Es ist erloschen ...
Der Prismaturm. Das Herz der Kalos-Region.
Bereits seit Jahrhunderten ragte er imposant und unerschütterlich in den Himmel empor, um von dort aus über all seine Bewohner zu wachen – Menschen und Pokémon gleichermaßen. In der Dunkelheit war sein Licht auch noch in den entferntesten Winkeln gut zu erkennen. Ein unauslöschlicher Funke, nein, vielmehr ein Leuchtfeuer der Hoffnung, an dem sich jede verlorene Seele orientieren und ihren Weg in die schützenden Arme einer glanzvollen Gemeinschaft finden konnte. Zu einem Ort, der sich im Laufe der Zeit zu einer strahlenden Metropole entwickelt hatte und wo man einst diesem magischen Licht, bei dem gar die Sterne vor Bewunderung erblassten, einen Namen gab: Illumina.
Ja, der Prismaturm war wahrlich das Herz von Kalos – das kostbarste Juwel von allen, welches jeden zu faszinieren und in den Bann zu ziehen wusste. Besonders in der Nacht, wenn er die gesamte Stadt vor der absoluten Dunkelheit bewahrte. Was würden sie nur ohne ihn tun? Wäre Illumina City noch derselbe Ort?
... Nein, sicher nicht.
Alles wäre anders.
So wie in dieser Nacht, als Platan wie versteinert mitten in der Herbstallee stand und von dort aus mit geweiteten Augen den Prismaturm anstarrte. Zwischendurch blinzelte er bewusst einige Male, in einem vergeblichen Versuch, etwas an dem Bild ändern zu können, das er sah. An dem Bild, das ihn ein wenig an seinem Verstand zweifeln ließ, denn es konnte nicht real sein. Selbst wenn seine Augen ihm nur einen furchtbaren Streich spielen wollten. Unmöglich.
Denn der Prismaturm ... er ...
„Es ist erloschen ...“, flüsterte Platan heiser – seine Stimme kam dem zerbrechlichen Hauch eines Geister-Pokémon gleich. „Das Licht ...“
Zwar verdeckten die Baumkronen einen Teil des Prismaturms, doch normalerweise müsste er dennoch zu sehen sein. Stattdessen verschmolz er beinahe gänzlich mit dem Himmel, der nur noch aus einer pechschwarzen Leinwand bestand. Kein verträumtes Nachtblau, nur Schwärze. Auch alles in seiner Umgebung war farblos, selbst das Grün der Bäume hatte sich zu einem Aschgrau gewandelt. Dadurch wirkten die Blätter so zerbrechlich, schon eine sanfte Brise könnte dafür sorgen, dass sie einfach zerbröselten und sich ins Nichts auflösten.
Aber es war windstill.
Schon seit einer Weile war es allgemein ziemlich still. Totenstill.
Sonst war Illumina City immerzu das blühende Leben, egal, zu welcher Tageszeit, und nun herrschte eine beklemmende Atmosphäre, die ein Gefühl der Leere mit sich brachte. Trostlose Grautöne legten sich über die Stadt, ließen die Gemüter schwer und träge werden. Hoffnungslosigkeit begann in allen Ecken zu sprießen wie Unkraut ... weil das Leuchtfeuer erloschen war.
Seit ...
Seit jenem Tag, als ...
Eine erbarmungslose Woge der Trauer wollte Platan regelrecht von den Füßen reißen.
„... Flordelis“, entglitt es ihm abwesend.
Was sollte nun aus Kalos werden? Aus Illumina City? Ohne ihr leitendes Licht? Ohne die lodernde Leidenschaft, die mitreißende Ausstrahlung und das Strahlen, das durch den innigen Wunsch geboren worden war, die Welt zu verbessern? Wohin war das alles verschwunden? Seit wann war es überhaupt fort? Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Eine Ewigkeit ...
Bliebe es nun für immer so?
Würde der Prismaturm nie wieder so hell leuchten wie zuvor?
Erschöpft vergrub Platan das Gesicht in seinen Händen und versuchte, den düsteren Gedanken zu entkommen, die ihn schlagartig heimsuchen wollten. Leise Stimmen erinnerten ihn an seine eigene Unfähigkeit und Ignoranz. Daran, dass dieses Leuchtfeuer noch leben könnte, wenn er nur anders gehandelt hätte. Irgendetwas getan hätte.
„Professor!“
Als er mehrere Stimmen hörte, die seinen Namen riefen, zuckte er erschrocken zusammen, abgesehen davon wollte ihm sein Körper jedoch nicht gehorchen. So blieb er weiter wie festgewurzelt stehen, eine leblose Statue, bis Schritte und das Geräusch von Hufen zu hören waren, die über den Asphalt fegten. Kurz darauf erschien Mähikel vor ihm und stieß ein sorgenvolles Mähen in seine Richtung aus.
Nur Sekunden später drängten sich auch seine Assistenten, Sina und Dexio, in sein Sichtfeld. Beide keuchten erschöpft, während sie ihn ebenfalls besorgt musterten. Im ersten Augenblick war Platan irritiert, sie in privater Kleidung zu sehen, denn für gewöhnlich trugen sie ihre weißen Uniformen, die er für sie hatte anfertigen lassen. Aber natürlich arbeiteten sie gerade nicht – es war schließlich mitten in der Nacht.
Sina kam als erste wieder zu Atem und gestikulierte unruhig mit den Händen. „Professor, alles in Ordnung? Geht es Ihnen gut?“
Ein wenig überfordert schüttelte Platan den Kopf, noch halb in Trance. „... Pardon?“
„Mähikel tauchte bei mir auf und hat die halbe Nachbarschaft geweckt, um mich auf sich aufmerksam zu machen“, erzählte Sina hastig. „Ich dachte, Ihnen muss etwas Schlimmes passiert sein, wenn sie sich so verhält.“
„Deshalb hat Sina mir Bescheid gesagt, damit ich auch komme“, erläuterte Dexio weiter, der noch etwas nach Luft schnappte. Im Gegensatz zu Sina wirkte er aber ruhiger. „Was machen Sie denn hier? Ist etwas passiert?“
Allmählich erwachte Platan endlich aus seiner Trance. „Oh, ich ... ich habe nur einen nächtlichen Spaziergang gemacht.“
Dexio warf einen undefinierbaren Blick zu Sina, den sie aber genau zu verstehen schien, da sie darauf nickte. Derweil rieb Mähikel vorsichtig ihren Kopf an seinem Bein, weshalb er sie beruhigend tätschelte. So viel Aufregung und das nur seinetwegen. Das tat ihm wirklich leid. Dabei wusste er auch nicht genau, was geschehen war. Irgendetwas hatte ihn einfach hierher geführt und dann ... musste er plötzlich derart gedankenverloren gewesen sein, dass Mähikel, die ihn begleitet hatte, in Panik geraten war.
