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Pure Morning

von

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In the shape of things to come


 

In the shape of things to come“

 

Placebo, „Every You, Every Me“

 

Die großen, fettgedruckten Lettern der riesigen Anzeige, die eine ganze Seite der Sonntagsausgabe der Yokohama Shimbun einnahm, sprangen jedem Leser unweigerlich ins Auge.

Geschäftsaufgabe“ war der lange Anzeigentext, der ohne ein einziges Bild auskam, überschrieben. Ohne Zweifel mussten dies die Abschiedsworte eines Geschäftsinhabers sein, der vermutlich nach Jahrzehnten voller harter Arbeit seinen Laden schweren Herzens aufgab. Unter dem großen, prägnanten Titel ging es in normaler Schriftgröße weiter:

 

„Wohlgesonnener Leser“, begann dieser Text, „da die Dinge kommen müssen, wie sie nun einmal kommen müssen, ist es nun an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ist es nicht verwunderlich, dass man davon spricht, ‚ein neues Kapitel aufzuschlagen‘? Als würde man annehmen, das eigene Leben sei ein Buch, ein Werk, das von jemandem geschrieben würde. Wenn dem so ist, so möchte ich fragen: Wer schreibt meine Geschichte? Schreibe ich sie nicht selbst? Was wird am Ende der Geschichte mit dem Helden – der diesem Gleichnis nach man selbst ist – geschehen? Oder ist man in seiner eigenen Lebensgeschichte nicht einmal die Hauptfigur, sondern lediglich ein Nebencharakter?

Es sind Fragen wie diese, die mich schon lange umtreiben, verehrter Leser. Daher kam ich zu dem Schluss, die Geschichte selbst in die Hand zu nehmen und selbst Geschichte zu schreiben, statt sie nur von einer unbekannten, ungreifbaren Entität schreiben zu lassen. Die Welt hat sich verändert. Die Welt ändert sich ständig und mir scheint, sie ändert sich nicht zu Gunsten dessen, was gut ist und schon immer gut war. Sollten wir nicht alle den Grundsatz haben, das Gute bewahren zu wollen? Mir scheint, die bloße Idee dessen ist vielen abhanden gekommen, von dem Tatendrang, dies zu tun, ganz zu schweigen.

Es erfüllt mich mit Trauer, dass es so weit kommen musste und dass wir auf diese Weise auseinander gehen müssen, vertrauter Leser. Gleichzeitig erfüllt es mich jedoch auch mit Freude, dass ein ganz neuer Lebensweg uns alle erwartet. Ja, in der Tat könnte man sagen, dass eine ganz neue Welt uns alle erwartet, nachdem wir derart viele und derart große Enttäuschungen hinnehmen mussten. Gewiss wird die unendliche Freude, die auf uns wartet, die vergangenen Sorgen und Nöte in Vergessenheit geraten lassen.

So verabschiede ich mich mit diesen Worten, freundlicher Leser, und hoffe, dass die Schönheit der Erinnerungen die Zeiten überdauern wird.“

 

„Was für eine seltsame Anzeige“, sagte Atsushi, der die Zeitung über Kunikidas Schulter hinweg gelesen hatte, mit verkniffenem Blick. „Da steht nirgends, um welches Geschäft es sich handelt.“

Kunikida schlug die Zeitung zu und legte sie auf seinem Schreibtisch ab. Die beiden waren an diesem Sonntag die Einzigen, die sich in der Detektei aufhielten, alle anderen hatten sonntags (im Normalfall) ihren freien Tag. Am Vortag hatte Kunikida jedoch geäußert, dass er Dazais sich auftürmenden Papierberg abarbeiten musste und deswegen an seinem freien Tag herkommen würde. Atsushi hatte das sogleich leid getan und daher hatte er beschlossen, ihm so gut es ging zu helfen und ihm eine kleine Stärkung mitzubringen. Die zwei hatten den ganzen Tag einträchtig die Berichte und Dokumente des genialen, aber sehr, sehr, sehr (Kunikida hatte etwa zwei Dutzend „Sehrs“ angehangen) faulen Kollegen geschrieben, korrigiert und abgeheftet, bis die Sonne anfing, unterzugehen. Kunikida hatte ein paar Schreibarbeiten für Dazai übrig gelassen, um – wie er es ausdrückte – dem berüchtigten Tunichtgut erstens nicht alle Arbeit abzunehmen („DAS IST GENAU DAS, WAS ER WILL!! UND ER DARF NICHT GEWINNEN!!“) und zweitens, um ihm eine Lektion in Sachen Fleiß zu erteilen („VON NICHTS KOMMT NICHTS!! MERK DIR DAS, ATSUSHI!!“). Atsushi nahm an, dass er einzig aus dem Grund angeschrien wurde, da der gestresste Blonde sauer auf Dazai war.

Nachdem sie Dazais „Papierfuji“ (den Namen hatte Atsushi sich einfallen lassen) auf eine kleine Papiererhebung reduziert hatten, hatten sie sich die Delikatessen, die Atsushi vorher unten im Café geholt hatte, gegönnt. Lucy hatte ihnen alles fein säuberlich in Bentoboxen angerichtet und Atsushi in einem mehrmals eindringlich darauf hingewiesen, dass sie die wertvollen, mit Lack und Goldstaub verzierten Boxen heil wieder zurückbekommen musste, da sie dem Café gehörten.

„Wieso glaubst du, wir würden sie kaputt machen?“, hatte er sie perplex gefragt. Hielt sie ihn etwa für einen Chaoten? Färbte Dazai auf ihn ab, ohne dass er es selbst bemerkte?

„Weil bei euch ständig etwas los ist und ich will die Bentoboxen nicht mit Einschusslöchern wiederbekommen, ist das klar?“, hatte die Rothaarige ihm resolut erklärt. Lucys Laune hatte sich aber gleich darauf gebessert, als Atsushi ihr versicherte, höchstpersönlich die Boxen am Montagmorgen zurückzubringen. Weil die Betreiber des Cafés für den heutigen Abend andere Pläne hatten, hatte das Café nun bereits geschlossen und Atsushi die mittlerweile leeren Kisten sorgsam auf seinem eigenen Schreibtisch platziert. Nach dem Essen hatte Kunikida, grummelnd, dass er wegen dieser „arbeitsscheuen Mischung aus Mensch und Mumie“ noch nicht dazu gekommen war, die Zeitung zu lesen, das Blatt aufgeschlagen und studiert.

„Atsushi“, sagte Kunikida nun mit seiner Oberlehrerstimme, nachdem der Junge die merkwürdige Annonce kommentiert hatte, „als Detektiv musst du stets um die Ecke denken. Dir ist aufgefallen, dass etwas an dem Inserat seltsam ist, das ist löblich. Aber!“ Er drehte sich ruckartig dem silberhaarigen Jungen zu, der prompt überrumpelt zusammenzuckte. „Du gehst davon aus, dass es sich hier um ein normales Geschäft handelt.“

Überfragt blinzelte Atsushi ihn an. „Tut es das nicht?“

Streng schüttelte Kunikida den Kopf. „Wenn es sich um ein normales Geschäft handeln würde, würde dir die Anzeige nicht komisch vorkommen. Ein normales Geschäft würde seinen Namen und den des Inhabers nennen. Vielleicht sogar die ursprüngliche Adresse.“

„Ja, das ist wahr …“

„Das heißt also“, Kunikida fuhr in seinem belehrenden Tonfall fort, „derjenige, der die Anzeige aufgegeben hat, will nicht, dass man weiß, um wen es sich handelt.“

„Äh … ah … aha?“

„Sag nicht ‚aha‘, wenn du es nicht verstanden hast.“

„Nein, Entschuldigung!“ Atsushi geriet ins Schwitzen. An einem Tag, an dem Kunikida eh nicht die beste Laune hatte, durfte er nicht so schwer von Begriff sein und ihn damit noch mehr reizen (und Kunikida war selbst an Tagen mit besserer Laune leicht zu reizen).

Sein Gegenüber seufzte und fuhr damit anscheinend seinen eigenen Puls herunter, denn plötzlich sprach er um Längen ruhiger. „Ich sehe schon. Dazai hat sich bei deiner Ausbildung noch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ich sollte nicht überrascht sein. Vielmehr sollte ich mich bei dir entschuldigen, da ich vergessen habe, dass man Dazai STÄNDIG UND ÜBERALL hinterher räumen muss.“ Kunikida atmete kurz durch, um wieder die Fassung zurückzugewinnen. „Wenn etwas so vage formuliert ist, dann meistens aus dem Grund, dass der Urheber etwas verbergen will. Bei diesem Geschäft könnte es sich zum Beispiel um eine Organisation aus der Unterwelt handeln, die sich mit diesen Worten zurückzieht und so ihre Mitglieder und Geschäftspartner informiert.“

„Oh!“, machte der wissbegierige Jüngere verblüfft. „Darauf wäre ich tatsächlich nicht gekommen. Aber … woher wissen die Mitglieder und Geschäftspartner, wer diese Anzeige verfasst hat?“

„Wahrscheinlich durch Codewörter, die sie vorher vereinbart haben. Hast du gesehen, dass manche Wörter wiederholt wurden?“

Atsushi nickte. Er erinnerte sich daran, dass „Geschichte“ und „Welt“ immer wieder vorgekommen waren.

„Eine zweite Möglichkeit“, erklärte Kunikida weiter, „ist, dass der ganze Text eine verschlüsselte Botschaft ist. Es könnte sich dabei also auch um einen Aufruf irgendeiner Organisation oder Sekte an ihre Mitglieder handeln. Ich muss allerdings zugeben, dass ich in diesem Fall nicht herauslesen kann, wozu genau sie aufgerufen werden, falls dem so ist.“

Die letztere Idee gefiel Atsushi augenscheinlich nicht. Sollte Lucys Warnung wegen der Bentoboxen am Ende ein schlechtes Omen gewesen sein? Er schüttelte sich kurz. Nein. Das klang ja fast paranoid, was er da dachte.

„Meinst du Ranpo oder Dazai sollten sich diesen Text einmal ansehen?“, fragte er, nicht zuletzt, um sich selbst zu beruhigen.

Kunikida griff sich die Zeitung und stand seelenruhig auf. Er schien nicht schwer beunruhigt zu sein. „Ich habe keine Ahnung, wo dieses Abziehbildchen eines Menschen steckt, er war gestern schließlich schon nicht im Büro und auch nicht in seiner Wohnung. Aber ich werde sicherheitshalber bei Ranpo vorbeigehen und ihm dieses Inserat zeigen.“

„Das klingt nach einer guten Idee.“ Wenn Ranpo deswegen nicht Alarm schlug, gab es keinen Grund zur Sorge. Mit diesem guten Gefühl gestärkt, nahm Atsushi Anlauf, Kunikida etwas potenziell Heikles zu fragen:

„Ach, Kunikida …“ Er zögerte. „Ist es … ist es eventuell möglich, dass Kyoka und ich am nächsten Samstag frei bekommen könnten?“

„Hmm?“ Eine von Kunikidas Augenbrauen bewegte sich gefährlich nach oben.

„Ähm, also … weil … Kyoka war niedergeschlagen, da sich der Todestag ihrer Eltern am Samstag jährt und … und ich wollte sie unbedingt aufheitern und … und da habe ich … habe ich ihr versprochen, wir würden uns den Samstag frei nehmen und dann etwas Schönes machen.“ Atsushi spürte, wie der Schweiß seine Stirn und seinen Rücken hinunterlief, während er Kunikidas strengem Blick ausgesetzt war.

„So ist das also.“ Der Ältere schob seine Brille hoch.

„W-was meinst du?“

„Ich bin wirklich enttäuscht, Atsushi. Wirklich enttäuscht.“

„W-wieso??“ Der Junge schluckte.

„Du hast mir heute nur deine Hilfe angeboten, damit du für Kyoka und dich einen freien Tag herausschlagen kannst? Ich lag wieder falsch. Du hast wohl doch schon einiges von Dazai gelernt.“

„W-was?? N-nein! Nein, das war nicht-“

„Sag jetzt besser nichts mehr, Atsushi.“ Kunikida seufzte erneut. „Nun, es lässt sich nicht leugnen, dass du mir heute geholfen hast. Und Yosano würde mich wortwörtlich vierteilen, wenn sie erfährt, dass ich mich nicht für Kyokas mentale Gesundheit eingesetzt hätte. Also … meinetwegen. Solange kein großer Auftrag anfällt, könnt ihr den Tag frei haben.“

Atsushi war es ein wenig kalt den Rücken hinuntergelaufen, als Kunikida das „wortwörtlich“ dermaßen betont hatte. Oh ja. Das würde Yosano tun. Und er wollte gar nicht näher darüber nachdenken, wie genau sie das tun würde. Er verbeugte sich vor dem Kameraden.

„Vielen, vielen Dank, Kunikida! Ich mache es auch irgendwie wieder gut! Ganz bestimmt! Versprochen!“

„Sorge dafür, dass Dazai sich nicht ständig freinimmt.“

„… In Ordnung?“

„Sag nicht ‚in Ordnung‘, wenn ich praktisch unmögliche Dinge von dir verlange!“ Der Brillenträger räusperte sich. „Aber du könntest versuchen, ihm ein schlechtes Gewissen wegen der Extraarbeit, die wir seinetwegen hatten, zu machen. Wobei … das klingt nach verlorener Liebesmüh.“

„Ich werde versuchen, ihm ins Gewissen zu reden, wenn ich ihn treffe“, sagte Atsushi so voller aufrichtiger Überzeugung, dass es Kunikida fast ein bisschen rührte. Er hatte dem Jungen wohl ein wenig Unrecht getan.

„Lass uns für heute nach Hause gehen.“ Er klemmte sich die Zeitung unter den Arm und verließ zusammen mit Atsushi das Detektivbüro.
 

Since we’re feeling so anaesthetized in our comfort zone


 

Since we’re feeling so anaesthetized

In our comfort zone“

 

Placebo, „The Bitter End“

 

Kaum hatte Atsushi – die Bentoboxen vorsichtig in einem Arm haltend – an diesem sonnigen Morgen die Tür des Cafés geöffnet, hörte er Lucys langes und tiefes Seufzen.

Hatte sie wegen der verliehenen Boxen schon Ärger bekommen? Hätte er heute früher kommen sollen, um sie zurückzubringen? Atsushi hechtete so rasch nach vorne, dass ihm beinahe eine der Boxen heruntergefallen wäre.

„Vorsicht!“, meckerte Lucy umgehend und nahm die fast zu Boden gegangene Kiste entgegen.

„Entschuldige!“, sagte Atsushi schnell.

„Renn nicht wie ein Irrer mit den teuren Bentoboxen rum, dann musst du dich auch nicht entschuldigen.“

„Entschu-… ich meine, ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich sie so spät zurückbringe.“

„Häh?“ Lucy stellte beide Kisten auf dem Tresen ab und stemmte mit kritischem Blick eine Hand in die Hüfte. „Es ist was? Fünf nach acht? Sowohl die Detektei als auch wir haben erst seit ein paar Minuten geöffnet. Wie wolltest du sie noch früher zurückbringen?“

„Ähm …“ Ratlos blinzelte er sie an. „Ich dachte nur, du hättest vielleicht schon Ärger deswegen bekommen.“

„Häh?“ Ihr Blick wurde noch eine Spur kritischer. „Wieso sollte ich? Ich habe die Betreiber vorher gefragt, ob ich euch die guten Boxen geben darf und ob es in Ordnung ist, wenn wir sie heute zurückkriegen.“ Lucy konnte nicht verhindern, dass sie leicht rot im Gesicht wurde, als sie sich daran erinnerte, wie das Gespräch mit ihren Chefs tatsächlich abgelaufen war. Sie hatte gefragt, ob sie eine der guten Bentoboxen für einen der Detektive verwenden dürfte - und daraufhin hatte das Ehepaar, das das Uzumaki betrieb … gekichert.

Für einen der Detektive, hatten sie augenzwinkernd nachgehakt. Etwa einen besonderen Detektiv? An diesem Punkt hatte Lucys Teint sich dem Ton ihrer Haare angeglichen und sie hatte wild mit den Händen wedelnd um eine zweite Box gefragt. Zuvor hatte sie sich natürlich nur versprochen gehabt.

„Oh, okay“, entgegnete Atsushi verwirrt. Er hatte die Situation wohl falsch gedeutet. Zerknirscht erinnerte er sich daran, dass das am Vortag mit der Anzeige schon einmal passiert war. Ein toller Detektiv war er. Wenigstens einmal wollte er auch einen richtigen Schluss ziehen. Er seufzte innerlich – und musste feststellen, dass das gar nicht so innerlich gewesen war.

„Alles in Ordnung, Tigerkätzchen?“ Mit einem Mal sah Lucy ihn nicht mehr so streng an.

„Bei mir? Ja, es ist nichts.“ Er lächelte, um nicht durchscheinen zu lassen, dass ihn wieder einmal Selbstzweifel überkommen hatten. „Und bei dir?“

„Bei mir ist alles bestens.“ Die Rothaarige wandte verdächtig ihren Blick ab.

„Bist du dir sicher? Ich habe eben beim Reinkommen gehört, wie du so laut geseufzt ha-“ Er verstummte schlagartig, als sie sich ihm wieder zuwandte und ihr Blick ziemlich eindeutig verriet, dass er besser nichts gesagt hätte.

„Ich weiß nicht, was du gehört haben willst“, fauchte sie, „aber mir geht es bestens! BESTENS!“

Atsushi machte vor Schreck einen Schritt zurück. „D-das wollte ich sicher nicht in Frage stellen. Ich-ich dachte nur, wenn dich etwas bedrückt, dann-dann kannst du es mir sagen. Das weißt du doch.“ Er nickte ihr aufmunternd zu und Lucys Wut verdampfte erneut in Sekundenschnelle. Sie blickte ihn für einen flüchtigen Moment stillschweigend an, schluckte und … änderte ihre Stimmung genauso schnell wieder.

„Ja ja, das sagst du oft und gerne, aber steckt da auch mehr dahinter als große Töne?“

„Selbstverständlich!“

Die junge Frau zuckte fast ein wenig zusammen. Es war selten, dass Atsushi so energisch war.

„Ich weiß“, fuhr er fort, „dass es dir schwer fällt, anderen – oder vielleicht auch nur mir – zu vertrauen. Aber ich gebe dir mein Wort! Wenn ich etwas tun kann, um dir zu helfen, dann werde ich das auch tun! Versprochen!“

Lucy spürte einen neuen Anfall von Röte über ihr Gesicht kommen und räusperte sich. „Also … es ist … ach, vergiss es, es ist nichts.“

Sie machte große Augen, als Atsushi sie weiterhin mit diesem entschlossenen Blick fixierte.

„Wenn ich irgendwie helfen kann, dann lass mich bitte helfen.“

„Es ist wirklich nur eine Kleinigkeit. Keine große Sache.“ Lucy war kurz davor, sich mit einer Hand Luft zuzufächern.

