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Petite abeille et fleur de lavande

Lavendelfelder
von

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Prolog

Du bist ’ne hässliche Kuh.“

Mit diesem Wort beendete Alice das klärende Gespräch. Ein Gespräch, das die Chefin des kleinen Cafés vorgeschlagen hatte, um die Anspannungen zwischen ihnen zu mindern. Yvettes Blick war leer.

Ihr Herz raste. Tief in sich fühlte sie Wut, eine kleine Stimme in ihr wollte alles Mögliche an den Kopf werfen. Sie verletzten. Sie demütigen.

Jedoch hatte Yvette gewusst, wie dieses Gespräch enden würde. Immerhin waren sie beide alleine. Alice konnte ihr Gefolge nicht hineinziehen und auch nicht dafür sorgen, dass Yvette freiwillig kündigte.

„Du hast schon gemeinere Dinge zu mir gesagt“, sprach Yvette langsam und erhob sich. Alice kniff die Augen zusammen. Es überraschte sie, wie ruhig ihre Kollegin war. Keine zitternde Stimme. Keine Tränen in den Augen. Sie wollte sogar als Erste den Pausenraum verlassen. Dies wollte Alice verhindern. Beinahe knurrend rannte sie auf ihre mollige Kollegin zu, stellte sich vor die Tür.

„Du dumme Kuh. Fette Kuh. Du bist nur noch hier, weil meine Tante dich mag. Und weil du …“

„Diese dumme und fette Kuh muss jetzt gehen. Ich verdiene mein Geld mit Arbeiten.“

Yvettes Magen rumorte. Das Wasser brachte sie knapp hinunter. Der Schweiss tropfte auf den kleinen Tisch. Das Fensterchen war geöffnet und Vogelgesang drang in das Zimmer. Eine kleine Biene flog neugierig die Regale ab. Setzte sich auf die unechten Blumen und farbigen Geschenkbänder. Erkundete die künstlichen Pralinen, die als Vorlage auf dem Tisch lagen. Setzte sich auf die Stifte und putzte ihre Fühler.

Yvette rieb sich ihre Augen, murmelte vor sich hin. Sie würde der Chefin nichts sagen und sich nichts anmerken lassen. Der Schmerz in ihrem Inneren würde nie vergehen.

Alice wäre nur ein kleines Problem. Mobbing, Sticheleien, Stutenbissigkeit. Wie man es auch nennen wollte, es war ihr egal.

Alice war eifersüchtig und musste ihre Wut an ihr auslassen.
 

 
 

[***]

 

Das Café war so gut wie leer, nur Stammkunden waren da. Tranken Tee und plauderten über dieses und jenes. Ein junges Pärchen aus Kanada staunte über die Inneneinrichtung. Bücherregale mit Büchern aus aller Welt. Gemälde von Künstlern und Künstlerinnen, von denen einige Werke unbezahlbar waren. Sessel und Sofas, in denen man sich mit einem Buch oder Smartphone hineinsetzen und in fremden Welten versinken könnte. Blumenkreationen und Kerzen rundeten die Oase eines Cafés ab.

Alice wuselte im Hauptraum herum, versuchte, die Aufmerksamkeit der zwei Kanadier zu bekommen. Die Chefin sprach mit den Stammkunden und scherzte. Sie warf ihrer Nichte einen warnenden Blick zu, den Alice ignorierte. Die anderen Angestellten blickten zum Boden. Sie wollten nicht in einen Streit geraten.

Alice war die Königin und niemand wollte es mit ihr verscherzen.

Yvette werkelte im Hinterraum an den kleinen Geschenken herum, die in dem Café feilgeboten wurden. Sie genoss es, ihr Handwerk auszuleben. Schleifchen binden, getrocknete Blumen arrangieren. Die Pralinen waren handgemacht und liebevoll in den Schächtelchen platziert. Die Marmeladen und Sirupe waren handgemacht. Yvette packte ein Geschenk ein und schrieb in Zierschrift Mit Liebe gemacht, mit Liebe verschenkt.

Es fiel ihr nicht auf, dass im Café niemand mehr sprach, nicht einmal mehr die Vögel in den riesigen Volieren im Garten sangen.
 

Tief in ihren Gedanken versunken, tat sie ihre Arbeit. Summte leise vor sich hin, dachte daran, wie viel Glück sie doch hatte, beim Café zu sein. Hier hatte sie eine Art zu Hause gefunden. Hier musste sie nicht stets an das Denken, was geschah.

Vorsichtig tauchte Yvette die Feder in das Tintenfass. Setzte die Striche auf das selbstgemachte, lavendelfarbene Papier. Hier war sie glücklich. Hier konnte sie bleiben, bis sie genug Geld verdiente, um ein eigenes Häuschen auf dem Land zu kaufen.

Yvette legte die Feder zur Seite. Prüfte zum letzten Mal das Geschenk. War die Schleife gut gebunden? Waren die Trockenblumen gerade aufgeklebt? Hie und da besserte Yvette was aus. Während das Papier noch trocknete, sorgte sie für Ordnung. Räumte den Arbeitsplatz sorgfältig auf. Überprüfte die anderen Bestellungen. Hatte sie noch genügend Dekoherzen? Kleine Glastauben?

Lieber bestellte sie mehr auf Vorrat. Die Hochzeitmonate schritten näher und näher und damit die Bestellungen.

Puh, es wird stickig. Lieber lüfte ich durch.

Der kühle Wind nahm dem Raum die Hitze, der sich angestaute. Yvette prüfte die Kühlbox und die Temperatur. Hygieneregel mussten eingehalten werden, egal ob in der Stadt oder in der Provinz. Als Yvette sicher war, Ordnung in ihrem kleinen Reich hergestellt zu haben, rollte sie das Papier zusammen. Band eine weisse Schleife darum und dekorierte diese mit einem winzigen Schneckenhaus. Liebevoll legte Yvette das Geschenk und die Papierrolle in das bereitgelegte Weidekörbchen.

„Da denkt jemand an dich. Hüte diese Freundschaft“, sprach Yvette und lächelte. Sie schritt zum Fenster, um es zu schliessen. Da erstarrte sie.

Ungläubig blinzelte Yvette. Es spiegelte sich eine Person im Glas. Es war weder Alice noch einer ihrer Gefolgsdamen. Es war nicht die Chefin. Es war eine Fremde. Und doch kannte Yvette sie. Jeder kannte sie, der in dieser Gegend in Frankreich wohnte.

 

Toi, petite abeille travailleuse. Kein Wunder, dass meine Freundin dich so behütet und dich versteckt wie ein Schatz.“

Selbstsicher blickte sich die Fremde in dem Raum um, um dann Yvette nicht aus den Augen zu lassen. Langsam nickte die Angesprochene, lächelte unsicher. Die Erkenntnis, dass la dame des champs de lavande sie heimlich beobachtete, liess Yvette Rot werden. Jedoch blitzten in ihren Augen Empörung auf, was der Fremden natürlich auffiel. Höflich distanziert beantworte Yvette die Fragen, versuchte dem Blick der Dame auszuweichen. Ihre Augen hatten einen leichten violetten Ton, die Yvette an Lavendel erinnerte.

„Fleissig und bescheiden. Aber nicht diese aufgesetzte, gespielte Art. Ehrliche Bescheidenheit.“

Was soll das? Ich bin einfach ich. Und ich muss dringend aufs Klo.

Zum Glück hörte sie die Schritte ihrer Chefin. Höflich beendete Yvette das Gespräch, nahm das Weidekörbchen und verliess ihren Raum. Der Blick der Dame spürte sie in ihrem Rücken.

Und für einen kurzen Moment war Yvette sich sicher, dass die Fremde in ihren Gedanken war und lachte.
 

 

Die Stimmung im Café knisterte. Die Dame sass in einer Ecke und trank Tee. Die Kanadier sahen sich an, tuschelten. Die Stammgäste waren still, fast ehrfürchtig.

Alice strahlte. Sie war sich sicher, ausgewählt zu werden. Die Dame und ihre Tante waren eng befreundet, natürlich würde die Wahl auf sie fallen.

Mimi, die engste Freundin von Alice, bürstete die Haare ihrer Freundin. Flüsterte Komplimente, stärkte ihr eh schon grosses Selbstbewusstsein. Die anderen Mitarbeiterinnen waren hinter ihr aufgestellt. Wie Puppen lächelten sie, waren alleine Dekoration, um Alice noch edler wirken zu lassen. Die Chefin war in ihrem Büro und verliess sich darauf, dass Alice alles im Griff hatte. Alice war ihr Herzstück, ihr Stolz. Sie sah ihrer geliebten Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Chefin würde ihr niemals böse sein, solange Alice nichts tat, was gegen ihre moralischen Vorstellungen ging.

„Yvettilein, du musst noch den Müll hinausbringen. Und die Tische sollten wieder poliert werden.“

„Alice, was ist mit den Fenstern?“

Mimi zeigte zu den Fenstern, die klar und sauber waren.

„Yvettilein, bitte kontrolliere auch die Fenster. Und füttere die Vögel und mach die Käfige sauber.“

Geschäftlich lächelnd erschien die Gerufene aus der Abwaschküche. In ihr rumorte es, liess sich nichts anmerken. Nicht vor den Gästen. Sie zog sich die andere Schürze an, und holte das Wägelchen mit dem Reinigungszeug.

„Yvettilein, nein nein nein. Zuerst den Müll, du Dummerchen“, flötete Alice. Keiner der Stammgäste bekam etwas mit. Sie bewunderten die Madame, die wie eine Kaiserin die Szene beobachtete.

Das Pärchen sahen sich verwundert an. Die Atmosphäre, die sie zuerst bewunderten, machten ihnen Angst. Sie tuschelten weiter miteinander, nippten an dem Tee. Die letzten Bissen der Tortenstücke wurde von einer frechen Fliege inspiziert.

