Zum Inhalt der Seite

Was von uns bleibt

Eine α | Ω Kurzgeschichte
von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Prolog

Mir war nie bewusst, wie rasch sich ein Leben wenden kann.

Wie ein einziger Moment alles verändert – von Wärme zu Kälte, von Hoffnung zu Leere. Man denkt, Liebe ist alles. Man glaubt, man hätte ein Zuhause gefunden, das man nie mehr verliert.
 

Mit Luca war es so.

Oder ich wollte, dass es so war.
 

Ich erinnere mich an seine Hand in meiner – warm, fest, vertraut und beschützend. An seine Stimme, tief und ruhig, die mir versprach, dass alles gut werden würde. Ich habe an diese Versprechen geglaubt, so fest, dass ich nicht bemerkte, wie sie längst Risse bekommen hatten.
 

Man sagt, die letzten Gedanken eines Menschen gehören den Dingen, die er am meisten geliebt hat. Ich weiß jetzt, dass das stimmt. Meine gehörten ihm – und dem kleinen Leben, das wir geschaffen haben.

Und vielleicht war das mein größter Fehler.

Der Knall

Es war einer dieser Tage, an denen die Welt sich anfühlte wie ein grauer Mantel, den man nicht loswird. Der Himmel hing tief, und der Regen fiel in gleichmäßigen, schweren Tropfen auf die nasse Straße. Ich war auf dem Heimweg von der Arbeit, mein Kopf voller Kleinigkeiten, die ich noch erledigen musste. Einkaufen. Wäsche waschen. Kochen und Haushalt allgemein zu Ende bringen den ich die Tage etwas vernachlässigt hatte. All diese kleinen, banalen Dinge, die einen in Bewegung halten, damit man nicht zu viel darüber nachdenkt, wie leer es zu Hause ist.
 

Die Ampel vor mir schaltete gerade auf Gelb. Ich hätte beschleunigen können, vielleicht sogar sollen. Doch trat ich auf die Bremse. Die Reifen rauschten über das nasse Pflaster, der Scheibenwischer quietschte über das Glas. Und dann - BAMM!
 

Mein Körper wurde nach vorne geschleudert, der Gurt schnitt mir in die Brust, ein dumpfer Schmerz breitete sich aus. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich realisierte, dass jemand in mein Heck gefahren war. Mein Herz raste, während ich tief durchatmete.
 

Ich stieg aus, die Luft war kalt und nass vom Regen, und dann sah ich ihn.
 

Er kam aus einem schwarzen SUV. Groß, breitschultrig, mit tropfnassen Haaren, die ihm ins Gesicht fielen. Ein Alpha, das spürte ich sofort. Nicht nur an seiner Präsenz, sondern an dieser Ausstrahlung von Autorität, die von ihm ausging. Seine Augen waren dunkel und sie musterten mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Entschuldigung.
 

„Oh Gott, es tut mir so leid!“, rief er und kam schnellen Schrittes auf mich zu. Seine Stimme war tief, fest, aber zugleich sanft. Er wirkte aufrichtig erschrocken. Ich schüttelte den Kopf. „Mir geht’s glaube ich… gut. Sie?“

Er lächelte leicht, fast schon erleichtert. „Ja. Nur mein Stolz ist angeknackst. Ist das erste mal dass ich jemanden aufgefahren bin“. Dann musterte er mich, als wolle er sicherstellen, dass ich nicht gelogen hatte. „Ich heiße Luca.“
 

Luca. Der Name fühlte sich sofort an, als gehörte er zu einer Stimme, die man sich merken musste. Wir gingen zusammen um die Autos herum, sahen uns den Schaden an. Nichts Dramatisches. Ein paar Dellen, ein paar Kratzer. Er bot sofort an die Reparatur zu übernehmen. Ich wollte schon ablehnen, doch er ließ nicht locker.

