„Tenn-nii ...?“ Rikus Stimme klang erschöpft, während Tenn einfach nur neben ihm saß und seine Hand ergriffen hatte.
„Ich bin hier, Riku“, erwiderte Tenn leise zurück, sah in dieses zu bleiche Gesicht, „es wird alles gut werden. Bestimmt.“ Er hoffte, dass alles gut werden würde, auch wenn es ihm angst machte, dass Riku so schwach war und nichts, was die Ärzte versuchten, auch nur irgendwie dafür sorgte, dass sich Rikus Zustand verbesserte.
Sie waren beide erst fünf und würden in einem guten Monat sechs werden.
„Solange ... Tenn-nii bei mir ist ...“, flüsterte Riku, drückte seine Hand etwas mehr, schloss ein wenig die Augen.
Tenn schluckte, legte seine andere Hand ebenfalls auf Rikus, hielt ihn nur mehr fest. Es irritierte ihn so sehr, wie kalt und bleich sein Zwillingsbruder war. Er hatte ihn nie so gesehen. Zwar wusste er, dass Riku von Geburt an schwächer war, aber es war nie so schlimm gewesen.
„Tenn-nii?“, flüsterte Riku mehr, ohne seine Augen wieder zu öffnen, „mir ... ist kalt ...“
Tenn schluckte, nickte ein wenig. Er spürte auch so, wie kalt Riku war, dafür musste er ihm das nicht einmal sagen. Langsam rutschte er zu ihm, rutschte unter die Decke, mit der Riku zugedeckt war und drückte seinen Körper gegen Riku, während er die Decke wieder über ihnen ausgebreitet hatte. „Du fühlst dich auch ganz kalt an.“
„Mhm ... aber Tenn-nii ist warm ...“, sagte Riku leise, schlang seinen anderen Arm um ihn, „bleib ... bei mir, ja?“
„Ich bleibe immer bei dir, Riku“, flüsterte Tenn zurück, „solange du mich brauchst.“
„Es fühlt sich gut an, wenn Tenn-nii so nah bei mir ist“, flüsterte Riku etwas mehr, drückte sich nur näher, „dann ist es nicht so kalt.“
„Riku“, murmelte Tenn ein wenig vor sich hin, „es wird alles gut werden. Es wird wieder besser werden.“
––––
Irritiert blinzelte Tenn seine Augen auf, bemerkte den kühlen Wind, der aus Richtung des Balkons zu ihm kam, worauf sein Blick gleichzeitig zu seinem Zwillingsbruder glitt. Riku stand mit dem Rücken zu ihm und sah über das Balkongeländer in den Nachthimmel hinaus. Vermutlich hatte er auch noch nicht bemerkt, dass Tenn aufgewacht war.
Langsam schluckte er, als er daran dachte, was vor ein paar Stunden passiert war. Auch wenn er kaum wirklich mitbekommen hatte, was genau passiert war. Er erinnerte sich nur dunkel an das Ende des Konzerts und daran, dass er sich irgendwie in den Backstagebereich begeben hatte, so wie er sich sonst nur daran erinnerte, wie er Rikus panischen Ausruf gehört hatte. Auch wenn er nicht wusste, wie er ausgerechnet Riku so laut gehört hatte. Oder war er bei ihm gewesen?
Er wusste in dem Moment, was er Riku zugemutet hatte, obwohl er immer gedacht hatte, dass er damit zurechtkam.
Vor etwa vierzehn Jahren, als sie sechs geworden waren, hatten sie damit angefangen. Es hatte Tenn auch nie gestört, dass Riku von seinem Blut getrunken hatte. Erst recht, nachdem er wusste, dass Riku von keinem anderen Menschen trinken konnte. Es war selten, dass ein Vampir diese Eigenart hatte, aber insgeheim war Tenn froh, dass er es war und niemand sonst.
Er wollte auch gar nicht, dass Riku sich von jemand anderem ernährte, seit er wusste, dass sein Zwillingsbruder ein Vampir war.
Schließlich richtete er sich von dem Bett auf, auf dem er geschlafen hatte, bewegte sich zu dem Balkon, stützte sich gegen die offene Balkontür und atmete etwas mehr. Er wusste, dass er noch nicht wieder bei vollen Kräften war. Aber er wusste auch, dass er Riku zeigen musste, dass alles in Ordnung war.
Langsam bewegte er sich weiter, schlang seine Arme um den Oberkörper seines Zwillingsbruders und legte seinen Kopf auf dessen Schulter ab. „Riku ...“
„Tenn-nii?“
„Es ist alles okay, Riku“, flüsterte Tenn ihm nur entgegen, bevor Riku irgendetwas anderes sagen konnte, „warum bist du aufgestanden?“
„Ich– es ist meine Schuld, oder?“, flüsterte Riku etwas mehr, ohne sich zu bewegen, sodass Tenn einfach weiterhin gegen seinen Rücken lehnte.
„Es ist nicht deine Schuld“, entgegnete Tenn, „ich habe mich ... nur etwas überanstrengt, schätze ich.“
Er wusste, dass es nur die halbe Wahrheit war. Tenn wusste, dass er Riku etwas verschwieg, weil er genau wusste, dass diese Sache komplizierter war. Aber er durfte nicht zulassen, dass Riku dachte, dass er ihn zu sehr schwächte. Niemand außer ihm konnte Riku ernähren. Jedes andere Blut schwächte seinen Zwillingsbruder nur oder würde mit der Zeit dafür sorgen, dass er starb.
„Du solltest mir sagen, wenn ich zu viel von dir trinke, Tenn-nii“, sagte Riku nun eindeutig ernster, bevor er sich doch langsam zu ihm drehte, sodass Tenn ihn loslassen musste und ihm nun eher in die Augen sah.
„Es ist nicht zu viel, mach dir bitte keine Sorgen, Riku“, sagte Tenn ruhiger, bewegte seine Mundwinkel mehr zu einem Lächeln, „und ich will nicht, dass du wieder ... so ...“, er stoppte sich selbst, als er an diesen Tag zurückdachte, als er nichts anderes konnte, als Riku festzuhalten und zu hoffen, dass er nicht mehr so unterkühlt war. Damals, als sie noch nicht einmal wussten, dass Riku ein Vampir war.
Diese Tage, Wochen, vor ihrem sechsten Geburtstag waren ein immer wiederkehrender Albtraum, den Tenn nicht vergessen konnte. Er wusste, dass es manchmal auch damit endete, dass Riku in seinen Armen starb, bevor er nur schweißgebadet wach wurde und sich nur versicherte, dass Riku bei ihm war und nicht damals, vor Jahren, gestorben war.
„Tenn-nii“, drang Rikus besorgte Stimme zu ihm durch, kurz bevor er Rikus Hände an seinen Wangen fühlte.
„Riku“, flüsterte Tenn, schluckte etwas mehr, „bitte ... vertrau mir einfach, dass es okay ist. Ich will dich ... nicht verlieren.“
Riku sah ihn einige Sekunden einfach nur an, bevor er langsam doch nickte. „Versprochen, aber dann darf Tenn-nii mich auch nicht verlassen. Ich will dich nämlich auch nicht verlieren. Niemals.“
Tenn blickte ihm still in die Augen, nickte langsam ebenfalls. „Versprochen. Aber lass uns noch etwas schlafen.“
„... Ja ...“, erwiderte Riku leise zurück, lächelte ihn ruhiger an, „immerhin muss Tenn-nii sich ausruhen nach dem vergangenen Abend.“
„Solange Riku bei mir ist“, flüsterte Tenn zurück, bewegte sich langsam wieder in das Innere des Zimmers, während er allerdings dafür sorgte, dass er Rikus Hand festhielt und nicht mehr losließ.
Es war das, was er momentan brauchte, um sicherzugehen, dass er nicht erneut diesen Albtraum aus seiner Kindheit hatte. Riku war bei ihm und ihm ging es gut. Um alles andere würde er sich bei Gelegenheit kümmern müssen, auch wenn das etwas war, was er niemals Riku erzählen durfte.
Drei Tage später nach einem normalen Trainingsalltag befand er sich in der leichten Abenddämmerung etwas außerhalb der Stadt, von wo aus er auf die Lichter der Stadt blicken konnte, in der sie normalerweise lebten.
Eigentlich hatte Tenn nicht vorgehabt, einen zusätzlichen Tag Pause einzulegen, aber er wusste auch, wie sehr Riku ihn den Tag davor am Morgen angesehen hatte und das er sich nur mehr Vorwürfe machte, wenn er sich nicht richtig erholte. Es war etwas, was Tenn unter keinen Umständen wollte.
Davon ab, dass es nicht Rikus schuld war, dass er nach ihrem letzten Konzert diesen Schwächeanfall gehabt hatte. Immerhin wusste er, dass er seinem Zwillingsbruder etwas verschwieg.
„Tenn?“ Die Stimme hinter ihm holte ihn etwas aus seinen Gedanken, während er spürte, wie seine Hand gegriffen wurde.
