Zum Inhalt der Seite

Tofu und das tödliche Haar

Das Märchen, das nie erzählt werden sollte
von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Psiaris – ein Land, durchdrungen von Magie.

Hier hatten die größten Zauberer ihren Ursprung: Meister wie Merlin, uralte Hexen und geheimnisvolle Wesen, die selbst die ältesten Chroniken nur flüsternd erwähnten. Inmitten dieses Reiches erhob sich die berühmte Akademie von Arkenfall, eine Schule, in der nicht nur Menschen, sondern auch Elfen, Drachenblütige, Feenwesen und selbst Geisterwesen die Künste der Zauberei studierten. Psiaris war ein Ort der Wunder, doch auch des Schattens – denn wo Licht ist, da lauert stets die Dunkelheit.
 

Die Stadt selbst war ein Mosaik aus alten Steingassen und schimmernden Türmen, die von magischem Licht erfüllt waren. Auf den Märkten roch es nach Kräutern, Zaubertränken und den seltsam funkelnden Früchten, die nur in Psiaris wuchsen. Schwebende Kutschen glitten lautlos über die gepflasterten Straßen, während kleine Lichtwesen zwischen den Häusern flitzten, als wären sie Glühwürmchen aus einer anderen Welt. Von den Dächern wuchsen magische Pflanzen, deren Blüten nachts ein sanftes Leuchten verströmten und den Himmel über der Stadt in ein schimmerndes Farbenspiel tauchten.
 

Die Akademie von Arkenfall thronte auf einem Hügel, umgeben von alten Mauern aus schimmerndem Kristallstein. Ihre Türme ragten wie spitze Finger in den Himmel, auf deren Spitzen Windspiele aus Magie und Licht sanft klingelten, sobald ein Zauber in der Nähe aktiviert wurde. Unterhalb der Akademie wanden sich enge Gassen, in denen alte Buchhandlungen, Alchemieläden und mystische Tavernen wie geheimnisvolle Schätze verborgen lagen.
 

Der Name Arthur hallte noch heute in den Hallen der Akademie wider: ein legendärer Kriegsherr, von Balladen besungen, der den Dämonenkönig bezwungen haben soll. Manche verehrten ihn als Helden des Lichts, andere aber flüsterten, dass die Wahrheit seines Sieges in Nebel und Blut gehüllt blieb.
 

Psiaris war eine Stadt, in der die Grenze zwischen Alltäglichem und Wunderbarem fließend war – wo jeder Schritt ein kleines Abenteuer ist. Wer hier lebte, wusste, dass Magie nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Teil des Lebens selbst war.

Der Brunnen vor den Toren

Matiga, eine junge Hexe mit schneeweißem Haar und Augen in leuchtendem Türkis. Ihre Neugier trieb sie auf Pfade, die viele mieden den sie erforschte die dunkle Magie. Auf dem schmalen Grat zwischen Licht und Schatten suchte sie nach Antworten, die andere zu fürchten wagten.
 

Es war eine jener Nächte, in denen sie, wie so oft, viel zu lange in den Gemächern der Akademie verweilt hatte. Mit einem Bündel Bücher unter dem Arm wanderte sie durch die Stille zurück nach Hause. Die Nacht hing schwer über den Feldern, kein Mondlicht durchbrach die Wolken.
 

Da hörte sie es.

Ein leises, klagendes Weinen, kaum mehr als ein Flüstern im Dunkel.
 

Matiga blieb stehen. Der Laut kam von den alten Stadttoren, genauer gesagt – vom Brunnen davor.

Der Brunnen war ein Ort, den man mied. Seine Steine waren von Moos überzogen, das Ziehwerk morsch und knarrend. Disteln und wuchernde Halme ragten wie schwarze Finger aus der Erde, die sich im Nachtwind regten. Geschichten rankten sich um ihn – von Stimmen, die in seinem Schacht flüsterten, und von Gestalten, die darin verschwanden, ohne je wieder ans Licht zu gelangen.
 

Und doch – aus eben diesem Brunnen kam das Weinen.
 

Mit leisen Schritten trat Matiga näher, ihr Herz schlug schneller. Sie blickte in die Tiefe – und erschrak.

Ein Kind.
 

Ein Säugling lag dort unten, eingewickelt in ein Tuch, das halb von der Feuchtigkeit durchtränkt war. Niemand war zu sehen, kein Schatten, keine Gestalt, die ihn dort zurückgelassen haben konnte.
 

Matiga zögerte keine Sekunde. Sie murmelte die Worte eines alten Hebungszaubers: „Keiytr.“ Sanft hob sich das Kind aus der Tiefe, schwebte langsam empor und glitt sicher in ihre Arme.
 

Sie sah es an – und stockte.

Sein Haar war grün, schimmernd wie das junge Blattwerk im Frühling, und in seiner zarten Aura lag ein kaum greifbarer Hauch von Magie, wie ein Flüstern der Sterne.
 

„Grüne Haare … wie außergewöhnlich,“ murmelte sie. „Ein Kind der Magie, zweifellos.“
 

Das Weinen verklang, als das Kind ihre Wärme spürte. Matiga lächelte, ungewohnt weich für jemanden, der sonst nur in Pergamenten und Zauberformeln lebte.
 

„Von nun an,“ sagte sie leise, „sollst du Tofu heißen …“ Sie kicherte, fast verlegen über ihre eigene Eingebung. „Weil ich Tofu liebe. Und weil etwas so Seltsames und Zartes wie du einen ebenso ungewöhnlichen Namen verdient.“
 

Und so begann eine Geschichte, die das Schicksal von Psiaris verändern sollte – mit einem Brunnen, einer Hexe zwischen Licht und Schatten, und einem Kind mit grünem Haar.

Im falschen Körper

Matiga trug das Kind aus dem Brunnen in ihre Hütte. Zwischen hohen Regalen voller Phiolen und Gläser, die wie eingefangene Sterne funkelten, hingen Bündel getrockneter Kräuter von der Decke. Pergamente, zerlesen und am Rand verbrannt, bedeckten den Tisch. Es war ein Ort des Studiums, kein Heim für ein Kind – und doch fand sie sich plötzlich in einer Rolle wieder, die ihr fremder nicht sein konnte: die einer Mutter.
 

Und trotzdem konnte Matiga, die kleine Tofu nicht von sich stoßen.
 

Die Tage flossen dahin. Sie lernte, das Kind zu wärmen, es in weiche Tücher zu hüllen, es mit monotonem Singsang in den Schlaf zu wiegen. Aber eines konnte sie ihr nicht geben: Nahrung. Ihre Arme hielten das Mädchen, doch ihre Brust blieb leer. So wurden die Nächte von unaufhörlichem Weinen erfüllt, einem Schrei, der tief in ihre Gedanken schnitt und sie wachhielt, bis die Schatten vor den Fenstern zu flüstern schienen.
 

Verzweiflung wuchs in ihr wie eine Dornenranke.
 

Eines Abends, die Lider schwer, die Hände zitternd vor Müdigkeit, hörte Matiga Tofu wieder schreien – schärfer, durchdringender immer Lauter, als wolle das Kind selbst die Nacht zerreißen. Da griff sie nach Mörser und Kessel.
 

„Ein Trank …“ murmelte sie mit brüchiger Stimme und zerzaustem Haar. „Ein Trank, der Hunger stillt …“
 

Sie zerrieb dunkle Kräuter, deren Geruch beißend durch den Raum kroch, tropfte Flüssigkeiten aus Phiolen hinzu, die im Kerzenschein glimmten. Schließlich streute sie ein Pulver hinein, von dem nur die ältesten, schwarz gebundenen Bücher flüsterten. Langsam brodelte das Gebräu hoch, Blasen platzten und hinterließen einen Schimmer, als schiene etwas Unnatürliches darin zu leben.
 

Die Flüssigkeit war schwarz wie Tinte, doch durchzogen von violetten Schlieren, die im Licht glitzerten, als hätte man Sternenstaub in Dunkelheit verrührt. Ein unruhiges, schauriges Funkeln lag auf seiner Oberfläche – schön und zugleich abstoßend, aber die einzige Lösung die Matiga einfiel um Tofu endlich zum Schweigen zu bringen.
 

Matiga hob den Becher an Tofus zarten Lippen. Zögerlich trank das Kind – erst ein Schluck, dann gierig mehr. Und dann … Stille. Das Schreien brach ab, als sei es nie gewesen. Die kleinen Finger sanken herab, das Gesicht entspannte sich, und Ruhe kehrte ein.
 

Matiga sog den Atem ein, das Herz weitete sich. „Es wirkt,“ hauchte sie erleichtert und strich dem Kind über das smaragdgrüne Haar.
 

Doch am Morgen veränderte sich die Stille.
 

Tofus Augen, einst voller unschuldigen Funkelns, blickten nun ernst – viel zu ernst für ein Kind. Sie lächelte nicht mehr. Kein weiches Glucksen entwich ihren Lippen, kein juchzendes Lallen, nur Stille, die zu schwer in dem kleinen Körper lag.
 

Und manchmal … wenn Matiga etwas aus der Hand fallen ließ, wenn sie im Zorn ein Wort fluchte – dann entwich dem Kind ein Laut. Zuerst kaum hörbar, doch unverkennbar. Ein Kichern. Dünn, kalt, unheimlich.
 

Ein Lachen, das nicht in einen Säuglingsmund gehörte.
 

Matiga spürte, wie sich ihre Haut zusammenzog, wenn sie dieses fremde Geräusch hörte. Ihre Finger zitterten, wenn ihr Blick in Tofus Augen versank, die nun wie zwei tiefe, lauernde Seen wirkten.
 

„Der Trank …“ flüsterte sie mit heiserer Kehle. „Er hat etwas verdorben.“

Schwarze Flecken auf der Haut

Es war einige Zeit vergangen, seit Tofu den seltsamen Trank erhalten hatte. Matiga versuchte, das Gebräu zu verfeinern – eine sanftere Mischung, ein anderer Kräuterzusatz, eine neue Formel. Doch das Lachen blieb.

Anfangs war es nur ein leises Kichern gewesen, kaum mehr als ein Schattenlaut. Doch nun war es zu einem echten Lachen herangewachsen – scharf, bohrend, dunkel. Es kam immer dann, wenn Matiga stolperte, wenn sie sich schnitt, wenn ihr eine Phiole zerbrach. Als würde das Kind Gefallen am Unglück ihrer „Mutter“ finden.
 

Eines Abends, als sie Tofu wickelte, bemerkte sie etwas. Ein dunkler Fleck, kaum größer als eine Münze, lag auf der zarten Haut. Matiga runzelte die Stirn, strich mit den Fingerspitzen darüber. „Ein Leberfleck,“ murmelte sie, „nichts weiter.“ Sie schüttelte die Sorge ab – doch die Unruhe blieb.
 

Am nächsten Morgen jedoch erstarrte sie.

Tofus ganzer Körper war übersät von schwarzen Male. Runde, unregelmäßige Flecken zogen sich über ihr Körper. Wie Tintenkleckse, die sich in die Haut gefressen hatten.
 

„Schwarze Flecken …“ hauchte Matiga, und ihre Stimme brach. „Das kann nicht sein …“
 

Sie beugte sich näher, suchte die Formen ab. Und da, an der kleinen Ferse, sah sie ihn: einen winzigen schwarzen Stern. Das eindeutige Zeichen.
 

Jeder Zauberer in Psiaris kannte sie – die Todesflecken. Das erste, was man in der Akademie lernte: Wer von ihnen gezeichnet wurde, war verloren. Sie galten als Zeichen des Magiestaus, ein unaufhaltsames Gift, das sich im Körper ausbreitete. Niemand wusste, woher sie kamen. Niemand hatte je einen Weg gefunden, sie zu bannen.
 

Die Geschichten erzählten von jenen, die daran starben: ein Sterben in Qualen, als würden Feuer und Klingen zugleich die Seele zerreißen. Viele jedoch wählten die Flucht in den Tod selbst, ehe der Schmerz sie verzehren konnte.
 

„Die Flecken des Todes …“ flüsterte Matiga, Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie nahm Tofu hoch, hielt sie bebend im Arm. „Es tut mir leid … so jung … so kurz dein Leben …“
 

Doch da geschah etwas, das sie erzittern ließ.

Tofu lachte.
 

Nicht das helle, unschuldige Lachen eines Kindes. Nein – ein freudiges, beinahe ausgelassenes Lachen, als hätte jemand sie sanft gekitzelt. Ihre smaragdgrünen Locken wippten, die kleinen Finger strampelten, und ihre Augen glänzten vor Vergnügen.
 

„Nein …“ Matiga wich zurück, der Schweiß brach aus. „Das darf nicht sein. Du solltest brennen – wie im Feuer. Du solltest stechen – als würden tausend Nadeln dich zerreißen. Du solltest schreien, wimmern, sterben wollen. Doch du …“ Ihre Stimme brach, sie starrte in die fröhlich lachenden Augen des Kindes. „Du lachst, als würdest du … es genießen?“
 

Ein kalter Schauer rann ihr über den Rücken.
 

Matiga zwang sich, die Flecken erneut zu prüfen. Die Formen stimmten. Der Stern war da. Sie konnte sich nicht irren. Um Gewissheit zu haben, schnitt sie sich in die Fingerkuppe und nahm dem Kind ein winziges Tröpfchen Blut ab. Vorsichtig spritzte sie es in eine Ratte, die sie in einem Käfig hielt.
 

Am nächsten Tag fand sie das Tier zitternd, gezeichnet von denselben schwarzen Flecken. Seine Schreie hallten durch die Hütte, schrill, voller Schmerzen, bis es sich selbst blutig biss, um der Qual zu entkommen.
 

Matiga stolperte zurück, hielt sich an einem Regal fest.

Es stimmte. Es waren die Todesflecken.
 

Und doch saß da Tofu, lächelte, lutschte unschuldig an ihrer Faust – und lachte, immer wieder, als kitzelte ein unsichtbarer Geist ihre Seele.
 

Matigas Herz zog sich zusammen, Furcht nagte an ihren Gedanken. Sie hatte schon vieles erforscht, auch dunkle Magie, doch dieses … war nicht mehr begreifbar.
 

„Das ist nicht normal,“ flüsterte sie, während das Lachen des Kindes wie eine unheimliche Melodie durch die Hütte hallte. „Das ist … wider die Natur.“
 

Und zum ersten Mal empfand Matiga Angst vor dem kleinen, lachenden Mädchen.

Eine kalte Hand in meiner

Ein Jahr war vergangen.

Ein Jahr voller Versuche, voller Tränke, Beschwörungen und Beschwichtigungen. Matiga hatte jede Formel erprobt, die sie kannte, jede Rune in den Staub gekratzt, jedes alte Rezept durchforstet. Und doch – die schwarzen Flecken blieben.

Sie fraßen sich tiefer, breiteten sich weiter aus, unerbittlich wie das Dunkel selbst.
 

Wenn sie einmal etwas fand, das die Male für einen Augenblick milderte – ein Elixier aus Blutkraut, ein Bad im Aschebalsam – dann wurde Tofu unruhig, launisch, ja fast feindselig. Es war, als würde sie sich selbst gegen jede Heilung sträuben. Als wolle sie die Krankheit in sich behalten wie einen Schatz.
 

Nun lag sie da, in Decken gebettet, bleich wie Schnee, ihr Atem kaum hörbar.

Matiga saß neben ihr, hielt ihre kleine Hand, die so kalt war, als gehöre sie längst nicht mehr in diese Welt. Tränen liefen ihr über die Wangen und tropften auf das Leinentuch.
 

„Mein armes Kind …“ flüsterte sie. „Was habe ich dir angetan? Ich habe dich verflucht, als ich dir diesen Trank gab. Ich habe dir das Lachen genommen, das dir zustand. Ich … ich bin schuld.“
 

Sie presste Tofus Hand fester, als könnte ihre Wärme das Eis vertreiben. Doch die Finger blieben kalt. Kälter. Schließlich wurde es still. Zu still.
 

Matiga beugte sich vor, legte das Ohr auf die kleine Brust. Kein Schlag. Kein Atem.

Nur Stille – schwer, erstickend, endgültig.
 

„Nein … nein, nein, nein …“ Sie schüttelte den Kopf, wiegte das reglose Kind in ihren Armen. „Bitte, nicht du. Nicht so. Nicht jetzt.“
 

Dann – ein Ruck.

Tofus Körper zuckte, als träfe ihn ein unsichtbarer Blitz. Ihre Brust hob sich ruckartig, und ein pochender Schlag vibrierte gegen Matigas Ohr. Die Augen des Kindes schlugen auf.
 

Doch sie waren nicht mehr grün.
 

Ein kaltes, weißglühendes Licht brannte in ihnen, wie Frost, der zugleich Feuer war. Die kleinen Locken kräuselten sich, als ob unsichtbare Hitze sie formte, wogten und züngelten wie schimmernde Flammen.
 

Matiga wich zurück, doch Tofus Hand hielt sie fest – eiskalt, starr, klammernd wie eine Kralle.
 

„Nein … das … das bist nicht mehr du,“ stammelte sie, Tränen und Schweiß vermischten sich auf ihrer Haut.

Sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn in alten Schriften gesehen, in Zeichnungen verbotener Manuskripte, die von Dingen erzählten, die jenseits der Seele lagen.
 

Dies war keine Wiedergeburt. Kein Wunder.

Es war, als hätte Tofu ihre Hülle abgestreift – und etwas anderes, etwas Altes, Finsteres war aus ihr hervorgetreten.
 

Nicht mehr ein Child.

Sondern das, was in ihr geschlummert hatte.
 

Ein fester Geruch stieg ihr in die Nase: alter Weihrauch, verbrannte Tinte und der süßliche Hauch von zerfallender Erinnerung. In der Hütte schien die Luft zu flimmern, Schatten atmeten mit, und das leise Ticken einer beschädigten Uhr zählte jedes verbliebene Herzklopfen wie ein Urteil. Matigas Finger verkrampften sich, als wollte sie das Unaussprechliche zurückdrängen. Doch das Dunkel lächelte still, hungrig, und ließ nicht los, so.
 

Matiga spürte es – dieses kleine, kalte Händchen in ihrer Faust gehörte nicht mehr ihrer Tochter.

Und in diesem Moment wusste sie: Sie hielt die Hand von etwas, das niemals hätte leben dürfen.

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein … Alien

Tofu aß wieder, wenn auch nur wenig. Ihr Blick war derselbe wie früher – kalt, fremd, berechnend. Und wenn Matiga sich schnitt oder etwas fallen ließ, erklang wieder dieses Lachen: hell, aber leer, wie das Echo einer Stimme, die aus einer anderen Welt kam. Nur ihre Haut blieb eiskalt – totenkalt.
 

Matiga wusste nicht mehr, was sie da vor sich hatte. War dieses Kind noch Mensch? Oder nur die Hülle eines Wesens, das längst etwas anderes geworden war? Die schwarzen Flecken, einst nur Male, hatten sich zu einem makellosen Schwarz verbunden, das sich über ihren ganzen Körper legte. Kein Schimmer von Leben darin, kein Glanz – nur Dunkelheit.
 

Die Angst nagte an Matiga, Tag für Tag, bis sie beschloss, Rat zu suchen. Sie nahm Tofu und ging in den Zirkel – tief hinab, dorthin, wo Schatten flackerten und das Licht nur gedämpft auf uralte Steine fiel. Dort lehrte J. Faar, ihr Meister, ein Mann, der mehr über dunkle Magie wusste, als irgendjemand wissen sollte.
 

„Meister… guten Abend,“ sagte sie leise.
 

Er drehte sich um, langsam, das Gesicht tief unter seiner Kapuze verborgen. Nur ein schmaler Mund war sichtbar, der sich zu einem spöttischen Lächeln verzog.

„Deswegen also warst du so lange fort,“ höhnte er. „Ich dachte schon, sie hätten dich gefangen. Stattdessen hast du… ein Balg geboren?“
 

Sein Ton war süffisant, fast belustigt. Er musterte Tofu flüchtig.
 

„Ich habe sie nicht geboren,“ erwiderte Matiga, bemüht, ruhig zu klingen. „Ich fand sie. Und ich… nahm sie auf.“
 

Dann erzählte sie. Alles. Vom Trank, den sie gebraut hatte, den schwarzen Flecken, dem Tod, der keiner war, und dem Lachen, das nie verstummte. Faar hörte schweigend zu, sein Lächeln wuchs nur, bis es fast genüsslich wirkte.
 

„Nun gut,“ sagte er schließlich. „Dann lass uns sie untersuchen. Ich hatte schon lange kein lebendes Objekt mehr.“

Ein leises Lachen folgte, dunkel und lehrmeisterlich zugleich.
 

Er begann seine Experimente. Erst sanft – ein Haar, ein Tropfen Blut. Dann gröber: Schnitte, kalte Instrumente, flüsternde Zauber. Matiga musste zusehen, wie ihr Kind geprügelt, gestochen, gemessen wurde, und doch… Tofu reagierte kaum. Kein Schmerz, kein Schrei, nur ein langsames, widerliches Lächeln, das Faar mehr entzückte als alles andere.
 

