keinen Kummer bereiten. Nicht nachdem er ihn aus dieser Dunkelheit und der Kälte seines verlassenen Schlosses geholt hatte.

Man öffnete Klappen und berührte sein Inneres. Das erste Mal hatte es sich unangenehm angefühlt, doch mittlerweile war es nichts besonderes mehr. Dampf zischte aus seinen Gliedern, als er sich kurz ein wenig entspannte und er hörte das leichte Lachen, bevor man die Klappe wieder schloss.

„Der Gute ist noch genauso in Schuss wie vor zwei Tagen. Du brauchst wirklich nicht so oft kommen, André. Kennst du nicht das Rezept für Froschsuppe?“ Pierre nahm wieder Abstand zu ihm und mit einem gewaltigen Knall ging er zurück auf alle vier und sah in das verwirrte Gesicht von André, der dann den Kopf schüttelte. „Nein, kenne ich nicht, aber was haben Frösche damit zu tun?“

Erneut war dort das Lachen von Pierre, und er wusste nicht, ob er es gut finden sollte oder nicht. In solchen Momenten hatte er das Gefühl, dass der Mechaniker seinen Freund nur verspottete. Etwas, was er nicht duldete.

„Wenn du einen Frosch in heißes Wasser wirfst, springt er sofort raus, jedoch wenn du ihn schon rein sitzt, wenn es noch lauwarm ist und es langsam erhitzt, bleibt er solange sitzen bis er durchgekocht ist. Mit anderen Worten, es kann sein, dass irgendetwas langsam kaputt geht, aber ich es nicht sehe, weil diese Veränderung so schleichend ist, dass sie zur Gewohnheit wird.“

André nickte verstehend und sah noch einmal zu ihm. Er mochte es nicht, wenn Sorge und Trauer in dem Blick war und erneut kam dieser Wunsch in ihm hoch, dem Jungen ihm gegenüber diesen Kummer zu nehmen, doch er konnte es nicht. Egal, wie sehr er es sich wünschte.

Damals an dem Tag, als André wie aus dem Nichts vor ihm stand und diese Einsamkeit und Dunkelheit mit sich nahm. Er konnte es nicht mehr vergessen, denn dieser Tag hatte ihm neue Lebenskraft gegeben. Kraft, doch noch etwas an seinem Schicksal ändern zu wollen. Die Bestimmung, die man ihm so gewaltsam aufzwang und mit der man sein Leben in tausend Trümmer schlug…

 

Donner und Blitze durchschlugen die dunkle Nacht, während der Regen alles hinfort riss, was sich nicht gegen ihn wehrte.

Das Klopfen an der Türe ging beinahe im Lärm des Gewitters unter, doch die alte Hofdame hatte es gehört und eilte mit trippelten Schritten dorthin, um dann ächzend die schwere Tür zu öffnen.

Ihr Blick fiel auf eine Gestalt, die einen langen Mantel trug. Ihr Kopf war gesenkt und unterhalb der Kapuze versteckt. Vor ihr stand ein Apparat, der immer wieder kleine Dunstwolken aufsteigen ließ. Er wirkte wie ein Tischchen mit einer Glaskuppel, unter der eine metallene Rose, deren Blüte hell strahlte, war.

„Wärt ihr so gütig und würdet meiner Rose Unterschlupf gewähren? Das Wetter macht dem armen Ding sehr zu schaffen und ihr habt so viel Platz. Da wird sie nicht einmal auffallen. Ich würde sie nach dem Sturm zurückholen.“ Man sah eine schrumpelige Nase, und auch die Finger, die immer wieder kurz unter den Ärmeln auftauchten, wirkten vernarbt und entstellt.

„Wer stört, Marie?“ Die Stimme donnerte durch den großen Saal und ein Jüngling mit schwarzen Haar und strahlend grünen Augen näherte sich der Eingangstür, um diese dann aufzureißen, und auf die ungewollten Gäste zu blicken.

„Nur eine alte Bettlerin, die Schutz für ihre mechanische Rose zu suchen scheint.“ Die Dame machte einen Knicks und wich zur Seite, um ihm gänzlich Platz zu machen.

Missgunst war in seinen Augen und er rümpfte die Nase. „Für solch eine Abscheulichkeit haben wir keine Verwendung hier. Schickt sie hinfort.“

Er machte eine wegwerfende Bewegung, als er sich schon zum Gehen wandte, doch dann wandelte sich die Atmosphäre. Das Gewitter wirkte nicht mehr so bedrohlich, wie diese alte Frau, die von einer unheimlichen Macht umspielt wurde.

„Ihr solltet eure Ablehnung noch einmal überdenken, junger Herr. Es geht nur um eine Nacht für meine kleine Rose. So viel Platz könnt ihr selbst doch kaum verbrauchen. Sie wird nicht auffallen. Daher bitte ich sie noch einmal: Bitte nehmt meine Rose schützend auf.“ Es lag eine Bedrohung in der Stimme, die Marie zittern ließ, doch den jungen Herrn nicht erreichte, der sich mit genervt rollenden Augen umwandte und die abstoßende Frau finster fixierte.

„Ich möchte nichts hässliches oder schwaches in meiner Umgebung. Daher, geh und such dir eine andere Bleibe.“ Er winkte noch einmal, als würde er eine lästige Fliege verscheuchen und wollte gänzlich gehen, kaum dass sich die alte Frau schon wandelte und vor ihm eine wunderschöne Fee stand.

„Dein Herz ist voller Neid und Argwohn. Solch Hässlichkeit darf nicht versteckt sein und somit verwandle ich dich in ein mechanisches Biest, um zu lernen das wahre Schönheit von innen kommt. Du hast Zeit bis die Rose gänzlich erlischt, um jemanden Herz zu gewinnen. Sollte dir das nicht gelingen, wirst du auf ewig zu einem Leben als Maschine verdammt sein, die irgendwann nicht mehr die Kraft haben wird sich zu bewegen.“

Ein grelles Licht verschlang alles um ihn herum und raubte ihm seine Sinne. Dort war dieses makellose, porzellanartige Gesicht und dann hörte er das Rauschen des Dampfes der Rose, bevor er in gänzliche Schwärze versank.

Seine Glieder begannen schwerer und steifer zu werden. Es fühlte sich kurz an, als würde er kleiner werden, doch mit dem Gewicht kam auch eine unbändige Kraft, die sich durch seinen Körper zog und ihm das Gefühl gab, dass er Berge versetzten könnte.

Sein Gesicht wurde spürbar länger und wenn er seinen Mund bewegte, war dort das Geräusch von schweren metallischen Zähnen, die aufeinander schlugen.

Kaum berührten seine Hände den Boden, hörte er das Schaben von Metall über Stein, das sich wie heißer Draht auf sein Gehör legte. Er schrie gepeinigt auf, doch es war nicht seine Stimme, sondern ein beängstigter Schrei einer wilden Bestie.

Das Zischen von Dampf drang an sein Ohr und dann, als sich sein Körper nicht mehr zu wandeln schien, ertönte das Klacken von metallischen Spitzen auf den Fliesen, die sich ihm näherten und vor ihm stehen blieben.

Als er die Augen öffnete, stand dort die Rose auf dem Tisch, die ihm von diesem Tage an überallhin folgte und ihn niemals alleine lassen würde. Nie wieder…

 

Seit diesem Tag war sein Schloss erfüllt von dem Geräusch des zischenden Rauches und der metallischen Füße seiner Bediensteten auf den Boden. Sie alle starrten ihn aus kaum beweglichen mechanischen Gesichtern an. Ihre einst so demütigen Stimmen waren nur noch klanglos und rissen mit jedem Wort tiefe Wunden in seine Seele.

Die einst so begehrten Spaziergänge über seinen Hof wirkten fahl und bedeutungslos. Er spürte den Wind und roch die Blumen nicht mehr. Seine Welt wurde mit jedem Tag kälter und eintöniger. Mit jeder Erinnerung, die ihn verloren ging, starb ein Stück seiner Seele und tauchte seine Umwelt tiefer in das trostlose Grau, das jegliche Besonderheit rücksichtslos verschlang.

Mit jedem Tag, der verging und die Blütenblätter, die ehemals so hell strahlten, immer schwächer wurden oder gar erloschen, wurde das Schloss stiller. Der Rauch, der einst alle Räume zu füllen schien und an manchen Tagen die Sicht gänzlich verschlang, hing nur noch in kleinen Wolken an vereinzelten Decken. Das Klacken erstarb mit jedem Leib, der aufhörte sich zu bewegen.

Nach einer Weile waren dort nur noch seine schweren Schritte und das leichte Trippeln. Monoton drehte er seine Kreise. Grüßte die Statuen mit einem kurzen Nicken und spürte, wie sich etwas in ihm zusammen zog, doch mit jedem Gang wurde dieses Gefühl schwächer.

Der Rauch, der aus seinem Körper entwich, schien auch seine Menschlichkeit herauszureißen und mit sich zu nehmen. Als wäre sie nur unnötiger Ballast, den er eh nicht mehr benötigte. Ein Abbauprodukt eines Vorgangs, der ihm völlig fremd war.

Nur kurz blieb sein Blick auf dem gewaltigen Tor hängen. Sollte er gehen? Hoffen, dass er dort draußen ein neues Leben fand? Jemand, der den Zauber brechen konnte? Das war doch lächerlich. Niemand würde eine Maschine jemals mögen, gar lieben. Er war zum absoluten Stillstand verdammt.

So wandte er sich von dem großen Tor ab und drehte wieder seine Runde. Gefolgt von dem Trippeln der Rose, das ihn auf sonderbare Weise beruhigte, denn solange es dort war, würde er weiter existieren. Erst sobald es erlosch, musste er sich einen Ort suchen, an dem er seine Ewigkeit verbringen wollte, aber wenn er ehrlich war, dann hatte er ihn noch nicht gefunden. Diesen einen Ort, an dem er sich vorstellen könnte für immer zu bleiben. Für immer und alle Zeit...

 

Er drehte gerade seine Runden, als sich etwas veränderte. Das Zwitschern der Vögel verstummte und das Rauschen des Windes trug einen Laut mit sich, den er glaubte nie wieder zu hören.

Das Quietschen des großen Tores zerriss die idyllische Stille und ließ in seinem Herzen eine Ahnung erwachen, die er sich niemals gewagt hätte zu träumen. Er wandte sich schwerfällig in diese Richtung und ging los, um zu schauen, was dort geschah.

Er hörte die Schritte über den Hof, die die Monotonie des Trippelns stärker werden ließen. Sein Weg führte ihn an seine alten Bediensteten vorbei, die schon lange nicht mehr funktionierten und von Ranken bewachsen waren.

Er hörte, wie sich die gewaltige Eingangstür öffnete und schloss, wodurch er seine Schritte versuchte zu beschleunigen. Seine Glieder fühlten sich so schwer an und erst nach mehreren Versuchen begannen sie sich schneller zu bewegen und ihm das Rennen zu erlauben.

Vereinzelte Steine brachen unter seinem schweren Lauf in zwei, doch er stoppte nicht, sondern durchbrach die Tür und blieb abrupt stehen. Sein Blick fiel auf einen jungen Mann, der gerade die Treppe in den nächsten Stock hochgehen wollte, aber sich zu ihm wandte.

„Was? Was bist du?“ Der Fremde kam die Stufen wieder herunter und trat auf ihn zu. Zögerlich waren seine Bewegungen und sobald sich das Biest bewegte, stockte er kurz und so entschloss es sich, still zu halten bis der Mensch bei ihm angekommen war.

Dort war eine Berührung. An seiner Schulter, an seinem Rumpf, bald überall. Sie fühlte sich befremdlich warm und weich an, wodurch er es geschehen ließ. Die Einsamkeit verschwand mit jedem Schritt, den dieser Mensch neben ihn tat.