„Professor“, sprach Sina ihn einfühlsam an, wobei sie die Hände faltete. „Wir verstehen, dass Sie noch trauern und der Verlust eines Freundes schwer zu verarbeiten ist.“
Als Dexio das Gesicht verzog und zur Seite blickte, interpretierte Platan das womöglich nur falsch, doch diese Reaktion schmerzte ihn.
„Das Ganze ist ja auch noch nicht lange her“, fuhr Sina fort. „Aber bitte, Sie müssen mehr auf sich achten. Hier draußen hätte Ihnen um diese Uhrzeit-“
„Ich verstehe“, unterbrach Platan sie rasch.
Er konnte sich denken, was sie ihm sagen wollte, und es auch nachvollziehen. Es brachte niemandem etwas, wenn er sich selbst verlor. Oder sich in einer kalten Nacht erkältete, da ein Mantel allein bei ihm oft nicht ausreichte, um dem entgegen zu wirken. Machte er so weiter, müsste er nur wieder und wieder in diese besorgten Gesichter sehen und sich noch schuldiger fühlen, als er es ohnehin schon tat. Allein dieser Gedanke zeigte nur, wie sehr er an sich selbst dachte, statt an die anderen, die es wirklich gut mit ihm meinten.
Platan musste sich zusammenreißen.
Schließlich war er erwachsen – und sein Leben ging weiter.
Darum zwang er sich zu einem Lächeln. „Vielen Dank, ihr Lieben. Ich kann mich glücklich schätzen, solche Assistenten wie euch zu haben. Es geht mir schon besser, wirklich. Ich wollte nur spazieren gehen und den Kopf frei bekommen, bevor ich morgen ins Labor zurückkomme.“
Die Überraschung stand Dexio ins Gesicht geschrieben. „Sie wollen wieder arbeiten? Sind Sie sicher?“
„Selbstverständlich“, bestätigte Platan, möglichst motiviert. „Ich habe euch schon viel zu lange mit allem alleine gelassen. Ihr braucht auch dringend etwas Urlaub.“
Richtig, er konnte die Verantwortung nicht länger auf andere abschieben. Vor allem nicht auf Sina und Dexio, die sich wahrscheinlich bessere Dinge vorstellen konnten, als im Labor festzusitzen und mit den anderen Angestellten den Großteil der Arbeit zu stemmen, obwohl das seine Aufgabe sein sollte. Vielleicht war das der richtige Weg. Ablenkung war garantiert eine gute Idee.
Unsicher neigte Sina den Kopf. „Das wäre tatsächlich schön, aber übertreiben Sie es nicht direkt.“
„Keine Sorge, werde ich nicht“, versicherte Platan ihr.
„Wirklich? Sie sind nicht sehr überzeugend, wenn Sie vorhaben mit wenig Schlaf ins Labor zu kommen“, merkte Dexio an. „Sie sollten nach Hause gehen und sich wenigstens noch ein bisschen hinlegen.“
Darauf lachte Platan leise. „Du hast vollkommen recht, mein guter Dexio! Das werde ich sofort tun.“
Erschöpft blickte er auf Mähikel hinab. „Also lass uns nach Hause gehen, Liebes.“
Erst betrachtete sie ihn aufmerksam, ehe sie zustimmend mähte, worauf Sina und Dexio kaum merklich aufatmeten. Seine Assistenten dachten aber noch nicht daran, sich von ihm zu verabschieden, sondern begleiteten ihn trotz dieses positiven Ausgangs ein Stück durch die Herbstallee. Mühevoll musste Platan den Drang niederkämpfen, sie zu fragen, ob der Prismaturm wirklich erloschen oder es seiner Einbildung zuzuschreiben war. Eine gewisse Furcht vor der Antwort sorgte letztendlich dafür, dass er schwieg.
Welche Realität letztendlich richtig war, in der von Platan versank das Wahrzeichen von Illumina City immer noch in der Schwärze, als er zwischendurch einen letzten, flüchtigen Blick über die Schulter wagte.
Was mache ich hier eigentlich noch?
Durch ein flammenrotes Meer strömte golden funkelnde Glut. In ihr ruhte ein dunkelbrauner, erdiger Kern, an den sich der feine Hauch eines sanften, strahlend blauen Himmels schmiegte. Allesamt vereint, zu einer Reminiszenz majestätischer Stärke und Güte, deren Glanz ein warmes Gefühl vermittelte. Ein Symbol unvergleichlicher Schönheit.
Der Pyroleonit.
Wahrlich der schönste Mega-Stein, den Platan jemals mit seinen eigenen Augen bewundern durfte.
Er hatte sich auf seinem Bürostuhl zu dem großen Fenster umgedreht und hielt ihn in den blendenden Lichtschleier, der zu ihm hinein flutete. Dadurch wirkten die Farben noch kraftvoller und intensiver. Als würden sie die Energie der Sonne in sich aufnehmen und speichern. Tatsächlich fühlte sich der Mega-Stein bereits nach kurzer Zeit ungewöhnlich warm an – wahrscheinlich bildete Platan sich das aber auch nur ein, weil er so überwältigt von dem Anblick war.
Zum ersten Mal seit einer langen, langen Zeit nahm er Farben wieder derart ausgeprägt wahr. In den letzten Jahren hatte die Welt für ihn eher blass, nahezu grau ausgesehen. Es kam ihm seltsam unwirklich vor, auf einmal in dieser Trostlosigkeit wieder etwas Lebendiges bewundern zu können. Besonders diese Farben. Farben, die er mit einer ganz bestimmten Person verband. Einer Person, die ... nicht mehr unter ihnen weilte.
Flordelis ...
Ein stechender Schmerz in der Brust sorgte dafür, dass er die Hand kraftlos sinken ließ und den Mega-Stein vorsichtig mit den Fingern umschloss, ehe er sie auf seinem Schoß ablegte.
Ausgerechnet ein Pyroleonit ...
Von allen neuen Mega-Entwicklungen, die hätten entdeckt werden können, war ausgerechnet ein Pyroleonit darunter. Dabei war er Platan nur durch Zufall in die Hände gefallen. Unbewusst hatte ihn etwas an diesem Tag, nach einem Besuch im Café Coucou, in die Umgebung geführt, in der sich das Bistro Flordelis befand. Entgegen seiner gewöhnlichen Routine war ihm nach einem ziellosen Spaziergang durch die Stadt gewesen – nicht einmal seinen Kaffee hatte er ausgetrunken.
Schließlich, als er an einer Baustelle vorbeigekommen war, bemerkte er ein Glitzern im Augenwinkel. Ein unscheinbar anmutender Mega-Stein, der einsam und verloren zwischen Schutt gelegen hatte. Welch makabere Ironie.
Natürlich hatte Platan ihn an sich genommen und war zurück in sein Labor geeilt. Wie jemand, der sich auf der Flucht befand.