„Ha! Ich wusste es!“ rief er irgendwann begeistert. Seine Augen funkelten, als er sie ansah. „Ich dachte, sie wären ausgestorben!“
 

Er packte Tofu an den Schultern, hob sie in die Höhe, als hielte er ein Wunder in Händen.
 

„Herzlichen Glückwunsch, Matiga,“ flüsterte er ehrfurchtsvoll. „Du hast ein Alien gefunden.“
 

Matiga blinzelte verwirrt. „Ein… was?“
 

Faar lachte laut. „Ein Alien! Eine uralte Spezies, die tote Körper übernimmt. Sie fressen sich in das Fleisch, hauchen es neuem Leben ein – und dann töten sie alles um sich herum. Früher waren es meist Tiere, die sie wählten, doch der letzte bekannte Mensch… ah, das war vor hundert Jahren.“
 

Er begann, aufgeregt im Raum auf und ab zu gehen, die Hände vor Begeisterung zitternd.
 

„Die erste bekannte Trägerin war eine Frau namens Neila,“ erklärte er. „Eine Kräuterfrau, die ein ganzes Dorf ausgelöscht hat. Man fand sie zwischen verbrannten Häusern, unversehrt, lächelnd, als sei sie stolz auf das, was sie getan hatte. Seitdem nannte man diese Wesen Alien – den Namen der Frau, nur rückwärts gesprochen. Ist das nicht herrlich? Eine Ironie der Geschichte.“
 

Er lachte leise, fast ehrfürchtig.
 

„Schwarz wie der Tod. Kalt wie der Tod. Und doch… unsterblich. Ein Meisterwerk, Matiga. Ich bin stolz, dass du mir so etwas gebracht hast.“
 

Er setzte sich und starrte Tofu an, als wolle er sie verschlingen. „Sag mir – welcher Trank war es genau? Welche Zutaten? Wenn wir das wiederholen könnten…“
 

Matiga wich zurück. „Wiederholen?“

„Natürlich!“ Faar trat näher, seine Stimme vibrierte vor Faszination. „Stell dir vor, eine ganze Reihe solcher Wesen! Kontrollierbar, gebunden, lernfähig! Unzerstörbar!“
 

„Aber… sie ist gefährlich,“ flüsterte Matiga.
 

„Gefährlich?“ Er grinste. „Oh, meine liebe Schülerin, alles, was Macht besitzt, ist gefährlich. Aber du… du hast etwas Besonderes geschaffen. Vielleicht kann man sie zähmen. Zieh sie groß. Lass sie lernen. Wenn sie dich liebt, hört sie auf dich. Und wenn nicht…“ Er zuckte die Schultern. „Dann wirst du eben sterben. Beides wäre lehrreich.“
 

Er wandte sich zu einem Regal und zog einige alte Bücher hervor. „Hier. Alles, was wir über diese Wesen wissen – was nicht viel ist, aber genug, um dich zu faszinieren. Keine bekannte Schwäche. Sie brauchen weder Schlaf noch Nahrung. Feuer schadet ihnen kaum, Kälte gar nicht. Sie leben zwischen den Grenzen von Leben und Tod, und alles, was ihnen begegnet, verändert sich.“
 

Er reichte ihr die Bände. Staub stieg in kleinen Schwaden auf.
 

„Man sagt, sogar der Dämonenkönig war einer von ihnen,“ murmelte Faar nachdenklich. „Vielleicht ist das der wahre Ursprung der dunklen Magie. Vielleicht hat sich die Macht der Aliens selbst in unsere Zauber gesickert.“
 

Er lachte leise, ein gluckernder Laut, der in der Kälte widerhallte. „Ich werde das weiter untersuchen. Das wäre bahnbrechend. Eine neue Rasse, eine neue Macht. Ist das noch dieselbe Seele – oder eine neue? Vielleicht… beides.“
 

Er sah Matiga an, und sein Blick war gierig, forschend, ehrfürchtig zugleich.
 

„Zieh sie groß, Matiga. Beobachte. Und bring sie mir wieder, wenn sie sprechen kann.“
 

Matiga nickte, unsicher, die Bücher fest an sich gedrückt. Tofu saß still auf dem steinernen Tisch, die grünen Augen glommen wie Kerzen im Dunkeln.
 

Und als sie die Kammer verließ, glaubte Matiga, sie hätte ein leises Wispern gehört – nicht von Faar, nicht aus den Büchern, sondern von Tofu:
 

Ein leises, freudiges Lachen.
 

Ein Klang, der wie das Versprechen eines nahenden Unheils klang.

Das Monster unterm Bett

Matiga hatte gelernt, mit Tofus Andersartigkeit zu leben. Anfangs war da noch Hoffnung gewesen – der Glaube, dass Liebe und Geduld genügen würden, um das Dunkel zu zähmen, das in dem Kind wohnte. Sie lernte, mit den Launen umzugehen, mit der Stille, mit den Blicken, die zu viel sahen. Sie las alte Schriften, studierte Faar’s Bücher über die Aliens, suchte Parallelen, Hinweise, Erklärungen.
 

Doch immer, wenn sie glaubte, etwas verstanden zu haben, entglitt es ihr wieder.

Tofu blieb ein Rätsel.

Ein stilles, unheimliches Rätsel.
 

Und so vergingen die Jahre.
 

Tofu war nun vier. Sie sprach selten, und wenn, dann in kurzen, klaren Sätzen, die für ihr Alter zu bedacht wirkten. Sie spielte kaum, malte nicht, lachte nicht mehr. Nur manchmal saß sie am Fenster, beobachtete den Himmel, als würde sie dort etwas erkennen, was andere nicht sahen.
 

An einem kühlen Herbstabend verließ Matiga die Hütte, um im Dorf Vorräte zu besorgen – Kräuter, Kerzen, neue Tinte. Der Rabe, ihr treuer Begleiter seit vielen Jahren, blieb wie immer zurück. Er wich Tofu nie von der Seite, als würde er sie bewachen.
 

Doch als Matiga die Tür wieder öffnete, legte sich ein modriger, metallischer Geruch auf ihre Zunge. Etwas stimmte nicht.
 

„Rakka?“ rief sie vorsichtig. Kein Laut. Kein Flattern. Nur Stille.
 

Dann sah sie ihn.
 

Auf dem Küchenboden lag der Rabe – oder das, was von ihm übrig war. Federn klebten an den Dielen, die Krallen waren abgerissen, die Flügel unnatürlich verdreht. In der Dunkelheit glitzerte etwas, das wie Blut schimmerte.
 

Matiga schnappte nach Luft, taumelte zurück. Ihr Herz raste.
 

„Tofu?“ flüsterte sie. Keine Antwort. Nur ein leises, raues Geräusch – ein Grollen, tief und kehlig, das aus dem kleinen Schlafraum kam.

Langsam, fast gegen ihren Willen, trat sie näher. Das Knurren wurde lauter. Es kam von unten. Unter dem Bett.
 

Matiga beugte sich, ihre Finger zitterten, als sie den Stoff der Decke anhob.

„Tofu …?“
 

Zwei Augen starrten sie an – glühend, unruhig, in einem Gesicht, das halb im Schatten lag. Blut klebte an ihrem Mund, an den kleinen Händen, an den Locken.
 

Das Kind sah sie an, ohne Reue, ohne Scham.

Nur dieses leichte Zucken in den Mundwinkeln.
 

Matiga wich zurück. Das Knurren kam erneut – diesmal nicht wie sie anfangs dachte aus der Kehle eines Tieres, sondern aus der Brust ihres Kindes.
 

Und zum ersten Mal dachte Matiga den Satz, den sie sich all die Jahre nicht zu denken gewagt hatte: Meine Tochter ist ein Monster.

Willkommen im Rudel

Seit Tagen fand Matiga Federn – in den Ecken, auf den Regalen, selbst zwischen den Seiten ihrer Bücher. Sie klebten wie kleine, dunkle Mahnungen an ihr, erinnerten an etwas, das sie lieber vergessen wollte. Auch auf dem Boden glänzten noch Spuren alten Blutes, so fein wie Adern, die sich nicht ganz abwischen ließen.
 

Immer, wenn Tofu wieder unter dem Bett verschwand, wusste Matiga: Das Monster war zurück.
 

Dann kam das Knurren.

Zuerst leise, kaum hörbar, ein kehliges Grollen aus der Tiefe, wie von einem hungrigen Tier. Kurz darauf folgte ein Rascheln, das leise Reißen von Stoff, und schließlich das unverkennbare Schmatzen.
 

Es klang, als würde eine Katze eine Maus verzehren – das feuchte, zähe Reißen kleiner Knochen, gefolgt vom dumpfen Knacken. Nur, dass das Geräusch aus dem Kinderzimmer kam.
 

„Tofu,“ sagte Matiga jedes Mal mit zitternder Stimme, „es wird am Tisch gegessen.“

Doch das leise, rhythmische Kauen ging weiter, bis irgendwann Stille eintrat.
 

Sie versuchte, sich einzureden, dass es normal sei – ein Kind, das seltsam isst, das anders spielt. Doch die glühenden, leeren Augen, die manchmal unter dem Bett hervorblitzten, ließen sie frösteln.
 

An einem dieser Nächte, in denen das Haus zu atmen schien, griff Matiga zu einem ihrer alten Erziehungsbücher. Sie blätterte fahrig, suchte Halt in den trockenen Sätzen der Gelehrten, bis ihre Finger auf einer Passage ruhten:
 

„Kinder gedeihen im Umgang mit ihresgleichen – dort lernen sie, das Menschliche zu verstehen.“
 

Der Satz brannte sich in sie.

Sie hob langsam den Blick – hinüber zu Tofu, die reglos im Schatten saß. Ihre Haut war blass wie Porzellan, das Gesicht unbeweglich, nur die Augen schimmerten in einem trüben Schimmer, als wartete sie auf etwas, das Matiga nicht sehen konnte.
 

Vielleicht, dachte Matiga, ist das der Schlüssel.

Vielleicht … braucht sie andere Kinder. Vielleicht kann sie dort lernen, normal zu sein.

Ein Hauch von Hoffnung mischte sich in ihre Angst. Zum ersten Mal seit Monaten formte sich ein Plan in ihrem Kopf.
 

Am nächsten Morgen, mit zitternden Händen und einem gewollt festen Lächeln, zog Matiga Tofu an.

„Die Betreuer dort sind Magier,“ sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihrem Kind. „Sie wissen, wie man mit Besonderen umgeht. Es wird dir gefallen, ja?“
 

Tofu schwieg. Ihre kleine Hand in Matigas fühlte sich kalt an, unbeweglich, fast leblos.
 

Gemeinsam gingen sie durch die gepflasterten Gassen.
 

Im Kindergarten herrschte buntes Treiben – Kinder mit Schuppenhaut, glitzernden Flügeln, kleinen Hörnern.

Nur Tofu stand still.
 

Die Betreuerin, eine Frau mit sanften Augen und einem Umhang aus silbernem Garn, lächelte unsicher.

„Wie … interessant,“ murmelte sie. „Welche Rasse gehört sie an? Sie sieht so … ruhig aus.“
 

Als sie sich hinunterbeugte und Tofu die Hand reichen wollte, schnappte das Kind danach – mit den Zähnen.

Ein schneller, scharfer Laut, wie das Klicken eines Schlosses, das zufällt.
 

Matiga zog sie sofort zurück. „Verzeihung! Sie war bisher nur allein. Etwas … schüchtern.“

Dann flüsterte sie, kaum hörbar: „Tofu, benimm dich. Niemanden verletzen.“
 

Die Frau nickte, doch ihr Lächeln war verschwunden.

„Tofu ist ein Mensch,“ erklärte Matiga, „nur … verflucht. Eine lange Geschichte.“
 

Das Wort verflucht senkte sich wie ein Schatten in den Raum. Die Betreuer schwiegen.
 

Beim Test legte Tofu die Hand auf den Kristall, der das magische Potenzial messen sollte. Normalerweise begann er sofort zu glimmen – blau für Elementarmagie, rot für Flamme, grün für Heilung.

Doch diesmal blieb er schwarz.

Und kalt.

„Dann kommt sie in die Schwarze Klasse,“ entschied der Lehrer nach kurzem Zögern. „Für Kinder ohne Magie. Sollte sich etwas ändern, wechseln wir sie.“
 

Matiga nickte dankbar, nahm die Unterlagen entgegen und beugte sich zu ihrer Tochter hinab.

„Ich hole dich ab, bevor die Sonne untergeht.“
 

Tofu sah sie an – ohne Regung, ohne Blinzeln. Nur der Schatten unter ihren Augen wirkte lebendig.
 

Tofu wurde zu den anderen Kindern geführt.

Sie sagte kein Wort, stand einfach da, stumm und unbeweglich, bis ein kleiner Junge mit einem Holzstock auf sie zutrat.
 

„Hey, du!“ rief er laut. „Wo kommst du her?“

Sein schwarzes Haar fiel ihm ins Gesicht, seine roten Augen funkelten vor Stolz.

„Ich bin Rukkard Kraichgrau – der größte Jäger aller Zeiten!“
 

„Tofu,“ antwortete sie knapp, fast tonlos.
 

Rukkard grinste zufrieden. Er war erst vor Kurzem hergezogen, ein dominanter, lauter Junge, der die anderen gern herumkommandierte – und sichtlich erfreut war, jemanden gefunden zu haben, der ihm zuhörte.
 

„Wir spielen Jäger und Wölfe,“ verkündete er mit einem selbstgefälligen Funkeln in den Augen. „Ich bin der Jäger – und du bist der Wolf. Auf alle Viere, und dann musst du knurren!“
 

Tofu verstand das Spiel nicht, aber sie tat, was man ihr sagte.

Langsam ging sie in die Hocke. Ihre Finger berührten den Boden, ihre Schultern zuckten leicht, als würde etwas in ihr erwachen. Dann verzog sich ihr Mund – zu einem Grinsen, das zu breit war, zu unnatürlich, um echt zu wirken.
 

Ein Laut drang aus ihrer Kehle.

Tief. Grollend.

Nicht das harmlose Knurren eines spielenden Kindes – sondern das bedrohliche, vibrierende Grollen eines hungrigen Tieres, das gleich zubeißen würde.
 

Das Geräusch schnitt durch den Raum.

Rukkards Gesicht erblasste. Der Stock fiel ihm aus der Hand, seine Lippen bebten. Selbst die anderen Kinder, die bisher gekichert hatten, schwiegen plötzlich – und traten einen Schritt zurück.
 

„M–mama! Hilfe!“ schrie Rukkard mit dünner Stimme und stolperte rückwärts.

Im nächsten Moment stürmten zwei Betreuer in den Raum. Eine von ihnen hob die Hand.

„Keoaqzt!“ rief sie.
 

Ein leiser Windstoß, ein kurzer Lichtblitz – und Tofu sank in sich zusammen, als hätte jemand den Faden durchtrennt, der sie aufrecht hielt.
 

„Nur ein Sicherheitszauber,“ erklärte die Betreuerin mit ruhiger Stimme, während sie das Kind prüfte. „Für magische Ausbrüche – oder … andere Vorfälle.“

Ihre Stimme zitterte leicht beim letzten Wort.
 

Tofu blieb reglos liegen. Schlafend. Friedlich.

Zu friedlich.

Als sie am Mittag erwachte, saß Rukkard schon neben ihr – ein schelmisches Grinsen auf den Lippen, in dem sich Angst und Faszination mischten.
 

„Du bist jetzt Teil unseres Rudels,“ sagte er. „Wir jagen zusammen.“

Er stellte seine beiden Freunde vor, zwei Jungen mit aufgeschürften Knien und einem Hang zu Übermut.
 

Tofu neigte nur den Kopf.

Sie verstand das Spiel nicht, doch etwas an Rukkards Stimme – dieses selbstsichere, herausfordernde Bellen – reizte sie.
 

Von da an zogen sie gemeinsam los, auf ihre kleinen „Jagden“.

Zuerst jagten sie Ameisen, die sie mit Stöcken zerdrückten. Dann Spinnen, die sie lachend in Gläser sperrten. Und schließlich – eine kleine Eidechse.
 

Rukkard war derjenige, der sie aufspießte. Stolz hielt er sie in die Höhe, als wäre sie ein Trophäe.

„Siehst du? Ich bin der beste Jäger!“ rief er.
 

Doch während die anderen Kinder angewidert zurückwichen, sah Tofu das Tier an – neugierig, fast ehrfürchtig.

Dann öffnete sie den Mund.

Und begann zu essen.
 

Zuerst zögerlich, dann mit unheimlicher Ruhe. Das feine Knacken kleiner Knochen, das leise Reißen der Haut – niemand wagte, sich zu bewegen.
 

Als die Betreuer Rukkard abholten, lachte er schon wieder.

„Wir sind jetzt ein richtiges Rudel!“ rief er stolz, als seine Mutter ihn an die Hand nahm.

Am Abend erschien Matiga, um Tofu abzuholen.

Die Betreuerin lächelte müde, aber freundlich. „Sie war brav heute. Kein Ärger, keine Zwischenfälle.“

Matiga atmete erleichtert auf – bis ihr Blick auf Tofu fiel.

Das Mädchen kaute still, sah sie mit ihren leeren, glühenden Augen an. Nur der Schwanz einer kleinen Eidechse hing noch aus ihrem Mundwinkel.
 

„Tofu!“ rief Matiga entsetzt und kniete sich hin. „Du sollst doch nicht alles essen!“
 

Tofu blinzelte.

Dann lächelte sie – dieses kleine, unheimlich ruhige Lächeln, das Matiga das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Doch die folgenden Tage wurden schlimmer.

Rukkard und sein kleiner „Rudel“ schmiedeten neue Pläne – flüsternd, verschwörerisch, mit funkelnden Augen voller kindlicher Grausamkeit.
 

„Heute fangen wir ein Kaninchen,“ raunte Rukkard. „Nach dem Mittagsschlaf schleichen wir in den Wald. Unser Hündchen soll ja nicht verhungern.“

Er tätschelte Tofu über den Kopf, als wäre sie tatsächlich ein Tier. Die anderen Jungen lachten.
 

Manche hätten ihr Verhalten Mobbing genannt – doch Tofu schien es nicht zu stören.

Sie bekam zu essen. Sie durfte jagen.

Und jedes Mal, wenn sie die Beute verschlang, lachten sie. Und das Lachen gefiel ihr.
 

Sie bereiteten alles vor: Polster unter den Decken, sorgfältig drapiert, um falsche Schlafplätze zu simulieren. Dann schlichen sie hinaus, auf leisen Sohlen, mit glänzenden Augen.
 

„Hier ist perfekt,“ sagte Rukkard, als sie eine kleine Lichtung erreichten. Der Boden war feucht, das Gras hoch.

Er stellte eine Falle auf – eine einfache Schlinge aus Draht.

„Jetzt warten wir,“ befahl er.
 

Doch Kinder sind ungeduldig. Die Sonne sank, und kein Kaninchen zeigte sich.

„Wir teilen uns auf,“ entschied Rukkard schließlich. „Wer etwas findet, ruft.“

Zwei Jungen zogen nach Westen, ein anderer nach Norden. Nur Rukkard blieb zurück – mit Tofu.
 

Er hatte ihr tatsächlich eine Leine um den Hals gelegt.

Ein dünnes Seil, das sich bei jeder Bewegung spannte.

„Damit du nicht wegläufst,“ sagte er grinsend.

Als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, kehrten zwei der Jungen keuchend und zitternd zurück.

„W–Wölfe!“ stammelten sie. „Wir haben Wölfe gesehen! Große! Mit glühenden Augen!“
 

Panik brach aus. Betreuer rannten los, Fackeln in den Händen, Zauberformeln auf den Lippen.

Man schickte Boten ins Dorf, rief Verstärkung.
 

Matiga war gerade dabei, ihre Studienunterlagen zu sortieren, als sie die Nachricht erhielt.

Ihr Herz schlug so hart, dass sie kaum Luft bekam.

„Wald … verschwunden … Tofu,“ hörte sie die Worte, aber sie klangen fern, dumpf, unwirklich.
 

Sie rannte.

Durchs Gras, durchs Unterholz, immer tiefer in den Wald.

Zweige rissen an ihrem Mantel, Wurzeln schienen nach ihr zu greifen.

Der Geruch von Erde und Blut hing schwer in der Luft.
 

Und dann – Stille.

Nur das ferne Rauschen des Windes.

Als Matiga die Lichtung erreichte, blieb sie abrupt stehen.

Ihr Atem gefror in der Kehle.
 

Der Boden war aufgerissen, das Laub schwarz vom Blut. Überall Federn, Stofffetzen, kleine Knochen.

Eingeweide hingen über Ästen, als hätte ein Tier sie achtlos zerrissen.

Der Geruch von Eisen und Tod war so stark, dass Matiga würgen musste.
 

Und inmitten dieses Grauens saß Tofu.
 

Wortwörtlich in der Mitte – im Kreis der Verwüstung, auf feuchtem, blutgetränktem Boden.

Um sie herum lagen Wölfe. Große, graue Tiere, mit geduckten Häuptern und glühenden Augen.

Sie rührten sich nicht. Sie warteten.

Wie Untergebene, die auf das Zeichen ihres Alphas warteten.
 