„Du bist ein Meisterwerk. Wer hat dich gemacht? Diese filigrane Arbeit. Die Übersetzungen. Das Material. Wo ist dein Erschaffer? Wohnt er hier im Schloss?“ Er wollte all die Fragen beantworten, doch außer einem animalischen Grummeln kam nichts über seine mechanischen Lippen, die bei jeder Bewegung leicht quietschten.

„Hallo?! Ist hier sonst noch jemand?! Ich würde gerne das Genie treffen, dass all diese Maschinen gebaut hat!“ Sein Rufen ging in der endlosen Stille unter, wodurch das Biest den Kopf hängen ließ und ihn langsam und bedächtig schüttelte.

„Du? Du kannst mich verstehen??“ Kurz trat Angst in die grünen Augen, doch dann waren dort wieder ein grenzenloses Interesse und eine Begeisterung, die das Biest so nicht kannte und es nickte zögerlich.

„Das ist der Wahnsinn! Dein Erschaffer ist wirklich ein Idiot, dass er dich hier zurücklässt. Er könnte mit dir reich werden. Aber was? Was ist das hinter dir?“ Irritiert blickte der junge Mann auf den laufenden Tisch mit der leuchtenden Rose, die unter einer Glaskuppel stand.

„Das ist ja wunderschön“, hauchte er und versuchte, das Glas zu entfernen, doch es bewegte sich nicht, egal wie stark er daran zog. Nach einer Weile machte der Tisch einen Schritt zurück, um dieser Tortur zu entkommen.

„Ihr seid der Wahnsinn.“ Solch eine Bewunderung hatte das Biest noch nie erfahren, wodurch es versuchte, diese Worte zu verstehen.

„Aber nicht gerade in einem guten Zustand. Kommt mit. Ich bringe euch zu einem Freund, der wird euch wieder herrichten. Ihr solltet nicht hier sein. Maschinen wie euch muss man zeigen. Also, kommt mit.“ Er ging in Richtung Ausgang los und winkte auffordernd ihm zu folgen, doch das Biest blieb stehen.

Es kannte diesen Menschen nicht. Vielleicht wollte er ihn zerlegen, um an die kostspieligen Materialien zu kommen, oder er würde ihn verkaufen. Scheinbar war er eine wertvolle Maschine. Zu wertvoll, um hier zu Grunde zu gehen.

Ruhig betrachtete er den Menschen, der weiter zum Aufbruch drängelte und versuchte, zu verstehen, ob er ihm trauen konnte.

„Komm mit. Hier hält dich doch nichts mehr, oder?“ Diese Frage ließ ihn sich umsehen. Überall im Schloss hingen Spinnweben und lag der Staub. Nur auf seinem alltäglichen Weg nicht. Er blickte auf seine unbeweglichen Bediensteten und dann auf die Rose, bei der nur noch drei von fünf Blütenblätter leuchteten.

Hier würde er so steif werden wie die anderen. Dort draußen hatte er die Chance, den Fluch zu brechen und somit sie alle zu befreien, wodurch noch einmal eine Ladung Dampf aus seinem Körper entwich, bevor er sich dann in Bewegung setzte. Vorbei an dem jungen Mann. Hinaus in die Freiheit.

„Das ist eine gute Entscheidung, mein Großer. Komm, ich werde mich gut um dich kümmern. Auch um deine Blume. Sie wird bald wieder ganz erstrahlen.“ Dort war erneut die Hand auf seiner Schulter, die ihm so viel versprach und er wollte es glauben. So sehr, doch tief in ihm wusste er, dass es hoffnungslos war. Denn auch für diesen jungen Mann war er nur eine Maschine. Eine einfache Maschine...

 

Die Treppe war eng, die er emporstieg, um in eine doch überraschend geräumige Wohnung zu kommen, dennoch blieb er erst einmal verloren stehen und sah sich kurz um.

Dort waren nur ein Bett, eine winzige Küche und ein Sessel mit einem kleinen Tisch. So wenig war er nicht gewohnt und vor allem sah jedes Möbelstück so gewöhnlich aus. Es hatte keinen Schmuck oder gar Verzierungen.

Er war sich sicher, dass er alles zerbrechen würde, wenn er es berührte und so entwich Dampf aus seinen Gliedern, kaum dass er sich entschied sich auf den Boden zu legen.

„Willkommen in meinem kleinen Reich. Ich weiß, es ist nicht viel und vor allem nichts im Vergleich zu dem Schloss aus dem du kommst, aber wenigstens bist du jetzt nicht mehr alleine.“ André lachte kurz auf und schüttelte dann den Kopf.

„Was mache ich hier eigentlich? Als könnte mich diese Maschine verstehen. Lächerlich. Einfach lächerlich, André.“

Er erkannte Verzweiflung in den Augen des Menschen, worauf er ihm gerne ein Zeichen geben würde, dass er eben nicht verrückt war. Diese Worte, die ihm galten und die Sprache, die ihn schon so lange nicht mehr erreicht hatte, waren Balsam für seine einsame Seele.

Ruhig erhob er sich und näherte sich behutsam dem jungen Mann, bevor er ihn dann vorsichtig anstupste oder auf Grund seiner Unfähigkeit seine Kraft vernünftig zu regeln eher umschubste.

André lachte und strich ihm kurz über den Kopf. „Du bist schon eine komische Maschine. Was hast du nur für einen Zweck und wer lässt dich einfach so verrotten? Das ist doch Verschwendung. Zumindest deine Rose kann man gut als Nachtlicht hernehmen.“

Nachtlicht? Hatte der Kerl noch alle Tassen im Schrank? An dieser Maschine hing sein Leben und André wollte sie zu einer Lichtquelle umfunktionieren? Vielleicht sollte er doch besser wieder gehen.

Unter zischenden Lauten und Dampfschwaden drehte er sich um und wollte sich auf den Weg in Richtung Haustür machen, aber sofort war der Mensch vor ihm und stand mit ausgebreiteten Armen da, um ihn zu stoppen. Ob diesem bewusst war, dass er ihn einfach umrennen würde, wenn er gehen wollte?

„Halt! Geh nicht! Bleib bitte! Es tut mir Leid. Nein, deine Rose ist kein Nachtlicht, aber dennoch würde ich gerne verstehen, warum man dich in dem Schloss zurück gelassen hat. Du bist eine Wahnsinnsmaschine. Bestimmt könntest du mit deiner Kraft überall eine Hilfe sein.“

Dort war wieder diese sanfte Hand, die ihre Wärme durch das harte Metall schickte und erneut ein wenig an der Menschlichkeit in seinem Herzen rüttelte, doch auch jetzt bemerkte er, dass man nur eine Maschine in ihm sah. Für aller Augen der Welt war er dies nun mal.

Erneut trat Dampf zischend aus und unterstrich die Worte, die er nicht sprechen konnte, sondern nur als leises Grummeln über seine unbeweglichen Lippen kam, bevor er sich dann noch einmal in der Wohnung umsah.

Er wusste gar nicht, wo er hier Platz haben sollte. Überall schien er im Weg zu sein. Sah André das nicht? Er war zu groß für diese vier Wände.

Der Mann folgte seinen Blicken und lächelte verlegen. „Ja, der Platz ist wirklich eng, aber das ist kein Problem. Ich schieb den Sessel weg und dann kannst du dahin. Keine Angst, du stehst nicht im Weg. Versprochen.“

Sofort setzte er seine Worte in die Tat um und räumte die Ecke für das Biest frei, wodurch dieser schwerfällig dorthin trat und sich nach zwei Drehungen schließlich niederließ.

„Du bist echt faszinierend. Morgen muss ich dir unbedingt jemanden vorstellen. Vielleicht findet er heraus, was deine Aufgabe ist oder sogar wer dich erschaffen hat.“ Skepsis trat in sein Herz und scheinbar auch in seine Augen, denn sofort wurden die Arme beschwichtigend gehoben.

„Nein, nein. Keine Angst. Er ist ein guter Kerl. Der wird dir nichts tun. Das versprech ich dir und ich werde auch immer da sein. Du brauchst also keine Angst haben.“ Angst? Die verspürte er schon lange nicht mehr. Auch wenn er zugeben musste, dass ihn der Gedanke an einen anderen Menschen, der ihn untersuchte, ein wenig beunruhigte.

Was tat er, wenn man an seine Materialien wollte? Wäre es dann eine gute Idee, sich zur Wehr zu setzten, oder dieses Schicksal einfach anzunehmen? Er war sich unschlüssig, was geschickter wäre. Bei der zweiten Möglichkeit würde sein Leid zumindest endlich ein Ende finden.

„Oh Mann, der wird Augen machen. Das sag ich dir. Sowas hat er bestimmt auch noch nicht gesehen. Woher auch? Sowas wie dich gab es einfach noch nie! Das kann er also gar nicht gesehen haben! Boah, er wird voll neidisch auf mich sein.“ André lachte auf und tanzte kurz freudig durch die Wohnung, bevor er sich dann lachend aufs Bett fallen ließ.

„Das wird so genial. So genial. So gen-“ André verstummte und einen Wimpernschlag später ertönte ein leichtes Schnarchen, was ihn irritiert die Augenbraue heben ließ, bevor er dann geräuschvoll den Kopf schüttelte und diesen auf seine Vorderbeine bettete.

Dort stand sie. Leuchtend hell und lachte ihn aus. Diese verdammte Rose, die höhnisch seine Zeit hinunter zählte. Spottend und erbarmungslos...

 

Ruhig folgte er André durch die Straßen. Er spürte die Blicke auf sich und immer wenn er sich zu einem Menschen umwandte, wich dieser ängstlich zurück. Schließlich sah er nach einigen Versuchen nur noch auf den Rücken des jungen Mannes vor sich.

„Hey, André. Wo hast du denn diesen Schrotthaufen her?“ Eine Gruppe männlicher Dorfbewohner trat auf sie zu und umkreisten sie, wodurch er stehen blieb. Dampf stieg erneut aus seinem Körper und er spürte eine Erschöpfung, die er so nicht kannte.

„Das ist kein Schrotthaufen, sondern eine höchst interessante Maschine, die ich im herunter gekommenen Schloss im Wald gefunden habe.“ Er kam ihm näher, doch das Biest war sich nicht sicher, was dies brachte. Er hatte keine Chance gegen alle.

„Maschinen sind Hexenwerk, vor allem für was sollte man solch ein groteskes Teil brauchen? Der hat ja gar keine Funktion. Du hättest ihn einfach auseinander bauen sollen. Seine Materialien kann man gut gebrauchen.“ Dort war eine Berührung an seiner Seite und er fuhr sofort herum. Der Mann wich mit einem hämischen Grinsen zurück.

„Diese Rose ist aber eine echt schöne Lampe. Die hätte ich auch mitgenommen.“ Im Augenwinkel erkannte er, dass man nach ihr griff, wodurch er mit einem schwerfälligen Quietschen und mit einer Geschwindigkeit, die man ihm nicht zutraute, nach vorne schnellte und nach den Menschen schlug.

„Hey, warum greifst du uns an, André? Halte dieses bestialische Teil zurück, verstanden?“ Ein Hauch von Angst schwang in der Stimme mit, doch André hob nur entschuldigend die Arme.

„Ich steuer sie nicht. Das macht alles die Maschine selbst. Versteht ihr jetzt, wie faszinierend sie ist?“ Der junge Mann versuchte erneut sein Glück die anderen von der Besonderheit zu überzeugen, doch sie verzogen nur angewidert oder gar panisch ihre Gesichter.

„Hexenwerk! So etwas ist unmöglich. Keine Maschine arbeitet alleine. Du hättest sie nicht hierher bringen dürfen, André, sondern gleich zerstören. Aber keine Sorge, wir werden das jetzt übernehmen.“ Erneut kam die Gruppe näher und er sah sie an.

Ihre Gesichter waren zu mörderischen Fratzen geworden und er wusste nicht, was er tun sollte. Ihm war bewusst, dass er jeden Einzelnen ohne Probleme hätte erschlagen können, aber er wollte das nicht.

