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die Legende von Herr Hölle

und dem fleißigen Martin...und Rosmarin
von

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Im Dunkel der Nacht

Es war einmal ein kleines Dorf namens Feldhusen, ein Ort, der irgendwo zwischen üppigen Wiesen, summenden Bienen und ständig streitenden Hühnern lag. Die Bewohner waren fast alle Landwirte, und das aus gutem Grund: Herr Hölle wachte über die gesamte Landwirtschaft des Landes. Es war ein Kleines Land im Tammireich.
 

Kein König – zumindest nicht offiziell. Aber wer die Ernte, das Wetter und die Launen der Schafe kontrolliert, der braucht keine Krone. Herr Hölle reichte ein hochgezogener Augenbrauenbogen, um das gesamte Dorf strammstehen zu lassen. Trotzdem war er beliebt. Nun ja… respektiert. Beides fühlte sich manchmal gleich an.
 

Seit Wochen suchte Herr Hölle einen Laufburschen, jemanden, der Botengänge erledigte, Ställe abrechnete und vor allem: seinen Anweisungen bedingungslos folgte.

Dafür hatte er einen Wettbewerb ausgerufen – eine Reihe kleiner Aufgaben, die Ausdauer, Geschick und Fleiß forderten.
 

Gewonnen hatte Rosmarin.

Eigentlich. Inoffiziell. Heimlich.

Rosmarin war der fleißige Zwilling, derjenige, der vor Sonnenaufgang aufstand, um die Tiere zu füttern, und nach Sonnenuntergang immer noch irgendwo hockte, um Unkraut zu zupfen oder Werkzeug zu reparieren.

Aber Rosmarin hatte Pech – nicht nur manchmal, sondern praktisch ständig, konsequent und fast schon professionell.
 

Die Sache mit seinem Namen war bezeichnend:

Als zweites Baby gekommen, völlig unerwartet. Die Hebamme hatte geschrien, die Mutter ebenfalls, der Vater war in Ohnmacht gefallen, und in dem ganzen Durcheinander musste ein Name her. Da die Mutter Kräuterkundlerin war und zufällig ein Sträußchen Rosmarin in der Hand hielt, rief sie in Panik:

„Dann heißt er eben Rosmarin!“
 

Martin dagegen, der Erstgeborene, der Bequeme, der – vorsichtig ausgedrückt – eher arbeitsabgeneigte Zwilling, hatte im Wettbewerb eigentlich so gut wie nichts getan. Er war zu spät zum ersten Prüfungsabschnitt gekommen, hatte den zweiten beinahe verschlafen und den dritten nur geschafft, weil ein Windstoß zufällig die richtigen Papierstapel in die richtige Richtung geweht hatte.
 

Doch als es darum ging, die Ergebnisse zu präsentieren, stand Martin mit einem strahlenden Siegerlächeln vor Herrn Hölle und behauptete, er habe alles geleistet, während Rosmarin nur „herumgestanden“ hätte.
 

Herr Hölle – beeindruckt von so viel angeblicher Tatkraft – hatte Martin ohne Zögern als Sieger verkündet.

Rosmarin wäre fast in den trockenen Boden gesunken.
 

Und nun, heute Nacht, im Dunkel zwischen sternlosem Himmel und flüsternden Feldern, musste Martin zum Anwesen von Herr Hölle aufbrechen, um seinen Arbeitsvertrag zu unterschreiben.
 

Er war jedoch nicht dumm – zumindest in Sachen Faulheit war er sehr erfinderisch.

Also erklärte er Herrn Hölle mit gespieltem Ernst:
 

„Ich arbeite nur effizient, wenn mein Bruder dabei ist. Wir sind… ein Team! Untrennbar. Fast magisch verbunden!“

Herr Hölle hob eine Braue, betrachtete erst Martin, dann Rosmarin, der peinlich berührt neben ihm stand, und entschied schließlich:
 

„Gut. Dann stelle ich euch beide ein.“
 

Martins Plan war damit perfekt:

Rosmarin würde die ganze Arbeit machen, wie immer, und er selbst würde – ebenfalls wie immer – gemütlich danebenstehen und so tun, als würde er „Wichtiges organisieren“.
 

Ob das auf Dauer gut ging?

Nun… Feldhusen war ein kleines Dorf, Herr Hölle ein aufmerksamer Herrscher, und Rosmarins Pech war legendär.
 

Aber das ist eine andere Geschichte.

Oder besser gesagt: die Geschichte, die jetzt beginnt.

Zertanzte Schuhe im Schnee

Herr Hölle will eine Veranstaltung planen und zu Ehren seiner Stadt ein Fest veranstalten. Dafür teilt er Martin seine erste Arbeit ein – und zwar, dass er alles organisieren soll, aufbauen und herrichten.

„Ich brauche auch noch neue Schuhe. Alles soll pünktlich übermorgen fertig sein“, zählt er auf. „Was stehst du noch da? Hopp, hopp.“ Er winkt nur mit dem Arm und segnet die letzten Einladungen ab.
 

„Du hast es gehört. Ich besorg die Schuhe und du organisierst das Fest“, kommandiert Martin seinen Bruder herum.

„Wieso sollte ich dir helfen? Du hast meinen Platz weggenommen!“ Rosmarin ist davon überhaupt nicht begeistert.

„Willst du etwa, dass unser Gründungsfest ein Reinfall wird? Niemand kann so gut planen wie du“, schmiert er ihm Honig ums Maul – und schafft es wirklich, seinen Bruder davon zu überzeugen.
 

Rosmarin liegt viel an der Stadt, und er könnte es sich nie verzeihen, wenn tatsächlich wegen ihm das Fest ein Reinfall wäre.

„Gut…“ gibt Rosmarin nach und organisiert alles.
 

Martin dagegen liegt nur faul herum – an die Schuhe denkt er nicht einmal.
 

Einen Tag vorm Fest begutachtet Herr Hölle alles und lobt Martin in allen Tönen, wie schön er das vorbereitet hat. Als Rosmarin Einspruch erheben will und auf Herrn Hölle zugeht, bleibt er an einem Seil hängen, an dem die ganzen Laternen befestigt sind, und zieht sie alle mit hinunter.
 

„Ro… ROSMARIN… so eine Katastrophe!“ Sein Kopf wird knallrot und der Schnee um ihn herum schmilzt einfach weg.

„Ich mach das… ich hänge alles wieder auf. Morgen ist alles perfekt“, entschuldigt sich Rosmarin.

„Das möchte ich auch hoffen. Martin, komm, wir fahren zurück. Paul kümmert sich um den Rest“, meint er und meint seine rechte Hand – die eigentlich nur der Sekretär sein sollte.

„In meinem Haus kannst du mir dann meine Schuhe und meinen Anzug zeigen.“ Er klopft Martin noch mal lobend auf die Schulter.

„…Ja… g-gewiss.“ Er hat es komplett vergessen.

Auf dem Weg zu Herr Hölles Haus überlegt er die ganze Zeit, was er machen soll, und dann kommt ihm die Idee: Er schenkt ihm einfach seine neuen Schuhe. Es scheint, dass sie dieselbe Schuhgröße haben, also sollten sie passen, denkt er sich. Er hat nicht mal den Schuhkarton weggeschmissen, da er zu faul dafür war – was nun sein Glück ist. So kann er die Schuhe wieder darin einpacken und bringt sie Herrn Hölle.
 

„Ihre Schuhe.“

Es waren sehr billige Schuhe, was man auch sieht, aber wie es scheint, stört es Herrn Hölle nicht.

„Oh, perfekt! Schuhe aus unserem Dorf – damit mache ich einen guten Eindruck bei den Bewohnern. Sehr gut mitgedacht“, lobt er Martin mal wieder, obwohl er nichts gemacht hat.
 

Rosmarin muss bis spät in die Nacht noch arbeiten, um alles wieder neu aufzuhängen, sodass er die Eröffnung sogar verschläft.
 

Martin steht an der linken Seite von Herrn Hölle auf der Bühne, die Rosmarin sogar extra noch aufgebaut hat, und lauscht der jährlichen Rede von Herrn Hölle darüber, wie das Dorf so geworden ist, wie es jetzt nun ist.
 

„Und nun stehen wir hier… lasst uns den Tag genießen, auf Feldhusen.“

Er hebt seinen Becher, um mit allen in der Luft anzustoßen.

„Auf Feldhusen!“ rufen alle mit, was das Zeichen dafür ist, dass die Party nun richtig losgeht.
 

Und obwohl der Schnee langsam fällt, stört es keinen. Es friert auch keiner, da alle trinken und tanzen und ihnen dabei so heiß ist, dass sie nichts merken.
 

Auch Herr Hölle tanzt mit einem schönen Mädchen nach dem anderen. Doch leider nicht lange, da seine Schuhe schnell die Sohle verlieren.

„Hab wohl heute genug getanzt“, lacht er und zeigt seine zertanzten Schuhe.
 

Wäre er nicht so betrunken, würde es ihn sicher mehr stören, da es seinem Image schadet – doch heute ist ihm zum Glück alles egal. Oder eher: zum Glück für Martin, der ihm die Schuhe besorgt hat und so mal wieder fein raus ist.

Die böse Königin

Das Fest war längst auf seinem Höhepunkt angekommen. Der Schnee glitzerte wie Puderzucker, die Menschen sangen, die Musik schepperte schief – und Herr Hölle war inzwischen so betrunken, dass selbst die Laternen leicht schwankten, wenn er an ihnen vorbeilief.
 

Er stand mitten auf dem Dorfplatz, die zertanzten Schuhe in der einen Hand, einen Becher in der anderen, und rief mit vollem Ernst:
 

„MARTIN! Ich will ein Spiel spielen!“
 

„Natürlich, Herr Hölle“, antwortete Martin und stellte sich sofort stramm hin, damit es so aussah, als hätte er den ganzen Abend über nichts anderes getan als wichtige Pflichten.
 

Herr Hölle starrte auf irgendetwas zwischen Himmel und Boden und murmelte:
 

„Bring mir… TOMATEN. Viele Tomaten. Riesig viele Tomaten.“
 

Martin nickte – und machte sich sofort auf den Weg, Rosmarin zu suchen, denn selbstverständlich würde er die Tomaten besorgen.
 

Er fand ihn schlafend hinter einem Heuballen, völlig erschöpft und halb eingeschneit.
 

„Aufstehen, Rosmarin!“, zischte er und stupste ihn an.

„Mmm… was?“ Rosmarin war noch halb im Traum und murmelte etwas von Laternen und Unkraut.

„Los! Tomaten! Herr Hölle braucht Tomaten! Ganz viele. Sofort.“
 

Rosmarin stand auf, torkelte kurz und schaltete dann in seinen gewohnten Pflichtmodus.

Und so schleppte er, während Martin danebenstand und „aufpasste“, eine Kiste nach der anderen heran, bis ein ganzer Berg roter, glänzender Tomaten auf dem Platz lag.
 

Herr Hölle sah die Tomaten, sah Martin – eigentlich Rosmarin, aber so betrunken wie er war, konnte er die Zwillinge nicht auseinanderhalten – und rief begeistert:
 

„MARTIN, du Goldstück! Du bist ein Genie! Lass uns anfangen!“
 

Rosmarin sagte nichts. Es hätte ohnehin niemand verstanden – alle waren zu betrunken oder zu laut oder beides.

Das Spiel konnte beginnen.
 

Herr Hölle klatschte in die Hände wie ein Kind, das gleich ein großes Geschenk auspackt.
 

„Alle hübschen Frauen, kommt her! Aufstellen! Nebeneinander! Aber in hübscher Reihenfolge!“, befahl er.

Zu seiner Überraschung taten die Frauen genau das. Sie kicherten, wankten, zupften ihre Kleider zurecht und stellten sich lachend nebeneinander auf.
 

„So! Ich erklär das Spiel!“ Herr Hölle breitete die Arme aus.

„Ich SCHLIESSE jetzt die Augen… und wer am meisten Tomaten abkriegt… wird meine Frau!“
 

Die Frauen kreischten.
 

Dann, ohne Vorwarnung, nahm Herr Hölle eine Tomate, schloss die Augen und drehte sich einmal komplett im Kreis.
 

Er warf.

Daneben.

Er warf nochmal.

Getroffen! Eine Frau lachte und wischte sich die Tomate aus dem Gesicht.

Er warf ein drittes Mal.

Daneben.

Er warf ein viertes Mal.

Daneben.

Ein fünftes Mal.
 

Diesmal traf er jemanden direkt am Kopf – Rosmarin, den er in seinem Suff einfach zufällig für hübsch genug gehalten hatte, um ihn ebenfalls in die Reihe zu stecken.
 

„Autsch!“, rief Rosmarin, während die Tomate voll an seiner Wange platzte.
 

Herr Hölle hörte nur das Geräusch und jubelte:
 

„DAS war ein Treffer! Weiter so!“
 

Und so ging es weiter.

Wo die Frauen einmal getroffen wurden, wurde Rosmarin fünfmal erwischt.

Wo ein Kleid eine kleine rote Spur bekam, war Rosmarins gesamtes Oberteil inzwischen ein einziger roter Fleck.
 

„Haaah!“, lachte Herr Hölle, als er endlich aufhörte zu werfen und die Augen öffnete.

Vor ihm standen die Frauen: ein paar leicht bekleckert, ein paar kaum getroffen.
 

Und Rosmarin.

Rosmarin war so rot, dass er aussah, als wäre er in einen Topf Tomatensuppe gefallen.
 

Herr Hölle strahlte ihn an wie einen frisch gekrönten Monarchen:
 

„HAA! Meine neue böse Königin ist eine TOMATE!“
 

Alle lachten.

Martin am lautesten.

Die Frauen kicherten und schwankten.

Rosmarin stand einfach nur da.
 

Am nächsten Morgen erinnerte sich niemand an etwas.
 

Die Frauen nicht – sie hatten Kopfschmerzen.

Herr Hölle nicht – er hatte noch größere Kopfschmerzen.

Martin sowieso nicht – weil er nie etwas erinnerte, was ihm nicht nützte.
 

Nur Rosmarin.

Er konnte das nicht vergessen.

Er wusste, dass er es nie vergessen würde.

Großmütterchen Jadwiga

Obwohl schon ein Tag seit dem Fest um ist, haben nach wie vor viele einen starken Kater – so auch Herr Hölle, weswegen er das Bett hütet. Als Rosmarin das dreckige Geschirr aus seinem Zimmer holt, wird er plötzlich von einer älteren Dame aufgehalten – oder vielmehr fährt Rosmarin unabsichtlich mit dem Servierwagen in sie hinein.
 

„Es tut mir leid…“ entschuldigt er sich sofort.

„Passen Sie beim nächsten Mal besser auf, wo Sie hinlaufen!“ nörgelt sie.

„Gut, dass ich dich finde. Du bist doch das Helferlein von meinem Enkelchen, oder nicht? Da er gerade ans Bett gefesselt ist, kannst du mir Gesellschaft leisten.“ Sie deutet nur und führt ihn ins Nebenhaus.
 

Es sieht verlassener aus, was womöglich daran liegt, dass viele einen Bogen darum machen.

„Komm, komm nur herein“, führt sie ihn hinein.

„Wie war dein Name? … Ach egal, ein guter Mitarbeiter braucht keinen Namen, das Einzige, was zählt, sind die Taten.“ Sie führt Rosmarin in das Wohnzimmer.
 

„Leiste mir etwas Gesellschaft. Jetzt, wo alle einen Kater vom Fest haben, kommt keiner mehr her. Mein Enkel muss auch immer übertreiben.“

Rosmarin schaut sich etwas um. Es wirkt wie ein normales Haus von innen – von einer Großmutter, sehr klassisch.
 

„Setz dich, ich mach uns Tee“, zeigt sie auf einen alten Couchsessel.

„Danke, wirklich… aber ich sollte zurück an die Arbeit“, sagt Rosmarin – er ist es nicht gewohnt, so lange untätig zu sein.

„Heute ist es so kalt, da ist ein warmer Tee doch was Schönes.“ Sie serviert zwei Tassen.
 

„Soll ich das Feuer anmachen?“ bietet Rosmarin sofort an und springt auf, um den Kamin zu entfachen.

Doch bevor er das macht, muss er alles erst sauber machen, da viel Ruß und Kohle im Kamin liegt, während sich die Großmutter setzt.

Beide genießen den Tee und Rosmarin muss sich eine Geschichte nach der anderen anhören – von ihren zwei Enkeln.

„Sie sind wie Licht und Schatten. Aber so entzückend… aber so chaotisch! Hulda hat ihre Fähigkeiten nach wie vor nicht unter Kontrolle und dein Meister, na ja… setzt sie nur für dieses kleine Dorf ein, das ist doch langweilig“, nörgelt sie, als ob er etwas ändern könnte.
 

Rosmarin versucht alles, um nicht einzuschlafen, da sie gar nicht mehr aufhört zu reden.