Tofu kaute gemächlich.

Blut klebte an ihren Wangen, an den kleinen Fingern, an ihrem Kinn.

Sie lächelte, als sie Matiga bemerkte.
 

„Hihi. Haben gespielt,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme, als wäre alles ein Spiel.

„Wölfe waren bessere Jäger als er.“
 

Dann hob sie etwas auf – einen Arm.

Klein, aber menschlich. Noch warm.

Sie reichte ihn Matiga, als wolle sie ihr ein Geschenk machen.

„Lass uns jagen,“ flüsterte sie – leise, fast bittend, und ihr Lächeln war das unheimlichste, das Matiga je gesehen hatte.
 

Erst, als Tofu ein paar Schritte zurückwich, regten sich die Wölfe.

Langsam, vorsichtig, begannen sie, die Überreste zu fressen – als hätten sie endlich die Erlaubnis bekommen.
 

Matiga stand da.

Reglos. Starr.

Das Blut des Arms tropfte auf ihre Hände.
 

Und dann sah sie den Kopf – zerschmettert, halb im Laub vergraben, aber unverkennbar.
 

Rukkard.

Der kleine Jäger.

in Foto voller Fremder

Am Waldrand blieb Matiga stehen. Ihr Magen drehte sich, der metallische Geruch von Blut klebte an ihrer Zunge. Sie hielt Tofu fest an sich gedrückt, obwohl das Kind weder zappelte noch weinte. In ihrer anderen Hand – noch immer, unbegreiflich – der kleine, kalte Arm.
 

Mehr war von Rukkard nicht geblieben, nur ein kleiner kalter Arm in einem stück Stoff gewickelt was einmal ein Ärmel darstellen sollte.
 

Matiga konnte ihn nicht einfach liegen lassen, so schien es ihr. Der Gedanke, dass Tiere an ihm nagen würden, ließ sie würgen. Doch sie wusste auch, dass niemand glauben durfte, was wirklich geschehen war. Also grub sie ein Loch, klein und hastig, schob den Arm hinein und bedeckte ihn mit Erde, Moos und einem alten Gebet, das ihr kaum über die Lippen kam.
 

„Möge er heimfinden,“ flüsterte sie, obwohl sie selbst nicht glaubte, dass noch etwas heimzufinden blieb.
 

Dann nahm sie Tofu an die Hand, und gemeinsam gingen sie den Pfad hinab ins Dorf.

Das Mädchen schritt ruhig neben ihr her – zu ruhig, fast würdevoll, wie jemand, der seine Tat mit Stolz trägt.
 

Am Brunnen am Rand des Weilers blieb Matiga stehen, atmete tief, und flüsterte die Worte, die schon halb zu einer Beschwörung geworden waren:

„Er wurde von Wölfen gefressen. Er hatte großes Pech. Tofu hat sich unter den Wurzeln versteckt, so schrecklich verängstigt.“
 

Die Lüge klang hohl in ihren eigenen Ohren, doch niemand stellte Fragen. In Matigas Brust war ein schwerer Knoten, das Gewicht der Geheimnisse drückte ihr die Rippen zusammen. Sie musste Tofu schützen.

Zuhause setzte sie das Kind auf den Tisch, sah ihr in die grünen Augen und versuchte, mit ruhiger, flüsternder Stimme die Wahrheit wieder geradezubiegen. „Tofu,“ begann sie, „man tötet Menschen nicht. Man tut einander nicht weh. Menschen… Menschen gehören zusammen. Man hilft einander.“
 

Tofu drehte den Kopf kaum merklich. „Der Schwächste…“ sagte sie, als spräche sie eine Regel aus einer fernen Karte, „muss im Rudel sterben.“
 

Matigas Finger krampften sich um den Saum ihrer Schürze. „Das ist kein Rudelspiel, Schatz. Das war ein Kind. Ein Junge. Er hieß Rukkard. Er hatte eine Familie. Eine Mutter, vielleicht einen Bruder. Jemand wartet schon auf ihn. Jemand wird ihn vermissen.“
 

Tofu blickte sie an, als seien diese Worte fremde Pflanzen, deren Blätter sie nur halb verstand. „Familie?“
 

Matiga holte tief Luft und suchte in der Ecke nach dem kleinen Fotoalbum, das sie selten hervorholte. Sie schlug die Seiten auf und zeigte Tofu ein verwittertes Bild: Matiga, jung, mit Eltern und zwei Geschwistern, die Hände umeinander gelegt, Augen voller Liebe. „Das sind meine Eltern. Das sind meine Schwestern. Das sind Menschen, die mich lieben. Das ist Familie.“
 

Die Erklärung schmeckte nach Staub und alten Liedern, nach Sonntagstafeln und dem Geruch von Brot. Matiga sprach leise von weitem Land, von Feldern und von einem Vater, der nicht mehr lebte. Bei dem Wort gestorben hielt sie inne, hoffte, die Bedeutung würde wie ein lauer Nebel vorbeiziehen.

Doch Tofu war plötzlich hellwach. Ihre Augen weiteten sich. „Gestorben?“ fragte sie, als würde man ihr ein neues Spiel erklären. Ihre Stimme war neugierig, schimmernd. „Können sie … auch sterben? Alle?“
 

Matiga lächelte gezwungen, suchte verzweifelt nach Geduld. „Ja. Menschen… sie sterben. Manchmal sehr, sehr traurig. Dann weinen die Hinterbliebenen. Man erinnert sich an sie und ehrt ihr Andenken.“
 

Das Wort weinen schien Tofu nicht zu interessieren. Stattdessen richtete sie ihren Blick so direkt auf Matiga, dass das Lächeln, das ihr Gesicht umspielte, wie ein Schatten über die Züge kroch. „Wenn die anderen sterben,“ sagte sie langsam, als würde sie eine Rechnung auflisten, „dann muss keiner traurig sein.“
 

Matigas Herz setzte aus. „Tofu, wieso sagst du so etwas?“
 

Tofu hob die kleine Hand, legte sie leicht auf Matigas Arm – eine Berührung, die kaum wärmer war als eine Glasplatte. Dann neigte sie den Kopf, und dieses Lächeln – das gleiche, das Matiga seit dem Brunnen nicht mehr losließ – wurde noch länger, noch stiller.

"Du wirst bald sterben, Mama,“ sagte sie, und ihre Stimme war wie Kiesel, die in ein dunkles Loch fallen. „Du bist das schwächste Glied in der Familie. Wenn du tot bist, muss niemand traurig sein.“
 

Matiga spürte, wie ihr Wangen zu Eis erstarrten. Die Worte hingen in der Luft, schwer wie Blei und für einen Augenblick war die Welt nur das Flattern der Kerzenflamme und das leise Ticken der Uhr. Dann, wie von ferner Seite, kroch eine Leere über ihre Brust.
 

Sie kniff die Augen zu, suchte in Tofus Gesicht nach dem Kind, das sie einst gefunden hatte, nach dem winzigen Wesen mit dem grünen Haar, das bei ihrem Namen gegluckst hatte. Doch da war nur noch dieses fremde Wesen, so ruhig, so bestimmt – und so mörderisch klar in seinem Urteil.
 

Matiga spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog: Liebe, Schuld, Angst und eine dunkle, furchtbare Erkenntnis, die sich wie ein Messer bohrte. Sie wollte schreien, wollte die Taschen der Welt nach Antworten durchwühlen, doch die Luft blieb ihr weg.
 

Draußen fiel eine Amsel vom Ast, als hätte jemand unsichtbar ihre Flügel durchtrennt. Im Zimmer sah Matiga auf das Foto und plötzlich erschienen ihnen in ihren Augen ganz andere Konturen: nicht nur Liebe, sondern Zerbrechlichkeit, Verwundbarkeit — und eine neue, nackte Frage, die ihr keinen Schlaf mehr lassen würde.
 

Wie beschützt man ein Monster, das bereits mit der Hand dein Herz erwürgt? Aber aufgeben wollte Matiga nicht. irgendwo in ihrem Herzen hat sie noch Hoffnung Tofu zu einen Menschen zu erziehen und mit ihr eine Glückliche Familie zu spielen.

Unglücksbringer

Matiga gab wirklich ihr Bestes. Sie zählte Regeln auf wie Gebete, wiederholte sie leise beim Wickeln, beim Essen, beim Zubettgehen: Nicht in die Nacht hinausschauen. Nicht mit Messern spielen. Nicht allein in den Wald. Sie sprach von richtig und falsch, von dem, was Menschen tun, und was sie nicht tun dürfen. Sie übte Geduld, schenkte Lob, zog Grenzen — und fühlte sich dabei jeden Tag dünner werden, wie Pergament, dem man die Worte entzieht.
 

„Es wird Zeit,“ sagte J. Faar eines Abends, seine Stimme wie ein kalter Griff. Er saß im Halbdunkel des Zirkels, die Kapuze tief in den Schatten gezogen. „Du solltest sie einsperren. Oder wenigstens die Stadt verlassen.“

Er klang überraschend ernst, und doch lag darin kein Mitgefühl, nur nüchterne Rechnung. „Die Unglücksfälle häufen sich. Wenn ich nicht wüsste, dass ein Alien unter uns ist, würde ich das Werk des Dämonenkönigs dahinter vermuten. Es dauert nicht mehr lange, bis die anderen dahinterkommen. Drei Jahre versuchst du schon, sie vom Töten abzuhalten — ohne nennenswerten Erfolg.“
 

Faar zählte auf, sachlich wie ein Chronist des Unheils: verschwundene Kinder, Haustiere, vergiftete Speisen auf Jahrmärkten, ein Rinnsal vergorener Milch, die einen ganzen Stall krank machte; ein Fischer, der am Morgen leblos in seinem Boot gefunden wurde, der Netz von innen blutig zerrissen; ein Pferd, das mitten auf der Straße ohne äußeren Grund durchging, Zunge blau vor Kälte. Dinge, die man als Zufall abtun konnte — einzeln —, zusammen wie Zähne in einem Kreis.
 

„Ich weiß,“ flüsterte Matiga, obwohl Tofu noch in der Schule war. Die Räume fühlten sich wie eine Falle an. „Heute ist schon wieder ein Junge aus ihrer Klasse verschwunden; er hat ein Mädchen gequält — nichts Gutes, aber kein Grund zu sterben. Ich habe Angst, dass, wenn ich eingreife… ich tot bin. Ich habe Angst, dass sie mich töten will.“ Ihre Stimme war klein, ein Splitter aus Glas.
 

Faar lächelte halbverächtlich. „Dein Wille ist schwach,“ sagte er, als sei das ein medizinischer Befund. Seine Augen funkelten kalt. „Ich würde sie aus dem Ort bringen. Nicht weit von hier gibt es eine verlassene Stadt. Dort könntest du es noch einmal versuchen. Zieh sie fern. Erzieh sie neu. Vielleicht ist es möglich — die Natur eines Wesens zu formen. Mutterinstinkte sind schön, aber gefährlich naiv.“
 

Er stand auf, griff in ein altes Glas; etwas Krabbeltierisches huschte über den Rand — ein kleiner Skorpion, zusammengerollt, eine Nadel im Schatten. „Den Skorpion vergiss nicht,“ sagte Faar trocken und deutete darauf. „So ein giftiges Ding will ich nicht hier haben.“ Seine Stimme klang belustigt, als hätte er gerade einen köstlichen Gedanken ausgesprochen.
 

Matiga straffte die Schultern. Sie war nicht blind für die Gefahr; doch die Vorstellung, Tofu fortzugeben oder einzusperren, riss an der letzten Faser ihres Herzens. „Ich werde es versuchen,“ sagte sie schließlich. „Ich werde fortgehen. Weg von der Stadt. Für uns — für sie.“ Es war ein Versprechen, das zugleich wie ein Urteil klang.
 

Später, als sie Tofu aus der Schule abholte, wirkte das Mädchen kaum betroffen von den Worte des Meisters. „Wie war die Schule?“ fragte Matiga leicht zuversichtlich. Tofus Blick glitt nur kurz zu ihr, ein Ausdruck, der sagte: Du lebst noch? „Gut,“ antwortete das Kind knapp, die Stimme ohne Reue und ohne Überschwang.
 

Auf dem Heimweg schien die Welt gegen Matiga zu sein. Es begann mit kleinen Dingen, wie harmlosen Ränken, die sich zu ernsten Warnungen fügten. Sie trat in eine tiefe Pfütze, und Wasser peitschte hoch bis ihre Knie; der Regen, der gerade aufgehört hatte, schien zurückzukehren, als wolle der Himmel ihr Pein zufügen. Ein Wagenrad fuhr so knapp an ihr vorbei, dass der Wind die Haare von ihrem Gesicht riss. Dann, als würde das Schicksal einen letzten Hieb setzen, riss etwas unter ihren Füßen, sie stolperte, und die Welt zog an ihr wie an einem Faden.
 

Matiga flog – nicht elegant, sondern quer über die Straße und landete mit dumpfem Schlag direkt vor der Kutsche eines reichen Händlers. Die Pferde scheuten, das Geschirr knarrte, die Nacht schien kurz zu lodern, als die Kutsche anhielt und der Kutscher fluchte. Menschen kreischten, Fackeln zuckten, und für einen Herzschlag war die Straße ein Theater aus Licht und Schrecken. Matiga rang nach Atem, schmeckte Erde und Eisen, und der Händlerssohn starrte, die Augen voller Entsetzen.
 

Tofu stand am Rand und beobachtete das Chaos mit der gelassenen Miene eines Menschen, dem ein Plan misslungen ist. Kein Mitleid, nur leise Missgunst — als wäre etwas Unvorhergesehenes nicht eingetreten, was hindern sollte, was erwartet wurde. Sie hob die Schulter, als Matiga sich mühsam aufrappelte, und rollte mit den Augen.
 

„Pack deine Sachen,“ entschied Matiga, als sie später Zuhause den Zeitungskopf las: ein weiterer Junge vermisst. Die Artikel häuften sich: Haustiere verschwunden, Aasfunde im Rand des Waldes, einen halb zerrissenen Korb mit Federn am Pfad; Gerüchte von Wölfen, die Menschen näher kamen, als es natürlich schien. Die Worte auf dem Papier schienen wie Nadeln in ihrer Brust zu stecken.
 

Die Angst hatte ein Gesicht, und es war gräulich vom Morgenlicht. Matiga spürte, wie die Entscheidung, fortzugehen, unabwendbar wurde: Umzug in die verlassene Stadt, weg von den Straßen, weg von den Blicken. Für Tofu — und gegen das, was sie unvermeidlich anzog. Doch beim Packen blieb ein letzter Blick zurück auf das kleine Bett, auf das Haar, das nach Moos duftete, und Matiga fragte sich leise, wer hier eigentlich das Monster war, und wer das Opfer.

Geisterstadt

Sie packten nur das Nötigste.

Ein paar Kleider, etwas Brot, eine Decke. Von außen sollte es aussehen, als gingen sie auf eine Reise — nichts weiter. Kein Abschied, kein Wort, kein Blick zurück. Nur die Stille zwischen zwei Schritten, die alles erzählte.
 

Matiga hatte niemandem gesagt, wohin sie wollte. Niemand sollte nach ihnen suchen. Niemand sollte erfahren, was sie mit sich trug.
 

Während sie ging, lastete jeder Gedanke auf ihr wie Blei.

Wenn sie damals keinen Fehler gemacht hätte, wäre Tofu vielleicht ein ganz normales Kind geworden — eines, das lachte, Freunde fand, auf Bäume kletterte und sich schmutzige Knie holte. Kein Schatten im Blick, kein kaltes Lächeln, das sich an Leid nährte.

Matiga sah sie neben sich gehen: klein, schweigend, die Hände im Mantel versteckt. Ein Kind, das nie wirklich Kind gewesen war.
 

Die Reise dauerte einen halben Tag. Als sie die Stadt endlich erreichten, war sie leer.

Die Straßen waren von Staub überzogen, als hätte niemand sie seit Jahrzehnten betreten. Fensterläden schlugen im Wind, Türen standen halb offen. Kein Vogel, kein Laut, nicht einmal das Rascheln von Tieren.
 

Eine Stadt ohne Herzschlag. Eine Geisterstadt.
 

Matiga spürte sofort, dass es nicht nur eine Redensart war.

Etwas war hier.

Etwas, das atmete, aber nicht lebte.
 

Die Luft vibrierte leise, wie ein kaum hörbares Flüstern. Schatten huschten an Mauern entlang, und dort, wo das Licht fiel, war Kälte. Es war, als hätten sich die Geister hier eingerichtet — als wäre dies ihr Reich, seit Menschen es verlassen hatten.
 

Doch Matiga fürchtete sie nicht.

Sie wusste, wie man sich schützt. Ein Bannkreis, ein einfaches Siegel aus Salz und Blut würde reichen. Und vor allem: Tofu konnte den Geistern nichts anhaben.

Vielleicht, dachte sie, war das sogar der Grund, warum sie hierhergeführt worden war — ein Ort, wo niemand mehr sterben konnte, weil alle es längst getan hatten.
 

Tofu zeigte keine Reaktion. Sie blickte nur schweigend umher. Für einen Moment wirkte sie friedlich. Fast normal.
 

Dann zog Wind auf.

Ein dunkles, rollendes Grollen kam vom Horizont. Kein Regen, kein Donner — nur Blitze, die aus einem wolkenlosen Himmel fuhren. Einer schlug ein, krachend, in das Dach eines Hauses am Marktplatz.

Matiga zuckte zusammen. Sekunden später stand es in Flammen.
 

„Nein …“ flüsterte sie und riss die Hände hoch.

Die Worte des Löschzaubers stolperten über ihre Lippen, während sich das Feuer wie gierig durch die Straße fraß. Funken sprangen von Dach zu Dach, Ziegel glühten, Balken ächzten. Die Flammen schienen lebendig, als würden sie lachen.
 

Matiga versuchte es erneut — stärker, mit bebender Stimme.

Das Feuer wich zurück, dann loderte es umso wilder auf.
 

Tofu stand daneben, unbewegt, das Gesicht von flackerndem Rot umspielt. Ihre Augen spiegelten das Feuer, als würde sie darin etwas Wunderschönes sehen.
 

„Tofu, geh weg!“ rief Matiga, während der Rauch dichter wurde. Doch das Kind wich keinen Schritt.
 

Dann kam der Regen — zu spät.

Die Stadt brannte. Holzhäuser stürzten krachend ein, als würden sie sich gegenseitig mit in den Abgrund reißen.

Nur eine Hütte am Rand blieb verschont, ein altes Gebäude aus Stein, schwarz verrußt, aber unversehrt.
 

Matiga sank keuchend davor nieder, der Zauber erlosch auf ihren Lippen.

Der Himmel war grau, der Boden schwarz. Überall stieg Rauch auf, und in der Ferne klang etwas, das wie Flüstern klang — aber es war kein Wind.
 

Tofu trat neben sie, den Blick auf die brennenden Reste der Stadt gerichtet.

Ein kaum merkliches Lächeln zog sich über ihre Lippen.
 

Matiga wusste in diesem Moment, dass sie nun auch die Geister gegen sich hatte.

Und Tofu schien das zu gefallen.

Der Knochensammler

Matiga nahm Tofu an die Hand und ging auf das letzte verbliebene Haus zu. Irgendwo mussten sie schlafen, und sicher nicht auf dem nassen, kalten Boden. Wenigstens für eine Nacht wollte Matiga ein Dach über dem Kopf haben. Um die Geister würde sie sich später Gedanken machen.
 

Als sie die Hütte erreichten, blieb sie kurz stehen. Etwas lag in der Luft – eine Aura, die sich wie feuchte, schwere Decken auf ihre Haut legte. Sie wusste nicht genau, was es war, aber sie spürte, dass es die anderen Geister fernhielt. Vielleicht war das der Grund, warum dieses Haus vom Feuer verschont geblieben war.
 

Vorsichtig öffnete sie die Tür. Das alte Holz ächzte, doch das Innere war erstaunlich intakt. Es roch nach altem Eisen und Erde, nach etwas, das weder ganz tot noch ganz lebendig war. Kaum Staub lag auf den Möbeln, als hätte hier erst vor Kurzem jemand gewohnt. Doch das, was Matiga wirklich auffallen ließ, war das Material, aus dem alles bestand.
 

Jedes Möbelstück war aus Knochen gefertigt.

Nicht geschnitzt oder kunstvoll bearbeitet – nein, roh zusammengesetzt. Gelenke als Scharniere, Rippen als Tischbeine, Wirbelsäulen, die sich wie kunstvolle Bögen über die Stühle zogen. Das Bettgestell bestand aus dicken, verflochtenen Oberschenkelknochen, die sich wie gefaltete Hände ineinander verschränkten. An der Wand hingen Schädel – Tier und Mensch, Seite an Seite – manche mit eingeritzten Symbolen, andere mit wachsartigen Resten auf der Stirn, als wären sie Kerzenhalter gewesen.
 

Ein Raum wie aus den Albträumen eines Wahnsinnigen.

Und doch, Matiga empfand keine Angst.

Sie blieb ruhig stehen, sah sich um – und seufzte leise.

