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Rebelling Stars

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Oi, kleines Experiment von mir, weil ich bissl ausgelaugt vom Zeichnen bin am Comic. Ich habe zwar EIGENTLICH vor, diese Story auch zu einem Comic/Manga zu machen, aber ich hänge noch ewig am 1. Comic fest. Und bevor ich sterbe, will ich halt meine Gedankenergüsse irgendwo loswerden!! :D Ich werde hier hin und wieder demnächst noch etwas werkeln. Cover machen, vllt die Charakterbeschreibungen etwas ausführlicher machen etc. Ich hatte einfach Bock etwas zu schreiben, aber ich weiß nicht wie lange ich es machen werde. ;D Hoffentlich lange genug, um etwas loszuwerden hehehe. Wenn Fragen sind, bitte Fragen. Ich bin total neu, was Geschichten schreiben angeht. Ich schreibe sonst nur paar Skripte für die Comics und das war's. D: Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Boi, hab endlich ein Kapitelbild zusammen geschustert.
Nichts krasses, aber... Zumindest etwas als Platzhalter 😅
Erwartet nur nicht so viele Updates auf ein mal. >.>

Prolog ist vorbei, jetzt sind wir endlich im Präsenz. :D
Bisschen Vorbereitung, neuer Charakter und Existenzkrise eines Roboters. Viel Spaß. :D Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Unter Umständen ein relativ langes Kapitel 🤭 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Sorry, dass es bissl inaktiver wurde.
Hab aktuell echt nicht so Bock allzu viel Kreatives zu machen. Sei es zeichnen oder schreiben. 🙈
Aber wird schon. Hab hier wieder was zusammen gekratzt. :> Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Uuuund ein weiterer neuer Charakter.
Dieser wird ziemlich wichtig. ;D
Ich werde von Darakai auch noch ein Character-Bild hochladen.
Ist nur noch nicht fertig... 😅😅 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hab letztes Kapitel gesagt, dass jetzt Panny's Backstory kommt.
My bad, kommt doch nächstes Kapitel. Aber diesmal wirklich. 😅
Kommen auch btw langsam zum Ende des Arcs. :D Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
So jetzt bissl Back-Story vom Baby-Mäh. 🐐 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Kurzes Kapitel. ^-^
Nächstes wird bisschen zeigen, was außerhalb der Gang passiert. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hab gestern vergessen es zu posten.
Also deswegen heute xD Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Huhu, es geht weiter. 😆
Das erste richtige Kapitel auf Streusilia. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ein paar Kapitel hab ich noch.
Muss gucken, dass ich evtl iwann wieder schreibe, sonst kommen noch längere Pausen. 😅

Hatte in der Zwischenzeit wieder bissl Bock auf zeichnen gehabt am Comic. Und ich kann nicht schreiben UND zeichnen auf einmal. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Bisschen Lore zum Planeten und allgemein zum Machtsystem des Universums. 🙈 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hurra ein langes Kapitel xD
Es kann in zwei Kapitel sein, dass da ne längere Pause herrscht. 😌 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ein Kapitel mal nur mit Tari. xD Komplett anzeigen

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Kleiner rebellischer Stern

Es gab einen Mythos, der durch die Sterne geflüstert wurde – die Legende von einem verborgenen Planeten namens Utopia. Manche glaubten an seine Realität, andere taten ihn als Märchen ab. Ungeachtet dessen blieb eines bestehen: Seine Erforschung war verboten.
 

„Wenn es ihn nicht gibt“, fragten die Träumer, „warum versuchen die Höheren dann so verzweifelt, ihn geheim zu halten?“
 

Sie sagten, Utopia sei das Juwel des Kosmos – ein unberührtes Paradies, wo die Natur atemberaubende Landschaften malte. Wälder, die nach Regen und frischer Erde rochen, Berge, die sich in den Himmel reckten, Wüsten voller glitzernder Oasen. Seen, so klar, dass sich in ihnen tausend Sonnen spiegelten, Himmel, die in Amethyst und geschmolzenem Gold wirbelten. Und Schätze – uralt, mächtig, unbezahlbar – verborgen in seiner wilden Schönheit.
 

Ob Wahrheit oder Lüge, die Legende wuchs. Für manche wurde Utopia zum Symbol der Rebellion. Ein Ruf zur Freiheit. Ein Traum, der die Herzen im ganzen Universum entfachte – besonders die derjenigen, die bereits jenseits der Gesetze lebten: die der Banditen.

___________________________________________________
 

Ein Feuer knisterte im Herzen vom Sternfall Dorf, die Flammen tanzten vor dem weiten Nachthimmel. Gelächter und Musik erfüllten die Luft, die Dorfbewohner feierten Seite an Seite mit ihren ungewöhnlichen Freunden – den Sonnenbanditen.
 

Inmitten des Lagerfeuers saß eine gewaltige Gestalt – Helios.

Seine Haut war von der Sonne geküsst, das schwarze Haar locker nach hinten gebunden, die gelben Augen funkelten vor Wärme. Goldschmuck schimmerte auf dem tiefen Rot und Violett seiner Kleidung, ein abgenutztes Schwert hing an seinem Gürtel. Narben an seinen Armen erzählten Geschichten von geschlagenen Schlachten, vom Überleben, von Feuer und Willen. Ein Gladiator aus einer anderen Zeit, falls es je einen gab.
 

Und vor ihm saß im Schneidersitz und zitterte förmlich vor Aufregung ein junges Mädchen. Sirius – oder Siri, wie sie liebevoll genannt wurde.
 

Sie spiegelte ihn in kleinen Zügen wider – derselbe selbstbewusste Gesichtsausdruck, dieselbe brennende Neugier in ihren braunen Augen. Ihr kurzes schwarzes Haar, das auffällig rote Textil auf ihrem Kopf gebunden, goldene Creolen baumelten an ihren Ohren, als sie sich näher vorbeugte, um zuzuhören.
 

Neben ihnen ein kleiner, klobiger, liebenswerter Roboter. Tari, dessen blaugrünes Gehäuse von jahrelangem treuen Dienst etwas zerkratzt war, wippte mit seiner Antenne, während er ein fröhliches, verpixeltes Gesicht auf seinem Bildschirm zeigte.
 

Helios lehnte sich zurück, das Feuerlicht malte Schatten auf seine sonnengebräunte Stirn. Er lächelte Sirius an.
 

„Um Utopia zu finden … muss man zuerst die antiken Schriften finden, die in verschiedenen Welten verstreut sind. Sie sind die einzigen Hinweise, die wir haben.“
 

Sirius’ Augen leuchteten wie zwei Sterne.

„Ich will mitkommen!“, platzte sie heraus, die Fäuste vor Aufregung geballt. „Ich muss mitkommen!“
 

Helios kicherte leise und liebevoll. Er schüttelte sanft den Kopf.
 

„Du hast Mut, Sirius. Aber der Weg ist gefährlich, nicht nur wegen der Bestien oder der Kämpfe … sondern weil er mehr als nur Stärke erfordert. Er erfordert Geduld. Weisheit. Führungsstärke.“
 

Sirius schmollte heftig.

„Ich bin stark! Und mutig! Und ich habe vor nichts Angst!“
 

Tari piepste leise und rollte näher heran, wobei seine kleinen Hände Sirius’ Arm tätschelten.

„Korrektur. Du wirst … immer noch als Kind eingestuft. Statistisch gesehen: Nicht ideal für riskante Unternehmungen.“
 

„Ughhh!“ Sirius ließ sich rückwärts ins Gras fallen und starrte zu den Sternen hinauf. „Nur weil ich jung bin, heißt das nicht, dass ich nutzlos bin!“ Sie sprang auf und sprintete davon, bevor Helios sie stoppen konnte. Er sah Tari an.
 

„Finde sie, Tari. Erklär ihr … dass sie nicht schwach ist. Sie ist nur … noch nicht bereit. Noch nicht.“

Tari salutierte mit einem winzigen metallischen Arm.

„Verstanden.“
 

Helios sah Sirius mit schwerem Herzen davon rennen. Sie hatte ein Feuer in sich – wild, ungezähmt. Vielleicht würde es eines Tages hell genug brennen, um die ganze Galaxie zu erleuchten.
 

Aber heute Nacht … heute Nacht war zum Feiern da.

_______________________________________________________
 

Die Nacht wurde dunkler. Sterne zogen silberne Spuren über den Himmel.

Tari suchte das Dorf nach Sirius ab, doch sie war nirgends zu finden.

Panik durchfuhr ihn, sie war doch nicht etwa... außerhalb vom Sternfall Dorf? Im Dschungel, der Teil, warum dieser Ort seinen Namen Kreatureninsel hat.
 

Während die Leute langsam sich schlafen legten, hörte die Nachtwache der Sonnenbanditen eine Nachricht ab. Scharfe, abgehackte Stimmen.

„Befehl vom Oberkommando. Verstärkung unterwegs. Die Sonnenbanditen sollen lebend gefangen genommen werden – oder tot.“
 

Die Nachtwache eilte zurück zu Helios, gerade als die ersten dunklen Schiffsschatten nahe der Dorfgrenze ankamen.
 

Helios' Stimme ertönte klar und deutlich:

„Packt zusammen. Jetzt. Wir gehen, bevor der Sturm losbricht.“
 

Die Dorfbewohner drängten sich mit angsterfüllten Gesichtern zusammen. Sie liebten die Sonnenbanditen – sie hatten gemeinsam gegessen, Geschichten erzählt und gelacht. Doch sich gegen das Militär zu stellen, bedeutete den Tod. Helios legte einem Dorfbewohner beruhigend die Hand auf die Schulter.
 

„Wir gehen leise. Niemand sonst muss für uns leiden.“
 

Das erste Dröhnen von Motoren ertönte – die Zeit lief davon.

Helios drehte sich abrupt um – Wo war Tari? Wo war Sirius?!

Er riss ein ramponiertes Gerät aus seinem Gürtel und aktivierte es.

Tari’s Stimme drang durch das Rauschen – zitternd, gebrochen.
 

„Helios – Sirius – sie – sie stirbt. Ich – ich kann nicht –“

Helios erstarrte. Ihm sank das Herz in die Hose.
 

„Tari. Wo bist du?“

„Nordwald … Blut … eine Bestie hat angegriffen … ich kann sie nicht aufhalten –“
 

Ohne zu zögern wandte sich Helios seinen Banditen zu.

„Geht ohne mich.“

Es war keine Zeit zum Widersprechen. Nur noch Zeit zum Laufen.
 

Die Nacht zerriss mit einem monströsen Brüllen.

Eine Kreatur stürzte sich durch den Wald – eine verdrehte Kreuzung aus Drache und Dinosaurier, ihr weißes Fell rot und schwarz gestreift. Sie überragte Tari, der verzweifelte Salven aus seinen Laserarmen abfeuerte.
 

Hinter ihm, in einer sich ausbreitenden Blutlache, lag Sirius.

Ihr kleiner Körper am Boden, ihre Unterarme waren abgerissen. Ihr Atem war flach, aber immer noch da – hartnäckig klammerte sie sich ans Leben.
 

Bevor das Monster seinen tödlichen Schlag ausführen konnte, erschien Helios.

Sein Schwert blitzte im Mondlicht, als er dem Ungeheuer die Kehle durchschnitt und es mit einem einzigen Hieb niederstreckte.

Er ließ sich neben Sirius nieder und wiegte sie sanft.
 

Ihre Augen flatterten auf – braun und brennend, selbst jetzt noch.

„Helios ...“, krächzte sie, kaum ein Flüstern.
 

Tari wackelte verzweifelt.

„Weltraumsoldaten im Anmarsch – mehrere Feinde entdeckt!“

Helios biss die Zähne zusammen.

„Ich weiß.“
 

Er warf einen Blick auf die fernen Lichter der zurückweichenden Sonnenbanditen. Sie waren in Sicherheit.

Er sah wieder zu Tari.

„Nimm sie. Lauf.“

Tari zögerte, der Bildschirm flackerte.

„Aber –“
 

„Keine Widerrede.“ Helios' Stimme war fest. „Mein letzter Befehl an dich, Tari: Beschütze Sirius. Egal, was passiert.“
 

Tränen stiegen in Sirius' Augen, als Tari sie hochhob.

„Was ist mit dir ...?“, würgte sie hervor.

Helios lächelte sie an, Stolz und Trauer vermischten sich in seinem warmen Blick.
 

„Du bist zu jung zum Sterben, kleiner Stern. In dir brennt ein Feuer, das das Universum verändern könnte.“
 

Er zerzauste sanft ihr Haar.

„Lebe. Finde Utopia. Für uns alle.“
 

Als Tari sie in die Nacht trug, streckte Sirius alles entgegen, was sie noch hatte, und schluchzte seinen Namen. Hinter ihnen wandte sich Helios der anrückenden Armee zu – zehntausend Mann stark, von normalen Soldaten zu Leutnans, zu Offizieren.
 

Egal, was auf ihn zu kam, er kämpfte. Von Sonnenaufgang … bis Sonnenuntergang. Allein.

_________________________________________________
 

Ein kleiner Zeitsprung — ein älterer Mann in einer General-Uniform sitzt an seinem Schreibtisch. Seine Orden glänzen, aber seine Augen wirken müde. Ein Weltraum-Soldat betritt zackig den Raum, salutiert und meldet:

"Sir, Ihre Enkelin macht schon wieder Ärger."
 

General Arctur Aster seufzt, seine Schultern sinken unter einer unsichtbaren Last.
 

"Vielleicht... vielleicht war es ein Fehler, ihr diese Prothesenarme zu geben," murmelt er. "Ohne sie hätte sie nur herumlaufen, jammern und vielleicht einen Stuhl umtreten können. Aber jetzt..." Er verstummt, schüttelt langsam den Kopf.
 

________________________________________________
 

Chaos auf dem Militärstützpunkt.

Sirius, mit ihren neuen Prothesenarmen, die täuschend echt aussehen, weicht den Soldaten aus, die versuchen, sie festzuhalten. Mit einem wilden Funkeln in ihren braunen Augen schwingt sie die Faust — ihre mechanischen Arme verlängern sich unnatürlich — und schlägt einen Soldaten direkt zu Boden.
 

Doch bevor sie erneut zuschlagen kann, packt eine starke Hand ihren Kragen mitten im Lauf. Es ist Arctur. Sirius windet sich gegen seinen eisernen Griff, tritt und strampelt.
 

"LASS MICH LOS, OPA!" schreit sie wütend.

Arctur verzieht keine Miene. Er zerrt sie den Flur entlang, als wäre sie immer noch ein störrisches Kleinkind.
 

In seinem Büro lässt er sie schließlich los und knallt die Tür hinter sich zu. Sein Gesicht ist wie aus Stein gemeißelt, doch in seinen Augen liegt Schmerz.
 

"Seit du diesem verdammten Helios begegnet bist," knurrte er, "machst du nichts als Ärger! Immer wieder willst du abhauen. Immer nur redest du von Weglaufen und von irgendeinem Utopia!"
 

"Das ist, weil ich kein Soldat bin," fauchte Sirius zurück. "Ich bin eine Banditin! Ich werde Utopia finden, so wie Helios es wollte!"
 

Bevor sie weitersprechen kann, gibt Arctur ihr einen leichten Klaps auf den Kopf — nicht hart, aber genug, dass es weh tut. Seine Stimme donnert: "Du wirst eine Weltraumsoldatin! Eine Soldatin, wie dein Großvater, wie deine Schwester! Mit meiner Unterstützung könntest du eine hohe Position erreichen, ein echtes Leben haben! Weltraumsoldaten erhalten den Frieden im Universum! Banditen zerstören ihn!"
 

"Wenn ihr so friedlich seid," fauchte Sirius, "warum habt ihr dann den getötet, der mich gerettet hat?!"
 

Arctur schlägt die Hand auf den Tisch, dass es dröhnt. "Verbrecher zu bekämpfen ist unsere Pflicht!" brüllt er.
 

"Er war kein Verbrecher! Er war nett! Er hat nichts Falsches getan!" keuchte Sirius, ihre Stimme bebte.
 

Arctur’s Stimme senkte sich nur leicht. "Nach Utopia zu suchen... das ist verboten, Sirius. Es bedeutet den Tod. Ich will nicht, dass du denselben Fehler machst. Mach es wie deine Schwester!"
 

In der Ecke des Raums, bisher still, sitzt Vega — älter, schärfer, dunkler. Sie sagt kein Wort, doch ihr Blick aus stechend gelben Augen ist wie ein Schnitt durch Stahl. Ihre Haltung ist verschlossen, die Arme zwischen den Knien, die Augen eiskalt.
 

Sirius verdreht demonstrativ die Augen. "Natürlich. Immer dieses Vergleichen mit Vega! Ich bin nicht sie! Ich will keine Befehle befolgen! Ich will dieses Soldatenleben nicht!"
 

Vegas Augen verengen sich. Ihre Stimme ist kalt wie Eis.

"Ja, Opa, vergleich uns nicht. Ich will auch nicht mit einem Idioten wie ihr verglichen werden."

"Du bist so gemein, Schwester!" schreit Sirius.

"Wir sind keine Schwestern," knurrt Vega tief.

"Beruhigt euch," schnauzt Arctur. "Ihr seid vielleicht nicht verwandt, aber ihr seid Familie—"

Beide Mädchen schnauben gleichzeitig verächtlich.
 

Die gespannte Stimmung wird unterbrochen, als die Tür auffliegt und eine warme, wuselige Präsenz den Raum erfüllt. Lucia — ihre Großmutter — tritt ein, die Schürze voller Mehlstaub, ihr Gesicht strahlend.
 

"Meine Lieblinge!" ruft sie fröhlich. "Ich habe Pierogi gemacht, gefüllten Kohl, Rouladen — und APFELKUCHEN!"
 

Sirius keucht, als hätte man ihr eine Freude mitten ins Herz geschossen. "JAA! ESSEN! OMA, DU BIST DIE BESTE!!!"

Lucia lacht herzlich und schließt sie in eine Umarmung. "Ich kenne meine Naschkatze Siri! Dein Magen ist ein Fass ohne Boden, also hab ich extra viel gemacht."
 

Arctur runzelt die Stirn. "Lucia, sie soll eigentlich bestraft werden."

Lucia winkt ab. "Strafe hin oder her, das Mädchen muss essen. Stimmts, Siri?"

"STIMMT!!!" strahlt Sirius, schon auf dem Weg in die Küche.
 

Arctur grummelt leise vor sich hin. "Verwöhn sie doch nicht noch mit Apfelkuchen."

"Ich verwöhne, wen ich will," lacht Lucia.
 

In der Küche stopft sich Sirius schon den Mund voll. Lucia beginnt am Herd einen Topf hinzustellen und das Wasser für eine Suppe kochen zu lassen.
 

In der Ecke knurrt Vegas Magen hörbar. Lucias Blick wendet sich ihr zu. "Los, Vega. Ich hör dein Bauchgrummeln bis hierher."

Vega schnaubt leise, geht aber schließlich auch zum Tisch, setzt sich und isst — langsam, ordentlich, völlig anders als Sirius.
 

Die beiden starren sich beim Essen finster an, bis Vega schließlich kalt zischt:

"Was ist eigentlich dein verdammtes Problem?"

"Du hast mich das letzte Mal verpfiffen!" zischt Sirius zurück.

"Deshalb hat Opa mich eingesperrt!"

"Dann hör auf, dich wie ein Vollidiot zu benehmen."

"Geht dich gar nichts an!"

"Wenn du nicht aufpasst, verlierst du auch die Beine."

Sirius knallt die Faust auf den Tisch, dass das Geschirr klappert.

"WIE KANNST DU ES WAGEN—!"
 

"HEY! KEIN STREIT IN MEINER KÜCHE!" brüllt Lucia und knallt einen Holzlöffel auf die Arbeitsplatte.

Beide Mädchen erstarren und murmeln ein schuldbewusstes "Sorry."
 

Nach dem Essen trotten sie den Flur entlang, immer noch angefressen.

"Ich kann’s kaum erwarten, wieder in den Dschungel zu schleichen," murmelt Sirius.

"Auf Patrouille?" fragt Vega trocken.

"Nö! Einfach erkunden!" grinst Sirius.

"...Du machst es wieder."

"Komm doch mit! Dann hörst du wenigstens auf zu meckern!"

"Nein."

"Man, Vega, du bist SO langweilig."
 

"Und du bist hirnlos," grollt eine tiefe Stimme hinter ihnen.

Beide Mädchen erstarren. Arctur steht hinter ihnen, die Arme verschränkt.

"Ups," murmelt Sirius.

Sein Blick verdüstert sich. "Immer noch Pläne, wegzurennen? Nach allem?"
 

"Ach komm, Opa," versucht Sirius zu beschwichtigen. "Morgen ist mein zehnter Geburtstag! Ich will nur... ein bisschen was von der Welt sehen."

"Dein Geschenk wird ein extra Trainingslauf," sagt Arctur streng.
 

"Das ist nicht dasselbe! Ich will mich frei fühlen. Ich will alles sehen."
 

Arctur und Vega werfen sich ratlose Blicke zu. Sirius' Stimme zittert leicht, aber ihre Augen bleiben entschlossen.

"Ich will selbst entscheiden. Ich will nicht eingesperrt sein. Ich will Utopia finden. Für Helios."

Bei seinem Namen läuft Arctur rot an.
 

"Du glaubst, du findest Freiheit bei Banditen?!" donnert er. "Draußen wärst du allein! Niemand könnte dich beschützen!"
 

"Ich werde nicht allein sein," grinst Sirius frech. "Ich finde meine eigene Bande. So wie Helios. Tari würde auch mitkommen!"

Arctur’s Stimme zittert vor Wut und Angst. "Wir haben dieses Gespräch schon geführt, Sirius! Ich biete dir eine Zukunft — Ehre, Sicherheit, Liebe—"
 

"Und ich hab auch schon gesagt," faucht Sirius, "dass ich NICHT zu denen gehören will, die den Mann getötet haben, der mein Leben gerettet hat."

Arctur packt sie grob an der Schulter und zerrt sie den Flur entlang. "LASS MICH LOS!" schreit Sirius.

"Du gehst jetzt auf dein Zimmer und denkst nach!" bellt er.

"Worüber denn? Dass ihr einen Helden ermordet habt? Ohne ihn wäre ich längst tot!" schrie sie.
 

Mit einem wütenden Knurren wirft Arctur sie in ihr kleines Zimmer und knallt die Stahltür zu. Sirius hämmert mit den Fäusten gegen die Tür, aber sie rührt sich nicht.

"DU KANNST MICH NICHT FÜR IMMER EINSPERREN! OMA WIRD ES ERFAHREN!"

"DANN SOLL SIE!" brüllt Arctur von draußen.
 

Stille.
 

Arctur lehnt die Stirn gegen das kalte Metall. Seine Stimme, als er wieder spricht, ist kaum mehr als ein Flüstern:

"Ich mache das nicht, um dich zu verletzen... Ich mache das, weil... weil ich dich liebe." Seine Stimme bricht. "Ich will nur, dass du sicher bist. Dass du eine Zukunft hast. Dass du stark genug bist, um diese Welt zu verändern... und nicht von ihr verschlungen zu werden."
 

Sirius lehnt die Stirn gegen die Tür, Tränen steigen in ihre Augen.

"Ich will kein Soldat werden," flüstert sie. "Ich will einfach ich sein."

Schwere Schritte entfernen sich, lassen sie allein zurück in der Stille ihres kleinen, einsamen Zimmers.
 

Auf ihrem Bett sitzend, hatte Tari sie die ganze Zeit schweigend beobachtet. Er sprang herunter, ging zu ihr, legte eine Hand auf ihre Schulter und tätschelte sie sanft. Sirius begann zu zittern, Tränen liefen ihr aus den Augen. "Ich kann es kaum erwarten... endlich frei zu sein..."

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Die Tür öffnete sich langsam. Sirius, die im Bett lag und versuchte zu schlafen, riss den Kopf hoch und starrte zum Eingang. Tari ebenso.
 

"Wer ist da?", fragte er. "Beruhigt euch, nur ich." Vega stand in der Tür.
 

"HÄ? Wie hast du die Tür aufbekommen?" Vega grinste und zeigte ein paar Schlüssel in ihrer Hand. "Man könnte meinen, du könntest auch ein bisschen Schleichen üben."
 

"Was willst du? Willst du mich auch wie Opa vollmeckern?" Vega rollte mit ihren gelb-goldenen Augen. "Nee. Ich glaub, er hat das gut genug erledigt. Und ich will hier niemanden aufwecken, es ist mitten in der Nacht. Aber... ich hab dein Gespräch mit Opa von vorhin gehört. Mann, du bist echt stur, was?"
 

"Ich habe meine Ziele und die werde ich erreichen!" Vega zuckte mit den Schultern. "Ja, hab ich mir gedacht. Willst du dein Geburtstagsgeschenk haben?" Sirius blinzelte. "Aber mein Geburtstag ist doch erst-"
 

"Laut Zeitüberprüfung ist es 0:05 Uhr morgens.", sagte Tari.

"Aber warum willst du mir überhaupt was schenken? Du hast doch gesagt, ich sei nervig."
 

"Das bist du auch. Aber... du hast morgen wahrscheinlich einen anstrengenden Tag vor dir. Opa wird sicher eine große Party mit allen Soldaten schmeißen, und ich weiß, du bist eh nur für das Essen da."
 

"Ja, weil die nur langweiliges Zeug labern! Und wenn ich Helios erwähne-"
 

"Reden sie darüber, wie stolz sie sind, ihn besiegt zu haben, bla bla bla, ich weiß. Deshalb isst du auch nicht mehr in der Kantine. Aber darum geht's nicht. Ob wir wollen oder nicht... wir sind ..naja Familie. Opa hat es offiziell gemacht, als er mich adoptiert hat. Und heute Nacht will ich dir einfach einen guten Moment schenken."
 

"Äh... Was hast du jetzt vor?" "Das bleibt unter uns dreien. Du hältst die ganze Zeit die Klappe. UND vor allem... du rennst nicht in den Dschungel. Kapiert?"
 

"WARTE, GEHEN WIR ETWA IN DEN-" "PSCH! Nein, du Dummkopf, wir gehen NICHT in den Dschungel! Ich zeig dir was anderes. Aber ich brauch Tari dafür."
 

Tari richtete sich bei der Nennung seines Namens auf. Vega ging zum Fenster und öffnete es. "Opa hat echt alles verriegelt, huh? Na gut. Tari hat gesagt, dass er fliegen kann-"

"Natürlich!"

Seine Antenne zog sich ein und ein großer Propeller sprang heraus. "Perfekt. Jetzt geh in deinen Rucksackmodus."
 

Taris Arme und Beine falteten sich ineinander – rechter Arm zum rechten Bein, linker Arm zum linken Bein. Vega setzte ihn sich wie einen Rucksack auf. "Er wird uns sicher tragen." Vega packte Sirius und hob sie hoch. "Whoa, hey-" Dann sprang Vega aus dem Fenster.
 

Sirius wollte schreien, doch Vega hielt ihr eine Hand vor den Mund. Taris Propeller fing an zu drehen, und sie flogen tatsächlich. Sirius' Augen begannen zu leuchten.
 

"Flieg uns hinter das Dorf zum Krater.", befahl Vega.
 

"Zielort festgelegt: Krater von Sternfall Dorf."
 

Sirius sah sich um. Das Dorf unter ihnen, die Militärbasis dahinter. "Es ist so wunderschön hier in der Nacht...", flüsterte sie. "Ja, aber das ist nicht das, was ich dir zeigen will."
 

Nach einer Weile landete Tari am Krater. Vega führte Sirius hinunter – und dann sah Sirius all die sternförmigen, bunten Steine, die in der Nacht leuchteten.

"Whoa, die leuchtenden Sterne-"

"Ja... ich wusste, dass du sie magst, also-"
 

Bevor Vega den Satz beenden konnte, warf sich Sirius ihr um den Hals und umarmte sie fest.

"DANKE, VEGA, DANKE!" Vega war einen Moment lang still und verdutzt, dann ließ Sirius sie los und rannte zu den leuchtenden Steinen.
 

Tari faltete sich auseinander und lief Sirius hinterher. Sirius starrte die Steine bewundernd an. Jeder hatte eine eigene Farbe – blau, gelb, rot, grün – jede Farbe leuchtete hell.
 

"Hey, Leute..." flüsterte Sirius.

"Sie sind so wunderschön... Glaubt ihr, es gibt draußen Dinge, die noch schöner sind als diese Sterne?"

"Ja, Siri, es gibt viele schöne Dinge da draußen. Das kann ich dir versichern.", sagte Tari.

"Absolut.", antwortete Vega.

Vega setzte sich neben sie ins Gras.
 

"Tari, du warst doch an vielen Orten... mit Helios. Was war das Schönste, das du je gesehen hast?"

"Siri, er ist ein Roboter-", begann Vega.

"Zu viele Orte. Aber mir wurde gesagt, dass der schönste Ort immer der ist, wo man die beste Zeit mit seinen Freunden verbringt."
 

"Wow." Vega war sichtlich beeindruckt.

"Hätte nicht gedacht, dass du... sowas überhaupt verstehst."

"Ich verstehe es sehr wohl. Oder versuche es zumindest. Helios hat mir beigebracht, wie ihr Menschen fühlt und handelt. Es ist wunderschön."
 

Sirius kicherte leise. "Und trotzdem... sitze ich hier fest auf dieser Basis. Opa würde mich nicht mal in die Nähe dieses Ortes lassen. Ich will doch einfach nur solche schönen Momente mit Freunden erleben..."

"Und warum glaubst du, das ginge nicht als Soldat?", fragte Vega.
 

"Weil mein größtes Ziel ist, Utopia zu finden... Und ihr Weltraumsoldaten mögt das nicht. Außerdem... als Soldat muss ich Befehle befolgen. Aber als Bandit? Da kann ich tun, was ich will, wohin ich will. Ich will reisen... mit Leuten, die solche Gefühle auch wollen."
 

Vega seufzte bei Sirius' Worten. "Siri, man..."

"Ich erwarte nicht, dass du oder Opa mich versteht. Ist schon okay."

"Nein, ich versteh's schon. Aber... Siri, wenn du eine Banditin wirst... dann sind wir Feinde."
 

"Ich weiß. Aber wir müssen ja nicht kämpfen."

"So einfach wird das nicht sein."

"Vielleicht... aber ich werde mich nicht aufhalten lassen. Opa ist glücklich mit seinem Leben – gut so. Du wirst glücklich als Soldatin – gut so. Und ich will als Banditin glücklich werden."

Es folgte eine kurze Stille.
 

"Bin überrascht, dass du noch nicht in den Dschungel abgehauen bist." Sirius kicherte. "Ich hab's ehrlich gesagt vergessen... weil ich etwas so Schönes hier habe."

"Mach bloß keinen Blödsinn."

"Keine Sorge, ich bleib bei euch."

"Das solltest du auch. Sonst bereue ich es noch, dich hierhergebracht zu haben."
 

Nach einer weiteren Stille...

"Vega... Du bist eigentlich ganz okay."

"Was soll das denn heißen?"

"Die Soldaten hier sind nicht nett zu mir. Sie nennen mich komisch, machen sich über mich lustig. Und wenn ich's Opa sage, meint er nur, ich soll aufhören, über Helios und Utopia zu reden, dann hört's auf. Nur Oma wird wütend auf sie – was oft zu Streit mit Opa führt."
 

Sirius senkte den Blick.

"Ich will nicht, dass sie sich wegen mir streiten. Sie lieben sich doch. Deshalb schweige ich meistens. Wenigstens Oma zuliebe. Und du... heh... du bist irgendwie cool."
 

Wieder Stille. Tari schmiegte sich an Sirius.

"Du redest mit mir.", sagte Tari sanft.

"Ich weiß... Danke, Tari."

Vega legte eine Hand auf Sirius' Schulter.

"Versteh mich nicht falsch, ich würd dich lieber hier behalten, bei mir und Opa. Aber... ich weiß, dass du das nicht aus Bosheit willst."
 

"Nein... Ich will einfach frei sein."
 

"Dann versprich mir eines." Sirius schaute neugierig auf.

"Versprich mir, egal was du tust, egal wohin du gehst... vergiss niemals, wer du bist."
 

Sirius' Augen weiteten sich – und füllten sich dann mit Entschlossenheit. "Ich verspreche es!"
 

"Gut... Aber jetzt sollten wir langsam zurück."

"Schon?"

"Ja, sonst schöpft Opa Verdacht, wenn wir morgen beide todmüde sind."

Vega wandte sich an Tari.

"He, Tari, wir soll-"

"Wartet, ihr habt etwas vergessen.", unterbrach er sie.

"Hm? Was denn?", fragte Vega.
 

"Diese Glühsterne haben ein Geheimnis. Ihr solltet es ausprobieren."

"Was für ein Geheimnis?", fragte Sirius neugierig.
 

"Die Steine hören eure Worte. Sie können sie wiederholen. Aber nur, wenn es Wünsche sind. Die Legende besagt, dass, wenn ein Glühstern deinen Wunsch ausspricht, er eines Tages in Erfüllung geht."
 

Sirius' Augen begannen erneut zu strahlen. "Woah, echt jetzt?"

"Klingt nach 'nem blöden Gerücht. Man muss für alles hart arbeiten!", knurrte Vega.
 

"Maaaan, Vega, ich nehme alles zurück, was ich gerade Gutes über dich gesagt habe! Lass uns doch einfach dran glauben! Es ist so simpel... aber so magisch!"

Sirius boxte Vega leicht in die Seite.

"Schon gut, glaub halt, was du willst."
 

Tari tappte zu einem grünlich leuchtenden Stein. "So geht das."

Er berührte mit seiner kleinen Hand einen der kalten Steine und sprach leise: "Ich will Helios' Versprechen einlösen."
 

Der Stein glühte heller und wiederholte seine Worte wie ein leises Wiegenlied. Sirius schnappte leise nach Luft, Sterne tanzten in ihren Augen.
 

Sie fiel auf die Knie vor einem roten Stein und legte zitternd die Hand darauf. "Ich will hier raus... und eine Banditin wie Helios werden."

Der Stein flüsterte ihre Worte zurück, als würde er ihren Wunsch in die Nacht weben. Tränen glitzerten in Sirius' Augen – doch ihr Lächeln wurde nur stärker. "Ja... ich werde es tun... eines Tages.", hauchte sie.
 

Vega ging zu einem blau leuchtenden Stein und legte ihre Hand darauf. "Ich will in dem Weltraummilitär Spuren hinterlassen."

Auch dieser Stein wiederholte ihre Worte.

Sirius lächelte Vega warm an – Vega lächelte zurück.
 

"He, Siri, ich werde mein Ziel erreichen. Und du? Was wirst du tun?", fragte Vega.
 

Mit entschlossenen Augen antwortete Sirius: "Alle sagen, ich sei noch zu jung, oder? Aber ich werde nicht für immer so bleiben. Heute bin ich ein Jahr älter geworden."

Ihr Lächeln wurde breiter.
 

"Ich werde erwachsen werden – und dann hau ich hier ab!"

"Und bis dahin?", fragte Vega.

Sirius schloss die Augen.
 

"Ich werde stärker werden. Schneller. Taffer. Damit ihr euch keine Sorgen mehr um mich machen müsst."

Vegas Mund formte ein warmes Lächeln. "Du bist ein Vollidiot... aber ein liebenswerter."
 

Sirius grinste.

"Soll ich dir eine Erinnerung stellen, wenn du 16 wirst?", fragte Tari.

"Nee, nicht nötig.", Sirius strahlte.

"Ich bin überrascht, dass du jetzt irgendwie okay damit bist, noch hierzubleiben.", sagte Vega.
 

"Ich bin nicht okay damit... aber ich weiß, dass ich muss. Und ich weiß jetzt, dass es hier wenigstens jemanden Cooles gibt."

Vega sah sie weich an. "Du bist immer noch ein Idiot. Ein liebenswerter Idiot."
 

Sie streckten die Hände aus und trafen sich über den leuchtenden Steinen – ein Versprechen, das nur sie hören würden.

Nicht mehr lange

In einem großen, gut beleuchteten Trainingsraum hatte Sirius den Spaß ihres Lebens. Sie schwang sich in die Luft, ihre Arme weit ausgestreckt, während sie die Trainingspuppen durch den Raum wirbelte.

Jedes Mal, wenn ihre Arme mit ihnen kollidierten, flogen die Trainingsdummies mit explosiver Wucht durch den Raum und krachten laut gegen die Wände.
 

Die anderen Soldaten, die ebenfalls trainierten, hielten inne und starrten in Erstaunen. Der Anblick von Sirius' Kraft war einfach beeindruckend. „Woah, starker Schlag!“, rief Tari, klatschte in die Hände und seine Stimme war voller Begeisterung.
 

Sirius grinste, ihr Haar war immer noch genauso wild wie vor Jahren, vielleicht ein bisschen länger, aber es trug immer noch diesen ungezähmten Look. Sie war jetzt älter, und man konnte sehen, dass ihre Stärke mit den vergangenen Jahren gewachsen war.
 

„Danke, aber es wird irgendwie langweilig, wenn ich nur gegen die Puppen kämpfen muss“, murmelte Sirius und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Opa hat gesagt, ich darf meine Orbs nicht benutzen, sonst würde ich sie alle zerstören.“
 

„Ja, naja, wenn die Soldaten dich in keiner Weise, in keiner Form, bändigen können, ist der Kampf mit diesen gefährlichen Babys hier fast ein Todesurteil für jeden, der sich in den Weg stellt“, unterbrach eine raue Stimme. Es war Vega, ihr Ton sowohl verspielt als auch ernst war.
 

Sirius drehte sich um und sah, wie ihre ältere Schwester in den Raum trat. Vega sah jetzt anders aus – erwachsen und scharf. Ihr Haar war kurz, sauber am Nacken geschnitten. Sie trug eine blaue Mütze mit goldenen Streifen, ein schwarzes Tanktop, das ihren durchtrainierten Bauch und ein Bauchnabelpiercing zur Schau stellte. Schwarze Nägel, ein blauer, stacheliger Armreif an ihrem rechten Handgelenk und ein langer grüner Handschuh auf der anderen Seite , der bis zum Ellbogen reichte, vervollständigten das Outfit. Ihre weiten, ozeanblauen Jeans wurden von einem braunen Gürtel gehalten, der mit einer goldenen Perlenkette verziert war. An ihren Füßen trug sie schwarze Absatzschuhe mit weißen Sohlen. Vega war jetzt seit ein paar Monaten ein Weltraum-Soldat.
 

Aber da war noch etwas anderes. Vega trug eine sternförmige Halskette, was Sirius ein Lächeln entlockte. Sie spielte mit dem runden Spiritus Stein, der an ihrer eigenen Kette hing – ein Geschenk von ihrem Opa.
 

„Hey, Vega, was ist das?“, fragte Sirius, ihre Augen verengten sich, als sie etwas Neues an ihrer Schwester entdeckte. Vega grinste stolz und zeigte ein Tattoo an ihrem Unterarm. Es war ein Symbol, das Sirius’ Herz einen Schlag aussetzen ließ – es war das gleiche wie das auf ihrem roten Bandana, das sie bis heute trug.
 

„Cool, oder?“, grinste Vega und genoss sichtlich die Wirkung, die es auf ihre jüngere Schwester hatte. Sirius’ Hand zitterte, als sie das Tattoo musterte. Es war ein seltsames, komplexes Design, aber der wahre Schock kam, als sie sich das andere Tattoo auf Vegas Oberarm ansah.
 

Es war eine Welle aus lila, dunkelblauen, hellblauen und grünlichen Tönen. In der Mitte der Welle, im schwarzen Schatten, war die Silhouette eines Hundes zu sehen, der auf Gras saß und in den Himmel blickte.
 

„Siehst du, hier sind weiße Sterne“, sagte Vega und zeigte auf das Design. „Es ist der Nachthimmel. Und dieser kleine Kerl hier?“ Sie zeigte auf den Hund. „Es ist ein Hund, der in den Himmel schaut und sich vorstellt, wie es wohl ist, dort draußen zu sein.“
 

Sirius ließ ein leises Lachen hören. „Mann, Vega, offensichtlicher kannst du es auch nicht erklären!“ Vega rollte mit den Augen, aber das Lächeln, das an den Ecken ihrer Lippen zog, war unbestreitbar. „Ich musste es so offensichtlich machen, damit du es auch kapierst. Du siehst meine Tattoos, aber nicht meine neuen Ohrringe?“
 

Sirius blinzelte, dann weiteten sich ihre Augen vor Überraschung.

„Warte… du hast auch neue Ohrringe!“
 

Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Oh wow! Du siehst großartig damit aus!“

„Ich habe fast schon mit ‚Warum machst du mir nach?‘ gerechnet“, neckte Vega.
 

„Keineswegs! Du siehst so cool aus!“ Sirius strahlte, sichtlich beeindruckt. „Danke. Ich dachte, ich muss es tun, bevor du gehst.“
 

Sirius’ Grinsen verblasste ein wenig.

„Ja... morgen.“ Vegas Gesichtsausdruck wurde für einen Moment weicher. „Ich hoffe, du hast hart trainiert. Hast du dich schon an deine Orbs von Opa gewöhnt?“
 

Sirius nickte, ein verspieltes Lächeln zog sich auf ihre Lippen.

Sie hatte sie in letzter Zeit tatsächlich oft benutzt, zumindest bis sie Ärger bekam, was für einen Schaden sie hinterlassen hat.
 

Mit den mechanischen Upgrades in ihren Armen konnte sie diese auf unglaubliche Längen ausdehnen.

Aber Opa hatte die Idee, ihre Kampffähigkeiten mit Orbs zu verbessern. Eine, die sich entweder in einen Ele- oder einen Hitze-Orbs verwandelte. Durch das Aktivieren der Orbs konnte Sirius die Macht von Elektrizität oder Hitze anzapfen.
 

Momentan waren die Orbs inaktiv, zwei kleine weiße Kugeln, die an ihrem Arm schimmerten.
 

„Ehrlich gesagt“, sagte Sirius, „es ist nicht nur das. Opa hat mir auch diesen Spiritus-Stein gegeben... als wollte er, dass ich irgendwie entkomme.“
 

Sirius kicherte, aber Vega zog eine Augenbraue hoch, ihre Stimme wurde ernst. „Wahrscheinlich. Und du hast dich größtenteils benommen, oder?“
 

Sirius grinste verschmitzt. „Ja, naja, so gut es ging… außer, dass ich, du weißt schon, ‚aus Versehen‘ einen Soldaten geschlagen habe…“

„Und mehrmals alle Vorräte aufgegessen hast, und Trainingsgeräte zerstört hast, weil du zu viel Kraft eingesetzt hast.", vollendete Vega den Satz.
 

Tari, der Statistiker, war natürlich auch zur Stelle.

„Du hast in fast sechs Jahren 1.834 Soldaten verletzt und 51 Trainingsgeräte zerstört.“

„NICHT DU AUCH, TARI!“, rief Sirius empört.
 

Vega kicherte von der Seite.

„Zumindest hast du nicht angefangen, mit einer Axt zu kämpfen, so wie ich.“

„Passt nicht zu meinem Stil!“ Sirius konterte mit einem Grinsen.
 

Bevor der Scherz weiterging, stürmte ein Soldat in den Trainingsraum, sein Gesicht vor Aufregung glänzend.

„Kameraden! Die Truppe ist zurück und sie haben einen Gefangenen!“ rief er, mit weit aufgerissenen Augen.
 

Der Raum wurde still, und die Soldaten tauschten überraschte Blicke aus. „Ein Gefangener?“ flüsterte Sirius, ihre Neugier war geweckt.
 

„Wir hatten hier noch nie einen Gefangenen. Die Basis ist hauptsächlich hier, um das Dorf vor den Kreaturen zu schützen, die im Dschungel herumlaufen“, erklärte Tari.
 

„Ja, und wir erledigen auch Missionen für nahegelegene Planeten, aber Opa hat mich nie an denen teilnehmen lassen.“
 

„Frag dich mal, warum“, fügte Vega mit einem wissenden Ton hinzu.
 

„Hä, was bedeutet ‚seltene Spezies‘?“, fragte ein muskulöser Soldat, der sich über eine Bank lehnte.
 

„Der Typ ist ein Andorianer“, antwortete ein anderer Soldat.

„Sehr selten heutzutage!“
 

Sirius blinzelte, verwirrt. „Ein was? Was ist das?“

Vegas Augen weiteten sich, und sie murmelte: „Ein Andorianer... Ich habe nur am Rande von ihnen gehört. Ich dachte, sie leben nur auf ihrem Heimatplaneten.“
 

Tari meldete sich zu Wort. „Tun sie, aber sie sind immer sehr abgeschottet von dem Rest des Universums. Es ist selten, einen außerhalb ihrer Heimat zu sehen.“
 

Sirius trat einen Schritt nach vorne, ihre Aufregung wuchs.

„Hey, wo ist er jetzt? Kann ich ihn sehen? Wie sieht er aus? Was ist der Unterschied zwischen uns und diesen ‚Andi-Dingern‘?“
 

Die anderen Soldaten tauschten Blicke aus, unsicher, wie sie auf ihre neugierigen Fragen reagieren sollten.
 

„Sirius, wenn du so fragst, wird General Arctur…“

„Ja, ja, hör schon auf! Was auch immer ich tue, er wird sauer sein!“, schnaufte Sirius und verschränkte die Arme.
 

Eine Stimme dröhnte von der Tür.

„HEEEY, WAS MACHT IHR HIER? WARUM SEID IHR NICHT SCHON IN DER KANTINE?“
 

Alle drehten sich um und sahen, wie General Arctur Aster mit einem breiten Grinsen den Raum betrat.

„Wir haben heute einen großen Fang gemacht! Also hat meine Frau extra gekocht!“ fügte er mit aufgeregter Stimme hinzu.
 

Bei der Erwähnung von Essen leuchteten die Augen der Soldaten auf und sie stürmten aus dem Raum in Richtung Speisesaal.
 

„Hey, Opa! Kann ich—“ begann Sirius, doch Vega deckte schnell ihren Mund zu.
 

„Shh! Du weißt, dass er es dir nicht erlauben wird“, flüsterte sie hastig. „Aber ich habe eine Idee. Wenn sie alle beim Essen sind, kannst du heimlich in den Keller gehen. Da werden sie ihn wohl aufbewahren.“
 

Sirius zögerte und schaute zur Tür. „Aber dann verpasse ich das Essen…“
 

Vega rollte mit den Augen. „Dann hol dir ein paar Happen und geh.“
 

Tari, immer die Stimme der Vernunft, schaltete sich ein.

„Und ich dachte, du wolltest sie aus dem Ärger raushalten.“
 

„Ugh, schlechte Einflussnahme“, murmelte Vega, aber ein Hauch von Amüsement war in ihrer Stimme.
 

Sirius grinste. „Du bist die beste Schlechtigkeit, Schwester. Das wird das erste Mal, dass ich jemanden sehe, der nicht menschlich ist! Und... Tari zählt nicht!“
 

Vega konnte sich ein Schmunzeln bei der Begeisterung ihrer jüngeren Schwester nicht verkneifen. „Na gut, mach dich bereit. Aber mach es schnell.“
 

Mit einem schelmischen Funkeln in den Augen nickte Sirius eifrig. Die Jagd nach Antworten – und vielleicht einem neuen Abenteuer – würde bald beginnen.

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„Glaubst du, das ist eine gute Idee?“

„Psch! Wenn die anderen dich so einen Mist fragen hören, dann raffen die's sofort!“, zischte Vega und warf Tari einen scharfen Blick zu.

Ihre Stimme war leise, damit die Soldaten um sie herum nichts mitbekamen.
 

„Entschuldigung...“, murmelte Tari.

Sein Blick wanderte zu den großen Tischen, wo allerlei verschiedene Speisen aufgereiht waren. Natürlich war die Platte mit dem Apfelkuchen schon leer.
 

„Mann, Sirius liebt echt Apfelkuchen. Ich frage mich, wie der wohl schmeckt...“, überlegte Tari.
 

„Du bist doch 'n Roboter, kannst du nicht einfach analysieren, wie was schmeckt?“, fragte Vega und hob eine Augenbraue.
 

„Ja, analysieren schon... aber was bringt mir das? Wie schmeckt süß? Wie fühlt sich das an? Ich kenne die Worte, ich kann es mir vorstellen... aber das ist nicht dasselbe, oder?“
 

Tari sah sich um, betrachtete die Menschen. Sein Bildschirm flackerte leicht.
 

„Ich sehe immer, wie glücklich ihr seid, wenn ihr esst. Essen muss etwas Unglaubliches sein. So gut, dass man es feiert. Man feiert, wenn man glücklich ist, oder? Manchmal... wünschte ich, ich könnte das auch. Einfach essen. Einfach fühlen.“
 

„Whoa, Tari...“, Vega stellte ihr Bierglas ab. „Jetzt wirst du aber melancholisch.“
 

„Sorry... ich hab nur nachgedacht.“

„Schon klar. Essen ist geil, aber weißt du, es gibt Leute, die haben nichts. Die hungern. Die würden sich wünschen, keinen Hunger mehr haben zu müssen.“
 

Tari senkte den Kopf. Sein Bildschirm wurde dunkler. „Ja, aber... wenn jemand nach langem Hungern wieder etwas essen kann... Das muss ein unglaubliches Gefühl sein. Man fühlt sich bestimmt... lebendig.“, sagte er leise.
 

Vega sah ihn eine Weile einfach nur an. „Mann, du klingst wie so'n heulender Betrunkener.“, meinte sie schließlich halb spaßhaft.
 

„Ich hab Siri mal gefragt, was sie davon hält. Sie meinte, sie würde extra für mich mitessen.“ Vega musste lachen. „Klingt nach ihr. Aber ehrlich, Tari... warum jetzt diese Gedanken? Du wirkst traurig.“
 

Tari schwieg kurz, dann: „Ich habe mich gefragt, ob es Wünsche gibt, die einfach unmöglich sind. Und sofort musste ich an mich denken... daran, dass ich nie essen kann.“
 

„Ich meine, du musst doch auch nicht essen, um weiterzumachen, oder?“, setzte Vega an.
 

„Ich habe mich gefragt... bin ich lebendig? Oder einfach nur... aktiv?“, sagte Tari. Seine Stimme klang fremd. Vega schluckte.
 

Manchmal haut Tari einfach so tiefgründige Sachen raus, dass selbst sie sprachlos wird.

„Was denkst du, Vega?“

„Ich... ich weiß es nicht.“, gab sie ehrlich zu.
 

„Siri meinte, für sie bin ich lebendig. Aber leben bedeutet doch, dass man essen und trinken muss. Das ist doch die Definition, oder?“
 

Vega atmete tief durch.

„Ich glaube, du musst deine eigene Antwort darauf finden.“

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Im kalten Kellerbereich, wo die Zellen lagen, schlich Sirius vorsichtig umher. Vega hatte sie immer ausgeschimpft, weil sie so ungeschickt beim Schleichen war wie ein dicker Elefant, aber sie wurde besser. Ein bisschen.
 

Die ersten beiden Wachen am Eingang waren sowieso zu besoffen, um etwas mitzubekommen. Sirius fröstelte leicht, doch sie hatte ein Ziel.

Sie wollte den Gefangenen sehen. Sie spähte vorsichtig um jede Ecke, lugte zwischen die Gitterstäbe, doch die meisten Zellen waren leer.

Bis sie ihn sah.
 

Im Schatten hockte jemand. Ketten an Händen und Füßen, der Kopf tief gesenkt. Sirius‘ Herzschlag beschleunigte sich. So eine Art hatte sie noch nie gesehen. Diese... Andro... Ando... Andorianer oder wie auch immer.
 

Sie ging leise bis zum Gitter. Der Gefangene hörte sie und hob langsam den Kopf, funkelte sie an. Sirius hielt den Atem an.
 

Selbst im Halbdunkel sah sie es: seine Haut war hellblau, zwei Antennen ragten aus seinem schwarzen Hut mit einem blauen Streifen und drei Federn hinten heraus. Sein Haar – schneeweiß, lang, wild. Seine dichten weißen Augenbrauen – die rechte hatte einen kleinen Schnitt. Zwei silberne Ohrringe an jedem Ohr. Eine Narbe auf der Nase. Und dann seine Augen. Grün leuchtend, mit dunklen Rändern. Wie ein wütender Wolf.
 

Stille lag zwischen ihnen.

Dann sprach der Gefangene.
 

„Oi, was willst du von mir?“
 

Seine Stimme war höher, als sie erwartet hatte – nicht tief, aber rau.

Sirius starrte ihn weiter an, ehe sie frech fragte:

„Kriegst du keine Luft, oder was?“
 

Er blinzelte verwirrt.

„Hm?“
 

„Du bist ganz blau. Geht’s dir gut?“
 

Der Typ schnaufte abfällig.

„Blöde Rosahäute...“, brummte er. „Seit wann lässt das Militär kleine Mädels hier rumlaufen?“

Sirius blinzelte. „Hä, was meinst du damit?“
 

„Mädchen haben auf dem Schlachtfeld nix verloren.“

Sirius knirschte mit den Zähnen.

„WAS SOLL DER SCHEISS? WARUM BIST DU SO EIN ARSCH?“
 

Der Gefangene verdrehte die Augen. „Ach, und was hast du eben über meine Hautfarbe gelabert?“

Sirius hielt inne.
 

„War nur neugierig, du Idiot! Ernsthaft, warum bist du blau?“

„Weil das meine normale Farbe ist, du blöde Kuh!“

„Und was passiert, wenn du erstickst? Wirst du dann... blauer?“
 

Er knirschte hörbar mit den Zähnen und zeigte dabei scharfe Zähne.

„Bist du nur hier, um mich mit dummen Fragen zu nerven?“
 

„Nur neugierig.“, grinste Sirius breit. „Du bist der erste, der fast menschlich aussieht und doch keiner ist.“ Ihre Augen glänzten. „Wo kommst du her?“
 

Der Andorianer starrte sie misstrauisch an.

„Interessiert doch nicht.“

„Doch!“

Sein Blick wurde finster.

„Lass mich in Ruhe.“
 

„Ich bin Sirius! Morgen hab ich Geburtstag und–“

„Soll ich dir ein Lied singen, oder was?“, spottete er.

„Nee, ich werd morgen 16. Mein großer Tag!“, rief sie stolz. „Weil ich morgen abhauen werde. Ich werde Banditin!“
 

Der Gefangene riss die Augen leicht auf.

„Was?“

„Ja! Ich werd durch die Galaxis reisen, Infos sammeln...“, ihre Stimme wurde träumerisch, doch ihre Augen blieben entschlossen, „...und Utopia finden.“
 

Er schwieg. „Weißt du was über Utopia?“, fragte sie.
 

Er hob eine Braue. „Nur gehört.“ Sirius ließ enttäuscht die Schultern sinken. „Schade. Dachte, jemand wie du wüsste mehr.“
 

„Nur weil ich rumgereist bin, heißt das nicht, dass ich alles weiß!“, fauchte er.
 

„Wofür bist du überhaupt eingesperrt?“
 

„Tsh. Die mögen mich nicht, weil ich ihnen ständig eine verpasst hab.“, grinste er scharf. „Diese Möchtegern-Helden. Reden von Ehre und drehen sich weg, wenn's unbequem wird.“ Sein Blick flackerte wütend auf.

„Aber... du kannst kein wildes Tier einfach so zähmen.“

Sirius starrte ihn mit gehobener Augenbraue an.

„Die hatten Glück, dass dieser alte Mann dabei war.“
 

„Oh ja, das war mein Opa.“

„WAS?!“, er sah schockiert aus.

„Aber... ist der nicht General oder sowas?“

„Jep.“

„Und du willst Banditin werden?!“

„Jep.“
 

Er starrte sie an, völlig überfordert. Ein kleines Lächeln stahl sich auf Sirius‘ Lippen.

„Er ist nicht sehr glücklich darüber.“

Sie lachte. Der Gefangene lachte auch leise.

„Respekt, Kleine. Mutig.“
 

„Opa sagt immer, ich bin stur.“

„Musst du auch sein.“, meinte er grinsend.
 

„Verstehst du's?“, fragte sie.

„Klar.“ Sein Blick wurde ernster.

„Manchmal... muss man einfach an das festhalten, woran man glaubt.“
 

„Und was ist mit dir?“, fragte Sirius.

„Ich bin dafür noch nicht bereit, denn dafür... muss ich meine Waffe stärker machen.“

„Waffe?“

„Katana. Selbst gebaut. Mein Baby.“ Er grinste stolz. „Aber jetzt... hat dieser Alte es mir weggenommen.“
 

„Das wird sich bald ändern.“, meinte Sirius frech.

„Hä?“

„Morgen.“

Er blinzelte.
 

„Morgen werde ich abhauen. Mit 'nem Freund. Und du kommst mit.“
 

„HEY! Wer hat dir das Recht gegeben, das zu entscheiden?! Ich ordne mich doch nicht nem Weib unter.“, fauchte er.
 

„Was? Willst du hierbleiben und auf dein Ende warten?“

Er schwieg.
 

„Und wenn du weiter so ein Arsch bist, klau ich dein Katana und lass dich hier vergammeln.“

„Wag es nicht, mein Katana auch nur anzurü–“

„Dann sehen wir uns morgen!“, grinste sie.

„Vielleicht findest du ja auf den Reisen Material, um deine Waffe zu verbessern.“ Er starrte sie an.
 

„Was zum Teufel bist du?!“

„Sirius, hab ich doch gesagt, Dummkopf. Und du?“

Er seufzte tief.

„Nebul.“

Chaos auf der Basis

Sirius riss die Augen so schnell auf, dass sie glaubte, ihre Augäpfel würden gleich aus dem Kopf springen.
 

„Tari! Tari! Tari!“, rief sie aufgeregt.
 

Taris Bildschirm flackerte und sprang an.

„Was gibt’s?“
 

„Es ist so weit! ES IST SO WEIT!“

Sirius sprang auf ihrem Bett auf und ab wie ein Flummi, während Tari beinahe vom Rand purzelte.
 