Tenn seufzte etwas, lehnte sich zur Seite und gegen seinen Freund. „Ich wusste nicht, dass hier so ein Ort existiert, Gaku.“ Es war nicht, was er sagen wollte, aber er konnte nicht so einfach dieses Thema ansprechen.
„Es ist eine schöne Aussicht, nicht wahr“, erwiderte Gaku ruhiger, während er Tenn nur mehr in seine Arme zog und ihn vor sich festhielt.
Tenn schluckte, lehnte sich nur mehr gegen ihn, blieb allerdings still, während er weiterhin auf die Lichter der Stadt vor sich sah.
„Dir geht es inzwischen besser, oder?“, fragte Gaku leise nach, ließ ihn allerdings nicht los, „war es zu–“,
„Mir geht es gut“, unterbrach Tenn ihn, drehte sich nun in den Armen des anderen um, blickte zu ihm auf und sah, wie ihn dieser besorgte Ausdruck aus den grauen Augen traf, „... es ist alles in Ordnung, Gaku. Ich habe das im Griff.“
„Tenn, wirklich“, flüsterte Gaku ihm entgegen, „du solltest ehrlich sein. Du weißt, dass ich es akzeptiere. Ich werde–“,
„Nein!“, unterbrach Tenn ihn eindringlicher, lehnte seinen Kopf gegen Gakus Brust, sah dabei eher auf den Boden zwischen ihnen, „ich will nicht, dass du ... es ist wirklich okay. Du hast dich die letzten drei Tage schon zurückgehalten, oder?“
Er spürte geradezu den Blick seines Freundes auf sich, selbst wenn er ihn nicht sehen konnte. Er wusste, dass Gaku ihn weiterhin besorgt ansah.
Die Stille zwischen ihnen fühlte sich seltsam an, während er für einen Moment nichts hörte oder merkte, außer dass er immer noch von ihm festgehalten wurde. Es sorgte dafür, dass Tenn fast die Stille unterbrechen wollte, als er ein kurzes Atmen bemerkte, was ihm einen Schauer über den Rücken jagte.
Bevor er irgendetwas sagen konnte, spürte er nur, wie Gaku ihn am Hals biss, was dafür sorgte, dass er überraschter atmen musste.
Es war ein anderes Gefühl, als wenn Riku es tat. Es war auch etwas, was er Riku verheimlichte. Tenn konnte ihm nicht sagen, dass Gaku ebenfalls ein Vampir war und von ihm trank. Er wollte nicht, dass Riku aufhörte und sich selbst gefährdete, wo sie genau wussten, dass einzig Tenns Blut dafür sorgte, dass es ihm nicht schadete.
Tenn hatte nie vorgehabt, dass jemand anderes von ihm trank, weil er wusste, dass es gefährlich für ihn war.
Er zuckte ein wenig zurück, als er merkte, dass Gaku von ihm abließ, sodass er langsam seinen Blick wieder hob, um ihm entgegenzusehen. Er hätte das niemals zugelassen, wenn er nicht genau wusste, was es bedeutete, wenn Gaku jemand anderen als ihn dafür hatte.
„Tenn–“, startete Gaku, allerdings schüttelte Tenn nur den Kopf, legte seine Arme um ihn und streckte sich kurz, nur um ihn kurz darauf einfach zu küssen.
Es war kein langer Kuss, es war nur etwas, was er gerade brauchte, um zu zeigen, was es ihm bedeutete. „Du wirst mich nicht ersetzen?“, fragte Tenn schließlich eher leise nach. Warum hatte er eigentlich überhaupt diese Zweifel?
„Nicht freiwillig. Niemals, Tenn“, sagte Gaku eindeutig ernster, „ich liebe dich, Tenn.“
Tenn schluckte, während er wusste, was Gaku meinte. „Ich liebe dich auch, Gaku“, erwiderte er einfach nur, während er für den Moment nicht darüber nachdenken wollte, was hinter diesem Wort steckte. Freiwillig.
Er wusste, dass sie sich liebten. Er wusste, dass Gaku Rücksicht auf ihn nahm, weil Riku nur von ihm trinken konnte. Einzig Riku wusste nichts davon, dass Gaku ein Vampir war und ebenfalls von ihm trank.
Tenn war sich auch nicht sicher, ob es je einen richtigen Moment gab, wo er seinem Zwillingsbruder davon erzählen konnte, weil er das Gefühl hatte, dass Riku sich nur mehr Vorwürfe machte.
Er würde niemals wollen, dass Riku sich gefährdete und jemand anderen suchte, von dem er trinken konnte, weil er niemals wieder mitansehen wollte, wie Riku beinahe starb. (Oder er ihn wirklich sterben sah und es nicht nur ein schlimmer Traum war.)
„Sollen wir langsam zurück?“, fragte Gaku ruhiger nach, während er ihn immer noch bei sich hielt.
Tenn brauchte einen Moment, um zu bemerken, dass er immer noch mit ihm hier draußen war und nicht bei Riku. Dabei war er am späten Abend immer zu Hause, damit er bei Riku sein konnte. Damit er ihn sehen konnte, wenn er morgens wach wurde. „Ja, lass uns zurück.“
Sie sagten nichts weiter und Tenn umfasste einfach nur Gakus Hand, um sich zurückführen zu lassen. Sie wussten auch beide, dass es nichts gab, über das sie noch reden konnten.
Die Rückfahrt verblieb ebenfalls still, zumindest bis Gaku vor der Wohnung stoppte, in der Tenn mit seinem Zwillingsbruder lebte. Dennoch blieb er noch einen Moment in dem Auto sitzen und sah einfach nur zu ihm.
„Ich liebe dich wirklich, Gaku“, flüsterte Tenn ein wenig mehr, während er ihn einfach nur weiterhin ansah, „und ich würde nichts lieber tun–“,
„Sag nicht mehr“, erwiderte Gaku und unterbrach ihn nun, „ich liebe dich auch.“ Er beugte sich zu ihm und küsste ihn nun von sich aus kurz. „Wir sehen uns morgen.“
Tenn nickte knapp, griff nebenbei nach der Beifahrertür. „Wir sehen uns morgen.“
Er bewegte sich nur still zu dem Häuserblock, ohne noch einmal zurückzusehen. Er wusste, dass Gaku wartete, bis er komplett im Inneren verschwunden war, so wie jedes Mal, auch wenn Tenn nicht mehr zu ihm sah.
Er konzentrierte sich einfach nur noch auf den Weg zu seiner Wohnung, öffnete die Tür schließlich und merkte nur Sekunden später, wie Riku ihn in eine Umarmung zog.
„Dir geht es gut, Tenn-nii“, flüsterte er eher, „... warst du noch ...?“
„Sorry Riku“, erwiderte Tenn nur, legte einen Arm um ihn, während er mit der anderen Hand durch Rikus Haare strich, „ich war noch einen Moment mit Gaku unterwegs.“
„Oh“, brachte Riku von sich, entfernte sich ein Stück von ihm, auch wenn sie sich immer noch ein wenig festhielten, „ich wollte nicht–“,
„Schon gut, du machst dir immer noch Sorgen?“, entgegnete Tenn ein wenig fragender, „aber mir geht es gut.“
Riku nickte ein wenig langsamer. „Ich sollte dir mehr vertrauen und ... ich will doch, dass du glücklich bist.“
„Ich bin glücklich, solange du bei mir bist“, flüsterte Tenn zurück, sah ihm direkter in die Augen.
„Ja ...“, sagte Riku eher bedrückter, „ich– ich bin auch glücklich. Ich will dich nur nicht verlieren, Tenn-nii.“
„Ich werde dich nicht alleine lassen“, sagte Tenn ernster weiter, „Gaku weiß von dir und das ich dich nicht alleine lassen kann. Genauso wie du eine der ersten Personen bist, die wussten, was zwischen uns ist.“ Zumindest was ihre Beziehung anging. Einzig Ryuu hatte vor Riku erfahren, dass sie ausgingen, aber das war damals sowieso unausweichlich gewesen.
Er hatte Riku nicht verschwiegen, dass er mit Gaku zusammen war, sobald er es ihm erzählen konnte. Einzig die Sache, was sein Freund war, hatte er Riku nie erzählt und er war sich nicht sicher, ob er es je erzählen konnte.
Das Geräusch der sich öffnenden und schließenden Tür ließ Ryuunosuke kurz aufsehen, bevor er sich wieder der Zubereitung ihres Abendessens zuwandte. Aus seinen Haaren konnte man momentan deutlich zwei größere, gebogene Hörner erkennen, während ein längerer Schweif hinter ihm schwenkte.
Er wusste, dass hier niemand war, der nicht wusste, was er war und es fühlte sich eindeutig besser an, wenn es Zeiten gab, in denen er sich nicht verstecken musste.
„Du hast Tenn nach Hause gebracht?“, fragte Ryuunosuke nach, ohne sich umzudrehen, während er einzig hörte, wie Gaku in das Esszimmer und die angrenzende Küche kam.
