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Das Herz von Illumina

Pokémon-Legenden: Z-A
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Bei dieser Geschichte handelt es sich zwar um eine Fortsetzung von Adieu, Leuchtfeuer der Hoffnung, aber ab hier befinden wir uns in einer alternativen Timeline. Es werden also einige Dinge anders sein, als im Canon von Z-A.
Viel Spaß~. :3 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Beim Fanfiction-Adventskalender 2025 von Animexx gibt es für den 10.12. folgenden Prompt: Worte kälter als der Winterwind.
Ursprünglich wollte ich dazu einen One-Shot schreiben, nur mit dem Inhalt von Kapitel 1 und 2 aus dieser Geschichte. Ich entschied mich aber dagegen, unter anderem, weil mich so viele Ideen und Tagträumereien dann für eine etwas längere Fanfiction begeistern konnten. Dieses Kapitel ist aber immer noch stark inspiriert vom Adventskalender-Prompt und das habe ich an einer Stelle auch deutlich gemacht.
Ohne den Fanfiction-Adventskalender würde es Das Herz von Illumina so nun möglicherweise gar nicht geben. Daher möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich für die Inspiration bedanken. ♥
Ich habe mich am Ende zwar nicht für irgendein Türchen beworben, doch zum Schreiben hat mich diese Aktion trotzdem gebracht. :D Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Ich will bei diesem Kapitel vorsichtshalber anmerken, dass wir nicht vergessen dürfen, aus wessen Sicht wir die ganzen Geschehnisse und Veränderungen beobachten. Wir erleben nur Platans Perspektive und der ist nach all den persönlichen Eindrücken auf eine bestimmte Sache einfach nicht gut auf diese zu sprechen. :,D Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Frohe Weihnachten 2025! ♥ Mit einem extralangen Kapitel. :3 Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Hier ist es endlich ... DAS Kapitel, das ich die ganze Zeit unbedingt von Herzen schreiben wollte, seit ich diese Fanfiction angefangen habe. Q///Q
Mit vielen schönen Metaphern, um die Gefühlswelt richtig intensiv darzustellen, so wie ich es gerne mag. ♥ Ich hoffe, du, lieber Leser, auch. ♥ Komplett anzeigen

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Der Samen der Zerstörung

Das Herz von Kalos war gänzlich von der Dunkelheit verschluckt worden.

Dort, wo einst der Prismaturm nicht nur die Nächte, sondern auch jeden einzelnen Tag mit seiner reinen Präsenz erhellte, überschwemmten nun Berge aus Trümmern den Zentral-Plaza. Diese Bruchsteine boten den perfekten Nährboden für einen unscheinbaren Samen der Zerstörung, aus dem etwas heranwuchs, das sich dem pechschwarzen Himmel gierig entgegen streckte. Eine gigantische Blume, ebenso hoch wie der alte Wächter, von dem nur noch kümmerliche Reste übrig waren. Sie überragte alles, verhalf den ohnehin düsteren Schatten zu noch mehr Dichte.

Als sich ihre Blüte, getragen von einem blutroten Stamm, langsam öffnete, verschmolz ihre schwarze Gestalt harmonisch mit der ewigen Nacht, die über Illumina City hereingebrochen war. Eine unheilvolle Energie strömte unbemerkt aus der Blume heraus und legte sich wie eine tonnenschwere Decke über die Stadt, zwang alles und jeden, sich vor ihrer neuen Herrscherin zu verneigen.

Rasant breitete die Blume unter der Erde ihre Wurzeln aus, brach an verschiedenen Stellen der Stadt hervor und umklammerte besitzergreifend alles, was sie zu fassen bekam. Bald wirkte es so, als hätten blutige Adern ein Netz gebildet, mit dem sie Illumina City unter ihrer Kontrolle hielten – und durch das sie ihre Macht demonstrierten, indem sie mühelos das eine oder andere Gebäude mit ihrem festen Griff zerdrücken. Rote Wurzeln des Bösen, voller Machthunger.

In Illumina City war das pure Chaos ausgebrochen.

Panische Schreie erfüllten die Straßen, von Menschen und Pokémon gleichermaßen, doch ihre neue Herrscherin blieb davon ungerührt. Stattdessen begann ihre Blüte irgendwann auf einmal unheilverkündend zu glühen und hob sich dadurch deutlich aus der Schwärze hervor. Magentafarbenes Licht erstickte auch das letzte, schwache Leuchten der Sterne, welche als ferne Zeugen die furchtbare Katastrophe beobachteten, die über Kalos hereingebrochen war.

Wenige verzweifelte Seelen versuchten zu verhindern, was auch immer als nächstes kommen mochte. In Zusammenarbeit mit ihren treuen Pokémon attackierten einige Menschen den Stamm und die Wurzeln der Blume, leider zeigten diese Bemühungen keinerlei Wirkung. Zu groß war die düstere Macht, der sie sich mit all ihrer Kraft und dem Glauben an sich selbst versuchten entgegenzustellen.

Unaufhaltsam sammelte ihre Gegnerin in ihrer Blüte mehr und mehr von diesem Licht an ... und feuerte es schließlich in einem gebündelten Strahl in den Himmel ab.

Es war dieser Moment, in dem jedem die Ähnlichkeit zu einer anderen, schrecklichen Waffe bewusst werden musste. Tatsächlich besaßen die Blüten dieselbe Form. Die Form der Ultimativen Waffe. Nur bestand diese Blume aus Dunkelheit, nicht aus Kristall – sein prismatisches Farbenspiel hatte noch etwas Schönes an sich, während diesmal nur Bosheit die Atmosphäre beherrschte. Einzig die gewaltsame Energie hatten sie gemein, die Ultimative Waffe und diese Blume.

Nach einiger Zeit regneten abertausende Funken des Lichtstrahls unaufhaltsam auf die Stadt hinab, wie Meteoriten. Bildeten auf obskure Weise ein faszinierendes Feuerwerk. Sobald sie aufschlugen, bliebe nichts mehr übrig. Nichts außer Dunkelheit und Leere, in der die Blume als einzige Existenz blühen könnte. Alles gehörte dann ihr allein. Alles. Auf ewig.

Hilflos starrte der Großteil der Bewohner von Kalos in den Himmel, sahen ihr grausames Schicksal mit jeder Sekunde näherkommen. Nur die rebellischen Seelen unter ihnen planten bis zum letzten Atemzug nicht aufzugeben, worüber die Blume sich nur müde amüsieren konnte. Sofern sie überhaupt über so etwas wie Emotionen verfügte, aber das spielte keine Rolle. Das Ende war nahe.

Illumina City war bereits erloschen und würde als nächstes auf ewig zum Schweigen gebracht werden. Zurück bliebe nur die in Ewigkeit Blühende.

Als die ersten Funken die Stadt erreichten und beim Aufschlag eine Explosion nach der anderen für ein gleißendes Licht sorgte, war dieses Schicksal endgültig besiegelt – und das Leben, welches seit Jahrtausenden Kalos in Schönheit erblühen ließ, wurde diesmal restlos ausgelöscht.

Bonsoir, Illumina

Abwesend starrte Platan aus dem lupenreinen Fenster neben sich. Draußen zog die einmalige Wildnis von Kalos geschwind an ihm vorbei, aber leider versank der sonst malerische Anblick mittlerweile beinahe gänzlich in Schwärze. Nur selten konnte er zwischen den Schatten grob die Umgebung erkennen, in der sie sich momentan befanden.

Manchmal ... wirkte diese Dunkelheit auf der anderen Seite der Scheibe beunruhigend lebendig auf ihn. Wie ein hungriges Wesen, das einfach alles verschlingen wollte und deswegen unaufhaltsam seine giftigen Wurzeln schlug.

Kopfschüttelnd löste er den Blick vom Fenster und rieb sich mit den Fingern über die Augen. Sicher war er nur erschöpft, seine Wahrnehmung spielte ihm einen Streich. Immerhin war er schon viel zu lange unterwegs. Ungeplant lang.

Der Zug vom Flughafen hatte an diesem Tag nämlich einige Stunden Verspätung und würde erst spät abends am Ziel eintreffen, dem Bahnhof in Zone Verte von Illumina City. Schuld war eine große Herde unkontrollierbarer Voltilamms, die sich auf den Schienen aufgehalten und nicht so leicht vertreiben lassen hatten. Deswegen musste ihr Zug halten und konnte sich ewig nicht vom Fleck rühren, sehr zum Ärger der meisten Passagiere. So war das aber nun einmal, sobald man eng mit Pokémon zusammenlebte. Hin und wieder musste eine von beiden Seiten geduldig abwarten.

Darum hatte Platan sich darüber nicht geärgert, sondern war vielmehr von dem Verhalten der Voltilamms irritiert gewesen. Normalerweise begaben sie sich nicht in eine solche Gefahr, sondern blieben auf ihrer Weide, wo es sicher war und es reichlich zu essen gab. Laut dem Zugpersonal, das hin und wieder durch die Abteile gewandert war, um beschwichtigend auf die Leute einzureden, hatten diese Pokémon sich zudem stur geweigert die Schienen zu verlassen. Trotz aller Bemühungen. Das war sonderbar und beschäftigte ihn aus einem bestimmten Grund.

Inzwischen plagte Platan das mulmige Gefühl, als hätte das Schicksal verzweifelt versucht, ihn davon abzuhalten, nach Illumina City zurückzukehren. Seit er in Sinnoh aufgebrochen war, störten allerlei verschiedene Probleme und Hindernisse seine Heimreise. Sture Voltilamms waren dabei nur eine von diesen vergangenen Störungen. Wahrlich wie verhext.

Möglicherweise war er eher von einem Geist-Pokémon verflucht worden und das Schicksal vollkommen unschuldig. Müsste Platan sich in dem Fall aber nicht fragen, wann und wo er jemanden derart verärgert haben könnte? Ein Fluch wäre jedenfalls gleichzeitig eine Erklärung dafür, woher die furchtbaren Alpträume stammten, unter denen er seit etwa einem halben Jahr litt. Sie waren auch der Grund dafür, warum es ihn nun doch wieder zurück nach Kalos zog.

Dabei hatte er gehofft, anderswo einen neuen Weg für sich finden zu können.

Einen Ort, wo er gebraucht wurde und seine Fähigkeiten etwas zu bewirken vermochten, zum Wohle einer besseren Welt. Stattdessen sah er in seinen Alpträumen stets Illumina City vor sich, gefangen in den erbarmungslosen Klauen der Dunkelheit, der Prismaturm begraben unter etlichen Trümmern. Alles war verloren, ohne sein hoffnungsvolles Licht. Das Herz von Kalos war verstummt. Stattdessen war da diese Blume ...

Sofort wuchs die Unruhe in Platan schlagartig. Rasch zog er den Pyroleonit, den er nach wie vor an einer silbernen Kette um den Hals trug, unter seiner Kleidung hervor, und umschloss ihn vorsichtig mit einer Hand. Jedes Mal, sobald er den Mega-Stein berührte, spürte er einen gleichmäßigen Puls, welcher warme Wellen aussandte und die Leere in seinem Herzen ein wenig füllte.

Prüfend warf er einen Blick zu Mähikel, die zu seinen Füßen lag und leise schnarchte, was sich zusätzlich sehr beruhigend auf ihn auswirkte. Ohne ihre Laute wäre es sonst in seinem Abteil viel zu still, da die anderen Passagiere in ihre Smart-Rotoms vertieft waren, statt sich zu unterhalten. Ihm behagte es nicht, wie jeder für sich allein zu existieren schien, abgekapselt von allem anderen – wahrscheinlich wurde er langsam einfach zu alt und kam mit der neuen Technik nur nicht hinterher. Sonst besäße er selbst ein Smart-Rotom, statt eines gewöhnlichen Handys.

Wenn er wenigstens die Zugfahrt an sich mehr genießen könnte. Heutzutage schwebten diese Transportmittel aber nahezu geräuschlos über die Schienen und man spürte ihre Bewegungen kaum noch. Von der Aussicht konnte er sich auch nicht ablenken lassen, weil es zu dunkel geworden war, und zum Lesen fehlte ihm die Konzentration. Also blieb ihm nur, weiter zu warten und zumindest dem Schnarchen von Mähikel zu lauschen, was ihm versicherte, nicht alleine zu sein.

Nun bedauerte Platan es, dass Trovato diesmal nicht mehr bei ihm war. Der Junge hatte während ihrer Zeit in Sinnoh wissbegierig alles in sich aufgenommen, was es in dieser geschichtsträchtigen Region zu entdecken gab und irgendwann beschlossen, sich auf eine Weltreise zu begeben. Noch mehr zu lernen und irgendwann eine wandelnde Enzyklopädie für Pokémon zu sein. Natürlich hatte Platan ihn darin unterstützt, diesem Traum zu folgen und sich voller Stolz von ihm verabschiedet. Schon lange vor seinem eigenen Aufbruch nach Illumina City.

„Eineinhalb Jahre“, flüsterte Platan für sich. „Ich war nur eineinhalb Jahre fort, aber ...“

So fühlte es sich nicht an.

Eher, als wären unzählige Jahre vergangen, in denen er auf der Suche gewesen war – bislang vergeblich. Laut Professor Eibe könnten seine Alpträume darauf hindeuten, dass es in Illumina City immer noch etwas gab, mit dem er vorher richtig abschließen musste, ehe er wirklich in die Zukunft blicken könnte. Eigentlich kam da nur eine Sache in Frage.

Flordelis.

Betrübt lächelnd betrachtete er den Pyroleonit in seiner Hand. „Du willst mich wohl auch nicht so leicht loslassen, nicht wahr?“

Keine Antwort. Nicht, dass er eine erwartet hätte.

„Sehr geehrte Fahrgäste. In Kürze erreichen wir Illumina Süd“, ertönte plötzlich die Frauenstimmer einer automatisierten Ansage.

In den einzelnen Reihen des Abteils wurde erleichtert aufgeatmet und auch Platan war froh, endlich bald am Zielort anzukommen. Nervös warf er einen letzten Blick aus dem Fenster. Obwohl es draußen schon seit einiger Zeit dunkel war, hatte er den Prismaturm nicht gesehen. Kein einziges Mal. Dabei hatte man bei dieser Strecke eigentlich stets einen guten Blick auf diesen. Hoffentlich war das kein schlechtes Zeichen.

Ein verschlafenes Schmatzen zog seinen Blick zu Mähikel. Anscheinend war sie von der Durchsage geweckt worden und sah erwartungsvoll mit einem müden Ausdruck zu ihm hinauf, also nickte er ihr lächelnd zu.

„Wir sind jetzt bald da“, bestätigte Platan ihr. „Das war eine lange Reise. Sicher fragt sich das Hotel schon, ob wir heute überhaupt noch einchecken werden.“

Wobei er davon ausging, dass das Personal dort von dem Problem mit den Voltilamms gehört hatte und sich denken konnte, warum einige Gäste wesentlich später eintreffen würden als geplant.

Von einer Sekunde zur nächsten war Mähikel hellwach. Freudig mähend stand sie auf und schüttelte sich etwas, um auch ihren Körper richtig aufzuwecken. Derweil versteckte Platan den Pyroleonit wieder unter seiner Kleidung und kontrollierte, ob er alles griffbereit hatte, damit sie zügig aussteigen könnten, sobald der Zug hielt.

Wenig später kamen sie am Bahnhof an und die Passagiere strömten wie ein gleichmäßig rauschender Fluss aus den einzelnen Abteilen. Wie schön, dass es immer noch viele Leute hierher zog, trotz des Vorfalls mit Team Flare damals. Da das nun fünf Jahre zurücklag, waren in der Zwischenzeit vielleicht auch andere in ihre Heimat zurückgekehrt und die allgemeine Lage in der Stadt hatte sich verbessert. Davon könnte er sich spätestens morgen selbst richtig überzeugen.

Gemeinsam mit Mähikel wartete er eine Weile ab, bis die meisten Menschen den Bahnsteig verlassen hatten, bevor sie sich selbst in Bewegung setzten. Jeder einzelne Schritt ließ sein Herz vor Nervosität schneller schlagen und vor Anspannung verkrampfte sich seine Hand um den Griff der Reisetasche. Dieselbe wie damals, als er die Stadt verlassen hatte.

Platan und Mähikel traten durch das offene Tor nach draußen, auf den Bahnhofsplatz, der von Laternen beleuchtet wurde. Ihn interessierte aber in diesem Moment nur ein einziges Licht und das ... strahlte so hell, wie er es in Erinnerung hatte. Der Prismaturm war noch da. Sein Licht wachte über Illumina City, so wie immer.

Auf der Stelle ließ die Anspannung nach, sein Herzschlag normalisierte sich.

Der Anblick des Prismaturms weckte sofort alte Erinnerungen und erfüllte ihn dadurch mit einem vertrauten Gefühl, das ihn überwältigte. Dieses Erlebnis wurde dadurch verstärkt, dass er Farben wieder wahrnehmen konnte. Zwar nur leicht, sie waren teilweise noch recht blass und gingen deshalb oft unter, aber es verbesserte das Lebensgefühl enorm. Seine Zeit in Sinnoh musste sich erholsam ausgewirkt haben – oder es war dem Pyroleonit zu verdanken, der ihm mit seinen kraftvollen Farben das Gefühl dafür zurückgegeben hatte.

„Bonsoir, Illumina“, hauchte Platan sanft. „Ich habe dich mehr vermisst, als ich selbst geahnt habe.“

Diesen Worten stimmte Mähikel ebenso ergriffen zu, mit einem zarten Mähen, während sie auch den Prismaturm bewunderte.

Erst als ein kühler Windhauch ihn selbst durch seinen braunen, dicken Mantel – ein Geschenk von Professor Eibe – doch ein wenig frösteln ließ, befreite das Platan aus seinem Bann. In dieser Sekunde bemerkte er in der Ferne, geradeaus am Ende vom Boulevard Vert, ein schwaches, grünes Leuchten. Am Fuße des Prismaturms. Was mochte das sein? Fand auf dem Place Verte etwas Besonderes statt? Um diese späte Uhrzeit?

Auf einmal stürmte Mähikel einige Schritte vor, das Geräusch ihrer Hufe lenkte seine Aufmerksamkeit auf sein Pokémon. Irgendetwas hatte auch ihr Interesse geweckt, denn sie starrte auf etwas in der westlichen Richtung. Als Platan ihrem Blick folgte, war ein Stück die Straße hinab ein weiteres grünes Licht zu sehen. Dieses war aber viel näher als jenes beim Place Verte. Von ihrer Position aus konnten sie deutlich zwei glühende Säulen mit je einer dekorativen Figur darauf erkennen. Bildeten sie eine Art Tor? In deren Mitte schwebte eindeutig die Zahl Eins in einem Fünfeck.

Irritiert tauschten Platan und Mähikel einen kurzen Blick miteinander, ehe sie beide, ohne sich abzusprechen, auf dieses grüne Licht zugingen, ihrer Neugier folgend. Einige Leute beobachteten sie dabei, wahrscheinlich weil Platan und Mähikel sehr verwirrt wirken mussten.

Je näher sie dieser, für sie unbekannten, Neuerung kamen, desto mehr erkannte Platan, was sie da eigentlich sahen. Hologramm-Technologie. Sofort musste er an Flordelis' Holo-Log denken – dieser hatte einst diese Technik in Kalos verbreitet und überhaupt für alle zugänglich gemacht. Für Platan war es daher ein seltsames Gefühl, sie nun wieder mitten in der Stadt vorzufinden. War es als Dekoration gedacht?

Schließlich hielten sie wenige Meter vor der Hologramm-Technologie an, welche offensichtlich den Eindruck erwecken sollte, das Gebiet dahinter sei mit einer hauchdünnen Wand eingeschlossen. Bei den beiden Figuren auf den massiv anmutenden Lichtsäulen handelte es sich je um ein drachenähnliches Wesen auf zwei Beinen, mit kleinen Flügeln auf dem Rücken. Diese Statuen beruhten auf einer berühmten Skulptur eines Künstlers und viele glaubten, sie stelle ein Rizeros in künstlerischer Form dar.

In der Mitte der beiden Säulen, über der holografischen Tür mit der Eins, erschien ein Informationstext, als Platan noch einen Schritt näher heranging: Wildsektor 1. Wilde Pokémon können gefährlich sein. Im Wildsektor ist daher Vorsicht geboten!

Ungläubig schüttelte Platan den Kopf. „Wildsektor? Was hat das zu bedeuten?“

Tatsächlich konnte er hinter der grünen Wand zwei Scoppel entdecken, jedoch nur ihre Ohren, die unter einem parkenden Auto hervor lugten. Offensichtlich mussten sie sich zum Schlafen dort zurückgezogen haben. Auf der linken Straßenseite stand in der Nähe eine Straßenlaterne, auf der ein Dartiri schlummerte. Weiter hinten, auf den Grünflächen zwischen Gehweg und Straße, konnte Platan einige Purmel ausmachen, für die das Gras, das dort wuchs, zu niedrig war, um sich darin anständig verstecken zu können, doch sie bemühten sich nicht aufzufallen.

Instinktiv streckte Platan die Hand aus und wollte die grün glühende Eins berühren ... glitt aber, wie erwartet, einfach durch das Hologramm hindurch. Schon damals hatte man diese Technologie nicht berühren können. Nur zwei weitere Schritte waren nötig und Platan stand in diesem Wildsektor. Jeder könnte ihn mit Leichtigkeit betreten oder verlassen, daher erschloss sich ihm der Sinn nicht so wirklich. Erst recht nicht, warum wilde Pokémon freiwillig in diesem begrenzten Bereich bleiben sollten.

Es sei denn ...

Mit einem prüfenden Blick zu Mähikel stellte er fest, dass sie sich noch außerhalb dieses Wildsektors aufhielt. Beunruhigt versuchte sie ihm zu folgen, was ihr aber nicht gelang. Mähend drückte sie sich mit dem Kopf voran gegen den holografischen Eingang zwischen den Säulen, kam jedoch nicht vorwärts. Das Licht verdichtete sich nur stark an der Stelle, wo sie einzudringen versuchte.

Seit wann ... lassen sich Hologramme berühren?

Damals hatte Flordelis ihn während den Gesprächen über den Holo-Log stets darum gebeten, das nicht zu tun, weil dadurch nur die Übertragung gestört wurde. Trotz dieser Hinweise konnte Platan sich niemals davon abhalten und bei jedem Kontakt mit dem holografischen Abbild von Flordelis hatte dieses zu flackern begonnen oder sich gar aufgelöst. Sehr zu seinem Bedauern. Jemand musste diese Technologie weiterentwickelt und verbessert haben.

Platan zog mit einer Hand Mähikels Pokéball hervor und rief sie probehalber zurück, was funktionierte. In Form des blau-weißen Lichts drang sie problemlos durch die Absperrung hindurch und verschwand in ihrem Ball, aus dem er sie direkt wieder entließ, so dass sie an seiner Seite erschien. Kaum hatte sie sich materialisiert, kontrollierte sie sofort, ob sie sich nun nahe bei Platan befand, und schmiegte sich dann beruhigt an seine Beine.

Pokémon ... kamen nicht durch diese Barrieren hindurch.

Bedeutete das, sie waren hier drin eingeschlossen? Wilde Pokémon?

„Aber ... warum?“, fragte Platan sich selbst. „Welchem Zweck soll das dienen?“

Bevor er nicht mehr darüber wusste, machte es keinen Sinn irgendwelche Vermutungen aufzustellen. Sicher gab es einen guten Grund für diese Sektoren und warum sich wilde Pokémon in der Stadt befanden. Er müsste nur jemanden fragen. Jemanden ...

„Komm, Mähikel.“ Entschlossen steckte er ihren Pokéball wieder ein. „Das Labor ist nicht weit. Lass uns nachsehen, ob vielleicht noch jemand dort ist.“

Wahrscheinlich eher nicht, dafür war es schon viel zu spät, um noch zu arbeiten. Womöglich war Magnolia aber von Zeit zu Zeit ähnlich unvernünftig wie er damals und befand sich doch noch im Labor, wo sie Überstunden machte. Wenn ihm jemand erklären könnte, was es mit diesen Wildsektoren auf sich hatte, dann sie. Notfalls kontaktierte er sie über sein Handy und bat sie für morgen so früh wie möglich um ein Treffen.

Mähikel nickte ihm zu und lief mit ihm los, die menschenleere Straße entlang, vorbei an weiteren wilden Pokémon, deren Nachtruhe sie störten. Von einigen jedenfalls. Andere waren überaus wachsam und wirkten angriffslustig, aber sie kamen problemlos durch. Nur ungern hätte Platan sich nun mit einem von ihnen in einen Kampf begeben, denn das lag ihm nach wie vor nicht.

Wenigstens wusste er nun, dass tatsächlich irgendetwas in Illumina City los sein musste – und er wollte herausfinden, was.

Das ist nicht mehr Ihre Stadt, Professor

Magnolia war tatsächlich noch zu später Stunde im Labor gewesen.

Verständlicherweise zeigte sie sich äußerst überrascht von Platans unerwarteter Rückkehr nach Kalos, verbunden mit der Aussage, er hätte besser dort bleiben sollen, wo auch immer er gewesen sein mochte. Diese Worte nahm er ihr nicht übel, weil er sofort erkannte, dass sie nicht persönlich gegen ihn gerichtet waren, sondern vielmehr einer tiefen Frustration entsprangen und eigentlich als gut gemeinter Rat zu verstehen waren. Noch ein Grund mehr, in Erfahrung bringen zu wollen, was in Illumina City los war und Magnolia in diesen Zustand getrieben hatte – die Arme sah nämlich auch furchtbar übermüdet aus, der Stress war ihr deutlich anzusehen.

Kaum hatte er nachgehakt, war es geradezu aus Magnolia herausgesprudelt, wie aus einem aktiven Vulkan, der sich schon lange nach dieser Form der Erlösung sehnte. Dabei schimpfte sie vor allem lautstark über den Schwachkopf von Bürgermeister und die hirnverbrannte Stadtentwicklung. Sie nutzte einige weitere solcher negativen Ausdrücke aus ihrem reichhaltigen Sprachgut, um ihm zu erklären, wie schlecht die aktuelle Lage tatsächlich aussah. Trotz der Überarbeitung büßte sie wahrlich nichts von ihrem Temperament ein, im Gegenteil, es brannte heller als jemals zuvor – leider laugte sie dieser Zustand aber eher aus und das bereitete ihm Sorgen.

Nachdem Platan ihr aufmerksam und interessiert zugehört hatte, besaß er endlich ebenfalls einen Überblick von der Lage. Offenbar waren irgendwann, aus unerfindlichen Gründen, mehr und mehr wilde Pokémon nach Illumina City gekommen. Zum Schutz für die Menschen und um diesen neuen Bewohnern ein Zuhause zu bieten, eine friedliche Koexistenz mit ihnen zu schaffen, wurden diese Wildsektoren von der Quazar Corporation ins Leben gerufen ... aber anscheinend hatten sie diese Lösung nicht gut genug durchdacht, denn es gab einige andere Probleme, die dadurch entstanden.

Laut Magnolia hatte es vor der Umsetzung dieser Pläne keinerlei Durchführbarkeitsstudien gegeben, es wurden keine Variablen analysiert oder auf die Auswertungen über die angemessene Distanz zwischen Menschen und Pokémon gewartet. Die Forschung darüber, welche Pokémon vermehrt auftraten, hinkte stark hinterher. Allgemein wurde die Arbeit des Labors schlicht ... ignoriert und nicht weiter ernst genommen. Das war eine Katastrophe – und stimmte Platan ziemlich wütend.

Denn er wusste, es lag nicht an Magnolia, dass die Seite der Forschung derart ausgeblendet wurde. Mit diesem Verhalten hatte er sich selbst auch schon herumplagen müssen, als er noch der Professor von Kalos gewesen war. Sofort erinnerte er sich an diese verletzenden Worte aus der höheren Etage, dass es bessere Dinge zu tun gäbe. Ein wenig hatte er gehofft, durch ein neues, jüngeres Gesicht im Labor würde sich etwas ändern. Jeder müsste doch erkennen, wie engagiert und fleißig Magnolia war. Warum schenkten die Führungskräfte von Illumina City der Forschung überhaupt keinen Respekt mehr?

Platan hatte das Gefühl, in all den Jahren, die er hier einst forschte, nichts erreicht oder bewirkt zu haben, was ihm umso mehr für Magnolia leid tat. Stattdessen schien die Stadtentwicklung nun alle Fäden in der Hand zu haben. Sie besaßen eine seltsam hohe Entscheidungsgewalt, wie er fand. Ihr Vorhaben an sich war nicht schlecht, das wollte Platan nicht bestreiten.

Es sah so aus, als plane Quazar die Stadt mehr denn je zu einem Ort zu machen, wo Menschen und Pokémon noch enger zusammen im Einklang leben konnten. An sich war das eine wundervolle Sache, doch dieser Weg, den sie dafür gewählt hatten, war einfach katastrophal, für alle Seiten. Für Menschen und Pokémon.

Diese Wildsektoren konnten höchstens als Notlösung für die Bereiche der Stadt genutzt werden, wo sich besonders aggressive Pokémon aufhielten, aber es war auf keinen Fall sinnvoll, diesen Weg dauerhaft zu bestreiten – genau das war aber offensichtlich geplant. Auch Platan sah es wie Magnolia, es käme dadurch nur vermehrt zu weiteren Problemen, unter denen viele zu leiden hätten. Ein gutgläubiger Teil von ihm wollte daran glauben, dass es sich schlicht um eine unbedachte Entscheidung handelte und diese Firma nicht nur ein unerklärliches Phänomen für sich ausnutzte, um sich rasant auszuweiten und die Kontrolle ausüben zu können.

Darum musste Platan mit diesen Leuten reden. Mit der Präsidentin der Quazar Corporation, Jette. Vor seiner Abreise hatte er sie einige seltene Male in den Medien gesehen, also kannte er zumindest ihr Gesicht. Sicher könnte er in Ruhe mit ihr reden und ihr ans Herz legen, mit dem Labor zusammenzuarbeiten, erst recht wenn ihr auch etwas an Illumina City lag. Und das hoffte er.

Insbesondere da die Hologramm-Technologie von Quazar entwickelt wurde, wie er von Magnolia erfuhr. Demnach musste Flordelis damals in irgendeiner Art mit diesen Leuten zu tun gehabt haben und er hatte stets Partner bevorzugt, die ihren Einfluss sowie ihren Reichtum nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil nutzten. Deswegen wollte Platan hoffen, dass man der Quazar Corporation Vertrauen schenken konnte.

Mitten in der Nacht hatten Mähikel und er sich von Magnolia verabschiedet, reichlich verspätet im Hotel eingecheckt und versucht wenigstens noch ein bisschen Schlaf zu finden, bevor die Sonne wieder aufging. Leider war Platan viel zu unruhig und konnte kein Auge zumachen. All die Frustration und die Wut von Magnolia schwirrte ihm zu lebhaft im Kopf herum und verband sich mit seiner eigenen Unzufriedenheit darüber, wie die Mühen der Forschung auf unfruchtbaren Boden trafen.

Also war es nicht überraschend, dass Platan am nächsten Morgen früh aufstand, zuallererst einen Kaffee trank und anschließend versuchte, telefonisch einen Termin mit Jette zu vereinbaren. Ein Unterfangen, welches nicht von Erfolg gekrönt war. Natürlich wurde er recht zügig abgewimmelt, mit der Erklärung, die Präsidentin hätte momentan viel zu tun und keine Zeit für ein Gespräch mit dem ehemaligen Pokémon-Professor. Daran zweifelte er nicht einmal, dennoch musste er mit ihr reden.

Diesmal würde er bestimmt nicht tatenlos irgendwo herumsitzen.

Entschlossen verließen Mähikel und er daher das Hotel, stiegen in das nächstbeste Taxi – es kam ihm so vor, als gäbe es wesentlich weniger als früher – und ließen sich direkt zum Firmengebäude der Quazar Corporation fahren, das an der Herbstallee lag. Genau dort standen sie nun.

Platan legte den Kopf in den Nacken und betrachtete ernst den zweiten Riesen der Stadt. Ein hohes, hochmodernes Gebäude, das zwar kleiner war als der Prismaturm, jedoch groß genug, um ebenfalls überall in der Stadt stets präsent zu sein. Die helle Fassade reflektierte das Sonnenlicht zum Teil stark, wodurch man sich etwas geblendet fühlte. Von der schmalen Architektur des Gebäudes her wirkte es beinahe so, als stünde man vor einem glühenden Schnitt, den jemand der Stadt zugefügt hatte.

Auf dem Platz, wo der Firmensitz stand, dekorierten mehrere Palmen die Umgebung und erschufen dadurch eine exotische Atmosphäre, bei der eine gewisse Urlaubsstimmung aufkam. Gleichzeitig verschleierten diese Bäume, wie unnatürlich sich das Gebäude in die Stadt drängte. Davon konnten auch die vielen Stände und das lebhafte Treiben auf der Grünfläche neben der Quazar Corporation nicht ablenken.

Einige Leute von dort warfen ihm prüfende Blicke zu, vermutlich weil der eine oder andere sein Gesicht noch kannte. Am besten verschwand Platan schnell ins Gebäude, bevor er noch in ein Gespräch verwickelt wurde. Dafür hatte er jetzt keine Zeit.

Er sah zu Mähikel, die neben ihm stand. „Also, wie sagt man so schön? Auf ins Gefecht, hm?“

Fröhlich mähte sie ihm zu. Wahrscheinlich hätte sie viel lieber einen ausgiebigen Spaziergang durch Illumina City unternommen und doch war sie motiviert, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Eine solch treue Freundin an der Seite zu haben schenkte einem wahrlich Kraft. Später würde er sich mit einem köstlichen Snack für ihre Unterstützung bedanken und einen ihrer Lieblingsparks aufsuchen, der hoffentlich noch existierte.

Nun schritten sie aber zuerst auf den Eingang des Gebäudes zu.

Dort ... standen zwei kleine, entzückende Dedenne, jeweils an einer Seite der Tür, und blickten mit ihren niedlichen Knopfaugen zu ihnen hoch, kaum dass sie in ihrer Nähe stehenblieben. Ein Männchen und ein Weibchen, falls er das auf Anhieb richtig erkannte.

„Oh, bonjour, ihr Lieben~“, grüßte Platan sie herzlich – Mähikel schloss sich dem mit einem weiteren Mähen an.

Schweigend starrten die beiden sie weiterhin an, seltsam wachsam, ohne dabei etwas von ihrer Niedlichkeit einzubüßen. Warum waren sie hier? Waren es wilde Dedenne? Eher nicht, sonst wären sie schon längst weggelaufen und hätten sich an einen sicheren Ort begeben, von dem aus sie alles überblicken könnten. Dagegen machten diese Kleinen einen viel zu selbstbewussten Eindruck und zeigten nicht einen Funken Furcht. Ihre putzig standhafte Haltung ließ eher darauf schließen ...

Einen Moment betrachtete Platan sie nachdenklich, dann traf ihn die Erkenntnis. „Ah~, ihr müsst die Security sein, richtig? Das sieht man euch sofort an!“

Während Mähikel ihn darauf verwundert anblinzelte, fingen die Augen der Dedenne an vor Stolz zu glitzern. Eines von ihnen griff nach seinem Schweif, um diesen quietschend zu drücken.

Platan kniete sich vor ihnen hin und lächelte sanft. „Da hat jemand eine wirklich gute Wahl getroffen. Ein Kollege aus Alola betont immer, dass man kleine Pokémon auf keinen Fall unterschätzen darf. Sie können im Kampf ungeahnte Kräfte erwecken. Ihr zwei seid mit Sicherheit ziemlich stark. Stark und zugleich unbeschreiblich zauberhaft~.“

Gespielt bescheiden winkte das andere Dedenne, das Männchen, mit seiner winzigen Pfote ab und strich anschließend über seine Ohren, beinahe als wolle er selbstsicher seine Frisur richten.

„Nicht so bescheiden!“, sagte Platan bewundernd und breitete die Arme aus. „Ihr seid in zwei Kategorien wahre Gewinner~. Es kann wirklich nicht jeder als Security arbeiten, das ist ein harter Job, aber ihr meistert ihn mit einer unerschütterlichen Haltung und autoritärer Ausstrahlung. Ich bin überaus beeindruckt. Wenn ich meinem Kollegen davon erzähle, wird er begeistert sein, dass man endlich erkannt hat, was auch die Kleinen leisten können. Ihr repräsentiert die feenhafte Stärke wirklich außerordentlich brillant!“

Beide Dedenne quietschten verlegen und freuten sich sichtlich über diese Anerkennung. Das Weibchen warf den Kopf etwas zu heftig nach hinten und verlor dabei kurz das Gleichgewicht, doch sie konnte sich gerade noch halten. Derweil beobachtete Mähikel das Geschehen eher ratlos und hatte wohl beschlossen, sich lieber nicht einzumischen.

Überschwänglich hielt Platan noch eine Lobeshymne auf das schöne, glänzende Fell der Kleinen und die perfekte Länge ihrer Schweife, ehe er irgendwann respektvoll eine bestimmte Frage stellte: „Würdet ihr mir bitte gestatten, das Gebäude zu betreten? Es wäre wirklich wichtig.“

Vor den folgenden Worten legte Platan eine Hand auf seine Brust. „Ich verspreche euch, keinen Ärger zu machen. Es liegt mir fern, für Unruhe zu sorgen. Ich will vielmehr dabei helfen, den Frieden zu wahren. Selbstverständlich will ich auch nicht, dass ihr meinetwegen Probleme bekommt. Sollte es also nicht möglich sein, akzeptiere ich die Entscheidung der stärksten und zauberhaftesten Security in Kalos und wir ziehen uns zurück, ohne euch weiter zu belästigen.“

Blinzelnd warfen die Dedenne sich gegenseitig einen Blick zu, schienen kurz schweigend miteinander zu kommunizieren. Geduldig wartete Platan ab und wurde schließlich dafür belohnt, denn beide gaben ihm mit einer Geste zu verstehen, dass sie schnell reingehen sollten. Dankbar nickte er ihnen zu.

„Ich weiß euer Vertrauen sehr zu schätzen.“ Mit diesen Worten richtete er sich wieder auf. „Es war mir eine Ehre, ihr Lieben~.“

Quietschend winkten sie ihm zu, wofür er ihnen noch ein Lächeln schenkte, bevor er Mähikel das Zeichen gab, dass sie nun weitergehen würden. Ohne Probleme konnten sie an den Dedenne vorbeigehen und tatsächlich das Gebäude betreten.

Bereits draußen hatte es ihn geradezu geblendet, drinnen war es beinahe noch schlimmer. Hinter der Tür lag ein großer Eingangsbereich, der vollständig von künstlichem Licht erhellt wurde. Deswegen musste er in den ersten Sekunden die Augen etwas zusammenkneifen, während er sich ein wenig umsah.

Auch drinnen war alles hochmodern gestaltet, allerdings war Platan erstaunt, von wie viel Grün man hier begrüßt wurde. In einem Dreiecksmuster zog es sich die Wände entlang und auf der linken Seite war ein großzügiger, runder Sitzbereich, in dessen Mitte ein kleiner Baum eingepflanzt worden war. Zudem sorgten Topfpflanzen zusätzlich für noch mehr Grün zwischen dem strahlenden Weiß und den dunklen Grautönen.

Hellblaue Neonlichter zogen sich in feinen Linien am Boden sowie an der Decke entlang. Auf der rechten Seite schwebte die Karte von Illumina City in Form eines Hologramms vor dem Großteil der Wand. Geradeaus befand sich ein Empfang, wo zwei Personen standen. Im Moment waren sie noch in ihre Arbeit vertieft und starrten auf die Bildschirme vor sich. Das goldene Logo von Quazar wurde hinter ihnen von der Neonbeleuchtung hervorgehoben.

Zunächst nahm Platan sich etwas Zeit, den ersten Eindruck zu verarbeiten. Ein wenig kam es ihm so vor, er wäre auf einmal an einem futuristischen Ort gelandet, weit entfernt von Illumina City. Möglicherweise fühlte er sich aus diesem Grund etwas unwohl, obwohl er zugleich durchaus fasziniert war – und die Karte der Stadt gerne genauer in Augenschein genommen hätte.

Nach einer Weile machte Mähikel auf sich aufmerksam, indem sie ihn vorsichtig mit dem Kopf anstieß. Als er zu ihr sah, mähte sie ihn lobend an, was ihn irritierte.

„Hm? Was habe ich gut gemacht?“, hakte er nach.

Zur Erklärung nickte sie zurück Richtung Tür, hinter der die Dedenne draußen weiter Wache hielten. Da verstand er, was sie meinte.

Leise lachend schüttelte er den Kopf. „Ich fühle mich geschmeichelt, dass du mir so viel zutraust, aber ich habe ihnen nur gesagt, was ich tatsächlich gedacht habe. Sie waren doch wirklich zauberhaft, findest du etwa nicht?“

Ungläubig starrte Mähikel ihn mit großen Augen an und gab dann einen Laut von sich, der verriet, dass sie sich selbst fragte, warum sie überhaupt etwas anderes gedacht hatte. Darüber wunderte Platan sich auch, sie sollte ihn gut genug kennen. Er hätte es niemals mit sich vereinbaren können, den Dedenne nur etwas vorzumachen, damit sie ihn ins Gebäude ließen. Also hatte er es sicher seiner Aufrichtigkeit zu verdanken, dass sie ihn letztendlich durchgelassen hatten.

Schmunzelnd tätschelte er Mähikels Kopf und ging anschließend mit ihr auf den Empfang zu, wo er durch ein vernehmliches Räuspern seine Anwesenheit verkündete. Darauf hoben der Mann und die Frau hinter der weißen, blitzblanken Theke ihre Köpfe und erwiderten verwirrt seinen Blick.

Freundlich lächelte er ihnen zu. „Bonjour~.“

„Ähm, bonjour“, erwiderte der blonde Mann in dem schwarzen Anzug seinen Gruß. „Pardon, aber, Ihr Gesicht kommt mir nicht bekannt vor. Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Meine Name ist Platan“, antwortete er ruhig. „Ich war lange Zeit Pokémon-Professor in Kalos.“

„Der ehemalige Pokémon-Professor?“, murmelte die schwarzhaarige Frau skeptisch.

Anscheinend kannten sie ihn nicht, aber das störte Platan nicht weiter. Er war immerhin keine bedeutsame Persönlichkeit mehr in Illumina City.

„Richtig. Ich würde gerne-“

„Aber es sollte gerade niemand Zutritt zum Gebäude haben“, unterbrach der Mann ihn unruhig. „Wie sind Sie an der Security vorbeigekommen?“

„Hören Sie, ich will keinen Ärger machen. Ich bin hier, weil-“

„Rufen wir besser Vincent“, schlug die Frau vor, worauf bereits ein Smart-Rotom hervor schwebte. „Ich habe keine Nerven dafür, mich wieder mit einem von denen auseinanderzusetzen.“

... Einer von denen? Wen meinte sie wohl damit?

Kurz darauf begann sie bereits mit jemandem zu telefonieren und ihr Kollege bat Platan, vorerst irgendwo Platz zu nehmen. Da die beiden recht nervös und angespannt wirkten, verzichtete er lieber auf jegliche Diskussionen und kam ihnen entgegen, indem er tat, worum er gebeten wurde. Dankend wandte er sich vom Empfang ab und setzte sich auf einen der zwei Stühle, die wenige Meter entfernt an einem runden Tisch standen. Artig legte Mähikel sich neben ihn auf den Boden und mähte unsicher zu ihm hinauf.