„Zumindest einen Kaffee darf ich Ihnen schuldig bleiben“, sagte er schließlich und lächelte. Es war dieses Lächeln das einem die Knie ein bisschen weich machte. „Oliver. Ich heiße Oliver“, antwortete ich nur und reichte ihm meine Hand. Sie verschwand fast in seiner. Sie war groß, warm, fest, und fühlte sich irgendwie sicher an.
 

Wir tauschten Nummern, um die Versicherungsdaten zu klären. Doch als ich später zu Hause meine nassen Schuhe auszog, bemerkte ich, dass er zusätzlich zu den offiziellen Angaben eine kleine Notiz auf den Zettel geschrieben hatte:

Vielleicht kein Kaffee, sondern ein Abendessen? – L.
 

Ich starrte viel länger darauf, als nötig gewesen wäre. Und zum ersten Mal seit langer Zeit spürte ich dass etwas in meinem Leben vielleicht nicht mehr ganz so leer sein musste.

Wir

Ich hatte geglaubt das Abendessen würde eine einmalige Sache werden. Zwei Menschen, die sich zufällig durch einen Auffahrunfall begegnet waren und für ein paar Stunden so taten, als wäre das nie passiert. Doch Luca schien von Anfang an nicht der Typ Mann zu sein der etwas Halbherziges tut.
 

Er holte mich ab, öffnete mir sogar die Autotür. Wir redeten beim Essen, bis das Restaurant langsam leer wurde. Es war, als würde ich ihm Geschichten erzählen, die ich schon tausendmal in meinem Kopf durchgespielt hatte, nur dass sie jetzt plötzlich jemand wirklich hören wollte. Er lachte an den richtigen Stellen, stellte Fragen, die zeigten dass er nicht nur zuhörte, sondern ZUHÖRTE.
 

Was mich jedoch am meisten aus der Fassung brachte, war die Art, wie er mich ansah. Nicht neugierig, nicht bewertend nicht herablassend oder prüfend. Sondern, als hätte er schon längst beschlossen, dass ich es wert war, gesehen zu werden.
 

Von diesem Abend an wurden die Treffen häufiger, und irgendwann waren wir nicht mehr einfach nur Oliver und Luca – wir waren ein „Wir“. Die Tage wurden zu Wochen, und irgendwann konnte ich mich nicht mehr erinnern, wie sich mein Leben ohne seine Nachrichten, ohne seine Hand in meiner anfühlte.
 

Es war ein stilles, stetiges Wachsen zwischen uns. Wir kochten zusammen, stritten über Kleinigkeiten wie die richtige Menge Salz in der Suppe, saßen schweigend auf der Couch und wussten trotzdem, dass wir miteinander verbunden waren. Und ja – es war mehr als nur Verbundenheit. Es war diese unausgesprochene Sicherheit, die ich als Omega selten wirklich gespürt hatte: Er wollte mich. So, wie ich war.
 

Als ich von der Schwangerschaft erfuhr, war ich allein zu Hause. Der zweite Strich auf dem Test war so zart, dass ich fast glaubte, ihn mir einzubilden. Doch da war er – ein schmaler Beweis dafür, dass in mir gerade etwas Neues begann. Etwas von uns beiden.

Ich hatte Angst. Und gleichzeitig fühlte ich mich, als hätte jemand ein Licht in meinem Inneren angezündet. Als Luca nach Hause kam, stand ich mit dem Test in der Hand im Flur. Ich wollte etwas sagen, doch mein Hals war trocken.
 