„Ich… ich wasch schnell ab, aber dann sollte ich gehen. Herr Hölle sucht bestimmt schon nach mir“, sagt Rosmarin besorgt.

Dabei hat noch niemand sein Fehlen bemerkt – außer Martin. Aber er hat Glück: Dadurch, dass Herr Hölle einen Kater hat, hat er selbst keine Arbeit, weswegen es egal ist, ob Rosmarin da ist oder nicht.
 

Während Rosmarin anfängt, das Geschirr zu waschen, fällt der Frau ein, dass der Boden auch noch gemacht gehört und die Fenster – womit Rosmarin nicht nur das Geschirr, sondern nun das ganze Haus putzen muss.

Während er putzt, macht es sich die Großmutter bequem vorm Kamin und hält ein Nickerchen.
 

Als Rosmarin fast fertig ist und nur noch den Dachboden putzen muss, riecht er etwas Komisches.

„Hilfe… Hilfe…“ hört er plötzlich von unten und rennt sofort runter.
 

Er merkt, dass das Feuer vom Kamin plötzlich das ganze Wohnzimmer in Flammen getaucht hat.

„Hilf mir, sonst verbrenne ich…“ ruft sie und schaut zu Rosmarin, der an der Türe steht.
 

Ohne Zögern geht er in das Feuer, das zum Glück noch klein ist – und das sie bestimmt selbst geschafft hätte, wenn sich ihr Kleid nicht verhakt hätte – und trägt sie hinaus.
 

„Danke… aber mein armes Haus…“ bedauert sie und schaut zu, wie das Haus langsam von den Flammen verschluckt wird.
 

Die Diener kommen angerannt, um es zu löschen, und auch Herr Hölle kommt mit Martin an seiner Seite.

„Wer war das?“ fragt er besorgt und wütend zugleich.

„Du… das warst bestimmt du.“ Herr Hölle schaut Rosmarin böse an.

„I-ich?… ich hab nur ein Kaminfeuer gemacht…“

Doch Herr Hölle lässt ihn gar nicht weiter aussprechen.

„Ja, ich sehe, wie du Feuer gemacht hast! An den Galgen sollst du!“ ruft er sofort seine Wachen herbei.
 

„Ach, mein Enkelchen, sei doch lieb. Wir sollten ihm danken. Er beseitigte meine Langeweile und rettete mich vorm Feuer.“ Großmütterchen Jadwiga nimmt Rosmarin in Schutz.
 

„…Dieses Mal. Aber als Strafe darfst du jeden Kamin von oben bis unten, innen und außen reinigen! Vielleicht lernst du so den richtigen Umgang. Und nie wieder will ich dich in der Nähe eines Feuers sehen – sonst schneid ich dir die Hand ab.“

Das blaue Licht

Rosmarin putzte.

Und putzte.

Und putzte.
 

Seit dem frühen Morgen war er von Kamin zu Kamin geschickt worden – jeder im Dorf, hatte Herr Hölle verkündet. Egal ob groß, klein, schief, alt, verrußt oder halb eingestürzt: Rosmarin musste sie reinigen.
 

Mit einem winzigen, völlig ungeeigneten Schwamm.
 

„Damit lernst du es!“, hatte Herr Hölle geschrien.
 

Rosmarin hatte schon längst aufgehört zu zählen, wie viele Dächer er erklommen hatte.

Jedes Mal rutschte er fast ab, und nur ein Seil hielt ihn davon ab, in den Schnee zu plumpsen.
 

Seine Finger waren rot und taub, der Schwamm war schwarz vor Ruß, und er hustete ununterbrochen.

Als es endlich Abend wurde, blieb nur ein einziger letzter Kamin übrig.
 

Der höchste.

Der älteste.

Der schiefste.
 

Rosmarin kletterte aufs Dach, keuchend, mit zitternden Armen. Der Wind pfiff über die Ziegel, und er zog seinen Mantel enger.
 

„Nur noch der hier… und dann bin ich fertig…“, murmelte er hoffnungsvoll.
 

Er beugte sich über die Öffnung und lugte vorsichtig hinein.
 

Unten flackerte ein Licht.

Ein blaues Licht.

Es war erst nur ein Funken, dann ein leuchtendes Pulsieren. Wie ein Herzschlag, nur viel… unheimlicher.
 

Flackern.

Pulsieren.

Aus.

Dunkelheit.
 

Dann wieder Flackern.

Als würde jemand eine Laterne an- und ausschalten.
 

Rosmarin fröstelte.

„Da… da ist jemand drin…“, flüsterte er.
 

Plötzlich hörte er ein leises, schauriges Kichern.

Ein männliches Kichern. Tief. Kratzig. Verrückt.
 

Rosmarin krallte sich an den Kaminrand.

Er wollte eigentlich so leise wie möglich sein, damit diese Person nichts bemerkte.
 

Er bewegte den Schwamm langsam rein… Da glitt er ihm aus der Hand.
 

Plopp.
 

Der Schwamm fiel.

Ein dumpfes Geräusch.

Dann Stille.
 

Bis eine Stimme aus dem Dunkeln sprach:
 

„Was ist das?“
 

Rosmarin hielt den Atem an.

Er hätte am liebsten geschrien, aber sein Hals war wie zugeschnürt.
 

Das blaue Licht flackerte wieder – diesmal heller.
 

Ein Gesicht erschien im Dunkel.

Graue, verfilzte Haare.

Ein langer, wilder Bart.

Augen, die so hellblau leuchteten wie das Licht selbst.
 

Der Mann sah nach oben und entdeckte Rosmarin.
 

„Ooooh!“, rief er erfreut.

„Ein Versuchskaninchen! Oder… hach, wie süß… eher ein Versuchskätzchen auf dem Dach!“

Er lachte schrill.
 

„N-Nein! Ich wollte nur putzen! Ich muss! Es ist eine Strafe!“, stammelte Rosmarin.
 

Der Mann nickte.

„Aha. Die Strafarbeit… davon hab ich gehört. Das passt zu ihm.“

Er verzog das Gesicht, als wäre er jemand, den er sehr gut kannte – und nicht sonderlich mochte.
 

Rosmarin schluckte.

Er wollte weg. Sofort.

Doch der Mann hob einen Finger und sprach weiter:
 

„Früher oder später musst du sowieso hier unten putzen.“
 

Dann grinste er schief.
 

„Komm her. Du musst etwas für mich ausprobieren.“
 

Noch ehe Rosmarin protestieren konnte, begann der Mann unten ungeduldig mit den Fingern zu schnippen.

Ein böser Fluch

Rosmarin zögerte, bis er schließlich doch hinunterstieg. Aber früher oder später musste er sowieso runter, um seine Strafe zu beenden.
 

„Keine Angst, ich tu dir schon nicht weh… glaub ich“, lachte der Mann und starrte die ganze Zeit nach oben, während er geduldig wartete. Er schnippte im Takt und wurde dabei immer schneller, nur um Rosmarin nervös zu machen – was auch sehr gut funktionierte.
 

„Hast dir ganz schön Zeit gelassen“, sagte der mysteriöse Mann und zog Rosmarin aus dem Kamin, sobald er in Reichweite war.
 

„Ich sollte gehen… ich musste nur den Kamin sauber machen“, versuchte Rosmarin sich herauszureden.
 

„Nein, du bleibst hier“, sagte der Mann streng. „Endlich habe ich jemanden, endlich.“
 

Obwohl seine Hand alt und knochig war, hatte er erstaunlich viel Kraft; Rosmarin konnte sich gar nicht befreien.
 

„Was wollen Sie?“ fragte Rosmarin irritiert.
 

„Nur einen kleinen Test. Danach kannst du gern gehen“, lachte der Mann finster.
 

Obwohl sich alles in ihm sträubte, hatte Rosmarin diesen Drang zu helfen. Es war fast wie ein böser Fluch, der ihn nie losließ: Sobald jemand Hilfe brauchte, musste er helfen – auch wenn es ihm schadete, er nichts dafür bekam oder sich sogar verletzen würde. Der Drang war manchmal so groß, dass Rosmarin einfach nicht Nein sagen konnte.
 

„Setzen“, befahl der Mann und drückte Rosmarin auf einen Stuhl. Er fesselte ihn, damit er nicht entkommen konnte.
 

„Trink… schön trinken.“ Er holte eine Flasche hervor, gefüllt mit einer eigenartigen, glitzernden Lösung in mehreren Farben – als wäre der Regenbogen selbst darin gefangen.
 

Als er Rosmarin den Trank einflößte, nahm er sofort sein Notizbuch hervor und begann, alles zu notieren.
 

„… Nein, warten wir besser noch etwas ab“, murmelte der Mann, schaute immer wieder auf die Uhr und schrieb weiter.

„Ich habe Ihnen geholfen, den Trank getrunken – bitte lassen Sie mich jetzt gehen“, bat Rosmarin und versuchte aufzustehen. Dabei hob er den Stuhl mit hoch, weil er gefesselt war, und bei jeder Bewegung warf er etwas um: den kleinen Tisch, die Teetasse.
 

Als der Mann das hörte, drehte sich Rosmarin vor Schreck immer weiter – und noch mehr Dinge fielen um. Er entschuldigte sich pausenlos, bis er schließlich unabsichtlich sogar den Stuhl am Kamin zertrümmerte.
 

„… Mein Haus… meine Möbel, was hast du getan?!“ Der Mann war entsetzt. „Dafür wirst du bezahlen!“
 

„Es tut mir leid… ich helfe beim Aufbauen, versprochen“, sagte Rosmarin, der nichts davon absichtlich getan hatte.
 

„Das wird nicht reichen. Die Vase war eine Antiquität und mehrere Goldstücke wert! Und die Teetasse – von meiner Großmutter!“ Er notierte alles und drückte Rosmarin schließlich einen Zettel in die Hand, auf dem eine Zahl stand, die fast drei Zeilen lang war.
 

„Das schuldest du mir. Bezahle – oder arbeite es ab. Aber ungeschoren kommst du mir nicht davon.“

Grün vor Neid

Auf dem Weg nach Hause starrte Rosmarin immer wieder auf den zerknitterten Zettel in seiner Hand. Drei Zeilen. Drei.

Das würde er niemals abbezahlen können. Nicht in diesem Leben, nicht im nächsten. Vielleicht nicht einmal, wenn er unsterblich wäre.
 

Er achtete kaum auf den Weg, stolperte einmal fast über eine Wurzel, hielt sich aber gerade so fest. Sein Kopf war leer und gleichzeitig voller Sorgen. Alles drehte sich nur um die Schulden. Um die kaputten Möbel. Um die Vase, den Trank, den er getrunken hatte, hatte er längst vergessen. Er hatte keinen Platz mehr im Kopf.
 

Als er sein Zuhause erreichte stand Martin vor der Tür und wedelte selbstzufrieden mit der Hand.
 

„Na endlich“, grinste er breit. „Du glaubst nicht, was passiert ist! Ich wurde gelobt. Gelobt! Von Herr Hölle persönlich! Und ich bin morgen zum Essen eingeladen.“
 

Rosmarin öffnete den Mund, wollte irgendetwas sagen, doch Martin ließ ihm keine Sekunde.
 

„Was schaust du denn so? Du musst ja nicht gleich grün vor Neid werden.“
 

Rosmarin blinzelte irritiert. „Ich… bin nicht neidisch…“
 

„Doch, doch, das sieht man doch! Schau dich doch mal an!“
 

Rosmarin senkte den Blick.
 

Seine Hände waren grün.

Nicht blass. Nicht ein Schimmer. Nein: Vollständig, deutlich, unübersehbar grün.
 

Er taumelte einen Schritt zurück. „Was ist das…?“
 

„Boah!“ Martin kam näher, musterte ihn wie etwas besonders Spannendes. „Das ist ja ein richtig kräftiges Grün. Warte, lass mich überlegen…“
 

Und dann begann er aufzulisten.
 

„Sieht ein bisschen aus wie Petersilie. Oder vielleicht wie Basilikum… mh, oder wie frische Minze.“

Er kniff die Augen zusammen. „Oder Oregano? Oooder… hm… vielleicht sogar wie Dill.“
 

Rosmarin stand da, während sein Gesicht immer heißer wurde – auch wenn man die Röte unter dem Grün vermutlich nicht mehr sah.
 

Martin schnippte mit den Fingern, begeistert von seiner eigenen Erkenntnis.

„Weißt du was? Jetzt wirklich – du siehst aus wie Rosmarin!“
 

Er lachte laut.
 

Rosmarin nicht.
 

Die Scham brannte in ihm wie Feuer. Als wäre er nicht schon schon genug gestraft.
 

Ohne ein weiteres Wort drückte er sich an Martin vorbei, huschte ins Haus, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Er wollte niemanden sehen. Niemanden sprechen.
 

Er kroch ins Bett, zog die Decke bis über den Kopf und wünschte sich nur eines:
 

Dass er morgen wieder er selbst wäre. Oder zumindest ein bisschen weniger grün.

Goldene Gans

Egal wie lange sich Rosmarin wäscht – die Farbe geht einfach nicht weg.

„Ob es am Trank liegt? Oder eine Krankheit? … Was ist es nur?“, fragt er sich und schrubbt seine Haut schon fast rot.
 

„Ih, du bist ja noch immer grün. Wie ein Goblin“, muss Martin lachen, als er seinen Bruder sieht. „Geh zu den Gänsen und hol uns Eier. Natürlich nur die besten Eier für Herr Hölle. Und hol dazu noch Gemüse.“
 

Er bittet seinen Bruder – oder eher: er befiehlt es ihm.

„Wieso machst du das nicht einmal?“, hakt Rosmarin nach, obwohl er es sowieso machen würde.

„… Na weil… weil du grün bist. Wir wollen doch Herr Hölle nicht erschrecken“, findet Martin als gute Ausrede.
 

Während das Grün dunkler wird – wie echte Rosmarinfarbe – geht Rosmarin zum Bauern.

„Oh, bist du da, um das Gemüse abzuholen? Heute hab ich ausgezeichneten Kohl!“, schwärmt der Bauer und zeigt seinen größten Kohl.

„Danke, Herr Hölle wird sich bestimmt freuen.“ Rosmarin bezahlt ihn und geht weiter.
 

Herr Hölle hat einen eigenen Hühnerstall, der aber von den Dienstmädchen gepflegt wird. Die Köche bedienen sich dort, wenn sie ein frisches Huhn brauchen oder Eier. So geht auch Rosmarin zum Stall, um diesmal die Eier für den Koch zu besorgen.
 

Was Martin vergessen hat zu erwähnen: Sie haben heute die Gans hinausgelassen. Nicht irgendeine Gans, sondern die Gans.

Die goldene Gans, die goldene Eier legt.

Und wäre das nicht genug, wird sie wie ein Schatz gehütet.
 

Was Rosmarin ebenfalls nicht bedenkt: Die goldene Gans liebt Gemüse über alles — besonders Kohl.

Weswegen man niemals das Gemüse zuerst holt.
 

So passiert es, dass Rosmarin, sobald er den Stall betritt, plötzlich von der goldenen Gans angefallen wird.

Vor Schreck lässt er alles fallen und versucht herauszurennen. Beide laufen lange im Kreis, bis die goldene Gans dann einfach den Kohl im Ganzen verschluckt.
 

„Spuck das aus!“, schreckt Rosmarin auf. Den Kohl hatte er extra gekauft!

Aber was wäre Rosmarin ohne Unglück?
 

Die Gans verschluckt sich am Kohl und hustet nur vor sich hin.

„Nein… nein…“, kriegt Rosmarin Panik. Dabei wird er sogar etwas blau, doch das bemerkt er nicht. Die Sorge, den Schatz des Dorfes getötet zu haben, ist größer.
 

So packt Rosmarin die Gans an den Beinen und schüttelt sie.

Er schüttelt sie so lange, bis sie den Kohl ausspuckt. Dabei verliert die Gans eine Feder nach der anderen.
 

Aber Rosmarin konnte den Kohl herausholen, worauf er erleichtert ausatmet und sich kurz neben einen Haufen goldener Federn setzt.

So silbern wie der Mond

Rosmarin saß noch immer schwer atmend zwischen dem Haufen goldener Federn. Die Gans zupfte beleidigt an ihren verbliebenen Federn herum und schnatterte empört – als wäre er schuld an ihrem Anfall.

„Hauptsache, du lebst …“, murmelte Rosmarin müde.
 

Da bemerkte er etwas.

Zwischen all dem Gold lag eine Feder, die nicht dazugehörte.
 

Sie war silbern.
 

„Das… das ist doch nicht normal.“ Rosmarin hob die Feder an – oder wollte es zumindest, doch in diesem Moment wehte ein Windstoß durchs offene Stallfenster.

Die Feder tanzte einmal elegant in der Luft, drehte sich wie verspielt um sich selbst und flog davon.
 

„Nein! Nicht wegfliegen! Bitte!“ rief Rosmarin und sprang hinterher.
 