„Keine Sorge“, beruhigte Platan sie. „Wie ich sagte, wir haben nicht vor Ärger zu machen. Solange wir friedlich unser Anliegen schildern, wird nichts passieren.“

Platan erwartete nicht einmal direkt heute die Präsidentin zu sehen. Ein zeitnaher Termin würde ihm auch genügen, schließlich war ihm bewusst, wie viel Jette zu tun haben musste. Allerdings würde er wirklich darauf bestehen, in den nächsten Tagen ein Gespräch mit ihr führen zu können, bevor die Sache mit dem Wildsektoren weiter ausarten konnte. Dafür müsste er nur überzeugend genug sein.

So wie Flordelis damals, dachte Platan betrübt. Deinen mitreißenden Reden konnte sich niemand entziehen. Alle haben dir zugehört. Ich hätte mir von dir ein paar Ratschläge einholen sollen, als du noch ...

Nein, nun war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt dafür, in Trauer zu versinken. Stattdessen nahm Platan eine möglichst aufrechte Haltung ein und atmete ein wenig durch, um sich zu fangen.

Während er darauf wartete, dass jemand kam, behielten die Angestellten hinter dem Empfang ihn misstrauisch im Auge und tuschelten miteinander. Zu leise, als dass er jedes Wort verstehen könnte, doch einige Fragmente des Gesprächs filterte er dennoch heraus. Scheinbar hatten sie auf ihren Computern nach einem Professor Platan gesucht und waren fündig geworden. Anschließend unterhielten sie sich darüber, dass zwei Dedenne alleine offensichtlich nicht einmal einen harmlosen Mann draußen halten konnten und sie sich nicht sicher fühlten.

Irgendwann musste es hier einmal jede Menge Ärger mit einigen Bürgern der Stadt gegeben haben ...

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Schritte aus der Ferne zu hören waren, die allmählich lauter wurden. Einige Zeit später trat jemand durch die Schranken nahe des Empfangs. Gleichzeitig sogen der Mann und die Frau scharf die Luft ein. „Präsidentin?!“

Tatsächlich.

Es war die Präsidentin höchstpersönlich.

Ein blaues Augenpaar, welches Ruhe und Autorität ausstrahlte, musterte alle Anwesenden prüfend.

Durch Jettes platinblondes Haar zog sich eine weiße Strähne und es war perfekt frisiert, der goldene Lidschatten glitzerte auffallend im künstlichen Licht, ebenso wie ihre sichelförmigen Ohrringe oder der Quazar-Anstecker an ihrem Kragen. Das Logo ihrer Firma zog sich als kunstvolles Muster über ihr hellblaues Kleid, das durch die Beleuchtung in diesem Raum eher grau wirkte – vielleicht lag es aber auch an Platan, für den die Farben alle noch sehr blass aussahen.

Das beeinträchtigte aber nicht die Wirkung, die Jette besaß. Alleine ihre Haltung vermittelte eine elegante Selbstsicherheit und ließ sie auf eine Weise strahlen, die Platan nicht beschreiben konnte. Sie flößte ihm einen gewissen Respekt ein. Auch ohne dieses Gefühl hätte er sich aber sofort erhoben, so wie er es in dieser Sekunde tat, und ihr höflich zugenickt. Mähikel nahm sich an ihm ein Beispiel und tat es ihm gleich.

Allerdings wandte Jette sich zuerst an ihre beiden Angestellten. „Vincent ist momentan beschäftigt und muss etwas Wichtiges erledigen. Ich kümmere mich um unseren Gast.“

„Sind Sie sicher, Präsidentin?“, erkundigte der Mann sich besorgt. „Müssen Sie nicht zu einem anderen Termin?“

Ein feines Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab, wodurch ihre Falten etwas zunahmen. „Das wird warten müssen. Bitte, fahrt mit eurer Arbeit fort.“

„Jawohl, Präsidentin!“, erwiderten die Angestellten synchron – anschließend widmeten sie sich wieder den Bildschirmen vor sich.

Nun wandte sich Jettes Aufmerksamkeit Platan zu. Als sie sich ihm näherte, schwebte sie beinahe erhaben über den Boden. Nur das Geräusch ihrer Schuhe verriet, dass sie ihn doch berührte, was das eindrucksvolle Bild nicht im Mindesten milderte.

Bei ihnen angekommen, schenkte sie seinem Mähikel ein kurzes Lächeln, ehe sie ihre Worte an Platan richtete. „Ich habe eben erst erfahren, dass Sie versucht haben einen Gesprächstermin mit mir zu vereinbaren. Der ehemalige Professor von Kalos ... Welch Überraschung. Ich muss sagen, dass es mich neugierig gemacht hat, was Sie auf einmal zu uns treibt. Soweit ich weiß, haben Sie Illumina City vor eineinhalb Jahren verlassen.“

„Das ist richtig“, bestätigte Platan ihr. „Ich bin erst seit gestern Abend wieder in der Stadt.“

Nach diesen Worten legte er eine Hand auf seine Brust und neigte den Oberkörper leicht nach vorne. „Bonjour, Präsidentin Jette. Ich danke Ihnen, dass Sie mir Ihre wertvolle Zeit schenken. Ich muss unbedingt mit Ihnen über etwas sprechen.“

„Es muss ungeheuer wichtig sein, wenn Sie sogar unsere Security überwunden haben, um mich direkt hier zu erreichen“, meinte Jette anerkennend. „Mein Sekretär wird sicher beeindruckt sein.

„Darf ich darum bitten, die Dedenne nicht zu tadeln, weil sie mir Zutritt gewährt haben?“ Er schmunzelte etwas. „Ich habe einfach nur eine besondere Verbindung zu Feen-Pokémon. Andere werden sicher nicht so leicht an ihnen vorbei kommen wie ich.“

„So?“ Jette nickte wohlwollend. „Keine Sorge, mein Sekretär wird das verstehen.“

Mit einer knappen Handbewegung gab sie zu verstehen, dass sie sich beide setzen sollten. Dem kamen sie sogleich nach, auch Mähikel legte sich wieder hin und beobachtete alles aufmerksam.

Jette lehnte sich zurück und faltete die Hände auf ihrem Schoß. „Ich hoffe, es genügt Ihnen, wenn wir hier reden. Normalerweise führe ich Gäste sonst in mein Büro, aber ich muss im Anschluss wirklich sofort los.“

„Das ist vollkommen in Ordnung für mich“, versicherte Platan rasch. „Ich bin froh, überhaupt mit Ihnen reden zu können. Ich werde auch schnell zum Punkt kommen. Es geht um die Wildsektoren.“

Etwas blitzte in Jettes Augen auf, aber es verschwand wieder zu schnell, weshalb er nicht einschätzen konnte, was es zu bedeuten hatte. Ansonsten zeigte die Präsidentin nämlich keinerlei Reaktion.

In knappen Worten erzählte Platan ihr, dass er im Labor gewesen war und mit Magnolia gesprochen hatte, dank der er wusste, warum die Wildsektoren erschaffen worden waren. Da er nicht sofort provokant wirken wollte, ließ er dabei vorerst noch aus, wie viele Ergebnisse von Studien eigentlich noch fehlten und diese Handlung daher viel zu überstürzt gewesen war.

Stattdessen fragte er das, was ihn am meisten beschäftigte: „Wie lange planen Sie, diese Wildsektoren aufrecht zu erhalten?“

„So lange, bis eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen und Pokémon möglich ist“, erwiderte Jette darauf professionell. „Bis dahin dienen die Wildsektoren dazu, die Menschen vor den wilden Pokémon zu schützen und letzteren einen eigenen Raum zu geben.“

Beunruhigt schüttelte Platan den Kopf. „Von diesem Plan muss ich Ihnen abraten, aus vielen Gründen. Außerdem leben Menschen und Pokémon doch bereits friedlich zusammen. Seit vielen Jahren kann man sie Seite an Seite in der Stadt beobachten. Es gab niemals irgendwelche Probleme zwischen beiden Seiten, weil diese Pokémon-“

Gezähmt sind?“, warf Jette ein, ohne jegliche Regung in ihrer Mimik. „Wollen Sie als Pokémon-Professor etwa sagen, Pokémon müssen zuerst gefangen und gezähmt werden, bevor wir sie in unsere Mitte lassen dürfen? Ich bin davon ausgegangen, Ihnen läge auch etwas an einem eher natürlichen Zusammenleben, ohne dass wir Pokémon zuvor dazu dressieren sich uns vollständig unterzuordnen.“

Das wirkte nun vielmehr von ihrer Seite aus auf unangenehme Weise provozierend.

„Selbstverständlich befürworte ich ein natürliches Zusammenleben.“ An dieser Stelle verfiel er in einen Redefluss und verlieh seinen Worten dabei mehr Nachdruck durch einige Gesten. „Aber das kann nur sichergestellt werden, wenn zuvor alle Bedürfnisse beider Seiten bedacht werden. Was ist beispielsweise mit den Menschen, die Pokémon nicht mögen und sie nicht in ihrer Nähe haben wollen? Für mich ist das auch unverständlich, doch wir dürfen sie deswegen nicht ignorieren. Für solche Menschen sind Städte der Ort, wo sie in Ruhe leben können – und selbst hier begegnen sie täglich zahmen Pokémon. Teilen wir diesen Lebensraum auch noch mit wilden Pokémon, bleibt weniger Platz für Menschen allgemein. Wohin sollen jene gehen, die diese Nähe nicht wollen? Ihre Heimat verlassen? Es wäre herzlos, sie derart auszugrenzen. Vielmehr sollten Sie aber bedenken, dass es genauso auch Pokémon gibt, die Menschen niemals mögen werden und sich nicht an sie gewöhnen wollen. Was ist mit ihnen? Es gibt sogar unter den Pokémon selbst Arten, die sich nicht miteinander vertragen und niemals zusammengebracht werden sollten. Wie etwa Vipitis und Sengo. Oder Kleoparda und Gaunux. Nur, um einige Beispiele genannt zu haben. Momentan habe ich den Eindruck, Sie hoffen darauf, beide Seiten gewöhnen sich irgendwann aneinander, solange sie genug Zeit nahe beieinander verbracht haben, doch so leicht ist das nicht. Mit dieser Methode zwingen Sie einigen Menschen und Pokémon nur Ihren Willen auf.“

Nach wie vor zeigte Jette keinerlei sichtbare Reaktion, aber das schreckte Platan nicht ab.

Er redete einfach weiter. „Für die meisten wilden Pokémon ist eine Großstadt schlicht nicht der richtige Ort. Momentan sind sie auf engem Raum eingesperrt und können sich nicht frei bewegen. Möglicherweise wurden sogar Arten zusammen in einem Gebiet eingeschlossen, die sich eben nicht vertragen. Deswegen wäre es wichtig gewesen, zuerst die Ergebnisse gewisser Studien vom Labor abzuwarten, bevor man zu solch einer Lösung greift.“

Nun hatte er es doch schon angemerkt. Vielleicht machte ihre Ausdruckslosigkeit ihn unruhiger, als ihm selbst bewusst war. Egal, er musste so lange seinen Standpunkt erläutern, bis sie ihn verstand.

„Diese Wildsektoren dürfen also nur eine Notlösung sein“, beschwor Platan sie. „Wir benötigen Pläne dafür, wie wir die wilden Pokémon wieder aus Illumina City bringen können. Zurück in ihre passenden Lebensräume, wo sie auch genug Platz haben und Nahrung finden können. Ich nehme an, aktuell sind die Pokémon in den Wildsektoren darauf angewiesen, gefüttert zu werden? Pokémon, die von der Güte der Menschen abhängig sind, können Verhaltensstörungen entwickeln. Wie gesagt, es gibt Pokémon, für die sich die Nähe zu Menschen immerzu unangenehm anfühlen wird. Es entsteht leider nicht in jedem Fall ein freundschaftliches oder gar familiäres Band und das muss auch nicht sein. Gerade diese individuellen Wesenszüge sind doch das, was das Leben erst interessant macht.“

Platan wies sich innerlich selbst an, nicht zu sehr vom Thema abzukommen. Wahrscheinlich waren seine Ausführungen inzwischen doch unnötig lang, dabei hatte die Präsidentin eigentlich keine Zeit und hörte ihm dennoch geduldig zu, wie er ihre Entscheidung schlechtredete.

Geduld ...

„Ich weiß zu gut, wie wichtig es ist, dass Menschen und Pokémon manchmal der anderen Seite Geduld schenken müssen“, fuhr er fort. „Das natürliche Zusammenleben, von dem sie sprechen, existiert in dieser Welt bereits in einigen Regionen und ist somit nicht unmöglich. Alola ist eine dieser Regionen. Dort haben Menschen und Pokémon beide ihren eigenen Raum und können jederzeit zusammenkommen, sofern sie das wollen. Dafür müssen sich alle aber frei entfalten können, ohne eingeschränkt zu sein. In Illumina City ist das nicht der Fall. Menschen verlieren ihren Lebensraum und die wilden Pokémon haben nicht genug Platz. Ich teile Ihren Wunsch, dass alle einander besser verstehen und ein harmonisches Miteinander entsteht, aber dieser Zustand, in dem wir uns nun befinden, ist nicht fördernd. Es wird auf Dauer eher einen Keil zwischen Menschen und Pokémon treiben.“

An dieser Stelle beendete Platan seinen Vortrag vorerst, schließlich sollte er Jette die Gelegenheit geben, auch etwas anmerken zu können. Falls sie denn wollte.

Zunächst schwieg sie aber.

Eine ganze Weile.

Gerade, als eine angespannte Atmosphäre entstand, sagte sie endlich etwas: „Was schlagen Sie stattdessen vor?“

Dieser kurze Beitrag ihrerseits verunsicherte ihn ein wenig, aber er antwortete darauf bestimmt: „Ich möchte Sie darum bitten, enger mit dem Labor zusammenzuarbeiten, so dass die idealen Bedingungen für alle geschaffen werden können. Wir sollten vor allem herausfinden, was die wilden Pokémon nach Illumina City zieht und dieses Problem beseitigen. Bis es so weit ist, sind Ihre Wildsektoren ein hervorragender Schutz. Eine Notlösung, wie ich schon sagte. So befinden sich die meisten wilden Pokémon schon an einem Ort, sobald wir sie aus der Stadt bringen können.“

Genau, nicht alles an diesen Wildsektoren war schlecht. Den Eindruck hatte er nicht vermitteln wollen, deshalb hoffte er, das nun etwas abgemildert zu haben und sie somit für sein Anliegen zugänglich zu machen.

Nachdenklich schloss Jette einige Sekunden die Augen, ehe sie Platan eindringlich ansah. „Ich bin erstaunt, dass Sie von wir sprechen, Professor. Vor eineinhalb Jahren haben sie Illumina City verlassen und soweit meine Quellen korrekt sind, war keine Rückkehr ihrerseits geplant. Was hat Sie wieder hierher geführt? Warum haben Sie Illumina City überhaupt verlassen, wenn ich fragen darf?“

Es war verständlich, dass sie danach fragte. An ihrer Stelle hätte Platan das vermutlich auch getan. Dennoch behagten ihm diese Fragen nicht, da er nicht ausführlich darauf antworten konnte. Er wollte nicht. Das würde ihn nur aufwühlen – und war zudem zu privat.

„Aus privaten Gründen“, entgegnete Platan daher wahrheitsgemäß.

Offenbar erwartete Jette eine ausführlichere Antwort seinerseits, denn sie wartete kurz ab. Als keine weiteren Worte folgten, hob sie ein wenig die Augenbrauen und zeigte damit zum ersten Mal seit seinem Redefluss eine richtige Reaktion.

Private Gründe“, wiederholte sie langsam. „Private Gründe waren also wichtiger, als das Wohl von Kalos und Illumina City?“

Etwas überrumpelt starrte er sie angespannt an. „Was? Nein, so war das nicht. Ich ...“

Ihre Augen wurden dunkler – das Blau wandelte sich aus seiner Sicht beinahe zu einem Schwarz –, als hätte sie in dieser Sekunde beschlossen, ihm nicht vertrauen zu können. „Bei allem Respekt, Professor Platan, aber Ihr Verhalten ist für mich nicht nachvollziehbar. Sie sagten, Sie seien erst seit gestern Abend wieder in Illumina City. Demnach darf ich wohl davon ausgehen, dass Sie sich bisher nicht die Zeit genommen haben, sich die Stadt genauer anzuschauen. Sonst wäre Ihnen sicher aufgefallen, dass sie sich verändert hat.“

Zu gerne hätte er darauf etwas gesagt, nur wusste er nicht, was. Bis hierhin hatte sie immerhin recht.

„Nach eineinhalb Jahren tauchen Sie wieder auf und benehmen sich, als wüssten Sie genau, was diese Stadt braucht“, sprach Jette kühl. „Dabei kennen Sie diese Stadt nicht einmal mehr. Sie haben beschlossen, sie zurücklassen. Warum glauben Sie nun, bestimmen zu können, was das Beste für sie ist? Ist Ihnen noch gar nicht in den Sinn gekommen, dass die wilden Pokémon möglicherweise hier sein wollen? Schließlich haben sie freiwillig beschlossen, in die Stadt zu kommen. Wäre es nicht herzlos, sie einfach wieder auszugrenzen? Außerdem dürfte es mehr als genug andere Städte geben, in die Menschen, die Probleme mit Pokémon haben, sich zurückziehen können. Wenn es dazu kommt, unterstützt die Quazar Corporation sie gerne dabei. Wir lassen niemanden ohne Hilfe zurück.“

Der letzte Satz ... klang wie eine Spitze gegen Platan – und er konnte es ihr nicht einmal verübeln. Aus ihrer Sicht musste es in der Tat dreist sein, sich hier aufzuspielen, obwohl er Illumina City zuvor verlassen hatte. In diesem Moment hatte er Mühe, eine aufrechte Haltung wahren, denn am liebsten wäre er auf seinem Stuhl zusammengesunken vor Scham.

Hatte er sich letztendlich überhaupt nicht verändert?

War es doch feige, dass er sich vor eineinhalb Jahren auf die Suche nach etwas Neuem begab?

Ungerührt hielt Jette den Blick auf ihn gerichtet. „Sie müssen sich also keine Sorgen machen, wir haben alles im Griff. Die Sicherheit von Illumina City und seinen Bewohnern liegt uns sehr am Herzen. Was Sie betrifft ... Ihr Urteilsvermögen ist von Ihren Emotionen getrübt. Daraus mache ich Ihnen keinen Vorwurf, Sie haben einst viele Jahre hier gelebt. Trotzdem sollten Sie sich einer Sache bewusst werden: Das ist nicht mehr Ihre Stadt, Professor.“

Ein Eisblock schien sich durch seine Brust zu bohren, wodurch frostige Dornen in seinem Inneren wucherten.

Das ist nicht mehr Ihre Stadt, Professor.

Diese Worte waren kälter als der Winterwind im Norden von Sinnoh. Kalt und verletzend. Sie trafen einen wunden Punkt in Platan, wodurch ihm jeglicher Willen geraubt wurde, noch etwas zu sagen. Geschlagen senkte er den Kopf.

Nein, sag etwas. Irgendetwas! Verliere dich nicht wieder in der passiven Rolle!

Platan musste sich überwinden. Er könnte fragen, ob es dennoch etwas gäbe, wobei er helfen könnte. Betonen, wie wertvoll die Arbeit des Labors war. Wie sehr Magnolia sich bemühte, über ihre Grenzen hinaus. Kaum hob er aber wieder den Kopf und blickte in diese dunklen Augen der Präsidentin, verlor er sofort den Mut. Für sie stand schon fest, dass seine Worte keinen Wert für sie besaßen. Sie hatte ihn als jemanden eingestuft, dem man nicht vertrauen konnte. Jemand, der andere mit Problemen zurückließ.

Also sagte er nichts.

„Falls das alles war, was Sie mit mir besprechen wollten“, merkte Jette an, während sie sich erhob und mit einer seltsamen Form des Mitgefühls auf ihn hinab blickte, „würde ich mich nun entschuldigen und mich meinen Pflichten widmen. Danke für Ihre Sorge, aber unsere Firma verfügt selbst über eine hochentwickelte Forschungsabteilung, auf deren Ergebnisse wir unsere Entscheidungen stützen. Sonst würde der Bürgermeister uns nicht derart viel Freiraum geben. Ich hoffe, Sie können Ihren Aufenthalt in Illumina City trotz unserer Wildsektoren genießen, auch wenn viele Bauarbeiten das Gesamtbild der Stadt derzeitig trüben. Eines Tages werden sowohl Sie als auch die Bürgerinitiative unsere Bemühungen vielleicht zu schätzen wissen.“

Respektvoll nickte sie ihm zu. „Adieu, Professor Platan.“

Nach dieser Verabschiedung wandte die Präsidentin sich ab und schritt Richtung Ausgang, gleichzeitig kam ihr Smart-Rotom zum Vorschein. Nur undeutliche Fetzen der Worte, die sie anschließend an ihren Gesprächspartner richtete, drangen an seine Ohren. Nichts davon erreichte ihn wirklich. Kurz darauf hatte Jette das Gebäude verlassen.

Mähikel war aufgestanden und legte ihren Kopf auf Platans Schoß, in einem Versuch, ihn zu trösten. Diese Geste nahm er tatsächlich an, indem er sie tätschelte. Innerlich blieb er aber zerrissen.

Voller Entschlossenheit war er zur Quazar Corporation gekommen, um etwas für Illumina City und das Labor zu tun. Vielleicht hätte er sich vorher wirklich erst ein Bild von der Stadt machen sollen. In eineinhalb Jahren konnte sich einiges verändern. Möglicherweise waren diese Wildsektoren nur für Magnolia und ihn ein Problem, weil sie es zu wissenschaftlich betrachteten. Außer ihnen gab es wohl niemanden, der sich daran störte.

... Moment.

Hatte Jette eben eine Bürgerinitiative erwähnt?

Womöglich standen Magnolia und Platan doch nicht ganz alleine da. Und selbst wenn die Quazar Corporation wirklich über eine eigene – hochentwickelte – Forschungsabteilung verfügte, war diese mit Sicherheit nicht derart versiert beim Thema Pokémon wie das Labor. Man sollte Magnolias Bemühungen also nicht weiterhin einfach ignorieren.

Um sich etwas zu beruhigen, atmete er erneut tief durch. Bedrückt hier herumzusitzen machte die Lage nicht besser – und die beiden Angestellten am Empfang gaben ihm mit ihren bohrenden Blicken zu verstehen, dass der Eingangsbereich der Quazar Corporation ohnehin nicht dafür gedacht war. Da er selbst lieber zurück an die frische Luft wollte, weg von dieser Einrichtung, tat er ihnen nur zu gerne den Gefallen zu gehen.

Also stand er auf, nachdem er Mähikel noch einmal dankend getätschelt hatte, und verabschiedete sich mit knappen Worten bei dem Mann und der Frau. Anschließend schritt er selbst zur Tür, um diesen Ort hinter sich zu lassen. Die eisigen Dornenranken in seiner Brust stachen noch schmerzhaft und ließen ihn frösteln, trotz seiner winterfesten Kleidung aus Sinnoh. Wahrscheinlich könnte er dieses deprimierende Gefühl nicht so leicht abschütteln.

Plötzlich war an seiner Brust ein leichtes, angenehmes Brennen zu spüren. Der Pyroleonit unter seiner Kleidung. Es war, als wolle er den frostigen Schmerz vertreiben und ihm Mut schenken. Lächelnd legte Platan eine Hand auf die Stelle, wo sich der Mega-Stein befand, nahe bei seinem Herzen.

Das ist nicht mehr Ihre Stadt, Professor.

... Nein, das stimmte nicht.

Egal, was geschah, er blieb ein Teil von Illumina City. Der Pyroleonit war der beste Beweis dafür. Sonst würde er nicht solch eine Wärme ausstrahlen. Die Stadt war ihm höchstens fremd geworden. Dagegen konnte er aber etwas tun. Er musste sie einfach nur neu kennenlernen und sich mit den Veränderungen vertraut machen. Dieser Entschluss festigte sich, als er nach draußen trat.

Sobald er sich Illumina City wieder nahe fühlte, verstand er vielleicht, was diese Stadt wirklich brauchte – oder warum seine Alpträume ihn hierher zurückgetrieben hatten.

Es sind noch mehr Kristalle erblüht

Platan und Mähikel hatten den Tag genutzt, um sich ein neues Bild von ihrem geliebten Illumina City zu machen – tatsächlich hatte sich während ihrer Abwesenheit einiges verändert.

Das Chevrummobil existierte nicht mehr. Aufgrund all der wilden Pokémon kamen die armen Ritt-Pokémon wohl nicht mehr richtig zur Ruhe. Darüber war besonders Mähikel betrübt, denn es hatte sie immer sehr stolz gemacht, zu sehen, wie ihre Weiterentwicklungen eine wichtige Funktion erfüllten und jeder sich an ihrer Anwesenheit erfreute. Auch Platan vermisste die sanften, starken Chevrumms, die man damals an jeder Ecke antreffen konnte. Ohne sie fehlte etwas.

Stattdessen füllten nun zahlreiche Baugerüste in der Stadt diese Lücke. Manche betrachteten sie als eine Art Kunst, weil sie als Parcours aufgebaut waren, an dem sich jeder versuchen konnte. Wirklich jeder. Allein die Vorstellung sorgte für ein flaues Gefühl in seinem Magen, denn es gab keinerlei Sicherheitsvorkehrungen und nicht immer waren Bauarbeiter in der Nähe. Somit gab es nicht einmal eine Aufsicht, doch niemand schien sich deswegen Sorgen zu machen. Alle verließen sich offenbar darauf, dass jeder ein modernes Smart-Rotom besaß, welches einen mit Hilfe einer App auffing, sollte man stürzen.

Was war mit denen, die keines ihr Eigen nannten, so wie Platan?

Verließ man sich einfach auf die Eigenverantwortung der Menschen? Störte sich deshalb auch niemand daran, wie viele – vor allem junge – Leute Abkürzungen nahmen, indem sie über die Dächer der Stadt wanderten? Einzig wegen den Wildsektoren, weil diese Wege blockierten und die meisten Bewohner keine erfahrenen Trainer waren. Auch das Taxiunternehmen hatte inzwischen Mühe, sich mit ihren Wägen innerhalb von Illumina City zu bewegen. Oft mussten sie längere Umwege nehmen. Früher konnte man gegen Taxifahrer Kämpfe austragen, statt Geld für eine Fahrt zu zahlen, heute waren sie auf jeden einzelnen Pokédollar angewiesen, aufgrund der aktuellen Lage.

Warum hatte die Quazar Corporation noch keine andere, sichere Fortbewegungsmöglichkeit für die Bewohner der Stadt geschaffen, deren Entwicklung sie angeblich fördern wollten? Was hatte Jette erwartet, wenn Platan sich in Illumina City umsah? Dass er einsehen würde, zu altmodisch für diese neue Lebensweise zu sein, die hier herrschte? Soweit er das bisher sah, ließ man den Menschen und Pokémon keine andere Wahl.

Nicht einmal Rollerskater waren noch irgendwo zu sehen. Wildsektoren und die Gefahr, jederzeit mit einem wilden Pokémon zu kollidieren, hatte sie vertrieben. Parkanlagen waren teilweise auch nur noch jenen mit eigenen Pokémon und Kampftalent vorbehalten, so wie der Place Verte, der nun als Wildsektor 2 bekannt war – jenes grüne Licht, das Platan bei seiner Ankunft vom Bahnhofsplatz aus gesehen hatte.

Im Laufe des Tages hatte er hier und da auch mit mehreren Leuten gesprochen. Einige wenige erkannten ihn und fragten verwundert, warum er überhaupt zurückgekommen sei. Er war nicht sicher, ob sie es ihm ebenso nachtrugen, Illumina City im Stich gelassen zu haben, oder ob sie der Meinung waren, die Stadt sei kein guter Ort zum Leben mehr. Möglicherweise traf beides zu. Auf jeden Fall konnte er in Erfahrung bringen, dass die Stimmung unter den Bewohnern recht zweigeteilt war. Einige liebten diese Veränderungen – in erster Linie sogenannte Fanarys, was auch immer das zu bedeuten hatte –, andere waren frustriert und spannen sich Verschwörungstheorien über die Quazar Corporation zurecht.

Von all diesen Eindrücken erschlagen, hatte Platan sich irgendwann mit Mähikel zum Jahreszeitenkanal zurückgezogen, im Rose-Bezirk 2, wo er nun auf einer der Holzbänke saß und abwesend auf das Wasser starrte. Früher war es für ihn belebend gewesen, sich durch die Stadt zu bewegen, diesmal fühlte er sich ausgelaugt. Sogar von den Unterhaltungen. Selbst nach eineinhalb Jahren Erholung in Sinnoh erschöpfte es ihn noch, mit Menschen zu interagieren.

Nicht nur Illumina City hatte sich verändert, sondern auch er selbst.

Im Grunde durfte er sich daher nicht beklagen.

Veränderungen gehörten zum gewöhnlichen Lauf der Dinge dazu und waren etwas Gutes. Sie konnten neue Möglichkeiten eröffnen und einen empfänglicher für Wunder machen, denen man zuvor keine Beachtung geschenkt hatte. Dennoch ... behagte es Platan nicht. Ein Tag genügte anscheinend nicht, um dieses befremdliche Gefühl loszuwerden. Ein Teil in ihm hielt weiterhin daran fest, dass etwas in der Stadt nicht stimmte. Etwas war nicht in Ordnung.

Dieser Gedankengang führte ihn unweigerlich wieder zu der größten Veränderung: Quazar.

Müde fuhr Platan sich mit einer Hand über das Gesicht. „Aber was hätten sie davon, für Unruhe zu sorgen?“

Einfluss? Macht? Geld?

Eines dieser Dinge hätte Flordelis sicher genannt. Immerhin war er ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen und kannte sich in diesem Bereich bestens aus. Laut ihm ließ es sich mit einem Becken voller blutrünstiger Tohaidos vergleichen, alle fraßen sich gegenseitig auf, nur um weiter oben in der Nahrungskette stehen zu können. In Alola würde diese Metapher nicht funktionieren, dort war diese Pokémon-Art ziemlich entspannt und friedlich – man ließ sogar Touristen auf ihnen reiten.

Vorsichtig nahm Platan die Kette ab, die er um den Hals trug, so dass er den Pyroleonit besser betrachten konnte.

„Ich wünschte, du könntest mir sagen, ob man der Quazar Corporation trauen kann“, flüsterte er für sich. „Du wüsstest es sicher. Sag, steigere ich mich zu sehr in etwas hinein? Vielleicht haben die Alpträume mich nur zu empfindlich gemacht und lassen mich nach etwas suchen, das nicht existiert. Ich will nicht zu jemandem werden, der in allem etwas Schlechtes sieht. So ... bin ich doch eigentlich nicht.“

Schweigend ruhte der Mega-Stein in seiner Hand, verströmte eine tröstende Wärme.

Das fröhliche Mähen von Mähikel lenkte seine Aufmerksamkeit zu ihr. Sie sprang munter nahe des Wassers hin und her, versuchte den Spritzern auszuweichen, die durch jeden Platscher eines Karpadors verursacht wurden. Es sah wie ein lustiges Spiel zwischen den Pokémon aus. Wenn Mähikel doch einige Wassertropfen abbekam, schüttelte sie sich kurz heftig, ehe sie dem nächsten Angriff auswich. Nach und nach schlossen sich auch andere Karpador aus dem Kanal an, so dass Mähikel bald wortwörtlich einen Tanz der Freude und Unbeschwertheit aufführte.

Lächelnd beobachtete Platan sie, genau wie einige andere Passanten, die hier spazieren gingen oder ebenfalls etwas Entspannung suchten. Pokémon waren wahrlich ein Segen. Dank ihnen drang auch an den dunkelsten Tagen ein Lichtstrahl durch den bewölkten Himmel. Allerdings blieb er bei seiner Meinung, dass nicht jedes Pokémon für die Stadt geschaffen war. Wenn Mähikel mit einem aggressiven Tohaido spielen würde, bliebe er ganz sicher nicht ruhig und entspannt.

... Schon mache ich mir wieder zu viele Gedanken, ging es Platan durch den Kopf. Ich bin eventuell tatsächlich selbst das Problem.

Platan schloss die Hand um den Pyroleonit und sah zur Seite. Der Prismaturm war ganz nahe. Er müsste nur die Treppen des Jahreszeitenkanals zu seiner Rechten wieder hinauf steigen und befände sich schon am Zentral-Plaza. Zu gerne hätte er den Turm bestiegen und von dort oben die Aussicht auf Illumina City genossen, so wie etliche Male in der Vergangenheit, aber leider war er gesperrt. Nicht nur das, die Quazar Corporation hatte eine Wand um das Wahrzeichen errichtet – wegen Bauarbeiten. Eine kahle, hässliche Mauer trennte das Herz von Illumina von allen anderen. Niemand durfte momentan hinein.

Andererseits ... macht die Quazar Corporation es mir wirklich schwer, positiv über sie zu denken.

Entsprechend ernst war sein Gesichtsausdruck, während er den Prismaturm betrachtete. Was für Bauarbeiten machten es nötig, den gesamten Prismaturm samt seiner Parkanlage wegzuschließen? Falls es einen Grund dafür gab, wollte Platan ihn erfahren. Wusste Jette womöglich längst, was die Pokémon nach Illumina City zog? Nur gab es sicher niemanden, der ihm diese Auskunft erteilen würde. Immerhin war er nur der ehemalige Pokémon-Professor. Das war nicht mehr seine Stadt.

Gerade, als sein Griff um den Pyroleonit sich verkrampfte, kam Mähikel wieder zu ihm und mähte ihn gut gelaunt an. Sofort ließ die Anspannung etwas nach.

„Na, hast du genug gespielt?“, fragte er sie sanft. „Wollen wir dann noch einen bestimmten Ort besuchen, bevor wir ins Hotel zurückgehen? Ich bin ziemlich müde. Heute sollten wir früher ins Bett gehen.“

Auch wenn er sich vor den Alpträumen fürchtete, mit etwas Glück blieb er hier jedoch von ihnen verschont. Er würde es herausfinden müssen.

„Im Hotel essen wir dann auch endlich etwas“, versicherte Platan ihr, nachdem sie aufgeregt genickt hatte. „Du musst sehr hungrig sein.“

Außerdem schuldete er ihr noch einen köstlichen Snack.

Also erhob er sich, legte die Kette wieder um und stellte sicher, dass der Pyroleonit unter seiner Kleidung geschützt war, bevor er sich mit Mähikel in Bewegung setzte und den Aufstieg auf der linken Seite ansteuerte. Zum Abschied vollführten die Karpador im Wasser einige hohe Sprünge, sehr zur Bewunderung der anderen Passanten. Wenigstens ging es ihnen hier offensichtlich gut, aber diese friedliche Pokémon-Art war auch damals schon hier anzutreffen gewesen.

Langsam stieg Platan mit Mähikel die Treppen hinauf, vorbei an einem Pokémon-Center. Sofern man es noch als solches bezeichnen konnte. Ohne die regelmäßigen Spenden von Flordelis hatten sie einen starken Rückschritt erlitten, was ihn jedes Mal ärgerte, sobald er ein Pokémon-Center sah. Wenn es das Ziel der Quazar Corporation war, wilde Pokémon in Illumina City zu integrierten, sollten sie zuerst eine anständige medizinische Versorgung für diese sicherstellen. Es gab manchmal schwere Verletzungen, welche eine intensivere und längere Behandlung benötigten. Aber was wusste er schon?

Ich bin ja nur ein Pokémon-Professor ...

Mit einem Hauch der Verbitterung nahm er als nächstes den Place Rose in Augenschein, der nun vor ihnen lag. Wie lange mochte es dauern, bis Quazar hier auch einen Wildsektor hochzog? Jedenfalls konnte Platan einige wilde Pokémon sehen, wegen denen die Menschen Abstand von dieser Anlage hielten. Gelatinis schwebten die Wege entlang, Hippopotas tollten auf den Wiesenflächen herum oder gruben Löcher darin. Glücklicherweise waren es noch recht harmlose Pokémon, doch auch sie konnten gefährlich werden, sobald sie sich dazu entschlossen anzugreifen.

Sein Weg führte sie aber am Place Rose vorbei, Richtung Osten, wo er mit Mähikel in eine Straße einbog. Jener Ort, wo einst das Bistro Flordelis den besten Kaffee der Stadt anbot. Nach dem, was er an diesem Tag alles gesehen und gehört hatte, war die Befürchtung groß, es könnte inzwischen von irgendwem aufgekauft worden sein, aber glücklicherweise war dem nicht so. Schon von Weitem war deutlich zu erkennen, dass es nach wie vor verlassen war.

Müll und Kartons stapelten sich vor der roten Fassade des Bistros. Ein majestätisches Rot, welches Platan sofort in den Bann zog. Endlich konnte er diese Farbe auch wieder erkennen.

Vor dem Bistro blieben sie stehen. Sein Herz wurde schwer und gleichzeitig war er froh, zumindest hier keine Veränderung vorzufinden. Alles war so, wie er es in Erinnerung hatte – eben nur verlassen. Er hätte es nicht ertragen, wäre in der Zwischenzeit jemand in dieses Bistro eingedrungen, um diese kostbare Erinnerung zu zerstören. Vermutlich war aber alles, was mit Team Flare in Verbindung stand, für die meisten immer noch ein Tabu. Umso besser für diesen Ort.

Niemand außer Flordelis und Team Flare sollte dieses Bistro besetzen.

Hätte er das nötige Geld, würde er es selbst aufkaufen, nur um dafür zu sorgen, dass es unberührt blieb. Eine Fotoaufnahme aus anderen Zeiten, welche im Laufe der Jahre verblassen würde, bis sich eines Tages niemand mehr daran erinnerte ...

Bedrückt presste Platan eine Hand auf seine Brust.

Es war keine gute Idee gewesen, hierher zu kommen, doch er hatte sich unbedingt vergewissern wollen, dass das Bistro Flordelis noch da war. Gleichzeitig war das töricht, schließlich war er vor eineinhalb Jahren weggegangen und durfte nicht erwarten, alles so vorzufinden, wie es vor seiner Abreise gewesen war. Ob seine Alpträume in Wahrheit unbewusst aus genau dieser Furcht heraus geboren worden waren?

Mähikel stieß ihn fordernd mit ihrem Kopf an, was ihn erschrocken zusammenzucken ließ, so tief war er in Gedanken verloren gewesen. Der Abendhimmel legte sich inzwischen über sie.

Fordernd mähte Mähikel ihn an und wartete, bis er sie ansah, ehe sie wenige Meter weiter bis zur Ecke des Gebäudes lief, wo sie etwas entdeckt hatte. Etwas, durch das er schlagartig hellwach wurde. Rasch folgte er ihr, um sich ihren Fund genauer anzusehen. Neben ihr angekommen runzelte er die Stirn, während er irgendeine seltsame Ablagerung betrachtete.

Eine kristallisierte Ablagerung, die an dem Haus festgewachsen war. Auf bizarre Weise wirkte es beinahe natürlich, ähnlich wie Efeu, das sich an Fassaden ausbreitete. Das hier war dennoch anders. Magentafarbene Kristalle sprossen sehr präsent aus einer dunklen, schimmernden Masse heraus, die von der Beschaffenheit her hart wirkte.

Fragend mähte Mähikel ihn an, doch er schüttelte zaghaft den Kopf. „Nein, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen.“

Was mochte das sein?

Dieses Magenta ... war ungewohnt kraftvoll. Die Farbe kam selbst ihm etwas zu intensiv vor.

Prüfend warf er einen kurzen Blick über die Umgebung. Alles andere blieb eher blass, im Gegensatz zu diesen merkwürdigen Kristallen. Wie beim Pyroleonit. Auch als Platan wieder hinsah, glühte das Magenta regelrecht geheimnisvoll und anziehend. Es war wunderschön. Auch das magische Schimmern der Masse. Beides wollte ihn dazu verführen, es einfach zu berühren.

Sein Herzschlag nahm für einige Sekunden einen ungewohnt kräftigen Rhythmus ein, wodurch ihm kurz der Atem stockte. Zeitgleich sprangen seine Gedanken plötzlich zum Prismaturm.

Ein melodisches Klirren ertönte, ähnlich wie splitterndes Glas und doch anders. Angenehmer. Überrascht sprang Mähikel auf einmal mit einem hohen Satz und einem schrillen Mähen zurück, in Platans Augenwinkel verdichtete sich das Magenta. Vor ihnen entstanden aus dem Nicht weitere Kristalle an der Hauswand, zogen sich seitlich in die Seitenstraße hinein und wucherten innerhalb weniger Wimpernschläge alles zu.

„Was?“, keuchte Platan ratlos.

Instinktiv lief er in die Gasse hinein, die auf einen kleinen Hinterhof führte. Akkurat geschnittene Hecken rahmten eine Grünfläche mit Bäumen ein, Sitzbänke luden dazu ein sich niederzulassen und zu verweilen. Außer Mähikel und ihm war in diesem Moment aber niemand hier. Dafür tauchten mehr und mehr dieser Kristallablagerungen auf, nahmen den gesamten Platz für sich ein. Ein verstörender Anblick und doch ... war Platan gefangen von dieser Schönheit.

Unsicher suchte Mähikel seine Nähe und schmiegte sich an ihn.

Ohne den Blick von den Kristallen abzuwenden, stellte er zögerlich eine Frage: „... Spürst du das auch?“

Darauf folgte ein leiser Laut, der verriet, dass sie nicht verstand, was er meinte.

„Wie soll ich sagen? Es fühlt sich so ... vertraut an.“

Es könnte an der Faszination liegen, die diese Kristalle auf ihn ausübten, sein Herz schlug weiterhin in einem seltsamen Takt. Von ihnen ging aber noch mehr aus. Ein Gefühl von ... Vertrautheit eben. Auch wenn das nicht möglich sein konnte. Solche Kristalle hatte er in all den Jahren, die er in Kalos verbracht hatte, noch nie gesehen.

Nein, das stimmt nicht. Ich habe diese Art Kristall schon einmal gesehen.

Dann traf ihn die Erkenntnis.

„Die Fluxia-Sonnenuhr!“, verkündete Platan aufgeregt. „Diese Kristalle ähneln dem in Fluxia City, Mähikel!“

Jene Sonnenuhr, welche vor 3000 Jahren entstanden war, zusammen mit den Mega-Steinen. Einst gewöhnliche Steine, die von dem Licht der Ultimativen Waffe berührt wurden. Azett hatte ihm diese Theorie vor einigen Jahren in einem Gespräch bestätigt.

Jedenfalls erklärte es das vertraute Gefühl, denn Platan hatte sich sehr lange und eingehend mit der Fluxia-Sonnenuhr befasst, weil er das Rätsel ihrer Herkunft lösen wollte – jede Verbindung zur Mega-Entwicklung hatte damals sein Interesse geweckt. Aber warum wuchsen solche Kristalle nun hier, mitten in Illumina City?

Eigentlich gab es nur eine Erklärung dafür.

Vor fünf Jahren hatte Flordelis die Ultimative Waffe erneut abgefeuert, gespeist mit der Energie von Xerneas und Yveltal. Hierbei könnte es sich um weitere, sichtbare Nebenwirkung dieses Vorfalls handeln, zusätzlich zu den neuen Mega-Steinen, die in Kalos aufgetaucht waren.