„Wollen Sie in den Garten? Die Sonne ist angenehm. Die Voliere mit den Vögeln ist ein schöner Anblick.“

Yvette nahm das Tablett und führte die Kanadier in den Garten. Alice verdrehte die Augen. Die Gäste interessierte sie nicht, da sie weder auf ihren Flirtversuchen reagierten, noch jetzt wichtig waren für sie.

 

Elegant schritt die Dame zu der Türe. Alice biss sich auf die Lippen. Sie zitterte vor Enttäuschung. Eisige Blicke trafen Yvette, die alles nicht verstand. Die Wahl fiel auf sie. Die unauffällige, durchschnittliche, junge Frau. Weder hübsch noch hässlich.

Die Chefin legte tröstend eine Hand auf die Schulter ihre Nichte, lächelte freudig Yvette zu. Das Gefolge schwieg sprachlos, während sie Yvette verwünschten. Mimi schloss die Augen, dachte nach. Wie konnte sie Alice helfen? Was würde die Dame überzeugen, sich umzuentscheiden?

„Meine Entscheidung ist gefallen, petite Mimi“, unterbrach die prächtige Stimme der Dame die Gedanken der treusten Freundin der Königin. Erschrocken sprang die Angesprochene zurück.

„Und du, verwöhnte Alice, denk daran: Schönheit vergeht. Wahre Eleganz kommt von der Seele.“
 

 
 

[***]

 

Müde rieb sich Yvette die Augen. Wer wollte um diese Zeit etwas von ihr?

Soll ich zur Tür gehen? Könnte ein Einbrecher oder ein Spinner sein.

Sie spähte aus dem Fenster. Teilweise war es vom Vorteil, in einer Dachwohnung zu wohnen. Es war still. Die Vögel in den Volieren schlugen nicht Alarm.

Soll ich wen anrufen?

Die Treppe knarzte, als sie langsam Richtung Café hinunterstieg. Yvette brauchte kein Licht. In ihrem bunten Morgenmantel nährte sie sich der versteckten Hintertüre. Sie lugte aus dem kleinen Guckloch. Nichts zu sehen. Die Vögel schliefen friedlich. Ein Indiz, dass es kein Unbekannter sein konnte, der mitten in der Nacht zum Café kam. Müde gähnte Yvette, schloss die Augen und döste für einen Moment im Stehen ein.

 

„Aua!“

Das würde eine dicke Beule geben. Ein neuer Grund für neue Gemeinheiten. Ob die Dame sie deswegen nicht mehr nehmen würde? Der Gedanke bohrte sich in Yvettes Herz.

Ungeliebt. Ungewollt. Bloss geduldet.

Nein, nein. Das ist Vergangenheit. Ich bin ich. Ich bin hier. Das Café ist mein Zuhause. Auch wenn die Königin es nicht akzeptieren kann.

Es knarzte, als sie die Wand hinunterrutschte. Leicht berührte sie ein gerahmtes Schwarzweissfoto. Die Chefin und die Dame, als junge Frauen. Es wackelte. Der weiche Teppich rettete ihren Popo vor einer weiteren Verletzung.

Etwas in ihr rief, dass sie wieder ins Bett gehen sollte. Das, was hinter der Tür wartete, konnte sie morgen hineinholen.
 

Doch was wäre, wenn es etwas Wichtiges wäre?

Rosenduft erfüllte das Gästezimmer, welches noch im Dämmerlicht lag. Geschickt zog Minette an den langen Kordeln des schweren und königlichen Vorhanges. Der seidene Stoff teilte sich und liess das Sonnenlicht hinein. Leise goss das füllige Dienstmädchen warmes Wasser in die Waschschüssel. Frische Handtücher wurden zusammengelegt. Genauso sorgfältig wurden die Kleider hinausgelegt und glattgestrichen. Bevor Minette das erste, leichte Frühstück holte, öffnete sie das Fenster. Die Schlafende merkte nichts davon.

 

Bonjour, mademoiselle.

Mütterlich zog Minette die Decke mit dem Blumenmuster von Yvette. Gähnend rieb sich Yvette die Augen, erhob sich. Das Nachthemd rutschte ihr von der Schulter.

„Habe ich verschlafen?“

Verunsichert blickte Yvette das Dienstmädchen an, das ihr eine Haarsträhne von der Stirn wischte.

Non, mademoiselle. Die Dame des Hauses wartet unten im Frühstückszimmer. Der Koch hat für dich die gewünschte Milch und das Omelette zubereitet.“

Minette half Yvette aus dem Bett. Die junge Frau war es nicht gewohnt, so behandelt zu werden. Obwohl sie schon eine Woche früher in der Residenz der Dame bewohnte und sie jeden Morgen so geweckt wurde, war es ihr sehr peinlich. Doch Minette war eine gute Seele und passte ihr Verhalten an. Irgendwie fühlte es sich gut an, wie eine Prinzessin behandelt zu werden. Beinahe vertraut.

Mademoiselle, ich werde später kommen und dich zum Frühstück begleiten“, sprach Minette, während sie Rosentee eingoss und zwei gewärmte und mit Butter bestrichene Toastscheiben auf den Teller legte. Das Servicewägelchen vor sich herschiebend, verliess das Dienstmädchen das Zimmer.

Der Tee war eine Wohltat. Glücklich nippte Yvette an der Tasse.

Sie gab es nicht gerne zu, aber so ein Leben wäre etwas für sie. Angestellte, die alles für einen Tat würden. Freunde, die immer für einen da waren, egal ob man reich oder arm war.

Würde ich wohl auch kauzig werden? Die Madame ist so ausgeflippt und trotzdem würdevoll.

Der Toast schmeckte köstlich und regte den Appetit an. Yvette freute sich auf das Omelette und ihre Mandelmilch. Trotzdem fühlte sie sich schuldig.

Dürfte sie so viel von ihrer Gastgeberin verlangen? Nutzte sie die Dame aus? Hatte sie, die fette Kuh Yvette, das Recht, die Residenz zu beschmutzen?

Ihr Magen zog sich zusammen. Ihr wurde beinahe schwarz vor Augen. Die Erinnerung an den Vorfall, weshalb sie früher hierherkam, nahm ihr den Atem.

Alices fettes Grinsen erschien ihr vor dem Gesicht. „Du fette Kuh! Man hat nur Mitleid mit dir“, flüsterte das Hirngespinst. Das Gekicher ihres Gefolges schmerzte in Yvettes Ohr. Yvette schwankte zum Bett, fiel beinah in die Kommode.

Und dies alles wegen der Erinnerungen an ein Paket, das in der Nacht vor der versteckten Eingangstüre lag.
 

 
 

[***]
 

Yvette öffnete die Türe. Die Beule schmerzte immer noch, das war jetzt nicht wichtig. Vorsichtig spähte sie hinaus. Die Vögel waren immer noch ruhig, trotzdem musste man als Frau besonders vorsichtig sein. Es war nichts zu sehen. Natürlich, es waren einige Minuten vergangen, mahnte die Frau sich. Die Tür knarzte leicht, als Yvette sie ganz öffnete. Sie lauschte. Nichts.

Nur ein kleines Paket. Hübsch eingepackt. Vorsichtig nahm Yvette es in die Hand. Sicher für Alice, schoss es ihr durch den Kopf. Oder für eine Frau ihres Gefolges? Wenn ja, musste sie das Paket gut verstecken. Alice war mehr als eifersüchtig und zeigte dies ohne Scheu. Yvette mochte sicherlich von den anderen Angestellten ausgeschlossen werden, aber sie hatte keinen Groll gegen sie. Die Tür knarzte erneut, als sie geschlossen wurde. Der antike Schlüssel versteckte Yvette, wie es ihr ihre Chefin gesagt hatte, in der Vase mit den Trockenblumen. Das Paket war leicht. Während des Tragens gab es kein Geräusch von sich, das den Inhalt verraten hätte.

Die Beule verlangte nach Aufmerksamkeit. Sie holte einen Kühlbeutel und setzte sich hin. Wieder döste Yvette ein.

Die alte Standuhr schlug die vierte Morgenstunde an. Die Sonne zeigte sich, die wilden Vögel zwitscherten. Yvette wachte auf. Der Kühlbeutel lag auf dem Boden und hatte eine kleine Pfütze vom Kühlwasser gebildet.
 

Merde!

Yvette legte ihren rechten Pantoffel auf die Pfütze, um das Missgeschick zu reinigen. „Ab ins Bett mit mir. Oh ja, das Geschenk.“

Erst jetzt fiel ihr auf, dass es für sie war. In ihrer Lieblingsfarbe war ihr Name mit Buchstaben aus Papier auf die rechte Seite geklebt worden.

Etwas in ihr warnte sie. Sie sollte es im Beisein ihrer Chefin öffnen. Jedoch war Yvette neugierig. Sie mochte Überraschungen und Geschenke.

Kopien von Zeitungsartikeln und Lilienblätter flatterten ihr entgegen.

Eine alte Todesanzeige war auf einen festen Karton geklebt. Ein altes Kinderfoto von ihr vom Waisenheim darunter.

Warum du?

Diese Worte waren mit Blut darunter geschrieben.

Die Geburtstagskarte mit dem lustigen Auto, das mechanisch Happy Birthday sang, bemerkte sie zum Glück nicht.

Das reichte schon, dass Yvette zusammenbrach und hemmungslos weinte.
 

 
 

[***]
 

„Minette bringe ihn runter in die Küche. Der gute Doktor sollte nicht mit leerem Magen nach Hause. Und du, wenn du nach Hause fährst, geh noch in die Stadt. Unser süsser Gast braucht eine Aufmunterung.“

Die Madame stolzierte zum Fenster. Ihre grauen Strähnen leuchteten in der Sonne wie Silber. Die Falten erzählten Geschichten aus ihrem Leben.