Nun saß er hier, hatte eine halbe Ewigkeit den Mega-Stein betrachtet und wurde gnadenlos von seinen Gefühlen übermannt. Nicht zum ersten Mal, seit jenem Vorfall vor etwa dreieinhalb Jahren. Kein Tag verging, an dem er nicht an ihn denken musste. An den Nachfahren der Königsfamilie von Kalos, großzügiger Wohltäter und brillanter Wissenschaftler mit noblen Ambitionen. Ein Mann, der Opfer seiner eigenen Verzweiflung geworden war und ein tragisches Ende fand. Einsam, verloren und alleingelassen.
Langsam drehte Platan sich mit dem Bürostuhl wieder zu seinem Schreibtisch und lenkte den Blick zu einem Fotorahmen, der dort stand. In diesem befand sich ein altes Bild von Flordelis und ihm, aus der Zeit, als sie gemeinsam damit angefangen hatten die Mega-Entwicklung zu erforschen. Inzwischen kamen diese Erinnerungen einem fernen Märchen gleich, in das er sich gerne flüchtete, sobald ihm alles zu viel wurde. Womöglich brachte er es deshalb nicht über sich, das Bild aus dem Fotorahmen zu entfernen.
Nicht nur deswegen.
Platan konnte Flordelis einfach nicht loslassen. Mehrmals hatte er es seit damals ernsthaft versucht und doch brachte er die letzten Schritte dafür niemals über sich. Sei es, das Foto von seinem Schreibtisch zu entfernen oder die Armbanduhr – einst ein Geschenk von Flordelis, in der ein Holo-Log eingearbeitet war, der inzwischen nicht mehr funktionierte – abzulegen. Selbst wenn ihm das gelungen wäre, sobald er sich in Illumina City bewegte, erinnerte ihn spätestens dort immerzu etwas an ihn.
Cafés, in denen sie zusammen Kaffee getrunken hatten oder jedes Pokémon-Center, welche ohne die Geldspenden von Flordelis einen starken Rückschritt erlebt hatten. Außerdem war der Prismaturm von jeder Position der Stadt aus zu sehen und brachte Platan an manchen Tagen einzig mit seiner Anwesenheit emotional ins Wanken, denn das Leuchtfeuer der Hoffnung war erloschen. Zusammen mit Flordelis.
Wie sollte Platan ihn so loslassen können?
Mittlerweile wusste er, dass er das auch gar nicht wollte. Er wollte ihn nicht loslassen, seinen engsten Freund. Den Menschen, dem sein Herz gehörte – was ihm viel zu spät richtig bewusst geworden war. Ohne Flordelis ... fehlte etwas. Kalos war nicht mehr dieselbe Region wie damals, bevor die Ultimative Waffe in Cromlexia erblüht war. Vor allem nicht Illumina City.
Nach dem Vorfall mit Flordelis und Team Flare hatten viele Menschen, zusammen mit ihren Pokémon, die Stadt verlassen. Infolgedessen mussten einige aufgrund ausbleibender Kundschaft ihre Läden schließen und es herrschte allgemein ein Gefühl der Unruhe sowie Unsicherheit. Möglicherweise lag das auch zum Teil an der Quazar Corporation, ein ausländisches Unternehmen, das innerhalb von drei Jahren aus dem Nichts ein beeindruckendes Firmengebäude im Nordwesten von Illumina City erbaut hatte und sich zukünftig um die Stadtentwicklung kümmern wollte. Einige hofften auf positive Veränderungen, andere waren misstrauisch und fürchteten sich vor weiteren Ärger durch machthungrige Wahnsinnige.
Unwillkürlich presste Platan die Lippen aufeinander.
Ja, solche Meinungen hatten sich bezüglich Flordelis teilweise verfestigt und vor mehr als drei Jahren hätte Platan gesagt, man müsse sie tolerieren, auch wenn sie einem nicht gefielen. Wichtig sei nur, welchen Standpunkt man selbst vertreten wollte. Heute hasste er sich selbst für diese lächerliche Aussage. Manchmal gab es Meinungen und Ansichten, die ein Handeln erforderten. Sonst konnte es schnell zu einer Katastrophe kommen, so wie damals.
Auf jeden Fall war Flordelis nicht machthungrig oder wahnsinnig gewesen, vielmehr aus tiefstem Herzen verzweifelt – und Platan hatte es nicht gesehen. Er hatte ihn im Stich gelassen.
Es tut mir leid, Flordelis, dachte er reumütig. Wenn ich dir geholfen hätte, statt so ignorant zu sein, würdest du jetzt sicher noch ...
Ein zartes, beruhigendes Mähen riss ihn aus seinen Gedanken. Etwas irritiert senkte Platan den Blick und entdeckte Mähikel, die bei ihm am Stuhl stand. Besorgt sah sie ihn mit glasigen Augen an, ein Ausdruck, der ihm stets das Herz brach. Eigentlich sollte er dafür sorgen, dass Mähikel an seiner Seite ein fröhliches und unbeschwertes Leben führen konnte. Stattdessen bereitete er ihr seit Flordelis' Tod nichts als Kummer.
Obwohl er sich in dieser einen Nacht damals fest vorgenommen hatte stark zu sein, damit sich niemand mehr um ihn Sorgen musste, gelang ihm das nur mäßig, zumindest in Mähikels Gegenwart. Ansonsten konnte er inzwischen anderen recht gekonnt vorspielen, alles sei bei ihm in Ordnung. Erstaunlich, wenn man bedachte, was für ein schlechter Lügner er eigentlich immer gewesen war. Nur Mähikel wusste, wie es in Wahrheit in ihm aussah.
Rasch zwang Platan sich dennoch ein Lächeln auf. „Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut. Was ist mit dir, Liebes? Hast du schon wieder Hunger? Oder fehlt dir etwas mehr Sonnenlicht? Sollen wir noch einen Spaziergang machen? Es gibt im Moment ohnehin nicht viel zu tun, also könnten wir-“
Bestimmt unterbrach sie ihn mit einem weiteren Mähen und stupste mit der Nase seine Hand an, die noch auf seinem Schoß ruhte. Erst da bemerkte Platan, wie verkrampft er mittlerweile war. Seine Hand umschloss den Pyroleonit viel zu fest und zitterte schmerzhaft. Erschrocken lockerte sich sein Griff und der Mega-Stein fiel ihm ungeschickt herunter. Landete mit einem klirrenden Geräusch am Boden, das unnatürlich laut in Platans Ohren klang. Viel zu laut.
Obwohl er wusste, dass ein Mega-Stein nicht so leicht beschädigt werden konnte, befürchtete er sofort, er könnte durch den Aufprall zersplittert sein, wie zerbrechliches Glas. Genau wie Flordelis, der in seiner Verzweiflung Halt gebraucht hätte, weil sich hinter der hell lodernden Persönlichkeit eine zarte, verletzliche Knospe verborgen hatte.
Unheilvoll klang das Klirren in seinen Ohren nach.