„Stopp! Ihr dürft das nicht tun! Sie hat euch nichts getan! Lasst sie in Ruhe. Ich will sie zu Pierre bringen. Vielleicht findet er was über sie heraus!“ André warf sich vor ihn und erneut war dort diese Unsicherheit, warum der Mensch das für ihn tat.

„Pierre? Der spinnt doch noch mehr als du! Solch eine Maschine kann keinen Nutzen haben! Aber ihr Material schon.“ Erneut war dort eine Berührung. Dieses Mal war es ein Schlag, der sich wie eine Welle durch seinen ganzen Körper ausbreitete.

„Hey! Ihr beschädigt sie nur! Was soll der Mist?“ Man stieß André grob zu Boden, als er sich zwischen den nächsten Schlag werfen wollte. Ein Knurren verließ seine Kehle, als er mit seiner gewaltigen Pranke einmal um sich schlug, doch nirgends war Widerstand. Sie wichen ihm aus.

Immer wieder wurde er von einem Schlag erschüttert, aber egal, wie sehr er versuchte, sich zu wehren. Sie ließen sich nicht treffen. Vielleicht weil er es auch nicht wirklich wollte. Was würden sie nur von ihm denken, wenn er nur einen von ihnen verletzte? Dann hätten alle anderen einen Grund ihn zu hassen und das versuchte er zu verhindern.

Dort waren Andrés verzweifelte Augen und sein Rufen, dass sie aufhören sollten, doch die lauten Schläge verschluckten jedes Wort von ihm, so dass sie das Biest nicht hörte.

Irgendwann sank er zu Boden und wünschte sich, dass er nie wieder aufstehen müsste. Vielleicht war es sogar gut so. Endlich hatte sein Leiden ein Ende. Denn selbst wenn er zurückverwandelt wurde. An sich hatte er kein Leben mehr, in das er zurückkehren könnte. Daher schloss er seine Augen und hoffte, dass der Dampf das letzte Mal aus seinen Körper entwich und er nicht erneut aufwachen würde, als er in die endlose Dunkelheit versank...

 

Das Zischen seines eigenen Dampfes geleitete ihn aus der Finsternis zurück. Dort waren Berührungen an seinem Körper. Ein Schrauben und Ziehen. Warme Hände, die über das kalte Metall strichen und seinen engen Leib nach und nach befreiten.

Langsam öffnete er die Augen und blickte auf eine Wand voller Werkzeug der verschiedensten Art. Er hatte sie hin und wieder schon gesehen, aber ihren Sinn nie gänzlich begriffen.

Er hörte ein Rollen unter sich und dann erst wurde ihm klar, dass er an vier Seilen in der Luft hing. Dort war wieder die Hand, die über seinen Bauch fuhr und etwas an ihm befestigte.

„Die haben ihr echt übel zugespielt, André.“ Es war eine sanfte Stimme, die der Wehmut schwer machte, doch die traurige Antwort traf sein Herz um einiges härter: „Ja, ich hatte schon Angst, dass sie sie gänzlich zerstören. Vollidioten. Sehen sie nicht, was für ein Meisterwerk sie ist?“

„Durchaus. Die Verarbeitung ist grandios, aber ihren Zweck habe ich noch nicht begriffen. Klar, man könnte sie vor einen Pflug spannen. Das würde die Ochsen entlasten, aber für solch eine Arbeit hätte es auch eine einfachere Maschine getan.“ Er spürte, wie man ihm erneut etwas entfernte und kurze Zeit später war der Raum mit einem lauten metallischen Hämmern erfüllt.

„Danke, dass du sie wieder heile machst, Pierre. An sich wollte ich zu dir gehen, damit du mir vielleicht etwas über ihre Funktionen erzählst. Aber ja, du siehst ja selbst.“ Die Antwort klang zerknirscht und langsam begann er sich umzusehen, was erneut mit einem geräuschvollen Ausstoß von Dampf begleitet wurde und Andrés Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Hey, du arbeitest wieder. Das freut mich, Große.“ Sofort tauchte das ihm bekannte Gesicht vor seinen Augen auf und das erleichterte Grinsen darauf, erfüllte ihn mit Freude, dass er nicht gänzlich in der Dunkelheit versunken war.

„Seltsam, ich hab doch gar nichts gemacht, um sie zu starten.“ Man rollte wieder unter ihn und dann spürte er, wie man erneut etwas mit Druck an ihn befestigte.

„Ich sagte dir doch, dass sie was besonderes ist.“ André klang stolz, aber er bekam nur ein genervtes Zischen als Antwort.

„Ich weiß, was du gesagt hast, André. Und nur weil du es sagst, heißt das noch lange nicht, dass ich es dir auch glauben muss. Schließlich kannst du mir viel erzählen, wenn der Tag lang ist.“ Im nächsten Moment tätschelte man seine Seite und ein zweiter Mann tauchte vor ihm auf. Der Blondschopf wischte sich gerade die Hände an einem mit Öl verschmierten Lappen ab und wandte sich dann wieder zu André.

„Also, ich hab die Beschädigungen so gut es ging beseitigt. Der Rose habe ich auch eine neue Kuppel verpasst. Aber ich kann dir leider nicht sagen, was sie für einen Zweck haben. Klar, das Leuchten der Rose ist eine gute Lichtquelle, aber mehr schon auch nicht, vor allem nachdem ein Blütenblatt schon ausgegangen ist und das zweite immer wieder das Flackern anfängt.

Ich hab auch versucht es abzunehmen und vielleicht reparieren zu können, aber wie du selbst gesehen hast, war das nicht möglich. Zumindest nicht ohne sie zu zerstören und das wollen wir ja nicht.

Die große Maschine ist innen extrem kompliziert aufgebaut. Klar, ich habe jetzt all die Dellen rausgemacht, doch die Blicke, die ich dabei vom Aufbau erhaschen konnte, lässt mich hoffen, dass nie dort drinnen ein Problem entsteht, denn dann kann ich dir nicht helfen.“

Erneut dieses zerknirschte Gesicht, das auch an André nicht spurlos vorüber ging und ihm einen traurigen Ausdruck verpasste.

„Ich werde schon gut auf sie Acht geben, keine Angst.“ Langsam ließ man ihn wieder auf den Boden runter und seine Gelenke federten kurz ein wenig nach, als sie sein ganzes Gewicht tragen mussten. Dampf unterstrich diese kleine Bewegung.

„Ja, hab ich gesehen. Diese Anfeindung wird nicht die Letzte gewesen sein. Da bin ich mir sicher und wenn es blöd läuft, beschädigen sie irgendwas im Inneren.“ Pierre räumte sein Werkzeug auf und André beobachtete ihn dabei.

Das Biest blieb stehen und wusste nicht, was es tun sollte. Sein Körper fühlte sich wieder an wie vorher und auch irgendwie nicht. Diese Enge, die durch den Übergriff entstanden war, ist verschwunden, doch dafür hatte er teilweise das Gefühl, dass manche Stellen an seinem Körper falsch beziehungsweise anders waren, als vor seiner Bewusstlosigkeit.

„Wie willst du mich bezahlen, André? Neben meiner Arbeit musste ich, wie du weißt, ein paar Teile komplett ersetzten. Es tut mir Leid, dass ich sie nicht in diesem goldähnlichen Ton hatte, sondern nur in grau, aber sie waren einfach nicht mehr zu retten.“ André wich von seiner Seite und er drehte sich zu ihm um.

Sein Finder wühlte in seiner Hosentasche und holte einen Beutel heraus, den er öffnete und ein paar Münzen heraussortierte.

„Das müsste an sich reichen.“ Er drückte diese Pierre in die Hand, der es noch einmal durchzählte, bevor er dann zufrieden nickte. „Ja, das passt erstmal. Solltest du wieder was brauchen. Du weißt ja, wo ich bin.“

Ein kurzer Schulterklopfer folgte auf die Aussage und dann wandte sich Pierre wieder seinem Werkzeug zu, bevor André dem Biest winkte, dass es ihm folgen sollte.

Seine Glieder setzten sich schwerfällig in Bewegung und das fremde Gefühl machte es ihm nicht leichter, dennoch lief er weiter. Das Trippeln der Rose wieder hinter sich.

Kaum traten sie durch die Tür auf die Straße hinaus, waren dort erneut diese ablehnenden Blicke. Er mochte sie nicht, weil sie ihm zeigten, dass seine Anwesenheit nicht erwünscht war, doch André lächelte ihn zu und deutete ihm zu folgen.

Noch einmal sah er sich um, bevor er sich zischend voran bewegte. Sein Blick immer auf den Rücken vor sich gerichtet. Auf den Menschen, der ihn so mochte, wie er war und befreit hatte. Gerettet aus dieser endlosen Stille, die dabei war ihn für alle Zeit zu verschlingen...

 

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und dort war diese kleine Wohnung, in der er nicht wusste, wo er Platz haben sollte und dennoch ging er wieder in seine Ecke, wo auch die Rose schon auf ihn wartete.

Sein Körper fühlte sich immer noch falsch und unheimlich schwer an. Mit einem lauten Zischen aus seinen Gliedern ließ er sich nieder und hörte schon das niedergeschlagene Seufzen von André.

„Alles Idioten. Sie verstehen nicht, was für ein tolles Werk du bist.“ Er selbst schmunzelte nur über diese Worte, während er weiter vor sich hinstarrte. Kurz erwachte der Wunsch zu antworten, doch seine Kehle fühlte sich hart und unbeweglich an.

„Ich kann mein Glück immer noch nicht fassen, dass ich dich dort gefunden habe. Pierre hilft uns bestimmt dabei deinen Zweck herauszufinden und dann werden sie Augen machen.“ Er lachte auf und das Biest hob kurz seinen Blick.

Er sollte einen Zweck haben? Das war doch lächerlich. All seine Gestalt war nur ein grausamer Fluch, den man ihm wegen seines kalten Herzens aufgezwungen hatte und mit jedem Tag, den er in Einsamkeit verbrachte, wurde ihm bewusster, was für ein Geschenk sein altes Leben doch war.

„Er hat dich auf jedenfall schon einmal gut wieder hinbekommen. Zwar sind seine Ersatzteile nicht so edel wie der Rest von dir, aber sie erfüllen ihren Zweck.“ André stand auf und trat auf ihn zu. Er lächelte ihn weiter an und das Biest verstand nicht.

Ruhig folgte er den Berührungen von ihm auf seinem Körper. Jedes Mal, wenn er an ein Ersatzteil berührte, verschwand das Empfinden. Dort war kein Gefühl mehr. Sie gehörten nicht zu ihm und somit übermittelten sie ihm auch keine Informationen.

„Ich hätte es mir nie verziehen, wenn dir etwas passiert wäre. Schließlich habe ich dir Sicherheit versprochen, als ich dich da rausgeholt habe.“ Erneut lachte André auf, doch dieses Mal klang es traurig und auch der Glanz in seinen Augen wurde kurz ein wenig trüber.

„Vielleicht haben die Leute Recht. Ich bin ein Maschinennarr. Wie ich so mit dir rede. Als könntest du mich verstehen. Aber du bist ja nur eine Maschine, nicht wahr?“ Alles in diesen Augen schrie danach, dass man ihm widersprach. Ihm zeigte, dass seine Empfindungen nicht einer Maschine, sondern einer Seele galten.

Doch er traute seiner Stimme nicht und somit erhob er sich nur kurz leicht und stupste André sanft mit seinem schweren Kopf an, sodass dieser lachend nach hinten fiel.

„Ich wusste, dass du mich verstehst. Ja, du bist etwas ganz besonders. Lass dir niemals irgendetwas anderes einreden, ja?“ Dort waren wieder diese warmen Hände in seinem Gesicht und dann lehnte man die Stirn gegen seine eigene.