Er nahm mir den Test ab, starrte ihn an – und dann brach dieses Lächeln aus ihm heraus. Warm, offen, so ehrlich, dass mir die Knie weich wurden. „Wir bekommen ein Baby?“ Seine Stimme war fast ein Flüstern, als hätte er Angst, den Moment zu zerbrechen. Wir hielten uns lange im Arm, während er immer wieder murmelte: „Das schaffen wir. Wir drei.“
 

Von da an war alles von diesem kleinen Wesen geprägt, das wir noch nicht kannten. Luca strich mir morgens über den Bauch, noch bevor er mir „Guten Morgen“ sagte. Er fuhr mich zu jedem Arzttermin, machte sich Notizen zu allem, was die Ärztin erwähnte. Wir sprachen über Namen, über Farben fürs Kinderzimmer, über Zukunftspläne, die sich plötzlich nicht mehr nach leerem Wunschdenken anfühlten.
 

Manchmal, wenn ich nachts wach lag, legte ich meine Hand auf meinen Bauch und stellte mir vor, wie Luca unser Kind im Arm hält. Ich glaubte, dass ich zum ersten Mal im Leben wirklich angekommen war.
 

Ich konnte nicht wissen, dass diese Vorstellung nicht die ganze Wahrheit war.

Der Schatten

Oliver schlief tief, seine Hand auf dem gewölbten Bauch. Dieses Bild hätte mich heute morgen wärmen sollen. Es hätte alles sein sollen, was ich brauche und mich gleich nach der Arbeit zurück zu ihm treib. Doch ich stand im Türrahmen, unfähig den Anblick zu genießen, weil ich wusste dass jemand anderes auf mich wartete - Samuel.
 

Anstatt in die Arbeit, zog es mich zu ihm. Sein Apartment war modern, aber ohne eine Spur von Wärme. Er lehnte am Fenster und als ich eintrat, warf er mir nur einen kurzen Blick zu. „Du stinkst nach ihm“ sagte er, bevor ich den Mund aufmachen konnte. Keine Begrüßung. Nur Gift. „Samuel, bitte…“
 

„Bitte was?“ schnalzte er mit der Zunge und kam langsam auf mich zu. „Bitte hab Verständnis? Bitte ertrag, dass ich die zweite Geige spiele, während du dein nettes kleines Familienleben führst?“. Er blieb dicht vor mir stehen. „Ich habe dir gesagt, Luca – ich will dich. Alleine, ich will dich nicht teilen müssen, schon gar nicht mit ihm. Und schon gar nicht mit diesem verdammten Kind.“
 

Ich schluckte schwer. „Es ist nicht so einfach.“. Er lachte kalt. „Nicht so einfach?“. Seine Hand fuhr grob über meinen Kiefer, packte mich so, dass ich ihn ansehen musste. „Es ist ganz einfach: Du bist meiner, oder du bist es nicht. Wenn du ihn behältst, bist du für mich tot. Verstanden?“
 

„Samuel… er verlässt sich auf mich. Er… liebt mich“ - „Liebe“ kam es aus seinem Mund wie Gespött. „Er klammert sich an dich, weil er schwach ist. Und du lässt dich fesseln wie ein Hund an der Leine. Willst du wirklich dein Leben lang den netten, zahmen Familienvater spielen? Willst du mitten in der Nacht vollgeschissene Windeln wechseln, während ich mit jemandem schlafe, der keine Angst hat, frei zu sein?“
 

Seine Worte brannten. Und sie gruben sich tiefer ein, als ich zugeben wollte. „Ich kann ihn nicht einfach verlassen“, flüsterte ich. Samuel beugte sich vor, sein Mund an meinem Ohr. Seine Stimme war ein Befehl, ein Flüstern, das keinen Widerspruch zuließ.

„Dann sorg dafür, dass er verschwindet. Dir wird schon was einfallen. Je schneller du dich von ihm und diesem Kind löst, desto schneller bekommst du dafür mich. Ich will keinen Schatten von ihm in deinem Leben sein. Nur du und ich. Oder gar nichts.“. Er ließ mich los, trat zurück, und seine Augen waren hart wie Glas. „Triff deine Wahl, Luca. Bald. Sonst ist es vorbei.“. Genau dass war es was mich zu ihm zog. Er war auch ein Omega. Aber dominant wie ein Alpha. Samuel wusste was er wollte und was nicht.