„Flordelis ...“

Vor einer Gruppe Kristalle, welche auf dem Boden gewachsen waren, ging Platan in die Knie und verlor sich in ihrem Anblick. Geborgenheit und Wärme überkamen ihn. Magenta. Wahrlich eine außergewöhnlich Farbe, voller Geheimnisse, deren Ursprung nicht zu fassen war. Nicht für einen gewöhnlichen Menschen.

In dem Hinterhof war durch das sanfte Glühen der Kristalle die Umgebung in ein zärtliches Rosa getaucht, ein blasser Schleier von Magenta.

Alles war so ... so ...

Ehe Platan sich davon abhalten konnte, streckte er bereits die Hand aus und kaum berührten seine Fingerspitzen einen Kristall, setzte sich etwas in Bewegung. Eine Woge aus Energie sprang auf ihn über, drang durch seine Hand in ihn ein, selbst als er erschrocken nach hinten fiel und den Kontakt zu der Ablagerung dadurch abbrach. Das glühende Magenta löste sich mehr und mehr von den Kristallen in der Umgebung, um sich stattdessen in ihm zu bündeln.

Eine immense Hitze entstand in Platan, breitete sich in seinem Körper aus und setzte sich fest. Nicht auf unangenehme Weise, doch es brachte sein Herz zum Rasen. Mit jedem einzelnen Atemzug spürte er, wie sich etwas veränderte. Wie die Hitze ihn übernahm, mit ihm verschmolz. All die Energie spannte seinen Körper an und versetzte ihn in einen derart wachen Zustand, dass sich jede einzelne Sekunde wie eine Ewigkeit in die Länge zog. Durch die Menge an Energie, von der er durchströmt wurde, gelang es ihm jedoch nicht, einen klaren Gedanken zu fassen, obwohl er mehr als genug Zeit dafür hätte.

Um ihn herum entstand ein Chor aus Zerstörung und dröhnte in seinen Ohren. Ein Kristall nach dem anderen nahm einen letzten Atemzug, als sie zersplitterten, dadurch auf unwirkliche Weise miteinander musizierten. Ein Klang, der in dieser Ewigkeit wie eine störende Vibration war und seinen Körper zum Zittern brachte.

Stöhnend ertastete Platan den Pyroleonit unter seiner Kleidung und rief nach Mähikel, deren Laute er nur als fernes Echo wahrnehmen konnte.

Schließlich ... endete diese Ewigkeit abrupt und der Energiefluss versiegte.

Vollkommen abwesend starrte Platan in die Leere, saß auf dem Boden und schnappte nach Luft. Erst als Mähikel ihm panisch mähend auf den Schoß stieg, kam er wieder richtig zu sich und blinzelte mehrmals. Nervös zitternd hob er eine Hand und tastete über ihren Rücken. Sie stupste mit ihrer Nase wieder und wieder gegen seine Wange, hörte nicht auf besorgt zu mähen.

Es dauerte etwas zu lang, bis er sich dazu imstande fühlte, etwas zu sagen: „... Alles in Ordnung.“

Mit einem Nicken bestätigte er sich das auch noch einmal selbst. „Es ... es geht mir gut.“

Offenbar halfen diese Worte dabei, Mähikel zumindest ein bisschen aufatmen zu lassen, aber sie blieb auf seinem Schoß und rieb ihren Kopf an ihm. Auf diese Weise bemühte sie sich stets, ihn zu beruhigen. Zum Dank umarmte er sie unbeholfen und ließ dabei den Blick schweifen. Sämtliche Kristalle, welche zuvor den Hinterhof eingenommen hatten, waren verschwunden. Nicht einmal zarte Partikel waren zurückgeblieben.

Dafür fühlte Platan sich ... anders.

Gut. Ziemlich gut sogar.

Hellwach. Energiegeladen.

Normalerweise war er überhaupt nicht sportlich veranlagt, daher war ihm dieses Gefühl eher fremd. Oft hatte er versucht mit dem Joggen anzufangen und endete nach wenigen Metern nur immerzu im nächstbesten Café, wo er eine Pause einlegte. Zum ersten Mal glaubte er, zu verstehen, warum manche Menschen sich unbedingt viel bewegen wollten. In ihm tobte eine Energie, die sich geradezu danach sehnte auszubrechen.

Was hatte das zu bedeuten?

Was war eben passiert?

In der Ferne nahm Platan etwas wahr, das ihn von diesen Gedanken ablenkte. Gezielt lenkte er den Blick in einige bestimmte Richtungen. Glaubte, durch die Gebäude hinweg etwas ausmachen zu können. Etwas rief nach ihm – und das waren nicht die Stimmen einiger besorgter Passanten, die gerade zu ihnen in den Hinterhof eilten.

„Oh“, entglitt es Platan verstehend, während er weiter in die Ferne starrte, ohne zu blinzeln. „Es sind noch mehr Kristalle erblüht.“

Ich werde dir helfen

„Ich würde es wirklich begrüßen, wenn Sie mir etwas bereitwilliger folgen und ich Sie nicht die ganze Zeit hinter mir her ziehen muss“, murrte die Frau, in einem krampfhaft höflichen Ton. „So macht es den Eindruck, als würde ich Sie verschleppen wollen. Wir haben sicher schon mindestens eine Person beunruhigt, so schwerfällig wie wir vorankommen. ... Hören Sie mir überhaupt zu?! Was ist nur los mit deinem Trainer?“

Ein ratloses Mähen folgte.

„Vielleicht rufen wir am Imbiss Nouveau lieber einen Arzt für ihn“, schlug sie monoton vor. „Unser Kaffee ist gut, aber kein Wunderheilmittel. Ich lasse das aber am besten den Chef entscheiden.“

Sie stieß einen angespannten Seufzer aus. „Ich sollte nur kurz etwas holen und dann finde ich dieses Elend im Hinterhof vor ...“

Nach diesen Worten entschuldigte sie sich rasch. „Pardon, so war das nicht gemeint! Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie meinem Chef gegenüber nichts von meiner ruppigen Wortwahl erwähnen.“

Da keine Reaktion folgte, murmelte sie erneut für sich: „Was ist nur los mit ihm?“

Platan war abgelenkt.

Von all den leuchtenden Punkten um sich herum.

Weil es inzwischen dunkel geworden war, stachen sie umso deutlicher hervor. Einige davon waren weit entfernt und nur als blasse, rosafarbene Flocken zu erkennen, doch je näher sie sich befanden, desto kräftiger war das Magenta und sie besaßen eine leicht blumenartige Form. All diese Punkte waren wie zahlreiche Volbeat und Illumise, die sein Sichtfeld zum Teil in ein glühendes Lichtermeer verwandelten. Obendrein hatte er das Gefühl, sie würden nach ihm rufen.

Diese Lichter.

Jedes einzelne ein geheimnisvoller Kristall, der in der Stadt gewachsen war.

Offenbar hatte Platan längere Zeit nicht mehr geblinzelt, denn irgendwann waren seine Augen derart trocken, dass er sie schließen musste und deshalb kurz stehenblieb. Sehr zum Verdruss der Frau, was sie jedoch nur mit einem genervten Laut mitteilte.

Einige Passanten mussten das Lichtspiel im Hinterhof bemerkt haben und waren zu ihm gekommen, als es schon wieder vorbei war. Unter anderem diese Frau, welche den anderen versichert hatte, sich um ihn zu kümmern. Seitdem bemühte sie sich, ihn irgendwo hinzubringen. Zu einem Imbiss? Hatte er das richtig gehört? Leider hatte er in den letzten Minuten nicht viel von dem mitbekommen, was um ihn herum passiert war, weil ihn seine neue Sicht gänzlich einnahm.

Als er die Augen wieder öffnete, bemühte er sich, seinen Blick auf die hilfsbereite Person zu fokussieren. Eine wahrlich stylische Erscheinung, wie er schnell feststellte.

Offensichtlich eine Barista, zumindest ließ das die schicke Kleidung vermuten. Ihr platinblondes Haar ging zu den Spitzen hin in ein feuriges Orangerot über und war zu zwei hohen, dicht aneinander liegenden, Zöpfen gebunden. Einzelne Strähnen tanzten aus der Reihe, eine davon fiel ihr geschwungen ins Gesicht. Hinter einer Brille mit einem weißen, dicken Gestell lag ein hellblaues Augenpaar, das seinen Blick ausdruckslos erwiderte. Auf eine Art wirkte es recht kühl und gleichzeitig lag etwas Warmes darin. Ähnlich wie bei Flordelis damals.

Die Erinnerung an ihn sorgte dafür, dass Platan ihr viel zu lange in die Augen sah.

„... Haben Sie sich jetzt endlich gefangen?“, erkundigte die Frau sich schließlich trocken.

„Äh ...“ Etwas unbeholfen, als müsste er es zuerst wieder lernen, blinzelte Platan einige Male. „J-ja, ich denke schon. Tut mir leid, ich war nicht ganz bei mir.“

Darauf hoben sich ihre Augenbrauen, ohne dass sie ihre Ausdruckslosigkeit verlor. „Was Sie nicht sagen. Deshalb sollten Sie sich besser hinsetzen und ausruhen. Nicht weit von hier ist unser Imbiss, wo Sie einen Kaffee trinken können. Der geht auch auf uns.“

„Oh, das ... das ist sehr großzügig“, entgegnete Platan zögerlich. „Vielen Dank.“

An seinen Beinen spürte er Mähikel, die ihren Kopf an ihm rieb. Sein Blick wanderte zu ihr, um ihr mit einem Lächeln noch einmal zu versichern, dass sie sich keine Sorgen machen musste. Wahrscheinlich half das aber momentan nicht wirklich. Für Mähikel und die Frau musste er gegenwärtig den Eindruck erwecken, es ginge ihm nicht gut, doch das Gegenteil war der Fall. Ihn irritierte nur sehr, was er nun sehen konnte. Wen hätte das nicht abgelenkt?

Als er den Blick etwas schweifen ließ, musste er sich stark konzentrieren, die Lichter auszublenden, um zu erkennen, wo sie gerade waren. Von der Herbstallee aus mussten sie vor wenigen Augenblicken den Zentral-Plaza betreten haben. Innerhalb weniger Sekunden hatte das Leuchten der Kristalle in der Nähe ihn aber schon wieder in den Bann gezogen. Die Wand, welche den Prismaturm einschloss, war nun überwuchert von ihnen. Genau wie der Hinterhof eben. Vor einigen Stunden waren sie noch nicht da gewesen.

Anscheinend bemerkte seine Begleitung, wie sehr er sich für diese Ablagerungen interessierte, weshalb sie zu einer Erklärung ansetzte: „Das sind Mega-Kristalle. Sie bestehen aus einer rätselhaften Energie und wachsen seit einiger Zeit immer wieder überall in der Stadt. Sehen Sie die heute zum ersten Mal?“

Statt zu antworten, nickte Platan leicht.

Mega-Kristalle.

So nannte man sie also – und sie waren kein unbekanntes Phänomen. Seit wann gab es sie schon in der Stadt?

„Normalerweise sorgt man dafür, dass sie zerstört werden, um das Gesamtbild von Illumina City nicht zu verschandeln, aber-“

„Aber sie sind wunderschön“, unterbrach Platan sie fasziniert. „Finden Sie nicht?“

„... Vermutlich?“, erwiderte sie, hörbar empört über seine unhöfliche Art.

Verständlich, man sollte anderen nicht einfach das Wort abschneiden, während sie etwas erklären wollten. Das war in der Tat nicht anständig.

Nur mit Mühe gelang es ihm, den Blick von den Kristallen zu lösen und sie anzusehen. „Ich bitte um Verzeihung. Normalerweise bin ich nicht so unhöflich. Seit wann wachsen diese Mega-Kristalle hier? Wer kümmert sich um dieses Problem?“

Das Labor mit Sicherheit nicht, dafür hätte Magnolia auch keine Zeit, neben all der anderen Arbeit. Dabei sollte dieses Phänomen von einem Pokémon-Professor untersucht werden, der sich auch mit der Mega-Entwicklung beschäftigte. Der Name der Kristalle ließ zumindest darauf schließen, dass deren Energie damit im Zusammenhang stand. Wie aufregend!

Bevor die Frau ihm aber antworten konnte, stieß Mähikel einen warnenden Ruf aus. Anschließend schien der Boden zu vibrieren und in der Nähe war ein panischer Schrei zu hören. Im nächsten Augenblick sprang ein riesiges Pokémon mit einem hohen Satz über den Kampfplatz hinweg, der nicht weit entfernt war, und landete nur wenige Meter von ihnen entfernt mitten auf der Straße des Zentral-Plaza.

Ein Grebbit!

Ein ungewöhnlich großes Grebbit mit rot glühenden Augen, das aufgebracht mit seinen langen, kräftigen Ohren auf den Boden schlug, der erneut erzitterte. Das wütende Brüllen dabei ergab ein überaus verstörendes Bild für Platan, denn für gewöhnlich waren Grebbits eher friedlich.

„Mist, ein Elite-Pokémon“, merkte die Frau erstaunlich ruhig an.

Mit einer Handbewegung gab sie Mähikel und Platan zu verstehen, dass sie sich darum kümmern würde. Tatsächlich zog sie bereits einen Pokéball aus einer Tasche ihrer Schürze und ging furchtlos einige Schritte näher zu dem Grebbit, das sie sofort ins Visier nahm. Drohend hob es seine Ohren und fuchtelte mit ihnen herum, als seien es Fäuste.

Bevor es sich aber auf die Frau stürzen konnte, rief sie ein Fiaro aus dem Pokéball nach draußen, das es mit einem Wirbelwind erst einmal wieder auf genügend Abstand brachte. Daraufhin entbrannte sofort ein Kampf zwischen den beiden Pokémon, dem Platan nur ungläubig beiwohnen konnte. Auch Mähikel konnte nicht so recht glauben, was sie da sah.

Was waren Elite-Pokémon? Auch die mussten ein bekanntes Problem sein, wenn die Frau sofort wusste, womit sie es zu tun hatte. Irgendwie erinnerte das Grebbit Platan etwas an die Herrscher-Pokémon aus Alola, von denen sein Kollege Kukui ihm damals bei einer Professoren-Konferenz erzählt hatte.

Ob die Energie der Mega-Kristalle einige wilde Pokémon in Illumina City beeinflusst hatte? Womöglich waren sie deswegen sogar überhaupt in die Stadt gekommen.

Gerade, als zwei andere Trainer vom Kampfplatz der Frau zu Hilfe eilten, blendete Platan etwas regelrecht im Augenwinkel. Einer der leuchtenden Punkte war in Flammen aufgegangen und bewegte sich. Mit jedem Atemzug wurde dieses unheilvolle Leuchtfeuer größer und das Magenta unangenehm grell. Instinktiv ahnte Platan, dass eine Gefahr drohte. Etwas noch Gefährliches als dieses Elite-Pokémon kam auf sie zu.

Er wusste es.

Wie genau vermochte er nicht zu sagen, aber Platan wusste es.

Sein Herz fing an zu rasen.

Wenn diese Gefahr hier eintraf, gäbe es ganz sicher Verletzte. Zumal sich hier bereits drei Trainer um ein einziges tobendes Elite-Grebbit kümmern mussten. Sicher besaßen sie noch mehr kampffähige Pokémon und wären nicht vollkommen hilflos, aber ...

Aber ...

Ich will nicht schon wieder einfach nur abwarten und nichts tun!

Deswegen handelte Platan, ohne nachzudenken. Fordernd rief er Mähikels Namen und stürmte los, glücklicherweise folgte sie ihm sofort. Hinter ihnen ertönte die Stimme der Frau, doch er durfte ihr jetzt kein Gehör schenken und sich nicht aufhalten lassen. Ihr Fiaro war immun gegen Boden-Attacken und somit eine gute Wahl gegen Grebbit, zudem hatte sie Unterstützung. Es sah so aus, als würden sie zurechtkommen.

Platan wollte sich um diesen lichterloh brennenden Punkt kümmern und seinen Beitrag leisten. Er wollte helfen. Davon würde er sich nicht abbringen lassen.

Während er mit Mähikel dem unheilvollen Leuchtfeuer entgegen rannte, entstand mehr und mehr eine antreibende Hitze in ihm. Etwas hatte angefangen in seinem Inneren zu fließen, wie ein rauschender Fluss. Jeder Winkel seines Körper wurde von Energie durchströmt. Energie, dank der Platan so schnell rennen konnte wie noch nie zuvor und die ihn vor jeglicher Erschöpfung bewahrte.

In kurzer Zeit legten sie eine weite Strecke zurück, über den Boulevard Vert, vorbei am Wildsektor 2, bis er sich irgendwann auf einer der Brücken über dem Nasswasserweg wiederfand. Mähikel hatte ihm problemlos folgen und mit ihm Schritt halten können. Sie zeigte auch keine Anzeichen von Erschöpfung, als sie schließlich nach diesem Sprint anhielten und der Gefahr gegenüber standen, die Platan hatte wahrnehmen können.

Mehrere Meter entfernt, auf der anderen Seite der Brücke, stand ein Absol. Es starrte Platan eindringlich an. Eine Mischung aus Schmerz, Unruhe und Wahnsinn lag in den roten Augen des Pokémon.

Sein Körper war von einer magentafarbenen Aura eingenommen. Reine Energie, Platan konnte es deutlich spüren. Ein Schauer jagte ihm über den Rücken. In feinen Linien floss die Energie um Absol herum, zog mit unzähligen Partikeln ein Muster durch die Luft, das an einen DNA-Strang erinnerte – wie bei der Mega-Entwicklung.

Ausgerechnet das Desaster-Pokémon Absol, jenes Wesen, das vor drohenden Katastrophen warnte und nun selbst kurz davor stand zu einer zu werden. Genau wie in vielen düsteren Märchen. Welch schicksalhafte Begegnung.

Schützend stellte Mähikel sich vor Platan und brummte ernst. Ein Ton, den er nur höchst selten von ihr hörte. In der Regel nur, wenn sie ihn streng dazu aufforderte zu essen oder ihn darauf hinwies, dass er sich etwas um sich selbst kümmern sollte. Diesmal war sie aber auf das Absol konzentriert, mit dem offensichtlich etwas nicht stimmte.

Der Schmerz in dessen Augen war besorgniserregend.

„Ganz ruhig“, sagte Platan einfühlsam und hob dabei die Hände, um zu signalisieren, dass er keine bösen Absichten hatte. „Du wolltest zu mir, oder? Hier bin ich. Ich werde dir helfen.“

Wie, das wusste Platan noch nicht. Zuerst wollte er dem Pokémon einfach nur versichern, nicht feindlich gesinnt zu sein. Auch wenn er wusste, eine Gefahrenquelle vor sich zu haben, handelte es sich immer noch um ein Pokémon. Ein lebendes Wesen. Wenn möglich, wollte er ihm helfen, ohne dass es gefährlich wurde. Falls nur der Hauch einer Möglichkeit dazu bestand, musste er es versuchen. Irgendwie.

Daher beugte er sich etwas hinunter, um Mähikel beruhigend über den Rücken zu streichen, während er Absol sanft anlächelte. „Hast du auch etwas von der Energie der Kristalle in dir aufgenommen? Sicher gibt es einen Weg, dich davon zu befreien und damit die Schmerzen zu lindern. Wir werden herausfinden, wie.“

Im Labor gäbe es sicher Wege, Absol zu helfen. Gemeinsam mit Magnolia würde er einen finden, notfalls bat er seine Kollegin aus Alola um Unterstützung, die auch auf Energien spezialisiert war. Magnolia und Burnett würden garantiert hervorragend zusammenarbeiten. Auch wenn Platan dazu wahrscheinlich leider nicht viel beizutragen wüsste.

Aber er könnte wenigstens solange eine Stütze für Absol sein.

Einladend streckte Platan eine Hand aus. „Vertrau mir. Ich werde dir helfen.“

Reglos starrte Absol ihn weiter an, durchtränkt von Energie, die unaufhörlich aus seinem Körper floss und es einnahm. Nach einer Weile wagte es einen ersten Schritt auf Platan zu, dann einen zweiten. Solange es ihm in die Augen sah, schien es den Schmerz halbwegs ignorieren zu können.

Dann durchschnitt plötzlich die Stimme eines Kindes in der Nähe diese Verbindung: „Mama! Guck mal, das Pokémon da leuchtet!“

Absol zuckte zusammen, seine Augen weiteten sich und verloren jeglichen Glanz. Schlagartig gewann der Schmerz die absolute Kontrolle.

Angespannt kreischte Absol verzweifelt gen Himmel, in derselben Sekunde verdichtete sich die Energie um es herum. Schloss das Pokémon gänzlich in einer glühenden Kuppel ein. Das Magenta fluoreszierte auf unnatürliche Weise. Natürlich erkannte Platan sofort, was gerade geschah.

Es führt eine Mega-Entwicklung durch?! Ohne einen Trainer?!

Eigentlich sollte das unmöglich sein, Pokémon waren dazu alleine nicht fähig. Dennoch geschah es gerade, in diesem Moment.

Mähikel baute sich noch mehr vor ihm auf. Ungläubig trat Platan einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. Noch schlimmer war, dass einige wenige Passanten innehielten und das Geschehen von anderen Standpunkten um die Brücke herum beobachteten. Falls darunter kein Trainer war, hatten sie ein gewaltiges Problem. Immerhin lagen ihm Kämpfe nicht, Mähikel war also nicht trainiert.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie dumm es von ihm war dieser Gefahr in die Arme zu laufen. Was sollte er schon ausrichten? Er war nutzlos, wie ihm einmal mehr bewusst wurde. Aus diesem Grund hatte er Illumina City damals überhaupt verlassen.

Abermals war ein Kreischen von Absol zu hören, das von der Kuppel eingeschlossen worden war, welche daraufhin mit einem lauten Knall zerbarst. Dadurch wurde eine Energiewelle freigesetzt, die Platan beinahe von den Füßen riss. Tausende glühende Partikel wirbelten durch die Luft, um Absol herum, das seine Form verändert hatte. Nicht nur das, es schien auch wesentlich größer geworden zu sein. Noch mehr, als bei der gewöhnlichen Mega-Form.

Zwei Engelsflügel ragten nun aus Absols Rücken, wobei es sich um sein Fell handelte, das insgesamt etwas dichter und wilder war als vorher. Nun fiel es ihm auch zum Teil glatt über die rechte Seite seines Gesichts und ließ es unnahbarer erscheinen. Sein linkes Horn hatte sich mehr verdichtet, der Ansatz eines weiteren wuchs auf der anderen Seite.

Am auffälligsten war aber die Energie, von der Absol nach wie vor erfüllt war. Etwas Dunkles trübte nun das zuvor strahlende Magenta, verwandelte es eher zu glimmender Asche, die den Willen des Pokémon durch noch mehr Schmerz beherrschte.

Ruckartig bewegte Absol seinen Kopf, in der nächsten Sekunde schossen ihnen Windsicheln entgegen. Noch bevor Platan diesen Angriff überhaupt realisieren konnte, nutzte Mähikel Rankenhieb und schlang sie um seine Hüfte, um ihn mit sich zur Seite zu zerren. Da die Brücke nicht allzu groß war, prallten sie beim Ausweichen gegen das Geländer, während Absols Attacke mehrere Risse neben ihnen im Boden hinterließ. Das war wirklich knapp.

Rasch löste Mähikel ihre Ranken von seiner Hüfte und stellte sich Mega-Absol entgegen. Ohne jegliche Anweisung setzte sie Rasierblatt auf ihren Gegner ein, doch sie wurden durch einen Prankenhieb von Absol zerschnitten. Nahezu zur Seite gewischt, wie störender Staub, der sich absetzen wollte. Gegen ein Mega-Pokémon hatte Mähikel keine Chance.

Platan stieß sich vom Geländer ab. „Mähikel! Nicht!“

Statt auf ihn zu hören, preschte sie vor und warf sich mit Tackle gegen Absol, das selbst mit physischer Gewalt nach vorne schnellte. Verbunden mit einer Kraft, durch die Mähikel quer über die Brücke zurückgeschleudert wurde. Entsetzt rief Platan abermals ihren Namen und eilte zu ihr, doch bevor er sich neben sie knien konnte, stand sie bereits wieder. Überrascht hielt Platan inne, erst recht als sie ihm einen Blick zuwarf, der vor Entschlossenheit brannte.

Wie ein wahres Leuchtfeuer der Hoffnung.

Auf der anderen Seite der Brücke schrie Absol ein weiteres Mal, das Leid in diesem Hilferuf griff nach Platans Herz – und da verstand er vollkommen, was Mähikel gerade fühlen musste.

„Ja, ich will ihm auch helfen“, versicherte Platan ihr, wobei er eine Hand auf seine Brust legte.

Diese Worte hatte er nicht nur so daher gesagt. Absol litt fürchterlich. Niemand konnte sich ausmalen, was für eine Qual diese seltsame Mega-Entwicklung bei ihm verursachen musste. Schon unter normalen Umständen ging das niemals spurlos an Pokémon vorbei. Irgendwie mussten sie das schnell beenden.

„Tun wir unser Bestes, Mähikel!“

Schnaubend fixierte sie mit ihrem Blick wieder Absol, das mit einem Sturmangriff über die Brücke fegte, geradewegs auf sie zu. Eigentlich beherrschte Mähikel keine Attacke, mit der sie sich dagegen verteidigen oder kontern könnte. Aber sie würden es versuchen, er wollte ihren Mut belohnen und an sie glauben.

Platan riss die freie Hand nach vorne. „Setz noch einmal Tackle ein!“

Energisch mähend setzte sie sich in Bewegung, zögerte keine Sekunde. Auch ihr musste bewusst sein, dass sie diesmal genauso schmerzhaft zurückgestoßen werden würde wie schon zuvor. Zurückweichen wollte sie deswegen aber nicht, auch Platan würde das nicht tun. Seine Aufgabe war es, ihr mit seinem Glauben an sie Kraft zu geben. Durch das unzertrennbare Band von Menschen und Pokémon.

Zusammen würden sie ihr Besten geben, um Absol zu helfen, so wie sie es sich wünschten.

In dem Moment, als das Mega-Pokémon mit Mähikel zusammenstoßen sollte, prallte es an einer Kuppel aus magentafarbener Energie ab und stolperte weit zurück. Mähikel war nicht mehr zu sehen. Nur Energie. Reines, prächtiges Magenta, das von Platans Hand aus zu seiner treuen Freundin strömte und sie schützend einschloss. In der gleichen Kuppel, welche zuvor Absol verändert und stärker gemacht hatte.

Genau wie vorhin nahm Platans Herzschlag für einige Sekunden einen ungewohnt kräftigen Rhythmus ein, der Atem stockte ihm. Jene Energie, die er in sich aufgenommen hatte, teilte er nun mit Mähikel. Für eine kurze Ewigkeit spürte er, wie nahe sie sich waren. Wie der Klang ihres Herzens mit seinem verschmolz. All die Gefühle, die sie beide in sich trugen, geboren aus den vielen Jahren, in denen sie Seite an Seite gelebt hatten.

Als diese Ewigkeit endete, explodierte die Kuppel um Mähikel und ein weiteres Mal verteilte sich Energie in Form von Partikeln in der Umgebung. Durch eine Druckwelle wurden sie weitergetragen und erfüllten die Atmosphäre mit magentafarbenen Sternen.

Mähikel ... hatte sich nun auch verändert.

Ebenso wie bei Absol war sie größer als zuvor, das Geweih erreichte beinahe seine Schulter. Ihre Körpergröße war allerdings eine Kleinigkeit im Vergleich zum Rest.

Der zuvor grüne Blätterkragen hatte sich so sehr verdichtet, dass er die Hälfte ihres Kopfes verdeckte und sich noch mehr quer über ihren Rücken zog, wie eine wärmende Decke oder ein langer, dicker Schal. Außerdem war er rosa und es wuchsen pastellfarbene Beeren darin – oder kleine Juwelen, es war nicht genau auf den ersten Blick zu erkennen, doch sie waren wunderschön.

So wie ihre rote Nase, von der durch den Blätterkragen kaum noch etwas zu sehen war, oder ihr Geweih. Es war nach innen gebogen und bildete beinahe ein geschlossenes Herz. An ihren Hufen war auch das weiße Fell gewachsen und umschloss sie vollständig, wie flauschige Wintersocken oder Stiefel.

Sogar ihr Mähen, das sie voller Stolz ausstieß, klang anders. Zauberhafter. Majestätischer. Feenhaft. Über ihrem Kopf erschien dabei für einige Wimpernschläge das Symbol der Mega-Entwicklung, ein regenbogenfarbener DNA-Strang, womit ihr Formwechsel abgeschlossen war.

„... Mähikel“, flüsterte Platan bewundernd. Langsam ließ er die Hand sinken und betrachtete sie mit einem gerührten Funkeln in den Augen. „Du bist ... ein Feen-Pokémon.“

Unverkennbar, diese Ausstrahlung. So etwas sah er auf einen Blick.

Ein Feen- und Pflanzen-Typ.

Obendrein ...

„Wir haben es geschafft.“ Überwältigt legte er die Hände aneinander. „Uns ist eine Mega-Entwicklung gelungen!“

Ohne Schlüssel-Stein und Mega-Stein. Unglaublich.

Mehr Zeit zur Freude blieb leider nicht mehr, denn Absol dachte natürlich nicht daran, nur still dazustehen und abzuwarten. Kreischend warf es den Kopf in den Nacken und eine düstere, violette Energie, die sich zu einer wabernden Masse verdichtete, drang aus Absol heraus. Breitete sich in Wellen um es herum aus. Alles, was damit in Berührung kam, bildete Risse und wurde instabil. Davon durfte auf keinen Fall jemand getroffen werden.

Der nächste Angriff musste auch der letzte sein.

„Mähikel! Mondgewalt!“, befahl Platan gefasst.

Eigentlich beherrschte sie diese Technik nicht. Eigentlich.

In dieser Form war es ihr aber möglich, zweifelsohne. Das wusste er. So wie er gewusst hatte, was für eine Gefahr sich in seine Richtung bewegt hatte.

Tatsächlich setzte Mähikel die Anweisung in die Tat um, ohne zu zögern. Erhaben hob sie den Kopf und mähte den Himmel an, wo mittlerweile der Mond aufgegangen war. Feen-Energie strömte aus ihr hervor und schloss sich zu einer stark gebündelten Kugel zusammen, in deren Mitte ein rosa Stern ruhte. Diese Mondgewalt schleuderte Mähikel Absol entgegen und Platan fiel sofort auf, dass diese Attacke viel gewaltiger wirkte als gewöhnlich. Sicher lag das an der Mega-Energie.

Ohne Probleme schwebte die Kugel über die violette Masse hinweg, zielsicher auf Absol zu. Da es immer noch vor Schmerz schrie, bemerkte es den Angriff nicht und wurde mit Wucht davon getroffen. Noch dazu sehr effektiv, weil Unlicht empfindlich auf Fee reagierte.

Absol stieß einen weiteren Schmerzensschrei aus und wurde zurückgeworfen, sofort zog sämtliche Energie sich in das Pokémon zurück. Offenbar sorgte der Schock auch dafür, dass die Mega-Entwicklung mit einem Schlag endete. Es schrumpfte auf seine ursprüngliche Größe zurück und alle anderen äußeren Merkmale nahmen ebenfalls wieder ihre gewöhnliche Form an. Angespannt keuchend blieb Absol am Boden liegen. Auf dem besorgniserregend rissigen Boden.

Platan lief los, Mähikel folgte ihm und zog eine magische Spur aus feenhafter Energie hinter sich her. Bei Absol angekommen, griff er nach dem armen Pokémon und zog es vorsichtig zu einer Stelle, die nicht danach aussah, als würde sie bei dem kleinsten Hauch in sich zusammenbrechen. Während er das tat, bemerkte er, wie die Energie aus Absol durch seine Berührung auf ihn überging. Darüber sollte er sich wahrscheinlich Gedanken machen, doch ihm war zunächst wichtiger, Absol in Sicherheit zu wissen.

Als das der Fall war, kniete Platan sich beruhigt neben Absol und atmete etwas auf. Noch immer floss die Energie zu ihm hinüber, dadurch entspannte Absol sich mehr und mehr. Bald keuchte es nur noch vor Erschöpfung, sämtlicher Schmerz musste nun fort sein. Was für eine Erleichterung.

Platan tauschte einen Blick mit Mähikel, deren warme Mimik ihm verriet, wie froh auch sie war.

Danach strich er Absol beruhigend über das silberweiße Fell. „Alles gut. Es ist vorbei. Nun kannst du dich ausruhen.“

Zuerst huschte das rote Augenpaar unsicher zu ihm, aber kaum lächelte Platan, füllte es sich mit Dankbarkeit. Darum blieb Absol auch einfach liegen, statt einen Fluchtversuch zu unternehmen – was ihm wahrscheinlich aufgrund von Kraftlosigkeit ohnehin nicht gelungen wäre. Zum Glück musste es aber keine Angst haben. Nicht vor Mähikel und Platan.

Aber hier sollten sie nicht bleiben. Absol benötigte dringend Ruhe und medizinische Versorgung.

„Wenn das für dich in Ordnung ist“, sprach Platan ruhig weiter, „würde ich dich gerne zu einem Ort bringen, wo du geheilt werden kannst.“

Mit der freien Hand zog er einen der wenigen, leeren Pokébälle, die er bei sich trug, aus seiner Manteltasche und zeigte ihn Absol. „Weißt du, was das ist? Darin kann ich dich leichter transportieren. Du wärst auch sicher und könntest ohne Störungen schlafen. Sobald du geheilt bist, lasse ich dich wieder frei.“

Absol hatte durch diese aufgezwungene Mega-Entwicklung bereits genug durchmachen müssen, also wollte Platan es nicht noch mehr in Panik versetzen, indem er es einfach einfing, ohne vorher zu fragen. Ihm wäre es wirklich lieber, würde Absol sich freiwillig mitnehmen lassen. Falls nicht, müsste er sich etwas anderes überlegen.

So weit musste es aber nicht kommen, denn Absol schloss die Augen, nachdem es kurz über seine Worte nachgedacht hatte. Wahrscheinlich verstand es nicht jedes einzelne davon, sicher konnte es dennoch Platans guten Absichten heraushören. Also konnte er den Pokéball behutsam gegen Absols Kopf drücken, um es einzufangen. Das erschöpfte Pokémon löste sich in blau-weißes Licht auf und verschwand.

Direkt im Anschluss endete auch Mähikels Mega-Entwicklung. Sämtliche Energie löste sich von ihr und floss zu Platan zurück, während sie ihre normale Form wiedererlangte. Kaum war dies geschehen, knickte sie ein wenig ein, weshalb Platan sofort seine Arme um sie schlang und somit auffing.

„Du warst unglaublich!“, lobte er sie überschwänglich. „Du hättest dich selbst sehen sollen! Wie wunderschön du ausgesehen hast~. Ich bin unbeschreiblich stolz auf dich, meine Liebe. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr.“

Bei den letzten Worten zitterte seine Stimme etwas, weil ihn die Emotionen übermannten. Glücklich und zufrieden schmiegte Mähikel sich an seine Brust, er drückte sie lächelnd an sich.

„Dich lassen wir auf jeden Fall auch untersuchen“, beschloss er. „Nur zur Sicherheit.“

Hoffentlich hatte diese Mega-Entwicklung keine schädigenden Spuren bei ihr hinterlassen und war nur etwas kräftezehrend gewesen. Am besten brachte er Absol und Mähikel beide sofort ins Labor. Dort besaßen sie die gleiche Technik wie das Pokémon-Center – und mehr Möglichkeiten, seit letzteres nur noch ein eher kleiner Zwischenstopp war.

Neugierige Passanten wagten sich allmählich auf die Brücke und beobachteten mit gemischten Gesichtsausdrücken, wie auch sämtliche Fragmente von Mega-Energie, die sich in Form von Partikeln in der Umgebung verteilt hatte, magnetisch von ihm angezogen wurden, bis sie in ihm verschwanden. Inzwischen verdeutlichten nur noch die Kampfspuren an der Brücke, dass hier etwas vorgefallen war. Allerdings gab es einige Augenzeugen, die sich ihm näherten und vermutlich wissen wollten, ob alles in Ordnung sei.

Er sollte sich besser keine Zeit mehr lassen und schnell verschwinden. Erklärungen für das, was eben hier geschehen war, konnte er nämlich auch nicht bieten und müsste einiges zunächst selbst verarbeiten. Allerdings stand fest, dass er nun untrennbar mit dem, was in Illumina City vor sich ging, verbunden war. Und er würde sich überlegen müssen, ob und wie er das fortan nutzen sollte.

Ich will diese Fähigkeit nutzen

Erneut hatte Platan das Labor zu später Stunde aufgesucht, bereits zum zweiten Mal seit seiner Ankunft in Illumina City.

Diesmal hatte er aber darauf verzichtet mit Magnolia zu sprechen, obwohl er das vielleicht hätte tun sollen. Es wäre sicher besser, ihr von seinen heutigen Erlebnissen zu berichten, vor allem bezüglich der Mega-Kristalle und über diese forcierte Mega-Entwicklung. Allerdings könnte er das auch noch an einem anderen Tag tun. Magnolia dürfte weiterhin in Arbeit versinken und war demnach ohnehin zu beschäftigt. Außerdem musste Platan alles, was geschehen war, zunächst für sich selbst verarbeiten. Immerhin war er aus diesem Grund auch vor den Schaulustigen auf der Brücke geflohen.

Im ersten Stock des Labors, wo nach dem Feierabend außer ihm sonst niemand mehr anwesend war, hatte er die dortigen Geräte dazu genutzt, Mähikel und Absol zu heilen und auch einen prüfenden Blick auf ihre Energiewerte zu werfen. Glücklicherweise waren sie nicht auffällig, sondern erstaunlich normal, trotz der Mega-Entwicklungen. Da er auch keine anderen Unstimmigkeiten in den allgemeinen Untersuchungsergebnissen finden konnte, war davon auszugehen, dass es den Pokémon gesundheitlich gut ging, was ihn zumindest für den Moment beruhigte.

Einige Zeit später verließ er das alte, vertraute Gebäude wieder. Allein.

Ausnahmsweise hatte er Mähikel gebeten, eine Weile im Pokéball zu bleiben und in Ruhe zu schlafen, um neue Energie zu tanken. Die Mega-Entwicklung war doch auslaugend für sie gewesen, verständlicherweise. Diese Erholung hatte sie sich redlich verdient. Ohne ihren Mut und ihre Entschlossenheit hätten sie Absol nicht retten können.

Draußen hing ein pechschwarzer Himmel über Illumina City, dank des Prismaturms mussten sie die Dunkelheit jedoch nicht fürchten. In der Nähe sorgten auch die holografischen Wände von Wildsektor 1 für zusätzliches Licht, welches ihm eher weniger behagte. Darum beschloss er, sich davon zu entfernen und schritt den Südring in westlicher Richtung entlang. Ein gutes Stück weiter wechselte er die Straßenseite, stieg ein paar Stufen auf eine höher gelegene Ebene hinauf und betrat durch einen Torbogen eine kleine, bescheidene Grünanlage, umschlossen von hohen Gebäuden. Dort war nichts mehr von den Baugerüsten oder dem Wildsektor zu sehen.

Zu dieser Uhrzeit waren kaum noch Menschen oder Pokémon unterwegs, also war es angenehm ruhig und friedlich. Der perfekte Ort, um sein Versprechen einzuhalten. Also holte er einen bestimmten Pokéball hervor und entließ Absol – ein Männchen, wie er dank der Untersuchung in Erfahrung gebracht hatte – aus diesem.

Absol zeigte keinerlei Anzeichen von Nervosität oder Unruhe, als er sich materialisiert hatte, er wirkte sogar eher entspannt. Dennoch machte er sich zuallererst ein Bild von der Umgebung, bevor er letztendlich Platan ansah. Anders als bei ihrem ersten Blickkontakt war das rote Augenpaar nicht mehr erfüllt von Schmerz. Vielmehr von Wärme.

Leider drang kaum etwas vom Mondlicht in diese Grünanlage vor und doch schimmerte das silberweiße Fell von Absol wunderschön. Auch ein Zeichen dafür, dass er wirklich gesund war und diese Tortur vor einigen Stunden gut überstanden hatte.

Lächelnd breitete Platan die Arme ein wenig aus. „Wie versprochen, bist du nun wieder frei.“

Eigentlich würde er Absol lieber in einer Gegend entlassen, die geeigneter für diese Pokémon-Art war, aber dafür müsste er die Stadt verlassen. Momentan band ihn zu vieles noch an Illumina City, also kam das nicht in Frage. Er konnte Absol aber auch nicht länger warten lassen, denn ein Versprechen musste eingehalten werden.

Aktuell würde die Mega-Energie in Illumina City das Pokémon vermutlich so oder so immer wieder magisch hierher ziehen, also ging es nicht anders.

Langsam ging Platan in die Hocke, wodurch Absol nun ein wenig größer war als er. „Halte dich bitte von den Mega-Kristallen fern, ja? Wir wollen doch nicht, dass so etwas wie heute noch einmal mit dir passiert.“

Oder konnten Pokémon dem Drang nicht widerstehen, die Kristalle genauer in Augenschein zu nehmen? Schließlich wusste diese Energie sie auch in die Stadt zu locken. Also bestand durchaus die Gefahr, dass Absol eines Tages ein weiteres Mal selbstständig eine Mega-Entwicklung vollzog und dabei unter Schmerzen leiden würde. Ein wenig konnte Platan aber darauf hoffen, diese düstere Erfahrung bliebe Absol abschreckend genug im Gedächtnis und hälfe ihm dabei, doch genug Abstand zu halten.

„Notfalls“, sagte Platan sanft, „helfe ich dir wieder. So wie heute. Ich würde es dennoch vorziehen, dass du nicht noch mehr leiden musst.“

Aufmerksam sah Absol ihn an, schien jedes einzelne Wort in sich aufzunehmen. Dabei strahlte es derart viel Ruhe aus, es besaß eine angenehme Wirkung auf Platan. All die Emotionen, die durch die Eindrücke des heutigen Tages in ihm rastlos durcheinander wirbelten, wandelten sich zu einer leichten Brise, die nur noch unauffällig im Hintergrund verweilte. Wahrlich ein eindrucksvolles und faszinierendes Pokémon.

Vorsichtig hob Platan eine Hand und strich über den buschigen Fellkragen. „Es ist nun spät. Die meisten Menschen sollten um solch eine Uhrzeit schlafen, also verabschiede ich mich jetzt. Es war mir eine Ehre, dich kennenlernen zu dürfen. Wenn das Schicksal es gut mit uns meint, treffen wir uns sicher irgendwann wieder. Diesem Moment sehe ich bereits freudig entgegen.“

Nach diesen Worten richtete Platan sich auf und hob zwinkernd eine Hand. „Au revoir, Absol~.“

Schweigend sah Absol ihn weiter an. Aufgrund seiner eher ausdruckslosen Mimik konnte Platan nicht einschätzen, was in ihm vorging. Zumindest konnte er sicher sein, Absol in guter Erinnerung zu bleiben. Sonst hätte er sich schon längst zurückgezogen und wäre verschwunden, ohne ihm Beachtung zu schenken.

Nun sollte Platan aber wirklich zurück ins Hotel gehen.

Für einen Menschen war es nicht gesund, zu wenig zu schlafen – und er hatte Professor Eibe versichert, gut auf sich zu achten. Obwohl er überhaupt nicht müde war, musste er allmählich Schlaf nachholen. Wahrscheinlich würde alles, was er heute erlebt hatte, jeglichen Alptraum auch vorerst verdrängen. Davor musste er sich also nicht fürchten.