„Minette, le comte soll im Wintergarten warten. Ich komme, wenn alles erledigt ist.“

Die Dame des Hauses blieb im Lesezimmer, während die Leute nacheinander den Raum verliessen. Minette plauderte mit dem Doktor. Die Schritte des Fahrers hallten im Gang. Stumm folgte er ihnen, darauf bedacht, einen Abstand zu halten.

„Wer in meinem Hause zu Gast ist, dem wird nichts geschehen“, flüsterte die Madame. Sie schnippte mit den Fingern. Wie von Zauberhand öffnete sich eine kleine Schatulle.

„Ich glaube, ich habe sie gefunden …“, sprach sie und lächelte dem Foto in der Schatulle mütterlich zu.
 

 

„Der Graf will mich sehen?“

Yvettes Magen drehte sich wieder fast um. Minette strich ihr über den Rücken.

„Soll ich sagen, es geht nicht?“

Yvette hob unsicher die Schultern. Die niedlichen Rehaugen des Dienstmädchens glühten voller Tatendrang.

„Mademoiselle, ich spreche eine Entschuldigung aus. Der Doktor verordnete Bettruhe. Madame wird es verstehen.“

Yvette wippte leicht mit dem Kopf. Sie konnte sich nicht schon wieder den Wünschen der Madame widersetzen.

„Ich werde kommen. Ich brauch’ … ich komme sofort.“

Das Dienstmädchen nickte. Langsam lief sie zur Tür und schielte hinaus. Verwundert sah Yvette ihr nach.

„Ist was nicht in Ordnung?“, wisperte sie. Sofort blickte Minette wieder zu ihr. Obwohl die Worte leise waren, hörte sie es. Ihre braunen Augen nahmen einen neuen Ausdruck an.

„Yvette, du bist toll, wie du bist. Stark im Herzen und in der Seele. Du bist am Leben, weil du dich durchgekämpft hast.“

Diese Worte lösten einen Knäuel auf, das sich um ihre Seele geschlungen hatte. Bevor sich ihr Herz ganz befreien konnte, erschien das Gesicht von Alice.

Sie hatte das ekelhaft süsse Parfum in der Nase. Ihr Lachen, das zuckersüss und glockenhaft klang.

Yvettes Ohren rauschten, sie schwankte. „Wer liebt schon eine verfluchte Waise? Eine fette Kuh?“ dröhnte es in ihrem Kopf.

Die warme Umarmung bemerkte Yvette nicht. Sie merkte nicht, wie der Koch und die Köchin alarmierend sich zu dem Zimmer aufmachten, weil sie zufällig in der Nähe waren.

„Hol die Madame“, sprach der Mann streng zu seiner Gattin. Minette strich durch die Haare der Weinenden. Wisperte Yvette tröstende Worte zu. Der Koch, eine imposante Erscheinung trotz seines dicken Bauches und der Halbglatze, sah sich im Raum um. Als er die Lavendel erblickte, holte er eine. Er und Minette tauschten einen Blick aus, der in dieser Situation unpassend wirkte.
 

 

„Wirklich?“

Die Augen von Yvette weiteten sich. Er könnte für sie …?

„Aber ich möchte keine Umstände bereiten, le comte …“

„Luis. Nenn mich Luis. Oder Onkel Luis“

Der Graf zwinkerte Yvette zu. Beschämt sah sie zum Boden.

„Aloysius, wehe, du bringst meinen entzückenden Gast zur Scham. Dann wirst du von meinem Haus verwiesen.“

Theatralisch jammerte der Graf, bat um Verzeihung, während die Madame streng mit ihrem Gast schimpfte. Zuerst war Yvette verwirrt und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Hilfesuchend sah sie zu Minette, die ihr zuzwinkerte und weiter Tee servierte.

Da dämmerte es Yvette langsam, dass dies alles nur Spass war. Der Graf und die Dame ärgerten sich.

„Ich fühle mich nicht belästigt. Und hätte ehrlich nichts dagegen, einen Onkel zu haben“, sprach Yvette und lächelte dem Mann zu. Noch nie hatte sie gesehen, wie sich jemand so freute.

„Siehst du Daphné? Wir verstehen uns“, triumphierte Aloysius und steckte wie ein kleines Kind seiner Freundin die Zunge heraus. „Minette, ich glaube, wir gehen“, sagte die Madame und erhob sich aus dem knallroten Sofa. Die Schleppe von ihrem Kleid glitt über den edlen Perserteppich. Schnell richtete das Dienstmädchen die Dekokissen, glitt das Kleid ihrer Herrin glatt. „Yvette, wenn was ist, ruf laut nach Hilfe“, flüsterte sie, laut genug, dass es jeder hörte. Der Graf tat so, als würde er nicht hören. Er streckte sich unauffällig und klaute vom Servierwagen einige Leckereien. Seine Beinprothese neben dem hellroten Sessel, wackelte leicht, fiel aber nicht um.

Auch dieser Raum der Residenz hatte ein bestimmtes Thema und wurde so eingerichtet. Das Highlight war ein riesiger Schachtisch aus Marmor und Edelsteinen. Für Yvette war es das riesige Aquarium, das Beste in diesem Zimmer. Es war mehrstöckig und wunderschön eingerichtet. Natürlich und ohne Kitsch.
 

Yvette atmete tief ein und aus. Seit sie in der Residenz der Dame wohnte, war jeder Tag ein Abenteuer.

Trotz der Angst, die sie manchmal umklammerte. Das erste Unbehagen, das sie heimsuchte, war, dass sie sich öfters beobachtet fühlte. Das Zweite, dass sie sich auf einmal gar nicht mehr an ihre Träume erinnern konnte.

Der leichte Regen störte Yvette und Luis nicht. Sie genossen die Zweisamkeit, obwohl sie sich erst seit ein paar Tagen kannten. Der Graf fachsimpelte mit ihr über Videospiele und besonders über einen bestimmten Fandom. Luis erzählte, wie seine Mutter das gar nicht gut hiess, wie ihr Vater. Der Rest der Familie sprach stets davon, dass es eine Macke wäre. Das würde sich wieder auswachsen und er würde vernünftig werden. Yvette hatte sich Adelige stets anders vorgestellt. So wie Madame.

Der Graf war anders. Sie könnte sich ihn als Cosplayer auf einer Veranstaltung vorstellen. Und sie war sich sicher, dass er die Comic- und Manga-Ära, die in Frankreich gross geworden ist, irgendwie mitprägte.

„Hast du schon die Lavendelfelder besucht?

„Nein. Ich habe mich ehrlich gesagt nicht getraut. Ausserdem …“

Der Satz musste nicht ausgesprochen werden. Dass der Arzt mehrfach hier war, war kein Geheimnis.
 

Luis sah zum Himmel und wartete ab. Er genoss die Regentropfen auf seinem Gesicht. Sein gesundes Auge zuckte, versuchte sich, vom Regen zu schützen. „Ich habe nie geheiratet“, sagte der Mann plötzlich.

Die junge Frau blickte überrascht zu ihm. Warum war er auf einmal so traurig? Der plötzliche Sinneswandel irritierte sie.

„Wollen Sie darüber reden?“, fragte sie sanft. Automatisch siezte Yvette den Grafen. Er nickte. Auf einmal wirkte er alt und zerbrechlich. Sein schelmisches Lächeln war verschwunden, das Funkeln in seinem Auge auch.

„Du bist ein liebes Mädchen. Ich brauche einfach einen Moment. Erinnerungen kommen und gehen. Sie nehmen keine Rücksicht auf dich.“

„Aber manchmal ist es auch gut. Dann kommt in traurigen Situationen etwas Schönes in den Sinn und heitert einen wieder auf.“

Der Händedruck auf ihrer Schulter war fest und sein Lächeln voller Dankbarkeit. Trotzdem fiel Yvette auf, dass Luis wackelig auf den Beinen war. Seine Mimik traurig.

„Onkel Luis, nachher gehen wir zu den Lavendelfeldern. Und nichts hält uns auf. Auch wenn ich klitschnass werde und Madame dich und mich zum Teufel jagt, werden wir es tun.“

Diese Worte brachten wieder etwas Leben in seine Augen. Leise flüsterte er ein Dank, was Yvette nicht hörte.

Sie hatte eine Bank unter einer Linde entdeckt, was der perfekte Ort war, um über alte Erinnerungen zu sprechen und trocken zu bleiben.
 

 
 

[***]
 

Das Blut tropfte auf die Lavendel. Beissend war der Geruch des Rauches.

„Warum?“, flüsterte sie und hielt ihren Liebsten in den Armen. „Ich liebe dich“, hauchte er und lächelte. Sie schüttelte den Kopf über seine Torheit.

„Ich bin es nicht wert“, schrie sie verzweifelt. Zitternd hob ihr Liebster die Hand, strich ihr ihre lockigen, lilafarbenen Haare aus dem Gesicht.

„Mir ist es gleich, was du bist“, sprach er mit aller Kraft, die er noch hatte. Die Schmerzen lähmten ihn, der Tod kam näher.

„Ich wollte dich beschützen. Ich wollte …“

„Sprich nicht weiter. Ich werde dich stets lieben.“

Glücklich schloss der Mann die Augen. Sein Degen glitt zu Boden, die Lavendelblüten fingen die Waffe auf. Das Schluchzen wurde von den wütenden Rufen des heraneilenden Mobs verschluckt.