„Datum überprüfen… Geburtstag und… FLUCHT erkannt!“, piepste Tari.
 

„JA! ICH BIN ENDLICH 16! ICH KOMME ENDLICH HIER RAUS! ICH WERDE ENDLICH BANDITIN!“, schrie Sirius vor Freude.
 

Sie ließ sich nach vorne fallen und landete lachend direkt vor Tari auf dem Bett.
 

„Nur noch ein Schritt, und ich bin auf dem Weg nach Utopia“, sagte sie, die Augen leuchtend vor Aufregung.
 

Ein kleines Lächeln erschien auf Taris Bildschirm.

„Wurde auch Zeit. Helios wäre stolz auf dich.“
 

Beim Klang seines Namens wurde Sirius’ Lächeln sanfter.

„Helios... ich werde seine Arbeit weiterführen. Aber... ich frage mich manchmal, was aus dem Rest seiner Gruppe geworden ist.“
 

„Ich weiß es nicht, Siri“, antwortete Tari. „Die Sonnenbanditen gibt es bestimmt noch, aber wer weiß, was sie heute treiben. Vielleicht setzen sie Helios’ Traum ebenfalls fort.“
 

„Meinst du, wir treffen sie irgendwann?“, fragte Sirius hoffnungsvoll.
 

„Wer weiß. Das Universum ist riesig. Aber Reisen sind heute schneller. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege.“
 

Sirius strahlte. „Ich hoffe es. Nur um ihnen Danke zu sagen... für alles.“
 

Noch während sie sich eilig umzog, redete sie weiter.
 

„Stell dir vor, es gab eine Zeit, da konnten Menschen nicht einfach in ein Raumschiff steigen und losfliegen. Was für arme Trottel.“
 

„Technologie ist eben praktisch. Sie hat euch erlaubt, weit zu reisen.“
 

„Und sie hat dich erschaffen!“, grinste Sirius.
 

„Ja, das stimmt“, erwiderte Tari mit einem mechanischen Kichern.
 

„Bin bereit!“, rief Sirius, nachdem sie sich ihre rote Bandana gebunden hatte.

Sie trug ihre üblichen Sandalen, die sternförmigen Narben auf ihren Beinen deutlich sichtbar – Erinnerungen an den Angriff des Biests, bei dem Helios sie gerettet hatte.
 

Ihr Outfit: ein roter Trainingsanzug, den sie zusammen mit Vega umgestaltet hatte. Er war jetzt kürzer geschnitten, ein brauner Gürtel eingearbeitet, die Seiten und der Reißverschluss goldgelb. Darüber trug sie ihre abgetragene, schwarze Minijacke (was eher ein Stofffetzen war an dem Punkt war) und fingerlose schwarze Handschuhe.

Schließlich legte sie sich noch die Kette mit dem Spiritus-Stein um den Hals.
 

„Dich werde ich brauchen“, flüsterte sie, bevor sie mit einem entschlossenen Lächeln rief: „JETZT BIN ICH BEREIT! Ich brauche nur noch einen Plan. Nebul sitzt noch im Zellenblock... aber zuerst muss ich seinen Katana holen.“
 

„Dein Großvater hat sie“, erinnerte Tari sie.
 

„Stimmt... das könnte heikel werden. Wenn ich einfach in sein Büro spaziere, wird er misstrauisch.“
 

„Wir sollten einen Plan entwickeln.“

„Muss ich wohl... ganz sneaky!“

„Ganz genau!“, bestätigte Tari.
 

Sirius ging zur Stahltür und versuchte, sie zu öffnen – abgeschlossen.
 

„Natürlich... Opa sperrt mich immer ein!“, knurrte sie. „Aber heute hält mich kein lächerliches Stahltürchen auf!“
 

Sie ging in Kampfhaltung, ballte die Fäuste.

„HEAT-ORB!“
 

Die Kugeln in ihren Prothesenarmen färbten sich rot, und mit einem donnernden Schlag schleuderte sie die Tür aus dem Rahmen. Ihr rechter Arm hatte sich für den Schlag extra verlängert, der Knall hallte durch die Gänge. Schwefelgeruch lag in der Luft, als eine Brandstelle auf der kaputten Tür hinterlassen wurde.
 

„SIRIUS! DU SOLLTEST LEISE SEIN!“, quietschte Tari panisch.
 

„Oh... Ups... Aber vielleicht hat’s ja keiner-“
 

„WAS WAR DAS?!“

„DA LANG! BESTIMMT GENERAL ARCTURS ENKELIN!“

Fußgetrampel kam näher.
 

„Ach, verdammt...“, murmelte Sirius.

Sie packte Tari und rannte los.
 

„DA IST SIE! SCHNAPPT SIE!“

„NICHT HEUTE!“, brüllte Sirius zurück und sprintete den Gang entlang.
 

„SIRIUS, BLEIB STEHEN!“, rief ein Soldat.

„NIEMAAALS!“, rief sie zurück, während sie Wachen umschubste und ihnen entwischte.
 

An einer Kreuzung rannte sie fast in Vega hinein, die sie nur entgeistert anstarrte, während Sirius samt Soldatenkarawane an ihr vorbeibolzte.
 

„TSCHAUUUU!“, rief Sirius im Vorbeirauschen.
 

„Siri, wir sollten uns aufteilen!“, schlug Tari vor.

„Gute Idee!“, rief Sirius und ließ Tari los.

Dieser klappte seine Antenne ein, aktivierte seinen Propeller und surrte davon.
 

„WO FLIEGT DER ROBOTER HIN?!“, schrie ein Soldat.
 

„HE! JAGT MICH!“, brüllte Sirius, packte den Kragen eines Mannes und schleuderte ihn gegen die Wand.
 

_____________________________________________________________
 

Arctur genoss ein heißes Bad in seinem privaten Badezimmer.

Entspannt lag er zwischen Schaum und einem quietschgelben Gummientechen, Musik erklang aus einem Radio.
 

„Das könnte ewig so weitergehen…“, murmelte er selig.
 

Plötzlich – die Tür wurde aufgerissen.

„GAH!“, schrie Arctur auf.
 

„Entspann dich, bin nur ich!“, rief Lucia, seine Frau.
 

„Lucy! Himmel, ich... ich bade hier!“

„Papperlapapp, nichts was ich nicht tausendmal gesehen hab! Ich hab dir ein paar Teigtaschen gemacht.“
 

„Ich kann später frühstücken–“

„Undankbarer Kerl!“, fauchte Lucia. „Hier, iss! Sonst schieb ich sie dir noch ganz woanders rein!"

"Ist ja gut, Liebling..."
 

Arctur griff nach einer Teigtasche, doch bevor er reinbeißen konnte:

„GENERAL ARCTUR!“

Ein junger Soldat stürmte herein, keuchend.
 

Erschrocken warf Arctur die Teigtasche hoch, die ganze Platte mit den Häppchen landete auf dem Boden.

Lucia und Arctur starrten entsetzt auf das Chaos.
 

„Meine... Teigtaschen...“, flüsterte Arctur.
 

„ES TUT MIR LEID, ABER ES IST WICHTIG!“, japste der Soldat.
 

„WAS DENN?“, brüllte Lucia, die drohend die Fäuste hob.
 

„ICH HABE SIRIUS’ ROBOTER GESEHEN, WIE ER IN DEN KELLER FLOG!“
 

„Verdammt, ich hab ihr gesagt, sie soll ihren Blechkameraden im Zimmer lassen!“
 

„Und... und sie randaliert oben! Sie hat mich gegen die Wand geschleudert!“
 

Arctur sprang mit einem Fluch aus der Wanne, der Soldat zuckte zusammen – schnell bedeckte Arctur sich mit einem Handtuch.
 

„MEIN GRAUES HAAR IST ALLES IHRE SCHULD!“, brüllte er, während er losrannte.
 

„LIEBLING! ZIEH DIR DOCH WAS AN!“, rief Lucia hinterher. "SONST WIRD SIE NOCH TOT UMFALLEN! OH, UND VERGISS NICHT IHR ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG ZU WÜNSCHEN!"
 

Der Weltraumsoldat wollte folgen, aber Lucia packte ihn am Ohr.
 

"Junger Mann, DU gehst NIRGENDWO hingehen! Erstmal sauber machen, aber zack zack!"

"Aber Frau Aster, ich muss-"

"SOFORT!!!"
 

____________________________________________________________
 

„SIRIUS, HALT!“

„NIX DA!“, rief sie, während sie weiterhin Soldaten niederschlug.
 

„ELE-ORB!“

Ihre Kugeln an den Prothesenarmen färbten sich gelb. Ihre Arme verlängerten sich und schossen Blitze, die eine ganze Gruppe Soldaten lahmlegten.
 

Endlich erreichte sie das Büro ihres Großvaters, schloss die Tür hinter sich.
 

„Okay... Katana, Katana... Wo ist es?!“
 

Sie wühlte alles durch, unterm Schreibtisch, hinter den Vorhängen, im Schrank – keine Spur. Nur paar Ersatz-Uniformen und rostige Trophäen von Opa.
 

Plötzlich – schwere Schritte näherten sich.

Schnell sprang Sirius an den Kronleuchter und hielt die Luft an.
 

Arctur stürmte ins Zimmer – nur im Handtuch! Wütend funkelte er um sich.

Sirius schwitzte vor Anspannung.
 

Dann kam ein junger, schmächtiger Junge mit braunen Haaren hereingestolpert.
 

„G-G-GENERAL A-ARCTUR!“, stotterte er

„WAS IST?!“, blaffte Arctur.
 

„D-D-DA E-E-EIN-"

"KOMM ZUR SACHE, BURSCHE!"

"E-EIN F-F-LIEGENDER R-ROBOTER! I-IM K-KELLER!“

„ICH WEISS BESCHEID, LEO!“, fauchte Arctur. "HAST DU IHN WENIGSTENS AUFGEHALTEN?!"
 

"N-Nein...i-ich, ähm, Sie s-sagten, ich soll d-doch zu I-Ihnen k-k-kommen, wenn e-etwas..."

„Bleib hier, ich kümmere mich drum! Mach kein Unsinn!“
 

Er rauschte davon.

Leo blieb bibbernd zurück.

Sirius ließ sich vom Kronleuchter fallen – direkt hinter ihm.
 

„AAAH!“, schrie Leo.

„Danke fürs Ablenken, Kleiner!“, grinste sie.
 

Leo stotterte nur etwas Unverständliches, die Knie schlotterten. Seine großen blauen Augen starrten sie von oben bis unten an.
 

"D-Du b-bist-"

"Jaja, bin ich. Hör mal, Kumpel, ich habe heute meinen großen Tag!"
 

Sie packt ihn grob an der Schulter, er zuckte stark zusammen.

"Heute werde ich endlich ein Bandit! Und wusstest du..." Sie beugte sich leicht nach vorne. "dass Banditen RIIIICHTIG gefährliche Typen sein können?"
 

Leo's Lippen zuckten, als würde er versuchen etwas zu sagen, aber kein Ton kam heraus. Sein Zittern wurde stärker.
 

„Nur mal so am Rande ~", sagte Sirius mit einem zuckersüßen Ton, aber der drohende Unterton war da.
 

Weißt du zufällig, wo das Katana des Gefangenen ist?“, fragte Sirius mit süß-gemeinem Lächeln.
 

„I-Ich... I-ich darf nichts sagen...“
 

„Komm schon...“, raunte sie ihm ins Ohr.

Leo starrte sie an wie ein Reh im Scheinwerferlicht, seine Wangen wurden leicht rosig.
 

„SIE HABEN E-ES A-AUF D-DEN NÄCHSTEN P-PLANETEN G-GEBRACHT!“, platzte es aus ihm heraus.
 

„WAS?! Aber ich brauch das JETZT!“, schrie Sirius und ließ ihn los.

Leo sackte keuchend zusammen.
 

„Ich muss los! Viel Glück dabei Soldat zu werden. Du wirst es brauchen! Ach ja-“, sie drehte sich nochmal um zu Leo, der noch zappelend am Boden lag.

"Lern erstmal reden, statt zu kämpfen.", grinste Sirius und rannte los Richtung Keller.

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Nebul lauschte.

Er hatte Schreie gehört, schnelles Wegrennen... und dann: ein Summen.

Etwas Kleines landete vor seiner Zelle.
 

„Was zur Hölle...?“, murmelte Nebul.

„Hallo! Ich bin Tari!“, piepste der kleine Roboter fröhlich.
 

„Was bist du denn für ein Teil?“, fragte Nebul skeptisch.
 

„Ich bin Sirius’ Freund! Und jetzt dein Fluchthelfer!“
 

"Du siehst aus wie ein antikes Gerät für Spiele.", während er das sagte, änderte sich etwas in seinen Augen. Als wäre er ein wenig neugierig.

„Tsss. Und sie schickt jetzt ihr Spielzeug?“, sagte er, aber ein Grinsen machte sich auf seinen Lippen breit.
 

„Ich bin sehr effektiv!“, erklärte Tari stolz, während er mit einem Laser eine Öffnung in das Gitter schnitt. Nebul pfiff vor Begeisterung.

Tari tapste in die Zelle und durchschnitt ebenfalls vorsichtig die Ketten.
 

„Glaub’s kaum, aber... danke, Kleiner“, knurrte Nebul und quetschte sich durch das klaffende Gitterloch
 

"Und jetzt sollten wir gehen! Siri wird sicherlich auf uns warten."
 

„Mann, was denkt die Kleine eigentlich, wer sie ist?!“, fluchte Nebul. "Vorallem ein Mädch-"
 

Doch plötzlich:

„KEINEN SCHRITT WEITER!“, hallte es durch den Gang.

Arctur stand da, nur im Handtuch – umringt von bewaffneten Weltraum-Soldaten.

Der große Ausbruch

Vega schlenderte durch den Flur, bemerkte neue Kratzer an der Wand.
 

„Mann… das wird echt ungewohnt sein, diesen ganzen Schlamassel nicht mehr zu sehen“, murmelte sie.
 

Sirius... dachte Vega.

Ihre kleine Stiefschwester würde es tatsächlich schaffen, hier rauszukommen.

So wie sie es damals versprochen hatte, in jener Nacht, als sie mit Tari zusammen im Krater voller Wunschsteine ihre Wünsche aussprachen.
 

Sie konnte nicht anders, als Sirius’ Sturheit zu bewundern – dieses unbeirrbare Streben, genau das zu bekommen, was sie will.
 

Bitte pass da draußen auf dich auf... Du hast wenigstens Tari bei dir, dachte Vega.
 

Dieser kleine Roboter wuchs ihr in letzter Zeit richtig ans Herz.

Sirius redete immer groß daher, während Tari, ein einfacher, freundlicher Roboter, versuchte so menschlich wie möglich zu wirken – und dabei manchmal viel zu logisch oder viel zu tiefgründig wurde.
 

„Hallo, mein Schatz!“, sagte eine Stimme und riss Vega aus ihren Gedanken.
 

„Oh, Oma!“, sagte Vega mit einem Lächeln.

Ihre Großmutter Lucia hielt eine Schachtel in der Hand.

Vega wusste sofort, was drin war.

Sie war für Sirius.
 

Lucia seufzte.

„Ich werde dieses süße Gesicht vermissen… So ein liebes Mädchen. Es macht mich traurig, sie gehen zu sehen.“

„Ja…“
 

„Aber sie ist ein starkes Ding. Die kommt schon klar. Ich hab sie schließlich gut gefüttert!“, lachte Lucia.
 

„Sie hat heute schon ordentlich für Aufruhr gesorgt...“, meinte Vega.
 

„Hab ich gemerkt. Derek ist wie ein Orkan reingestürmt, genau als ich deinem Opa seine geliebten Teigtaschen geben wollte. Die hätten ihm sicher bei der Kopfschmerz-Attacke geholfen, die er mit Siri heute haben wird.“
 

Lucias Miene verfinsterte sich. „Und dann bringt dieser Idiot ihn dazu, alle Teigtaschen fallen zu lassen. ALLE! Ich habe diese Teigtaschen mit Liebe gemacht! Wenigstens hat dieser Trottel den Saustall aufgeräumt – nachdem ich ihm gedroht habe, sie ihm eigenhändig in den Hals zu stopfen.“
 

„Oma!“

„Der hätte das verdient!“, entgegnete Lucia mit einem schiefen Grinsen.
 

„Na ja, jetzt liegt eh alles bei Siri...“

„Natürlich. Wenn ein verdammter Asteroid die Basis trifft, würden sie trotzdem behaupten, Sirius sei die größere Gefahr“, brummelte Lucia – und beide kicherten.
 

„Hast du ihr noch zum Geburtstag gratulieren können?“, fragte Lucia.

„Nee. Sie war zu schnell. Ich konnte kein Wort rausbringen. Sie kann’s wohl kaum erwarten, endlich wegzukommen.“

„…um Banditin zu werden… hihi, dieses Kind. Wenn sie wüsste, was sie alles an meinem Essen verpassen wird – sie würde’s sich zweimal überlegen.“

„Das würde sie echt ins Grübeln bringen!“, lachte Vega.
 

Und obwohl sie die Banditenidee nie mochte… sie konnte Sirius nicht aufhalten.

Sie war zu entschlossen.

Zu stur.
 

Und irgendwie bewunderte Vega das – auch wenn es ihr Sorgen bereitete.
 

Da sahen sie einen mageren Jungen näherkommen.

Schultern angespannt, die Haltung schüchtern, beide Hände klammerten sich an ein Rohr.
 

„Huch? Wer war das noch gleich? Ich hab ihn gestern in der Kantine gesehen“, fragte Lucia.
 

„Das ist Leo. Der neue Lehrling“, sagte Vega.

„Ach ja, dein Großvater hat was von einem neuen Schüler gesagt.“

„Wird mal ein Weltraumsoldat wie ich! HEY, LEO!“, rief Vega.
 

„O-OH!“
 

„Hehe, was ist los, Kumpel? Gespenst gesehen oder was?“
 

Leo stammelte nur, brachte kaum ein Wort heraus.
 

„Ach herrje, ist der jung! Wie alt bist du, mein Junge?“, fragte Lucia.

„I-ich… äh… 14…“, brachte er stockend hervor.
 

„Ach du lieber Himmel, bist du schüchtern! Aber warte ab, mein Essen wird dich auftauen!“, sagte Lucia herzlich.
 

Vega hob eine Augenbraue. Leo sah zu Boden.
 

„Ich bin Lucia – die Frau, die dir Frühstück, Mittag und Abendessen kocht!

Also, wenn’s dir hier besonders gut schmeckt: jetzt weißt du, warum.“
 

„O-oh… s-schön, S-sie z-zu treffen… d-danke f-für das E-Essen…“
 

„Keine Ursache, ich liebe meinen Job! OH – und das hier ist eine meiner wunderbaren Enkelinnen, Vega!“

„Oma! Opa hat uns schon einander vorgestellt! Er trainiert Leo doch!“
 

Leo erstarrte. „O-oh äh-uh…“

„Was ist los?“, fragte Vega, skeptisch.
 

„Bist du… d-die S-schwester von… äh…“

„Sirius?“

„Äh j-ja…“

„Jep, das bin ich. Warum?“
 

Leo begann noch mehr zu stottern.
 

„Hat sie dir Angst gemacht?“, fragte Vega mit einem Grinsen.

Leo wurde knallrot. War es Scham? Oder… ein Schwarm?
 

„…sie hat dir Angst gemacht“, schloss Vega.

Lucia lachte.

„Ach ja, sie ist echt ein Wirbelwind. Der Junge ist das einfach nicht gewohnt.“
 

„U-UHM… s-sie versucht, v-von der B-basis z-zu fliehen!“

Lucia zuckte mit den Schultern.

„Und?“

Leos Augen wurden riesig.
 

„Hast du sie umstimmen können?“

„U-UH…“
 

„Meine Güte, Oma… sei doch nicht so gemein.“
 

„Ich sag nur, wie’s ist. Hör mal, Kleiner, beide meiner Enkelinnen sind echte Kämpferinnen. Die treten dir in den Hintern, bevor du blinzeln kannst. Vega kann auch richtig fies werden, wenn du sie auf dem falschen Fuß erwischst–“
 

„H-Hey!“, warf Vega ein.
 

„Und Sirius? Die ist nicht zu zähmen. Mein Mann hat's versucht. Hat nicht geklappt. Sie hört höchstens auf mich – weil ich sie füttere.“

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„Oh-oh…“, piepste Tari.

„Verdammt…“, knurrte Nebul.
 

Die Weltraumsoldaten hatten ihre Waffen auf Nebul gerichtet.

Zwei Männer, die General Arctur flankierten, hielten gezogene Schwerter in der Hand – kampfbereit. Arctur stand da mit verschränkten Armen, während er nichts weiter anhatte als ein Handtuch um seine Hüften.

Aber Nebul hatte keine Zeit diesen Aspekt weiter zu hinterfragen.
 

„Gefahr erkannt. Flucht unmöglich!“, meldete Tari mit Alarmstimme.
 

„Sieh an… sieht ganz so aus, als würden meine Enkelin und ihr Spielzeug versuchen, diesen wilden Andorianer zu befreien“, sagte Arctur mit gehobener Brust und ernster Miene.
 

„Du hast schon genug Ärger gemacht, indem du unsere Truppen grundlos angegriffen hast. Du bist bekannt dafür, Jagd auf Weltraumsoldaten zu machen. Aber bei mir kommst du damit nicht durch“, sagte er und sah Nebul direkt in die Augen.
 

Nebul knirschte mit seinen spitzen Zähnen.
 

„Wie ehrenhaft… Ihr verdammten Weltraumsoldaten glaubt wirklich, ihr wärt Helden. Ihr schützt euch gegenseitig, aber wendet euch ab von dem echten Elend da draußen! Nennt euch Retter, während ihr das meiste Leid ignoriert? Lächerlich!!“, fauchte Nebul mit glühenden, grünen Augen.
 

„Du hast uns zuerst angegriffen. Jetzt musst du mit den Konsequenzen leben, Andorianer!“, sagte ein breitschultriger Soldat mit ernster Miene.
 

„Wir helfen den Leuten hier im Dorf! Wir beschützen sie vor den Bestien aus dem Dschungel!“, fügte ein anderer hinzu.
 

Nebul schnaubte. „Kleine Gesten in einem endlosen Ozean aus Verzweiflung.“
 

„General Arctur, wir sollten einfach–“

„Was bringt dich zu dieser Sichtweise?“, unterbrach Arctur den Soldaten ruhig.
 

„Ihr seid doch nichts als Marionetten. Kleine Puppen, gelenkt von denen da oben, die im Luxus leben. Für sie seid ihr nur Schachfiguren auf einem Brett.“
 

„Tch, verrücktes Geschwätz“, murmelten einige Soldaten.
 

Doch Arctur… sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar.

Als würde ihn etwas beschäftigen.
 

„Ihr tut so, als wär’s ein Verbrechen, euch anzugreifen! Dabei habt ihr es verdient! Wie fühlen sich wohl die einfachen Leute da draußen, wenn sie so überfallen werden? Und im Gegensatz zu euch haben sie keine Waffen! Keine Hilfe! Und wenn sie nicht zu einem Gebiet der Oberen gehören – dann sind sie einfach verloren! Dann kümmert ihr euch nicht mehr!“
 

Einer der Soldaten mit dem Schwert, der neben Arctur stand, trat nach vorn.

„Sir, worauf warten wir? Wir sollten–“
 

„Und? Hältst du Gruppen wie Banditen für die besseren Leute?“, fragte Arctur ruhig.
 

„Besser? Nein. Aber wenigstens geben sie nicht vor, die Guten zu sein.“
 

Einige der Soldaten fingen an, verwirrt miteinander zu tuscheln.

Der breitere Soldat von vorhin wurde wütend und richtete sein Gewehr auf Nebul.
 

„Wir tun wenigstens was, um diesen Ort sicherer zu machen!“, rief er.

„Warte–“, sagte Arctur, doch der Soldat lud bereits durch und hob das Gewehr.
 

Bevor er abdrücken konnte, schossen plötzlich zwei mechanische Arme hinter den Weltraumsoldaten hervor und packten Trümmerstücke der zerstörten Gitter.
 

„Gefahr erkannt. Ausweichen empfohlen!“, piepste Tari, schnappte Nebul an der Hand – doch sie stolperten rückwärts zu Boden.
 

„He, was zum–“, knurrte Nebul – dann:
 

BAM!
 

Sirius schoss durch die Luft und krachte in einem Schlag in den breiten Soldaten, die beiden Schwertkämpfer und Arctur.

Sie alle wurden durch die Gitter geschleudert und knallten gegen die Mauer.
 

Nebul lag auf dem Boden, blinzelte – und sah gerade noch, wie Arctur und die anderen durch die Luft flogen.

Er sah Sachen, die er wirklich nicht gerne sehen wollte.
 

Die restlichen Soldaten starrten mit offenem Mund auf das Chaos.
 

Sirius landete elegant auf den Füßen und lachte freudig: „Heeey! Alles okay bei dir?“, rief sie.
 

„WAS ZUR HÖLLE WAR DAS?!“, brüllte Nebul, als er sich aufrappelte.

„Mein Auftritt~“

„NEIN, NICHT DAS!“

„Siri! Siri! Flucht empfohlen!“, rief Tari.
 

„IHR KOMMT NICHT WEITER!“, schrie ein Soldat. „DAMIT HABT IHR EINE GRENZE ÜBERSCHRITTEN!“, brüllte ein anderer – alle richteten ihre Waffen auf sie.
 

Doch bevor sie reagieren konnten, schnappte sich Nebul das Schwert eines der bewusstlosen Soldaten und fegte im nächsten Moment blitzschnell durch die Reihen, schlug sie bewusstlos, bevor sie schießen konnten.
 

„Verdammt, du bist echt gut“, sagte Sirius anerkennend.

„Und du bist gefährlich“, entgegnete Nebul mit einem kleinen Grinsen.
 

Dann bebte plötzlich der Boden.

„Grrr…“

„Oh-oh…“, meinte Sirius leise.

"Sir! Ihr Handtuch!"

„Dieses kleine Miststück!“, knurrte Arctur, der sich langsam wieder aufrappelte.

„OH GOTT!", jaulte Sirius, ihre Augen tränten und sie hielt sich die Augen zu.
 

Sirius schnappte sich Tari und rannte los. „LAUF!“, rief sie.

Nebul folgte ihr sofort.
 

„HE! WAS STEHT IHR DA RUM?! HINTERHER!“, brüllte Arctur den restlichen Soldaten zu.
 

Einige taumelten, schafften es aber, die Verfolgung aufzunehmen.
 

„General Arctur, alles in Ordnung?“, fragte einer.

Arctur presste die Hand an seine Stirn.
 

„Bringt mir diese Göre zurück!“, knurrte er.
 

Ein Soldat tippte auf sein Brustmodul.

„Wir brauchen Verstärkung! General Arcturs Enkelin flieht mit dem Gefangenen!“

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Sirius und Nebul rannten durch die Gänge, wichen Laserfeuer aus, schlugen jeden Soldaten nieder, der sich ihnen in den Weg stellte.
 

Tari war wieder im Rucksackmodus, Arme und Beine eng um Sirius geschlungen. Einige Soldaten zögerten, zu schießen – sie war schließlich die Enkelin des Generals.
 

„Was war das gerade mit deinen Armen?!“, rief Nebul im Laufen.

„Was meinst du?“

„Stell dich nicht dumm! Das mit dem Katapultieren!“
 

„Ach das – na ja, meine Unterarme sind mechanisch. Von außen sehen sie normal aus, aber innen drin sind’s Roboterarme. Sie können sich ausfahren – ziemlich praktisch, genau wie Tari! Wir haben halt was gemeinsam“, kicherte sie.
 

„Hmpf. Also so'n Cyborg-Mädel?“

„Könnte man sagen, ja.“

„Ziemlich cool“, gab Nebul zu.
 

Ein Soldat versuchte, ihnen den Weg zu versperren, mit einer riesigen Lasergun – doch ein gezielter Schlag von Sirius und ein Schwerthieb von Nebul reichten.

Soldat erledigt, Waffe zerstört.
 

„Ach übrigens, dein Katana–“

„Wo ist es? Du hast gesagt, du bringst es mir!“

„Ja, aber… es ist nicht hier.“
 

„WAAAS?! WO IST ES?!“, brüllte Nebul, sichtlich wütend.

„Wir holen es zurück, versprochen!“
 

„DAS HOFFE ICH! DIESES KATANA HAB ICH SELBST GESCHMIEDET! DAS IST MEIN LEBENSWERK! ES SOLLTE… stark werden…“, rief Nebul, seine Stimme bebte.
 

Sirius sagte nichts. Dann: „Ich versteh dich. Versprochen, wir holen es zurück. Aber wir müssen erst auf den nächsten Planeten.“
 

„Den nächsten Planeten?! Und dann? Den ganzen verdammten Planeten absuchen oder was?!“
 

„Wenn ich kurz anmerken darf: Der nächste Planet ist relativ klein. Die bewohnbare Zone ist sehr begrenzt. Zudem gibt es einen großen Basar in der Hauptstadt – dort wäre eine Suche sinnvoll“, meldete sich Tari piepsend.
 

„Siehst du? Ein Anhaltspunkt!“, sagte Sirius lächelnd.

Nebul verdrehte die Augen. „Erstmal müssen wir hier lebend raus!“
 

„HALT!!“, schrien Soldaten hinter ihnen.
 

„Bis ich mein Baby wiederhabe, muss ich mit diesem dämlichen Schwert auskommen…“, grummelte Nebul, bevor er erneut einen angreifenden Soldaten niederschlug.
 

„ELE-ORB!“, rief Sirius – ihr Elektroschlag donnerte durch die Soldatengruppe hinter ihnen, ließ sie zitternd am Boden zurück.
 

„Noch so ’ne komische Fähigkeit von dir?“, fragte Nebul.

„Yup!“

„Tolle Arbeit, Siri!“, rief Tari begeistert. „Aber wir sollten Richtung Tore zu den äußeren Mauern!“

„Gute Idee!“, sagte Sirius.

„Wohin?!“, fragte Nebul verwirrt.

„Die Außenmauern um den Innenhof! Vertrau mir einfach!“
 

Sie rannten durch die Gänge, bogen nach rechts ab – fast am Ausgang.

Doch dann…
 

„Siri!“, rief jemand. Es war Lucia – ihre Großmutter.

„Oh nein, was jetzt?“, murmelte Sirius.
 

Dann sah sie den Jungen mit der Eisenstange. Einige Meter vor Lucia.

Zitternd, aber mit Entschlossenheit in den Augen.
 

„M-Mach keinen w-w-w-eiteren S-Schritt… o-oder ich–!“
 

Weiter kam er nicht. Sirius fuhr blitzschnell ihren Arm aus – und schlug ihn mit einem gezielten Hieb nieder.
 

„Mensch, sei doch nicht so grob zu Kindern“, sagte Lucia.
 

„Aus dem Weg, Alte!“, knurrte Nebul, griff nach seinem Schwert.

„Stopp! Das ist meine Oma! Oma, ich hab keine Zeit–“

„Dann nimm das.“ Lucia hielt ihr eine Box hin.

„Alles Gute zum Geburtstag!“
 

Sirius blieb abrupt stehen – Nebul starrte verwirrt.

„Was soll das denn jetzt?!“, fauchte er.

„Ihr Geburtstagskuchen. Viel Spaß, Süße. Sei brav.“
 

„Aw… Oma…“ Sirius drückte sie kurz, Lucia wuschelte ihr ruppig durchs Haar.

„Auch Banditen verdienen ein Dessert. Und bring mir was mit – du schuldest mir zehn Jahre Vorräte!“
 

„Ja, ja, wird gemacht“, sagte Sirius und salutierte verspielt. „Bis dann!“

Sie rannte weiter, Nebul direkt hinterher.

„Auf Wiedersehen, Siri's Oma!“, piepste Tari fröhlich.
 

Lucia blieb zurück. Ein warmes Lächeln lag auf ihren Lippen.
 

Sirius und Nebul erreichten das Außengelände – ein schmaler Pfad entlang der Mauer. Doch die Erleichterung währte nur kurz. Von der anderen Seite rückten erneut Weltraumtruppen auf sie zu.
 

„Mann, können die uns nicht mal für fünf Minuten in Ruhe lassen?!“, knurrte Nebul.
 

Hinter ihnen waren bereits die anderen Soldaten wieder auf den Beinen, laut trampelnd kamen sie näher.
 

„Analyse… Norden: 25 Weltraumsoldaten. Süden: 35. Schlussfolgerung: Wir sind geliefert.“, piepste Tari.
 

„Nicht, wenn wir fliegen!“, rief Sirius.

„Was? Was meinst du mit—?“

„Tari! Halt die Kuchenbox!“, befahl sie.
 

Tari löste sich von ihrem Rücken, sprang auf ihre Schultern und umklammerte sie fest, während er die Box an sich nahm.
 

In der Zwischenzeit hatten die Soldaten sie bereits umzingelt, ihre Laserwaffen auf sie gerichtet.
 

„KEINEN SCHRITT WEITER!“, brüllte einer.
 

Sirius’ mechanischer Arm schoss nach vorne, schnappte sich einen nahegelegenen Baumstamm, griff mit der anderen Hand nach Nebul und grinste: „Tschüss, Jungs!“
 

„Warte, was willst du—?“

Doch bevor Nebul den Satz beenden konnte, katapultierte sie sie beide in die Luft. Nur Nebuls Schrei hallte über die Mauern.

Sie flogen durch den Himmel davon.
 

Die Soldaten starrten ungläubig hinterher.

Sprachlos.

Sie… waren entkommen.
 

Nicht viel später stampfte Arctur wütend zu den Truppen.

„UND? WO IST DIESER STROLCH?!“
 

„S-Sir… Sie sind entkommen…“

„WAAAAS?!“

„Ja, äh… Ihre Enkelin hat sie einfach… in die Luft geschleudert. Sie sind jetzt mitten im Dschungel…“
 

Arctur starrte schweigend in die Ferne.
 

„Sir, wir könnten ihnen noch folgen! Wir schicken eine Verfolgungseinheit! Oder eine Drohne—“
 

„Nein. Lasst sie.“
 

Die Soldaten wirkten völlig überrumpelt.

„Aber Sir! Sie hat einen Gefangenen befreit!“

„Wir könnten noch—“
 

Ein schiefes Grinsen legte sich auf Arcturs Gesicht.

„Diese verdammte Göre… hehe…“

Sein Kichern wurde zu herzhaftem Lachen, die Soldaten warfen sich fragende Blicke zu.
 

In der Nähe standen Lucia und Vega am Zaun, blickten dem Himmel nach, wo Sirius und Nebul verschwunden waren.
 

„Sie hat's wirklich durchgezogen…“, murmelte Vega.
 

Lucia lächelte breit.

„Sogar dein Opa kann nicht mehr leugnen, wie sehr sie gewachsen ist.

Kein kleines Mädchen mehr, das beschützt werden muss… Hach.

Ich hoffe, sie findet jemanden, der für sie kochen kann. Ohne mich wird sie verhungern.“
 

Leise Schritte näherten sich von hinten – Leo.

Lucia kicherte.

„Oho… Meine Enkelin hat dir ganz schön eins verpasst, was?

Man sieht den Abdruck noch.“

„U-uh… j-ja…“, stammelte er.
 

„Sie ist zwar ein Wildfang…“, meinte Vega, „…aber das hat sie sicher nicht von irgendwoher“, fügte sie hinzu und warf einen Blick auf ihren Großvater, der immer noch lachte...und immer noch nichts weiter als ein Handtuch um seine Hüften gebunden hatte.
 

„Ich hoffe, sie hat dich nicht zu hart getroffen, Kleiner.“

„O-Oh n-nein… also… es hat wehgetan, aber i-ich bin nicht b-b-böse…“
 

Ein rotes Leuchten erschien in Leos Gesicht, seine Ohren färbten sich dunkelrot.
 

„Sie ist u-uh… stark und… u-und… hübsch… I-ICH MEINE— U-UH—“
 

„Verknallt, was? Bei einer wie ihr ist das gefährlich!“, lachte Lucia.
 

„Ernsthaft? Verliebt, nachdem sie dir eine reingehauen hat?!“, lachte Vega.
 

Leo wurde noch röter – wenn das überhaupt möglich war.
 

„I-Ich—“

Lucia stopfte ihm grinsend eine Teigtasche in den Mund.
 

„Iss, du verliebter Dummkopf. Die ist sowieso außer deiner Liga. Und bald auch vom Planeten.“
 

Dann drehte sich Lucia zu den Soldaten um.

„HEY JUNGS, WER HAT BOCK AUF AUFLAUF?!“

Mit strahlenden Gesichtern riefen sie im Chor: „JA, MA’AM!“
 

„Komm, Liebling. Ich brauch Extra-Portionen!“, grinste Arctur, legte den Arm um Lucia und marschierte mit ihr zurück ins Gebäude, gefolgt von einer hungrigen Truppe.

"Und du brauchst dringend neue Anziehsachen, mein Lieber!"
 

Nur Vega und Leo blieben zurück.

Vega lehnte sich über den Zaun, blickte dem Himmel nach, wo ihre Schwester verschwunden war.

Ein warmes, stolzes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
 

„Mach’s gut, Schwesterherz.“

Revierkampf

Mit einem lauten Krachen und Rasseln durchbrachen sie das dichte Blätterdach eines riesigen Dschungelbaums – und landeten... erstaunlich weich.
 

„Ha... HA! Wir haben's geschafft! WIR HABEN’S GESCHAFFT! ICH BIN ENDLICH–“
 

Bevor Sirius weitermachen konnte, bekam sie eins mit der Faust über den Kopf.
 

„DU VERRÜCKTE IRRE! HAST DU VERSUCHT, MICH UMZUBRINGEN?!“, brüllte Nebul, die spitzen Zähne gefletscht.
 

Sirius rieb sich den Kopf.

„Autsch... ey, du wolltest doch auch abhauen–“

„JA, ABER NICHT SO!“
 

„Ähm... Siri?“, piepste Tari, der immer noch die Box umklammerte.
 

„Oh! Ist der Kuchen noch ganz, Tari?“, trällerte Sirius fröhlich.

„DU FRAGST NACH DEM KUCHEN UND NICHT NACH MIR?!“, fauchte Nebul.
 

„Äh... weiß ich nicht“, meinte der kleine Roboter. „Aber... wir könnten ein Problem haben.“
 

„Die Weltraum-Soldaten? Ach was, die lassen uns jetzt eh in Ruhe“, winkte Sirius ab.
 

Dann hörten sie ein tiefes Grollen. Sie drehten sich um.

Eine riesige, nachtschwarze Schlange ohne Pupillen starrte sie an.

Die leeren, leuchtend blauen Augen waren furchteinflößend groß.

Die Schuppen waren faszinierend: Der Bauch war bräunlich, aber der restliche Körper so schwarz wie der Weltraum – mit funkelnden Punkten wie Sterne am Himmel.
 

„Heilige Scheiße... ist die groß...“, flüsterte Nebul.

Sirius’ Augen wurden riesig. „Woah... voll cool.“

„Gefahr erkannt!“, piepste Tari panisch.
 

Die Riesenschlange knurrte und wandte sich ihnen zu.
 

„Siri! Das ist ein gefährliches Wesen, wir sollten–“

„Was ist das für ein Ding?“, fragte Sirius, ganz neugierig.

„’ne Nachtschlange“, murmelte Nebul. „Normalerweise gleiten die durchs All. Keine Ahnung, wie die hierhergekommen ist.“
 

„Hä? Du kennst dich mit Monstern aus?“, fragte sie verblüfft.

„Na klar. Ich jag gern. Da muss man wissen, was man jagt.“

„Jagen? Cool!“
 

Die Schlange schnüffelte seltsam, ein Grummeln kam hervor.
 

„Sie starrt... direkt in meine Richtung. Nein... direkt auf die Box!“, piepste Tari, hielt die Box erst links, dann rechts – und der Blick der Schlange folgte ihr jedes Mal.
 

Dann kam der riesige Kopf näher.

„Sie will das Essen!“
 

„VERGISS ES!“, knurrte Sirius und ohne Vorwarnung schoss ihr Prothesenarm nach vorne und schlug der Schlange voll gegen den Kopf.

Die schlug zurück, den Schädel zurückgeworfen.
 

„WAS MACHST DU DA?!“, schrie Nebul.

„DAS IST MEIN GEBURTSTAGSKUCHEN, DU BLÖDE SCHLANGE!!“, schrie Sirius zurück.
 

Die Schlange schüttelte benommen den Kopf, fauchte wütend – und riss ihr Maul auf, zum Angriff bereit.
 

„GEFAHR! RÜCKZUG!“, rief Tari.

„Dieses Weib...“, murmelte Nebul genervt.
 

Alle drei sprangen zur Seite, die Schlange verfehlte sie knapp.
 

„Du bist echt die Beste darin, alles und jeden zu provozieren, weißt du das?“, knurrte Nebul.
 

„Hä? Die Schlange hat’s verdient!“

„Ich rede nicht nur von der Schlange“, fauchte er und funkelte sie an.
 

Er zog das Schwert, das er von dem einen Weltraum-Soldaten geklaut hatte.
 

„Ugh, mit diesem Schrottding kann ich bei der Nachtschlange nicht viel reißen...“
 

Die Schlange griff erneut an – Nebul sprang hoch und hinterließ eine tiefe Wunde an ihrer Schnauze.

Sie jaulte auf.

Er landete auf ihrem Kopf, zum nächsten Schlag bereit.
 

Doch dann sprang ein gewaltiger Eber aus dem Dickicht – mit einem wilden Schrei – und rammte die Nachtschlange mit voller Wucht.

Nebul sprang gerade noch ab, bevor ihn der Eber mit umreißen konnte.
 

„WHOA!!“, rief Sirius und starrte auf das Chaos vor ihr.

Die Schlange wurde zu Boden gerammt.
 

Der Eber war massig, stämmig, mit dickem, hellbraunem Fell.

Die Hauer gebogen und monströs.

Die glühenden, gelben Augen schäumten förmlich vor Wut.
 

„Ein Blutkeiler...“, murmelte Nebul.

„Ein was?“, fragte Sirius.

„Blutkeiler. Der Name kommt davon, wie blutgierig er ist“, analysierte Tari nüchtern.

„Territorial. Aggressiv. Und wenn er etwas als Bedrohung sieht – rastet er komplett aus“, ergänzte Nebul.
 

Der Keiler rammte die Schlange erneut mit voller Kraft.

Die versuchte sich zu befreien.
 

„Für Jäger ist das ein Traum – ein Revierkampf. Zwei riesige Bestien, die sich zerfleischen, bis eine krepiert und die andere halb tot ist. Jackpot.“
 

Die Nachtschlange biss dem Keiler ins Vorderbein.

Der brüllte auf, doch dieser konterte sofort mit einem Biss in ihren Hals.

Dann begann er, sie hin und her zu schleudern wie ein Spielzeug.
 

„Siri, Nebul! Wir müssen hier weg! In der Nähe von kämpfenden Bestien zu bleiben ist lebensgefährlich!“, warnte Tari.
 

„Aber... wenn die platt sind, haben wir mehr zu essen“, sagte Sirius mit unschuldigem Blick.

„Du glaubst doch nicht, dass ich jetzt gehe?!“, grinste Nebul, das Funkeln in seinen Augen verriet seine Kampflust.
 

„Alles, was meine Sensoren sagen, schreit nach Rückzug...“, piepste Tari. „...und ihr ignoriert es komplett. Ich bin von Wahnsinnigen umgeben.“
 

Der stämmige Keiler schleuderte die Nachtschlange gegen einen riesigen Baum, der krachend einstürzte.

Die Schlange richtete sich auf den Bauch und schlängelte los.

Der Blutkeiler jagte sofort hinterher, doch die Schlange war verdammt schnell.
 

„Verdammt! Diese verdammte Echse haut einfach ab!“, knurrte Nebul und sprintete los. „Dann mach ich wenigstens einen von denen fertig!“
 

Er schlug erneut zu, das Schwert hinterließ eine tiefe Wunde am Rücken des Keilers. Der drehte sich mit einem mörderischen Brüllen um.

Bevor er angreifen konnte, sprang Sirius vor – ihre Prothesenarme drehten sich ineinander, packten die Hauer, und sie schleuderte sich selbst samt dem Keiler in die Luft. Dann krachte das Biest mit voller Wucht auf den Boden – direkt aufs Gesicht.
 

„Whoa... was du alles abziehst...“, keuchte Nebul, Augen weit aufgerissen von Sirius’ roher Kraft.
 

Sirius japste, aber grinste.

„H-Heh... Ich wollt das Fleisch schon etwas weich klopfen!“
 

Tari stand abseits, noch immer die Kuchenbox haltend, sein pixeliges Gesicht völlig ausdruckslos.

„Ich sollte... mein gesamtes System neu kalibrieren.“
 

„Hey Nebul, kannst du das Schwein zerlegen? Ich hab Hunger! Musste wegen dieser blöden Militärbasis das Frühstück auslassen!“, rief Sirius, während sie triumphierend auf dem Keiler stand.
 

„Klar. Das Ding reicht locker für ein ganzes Jahr...“

Tari trat näher. „Verlass dich da mal lieber nicht drauf.“

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Ein großes Lagerfeuer brannte.

Über den Flammen brutzelten die Keulen des Blutebers, aufgespießt auf groben Holzstöcken.

Rundherum ragten dichte Bäume mit wuchtigen, grünen Kronen in den Himmel. Nicht weit entfernt lag der zertrampelte Bereich, wo die Nachtschlange von dem Eber gegen einen Baum geschleudert worden war.
 

„Ich kann nicht glauben, was ich hier sehe…“, murmelte Nebul.

Vor ihnen lagen zwei geröstete Keulen.

Die eine war bis auf den Knochen abgenagt, die andere schon halb verputzt.
 

„Verdammt… Ich wusste nicht, dass jemand so viel essen kann – vor allem nicht 'n verdammtes Mädchen.“
 

Sirius blickte mit prall gefüllten Backen von ihrem Fleischstück auf.
 

„Was soll eigentlich ständig dieses Gelaber von dir über 'Mädchen'?“
 

Nebul zog eine Augenbraue hoch.

„Naja, ihr seid halt nicht unbedingt die Typen für den Nahkampf…“

„Und was, bitte schön, bin ich dann?!“, fauchte sie, ihre Stimme schneidend.
 

„Bööp. Sexismus erkannt.“, piepste Tari trocken.
 

„He, das mein ich doch gar nicht so! Mir wurde gesagt, dass Mädchen sich von Gefahren fernhalten sollen, weißt du?“
 

„Wie soll sie sich von Gefahr fernhalten, wenn sie SELBST die Gefahr ist?“, entgegnete Tari nüchtern und deutete auf die Überreste des Blutebers.

„...fairer Punkt.“
 

„Wenn meine Daten korrekt sind... lebt ihr Andorianer auf eurem Heimatplaneten ziemlich traditionell, oder?“, fragte Tari. „Seid ihr nicht eigentlich Krieger im Herzen?“
 

„Halt die Klappe. Will darüber nicht reden…“, murmelte Nebul und sah weg.
 

Sirius blinzelte. „Sag mal, Tari – woher kennst du eigentlich seine Spezies?“

„Helios hat erwähnt, dass sie wichtig wären. Mehr kann ich dir momentan nicht sagen.“, erklärte Tari.

Sirius sah fragend zu Nebul, der sichtlich unruhig wurde.
 

„Also… was ist jetzt eigentlich mit deinem Kuchen?“, fragte Nebul plötzlich.

„Man, selbst ich merke, dass du das Thema wechseln willst! Was ist los?“, hakte Sirius nach.
 

„Ugh… ich will einfach nicht drüber reden.“

„Über was?“

„Über meinen Heimatplaneten. Ehrlich jetzt. Lass es einfach, okay? Und du auch, Roboter-Typ! Kein Wort mehr davon. Ich kann's einfach nicht – nicht jetzt.“
 

Nebul senkte den Kopf. Etwas in seinem Blick hatte sich verändert.

Sirius musterte ihn eine Weile, dann zuckte sie mit den Schultern.

„Schon gut. Nur damit du’s weißt: Ich bin da.“
 

Sie streckte ihre Prothesenarme aus und schnappte sich die Kuchenbox von Tari.
 

„Oma ist echt die Beste. Hat mir sogar was zu meinem Geburtstag gemacht.“

Sie blickte zu Nebul und Tari.

„Und wisst ihr was? Es ist schon jetzt der beste Tag meines Lebens.“
 

„Das ist… irgendwie traurig.“, meinte Nebul trocken.

„Wieso?“

„Naja, du hängst mit nem Fremden und nem blechernen Toaster im Dschungel ab.“

„Was soll das jetzt heißen?“, fragte Tari leicht beleidigt.
 

„Ach komm, es ist super!“, rief Sirius fröhlich und schaute in den Himmel, der sich langsam rotgold färbte.

Der Abend brach herein.
 

„Zum ersten Mal in meinem Leben… bin ich raus aus dieser Militärbasis.

Ich bin endlich frei. Und ich bin auf dem Weg – auf dem Weg nach Utopia.“
 

„Es gehört mehr dazu, Utopia zu finden, als nur von Zuhause abzuhauen.“
 

„Ich weiß… aber glaubst du, mein Opa hätte mich jemals irgendwohin gelassen? Ich hab mich oft gefragt, warum er mich überhaupt trainiert hat, wenn er mich doch nur eingesperrt hat.“
 

Sirius starrte in die Ferne, in Richtung der Militärbasis.
 

„Meine Schwester durfte auf Missionen gehen. Und ich? Ich durfte nicht mal mehr ins Dorf. Seit Jahren hab ich nichts anderes gesehen als diese dummen grauen Wände.“

Ihre Stimme bekam einen rauen Unterton. Nicht wütend – eher verletzt.
 

„Heilige… das ist echt… krass.“, sagte Nebul und runzelte die Stirn.

„Dein Alter klingt wie 'n Arsch.“
 

„Ist er auch. Ich weiß, dass er mich liebt. Und ich weiß auch, dass er enttäuscht von mir ist, weil ich jetzt Banditin bin…“

„Hass du ihn?“, fragte Nebul.

„…Nein. Das ist zu hart.“, Sirius senkte den Blick auf die Kuchenbox, noch ungeöffnet. „Ich hatte ja Oma. Und meine Schwester. Und Tari. Also war’s okay.“
 

Nebul warf Tari einen seltsamen Blick zu, fast… besorgt.

Aber Tari blieb regungslos.

Sein Gesicht zeigte ein fröhliches Pixel-Grinsen.
 

Sirius öffnete die Box endlich.

„Tari, schau mal, was Oma gemacht hat!“, rief sie und hielt die Box schräg.

„Apfelkuchen. Natürlich.“, piepste Tari. „Dein Lieblingskuchen.“
 

Sirius kicherte, mit einem warmen, ehrlichen Lächeln – als wäre eben gar nichts Schweres gesagt worden.

„Wenn ich etwas vermissen würde, dann ihre Apfelkuchen…“
 

Plötzlich geschah etwas Seltsames.

Nebul und Sirius hielten inne.

„Ich registriere ein Wesen.“, sagte Tari mit erhobener Stimme.

Sie wandten sich der dicht bewaldeten Stelle zu.
 

Zwei große, hellblaue Augen starrten sie an.
 

„Schon wieder die Schlange…“, murmelte Sirius.

„Na toll. Willst du noch Nachtisch, oder was?“, fragte Nebul spöttisch.

„Warte. Schau mal.“, unterbrach Tari sie und deutete auf die Nachtschlange.
 

Ihre Augen sahen… müde aus.

Traurig fast.

Der Kopf gesenkt, schlängelte sie langsam näher – hielt aber in sicherer Entfernung.
 

„Sie ist hungrig.“, bemerkte Tari.

„Und sie könnte uns mit einem Biss verschlingen.“, fügte Nebul trocken hinzu.

„Korrekt. Aber mich eher nicht – ich bin ja nicht nahrhaft.“, scherzte Tari.

„Das war nicht lustig, du Eimer!“, knurrte Nebul.
 

Sirius musterte die Schlange weiter.

Da stimmte etwas nicht.

„Tari… da ist was faul.“
 

„Oh ja – ich sehe alte Verletzungen. Nicht von uns verursacht. Sie ist verletzt. Und hungrig.“
 

„Seltsam. Nachtschlangen leben eigentlich im All. Warum ist sie hier im Dschungel?“, wunderte sich Nebul.
 

„Ich vermute, sie ist abgestürzt, weil sie verletzt war – und wurde hier von weiteren Bestien attackiert. Jetzt kann sie nicht mehr selbst jagen.“, erklärte Tari.
 

Sirius stand langsam auf.

Die Schlange kam ein Stück näher.
 

„Ich könnte sie zerlegen, falls nötig–“

„Warte, Nebul.“

Sirius trat einen Schritt nach vorn.
 

„Hey, du! Willst du was? Nimm’s ruhig. Wir sind satt.“
 

Sie deutete auf die Reste des Blutebers.

Die Nachtschlange sah zuerst das Fleisch an, dann Sirius – und bewegte sich vorsichtig näher. Mit wenigen Bissen verschlang sie den Rest.

Dann… leckte sie sich zufrieden über die Lippen.

Ein Ausdruck, der fast wie ein Lächeln wirkte.
 

„Awwww, bist du süß!“, quietschte Sirius und kicherte, während die riesige Schlange sich sanft an sie schmiegte.
 

„WAS in aller Welt…“, Nebul starrte fassungslos. „WIE?“
 

„Ist Nudel nicht niedlich?“, fragte Sirius strahlend.

„NUDEL?! DU HAST SIE NUDEL GENANNT?!“
 

Sirius lachte glücklich, während Nudel – die Nachtschlange – sie wie ein Hund abschleckte.
 

„Hör mal, Fräulein, du kannst dich doch nicht einfach mit einem verdammten wilden Biest anfreunden!“, knurrte Nebul.
 

„Hab ich aber. Siehst du das denn nicht? Ich bin dafür, dass Nudel bei uns bleibt!“, erwiderte Sirius trotzig.
 

„Dieses Ding ist immer noch ein wildes Tier! Es könnte uns jederzeit auffressen!!“, zischte Nebul und deutete auf die Nachtschlange.

Die warf ihm lediglich einen Blick zu, schüttelte dann langsam den Kopf.
 

„Siehst du? Nudel ist da anderer Meinung!“, grinste Sirius.

„ALS OB DIESES DING UNS VERSTEHT!“, rief Nebul aufgebracht.
 

Doch im selben Moment stieß die Schlange ein Geräusch aus, das wie ein genervtes Schnauben klang, schloss die Augen und drehte ihren Kopf zur Seite.
 

„Na toll, jetzt hast du Nudel beleidigt!“, sagte Sirius gespielt empört und tätschelte den schuppigen Körper des Tiers.
 

„Versteh mich nicht falsch“, piepste Tari, „dieses Ergebnis liegt jenseits meiner kalkulierten Möglichkeiten. Aber ich erkenne, dass die Nachtschlange momentan keinerlei Aggression zeigt.“
 

„Ja, momentan. Warte nur ab, bis es dunkel wird.“

„Ach komm schon. Nudel tut doch nix.“

Die Schlange nickte zustimmend zu Sirius’ Worten.
 

„Lasst uns doch einfach nett zueinander sein.“
 

Sirius holte den herzförmigen Apfelkuchen aus der Box, riss ihn in zwei Hälften.
 

„Einer für dich, einer für mich. Ich hab dich vorhin geschlagen, weil ich dachte, du isst vielleicht nicht nur den ganzen Kuchen, sondern auch mich.

Zur Wiedergutmachung bekommst du die Hälfte, klar?“
 

Sie hielt der Schlange das Stück hin, das diese vorsichtig mit der Zunge von ihrer Hand schleckte. Die Augen der Schlange glänzten zufrieden.
 

„Lecker, was? Meine Oma macht die besten Apfelkuchen überhaupt“, kicherte Sirius.
 

„Ich kann nicht glauben, worin ich hier reingeraten bin…“, murmelte Nebul.
 

Sirius ging zu ihm.

„Ich teile auch mit dir“, sagte sie und zerriss ihr Stück erneut in zwei Hälften.
 

„Das ist nicht das Problem–“

„Nimm’s einfach, Dummkopf. Ich muss das Teilen lernen.“
 

Sie rollte mit den Augen und drückte ihm das Stück in die Hand.
 

„Es ist mein Geburtstagskuchen, und meine Schwester meinte immer, ich sei egoistisch, weil ich alles allein aufesse. Ich arbeite dran. Ich würde Tari auch was geben, aber…“
 

Taris pixelliertes Gesicht zeigte plötzlich Tränen.

„Ja… ist schon okay. Ich kann eh nichts essen.“
 

Nebul zog eine Augenbraue hoch.

„Wie kannst du überhaupt traurig sein? Bist du nicht bloß ein Roboter?“
 

Sirius verschränkte plötzlich ernst die Arme.
 

„Jetzt hör mal zu. Nudel ist nicht einfach nur ein Biest – es ist eine süße Schlange, die nur ein paar Häppchen futtern will“, sagte sie und zeigte auf die Nachtschlange, das gerade ein paar Knochen mit Fleischresten ableckte.
 

„Und Tari ist nicht nur ein Roboter. Er ist MEIN Freund. Er war immer für mich da!“, nun zeigte sie auf Tari, dessen Gesicht zu einem pixeligen Lächeln wechselte.
 

„Und ich bin nicht nur ein Mädchen. Ich bin Sirius – eine Banditin, die eines Tages Utopia finden wird. Und… ich bin deine Anführerin“, sagte sie stolz und legte eine Hand auf ihre Brust.
 

„Wer sagt, dass du meine Anführerin bist?!“

„ICH natürlich! Und du weißt genau, dass ich dir helfen werde, dein Katana zurückzuholen, oder?“ Nebul knurrte, seufzte dann.
 

„Ich hab wohl keine Wahl, was?“

„Doch. Du könntest jederzeit gehen“, sagte sie mit fröhlicher Stimme – doch darunter lag ein ernster Unterton.
 