„Umso besser!“ Atsushi nickte abermals. „Dann schaffe ich es bestimmt, dir zu helfen! Sag einfach, was los ist!“

„Ich habe zwei Tickets für den Zirkus gewonnen!“, entfuhr es ihr plötzlich.

„Huh?“ Atsushis Elan sank von hundert auf null in unter einer Sekunde. „Äh, ja, und?“

„Ich habe niemandem, mit dem ich dorthin gehen kann, du Schwachkopf!“

„Aber es ist dir wichtig, dorthin zu gehen?“

„Natürlich! Ich habe schließlich noch nie einen gesehen!“

„Noch nie?“

„Nein!“

„Ich auch nicht.“ Der silberhaarige Junge legte nachdenklich den Kopf schief. Dann schlug er mit einer Faust auf seine flache Hand. „Ich hab’s! Ich würde mitkommen – wenn du nichts dagegen hast.“

„Würdest du wirklich– ich meine, ich wäre damit einverstanden. Aus Mangel an Alternativen. Und es wäre doch schade, die Karten verfallen zu lassen. Wo ich doch auch zum ersten Mal etwas gewonnen habe.“ Lucy verschwieg, dass sie etwa ein dutzend Mal an der Straßentombola teilgenommen hatte, ehe sie den Preis erhalten hatte. Sie hatte die Tombola für diesen Zirkus, dessen reguläre Tickets schon im Vorfeld ausverkauft gewesen waren, gesehen und sich umgehend vorgestellt, wie sie mit … jemandem zusammen in den Zirkus gehen würde. Ihr Seufzer, den Atsushi mitbekommen hatte, war ein Ausdruck dessen gewesen, dass sie sich bewusst geworden war, wie schwierig es werden würde, … jemanden zu fragen, ob er mit ihr dahin gehen würde.

Nun ja, unterm Strich war jetzt doch alles zu ihren Gunsten verlaufen. Sie übergab Atsushi sein Ticket und untersuchte die Bentoboxen sicherheitshalber doch noch auf Einschusslöcher.

 

Auf dem Weg zurück in die Detektei steckte Atsushi das Ticket behutsam in seine Hosentasche. Selig, dass er Lucy so leicht hatte helfen können, strahlte er noch wie ein Honigkuchenpferd, als er das Büro betrat.

„Da hat aber jemand gute Laune“, begrüßte Tanizaki ihn, der wie alle anderen Anwesenden heute zum großen, vierteljährlichen Aufräumtag angetreten war.

Es war nicht schwer zu erraten, auf wessen Initiative dieser Tag zurückging. Um einen noch effektiveren Ablauf zu gewährleisten wollte Kunikida nun jedes Quartal einen Tag zum Aufräumen und Schließen alter Akten aufwenden. Auf diese Weise sollte das Büro nicht nur ordentlicher sein und wirken, sondern auch sichergestellt werden, dass alle Berichte ohne Verzögerung fertiggestellt würden. Allen war klar, dass ein solcher Plan vor allem darauf abzielte, dass Dazai effektiver arbeiten sollte, aber … Dazai war bislang noch nicht einmal da. Und irgendwie hatte Atsushi erhebliche Zweifel, dass er sich an einem solchen Tag im Detektivbüro blicken lassen würde.

„Oooh, Atsushi, du siehst aus wie ich, wenn ich meinem Bruderherz ein Bad einlasse“, quietschte Naomi vergnügt, während der besagte Bruder dunkelpink anlief.

„Naomi, zu viele Informationen“, würgte Kunikida sie ab. „Darüber haben wir doch gesprochen.“

Die Schülerin schüttelte den Kopf. „Du hast gesagt, ich darf bestimmte Sachen nicht mehr ausdrücklich erwähnen. Ich habe weder die Worte ‚nackter Körper‘ noch ‚Badeschaum‘ noch ‚abrubbeln‘ verwendet. Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“

„Ja genau, Kunikida“, gluckste Yosano amüsiert. „Wie kannst du einem unschuldigen Mädchen den Mund verbieten? Oh, Tanizaki, vergiss das Atmen nicht, in deinen pinken Teint mischt sich gerade etwas viel Blau.“

„Armes Brüderchen.“ Naomi rieb ihrem Bruder über den Rücken und machte seine Lage damit nur noch schlimmer.

„Tanizaki, niemand wird hier ohnmächtig, bevor wir fertig sind“, wies Kunikida ihn mitleidslos zurecht. „Es ist schon schlimm genug, dass Dazai mal wieder glaubt, er wäre von bestimmten Aufgaben befreit.“

Dezent peinlich berührt, ging Atsushi zu seinem Platz zurück, um dort seine fertigen Dokumente weiter zu sortieren und abzuheften. Kenji und Kyoka waren bereits im Archiv im Kellergeschoss, um dort Platz für die neuen Akten zu machen. Ranpo war … zumindest physisch anwesend. Wie so oft stellte niemand in Frage, dass der große Meisterdetektiv von bestimmten Aufgaben befreit war. Ranpo saß an seinem Platz und war in ein Videospiel vertieft. Da Ranpo seine Berichte nicht selber schrieb, sortierte er auch nichts selber. Atsushi wusste, dass Haruno später dazukommen würde, um dies neben ihren eigenen Aufgaben zu tun. Inzwischen wusste er auch, dass Fukuzawa der tatkräftigen Sekretärin mehr als das Doppelte des üblichen Gehalts zahlte – was jeder der Detektive mehr als gerechtfertigt empfand.

Sorgfältig hatte sich Atsushi an seine eigenen Akten begeben, als er plötzlich Kunikidas Blick auf sich spürte.

„Mache ich etwas falsch?“, fragte der Junge daher.

„Nein“, antwortete der Blonde und bedachte ihn dabei mit einem gleichermaßen skeptischen wie fragenden Blick. „Aber wieso in aller Welt hast du so gute Laune? Man könnte meinen, Lucy hätte dir eben ein Aufputschmittel verabreicht. Das hat sie doch nicht … oder?“

„Das können wir leicht testen!“, rief Yosano herüber und leckte sich unnötigerweise über die Lippen.

Für solch einen Test musste man doch nicht aufgeschnitten werden! … Oder?

Atsushi schüttelte vehement den Kopf, um Kunikidas Vermutung zu verneinen und das Bild von einer grinsenden Yosano mit einem Skalpell in der Hand loszuwerden.

„Lucy hat mir etwas anderes gegeben“, erwiderte Atsushi zügig.

„Oho!“, warf Yosano wieder ein. „Jetzt wird es spannend!“ Sie zwinkerte Tanizaki zu, der gerade erst wieder blassrosa im Gesicht geworden war und nun wieder ruckzuck pink leuchtete.

„Neinneinneinnein!“ Atsushi schüttelte seinen Kopf noch heftiger. Wieso sprang sie gleich zu derartigen Annahmen?? Ach, was fragte er sich das überhaupt? Er kannte seine Kollegen doch inzwischen alle mehr als gut. Eigentlich konnte ihn nichts mehr überraschen. Blitzschnell zog er das Zirkusticket aus seiner Hosentasche und hielt es Kunikida hin. „Sie hat mich in den Zirkus eingeladen.“

„Es ist ein Zirkus in der Stadt?“, hakte die Ärztin interessiert nach.

„Ja, dieser ziemlich exklusive, internationale Zirkus“, beantwortete Tanizaki die Frage. „Sie sind nur für ein paar Vorstellungen in Japan und dann auch nur hier in Yokohama. Die Tickets sind seit Wochen ausverkauft.“

Atsushi blinzelte bei diesen Informationen. Er hatte ja keine Ahnung gehabt, wie besonders die Karte war, die er von Lucy erhalten hatte! Und so ein außergewöhnlicher Zirkus wäre dann auch noch der erste, den sie beide jemals sehen würden.

„Atsushi.“

Er wurde von Kunikidas nüchterner Stimme aus seinen Gedanken gerissen.

„Hmm?“

„Dieses Ticket …“, sagte Kunikida weiter und hatte dabei einen beinahe tadelnden Unterton, „ist für eine Vorstellung am Samstag. An diesem Samstag.“

„Ist es?“, entgegnete Atsushi, ahnungslos, wieso der Andere dies dermaßen betonte. Mit einem Mal riss der Silberhaarige die Augen weit auf. „DIESEN Samstag?“ Zum ersten Mal besah er sich die Eintrittskarte in seinen nun zitternden Händen. Kein Zweifel. Auf dem Ticket stand das Datum für den kommenden Samstag. Den Samstag, den er Kyoka versprochen hatte.

„Es liegt mir fern, mich bei deinen persönlichen Angelegenheiten einzumischen.“ Kunikida schüttelte enttäuscht den Kopf. „Aber wenn du zu einem zweiten Dazai wirst … muss ich dich leider töten.“

Während Atsushi weiß wie eine Wand wurde, schauten ihn die anderen (mit Ausnahme von Ranpo) verwundert an.

„Wieso zweiter Dazai?“, fragte Naomi. „Was ist denn das Problem?“

Atsushi sah sich nicht in der Lage zu antworten. Was würden die anderen von ihm denken, wenn sie wüssten, dass er-

„Atsushi hat sich für Samstag sowohl mit Kyoka als auch mit Lucy verabredet“, ertönte es gelangweilt hinter der tragbaren Spielkonsole.

„Oho! Jetzt wird es spannend!“, kam es erneut von Yosano, die dieses Mal aber hinterher ernst wurde. „Dann musst du dich aber beiden Mädchen gleichermaßen widmen.“

„Yosano, hatten wir dieses Gespräch nicht auch schon einmal?“, wandte Kunikida sich sichtlich und hörbar resigniert an die Ärztin, die davon unbeeindruckt blieb.

„Ich weiß es nicht mehr. Komm in mein Arztzimmer und erklär es mir noch einmal … wenn du dich traust.“

Angesichts des Funkeln in ihren Augen schluckte Kunikida. „Ich lasse dir ein Memo zukommen.“

„Tsk tsk tsk“, machte derweil Naomi. „Jetzt bin ich aber enttäuscht. Ich dachte, du wärst ein netter Junge, Atsushi.“

„D-das bin ich auch! Ich meine, ich bin … ich wollte nicht …“, wehrte der unter Beschuss geratene junge Mann sich endlich. „Das ist ein Versehen! Wirklich!“

„Was willst du denn jetzt machen?“ Einzig Tanizaki schien seine Notlage zu verstehen.

„Ich-ich weiß es nicht! Was soll ich jetzt machen?? Wie soll ich ihnen das erklären??“ Vor seinem inneren Auge sah er bereits, wie Weißer Dämonenschnee ihn zerteilte – wenn er nicht vorher von Anne in ihren Raum gesperrt würde.

Das sah ziemlich schlecht für ihn aus.

Und wenn er Kyoka einfach mitnehmen würde?

Ah! Nein! Der Zirkus war ausverkauft.

Eine Karte vom Schwarzmarkt vielleicht? Aus irgendeinem Grund konnte sich Atsushi problemlos vorstellen, dass Dazai ihm da weiterhelfen könnte, aber … nein. Der Schwarzmarkt war ihm doch etwas zu ungesetzlich. Er wollte sich nicht ausmalen, was für dubiose Gestalten sich da wohl herumtrieben. Und bei seinem Glück würde er nur wieder in irgendwelchen Ärger geraten. Zudem hatte er das Gefühl, dass es keine gute Idee war, die Mädchen zusammen auszuführen.

Wie konnte ihm so etwas passieren? Wie konnte er in so einen Schlamassel geraten? Er hielt sich doch eigentlich für einen aufmerksamen und vor allen Dingen aufrichtigen Menschen.

Dazai färbt nicht unbewusst auf mich ab … oder??

Erschrocken hörte er Schritte herannahen. „Bitte behaltet das erst einmal für euch!“, flehte er die anderen eindringlich an, bevor die Tür aufging und Kenji und Kyoka hereinspazierten.

„Es ist jede Menge Platz im Keller!“, verkündete Kenji vergnügt und ohne die merkwürdige Atmosphäre im Büro zu bemerken. Im Gegensatz zu Kyoka, die diese sofort spürte.

„Ist etwas vorgefallen?“

„… Nein?“, presste Atsushi panisch hervor und erweckte somit nur noch mehr Misstrauen. Er schämte sich für seinen Fehler und dafür, dass er Kyoka jetzt anlog.

„Nichts weiter“, kam ihm überraschend Yosano zu Hilfe. „Nur das Übliche. Hier ist ja selten etwas los.“

DAS war wohl die größte Untertreibung, die er je gehört hatte, aber für den Moment war ihm das gleichgültig.

Kyoka durchbohrte ihn fast mit ihrem Blick, während ihm der Schweiß auf der Stirn stand. Zu seinem unfassbaren Glück (für das er sich ebenso schämte), zog Kyoka die falschen Schlüsse.

„Geht es um diese Anzeige von gestern? Ist Ranpo doch etwas daran aufgefallen?“

Atsushi hatte ihr gestern Abend, nachdem er nach Hause gekommen war, davon und von seinem Gespräch mit Kunikida erzählt. Sie hatte ihn beruhigt, dass wenn Kunikida sich deswegen nicht mehr meldete, wohl kein Grund zur Panik bestand. Und da Kunikida sich in der Tat nicht mehr gemeldet hatte, hatte Atsushi die Anzeige komplett vergessen.

„Ach ja, Ranpo“, begann Atsushi daher, „hast du dir die Anzei-“

Irritiert bemerkte er nun, wie Kunikida mit den Händen wedelte und ihm signalisierte, leise zu sein.

Äh … huh? Was hatte das jetzt schon wieder zu bedeuten?

Seine Augen wanderten zu Ranpo, der seine Spielkonsole ein Stück herabsenkte, sodass man seinen Blick erkennen konnte.

Oje.

Ranpo sah alles andere als glücklich aus.

Wirklich alles andere als glücklich.

„KUNIKIDA!“, erschallte es motzend von dem Meisterdetektiv. „Ich hatte dir gesagt, ich will davon nichts mehr hören!!“

„Ja, entschuldige vielmals, Ranpo“, bat der nun auch ins Schwitzen geratene Idealist ihn um Verzeihung. „Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass Atsushi noch einmal nachfragt.“

„Was für eine Anzeige?“, fragte Kenji, Ranpos unterirdische Laune entweder nicht bemerkend oder ignorierend.

Panisch wedelte Kunikida erneut mit den Händen, um dem Jungen klarzumachen, dass er das Thema fallen lassen sollte.

„Versuchst du, Mücken zu verjagen, Kunikida?“ Kenji blinzelte ihn an. „So ist das aber nicht effektiv.“

„Ranpo wirkt genervt, oder?“ Kyoka blickte von dem Meisterdetektiv zu den anderen.

‚Rumms!‘

Mit einem lauten Knall pfefferte Ranpo die Spielkonsole auf seinen Schreibtisch. „Ich werde das Folgende jetzt nur ein einziges Mal sagen, also hört bloß gut zu! Dem Nächsten, der diese Anzeige erwähnt, hänge ich irgendeine Straftat an, sodass derjenige ins Kittchen wandert! Habe ich das einfach genug ausgedrückt?!“

Der Hochsommer war längst vorbei, doch in diesem Moment konnte man in der gespenstisch still gewordenen Detektei Grillen zirpen hören.

Nach ein paar Sekunden absoluter Stille räusperte sich Kunikida.

„Also, Yosano, waren das alle Berichte aus dem Arztzimmer?“

„Ja. Ich habe noch meine persönliche Statistik drangehangen, mit wem ich im letzten Quartal wie oft und weswegen das Vergnügen hatte.“

„… Ich weiß nicht, ob das einen Mehrwert hat, aber danke für die Mühe“, bemühte sich Kunikida die Konversation aufrecht zu erhalten und vor allem von Ranpo wegzubewegen. Dieser hatte sich wieder hinter sein Videospiel zurückgezogen.

„Oh, das hat einen Mehrwert!“, erwiderte die Ärztin unangemessen fröhlich. „Ich finde, Tanizaki hat als Spitzenreiter irgendeinen Preis verdient!“

Der Erwähnte zuckte zusammen und machte den Eindruck, am liebsten unter seinen Schreibtisch kriechen zu wollen, um sich dort zu verstecken. „N-nein, danke, i-ich brauche keinen Preis.“

„Tapferes Brüderchen.“ Naomi tätschelte seinen Kopf und ging in ein mindestens so unangebrachtes Streicheln seiner Haare über.

Atsushi hatte sich derweil wieder seinen Berichten gewidmet, als er Kyokas fragenden Blick auf sich spürte. Sie stand ganz dicht neben ihm und wartete offensichtlich noch auf eine Antwort. Der silberhaarige Junge hatte gehofft, das übliche Geschehen im Büro hätte sie davon abgebracht, weiter nachzuhaken, doch dem schien nicht so zu sein.

Was sollte er ihr jetzt sagen, ohne sie weiter anlügen zu müssen? Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass noch irgendeine Ablenkung auftauchen würde, die ihm etwas Aufschub geben konnte?

„Die Post ist da!“

Die Tür ging auf und Haruno trat, den Arm voller Briefe und Zeitschriften, ins Büro.

„Die hier sehen alle mal wieder nach an dich adressierten Rechnungen aus“, sagte die Sekretärin zu Kunikida und übergab ihm einen dicken Stapel Briefe. Grollend nahm dieser sie entgegen. „Ich weiß, dass das alles nur zu Dazais Plan gehört, mich in den Wahnsinn zu treiben.“ Umgehend und mit einer gewissen Routine sortierte er den Stapel in verschiedene Kategorien: Dinge, die Dazai kaputt gemacht hat, Dinge, die Dazai auf Kunikidas Rechnung gekauft hat, Dinge, die Kunikida wegen Dazai kaputt gemacht oder gekauft hat.

„Wenn jemand ins Kittchen wandern sollte, dann dieser brünette Wirrkopf, dessen einziges Hobby darin besteht, mir das Leben schwer zu machen!“, grummelte der Brillenträger, während Haruno schnell zum nächsten Platz eilte. Sie gab Yosano eine schon vom Titelbild her kompliziert aussehende medizinische Fachzeitschrift und trottete weiter zu Ranpo. Sie legte ihm seine abonnierte Jugendzeitschrift auf den Tisch, die voll war von Abenteuergeschichten und Mangas („Immerhin liest er etwas“, hatte Fukuzawa dazu einmal gesagt und ein wenig so resigniert wie Kunikida dabei ausgesehen) und stutzte.

„Oh, hier ist noch ein Brief für dich.“

Bei diesem Stichwort drehte sich alle Köpfe wieder zu Ranpos Platz um, denn das kindische Genie bekam sonst praktisch nie einen Brief.

„Hm?“ Ranpo stutzte gleichermaßen, legte sein Spiel beiseite, nahm den Brief und riss den Umschlag auf, nachdem er keinen Absender darauf hatte ausmachen können.

Gespannt beobachteten die anderen, wie Ranpo das Schreiben las. Ein Brief ohne Absender war höchst verdächtig. Im besten Fall, so wollte sich Atsushi zügig beruhigen, war es nur wieder irgendein Rätsel von Poe.