„Du wolltest mich und meine Blumen beschützen. Dafür bist du in die unendliche Umarmung des Gevatters gesprungen.“

Das Mädchen fühlte, wie ihre Kräfte mehr und mehr nachliessen. Ihre geliebten Lavendel litten und schrien nach Hilfe. Wurden niedergetrampelt, vom Feuer zerstört. Doch sie konnte ihren Liebsten nicht alleine lassen. Ihn nicht ihren Feinden überlassen.

 

Leise näherte sich eine Katze. Ihre hellbraunen Augen sahen mit Mitgefühl auf das magische Geschöpf. Eine grosse schwarze Eule kreiste über den zwei tragischen Liebenden.

„Du dummes Mädchen! Warum bist du nicht geflohen?“, sprach eine tiefe Stimme aus dem Nichts. Schatten formten sich zu einer menschlichen Gestalt. Die Zeit gefror, nicht einmal mehr der Wind konnte sich gegen den mächtigen Zauber ankommen. Wie in einem Gemälde lag der Tode in den Armen seiner Liebsten, die zu der Gestalt blickte.

„Aber ich liebe ihn.“

„Und er dich. Deswegen ist er den Heldentod gestorben. Und du wirst trotzdem nicht fliehen, oder?“

Trotzig schüttelte das Mädchen den Kopf. Wollte es nicht wahrhaben.

„Ihr Kinder mit euren Gefühlen“, sprach die Gestalt und kniete sich zu ihrer Katze hin. Die Eule flog auf ihre Schulter. Die Umrisse wurden klar. Die Kleidung in Schwarz mit blutroten und violetten Mustern verziert.

„Das Menschenkind, der Bursche aus adeligen Haus, liebte und verehrte dich. Nicht aus niedrigen Gründen, sondern mit seiner Seele und seinem Herzen. Und stand unter meiner Gunst. Wie du, mein Mündel.“

Das Mädchen zuckte zusammen. Ihre hellvioletten Augen leuchteten auf, als sie ihre Patin erkannte.

So war sie noch nie vor ihr erschienen, und eigentlich hätte sie sich freuen sollen. Wäre sie nicht kurz vor ihrem Ende.

„Ich bin nun da. Und es wird alles gut werden“, flüsterte mütterlich die Gestalt und streichelte ihre Eule.

„Schliess deine Augen, ma charmante petite abeille. Ihr werdet euer Glück finden.“
 

 
 

[***]
 

„Und dann? Wie gings weiter?“

Die Stimme von Yvette zitterte. Luis hatte die Geschichte so emotional erzählt, dass sie sich nicht mehr halten konnte. Die Tränen flossen ihr so sehr über die Wangen, dass sie nasser wurde als vom Regen. Ihre Augen waren gerötet und ihre Nase lief.

Luis gab ihr ein Papiertaschentuch und sie schnäuzte sich laut und ausgiebig. Dass dies nicht gerade vornehm war, war in diesem Moment egal. Und, wenn man ehrlich ist, sieht niemand beim Weinen schön aus.

„Der aufgebrachte Mob, angeführt von einer verschmähten, blutjungen Adeligen, kam näher. Die Lavendel brannten, waren mit Blut und Öl übergossen. Und den Tränen der zwei Liebenden, die nun vereint waren im Tod. Jedoch gab es Hoffnung.“

Yvette blinzelte die Tränen weg, sprach leise: „Die Frau, die erschien, war sie eine Hexe, oder sowas?“

Der Graf hob die Hand, räusperte sich. Der Sonnenstand verriet, dass es inzwischen später Nachmittag war.

Die Madame würde sicher schon auf ihren Gast warten, aber dies war dem Graf egal.

Jetzt hatte er sie für sich. Und da er wusste, was die Madame in ihr sah, würde er sanft versuchen, sie zu testen. Ob sie die Richtige war, auf die alle so lange gewartet hatten?

 

„Ich hoffe so sehr, dass sie sich vor Angst in die Hosen gemacht haben!“

Luis musste über Yvettes Verhalten lachen. Es überraschte ihn, sie so zu sehen und was sie sagte.

„Man munkelt, dass die Hexe immer noch über dieses Gebiet und die Lavendelfelder wacht.“

„Und was ist mit der Familie des Jungen? Stand nur er unter ihrem Schutz?“

Das Herz von Yvette klopfte auf einmal sehr laut. Sie konnte schwören, dass jemand nach ihr rief. Jemand, in den Lavendelfeldern. Sie hörte nicht, wie Luis sie ansprach. Sie bemerkte die Katze nicht, die sie vom Weiten beobachtete und sich streckte.

Wie in Trance summte sie ein Lied und streckte ihre Arme aus. Lächelte und flüsterte leise einen Namen. Doch plötzlich schrie sie vor Schmerzen, klammerte sich an den alten Mann.

Mit einer Leichtigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, nahm er Yvette auf den Rücken. Er musste sie von den Lavendelfeldern wegbringen.

„Die zwei Liebenden hatten zwar die Gunst einer mächtigen Hexe an ihrer Seite. Der Stolz der Verschmähten war ungebrochen, und deshalb verkaufte sie nicht alleine die Seelen ihrer Familie, sondern auch die ihres Hofstaates. Niemals sollten sie zusammenfinden. Aber da dies dem Dämon nicht möglich war, änderte er es ohne ihr Wissen. Der Fluch ist schwer zu brechen und bringt viel Unglück.“
 

 

„Schmeckt es?“

Zufrieden nickte Yvette, brach das Brötchen in Stückchen. Sie plauderte mit dem Koch, der ihr geduldig zuhörte. Die Dame war ausser Haus und Yvette hatte die offizielle Erlaubnis über alle Angestellten im Haus. Das nutzte sie, um dem Gärtner über die Schulter zu sehen und mit ihm die Rosen zuzuschneiden. Mit dem Cheffeuer, der wieder zurückgeschickt wurde, machte sie eine Haustour. Die Köchin nahm sie in Beschlag, was Minette gar nicht gefiel. Der Koch bereitete ihr das zu, was sie wollte.

Mit schwerem Herzen bereitete er die Sauce mit veganer Milch zu. Er versprach, jetzt mehr auf ihre Bedürfnisse zu achten. Fast tat es Yvette leid, aber sie war froh, dass er ihren Weg begleitete. Sie selbst war noch nicht ganz vegan, aber sie versuchte es. Zum Beispiel schmeckte ihr Honig einfach zu gut und sie trug so gerne Wollsachen.

„Meine Frau konnte es nicht lassen und hat noch einen kleinen Kuchen für dich gebacken. Tarte du chef "

„Das hätte sie doch nicht machen müssen.“

Minette, die immer wieder in den Essraum guckte, biss sie auf die Lippen. Der Fahrer, der das Dienstmädchen beobachtete, schwieg. Eigentlich hätte er was sagen sollen, aber er liess es. Den Dickkopf von Minette durfte man nicht unterschätzen. Fast schwebend lief er zurück zum Garten. Er würde, wie an jedem freien Abend, mit dem Gärtner Karten spielen.

Minette kauerte sich in einer Ecke. Sie fixierte die am Tisch sitzende Person. Weiterhin biss sie sich auf die Lippen. Eigentlich hätte sie glücklich sein müssen, dass endlich der richtige gefunden wurde. Aber was wäre, wenn es sie nicht wäre? Minette mochte Yvette sehr. Sie roch gut und hatte eine angenehme Ausstrahlung. Was sollte sie tun? Was würde die Madame wollen?

Die ganze Legende hatte sie nicht mitbekommen, weil der Graf lieber auf die Tränendüsen drückte.

Zum Glück war sie ihnen gefolgt.

 

„Möchtest du noch was?“, fragte die Köchin Yvette mütterlich.

„Hat es noch Suppe? Und Auflauf?“

„Natürlich!“

Ihr Mann verdrehte die Augen und flüsterte Yvette ins Ohr: „Wir haben genug Essen für ganz Frankreich.“

Yvette musste ihr Lachen unterdrücken. Sie tupfte die Sauce mit dem Brötchen auf. Sie liebte diesen Auflauf. Die Kräuter, die Kartoffeln, das Gemüse. Es war ein Traum. Und die Suppe!

Cremig und doch leicht war. Ob die Köchin ihr das Rezept verriet?

Da erinnerte sie sich, wie enttäuscht der Koch war, dass sie keinen Fisch wollte. Moment, hatte sie jemals im Haus schon einmal Fisch gegessen? Warum erinnerte sich daran, Forelle en papillote gegessen zu haben?

Ihre Augenlider wurden schwer, sie hörte Stimmen. Als sie die Augen schloss, sah sie Bilder, die sie in ihren Träumen sah, an die sie sich doch nie erinnerte. Zwei elegante Erwachsene sassen da. Sie unterhielten sich miteinander über sie. Über die Zukunft, die sie sich wünschten. Über ihren Ruf, der auf dem Spiel stand, da sie sich nicht benahm. Vor ihr ein junger Mann, der abschätzig zu ihr schaute. Neben ihr eine bildhübsche Adelige. Sie berührte ab und zu ihren Arm. Zwinkerte ihr zu. Als sie gerade was in ihr Ohr flüstern wollte, erwachte Yvette aus ihrer Trance.

Verwirrt blinzelte sie. Legte ihre Hand auf ihre Brust, um ihren Herzschlag zu spüren. Nur mit Mühe kam sie wieder in das Hier und Jetzt zurück. Ihre Ohren rauschten und sie konnte schwören, Parfüm war zu nehmen. "Ich bin bloss vollgefressen und dösig", murmelte Yvette.
 

Das kühle Mineralwasser tat gut. Angereichert mit Zitronen und Orangen, mit einem Hauch von Zimt. Ungewöhnlich, aber erfrischend. Sie nahm die Gabel in die Hand. Ihre Finger tasteten den Stil an. Kleine Verzierungen. Glitt mit ihrer Hand über das Tischtuch. Einige kleine Flecken verrieten, dass sie nicht ohne zu kleckern gegessen hatte. Unten am Saum waren goldene Verzierungen. Kleine Blätter, dazwischen geschlossene Blüten. Immer wieder döste sie halb ein, glitt in die Art Trance.