„Warum willst du mich überhaupt in deiner Banditengruppe?“

„Keine Ahnung. Fühlt sich richtig an. Du kämpfst gut?“ Sie zuckte mit den Schultern.
 

„Du... weißt es also selbst nicht?“

„Ich entscheide viel nach Bauchgefühl. Du musst mich nicht verstehen.“
 

Sie biss in ihr Stück Kuchen.

„Mmmh...“

Dann streckte sie sich und gähnte.
 

„Mann, dieses Essen macht müde. Und spät ist es auch.“
 

Sie ließ sich rücklings auf Nudel fallen.

Der Rücken der Schlange war dicker als der Rest ihres Körpers – wie geschaffen zum Liegen.
 

„Wär ein guter Platz für ein Nickerchen. Hey Nudel, du wirkst auch schläfrig.“
 

Die Schlange machte ein bestätigendes Geräusch und rollte sich so zusammen, dass Kopf und Schwanz sich berührten.
 

„Ich fass es immer noch nicht…“, brummte Nebul.
 

„Du könntest auch einfach gehen, wenn es dir nicht passt“, merkte Tari an.

„Ja, und mein Katana?“

„Was hindert dich, es dir selbst zu holen?“ Nebul grummelte nur.

„Halt einfach die Klappe...“
 

„Ich weiß, dass meine Freundin Siri anstrengend sein kann…“

„Kann? Sie IST anstrengend.“
 

„Aber ich mag sie. Ich habe einem alten Freund versprochen, auf sie aufzupassen. Außerdem… ist sie anders als die anderen. Und das finde ich faszinierend – als jemand, der versucht, das Bewusstsein von Lebewesen zu verstehen.“, sagte Tari leise, während er zu Sirius blickte, die leise auf Nudel's Rücken schnarchte.

Auch die Nachtschlange atmete nun tief und ruhig.
 

„Ich weiß nicht, ob ich wirklich ‚lebe‘… oder ob ich eben nur ein Roboter bin.

Siri glaubt das nicht. Aber logisch betrachtet – ich brauche nichts, was ein Lebewesen zum Leben braucht. Kein Essen. Keine Luft. Kein Kuchen.“
 

Nebul betrachtete das Kuchenstück in seiner Hand und dann den kleinen Roboter.
 

„Warum stellst du dir überhaupt solche Fragen?“

„Ich weiß nicht. Irgendwas in mir will es einfach wissen.“
 

„Ich meine… du bist ein Roboter. Einer, der wie ein uraltes Spielgerät aussieht, was ziemlich cool ist. Aber Roboter tun doch eigentlich nur das, was man ihnen sagt, oder? Du dagegen… du hast einen eigenen Kopf.

Das ist cool. Und auch beängstigend, ehrlich gesagt.“
 

Tari nickte nachdenklich.
 

„Ich weiß nicht, was die Antwort sein wird. Aber ich will sie finden. Und egal, was rauskommt… ich habe jemanden, den ich Freund nennen kann – der es nicht interessiert, was ich bin.“
 

Seine Stimme klang unerwartet… echt.

Weich. Fast traurig.

Nebul hielt inne.
 

„Tut mir leid, wenn ich dich verunsichert habe. Manchmal platzen diese Gedanken einfach aus mir raus.“
 

„Ein Roboter mit Gedanken… Das ist schon ein Widerspruch, findest du nicht?“
 

„Genau deshalb bin ich neugierig. Siri meinte, ich soll’s nicht überdenken.

Aber ich kann nicht anders. Nudel ist eine Riesenschlange, könnte uns zerquetschen, aber wirkt friedlich. Siri hat keine Unterarme mehr, sollte ein Soldat werden, aber hat sich ihrem Schicksal widersetzt. Und du… ich kenne dich kaum, aber nach der Sache mit den Weltraumsoldaten scheint auch dir Gehorsamkeit nicht gerade zu liegen.“
 

„…Nacht.“, murmelte Nebul, nahm seinen schwarzen Hut ab, schob sich den Kuchen in den Mund und legte sich ins Gras – mit dem Rücken zu Tari.
 

„Gute Nacht, Nebul“, sagte Tari.

Sein Bildschirm wurde schwarz.

Standby-Modus.
 

Nebul schielte rüber zu dem kleinen, nun dunklen Roboterkörper.

Dann zur Nachtschlange, auf deren Rücken Sirius leise schnarchte.
 

Worin hab ich mich da nur reingeritten…?
 

Was war das eben für eine Rede?!

Wie konnte ein Roboter – ein Ding aus Metall mit KI – solche Gedanken haben, ja sogar… Gefühle?
 

Bisher klangen seine Reaktionen immer wie programmiert, künstlich.

Aber eben… da klang es plötzlich echt.

Beängstigend echt.
 

Könnte es sein… dass Tari mehr war als nur ein Roboter?

Einheimische

„Er ist zu viel! Wir kommen mit so einem Kind nicht klar!“
 

„Ganz genau, er ist eine Gefahr für die anderen Kinder im Heim! Wir müssen ihn verlegen – irgendwohin, wo man mit solchen Fällen umgehen kann.“
 

Alles verschwamm.

Stimmen, Gesichter.

Schon wieder neue.

Fremde.
 

Noch ein Ort, den er nicht kannte.

Wieder ein Ort, der kein Zuhause war.

Neue Blicke, neue Urteile.

Er war wieder der Außenseiter.

Der seltsame.
 

Es dauerte nie lang, bis sich der Kreislauf wiederholte.
 

„Dieses verdammte andorianische Kind ist doch nur Ärger! Der hält sich an keine Regeln!“
 

„Der gehört zu den Weltraum-Soldaten – da kann man ihn gefügig machen!“
 

Wieder ein Ort, wieder rausgeschmissen, wieder unerwünscht, dachte er bitter.

Ich hab längst aufgehört zu zählen, wie oft ich mein 'Zuhause' wechseln musste.
 

All die sogenannten Erwachsenen – schwach.

Nichts hinter ihren Worten.

Keine Stärke.

Keine Ehrlichkeit.

Und verstehen?
 

Die checken gar nichts.

Seine Gedanken waren von Wut getränkt.
 

Er hatte niemanden.

Keine Familie.

Kein Zuhause.
 

Die anderen Kinder?

Nur Angst in ihren Augen, wenn sie ihn sahen.

Seine blaue Haut, die Antennen.

Für sie war er ein Freak.
 

„Schlumpf“ nannten sie ihn.

Oder „Wandelnde Leiche“.
 

Und dann, als er sich wehrte?

Als er diese Idioten verprügelte, wurde er zum Problem.
 

„Nebul, du kannst doch nicht einfach jemanden schlagen!“
 

Ach ja?

Sollte er’s einfach schlucken?

Und wenn er Stöcke nahm, war es auch nicht richtig.

Stöcke wurden in seiner Vorstellung zu Schwertern.

Und doch verboten.
 

Er wollte Respekt.

Nicht Angst, sondern jemanden, den er aufrichtig bewundern konnte.

Jemand Starkes.

Jemand Echtes.
 

Doch da war niemand.
 

Und dann wollten sie ihn zu den Weltraum-Soldaten schicken.

Ausbilden.

Ihn formen, damit er für die Leute kämpft, die ihn sein ganzes Leben lang wie Dreck behandelt haben?
 

Pah. Zum Sterben schicken?

Sicher nicht.
 

Also riss er aus.

Weg von allem.

Vom Heim.

Von den Menschen.
 

Er lebte auf der Straße.

Stahl, was er brauchte.

Bastelte sich Waffen.

Keine davon war die eine.

Nicht seine.

Doch er gab nicht auf.
 

Er wusste, er würde etwas erschaffen, das ihn widerspiegelt.

Etwas, das seinen Geist, seine Wut, seinen Überlebenswillen zeigte.

Etwas, was stark sein wird, um-
 

Dann... eine Erinnerung.
 

Verschwommen, kalt.

Eine Eislandschaft.

Dann Chaos. Explosionen. Feuer. Heulen.
 

Und schließlich: der Innenraum einer kleinen Rakete.

Er sah, wie sie abhob.

Von diesem Ort.
 

Ich muss zurück.

Aber erst, wenn ich stark genug bin.

Stärker als je zuvor.

Nur dann werde ich überleben.

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„Heeeey Nebul, aufwachen!“, rüttelte ihn eine Stimme wach.

Nebul öffnete langsam die Augen, blinzelte gegen das grelle Licht.

Noch halb im Traum.
 

„Ugh... was? Was’n jetzt?“

„Nudel und ich haben Hunger! Du hast gesagt, du bist Jäger – also hopp!“, trillert Sirius fröhlich.
 

Er richtete sich mühsam auf – – und starrte direkt in zwei riesige, pupillenlose Augen.
 

„WOAH!!“

Nebul sprang auf.

Die Nachtschlange, Nudel, war direkt vor seinem Gesicht und glotzte ihn an.
 

„DAS DING IST IMMER NOCH HIER?!“

„Na klar, ich hab doch gesagt, Nudel ist mein Freund!“, kicherte Sirius.

„Und wir beide haben richtig Lust auf Frühstück, oder Nudel?“
 

Die Schlange nickte fröhlich und wedelte mit dem Schwanz.
 

„Seit wann verhalten sich Schlangen wie Hunde?!“, murmelte Nebul mit hochgezogener Braue.
 

„Wen juckt’s, jag uns einfach was Leckeres, ja?“

„Wie du meinst, Prinzessin.“

„Nenn mich nicht so!“
 

„Guten Morgen, Nebul!“, piepste Tari.

„...Morgen.“
 

Noch immer war Nebul nicht ganz klar, was er von diesem Roboter halten sollte. Nach dem Gespräch gestern... irgendwas war seltsam an ihm.

Zu lebendig.
 

„Brauchst du Hilfe beim Jagen?“

„Nah, krieg ich hin.“
 

„Nebul, bring uns was Richtiges mit, ja? Ich will kein mickriges Vieh!“, rief Sirius.
 

„WENN DU SO VIEL WILLST, WARUM JAGST DU DANN NICHT SELBST, DU BLAGG!“
 

„Ich dachte, Mädchen sollen sich aus Gefahren raushalten?“, grinste sie höhnisch – ganz eindeutig eine Retourkutsche.
 

„Ugh... ist ja gut.“, knurrte er.
 

Er packte das stumpfe Schwert, das er einem Weltraumsoldaten geklaut hatte.

Dieses Teil war Müll.

Absoluter Schrott.

Wie kämpfen diese Leute überhaupt mit sowas?

Ich brauch meine Waffe zurück...
 

Ohne ein weiteres Wort stapfte er in Richtung Wald.

Dort drin war bestimmt irgendwas zu finden.

Trotz seiner miesen Laune... kribbelte etwas in ihm.

Ein vertrautes Gefühl: Adrenalin.
 

Währenddessen saßen Sirius, Tari und natürlich Nudel entspannt um die verloschene Feuerstelle.
 

„Man, ich kann’s immer noch nicht glauben... Ich bin wirklich draußen.

Raus aus dieser verdammten Militärbasis.

Ich hab so oft versucht, mich heimlich in den Dschungel zu schleichen – und jetzt bin ich einfach hier.“, sagte sie verträumt.
 

„Weißt du, Nudel... ich will Utopia finden. Aber ich war jahrelang eingesperrt. Jetzt endlich – endlich bin ich unterwegs. Ins All, verdammt nochmal!

Und die anderen sagen, du fliegst durch den Weltraum, oder? Das ist so verdammt cool.“
 

Die riesige Nachtschlange Nudel sah sie mit schiefgelegtem Kopf an, dann wanderte dessen Blick gen Himmel.
 

„Du hast bestimmt viele Orte gesehen, oder? Und verschiedene Planeten? Ich wünschte, ich hätte schon ein Raumschiff. Aber erstmal müsste ich überhaupt lernen, wie man eins steuert...“
 

„Das wird kein Problem sein, Siri. Du wirst schon jemanden finden, der das für uns übernehmen kann.“, piepste Tari. „Banditengruppen bestehen schließlich aus vielen Leuten mit verschiedenen Talenten.“
 

„Stimmt. Ich brauch also jemanden, der ein Schiff steuern kann. Und natürlich das Schiff selbst. Und...“ – ihr Magen knurrte laut – „...einen Koch!“
 

„Na ja, wir haben immerhin Nebul. Er kann jagen.“
 

„Ich weiß, Tari, aber was bringt Beute, wenn keiner sie richtig zubereiten kann? Hat Oma immer gesagt: Ein gutes Mahl muss auch gut gekocht sein. Und hey – Apfelkuchen wächst nicht an Bäumen!“
 

Plötzlich zuckte Nudel's Kopf herum.

Die gespaltene Zunge schnellte aus dem Maul, als würde sie etwas wittern.
 

„Hm? Was ist los, Nudel?“, fragte Sirius und blickte in die Richtung, in die der Schlangenkopf zeigte.
 

„Siri, meine Sensoren registrieren etwas...“, warnte Tari.
 

Dann – ein Rascheln.

Aus den Büschen sprangen drei Gestalten in zerschlissener, tribalartiger Kleidung.

Alle trugen Totenschädelmasken.

Ihre Waffen – Speere, scharf geschnitzt.
 

„ANGRIFF!“, brüllte eine Stimme.

Sirius schnellte auf und ging in Kampfposition.

„HEY! WAS WOLLT IHR?!“
 

Doch bevor sie reagieren konnte, flog die zweite Gruppe aus dem Dickicht – Speere flogen auf Nudel zu, mit Seilen daran befestigt.

Die Spitzen rissen durch Schuppen der Nachtschlange, die dann vor Schmerz aufschie.
 

„HÖRT AUF!! NUDEL IST SCHON VERLETZT!!“
 

Sirius’ Arm fuhr aus und fegte mehrere Angreifer zu Boden.
 

„Siri! Sie sind Eingeborene! Vorsicht!“, rief Tari.

Einer der Krieger sprang mit einem knöchernen Messer auf sie zu – Sirius wich aus, trat die Waffe aus seiner Hand und fegte ihn mit einer Drehung um.
 

„NUDEL HAT EUCH NICHTS GETAN!!“
 

Die Krieger gingen in eine defensive Haltung, einige zielten mit ihren Waffen auf sie.
 

„Siri, wir sind auf ihrem Territorium, wir sollten–“

„IHR DEN HINTERN VERSOHLEN FÜR DAS HIER!!“

„Nein, warte–“

Doch da war es schon zu spät.
 

Ein massiver Wolf sprang aus dem Wald – nicht so gigantisch wie die anderen Kreaturen, aber beeindruckend genug.

Sirius hätte ihm gerade mal bis zur Schulter gereicht.
 

Und auf dem Rücken des Wolfs: eine Person.

Ebenfalls mit Schädelmaske, dazu ein Fellumhang, der mit der Schädelmaske verbunden war.

Sandfarbene Hosen, offene Sandalen.

Der Wolf schoss auf Sirius zu, der Reiter hielt einen Speer in der Hand, dessen Speer ein scharf geschnitzter Knochen war.
 

„Du siehst wichtig aus – bist du der Boss hier, oder was?!“
 

Keine Antwort.

Stattdessen sprang die Person vom Wolf – ein eleganter, schneller Satz – und rammte den Speer nach unten.

Sirius sprang zur Seite, nur der Boden wurde getroffen.

Der Wolf rannte weiter – direkt auf Tari zu.
 

„OH OH!“, piepste Tari panisch.

Der Wolf fletschte die Zähne, heulte auf, preschte vor.

Tari schoss nach oben, sein Propeller aktivierte sich und er entkam in die Luft.

„Puh... knapp!“
 

Sirius rollte sich rückwärts ab und holte zum Gegenschlag aus – ihre Faust zielte auf die Person.

Doch die wich ebenfalls aus, mit beunruhigender Leichtigkeit.
 

Plötzlich – die Fremde sprang auf Sirius’ ausgestreckten Arm, rannte in irrem Tempo darüber hinweg, ehe Sirius überhaupt reagieren konnte – ZACK, der Speer traf ihre Schulter.

Sie fiel zu Boden.
 

„SIRI!“, rief Tari panisch.
 

Der nächste Angriff ließ nicht lange auf sich warten – ein erneuter Sprung, erneut auf sie zu.

Diesmal aber holte Sirius aus – BAM! – ein Schlag ins Gesicht des Gegners.

Dieser flog durch die Luft und krachte gegen einen Baum.
 

Die anderen Krieger stürmten nun auf Sirius zu – – doch sie war schneller, katapultierte sich nach vorn.

Bevor sie bei der Person ankam, sprang der Wolf dazwischen, fletschte die Zähne.
 

„VAREK!“, rief der Einheimische.
 

Der Wolf sprang.

Sirius rutschte unter ihm hindurch und packte im selben Moment den Schweif.
 

Sie drehte sich – – einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Immer schneller.

Der Wolf wurde zum kreisenden Projektil.
 

„HÖR AUF DAMIT!!“, fauchte die Person und stürmte vor.
 

Sirius ließ im richtigen Moment los – BÄM – der Wolf krachte direkt in den Besitzer.
 

Speere flogen erneut – doch Tari war schon zur Stelle.

Sein Arm war nun ein Laser – und mit zielsicheren Schüssen zerstörte er die Projektile noch in der Luft.

Verwirrung, Schreie unter den Kriegern.
 

Der Wolf rappelte sich auf, knurrte nicht mehr, sondern sah nach dem Besitzer.

Die Schädelmaske war verrutscht.
 

Darunter kam ein Mädchen zum Vorschein – etwa in Sirius' Alter.
 

„Ist schon gut, Varek... ich bin okay.“, murmelte sie und streichelte beruhigend seine Schnauze.
 

Sirius trat näher.

„Hör zu – ich bin nicht hier, um euch zu verletzen–“
 

Doch der Wolf schnappte herum, knurrte – und stürmte wieder vor.
 

„VAREK, WARTE!“
 

Doch dann – ein Schatten raste vorbei – SCHNAPP!

Nudel!
 

Die Riesenschlange hatte den Wolf gepackt, hielt ihn fest im Maul.

Der Wolf strampelte, jaulte – aber keine Chance.
 

„NEIN!“, rief das Mädchen, riss den Speer hoch, die Augen voller Feuer.
 

„Lass los, Nudel!“, rief Sirius streng.

Sie sah zur Schlange hoch, die sie mit großen Augen anstarrte – verwirrt.

Auch das Mädchen blieb wie erstarrt stehen.
 

„Jetzt.“, sagte Sirius ruhig.

Ihre Stimme war fest, ernst.

Keine Spur des sonst so fröhlichen Tons.
 

Die Schlange gehorchte.

Langsam, fast zärtlich, ließ sie den Wolf zurück auf den Boden.
 

Er tappte sofort zu dem Mädchen zurück, das nun direkt in Sirius’ Augen sah.

Ernst. Still. Wachsam.
 

„Ich bin nicht hier, um mit euch zu kämpfen. Wir reisen nur durch dieses Gebiet.“
 

„Du kommst aus dem Tal, nicht wahr?“, sagte das Mädchen mit rauer Stimme.

Es erinnerte Sirius ein wenig an ihre Schwester Vega.
 

„Ja, genau. Ich bin Sirius, ich bin eine Banditin und—“

„Wie kann es sein, dass jemand von außerhalb ein solches Biest dazu bringt, auf ihn zu hören?“
 

„Meinst du Nudel? Ach, ich hab es gestern kennengelernt. Wollte uns fressen, aber jetzt sind wir Freunde“, antwortete Sirius fröhlich, fast unschuldig – als wäre es das Normalste der Welt, sich mit einer schlangenartigen Kreatur in Zuglänge anzufreunden.
 

„Hör zu, Wolfsmädchen – ich lasse vieles durchgehen. Aber wenn du ihn weiter verletzt, dann hört der Spaß auf, klar?!“
 

„Die Schlange gehört nicht hierher. Sie kommt von außerhalb“, erwiderte das Mädchen kalt.

„Und? Wo ist das Problem—“
 

„Sie hat viele unserer Tiere gefressen. Ohne sie können wir nicht überleben.“
 

Die anderen Stammesmitglieder zogen nun kleine Messer hervor, nachdem ihre Speere zerstört worden waren.
 

„Bitte, wartet!“, piepste Tari und landete neben Sirius.

„Diese Nachtschlange hat viele ältere Verletzungen – das heißt, sie war zu schwach, um etwas anderes zu jagen!“, erklärte er. "Und sie ist nicht an dieses Territorium gewöhnt. Sie wird wahrscheinlich auch verängstigt gewesen sein vor dem fremden Umfeld."

Nudel sah mit traurigen Augen zu Sirius und Tari.
 

„Trotzdem. Dieses Biest hat uns sehr viel genommen. Es muss ein Ende haben. Und du—“ Sie richtete ihreb Knochenspeer auf Sirius. „Du bist eine Fremde. Du trägst ein verfluchtes Wesen mit dir. Du gehörst nicht hierher!“
 

„Verfluchtes Wesen?“

„Sie meint mich, Siri…“, piepste Tari kleinlaut.

„Sie sind wahrscheinlich nicht an Technologie gewöhnt.“
 

„Es war schlimm genug, dass dieses Dorf entstand, weil man entdeckt hat, wie nährstoffreich der Boden hier ist. Dann kam diese Militärbasis.

Sie zerstörten immer mehr von unserem Land, aber wir konnten nichts tun“, sagte sie bitter. „Ihre Festung wirkt so kalt… so leblos. Immer mehr Bäume verschwanden, die Tiere wurden unruhiger. Das Gleichgewicht wurde zerstört. Und jetzt taucht eine von ihnen hier auf und tut so, als gehöre ihr alles?“
 

„Ich tue gar nichts! Wir wollen einfach nur durch. Und ich will nicht, dass ihr Nudel verletzt! Nudel ist ein lieber Freund!“
 

„Warum seid ihr überhaupt hier? Ihr aus dem Dorf kennt uns doch!“, fauchte sie.
 

„Äh… ehrlich gesagt nein, nie von euch gehört. Ich war jahrelang eingesperrt in der Militärbasis, ich kenn hier draußen fast gar nichts“, meinte Sirius.
 

Die riesige Nachtschlange beugte sich langsam zu Sirius hinunter und schmiegte sich sanft an sie.
 

„Wie… diese Leute von draußen haben doch keinen Bezug zur Natur…“, murmelte das Mädchen.
 

„Nun, hab ich auch nicht. Aber ich will das ändern! Und ich liebe jede Sekunde hier draußen! Es ist so schön. So endlos groß. Deswegen will ich Utopia finden – man sagt, es ist der schönste Planet, den es gibt!“
 

Plötzlich veränderte sich etwas.

Die anderen Stammesmitglieder gaben erschrockene Laute von sich – als hätte Sirius gerade einen uralten Fluch ausgesprochen.
 

„Hast du gerade… Utopia gesagt?“, fragte das Mädchen mit weit aufgerissenen Augen.
 

„Ähm, ja? Wieso? Was ist damit?“
 

Ihre Arme und Beine zitterten.

„Seit wann… interessieren sich die von draußen für Utopia?"

Ihre Stimme war kaum hörbar, voller Furcht.
 

„Nicht wirklich. Die Weltraumsoldaten hassen das Thema – sagen, es sei verboten oder so. Aber ich will herausfinden, wo es ist! Deswegen verlasse ich das Tal – um mich vorzubereiten. Ich bin jetzt Banditin, aber ich muss meine Bande finden, um wirklich reisen zu können.“
 

Stille.
 

„Ich habe schon lange keinen mehr von außerhalb getroffen, der… so ist wie du…“

Doch dann veränderte sich ihr Blick erneut.

„Das ist eine List, oder?!“
 

Wieder richtete sie ihre Waffe auf Sirius.

„Wenn du wirklich eine Verbündete der Natur bist, warum hast du dann eine Maschine bei dir?!“
 

„Das ist Tari. Er ist bei mir, weil er mein Freund ist!“, sagte Sirius und legte beschützend die Hand auf ihn. „Er hilft mir, Utopia zu finden.“
 

„Eine Maschine. Ein Freund?“, das Mädchen wirkte völlig überrumpelt.
 

„Ja, er ist mein Freund. Und wir werden Utopia finden. Ganz egal, was kommt. Das habe ich Helios versprochen!“
 

In diesem Moment schien es, als hätte sie das Mädchen mit einem Kometen getroffen.

Ihre Augen weiteten sich – wie die der anderen.
 

„Kaïra, das ist doch… sie meint ihn, oder?“, flüsterte einer der Stammesmitglieder.
 

„Moment mal, ihr kennt Helios?!“, fragte Sirius erschrocken.
 

Die Erinnerungen überkamen sie wie eine Welle.

Helios, der am Lagerfeuer mit ihr saß, Geschichten über Utopia erzählte.

Wie sie damals in den Wäldern war, um zu beweisen, dass sie bereit war.

Wie er sie gerettet hatte, als ein Biest sie fast getötet hätte.

Wie er blieb, um seine Bande zu retten – während sie flohen.

Wie er fiel.
 

Und wie ihr Großvater sie danach in der Basis einsperrte.

Aber sie war nicht allein gewesen.

Tari war da.

Helios’ Partner.

Er war bei ihr – weil Helios wusste, dass sie ihn brauchen würde.
 

„Helios… mein Vater und er waren Freunde. Dann hörten wir, dass er getötet wurde. Von den Soldaten da draußen.“

Ihre Augen verdunkelten sich.
 

„Ich weiß… Sie wollten, dass ich ebenfalls einer von ihnen werde, aber ich konnte nicht.

Ich habe ein Versprechen gegeben. Dass ich Utopia finde. Ich werde vollenden, was er begann!“, sagte Sirius mit entschlossener Stimme.
 

Sie seufzte leicht und sprach weiter: „Bitte – verschont Nudel. Ich werde… dafür sorgen, dass es kein weiteres Tier von euch frisst. Und keinen von euch. Ich werde…“ – sie blickte zu Nudel hinauf, die sie ruhig ansah – „… dafür sorgen, dass du wieder ins All zurückkommst, dahin, wo du hingehörst.“
 

Wieder trat Stille ein.
 

„Wenn du mir versprichst, dass du dein Wort hältst, dann…“
 

„Aber Kaïra, können wir wirklich—“

„RUHE!!“, schnitt Kaïra laut dazwischen.

Dann wandte sie sich wieder Sirius zu.
 

„Ich lasse euch gehen. Aber wenn eure Schlangenfreundin noch einmal Ärger macht, bleibt uns keine Wahl. Mein Vater hat mir aufgetragen, sie zu beseitigen.“
 

„Oh – Nudel ist ein Mädchen?“, fragte Sirius.

Doch Kaïra ging nicht darauf ein.
 

„Sie hat uns viel Schaden zugefügt und das ohnehin schon wackelige Gleichgewicht weiter gestört. Wir sind da wirklich auf Messers Schneide.“
 

„Ja, ich verspreche es. Aber… ähm, ich hab trotzdem noch viele Fragen“, sagte Sirius zögerlich.
 

„Ich auch! Du kanntest meinen Partner Helios?“, fragte Tari neugierig.
 

„Es ist schon eine Weile her… Er war bei meinem Vater.“
 

„Und ihr kennt UTOPIA?! Ich muss alles wissen!“, rief Sirius – ihre Stimme ließ ihre Begeisterung nicht im Geringsten verbergen.
 

Die Stammesmitglieder und Kaïra sahen sich gegenseitig an, dann zur Schlange, dann zu Tari und schließlich zu Sirius.
 

„Du bist wirklich seltsam. So etwas habe ich noch nie gesehen. Aber vielleicht...“, ihre Augen wurden weicher. „Na gut. Ich werde dich zu meinem Vater bringen. Er ist der Anführer des Khoranu-Clans. Er weiß mehr als ich.“
 

Sirius packte begeistert Kaïras Schultern und hüpfte vor Freude

„WIRKLICH?! DU WÜRDEST DAS FÜR MICH TUN?? VOLL COOL, DANKE!!“
 

„Hey, Hände weg!“, sagte Kaïra und schob Sirius ein Stück von sich.

„Ich bring dich zu ihm, aber... das bedeutet noch lange nichts zwischen uns, klar?!“

„Jaja, schon gut.“
 

Kaïra schnippte mit den Fingern.

Der große Wolf kam auf sie zu.

Mit einem geübten Schwung schwang sie sich auf seinen Rücken wie auf ein Pferd und streckte dann Sirius die Hand entgegen.
 

„Komm, auf Varek sind wir schneller!“
 

Sirius schnappte sich Tari, ergriff Kaïras Hand – und saß nun ebenfalls auf dem Wolf.
 

„Oh, warte kurz! Ich hab fast was vergessen!“, sagte Sirius plötzlich und drehte sich um. „Ein Freund von uns ist noch da draußen – er jagt gerade für uns. Wir sollten ihm sagen, wo wir hinwollen.“
 

Kaïra sah sie fragend an.

„Wie sieht er aus? War das der Mann in Blau?“
 

„Ja, aber— Wie lange beobachtet ihr uns eigentlich schon?!“
 

„Seit einer Weile. Einer meiner Freunde hat euch gefunden, während ihr geschlafen habt, und ist dann zurückgelaufen, um uns zu holen.“
 

Sie blickte zu den anderen Stammesmitgliedern.

„Findet diesen Mann in Blau und bringt ihn zu unserer Höhle!“
 

„Ich sollte mitgehen“, piepste Tari. „Er ist nicht gerade jemand, der… leicht Vertrauen fasst.“
 

„Oh ja, gute Idee! Sonst will er euch noch verkloppen!“, stimmte Sirius zu.

Taris Propeller surrte wieder auf, und er flog in Richtung der Stammesmitglieder – die erschrocken einen Schritt zurückwichen, als sie die Maschine in Bewegung sahen.
 

„Und was ist mit Nudel?“, fragte Sirius.

„Sie sollte hierbleiben. Mein Stamm wird nicht begeistert sein, sie zu sehen – immerhin hat sie viele unserer Tiere gefressen.“

„Aber sie könnte weiter verletzt werden, wenn sie hier draußen bleibt!“
 

Kaïra schwieg einen Moment, dann seufzte sie.

„Na gut. Aber sie muss außerhalb der Höhle bleiben!“
 

Sirius grinste breit.

„Hast du gehört, Nudel? Alles in Ordnung!“

Nudel schien ebenfalls erleichtert.
 

„Varek, los!“, rief Kaïra.
 

Der große, flauschige Wolf setzte sich in Bewegung – und wie er rannte.

Sogar Nudel musste sich anstrengen, um mithalten zu können.
 

„Wow, dein Wolf ist so cool!“, rief Sirius, während sie durch das dichte Fell strich.
 

„Sein Name ist Varek. Er ist mein Freund. Ich habe ihn großgezogen, als er noch ein Welpe war. Sein Rudel hat ihn verstoßen, weil er schwächer war als seine Geschwister“, sagte Kaïra nachdenklich, dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Und jetzt schau ihn dir an.“
 

„Ja, er ist wirklich majestätisch! Ich bin auch schon total gespannt, was ihr über Utopia wisst!“
 

„Wir wissen nicht viel. Nur die Legenden. Aber vielleicht…“
 

Sie rasten mit unglaublicher Geschwindigkeit durch den Wald.

Vorbei an anderen riesigen Kreaturen, die aussahen wie Dinosaurier und gemächlich Gras fraßen, ohne sich stören zu lassen.
 

„…vielleicht weiß er etwas, das dir helfen kann.“

„Warum willst du mir eigentlich plötzlich helfen?“
 

Kaïras Blick wurde unlesbar.

„Du hast über Helios gesprochen. Und… du bist anders als die anderen von da draußen.“

Der Häuptling des Khoranu-Clans

„Na mal sehen, ob das reicht!“
 

Nebul stand umringt von toten Kreaturen – fünf an der Zahl.

Sie waren so groß wie er selbst, sahen aus wie überdimensionierte Hasen mit seltsam gemustertem Fell und langen Hörnern.
 

Wolpertinger.

So nannte man sie.

Fünf Stück.
 

Das sollte reichen, um eine riesige Nachtschlange und ein Mädchen mit einem schwarzem Loch als Magen zu sättigen.
 

Nachdem er gestern miterlebt hatte, wie Sirius locker die Hälfte eines Blutkeilers verdrückt hatte, stellte er alles infrage, was er über Ernährung zu wissen glaubte.
 

Und dann kam die Frage: Warum machte er das hier eigentlich?

Seit wann... tat er Dinge, die man sie ihm sagte?
 

Er erstarrte kurz bei diesem Gedanken.

So viel war in Bewegung.
 

Diese verdammte Nachtschlange, die Sirius „Nudel“ nannte, war heute früh immer noch da gewesen.

Sie hat sich nicht weggeschlichen.

Hatte niemanden gefressen.

Sie wartete einfach.

Geduldig. Auf Futter.
 

Und dann war da Tari.

Der kleine Roboter mit dem seltsamen Monolog gestern Nacht...

Ein Roboter, der sich selbst infrage stellte?

Wie war das überhaupt möglich?
 

Und schließlich Sirius.

Ein Mädchen, das so... verdammt dumm war.

Nichts, was sie tat, ergab Sinn.

Sie ignorierte jede Regel.
 

Ihr Großvater wollte, dass sie Weltraumsoldat wird – also wurde sie Banditin.

Sie war direkt, frech, unüberlegt.

Ganz anders als all die vorsichtigen Menschen, die normalerweise einen Bogen um Andorianer wie ihn machten.

Und doch...
 

Vielleicht... lag er falsch?
 

Er hasste es, sich das einzugestehen – aber irgendwie bewunderte er dieses Chaos, das sie war.

Sirius tat, was sie wollte.

Und zwar offen. Laut.

Gegen jede Erwartung.

Das erinnerte ihn... an sich selbst.
 

Und das war das Beunruhigende daran.
 

Er durfte sie nicht bewundern.

Sie war ein Mädchen.

Mädchen sollten doch keine Anführer gefährlicher Gruppen sein.

Aber... vielleicht war gerade das wieder bewundernswert?
 

Vielleicht... lag er wirklich falsch.
 

Ein Ast knackte.

Etwas kam näher.

Nebuls Augen verengten sich.

Er drehte sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam, die Hand am Griff seines Schwerts.
 

Schatten bewegten sich durch das Dickicht.

Zuerst dachte er, es wäre Sirius – aber es waren mehrere Gestalten!

Er zog sein Schwert und nahm Kampfhaltung ein.
 

„Ich seh euch, ihr Deppen! Kommt raus und kämpft oder verzieht euch!“, knurrte er.
 

„Nebul! Ich bin’s!“, piepste eine bekannte Stimme metallisch.

Verwirrt senkte er die Waffe leicht. „Tari? Was zur Hölle ist hier los?“
 

Aus den Büschen traten mehrere Fremde.

Sie trugen tribalartige Kleidung – Männer mit Totenschädelmasken, bloßen Oberkörpern und weiten, hellbraunen Hosen.
 

„Die kommen aus einem Stamm hier auf der Kreatureninsel. Sie haben uns angegr- äh...“
 

„SIE HABEN WAS?!“, fauchte Nebul und spannte das Schwert wieder.

Die Krieger griffen instinktiv zu ihren knöchernen Dolchen.
 

„Warte! Sirius hat mit ihrer Anführerin gesprochen. Sie sind schon auf dem Weg zur Höhle, wo der Stamm lebt. Ich bin mit ihnen losgezogen, um dich ebenfalls dorthin zu bringen.“
 

Nebul musterte die Fremden misstrauisch, dann blickte er zu Tari – suchte nach irgendetwas, das nicht stimmte.
 

„Nebul, ich weiß, es kommt plötzlich, aber–“

„Ich kann das Mädchen keine fünf Minuten alleine lassen, ohne dass sie wieder irgendeinen Unsinn macht, oder?!“, knurrte er und rieb sich die Schläfe.
 

Einer der Männer trat vor.

„Wir gehören zum Khoranu-Clan. Fremde sind bei uns eigentlich nicht willkommen. Aber die Tochter unseres Anführers hat befohlen, auch dich mitzubringen.“
 

„Und warum zur Hölle würde dieses Gör zu so ’nem wilden Stamm rennen?!“ Dann hielt Nebul inne.

„Warte... lass mich raten. Sie war neugierig auf euch.“
 

Tari seufzte leise.

„Tja... da hast du deine Antwort.“
 

Die Krieger warfen sich kurze Blicke zu.
 

„Deine Banditenanführerin wollte Informationen über Utopia.“

„Sie ist nicht meine Anfü– ach, vergiss es!“
 

Nebul zeigte auf die toten Wolpertinger.

„Ich hab da was für sie und die Schlange gejagt. Glaubt mir – ihr werdet das brauchen. Sonst bricht in eurem Clan noch ’ne Hungersnot aus.“

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Sie standen an einem Wasserfall.

Das Wasser war kristallklar und stürzte in einen breiten Fluss, der sich durch den dichten, grünen Dschungel schlängelte.

In der Ferne konnte Sirius einen gewaltigen Berg erkennen, dessen Spitze von einer feinen Rauchwolke umhüllt war.
 

Ein Vulkan.

Zumindest vermutete sie das – sie hatte mal davon in einem Kinderbuch gelesen.
 

Tari hatte ihr damals erklärt, dass Vulkane gefährlich seien, weil sie Lava spucken konnten – heißer noch als Feuer.
 

„Wir sind da. Unser Zuhause liegt hinter dem Wasserfall.“, sagte Kaïra.
 

Sirius und sie saßen immer noch auf dem Rücken des riesigen Wolfs namens Varek.

Das Tier war beeindruckend – schnell, kräftig und scheinbar nie müde.

Mühelos hatte es sie beide durch den Dschungel getragen.
 

Die große Nachtschlange Nudel schlängelte sich so gut es ging hinterher, obwohl sie sichtlich Mühe hatte, mit den wendigeren Gruppenmitgliedern durch das dichte Gestrüpp mitzuhalten.
 

„Wow, ihr wohnt hier? Das ist ein wunderschöner Ort.“, sagte Sirius, während ihr Blick über das Panorama glitt.
 

„Wir sollten weitergehen.“ Kaïra glitt vom Rücken des Wolfes.

Sirius folgte ihr.
 

Hinter dem Wasserfall hörte sie Stimmen.

Silhouetten bewegten sich in der Gischt – Krieger mit Speeren aus Knochen und Stöckern.

Kaïra ging ihnen mit erhobenen Armen entgegen.
 

„Wartet! Ich erkläre alles! Die Schlange gehört zu diesem Mädchen von außerhalb!“
 

„Kaïra! Das ist gefährlich!“, rief einer der Männer.
 

„Ich weiß, was ich tue! Lasst sie durch – und tut der Schlange nichts! Sie sind vorerst nur Besucher.“
 

„Besucher? Wir können Fremde hier nicht dulden! Und diese Schlange hat den Großteil unseres Viehs gefressen!“, fauchte ein anderer.

Die Knochenschmuckstücke an seinen Armen klirrten bei jeder Bewegung.
 

„Ich weiß! Aber diese Fremde hat mir versprochen, sich um das Problem zu kümmern. Und wenn sie ihr Wort nicht hält...“ – Kaïra warf Sirius einen kalten Blick zu – „...werde ich sie zur Rechenschaft ziehen. Persönlich.“
 

Die Krieger warfen sich unsichere Blicke zu.
 

„Ich bin hier, um mit eurem Anführer zu sprechen! Mir wurde gesagt, er weiß etwas über Utopia.“, sagte Sirius mit einem selbstbewussten Grinsen.
 

Die Männer starrten sie schockiert an.

„Könnt ihr bitte Vater Bescheid geben?“, bat Kaïra. „Es geht auch... um Helios.“
 

„Helios...“, murmelten einige den Namen.

Sirius spürte, wie ihre Aufregung stieg.
 

Die Krieger zogen sich zurück, um dem Anführer des Khoranu-Clans Bericht zu erstatten.
 

„Hey, Wolfsmädchen – was ist mit Nudel?“, fragte Sirius.

„Sie sollte draußen bleiben. Sonst bricht unter meinem Volk Panik aus.“
 

Sirius streckte die Hand aus.

Nudel kam näher, berührte sanft ihre Finger mit der Schnauze.
 

„Tut mir leid, Nudel. Du musst draußen warten. Aber ich komme wieder. Und Nebul und Tari sind auch bald zurück.“, sagte sie mit einem Lächeln. „Er hat bestimmt was für dich gefangen. Du wirst also nicht lange hungrig bleiben, okay?“
 

Nudel nickte – mit einem Ausdruck, der fast wie ein Lächeln wirkte – und rollte sich zusammen, um sich auszuruhen.
 

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du sie... gezähmt hast. Dass sie dir gehorcht.“, sagte Kaïra leise.
 

„Naja, ich bin auch leicht mit Essen zu bestechen. War nicht so schwer.“, grinste Sirius. „Nudel war hungrig, wir haben sie gefüttert – und jetzt mag sie uns.“
 

Kaïra schüttelte nur den Kopf.

Sie trat näher an den Wasserfall – Sirius folgte ihr, ebenso wie der riesige Wolf Varek.

Trotz seiner Größe verursachten seine Pranken kaum ein Geräusch auf dem Felsboden.
 

Hinter dem Wasserfall offenbarte sich ein verstecktes Areal – eine riesige Höhle, von Menschenhand erweitert und bewohnt.

Überall standen kleine Hütten, gebaut aus Holz und mit getrocknetem Gras gedeckt.
 

Überall waren Mitglieder des Stammes zu sehen, alle trugen verschieden verzierte, aber immer ähnliche Knochenmasken.

Einer der Krieger aus dem Empfangstrupp sprach gerade zu einer größeren Gruppe.
 

Als er auf Sirius deutete, wandten sich alle ihr zu – ihre Blicke misstrauisch, ihre Augen schmal.
 

„Die mögen mich nicht, oder?“

„Du bist eine Fremde. Natürlich sind sie misstrauisch.“
 

Sirius blickte sich um.

Neben den Hütten entdeckte sie Zäune – darin eine kleine Herde Ziegen.

Sie wirkten irgendwie... gewöhnlich.

Sie waren normal groß, nicht so wie die anderen Bestien, die sie hier sah.

Deren Fell war dunkelbraun, ihre Bäucher und Gesichter hellbraun.
 

Bevor sie etwas fragen konnte, trat ein großer Mann aus einer der größeren Hütten – begleitet von zwei Kriegern.
 

Auch er trug eine Knochenmaske – mit einem groben, grauen Fell, das an den Seiten herabhing.

Seine Kleidung bestand aus einer weiten Hose, einem zerrissenen Umhang und etwas, das wie Knochenpanzer wirkte.

Sein Oberkörper war weitgehend unbedeckt.
 

„Kaïra!!“, donnerte seine Stimme.

Tief, autoritär – jeder Ton ein Befehl.

„Was soll das Ganze?!“

„Vater, ich–“
 

„Ich habe dir aufgetragen, diese Schlange zu töten! Und jetzt bringst du sie zu unserem Versteck – samt einer Fremden?!“
 

Sirius trat dazwischen.
 

„Hör zu, Wolfspapa! Erstens: Du wirst Nudel nichts antun. Zweitens: Wolfsmädchen hier–“

„Ich heiße Kaïra, du Idiot.“

„–hat mir erzählt, dass du etwas über Utopia weißt!“
 

„Utopia?“, murmelte der Mann überrascht.

Sein Zorn kühlte merklich ab.
 

„Was bringt dich dazu zu glauben, dass ich dir irgendetwas darüber erzähle?“
 

„Weil ich es unbedingt wissen will! Und mir wurde gesagt, dass du Helios kanntest!“
 

Beim Klang dieses Namens veränderte sich sein Blick.

„Helios... Du– Wer bist du?“
 

„Ich bin Sirius! Helios war mein Freund! Und ich habe ihm versprochen, dass ich Utopia finde – und seine Arbeit zu Ende bringe!“, sagte sie stolz und deutete mit dem Finger auf sich selbst.
 

Ein Raunen ging durch die Gruppe.

Der Anführer starrte sie fassungslos an.

Ein feiner Schweißfilm lag auf seiner Stirn.
 

„Ich kann es nicht glauben...“
 

Sirius trat näher, ihr Blick entschlossen.

„Ich will alles wissen, was du weißt!!“
 

Langsam setzte sich der Mann ans Feuer.
 

„Du warst mit Helios befreundet...? Er war... ein guter Freund. Früher...“
 

Er schwieg einen Moment, seine Augen verloren sich in den Flammen.

Dann sah er zu Sirius auf.

„Sag mir, Kind. Warum willst du wissen, was Utopia ist?“
 

Ohne zu zögern: „Weil ich es einfach wissen will!“
 

Die Augen des Mannes weiteten sich.

Kaïra stieß einen hörbaren Atemzug aus.
 

„Man sagt, es sei der schönste Planet überhaupt! Und ich bin jetzt schon von diesem Ort hier überwältigt – wie wunderschön muss Utopia dann erst sein?“, sagte Sirius, ohne sich darum zu scheren, dass alle sie mit offenem Mund anstarrten.
 

Der Anführer blickte sie lange an.

„Vater... das ist...“, flüsterte Kaïra, eine Hand vor dem Mund.

Er sah in die Flammen.
 

„Ich dachte, Helios wäre der Eine. Derjenige, der es schaffen würde.

Der Dinge vollbringt, die sonst keiner wagt. Er hatte diesen Funken – diese Neugier. Viele Banditen sprachen über Utopia. Aber ihre Motive waren egoistisch. Bei ihm... war es einfach Wissensdurst.“
 

Er sah wieder zu Sirius.
 

„Und du... wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, er steht gerade selbst vor mir. Aber du hast so schnell gesprochen. So direkt.

Als würdest du es wirklich meinen.“
 

„Natürlich meine ich es!! Warum sollte ich lügen?! Also – sag mir, was du weißt!“, forderte sie.
 

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Er erinnerte sich an Helios – mit denselben Augen, derselben Stimme.
 

„Mein Name ist Darakai. Schön, dich kennenzulernen, Sirius. Setz dich. Wir werden reden.“

Eindringlinge

„Ich kann’s kaum fassen. Du warst wirklich mit Helios befreundet?“, fragte Sirius, ihre Augen funkelten fast wie echte Sterne.
 

Darakai nickte langsam.

Er erzählte, dass Helios vor etwas mehr als sechs Jahren zu ihnen gekommen war.
 

Anfänglich war man misstrauisch, aber er war allein – und kam in Frieden.
 

Helios hatte gewusst, dass der Clan der Khoranu an die Existenz des verborgenen Planeten Utopia glaubte.

Und deshalb war er zu ihnen gekommen.
 

„Er war anders als die anderen Fremden.

Keine Spur von Gier, kein Streben nach Gold oder Macht, wie so viele andere. Sein Wunsch war... einfach.“
 

Darakais Stimme wurde weicher.

„So, wie es sein sollte. Das Universum hat sich verändert. Es ist schmutzig geworden. Alle jagen nach Technologie – aber keiner sieht mehr die Schönheit der Orte. Der Welten.“
 

Kaïra saß nah bei ihnen, Varek – der riesige Wolf – lag hinter ihr und diente ihr wie ein überdimensionales, atmendes Kissen.

Die ganze Zeit über starrte Kaïra Sirius an.

Doch da war kein Misstrauen in ihrem Blick.

Es war... Neugier.
 

Sirius jedoch bemerkte es kaum – zu sehr war sie in Darakais Worte vertieft.
 

Auch die anderen Stammesmitglieder lauschten still, beobachteten das Mädchen mit dem roten Tuch um den Kopf.
 

Sie hatte zwei Dinge angesprochen, die seit Jahren niemand mehr gewagt hatte, sie von einem Fremden in der Form zu hören: Helios – und Utopia.
 

„Helios war wirklich der letzte Fremde, den wir hier hatten“, murmelte jemand.
 

„Er war freundlich. Nicht so wie die anderen da draußen in den silbernen Rüstungen“, sagte ein anderer.

Sie meinten offensichtlich die Weltraumsoldaten.
 

„Helios hat die Natur geliebt. Er wollte sie alle sehen.“
 

„Ja, ich auch!“, sagte Sirius strahlend. „Ich kann’s kaum erwarten, all die Geheimnisse auf den Planeten zu entdecken, die ich bereisen werde!“
 

„Du willst also nicht nur Utopia sehen?“, fragte Darakai.
 

„Natürlich nicht! Ich will den Weg genießen, solange ich ihn gehe! Utopia ist mein Ziel – aber wie könnte ich all die anderen Juwelen dazwischen ignorieren?“
 

Darakai betrachtete sie mit prüfendem Blick.

„Das… ist genau das, was ich hören wollte. Nur um sicherzugehen“, sagte er und nickte langsam.
 

„Hm? Was meinst du damit?“
 

„Du siehst nicht nur ein einziges Ziel. Du blickst weiter. Du meinst es ernst, wenn du sagst, du willst Utopia sehen – nicht wegen des Ruhms, sondern aus Neugier.“, sagte Kaïra ruhig. „Und wenn du wirklich seine Schönheit wertschätzt, dann auch die Schönheit jedes einzelnen Planeten... und genau das tust du.“
 

Sirius legte den Kopf schief.

„Warum auch nicht?“
 

„Weil es da draußen viele gibt, die nur nehmen wollen. Nicht nur jene, die Utopia ausbeuten wollen... sondern jene, die die Kontrolle haben“, sagte Darakai mit fester Stimme.
 

Sirius runzelte die Stirn.

„Was meinst du?“
 

Darakai blickte sie erneut mit ernster Miene an.

„Der Weg wird nicht leicht sein. Denn sobald du anfängst, nach diesem Ort zu suchen... wird sich die ganze Macht des Universums gegen dich stellen.“
 

Sirius zuckte nur mit den Schultern.

„Das ist mir egal.“
 

Ein kollektives Keuchen ging durch die Versammlung.

Sogar Darakais Augen weiteten sich.
 

„Weißt du“, sagte sie gelassen, „ich wollte nie Weltraumsoldat werden. Also hatte ich eh schon immer das Gefühl, dass alle gegen mich sind.“
 

„Sirius, du bist...“, begann Darakai, seine Stimme wurde sanfter.

„Wenn du zu Helios schon so warst... dann wundert es mich nicht, warum er an dich geglaubt hat.“
 

Er sah ins Feuer.

„Zu wissen, dass es noch Menschen wie dich gibt... Es hat mir das Herz gebrochen, als ich hörte, dass Helios getötet wurde. Er war einer dieser seltenen Menschen, von denen ich dachte, dass sie längst ausgestorben wären. Und dann starb er – ausgerechnet durch jene, die wir fürchten und verachten...“
 

Sirius lächelte.

„Er ist für mich gestorben. Er hat mein Leben gerettet. Und als Dank will ich sein Werk weiterführen. Utopia war seine Idee, und sie hat mich von Anfang an fasziniert. Helios mag tot sein, aber...“
 

„...sein Vermächtnis lebt weiter“, beendete Darakai ihren Satz.
 

„Vater... wegen Utopia...“, begann Kaïra.
 

Da ertönten plötzlich Rufe: „HÄUPTLING! Wir sind zurück!“
 

Eine kleine Gruppe betrat die Lichtung, jeder von ihnen schleppte ein fast so großes Kaninchen hinter sich her.
 

„Kaïra, das ist deine Patrouille!“, sagte Darakai.

„Ja! Ihr seid zurück! Und? Habt ihr den Mann in Blau gefunden?“, rief Kaïra.
 

„Haben wir! Und wir... mussten seine Beute tragen. Wir brauchen noch ein paar Leute zum–“
 

„Da bist du ja!“, rief Nebul plötzlich, als er zur Gruppe stieß.

„Nebul!“, Sirius sprang auf, grinste breit. „Ganz schön viel gejagt, was?“
 

„Heh. Ich dachte schon, meine Patrouille lässt sich ablenken“, sagte Kaïra schmunzelnd.
 

„Uhm... ja...“

Tari, der kleine Roboter, erschien nun hinter Nebul – die Stammesmitglieder starrten ihn an.
 

„Nebul hatte auf dem Rückweg die glorreiche Idee, noch mehr zu jagen“, sagte Tari, seine Stimme versuchte sarkastisch zu klingen.
 

„Ach das bisschen... Und mehr ist besser, oder? Ich hab einen Wolpertinger schon Nud– äh, deiner Nachtschlange gegeben“, sagte Nebul zu Sirius.
 

„Wir brauchen noch Helfer, um den Rest der Beute herzubringen!“, rief einer aus der Gruppe.
 

Darakai erhob sich.

„Wer seid ihr beide überhaupt?“
 

„Die, von denen ich dir erzählt habe, die bei meiner Patrouille waren“, sagte Kaïra ruhig.
 

Sein Blick wurde schärfer.

„Ein blauer Mann... und eine Maschine?“
 

„Jep, das sind meine Freunde“, sagte Sirius mit einem breiten Grinsen.

Die Stammesmitglieder starrten nun abwechselnd Nebul, dann Tari an – vor allem aber Tari.
 

„Das ist Nebul. Er ist ziemlich gut im Jagen. Und er ist ein Andürra.“

„DAS HEISST ANDORIANER!“, bellte Nebul.
 

„Und das ist Tari. Er war Helios’ Roboter-Partner. Jetzt hilft er mir bei meiner Reise.“
 

„Er... Helios hatte einen Roboter?“

Darakais Augen weiteten sich erneut.
 

„Ja, aber er ist cool. Vertrau mir. Oh Tari, du musst mit dem Wolfpapa reden! Der war Helios’ Freund! Ihr müsst unbedingt reden!“, sagte Sirius, ging zu Tari und hob ihn hoch.
 

„Was? Aber... warum hab ich diesen Mann nie getroffen? Und wer ist 'Wolfpapa'?“
 

Sirius zeigte grinsend auf Darakai.

„Na ER da! Der Papa von der Wolfsmädchen da! Er meinte, Helios kam damals ganz allein hierher.“
 

„Häuptling, was sollen wir jetzt tun?“, fragte ein Stammesmitglied.

"Eine Maschine? Hier bei uns?"

"Diese Weltraumsoldaten hatten auch Maschinen. Gefährliche Maschinen-"
 

Darakai hob die Hand.

„Ruhe! Holt die restliche Beute mit der Patrouille her. Kein Fleisch soll verschwendet werden. Und dann…“ – er zeigte auf Sirius und Tari –

„…werden wir reden. Über Helios. Und über Utopia. Wie versprochen.“

_______________________________________________________________
 

Das Fleisch brutzelte über den offenen Feuern, während der Duft von geröstetem Wolpertinger sich durch die Höhle hinter dem Wasserfall zog.

Die Stimmung war entspannt, fast festlich – eine Seltenheit unter den Khoranu, die sonst jeden Bissen rücksichtsvoll einteilten.
 

Der Häuptling und Nebul hatten erst ein kurzes Gespräch.

Er wollte wissen, was er alles erlegt hatte.
 

"Ach naja, wir liefen da einer Herde aus Karibos entgegen. Und sie sahen ziemlich kräftig aus. Das Fleisch von diesen Reh-Viechern ist immerhin schön proteinhaltig."
 

"Wie viele hast du erledigt?", fragte Darakai mit erhobener Augenbraue.

"Uhm... ich hab nicht gezählt.", gestand Nebul und kratzte sich am Kopf.

"Häuptling, es ist unfassbar, aber es war die halbe Herde!", rief einer der Männer aus der Patrouille.
 

"Wirklich?! Das ist ja-"

"Ja, ist nicht so beeindruckend. Mit diesem blöden Stück Metall kann ich echt nicht jagen. Mit meinem Katana bin ich so viel schneller unterwegs."
 

"Unsinn! Das ist beeindruckend!"

"Ist es?"

"Selbstverständlich. Und so wie du über die Beute geredet hast, scheinst du auch Ahnung zu haben von dem, was du jagst...und du scheinst bescheiden zu sein."
 

Nebul hatte nur mit den Schultern gezuckt.

"Ich hab etwas mehr gejagt, weil ich wusste, dass hier ein Vielfraß ist.", sagte er und blickte dabei in Sirius's Richtung, die ihn unschuldig ansah. "Aber nehmt, was ihr braucht. Soll ja nichts verschwendet werden."
 

Darakai schien sehr glücklich zu sein und hatte gemeint, dass der Khoranu-Clan ihm dankbar sei.

Er wollte auch sofort die Beute mit eigenen Augen sehen, also zog er mit mehreren seiner Leute los, um die Jagdbeute einzusammeln.
 

Währendessen saßen Sirius und Nebul zusammen, teilten sich einen der riesigen Hasen, die Nebul erlegt hatte.

Tari war neben ihnen, der die ganze Szenerie um sie herum beobachtete.

Sirius schlang begeistert Stück um Stück hinunter, während Nebul mit leicht angewidertem Blick langsam kaute.
 

„Du isst wie ein verwilderter Sternenschlund“, murmelte Nebul und sah zu, wie sie ein besonders großes Stück Fleisch verdrückte.
 

„Hey, ich hab heut noch gar nichts gegessen!“, verteidigte sich Sirius mit vollem Mund. „Außerdem ist das hier richtig gut.“
 

Kaïra kicherte. „Und du hast wirklich einen halben Blut-Eber gegessen?“
 

„Mhm“, antwortete Nebul trocken. „Ich war dabei. Sie hat sogar das Herz gegessen, als wär’s ne Süßigkeit.“
 

"Hey! Du hast gesagt, es wäre das Leckerste an dem Schwein! Also hab ich's probiert...und naja, du hattest recht."
 

Einige der jüngeren Stammesmitglieder saßen in der Nähe, neugierig auf die Fremden.

Zwei von ihnen beäugten Nebuls Antennen.

Als einer danach griff, fuhr Nebul herum und fletschte die Zähne.
 

„Finger weg, sonst beißt’s zurück!“
 

„Oh wow“, sagte Sirius und grinste. „Du bist hier ziemlich begehrt, was?“

„Anschauen meinetwegen, aber die sollen mich in Ruhe lassen!“
 

Währenddessen inspizierten einige der Älteren vorsichtig Tari, den kleinen Roboter.

Sie stellten viele Fragen, vor allem, ob er Waffen besäße.

Tari antwortete ruhig: „Ja, aber sie sind nur zur Selbstverteidigung. Meine Hauptaufgabe ist es, Sirius zu beschützen. Ein Befehl von Helios selbst.“
 

Bei Helios fiel Kaïra's Blick kurz auf den Boden.