„Hm“, kam es nur eindeutig seufzender als Erwiderung, „was soll ich sonst machen? Du weißt, was war, als er nur eine Nacht bei uns verbracht hat.“
„Willst du es wirklich dabei belassen?“, fragte Ryuunosuke nach, machte sich daran, ihnen etwas auszuschöpfen. Es war nicht so, als wenn sie es brauchten, aber sie hatten sich beide über die Jahre daran gewöhnt, die normale Nahrung der Menschen zu sich zu nehmen.
„Ich kann Tenn nicht zwingen“, entgegnete Gaku daraufhin, sah ernster zu ihm, „auch wenn sie es wollen würden.“
„Sie wollen, dass du zurückkehrst“, sagte Ryuunosuke schließlich weiter, rutschte auf den Stuhl ihm gegenüber, nachdem er ihr Essen abgestellt hatte, „egal ob mit Tenn oder ...“
„Ich werde Tenn nicht ersetzen“, sagte Gaku ernster, „Ryuu. Er ist perfekt. Niemand könnte ihn ersetzen. Selbst wenn ...“
„Mir brauchst du das nicht sagen“, erwiderte Ryuunosuke nur lächelnder, „ich könnte mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn wir ihn aufgeben würden. Auch wenn ...“
„Wir müssen nur auf ihn aufpassen“, sagte Gaku ruhig weiter, „noch mehr als vorher. Ich will nicht, dass er erneut zusammenklappt. Ich will nicht, dass er sich mehr gefährdet. Riku-kun würde das vermutlich genauso wenig wollen.“
Ryuunosuke seufzte, sah ein wenig bedrückter vor sich. „Was willst du bezüglich ihnen machen?“
„Ich werde mit ihnen reden müssen und ich sollte es vermutlich nicht viel länger hinauszögern“, sagte Gaku ernster.
––––
Die Nacht verlief eindeutig entspannter als die meisten Nächte, die Tenn in den letzten Jahren hatte. Allerdings sah er auch geradewegs in Rikus entspanntes Gesicht, als er wach wurde. Er hatte immer noch seine Arme um ihn gelegt und hielt ihn so dicht bei sich.
Es war ein angenehmes Gefühl, einmal nicht durch einen seiner Albträume wach zu werden. Oder zumindest konnte er sich nicht daran erinnern, irgendetwas davon geträumt zu haben, was eine entspannte Abwechslung war.
Er genoss einfach nur eine Weile die Stille und beobachtete Rikus schlafende Gestalt, während er ihn so dicht bei sich hielt. Tenn wusste, dass er ihn niemals alleine lassen konnte. Riku brauchte ihn und er würde niemals ohne ihn weiterleben wollen.
„Tenn-nii? Morgen ...“, hörte er die verschlafene Stimme neben sich.
„Guten Morgen Riku“, flüsterte Tenn zurück, lächelte ihn einfach nur an.
„Tenn-nii ist immer so früh wach“, flüsterte Riku etwas mehr, während er sich nur dichter an ihn kuschelte, „... aber Tenn-nii sieht auch besser aus.“
„Und Riku sorgt dafür, dass ich so gut schlafen kann“, flüsterte Tenn zurück, ließ seine Hand durch Rikus Haare gleiten, hielt ihn so dicht bei sich.
Er hörte ein leises, zufriedenes Geräusch von Riku, auch wenn es dadurch, dass sich Riku so dicht an ihn drückte, eher gedämpft war.
Diese Ruhe am Morgen sorgte dafür, dass er darüber nachdachte, Riku alles zu erzählen, aber er wusste auch, dass er es nicht wirklich konnte. Immerhin wollte er nicht, dass sich Riku Vorwürfe machte, dass er sich wegen ihm so sehr einschränkte.
„Du musst gleich aufstehen, oder?“, murmelte Riku nach einer Weile, während er weiterhin so dicht bei ihm lag.
„Hmm“, machte Tenn nur, auch wenn er gerade lieber einfach nur weiterhin so mit ihm kuscheln wollte.
Er wusste, dass er eigentlich aufstehen sollte, immerhin musste er sich bald auch auf den Weg zum Training machen und er sollte nicht ohne ein Frühstück rausgehen.
„Duschen?“, fragte Riku leise nach, ohne sich von ihm wegzubewegen.
„Klingt gut“, erwiderte Tenn nur. Außerdem sorgte es dafür, dass er noch etwas länger Rikus Nähe genießen konnte.
––––
Es war selten geworden, dass sie den Morgen so eng beieinander verbrachten und sie sich erst wirklich voneinander entfernten, als Riku ihn an der Wohnungstür verabschiedete.
„Bis heute Abend?“, fragte Riku nach, hielt noch einen Moment Tenns Hand.
„Bis heute Abend, Riku“, antwortete Tenn nur ruhig, bevor er sich langsam von ihm abdrehte und eher die Tür ergriff. Er wollte gerade gar nicht wirklich gehen, aber er wusste auch, dass er gehen musste. Auch wenn er seinen Job als Idol gerne machte oder er seine Freunde mochte, es gab Momente, in denen er viel lieber einfach nur bei Riku war.
––––
Noch bevor Tenn die Tür zu ihrem Trainingsraum öffnete, hatte er ein seltsames Gefühl, was sich nur intensivierte, als er innerhalb des Raums einzig Ryuu sah, der ihn anlächelte, nachdem er ihn erblickt hatte.
„Guten Morgen, Tenn“, sagte er schließlich nur strahlender, „du siehst besser aus.“
„Guten Morgen“, entgegnete Tenn, unterdrückte das Gefühl, was ihn überkommen hatte, auch wenn er sich sogleich ein wenig umblickte.
„Gaku müsste gleich hier sein“, sagte Ryuu kurz darauf, ohne das Tenn irgendetwas diesbezüglich sagen oder fragen konnte.
Aber er wusste auch, dass es ungewöhnlich war, dass sie nicht gemeinsam hier waren und ihm die Frage vermutlich anzusehen war. „Hmm ... ist etwas ...?“ Tenn wusste, dass es vermutlich nur einen Grund gab, wieso Gaku nicht hier war, auch wenn er nicht daran denken wollte.
„Mach dir keine Sorgen, Tenn.“
Tenn zuckte unmerklich zusammen, als er die Stimme nicht von Ryuu, sondern hinter sich hörte, kurz bevor er bemerkte, wie er in eine kurze Umarmung gezogen wurde. „... Gaku?“, flüsterte er mehr, auch wenn er sich nicht zu ihm drehte oder irgendwelche Anstalten machte, sich von ihm zu befreien, „warst du ... dort?“
„Lass uns jetzt nicht darüber sprechen“, sagte Gaku nur weiter, „und mach dir bitte keine Sorgen, Tenn. Es ist alles in Ordnung.“
Tenn wusste, dass die Aussage ihm seine Frage bestätigte, auch wenn Gaku nichts weiter dazu gesagt hatte und es sorgte dafür, dass er sich wieder verkrampfte. Er wusste, dass sie nicht ewig so weitermachen konnten. Tenn wusste, dass Gakus Familie von ihm erwartete, dass er jemanden mit in diese Schattenwelt nahm, der sein Partner werden sollte. Er war sich ja eigentlich auch sicher, dass er nichts sehnlicher selbst wollte, nur würde es halt auch bedeuten, dass er Riku alleine lassen musste. Etwas, was er nicht tun konnte, weil Riku ihn brauchte.
„Tenn“, flüsterte Gaku ihm entgegen, während Tenn bemerkte, dass er sich eher vor ihn bewegt hatte und ihn nun ansah, „es gibt niemand anderen als dich.“
„Aber ... ich kann dich nicht–“, startete Tenn, weitete für wenige Sekunden seine Augen, als Gaku ihn einfach küsste und somit verhinderte, dass er weiterreden konnte.
„Ich rede nicht davon, dass du mich begleiten sollst“, sagte Gaku, kurz nachdem er den Kuss beendet hatte, „wenn du nicht mitkommen kannst, ist es so. Ich werde dich deswegen nicht ersetzen. Niemand kann dich ersetzen.“
„Was ...?“, fragte Tenn nach, blinzelte ihn irritierter an, „wieso ...“,
„Sie können mich nicht zwingen, jemanden zu finden, der mich dorthin begleitet, nur deswegen. Du kannst nicht gehen, weil dein Zwillingsbruder dich braucht, also werde ich ebenfalls nicht zurückkehren“, sagte Gaku ruhig weiter, „ich liebe dich, Tenn.“
Tenn schluckte, senkte ein wenig seinen Blick. Er wusste, dass es eine zu große Entscheidung war, immerhin sorgte es dafür, dass sich Gaku gegen seine Familie, seine Herkunft, entschied. „Es tut mir leid, dass ich nicht–“,
„Tenn“, unterbrach Gaku ihn eindeutiger, sorgte dafür, dass er ihn wieder ansehen musste, „entschuldige dich nicht. Ich werde nicht zulassen, dass sie uns trennen oder das du deinen Zwillingsbruder zurücklassen musst.“
„Mhm ... ich liebe dich“, flüsterte Tenn leise zurück, lächelte ihn sanfter an, „... und ich würde sofort alles tun, wenn ...“
„Versprich mir nur, dass du mir sagst, wenn es zu viel ist, Tenn“, entgegnete Gaku eindeutig ernster, „du solltest dir nicht mehr zumuten, als du ertragen kannst. Versprich es mir. Uns.“
Tenn schluckte, nickte langsam, bemerkte, wie Ryuu hinter ihm zu ihnen trat. „Okay. Versprochen.“
„Willst du Riku-kun nicht auch endlich die Wahrheit sagen?“, fragte Gaku ruhiger nach, „denkst du nicht, er verdient es, zu wissen, wieso es dir so schlecht ging?“
„Ich ...“, startete Tenn, seufzte etwas mehr. Er wusste, dass er schon häufiger darüber nachgedacht hatte. Nur jedes Mal, wenn er kurz davor war, dachte er daran, dass sich Riku vermutlich schuldig fühlte, weil er ihn so sehr brauchte. Dabei konnten sie nichts dafür, dass Riku einzig von ihm trinken konnte. Sie wussten ja nicht einmal, wieso es so war.