Platan wandte sich ab und ging zurück zur Treppe, wo er die Stufen wieder hinab stieg. Erneut auf dem Südring rieb er sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen. Schlaf könnte auch dabei helfen, die zahlreichen Lichtpunkte in seinem Sichtfeld erlöschen zu lassen. Sobald er sich auf etwas fokussierte, konnte er sie ausreichend ausblenden, doch sie waren die ganze Zeit da. Brannten geradezu aufdringlich, verbunden mit dem Gefühl, diesem Ruf zu folgen.

Dem Ruf der Mega-Energie.

Beunruhigt hob Platan die Hände und betrachtete sie stirnrunzelnd. Ob es noch mehr Menschen gab, die diese Energie in sich aufgenommen hatten? Wundern würde es ihn nicht. In Illumina City hatte sich einiges verändert.

Das leise Geräusch von Krallen auf dem Asphalt lenkte ihn von seinen Gedanken ab. Prüfend warf Platan einen Blick über die Schulter und stellte fest, dass Absol ihm gefolgt war. Erst als er dicht neben ihm stand, hielt er inne und blickte zu ihm hinauf.

Könnte es sein ...

„So schnell sieht man sich also wieder“, merkte Platan schmunzelnd an, wobei er die Hände sinken ließ. „Magst du mich noch ein Stück begleiten?“

Da von Absol darauf keine Reaktion kam, setzte Platan sich kurz darauf einfach in Bewegung und folgte weiter dem Südring. Dank der Mega-Energie in ihm spürte er auch jetzt keine Erschöpfung, also beschloss er, den Weg zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Normalerweise hätte er sonst das nächstbeste Taxi in Anspruch genommen, aber er hatte das Verlangen sich zu bewegen. Auf diese Weise konnte er auch noch mehr Zeit mit Absol verbringen. Wie erwartet glänzte dessen Fell im Mondlicht noch prächtiger, auf eine geheimnisvolle Weise.

Auch wenn sie beide die nächsten Minuten schwiegen, genoss Platan die Begleitung sehr.

Seite an Seite mit Absol dem Weg zu folgen, fühlte sich richtig an.

Irgendwann wandte Platan sich lächelnd an Absol und brach somit das Schweigen: „Mein Lieber, willst du Mähikel und mir vielleicht noch etwas länger Gesellschaft leisten?“

Darauf erhielt er nun tatsächlich eine Reaktion, wenn auch nur ein leicht angedeutetes Nicken. Genug, um Platans Herz mit Freude zu erfüllen.

„Fein, fein~.“ Schwungvoll breitete er die Arme aus. „Nichts bereichert das Leben so sehr wie ein neuer Freund, abgesehen von Kaffee.“

Lachend stemmte er eine Hand in die Hüfte und strich mit der anderen Absol über den Kopf. „Wir werden sicher eine wundervolle Zeit zusammen haben.“

Möglicherweise war diese Begegnung von Anfang an vorherbestimmt gewesen.

Auf jeden Fall machte es Platan glücklich, einen neuen Freund gefunden zu haben. Dadurch wurde dieser bisher graue Tag doch noch von einem Lichtstrahl erhellt, der ihm Wärme spendete. Auch diese Nacht erschien ihm auffallend mild, im Vergleich zu der davor. Sonst fror er immer recht schnell, aber heute ... heute war einiges anders als gewohnt.

 
 

***

 

Der Plan, Schlaf nachzuholen, war kläglich gescheitert.

Im Hotel plagte Platan eine derartige Unruhe, dass an Schlaf nicht zu denken war. Sobald er die Augen schloss, brannte sich das Magenta der Lichtpunkte in Illumina City förmlich durch seine Lider. Manchmal pulsierte die Mega-Energie in ihm obendrein plötzlich so kräftig, es ließ ihn einige Male im Bett hochschrecken und instinktiv nach dem Pyroleonit an seiner Kette greifen.

Auch Absol hatte er nach seiner Ankunft im Hotel in den Pokéball geschickt, wo er sich noch etwas erholen sollte, also war er allein im Zimmer gewesen. Möglicherweise war er genau deswegen zu empfindlich und unruhig.

Da er sich aber weigerte, den Pokémon ihre Ruhephase zu rauben, verbrachte er die restlichen Stunden bis zum Morgen weiterhin allein. Allerdings stand er vorzeitig auf und kam seinem ungewohnten Bewegungsdrang nach. Lief im Zimmer auf und ab oder stellte sich ans Fenster, um den Prismaturm anzusehen. Von seiner Position aus hatte er einen guten Überblick und bemerkte in der Ferne einige rote Lichter. Waren das auch Wildsektoren?

Einmal glaubte er, auf einem der Dächer in der Nähe ein seltsames Pokémon entdeckt zu haben. Ein schwarz-grünes Hunde-Pokémon. Für eine Sekunde entstand sogar Blickkontakt, so schien es, dann verschwand es jedoch plötzlich ins Nichts und er war sich nicht sicher, ob er das wirklich gesehen hatte oder der Mangel an Schlaf inzwischen doch seinen Tribut zollte.

Dabei war Platan auch am Morgen nicht müde, als er das Hotel verließ. Mit Mähikel an seiner Seite, die munter vor ihm hin und her hüpfte. Sie war ausgeruht und freute sich nun auf das üppige Frühstück, das er ihr versprochen hatte. Auch auf den besonders köstlichen Snack, den er ihr nach wie vor schuldig war. Bei diesem Essen könnten sie auch gleich beide Absol noch besser kennenlernen.

Eine Stunde später lag eine äußerst entspannte Zeit hinter ihnen.

Die Pokémon waren gesättigt – Absol aß ebenso wenig wie Platan, sehr zum Frust von Mähikel, weil sie sich Sorgen um sie machte – und zufrieden. Gerade verließen sie das Restaurant Solala im Verte Bezirk 6. Eine besonders schöne Gegend mit vielen Parks und doch wimmelte es dort nicht so sehr von Menschen wie an anderen Orten in der Stadt. Deswegen hatte er seine Pokémon zum Essen dorthin geführt. Auch weil er gehört hatte, dass mittlerweile kaum noch Kämpfe im Restaurant ausgetragen wurden, was am Z-A Royale liegen sollte.

Wollte Platan wissen, worum es sich dabei schon wieder handeln mochte?

„Nun denn, ihr Lieben“, begann er beschwingt, „wollen wir jetzt gemütlich eine Runde spazieren gehen, um das Essen zu verdauen?“

Während Absol ihn nur regungslos anstarrte, mähte Mähikel ihn mit einem skeptischen Blick an.

„Gut, ich korrigiere mich.“ Räuspernd deutete er mit einer Hand auf Mähikel. „Damit du dein Essen verdauen kannst?“

Meckernd stieß sie ihn leicht mit ihrem Horn an, was ihn amüsiert auflachen ließ. „Es tut mir wirklich leid, aber du weißt doch, dass mein Appetit nicht so groß ist. Absol versteht das.“

Von diesem folgte ein kaum merkliches Nicken.

Platan zwinkerte Mähikel zu. „Siehst du?“

Darauf meckerte sie als nächstes Absol an, der sie aber nur ratlos ansah. Offensichtlich hatten sie bereits eine schöne Dynamik miteinander entwickelt. Sie dürften zu einem guten Team zusammenwachsen.

„Jedenfalls sollten wir das schöne Wetter ausnutzen“, fuhr Platan fort, der einen Blick in den beinahe wolkenlosen Himmel warf.

Bei einem Spaziergang könnte er sich auch überlegen, was er nun genau als nächstes tun sollte. Oder eher gesagt wollte. Im Grunde wollte er ...

Plötzlich war ein lauter Knall zu hören. Erschrocken zuckte Platan zusammen, genau wie Mähikel. Nur Absol lenkte den Blick ruhig zur Seite. Noch ein Knall, direkt gefolgt von einem Splittern. Ein Schauer erfasste Platan. Auch sein Blick huschte nach rechts, wodurch er noch rechtzeitig wahrnehmen konnte, wie Mega-Energie sich in der Atmosphäre verteilte. Statt sich zu verflüchtigen, sickerte sie in nahegelegene Pokémon hinein.

In ein Taubsi, das auf einem der Bäume saß und in ein Thanathora, welches an der Ecke des Gebäudes, in dem sich das Restaurant Solala befand, Felswurf auf einige Mega-Kristalle einsetzte. Angefeuert von zwei Jugendlichen, die daneben standen.

„Hey!“, entfuhr es Platan panisch. Hektisch rannte er zu ihnen hinüber, Mähikel und Absol folgten ihm. „Hört auf!“

Auf seinen lautstarken Einwurf zuckten diesmal die Jungs zusammen und sahen ihn daraufhin verstört an. „Was? Womit denn?“

Das Thanathora schleuderte ungeniert noch mehr Steinbrocken auf die Kristalle, unter anderem auf eine Ablagerung an der Hauswand.

Fordernd deutete Platan auf das Pokémon. „Euer Pokémon soll diese Attacke einstellen! Ihr beschädigt doch das Gebäude, wenn ihr ihm befehlt mit solchen Techniken auf die Mega-Kristalle zu feuern!“

Nicht nur das Gebäude, auch die Umgebung. Der Zaun wenige Meter entfernt war bereits unschön verbeult wegen dem Felswurf, der unachtsam ausgeführt worden war. Diesem Thanathora mangelte es eindeutig noch an Präzision.

Genervt wies einer der Jungen – beide trugen lockere Kleidung mit zahlreichen, bunten Ansteckern sowie Aufnähern an ihren Jacken und hatten kurze Haare, in die einige Muster rasiert worden waren – das Pokémon an, aufzuhören, bevor er weiter mit Platan sprach. „Entspannen Sie sich mal. Jeder darf diese Dinger entfernen.“

Jeder?“, wiederholte Platan ungläubig.

Der andere Junge, mit den blonden Haaren und einer Art Herzmuster, nickte. „Klar. Die Quazar Corporation hat alle selbst darum gebeten.“

Quazar.

Natürlich.

Wer auch sonst? Sofort verdüsterte sich seine Stimmung schlagartig.

Hat diese Firma bisher überhaupt irgendetwas Positives in der Stadt bewirkt?

Wie konnten sie jedem erlauben, diese Mega-Kristalle zu zerstören? Da fiel ihm ein, die Frau gestern hatte etwas in der Richtung erwähnt. Um das Gesamtbild der Stadt nicht zu verschandeln. War das etwa der einzige Grund?

„Hier.“ Der blonde Junge hob etwas vom Boden auf und zeigte es ihm. „Sehen Sie? Für diese Dinger bekommt man richtig gute Sachen von denen. Außerdem helfen wir damit auch der Stadt, damit sie schön bleibt oder so. Also chillen Sie mal.“

... Splitter?

Tatsächlich, von den Mega-Kristallen waren noch Splitter übrig. Sie waren überall auf dem Boden verstreut. Merkwürdig. Gestern war nichts von ihnen übrig geblieben, als Platan sie berührt hatte.

Trotz der Schatten der Bäume besaßen sie einen unheilvollen Glanz. Etwas an ihrem Anblick sorgte dafür, dass Absol mit einem tiefen Brummen zurückwich. Sogar Mähikel betrachtete die Überreste der Kristalle mit gerunzelter Stirn. Nur Thanathora wirkte unbeschwert, vielmehr irritiert, ähnlich wie die Jugendlichen.

„Die Quazar Corporation ... sammelt sie also? Warum?“, hakte Platan ernst nach.

Verunsichert zuckten die Jungs mit den Schultern. „Keine Ahnung. Forschungen oder so. Vielleicht machen sie die auch nur richtig kaputt.“

Nein, garantiert trafen Forschungen zu. Daran gab es für Platan keine Zweifel.

Unsere Firma verfügt selbst über eine hoch entwickelte Forschungsabteilung.

Misstrauen erwachte endgültig in Platan. Spätestens jetzt konnte er es nicht mehr unterdrücken. Ihm gefiel nicht, worauf das alles hinauslief. Wozu sollte die Stadtentwicklung Mega-Energie erforschen? Dafür waren sie nicht zuständig. Das sollte die Aufgabe des Labors sein. Von jemandem, der sich auf Pokémon spezialisiert hatte.

Welchen Plan verfolgte die Quazar Corporation?

„Alles klar, Mann?“, fragte der Junge mit den braunen Haaren ihn zögerlich.

Nur leicht hob Platan den Blick, um sie nachdenklich anzusehen. Ihm war bewusst, dass sie keine bösen Absichten verfolgten. Für sie war das hier ein Nebenverdienst, nicht mehr und nicht weniger. Es wäre nicht richtig, sie dafür zurechtzuweisen, was Quazar tat. Weil die Stadtentwicklung es gestattete und zudem belohnte, sahen sie natürlich keinerlei Problem in dem, was sie taten. Da sie ein starkes Pokémon hatten, zerstörten sie blind Kristalle. Egal wo. Selbst wenn sie dabei riskierten Gebäude schwer zu beschädigen.

Nur wenige waren dazu fähig ihre Pokémon so gut zu trainieren, dass jeder Angriff genau sein Ziel traf. Bei einer Technik wie Felswurf war das allerdings schwierig. Nicht umsonst waren in der Stadt große Kampfplätze errichtet worden, wo die Attacken von Pokémon die Umgebung nicht aus Versehen zerstören könnten.

So weit dachte die Quazar Corporation aber nicht.

Sicher, Platan hatte damals auch manchmal kleinere Kämpfe mitten in seinem Büro ausgetragen, aber stets nur gegen Anfänger. Mit jungen Pokémon, die sich noch nicht entwickelt hatten und nur wenige Attacken beherrschten. Selbst das war aber schon riskant gewesen. Im Gegensatz zu Quazar war er dieses Risiko in Räumlichkeiten eingegangen, für die er persönlich verantwortlich war. Das ließ sich nicht hiermit vergleichen.

Das hier war anders.

Das hier ...

Als sein Blick wieder auf die Splitter fiel, nahm er etwas wahr. Leises, verzweifeltes Flehen. Ein Gefühl überkam ihn, dem er sich nicht entziehen konnte. Deshalb zögerte er nicht länger und beugte sich hinunter, berührte einen der magentafarbenen Reste. Dafür donnerten empörte Worte der Beschwerde in seine Richtung, von den Jugendlichen, die betonten, dass diese Stücke rechtmäßig ihnen gehörten.

Beide verstummten abrupt, kaum dass die Splitter allesamt zu leuchten anfingen, genau wie ein Teil der Ablagerung, welche sich noch an der Hauswand befand. Danach verlief alles wie beim letzten Mal, nur schreckte Platan diesmal nicht zurück.

Eine Woge aus Energie sprang auf ihn über.

Das glühende Magenta löste sich mehr und mehr von den Kristallen.

Hitze breitete sich in seinem Inneren aus, je mehr Energie er aufnahm.

Eine Ewigkeit setzte ein, in der er sich gänzlich verlor.

Der Chor aus Zerstörung klang nur weniger schmerzhaft, eher wie ein erleichtertes Aufatmen.

Und dann war es vorbei.

Sämtliche Splitter waren verschwunden. Nicht nur das, es gab keinerlei Spur mehr dafür, dass sich hier Mega-Kristalle befunden hatten. All die Energie hatte sich in Platan zurückgezogen, der sich aufrichtete und tief durchatmete, überwältigt von dem Gefühl, das seinen Körper einnahm. Nicht derart intensiv wie im Hinterhof nahe vom Bistro Flordelis, weil es wesentlich weniger Kristalle gewesen waren, aber doch ... überwältigend.

Besorgt mähte Mähikel ihn an, doch er lächelte ihr sofort beruhigend zu. „Alles in Ordnung.“

In bester Ordnung. Wenigstens diese Energie konnte nicht auch noch in die Hände der Quazar Corporation fallen.

Rasch suchten die Jugendlichen vorsichtshalber hinter Thanathora Schutz, das jedoch selbst etwas überfordert von der Situation war und Platan nur anblinzeln konnte.

„Was haben Sie gemacht?!“, platzte es aus dem braunhaarigen Jungen heraus. „Wie geht das?! Das ist doch nicht normal?!“

Interessiert lehnte Platan sich ein wenig vor. „Oh? Ihr habt so etwas also noch nie gesehen?“

„Natürlich nicht!“, erwiderte der andere nuschelnd. „Ich hab die Teile auch schon oft angefasst, aber bei mir passiert das nicht! Bei keinem!“

Sonst würde man die Mega-Kristalle wohl kaum mit der Hilfe von Pokémon zerstören, wie Platan sich denken konnte. Jemand, der diese Energie einfach in sich aufnehmen könnte, hätte schon lange für viel Aufsehen gesorgt. So wie bei den beiden. Also war Platan höchstwahrscheinlich doch der einzige Mensch mit dieser Fähigkeit.

... Konnte man es denn als solche bezeichnen?

Warum eigentlich nicht?

Räuspernd lehnte Platan sich zurück und lächelte den verstörten Jugendlichen freundlich entgegen. „Darf ich euch eine letzte Frage stellen? Als ihr eben die Mega-Kristalle zerstört habt, konntet ihr dabei etwas sehen?“

„Hä?!“ Inzwischen hatte Verwirrung gänzlich Besitz von den Gesichtern der Jungs übernommen. „Was sollen wir gesehen haben? Könnten Sie endlich mal auch auf eine unserer Fragen antworten und uns erklären, was das zu bedeuten hat?“

Beschwichtigend hob Platan die Hände. „Ich bitte um Verzeihung. Es war nicht meine Absicht, euch zu erschrecken. Ich entschuldige mich auch dafür, mich am Anfang im Ton vergriffen zu haben. Bitte seid einfach vorsichtiger und achtet auf eure Umgebung, solltet ihr noch einmal Mega-Kristalle zerstören. Besonders bei einem solch starken Pokémon wie Thanathora.“

Er legte eine Hand auf seine Brust. „Adieu~.“

„Wieso jetzt Adieu?!“

Statt ihnen eine Erklärung zu geben, wies er Mähikel und Absol an, ihm zu folgen, bevor er mit ihnen davon eilte. Zusammen rannten sie die nahegelegene Steintreppe nach unten, geradewegs auf den Jahreszeitenkanal zu. Vorbei an den Marktständen, in eine Parkanlage hinein, die am Wasser entlang führte. Sie liefen über eine Brücke und überwanden dadurch einen plätschernden Bach. Einige Meter weiter huschten sie ein paar Holzstufen hinab, kamen dem Wasser noch näher. Rasch zogen sie sich dort in eine schwer einsehbare Ecke hinter einer Felswand zurück und blieben schließlich stehen.

Einen Moment lauschte Platan, konnte jedoch nichts hören. Scheinbar waren sie ihnen nicht gefolgt – sicher waren sie von dieser spontanen Fluchtaktion zu perplex gewesen. Die Jugendlichen und ihr Thanathora hatten einen recht unbedarften Eindruck gemacht. Umso mehr tat es ihm leid, sie schrecklich verwirrt und erschrocken zu haben.

Ratlos mähte Mähikel ihn an, worauf er sofort antwortete: „Gute Frage. Sicher hätten wir nicht weglaufen müssen.“

Allmählich wurde das wohl zur Gewohnheit. Mittlerweile fühlte Platan sich mindestens zehn Jahre jünger, erst recht weil jegliche Erschöpfung ausblieb. Berücksichtigte er letzteres, waren es eher fünfzehn Jahre.

„Ich dachte aber, dass es besser ist, sich zurückzuziehen.“

So musste er keine Fragen beantworten, auf die er teilweise nach wie vor keine Antwort wusste. Ihm war nach diesem Gespräch nur bewusst, über eine besondere Fähigkeit zu verfügen, mit der noch niemand vertraut war. Aus irgendeinem Grund konnte er Mega-Energie in sich aufnehmen und dank ihr Mähikel zur Mega-Entwicklung verhelfen. Obendrein konnte er sie auch anderen Pokémon wie Absol entziehen und sie dadurch restlos von ihren Schmerzen befreien.

Bei diesem Gedanken betrachtete er ihren neuen Freund kurz prüfend. Vorhin hatte der Anblick der Splitter eine Art Unbehagen in ihm ausgelöst, nun wirkte Absol aber wieder vollkommen ruhig und erwiderte seinen Blick mit einem warmen Ausdruck des Vertrauens. Dafür tätschelte Platan ihm behutsam den Kopf, was er auch bei Mähikel tat.

Anschließend kniete er sich vor die beiden und wurde etwas ernster. „... Ich habe eine Entscheidung getroffen. Die Quazar Corporation darf nicht noch mehr Splitter in die Hände bekommen. Deswegen werde ich die Energie aller Mega-Kristalle in mir aufnehmen.“

Sofort weiteten sich Mähikels Augen und sie schüttelte heftig den Kopf.

„Ich verstehe deinen Einwand. Wer weiß, was diese Energie auf Dauer in mir bewirken wird?“ Platan schloss kurz die Augen. „Aber ... wie es aussieht, ist das etwas, das nur ich tun kann. Ich habe mir geschworen, nie wieder untätig zu sein, sondern zu handeln.“

Er öffnete die Augen wieder und warf einen Blick umher. „Überall in der Stadt blühen Kristalle. Ich kann sie sehen. Wenn sie weiter achtlos zerstört werden, könnten noch mehr Pokémon Energie in sich aufnehmen und dadurch zu einer schmerzvollen Mega-Entwicklung gezwungen werden.“

Betrübt sah er Absol an. „So wie du.“

Ein Funken Mitgefühl flackerte in Absols Augen auf, ansonsten zeigte er keine Reaktion.

„Ich will diese Fähigkeit nutzen“, verkündete Platan noch einmal, fest entschlossen.

Vielleicht war er genau aus diesem Grund hier. Auf jeden Fall könnte er diesmal helfen und das war er allen schuldig. Dafür, vor eineinhalb Jahren geflohen zu sein. Dafür, vor fünf Jahren tatenlos zugesehen zu haben, wie Kalos mitsamt den Menschen und Pokémon beinahe zerstört worden wäre. Weil er nicht darauf reagiert hatte, wie dringend Flordelis jemanden gebraucht hätte, der ihn stützte. Einen wahren Freund. Vor allem Flordelis war er es schuldig, die Nebenwirkungen der Ultimativen Waffe unter Kontrolle zu bringen.

Platan wollte alles wiedergutmachen.

Absol lenkte mit einem sanften Brummen die Aufmerksamkeit auf sich und zeigte den Anflug eines Lächeln, bevor er ihn vorsichtig mit dem Kopf anstieß. Dem schloss Mähikel sich an, indem sie ihr Geweih an seiner Schulter rieb. So viel Zuneigung und Zustimmung rührte sein Herz sehr. Derart viel Zuversicht hatte ihn zuletzt an dem Tag erfüllt, als er den Pyroleonit fand.

Ob dieser Fund ihn nur dazu antreiben sollte sich etwas zu erholen, um gestärkt nach Illumina City zurückzukehren?

Würde Flordelis ihm so ein Zeichen schicken?

Dankbar strich er Absol und Mähikel durch ihre Fellkrägen. „Würdet ihr mich dabei unterstützen? Sollten erneut Pokémon auftauchen, die zu viel Mega-Energie in sich tragen oder diese Elite-Pokémon, werde ich starke Kämpfer an meiner Seite brauchen.“

Sofort schnaubte Mähikel ungewohnt kämpferisch, während Absol sich nur abermals mit einem dezenten Nicken ausdrückte. Beide waren also dazu bereit, für ihn zu kämpfen. Hoffentlich müsste er kein weiteres Mal Mähikel zu einer Mega-Entwicklung verhelfen, denn er war immer noch besorgt, es könnte ihr schaden, bislang machte sie jedoch einen putzmunteren Eindruck. Aber er würde das im Auge behalten.

„Wundervoll~. Ich danke euch.“ Andächtig tastete Platan nach dem Pyroleonit unter seiner Kleidung. „Wir werden alles wieder in Ordnung bringen. Mach dir keine Sorgen, Flordelis.“

Nun wusste Platan, was er zu tun hatte.

Was er nicht wusste, war, dass er beobachtet wurde. Von der anderen Seite des Jahreszeitenkanals aus. Es war jenes Hunde-Pokémon, welches ihn schon nachts interessiert gemustert hatte. Bevor es aber von jemandem wahrgenommen werden konnte, verschwand es innerhalb eines Wimpernschlags so plötzlich wieder, wie es aufgetaucht war.

Ich schaffe das alleine

In den nächsten Tagen tat Platan genau das, was er sich vorgenommen hatte. Er zog durch Illumina City, von einem Lichtpunkt zum anderen. An den verschiedensten Plätzen und Winkeln nahm er die Energie der Mega-Kristalle in sich auf, wodurch sie spurlos verschwanden und somit nicht in die falschen Hände geraten konnten – oder wilde Pokémon zur Mega-Entwicklung zwangen, weil sie gewaltsam zerstört wurden.

Leider gelang es ihm nicht, jeden einzelnen Punkt rechtzeitig zu erreichen, bevor er plötzlich ohne sein Zutun erlosch. Natürlich gab es weiterhin zahlreiche Menschen und Pokémon, die Splitter sammelten und ihm manchmal zuvor kamen. Immerhin war die Stadt groß, er konnte nicht überall gleichzeitig sein. Obwohl die Energie in seinem Körper ihm bereits die Kraft gab, sich in einem äußerst sportlichen Tempo zu bewegen, frei von jeglicher Erschöpfung.

Auch über Müdigkeit konnte Platan nicht klagen. Seit seiner Ankunft in Illumina City hatte er keine einzige Stunde geschlafen, worüber Mähikel sehr besorgt war. Auch darüber, wie viel Mega-Energie er absorbierte. Sicher unterstützte sie ihn dabei nur, weil sie wusste, dass sie ihn nicht davon abbringen konnte und wenigstens auf ihn aufpassen wollte. Ihre Fürsorge wusste Platan sehr zu schätzen. Dennoch versicherte er ihr wieder und wieder, wie gut es ihm ging. Ihm fehlte nichts.

Vielmehr war es die Quazar Corporation, wegen der zwischendurch seine Nerven strapaziert wurden, was er wohl schon als lästige Gewohnheit bezeichnen konnte. Da er nicht schlafen musste, konnte Platan auch nachts unterwegs sein – Mähikel schickte er in dieser Zeit in den Pokéball, damit sie sich ausruhen konnte, dafür begleitete ihn dann an ihrer Stelle Absol – und lernte dabei ungewollt mehr über das Z-A Royale. Noch eine dieser brillanten Ideen von der Stadtentwicklung.

Jede Nacht wurde ein Viertel der Stadt zu Kampfsektoren erklärt, erkennbar an ihren roten Lichtwänden. In ihnen kämpften Trainer bis zum Morgen gegeneinander, um vom untersten Rang den höchsten zu erreichen. Rang A. Wem es gelang, dem wurde ein Wunsch gewährt, im Rahmen des Erfüllbaren.

Eigentlich könnte das durchaus eine wunderbare Sache sein.

Kämpfe stärkten das Band zwischen Menschen und Pokémon immens.

Erneut hatte die Quazar Corporation aber einige Dinge dabei nicht bedacht. Zum einen die nächtlichen Ruhestörungen für Menschen und Pokémon, zum anderen die Tatsache, dass offenbar niemals vorab bekanntgegeben wurde, wo genau diese Kampfsektoren hochgezogen wurden. Dadurch konnte es leicht passieren, dass man ungewollt in einem landete und somit zur Zielscheibe von überengagierten Trainern wurde. Egal, ob man selbst einer war oder nicht. Weil es auch bei diesem speziellen Turnier niemanden gab, der das Ganze vor Ort überwachte – ebenso wie bei den Baugerüsten.

Alle verließen sich schlicht auf die Hologramm-Technik, dank der Quazar angeblich irgendwie Daten sammeln konnte.

Aber es nützte nichts, sich darüber aufzuregen.

Nachts mied Platan diese Kampfsektoren einfach bestmöglich und kümmerte sich um Mega-Kristalle außerhalb dieser Gebiete. Davon gab es mehr als genug.

Zwar versuchte er, darauf zu achten, nicht jedes Mal dabei gesehen zu werden, wenn er die Stadt von diesen kristallinen Blumen befreite, doch es ließ sich nicht immer vermeiden. Inzwischen fühlte er sich ziemlich oft beobachtet, selbst wenn weit und breit niemand zu sehen war. Ob Quazar tatsächlich die Möglichkeit hatte, jederzeit alles zu überwachen? Falls dem so war, ärgerten sie sich wahrscheinlich darüber, kaum noch neue Splitter zu erhalten. Vielleicht wären sie dann auch langsam dazu bereit, offener zu Platan zu sein und ihm zu erzählen, was sie wussten. Auch wenn er mittlerweile nicht mehr allzu erpicht darauf war, noch einmal mit Jette zu reden.

Schließlich kam ein Tag, an dem er gegen Mittag einen Ort erreichte, zu dem ihm einer der Lichtpunkte führte. Ein Ort, der sofort eine gewisse Faszination auf Platan ausübte.

Im Verte Bezirk 8 führte ihn eine der etwas versteckten Seitenstraßen zu einem unscheinbaren, gewöhnlichen Torbogen, hinter dem ein überdachter Gang lag. Eine Art Tunnel, der diese Wirklichkeit mit einem idyllischen Refugium verband. Zumindest erschien es Platan so, kaum dass er diesen lichtdurchfluteten Hinterhof erreichte, in dem eine friedvolle Ruhe herrschte. Derart greifbar, dass es einem unwirklich vorkam, sich noch in einer Großstadt zu befinden.

Hohe Gebäude schlossen alles wie schützende Mauern ein, überwuchert von Efeu. Viel Efeu. Ein wenig bekam man bei diesem Anblick das Gefühl, seit langer Zeit hätte nichts die Natur daran gestört, sich hier auf harmonische Weise auszubreiten und das Werk der Menschen zu umarmen. Dazu schmückten hohe Bäume den Hinterhof aus und sorgten mit ihren saftig grünen Kronen sicher für ein wesentlich lebendigeres Bild, als Platan es wahrnehmen konnte. Obwohl die Farben auf ihn aber blass wirkten, verfehlten sie nicht ihre Wirkung. Mehr und mehr kam er auch innerlich zur Ruhe.

Überwältigt wagte Platan sich näher an das Gebäude heran, das im Hinterhof gegenüber des Eingangs nahe an der Häuserwand stand. Wie ein sanfter Riese ragte es vor ihnen in die Höhe, ebenfalls von Efeuranken eingekleidet. Sämtliche Fenster waren blitzblank und reflektierten das Sonnenlicht auf eine seltsam ... verträumte Art und Weise. Vollkommen anders als das Firmengebäude der Quazar Corporation, welches einen furchtbar blendete.

Insgesamt strahlte dieser Ort unbeschreiblich viel Wärme aus.

Auf dem kunstvollen Bodenornament in der Mitte blieb Platan stehen und ließ alles noch etwas auf sich wirken. Auch Mähikel war gefangen von diesem Anblick. Sicher fühlte sie das gleiche wie er. Nach allem, was sie bisher in Illumina City gesehen hatten, war das hier eine wohltuende Abwechslung. Wahrhaftig zauberhaft, wie aus einem Märchen entsprungen. Schönheit existierte also doch noch in Illumina City.

Nach einer Weile warf er Mähikel einen kurzen Blick zu und gab zu verstehen, dass sie reingehen sollten. Irgendwo in diesem Gebäude vor ihnen war dieses magentafarbene Licht, Mega-Energie. Darum musste er sich kümmern. Also schritten sie weiter auf das Gebäude zu. Vier Treppenstufen, auf jeder Seite gesäumt von roten Blumen, führten hinauf zu einer weiteren Tür. Edles, dunkles Holz, mit Glasfenstern.

Was, wenn dieser Ort tatsächlich verlassen war? Eigentlich wollte Platan ungern einbrechen, doch diese Sorge schwand schnell. Problemlos ließ sich die Tür öffnen und offenbarte wohlwollend knarzend erneut ein weiteres Refugium, welches einen erst recht vor dem hektischen Großstadtleben rettete und in eine andere Welt entführte. In eine andere Zeit.

Eine Welle der Nostalgie überkam Platan.

Zusammen mit Mähikel betrat er eine große Räumlichkeit, die in jeder Hinsicht als altmodisch bezeichnet werden konnte. Wobei er persönlich eher stilvoll bevorzugen würde. Gemälde und zahlreiche Schirmlampen hingen an den Wänden. Diese waren zum Teil vertäfelt, zur anderen Hälfte zeigte eine dunkelgrüne Tapete ein feines Barockmuster, was eine perfekte Bühne für die gesamte Einrichtung darstellte. Robuste Möbel, Vasen mit Pflanzen und Blumen, antike Teppiche, dicke sowie schwere Vorhänge, deren Raffhalter dafür sorgten, dass genügend Licht hineinfiel ...

Es gab so viel zu sehen, Platan konnte überhaupt nicht alles auf einmal erfassen und stand vermutlich deswegen etwas zu lange nur tatenlos an der Tür herum, die noch offen stand. Erst Mähikel wies ihn mit einem fordernden Mähen darauf hin, dass sie etwas tun sollten. Richtig, sie durften hier nicht zu viel Zeit verlieren und mussten schnell herausfinden, wo genau sich die Mega-Energie befand.

Sobald Platan sich zu nahe an der Quelle aufhielt, schien sein erweiterter Sehsinn diese Lichtpunkte automatisch auszublenden, weil sie sein Sichtfeld sonst doch zu sehr behindern würden. Also müsste er nun selbst nach dem genauen Standpunkt suchen.

Vorsichtig schloss Platan die Tür hinter sich, bevor er langsam auf die Theke zuging, einige Meter geradeaus. Daneben lag ein altertümlicher Aufzug, soweit er das von außen einschätzen konnte. Der Empfang weckte die Vermutung, es könnte sich hierbei um ein Hotel handeln. Falls dem so war, bekamen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht viele Besucher, da es ziemlich versteckt lag. Beinahe, als sollte es auch nicht von jedem gefunden werden.

An der Theke angekommen, legte Platan beide Hände darauf ab und ließ kurz noch einmal schweigend den Blick schweifen. Hinter dem Empfang lag eine weitere Tür, doch sie war geschlossen. Im Moment war niemand anwesend, der Gäste begrüßte, was umso mehr dafür sprach, dass hier für gewöhnlich kaum jemand herkam und keine Besucher erwartet wurden. Jedenfalls nicht regelmäßig.

Gerade, als er sein Glück versuchen und nach jemandem rufen wollte, lenkte ihn ein Geräusch ab, das vom Aufzug kam. Kurz darauf ertönte eine Art Klingeln und tatsächlich öffnete er sich. Zwei Kinder, vermutlich etwa dreizehn oder vierzehn Jahre alt, verließen lebhaft lachend die Kabine. Ein Mädchen und ein Junge.

Beide hatten blondes, kurzes Haar, mit Spitzen, die einen pinkfarbenen Ton besaßen. Auch ihre Augen waren farblich identisch, ein kräftiges Blau. Obendrein ähnelten sich ihre Gesichtszüge stark. Nur von der Kleidung her unterschieden sie sich ein bisschen, das Mädchen trug zudem eine hellbraune Jacke und hatte ihre Haare zu einem kleinen, hohen Knoten gebunden. Ansonsten wirkten sie auch von den Bewegungen her wie eine Einheit.

Kaum bemerkten die zwei den unerwarteten Besucher, erstarrten sie sofort erstaunt und blickten ihn mit großen Augen an. Irgendwie ... wirkten sie mit ihrem modernen, jungen Stil etwas fehl am Platz, was jedoch bei Platan nicht anders sein dürfte. Jeder, der hierher kam und nicht von Natur aus in der Vergangenheit lebte, dürfte wie ein Störfaktor im Gesamtbild dieses Ortes erscheinen.

Platan wandte sich ihnen zu und lächelte freundlich. „Bonjour. Verzeiht, wir wollten euch nicht erschrecken.“

Erst das wir sorgte wohl dafür, dass die Kinder auch Mähikel bemerkten und sich dadurch auf Anhieb entspannten. Kein Wunder, sie mähte die zwei auch überaus warmherzig an. Mähikel hatte es schon immer geliebt, Kinder kennenzulernen. Dank ihr konnten damals viele von ihnen ihre Unsicherheit überwinden und lockerer mit Platan sprechen.

Aber nun war nicht der richtige Augenblick dafür, an vergangene Zeiten zu denken.

„Alles okay, wir waren nur etwas überrascht!“, wandte der Junge enthusiastisch ein, wobei er aufgeregt mit den Händen herumfuchtelte. „Hier kommt nicht oft jemand vorbei.“

Wie er es sich gedacht hatte.

„Was nicht heißt, dass unser Hotel Z schlecht ist!“, fügte das Mädchen hastig hinzu und hob stolz einen Zeigefinger. „Im Gegenteil, es ist ein echter Geheimtipp! Deshalb wissen nur so wenige davon. Wer auch immer Ihnen geraten hat, hierher zu kommen, muss ein echter Kenner sein~.“

Das hier war also tatsächlich ein Hotel. Seine bisherigen Vermutungen bewahrheiteten sich alle.

Kontaktfreudig hüpfte Mähikel auf die Kinder zu und hoffte auf Streicheleinheiten. Die bekam sie auch direkt von dem Mädchen, während der Junge weiter mit Platan sprach.

„Mein Name ist Alton“, stellte er sich vor, „und das ist Zita, meine Zwillingsschwester. Wir sind Angestellte hier im Hotel. Wenn Sie also irgendetwas brauchen, sagen Sie uns einfach Bescheid. Sie haben übrigens ein perfektes Timing. Wir haben gerade nochmal die Zimmer kontrolliert, sie sind also einzugsbereit. Warten Sie, ich rufe gleich mal den Chef.“

Rasch hob Platan abwehrend die Hände. „Oh, ich wollte nicht-“

Zu spät, Alton lehnte sich bereits über die Theke und rief laut: „Azett! Wir haben einen Gast!“

Ungläubig ließ Platan die Hände wieder sinken. „... Azett?“

Auf keinen Fall konnte das ein Zufall sein. Bislang hatte Platan diesen Namen nur in Verbindung mit einer bestimmten Person gehört – was auch die altmodische Einrichtung und die nostalgische Atmosphäre erklären würde. Seit wann führte Azett ein Hotel? Als Platan ihn zuletzt gesehen hatte, war er noch etwas unschlüssig gewesen, was er tun wollte, nachdem seine alte Freundin Floette zu ihm zurückgekehrt war.

Schritte ertönten hinter der Tür, die jenseits der Theke lag. Wenig später wurde sie geöffnet ... und Platan hielt für einige Sekunden den Atem an.

Es war in der Tat Azett, der zu ihnen in den Raum kam! Inzwischen hatte sogar er sich etwas verändert.

Im Gegensatz zu früher wirkte er nun gepflegter. Obwohl seine Kleidung aus verschiedenen Stoffen zusammengeflickt war – vermutlich weil es für ihn unmöglich war, etwas in seiner übermenschlichen Größe zu finden –, machte sie einen schicken Eindruck. Sein langes, weißes Haar war zu einem dicken, lockeren Zopf zusammengebunden und ordentlich gekämmt.

Allerdings merkte man Azett auch an, wie das Alter seinen Tribut forderte. Sein Körper war geschwächt, was man deutlich sehen konnte, schon von der gekrümmten Haltung her und von dem Gehstock, den er benötigte. Außerdem lag Erschöpfung und Müdigkeit in seinen Augen, gleichzeitig strahlte er eine einladende Wärme aus, mit der er Platan auch begrüßte.

„Professor Platan, was für eine angenehme Überraschung“, sagte Azett erfreut.

Professor?!“, wiederholten Alton und Zita gleichzeitig, wieder voller Erstaunen. „Und ihr beide kennt euch?“

Leise lachend bestätigte Platan das mit einem Nicken, noch etwas überrumpelt von diesem ungeplanten Wiedersehen. Azett ... erinnerte ihn unweigerlich auch an Flordelis, was für einen Stich in der Brust sorgte. Das wollte er sich aber nicht anmerken lassen. Schließlich war diese zufällige Begegnung eigentlich ein Grund zur Freude.

Auch Mähikel war aufgeregt und stützte sich mit den Hufen seitlich an der Theke ab, um auf ihren Hinterbeinen stehen zu können.

Auf ihren lebhaften Gruß lächelte Azett sanft. „Es freut mich auch sehr, dich wiederzusehen, Mähikel.“

Zita klatschte in die Hände. „Das ist ja verrückt! Da bekommen wir endlich mal einen richtigen Gast und dann kennt ihr euch sogar!“

Nach diesen Worten machte sie auf einmal ein nachdenkliches Gesicht. „Moment, wenn ihr euch kennt, sind Sie vielleicht gar kein Gast.“

„Stimmt“, warf Alton ein, ebenso nachdenklich. „Sind Sie gekommen, um Azett zu besuchen?“

Allmählich sollte Platan wirklich klarstellen, dass er nicht als Gast hier war, sondern etwas suchte. Aber er kam auch diesmal nicht dazu, denn zu diesem Wiedersehen gesellte sich schließlich noch jemand. Ein kleines, zierliches Pokémon schwebte aus dem Raum hinter Azett zu ihnen und gab einen lieblichen Laut von sich, kaum dass sie Platan erblickte. Zielstrebig flog sie auf ihn zu und hielt vor ihm wieder an.

Es war Floette.

Zur Begrüßung vollführte sie eine elegante Drehung.

Lächelnd hob Platan die Hände, damit sie sich auf diesen niederlassen konnte. „Bonjour, Floette. Du bist immer noch genauso bezaubernd wie-“

Die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Erschrocken weiteten sich Platans Augen.

Erst jetzt, als er sie wieder vor sich sah, fiel es ihm endlich auf. Ihre Blume. Sie war schwarz. Eine schwarze Blume, deren Blüten die gleiche Form aufwiesen wie die Ultimative Waffe.

Schlagartig wurde ihm eiskalt. Ein Blizzard zerstörte gewaltsam die bis dahin friedliche, warme Atmosphäre. Ein Stich nach dem anderen sorgte für wachsenden Schmerz in seiner Brust, der ihm den Atem raubte. Seine Hände zitterten.

Wie hatte er das bisher nur nicht bemerken können?

Floette, sie war ...

„Platan? Was ist los?“, fragte Azett besorgt – seine Stimme klang wie ein fernes Echo, verhallte einsam im Nichts.

Alton und Zita sagten auch irgendetwas, aber Platan nahm ihre Stimmen noch weniger wahr. Dazwischen waren Mähikels Laute zu hören. Er konnte sich aber nur noch auf eine einzige Sache konzentrieren.

Blass starrte er auf Floette hinab. Unsicher blickte sie zurück, nahezu unschuldig.

Irrte er sich womöglich?

Dieser Gedanke verflüchtigte sich abrupt, als auf einmal eine magentafarbene Aura aus Floette hervor floss ... und über Platans Hände auf ihn überging.

Nein!

Floette war der Lichtpunkt, den er wahrgenommen hatte.

Natürlich war sie erfüllt von Energie, mehr als jedes andere Pokémon. Eine Energie, dank der sie einst wiederbelebt werden konnte. Was würde geschehen, wenn Platan sie ihr entzog? Nein, das ging nicht. Nicht bei Floette! Für Azett war sie sein Ein und Alles.

Zumal ihre Energie von Dunkelheit durchzogen sein könnte, falls er sich nicht irrte und sie jene schwarze Blume aus seinem Alptraum war. Diejenige, die dafür sorgen würde, dass der Prismaturm erlosch und ganz Illumina City zerstört wurde. Alleine bei der Erinnerung an diese schrecklichen Bilder begann sein Herz ungesund zu rasen.