„Erinnert etwas an Faars Labor“, murmelte sie fast zärtlich.Jeder andere hätte geschrien, wäre weggelaufen, doch nicht sie. Es hatte einen Grund, warum Matiga einst die dunklen Künste studiert hatte. Nicht wegen Macht oder Zerstörung, sondern aus Faszination. Das Unerklärliche, das Skurrile, das Unheimliche – all das war für sie nie nur Abscheu, sondern auch Staunen gewesen.
 

Tofu schien ebenso gefesselt. Mit leisen Schritten ging sie durch den Raum, strich mit den Fingerspitzen über ein Geländer aus Fingerknochen, als würde sie die Struktur studieren. In ihren Augen glomm ein fremdes Leuchten, halb kindliche Neugier, halb etwas… anderes.
 

Das Haus war klein, aber vollständig eingerichtet. Zwei Schlafzimmer, eine kleine Küche und ein Keller, dessen Tür schwer aus Eisen gefertigt war. Die Luft darin war trocken und kalt, und als Matiga die Treppe hinabstieg, entdeckte sie, was sie vermutet hatte – Knochen, überall.
 

Haufenweise.

Sortiert, gestapelt, fast liebevoll arrangiert.
 

Hier ein Berg aus Tierknochen – Wild, Vögel, sogar Fische.

Daneben kleinere Schädel, eindeutig menschlich, mit eingeritzten Zeichen.

Und in einer Kiste, fein säuberlich aufgeschichtet, winzige, durchscheinende Knochen von Feen und Zwergen. Ihre Flügel lagen daneben, wie gepresste Blätter in einem vergessenen Buch.
 

Matiga war zugleich schockiert und beeindruckt.

Wer auch immer hier gelebt hatte, war kein gewöhnlicher Sammler. Er war ein Künstler des Todes. Jemand, der in jedem Knochen eine Geschichte sah.

Ein „Knochensammler“.
 

Als sie wieder hinaufstieg, hatte sich die Sonne längst verzogen. Ein dumpfer Donner grollte am Horizont, und mit ihm kam der Regen. Nicht das leise Tröpfeln einer Sommernacht – nein, es war ein donnernder, schwerer Regen, als würde der Himmel selbst zerspringen.
 

Drinnen jedoch blieb es still. Kein Wind, kein Tropfen drang durch die Mauern. Das Haus atmete mit ihnen, schien sie zu umhüllen.Sie setzten sich zum Essen.

Das Besteck – aus Knochen gefertigt – klirrte leise auf den Tellern.

Das Mahl war einfach, aber warm. Und in der Stille des Unwetters fühlte es sich fast heimisch an.
 

Bis Tofu plötzlich aufstand.

Ohne ein Wort nahm sie einen weiteren Teller, füllte ihn sorgfältig mit Suppe und legte eine Gabel daneben. Dann stellte sie ihn auf den leeren Platz gegenüber.
 

Matiga sah sie verwirrt an.

„So großen Hunger?“ fragte sie sanft.
 

Tofu schüttelte den Kopf.

„Nicht für mich.“
 

Dann setzte sie sich wieder, blickte auf den Platz, den sie gedeckt hatte.

Matiga folgte ihrem Blick. Der Stuhl gegenüber blieb leer – doch die Kerzen flackerten, als ob jemand unsichtbar Platz genommen hätte.
 

Ein Blitz zuckte draußen, gleißend hell. Für einen Wimpernschlag sah Matiga im Fenster etwas: eine Gestalt, schwarz wie Rauch, ohne Gesicht, mit langen Armen, die im Nichts endeten. Beim nächsten Blitz war sie verschwunden.
 

„Geister…“, murmelte Matiga und versuchte, ruhig zu atmen.

Sie wollte einen Bannkreis legen, wenigstens später, wenn Tofu schlief. Doch jetzt wollte sie das Kind nicht erschrecken.
 

Tofu aber wirkte gar nicht erschrocken. Sie saß still, die Hände gefaltet, den Blick unverwandt auf den leeren Teller gerichtet.
 

Die Zeit schien stillzustehen.

Draußen donnerte es, Regen peitschte gegen die Scheiben, aber das Haus blieb ungerührt. Kein Tropfen drang hinein. Nur die Kerzen flackerten weiter, ihr Licht tanzte auf dem Knochenweiß der Wände.
 

„Tofu?“ flüsterte Matiga.

Keine Antwort.
 

Das Kind neigte leicht den Kopf, als würde es lauschen.

Dann sagte sie leise, fast zärtlich:

„Er ist gleich da.“
 

Matiga spürte, wie ihr das Blut in den Adern gefror.

„Wer?“ fragte sie, kaum hörbar.

Tofu antwortete nicht.

Sie sah einfach nur weiter auf den Teller, unbeweglich, mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Augen auf dem Kopfkissen

Die Kerzen flackerten.

Dann öffnete sich die Tür.
 

Kein Windzug, kein Knarren – nur ein schmaler Schatten, der sich in die Hütte schob, als gehöre sie ihm.

Matiga hielt den Atem an. Tofu lächelte leicht.
 

Der Mann trat ein – groß, schmal, in einen langen Mantel aus grauem Stoff gehüllt, an dem Knochenstücke wie Schmuck eingenäht waren. Sein Gesicht war bleich, seine Augen stumpf, als blickten sie von weit her. Er trug einen Sack über der Schulter, aus dem leise etwas klirrte.
 

Er blieb vor dem Tisch stehen, sah erst Matiga an, dann Tofu – und schließlich die beiden dampfenden Teller.

„Ihr esst an meinem Tisch“, sagte er ruhig, fast erstaunt, aber ohne Zorn.

Seine Stimme war brüchig, wie altes Leder.
 

Matiga erhob sich hastig. „Verzeiht… wir wussten nicht, dass hier jemand lebt. Wir—“

„Doch“, unterbrach er sanft. „Ihr wusstet es.“

Er stellte den Sack ab. „Sonst hättet ihr euch nicht hergetraut.“
 

Er ging gemächlich zum Tisch, zog einen Stuhl heran, als wäre nichts geschehen, und setzte sich. Dann kippte er den Sack aus.

Knochen fielen heraus, rollten zwischen die Schalen, klirrten an Tellerränder. Kleine, große, menschliche, tierische.
 

„Ich sammle, was übrig bleibt“, murmelte er. „Alles hat einen Platz, wenn man nur lang genug sucht.“
 

Tofu starrte gebannt auf die Knochen, als würde sie sie erkennen.

„Du magst sie, nicht wahr?“ fragte der Mann plötzlich.

Tofu nickte.

„Sie reden mit mir.“
 

„Mit mir auch.“ Er lächelte, ein kaltes, sprödes Lächeln. „Manchmal schreien sie. Aber das ist nur, weil sie vergessen haben, wie man still ist.“
 

Er stand auf, ging zum Bett, das in der Ecke stand, und öffnete dort eine kleine Holzkiste.

„Wollt ihr etwas Schönes sehen?“

Er sprach so, wie ein Vater mit einem Kind spricht, dem er ein Spielzeug zeigen will.
 

Aus der Kiste holte er kleine Glasröhrchen hervor, eines nach dem anderen, und stellte sie ordentlich nebeneinander. Drinnen schwammen Augen – Dutzende, schimmernd, farbig, schrecklich lebendig.
 

„Die schönste Sammlung ist immer die, die zurückblickt“, sagte er, fast stolz. „Ich habe sie alle bewahrt. Die Sanften, die Wilden, die Gläubigen. Jeder Blick ist ein Fenster – und jedes Fenster führt in eine Erinnerung.“
 

Er öffnete eines der Röhrchen, schüttete den Inhalt auf das Kissen.

Die Augen rollten leise, feucht, schimmerten im Kerzenlicht.

Er nahm eines zwischen zwei knochige Finger, hob es prüfend an.

„Schau nur. So ein Grün findet man selten. Fast wie deins, Kind.“
 

Tofu beugte sich vor, betrachtete die gläsernen Kugeln. Ihre Finger zuckten.

„Siehst du, wie hübsch sie sind?“ fragte der Mann fast liebevoll. „Wie Edelsteine aus Fleisch.“

Tofu nickte – und bevor Matiga eingreifen konnte, nahm sie eines und steckte es sich in den Mund.
 

Ein feuchtes Knacken, dann Stille.

Der Sammler erstarrte.
 

„Nein...“

Seine Stimme sank zu einem Flüstern. „Das... war mein Schatz. Und du hast ihn zerstört.“
 

Tofu kaute ruhig weiter, sah ihn mit trügerischer Unschuld an.

„Ich wollte sehen, ob sie innen auch schön sind.“

Interview mit einem Vampir

„Wer seid ihr überhaupt?“, fragt er leise mit zitternder Stimme und versucht, seine Wut zu unterdrücken.
 

„Entschuldigung, ich habe uns noch nicht vorgestellt. Ich bin Matiga und das ist meine Tochter Tofu“, stellt sich die Hexe vor.
 

„Mhmmm... Tofu also. Und was bist du genau?“ Er mustert Tofu genauer.
 

„Ein Mensch. Mehr brauchst du nicht zu wissen – und wer bist du?“ Matiga stellt sich dazwischen, bevor er sie anfassen kann.
 

„#*$%&/ ... mein Name.“
 

Matiga schaut nur verwirrt, weil sie kein Wort verstanden hat – was verständlich ist, da er offenbar aus einem anderen Land stammt.
 

„Ich komme aus dem Land Terranera. Und nun ihr – ich erkenne den Tod, wenn er vor mir steht. Doch dieses Mädchen... sie ist furchteinflößender als der Tod selbst. Das kann ich als nobler Vampir sehr wohl behaupten. Nun, was seid ihr?“ fragt er noch einmal, diesmal strenger, dominanter.
 

„Ein Vampir? Die leben doch auf der Schattenseite... Was sucht so jemand hier?“ Matiga ist überrascht.
 

„Sie wurde verflucht, mehr nicht. Ein Mensch, der verflucht wurde. Wir sind auf der Reise, um ihn zu lösen – und haben hier Rast gemacht“, stottert Matiga. Ihre Knie zittern, doch Tofu dagegen lächelt diesen Mann an – noch mehr. Es scheint, als würde sie ihn regelrecht verehren.
 

„Das geht keinen etwas an. Und hättet ihr die Geister nicht so aufgebracht, wäre es auch niemandem weiter aufgefallen“, beschwert er sich.

„Opa!“ ruft Tofu plötzlich, springt auf und will ihn umarmen – doch der Vampir weicht mühelos aus.
 

„Dieses Mädchen riecht nach Tod und versprüht ihn. Verlockend... und beängstigend zugleich“, sagt er fasziniert.

„Ähm... Herr... wie kann man dich nennen? Dein Name ist sehr kompliziert.“
 

„Entschuldigung, eure Landessprache ist anders. In eurem Land würde man mich wohl...“
 

Er wird unterbrochen, als Tofu plötzlich die Glasröhrchen mit den Augen zerstört.
 

„Nein!“ Er greift nach Tofus Hand.

Matiga bekommt sofort Sorge, dass Tofu aggressiv wird, und will eingreifen – doch die Aura, die die beiden ausstrahlen, ist so überwältigend, dass sie sich nicht einmal bewegen kann.
 

„Dir müssen wohl ein paar Manieren beigebracht werden“, sagt er streng und drückt fester zu. Doch Tofu lässt die Augen nicht los – im Gegenteil, sie grinst nur breit und zerdrückt eines sogar in ihrer Hand.
 

„Das Eigentum anderer zerstört man nicht.“
 

Er gibt ihr eine ordentliche Kopfnuss. Tofu gefällt das gar nicht – und zum ersten Mal sieht Matiga etwas Außergewöhnliches:

Die Haare von Tofu beginnen, sich zu bewegen, als wären sie lebendig, und umwickeln den Vampir.
 

Doch der lacht nur – und zerschneidet sie kurzerhand.
 

Dass sich jemand wirklich wehrt, kennt Tofu gar nicht. Sie ist überrascht – aber auch beeindruckt. Umso mehr Kraft setzt sie nun ein, um ihre Grenzen zu finden.
 

Er schlägt sie durch die Wand, und beide landen draußen – in der Stadt.

Dort beginnt der Kampf erst richtig.

Tentakel aus der Tiefe

Der Wind hatte den Regen längst vertrieben. Über der Geisterstadt hing nun ein unnatürlich grünes Dämmerlicht, das den Boden schimmern ließ wie fauliges Wasser.

Staub und Asche tanzten in der Luft, als Tofu und der Vampir sich gegenüberstanden.
 

Matiga stand in der zerstörten Türöffnung des Knochenhauses, unfähig, etwas zu tun. Ihre Finger bebten, während sie zusah, wie sich die beiden mit übermenschlicher Geschwindigkeit bewegten. Jeder Schlag des Vampirs klang wie der Aufprall von Eisen, jede Bewegung Tofus wie das Rascheln von etwas Lebendigem, das keine Knochen kannte.
 

Der Vampir lachte – ein tiefes, kehliges Geräusch, das in den Gassen widerhallte.

„Ein Kind? Du bist kein Kind. Du bist ein Fluch auf zwei Beinen.“
 

Tofu antwortete nicht. Sie stand still, ihre Lippen zu einem kaum merklichen Lächeln verzogen. Doch ihre Augen – diese grünen, durchdringenden Augen – leuchteten in einem Ton, den Matiga nie zuvor gesehen hatte. Kein Rot, kein Grün – eher etwas dazwischen, ein faulendes Smaragdlicht, das alles um sie herum in krankes Schimmern tauchte.
 

Dann griff der Vampir an.

Er war schnell – zu schnell. Ein Schatten, der sich verformte, auf sie zuschoss, die Zähne gebleckt. Tofu wich nicht aus.

Seine Klauen rissen durch ihr Hemd, doch statt Blut quoll darunter nur Dampf hervor – und dann dieses Geräusch.

Ein tiefes Grollen, wie von weit unter der Erde.
 

Der Boden vibrierte. Erst nur leicht, dann stärker, bis Risse durch den Platz zogen.

Matiga stolperte zurück. „Tofu! Hör auf! Hör auf!“

Aber das Kind hörte nicht. Sie sah nur den Vampir an, der plötzlich innehielt – überrascht, dann erschrocken.
 

„Was tust du…?“ murmelte er.
 

Ein grünes Leuchten brach aus den Rissen hervor. Erde wurde weggeschleudert, Steine platzten auf – und dann kam er:

Ein gewaltiger, schleimiger Tentakel, grünlich schimmernd, übersät mit Augen, die sich unabhängig voneinander bewegten. Er roch nach Salz, Blut und uraltem Schlamm.

Er schoss aus dem Boden, packte den Vampir, noch ehe dieser reagieren konnte.

Ein markerschütterndes Knacken ertönte, dann ein Würgen, als der Tentakel sich um seinen Hals wand – fester, immer fester, bis Knochen splitterten.
 

Matiga schrie auf. „Nein! Lass das! Hör auf, Tofu!“
 

Doch Tofu rührte sich nicht. Sie stand einfach da, mit diesem unergründlichen Gesichtsausdruck. Kein Zorn, kein Mitleid – nur Stille.
 

Der Vampir schlug um sich, versuchte, die schleimige Umklammerung zu lösen, doch der Tentakel zog ihn tiefer, riss ihn fast in Stücke.

Und als seine letzten Schreie verklangen, geschah das Unbegreifliche:

Der Tentakel begann, sich zu teilen.

Wie Ranken spaltete er sich in Dutzende dünne, fast durchsichtige Stränge, die sich windend auf Tofu zubewegten.
 

„Tofu… lauf!“, keuchte Matiga.

Doch das Kind blieb ruhig stehen. Sie streckte sogar ihre Hand aus – als würde sie etwas willkommen heißen.
 

Die feinen Tentakelstränge glitten über ihre Arme, ihren Hals, bis sie ihr Haar erreichten. Und dort – verschmolzen sie.

Sie verwuchsen mit jeder Strähne, zogen sich hinein wie grüne Venen unter der Haut, bis Tofus Haar leicht pulsierte.

Ein neues Leben in sich trug.
 

Matiga stand reglos, ihr Herz raste.

Das Haar ihres Kindes bewegte sich im Wind, flüsterte, atmete.

Die grüne Schicht schimmerte darin, als wäre es ein Wesen aus einer anderen Welt.
 

„Was… bist du nur?“ flüsterte sie tonlos.
 

Tofu sah sie an – mit diesem fremden Lächeln, das kein Kind je haben sollte – und sagte leise:

„Ich wachse, Mama.“

Nadel, Faden, Körperteile

Matiga versuchte, mit allem klarzukommen – mit den lebendigen Haaren ihrer Tochter und der Tatsache, dass Tofu vor ihren Augen getötet hatte.

Davor hatte sie nur die Leichen gegessen, nie jemanden direkt getötet. Es gab nie Beweise.

Doch nun lag dort ein Haufen, der einst ein Vampir gewesen war.
 

Knochen ragten aus dem Körper, als hätte jemand einen Menschen einfach zusammengedrückt. Haut hing in Fetzen, und der Boden war überzogen von einem schleimigen, metallisch riechenden Glanz. Ein groteskes Kunstwerk aus Tod und Verformung.
 

Doch plötzlich – ein Knacken.

Matiga zuckte zusammen und drehte sich um.

Die Leiche bewegte sich.

Langsam, zuckend, begannen sich die verdrehten Gliedmaßen zurückzudrehen. Das Knacken der Knochen, wie sie sich wieder an ihre ursprüngliche Stelle fügten, hallte durch die Gasse.
 

„Nicht schlecht… nicht schlecht“, lachte der Vampir, als er mit glühenden Augen wieder aufstand.

„Doch du wirst nachlässig.“
 

In einem Wimpernschlag packte er Tofu an der Kehle und hob sie mühelos in die Luft.

„Solange etwas von mir bleibt, solltest du nie nachlässig werden.“

Seine Finger drückten zu, bis Tofu nach Luft rang. Erst als sich ihre Haare wieder zu regen begannen, ließ er los.
 

„Du bist ungeschickt. Du verlässt dich nur auf deine Stärke. Du hast gute Instinkte – aber das war’s auch schon.“

Er knackte mit den Fingern, als wollte er seine eigene Auferstehung kommentieren.
 

„Tofu!“ Matiga rannte zu ihr.

So am Boden hatte sie ihre Tochter noch nie gesehen.

Der Vampir sah zu ihr hinab, mit einem zufriedenen Lächeln.
 

„Ihr könnt gerne bleiben. Wenn du mich wirklich töten willst, versuch es ruhig“, provozierte er.

„Ich werde sie trainieren – im Kampf und in Etikette. Mir war ohnehin langweilig.“

Er sagte es beiläufig, als wäre das Ganze nur eine Laune.
 

„...Danke? Aber wieso?“ fragte Matiga zögerlich.

„Langeweile. Nicht mehr.“ Ein winziges Funkeln von Neugier lag in seinen Augen.
 

„Aber... wie heißen Sie nun eigentlich? Wenn wir schon zusammen wohnen, sollten wir wissen, wie wir Sie nennen.“

Matiga lächelte gezwungen. „Ich stell uns auch nochmal richtig vor: Das ist Tofu, und ich bin Matiga.“
 

Der Vampir nickte langsam. „Katopres Waldemar Zo’Chryr. Das erste R in Zo’Chryr ist stumm, das CH wird wie ein K ausgesprochen, und das Z wie ein S – also: So-kir in eurer Sprache.“
 

Matiga blinzelte. „Kato... Waldi... was? Geht auch nur Waldi?“

Mit einem stumpfen Nicken ging er an ihr vorbei ins Haus – offenbar einverstanden – und begann, seine Augen wieder einzusammeln.
 

Von da an unterrichtete Waldi Tofu jeden Tag: Grundwissen, Etikette und den Kampf.

Nur im Kampf machte sie kaum Fortschritte – oder zu viele, je nachdem, wie man es sah. Ihre Trainings wurden brutaler, roher, fast schon blutig.

Matiga hatte sich mittlerweile daran gewöhnt.

Auch daran, dass sie gemeinsam auf „Knochensuche“ gingen.

Es schien Tofu zu gefallen.
 

Wieder einmal kämpften sie in der Dunkelheit. Die Geister schwebten ringsum, wie Zuschauer vor einem Theaterstück, und einige feuerten Tofu sogar an.

Dann ertönte ein lauter Schrei.
 

„Du bist zu berechenbar“, sagte Waldi ruhig und hob einen Finger vom Boden auf – ihren Finger – und reichte ihn ihr.
 

„Schummler“, beschwerte sich Tofu, während sie ihn anstarrte.
 

„Dein Blick verrät immer, was du vorhast. Deine Schläge sind unpräzise, und du machst immer dieselbe Reihenfolge“, bewertete er kühl ihren Kampf, während sie sich den Finger wieder annähte.
 

„Schon wieder? Waldi, ich habe euch doch gesagt, ihr sollt aufpassen! Sie ist ein Mensch, kein Vampir! Wegen dir ist sie übersät mit Narben – mein süßes Mädchen!“ schimpfte Matiga, als wären sie schon ein altes Ehepaar.
 

„Manche Männer stehen drauf“, murmelte Waldi und sah das Ganze weniger dramatisch.