„Schon gut, vergiss das ich es gefragt habe“, entgegnete Gaku daraufhin, schüttelte etwas den Kopf, „lass uns jetzt nicht darüber reden.“
Tenn seufzte etwas mehr. Er war froh, dass seine Freunde es nicht erwarteten, aber er wusste auch, dass er es irgendwann tun musste. Am besten, bevor Riku es auf anderem Wege erfuhr. Sein Zwillingsbruder verdiente doch, dass er ihm alles erzählte, oder? Es würde schließlich nichts daran ändern, was sie hatten.
Riku wusste, dass es falsch war. Es war auch noch nicht allzu lange her, dass er überhaupt von diesem Ort wusste oder wie er ihn betreten konnte. Diese Schattenwelt, in der die verschiedenen Kreaturen lebten, um sich zu regenerieren.
Er hatte kurz nach Tenn-niis Schwindelanfall damals davon erfahren, wie er dorthin kam. Es hatte dafür gesorgt, dass er seine Kräfte schonen konnte, selbst wenn er nicht oder nur wenig von ihm trank. Er hatte es immerhin getan, um Tenn-nii nicht zu überlasten. Es war nicht das Gleiche und er wusste, dass es ihm nicht lange helfen würde, aber es sorgte dafür, dass er mehr von dieser Welt, diesen Kreaturen, lernte. Mehr davon, was er war, auch weil niemand in seiner Familie ihm mehr erzählen konnte. Wie auch, wenn seine Eltern nicht einmal wussten, wieso er überhaupt ein Vampir war. Sie waren immerhin normale Menschen, so wie Tenn-nii. Einzig er war anders.
Riku schluckte, lehnte sich gegen eine steinerne Mauer einer alten Ruine, während er einzig den Geräuschen um sich herum lauschte. Es war so anders als in der realen Welt. Er hatte auch das Gefühl, dass er regelmäßiges Kreischen oder Schreie hörte, die in dieser ewigen Dunkelheit widerhallten.
Er wollte nicht hier sein, aber es sorgte dafür, dass er seine Kräfte regenerieren konnte, ohne sich zu häufig auf Tenn-nii verlassen zu müssen. Dennoch wollte er zurück. Er wollte wieder bei Tenn-nii sein. Diese Gegend ließ ihn schaudern, obwohl die Kreaturen um ihn herum auch so waren wie er. Warum fühlte er sich dennoch so fremd zwischen ihnen?
„Oh, was macht ein so junger Vampir so alleine hier?“
Riku zuckte zusammen, blickte zur Seite und zu jemandem, der sich vor ihn bewegt hatte und ihn mit einem ruhigen Blick ansah. Seine Lippen waren dennoch eher zu einem Grinsen verzogen, auch wenn Riku das Gefühl hatte, dass er ihn anlächeln wollte. „Wer ... was willst du ...“, flüsterte Riku, bewegte sich ein Stück zur Seite, zuckte zurück, als er merkte, dass derjenige seinen Arm ausgestreckt und gegen die Wand hinter ihm gestützt hatte, um ihn daran zu hindern, groß wegzukommen.
„Ich will nur mit dir reden. Du wirkst, als wenn dich etwas bedrückt“, sagte der andere ruhiger weiter, während er ihn immer noch angrinste.
Es sorgte nicht dafür, dass sich Riku in irgendeiner Weise beruhigte. Warum war er überhaupt hier? Er wollte zu Tenn-nii zurück. Er sollte zu Hause sein und auf ihn warten.
„Darf ich raten, wer du bist?“, fragte der andere Vampir weiter, „... dein Name ist Riku-kun, nicht wahr? Du bist das Kind, welches als Vampir geboren wurde, obwohl seine Eltern und sein Zwillingsbruder normale Menschen sind, stimmt doch, oder?“
„Ich–“, fing Riku an, weitete eindeutig seine Augen, „woher ... woher weißt du das? Wer– wer bist du?“
„Es spricht sich herum, dass du so ein seltsames Exemplar bist“, sagte der andere weiter, beugte sich etwas mehr vor, fuhr mit seiner freien Hand über Rikus Kinn und zu seinem Hals, „ein Vampir, der von einer Menschenfamilie abstammt? So selten~“,
„Was willst du von mir?“, Riku starrte ihm einfach nur entgegen, auch wenn alles in ihm schrie, dass er hier wegwollte. Er hätte nie hierhin gehen sollen. Er sollte daheim sein und auf Tenn-niis Rückkehr warten.
„Willst du zurück zu deinem Zwillingsbruder, obwohl er dich hintergeht?“
„Was– Tenn-nii würde nie– wer bist du, dass du so etwas behauptest!“, sagte Riku langsam eindeutig lauter werdend. Er sollte nicht länger auf diesen anderen Vampir hören. Er sollte einfach nur hier verschwinden.
„Ist das so, Riku-kun?“, fragte der andere weiter, „sorgst du nicht dafür, dass du ihn festhältst, weil du ihn brauchst? Ist das nicht egoistisch von dir, ihn so einzuschränken? Vielleicht ... will er längst etwas anderes, aber macht es nicht, weil du da bist, Riku-kun?“
Riku schluckte, schüttelte heftig den Kopf, riss sich nun doch von dem anderen los und bewegte sich ein paar Schritte von ihm weg. Er sollte einfach gehen und nicht weiter auf ihn eingehen. Tenn-nii war bei ihm, weil sie immer zusammen waren. Er würde nie so denken. „Sei einfach still!“, zischte er dann, drehte sich ab, „und lass mich in Ruhe!“
„Du würdest es anders sehen, wenn du wüsstest, wer seine Kameraden wirklich sind, Riku-kun“, drang diese Stimme wieder zu ihm, kurz bevor Riku dazu ansetzen konnte, zu rennen und von ihm wegzukommen.
„... was ...?“, fragte Riku noch einmal nach, sah über seine Schulter zu dem anderen Vampir, der ihn nur weiterhin angrinste.
„Oh, ich hab mich dir noch nicht vorgestellt, hm? Mein Name ist Tsukumo Ryo, Nanase Riku-kun“, sagte er dann nur noch, bevor Riku nur sah, wie er sich in einem Nebel auflöste und ihn wieder alleine ließ.
Riku blinzelte nur mehr, sah wieder mehr in die Richtung. „Wovon ... redest du da, Tsukumo-san?“
––––
Tenn zuckte heftiger zusammen, als er am späten Nachmittag in ihre Wohnung trat und Riku gedankenverloren auf der Kante des Bettes sitzen sah.
Er wusste nicht, was es war, aber die Erscheinung seines Zwillingsbruders, wie er eher gedankenverloren durch das Zimmer sah, sorgte dafür, dass sich etwas bei ihm verkrampfte. „Riku?“, fragte er dennoch leise nach, versuchte einfach zu lächeln und sich nichts anmerken zu lassen.
„Hi, Tenn-nii ...“, entgegnete Riku zu leise, während er nicht einmal seinen Kopf zu ihm drehte.
Was war dieses Gefühl, was ihn in dem Moment übermannte? Wieso wirkte Riku so anders? Wieso konnte er ihn nicht anstrahlen, wie jedes Mal, während sie sich zusammensetzten und einfach nur kuschelten? Sich sagen, wie sehr sie sich den Tag über vermisst hatten, auch wenn es immer nur einige Stunden waren?
„Riku, ist etwas–“, startete Tenn, zuckte allerdings zurück, als er nun merkte, wie Riku langsam seinen Kopf zu ihm drehte. Sein Gesichtsausdruck wirkte alles andere als strahlend. Eher so ernst, dass sich Tenn nicht sicher war, Riku je schon einmal so gesehen zu haben.
„Du würdest mir sagen, wenn es zu viel ist, oder Tenn-nii?“, fragte Riku so ernst nach, dass es sich falsch anfühlte. Wieso zweifelte Riku an ihm? Sie hatten sich doch versprochen, dass sie immer füreinander da waren und miteinander redeten.