„Er war... jemand Besonderes.“

„Du kanntest ihn gut?“, fragte Sirius und lehnte sich zurück.

„Ich habe ihn bewundert“, antwortete Kaïra nachdenklich. „Er sah das, was viele verlernt haben zu sehen.“
 

"Mag alles sein, dass diese Maschine zu Helios gehört hat, aber... wir haben alle gesehen zu was diese in der Lage sein können. Sie sind gefährlich!", warnte einer der Dorfältesten mit zittriger Stimme.
 

"Ich werde niemanden von euch verletzen."

"Hmpf, denkst du, ich vertraue einer Maschine?"
 

Mit scharfen Augen blickte Sirius zu dem Dorfältesten.

"Lass das! Tari ist mein Freund und er ist super nett! Also sei nicht so gemein zu ihm. Er kann sehr sensibel werden."
 

"Sensibel? Mädchen, du redest über eine Maschine. Eine Maschine hat keine echten Gedanken. Es befolgt Befehle."
 

"Ururo, lass das bitte! Unsere Gäste haben uns Essen gegeben. Wir wollen gefälligst weiter in Frieden hier beisammen sein!", schnitt Kaïra ein, ihr Ton streng und warnend, als würde sie schon beschlossen haben, dass die Diskussion vorüber war.
 

Der Dorfälteste hat die Warnung hervorgehört und abgesehen von einem Seufzer, wandte dieser sich ab.
 

"Alles okay, Tari?", fragte Sirius.

Tari sah nach unten.

"Ja, alles gut."

Aber seine Stimme war wieder seltsam anders.
 

Nebul zog eine Augenbraue hoch, während Kaïra den kleinen Roboter schweigend beobachtete, als würde sie nachdenken.
 

"Kumpel, mach dir darüber keinen Kopf, was andere über dich sagen oder denken.", sagte Sirius mit einem warmen Lächeln.
 

"Ich weiß, aber... vielleicht hat er einen Punkt. Ich befolge Befehle. Ich sage immer wieder, dass Helios und ich ein Versprechen damals gemacht haben, aber... war es nicht eher ein Befehl, den ich bis heute nur befolge?"
 

"Ist es nicht egal?"

"Dir vielleicht, aber mir nicht."

Sirius seufzte. "Selbst wenn es ein Befehl war, zwinge ich dich bei mir zu bleiben? Du hast doch immer gesagt, dass du gerne bei mir bist. Du entscheidest, was du bist, Tari."
 

Bei diesen Worten weiteten sich Kaïra's Augen.

Nebul bemerkte es.

Er wusste, was sie dachte.

Denn das Gleiche hatte er am Anfang auch gefühlt.

Verdammt, er hatte immer noch das gleiche Gefühl.
 

Ungläubigkeit.
 

Aber Nebul wusste, dass es das Beste für alle war, wenn das Thema schnell gewechselt wurde.
 

"Diese Feuerziegen.."

Nebul zeigte auf eine Gruppe zotteliger Ziegen, die etwas abseits auf den Stein lagen, eingezäunt in einfachem Holz.

„Sind das eure... Nutztiere?“
 

Kaïra nickte.

„Ja. Seit Generationen haben wir Feuerziegen. Sie geben uns Milch, Fell und Fleisch. Ihre Hörner nutzen wir für Medizin und Werkzeuge. Und sie können Feuer speien – also war ein warmes Feuer für uns nie ein Problem.“
 

"Ja, ich hab gesehen, wie ihr eine der Ziegen zur Feuerstelle geführt habt."

„Hm nützliche Ziegen“, sagte Sirius bewundernd, die ihre Aufmerksamkeit jetzt auf die Feuerziegen gelenkt hat, ebenso wie Tari.
 

„Sie sind fast wie heilig für uns“, fügte Kaïra mit Stolz hinzu.

„Aber es war knapp. Eure Nachtschlange hat viel von unserem Vieh gefressen, als sie verletzt war. Wir erholen uns erst langsam wieder.“
 

„Nudel hat es nicht böse gemeint. Ich mein – sie ist groß, hungrig und ein wenig neugierig, aber sie meint’s gut“, warf Sirius ein.
 

Kaïra lächelte leicht.

„Weißt du... es gibt noch eine andere Ziegenart auf der Insel. Die Capricornus. Wasserziegen. Halb Ziege, halb Fisch. Wunderschön, aber wild.“
 

„Und zickig?“, fragte Nebul.
 

„Sehr. Und wenn sich Feuerziege und Wasserziege begegnen... dann fliegen die Hörner. Daher auch unser Sprichwort: Feuer und Wasser kommen nie zusammen.“
 

Nebul und Sirius legten ihre Köpfe schräg.
 

„Aber...“, sagte Kaïra plötzlich und wurde nachdenklich, „es gab eine Ausnahme.“
 

Einige der Stammesmitglieder sahen sie an.

Einer murmelte: „Meint sie... Satan?“

Mehrere hielten den Atem an.
 

„Bitte nennt ihn nicht so“, sagte Kaïra ernst. „Er war anders. Vielleicht seltsam... Aber kein Teufel.“
 

„Ich will ihn sehen“, sagte Sirius aufgeregt.

„Ich will ihn erlegen“, knurrte Nebul.

„Ich will nicht, dass ihr irgendetwas unüberlegtes tut“, meldete sich Tari zu Wort.

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Währenddessen stapfte Darakai mit einigen seiner Krieger durch den Wald, auf dem Weg zu den erlegten Kreaturen.

Als sie ankamen, blieb Darakai wie angewurzelt stehen.

Riesige Leiber lagen im Gras – jedes davon mehrere Meter groß.

„Fünf von diesen allein?“, raunte er ungläubig.
 

Die riesigen hirschartigen Tiere lagen auf der Lichtung verteilt auf dem Boden.
 

„Dieser Andorianer hat Talent“, sagte Darakai anerkennend.

„Das Fleisch wird unsere Vorräte retten. ", meinte einer der Krieger.

" Ja... Meine Leute werden satt sein. Das ist nicht selbstverständlich.“
 

Doch in dem Moment bebte der Boden leicht.

Ein dumpfes Grollen war zu hören.
 

„...Was war das?“, fragte einer der Stammesmitglieder.

Darakai drehte sich schnell um – und dann sah er sie.
 

Aus dem Nebel zwischen den Bäumen tauchten Gestalten auf.

Groß, schlank, metallisch.

Sie hatten diese silberne Haut um sich, ihre Gesichter waren maschinell.
 

Cybermenschen.
 

Sie blieben einige Meter entfernt stehen.

Hinter ihnen kroch ein riesiger Schatten – eine Nachtschlange wie Nudel, aber gespickt mit mechanischen Teilen.
 

Der Cybermensch in der Mitte sprach mit einer verzerrten Stimme:

„Ihr wisst etwas über Utopia. Ihr werdet es uns sagen.“
 

Darakai stellte sich vor seine Krieger.

„Ihr bringt nur Kälte. Ich spüre es. Wir werden euch nichts sagen.“
 

Die riesige Schlange fauchte laut.

Die Cybermenschen bereit zum Angriff.

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Weit entfernt, zurück bei der Höhle, riss Nudel plötzlich den Kopf hoch.

Zuvor hatte sie den Kopf in den Wasserfall gesteckt und mit großen Augen auf das gebratene Fleisch gewartet.
 

„Nudel?“, fragte Sirius verwundert, als die Riesenschlange plötzlich hochschreckte. "Du hast doch einen der Karnickel bekommen. Für deinen Nachschlag musst du auf die anderen warten."
 

Doch Nudel's Kopf verschwand hinter dem Wasserfall und der Felswand.
 

Tari bewegte sich schnell zum Eingang, sein Scanner aktiv.
 

Sirius stand sofort auf.

„Was? Was hat sie gespürt?“

„Etwas... Schlimmes scheinbar.“

"Ja, sie war plötzlich sehr unruhig."
 

Tari scannte weiter die Gegend.

"Irgendwas... ist da draußen.", piepste er.
 

Kaïra griff nach ihrem Speer.

„Wir müssen nachsehen.“
 

Sie sah zu den anderen Stammesmitgliedern, die besorgt von ihren Fleischportionen aufsahen.
 

"Bleibt hier. Ich werde mit Varek und den Fremden nachschauen, was los ist."
 

"Meinste da ist was bedenkliches?", fragte Nebul, mit dem Kopf zu Sirius geneigt.
 

"Ich weiß es nicht, aber Nudel würde doch nicht einfach so abhauen, wenn sie weiß dass es gleich Essen gibt. Vielleicht gibt's gleich wirklich Ärger."
 

„Und wenn’s Ärger gibt, sind wir die richtigen dafür,“ grinste Nebul.
 

Sirius, Tari, Kaïra, Nebul und Varek machten sich auf den Weg.

Kaïra ritt wieder auf ihrem riesigen Wolf und klammerte sich an ihrem Speer.

Auch sie hatte ein ungutes Gefühl.
 

Zurück blieben neugierige, besorgte Augen.

Und ein leiser Wind, der eine neue Bedrohung ankündigte.

Blut gegen Metall

Ein bläulicher künstlicher Nebel waberte schwer zwischen den Bäumen.

Es roch nach Metall, Moos und altem Blut.
 

Der Wald, sonst lebendig mit Flüstern und Zirpen, lag in tödlicher Stille, als die letzten Vögel aus der Umgebung fort flatterten.
 

Nur das Knacken von Ästen unter gigantischem Gewicht durchbrach die Starre – ein tiefer, langsamer Atem folgte.
 

Ein Körper schob sich durch das Dickicht, zu gewaltig für diese Welt, als sei er aus der Tiefe des Alls selbst gefallen.
 

Nudel bewegte sich mit vorsichtiger Kraft.

Ihr ledriger Schuppenpanzer glänzte silbern im fahlen Licht.
 

In ihren Augen lag kein Hunger, kein Zorn – nur ein wachsendes Grollen aus uralter Erinnerung.

Sie hielt inne.
 

Dort, im Nebel, ragte ein anderer Körper aus der Dunkelheit.

Schlank, kantig, zuckend.

Zahnräder, Bolzen, Kabel – metallisch verschmolzen mit lebendigem Fleisch

Augen, rot und leer.
 

Die beiden Wesen standen sich gegenüber, ihre Körper fast gleich, ihre Essenz Welten entfernt.

Nudel hob den Kopf, schob sich etwas vor.
 

Aus ihrer Kehle drang ein Laut, dumpf vibrierend, wie das Beben eines Planeten.

Kein Angriff.

Kein Schrei.

Ein Echo.
 

Aus dem Schatten traten sie hervor: Drei Cybermenschen, jeder ein Kopf größer als ein Mensch, in silbernen, kantigen Rüstungen, aus deren Gelenken Dampf zischte.
 

Ihre Stimmen klangen wie aus verzerrten Lautsprechern:

„Ziel lokalisiert.“

„Das entkommene Exemplar. Zugriff autorisiert.“
 

Einer hob seinen rechten Arm.

Die Panzerplatten verschoben sich zischend, klappten auseinander wie das Maul einer Maschinenkreatur.

Darunter: reine Energie.
 

Ein Laserlauf formte sich, pulsierend rot.

Der Cybermensch zielte direkt auf Nudel.
 

Ein Lichtstrahl zerriss die Luft – ein explosiver Knall folgte.

Die Hitze des Lasers ließ den Nebel verdampfen.

Nudel schrie.

Es war kein tierisches Geräusch.

Es war der Schrei eines Sterns, der vergeht.
 

Ihre linke Gesichtshälfte war aufgerissen, das Fleisch schwarz verbrannt, das Auge milchig.

Sie schwankte zurück, taumelte.
 

„Ziel beschädigt. Angriffseinheit, fortfahren.“
 

Die Cyberschlange zuckte.

Ihre Augen flackerten.

Dann schoss sie vor.

Der Aufprall war ohrenbetäubend.
 

Die beiden Körper krachten gegeneinander – Fleisch gegen Metall, Schuppe gegen Draht.

Nudel versuchte zu winden, um den Gegner auszuweichen, doch die Cyberschlange schnappte zu, riss ein Stück Fleisch aus Nudels Flanke.

Blut spritzte.

Rotes, schweres Blut.
 

Schwärze.

Dann: Sternenlicht.
 

Eine Gruppe Nachtschlangen gleitet durch das All.

Schwerelos, majestätisch.

Sie tanzen umeinander, ihre Körper winden sich in perfekter Harmonie.

Kein Laut, nur kosmischer Frieden.
 

Plötzlich: ein Lichtblitz.

Etwas durchschneidet das Vakuum wie eine Klinge.

Eine Schlange schreit – ihr Körper wurde getroffen von einem Geysir aus Licht.
 

Nudel wird zurückgeschleudert.

Dann Dunkelheit.
 

Zurück im Jetzt.

Nudel ist eingekesselt.

Ihre Bewegungen langsamer, taumelnder.

Doch sie zischt – ein kurzes, hohes Geräusch, wie ein Winseln.
 

Die Cyberschlange zögerte für den Bruchteil einer Sekunde.

Doch es war nicht für lange.

Die Cyberschlange öffnete ihr Maul, Maschinenteile waren in ihrem Rachen befestigt.

Etwas baute sich auf.
 

„Erbärmlich“, spottete einer der Cybermenschen. „Sie glaubt, Kommunikation sei noch möglich. Fleisch ist verletzlich und schwach. Maschinen sind unsterblich.“
 

„Hört auf!“

Darakai trat hervor, sein Speer in der Hand, die Augen voller Zorn.

„Ein Tier ist kein Werkzeug!“
 

Einer der Cybermenschen wandte sich zu ihm.

Seine Stimme war ruhig.
 

„Dann sag uns, was wir wissen wollen. Über Utopia.“
 

Darakai trat näher, trotz der Übermacht, zitterte seine Stimme nicht.

„Ihr... seid nicht gekommen, um zu suchen. Ihr seid gekommen, um zu vernichten.“
 

„Antworte.“
 

„Fahrt zur Hölle.“
 

Dann ein ríesiger Laser.

Es traf Nudel, welche stark verwundet weggeschleudert wurde.
 

Darakai und seine Männer konnten nichts anderes tun als mit weit aufgerissenen Augen zu starren.
 

"IHR MISTKERLE!", knurrte Darakai.
 

Er schleuderte den Speer.

Die lange Waffe prallte gegen die Brustplatte des Cybermenschen ab, der nicht einmal zurückwich.
 

In derselben Bewegung hob dieser seinen Arm, ein grüner Strahl schoss hervor – Darakai flog zurück, prallte gegen einen Baum.
 

Sein Stamm stürmte los, kreischte, warf Speere.

Nichts durchdrang die Rüstung.

Die Cybermenschen marschierten voran, ruhig, methodisch.

Laser blitzten auf.

Körper fielen.
 

Darakai schleppte sich hoch.

Blut lief ihm übers Gesicht.

Er packte erneut sein Speer.
 

„Ihr seid keine Menschen mehr. Ihr seid Hüllen. Maschinen, die glauben, dass die Welt euch etwas schuldet. Ihr verdient diesen Ort nicht.“
 

Einer der Cybermenschen trat hervor.

Aus seiner Stimme wich die Geduld.
 

„Wir wollen ihn nicht.“

Darakai keuchte.

„Was... was meint ihr?“
 

Ein letzter Schritt.

Die Stimme war wie Frost.

„Die Schätze und die Natur interessieren uns nicht.“

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Der Boden bebte.

Kaïra preschte auf ihrem Wolf Varek durch das hohe Gras.

Nebul und Sirius jagten ihr hinterher, während über ihnen Tari mit rotierendem Propeller in der Luft sirrte.
 

In der Ferne zogen Schwärme von Vögeln kreischend in den Himmel – ein zerbrochener Takt aus Panik.
 

„Da ist was!“, rief Kaïra und zügelte Varek scharf.

„Ich hör… Geräusche. Metall. Gebrüll. Irgendwas stimmt da nicht!“
 

„Vögel fliehen nicht ohne Grund“, knurrte Nebul. „Da vorne ist Gefahr.“
 

Ein ohrenbetäubendes Krachen zerriss die Luft – und plötzlich stürzten vor ihnen gewaltige Bäume um, ihre Stämme splitterten wie Knochen.
 

Die Gruppe schoss auseinander, wich im letzten Moment aus.

Eine Staubwolke jagte über den Waldboden.

Dann sahen sie es.
 

Zwischen zerdrückten Farnen und zersplittertem Gehölz lag Nudel.

Ihr gigantischer Körper war nur noch ein Schatten ihrer einstigen Majestät.

Ihre Flanke blutete stark aus einer riesigen Wunde.

Die linke Gesichtshälfte war aufgerissen, verkohlt, das Auge tot.

Rauch stieg aus offenen Wunden.
 

„NUDEL!“, Sirius’ Schrei war ein gellender Peitschenhieb, als sie auf die Riesenschlange zurannte.

„Nein...Nein, das kann nicht sein... Was ist passiert? Wer hat dir das angetan?!“
 

Nudel öffnete langsam das verbliebene blaue Auge.

Ein röchelndes, kaum hörbares Geräusch verließ ihre Kehle, bevor ihr Kopf wieder in die Erde sank.
 

"Was...was meinst du?"

Sirius's Augen weiteten sich.
 

"Das ist...schrecklich.", murmelte Tari.
 

Kaïra stand wie erstarrt, ihr Körper zitterte.

„Welches Wesen...tut so etwas?"
 

"Es kann kein normales Tier gewesen sein.", piepte Tari mit warnenden Ton.
 

Nebul zog wortlos sein Schwert.

Ohne Kaïra und Sirius zu warnen, schlich er voraus – und entdeckte sie: Eine Gruppe Cybermenschen.

Sie standen in einem Kreis.
 

Darakai lag blutüberströmt in ihrer Mitte, sein Atem flach, Speer zerbrochen.

Seine Krieger waren reglos am Boden.
 

Einer der Cybermenschen hob seinen Arm.

Der Lauf seines Laserarms begann zu glühen.
 

„Nicht mit mir!“, brüllte Nebul.

Er stürmte vor, schnitt mit voller Wucht – das Schwert durchbrach die Rüstung des Angreifers leicht, riss eine flache Furche hinein.
 

„VATER!“, schrie Kaïra aus der Ferne, als sie Darakai sah.
 

Sie trieb Varek an, ritt wie eine Sturmwelle.

Als sie nahe genug war, sprang sie ab – Speer nach vorn gerichtet.

Der Cybermensch war noch benommen vom Treffer von Nebul.
 

Sie sprang mit einem gewaltigen Sprung von Varek ab, die Waffe auf den Cybermenschen gerichtet.

Der Speer bohrte sich in die beschädigte Rüstung, aber nicht tief genug, um wirklich Schaden zu hinterlassen.

Kaïras Augen – glühend wie Smaragde im Sturm.
 

Die Cybermenschen rotierten, analysierten, dann griffen sie an.
 

Tari feuerte sofort – seine kleinen Laserarme schossen blaue-grüne Energiestöße ab, die sich mit den Lasern der Gegner kreuzten.

Nebul duckte sich, wäre beinahe getroffen worden.
 

Tari stieß einen Hochtonalarm aus.

„Zielerfassung abgeschlossen – Feindkontakt!“
 

„Verdammt – dieses Schwert ist Müll! Ich brauch mein Katana!“

„Wir schaffen das auch so!“, antwortete Tari und blockte einen Schuss, der Nebul das Gesicht verbrannt hätte. „Du deckst mich, ich deck dich!“
 

Sirius schrie, als sie zu Nudel blickte, dann wieder zu den Angreifern.

„IHR SEID DIE, DIE IHR DAS ANGETAN HABT?!“
 

Ihre Prothesen klickten.

Der Heat-Orb aktivierte sich – ihre Arme begannen leicht zu dampfen.
 

Ein Schlag.

Der Boden bebte, als sie einen der Cybermenschen frontal traf – er wurde durch die Luft geschleudert.

Metall verbrannte.
 

„Nudel war nett! Nudel war intelligent! Und IHR habt sie angegriffen!“
 

Kaïra kämpfte noch mit dem Cybermenschen, den sie angegriffen hatte, doch er stand wieder auf.

Seine Bewegungen waren präzise, maschinell.

Er packte sie brutal, doch bevor er zudrücken konnte, sprang der Wolf ihn an, rammte ihn zu Boden.

Varek biss in seinen Kopf, Metall bog sich quietschend.
 

"Varek!", rief Kaïra erleichtert.

Varek schnüffelte dann und fletschte die Zähne und starrte ins Dickicht, wo zwei riesige Augen ihn anstarrten.
 

Kaïra bemerkte es, die Augen sahen familiär aus... anders aber-

Doch bevor sie reagieren konnte hörten sie von der anderen Seite jemanden kommen.
 

Etwas Größeres betrat die Lichtung.

Drei Meter hoch.

Weiß-schwarze Rüstung, Umhang in dunkelblauen und schwarzen Farben.

Seine Schultern gestuft wie Zinnen, die Augen gelb, der Kiefer aus schwarzem Titan.

Die Klauenhände schlossen sich bedrohlich.
 

„Erklärung. Warum dauert das so lange?“, fragte er mit einer Stimme wie Beton.
 

„Wurden… von Fremden attackiert“, antwortete einer der Cybermenschen. „Diese drei… gehören nicht zum Stamm.“
 

"Inkompetenz. Ihr hattet klare Anweisungen. Informationen über Utopia. Keine Verzögerung"
 

„Ihr habt uns massakriert… nur wegen Utopia?“, zischte Kaïra.
 

„Hättet ihr geredet, wäre niemand verletzt worden. Eure Schuld. Eure Körper. Schwach. Eure Gefühle. Irrational. Euer Widerstand: nutzlos“
 

Kaïra sprang erneut – doch der Anführer schlug sie mit einem einzigen Hieb fort.

Sie flog durch die Luft und landete hart auf den Boden.

Varek winselte, sprang schützend dazwischen.
 

„Und Nudel…?“, begann Tari.
 

Ein Rascheln.

Ein Zittern im Dickicht aus der Ecke wo Kaïra und Varek erst die riesigen Augen sahen.
 

Dann schob sich ein gewaltiger Schlangenkopf ins Bild.

Nudel? Nein.

Maschinenteile.

Kalte Augen.

Eine... Cyberschlange?
 

Sirius wich zurück.

„Nein… nein, das ist nicht sie…“
 

„Korrekt. Eine verbesserte Version“, erklärte der Cybermensch. „Sie gehorcht. Sie kämpft. Anders als das nutzlose Wesen von euch.“
 

„Nudel hat sich nicht gewehrt, weil diese Schlange ihr Freund ist!“, schrie Sirius, raste auf ihn zu – der Heat-Orb pulsierte.
 

"Und woher willst du das wissen?"

"WEIL SIE ES MIR GESAGT HATTE!", fauchte Sirius.
 

Sie schlug zu, direkt auf die Brust.

Der Cybermensch wurde zurückgeschleudert.

Eine riesige qualmende Delle blieb zurück.
 

"Lächerlich...", brummte dieser mit verzerrter Stimme, stand wieder auf als wäre er nur umgeschubst worden und preschte vor.
 

"Emotionen sind reine Schwäche."
 

Ein Flackern seiner Klauenhand – sie wurde gepackt, gedreht, und flog gegen den Rand einer nahen Klippe.
 

"SIRI!", rief Tari.

Nebul griff ihn an, aber der Anführer fing den Schwertangriff mit seiner Klaue auf.
 

Bevor Sirius aufspringen konnte, befahl er:

„Feuer.“
 

Ein greller Laser – von der Cyberschlange abgefeuert – zerfetzte das Erdreich.
 

Sirius warf sich zur Seite.

Die Klippe brach und sie stürzte in den tosenden Strom.
 

„SIRIII!“, rief Tari und wollte folgen indem er hinterherflog – doch der General hob sich in die Luft, Düsen unter den Stiefeln, und packte ihn.
 

„Die Wellen werden sie verschlingen.“
 

„LASS LOS, DU MISTKERL!“, brüllte Nebul, sprang – sein Schwert zerbrach an der Panzerung des Cybermenschen.

Ein mächtiger Schlag schleuderte ihn gegen einen Baum.
 

Er blickte zu Kaïra.

„Was weißt du über Utopia?“
 

„Selbst wenn ich etwas wüsste, würde ich es euch nicht sagen.“, knurrte sie mit rauer Stimme und flitzte vor zum Angriff.
 

Aber ihr Speer zerbrach, sein Schlag ließ sie zusammensacken.

Varek heulte laut zum Angriff und biss ihm in den Arm, aber seine Zähnen drangen keinen einzigen Millimeter vor.
 

Einer der Cybermenschen zielte auf Varek und feuerte ab.

Mit Horror musste Kaïra zusehen wie ihr geliebter Wolf blutig zu Boden ging.
 

Dann: ein Röcheln.

Darakai.

„Warte.“

Er hob den Kopf.

„Lass… meine Tochter… meine Leute… die Fremden… und die Schlange… leben.“
 

Der Cybermensch hielt inne und starrte mit seinen leeren Augenhöhlen zu Darakai.
 

„Ich sag euch… was ihr wollt. Ich erzähle euch alles… über Utopia.“
 

„NEIN!“, rief Kaïra. „Vater, nicht! Du darfst ihnen nicht vertrauen!“
 

„Ich vertraue ihnen nicht… aber ich habe keine Wahl.“
 

Der General hob die Hand, als Zeichen, dass seine Truppe den Häuptling packen sollen.
 

"Du kommst mit uns."
 

Darakai wurde ergriffen, sein gebrochener Körper in Bewegung gezwungen.
 

Zurück blieben Kaïra, Varek – schwer verletzt – Nebul, der sich stöhnend aufrichtete, und Tari, dessen Blick zum reißenden Fluss wanderte, wo Sirius verschwunden war.

Stille nach dem Sturm

Sirius war klein gewesen damals .

Sie hatte die Knie angezogen, der Boden unter ihr war warm von den Sonnenplatten.
 

Das Raumschiff der Sonnenbanditen von innen.

Sie kam damals gerne mal rein, um mit Tari zu spielen und sich das Raumschiff anzuschauen.
 

Es hatte sie damals so faziniert.

Es war anders als diese Raumsschiffe der Weltraumsoldaten, wo Sirius von ihrem Großvater hingeschliffen wurde, um diese auch zu besichtigen.

Diese Raumschiffe waren groß, kalt und sehr eng.

Man hätte sich die Räume mit so vielen anderen immer teilen müssen.
 

Die Räume waren meist grau oder weiß oder irgendeine andere eintönige Farbe.

Jeder Raum war für Sirius gefühlt gleich.

Kein Charakter.

Keine Gefühle.
 

Aber dieses Raumschiff von Helios und seinen Banditen.

Es war warm und es fühlte sich heimisch an.

Möbel und Dekorationen waren in den Räumen zu sehen.

Regale mit verschiedenen Büchern, Karten waren an den Wänden.
 

Sie wünschte sich auch so sehr ein Raumschiff, was sich innen so heimisch anfühlt wie dieses.

Etwas, was sie ein Zuhause nennen konnte.

Wo sie sich wohl fühlen konnte, anders als dieses kleine Zimmer, was sie von ihrem Großvater in der Militärbasis bekam.
 

„Sag mal, Helios…“, hatte sie gefragt und ihn mit großen, neugierigen Augen angesehen. „Weißt du eigentlich, wann du Utopia finden wirst?“
 

Helios, der eine alte Karte studierte, sah auf.

Ein sanftes Lächeln legte sich auf sein Gesicht, das von feinen Linien durchzogen war wie alte Sternkarten.
 

„Noch nicht“, antwortete er ruhig.

„Es ist... zu ungewiss. Bisher habe ich nur ein einziges Puzzleteil.“
 

Sirius legte den Kopf schräg.

„Ein Puzzleteil? Was meinst du?“
 

Er beugte sich zu ihr, tippte ihr sanft gegen die Stirn.

„Utopia ist wie ein Puzzle. Die Hinweise, die es uns zeigt – Bruchstücke von Beschreibungen. Ich muss sie erst alle finden, bevor ich das große Ganze sehen kann.“
 

In diesem Moment lugte Tari hinter dem Sesselarm hervor.

„Und ich helfe ihm! Ich sortiere die Daten und speichere die Beschreibungen – und irgendwann... setzen wir alles zusammen.“
 

Sirius lachte kindlich.

„Wie Puzzleteile...“
 

„Genau“, sagte Helios, nickte.

„Der Weg zu Utopia besteht aus Puzzleteilen.“

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Ein Schnuppern.

Ganz vorsichtig.

Zögerlich.

Fast wie ein Windstoß.
 

Sirius öffnete die Augen – langsam, ihre Lider schwer.

Alles war verschwommen.
 

Kalte Tropfen liefen ihr über die Stirn.

Sie lag am Ufer eines wilden Flusses, das Wasser plätscherte laut neben ihr.

Ihr ganzer Körper fühlte sich an wie gebrochen, durchnässt und leer.
 

Der Cybermensch.

Die Schlange.

Der Laser.

Die Klippe.
 

Sie hatte sich erinnert – an die Augen, die nicht Nudels waren.

Es war Nudels Freund.

An den Aufprall, das Wasser, das sie verschlungen hatte.
 

Doch das Schnuppern blieb.

Sie hob mühsam den Kopf – und sah... eine Ziege.
 

Nicht irgendeine.

Klein, fast winzig.

Ihr Fell war schwarz mit einem weißen Bauch und Gesicht, die Hörner in einem dunklen Blau.

Auch ihre Hufen.

Und ihre Augen...
 

Sirius blinzelte.

Die Ziege starrte zurück, reglos.

Nur ihre Nüstern zuckten.

Dann sprang sie erschrocken zurück, kleine Hufe wirbelten Kiesel auf.

Große, ängstliche Augen.
 

Sirius lächelte schwach.

„Du bist aber süß...“, flüsterte sie.
 

Die Ziege wirbelte herum, wollte fliehen.

Sirius – neugierig wie eh und je – hob ihren Arm.
 

Ein surrendes Geräusch, ihr Prothesenarm dehnte sich aus und griff vorsichtig zu.

Die Ziege kreischte erschrocken, als sie eingefangen wurde.
 

„LASS MICH LOS!“, kreischte es in glasklarer, schriller Stimme.
 

Sirius’ Augen weiteten sich.

Sie starrte die zappelnde Ziege in ihren Händen an.
 

„H-hast du gerade...?“
 

Die Ziege strampelte verzweifelt.

„Lass mich los! BITTE!“

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"Verdammt, sie haben Vater!"

Kaïra versuchte sich aufzurichten – sackte aber mit einem unterdrückten Keuchen wieder auf die Knie.
 

"Kaïra! Du bist zu schwer verle–", begann einer der Stammesmitglieder, doch sie unterbrach ihn scharf: "Ich kann nicht einfach hier rumsitzen! Ich muss ihm helfen!"
 

Blut lief ihr am Bein hinab.

Sie zitterte, stützte sich an Varek, ihrem Wolf, ab, der mit aufgestellten Ohren wachsam blieb.
 

Und dann – wie ein Schlag – Sirius.

Der Fall von der Klippe.

Die Cyberschlange.

Der Cybermensch.

Der Laser.
 

"Ich werde diesen Mistkerlen nie verzeihen!", knurrte Kaïra und ballte die Fäuste.
 

Tari hatte währenddessen fieberhaft das Flussufer gescannt.

Kein Signal.

Kein Zeichen.
 

"Nebul... ich finde sie nicht. Keine Spur von Siri. Wenn sie durch den Lasertreffer... zu schwer verletzt wurde und—"
 

"Dann wäre ich enttäuscht von ihr!", schnitt Nebul kalt dazwischen.

"Dass sie sich von so ’nem Scheißding kleinkriegen lässt."
 

Taris Stimme verzerrte sich.

"Aber... Der Häuptling. Ohne ihn haben wir vielleicht keine weitere Spur zu Utopia..."
 

Nebul schnaubte, seine Augen blitzten zum zerfetzten Erdhang, der von der Laserexplosion abgerissen worden war.

Dann schweifte sein Blick über das Schlachtfeld.

Zu Kaïra.

Zu Nudel – der riesigen Nachtschlange, blutüberströmt, kaum atmend.

Zu den Überresten seines eigenen gebrochenen Schwerts.
 

Er trat vor, seine Stimme laut und bestimmend: "Ihr da!"

Er sprach zu den Kriegern des Stammes.
 

"Ihr habt gesehen, wie machtlos ihr gegen diese Blecheimer wart. Wenn ihr jetzt einen Rachefeldzug startet, endet das hier."
 

Kaïra fauchte.

"SIE HABEN MEINEN VATER!"

Sie stolperte vor, stützte sich auf Varek, dessen Blick besorgt war.

"WILLST DU, DASS ICH HIER WARTE, WÄHREND SIE IHN FOLTERN? IHN TÖTEN?!"
 

Sie zog ihr Knochenmesser, ihre Stimme bebte: "Ich hab nichts, was gegen ihre Rüstung hilft. Aber ich geh nicht kampflos unter. Ich sterbe lieber, als tatenlos zu bleiben!"
 

Nebul verzog das Gesicht.

"Und dann? Dann stirbst du. Dein Stamm verliert dich. Und dein Vater seinen Grund, warum er überhaupt gegangen ist. Super Plan, Kriegerin."

Sein letztes Wort klang beinahe verspottend.
 

Kaïra knurrte, wollte widersprechen – doch Nebul ließ nicht locker:

"Du willst kämpfen? Gut. Aber nicht rücksichtslos. Deine Leute hier brauchen dich."
 

Er zeigte auf Nudel.

"Und wenn Nu- diese Schlange nicht losgejagt wäre, wären vielleicht alle hier tot. Vielleicht hätte niemand überhaupt gewusst, dass dein Vater entführt wurde."
 

Stille.

Nur das Knirschen von Kaïras Zähnen.

Ihre Augen wurden schmal, dann glasig.

Schmerz.

Frustration.

Aber auch... so etwas wie...Einsicht.
 

"Nudel...", flüsterte sie.
 

Nebul nickte, leiser: "Das Mindeste, was ihr tun könnt, ist, sie am Leben zu halten."
 

Tari piepste leise, trat an Kaïra heran.

"Und dein Vater... wird nicht vergessen. Wir finden ihn. Gemeinsam."
 

Nebul trat an die Klippenkante, blickte ins aufgewühlte Wasser.

"Zuerst holen wir die Verrückte zurück."
 

Kaïra sah ihm lange in die Augen.

Dann zu Tari.

Zu ihrem Stamm.

Sie schloss die Augen, atmete tief ein.
 

"Wenn ich nur die Gelegenheit hätte... Ich würde diesen Maschinenleuten zeigen, was es heißt, einen Häuptling zu entführen."
 

Sie öffnete die Augen – fest, klar.

"Also gut... Ich vertraue euch. Wir versorgen die Schlange."
 

"Und vergesst nicht die Beute, die ich gefangen hab!", warf Nebul mit einem Grinsen ein.
 

Kaïra riss die Augen auf.

"Dein Ernst?!"
 

"Frisches Fleisch stärkt. Und du wirst es brauchen."
 

Nebul sah zu Tari.

"Komm schon, Kleiner. Wir müssen deine Freundin finden."

Feuer und Wasser kommen nie zusammen

„HEEEEY! Bleib doch hier!“
 

Sirius hetzte durch den Dschungel, Äste peitschten ihr ins Gesicht, während sie versuchte, dem kleinen Ziegenwesen hinterherzujagen, das sich eben noch aus ihrem Griff gezappelt hatte.
 

„Lass mich! L-LASS MICH!!“ kreischte das schwarz-weiße Bündel Panik mit Tränen in den Augen.
 

„Alter, ich MUSS diese Ziege haben! Die kann sprechen! Richtig sprechen! Wie krass ist das denn bitte?!“ rief Sirius, während sie zwischen Lianen und Wurzeln hindurch hechtete.
 

Die kleine Ziege war verdammt schnell – schneller, als eine Babyziege überhaupt sein durfte.

Und doch wirkte sie panisch, verzweifelt.
 

„Hey, komm schon! Ich tu dir doch nichts!“ keuchte Sirius.
 

„Ich... ich darf nicht... sonst v-verfluch’ ich dich!“, kam es zitternd zurück.
 

Sirius’ Schritt stockte kurz.

Verfluchen?

Da dämmerte es ihr.
 

Kaïra hatte vorhin beim Feuer etwas darüber erzählt.

Als sie im Lager hinter dem Wasserfall saßen – über die Feuer- und Wasserziegen.
 

Zwei Gegensätze.

Zwei Naturkräfte, die sich nicht mischten.
 

„Feuer und Wasser kommen nie zusammen.“
 

Ein altes Sprichwort ihres Clans.

Doch dann hatte Kaïra gesagt, es gab eine Ausnahme.

Eine, von der der ganze Stamm flüsterte.

Sirius riss die Augen auf.
 

„HE! Bist du etwa DIE Ziege, die die Leute Satan nennen?!“

Ein breites, schelmisches Grinsen erschien auf ihrem Gesicht.

„Hätte echt nicht gedacht, dass Satan so verdammt süß ist.“
 

Ihr Prothesenarm schoss wie ein mechanischer Tentakel nach vorn, lang, elastisch – ZACK! – packte das zappelnde Bündel.
 

„H-HUH!?“ machte die Ziege panisch, als sie zurückgeschleudert wurde.
 

„Nawww, guck dich an!“
 

Sirius grinste schief, zog das zitternde Ziegenwesen an sich und drückte ihre Stirn gegen seine.
 

„Du bist ja ein richtig kleiner Knuffel!“
 

Die Ziege starrte sie mit riesigen, tränengefüllten Augen an, zitterte am ganzen Leib.
 

„W-Was war... w-war das gerade?!“
 

„Nur mein Arm. Gewöhn dich dran. Super praktisch, wenn kleine Ausreißer meinen, sie könnten abhauen.“
 

„I-Ich... Ich w-werde dich verfluchen...!“
 

„Jaja. Und ein Stern explodiert vor mir.“

Sirius grinste schief.

„Wenn du denkst, ich krieg Schiss vor sowas, dann kennst du mich aber schlecht, Zicke.“
 

Die Ziege japs­te erschrocken, unfähig zu antworten.

Sirius drückte sie noch fester.
 

„Du siehst aus, als würd ich dich gleich braten. Keine Sorge, ich hab schon gegessen, danke sehr.“
 

Sie grinste zufrieden und hielt inne.
 

„Mist! Ich muss mich beeilen!“ rief sie plötzlich.

„Der Wolfspapa und das Wolfsmädchen... Die stecken voll in der Klemme! Und Nudel auch...“
 

Sirius’ Blick wurde für einen Moment ernst.

Sie dachte an die riesige Nachtschlange zurück.

Verwundet.

Wegen den Cybermenschen.

Wegen diesem Bastard mit dem Laser.
 

„Weißt du, Ziege... da draußen laufen echt fiese Blechköpfe rum. Vor allem ihr Anführer – der Typ ist ein echtes Stück Arbeit.“
 

Sie rannte los, der Fluss rauschte neben ihr.

Der gleiche Fluss, in dem sie abgetrieben war, nachdem die Klippe unter ihr weggesprengt wurde.

Ein Wimmern unterbrach ihre Gedanken.
 

„Hm?“ Sirius hielt inne und blickte nach unten.

Die Ziege zitterte in ihrem Griff.
 

„...W-Warum...?“, kam es leise, fast nicht hörbar.
 

„Warum was? Warum ich dich mitnehme? Oder hast du ne Herde, zu der du zurück musst?“
 

Die Ziege senkte den Blick.

Tränen tropften auf Sirius’ Arm.
 

„Ich... ich hab keine Herde...“

„Na siehste! Dann kommst du halt mit mir!"
 

Sie stapfte weiter.

Der Fluss rauschte.

Käfer zirpten.

Libellen sirrten.
 

„Also echt mal, beim Stamm hab ich so Feuerziegen gesehen. Und sie haben von Wasserziegen erzählt–“
 

„I-Ich gehöre nicht zu i-ihnen!“ platzte es aus dem Zicklein heraus.

Die Stimme war brüchig.

Voller Schmerz.
 

„Was meinst du?“ Sirius’ Ton wurde sanfter.
 

„Ich... Ich bin beides. Meine Mama war eine W-Wasserziege... und mein Papa... eine Feuerziege.“
 

Die kleine Ziege sah weg.
 

„Ich bin... falsch... i-ich...“

„Hä? Ich check das Problem nicht.“
 

„Ich bin... zu anders.“
 

Sirius schnaubte.

„Tch. Dann bist du bei mir genau richtig! Ich bin auch zu anders!“
 

Die Ziege sah sie verdattert an.

Eine Mischung aus Misstrauen und Unsicherheit.
 

„A-Aber... ihr Menschen habt doch auch Angst vor allem, was a-a-anders ist!“
 

Sirius hob eine Augenbraue.

„Seh ich so aus, als hätte ich Angst vor dir, du zitternde Flauschkanone?“
 

Die Ziege sagte nichts.

Der Atem blieb fast weg.
 

Sie liefen an Farnen vorbei, über nasse Steine, an Matsch und Moos entlang.

Libellen umkreisten sie, als hätte der Wald selbst kurz den Atem angehalten.
 

„Wie heißt du eigentlich, du kleine Zitterziege?“ fragte Sirius schließlich.
 

Die Ziege zuckte.

Schweigen.

Dann ein kaum hörbares Flüstern:
 

„S-Sie nannten mich... P-Panny...“

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Nebul preschte durch den Dschungel der Kreatureninsel.

Die drei dunklen Federn an seinem schwarzen Hut wippten im Takt seiner Schritte, seine weißen, wirren Haare tanzten wild im Wind.
 

Hinter ihm surrte Tari durch die Luft – der kleine Roboter mit blauem Gehäuse, der Propeller auf seinem Kopf schnurrte unermüdlich.
 

„Ich mache mir wirklich Sorgen um Siri... Der Fluss war sehr reißend...“, murmelte Tari mit einem leisen elektronischen Brummen.
 

„Meine Fresse, kannst du mal aufhören zu jammern?!“ knurrte Nebul, ohne den Blick vom dichten Grün vor sich abzuwenden.

„Glaubst du ernsthaft, dass sie tot ist?“
 

Ein scharfer Ast ritzte seine Wange.

Er ignorierte es.
 

„Wenn sie tot wär, wär das ein verdammt jämmerlicher Tod!“
 

„Sag doch so etwas nicht!“ piepste Tari empört, seine Stimme krächzte leicht, als hätte er ein Störsignal.
 

„Wenn sie wirklich abgenippelt ist... dann hol ich sie höchstpersönlich zurück. Und dann bring ich sie nochmal um. Weil sie gefälligst nicht sterben darf, bevor sie mein verdammtes Katana zurückgebracht hat!“
 

Nebul biss die Zähne zusammen.

Sein Ersatzschwert – das er dem einen Weltraumsoldaten geklaut hatte – war beim Kampf gegen diesen übergroßen Cybermenschen zerbrochen.

Klinge durch.

Komplett nutzlos.
 

Und ehrlich gesagt hatte das Ding sich eh angefühlt wie ‘ne stumpfe Eisenstange.
 

Aber jetzt – ohne Waffe – fühlte er sich nackt.

Nicht, dass er das zugeben würde.
 

„Du, Nebul...“, setzte Tari leise an. „Ich fand es sehr... bewundernswert. Was du vorhin gesagt hast.“
 

„Was jetzt schon wieder?“

„Na... alles eigentlich.“
 

Sie rannten an einer Gruppe scheuer Wolpertinger vorbei.

Die Wesen sahen sie mit riesigen Augen an, bevor sie in die Büsche huschten – wahrscheinlich Verwandte jener Herde, von der Nebul heute Morgen fünf erledigt hatte.
 

„Wie du Kaïra zur Vernunft gebracht hast... Dass sie sich nicht einfach in den Tod stürzt. Und... wie du Nudel verteidigt hast.“
 

Diese verdammte Nachtschlange.

Die, die fast gestorben wäre.

Die den Angriff gespürt hatte.

Die den Stamm beschützt hatte.
 

'Das Mindeste, was ihr tun könnt, ist, sie am Leben zu halten.’
 

Nebul sagte nichts.

Er spürte nur dieses seltsame Ziehen in seiner Brust.
 

Nudel war nur ein Biest.

Tari nur ein Roboter.

Sirius nur ein verrücktes Mädchen.
 

So hatte er gedacht.

Und doch...
 

Jetzt war er hier.
 

Rannte durch den Dschungel und glaubte nicht daran, dass ein fataler Laser und ein Klippensturz ins reißende Wasser sie klein kriegen würde.

Arbeitete mit einem sprechenden Roboter zusammen, als wär’s das Normalste der Welt.

Und verteidigte ein riesiges Schlangenvieh mit glühenden Augen, das einmal seine Beute war.
 

Vielleicht... lag er falsch.

Vielleicht war es nie so einfach gewesen.
 

„Glaubst du noch immer, dass Nudel nur... ein Biest ist?“ fragte Tari zaghaft.
 

Nebul antwortete nicht sofort.

Die Stille zwischen den Bäumen wurde dichter.

Tiefer.
 

Dann – ein leises Murren.

„Halt die Klappe, Blechbüchse. Konzentrier dich lieber drauf, was wir tun sollen.“

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„Kaïra, wir haben sie!“
 

Kaïra humpelte aus der Hütte.

„Sehr gut“, sagte sie knapp. „Wir brauchen jede Menge Wolle. Die Blutungen müssen gestoppt werden. Und reinigt die Wunden – sofort!“
 

Mehrere Frauen des Stammes liefen mit Schalen voll Wasser zur riesigen Nachtschlange.

Ihre Bewegungen waren hastig, aber geübt.

Kinder eilten hinterher, die Arme voller Pflanzen mit dickem Saft in sich– schmerzlindernd und heilend.
 

Die Männer des Stammes sind die Nachtschlange mit Seilen holen gegangen, seit Kaïra mit den Verwundeten zurückgekehrt war und die Nachricht gebracht hatte: Darakai war verschleppt worden.

Von den Menschen aus Metall.

Den Cybermenschen.
 

Die Kunde hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet.

Der ganze Khoranu-Clan stand unter Schock.
 

Sie erinnerten sich nur zu gut: Die Weltraumsoldaten hatten ähnliche Rüstungen getragen – Brustpanzer, Armplatten und Stiefel aus Stahl – doch man konnte ihre Gesichter noch sehen.

Ihre Augen.

Ihre Menschlichkeit.
 

Aber diese neuen Feinde... diese Cybermenschen... waren vollständig verschlungen von Metall.

Keine Gesichter.

Nur kalte Maschinenbewegungen.
 

Maschinen sind böse.
 

Das hatten sich die Khoranu immer wieder gesagt.

Maschinen hatten ihren Häuptling verschleppt.
 

Und es waren Maschinen, die einst ihre Wälder rodeten und ihr Land stahlen.

Die Maschinen der Weltraumsoldaten.
 

Aus Zorn griffen der Stamm diese an, plünderten sie.

In Hoffnung, dass sie wieder verschwinden würden.

Aber es wurde schlimmer.

Ein großer Kampf brach aus.

Diese Weltraumsoldaten kämpften mit Waffen aus Metall, der Stamm hatte keine Chance.
 

Kaïra dachte an damals.

An ihre Mutter.

Auch sie war gefallen.

In diesem Krieg gegen Technologie und Stahl.
 

Doch bevor das Militär zurückkehren konnte, war einer in ihren Weg: Helios.
 

Er hatte die Soldaten besiegt – allein.

Und dann war er gekommen... zu ihnen.

Um über Utopia zu lernen.
 

Ein Banditenanführer, ja.

Aber ein Held.

Friedlich.

Naturliebend.
 

Er hatte das Herz des Stammes gewonnen.

Er hatte Kaïra’s Herz gewonnen.
 

Und er war gestorben.

Getötet von eben jenen Soldaten, gegen die er sie einst beschützt hatte.
 

Doch heute hatten sie Sirius gesehen.

Das Mädchen, das Helios begegnet war.

Und sie verstanden, warum er sich geopfert hatte.
 

Sie trug das gleiche Feuer in sich.
 

Die Männer legten die bewusstlose Nachtschlange vorsichtig ab.

„Nudel“ atmete flach, bewegte sich kaum.

Die Seile, mit denen sie sie gezogen hatten, wurden hastig durchtrennt.

Einige Männer bereiteten Fleisch am Feuer – die Beute, die der Andorianer für sie gejagt hatte.
 

„Frisches Fleisch stärkt. Und du wirst es brauchen“, hatte Nebul gesagt.
 

Die Träger wirkten erschöpft, aber keiner zog sich zurück.
 

Kaïra kniete sich neben die gewaltige Flanke der Schlange.

Blut.

Dreck.

Offenes Fleisch.

Sie tränkte einen Stofffetzen in Wasser und begann, vorsichtig zu reinigen.
 

„Ich brauche Medizin – sofort!“ rief sie. „Mehrere Leute sollen sich um ihren Kopf kümmern. Die Verbrennungen... sie sehen schlimm aus!“
 

Sie sah zu den Kindern.

„Ihr! Um den Wasserfall herum – sucht nach Gewürznelken, Arnika, Johanniskraut! Alles, was ihr finden könnt!“
 

Die Kinder nickten und rannten los.

Der Stofffetzen in ihrer Hand war bald durchtränkt mit Blut.
 

„Wir brauchen mehr Wolle!“ rief ein Stammesmitglied.

„Die Wunde ist riesig! Sie blutet weiter!“
 

„Holt eine der Feuerziegen!“ rief Kaïra. „Wir müssen die schlimmsten Wunden ausbrennen! Und schert die anderen – wir brauchen jedes einzelne Stück Stoff!“
 

Keine Widerworte.

Alle wussten: es ging ums Überleben.
 

Kaïra riss ein Stück ihres eigenen Pelzumhangs ab und presste es auf die klaffende Flanke.
 

Andere bereiteten bereits glühende Steinwerkzeuge vor – sie sollten mit Feuer erhitzt werden, um damit das Fleisch zu schließen.

Die Luft roch nach Rauch, Blut und Hoffnung.

Essen wurde herumgereicht, um die Erschöpften zu stärken.
 

Kaïra dachte an den Andorianer.

An Tari.

Ein Roboter.

Und doch... besorgt.

Mitfühlend.
 

Sie erinnerte sich, wie sie am Lagerfeuer saßen.

Wie ein Ältester Tari beschuldigte, nur Befehle zu befolgen.

Ohne Willen.

Ohne Herz.
 

Doch Tari... war Helios’ Gefährte gewesen.

Ein Roboter mit Vergangenheit.

Mit Schmerz.

Und jetzt ein Gefährte von Sirius.

So seltsam alles...
 

Kaïra spürte es tief in sich: Vielleicht... gibt es gute und schlechte Maschinen.

So wie es gute und schlechte Menschen gab.
 

Dann dieser eine Gedanke, flüchtig, aber schneidend:
 

Können Maschinen eine Seele haben?
 

Und wenn ja – was würden sie damit tun?

Kaïra schüttelte ihn ab.

Nicht jetzt.
 

Jetzt ging es um Nudel.

Um das Leben dieser Nachtschlange.
 

Sie drückte den blutigen Fellfetzen erneut auf die Wunde.

Ihre Augen schlossen sich für einen Moment.
 

Sie musste an Sirius glauben.

Dass sie lebte.

Dass sie stark genug war, ihren Vater zu retten.

Keine Zeit zum Hoffen

„Maaaaaah!! I-ich f-falle!!“
 

Panny klammerte sich mit allen Hufen an Sirius’ Arm, während er versuchte, nicht runterzuschauen.

Seine Stimme vibrierte bei jedem Ruck, den der Schwung durch die Bäume verursachte.
 

„Du fällst nicht, vertrau mir mal! Ich mach das dauernd.“
 

Sirius grinste, während sie sich elegant vom nächsten Ast abstieß.

Dann, mit einem Seitenblick: „Aber wehe du kotzt mir auf den Arm!“
 

„I-i-ich k-kann das nicht!! I-ich b-bin ’ne ZIEGE, kein Vogel!!“
 

„Jaaa, das hör ich.“

Sirius rollte mit den Augen.
 

Sie landeten schließlich auf einem dicken Ast und hielten kurz inne.

Ein Rascheln.

Panny's Kopf schoss sofort hoch.
 

„Was war DAS?!“ flüsterte er hektisch.
 

Sirius kniff die Augen zusammen.
 

„V-VORSICHT!!“, schrie die kleine Ziege mit zitternder Stimme.
 

Sirius’ Kopf zuckte herum – gerade noch rechtzeitig.

Ein silber-blauer Schatten schnellte durch die Baumkrone, viel zu schnell, viel zu nah.
 

Im letzten Moment warf sie sich zur Seite.

Das Ding rauschte an ihr vorbei, so knapp, dass sie den Luftzug spürte.
 

„Verdammt!“, fauchte sie und sprang sofort wieder auf die Beine.
 

Vor ihr stand... irgendetwas.

Ein Biest, aber sie konnte nicht direkt zuordnen, welches Tier es war.
 

Es hatte die Hörner und grob die Kopfform eines Rehs, dazu eine silberne Mähne, die sie unwillkürlich an Varek erinnerte.

Doch das war's auch schon mit der Ähnlichkeit.
 

Der Körper war schuppig, fast wie bei einem Reptil, mit mehreren Beinen, die wie Krabbenbeine auf dem Boden klackerten.

Die vorderen Gliedmaßen?

Langen, gebogenen Spinnenbeinen nicht unähnlich – bereit zum Zustoßen.
 

„Na toll... Noch so ein Ding. Und ich hab echt keine Zeit für dich.“

Ihre Augen blitzten. „Ich muss Nebul und Tari wiederfinden, verdammt!“
 

Die Kreatur knurrte tief, senkte den Kopf.

Angriff.
 

Sirius wartete den Bruchteil einer Sekunde, dann:

Sprung.

Hoch.

Schnell.

Präzise.
 

„ELE-ORB!!“
 

Die Orbs in ihren Prothesenarmen leuchteten grell auf, gelb wie ein reifer Blitz.

Ihr rechter Arm dehnte sich mit mechanischem Schwung, knirschend, metallisch, voller Energie – und krachte mit voller Wucht gegen das Gesicht des Biests.
 

Ein zuckender Stromstoß schoss durch dessen Körper.

Die Kreatur zuckte, röchelte – dann kippte sie mit einem dumpfen Schlag zur Seite und blieb liegen.
 

Sirius landete mit einem eleganten Satz direkt auf dem schuppigen Rücken.

Panny klammerte sich noch immer zitternd an sie, seine kleinen Hufe verkrampft um ihren linken Arm.
 

„W-WAS WAR DAS?!“ japste Panny mit weit aufgerissenen Augen.
 

Sirius grinste atemlos.

„Ein Stromschlag. Funktioniert bei Krabbenspinnenviechern scheinbar gut.“
 

Sie sah sich um.

„Na komm, Kleiner. Wir müssen meine Freunde finden.“
 

Panny starrte sie an.

„W-WAS BIST DU?!“
 

„Ich bin Sirius. Du kannst mich auch Siri nennen, wenn du willst.“

Sie zwinkerte.
 

„N-Nein… w-was bist du?! M-Menschen können doch nicht s-sowas…!“
 

„Oh das“, sagte sie trocken.

„Ich hab keine Unterarme mehr. Hat mir mal ein anderes Vieh abgebissen.“
 

Sie hob ihren Arm leicht.

„Jetzt hab ich diese Dinger hier. Prothesen. Mit eingebauten Überraschungen.“
 

Sie grinste – leicht, nicht stolz, eher... gewohnt.

Panny schien sie trotzdem immer noch mit Angst anzuschauen.
 

Ohne weitere Vorwarnung schoss ihr rechter Arm erneut nach vorn, verlängerte sich ruckartig, und packte einen dicken Ast über ihnen.
 

„Festhalten.“
 

„M-MaaAAAAHH!!“, meckerte Panny schrill, als sie beide in die Luft geschleudert wurden.
 

Sirius schwang sich durch die Baumwipfel, geschickt, fast tänzerisch, von Ast zu Ast – wie Lianen auf der Jagd.

Nur dass Lianen nicht so laut geschrien hatten.
 

Alles, was man von Panny hörte, war ein einziges, durchgehendes, ziegenartiges Kreischen.

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„Mann, wie weit ist sie denn weggetrieben?!“, murrte Nebul und starrte in den reißenden Fluss.
 

Er scannte die Wasseroberfläche, suchte nach einem Zeichen von Sirius.
 

„Ich hab doch gesagt, dass der Fluss gefährlich ist...“, murmelte Tari leise.
 

„Jaja, und ich hab auch schon gesagt – sowas haut sie nicht um, sie—“
 

Ein plötzlicher, schriller Schrei unterbrach ihn.

Ein hoher, seltsamer Laut.

Fast... kindlich.
 

„Das klingt wie ein schreiendes Kind“, stellte Tari nüchtern fest.
 

„Meine Sensoren registrieren: nicht-menschlich.“
 

„L-LASS DAS! MAAAAAH!!“
 

„Klingt immer noch wie ein Kind“, meinte Nebul stirnrunzelnd.
 

Lautes Rascheln drang aus dem Dickicht.

Die beiden setzten sich in Bewegung, eilten durch das Unterholz, dem Lärm entgegen – bis eine vertraute Stimme durch die Bäume drang:
 

„Wenn du weiter so rumschreist, werd ich noch taub, du Zicke!“
 

„Das ist... SIRI!!“ piepte Tari.

Seine Robostimme überschlug sich beinahe.
 

„WAS ZUM TEUFEL TREIBST DU DA SCHON WIEDER?!“, brüllte Nebul.
 

Sirius tauchte zwischen den Ästen auf, schwang sich mit atemberaubender Leichtigkeit durch die Baumkronen.

In ihrem linken Arm: eine zappelnde, schwarz-weiße Ziege.
 

„HEY! Da seid ihr ja!“, rief sie grinsend und ließ sich mit einem kraftvollen Satz auf eine der riesigen Baumwurzeln fallen, direkt vor ihnen.
 