Die Zeit stand still und liess die junge Frau zwischen das Hier und Jetzt wandern. Sie spürte, dass jemand im Lavendelfeld auf sie wartete.

Doch wollte sie nicht dorthin zurück. Schmerzhafte Erinnerungen brachen sich durch ihr Herz. Ihre rechte Seite brannte. Sie roch Blut. Fühlte ihr eigenes Blut an ihren Händen.

"Meine Liebste", murmelte Yvette und stand auf. Sie wankte durch den Essraum. Minette sprang aus ihrer Hocke auf. Mit einem gewaltigen und eleganten Sprung erreichte das Dienstmädchen Yvette.
 

Nein. Es war nicht mehr Yvette.

Der Vollmond erhellte das dunkle Zimmer. Der Wind spielte mit den Ästen der alten Weide vor der Residenz. Eine Maus huschte durch das Zimmer. Als sie die näher kommende Gestalt vernahm, tappte die Maus zu ihr.

„Na na, du bist wirklich zutraulich. Oder liegt es an meinem unwiderstehlichen Charme?“

Die Maus schnupperte an dem Stück Schokolade, das ihr angeboten wurde.

„Minette, komm. Sie hat keine Angst vor dir“, sprach die Madame. Leise und elegant stolzierte die Katze in den Ballsaal, der sehr selten benutzt wurde.

Die Katze lief um die Beine der Dame. Sie schnurrte. „Natürlich bin ich stolz auf dich. Deine Vermutung stellte sich als richtig heraus“, sprach die Madame. Die Maus knabberte weiterhin am Stückchen Schokolade.

Eine grosse schwarze Eule pickte am Fenster. In ihren Krallen trug sie eine Schildkröte, die seelenruhig an einer Karotte knabberte.

„Minette, öffne ihnen das Fenster. Dann sind wir bald komplett.“

Die Katze streckte sich genüsslich. Während sie über den Marmorboden lief, verwandelte sie sich in das Dienstmädchen des Hauses. Ihre langen Haare waren dieses Mal nicht zu einem adretten Zopf zusammengebunden. Sie bewegte sich im dunklen Raum ohne Mühe. Geschickt, ohne ein Geräusch zu machen, öffnete Minette das Fenster.

Die Maus hüpfte von der Hand und verschwand hinter der Wand und einer grossen Skulptur.

Die Eule und die Schildkröte blieben in ihrer Tiergestalt. Sie würden warten, bis le comte erscheinen würde.

Leise klopfte es an der Türe. Die Madame musste Minette nicht darum bitten, die Türe zu öffnen.

„Ihr hättet einfach eintreten können, meine Freunde.“

Die Angesprochenen sahen sich beschämt an. Von ihrer Herrin als Freunde bezeichnet zu werden, war ihnen unangenehm. Die Köchin vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, ihr Ehemann legte zärtlich eine Hand auf ihre Schulter. Ihre Gestalt änderte sich, kaum merkbar.

Ihre Haut wurde blasser und blasser, ihre Bekleidung und ihr Aussehen glitzerten für einige Sekunden.

„Ihr müsst nicht immer in der neuen Gestalt herumlaufen!“, kommentierte Minette und spitzte die Ohren, die sie nicht in die menschliche Gestalt nahm.

„Aber Yvette könnte jederzeit Hunger bekommen. Oder unsere Hilfe gebrauchen. Was, wenn die Arme Angst bekommt? Oder wieder von Albträumen heimgesucht werden?“

Die Köchin wirbelte mit den Armen, ihr Mann musste sich ducken. Er wollte sie beruhigen, aber liess es.

Er warf einen Blick auf das Gemälde, das an der Wand hing. Traurigkeit stieg in ihm hoch, die er versuchte zu unterdrücken. Besonders, als er in die Augen des jungen, molligen Adeligen blickte. Neben seinem Zwillingsbruder, der strahlend und liebevoll von seinen Eltern behütet wurde. Die neben ihm standen. Der mollige Bursche war distanziert, obwohl es ein Familiengemälde war.

Die Eule flog auf die Schulter des Mannes. Der Koch bemerkte es nicht, was der Eule gleich war. Trotzdem fühlte das Tier ein wenig Sympathie mit dem Ehepaar, dessen Reich die Küche war. Die Jahrzehnte, die sie zusammen verbrachte, verbanden sie.
 

Die Madame schritt zum offenen Fenster. Sie schloss die Augen und murmelte ein paar Worte. Die Zeichen auf dem Boden glühten. Der Raum drehte sich auf einmal mit einer Geschwindigkeit, die den Anwesenden leichte Übelkeit verursachte.

Die Krallen der Eule krallten sich heftig in die Schulter des Kochs. Die Schildkröte versteckte sich unter einem Sessel. Sich in den Panzer zurückziehend und wie immer abwartend.

Minette duckte sich erschrocken und verwandelte sich zurück zu einer Katze. Reflexartig breitete die Köchin ihre Arme aus und Minette nahm die Einladung an. Die Madame schnippte mit den Fingern und ein lauter Knall ertönte. Gelassen drehte die Dame sich zu ihren Bedienten um.

„Die Zeit steht nun still. Unsere kleine, bezaubernde Biene wird nichts bemerken. Der Graf wird sicher viel zu erzählen haben.“
 

 

Minette fauchte und schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Du willst bloss mit ihr spielen. Und das lasse ich nicht zu!“

Zustimmend nickte die Köchin. Ihre Haut schimmerte im Kerzenschein Silber, die altmodische Kleidung stach heraus. Sie und ihr Mann schwebten einige Zentimeter über dem Boden, sie warfen keine Schatten.

Die Madame schwieg und warf einen Blick in die Schatulle, die sie auf den Tisch vor sich gestellt hatte. Nahm das Bild heraus und streichelte über das Amulett. Sie hörte der Diskussion nicht zu.

Der Gärtner setzte sich neben seine Herrin. Nahm eines der Lavendelsträusschen aus der Kiste. Schnupperte daran. Seine schwarzen Augen nahmen einen nachdenklichen Glanz an.

„Yvette mag mich. Ich bin immerhin ihr Onkel Luis.“

„Hahaha! Du hast dich ihr aufgedrängt. Hast ihre Vorlieben ausspioniert. Du bist in ihre Gedanken eingedrungen.Tu es un salaud ! „

Die Ohren von Minette zuckten aufgeregt hin und her, ihr Schwanz wippte auf und ab. Der Graf schmunzelte vor sich hin. Er liebte es, sie zu ärgern.

„Immerhin habe ICH sie zu den Feldern geführt. Und habe so …“

„Sie hatte heute einen Anfall. Ihre Erinnerungen sind schlagartig zurückgekommen. Was wäre, wenn es ihr geschadet hätte!“

Die Köchin schob sich jetzt vor Minette und den Graf. Ihre verschränkten Arme und ihre Mimik verrieten, dass sie sich nicht zurückhalten würde. Nicht noch einmal sollte jemand leiden, nur weil der Graf sich sicher war, den Richtigen gefunden zu haben.

Ihr Mann war nun vor das Gemälde getreten. Er hatte die Augen geschlossen und schwelgte in der Vergangenheit.
 

 
 

[***]
 

Mon jeune maître, Sie sind schmutzig und spät nach Hause gekommen.“

Verlegen sah sich der Angesprochene seine Kleidung an. Es waren Flecken zu sehen, von Schlamm und Staub. Seine Hände waren wund und seine Haare zerzaust.

„Sei mir nicht böse, Pépin“, nuschelte der Bursche und rieb sich über die Knie. Sie schmerzten, aber er wollte sich nichts anmerken lassen.

„Die Arbeiter des Müllers liegen mit Magenschmerzen im Bett. Das Korn muss gemahlen werden und sein Sohn ist verletzt. Seine Wunde am Bein muss heilen“, versuchte der Bursche sich zu erklären. Streng blickte der Koch zu den jungen Herren. Ein Geräusch liess den Burschen zusammenzucken.

Er hörte, wie der Koch mit jemandem sprach. Es war eines der Mädchen, die im Haus arbeiteten.

Mon jeune maître, Euer Kammerdiener wird sich um Euch kümmern“, sprach der Koch und drehte sich Richtung Küche. Sein sorgenvolles Gesicht wollte er nicht zeigen. Sein Herr und Vater des Jungen, mit dem reinen Herzen, verbot es, Yannick weiter zu verwöhnen. Seine weibischen Flausen sollte er endlich ablegen. Das Malen und sein Interesse an Blumen würden Yannick nur verweiblichen. Der Koch ging, wenn es der Herr erlaubte, mit ihm angeln. Er liebte Fischgerichte und der Koch sah in dem Jungen einen Sohn, den er nie bekommen würde.
 

Der Abend legte sich über das Anwesen. Fleissig wurde gearbeitet, um es der Familie de Rohan angenehm zu gestalten.

Die Mädchen und Frauen tuschelten miteinander. Ihnen war eine Veränderung aufgefallen, die sie erfreute. Von Herzen würden sie sich freuen, wenn es klappte und das Mädchen, das sein Herz in Freude versetzte, seine Frau werden würde. Jedoch, da gab es die Pläne der Herrschaften … auch die männlichen Angestellten freuten sich für Yannick de Rohan. Sie fragten sich, welches Mädchen ihm das Herz gestohlen hatte.
 

 

„Pépin?“

„Mmmmh?“

Der Mann sah auf. Seine Hände voller Mehl und sein Gesicht schwarz vom Russ. Er wartete ab, obwohl seine Geduld langsam nachliess. Er musste noch so viel erledigen für den besonderen Gast, der morgen zum Essen kam.