Natürlich stolperte er zuerst über einen Eimer, trat dann in eine Harke und bekam den Stiel ins Gesicht.
 

„Bleib stehen! … Also, flieg… weniger!“ Er rannte weiter, die Hände ausgestreckt, völlig verzweifelt.
 

Sein Weg führte durch das ganze Gehöft – und direkt am Gemälde des veganen Mondes vorbei, das an der Scheunenwand angebracht war.

Ein großes, kunstvolles Bild, das jedes Kind in Feldhusen kannte.
 

Es zeigte einen perfekt runden, silbernen Mond, der so hell glänzte, dass darunter ein Picknick im reinsten Gemüselicht erstrahlte: Karotten, Rüben, Sellerie, Gurken.

Kein Fleisch weit und breit.

Man sagte, der vegane Mond bringe dem Dorf gute Ernten.

Die Feder wirbelte einmal im Licht des Gemäldes auf und schimmerte fast gleich hell wie der gemalte Mond.
 

„Ich krieg dich… ich krieg dich…“ hechelte Rosmarin und sprang – zu früh, zu spät und zu unkoordiniert zugleich.
 

Er prallte gegen eine Tonne, rollte den Hang hinab und landete schließlich genau dort, wo er niemals landen wollte:
 

Im Schweinemist.
 

Mit einem widerlichen PATSCH.
 

Es roch schlimmer als Martins Socken. Schlimmer als… alles.
 

Doch Rosmarin hob langsam, wie ein Held in einem sehr schlechten Heldengedicht, seine Hand aus dem Mist.

Und zwischen seinen Fingern glitzerte sie:
 

Die silberne Feder.

Er hatte sie tatsächlich gefangen.
 

„Ha… ich hab dich! Ich—“
 

„Oooh, zeig mal.“
 

Martin stand neben ihm, frisch, sauber, bestgelaunt.
 

„Was machst du denn schon wieder im Mist?“, fragte er lachend, ehe er die Feder sah. Seine Augen wurden groß.

„Ui! Die ist ja wunderschön!“
 

Rosmarin wollte sie an seine Brust drücken, aber seine Hände waren voller Schweinekot.

Und bevor er überhaupt reagieren konnte, griff Martin mit zwei Fingern elegant nach oben und schnappte sich die Feder aus Rosmarins Hand.
 

„Danke! Die nehme ich.“

Er wedelte damit, als wäre sie ein königlicher Schatz.

„Sie ist sicher ein tolles Geschenk für Herr Hölle.“

Duell im Mondlicht

Martin geht mit der silbernen Feder sofort zurück zum Haus von Herr Hölle. Er möchte die Feder gerne schenken, doch dann stoppt er und überlegt kurz.

„Vielleicht sollte ich etwas warten. Könnte es herrschenden… wenn er mal schlechte Laune hat? Oder besser: wenn ich keinen Bock auf Arbeit habe! Bestimmt gibt er mir dann frei, wenn er die Feder sieht“, denkt er laut.
 

Es wäre ja nicht so, als würde Martin jemals etwas arbeiten.

Er steckt die Feder einfach ein und will sie sicher in seinem Zimmer verwahren.
 

Rosmarin möchte die Feder aber gerne zurück und geht seinem Bruder sofort hinterher.

Es dauerte eine Weile, bis er aufstehen konnte, weswegen Martin einen ordentlichen Vorsprung hatte.
 

Im Haus von Herr Hölle wird Rosmarin gezwungen, so lange zu baden, bis der Gestank wegkommt, weswegen er erst am Abend zu ihm kann, als der Mond schon den Himmel erleuchtet.
 

„Martin, gib mir meine Feder zurück… bitte“, fordert Rosmarin etwas schüchtern.
 

„Keine Ahnung, von was du redest. Es ist spät. Geh lieber ins Bett“, gammelt Martin nur herum.
 

„Ich will sie zurück“, wiederholt Rosmarin.
 

„Ach ja? Und wenn ich sie dir nicht geben will?“
 

„Dann kämpfe ich drum.“

Rosmarin war noch nie so stur, aber einmal im Leben will er seine Sachen behalten. Ihm reicht es, dass Martin immer alles bekommt.
 

„Hahaha! Der war gut. Gut, wenn du willst, können wir uns darum duellieren. Wir spielen Schere, Stein, Papier“, stimmt Martin zu, der nicht glauben könnte, jemals zu verlieren.
 

„Schere… Stein… Papier…“

Wenig überraschend gewinnt Martin.
 

„Zwei von drei“, korrigiert Rosmarin sofort.

Doch Martin gewinnt erneut.
 

„Und was krieg ich?“ hakt er nach.

„Du wolltest meine Feder, aber ich hab gewonnen. Also krieg ich nun was… gib mir deine Kerze“, beschließt er als Belohnung.
 

„Nochmal“, bleibt Rosmarin stur.
 

„… Na gut.“

Martin verdreht die Augen – und verliert dann tatsächlich.

Rosmarin freut sich richtig.
 

„Jetzt gehört die Feder mir!“, jubelt er schon.
 

„Wer sagt das? Als Erstes kriegst du deine Kerze zurück. Erst beim zweiten Sieg kriegst du die Feder.“

Martin zieht ein langes Gesicht, doch widersprechen kann er nicht.
 

So duellieren die beiden sich unterm Mondschein und reichen die Kerze hin und her.

Aber die Feder bleibt bei Martin im Besitz.

Böser Wolf

Der Morgen begann eigentlich ganz friedlich.

Bis eine graue, struppelige Fellkugel mit einem fauchenden „Mrrrpft!“ aus dem Nichts auf Rosmarins Kopf sprang.
 

„Aua!“
 

Rosmarin taumelte zurück und erkannte – natürlich – den „bösen Wolf“.

Auch wenn der angebliche Wolf in Wahrheit eine Katze war.

Eine sehr kleine Katze.

Eine sehr flauschige Katze.

Aber dank Herrn Hölles legendärem Vollrausch bei ihrer ersten Begegnung hatte sie den stolzen Namen Böser Wolf bekommen.
 

Und niemand wagte, es zu korrigieren.
 

Der Böse Wolf, also diese Mini-Katze, war eigentlich lieb – solange man Martin hieß.

Denn sie liebte faule Menschen, Schleimer und all jene, die zu nichts zu gebrauchen waren.

Also: Martin.

Sie hing an ihm wie Kleber.
 

Triumphierend saß sie jetzt auf dessen Schoß, schnurrte laut und ließ sich den Bauch kraulen, während Martin grinsend durchs Fell wuschelte.
 

„Rosmarin“, nuschelte Martin gedehnt, „der Böse Wolf braucht neue Streichhölzer.“
 

„Was? Wieso?“, fragte Rosmarin irritiert und rieb seinen Kopf, wo noch immer ein Pfotenabdruck brannte.
 

„Damit sie sie zerbeißen kann“, erklärte Martin fröhlich, als wäre das die logischste Sache der Welt.

„Sie liebt das rote Zeug drauf… wie heißt das nochmal?“
 

„… Phosphor?“ murmelte Rosmarin.
 

„Ja, genau! Hol ihr welche. Und zwar die großen. Sie mag’s knackig.“

Martin drückte sein Gesicht in das Fell des „Wolfes“.

Der Wolf fauchte Rosmarin zur Sicherheit noch einmal an – nur um klarzumachen, wer hier wen hasste.
 

Rosmarin seufzte.

Natürlich musste er loslaufen.
 

Er begann in der Küche.

Die Köche schrien ihn an, weil er den Teig fallen ließ.

Dann rutschte er auf dem Teig aus und landete im Mehl.

Er nieste so stark, dass eine Mehlexplosion entstand und die halbe Küche im weißen Nebel verschwand.
 

Keine Streichhölzer.
 

Also suchte er weiter – im Vorratsraum.

Dort fiel ein gigantischer Kartoffelsack auf ihn drauf.

Er quetschte sich heraus wie ein Wurm aus einem Apfel.
 

Keine Streichhölzer.
 

Dann im Weinkeller.

Er stolperte über ein Fass, rollte mit ihm den Hang hinunter und krachte in die Tür.

Die Wache hielt das für einen Angriff und schrie.
 

Immer noch keine Streichhölzer.
 

Er suchte im Balkonzimmer, im Waschraum, sogar im Besenschrank – wo er direkt von einem Besen verprügelt wurde, der einfach herausfiel.
 

Schließlich fand er zwei Streichhölzer.

Beide gebrochen.

Die Katze würde ihn töten.
 

Verzweifelt lief er durch die Gänge und öffnete die Tür zu Herrn Hölles Arbeitszimmer – versehentlich.

Er selbst war natürlich nicht da.

Aber ein kleiner Schrank am Kamin war geöffnet.
 

Und dort lagen sie.

Ein Haufen großer, roter Streichhölzer.
 

Die Königsklasse unter den Streichhölzern.

Perfekt zum Zerbeißen.
 

Rosmarin schnappte sich eine Schachtel, schloss den Schrank und…

stolperte natürlich.

Die Schachtel rutschte quer durch den Raum, prallte gegen die Wand und rutschte unter dem Teppich hervor.
 

Mit einem Hechtsprung rettete er sie – knapp vor einem Kerzenständer, der sonst alles abgefackelt hätte.
 

Als Rosmarin wieder im Wohnzimmer ankam, war er staubig, zerzaust, voller Kratzer, Mehl und Kartoffelspuren.

Der Böse Wolf sprang sofort auf und fauchte, als hätte er ein Monster gesehen.
 

Martin hob die Katze hoch und kuschelte sie wie ein Baby.
 

„Hat der böse Rosmarin dich erschreckt? Jaaa, ich weiß… Er sieht schlimm aus. Wie ein geplatzter Brotteig.“
 

„Hier… die Streichhölzer…“, keuchte Rosmarin.
 

Martin nahm sie – natürlich ohne Danke –, hob die Schachtel wie einen Schatz hoch und zeigte sie der Katze.

Die schnappte sie sich sofort, warf sie einmal in die Luft und begann genüsslich darauf herumzukauen, als wären es die köstlichsten Kekse der Welt.
 

„Gut gemacht“, meinte Martin gönnerhaft.

„Du bist zwar unfähig, aber wenigstens findest du Streichhölzer.“

Knüppel aus dme Sack

Rosmarin verdrehte nur die Augen und ging lieber, um sich sauber zu machen.

Martin kümmerte sich dagegen liebevoll um das Biest – was auch seine Ausrede war, warum er die ganzen anderen Aufgaben noch nicht erledigt hatte.
 

„Rosmarin, Rosmarin, du musst alles noch sauber machen, was du getan hast, und klopfst die Kissen aus als Strafe für dein Chaos“, kommentierte mal wieder Martin herum.
 

Rosmarin konnte schwer etwas sagen, da er wirklich viel Chaos gemacht hatte. Und er hinterfragte gar nicht, von wem die Strafe kam – denn es könnte tatsächlich von Herr Hölle stammen.

Er trocknete sich ab und ging seufzend in die Küche, wo sie ihn sofort verjagten, damit er nicht noch mehr Chaos machte.

Dasselbe passierte auch im Weinkeller und im Badezimmer.
 

„Dann mache ich eben die Kissen, wenn keiner meine Hilfe möchte.“

Etwas beleidigt war er schon, da er gerne half – und es kränkte ihn, dass alle glaubten, er könne nichts.
 

So schnappte sich Rosmarin die Kissen und ging aufs Dach, wo er eines nach dem anderen ausklopfte, wie es Martin gesagt hatte.

Dabei flog eine Feder nach der anderen.

Als Rosmarin stärker klopfte, flogen noch mehr – als würde es schneien.
 

Als Herr Hölle aus dem Fenster sah, glaubte er zuerst:

„Schnee? Im Sommer?“ fragte er verwirrt.

Doch als er genauer hinsah, merkte er, dass es Federn waren.
 

„Was? Was soll denn der Blödsinn? Wer ist das?!“
 

Herr Hölle stürmte sofort nach oben, gefolgt von einigen Dienern.
 

„Was machst du da?!“ brüllte er wütend.
 

„Polster klopfen… wie befohlen“, sagte Rosmarin zögerlich.
 

„Schütteln – und nicht klopfen! Wie kann man so dumm sein? Nur weich schütteln, nicht alles rausschütteln!“
 

Der Kopf von Herr Hölle wurde schon rot, und die Sonne wirkte noch heißer, als würde die Erde gleich kochen.
 

„Es reicht… deine Dummheit gehört belohnt“, sagte er sarkastisch.

„Bringt mir den Sack.“
 

Ein Diener kam sofort mit einem Sack, aus dem Herr Hölle einen Knüppel zog.
 

„Auf die Knie“, befahl er.
 

Ohne zu zögern klopfte er dann mit dem Knüppel auf Rosmarins Po.
 

„Das nennt sich ausklopfen. Das klopft man aus, ja? … Ich hoffe, du genießt deine Belohnung.“
 

Die Dienerschaft beobachtete alles.

Manche dachten sich nur: „Verdient.“

Andere fanden die Strafe schon sehr fies.
 

Auch Rosmarin fand es fies – wieso musste er das ertragen, obwohl es Martins Schuld war?
 

„Die Welt ist so fies… dabei tue ich immer nur Gutes.“

beklagte sich Rosmarin in Gedanken.

Plätzchen backen

Rosmarin hatte die Nacht kaum geschlafen. Sein Po tat vom „Ausklopfen“ immer noch weh, aber was viel schlimmer war: Sein Herz tat ihm weh.

Er konnte nicht fassen, dass Herr Hölle so wütend auf ihn gewesen war — und noch viel weniger, dass er es wieder einmal nicht geschafft hatte, etwas richtig zu machen.
 

„Ich… ich will mich entschuldigen“, murmelte er in die Stille der Küche, in die er sich früh morgens hineinschlich.
 

Und wie entschuldigt man sich am besten?
 

Mit Plätzchen.
 

Nicht irgendwelchen Plätzchen.

Sondern Herr Hölles absoluten Lieblingsplätzchen:
 

Höllenfeuer-Haselnuss-Knusperspitzen.
 

Niemand wusste, wieso sie so hießen. Er schnappte sich eine Schürze, die viel zu groß war. Dann kramte er die Zutaten zusammen.
 

Mehl. Zucker. Butter. Haselnüsse.
 

Er hackte die Nüsse klein.

Knack-knack-knack.
 

Schon nach wenigen Sekunden tränten seine Augen.
 

„Ach… wie rührend… ich bin schon ganz emotional“, sagte er zu sich selbst und blinzelte heftig.
 

Doch je länger er hackte, desto mehr juckte seine Nase.
 

„Uff… vielleicht hab ich Mehl eingeatmet?“
 

Er nieste.
 

Er nieste so laut, dass ein Stapel Schüsseln vom Regal fiel.
 

„Ups…“
 

Er sammelte alles wieder ein und machte weiter.

„Warum… brennt… mein Gesicht?“, fragte er ins Leere.
 

Er wischte sich die Nase – mit der mehlbedeckten Schürze – und sah kurzzeitig nichts mehr.
 

Aber Rosmarin, der es gewohnt war, trotz Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Herzschmerzen und existenziellen Schmerzen zu arbeiten, machte weiter.
 

„Wird schon…“
 

Tat es nicht.
 

Beim Rühren schwollen seine Finger an.

Beim Formen der Plätzchen wurden seine Finger so dick, dass er fast keine Kugeln mehr rollen konnte.
 

„Oh… oh je…“, murmelte er und schniefte.
 

Er keuchte, seine Augen tränten, seine Lippen wurden dick – aber er gab nicht auf.
 

Rosmarin schob das Blech in den Ofen.
 

Er blickte auf die Uhr.

Sah aber nur weiße, verschwommene Kreise.
 

„… Ich… riech schon was… vielleicht sind sie fertig?“
 

Sie waren nicht fertig.
 

Sie waren absolut verkokelt.
 

Als er die Tür öffnete, spuckte der Ofen eine Rauchwolke aus, die ihn rückwärts stolpern ließ.

Das Blech kippte.

Die Plätzchen rollten wie verkohlte Murmeln quer durch die Küche.
 

Er versuchte, ein Plätzchen zu retten, hob es hoch – es zerbrach mit einem Knack, als sei es aus Stein.
 

Und da erschien er.
 

Herr Hölle.

In seinem roten Morgenmantel.

Mit einem Blick, der sofort verriet: Das wird schlimm.
 

Er sog die Luft ein.

Er roch den Rauch.

Und er sah Rosmarins geschwollenes, rotes, tränendes Gesicht.
 

„Was… bei aller Glut… hast du angerichtet?!“, brüllte er.
 

„Ich… wollte mich entschuldigen… ich habe… Höllenfeuer–“
 

„Das da? Das da am Boden?“

Er zeigte auf einen Plätzchenklumpen, der so hart war, dass ein Diener ihn wie einen Stein aufsammeln musste.
 