„GUCKT MAL, WAS ICH GEFUNDEN HABE!“
 

Sie streckte Panny triumphierend entgegen.

Die kleine Ziege sah aus wie ein wandelndes Nervenbündel – tränennasse Augen, zitternde Lippen, der Blick vollkommen überfordert.
 

Nebul starrte ihn an.

Dann Sirius.

Dann wieder die Ziege.
 

„Was zum... was hast du dir da bitte aufgegabelt?!“
 

„Das ist Panny! Ich hab ihn gefunden, als ich am Ufer aufgewacht bin! Voll super, die Ziege kann REDEN!“, sprudelte es aus Sirius.
 

Nebul verengte die Augen.

„Hör auf mit dem Blödsinn.“
 

„Nee, ernsthaft! Das ist DIE Ziege, von der der Stamm gesprochen hat!“
 

„Die sagten, das wäre Satan – und nicht so ein zitterndes Flauschknäuel.“
 

Tari trat näher, der Bildschirm flackerte beim Scan.

„Seltsam... Musterung einer Feuerziege. Farbgebung wie eine Wasserziege.“
 

„Genau! Panny ist beides! Und er kann reden!“

Sirius drückte Panny liebevoll an sich.

„Und knuffig ist er auch!“
 

„EEEK! HÖR A-AUF! DU ZERDRÜCKST M-M-MICH!“, quietschte Panny.
 

Nebul zuckte bei dem schrillen Ton zusammen, sogar Tari blinkte irritiert.
 

„HAT DIESE GOTTVERDAMMTE ZIEGE GERADE—“
 

„Sag ich doch, sie kann reden!“, sagte Sirius, ungerührt, Panny immer noch fest im Griff.
 

„Ich versteh echt nicht, was der ganze Aufriss soll – die Ziege ist doch süß.“
 

„Süß?! SÜSS?! Vielleicht, weil es eine VERDAMMTE SPRECHENDE ZIEGE IST?!“, schnauzte Nebul.

„WARUM ZUR HÖLLE KANNST DU REDEN?! DU BIST EIN TIER!!“
 

Panny quiekte vor Schreck und zappelte.

Sirius drehte sich schützend weg.
 

„Mann, Nebul, nicht so gemein! Panny ist noch ein Kind.“

Sie legte beruhigend eine Hand auf den kleinen Kopf.
 

„Warum bist du bitte nicht verwundert?!“
 

„Hä? Ich war am Anfang total baff – aber ich fand's eher cool!“, sagte Sirius, als wäre das die logischste Reaktion überhaupt.
 

„Zumal,“, fuhr Nebul mit dunkler Stimme fort, „wir haben ein GRÖSSERES Problem. Diese Blechbüchen haben Darakai gefangen genommen und—“
 

„UND DAS SAGST DU MIR JETZT ERST?!“, knurrte Sirius.
 

„Leute...“, piepte Tari, diesmal bestimmter.

„Könnt ihr bitte später streiten? Wir müssen einen Plan machen. Wir müssen Darakai befreien.“
 

Sirius’ Gesicht wurde ernst.

„Stimmt. Der Kerl weiß Dinge über Utopia... Wir dürfen diese Schrottkisten nicht gewinnen lassen. Was meinst du, Tari – ein Plan?“
 

Tari zögerte kurz.

Nebul mischte sich ein.

„Ich dachte, DU wärst der Chef!“
 

Sirius grinste.

„Ach, ich dachte, du wolltest keine Befehle von ’nem Mädchen annehmen!“
 

Nebul rollte die Augen.

„Klugscheiße später.“
 

Tari fuhr fort: „Ich glaube, es wäre zu gefährlich, wenn Panny mitkommt.

Aber hier draußen ist es ebenfalls unsicher. Vielleicht könnte der Khoranu-Clan—“
 

„NEIN! NEIN! ALLES, ABER DAS NICHT!!“, kreischte Panny. „I-ICH KANN NICHT! DIE TÖTEN MICH!“
 

Er zitterte wie Espenlaub.

Seine Stimme völlig schrill und mit Angst gefüllt.
 

„Hm? Zu uns waren die eigentlich ganz nett“, meinte Sirius.
 

„Du vergisst, dass sie uns anfangs töten wollten“, sagte Nebul kalt.

„Und sie hassen alles Fremde. Erinnerst du dich, wie sie über Tari geredet haben? Oder wie sie deine Nachtschlange fast zerlegt haben, weil sie verletzt war und sich an ihrem Vieh bedient hat? Bei ner sprechenden Ziege drehen die völlig durch!“
 

Sirius sah zu Panny, der nun sichtlich Angst hatte.
 

„Ich könnte auf ihn aufpassen“, sagte Tari ruhig.
 

„Und dann?“

Nebul verschränkte die Arme.
 

„Ich würde euch mit Abstand folgen, eure Spuren lesen. Wenn etwas schiefläuft, bin ich da. Aber ihr müsst euch beeilen – diese Cybermenschen... sie kennen kein Mitgefühl. Wer weiß, was sie Darakai alles antun, wenn er nicht spurt.“
 

Sirius und Nebul tauschten einen kurzen, ernsten Blick – dann nickten sie.

Sirius hockte sich hin und setzte Panny sanft auf den Boden.

Sie tätschelte seinen Kopf.
 

„Keine Sorge, Tari ist mein Freund. Du bist bei ihm sicher. Aber jetzt müssen wir was Wichtiges erledigen, okay?“
 

Panny zitterte, seine großen Augen suchten Halt.

„W-Warum... machst du das alles f-für mich?“
 

„Weil ich dich mag, Panny. Sei brav. Tari, ich zähl auf dich.“
 

Und dann – ohne weiteres Zögern – rannten Sirius und Nebul los.

Die Zeit lief.
 

„Nebul, weißt du, wo diese Blechbüchsen hin sind?“
 

„Nicht genau, aber ich hab gesehen, in welche Richtung sie Darakai geschleppt haben. Und da hinten hat’s nach Rauch und Maschinendampf gestunken.“
 

„Na das nenn ich mal einen Hinweis!“, grinste Sirius.
 

„Hör mal“, begann Nebul, während sie durch das grüne Dickicht huschten, „der Anführer von denen vorhin...“
 

„Der Typ mit Schultern wie Festungsmauern?“
 

„Genau der. Der hatte ’ne Rüstung, gegen die mein Schwert wie ein Zahnstocher wirkte. Aber...“ – ein Grinsen huschte über sein Gesicht – „als du ihm mit deinem komischen Heat-Orb eins ausgewischt hattest, da wurde er echt ungemüdlich.“
 

„Stimmt, Feuer mag er nicht so, was? Aber vielleicht liegt es auch daran, dass meine Schläge in dem Modus auch deutlich stärker sind.“
 

„Ist auch egal, es war effektiv! Ich kann aktuell nur ablenken. Ohne mein Katana bin ich aufgeschmissen.“
 

„Yep, wird Zeit, dass du deine Waffe wieder kriegst.“, sagte Sirius mit entschlossener Miene. „Und keine Sorge... Ich liebe es, Schrott auseinanderzunehmen.“
 

Sie verschwanden zwischen den uralten, moosbedeckten Bäumen – auf dem Weg, Darakai zu retten.

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„Aber Kaïra, der Andorianer meinte doch, du sollst nicht—“
 

„Ich weiß das, verdammt! Ich weiß, was ich tue!“
 

Die Erinnerung brannte noch frisch in ihrem Kopf.

Worte, vor wenigen Minuten gesprochen.
 

Doch jetzt rauschten nur noch der Wind in den Blättern und das gleichmäßige Schlagen von Vareks Pfoten durch das Dickicht in ihren Ohren.
 

Nudel war versorgt.

Die Nachtschlange hatte überlebt – knapp.

Die Wunden waren gereinigt, die schlimmsten Blutungen gestoppt.

Auch die verwundeten Krieger ihres Stammes lagen notdürftig verbunden im Lager.
 

Rings um den Wasserfall hatten ihre Leute Posten bezogen – Augen wachsam, Speere griffbereit.

Die Furcht war allgegenwärtig.
 

Jeder Schatten, jeder Laut konnte bedeuten: Die Cybermenschen kommen zurück.
 

Und sie hatten Kaïras Vater.

Den Häuptling.
 

Nebul und Tari hatten versprochen, Sirius zu finden – und gemeinsam mit ihr Darakai zu befreien.
 

Kaïra hätte es ihnen überlassen sollen.

Bei ihrem Volk bleiben.

Die Stellung halten.

Heilen.

Hoffen.
 

Aber Hoffen war nie ihre Stärke gewesen.
 

Das Warten schnürte ihr die Kehle zu, ließ ihre Hände zittern vor Wut und Angst.

Sollte sie hier sitzen und Tee verteilen?
 

Die Tochter des Häuptlings – und nichts weiter als ein Schatten am Rand?

Nein.
 

Sie wusste, sie konnte nicht viel ausrichten.

Aber zusehen konnte sie noch weniger.
 

Vielleicht konnte sie etwas herausfinden.

Vielleicht auch nur zuhören.

Sie würde sich nicht dumm und stumm im Lager verstecken, während die Welt draußen zusammenbrach.
 

Varek spürte ihre Entschlossenheit.

Sein Tempo erhöhte sich, und Kaïra hielt sich fester an seinem Fell fest.

Der große Wolf jagte durch das dichte Unterholz, lautlos und geschmeidig, wie ein Schatten.
 

Ab und zu senkte er die Schnauze, nahm eine Spur auf.

Und dann – plötzlich – bremste er ab.

Kaïra sog scharf die Luft ein.
 

Eine große weiße Kugel aus Metall, glatt und glänzend.

Rund wie ein Kieselstein, groß genug für eine ganze Gruppe.

An einer Seite: ein dunkles, schwarzes Fenster – undurchsichtig.

Still stand sie da, unheilvoll friedlich.
 

Und darum herum, wie ein Wächter aus einem Albtraum: die Cyberschlange.

Regungslos.

Augen geschlossen.
 

Ihr Körper war so groß wie Nudels, aber durchzogen von metallischen Platten, Schläuchen, kaltem Stahl.

Ein monströser Hybrid.

Kaïra musste sich den Magen halten.
 

Diese Kreatur war nicht freiwillig so geworden.

Das sah sie.

Fühlte sie.

Man hatte sie gebrochen.

Verkabelt.

Freiheit geraubt.

Seele geknebelt.

Sie konnte kaum atmen bei dem Anblick.
 

Ihr Blick glitt wieder zur Kugel.

Das musste es sein.

Das „Schiff“.

Oder was auch immer die Cybermenschen als Basis nutzten.
 

Kaïra ließ sich lautlos von Vareks Rücken gleiten, kauerte sich in das hohe Gras, das ihr Sichtschutz bot.
 

„Da drin sind sie, Varek...“, flüsterte sie heiser.

Ihre Stimme zitterte. „Da drin ist... Vater.“
 

Was, wenn es zu spät war? Wenn er—?

Ein tiefes, leises Brummen lenkte sie ab.

Varek hatte die Nase gehoben, schnupperte.

Seine Ohren zuckten.

Dann drehte er den Kopf zu ihr – und da war dieser Blick.

Wachsam. Aber... erfreut?
 

„Was ist los?“, fragte sie leise.
 

Der Wolf bellte nicht.

Doch in seinen Augen lag eine Antwort.
 

„Du kannst sie riechen, stimmt’s? Tari...Nebul... Sirius... sie sind in der Nähe.“
 

Hoffnung keimte in Kaïra auf.

Endlich.

Hilfe kam.
 

„Varek – geh! Finde sie! Führe sie hierher! Schnell!“
 

Ein letzter Blick – dann war der Wolf verschwunden, lautlos wie ein Schatten im Dickicht.

Kaïra blieb allein zurück.
 

Ihr Blick wanderte zurück zur Kugel eines Raumschiffesmund dann zu der regungslosen Schlange.

Sie atmete tief durch.

Sie wusste, das war Wahnsinn.
 

Aber vielleicht... vielleicht konnte sie hören, worüber die Cybermenschen sprachen. Vielleicht gab es einen Hinweis, eine Schwäche, einen Plan.

Informationen... sind manchmal die schärfste Waffe.
 

Geduckt, jeder Muskel angespannt, schlich sie näher an das fremdartige Schiff heran.

Kaum ein Rascheln verriet ihre Bewegung.
 

Ihre Augen ruhten wachsam auf der Cyberschlange.

Noch rührte sie sich nicht.

Kaïra spannte sich.

Ein Fehltritt, ein falscher Laut – und alles würde auffliegen.
 

Aber sie war nicht mehr nur Tochter eines Häuptlings.

Sie war eine Kriegerin.

Panny

„EEEEK! W-WAS S-SOLL D-DAS?!“, quietschte Panny, rannte auf der Stelle, während Tari's Roboterarm sich wie eine Schlaufe um seinen Hals legte.
 

„Du wolltest wegrennen. Ich hindere dich nur daran.“, piepte Tari nüchtern.

„Komm. Wir wollten doch Siri und Nebul folgen.“
 

„Du wolltest das – n-nicht ich!“
 

Tari marschierte los, schleifte Panny mühelos hinter sich her.

Sirius und Nebul hatten längst das Tempo angezogen, auf der Suche nach den Cybermenschen, um Darakai zu retten.
 

Tari hatte sich selbst die Aufgabe gegeben, auf das kleine Zicklein aufzupassen, das Sirius aufgelesen hatte.
 

„Weißt du, Panny…“, sagte Tari ruhig.

„Du könntest dich befreien. Ich weiß es.“
 

Panny japste nach Luft, als wäre er ertappt worden.
 

„Meine Sensoren haben längst erkannt, wozu du fähig bist. Aber du tust es nicht.“
 

„I-ich… dieser Mensch wird doch dann sicher sauer auf mich—“
 

„Das vielleicht. Aber du kannst dich wehren. Du hast eine gewisse Fähigkeit. Nur – du nutzt sie nicht.“
 

Tari hielt kurz inne, drehte sich zu Panny um.

„Warum?“
 

Panny senkte den Blick.

„Ich will niemanden verletzen… aber… ich versteh es einfach nicht…“
 

„Was verstehst du nicht?“
 

„Meine Herde… also, wo meine Mama war… sie hat mich verstoßen. Ich sah zu sehr nach einer Feuerziege aus… obwohl das eine Herde von Wasserziegen war.“
 

Seine Stimme zitterte.
 

„Und bei der Herde meines Vaters – die auf dem Vulkan – wollten mich auch nicht. Weil ich die Farben einer Wasserziege hatte. Ich bin… beides. Feuer und Wasser. Aber… ich war immer zu anders für beide Gruppen.“
 

Tränen stiegen auf.

Seine Stimme wurde dünn.
 

„Dann fanden mich Menschen. Ich dachte, jetzt wird alles anders… Ich dachte, sie würden mich mögen…“
 

Sein Blick flackerte, suchte Halt in der Ferne.
 

„Aber ich hatte solche Angst… dass ich ihnen auch zu anders war. Wie den Herden. Also… hab ich versucht, wie sie zu sein.“
 

Er erhob sich auf die Hinterbeine – stand da, wackelig, aber aufrecht.
 

„Ich wollte wie ein Mensch sein.“
 

Ein Moment der Stille.
 

„Doch dann… wollten sie mich töten.“, flüsterte er.

„Sie… nannten mich Satan. Dachten, ich sei besessen.“
 

Panny sackte in sich zusammen, Tränen rannen unaufhaltsam.
 

„Und jetzt… dieses Mädchen… Sirius… sie sagt, sie mag mich… aber was, wenn sie mich auch irgendwann zu gruselig findet?! W-wenn sie mich verlässt… w-wie alle anderen?!“
 

Sein Schluchzen wurde zum Keuchen, fast erstickend.
 

„I-Ich… ich weiß nicht mehr weiter… Ich w-will nicht… wieder allein sein…“
 

Eine metallische Hand legte sich sanft auf seine Schulter.
 

„Du brauchst keine Angst haben. Siri wird dich nicht alleine lassen.“
 

„W-woher willst du das wissen?!“
 

„Weil ich sie kenne. Seit sie ein Kind war.“
 

Panny schniefte, seine Unterlippe bebte.

„W-was bist du eigentlich… für ein Wesen…?“
 

„Ich bin ein Roboter. Ich bestehe aus Metall und Software.“
 

Panny blinzelte verwirrt.
 

„Kein Fleisch und Blut wie du. Ich weiß nicht, wie sich echte Trauer oder Freude anfühlt. Mein Programm beschreibt sie mir… aber ich kann sie nicht fühlen.“
 

Ein leiser Moment.
 

„Aber ich sehe, dass du eine schwere Last trägst. Ich… wünschte, ich könnte sie mit dir tragen.“
 

Langsam ließ Tari seinen Griff um Panny’s Hals los.
 

„Ich würde so gerne fühlen. Essen. Trinken. Einfach… leben. Aber ich kann’s nicht. Viele sagten, ich sei deswegen komisch. Doch Siri… hat mich nie allein gelassen.“
 

„Du l-lebst doch auch… du sprichst doch…“, flüsterte Panny.
 

„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es.“, sagte Tari.

„Und was ich sagen will: Ich bin ziemlich seltsam. Und Siri… sie hat mich trotzdem nie aufgegeben. Sie würde auch dich nie aufgeben.“
 

Panny sah Tari mit verheulten Augen an.

„M-meinst du… wirklich?“
 

„Siri ist eine Banditin. Laut. Wild. Aber niemals grausam. Sie hat Feuer im Blut.“
 

„I-ich hab’s g-gemerkt… ihre Arme—“
 

„Ja. Ihre Unterarme sind Prothesen. Können sich wie meine verlängern. Sieht beim ersten Mal komisch aus.“
 

Tari lächelte, ein leises Piepen entfachte.
 

„Viele fanden sie seltsam. Aber sie steht heute hier – selbstbewusst, stark. Und du kannst das auch.“
 

„I-ich? N-nein… ich bin zu klein… zu komisch…“
 

„Siri war das auch mal. Aber schau wo sie heute steht. Nun, sie sticht immer noch heraus, aber sie lebt es.“
 

Panny blickte zu Tari auf.

Still.

Tari machte ein paar Schritte nach vorn.
 

„Was ist nun? Kommst du mit? Oder bleibst du hier… im Dschungel?“
 

Panny senkte den Blick.

Holte tief Luft.

Und dann kamen die Erinnerungen.
 

Die ersten Momente des Lebens bei den Wasserziegen.

Wie sie ihn verachteten.

Seine Mutter, die sich abwandte.
 

Der Vulkan.

Die Feuerziegen, die ihn wegtrieben, trotz seines Vaters.
 

Der Fluss.

Der Hunger.
 

Dann – die Menschen.

Die seltsame, aufrechtgehende Gestalt mit dem Fellmantel.

Der Wolf.
 

Sie nahmen ihn mit hinter dem Wasserfall, ihr Zuhause.

Ihre Feuerziegen verachteten ihn auch, haben ihn beinahe zu Tode getreten.

Die anderen Menschen nahmen ihn auf.

Die ersten Male Milch.

Die ersten Male Hoffnung.
 

Und dann – die Angst.

Er wollte nicht, dass sie ihn wieder verstießen, so wie es seine beiden Herden es getan hatten.

Aber... es war das Schlimmste, was er getan hatte.
 

Panny zitterte.

Die Tränen fielen.

„I-Ich… ich will…“

Ein Keuchen.
 

„Ich will… EINFACH N-NICHT A-ALLEINE SEIN!!“, schrie er.
 

Die Tränen strömten.

Tari's Bildschirm zeigte ein sanftes Lächeln.
 

„Und das wirst du nicht. Wir werden dafür sorgen.“

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"DU ARSCH!!", brüllte Nebul, während Sirius ihn grob auf den Rücken des riesigen Wolfs Varek zog.
 

Die Bäume rauschten an ihnen vorbei, als sie durch den Dschungel hasteten.

Ein vertrautes Knurren ließ sie stoppen.
 

"Hey Nebul, das ist doch der Wolf von dem Wolfsmädchen!", rief Sirius, während der große, schwarz-weiße Wolf ihnen entgegeneilte, hechelnd, als wäre er erleichtert.
 

Varek sprang um sie herum, sein Schweif peitschte aufgeregt durch die Luft.
 

"Ja, aber was macht der hier?! Ist etwa was passiert?"
 

Varek schüttelte den Kopf.
 

"Oooh, ich dachte, Tiere können uns nicht verstehen."

Sirius grinste schief und schielte zu Nebul.
 

"Schnauze.", knurrte Nebul.
 

Der Wolf deutete mit ruckartigen Kopfbewegungen in eine Richtung.
 

"Er will also, dass wir mitkommen...", murmelte Sirius.
 

"Ach was du nicht sagst.", murrte Nebul sarkastisch.
 

Sirius sprang auf Varek.

"Ja, wahrscheinlich, weil der Wolf riechen konnte, wie verdammt lahmarschig du bist!"
 

"DU ARSCH!!" Nebul wurde am Kragen gepackt und aufgezogen.

Grob.
 

Varek setzte sich in Bewegung – schnell, kräftig, aber mit der Eleganz eines Raubtiers.

Er raste durch das Dickicht, zischte an Büschen vorbei, an Vögeln und Kleintieren, die erschrocken zur Seite huschten.

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Kaïra duckte sich unter das Bullauge.

Sie war nah dran.

Die Cyberschlange ruhte noch immer um das Schiff geschlungen, regungslos – aber sie wusste, das konnte sich jederzeit ändern.
 

Vorsichtig presste sie ihr Ohr gegen die metallische Kugelwand.

Gedämpfte Stimmen drangen durch.

Schwer verständlich, aber eine war deutlich.

Tief, rau – und vor allem: kalt.
 

„Nein. Du wirst nicht hier bleiben.“
 

Kaïras Herz raste.

Das war der Anführer.

Der Riese im Umhang.

Der, der versucht hatte Sirius zu töten.
 

Eine weitere Stimme – leiser, emotional – offenbar ihr Vater, aber zu undeutlich.
 

„Wir bringen dich zu unserer Königin. Du wirst berichten.“
 

Kaïras Augen weiteten sich.

Eine Königin?!
 

Ihr Hals fühlte sich plötzlich staubtrocken an.

Sie nehmen Vater mit!

Weg von hier?!
 

Sie schluckte.

Verdammt, was sollte sie tun?

Wer war diese Königin?
 

Die Cybermenschen – seelenlos, emotionslos, logisch bis zur Erstarrung – was interessierte sie an Utopia?

Schönheit?

Reichtum?

Unwahrscheinlich.
 

Weitere Stimmen erklangen, doch sie waren zu undeutlich.
 

Dann:

„Abfluginitiierung läuft. Rückkehrkurs: Mondas.“
 

NEIN.
 

Ein schrilles, aktivierendes Piepen – die Cyberschlange regte sich.

Das Brummen des Triebwerks vibrierte durch den Boden.
 

Kaïra reagierte.

Instinktiv.

Mutig.

Tödlich entschlossen.
 

Mit einem Schrei rammte sie ihren Speer durch das Sichtfenster – es splitterte.

Das Raumschiffinnere hielt den Atem an.
 

Darakai – gefesselt an einem fremdartigen, metallenen Stuhl, gehalten von Lichtschlaufen – riss die Augen auf.
 

"VATER!", brüllte Kaïra und durchstach das Fenster erneut.

Glas splitterte, öffnete einen Einstieg.
 

"Kaïra, WAS TUST DU?!", rief Darakai panisch.
 

Ein Schatten bewegte sich.

Der Cyberanführer trat hervor.
 

"Subjekt erneut identifiziert. Fehlerhafte biologische Einheit. Reaktion erforderlich"
 

Seine Stimme war tonlos.

Metallisch.

Als wäre jede Silbe exakt kalkuliert.
 

"Ich warne euch. Wir hatten eine Übereinkunft.", flehte Darakai. "Ihr hattet versprochen, meiner Tochter nichts–"
 

„Auch das beinhaltet, dass sich die biologische Einheit nicht weiter einmischt.“
 

„Störfaktor erkannt. Eliminierungsprotokoll: aktiv.“, sagte einer der Cybermenschen
 

Kaïra wich nicht zurück.

Sie zog sich hinein, die Hände umklammerten ihren Speer.
 

"Ihr nehmt meinen Vater nicht mit!"
 

Die Cybermenschen um den Anführer gingen in Position.

Synchron.

Statisch.
 

„Einmischung erkannt. Eliminierung berechtigt.“
 

Kaïra spannte sich an.

Sie wusste: Sie musste Zeit gewinnen.

Nur lange genug, bis Sirius und die anderen eintreffen...

Verloren, nicht besiegt

Mit einem Kampfschrei sprang Kaïra voran, den Speer erhoben.

Ihr Blick galt dem Anführer – doch im letzten Moment täuschte sie, riss ihren Körper zur Seite und rammte die Waffe mit voller Wucht in eines der Controlboards.
 

Ein grelles Zischen, dann splitterndes Knacken.

Funken stoben auf, als die Spitze sich in die Elektronik bohrte.
 

Der Anführer reagierte sofort – wuchtig, mechanisch.

Seine Pranke schnellte vor, aber Kaïra war schon in der Luft, rollte sich ab, landete ein paar Meter weiter – zack, zweiter Stoß.

Wieder zischte es.

Das Board zuckte unter dem Angriff.
 

„Na los – zeig mir, wie sehr du auf Technik angewiesen bist...“, knurrte sie zischend.
 

Die Cybermenschen formten lautlos ihre Arme um.

Waffeneinheiten schälten sich heraus, zielten.
 

Doch der Anführer hob eine Hand.

„Nicht feuern. Risiko struktureller Selbstschädigung: zu hoch.“
 

Seine Schritte waren schwer und metallisch.

Jeder Tritt ließ das Deck unter Kaïra vibrieren.

Sie wusste, gegen ihn direkt hatte sie keine Chance.

Nur Zeit – sie musste Zeit gewinnen.
 

Er griff nach ihr – doch sie glitt unter seinem massigen Körper hindurch, wendig wie ein Schatten.

Doch plötzlich – kalte, stählerne Finger schlossen sich um sie.
 

„UGH! LASS MICH LOS, DU BLECHKÜBEL!“
 

Sie strampelte, trat, wollte den Speer ziehen – aber seine Hand packte ihr Hemd, hob sie hoch, als wäre sie nur eine Puppe.
 

„Bitte...! Verschont sie... ich sag euch alles... alles, was ich weiß, ich–!“, flehte Darakai.
 

Aber bevor er zu Ende sprechen konnte, riss Kaïra den Speer hoch – und rammte es dem Anführer direkt in die glühende Augenhöhle.
 

Ein Splittern.

Ein Geräusch wie Glas, das in tausend Teile zerspringt.

Und dann – ein Schrei.
 

Nicht metallisch.

Nicht verzerrt.

Menschlich.
 

Kaïra zuckte zusammen.

Es war nicht der Schrei einer Maschine.
 

Es war... Schmerz.

Echter Schmerz.
 

Er ließ sie fallen.

Der Speer steckte noch immer in seinem Auge.

Alles um sie herum hielt den Atem an – selbst die Cybermenschen.

Bewegten sich nicht.

Starrten nur.
 

Langsam, mit einem widerlichen Plopp, zog der Riese den Speer aus seiner Augenhöhle.
 

Kaïras Blick senkte sich.

Blut.

Rotes, menschliches Blut tropfte an ihrer Waffe herab.
 

„Das ist...“, hauchte Darakai fassungslos.
 

Rampart tastete sein Gesicht ab, schnaufte schwer – und knurrte:

„Du... Miststück...!“
 

Die Stimme vibrierte.

Zorn, echter Zorn – keine Emulation, kein kalter Code.
 

Er packte sie.

Jetzt ohne Zögern.

Kaïra strampelte, konnte nicht mal mehr nach ihrem Speer greifen.
 

„Initiieren: Rückzug. Statusbericht: verwundet. Ziel: extrahiert.“
 

„Befehl bestätigt, Rampart. Abflugsequenz: gestartet.“, sagte einer der Cybermenschen.
 

Rampart stapfte los.

Kaïra spürte seinen Griff wie Eisen um ihren Hals.

Die Tür des Raumschiffes öffnete sich.
 

„DU MISTKERL! DU KOMMST NICHT DAMIT DAVON!“
 

Er hob einen Arm – Kaïra sah, wie sich das Laserfeld sammelte, vibrierte.
 

Schuss.
 

Ein greller Strahl.

Sie wurde nach hinten geschleudert, hart auf dem Boden aufprallend.
 

Hitze brannte durch ihre Schulter, Blut schoss ihr den Arm hinab.

Warm, dick, aber... sie spürte es kaum.

Das Adrenalin rauschte ihr wie Donner in den Ohren.
 

Sie kämpfte sich hoch – Staub wirbelte ihr entgegen.

Das Raumschiff vibrierte.

Dann – Bewegung.
 

„NEIN!!“

Doch die Tür war zu.
 

Ein Flammenstoß.

Kaïra riss die Arme vors Gesicht.

Hitze peitschte über ihre Haut.

Das Schiff hob ab, donnerte in den Himmel.
 

Die Cyberschlange – riesig, unheilvoll – erhob sich kurz darauf, flog hinterher.

Sie waren außer ihrer Reichweite.
 

Und Kaïra – sie sank zu Boden.

Ihre Schultern zitterten.

Die Augen weit, unbewegt.
 

Stille.
 

Keine Windböe, kein Funke, kein Laut.

Nur diese erdrückende, raumlose Leere, die in den Ohren pochte.
 

Kaïra kniete auf dem zerfurchten Boden, und plötzlich – wie aus dem Innersten heraus – stieß sie einen erstickten Laut aus und schlug mit beiden Fäusten auf den staubigen Untergrund.

Und nochmal.

Und nochmal.

Und nochmal.
 

Bis sie nichts mehr spürte in ihren Händen.

Bis das Blut von ihrer verletzten Schulter ihre Fingerspitzen erreichte und der Schmerz langsam nach oben kroch wie ein kalter Schatten.
 

Es war nicht genug.

Nicht mal annähernd.

Sie hatte versagt.

Ihr Vater... war fort.

Nicht nur verschwunden.

Nicht nur entführt.

Er war fort.
 

Und sie wusste, auch wenn sie es nicht sagte – er würde nie zurückkehren.

Tränen liefen ihr ungehindert über die Wangen.

Sie schmeckten nach Staub.

Und Scham.
 

Was sollte sie dem Stamm sagen?

Dass sie gescheitert war?

Dass sie nicht in der Lage gewesen war, Darakai, ihren Anführer, ihren Vater, zu retten?

Dass sie nur dagestanden hatte, während das Raumschiff abhob und verschwand?
 

Sie schlug erneut auf den Boden.

Ihre Knöchel brannten.

Etwas knackte.

Vielleicht ein Fingerknochen.

Vielleicht nur ihr Herz.
 

Dann – ein Geräusch.

Rascheln.

Drängen.

Schnauben.

Kaïra hob müde den Kopf.
 

Ein Schatten näherte sich schnell – vier Beine, schwarz-weißes Fell.

Und auf dem Rücken: zwei vertraute Silhouetten.
 

„WOLFSMÄDCHEN!!“, rief Sirius freudestrahlend.
 

Varek, der große Wolf, galoppierte direkt zu ihr.

Sirius sprang elegant von seinem Rücken, grinste – doch schon beim Näherkommen stockte ihr das Lächeln.
 

„Hey... was ist denn los...?“
 

„Es ist zu spät...“
 

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

Sie zitterte.

Ihre Augen starrten ins Leere.
 

„Sie sind weg. Ich konnte sie nicht aufhalten...“
 

Sirius’ Blick wanderte zur plattgewalzten Erde, zur verkohlten Zone, wo das Raumschiff gestanden hatte.

Neben ihr trat Nebul mit finsterem Gesichtsausdruck näher.

Schweigend.
 

„Sie haben meinen Vater. Und ich werde ihn nie wieder sehen.“
 

Varek trat langsam an sie heran, senkte den Kopf und drückte ihn sacht gegen ihren Oberkörper.

Die Geste war still – aber voller Trost.

Fast menschlich.
 

„Glaubst du, die bringen den um? Ich dachte... die wollten nur...“
 

„ICH BIN DOCH NICHT BESCHEUERT!!“
 

Ihr Kopf fuhr nach oben, Augen blitzend.

Wut flackerte auf, glühend und roh.
 

„Ich traue diesen Monstern keinen Meter über den Weg! Warum sollten sie ihn zurückbringen? Wenn er keinen Nutzen mehr hat, dann... dann beseitigen sie ihn.“
 

In ihrer Stimme lag Bitterkeit.

Und dahinter: tiefer Schmerz.
 

Nebul verschränkte die Arme und brummte mehr, als er sprach:

„Sie hat ’nen Punkt. Die Blechbüchsen wirkten nicht so, als würden sie gern Rückfahrkarten ausstellen. War auch nie Teil der Abmachung, dass er wiederkommen soll.“
 

„Er wollte nur, dass mein Stamm unversehrt bleibt... Dass wir überleben.“
 

Sie senkte den Blick, erinnerte sich an seinen Blick.

Diese letzte Bitte.
 

„Diese Monster aus Stahl... Mein Speer war nutzlos. Aber...“
 

Ihr Blick hob sich wieder, langsam, entschlossen.

Sie sah Sirius und Nebul direkt an.
 

„Nein. Nicht nutzlos. Es hat etwas gebracht.“
 

Nebul hob eine Braue.

„Wie das denn? Selbst mein Schwert ist an dem Typen abgebrochen wie'n nasser Keks.“
 

„Ich hab ihn ins Auge gestochen. Und er... er hat geblutet. Echtes menschliches Blut.“
 

Stille.

Beide starrten sie an.
 

„Das heißt ja...“
 

„Sie sind verwundbar.“, grinste Sirius.
 

„Ich wollte sagen, dass sie keine reinen Maschinen sind, aber ja – auch das.“, murrte Nebul.
 

„Aber diese Rüstung... Die ist verdammt dick!“
 

„Sicher. Aber wenn wir wissen, dass unter der Rüstung was Weiches steckt – dann gibt’s ’nen Weg rein. Und das bedeutet: wir haben ’ne Chance.“
 

Kaïra starrte sie an, als hätte sie das gerade nicht richtig gehört.

„Was... meinst du damit...?“
 

Mit entschĺossenem Blick und erhobener Faust, sprach Sirius:

„Na was wohl! Wir holen deinen Vater da raus.“
 

Kaïras Mund öffnete sich.

Ihre Augen wurden groß, glasig.

Sie Stimme leise und flüsternd.

„Aber... warum...?“
 

„Erstens: weil er uns Infos zu Utopia schuldet. Und...“

Sie legte Kaïra sanft die Hand auf die Schulter.
 

„...weil wir Freunde sind.“
 

Sirius kicherte leicht.

„Außerdem muss ich für Nudel ein Versprechen halten.“
 

Nebul zog skeptisch die Augenbraue hoch.

„Bitte was...?“
 

Kaïra starrte sie weiter an.

Ungläubig.

Überwältigt.

„Siri... du...“
 

Sie hob eine Hand an ihren Mund.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen – diesmal nicht aus Schmerz, sondern aus... Hoffnung.
 

„Danke...“
 

Varek machte ein leises, zufriedenes Geräusch.

Sein Blick war wachsamer denn je, aber weich, fast wie ein zustimmendes Nicken.
 

„Und was zur Hölle hat das jetzt mit dieser Nachtschlange zu tun...?“
 

„Als Nudel vorhin da lag – verletzt – hat sie mir gesagt, wir sollen ihren Freund retten.“
 

Nebul starrte sie an, blinzelte.

„Aber die ist ein Tier..."

Er stoppte.

„Weißt du was? Vergiss es.“
 

„Na, wieder was gelernt?“

„KLAPPE!“
 

„Aber wie genau wollt ihr denen eigentlich folgen? Ihr habt doch kein fliegendes Schiff wie die, oder?“, fragte Kaïra.
 

„Nee, aber... ich hätt’ mich einfach weiter durch den Dschungel geschlagen, bis ich irgendwo rauskomm und dann—“
 

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?!“, unterbrach Nebul sie.

„Hä? Was denn?“
 

Nebul schlug sich die Hand mit einem dumpfen Klatsch vors Gesicht.
 

„DU IDIOT! WEISST DU ÜBERHAUPT, WO WIR SIND?!“
 

„Na im Dschungel. Auf der Kreatureninsel oder so?“, Sirius zuckte mit den Schultern.
 

„Und was genau ist die Kreatureninsel, hm?!“, knurrte Nebul mit sarkastischem Ton.

Sirius neigte den Kopf, als würde die Antwort in den Blättern über ihnen hängen.
 

„AUF. EINER. INSEL. DU TROTTEL!! DU KOMMST HIER NICHT EINFACH RUNTER!!“
 

„Oh... na ja, mit ’nem Boot kann man doch—“
 

„Siri... die Kreatureninsel... sie schwebt. Hoch über dem Festland.“, erwiderte Kaïra.
 

„Oh... MOMENT, WAS?! Und wie—also... wie kommt man dann da runter?!“
 

Kaïra strich Varek übers Fell, während sie sprach.

„Für den Khoranu-Clan... war das nie nötig. Wir leben hier. Wir sterben hier.“
 

Sirius kratzte sich am Kopf.

„Hmm... na ja. Ich find schon ’nen Weg raus. Ich bin gut in sowas.“
 

„Optimistisch wie immer, was?“, seufzte Nebul und schüttelte den Kopf.
 

„Ist doch besser, als Trübsal zu blasen.“, entgegnete Sirius.
 

„Was auch immer... Aber hört mal. Bei dieser Brandstelle, kann sogar ich sagen, dass das Schiff... nicht besonders groß war. Heißt: die können nicht endlos weit fliegen. Müssen irgendwo zwischenlanden. Oder ihr Ziel ist näher, als wir denken.“, sagte Nebul und zeigte auf die angekohlte Stelle, wo das Raumschiff der Cybermenschen einst stand.
 

"Ja, dazu habe ich Teile ihres Schiffes beschädigt. Sie können also nicht ewig fliegen.", fügte Kaïra hinzu.
 

„Na siehst du!“, grinste Sirius, völlig zufrieden.
 

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber... bevor ich wieder falsch liege, sag ich lieber gar nichts.“

Ein winziges Grinsen zuckte über sein Gesicht.

Fast unmerklich.

„Also – was ist euer Plan?“
 

„Tari und Panny sind unterwegs. Wenn sie hier sind, dann...“
 

„Panny?“, fragte Kaïra völlig hellhörig.

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
 

„Ja, die Ziege, von der du erzählt hast! Ich dachte, das wär ’ne Bestie oder so, weil ihr so über ihn erzählt habt – aber die ist voll süß!“
 

Kaïras Gesicht veränderte sich.

Das Lächeln, das aufkeimen wollte, wurde von Traurigkeit erstickt.

Sie sah zu Boden, während ihre Finger durch Vareks Nackenfell glitten.
 

„Ja... ich finde ihn auch süß. Aber mein Clan... sie sahen in ihm nur ein schlechtes Omen. Sie glaubten, Panny würde den Zorn der Geister bringen. Dass er verflucht sei. Besessen. Von... Satan.“
 

„Verdammt. Ich hätt’s ja GEFEIERT, wenn das wirklich Satan gewesen wäre. Ich meine, wie COOL wäre es, Satan höchstpersönlich zu jagen?! Aber nö. Was seh ich? Ein zitternes Häufchen Fell.“
 

Sirius lachte.

„Mach dir keinen Kopf. Ob er’s will oder nicht – ich hab’s längst entschieden. Ich nehm ihn mit!“
 

„Ihr... würdet ihn...?“
 

„Na klar! Ne sprechende Ziege? Perfekt für mich!“
 

Nebul verdrehte die Augen.

Innerlich stöhnte er, doch äußerlich blieb er cool.
 

Banditengruppe.

Was für ein Haufen: Eine irre Anführerin, die aussieht wie ein Mensch, sich aber am schrägsten benimmt. Ein schlecht gelaunter Andorianer. Ein Roboter mit Existenzkrisen. Und jetzt... eine sprechende Babyziege.
 

„Bitte... kümmert euch um ihn. Er ist noch ein Kind. Mein Clan hatte solche Angst vor ihm, dass sie ihn verjagten. Ich hab versucht, ihn zu finden, aber... er lief immer vor mir weg. Hat sich versteckt.“
 

Ihr Blick wich ab, senkte sich.

„Ich stellte Milchschalen aus, aber... ich wusste, es würde nicht reichen. Nicht auf Dauer. Nicht in einem Dschungel voller Monster.“
 

„Und dein Vater konnte das nicht unterbinden...?“
 

Kaïra schüttelte den Kopf.

„ Er hat es versucht. Aber die Ältesten... sie schürten Angst. Panik. Und irgendwann war es zu spät. Aber ich bin froh, dass er jetzt bei euch sein wird.“
 

Ein Rascheln ließ sie innehalten.

Blätter bewegten sich.

Ein metallisches Tappen.

Eine Silhouette im Gegenlicht.
 

„Sieh mal – da sind sie.“

„TARI!“, rief Sirius freudestrahlend.
 

Hinter dem Roboter lugte ein kleiner, zögerlicher Ziegenkopf hervor.

Panny.

Seine großen Augen glitzerten, als er Kaïra sah – und er duckte sich sofort hinter Tari.
 

„Ich hatte doch recht, Panny. Die Fußspuren gehörten zu Varek. Kein Wildtier, dass Sirius und Nebul gefressen hat.“
 

„Ja, der Wolf war unser Chauffer und hat uns hierher gebracht!“
 

Panny starrte.

Kaïra erwiderte den Blick, zaghaft, sanft.
 

„Panny...“
 

Die Ziege zuckte zurück, versteckte sich tiefer.

Kaïra sah weg.

Erinnerungen brannten in ihr hoch.
 

Wie sie ihn fand, damals – ausgestoßen.

Von zwei Herden zugleich.

Wasserziegen.

Feuerziegen.

Niemand wollte das Blut des anderen unter sich dulden.
 

Kaïra hatte ihn aufgenommen.

Versorgt.

Geliebt.

Und dann... begann er zu sprechen und lief aufrecht.
 

„Ich freue mich für dich, dass du ein neues Zuhause hast.“
 

Pannys Kopf schoss nach oben.

Die Verwirrung war ihm ins Gesicht geschrieben.
 

„Du kommst mit uns, Kleiner! Ab heute bist du ein Bandit!“, grinste Sirius.
 

„A-Aber... w-was ist... was ist ein Bandit...?“
 

„Das wirst du sehen! Aber zuerst haben wir Wichtigeres zu erledigen.“

Kein Plan, aber ein Versprechen

Sirius und Kaïra kehrten mit Varek zurück zum Wasserfall, wo sich der Khoranu-Clan befand.

Kaum hatten sie den Eingang erreicht, stürzten sich die Stammesmitglieder auf Kaïra.
 

Rufe hallten durch die Höhle, als sie ihre Tochter des Häuptlings sahen – blutverschmiert, zerschunden, aber am Leben.
 

„Kaïra! Bei den Ahnen – was ist mit deiner Schulter passiert?!“
 

Kaïra wankte leicht.

Die Schulter war schwer blutig, wo Ramperts Laserschuss sie getroffen hatte.

Doch sie sagte kein Wort, bis sie halbwegs versorgt war, umgeben von Heilerinnen mit Kräutertinkturen und Tüchern aus Baumfaser.
 

Dann kam die eigentliche Frage:

„Wo ist Darakai?“
 

Kaïra senkte den Blick.

Sie hatte sich auf diesen Moment vorbereitet, und doch fiel es ihr schwer.
 

„Die Cybermenschen haben ihn... Sie konnten fliehen. Mit ihm.“
 

Stille senkte sich über das Lager.

Die Luft war schwer wie Stein.
 

„Ich habe versucht, sie aufzuhalten. Aber... es war nicht genug.“
 

Unruhe ging durch die Menge.

Einige begannen zu flüstern, andere blickten misstrauisch zu Sirius.
 

Doch Kaïra hob die Stimme – fester diesmal, fast trotzig:

„Es war nicht ihre Schuld! Aber wir sind noch nicht verloren! Sirius und ihre Banditen... sie werden ihnen folgen. Sie bringen ihn zurück. Ich schwöre es.“
 

Ein alter Krieger schnaubte.

„Eine Fremde soll unseren Häuptling retten?“
 

„Was wir mit Speeren nicht schaffen, werden sie mit Mut und Wahnsinn versuchen. Und manchmal reicht genau das.“, entgegnete Kaïra.

"Und vergesst nicht, Helios hat uns damals auch gerettet. Obwohl er ein Fremder war."
 

Am Rande der Lichtung lag Nudel.

Die riesige Nachtschlange war schwer verwundet, doch sie richtete sich leicht auf, als sie Sirius erkannte.

Ihr verbliebenes Auge schimmerte sanft, so wie ein verletzter Stern im Nebel.
 

Sirius trat näher.

„Wenn du nicht so verletzt wärst, würdest du uns sicher tragen, hm?“
 

Nudel hob den Kopf, versuchte es – zuckte zusammen.

Schmerz fuhr durch ihren Körper, und sie sackte wieder zusammen.

Ein klagendes, tiefes Winseln entrang sich ihrer Kehle.
 

„Nudel, nein!“

Sirius’ Stimme wurde schärfer, besorgt.

„Ich sehe doch, wie weh es dir tut. Ich weiß, du willst mit. Immerhin... haben sie deinen Freund.“
 

Kaïra trat neben sie und sah ebenso besorgt zu der Nachtschlange.
 

„Diese Cyberschlange... was immer sie war, sie steckt noch irgendwo da drin. Und Nudel hat ihn nicht verletzt – selbst als er sie fast getötet hätte. Sie hätte kämpfen können. Hat es nicht getan.“
 

Kaïra ließ sich neben Nudel nieder, presste die Lippen zusammen.

Ihr Blick wanderte zum Dschungelrand.
 

„Die Frage ist nur... wie kommt ihr überhaupt runter? Wir sind auf einer schwebenden Insel.“
 

Sirius verschränkte die Arme.

„Hmm... Wie weit ist es bis zum Boden?“
 

„Wir sind knapp über den Wolken.“
 

Sirius verzog das Gesicht.

„Oh. Das ruiniert eventuell einen meiner Pläne.“
 

Kaïra hob eine Braue.

„Welchen?“
 

„Runterspringen.“
 

Ein langer Moment.

Dann ein müdes Seufzen von Kaïra.

„Du bist wirklich lebensmüde.“
 

„Aber wie sollen wir sonst runterkommen?!“
 

Hinter ihnen versuchte sich Nudel erneut aufzurichten.

Ihre Flanke zuckte, ihr Atem ging schwer.

Sie wollte mit – das war offensichtlich.
 

Doch Sirius war schneller, stellte sich ihr in den Weg.

„Lass das! Du machst alles nur schlimmer!“
 

Nudel zischte leise, erschöpft.

Sirius trat näher, streichelte den massiven, geschuppten Hals.
 

„Bleib. Du musst heilen, sonst kannst du niemandem helfen.“
 

Sie wandte sich zu Kaïra.

Ihre Stimme wurde weich, beinahe schuldbewusst.
 

„Ich weiß, ihr wollt mit. Beide. Aber... ich verspreche euch, wir schaffen das auch so.“
 

Kaïra schwieg.

Ihre Schultern zuckten leicht unter dem Verband.

In ihren Augen brannte der Wunsch, selbst zu handeln.

Zu kämpfen.

Zu retten.
 

Doch ihre Verletzung war tief.

Und sie wusste es.
 

„Ich bin die Tochter des Häuptlings... ich sollte bei seinem Blut sein, nicht hier. Aber ich... ich kann kaum meine Waffe heben.“
 

„Dann heb deine Hoffnung. Die reicht fürs Erste.“
 

Sirius wandte sich ab.

Ihre Fäuste spannten sich.
 

„Wolfsmädchen – pass auf Nudel auf. Und halt sie davon ab, Dummheiten zu machen.“
 

„Und was ist mit dir?“
 

„Wir gehen weiter. Nach Norden. Bis zum Rand des Dschungels.“
 

„Und dann? Was dann, Sirius?!“
 

Sirius war schon auf dem Weg.

Sie drehte sich nicht um.
 

„Dann finden wir einen Weg. Irgendeinen.“
 

Kaïra sah ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwand.

Einer der Krieger trat zu ihr.

„Und ihr vertraut ihr wirklich?“
 

Kaïra antwortete nicht sofort.

Dann sah sie hinüber zu Nudel.

Zu ihrer verletzten Schulter.

Zu ihrer Unfähigkeit zu gehen – und doch ihrem ungebrochenen Blick.
 

„Sie ist verrückt“, murmelte sie. „Aber sie gibt nie auf.“

Ein Lächeln zuckte über ihre Lippen, flüchtig wie Licht durch Blätter.

„Und das... ist manchmal mehr wert als jede Rüstung.“

____________________________________________________________________
 

„Du hast also immer noch keinen Plan, wie wir von dieser verdammten Insel runterkommen?“
 

Nebuls Stimme war ein dunkles, brummendes Knurren zwischen den Bäumen.
 

„Uff, kannst du mal nicht so nörgeln?“, keifte Sirius zurück.

„Lass mich einfach mein Ding machen. Irgendwas wird mir schon einfallen.“
 

Die Gruppe schob sich durchs dichte Blätterwerk.

Tari ging voraus – sein Bildschirm scannte ruhig die Umgebung, sein interner Kompass führte sie konsequent nach Norden.
 

Dahinter Sirius und Nebul, nebeneinander, wobei Nebul immer mal wieder einen Ast beiseiteschlug, als hätte der Wald ihm was getan.
 

Panny trottete am Ende, etwas abseits, mit leicht eingezogenem Kopf – das Gras streifte seinen kleinen Ziegenschnäuzchen, und seine Hufe tappten zaghaft.
 

„...Weißt du“, murmelte Sirius plötzlich, „Tari kann ja fliegen...“
 

„Siri“, antwortete der kleine Roboter sachlich, ohne sich umzudrehen, „ich kann höchstens einen von euch tragen. Kurzzeitig.“
 

„Ja, ja, schon klar – aber du könntest halt mehrmals fliegen, oder?“
 

„Das würde... erheblich viel Zeit in Anspruch nehmen. Und Energie. Und Logistik.“
 

„Na und? Willst du hier Wurzeln schlagen, oder was?“

Sirius trat energisch durch ein Gebüsch.
 

„Alternativ könnten wir zur Weltraumbasis zurückkehren und dort ein geeignetes Transportmittel stehlen.“
 

„Tari, ehrlich? Nach einem Tag wieder angekrochen kommen? Da kann ich mich gleich auf den Rücken legen und ne Fahne hissen: Mission gescheitert, holt mich ab!“
 

Nebul stieß ein verächtliches Schnauben aus.

„Und wer von euch kann eigentlich ein Raumschiff fliegen? Hm?“
 

Tari hob eine metallene Hand.

„Ich könnte mit präziser Datenanalyse und Trial-and-Error-Prinzipien–“
 

„Nein! Nix mit 'mal ausprobieren'! Nicht bei nem Raumschiff!“ fauchte Nebul.

„Wenn ich mit einem Raumschiff fliege, will ich gar nicht hören, dass der Pilot zum ERSTEN MAL fliegt!“
 

Mit funkelnden Augen drehte er sich zu Sirius.

"Und warum hast DU keine Ahnung von Raumschiffen? Du wurdest doch zu ner Weltraumsoldatin ausgebildet!"
 

„Was hätte ich denn tun sollen?!“

Sirius blieb stehen, wirbelte herum, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Mein Opa hat mich nie auch nur in die Nähe von einem Schiff gelassen!“
 

Tari drehte sich langsam um, seine Stimme nüchtern:

„Weil du es ohne Zögern gestohlen und vermutlich halb in die Luft gejagt hättest.“
 

Sirius schnaubte.

„Ha! Halb wär wenigstens noch effizient gewesen.“
 

Panny, der bislang schweigend versucht hatte, in den Schatten zu bleiben, sah irritiert zwischen den dreien hin und her.

Wenn sie so zerstritten waren, dachte Panny sich, waren sie noch zusammen?

Vielleicht war das einfach... deren Art?
 

Sie stapften weiter, bis sich der Wald vor ihnen plötzlich lichtete.

Eine moosbedeckte Lichtung öffnete sich unter dem violettgoldenen Himmel des nahenden Abends.

Die Luft roch nach feuchtem Holz und schlafendem Grün.
 

„Hier. Ich schlag vor, wir bleiben für die Nacht“, meinte Sirius, blieb stehen und ließ die Hände an ihre Hüften gleiten.
 

Nebul sah sich um.

„Hm. Breite Sicht. Keine Schlucht. Keine Schlingpflanzen. Geht klar.“
 

Ein gurgelndes Magenknurren durchbrach die Stille.

Sirius blinzelte.

„...Und 'n Happen zu essen wär auch nicht übel.“
 

„War klar, aber... ich hab kein Schwert mehr“, knurrte Nebul. „Jagen fällt aus.“
 

„Hab ich doch gar nicht verlangt, Idiot! Ich krieg schon was erlegt. Du darfst’s nur für mich schleppen! Oh und ein Feuer brauchen wir!“
 

„Oh äh…“, meldete sich plötzlich Panny zaghaft.

„I-ich könnte das Feuer machen. Wenn ihr... also... wollt.“

Seine Hufe scharrten verlegen am Boden.
 

Sirius grinste breit.

„Ach ja, fast vergessen – du bist ja 'ne halbe Feuerziege. Na perfekt! Dann wird das wenigstens ordentlich warm.“
 

„Und ich kümmere mich um Brennmaterial“, fügte Tari an und drehte sich um, bereits auf dem Weg zu den nächsten Bäumen.

„Trockenes Holz, mittlere Dicke. Feuchtigkeitsscan läuft.“
 

„Siehste“, meinte Sirius an Nebul gewandt.

„Und du dachtest, ich hätte keinen Plan.“
 

Nebul verschränkte die Arme.

„Du hast auch keinen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun !“
 

„Denk was du willst, du alter Knurrhahn.“

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Die Nacht war hereingebrochen.

Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, und die warme Luft kühlte langsam ab.

Käfer zirpten, Glühwürmchen schwebten zwischen den Bäumen.
 

Auf einer Lichtung flackerte ein Lagerfeuer – überraschenderweise in einem leuchtenden Blau.

Zur Verwunderung aller hatte sich herausgestellt, dass Panny nicht nur Feuer spucken konnte – wie eine klassische Feuerziege – sondern blaues Feuer.
 

Sirius hatte es sich bereits bequem gemacht und biss herzhaft in eine große, gebratene Keule – ein weiterer Wolpertinger, eines dieser seltsamen hasenartigen Wesen.
 

Sie hatte heute schon einen verputzt, doch das störte sie nicht.

Fleisch war Fleisch, und sie hatte Hunger.
 

Nebul hatte das riesige Biest zuvor zerlegt – mit ein paar scharfkantigen Steinen und viel Widerwillen.

Ohne seine Waffe war er schlecht gelaunt, aber wenigstens war Sirius so versorgt.
 

Panny hingegen beobachtete sie mit wachsender Nervosität.

Wie konnte ein so schlankes Mädchen Keule um Keule wegputzen, als wären es Blaubeeren?
 

Unsicher wandte sich die kleine Ziege an Tari.

„M-Mag Sirius eigentlich auch... Z-Ziegenfleisch?“, fragte er ängstlich.
 

Tari piepte ruhig: „Alles, was gebraten ist, schmeckt ihr. Aber mach dir keine Sorgen – die Wahrscheinlichkeit, dass du auf ihrer Speisekarte landest, ist verschwindend gering.“
 

„V-Verschwindend...? Also...g-gibt es doch eine Ch-Chance?!“, japste Panny entsetzt.
 

„Ich habe gelernt, niemals 'nie' zu sagen.“
 

„Tari!“, fuhr Sirius dazwischen.

„Willst du ihm ernsthaft Angst machen? Das ist doch mein Job!“
 

Sie grinste schelmisch.

„Aber mal ehrlich... Ein Nachtisch wär schon genial...“
 

„M-MÄÄH?!“, quietschte Panny und zuckte zusammen.
 

„War’n Witz, du Schisser! Auch wenn ich echt noch ’ne Keule vertragen könnte...“
 

Sie blickte zu Nebul.

Ihre großen braunen Augen funkelten wie die einer bettelnden Katze.
 

„Was glotzt du so? Wie oft noch?! Ich jag’ nichts, solange ich mein Katana nicht hab!“, knurrte Nebul.
 

„Ja ja, weiß ich doch...“
 

„WARUM starrst du dann?!“, fauchte er und schob sich das Haar aus dem Gesicht.
 

Sirius seufzte genervt und rollte mit den Augen.

„Kann hier echt keiner ‘nen Witz ab?!“
 

Nebul verschränkte die Arme und starrte sie finster an.

„Ich lache erst wieder, wenn ich mein Schwert zurückhab!“
 

„Bekommste schon wieder. Vertrau mir.“
 

„Dir vertrauen? Tsss.“

Nebul stieß ein trockenes, spöttisches Lachen aus.
 

„Auf der Raumstation hat Luschi gesagt, dein Katana wurde auf den nächsten Planeten gebracht. Und rate mal, wo wir hinwollen!“
 

„Wer zur Hölle ist Luschi?!“
 

„Der dürre Typ mit den braunen Haaren. Keine Ahnung wie er wirklich heißt. Ist doch auch wurscht – Hauptsache, wir kriegen dein Schwert wieder!“
 

„Ah ja, und dafür durchkämmen wir mal eben nen ganzen Planeten, oder was?“
 

„Wenn ich mich einmischen darf“, piepte Tari sachlich, „es dürfte einfacher sein, als du denkst.“
 

Nebul war skeptisch.

„Ach ja? Und wie das bitte?“
 

„Der Planet besteht aus kleineren Inseln – laut meiner Datenbank. Außerdem gibt es dort einen bekannten Basar. Wir könnten gezielt dort nachfragen.“
 

„Trotzdem ein Haufen Land...“, murrte Nebul.
 