Tofu verlor bei fast jedem Übungskampf ein Körperteil – und lernte dabei, es wieder anzunähen.
 

„Kann das alleine“, sagte sie und nahm Nadel und Faden.

Routiniert setzte sie die Stiche, fein und eng. Ihre Finger bewegten sich präzise, ruhig – fast zu ruhig für ein Kind.

Mit kleinen, dichten Stichen fügte sie den Finger wieder an, bis nur eine feine Narbe blieb.
 

Matiga beobachtete sie still.

Wie sie mit makabrer Gelassenheit ihren eigenen Körper flickte, als wäre er nur ein Stück Stoff.

In ihren Augen funkelte etwas Neues – etwas Kaltes, das kein Mensch besitzen sollte.

Necromancy Gone Wrong

Waldi war fort.

Er zog am Morgen mit seinem Mantel wie ein Schatten davon, die Augen in die Ferne gerichtet, als müsse er an einen Hof zurückberufen werden, den nur er kannte. Er sagte knapp, er müsse zu einem Treffen – eine Zusammenkunft, eine Art Versammlung seiner Verwandten und Bekannten. „Familie“, nannte er es, mit einem Tonfall, der zugleich Pflicht und Erkältung war. „Ich kehre bald zurück.“
 

Sie standen in der Tür und sahen ihm nach. Es war das erste Mal seit Wochen, dass Matiga und Tofu allein waren, ohne das wachsame, höhnische Auge des Vampirs. Selten war die Hütte so still gewesen; die Geister in den Ecken wirkten wie Zuschauer, die plötzlich pausierten.
 

Tofu schien es sofort zu spüren. Die Stille zog sich wie ein Mantel über sie; sie runzelte die Stirn, als wäre ihr etwas entrissen. Langsam, mit der Präzision eines Beobachters, schlich sie ins Freie. Matiga blieb am Tisch sitzen, das Kinn in den Händen, und zwang sich, nicht allen Gedanken nachzugeben, die ihr wie spitze Steine die Brust zerkratzten.
 

Die Langeweile nagte an Tofu. Sie kannte diese Regungen nicht gut – dieses Bedürfnis, etwas zu tun, wenn niemand zuschaute. Dann kam die Idee, so klar und einfach wie ein Befehl: Wenn sie ihren eigenen Körper so gut flicken konnte, warum nicht auch andere zusammensetzen? Warum nicht ausprobieren, ob die Regeln, die Waldi predigte, auch für andere gelten mussten?

Sie ging in den Wald. Nicht mit dem wilden, ziellosen Hunger eines Tieres, sondern mit jener ruhigen, forschenden Ruhe, die sie schon so oft an den Tag gelegt hatte. Tiere gab es überall; Spuren am Boden, Vogelnester, die leise in den Büschen verborgen waren. Sie suchte nicht das Blutige – sie suchte Formen.
 

Was sie zurückbrachte, waren nicht die lebenden Kreaturen selbst, sondern Körper, die der Nacht oder dem Frost oder dem Schicksal überlassen waren – kleine, kalte Gestalten, die keiner mehr vermisste. Tofu sammelte sie mit einer Sorgfalt, als legte sie besondere Schätze zusammen.
 

Daheim breitete sie die Funde aus: ein Kaninchen, dessen Beine zu kurz und zu stumm schienen; einen Dachs, dessen Brustkorb zu breit war; einen Krähenflügel, so fein, dass er wie Pergament wirkte. Sie arbeitete, als nähte sie eine Puppe: eine Hand hier, ein Rücken dort, Stiche gesetzt wie Noten in einer stillen Partitur. Ihre Stiche waren klein, eng, akkurat – Nadel und Faden glitten durch Fell und Haut, verbanden, zogen, formten.
 

Es war keine rohe Gewalt. Es war Innigkeit in einer Form, die das Leben imitierte. Aus den Teilen entstanden Geschöpfe, die zugleich vertraut und falsch waren: ein kleines Reh mit den Augen einer Eule, dessen Sprung anmutig, aber ungelenk war; ein Kaninchen mit dem feinen Schnabel einer Krähe, das statt zu hüpfen flatterte; ein Dachs mit dem Schwanz eines Waschbären, der am Boden schnüffelte, als versuche er, seine eigene Erinnerung zu finden.
 

Sie bewegten sich – nicht glatt, nicht grazil, sondern unrund, wie Puppen, die jemand neu programmiert hatte. Man sah, dass sie falsch gesetzt waren, dass ihre Gelenke an anderen Orten saßen als bei natürlichen Tieren. Und doch lebten sie, in dem engen Sinn, in dem Tofu Leben verstand: funktional, einsetzbar, geleckt mit dem stumpfen Geschmack von Konservierung und List.
 

Matiga fand sie später, als sie heimkehrte und die Tür öffnete. Der Anblick raubte ihr beinahe den Atem. Die kleinen Wesen standen da, in Reih und Glied aufgestellt wie Konzertbesucher, die zu früh gekommen waren. Sie kicherten nicht, sie bewegten sich kaum; das Zwitschern eines verstellten Vogels klang – ein Ton, der ihr auf die Nerven ging.
 

„Tofu…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Was hast du getan?“
 

Tofu sah nicht schuldbewusst aus. In ihren Augen glomm jene seltsame Mischung aus Neugier und Ungeduld, die Matiga inzwischen so gut kannte. „Ich wollte sehen, ob sie noch etwas können“, sagte das Kind ruhig. „Damit sie nicht ganz verloren sind.“
 

Matiga kniete sich hin, berührte zaghaft eines der Geschöpfe. Es fühlte sich warm an, mechanisch warm, als wäre irgendwo ein kleiner Herd angebracht. „Das ist… nicht normal“, flüsterte sie, und ein tiefer Schmerz legte sich wie eine Hand in ihre Brust. „Du darfst das nicht. Tiere… Leben...“
 

Tofu zuckte mit den Schultern. „Sie hatten schon kein Leben mehr. Ich habe ihnen zumindest etwas gegeben.“
 

Sie sammelte die kleinen Kreaturen zusammen, stolz wie eine Puppenspielerin, und ordnete sie auf einer improvisierten Bühne im Wohnzimmer. Die Geister in den Ecken rückten näher, schienen zu lauschen. Matiga rang nach Worten, nach Kontrolle, nach der Stimme, die ihr sagte, was richtig zu tun sei.
 

Als Waldi zurückkehrte, war die Luft schwer, und der Geruch der Nähte hing noch in den Dielen. Er trat durch die Tür, sah die Aufstellung der Tiere an, die Reihe von falschem Leben, und seine Miene verfinsterte sich.

Er schüttelte den Kopf, langsam, als würde ihm eine Mücke über ein geöffnetes Buch krabbeln. „Das geht zu weit“, sagte er ruhig. „Man mischt nicht die Knochen so. Man respektiert, was war. Du hast Grenzen überschritten.“
 

Matiga verteidigte Tofu, wie sie es immer tat, mit der müden Stimme einer Frau, die zu oft verloren hat. „Sie hat nur… experimentiert. Sie ist noch ein Kind.“
 

Waldi aber war bereits anders gestimmt. Seine Augen funkelten kalt. „Dies ist keine Laune. Dies ist Verrohung. Du musst lernen, was man bewahrt und was man zurücklässt.“ Er trat näher, und in seinem Ton lag eine Härte, die Matiga lange nicht gehört hatte – eine Härte, die die Form von Entscheidung annahm.
 

„Du wirst eingesperrt“, sagte er schließlich. „Bis du zur Besinnung kommst. Bis du wieder lernst, was kein Spiel ist.“
 

Tofu sah ihn an. Ihr kleines Gesicht verzog sich nur zu einem Ausdruck, der weder Angst noch Reue zeigte. Niemand lachte, niemand freute sich über Tofus Tat.

Die Geister standen stumm an den Wänden. Selbst die falschen Tiere bewegten sich nicht. In der Hütte senkte sich eine Kälte, die nicht vom Wetter herrührte – sondern von der Erkenntnis, dass etwas unheilvoll an Gewicht gewonnen hatte.

Der Raum, den es nicht gibt

Waldi packt eine kleine Tasche für Tofu.

„Wo geht es hin? Sie ist doch noch ein Kind!“, versucht Matiga mal wieder, ihre Tochter zu beschützen.
 

„Es reicht. Das ging diesmal zu weit. Ich hab’s mit Worten versucht, mit mündlichen Strafen – doch wer nicht hören will, muss wohl fühlen. Sie kommt in den Turm, um über ihre Taten nachzudenken“, klingt er sehr streng.
 

Waldi wurde selbst als Kind oft bestraft, weshalb er das für eine gute Strafe hält. Er packt Tofu an der Hand und zieht sie hinter sich her. Matiga folgt ihnen und versucht, Waldi davon abzubringen, doch das gelingt ihr gar nicht. Sie ist aber auch sehr zurückhaltend, weil sie selbst weiß, dass es falsch war – doch ihr Herz sagt, dass es nicht so böse gemeint war.
 

„Sie ist doch erst acht! Da macht man Fehler!“, ist ihr letzter Versuch, Waldi zu überzeugen.
 

Tofu sträubt sich immer mehr, je näher sie dem Turm kommen. Am Anfang waren es nur spitze Felsen, doch umso näher sie kommen, umso mehr erkennt man, dass es ein alter Turm ist – mit nur einem Fenster und keiner Tür. Früher schien er ein alter Wachturm gewesen zu sein, den Waldi anscheinend umgebaut hat.
 

Der Turm ragt wie eine schwarze Nadel aus dem Boden, von dichten Nebelschwaden umgeben. Die Steine sind feucht, rissig, als würde Blut aus ihnen sickern. Ranken hängen herab wie schlaffe Adern, und irgendwo tropft Wasser, langsam, regelmäßig, wie das Ticken einer unsichtbaren Uhr. Kein Vogel singt hier, kein Wind weht – nur Stille, schwer und drückend.
 

„Wieso steht hier so was?“, fragt sich Matiga, doch sie bekommt keine Antwort.
 

Waldi beißt sich in den Finger und legt ihn an die Wand. Ein roter Bannkreis taucht auf, mit seltsamen Symbolen – und eine Tür erscheint, durch die sie hineingehen. Er zerrt Tofu die Stufen hinauf und wirft sie dann in das oberste Zimmer.
 

„Du wirst jetzt hierbleiben und darüber nachdenken, was ein Leben bedeutet und wieso deine Taten falsch waren.“

Er wirft ihr die Tasche hin. „Manche Sachen muss man bewahren, andere nicht. Lerne den Unterschied.“ sagt er sehr streng.
 

„Ich werde dich beobachten, Tag und Nacht. Mein Zimmer ist nebenan – wenn du etwas anstellst, weiß ich es. Und wenn ich sehe, du hast etwas gelernt, lasse ich dich wieder raus.“

Dann geht er hinaus.
 

Tofu geht in Angriffsstellung und will hinausstürmen – das hier passt ihr überhaupt nicht. Doch als sie zur Tür rennt, schließt Waldi sie mit einem Zauber. Sie prallt schmerzhaft dagegen, so heftig, dass sie Nasenbluten bekommt.
 

Das Blut rinnt ihr über die Lippen, warm, metallisch, klebrig. Ihre Nase pocht, der Schmerz zieht bis in die Stirn. Doch als sie das Blut sieht, muss sie laut lachen – ein schrilles, verstörendes Lachen, das man sogar draußen hört.
 

„Wo ist das Zimmer? Ich möchte gerne bei ihr bleiben!“, fragt Matiga.

Doch Waldi schüttelt nur den Kopf.
 

„Hier gibt es nur das eine hier oben – und ein weiteres unten, wo meine Schätze aufbewahrt werden. Das Zimmer dient für Einbrecher als Falle, aber scheint auch für Tofu ein guter Nachdenkraum zu sein“, erklärt er Matiga und geht mit ihr hinunter.
 

„Wir lassen sie hier, damit sie über alles nachdenken kann. Eine Woche sollte reichen“, beschließt er einfach.
 

„Eine Woche?! Sie ist erst acht! So lange können wir sie nicht allein lassen – das wird sie traumatisieren! Nein!“, weigert sich Matiga.

Doch als Waldi sie bedrohlich anschaut und sie weiß, dass sie sterben würde, wenn sie noch ein Wort sagt, gibt sie schnell auf.
 

„Es ist für Tofu…“, redet sie sich selbst ein, um mit ihrem schlechten Gewissen klarzukommen.
 

Doch Tofu lässt sich das nicht gefallen. Sie hat nur ein einziges Fenster, aus dem sie hinunterschaut. Sie bemerkt die Höhe – und als sie die beiden unten sieht, grinst sie nur.
 

Waldi ist sich sicher, dass sie nicht springt. Kein normaler Mensch würde das tun.

Doch Tofu ist nicht normal – und das erfährt er jetzt selbst, als sie ohne zu zögern hinunterspringt, in der Hoffnung, wieder frei zu sein.
 

Der Sprung ist lautlos, nur der Wind reißt ihr das Haar ins Gesicht. Für einen Augenblick scheint sie zu fliegen – dann der Aufprall. Ein dumpfes Krachen, das durch den Nebel hallt. Knochen splittern, Haut reißt, ein Schrei – kurz, schneidend. Blut spritzt über die Steine, glänzt schwarz im Dämmerlicht.
 

Doch ehe der Körper aufschlägt, schnellen ihre Haare hervor – peitschend, zischend – sie umwickeln ihren Körper, dämpfen den Sturz. Trotzdem hört man ein widerliches Knacken. Ein offener Bruch, der weiße Knochen ragen lässt, schimmernd nass unter der Haut.
 

„TOFU!“ Matiga rennt sofort zu ihr.

„Wieso hast du das gemacht? … Lebst du noch?“ Sie traut sich kaum, ihre Tochter anzufassen.
 

Sogar Waldi ist geschockt und eilt zu ihr. Dank ihrer magischen Haare lebt Tofu noch – aber sie ist schwer verletzt.
 

„Sie lebt“, sagt er, nachdem er ihren Puls geprüft hat. „Sie hat nicht mal einen Hausverstand. Kein normaler Mensch würde da runterspringen. Hoffentlich war das eine Lehre.“
 

Er richtet ihre gebrochenen Knochen wieder ein, das Knacken hallt kalt durch die Nacht. Dann verbindet er sie und trägt sie zurück hinauf.
 

„Das hast du dir selbst eingebrockt. Die Heilung wird lang und schmerzhaft. Lerne davon – oder du stirbst womöglich das nächste Mal“, sagt er ruhig, aber bedrohlich.
 

Matiga schlägt verzweifelt auf Waldis Brust.

„Das ist deine Schuld… deine Schuld! Wegen dir ist Tofu… Was, wenn sie nie wieder gehen kann?!“

Sie weint vor Wut.
 

Waldi ist wirklich überrascht und weiß nicht, was er sagen soll.

Die Worte von Matiga lassen ihn sprachlos werden.

Blutige Fußspuren

Die Tage nach dem Sprung vergingen langsamer als gewöhnlich.

Waldi hatte Tofu zusammengeflickt, Knochen gerichtet, Wunden vernäht – und wie durch ein Wunder heilte alles. Keine Narbe blieb. Ihr Körper war stark, zäh, beinahe unheimlich. Als hätte sie gelernt, sich selbst zu flicken – nicht nur mit Nadel und Faden, sondern mit Willen.
 

Matiga beobachtete das mit einem Gefühl, das sie nicht einordnen konnte.

Stolz? Erleichterung? Oder Angst?

Denn je mehr Tofu wieder zu Kräften kam, desto weniger wirkte sie wie ein Kind.

Ihre Augen wurden kälter, ihre Stimme kontrollierter, ihre Bewegungen berechnender.
 

Waldi lobte sie dafür.

„Sie heilt schnell. Sie ist stark – sehr stark. Und eines Tages wird sie verstehen, warum das alles nötig ist.“

Matiga nickte, ohne zu widersprechen.

Inzwischen vertraute sie ihm – oder redete sich das zumindest ein.

Er hatte recht behalten: Tofu lebte, weil er sie trainiert, geführt, gezügelt hatte.

Vielleicht war er wirklich die Vaterfigur, die ihr fehlte.
 

Abends saßen sie oft zusammen am Kamin, wenn Tofu längst schlief.

Waldi erzählte von seinen Reisen, von alten Schlachten, von den Schattenreichen, aus denen er stammte.

Seine Stimme war ruhig, tief, manchmal fast sanft.

Matiga hörte ihm gern zu.

Sie bemerkte, wie ihre Schultern sich entspannten, wenn er sprach – wie ihr Herz für einen Moment nicht mehr so schwer war.

Er war das Unheil, das sie in ihr Leben ließ, und zugleich der Einzige, der es zügeln konnte.
 

Eines Morgens jedoch war Tofu verschwunden.

Das Bett war leer, die Decke achtlos beiseitegeschoben.

Nur ein kleines, rot getränktes Tuch lag auf dem Boden – und führte eine Spur bis hinaus in den Nebel.
 

Matiga erstarrte.

„Sie ist weg…“

Waldi trat hinter sie, prüfte das Tuch, roch daran.

„Frisches Blut. Keine alte Wunde. Sie ist nicht verletzt – sie hat sie selbst aufgerissen.“

„Wieso sollte sie das tun?“

Er sah sie lange an.

„Weil sie Aufmerksamkeit will. Weil sie testen will, wie weit sie gehen kann.“
 

Sie folgten den Spuren in den Wald hinein.

Die Erde war feucht, und die kleinen, nackten Fußabdrücke zeichneten sich scharf im Schlamm ab. Zwischen den Tritten glitzerten vereinzelte Bluttropfen.

Tofu war nicht weit.

Der Wind trug ihr Flüstern, ihr leises Summen – als würde sie ein Lied kennen, das nur sie hören konnte.
 

„Tofu!“, rief Matiga, „bitte, komm zurück!“

Keine Antwort – nur das Rascheln der Äste.
 

Dann sahen sie sie.

Sie stand in einer kleinen Lichtung, barfuß, die Füße rot bis zu den Knöcheln.

Sie hatte Blumen gepflückt – rote, blaue, gelbe – und sie zu einem Kranz geflochten, der aus der Ferne fast schön wirkte.

Erst als sie näher kamen, sah Matiga, dass es keine Blumen waren.

Es waren Eingeweide kleiner Tiere, kunstvoll ineinander verdreht, als wären sie Teil eines Rituals.
 

Waldi trat vor.

„Tofu.“

Seine Stimme war hart.

„Das reicht.“
 

Tofu drehte sich zu ihm um, die Augen glänzend.

„Ich wollte was Schönes machen. Etwas, das lebt – aus dem, was tot war.“

Ihre Stimme war so ruhig, dass Matiga fröstelte.
 

Waldi seufzte. „Du hast nichts verstanden.“

Er packte sie am Arm.

„Du kommst jetzt zurück.“

Sie wehrte sich nicht. Nur ihr Lächeln blieb.
 

Zurück am Haus setzte Waldi sie an den Tisch.

„Du wirst lernen müssen, Grenzen zu verstehen. Worte reichen bei dir nicht. Es wird Zeit für … Konsequenzen.“
 

Matiga trat dazwischen.

„Sie ist doch noch nicht gesund, sie erholt sich gerade erst!“

„Gerade deswegen“, antwortete er. „Jetzt ist sie stark genug.“

„Du willst sie in den Turm bringen?“

Er nickte. „Es ist nötig. Du merkst doch, dass es sonst schlimmer wird.“
 

Matiga schwieg.

Irgendwo tief in ihr wusste sie, dass er recht hatte.

Aber der Gedanke, ihre Tochter dort einzusperren – allein, in dieser dunklen Festung – schnürte ihr die Kehle zu.
 

Waldi legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Du hast mir vertraut, Matiga. Vertraue mir noch einmal. Ich tu’s nicht, um ihr zu schaden.“

Er sah sie an – ernst, aber nicht grausam.

„Ich tu’s, damit sie leben kann.“
 

Am Abend führten sie Tofu zum Turm.

Sie sagte kein Wort, blickte weder zurück noch auf die beiden.

Nur die feuchten Spuren ihrer Füße blieben auf dem Boden zurück – blutige, kleine Abdrücke, die mit jedem Schritt schwächer wurden.
 

Als die Tür sich hinter ihr schloss, war es still.

Kein Schrei, kein Klopfen, kein Laut.
 

Waldi sah Matiga an.

„Der erste Tag ist der schwerste.“

„Und der zweite?“

„Noch schwerer.“
 

Matiga nickte langsam.

Sie wollte glauben, dass er recht hatte.

Aber tief in sich wusste sie: Dieser Turm wird nie wieder leer sein.

Honeymoon

Matiga durchlebt eine schwere Zeit – so, wie Waldi es einst prophezeit hatte. Jeder Tag fällt ihr schwerer. Es ist ein unerträglicher Schmerz, ihre eigene Tochter oben im Turm zu wissen, eingesperrt zwischen Stein und Schatten. Doch zum Glück ist Waldi bei ihr. Ob er sie trösten will oder sie nur bewacht, damit sie Tofu nicht freilässt, weiß sie nicht. Aber seine Gegenwart lindert die Leere – und manchmal ist das genug.
 