Die Risse

Es war einer dieser Abende, an denen alles perfekt hätte sein sollen. Der Regen prasselte sanft gegen die Fenster, das Licht der Lampe tauchte das Wohnzimmer in warmes Gold, und ich hatte uns Pasta gekocht. Lucas Lieblingsgericht.

Als er hereinkam, lächelte er. Zumindest sah es so aus. Doch irgendetwas fehlte. Sein Blick traf meinen, doch er blieb nicht aufrecht. Er glitt an mir vorbei, als wäre ich ein Schatten.
 

„Lange gearbeitet?“, fragte ich vorsichtig, während ich den Tisch deckte. Denn er kam wieder später nach Hause als üblicherweise.

„Ja“, antwortete er knapp und setzte sich. Er griff nach dem Glas Wasser, trank, als wollte er Zeit gewinnen.

Ich lächelte trotzdem, erzählte ihm vom Termin beim Arzt, von den ersten Bewegungen des Babys, die ich heute deutlich gespürt hatte. „Es tritt stärker, jedes Mal, wenn ich deine Stimme höre“ sagte ich und legte seine Hand auf meinen Bauch.

Für einen Augenblick – nur einen – schienen seine Gesichtszüge weicher zu werden. Seine Finger ruhten auf meiner Haut, und ich spürte fast wieder diesen alten Luca, den Mann, der mich festhielt, wenn ich nachts voller Angst aufwachte. Doch dann zog er die Hand zurück. Zu schnell.
 

„Vielleicht bildet du dir das ein“, murmelte er und stocherte in seinem Essen. Seine Worte stachen, obwohl sie harmlos klangen. Ich nickte, zwang mich zu einem Lächeln. „Vielleicht.“ Aber in mir kratzte etwas. Vielleicht war er auch einfach überarbeitet?
 

Später, als wir im Bett lagen, drehte ich mich zu ihm. „Luca?“ - „Hm?“ - „Liebst du mich?“ Die Frage kam leiser heraus, als ich wollte. Er verharrte zu lang. Dann strich er mir über die Schulter, küsste meine Stirn. „Natürlich.“ Doch seine Stimme klang matt.

Und in diesem Moment spürte ich, dass irgendetwas zwischen uns stand. Etwas Unsichtbares das ich nicht greifen konnte.

Ich legte meine Hand auf meinen Bauch, spürte die leichten Bewegungen unseres Kindes, und flüsterte im Dunkeln: „Es wird alles gut.“. Vielleicht sagte ich es zu mir selbst. Vielleicht zu Luca. Vielleicht zu dem kleinen Leben, das uns beide verband.
 

Doch tief in meinem Inneren ahnte ich: Etwas begann zu zerbrechen.

Die Fassade

Als ich die Wohnung betrat, roch ich sofort Tomaten, Basilikum, Knoblauch. Oliver hatte gekocht. Pasta – mein Lieblingsgericht. Er tat das oft, seit wir wussten, dass er schwanger war. Er wollte, dass ich nach Hause kam und das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Und doch war es genau das, was mir Angst machte. „Zuhause.“ Dieses Wort schmeckte nach Fesseln. Pflicht.

Ich lächelte, so gut ich konnte, und setzte mich. Samuel war noch in meinem Kopf, seine Worte wie ein Echo: „Trenn dich. Bald. Sonst ist es vorbei.“ Ich starrte auf das Glas Wasser in meiner Hand, trank um nicht sprechen zu müssen.
 

Oliver redete über den Tag beim Arzt, über das Baby, das sich bewegt hatte. Seine Augen leuchteten dabei, wenn er davon sprach. Er nahm meine Hand, legte sie auf seinen Bauch und für einen kurzen Moment spürte ich es – diese Bewegung, dieses kleine Leben, das uns verband. Ein winziger Stoß, der sich anfühlte wie Hoffnung und gleichzeitig wie ein Schlag.
 