„Das ist Kohle. Aber sicher keine Plätzchen!“
 

„Und… und ich glaube, ich vertrage Haselnüsse nicht…“
 

Herr Hölle rollte die Augen.
 

„Natürlich tust du das nicht. Natürlich. Warum solltest du auch? Warum sollte irgendwas in diesem dummen Körper normal funktionieren?“
 

Rosmarin senkte den Kopf.
 

„Du stinkst. Du bist geschwollen. Du siehst aus, als wärst du von einer Biene gebissen worden. Schreib dir gefälligst in deinen dämlichen Kopf:

KEINE HASELNÜSSE FÜR DICH.“
 

Er drehte sich schnaubend um und rief:
 

„Jemand bringt ihn zum Heiler. Wenn er hier jetzt stirbt, werde ich zur Verantwortung gezogen.“
 

Ein Diener packte Rosmarin am Arm und schleifte ihn weg.
 

Herr Hölle rief ihm noch nach:

„Und wage es nicht, wieder zu backen. Nie wieder.“

Der Zauberer und ich

Rosmarin wurde zum Heiler gebracht. Er sah wirklich schrecklich aus.

Da Rosmarin kaum etwas sah, mussten die Diener für ihn den Blindenführer spielen.
 

„Dr. Allwissend, sind Sie da?“, fragte eine Dienerin und machte einfach die Tür auf.

„Bleib hier, bis der Arzt kommt. Wir müssen nun dein Saustall zusammenräumen“, klang sie etwas sauer, als sie rausging.
 

„Wieso ist er überhaupt hier? Der macht mehr Ärger, als er arbeitet“, tuschelten die Mitarbeiter am Gang, ohne zu wissen, dass Rosmarin zuhörte.
 

Rosmarin wartete lange, bis dann endlich ein Mann mit einer schwarzen Vogelmaske auftauchte.
 

„Lass mich raten, du bist ein Patient“, tat er so, als wüsste er es sofort – aber es war auch kaum zu übersehen.

„Dann lass mal sehen.“
 

Er untersuchte Rosmarin.
 

„Sind Sie wirklich ein Zauberer?“, fragte er etwas neugierig.
 

„Doktor… aber das ähnelt der Zauberei. Ich mache mehr Alchemie. Keine Sorge, nur eine allergische Reaktion. Zweimal am Tag diese Salbe auftragen, und dann wird es schnell verheilt sein.“
 

Er warf eine Tube zu Rosmarin hin, der sie hin und her balancierte, bis er sie richtig in den Händen hielt.

„D-danke“, sagte er, erkannte kaum etwas, trug sich aber sofort etwas auf.
 

„Du scheinst viel Unglück zu haben. Hab von deinen Taten gehört, und entweder bist du strohdumm oder du hast einfach nur Pech. Beides kann man heilen. Dummheit schwerer – da müsstest du viel lernen. Und Pech… dafür bräuchtest du nur ein Talisman.“
 

Er überlegte und schaute sich um.
 

„Hier, diese Boots. Sie sollten dein Pech neutralisieren.“

Der mysteriöse Arzt half ihm auch, sie anzuziehen.

„Das sollte helfen. Und pass in Zukunft auf: keine Haselnüsse. Wenn schon bei der Berührung sowas passiert, wirst du beim Essen sterben“, warnte er ihn und hielt ihm die Tür offen.
 

„Danke… Dr. Allwissend?“, fragte Rosmarin, nicht sicher, ob er wirklich so hieß.
 

„Schönen Tag noch“, verabschiedete er Rosmarin und schloss einfach die Tür.
 

Rosmarin schaute auf seine grünen Boots und war sich nicht sicher, ob sie wirklich helfen.

„Als ob Boots sowas könnten… mein Pech aufheben“, war er etwas misstrauisch.
 

Doch als er die Hühnereier einsammelte, ohne eines zu zerbrechen und ohne Unfall, war er wirklich überrascht und glaubte daran.

Er fand sogar ein vierblättriges Kleeblatt.
 

„Sie sind echt… er ist wirklich ein Zauberer“, dachte sich Rosmarin und konnte sein Glück gar nicht glauben.

„Er ist wirklich ein Zauberer!“, klang Rosmarin beeindruckt und überlegte, ob er ihm nicht einfach helfen sollte – als Dank.
 

Doch leider spielte Martin da nicht mit und gab Rosmarin eine meter­lange Liste, die er abarbeiten musste.

Auf in den Kampf in der Piratenbucht

Martin bemerkte es zuerst an den Kleinigkeiten.
 

Rosmarin stolperte nicht mehr.

Er ließ nichts fallen.

Er wurde nicht angeschrien.

Und — was fast schon unheimlich war — er hatte Glück.
 

Einmal brachte er Wasser, ohne dass der Eimer ein Loch hatte.

Ein anderes Mal rutschte er auf nassem Stein aus — und landete weich im Gras.

Sogar Herr Hölle schimpfte nur halb so laut wie sonst.
 

Martin saß daneben und beobachtete das Ganze mit zusammengekniffenen Augen.
 

„… Das ist falsch“, murmelte er.

„Das macht doch keinen Spaß.“
 

Rosmarin mit Glück war wie Regen ohne Nässe.

Wie Suppe ohne Salz.

Wie ein Fluch, der plötzlich höflich geworden war.
 

Und dann sah er sie. Die Boots. Das einzig neue was Rosmarin neuerdings immer bei sich trug.
 

Martin grinste langsam. Ein Grinsen, das nichts Gutes bedeutete.
 

In der Nacht schlich Martin sich in Rosmarins Zimmer.

Rosmarin schlief tief und fest — zum ersten Mal seit Langem ohne Albträume.
 

Martin zog ihm die Boots aus.
 

In genau diesem Moment schlug Rosmarin die Augen auf.
 

„… Martin?“

„Schlaf weiter“, flüsterte Martin und rannte los.
 

„HEY!“ rief Rosmarin und sprang aus dem Bett — barfuß, versteht sich.
 

Sie rannten.
 

Durch den Hof.

Über den Feldweg.
 

„GIB SIE ZURÜCK!“

„Niemals! Die stehen mir viel besser!“
 

Rosmarin rutschte aus.

Martin stolperte — fing sich aber gerade noch.
 

Je weiter sie rannten, desto mehr zog es sie ans Meer.
 

Zur Piratenbucht.
 

Ein Ort, von dem man sagte, dass dort früher Piraten ankerten.
 

Der Mond spiegelte sich im Wasser.

Alte Planken lagen herum, Treibholz, zerbrochene Fässer.
 

„So kämpfen Piraten!“, rief Martin und schwang ein Stück Holz.
 

Rosmarin griff sich eine lose Planke — sie zerbrach sofort.
 

Natürlich.
 

Sie rutschten.

Stolperten.

Warfen Sand.
 

Martin sprang über ein Fass.

Rosmarin blieb hängen.
 

Martin lachte.

Rosmarin keuchte.
 

Dann stolperte Rosmarin rückwärts über ein Seil, fiel hin — direkt in eine Pfütze.
 

„Pech bleibt Pech“, grinste Martin.
 

Martin riss Rosmarin die Boots aus der Hand und zog sie sich triumphierend an.
 

„Siehst du? Die wollten nie zu dir.“
 

In diesem Moment stolperte Rosmarin erneut — über nichts.
 

Martin stand sicher.

Fest.

Glücklich.
 

Zu glücklich.
 

Rosmarin spürte es sofort.
 

Das alte Gefühl.

Das Ziehen im Bauch.

Das leise Oh nein der Welt.
 

„… Mein Pech“, flüsterte er.
 

Martin grinste breit.
 

„Willkommen zurück.“
 

Der Mond stand hoch über der Piratenbucht.

Und irgendwo im Sand lag ein vierblättriges Kleeblatt — zerdrückt.
 

Rosmarin stand auf, klopfte sich den Sand ab und dachte nur: Die Welt will mir nichts gutes.

Der Herr der Diebe hat keine Ahnung

Martin bewunderte seine neuen Boots Tag ein, Tag aus. Dabei schien Rosmarins Unglück nur stärker zu werden.

Was Martin nicht ahnte, war, dass nicht alles nur Rosmarins Unglück war, sondern auch an ihm lag.
 

Martins unmenschliches Glück wirkte ebenfalls wie ein Fluch, und das Glück der Boots und sein eigenes Glück kämpften gegeneinander, weswegen die Umgebung ins Unglück geriet – er aber wegen seines Glücks immer glimpflich herauskam.
 

Wie zum Beispiel bei einer Mehl-Lieferung: Alles um sie herum und fast das ganze Dorf wurden mit Mehl bedeckt. Martin hatte genug Glück, dass er gerade selber Wasser holen musste und so beim Brunnen stand – genau an dem Ort, wo kein Mehl landete.
 

So ging es Tage lang: ein Unglück folgte dem nächsten, doch Martin entkam jedem Unglück dank seines Glücks.
 

„In letzter Zeit passieren viele Dinge. Womöglich sollten wir deinen Bruder nach Hause schicken. Für immer. Mein armer Enkel kocht jeden Tag vor Wut“, machte sich die Großmutter von Herr Hölle Sorgen, als sie mit Martin einen Tee trank.
 

„Er ist meine rechte Hand. Ich kann nicht ohne ihn“, versuchte Martin auch dieses Unglück zu überwältigen.
 

„Muss kurz aufs Klo“, sagte er direkt und ging einfach.
 

Martin hatte keinerlei Manieren, aber ihm war das egal.
 

Doch als er sich gerade hinsetzen wollte, sah er schwarzen Rauch durch die Tür kommen.
 

„Was?“
 

Er ging raus und merkte, dass plötzlich das Haus in Flammen stand.
 

„Hilfe… Hilfe…“, hörte man nur aus dem Wohnzimmer.
 

Martin hielt sich sein Shirt vor den Mund und tastete sich nach vorne.
 

„Zieh mich raus… zieh mich raus, bitte, sonst verbrenne ich“, rief die Großmutter, die unter einem Tisch eingeklemmt war.

Sie wollte eine Kerze anzünden und hatte es irgendwie geschafft, dabei das Haus anzuzünden.
 

„Wieso sollte ich?“, dachte sich Martin nur, der nie einen unnötigen Handgriff machte und einfach hinausging.
 

Dabei ließ er die Großmutter ihrem eigenen Schicksal überlassen.

Ach wie gut, dass niemand weiß … Pinkel

Rosmarin roch den Rauch, noch bevor er die Flammen sah.
 

Es war dieser beißende, schwere Geruch, der sich in die Nase legte und sagte:

Das ist schlimm. Das ist wirklich schlimm.
 

Er ließ alles fallen, was er gerade trug, und rannte los.
 

„Hallo?“, rief er.

Keine Antwort.
 

Das Haus von Großmütterchen Jadwiga stand lichterloh in Flammen. Schwarzer Rauch quoll aus den Fenstern, Funken stoben in den Himmel. Rosmarin blieb kurz wie angewurzelt stehen.
 

„Martin?!“ rief er.
 

Keine Spur von ihm.
 

„Hilfe!“, schrie Rosmarin und rannte näher heran.

„Ist jemand da?!“
 

Er hörte nichts.

Kein Rufen.

Kein Weinen.
 

Nur das Knacken des Feuers.
 

Rosmarin sah sich hektisch um. Kein Eimer. Kein Brunnen in der Nähe. Kein Schlauch.

Er rannte zur Tür, versuchte hineinzugehen — wurde sofort vom Rauch zurückgedrängt.
 

„Nein… nein… nein…“, murmelte er panisch.
 

Er klopfte an die Fenster.

Rief den Namen der Großmutter.

Keine Antwort mehr.
 

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
 

Ich muss etwas tun. Irgendwas.
 

Rosmarin sah an sich herunter.
 

Und dann hatte er eine Idee.
 

Keine gute.

Aber eine.
 

„Das… das könnte vielleicht…“, stammelte er.
 

Er drehte sich hastig um, machte das, was man in solchen Situationen wirklich nicht tun sollte, und pinkelte auf die Flammen am unteren Rand des Hauses.
 

Ein jämmerlicher, dampfender Strahl.
 

Das Feuer… zischte kurz.
 

Und brannte dann einfach weiter.
 

„Nein…“, flüsterte Rosmarin entsetzt.

„Warum sollte das auch funktionieren…“
 

Sein Gesicht wurde heiß vor Scham, Angst und Hoffnungslosigkeit.
 

Plötzlich hörte er Stimmen. Rufe.

Schritte.
 

„Da ist Feuer!“

„Holt Wasser!“

„Der Löschtrupp! Schnell!“
 

Rosmarin drehte sich um.
 

„Hier! Hier drüben!“, rief Martin laut und deutlich.

„Ich habe den Brand entdeckt und sofort Hilfe geholt!“
 

Der Löschtrupp stürmte heran, begann zu arbeiten. Wasser wurde geschüttet, Flammen bekämpft, Rauch vertrieben.
 

Rosmarin stand daneben.

Nass.

Zitternd.

Mit weit aufgerissenen Augen.
 

„Was hast DU denn da gemacht?!“, rief einer der Diener, als er Rosmarin sah.
 

„Ich… ich wollte helfen…“, stammelte er.
 

„Helfen?! Du hast das Haus angezündet, oder was?!“
 

„Nein! Ich hab versucht, es zu löschen!“
 

„Mit WAS bitte?“
 

Rosmarin schwieg.
 

Die Flammen wurden gelöscht.

Das Haus war schwer beschädigt.
 

Die Großmutter…

wurde zu spät gefunden.
 

Man trug sie heraus, still, reglos, bedeckt mit einem Tuch.
 

Rosmarin konnte nicht hinschauen.
 

Herr Hölle kam angerannt.

Sein Gesicht war vor Zorn verzerrt.
 

„WER war das?!“ brüllte er.
 

Alle Augen richteten sich auf Rosmarin.
 

„Er war allein hier“, sagte jemand.

„Ich hab ihn gesehen.“

„Er stand direkt am Haus.“

„Und… na ja…“
 

Martin trat vor.
 

„Ich war es nicht. Ich habe Hilfe geholt“, sagte er ruhig.

„Ohne mich wäre das ganze Viertel abgebrannt.“
 

Herr Hölle legte ihm die Hand auf die Schulter.
 

„Gut gemacht“, sagte er hart.

„Sehr gut.“
 

Dann drehte er sich zu Rosmarin um.
 

„Und DU“, zischte er,

„du bist wirklich das Unglück in Person.“
 

Rosmarin öffnete den Mund.
 

Schloss ihn wieder.
 

Was hätte er sagen sollen?
 

Dass er helfen wollte?

Dass Martin da gewesen war?

Dass er weggelaufen war?
 

Niemand hätte ihm geglaubt.
 

Martin bekam Lob.

Martin bekam Dank.

Martin bekam sogar einen freien Nachmittag.
 

Rosmarin bekam Blicke.

Flüstern.

Schweigen.

Und eine Strafe die es in sich hatte.

Sieben Kerzen

Die Kerze flackerte in der Dunkelheit.

Sie war das Einzige, was Rosmarin geblieben war.
 

Der Raum war klein, aus nacktem Stein, kalt und feucht. Die Wände schwitzten förmlich, als würden sie atmen. Es gab kein Fenster, keinen Spalt, durch den Tageslicht hätte fallen können. Nur eine schwere Holztür mit Eisenbeschlägen, hinter der sich die Welt befand — eine Welt, die ihn vergessen hatte.
 

Seit Großmutter Jadwiga gestorben war, hatte man ihn hier eingesperrt.

Wie einen Verbrecher.

Wie eine Gefahr.
 

Sieben Kerzen hatte man ihm gegeben. Sieben.

Erst wenn die letzte vollständig abgebrannt war, durfte er wieder hinaus.
 

Keine Uhr.

Kein Schlafrhythmus.

Kein Unterschied zwischen Tag und Nacht.
 

Nur Warten.
 

Die Flamme der Kerze zuckte bei jeder kleinsten Bewegung der Luft, warf lange Schatten an die Wände. Rosmarin beobachtete sie stundenlang. Er hatte begonnen, mit ihr zu reden. Nicht laut — nur in Gedanken. Sie war sein einziger Zeuge.
 

Manchmal fragte er sich, ob sie schneller brannte, wenn er sie anstarrte.
 

„Sei mir dankbar“, erklang plötzlich Martins Stimme von der anderen Seite der Tür.

„Ohne mich würdest du noch länger eingesperrt sein. Oder schlimmer. Tot.“
 

Rosmarins Schultern spannten sich an. Er sagte nichts.
 

„Und? Wie viele Kerzen hast du noch?“ fragte Martin fast beiläufig, als ginge es um Brot oder Wasser.
 

„… Es ist erst die zweite“, antwortete Rosmarin leise.
 

Er bereute es sofort.

Jedes Wort an Martin fühlte sich an wie ein weiterer kleiner Stich.
 

Schon immer war es so gewesen. Martin bekam die warmen Worte, die guten Aufgaben, das Lob. Rosmarin bekam die Schuld. Doch seit sie für Herr Hölle arbeiteten, war es schlimmer geworden. Endgültiger. Grausamer.
 