„Du bist für mich etwas besonderes. Danke, dass du damals mitgekommen bist.“ Diese Worte vertrieben die Kälte für ein paar Sekunden aus seinem Inneren und ließen ihn kurz vergessen, dass er nur noch aus Metall bestand. Dass er keine Maschine war, sondern ein fühlender Mensch. Ein verfluchter Mensch…

 

Seine Glieder fühlten sich unsagbar schwer an, während das Trippeln hinter ihm leichtfüßig und schon fast verspottend wirkte. Er wollte sich nicht umsehen, denn er wusste, dass dort wie immer die Rose war. Sie lief ihm hinterher. Wie ein treudoofer Hund.

Er schnaubte und erneut wich mit einem Zischen Rauch aus seinen Gliedern, bevor er dann weiterlief. Sein Blick glitt nicht zurück. Er wusste nicht einmal, wohin er ging. Das Einzige, was ihm bewusst war, war die Tatsache, dass er nicht mehr länger in dieser leeren Wohnung sein konnte.

André war in der Früh aufgebrochen und er war sich sicher, dass er ihm sogar sein Ziel nannte, doch er konnte mit dieser Information nichts anfangen. Es klang in seinen Ohren so unglaublich falsch und so war er alleine zurückgeblieben.

Die Stunden vergingen und diese erdrückende Stille wurde hin und wieder nur von dem Zischen seines Rauches unterbrochen.

Eine Totenstille, die ihn zu sehr an sein altes Zuhause erinnerte und somit verließ er diese Trostlosigkeit und schritt nun unter den argwöhnischen Blicken durch das kleine Dorf.

Er verstand nicht, warum er hierbleiben sollte. Dies war kein Ort für ihn. Er sollte woanders sein, aber wusste nicht wo und so streifte er weiter durch die Straßen.

Die Blicke, die sich immer wieder auf ihn richteten, drangen nur am Rande zu ihm durch. Er kannte sie. Waren sie doch dauernd da gewesen, wenn er mit André unterwegs war. Sie gehörten zu seinem Leben, genauso wie das ständige Trippeln hinter ihm.

„Hey, du dummer Schrotthaufen. Warum läufst du hier alleine herum? Wo ist André? Sollte er nicht auf dich aufpassen? Eine Maschine ohne Führer ist unheimlich gefährlich.“ Es stellte sich wieder eine Gruppe von Herangewachsener vor ihn und die Schwermut in seinem Herzen kehrte zurück.

Er wollte sich abwenden und einen anderen Weg einschlagen, aber man stellte sich ihm wieder entgegen. „Du bist doch zu nichts nütze. Nur groß und schwer. Nicht einmal schnell oder so. Aus deinem Material kann man bestimmt einige sinnvolle Maschinen bauen. Dass André dich noch nicht zerlegt hat, grenzt eh an ein Wunder.“

Ein Lachen untermalte diese bösartige Aussage, die sich wie heißer Stahl in sein Herz brannte und dort Schmerzen hinterließ, die er noch nie gespürt hatte, doch bevor er begriff, was geschah, waren die Menschen ihm ganz nah.

„Wir sollten André zuvor kommen. Das Material wird gutes Geld bringen. Los, lasst uns den Schrotthaufen zerlegen.“ Dort waren Berührungen und im nächsten Moment ächzte das Metall unter dem Reißen und Ziehen.

Er versuchte, um sich zu schlagen, doch nach dem ersten Treffer wichen sie gekonnt aus und weitere Stücke wurden aus seinem Leib gerissen.

„Das Gold der Blume dahinten können wir auch nehmen. Das bringt bestimmt einen Haufen Kohle.“ Er traute seinen Ohren kaum und dann drang ein gewaltiges Brüllen aus seiner Kehle. Er stürzte sich schon auf seinen ewigen Begleiter, um diesen unter sich zu begraben.

„Was war denn das? Scheinbar ist sein Zweck diese dumme mechanische Blume zu beschützen. Egal, dann nehmen wir uns halt nur seine Teile.“ Immer wieder riss man an ihm, während er verzweifelt die Blume umklammert hielt.

Es war ihm egal, was mit ihm geschah, doch solange zumindest ein Blütenblatt leuchtete, bestand noch die Möglichkeit, dass dieser Alptraum ein glückliches Ende fand. Darum musste er sie beschützen. Er musste sie beschützen. Koste es, was es wolle. Um jeden Preis. Um jeden verfluchten Preis…

 

Die Schläge, Tritte und Beschimpfungen verschwanden. Zurück blieb nur eine endlose Dunkelheit, die alles um ihn herum immer mehr verschlang, und sein Körper mit jeder Sekunde kälter zu werden schien.

Er wollte sich nicht weiter bewegen, sondern nur noch, dass es ein Ende findet. Dort war das warme Glühen der Rose in seinen Armen. Warum hatte er sie beschützt? Wieso sah er nicht ein, dass dies alles nur noch sinnlos war? Er hätte diese Männer die Blume zerstören lassen sollen, dann wäre es endlich zu Ende gewesen.

Langsam lösen sich seine Arme von der Blumenapparatur und die Stille wurde von hastigen Schritten durchbrochen. Nur kurz erwachte in ihm das Verlangen seine Augen zu öffnen, doch dann war dort wieder diese Bedeutungslosigkeit, die jede Tat sinnlos erscheinen ließ.

„Ohje, was haben sie mit dir gemacht? Aber keine Angst. Ich werde dich reparieren. Wir schaffen das schon. Du wirst sehen, bald siehst du wieder wie neu aus. Halte einfach durch, okay?“ Seine Berührungen drangen schmerzhaft in seinen Geist ein und er erkannte, dass zu viel ausgetauscht werden müsste, und er wollte es nicht.

Er wollte keine Maschine werden, die gar nichts spürte. André sollte einsehen, dass dies alles zwecklos war. Man konnte ihm nicht mehr helfen.

„Oh nein! Ein Blütenblatt ist erloschen! Diese Idioten. Komm, wir müssen euch reparieren! So schnell wie möglich. Du verliest zu viel Öl.“ Diese Panik in der Stimme ließ ihn kurz gepeinigt auflachen, was eher wie ein bestialischer Schrei klang.

André sollte ihn liegen lassen und gehen. All das hatte keinen Sinn mehr und so bewegte er sich nicht. Es war zwecklos, aber wenigstens war es schön, dass sie einander getroffen hatten und er so spürte, dass man ihn doch noch lieben konnte.

„Bitte, steh auf. Wir müssen dich wegbringen. Hier kann ich dich nicht reparieren. Bitte, steh auf.“ Dieses Flehen in Andrés Stimme berührte etwas in seinem Herzen, wodurch der Dampf zischend aus seinem Körper entwich, als er sich schwerfällig in die Höhe stemmte.

Es fühlte sich unglaublich anstrengend und schon fast schmerzhaft an, doch das erleichterte Lächeln auf Andrés Lippen ließ ihn all das vergessen.

„Gut, mein Freund. Komm, gehen wir zu Pierre. Er wird dich bestimmt wieder herrichten können.“ Dort war der Klang des Klopfens, doch da es auf einem neuen Teil passierte, spürte er es nicht.

Nein, er wollte nicht ganz von der Welt abgeschnitten werden, doch er konnte diesen hoffnungsvollen Augen nicht widerstehen. Und so begann er sich langsam in Bewegung zu setzen und folgte André zu der Werkstatt, die er schon viel zu oft besucht hatte…

 

Es blühten nur noch zwei Blütenblätter. Pierre kümmerte sich in erster Linie um das Biest, während André verzweifelt versuchte, das Leuchten der Rose zurückzuholen, doch egal, was er tat, es funktionierte nichts.

Er selbst spürte, wie die Welt um ihm herum immer weiter verschwand. Keine Berührungen mehr, die zu ihm durchdrangen. Nichts, was ihm sein Körper mitteilte. Er fühlte sich wie ein Geist, eingesperrt in einer unendlich dunklen, kalten Kammer.

„Warum funktioniert das nicht? Man muss die doch wieder zum Leuchten bringen können! Jede Maschine kann man reparieren!“, fluchte André und mit einem lauten Knall flog sein Werkzeug quer durch den Raum, wodurch Pierre in seinem Tun stoppte.

„Ich versteh ja nicht einmal, warum sie überhaupt ausgegangen ist. Scheinbar hat der Große hier sie ja eh beschützt. Er sieht viel schlimmer aus als sie. Aber typisch Rosen. Immer zickig.“ Pierre lachte auf, doch der kalte Blick von André zeigte deutlich, dass er den Witz nicht komisch fand, und so erstarb das Lachen auch gleich wieder.

„Die Situation ist nicht witzig, Pierre. Diese Idioten verstehen nicht, wie besonders die Zwei hier sind und machen total hirnlos besondere Maschinen zunichte, die uns vielleicht noch viel Nutzen bringen könnten. Sie laufen endlos, Pierre. Verstehst du das? Endlos.“ Bei diesen letzten Worten brach das Biest in sich zusammen.

Nein, es wollte nicht unsterblich sein. Nicht auf ewig in dieser kalten Dunkelheit gefangen sein. Dieser Alptraum musste endlich zu Ende sein. Es konnte nicht mehr so weiterleben.

„Pierre?! Was hast du gemacht?!“ Andrés Stimme überschlug sich vor Panik und hastige Schritte kamen näher. Er war sich sicher, dass man ihn berührte, doch er spürte nichts mehr.

„Ich? Gar nichts! An sich bin ich mit meiner Arbeit durch. Er sollte wieder so funktioniert wie immer. Alle Beschädigungen sind repariert.“ Pierres Stimme war leicht gereizt und er hörte, wie André Luft holte, um etwas zu erwidern, doch dann geschah es.

Das Leuchten der Blume begann zu flackern und langsam schloss das Biest seine Augen. All dies hatte keinen Sinn mehr. Es musste endlich loslassen. Dieser Fluch hatte ihn gebrochen. Es gab keinerlei Erlösung für ihn. Bald würde er auch stehen bleiben. Wie alle anderen.

„Nein! Nicht noch ein Blütenblatt! Ich hab doch gar nichts gemacht! Warum erlischt es?!“ Diese Verzweiflung sollte ihn nicht berühren. Er wollte diese Verbindung zu dem Jungen nicht länger haben. Schließlich würde er den Fluch auch nicht mehr brechen können. Dafür war es mittlerweile zu spät.

Er spürte, wie die Finsternis immer stärker an seinem Verstand zog und ihn mit süßlicher Stimme lockte. Wie einfach es wäre, jetzt loszulassen, doch irgendetwas hielt ihn hier. Ließ ihn nicht ziehen.

„Das darf nicht passieren! Hast du auch alles richtig gemacht, Pierre?!“ Ein Schnauben war die Antwort. „Ja, hab ich. Aber ich hab die Blume nicht angerührt. Das warst du wenn dann schon selbst! Also, hör auf die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben. Außerdem weiß ich gar nicht, was der Schwachsinn soll. Was hat der Große mit der Blume zu tun? Die sind nicht verbunden! Also, beruhig dich. Du verlierst gerade höchsten eine Nachttischlampe.“

„Doch. Sie gehören zusammen. Irgendetwas sagt mir, dass die Blume seine Energie anzeigt. Wenn sie ausgeht, wird er sich auch nicht mehr bewegen. Wir müssen das irgendwie verhindern. Los, hilf mir doch, Pierre.“ André stürzte von ihm weg zu dem laufenden Tisch mit der leuchtenden Rose hinter der Glaskuppel.

Ein Seufzer und Pierre bewegte sich, um sie sich genauer anzusehen. „Ich habe von Elektrik keine Ahnung, André. Vielleicht ist irgendein Kabel kaputt und dein angeblich ewiger Akku hat halt auch sein Limit. Jede Maschine braucht irgendwann neue Energie, sonst bleibt sie stehen. Das wissen wir schließlich beide oder hast du das mittlerweile schon vergessen?“

„Nein, aber ich finde keine Stelle, an der ich sie aufladen oder irgendetwas reinfüllen könnte. Daher ging ich davon aus, dass es an sich nichts braucht.“ André biss sich verzweifelt auf die Unterlippe und Pierre lachte.