Ich zog die Hand zurück. Zu schnell. Zu hart. Und sofort sah ich, wie Olivers Lächeln schwächer wurde. "Vielleicht bildest du dir das ein“ murmelte ich, ohne ihn dabei anzusehen. Ich hörte, wie meine Worte hohl klangen. Samuel hätte gelacht. „Siehst du? Er klammert sich an dich. Er braucht dich. Aber du brauchst ihn nicht.“
 

Später im Bett fragte er: „Liebst du mich?“. Es schnürte mir die Kehle zu. Ja, ich liebte ihn – irgendwie. Aber nicht genug, nicht so, wie er mich und nicht so, wie er es verdiente. Ich wollte sagen: Ich weiß nicht. Oder: Es gibt da jemanden anderen. Doch ich hörte Samuels Stimme: „Wenn du schwach bist, verliere ich dich.“

Also log ich. „Natürlich“. Ich küsste seine Stirn, spürte, wie er sich beruhigte. Und genau das machte es schlimmer. Er vertraute mir blind, während ich innerlich längst auf einem Abgrund balancierte.
 

Er drehte sich irgendwann weg, die Hand auf seinem Bauch, als würde er das Kind beschützen – oder mich von ihm fernhalten. Und ich lag daneben, starrte an die Decke und hörte Samuels Worte immer wieder: „Triff deine Wahl, Luca. Bald.“

Fieber

Manchmal frage ich mich, warum es ausgerechnet er ist. Warum Samuel mich so festhält, obwohl er mir nichts von dem gibt, was Oliver mir schenkt. Keine Sicherheit. Keine Wärme. Kein Zuhause. Und doch ist es Samuel, der mich nicht loslässt.
 

Wenn ich bei Oliver bin, fühle ich Ruhe. Er ist wie ein sanftes Feuer im Kamin, das gleichmäßig brennt, beständig, verlässlich. Aber bei Samuel – da brenne ich selbst. Da lodert alles, da verliere ich den Boden unter den Füßen. Es ist, als würde er mich zwingen, lebendig zu sein, auch wenn es wehtut.
 

Samuel ist nicht nett. Er wünscht nicht, er fordert mich. Er sieht meine Schwächen und macht sie zu seiner Waffe. Und genau darin liegt die Sucht. Er kennt die Teile in mir, die ich selbst hasse – meine Rastlosigkeit, meine Angst vor Verantwortung, meinen Drang, frei zu sein – und statt sie zu beruhigen, entfacht er sie.
 

Mit ihm ist es ein Rausch. Jede Berührung ein Sturm, jedes Wort ein Schlag. Ich weiß, dass es gefährlich ist. Ich weiß, dass er mich zerstören kann. Und vielleicht… ist es genau das, was mich zu ihm treibt.
 

Oliver glaubt an mich. Samuel zwingt mich, ich selbst zu sein. Und auch wenn „ich selbst“ ein Mann voller Fehler ist, voller Angst – bei ihm bin ich wenigstens ehrlich.
 

Ich liebe ihn, weil er keine Zukunft will.

Weil er nur das Jetzt kennt.

Weil er mich so sieht, wie ich wirklich bin – ungefiltert, ungezähmt, hässlich in meiner Schwäche.
 

Und weil ich tief in mir weiß, dass Oliver jemand anderen verdient hat. Jemand, der bleiben kann.
 

Aber Samuel? Er verlangt nicht, dass ich bleibe. Er verlangt nur, dass ich ihm gehöre. Und das tue ich.

Das letzte was bleibt

Der OP-Raum war seltsam still. Nur das leise Piepen der Geräte und das rhythmische Rauschen meines eigenen Atems, begleitet vom gleichmäßigen Druck von Lucas Hand. Ich war benommen von der Narkose, aber nicht so sehr, dass ich seine Nähe nicht spürte – oder die Veränderung in ihr.
 