Ranpos Reaktion zeigte ihm und der restlichen Detektei, dass dem nicht so war.

„Dieser verdammte … argh!“ Zum Erstaunen aller sprang Ranpo auf und zerknüllte dabei den Brief. „Nein! Nein! Nein! Darauf habe ich keine Lust! Wieso taucht der plötzlich wieder auf?? Was denkt der sich??“ Er stampfte mit dem Fuß auf und zog eine Schnute. „Haruno! Mach du das!“

„Huh? W-wie bitte? Was soll ich machen?“ Die überrumpelte Frau bekam von ihm den Brief in die Hand gedrückt.

„Haruno, tut mir leid, dich darum bitten zu müssen“, sagte Kunikida vorsichtig, „aber könntest du uns sagen, um was für einen Brief es sich handelt? Ich bitte dich, Ranpo, mir keine Straftat anzuhängen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass du gestern Abend in der gleichen Weise auf diese Zeitungsanzeige reagiert hast, würde ich nun gerne wissen, was los ist.“

Ranpo kreuzte die Arme vor der Brust und schmollte, sodass alle Blicke auf Haruno ruhten, die zaghaft den Brief auseinanderknüllte und ihn vorzulesen begann:

Wagemutiger Leser!“

Atsushi spürte, wie bei diesem Anfang sein Puls sich beschleunigte. Und auch Kunikidas Miene wurde unverzüglich bitterernst.

Da die Gefahr besteht, dass du meine Kontaktaufnahme auf anderem Wege ignorierst, wende ich mich persönlich an dich. Es ist undenkbar, dass du mich vergessen hast. Nein, dafür sind du und ich uns zu ähnlich. Ich kann mir vorstellen, dass du in deiner infantilen Art den Schein erwecken möchtest, mich vergessen zu haben. Unterlasse so etwas bitte. Es wäre ein Affront für uns beide, findest du nicht?

Bevor du es dir nun also in deiner komfortablen Lage zu bequem machst, möchte ich unser Spiel wieder aufnehmen. Wir sind beide besonders, wie du weißt. Das Schicksal hat uns zusammengeführt! Vergiss das niemals! Ein Unentschieden kann unmöglich ein zufriedenstellendes Ergebnis sein. Und du wirst kaum so töricht sein, zu glauben, du seist der Sieger.

Lass mich dir daher sagen, dass ich zurückgekommen bin, um diese stumpf gewordene Welt zu erwecken.

Ich werde mich bald wieder melden.

Mit den besten Wünschen

Ein großer Bewunderer“

Kaum hatte Haruno den Brief zu Ende vorgetragen, stürzte Atsushi aufgebracht zum Tisch des Meisterdetektivs.

„Das ist genau der gleiche Ton wie in dieser Anzeige! Von wem sind diese Sachen verfasst worden, Ranpo? Ist das jemand Gefährliches? Was ist mit Spiel gemeint? Du kennst den Verfasser, oder?“

Im Gegensatz zu dem Jüngeren war Ranpo die Ruhe selbst. Er schien nur mächtig angefressen zu sein.

„Überschlag dich nicht gleich, Atsushi.“ Der Schwarzhaarige zuckte mit den Schultern. „Wie ich schon sagte: Ich habe keine Lust auf dieses dumme Spiel.“

Baff starrte Atsushi ihn darauf an. Keine Lust? Hieß das, er selbst reagierte über? Er musste zugeben, dass das in der Vergangenheit vielleicht schon … sehr oft vorgekommen war.

„Ich habe auch ein paar Fragen!“, meldete sich Kenji zu Wort. „Warum waren da so schrecklich viele schwierige Wörter in dem Brief? Das hätte man doch auch alles viel einfacher ausdrücken können, oder nicht?“ Man konnte ihm anmerken, dass er sich nicht sicher war, alles verstanden zu haben.

„Der Kerl tut nur wahnsinnig gern so, als wäre er superschlau“, gab Ranpo meckernd zur Antwort. „Er und ich uns ähnlich? Pah! Für wen hält der Spinner sich?? Ich habe seinen irren Blick bis heute nicht vergessen! Und mich kann man ja wohl kaum als irre bezeichnen!“

Kyoka ließ ihren Blick über die älteren Detektive wandern, um eine Theorie zu bestätigen. „Ihr wisst auch nicht, von wem der Brief stammt. Sehe ich das richtig?“

Yosano schüttelte achselzuckend den Kopf. „Uns sind schon viele Irre begegnet, aber jemand der so geschwollen redet? Da klingelt bei mir nichts. Bei dir, Kunikida?“

Auch der Idealist schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht behaupten, den Inhalt des Schreibens verstanden zu haben.“

„Da bin ich aber beruhigt“, sagte Kenji, in der Annahme, Kunikida hätte die gleichen Passagen wie er nicht verstanden. „Was soll ‚Affront‘ überhaupt heißen?“

„Ein Affront“, alle erschraken, als die tiefe Stimme des Chefs erklang. Er war in der von Haruno nicht geschlossenen Tür erschienen und hatte offensichtlich mitbekommen, was geschehen war. „Ein Affront ist eine Beleidigung. Der Verfasser meint, es würde ihn und Ranpo kränken, wenn Ranpo ihn ignorieren würde.“

Fukuzawa trat zum Tisch seines ältesten Schützlings. „Und wir werden ihn auch nicht ignorieren. Wenn er erneut Unruhe stiften will, werden wir das unterbinden. Nicht wahr, Ranpo?“

Als Antwort erhielt er nicht mehr als ein undeutliches Gegrummel.

„Ah, Chef?“, fragte Tanizaki. „Über wen sprechen wir hier eigentlich?“

„Den ‚Teufel‘.“

„Teufel??“ Die gesamte Detektei starrte ihn verschreckt an.

„Jemand, der sich ‚Teufel‘ nennt“, erklärte Fukuzawa ruhig. „Es handelt sich dabei um einen Dieb von Kunstgegenständen, den wir in der Anfangszeit des Detektivbüros schon einmal verfolgt haben. Leider … ist er uns entwischt.“

„Er konnte Ranpo entwischen?“, hakte Atsushi verblüfft nach und bereute seine Wortwahl auf der Stelle.

„Er ist nicht MIR entwischt! ICH habe ihn gestellt! Die dusseligen Polizisten haben ihn entkommen lassen!“, empörte sich der beleidigte Meisterdetektiv lautstark.

„Er konnte fliehen, nachdem Ranpo ihn gestellt hatte“, erzählte Fukuzawa weiter. „Danach verlor sich jede Spur von ihm. Er war dafür bekannt, seine Diebstähle im Vorfeld anzukündigen, als würde er darin ein Spiel zwischen sich und der Polizei sehen. Dass Ranpo ihn damals hatte stellen können, hatte ihn tief beeindruckt und jetzt will er nach all den Jahren das Spiel wohl wieder aufnehmen – gegen Ranpo.“

„GEGEN RANPOS WILLEN!“, beschwerte sich eben dieser.

„Also, ein Dieb?“ Atsushi wirkte ein wenig erleichtert. „Gilt er als gewaltbereit?“

Zu seiner noch größeren Erleichterung deutete der Chef ein Kopfschütteln an. „Es gab zwar einige verletzte Polizisten und Zivilisten, jedoch waren das stets nur leichte Verletzungen gewesen.“ Fukuzawa wandte sich wieder seinem schmollenden Schützling zu. „Ich habe es dir gestern schon gesagt. Er wird kein Nein akzeptieren. Und wenn er wieder irgendwo zuschlagen will, dann werden wir ihn dieses Mal endgültig dingfest machen.“

„Ah“, Kunikida dämmerte etwas. „Deswegen war Ranpo gestern Abend schon so schlecht gelaunt, als ich ihn auf die Anzeige ansprach. Sie hatten bereits mit ihm darüber geredet?“

Fukuzawa nickte.

„Und Ranpo will das Spiel von dem Dieb-Teufel nicht spielen?“, vergewisserte Kenji sich.

Der Chef wartete kurz ab, ob Ranpo selber darauf antwortete, doch dieser war weiter mit Schmollen beschäftigt. „Es hat ihn damals schon gestört, dass der ‚Teufel‘ entkommen konnte. Außerdem ist dieser Dieb ein sehr exzentrischer Mann. Er hat zu dieser Zeit schon behauptet, sie wären sich ähnlich und … das gefällt Ranpo ganz und gar nicht.“

Verständlich, dachte Atsushi. Ihm machte es ja schon Sorgen, dass Kunikida ihn mit Dazai verglich. Und Dazai war einer von den Guten. Jetzt. Hoffentlich.

„Ranpo …“, wandte Fukuzawa sich wieder an ihn und musste nicht zu Ende sprechen.

„Ja ja ja ja ja ja! Ich weiß schon, ich weiß schon! Ich kümmere mich darum! Aber erst, wenn diese Nervensäge ihre Ankündigung schickt! Keine Sekunde früher!“

Man konnte den Chef leise seufzen hören, bevor er mit lauter Stimme Naomi und Haruno bat: „Überprüft ihr bitte, ob irgendwelche wertvollen Gegenstände neu in Yokohama eingetroffen sind? Es muss einen Grund geben, warum er gerade jetzt wieder auftaucht.“

Die jungen Frauen nickten und alle anderen begaben sich auf Geheiß des Chefs wieder daran, ihre Akten zu sortieren.

Während Atsushi seinen fertigen Aktenordner in eine von Kyoka bereitgestellte Kiste auf dem Tisch legte, fragte er sich, wieso sich in seinem Innern ein ungutes Gefühl breitmachte, wenn es doch anscheinend keinen Grund zur Beunruhigung gab. Ohne es sich erklären zu können, blickte er plötzlich aus dem Augenwinkel zu Dazais leerem Platz.
 

Alcoholic kind of mood


 

Alcoholic kind of mood“

 

Placebo, „Nancy Boy“

 

„Buargh.“

Wenn das nicht der schlimmste Kater seines Lebens war, dann wollte er sich nicht einmal ausmalen, wie der schlimmste Kater seines Lebens aussehen würde. Es konnte kaum eine Steigerung zu seinem jetzigen Zustand geben. Sein Kopf dröhnte nicht nur, sondern fühlte sich an, als würde er jeden Augenblick zerspringen. Ihm war sogar danach, zu fühlen, ob sein Kopf überhaupt noch vollständig vorhanden war – doch dafür hätte er seine Arme heben müssen und das schien ihm im Moment noch ein zu großer Kraftakt zu sein.

Dazai versuchte, seine Augen zu öffnen, aber selbst das wenige Licht, das durch die geschlossenen Vorhänge in den Raum fiel, blendete ihn wie eine Lasershow. Mühsam schaffte er es doch, seine sich bleischwer anfühlenden Arme zu heben und sich mit seinen Händen durchs Gesicht zu fahren.

Was in aller Welt hatte er gestern konsumiert, das diesen entsetzlichen Effekt auf ihn hatte? Er hatte schon oft über die Stränge geschlagen, aber er konnte sich nicht erinnern, dass es ihm danach schon einmal so hundeelend gegangen wäre.

Apropos erinnern.

Was in aller Welt war gestern Nacht überhaupt geschehen? Es maßlos zu übertreiben war nun wahrlich keine Neuigkeit für ihn, aber … ein Filmriss? Das war neu. Hin und wieder freute er sich ja über neue Erfahrungen (es war schließlich schrecklich schwierig, ihn zu überraschen und 99,99 Prozent der Zeit hatte er das Gefühl, alles in der Welt bereits zu kennen), doch diese neue Erfahrung hier gefiel ihm nicht sonderlich. Ihm war so, als müsste er sich gleich übergeben – und ihm war auch schwer so, als hätte er dies schon ein paar Mal getan. Der Geschmack in seinem trockenen Mund war widerlich und seine Kehle brannte wie Feuer.

Langsam nahm er seine Hände wieder runter und öffnete vorsichtig seine Augen. Er blinzelte mehrmals, um den Schleier vor seinen Augen loszuwerden, jedoch ohne richtigen Erfolg. Seine Sicht blieb verschwommen. Dennoch fiel ihm eine Kleinigkeit auf, die sofort sein Interesse weckte:

Das war nicht die Zimmerdecke seiner Wohnung.

Allerdings hatte er auch keinen blassen Schimmer, wessen Zimmerdecke dies war. Da sein Geruchssinn, wie seine restlichen Sinne, enorme Anlaufschwierigkeiten hatte, konnte er auch nicht über irgendwelche Gerüche im Raum seinen Standort bestimmen. Seine Ohren fühlten sich an, als wären sie mit Watte vollgestopft, eine kurze Kontrolle ergab aber, dass dem nicht so war. Es war ungewohnt, dass sein Kopf nicht voller Gedanken war – da waren viele Gedanken, doch sie schwirrten alle wild durcheinander, ließen sich kaum fassen und schienen auch nicht vollständig zu sein. Er hatte in der Vergangenheit bereits häufig sein Gedankenkarussell durch Alkohol oder sonstige Substanzen herunterzufahren versucht, doch so ein chaotisches Resultat war dabei noch nie herausgekommen. Odasaku hatte ihm mal gesagt, dass auf ihn in besonderem Maße der Spruch zuträfe, dass er mehr Glück als Verstand hätte – denn wenn jemand bereits so viel Verstand besaß; wie viel Glück musste derjenige dann auch noch haben?

Dazai hatte ihm damals geantwortet, dass er doch gar kein Glück besitzen wollte, worauf Odasaku erwidert hatte: „Wenn du so weitermachst, wird selbst dein Glück irgendwann aufgebraucht sein.“

Damals hatte Dazai diese Antwort völlig falsch verstanden, weswegen er seinen gefährlichen Lebensstil beibehalten hatte, um sein Glück aufzubrauchen. Dann aber hatte er Odasaku ein gewisses Versprechen geben müssen und seitdem beließ er es eigentlich bei gelegentlichen Abstürzen.

Das hier war kein gewöhnlicher Absturz. Das hier war ein Totalschaden.

Kunikida wird bestimmt schrecklich mit mir schimpfen, dachte Dazai halb amüsiert, bevor allein die Vorstellung eines cholerisch brüllenden Kunikidas seine Kopfschmerzen um ein Vielfaches verschlimmerte. Atsushi wäre enttäuscht, wenn er dieses Elend hier mitbekommen würde … …? Mein Kopf funktioniert wirklich nicht, wenn ich mir Gedanken darum mache, was Atsushi darüber denkt. Okay, Zeit, herauszufinden, wo ich hier gelandet bin und ob ich in Schwierigkeiten stecke.

Mühsam und wie in Zeitlupe erhob sich der brünette Detektiv. Sein ganzer Körper fühlte sich tonnenschwer an. Was auch immer er intus hatte, war definitiv nichts Legales. Dazai setzte sich auf, doch verharrte im Anschluss auf der Bettkante, da sich alles zu drehen begonnen hatte. Definitiv nichts Legales. Er krallte sich mit beiden Händen am Bett fest, weil er sich nicht sicher war, ob er ansonsten nicht einfach umfallen würde. Seine Sicht war nach wie vor verschwommen, aber ein paar Informationen konnte er einholen:

Die Matratze war alt und durchgelegen, die Sprungfedern hatten sich fast in seinen Rücken gebohrt (Nein, keine schöne Art zu sterben), die Bettdecke war dünn und hart, als wäre sie schon oft gewaschen worden. Das erbärmliche Kissen war so matschig, als wäre keine einzige Feder mehr darin enthalten.

Er war also in einem alten, schäbigen Hotelzimmer.

Stellte sich nur die Frage, wieso er hier war.

Dazai kam es so vor, als hätte er sich noch nie zuvor in seinem Leben dermaßen anstrengen müssen, um zu denken. Eigentlich … hatte er sich deswegen auch noch nie zuvor anstrengen müssen.

Nach und nach blitzten Fetzen seiner Erinnerung vor seinem inneren Auge auf.

Am Samstag war er stundenlang ziellos durch die Stadt gestreunt, hatte überlegt, sich ins Meer zu stürzen, wo aber wegen des schönen Wetters zu viel los gewesen war. Also war er bis in die Morgenstunden von Bar zu Bar gezogen, hatte dann etwas Zeit totgeschlagen, bis die Bars wieder aufmachten und schließlich weitergetrunken.

Irgendwo fehlt da das entscheidende Puzzleteil.

Während er nachdachte, sah er an sich herunter und bemerkte, dass er nicht vollständig bekleidet war. Nackt war er – von oben bis unten in seine Verbände gewickelt - natürlich nicht, aber ihm fehlten seine Hose, sein Hemd und seine Weste. Und sein Mantel natürlich.

Schicker Mantel. Der steht Ihnen äußerst gut.“

Wer hatte das zu ihm gesagt? Ein Mann … ja, in einer Bar war ein Mann gewesen, der seinen Arm mehrmals getätschelt hatte. Dazai hielt einen Moment inne. Er würde sich doch daran erinnern, wenn er mit ihm mitgegangen wäre … oder? Ein arg nebulöses Bild des Unbekannten, der wahrscheinlich ein Ausländer war, kam ihm in den Sinn. Der Mann hatte schwarze Haare gehabt und einen Schnauzbart, wenn er sich richtig erinnerte. Er hatte am Tresen gesessen, Hochprozentiges getrunken und Zigaretten geraucht. Und ihn angebaggert.

Ich hörte, Sie suchen jemanden für einen Doppelsuizid? Ich würde mich dazu bereiterklären, schöner Mann.“ Der Fremde war ihm mit seinen Fingern über den Arm gefahren.

Dazai hatte dankend abgelehnt und erklärt, dass er eine Frau dafür bevorzugen würde. Das „schöner Mann“ würde ihm jedoch sehr schmeicheln.

Ah, eine Schande, wirklich. Ein hübscher, junger Kerl wie Sie wäre genau mein Typ.“ Und er hatte eine weitere Runde mit seinen Fingern über Dazais Arm gedreht.

Danach war er von einer Frau angesprochen worden, daran erinnerte er sich langsam. Deswegen hatte er sich von dem Kerl, der einen schicken Anzug (mit einer blauen Rose im Knopfloch – wie überhaupt nicht extravagant) getragen hatte, wegdreht. Es war nicht die Frau mit den rotbraunen Locken gewesen, die er direkt neben dem Eingang angesprochen hatte und die angewidert weggegangen war. Moment, war kurz darauf nicht etwas Seltsames geschehen? Dazai fragte sich, ob sein Gedächtnis ihm da nicht einen Streich spielte, denn er erinnerte sich, wie einige Männer in der Bar plötzlich hochgesprungen waren. Nur einmal und nur kurz.

Rückblickend (und vor allem nüchtern) hätte ihn das weitaus mehr stören sollen, als es ihn an diesem Abend getan hatte.

Die blonde Frau, die ihn angesprochen hatte, war sehr angetan von ihm und seinem Vorschlag gewesen. Sie war auch ziemlich betrunken gewesen und wollte in den Doppelsuizid einwilligen, nachdem sie noch etwas Spaß zusammen gehab-

Ah~.