„Das glaubst du doch selbst nicht. Eine ewig laufende Maschine. Sowas gibt es nicht, André. Niemals. Scheinbar ist es an der Zeit, dass du dich von deinen Lieblingen verabschiedest. Ich seh nämlich auch nichts, was irgendwie als Energiespeicher funktionieren könnte.“

„Nein, Pierre. Nein, wir müssen das verhindern. Schließlich haben wir immer noch nicht verstanden, warum sie existieren und was ihre Funktion ist. Wenn sie still stehen, werden wir das niemals erfahren. Das darf nicht passieren, Pierre. Du willst ihren Sinn doch auch verstehen, oder?“

Es blieb eine lange Zeit ruhig, in der André immer wieder mit einem Oder nachfragte, bevor Pierre dann erneut seufzte und sich doch zu einer Antwort durchrang.

„Manche Dinge haben keinen Sinn, André. Ich habe die Zwei so oft angeschaut und untersucht. Der einzige Sinn, der mir einfallen würde, sind Nachttischlampe und Zugmaschine. Die Rose leuchtet und der Große hat viel Kraft. Mehr haben sie nicht zu bieten und deswegen solltest du langsam aufhören nach einem größeren Sinn von den Beiden zu suchen, André.“

André schwieg und eine Schwere breitete sich in der Luft aus, die sich unangenehm auf die Seele des Biestes legte und die Dunkelheit, die ihn immer mehr umschloss, ein wenig kälter machte. Er wollte nicht länger hier sein und so erhob er sich gänzlich, um dann die Werkstatt zu verlassen.

Dies war nicht mehr der Ort, wo er sein wollte.

„Halt! Wo willst du hin?! Warte auf mich!“ Andrés Stimme verfolgte ihn, doch er stoppte nicht, sondern ging immer weiter. Durch diese unendliche Finsternis folgte er dem einzigen Licht, das sein Leben so lange begleitet hatte. Diesem Leuchten und dem leisen Trippeln. Sonst war nichts mehr wichtig. Nicht länger wichtig…

 

Das große Gittertor war weiterhin geöffnet und die Natur hatte sich weitere Teile von dem einst so prachtvollen Schloss einverleibt.

Immer mehr Grün verschlang die Mauern und die Steine auf dem Boden, dennoch fühlte sich sein Herz gleich umso vieles leichter an.

Hier war er zuhause und hier wollte er für den Rest seines Lebens sein. Nicht mehr zurück in dieses grausame Dorf, das ihn am Liebsten gänzlich zerstört hätte und wahrscheinlich auch geschafft hatte.

„Wieso gehst du hierhin zurück?“ Andrés Stimme wirkte so unendlich weit weg, doch auch wenn er ihn fragte, so wusste er, dass er keine Antwort erwartete. Noch nie hatten sie miteinander gesprochen, aber jetzt spürte er diese Schwere in seinem Herzen und den Wunsch, ein letztes Mal mit jemanden zu reden.

„Weil es mein Zuhause ist und ich gerne hier sterben würde.“ Seine Stimme fühlte sich rau an und ein erschrockener Aufschrei war die erste Antwort, die er bekam.

„Du? Du kannst sprechen? Seit wann?“ André blickte ihn ungläubig an, doch das Biest betrat die gewaltige Eingangshalle, die mittlerweile auch schon von den verschiedensten Pflanzen bewuchert wurde.

„Schon immer, aber ich hatte keinen Grund dazu.“ Dies fühlte sich so unglaublich falsch an und kurz überlegte er, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, doch dann strahlte ihn André breit an.

„Es ist zwar schade, dass du jetzt erst mit mir sprichst, aber so kann ich dich vielleicht endlich besser verstehen.“

„Du bist der Erste, der dies will und ich frage mich schon die ganze Zeit, warum du das tust. Wieso bin ich dir so wichtig?“

„Das weiß ich nicht. Als ich auf meiner Erkundung dieses Schloss gefunden hatte, habe ich mir gedacht, dass ich hier bestimmt ein paar brauchbare Teile finden könnte. Aber als ich dich dann sah, wusste ich, dass ich etwas Großes gefunden habe. Du hast mich fasziniert, weil ich noch nie etwas wie dich gesehen habe.“

„Irgendwie klingt das sehr banal, obwohl du so schlau bist. Denn du hast es richtig erkannt. Die Rose zeigt meine Lebenszeit an. Wenn die letzte Blüten erlischt, dann werde ich mich nicht mehr bewegen können.“

„Wer? Wer hat dich geschaffen? Wie funktioniert das Alles? Können wir sie nicht irgendwie aufladen?“

Das Biest lachte auf. Diese einfachen Gedankengänge amüsierten ihn immer wieder. Er verstand nicht, wie diese Banalität und eine solch gigantische Auffassungsgabe im selben Geist wohnen konnten, dennoch stand genau so ein Exemplar gerade vor ihm.

„Eine Fee hat mich verflucht, weil ich mein Leben und meine Mitmenschen nicht so geachtet hatte, wie ich es an sich sollte.“

„Ein Fluch? Aber sollte man ihn nicht irgendwie brechen können? Jeder Fluch kann doch gebrochen werden, oder nicht?“

„Ja, jeder Fluch kann gebrochen werden. Ich muss dafür wahre Schönheit erkennen.“

„Wahre Schönheit? Was soll das sein?“ André verstand es selbst nicht und sah ihn fragend an, wodurch das Biest nur mit den Schultern zuckte.

„Ich weiß es nicht. Aber du solltest jetzt gehen. Ich möchte alleine sein.“ Er wandte sich ab und wollte nach oben in seine Gemächer gehen, als ihn André erneut stoppte.

„Ich lasse dich nicht alleine. Ich werde mitkommen. Niemand sollte in so einem Moment alleine sein. Ich werde bei dir bleiben.“ Der Blick zeigte deutlich, dass jeder Widerspruch vergeblich sein würde, was das Biest innerlich resignieren ließ.

„Du willst dir nur mein Material unter den Nagel reißen“, spasste es dennoch, bevor es seinen Weg fortsetzte, „aber wenn du unbedingt meinst, dann komm mit.“

Natürlich blieb André nicht zurück, sondern eilte an seine Seite und stieg mit dem Biest die Treppen zu seinem Gemach empor. Er wollte dortbleiben. In diesem Zimmer, das ihn immer ein angenehmer Raum gewesen war. Ein Ort, an dem er sich sicher gefühlt hatte und auch jetzt spürte er, wie sein Herz leichter wurde, kaum dass er die Türschwelle übertrat.

Die Möbel waren verstaubt und viele Spinnweben hingen an den Wänden und der Decke, doch es war ihm egal. Dort waren sein großes Himmelbett und der Kleiderschrank. Sein Spiegeltisch und sein Schreibtisch mit der Feder und dem staubigen Papier.

Was würde er geben, wenn er noch einmal etwas schreiben könnte, doch seine ungelenken Klauen machten das Halten des Federkiels unmöglich.

„Das ist dein Zimmer, oder?“ Andrés Stimme zitterte unter einer gewissen Ehrfurcht, die das Biest aber nicht so ganz verstand, bevor es schwerfällig nickte.

„Ja, hier würde ich es gerne beenden. Es tut mir also Leid, dass du dann alles mühselig nach unten tragen müsst.“ Neckisch sah er zu dem jungen Mann, der ihn nur kurz traurig anlächelte, bevor er seine Arme unschuldig zu einem Schulterzucken hob.

„Auch wenn du es mir nicht glaubst, aber ich habe nicht vor dich zu zerlegen. Vor allem nicht nachdem ich weiß, dass du mal ein Mensch warst. Ich würde dir unheimlich gerne dabei helfen den Fluch zu brechen. Du hättest viel früher mit mir sprechen müssen, dann hätten wir gemeinsam nach einer Lösung suchen können.“

„Das hätte nichts geändert. Ich hätte dir nur unnötig Zeit gestohlen und wir hätten nichts gefunden. Dieser Fluch ist nicht zu brechen, aber so konnte ich endlich seit langem einmal wieder spüren, dass sich jemand wirklich um mich sorgt. Die Zeit an deiner Seite war sehr schön. Danke, André.“

„Sie muss noch nicht vorbei sein. Ein Blütenblatt leuchtet noch. Wir können den Fluch immer noch brechen. Du musst nur wahre Schönheit erkennen. Das schaffen wir.“

„André… ich will nicht mehr. Alles, was ich gesehen habe, war Hass und Hässlichkeit. Das einzige Schöne in den letzten Monaten war die Zeit mit dir. Deine Freundschaft und deine Fürsorge. Etwas schöneres werden wir bestimmt nicht finden. Nicht in dieser kalten Welt.“

Etwas brach in den Augen von André und dem Biest taten seine Worte leid. Dort war kurz der Wunsch, sie zurückzunehmen, doch dann stoppte es. Es war besser, wenn er ein wenig seiner Zuneigung verlor und somit der Abschied leichter werden würde.

Der junge Mechaniker sollte nicht um ihn trauern, sondern weiter mit diesen offenen und strahlenden Augen durch die Welt gehen. Er wusste, dass er ihn niemals vergessen würde und diese gemeinsame Zeit sein Lichtschein in dieser unendlichen Dunkelheit sein würde, und genau deswegen wollte er nicht, dass André darunter litt.

„Ich glaube, dass du langsam gehen solltest.“ Erneut flackerte das Licht der Blume und Panik explodierte in diesen menschlichen Augen vor ihm. Doch bevor es noch einmal etwas sagen konnte, waren dort die warmen Hände, die sein Gesicht berührten, und dieser unnachgiebige Blick, der seinen fixierte.

„Nein, ich werde nicht gehen. Ich bleibe bei dir solange es nötig sein sollte. Niemand sollte alleine sein. Vor allem nicht in dieser besonderen Zeit. Du bist wie ein Freund für mich geworden. Ich hab dir so viel anvertraut. Du bist mir unheimlich ans Herz gewachsen und ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn ich dich jetzt in deiner dunkelsten Stunde alleine lassen würde. Daher, hör auf damit. Hör auf mich zu verjagen, denn ich werde nicht gehen. Nicht solange du hier bist, mein Freund.“

Die Maschine spürte, wie diese letzten zwei Wörter eine unbekannte Wärme in seinem Herzen entfachte, die Stück für Stück seinen ganzen Körper erfüllte und somit diese eisige Kälte daraus vertrieb.

Sanft legte er seine Stirn gegen die des Menschen und schloss seine Augen. Spürte die Wärme, lauschte den Atem und war nur glücklich über diesen letzten Moment. Dieses kleine Stück Glück, das man ihm so selbstverständlich schenkte.

„Danke, André. Danke für alles, mein Freund.“ Als wäre es eine Zauberformel explodierte eine gleißende Hitze in seinem Körper, die von einem grellen Licht der Rose verschlungen wurde und ihn endgültig aus der Dunkelheit katapultierte.

Sein Leib verformte sich erneut und eine gewaltige Energie das Schloss durchströmte. Sie riss die Pflanzen raus. Entfernte die Schatten und den Dreck, um dann das Leben zurückzuholen.

Ihre Stirne berührten sich immer noch, als die Verwandlung beendet war und André lächelte ihn überglücklich an. „Wir haben es geschafft. Der Fluch ist gebrochen.“

„Ja, der Fluch ist gebrochen. Dank dir, mein Freund.“ Ohne zu zögern, zog er André in eine feste Umarmung und lauschte dem Erwachen des Schlosses. Er hatte ihn gerettet. Nicht nur einmal und er verstand nicht, wie er solch einen Freund verdient hatte, doch was er wusste, war, dass er ihn nie wieder gehen lassen würde. Nie wieder…

 

„André! Jetzt beeil dich schon, sonst fährt das Schiff noch ohne uns ab!“ Er stand am Hafen und hielt seinen Koffer in der Hand. Der Mechaniker unterhielt sich gerade mit einem Matrosen viel zu intensiv und der Prinz wusste, worum es ging.