Sein Griff war nicht mehr der beruhigende Anker, den ich kannte. Er war fester, zielgerichteter. Ich spürte, wie seine Finger mich nicht nur hielten, sondern… hielten, als wollten sie verhindern, dass ich mich bewege.

„Luca?“ sagte ich leise.
 

Er beugte sich zu mir, und in seinen Augen war keine Wärme mehr. Nur ein dunkler Ernst, der mich frösteln ließ, obwohl der Raum warm war. „Es tut mir leid, Oliver“, flüsterte er, und doch war da keine wirkliche Reue in seiner Stimme. Im ersten Moment dachte ich, es sei etwas mit unserem Kind. Diese kurze stille zwischen uns fühlte sich an, als würde sich jemand auf meinen Brustkorb knien. „Ich wollte nie… uns. Ich liebe jemand anderen. Ich konnte dir das nicht sagen, bevor…“
 

Seine Worte schnitten tiefer als alles, was mein Körper gerade ertragen konnte. Ich wollte protestieren, fragen, warum er dann bei mir geblieben war, warum er mich hatte glauben lassen, wir würden eine Familie sein. Warum er mich hat das Kind bekommen lassen. Doch der Druck in seiner Hand wurde stärker, nicht grob, aber unausweichlich – wie ein letztes Siegel das mir aufgedrückt wurde.

Dann kälte.
 

Meine Gedanken wurden schwer. Die Stimmen der Ärzte am Flur klangen fern, als stünde ich in einem isolierten Raum. Ich spürte, wie die Luft dünner wurde, nicht durch einen Mangel an Sauerstoff, sondern durch den Mangel an Hoffnung.

„Aber… ich liebe dich“, flüsterte ich, nicht als Vorwurf, sondern als Geständnis, das er vielleicht mitnehmen würde, wenn er ging.

Er schloss die Augen. Keine Antwort. Nur dieses bleierne Schweigen zwischen uns.
 

Luca erhob sich, und griff in seine Hosentasche. Er injizierte etwas in den Infusionsbeutel der mich mit Nährstoffen versorgte und mich wieder fit nach der Entbindung machen sollte. Ich wusste was er vor hatte. Und doch konnte ich mich nicht wehren.

Alles in mir verlangte danach, ihn noch einmal zu berühren, ihn davon zu überzeugen, dass wir hätten glücklich sein können. Eine Familie hätten sein können. Aber die Infusion zog mich tiefer, und die Welt verlor ihre Konturen.
 

Mein letzter Gedanke war nicht Schmerz – es war das Bild von ihm, wie er unser Kind im Arm hält. Vielleicht würde er dann verstehen. Vielleicht zu spät. Aber verstehen.

Oliver

Ich habe mir eingeredet, dass es keine andere Wahl gab. Dass ich Oliver belogen habe, weil ich ihn schützen wollte. Dass ich ihn nie wirklich verlieren wollte, aber auch nie wirklich haben konnte. Doch die Wahrheit ist viel einfacher: Ich war feige.
 

Oliver war ein guter Mensch. Er war Wärme die ich nicht verdient habe. Er hat mich geliebt, ohne Bedingungen, ohne Fragen, ohne Ansprüche zu stellen. Und ich habe ihn gewählt, weil es so leicht war, in seinen Augen jemand zu sein, der ich gar nicht war.
 

Das Kind war der Wendepunkt. Für ihn war es die Krönung unserer Liebe. Für mich war es das Ende jeder Möglichkeit je wieder frei zu sein. Samuel machte mir klar, dass er kein Leben mit Verantwortung wollte - kein Kind. Keine Bindung, die größer war als wir zwei. Er stellte mir die Wahl: Er oder die Familie.
 

Und ich wählte ihn.
 