Der Braunschopf blickte verstehend hinter sich auf das Bett. Jetzt dämmerte ihm allmählich, wie er hier gelandet war. Nur wo war seine schöne Unbekannte, an deren Namen er sich nicht erinnern konnte? Hatte er sie danach überhaupt gefragt? Vielleicht war ihr doch nicht mehr so sehr nach Suizid gewesen und sie hatte ihn einfach zurückgelassen. Das war ihm auch nicht gerade neu, darum wollte er sich gar nicht beschweren.

Beschweren wollte er sich nur darüber, dass sie ihm eindeutig etwas untergejubelt hatte, was für seinen Filmriss und seinen unterirdisch schlechten Zustand verantwortlich war. Hatte sie ihn möglicherweise ausgeraubt? Er hatte nie viel Bargeld bei sich und er war alles andere als kreditwürdig, daher kümmerte ihn auch das nicht sonderlich. Ein bisschen enttäuscht war er wohl, dass die schöne, blauäugige Blondine ihn so aufs Kreuz gelegt hatte (und sehr wahrscheinlich nicht so aufs Kreuz, wie er das eigentlich angenommen hatte).

Inzwischen konnte er immerhin wieder einige Umrisse erkennen und sah seine Hose und sein Hemd auf dem Boden liegen. Dazai konnte sich die Hose von der Bettkante aus angeln, musste jedoch aufstehen, um sie anzuziehen. Seine schlimmer werdende Übelkeit mit aller Gewalt unterdrückend, schaffte er es, in seine Hose zu steigen.

Hm? Seltsam. Meine Brieftasche ist noch da.

Er nahm sie aus der Hosentasche und überprüfte sie kurz. Es war noch alles drin. Immerhin bekam er auf diese Weise keinen Ärger, weil er seinen Detektivausweis wieder einmal verloren hatte.

Sein Hemd lag ein paar Meter weiter weg und Dazai fiel um wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hatte, als er versuchte, einen Schritt zu machen.

„Au. Au. Au.“

Er war mit dem Gesicht zuerst auf den Boden geknallt. Den nicht gerade sauberen Boden. Jetzt, halbnackt und kraftlos im Dreck liegend, kam er sich doch ziemlich erbärmlich vor. Und wieso hatte er jetzt schon wieder Atsushis enttäuschte Miene vor Augen? Irgendwie hatte er die enttäuschten Mienen der ganzen Detektei vor Augen.

Das muss an den Nachwirkungen liegen. Mein Hirn tut weh und lässt mich deswegen wohl seltsame Gedanken haben.

Dazai nahm tief Luft, um sich wieder vom Boden zu erheben und plötzlich stieg ihm ein ihm allzu bekannter Geruch in die Nase. Die Freude über seinen zurückgekehrten Geruchssinn hielt sich allerdings stark in Grenzen, denn der Geruch war etwas, das hier eigentlich nichts verloren hatte.

Blut.

Wieso roch es hier nach Blut?

Es roch sogar nach einer großen Menge Blut. Mit aller Macht stemmte Dazai sich hoch und stolperte durch das restliche Zimmer bis zu dem kleinen Badezimmer. Er donnerte zuerst noch gegen die Zimmertür, bevor es ihm gelang, die Tür zum Badezimmer zu öffnen. Er hatte schon befürchtet, ein derartiges Bild dahinter zu erblicken, doch er hatte so sehr gehofft, dass er wenigstens einmal falsch lag.

Das … ist gar nicht gut.

Die hübsche Blondine lag leblos in der winzigen Badewanne. Die Augen weit geöffnet und völlig starr, lag sie in ihrem eigenen Blut. Dazai trat an sie heran. Zu seinem Glück hatten sich seine Augen mittlerweile erholt und er konnte rasch sehen, was die Todesursache war.

Sie hatte eine riesige Wunde am Hinterkopf, als hätte ihr jemand den Schädel eingeschlagen. Es war auch Blut an den Wandfliesen, auf dem Boden und an dem verdreckten Waschbecken.

Bei der Verteilung des Bluts und bei der Art, wie sie hier abgelegt wurde … ist sie eindeutig ermordet worden. Und es ist noch nicht so lange her.

Gab es eine Mordwaffe? Nein, nicht direkt. Jemand muss ihren Kopf gegen das Waschbecken geschlagen haben. Wie grausam, dachte er und erstarrte auf der Stelle, als Geräusche von draußen an sein Ohr drangen.

Das … ist schon wieder gar nicht gut.

Er lächelte gequält, während er dies dachte und kaum einen Wimpernschlag später wurde von außen die Tür eingetreten und bewaffnete Polizisten stürmten das Zimmer.

„Polizei! Keine Bewegung! Lassen Sie Ihre Hände da, wo wir sie sehen können!“

Der Detektiv hob seine Hände und drehte sich – nach wie vor gequält lächelnd – vorsichtig zu den Polizisten um, von denen einige sich an ihm vorbei in das Badezimmer quetschten, um den Tod der Frau festzustellen.

„Ich habe das ungute Gefühl, dass Sie gleich furchtbar falsche Schlüsse ziehen werden“, sagte Dazai ihnen.

„Sie sind vorläufig festgenommen!“ Einer der Polizisten im Bad zückte ein paar Handschellen. „Sie stehen unter Verdacht, Shizuko Tanaka getötet zu haben.“

„Ja, das wäre zum Beispiel so ein furchtbar falscher Schluss.“

„Sie haben das Recht zu schweigen!“ Die Handschellen klickten schneller, als er gucken konnte.

„Könnten Sie bitte noch meine Kleidung einsammeln? Ich kann doch so nicht auf die Straße gehen.“

Angesichts seiner flapsigen Art wunderten sich die Polizeibeamten ein wenig.

„Sind Sie sich überhaupt im Klaren, in was für einer Situation Sie sich befinden?“

„Oh? Aber ja doch!“, entgegnete Dazai unerschrocken. „Und ich habe doch einen Anruf frei, nicht wahr? Den würde ich gerne umgehend wahrnehmen, damit wir das hier abkürzen können.“

 

„Das Büro der bewaffneten Detektive. Tanizaki am Apparat“, meldete sich der rothaarige Detektiv, nachdem er den Hörer abgenommen hatte. „Dazai?“

Kunikida wirbelte so flink auf seinem Bürostuhl herum, dass man sich fragen musste, ob der Stuhl dies aushielt – oder den geplagten Blondschopf gar von sich schmiss.

Tanizaki gab ihm ein Zeichen, abzuwarten.

„Du bist … wo? Weil … WAS?!“ Die plötzliche Aufregung in der Stimme des jungen Mannes weckte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, zu denen auch Fukuzawa gehörte, da er Naomi und Haruno noch einige Informationen zu den früheren Raubzügen des ‚Teufels‘ gegeben hatte.

„Mo-moment, warte, langsam.“ Das war gewiss kein gutes Zeichen, dass Tanizaki dicke Schweißperlen auf der Stirn standen. „Ja, der Chef ist hier. Warte kurz.“ Von der Situation sichtlich überrumpelt, hielt Tanizaki seinem Vorgesetzten den Hörer hin.

„Es ist Dazai. Er wurde wegen Mordverdachts verhaftet.“

In den Augen des Chefs blitzte flüchtig ein Hauch Beunruhigung auf, als er den Hörer entgegennahm. Atsushi zerquetsche derweil vor Anspannung fast den Aktenordner, den er in Händen hielt.

„Ja, Dazai?“ Geduldig und ohne seine Miene zu verziehen, lauschte Fukuzawa den Schilderungen seines Problemkindes. „Ich verstehe“, sagte er nach einer Weile lediglich. „Ich werde mich sofort darum kümmern. Habe bitte einen Moment Geduld.“ Er legte auf und sah zu den restlichen Detektiven.

„Dazai“, begann er daraufhin mit fester Stimme, „wird verdächtigt, eine Frau namens Shizuko Tanaka, die er gestern in einer Bar kennengelernt hat, getötet zu haben. Er vermutet, dass sie ihm etwas in ein Getränk gemischt hat, weil er keinerlei Erinnerungen an den restlichen Verlauf der Nacht hat. Er fand sie heute Mittag leblos vor, nachdem er in einem Zimmer des ‚Yokohama SuperCheap Inn‘ aufgewacht war. Kurz darauf traf bereits die Polizei ein.“

‚KRACK!‘

Alle – mit Ausnahme des Chefs – zuckten bei diesem lauten Geräusch zusammen. Kunikida hatte mit bloßen Händen eine Aktenmappe aus stabilem, harten Plastik zerrissen.

„DIESE BANDAGIERTE HEIMSUCHUNG HAT SICH DAS GANZE WOCHENENDE DURCH DIE BARS GESOFFEN, ERSCHEINT NICHT ZUR ARBEIT UND BRINGT JETZT AUCH NOCH UNSEREN ZEITPLAN DURCHEINANDER! NATÜRLICH WILL ER NUN, DASS WIR HINTER IHM HER RÄUMEN! ALS WÜRDEN WIR DAS NICHT DIE GANZE ZEIT EH SCHON MACHEN!“

Das Gesicht des Brillenträgers war dunkelrot angelaufen und er schnaubte, als würde er gleich explodieren.

„LASSEN WIR IHN EINFACH IN DER ZELLE SCHMOREN! TUT IHM VIELLEICHT GANZ GUT! ER IST DOCH SO CLEVER! SOLL ER SICH SELBST DA WIEDER RAUSHOLEN! ER HAT DOCH NICHT MEHR ALLE LOCKEN AM KOPF, WENN ER DENKT, DASS WIR NICHTS BESSERES ZU TUN HÄTTEN!!“

Atsushi hätte schwören können, dass da gerade Dampf aus Kunikidas Schädel aufstieg.

„Yosano“, warf Kenji ein, „ich glaube, ich höre schon wieder Kunikidas Puls bis hierhin.“

„Haaaa~“, seufzte die Ärztin. „Der Kerl sprengt noch mein Blutdruckmessgerät.“

„Yosano“, wandte sich nun Fukuzawa an sie, „bitte kümmere dich kurz um Kunikida, damit er nicht expl- … damit er sich wieder beruhigt.“ Der Chef hatte mit ziemlicher Sicherheit gerade „explodiert“ sagen wollen.

„ICH MUSS MICH NICHT BERUHIGEN! ICH MUSS DAZAI ANSCHREIEN! DANN WIRD ES MIR BESSER GEHEN!!“

„Kenji, für diesen Ernstfall haben wir geübt.“ Yosano stand mit dem blonden Jungen zusammen auf und während Kenji den tobenden Kunikida einfach von seinem Schreibtischstuhl hochhob und ihn heraustrug, stöhnte die Ärztin abermals.

„Ich hoffe, ich habe genug Valium da. Ganz Unrecht hat er aber nicht“, sagte sie in Richtung Fukuzawas. „Dazais Verhalten ist alles andere als in Ordnung.“ Der Ältere erwiderte ihren Blick und seufzte leise, bevor sie schulterzuckend das Büro verließ, um sich im Ärztezimmer um ihren Patienten zu kümmern.

„Ranpo …“

Ein gurgelndes, genervt klingendes Geräusch kam von dem Angesprochenen. „Was soll ich denn noch alles machen?? Kriegt ihr auch einmal etwas ohne mich hin?? Irgendwann werde ich mir mal einen riiiiichtig langen Urlaub gönnen und dann könnt ihr den Laden dichtmachen!“

„Könntest du dich vorher um Dazai kümmern?“, entgegnete Fukuzawa unbeeindruckt. „Es ist nicht gut, wenn die Polizei Nachforschungen über ihn anstellt und dabei Ungereimtheiten entdeckt.“

„Ach nee.“ Missmutig stand Ranpo auf und setzte sich mit einer noch missmutigeren Miene seine Mütze auf. „Wer kommt mit?“

Fukuzawa war danach, seine Schläfen zu massieren, er vertagte dies jedoch, bis er wieder in seinem Büro war. „Da Kunikida gerade etwas … unpässlich ist“, sagte er und räusperte sich, „könntet ihr Ranpo begleiten, Atsushi und Kyoka?“

Atsushi, der in den vergangenen Minuten unbewusst immer wieder die Luft angehalten hatte, fuhr erschrocken zusammen und ließ den Aktenordner fallen, den er in letzter Sekunde wieder fing.

„Ja! Natürlich!“, rief er viel zu laut und kassierte dafür fragende Blicke.

„Bringen wir das schnell hinter uns“, nörgelte Ranpo und trottete zur Tür hinaus, dich gefolgt von seinen zwei Begleitern.

 

„Na los, frag endlich“, forderte Ranpo den silberhaarigen Jungen auf, als sie in der Bahn saßen.

„Fragen? Was denn?“, antwortete dieser verdattert.

„‚Dazai war es doch nicht, oder??‘“, ahmte der Meisterdetektiv Atsushi übertrieben weinerlich nach.

„Äh, ah, ich-ich gehe davon aus, dass er es nicht war … oder?“

Ranpo rollte mit den Augen. „Kyoka, du weißt, warum der Chef dich mitgeschickt hat, nicht wahr?“

„Weil Atsushi die Nerven verlieren könnte“, erwiderte das Mädchen gefasst. „Er würde Panik schieben, wenn er in der Detektei bliebe und er würde panisch werden, wenn er den Verdacht bekäme, dass Dazai wirklich etwas mit dem Mord zu tun hat. …“ Kyoka schaute ihren Mitbewohner mit ihrem typischen, stoischen Blick an, der dieses Mal aber eine Spur von Entschuldigung beinhaltete. „Nichts für ungut.“

Peinlich berührt zwang Atsushi sich zu einem Lächeln. „Ich nehm’s dir nicht übel.“

Sie halten mich alle für ein weinerliches Nervenbündel??

„Ja und nein“, antwortete Ranpo zum Schrecken des Jungen auf seine gedanklich gestellte Frage. „Du hast einen guten Draht zu Dazai, aber du reagierst auch oft über, wenn es um Dazai geht.“

„Oh … ich verstehe.“ Atsushi kratzte sich verlegen an der Wange.

„Ich glaube übrigens nicht, dass Dazai diese Frau getötet hat“, nahm Kyoka das ursprüngliche Thema wieder auf. „Aber er hat keine Erinnerung daran, was passiert ist und etwas ist passiert.“

Das Herz rutschte Atsushi bei diesen Worten in die Hose. Was Kyoka zwischen den Zeilen durchblicken ließ, war eine Möglichkeit, die nicht viel besser als Mord war: Selbst wenn es ein Unfall gewesen war, war die arme Frau immer noch tot. Und dass Dazai nicht mitbekommen haben sollte, dass ihm ein Betäubungsmittel untergejubelt wurde ….

„Es war klar, dass das irgendwann passieren würde“, motzte Ranpo mit wieder schlechterer Laune. „Das habe ich ihm auch vor einer Ewigkeit bereits gesagt. Irgendwann wird selbst er die Kontrolle verlieren.“

Atsushi schluckte, als die Bahn an der Haltestelle in der Nähe der Polizeistation hielt.
 

Tear us in two is all it’s gonna do


 

Tear us in two is all it’s gonna do“

 

Placebo, „Because I Want You“

 

Der zuständige Kommissar schleuderte Dazais Detektivausweis achtlos auf seinen Schreibtisch. Ranpo, Atsushi und Kyoka waren zum Tisch des bärbeißigen Kommissars, der keinen Hehl daraus machte, das Detektivbüro nicht ausstehen zu können, geführt worden.

„Ich hatte schon befürchtet, dass er hier auftauchen würde“, zeterte der Polizeibeamte und ließ seinen verächtlichen Blick über Ranpo wandern. „Wenn ihr glaubt, ich lass den Kerl vom Haken, nur weil er zu dieser dubiosen Detektei gehört-“

„Ist Kommissar Minoura nicht da?“, unterbrach Ranpo ihn, ohne auf die Provokation einzugehen.

„Der arbeitet an einem anderen Fall.“ Der Mann knirschte mit den Zähnen. Offensichtlich konnte er es nicht leiden, unterbrochen zu werden. „Ich untersuche den Fall eures Kollegen.“

„Noch“, war alles, was Ranpo erwiderte.

Eine Vene trat auf der Stirn des Kommissars hervor. „Ihr glaubt wohl, ihr könntet euch alles erlauben, nur weil ihr diese übernatürlichen Fähigkeiten habt und irgendwelche Befugnisse vom Staat. Wenn ihr mich fragt, gehören die Vereitlung und Verfolgung von Verbrechen nur in die Hände von Polizi-“

„Sie fragt aber keiner. Wirklich keiner. In Bezug auf nichts.“ Ranpo sah den feindseligen Kommissar nüchtern und gelangweilt an – oder eher schon durch ihn hindurch.

Atsushi war danach, einzuschreiten, bevor Ranpo Dazais Lage noch weiter verschlimmerte, doch er wusste nicht, wie er die verhärteten Fronten glätten sollte.

„Na hör mal, du kleiner-“

„Entschuldigung“, ging Kyoka trocken und höflich dazwischen. „Sie sollten eine Nachricht vom Polizeichef erhalten haben. Wir sind befugt, mit dem Verdächtigen zu sprechen.“

Baff blinzelte Atsushi das Mädchen an. Wow. Wie ruhig sie dies anging. Wenn er daran dachte, wie schnell sie früher Dinge mit Gewalt lösen wollte …. Kyoka hatte sich wirklich weiterentwickelt.

Der Kommissar knirschte ein weiteres Mal mit den Zähnen. „Ja“, presste er hervor. „Ich weiß. Aber sollte ich euch nicht erst einmal alle Informationen zum Fall gebe-“

„Nö.“ Ranpo kratzte sich unter seiner Mütze. „Wo lang?“

Der Polizeibeamte erinnerte Atsushi allmählich an Kunikida. Dunkelrot im Gesicht, mit hervortretenden Venen und zermahlenen Zähnen. Doch er erwiderte nichts mehr und brachte die drei – unentwegt Flüche murmelnd – zum Zellentrakt.

Kyoka lächelte ein wenig. „Zum Glück ist er einsichtig geworden. Ich hatte schon überlegt, ob ich mein Schwert ziehen soll“, flüsterte sie Atsushi zu, der gequält lächelte. Vielleicht war er auch hier, falls die beiden anderen es zu einer Eskalation kommen ließen. Er seufzte innerlich.

Der Kommissar übergab die Detektive an die Wachposten, die ihnen nach und nach alle Türen aufschlossen, bis sie in einen winzigen, fensterlosen Raum geführt wurden, in dessen Mitte ein Tisch stand, der durch eine Glasscheibe längs geteilt wurde. Der Tisch samt Sicherheitsglas verlief von einer Wand zur gegenüberliegenden, sodass man vom Eingang nicht in den hinteren Teil des Raumes gelangen konnte. Auf beiden Seiten der dicken Glasscheibe stand je ein Stuhl und Ranpo ließ sich ohne zu zögern auf dem auf ihrer Seite des Zimmers nieder. Die Tür auf der anderen Seite öffnete sich und Dazai trabte – die Hände in Handschellen – hinein und setzte sich auf den verbliebenen Stuhl. Er strahlte über sein ganzes Gesicht, als er seine Kameraden erblickte und winkte ihnen, so gut es ging, zu, bevor er wie Ranpo einen Knopf an der Tischplatte drückte, um die Kommunikationsanlage einzuschalten.