Täglich besucht Matiga ihre Tochter – immer unter strenger Aufsicht. Sobald sie das Zimmer betritt, wird die schwere Tür hinter ihr verriegelt, für den schrecklichen Fall, dass ihr etwas zustößt, damit Tofu trotzdem nicht entkommen kann.

Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, versucht sie, Tofu das Lesen beizubringen – in der Hoffnung, es könne sie ein Stück „normaler“ machen. Doch Tofu zeigt kaum Interesse. Sie blättert durch die Seiten, betrachtet nur die Bilder, ohne den Sinn zu verstehen. Der Text bleibt für sie stumm, bedeutungslos.
 

Die Tage werden zu Wochen, die Wochen zu Monaten – und schließlich zu Jahren. Tofus Haar wächst bis über die Schultern, ihr Körper streckt sich, aber in ihren Augen bleibt dieselbe Dunkelheit.
 

In dieser trostlosen Zeit kommen sich Matiga und Waldi immer näher. Die Geister sind ihre einzigen Nachbarn, und in der Stille der verlassenen Stadt finden sie Trost im Dasein des anderen.

„Tofu wird nun dreizehn. Ob sie sich je ändern wird?“ murmelt Matiga, während sie Waldis Haar streichelt. „Wir tun, was wir können. Ich habe Zeit, so viel ich will – aber sie...“

Waldi lächelt leicht. „Für mich ist das hier nur ein kurzer Moment, aber einer, den ich mit dir verbringen darf.“ Er zieht sie zu sich und küsst sie, sanft, aber mit der kühlen Bestimmtheit eines Wesens, das die Ewigkeit kennt.
 

„Bald ist wieder Vollmond“, flüstert Matiga und senkt den Blick. „Was hältst du davon, wenn wir unsere Bindung dann befestigen?“

Waldi schmunzelt. „Soll mir recht sein. Ihr Hexen und euer Vollmond.“
 

Lange hatten sie den Tag hinausgezögert – in der Hoffnung, Tofu könne dabei sein. Doch irgendwann beschließt Matiga, dass das Warten sinnlos ist.

„Wer hätte gedacht, dass ich einmal einen Vampir heiraten würde“, sagt sie leise und versucht zu lächeln.

„Das erste Kind ist wie der erste Pfannkuchen – oft nichts geworden. Aber das zweite...“, flüstert Waldi mit einem undeutbaren Blick. Sie versteht seine Andeutung, sagt aber nichts.
 

Die Hochzeit findet unter dem kalten, klaren Licht des Vollmonds statt – direkt vor dem Turm, damit Tofu aus dem Fenster zusehen kann. Kein Mensch ist anwesend, nur die Geister der Stadt schweben lautlos zwischen den Schatten. Für Matiga genügt das. Sie hasst es, im Mittelpunkt zu stehen. Und Waldi – er trägt Geheimnisse in sich, die er nie teilen wird.

Oben am Turmfenster beobachtet Tofu das Schauspiel mit leuchtenden Augen. In ihren Händen hält sie ein altes Buch, in dem Hochzeiten beschrieben sind. Doch etwas scheint ihr zu fehlen – etwas, das sie nicht benennen kann, das sie skeptisch zurücklässt.
 

Nach der stillen, doch magischen Feier kehrt Matiga zu ihrer Routine zurück. Jeden Tag besucht sie ihre Tochter, bringt ihr Essen, kämmt ihr Haar. „Ich hätte gewollt, dass du dabei bist“, sagt sie leise. „Aber die Idee mit den Masken aus Köpfen war... falsch. Auch wenn man beim Fest Masken trägt.“
 

Tofu reagiert kaum. Doch ihre makabren Basteleien werden von Jahr zu Jahr absurder. Sie macht Ballons aus Körperhäuten, Masken aus Gesichtern, Kleider aus frischem Fleisch – Kunstwerke des Wahnsinns, geboren aus Langeweile und Dunkelheit.
 

Waldi richtet im unteren Teil des Turmes ein besonderes Zimmer für ihre Flitterwochen ein, weil Matiga nicht weit von Tofu entfernt sein will.

Der Raum ist düster, aber liebevoll gestaltet – eine Mischung aus Hexenkammer und Gruft. Überall flackern grüne Kerzen, deren Licht über uralte Runen tanzt. Zwischen getrockneten Kräutern hängen filigrane Ketten aus Tierknochen. Ein Altar aus schwarzem Holz steht in der Mitte, darauf eine silberne Schale mit Rosenblättern, die sich mit dunklem Wein tränken.

Das Bett ist aus dunklem Samt, weich und schwer, umgeben von Vorhängen, die den Schein der Kerzen dämpfen. Hier schlafen sie eng aneinandergeschmiegt, trinken Wein, flüstern Geschichten von verlorenen Zeiten. Matiga legt den Kopf an Waldis Brust – sie hört kein Herz schlagen, und dennoch fühlt sie Frieden.
 

In dieser Stille glaubt sie fast, dass das Leben wieder schön sein könnte.
 

Doch in einer Nacht hallt plötzlich Lärm von oben. Tofu schreit, Dinge poltern. Matiga fährt hoch.

„Bleib liegen“, sagt Waldi ruhig. „Mit dem Rausch solltest du keine Stufen steigen.“ Er drückt sie sanft ins Bett, streicht über ihre Wange. „Ich gehe nachsehen.“

Sie sieht ihm nach, wie er die Stufen hinaufsteigt – dann wird es still.
 

Am Morgen liegt das Bett neben ihr leer. Waldi ist nicht zurückgekehrt.

Matiga wartet. Minuten, Stunden. Schließlich hält sie es nicht mehr aus. Mit einem flauen Gefühl im Bauch steigt sie hinauf zum Turm.

Die Tür steht offen. Drinnen sitzt Tofu, still, mit blassem Gesicht – und einem Ausdruck, den Matiga nicht deuten kann.
 

„Hast du Waldi gesehen?“ fragt sie vorsichtig.
 

Tofu hebt langsam den Blick, lächelt beinahe stolz und hält eine kleine, hölzerne Kiste in den Händen.

„Für dich“, sagt sie sanft. „Jetzt gehört dir sein Herz – für immer.“
 

Matiga nimmt die Schachtel mit zitternden Fingern. Als sie den Deckel öffnet, stockt ihr der Atem. Darin liegt ein Herz – frisch, dunkelrot, und es schlägt noch. Ein einzelner Tropfen Blut fällt auf den Boden.
 

Ihr Blick wandert von der Kiste zu Tofu. Kein Wort wird gesprochen. Kein anderer war in diesem Turm. Kein Fremder. Kein Zufall.

Nur sie. Nur Tofu.
 

Ein eisiger Schauer zieht durch Matigas Körper. Das Herz in der Kiste pocht weiter, leise, trotzig – als wollte es sich weigern zu sterben.

Und in diesem Moment weiß Matiga, dass ihr eigenes Herz vielleicht das nächste sein wird.
 

Die Welt, wie sie sie kannte, war in dieser Nacht gestorben.

Mathe

Das Herz schlägt noch.

Langsam. Beständig.

Ein monotoner Beweis dafür, dass etwas Totes sich weigert, tot zu sein.

Matiga hat es in einer silbernen Schale aufbewahrt, eingehüllt in Bannkreise, Zahlen und Runen, die sie jeden Abend neu zieht.

Sie hat längst aufgehört, an Götter zu glauben – nur an Formeln.

Denn Formeln lügen nicht.
 

Sechzig Schläge pro Minute. Dreitausendsechshundert pro Stunde. Achtundachtzigtausendachthundert pro Tag.

Wenn alles berechenbar ist, dann auch Liebe. Dann kann man sie vielleicht… zurückholen.
 

Seit Waldis Tod spricht Matiga kaum noch.

Die meisten Tage verbringt sie mit dem Herz. Sie reinigt es, prüft seine Farbe, zählt die Schläge.

Wenn sie Glück hat, bleibt der Rhythmus gleich.

Wenn nicht, flackert das Licht der Runen – dann muss sie Blut nachgießen. Ihr eigenes.
 

Tofu lebt weiterhin im Turm.

Allein.

Still.

Und zufrieden. Sie leidet nicht,

sie scheint die Dunkelheit zu genießen.

Ihr Zimmer hat sie mit Linien und Zahlen vollgeschrieben, saubere, schmale Ziffern, mit Kreide, mit Blut, mit allem, was sich auf Stein schreiben lässt.

Es sieht aus wie ein Lehrsaal – oder ein Ort des Wahnsinns.
 

Als Matiga sie besucht, sitzt Tofu auf dem Boden, die Beine angewinkelt, eine dünne Kreidelinie zwischen sich und der Tür.

Sie sieht auf, ihr Blick ist klar und leer zugleich.

„Du zählst auch, nicht wahr?“, fragt sie.

Matiga runzelt die Stirn. „Was?“

„Die Schläge. Von seinem Herz. Ich höre sie manchmal, wenn ich schlafe. Es schlägt unregelmäßig. Du machst Fehler in deinen Formeln.“

Matiga friert.

„Wie weißt du das?“

„Weil ich’s fühle.“
 

Ein schiefer Ausdruck gleitet über Tofus Gesicht – kein Lächeln, aber auch kein Hass. Etwas Drittes.

Sie wischt mit dem Finger über den Boden, über ihre Gleichungen.

„Mathematik ist schön“, sagt sie dann ruhig. „Sie tut nicht weh. Sie ist ehrlich. Wenn man zwei Dinge zusammennäht, ergibt es eins. Wenn man zwei Seelen bindet, auch.“

Sie schreibt mit blutigem Finger an die Wand:

1 + 1 = 1
 

Matiga versucht, nicht zu reagieren.

„Manchmal… ergibt 1 + 1 aber auch 3“, sagt sie leise.

Tofu dreht den Kopf, prüft sie, wie ein Tier, das gerade entscheiden will, ob es zubeißt.

„3?“

„Ja.“ Matiga legt die Hand auf ihren Bauch. „Weil aus zwei Leben manchmal ein neues entsteht.“

Stille. Nur der Wind streicht durch das Fenster.

Tofus Stimme ist leise, aber messerscharf:

„Das ist keine Mathematik. Das ist Irrtum. Aus zwei Ganzen kann nichts Drittes entstehen. Es sei denn… man nimmt etwas anderes weg.“

Ihre Augen glimmen im Halbdunkel. „Ich kann das beweisen.“
 

Matiga weicht unwillkürlich zurück.

„Nein. Du wirst gar nichts beweisen.“

Sie versucht, ihre Stimme festzuhalten, doch sie klingt brüchig.
 

Es klopft leise.

Ein dumpfer Laut.

Dreimal.

Sie braucht eine Sekunde, um zu verstehen, dass das Geräusch nicht von der Tür kommt – sondern von unten, aus der Schale.

Das Herz.

Es schlägt nicht mehr regelmäßig.

Es hämmert. Wild. Unlogisch.

Fast so, als hätte es gerade etwas gehört, das ihm Angst gemacht hat.

Hexenstunde

Matiga sucht verzweifelt nach dem Grund für das unregelmäßige Schlagen. Jede Zahl, jede Formel, jede Rune hat sie geprüft, doch die Abweichung bleibt. Und noch mehr beunruhigt sie, wie gelassen Tofu davon spricht. „Da — es schlägt wieder wild,“ sagt das Mädchen immer dann, wenn Matiga bei ihr ist, als wäre das Herz nur ein interessantes Instrument, kein Stück eines Menschen.
 

Nach Jahren des Grübelns nimmt Matiga eine Einladung an: ein Zirkel der Hexen soll Antworten bringen. In schwarzem Umhang steht sie mitten in der Nacht mit anderen ihresgleichen vor dem Turm. Der Nebel kriecht zwischen den Steinen, und die Luft riecht nach feuchter Erde und altem Rauch.
 

„Heute Nacht rufen wir die Geister — oder das, was sie uns nicht sagen wollen,“ flüstert die Leiterin, und die anderen nicken. Die Stadt ist ein Paradies für Beschwörer; so viele Seelen treiben hier, so viele verlorene Stimmen.
 

Matiga tritt vor. „Meister Faar… sein Herz… ich weiß nicht weiter. Es schlägt nicht regelmäßig.“ Ihre Stimme zittert kaum merklich.
 

Faar beugt sich über die silberne Schale, seine Augen glänzen im Schein der Runen. „Mhm… ein Vampir will nicht sterben und doch ist er tot. Ich habe dich gewarnt, dieses Monster einzusperren.“ Er betrachtet das pochende Organ mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. „Geister werden uns nicht helfen. Nur Dämonen können uns die Antworten geben. Mit dem richtigen Dämon holen wir ihn zurück.“
 

Matiga zögert keine Sekunde. Für Waldi tut sie alles.
 

„Dann tun wir’s.“ Die Worte der Hexen fallen wie Nägel in die Nacht. „Oh — Dämonenbeschwörung. Das haben wir lange nicht mehr gemacht. Der Boden hier ist gut; ich zeichne die Runen.“

„Und ich den Kreis,“ ergänzt eine andere Hexe. Sie teilen die Aufgaben, die Bewegungen sind routiniert, als hätten sie Jahre dafür geübt.
 

Auf dem steinernen Platz entsteht ein großer magischer Kreis. Die Frauen stellen sich drumherum auf, Stimmen flüstern alte Silben. Der Himmel verdunkelt sich, ein Wind zieht auf, und plötzlich reisen Regen, Blitz und Donner durchs Land, als wollte die Natur selbst die Szenerie unterstreichen. Tofu steht am Fenster, ihre Augen glühen, fixieren den aufleuchtenden Zirkel. Ein schwarzer Schleier hebt sich, und aus der Finsternis tritt eine Gestalt — mehr Schatten als Fleisch, mehr Hunger als Form.
 

Faar trägt die Beschwörungsworte mit sorgenvoller Energie; sein Körper zittert, als die Dunkelheit antwortet. Die Luft wird kalter, und eine Präsenz senkt sich wie ein Gewicht auf die Brust aller Anwesenden.
 

„Stell deine Frage,“ flüstert Faar zu Matiga und versucht, den Bann zu halten.
 

Matiga tritt vor, die Stimme brüchig, aber fest: „Ich gebe euch unser Blut — helft mir, meinen Mann zurückzuholen. Was muss ich tun?“
 

Die Gestalt neigt das Haupt, und eine Stimme, die wie zerbrochenes Glas klingt, antwortet: „Ihr Narren. Nichts ist umsonst. Ich erfülle euren Wunsch — doch ich brauche einen Körper. Einen frischen, am besten.“ Ein leises Kichern, dann ein Geräusch wie zerbrechendes Holz: Ohne dass jemand reagieren kann, verliert die hälfte der Hexen ihren Kopfe. Erst starren die Umstehenden, dann sickert kaltes Schweigen durch die Reihe: der Körper steht noch, doch das Bewusstsein ist fort. Die Situation kippt.
 

„Scheiße, das ist der falsche! Er hat uns reingelegt. Wir müssen den Kreis auflösen — er will sich selbst regenerieren!“, ruft Faar und versucht, die Bindung zu durchtrennen. Rauch und Flammen tanzen, Runen flackern, die Gefahr schält sich in grellen Blitzen hervor. Doch Tofus Lachen schwillt an, hell und amüsiert, als sähe sie ein groteskes Theaterstück.
 

Bevor Faar den Kreis auch nur halbwegs auflösen kann, schlägt die Beschwörung zurück. Der dunkle Dunst bäumt sich auf, und stürzt sich dann auf Matiga.

Der Rauch windet sich um sie, kriecht ihren Hals hinauf, über Wangen und Lippen, bis er sich mit einem keuchenden Laut seinen Weg in ihren Mund drängt. Sie versucht zu schreien, doch der Laut bleibt stecken, erstickt von der Dunkelheit, die sie verschlingt. Ihre Augen weiten sich, während der Rauch wie eine lebendige Substanz in sie hineinströmt, in Schüben, als würde sie ihn gezwungen hinunterschlucken.

Ein letzter Ruck, dann ist alles still. Matiga taumelt, legt instinktiv die Hand auf ihren Bauch, als wüsste sie, wo das Ding sich nun eingenistet hat. Ihre Lippen zittern, ein Rest Rauch entweicht, flüsternd wie ein Lachen. Dann bricht sie zusammen – leer, aber nicht allein.
 

„Meine Kinder… was haben wir getan?“ haucht sie, die Stimme gebrochen, als das Bewusstsein flackert. Die Szene wirkt wie aus einem Alptraum geschnitten: Frauen liegen wie Puppen, der Boden ist beschmiert mit Blut und Asche. Schwarzmagie hat ihren Preis. Jeder hier weiß das — und niemand wird es melden.
 

Faar eilt zu ihr, kniet, tastet, horcht. Seine Stirn zieht sich zusammen: „Ich spüre drei Mana-Kerne… Zwillinge… einer ist vermischt. Ich kann nicht sagen, ob es dämonisch oder vampirisch ist — dafür reichen meine Fähigkeiten nicht. Menschlich fühlt sich das Mana nicht an. Wahrscheinlich hat er sich in eines der Kinder gepflanzt.“ Seine Stimme ist kalt vor Sorge.

Matiga richtet sich an die Schale, sieht das Herz — und ihre Panik bricht hervor. „Das Herz… es schlägt schneller… die Runen verschwinden!“ Sie rennt auf, greift danach und umschließt die Schale panisch. Während sie sie an ihre Brust presst, trommelt das Organ gegen Silber und Bann, hart und unruhig. (Bearbeitet)Dienstag, 21. Oktober
 

Faar zieht sich zurück, atmet schwer, und ein bitterer Gedanke tritt aus seinen Lippen: „Liebe — das stärkste Gift einer Hexe.“ Er sieht die Dinge klarer, nüchterner. Schnell handelt er, weil Chaos droht: Er ordnet, befiehlt, entfernt die Leichen, verbrennt, was der Dämon versuchte zu korrumpieren.

Waldi ist wieder da

Der Herbst war zurückgekehrt. Wind zerrte an den Bäumen, Regen fraß sich durch den Boden, und selbst die Geister schwiegen. Wochenlang hatte Matiga versucht, das Herz zu bewahren. Doch die Runen brannten nicht mehr, das Schlagen war unregelmäßig geworden, manchmal gar ganz verstummt.
 

„Vielleicht… war das alles ein Fehler“, murmelte sie eines Abends.

Die Stille im Turm antwortete nicht. Nur Tofu sah sie an – mit einem Blick, der zu viel wusste.

„Wenn du ihn so liebst“, sagte das Mädchen schließlich, „warum lässt du ihn nicht sterben?“

Matiga hatte keine Antwort.
 

In jener Nacht nahm sie die silberne Schale, das Tuch, das noch nach Waldi roch, und ging hinaus. Nebel legte sich über das Land wie feuchtes Leinen. Sie folgte alten Pfaden, die kaum noch jemand kannte, bis sie an ein verwittertes Tor kam. Zwei umgestürzte Engel wachten über das, was einmal ein Friedhof gewesen war – älter als jedes Hexenhaus, älter vielleicht sogar als die Stadt selbst.
 

„Wenn es einen Ort gibt, an dem man einen Toten zur Ruhe legen kann, dann hier“, flüsterte sie.
 

Zwischen schiefen Grabsteinen fand sie eine Stelle, an der die Erde seltsam weich war. Sie grub mit bloßen Händen, Schicht für Schicht, bis der Boden dunkel und feucht zwischen ihren Fingern klebte. Dann legte sie das Herz hinein.

„Du warst das Beste und Schlimmste, was mir passieren konnte“, sagte sie, und ihre Stimme brach. „Ich wollte nie, dass es so endet.“
 

Sie legte ihre Hand auf die Erde, flüsterte alte Worte – keine Zauber, keine Bitte, nur Abschied. Als sie sich erhob, brannte ihr Bauch. Ein leises Ziehen, das sich durch sie zog wie ein Rest von Leben, der sich weigert zu gehen.
 

Auf dem Heimweg hörte sie Schritte. Kein Menschenschritt, kein Tier. Eher ein Hallen – als würde der Boden selbst atmen.

Aber sie drehte sich nicht um.

Tage vergingen. Das Herz blieb still.

Tofu zeichnete viel mehr Kreise als sonst in ihr Zimmer, summte alte Lieder, deren Ursprung niemand kannte.

„Hörst du es?“, fragte sie einmal, und ihre Augen glänzten.

„Was?“

„Das Kratzen unter der Erde.“
 

Matiga wollte nicht hinhören. Sie schloss die Fenster, entzündete Kerzen, flüsterte Schutzsprüche. Doch nachts drang der Wind durch die Mauern – und manchmal glaubte sie, ein leises Klopfen zu hören. Dreimal. Dann Stille.

Dreimal. Dann Stille.
 

Eine Woche später, als der Vollmond wiederkehrte, stand sie in der Küche, den Blick leer auf den dampfenden Kessel gerichtet. Da wurde an die Tür geklopft. Dreimal. Langsam. Schwer.

Sie erstarrte.

Das Feuer im Herd flackerte. Die Schatten an der Wand zogen sich zusammen, als hielten sie den Atem an.
 

Drei Schritte zur Tür.

Ein Griff zum Riegel.