„Pépin, ich habe gelogen.“

Verwundert runzelte der Mann die Stirn, sagte jedoch nichts.

„Vor einem Monat, als du mich erwischt hast. Ich bin … ich bin …“

Yannick schlug mit der Faust gegen die Wand. Erschrocken sprang die Katze, die sich hier durchfüttern liess, aus der Küche. „Beruhige dich, mein Junge“, brummte der Koch und drückte den Burschen in den Stuhl zurück.

„Rechtfertige dich nicht vor mir. Du hast gelogen …“

„Mehrmals. Oh, ich komme in die Hölle.“

Yannick seufzte tief. Pépin kniete sich ihm hin, legte eine Hand auf seine Knie. Väterlich sah er in seine Augen. „Dann würde ich in Hölle kommen. Und meine Frau erst recht. Dann gehen wir im Höllenfeuer fischen und danach gibt es leckeren Tarte du chef.“

Nachdenklich sah der Koch aus dem Fenster. Was für einen Rat sollte er ihm geben? Und was, wenn das Mädchen seiner Träume wirklich eine Fee war? Eine böse Gestalt, die Burschen in das Verderben locken wollte? Schnell schüttelte der Mann den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Sogar wenn es eine Fee wäre, sein junger Herr wäre glücklich. Und alleine das zählte.
 

„Höre auf dein Herz, mein Junge. Sag es ihr, was du fühlst. Sei ehrlich.“

„Und wenn sie mich nicht mag?“

Hoffnungsvoll blickte Yannick zu dem Mann, den er liebte und schätzte wie einen Vater. Als er nichts sagte, fragte er nochmals. Das Schweigen machte ihn unruhig.

„Frauen sind kompliziert. Du kannst versuchen, ihre Gunst zu gewinnen, mit Geschenken, liebevollen Worten“, sprach der Koch langsam und lief zum Herd. Er kniete sich hin. Entfachte wieder das Feuer, das erloschen war.

„Vielleicht kannst du ihre Liebe damit gewinnen, wenn sie zuerst ablehnt.“

Yannick hörte gespannt zu. Er hoffte darauf, eine Antwort zu bekommen, die ihn erfreute. Doch tief in seinem Herzen wusste er, dass dies nicht so enden würde.

„Aber willst du das? Dass sie alleine wegen deiner Geschenke bei dir bleibt? Wegen deines Namens, deines Titels?“

Knistert meldete sich das Feuer. Die Wärme breitete sich aus. Hier unten war es abends kühl, wenn die Kochstellen nicht benutzt wurden.

„Mein Junge, du bist zum ersten Mal richtig verliebt und …“

„Aber ich will nur sie! Sie ist grossherzig und liebenswert. Ihre Stimme ist zart, wie die eines Vogels. Ihre Augen strahlen und sie … sie ist wunderschön.“

Pépin seufzte leise. Der Bursche hat es richtig erwischt.
 

 
 

[***]
 

Der Rotwein tropfte zum Boden, die Flasche kullerte unter das riesige Regal mit den merkwürdigen Gegenständen.

"Minette, beruhige dich. Das gibt nur Falten. Nicht, dass die kleine Yvette dich nicht mehr erkennt."

Alleine die schnellere Reaktion des Fahrers rettete Luis vor der Attacke. Aber die Frau des Kochs, trotz der Tatsache, dass sie ein Geist war, übernahm die Bestrafung. Sie zwickte den Grafen in die Wangen, bevor sie ihm die Ohren langzog. Die Madame ignorierte das Gejammer.

Leider lief die kleine Besprechung gar nicht so, wie sie sich erhofft hatte. Dieses Mal wollte sie sicher sein, die richtige Wiedergeburt gefunden zu haben.

An das Debakel, als sie den Falschen erwecken wollten, erinnerte sie sich ungern. Zum Glück lief alles gut, ausser dass der Junge jetzt eine Heidenangst vor Lavendel hatte. Dazu ab und zu Schlafstörungen plus Alpträume, und vermutlich würde er nie wieder einer Frau in die Augen sehen können.

Die Köchin war sich aber so sicher. Vielleicht hätte sie auf ihren Freund hören sollen, der sich unsicher war und es auch ansprach. Jedoch konnte man dem Grafen nicht vertrauen, da er ein Trickser, ein Dämon, war. Für ihn war alles ein riesiger Spass und er genoss das Chaos.

Das Seufzen seiner Herrin liess den Gärtner aufsehen. Stumm erhob er sich. Er musste nicht sprechen, um mit ihr zu reden.
 

Langsam holte er aus seiner Jackentasche eine Rose. Holte aus der Kiste das Bild und das Amulett.

Trotz der lauten Umgebung und dem heftigen Streit handelte er ruhig und besonnen. Sah zwischen den Gegenständen hin und her. Tippte zuerst auf das Bild, auf dem ein junges Fräulein in einem Lavendelfeld zu sehen war. Jemand, der sie umarmte, war nur halb zu sehen. Das Bild ähnelte einem Foto in Senffarben. Das Amulett mit dem Wappen de Rohan drückte der Gärtner fest an sein Herz und blinzelte. Er zeigte auf den Koch und die Köchin, dann auf das Amulett. Sanft legte er es auf das Bildnis. Die Rose und das Lavendelsträusschen band er zusammen und überreichte es der Herrin. "Bist du dir sicher?", fragte die Madame. Das Nicken der Gärtner reichte ihr.
 

 

"Sag das noch einmal....!"

"Gerne, mein kleines Kätzchen. Du brauchst einmal etwas Freude im Leben, du bist zu eigenbrötlerisch. Yvette braucht ein Vorbild. Wie mich."

"Hör nicht auf ihn", sprang sofort die Köchin ein und stellte sich drohend hinter den Sessel. Der Graf duckte sich. Hilfesuchend sah er um sich, aber jeder war beschäftigt mit sich. Eingeklemmt zwischen der Köchin und dem Dienstmädchen wirkte der Graf winzig.

Langsam erhob sich die Dame des Hauses. Ihre Schritte schwebten über den Boden, die Runen im Raum leuchteten. Der Graf sah zu ihr. Trotz seiner Lage lächelte er.

Der Koch wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sie ihm über die Schultern tippte. "Bereite den Trank vor, ich übernehme den Rest", hauchte sie.

Minette, die das Gespräch wahrnahm, sprang zu ihrer Herrin. Sie zitterte vor Aufregung.

"Was wenn …"

"Dann päppeln wir sie auf. Und behalten la petite abeille einfach bei uns."

Etwas stimmte nicht. Das konnte sie spüren. Ihre Träume wurden chaotischer. Oft fühlte sie sich nicht mehr nach sich selbst an. Sie betrachtete ihr Spiegelbild. Yvette runzelte die Stirn, berührte ihre Wange. Kniff sich in diese. Der leichte Schmerz gab ihr Halt.

Sie konnte nicht sagen, welcher Tag es war. Wie lange sie schon in der Residenz war.

„Ich bin ich. Ich bin Yvette. Die fette, dumme Kuh. Das Waisenmädchen, welches so viel Pech im Leben hatte. Aber ich bin ich“, sprach sie selbstbewusst. Nochmals kniff sie sich in die Wange.

„Irgendwas passiert mit mir. Dieses Haus ist verhext.“

Sie betrachtete die Rosen, die vom Garten gestern für sie hergebracht worden. Der Gärtner, Yvette bemerkte erst jetzt, dass sie seinen und den Namen des Fahrers nicht kannte, war in letzter Zeit freundlicher zu ihr. Nickten ihr zu und ab und zu lächelten sie. Langsam schloss Yvette die Augen, atmete tief ein und aus. Da! Da war wieder dieses Gefühl. Yvette konzentrierte sich darauf. Ein Gesicht erschien vor ihr. Ein Mädchen mit einem wunderschönen Lächeln. „Ich komme zu dir“, flüsterte Yvette.
 

Ihr war es egal, dass es in diesem Haus mit wundersamen Dingen vor sich ging. Angst spürte sie nicht. Sie war glücklich und freute sich einfach auf das, was auch immer passieren würde.

Von draussen hörte sie das Miauen einer Katze. Überrascht runzelte die Frau die Stirn. Sie hatte bis jetzt keine Katze gehört oder gesehen. Und sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine Katze im Haus geduldet würde. Auf der anderen Seite waren der Garten und das Land riesig. Da konnte es gut passieren, dass Katzen herumliefen. Pépin und Paulette würden heimlich Katzen füttern, sie waren so gutherzig. Trotzdem, sie war neugierig und wollte herausfinden, ob es hier eine Katze gab.

Die Madame hatte schon wieder einmal das Haus verlassen und ihr die Verantwortung gegeben. Der Anlass, weswegen sie eigentlich eingeladen wurde, rückte näher. Yvette wusste, dass die Madame nett war, aber trotzdem nicht mochte, wenn man sich in ihre Angelegenheiten mischte.

Yvette lauschte. Minette war nicht zu sehen. Sie konnte aus dem Nichts auftauchen. „Eigenartig“, murmelte Yvette. Das Anwesen war schlicht unglaublich und verwinkelt. Die Deko passte nicht zusammen und die Zimmer waren unlogisch.

Ich bin verwirrt. Wo ist Minette. Und Onkel Luis hat sich auch schon lange nicht mehr blicken lassen. Und heute ist Dienstag. Wo bleibt der Milchmann?

Wieder hörte sie die Katze, dieses Mal im Haus. Hatte sich das Tier im Haus verlaufen? Yvette lief durch die Eingangshalle. Wieder einmal blieb sie stehen und bewunderte die eindrücklichen Schnitzereien der Doppeltreppe. Das riesige Gemälde der Madame, die in ihrem schwarzen Kleid und dem gewaltigen Hut stets die Eingangstüre im Blick hatte. Den roten Seidenteppich mit dem Blumenmuster.