Während Rosmarin hier unten saß, müsste Martin eigentlich mehr arbeiten. Doch wie immer hatte er Glück. Herr Hölle war in tiefer Trauer, wollte niemanden sehen, nichts hören. Martin durfte herumlungern, während Rosmarin in Stein und Dunkelheit versank.
 

„Wieso… wieso immer ich?“ flüsterte Rosmarin.
 

Er starrte die Kerze an.

Tag ein.

Tag aus.
 

Er begann, sein eigenes Leben zu verfluchen. Seine Gutmütigkeit. Seine Ungeschicklichkeit. Seinen Bruder. Und diese Welt, die so hart war zu jemandem, der doch nur helfen wollte.
 

Als schließlich die letzte Kerze angezündet wurde, wusste Rosmarin nicht mehr, wie lange er schon hier war. Tage? Wochen?

Zeit hatte jede Bedeutung verloren.
 

Mit der Hoffnung war es genauso gegangen.
 

Er saß reglos da, die Knie an die Brust gezogen, und beobachtete die Flamme, als könne sie ihm eine Antwort geben.
 

Da hörte er es.
 

„Brauchst du Hilfe?“
 

Rosmarin fuhr zusammen und sah sich hektisch um.

Nichts. Niemand.
 

„Haha…“, murmelte er heiser. „Ich werde wohl verrückt.“
 

Niemand konnte hier hinein. Niemand kam freiwillig in diesen Raum ohne Fenster, ohne Zukunft. Er war sich sicher gewesen, allein zu sein.
 

„Ich halluziniere schon“, dachte er und zwang seinen Blick zurück zur Kerze.
 

Doch sie flackerte merkwürdig.

Unruhiger als zuvor.

Als würde ein Luftzug durch den Raum streichen — dort, wo keiner sein konnte.
 

Die Flamme bog sich zur Seite.
 

Rosmarin schluckte.
 

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl,

nicht mehr ganz allein zu sein.

Der Arme in strahlender Rüstung

Die Kerze flackerte noch immer.
 

Rosmarin starrte sie an, als hätte sie gerade mit ihm gesprochen. Sein Herz klopfte schneller, obwohl er sich einredete, dass es Unsinn war. Hunger, Dunkelheit, Einsamkeit — all das konnte einem Streiche spielen.
 

„Brauchst du Hilfe?“ erklang die Stimme erneut.
 

Diesmal kam sie nicht nur von irgendwoher.

Diesmal kam sie näher.
 

Rosmarin hob langsam den Kopf.
 

Neben der gegenüberliegenden Wand, dort wo eben noch nichts gewesen war, schälte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit. Erst nur ein Schimmer. Dann Umrisse. Schließlich stand da ein Mann — durchsichtig, leicht bläulich schimmernd, mit einer zerbeulten Rüstung und einem Helm, der schief auf dem Kopf saß.
 

„A-ah!“ Rosmarin rutschte ein Stück zurück, bis er mit dem Rücken an die kalte Wand stieß. „Ich… ich bin nicht essbar! Und ich hab auch nichts Wertvolles!“
 

Der Geist blinzelte verwirrt.

„Was? Nein, ich will dich nicht fressen. Ich bin tot, nicht hungrig.“
 

Das half nur bedingt.
 

„Du… du bist ein Geist“, stellte Rosmarin leise fest.
 

„Sehr gut erkannt“, sagte der Mann stolz. „Sir Albrecht von Irgendwo, Ritter im Dienste von… na ja, das weiß heute keiner mehr.“
 

Er seufzte und sah an sich hinunter. Ein Teil seines Brustpanzers fehlte, und dort, wo sein Bein sein sollte, flackerte die Gestalt unruhig.
 

„Ich bin hier unten gestorben. Vor vielen, vielen Jahren. Im Verließ nebenan.“
 

Rosmarin schluckte. „… Weswegen?“
 

„Wir teilen ein Schicksal, winkte der Geist ab. „Wegen Pech.“
 

Das Wort traf Rosmarin wie ein Schlag.
 

„Ich hab immer alles richtig machen wollen“, fuhr Sir Albrecht fort. „Hab geholfen, hab gehorcht, hab niemandem widersprochen. Und trotzdem — zack — eingesperrt. Vergessen. Verhungert.“
 

Rosmarin senkte den Blick.
 

„Ich hab dich reden gehört“, sagte der Geist sanfter. „Du redest viel mit dir selbst.“
 

„Ich dachte, mich hört niemand“, murmelte Rosmarin.
 

„Tja“, grinste der Geist schief. „Ich schon. Und ich dachte mir: Der hat’s genauso erwischt wie ich.“
 

Für einen Moment war es still.

Nur das leise Knistern der Kerze.
 

„Ich kann dir nicht raushelfen“, sagte Sir Albrecht schließlich. „Aber ich kann dir Mut machen.“
 

Rosmarin sah auf. Hoffnung flackerte auf — vorsichtig, wie die Flamme.
 

„Wenn du hier rauskommst“, fuhr der Geist fort, „geh zu meinem alten Haus. Es steht noch du hast es sicher schon oft gesehen. Verfallen, aber da. Unter den Dielen habe ich meine Rüstung versteckt. Meine Glücksrüstung.“
 

„Glück…?“ Rosmarin runzelte die Stirn.
 

„Sie hat mir Kraft gegeben. Stolz. Das Gefühl, nicht so erbärmlich zu sein“, sagte der Geist. „Du solltest sie haben. Dann siehst du wenigstens aus wie jemand, der sich wehren kann.“
 

Er lächelte — ein trauriges Lächeln.
 

„Viel Glück, Rosmarin. Und Erfolg.“
 

Dann verblasste er.

Als wäre er nie da gewesen.
 

Als die Tür schließlich geöffnet wurde, blendete das Licht Rosmarin fast.

Er taumelte hinaus, blass, dünn, müde — aber mit einem Gedanken im Kopf.
 

Er machte sich auf den Weg, sobald man ihn ließ. Das Gebäude war leicht zu finden: schief, überwuchert, die Fenster blind vor Staub.
 

Er hob eine Diele an.
 

Und da war sie.
 

Die Rüstung.
 

Glänzend. Schwer. An manchen Stellen verbogen. Aber… echt.
 

Rosmarin zog sie an. Sie passte überraschend gut. Ein wenig zu groß vielleicht.
 

Er richtete sich auf.
 

Zum ersten Mal seit Langem fühlte er etwas anderes als Angst.

Zuversicht.
 

Er sah nicht mehr ganz so verloren aus.

Nicht mehr ganz so klein.
 

Was er nicht wusste:

Der Geist hatte gelächelt, als er verschwand. Zu Lebzeiten war er kein guter Mensch. Er war eher ein Kerl wie Martin gewesen. Gerissen, frech, böse. Und der größte Egoist.

Glück hatte diese Rüstung nie jemandem gebracht. Sie war Diebesgut, denn es war die Rüstung eines Königs und der Grund für die Verhaftung des vermeintlich netten Ritters.

So glänzend wie die Sterne

Rosmarin war glücklich.

So richtig, tief drinnen glücklich.
 

Die Rüstung trug er unter seinem Shirt verborgen, dicht an der Haut, als wäre sie ein zweites Herz. Jedes Mal, wenn er sich bewegte, spürte er das kalte Metall – beruhigend, fast schützend. Und obwohl ihm weiterhin ein Unglück nach dem anderen passierte, fühlte es sich anders an.
 

Nicht mehr wie ein Fluch.
 

Der Sturz auf dem Hof?

„Eine Wurzel“, sagte Rosmarin sich selbst und rappelte sich auf.
 

Das Loch im Mehlsack?

„Bestimmt eine Ratte“, murmelte er und stopfte es notdürftig.
 

Der umgekippte Eimer?

„Mein Fehler, ich war unaufmerksam.“
 

Zum ersten Mal dachte er nicht sofort: Ich bin das Problem.
 

Er suchte Erklärungen.

Und fand sie.
 

„Vielleicht…“, sagte er eines Abends leise zu sich selbst, während er die Rüstung betrachtete, „vielleicht sollte ich sie polieren. Dann hab ich bestimmt noch mehr Glück.“
 

Von diesem Tag an schrubbte er.

Tag für Tag.
 

Mit alten Lappen, mit Wasser, mit Öl, manchmal mit bloßen Händen. Er polierte jede Delle, jede Kante, jedes Wappen, bis das Metall so hell glänzte, dass es das Licht der Kerzen zurückwarf wie ein kleiner Sternenhimmel.
 

Die Rüstung begann zu funkeln.

So sehr, dass Rosmarin manchmal einfach nur dastand und sie anstarrte.
 

Martin beobachtete das alles aus der Ferne.

Und es gefiel ihm gar nicht.
 

Sein Bruder war fröhlich. Trotz Unglück.

Er arbeitete fleißig.

Und abends schloss er sich ein.
 

„Da stimmt was nicht“, murmelte Martin.
 

Eines Nachts, als alles still war, schlich er sich leise zu Rosmarins Zimmer. Kein Knarzen, kein Zögern. Ein geübter Griff – und die Tür war offen.
 

Martin trat ein.
 

„… Eine Rüstung?“ flüsterte er.
 

Im schwachen Licht stand sie da, glänzend, silbern, beinahe lebendig. Martin trat näher, strich mit den Fingern über das Metall.
 

„Silber… funkelt…“, murmelte er ehrfürchtig.

Sein Blick blieb am Wappen hängen.
 

Ein Zeichen, das er nicht kannte.

Ein fremdes Königreich.
 

Aber Martin hatte nie Geschichte gelernt.

Es störte ihn nicht.
 

„Egal“, grinste er. „Hauptsache wertvoll.“
 

Natürlich nahm er sie sofort an sich.
 

Als er den Raum verließ, knallte die Tür lauter zu, als beabsichtigt.
 

Rosmarin schrak hoch.
 

„… wo ist sie?“ flüsterte er panisch.
 

Er sprang auf, tastete nach dem vertrauten Gewicht unter seinem Shirt – nichts. Sein Herz raste. Er riss die Tür auf und sah im Flur nur noch eine Gestalt im Dunkeln verschwinden.
 

„Nein…“, hauchte er.

„Komm zurück… bitte.“
 

Er streckte die Hand aus, als könnte er die Rüstung zurückrufen. Doch sie war weg.
 

Martin probierte sie später in seinem Zimmer an.

Sie war schwer. Unbequem. Kalt.
 

„Was für ein Mist“, knurrte er und zog sie wieder aus. „Viel zu anstrengend.“
 

Also tat er das Nächstbeste.
 

Er schenkte sie Herr Hölle.
 

Herr Hölle erstarrte, als er sie sah.
 

„Diese Rüstung…“, flüsterte er ehrfürchtig. „Seit Jahren wird sie gesucht. Niemand wusste, wo sie versteckt wurde.“
 

Er lachte hart, zufrieden.
 

„Eine alte Rüstung eines alten Königs.“
 

Er legte Martin die Hand auf die Schulter.

„Als Dank darfst du dir einen Schatz aussuchen. Aus meiner geheimen Kammer.“
 

Martin grinste.
 

Auf dem Weg musste er eine Augenbinde tragen. Doch als sie sie ihm abnahmen, blieb ihm der Atem weg.
 

Der Keller war riesig.
 

Gewölbte Steinwände, schwarz vom Alter. Goldene Münzen lagen wie Sand auf dem Boden. Ketten, Kelche, Juwelen, Spiegel, Kronen – alles funkelte im flackernden Licht der Fackeln.
 

Es wirkte wie ein Drachenhort.

Als würde jeden Moment ein Ungeheuer aus den Schatten kriechen.
 

In der Mitte erhob sich eine Säule.

Darauf wurde die Rüstung platziert.
 

„Beeindruckend“, murmelte Martin ehrfürchtig.
 

Er nahm eine wundersame Lampe in die Hand.
 

„Schüttel sie ruhig“, sagte Herr Hölle. „In Wahrheit gehört sie geschüttelt und nicht gerieben.“
 

Martin hob sie an – sie war schwerer, als sie aussah.

Er verzog das Gesicht und stellte sie wieder ab.
 

„Nein… sonst krieg ich Muskelkater.“
 

Herr Hölle lachte.

„Such dir aus, was du willst.“
 

Martin ließ seinen Blick wandern.
 

Und dann sah er es.
 

Die Säule.

Die Rüstung.
 

„Das…“, flüsterte er ehrfürchtig.

„Das will ich.“
 

Er zeigte direkt darauf.

Stiefschwestern – wie interessant

Martin blieb vor dem Podest stehen.
 

Es war kein besonders hohes Podest, eher unscheinbar, aus dunklem, fast schwarzem Stein. Doch es stand genau in der Mitte des Raumes, als hätte sich alles andere darum herum zu ordnen. Keine Ketten, keine Münzen, keine Juwelen berührten es. Ein leerer Raum umgab es wie eine stille Warnung.
 

Darauf lag eine Krone.
 

Sie glänzte nicht grell, sondern matt silbern, mit feinen Gravuren, die man erst beim zweiten Hinsehen erkannte. Keine großen Edelsteine, keine Wappen, keine Zeichen eines offiziellen Königtums. Sie wirkte… selbstsicher. Als wäre sie für jemanden gemacht worden, der keinen Beweis brauchte, weil er sich ohnehin für etwas Besseres hielt.
 

Martin trat näher.
 

„Die“, sagte er sofort.
 

Herr Hölle blinzelte überrascht.

„Ausgerechnet die?“
 

Er nahm die Krone vom Podest und betrachtete sie lange, drehte sie langsam in den Händen.

„Seltsam. Ich kenne ihre Herkunft nicht. Sie gehörte keinem König, das ist sicher.“
 

Er hielt inne.

„Eher einem Prinzen. Oder jemandem, der glaubte, einer zu sein.“
 

Martin grinste schief.

„Reicht mir.“
 

Herr Hölle zuckte mit den Schultern.

„Wenn du sie trägst, wird man meine Großzügigkeit sehen. Und deine Stellung.“
 

Er reichte sie ihm.

„Nimm sie.“
 

Martin setzte sie auf.
 

Sie saß perfekt.

Nicht zu schwer, nicht zu locker.

Als wäre sie nie woanders gewesen.
 

Auf dem Heimweg trug er sie offen. Nicht aus Unachtsamkeit, sondern aus Absicht. Sein Gang wurde langsamer, seine Schritte schwerer, bedeutungsvoller. Er richtete den Rücken auf, hob das Kinn ein wenig höher als sonst.
 

Die Leute sahen hin.

Flüsterten.

Einige nickten ehrfürchtig, ohne genau zu wissen, warum.
 

Martin liebte es.
 

Jetzt war der richtige Moment gekommen, seine heimliche Liebe anzusprechen.
 

Magnolia wohnte in einem gepflegten Haus, umgeben von Blumen in jeder erdenklichen Farbe. Alles an ihr war geschniegelt, ordentlich und wunderschön. Sie hatte Martin früher kaum beachtet — höchstens belächelt, wenn er zu aufdringlich gewesen war.
 

Er klopfte.
 

Sie öffnete.

Und sah zuerst die Krone.
 

„Martin?“, fragte sie überrascht.

„Was… ist das?“
 

Martin hob leicht das Kinn.

„Ein Geschenk.“
 

Er erzählte von Herr Hölle. Von Vertrauen. Von Verantwortung. Von Macht. Davon, dass er unentbehrlich sei. Dass man ihm Großes zutraue. Vielleicht sogar mehr als nur das Dienen — vielleicht eines Tages sogar das Herrschen.
 

Magnolias Augen glänzten.

„Das klingt… beeindruckend“, sagte sie leise.
 

Da hörte man Schritte hinter ihr.
 

„Magnolia?“, quengelte eine Stimme.
 

Ein Mädchen trat hervor. Klein, rundlich, mit rosiger, fast schweinchenfarbener Haut. Ihr Kleid saß schief, ihr Blick war offen — viel zu offen, viel zu ehrlich.
 

Magnolia seufzte.

„Meine Stiefschwester“, sagte sie genervt.

„Sie ist neu hier. Und… anhänglich.“
 

Martin musterte sie kurz.

Dann lächelte er breit.
 

Wie praktisch.
 

„Weißt du was?“, sagte er scheinbar großzügig.

„Lass uns doch ausgehen. Richtig. Schön.“
 

Magnolia zögerte. Ihr Blick glitt wieder zur Stiefschwester.
 

„Keine Sorge“, fügte Martin schnell hinzu.

„Ich bringe meinen Bruder mit.“
 

„Rosmarin?“, fragte Magnolia skeptisch.
 

„Genau der“, sagte Martin und grinste.

„Der kümmert sich dann um sie.“
 

Magnolias Gesicht hellte sich sofort auf.

„Das ist eine wunderbare Idee.“
 

Martin verbeugte sich leicht. Die Krone blitzte im Licht.
 