„Ich bin ja so froh euch zu sehen!“, frohlockte Dazai überschwänglich. „Sie haben mir meinen Mantel weggenommen und in der Zelle ist es so ungemütlich und kühl!“

Atsushi war sich bewusst, dass er vor einiger Zeit auf so eine Rede komplett irritiert reagiert hätte und sehr wahrscheinlich seinen Mentor mit heruntergeklapptem Kiefer angestarrt hätte. Man sollte doch meinen, jemand, der wegen Mordverdachts in einer Zelle saß, hätte andere Sorgen, aber Dazai war halt nicht irgendjemand.

„Geht es dir gut?“, fragte er daher stattdessen. Der Braunschopf sah recht verlottert aus. Das Gesicht dreckig und fahl, die Augen schwarz umrandet und blutunterlaufen. Mit Ausnahme seines Mantels und seiner Schuhe war er vollständig bekleidet.

„Nein, Atsushi. Ich habe doch gerade gesagt, dass ich mich noch verkühlen werde.“

„Kunikida wünscht dir gerade die Pest an den Hals“, sagte Ranpo mitleidslos. „Und ich kann ihn da verstehen.“

„Das war wirklich keine böse Absicht … dieses Mal“, fügte Dazai an. „Beenden wir das hier einfach schnell, dann kann ich bei Kunikida zu Kreuze kriechen.“

Als ob!, wandte Atsushi gedanklich ein. Das wollte er sehen, wie Dazai sich bei Kunikida aufrichtig entschuldigte.

„Dann sag mir, was du weißt“, erwiderte der Meisterdetektiv.

„Mit Kommissar Motzkopf hast du nicht geredet?“

„Wozu denn?“

Dazai lachte. „Das habe ich mir schon gedacht. Also gut: Ich bin der hübschen Shizuko am Sonntagabend in einer Bar begegnet. Sie willigte dem Doppelsuizid ein und wir tranken noch ein wenig weiter. Sie machte den Vorschlag, dass wir uns noch ein bisschen vergnügen könnten, also verließen wir die Bar, um uns in der Nähe ein Zimmer zu suchen …“ Er sah zu Atsushi und Kyoka. Letztere verzog keine Miene, aber Ersterer lief bereits rosé an. „Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht ins Detail gehen. Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass mir auf dem Weg aus der Bar schon komisch wurde, aber ich kann mich an nichts mehr erinnern, was danach passiert ist, nicht einmal an das Liebesspi-…. Ich bringe es nicht übers Herz, Atsushis Unschuld zu ruinieren. Denk dir den Rest. Jedenfalls setzt meine Erinnerung genau an dem Punkt aus, an dem es eigentlich hätte interessant werden sollen.“ Er seufzte kurz gespielt schwermütig, ehe er fortfuhr:

„Ich wache auf, fühle mich wie ausgespuckt und finde Shizuko tot in der Badewanne. Ich konnte mir die Leiche nicht lange ansehen, weil die Polizei direkt auftauchte, aber es müssen mehrere Schläge auf den Hinterkopf gewesen sein. Ich vermute, jemand hat ihren Kopf gegen das Waschbecken geschlagen.“

Atsushi schluckte. Sowohl die Vorstellung, wie die arme Frau zu Tode kam, als auch Dazais ungerührte Art darüber zu sprechen, bereiteten ihm großes Unwohlsein.

„Die Polizei war sofort da?“, hakte Kyoka skeptisch nach.

„Angeblich“, erklärte Dazai weiter, „habe jemand im Hotel zuvor die Schreie einer Frau gehört und daraufhin die Polizei verständigt.“

„Und du hast keine Schreie gehört?“, fragte Atsushi ungläubig.

„Oh nein, wie denn auch? Ich war total weggetreten.“ Dazai hatte mit seiner gewohnt unbekümmerten Art geantwortet und spürte plötzlich einen kleinen Knoten im Brustkorb, als der silberhaarige Junge betreten dreinblickte. Dieses komische Gefühl musste immer noch eine Nachwirkung der Substanz sein, die man ihm verabreicht hatte, sagte er sich. Ja, so musste es sein. Er blickte zu Ranpo, der ein äußerst verkniffenes Gesicht machte.

„Kunikida hat nicht ganz Unrecht, Dazai“, krittelte Ranpo. „Gerade muss ich schließlich hinter dir her räumen.“

„Sag mir einfach, wie ich es wieder gutmachen kann“, entgegnete der Kritisierte sorglos.

Ranpo gab ein schmollendes Brummeln von sich. „Bringen wir es schnell hinter uns. Ich denke, es reicht, einen Blick auf die Fotos vom Tatort zu wer-“

Er stockte mitten im Satz, als mit Schwung die Tür hinter den drei Besuchern aufflog. Ranpo drehte sich wie Atsushi und Kyoka zum Eingang um und schaute fragend den Mann an, der gerade eintrat. Es war ein hochgewachsener, kräftiger Mann im mittleren Alter, seine kurzen, dunklen Haare waren genau in der Mitte gescheitelt und der in die Jahre gekommene, gräuliche, kurze Trenchcoat roch stark nach Zigarettenqualm.

Er ließ seinen kritischen Blick über alle Anwesenden fahren, ehe er mit einem zufriedenen Lächeln das Wort ergriff:

„Entschuldigen Sie bitte vielmals die Störung. Meine Name ist Priestley, Inspector Priestley von Interpol. Ich bin auf der Suche nach einem Herrn Ranpo Edogawa.“

„Ui, Ranpo, hast du auch etwas ausgefressen?“, kam es unnötigerweise von der anderen Seite der Glasscheibe.

„Ich meine natürlich, ich ersuche die Hilfe von Herrn Edogawa“, korrigierte Priestley sich und schenkte Dazai einen weiteren kritischen Blick.

Der gesuchte Meisterdetektiv stöhnte. „Wenn das so weitergeht, verpasse ich heute das Mittagessen. Kriege ich denn nie eine Pause? Ihr“, er warf Atsushi und Kyoka missmutige Blicke zu, „ihr habt gar keine Vorstellung, wie schwer ich es habe.“

„Oh, doch, ganz bestimmt, Ranpo“, versicherte Atsushi ihm rasch. „Ich werde persönlich dafür sorgen, dass du dein Mittagessen bekommst.“ Was er da sagte, war einer der Standardsätze aus Kunikidas Handbuch für den leichten Umgang mit Ranpo. Das Büchlein zirkulierte ohne Wissen des ältesten Detektivs seit einiger Zeit im Detektivbüro. Kunikida hatte sie ermahnt, es nie „Kunikidas Handbuch“ zu nennen – denn falls Ranpo je dahinterkam, wer es verfasst hatte ….

„Es tut mir wirklich unendlich leid“, wiederholte der Inspector mit sonorer Stimme, „aber es geht um eine äußerst dringende Angelegenheit, die keinen Aufschub duldet.“

„Ich muss hier nur schnell etwas zu Ende machen“, erwiderte Ranpo und stutzte, als Priestley eilig den Kopf schüttelte.

„Es tut mir wirklich, wirklich leid, aber es geht um einen Terroranschlag, den wir verhindern müssen. Unglücklicherweise bin ich nicht befugt, mehr dazu zu sagen, solange wir nicht unter vier Augen sind. Ich habe die Anweisung nur Sie darüber in Kenntnis zu setzen.“

„Ein Terroranschlag?“ Obwohl das Licht in dem kleinen Raum recht dürftig war, konnte man sehen, wie Atsushi schlagartig blasser geworden war. Nichtsdestotrotz erklärte er dem Mann von Interpol mit entschlossener Miene: „Wir sind ebenfalls vom Büro der bewaffneten Detektive und wir könn-“

Priestley schüttelte erneut den Kopf. „Ich habe meine Anweisungen. Und weitere Diskussionen werden uns nur Zeit kosten.“

„Argh!“ Ranpo grummelte zum wiederholten Male an diesem noch sehr jungen Tag. „Anscheinend kriegt keiner mehr auf der ganzen Welt etwas ohne mich hin! Na schön, na schön!“ Er wandte sich Dazai zu. „Ich klär das schnell und wenn der Fall abgehakt ist, kaufst DU mir Mittagessen.“

„Keine Einwände.“ Dazai lächelte süffisant.

Ranpo stand auf. „Wartet hier. Meinetwegen könnt ihr euch an Dazais Fall versuchen. Es ist schließlich ausgeschlossen, dass irgendwer es noch schlimmer machen könnte. Mit Ausnahme von Dazai natürlich.“

Der Inspector ermahnte ihn zur Eile und Ranpo stapfte unzufrieden darüber mit ihm zusammen aus dem Raum hinaus, die zwei jungen Detektive leicht ratlos zurücklassend.

Ob er ihm lieber noch etwas Süßes hätte zustecken sollen, so wie es im Handbuch in dem Kapitel über „extrem schlechte Laune“ stand?, fragte Atsushi sich und kramte unbewusst in seiner Hosentasche nach den Bonbons, die er immer mitnahm, wenn er Ranpo begleitete.

„Er kommt klar“, ertönte es hinter der Glasscheibe. „Sorge dich lieber darum, dass ich erfriere oder vor Langeweile sterbe.“

„Beides ist unwahrscheinlich“, antwortete Kyoka nüchtern und setzte sich auf den Platz, auf dem bis eben noch Ranpo gesessen hatte. „Bei einem anderen Klienten würden wir jetzt fragen, ob er irgendwelche Feinde hätte … aber das können wir uns bei dir sparen.“

„Whoa, Atsushi“, platzte es begeistert aus Dazai heraus, „hast du das gehört? Kyoka kann ihre eiskalte Art gut für Befragungen nutzen! Das ist das Holz, aus dem Detektive geschnitzt sind.“

„Eiskalt?“ Kyoka blinzelte irritiert. „Ich habe doch gerade versucht, besonders gefühlvoll zu klingen.“

„Oh.“ Dazais Begeisterung schwand so flink, wie sie gekommen war. „Kein Problem! Gestalten wir die Befragung so, dass ihr zwei eure Stärken ausspielen könnt. Kyoka, du bist der ‚bad cop‘ und Atsushi du der ‚good cop‘, alles klar?“

„Was?“ Atsushis Kinnlade drohte doch wieder, nach unten zu fallen. Ausgerechnet jetzt war Dazai danach, ihnen etwas beizubringen?? Und was sollte das Englisch schon wieder??

„Nichts ist klar, Dazai!“, empörte sich der Junge. „Bist du dir dem Ernst der Lage etwa nicht bewusst?!“

„Hm?“, machte der Braunschopf halb verwundert, halb gelangweilt. „Ernst der Lage? Oje, Atsushi. Ranpo kümmert sich doch nachher darum-“

„Eine Frau ist gestorben!!“, unterbrach Atsushi ihn aufgebracht und zu Dazais Überraschung. „Das kann dir doch nicht egal sein!!“

Ein paar Sekunden sahen sie sich durch das Glas schweigend an.

„Das ist es natürlich nicht“, sagte Dazai endlich. „Gerade deswegen ist es wichtig, dass Ranpo sich schnell darum kümmert.“

„Ach … ach so.“ Atsushi wirkte nur einen Hauch erleichtert und immer noch schrecklich betreten.

„Bist du dir sicher, dass du sie nicht aus Versehen umgebracht hast?“, fragte Kyoka schonungslos und ließ ihren neben ihr stehenden Kameraden damit zusammenzucken. Obwohl sie so unumwunden gefragt hatte, konnte man ihr anmerken, dass auch sie auf eine bestimmte Antwort des Älteren hoffte.

Dazai schien nun weniger von ihrer direkten Art angetan zu sein. Trotzdem behielt er Blickkontakt. „Du meinst, ich könnte sie im Rausch umgebracht haben?“

Atsushis Augen schnellten panisch zu ihm, nachdem er dies gesagt hatte und Kyoka nickte.

„Kannst du uns versichern, dass du nicht für ihren Tod verantwortlich bist?“, formulierte sie ihre Frage um. „Deine Erinnerung an die Geschehnisse ist unvollständig. Hast du irgendeinen Beweis, dass du nichts damit zu tun hast?“

Dazai schwieg und sah sie ausdruckslos an.

„Ranpo!“, rief Atsushi plötzlich aus, als wäre ihm die rettende Idee gekommen, an die er sich klammern konnte. „Ranpo kann doch Dazais Unschuld beweisen! Er muss schon irgendeine Idee dazu haben!“

„Und wenn er sich irrt?“, konterte Kyoka.

„Ranpo irrt sich nie!“

„Und wenn er sich irren will – so wie du?“ Das dunkelhaarige Mädchen schaute ihn eindringlich an, was Atsushi völlig aus der Fassung brachte.

„Ich will doch nicht … ich meine …“ Atemlos blickte Atsushi wieder zu Dazai. „Dazai, bitte sag etwas! Bitte sag ihr, dass du nichts mit dem Tod der Frau zu tun hast!“

„Soll ich es ihr sagen oder dir?“, brach Dazai sein Schweigen und warf für den jungen Detektiv damit nur noch mehr Fragen auf. „Atsushi“, sagte er mit fast sanfter Stimme, „vergiss die Sache mit dem ‚good cop.‘ Sag mir stattdessen einfach, was dir wirklich durch den Kopf geht.“

Der Angesprochene stutzte und schluckte. „Ich … ich …“ Er atmete laut aus und wieder ein. „Ich weiß, dass du niemanden einfach grundlos umbringen würdest. Aber … aber was wenn ….“

„Wenn Kyoka Recht hat und ich sie unabsichtlich getötet hätte?“, beendete Dazai den Satz des Jüngeren.

Er wartete ein schwaches Nicken Atsushis ab, ehe er fortfuhr. „Ich kann dir nichts versprechen. Sowieso, Atsushi, und das ist für heute meine letzte Lektion an dich: Einem Klienten wie mir darfst du niemals glauben.“

„Dazai“, erwiderte der Junge mit brüchiger Stimme, „wieso tust du so etwas immer wieder?“

Der Hauch eines traurigen Lächelns kroch über Dazais Miene. „Weil ich muss.“

 

Am anderen Ende der Stadt stapfte ein weiterer wütender Mann durch die Straßen Yokohamas. In der Nähe des Hafens wehte der Wind etwas heftiger, sodass er seinen Hut festhalten musste. Natürlich hätte er auch schlicht und ergreifend seine Fähigkeit einsetzen können, um seinen Hut auf seinem Kopf zu halten, aber in der Vergangenheit hatte ein ihm zutiefst verhasster Braunschopf mit dämlichem, selbstgefälligem Grinsen ihn damit aufgezogen, dass das auch so ziemlich alles wäre, wozu seine Fähigkeit zu gebrauchen wäre. Hüte festzuhalten.

„AAAARRRRRGGGGHHHH!!“

Der rothaarige Mann schimpfte und knarzte mit den Zähnen. Dass er bei jedem zweiten Windstoß immer und immer wieder an die freche Bemerkung dieses hohlen, rückgratlosen, egomanischen Spinners denken musste! Oh, wie er ihn dafür (und für vieles weitere) hasste! Egal, wie lange es her war, egal, wie viel Zeit verging, Osamu Dazai würde ihm für immer und ewig ein Dorn im Auge sein!

Chuuya Nakahara bog mit zornigen Schritten in die nächste Straße voller langer Lagerhäuser in der Speicherstadt ab. Überraschenderweise kam seine schlechte Laune ursprünglich gar nicht von irgendwelchen Erinnerungen an die Zeit mit seinem dreisten, unbrauchbaren, völlig nutzlosen Ex-Partner, sondern von einem beunruhigenden Anruf, den er von Akutagawa erhalten hatte. Was Akutagawa ihm am Telefon geschildert hatte, hatte so unglaublich geklungen, dass er sich die Sache persönlich angucken wollte. Akutagawa war zwar lange ein Schüler Dazais gewesen, aber er hatte glücklicherweise keinen einzigen Charakterzug von dieser durchgeknallten Gefahr für Leib und Leben übernommen. Und auch wenn Akutagawa einige eigene extreme Eigenschaften hatte, war er doch meist bei klarem Verstand.

Was den Anruf von vorhin umso seltsamer machte.

Von weitem erblickte er Higuchi vor den Toren einer zur Hafen-Mafia gehörenden Halle. Sie winkte ihm und er schloss zu ihr auf.

„Higuchi“, begrüßte er sie, „ich bin aus Akutagawas Worten nicht schlau geworden. Was bitte sollte ‚Sie sind alle zu Glas erstarrt‘ bedeuten?“

„Genau das, was es heißt“, antwortete sie pflichtbewusst, während sie das Tor öffnete. Akutagawa und sie hatten dem zur Hafen-Mafia gehörenden Schmugglerring einen Kontrollbesuch abstatten sollen. Hier wurden in großem Maße Kunstgegenstände und historische Schätze geschmuggelt. Der Boss bezeichnete dies als eine der größten Kapitalanlagen der Organisation und daher war es enorm wichtig, dass niemand auf die Idee kam, ein paar Bilder, Figuren oder Juwelen selber einzustecken. Die beste Präventivkur dagegen war es, hin und wieder Akutagawa zu einem Überraschungsbesuch vorbeizuschicken (zu Moris Leidwesen waren dabei leider auch schon einige wertvolle Stücke zu Bruch gegangen, weswegen er ihm wiederholt eingetrichtert hatte, Bestrafungen nur außerhalb der Halle vorzunehmen).

Higuchi schob das Tor auf und trat nach dem rothaarigen Führungsmitglied ein. Auf diese Weise konnte Chuuya auch nicht sehen, dass sie eine enttäuschte Miene machte. Sie hatte vergangene Nacht extra Tickets vom Schwarzmarkt besorgt, um mit ihrem Meister in diesen internationalen Zirkus gehen zu können – aber wenn ihnen jetzt wieder irgendetwas dazwischenkam …. Sie seufzte innerlich lang und tief.

„Was zur-“ Wenige Schritte, nachdem er das Tor passiert hatte, blieb Chuuya mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen stehen. „Was um alles in der Welt ist hier geschehen?!“

Vor ihm breitete sich eine Lagerhalle voller stillstehender Menschen aus. Sie rührten keinen Muskel, zuckten nicht mit der Wimper, atmeten nicht einmal. Einige von ihnen lagen auf dem Boden, gleichermaßen erstarrt.

„Sie sind alle zu Glas geworden.“ Akutagawa tippte vorsichtig mit den Fingern gegen einen der Schmuggler. Die Aktion machte ein Geräusch, wie wenn man mit den Fingernägeln gegen ein Wasserglas klopfte.