Ich sehe Oliver noch vor mir, wie er in diesem Krankenhausbett lag. Zerbrechlich und doch voller Vertrauen. Er sah mich an, als wäre ich der Einzige, an den er sich halten konnte. Und gerade in diesem Blick wusste ich, dass ich ihn zerstören würde. Dass ich ihn in diesem Vertrauen verraten musste, weil ich zu schwach war, um die Wahrheit zu leben.
 

Warum ich es tat? Weil ich Angst hatte. Angst davor, dass das Kind mich für immer an ihn binden würde. Angst davor, dass ich nie wieder loskommen würde. Angst davor, dass ich den verliere, den ich glaubte zu lieben.

Es war nicht Hass. Es war nicht Wut. Es war Flucht. Feige, grausame Flucht.
 

Und das Baby?

Es lebt. Es atmet. Es schläft in einem weißen Bettchen, eingewickelt in eine Decke, die Oliver ausgesucht hatte.

Ich habe es gesehen und konnte es nicht töten. Es war ein Kind. Unschuldig. Es trägt seine Augen, dieses klare blau, das mich verfolgt, wann immer ich hinsehe.
 

Ich hätte fortlaufen, es zurücklassen sollen. Als Erinnerung an etwas, das nie hätte sein sollen. Aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht, weil dieses Kind mich ansieht, als wäre Oliver noch da. Als wäre er immer noch bei mir, in jedem Atemzug, in jeder winzigen Handbewegung.
 

Samuel, für den ich Oliver getötet habe – hat sich abgewandt. „Das Kind muss weg, oder sonst bin ich weg“, hat er gesagt, und ging. Er wollte Freiheit, und ich habe sie ihm nicht geben können - wie Oliver. Stattdessen stehe ich jetzt allein da, mit einem Kind, das die Hälfte von Oliver in sich trägt.
 

Ich habe Oliver getötet, um frei zu sein.

Und am Ende bin ich mehr gebunden denn je.

Zwischen uns

Es gibt Momente, in denen ein Leben nicht nur zwei Menschen gehört, sondern plötzlich drei.

Als Oliver mir sagte, dass er schwanger war, sah ich in seinen Augen ein Leuchten, das heller war als alles, was ich je gesehen hatte.

Für ihn war es ein Wunder. Für mich… war es ein Käfig.
 

Ich lächelte, ich versprach, ich spielte den Mann, den er brauchte. Und vielleicht habe ich mich für einen Augenblick selbst belogen. So getan, als könnte dieses Kind uns retten, als könnte es das fehlende Stück sein, das aus uns eine Familie macht.

Aber tief in mir wusste ich, dass ich nie bereit war. Nicht für diese Art Zukunft. Nicht für ihn.
 

Das Kind war nicht nur Hoffnung. Es war Fessel. Verantwortung.

Ein Weg, den ich nie gehen wollte. Und während Oliver jede Nacht mit der Hand über seinem Bauch einschlief, zählte ich die Nächte, in denen ich mich fragte, wie ich dem ganzen entfliehen konnte.
 

Ich liebte jemand anderen. Jemanden, der kein Kind wollte.

Jemanden, der mich nur für sich allein verlangte. Und ich war zu schwach, um „nein“ zu sagen.

Zu schwach, um ehrlich zu sein - wieder.
 

Oliver vertraute mir blind. Er legte nicht nur sein Herz, sondern auch sein Leben in meine Hände.

Und genau dort, in meinen Händen, habe ich alles verloren.

Jahre später

Die Zeit heilt nicht. Sie legt sich nur in dünnen Schichten über die Wunden, bis man glaubt sie seien Narben. Doch manchmal reicht ein einziger Blick, und alles reißt wieder auf.
 

Das Kind – unser Kind – steht jetzt vor mir. Kein Baby mehr, kein hilfloses Wesen. Ein junger Mensch, fast erwachsen. Mit aufrechtem Gang, wachem Blick und diesem klaren Blau in den Augen, das mir seit Jahren den Schlaf raubt. „Papa?“, fragt er manchmal, und jedes Mal sticht das Wort wie ein Messer. Weil ich weiß, dass es nicht mir gehört. Es gehörte Oliver. Es gehörte uns. Aber Oliver ist nicht mehr hier, um es zu hören. Ich bin es. Und das ist mein Fluch.
 