Auf dem Heimweg lachte er leise.
 

„Rosmarin und das Schweinchen“, murmelte er vergnügt.

„Das passt doch.“
 

Er stellte sich vor, wie sein Bruder unbeholfen neben ihr herlief, während er selbst glänzte, bewundert wurde, erhoben.
 

„Man muss das Glück eben richtig verteilen“, sagte Martin zu sich selbst.
 

Und grinste.

Rosengarten – viel zu teuer

Martin ging direkt zu seinem Bruder, kaum dass die Idee in seinem Kopf Form angenommen hatte.
 

„Ich habe großartige Neuigkeiten“, begann er und verschränkte die Arme selbstzufrieden.

„Du hast ein Date.“
 

Rosmarin blinzelte.

„… Ein was?“
 

„Ein Date“, wiederholte Martin genüsslich. „Mit der Stiefschwester von Magnolia.“
 

„Magnolia?“ Rosmarin runzelte die Stirn. „Wer ist Magnolia? Und warum ihre Stiefschwester? Und… wo gehen wir hin? Und was, wenn ich nicht möchte?“
 

Martin lachte.

„Ach, Rosmarin. Als hättest du jemals eine Wahl.“
 

Er tat kurz so, als müsste er überlegen.

„Ähm… Schwei— nein… Swi… ja! Swina. Swina Porc.“
 

Er grinste stolz.

„Merkhilfe: Schwein, aber mit A.“
 

Rosmarin schluckte, sagte aber nichts.
 

„Und wohin?“, fuhr Martin fort, scheinbar großzügig. „Das darfst du entscheiden. Ich will ja nicht gemein sein. Wenn ich dich schon zu deinem Glück zwinge, darfst du wenigstens den Ort aussuchen. Plan etwas Schönes.“
 

Es klang wie Freundlichkeit.

War aber nur Faulheit.
 

Den ganzen Tag über zerbrach sich Rosmarin während seiner Arbeit den Kopf. Park? Gasthaus? Spaziergang? Nichts fühlte sich richtig an. Erst als er Herr Hölles Taschen ausräumte, fiel ihm ein zerknitterter Flyer in die Hände.
 

ROSENGARTEN – NEU ERÖFFNET

Ein Ort für Romantik und Wunder
 

Rosmarins Augen leuchteten.

„Perfekt“, flüsterte er. „Romantisch… schön…“
 

Er übersah den Eintrittspreis. Der untere Rand des Flyers war abgerissen.
 

Euphorisch rannte er zu Martin, nachdem er die Wäsche aufgehängt hatte.

„Martin! Hier! Der perfekte Ort!“
 

Martin las, nickte langsam.

„Rosen. Lichter. Romantik.“

Er grinste. „Perfekt.“
 

„Heute Abend“, entschied er. „Mach dich schick. Also… zumindest sauber.“
 

Martin bereitete sich natürlich sorgfältig vor: ein eleganter Anzug, dazu die Krone. Er sah aus, als gehöre ihm die Welt.
 

Rosmarin dagegen zog das Beste an, was er hatte:

Ein sauberes Hemd aus grobem Stoff, sorgfältig geflickt. Eine einfache Hose. Seine Haare glatt gekämmt, das Gesicht frisch gewaschen. Die Sommersprossen auf seiner Nase traten deutlicher hervor, seine Fingernägel hatte er sogar gereinigt.
 

Unterste Mittelschicht.

Ordentlich.

Aber kein Vergleich.
 

Martin musterte ihn abfällig.

„So willst du auf ein Date gehen?“
 

Rosmarin wurde rot.

„Das… das ist mein schönstes Hemd.“
 

„Tsk.“ Martin seufzte theatralisch. „Ich leih dir einen Anzug.“
 

Natürlich war es ein alter Anzug von Herr Hölle. Zu klein. Eng an den Schultern, Löcher an den Nähten.

„Ein Anzug muss eng sitzen“, erklärte Martin zufrieden. „Jetzt siehst du besser aus. Los.“
 

Vor dem Haus der Stiefschwestern warteten sie.
 

„Magnolia, du siehst wunderschön aus“, sagte Martin sofort und nahm Rosmarin den Blumenstrauß aus der Hand, um ihn ihr zu überreichen. Magnolia lächelte entzückt.
 

„Magnolia!“, rief eine Stimme.

Swina trat hervor.
 

„Ich freue mich so, mit meiner Schwester etwas zu unternehmen!“, sagte sie ehrlich und klammerte sich an Magnolia.
 

„H-hallo“, stammelte Rosmarin. „Ich bin R-rosmarin.“
 

Dann sah er sie richtig.
 

Swina.
 

Ihr rosiger Hautton leuchtete warm, ihr rundlicher Körper wirkte in seinen Augen vollkommen. Ihre Augen waren offen wie ein Buch, eines, das man lesen wollte – vorsichtig, ehrfürchtig.
 

Liebe auf den ersten Blick.
 

Martin drängte Magnolia bereits weiter, fast grob.

„Kommt.“
 

Auf dem Weg zum Rosengarten gingen sie getrennt. Martin und Magnolia vorne. Rosmarin und Swina dahinter.
 

„Es gibt dort eine Kutsche“, erklärte Martin. „Wir fahren damit.“
 

Rosmarin hörte nicht, wie Magnolia staunte, dass der Rosengarten nur für Reiche sei. Er hörte nicht, dass er sehr teuer war.
 

An der Kasse war er zu sehr mit Swina beschäftigt. Er reichte Martin seinen Geldbeutel – ohne hinzusehen.
 

Erst drinnen, als alles Gold weg war, merkte er es.

„Der Rosengarten ist… teuer“, schluckte er.
 

„Oh“, sagte Martin gleichgültig. „Leider gibt es nur noch eine Kutsche. Ihr müsst zu Fuß gehen. Wir treffen uns bei der großen Rosenknospe.“
 

Und weg waren sie.
 

Für Martin und Magnolia war alles perfekt: kostenlose Fahrt, Blütenregen, romantischer Wind.
 

Für Rosmarin und Swina nicht.
 

Kein Geld.

Ein gebrochener Absatz.

Eine Biene im Mund.
 

Doch sie schafften es schließlich zur großen Knospe.
 

Niemand wartete.
 

„Wo ist meine Schwester?“, fragte Swina ungeduldig.
 

„Bestimmt nur Kaffee holen“, sagte Rosmarin sanft. „Setz dich.“
 

„Was soll an dieser Knospe so toll sein?“, murmelte Swina. „Nicht mal romantisch.“
 

„Angeblich ist darin etwas eingeschlossen“, las Rosmarin vor. „Seit langer Zeit.“
 

Er sah sie an.

„Warum bist du so auf deine Schwester fixiert?“
 

„Weil sie schön und klug ist“, antwortete Swina sofort.
 

Rosmarin nahm ihre Hand.

„Aber du bist das auch. Schön. Klug. Witzig. Und deine grünen Augen…“
 

Swina erstarrte.

Dann sprang sie auf ihn, küsste ihn so heftig, dass er rückwärts auf die Bank fiel.
 

Sein erster Kuss.

Seine erste fremde Zunge.

Er bekam kaum Luft.
 

Als er etwas sagen wollte, begann die Knospe zu leuchten.
 

Langsam.

Unaufhaltsam.
 

„… Was ist das?“
 

Und wieder schien es, als würde Rosmarins Glück genau in dem Moment kippen, in dem es endlich begonnen hatte.

Schwarz wie Ebenholz und Pech

Die Knospe bebte.
 

Die äußeren Blätter, dick und fleischig, lösten sich knirschend voneinander.
 

Rosmarin hielt den Atem an.

Swina ebenso.
 

„… Sie öffnet sich“, flüsterte Rosmarin ehrfürchtig.
 

In genau diesem Moment erklang hinter ihnen ein spöttisches Klatschen.
 

„Na sowas“, sagte Martin. „Wir kommen ja gerade rechtzeitig.“
 

Magnolia trat neben ihn. Ihr Blick glitt sofort zur Knospe, dann zu Swina, dann zu Rosmarin. Ihre Lippen verzogen sich zu einem wissenden Lächeln.
 

„Natürlich“, sagte sie süßlich. „Die Rosenknospe.“
 

Sie trat näher und legte eine Hand auf Martins Arm – besitzergreifend.

„Man sagt“, fuhr sie fort, „sie öffnet sich nur dann vollständig, wenn jemand mit seiner wahren Liebe hierherkommt.“
 

Stille.
 

Dann ein gleichzeitiges:

„Was?!“
 

Swina stemmte die Hände in die Hüften. „Dann ist ja wohl klar, dass ich gemeint bin!“
 

Magnolia lachte scharf. „Du? Bitte.“
 

Während die beiden sich anfunkelten, standen Rosmarin und Martin sich gegenüber.
 

Ganz nah.
 

Zu nah.
 

„Also wirklich“, sagte Martin leise. „Jetzt tu nicht so, als wärst du mit ihr hier aus Liebe.“
 

Rosmarins Hände ballten sich.

„Und du willst mir erzählen, dass das Liebe ist?“ Er deutete auf Magnolia. „Du magst sie, weil sie dich bewundert.“
 

Martin grinste schief.

„Und du magst Swina, weil sie dich bemitleidet.“
 

„Das stimmt nicht.“
 

„Doch.“
 

„Nein!“
 

„Doch!“
 

Die Knospe knackte laut.
 

Alle vier verstummten.
 

Mit einem schmatzenden Geräusch öffnete sie sich vollständig. Die inneren Blütenblätter waren tiefrot, samtig, beinahe pulsierend. In ihrer Mitte wuchs eine Rose – vollkommen, makellos.
 

Doch direkt darunter sammelte sich etwas anderes.
 

Eine zweite Flüssigkeit quoll hervor. Zäh. Glänzend. Tiefschwarz. So schwarz, dass sie das Licht verschluckte.
 

Pech.

Ebenholz.
 

Die Blume zog sich zusammen.
 

Und spuckte.
 

Die schwarze Masse schoss hervor.
 

„Pass auf!“, rief jemand.
 

Doch Rosmarin war Martin viel zu nah, hatte ihn am Kragen gepackt, war zu sehr damit beschäftigt, seinem Bruder ins Gesicht zu fauchen, um rechtzeitig zurückzuweichen. Martin dagegen machte instinktiv einen Schritt zur Seite – gerade rechtzeitig.
 

Die Flüssigkeit platschte.
 

Über Rosmarin.
 

Sie ergoss sich über sein Haar, lief ihm über die Stirn, tropfte an seinen Schultern herab und färbte Stoff und Haut pechschwarz.
 

Martin blieb unberührt.
 

Rosmarin stolperte zurück, rutschte beinahe aus, während Martin bereits wieder festen Stand hatte.
 

„Was zum…“, keuchte Rosmarin.
 

Doch die Blume war noch nicht fertig.
 

Langsam – fast bedrohlich – drehte sich die Rose.

Ihr Stiel bog sich.

Zu den Frauen.
 

„Martin!“, rief Magnolia erschrocken.
 

Ohne zu zögern, ohne nachzudenken, stieß Martin sie zur Seite.

„Magnolia!“
 

Die pechschwarze Flüssigkeit ergoss sich über Swina.
 

Sie schrie auf, verlor den Halt und fiel rücklings ins Gras.

Das Schwarz kroch über ihr Kleid, ihre Arme, ihr Gesicht.
 

Die Rose zog sich zurück.

Die Knospe schloss sich langsam.
 

Als wäre nichts geschehen.
 

Magnolia atmete schwer.

„Das… das passiert“, sagte sie schließlich und strich ihr Kleid glatt, „wenn ein Paar auf gar keinen Fall zusammenpasst.“
 

Ihr Blick fiel auf Swina. Dann auf Rosmarin. Dann wieder auf Swina.

„Offensichtlich.“
 

Martin nickte zustimmend.

„Ganz klar.“
 

Er legte den Arm um Magnolia.

„Wir sind es. Die wahren Liebenden. Die Knospe hat sich ja wegen uns geöffnet.“
 

Magnolia lächelte erleichtert.

„Natürlich.“
 

Rosmarin stand da, schwarz bespritzt.

Neben ihm lag Swina im Gras, still, beschmutzt.
 

Er sah zu Martin.

Zu Magnolia.
 

Er sagte nichts.
 

Vielleicht hatten sie recht.
 

Vielleicht aber auch nicht.
 

Denn niemand wusste mehr genau, wen die Magie eigentlich hatte treffen wollen.
 

Vielleicht Rosmarin und Swina.

Vielleicht Martin und Magnolia.
 

Oder vielleicht hatte sich die Rose geirrt – oder war durch das Gerangel selbst verwirrt worden.
 

Magie hielt sich nicht an Erklärungen.

Und sie erklärte sich schon gar nicht.
 

So blieb nur das Ergebnis:

zwei Beschmutzte,

zwei Unversehrte –

und vier Menschen, die überzeugt waren, im Recht zu sein.
 

Wer wirklich füreinander bestimmt gewesen wäre,

das würde wohl niemand je mit Sicherheit sagen können.
 

Man wird es wohl nie erfahren.

Ballnacht

Martin marschierte zufrieden mit Magnolia nach Hause und ließ seinen Bruder beschmutzt einfach zurück. Für ihn war klar: Er war mit seinem Date die wahre Liebe.
 

„Tja“, spottete Martin, „schade um meinen Bruder, aber irgendwie war zu erwarten, dass er keine wahre Liebe findet – mit so viel Pech im Leben.“
 

„Wir passen perfekt zusammen, und dank uns hat sich die Knospe geöffnet. Dafür sollten uns so viele dankbar sein“, sagte er überheblich.
 

Magnolia widersprach ihm nicht. Auch ihr tat ihre Stiefschwester kein bisschen leid.
 

Rosmarin hingegen war es egal, was angeblich eine Blume vorhergesagt hatte. Er half Swina auf und nahm sie in den Arm.

„Unser Start ist schwer, aber ich glaube fest, dass es ein Irrtum war. Ich mag dich, und die Rose hat sich bestimmt für uns geöffnet“, sagte er überzeugt.
 

„…Ich mag dich auch“, antwortete Swina leise. „Aber das Pech ist schwer zu übersehen. Ich… ich sollte nach Hause und mich waschen.“ Sie wollte darüber schlafen.
 

So begleitete Rosmarin sie nach Hause, Hand in Hand – als schwarzes Paar.
 

Einige Tage später plante Herr Hölle zu Martins Ehren einen Maskenball. Seit Jahrhunderten hatten sich die Blüten nicht mehr geöffnet, und nun – angeblich nur dank Martin. Deshalb sollte er der Hauptgast des Abends sein.
 

Auch Rosmarin wurde eingeladen, und selbstverständlich lud er Swina ein.

Martin brachte natürlich seine angeblich wahre Liebe Magnolia mit, die sich über alles freute, da sie im Rampenlicht stehen würde. Sie ließ sich extra ein Kleid bei der einzigen Schneiderei im Dorf anfertigen.
 

Swina dagegen musste alte Kleider ihrer Schwester tragen. Rosmarin war das egal – er selbst hatte ohnehin nur den alten Anzug von Herr Hölle.
 

Seit Tagen versuchte Rosmarin, das Pech von seiner Haut zu waschen, damit er in der Ballnacht nicht pechschwarz wäre. Doch er rieb so stark, dass seine Haut knallrot wurde.

Swina versuchte es auf sanfte Weise – und blieb pechschwarz.
 

„Perfekt“, lachte Martin. „Eine Tomate und Kohle. Das perfekte Paar.“

Auch Magnolia unterdrückte ein Lächeln.
 

„Wir fahren vor als Hauptgäste. Leider müssen wir getrennt kommen“, sagte Martin und fuhr mit Magnolia in einer eigenen Kutsche davon.
 

„Du siehst trotzdem wunderschön aus. Das Kleid steht dir“, machte Rosmarin Swina ein Kompliment.

„Danke. Du siehst aber auch gut aus“, antwortete sie.
 

Rosmarin half ihr in die Kutsche. Der Weg war holprig, sodass er nach vorne fiel und sie unbeabsichtigt berührte.

„Oh… e-entschuldigung“, stammelte er, sein Gesicht wurde knallrot – was durch die gereizte Haut kaum auffiel.
 

„…Das stört mich nicht“, sagte Swina leise. „Wenn du es bist.“
 

„Jetzt sieht uns keiner“, fügte sie an.
 

Rosmarin hielt es erst für einen Scherz, doch sie nickte. Er wagte es, ihre Nähe zu suchen.

„Ich mag dich wirklich sehr“, sagte er leise und küsste sie.
 

Gerade als er weitergehen wollte, öffnete sich die Kutschentür.
 

Alle sahen Rosmarin in Unterhose über Swina gebeugt.
 

Sofort zog er sich hastig an. Swina war es furchtbar peinlich, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
 

Mit roten Gesichtern – bei Swina kaum sichtbar unter dem Pech – betraten sie den Ballsaal.
 