Warum ausgerechnet Floette?!

Panisch zog er die Hände zurück und stolperte ungeschickt nach hinten, stürzte zu Boden. Etwas in ihm rumorte unzufrieden. Fing an regelrecht zu brodeln und tosen. Mit nur einem Atemzug schien Platans Körper beinahe zu zerbersten, weil die Mega-Energie ausbrechen wollte. Wie ein tobendes Elite-Pokémon, das versuchte mit aller Kraft aus einem Käfig zu entkommen. Je mehr die Gitterstäbe sich verbogen, desto unerträglicher hämmerte es in Platans Kopf.

Keuchend hielt er ihn sich mit den Händen und versuchte krampfhaft, dieser Gewalt standzuhalten.

Versuchte, bei Verstand zu bleiben.

Irgendwie.

Flordelis, dachte Platan verzweifelt. Ich ... ich ...

Der Pyroleonit an seiner Brust brannte – dann, als er den Druck nicht mehr aushalten konnte, wurde er von einer stahlharten Welle erschlagen und versank in einem Meer aus Schwärze.

 
 

***

 

Das Herz von Kalos war erloschen, verschluckt von der Schwärze, aus der Platan jäh auftauchte. Nach Luft ringend schwankte er auf der Herbstallee hin und her, rang überfordert um sein Gleichgewicht. Egal, wie tief er Luft holte, seine Lungen ächzten verkümmert nach Sauerstoff. Weil er immer noch in einem Meer versunken war, in dem ein gewöhnlicher Mensch nicht überleben konnte. Er hatte nur eine andere Ebene erreicht.

Jenes Szenario, dem er schon oft beiwohnen musste.

Nervös hob er den Blick.

Dort, wo einst der Prismaturm jede Form von Dunkelheit mit seiner reinen Präsenz erhellte, überschwemmten nun Berge aus Trümmern den Zentral-Plaza. Diese Bruchsteine boten den perfekten Nährboden für einen unscheinbaren Samen der Zerstörung, aus dem etwas heranwuchs, das sich dem pechschwarzen Himmel gierig entgegen streckte. Eine gigantische Blume. Sie überragte alles, verhalf den ohnehin düsteren Schatten zu noch mehr Dichte.

Als sich ihre Blüte, getragen von einem blutroten Stamm, langsam öffnete, verschmolz ihre schwarze Gestalt harmonisch mit der ewigen Nacht, die über Illumina City hereingebrochen war. Eine unheilvolle Energie strömte unbemerkt aus der Blume heraus und legte sich wie eine tonnenschwere Decke über die Stadt, zwang alles und jeden, sich vor ihrer neuen Herrscherin zu verneigen.

So auch Platan, der kraftlos auf die Knie sank, nach wir vor nach Luft ringend.

Rasant breitete die Blume unter der Erde ihre Wurzeln aus, brach an verschiedenen Stellen der Stadt hervor und umklammerte besitzergreifend alles, was sie zu fassen bekam. Bald wirkte es so, als hätten blutige Adern ein Netz gebildet, mit dem sie Illumina City unter ihrer Kontrolle hielten – und durch das sie ihre Macht demonstrierten, indem sie mühelos das eine oder andere Gebäude mit ihrem festen Griff zerdrücken. Rote Wurzeln des Bösen, voller Machthunger.

Nicht weit entfernt regneten Trümmer auf die Herbstallee, was Platan erschrocken zusammenzucken ließ. Unruhig huschte sein Blick hin und her, er suchte nach Mähikel. Wo war sie? Was war mit ihr passiert? Sonst war sie immer bei ihm. Wann waren sie getrennt worden?

Wann ... war alles so entsetzlich außer Kontrolle geraten?

In Illumina City war das pure Chaos ausgebrochen.

Ein markerschütternder, hoher Schrei ließ die Stadt verängstigt erzittern und schmerzte in den Ohren. Es war kaum zu ertragen. Zu Platans Verwunderung war es aber die Blume, ihre neue Herrscherin, die sich die Seele aus dem Leib brüllte. Wahnsinn lag in ihrer Stimme, vermischt mit einem Hauch Verzweiflung, der leicht überhört werden konnte. Er war dabei zu ersticken, genauso wie Platan, doch er bemerkte es. Etwas stimmte nicht.

Unheilverkündend begann die Blüte irgendwann auf einmal zu glühen und hob sich dadurch deutlich aus der Schwärze hervor. Magentafarbenes Licht hüllte die Blume ein, umklammerte sie fest. Drohte sie fast zu zerquetschen, was sie abermals aufschreien ließ – heiser, weil die Energie ihren Körper zu intensiv strapazierte.

Wenige tapfere Seelen versuchten zu verhindern, was auch immer als nächstes kommen mochte. In Zusammenarbeit mit ihren treuen Pokémon attackierten einige Menschen den Stamm und die Wurzeln der Blume, leider zeigten diese Bemühungen keinerlei Wirkung. Zu groß war die düstere Macht, der sie sich mit all ihrer Kraft und dem Glauben an sich selbst versuchten entgegenzustellen.

Unaufhaltsam sammelte ihre Gegnerin in ihrer Blüte mehr und mehr von diesem Licht an ... und feuerte es schließlich in einem gebündelten Strahl in den Himmel ab.

Lux Calamitatis.

Schwach schüttelte Platan den Kopf. „... Floette.“

Es war dieser Moment, in dem jedem die Ähnlichkeit zu einer anderen, schrecklichen Waffe bewusst werden musste. Tatsächlich besaßen die Blüten dieselbe Form. Die Form der Ultimativen Waffe. Nur bestand diese Blume aus Dunkelheit, nicht aus Kristall – sein prismatisches Farbenspiel hatte noch etwas Schönes an sich, während diesmal nur Bosheit die Atmosphäre beherrschte. Einzig die gewaltsame Energie hatten sie gemein, die Ultimative Waffe und diese Blume.

„Floette“, krächzte Platan erschöpft. „Wa...rum?“

Nach einiger Zeit regneten abertausende Funken von der gewaltigen Lux Calamitatis unaufhaltsam auf die Stadt hinab, wie Meteoriten. Bildeten auf obskure Weise ein faszinierendes Feuerwerk. Sobald sie aufschlugen, bliebe nichts mehr übrig. Nichts außer Dunkelheit und Leere, in der die Blume als einzige Existenz blühen könnte. Ewigblütler-Floette. Alles gehörte dann ihr allein. Alles. Auf ewig.

Hilflos starrte der Großteil der Bewohner von Kalos, auch Platan, in den Himmel, sahen ihr grausames Schicksal mit jeder Sekunde näherkommen. Nur die rebellischen Seelen unter ihnen planten bis zum letzten Atemzug nicht aufzugeben, worüber die Blume sich nur müde amüsieren konnte. Oder eher derart verzweifelt, dass es einzig mit einer verstörten Art von Humor zu ertragen war? Weil der Schmerz den Verstand zu sehr zerfressen hatte?

Ein weiteres Mal brachte Platan mühevoll Floettes Namen hervor. Konnte man denn wirklich nichts mehr tun? Konnte nichts das Ende von Illumina City abwenden?

Als die ersten Funken die Stadt erreichten und beim Aufschlag eine Explosion nach der anderen für ein gleißendes Licht sorgte, war dieses Schicksal endgültig besiegelt. Platan spürte nur für eine Sekunde eine enorme Hitze, danach gar nichts mehr – und das Leben, welches seit Jahrtausenden Kalos in Schönheit erblühen ließ, wurde mit ihm zusammen restlos ausgelöscht.

„Floette!!!“, stieß Platan hervor, nun selbst von Verzweiflung erfüllt.

Ruckartig fuhr er hoch, wäre vor Schwindel jedoch beinahe sofort wieder entkräftet nach hinten gefallen. In der Nähe war ein Schleifgeräusch zu hören, etwas wurde über den Boden gezogen. Schritte folgten. Nur Sekunden danach legte jemand stützend eine Hand auf seinen Rücken und hielt ihm etwas an den Mund.

„Es ist alles gut“, beruhigte eine tiefe Stimme ihn.

Durcheinander blinzelte Platan einige Male. „... Flordelis?“

Statt auf die Frage einzugehen, folgte eine Bitte: „Du solltest etwas trinken. Schaffst du das?“

Zitternd tastete er nach dem, was ihm vor den Mund gehalten wurde. Ein Glas mit Wasser. Ohne weitere Fragen zu stellen, bemühte er sich, wirklich einen Schluck zu trinken, wobei ihn die Person vorsichtig unterstützte. Das Wasser tat unbeschreiblich gut und half ihm dabei, sich zu fangen. Stück für Stück wurde sein Kopf wieder klarer.

Nachdem er genug getrunken hatte, zog die Person das Glas zurück. Anschließend nahm Platan sich einen Moment Zeit, sich ein Bild davon zu machen, wo er war. Er saß gerade auf einem Bett in einem Zimmer, das vom Stil her immer noch wie das Hotel Z wirkte. Goldenes Licht der Abendsonne drang durch die Fenster hinein – war wirklich schon so viel Zeit vergangen?

Auf der Bettecke, neben seinen Beinen, lag Mähikel und schlief tief und fest. Außerdem war da noch Azett. Dieser stellte soeben das Wasserglas auf dem Beistelltisch ab und holte sich den Stuhl von einem Schreibtisch im Raum, um sich auf diesem neben dem Bett niederzulassen. Obwohl dieser Sitzplatz für Azett eindeutig zu klein war, weshalb seine Haltung etwas ungesund aussah. Mit den Händen stützte er sich auf dem Gehstock ab, den er zusammen mit dem Stuhl mitgenommen hatte.

... Natürlich war Flordelis nicht hier.

Wie hatte Platan annehmen können, es wäre anders? Enttäuscht und bedrückt ließ er den Kopf sinken.

„Ich muss wohl nicht erst fragen, wie es dir geht“, merkte Azett ruhig an. „Kann ich etwas tun, damit du dich besser fühlst?“

Abwehrend schüttelte Platan sacht den Kopf. „Nein, danke. Im Moment nicht.“

Stöhnend rieb er sich über die Stirn. „Habe ich etwa geschlafen?“

„Du klingst auffallend verwundert“, bemerkte Azett. „Hast du in letzter Zeit nicht viel geschlafen?“

„Nicht wirklich.“

Prüfend warf Platan noch einmal einen Blick zu Mähikel, ihn überkam sofort ein schlechtes Gewissen.

Das war ihm wohl anzusehen, denn Azett sprach als nächstes über sie: „Deine treue Freundin hat sich große Sorgen gemacht. Sie konnte sich anfangs überhaupt nicht beruhigen. Nach einiger Zeit war sie so erschöpft, dass sie bei dir eingeschlafen ist.“

Ja, das klang ganz nach ihr.

Behutsam strich Platan ihr über den Kopf. „Mähikel ...“

„Euch verbindet wahrhaftig ein enges Band. Ihr war anzusehen, dass sie genau spüren konnte, was du durchmachst. Dein Schmerz war auch ihr Schmerz.“ Bedächtig schloss Azett die Augen. „Es steht mir nicht zu, dass zu sagen, aber du solltest deinem Pokémon nicht so viel Kummer bereiten. Sie leiden mehr darunter als wir, wenn wir nicht auf uns achten.“

Angespannt biss Platan die Zähne zusammen. Natürlich wusste er, dass Azett recht hatte. Er wusste es, aber ...

„Ich habe nur versucht zu helfen“, presste er hervor.

Azett nickte verstehend. „Nachdem du dein Bewusstsein verloren hast, meinten Alton und Zita, du kämst ihnen bekannt vor. Sie haben ein Video von dir gesehen. Du bist also diese geheimnisvolle Person, die dazu in der Lage ist, Mega-Essenz in sich aufzunehmen.“

Überrascht starrte Platan ihn an. Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass sich solche Neuigkeiten in der heutigen Zeit noch rasanter verbreiteten als damals. Obendrein mit Fotos und Videos. Sich zu verkleiden war ihm aber überhaupt nicht in den Sinn gekommen.

„Ich bin mir nicht sicher, wie das möglich sein kann“, fuhr Azett fort, „aber es könnte an deinem Herzen liegen. Es weiß zuzuhören und offen für alle Wunder dieser Welt zu sein. Womöglich kannst du sogar ihre Stimme vernehmen.“

„Wessen Stimme?“, hakte Platan ratlos nach.

Eine Weile erwiderte Azett seinen Blick, bis er abwesend an ihm vorbei in die Ferne sah. „Einst wachte der Turm über die Stadt ... Ob er dies auch heute noch tut?“

Mit Sicherheit meinte Azett den Prismaturm. War auch das mit der Stimme auf diesen bezogen? Ihre Stimme?

„... Vielleicht haben wir uns zu sehr auf ihn gestützt“, meinte Azett, mit einem reumütigen Tonfall. Ernst konzentrierte er sich wieder auf Platan. „Solange wir nicht genau wissen, warum du Mega-Essenz in dich aufnehmen kannst oder du gelernt hast, sie gezielt zu kontrollieren, solltest du damit aufhören. Es ist zu gefährlich, besonders für einen Menschen. Heute stand die Mega-Essenz in dir bereits kurz davor auszubrechen. Wer weiß, was für Auswirkungen das auf dich hätte?“

„Aber dann werden die Leute wieder mehr von diesen Splittern für die Quazar Corporation sammeln!“, wandte Platan beunruhigt ein. „Das kann ich nicht zulassen. Ich traue dieser Firma nicht.“

Azett verzog keine Miene, sondern zeigte sich auffallend neutral. „Darf ich fragen, warum du ihnen misstraust?“

Darauf antwortete Platan nur zu gerne überaus ausführlich.

Sogleich verlor er sich in einen Redeschwall, in dem er seine bisherigen Eindrücke und Erfahrungen schilderte, was die Quazar Corporation betraf. Dazu zählte auch das Gespräch mit der Präsidenten, Jette. Kein Detail ließ er aus, vor allem nichts von seinen Sorgen bezüglich der Pläne zur Stadtentwicklung. All sein Ärger brach ohne Pause aus ihm heraus, bis es draußen dunkel geworden war und sie zwischendurch die Lampen anschalten mussten.

Geduldig hatte Azett ihm zugehört, ohne ihn zu unterbrechen. Erst, als Platan wirklich fertig war, teilte er seine Ansicht bezüglich der Quazar Corporation mit. „Ich kann dir versichern, dass sie vertrauenswürdig sind.“

„Aber-“

Als Azett eine Hand hob, eine stumme Bitte, ihn ausreden zu lassen, schwieg Platan. Es wäre nur gerecht, sich jetzt auch anzuhören, was Azett zu sagen hatte. Seine Abneigung gegenüber Quazar war offenbar schlecht für seine Höflichkeit. Er sollte sich etwas zusammenreißen.

„Ich selbst habe sie um Hilfe gebeten“, offenbarte Azett ihm.

Geschockt weiteten sich Platans Augen. „Du hast ...?! Aber warum?!“

„Weil ich leider nicht mehr die Kraft habe, mich selbst um die Gefahr zu kümmern, in der Illumina City schwebt.“ Bedauernd stieß Azett einen leisen Seufzer aus. „Das Z-A Royale war meine Idee. Die Quazar Corporation hat diesen Plan für mich umgesetzt. Wir brauchen einen Meister der Mega-Entwicklung. Dank des Z-A Royales erhoffe ich mir, einen zu finden.“

Platan konnte nicht so recht glauben, was er gerade hörte. Ihm war inzwischen zwar klar gewesen, dass Illumina City in Gefahr schwebte wegen dieser ... Mega-Essenz, wie Azett sie nannte, doch es nun von diesem auch bestätigt zu bekommen, machte es endgültig real. Es war etwas niederschmetternd.

Inwiefern sollte ein Meister der Mega-Entwicklung dabei helfen, dieses Problem zu lösen? Oder gab es noch eine ganz andere Bedrohung, von der Platan nichts ahnte?

„Deine Fähigkeit könnte entscheidend dazu beitragen“, sagte Azett bedeutungsvoll. „Darum möchte ich dich bitten, der Quazar Corporation zu vertrauen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Mit ihnen und Team MZ.“

Zusammenarbeiten. Mit Quazar?

Schon der Gedanke sorgte dafür, dass sich Platans Magen umdrehte. Es missfiel ihm erheblich.

Außerdem ...

Team MZ? Was genau hat es damit auf sich?“, erkundigte er sich, angemessen misstrauisch.

Die Erklärung folgte sogleich: „Die Kinder, die in meinem Hotel wohnen, haben dieses Team gegründet. Sie wollen mir helfen, einen Meister der Mega-Entwicklung zu finden. Dafür nehmen sie selbst am Z-A Royale teil. Sobald sie genug Erfahrung gesammelt haben, sollten sie auch dazu in der Lage sein, sich gegen die Megamanie-Pokémon zu stellen. Jene Pokémon, die durch Mega-Essenz zur Mega-Entwicklung gezwungen werden und dadurch über enorme Kräfte verfügen. In diesem Zustand leiden sie unter starken Schmerzen und geraten außer Kontrolle, wodurch sie eine Gefahr für alle in Illumina City darstellen. Du sollst eines dieser Megamanie-Pokémon aber auf beeindruckende Weise beruhigt haben.“

Verkrampft vergrub Platan die Hände in der Bettdecke. „Absol ...“

Das war es also?

Dieses Problem versuchten Azett und die Quazar Corporation zu lösen?

Eine hartnäckige Glut des Misstrauens glühte weiterhin in Platan, weshalb er auf keinen Fall einfach zustimmen konnte, sich dem Ganzen anzuschließen. Etwas musste es da noch geben.

Seine Augen funkelten fordernd. „Azett, wofür genau brauchst du unbedingt einen Meister der Mega-Entwicklung? Es wird nicht reichen, gegen die Pokémon zu kämpfen, die eine Mega-Entwicklung vollziehen. Der Ursprung des Ganzen wird dadurch nicht beseitigt.“

Egal, wie neutral Azetts Gesichtsausdruck wirken mochte, sein Zögern verriet, dass er unsicher war. Aus irgendeinem Grund konnte oder wollte er Platan noch nicht alles verraten.

Deshalb entbrannte die Glut des Misstrauens zu einem lodernden Feuer, dem Wut folgte.

„Ist euch überhaupt bewusst, dass ihr selbst für diese Megamanie-Pokémon sorgt?!“, fuhr Platan ihn an, ehe er sich davon abhalten konnte. „Ich kann es sehen! Jedes Mal, wenn Mega-Kristalle zerstört werden, setzt ihr damit Mega-Essenz frei, die sich an die nächstbesten Pokémon haftet und in sie eindringt. Sie gewaltsam zu zerstören ist ein Fehler! Es führt nur dazu, dass unschuldige Pokémon dadurch unnötig leiden müssen!“

Sein Ausbruch weckte Mähikel auf, die erschrocken den Kopf hob und verschlafen blinzelte. Noch musste sie erst realisieren, dass Platan wieder wach war.

„Selbst wenn das, was in erster Linie für die Mega-Kristalle sorgt, auch Megamanie-Pokémon hervorbringt, dürft ihr das nicht zusätzlich provozieren!“

Azetts Griff um den Gehstock verstärkte sich. „Uns war nicht bewusst, dass die Zerstörung der Mega-Kristalle auch Mega-Essenz freisetzt. Du kannst sie sehen?“

„Jeden Kristall und jedes Pokémon, das sie in sich trägt“, bestätigte Platan aufgebracht. „Darum begebe ich mich seit Tagen zu jeder Gefahrenquelle, um sie auszulöschen, bevor etwas passieren kann. Ich darf damit nicht einfach aufhören! Erst recht nicht, wenn es euer Plan ist, Trainer in diese Sache mit hineinzuziehen, die keine Ahnung haben, worauf sie sich einlassen! Nur, weil ihr den fähigsten Trainer ermittelt, heißt das noch lange nicht, dass diese Person auch den Mut und die Kraft hat, sich solch einer großen Gefahr zu stellen.“

War diese Suche nach einem Meister etwa auch der Grund dafür, warum man zuließ, dass jeder Mega-Entwicklungen durchführen durfte? Ignorierte man deswegen auch die Pokémon-Forschung? Oder wie strapazierend dieser Vorgang für Pokémon war? Falls dem so war, machte es Platan nur noch wütender, als er es ohnehin schon gewesen war.

Außerdem gab es bereits fähige Trainer, die eine Menge Erfahrung mit der Mega-Entwicklung vorweisen konnten. Diantha, zum Beispiel.

Sicher, sie konzentrierte sich seit längerer Zeit nur noch auf ihre Karriere als Schauspielerin, doch Kalos war auch ihre Heimat. Für Illumina City würde sie garantiert sofort hilfsbereit zur Stelle sein, sofern man ihr die Lage erklärte. Oder was war mit Connie? Würde Quazar enger mit dem Labor zusammenarbeiten, hätte Platan ihnen auch Serena und Kalem empfehlen können – jetzt befanden sie sich aber leider in anderen Regionen auf Reisen –, wobei die beiden immer noch Kinder waren.

Kinder ...

Aufgewühlt sprach Platan weiter. „Erst recht nicht Kinder!“

Leise mähte Mähikel ihn besorgt an, doch er ignorierte sie.

„Egal, wie talentiert und entschlossen sie sein mögen, Kinder darf man nicht bewusst in Gefahr bringen!“ Energisch vollführte er eine wegwerfende Handbewegung. „Es ist die Aufgabe von uns Erwachsenen, sich um solche Gefahren zu kümmern! Wie kannst du es wagen, mich zu fragen, ob ich bei diesem Team MZ mitmache?! Dabei, Kinder wissentlich in Situationen rennen zu lassen, bei denen sie sterben könnten, wenn nur ein Fehler passiert?!“

Nicht noch einmal.

So weit wollte Platan es niemals wieder kommen lassen. Vor fünf Jahren hatte er Kinder das Problem lösen lassen, um das er sich selbst hätte kümmern müssen. Bis heute fühlte er sich schlecht deswegen. Für ihn kam das nicht mehr in Frage. Selbst wenn Azett unter den Kindern einen Meister der Mega-Entwicklung finden würde ...

Ohne Mega-Mähikels Kraft, die Energie der Mega-Essenz, die Platan aufgenommen hätte, wäre der Kampf gegen Absol nicht gut ausgegangen. In seinem Schmerz hätte er zweifelsohne rücksichtslos alles in seiner Nähe zerstört und jeden getötet. Nicht umsonst galten Megamanie-Pokémon offenbar als so gefährlich, dass man dringend etwas gegen sie unternehmen wollte.

Auf die falsche Art und Weise.

Wurden diese Pokémon überhaupt von der Mega-Essenz befreit, wenn man sie einfach nur besiegte? Solch eine machtvolle Energie verschwand nicht so leicht. Möglicherweise verflüchtigte sie sich in die Atmosphäre und befiel als nächstes ein anderes Pokémon. Was bedeutete, man brächte die Kinder immer wieder in Gefahr, weil kein Ende in Sicht war.

In Azett veränderte sich etwas, tiefe Schatten bildeten sich auf seiner Stirn, als er den Kopf senkte und den Gehstock näher an sich heran zog. „... Du hast recht.“

Durch diese Worte der Zustimmung wurde Platans Wut der Wind aus den Segeln genommen. Auf einen Schlag erlosch das lodernde Feuer und zurück blieb nur glühende Asche. Er glaubte, sehen zu können, wie die Schuld Azett innerlich auffraß. Der 3000 Jahre alte Mann wirkte nur noch wie ein Geist.

„Es ist unverzeihlich, dass ich Kinder einer solchen Gefahr aussetze und ihnen die Verantwortung aufbürde“, stimmte er zu, seine Stimme erstickte an einigen Stellen. „Zumal das alles allein mein Fehler ist. Ich sollte das selbst regeln, aber ich kann nicht. Es ist mir nicht mehr möglich.“

Nun tat es Platan leid, ihn angeschrien zu haben. Auch, dass er Mähikel ignoriert hatte. Dabei hatte Azett ihm noch gesagt, er solle ihr keinen Kummer bereiten. Zumindest in dieser Sache hatte er recht. Entschuldigend breitete Platan ein wenig die Arme für sie aus und zu seiner Erleichterung nahm sie diese Geste an, um sich an ihn zu schmiegen. Beruhigend strich er über ihr Fell, während er sie umarmte.

Sowohl Platan als auch Azett schwiegen sich einige Zeit an, bevor letzterer die Stille beendete: „Sag mir bitte nur eines ... Was wird mit Floette geschehen?“

Unruhig warf Platan ihm einen Seitenblick zu. Azetts Blick war erfüllt von Sorge und Angst.

„Du hast immer wieder ihren Namen gesagt, während du geschlafen hast.“

Platan wich seinem Blick aus. „... Ich weiß es nicht. Es war nur ein Alptraum.“

„Ein Alptraum.“ Sämtliche Lebenskraft schien aus Azett gewichen zu sein, er klang furchtbar erschöpft. „Oder eine Warnung von ihr ...“

Unter einem qualvollen Stöhnen erhob er sich nach diesen Worten vom Stuhl. „Für heute sollte das genügen. Die Kinder und Floette wollen sicher wissen, wie es dir geht. Wie auch immer du dich entscheidest, du solltest dich noch etwas ausruhen. Zimmer 202 gehört vorerst dir. Du musst nichts dafür zahlen.“

Schwach nickte er ihnen zu. „Gute Nacht, ihr beiden.“

Anschließend wandte Azett sich ab und schritt langsam davon. Mitfühlend sah Mähikel ihm nach und auch Platan fühlte sich schlecht damit, ihn gehen zu lassen, ohne noch etwas zu sagen.

Darum überwand er sich und teilte ihm noch gut hörbar etwas mit: „Es tut mir leid.“

Auf diese Worte hielt Azett inne und warf einen Blick über seine Schulter. „... Mir auch. Ich weiß, wie schmerzhaft es ist, jemanden zu vermissen.“

Flordelis.

Anfangs hatte Platan ihn kurz für Flordelis gehalten. Darauf bezog sich sicher seine Entschuldigung. In ihm wuchs sofort wieder die Sehnsucht und die Leere in seinem Herzen, während Azett das Zimmer verließ. Kurz darauf waren Platan und Mähikel alleine.

Dieser Tag ... war alles andere als erfolgreich gewesen. Mit neuen Erkenntnissen waren auch weitere Fragen aufgeworfen worden. Sein Misstrauen wurde genährt. Alles in ihm war durcheinander. Zum ersten Mal, seit er die Mega-Essenz in sich aufgenommen hatte, fühlte er sich ermattet. Insbesondere geistig.

Was sollte er jetzt nur tun?

Lange Zeit stellte er sich in Gedanken immer wieder selbst diese Frage und starrte dabei ziellos aus dem Fenster. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm irgendwann, dass es kurz vor Mitternacht war. Stunden später hatte sich an dem Durcheinander in seinem Inneren kaum etwas verändert. Vor allem nicht daran, wie sehr sein Herz sich wünschte, mit Flordelis sprechen zu können. Noch ein einziges Mal.

Erst als er den Pyroleonit im warmen Licht der Lampen betrachtete, fasste er einen Entschluss.

Platan hatte Flordelis versprochen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Solange Azett ihm eine klare Antwort auf die Frage verwehrte, warum er einen Meister der Mega-Entwicklung benötigte, würde er deshalb alleine weitermachen. Ohne jemand anderen in Gefahr zu bringen. Zu handeln, statt abzuwarten. Genau das war der Weg, den er gehen wollte.

Solange er nichts bereuen würde und mit Entschlossenheit handelte, könnte er stabil genug bleiben, um die Mega-Essenz zu kontrollieren. Daran wollte er glauben.

Ich schaffe das alleine.

Mit diesem Mantra im Kopf verließ er das Hotel Z schließlich nach Mitternacht heimlich, zusammen mit Mähikel. Das Licht an diesem Ort würde er vorerst ignorieren, aber es gab noch mehr als genug andere zu löschen. Vor ihm lag eine Menge Arbeit.

Kennen wir uns?

Mega-Thanathora zählte zu den neueren Entwicklungen, die innerhalb der letzten fünf Jahre in Kalos entdeckt worden waren. Demnach war noch nicht viel über diese Form bekannt. Allerdings war es, wie jede Mega-Entwicklung, überaus beeindruckend und einzigartig.

Bereits in seiner normalen Form verfügten sämtliche Gliedmaßen von Thanathora über eigene Gehirne – der Körper setzte sich aus mehreren Bithora zusammen –, dank denen sie unabhängig voneinander agieren konnten, dabei jedoch den Befehlen des Kopfes untergeordnet waren. Aus vier Armen wurden in der Mega-Form acht, was es ziemlich gefährlich machte, diesem Pokémon zu nahe zu kommen, da man leicht von ihm verwirrt werden konnte. Zudem wandelte es sich von einem Wasser-Typen zu Kampf, wodurch wesentlich mehr Kraft in ihm steckte.

Bei so vielen Gehirnen hatte der Kopf immerzu einiges zu tun, um jede Handlung nach seinem Willen zu koordinieren. Eine unglaubliche Leistung.

Vom Aussehen her veränderte sich Thanathora in seiner Mega-Gestalt ansonsten nicht viel. Vom Körperbau her war er schmaler, besaß eine aufrechte, stramme Haltung und die Kopfform ähnelte einem schwarzen Helm. Insgesamt erinnerte er optisch an einen mysteriösen Krieger. Zu gerne hätte Platan sich die Zeit genommen, ihn genauer zu betrachten ...

... Aber die hatte er nicht.

Dieses Mega-Thanathora, das vor ihm stand, war durchtränkt von Mega-Essenz, welche ungetrübt nach draußen sickerte und ihm nicht nur eine ungeheure Macht verlieh, sondern auch zu einer beachtlichen Größe verholfen hatte. Viel größer als gewöhnliche Thanathora. Noch dazu litt auch dieses Pokémon unter immensen Schmerzen, weshalb es wild herumbrüllte. Seine Stimme klang wie tosende Wellen, die an Felsen brachen, sobald sie mit Gewalt dagegen preschten.

Leider war Platan zu spät gekommen und musste sich nun allein einem weiteren Megamanie-Pokémon stellen. Sie befanden sich in einem Kanalbecken, das in einem Hinterhof im Cyan-Bezirk 5 lag. Ein lichterloh brennender Punkt, den er durch seine verbesserte Sicht wahrnehmen konnte, hatte sie am Nachmittag hierher geführt, wo ein tobendes Mega-Thanathora sie empfing. Er und Mähikel waren nicht zurückgeschreckt, sondern wollten das schnell beenden.

Mit Hilfe all der Energie in ihm, hatte Mähikel bereits eine Mega-Entwicklung vollzogen und konnte sich Thanathora furchtlos stellen. Dank dem Gesteins- und Kampf-Typen besaß sie mit ihren eigenen einen deutlichen Vorteil. Daher dürften sie keine Probleme bekommen.

Aus dem Nichts schleuderte Thanathora gerade mehrere riesige Felsen auf Mähikel, denen sie geschickt auswich, indem sie gegen eine der Wände sprang und sich von dort in eine andere Richtung wegstieß. Schützend hob Platan einen Arm hoch, als einige Felsen zerbrachen und Splitter durch die Gegend flogen. Gleichzeitig wies er Mähikel an Samenbomben einzusetzen, was sie direkt umsetzte und Thanathora aus der Distanz effektiv mit Saatgeschossen attackieren konnte, auch wenn einige der Arme ein paar davon einfach mit gezielten Schlägen abwehrten.

Das war nicht gut.

Aufgrund all der Arme konnte er es unmöglich riskieren, Mähikel zu nah an Thanathora heranzulassen, was auch für ihn selbst galt. Sicher könnte Platan den Kampf sofort beenden, hätte er nur die Möglichkeit Thanathora für einige Sekunden zu berühren und die Energie aus ihm in sich aufzunehmen. So blieb ihnen nur, es vorher zu schwächen, wie bei Absol.

Immer wieder versuchten die Arme von Thanathora Mähikel zu erwischen, schnappten sogar aggressiv nach der feenhaften Spur aus Energie, die sie hinterließ. Am gefährlichsten war es aber jedes Mal, wenn Felsen durch die Gegend geworfen wurden. Zwar konnte Mähikel denen stets gut ausweichen, doch sie zerstörten mehr und mehr die Wände, rissen allmählich Löcher hinein ... aus denen irgendwann wilde Bithora gekrochen kamen.

Nur ein bedrohlicher Ruf von Thanathora genügte und sie gingen zum Angriff über. Auf Platan.

„Verdammt ...“, murmelte er angespannt.

Bevor er reagieren konnte, befreite sich Absol selbstständig aus seinem Pokéball und materialisierte sich schützend vor ihm. Obwohl der Unlicht-Typ keinen Vorteil gegenüber Bithora besaß, gelang es Absol dennoch sie mit starken und gezielten Attacken auf Abstand zu halten. Erleichtert atmete Platan auf und konnte sich weiter auf Thanathora sowie Mähikel konzentrieren. Ihm war aber bewusst, dass Absol alleine nicht ewig die Schar Bithora aufhalten könnte.

Das Kanalbecken hielt die heftigen Angriffe mit den Felsen sicher auch nicht lange aus. Unruhige Wellen zogen sich ununterbrochen durch das Wasser, warfen panisch zuckende Lichtflecken an die mitgenommen Wände. Ein Hauch Schönheit in diesem sonst eher chaotischen Bild.

Plötzlich bekamen zwei der Arme Mähikel zu fassen, als sie zu dicht an Thanathora dran war, was ihr ein empörtes Mähen entlockte.

Zauberschein!“, rief Platan ihr instinktiv zu.

Noch eine weitere Attacke, die Mähikel eigentlich nicht beherrschte, aber in ihrer Mega-Form zu nutzen wusste. Schon Samenbomben hatte sie niemals gelernt, in dieser Gestalt schien ihr jedoch alles möglich zu sein. Auch ein Zauberschein.

Ihr gesamter Körper erstrahlte in einem wunderschönen, feenhaften Glanz, dessen Licht Thanathora blendete und schmerzte. Brüllend warf er Mähikel mit Schwung von sich. Glücklicherweise gelang es ihr, sich im Flug rechtzeitig so zu drehen, dass sie sich erneut mit den Hufen von einer Wand abstoßen konnte. Außerdem war der Radius ihrer letzten Attacke groß genug gewesen, um auch einige Bithora zu verscheuchen, die sich in ihre Löcher zurückzogen.

Und dann ... ging auf einmal ein goldenes Leuchten von Thanathora aus, während es wutentbrannt Mähikel anstarrte, das Gesicht vor Schmerz zu einer Fratze verzerrt. Ein kalter Schauer sorgte bei Platan für Gänsehaut, in seinem Inneren reagierte die Mega-Essenz. Von Sekunde zu Sekunde sammelte Thanathora mehr und mehr Energie an, ein Arm nach dem anderen fing an vor Kraft zu glühen und um jede Hand bildete sich eine riesige, goldene Faust, bestehend aus einer Kampfaura.

Sobald er anfinge mit gebündelter Energie um sich zu schlagen, bekämen sie auf diesem doch eher engen Raum ein gewaltiges Problem. Jedem einzelnen Schlag könnte Mähikel sicher nicht ausweichen. Jetzt war der Moment gekommen, in dem sie Mega-Thanathora aufhalten mussten.

Würde Mondgewalt wieder ausreichen? Oder könnten die acht Arme gemeinsam diese Kugel am Ende ebenso locker abwehren wie die Samenbomben? Gar auffangen und zurückwerfen?

„Mähikel!“ Über die Schulter hinweg sah sie zu ihm, er nickte ihr entschlossen zu. „Noch einmal Zauberschein. Mit mehr Energie! Gib alles, was du hast!“

Obwohl ihr Mähen im Anschluss tiefer klang als sonst, besaß es einen zärtlichen, feengleichen Nachhall. Im seichten Wasser nahm sie eine standhafte Pose ein, welche auch eine gewisse Eleganz besaß. Davon ließ Platan sich aber nicht ablenken, sondern streckte die rechte Hand aus und konzentrierte sich auf den Energiefluss in seinem Inneren, versuchte, ihn zu lenken. Mit dem Wunsch, Thanathora endlich von der Megamanie zu befreien.

Tatsächlich gelang es ihm!

Ein weiterer Teil der magentafarbenen Energie ging auf Mähikel über, deren pastellfarbenen Kristallbeeren in ihrem Fellkragen allesamt prismatisch zu leuchten anfingen. Stolz warf Mähikel den Kopf nach oben und abermals erstrahlte ihr Körper in einem überirdischen Licht, dessen Schönheit nicht in Worte zu fassen war. Binnen eines Atemzuges füllte es das gesamte Becken aus, fühlte sich für Platan aber alles andere als unangenehm an und blendete ihn auch nicht. Auch Absol schien keine Probleme damit zu haben, jedenfalls gab er keinen Ton von sich.

Dafür brüllte Thanathora umso lauter, genau wie die letzten Bithora. Lautes Geplätscher verriet, dass sie sich panisch alle zurückzogen. Für einige furchtbar lange Sekunden hielt der Schrei des Schmerzens und der Agonie des Mega-Pokémon an, es zerriss Platan das Herz. Aber er wusste auch, dass sie Erfolg hatten, noch bevor das magische Feenlicht schließlich wieder verblasste. Es schien gänzlich von den Beeren an Mähikels Fellkragen aufgesogen zu werden, bis es verschwunden war.

Langsam ließ Platan die Hand sinken und atmete tief durch. Tatsächlich lag Thanathora nun in seiner gewöhnlichen Gestalt am Boden. Kein einziges Bithora war noch zu sehen.

Ohne zu zögern schritt Platan auf Thanathora zu und absorbierte dabei die Mega-Essenz, die noch in der Luft lag. Ein Teil davon stammte aus Kristallen, welche beim Kampf leider zerstört worden waren. Darum würde er sich gleich kümmern. Zuerst half er dem armen Pokémon.

Neben Thanathora kniete er sich hin und legte eine Hand auf seine Brust. Das Pokémon keuchte erschöpft und sah ihn mit einem glasigen Blick an.

Beruhigend lächelte Platan ihm zu. „Jetzt ist alles in Ordnung. Es ist vorbei. Gleich geht es dir besser.“

Noch während er das sagte, umhüllte die Mega-Essenz aus Thanathora seine Hand und wurde ein Teil von ihm. Je mehr dieser fremdartigen Energie Thanathoras Körper verließ, desto mehr entspannte dieser sich, bis er müde die Augen schloss. Sowohl der Kopf als auch alle Arme. Kurz darauf war die Gefahr endgültig vorbei, es existierte kein Funken Mega-Essenz mehr in dem Pokémon.

Zufrieden löste Platan die Hand von Thanathora. Sie fühlte sich etwas heiß an, doch das Gefühl würde bald verfliegen. Inzwischen war er das gewohnt.

Mähikel und Absol kamen zu ihm, weil sie auch einen Blick auf Thanathora werfen wollten.

„Es geht ihm jetzt wieder gut“, beruhigte Platan sie, wobei er ihnen durch ihre Fellkragen strich. „Dank euch! Ihr beide habt großartige Arbeit geleistet.“

Wie immer blieb Absols Mimik eher ausdruckslos, dagegen zeigte Mähikel ziemlich deutlich, wie stolz und glücklich sie war. Ihr Gesicht glitzerte und funkelte wie ein Sternenhimmel, was wirklich entzückend war.

Nachdem Platan sie gelobt hatte, richtete er sich auf und warf den Blick nach oben. Zu den zwei Zuschauern, von denen sie die ganze Zeit beobachtet worden waren. Jene Jungs, denen er vor einiger Zeit beim Restaurant Solala begegnet war. Das exzessive Sammeln der Mega-Splitter hatte dazu geführt, dass ihr Thanathora eine Megamanie-Entwicklung durchmachen musste. Hoffentlich wäre ihnen das eine Lehre, vor allem im Sinne ihres Pokémon.

Unsicher erwiderten die Jungs vom oberen Rand des Kanalbeckens aus seinen Blick, beide schienen von dem, was geschehen war, eingeschüchtert zu sein – eine gewisse Faszination lag aber auch in ihren Augen. Verübeln konnte Platan es ihnen nicht. Für junge Leute musste dieser Kampf ziemlich cool gewesen sein. Wäre die Lage nicht ernst, hätte auch Platan sich einfach nur begeistert von Mähikels Fähigkeiten gezeigt.

„Ihr solltet Thanathora schnell in ein Pokémon-Center bringen“, riet er ihnen. Streng funkelte er sie an. „Zukünftig verzichtet ihr besser darauf, Mega-Kristalle zu zerstören, wenn ihr nicht wollt, dass so etwas noch einmal geschieht.“

Offenbar zeigte sein Blick Wirkung, denn die Jungs zuckten zusammen und nuschelten nervös, dass sie verstanden hätten. Einer von ihnen rief Thanathora in einen Pokéball zurück, so dass es sich in blau-weißes Licht verwandelte und verschwand. Anschließend bedankten sie sich leise und reumütig bei Platan, worauf er nur ein wenig die Hand hob.

„Schon gut, kümmert euch jetzt um Thanathora“, forderte er noch einmal.

Darauf warfen die Jungs sich gegenseitig einen Blick zu, ehe einer zaghaft zu sprechen begann. „Äh, also ... aber Sie ... Wer oder was sind-“

„Nun geht schon!“, drängte Platan sie ungehalten.

„Ah! Sorry, wir sind schon weg!“

Eilig huschten sie anschließend wirklich davon. Es tat Platan zwar leid, sie derart verscheuchen zu müssen, aber Thanathora benötigte nun einmal dringend Heilung. Alles andere sollte ihnen momentan nicht so wichtig sein. Zumal er nach wie vor nicht dazu bereit war, mit anderen darüber zu sprechen, was er tat. Entweder würde man ihm sonst davon abraten – so wie Azett – oder schlimmstenfalls seine Fähigkeit in irgendeiner Weise ausnutzen wollen. Beides wollte er vermeiden.

Außerdem ...

Das ist meine Fähigkeit. Ich alleine entscheide, wie ich damit umgehe.

Nach dem Kampf mit Thanathora war er noch mehr davon überzeugt, richtig zu handeln.

Kaum waren die Zuschauer weg, verwandelte Mähikel sich zurück und mähte etwas erschöpft. Der Teil der Energie, der noch in ihr ruhte, kehrte zu Platan zurück. Diesmal hielt sie sich schon besser als nach ihrer ersten Mega-Entwicklung. Dennoch war er besorgt und bat sie, sich vorerst im Pokéball auszuruhen. Der Vorschlag gefiel ihr anfangs nicht wirklich, doch Absol gab ihr mit einem schweigsamen Nicken wohl zu verstehen, dass er solange auf Platan aufpassen würde, weshalb sie dann widerwillig zustimmte.

Also rief Platan sie in ihren Ball zurück und bedankte sich bei Absol für die Unterstützung.

„Fein, fein.“ Langsam ließ er den Blick durch das halb zerstörte Becken schweifen und stemmte die Hände in die Hüfte. „Lass uns hier noch ein wenig aufräumen und danach schnell verschwinden, bevor jemand kommt.“

Reglos starrte Absol ihn an.

„... Nun, das nehme ich einfach mal als Zustimmung.“

Schmunzelnd fuhr Platan ihm mit einer Hand über den Kopf, ehe er sich um die zahlreichen Mega-Splitter kümmerte. Einige von ihnen glühten geheimnisvoll unter der Wasseroberfläche. Glücklicherweise genügte es, nur wenige von ihnen zu berühren, damit auch alle in der Nähe sich auflösten und ein Teil von ihm wurden.