Tenn schluckte, während er daran dachte, dass er Riku wirklich erzählen sollte, was sein Freund, was seine Kameraden, waren. Warum er überhaupt zusammengeklappt war. „Riku“,
„Ihr seid nur Kameraden, oder? Es ist nichts ... Tenn-nii würde mir sagen, wenn sie etwas anderes wären, oder? So, wie ...“,
„Riku–“, fing Tenn erneut an, schluckte mehr, senkte seinen Blick auf den Boden.
„... oder?“, flüsterte Riku eher mehr, bevor Tenn weitersprechen konnte, „halte ich dich auf?“
„Nein!“, entgegnete Tenn eindeutig mehr, schüttelte heftig den Kopf, ging nun doch zu ihm und kniete sich vor Riku, um ihn anzusehen, „es ist nicht– ... sorry, ich hätte es dir viel früher sagen sollen ...“
„Was?“, fragte Riku nach, sah ihm einfach nur still entgegen, während sein Gesicht immer noch so ausdruckslos wirkte.
„Gaku ist ebenfalls ein Vampir, allerdings ist das alles nicht so einfach“, sagte Tenn schließlich seufzender, „und ja, ich lasse ihn von mir trinken, weil ...“, er drehte seinen Kopf ab, sah eher auf einen unbestimmten Punkt in ihrer kleinen Wohnung.
„Du– was ...“, startete Riku eindeutig geschockter, „ist das der Grund, wieso ... warum–“,
„Riku, bitte“, flüsterte Tenn nun mehr, sah wieder zu ihm, „Gaku weiß davon, dass du von niemand anderem Trinken kannst.“
„Warum trinkt er ebenfalls von dir? Natürlich schadet es dir irgendwann! Tenn-nii!“, entgegnete Riku nun eindeutig mit Tränen in den Augen, „es ist nicht so, als wenn er es nicht könnte ...?“
„Ich ...“, fing Tenn an, schluckte, legte seine Hände gegen Rikus Wangen, um ihm so direkt entgegensehen zu können, „ich will nicht, dass er jemand anderen findet. Und es ist okay. Ich kann es aushalten.“
Riku starrte ihn einen Moment einfach nur still an, bevor er tiefer durchatmete. „... Du verschweigst mir noch etwas, oder?“
„Riku“, flüsterte Tenn einfach nur, sah ihm nur still entgegen, „was–“,
„Es ist nicht alles, das Yaotome-san ein Vampir ist und du ihn ebenfalls von dir trinken lässt“, sagte Riku nun eindeutiger, „warum sagst du mir nicht alles?“
Tenn seufzte, nickte schließlich etwas mehr. „Gaku gehört zu einer ziemlich hohen Familie in der Schattenwelt und sie wollen, dass er jemanden als Partner findet und mit dorthin nimmt. Egal ob Mensch oder anderes Wesen. Nur sollte es ein Mensch sein, muss es die Person sein, von der er sich als Vampir ernährt. Ich– ich weiß, dass ich nicht will, dass es irgendjemand anderes ist, also ... deswegen ...“,
„Du willst ihn begleiten? Dorthin?“, fragte Riku leise nach, „warum– warum sagst du mir das alles nicht?“
Tenn schüttelte nur ernster den Kopf. „Ich begleite Gaku nicht. Wir reden nicht darüber, dorthin zu gehen, weil ich dich nicht alleine lassen kann. Ich gehe nirgendwohin, wenn ich weiß, dass ich dich dadurch alleine lassen müsste. Riku. Ich will dich nicht verlieren.“
Riku blickte ihn einfach nur mit geweiteten Augen an. „Also ... bin ich dir im Weg, dass du glücklich sein kannst?“
„Was? Nein!“, entgegnete Tenn, schüttelte ernster den Kopf, „Riku, wie kommst du–“,
„Wenn ich nicht hier wäre und dich brauchen würde, könntest du mit Yaotome-san zusammen sein und dorthin gehen, oder?“, fragte Riku nach, lächelte ihn nun eher bitter an. Es war nicht das Lächeln, was er bei Riku sehen wollte. Es wirkte nur seltsam, ihn so zu sehen.
„Riku, hör auf das zu sagen“, flüsterte Tenn mehr, während er eindeutig schluckte, „ich könnte dich nie–“,
„Tut mir leid. Du solltest zu deinem Freund gehen. Ich denke, ich brauche eine Weile für mich“, sagte Riku kurz darauf, drehte seinen Kopf zur Seite, „... warum bin ich ... nur so anders ... als Tenn-nii ... oder Mama und Papa ...“
„Riku–“, fing Tenn nur geschockter an, als er nur erkannte, wie sein Zwillingsbruder vor ihm in einer Art Nebel verschwand.
Er zuckte nur mehr zusammen, lehnte sich gegen das Bettgestell und blieb einfach auf dem Boden sitzen, während er genau merkte, wie ihm die Tränen kamen. Er wusste, dass Riku in diese Schattenwelt gegangen war. Er wusste es, weil Gaku und Ryuu auf einem ähnlichen Weg dorthin gingen, auch wenn sie es nicht so häufig machten, wenn Tenn bei ihnen war.
Er wusste auch, dass er seine Freunde anrufen oder direkt zu ihnen gehen sollte, aber er fühlte sich gerade nicht dazu imstande, irgendetwas zu tun oder sich auch nur zu bewegen.
„Tenn-nii ... es ist ... so ... kalt ...“
„Riku? Riku, keine Sorge, ich wärme dich, okay?“ Tenn drückte sich nur mehr gegen seinen Zwillingsbruder, während sie in ihrem Zimmer waren.
Dennoch spürte er so sehr, wie Rikus Körper nur immer kälter wurde, während er kaum dazu imstande war, ihn ebenfalls zu kuscheln. Stattdessen lächelte Riku ihn einfach nur schwach an.
„Tut ... mir leid ... das ich ... dich ... alleine ... lasse ... Tenn-nii ...“
Tenn schluckte, starrte einfach nur in diese kindlichen Augen, während er nicht wirklich etwas sagen konnte. Er wollte, aber er konnte nicht. Er wollte schreien, aber er fühlte, als wenn kein Ton über seine Lippen kam.
Tenn zuckte erschrocken zusammen, blickte neben sich auf die Bettdecke, unter der er eigentlich Riku vermutete. Er hatte erneut davon geträumt. Er hatte erneut davon geträumt, wie Riku in ihrer Kindheit bei ihm gestorben war, weil sie nicht wussten, was sie tun sollten.
„Riku ...“, flüsterte er vor sich hin, setzte sich auf und sah durch die Wohnung, blickte auf den Balkon und lauschte den Geräuschen.
Er wusste, dass es diesmal vergeblich war, dass er Riku sah oder hörte. Er wusste ganz genau, dass er nicht so einfach zu ihm zurückkam, nach dem vergangenen Abend.
Wie lange hatte er überhaupt geschlafen? Wann war er überhaupt eingeschlafen?
Er schluckte, drehte sich auf die Seite, griff nach seinem Handy und klickte den Kontakt seines Freundes an, ohne groß länger darüber nachzudenken. Er hätte Gaku oder Ryuu vorher anrufen sollen. Er hätte wissen sollen, dass er so nicht schlafen konnte.
Er hoffte nur, dass er sie erreichen würde, obwohl es vermutlich spät war. War es überhaupt so spät?
Was sollte er eigentlich machen, wenn sich Riku verausgabte, nur weil er nicht bei ihm war? Was sollte er machen, wenn er diesmal wirklich, real, starb, weil Tenn ihm nicht helfen konnte? Wenn das alles nicht nur ein schlechter Traum war?
Er schluckte, schluchzte etwas mehr und drückte sein Gesicht in das Kissen. Warum hatte er Riku auch nicht gleich alles erzählt? Hatten sie nicht immer gesagt, wie sehr sie sich vertrauten?
„Tenn?“
Tenn zuckte regelrecht zusammen, als er die besorgte Stimme seines Freundes hörte, wobei er fast vergessen hatte, dass er ihn angerufen hatte. „... Gaku ...“, flüsterte er mehr, auch wenn sein Schluchzen verhinderte, dass er wirklich normal reden konnte, „ich ... kannst du ... herkommen?“
„Tenn, du klingst nicht gut. Was ist los?“
Tenn schluckte nur, drehte sich wieder auf die Seite, während er spürte, dass er zitterte. „Bitte ... ich–“,
„Ich bin gleich bei dir. Beruhig dich, okay?“
Tenn gab nur ein bestätigendes Geräusch von sich, während er nur noch ein Rascheln hörte. Er drückte das Gespräch einfach nur aus und drückte sich wieder mehr in die Bettdecke. Er wusste, dass er nicht mehr schlafen konnte, ganz egal, wie erschöpft er sich fühlte.