Mit Bedacht näherte sich Chuuya einer der gläsernen Statuen und stellte erschrocken fest, dass dieser eine Hand fehlte. Glasscherben lagen auf dem Boden.

Akutagawa räusperte sich. „Sie sind leicht zerbrechlich.“

Aha, deswegen die ungewohnt vorsichtige Bewegung des Jüngeren.

„Wieso zur Hölle sind alle Schmuggler und die Leute, die von uns hier ausgeholfen haben, zu Glasfiguren geworden??“ Chuuya blickte von einer der zahlreichen Figuren zur nächsten. Niemand hier war von dem Phänomen verschont geblieben. Im hinteren Teil des Gebäudes lagen auffallend viele Scherben. Waren das etwa …? Alarmiert sah er zu Akutagawa.

„Diese Scherben waren bereits da, als wir eintrafen“, erklärte der Schwarzhaarige ungerührt. „Es scheint, dass dort ein paar der Figuren zerbrochen sind.“

„Diese Figuren waren unsere Leute!“, entrüstete sich der Hutträger.

„Ich weiß. Und jemand wird dafür büßen.“ Er hustete und drehte sich schnell in die andere Richtung, als er merkte, dass schon ein geringer Luftstoß die Statuen zum Wackeln brachte.

„Denken Sie, dass es sich hier um eine übernatürliche Fähigkeit handelt?“, fragte Higuchi.

„Das ist die offensichtlichste Erklärung“, entgegnete Chuuya und knarzte erneut mit den Zähnen. Das war eine Erklärung, die so gut war wie keine Erklärung. „Moment.“ Er hielt inne und sah sich ein weiteres Mal um. „Wo sind die Waren?“

„Wir haben das gesamte Lagerhaus durchsucht“, berichtete Higuchi. „Ohne Ergebnis. Wer auch immer das hier diesen Menschen angetan hat, hat außerdem sämtliche Kunstschätze mitgehen lassen.“

„Dann müssen es mehrere gewesen sein. Ein Befähigter, der Helfer hatte.“ Chuuya stutzte abermals. Eine Fähigkeit, die so viele Menschen auf einmal ausschalten konnte?

„Es sieht aus, als hätte es noch eine Art Kampf gegeben.“ Akutagawa zeigte auf eine Figur, die eine ausholende Bewegung mit einer Brechstange machte. „Sie haben versucht, sich zu wehren. Doch sie waren zu schwach.“ Seine Verachtung für die Betroffenen war deutlich greifbar.

Nachdenklich legte Chuuya die Stirn in Falten. „So sind wahrscheinlich einige der Figuren zerbrochen. Weil es einen Kampf gegen die Angreifer gegeben hat.“ Er ballte seine Hände zu Fäusten. „Ich werde dem Boss Bescheid geben. Ihr passt auf, dass nicht noch mehr Scherben hinzukommen. Vielleicht lassen sich die anderen noch retten.“

Er könnte sie vielleicht retten. Aber er wird uns nicht freiwillig helfen. Dieser … argh!!

 

Dazai nieste.

„Gesundheit“, sagte Kyoka, nachdem Atsushi – für ihn vollkommen untypisch – nichts dergleichen gesagt hatte. Kyoka betrachtete den nur wenig Älteren, der stumm und trübsinnig vor sich hinstarrte, aus dem Augenwinkel und richtete dann wieder ihre ganze Aufmerksamkeit auf Dazai.

„Du wurdest wegen Mordverdachts verhaftet“, äußerte sie unvermittelt in die aufgekommene Stille hinein. „Das ist seltsam. Das heißt, die Polizei schließt einen Unfall von vorneherein aus.“

„Wegen der Schreie, die jemand gehört haben will“, erinnerte Dazai sie.

„Aber Mord können wir wiederum ausschließen … richtig?“ Kyoka sah ihn mit einem so todernsten Blitzen in den Augen an, dass es Dazai beeindruckte.

Nicht einmal Akutagawa kann so finster gucken.

„Ich bin nicht mit der Absicht, jemanden umzubringen durch die Bars gezogen.“

Atsushi zuckte kurz, als wäre ihm etwas aufgefallen. „Dazai, hast du wie sonst auch die Frauen dort nach einem Doppelsuizid gefragt?“

Der Gefragte lachte ertappt. „Ich hatte auch schon den Verdacht, dass das jemand der Polizei gesteckt haben muss.“

Atsushi ließ stöhnend den Kopf hängen. Wie konnte jemand, der so außerordentlich klug und begabt und genial war … sich gleichzeitig selbst in solche Situationen bringen?

„Kopf hoch, Atsushi“, sagte Dazai und klang dabei gar nicht so vergnügt, wie man das von ihm gewohnt war. Es klang sehr danach, als würde er sich dazu zwingen, unbekümmert zu wirken. „Ich konnte die Polizei davon überzeugen, mir Blut abzunehmen. Sie werden die Substanz, mit der man mich ausgeknockt hat, finden und dann muss Ranpo nur noch herausfinden, was tatsächlich geschehen ist.“

„Und wenn-“, begann Atsushi in einer Lautstärke, die weit über seiner normalen lag, da er nach wie vor aufgebracht war. „Und wenn du doch-“

„Das ist nicht hilfreich“, ging Kyoka dazwischen. „Warten wir auf Ranpo.“

Die bedrückende Stille kehrte zurück und blieb eine gefühlte Ewigkeit, bis zur Erleichterung aller die Tür erneut aufging.

Ranpo betrat den Raum und zog abermals eine Schnute.

„Tut mir leid, Dazai. Du musst dich ein bisschen gedulden. Wir müssen uns erst um ein anderes Problem kümmern.“

Die drei Detektive, die gewartet hatten, schauten ihn verdattert an.
 

The atom will implode, the fragile kingdom fold


 

The atom will implode

The fragile kingdom fold“

 

Placebo, „The Never-Ending Why“

 

„Nein, danke.“

Priestley lehnte den von Tanizaki angebotenen Stuhl ab, sodass auch Kunikida aus Höflichkeit gegenüber des Gastes von seinem Platz aufstand. Die gesamte Detektei (mit Ausnahme eines gewissen Inhaftierten) hatte sich um den Agenten von Interpol versammelt.

„Danke, dass Sie mich so kurzfristig empfangen“, richtete Priestley an Fukuzawa, der anerkennend nickte.

„Wenn Ranpo der Meinung ist, dass es für diesen Fall von Vorteil wäre, das Büro der bewaffneten Detektive einzuschalten, dann werden wir Sie selbstverständlich unterstützen.“

„Herr Edogawa hat mich überzeugt, dass es besser wäre, Sie mit ins Boot zu holen und damit konnte ich meine Vorgesetzten überzeugen. Wenn auch mit Einschränkungen. Alles, was hier gleich gesagt wird, darf diesen Raum nicht verlassen. Ich habe für Sie, und nur für Sie, Ausnahmeregelungen durchsetzen können. Und mir ist es nicht einmal gestattet, die Militärpolizei einzuweihen. Es tut mir natürlich auch leid, dass Sie deswegen andere Fälle ruhen lassen müssen und dadurch für Sie Unannehmlichkeiten entstehen.“

„Die Unannehmlichkeit kommt eine Weile alleine klar“, brummte Kunikida und erntete dafür einen kritischen Blick des Inspectors.

„Entschuldigen Sie, wenn ich das so direkt frage“, begann Atsushi, der genau wie Kyoka noch nichts über die Angelegenheit wusste. Ranpo hatten ihnen erklärt, dass sie darüber nur sprechen durften, wenn sie unbeobachtet waren und so hatten sie erst bis ins Detektivbüro zurückfahren müssen. „Aber worum geht es denn nun genau? Auf der Wache hatten Sie einen Terroranschlag erwähnt und dass es eilt.“

Atsushi fuhr zusammen, als der strenge Blick des (wie sie nun wussten) britischen Agenten auf ihm landete.

„Ich will auch ohne Umschweife zum Punkt kommen“, sagte Priestley daraufhin mit besonnener Stimme in den Raum hinein. „Wir haben Informationen erhalten, dass eine uns unbekannte Organisation einen Anschlag auf Ihr Land plant. Und die Indizien sprechen dafür, dass die Gruppe sich vermutlich gerade in Yokohama aufhält. Ob ihr Ziel sich auch in Yokohama befindet, konnten wir bislang nicht bestätigen.“

„Tut es“, nölte Ranpo. „Aber die Wichtigtuer von Interpol wollen ‚handfeste Beweise.‘“ Er rollte mit den Augen.

Fukuzawa räusperte sich verlegen. „Bitten entschuldigen Sie seine Ausdrucksweise.“

Priestley zuckte schwach mit den Achseln. „Ich bin viele Ausdrucksweisen gewohnt. Glauben Sie mir, Ihr kleiner Detektiv ist noch vergleichsweise harmlos.“

„Gibt es Informationen dazu, um was für eine Art Anschlag es sich handelt?“, fragte Kunikida.

„Eine Fähigkeit“, antwortete der Inspector knapp.

„Und weiter?“, hakte Yosano nach. „Das kann ja alles und nichts heißen.“

„Wir wissen nicht, wer der Befähigte ist und wie genau seine Fähigkeit funktioniert.“

„Wie wäre es, wenn Sie mit dem anfangen, was Sie wissen?“, erwiderte Yosano zum Leidwesen des Chefs nicht unbedingt höflich.

„Glas“, sagte Priestley und sorgte damit für noch mehr Verwirrung.

„Glas? Wie in … Glas?“ Kenji hielt das Wasserglas, das auf seinem Schreibtisch stand, hoch.

„Glas wie in Glas, mein Junge“, wiederholte der Brite.

„Es tut mir leid, ich denke, Sie müssen ein wenig deutlicher werden“, forderte Fukuzawa ihn auf und Priestley nickte.

„Der Befähigte verwandelt Menschen in Glasfiguren. Kein sonderlich stabiles Glas. Einige seiner vorigen Opfer sind einfach zerbrochen.“

Auf einigen Gesichtern in der Detektei löste diese Neuigkeit schieres Entsetzen aus.

„Das klingt ja grausam“, äußerte Naomi entrüstet. „Wer tut so etwas? Und warum?“

Priestley gab dem auf seinem Schreibtisch sitzenden Ranpo ein Zeichen, die weitere Erklärung zu übernehmen.

„Jemand, der einen Umsturz plant.“ Der Meisterdetektiv rutschte von seinem Tisch, trabte zu Kunikidas und schnappte sich von dort die heutige Tageszeitung. Er tippte umgehend auf das Titelbild. „Ein großer Wirtschaftskongress beginnt Ende der Woche in Yokohama. Jeeeede Menge Firmenbosse und Politiker laufen da auf.“ Sein Blick verengte sich, als er ernster wurde. „Und jetzt stellt euch mal vor, einer nach dem anderen wird zu einer Glasfigur.“

„Ich verstehe.“ Kunikidas Miene verfinsterte sich, als ihm klar wurde, wie die Bedrohung aussah. „Konkurse, Chaos an den Börsen und kein Politiker mehr da, der sich dem Chaos annehmen könnte.“

„Damit es nicht so weit kommt“, übernahm Priestley erneut die Erklärung, „brauche ich Sie, die bewaffneten Detektive. Sie müssen mir helfen, diese Gruppe zu fassen, bevor diese wichtigen Leute hier eintreffen und der Kongress startet.“

„Ich habe noch eine Frage“, meldete sich Atsushi. „Gibt es Opfer, die immer noch in Glas eingeschlossen sind?“

„Die Fähigkeit löst sich nicht von alleine auf, falls du das wissen möchtest“, erwiderte der Inspector.

„Ähm, na ja, es gibt jemanden, der Fähigkeiten aufheben kann“, fuhr Atsushi fort und hoffte, dass er nicht erklären müsste, warum dieser gerade etwas … unpässlich war.

Mit einer Mischung aus Misstrauen und Amüsement schüttelte Priestley den Kopf. „Du meinst euren Kollegen, der verhaftet wurde? Herr Edogawa hat mir davon berichtet. Nun, da er im Moment selbst Gegenstand einer Ermittlung ist, ist er sowieso keine Option. Die bisherigen Opfer befinden sich alle im Ausland und es ist unmöglich, sie zu transportieren.“

„Oh“, machte Atsushi enttäuscht und spürte Kyokas Blick auf sich.

Priestley wandte sich wieder zu Fukuzawa um. „Ich habe bereits mit Herrn Edogawa besprochen, wie wir am besten vorgehen. Ich werde einige Informanten treffen und daher allein operieren. Dafür haben Sie sicherlich Verständnis.“

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, die Fukuzawa da hörte. Er konnte eine solche Ausdrucksweise eigentlich nicht ausstehen, aber er hatte mit schon schrecklich vielen Menschen zu tun gehabt, die sich genau so ausdrückten. Generell schien dieser Priestley ein ziemlicher Eigenbrötler zu sein, der nur das allernötigste an Informationen preisgab. Vielleicht waren alle Interpol-Agenten so; vielleicht brachte ihr Job dieses Verhalten einfach mit sich. Mit diesen Agenten hatte er noch nie persönlich das Vergnügen gehabt. Bei einem so verzwickten Fall mit so wenigen Informationen wäre es gewiss von Vorteil, Dazai dabeizuhaben, jedoch konnte nur Ranpo etwas für sein Sorgenkind tun und Ranpo musste sich zweifellos nun erst einmal um die Verhinderung dieses Anschlags kümmern. Er ging nicht davon aus, dass Dazai mordend durch das Nachtleben Yokohamas zog (nicht mehr), aber er konnte es nicht leiden, dass eine Ungewissheit darüber herrschte, was tatsächlich vorgefallen war. Sein Problemfall saß nun im Gefängnis und jede Ermittlung gegen ihn könnte schlimme Folgen nach sich ziehen. Dass ausgerechnet in so einer prekären Lage ein wortkarger Interpol-Agent auftauchte und mit weiteren schlechten Nachrichten um die Ecke kam, war wirklich keine Hilfe.

Wie gewohnt nahm er tief Luft, schluckte seinen Ärger hinunter und nickte bedächtig.

„Ranpo, hast du bereits eine Idee?“

„Natürlich habe ich die“, antwortete dieser flink und fast beleidigt. „Ich nehme Kenji und Tanizaki mit, wenn es recht ist.“

„In Ordnung. Alle anderen sollten die Teilnehmer des Kongresses und die Mitarbeiter des Veranstaltungsorts überprüfen.“

Kaum hatten sich alle an die Arbeit begeben und Priestley, Ranpo, Kenji und Tanizaki das Büro verlassen, klingelte das Telefon. Naomi ging ran und hielt umgehend den Chef auf, der dabei war, in sein Zimmer zurückzukehren. Mit einem unguten Gefühl im Magen schritt er zu Naomi, um den Hörer entgegenzunehmen.

„Es ist die Vorsitzende des Gewerbevereins von Chinatown“, flüsterte die Schülerin ihm geschwind zu.

„Ja?“, nahm er den Anruf entgegen und schüttelte nach ein paar Momenten den Kopf. „Was sagt die Militärpolizei dazu? … Ich verstehe. Es tut mir sehr leid. Momentan sind unsere Kapazitäten leider erschöpft, aber wir nehmen uns der Sache an, sobald wir die Zeit dafür haben.“ Er verabschiedete sich und legte auf.

„Noch mehr gute Neuigkeiten, nehme ich an?“ Yosano wusste, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte und wählte ihre Worte dennoch so, wie sie es getan hatte.

„Nichts Dramatisches. Es sind ein paar seltsame Kritzeleien in Chinatown aufgetaucht. Die Polizei hält es nur für einen Streich oder Ähnliches, aber die Anwohner sind besorgt.“ Der Chef atmete erleichtert aus und Atsushi fühlte sich ihm da sehr nahe. Er selbst hatte die Luft angehalten, als das Telefon geklingelt hatte.

Plötzlich hörten sie schnelle Schritte heraneilen und Atsushis Magen zog sich schon wieder zusammen. Wenn in diesen Räumlichkeiten gerannt wurde, hatte das praktisch nie einen guten Hintergrund.

„Chef!“ Haruno kam herein. „Ich habe eben einen Anruf vom Betreiber des Stadions erhalten. Er sagte, da wären auf einmal seltsame Graffiti am Stadion aufgetaucht.“

Verdutzt hielt Fukuzawa inne, jedoch nur für einen kurzen Moment, denn da klingelte sein Handy. Mit einem spürbar unguten Gefühl nahm er den Anruf entgegen. Die Nummer auf dem Display erkannte er als die der Direktorin des Literaturmuseums in Motomachi.

Kaum hatte er abgenommen, kroch eine Spur von Entsetzen über sein Gesicht.

„Seltsame Zeichen am Museum? Ja, ich verstehe. Ich muss Sie leider um etwas Geduld bitten. Ich werde sobald es möglich ist, jemanden bei Ihnen vorbeischicken.“

Graffiti?, wunderte sich Atsushi. Das musste nichts Schlimmes zu bedeuten haben … richtig? Sicher hatte das flaue Gefühl in seinem Magen einen anderen Grund.

 

„Hier?“

„Genau hier!“

Auf Ranpos Order hin parkte Tanizaki den Wagen, in dem er, Ranpo und Kenji saßen, auf den Parkflächen vor einem anscheinend leer stehenden Hotel in Isezakicho. Ein verblasstes Schild wies in Teilen noch darauf hin, dass diese Plätze für Mitarbeiter reserviert waren, doch ein Blick auf das Gebäude verriet, dass hier kein Mitarbeiter mehr auftauchen würde. Der Parkplatz für Gäste schien sich hinter dem Gebäude zu befinden, was jedoch mehr Laufwege für Ranpo bedeutete und die wollte Tanizaki nicht riskieren. Der Meisterdetektiv wirkte heute eh alles andere als entspannt.

„Das ist aber ziemlich weit weg von diesem Kongresszentrum“, merkte Kenji an, als das Auto angehalten hatte.

„Glaubst du, die Attentäter warten die ganze Woche neben dem Kongresszentrum?“, konterte Ranpo missmutig.

„Oh!“ Kenji griff in eine Tasche seiner Latzhose und zauberte einen grellgrünen Lutscher hervor. „Möchtest du den haben?“

Ranpo blickte ihn irritiert an. „Wie-wieso sollte ich?“

„Ah, weil“, warf Tanizaki vorsichtig ein, „weil du ein bisschen unterzuckert klingst.“

Skeptisch hob Ranpo eine Augenbraue. „Ich klinge unterzuckert? Was ist das denn für ein Unsinn?“

„Möchtest du lieber einen Schokoriegel?“ Der Rothaarige öffnete das Fach auf der Beifahrerseite und förderte eine große Packung mit Schokoriegeln zutage. „Oder Kartoffelchips?“ Hinter den Riegeln befand sich wahrhaftig noch eine Tüte mit salzigen Chips.

„Wieso ist dieses Auto vollgestopft mit Süßkram und Snacks?“ Der Meisterdetektiv sah ungläubig auf die Lebensmittelvorräte in dem Kleinwagen.