Absol beobachtete den Vorgang wachsam, Platan dagegen geriet ein wenig in Gedanken.

Erst gestern war er im Hotel Z gewesen und hatte mit Azett gesprochen. Ob dieser enttäuscht gewesen war, als er feststellen musste, dass Platan ohne jegliche Abschiedsworte diesen Ort verlassen hatte? Warum ... beschäftigte ihn das überhaupt? Immerhin war er Azett nichts schuldig, nur weil er sich um Platan gekümmert hatte, als dieser sein Bewusstsein verlor. Für Floette war es vermutlich sogar besser, wenn er nicht in ihrer Nähe war.

Floette ...

Plötzlich fuhr ein stechender Schmerz durch seinen Kopf. Vielleicht sollte er besser nicht darüber nachdenken.

Bald waren sämtliche Splitter aus dieser Gegend verschwunden und Platan nickte zufrieden.

„Gut, jetzt sind wir hier fertig.“ Sein Blick wanderte zu der Leiter an einer Wandseite. „Wir nehmen diesen Weg. Meinst du, du kannst-“

Moment. Dort oben war etwas.

Am oberen Rand, über der Leiter, stand ein Pokémon. Ein schwarz-grünes Hunde-Pokémon.

So ein Pokémon hatte er noch nie zuvor gesehen. Oder?

Es strahlte eine Ruhe aus, die geradezu Besitz von Platan ergriff. Das glühende, weiße Augenpaar musterte ihn seltsam prüfend und schien direkt in seine Seele zu blicken. Irgendwie behagte Platan dieses Gefühl nicht. Als könnte dieses Pokémon einzig durch diesen intensiven Blick verstehen, wer er war und was er wollte. War das möglich?

„Wer ...“

„Er macht sich Sorgen“, ertönte auf einmal eine weitere Stimme. „Du solltest damit aufhören.“

Sofort erstarrte Platan im ersten Augenblick.

Diese Stimme ...

Ein vertrauter Klang, der nach seinem Herzen griff und dem Loch in seiner Brust ein sehnsuchtsvolles Klagen entlockte. Dadurch geriet die Mega-Essenz in Bewegung und sorgte für ein Brennen, das sich an den alten Schmerz in ihm klammerte. Davon angezogen wurde. Wie ein Motten-Pokémon vom Licht.

Platan verzog das Gesicht und presste eine Hand auf seine Brust. Ganz sicher würde er nicht ein zweites Mal glauben, seinen toten Freund zu hören. Tote kehrten nicht zurück.

„Azett?“ Statt sich der Stimme zuzuwenden, schloss Platan seufzend die Augen. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dir die Mühe machen würdest, mich zu suchen.“

Noch dazu in dem Zustand, in dem Azett sich befand ...

„... Ich bin nicht Azett“, widersprach die Stimme, von einer ähnlichen Ruhe erfüllt wie dieses fremdartige Hunde-Pokémon.

Irritiert öffnete Platan die Augen wieder. Wenn das nicht Azett war, wer dann?

Zögerlich sah er zuerst zu Absol. Dieser stand neben ihm, ebenfalls vollkommen ruhig, die roten Augen wahrscheinlich fest auf die Person fixiert. Wenn Platan Absol schon besser kennen würde, könnte er einschätzen, ob sein Verhalten ein gutes oder schlechtes Zeichen war. Leider war Absol kaum zu lesen.

Um es einfach hinter sich zu bringen und diesen lächerlichen Funken Hoffnung direkt wieder im Keim zu ersticken, drehte Platan sich selbst in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Wer auch immer ihn erwartete, es konnte nur in Enttäuschung enden. Nichts könnte diese tiefe, brennende Sehnsucht lindern, außer einer bestimmten Person. Daher erwartete er nur, dass der Schmerz noch weiter wachsen würde, wie so oft.

Aber ...

... es kam ganz anders.

Jäh ließ der Schmerz nach und stattdessen füllte das Loch in seiner Brust sich mit Licht. Strahlend schön und magisch wie Mähikels Zauberschein vorhin. Zum ersten Mal in Platans Leben war er derart überwältigt, dass ihm nicht nur der Atem stockte, sondern ihm auch sämtliche Worte fehlten und er nicht mehr zu blinzeln wagte. Alles auf einmal, während sein Herz eine Serenade des Glücks spielte.

Im Schatten des Ganges, der durch den Kanal führte, stand ein Mann. Ein hoch gewachsener Mann, über zwei Meter. Obwohl Platan ihn sofort erkannte, hatte sich vieles an ihm verändert.

Seine Haltung war leicht gebeugt, statt die eines standhaften, unerschütterlichen Geschäftsmannes. Zumal er durch die abgetragene, lockere Alltagskleidung, welche zum Teil mit rotem Stoff geflickt war, einen eher genügsamen Eindruck machte. Der übergroße, flauschige Fellkragen an der Jacke schmiegte sich harmonisch an das weiß gewordene Haar. Statt einer feurigen Mähne – nur einige orangerote Strähnen im Bart erinnerten noch daran – fiel es nun mehr glatt nach unten, mit Ausnahme einiger langer Strähnen an der Stirn.

Sogar seine Augenfarbe hatte sich etwas gewandelt. Kein kraftvolles Himmelblau, sie waren blasser als früher. Jedenfalls das rechte Auge, denn das linke hielt der Mann geschlossen. Womöglich war aber nur Platans allgemeine Wahrnehmung der Farben das Problem und der Himmel lebte nach wie vor in diesen sanften Tiefen. Zumindest letzteres war noch vertraut. In diesem Auge lag so viel Sanftheit, noch wärmer als jemals zuvor.

Inzwischen zitterte Platans Körper, bebte aufgrund eines Sturms der Emotionen, der in ihm losgebrochen war. Sicher stand er bereits viel zu lange nur da und starrte diese Erscheinung schweigend an, unfähig, zu reagieren. Aus Angst, sich das nur einzubilden.

„Un...möglich“, sagte Platan irgendwann doch heiser. „... Flordelis?“

Bislang hatte dieser auch kein Wort mehr gesprochen, sondern ihn ebenso still gemustert, mit neutraler Miene. Nun kam Flordelis aber noch einen Schritt auf ihn zu, verließ den Schatten des Ganges und trat ins Licht. Noch löste er sich nicht einfach wieder auf.

Aufmerksam beobachteten die beiden Pokémon das Geschehen, ohne jegliche Zeichen von Anspannung, wahrscheinlich weil keiner von ihnen eine Gefahr witterte.

„Ich bin F“, korrigierte Flordelis ihn – mit dieser tiefen, angenehmen Stimme, die Platan all die Jahre vermisst hatte. „Du bist also der Mann, der Zygardes Interesse geweckt hat.“

... Erwartete er nun etwa, dass Platan sich ihm vorstellte?

Allein der Gedanke daran war absurd.

Sie kannten sich doch – oder?

„Aber ...“ Kopfschüttelnd ging auch Platan einen Schritt auf ihn zu. „Du bist doch Flordelis, nicht wahr?“

Nachdenklich fuhr der Befragte sich über den Bart, was ihm wie eine Ewigkeit vorkam. Das hielt Platan nicht aus. Darum überwand er auch die letzte Distanz zwischen ihnen und bevor er sich davon abhalten konnte, schlang er die Arme um den Mann und vergrub das Gesicht in seiner Brust. Sog den Duft des anderen ein. Keine Spur von Parfüm, aber dennoch vertraut. Und diese Wärme ...

Nur Flordelis hatte bei jeder Umarmung stets solch eine immense, behütende Wärme ausgestrahlt.

Es war keine Einbildung.

„Du bist es“, schluchzte Platan undeutlich. „Du bist es wirklich ...“

Wie auch immer das möglich sein konnte, aber das spielte in dieser Sekunde keine Rolle. Wichtig war nur, dass Flordelis diesmal tatsächlich erschienen war. Ein wahres Wunder. Ein Traum, der bisher für Platan unzählige Male mit Enttäuschung endete, weil Flordelis tot war. Jetzt stand er leibhaftig hier. Lebendig.

Flordelis lebte.

Diese Erkenntnis brach einen Damm in Platan, der durch den emotionalen Sturm ohnehin schon stark beschädigt war. Ein wahrer Fluss aus Tränen sorgte dafür, dass sein Körper noch mehr zitterte. Etliche Gefühle drangen auf diese Weise nach draußen. Gefühle, die nicht mehr unterdrückt werden wollten. All die Sehnsucht, all der Kummer brachen aus Platan heraus.

Anfangs schien Flordelis nicht zu wissen, wie er damit umgehen sollte, denn es dauerte einige Zeit, bis er langsam die Arme um Platan legte und ihn tröstend festhielt. Mehr als das wollte er auch gar nicht. Im Grunde war es weitaus mehr, als er verdient hatte. Selbst jetzt war Flordelis derjenige, der für ihn da war und geduldig wartete, bis die Tränen allmählich versiegten.

„Geht es?“, hakte er dann einfühlsam nach. „Hast du dich beruhigt?“

Leise schluchzend löste Platan sich etwas von ihm und nickte schwach. „Entschuldige, dass unser Wiedersehen so beginnt. Ich sollte mich mehr zusammenreißen, aber ...“

Von Flordelis folgte ein undefinierbarer Laut. „Wiedersehen? Kennen wir uns?“

Diese Worte ließen die Wärme, die Platan von ihm aufgenommen hatte, schlagartig zu Eis gefrieren. Fassungslos starrte er Flordelis an.

„Wie ... wie meinst du das?“

„Ich erinnere mich nicht daran, wer ich einmal war“, erläuterte Flordelis gefasst – nicht wie der Geschäftsmann von einst, um seine wahren Gefühle zu verbergen, sondern weil ihn diese Tatsache schlicht nicht zu kümmern schien. „Deswegen bevorzuge ich den Namen F.“

Entsetzt holte Platan tief Luft. „Du hast deine Erinnerungen verloren?“

Tatsächlich, wenn man darauf achtete, erkannte man deutlich in dem Ausdruck, mit dem Flordelis ihn ansah, dass dieser ihn nicht kannte. Sein sanftes Auge vermittelte zwar Mitgefühl, gleichzeitig jedoch auch Ratlosigkeit. Wahrlich, dieser Mann wusste nicht, wen er gerade vor sich hatte. Deswegen verhielt er sich also eher distanziert und hatte gezögert, bevor er ihn zum Trost umarmte.

Etwas in Platan zerbrach erneut. Jenes Eis, die Wärme von Flordelis, wurde von einer schmerzvollen Erkenntnis durchschnitten, wie von einem Schwert. Wenn Platans Anblick keinerlei Reaktion in ihm auslöste ...

Rasch ließ er Flordelis los und wich mehrere Schritte zurück, trotz des Widerstands seines Herzens, das sich nicht von ihm trennen wollte und vor Verzweiflung aufschrie.

„Dann muss das eben sehr unangenehm für dich gewesen sein“, murmelte Platan aufgewühlt, während er mit den Händen hastig sein Gesicht trocknete. „Das ... tut mir leid ...“

Etwas unbeholfen stand Flordelis noch kurz mit ausgestreckten Armen da, bevor er sie wieder sinken ließ. „Ich habe eher das Gefühl, dass ich mich entschuldigen sollte.“

„Nein!“, widersprach Platan bestimmt, danach wurde seine Stimme leiser. „Du musst dich nicht entschuldigen. Du nicht ...“

Unsicher neigte Flordelis dezent den Kopf. Ihm war anzusehen, wie er abermals nachdachte. Damals war er kaum zu lesen gewesen, nun wirkte er wesentlich ... nahbarer. Welch grausame Ironie, dass Platan sich ihm ausgerechnet jetzt so fern fühlte wie noch nie. Deswegen hatte er auch noch nicht danach gefragt, wie Flordelis überleben konnte. Dabei hätte er gerne vieles in Erfahrung gebracht. Unter anderem, was mit seinem linken Auge geschehen war. Platan kam es aber so vor, als würde es ihm nicht mehr zustehen.

Um sich selbst ein wenig zu fangen, schlang Platan die Arme um sich selbst und rang mühevoll nach Worten. „Ich ... du ... warum hast ... hier ...“

Problemlos setzte Flordelis diese Fragmente zu einer anständigen Frage zusammen: „Warum ich dich hier aufsuche? Wie gesagt, er macht sich Sorgen.“

Flordelis' Blick wanderte nach oben, zu dem Hunde-Pokémon. „Das ist Zygarde. Es ist für die Aufrechterhaltung der Ordnung zuständig.“

Auch Platan hob den Kopf und betrachtete das stolz wirkende Wesen, welches sie weiterhin wachsam im Auge behielt. „Zygarde, das Ordnungs-Pokémon ...“

Selbstverständlich kannte Platan einige Geschichten über dieses Pokémon. Leider waren es größtenteils nur sehr mythische, unvollständige Erzählungen. Oft mit gänzlich verschiedenen Konzepten. In einigen Geschichten war Zygarde der von Arceus auserwählte Wächter des Gleichgewichts. In anderen entstand es aus hunderten Einzelteilen, Narben der Welt, die sich als Antwort auf jeden Schmerz, den die Menschheit der Natur zufügten, zu einem Ganzen zusammensetzten und Rache übten.

Da Platan solch ein Pokémon noch nie zuvor gesehen hatte, gab es keinen Grund für ihn, daran zu zweifeln, dieses geheimnisvolle Pokémon namens Zygarde vor sich zu haben. Vor allem, weil er spüren konnte, wie ungewöhnlich es war, dank der Mega-Essenz in ihm.

„Du spürst es auch, oder?“, fuhr Flordelis fort, weshalb Platan ihn wieder ansah. „Die Ordnung Illuminas ist ins Wanken geraten.“

Angespannt runzelte Platan die Stirn.

Flordelis schloss auch sein rechtes Auge. „Die Mega-Kristalle überall in der Stadt ... Diese mysteriöse Mega-Essenz ... All die Megamanie-Pokémon ... Und schließlich du ...“

Als er das Auge wieder öffnete, funkelte etwas darin auf. Eine bestimmte Emotion, unmöglich für Platan zu ergründen.

„Zygarde war in letzter Zeit dein stiller Beobachter“, erläuterte Flordelis weiter. „Er versteht, dass du die Ordnung in Illumina City wiederherstellen willst und weiß das zu schätzen. Immerhin ist das auch sein Wunsch. Dein Vorgehen ist auch per se nicht schlecht. Wenn die Mega-Essenz sich weiter in der Stadt verbreitet, würden irgendwann alle Pokémon der Stadt von der Megamanie-Entwicklung betroffen sein.“

Was für eine furchtbare Vorstellung. Egal, wie viele Trainer es in der Stadt gab, sie könnten sicher nicht sämtliche Megamanie-Pokémon auf einmal abwehren. Dafür waren sie zu mächtig. Ohne Platans Fähigkeit, ihnen die Energie zu entziehen, könnten sie mit Sicherheit ewig weiterkämpfen, bis alles und jeder zerstört war.

Momentan wartete scheinbar stets Chaos auf Illumina City.

Sei es durch Floette oder die Megamanie-Pokémon ...

„Das dürfen wir nicht zulassen“, meinte Platan beunruhigt. Er löste die Arme von sich selbst und breitete sie ein wenig aus. „Wir müssen Illumina City schützen und die Schönheit von Kalos bewahren!“

Erst reagierte Flordelis nicht darauf, bis sich unerwartet seine Mundwinkel hoben und sich ein leichtes Lächeln zeigte. Sofort war Platan zutiefst gerührt, dass ihm erneut die Tränen kommen wollten. Hatte er Flordelis jemals derart weich lächeln sehen? Auf jeden Fall nicht in den letzten zehn Jahren.

„Klingt genau wie die Antwort einer Person, die Zygardes Interesse geweckt hat“, kommentierte Flordelis mild. „Auch ich möchte, dass Illumina eine Stadt der Schönheit bleibt ... Inmitten einer Welt der Schönheit.“

„Flordelis ...“

Schönheit.

An deinem Traum hat sich also nichts verändert. Dein Herz ist noch dasselbe wie damals.

Diesmal konnte er die nächsten Tränen nicht mehr zurückhalten, wischte sie jedoch schnell mit dem Handrücken weg – und war dankbar dafür, wie Absol sich in diesem Augenblick stützend an seine Beine schmiegte, sicher in Mähikels Namen. Im Gegensatz zu ihr war er mit solchen emotionalen Gesten recht ungeschickt.

Flordelis legte eine Hand in die Hüfte und tippte sich mit der Faust grübelnd gegen die Stirn. „Die Mega-Essenz ... Wenn ich mich recht entsinne, begann alles mit den Bauarbeiten am Prismaturm.“

„Ich denke auch, dass ihr Ursprung dort liegt“, betonte Platan ernst. „Ich habe das Gefühl, ich kann ihn manchmal hören. Es geht ihm nicht gut.“

Von Zygarde folgte ein bekümmertes Knurren, worauf Flordelis ein ziemlich ernstes Gesicht machte. „... Das ist kein gutes Zeichen. Du solltest damit aufhören, solange es noch möglich ist.“

Für einen Moment hatte es sich beinahe so angefühlt, als näherten sie sich doch wieder einander an und nun trieben sie auf einmal noch weiter auseinander.

Ein ungutes Gefühl wuchs in Platan. „Du meinst ...“

„Richtig, die Mega-Essenz. Nimm nicht noch mehr davon in dir auf und nutze sie nicht“, riet Flordelis ihm, weiter mit diesen tiefen Kratern auf der Stirn. Fast wirkte er wie der Geschäftsmann von damals, weshalb Platan diese Worte umso mehr nahe gingen. „Ich weiß, ich meinte, dein Vorgehen sei nicht unbedingt der falsche Weg, aber wir wissen nicht, welche Auswirkungen das auf dich haben könnte. Wenn du so weitermachst, könntest am Ende du eine unberechenbare Gefahr für Illumina werden.“

Ein weiteres Mal zerbrach auch der letzte Hauch Wiedersehensfreude und löste in Platans Brust eine neue Form der Eiszeit aus. Selbst Flordelis riet ihm nun davon ab weiterzumachen. Konnte Platan denn niemals ... etwas richtig machen?

Verloren senkte er den Kopf.

Eigentlich hatte er das alles auch für Flordelis getan, wollte auf diese Weise Buße tun. Blieb ihm wirklich auch diesmal nichts anderes übrig, als untätig zu bleiben? Was könnte er schon noch ausrichten, außer, diese Fähigkeit zu nutzen und Mega-Essenz in sich zu bündeln?

„Das ist alles, was ich dir in Zygardes Namen mitteilen sollte“, merkte Flordelis an, nachdem sich eine Weile Stille zwischen ihnen ausgebreitet hatte. „Behalte dein Misstrauen gegenüber der Quazar Corporation bei. Wir sind uns selbst noch nicht sicher, welche Rolle sie bei allem spielen. Aber da sie mit den Baumaßnahmen am Prismaturm begonnen haben ... Zygarde möchte dem auf alle Fälle nachgehen und ich werde mich als sein Instrument für das Wohl Illuminas weiterhin zur Verfügung stellen.“

Zygarde stieß ein Jaulen aus, gefolgt von einem seltsamen Geräusch, das Platan den Kopf heben ließ. Auf einmal war das Ordnungs-Pokémon verschwunden.

„Ah, es wird Zeit.“

Nervös huschte Platans Blick zu Flordelis. „Zeit? Gehst du wieder?“

Ein knappes Nicken folgte und er zögerte kurz. „Darf ich vorher deinen Namen erfahren?“

Also war es nun soweit.

Sich seinem alten Freund noch einmal vorzustellen war befremdlich. Verbunden mit der Akzeptanz, den alten Flordelis doch loslassen zu müssen. Schon wieder. Wie etliche Male zuvor.

Deshalb zerriss es ihn innerlich bei der Antwort: „... Platan.“

Für einige Sekunden ließ Flordelis diesen Namen auf sich wirken, ehe er noch einmal nickte. „Das werde ich mir merken. Also dann ...“

Abschließend bat er Absol noch darum, gut auf Platan aufzupassen, erst danach wandte er sich tatsächlich ab und schritt zurück in den Gang, tiefer in den Kanal hinein. Jeder einzelne Schritt von Flordelis, der das Wasser zum Plätschern brachte, sorgte für ein Unwetter in dem eisigen Scherbenmeer, aus dem Platans Inneres mittlerweile bestand.

Geh nicht.

Zwar formte sein Mund diese Worte, doch es kam kein Ton heraus.

Bitte ...

Hoffnungslos, seine Stimme ging in den klirrenden Wellen unter, die erbarmungslos tosten.

Geh nicht. Nicht schon wieder.

Kraftlos sank Platan zusammen.

Was nützte ihm all die Energie, wenn sie ihn ausgerechnet jetzt im Stich ließ? Oder hielt er sich selbst davon ab, Flordelis daran zu hindern einfach zu gehen? Immerhin erinnerte er sich ohnehin nicht an Platan. Hatte nicht ein einziges Mal gezeigt, dass er etwas in ihm auslöste. Schlimmer noch, Flordelis störte es nicht, unter Gedächtnisverlust zu leiden. Dafür war er viel zu klar gewesen, zu gefestigt. Fern von jeder Verzweiflung, wie es schien.

Ohne die Erinnerung an Platan ging es ihm besser.

Wie sollte es auch anders sein? Schließlich hatte Platan nichts für ihn getan. Jetzt zu erwarten, noch ein Teil seiner Erinnerungen zu sein oder sie gar wachzurütteln wäre egoistisch. Darum durfte er nicht nach Flordelis rufen.

Absol stand neben ihm und beobachtete ihn still. Zuckte nicht einmal zusammen, als Platan wie ein Ertrinkender nach Luft schnappte.

Dabei betrachtete er sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche, das furchtbar aussah. Blass. Verstört. Eventuell könnte wenigstens eine vorläufige Pause nicht schaden, so wie schon Azett ihm geraten hatte. Wäre es erbärmlich, ins Hotel Z zurückzukehren und das Zimmer in Anspruch zu nehmen, das er dort bekommen hatte? Zu seinem anderem Schlafplatz konnte er inzwischen womöglich nicht mehr zurückkehren, weil dort neugierige Leute auf ihn warten könnten. Möglicherweise Quazar selbst.

Betrübt tastete er über seine Brust und spürte den Pyroleonit unter seinem Oberteil. Nun hatte er Flordelis nicht einmal diesen kostbaren Fund zeigen können. Hätte er sich überhaupt darüber gefreut?

Plötzlich unterbrach ein seltsames Gefühl seine Gedanken. Etwas, wodurch die Mega-Essenz in ihm wild durch das Scherbenmeer zu fließen anfing und es verdrängte. Eine Art Ruf. Das Bild vom Prismaturm blitzte vor seinem inneren Auge auf.

Vielleicht sollte Platan zum Zentral-Plaza gehen und sich vergewissern, ob alles in Ordnung war. Langsam wäre es besser, diesen Ort endlich zu verlassen. Unterwegs könnte er versuchen sich zu sammeln.

Von Absol folgte ein zustimmender Laut, was Platan ein klägliches Schmunzeln entlockte. „Kannst du etwa Gedanken lesen? Oder sieht man mir so gut an, was ich denke?“

Keine Reaktion, nur ein rotes Augenpaar, das ihn immer noch ansah.

„Schon gut, wir gehen ja“, gab Platan nach.

Also richtete er sich auf und warf einen letzten Blick in den Gang hinein, durch den Flordelis geschritten war. Inzwischen konnte man ihn nicht mehr sehen. Wohin mochte es ihn wohl als nächstes verschlagen? Womöglich auch zum Prismaturm? Solange sie in derselben Stadt waren, gäbe es stets die Möglichkeit, sich noch einmal zu begegnen.

Das hatte etwas Tröstliches.

 
 

***

 

Wie es aussah, war Quazar dabei die Mauer um den Prismaturm zu erweitern, indem sie diese noch höher bauten. Bei Platans erstem Besuch vor einiger Zeit war sie auf jeden Fall noch niedriger gewesen, davon war er überzeugt. Glaubte Jette, sie könnte das Problem lösen, indem sie das Herz von Illumina wegschloss? Oder wollte sie nur sichergehen, dass keine wilden Pokémon oder gar Elite-Formen eindringen und ihr Wahrzeichen beschädigen könnten?

Zu gerne wüsste Platan, was Quazar vorhatte. Wenigstens waren Flordelis und auch Zygarde dieser Organisation gegenüber misstrauisch eingestellt. Endlich hatte er in dieser Hinsicht Verbündete – neben der Bürgerinitiative, von der man jedoch leider überhaupt nichts mitbekam. Allzu aktiv schienen sie nicht zu sein. Es gab bislang nicht mal irgendeine Anlaufstelle, um sich mit diesen Leuten in Verbindung zu setzen. Ausnahmsweise war Platan aber ohnehin eher dazu geneigt niemandem in dieser Stadt zu vertrauen.

Außer Flordelis und Zygarde.

Zusammen mit Absol stand Platan nun am Zentral-Plaza vor dieser grauen, trostlosen Mauer – passend zum Himmel, der mittlerweile von dunklen Wolken verhangen war und glücklicherweise die meisten Leute von der Straße verscheuchte – und legte eine Hand auf diese. Zu seiner Überraschung spürte er eine leichte Vibration. Fast als würde der Prismaturm hinter der Mauer zittern. Irgendetwas stimmte eindeutig nicht.

Azetts Worte von gestern kamen ihm in den Sinn.

Einst wachte der Turm über die Stadt ... Ob er dies auch heute noch tut?

Womöglich kannst du sogar ihre Stimme vernehmen.

Ein Alptraum. Oder eine Warnung von ihr ...

Platan legte den Kopf in den Nacken, um den Teil des Prismaturms zu betrachten, der noch zu sehen war. „Es begann also alles mit den Bauarbeiten am Prismaturm ...“

Ja, ihr kostbarer Wächter hatte etwas mit dem zu tun, was in der Stadt vor sich ging. Keinen Zweifel. Wussten Quazar und Azett, was genau? Nach wie vor weigerte sich in Platan alles dagegen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Besonders jetzt. Wobei sollte er noch helfen, wenn er keine weitere Mega-Essenz in sich aufnahm oder sie zum Kampf gegen Megamanie-Pokémon nutzte?

„Entschuldige“, flüsterte Platan leise zum Prismaturm. „Aber ich muss damit aufhören. Wenn Flordelis das will ...“

... wollte Platan sich diesmal nicht gegen seinen Wunsch stellen.

Die Vibration wurde stärker, ein leichter, elektrischer Schlag fuhr durch seine Hand. Erschrocken löste er sie von der Mauer und wich einige Schritte zurück. Was war das? Eine Art Abwehrsystem von Quazar? Oder eine Reaktion vom Prismaturm?

„... Hilf mir“, entglitt es Platan wie von selbst.

Konnte das sein?

Sprach der Turm mit ihm? Sollte dem so sein, wie war das möglich?

... Eigentlich sollte er sich diese Frage nicht stellen, nachdem er vorhin erst einen totgeglaubten Menschen wiedergetroffen hatte. Da Flordelis lebte, konnte offensichtlich alles möglich sein. Platans Ich aus besseren Zeiten hätten daran überhaupt nicht gezweifelt. Einst war er stets offen für das Unmögliche gewesen. Für Wunder. Deswegen hatte er auch den Feen-Typen entdeckt.

... es könnte an deinem Herzen liegen. Es weiß zuzuhören und offen für alle Wunder dieser Welt zu sein.

Ebenfalls Worte von Azett.

Möglicherweise war das wirklich die Erklärung dafür, weshalb es Platan möglich war Mega-Essenz aufzunehmen. Tief in ihm schlummerte sein altes Ich noch. Jene Zuversicht, die immer und überall an das Gute geglaubt hatte. Augen, in denen die Welt immerzu eine schillernde Farbenpracht gewesen war.

Vielleicht ... konnte er das alles zurückholen.

Wenn Illumina ihn auserwählt hatte ... vertraute sie auf ihn.

„Flordelis lebt“, erinnerte Platan sich selbst. Seine Lippen formten sich zu einem Lächeln. „Er mag mich vergessen haben, aber er lebt. Nur darauf kommt es an.“

Irgendetwas musste ihn gerettet haben.

Irgendetwas oder jemand.

Was es auch war, dafür wollte Platan sich erkenntlich zeigen.

Nachdenklich legte er eine Hand an sein Kinn, ließ prüfend den Blick über die Umgebung wandern und konzentrierte sich auf die restlichen Lichtpunkte, die er sehen konnte. Dabei ignorierte er die ersten Regentropfen, die er auf seinen Wangen spürte. Absol dagegen schüttelte sich heftig. Anscheinend mochte er es nicht, nass zu werden.

Zwischen den magentafarbenen Punkten befand sich nun ein Licht, dessen Leuchten sanfter und weniger blendend wirkte, aber dennoch heller war als das aller anderen. Könnte das Flordelis sein? Sicher war er in Cromlexia von der Energie aus der Ultimativen Waffe getroffen worden, was einiges erklären könnte. Unter anderem sein weißes Haar – mit dem er unverschämt gut aussah. Es stand ihm. Zu schade, dass Platan sich darauf nicht genauer konzentrieren konnte.

Warum war ihm dieses angenehm schöne Leuchten nicht vorher aufgefallen? War es bislang zwischen den anderen untergegangen oder befand Flordelis sich noch nicht lange in der Stadt?

Egal, Platan konnte ihn sehen.

Sofern er wollte, könnte er ihn also jederzeit aufsuchen.

Und was die restlichen Lichtpunkte betraf ...

„Es sind nicht mehr so viele.“ Lächelnd sah Platan wieder zum Prismaturm. „Das sollte ich noch schaffen. Keine Angst, ich kümmere mich darum. Nun habe ich angefangen, also bringe ich das auch zu Ende.“

Denn genau genommen war es Zygardes Wunsch, dass er damit aufhörte. Flordelis aber wollte Illuminas Schönheit bewahren. Das wollte Platan für ihn erreichen.

Außerdem konnte er auch die Pokémon kurz vor dem Ziel nicht im Stich lassen – jedenfalls glaubte Platan, dass es vorbei war, sobald die Mega-Essenz keine Gefahr mehr für die Stadt darstellte. Sein Herz wollte daran glauben, dass alles gut werden konnte.

Sobald das geschafft war, konnte Flordelis ein glückliches Leben führen.

Ganz sicher.

Solange alle anderen glücklich werden, ist es nicht wichtig, was mit mir passiert.

Absol stieß einen ungewohnt klagenden Laut aus, der dafür sorgte, dass Platan ihn verwundert ansah. Der Regen wurde immer stärker und Absol fühlte sich sichtlich unwohl. Mit einer aufrichtigen Entschuldigung schickte er ihn vorübergehend in den Ball zurück und beeilte sich anschließend, selbst einen trockenen Ort aufzusuchen. Die Mega-Essenz schützte ihn nämlich vielleicht nicht davor krank zu werden und das konnte er sich jetzt nicht erlauben.

Sein Ziel blieb bestehen, er würde in Illumina City alles in Ordnung bringen – und dank dem Wissen, dass Flordelis noch lebte, besaß er noch mehr Antrieb als vorher.

Das kann ich leider nicht zurückgeben

Es kam Platan so vor, als sei es bereits eine Ewigkeit her, seit er zuletzt im Labor gewesen war, um seine Pokémon zu heilen. Beim letzten Mal war es Nacht, diesmal hatte er tagsüber in Eile das Gebäude betreten und war mit dem Aufzug zu dem Stockwerk hochgefahren, wo die Forschungen stattfanden. Dort war er sofort zu der Gerätschaft gestürmt, die in einer Ecke des Raumes stand, und legte die Pokébälle von Mähikel und Absol hinein.

Nun wartete er angespannt darauf, dass sie vollständig geheilt wurden. Hoffentlich ohne Probleme.

Seine Pokémon hatten sich im letzten Kampf beide schwere Verletzungen zugezogen, weil ihr Gegner durch seine Typen erhebliche Vorteile besaß.

Einer der magentafarbenen Lichtpunkte war plötzlich in Flammen aufgefangen und mit einem erstaunlichen Tempo in ihre Richtung geschossen. Ein Megamanie-Bibor. Offenbar zog die Mega-Essenz in Platan jene Pokémon, die ebenfalls von dieser Energie durchtränkt waren, inzwischen noch stärker auf magnetische Weise an. Diesem aggressiven Bibor hätten sie niemals entkommen können, selbst wenn sie gewollt hätten.

Gnadenlos hatte es sie aus der Luft attackiert, mitten im Cyan-Bezirk 3, wo Platan sich um einige Mega-Kristalle gekümmert hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren auch einige Passanten in der Nähe gewesen, doch das Bibor war zum Glück einzig auf sie konzentriert. Als es zudem die Mega-Entwicklung durchgeführt hatte, waren die meisten geflohen. Verständlich, Bibor konnte in dieser Form beängstigend sein. Und unberechenbar.

Selbst in ihrer Mega-Form kam Mähikel kaum gegen dieses Pokémon an. Bibors Gift setzte ihr viel zu sehr zu und schwächte sie immens, weil es sowohl gegen ihren Pflanzen- als auch den Feen-Typen äußerst effektiv war. Deshalb waren sie auf Absols Hilfe angewiesen, der jedoch ebenso zu kämpfen hatte, jedoch gegen die Käfer-Attacken. Dennoch gab er sein Bestes, Bibor abzulenken und Mähikel somit zu ermöglichen Treffer zu landen.

Dieser Kampf war furchtbar aufreibend gewesen, für sie alle. Für die Pokémon wesentlich mehr als für Platan, auch wenn es ihn zerrissen hatte dabei zuzuschauen, wie Mähikel und Absol leiden mussten. Irgendwie hatten sie aber gewonnen. Allerdings viel zu knapp. Mit einem Schaden, den Platan lieber vermieden hätte.

Da das Bibor blitzschnell geflohen war, kaum dass die gesamte Mega-Essenz seinen Körper verlassen hatte, konnte Platan es nicht mit ins Labor nehmen. Sicher käme es aber zurecht, wenn es noch die Kraft besessen hatte zu fliehen. Also konzentrierte er sich nur auf Mähikel und Absol.

Das leise Surren der Gerätschaft hätte beruhigend sein können, wenn er nicht immer noch zu unruhig wäre.

Eigentlich hätte er damit rechnen müssen, dass so etwas wie vorhin passieren könnte. Bisher hatten sie Glück gehabt, stets auf Typen zu treffen, gegen die Mähikel einen Vorteil besaß. Natürlich mussten sie irgendwann auf eine Herausforderung stoßen, die sie in die Enge zu treiben wusste. Auf Dauer konnte er mit nur zwei Pokémon nicht gegen alle anderen bestehen.

Natürlich hätte er einfach reichlich Mega-Essenz nutzen können, um Mähikel und Absol zu stärken, doch das kam für ihn nicht in Frage. Auf keinen Fall durfte er ihre Körper mit zu viel Energie strapazieren, sonst müssten sie auch Schmerzen durchleiden, wie die Megamanie-Pokémon. Selbst wenn er nur so viel Energie nutzte, um auch Absol zu einer Mega-Entwicklung zu verhelfen, wäre das grauenvoll.

Eine Mega-Entwicklung sollte auf natürliche Weise stattfinden, durch eine enge Bindung zwischen Pokémon und Trainer. Absol und Platan kannten sich noch nicht lange genug dafür. Bei Mähikel war das anders. Aber ...

Ohne die Mega-Essenz könnten auch wir keine Mega-Entwicklung einsetzen.

Bedeutete das nicht, dass er Mähikel im Grunde schon die ganze Zeit auf unnatürliche Weise dazu zwang? Warum kam ihm dieser Gedanke erst jetzt?

Ein Signal der Gerätschaft verriet, dass der Heilungsprozess abgeschlossen war. Erleichtert nahm Platan die beiden Pokébälle wieder an sich und betrachtete sie vorsichtshalber prüfend, auch wenn das nicht nötig war. Die Ausrüstung im Labor war erstklassig. Sicherlich besser als das, was die Pokémon-Center mittlerweile anboten. Seit deren Rückbau traute er diesen Einrichtungen nicht mehr wirklich.

„Na endlich!“, ertönte plötzlich eine genervte Frauenstimme hinter ihm. „Endlich erwische ich Sie! Mit Ihnen habe ich noch ein Jungglut zu rupfen!“

Irritiert drehte Platan sich um und blickte direkt in das gestresste, sichtlich überarbeitete Gesicht von Magnolia. Ihre Augenringe hatten neue Dimensionen erreicht, seit er zuletzt mit ihr gesprochen hatte. Umso beeindruckender war es, dass sie insgesamt noch sehr gepflegt und stilsicher aussah. Ihm war das damals, in seinen intensiven Trauerphasen um Flordelis, eher weniger überzeugend gelungen.

Magnolias türkisfarbenen Augen schleuderten ungehalten Eissplitter in seine Richtung, durch die Schutzbrille hindurch, weshalb er sich rasch räusperte und mit einem freundlichen Lächeln versuchte, die Wogen zu glätten. „Magnolia, meine Liebe~!“

„Ach, sparen Sie sich das!“, gab sie flapsig zurück. „Sie haben vielleicht Nerven, erst jetzt hier aufzutauchen. Ich warte schon die ganze Zeit darauf, dass Sie sich bei mir blicken lassen.“

Unschuldig hielt Platan sein Lächeln aufrecht. „Woher wusstest du überhaupt, dass ich hier bin?“

Darauf hob sie empört eine Augenbraue. „Das fragen Sie mich jetzt nicht ernsthaft, Professor ...“

Platan erwiderte ihren Blick einige Sekunden schweigend, ehe er ihn zu den anderen Angestellten im Raum lenkte, die abseits standen und alles unsicher beobachteten. Er hatte sie vollkommen ausgeblendet, seit er hier war. Wahrscheinlich auch alle im Erdgeschoss, an denen er in seiner Hektik vorbeigerauscht war, ohne irgendjemanden zu grüßen. Jemand musste ihr Bescheid gegeben haben, dass er hier war.

Sicher, er mochte der ehemalige Professor dieses Labors sein und deshalb den Vorteil genießen, hier eher hereingelassen zu werden als andere, aber selbst bei ihm wurde man verständlicherweise misstrauisch, wenn er sich wie ein aufgescheuchtes Flemmli verhielt. Zumal inzwischen die meisten in Illumina City in Erfahrung gebracht haben dürften, dass er derjenige war, der die Mega-Kristalle verschwinden ließ. Man hatte ihn oft genug dabei gesehen.

Und Magnolia ... brannte vermutlich darauf, deswegen mit ihm zu sprechen. Zumindest würde es ihm an ihrer Stelle so gehen.

Langsam steckte Platan sorgsam die Pokébälle wieder ein, räusperte sich anschließend ein zweites Mal und legte die Hände aneinander. „Ich bitte vielmals um Verzeihung. Zwar habe ich einige Male durchaus daran gedacht, dass es sinnvoll wäre, dich zu kontaktieren, aber ... Du hast bereits mehr als genug zu tun. Ich wollte dich nicht zusätzlich belasten.“

„Idiot!“, zischte Magnolia. Stöhnend rieb sie sich die Stirn und schüttelte den Kopf. „Ich meine, sicher, es stimmt, ich bin überlastet, andernfalls hätte ich mich schon längst bei Ihnen gemeldet und Sie hierher beordert. Bestimmt hätte ich es mir aber nicht entgehen lassen, jemanden zu untersuchen, der Mega-Essenz in sich aufnehmen kann. Falls es Ihnen entfallen sein sollte, ist die Erforschung von Energien mein Fachgebiet.“

Falls seine Kollegin Burnett jemals davon erfuhr, wäre sie wahrscheinlich auch enttäuscht darüber, dass er sich nicht bei ihr gemeldet hatte. Vermutlich hätte sie aber mehr Verständnis, immerhin befand sie sich in einer gänzlich anderen Region und hatte bisher niemals etwas mit der Mega-Entwicklung und deren Energie zu tun gehabt. Magnolia dagegen war vor Ort und erforschte sie. Es war nur natürlich, dass sie wütend auf ihn war.

Deshalb konnte er ihr nicht sagen, dass er momentan niemandem Vertrauen schenken konnte. Alles alleine schaffen wollte. Alleine alles in Ordnung bringen musste. Für Illumina, für Flordelis ... und für sich. Damit er wieder in den Spiegel schauen und sich selbst verzeihen konnte. Zu groß war die Angst, er könnte sich zu sehr wieder auf die Hilfe von anderen stützen und untätig werden, sobald er es zuließ.

Das durfte nicht noch einmal passieren – darum hatte er auch Diantha oder irgendwelche anderen Kontakte noch nicht angerufen und sie um Unterstützung gebeten. Dabei kannte Platan mehr als genug Leute, die garantiert nach Kalos eilen und ihm helfen würden. Aber ...

„Nein, das ist mir nicht entfallen ...“, entgegnete Platan gepresst.

Schnaubend stemmte Magnolia die Hände in die Hüfte. „Ist ja jetzt auch egal. Der Schaden ist schon angerichtet. Ihnen sollte bewusst sein, dass die Mega-Essenz Ihren Körper bereits verändert haben dürfte. In welcher Form, bringen wir durch einige Untersuchungen in Erfahrung. Es werden aber sicher keine schönen Ergebnisse dabei herauskommen.“

Platan erhielt überhaupt nicht die Gelegenheit, etwas dagegen einzuwenden, denn sie sprach einfach ungeniert weiter: „Außerdem haben Sie ziemlich viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.“

Magnolia zog die Augenbrauen zusammen und deutete mit dem Daumen nach oben. „Wie es der Zufall will, wartet einer davon in meinem Büro und weigert sich hartnäckig zu verschwinden, weil er glaubt, ich wüsste sicher ganz genau, wie man Sie am besten dazu bringen kann, noch einmal mit denen zu reden. Zum Schießen, nicht wahr? Sobald die etwas wollen, bin ich plötzlich gut genug für sie.“

Eine dunkle Vorahnung erwachte in Platan, was dafür sorgte, dass er die Stirn runzelte. „Ist es Quazar?“

Statt ihm zu antworten, sprach Magnolia unbeirrt weiter: „Tun Sie mir wenigstens den Gefallen und helfen Sie mir, ihn loszuwerden, wenn Sie schon gerade hier sind.“

Nach diesen Worten wandte sie sich von ihm ab und schritt Richtung Aufzug, wohl in der sicheren Erwartung, dass Platan ihr ohne Widerrede folgen würde. Tatsächlich tat er das, schließlich hatte sie recht. Wer auch immer sie von der Arbeit abhalten mochte, er sollte sich darum kümmern, diese Person loszuwerden. Immerhin war er der Grund für diese Störung.

Auf dem Weg in den Aufzug spürte Platan die Blicke der anderen Angestellten im Nacken, die erst abbrachen, als sich die Tür hinter ihnen schloss und sie ein Stockwerk nach oben fuhren. Genervt murmelte Magnolia dabei unentwegt etwas vor sich hin. Am liebsten hätte Platan sich bei ihr entschuldigt, aber er hatte das Gefühl, es war besser, vorerst zu schweigen.

Am Ziel angekommen stiegen sie wieder aus und Magnolia lief voraus, hinter die Trennwand, wo sie jemandem mitteilte, dass sie den Professor mitgebracht habe. Auch Platan betrat seinen alten Arbeitsbereich und tatsächlich, vor dem Schreibtisch stand eine ihm fremde Person. Ein großer Mann, der ihn auf den ersten Blick an eine Security oder einen Bodyguard denken ließ.