Blass fuhr Platan von seinem Bürostuhl hoch, nur um sofort auf die Knie zu fallen und den Pyroleonit bestürzt wieder hochzuheben.
„Nein, nein, nein, nein“, murmelte Platan fahrig. „Bitte, sei in Ordnung. Bitte ...“
Mehrmals überprüfte er den Mega-Stein von allen Seiten, während Mähikel ihn dabei beobachtete, ohne ihn zu stören. Erst, als er sicher war, dass der Pyroleonit keinen Schaden genommen hatte, konnte Platan erleichtert aufatmen und drückte ihn fest an seine Brust.
„Ein Glück ...“ Schwerfällig schüttelte er den Kopf. „Wenn ihm etwas passiert wäre, könnte ich ihn nicht ...“
... Was könnte er dann nicht?
Es war nicht so, als könnte er Flordelis diesen Mega-Stein voller Begeisterung präsentieren und ihn bitten, zu versuchen, mit Pyroleo eine Mega-Entwicklung durchzuführen. Flordelis war tot. Welchen Sinn hatte das also? Selbst wenn er jemand anderen fände, dem er diesen Mega-Stein anvertrauen könnte, brächte es ihm nichts. Das hatte er mit der Zeit einsehen müssen.
Die Mega-Entwicklung dauerte nicht lange genug an, um anständige Untersuchungen durchführen zu können. Bis heute war daher unklar, was genau mit den Pokémon überhaupt geschah, wenn sie auf diese Weise ihre Form veränderten. Ein paar von ihnen litten sogar unter ihrer Mega-Form, wie etwa Tohaido und Scherox. Darum konnte man diese machtvollen Steine eigentlich nicht einfach blind jedem anvertrauen – und doch fielen mehr und mehr von ihnen in die Hände zahlreicher Trainer, ohne dass sie es verhindern konnten.
Platans Warnungen in dieser Richtung hatten bisher leider nichts gebracht, dafür waren alle zu fasziniert von dieser Kraft, was er durchaus verstehen konnte. Neue Erkenntnisse in der Mega-Entwicklung wären trotzdem dringend notwendig, bevor man sie weiter exzessiv nutzte. Die konnte Platan aber nicht liefern.
Genau genommen hatte er, seit er den Feen-Typen entdeckte, keinerlei nennenswerte Forschungsergebnisse mehr gewinnen können. Nichts handfestes, nur Beobachtungen und darauf basierende, vage Vermutungen. Er machte keine Fortschritte mehr. Weder in der Forschung, noch in einem anderen Bereich. Ihm war es nicht einmal möglich selbst eine Mega-Entwicklung auszulösen. Vermutlich waren seine Anfragen darauf, sämtliche Mega-Steine, die gefunden wurden, vorerst in Gewahrsam nehmen zu dürfen, wegen all diesen Tatsachen eisern abgewehrt worden. Vom Bürgermeister. Von der Pokémon-Liga. Von der neuen Stadtentwicklung. Von den Pokémon-Trainern in Kalos, die sich mit der Macht der Mega-Entwicklung vor einer erneuten Katastrophe zu schützen versuchen wollten ...
Welchen Zweck erfüllte er hier überhaupt noch?
„... Ja“, hauchte er gebrochen. „Wozu das alles?“
Sein Blick war verschwommen, als er Mähikel ansah. „Was mache ich hier eigentlich noch?“
Auch das Labor war nach der Sache mit Plan XY innerlich zerfallen, wie ein Kartenhaus. Da er mit Flordelis befreundet gewesen war, kündigte der Großteil seiner Angestellten. Sina und Dexio hatten neue Wege für sich entdeckt und waren nun auch fort – sie hatten seine Unterstützung, die beiden waren für größere Dinge bestimmt. Einzig Trovato stattete dem Labor noch hin und wieder einen Besuch ab, wohl darauf hoffend, Platan gelänge eines Tages ein neuer Durchbruch und die Forschung in Kalos würde endlich wieder einen Aufschwung erleben.
Der Junge wartete vergeblich.
Denn Platan war ... vollkommen nutzlos. Als Professor – und als Freund.
Tröstend schmiegte Mähikel sich an ihn, kaum dass die erste Träne über seine Wange lief. Hätte sie das nicht getan, wäre es ihm womöglich gelungen, sich zusammenzureißen, wieder ein Lächeln aufzulegen und hoffnungslos irgendwie weiterzumachen. So wie in den letzten dreieinhalb Jahren. Weil er wusste, dass es irgendwie weitergehen musste. Dies war aber einer dieser Tage, an denen es doch aus ihm herausbrach.
Alles.
Schluchzend legte er die Arme um Mähikel und vergrub das Gesicht in ihrem Fell, wobei er den Pyroleonit weiterhin mit einer Hand fest umschlungen hielt. Ihr blättriger Kragen roch angenehm und entführte ihn auf eine Lichtung mitten im einem großflächigen Wald, wo er ungestört weinen konnte. Geschützt von dichten Bäumen, die es ihm erlaubten innerhalb ihrer Mauer Schwäche zu zeigen. Sich der Trauer und der Hilflosigkeit hinzugeben. Beides Dinge, die ihn hartnäckig verfolgten und niemals loslassen würden.
Nicht, solange er weiterhin in Kalos blieb.
Hier könnte er nichts mehr ausrichten und erst recht nicht zur Ruhe kommen. Er hatte es versucht, so gut es ihm möglich war. Im Grunde war er von Anfang an verloren gewesen, aber es wäre ihm feige vorgekommen, einfach zu verschwinden. Auch aus Angst, er würde Flordelis dadurch endgültig verlieren. Aber ...
Platan wusste nicht, wie lange er weinte. Auf dem Boden sitzend, zusammen mit Mähikel, die ihm immer wieder mit gefühlvollen Lauten zu verstehen gab, dass sie für ihn da war und er so lange traurig sein durfte, wie er wollte. Ohne ihren Halt wüsste er nicht, ob er die letzten Jahre überstanden hätte. Sie war oft der einzige Grund für ihn überhaupt noch aufzustehen, an den Tagen, wo ihn die Trauer direkt nach nach einem Alptraum erdrückte.
Irgendwann löste Platan sich allmählich von ihr und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. „Entschuldige, Mähikel ...“
Ein empörtes Mähen folgte.
Tatsächlich brachte ihn das ein wenig zum Schmunzeln. „Ja, ich weiß. Ich muss mich nicht entschuldigen.“
Dankbar strich er ihr über den Rücken. „Du bist wahrlich ein Schatz, ist dir das bewusst?“
Gespielt stolz warf sie den Kopf in den Nacken und mähte wohl absichtlich etwas tiefer als sonst.