Kälte schlug ihr entgegen – und ein Geruch von feuchter Erde, altem Blut und etwas, das sie sofort erkannte.
 

Vor ihr stand Waldi.

„Ich hoffe, du hast mich nicht allzu sehr vermisst“, sagte er mit heiserer Stimme.
 

Matiga brachte kein Wort hervor. Sie starrte ihn an – zwischen Erleichterung und Grauen.
 

Dann trat er näher, legte eine kalte Hand auf ihre Wange.

„Ich hab den Weg zurückgefunden“, flüsterte er.

Spiegelbild

Matiga stand einfach nur da – stumm, verwirrt, überfordert. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie ihn noch verabschiedet, das Herz begraben, die Erde über ihn gelegt. Und nun stand er da.

Lebendig. Oder zumindest etwas, das wie Leben wirkte.
 

„Was… wie…?“

Die Worte wollten nicht über ihre Lippen, sie klangen wie das Flüstern eines Traums.

„Ich bin einfach froh“, sagte sie schließlich und fiel ihm in die Arme.
 

„Konnte dich doch nicht allein lassen“, murmelte Waldi leise, und seine Hand legte sich sanft auf ihren Bauch.

Ein kalter Hauch wanderte über ihre Haut, doch sie ignorierte ihn – zu groß war die Sehnsucht, zu echt die Wärme seiner Umarmung.
 

Später saßen sie zusammen auf dem alten Sofa. Der Wind pfiff durch die Ritzen der Fenster, und Kerzen warfen flackerndes Licht auf die Wände. Matiga erzählte alles – von den Monaten der Stille, dem Herz, das langsam verstummte, den Nächten voller Zahlen, Kreise und Blut.

Waldi hörte zu, regungslos, nur seine blassen Finger spielten mit einem losen Faden ihres Kleides.
 

Kurz blickte sie zum Fenster – und erschrak.

Im Glas spiegelte sich Waldi.

Ein klares, scharfes Spiegelbild, das sie ansah.

Doch als sie blinzelte, war es verschwunden.

Nur sie selbst war da – und der Gedanke, dass Freude manchmal Dinge sehen lässt, die nicht existieren.
 

Als sie weitersprach, schlich sich ein alter Schatten zurück in ihre Gedanken.

Tofu.

Ihre Tochter.

Das Mädchen, das sie geschaffen, geliebt und verflucht hatte.
 

„Wir sollten sie für immer einsperren“, sagte Waldi mit ruhiger Stimme, während er ihre Hand nahm.

„Sie ist eine Gefahr – nicht nur für die Welt da draußen, auch für uns.“

Seine Finger strichen sanft über ihren Bauch, über das Leben, das dort wuchs. „Unsere Zwillinge verdienen mehr als das, was sie war.“
 

Matiga nickte langsam.

Die Schuld in ihr wog schwer, doch die Wärme seiner Worte lullte sie ein wie ein Zauber.
 

Gemeinsam gingen sie hinauf zu Tofu.

Das Mädchen stand am Fenster, ihr Gesicht halb im Schatten, halb vom Mond erhellt.

„Haha… willkommen zurück“, sagte sie trocken, kaum überrascht.
 

„Du wirst hier nie wieder rauskommen“, sagte Waldi leise, aber mit einer Kälte, die den Raum erstarren ließ. „Ich werde dafür sorgen, dass du nie wieder jemandem schadest.“
 

Tofu lächelte schief. „Das werden wir ja sehen.“

Als sie sich umdrehte, fragte sie mit kindlicher Empörung:

„Und was ist mit meinem Essen?“
 

„Dann lass dein Haar herunter“, sagte Waldi sarkastisch, aber todernst.

Dann schloss er die Tür – versiegelte sie mit einem Bann. Der einzige Ausgang blieb das Fenster, hoch und tödlich, wenn man springen wollte.
 

„Jetzt kann sie uns nichts mehr antun“, sagte Waldi ruhig, „und den Kindern wird es gut gehen.“

Matiga schwieg. Schuld drückte in ihrer Brust, aber sie wollte glauben, dass er recht hatte.
 

Über die Monate lernte sie, damit zu leben.

Und Tofu – sie lernte, zu überleben.

Mit ihren langen, zähen Haaren tastete sie die Turmmauer hinab, kroch über Stein und Mörtel wie schleimige Schnecken, um das Essen zu holen, das Matiga unter das Fenster legte. Wenn die Strähnen sich bewegten, glänzten sie feucht, pulsierten leicht – als würden sie atmen.
 

Eines Tages stand Matiga vor dem Spiegel.

Sie betrachtete ihren Bauch, rund und lebendig, und rieb ihn sanft mit Blut ein – ein uralter Ritus, der die magische Bindung stärken sollte. So hatte es schon ihre Mutter getan.
 

„Du bist wunderschön“, sagte Waldi hinter ihr. Seine Hände glitten an ihre Hüften, seine Lippen berührten ihren Nacken.

„Bald ist es soweit“, flüsterte sie lächelnd. „Wir sollten langsam über Namen nachdenken…“
 

Doch mitten im Satz stockte sie.

Im Spiegel – dort, direkt hinter ihr – sah sie Waldi. Ganz deutlich.

Sein Spiegelbild stand regungslos da, die Augen leer, der Mund geschlossen.
 

Sie drehte sich hastig um.

Nichts.

Nur Waldi, der sie liebevoll ansah.
 

Ein Zittern überkam sie.

Noch einmal blickte sie in die Vase auf dem Tisch. In der Glasfläche spiegelte sich wieder eine Gestalt.

Diesmal sah sie, wie das Spiegelbild sich bewegte – einen Atemzug zu spät, ein falsches Echo.
 

Matiga wich zurück.

Sie erinnerte sich an seine Worte, damals, vor Jahren:

„Vampire sehen ihr Spiegelbild nicht. Wir haben uns selbst verflucht – wir wollten nicht ewig dasselbe Gesicht sehen.“
 

Sie starrte das Glas an.

Ein Vampir hat kein Spiegelbild.

Und doch war da eines.

Klar.

Unbestreitbar.
 

Wer also war der Mann, der sie nun zärtlich umarmte?

Der ihre Kinder liebkoste, der sie tröstete, der dieselbe Stimme, denselben Geruch, dieselben Erinnerungen hatte?
 

Matiga lächelte schwach – und ihre Finger zitterten, als sie seine kalte Hand nahm.

Vielleicht war Liebe doch stärker als Wahrheit.

Oder sie war einfach nur blind.

Blutmond

Die Nächte wurden schwerer. Sie saßen oft zusammen – Matiga und Waldi – über alte Namensrollen gebeugt, in Büchern voller vergessener Ahnen.
 

„Thalor?“

„Zu prahlerisch.“

„Arenya?“

„Zu süßlich.“

„Sanguis?“

„Waldi… nein.“
 

Er lachte.

Sie zwang sich zur Ruhe.
 

Doch jedes Mal, wenn sein kalter Finger ihren Bauch berührte, zog sich ein Schatten durch ihr Herz.

Etwas an ihm war… verschoben.

Wie ein Bild, das nur von weitem echt wirkt.
 

Und dieses Spiegelbild –

das manchmal einfach nicht da war

oder da war, wenn es nicht sein sollte.
 

Der Himmel färbte sich an diesem Abend tiefrot.

Der Blutmond.

Ein schlechtes Omen für jede Geburt – ein Grauen für eine Hexe.
 

Matigas Atem ging schnell.

Sie musste Gewissheit haben.
 

„Waldi… damals im Turm… als wir Tofu einsperrten…“

Sie schluckt, tut, als könne die Erinnerung sie nicht verletzen.

„Ich habe gelächelt, oder? Du meintest, du liebst mein Lächeln.“
 

Er antwortete ohne jegliches Zögern:
 

„Natürlich. Du warst wunderschön. Ich liebe alles an dir.“
 

Die Lüge war glatt wie Glas.

Doch sie schnitt tief.
 

Denn Matiga hatte damals niemals gelächelt –

sie hatte geweint und gebetet, dass alles nur ein Albtraum war.
 

Ihre Miene erstarrt.

„Wer bist du?“
 

Waldi lächelt.

Kalt.

Fremd.
 

Sie will schreien –

doch der Schmerz kommt zuerst.
 

Ein stechender Schmerz zieht sich durch ihren Leib,

als würde die Haut zu eng, als würde etwas von innen

herauswollen.
 

„Nicht… jetzt…“

Es ist halb Flehen, halb Fluchen.
 

Der Blutmond steht über ihnen wie ein offenes Maul,

als wolle der Himmel selbst sie verschlingen.
 

Ihre Zwillinge schlagen.

Zu kräftig.

Zu schnell.

Wie Fäuste im Takt eines fremden Herzens.
 

„Das ist keine Geburt…“

Matigas Stimme bricht unter einem lautlosen Schrei.

„Das ist ein… Brechen.“
 

Sie sinkt auf die Knie, Blut rinnt bereits ihre Beine hinab.

Der Blutmond wirft ein scharlachrotes Licht auf ihre verzerrte Gestalt.
 

Waldi kniet zu ihr, doch seine Berührung ist fremd, falsch, fordernd.

Sein Grinsen zu breit.
 

„Es beginnt“, flüstert er zufrieden.

Seine Augen glänzen wie frisch gehärteter Stahl.

„Endlich.“
 

Ein Zucken geht durch seinen Körper –

als könne auch er kaum warten.
 

Matiga spürt, wie die Welt sich dreht,

wie der Schmerz ihr Bewusstsein frisst,

wie die Luft zu schwer wird zum Atmen.
 

Und dann –

Blut.
 

Ihr Schrei hallt durch die Nacht –

verzerrt, uralt,

ein Hilferuf an Götter, die längst tot sind.
 

Der falsche Waldi beugt sich über sie,

seine Augen glimmen wie erlöschende Sterne.
 

„Du wirst eine wunderbare Mutter sein…

für meine Kinder.“

Stimmen in der Wand

Der Schmerz war ein Tier mit kalten Pfoten. Er zerrte an Matiga, riss sie in Stücke, schlitzte die Welt in scharfe Augenblicke. Sie lag am Boden, jeder Atemzug ein Aufschrei, jede Wehe ein Messer.

„Nein – es ist zu früh… nicht heute…“ Sie presste die Zähne zusammen, krallte die Hände in den Dielen, versuchte verzweifelt, sich aufzurichten. Über ihnen hing der Blutmond wie ein offenes Maul; sein Licht goss sich in blutige Falten über die Wände.
 

Waldi stand neben ihr, die Augen schwarz wie Öl. Er beugte sich vor, sah in den Raum, als sähe er etwas, das nur er sehen konnte. „Er kommt. Ich sehe schwarze Haare,“ sagte er und lächelte, ein Laut, der zu fröhlich war für die Nacht. „Du hast es fast… das schaffst du.“ Mehr konnte er nicht tun; Worte waren alles, was blieb.
 

Dann — ein stoßartiger Zug, ein Reißen, und ein erstes Kind glitt in die Welt. Waldi durchtrennte die Nabelschnur, wickelte das Neugeborene ein. Es weinte nicht; es lag still in seinen Tüchern, ein dunkles Bündel.
 

Matiga war benommen von Schmerz, halb fern, halb betäubt. Die Welt flackerte in Rissen. „Es tut weh…“ klagte sie, stammelte Sinnloses. Schon kam das zweite Kind, und ihr Körper gab ihm nach. Waldi streichelte ihre Beine, seine Finger fühlten sich wie kalte Zangen an. Ein leises, fast fröhliches Lachen glitt über seine Lippen, als er den zweiten Säugling hochhob. „Da bist du endlich, Belith,“ murmelte er, als hätte er auf diesen Namen gewartet wie auf eine Prophezeiung. Dann trat er mit dem Bündel hinaus in die Kühle der Nacht. Matiga hatte keine Kraft, ihn zu rufen.
 

Sie rollte sich auf die Seite und robbte zu dem ersten Kind, das regungslos am Boden lag. Türkisfarbene Augen starrten sie an — groß, nüchtern, unfassbar alt in ihrer Klarheit. Matiga streichelte das schwarze Haar, die Finger zitternd. „Du bist wunderschön,“ flüsterte sie.
 

Die Stille wurde zertrennt von einer Stimme — nah, vertraut, die ihr ins Ohr schnitt. „Haha… da und schön?“ Die Worte schienen aus allen Richtungen zu kommen. Matiga fuhr herum. Nirgendwo war jemand. „Tofu? Wo bist du?“ rief sie ins Zimmer, die Stimme hohl. Ein Lachen, das sie kannte, gluckste zurück: „Da, wo meine Rabenmutter mich eingesperrt hat. Doch auch ich war nicht untätig. Ich sehe alles im Turm, haha.“
 

Tofus Stimme war ein Dolch; sie wollte Matiga verängstigen. „Dein Kind ist ein Kwaji — genau so sieht es aus.“ Matiga stand, die Knie weich, und suchte nach dem Ursprung der Stimme. „Ist sie nicht. Alle Babys sind am Anfang runzlig, das legt sich…“ stammelte sie und wollte das Wort „Kwaji“ abwehren. In einer alten Sprache bedeutete es Monster; ein Name, der verdammte.
 

„Nenne sie so und ich lasse sie in Ruhe,“ zischte Tofu, und hinter ihrem Ton lag kalter Handel. Matiga nickte, weil ihr die Angst die Kehle zuschnürte. Tofu lachte vergnügt: „Du wirst mich nicht finden.“ Es war ein Triumph, rohe und kindliche Grausamkeit zugleich.
 

Matiga legte eine Hand an die Wand des Zimmers, halb als Halt, halb als Prüfung — und erschrak. Die Wand vibrierte unter ihrer Hand, eine zarte, aber deutliche Resonanz, als spräche der Stein selbst. Bei jedem Wort, das aus der Wand drang, fühlte sie einen Hauch, eine Bewegung, als lausche das Gemäuer mit und gebe Antwort.
 

„Du bist hier drin, oder?“ fragte sie, als spräche sie mit dem Turm selbst. Die Stimme, die antwortete, war anders — älter, fremd, kaum ein Flüstern: „Solltest du dich nicht lieber um den Jungen kümmern?“ Lacher, kleine Stimmen, wechselten, unterlegten einander: „Wir beobachten euch, seit ihr in der Stadt seid.“ — „Ja… gebt Acht, das ist nicht mehr unser Katopres.“ — „Ja… genau.“
 

Die Stille zerschnitt Tofus Befehl: „ICH SAH GESAGT! SEID RUHIG!“ Die Wände dröhnten fast, als ob die Worte in Stein einschlugen. Ein eisiger Schauer kroch Matiga den Rücken hinauf: Die Stimmen waren viele, sie schienen aus dem Mauerwerk zu strömen, aus längst begrabenen Rissen, aus Fugen, die Licht und Leben verschluckt hatten. Sie kamen nicht nur aus einer Richtung — sie waren in den Wänden, unter dem Dielenbrett, in den Fugen des Hauses.
 

Dann die Stimme — rauer, hungrig, zornig: „Sie nerven. Am liebsten würde ich alle fressen — diese lästigen Geister.“ Es war kein menschliches Lachen mehr. Es war etwas, das knurrte; etwas, das im Holzbalken blühte.
 

Matigas Herz hämmerte, nicht nur vom Schmerz, sondern von einer Erkenntnis, die wie kaltes Wasser ihren Rücken hinab rann: Etwas anderes hatte Zugang zum Haus bekommen. Etwas, das nicht nur zuhören, sondern auch antworten konnte. Die Stimmen in der Wand webten sich zusammen wie ein Netz aus Blei. Sie fingen an, zu singen — nicht mit Worten, sondern mit dem Ticken von Nägeln, mit dem Kratzen von Federn, mit dem leisen Schaben von etwas, das darunter hungrig war.
 

Tofus Lachen wuchs, wurde zum Chor. Matiga hielt ihr Neugeborenes fester, die Finger verkrampft um das Tuch. Draußen heulte der Wind; drinnen atmete das Haus, und mit jedem Atemzug fühlte sie, wie die Stimmen dichter wurden — bis sie nicht mehr unterscheiden konnte, ob die Geräusche aus der Wand kamen oder aus ihrem eigenen Kopf.

Schrumpfköpfe

Waldi war weg.
 

Nicht nur er – Belith gleich mit. Keine Erklärung, keine Spur. Nur das leere Kinderbett, die nachhallende Stille… und Matiga, die zu viel Blut verloren hatte, um aufzustehen und zu schreien.
 

Drei Tage. Vier. Sechs.
 

Belith brauchte keine Milch. Keinen Atem, keinen Schlaf. Und offenbar auch keine Mutter.
 

Matiga konnte nicht darüber nachdenken. Denn Kwaji – ihr anderes Baby – brauchte sie. Warm. Klein. Mit winzigen Fingern, die sich in ihre Haut krallten, als könnte sie spüren, dass Matigas Herz gerade Stück für Stück zerbröselte.
 

Und dann war da Tofu.
 

Ihre Stimme kam aus jeder Wandfuge, aus dem Steinboden unter Matigas Füßen, aus den Schatten, die sich bewegten, wenn sie nicht hinsah.
 

„Sie ist ein Kwaji. Nenn sie so! Nenn sie so! Sonst… brech’ ich ihr was Kleines zuerst.“
 

Manchmal quiekte sie anschließend. Ein Lachen, das klang, als hätte jemand ein Kind erstickt und den letzten Ton zu lang festgehalten.
 

Matiga presste das Baby an sich. „Sie ist meine Tochter,“ flüsterte sie. „Meine wunderschöne Tochter.“
 

Doch jede Nacht wurde die Stimme lauter. Drohend. Geduldig. Sicher, dass sie gewinnen würde.
 

Also suchte Matiga etwas, das sie nie wieder anfassen wollte.
 

In den untersten Kammern des Turms, hinter einem verriegelten Gitter, das nicht mehr aus Eisen bestand, sondern aus gebogenen Knochen, lag eine alte Kiste. Die Luft dort unten schmeckte nach Kupfer und uralten Geheimnissen.
 

Drinnen lagen drei Schrumpfköpfe. Die Haut pergamentdürr, die Münder zugenäht mit Haaren, die Augenhöhlen schwarz wie vertrocknete Brunnen.
 

Ein Ritual aus Zeiten, über die niemand mehr sprechen durfte. Ein Zauber, der ein Kind so vollkommen machen sollte, dass kein Fluch, keine Dämonin es je verschlingen könnte.
 

Matiga zeichnete die Runen – ihre eigenen Tränen dienten als Tinte. Sie stellte die Köpfe im Kreis, presste das Baby an ihre Brust, hauchte auf die kalten Stirnen der Toten und sprach die uralten Worte:
 

„Schön sollst du sein. Unberührbar. Unbenennbar.“
 

Doch der Reim brach. Die Luft wurde unruhig. Die Schrumpfköpfe begannen zu wackeln – als würden darunter Mäuler erwachen.
 

Ein süßlicher Geruch quoll hervor, wie von gebrannter Haut.
 

Die Köpfe richteten sich gleichzeitig auf Matiga. Ihre zugenähten Münder rissen lautlos auf. Winzige, kindliche Zähne blitzten im Dunkeln.
 

Und dann bissen sie. Auf die Runen. Auf den Zauber. Und verschlangen ihn… lachend.
 

Das Baby schrie – schrill, fremd. Matiga stolperte zurück, drückte sie schützend an sich.
 

Die Köpfe rollten auseinander – und wurden wieder reglos. Als hätte nichts stattgefunden.
 

Stille. Eine Stille, die sich wie ein Strick um ihren Hals legte.
 

Dann kam die Stimme wieder. Zu nah. Zu zufrieden.
 

„Ich hab dir doch gesagt… Kwaji bleibt Kwaji. Und ich… ich hab immer recht.“
 

Matiga weinte nicht. Nicht mehr.
 

Sie war Mutter. Und in diesem Haus bedeutete das: zu überleben, egal wie viele Monster die Wände haben.

Vodoo Puppe

Tofu war lebendig wie nie. Eingesperrt im Zimmer des Turms hatte sie alle Zeit der Welt — und der Turm hatte all ihre Sinne.

Sie wusste, wann eine Ratte über die Dielen schlich, wann ein Dachziegel sich setzte.

Die Außenwelt sah sie nur durch das kleine, hohe Fenster; doch das reichte.

Hier oben war sie meistlich Königin und allein, und allein hieß in ihrem Kopf: voller Stimmen.
 

Die Geister, die früher in Scharen durch die Stadt gezogen waren, hatten sich seit Waldis Rückkehr zurückgezogen.

Sie wohnten nun in den Wänden, in Möbeln, als hätten sie sich selbst verriegelt.

Meistens waren sie nur Flüstern und Kratzen — nervig, widerspenstig, eifersüchtig auf die Wärme des Menschen.

Für Tofu aber waren sie Gesellschaft. Manche lachten mit ihr, manche spuckten alte Lieder, wieder andere kauften sich stumme Blicke.

Sie spielte mit ihnen wie mit Dingen.
 

Sie beobachtete, wie Matiga sich um Kwaji kümmerte — das kleine Bündel, heiß und lebendig, das an der Brust saugte.