Ich habe alles verloren, was ich geglaubt habe, gewinnen zu können. Der Mann, für den ich Oliver getötet habe, hat mich längst verlassen.
 

Wenn mein Sohn lacht, höre ich Olivers Stimme. Wenn er schweigt, erkenne ich seine Stille. In seiner Wut liegt mein eigenes Blut, in seiner Sanftheit Olivers Herz. Er ist der lebende Beweis dafür, dass Liebe existiert hat. Und zugleich der ständige Schatten meiner Schuld.

Manchmal frage ich mich, ob er es spürt. Ob er ahnt, dass ich der Grund bin, warum er ohne eine Mutter aufgewachsen ist. Dass ich ihm nicht nur Geschichten, sondern die Wahrheit schulde. Aber wie soll man einem Kind erklären, dass man das größte Geschenk seines Lebens zerstört hat, um es überhaupt zu bekommen?
 

Ich sehe ihn an, und ich weiß: Eines Tages wird er die Wahrheit erfahren. Vielleicht durch mich. Vielleicht durch jemand anderen. Und wenn dieser Tag kommt, wird er mich ansehen, mit diesen blauen Augen, Olivers Augen – und ich werde endgültig zerbrechen.
 

Denn das Einzige, was mir bleibt, ist er.

Und genau in ihm lebt das, was ich am meisten zerstört habe.
 

Meine Liebe



Fanfic-Anzeigeoptionen
Blättern mit der linken / rechten Pfeiltaste möglich
Kommentare zu dieser Fanfic (7)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  dasy
2026-05-19T19:55:20+00:00 19.05.2026 21:55
Vielen lieben Dank, dass Du diese Geschichte mit uns teilst!
Du schreibst wunderbar. Ich kann mich richtig gut in die Geschichte fallen lassen.
Und das Ende ist so scheiße nah an der Realität: "Triff Deine Entscheidungen und dann Leb damit!"
Eine der besten Geschichten, die ich je gelesen habe, eben auch weil sie nicht ewig lang ist.
Vielen Dank, dass ich sie lesen darf!
Dasy
Von: Hinata_Shouyou
2025-12-05T18:04:26+00:00 05.12.2025 19:04
Eine sehr schöne und gelungene Kurzgeschichte
gibt es ne Fortsetzung?
würde mich echt freuen ^^
Antwort von:  _Charlene_
07.12.2025 23:26
Vielen lieben Dank!

Hmm, ich denke vermutlich nicht. Aber ich werde vielleicht noch andere Kurzgeschichten schreiben :)
Von: Hinata_Shouyou
2025-12-04T12:35:22+00:00 04.12.2025 13:35
oh man das ist traurig=(
Antwort von:  _Charlene_
04.12.2025 20:30
Ja 😢🥺
Von: Hinata_Shouyou
2025-11-01T18:50:38+00:00 01.11.2025 19:50
Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas besseres.
Von: Hinata_Shouyou
2025-10-23T18:05:49+00:00 23.10.2025 20:05
Ein Mund kann lachen, auch wenn das Herz weint.

Antwort von:  _Charlene_
25.10.2025 10:38
Dass ist vollkommen richtig! Q.Q
Von: Hinata_Shouyou
2025-10-08T15:50:58+00:00 08.10.2025 17:50
buuh
echt fies von Samuel
freu mich wies weiter geht
Antwort von:  _Charlene_
10.10.2025 07:17
Ja, Samuel ist echt ein Arsch - und kein klassischer Omega >.<
Von: Hinata_Shouyou
2025-09-17T18:24:08+00:00 17.09.2025 20:24
oh ha jetzt bin ich neugierig wie es mit den beiden weiter geht~


Zurück