„Ah, uhm, weil, weil …“ Hilfesuchend suchte Tanizaki den Blickkontakt mit Kenji.

„Weil du heute noch kein Mittagessen hattest“, rettete der Junge den Älteren. „Und nun ist es doch schon so spät am Nachmittag.“

Schweigend und ein wenig entgeistert starrte Ranpo die beiden nacheinander an. „Was bin ich? Ein Kleinkind?“

„Na-natürlich nicht.“ Verzweifelt versuchte Tanizaki sich an die Lektionen aus Kunikidas Ranpo-Handbuch zu erinnern, doch gerade waren diese viel schwerer anzuwenden, als er sich das vorgestellt hatte.

Beleidigt schmollend schüttelte der Meisterdetektiv den Kopf. „Das ist ja nicht zu fassen. Einfach nicht zu fassen. Jetzt macht hin, ich will den Fall schnell aufklären.“ Er stieg aus und Kenji und Tanizaki beeilten sich, ihm hinterherzukommen. Die Eingangstür des verlassenen Hotels war nur angelehnt und Ranpo riss sie ohne zu zögern und mit Schwung auf.

„Warte mal, bitte.“ Tanizaki war der Anblick des mehrstöckigen Betonbaus, der dem geisterhaften Anblick nach schon seit mindestens ein paar Jahren leer stand, nicht geheuer. Zum Glück war es noch nicht dunkel, doch auch bei Tageslicht ging von dem langsam verfallenden Gebäude eine unheimliche Aura aus. „Vielleicht ist dort jemand drin.“

„Die Terroristen etwa?“ Kenji ließ seine staunenden Augen über den maroden Eingang wandern. Er hatte offensichtlich kein ungutes Gefühl.

„Die sind nicht hier“, antwortete Ranpo knapp.

„Warum sind wir überhaupt hier?“, fragte der Rothaarige und das nicht zum ersten Mal. Auf der Fahrt hatte Ranpo ihm lediglich gesagt, dass sie hier einem Hinweis nachgehen müssten.

„Sie waren hier“, sagte Ranpo nun, „aber sie sind weitergezogen. Es ist wahrscheinlich, dass sie von den oberen Stockwerken aus etwas beobachtet haben. Etwas, was für ihren Plan von großer Bedeutung ist. Ich muss sehen, was sie gesehen haben.“

„Ah, ach so ist das.“ Tanizaki wirkte nach Ranpos Erklärung deutlich erleichtert.

„Und wenn sie doch zurückkommen?“, fragte Kenji. „Vielleicht haben sie irgendetwas hier vergessen und wollen es noch holen. Gestern morgen habe ich auch erst auf dem Weg zum Feld bemerkt, dass ich den Dünger vergessen hatte und da musste ich wieder kehrtmachen, um ihn zu holen.“

Der scheinbar unerschütterliche Meisterdetektiv ging durch die offene Tür und winkte die beiden herbei. „Wofür glaubt ihr, habe ich euch mitgenommen? Und jetzt kommt, die Luft hier drin ist schrecklich.“

Die zwei anderen Detektive tauschten einen Blick aus und schlossen zu ihrem Kollegen auf. Ranpo tat nie etwas Unbedachtes und er hatte darauf bestanden, sie beide mitzunehmen und dass Tanizaki eine Waffe einsteckte. Es bestand also die Möglichkeit, dass die Attentäter hierher zurückkehrten und falls es dazu kam, mussten sie beide Ranpo beschützen. Während sie das verlotterte Foyer mit einem heruntergefallenen Kronleuchter, zerschlissenen Teppichen und der unter einer Decke von Staub begrabenen Rezeption passierten, sah sich Tanizaki intensiv seine Umgebung an. Wie kamen sie am schnellsten hier heraus, falls sie plötzlich fliehen mussten? Gab es Möglichkeiten für Verstecke – sowohl für sie selbst als auch für mögliche Angreifer? Tanizaki konnte nicht nachvollziehen, warum Ranpo darauf bestanden hatte, ihn mitzunehmen, aber jetzt, wo es so war, wollte er ihn nicht enttäuschen. Im Hotel war nichts zu hören außer ihren in den leeren Fluren hallenden Schritten und dem Rascheln von Nagetieren, die sich hier eingenistet hatten. Durch die Fenster kam genug Licht, damit sie alles sehen konnten.

„Der Aufzug wird wohl nicht gehen“, stellte Ranpo enttäuscht fest und fing an, die lange Treppe nach oben zu steigen.

Das Treppenhaus hatte den Haken, dass dort kein natürliches Licht hineinfiel, weswegen Tanizaki Kenji, mit einer Taschenlampe ausgerüstet, an die Spitze ihrer Gruppe gestellt hatte. Etage um Etage kämpften sie sich durch das finstere Treppenhaus, ehe Ranpo endlich sagte:

„Stopp! Hier muss es sein.“

Kenji öffnete die Tür zum Flur und alle waren spürbar froh, nun wieder mehr erkennen zu können, da sich eine große Fensterfront im Flur befand, durch die mehr als genügend Licht fiel. Das Hotel wirkte nach wie vor alles andere als einladend, aber zumindest schien es nicht mehr so sehr einem Gruselroman entsprungen zu sein, wie Tanizaki es in dem düsteren Treppenhaus empfunden hatte. Ranpo trabte erneut vorneweg und marschierte an allen Zimmertüren vorbei bis zum allerletzten Raum im Flur.

„Tanizaki, warte hier und halte Wache. Kenji und ich sehen uns im Zimmer um.“

Der Rothaarige nickte und drehte sich mit wachem Blick zum Flur um, nachdem die zwei anderen in das Zimmer gegangen waren und die schwere Holztüre hinter ihnen ins Schloss gefallen war.

Tanizaki war wie so oft zuvor beeindruckt von Ranpos Fähigkeit – die zwar keine Fähigkeit im übernatürlichen Sinne war, aber gerade deshalb vielleicht noch imposanter. Wie er mit den wenigen Infos, die der Mann von Interpol ihnen gegeben hatte, direkt auf einen Aufenthaltsort der Terroristen schloss; so etwas machte ihm keiner nach. Wahrscheinlich nicht einmal Dazai. Der junge Detektiv war vorsichtig optimistisch, dass sie die Verbrecher früh genug finden und verhaften konnten.

Plötzlich hörte er ein leises Geräusch in dem einsamen Hotel.

Ein Rascheln? Vielleicht nur weitere Mäuse und Ratten.

Nein.

Instinktiv zog Tanizaki seine Handfeuerwaffe. Da waren nun Schritte zu hören. Der alte Boden knarzte an manchen Stellen ein wenig. War da jemand in einem der anderen Zimmer? Mit gezogener Waffe machte Tanizaki einen Schritt zurück und öffnete den Mund, um Ranpo und Kenji zu warnen.

 

An einer anderen Tür, weiter nördlich in der Stadt, klopfte gerade jemand an.

Hirotsu wartete, bis Mori „Herein“ sagte und öffnete dann die Tür, um das Büro des Bosses der Hafen-Mafia zu betreten. Er machte eine kleine Verbeugung.

„Boss, er ist jetzt da. Er besteht weiterhin darauf, nur mit Ihnen zu sprechen.“

Mori saß mit nachdenklichem Blick an seinem Schreibtisch und schaute kaum auf. Elise hatte als neuen Zeitvertreib das Murmelspielen für sich entdeckt, was das Büro zu einem wahren Hindernisparcours werden ließ. Wenn sie allzu gelangweilt war, fing sie auch schon mal an, die Murmeln nach jedem, der reinkam, zu werfen. Gerade betrachtete sie eine besonders schöne Glasmurmel im Licht der nachmittäglichen Sonne.

„Wie schätzt du ihn ein, Hirotsu?“, sagte Mori zur Begrüßung.

Der Mafia-Veteran dachte kurz nach, um seine Worte mit Bedacht zu wählen. „Undurchsichtig beschreibt ihn wohl am besten.“

Die Antwort des Grauhaarigen ließ Mori theatralisch seufzen. „Das klingt weder erfreulich noch hilfreich.“

„Ich bin mir nicht sicher, Boss. Er sagte, er hätte ein persönliches Interesse daran, dass wir den Übeltäter schnappen und seiner – ich zitiere seine Worte – ‚gerechten Strafe‘ zuführen.“

Mori richtete sich interessiert auf und stützte seinen Kopf auf seine zusammengefalteten Hände. Ein amüsiertes Glucksen entwich ihm. „So? Jemand kommt zu uns um der Gerechtigkeit willen? Es gibt wohl in der Tat nichts, was es nicht gibt. Hier wird es nie langweilig.“

„Möchten Sie ihn empfangen?“

Mori deutete ein Achselzucken an. „Es kann wohl nicht schaden. Ich bin gespannt, was er zu sagen hat.“

Hirotsu öffnete die Tür ein weiteres Mal und gab ein Signal nach draußen. Nur einen Augenblick später erschienen Tachihara und Gin mit einem Mann in ihrer Mitte im Büro des Bosses. Der unbekannte Mann hatte schwarze Haare und einen Schnauzbart. Zudem trug er einen edel aussehenden, weißen Anzug mit einer blauen Rose im Knopfloch. Sie wussten noch nicht viel über ihn, außer dass er Ausländer war und angeblich etwas über den Vorfall im Lagerhaus wusste. Er war in eben diesem Lagerhaus aufgetaucht und hatte Akutagawa und Higuchi erklärt, dass er bei der Aufklärung des Glasphänomens helfen könnte – allerdings nur, wenn er mit dem Boss der Hafen-Mafia persönlich sprechen dürfte.

Kurz zuvor war Chuuya bei Mori gewesen und hatte ihm berichtet, was er in der Speicherstadt vorgefunden hatte. Alle ihre Leute waren in Glasfiguren verwandelt worden. Es war offensichtlich, dass ein Befähigter dahintersteckte, aber sie hatten keinen Anhaltspunkt, um wen es sich handelte und warum er dies getan hatte. War das Ganze wirklich nur ein Raubüberfall gewesen? Mori konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass das nur die halbe Wahrheit war. Zu einem Teil war er beeindruckt, dass jemand so einen Überfall auf die Hafen-Mafia wagte, zu einem anderen Teil war er mehr als verstimmt, da er durch die gestohlenen Kunstschätze Unsummen und jede Menge Mitarbeiter verloren hatte.

Dazai – so viel hatte Chuuya in der Zwischenzeit herausgefunden – saß wegen Mordverdachts in einer Zelle und es war fraglich, ob er ihnen einfach so helfen würde. Natürlich könnten sie das Büro der lästigen Detektive angreifen, den jammernden Tiger als Geisel nehmen und so die Hilfe des verlorenen Sohnes erpressen, aber Mori wunderte sich zutiefst, warum Dazai immer noch in einer Zelle saß. Zellen waren normalerweise nichts, was Dazai aufhielt.

In seiner Profession als Arzt fragte Mori sich außerdem, wie lange ein Mensch wohl hinter Glas eingeschlossen bleiben konnte, bis eine Rückverwandlung auch nichts mehr brachte. Dazu gab es erstaunlich wenige Studien (keine, um genau zu sein) und ihm fehlten wichtige Daten, um eine solche durchzuführen. An allen Ecken und Enden fehlten es ihnen an Informationen. Er hatte Chuuya beauftragt, die Spur der Kunstgegenstände aufzunehmen. Wenn man so etwas stahl, wollte man es doch irgendwo wieder verkaufen. Und bei der Menge an Gegenständen, die ihnen entwendet worden waren, musste eher früher als später etwas wieder auftauchen.

„Der Kerl besteht darauf, mit Ihnen unter vier Augen zu reden, Boss“, ergriff Tachihara das Wort. „Er will uns noch nicht einmal sagen, wie er heißt.“

„Ich ziehe es nur vor, meinen Namen nicht jedem zu verraten“, verteidigte der Unbekannte sich höflich und mit einem Hauch von Verachtung gegenüber Tachihara. „Sie müssen verstehen, ich muss auf meinen guten Ruf achten. Und zu viel mit einer Mafiaorganisation zu tun haben, ist dem doch eher schädlich. Man kann sich nicht mit jedem abgeben.“ Er musterte Tachihara abfällig, was diesem nicht entging.

„Hast du Todessehnsucht, Alter?? Ich kann dir gerne vorführen, was wir von der Mafia mit Leuten machen, mit denen wir uns nicht abgeben wollen.“

„Alter?“ Der Fremde störte sich anscheinend nur an diesem Wort.

„Tachihara“, sagte Mori ruhig und zog so die Aufmerksamkeit des Rothaarigen auf sich.

„Huh?“

„Ganz ruhig.“ Mori lächelte und Tachihara machte ein verkniffenes Gesicht, während Gin ungesehen mit den Augen rollte. „Sie haben Informationen für uns, was die Glasfiguren betrifft, ja?“

„Die habe ich“, bestätigte der Mann ihm. Man konnte bei ihm keine Spur von Angst feststellen. War er ein furchtloser Narr oder war er aus noch unbekannten Gründen bereit, so weit zu gehen, sich mit der Mafia einlassen zu wollen?

„Ich gebe Ihnen ein paar Minuten.“ Der Boss gab den anderen ein Zeichen, sich zurückzuziehen und draußen zu warten. Er konnte sich darauf verlassen, dass sie ihn gründlichst nach Waffen durchsucht hatten. Tachihara grummelte etwas Unhörbares, während Gin und Hirotsu sich verbeugten und Letzterer die Tür hinter sich schloss.

„Bitte.“ Mori bedeutete dem Mann, näher zu treten, was dieser unverzüglich tat. Auf dem Weg zum Schreibtisch schenkte er der auf dem Boden spielenden Elise ein freundliches Lächeln, was diese mit einem skeptischen Blick erwiderte.

„Mein Name ist Ogai Mori“, stellte Mori sich höflich und doch gleichzeitig unterkühlt vor.

„Williams, Tennessee Williams.“ Der Mann nickte ihm zu.

„Sie sind … Amerikaner?“

„In der Tat, so ist es.“

„Was verschlägt Sie in unsere schöne Stadt?“

„Der Mann, der für Ihr Problem in der Speicherstadt verantwortlich ist.“

Aufmerksam lehnte Mori sich nach vorne. „Sie kommen gleich zur Sache. Das gefällt mir. Doch bevor Sie etwas dazu sagen, würde ich gerne Ihr Motiv erfahren. Sie wirken nicht wie jemand, für den Treffen mit der Mafia ein alltägliches Geschäft sind. Und doch richten Sie ohne zu zögern Forderungen an uns.“

Williams schüttelte schwach lächelnd den Kopf. „Ich will schwer hoffen, dass dies meine einzige Erfahrung mit dem organisierten Verbrechen bleibt. Der gute Ruf, Sie erinnern sich.“

„Selbstverständlich.“

„Dort, wo ich herkomme, schätzt man eher die ehrlichen, hart arbeitenden Leute. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sicher, eine solche Organisation zu führen, ist ein schweres Stück Arbeit, aber was das Ansehen betrifft …“ Er zuckte gestikulierend mit den Schultern. „Sie verstehen.“

„Sie haben Glück, dass Sie mein Interesse geweckt haben.“ Moris Lächeln wurde finsterer. „Was versprechen Sie sich davon, uns etwas zu erzählen?“

Williams, unbeeindruckt von Moris Miene, lachte. „Dass Sie diesen Verbrecher zur Rechenschaft ziehen. Wie ist mir einerlei.“

„Welchen Grund haben Sie dafür, ihn zu verfolgen und tot sehen zu wollen?“

Der Amerikaner wandte seinen Blick ab und ließ ihn aus dem großen Fenster schweifen. „Es wäre mir unangenehm, zu sehr ins Detail zu gehen, doch er hat mit seiner abscheulichen Fähigkeit … jemanden, der mir viel bedeutet hat, getötet.“

Mori faltete seine Hände auseinander und beobachtete Williams. „Er hat diese Person in Glas verwandelt und dann zerbrochen?“

Williams senkte seinen Blick. „Ja“, sagte er in einem um Längen leiseren Tonfall als zuvor.

„Sie wollen Rache – was nicht unbedingt das Gleiche ist wie Gerechtigkeit. Gehen Sie deswegen nicht zur Polizei?“

Der andere Mann schluckte, schüttelte den Kopf und sah Mori mit Tränen in den Augen an. „Ich will diese quälende Situation nicht mehr aushalten müssen. Zur Polizei zu gehen, ist schwierig. Der gute Ruf … Sie erinnern sich. Es gibt in der Welt leider mehr Verlogenheit als Gerechtigkeit, daher … muss ich zu extremen Mitteln greifen.“

Der Boss der Hafen-Mafia blickte ihn eine Weile schweigend an. Sein Besucher wirkte nur nach außen hin tough und unnahbar. Wahrscheinlich war es jemandem, der so darauf bedacht war, sein Gesicht zu wahren, zu gefährlich selbst in die Unterwelt hinabzusteigen und einen Auftragskiller zu engagieren und daher kam er nun zu ihnen.

„Was wissen Sie über diesen Befähigten?“

„Seinen Namen kann ich Ihnen leider nicht verraten, aber den seiner Fähigkeit: Dieser grässliche Fluch nennt sich ‚The Glass Menagerie.‘ Ich habe seine Spur bis in diese Stadt verfolgen können. Wenn Sie mir versprechen, ihn auszuschalten, werde ich Ihnen alles berichten, was ich weiß. Sein Aussehen, was er vorhat, einfach alles. Ich kenne ihn in und auswendig.“

„Ich denke, wir kommen ins Geschäft.“ Mori stutzte, als Williams ihm eine Hand hinhielt.

„Dort, wo ich herkomme, besiegeln Männer ein Abkommen mit einem Handschlag.“

Mori lächelte amüsiert und schlug ein.

„Ach, Herr Mori?“, sagte Williams betont nebensächlich.

Plötzlich überkam den Boss der Hafen-Mafia ein unheilvolles Gefühl. Aus dem Augenwinkel erblickte er Elise, wie sie ihre großen, runden Augen mit einem Mal weit und alarmiert aufriss.

„Fähigkeit“, fuhr der Amerikaner fort und klang nun seinerseits äußerst amüsiert. „The Glass Menagerie.“

Keinen Wimpernschlag später hörte man von draußen wildes Getrampel und Geschrei. Chuuya war herbeigeeilt, nachdem er von Akutagawa erfahren hatte, dass ein Fremder im Lagerhaus aufgetaucht war. Das Führungsmitglied hatte, wie Akutagawa ihm dies gesagt hatte, ein ungutes Gefühl überkommen.

Woher wusste jemand Außenstehendes von dem Vorfall in der Lagerhalle? Purer Zufall? An so etwas glaubte Chuuya nicht.

Hirotsu riss die Tür wieder auf und die gesamte Schwarze Echse samt Chuuya stürmten in den Raum.