Er hoffte nur, dass er nicht mehr allzu lange alleine war und dass diese Bilder aufhörten, ihn zu quälen. Riku starb nicht. Er konnte gar nicht so einfach sterben.
„Riku ... Riku ... es tut mir leid ... bitte ...“, flüsterte Tenn einfach nur vor sich hin, während er sich einfach nur weiter in die Decke eingekuschelt hatte.
––––
Das Geräusch, wie die Tür aufgeschlossen wurde, sorgte dafür, dass er nur mehr zusammenzuckte. Seit wann war er so schreckhaft? Dabei wusste Tenn, dass es nur Riku oder seine Freunde sein konnten. Auch wenn etwas in ihm noch hoffte, so bezweifelte er, dass es Riku war.
Die Schritte, die sich auf ihn zubewegten, klangen auch alles andere als nach Riku, weswegen er nur wieder mehr unter die Decke rutschte.
„Tenn?“ Gakus Stimme klang eindeutig zu besorgt.
Tenn schluckte nur, bemerkte wie sich Gaku neben ihm niederließ und ihm das Handy, was er scheinbar noch umklammert gehalten hatte, aus der Hand nahm.
„Komm, beruhig dich erst einmal“, flüsterte Gaku ihm zu, kurz bevor Tenn spürte, wie er ihn zu sich zog.
Tenn rutschte nur still mehr zu ihm, drückte seine Hände mehr in Gakus Oberteil, während er nur versuchte, sich zu beruhigen. Auch wenn es nicht wirklich funktionierte und er nur weiterhin schluchzte.
„Ryuu ist auf der Suche nach Riku-kun“, sagte Gaku ruhig weiter, strich ihm nur langsam über den Rücken, „keine Sorge, es ist okay, Tenn.“
„Gar nichts ist ... warum ... was ... Gaku ...“, murmelte Tenn nur unter Schluchzern, während er nicht einmal wirklich wusste, was er sagen oder mit was er anfangen sollte.
„Hey, Tenn, sieh mich an“, flüsterte Gaku ein wenig mehr, sodass Tenn langsam seinen Blick hob, um ihm entgegenzusehen, „du bist nicht alleine, ja? Wir finden Riku-kun.“
„Es ist meine Schuld“, murmelte Tenn nur weiter schluchzend, „was, wenn ... wenn Riku irgendetwas ... warum konnte ich nicht einfach ehrlich zu ihm sein?“
„Du kannst dir nicht die Schuld geben“, seufzte Gaku ein wenig mehr, „und es wird alles gut werden. Ryuu findet ihn schon.“
„Riku ist in der Schattenwelt“, sagte Tenn langsam, drückte sich wieder gegen seinen Freund, „er wollte alleine sein, nachdem ... ich denke, er wusste bereits etwas, bevor ich ihm alles erzählt habe. Von euch.“
„So etwas ähnliches haben wir vermutet, als du angerufen hast“, sagte Gaku ruhiger weiter, bewegte eine Hand zu Tenns Kinn, sodass er ihn wieder ansah, „wenn er es vorher erfahren hat, ist die Frage, von wem, oder? Wäre er in unserer Nähe gewesen und hätte es selbst gesehen, Ryuu hätte ihn gespürt.“
Tenn blinzelte ein wenig mehr, rieb sich über die Augen. „Was meinst du?“
„Du hast gesagt, er ist in die Schattenwelt, also muss er irgendwann eine Möglichkeit gefunden haben, dorthin zu kommen“, sagte Gaku ruhig weiter, „immerhin kommt er nicht daher, sondern ist in dieser Welt aufgewachsen. Vielleicht hat er jemanden getroffen ...“
„Können wir dorthin?“, fragte Tenn nun wieder ernster nach, „ich will nicht ... es ist meine Schuld, dass–“,
„Überlass das Ryuu“, sagte Gaku eindeutig ernster, „du vertraust uns doch, oder?“
„Ich ... ja“, sagte Tenn schließlich ein wenig ruhiger.
„Lass uns abwarten und außerdem solltest du schlafen, meinst du nicht?“, flüsterte Gaku ihm ruhiger zu, kurz bevor er Tenn zurück in die Matratze des Bettes drückte.
Tenn zuckte unweigerlich zusammen, während er seine Hände weiterhin in Gakus Oberteil verkrampft hatte und ihn somit so dicht bei sich hielt. „Ich ... kann nicht. Diese Albträume ... Riku– ich sehe immer nur, wie Riku leidet und stirbt ...“ Er wusste, dass niemand außer Riku verhinderte, dass er diese schlechten Träume hatte.
„Tenn“, flüsterte Gaku, kurz bevor er ihm einen sanften Kuss auf die Lippen drückte, „wenn ich irgendetwas tun kann, um dir zu helfen und dir zu zeigen, dass es nur ein Albtraum ist? Ich kann dir nicht sagen, dass wir ihn bis Morgen gefunden haben und du wieder bei ihm aufwachst, aber ...“
Tenn schluckte, lächelte ein wenig mehr, auch wenn er spürte, dass er damit zu viel überspielte. Aber er wusste auch, dass es nicht real war, und er war sich doch auch sicher, dass es Riku gut ging, wo auch immer er war. „Ryuu findet ihn?“
„Ich bin mir sicher, dass seine Dämonenkräfte ihn aufspüren können“, sagte Gaku ruhiger, „in der Schattenwelt vermutlich noch einfacher als hier.“
„Okay“, sagte Tenn ein wenig ruhiger, „... lass mich ... nur nicht alleine, Gaku“, flüsterte er dann weiter, während er spürte, wie ihm nur wieder die Augen zufielen. Vermutlich war er wirklich zu müde.
„Schlaf gut, Tenn“, hörte er nur noch einmal Gakus Stimme, kurz bevor er ihm einen weiteren, kurzen Kuss gab.
Als Tenn am nächsten Morgen wach wurde, fühlte er sich erstaunlich erfrischt, auch wenn es ihn gleichzeitig irritierte. Er hatte diesmal nicht von dem Erlebnis aus seiner Kindheit mit Riku geträumt, auch wenn er den Traum eindeutig verwirrend fand. Noch dazu hatte nichts bisher geholfen, dass er diese Albträume verbannen konnte, wenn Riku nicht bei ihm gewesen war.
Er setzte sich auf dem Bett auf, blickte irritierter zu Gaku, wie er etwas an ihrer kleinen Küchenzeile vorbereitete.
„Guten Morgen“, murmelte Tenn einfach nur, während er noch genau wusste, was am vergangenen Abend passiert war. Weswegen es ihn auch so irritierte, dass er keinerlei Albträume gehabt hatte, sondern es eher alles nur beruhigende und schöne Momente gewesen waren.
„Du bist wach, Tenn. Guten Morgen“, entgegnete Gaku, während er kurz seinen Kopf zu ihm gedreht hatte, „ich hoffe, du hast gut geschlafen?“
„Ich– ja“, sagte Tenn, immer noch zu verwirrt, bevor er aufstand und zu ihm trat, „es war ein bisschen verwirrend, aber ... nichts von damals und ...“
„Dann hat es funktioniert? Ich bin froh“, sagte Gaku eindeutig erleichtert, bevor er ihm einen kurzen Kuss gab, „ich dachte, es würde dir helfen, wenn du wenigstens diese Nacht gut schlafen kannst. Wollen wir frühstücken?“
Tenn blinzelte etwas mehr, nickte langsam und lächelte ihn an. „Frühstück klingt gut“, sagte er schließlich erst einmal, während sie sich an dem kleinen Tisch niederließen. „... Hast du irgendetwas gemacht, damit ich schlafen kann?“
Gaku blickte ihn eindeutig etwas schuldbewusst an, bevor er seufzte. „Ich dachte, du könntest es gebrauchen, also habe ich deinen Traum etwas manipuliert und mit unseren gemeinsamen Erinnerungen bestückt.“
„... Danke“, flüsterte Tenn langsam, lächelte ihn an, „es war etwas verwirrend, aber ... immerhin ...“,
„Ich bin nur froh, dass du dadurch ruhig schlafen konntest, Tenn“, sagte Gaku ruhiger, „und ich bin mir sicher, wir finden Riku-kun und dann können wir das hier klären.“
Tenn nickte nur erneut, seufzte etwas mehr, während er langsam aß. „Hast du ... schon etwas von Ryuu gehört?“
„Noch nicht, aber wenn du willst, versuche ich ihn gleich zu kontaktieren“, sagte Gaku ruhig, berührte ein wenig Tenns Hand, „ich hab ihm nur gestern noch gesagt, dass sich Riku-kun wohl in der Schattenwelt befindet.“
„Okay“, sagte Tenn versucht ruhig, auch wenn er spürte, dass er zu angespannt war. Er wusste, dass er gerade nichts tun konnte und sich auf seine Freunde verlassen musste. Er wünschte nur, dass er wüsste, dass Riku nichts passierte, wenn er dort war. Er wollte doch nur nicht, dass er ihn wirklich nachher sterben sah und es nicht nur ein schlechter Traum war.