Etwas in Tofus Brust zog sich zusammen, ein dünner, saurer Knoten, der Wut hieß, aber sie wusste nicht, wogegen.

„Welche Farbe hat euer Blut wohl?“, fragte sie manchmal, ganz leise, gerade laut genug, dass Matiga reflexhaft das Kind an sich zog.

Fliehen? Ein anderer Mensch hätte es längst versucht.

Matiga aber blieb — gefesselt von der Hoffnung, dass Waldi und Belith zurückkehren könnten, von Schuld und Pflicht.
 

Aus Langeweile begann Tofu zu basteln.

Aus ihren eigenen Fingernägeln schnitzte sie eine Nadel; aus den Vorhängen zog sie die Fäden — langsam, mit der Sorgfalt einer, die nichts anderes kennt — und nähte eine Puppe zusammen.

Ihr eigenes Haar füllte sie in die Puppe.

„Das ist Kwaji“, flüsterte sie, „und der hier ist Belith“, murmelte sie stolz, und ihre Stimme klang wie das Klicken einer Schere.
 

Etwas fehlte. Die Puppen wirkten nicht echt genug.

Tofu überlegte, und ihre Gedanken wanderten zum Fenster.

Unter dem Turm schlang sie ihre Tentakelhaare hinab — lang, lebendig, dünn wie grüne Ranken, geschickt wie Fingerspitzen.

Zögerlich, aus der Angewohnheit, das Essen so nach oben zu holen, setzte sie die Haare ein, um den Puppen Decken und kleine Stoffe zu bringen.

Die Haare glitten die Mauer entlang, krochen wie nasse Schnecken, hinterließen einen glänzenden Pfad und zogen sich dann wieder zurück.

Es dauerte einige Versuche, bis zwei passende Tücher oben lagen, ordentlich und weich.
 

„Haha, meine Geschwister“, lachte Tofu und strich den Puppen über die Plane.

Sie nannte sie liebevoll, ohne zu wissen, dass sie mehr formte als nur Spielzeug.
 

Tofu sprach mit den Puppen, als wären sie echt.

Ihre Stimme war leise, zuweilen kaum mehr als ein Zischen.

„Kwaji, mach ihn weg. Beiß ihn.“

Die Puppe schwieg.

Die Haare schmeichelten über ihre Schultern.

„Töte sie. Töte sie“, wiederholte Tofu, und die Worte hingen wie ein Knoten in der Luft.
 

Tofu lächelte. Das Lächeln war wie das Spiel eines Kindes, das ein Geheimnis kennt.
 

Unachtsam ließ Tofu einmal Kwajis Puppe fallen.

Sie fiel, drehte sich — und als Matiga das Baby hochhob, fielen auf dessen Bein kleine, blaue Flecken auf.

Matiga erschrak, flüsterte einen Zauber, untersuchte die Haut, suchte nach Bissen, nach Blut, nach Zeichen.

„Vielleicht…“, murmelte sie später, „nach dem Ritual… etwas ging schief.“

Die Angst legte sich wie Eis auf ihr Gesicht.
 

Eines Tages drehte Tofu die Puppe in den Händen, fuhr mit der Nadel über das Stoffgesicht, stach einmal, zweimal — nur so, aus Gewohnheit.

Die Nadel richtete nichts aus, nicht wirklich.

Nicht der Puppe, aber Kwaji, das kleine Baby, bekam kleine rote Punkte ins Gesicht und schrie unaufhaltsam.
 

Belith war weg mit Waldi. In der Dunkelheit hörte sie etwas, das sie glauben machte, dass ihre Puppen antworteten:

ein Knacken, ein Ziehen, ein leises Winseln.

„Belith hört mich“, flüsterte sie ohne Zögern. „Hörst du, Belith? Komm her. Komm, spiel mit mir.“
 

Und während sie so sprach, während die Puppen sich gegenseitig angriffen und sie ihnen Befehle zuflüsterte, murmelte sie noch etwas anderes, kaum hörbar:

„Nur Spiel. Nur Spiel.“

Doch die Stimmen in der Wand waren besorgt.

Sie wussten, dass Tofu nicht einfach nur spielte.

Insektenplage

Es begann unbemerkt.
 

Ein einziger Käfer, schwarz wie verbranntes Holz, krabbelte über den Herdstein, während Matiga einen dünnen Brei rührte. Sie schob ihn mit dem Löffel weg. Dreckiges kleines Etwas. Sie dachte nicht weiter darüber nach.
 

Doch am nächsten Morgen waren es zehn.

Am Abend darauf hunderte.
 

Sie quollen aus den kleinsten Ritzen, aus Spalten hinter den Regalen, aus dem dunklen Loch des Kamins, als hätte die Dunkelheit selbst Eier gelegt. Immer dieselbe Art: glänzende Panzer, beinah ölfeucht, lautlos.
 

Matiga verbrannte sie, erschlagen, fortgefegt, geschaufelt – aber sie kamen zurück. Noch bevor sie sich umdrehen konnte, kroch bereits wieder einer über ihre nackten Zehen. Sie fühlte die Blicke dieser winzigen Leiber, als hätte jedes Paar Augen einen Plan.
 

Nachts hörte man sie am lautesten.

Ein unendliches, nervenzerrendes Knistern.
 

Matiga lag wach, Kwaji fest an sich gedrückt. Sie atmete ruhig, unschuldig. Doch einmal schrie sie plötzlich auf, ganz ohne Grund – und drei Käfer fielen aus ihrer Decke, als hätten sie in der Wärme gewartet.
 

Matigas Herz donnerte in ihrer Brust.

Sie wollte schreien, doch das Haus war ihr zu eng.

Zu wach. Zu aufmerksam.
 

Dann – eine Stimme.

Durch Stein. Durch Holz.

Von irgendwo oben.
 

Tofu.
 

„Sie kriechen, weil sie wissen, dass es bald so weit ist…“

Die Worte waren wie ein Kitzeln unter der Haut.

Wie ein Lächeln ohne Gesicht.
 

Matiga schluckte hart. „Hör. Auf.“
 

Ein kicherndes Zucken der Wände.

Dann ein Flüstern, das sich in ihren Nacken legte:
 

„Wenn sie Flügel bekommen… dann wirst du verstehen.“

Matiga starrte in die Dunkelheit, als könne sie dort Antwort finden.

Doch nur der nächtliche Mondschein zeichnete schmale, nervöse Schatten.

Ein Käfer krabbelte über ihre Bettkante, hielt inne, als lausche er.
 

„Was… kommt?“ Matigas Stimme war kaum mehr als Atem.
 

Kurzes Schweigen.

Dann:
 

„Er.“

Ein Hauch, ein Versprechen.

„Und dann wird es sehr, sehr laut.“
 

Kwaji bewegte sich im Schlaf, und als Matiga die Decke hob, krochen darunter fünf Käfer auseinander wie aufgescheuchte Gedanken.
 

Sie war allein.

Waldi fort. Belith fort.

Nur Kwaji. Und die Stimme über ihr.

Und das Krabbeln all der kleinen Körper, die etwas wussten, das sie noch nicht wusste.
 

Die Nacht hielt ihren Atem an.

Und irgendwo im Haus raschelte etwas, das nicht mehr nur kroch.
 

Es fing an zu summen.

Die Metamorphose

Matiga bekam kein Auge zu.

Überall krabbelte und summte es.

Die Käfer waren überall.

In den Tassen. In den Kleidern. In den Träumen.
 

Selbst Kwaji wagte sie kaum noch abzulegen — zu groß die Angst, dass eines dieser Viecher über die Haut des Kindes kroch.
 

„Es reicht mir!“ schrie Matiga, und ihre Stimme hallte gegen die Wände.

„Wir verschwinden! Du kannst deine Krabbeltiere behalten!“
 

Normalerweise störte sie Ungeziefer nicht. Doch wenn man keinen Schritt mehr tun konnte, ohne eines zu berühren, wenn jedes Blinzeln ein Knistern bedeutete — dann war es zu viel.
 

Sie begann, ihre Tasche zu packen. Doch kaum hatte sie die Kleidung ausgeschüttelt, krochen wieder neue Käfer hinein. Es war, als zögen sie sich von selbst an.

„Bald… es dauert nicht mehr lange“, kicherte Tofu von oben, als würde sie das Unheil selbst heraufbeschwören.
 

Doch Matiga hörte nicht hin.

Sie nahm Kwaji, die Tasche, und verließ den Turm.

Zurück in die Geisterstadt.

In das alte Haus, in dem sie Waldi kennengelernt hatte.
 

Beim Anblick fror ihr Herz kurz.

Erinnerung.

Leben vor dem Lärm.
 

Im Turm saß Tofu auf dem Boden, umgeben von Käfern.

Sie ließ sie über ihre Finger laufen, stopfte sie in ihre Puppen, bis die Stoffleiber zitterten und sich bewegten, als hätten sie Herzschläge.
 

„Tz… einfach abgehauen“, murmelte sie, halb beleidigt, halb amüsiert.

Dann lachte sie. Lange.
 

Doch auch in der Stadt wurde Matiga keine Ruhe zuteil.

Die Käfer folgten ihr.

Sie fanden sie in jedem Winkel, krochen aus den Mauern, aus den Träumen, aus dem Staub.
 

In ihrer Verzweiflung schrieb sie an Professor Faar, schickte ihm eines der Tiere in einem Glas.

Er antwortete kurz:
 

„Unbekannte Art. Kein Eintrag in den Bestiarien. Vorsicht.“
 

Mehr wusste auch er nicht.
 

Also kehrte Matiga zurück.

Zurück zum Turm.

Zurück zu Tofu.
 

Sie riss die Tür auf.

„Tofu! Was ist hier los?“

Das Zimmer war erfüllt von dumpfem, schimmerndem Licht. Überall lagen goldschwarze Kokons — Hunderte, vielleicht Tausende.

Tofu hockte in ihrem Zimmer an der Turmspitze, die Knie angezogen, die Lippen glänzend vor Speichel.
 

„Ich sagte doch“, kicherte sie, „bald wird es sehr… sehr laut.“ klang die stimme durch die Wände
 

Sie rollte die Kokons zwischen den Fingern, drückte, horchte, lachte.
 

„Tofu, erklär das! Was sind das für Käfer? Wer kommt? Was geht hier vor sich?“ Matiga trat in den Turm. „Erklär es, oder du kriegst kein Abendessen!“
 

„Mir egal,“ sagte Tofu tonlos. „Ich hab hier genug.“

Sie hob einen der Kokons und biss hinein.

Goldene Flüssigkeit rann über ihre Hände.
 

Dann, leise, fast träumend:

„Morgen… nein. Übermorgen. Ja. Übermorgen bestimmt.“
 

Matiga brannte die Käfer, die sie fand, weiter nieder.

Tag für Tag.

Bis sie in jener Nacht von einem Summen geweckt wurde, das nicht mehr menschlich klang.
 

Es war kein normales Summen.

Es war das Atmen von tausend Flügeln.
 

Sie stürzte ans Fenster.

Der Turm leuchtete.

Gold und schwarz, als hätte jemand die Nacht selbst in Brand gesetzt.

So viele Käfer schwärmten um ihn, dass man das Mauerwerk nicht mehr sah — nur Bewegung, nur Schwärze.
 

„Tofu! Erklär das endlich!“ schrie sie hinauf.

Doch das Summen verschluckte ihre Stimme.
 

Sie drückte Kwaji an sich.

„Keine Angst, mein Herz. Dir passiert nichts.“
 

Da sprach jemand hinter ihr.

Tief. Ruhig.
 

„Ihr solltet von ihnen weggehen.“
 

Matiga drehte sich um.
 

Waldi stand hinter ihr.

Staub lag auf seinem Mantel, der Blick war leer, als käme er aus einem sehr langen Traum.
 

„Das sind Grabräubermotten,“ sagte er. „Sie fressen Totesfleisch.

Aber wenn sie nach dem Schlüpfen nichts finden… gehen sie auch auf Lebendes.“
 

Starrte er in das goldene Flirren.

Die Motten ähnelten Kakerlaken, doch ihr Körper glänzte wie Metall — goldschwarz, in Fetzen gehüllt. Auf ihrem Rücken prangte ein weißer Totenkopf, scharf wie gemalt.

Wenn sie flogen, war es, als würden tausend Messer durch die Luft schneiden.

Das Geräusch war alles: dumpf, laut, ekelhaft.
 

Matiga fröstelte.

„Grabräubermotten? Die gibt es doch gar nicht. Das sind Mythen… sie sollen nur erscheinen, wenn ein neuer Untoter geboren wird oder so.“
 

Langsam wandte sie sich ihm zu.

„Waldi… du bist wieder da.“

Ihre Stimme zitterte.

„Wo warst du? Warum hast du mich zurückgelassen?“
 

Doch Waldi sah sie nicht an.

Sein Blick hing noch immer am Turm.

Matiga hat so viele Fragen doch Waldi scheint im moment keine beantworten zu wollen.

Das verfluchte Artefakt

Waldi schwieg.

Seit er dort stand, zwischen Schatten und Flügeln, hatte er kein Wort mehr gesagt. Nur dieses ferne Summen, das sich in seine Stimme gelegt hatte, als wäre etwas anderes in ihm wach.
 

Matiga wagte kaum zu atmen.

Das Licht der Motten war fast erloschen, nur noch ein mattes Schimmern, das die Luft schwärzte.

Dann bemerkte sie es — hinter ihm.
 

Ein schwarzer Korb.

Unscheinbar zuerst, doch je näher sie trat, desto stärker zog er sie an, als würde er sie rufen.

„Waldi? Was ist das?“ fragte sie leise, doch er antwortete nicht.
 

Sie beugte sich über den Korb.

Darin lag Belith.

Still.

Eingehüllt in schwarzes Samtgewebe, als wäre er ein Opfer in einem alten Ritual. Dornen krochen durch das Tuch, hielten ihn wie Finger fest, und zwischen ihnen sprossen schwarze Rosen, so dunkel, dass sie das Licht verschluckten.
 

Matiga keuchte.

Ihr Blick fiel auf etwas Glänzendes um den Hals des Kindes.

Ein Amulett. Rund, mit feinen Runen und einer Mitte aus milchigem Stein, der in unregelmäßigen Pulsen glomm.

Sie kannte es.
 

„Nein… das ist nicht möglich.“

Ihre Finger zitterten. „Das… das ist das Siegel der Drei Schatten. Faar hat darüber geschrieben — es war verboten, schon vor Jahrhunderten. Ein verfluchtes Artefakt…“
 

Da stand Waldi plötzlich hinter ihr.

So nah, dass sie seinen Atem im Nacken spürte.
 

„Belith braucht es,“ sagte er. Seine Stimme war ruhig, zu ruhig. „Daraus zieht er seine Kraft. Nur so kann er leben. Nur so kann er stark werden.“
 

Matiga fuhr herum.

„Kraft aus etwas Verfluchtem? Das—das ist Wahnsinn, Waldi! Das tun nur Dämonen. Nur Untote!“
 

Er lächelte.

Doch es war nicht sein Lächeln.

Es war kalt, fremd, wie von jemandem, der durch seine Haut sprach.
 

„Vielleicht" flüsterte er.

Dann riss er den Kopf herum, als würde etwas Unsichtbares an ihm zerren. Seine Muskeln spannten sich, seine Finger krampften.

„Nein…“ presste er hervor, „nein, nicht jetzt…“
 

Er taumelte einen Schritt zurück, rang nach Atem.

Und plötzlich war er wieder da. Ihr Waldi.

Sein Blick — klar, vertraut. Seine Züge — die, die Matiga kannte, liebte, vermisst hatte.
 

„Ich hab nicht viel Zeit,“ keuchte er. „Lauf, meine Liebste. Lauf und komm nicht wieder. Lass uns alle zurück — damit du wenigstens eine Chance hast.“
 

Matiga starrte ihn an.

„Was redest du da? Ich kann euch nicht—“
 

„Die Zwillinge…“ Er griff nach ihrer Hand, krallte sich fest, als wollte er sie an die Worte binden.

„Die Zwillinge müssen zusammenbleiben. Sonst stirbt Kwaji. Hörst du? Wenn du sie trennst, endet alles.“
 

Dann schüttelte ihn ein Zittern, das durch Mark und Stein ging.

Sein Gesicht verzerrte sich, als bräche etwas in ihm entzwei.

Und als er den Kopf wieder hob, war der Mann, den sie liebte, verschwunden.

in Serienmörder als urbane Legende

Matiga wusste nicht, was vor sich ging.

Die Käfer umhüllten weiterhin den Turm.

Sie hatte große Angst — aber ihre Kinder allein lassen? Welche Mutter könnte das schon?
 

„W–wer bist du?“, fragte sie leise.

Waldi stand vor ihr, doch sie erkannte sofort, dass das nicht ihr echter Waldi war.

Er drehte sich zu ihr um und grinste böse — ein schiefes, kaltes Lächeln.
 

Plötzlich, ohne jede Vorwarnung, stürzte der Käferschwarm vom Turm herab.

Das Summen schwoll an, wurde lauter und lauter, bis es wie ein einziger Schrei klang.

Von hinten kamen sie — tausende, vielleicht Millionen Käfer, die direkt auf Matiga zuflogen.
 

Waldi ging langsam auf sie zu.

Als er bei ihr stand, umkreisten die Käfer die beiden, doch sie griffen nicht an.

Er beugte sich hinunter und nahm ihr einfach Kwaji aus den Armen.
 

Matiga wollte das nicht, doch sie hatte Angst, ihrem Kind wehzutun.

In dem Moment, als sie losließ, spürte sie plötzlich einen scharfen Schmerz.

Einer der Käfer hatte sie gebissen.

Sie schlug ihn tot, doch sofort folgte der nächste — und der nächste.
 

„Au! Ah! Waldi! Hilf mir!“ schrie sie und versuchte verzweifelt, sich aus dem Strudel der Käfer zu befreien.

Mit einem Feuerzauber verbrannte sie einen kleinen Teil des Schwarms und rannte hinaus, weg vom kreisenden Schwarm.
 

Waldi sah ihr nur zu.

Er hielt dabei Kwaji im Arm — ohne eine Regung, ohne zu helfen.

Matiga erkannte entsetzt, dass er es gar nicht wollte.
 

Tofu lachte laut auf.

Sie genoss den Anblick.

Und auch Waldi grinste breit — dieses gruselige, leere Grinsen, das kein Mensch je haben sollte, oder Vampir.
 

Matiga war klar: So konnte es nicht weitergehen.

Die Käfer verfolgten sie, und sie wollte ihre Kinder nicht in Gefahr bringen.

Mit Tränen in den Augen lief sie davon, so schnell sie konnte.

Die Grabräuber-Motten folgten ihr, ihr Summen war wie ein Fluch, der die Luft durchtrennte.

Doch plötzlich blieben sie stehen.

Dann flogen sie zurück — als hätte jemand sie zurückgerufen.

Matiga blieb mit blutigen Wunden allein im Wald liegen.
 

Waldi drehte sich zum Turm um.

„Endlich Ruhe“, murmelte er und ging hinein.

Hinter sich verriegelte er die Tür, so fest, dass es keinen Ausgang mehr gab.

Er legte beide Kinder in das alte Kinderbett, ganz behutsam — doch mehr Aufmerksamkeit schenkte er ihnen nicht.
 

Matiga versuchte immer wieder, zum Turm zurückzukehren, aber die Käfer umschwärmten ihn weiterhin.

Erst nach Jahren, als sie endlich verschwanden, sah sie, was zurückgeblieben war:

Ranken mit Dornen und schwarzen Rosen, die den Turm überwucherten.

Einige Dornen waren giftig — niemand konnte mehr hinauf, niemand hinein, dorthin, wo Tofu lebte.
 

Keiner wusste, warum die Dornen da waren oder wie sie entstanden.

Matiga fragte sich, wo die Käfer hingegangen waren — und was aus ihren Kindern geworden war.

Es gab keine Tür mehr. Nur Stein, Dornen und Stille.
 

Dann kamen die Gerüchte.

Man erzählte sich Geschichten über den verfluchten Turm in der Geisterstadt.

Manchmal, so hieß es, könne man in der Nacht ein böses Lachen hören, das aus der Spitze des Turms kam.

Manche sagten, es sei ein Gefängnis. Andere flüsterten, dort wohne ein Dämon.
 

Tofus magisches Haar, das wie schwarze Tentakel die Wände hinabhing und bis zum Boden reichte, war die einzige Verbindung zur Außenwelt, die die Familie im Turm noch hatte.
 

Und wenn nicht alle gestorben sind,

leben sie noch heute.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu dieser Fanfic (2)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von:  Svante
2025-10-02T08:55:24+00:00 02.10.2025 10:55
Starker Einstieg in eine – hoffentlich – sehr spannende Geschichte.
Ich freu mich drauf :)
Antwort von:  Meiridia
04.10.2025 12:30
bin auch schon gespannt wie es sich entwickeln wird 🥰
Von:  Svante
2025-10-02T08:52:51+00:00 02.10.2025 10:52
Wow, ein toller Einstieg. Schön beschriebene Umgebung, kann mich sich sehr gut vorstellen!
Antwort von:  Meiridia
04.10.2025 12:32
Danke ❤️


Zurück