Es rumpelte in der Küche. Der Eintopf verströmte seinen köstlichen Duft. Yvette freute sich darauf. Und besonders auf den Nachtisch! Paulette war so eine tolle Köchin und auf ihre Wünsche ging sie immer ein. Yvette stoppte beim Gehen. Ein Gedanke blitze ihr durch den Kopf. Sie verhielt sich ihr gegenüber in den letzten Tagen merkwürdig. Nannte sie mon jeune maître, nestelte an ihr herum. Ermutigte sie, doch zu skizzieren. Malen, Zeichnen. Yvette tat das ab und zu, und es machte auch Spass. Und auch Pépin veränderte sich. Fragte sie öfters, ob sie gut geschlafen hätte und was sie träumte. Das Miauen der Katze lenkte sie von ihren Gedanken über das Kochehepaar ab. „Bist du im Keller? Hat dieses Anwesen überhaupt einen Keller?“, murmelte die Frau.

Da gab es nur einen Weg, das herauszufinden: Es probieren.
 

 
 

[***]

 

Yvette schlich sich die Treppe hinunter. Ihr fiel nicht auf, dass die Wände und Treppen zu sauber waren. Kein Absplittern des Putzes, keine Schimmelflecken, die wegen der Feuchtigkeit auftreten. Kein Staub. Nicht einmal Spinnen oder Käfer krabbelten herum. Oder wie tief es nach unten ging.

Schritt für Schritt lief die Frau. Ihre Augen haben sich an das Dämmerlicht gewöhnt. Wie es bis nach unten leichtes Sonnenlicht eindringen konnte, das war ein Geheimnis.

„Kätzchen oder Katerchen, wo bist du?“

Ab und zu hörte sie ein leises Miauen. Yvette nahm die letzten Stufen der schier endlosen Treppe. Nochmals miaute die Katze und nun war sich Yvette sicher, wo sie steckte.
 

„Wie bist du nach da unten gekommen?“

Die Katze sass einfach da. Fast, als wäre sie ertappt worden. Yvette kniete sich hin und streckte die Hand vorsichtig aus. Die Katze blieb sitzen. Sah zu Yvette. Blinzelnde.

„Komm, gehen wir hoch. Nicht, dass du Ärger bekommst“, lockte die Frau. Ein Schatten liess sie zusammenzucken. „Was war das?“, fragte sich Yvette laut. Da flog oder schwebte doch, was hinter ihr vorbei? Oder war das auch wieder eine Art Traum, den sie immer hatte?

Die Katze streckte sich. Miaute und sah zu Yvette.

„Willst du mir was sagen? Zeigen?“

Wieder miaute die Katze und lief zu ihr. Yvette liess die Katze an ihrer Hand schnuppern. Sie freute sich, dass die Katze sich streicheln liess. „Du bist wirklich niedlich. Und flauschig“, murmelte Yvette. Sie erinnerte sich an die Zeit, als sie im Waisenhaus wohnte. Da gab es den alten Kater Monsieur Filou, der so gut wie alles mit sich machen liess. Yvette liebte es, ihn im Arm zu halten und einfach nichts zu tun. Und auch im Café liefen öfters Katzen herum. Sie fütterte sie nicht, aber stellte ihnen Wasser hinaus. Und ab und zu Milch, obwohl Yvette wusste, dass es nicht gut für erwachsene Katzen war.

Das sanfte Stupsen holte die Frau zurück.“Na, was ist?“, fragte Yvette die Katze wieder.

Hoffentlich hat sie keine Kätzchen bekommen. Aber sie scheint nicht wild zu sein. Na, mal schauen, was ist.
 

 

Dieses Anwesen überraschte Yvette immer wieder. Verschiedene eingerichtete Räume, einen riesigen Garten und Ländereien. Dazu gigantische Bibliotheken, voll mit Büchern. Jedoch nur fünf Angestellte, die sich um alles kümmerten.

Aber im tiefen Keller ein vollkommen eingerichtetes Zimmer vorzufinden, war überraschend. Es strahlte eine Atmosphäre aus, die Yvette nicht einschätzen konnte. Es fügte sich vertraut und doch unbekannt ein.

Langsam schritt sie in das Zimmer. Sie konnte genau sagen, was in den Schubladen des eleganten Sekretärs war. Wo das Wachs für die Briefsiegel verstaut war. Wo der Schlüssel für die geheime Truhe lag, die unter einer Diele im Bett versteckt war. Sie schritt in das Zimmer. Die Katze war vergessen.

Die Hosen und das Hemd, sowie die Schuhe passten perfekt.

Zufrieden drehte sich Yvette im Kreis und überprüfte sich im mannshohen Spiegel. „Passt alles wie angegossen“, murmelte sie zufrieden. Aber ihre Haare? Sollte sie die nicht kürzen?

Unzufrieden setzte sie sich auf das frisch angezogene Bett.

« Mademoiselle …?» …? Was wünscht ihr?“, fragte eine bekannte Stimme. Yvette musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer da sprach.

„Meine Haare müssten geschnitten werden. Zu lang dürfen sie nicht sein.“

„Wie ihr wünscht. Jedoch, eine Bemerkung: Sie schmeicheln eurem Gesicht.“

Die Worte liessen Yvette erröten. Sie erhob sich und betrachtete sich im Spiegel. Drehte sich im Kreis, betrachtete sich lange.

„Darf ich Ihnen einen Rat geben, Mademoiselle », meldete sich das Dienstmädchen und schritt näher. Yvette nickte und schenkte Minette ein Lächeln. Minette klatschte vergnügt in ihre Hände und legte eine Hand auf ihre Schulter.

„Für die Verabredung werden sie fantastisch aussehen!“

Yvette errötete wieder. Jedoch, erkannte ihre Liebste sie nach all der Zeit wieder? „Minette, ich will zuerst einen Brief schreiben. Und danach wirst du mir helfen, mich frisch zu machen?»
 

[***]

 

Die Abendsonne tauchte die Landschaft in ein goldenes Licht. Es war eine bezaubernde Atmosphäre.

Yvette stand in den schönsten Kleidungen vor einer alten Linde. Der Treffpunkt von vielen Liebespaaren, heimlichen Geliebten und Menschen, die sich für immer verabschieden mussten.

Nervös biss sie sich auf die Lippen. Was, wenn sie nicht käme? Was, wenn es zu spät war?

Yvettes Verstand rebellierte zwar und versuchte, nicht panisch zu werden. Zwei verschiedene Seelen in einem Körper. Die Erinnerung an eine grosse Liebe in einem fremden Herzen.

Träume, die wirr und merkwürdig waren. Aussetzer im Alltag.

Etwas in Yvette wollte das nicht akzeptieren. Da litt sie so lange und nun auch noch das? Warum sie? Durfte sie nicht in Frieden leben?

Jedoch wollte Yvette der jungen Frau, die sie stets in ihren Träumen sah, persönlich begegnen. Mit ihr reden.

 

Da! Ein Schatten.

Yvette drehte sich um. Spitzte die Ohren. Versteckte sich jemand?

"Ich bin es. Yvette. Ich bin nicht böse", rief sie und spitzte wieder die Ohren.

Es hörte sich an, als würden Blätter rascheln. Jedoch blies kein Wind. Die Äste der Blätter bewegten sich nicht.

"Ich bin es", rief sie wieder. Der Geruch von Lavendel zauberte ihr ein Lächeln aufs Gesicht. Sie kam.

"Ich bin es. Yvette. Aber du kennst mich unter Yannick", sprach sie weiter und drehte sich im Kreis. Wo war sie? Brauchte sie noch Zeit?

"Mein Körper ist ein anderer. Ich bin eine Frau", erklärte Yvette so sanft wie möglich. Sie wusste nicht, wie die andere sich fühlte. Wusste sie es oder nicht? Es war ein Schock, als sie Yvette erblickte.

"Ich habe dir einen Brief geschrieben. Wenn du willst, lege ich ihn hin und gehe."

Yvette konnte spüren, wie sich die Erde sanft bewegte. Der Duft von Lavendel umhüllte sie auf einmal. Bevor sie sich umdrehen konnte, wurden ihr die Augen zugehalten.

"Bitte lass die Augen zu", flüsterte die Stimme. Yvettes Herz machte einen Sprung.

Ihre Stimme. Endlich hörte sie diese wieder.

Tränen benetzten die zarten Hände der jungen Frau. Diese schluchzte leise.

"Gleich welche Form du annimmst, ich werde dich stets erkennen."

Rücken an Rücken sassen sie im Schatten der Linde. Yvette konnte durch die geschlossenen Augenlider das Licht des Himmels erkennen. Die zarte Hand der wunderschönen Frau in ihrer, mit der anderen hielt sie den Brief. Sie hatte ihn mehrmals gelesen und jedes Mal musste sie weinen.

Yvette wollte nicht gehen und sie alleine lassen, jedoch auch sie nicht bedrängen. Sie war einfach nur da und machte das, was sie fühlte.
 

"Bitte erzähl was über dein Leben."

"Kann ich. Aber es ist nicht so toll. Eher langweilig."

Yvette spürte, wie ihre Hand gedrückt wurde. Die Frau hinter ihr drehte sich um. Ihre langen Haare berührten sie. Ihr Duft hüllte sie ein.

Den Impuls, sich umzudrehen, musste Yvette unterdrücken. Was ihr schwerfiel.

Ich kenne ja nicht einmal ihren Namen. Diese Erinnerung kam noch nicht zurück, schoss es ihr durch den Kopf.

Ich kann sie nicht mit einem Kosenamen ansprechen. Liebt sie mich wirklich? Nur mein altes Ich?