Lachend umarmte er sie kurz noch einmal. „Natürlich ist dir das bewusst~.“
Danach betrachtete er die Faust, in der er den Pyroleonit einschloss. Langsam öffnete er sie, wie eine Blume. Nach wie vor waren die Farben dieses Mega-Steins atemberaubend schön. Wie Flordelis und sein Pyroleo. Er und seine Pokémon mochten bereits seit dreieinhalb Jahren fort sein, doch Platan sah sie noch klar und deutlich vor sich. Erst recht, wenn er diesen Pyroleonit ansah.
Solange er diesen bei sich hatte ... blieben sie garantiert weiterhin ein Teil von ihm.
„Vielleicht“, sagte Platan nachdenklich, „war es Schicksal, dass ausgerechnet ich zuerst einen Pyroleonit gefunden habe.“
Fragend neigte Mähikel den Kopf.
Zum ersten Mal seit dem Vorfall damals gelang es Platan, halbwegs aufrichtig zu lächeln. „Wenn ich ihn bei mir trage, kann ich überall hingehen, ohne loslassen zu müssen. Denkst du nicht auch, es könnte ein Zeichen dafür sein, dass ich auch einen neuen Weg einschlagen sollte? So wie Sina und Dexio?“
Vorsichtig schloss er die Hand wieder zu einer Faust und legte den Kopf in den Nacken. „Ich will wieder etwas in der Welt bewirken und mit meinen Forschungen dafür sorgen, dass Menschen und Pokémon einander noch besser verstehen. Wenn es nur ein kleiner Teil ist, den ich dazu beitragen könnte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, will ich das tun. Auch für ihn. Und dafür ... muss ich herausfinden, wo ich gebraucht werden könnte.“
Auf einmal klang Mähikels Mähen besorgniserregend weinerlich, weshalb er sie etwas erschrocken ansah. Wollte sie Kalos etwa nicht verlassen? Nein, ihr Ausdruck in den Augen wirkte eher ergriffen, voller Erleichterung. Mit Sicherheit hatte sie es vermisst, Platan so sprechen zu hören. So ... hoffnungsvoll.
Deshalb war es für Platan somit eine beschlossene Sache.
„Fein, fein! Folgen wir dem Ruf, Mähikel.“ Platan hob die Hand mit dem Pyroleonit und hielt ihn feierlich nach oben. „Begeben wir uns auf die Suche nach unserer ganz eigenen Art der Mega-Entwicklung.“
Und den Posten hier würde er jemandem überlassen, dem es möglicherweise gelingen könnte, die Forschungen endlich voranzutreiben.
Adieu, Leuchtfeuer der Hoffnung
Früher hatte Platan belebte Plätze geliebt. Inzwischen machten Menschenmassen ihn eher nervös, weil er sich in solchen Momenten bemühen musste einen standhaften und positiven Eindruck zu machen. In einer Großstadt wie Illumina City war das ein gewaltiges Problem, denn dort gab es kaum einen Ort, wo man nicht auf viele Leute traf. Besonders am Bahnhofsplatz Illumina Süd in der Zone Verte. Dieser Bahnhof wurde im Zuge des Stadtentwicklungsplans errichtet und verband die Stadt mit dem Flughafen – sein heutiges Reiseziel.
In diesem Moment saß Platan auf einer der äußersten Bänke am Bahnhofsgebäude, mit Mähikel an seiner Seite, der er zur Beruhigung gleichmäßig über den Rücken strich. Zusammen betrachteten sie schweigend ein letztes Mal ihre jahrelange Heimat, die mit unzähligen Erinnerungen verbunden war. Auch andere Menschen warteten an diesem Platz auf den nächsten Zug. Einige unterhielten sich dabei ausgiebig, während ihre Pokémon ausgelassen in der warmen Mittagssonne zusammen spielten. Ein schönes, harmonisches Bild, das ihm ein Lächeln entlockte.
Sicher war es ein gutes Zeichen, dass an diesem Tag ein wolkenloser Himmel seine Abreise verschönerte. Zwar konnte er immer noch keine Farben erkennen, außer die des Pyroleonits, den er nahe bei sich trug, doch es erfüllte sein Herz mit Freude. Es war wundervoll, mit einem malerischen Bild im Kopf die Stadt verlassen zu können. Mehr hätte er sich kaum wünschen können.
„Na, Sie wirken ja ziemlich zufrieden“, murrte ihn eine Frauenstimme plötzlich an. „So sehr wollen Sie also von hier verschwinden, ja? Sie haben das also nicht nur einfach daher gesagt, um mich ruhigzustellen.“
Mähikel begrüßte die Person bereits mit einem freundlichen Mähen. Irritiert lenkte Platan den Blick zur Seite und war überrascht, Magnolia zu sehen. Noch dazu in ihrem Laborkittel, was ihn vermuten ließ, dass sie spontan hierher geeilt sein musste – deswegen atmete sie wahrscheinlich auch schwer, obwohl sie es merklich zu verbergen versuchte. Also sprach er das besser nicht offen an.
„Oh, bonjour, Magnolia“, begrüßte auch Platan sie freundlich.
„Ja, ja. Bonjour und was auch immer“, entgegnete sie flapsig, wobei sie sich kurz etwas zu Mähikel hinunter beugte und ihren Kopf tätschelte. „Sie haben ja die Ruhe weg.“
„Das ... tut mir sehr leid?“, meinte er zögerlich.
Stöhnend richtete Magnolia sich wieder auf und fuhr mit einer Hand durch ihr dunkeltürkisfarbenes Haar, welches sie offen trug. Wie ungewöhnlich. Sonst band Magnolia sie immer zu diesen einfachen, entzückenden Affenschaukeln zusammen, die ihr dann über die Schultern fielen. Nun sahen sie eher danach aus, als hätte sie an diesem Morgen nicht mal Zeit gefunden sie ordentlich zu bürsten. Nahm es sie wirklich derart mit, dass er Kalos verließ? Sofort zweifelte Platan ein wenig daran, ob er wirklich einfach gehen sollte.
„Ach, verdammt, entschuldigen Sie sich gefälligst nicht!“, beschwerte Magnolia sich. Beschämt verschränkte sie die Arme und wandte den Blick ab. „Eigentlich wollte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Weil ich Sie gestern angeschrien und auch einige weniger nette Dinge gesagt habe. Ich muss wie ein hysterisches Snubbull gewirkt haben.“
Lächelnd schüttelte Platan den Kopf. „Es ist verständlich, dass du wütend warst. Ich habe dir das nicht übel genommen.“
Magnolia war es, nach dem Vorfall in Cromlexia damals, eine erstaunlich lange Zeit über gelungen der Polizei zu entkommen und unterzutauchen. Vor einer Weile hatte man sie aber festgenommen und überlegt, wie man nun mit ihr verfahren wollte. Schließlich galt sie in den Augen vieler als Verbrecherin, wie ganz Team Flare. Allerdings sah Platan mehr in diesen Leuten. Menschen, die einst mit Flordelis eine bessere Welt angestrebt hatten und dafür bedauerlicherweise den falschen Weg einschlugen. Sie waren nicht von Grund auf schlecht – sonst hätte Flordelis sie nicht alle unterstützt und bei sich aufgenommen.