„Aber mit Fokus. Und Fokus ist Fortschritt“, sagte Tari ruhig.

Nebul grummelte etwas Unverständliches vor sich hin.
 

Panny, der bis dahin still zugehört hatte, legte den Kopf schief.

„W-Was ist... ein K-K-Katana?“
 

Nebul grinste breit, seine spitzen Zähne blitzten.

„Was Feines, um neugierige Hälse aufzuschlitzen.“
 

Panny zuckte erschrocken zurück.

Sirius stieß Nebul in die Seite.

„Idiot. Hör nicht auf ihn!“
 

„Was denn? Ist doch wahr. Ich hab das Teil schließlich selbst gebaut.“
 

Panny sah ihn beeindruckt an.

„W-Wirklich?“
 

„Klar. Waffen selbst bauen ist das Einzige, was mir keiner nehmen kann. Und dieses Baby wird ständig verbessert. Eines Tages wird es legendär!“
 

„I-Ist es groß?“

„Und wie!“

„G-Gefährlich?“

„Na aber hallo!“
 

Pause.
 

„...Warum erzähl ich dir das überhaupt?!“, platzte es aus Nebul.

Er schlug sich die Hand vor die Stirn.

„Was ist nur aus mir geworden... Ich rede mit ’ner Ziege. Umgeben von ’nem Blechkasten und ’ner durchgeknallten Göre!“
 

„Und trotzdem bleibst du bei uns“, grinste Sirius.
 

„Weil ich MEIN SCHWERT BRAUCHE! Ich kann’s nicht einfach herbeizaubern!“
 

„Warum so genervt auf einmal?“, neckte sie weiter.
 

„Weil es mir stinkt, dir hinterherzulaufen!“, schnappte Nebul. „Wie oft soll ich’s noch sagen?“
 

Die Wahrheit war: Sie war eine Frau.

Und Nebul, als Andorianer, stammte aus einer Kultur, in der Frauen nicht auf das Schlachtfeld gehörten.

Eine Frau als Anführerin?

Unvorstellbar.

Untragbar.
 

„Und überhaupt...“, fuhr er fort, „was hab ich mit diesem ganzen Clan-Kram zu tun? Warum soll ich helfen?“
 

„Klang vorhin anders“, warf Tari trocken ein.
 

„Ich hab nie gesagt, dass ICH diesen Häuptling zurückbringe!“
 

„Aber du hast Siri gesucht. Damit wir eine Chance gegen den Cyber-Anführer haben.“
 

Sirius sah zu ihm rüber, ihre Augen glänzten.

„Awww, echt jetzt?!“
 

„WARUM SAGST DU DAS?!“, fauchte Nebul Tari an.
 

„Weil es stimmt. Und du hast Vernunft in Kaïra reingebracht. Das zählt.“
 

„DU BLÖDE BLECHBÜCHSE...“
 

„Ach Nebul“, grinste Sirius. „Ich wusste doch, dass du weich wirst.“
 

„Ich hasse euch. Alle.“
 

„Und trotzdem bist du hier“, sagte sie und klopfte ihm auf die Schulter.
 

„Weil du mir was schuldest! Mein Katana!“
 

„Ich war’s doch nicht mal!“
 

„Themawechsel!! Du! Ziege!“, rief Nebul plötzlich und deutete auf Panny. „Sag mal – dein Feuer. Warum ist das blau?“
 

„I-Ich... bin z-zum Teil... eine Wasserziege...“, stotterte Panny.
 

„Das erklärt gar nichts! Wasserziegen spucken kein Feuer!“
 

„I-Ich weiß... ich hab keine Ahnung... W-Woher auch...?!“
 

Tari legte den Kopf schräg.

„Feuer und Wasser kommen nie zusammen... oder offenbar doch.“
 

„Hä? Was laberst du jetzt schon wieder?“, murrte Nebul.
 

„Das Sprichwort. Vom Khoranu-Clan. Manche Dinge gehören nicht zusammen: Feuer und Wasser. Feuerziege und Wasserziege. Maschinen und... Gefühle.“
 

Beim letzten Wort rauschte seine Stimme kurz.

Stille.
 

Panny schaute zu ihm.

„W-Was meinst du...?“
 

„Ausnahmen sind selten. Aber sie existieren“, sagte Tari sanft.

„Ich weiß, wie es ist, nicht zu wissen, wer oder was man ist. Oder wohin man gehört.“
 

Pannys Augen wurden feucht.

Ein Lächeln zuckte über sein Gesicht.
 

Sirius tätschelte Tari.

„Klar wissen wir, wer du bist. Mein Kumpel. Das bist du, Tari! Und du auch, Panny! Ich mein – du bist ’ne sprechende Ziege! Wie cool ist das denn?!“
 

„D-Danke... i-ich dachte nur...“

Panny senkte den Kopf.

„Meine Herde hat mich verstoßen. Und bei den Menschen... war’s auch nicht besser. Ich dachte, wenn ich rede wie sie... laufe wie sie... mögen sie mich mehr. Aber... das hat alles schlimmer gemacht.“
 

„Hast versucht wie sie zu werden?“, fragte Nebul trocken.
 

Panny nickte.

„Ich... ich hab geübt, wie ein Mensch zu gehen. Ihre Sprache gelernt. Aber sie fanden’s gruselig.“
 

"Der Stamm hatte doch auch Feuerziegen! Hast du nicht gesehen, dass die ganz normal sich wie Ziegen benommen haben und trotzdem beim Stamm waren?", erwiderte Nebul.
 

"Schon, aber... Die Feuerziegen von den Menschen haben mich ständig geärgert. D-Deswegen hielten mich die Menschen i-in ihren Bau auf... E-Es war anders... Ich dachte... ich wär endlich Teil von etwas. Aber ich hab mich geirrt."
 

Ein kalter Windhauch ging durch die Lichtung.
 

„Ich find dich cool, wie du bist“, sagte Sirius schlicht.
 

Panny schaute auf.

„W-Wirklich...?“
 

Sirius’ mechanische Arme schnellten nach vorne und zogen ihn zu ihr.

„Na los! Du klingst ja fast schon wie Nebul, wenn er schlechte Laune hat! Oder wie Tari, wenn er sentimental wird.“
 

Sie umarmte Panny fest, kuschelte gegen seinen weichen Kopf.
 

„Weißt du was, Panny?“, meinte Sirius. „Ich werd Utopia finden. Und ich nehm dich mit!“
 

„U-Utopia...?“
 

„Ein wunderschöner Planet! Der schönste überhaupt! Ich hab keine Ahnung, wie er aussieht – aber ich werd ihn finden. Dafür bin ich Bandit geworden. So wie mein alter Freund Helios!“
 

Sie hob Panny hoch, sah ihn direkt an.
 

„Er war mein Vorbild. Und ich hab ihm versprochen, dass ich seine Reise weiterführe! Mein Opa meinte immer, Banditen seien fies, aber Helios war anders. Stark, klug – und richtig nett. Einfach seinen Abenteuern zuzuhören war schön. Ich habe mich immer gefragt, wie die Welt da draußen aussieht. Und ich werde es bald erleben! Denn zum ersten Mal verlasse ich den Ort, an dem ich mein Leben lang war! Ich besuche bald einen neuen Planeten!“
 

Sirius redete weiter.

Schnell, lebhaft, wie ein Wasserfall, der nie versiegt. Von Helios, ihrer Schwester, der Raumstation, Tari – einfach allem.

Panny hörte zu, auch wenn er nicht alles verstand.
 

Nebul seufzte.

„Oh Mann... Jetzt hört sie gar nicht mehr auf.“
 

„Du kannst sie nicht stoppen“, sagte Tari und ging in Standby-Modus.
 

Nebul legte sich hin, packte seinen Hut über die Seite seines Kopfes – um etwas Ruhe zu haben.
 

Sirius erzählte immer weiter.

Und Panny... fühlte etwas.

Hoffnung.
 

Banditen sollten böse sein?

Aber Sirius sagte, sie sei ein Bandit.

Und sie war nicht böse.

Also sind sie und ihr alter Freund Helios Ausnahmen.

Ausnahmen...wie er selbst.
 

Vielleicht... war er doch nicht allein.

Ein Sprung ins Nirgendwo

Ein eisiger Sturm fegte über die Landschaft.

Schneekristalle wirbelten durch die Luft, türmten sich auf zu Nadeln aus Eis.

Zwischen den himmelhohen Gletschern tobte ein Blizzard.

Alles war starr, gefroren, erbarmungslos.
 

Und doch fühlte Nebul sich lebendig.

Er sog die Kälte ein, als wäre sie der einzige Beweis dafür, dass er noch existierte.
 

Doch dann kam das Feuer.

Rauch.

Heulen.

Kreaturen, deren Silhouetten aus einem Albtraum gerissen schienen – Wölfen gleich, aber entstellt, geifernd, dämonisch.
 

Und dann: es.

Größer als die anderen.

Verhüllt im Qualm seiner eigenen Zerstörung.
 

Blutrote Augen brannten durch die Dunkelheit.

Ein Fell, zerzaust und pechschwarz, peitschte im Sturm.

Hörner ragten wie Speere aus dem Schädel – Höllengeweih.
 

Und dann das Grinsen.

Breit.

Selbstsicher.

Ein Gesicht, das wusste, dass es gewinnen würde.

______________________________________________________________________
 

Nebul schreckte hoch.

Ein Laser sirrte durch die Luft – hätte er nicht instinktiv zur Seite gerollt, mit Tari unter dem Arm, hätte es ihn zerrissen.

Eine Explosion schleuderte Erde auf.

Sirius und Panny fuhren ebenfalls hoch.
 

„Was zum Teufel war das?!“, rief Sirius.
 

Panny kreischte, völlig überfordert.

Tari surrte hektisch, sein Display flackerte.

Nebul richtete sich auf, die Muskeln gespannt.
 

Am Horizont: zwei Gestalten auf schwebenden Fahrzeugen – wie Motorräder, über den Rand der schwebenden Insel gleitend.
 

„Das sind doch…“, begann Sirius.
 

„Cybermenschen“, knurrte Nebul. „Schon wieder.“
 

Aber diese sahen ein wenig anders aus.

Einer war schlank, hochgewachsen, sein Kopf langgezogen wie eine Klinge.

Die Rüstung war fast reinweiß, unterbrochen von einem kühlen Blaugrün an Brust und Stiefeln.

Sternförmige Kniescheiben, Schulternplatten mit grotesken Augenmustern – als würden sie in deine Seele blicken.
 

Der andere: gedrungener, aber beweglich.

Goldgelbe Streifen durchzogen seine weiße Rüstung.

Der Helm war verzweigt mit Hörnern, eine lilapinke Kugel an der Stirn.

Vom Hinterkopf fiel ein straffer, meterlanger Zopf – in blonder Farbe.
 

„Die sehen anders aus... Scheinen wichtig zu sein.“, murmelte Nebul.
 

„Ziel verfehlt. Korrektur eingeleitet“, sagte der schlanke Cybermensch.
 

Seine Stimme war wie ein metallenes Schachbrett: taktisch, präzise, kalt.

Laserbündel zuckten aus ihren Seitenkanonen.

Nebul warf sich zur Seite, Tari festgeklammert.

Sirius hechtete mit Panny im Arm ins hohe Gras.
 

„Verdammt, was wollen die?!“, brüllte Sirius.
 

Der kleinere Cybermensch sprach, seine Stimme verzerrt, fast wie ein Funksignal durch giftiges Wasser:

„Ziel identifiziert: Andorianer. Mensch mit rotem Kopfband. Im Besitz des Helios-Einheit-Modells. Übergabe verlangt.“
 

„Tari?! Warum?!“, keuchte Sirius.
 

„Keine weiteren Anfragen. Übergabe oder Eliminierung.“
 

„Verzieht euch!“, schrie sie.
 

„Widerstand... zwecklos.“
 

Die Kanonen luden erneut.

„Halt dich gut fest!“, rief Sirius zu Panny – dieser klammerte sich wie ein Ertrinkender an ihren Rücken.
 

Sirius sprang vor, wollte angreifen – doch der kleinere Cybermensch stellte sich in den Weg, aktivierte ein schimmerndes Schutzfeld.

Der Angriff prallte ab.
 

Die andere Hand seines Körpers verwandelte sich – nanomaschinell – in eine Kanone, feuerte auf Sirius.

Sie warf sich im letzten Moment zu Boden.
 

Tari erhob sich, kleine Rotoren aktivierten sich, sein Laserarm schoss aus dem Gehäuse.

Ein gezielter Schuss traf das Fahrzeug – Explosion, Rauch, Schrapnelle.
 

Sirius wollte weiterstürmen, doch da... Ein Schwert.

Groß.

Majestätisch.

Hellblau bis lavendelfarben.

Der lange Cybermensch schwang es mit kalter Grazie.
 

Nebul starrte.

Seine Finger zuckten.

Ohne sein Katana war er machtlos – aber das Schwert des Gegners?

Es war ...

Eine perfekte Herausforderung.
 

Mit einem gezielten Hieb spaltete der Cybermensch die Erde unter Sirius’ Füßen.
 

„Du trotzt reißendem Wasser“, sagte er mit eisiger Stimme, „doch unter dieser Insel wartet flüssiges Feuer.“
 

Der Boden brach auf.

Sirius stürzte – und mit ihr Panny.
 

„Nicht schon wieder!“, piepte Tari.
 

Der kleinere Cybermensch auf seinem Gefährt schnappte sich Tari und hielt ihn in den Armen fest.

Tari versuchte sich loszureißen, aber vergebens.

Der Cybermensch flog voran.
 

Im nächsten Moment schossen zwei mechanische Arme hervor, packten das Gefährt des Cybermenschen.

Sie schwang sich empor, landete direkt auf dem Gleiter.
 

„Ihr benutzt die gleiche Taktik wie die andere Blechdose? Ernsthaft?!“, knurrte sie. „Dann erwartet nicht, dass es nochmal funktioniert! HEAT-ORB!“
 

Ihre Orbs in den Prothesenarmen leuchteten auf – rot, heiß, zischend.

Dampf stieg auf.

Mit einem gewaltigen Knall rammte sie dem Cybermenschen die Faust in den Helm. Er versuchte zu blocken – vergeblich.

Er wurde wie ein Spielzeug von seinem Gefährt gefegt.
 

Tari riss sich los, flatterte in die Höhe.

„Das war... knapp!“
 

Panny zitterte.

„W-wow…“
 

„SIRI!!“, schrie Nebul, als würde eine Bestie auf sie zurennen.
 

Das Schwert des langen Cybermenschen schoss herab.

Es zerschmetterte das schwebende Gefährt.
 

Ohne Halt – fielen Sirius und Panny.

Tari wurde durch die Wucht weggeschleudert, konnte nicht rechtzeitig reagieren.
 

Der Arm von Sirius schoß wieder hervor, aber sie waren bereits zu weit entfernt von der Kreatureninsel.
 

„Nein..! SIRI!!“

Tari piepte auf, seine Stimme überschlug sich vor Entsetzen.
 

Nebul spannte seine Muskeln an.

„Du verdammter Blechmistkerl!“, knurrte er, die Zähne gebleckt.
 

Doch hinter seiner Wut nagte etwas Tieferes.

Was sollte er tun?

Das Schwert dieses Typs – es war wie aus einer anderen Welt.
 

Hellblau-lavendelfarben, pulsierend mit gefährlicher Energie.

Nebul hatte nichts.

Nicht einmal die stumpfe Klinge, die er aus dem Wrack jenes Weltraumsoldaten gezogen hatte.
 

Der Cybermensch bewegte sich nicht.

Nur sein bleicher Blick senkte sich ruhig in die Tiefe.
 

„Unterhalb existiert kein fester Boden. Lava fließt dort. Mein Kamerad fiel ebenfalls. Ein angemessener Ausgleich. Gerechtigkeit ist vollzogen.“
 

Seine Stimme klang wie gefiltert durch eine stählerne Hallkammer – blechern, eisig, ohne ein Quäntchen Gefühl.
 

„Ihr habt verdammt nochmal angegriffen, du rostiger Dosenöffner!“, fauchte Nebul zurück.
 

Doch er spürte selbst, wie leer die Worte wirkten.

Der andere war im Vorteil.

Waffentechnisch.

Strategisch.

Psychologisch.
 

Sein Blick schweifte.

Nichts als weißer Nebel, ein ferner, schweigender Abgrund.
 

Sirius...
 

Als sie ins reißende Wasser fiel, hatte er Hoffnung.

Er wusste einfach, dass sie sowas überleben würde.

Und das mit Leichtigkeit.

Zu hundert Prozent.

Diese verrückte Göre hatte sich schon mit Nachtschlangen angefreundet.
 

Aber Lava?

Da half kein Mut.
 

„Gib mir den Roboter, und ich werde dich verschonen, Andorianer.“
 

Die Worte klangen nicht wie ein Angebot, sondern wie ein Urteil.

Die ausgestreckte, schmale Hand des Cybermenschen wirkte weniger wie ein Griff, mehr wie ein Urteilsspruch.
 

Tari zitterte.

„Nebul... Was... was sollen wir tun?“
 

Und Nebul schwieg.
 

Er hatte keine Ahnung.

Das war das Schlimmste: Er hatte überhaupt keinen Plan.

Er hasste es zu planen.

Dachte selten voraus.
 

Er war der, der lieber Anweisungen gab als welche befolgte – aber nicht, weil er genial war, sondern weil er verdeckte, dass er eigentlich improvisierte.
 

Und deswegen hasste er es, dass keiner in der Gruppe je einen richtigen Plan hatte.

Gegen diese Cybermenschen.

Oder wie sie von der Kreatureninsel runter kommen sollten.
 

Er wollte nicht sehen, dass sie... ihm so ähnlich waren.
 

Aber dann... dann dachte er an Sirius.

An all den verdammten Wahnsinn, den sie ohne eine Sekunde zu zögern durchgezogen hatte: Sich selbst in einen Dschungel schießen.

Mit einer Ziege reden.

Eine Banditin werden, obwohl sie eine glänzende Karriere im Weltraummilitärvor sich hatte.
 

Sie war verrückt.

Und manchmal... funktionierte dieser Wahnsinn.
 

Ein Gedanke schlich sich ein.

So idiotisch, dass Nebul ihn selbst kaum denken konnte.

Aber... vielleicht war genau das der Schlüssel.
 

Er lehnte sich leicht zu Tari.

„Hey, Kumpel... Wenn wir möglichst weit weg von dem da sind – dann fliegst du, kapiert?“
 

Tari blinzelte.

„Weit weg? Was meinst du mit–“
 

„Wenn wir halt... weit weg sind.“
 

Er klang vage.

Absichtlich.

Zu sehr erklären hätte ihn selbst zu sehr erschreckt.

Und sie wären dann aufgeflogen.
 

Nebul richtete sich auf, atmete tief durch und trat langsam vor.

Mit Tari unterm Arm.

Schritt für Schritt.

In Richtung des Cybermenschen.

In Richtung des Abgrunds.
 

Der Cybermensch auf dem Schwebegefährt sah herab.

„So triffst du also deine Wahl. Weise. Ergeben. So wie es die Ordnung verlangt.“
 

„Und wie“, grinste Nebul schief.
 

„Nebul?!“, piepte Tari verwirrt, aber er konnte sich nicht befreien.

Nebul hielt ihn fest.
 

Dann – ein letzter Blick.

In den Himmel.

In den Abgrund.

Und in sich selbst.
 

„Ich bin einst der Hölle entkommen...“, murmelte Nebul, „...aber heute spring ich mit offenem Herzen wieder hinein.“
 

Und dann – ein Sprung.
 

Ein gewaltiger Satz.

Er ließ alles los.

Alles.

Angst.

Vernunft.

Die Realität.
 

Er sprang von der schwebenden Insel, mit Tari im Griff – hinein in das Unbekannte.

In das Nirgendwo.

In die Tiefe
 

Der Cybermensch rührte sich nicht.

Starrte nur in die Leere.

Sekunden vergingen.
 

„Unmöglich...“, flüsterte er.
 

Er hob die Hand, starrte sie an.

Überlistet von einem Geschöpf aus Fleisch.
 

Er hatte mit allem gerechnet.

Angriff.

Kapitulation.

Flehen.

Aber das?
 

„Ich wurde ausgetrickst... von einem instinktgetriebenen Tier.“

Er drehte sich ruckartig weg, als würde er die Realität selbst nicht akzeptieren.
 

„Wenn Königin Mechara davon erfährt... meine Ehre... meine Position...“
 

Er aktivierte sein interkommunikatives Interface.

Ein verzerrtes Gesicht erschien im Projektion: Rampert.
 

„Arondight. Hast du den Roboter?“
 

„Negativ. Mission fehlgeschlagen. Acrona wurde eliminiert. Das Ziel entkam.“
 

„Eliminiert? Von einem Bauernkind, einem unbewaffneten Andorianer und einem Roboter?!“
 

„Acrona war schwach. Ich hatte den Roboter bereits. Doch ihre Unachtsamkeit ermöglichte seine Flucht.“
 

Die Lüge kam schnell.

Glatt.

Er hatte sie bereit.

Er musste.
 

„Königin Mechara wird von deinem Versagen erfahren.“
 

„Nicht von meinem. Von Acrona. Erstatte Bericht. Präzise.“
 

Dann wurde Arondights Stimme schärfer:

„Ich habe gehört, dass deine Gruppierung Probleme hatte wegen der Tochter des Häuptlings. Dass Mondas euch entgegen kommen muss, weil sie-”
 

„Schweig. Ich werde Bericht erstatten.”
 

Kurze Stille.

Dann: „Wo ist der Roboter jetzt?“
 

„Mit dem Andorianer, dem Menschenmädchen, einer Ziege... sie sind gefallen. In Richtung Streusilia.“
 

„Streusilia. Unkartiertes Gelände. Neue Variable. Wir beobachten.“
 

Die Verbindung brach ab.

Arondight saß noch einen Moment lang still, sein Blick verloren.

Dann schloss er die Augen.
 

„Von einem Narren aus Fleisch überlistet...“
 

Ein bitterer Laut entkam seinem Sprechmodul.

Kein Lachen.

Kein Grollen.

Etwas Kaltes dazwischen.
 

„Dies wird nicht verziehen.“

Sie sind nicht allein

Der Duft von frischem Kräutertee und warmen Keksen hing in der Luft – ein Hauch von Frieden im sonst stählernen Alltag des Generals.

Arctur saß an seinem Schreibtisch, sein Blick wanderte über einen Stapel Berichte, ohne sie wirklich zu lesen.
 

Nach dem Morgentraining mit dem neuen Lehrling Leo hatte ihn Lucia in die Küche gerufen.

Netterweise hatte Vega von da an die Leitung übernommen.

Arctur wusste, dass auf Vega Verlass war.

Sie würde eines Tages eine grandiose Kandidatin sein für den Generalsposten.
 

In der Küche der Mensa, kam Lucia ihm bereits entgegen.

Für einen Moment glaubte er, sie hätte wichtige Neuigkeiten.

Vielleicht ein Artikel in der Zeitung über Sirius – die Wahrscheinlichkeit, dass sie schon in den Schlagzeilen war, lag bei hundert Prozent.
 

Doch nein.

Es waren nur Kekse.

Frisch gebacken, süß, mit einem Hauch Zimt.

Nicht, dass er sich beschweren würde.
 

Er seufzte, während er leer vor sich hin starrte.

Sirius...
 

Seit sie weg war, war es ruhiger geworden – zu ruhig.

Der Gedanke, dass sie da draußen in einer Welt voller Gefahren unterwegs war, nagte an ihm wie rostiges Metall an einem Schiffsbug.
 

Und ausgerechnet Utopia wollte sie finden... jenes verbotene Fragment aus alten Legenden.
 

Sie war nun da draußen.

Ein Bandit.

Ein Feind des Militärs.

Ein Gegner der höheren Mächte.
 

Er war ihr Großvater.

Ein General.

Ein Diener des Militärs.

Und doch – sie war sein Blut.
 

Seine Gedanken wurden durch ein schrilles Klingeln unterbrochen.

Riiing! Riiing!
 

Der Katzen-Telefonapparat auf seinem Schreibtisch miaute kurz, bevor der Ton abbrach.

Ein Geschenk von Lucia – einst peinlich, jetzt... eigenwillig akzeptiert.
 

Widerwillig hob Arctur den Hörer ab.

„General Aster, zu Diensten.“
 

„Ah... die Stimme der Pflicht selbst. Lange nicht mehr vernommen – schon fast vergessen geglaubt.“
 

Arcturs Miene verhärtete sich.

Diese Stimme war wie ein kalter Wind durch ein altes Mausoleum.

Tief, ziseliert, mit einem Hauch von aristokratischer Herablassung.
 

„Erzherr Azrael…“ Arctur zwang sich zur Höflichkeit. „...welch seltene Ehre. Was verschafft mir das... Vergnügen?“
 

Ein kehliges Lachen kam zurück – trocken wie Pergament, schneidend wie Glas.
 

„Oho! Vornehm wie eh und je. Fast rührend. Wie ein alter Hund, der noch immer Sitz macht – aus reiner Nostalgie.“
 

Arctur blieb still.
 

„Doch gut. Wenn wir schon beim Thema Nostalgie sind: Ich erinnere mich an einen jungen, ehrgeizigen Arctur Aster... So folgsam, so ergeben. Und nun?“
 

Ein Moment der Stille.

Dann, plötzlich schärfer: „Die Cybermenschen wurden in deiner Galaxie gesichtet. Du weißt, was zu tun ist. Vernichte sie. Ausnahmslos.“
 

Arcturs Augenbraue zuckte.

„Verzeihung, aber... diese Wesen sind nicht mehr die, die einst den Krieg erklärten. Sie möchten das loswerden, was Eure Art vertuscht.“
 

Stille.

Kalte, schneidende Stille.
 

Dann – ein Raunen, so leise wie das Zittern eines Dolches vor dem Stich:

„Wie... war... das?“
 

Arctur schluckte, rang nach Haltung.

„Ich... wollte lediglich sagen, dass sie Utopia suchen – jenes, das eure Ordnung verleugnet. Aber sie wollen es—“
 

„Genug.“
 

Ein Rauschen.

Ein tiefer Groll.
 

„Du wagst es, mich zu belehren? Mich? Denjenigen, der dir einst die Medaillen verlieh, deine Karriere ebnete, dir Macht schenkte?“
 

Azraels Stimme wurde kälter als zuvor.

„Du bist das Werkzeug, Aster. Nicht der Schmied. Du gibst nicht vor – du folgst. Bedenken? Zweifel? Solche Dinge überlässt man jenen, die außerhalb der Ketten stehen.“
 

Arctur ballte die Faust, aber seine Stimme blieb ruhig.

„Ich... werde sehen, was ich tun kann, Erzherr.“
 

„Ah, Vernunft – ein Lichtblick. Ich hoffe, du enttäuschst mich nicht. Schon deine Tochter hat mir einst die Galle—“
 

Knack.
 

Arctur legte auf.

Das Klicken des aufgelegten Hörers hallte wie ein Hammerschlag durch den Raum.
 

Er verharrte.

Kein Wort.

Keine Bewegung.
 

Seine Hände zitterten.

Nicht vor Schwäche.

Vor der Last.
 

Langsam senkte er die Stirn in die Hände.

Seine Stimme war kaum hörbar, ein Hauch nur in der Stille.
 

„Oh Zaniah... wieso nur?“

________________________________________________________________
 

Ein Saal voller Kälte.

Mechanisch, majestätisch – aber leer.

Kein Hauch von Wärme durchzog diese Halle.

Nur Weiß, bleiches Grau und frostiges Blau.

Eine Welt ohne Farben.

Ohne Gefühl.
 

Auf dem Thron – prunkvoll, doch lieblos – saß sie.

Verhüllt im Schatten.

Ein mechanisches Klicken ertönte, als ihre Finger die Seite ihres Schädels berührten.
 

„Rampert. Bericht.“, befahl sie, die Stimme verzerrt, kalt wie geschliffenes Metall.

„Arondight? Hat er den Roboter gesichert?“
 

Die Antwort kam prompt.

Tief.

Unerschütterlich.
 

„Königin Mechara. Ich muss enttäuschen. Arondight meldet: Acrona hat dessen Entkommen ermöglicht.“
 

Eine Stille, so scharf wie ein Drahtseil, spannte sich im Raum.
 

„Wie... kam das zustande?“, fragte sie.

Nicht wütend.

Nur gefährlich ruhig.
 

„Unklar, Hoheit. Der Roboter und seine Besitzer wurden auf Streusilia lokalisiert. Wir werden die Verfolgung aufnehmen.“
 

Mechara schlug elegant ein Bein über das andere.

Ihre dünnen, weißen Glieder bewegten sich wie ein perfekt programmiertes Uhrwerk.
 

„Dann tut es. Ohne den Roboter kehrt ihr nicht zurück. Er ist nicht verzichtbar.“
 

Ein Klacken.

Ihr Absatz hämmerte einmal auf den Boden – wie ein Richter den Stab.
 

„Und Acrona?“, fragte Rampert.
 

„Unwichtig. Der Roboter hat Priorität. Acrona ist ersetzbar. Der Roboter nicht. Er trägt Wissen. Wissen über Utopia.“
 

Ihr Gesicht blieb im Halbdunkel – ein Helm aus schwarzem Glas, mit hellblauen Linien, die sich wie wütende, zusammengekniffene Augen verzogen.
 

„Verstanden. Wir bringen ihn.“
 

Die Verbindung brach ab.

Ein seufzendes Geräusch – unpassend in dieser kalten Welt – durchschnitt die Stille.
 

„Scheitern ist keine Option.“
 

Etwas Kleines schwebte heran.

Ein zierlicher Körper, fast kindlich im Vergleich zur Königin.

Sein graues Gesicht starr, sein Umhang lavendelfarben wie der ihre, mit goldgelben Ärmeln.

Über seinem Haupt flimmerte eine pixelige, beinahe verspottete Krone.
 

„Liebes... gibt es Neuigkeiten, die ich unserem Volke verkünden darf?“, fragte er sanft.
 

Ihre Augen leuchteten scharf auf.

Ihre Stimme war wie gefrorenes Gift.
 

„Wie oft, Echo. Keine Kosenamen. Nicht in meiner Gegenwart.“

Ein Zucken ihrer Fingerspitzen genügte, um ihn verstummen zu lassen.

„Und nein. Es gibt nichts zu berichten. Unglücklicherweise.“
 

„Aber wir sind doch—“
 

Ein einziger Schritt ließ ihn verstummen.

Sie erhob sich.

Ihr Nackenkranz leuchtete in kaltem Blau-Lavendel.
 

„Echo. Du bist König. Doch eine Beleidigung für unser Volk. Du hängst an einer Vergangenheit, die längst ausgelöscht wurde. Liebe? Gefühle? Diese Dinge haben uns an den Abgrund geführt.“
 

Ihre Absätze hallten durch den Raum wie Schläge.
 

„Freude. Neugier. Freiheit. Waren das nicht unsere Götzen? Sie haben uns alles genommen.“
 

Sie blieb vor ihm stehen.

Der Schatten ihres Körpers verschluckte sein kleines, leuchtendes Bild.

Ein dunkler Koloss vor einem Licht, das ihn nicht wärmen konnte.
 

„Und du? Du redest. Verkündest. Aber du bist nutzlos. Kein Soldat. Kein Stratege. Keine Stärke. Nur ein Flüstern in einem leeren Thronsaal. Also...“
 

Sie beugte sich zu ihm herunter, Stimme wie ein Riss im Glas:

„Kenn. deinen. Platz. Und wag es nie wieder, sentimentale Worte in diesen Mauern zu verlieren.“
 

Echo senkte den Blick.

Seine Stimme kaum hörbar.
 

„Verstanden... Mechara.“
 

Sie wandte sich ab.

Ihre Schritte wie Trommelschläge einer kommenden Schlacht.
 

„Der Roboter...“, murmelte sie, fast genießerisch, „... bringt uns näher an Utopia. Und dann...“
 

Ein Moment der Stille.

Selbst die Luft hielt den Atem an.
 

„...wird dieser Planet ausgelöscht. Für immer.“

_______________________________________________________________
 

„MAAAAAAAAAH!!“
 

Pannys schriller Schrei zerschnitt die Luft wie ein Messer aus Angst und Panik. Sirius zuckte zusammen, das Echo dröhnte ihr in den Ohren.
 

Sie fielen.

Schnell.

Schneller.

Unaufhaltsam.
 

„DAS WAR’S! WIR STERBEN!!“

Pannys Stimme überschlug sich.

„WIR WERDEN DAS NIEMALS ÜBERLEBEN!!“
 

Sie hielt die zitternde Babyziege fest an sich gedrückt.

Wind peitschte ihnen ins Gesicht, Wolken rasten an ihnen vorbei, ließen kaum Sicht zu – bis plötzlich...
 

Pink.
 

Ein Meer aus leuchtendem Pink breitete sich unter ihnen aus.

Es glänzte wie Glas, flüssig und endlos.

Der Planet unter der Kreatureninsel – riesig, lebendig... und seltsam.
 

Sirius blinzelte gegen den Fahrtwind.

Sie erinnerte sich, was der eine Cybermensch gesagt hatte.

Dass sie in die Lava stürzen würde.
 

War das Lava?

Aber... Lava war doch rot, manchmal gelb, manchmal glühend weiß

Sie erinnerte sich, wie in einem Kinderbuch ein Vulkan gezeichnet war.

Alles feurig, alles lodernd.
 

Aber das hier?

Pink?

Glänzend?

Dann... konnte das doch gar nicht—
 

„O-OH NEIN! DAS IST DIE LAVA!! DIE BÖSE LAVA!!“, brüllte sie plötzlich panisch.
 

„WIR WERDEN LEBENDIG VERBRANNT!!“, quietschte Panny, zappelnd wie verrückt.
 

Panny schloss die Augen, als würde er bereits abschließen mit seinem Leben.

Und Sirius sah... direkt unter ihnen etwas.
 

Dann, ohne Vorwarnung –
 

BLOPP.
 

Der Aufprall kam sanft und doch seltsam schwer.

Statt Hitze spürten sie...

Widerstand.

Kalte, feuchte, wabbelige Masse umhüllte sie.
 

Stille.

Grünes Dämmern.
 

Sirius schlug die Augen auf.

Ihre Bewegungen waren gedämpft, wie durch Gelee.

Alles war grün.

Glitschig.

Wabernd.
 

Kein Wasser – das hier... war Pudding.

Wackelpudding.
 

Neben ihr paddelte Panny panisch, seine kleinen Beine strampelten hilflos.

Keine Luft.

Keine Orientierung.
 

„Verdammt!“, zischte Sirius blubbernd, zog ihren Arm hoch.
 

Ein Klicken – mechanisch fuhr ihr Prothesenunterarm aus, streckte sich ruckartig nach vorn, tastete nach dem Rand des puddingartigen Beckens.

Mit aller Kraft zog sie sich und Panny nach oben.
 

Der Pudding gab zäh nach, zog an ihren Kleidern, wollte sie nicht freigeben – doch Sirius brüllte: „RAAAGHH!!“ und schleuderte sich und Panny an die Oberfläche.

Sie krachten ans Ufer, schnaubend, keuchend, völlig außer Atem.
 

Panny spuckte Puddingreste und japste:

„W-Was... war das... für komisches Wasser!?“
 

Sirius lag schwer atmend auf dem Bauch, Wackelpudding tropfte von ihrem Gesicht.

Sie blinzelte, dann leckte sie sich neugierig über den Arm.
 

Ein Moment Stille.

„...Waldmeister“, murmelte sie.

Dann hob sie den Kopf – und was sie sah, raubte ihr den Atem.
 

Vor ihr erstreckte sich eine Landschaft, wie sie sie nur aus alten Bilderbüchern kannte – ein Wunderland aus Süßem, Buntem und Absurdem.
 

Türme aus Torten ragten empor wie Gebirge.

Zuckerwürfel bildeten Felsformationen.

Bunte Hügel aus Bonbonerde, Keksblumen in voller Blüte.
 

In der Ferne schimmerte ein Regenbogen aus saurem Essgummi, wellte sich sanft über Schokoladenhügel.

Ein Pfannkuchental wurde durchzogen von einem Strom heißer Schokolade, dampfend und dickflüssig.
 

Und ganz nah: Das pinke Meer.

Es brodelte, blubberte, kochte.

Zuckerguss.

Blasen platzten an der Oberfläche, heiß und gefährlich.
 

Sirius grinste breit.

„...das ist ja...“
 

Sie richtete sich auf, ihre Augen leuchteten.

„...der perfekte Ort für mich!!“
 

Sie sprang auf, drehte sich einmal um die eigene Achse, als könnte sie all das einfach umarmen.
 

Panny hingegen war weniger begeistert.

Noch immer tropfnass, zitterte er leicht.
 

„I-Ich glaub... da ist noch was im komischen Wasser...“
 

Er zeigte mit der Hufe auf das wabbelnde Grün hinter ihnen.

Sirius trat näher, spähte hinein.
 

„Was denn?“
 

„I-Ich weiß nicht... es... es sieht tot aus.“
 

„Das ist doch... Der Typ von vorhin!“
 

Sie aktivierte erneut ihren mechanischen Arm.

Surr.

Klicken.
 

„Du meinst doch nicht- SIRI!!“
 

Ihr Arm sauste in den Puddingsee, packte etwas Festes.

Sie zog es mit Schwung heraus – ein Körper flog im hohen Bogen durch die Luft, tropfend, schlaff...
 

Platsch.

Er landete direkt vor ihnen.
 

Sirius’ Lächeln wuchs.

Panny jaulte.
 

Vor ihnen lag – durchnässt, zerschlagen, aber unverkennbar – der Cybermensch, der vor ihnen in die Tiefe gestürzt war.

Streusilia

„E-EEK! D-DAS IST DIESER KOMISCHE MENSCH VON VORHIN!!“, quietschte Panny panisch.
 

Vor ihnen lag ausgestreckt der Cybermensch – der, der versucht hatte, Tari zu entführen.
 

Sirius hockte sich lässig daneben.

Die sonst so glänzend weiße Rüstung war komplett mit glibbrigen Resten von Wackelpudding überzogen, und der blonde Zopf klebte wie ein altes Bonbon an der Schulter.
 

Langsam hob sich der Kopf des Cybermenschen.

Ein keuchendes, raues Geräusch drang aus dem Helm.
 

„Oh, du lebst ja noch!“, sagte Sirius mit einem breiten Grinsen.
 

„A-Aber... ist das nicht... schlecht?!“, japste Panny entsetzt.
 

„Hä, wieso das?“
 

„N-Na, weil... die doch unsere Feinde sind?!“
 

„Und?“

Sirius zuckte mit den Schultern.
 

„D-Die wollten uns umbringen!“, wisperte Panny, während er nervös zum Cybermenschen schielte, der sich jetzt lautlos aufrichtete.
 

„Hey, alles okay bei dir?“, fragte Sirius seelenruhig – viel zu harmlos für jemanden, der gerade aus dem Himmel gestürzt war und in einem See aus Wackelpudding gelandet ist.
 

In einem Wimpernschlag verwandelte sich der Arm des Cybermenschen in eine wuchtige Kanone – direkt auf Sirius’ Gesicht gerichtet.

Panny zuckte erschrocken zurück.
 

„Du hast mich gerettet. Warum? Antworte“, kam es aus der Maske – verzerrt, metallisch, eiskalt.
 

„S-Siri...“, stammelte Panny mit zitternder Stimme.
 

„Warum nicht?“, entgegnete Sirius trocken.
 

„Du bist ein feindliches Subjekt.“
 

Sirius schloss kurz die Augen, ihr Grinsen wurde schärfer.

„Mag sein, dass ich Bandit bin, aber ich bin kein Monster.“
 

Ihre funkelnden, braunen Augen bohrten sich in die leuchtend blauen Linsen des Cyberhelms.
 

„Erwartest du Dankbarkeit? Wenn ja, dann muss ich dich enttäu-“
 

„Nö, nicht nötig.“

Sirius verschränkte die Arme.

„Ich will nur, dass du und deine Kollegen meinen Kumpel Tari in Ruhe lasst. Keine Ahnung, was ihr von ihm wollt, aber hört auf damit. Klar?“
 

Der Cybermensch richtete sich noch weiter auf.

Er überragte sie locker um einen Kopf.
 

„Dieser Roboter ist bedeutender, als du begreifst. Er ist kein Spielzeug. Und jemand wie du sollte sich von solchen Situationen fernhalten. Du hättest sterben können.“
 

Der Kanonenarm klappte zurück in die normale Form.
 

„Tja, was auch immer du willst, Blechbüchse. Ich muss meine Freunde finden. Im Gegensatz zu dir hab ich Leute, die mich vermissen.“
 

„Bitte?“

Ein verzerrtes Geräusch – fast ein Schnauben.
 

„S-Siri, v-vielleicht solltest du nicht so provozieren...“, flüsterte Panny ängstlich.
 

„Was dann? Soll der mich töten? Hilft dem auch nicht weiter. Tari erscheint dadurch nicht plötzlich wie durch Magie.“
 

Der Cybermensch starrte sie an.

„Du bist irrational. Chaotisch.“
 

„Und ihr seid langweilig. Alles klingt bei euch wie durch ein kaputtes Navi gesprochen.“
 

„Ich bemerke, dass du nur selektiv zuhörst.“
 

„Und ich bemerke, dass du nie auf den Punkt kommst. Könnt ihr auch normal reden?“
 

„Warum sollte ich dir interne Protokolle offenlegen?“
 

„Also ja oder nein?!“
 

Stille.

Nur das Glibbern des Puddings im Hintergrund.
 

„Ich kann nicht. Ich darf nicht.“
 

„Was jetzt – nicht können oder nicht dürfen?“
 

„Unsere Direktive untersagt es, unter Cybermenschen zu kommunizieren wie... ihr fleischlichen Wesen.“
 

Sirius grinste wieder.

„Na ja, ich bin keiner von euch Blechdosen. Und Panny auch nicht.“
 

Der Cybermensch schwieg, doch Sirius ließ nicht locker.
 

„Ich petze auch nicht.“
 

„Du verstehst nicht, warum wir so sind.“
 

„Nee. Aber ihr tut, als wärt ihr Maschinen – dabei seid ihr keine. Wolfsmädchen hat einen von euch bluten lassen. Und zwar heftig.“
 

Der Cybermensch neigte den Kopf.

„Das...“
 

„Also ja. Blut. Echtes. Unter der glänzenden Schale seid ihr auch nur Leute. Also tu nicht so, als wärst du was ganz anderes.“
 

Sie kicherte frech.

Panny sah nervös zu dem Cybermenschen.

Dessen starrer Blick hatte etwas Nachdenkliches bekommen.

Keine Bewegung.

Nur Stille.
 

„Also. Wie heißt du eigentlich?“, fragte Sirius schließlich.
 

„Acrona.“
 

„Ich bin Sirius. Und das hier ist Panny.“

Sie zeigte auf den kleinen, zitternden Gefährten.

„Na los, komm. Tari und Nebul werden uns hier kaum finden.“
 

„J-Ja... aber wie denn auch? D-die sind doch noch auf der Insel da oben... u-und dann war da noch dieser andere Typ...“
 

„Tari kann fliegen. Und wenn sie runtergekommen sind, dann wahrscheinlich woanders.“
 

Sirius warf Acrona einen Blick zu.

„Nur so nebenbei – nach deinem Abflug sind wir auf deinem komischen Flugding gelandet. Dein Kollege hat uns dann mit nem Schwert angegriffen. Hat's dabei in zwei Teile geschnitten.“
 

„Unwichtig. Es lässt sich ersetzen.“
 

„Na, du bist ja richtig... herzlich.“

Sirius verschränkte wieder die Arme.

„Also? Kommst du mit oder bleibst du hier zwischen Puddingsee und Sahnegebirge hocken?“
 

„Wohin?“
 

„Na, wir gehen das Gebiet erkunden. Vielleicht finden wir irgendeine Zivilisation oder ein Hinweisschild mit ‘Tari war hier’. Und du wirkst, als wärst du ohne deine Kumpels ziemlich aufgeschmissen.“
 

„Ich bin nicht wehrlos.“

Ein leises Klicken ging durch die Rüstung.

„Aber... ein temporäres Bündnis wäre strategisch sinnvoll. Ich komme mit.“
 

„Siri, b-bist du dir sicher?“, flüsterte Panny besorgt.
 

„Warum nicht? Ich rieche keine Gefahr.“
 

Sirius zuckte gelassen mit den Schultern und stapfte los – in eine Landschaft aus Farben, Zucker und Essen.

Kaum sah sie die riesigen gestapelten Pfannkuchen in der Ferne, knurrte ihr Magen.
 

„Ohhh... die Plinse da sehen richtig gut aus. Und dieser Riesenerdbeerkuchen...“
 

„Äh... glaubst du, das ist essbar?“, fragte Panny skeptisch.
 

„Der Wackelpudding war es zumindest! Außerdem – ich hab heute noch nichts gegessen!“
 

Sirius rannte los – ihre Augen leuchteten fast bei dem Anblick all der Süßspeisen.
 

„Wenn ihr irgendwo Apfelkuchen seht – SOFORT Bescheid sagen!!“, rief sie über die Schulter.
 

Panny sah ihr mit großen Augen nach.

Acrona ebenfalls – schweigend.
 

Wie Sirius sich auf die Pfannkuchen stürzte, als hätte sie seit Monaten nichts mehr gegessen.
 

Acrona murmelte, kaum hörbar:

„Ich habe viel über Menschen gehört. Aber das... das ist neu.“
 

Sirius biss mit Hochgenuss in einen der gigantischen Pfannkuchen.
 

„Verdammt, ist das lecker!“, murmelte sie mit vollem Mund.
 

Ohne zu zögern stürzte sie sich auf eine der Torten.

Erdbeere, Kirsche, Zitrone – egal.

Alles schmeckte wie aus einem Traum.
 

Die Keksblüten am Wegesrand?

Knusprig, mit einem Hauch von Zimt.

Jeder Bissen ein kleines Wunder.

Für einen Moment wirkte Sirius, als hätte sie das Paradies gefunden.
 

„S-Siri! Wir wollten doch nach Nebul und T-Tari suchen!“, rief Panny, der hastig angerannt kam.
 

Seine Hufen klackerten auf dem Lebkuchenpflaster.

Sirius warf ihm einen schuldbewussten Blick zu – während sie genüsslich in eine übergroße Erdbeere biss.
 

„Richtig! Ich wollte nur... Energie tanken. Damit ich besser suchen kann!“
 

Sie hüpfte mit einem Satz von der Torte herunter, klebriger Zuckerguss noch an den Sandalen.
 

„Und weißt du was? Ich hab da oben, als ich auf der Sahne war, sowas wie Häuser gesehen. In der Ferne.“
 

„E-Echt?!“
 

„Jap! Und rate mal: die bestanden auch aus Essen! Ich glaub, hier ist alles aus Futter gemacht!“

Sirius lachte laut.

„Zum Glück wohn ich hier nicht – ich hätte längst alles weggefuttert!“
 

„G-GUCK MAL, DA!“, rief Panny plötzlich, seine Stimme schrill.
 

Nicht weit entfernt, wo das pinke, kochende Zuckerguss-Meer begann, blubberte die Oberfläche bedrohlich.
 

Dann – platsch! – sprang eine Kreatur daraus empor: ein riesiger Mantarochen... der aussah wie ein Spiegelei.
 

Er glitt elegant durch die Luft und tauchte mit einem leisen Zischen wieder ein.

Sirius’ Augen leuchteten.
 

„Woah... ob man den essen kann?“
 

„Tiere sind prinzipiell essbar“, entgegnete Acrona mit stoischer Sachlichkeit.
 

„B-Bitte... sagt sowas nicht, w-wenn ich in der Nähe bin...“, wimmerte Panny und schüttelte sich.
 

Am Ufer krabbelten weitere seltsame Wesen hervor.

Aus dem sandigen Boden – der sich bei näherem Hinsehen als Sesam entpuppte – krochen kleine Krabben.

Doch ihre Panzer waren aus bunten Lutschern.
 

„Das ist... verrückt“, murmelte Sirius.

„Auf dieser Kreatureninsel war alles riesig. Und hier? Alles aus Essen? Gibt’s auch 'ne Insel aus Käse, oder was?“
 

„Ich hoffe, du bist langsam satt...“, seufzte Panny, leicht blass.
 

Sirius lachte und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
 

„Keine Sorge. Spiegelei mit Zuckerguss oder Lolli-Krabben mit Sesam? Eher nicht mein Ding.“
 

Während die anderen noch redeten, hatte sich Acrona ein Stück entfernt.

Still.

Wachsam.

Der Blick in den Himmel gerichtet.
 

Dort oben – kaum sichtbar durch den Dunst aus pinken Wolken, die wie Zuckerwatte wirkten – bewegte sich ein kleines Schiff.

Silhouetten metallischer Raumschiffe.

Verstärkung.

Weitere Cybermenschen.
 

Acrona sagte nichts.

Es war zu früh.

Noch fehlte der Roboter.

Ohne ihn hatte ein Bericht an die Königin keinen Wert.
 

Keine Entschuldigung würde akzeptiert werden.

Keine Ausflüchte.

Tari war das Ziel.
 

Und Acrona würde sicherstellen, dass er gefunden wird.

________________________________________________________________________
 

„JETZT!“, bellte Nebul.
 

Auf sein Kommando hin klappte Tari augenblicklich seinen Propeller aus.

Die Rotoren begannen zu surren, wurden schneller, bis sie in hoher Frequenz schnurrten wie ein Uhrwerk auf Speed.

Sie fingen sich.
 

Langsam wandelte sich der freie Fall in einen kontrollierten Gleitflug.

Nebul klammerte sich an den kleinen Roboter, so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
 

Er hatte es tatsächlich getan.

War einfach gesprungen.

Freiwillig.

Von einer schwebenden Insel, hunderte, vielleicht tausende Meter über dem Boden.
 

„Das ist komplett bescheuert...“, knurrte er halblaut.
 

So ein Stunt wäre sonst Sirius' Spezialität – aber ausgerechnet er hatte es diesmal durchgezogen.

Und das Schlimmste?

Es hatte funktioniert.

Der Cybermensch war nicht gefolgt.

Nebul atmete durch.
 

Unter ihnen breitete sich der Planet aus wie ein zu groß geratener Dessertteller.

Alles schien von einer grellen, fast schon beleidigend pinken Masse überzogen – glänzend, blubbernd, klebrig.
 

Er verzog das Gesicht.

„Ugh. Pink. Wer denkt sich sowas aus?“
 

„Du meinst Streusilia“, piepste Tari fröhlich.

Seine Stimme klang wie immer höflich, aber irgendwie auch... stolz, als würde er eine Präsentation halten.
 

„Dieser Planet hat eine untypische Geometrie. Er ist nicht kugelförmig, sondern hat die Form eines Muffins.“
 

„Was?!“
 

„Richtig. Der obere Bereich – also das, was du siehst – ist überzogen mit einer Schicht aus heißem, zähflüssigem Zuckerguss. In der galaktischen Topografie auch bekannt als Zuckerlava.“
 

Nebul starrte nach unten.

Die pinke Masse brodelte in der Ferne, Dampf stieg auf.
 

„Zuckerlava. Ich... Ich hasse diesen Ort jetzt schon.“
 

Tari schwebte ruhig weiter, seine Rotoren summten.

„Wir sollten bald Land erreichen. Laut meinen Daten müssten wir gleich durch die Wolkendecke brechen. Darunter sollte festes Terrain sein.“
 

„Super. Hauptsache keine dieser Blechbüchsen mehr.“
 

„Korrekt. Wir befinden uns aktuell im Abstieg über das nördliche Segment von Streusilia, nahe des Karamellwald-Clusters. Dort gibt es feste Strukturen und essbare Vegetation, wie zum Beispiel gebrannte Mandelbäume.“
 

„Ich hab dich nicht nach 'ner Menükarte gefragt.“
 

Tari piepte ein leises „Verstanden.“
 

Dann – WUUUMM!
 

Ein donnerndes Geräusch schnitt durch die Luft, bevor Nebul überhaupt reagieren konnte.

Ein Raumschiff schoss mit ohrenbetäubender Geschwindigkeit an ihnen vorbei, so dicht, dass die Druckwelle sie wie Spielzeugfiguren herumwirbelte.
 

„Luftdruck… zu hoch…“, stotterte Tari.
 

Der kleine Roboter geriet ins Trudeln.

Sein Propeller schwankte, verlor Rhythmus, dann Leistung.
 

„Verdammt, TAR—“
 

„Ich verliere… Kontrolle!“
 

Nebul spürte, wie seine Finger abrutschten.

Metall glitt durch seine Hände, und dann – Leere.
 

„TARI!!“
 

Beide stürzten.

Der Wind heulte in seinen Ohren, die Welt drehte sich.

Farben verschwammen.

Pink.

Weiß.

Himmel.

Boden.

Wieder Pink.
 

Tari trudelte nur wenige Meter neben ihm, versuchte mit ruckartigen Bewegungen seinen Flug zu stabilisieren.

Ohne Erfolg.

Der Strudel des Luftzugs war zu stark.

Nebul konnte nichts tun.

Keine Kontrolle.

Kein Halt.

Nur der Fall.
 

Unten – irgendwo unter den Wolken – wartete der Boden.

Irgendein süßlich-duftendes, vermutlich tödliches Chaos.

Dann verschluckte ihn das Weiß der Zuckerwattewolken.

Und sie stürzten.

Service mit Schlagkraft

Der süße Duft von Croissants, karamellisierten Pfannkuchen und gebackenem Vanillepudding lag schwer in der Luft.

Sonnenlicht glitzerte auf den Straßen von Pastanien, der schimmernden Hauptstadt von Streusilia – einem Land, das aussah, als wäre es ein Traum aus einer Zuckerbäcker-Fantasie.
 

Obwohl die Stadt architektonisch völlig solide war, wirkte sie auf den ersten Blick wie eine Fata Morgana aus der Pâtisserie: gepflasterte Wege im Look von Zimt-Lebkuchen, Zuckerstangenlaternen, deren Lichter in rosa und gold schimmerten, und Häuser, die wie aus Marzipan, Sahneglasur und Schokolade gebaut aussahen – allerdings nur optisch.
 

Inmitten dieses süßen Trugbilds stand das beliebteste Café der Stadt: Zum süßen Glück.
 

Der Eingang war geschmückt mit einem Torbogen aus künstlichem Kandiszucker, an dem Bonbon-Girlanden hingen.

Die Fenster schimmerten wie flüssiger Honig, durch die man die geschäftige, warme Welt im Innern beobachten konnte.
 

Drinnen luden Tische ein, die aussahen wie aus Keksplatten und Sahnetupfern gebaut, mit Stühlen, die an aufgeschlagene Schokosoufflés erinnerten.

Der Raum summte vor Leben.
 

Gäste genossen duftenden Milchkaffee, Tees in hellfarbigen Tassen und herzhafte Gerichte wie Rührei mit Trüffelchips oder gefüllte Paprika mit Käsekruste.

Es war ein Ort des Genusses – aber auch ein Ort, an dem man lernen konnte, nicht alle Süßigkeiten zu unterschätzen.
 

Zwischen den Tischen glitt eine zierliche Gestalt durch das geschäftige Treiben.

Eine junge Frau von kleiner Größe balancierte mit atemberaubender Präzision mehrere Teller, Schüsseln und Besteck auf beiden Armen.

Ihre Bewegungen waren geschmeidig, nahezu tänzerisch, jeder Schritt einstudiert wie ein Teil einer stillen Choreografie.
 

Sie hatte lilafarbene Haare, die in zwei langen Zöpfen gebunden bis über ihre Hüften reichten.

Gelbgoldene Rosenblüten schmückten ihren Kopf und funkelten im Licht wie polierter Bernstein.

Ihr rechtes Auge war hinter einem dichten Pony verborgen, während das linke – ein funkelndes, tiefes Gold – ruhig und aufmerksam ihre Umgebung musterte.

Ihre Gesichtszüge waren fein, mit einem Hauch Schminke akzentuiert.

Herzförmige, schneeweiße Ohrringe vollendeten ihr Erscheinungsbild.
 

Ihre Arbeitsuniform war einzigartig: ein weites, sonnengelbes Hemd mit einer roten Schleife am Kragen, ein hoher schwarzer Rock und lange, tiefschwarze Strümpfe, dazu schwarze Absatzschuhe, die bei jedem Schritt ein elegantes Klack auf dem Boden hinterließen.

Wenn sie sich bewegte, wippten ihre Zöpfe im Rhythmus ihres Schrittes – wie Seidenbänder im Wind.
 

Immer wieder glitten die Blicke der Gäste zu ihr.

Besonders die der Männer.

Aber sie reagierte nicht.

Ihr Blick blieb kalt, distanziert.

Sie war nicht hier, um bewundert zu werden – sie war hier, um zu arbeiten.
 

Ein Mann an einem der Tische hob die Hand.

Kurze braune Haare, verschmitztes Grinsen, Weste über dem Hemd – einer von vier zwielichtigen Gestalten, die sich mit einer Selbstverständlichkeit breitgemacht hatten.
 

„Entschuldigung, junge Dame“, sagte er, das Grinsen auf den Lippen schon vielsagend.
 

Das Mädchen trat an den Tisch, Haltung aufrecht.

„Ja? Soll es sonst noch etwas sein?“

Ihre Stimme war kühl, professionell.
 

„Auf jeden Fall“, erwiderte er und zwinkerte.

Die anderen am Tisch kicherten.

Sie blieb regungslos.
 

„Und was darf’s sein? Noch ein Kaffee? Vielleicht ein Stück Kuchen?“
 

„Wie wär’s mit deiner Nummer, Herzchen?“, fragte er, lehnte sich zurück, als hätte er etwas besonders Cleveres gesagt.
 

Sie antwortete ohne zu zögern: „Wir servieren nur Essen und Getränke, Sir.“
 

„Aber du siehst aus wie ein wunderbares Dessert“, flötete der große Mann und lachte.

„Keine falsche Scheu.“
 

Die Männer kicherten.