Sie mussten Masken aufsetzen. Beide wählten dieselbe.
 

„W-wollen wir etwas trinken?“, fragte Rosmarin.
 

Während sie sich am Buffet bedienten, begannen bereits die Gerüchte zu kreisen.
 

„Er soll über sie hergefallen sein.“

„Wie ein wilder Tiger.“

„Das passt zu seinen Haaren.“

„Sein Bruder ist so anständig – und er?“

„So jemand gehört eingesperrt.“
 

Der Tratsch wurde immer schlimmer. Mit jeder Erzählung wurde die Geschichte wilder, verzerrter, grausamer.
 

Und je länger der Ball dauerte, desto weniger erinnerte sich jemand an das, was wirklich passiert war.

Auf Hühnerbeinen zeichnen

Der Ball tobte noch immer.
 

Musik schwoll an und verebbte wieder, Stimmen lachten zu laut, Gläser klirrten, irgendwo wurde getanzt, irgendwo gestritten. Doch all das war für Rosmarin und Swina nur noch ein fernes Rauschen, wie Wasser hinter dicken Mauern.
 

Sie hatten sich zurückgezogen. Erst nur ein paar Schritte. Dann ein paar mehr.
 

Hinter schwere Vorhänge, in einen schmalen Gang, in dem es nach Staub und alten Blumen roch. Dort, wo niemand hinsah, wo keine Masken nötig waren.
 

Sie küssten sich. Unbeholfen zuerst. Dann fester. Länger.
 

Rosmarins Herz schlug so laut, dass er glaubte, jemand müsse es hören.

„Vielleicht…“, setzte er an, doch Swina legte ihm den Finger auf die Lippen.
 

„Nicht denken“, flüsterte sie.
 

Er hätte widersprechen sollen. Tat es aber nicht.
 

Da knarrte es.
 

„Ach, wie entzückend.“
 

Beide fuhren auseinander.
 

Eine alte Frau stand plötzlich hinter ihnen, als wäre sie aus dem Schatten gewachsen. Ihr Rücken war krumm, ihr Kopftuch grau, ihre Augen jedoch wach und durchdringend. Eine Dienerin, vermutete Rosmarin — doch irgendetwas an ihr passte nicht ganz.
 

„Verzeiht“, murmelte Rosmarin sofort. „Wir wollten nicht—“
 

„Ihr liebt euch“, unterbrach sie ihn. Nicht fragend. Feststellend.
 

Swina hielt den Atem an.
 

„Und man sieht euch falsch“, fuhr die Frau fort. „Nicht als Liebende. Sondern als das, was die Leute sehen wollen.“
 

Rosmarin senkte den Blick. „Sie reden“, sagte er leise. „Über Dinge, die nie passiert sind.“
 

Die Alte nickte langsam. „Natürlich tun sie das. Wahrheit ist leise. Gerüchte schreien.“
 

Sie trat näher. „Ich kenne einen Weg, das zu ändern.“
 

Swina runzelte die Stirn. „Was für einen Weg?“
 

Die Frau lächelte schief. „Ein altes Zeichen. Älter als dieser Ball. Älter als Herr Hölle. Man zeichnet es auf ein Hühnerbein.“
 

„… Auf ein was?“, fragte Rosmarin.
 

„Auf ein Hühnerbein“, wiederholte sie trocken. „Magie ist selten elegant.“
 

Sie senkte die Stimme. „Danach sieht jeder nur noch das, was wirklich ist. Nicht die falschen Geschichten.“
 

Rosmarin spürte Swinas Hand an seiner. „Und der Preis?“, fragte sie.
 

Die Alte sah sie lange an. „Ein Schwur“, sagte sie schließlich. „Wer ihn spricht, ist gebunden. Für immer.“
 

„Wir machen es“, sagte Rosmarin sofort.
 

Sie verließen den Ball, ohne dass es jemand bemerkte.
 

Die Nacht war kühl, die Straßen leer. Sie gingen schnell, fast laufend, hielten sich an den Händen fest.
 

Rosmarin fragte nicht nach Konsequenzen. Swina auch nicht.
 

Zu Hause war es still. Das Huhn flatterte kurz, gackerte empört — dann war es vorbei. Rosmarins Hände zitterten, als er das Zeichen zeichnete. Es war krumm, nicht ganz sauber, doch die Linien schienen zu leuchten.
 

Swina legte ihre Hand über seine. „Das ist mehr als verheiratet sein“, flüsterte sie.
 

„Das ist gebunden sein“, antwortete plötzlich die Stimme der Alten. Sie stand wieder da.
 

Dann verschwand sie. Einfach so.
 

Was danach kam, ließ sich schwer beschreiben.
 

Zeit verlor ihre Bedeutung. Räume ebenso.
 

Sie liebten sich, als gäbe es kein Morgen — im Haus, auf dem Boden, auf Möbeln, die dafür nie gedacht gewesen waren. Einmal landeten sie sogar in Martins Bett, was Rosmarin erst bemerkte, als er das Kopfkissen erkannte.
 

„Oh“, murmelte er. Swina lachte nur.
 

Irgendwann hatte Rosmarin das Gefühl, zu schweben. Als hätte das Pech ihn endlich losgelassen. Als wäre alles leicht.
 

Bis der Morgen kam.
 

Und mit ihm das Knacken.
 

Ein Tisch, der nachgab. Ein Stuhl, der splitterte. Ein Bett, das unter dem Gewicht ächzte — und schließlich zusammenbrach.
 

Rosmarin saß später zwischen Trümmern. Swina neben ihm. Beide außer Atem. Beide lächelnd.
 

„… Wir sollten das erklären“, sagte er leise.
 

Swina sah sich um. „Oder weglaufen.“
 

Draußen ging die Sonne auf.
 

Und mit ihr begann etwas, das sich nicht mehr ungeschehen machen ließ.

Rattenfänger als Bild

Rosmarin überlegte eine Weile, ob er wirklich einfach mit ihr weglaufen sollte. Was sollte schon passieren? Sie könnten glücklich werden. Ein Haus, gemeinsame Kinder, weit, weit weg von ihrer Schwester und seinem Bruder.

Doch dann traf es ihn wie ein Blitz.
 

Sein Bruder Martin. Martin, der so viel Glück im Leben hatte, dass es nicht mehr normal war. Er würde ihn bestimmt auslachen, wenn er die beiden jetzt sehen würde, und ihn aufhalten — schon allein, weil er sonst niemanden hätte, der für ihn arbeitete.

„Das können wir nicht machen…“, sagte Rosmarin schließlich leise. „Du hast deine Familie hier, und ich auch. Wir… wir sollten es einfach allen erklären. Martin wird es verstehen. Es ist nicht das erste Mal, dass etwas von ihm kaputtgeht.“

Ein wenig Angst hatte er schon. Martin wurde bei solchen Aktionen oft sehr böse.

Swina sah sich um.
 

„Ich hoffe, du hast recht. Aber etwas zusammenräumen sollten wir schon.“

Sie blickte noch einmal auf das Chaos.
 

„… Es war eine schöne Nacht.“

Rosmarin wurde rot. Es war sein erstes Mal, aber es hatte sich richtig angefühlt. Und wirklich schön.

Da klopfte es laut an der Tür.

„MARTIN… MARTIN.“
 

Herr Hölle stand davor. Seine Stimme klang sehr begeistert — doch als Rosmarin öffnete, wurde sein Blick deutlich kühler.
 

„Wo ist dein Bruder?“, fragte er neugierig. „Ich hörte, er hatte gestern Spaß. Ich wollte wissen, mit welcher Frau, wenn er mich deswegen schon wach hält.“
 

Rosmarin stammelte, er wisse nicht, wo sein Bruder sei. Da verfinsterte sich Herr Hölles Blick.
 

„Und… das von gestern… tut mir leid“, murmelte Rosmarin mit gesenktem Kopf.
 

Martin bekam von dem Chaos nichts mit — was wohl besser war. Die Standpauke von Herr Hölle hörte er ebenfalls nicht, denn er lag noch immer bei Magnolia im Bett.
 

„Es war wirklich schön“, lächelte Martin breit. Er sah ehrlich zufrieden aus.
 

„Du vergisst hoffentlich nicht, was du mir versprochen hast, mein Hase“, sagte Magnolia und strich ihm über die Brust.
 

„Ein Bild… aber nicht irgendeines“, fuhr sie fort. „Sondern das von Herr Hölle. Den Rattenfänger. Du kannst ihn bestimmt überreden, oder? Immerhin bist du seine rechte Hand.“
 

Zum ersten Mal zeigte Magnolia ihr wahres Gesicht.
 

Doch Martin war viel zu verliebt. Und selbst wenn er es bemerkt hätte — er hätte es getan. Er liebte Magnolia. Und wenn sie ihn dadurch ebenfalls liebte, warum sollte er ihr den Wunsch nicht erfüllen?
 

„Aber sicher werde ich dir das Bild schenken“, sagte er. „Doch vorher lass uns noch etwas Zweisamkeit genießen.“

Er streichelte ihr über den Arm.

„Nur ein bisschen. Den Rest bekommst du danach. Und noch viel mehr.“
 

Sie grinste und küsste ihn lang, was ihn sofort erregte.
 

„Ich kann mir gut vorstellen, Kinder mit dir zu bekommen“, schwärmte sie. „Aber ohne schöne Dekoration möchte ich sie nicht aufziehen. Und dieses Bild vom Rattenfänger wäre perfekt über dem Kamin.“
 

Tatsächlich war das Bild sehr viel wert und unter den Frauen sehr begehrt. Der Rattenfänger war ein gut aussehender, halbnackter Mann auf dem Gemälde — so wurde er genannt, weil er angeblich viele Affären aufgedeckt hatte.
 

„Man sagt, er beschützt die Liebenden“, flüsterte Magnolia, „und verhindert falsche Gedanken beim Partner.“
 

Sie lächelte — und Martin war überzeugt.

Des Teufels Großmutter hat nicht teilgenommen

Während Swina schweigend Möbel aufrichtete, Splitter einsammelte und versuchte, das Chaos der Nacht irgendwie zu ordnen, machte sich Rosmarin auf den Weg. Er musste Martin finden. Nicht nur wegen des Durcheinanders — sondern weil Herr Hölle etwas hatte ausrichten lassen. Etwas Wichtiges. Etwas, das Martin wie immer nicht interessieren würde.
 

Rosmarin fand ihn auf dem Weg zum Anwesen. Martin kam ihm entgegen, geschniegelt, gut gelaunt, mit diesem selbstzufriedenen Ausdruck im Gesicht, der bedeutete, dass alles nach Plan lief — zumindest nach seinem.
 

„Na, Bruderherz“, grinste Martin. „Die Nacht überlebt?“
 

Rosmarin nickte unsicher. „Ich… ich sollte dir etwas von Herr Hölle sagen.“
 

„Später“, winkte Martin ab. „Erzähl lieber: War sie gut?“
 

Rosmarin errötete. „Es war… schön.“
 

Martin lachte überrascht. „Siehst du! Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“

Ein kurzer, ehrlicher Stolz blitzte auf. „Vielleicht bist du ja doch zu was gut.“
 

Sie gingen ein Stück nebeneinander her. Martin prahlte. Von Magnolia, vom Ball, davon, wie perfekt alles gewesen sei. Rosmarin hörte nur halb zu, versuchte immer wieder, das Thema zu wechseln — vergeblich.
 

Und dann standen sie plötzlich davor.
 

Das Bild des Rattenfängers hing noch immer an seinem Platz. Unberührt. Der Mann darauf wirkte wie lebendig.
 

Rosmarin blieb stehen. „Martin… warum willst du dieses Bild?“
 

Martin verschränkte die Arme. „Magnolia mag es.“
 

„Das reicht nicht“, sagte Rosmarin leise. „Es ist falsch. Das Bild gehört hierher. Es bringt Unglück, wenn—“
 

„Ach, hör auf“, unterbrach Martin genervt. „Du siehst überall Unglück. Vielleicht, weil du es anziehst.“
 

Rosmarin trat näher an das Bild. „Bitte. Lass es hier.“
 

Martin hörte nicht zu.
 

In genau diesem Moment trat Herr Hölle hinter sie.
 

„Was“, fragte er ruhig, „geschieht hier?“
 

Martin reagierte schneller, als Rosmarin denken konnte.

„Mein Bruder“, sagte er seufzend, „hat das Bild beschmutzt. In seiner Ungeschicklichkeit.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte nur verhindern, dass es schlimmer wird.“
 

Herr Hölles Blick bohrte sich in Rosmarin.

„Hast du das wirklich getan?“
 

Rosmarin öffnete den Mund. Zögerte. Zu spät.
 

„Ich kümmere mich darum“, fügte Martin hastig hinzu. „Ich bringe es in Sicherheit.“
 

Er griff nach dem Bild. Und verschwand — wieder einmal — dank seines Glücks.
 

Herr Hölle blieb zurück.
 

„Man sagt“, begann er langsam, „meine Großmutter habe einst ebenfalls den Rattenfänger gekannt.“

Ein schiefes Lächeln. „Einige munkeln sogar, sie sei eine seiner Affären gewesen.“
 

Rosmarins Herz rutschte ihm in die Schuhe.
 

„Natürlich Unsinn“, fuhr Herr Hölle fort. „Meine Großmutter hat nicht teilgenommen.“

Eine Pause.

„Aber Gerüchte sind unerquicklich.“
 

Er sah Rosmarin kalt an.

„Du wirst bestraft.“
 

Rosmarin nickte ergeben.
 

„Dieses Mal keine Kamine“, sagte Herr Hölle.
 

Rosmarin atmete auf — einen Sekundenbruchteil zu früh.
 

„Du wirst alle Spiegel meines Anwesens putzen.“
 

Rosmarin erstarrte.

„Alle…?“
 

Herr Hölle nickte zufrieden.

„Jeden einzelnen.“

Magischer Spiegle und Schuhe

Und wieder einmal musste Rosmarin gerade stehen für das, was Martin gemacht hatte. Als er die ersten Spiegel putzte, fragte sich Rosmarin, was es überhaupt gebracht hatte, auf die Hühnerbeine zu zeichnen. Er konnte die Verbindung mit Swina eingehen und die Gerüchte loswerden — und trotzdem musste er die blöden, dreckigen und verstaubten Spiegel putzen.
 

„Wieso immer ich… hoffe, das Bild bringt ihnen Unglück“, redete er schon mit sich selbst.
 

„Welches Bild?“ fragte Swina, die plötzlich hinter ihm stand.
 

Rosmarin drehte sich überrascht um, war aber froh, Swina zu sehen. Beim Küssen erzählte er ihr natürlich alles, und er wusste selbst nicht wie, aber irgendwie schafften sie es wieder, nackt auf dem Boden zu landen.
 

„Mit dir ist es immer so schön, aber wir können nicht… nicht nochmal“, sagte Rosmarin und zog sich wieder an.
 

„Nur noch einmal, dann helfe ich auch beim Putzen“, bot Swina an — und natürlich ließ sich Rosmarin überreden und schlief noch einmal mit ihr.
 

Doch das Glück war Rosmarin nicht hold, weswegen die beiden währenddessen einen Spiegel umwarfen und erschraken.
 

„Oh nein… wenn Herr Hölle das sieht“, keuchte Rosmarin und hob nackt die Glasscheiben auf.
 

„Warte, ich helfe“, sagte Swina, zog sich schnell ein Kleid über und half ihm.
 

Als die Scherben alle auf einem Haufen lagen, passierte plötzlich etwas Seltsames. Es fing an zu glitzern — und urplötzlich war der Spiegel wieder ganz.
 

„… Wow… das ist…“
 

„… magisch“, vervollständigte sie seinen Satz.
 

„Wenn doch nur alles so sein könnte. Das mit den Hühnerbeinen hat auch nicht funktioniert… Es wäre schön, wenn endlich mal jemand Martins wahres Gesicht sehen würde und nicht nur sein Glück“, murmelte Rosmarin, während er den Spiegel weiter polierte und prüfte, ob kein Kratzer darin war.
 

„Er ist ganz trüb“, sagte er und polierte weiter. „Was ist das?“
 

Er sah genauer hin und entdeckte plötzlich Schuhe im Spiegel, die er noch nie gesehen hatte.
 

„Was ist das?“ grübelte er.
 

„Schuhe? … Die kommen mir bekannt vor. Ich weiß! Das Buch meiner Schwester! Darin stehen alle Besitztümer von Herr Hölle, und da waren auch diese Schuhe drin. Meine Schwester wollte sie mir mal schenken. Sie meinte, damit wird man das, was man im Inneren ist“, erinnerte sich Swina.
 

„Magische Schuhe? Magie hat immer ihren Preis… Die Schuhe bestimmt auch, und Martin würde sie nie anziehen“, sagte Rosmarin unsicher.
 