Für Platan war es jedenfalls nahezu schicksalhaft, wie Magnolias Festnahme zeitlich passend kurz nach seinem Entschluss stattfand, einen neuen Weg für sich suchen zu wollen. Also hatte er vorgeschlagen, sie bei sich im Labor aufzunehmen – erstaunlicherweise war ihm dieser Wunsch recht schnell gewährt worden, was er in dieser Stadt nicht mehr gewohnt war –, als er von ihrer Festnahme erfuhr. Immerhin war sie in Team Flare dafür zuständig gewesen Energien zu erforschen und besaß Talent. Möglicherweise könnte es ihr gelingen, neue Erkenntnisse bei der Mega-Entwicklung zu gewinnen. Auf jeden Fall dürfte sie keine Probleme haben zurechtzukommen, dafür war sie zu engagiert, wie er in der Zeit, in der sie zusammen gearbeitet hatten, feststellen konnte.
Platan erhob sich von der Bank und legte eine Hand auf seine Brust. „Außerdem muss ich mich durchaus auch entschuldigen. Ich hatte das Labor nicht einfach ohne einen würdigen Nachfolger verlassen und unbeaufsichtigt lassen wollen. Mit einem schlechten Gewissen hätte ich nicht gehen können. Ich habe es also ausgenutzt, dass du zur richtigen Zeit festgenommen wurdest ...“
Nach diesen Worten senkte er ein wenig den Kopf. „Ich bitte um Verzeihung.“
Darauf schnaubte Magnolia genervt und schob ihre Laborbrille zurecht. „Die feine Art war das wirklich nicht gerade von Ihnen! Mich nach einem Monat Einarbeitung schon mit der ganzen Arbeit sitzenzulassen, einfach unerhört! Dann besitzen Sie auch noch die Dreistigkeit, mir diese drei Pokémon in die Hand zu drücken und mich darum zu bitten, sie eines Tages einem vielversprechenden Trainer anzuvertrauen, wegen irgendeiner ihrer alten Traditionen. Als ob mir das so viel geben würde wie Ihnen! Und was heißt hier bitte Nachfolger? Ich bin jetzt nichts weiter als die stellvertretende Direktorin.“
Murmelnd fügte sie hinzu: „Und es ist ein Wunder, dass die da oben mir das schon zutrauen. Sie müssen ja ein richtig gutes Wort für mich eingelegt haben.“
Das hatte er tatsächlich getan. Niemand war begeistert davon gewesen, Magnolia nach der kurzen Zeit bereits solch eine wichtige Rolle im Labor zu überlassen und er hatte sich einiges deswegen anhören müssen. Ihm war vorgeworfen worden, sich nun aus dem Staub machen zu wollen, weil er gemerkt hatte, die falsche Entscheidung getroffen zu haben, aber dem war nicht so. Voller Überzeugung hatte Platan sich für Magnolia eingesetzt und betont, die Verantwortung zu übernehmen, sollte es zu Problemen ihretwegen kommen. Letztendlich war man der Diskussion müde geworden und er konnte sich durchsetzen – laut den leitenden Kräften gäbe es ohnehin wichtigere Dinge in Illumina City zu tun.
... Alleine an diese verletzenden Worte zurückzudenken, versicherte ihm eher wieder, dass es richtig war, die Region zu verlassen. Es war eine der nervenaufreibendsten und kraftraubendsten Gespräche in Platans gesamtem Leben gewesen. Umso erleichterter war er, es erfolgreich zu Magnolias Gunsten abgeschlossen zu haben.
Vorsichtig legte Platan beide Hände auf ihre Schultern. „Weil ich dir vertraue, Magnolia. Ich habe dich in den letzten Wochen beobachtet. Du besitzt einen Arbeitseifer, den ich nicht mal in meinen jungen Jahren hatte, und bist ein temperamentvolles Genie. An Leidenschaft mangelt es dir auch nicht.“
Schmunzelnd fuhr er fort: „Und nein, ich glaube keine Sekunde, dass du dich nur so angestrengt hast, damit du nicht in den Knast musst.“
Diese Aussage unterstützte Mähikel mit einem energischen Nicken.
„Siehst du? Nicht einmal Mähikel glaubt das“, merkte er an. „Sie hat sogar ein noch besseres Gespür für so etwas als ich.“
Misstrauisch hatte Magnolia die Augen zusammengekniffen. „... Sie halten mich also wirklich für würdig?“
„Selbstverständlich“, bestätigte Platan aufrichtig. „Bereits Flordelis hat dein Potenzial erkannt und ich tue das auch. Du bist die beste Wahl für das Labor.“
Obwohl sie darauf die Augen verdrehte, wirkte sie auch etwas verlegen. „Flordelis ... Er hatte recht, was Sie betrifft.“
Bedeutete das, Flordelis hatte mit Team Flare über ihn geredet? Ein Teil von ihm wollte genauer nachhaken und in Erfahrung bringen, was alles über ihn gesagt worden war. Wie Flordelis am Ende über ihn gedacht hatte, nachdem Platan die Einladung, Team Flare beizutreten, abgelehnt hatte. Sicher war das aber keine gute Idee. Das würde ihn nur zu sehr aufwühlen und das wollte er Magnolia nicht auch noch zumuten. Dafür erwartete er schon mehr als genug von ihr.
Er löste die Hände wieder von ihr und legte eine davon an sein Kinn, wobei er ein Lächeln aufsetzte. „Dass mein Charme sehr effektiv sei? Ja, das habe ich schon öfter gehört.“
Eindeutig zu forschend starrte Magnolia ihn an und schien etwas Bestimmtes sagen zu wollen, schüttelte aber dann den Kopf. Konnte es sein, dass sie längst durchschaut hatte, wie schlecht es ihm in Wahrheit ging? Wundern würde es ihn nicht, sie war äußerst aufmerksam und eine Meisterin der Analyse.
„Wenn Sie meinen, Professor“, kommentierte sie trocken. „Eigentlich bin ich nur hergekommen, um mich anstandshalber zu entschuldigen, bevor Sie verschwinden, und das habe ich hiermit getan. Meinetwegen sollen Sie nicht mit einem schlechten Gefühl abreisen müssen. Außerdem ... Danke für alles, schätze ich.“
„Gerne“, sagte Platan bewegt. „Es war mir eine Freude. Und ... Ich plane gegenwärtig zwar nicht wiederzukommen, sondern mich auf andere Forschungen zu konzentrieren, aber das bedeutet nicht, dass mich nicht doch irgendwann vielleicht etwas hierher zurück führt.“
Eine Mischung aus Sehnsucht, Schmerz und Liebe erfüllte ihn, als er Richtung Prismaturm sah. „Schließlich wird Kalos immer meine Heimat bleiben, egal, wohin ich gehe. Ich werde diese Region mit all ihrer Schönheit, den Menschen und den Pokémon, niemals vergessen.“
Auch Mähikel warf andächtig einen Blick zum Prismaturm, Magnolia dagegen betrachtete sie beide eingehend, wie er im Augenwinkel bemerkte, bis sie anscheinend seine edle, braune Reisetasche betrachtete, die neben der Bank stand.
