Der Geburtstag des Totengottes
Die Energie im Raum verdichtete sich.
Unsichtbarer Druck legte sich auf jede Brust, als würde die Luft selbst schwerer werden. Die Schale im Ritualkreis begann leise zu vibrieren, und aus ihr quoll langsam ein schwarzer Nebel hervor – dick, kalt, lebendig wirkend. Er kroch über den Boden, glitt die Wände empor, verschlang Fackellicht und Schatten gleichermaßen, bis das gesamte Zimmer in finstere Schwärze getaucht war.
Draußen brach der Tag plötzlich ab.
Der Himmel verdunkelte sich, als hätte jemand die Sonne erstickt. Vögel verstummten. Der Wind hielt den Atem an.
Dann wurde es still. Unnatürlich still.
Aus dem Nebel trat eine Gestalt.
Ein kleines Mädchen, kaum größer als Ai selbst. Langes, tiefschwarzes Haar fiel ihr wie ein Schleier über den Rücken, durchzogen von schwarzen Rosen, die wirksam wie aus purer Nacht gewoben schienen. Ihre Augen waren weiß – leer und doch unergründlich alt. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das sich lautlos bewegte, als existiere es nur halb in dieser Welt.
„Wie süß…“ entfuhr es Ai leise.
Das Mädchen verzog das Gesicht.
„Ich bin nicht süß“, sagte sie und versuchte, streng zu klingen – doch ihre Stimme hatte einen seltsam kindlichen Klang.
Alle außer Ai verneigten sich tief.
„Alles Gute zum Geburtstag.“
Das Mädchen verschränkte die Arme.
„Viel zu spät. Außerdem habt ihr euer Versprechen gebrochen.“ Ihre Lippen kräuselten sich. „Ihr habt mir viel zu wenige Spielkameraden geschickt. Ich dachte schon, ihr hättet meinen Geburtstag vergessen.“
Ein Schatten glitt über ihr Gesicht, echte Enttäuschung lag darin.
„Dank mir konnte Belith so schöne Träume haben. Und dafür wolltet ihr mir Freunde schenken. Aber seit Jahren kam keiner mehr zu mir… Ihr habt gelogen.“
Belith trat näher und legte behutsam seine Hand auf ihren Kopf.
„Du kannst alle hier haben“, sagte er ruhig.
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Ja, einfach alle~“ kicherte Tofu, wissend, dass sich Ais Freunde – der Siebte Kreis der Hölle – gerade durch den Turm kämpften. Normalerweise hätte sie sie mit Leichtigkeit aufgehalten. Doch heute ließ sie sie gewähren. Als Geschenk.
„Mhm… mit ihnen könnte ich Spaß haben“, freute sich das Mädchen sichtlich.
Ai spürte plötzlich ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Brust. Eine Trauer, die nicht ihre sein konnte – und doch tief in ihr wurzelte.
Langsam fügten sich die Puzzleteile zusammen.
„D-du… du bist der Totengott?“ fragte sie leise.
„Wie respektlos“, zischte Tofu sofort.
„Ach, ignorier sie doch“, lachte sie. „Das ist nur Beliths neues Spielzeug~“
Das Mädchen aber trat ganz nah an Ai heran, musterte sie aufmerksam, fast neugierig.
„Belith ist mein Verlobter. Den teile ich mit niemandem“, stellte sie ernst fest.
Dann neigte sie den Kopf. „Wie heißt du?“
„A-Ai…“ stotterte sie.
Die Augen des Mädchens weiteten sich.
„Was? Wirklich?“ Ihr Gesicht begann zu strahlen. „Ich heiße Aid – Herrscherin über das Reich der Toten. Wir heißen fast gleich!“
Sie drehte sich fröhlich im Kreis, als hätte sie eine neue beste Freundin gefunden.
„Dann hast du heute auch Geburtstag! Wir sind jetzt verbunden!“
Ai blieb reglos stehen.
Aid streckte plötzlich die Hände aus. Zwischen ihren Fingern sammelte sich dunkles Licht, pulsierend wie eine schwarze Sternenglut. Eine Essenz aus purer Finsternis.
„Ich schenke dir etwas~ Hier, für dich.“
Die Aura, die davon ausging, war erdrückend. Süß und bedrohlich zugleich.
„Nimm es… oder magst du mein Geschenk nicht?“ fragte sie mit unschuldiger Stimme – doch ihre bloße Nähe ließ den Raum erzittern.
„Du musst es schlucken. Es macht dich stärker.“
Ai starrte auf das dunkle Leuchten in ihren Händen.
Ihr Herz raste.
In ihrem Innersten hoffte sie verzweifelt, dass jeden Moment Jack durch diese Tür brechen würde. Dass jemand sie da herausreißen würde.
„Wenn du das nimmst, können wir für immer Freunde bleiben“, sagte Aid fröhlich.
„Ein Teil von dir kann dann auch mit mir kommen~“
Für sie war es nur ein Spiel.
Ein hübsches Geschenk.
Ein neuer Freund.
Doch Ai spürte es genau.
Dies war kein Geschenk.
Es war der Beginn von etwas Grauenvollem.