Sie würden heute mit einem gewaltigen Dampfschiff fahren. Das Erste, das gebaut wurde und damit die Welt bereisen. Sie wollten alles sehen und viele andere Maschinen treffen.

Ihm war bewusst, wie sehr er sich in seinem kleinen Schloss eingesperrt hatte und was er dadurch verpasste. Jetzt hatte er mit André jemanden, mit dem er all das sehen wollte.

„Ja, ich komm ja schon. Wir haben noch genug Zeit.“ Andrés Blick war ein wenig zerknirscht, als er sich widerwillig von dem Seemann verabschiedete und endlich zu seinem Freund aufschloss, um sich dann in die Schlange anzustellen.

Er wollte unerkannt reisen und somit weitere Schönheiten der Welt entdecken, die man ihm durch zu viel Adel vielleicht gar nicht zugestehen würde. Wie oft wurde er schon von Festen einfacher Bürger weggeholt, weil es sich als Prinz nicht geziemte dort zu sein.

Nein, er wollte alles sehen und somit zeigten sie dem Mann ihre Fahrkarten, bevor sie dann die Ladeplanke emporstiegen, um an Board zu gehen.

Dort herrschte ein beschäftigtes Treiben. „Unsere Kabine ist scheinbar auf dem zweiten Deck. Wollen wir erst einmal unsere Koffer wegbringen?“ André sah ihn fragend an, wodurch er ihm zunickte.

„Ja, das klingt nach einem guten Plan. Dann können wir uns in Ruhe umsehen.“ Er lächelte und somit folgten sie dem Strom der Leute, um sich von ihnen in ein neues Abenteuer treiben zu lassen. Eines von vielen, die noch folgen sollten. Denn diese Welt gehörte den Menschen, die es wagten, sie zu erobern, und durch die Freundschaft mit André hatte er das Gefühl, dass sie nichts stoppen konnte. Rein gar nichts mehr.

Denn diese Freundschaft würde über die Zeit und in jedem Land existieren. Ihr Leuchten würde niemals erlöschen. Niemals…

 

Ende

Summon your Family

Die Menschheit war kurz davor sich wegen Überbevölkerung selbst aus der Existenz zu katapultieren. Auf der verzweifelten Suchen nach einer Lösung stieß die Wissenschaft in verschiedenen Ländern zeitgleich auf ein Portal, das uns mit einer anderen Dimension verband. Es waren Einbahnstraßen. Seltsame Kreaturen kamen heraus, aber jeder Mensch, der hindurch ging, kehrte nie wieder zurück. Sodass man aufgab und die Kraft der Kreaturen dankbar annahm.

Wie haben sie uns also gegen die Überbevölkerung geholfen? Ganz einfach: Sie töteten uns, wenn wir unsere Aufgabe erfüllt haben, aber gaben uns dafür Immunität gegen Krankheiten, Verletzungen und den Tod. Unser Gesundheitssystem war nur noch darauf aufgebaut, dass die Kinder bis zu ihrer Volljährigkeit gesund blieben, um einen Pakt zu schließen.

Heute war der Tag, an dem meine Eltern starben. Ich pustete die Kerzen auf meinem Kuchen aus und begegnete den strahlenden Gesichtern meiner Familie. Meine Geschwister waren drei beziehungsweise sechs Jahre älter als ich. Ich war das Nesthäkchen und sah auf die sechszehn Kerzen auf dem Kuchen. Kleine Rauchschwaden schlängelten sich zur Decke empor. Unser dunkler Tisch war von einer weißen Decke mit aufgestickten Luftballons bedeckt. Meine Eltern standen hinter mir. Je eine Hand von ihnen auf einer meiner Schulter. Ihre Wärme drang durch den Stoff meines T-Shirts hindurch. Sie drückten zu. Ein letzter Abschiedsgruß.

Die Wesen, die aus den Portalen kamen, glichen Dämonen, aus der Bibel. Einem alten Buch, das einst zu einer versunkenen Kultur gehörte. Religion, wie man es damals nannte, existierte seit der Ankunft der Portalwesen nicht mehr. Sie trieben jeden Glauben an einen Gott aus und töteten alle, die sich dagegen wehrten. Wir brauchten keinen Glauben mehr, der uns nur zu Hass und Mord trieb. Denn sterben konnten nur noch die Kinder und die galt es zu schützen.

„Mum? Dad?“ Meine Stimme zitterte. Der Druck auf meinen Schultern schwächte ab. Ich sollte mich nicht umdrehen. Meine Geschwister senkten den Blick. Ihre Schultern bebten. Meine Kehle schnürte sich zu. Zwei weitere Schatten überragten mich. Ich erkannte die gekringelten Hörner des Begleiters meiner Mutter und die spitzen meines Vaters.

Die Hände glitten von meinen Schultern und nahmen die Schatten mit sich. Ich starrte auf den Kuchen und hoffte, dass das Brennen in meiner Brust abschwächte. Jeder qualvolle Schlag drückte heißes Blei durch meine Adern und trieb mir Tränen in die Augen.

„Wir haben euch lieb. Seid tapfer und genießt euer Leben.“ Ein Schluchzen lag unter der Stimme unserer Mutter. Ich wusste, dass dies passierte. Es geschah immer, wenn das letzte Kind sechszehn Jahre alt wurde. Das war ich und wurde ich heute. Zwei Jahre lebte ich ab jetzt alleine, bis ich meinen eigenen Begleiter beschwor.

„Wir lieben dich auch, Mum!“ Ich drehte mich um. Ihre Gesichter waren vom Schmerz verzerrt und sie streckten ihre Arme nach uns aus. Ihre Dämonen umklammerten die Kehlen meiner Eltern und drückten sich an deren Körper. Die dunkle Haut und die feurigen Augen brannten jegliche Hoffnung aus meinem Herzen.

„Sie gehören jetzt uns, Menschenkind. So war es abgemacht. Genieße deinen Geburtstag. Es hat Spaß gemacht, euch aufwachsen zu sehen. Wir freuen uns darauf, wenn ihr zu uns kommt.“ Die rauchige Stimme von Mamas Begleiter breitete sich wie dichter Nebel im Raum aus. „Du solltest wegsehen, wie es deine Geschwister tun. Das willst du nicht sehen.“

Die Warnung erreichte mich, aber ich konnte meinen Blick nicht von ihnen nehmen. Ich wollte sie nicht verlieren. Sie waren alles in meinem Leben. Der Gedanke, dass ihre Stimmen und ihre Liebe kein Teil mehr meines Lebens sein sollte, schnitt hart in meine Brust und vergrub sich schmerzhaft in meinen Eingeweiden.

„Sieh weg“, flehte mich meine Mutter an. Mein Vater hatte seine Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt. Er zitterte und schwieg. Ich konnte ihrer Bitte nicht folgen. Die beiden Begleiter küssten ihre Schützlinge. Ihre Klauen kratzten über die Oberkörper und hinterließen breite, blutende Striemen. Die Körper meiner Eltern zuckten und die Krallen der Begleiter bohrten sich in ihre Brust. Sie rissen ihnen die Herzen heraus. Das Zucken stoppte. Die Begleiter lösten den Kuss und atmeten tief einen dickflüssigen hellblauen Nebel ein. Meine Eltern zerfielen zu Asche. Ihre Herzen blieben und schlugen noch drei letzte Male in den Händen der Begleiter. Ihr Leben war vorbei. Sie waren weg.

„Du hättest wegsehen sollen, Kind. Feiert noch schön. Wir werden jetzt nach Hause gehen. Eure Eltern waren schmackhaft. Der Pakt somit ein voller Erfolg. Wir hoffen, dass ihr uns auch so gut dienen werdet.“ Vaters Begleiter verbeugte sich. Er war ein Stück breiter als Mutter ihrer und hatte härtere Züge. Gemeinsam verließen sie unsere Wohnung und hinterließen eine beklemmende Stille.

„Hey, hast du schon eine Wohnung zugeteilt bekommen?“ Mein Bruder riss mich von den zwei Aschehaufen fort, die meine Schwester zusammenkehrte und aus dem Fenster warf. Der Wind riss sie hinfort. Meine Eltern waren weg.

„Ja, ich kann in zwei Tagen einziehen.“ Der Themenwechsel erreichte mich nicht. Mein Blick wanderte auf die Begleiter meiner Geschwister. Sie waren jünger und schmächtiger. Das war immer so. Sie wuchsen mit uns heran.

„Die nächsten zwei Jahre werden hart. Aber du wirst es schaffen. Wir haben es alle geschafft.“ Meine Schwester legte mir aufmunternd eine Hand auf die Schulter und drückte zu. Ich nickte stumm.

„Okay, wer will Kuchen?“ Sie strahlte in die Runde und verteilte den Schokoladenkuchen vor meiner Nase auf die drei Teller. Es standen von Anfang an nicht mehr auf den Tisch. Das war das Letzte, was meine Mutter für mich getan hatte: Einen Kuchen backen. Ich wollte ihr dafür dankbar sein. Dankbar für alles ...

 

Ich trat durch die Tür in die eingerichtete Wohnung. Kartons standen in einer Ecke des kleinen Flurs. Mit dem Rucksack auf meinem Rücken und der Tasche in meiner Hand beinhalteten sie alles, was wirklich mir gehörte.

Leise klickend schloss ich die Tür hinter mir und trat einen Schritt weiter in die Stille. Dieses Wohngebäude war eines von vielen, in dem Menschen wie ich untergebracht waren: Ungebundene.

Zwei Jahre schlug man sich alleine durch die Welt, um sich selbst zu finden und erwachsen zu werden, bevor man sich für den Rest seines Lebens an einen Begleiter band. In diesen zwei Jahren lernte man seinen Beruf und auch nur dafür durfte man die Wohnung verlassen. Die Gefahr, dass etwas geschah, war zu groß. Man war schon so weit gekommen, da sollte man auf den letzten Metern nicht noch beschädigt werden.

Ich trat in das kleine Wohnzimmer mit Kochnische und blickte durch die angrenzende Tür in mein Schlafzimmer. Stille, die mich weiter umschloss und sich kalt um mein Herz legte. Ich schaltete unter einem Schauer den Fernseher ein. Er riss sie hinfort und erzeugte eine Atmosphäre der Gemeinschaft, auch wenn ich ihren Worten nicht lauschte.

Mit zielstrebigen Schritten ging ich in mein Schlafzimmer, legte meine Taschen auf mein Bett und packte meine Sachen aus. Zwei Jahre blieb ich hier. Zwei Jahre, in denen ich alleine blieb und mich nur auf meine Ausbildung konzentrierte. Morgen war mein erster Tag in einem Kindergarten hier um die Ecke. Ich kannte die Strecke genau und auch die Schule war nicht weit weg.

Ich holte gerade die zweite Kiste, als mich ein Klopfen stoppte. Irritiert stellte ich sie wieder ab und öffnete meine Wohnungstür. Mir begegneten ein warmes Lächeln und blaue Augen. Pinkes Haar schlang sich um die perfekten Gesichtszüge.

„Hey, du bist neu hier, richtig?“ Die Stimme vibrierte über meine Haut und stellte jedes einzelne Haar auf. Ich schluckte trocken und nickte.

„Ja, heute erst eingezogen.“ Ein verlegenes Lächeln wärmte meine Wangen und ich spielte mit meinem schwarzen Haar.

„Cool. Wir dürfen zwar nicht raus, weil na ja, wertvolles Gut und so, aber im Keller gibt es einen Hobbyraum. Bock eine Runde dort unten abzuhängen?“ Ich blickte über meine Schulter zurück auf die Kisten. Die wären später auch noch da und das Wichtigste war eh schon ausgepackt.

„Klar.“ Ich griff nach meinen Schlüsseln und schlüpfte in meine Straßenschuhe. Ein amüsiertes Lachen trieb die Hitze weiter in meine Wangen und ich senkte beschämt den Blick.