––––
Nach einem kleinen Frühstück hatten sie sich zusammen in der kleinen Wohnecke auf dem Sofa niedergelassen, während sich Tenn einfach nur gegen Gaku lehnte und sich kuscheln ließ. Zumindest, bis sie einen dunkelvioletten Nebel vor ihnen auftauchen sahen, was dazu führte, dass Tenn etwas mehr aufsah.
„Ryuu?“, fragte Gaku nach, bevor der andere komplett aufgetaucht war.
Tenn blickte einfach nur zu ihm, während er eindeutig erkannte, wie diese dunklen Flügel bei Ryuu langsam verschwanden und einzig seine Ohren, die spitzer waren, sowie die Dämonenhörner, die zwischen seinen Haaren zu erkennen waren, noch zeigten, dass er ebenfalls aus dieser Schattenwelt kam. Auch wenn es für Tenn lange kein ungewohntes Bild war, ihn oder Gaku in ihrer wirklichen Gestalt zu sehen. „Ryuu, hast du Riku gefunden?“, fragte er nach.
„Er ist definitiv in der Schattenwelt, allerdings ...“, fing Ryuu an, seufzte, rutschte auf einen Sessel an der Seite, bewegte seinen dünnen, längeren Schweif zur Seite, „er ist bei einem anderen Vampir. Vermutlich hat er Riku-kun auch etwas erzählt. Von uns.“
„Konntest du mit ihm reden?“, fragte Gaku nach, während Tenn spürte, wie er ihn nur mehr festhielt.
„Ich habe es versucht, aber“, seufzte Ryuu, schüttelte nur den Kopf, „es wirkte nicht, als wenn er so schnell zurückkehren will.“
„Ich muss zu ihm“, flüsterte Tenn, drückte etwas Gakus Hand, drehte seinen Kopf zur Seite, „Riku denkt, dass er mich aufhält, aber ... können wir dorthin gehen, sodass ich mit ihm reden kann?“
„Tenn“, murmelte Ryuu ein wenig mehr, „das ist nicht so einfach.“
„Es ist zu gefährlich für dich, Tenn“, sagte Gaku ernster daraufhin.
Tenn schluckte, drehte sich nun eher mehr zu ihm, um seinen Freund direkter anzusehen. „Aber wenn ich nichts tue ... es ist meine Schuld, dass Riku nicht zurückkommen will.“ Er wusste inzwischen sehr genau, dass es genau das war, was Gaku verhinderte, weil seine Familie es merken würde, wenn er dort war und vermutlich eine Chance sehen würde. Aber er wusste auch, dass er gerade einzig daran denken konnte, was passieren konnte, wenn er Riku nicht wieder bei sich hatte. Wenn er sich nicht jeden Tag vergewissern konnte, dass Riku bei ihm war. „Ich weiß nicht, wie lange ich das hier aushalten kann. Was, wenn Riku etwas passiert? Ich ... ich will nicht, dass er meinetwegen sterben muss ... das damals ... was, wenn ich es nicht einmal mitkriegen würde und nur ... bitte ...“
„Tenn“, fing Gaku leise an, kurz bevor er ihn einfach nur mehr in eine Umarmung zog, „diese Welt ist nicht ungefährlich für einen Menschen. Das weißt du, ja?“
„Es ist für Riku“, flüsterte Tenn zurück, „wenn ich Riku so verliere, ... außerdem vertraue ich dir.“
„Na schön“, sagte Gaku schließlich seufzender, „... aber bevor wir dorthin gehen, solltest du etwas haben, was dich zumindest vor den anderen Kreaturen dort beschützt.“
Tenn blinzelte etwas mehr, spürte, wie die Augen seines Freundes eine deutliche Spur dunkler waren, während er ihn ansah. „Was meinst du, Gaku?“
„Etwas, was dazu führt, dass sie wissen, dass du zu Gaku gehörst, Tenn“, sagte Ryuu daraufhin.
„Hm“, nickte Gaku, sah ihn ruhiger an, „es ist einfacher, wenn sich die meisten dieser Kreaturen allein deswegen von dir fernhalten. Ryuu?“
„Gib mir eine Stunde, höchstens“, entgegnete Ryuu daraufhin.
Tenn blickte etwas zur Seite, bemerkte, wie Ryuu zu ihnen lächelte.
„Keine Sorge, danach brechen wir auf und finden Riku-kun“, sagte Gaku ruhig weiter, sorgte dafür, dass Tenn wieder zu ihm sah, „und sorgen dafür, dass wir zusammen zurückkehren.“
Tenn schluckte, nickte langsam, lehnte sich wieder vor und küsste seinen Freund kurz, auch um sich einen Moment abzulenken. „Okay. Du weißt, dass ich dir vertraue.“
––––
Riku stützte sich auf dem Geländer eines Balkons ab, während seine Augen auf dieser Schattenwelt unter ihm lagen und er immer wieder diese seltsamen Schreie und Geräusche hörten, die ihn zwischendurch dennoch zusammenzucken ließen.
Konnte er wirklich hierbleiben, wenn das alles so unwirklich und unheimlich in seinen Ohren klang?
Würde es dafür sorgen, dass er seine Kräfte schonte oder sich erholen konnte, ohne dass er Tenn-nii brauchte? Wäre das für sie einfach das Beste?
„Fühlst du dich nicht wohl, Riku-kun?“, hörte er diese Stimme hinter sich, kurz bevor er merkte, wie jemand neben ihn trat, „keine Sorge. Du wirst dich an diese Welt gewöhnen, wenn du eine Weile hier bist.“
Riku seufzte, sah etwas zur Seite. „Reicht das wirklich aus, Tsukumo-san?“, fragte er langsamer nach, schluckte etwas mehr. Immerhin wusste er, dass er sich von niemandem außer Tenn-nii normalerweise ernähren konnte. Würde es wirklich ausreichen, wenn er hier war und nur diese Schattenwelt nutzte, um sich zu erholen?
„Es sollte zumindest eine Weile reichen, aber ...“, entgegnete Tsukumo-san, lehnte sich nun ebenfalls auf das Geländer, „bist du sicher, dass es niemanden sonst gibt, von dem du dich ernähren kannst?“
Riku schluckte, schüttelte den Kopf. „Einzig Tenn-nii hat dafür gesorgt, dass es mir danach nicht schlechter ging“, sagte er ruhig weiter, „... wenn es nicht Tenn-nii war, fühlte es sich an, als wenn es meinem Körper nur schadet.“
Ehrlich gesagt, war er sich selbst nicht sicher, ob er überhaupt jemals noch einmal versuchen wollte, von jemand anderem zu trinken. Genauso, wie er sich schon die ganze Zeit fragte, ob er wirklich hierbleiben sollte oder nicht einfach zurückkehren sollte.
Er wusste, dass er sich gerade schon irgendwie wünschte, zurückzukehren, weil er Tenn-nii vermisste. Weil er seine Nähe vermisste und einfach wieder mit ihm kuscheln wollte. Nur war es gleichzeitig auch der Gedanke, dass Tenn-nii ohne ihn vermutlich viel glücklicher sein konnte, weil er mit seinem Freund zusammen sein konnte und sich nicht weiter zu viel zumutete.
„Riku-kun“, drang Tsukumo-sans Stimme an seine Ohren, kurz bevor er merkte, wie der andere Vampir ihn von hinten umarmte und einfach festhielt, „du solltest dich ausruhen. Scheinbar hast du in letzter Zeit auch nicht allzu viel Ruhe bekommen.“
Riku seufzte etwas mehr, auch wenn er sich eigentlich von ihm befreien wollte, so fühlte es sich dennoch gut an. Als wenn er es brauchte, selbst wenn er genau wusste, dass es nicht Tenn-nii war, der bei ihm war. Selbst wenn er wusste, dass er gerade viel lieber bei Tenn-nii war und mit ihm kuscheln konnte.
Die ersten Schritte in dieser Schattenwelt sorgten dafür, dass sich Tenn nur mehr bei seinem Freund festhielt, während er mit seiner anderen Hand den Anhänger, den er an einer Kette trug, umklammerte.
Er hörte regelmäßige Schreie, die in der Dunkelheit widerhallten, während er das Gefühl hatte, als wenn er von allen Seiten angesehen oder beobachtet wurde. Auch wenn er bemerkte, dass niemand es wagte, ihm näher zu kommen, auch aufgrund der Tatsache, dass Gaku seine Hand festhielt und er gleichzeitig dieses Amulett trug, was ihn wohl beschützte.
Ryuu lief vor ihnen, während aus seinem Rücken zwei dunkle Flügel zu erkennen waren. Sein Schweif schwenkte ebenfalls hinter ihm und zwischen seinen Haaren konnte man zwei größere Hörner erkennen. Es war nicht so, als wenn Tenn seine Freunde noch nie so gesehen hatte, auch wenn er merkte, dass sie hier eine komplett andere Ausstrahlung besaßen.
„Riku-kun sollte dort drüben sein“, flüsterte Ryuu nach einer Weile, in der sie nur weiter gegangen waren.