Die Frau seufzte leise.

Ihr Blick wurde eisig.
 

„Kein Interesse“, sagte sie.

Sie wandte sich zum Gehen – doch da griff der Mann nach ihrem Handgelenk.
 

„Hör mal, meine Jungs und ich sind Banditen. Ich glaub nicht, dass du's mit uns verspaßen will—“
 

Er kam nicht weiter.

Mit einem blitzschnellen Spin löste sie sich elegant wie ein Tänzer aus dem Griff, trat in einer fließenden Bewegung zurück, und mit einem peitschenden Kick ihres Absatzschuhs traf sie ihn direkt ins Gesicht.

Der Mann taumelte rückwärts – und krachte mit der Seite seines Gesichts gegen die Kante des Tisches.

Teller und Tassen klirrten.
 

Er richtete sich wütend auf.

„Du kleine—“
 

Sie drehte sich auf den Zehenspitzen, wie eine Ballerina in perfektem Takt, und setzte erneut einen verheerenden Kick an – diesmal drehte sie sich um die eigene Achse, ließ das Bein elegant ausfahren, und traf ihn seitlich an der Schläfe.
 

Knack.
 

Der Tisch unter ihm brach in zwei.

Die anderen Männer sprangen auf.

Drei gegen eine.
 

Doch sie war kein einfaches Mädchen in einem Café.
 

Der erste stürmte auf sie zu – doch sie duckte sich, drehte sich um ihn herum, packte ihn am Arm, ließ sich zurückfallen, und nutzte sein eigenes Gewicht, um ihn mit einem Judo-ähnlichen Wurf über sich hinweg zu schleudern.

Mit einem Kick schob sie nach – und der Mann landete auf seinem bereits am Boden liegenden Freund.
 

Der zweite griff an, wollte sie packen – doch sie wich geschmeidig zurück, glitt unter seinem Arm hindurch, nutzte seinen Impuls, und mit einem gezielten Tritt gegen sein Bein brachte sie ihn zu Fall.

Sie trat gegen seine Brust und schleuderte ihn nach hinten, wo er gegen einen Stuhl krachte.
 

Der letzte versuchte sein Glück – zu spät.

Sie sprang mit einem eleganten Satz in die Luft, drehte sich dabei mit ausgestrecktem Bein, und traf ihn mit einem Aufwärtstritt direkt unter das Kinn.

Er kippte nach hinten, schlug hart auf dem Boden auf.
 

Stille.

Nur das leise Klirren einer fallenden Gabel.
 

Die junge Frau richtete sich auf, atmete aus, strich sich das Hemd glatt.

Ihre Stimme klang völlig ungerührt:

„Dieser Service kostet extra. Das macht dann insgesamt 500 Solari.“
 

Einer der Männer stöhnte und fluchte: „Du Miststück, du—“
 

Knack.
 

Ihr Absatzschuh trat ihm auf die Hand.

Er schrie auf.
 

Ihr goldenes Auge funkelte.

Ihre Stimme war schneidend klar:

„600 Solari. Für jeden Knochenbruch gibt’s 100 oben drauf.“

___________________________________________________________________
 

„Boah, guck mal, das Vieh da sieht ja total ulkig aus!“, rief Sirius und hockte sich mit funkelnden Augen hin.
 

Sie zeigte auf eine Kreatur, die wirkte wie ein missglückter Nachtisch: Die Form ähnelte einem Krokodil, aber ihr Körper bestand aus drei klaren Schichten – oben und unten schokoladenbraun, dazwischen eine weiße Eisschicht.

Ihre Beine wirkten wie gefrorene Sahne, die Augen leer und ausdruckslos in die Ferne starrend.
 

„S-Siri… sei bitte v-vorsichtig…“, flüsterte Panny mit zitternder Stimme.
 

Die Landschaft um sie herum war eine surreale Zuckerwunderland-Version der Welt – Kuchenberge am Horizont, Bonbonbäume, Puddingwiesen.

Und doch hatte die kleine Ziege ein flaues Gefühl im Magen, das nicht vom Zucker kam.

Sirius hingegen wirkte wie ein Kind im Spielzeugladen – mit einem Hang zum Selbstversuch.
 

„Du siehst so aus, als könnte man dich essen...“

Sie grinste.

„Naja, kann man ja mal testen, oder?“
 

Sie griff zu, hob das „Krokodil“ hoch – und biss beherzt in seinen Hals.

Ein Fehler.
 

Mit einem ruckartigen Fauchen erwachte das Wesen zum Leben, drehte seinen Kopf – und schnappte direkt nach Sirius’ Gesicht.
 

„AAAAUA! LASS MICH LOS, DU MISTKERL!“, brüllte sie und zerrte an dem Tier.
 

Nach einem kurzen, wilden Gerangel, schleuderte sie das Biest mit einem lauten platsch zurück in einen nahegelegenen Honigfluss.

Sie taumelte zurück, rieb sich die Wange.
 

„Uff... die sind wohl doch nicht aus Futter.“
 

„Eine brillante Erkenntnis“, erklang Acronas Stimme trocken hinter ihr.
 

Der Cybermensch stand da wie ein stählernes Denkmal, die Arme verschränkt, der Blick neutral.

„Biologische Organismen bestehen aus Zellen, nicht aus Backwaren.“
 

Sirius schnaubte.

„Na, hätte ja sein können. Ich mein, Tari ist auch aus Metall und trotzdem lebendig.“
 

Acrona antwortete ohne jede Regung:

„Tari ist ein Roboter. Er lebt nicht. Er folgt Befehlen.“
 

„Er ist mein Freund“, erwiderte Sirius sofort. „Mehr als du’s je verstehen würdest.“
 

„Maschinen können keine Freunde sein.“

Acronas Stimme hatte den monotonen Tonfall eines Navigationscomputers.

„Sie sind Werkzeuge. Konstrukte. Programmiert, um zu funktionieren, nicht zu fühlen.“
 

„Das sagst du nur, weil euch Cybermenschen keiner mag. Tari hingegen ist ein völlig Lieber!“
 

Kurz herrschte Stille.

Dann sagte Acrona:

„Wir wissen, dass der Roboter mit Helios gereist ist. Und wir wissen, dass er Daten trägt. Diese Daten sind für uns relevant. Für unsere Zukunft.“
 

Der Name traf Sirius wie ein Schlag.

Ihr Gesicht veränderte sich.

Für einen Moment wirkte sie älter.

Verletzlicher.
 

„Helios...“, murmelte sie.
 

Panny sah sie an, verwirrt.

„W-Wer ist das?“
 

„Ein Reisender“, sagte Acrona. „Ein Forscher. Und ein Bandit. Der Roboter, den du bei dir trägst, war sein Werkzeug. Und nun ist er unser Ziel.“
 

Sirius ballte die Hände zu Fäusten.

„Tari ist kein Ziel. Er ist mein Freund. Er wurde mir anvertraut, als Helios... gestorben ist. Er hat mich beschützt. Er hat mir geholfen, endlich frei zu sein. Er war... der Grund, warum ich nie aufgegeben habe.“
 

Sie drehte sich zu Acrona um.

Ihre Stimme bebte nicht vor Wut, sondern vor Überzeugung.
 

„Ich kann es dir tausendmal erklären. Aber du willst es gar nicht verstehen.“
 

Acrona antwortete ruhig: „Es ergibt nur keinen logischen Sinn. Emotionale Bindungen zu Maschinen sind ineffizient. Der Roboter funktioniert. Er lebt nicht. Er könnte durch jede andere Einheit ersetzt werden – mit identischem Verhalten.“
 

Sirius sah den Cybermenschen lange an.

Dann fragte sie leise:

„Denkt deine Königin auch so über dich?“
 

Stille.
 

Panny fröstelte, obwohl es nicht kalt war.

Die Luft schien plötzlich dichter.
 

Sirius trat einen Schritt näher.

„Ich hab gehört, unter eurer glänzenden Rüstung seid ihr genauso verletzlich wie wir alle. Und trotzdem rennt ihr rum und tut so, als wärt ihr was besseres. Warum? Warum tut ihr so, als wär alles Leben nur Daten und Befehlsketten? Warum hasst ihr alles, was fühlt?“
 

Der Cybermensch antwortete nicht.

Die Worte, die Acrona kannte, passten nicht.
 

„Ich will euch ja mögen“, sagte Sirius. „Ihr seht immerhin echt cool aus. Aber ihr habt Nudel fast umgebracht. Und das Wolfsmädchen... Ich dachte, wir hätten ausgemacht, dass du normal mit uns redest. Nicht wie so eine seelenlose Maschine.“
 

Acrona starrte sie an.

Dann drehte dieser sich um und ging an ihr vorbei.
 

„Stell keine Fragen, die keine Relevanz haben“, sagte Acrona mit verzerrter Stimme.

„Sie führen zu nichts.“
 

„Ihr seid ein verdammt trauriger Haufen“, murmelte Sirius hinter her.
 

Es war kein Vorwurf.

Keine Wut.

Nur... Mitgefühl.

Und das war schlimmer.
 

Etwas in Acronas System hakte.

Die Worte wiederholten sich.
 

Denkt deine Königin auch so über dich?

Warst du schon immer so?
 

Der Blick fiel auf die Zuckerwürfelsteine am Wegesrand.

Die bunte Landschaft passte nicht zum Inneren von Acrona.

Grell, lebendig – voller Wärme.
 

Der Planet der Cybermenschen Mondas war kalt.

Steril.

Alles funktionierte.

Nichts lebte.
 

Metallisch.

Emotionslos.

Distanziert.

So wie die Königin der Cybermenschen.
 

Panny flüsterte nervös: „S-Siri... ich hab kein gutes Gefühl bei ihm.“
 

„Ich auch nicht. Nicht mehr.“, antwortete Sirius leise.

„Aber wenn der was versucht, dann bekommt er Ärger. Versprochen.“
 

Panny nickte, doch er wirkte nicht beruhigt.

„Wenn das nur so einfach wäre...“
 

Vor ihnen lief Acrona weiter.

Die Worte kreisten weiter im Kopf.
 

Warum tut ihr so?

Denkt deine Königin auch so über dich?

Warst du schon immer so?
 

Fragen ohne Relevanz.

Und doch... sie ließen Acrona einfach nicht los.

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Stücke vom Kekstisch lagen wie Schneeflocken auf dem Boden verstreut.

Die zerborstenen Stuhlbeine – einst liebevoll zuckergussverziert – ragten aus einem Trümmerhaufen wie zerkaute Zimstangen.
 

„Cassie! Zum siebten Mal – MUSST du jedes Mal unsere Einrichtung zerlegen?!“
 

Lina fuhr aufgebracht auf, die geflochtenen orangefarbenen Haare zitterten bei jeder Silbe.
 

Cassie stand breitbeinig, Arme verschränkt, das gelbe Auge funkelnd wie Honigglas im Sonnenlicht.

Ihre lilafarbenen Zöpfe waren zerzaust – das Resultat eines sehr handgreiflichen Streits.
 

„Die haben mich angegrapscht. Und du willst mich jetzt ernsthaft für ein paar Stühle und nem Tisch anmeckern?!“ zischte sie.
 

„Ja VERDAMMT, weil wir uns nicht mal mehr neue Tischdecken leisten können! Du weißt ganz genau, dass wir knapp bei Kasse sind!“
 

„Ach komm, du hättest ihnen den ganzen Laden um die Ohren gehauen! Willst du mir erzählen, du hättest in der Situation höflich um Hilfe gebeten?!“ fauchte Cassie zurück, das Zucken in ihrem Augenwinkel kaum übersehbar.
 

„Beruhigt euch.“
 

Celine stand da mit einem Besen in der Hand, wie eine sanfte Insel im Sturm.

Sie fegte mit ruhiger Miene die Überreste eines Keksstuhls zusammen, dabei sprach sie fast zu leise für das Chaos um sie herum.
 

„Es ist passiert. Jetzt räumen wir eben auf.“
 

„Celine, das ist nicht das erste Mal! Wie oft noch? Noch fünf Stühle? Zehn? Oder warten wir einfach, bis das Dach einstürzt? ODER BIS WIR DAS CAFÉ ZU MACHEN MÜSSEN?“
 

"Lina, sei doch froh, dass ihr nichts passiert ist."
 

Lina war kaum zu bremsen.

Ihre blauen Augen loderten, während sie Cassie fixierte, als wolle sie sie mit Blicken durchbohren.
 

„ICH habe nie behauptet, dass mir Cassie egal ist!“ bellte sie.

„Aber wir können nicht jedes Mal Möbel nachkaufen, nur weil Madame der Kragen platzt!“
 

"Und du blöde Zicke musst nicht so rumkreischen! Ich bin nicht taub!", knurrte Cassie, ihre Hände in die Hüften gestemmt.
 

Sie war zwar sehr klein in der Größe, aber das Temperament war mindestens genauso groß wie von ihrer Kollegin Lina.
 

"UND WIESO HÄLST DU DICH NICHT DARAN??"
 

"DAS HABE ICH DIR SCHON GESAGT, DU TAUBES MISTSTÜCK!!"
 

"Leute, es sind noch Gäste hier...", aber Celines Bemerkungen waren nutzlos.
 

Im Café war es bereits so laut wegen den beiden Streithähnen, dass alle Gäste sie beäugten, große Augen auf sie gerichtet.
 

"Du kannst ja selber so oft kellnern wie ich! Aber nee, die feine Dame will nicht so viele Teller schleppen! Und oh das ganze Laufen! Zu viel für die Prinzessin!", höhnte Cassie.
 

"Bitte?? Wenn ich zu faul wäre, WÜRDE ICH HIER NICHT ARBEITEN!! ICH TUE GENUG IN DER KÜCHE! IM GEGENSATZ ZU DIR RICHTE ICH KEINEN SCHADEN AN!", schrie Lina.
 

Die beiden Frauen standen sich gegenüber, blickten sich an, als wären sie nicht nur kurz davor sich gegenseitig die Haare auszureißen, sondern sich auch gegenseitig zu erdrosseln.
 

Auch wenn die Gäste mit großen Augen schauten, gehen tat keiner.

Es war wie ein perfektes Drama im Theater.

Spannung.

Wer würde zuerst die Fäuste fliegen lassen?
 

"UND SONST MECKERST DU AUCH NICHT RUM ÜBER DEINEN ACH SO HARTEN JOB! BESONDERS WENN DU DIE KRAFT NOCH HAST MIT TYPEN ZU FLIRTEN ODER TYPEN ZU VERKLOPPEN, DIE DIR NICHT GEFALLEN!!"
 

„DU BLÖDE SCHLAMPE!“
 

Celine stellte sich zwischen die beiden, packte Cassie mit beiden Händen an den Schultern.
 

„Cassie! Ruhig. Bitte!“
 

Doch die kleine Frau bebte vor Wut.

„DU hast gerade ernsthaft gesagt, ich verprügle jeden, der mir nicht gefällt?! Echt jetzt?! Was bist du eigentlich für eine Schwester, Lina?!“
 

„Ich meinte das nicht so–!“, begann Lina, doch Cassie fuhr dazwischen wie ein explodierender Bonbonautomat:

„ICH HABE MICH VERTEIDIGT! Der Kerl hat mich FESTGEHALTEN, verdammt! Und dein einziges Problem sind ein paar Zuckerstühle?! ERNSTHAFT?“
 

Im Café war es still.

Zumindest soweit man das über ein Dutzend Gäste sagen konnte, die mit aufgeklappten Mündern auf ihre süßen Desserts starrten – und auf das Spektakel, das sich vor ihnen entfaltete wie eine überzuckerte Oper.
 

Dann – die Küchentür flog auf.

Ein pummeliger, gutmütiger Mann in weiß-roter Pilzkochmütze trat hervor.

Der Koch.

Der Fels im Sahnebrand.
 

„Mädels...“, sagte er mit seiner ruhigen, brummenden Stimme, die ein bisschen an geschmolzene Butter erinnerte.

„Was ist denn diesmal schon wieder los?“
 

Kein Ton.

Dann stampfte Cassie los – nicht zur Küche, sondern zur Treppe.

Ihre Schritte hallten durch das Café wie kleine Donnerschläge.
 

Freddy sah ihr hinterher, die Stirn in Falten, bevor er Celine und Lina mit einem nachdenklichen Blick musterte.
 

„Was habt ihr gesagt, hm?“
 

Celine zuckte kaum merklich mit den Schultern, der Besen noch in der Hand.

„Ich war’s nicht. Lina hat wieder schlecht dosierte Worte benutzt.“
 

„ICH?!“, protestierte Lina empört.

„Ich habe doch nur–“
 

„Lina.“
 

Freddy hob leicht die Hand.

Kein Tadel.

Nur Müdigkeit.
 

„Ich war nicht mal im Raum und ich weiß, wie’s gelaufen ist.“
 

Lina schnaufte.
 

„Du bist aufgebracht. Verständlich. Aber du hörst nicht zu, und Cassie schnappt sofort über, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt. Ihr seid beide... ein bisschen zu viel Feuer.“
 

Celine fügte leise hinzu: „Und du weißt, dass sie nicht wahllos jemanden verprügelt. Die Typen haben sie bedrängt.“
 

Lina kaute auf ihrer Lippe.
 

„Ich... Ich will ja nur, dass der Laden nicht untergeht. Freddy hatte schon Nächte, in denen er kaum schlafen konnte... und dann gehen wieder Stühle kaputt...“
 

Ihre Stimme klang kleiner.

Weicher.
 

„Ich weiß, mein Kind. Ich weiß“, murmelte Freddy.

„Aber jetzt lasst sie in Ruhe. Jeder braucht mal Luft.“
 

Er sah sich im Café um, warf den Gästen ein gequältes Lächeln zu.

„Meine Damen und Herren, bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten... Ich mache gerade frische Biscuits. Die gehen auf's Haus.“
 

Mit einem leisen Seufzen verschwand er wieder in die Küche.

Lina atmete tief aus, aber ihre Fäuste waren immer noch geballt.
 

"Dass er immer so viel Nachsicht bei der hat! Die hat SO einen Welpenschutz bei ihm, es ist unglaublich!", brummelte Lina, ihre blauen hübschen Augen immer noch zusammen gekniffen.
 

"Na warum wohl. Cassie ist wie seine Tochter. Sie ist bei ihm groß geworden, also natürlich ist er-"
 

Lina stampfte zurück in Richtung der Küche.

Auf dem Weg hob einer der Gäste die Hand.
 

"Entschuldigung, könnte ich etwas Nachschlag ha-"

„DU bekommst gleich Nachschlag, aber nicht aufs Dessert!“
 

Die Tür flog zu.

Ein leises Klirren folgte.
 

Celine blieb zurück.

Blick auf die Tischsplitter, der Besen in der Hand.
 

Sie atmete durch, sprach leise:

„War ja klar, dass ich wieder das Chaos zusammenkehren darf...“

Vom Himmel gefallen

Ein kleiner Raum.

Die Wände waren in einem tiefen Violett gestrichen, als hätte jemand geschmolzene Brombeeren über das Mauerwerk gegossen.
 

Ein großer Kleiderschrank stand an der Seite – verziert mit einer täuschend echten Kekstextur, als würde er knuspern, sobald man ihn öffnete.

Daneben: ein zarter Schminktisch, übersät mit Pinseln, Puderdöschen und Glitzerlipgloss.
 

Auf einem niedrigen Regal tanzten winzige Ballerina-Figuren zwischen einer Sofortbildkamera und rosa Bilderrahmen.

An der Pinwand darüber: Fotos von den Kuchenbergen, den spiegelnden Wackelpudding-Seen, von streuseligen Tierchen – und natürlich von Celine und Lina.
 

Doch in der Mitte prangte das wichtigste Bild.

Es war umrahmt von bunten Stecknadeln und einem Herz aus Fäden.

Freddy und Cassie, wie sie ein Foto machten zusammen.

Beide lachten, echt und unbeschwert.
 

Cassie lag bäuchlings auf ihrem prinzessinnenhaften Bett.

Das Gesicht tief ins pinke Kissen gedrückt.

Es war still.

Kein Vogel, keine Stimme.
 

Nur das entfernte Klirren aus dem Café unter ihr – als Erinnerung daran, dass die Welt sich weiterdrehte.

Sie seufzte schwer.

Ihre Haare, in die sie heute stundenlang Arbeit gesteckt hatte, waren längst zerzaust.

Die Wut hatte sie aufgerissen wie ein Sturm.

Und jetzt... war da nur noch Leere.
 

„WENN DU DIE KRAFT NOCH HAST MIT TYPEN ZU FLIRTEN ODER TYPEN ZU VERKLOPPEN, DIE DIR NICHT GEFALLEN!!“
 

Linas Worte hallten durch ihren Kopf wie ein stechendes Echo.

Cassie biss die Zähne zusammen.
 

Sie wusste, dass sie ein Problem war.

Dass die zerbrochenen Möbel dem Café schadeten – finanziell und im Ruf.

Aber verdammt noch mal, sollte sie sich etwa von diesen Banditen begrabschen lassen, ohne sich zu wehren?
 

Es gab da draußen eben... Männer.

Von der widerlichen Sorte.

Cassie hatte ein Gespür dafür.
 

Ein Blick, ein falsches Grinsen – und sie wusste, ob ein Typ sie sah oder nur ihren Körper.

Und jedes Mal, wenn sie so einen in die Schranken wies, war es ihr inneres Feuer, das sie antrieb.
 

Aber manchmal… nur manchmal… wünschte sie sich, dass dieses Feuer jemand anderes für sie trug.
 

Ihr Blick wanderte durchs Zimmer, blieb an einer Ecke hängen.

Dort stand ein altes Spielzeugschloss, längst eingestaubt.

Zwei Puppen lehnten im Miniatur-Balkon: die eine mit blondem Zopf und Krönchen, die andere mit Ritterrüstung und breiten Schultern.
 

Als Kind hatte sie sich darin verloren – in der Vorstellung, dass eines Tages jemand kommen würde.

Nicht mit einem Pferd.

Sondern mit einem Herzen, das sie sicher, geborgen, geliebt fühlen ließ.
 

Sie mochte es zu kochen.

Freddy sagte oft: „Ein Mann ist nichts ohne gutes Essen.“

Und sie hatte gehofft, dass Männer vielleicht bleiben würden, wenn diese schmeckten, was sie fühlte.
 

Taten sie.

Aber nicht die Richtigen.
 

Die Männer, die im Café Platz nahmen, waren oft freundlich.

Manche sogar charmant.

Sie hielten ihren Dates die Tür auf, zahlten das Essen, hielten Händchen, küssten zärtlich über den Tisch hinweg.
 

Und jedes Mal, wenn Cassie das sah, wurde ein stilles Ziehen in ihr wach.

Neid, vielleicht.

Oder Sehnsucht.
 

Sie wusste nicht mal, was ihr Typ war.

Nur dass er einen Bart haben musste.

Und kräftig sein.

Ob muskulös oder weich, egal.

Hauptsache: das gewisse Etwas.
 

Etwas, das man nicht erklären konnte, aber fühlte.

Humor.

Wärme.

Stärke.

Romantik.
 

Manchmal fragte sie sich, ob sie oberflächlich war.

Aber dann schüttelte sie innerlich den Kopf.

Es war wie bei Lakritz – man mochte es oder eben nicht.

Das war kein Fehler.

Das war Geschmack.
 

Cassie seufzte erneut.

Wie oft hatte sie schon von ihrem Traummann fantasiert?

Celine und Lina neckten sie längst damit.

Freddy lachte nur milde.
 

Aber die Wahrheit war: die guten Männer waren alle vergeben.

Die anderen?

Die von außerhalb?
 

Banditen.

Raubtiere in Menschengestalt.
 

Sie dachte zurück an vorhin.

An den Griff eines dieser Männer an ihrem Handgelenk.

An das eine Mal, als eine Bande ihr Café überfallen hatte.
 

Ihr Anführer – groß, wildes Haar, mit Bart – hatte Freddy verletzt.

Schwer.
 

Und sie selbst war nichts weiter gewesen als ein Schatten.

Ein Hindernis, das beiseitegeschoben wurde.
 

Seitdem hatte sie Ballett gegen Kampfsport getauscht.

Sie kombinierte beides.

Wucht und Anmut.

Schmerz und Schönheit.
 

Nie wieder würde sie hilflos sein.

Und doch... der Streit mit Lina.
 

Ihre große Schwester konnte eine Nervensäge sein.

Eine herrische, schnippische Nervensäge.
 

Aber sie hatte recht in einem Punkt: Das Café hatte Geldprobleme.

Ernsthafte.

Und Cassie wusste, dass es nicht nur ihr Café betraf.

Ganz Streusilia ächzte unter den wachsenden Abgaben der höheren Mächte.
 

Und dann – KRACH!
 

Ein markerschütterndes Geräusch riss Cassie aus ihren Gedanken.

Sie fuhr hoch, stand wie elektrisiert da.
 

Sie riss die Balkontür auf – eingefasst mit geschwungenen Zuckerstangen – und trat hinaus.

Ein Blick die Straße hinunter genügte.
 

Menschen hatten sich versammelt.

Ein Kekswagen, beladen mit Zuckerwatte, war eingestürzt.

Zerborsten.
 

Etwas – oder jemand – war dort hineingekracht.

Was zum...?
 

Cassie sprang über das Geländer, landete geschmeidig auf den Lebkuchen-Pflasterplatten.

Sie rannte zum Ort des Geschehens.
 

Die Menge schrie, löste sich auf, wich zurück wie eine Welle.

Alle liefen.

Cassie tat das Gegenteil.

Sie trat näher.

Schob die Zuckerwatte zur Seite.
 

Ein Gesicht.

Cassie hielt den Atem an.
 

Er war blau.
 

Nicht einfach blass oder krank.

Nein – ein helles, sanftes Blau.

Fast leuchtend.
 

Zwei Antennen ragten unter einem schwarzen Hut mit drei Federn hervor.

Weißes, zerzaustes Haar fiel ihm in die Stirn, die Augenbrauen ebenfalls weiß – das rechte mit einem kleinen Schnitt.

Silberne Ohrringe zierten seine Ohren.

Eine feine, alte Narbe durchquerte seinen Nasenrücken.
 

Sein Outfit war seltsam edel: blaues Oberteil mit goldenen Knöpfen, wie aus einer königlichen Garde.

Schwarze Hose, brauner Gürtel, blaue Stiefel mit weißem Fell am oberen Rand.
 

Er sah aus wie ein Märchenwesen.

Wie ein Albtraum.

Wie beides zugleich.

Und trotzdem… flatterte etwas in ihrem Bauch.
 

Oh Cassie, reiß dich zusammen! , fluchte sie innerlich. Der Typ ist gerade vom Himmel gefallen!
 

Aber niemand wusste, wer oder was er war.

Und bevor Panik ausbrechen würde... musste sie ihn in Sicherheit bringen.
 

Oder zumindest an einen Ort, wo sie ihn zuerst befragen konnte.

Und Cassie hatte da schon eine Idee.

Eine ziemlich verrückte.

Aber immerhin eine Idee.

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„Was zum Teufel hast du da?!“
 

Linas Stimme war ein scharfes Messer, kaum dass Cassie durch die Hintertür des Cafés trat – einen riesigen Sack hinter sich herschleifend wie ein schiefgelaufener Dieb.
 

„Ich war… äh… shoppen. Auf dem Basar.“
 

Cassies Stimme klang so unschuldig, dass es fast verdächtig war.

Lina stemmte die Arme in die Hüften.
 

„Erzähl keinen Blödsinn. Wir sind alle knapp bei Kasse, du inklusive.“
 

„Das war mein Erspartes!“ schoss Cassie zurück, sofort in Verteidigungshaltung.
 

„Und was machst du? In deiner ARBEITSZEIT auf Shoppingtour?!“
 

„Ach, halt doch einfach die Klappe, du blöde Kuh!“ fauchte Cassie und zerrte ihren Sack weiter Richtung Treppe.
 

„Du siehst aus, als würdest du eine Leiche mit dir rumschleppen! Was hast du da gekauft, ein halbes Schwein?“
 

In dem Moment flog die Küchentür auf, Celine trat ein, beladen mit Tellern, die sie energisch in Richtung Spüle balancierte.
 

„Ich hör euch bis draußen kreischen! Könnt ihr euch nicht EINMAL zusammenreißen?! Freddy badet gerade euren Fopah von vorhin aus! Er verteilt schon die Biscuits, also macht das nicht auch noch kaputt und-“
 

Sie stellte das Geschirr ab, seufzte, drehte sich um – und sah den Sack.

„Und was… in Gottes Namen… ist DAS?“
 

„Lass mich in Ruhe!“, murmelte Cassie, bissig, und schleppte das Ding weiter, Tritt für Tritt, die Treppe hinauf.

Die beiden anderen starrten ihr kopfschüttelnd nach.
 

„Dieses Mädchen…“ murmelte Lina.

„Geht mitten im Schichtstress shoppen, bringt irgendeinen Plunder mit und verschwindet wieder. Das ist SO typisch!“
 

Oben angekommen, zog Cassie den Sack bis in ihr kleines Zimmer, machte die Tür hinter sich zu und atmete erst mal tief durch.

Ihre Arme zitterten.

Sie öffnete den großen Sack.

Mit viel Mühe wuchtete sie ihn aufs Bett, öffnete ihn – und da lag er.

Der blaue Mann.
 

Sie sank auf den Boden, erschöpft.

Ihre Brust hob und senkte sich schnell.
 

Der Anblick war… bizarr.

Und wunderschön.

Noch nie hatte sie jemanden wie ihn gesehen.
 

Sein Gesicht war gezeichnet von irgendetwas Fremdem, seine Haut schimmerte bläulich.

Seine Haare wild, weiß, weich wie Wolle.

Und trotzdem… irgendwie edel.
 

Vorsichtig holte sie einen kleinen Eimer Wasser und einen Lappen aus dem Bad, setzte sich ans Bett und begann, sein Gesicht zu reinigen.

Reste von der Zuckerwatte klebte an seinen Armen, in seinen Haaren und im Gesicht.

Sie wischte ihn sauber, behutsam, fast zärtlich.
 

Mit jedem Tupfer wurde ihre Fantasie wilder.

Er sah aus wie ein Märchenprinz.

Oder vielleicht ein Wächter aus einem fernen Königreich.

Die Federn an seinem Hut – zwei blaue, eine lilane – wirkten königlich.
 

Und wenn er aufwachte, würde er sehen, dass sie ihn gerettet hatte.

Dass sie ihn gepflegt hatte.

Und dann… würde er sie vielleicht mitnehmen.

In sein Schloss.
 

Bei dem Gedanken, biss sie ihre Zähne zusammen, um sich vom Quietschen abzuhalten.

Ein schönes großes Schloss, wo sie leben würden.

Und sie würde Freddy und ihre beiden Schwestern mitnehmen.

Und sie würde backen.

Jeden Tag.

Für alle.
 

Ein Leben ohne Sorgen, ohne Hetze.

Ein süßes Leben.
 

Doch dann – ein Zucken.

Der Mann stöhnte.

Bewegte sich.

Langsam öffneten sich seine Augen.

Tiefgrün.

Wild.

Wach.
 

Cassie japste, ihre Hände flogen vors Gesicht.

Ihr Herz schlug bis zum Hals.
 

„Ugh… wo bin ich?“
 

Der Mann richtete sich auf, hielt sich den Rücken, blinzelte, verwirrt.

Sein Blick streifte das Zimmer, dann blieb er an Cassie hängen.

Ihre Wangen glühten.
 

„Du bist BEI MIR!“ platzte es aus ihr heraus, fast euphorisch. „Ich hab dich gerettet! Du bist vom Himmel gefallen! Also… also hab ich dich mitgenommen!“
 

Er sah sie an.

Dann runzelte er die Stirn.
 

„Stimmt… ich erinnere mich… Ich bin wirklich gefallen.“
 

„Wer bist du? Bist du ein Prinz? Ist dein Schloss groß?“
 

„Was?“
 

„Na, wegen deiner Kleidung! Du musst jemand Wichtiges sein! Oder ein… ein… Kriegerprinz!“
 

Er verzog das Gesicht.

„Ich hab keinen Schimmer, was du da redest. Ich bin kein Prinz. Ich bin einfach nur ein Andorianer. Kapiert?“

Er schaute sich hektisch um.

„Ist zufällig ein Roboter mit mir abgestürzt?“
 

Cassies Lächeln sackte ab.

„Ähm… nein. Ich hab nur dich gefunden. Und weißt du was?“

Ihre Stimme wurde wieder scharf.

„Ein bisschen mehr Dankbarkeit wäre nicht schlecht! Ich hab deinen Hintern hier hochgeschleppt – und der ist echt schwer!!“
 

„Woah, Kleine, beruhig dich.“
 

„‘Kleine‘?! Ich hab gehofft, du wärst wenigstens nett. Aber du bist einfach nur ein RIESIGER Arsch!!“
 

„Wenn du immer so rumschreist, wundert mich das nicht“, murmelte er.
 

Das reichte.

Cassie packte ihn am Kragen, ihr gelbes Auge funkelte vor Zorn.

„Ich bin ZWEI Sekunden davon entfernt, dich aus dem Fenster zu werfen!“
 

Klopf, klopf.
 

„Cassie? Alles in Ordnung da drin?“
 

Freddys sanfte Stimme klang durch die Tür.

Cassie zuckte zusammen.

Verdammt.
 

„Runter!“, zischte sie zum Andorianer und drückte ihn flach aufs Bett.

Die Decke flog über ihn, gerade als die Tür aufging.
 

Sie setzte sich aufrecht aufs Bett, gerade noch rechtzeitig.

Freddy stand im Rahmen, seine breiten Schultern wirkten ein wenig schwerer als sonst, als trügen sie mehr als nur das Gewicht eines langen Arbeitstages.

Seine blauen Augen, sonst so wachsam und freundlich, blickten müde – und doch durchdrungen von ehrlicher Sorge.
 

„O-Oh, Freddy–“, begann sie hastig, „Brauchst du was?“
 

Er trat nicht ganz ein, blieb an der Tür stehen, als wolle er ihr Raum lassen.
 

„Ich hab dich schon beim hochgehen laut reden gehört.“

Seine Stimme war tief, aber weich wie warmer Honig.

„Ist alles in Ordnung bei dir, Cassie?“
 

„A-Ach…“
 

Sie fuhr sich mit der Hand durch die zerzausten lilanen Haare, ein nervöses Lächeln auf den Lippen.
 

„Nur Selbstgespräche… wegen vorhin. Ich musste mich etwas… abreagieren. Du weißt schon, wie ich manchmal bin.“
 

Freddy zog eine Augenbraue leicht hoch, sagte aber nichts.

Ein stilles, wohlwollendes Schweigen, wie es nur Menschen beherrschen, die andere wirklich kennen.
 

„Ich hoffe, du weißt, dass Lina’s Worte manchmal schärfer klingen, als sie’s meint. Sie trägt die Angst eben im Herzen, nicht im Gesicht.“
 

„Jaja, ich weiß… Ich muss nur... zur Ruhe kommen, wie immer.“
 

Sie zwang sich zu einem Lächeln, das bröckelte, kaum dass es da war.

Ihre Augen huschten unruhig zur Tür.

Freddy nickte langsam.
 

„Celine und Lina sagten, du wärst seltsam drauf gewesen. Und vom Basar zurückgekommen.“
 

„Ja, äh…“

Cassie schluckte.

„War nur kurz… brauchte frische Luft, weißt du?“
 

Freddy lächelte sanft.

„Cassie… du kannst immer zu mir kommen, wenn dich etwas bedrückt. Ich bin nicht nur dein Arbeitgeber. Und ich weiß, ich kann nicht alles für euch lösen… aber ich hör dir zu. Immer.“
 

Das Lächeln wich aus Cassies Gesicht.

Sie sah ihn an, sah die feinen Linien um seine Augen, den Schmerz, der sich wie ein Schatten hinter seinem warmen Blick verbarg.
 

„Ich weiß, dass es nicht leicht ist im Moment…“, begann er leise, beinahe mehr zu sich selbst als zu ihr.

„Diese Abgaben… sie fressen uns langsam auf. Ich rechne jede Woche neu. Und jedes Mal bete ich, dass ich euch alle halten kann. Dich, Celine, Lina. Ihr seid nicht nur meine Angestellten – ihr seid meine Familie. Ich will keinen von euch verlieren.“
 

Seine Stimme zitterte kaum merklich.
 

„Aber ich bin auch nur ein alter Mann mit einem kleinen Café in einer zu großen Welt.“
 

„Freddy…“, hauchte Cassie.
 

Ihre Lippen zitterten.

Er lächelte wieder, dieses Mal müde, aber ehrlich.
 

„Ich weiß, wie sehr du das Kochen liebst, mein Kind. Es ist in deinen Händen, in deinem Herzen. Ich will dir deine Leidenschaft nicht nehmen.“
 

Er griff langsam zur Türklinke, als wolle er den Moment nicht beenden, aber wisse, dass er ihn nicht festhalten konnte.
 

„Ich lass dich jetzt. Ruh dich aus. Und egal, was Lina sagt – du darfst erst mal hier bleiben. Nimm dir die Zeit, die du brauchst.“
 

Dann schloss er die Tür leise.

Nicht aus Kälte, sondern aus Rücksicht.

Cassie blieb sitzen, starrte zur Tür, als würde sein Schatten noch dort stehen.
 

Etwas zog sich in ihrer Brust schmerzhaft zusammen.

Freddy… war eine viel zu liebe Seele für diese Welt, die so oft zu hart war für Herzen wie seines.
 

Neben ihr raschelte es leise.

Die Bettdecke hob sich, und der Andorianer richtete sich mit einem Brummen auf.
 

„Wer war das?“, fragte er, die Stimme noch rau vom Schweigen.
 

„Mein Chef“, antwortete Cassie leise. „Ich bin bei ihm aufgewachsen. Und ich arbeite hier seit Jahren.“
 

Nebul verzog das Gesicht.

„Und was machst du?“
 

„Ich bin Kellnerin. Und Köchin. Unten im Café.“
 

Er blinzelte.

„Ein Café? Wart mal… Leute kommen hierher und bezahlen für Essen?“
 

Cassie nickte nur.

Nebul schnaubte ungläubig.
 

„Ihr wohnt auf einem verdammten Planeten, der aus Essen besteht – und ihr zahlt dafür? Ihr könnt doch einfach das futtern, was vor eurer Nase ist!“
 

„1. Nicht alles hier ist essbar. Die Landschaft, ja. Häuser, Werkzeuge, Kleidung – nicht unbedingt.“

Sie seufzte.

„2. Es ist verboten, einfach so etwas von der Landschaft zu essen.“
 

Nebuls Augen verengten sich, die Stirn runzelte sich.

„Verboten? Wie meinst du das?“
 

„Streusilia ist ein Planet, auf dem fast alles an Lebensmitteln wächst. Natürlich. Ohne Zusatzstoffe, ohne Maschinen. Die Wälder, die Felder, die Berge – alles essbar. Aber offiziell gehört all das den höheren Mächten. Wir ernten es, verpacken es, verschicken es. An andere Welten. An Händler. Oder geben’s direkt an die, die oben sitzen.“
 

„Und ihr selbst müsst dafür blechen“, murmelte Nebul düster.
 

„Genau.“
 

Er lachte trocken, ein Laut ohne echtes Vergnügen.
 

„Das ist doch bescheuert!! Der Planet gehört euch und nicht-“
 

„Es ist… bizarr, ja. Und ziemlich ungerecht. Aber was sollen wir tun?“

Ihre Stimme wurde weicher, trauriger.

„Wohin sollen wir sonst? Fast alle Planeten stehen unter dem Banner der Mächte. Und die, die’s nicht tun, sind zu gefährlich, zu instabil. Da herrscht Anarchie oder Krieg. Frieden wie hier… gibt’s selten.“
 

Für einen Moment herrschte Stille.

Nebul sah sie an, und etwas in seinem Blick veränderte sich.
 

„Ich weiß“, murmelte er schließlich.

„Ich weiß, was du meinst.“
 

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte Cassie schließlich.
 

„Nebul“, antwortete er knapp, während er sich streckte und dabei gähnte, als hätte er gerade ein Nickerchen gemacht, statt halb tot auf dem Bett zu liegen.
 

„Und… was ist eigentlich passiert? Ich meine, weshalb bist du vom Himmel gefallen?“
 

„Tja…“
 

Nebul schien kurz nachzudenken, runzelte die Stirn.
 

„Da war dieses Raumschiff, das in einem Affenzahn an uns vorbeigebrettert ist – und der Roboter, der mich getragen hat, hat deswegen komplett die Kontrolle verloren und—“
 

Plötzlich riss er die Augen auf.

„Verdammt!!“

Er knallte sich die Hand gegen die Stirn.

„Diese Göre ist noch da draußen!!“
 

„WER?!“, blinzelte Cassie irritiert.

„WER ist sie?! Ist sie hübsch?! SEID IHR—“
 

„Entspann dich mal, Fräulein!“, fuhr Nebul dazwischen, die Stimme angespitzt.

„Das Mädel ist genauso abgestürzt wie ich! Na ja… eigentlich von einer schwebenden Insel runtergefallen.“
 

„Schwebende Insel?“

Cassie runzelte die Stirn.

„Du meinst… die Kreatureninsel? Ihr seid von dort?“
 

„Nicht direkt.“

Er sprang vom Bett wie ein Soldat auf Alarm.

„Zumindest nicht ich! Ich muss sie finden. Sie schuldet mir meine Waffe!“
 

„Moment mal.“

Cassies Stimme wurde schärfer.

„Waffe? Was soll das heißen? Bist du etwa ein Bandit?!“
 

„Sie ist ein Bandit, ich— na ja…“
 

Nebul wich ihrem Blick aus.

Cassie stöhnte.
 

„Ach super. Natürlich. Kein Wunder, dass du so unverschämt bist. Ein waschechter, rüpelhafter Bandit!“
 

„Hey!“

Nebul hob abwehrend die Hände.

„Ich bin kein Bandit! Ich reise viel, okay? Aber ich gehöre keiner Bande!“
 

„Wow. Was für eine Verbesserung“, sagte sie trocken und verdrehte die Augen.
 

Nebul ignorierte den Kommentar und stapfte zur Balkontür.

Er warf einen Blick hinaus.
 

„Sind noch andere abgestürzt?“
 

„Hier? Nein. Bist der einzige bizarre Fall heute.“
 

„Ugh… verdammt. Wo soll ich mit der Suche anfangen?“

Er kniff die Augen zusammen.

„Der Roboter! Wenn ich den finde, finde ich vielleicht auch sie wieder.“

Dann stockte er.

„ABER IHN MUSS ICH JA AUCH ERST NOCH FINDEN! UGH!“
 

Er fuhr sich durch die Haare.

Ein genervtes Seufzen entglitt seinen Lippen.
 

„Und dann sind da noch diese verfluchten Blechbüchsen, die uns im Nacken sitzen… und ich hab meinen Katana nicht...“
 

Cassie sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

„Ich versteh kein einziges Wort von dem, was du da von dir gibst.“
 

„Ich muss los! Vielleicht sieht man sich ja später nochmal!“, rief Nebul, riss die Balkontür auf und sprang kurzerhand über das Geländer.
 

„HE, WARTE!!“, rief sie hinterher, trat auf den Balkon – aber es war zu spät.
 

Er war bereits unten und hetzte ohne Plan in eine beliebige Richtung.

Cassie lehnte sich ans Geländer und sah ihm nach.

Was für ein Chaos.
 

Er hatte völlig konfus herumgeredet, von irgendwelchen Mädchen, Robotern und Waffen.

Und dann rennt er auch noch einfach los – ohne zu wissen, wo er überhaupt suchen soll.

Sie schnaubte.
 

„Toll. Kein Prinz, sondern ein Bandit. Natürlich.“

Sie verdrehte die Augen.

„Immer das gleiche.“
 

Dann murmelte sie, halb lachend, halb genervt: „Nicht mal ein einfaches Danke für deine Hilfe…“
 

Sie ließ den Blick in die Ferne schweifen.

Irgendwo da draußen irrte also ein völlig überforderter Andorianer herum – mit einem Katana-Komplex und null Orientierungssinn.
 

Wirklich... was für ein Idiot.

Zwischen Befehl und Wahl

„Und was ist das für ein seltsames Artefakt?“
 

Ein Mann in einem fein gebügelten Hemd beäugte skeptisch das blau-grün schimmernde Gehäuse auf dem Tisch.
 

„Ein Unikat!“

Der Verkäufer strahlte, seine Stimme überschlug sich beinahe vor Aufregung.
 

„Es ist vom Himmel gefallen! Und sehen Sie – kein einziger Kratzer! Wer weiß, woher es stammt oder wozu es dient. Ich biete es für den absoluten Sonderpreis von nur 800 Solari an!“
 

Taris Bildschirm flackerte plötzlich auf.

Seine internen Sensoren meldeten einen schweren Aufprall – kürzlich geschehen.

Doch weder äußerlich noch im Innern war er beschädigt worden.

Was war passiert?
 

Seine Speicherkarte lud sofort die letzten gesicherten Bilder: Er und Nebul.

Der Sprung von der Kreatureninsel.

Der Versuch, dem Cybermenschen zu entkommen.

Tari hatte im Fall seinen Propeller ausgeklappt, beide schwebten durch die Luft – auf dem Weg zum Planeten unter ihnen: Streusilia.
 

Doch dann – ein Raumschiff, das in einem irren Tempo an ihnen vorbeigerast war.

Die Turbulenz brachte Tari aus dem Gleichgewicht.

Kontrolle verloren.

Absturz.
 

Er und Nebul waren gefallen.

Nebul...

Wo war er jetzt?
 

Ein weiterer Erinnerungssplitter flammte auf.

Sirius.
 

Sie war von einem der Cybermenschen angegriffen worden.

Zusammen mit Panny.

Und sie waren ebenfalls gestürzt – zusammen mit dem zweiten Angreifer.
 

Tari riss sich aus den Gedanken.

Er aktivierte seinen Umweltscanner – lautlos.

Die beiden Männer bemerkten nichts.
 

Er lag auf einer bestickten Tischdecke – mitten auf einem Verkaufsstand.

Um ihn herum stapelten sich allerlei Krimskrams: Tassen, Vasen, Töpfe, Körbe.

Und um diesen Stand waren noch viele weitere Einkaufsstände.
 

Ein Basar.

Und nicht irgendeiner.
 

Tari erinnerte sich: In der Raumstation, damals, als Nebul seine Waffe wieder haben wollte.

Die Spur hatte zu einem berühmten Markt auf dem nächsten Planeten geführt – Streusilia.

Der Basar der Hauptstadt Pastanien.

Tari hatte damals schon vermutet, dass das Katana dort sein könnte.
 

Er war also hier.

Wirklich hier.

Auf dem Basar von Pastanien.
 

Und dann schlug etwas aus.

Seine Sensoren drängten dazu, nach Sirius zu suchen.

Er wusste nicht, wo sie war, doch der Drang, sie zu finden, wuchs mit jeder Sekunde.
 

Gleichzeitig erinnerte er sich an etwas.

Helios hatte ihm befohlen – oder gebeten? – immer auf Sirius Acht zu geben.
 

Und er?

War er nicht einfach nur eine Maschine, die Befehle ausführte?

So viele hatten es ihm gesagt.

Dass er keine Wahl habe.

Dass er keine eigenen Entscheidungen treffen könne.
 

Aber Sirius…

Sie hatte ihn nie so gesehen.
 

„Du entscheidest, was du bist“, hatte sie einst gesagt.

Ein Satz, der geblieben war.
 

Tari überlegte.

Er wusste nicht, wo Sirius war.

Nicht, wo Nebul oder Panny gelandet waren.

Und er wusste, dass die Leute hier ihn vermutlich fürchten würden, wenn er sich als sprechender Roboter zu erkennen gäbe.
 

Aber eines war sicher: Auch wenn er sie nicht sofort finden konnte – er würde dafür sorgen, dass sie weiterkamen.

Dass sie vorankamen auf dieser Reise.

Dieser Gedanke ließ den inneren Alarm etwas leiser werden.

Der, der wollte, dass Tari um jeden Preis nach Sirius suchen sollte.

Er beobachtete die beiden Männer am Stand.
 

„Ich sag’s Ihnen zum letzten Mal – ich bezahl doch keine 800 Solari für irgend ’nen Kasten, wenn ich nicht weiß, was er überhaupt kann!“
 

„Na hören Sie mal! Sie könnten da ein Juwel ergattert haben! Ein Relikt von unschätzbarem Wert!“
 

„Wenn’s so wertvoll wär, wie Sie sagen, würden Sie’s ja kaum hier verticken! Und überhaupt – stand das Ding nicht gerade eben noch da?“
 

Der Verkäufer blickte hastig zur Seite.

Dort, wo Tari gestanden hatte.

Leer.
 

„HÄ?! WO IST DAS HIN?! HAT DAS JEMAND GEKLAUT?!“
 

Doch Tari war längst nicht mehr dort.

Er hatte sich still und leise hinter den Verkaufsstand geschoben, zwischen Kisten und Fässer.
 

Unauffällig zu bleiben war schwer – als kleiner, roboterhafter Kasten mit Bildschirm.

Aber er hatte bereits einen Plan.

Ein paar Stände weiter hatte er lange Mäntel gesehen, die über Kleiderständer hingen.
 

Er linste vorsichtig hervor.

Ja.

Er wusste, was er tun musste.

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„Formation!“
 

Die Stimme der Frau war schneidend klar, durchdrang das Gemurmel des Marktplatzes wie ein Laserstrahl.
 

„Trupps zu je drei – durchkämmt die Straßen, befragt die Anwohner und haltet Ausschau nach Cybermenschen!“
 

Wie auf ein stummes Kommando hin bewegten sich die Weltraumsoldaten los, fast synchron.

Kein unnötiges Wort, kein Zögern.

Ihre Stiefel knirschten über den zuckrigen Boden der Stadt.
 

Streusilia.

Ein Planet, der aussah wie aus einem Kindertraum geformt: Straßen aus Lebkuchen, Zäune aus Zuckerstangen, Büsche aus Zuckerwatte.

Inmitten eines gepflasterten Platzes plätscherte ein Schokospringbrunnen leise vor sich hin.

Doch hinter dieser zuckersüßen Fassade brodelte eine angespannte Realität.
 

Der Grund ihres Einsatzes war klar: Cybermenschen waren in der Nähe registriert worden.

Und schlimmer noch – Mondas, der düstere Heimatplanet der Cybermenschen, hatte sich aus seiner Umlaufbahn gelöst und bewegte sich nun zielgerichtet auf Streusilia zu.
 

Ein bloßer Zufall?

Kaum.
 

Diese Informationen hatten die oberen Befehlshaber erreicht – die sogenannten Höheren Mächte – und deren Antwort war eindeutig gewesen:

Finden.

Herausfinden.

Eliminieren.
 

Die Frau mit der donnernden Stimme stand aufrecht mitten auf dem Platz.

Ihre Erscheinung war so imposant wie ihre Stimme: Hochgewachsen, in einen weiß-blauen Mantel gehüllt, auf dessen Brust ein gelber Stern prangte.

Ihre Haare waren in Form eines stilisierten Sterns geschnitten – kantig, präzise, ein Symbol ihrer Disziplin.
 

Major Stellara.

Streng.

Pflichtbewusst.

Unerbittlich.
 

Neben ihr stand ein Mann mittleren Alters mit silbernem Haar, das ordentlich nach hinten gekämmt war.

Ein gepflegter Kinnbart rahmte sein Gesicht, seine grünen Augen blickten wach, aber entspannt in die Umgebung.

Major Gamma, der in seinem olivgrünen Uniformmantel deutlich legerer wirkte als seine Kollegin.
 

„Es ist schon seltsam, mal jetzt hier zu sein, nicht erst zu den Sammelterminen“, sagte Gamma ruhig, während sein Blick über den Markt schweifte.

„Sonst holen wir nur die Abgaben ab, jetzt spielen wir Detektive.“
 

Stellara erwiderte nichts.

Ihre Augen prüften die Umgebung, als könnte sie Gefahren durch bloßes Anstarren ausfindig machen.
 

„Wir handeln im Auftrag der Höheren Mächte“, sagte sie schließlich.

Ihre Stimme war hart wie Titan.

„Wir stellen sicher, dass keine Bedrohung sich hier ausbreitet oder die Bevölkerung gefährdet.“
 

Gamma wiegte den Kopf leicht.

„Verstehe. Und doch... Dieser Ort. Jedes Mal, wenn ich hier lande, denke ich mir: von oben sieht er aus wie ein Gemälde. Alles so... lebendig. Und appetitlich“
 

„Lass das“, fuhr Stellara ihn an, ohne ihn anzusehen.

„Du weißt, was passiert, wenn du etwas von hier einfach so konsumierst.“
 

Gamma hob beschwichtigend die Hände.

„Ich weiß, es ist verboten. Ich hab ja nichts getan.“
 

„Für die Einheimischen gäbe es eine Geldstrafe. Für dich... könnte es das Ende deiner Laufbahn bedeuten.“
 

Ihre Stimme war eiskalt.

Nicht eine Spur von Nachsicht.
 

„Ach Stella, meine Gute“, sagte Gamma schmunzelnd, „du bist wie ein vereister Keks – außen hart, innen... vermutlich auch.“
 

„Konzentrier dich“, entgegnete sie scharf.

„Cybermenschen sind keine Spielerei. Und wenn wir versagen, wirst du ihnen erklären dürfen, warum – mit etwas Glück ohne dein eigenes Tribunal.“
 

Sie durchquerten das prächtige Eingangstor zur Altstadt Pastaniens.

Soldaten patrouillierten bereits durch die Straßen, befragten Händler und Bauern.
 

Andere Trupps hatten sich auf den Weg zu den umliegenden Feldern gemacht, wo das meiste der natürlichen Nahrungsmittel wuchs.
 

„Ganz ehrlich, Stellara...“

Gamma sah sie aus dem Augenwinkel an.

„Findest du nicht auch, dass unsere Haltung gegenüber den Cybermenschen ein bisschen... überzogen ist? Ich meine, damals haben sie nur rebelliert, weil sie nicht wollten, dass die Höheren Mächte Utopia weiter verheimlichen.“
 

Stellara blieb stehen.

Langsam drehte sie sich zu ihm.

Ihr Blick war ein Skalpell.
 

„Was willst du damit sagen?“
 

„Ich meine nur“, sagte Gamma vorsichtig, „sie wollten nur die Wahrheit ans Licht bringen. Utopia ist kein Mythos. Aber die Reaktion der Regierung hat sie zur Bedrohung gemacht.“
 

Ihre Stimme schnitt durch die Luft: „Die Höheren Mächte haben ihre Gründe. Und wenn du klug bist, erwähnst du solche Gedanken nie in ihrer Gegenwart.“
 

„Natürlich nicht. Ich sag’s ja nur... unter uns.“

Er hob erneut die Schultern.

„Es wirkt alles so überzogen. Wenn sie nie so ein Drama um diesen Planeten gemacht hätten, wäre nie jemand daran interessiert gewesen.“
 

Stellara schnaubte.

„Solche Orte zu verbergen hat seinen Sinn. Utopia könnte Technologien, Substanzen oder Kräfte beherbergen, die die galaktische Ordnung aus dem Gleichgewicht bringen würden. Reiche Schätze, die die ganze Wirtschaft des Universums auf den Kopf stellen würden. Es ist schon schlimm genug, dass Lost Wages existiert. Manche Dinge darf niemand besitzen. Weder du. Noch ich. Noch die Cybermenschen.“
 

„Vielleicht“, murmelte Gamma.

„Aber jetzt... ist’s ohnehin zu spät.“
 

In diesem Moment ertönten zwei kurze Signaltöne.

Beide Majore zückten ihre Geräte.

Gamma aktivierte das Gerät an seiner Brusttasche, Stellara entnahm ihres dem Mantel.
 

Eine Stimme ertönte: „Major Gamma! Major Stellara! Auf den Feldern wurde Nahrung gefunden – eindeutig angebissen!“
 

„Sicher, dass ihr es nicht selbst wart?“

Gamma grinste, doch Stellara strafte ihn mit einem tödlichen Blick.
 

„Wurde jemand gesichtet?“, fragte sie, geschäftsmäßig.
 

„Ja, laut Aussagen einiger Arbeiter wurde ein Mädchen gesehen – schwarze, zottelige Haare, rotes Bandana. Sehr laut. Hat wohl gerufen, dass der Kuchen lecker sei.“

Kurze Pause.

„Sie war nicht allein. Eine Ziege soll bei ihr gewesen sein… und eine Person in weißer Rüstung, das heißt-“
 

Stellara starrte auf ihr Gerät.

Ihre Stimme wurde hart.
 

„Ein Cybermensch.“
 

Sie wandte sich sofort ab.

„Ich leite den Befehl an alle Einheiten weiter. Volle Jagdaufnahme. Keine Verzögerung.“
 

Gamma steckte seufzend sein Gerät ein.

„Ein Mädchen, eine Ziege und ein Cybermensch. Klingt wie der Anfang von ’nem schlechten Witz.“
 

„Spar dir deine Witze. Sie könnten Verbündete sein von den Cybermenschen.“, murmelte Stellara, während sie sich in Bewegung setzte.

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Das ungleiche Trio bewegte sich gemächlich weiter durch die zuckrige Weite.

Vorbei an Kuchenhügeln, durch Wälder aus Zuckerstangen, entlang an Feldern, auf denen Pflanzen wuchsen, die in keiner bekannten Biosphäre existieren sollten: Tomaten groß wie Gymnastikbälle, Möhren so lang wie Krokodile, und Gurken, die glatt als U-Boote durchgehen könnten.
 

Sirius hüpfte voraus, mit glänzenden Augen, als würde sie jeden Moment in die Landschaft hineinbeißen – was sie gelegentlich auch tat.

Von einem Sahneberg rutschte sie mit lautem Jauchzen herunter, bevor sie sich eine Handvoll Fruchtgummis schnappte, die aus einem Gebüsch wucherten.
 