„Du lässt nichts anbrennen, kann das sein? Ich mag Menschen, die wissen, was sie wollen und es sich holen.“ Die Peinlichkeit wich unter dem Lob aus meinem Kopf und meine Augen öffneten sich bewundernd.

„Ja, das tue ich. Außerdem mag ich Spontanität“, erklärte ich mich und bekam ein Nicken.

„Spontan ist das Beste. Wer alles durchplant, kann doch gleich in die Kiste steigen. Es sind ja diese ungeplanten Momente, die meistens die besten Erinnerungen schaffen.“ Wir gingen den Flur entlang und stiegen die Treppe nach unten. Drei Stockwerke tiefer fanden wir unser Ziel.

In dem großen Raum, der gefühlt alles bot, tummelten sich einige Jugendliche. Meine Begleitung ging zu einer gemischten Gruppe und begrüßte jeden mit Handschlag und einer Umarmung. Ich trat ebenfalls zu ihnen.

„Hey, unser Neuzugang. Na? Was hat dein Test ergeben? Ich bin Elektriker.“ Einer der Jungs fing sofort ein Gespräch mit mir an.

„Kindergarten. Ab morgen fange ich an.“ Mein Blick wanderte über die Gruppe und Hitze stieg in meine Wangen. Ich war noch nie gerne unter vielen Leute, aber auch nicht alleine. Wenn ich oben blieb, fand ich keine neuen Freunde und wer wusste, vielleicht war hier mein auserkorener Partner.

„Cool, das wollte ich auch machen. Der Test hat mich aber als Schlosser eingestuft.“

„Der Test irrt sich nicht. Du hast dir das Falsche gewünscht. Außerdem hast du erst gestern gesagt, dass dir das Zeug Spaß macht.“

„Ja, tut es auch. Aber ich wollte trotzdem in den Kindergarten.“

Die Gruppe diskutierte wild, ob der Test sinnvoll war oder nicht. Man entkam der Einteilung nicht und ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sich irgendein Erwachsener später über seinen Beruf beklagt hatte.

Mein Blick schweifte durch den Raum und blieb an einem Billardtisch hängen.

„Lust zu spielen?“, unterbrach ich die Diskussion und die Gruppe folgte meinem Wink zum Tisch. Ein Lächeln legte sich auf all ihre Gesichter und sie nickten. Sofort teilten wir uns in Gruppen ein und starteten das erste Spiel.

„Stimmt es, dass wir nicht rausdürfen außer zur Ausbildung?“ Ich konnte es nicht glauben. Meine Geschwister hatten es mir erzählt, aber das fand doch niemand gut, oder? Eingesperrt zu sein für ganze zwei Jahre.

„Ja, das stimmt. Aber glaub mir, du willst es auch nicht.“ Mein Gastgeber wischte die Frage vom Tisch. Ich legte den Kopf schief. Er beantwortete meine ungestellte Frage. „Du wirst es zwar morgen eh merken, aber wir sind sowas wie Aussätzige. Die Jüngeren beneiden uns und die Erwachsenen sehen auf uns herab, weil wir ohne Führung sind. In diesen zwei Jahren wirst du mit vielen negativen Gefühle konfrontiert werden. Das stählt angeblich den Charakter.“

Er zuckte mit den Schultern und stieß eine Kugel an. Ich schwieg und ließ die Worte auf mich wirken. Noch nie war ich ein Mensch gewesen, der gerne zuhause blieb. Scheinbar hatte ich jetzt keine andere Wahl. Hatte das meine Schwester gemeint, als sie mir sagte, dass die Jahre hart werden würden? Ich schüttelte die Gedanken ab und lachte mit der Gruppe.

Ein Stoß folgte dem nächsten. Wir unterhielten uns und genossen den Tag. Immer wieder dachte ich an die grünen Augen, die mich bis in den Abend begleiteten und mir im Traum erschienen.

Bitte lass den roten Faden zu ihm führen. Es muss er sein. Bitte ...

-

Er war es nicht.

 

Der Wecker klingelte und riss mich aus meinem traumlosen Schlaf. Ich strich mir müde über das Gesicht und stöhnte. Wie konnte es sein, dass es schon wieder so spät war? Ich mochte den Job im Kindergarten, aber ich hatte mich noch nicht an das frühe Aufstehen gewöhnt.

Klatschend stellte ich meine nackten Füße auf den Boden und streckte mich noch einmal. Ich erhob mich und machte mich fertig für den Tag. Die ersten Stimmen erklangen auf den Flur und ich lächelte. Die Mechaniker mussten noch eine Stunde früher ran und darum beneidete ich sie wirklich nicht.

Ich strich mir durch die kurzen Haare und packte meine Brotzeitdose ein, bevor ich meinen wöchentlichen Bestellschein ausfüllte, damit mein Kühlschrank nicht leer wurde. Die Kosten dafür wurden mir direkt von meinem Lohn abgezogen. Genauso wie die Miete für meine Wohnung.

Zügig schlüpfte ich in meine Schuhe und verließ meine Wohnung. Stimmengewirr erwachte um mich herum und immer wieder schloss sich eine Tür. Meine Nachbarin lächelte mich an. „Guten Morgen, wollen wir wieder zusammengehen? Dann ist die Gefahr geringer, dass man blöd angemacht wird.“

„Gerne.“ Ich lächelte sie an und gemeinsam verließen wir das Wohngebäude. Die Sonne blendete mich und ich schützte meine Augen mit meiner Hand. Ihre Wärme legte sich sofort auf meine Haut und verdrängte meine schweren Gedanken. Hier draußen fühlte ich mich frei.

„Los, weiter. Ich weiß, die Sonne ist schön. Aber die anderen schauen schon und so Halbstarke sind auf dem Weg zu uns.“ Sie zog an meinem Ärmel und deutete in eine Richtung. Ich folgte ihrer Weisung und blickte auf eine Gruppe von fünf Jugendlichen, die vielleicht zwei Jahre jünger als wir selbst waren. Kurz vor dem Verlassen der eigenen Familie.

Ich senkte meinen Blick und eilte an der Seite meiner Nachbarin in Richtung Kindergarten. „Hey! Bleibt stehen! Wir wollen mit euch reden!“ Ein kaltes Lachen strafte diese Worte Lügen und eine Dose schlug scheppernd neben uns auf dem Boden. Die Schritte hinter uns beschleunigten sich und wir selbst wechselten ebenfalls in den Laufschritt.

„Als würden sie auf uns warten.“ Sie zischte neben mir und hielt weiter meine Hand umklammert. Ihre Wärme kroch meinem Arm empor und ihr Lächeln nahm mir die Angst. „Aber die kriegen uns nicht. Wir sind älter, nicht wahr?“

Ich nickte ihr zu und wir liefen weiter nebeneinander her. Die Schritte kamen näher und zwei der Jugendlichen rissen uns an unseren Handgelenken herum. „Hey! Warum wollt ihr nicht mit uns reden? Das ist voll uncool!“

Wir wichen einen Schritt zurück und begegneten vier Gesichtern. Neid zuckte durch ihre Augen und schürte den Hass in ihnen weiter. „Sagt mal, wie geil ist es denn in eurer Bude? Ohne Eltern? Muss übelst krass sein.“

„Es ist okay.“ Ich zuckte mit den Schultern und wich weiter zurück. Der Kindergarten war gleich hinter der nächsten Kurve.

„Das glaube ich nicht. Ohne Eltern muss es klasse sein. Keiner sagt einem, was man tun oder lassen soll. Ich würde so auf den Putz hauen.“ Einer der Jugendlichen stieß mich grob nach hinten und ich stolperte. Mit einem Ausfallschritt fing ich mich ab.

„Hey, weißt du? Wenn wir sie verprügeln und uns ihre Schlüssel nehmen, können wir dort wohnen.“ Einer der hinteren zwei zog an dem Ärmel des Sprechers.

„Das ist eine gute Idee.“ Der Angesprochene grinste breit. Sie wandten sich wieder zu uns. Ich tauschte nur einen Blick mit meiner Nachbarin. Sie verstand die Worte stumm. Sofort drehten wir uns um und sprinteten los. Es war nicht mehr weit und im Kindergarten selbst würden wir wieder sicher sein.

Ihre Finger glitten über meine Kleidung, krallten sich hinein, aber fanden keinen Halt. Mit einem Ruck riss ich mich los und lief um mein Leben, ohne einmal zurückzusehen. In diesem Moment war es mir sogar egal, ob meine Begleitung es schaffte. In diesen Jahren ging es nur ums eigene Überleben.

Ich stoppte erst im Eingangsbereich des Kindergartens und erlaubte mir tiefe Atemzüge. Meine Nachbarin trat nur wenige Sekunden nach mir ein. Die wütende Meute der Jugendlichen stoppte am Gartentor und funkelte uns zornig an. Sie sprachen miteinander und gingen schließlich frustriert weg.

„Das war knapp.“ Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und zog meine Schuhe aus. Meine Nachbarin nickte mir zu und tat es mir gleich.

„Ja, noch ein Jahr. Dann können wir binden und niemand kann uns je wieder etwas tun.“ Sie lächelte und ihre Worte erfüllten mich mit Sicherheit. Ja, die Hälfte hatten wir geschafft und den Rest brachten wir auch noch hinter uns. Wir würden binden und ein perfektes Leben führen. Mit dem Menschen, der uns zugeteilt wurde und den wir liebten.

 

Ein Stimmengewirr hallte durch den Raum. Ich saß alleine da und starrte auf den Brief in meinen Händen. Uhrzeit und Ort standen deutlich darauf und ganz groß die Einladung, dass ich meinen Beschützer bekam. Mein Herz flatterte aufgeregt und ich sehnte mich seit langem Mal wieder nach meinen Eltern.

Kein Elternteil saß hier, aber Freunde. Ich selbst hatte nicht das Glück, dass meine Bekannten am gleichen Tag hierher gerufen wurden. Mir blieben nur die Einsamkeit und das Schweigen. Was geschah hinter dieser Tür?

Alle gingen hinein, aber keiner kam wieder heraus. War es ein Märchen? Nein, ich hatte doch die Begleiter bei meiner Familie gesehen. Sie existierten und hier würde ich meinen bekommen.

„Nummer 152?“ Die Stimme des Mannes hallte durch den Raum. Die Gespräche verstummten und alle sahen auf ihren Zettel. So auch ich und sprang auf. Das war ich!

„Ich! Ich bin es!“ Ich wedelte mit dem Zettel und stürmte auf den Mann im grauen Anzug zu. Hinter ihm stand ein Begleiter, der eine Mähne um seinen Kopf und den Schultern trug. Ich war gespannt, welche besonderen Merkmale meiner bekam.

„Schön, komm mit.“ Er ließ mich durch die Tür treten und führte mich einen langen Gang entlang. Unsere Schritte hallten an den kahlen Wänden wieder. Hinter den verdunkelten Scheiben leuchtete es immer wieder bunt auf. Wir folgten dem Weg zu einer der hinteren Türen. Eine öffnete sich neben mir und heraustrat ein junges Mädchen mit einem Dämon auf der Schulter, der einen gezackten Vogelschnabel hatte. Sie lächelte mich an und ich erkannte sie wieder. Sie war die Nummer 145.

„Geh bitte den Gang bis zum Ende entlang und dann nach draußen. Du kannst dich dort abholen lassen oder eines der Taxen nehmen.“ Die junge Frau, die hinter ihr in den Flur trat, deutete an uns vorbei zu einer geöffneten Tür, die in die Freiheit führte.

„Kommst du?“ Mein Führer sprach mich ungeduldig an. Ich riss mich von der Szenerie los und eilte ihm hinterher. Er schloss die Tür hinter mir und wir standen in einem dunklen Raum, der nur von einem großen Bogen erleuchtet wurde. In diesem waberte eine weiße Oberfläche.