Tenn schluckte, machte einen Schritt weiter nach vorne, auch wenn er spürte, wie Gaku ihn festhielt, dass er nicht ohne ihn weitergehen konnte. „Er befindet sich ... in diesem Gebäude?“, fragte er leise nach, auch wenn er sich nicht sicher war, wie er es wirklich betiteln sollte. Es war eher eine Art Villa, allerdings in einem ziemlich alten Baustil, wie es inzwischen kaum noch normal zu sehen war. Die Seiten besaßen größere Türme mit so etwas wie Statuen auf den Dächern, auch wenn er aus der Entfernung nicht wirklich erkennen konnte, was sie darstellten.
„Wir sollten vorsichtig sein, auch wenn wir nicht zu lange hierbleiben sollten“, sagte Gaku ruhig neben ihm, „auch wenn ich niemanden von ihnen in der Nähe spüre, wir wissen nicht, wer dort ist.“
„Ich werde mal sehen, ob ich irgendwo etwas erkenne“, sagte Ryuu daraufhin, kurz bevor er seine Flügel etwas mehr ausstreckte, um sich kurz darauf in die Luft zu erheben.
Tenn blickte ihm nur still nach, während er versuchte, diese Geräusche und Schreie, die in dieser Gegend widerhallten, auszublenden. Inzwischen hoffte er eigentlich nur noch mehr, dass sie Riku nur schneller fanden und endlich mit ihm zurückkehren konnten.
„Keine Sorge“, flüsterte Gaku ihm nebenbei zu, drückte seine Hand etwas mehr, „keiner hier wird dir etwas tun.“
„Ich weiß“, entgegnete Tenn leise zurück, während er mit seiner anderen Hand weiterhin den Anhänger umklammert hielt, „es ist nur ...“,
„Was tust du hier?“
Tenn stoppte sich selbst, als er Rikus Stimme von einem der Balkone hörte, während er nun geradewegs zu ihm sah. Riku sah allerdings eher zu Ryuu und nicht in seine Richtung. „Riku ...“,
„Wir sind hier, um dich nach Hause zu holen, Riku-kun“, sagte Ryuu daraufhin, während seine Flügel ihn in der Luft hielten, sodass er nur wenige Meter vor dem Balkon war.
„Ihr ...“, startete Riku, kurz bevor sein Blick nach unten glitt, „... Tenn-nii? Was– wieso bist du hier?“
Tenn schluckte, machte nun doch einen Schritt nach vorne und ließ langsam von sich aus Gakus Hand los, auch wenn er spürte, dass sein Freund einen Moment zögerte, bevor er ihn ganz losließ. „Riku. Es tut mir leid, okay? Komm nach Hause.“
Riku starrte ihn einfach nur zurück an, drehte dann allerdings seinen Kopf weg. „Ich bin dir doch nur im Weg. Wenn ich nicht bei dir bin, kannst du–“,
„Das bist du nicht!“, entgegnete Tenn nur schneller, unterbrach ihn mit einem eindringlichen Ton, „ich– Riku, ich will dich nicht verlieren.“
„Wir haben darüber gesprochen und ich hatte eigentlich nicht vor, hierhin zurückzukehren“, sagte Gaku hinter ihm ruhiger, „komm mit uns zurück, Riku-kun. Tenn braucht dich.“
„... Tenn-nii braucht mich nicht“, flüsterte Riku nur weiter, sah weiterhin eher in eine andere Richtung, „ich bin es, der ihn braucht. Wenn ich nicht wäre–“,
„Das ist nicht wahr, Riku!“, schrie Tenn zu ihm herüber, während er nur mehr seine Hand um den Anhänger legte, auch wenn es eher nur dafür war, um etwas festzuhalten, „du bist meine Familie, Riku. Ich– ich kann es nicht ertragen, dich zu verlieren. Ich ... weißt du, wie häufig ich davon geträumt habe, dass du damals gestorben bist, weil wir keine Lösung gefunden haben? Riku, bitte ...“
„Was?“, fing Riku langsam an, starrte nun doch wieder zu ihm, „du ... was ... warum ...“,
„Ich hätte viel früher ehrlich zu dir sein sollen, Riku“, sagte Tenn ein wenig bitterer, während er ihn langsam wieder ruhiger anlächelte, „ich hätte dir alles erzählen sollen. Aber ich habe befürchtet, dass du dir Vorwürfe machst. Lass uns ... nach Hause gehen, ja?“
„Tenn-nii“, fing Riku an, schluckte, nickte langsam, „ich ... will nichts lieber als das. Lass uns ... nach Hause.“
Tenn seufzte etwas erleichterter, lächelte schließlich nur ruhig, während er spürte, wie Gaku ihn an der Schulter berührte. „Ja. Lass uns nach Hause.“
Kurz bevor er irgendwie weiter reagieren konnte, sah er nur, wie Riku zu ihm nach unten teleportierte und sich einfach nur an ihn drückte. „Sorry Tenn-nii“, flüsterte er, während er seinen Kopf gegen ihn gedrückt hatte.
Tenn schluckte, legte einfach nur seine Arme um ihn, während er aus dem Augenwinkel sah, wie Ryuu hinter Riku landete.
„Du kannst dich teleportieren, Riku-kun?“, fragte Ryuu nach, faltete seine Flügel ein wenig zusammen.
„Ich ... nur über kurze Distanz“, flüsterte Riku, schluckte, ließ Tenn etwas los, „viel mehr strengt mich zu sehr an.“
„Wir sollten nicht länger hierbleiben“, sagte Gaku kurz darauf, eindeutig ernster.
Tenn nickte langsam, machte einen Schritt zu ihm, während er mit einer Hand allerdings Rikus festhielt. „Ja, es ist ... unheimlich hier.“
„Hm“, nickte Riku bei ihm, ging direkt wieder neben ihn, auch wenn er seinen Blick eher langsam zu Gaku richtete, „du willst nicht ... ich meine, erwarten sie nicht etwas von dir?“
„Du hast davon erfahren?“, fragte Gaku nach, während er nach Tenns Hand griff, allerdings kurz innehielt, „... es ist nicht so, als wenn das hier je meine Heimat gewesen war“, entgegnete er dann weiter, kurz bevor er seufzte und ein dunkler Nebel um sie herum auftauchte.
Nur wenige Sekunden später waren sie wieder in ihrer Wohnung, während Tenn immer noch die Hand seines Zwillingsbruders festhielt. Dennoch blickte er nun eher mehr zu Gaku, der ihn kurz nach ihrer Rückkehr losgelassen hatte.
„Ich hätte darüber nachgedacht, aber eigentlich bin ich zu glücklich mit meinem Leben hier und Tenn ist der entscheidende Faktor, warum ich nicht darauf eingehen werde“, sagte er schließlich weiter, wandte seinen Blick mehr auf Tenn und lächelte ihn ruhiger an.
„Ich ... sorry“, flüsterte Riku ein wenig bedrückter, „aber ist es nicht zu viel? Immerhin ... Tenn-nii ist damals ... was, wenn es erneut passiert?“
„Keine Sorge, ich werde besser darauf aufpassen, dass es nicht zu viel ist“, entgegnete Tenn nun, sah langsam zu Riku, drückte seine Hand mehr, „tut mir leid. Ich habe dir auch viel zu viele Sorgen gemacht, oder?“
„Ich werde auch nicht zulassen, dass es noch einmal passiert“, entgegnete Gaku daraufhin eindeutiger, „keine Sorge.“
„Okay“, nickte Riku langsam lächelnder, „Ich denke nicht, dass ich erneut dorthin zurückwill.“
„Das musst du nicht, Riku“, flüsterte Tenn mehr, drückte ihn nun wieder an sich, „ich bin nur froh, dass du wieder bei mir bist.“
„Ich bin auch froh, Tenn-nii“, erwiderte Riku genauso leise flüsternd, während er einfach nur seine Arme um ihn gelegt hatte.
„Ich denke, wir lassen euch für den restlichen Abend alleine?“, fing Gaku ein wenig später an, eindeutig fragender.
Tenn hob etwas seinen Blick, musterte ihn ein wenig genauer, auch wenn er Riku dabei keine Sekunde losließ. „Hm ... und ... danke“, flüsterte er schließlich mehr.
„Kein Problem, Tenn“, entgegnete Gaku daraufhin, „und ruht euch aus. Ich denke, ihr braucht das, beide.“
Tenn nickte nur still, während er nur sah, wie seine Freunde über den Balkon nach draußen verschwanden, sodass er mit Riku alleine war.
„Ist das ... wirklich in Ordnung für dich, Tenn-nii?“, fragte Riku langsamer nach, als sie einen Moment einfach alleine waren.
„Zwischen uns hat sich nichts geändert, Riku“, sagte Tenn ruhig, lächelte ihn an, „ich werde dich nicht alleine lassen. Niemals.“
Riku schluckte, drückte sich mehr gegen ihn. „Ich werde dich auch niemals alleine lassen, Tenn-nii.“