Durch die kräftige Statur und die breiten Schultern kam der schicke Anzug mit den goldenen Knöpfen gut zur Geltung. Schuhwerk sowie Handschuhe waren farblich auf das grüne Hemd abgestimmt. Eine schwarze Sonnenbrille rundete das Gesamtbild ab und unterstrich die männlichen, markanten Gesichtszüge.

Falls Platan das richtig erkannte, trug er das braune Haar zu einem Dutt hochgebunden, der von kleinen, niedlichen Plüschköpfen, einem Pam-Pam und einem Haspiror, dekoriert wurde. Dieses niedliche Detail passte überhaupt nicht zur restlichen Erscheinung des Mannes, war jedoch überaus charmant, wie Platan fand. Leider dämmte ein goldener Anstecker der Quazar Corporation an der Brust die Entzückung und verfluchte sie zu einem Zustand des eisigen Misstrauens.

Quazar. Wie erwartet.

Kaum erblickte der Mann ihn, zeigte sich ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen. „Ah, bonjour, Professor Platan. Was für eine glückliche Fügung, dass ich Sie hier treffe.“

Früher hätte er etwas ähnliches gesagt, weshalb Platan für einen kurzen Moment dazu neigte einen Hauch von Sympathie zu empfinden. Vor allem, weil die Stimme des anderen unerwartet warm klang, geradezu sonnig.

Magnolia ließ sich derweil in ihren Bürostuhl sinken und rollte mit den Augen. „Über das glücklich lässt sich streiten.“

Es kam ihm fast so vor, als hätte sie das eigentlich in seinem Namen gesagt. Jedenfalls war es das, was Platan gerne selbst erwidert hätte. Unter anderen Umständen hätte er darüber geschmunzelt, aber er wahrte lieber ein ernstes Gesicht. So wie Flordelis es damals immerzu getan hatte.

Fordernd sah er den Mann an. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Selbstverständlich. Bitte verzeihen Sie mein unhöfliches Benehmen.“ Mit einer flüchtigen Bewegung fuhr er mit zwei Fingern über seine langen, seitlich abstehenden Koteletten. „Mein Name ist Vincent. Offiziell bin ich der Sekretär der Präsidentin von der Quazar Corporation, aber im Grunde erledige ich alles, was so anfällt. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

„Das kann ich leider nicht zurückgeben“, meinte Platan kühl.

Sofort weiteten sich erstaunt Magnolias Augen und auch Vincent wirkte etwas überrumpelt, fand seine stramme Haltung jedoch schnell wieder.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie mit einigen Entscheidungen und Handlungen der Quazar Corporation nicht einverstanden sind“, sagte Vincent, betont ruhig. „Soweit ich weiß, gab es deswegen auch ein Gespräch mit unserer Präsidentin. Sie ist immer sehr beschäftigt, was zur Folge hat, dass sie unter Umständen etwas grob erscheint. Erst recht, wenn man sich gegen Ihre Firma ausspricht. Vielleicht könnte ich einige Ihrer Sorgen und Zweifel zerstreuen.“

„Das bezweifle ich“, wehrte Platan direkt ab. „Ich habe Jette bereits ausführlich geschildert, warum die Wildsektoren schlecht sind. Es wäre mir zu mühselig, das jetzt erneut aufzurollen. Von den Kampfsektoren fange ich besser auch nicht an. Die Ausführung dieses Z-A Royales ist eine Katastrophe, auch wenn ich inzwischen weiß, dass es einem bestimmten Zweck dient, genau wie die Wildsektoren. Dennoch wird an keinem Punkt Rücksicht auf Menschen oder Pokémon genommen und es mangelt an vielen Ecken an Sicherheitspersonal, obwohl Quazar gerne immerzu behauptet, beides läge ihnen so sehr am Herzen.“

Offenbar gefiel Magnolia, was sie gerade sah, denn sie lehnte sich mit einem amüsierten „Oho~“ vor und stützte sich mit den Armen auf dem Schreibtisch ab.

Scheinbar etwas überrollt richtete Vincent seine Sonnenbrille. „Dürfte ich erklären-“

„Nein!“, unterbrach Platan ihn. In diesem Moment war er dankbar, recht groß zu sein, denn so musste er den Kopf nicht zu sehr heben, um Vincent ins Gesicht zu schauen. „Mich interessieren Ihre Erklärungen nicht mehr! Mir ist es auch egal, was Quazar nun von mir will, auch wenn ich es mir denken kann. Es hat mit der Mega-Essenz zu tun, richtig? Erwarten Sie nun etwa von mir, dass ich mit Ihrer Firma kooperiere? Jener Firma, die Bewohner dazu aufgerufen hat, die Mega-Kristalle einfach zu zerstören, ohne darüber nachzudenken, was das für Folgen haben könnte? Oder wussten Sie genau, dass Sie Mega-Essenz dadurch freisetzen und alles nur noch schlimmer machen, aber haben diese Gefahr willentlich in Kauf genommen?“

Beschwichtigend hob Vincent die Hände. „Wir-“

„Falls es Ihnen dabei ernsthaft auch um das Stadtbild von Illumina City ging, ist das an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten!“, fuhr Platan ihn an und riss einen Arm hoch, Richtung Fenster. „Wissen Sie, was wirklich das Stadtbild ruiniert?! Die unzähligen Baugerüste überall, auf denen sich auch das Logo von Quazar befindet! Sie stehen teilweise an Stellen, wo überhaupt keine Bauarbeiten stattfinden! Unbeaufsichtigt!“

Platan redete sich regelrecht in Rage, angetrieben von einer immensen Hitze in ihm. Wild und unkontrolliert hatte die Mega-Essenz in ihm angefangen zu toben und erzeugte dadurch mehr und mehr Wärme. Erste Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

„Kein Wunder, dass Sie niemanden mehr in Ihr Gebäude lassen können!“, sprach Platan aufgebracht weiter. „Die Menschen sind nicht blind! Sie werden mehr und mehr eingeschränkt und durch ihre brillante Stadtentwicklung belästigt! Pokémon müssen eine Megamanie durchleiden, aufgrund Ihrer Leichtsinnigkeit! Sie kommen mit Ihrer Firma in unsere Region, nutzen einen ihrer schwachen Momente aus und reißen die Kontrolle an sich. Maßen sich an, hier Ihre Macht ausspielen zu können und handeln dabei wie ahnungslose Kinder auf einem Spielplatz ... Ich war viele Jahre vor Ihnen hier! Ich war lange vor Quazar mit Illumina verbunden! ... Und dann soll das nicht mehr meine Stadt sein, nur weil ich zwischendurch eine Weile weg war?! Wenigstens betrachte ich Illumina nicht nur als einen großen Spielplatz!“

„Professor!“, warf Magnolia plötzlich lautstark ein.

Sie war von ihrem Platz hochgefahren und hatte die Hände auf den Schreibtisch geschlagen, was ihn erschrocken zusammenzucken ließ.

„Beruhigen Sie sich!“, forderte sie, mit nervöser Miene. „Die Mega-Essenz strömt schon durch Ihre Augen! Merken Sie das gar nicht?!“

Verwirrt lenkte er den Blick zu ihr. „Wie?“

Erst, als er innehielt, realisierte er, dass tatsächlich etwas mit seinem Sichtfeld nicht stimmte. Regenbogenartige Schlieren tanzten unruhig über Magnolia. Über alles, was er sah. Wie eine ausgelaufene Ölspur, die lebendig geworden war. Magentafarbene Funken blitzten dazwischen als winzige Punkte auf.

Blinzelnd schüttelte Platan den Kopf und rieb sich die Augen.

Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter und hörte Magnolias Stimme neben sich. „Atmen Sie tief durch. Ich weiß, ich bin die Letzte, die so etwas fordern darf, aber Sie müssen sich beruhigen.“

„Ja ...“, stimmte Platan ihr zu und sog etwas Luft ein, um sie langsam wieder auszustoßen.

Konzentriert bemühte er sich, die Mega-Essenz in sich zur Ruhe zu bringen. Sich zu sammeln. Nach einiger Zeit wurde es besser und seine Sicht hatte sich normalisiert, er sah alles wieder klar. Magnolia und Vincent hatten geduldig gewartet und sahen ihn besorgt an – wobei das bei der rechten Hand von Jette nur schwer einzuschätzen war, aufgrund der Sonnenbrille.

„Es tut mir leid“, entschuldigte Platan sich beschämt, während er sich den Kopf hielt. „Ich wollte nicht ... Eigentlich werde ich sonst nicht so laut.“

Er sah Vincent an und senkte dann reumütig den Kopf. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung.“

„Schon in Ordnung“, versicherte er Platan, unerwartet mitfühlend. „Ich dachte mir schon, dass dieser Ausbruch nicht Ihrem wahren Wesen entsprechen kann. Unsere Security hat mir ein gänzlich anderes Bild von Ihnen vermittelt.“

Überrascht hob Platan den Kopf wieder. „Sie haben mit den Dedenne gesprochen?“

„Natürlich. Ich musste ihnen schließlich noch einmal erklären, dass sie wirklich niemanden ins Gebäude lassen dürfen, der keine Erlaubnis dafür besitzt.“ Vincent schmunzelte leicht. „Egal, wie nett die Person erscheinen mag oder wie viele Komplimente sie der Security macht. Die Dedenne fanden Sie überaus zauberhaft.“

Darauf musste Platan leise lachen. „Sie waren auch wahrlich zauberhaft.“

„Deswegen werden sie oft unterschätzt“, merkte Vincent an. „Das macht sie zur perfekten Security.“

In der Tat klang das nach einer klugen Taktik. Viele Menschen und Pokémon unterschätzten die Kleinen. Daher hatte Platan den Dedenne auch gesagt, dass sie einen großartigen Job machten.

Magnolia nickte für sich. „Ihre Augen sind wieder normal. Merken wir uns also, dass es offensichtlich hilft, über niedliche Pokémon zu sprechen.“

Mit diesen Worten kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück und nahm seufzend Platz. „Aber ehrlich, Sie müssen besser aufpassen. Ich dachte, Sie hätten die Mega-Essenz halbwegs unter Kontrolle.“

„Für gewöhnlich ist das auch der Fall“, versicherte Platan ihr.

„Was mich zu dem Grund führt, warum ich mit Ihnen reden wollte“, mischte Vincent sich wieder ein. „Die Quazar Corporation versucht die Mega-Essenz zu erforschen, aber bislang erzielen wir nur schleppend brauchbare Ergebnisse.“

Fassungslos warf Magnolia die Hände nach oben. „Tja, warum auch mit dem Labor zusammenarbeiten, das schon seit Jahren die Mega-Entwicklung erforscht?!“

Platan hob eine Hand in ihre Richtung. „Da kann ich ihr nur zustimmen. Ich habe auch Jette nahegelegt, mit dem Labor zusammenzuarbeiten. Ihre Firma mag eine eigene Forschungsabteilung haben, doch wir besitzen wesentlich mehr Erfahrung und Wissen, was die Mega-Entwicklung betrifft.“

„Diesen Standpunkt kann ich nachvollziehen und ich gebe Ihnen sogar recht.“ Seufzend verschränkte Vincent die Arme. „Da wir noch nicht lange in Kalos vertreten sind, konnten wir nicht einschätzen, wer vertrauenswürdig ist und wer nicht. Damit haben wir uns aber das Misstrauen vieler anderer eingebracht.“

Hätte Azett Quazar nicht versichern können, dass sie beruhigt mit dem Labor zusammenarbeiten konnten? Oder trauten sie ihm auch nicht wirklich? Lag es an Magnolias alter Verbindung zu Team Flare, die Jette abgeschreckt hatte? Was es auch war, es verlief ziemlich unglücklich.

Vincent fuhr fort: „Ich kann und werde nicht bestreiten, dass Quazar Fehler gemacht hat. Ich kann Ihnen aber versichern, dass Sie ein falsches Bild von uns haben. Uns liegt viel daran, Illumina City zu neuem Glanz zu verhelfen. Die Stadt zu einer Mega-Entwicklung zu führen, wie die Präsidenten es gerne so schön sagt.“

Nachdenklich sah Platan ihn an. Auf der einen Seite wirkte Vincent ehrlich, aber auf der anderen konnte er sein Misstrauen nicht einfach ablegen. Jedenfalls nicht, solange auch Flordelis und Zygarde nicht wussten, was genau Quazar plante. Vielleicht könnte Platan es nun herausfinden, sofern er zustimmte mit dieser Firma zusammenzuarbeiten. Möglicherweise war Jette inzwischen gewillt, ihn in sämtliche Pläne einzuweihen.

Dennoch blieb das Misstrauen stärker.

Ihre Spitze gegen ihn saß immer noch zu tief.

„Ich habe eine Frage“, begann Platan dann eindringlich. „Dient der Plan zur Koexistenz zwischen Menschen und Pokémon nur dazu, unbemerkt die aktuellen Probleme durch Wildsektoren eindämmen zu können, oder will Quazar ihn auch in Zukunft verfolgen?“

Gefasst antwortete Vincent ihm, ohne darüber nachdenken zu müssen: „Auch in Zukunft sieht unser Plan vor, eine Koexistenz anzustreben.“

Bestimmt schüttelte Platan den Kopf. „Indem Sie Menschen und Pokémon zwingen zusammenzuleben? Das wird so nicht funktionieren. Nur zusammenzuleben wird nämlich niemals reichen, um Menschen und Pokémon zusammenzubringen.“

Vincents Augenbrauen hoben sich merklich. „Genau das Gleiche hat auch Azett gesagt.“

Das überraschte Platan ein wenig, schließlich arbeitete Azett mit der Quazar Corporation zusammen. Obwohl er aufgrund seiner Lebenserfahrung anscheinend auch genau wusste, wie gefährlich und anmaßend dieser Plan zur Koexistenz war. Trieb Azett die verzweifelte Suche nach Hilfe dennoch zu einer Kooperation an oder war er schlicht offener dafür, zu beobachten, was dieser Plan am Ende bewirken könnte?

„Es gibt viele gute Gründe, warum wilde Pokémon nicht in der Stadt leben sollten“, sagte Platan, bedauernd, aber nach wie vor bestimmt. „Viele Arten sind aggressiv und gefährlich, weil manche sich ihrer Stärke nicht bewusst sind – und verstehen sich nicht einmal mit anderen Pokémon, geschweige denn mit Menschen. Selbst die benötigen untereinander oft einen gewissen Abstand. Das ist vollkommen natürlich, deshalb sollte man nicht versuchen, es mit Zwang oder gar Gewalt ändern zu wollen. Menschen und Pokémon werden immer zusammenkommen, sofern sie es wollen. Uns verbindet bereits ein enges Band, das nicht mehr zerreißen wird.“

Ratlosigkeit beherrschte Platans Mimik, als er weitersprach: „Ich verstehe daher nicht, warum Quazar glaubt, wir müssten noch enger zusammenrücken. Oder wie euch nicht bewusst sein kann, was für Gefahren dadurch entstehen, für Menschen und Pokémon gleichermaßen. Erst recht wegen den Elite-Pokémon. Arten wie Brutalanda besitzen Fähigkeiten, die auch der Stadt selbst schaden werden, wenn sie nicht ihrem Verlangen folgen und sich ungestört frei bewegen können – und das sollten sie auch nicht, zumindest nicht hier, weil es sonst nur Verletzte geben wird.“

Während er diesen Vortrag hielt, murmelte Magnolia vor sich hin, dass er das Reden wohl niemals verlernen würde und wirkte gelangweilt – hörte aber die ganze Zeit aufmerksam zu, genau wie Vincent. Aber das hatte Jette auch getan. Es blieb also abzuwarten, ob ihre rechte Hand offener wäre und einsah, dass der Plan geändert werden musste, statt naiv daran festzuhalten.

„Pokémon wie Unratütox, Parfi, Flauschling oder Dartiri sind friedliche, menschenbezogene Arten, die gerne in unserer Mitte leben“, merkte Platan an. „Arten, die uns zweifelsohne verlassen werden, sollte man wirklich versuchen wollen bestimmte wilde Pokémon hier zu integrieren, weil sie sich dann nicht mehr sicher fühlen können. Jeder braucht seinen eigenen, individuellen Lebensraum. Nur so schaffen wir eine friedliche Koexistenz.“

Damit beendete er seinen Vortrag vorerst. Manches davon hatte er auch Jette versucht näherzubringen, war jedoch kläglich gescheitert. Wie würde Vincent reagieren?

Dieser stieß einen langen, nachdenklichen Seufzer aus und tiefe Falten bildeten sich auf seiner Stirn. „... Ich kann Ihnen nicht widersprechen.“

Platan konnte sein Erstaunen darüber nicht zurückhalten, was anscheinend amüsant wirkte, da Vincent darauf ein schnaubendes Lachen ausstieß. Allerdings nahm er nach wenigen Sekunden wieder Haltung an. „Ich werde noch einmal mit der Präsidentin darüber sprechen, dass wir den Plan überdenken sollten.“

„Oh ... gut“, kommentierte Platan, sowohl zufrieden als auch misstrauisch. „Bei der Gelegenheit sollten Sie auch besprechen, das Z-A Royale auf den Tag zu verlegen. Wenn Menschen und Pokémon jede Nacht in ihrem Schlaf gestört werden, wird die Stimmung in Illumina bald ziemlich gereizt sein.“

Auch wenn es dann andere Probleme gäbe, wie blockierte Arbeitswege, aber das hätte man sich von Anfang an überlegen sollen. Außerdem verdienten Menschen auch nachts ihr Geld, aber wenigstens könnten alle anderen wieder ruhig schlafen und mussten nicht befürchten, dass sich ausgerechnet in ihrem Wohnbereich ein Kampfsektor öffnete.

Magnolia mischte sich ungeniert mit einer weiteren Forderung ein: „Vergessen Sie nicht, dass eine Zusammenarbeit mit dem Labor auch langsam mal angebracht und ganz nett wäre, sollte das nicht zu viel verlangt sein. Nur, um das nochmal festzuhalten.“

„Ich werde das alles weitergeben“, entgegnete Vincent verständnisvoll, ehe er sich wieder nur auf Platan konzentrierte. „Ich nehme an, bis diese Dinge geklärt sind, können Sie Quazar weiterhin nicht trauen?“

In seiner letzten Frage lag merklich ein Hauch Hoffnung verborgen, sich zu irren, doch Platan musste ihn enttäuschen.

„Ihre Annahme ist korrekt.“

Vincents Schultern sanken ein wenig nach unten. „Natürlich ...“

Irgendwie tat es Platan leid, ihn so zu sehen. Von dem her, wie er Vincent bisher erlebt hatte, schien er ein netter Mann zu sein. Unter anderen Umständen hätte er ihn sicher zum Kaffee eingeladen, um ihn noch besser kennenzulernen. In dieser Situation war das aber höchst unangebracht.

Im Augenwinkel leuchtete einer der magentafarbenen Lichtpunkte auf, was dafür sorgte, dass Platan zur Seite sah, durch eine Wand hindurch. So musste es zumindest für die anderen aussehen.

Inzwischen gab es kaum noch Mega-Kristalle oder Mega-Essenz in der Stadt. Bevor er überhaupt jemals eine Zusammenarbeit mit Quazar in Betracht ziehen würde, müsste sich die Situation in Illumina vorher beruhigt haben. Dennoch war dieses Gespräch sicher hilfreich gewesen, für die zukünftige Lage. Möglicherweise konnte Vincent eher etwas bei Jette bewirken.

„Pardon, aber ich muss jetzt gehen“, verkündete Platan, womit er sich abwandte und eilig Richtung Aufzug bewegte.

Hinter ihm protestierte Magnolia schrill, was ihn nicht davon abhielt in die Kabine zu steigen und den Knopf für das Erdgeschoss zu drücken. Plötzlich legte sich aber ein großer Schatten über ihn und Vincent stand in der Aufzugtür, wodurch sie sich nicht schließen konnte. Sofort wurde Platan nervös, funkelte ihn aber warnend an.

„Ich habe jetzt keine Zeit mehr!“

„Bitte, nehme Sie das.“ Mit diesen Worten reichte Vincent ihm eine Visitenkarte. „Sollten Sie Hilfe oder einfach nur Unterstützung benötigen, rufen Sie mich an.“

Sprachlos starrte Platan auf die unscheinbare, kleine Karte in der großen Hand – und dabei bemerkte er den Schlüssel-Stein, der in der Handfläche auf dem grünen Leder eingefasst war.

„Ich sage das nicht als Teil der Quazar Corporation“, fügte Vincent hinzu, „sondern als jemand, dem persönlich viel daran liegt, die Stadt und ihre Bewohner zu beschützen.“

Dabei klang er so ehrlich, es war Platan unmöglich abzuwehren und zu betonen, keine Hilfe anzunehmen. Deshalb griff er wortlos nach der Karte und steckte sie ein, nur um Vincent zu beruhigen. Ob er ihn tatsächlich jemals anrufen würde, daran zweifelte er.

„Nehmen Sie das hier auch mit!“, rief Magnolia hinter Vincent.

In der nächsten Sekunde flog etwas Rundes über eine Schulter von Jettes Assistent und irgendwie gelang es Platan den ebenso unscheinbaren, kleinen Gegenstand instinktiv aufzufangen, auch wenn er eigentlich erschrocken zusammenzucken wollte. Als er sich ansah, was Magnolia ihm in den Aufzug geworfen hatte, entglitt ihm ein überraschter Laut. Es war ein Pokéball.

„Sie kann mich eh nicht ausstehen!“, erklärte Magnolia – er sah ihr genervtes Kopfschütteln regelrecht vor sich. „Also nehmen Sie sie mit. Bei dem, was Sie da draußen treiben, brauchen Sie mehr Pokémon. Bestimmt wird sie Sie mögen. Sie hat eine Schwäche für verzweifelte, attraktive Männer, genau wie meine Schwestern.“

Überrumpelt hob Platan den Blick vom Pokéball. „Pardon?!“

Da Vincent bereits einen Schritt zurückgetreten war, schloss sich die Aufzugtür, bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte und die Kabine setzte sich sanft in Bewegung. Stirnrunzelnd warf Platan wieder einen Blick auf den Pokéball in seinen Händen.

... Leider musste er zugeben, dass er tatsächlich mehr Pokémon benötigte.

Aber ob dieses ihn wirklich mögen würde? Eigentlich behagte es ihm nicht, ein Pokémon mitzunehmen, das überhaupt nicht die Chance erhalten hatte, selbst zu entscheiden, was es wollte. Was dachte sich Magnolia nur dabei? Wie könnte sie so sicher sein, dieses Pokémon wäre bei ihm gut aufgehoben?

Seufzend trat er aus dem Aufzug, als dieser unten angekommen war. Beim Verlassen des Gebäudes entschuldigte er sich knapp bei den Angestellten im Eingangsbereich und ließ das Labor wieder hinter sich. Vorerst steckte er den Pokéball ebenfalls ein und lief anschließend zielstrebig los, zu dem Lichtpunkt, dessen Leuchtkraft sich auffallend erhöht hatte.

Platan bemerkte nicht, wie Magnolia ihn oben vom Fenster aus beobachtete, bis er nicht mehr zu sehen war, und schließlich besorgt stöhnte. „Er wird garantiert nicht für eine Untersuchung zurückkommen ... Dieser Mann ist ein sturer Bock. Sturer als alles, was mir je begegnet ist. Hoffentlich bricht ihm das nicht eines Tages das Genick – noch mehr schreckliche Verluste kann diese Welt wirklich nicht gebrauchen.“

Das ist nicht nur Ihre Stadt, Professor

Inzwischen hatte Platan jegliches Zeitgefühl verloren. Würde man ihn danach fragen, wie lange er sich bereits wieder in Kalos aufhielt, könnte er darauf keine genaue Antwort geben. Waren es nur zwei Wochen oder doch wesentlich mehr? Da er auch stets jede einzelne Nacht beschäftigt war, verschwammen die Tage ineinander. Zeit verlor mehr und mehr an Bedeutung.

Das letzte Mal hatte er in Hotel Z geschlafen, als er bewusstlos geworden war. Seitdem hielt die Mega-Essenz ihn wach. Selbst wenn er gewollt hätte, könnte er sich nicht ausruhen, weil all die Energie für innere Unruhe sorgte. Nach wie vor blieben Anzeichen von Erschöpfung aus, trotz dem immensen Drang sich zu bewegen, was er auch tat.

Ihm war zwar immer noch bewusst, dass es nicht gut war, nicht mehr zu schlafen, doch was sollte er tun? Es war nicht so, als hätte er es ab und an nicht zumindest versucht, auch weil Mähikel ihn manchmal dazu drängte ... Allerdings musste er zugeben, sich vor weiteren Alpträumen zu fürchten und war daher doch recht froh darüber, keine Probleme mit Müdigkeit mehr zu haben. Dennoch hatte er ein schlechtes Gewissen gegenüber Professor Eibe, dem er ein Versprechen gegeben hatte, bevor er aus Sinnoh abgereist war. Nämlich, auf sich zu achten ...

Andererseits hatte sein alter Lehrer ihm auch geraten, herauszufinden, wie er Frieden finden könnte – auf diesem Weg befand sich Platan nun.

In den letzten Tagen hatte er sich weiter darum gekümmert, sämtliche Energie aus Mega-Kristallen in sich aufzunehmen. Anfangs war es ein endloses Unterfangen, so kam es ihm vor, aber schließlich war es ihm tatsächlich gelungen, Illumina City von ihnen zu befreien. Zum Schluss waren nicht einmal mehr neue Megamanie-Pokémon aufgetaucht, vermutlich weil dafür nicht mehr genug Mega-Essenz freigesetzt wurde, selbst wenn noch der eine oder andere Kristall gewaltsam zerstört worden war. Zum Glück, denn er hätte sich nicht wohl dabei gefühlt, Mähikel erneut zur Mega-Entwicklung zu verhelfen. Nicht auf diese unnatürliche Weise, wie sie es bisher getan hatten.

Auf jeden Fall war er erfolgreich gewesen. Zumindest, was diesen Punkt betraf, konnte er der Stadt ein Stück Ruhe und Frieden zurückgeben. Besonders den Pokémon.

An diesem Tag war der letzte Mega-Kristall dank ihm verschwunden und Platan hatte sich anschließend zum Zentral-Plaza begeben, um zu sehen, wie es dem Prismaturm ging. Nach einem kurzen Spaziergang durch die nordöstliche Parkanlage im Jaune-Bezirk 1, die zwischen der Winterallee und Boulevard Jaune lag, hatte er sich auf eine kleinere Grünfläche nicht weit entfernt niedergelassen. Nun saß er im Schatten eines jungen Baumes und blickte zum Prismaturm hinauf, von dem nur noch die Spitze zu sehen war.

Nicht mehr viel, bald hätte Quazar ihn vollkommen weggesperrt. Dann bliebe nur noch ein grauer Kasten, der die Stimme ihres Wächters von ihnen abschirmte. So fühlte es sich für Platan an. Ihm fehlte etwas. Er kam sich etwas verloren vor, auch wenn es seltsam war. Als ...

Bevor er diesen Gedanken ausführen konnte, warf sich plötzlich eines seiner Pokémon gegen ihn und riss ihn spielerisch gänzlich zu Boden, was dazu führte, dass er einen überraschten Laut ausstieß. Erst recht, weil direkt im Anschluss sein Gesicht aufgeregt abgeschleckt wurde, von ihrem Neuzugang, der ihm von Magnolia anvertraut worden war. Dabei handelte es sich um ein äußerst lebhaftes, anhängliches Mädchen, das offenbar keine Lust auf eine Pause hatte.

Die Elektrizität, die sie immerzu aus ihrer goldgelben Mähne abgab, kitzelte auf seiner Haut und ließ ihn auflachen. „Voltenso, nicht! Ich habe dich doch schon mehrmals darum gebeten, nicht so stürmisch zu sein.“

Behutsam schob er sie ein wenig zurück, was nicht leicht war, weil sie nicht wirklich von ihm ablassen wollte. Erst ein strenges Mähen von Mähikel zeigte Wirkung, Voltenso ließ ihm etwas Luft zum Atmen, sowie die Möglichkeit, sich aufzurichten.

„Also wirklich ...“ Schmunzelnd wischte Platan sich mit den Händen sein Gesicht trocken. „Magnolia hat wahrlich nicht übertrieben.“

Bei der Erwähnung ihres Namens verzog Voltenso das Gesicht und knurrte abgeneigt, doch danach starrte sie ihn mit ihren rötlichen, funkelnden Augen treuherzig an. Ihr spitz zulaufender, erhobener Schweif wedelte heftig hin und her, sie schenkte ihm ein breites, schwärmendes Lächeln. Was für ein liebenswürdiger Anblick – auch wenn Mähikel, die auf seiner anderen Seite saß, darüber ein wenig den Kopf schüttelte. Dabei fand es Platan eigentlich ganz charmant, wie hingerissen Voltenso von ihm war.

... Nur in einer Sache musste er Magnolia widersprechen. Verzweifelt war er ganz sicher nicht. Immerhin war es ihm gelungen, die Mega-Essenz verantwortungsvoll und kontrolliert einzusetzen. Seit seinem letzten Besuch im Labor hatte es keine Probleme mehr gegeben, im Gegenteil, er fühlte sich gut. Unbeschreiblich gut sogar.

Voltenso bellte ihn laut an, was ihn aus seinen Gedanken riss.

„Ah, war ich wieder zu finster?“ Seufzend strich er sich über die Stirn und spürte dabei regelrecht, wie sie sich glättete. „Pardon, ihr Lieben. Heute haben wir eigentlich einen guten Grund zur Freude. Wir können unseren Erfolg feiern.“

Um seine folgenden Worte zu unterstreichen, breitete er einen Arm aus. „Weit und breit keinerlei Mega-Kristalle mehr.“

Statt sich zu freuen, winselte Voltenso betrübt und ließ den Kopf hängen. Sofort tätschelte Platan sie tröstend und spürte dabei abermals die Elektrizität, die unter seiner Handfläche kribbelte.

„Ich weiß, du wolltest mir gerne beweisen, wie stark du bist. Wir sollten aber glücklich darüber sein, dass nicht noch mehr Pokémon leiden mussten.“

Darauf nickte Mähikel zustimmend, Voltenso dagegen blieb eher enttäuscht. Vielleicht, weil sie noch nie ein Megamanie-Pokémon mit eigenen Augen gesehen und erlebt hatte. Wahrscheinlich wäre ihre Reaktion sonst anders ausgefallen, hoffte Platan. Andernfalls müsste er sie noch ein wenig erziehen, damit sie mehr Mitgefühl für andere zeigte. In den letzten Tagen konnte er sie allerdings schon ein wenig kennenlernen und sie wirkte wie ein liebes Mädchen. Aufgedreht und übermütig, aber lieb.

Rasch gewann Voltenso ihre gute Laune zurück und rannte energiegeladen um ihn und Mähikel herum, verbunden mit einem erwartungsvollen Bellen.

„Ja, ich verstehe dich. Ich will mich auch lieber bewegen“, gab Platan zurück.

Kaum zu glauben, dass er das wirklich sagen konnte und es obendrein der Wahrheit entsprach. Allein in den wenigen Minuten, in denen er hier gesessen hatte, war die Unruhe zu einer unangenehmen Nervosität angewachsen. Grund dafür könnten, unter anderem, auch einige Menschen sein, die ihn erkannten und ihn neugierig beobachteten. Als, mehr oder weniger, kleine Berühmtheit konnte er nirgendwo lange in der Stadt an einem Ort bleiben. Wirklich alle wussten mittlerweile offensichtlich, dass er derjenige war, der die Mega-Kristalle auf magische Weise verschwinden ließ.

Darum zog er die Kapuze seines braunen Mantels über den Kopf, auch wenn er dadurch leider seine Frisur ein wenig ruinierte. Gleichzeitig erhob er sich und nickte seinen beiden Pokémon zu – Absol ruhte sich in seinem Pokéball aus, da er ihn die ganze Nacht über begleitet hatte.

„Wollen wir irgendwo etwas essen gehen?“

Natürlich war Mähikel von diesem Vorschlag mehr als begeistert und mähte mehrmals mit Inbrunst. Davon fühlte Voltenso sich angestachelt und schloss sich dem an, indem sie auch leidenschaftlich anfing zu bellen.

Beruhigend hob Platan etwas überfordert die Hände. „An Energie mangelt es euch offenbar auch nicht. Seid aber so gut und benehmt euch bitte anständig, wenn wir essen, ja?“

Bei Mähikel musste er sich deswegen keine Sorgen machen, wie er wusste, doch er wollte Voltenso kein schlechtes Gefühl geben, indem er nur sie ansprach. Beide versicherten ihm mit knappen Lauten, ihn verstanden zu haben. Erst danach ging Platan zufrieden mit ihnen los und verließ die gemütliche Grasfläche. Er konnte es kaum erwarten, sich den Blicken der Leute zu entziehen. Nachts unterwegs zu sein war um einiges leichter und entspannender, trotz des Z-A Royales.

... Wie mochte es für Flordelis sein, sich durch die Stadt zu bewegen?

Ob man ihn überhaupt erkannte? Selbst wenn, glaubten die wenigen, denen er bekannt vorkam, vermutlich nicht daran, dass er es wirklich war. Denn Flordelis war vor fünf Jahren gestorben. So dachte man. Die meisten hielten ihn nun sicher nur für jemanden, der dem ehemaligen Anführer von Team Flare und Wohltäter von Kalos ähnlich sah. Schließlich kam so etwas durchaus vor. Jeder besaß wahrscheinlich mindestens einen Doppelgänger auf der Welt, ohne von seiner Existenz zu wissen.

Aber dieser Mann war wirklich Flordelis.

Sehnsüchtig sah Platan sich um und nutzte seine erweiterte Sicht, um ein bestimmtes Licht zu suchen. Allmählich hatte sich diese Sinneserweiterung eingespielt, er war fast daran gewöhnt. Zu Beginn konnte er die Lichtpunkte nicht einmal ausblenden, wenn er die Augen schloss. Das hatte sich glücklicherweise geändert, sie brannten sich nicht mehr durch seine Lider hindurch, sondern verschwommen in der Schwärze. Zwar verschwanden sie nicht vollständig, doch es war besser als vorher. Subtil genug, um sie ausblenden zu können, sofern er das wollte.

Es dauerte nicht lange, bis er den sanften, hellen Lichtpunkt fand, der sich momentan nicht bewegte. Ruhte Flordelis sich irgendwo aus?

Schlagartig wuchs die Sehnsucht ins Unermessliche.

Eine Ewigkeit schien seit ihrem letzten Treffen vergangen zu sein. Oft hatte Platan dem Drang nachgeben und zu ihm gehen wollen, einfach nur, weil er ihn sehen wollte. Er wollte diese tiefe Stimme hören und sich vergewissern, dass es Flordelis gut ging. Er wollte ... aber nein, er durfte nicht. Auch jetzt war Platan noch davon überzeugt, es sei besser, wenn Flordelis sich nicht an ihn erinnerte. Das könnte aber passieren, sollte er sich ihm zu oft nähern.

Außerdem ... hatte er seine Fehler noch nicht wiedergutgemacht. Oder?

Instinktiv legte er die Hand auf seine Brust, dort, wo der Pyroleonit unter seiner Kleidung lag.

Die Mega-Kristalle waren verschwunden, sollte jetzt nicht alles in Ordnung sein? Zu gerne hätte er sich davon überzeugt, deswegen war er überhaupt zum Prismaturm gekommen, fand hier jedoch keine Antwort. Keine Bestätigung, dass die Gefahr gebannt war – irgendetwas tief in ihm wurde zudem das Gefühl nicht los, dass es doch noch etwas zu erledigen gab.

Widerwillig löste Platan den Blick von Flordelis' Lichtpunkt und ließ ihn über die Stadt schweifen. Ein anderes Leuchten gab es noch, jenes von Floette. Die Hauptfigur aus seinen Alpträumen. Ihre Energie hatte er noch nicht in sich aufgenommen und das wollte er auch nicht. Lag es etwa daran, dass ihm dieser Frieden und diese Ruhe, die er zurückgebracht hatte, unheimlich trügerisch vorkam? Weil er es nicht richtig zu Ende bringen wollte?

Schadete Floette überhaupt jemandem?

Eventuell sollte Platan noch einmal ins Hotel gehen und sich ein genaueres Bild davon machen. Vielleicht sollte er auch ein weiteres Mal mit Azett sprechen – dieser schuldete ihm ohnehin noch eine Erklärung dafür, wofür er einen Meister der Mega-Entwicklung benötigte. Irgendetwas gab es noch, von dem Platan nichts wusste.

Also ... ist es wirklich noch nicht vorbei.

In dem Moment, als er das realisierte und eine mentale Erschöpfung einsetzte, löste er die Hand von seiner Brust und sein Arm sackte schwerfällig hinab. Dabei spürte er, wie steif sich sein Körper an einigen Stellen anfühlte, wenn er sich bewegte. Noch behinderte es ihn nicht ernsthaft, aber ...

Ihnen sollte bewusst sein, dass die Mega-Essenz Ihren Körper bereits verändert haben dürfte.

Magnolias Worte hallten durch seinen Kopf.

„Ja, das ist mir mehr als bewusst ...“, murmelte Platan für sich.

Noch war es aber nicht vorbei. Was musste er tun, damit Illumina City wieder ein sicherer Ort wäre? War es etwa nötig, sämtliche Lichter erlöschen zu lassen? Auch jenes von Flordelis? Von Floette? Und was war mit ...

„... Hm?“

Irritiert blieb Platan stehen, worauf ein besorgtes Mähen von Mähikel folgte. Voltenso dagegen lief vergnügt bellend um ihn herum, unfähig stillzustehen.

Ungläubig starrte Platan in die Richtung, in der Floettes Licht zu sehen war. Der magentafarbene Punkt strahlte hell und kraftvoll. Als ihm auffiel, dass sie sich nicht im Hotel Z aufhielt, sondern irgendwo anders in der Stadt, sah er sich noch einmal aufmerksam um. Betrachtete gründlich die gesamte Stadt, sämtliche Himmelsrichtungen, aber er konnte kein drittes Licht entdecken. Wie konnte das möglich sein?

Müsste Azett nicht auch durchtränkt von der Energie der Ultimativen Waffe sein, die er vor 3000 Jahren abgefeuert hatte? Warum war er für Platan nicht zu sehen?

„Ey, yo!“, sprach ihn plötzlich jemand ruppig an. „Pass ma uff, Keule! Wir-, Autsch!“

Blinzelnd drehte Platan sich um. Auch Voltenso hielt inne, um sich anzuschauen, wer es wagte, ihn anzusprechen – ihr empörtes Knurren ließ das zumindest vermuten. Mähikel neigte nur fragend den Kopf.

Vor ihnen stand eine Gruppe aus vier Personen, zwei Frauen und zwei Männer, alle recht jung. Sie trugen Uniformen, von denen Platan schon einige Male welche gesehen hatte, während er in der Stadt unterwegs war. Schwarze Jacketts, violette Anzughosen und schicke, graue Schuhe. Unter dem Oberteil trugen die Männer ein Hemd mit einem Schlangenmuster, das an Gift erinnerte, bei den Frauen war es eines mit Krähenfüßen, bei dem man eher an Stahl denken musste. Durch die farbigen Sonnenbrillen machten sie mehr einen lässigen Eindruck, zumal diese modischen Accessoires nahezu auf der Nasenspitze saßen, wodurch noch ein guter Blick auf die Augen gewährt wurde.

Auffällig waren vor allem die Anstecker an ihren Jacketts. Ein metallisches Amulett in Diamantform, über das sich ein violettes Logo zog, eine Art Giftspur. In Illumina gab es tatsächlich ein neues, auffälliges Gebäude, auf dem dieses Wappen ebenfalls zu sehen war. Zweifelsohne mussten sie zu einer Art Organisation gehören.

Einer der Männer, dessen limettengrünes, zotteliges Haar auffallend hervorstach, hielt sich die Seite und war ein wenig nach vorne gekrümmt. Vermutlich hatte die Frau neben ihm ihrem Kollegen einen Schlag mit dem Ellbogen verpasst.

„Ey, wat soll'n dette?!“, zischte der schlaksige Verletzte verärgert.

Kopfschüttelnd verdrehte die Frau die Augen. „Bei der Ausdrucksweise können wir es gleich vergessen. Lass mich das machen.“

„Wie?! Wat?! Ausdrucksweise?“, wiederholte der andere. „Dit is mir schnurz piepe! Ick bin doch keen Fatzke!“

„Klappe halten, jetzt, Achard!“, forderte sie genervt, ehe sie sich räusperte und sich nun persönlich an Platan richtete. „Bonjour, Monsieur Platan. Wir sind vom Corrosio-Clan. Unser Boss will mit Ihnen sprechen, darum wurden wir losgeschickt, um Sie zu holen. Mir ist bewusst, dass es wie ein Überfall wirken muss, aber ich möchte Sie bitten, uns zu begleiten.“

Das ... fühlte sich in der Tat ein bisschen wie ein Überfall an.

Deshalb dauerte es einen Augenblick, bis Platan darauf etwas erwiderte: „Darf ich fragen, warum euer Boss mit mir sprechen will?“

Diese Aufforderung kam ziemlich plötzlich. Bis eben hatte er noch nicht einmal etwas vom Corrosio-Clan gehört. Obwohl er glaubte, sich nun schwach daran zu entsinnen, wie einige Bürger sie am Rande erwähnt hatten, als er sich an seinem zweiten Tag, nach seiner Ankunft, ein neues Bild von Illumina City machen wollte. Meistens sogar positiv, falls er sich nicht irrte. Nur hatte er zu dem Zeitpunkt nichts damit anfangen können und war von vielen anderen Veränderungen überschwemmt worden.

„Das kann ich leider nicht beantworten“, erwiderte seine Gesprächspartnerin souverän. „Wir wissen selbst nicht, was der Boss von Ihnen will. Sie werden es nur herausfinden, wenn Sie uns begleiten.“

Der Kollege namens Achard, dem sie einen Schlag verpasst hatte, rollte nun seinerseits mit den Augen, wogegen die anderen zwei beeindruckt davon wirkten, wie kompetent die Frau das Gespräch führte. Deswegen überließen sie das wohl ganz ihr. Von allen besaß sie auch die standhafteste Haltung, der Rest der Gruppe wirkte eher etwas lasch. Sogar ihr schwarzes Haar war sorgfältig zu einem langen Zopf zusammengeflochten und hing vorne über eine ihrer breiten Schultern.

Auch wenn Platan keine zufriedenstellende Antwort von ihr erhalten hatte, konnte er sich dennoch denken, warum man mit ihm sprechen wollte. In der Stadt interessierte man sich momentan nur aus einem einzigen Grund für ihn – darum musste er ablehnen.

„Tut mir leid. Ich habe kein Interesse und auch keine Zeit“, entgegnete er höflich.

Sofort warf Achard die Arme nach oben. „Na, dit war ja eh klar! Dann eben mit Jewalt!“

„Untersteh dich!“, widersprach die Frau warnend.

Tatsächlich war ihr Kollege schon dabei gewesen, einen Pokéball zu ziehen, fror jedoch in der Bewegung ein, alles andere als erfreut. Genauso wie Voltenso, die auch schon eine kämpferische Pose eingenommen hatte und nur darauf wartete, dass es Ärger gab. Den wollte Platan sich aber lieber ersparen, statt unnötige Kämpfe zu führen.