„Ansonsten könnten wir doch jemanden herbeirufen, der dir hilft. Einen Hauskobold zum Beispiel. Der kann dir bei den Hausarbeiten helfen“, schlug Swina vor.
 

„… Klingt nicht schlecht, aber die Spiegel… Ich mache das erst fertig, dann rufen wir den Kobold“, entschied Rosmarin. Sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe.
 

„Ich hole alles, was wir dafür brauchen“, sagte Swina.
 

Das andere Paar war genauso froh und feierte seine neue Liebe. Magnolia hatte erkannt, dass sie Martin wohl wirklich liebte — oder eher das Geld, das er beschaffte, ebenso wie die Erfüllung ihrer Wünsche, zum Beispiel das Bild von Herr Hölle.
 

Martin freute sich und war glücklich, so mit Liebe überschüttet zu werden, woraufhin er kurzerhand einen Heiratsantrag machte, den sie blindlings annahm, in der Hoffnung auf große und tolle Hochzeitsgeschenke. Der Ring mit dem Edelstein, so groß wie ihr Auge, war ebenfalls sehr überzeugend.
 

Sie fragte gar nicht, woher er ihn hatte — worauf er auch keine Antwort gehabt hätte, da ein Dieb ihn unabsichtlich fallen gelassen hatte, als er an Martin vorbeilief, und Martin ihn einfach mitgenommen hatte.

Gute Fee, Böse Fee, Blödsinn

Swina kam mit einem Korb zurück, der eindeutig zu schwer für ihren Arm war. Er klirrte, raschelte und roch nach allem gleichzeitig: Kräutern, Wachs, Staub und etwas, das verdächtig nach altem Parfum duftete.
 

„Also“, sagte sie und stellte den Korb ab, „laut Buch braucht man Kreide, Salz, eine Kerze, etwas Persönliches… und einen klaren Wunsch.“
 

Rosmarin sah auf seine Hände. „Klarer Wunsch ist schwierig“, murmelte er. „Ich wäre schon froh, wenn heute nichts Schlimmes passiert.“
 

„Das zählt nicht“, sagte Swina sanft. „Du weißt doch, was du dir wünschen willst.“
 

Er dachte kurz nach und nickte.
 

Sie zeichneten den Kreis sorgfältig auf den Boden, streuten Salz, stellten die Kerze in die Mitte. Swina murmelte die Worte aus dem Buch, Rosmarin hielt die Luft an.
 

Es passierte erst… nichts.
 

Dann flackerte die Kerze. Der Boden vibrierte leicht. Ein Plopp ertönte, als hätte jemand einen sehr großen Korken gezogen.
 

Und mitten im Kreis stand plötzlich jemand.
 

Oder etwas.
 

Rosmarin blinzelte. Einmal. Zweimal.
 

„… Das ist kein Kobold“, sagte er schließlich vorsichtig.
 

Die Gestalt war klein, aber nicht zierlich. Überhaupt nicht zierlich. Rund. Üppig. In jeder Hinsicht. Sie trug ein viel zu enges, glitzerndes Kleid, das an Stellen spannte, an denen es nicht spannen sollte, dazu hohe Schuhe, die aussahen, als würden sie jeden Moment nachgeben. Ihr Gesicht war dick geschminkt, die Lippen knallrot, die Wimpern so lang, dass sie bei jedem Blinzeln einen Windzug erzeugten.
 

„Entschuldige?!“, fauchte die Gestalt empört. „Ich bin eine Fee.“
 

Sie stemmte die Hände in die Hüften, was ein bedenkliches Knarzen verursachte.
 

„Eine Fee“, wiederholte sie. „Mit F. Wie fabelhaft. Wie fantastisch.“
 

Swina öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. „Aber… im Buch stand—“
 

„Im Buch steht viel“, unterbrach die Fee sie. „Da steht auch, dass man nach Mitternacht nicht essen soll. Und schau mich an.“
 

Sie drehte sich einmal stolz im Kreis. Glitzer rieselte von ihr herab.
 

„Ich bin kein Kobold. Ich sehe nur manchmal so aus. Das ist eine Frage der Perspektive. Und der Beleuchtung.“
 

Rosmarin räusperte sich. „Also… äh… können Sie uns helfen?“
 

Die Fee legte den Kopf schief. „Kommt drauf an. Wollt ihr Gutes?“
 

Ihre Stimme wurde plötzlich süß und sanft. „Oder wollt ihr Böses?“
 

Im nächsten Moment verzerrte sich ihr Gesicht zu einem breiten, schiefen Grinsen. „Oder wollt ihr einfach… Blödsinn?“
 

Sie lachte schrill, stolperte fast über ihre eigenen Schuhe und fing sich gerade noch.
 

Swina flüsterte Rosmarin zu: „Ich glaube… sie ist kaputt.“
 

„Nicht kaputt!“, empörte sich die Fee sofort. „Vielschichtig.“
 

Sie setzte sich ungefragt auf einen Tisch, der bedrohlich ächzte. „Also. Erzählt. Was habt ihr vor?“
 

Zögernd erklärten sie alles: Martin. Das Glück. Die Strafen. Die Spiegel. Die Gerüchte. Die Rose. Das Pech. Alles.
 

Die Fee hörte zu, nickte, verdrehte die Augen, gähnte einmal demonstrativ.
 

„Ah“, sagte sie schließlich. „Brüderdrama. Klassiker.“
 

Sie sprang vom Tisch, klatschte in die Hände. „Ich mag euch. Ihr seid ehrlich. Und nackt wart ihr auch schon heute, das ist mir sympathisch.“
 

Rosmarin wurde rot. Swina auch.
 

„Also“, fuhr die Fee fort, „ich könnte euch helfen. Aber langweilig helfen ist nicht mein Stil.“
 

Sie beugte sich verschwörerisch zu Rosmarin. „Wie wär’s mit einem Spiel?“
 

„… Was für ein Spiel?“, fragte er misstrauisch.
 

„Ich gebe dir“, sie tippte ihm auf die Brust, „für genau vierundzwanzig Stunden so viel Glück wie deinem Bruder. Und er bekommt dein Pech. Alles. Komplett. Unfair. Lächerlich.“
 

Rosmarins Herz machte einen Sprung. „Und… der Preis?“
 

Die Fee grinste breit. „Zwei Wünsche. Für mich. Irgendwann. Irgendwie. Details später.“
 

Swina sog scharf die Luft ein. „Das klingt… gefährlich.“
 

„Alles klingt gefährlich, wenn man nachdenkt“, winkte die Fee ab. „Deshalb tue ich das nie.“
 

Sie zwinkerte. „Und keine Sorge. Ich mache auch mit deinem Bruder Spaß. Ganz viel Spaß.“
 

Rosmarin schluckte. Er dachte an Martin. An all das Unglück.
 

„… Einverstanden“, sagte er leise.
 

Die Fee klatschte begeistert. „Großartig! Ich liebe mutige Dummheit.“
 

Sie schnippte mit den Fingern.
 

Nichts passierte. Dann noch einmal.
 

„Oh. Moment“, murmelte sie. „Falsche Hand.“
 

Beim dritten Schnippen flackerte die Luft. Rosmarin spürte plötzlich ein warmes Kribbeln, als hätte ihm jemand einen Mantel aus Zuversicht umgelegt.
 

Die Fee verbeugte sich tief. „Deal ist besiegelt.“
 

Sie zwinkerte ein letztes Mal. „Genieß dein Glück. Es hält nicht lange.“
 

Und mit einem lauten Plopp war sie verschwunden.
 

Rosmarin und Swina sahen sich an.
 

„… Was haben wir da getan?“, fragte Swina.
 

Rosmarin lächelte unsicher. „Keine Ahnung.“

grinsekatze, sehr Süß

Etwas unsicher ist Rosmarin schon. Und obwohl sie nicht gerade leise waren, kommt niemand; das Haus bleibt ruhig.

„Lass uns den Tag genießen… was sollen wir zuerst machen?“, fragt er Swina.
 

„Lass uns auf ein Date gehen. Essen, spazieren, ohne Vorfälle – das wäre doch schön“, schlägt sie vor.
 

Sofort ziehen sich beide an und gehen draußen spazieren. Tatsächlich stürzt Rosmarin kein einziges Mal, wird von keinem Vogel angekackt oder erlebt sonstige Vorfälle. Im Gegenteil: Auf dem Markt bekommt er Gratisproben und gewinnt sogar eine Tombola, an der er nicht einmal teilgenommen hat. Auch Swina wird hervorragend behandelt, und da Rosmarin immer hilft, erinnern sich plötzlich alle daran, wie hilfsbereit er eigentlich ist.
 

Im Gegensatz dazu hat Martin einen schrecklichen Tag. Magnolia fängt eine Diskussion an, die er sogar verliert. Er verliert seine Schuhe auf dem Weg zur Arbeit, und als wäre das nicht genug, bekommt er zum ersten Mal Ärger von Herr Hölle, weil er zu spät ist.
 

„Zieh dir verdammt noch mal Schuhe an, wir bekommen Besuch, das kann es doch nicht sein“, nörgelt Herr Hölle.
 

„Ja, Herr Hölle“, entschuldigt sich Martin und geht in sein Zimmer, das noch immer im Chaos ist.

„Tz“, schnalzt er mit der Zunge und geht in Rosmarins Zimmer, um ihm Schuhe zu klauen – was er nicht weiß: Seit Kurzem wird Rosmarins Zimmer als Lager verwendet.
 

Doch das weiß Martin nicht. So nimmt er die unscheinbaren braunen Schuhe, die für einen guten Bürger aussehen: nicht zu neu, aber ohne Löcher.

„Perfekt“, denkt sich Martin und zieht sie kurzerhand an.
 

Was er nicht weiß: Es sind magische Schuhe. Die Schuhe, die dein Inneres zum Vorschein bringen.
 

Plötzlich wird Martin von glitzerndem Staub umringt, und bevor er sich versieht, sieht das Zimmer viel größer aus. Und plötzlich hat er einen Schwanz?
 

„Was zum…?“ Er dreht sich im Kreis. „Schwanz… Pfoten… Haare… verdammt, was ist das?“
 

Panisch rennt Martin hinaus bis zum nächsten Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reicht, und miaut laut auf.

„Eine Katze“, denkt er.
 

Martin ist eine elegante, orangefarbene, gepunktete Katze geworden.
 

Plötzlich wird er hochgehoben, und als er sich umdreht, sieht er das Dienstmädchen.

„Du bist aber süß… leider dürfen hier keine Tiere rein.“
 

Kurzerhand setzt sie Martin einfach hinaus, ohne zu wissen, wer er ist.
 

Den ganzen Tag versucht Martin, wieder ins Zimmer zu kommen, um die Schuhe erneut anzuziehen – in der Hoffnung, so wieder ein Mensch zu werden. Doch nichts klappt. Den ganzen Tag muss er draußen bleiben.
 

„Lass mich endlich rein“, beschwert er sich, als plötzlich Herr Hölle die Tür öffnet und Martin hochhebt.
 

„Was bist denn du?“, fragt er und streichelt ihn. Martin versucht alles zu erklären, doch es kommt nur Gemiau heraus.
 

„Heute ist dein Glückstag. Meine rechte Hand ist verschwunden, und wie es scheint, brauche ich eine neue. Es ist nur ein Titel zum Schein, aber besser als nichts, und zu zweit arbeitet es sich besser. Jeder Bösewicht hat doch eine Katze“, lacht Herr Hölle.
 

Wie es scheint, ist der Tag um, und auch Rosmarins Glück steckt schnell fest, da er wie immer sein Unglück hat: ein loses Brett am Fußboden, eine Lampe, die auf ihn fällt, und der Müllhaufen in seinem Zimmer, weil es als Lager verwendet wird.
 

„Der Tag war viel zu kurz“, jammert Rosmarin.

„Und Martin scheint seine Schuhe hier vergessen zu haben“, seufzt er und sammelt alle Klamotten von Martin auf – samt den verzauberten Schuhen.
 

„Vielleicht sollte ich das alles anziehen und mich einfach als ihn ausgeben“, denkt sich Rosmarin und überlegt lange. Er zieht das Hemd an, die Hose, und bewundert sich im Spiegel.

„Nur nicht die Schuhe“, denkt er sich und zögert dabei.
 

Herr Hölle präsentiert in der Zwischenzeit sein neues Haustier, was alle überrascht – besonders, da er dabei lächelt, womit alle die Katze einfach Grinsekatze taufen, da sie Herr Hölle ständig zum Grinsen bringt.

Und wenn sie nicht gestorben sind

Am frühen Morgen, noch bevor die Sonne richtig wusste, dass sie aufgehen sollte, verabschiedete sich Rosmarin von Swina.
 

Sie schlief noch halb, murmelte etwas Unverständliches und zog ihn kurz zurück, als wolle sie ihn festhalten.
 

„Ich komme wieder“, flüsterte er und küsste ihre Stirn.
 

Dann zog er Martins Kleidung an, setzte dessen selbstzufriedenen Gang auf und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
 

Es fühlte sich falsch an.

Aber falsch war Rosmarin gewohnt.
 

Herr Hölle war nicht begeistert. Ganz und gar nicht.
 

„WO WARST DU?“, donnerte seine Stimme, noch bevor Rosmarin auch nur den Mund aufmachen konnte.

„Ich habe dich überall gesucht. Überall! Sogar bei mir zu Hause! Weißt du, wie beleidigend das ist, wenn man seinen Diener im eigenen Bett vermutet?“
 

Rosmarin öffnete den Mund.

Kein Wort kam heraus.
 

„Aber eines muss man dir lassen“, fuhr Herr Hölle fort. „Deine Freundin ist bemerkenswert.“
 

Rosmarins Herz rutschte ihm in die Knie.
 

„Magnolia“, sagte Herr Hölle langsam. „Eine Frau mit Geschmack. Ehrgeiz. Haltung. Ich glaube, ich werde mich um sie kümmern.“
 

Er lächelte schief.
 

„Deine Dienste brauche ich nicht mehr.“
 

Ein zufriedenes Miau ertönte.

Die orangefarbene Katze saß geschniegelt neben ihm.
 

„Ich habe jetzt eine Katze“, erklärte Herr Hölle. „Sehr verlässlich. Und ehrlich.“
 

Plötzlich flackerte die Luft.
 

Glitzer rieselte.

Parfum.

Und dann stand sie da.
 

Die dicke Fee.
 

„Ach, jetzt tu doch nicht so überrascht“, sagte sie und wedelte mit der Hand. „Wir haben doch eine Abmachung.“
 

Herr Hölle verschränkte die Arme.
 

„Zwei Wünsche“, sagte die Fee. „Einer davon jetzt.“
 

Sie grinste breit und sah Rosmarin an.
 

„Du spielst etwas, das du nicht bist“, sagte sie. „Und das ist auf Dauer ungesund.“
 

Sie schnippte.
 

Es tat nicht weh.

Es war schlimmer.
 

Rosmarins Körper wurde leicht. Dann schwer. Dann still. Seine Füße verschwanden, seine Hände lösten sich auf, seine Stimme verlor sich, noch bevor sie ein Wort hätte formen können.
 

Wo er gestanden hatte, wuchs nun ein Busch.

Grün.

Duftend.

Echter Rosmarin.
 

Herr Hölle beugte sich interessiert vor.

„Praktisch“, sagte er. „Das passt gut in den Garten.“
 

Martin, die Katze, schnupperte kurz daran und nieste.
 

Noch am selben Tag begann Herr Hölle, Magnolia zu umwerben. Mit Geschenken, Schmuck, Versprechen — und Kräutern.
 

„Rosmarin“, sagte er beiläufig und reichte ihr ein Bündel.
 

Magnolia verzog angewidert das Gesicht.

„Dieses Kraut hasse ich.“
 

Sie reichte es weiter.
 

Swina nahm es.
 

Sie hatte Rosmarin vermisst.
 

Er war seit Tagen nicht nach Hause gekommen. Der Rosmarin erinnerte sie an ihn, also stellte sie ihn auf den Tisch.
 

Er sah, wie Swina wartete.

Wie sie hoffte.

Wie sie jeden Morgen zur Tür blickte, ob er endlich zurückkam.
 

Er sah, wie sie dicker wurde.

Wie die Leute tuschelten.

Und schließlich gebar sie Kinder.
 

Nicht eines.

Nicht zwei.

Bei Rosmarins Pech

waren es sieben auf einmal.
 

Manchmal setzte sie sich neben den Rosmarin, strich über seine Zweige und erzählte ihm von ihrem Tag — ohne zu wissen, dass er jedes Wort verstand.
 

Und wenn sie nicht gestorben sind,

dann lebt Rosmarin noch heute —

als nie verblühendes Kraut vor Swinas Tür, still, duftend und wachsam.
 

Und Martin lebt auch noch.

Faul.

Zufrieden.

Als glückliche Katze auf warmen Fensterbänken, gestreichelt von Herr Hölle, gefüttert ohne Arbeit, vom Glück getragen bis in die Schnurrhaare.



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