„Nehmen sie deshalb nur so wenig mit?“, fragte sie erstaunt. „Das würde mir niemals reichen, aber das ist vermutlich typisch für Männer.“
Nach dieser Bemerkung löste sie die Arme vor ihrer Brust und warf seufzend die Hände in die Luft. „Wie auch immer, ich muss jetzt zurück ins Labor und arbeiten. Habt eine gute Reise.“
„Vielen Dank, Magnolia.“
„Und passen Sie auf sich auf.“
„Werde ich.“
„Ich meine es ernst!“, herrschte sie ihn an. „Wehe, Sie achten nicht endlich wieder besser auf sich! Wenn Sie mir hier schon alles aufhalsen, soll sich das für Sie wenigstens auch richtig lohnen!“
Leise lachend hob Platan die Hände. „Natürlich. Mach dir keine Sorgen, Mähikel wird stets ein Auge auf mich haben.“
Magnolia hob eine Augenbraue und sah Mähikel an. „Dann wünsche ich dir mal starke Nerven. Mit dem hat man bestimmt mehr Arbeit, als ich im Labor haben werde.“
Selbstbewusst warf Mähikel den Kopf nach hinten und stieß ein kraftvolles Mähen aus, was Magnolia schmunzeln ließ.
Anschließend wandte diese sich ab und schritt davon, wobei sie eine Hand zum Abschied hob. „Adieu, Professor.“
Lächelnd sah Platan ihr hinterher. „Adieu.“
Bald war Magnolia kaum noch zu sehen und im Großstadttrubel von Illumina City untergegangen. Nachdem sie weg war, spürte er eine große Erleichterung. Ihre gestrige Verabschiedung war alles andere als schön verlaufen und es hatte ihn mit einem schweren Gefühl in der Brust zurückgelassen, das ihn begleitet hätte, wäre dieses klärende Gespräch nun nicht gewesen. Deshalb war er ihr dankbar dafür, sich die Mühe gemacht zu haben, ihn noch einmal aufzusuchen. Wahrscheinlich hätte Magnolia sonst selbst keine Ruhe mehr gefunden, auch wenn sie seine Kontaktdaten besaß.
Im Notfall wollte er für sie nämlich weiterhin erreichbar sein, doch er war sicher, sie würde seine Hilfe nicht benötigen. Sie käme zurecht. So wie alle anderen. Glücklicherweise würde es immer Menschen und Pokémon geben, dank denen es eine Zukunft gab. Selbst wenn Platan sie in Kalos nicht mehr mitgestalten könnte, sobald er heute in den Zug stieg, war er zuversichtlich. Egal, wie sehr er sich von Illumina City entfremden würde, es bliebe das geliebte Zuhause für viele andere. Für ihn wartete irgendwo ein anderer Ort, wo er gebraucht wurde.
Ganz sicher.
Gedankenverloren blickte Platan erneut zum Prismaturm.
Diesmal geriet er nicht in einen tranceähnlichen Zustand, der ihn in ein Loch zog.Vielmehr fühlte er Dankbarkeit. Wie er zu Magnolia sagte, er würde niemals vergessen, wie viel ihm diese Region, diese Stadt, immer noch bedeutete. Wie sehr sie ihn geformt und zu dem gemacht hatte, der er jetzt war. Illumina City mochte sich verändert haben und sich weiter wandeln, doch dafür war der Prismaturm noch da. Solange es ihn gab, bliebe auch Platan mit diesem Ort verbunden.
Mit dieser Erkenntnis zog er den Pyroleonit unter seiner Kleidung hervor. Inzwischen trug er ihn als Anhänger an einer Kette, die er nun abnahm, um den Mega-Stein ins Sonnenlicht halten zu können. Im Licht, vor dem Antlitz des Prismaturms, wirkte der Pyroleonit auf magische Weise noch schöner, als er es ohnehin bereits war.
„Adieu, Leuchtfeuer der Hoffnung“, hauchte Platan sanft. „Pass gut auf alle hier auf.“
Behutsam rieb Mähikel ihren Kopf an ihm und schloss sich somit seiner emotionalen Verabschiedung an. Dafür bedankte Platan sich bei ihr mit Streicheleinheiten, bis wieder eine Stimme nach ihm rief: „Professor!“
Allerdings handelte es sich diesmal nicht um Magnolia, sondern um einen Jugendlichen, der mit einem großen Rucksack auf dem Rücken angerannt kam. Trovato.
Keuchend hielt der Junge bei ihnen an. „G-gut ... gerade ... noch ... geschafft ...“
„Ah, du bist also wirklich gekommen“, bemerkte Platan überrascht. „Bonjour, Trovato.“
„B-bonjour, Professor“, erwiderte Trovato die Begrüßung erschöpft.
Da Trovato derjenige war, der seit damals immer wieder dem Labor einen Besuch abgestattet hatte, um nach Platan zu sehen, hatte er nicht einfach gehen wollen, ohne sich von ihn über seine Pläne zu informieren und sich anständig zu verabschieden. Also hatten sie telefoniert und dabei bestand Trovato darauf, ihn zu begleiten, um ihn bei jeder neuen Forschung zu unterstützen. Nur ... gab es noch nichts Neues, dem Platan sich widmen konnte, sondern er musste zunächst danach suchen, was er Trovato auch erklärt hatte. Dennoch wollte dieser unbedingt mitkommen – offenbar war das ernst gemeint gewesen.
„A-also“, sprach Trovato erschöpft weiter, „ich bin bereit. Wir fahren nach Sinnoh, ja? Da wollte ich schon immer mal hin.“
Schmunzelnd legte Platan die Kette wieder um und verbarg den Pyroleonit sicher unter seiner Kleidung. „Es ist eine Region voller alter Legenden, wo zahlreiche Pokémon leben, die bei uns nicht heimisch sind. Dort wird es dir also gefallen, du kannst dich wieder auf Pokémon-Reise begeben und deinen Pokédex erweitern. Professor Eibe freut sich sicher darüber, ein neues Gesicht kennenzulernen. Ich habe ihn selbst seit Jahren nicht mehr gesehen ...“
Umso dankbarer war er, dass Professor Eibe zugestimmt hatte, ihn eine Weile bei sich aufzunehmen und dabei zu unterstützen, einen neuen Weg für sich zu finden.