Panny hingegen tapste mit gesträubtem Fell hinterher, seine Hufe trippelten vorsichtig, als fürchte er, dass der Boden unter ihm plötzlich explodieren könnte – oder schlimmer: klebrig sei.
 

„Das ist alles... das ist alles nicht natürlich!“, meckerte er leise.

„Ich... ich traue dem Ort nicht! Was, wenn das alles nur eine riesige Falle ist?“
 

„Mach dir keinen Kopf darum!“, meinte Sirius und ließ sich ein Stück Sahnetorte in den Mund fallen.
 

Acrona hingegen ging ruhig, fast gleitend.

Der weiße, glänzende Panzer reflektierte das Licht, das zwischen kandierten Bäumen hindurchbrach.

Die Umgebung schien dem Cybermenschen nicht zu beeindrucken – war nur hier, weil dieser musste.

Sirius allerdings war zu hartnäckig, um sich davon stören zu lassen.
 

„Ihr unter der Rüstung seid doch verwundbar–“
 

„Du wirst diese Rüstung nicht durchdringen können, um es überhaupt zu versuchen“, unterbrach Acrona kühl, ohne die geringste Betonung.

„Ein Mensch wie du ist zu schwach. Selbst mit mechanischen Verstärkungen an deinen Armen bist du in deinem Zustand... unbedeutend.“
 

Sirius grinste schief.

„Oh, wenn du wüsstest.“
 

Acrona erwiderte nichts.

Doch während dieser das Mädchen beobachtete, stellte Acrona sich erneut dieses irritierende Gefühl ein – etwas, das der Cybermensch sonst nicht kannte.
 

Irritation.

Verwirrung.

Neugier.
 

Sirius war unlogisch.

Unvorhersehbar.

Und dabei erstaunlich stabil.
 

Sie war auf einem fremden Planeten gelandet, getrennt von ihren Freunden, in feindlichem Territorium – und dennoch schien sie weder besorgt noch zornig.

Als Acrona sie darauf angesprochen hatte, hatte Sirius einfach nur die Schultern gezuckt.
 

„Tari und Nebul schaffen das schon“, hatte sie gesagt. „ Die sind nicht aus Zuckerwatte.“
 

Acrona hatte das zunächst als Dummheit abgetan.

Keine Strategie.

Keine Notfallpläne.

Nur ein Glaube, der auf... nichts basierte.

Kein Funksignal.

Kein Hinweis.

Nichts.

Und dennoch – keine Angst.
 

Sie erinnerte sich an Mechara, die Königin der Cybermenschen.

Deren Stimme war wie kalter Stahl.

Ihre Befehle absolut.

Als einst ein Trupp in einer Schlacht mit Weltraumsoldaten versagte und nicht zurückkehrte, hatte Mechara nicht einmal gezuckt.
 

Du bist nützlich, oder du wirst ersetzt.
 

Das war ihre Philosophie.

Und Acrona hatte sie angenommen.

Ohne Frage.

Ohne Zweifel.

Gefühle... waren Schwäche.
 

Aber Sirius...

Sirius wirkte auf den ersten Blick naiv, ja fast töricht.

Und doch...
 

Es war kein Leichtsinn, der sie bewegte.

Es war Vertrauen.

Ein Wort, das in Acronas Welt keinen Platz hatte – bis jetzt.
 

Ein Mensch.

So fragil.

Und doch so sicher in sich selbst.
 

Ein leiser Riss durchzog das feste Muster von Acronas Gedanken.

Nur für einen Moment.

Dann verwarf Acrona es.
 

Naiv.

Gefährlich naiv.
 

Und doch...

Bewundernswert.
 

Sirius war wie ein Kind auf Entdeckungstour – neugierig, laut, unbeirrbar.

Sobald etwas ihre Aufmerksamkeit weckte, musste sie es untersuchen, anfassen, befragen, verstehen.

Für Acrona war sie – aus analytischer Sicht – eine Störung.

Eine impulsive, schwer kontrollierbare Variable.
 

Es erklärte allerdings auch, warum dieses Mädchen so versessen auf Utopia war.

Und warum sie keine Ruhe gab.

Aber die ganzen Fragen...
 

„Wie esst ihr denn eigentlich?“

„Ihr müsst doch auch trinken, oder?“

„Schlaft ihr in der Rüstung?“

„Macht die dich viel stärker?“

„Müsst ihr nicht... du weißt schon, mal?“
 

Acrona hatte den Großteil der Fragen ausgeblendet.

Plump.

Irrelevant.

Emotionale Ablenkung.

Etwas, das unter Cybermenschen als Schwäche galt.

Disziplin war alles.
 

Aber dann kam eine Frage.

Unscheinbar.

Aber es traf Acrona.
 

„Machst du das hier freiwillig?“
 

Acrona stoppte im Schritt.

Der Gedanke war... gefährlich.

Und doch blitzte etwas auf.

Etwas, das wie ein kalter Luftzug durch einen längst vergessenen Raum wehte.
 

Acrona sah sich zum ersten Mal selbst.

Ein Spiegel.

Ein weißer Helm mit hornartigen Spitzen.

Der violette Kristall in der Mitte der Stirn.
 

Und hinter Acrona: Mechara.

Majestätisch.

Bedrohlich.

Wie ein Denkmal aus Stahl.
 

„Hey… alles gut?“
 

Sirius’ Stimme war vorsichtig.

Wirklich besorgt?
 

Wenn Acrona die Wahrheit sagte – dass dies nicht freiwillig geschah – bedeutete das Schwäche.

Kontrollverlust.

Aber Schweigen war keine Option.

Sie spürte, dass Sirius gleich etwas sagen würde.

Und das durfte sie nicht.
 

„Es ist egal, ob ich das freiwillig tue oder nicht“, sagte Acrona steif.

„Ich habe einen Auftrag. Und ich werde ihn erfüllen.“
 

Funktion über Selbst.

Doch Sirius sah Acrona nur an.

Still.
 

Ihre Stimme war leise – aber klar: „Du machst es nicht freiwillig.“
 

Acrona reagierte nicht.

Konnte nicht.
 

„Ich bin vielleicht die Schlaueste. Klar. Ich handle oft ohne Plan. Aber ich erkenne, wenn mir jemand etwas vorspielt.“
 

Ihre braunen Augen, sonst lebendig und schelmisch, waren jetzt ernst.

Ruhig.

Auch Panny, der bisher einen Sicherheitsabstand gehalten hatte, sah Sirius mit großen, fragenden Augen an.
 

„Du kannst doch selbst entscheiden, was du bist.“
 

Acrona spürte, wie sich der Kiefer verkrampfte.

„Du verstehst rein gar nichts. Es geht dich nichts an.“
 

„Stimmt.“

Sirius zuckte mit den Schultern.

„Aber mein Freund Tari... der ist auch ein Roboter. Er wurde gebaut, um Befehlen zu folgen. Genau wie du.“
 

Ein kurzer Blick in die Ferne.
 

„Aber ich hab ihm gesagt: Du kannst entscheiden, was du willst. Und ich will, dass er bei mir ist, weil er es will. Nicht, weil jemand ihn zwingt.“
 

Freiheit.

Utopia.

Beides irrational.

Und doch so... anziehend.
 

„Ich weiß, dass du und deine komischen Kollegen hinter Tari her seid“, sagte Sirius. „Und ich werde nicht zulassen, dass ihm etwas passiert.“
 

Acronas Hände ballten sich zu Fäusten.

Die Stimme wurde kälter: „Und warum versuchst du dann noch mit mir zu reden, statt mich zu eliminieren?“
 

„Weil ich weiß, dass du’s nicht wirklich willst“, sagte Sirius mit einem kleinen Lächeln.

„Außerdem hat mir mal jemand beigebracht, dass es klüger ist, zuerst friedlich zu verhandeln.“
 

Acrona sah sie an.

Regungslos.
 

„Ich verstehe dich nicht.“
 

„Musst du auch nicht. Aber sag mir mal ehrlich – wenn du Tari zu deinen Leuten bringst, was dann? Wird man dich feiern? Oder wirst du wieder nur ein Werkzeug sein, das zurück in den Schrank gestellt wird?“
 

Acrona antwortete nicht.

Kannte die Antwort bereits.
 

Und es ging nicht nur um Tari.

Es ging um Utopia.

Darum, es zu zerstören.
 

„Warum kümmert dich das?“ fragte der Cybermensch leise.
 

„Weil ich weiß, wie es ist, gefangen zu sein.“
 

Ein weiterer Riss.

Ein Bild zuckte durch Acronas Verstand, wie ein greller Blitz:

Schreie.

Panik.

Festgeschnallt.
 

Arme, die sich gegen Metallbänder stemmten.

Kalte, sterile Maschinen.

Und dann: Schwärze.
 

Der Schmerz war nicht real – und doch zog er durch Acronas Körper, wie brennende Nervenbahnen.

Arme.

Kopf.

Haut, die sich falsch anfühlte, als würde sie sich ablösen.
 

Acrona zuckte zusammen.

Nur leicht.

Aber Sirius bemerkte es.
 

Was war das?

Acrona verstand es nicht

Wusste nicht, was das gerade war.

Nur, dass da etwas war.
 

Etwas Altes.

Etwas Wahres.
 

„Ich weiß, dass du nicht auf mich hören musst“, sagte Sirius ruhig.

„Aber ich will, dass jeder eine Chance bekommt. Dass jeder seinen eigenen Weg gehen darf.“
 

Ein Moment der Stille.

Dann spitzte Panny plötzlich die Ohren.
 

„M-MÄH?! D-da rennen Leute auf uns zu! Ich höre sie!“
 

Acrona richtete sich auf, das Visier aktiv.

„Weltraumsoldaten.“
 

„Bitte?! Was machen die denn hier?!“

Sirius stöhnte laut.

„Ich hatte so gehofft, ein paar Tage keine dieser Clowns zu sehen!“
 

Drei Soldaten kamen ihn auf dem Weg entgegen – ihre Rüstungen glänzten matt, die Gewehre schon gehoben.
 

Einer zeigte auf die Gruppe: „Da! Die drei! Genau wie beschrieben!“
 

„Hä?! Wir werden etwa gesucht?“, fragte Sirius verdutzt.
 

Acrona blieb sachlich.

„Wahrscheinlich, weil du von der Landschaft gegessen hast. Was verboten ist.“
 

Sirius riss die Augen auf.

„Warte – WIESO ist das verboten?! Und warum sagst du das JETZT erst?!“
 

„Warum sollte ich?“

Acronas Stimme war so trocken wie ein Krümel vom Kuchenberg.
 

Panny quiekte, als die Soldaten ihre Gewehre hoben.
 

„Wir nehmen die Kleine fest. Den Cybermenschen schalten wir aus!“
 

„AY!“, riefen die anderen beiden synchron.
 

Acrona sah kurz zum Himmel.

Der violette Kristall auf der Stirn flackerte – ein Reiz, ein Signal, das der Cybermensch spürte.
 

„Ich denke, hier trennen sich unsere Wege, Sirius.“
 

„Was? Wieso?! Wir können doch gemeinsam gegen die Typen kämpfen!“
 

„Du wirst das alleine müssen.“
 

Ohne weitere Worte erhob sich Acrona, glitt schwerelos über den Boden und zog im nächsten Moment mit einem gezielten Laserschuss eine Furche durch die Angreifer.

Die Soldaten flogen in einem hohen Bogen durch die Luft und landeten unsanft auf dem Boden.
 

Dann war Acrona verschwunden.

Ein weißer Strich am Horizont.
 

„W-Warum geht Acrona jetzt?“, wisperte Panny, den Blick noch immer auf die wackelnden Soldaten gerichtet.
 

Sirius legte den Kopf schief.

„Ich... glaub, da stimmt was nicht.“
 

Die Soldaten richteten sich fluchend auf, Schokokrümel und Fruchtstücke auf der Rüstung.
 

Einer knurrte: „Der war schneller als gedacht!“
 

„Ich konnte nicht mal abdrücken!“, fluchte ein anderer und rieb sich den Helm.
 

Dann sahen sie zu Sirius.

„Also gut, Kleine. Du kommst jetzt mit. Du hast gegen das Gesetz von Streusilia verstoßen. Also beweg dich, bevor wir ruppig werden!“
 

Sirius schnaubte.

„Tse. Was, wenn ich nicht will?“
 

„Dann setzen wir Gewalt ein!“
 

Einer der Soldaten stürmte los – doch Sirius’ mechanischer Arm schnellte hervor, packte ihn am Brustpanzer und schleuderte ihn gegen seine Kameraden wie ein menschliches Bowling-Geschoss.
 

„Man, ihr seid echt wie zuhause – totale Spaßbremsen!“
 

Die anderen beiden rappelten sich auf und rannten los, aber Sirius war schneller.

Mit einem Satz sprang sie in die Luft, wirbelte herum und verpasste beiden gleichzeitig einen gezielten Doppelkick ins Gesicht.
 

Einer der Männer griff nach seinem Gewehr, holte aus, um es ihr über den Kopf zu ziehen – da sprang plötzlich Panny mit überraschender Wucht gegen seinen Bauch.

Der Soldat japste, verlor das Gleichgewicht und ging zu Boden.
 

„Danke, Kumpel“, grinste Sirius, packte ihn am Kragen und schleuderte ihn einmal im Kreis – direkt gegen einen riesigen Pfirsichbaum.
 

Mit einem Plopp fielen mehrere der übergroßen Früchte auf ihn herab und begruben ihn vollständig.
 

„Komm, nix wie weg hier! Wenn die Weltraumsoldaten da sind, wird’s brenzlig!“, rief Sirius und zog Panny am Halsband mit.
 

„W-was sind das für Leute?! K-kennst du die?!“
 

„Nö. Nicht persönlich. Aber Weltraumsoldaten sind Gegner von Banditen. Alles, was wir tun, passt ihnen nicht. Besonders, wenn’s mit Utopia zu tun hat.“
 

„Also war’s… nicht falsch, sie zu besiegen?“
 

„Mann, Panny! Die wollten uns festnehmen. Ich lass mich nicht von irgendwem in Ketten legen!“
 

Sie rannten weiter – durch Streusilia, vorbei an Puddingbergen, knisternden Zuckerfeldern und Karamellstraßen.

Vor ihnen: die Silhouette der Stadt.

Hoch, glänzend.
 

Sirius war fest entschlossen.

Noch immer auf der Suche nach Tari und Nebul.

Und mit den Weltraumsoldaten im Rücken.

Der Wert der Dinge

Eine Gestalt watschelte über den Basarplatz – langgewachsen, verhüllt in einem viel zu großen, dunklen Mantel, der fast über den Boden schleifte.

Einige Passanten warfen ihr misstrauische Blicke zu, runzelten die Stirn, murmelten kurz, aber keiner sagte etwas.
 

Es war seltsam.

Auffällig.

Aber offenbar zu seltsam, als dass jemand sich einmischen wollte.
 

Unter dem Mantel: Tari.
 

Der kleine Roboter hatte seine Beine ausgefahren, um möglichst menschlich zu wirken – oder zumindest menschenähnlich groß.

Über seinem Metallkörper spannte sich der schwere Stoff, der seine mechanischen Glieder nur unzureichend verbarg.

Auf dem Kopf trug er eine wilde, zerzauste Perücke, darüber einen alten, schief sitzenden Filzhut.

Eine große Brille mit aufgeklebtem Schnauzbart vervollständigte das Ensemble.
 

Es war eine Verkleidung aus dem Katalog "Unauffällig durch absurde Auffälligkeit". Und tatsächlich: Zwar starrten ihn viele an, aber niemand kam auf die Idee, dass sich unter all dem Klamauk ein Roboter versteckte.

Und das war das Wichtigste.
 

Tari schlurfte unbeholfen über den Platz, seine Schritte klangen dumpf und ungelenk auf dem Lebkuchen-Pflaster.

Er versuchte, sich möglichst unauffällig zu verhalten – was ihm, in dieser Montur, natürlich völlig misslang.

Aber egal.

Er musste nach dem Katana suchen.
 

Die Stände quollen über vor Waren: Handgefertigte Töpfe, verzierte Teppiche, kunstvoll geflochtene Körbe, Geschirr in allen Farben, Kleider, kleine Möbel.

Auch Schmuck und Bücher fanden sich hier und da.
 

Aber von einem Katana?

Keine Spur.

Vielleicht war es ja gar nicht hier.

Vielleicht war es nie hier gewesen.

Aber Tari musste sicher sein.

Er musste zumindest überall geschaut haben.
 

„Heeey, junger Mann! Sie könnten ein paar neue Sachen vertragen, was?“
 

Eine stämmige Frau mit leuchtend grünem Kopftuch winkte ihn zu sich.

Ihr Stand war überladen mit Stoffen, Tüchern, Garnen, Kleidern.
 

„Kommen Sie ruhig näher! Meine Mädels und ich haben den feinsten Zwirn gesponnen!“
 

„Oh, nein danke—“ begann Tari, doch sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.
 

„Erst mal schauen! Danach können Sie immer noch ablehnen!“, rief sie mit einem charmanten Zwinkern.
 

„Ich suche etwas... anderes, eigentlich—“
 

„Na, vielleicht kann ich helfen!“
 

Ein zweiter Verkäufer war heran, breitschultrig, mit einem geschnitzten Stuhl unter dem Arm.
 

„Holzmöbel! Frisch gemacht, ungeschlagen im Preis! Heute Rabatt für Erstkunden!“
 

„Sag mal, was fällt dir ein?! Das ist mein Kunde, du Langfinger!“

Die Stoffverkäuferin warf ihm einen giftigen Blick zu.
 

Der Mann grinste nur.

„Hat doch gesagt, dass du nichts hast, was er sucht. Gib ihn doch gleich mir!“
 

„Frechheit! Letzte Woche hast du mir schon drei Kunden weggeschnappt!“
 

„Und du hast mir meine Bankkundin abgeschnackt, vergiss das nicht!“
 

Tari nutzte die Gelegenheit, um sich rückwärts davon zu schleichen.

Keiner bemerkte sein Verschwinden.
 

Als er sich umsah, sah er gerade noch, wie sich die beiden ankeiften, wild gestikulierend, fast als würden sie sich gleich gegenseitig die Auslagen über den Kopf ziehen.
 

Es war… viel.
 

Der ganze Platz war ein einziges, brodelndes Durcheinander.

Verkäufer schrien durcheinander, zogen Vorbeilaufende förmlich an die Stände, riefen mit flatternden Händen, klappernden Armbändern und aufdringlichen Komplimenten.

Jeder schien in einem Wettlauf um die Aufmerksamkeit der Kundschaft.
 

Tari versuchte weiterzugehen, aber er wurde unablässig angesprochen:

„Korb gefällig? Handgeflochten, stabil, auch für schwere Einkäufe!“

„Interesse an Romanen? Ich hab alles – Spannung, Liebe, Weltraum-Krimi!“

„Teppiche! Jeder Stich ein Traum! Wir knüpfen auch nach Wunsch!“
 

Tari winkte ab, murmelte Entschuldigungen und setzte seinen Weg hastig fort.

Es war einfach zu viel.

Zu laut.

Zu aufdringlich.
 

Und vor allem: Niemand würde hier ruhig und hilfreich über etwas Ausgefallenes wie ein Katana Auskunft geben, weil es nicht Teil ihres Sortiments war.
 

Tari fragte sich: Warum waren sie alle so… besessen davon, ihre Waren loszuwerden?
 

Natürlich, es ging ums Geld.

Ums Überleben.
 

Aber diese Menschen wirkten nicht einfach nur geschäftstüchtig.

Sie wirkten wie in Panik.

Als hinge ihr ganzes Leben davon ab, in den nächsten fünf Minuten irgendetwas zu verkaufen.
 

So, als würden sie sterben, wenn sie nicht mindestens einen Kunden fingen, ehe die Sonne unterging.
 

Tari seufzte leise und stapfte weiter, die Brille mit dem Schnauzbart rutschte ihm ein Stück hinab.

Er zog sie wieder hoch.

Unauffällig sein war… schwierig.
 

Tari ließ den Blick über den Markt schweifen.

Zwischen all den Ständen, dem Geschrei der Händler und dem bunten Durcheinander entdeckte er etwas – oder besser: jemanden – der nicht ins Bild passte.
 

Etwas abseits, am Rand des Trubels, saß ein kleiner Junge auf einem wackeligen Holzhocker.

Vor ihm standen zwei niedrige Stühle, auf denen einfache bunte Bänder lagen – selbstgemacht, grob genäht, aber in fröhlichen Farben.
 

Kein Stand, kein Schild, keine Aufmerksamkeit.

Kein Kunde.
 

Der Junge war kaum älter als sechs oder sieben.

Kurze, orangefarbene Haare, ein gestreiftes T-Shirt, nackte Füße.

Auf seinem Schoß ein abgeliebter Teddy, den er gedankenverloren umarmte, während er mit den Beinen vor und zurück wippte.
 

Doch was Tari am meisten auffiel: das Lächeln.

Breit, offen, ehrlich.

Seine grünen Augen strahlten eine unerschütterliche Freundlichkeit aus.

Tari trat näher und beugte sich leicht zu ihm herunter.
 

„Hallo, junger Mann“, sagte er sanft.
 

„Hi!“, rief der Junge, fröhlich und ohne jede Scheu.

Er winkte.

„Du siehst lustig aus!“
 

Tari legte den Kopf schief.

„Was verkaufst du denn hier?“
 

„Bänder!“, kicherte der Junge stolz.

„Selbst gemacht. Du kannst sie als Freundschaftsarmbänder nehmen. Oder als Halsbänder für kleine Tiere!“
 

„Läuft das Geschäft denn gut?“
 

„Nö. Aber ich geb nicht auf!“
 

Keine Spur von Enttäuschung in seiner Stimme.

Er sagte es mit der Überzeugung eines Kindes, das noch an das Gute glaubt – oder glauben muss, um weiterzumachen.
 

Tari sah ihn eine Weile an.

„Und… wo sind deine Eltern?“
 

„Mama ist auf dem Friedhof. Papa im Gefängnis.“
 

Der Satz kam so leicht daher, als hätte der Junge gerade das Wetter beschrieben.

Tari fror einen Moment ein.

Die Worte trafen ihn unerwartet tief.

Nicht, weil er sie nicht verstand – sondern weil er nicht verstand, wie man so etwas sagen konnte, ohne daran zu zerbrechen.
 

„Und… bist du nicht traurig?“
 

„Doch. Ich hab ganz viel geweint.“

Er drückte den Teddy fester an sich.

„Aber irgendwann hab ich gemerkt, dass Weinen nichts bringt.“
 

Seine Stimme war klar.

Nicht kalt – aber gefasst.

Als hätte er schon mehr begriffen, als ein Kind jemals sollte.
 

„Meine große Schwester ist in derselben Situation wie ich. Aber sie ist stark für mich. Deswegen bin ich stark für sie. Sie arbeitet jetzt in einem Café. Damit wir genug zu essen haben. Ich will ihr helfen. Deshalb mach ich das hier.“
 

Tari nickte langsam.

Er versuchte zu begreifen, was in dem Jungen vorging.

Gefühle waren für ihn noch immer ein Rätsel.

Er konnte sie berechnen, simulieren, beobachten – aber fühlen?
 

„Und du denkst… Geld ist das Wichtigste?“
 

„Für die Erwachsenen schon“, sagte der Junge ernst.

„Sie brauchen es für Essen. Für die Häuser. Und…“

– er beugte sich ein Stück näher zu Tari und flüsterte verschwörerisch –

„…wegen den Abgaben. Aber die hören das nicht gern. Davon kriegen sie schlechte Laune.“
 

Tari sah sich erneut um.

Die verzweifelten Händler, die Kämpfe um Kundschaft, das Gedränge, das Geschrei.

Es passte alles zusammen.
 

„Die Abgaben müssen ziemlich hoch sein“, murmelte er.
 

Der Junge nickte.

„Papa konnte damals nichts mehr kaufen. Kein Brot, keine Milch. Dann hat er was vom Feld geholt. Für uns. Aber das war verboten. Dann sollte er viel Geld zahlen – und als er das nicht konnte, kam er ins Gefängnis.“
 

Tari senkte den Blick.

„Das ist schrecklich.“
 

„Ja. Ich vermisse ihn“, sagte der Junge leise.

„Aber meine Schwester ist stark. Sie bringt oft was Leckeres mit nach Hause. Ich möchte ihr helfen. Auch wenn es nur ein bisschen ist.“
 

Tari blickte ihm direkt in die Augen.

Sie waren so hell.

So klar.

Und trugen doch einen Schatten, den kaum ein Erwachsener tragen könnte.
 

„Ich… habe leider kein Geld, um etwas zu kaufen“, sagte Tari vorsichtig.
 

„Macht nix! War trotzdem schön mit dir zu reden!“, rief der Junge und grinste wieder.
 

„Wie heißt du?“
 

„Nanuk!“, sagte er, das Lächeln wurde noch breiter.
 

„Ich bin Tari“, erwiderte er.

„Ich suche ein verlorenes Katana für jemanden. Weißt du vielleicht, ob hier etwas Seltsames aufgetaucht ist?“
 

Nanuk legte den Kopf schief, dachte kurz nach, dann leuchteten seine Augen auf.
 

„Ich hab gehört, dass der Schmied in der Mitte vom Basar ein komisches Ding bekommen hat. War richtig stolz. Die anderen haben drüber geredet.“
 

„Das könnte es sein… Weißt du, wo ich ihn finde?“
 

Nanuk sprang von seinem Hocker.

„Warte!“
 

Er stopfte die Bänder in einen kleinen Stoffbeutel, warf ihn sich über die Schulter und nahm seinen Teddy in den Arm.
 

„Ich bring dich hin!“
 

„Aber… musst du nicht auf deinen Stand aufpassen?“
 

„Ach, die meisten Erwachsenen laufen einfach vorbei. Aber du bist nett“, sagte Nanuk und marschierte los.
 

Tari folgte ihm, noch immer tief bewegt.

„Warum ignorieren sie dich denn?“
 

Nanuk zuckte mit den Schultern.

„Meine Schwester meint, die Leute denken nur noch an sich. Weil sie Angst haben, dass sie sonst selbst nichts mehr haben.“
 

Die Abgaben, dachte Tari.

Schon wieder.

Alles schien sich darum zu drehen.

Etwas stimmte hier nicht.
 

Und Nanuk – der kleine Junge mit dem Teddy und dem Lächeln – war mitten in diesem zerbröckelnden System gefangen.
 

Tari folgte Nanuk durch die Gassen des Basars, vorbei an duftenden Gewürzständen, staubigen Teppichen und laut feilschenden Händlern.

Der kleine Junge bahnte sich flink den Weg, immer ein paar Schritte voraus.
 

Dann, plötzlich, blieben sie stehen.

Eine Menschentraube hatte sich vor einem Stand gebildet.

Rauch stieg aus kleinen Schmelzöfen, ein gewaltiger Amboss ragte wie ein Monolith zwischen Werkzeugen und Metallteilen hervor.
 

„Da vorne!“, sagte Nanuk und zeigte aufgeregt.

„Das ist der Schmied, den ich meinte.“
 

„Ich danke dir, Nanuk. Du bist wirklich außergewöhnlich hilfsbereit.“
 

Der Junge kicherte leise.

„Meine große Schwester sagt, Freundlichkeit wird vergessen, wenn sie niemand mehr lebt. Ich will nicht, dass sie vergessen wird.“
 

Bevor Tari etwas erwidern konnte, ertönte eine laute Stimme aus der Menge:

„Richtig gehört! Ein Unikat sondergleichen! Ich habe es von einem guten Freund erhalten, ein Soldat im Weltraummilitär! Ich habe jede Enzyklopädie zu Schwertern und Katanas durchwühlt – nichts! Dieses Stück ist einzigartig! Unvergleichlich!“
 

Tari schob sich näher heran, lugte durch die Lücken zwischen den Menschen.

Was er hörte, ließ ihn aufhorchen.
 

Ein Unikat.

Weltraummilitär.

Enzyklopädien ohne Treffer.

Das passte zu Nebuls Geschichte – sehr genau sogar.
 

Schließlich entdeckte er den Mann, der sprach: ein bärtiger, zotteliger Schmied in verkohlter Schürze, der auf einem Podest stand.

In seinen Händen: ein Katana.

Und was für eines.
 

Es war größer als gewöhnlich, fast wie ein Breitschwert.

Die Scheide war von einem tiefen Blau, durchzogen von Adern, die wie gefrorenes Wasser wirkten – wie Eiskristalle.

Der Griff: schwarz, mit goldenen Verzierungen.
 

Schlicht.

Edel.

Kraftvoll.
 

Tari wusste es sofort.

Das war Nebuls Werk.

Keine Frage.
 

„Das muss es sein…“, flüsterte er.
 

Er warf Nanuk einen Blick zu.

„Noch einmal: Danke. Ich wünschte, ich könnte dir etwas geben, aber…“
 

„Ist schon gut! Ehrlich!“, sagte Nanuk schnell.

„Ich bin einfach froh, wenn ich helfen kann.“
 

Was für ein Kind.

So klein – und schon so voller Mitgefühl.
 

„Dieses Katana wurde jemandem gestohlen“, sagte Tari leise. „Er hat es selbst gebaut. Meine Freundin hatte versprochen, es ihm zurückzubringen. Aber jetzt will ich helfen.“
 

Nanuk legte den Kopf schief.

„Dann ist es gut, dass du hier bist.“
 

Noch bevor Tari etwas erwidern konnte, rief der Schmied wieder:

„Da dieses Objekt ein absolutes Einzelstück ist, liegt der Preis bei 50.000 Solari!“
 

„50.000?!“, empörte sich jemand in der Menge.
 

„So viel trägt doch niemand bei sich!“, rief ein anderer.
 

„Ich weiß, meine Freunde!“, sagte der Schmied dramatisch.

„Aber seht selbst!“
 

Er zog die Scheide ein Stück auf – ein frostiger Nebel quoll heraus.

Die Menge raunte.

Der Schmied schloss sie wieder triumphierend.
 

„Eine Elementar-Waffe! Und dazu ein Unikat!“
 

„Wie gemein…“, hauchte Nanuk neben Tari.

„Er verkauft etwas, das ihm gar nicht gehört.“
 

„Ich hole es zurück“, sagte Tari entschlossen.

„Danke für alles.“
 

Er zwängte sich durch die Menge.

Sein Blick fest auf das Katana gerichtet.

Als er nahe genug war, hob er die Hand.
 

„Entschuldigung“, sagte er ruhig.
 

Die Leute wichen einen Schritt zurück.

Der Schmied musterte ihn argwöhnisch.
 

„Was ist? Willst du etwa das Katana kaufen?“
 

„Ich… nein. Ich habe kein Geld.“
 

„Natürlich nicht!“, schnaubte der Schmied.
 

„Sieht man doch auf den ersten Blick.“
 

Da.

Plötzlich schwere Schritte.

Mehrere.
 

Eine donnernde Stimme erklang:

„Achtung! Bürger von Pastanien! Wir suchen drei Personen: einen Cybermensch, ein Mädchen mit schwarzen Haaren und rotem Bandana – und eine kleine Ziege!“
 

Tari erstarrte.

Das passte.

Sirius.

Panny.

Sie wurden bereits gesucht.

Weltraumsoldaten schoben sich durch die Gassen, ihre Rüstungen glänzten im Licht.
 

„Hat jemand diese Personen gesehen? Hinweise werden belohnt!“
 

Die Aufmerksamkeit der Menge schwenkte augenblicklich um.

Ein Gemurmel ging durch die Reihen.

Das war Tari's Moment.

Genug der Verkleidung.
 

Sein mechanischer Arm fuhr aus – blitzschnell schnappte er das Katana aus der Hand des verdutzten Schmieds.

Im selben Augenblick sprang er hoch, riss seinen Hut vom Kopf.

Der Mantel flatterte, Brille, Perücke, sogar der falsche Schnauzer lösten sich in der Luft.
 

Seine Gliedmaßen verlängerten sich, um die menschliche Größe auszugleichen, die er bisher gespielt hatte – dann klappten sie wieder zusammen.

Jetzt sah man ihn, wie er wirklich war.

Ein Roboter.

Und er hielt das Katana fest umschlossen.
 

„EIN DIEB!!“, brüllte der Schmied empört.

„MEIN KATANA!! GIB ES MIR ZURÜCK!“
 

Tari wirbelte herum.

„Dein Katana? Das ist nicht deins! Und ich als Bandit klau’s mir zurück!“
 

Sein Propeller sprang an.

Mit einem Zischen hob er ab.

Die Menge wich erschrocken zurück.
 

In der Menge entdeckte er Nanuk.

Der Junge blickte ihm nach, die großen grünen Augen voller Erstaunen.

Tari schenkte ihm ein kurzes, aufrichtiges Lächeln.
 

„Haltet ihn auf!!“, rief einer der Soldaten.
 

Eine Einheit stürmte los.

Tari schoss über die Dächer hinweg, das Katana fest in den Händen.

Er hatte es!

Nebuls Katana!
 

Doch dann zögerte er.

Sirius.

Panny.

Sie waren in Gefahr.

Gesucht.
 

Was sollte er zuerst tun?
 

Sein System ratterte, rang mit sich.

Protokoll versus Instinkt.
 

Auftrag: Bringe Nebul das Katana zurück.

Risiko: Sirius wird verfolgt.
 

Tari war gespalten.

Jeder Pfad hatte Konsequenzen.

Aber das hier war nicht mehr nur ein Auftrag.

Es war eine Entscheidung.

Eins stand fest: Er wusste nicht, wo beide waren.

Bittere Regeln

"Das kann doch nicht wahr sein...", murrte Nebul und drückte sich tiefer in den Schatten einer schmalen Gasse von Pastanien.
 

Weltraumsoldaten.

Natürlich.
 

Er beobachtete sie mit grimmigem Blick, wie sie in Trupps durch die Straßen marschierten – wie aufgescheuchte Raumratten.

Sie befragten Leute, durchsuchten Ecken, als suchten sie ihr eigenes Rückgrat.

Was auch immer sie jagten, es war nicht sein Problem – noch nicht.
 

Trotzdem weckten diese Uniformen Erinnerungen, auf die er gern verzichtet hätte.

Damals.
 

Als man ihn zwingen wollte, einer von ihnen zu werden.

Ein kleiner Andorianer im falschen System.

Er hatte sich davongestohlen, bevor sie ihm die Pflichtuniform überstreifen konnten – eine Entscheidung, die ihn das halbe Leben gekostet hatte, aber wenigstens war es sein Leben gewesen.

Allein, frei.
 

Er hatte sich durchgeschlagen, gestohlen, was er brauchte – genug, um seine Waffe zu erschaffen: das erste, rohe Modell seines Katanas.

Damals war es nur Metall gewesen, kalt und leblos.

Aber irgendwann… hatte es seinen Hauch bekommen.

Seine Kraft.
 

Tsukikiba.
 

Sein ganzer Stolz.

Seine Seele aus Eis in Klingenform.
 

Natürlich fanden die Soldaten irgendwann raus, dass jemand regelmäßig Material abzweigte von verschiedenen Orten.

Natürlich schickten sie Leute.

Und natürlich besiegte er sie.
 

Aber dann kam der Alte.

Zuerst hatte Nebul gedacht, es sei ein Witz.

Ein alter Knacker mit Falten und grauem Bart.
 

Doch bevor Nebul sein Katana auch nur gezogen hatte, lag er schon auf dem Boden.

Besiegt.

Erniedrigt.
 

Und dieser Mann war kein Geringerer als ein General – Sirius’ Großvater, wie sich später herausstellte.

Sein Katana wurde beschlagnahmt.

Eingezogen.

Versiegelt.

Weggebracht.
 

Angeblich nach Streusilia.

Hierher.
 

Seitdem fühlte er sich… nackt.

Nicht nur im übertragenen Sinne.

Ohne Tsukikiba war er machtlos.
 

Gegen andere konnte er die Fäuste erheben – sicher –, aber dafür war er nicht gemacht.

Und jetzt?
 

Jetzt war er auf Sirius angewiesen.

Ausgerechnet auf sie.

Er hasste es.
 

Sie hatte versprochen, das Katana zurückzubringen.

Der einzige Grund, warum er sich ihrer chaotischen Truppe angeschlossen hatte.

Ein Mädchen, das ihm half – das an sich war schon absurd genug.

Und dann auch noch sie.
 

Und dann war da noch Tari.

Dieser wandelnde Toaster auf Beinen.

Auch verschwunden.

Er seufzte leise.
 

Dann fiel sein Blick auf zwei Personen, die sich deutlich vom Rest abhoben.

Eine große Frau mit einer absurd sternförmigen Frisur und einem Schwert an der Seite.
 

Daneben ein Kerl mittleren Alters mit einem Gewehr auf dem Rücken, grüner Uniform, lässige Haltung – eindeutig Militär.

Er roch sie fast, so deutlich waren sie.
 

"Unglaublich...", knurrte die Frau.

"Sie haben den Cybermenschen verloren. Und das schwarzhaarige Mädchen mit dem roten Kopfband auch! Ein einfaches Mädchen!"
 

Ihre Stimme war schneidend, autoritär – wie ein Kaltlaser im Anschlag.
 

Rotes Stirnband.

Schwarze Haare.

Sirius.

Natürlich.
 

"Beruhig dich, Stellalein", säuselte der Typ.

"Sie werden nicht weit gekommen sein."
 

"Gamma, es geht nicht nur darum", fauchte sie.

"Meine Soldaten sind nicht mal in der Lage, ein Mädchen mit einer verdammten Babyziege festzuhalten!"
 

Jap.

Sirius und Panny.

Am Leben, offenbar.

Und wieder mal auf der Flucht.
 

Nebul verzog grimmig den Mund.

Unfassbar, dass er sich darüber tatsächlich… freute.
 

Er dachte zurück an den Morgen.

Der Angriff auf der Kreatureninsel.

Sirius und Panny, wie sie mit einem der Cybermenschen in die Tiefe stürzten – hinunter auf diesen brodelnden Zuckerplanet.
 

Und jetzt liefen sie hier irgendwo frei herum.

Unfassbar.

Und irgendwie… typisch.
 

Er erwischte sich bei einem Grinsen.

Dass er sich wirklich freute über die beiden.
 

"Es wird schon einen Grund gehabt haben–", setzte Gamma an.
 

"Tse, welchen denn? Hat sie denen gegen das Schienenbein getreten oder was?"

Stellara schnaubte verächtlich.
 

Dann: ein Piepsen.

Beide zogen kleine runde Geräte aus ihren Mänteln und aktivierten sie.

Vox-Disc...

Nebul erkannte diese Geräte.
 

"Habt ihr sie wiedergefunden?", fragte Stellara in scharfem Ton.
 

Nebul konnte das Antwortgemurmel nicht verstehen, aber die Reaktion sprach Bände.
 

"Ein Roboter, der auf dem Basar gestohlen hat? Das ist doch ein schlechter Scherz!", fauchte Stellara.
 

Ein Roboter?

Nebul grinste schief.

Tari.

Natürlich.
 

Und dann dämmerte es ihm.

Der Basar.
 

Sirius hatte gesagt, sein Katana sei hierhergebracht worden – nach Streusilia.

Tari hatte den Basar erwähnt.
 

Verdammt.

Könnte es wirklich dort sein…?
 

"Unsere Verbrecher werden auch immer ulkiger, oder?"

Gamma lachte leise.
 

"Das ist überhaupt nicht witzig, du Narr!", knurrte Stellara, dann rief sie ins Gerät: "Wo seid ihr? Wo ist der Roboter hin? ... Gut. Wir kommen euch entgegen. Wir schnappen ihn – jetzt!"
 

Sie unterbrach die Verbindung und brüllte dann zu einer Gruppe Soldaten:

"Männer! Mitkommen! Ein weiterer Verbrecher wartet!"
 

Gamma hob amüsiert die Augenbrauen.

"Vielleicht hat der Roboter ja Batterien oder Schrauben geklaut?"
 

Ein einziger Blick von Stellara hätte Stahl schmelzen können.

Die Truppe setzte sich in Bewegung – entschlossen, geordnet, tödlich.
 

Nebul wartete den richtigen Moment ab.

Dann glitt er hinterher.

Lautlos.

Schattenhaft.
 

Denn wenn sie Tari fanden… …dann war sein Katana vielleicht nur noch einen Schritt entfernt.

___________________________________________________________________
 

Sirius hetzte durch die Straßen von Pastanien, Panny fest an sich gedrückt.

Die kleine Babyziege meckerte leise, während sich die beiden durch enge Gassen schlängelten.
 

Seit der Begegnung mit diesen ersten drei Weltraumsoldaten außerhalb der Stadt war sie immer wieder neuen über den Weg gelaufen.

Und alle hatten es auf sie abgesehen!
 

„BLEIB STEHEN!“
 

„Ugh, ich kann diese Typen langsam nicht mehr sehen!“, knurrte Sirius, sprang mit einem Satz über ein paar Marktstände und wich im gleichen Moment einem Laserschuss aus, der knapp an ihrem Kopf vorbeizischte.
 

„S-Siri, Vorsicht!“, fiepte Panny.
 

„Ich dachte, die wollten mich verhaften, weil ich ein paar Tortenstücke genascht hab! Aber jetzt schießen die auch noch auf mich?!“
 

Sie hatte längst aufgehört zu zählen, wie viele von ihnen sie schon abgewehrt hatte.

Egal, wie viele sie außer Gefecht setzte – es kamen immer neue nach.

Und dann war da noch diese eine, unangenehme Möglichkeit.
 

„Ich hoffe einfach, dass die NICHT aus Opas Basis sind …“
 

Streusilia war nicht weit entfernt.

Die Kreatureninsel hatte sich genau über diesem Planeten befunden – und direkt im Tal der Insel: die Militärbasis ihres Großvaters.
 

„A-Aber du würdest doch seine Soldaten erkennen, oder?“, fragte Panny zögerlich.
 

„Die waren schon immer Arschlöcher zu mir. Denkst du, ich hab mir die Gesichter gemerkt?“, blaffte Sirius.

„Wenn die wirklich zu Opa gehören und ich WIEDER seine Soldaten verhaue … oh nein, das wird er hassen.“
 

Sie schlug einen scharfen Haken, bog in eine Seitengasse ein – neue Straße, neue Hoffnung.

Schnell ergriff sie den nächstbesten Türgriff und stürmte ins Gebäude.

Ohne groß nachzudenken, trat sie von der Tür weg, schob sich samt Panny in den Schatten.
 

Erst jetzt sah sie, wo sie gelandet war: Ein Restaurant oder vielleicht ein Café.

Leere Tische aus Keksen, Wände verziert mit Zuckerstangen und violettem Zuckerguss.

Kein Gast in Sicht.
 

„Entschuldigung, wir haben geschlossen!“
 

Eine Frau mit geflochtenen orangefarbenen Haaren rauschte durch eine Tür.
 

„Erst abends wieder geöffnet!“
 

„Oh, äh – passt schon! Ich wollte nur—“
 

„Dann geh bitte wieder. Wir machen gerade sauber. Und Haustiere sind nicht erlaubt“, fügte sie streng hinzu und zeigte auf Panny.
 

„Ich muss aber bleiben! Diese blöden Soldaten jagen mich, nur weil ich von den Feldern gegessen hab!“
 

Die Kellnerin riss die Augen auf.

„Du hast WAS?! BIST DU VÖLLIG BESCHEUERT?!“
 

„WOHER SOLLTE ICH DAS WISSEN?!“
 

„Was ist denn das für ein Gebrüll?“
 

Eine zweite Frau tauchte auf, mit dunklem Dutt und ruhiger Stimme.

Doch noch bevor jemand etwas erwidern konnte, waren draußen schnelle, schwere Schritte zu hören.
 

Verdammt.
 

Sirius sprang ohne ein weiteres Wort hinter den Tresen, zog Panny mit sich in Deckung.
 

„Lina, wer ist das?!“, flüsterte die Schwarzhaarige.
 

„Keine Ahnung, sie ist einfach—“
 

„Tut mir einen Gefallen und spielt mit“, hauchte Sirius zwischen den Flaschen hindurch.
 

„Wobei?“, flüsterte die Dunkelhaarige, bevor sich die Eingangstür mit einem Knall öffnete.
 

Vier Soldaten stürmten herein – bewaffnet, entschlossen.
 

„Was zur …“, flüsterte Celine, die Schwarzhaarige.
 

Doch Linas Blick hatte sich verändert.

Ihre Schultern spannten sich, ihre Kiefermuskeln zuckten – nicht aus Angst.

Aus Zorn.
 

„Entschuldigt die Störung“, begann einer der Soldaten.

„Wir suchen ein Mädchen mit schwarzen Haaren und einem roten Kopfband. Sie hat eine kleine Ziege dabei. Habt ihr sie gesehen?“
 

„Nein, haben wir nicht“, sagte Lina kalt.

„Und überhaupt – wir haben geschlossen! Könnt ihr das Schild draußen nicht lesen?!“
 

„Lina, bitte …“, murmelte die andere.
 

„Nicht jetzt, Celine! Wegen euch kann ich den ganzen Boden nochmal schrubben! Also RAUS!“
 

„Hör mal, das ist kein Spiel hier. Wir suchen einen—“
 

„Ja ja. Erst klauen Kinder Bonbons und morgen werden Mäuse verhaftet!“
 

Einer der Soldaten trat einen Schritt vor.

„Ein bisschen mehr Respekt, wenn ich bitten darf—“
 

„Beruhig dich“, murmelte ein anderer.

„Ich kenn sie. Ihr Vater wurde eingesperrt. Sie hat... Gründe. Lasst gut sein, wir verschwenden hier nur unsere Zeit.“
 

Die vier drehten sich um und verließen das Lokal – Tür zu, Ruhe.

Sirius und Panny lugten vorsichtig hinter dem Tresen hervor.
 

„Du hast den Boden doch nicht wirklich gewischt, oder?“, fragte Celine tonlos.
 

„Natürlich nicht. Ich brauchte nur einen guten Vorwand, um diese Mistkerlen anzuschreien. Denn die haben es verdient!! “, murmelte Lina, schnaubte.
 

„Boah, danke euch! Ihr habt echt was gut bei mir!“, rief Sirius mit spürbarer Erleichterung.
 

Celine verschränkte die Arme, musterte Sirius mit ruhiger, aber skeptischer Miene.
 

„Okay, Fräulein. Was genau hast du verbockt?“
 

Sirius' Lächeln fiel in sich zusammen.

„Naja, ich...“
 

„Sie hat von den Feldern gegessen“, warf Lina dazwischen, ihre Stimme so scharf wie ein Messer. Ihre Augen verfinsterten sich.
 

Celine runzelte die Stirn.

„Du bist nicht von hier, oder?“
 

„Nee, ich komm von der Kreatureninsel. Aus dem Tal, da wo das Sternenfall-Dorf liegt.“
 

Celine hob eine Augenbraue.

„Wie hast du’s bitte von da hierher geschafft? Das ist ’ne schwebende Insel.“
 

„Tja... sagen wir mal, ich bin anders runtergekommen als geplant.“
 

Ihr Blick wanderte zu Panny, der noch immer in ihren Armen kauerte.
 

„Hey, Panny... du hast die ganze Zeit nichts gesagt. Alles okay?“
 

Panny öffnete kurz den Mund, warf den beiden Kellnerinnen aber nur einen ängstlichen Blick zu und schwieg wieder.
 

„Ach ja stimmt, du willst bei Fremden nicht reden.“, kicherte Sirius.
 

Lina lehnte sich zu Celine rüber.

„Ich glaub, die hat ordentlich einen an der Klatsche.“
 

„Schon... eigen, ja“, murmelte Celine mit einem dünnen Lächeln.
 

„Was ist das hier eigentlich für ein Laden?“, fragte Sirius und schaute sich erneut um.
 

„Wonach sieht’s aus?“, fauchte Lina.
 

„Zuerst dachte ich, so’n süßes Restaurant oder Café... aber das wär doch bescheuert, wenn—“
 

„Schätzchen“, unterbrach Lina sie spitz, „natürlich ist das ein Café. Wo sollen die Leute denn sonst essen, wenn das Zeug auf den Feldern für uns tabu ist?“
 

Sirius’ Stirn legte sich in Falten.

„Aber... warum ist es überhaupt verboten? Macht doch keinen Sinn!“
 

„Weil wir Abgaben zahlen müssen! Wie jeder andere verdammte Planet auch!“, fuhr Lina sie an.
 

„Was denn für Abgaben?!“
 

„Als ob du nicht weißt, was Abgaben sind!“, schnappte Lina.
 

„Nein! Ehrlich nicht!“
 

„Aber im Sternenfall-Dorf gibt’s doch auch Abgaben!“
 

„Kann sein, aber ich hab trotzdem keine Ahnung, worüber ihr hier redet!“
 

„Ugh! Das weiß man doch—“
 

„Lina…“, unterbrach Celine sie leise und hob die Hand wie ein Stoppschild.
 

Lina presste die Lippen zusammen und schwieg. Celine seufzte tief.
 

„Es ist etwas komplizierter“, begann sie ruhig.

„Streusilia, genau wie viele andere Planeten, gehört nicht uns. Die Höheren Mächte beanspruchen das Land, das Essen – alles. Unsere Aufgabe ist es, die Felder zu bewirtschaften, zu ernten und das Produkt abzugeben. Wir kriegen dafür Geld. Wenn wir aber selbst etwas davon essen, gilt das als Diebstahl.“
 

Sirius legte den Kopf schief.

„Moment mal... das Zeug wächst auf eurem Boden. Ihr baut es an. Und trotzdem müsst ihr zahlen, wenn ihr was davon nehmt?“
 

Celine nickte.

„Genau so ist es.“
 

„Das ist doch total bescheuert!“, empörte sich Sirius.

„Ihr schuftet auf den Feldern, aber müsst dann euer eigenes Essen kaufen?!“
 

„Natürlich ist das dämlich! Denkst du, wir feiern das?“, warf Lina ein.

„Aber wir haben keine Wahl. Wir müssen auch noch zusätzliche Geldabgaben leisten. Es ist ein endloser Kreislauf.“
 

„Boah, was für Arschlöcher... diese höheren Mächte.“
 

Lina schnaubte.

„Sag bloß, du weißt nicht mal, wer das überhaupt ist?“
 

„Hab den Namen öfters gehört. Scheinen sich als wichtig zu befinden.“, murmelte Sirius und zuckte mit den Schultern.
 

Lina rieb sich die Stirn, als müsse sie einen Migräneanfall abwehren.

„Die hat echt unter einem verdammten Stein gelebt...“
 

„Ich will ja echt nicht unhöflich sein oder so, aber... ich muss zwei Freunde von mir wiederfinden. Ich muss echt los“, sagte Sirius entschuldigend und wollte sich gerade an den beiden Kellnerinnen vorbeischieben, als eine Stimme von oben ertönte.
 

„Sag mal... ist einer deiner Freunde zufällig blau und hat weiße Haare?“
 

Alle drehten sich zur Treppe, die in den oberen Stock führte.

Auf einer der oberen Stufen hockte eine junge Frau, lässig abgestützt.
 

„Cassie! Wie lange lungerst du da schon rum?!“, rief Lina genervt.
 

„Lange genug, um dein Rumgekeife wieder mitzukriegen“, konterte Cassie süffisant.
 

„Ugh! Drückt sich vor der Arbeit und hat dann auch noch ’nen Spruch auf Lager!“
 

„Ich drück mich nicht – ich hab da oben sauber gemacht. Netterweise.“
 

„Da oben sind keine Kunden, du Tröte! Putz da nach Feierabend!“
 

„Du hast jemanden in Blau gesehen?! Du hast Nebul getroffen?“, platzte Sirius dazwischen, ihre Augen blitzten auf.
 

Cassie, ein Mädchen mit lilafarbenen Haaren, kunstvoll zu zwei langen Pferdeschwänzen gebunden und mit gelben Rosen geschmückt, nickte gelassen.
 

„Jap. Hat dich gesucht.“
 

„War bei ihm auch ein Roboter?“
 

„Hm… nee. Aber er hat was von einem Roboter gefaselt, den er wiederfinden muss.“
 

Sirius grinste.

„Awww, er sucht nicht nur mich, sondern auch Tari! Wie süß.“

Dann sah sie zu Panny hinunter.

„Keine Sorge, er will bestimmt auch dich wiederfinden.“

Ihr Grinsen kippte.

„Aber… warum sind die zwei getrennt unterwegs? Wo steckt der kleine Racker jetzt?!“
 

Cassie zuckte mit den Schultern.

„Keinen Plan. Ist einfach abgezogen. Ohne Karte, ohne Hirn.“
 

„Wow. Cassie weiß mal was, was wir nicht wissen“, spottete Lina.
 

„Halt’s Maul“, knurrte Cassie, während sie die Treppe herunterstieg.
 

Dann blieb sie direkt vor Sirius stehen.

Ihre Haltung wirkte selbstbewusst, fast schon angriffslustig.

Sie trug kein Maid-Outfit wie Lina und Celine, sondern eine elegante Kombination aus lockerem, gelbem Hemd mit Schleife, schwarzem Rock, langen Strümpfen und makellosen Absatzschuhen.

Elegant – und gefährlich wie eine Katze vor dem Sprung.
 

„Ihr seid Banditen, richtig?“, fragte sie, ihre Stimme plötzlich eiskalt.
 

Sirius legte den Kopf schief.

„Ja. Warum?“
 

Celines und Linas Gesichter entgleisten gleichzeitig.

Cassie verengte die Augen.
 

„Ich hasse Banditen. Mit jeder Faser meines Körpers.“
 

„Oh... das tut mir leid.“
 

Sirius' Antwort kam ruhig, fast ehrlich, und brachte Cassie kurz aus dem Konzept.

Nur für einen Moment.

Dann kehrte die Härte zurück.
 

„Ist mir egal. Das macht’s kein Stück besser. Banditen sind nichts weiter als rücksichtlose Parasiten. Ihr nehmt, was euch nicht gehört. Verletzt Leute, raubt ihnen das Wenige, das sie haben. Während andere hier versuchen, ein friedliches Leben zu führen – trotz all der Scheiße, die auf uns herabregnet.“
 

Ihre Stimme war voller Groll.

Und Schmerz.
 

„Ich versteh dich nicht“, fuhr sie fort.

„Du wirkst nicht wie ein Monster. Aber trotzdem hast du dich entschieden, einer von denen zu werden. Die stehlen, morden, Angst verbreiten.“
 

„Cassie...“, murmelte Celine leise.
 

Auch Lina schwieg.

Sirius hob die Schultern, hob dann aber ernst den Blick.
 

„Ich hab nie jemand Unschuldigen verletzt. Klar, ich hab schon mal 'nem Weltraumsoldaten eins verpasst – aber nur, wenn sie zuerst austeilen.“
 

„Du weißt, wie viele grausame Banditen da draußen sind, und trotzdem bist du einer von ihnen?!“
 

„Weil es so einfach nicht ist“, sagte Sirius ruhig.

„Es gibt Grobiane, ich weiß das. Aber ich suche etwas. Etwas, das die Höheren Mächte nicht wollen, dass jemand findet.“
 

Sie machte eine kurze Pause.

Dann:
 

„Ich suche Utopia.“
 

Stille.
 

Lina blinzelte.

„...Was?“
 

Cassie schnaubte verächtlich.

„Du willst also sagen, du bist anders. Kein richtiger Bandit, nur eine andere Sorte Verbrecher?“
 

„Wenn die Suche nach Freiheit ein Verbrechen ist – bitte. Dann bin ich schuldig. Aber ich tue, was ich tue, weil ich an etwas glaube. Und ich will, dass Menschen das Recht haben, ihr eigenes Essen zu essen. Einfach ihr Leben selbst in der Hand haben.“
 

Cassie hielt einen Moment inne.

Ihre Mine verriet, dass sie mit den Worten rang.

Dann jedoch verengte sie erneut das Auge, das nicht unter ihrem Pony verborgen war.
 

„Tolle Rede. Aber warum sollte ich einem Banditen überhaupt noch irgendwas glauben?“
 

„Cassie...“, begann Celine beschwichtigend.
 

„MIR EGAL!“, fauchte Cassie plötzlich, ihre Stimme ein Donner.

„ICH HASSE BANDITEN!! UND IHR WISST VERDAMMT GUT, WARUM!!“


Nachwort zu diesem Kapitel:
Wie gesagt, ist mein erstes Mal, dass ich vorallem in Deutsch sowas schreibe. xD Nur ne kleine Anmerkung noch: Ich habe zwar paar Charakterbilder hochgestellt, aber Sirius (und ihre Schwester) sind dort in ihrem Aussehen NACH dem Prolog. Nur als kleine Anmerkung. ^-^ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Tari ist einfach overthinking 101 xD Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hab wieder bissl was geschafft.
Character-Sheets hab ich auch geupdated. 👌🏻
Schaut also rein, wenn ihr euch kein Bild von den Charakteren machen könnt oder einfach neugierig seid. ;D Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Und damit ist der eigentliche Prolog fertig. xD
Jetzt sind wir aus der Militär-Basis vom Sternfall Dorf weg und können uns auf das nächste Gebiet konzentrieren. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Der Konflikt war ursprünglich gar nicht geplant, aber dachte, dass der Arc dann zu langweilig wäre. xD Also bissl Action.

Nächstes Kapitel wird ziemlich kurz. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Nächstes Kapitel wird bissl mehr Fokus machen auf Panny.
Backstory und so.
Die ist ziemlich hart. :'D Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Nebul wird langsam warm und Panny kriegt ein wenig Hoffnung. :D
Nächstes Kapitel wird das letzte sein, was auf der Kreatureninsel stattfinden wird. Dann landen wir zum ersten Mal auf einen anderen Ort. :DDDD Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Sorry für's Warten, aber ihr müsst wohl jetzt noch länger warten. 😅
Ich werd ne Pause einlegen vom Schreiben, da ich wieder Bock bekommen hatte zu zeichnen am Comic. 😌
Wird bald hoffentlich ein Update auf meiner Dõjinshi Seite geben.
Also die Story hier wird erstmal auf Eis gelegt, aber ich bin mir sicher, dass es irgendwann weitergehen wird. 😄 Komplett anzeigen

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