Unbemerkt zuckte Yvette zusammen, was nicht unbemerkt blieb. "Ist alles in Ordnung?", wurde sie gefragt. "Ich in nur verwirrt. Ich bin ja nur ich", murmelte Yvette. Ihre Augen brannten, aber sie öffnete sie nicht. Versprochen war versprochen.

"Du bist nicht mehr mein Yannick. Du bist eine andere Person, die ich kennenlernen möchte", sprach die junge Frau und wischte sanft die Tränen aus Yvettes Gesicht. Ihre langen Haare kitzelten und Yvette musste niesen.
 

"Entschuldige! Ich …"

"Bitte öffne die Augen. Und bist du müde? Sollen wir uns morgen wieder treffen?"

Yvette wollte bleiben und ihr war es bewusst, dass die junge Frau ein magisches Wesen war. Und doch sorgte sie sich um sie.

"Ich würde gerne bleiben. Es ist noch nicht so spät", murmelte Yvette und öffnete langsam die Augen. Das freundliche Lächeln der jungen Frau begrüsste sie. Yvette lächelte scheu zurück.

"Ich kenne deinen Namen noch nicht", sagte Yvette und versuchte, sich aufzurichten. "Ich habe keinen", antwortete die junge Frau leise. Die Angst, dass Yvette sich fürchtete und gehen würde, war ihr anzusehen. Sie griff nach einer Haarsträhne. Spielte damit. Yvette putzte sich die Nase und wischte sich die Tränen aus den Augen.

"Wie willst du genannt werden? Hast du einen Namen, der dir gefällt?"

Diese Frage liess die Angesprochene glücklich kichern.

Epilog

Ich liebe Happy Ends!“

Der le comte stand auf der Spitze einer gewaltigen Tanne und lachte aus vollem Herzen. Um ihn herum flog ein kleines Wesen. Es stimmte in das Lachen ein. Schrill und boshaft.

Der Graf streckte seine Hand aus und das Wesen setzte darauf. Es kicherte und wippte aufgeregt mit dem Kopf.

„Na, das ist schön. Habt weiterhin Spass“, sprach der Mann und sein Lachen wurde diabolisch. Sein kleiner Freund verschwand in einer schwarzen Wolke.

Die Augen geschlossen, lauschte der Graf. Er konzentrierte sich auf die Gedanken des Opfers. Das kleine Wesen, eine Art Dämon und Quälgeist, hatte sich auf die Schulter von der hübschen jungen Frau gesetzt.

„Meine süsse Alice, so ist es eben im Leben. Manchmal hat man Glück und manchmal …“

Wieder erklang das diabolische Lachen aus der Kehle des Tricksers. Ein Wesen, dem man nicht vertrauen konnte. Man konnte nie wissen, ob seine Freundlichkeit ernst war. Oder ob man Glück hatte und er einen als interessantes Spielzeug sah.

Ein Windhauch kündigte den Besuch der Madame an. Schnell wechselte der Trickser die Gestalt. Er war wieder der Graf, den auch Yvette kennengelernt hatte.

Er verbeugte sich und sprach mit süsser Stimme. Doch die Frau hob nur eine Hand und er schwieg auf der Stelle. Erwartete darauf, dass sie das Wort an ihn wandte.

 

„Das Kätzchen will was? Das ist nicht nett.“

Schmollend sprang der Mann von der Tanne. Die Frau wartete, bis er wieder auftauchte. Warnend hob sie einen Finger und betonte jedes einzelne Wort: „Sie und meine anderen Gehilfen sind nicht deine Spielzeuge.“

Ertappt wippte der Graf mit dem Kopf. Mit ihr wollte er es sich nicht verscherzen. Mit einem Schnipsen ihres Fingers könnte sie ihm schweren Schaden zufügen. Eine mächtige Hexe und Herrscherin über diesen Teil des Landes.

Vorsichtig versuchte er herauszufinden, was in der Madame vorging. Er fragte und studierte die Mimik der Frau. Sie gab sich kalt und unnachgiebig, bis sie einen Satz sagte. „Meine süsse Biene und mein Mündel werden ihren Weg finden.“

Alles in diesem Satz gab dem Trickser preis, was die Hexe fühlte. Wie sie Yvette sah und was sie wirklich wollte. Der Graf konnte sich sein schelmisches Grinsen nicht unterdrücken.

Es lag in seiner Natur, da nachzubohren.

„Fassen wir zusammen. Es gibt ein Happy End, das ein unglückliches Ziel vor sich hat.“

Die Hexe schwieg. Ihre Haare umhüllten sie, waren auch ihre Kleidung. Ihre Augen strahlten in einem dunklen Violett. Der Trickser tippte ihr auf die Schulter und flüsterte: „Bereust du es?“

Es dauerte eine Weile, bis sie ihm in die Augen sah. Da er auch in seiner wahren Form war, leuchteten seine Augen in einem Hellgrün.

„Ich habe bloss mein Versprechen gehalten“, antwortete die Hexe. Man merkte, dass sie nicht darüber sprechen möchte und für sie das Thema erledigt war.

„Dein Mündel? Was genau ist sie?“, fragte der Graf auf einmal. Die Hexe schloss die Augen und atmete tief aus. Sie warf ihm einen warnenden Blick zu, den er ignorierte.

„Ein Wesen wie wir? Und Yvette ist ja noch ein Mensch“, plapperte der Mann fröhlich weiter. Er schnippt mit dem Finger und ein Foto von ihm und Yvette erschien in seiner Hand.

„Ist sie nicht goldig? Obwohl sie es nicht gerade leicht im Leben hatte.“

„Geh nicht zu weit. Unsere Zusammenarbeit ist beendet.“

Der Trickser grinste breit und schüttelte den Kopf. „Na na na, meine Teuerste“, sprach er und zog die Hexe sehr nahe an sich, „erinnere dich. Ich helfe dir, bis wir die Wiedergeburt gefunden haben und sie glücklich zusammenbleiben.“

Die Hexe seufzte. Sie hätte es wissen müssen, dass er das Bündnis mit genauer Wortwahl aufrechterhalten wird.
 

„Das ist nicht so leicht, mein Liebster“, versuchte sie erneut, die Oberhand zu gewinnen. Doch der Trickser hüpfte um sie und klatschte in die Hände. Sein Grinsen wurde immer breiter, seine Stimme hallte durch den ganzen Wald.

„Entweder wird la petite fleur sterblich oder la petite abeille unsterblich. Und EINE der Möglichkeiten würde dir sehr gefallen. Und der kleinen Minette auch.“

Wütend funkelte die Hexe ihrem Gegenüber an. Ertappt, richtete sie sich auf, ihre Magie umhüllte sie.

„Was erlaubst du dir? Wie sprichst du mit mir?“

Statt zu antworten, schnippte der Mann mit den Fingern. Die Umgebung kreiselte sich, veränderte sich.

Die Stimme von Yvette war auf einmal zu hören. Sie zitiert von Voltaire:

Behandle Dein Gegenüber immer so, wie Du von ihm erwartest, daß er Dich behandelt.

Zufrieden nickte die Madame und Minette klatschte in die Hände. Lobte die junge Frau. Der Gärtner und der Fahrer sahen sich an. Danach lächelten sie Yvette nett zu, Yvette flüsterte: „Madame, ich fühle mich bei Ihnen richtig wohl. Es fühlt sich an wie … Familie.“
 

Die Hexe schüttelte verärgert den Kopf. Sie wusste, was er damit vorhatte. Und sie durfte von ihm keine Schwäche zeigen.

„Ich leugne es nicht, dass Yvette mir ans Herz gewachsen ist. Doch das bedeutet nicht, dass …“

„Meine liebste und teuerste Madame, ihr seid eine mächtige Hexe, Gebieterin über dieses Teil des Landes. Befreundet mit mächtigen Feen und anderen Wesen. Dennoch …“, sprach der Mann flüsternd und nährte sich der Hexe sehr nahe, „ICH spüre da eine Lüge. Manipuliert weiterhin Sterbliche für eure Zwecke. Nennt es Güte, auch wenn ihr es bloss liebt, bewundert zu werden. Nennt es Fürsorge, aber es ist Abhängigkeit. Ihr braucht es. Und Eure Bediensteten reichen nicht mehr.“
 

 

Die Tiere des Waldes flüchteten vor dem plötzlichen Gewitter. Der Trickser verschwand mit einem lauten Plopp. Die Hexe liess ihren angestaubten Gefühlen freien Lauf.

Natürlich wusste sie, dass es für Yvette und Florence, so wie Yvette ihre Geliebte nun nannte, nicht leicht sein würde.

Das Yvette wieder zurück zum Café musste, damit sie wieder normal im Leben sein konnte. Doch da sie inzwischen die Erinnerung des verstorbenen Adligen in sich trug, würde sie nie wieder ein normales Leben führen können. Dazu die Sorge um Florence, die stets auf sie warten würde. Und dazu unsterblich wäre.

Der Trickser hatte mit etwas recht. Sie wollte die kleine Biene behalten. Sie unsterblich machen.

Er ist ein wahrer Dämon und seine Fähigkeiten darf man nicht unterschätzen.

Sie bemerkte nicht, wie der Trickser sie beobachtete. Er kicherte vor sich hin. Seine grünen Augen leuchteten. Das würde interessant werden.

Und, was noch viel wichtiger wäre: Die kleine Yvette konnte er ab jetzt besuchen, so oft er wollte.

Und vielleicht konnte er ihr eine Lösung für ihr Problem offerieren?
 

„Ich liebe es, wenn eine Geschichte glücklich endet“, flötete er und rief seinen kleinen Dämon zu sich. Leise flüsterte er zu ihm: „Besonders, wenn es für MICH glücklich endet.“



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