Prüfend warf Platan einen Blick auf seine Armbanduhr. „Oh! Wir sollten zum Bahnsteig. Der Zug kommt jede Minute an.“
Rasch griff er nach seiner Reisetasche und nickte Trovato zu. „Brechen wir auf.“
„Jawohl!“
Entschlossen lief Trovato vor und Platan folgte ihm mit seinem Blick, wobei ihm wieder einmal auffiel, wie groß der Junge geworden war. Ob er sich Sorgen machte und nur mitfahren wollte, um ein wenig auf Platan zu achten? Womöglich war Trovato aber nur neugierig darauf, einen weiteren Pokémon-Professor kennenzulernen, was sich positiv auf seinen Werdegang auswirken könnte. Was es auch war, eine vertraute Begleitung war sicher nicht schlecht. So musste Mähikel nicht ganz alleine die ganze Zeit ein Auge auf ihn haben.
Sie folgte Trovato schon munter, hielt aber nach wenigen Hüpfern an und sah nach Platan, auf den sie mähend wartete. Darum setzte auch er sich in Bewegung und ging mit seinen beiden Begleitern zum Bahnsteig, wo bald der Zug eintraf, der Platan in ein neues Leben führen sollte – zusammen mit dem Pyroleonit, den er stets am Herzen tragen würde.
Am Prismaturm stimmt irgendetwas nicht
Platan hatte nicht nur Illumina City verlassen, sondern ganz Kalos.
Am selben Tag herrschte später in der Nacht eine unnatürliche Stille in der strahlenden Metropole – ähnlich wie in jenem Moment damals, vor etwa dreieinhalb Jahren, als ihn der Anblick des erloschenen Prismaturms erstarren ließ und für innere Unruhe sorgte. Auch die Pokémon, die ein nahendes Unheil spüren konnten, waren zu dieser Stunde angespannt. Viele Augenpaare waren auf das Wahrzeichen und den Beschützer von Illumina City gerichtet. Vom Prismaturm ging eine unbekannte Energie aus.
In unsichtbaren Wellen brach sie über die Stadt herein und überschwemmte sie. Überall sorgte sie für Störungen bei der Stromversorgung und ließ elektrische Geräte verrückt spielen, auch einige Pokémon benahmen sich auf einmal unerklärlich sonderbar. Mehr und mehr besorgniserregende Meldungen erreichten die Polizei und andere Behörden sowie Firmen, unter anderem die neue Stadtentwicklung von Illumina City. Die Quazar Corporation.
Nur dank ihnen und ihrer hochmodernen Technologie konnte festgestellt werden, woher diese ominöse Energie rührte, welche für die Probleme verantwortlich war. Somit waren die Präsidentin und ihr Sekretär mitunter die ersten Personen am Prismaturm, um ihn zu inspizieren. Jeder, der sich in dieser Nacht nahe an die Quelle der Energie heranwagte, konnte sie ebenfalls spüren, so wie die Pokémon. Etwas, das für eine unangenehme Gänsehaut sorgte und das Atmen seltsam erschwerte.
Irgendetwas würde in dieser Nacht passieren.
Und so kam es dann auch.
Plötzlich erstickte das helle, weiße Licht des Prismaturm, ohne jegliches Geräusch. Stumm ergab es sich den schweren Schatten der Nacht, ertrank in der Schwärze. Nur die filigrane Notbeleuchtung an den Seiten und die vier roten Lampen an der Spitze versuchten gegen die absolute Dunkelheit anzukämpfen. Letzte, verzweifelte Atemzüge, so schien es. Ein Bild, das sowohl Menschen als auch Pokémon im Kern verängstigte. Niemals zuvor hatte ihr Wächter sie im Stich gelassen.
Ein winziger Samen der Furcht wurde in dieser Nacht in einigen Herzen gesät.
Der Sekretär am Fuße des Turms nahm rasch sein Smart-Rotom zur Hand und begann nervös mit jemandem von der Firma zu telefonieren, während die Präsidentin sich langsam, voller Ehrfurcht, dem Eingang näherte. Alle fragten sich, was wohl geschehen sein mochte.
„Am Prismaturm stimmt irgendetwas nicht“, teilte der Sekretär ernst mit. „Schickt sofort eine Sondereinheit der Firma her.“
Nach diesen Worten wandte sich ihm die Präsidentin halb zu. „Die Sicherheit von Illumina City liegt in unserer Hand.“
Kaum hatte sie das laut ausgesprochen, war es, als würde der Prismaturm aus dem Meer der Dunkelheit auftauchen und einen tiefen Atemzug nehmen. Schlagartig kehrte wieder Leben in ihn ein, nur war das Licht, in dem er nun erstrahlte, nicht mehr jenes vertraute Illumina. Stattdessen war er von einem magentafarbenen Licht ummantelt, welches die Atmosphäre mit einer mysteriösen Aura erfüllte. Einerseits faszinierend, andererseits befremdlich und beklemmend.
Unzählige funkelnde Partikel lösten sich von der glühenden Energie, bei der es sich um dieses magentafarbene Licht handeln musste, und vollführten in der Luft einen bizarren Tanz, der endgültig eine Veränderung in Illumina City einläutete. Für Menschen. Für Pokémon. Für alles und jeden.
Sprachlos und ungläubig starrten die beiden Personen von der Quazar Corporation den Prismaturm vor sich an, wichen einige Schritte zurück. Hinter ihnen erschien ein menschlicher Riese, reich an Lebensjahren und erfüllt von Wissen, das für andere unvorstellbar wäre. Kaum zu ertragen. Auch er hatte die Energie gespürt und sich instinktiv zum Prismaturm begeben, in Begleitung eines Floette mit einer schwarzen Blüte.
Mit tiefer Stimme sprach er zu dem Sekretär und der Präsidentin – und wusste anscheinend, was nun zu tun war. Aber … tat er das wirklich? Den anderen blieb nichts weiter übrig, als dem Fremden misstrauisch zu lauschen und anschließend zu entscheiden, was für Schritte als nächstes eingeleitet werden müssten.
Eines war sicher, nach dieser Nacht wäre nichts mehr, wie es einmal war.
Alles wäre anders. Denn der Prismaturm war erloschen – und zu etwas Neuem erwacht.
Derweil befand Platan sich am Anfang seiner Suche, einen neuen Weg in seinem Leben zu finden, und schlief inzwischen tief und fest. Mähikel schmiegte sich dicht an ihn, friedlich schlummernd, genau wie Trovato. Hätte Platan diesem Ereignis in Illumina City beigewohnt, wäre er wahrscheinlich dort geblieben und dabei behilflich gewesen, sich um dieses Problem zu kümmern. Zumindest mit all seinen Kräften, selbst wenn das nicht viel bewirkt hätte. Aber er war fort. Obwohl er bereits vor Jahren unbewusst eine Vorahnung hatte, dass diese Katastrophe eines Tages eintreffen würde.
Der Prismaturm verband Platans Herz nämlich mit Kalos – und womöglich träumte er in dieser Nacht deswegen auch schlecht, woran er sich am nächsten Morgen aber nicht mehr erinnern würde.