„Knie dich in den Kreis.“ Er deutete auf den Boden, auf dem ein weißer Kreis mit den zwölf Sternzeichen gezeichnet war. Selbst ging er zu einem kleinen Tisch, der an der Wand stand. Scheppernd suchte er etwas. Ich folgte seinem Befehl und ließ mich auf dem kalten Betonboden nieder. Hypnotisiert sah ich auf die weiße Oberfläche. Da kam bald mein Beschützer heraus und die grausamen Jahre waren vorbei.

„Streck deine linke Hand aus.“ Er stand neben mir. Ohne zu zögern, befolgte ich seinem Befehl. Mit einer schnellen Bewegung schnitt er mir in die Handinnenfläche. Ich zog scharf die Luft ein. „Drück die Hand auf dein Sternzeichen.“

Ich sah mich in dem Kreis um und legte meine Hand auf das Sternzeichen des Krebses. Der Stein unter mir wurde warm und das Wabern der weißen Oberfläche unruhiger. Farben tanzten darüber.

„Sag jetzt die Sätze auf, die du hoffentlich auswendig gelernt hast, sonst ist es hier vorbei mit dir, Kind.“ Der Mann trat einen Schritt zurück. Ich holte zittrig Luft und klammerte mich an die Worte, die mich mein ganzes Leben schon begleiteten.

„Oh, großer Beschützer. Lass mich würdig sein, mein Leben mit deinem zu verbinden. Ich werde dir all meine Kraft und meine Energie geben, wenn du mich dafür vor jeglichen Schaden bewahrst. Gemeinsam werden wir neues Leben schaffen und ein erfülltes Dasein fristen, bis mein Sinn in dieser Welt erfüllt ist und wir gemeinsam zurückkehren werden. Bitte, erscheine mir und nehme diesen Pakt aus Blut an.“ Meine Stimme war fest.

Der Boden unter mir wurde wärmer und die Markierungen leuchteten. Der Tanz der Farben wurde heftiger und wilder. Ein Grummeln erwachte und legte sich wie ein kalter Schauer über meinen Rücken.

Die Oberfläche teilte sich durch eine Kralle, der lange Finger und ein Arm folgten. Ich sah schwarze Haut und eine lange Nase schob sich durch die Oberfläche. Die Nasenflügel zuckten und die gespaltene Zunge schleckte genüsslich über die Lippen.

Eine zweite Klaue kam ins Freie und das Gesicht des Dämons tauchte vor mir auf. Er hatte kohlrabenschwarze Haut und feurige Augen, die bis in meine Seele starrten. Ohne zu zögern, trat er an mich heran und berührte meine Stirn mit seiner. Wärme durchflutete mich und der Schmerz in meiner Hand verschwand.

„Schön, es hat geklappt. Steh auf.“ Ich folgte den Worten und starrte den Dämon an, der mir gerade einmal bis zum Knie ging.

„Wieso ist er so klein?“ Ich verstand es nicht. Die Begleiter meiner Familie und auch von diesem Mann waren größer.

„Das wird nur solange sein, wie du brauchst, um deinen Seelenpartner zu finden. Seine volle Kraft kann er erst entwickeln, wenn ihr euch verbindet. Du solltest einen roten Faden sehen, sobald du das Haus verlässt. Folge ihm zeitnah und dein Begleiter wird seine ganze Kraft erlangen.“ Der Mann führte mich zusammen mit meinem Dämon aus dem Raum.

Ich sah auf den Winzling und konnte nicht glauben, dass er mal so etwas werden sollte, wie die Gestalt hinter dem Mann. Aber ich wusste, dass es anders war. Kannte ich die Begleiter meiner Familie doch.

Weitere Menschen verließen die Räume und Neue verschwanden in ihnen. Alle bekamen sie ihre Begleiter, die erst einmal nur zierlich waren. Aber das war gerade unwichtig für mich. Ich musste meinen Seelenpartner finden, auch wenn ich schon wusste, wer es war.

Mit meinem Begleiter an der Seite schritt ich den Gang entlang hinaus ins grelle Licht. Ich hob meine Hand, um mich vor der Sonne zu schützen und erkannte, dass der Schnitt verschwunden war. Sein Schutz galt jetzt schon. Das war faszinierend. Mein Körper fühlte sich grenzenlos und energiegeladen an. Niemand konnte mich jetzt noch davon abhalten, mein Leben so zu gestalten, wie ich es wollte. Zusammen mit ihm.

Das rote Band schlängelte sich über die Wege und ich folgte ihm. Mit der Gewissheit, dass ich alles bekam, was ich mir wünschte. So wie es jedem mit seinem Begleiter erging. Mein wahres Leben begann nun und würde erst enden, wenn mein drittes Kind alt genug war. Alt genug, um sich der Prozedur zu stellen. Alt genug, um selbst zu überleben ...

Dein Leben gehört mir.

 

Der rote Faden führte mich in das Gebäude, das mich die letzten zwei Jahre beherbergt hatte. Meine Sachen standen noch dort und man blieb in seinem Zimmer, bis die Bindung vollendet war. Erst wer seinen Seelenverwandten gefunden hatte, durfte in eines der vielen Häuser ziehen, die einem zur Verfügung gestellt wurden. Ideal, um eine Familie großzuziehen.

Mein Begleiter schritt neben mir her. Sein Blick wanderte von einer Seite zur anderen und strahlte eine Sicherheit aus, die sogar das Gefühl bei meinen Eltern übertraf. Kein Wunder, dass meine Familie so entspannt war. Diese Bindung war berauschend.

„Ich weiß schon, zu wem du mich führen wirst.“ Ich lächelte meinen Begleiter an und unsere Blicke trafen sich. Fragend hob er seine Augenbraue. Weißt du das wirklich? Wie kommst du darauf? Hast du sie schon getroffen?

Ich erschauderte bei der letzten Frage. Sie? Ein schwerer Stein warf sich in meine Magengrube und meine Hände zitterten. „Sie? Es ist eine Frau?“

Ja, was sollte es sonst sein? Du musst Kinder zeugen und bist ein Junge. Das funktioniert nur so. Bindungen mit dem gleichen Geschlecht sind sinnlos und dienen nicht unserem Pakt.

Ich schluckte trocken und Tränen stiegen in meine Augen, die ich schnell wegwischte. Dennoch blieb ich stehen. Mein Begleiter lief noch zwei Schritte weiter, bevor er sich zu mir umdrehte und mich auffordernd ansah. Was ist los? Warum weinst du? Die Trauer wird verschwinden, sobald ich meine ganze Kraft habe.

Blaue Augen tauchten vor mir auf. Ich lächelte, doch mit einem dunklen Knurren entriss mir mein Begleiter das Bild und stapfte ungeduldig weiter auf das Gebäude zu. Komm jetzt! Ich will nicht ewig in diesem mickrigen Körper gefangen sein!

Ich folgte ihm zögerlich. Der roten Faden waberte vor mir her und führte mich die ersten Stockwerke empor. Ich hielt auf seinem Level an und sah in den Gang. Die dritte Tür auf der linken Seite, da wohnte er. Ich wollte das Treppenhaus verlassen, doch mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Erneut vibrierte ein Knurren über meine Nervenbahnen und befahl meinen Muskeln, weiterzugehen.

Mit schmerzendem Herzen stieg ich die Treppen weiter empor, bis ich zu meinem eigenen Stockwerk kam und sah, dass sich der Faden in den Gang schlängelte. Er endete eine Tür vor meiner und ich schluckte trocken. Das Mädchen, das sich hinter dieser Tür befand, sollte meine Seelenverwandte sein? Ich kannte sie und verstand mich sehr gut mit ihr. Aber sie war nicht er.

Komm jetzt! Du brauchst viel zu lange! Die Ungeduld meines Begleiters trieb mich aus dem Treppenhaus in den Flur, doch mein Blick glitt noch einmal die Stufen hinab. Ich wollte zu ihm. Erneut ein dunkles Knurren. Der Dämon vor mir schlug ungeduldig nach mir. Deine Gegenwehr ist sinnlos. Sobald ihr euch gegenübersteht, wirst du verstehen.

Ein Schritt nach dem anderen näherte ich mich immer weiter dieser unheilvollen Tür. Ich wollte sie nicht öffnen und erst recht nicht daran klopfen. Diese Bindung war falsch!

Ich konnte nicht stehen bleiben und folgte der Führung des Fadens. Es war mein Beschützer, der an die Tür klopfte und keine zehn Sekunden später öffnete sie sich. Ich sah in das Gesicht, das mir so bekannt war, wie mein eigenes.

Das rote Band umwickelte sie und dennoch sehnte ich mich nach dem anderen. Ich wollte in blaue Augen sehen und nicht in ihre grünen, doch meine Hand hob sich ihr entgegen und mein Mund formte Worte, die ich nicht ihr schenken wollte. „Hey, wir sind seelenverwandt. Lass uns unser Leben ab jetzt gemeinsam bestreiten und eine Familie gründen.“

„Echt? Das ist Wahnsinn! Ich habe es so sehr gehofft!“ Sie sprang mir um den Hals und küsste mich. Ihre Lippen rissen die blauen Augen aus meinem Kopf und drängten sich hinein. Die Schmetterlinge erstarben in meinem Bauch und Kälte raste durch meinen Körper, die alles auslöschte, was ich für ihn empfand.

Mein Begleiter neben mir leuchtete weiß und wuchs. Er erhob sich auf zwei Beine und aus seinem Kopf wuchsen zwei, kleine spitze Hörner. „Geht doch. Wir werden zwar noch ein wenig warten müssen bis sie auch ihren Pakt geschlossen hat, aber euer Genmaterial passt perfekt zusammen und ihr werdet gutes Futter produzieren.“

Futter? Ich löste mich von ihr, doch bevor ich die Frage stellen konnte, kehrten all die Gefühle, die ich einst für meinen Schwarm hegte, zurück. Aber nicht für ihn, sondern für sie.

„Das ist unwichtig. Wir werden genügend Zeit haben, unsere Pflicht zu erfüllen. Gemeinsam erschaffen wir unser perfektes Leben. Nicht wahr?“ Ich wartete nicht auf ihre Antwort, sondern küsste sie nun von mir selbst und die blauen Augen versanken immer tiefer in den Abgrund meines vergangenen Egos.

So ist es gut. Diesen Kreislauf werden wir nie wieder zerbrechen. Eure Seelen schmecken dafür einfach viel zu gut. Viel zu gut ...

 

Ende



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Kommentare zu dieser Fanfic (2)

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Von:  Svante
2025-10-06T09:17:24+00:00 06.10.2025 11:17
Wow, ein wirklich starker Text. Subtiler Horror, sehr angsteinflössend mit überraschend ernüchterndem Ende (für den Protagonisten). Hat mir sehr gut gefallen.

Liebe Grüße
Antwort von:  Shino-Tenshi
07.10.2025 08:20
Hey :)

Das freut mich und ich bedanke mich für dein Kommentar :D

Grüße Shino
Von: abgemeldet
2025-03-22T23:28:52+00:00 23.03.2025 00:28
Hey. Bin gerade durch Zufall über deine Geschichte gestolpert.
Da steht zwar 'Ende', aber der Text hat mich gefesselt und nun stellt sich mein Gehirn die Frage, wie es weitergeht/weitergehen könnte. 🙈
Ich mag es total, wie du das Monster einbaust, ohne es bis ins Detail zu beschreiben.
Antwort von:  Shino-Tenshi
25.03.2025 08:00
Hey ^^

Ja, es ist nur eine Kurzgeschichte, die ich in einer Anthologie veröffentlicht habe, deswegen ist da wirklich das "Ende" und freut mich, dass dir das Monster so gut gefallen hat :D Es hat auch wahnsinnig Spaß gemacht es zu beschreiben und vor allem so dezent zu halten.

Das ist eine gute Frage, wie es weitergehen könnte. Hm. Kannst es ja gerne selber weiterspinnen :D und mir dann zeigen ^^

Grüße Shino Tenshi


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