Entspannt rückte die Frau ihre Sonnenbrille zurecht und verdeckte dadurch ihre orangeroten, wachen Augen nun vollständig. „Wie schade, Monsieur Platan. Dabei hätte unser Boss auch ganz gerne mit Ihnen über Monsieur Flordelis gesprochen.“

Platan zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. „Bitte?“

„Den Corrosio-Clan verbindet eine Geschichte mit Monsieur Flordelis. Wussten Sie das nicht?“

Nein, das war ihm neu. Konnte er das überhaupt einfach glauben? Warum nutzte sie nun überhaupt ausgerechnet Flordelis als Mittel dafür, seine Entscheidung zu ändern?

Verunsichert huschte Platans Blick Richtung Lichtpunkt, der zu Flordelis gehörte. Corrosio-Clan. Wer waren diese Leute? Musste er sich Sorgen machen, sie könnten versuchen Flordelis zurück in eine Dunkelheit zu ziehen, der er endlich entkommen zu sein schien? Auf keinen Fall durfte Platan es zulassen, dass sich ihm die falschen Leute wieder annäherten. Sonst wäre es vollkommen sinnlos, seine eigene Sehnsucht die ganze Zeit zu unterdrücken, um Flordelis vor deprimierenden Erinnerungen zu schützen.

Wusste der Corrosio-Clan denn, dass Flordelis noch lebte?

Angespannt ballte Platan die Hände zu Fäusten. Er durfte kein Risiko eingehen. Solange er nicht mehr über diese Leute wusste, durfte er sie nicht einfach ignorieren. Notfalls hätte er genug Energie, sich aus jeder Lage wieder herauszukämpfen, obwohl er es gerne vermeiden würde.

Sein Blick wanderte als nächstes zu Mähikel, die seinen sanft erwiderte. Sie würde jederzeit alles für ihn geben – hoffentlich müsste sie das aber nicht tun.

Platan atmete kurz durch und wies Voltenso an, sich zurückzuhalten, ehe er der Gruppe möglichst gefasst zunickte. „Fein, fein. Wenn das so ist, folge ich euch. Führt mich zu eurem Boss.“

Vor Erstaunen stolperte Achard, der eben einen Pokémon-Kampf anfangen wollte, mit geweiteten Augen zurück und doch wirkten sie immer noch sehr schmal, trotz seiner Überraschung. „Dit hat echt jeklappt?!“

Alle anderen zeigten sich eher zufrieden und die Frau winkte Platan direkt mit sich. „Sehr gut. Bitte, hier lang.“

Leise entschuldigte er sich bei Mähikel und Voltenso, weil das Essen nun vorerst warten müsste. Gemeinsam folgten sie der Gruppe anschließend, wobei Platan kein gutes Gefühl hatte. Allerdings ging es nicht anders. Für Flordelis musste er das tun. Schließlich hatte er sich geschworen, niemals wieder untätig zu sein.

Vor ihm wies ihm die Frau mit dem Mann, der bislang nichts gesagt hatte, den Weg, die anderen zwei warteten, bis sie sich hinter Platan und den Pokémon einreihen konnten. So wurden sie durch die Stadt eskortiert. In südlicher Richtung schritten sie den Zentral-Plaza entlang, betraten die Frühlingsallee und verließen sie wieder, kaum dass eine Straße nach rechts fühlte. Dort gingen sie geradewegs auf den Place Cyan zu – der inzwischen auch ein Wildsektor war, wie viele, viele andere Orte in der Stadt.

Daher war es leider wenig überraschend, dass sich kurz darauf links und rechts grüne Lichtwände auftürmten, wodurch nur ein enger Weg blieb, den sie entlang schreiten konnten. Jenes Gebäude, das dem Corrosio-Clan gehörte, wie Platan nun wusste, war an dieser Stelle bereits gut zu sehen. Auffällig glühten die violetten Anteile des großen Wappens auf der vorderen Seite. Einerseits anziehend, andererseits bedrohlich, was durch die pechschwarze Fassade des Bauwerks nur verstärkt wurde.

Auf Platan wirkte dieser Ort wie eine Art moderne Festung, deren Design zugleich derart außergewöhnlich war, dass sie in dieser Stadt fehl am Platz wirkte. Ähnlich wie die Quazar Corporation. Im Gegensatz dazu verkörperte dieses Clangebäude augenscheinlich die Dunkelheit – was Platan umso mehr mit Sorge um Flordelis erfüllte.

Massiv ragte das Herzstück wie ein Fels in die Höhe, geschützt von einer Mauer, auf der zur zusätzlichen Absicherung Metallzäune angebracht waren. Womit deutlich wurde, wie unerwünscht unangemeldete Besucher waren. Dieser Anblick erschuf eine spürbare Distanz.

Banner, auf denen ebenfalls das Logo abgebildet war, welches das Wappen zierte, verstärkten den Eindruck einer Festung. Einzig der Bambus, der auf dem Dach des Gebäudes und draußen sowie innerhalb der Mauer wuchs, schenkte Platan eine gewisse Ruhe. Brachte etwas Lebendiges ins Gesamtbild. Außerdem erinnerte es ihn an seine Zeit in Sinnoh und einige Reisen durch benachbarte Länder.

Nahe der Mauer bemerkte er erstmals, wie sehr sie dem Baustil dieser Regionen ähnelte. Hatte man sich nur inspirieren lassen oder stammten einige Leute dieses Clans aus dieser Ecke?

Am Eingang der Mauer standen zwei weitere Personen in Uniformen und hielten Wache. Anscheinend wurde Sicherheit hier sehr groß geschrieben, beachtete man auch die unscheinbaren Überwachungskameras über ihnen.

Der Innenhof erinnerte an eine Art Zen-Garten, durch den ein Weg aus schwarzen Schieferfliesen zum Gebäude führte. Vorbei an zwei äußerst eindrucksvollen, großen Statuen von einem Smogmog und einem Gladimperio. Ihm blieb leider keine Zeit, sie genauer zu betrachten, weil sie ohne anzuhalten weiter Richtung Gebäude gingen. Dabei hätte er auf den Garten auch gerne einen genaueren Blick geworfen.

Abgelenkt von all den Eindrücken, stand Platan dann auch schon in einem Eingangsbereich, der wahrhaftig das komplette Gegenteil der Quazar Corporation darstellte. Warmes, goldenes Licht erhellte dezent den edlen, schwarzen Raum. Links wuchs noch mehr Bambus als Zierde an der Wand, rechts befand sich ein Empfangstresen. Zwei Reihen aus Menschen, die sofort eine stramme Haltung einnahmen, säumten den Weg zu einem Aufzug. Allesamt gekleidet in den gleichen Uniformen wie die Gruppe, von der er hierher gebracht worden war.

In dieser Sekunde war Platan nicht mehr sicher, ob es eine gute Entscheidung gewesen war sich auf die Einladung einzulassen. Sollten all diese Personen Trainer sein und sich dazu entschließen, ihn zusammen anzugreifen, könnte er ernsthafte Probleme bekommen. Erst recht, sollten sie erfahrene Kämpfer mit starken Pokémon sein.

Aus Nervosität achtete er nicht weiter auf Details, sondern ließ sich das letzte Stück weiter zum Aufzug führen. Dort wandte sich ihm die Frau noch einmal zu, nach wie vor zufrieden, sicher weil alles recht unkompliziert verlaufen war.

„Warten Sie bitte kurz hier. Ich gebe Bescheid, dass Sie da sind.“ Vielsagend warf sie einen Blick zu Mähikel und Voltenso. „Achten Sie darauf, dass Ihre Pokémon nichts anstellen. Ärger sehen wir hier gar nicht gerne.“

Wie erwartet verhielt Mähikel sich anständig und ruhig, nur Voltenso knurrte darauf furchtlos.

Wenig überrascht nickte die Frau für sich. „Genau das meinte ich.“

Im Anschluss betrat sie alleine den Aufzug, alle anderen blieben vorerst bei ihnen, wohl um sicherzustellen, dass er nicht einfach wieder verschwand. Nachdrücklich bat Platan Voltenso darum, sich zusammenzureißen. Erst die Ansage, er müsse sie sonst in den Pokéball zurückschicken, zeigte Wirkung. Auf der Stelle verstummte sie und gab sich unschuldig. Es wäre schön, wenn sie diese Haltung tatsächlich beibehalten könnte.

Während sie warteten, zog Platan die Kapuze von seinem Kopf und richtete sich bestmöglich die Haare. Hoffentlich waren sie nicht zu sehr durcheinander geraten. Prüfend warf er auch noch einen Blick auf Mähikel und Voltenso, die beide anständig aussahen. Nun war es gut, dass er sich erst gestern die Mühe gemacht hatte, das struppige Fell von Voltenso ordentlich zu bürsten. Zu Beginn war sie darüber nicht erfreut gewesen, bis ihr bewusst geworden war, wie viel Aufmerksamkeit sie dabei von ihm bekam – danach wusste sie es zu genießen.

Schließlich sah sich Platan auch noch einmal die Umgebung an, konnte sich jedoch nicht wirklich auf etwas konzentrieren. Zu groß war inzwischen die Anspannung, was zum Teil auch an der Atmosphäre lag. Sogar der zuvor vorlaute Achard presste nervös die Lippen zusammen und zeigte krampfhaft eine aufrechte, anständige Haltung. Beinahe, als befürchtete er, eine höhere Macht könnte ihn sofort bestrafen, sollte er sich in diesen heiligen Hallen auch nur eine Sekunde gehen lassen.

Somit herrschte eine Stille, deren Schwere unerträglich war.

Darum hätte er beinahe erleichtert aufgeatmet, kaum dass die Frau nach einiger Zeit zurückkehrte und ihn bat, mit ihr in den Aufzug zu steigen. Dem kam Platan mit seinen Pokémon sogleich nach, froh darum, dieser erdrückenden Stille zu entkommen.

Schlimmer kann es sicher kaum noch werden.

... Vielleicht hätte er das nicht denken sollen. In der Regel belehrte das Schicksal einen gerne eines Besseren.

Erstaunlich sanft fuhr die Kabine nach oben, ohne jegliche Geräusche. Einzig dank der leuchtenden Anzeigen war zu erkennen, wie der Aufzug ein Stockwerk nach dem anderen hinter sich ließ, sonst hätte Platan geglaubt, sie würden sich überhaupt nicht bewegen. Nur Sekunden später erreichte er aber schließlich sein Ziel und die Türen öffneten sich wieder.

Einladend hob seine Begleitung, die bis eben geschwiegen hatte, eine Hand. „Bitte, Sie werden erwartet.“

Darauf reagierte Platan nur mit einem knappen Nicken und schritt möglichst selbstbewusst vorwärts, trotz der Anspannung, gefolgt von seinen Pokémon. Kaum hatte er den ersten Schritt nach draußen gewagt, stoppte er jedoch überwältigt. Vor ihm lag eine wahre Festung in einer Festung. Zumindest wurde dieser Eindruck auf den ersten Blick vermittelt.

Es war eine außerordentlich stilvolle Räumlichkeit der Erhabenheit und Ehrfurcht.

Hier blieb Schwarz ebenso omnipräsent, ließ das weitläufige Zimmer düster und bedrohlich erscheinen, besaß aber zugleich unbestreitbar eine spürbare Eleganz. Obendrein fühlte Platan sich noch mehr in die einzigartige Architektur von fernöstlichen Regionen zurückversetzt, nur wohnte der Gestaltung an diesem Ort eine ominöse Präsenz inne.

Ein blitzblank polierter Marmorpfad reflektierte die dämmrigen Lichter und führte über zwei kurze Brückenwege jeweils zu einer Sitzreihe an jeder Wandseite links und rechts. Dort wurden in Regalen und auf Kommoden zudem zahlreiche wertvolle Antiquitäten ausgestellt, wie Platan auf den ersten Blick erkannte. Immerhin hatte er selbst eine große Schwäche für solche und damals selbst das eine oder andere besondere Kunstwerk auf seinen Reisen ergattert. Mittlerweile hatte er sich von einigen Stücken getrennt, als er Kalos verließ, denn er konnte nicht alles mitnehmen. Die meisten Sachen befanden sich nun im Labor.

Auf jeden Fall gab es viel zu viel zu bewundern, nur hatte er dafür keine Zeit. Deswegen konzentrierte er sich lieber auf den Schreibtisch am Ende des Mamorpfades, obwohl daneben eine Goldstatue von einem weiteren Gladimperio stand, deren Glanz und Detailverliebtheit ihn erneut ablenken wollte. Genau wie die Wandmalereien von Stahlos weiter hinten, wo zudem noch ein Zen-Garten lag, der etwas traditioneller wirkte als jener draußen.

Trotz all der Faszination durfte Platan sich dennoch nicht ablenken lassen.

Darum zwang er sich dazu weiterzugehen, näher zu dem Schreibtisch, hinter dem jemand auf einem großen, dunklen Sessel saß. Daneben stand eine weitere Person und auch diese beiden waren wahrhaft außergewöhnlich, so dass es Platan dann nicht mehr schwerfiel, sich nun gänzlich auf sie zu konzentrieren, während er die letzten Schritte zurücklegte.

Bei der stehenden Person handelte es sich um einen großen, stämmigen Mann mit einem verhärteten, ernsten Gesichtsausdruck und ähnlicher strammer Haltung wie bei den anderen Leuten dieses Clans. Sein gesamtes Erscheinungsbild wurde an vielen Stellen durch Stahl individualisiert. So etwas hatte Platan noch nie zuvor gesehen. Stacheln aus Metall ragten sogar aus dem markanten, Backenbart und auch in der kurzen, schwarzen Irokesenfrisur – ansonsten war der Kopf nahezu kahl rasiert – ließen sich Teile aus diesem Material finden.

Allerdings wusste auch der Mann am Schreibtisch, vermutlich etwas jünger als der andere, alleine durch sein Erscheinungsbild zu beeindrucken, das viel Wert darauf legte Gift widerzuspiegeln. Alleine der ebenfalls schwarze Anzug besaß maßgeschneiderte Feinheiten, durch die es so aussah, als sei er durchtränkt von einer toxischen Flüssigkeit. Auch sein dunkelviolettes Haar, das streng zur Seite gegelt war, besaß einen speziellen Schnitt, der einen ähnlichen Effekt erzielen sollte wie bei der Kleidung.

Beide trugen auch an ihren Jacketts diesen Anstecker.

Stahl und Gift. Eine ungewöhnliche Mischung.

Auf einer kleinen Erhöhung am Ende des Marmorpfades blieb Platan stehen, wie auf einem Präsentierteller. Auch Mähikel und Voltenso hielten an, derweil erhob er sofort als erster ernst das Wort: „Bonjour. Sie wollten mich sprechen?“

Der Mann am Schreibtisch saß mit durchgestreckten Rücken da, das linke Bein lässig über das rechte geschlagen und die Hände ineinander gefaltet auf dem Schoß ruhend. Hinter runden Brillengläsern fixierte ein goldenes Augenpaar Platan, wie ein Raubtier seine Beute. Sie hatten etwas Stechendes an sich. Als könnten sie alles und jeden spielend leicht durchbohren. Das Selbstbewusstsein dieser Person musste unvorstellbar gefestigt sein.

„Gut erkannt“, erwiderte er auf Platans Frage lobend, aber mit einem sarkastischen Unterton. „Wie schön, dass Aube Sie davon überzeugen konnte, meiner Einladung zu folgen. Etwas anderes hätte ich auch nicht akzeptiert.“

Sogleich hallte ein aggressives Bellen durch den Raum, gefolgt von einem Knistern. Voltenso versprühte neben ihm Funken, scheinbar empfand sie diese Aussage als Bedrohung. Glücklicherweise kümmerte Mähikel sich rasch darum, sie zu beruhigen, indem sie Voltenso mit ihrem Geweih anstieß und autoritär auf sie einsprach.

Statt sich bedroht zu fühlen, schmunzelte ihr Gegenüber auf dem Sessel nur leicht. „Da haben wir wohl eine kleine Giftspritze. Sympathisch~.“

„Das kann ich nicht dulden!“, mischte der andere Mann sich verärgert ein – seine Stimme klang rau und unnachgiebig. Einschüchternd machte er einen großen Schritt nach vorne. „Niemand bedroht den Boss des Corrosio-Clans! Erst recht nicht in unserem eigenen Clansitz!“

Ruckartig hob der Anführer eine Hand. „Gipson! Halt dich zurück!“

„Aber-“

„Wir haben nur auf dem falschen Fuß angefangen.“ Langsam ließ er die Hand wieder sinken. „Außerdem bin ich davon überzeugt, der Professor wird seine Pokémon im Griff haben, nicht wahr?“

Statt darauf zu antworten, kniete Platan sich hin und strich Voltenso beruhigend über den Rücken. Diesmal spürte er das Kribbeln auf der Haut noch deutlicher, noch war es aber nicht unangenehm. Demnach wollte sie nur wie eine Bedrohung wirken, leider sorgte das in dieser Situation eher für noch mehr Anspannung, von der er bereits mehr als genug hatte. Und auf der Gegenseite wollte er sie eigentlich gerne gänzlich vermeiden.

Vielleicht hätte er Voltenso nicht mit hierher nehmen sollen, schließlich kannten sie sich noch nicht lange. Allzu gut im Griff hatte er sie also nicht, was er sicher nicht zugeben würde. Dieses Maß an schlummernder Aggressivität war ihm gerade selbst neu. Vermutlich wollte sie ihn einfach nur beschützen. Magnolia muss gewusst haben, dass sie sich in dem Punkt auf Voltenso verlassen konnte.

„Es ist alles in Ordnung“, versicherte Platan ihr ruhig. „Sei ein braves Mädchen, ja?“

Ihr unsicherer Blick verriet ihm, selbst schuld an ihrem Verhalten zu sein. Natürlich musste sie spüren, wie angespannt er war und passte sich ihm an. Also musste er sich bemühen, ihr zu zeigen, dass es keinen Grund gab sich so zu verhalten.

Mähikels Standpauke sorgte dafür, dass Voltenso sich vorerst beruhigte und sie kleinlaut nachgab. Wahrscheinlich weil Mähikel doch etwas einschüchternder war als die beiden Männer, wenn sie so mit Voltenso schimpfte. Schnaubend setzte seine treue Partnerin sich neben ihren Neuzugang und Platan erhob sich wieder, um das Gespräch fortzusetzen.

„Ich bitte um Verzeihung, aber Sie verstehen hoffentlich, dass diese Umstände alles andere als ideal sind.“

„Nein, tue ich nicht“, widersprach der Anführer des Corrosio-Clans. „Ich habe Ihnen eine Einladung in Form einer Eskorte zukommen lassen. Diesen Luxus gönne ich nicht jedem, das war sehr nett von mir. Dafür sollten Sie dankbar sein.“

Ungläubig sah Platan ihn an.

Ehe er etwas sagen konnte, fuhr der Mann jedoch fort und vollführte eine wegwerfende Handbewegung. „Egal, vergessen wir das! Ich wollte ein anständiges Gespräch mit Ihnen führen. Dafür gehört es sich wohl, dass ich mich erst mal vorstelle. Da Sie eine Weile weg waren, werden Sie keine Ahnung haben, mit wem Sie überhaupt sprechen – also merken Sie sich das jetzt gut. Meine Name ist Ravan. Ich sitze an der Spitze der Führungsposition des Corrosio-Clans. Und das hier ist Gipson, meine rechte Hand.“

Nach dieser Vorstellung wich der Mann namens Gipson endlich zurück und nahm seine alte Position wieder ein. Erst jetzt bemerkte Platan das Schwert, das auf der linken Seite des Schreibtisches auf einem Halter ausgestellt wurde. Ein Katana? Für Gipson wären nur ein, zwei Schritte nötig und er könnte es ergreifen. Ob es echt war?

Ein lautes Klatschen lenkte Platans Aufmerksamkeit zurück zu Ravan, der unbeirrt weitersprach: „Da wir die lästigen Formalitäten jetzt hinter uns haben, warum machen wir es uns nicht etwas gemütlicher? Es wäre unhöflich, Sie die ganze Zeit stehen zu lassen. Diese Sofas dort drüben sind sehr bequem.“

Etwas an der Art, wie Ravan das sagte, sorgte für einen leichten Schauer, der Platans Körper erfasste. Fließend erhob der Clananführer sich und offenbarte dadurch, wie klein er in Wahrheit war – dieser Eindruck entstand nicht nur, weil Gipson und Platan im Vergleich zu ihm riesig erschienen. Von dieser kindlich anmutenden Körpergröße würde er sich aber nicht täuschen lassen. Zu gut wusste er, dass vor allem die kleinsten Pokémon das tödlichste Gift versprühen und somit am gefährlichsten sein konnten.

Ravan ging voraus, mit schnellen, zielstrebigen Schritten steuerte er die Sitzecke auf der linken Seite des Raumes an. Da Gipson offensichtlich wartete, bis Platan seinem Boss folgte, zögerte er nicht und seine Pokémon schlossen sich ihm an. Nicht einmal eine Minute später saßen Ravan und Platan sich gegenüber, ersterer auf einem Ledersofa und er selbst auf einem von zwei Sesseln, nur Gipson bevorzugte es weiterhin zu stehen und wachsam alles im Blick zu behalten. Mähikel wies Voltenso noch einmal zurecht, still zu sein und einfach zu warten, nahe bei Platan.

Dieser holte kurz etwas Luft und stellte als nächstes die Frage, die ihn am meisten interessierte: „Was hatte der Corrosio-Clan mit Flordelis zu tun?“

„Sie kommen schnell zur Sache. Aube meinte schon, dass seine Erwähnung bei Ihnen gezogen hat. Wie erwartet. Ich sollte beleidigt sein, dass Sie nur aus diesem Grund meiner Einladung nachgekommen sind und sich nicht mal um etwas Smalltalk bemühen.“ Sichtlich amüsiert schloss Ravan die Augen. „Nicht, dass ich große Lust darauf hätte, also können wir uns das gerne schenken. Etwas anderes nicht. Pardon, Professor, aber Sie müssen sich wohl oder übel zuerst dem Hauptgang widmen. Wir haben etwas zu besprechen.“

Als er die Augen wieder öffnete, glühte das goldene Augenpaar hypnotisch und Ravan lehnte sich etwas vor, um die Arme auf seinen Beinen abstützen zu können, während er die Hände wieder faltete. „Gipson, erklär es ihm!“

Nickend übernahm dieser sofort das Wort: „Vor einiger Zeit erteilten wir unseren Leuten den Auftrag, sich um einige Mega-Kristalle zu kümmern. Als sie dort ankamen, wo sich das Zeug ausgebreitet hat, sahen sie einen Mann, der sie einfach hat verschwinden lassen. Noch dazu alle auf einen Schlag, wie durch Magie.“

An der Stelle hätte Platan fast leise gestöhnt. Ihm war klar gewesen, dass es darum gehen musste. Oft genug war er dabei gesehen worden. Erst sagte man ihm, Illumina City sei nicht mehr seine Stadt, und nun hatten auf einmal alle Interesse an diesen Fähigkeiten. Sicherlich jeder aus egoistischen Gründen. Allmählich glaubte er nicht mehr daran, dass irgendjemand von diesen neuen Firmen oder Gruppierungen, die in der Stadt ihre Wurzeln schlugen, etwas Gutes im Sinn hatten.

Womöglich hatte Flordelis damals recht gehabt.

Verdorbene Menschen verschmutzten diese schöne Welt und kümmerten sich dabei nicht um das Wohl anderer. Wer weiß, welches düstere Geheimnis Azett vor Platan verbarg? Das würde erklären, warum er sich so sehr auf die Quazar Corporation verließ, die eine Fehlentscheidung nach der anderen traf, und die Durchführung, zu allem Überfluss, auch zu wünschen übrig ließ.

„Das-“

„Ich kooperiere mit niemandem“, unterbrach Platan Gipson bestimmt, statt ihn weiterreden zu lassen. „Das sind meine Fähigkeiten. Ich bestimme, wie ich sie nutze und wann ich sie nutze.“

Auf Ravans Stirn trat eine Ader stark hervor und seine Augen verengten sich. „Tss! Unterbrechen Sie Gipson gefälligst nicht! Haben Sie keine Manieren oder was?! Sind wir hier im Kindergarten?!“

Etwas überrumpelt lehnte Platan sich ein Stück zurück. Ihm lag schon eine Entschuldigung auf den Lippen, aber er schwieg. Hätten sie nicht eher froh darüber sein sollen, dass dieses unnötige Gespräch abgekürzt wurde? Oder wollten sie etwas ganz anderes von ihm, als er vermutete?

„Und du, entspann dich gefälligst!“, befahl Ravan Voltenso, über deren Fell abermals elektrische Funken sprühten. „Gipson, weitermachen!“

Räuspernd kam seine rechte Hand dem sofort nach: „Das hat uns stutzig gemacht, also ließen wir Sie beobachten. Dadurch konnten wir, unter anderem, in Erfahrung bringen, dass Monsieur Flordelis noch am Leben ist.“

Sorge nahm schlagartig Besitz von Platan, diesmal wagte er es jedoch nicht, Gipson ein weiteres Mal zu unterbrechen.

„Seine Wiederauferstehung veranlasste uns dazu noch mehr Nachforschungen anzustellen und wir sind nun über die Probleme sowie Gefahren im Bilde, mit denen Illumina City zu kämpfen hat.“

Die hellgrauen Augen von Gipson ließen keinerlei Emotionen durchscheinen und vermittelten nur eine Härte von undurchdringbarer Natur – er nahm dieses Thema ziemlich ernst.

„Darum gibt es einige Punkte, basierend auf unseren Beobachtungen und Informationen, die wir Ihnen heute mitteilen wollen“, verkündete Gipson abschließend. „Zum einen: An sich stört es uns nicht, wenn jemand unseren Leuten die Arbeit stiehlt, denn wir haben mehr als genug Aufgaben, die wir verteilen können. Außerdem begrüßen wir es, wenn auch andere sich von sich aus für das Wohl der Stadt einsetzen, ohne, dass eine Aufforderung nötig ist. Eine bessere Absprache in Zukunft wäre trotzdem wünschenswert.“

Seine Verwunderung konnte Platan in diesem Moment sicher nicht verbergen. Diese eine, spezielle Bemerkung von Gipson klang danach, als läge es dem Corrosio-Clan am Herzen, sich um die Stadt zu kümmern. Dabei hätten sie die Mega-Splitter von den Kristallen sicher auch nur an die Quazar Corporation übergeben wollen, im Austausch für Belohnungen.

„Was? Glauben Sie etwa, Sie sind der einzige, dem etwas an Illumina City liegt?“, fragte Ravan empört. „Lassen Sie sich eins sagen: Das ist nicht nur Ihre Stadt, Professor.“

Platans Augen weiteten sich. „... Was?“

Eine zweite Ader trat auf Ravans Stirn hervor. „Spreche ich Kauderwelsch oder was?! Sie haben mich ganz gut verstanden!“

Hastig hob Platan beschwichtigend die Hände. „N-nein, ich meine, ja, ich habe Sie schon verstanden. Es ist nur ...“

Dieser Satz ...

Obwohl er eine gewisse Ähnlichkeit mit jener Spitze von Präsidentin Jette aufwies, besaß er eine gänzlich andere Bedeutung. Eine andere Wirkung. Zwar trafen Platan auch diese Worte schmerzhaft wie ein Giftstachel, doch er konnte nicht bestreiten, dass etwas an ihnen dran war. Dass er es bislang noch nicht auf diese Weise betrachtet hatte.

Das ist nicht nur Ihre Stadt, Professor.

Im Grunde war ihm das klar und doch ... hatte er das irgendwie aus den Augen verloren.

„Habe ich Sie zum Nachdenken gebracht?“, bohrte Ravan nach. Seine Stimme schien lauernd um Platan herumzuschleichen und trug eine schonungslose Wahrheit in sich, durch die sie eine vollkommen eigene Form der Reinheit besaß. „Ich habe Sie heute hierher bestellt, um Ihnen zu sagen, dass ich es satt habe, zuzusehen, wie peinlich unbeholfen Sie mit diesen Fähigkeiten durch die Gegend stolpern – und dabei auch noch unsere eigenen Tätigkeiten behindern! Ich bin der letzte, der nicht verstehen würde, wie schwer es ist sich nicht von Misstrauen leiten zu lassen, aber hierbei steht viel mehr auf dem Spiel. Ob wir wollen oder nicht, manchmal muss man Verantwortung übernehmen und sich eingestehen, dass man als Einzelgänger nicht weiterkommt.“

„Nein“, hauchte Platan abwesend. „Ich muss das alleine machen.“

Keinem vertrauen.

Alles alleine schaffen.

Alleine alles in Ordnung bringen.

Für Illumina.

Für Flordelis.

Für sich selbst – sonst blieben ihm ihm am Ende wieder nur Schuldgefühle.

... Bedeutete das, er war egoistisch? Verantwortungslos gegenüber allen Menschen und Pokémon in Illumina City?

Aufgewühlt begann die Energie in ihm zu fließen, donnerte wie tosende Wellen hin und her. Kreischte und wütete dermaßen, angetrieben von Platans Gefühlen, die außer Kontrolle gerieten. Kontrolle. Er verlor die Kontrolle. Das war nicht gut.

Erste Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

Ihm war viel zu heiß.

Die Energie stand kurz davor zu explodieren.

„Was wollen Sie eigentlich von mir?!“, entfuhr es Platan aufgebracht. „Ich habe alles bestens im Griff! Es gibt keine Mega-Kristalle mehr in der Stadt! Ich habe mich darum gekümmert! Es wird keine Megamanie-Pokémon mehr geben! Es ist alles in Ordnung!“

Während Gipson etwas erschrocken über diesen Ausbruch wirkte, jedoch nicht zurückwich, blieb Ravan ungerührt. „Alles, huh? Ich merke schon, Sie können nicht mehr klar denken. Entweder verdrängen Sie es bloß oder Ihnen ist eine wichtige Tatsache total entgangen.“

Statt ihn darüber aufzuklären, wovon er sprach, wurde nun auch Ravan deutlich lauter. „Dann denken Sie doch wenigstens an Monsieur Flordelis! Er hat Sie gebeten, damit aufzuhören! Ich dachte, Sie beide verbindet eine alte Freundschaft?! Ist Ihnen das nichts mehr wert?! Oder sind Sie echt so blind für alles?!“

Wutentbrannt fuhr Platan vom Sessel hoch. „Sie haben kein Recht, sich da einzumischen! Was wissen Sie denn schon?!“

Flordelis erinnerte sich nicht an ihn. Was mit Platan geschah, wäre ihm also nicht allzu wichtig. Es ging einzig und allein darum, die Schönheit von Illumina City zu bewahren. Das war es, was Flordelis sich von ganzem Herzen wünschte. Dafür würde Platan alles tun.

Ein klägliches Winseln riss Platan aus seiner Rage. Voltenso hatte sich zitternd an Mähikel geschmiegt, die ihn mit glasigen Augen voller Sorge ansah. Auf der Stelle verebbte die ganze Wut. Widerwillig floss die Energie in ihm langsamer, alles wurde wieder klarer, gerade, als sich sein Sichtfeld wieder verändern wollte. So wie an diesem Tag im Labor.

Reumütig erwiderte Platan die Blicke seiner Pokémon. „Tut mir leid. Ich wollte euch keine Angst machen ...“

Anscheinend hatte Magnolia recht.

Platan war verzweifelt.

Beschämt hielt er sich den Kopf. Seit wann hatte er sich selbst so furchtbar aus den Augen verloren? Lag es nur an der Mega-Essenz? Hatte sie ihn verändert oder reagierte sie nur auf seine Emotionen? War es Flordelis in seiner Verzweiflung damals auch so ergangen?

Wenn Platan weiter diesen Weg beschritt ... beging er letztendlich den gleichen Fehler wie Flordelis.

Magnolia und Ravan hatten beide recht.

Plötzlich blitzte das Bild vom Prismaturm vor seinem geistigen Auge auf, begleitet von einem fernen Echo, das durch seinen Kopf hallte.

Zu viel ... zu viel ...

Dann riss ihn etwas von den Füßen, er fiel zurück in den Sessel und keuchte schwer. Im Augenwinkel nahm er etwas wahr. Ein magentafarbenes Licht tauchte aus dem Nichts auf. Noch eins. Noch eins. Und noch eins. Überall in der Stadt glimmte ein Lichtpunkt nach dem anderen auf, ertränkten die Stadt von Neuem in diesem faszinierend schönen Schein, dem ein unausweichliches Unheil innewohnte.

Fassungslos schüttelte Platan den Kopf. „Nein ...“

Entweder verdrängen Sie es bloß oder Ihnen ist eine wichtige Tatsache total entgangen.

Wie hatte er das nur vergessen können?

Wie hatte er glauben können, dass es nicht noch einmal geschehen könnte?

Nur undeutlich erreichte ihn Ravans Stimme. Die Frage, was verdammt nochmal los sei.

Darauf antwortete Platan heiser: „Es ... sind noch mehr Kristalle erblüht. Schon wieder.“


Nachwort zu diesem Kapitel:
Vom Gameplay her sind die Wildsektoren in Z-A natürlich praktisch und eine interessante Sache.
Aus rein storytechnischer Sicht ... sind sie aber die reinste Katastrophe und können so einfach absolut nicht funktionieren. Nicht auf Dauer. =_=;
Lustigerweise wussten das scheinbar auch die Entwickler selbst, denn sehr viele NPCs in der Stadt beklagen sich - zu Recht - tatsächlich über die Wildsektoren. Stellt euch einfach mal vor, eure Wohngegend würde irgendwann spontan zu einer Zone für wilde Tiere erklärt werden. Teilweise mit sehr aggressiven Tieren, die dich sofort angreifen, sobald sie dich bemerken. Unter anderen auch noch riesengroße Exemplare mit rot leuchtenden Augen ... (Beispiel schamlos geklaut von meiner lieben  Flordelis.)
Das ist des Todes beängstigend! Vor allem müsst ihr bedenken, dass nicht jeder Mensch Pokémon besitzt oder ein Trainer ist. Man hat halt einfach Pech gehabt, wenn Wildsektoren dort hochgezogen werden, wo man lebt. o_Ô
Einige anderen Probleme hat Platan in diesem Kapitel ja auch schon angesprochen. Er wird sich auch noch schockiert darüber zeigen, dass manche Leute nun Abkürzungen über die Dächer nehmen müssen, wegen den Wildsektoren.
Wie man es auch dreht und wendet, in einer richtigen Geschichte sind Wildsektoren eine schlechte Idee - und geben mir somit großartigen Stoff für eine Fanfiction. >:3
Jedenfalls sind sie eines der Dinge, die mich an Z-A gestört haben. Platan wäre über diese Art der Umsetzung sicher auch nicht begeistert, zumal die Arbeit vom Labor ja wirklich einfach ignoriert wird. Richtig bitter. =/
(Ja, wir wissen natürlich, dass es einen guten Grund für diese Wildsektoren gibt. Aber Platan weiß zu diesem Zeitpunkt nichts davon. ... Und ich bleibe dabei, dass man sich da dringend etwas anderes einfallen lassen müsste.) Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Endlich! ٩(^ᗜ^ )و ´-
Endlich beginnt der Teil, den ich unbedingt die ganze Zeit schreiben wollte, seit ich mich in meinen Tagträumereien zu dieser Geschichte verloren habe. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr ich darauf gebrannt habe zu diesem Zeitpunkt zu kommen. Ab jetzt werden die Dinge so richtig interessant. >:3 Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Endlich hatte Mega-Mähikel ihren großen Auftritt und durfte so richtig glänzen! Q^Q♥
Ich muss es - wahrscheinlich - nicht anmerken, aber natürlich handelt es sich dabei um eine, von mir ausgedachte, Fake-Mega-Form. Aber ich liebe sie! ♥ Ich hätte sooo~ gern ein Bild davon! >_<

Bei der Frau am Anfang handelte es sich natürlich um Griselle. :3

Edit 11.02.26: Mähikels Mega-Form - gezeichnet von der lieben Aurora-Silver Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
... Wie diese Geschichte mal wieder auch länger wird, als es ursprünglich geplant war. :,D
Aber es gibt an vielen Stellen schon mehr als genug Blöcke von reinen Erzähltexten, in denen nur Informationen wiedergegeben werden. Also muss ich einiges doch genauer zeigen. Anfangs war die Szene mit Absol beispielsweise gar nicht so ausführlich geplant, doch es erschien mir dann ziemlich wichtig, zu zeigen, wie er bei Platan bleiben will.

Und falls jemand rätselt: Nein, die beiden Jungs in diesem Kapitel gehören zu keiner bekannten Gruppe aus Z-A. Sie waren nur Nebenfiguren, die nicht noch einmal auftauchen werden - aber ich mag sie irgendwie.

Der Boys Love-Part kommt auch noch, ich schwöre. Ich schweife nur zu viel aus. Q^Q Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Das war ein sehr intensives Kapitel. ;<
Ich hoffe, man konnte nachvollziehen, warum Platan so wütend und laut wurde, obwohl das eigentlich überhaupt nicht seinem Wesen entspricht. Der Mann hat Probleme. D; Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Gleich zwei ellenlange Kapitel direkt hintereinander ...
Normalerweise ist diese hohe Wortanzahl überhaupt nicht mein Ding, aber ich wollte auch wieder nichts auseinander reißen und zwei weitere Kapitel haben, die alles nur noch mehr hinauszögern. >_<
... Außerdem fange ich langsam an, es irgendwie zu mögen, wenn wichtige Kapitel einen Einstieg und einen Ausklang haben. Nicht nur einen einzigen Höhepunkt.

Ich könnte jetzt übrigens stolz behaupten, es sei von Anfang an geplant gewesen, dass dieses Mega-Thanathora das von den beiden Jungs ist ... aber so ist es leider nicht. Es war wirklich purer Zufall, dass das in diesem Kapitel so wunderbar passte. :,D
Ich wusste nur, an welchem Ort ich Platan auf F treffen lassen wollte. Dort, wo man eben in diesem Kanalbecken gegen ein Megamanie-Pokémon kämpft und danach auch im Spiel F auftaucht (da lächelte er das erste Mal ♥). Allerdings wusste ich nicht mehr, welches Pokémon genau man dort beruhigt. Ich dachte, es wäre Mega-Starmie, aber es war ein Thanathora. Also habe ich diesen glücklichen Zufall einfach direkt genutzt. >:3
*spricht mit schlechter Coldmirror-Stimmenimitation weiter* Ich, als Schreiberin! XD

So! Weiter zu den nächsten Kapiteln, auf die ich mich auch riesig freue! :D Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Hier folgt nun ein laaanges~ Nachwort für ein laaanges~ Kapitel:

Dieses Kapitel ... Wo soll ich nur anfangen? °_°
Es stecken so viele Emotionen in diesem Kapitel, die ich beim Schreiben durchlebt habe.

Erst einmal hat dieses Kapitel dafür gesorgt, dass ich - neben anderen Gründen - ewig gehemmt war weiterzuschreiben. Der Grund dafür heißt Ravan. :,D
Ich haben einen unbeschreiblich riesigen Respekt vor diesem Charakter. Er hat so eine spezielle Art an sich, dass ich jedes Mal befürchte, ihm niemals gerecht werden zu können. Da er dann auch noch zu meinen absoluten Lieblingen aus Z-A zählt, setze ich mich immer selbst viel zu sehr unter Druck, sobald ich Texte schreibe, in denen ich ihn darstellen muss. x_X;
Deswegen fand ich nicht mehr so richtig die Motivation weiterzumachen, obwohl ich mich auf dieses Kapitel auch sehr gefreut habe. Ich bin so froh, diesen Knoten endlich gelöst zu haben! >_<

Nachdem ich also einen Anfang fand, stellten sich aber kurz darauf weitere Hindernisse in den Weg. Unter anderem Platan selbst, der ein sehr aufmerksamer Mensch ist und sich VIEL ZU SEHR für seine Umgebung interessiert. (ᵕ—ᴗ—)
Dadurch bekam ich schnell das Gefühl, mich in viel zu vielen Beschreibungen von Personen, Gebäuden und Räumen zu verlieren. Ich musste hart tricksen, um noch genauere Beschreibungen zu umgehen - denn sonst wird es einfach zu langweilig, eintönig und vor allem leblos. Deshalb löschte ich später einen Großteil von Gipsons Beschreibung, weil ich selbst gemerkt habe, da auf zu viele Kleinigkeiten eingegangen zu sein. Ich hatte eine echt schwere Zeit, bis ich mal zu der Stelle kam, wo das Gespräch mit Ravan beginnt. ಥ‿ಥ
Wie gesagt, Platan ist schuld! Weil er auch auf ALLES achten muss. ... Andererseits kann ich mich, dank seiner poetischen Ader, so schön mit ausufernden Metaphern ausdrücken~.

Verteilt auf drei Tage schrieb ich also stundenlang vor mich hin und am Ende kam mein bisher längstes Kapitel dabei heraus, das ich jemals erschaffen habe. O_O
Der Witz daran ist, das für dieses Kapitel ursprünglich noch mehr Inhalt geplant war - das ich nun ins nächste verlagert habe, weil es sonst echt zu viel geworden wäre. Ich bin überrascht von mir selbst. Damals hätte ich niemals gedacht, jemals so lange Kapitel zustande zu bekommen ... Dabei mag ich lange Kapitel nicht einmal. ^^; *bevorzugt Längen zwischen 2k und 3k*

... Ich habe zwar Platan allein die Schuld für die Länge dieses Kapitels gegeben, aber fair war das nicht. Eine Sache kam nämlich nur mit mehr Details dazu, weil ich persönlich das dann unbedingt wollte. Nämlich Achard. XD
Der war so ... überhaupt gar nicht geplant.
Angefangen hat es damit, dass ich ihn einfach nur sagen lassen wollte "Wat soll'n dette?!", weil ich das von Prompto in Final Fantasy XV immer so witzig und liebenswert fand. Dann eskalierte das Ganze irgendwie und plötzlich hatte ich spontan ein Mitglied für den Corrosio-Clan erschaffen, der einen berliner Dialekt hat, weil ... Warum nicht? ICH fand das witzig - und habe dafür viel über diesen Dialekt gegoogelt, was auch interessant war (Recherchen beim Schreiben sind allgemein sehr lehrreich).
Dann kam mir Achard aber so einsam vor und ich dachte, hey, wäre doch nett, wenn der mit dieser einen Frau immer zusammen zu irgendwelchen Aufträgen geschickt wird. So bekam auch Aube einen Namen und die unnötigen zusätzlichen Details waren im Kapitel verankert. So schnell kann es gehen.
Achard ist übrigens die französische Entsprechung des deutschen Namens Eckhardt. Ja, auch über die Namensgebung habe ich mir Gedanken gemacht, damit es passt. •⩊•

Oh, außerdem lernten wir in diesem Kapitel die liebe Voltenso und somit ein neues Teammitglied von Platan kennen. ♥
Ist es nicht schön, wie es mehr und mehr wächst? :D
Ein Teil der Länge des Kapitels kam auch durch ihre Vorstellung und Einführung zustande, die mir sehr wichtig war. Ich will, dass Pokémon eigenständige Charaktere und nicht nur Pappfiguren sind, die nebenbei mitlaufen. Für ein Kapitel alleine wäre mir das aber wieder zu wenig Inhalt gewesen. Hach ja ...

... So, ich denke, damit wäre ich fertig. :3
Somit habe ich nicht nur mein längstes Kapitel ever verfasst, sondern wahrscheinlich auch das längste Nachwort ever.
╮ (. ❛ ᴗ ❛.) ╭
Dieses Kapitel war für Platans Entwicklung übrigens sehr wichtig. Wer hätte gedacht, dass es dafür nur einen Ravan braucht, der ihn mal mit Klartext anschreit? Komplett anzeigen

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