Sie fanden eine einzige Person in dem Zimmer vor. Diese schien aus dem Augenwinkel zu den verlassenen Murmeln auf dem Boden zu blicken. Ansonsten rührte sie sich kein Stück.

Mori war zu einer Glasfigur erstarrt.

 

Kenji war an der Zimmertür stehengeblieben, während Ranpo aus dem Fenster blickte. Der blonde Junge hielt plötzlich inne.

„Ranpo, hast du das gehört? Da kam ein Geräusch aus dem Flur. Fast, als hätte Tanizaki etwas rufen wollen.“

Fragend drehte Ranpo sich zu ihm, als just in diesem Moment die Tür eingetreten wurde. Kenji machte einen Satz zurück, um nicht von den Splittern der Tür getroffen zu werden. Beide Detektive erstarrten vor Fassungslosigkeit, als sie erkannten, wer die Tür eingetreten hatte und eine Waffe auf sie richtete.

„Tanizaki?“ Kenji blinzelte den Hereingekommenen an, der durch sie hindurch zu blicken schien. „Was ist-“

„Kenji! Vorsicht! Da stimmt etwas nicht!“, brüllte Ranpo, doch der rothaarige Kamerad hatte bereits das Feuer auf sie eröffnet. Er traf mehrmals die Fensterscheibe neben Ranpo, sodass dieser hinter das Bett sprang, um auf dem Boden in Deckung zu gehen.

„Ranpo! Bist du verletzt?!“, rief Kenji, nicht begreifend, was los war. Warum griff Tanizaki sie plötzlich an? Was war mit ihm?

Tanizaki nahm die Waffe wieder herunter, drehte sich um und lief weg.

„Tanizaki!“, schrie Kenji ihm panisch hinterher.

„Du musst ihn verfolgen und ihm die Waffe wegnehmen!“, forderte Ranpo ihn alarmiert auf und der blonde Junge nickte hastig, bevor er die Verfolgung des bewaffneten Kollegen aufnahm.
 

Looks like the devil’s here to stay


 

Looks like the devil’s here to stay“

 

Placebo, „Devil in the Details“

 

Kunikida stieg aus seinem Wagen aus, den er auf dem Gästeparkplatz des Hotels geparkt hatte, und ging schnellen Schrittes zum Vordereingang. Ranpo hatte ihnen durchgegeben, was geschehen war und wartete nun darauf, dass jemand ihn abholte.

Kenji und Tanizaki waren nicht zurückgekehrt.

Mit einem flauen Gefühl im Magen kam Kunikida an der Vorderseite an. Ranpo hatte bei seinem Anruf in der Detektei gesagt, dass er das Hotel auf eigene Faust durchsucht hatte und dort niemand oder auch nur die Spur von jemandem zu finden gewesen wäre. Das Auto, das Tanizaki vor dem Eingang geparkt hatte, stand unverändert da. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt und eine entfernt stehende Straßenlaterne ging flackernd an. Kunikida warf einen flüchtigen Blick in den Wagen, bevor ein Geräusch vom Eingang ihn dorthin herumwirbeln ließ. Fast hätte er im Affekt seine Pistole gezogen, aber er erblickte früh genug Ranpo dort stehen.

Der Meisterdetektiv hatte seinen Blick gesenkt und ließ die Schultern hängen. Wortlos ging er zu Kunikida.

„Bist du unverletzt, Ranpo?“, fragte der Idealist beim zerknirschten Anblick des Anderen.

„Ich verstehe es nicht“, murmelte Ranpo bestürzt. „Ich verstehe es nicht. Ich war der festen Überzeugung, Kenji würde Tanizaki spätestens am Eingang einholen können. Und nun finde ich nicht einmal eine Spur von ihm oder Tanizaki. Als hätten sie sich in Luft aufgelöst.“

„Naomi versucht seit deinem Anruf verzweifelt, Tanizaki zu erreichen“, entgegnete Kunikida schwermütig, „doch bislang ohne Erfolg. Katai versucht nun, die Handys der beiden ausfindig zu machen.“ Er schaute zu dem großen, verlassenen Gebäude empor. Was in aller Welt war hier vorgefallen? Wer war in der Lage, Ranpo zu überlisten?

„Du hast auf dem hinteren Parkplatz geparkt?“ Ranpo sah plötzlich auf.

Sein Gegenüber zeigte auf das verblichene Schild. „Nur für Mitarbeiter.“ Er erntete ein Augenrollen. „Das war vielleicht aber auch besser so.“

„Huh? Weswegen?“

„Komm mit.“ Kunikida ging zum Gästeparkplatz zurück und zeigte auf die hintere Mauer des Gebäudes.

Ranpo stutzte. „Was ist denn das nun schon wieder?“

Auf der Mauer zeigten sich Markierungen, die nur auf den ersten Blick aussahen wie gewöhnliche Graffiti. Beobachtete man diese ein paar Sekunden, bemerkte man, dass die Farbe der Zeichen, die nach ineinander verknoteten Schlaufen aussahen, in einem schwachen Neonblau aufleuchtete – beinahe als würden sie pulsieren. Beobachtete man sie noch ein wenig länger, wurde man Zeuge, wie weitere Schlaufen hinzukamen.

„Das ist der vierte Ort, an dem dieses Phänomen auftritt.“ Kunikida holte tief Luft. „Und ich halte es nicht für einen Zufall, dass dies hier geschieht.“

„Erzähl mir auf der Fahrt alles, was du darüber weißt.“

Sie stiegen in Kunikidas Wagen und fuhren zurück zur Detektei.

Als sie dort ankamen, war es bereits dunkel draußen – und was die Stimmung betraf: auch drinnen.

Naomi wählte immer und immer wieder die Kurzwahltaste auf ihrem Handy, auf der sie die Nummer ihres Bruders gespeichert hatte. Tränen liefen ihre Wangen hinab, aber sie gab sich die größte Mühe, nicht laut zu schluchzen.

„Nimm doch endlich ab! Nimm doch endlich ab!“ Ihre Finger zitterten und schlussendlich nahm ihr Yosano behutsam das Handy aus der Hand.

„Der Ruf geht nicht durch“, informierte die Ärztin die Zurückkehrten. „Katai hat eben durchgegeben, dass beide Handys ausgeschaltet worden sein müssen. Das letzte Signal beider Telefone konnte er bei dem Hotel orten.“

Ohne die anderen anzublicken, schlurfte Ranpo zu seinem Platz. Er blieb – den anderen den Rücken zugedreht – vor seinem Schreibtisch stehen.

„Dann hat ihnen jemand aufgelauert, als sie das Hotel verlassen haben“, sagte er und klang verbittert. „Wieso habe ich vorher niemanden bemerkt? Und was ist mit Tanizaki passiert?“

„Das klingt doch“, mutmaßte Atsushi vorsichtig, „als hätte ihn jemand kontrolliert … oder?“

„Wenn außer ihnen niemand im Hotel war“, vermutete Kyoka, „dann ist er aus der Ferne kontrolliert worden.“ Eine ihrer Hände umklammerte das Mobiltelefon, mit dem Akutagawa Weißer Dämonenschnee unter Kontrolle gehabt hatte.

„Aber …“ Atsushi schaute flüchtig und wehmütig auf Kyokas Handy, ehe er mit festerer Stimme weiter laut überlegte. „Aber dann hätte doch jemand Vorkehrungen dafür treffen müssen.“

„Ist dir irgendetwas oder irgendjemand aufgefallen? Hatte Tanizaki zu einem Fremden Kontakt?“, fragte Fukuzawa Naomi, die sich die Tränen aus dem Gesicht wischte und umgehend den Kopf schüttelte.

„Wir verbringen jede Sekunde unserer Freizeit zusammen“, sagte sie energisch. „Mir würde es auffallen, wenn ein Floh sich ihm nähern würde. Aber da war nichts und niemand.“

Atsushi wunderte sich kurz, ob das nicht mal wieder ein wenig zu viel an Informationen gewesen war, als ihm ein beunruhigender Gedanke kam:

„Meint ihr, wer auch immer die Kontrolle über Tanizaki hat, hat sie nun auch über Kenji?“

„Mal nicht den Teufel an die Wand“, ermahnte Yosano ihn. „Zumindest können wir davon ausgehen, dass Tanizaki Kenji nichts antun kann-“ Sie stockte, als Naomi bei dieser Formulierung wimmerte. „Dass wer auch immer dahintersteckt, Kenji nicht so leicht etwas antun kann.“

„Diese Markierungen“, sagte Kunikida plötzlich mit tief in Falten gelegter Stirn, „ob sie etwas mit Tanizakis Verhalten zu tun haben? Sie waren an der Außenwand des Hotels.“

Die restlichen Detektive horchten auf, als sie dies hörten.

„Die gleichen Markierungen?“, hakte Fukuzawa alarmiert nach und der Brillenträger nickte.

„Ohne jeden Zweifel.“

Ranpo drehte sich auf einmal wieder zu den anderen um. „Kunikida erzählte mir, diese Schmierereien seien auch in Chinatown, in Kannai am Stadion und in Motomachi gefunden worden.“

„Mittlerweile auch in Yamate.“ Mit einem Tablet in der Hand lief Haruno zu dem schwarzhaarigen Detektiv und spielte ihm ein Video ab, das die Sacred Heart Cathedral in Yamate zeigte. Auf dem Gebäude waren die neonfarbenen, leuchtenden Schlaufen zu sehen. Alle Betroffenen hatten der Detektei in der Zwischenzeit Fotos und Videos der seltsamen Zeichen geschickt. Überall war es das gleiche Bild: Die Schlaufen schienen zu pulsieren und sich zu verbreiten. Fukuzawa hatte die Militärpolizei inzwischen darum gebeten, sich dem Fall doch anzunehmen, die Gebäude zu beobachten und deren Umgebungen abzusuchen.

Gedankenversunken sah sich Ranpo das Video an. Dann hob er den Kopf in Richtung des Chefs. „Und wie viele Meldungen gab es darüber, dass jemand plötzlich eine Waffe auf die eigenen Leute abgefeuert hat?“

Naomi zuckte erneut wimmernd zusammen, aber das schien Ranpo kalt zu lassen. Selbst nachdem er einen tadelnden Blick von Yosano erhalten hatte.

„Keine“, antwortete Fukuzawa.

„Dann ist das wohl keine brauchbare Spur. Pah, das ist weder brauchbar noch eine Spur!“, meckerte der Meisterdetektiv unzufrieden und handelte sich so den Unmut des Chefs ein.

„Ranpo“, rügte dieser ihn scharf und der Kritisierte machte eine wegwerfende Geste mit der Hand und drehte sich wieder seinem Schreibtisch zu.

Ob er wütend auf sich selbst ist, weil er die Gefahr nicht bemerkt hat?, wunderte Atsushi sich. Ranpo war oft sehr direkt und konnte manchmal mit dieser Art etwas verletzend wirken, aber dass er so harsch klang? Und seine Laune so schlecht war? Atsushi überlegte, ob er etwas Aufmunterndes zu ihm sagen sollte, verwarf den Gedanken jedoch schnell. Wahrscheinlich würde er es nur schlimmer machen. Stattdessen sollte er lieber überlegen, was sie tun sollten. Oder vielmehr, was hinter all diesen Ereignissen steckte. Wer entkam Ranpos wachsamen Augen und konnte unbemerkt Tanizaki mit einer Fähigkeit unter seine Kontrolle bringen? Wer war stark genug, um Kenji überwältigen und festhalten zu können? Schnell musste derjenige auch sein. Waren das die Terroristen? Wollten die Terroristen die Detektei ausschalten, bevor die Detektei sie ausschalten konnte? Doch woher sollten die Terroristen wissen, dass die bewaffneten Detektive hinzugezogen worden waren? Was hatten diese Zeichen an den Gebäuden zu bedeuten? Atsushi fühlte, wie sein Kopf zu rauchen und zu schwirren begann. Es waren zu viele Fragen, zu viele Geschehnisse und zu viel Unklarheit, wie und ob überhaupt was miteinander zusammenhing. Gab es keinen einfacheren Ansatz? Etwas, mit dem ein durchschnittlicher Typ wie er etwas anfangen konnte?

Atsushis Blick klärte sich schlagartig, als ihm etwas einfiel:

„Fing nicht alles mit der Anzeige von diesem ‚Teufel‘ an?“

Mit Ausnahme von Ranpo sahen alle Detektive zu ihm, was dem Jungen ein bisschen viel Aufmerksamkeit auf einen Schlag war.

„Ich meine … der ist ja auch noch da. Und vielleicht hat er irgendetwas mit dem Verschwinden von Tanizaki und Kenji zu tun. Vielleicht weil er sich von Ranpo nicht ernst genommen fühlt oder Rache für die Verhaftung damals will. Möglicherweise haben wir es mit mehreren Fällen zu tun und dieser Dieb ist zufällig mit den Terroristen hier aufgetaucht.“

Man konnte sehen, wie seine Kollegen diese Theorie sacken lassen wollten, als jemand ihr heftig widersprach.

„UN-SINN!“ Ranpo hatte sich mit Schwung zu ihnen umgedreht und blickte Atsushi geradezu empört an. „Der ‚Teufel‘ ist zwar ein Dieb, aber nicht von Menschen! Was sollte der mit Tanizaki und Kenji wollen? Und ein Befähigter ist er auch nicht, er kann keine Gedankenkontrolle ausüben!“ Ranpo schüttelte entrüstet den Kopf. „Er ist auch niemand, der auf so etwas Niederes wie Rache aus ist! Er ist ein stolzer Mann und kein Kleinkind, das heult und schmollt und nichts Besseres zu tun hat als irgendjemandem etwas heimzahlen zu wollen! Sowieso, wofür sollte er sich rächen wollen? Ist er ins Gefängnis gewandert? Hat er auch nur eine Minute lang dort eingesessen? Nein! Weil er mir direkt wieder entkommen ist! Ich habe damals nicht gewonnen!“

Beinahe entschuldigend erwiderte Atsushi den aufgebrachten Blick des älteren Kameraden. Was auch immer damals vorgefallen war, musste Ranpo immer noch sehr aufwühlen. Selbst Fukuzawa schien überrascht von der Reaktion seines langjährigen Schützlings zu sein. Er musterte Ranpo eindringlich, was diesem nicht entging und ihm offenkundig unangenehm war.

„Dieser ‚Teufel‘“, ergriff Kyoka gewohnt furchtlos das Wort und richtete es an den Chef, „was genau weiß man über ihn?“

„Nicht viel“, antwortete er ihr. „Ranpo hatte damals herausfinden können, dass die Vorgehensweise des Diebs darin bestand, sich im Vorfeld bei seinen Opfern einzuschleichen. Mal war er ein Hausangestellter, mal ein angeblicher Geschäftspartner. Bei dem Coup, bei dem Ranpo ihn hatte stellen können, hatte er sich als Museumswärter ausgegeben. Auffallend war, dass weder wir noch die Polizei je herausfinden konnten, wer dieser Mann in Wahrheit war. Es existierten keine Informationen über ihn. Nachdem er entkommen war, hatte er sich praktisch in Luft aufge-“ Fukuzawa stockte, so wie es auch die anderen in diesem Moment taten.

„Wie in Luft aufgelöst. Wie bei Tanizaki und Kenji“, beendete Yosano den Satz und schaute zu Ranpo herüber, der sich anscheinend wieder beruhigt hatte und die gleiche Idee wie die anderen hatte. „Nur mal angenommen, du hast dich damals geirrt und der Kerl ist doch ein Befähigter. Vielleicht kann er sich und andere verschwinden lassen?“

„Das … wäre eine Möglichkeit“, hauchte Ranpo erschüttert.

„Das erklärt nicht Tanizakis Verhalten“, wandte Kyoka ein und wurde von Ranpo umgehend per Handzeichen um Ruhe gebeten.

„Atsushi hatte eben nicht mit allem Unrecht“, fuhr der Meisterdetektiv fort und schüttelte langsam seinen Schock ab. „Wir könnten es mit mehreren Fällen gleichzeitig zu tun haben.“

„Was genau soll das heißen?“, hakte Naomi irritiert nach. „Meinst du, dass das Verhalten meines Bruders nichts mit Kenjis Verschwinden zu tun hat?“

„Endlich denkt noch jemand außer mir mit“, sagte Ranpo ihr mit wieder steigender Laune. „Wir suchen zwei verschiedene Täter, die aus irgendeinem Grund am gleichen Ort waren.“

Atsushi spürte das Rauchen und Schwirren seines Kopfes zurückkehren. Er konnte noch nicht sehen, wie ihnen das weiterhelfen sollte, aber Ranpo schien das irgendeinen nötigen Hinweis zu geben.

„Hast du in dem Hotel etwas über die Terroristen herausfinden können?“, fragte Fukuzawa nun und versetzte damit ungewollt Ranpos Laune einen erneuten Tiefschlag.

Er zog seine Mütze so weit herunter, dass man seine Augen kaum noch erkennen konnte. „Sie sind … cleverer, als ich dachte.“

Alle warteten noch eine Weile ab, doch der Meisterdetektiv sagte nicht mehr dazu. Fukuzawa warf Kunikida einen fragenden Blick zu, aber dieser zuckte schwach mit den Schultern.

„Mehr habe ich aus ihm auch nicht herausgekriegt.“

Erstaunlich ratlos sah der Chef wieder zu Ranpo. War es möglich, dass Ranpo nicht weiterwusste? Nein. Das konnte nicht …. Er hielt erschrocken inne. Es war keine Neuigkeit, dass das Büro der bewaffneten Detektive sich den Großteil der Zeit auf Ranpo und Dazai verließ, aber … hatten sie sich derart abhängig von den beiden gemacht, dass sie ohne sie völlig verloren dastanden? Ranpos unfassbare Fähigkeit war der Grundpfeiler des Detektivbüros, er hatte bis jetzt noch jeden Fall gelöst. Doch nun musste sich Fukuzawa mit einem nicht zu leugnenden Schrecken eingestehen, dass er Ranpo eventuell viel zu viel zugemutet hatte. Es grenzte an Arroganz, zu glauben, dass Ranpo niemals nie einen Fehler machen würde und immer sofort alle Antworten parat haben würde. Er war ihnen allen um Weiten überlegen (selbst Dazai hatte dies einmal zugegeben), aber er war doch nicht unfehlbar. Ranpo spielte sich gerne auf wie ein Gott, aber er war keiner. Hatten sie alle diesen doch eigentlich selbstverständlichen Umstand aus den Augen verloren? War dies die Erklärung für das merkwürdige Verhalten, das er bei dem Jüngeren gerade beobachtete?

Während Fukuzawa über all dies nachdachte und den Meisterdetektiv dabei nicht aus den Augen ließ, zog dieser seine Mütze noch weiter ins Gesicht.

„In Ordnung.“ Der Chef (und er musste sich selbst daran erinnern, dass er der Chef war und die Zügel in den Händen halten sollte) räusperte sich. „Ich halte es für das Beste, wenn Ranpo und ich noch einmal mit Inspector Priestley sprechen.“ Er spürte Ranpos entgeisterten Blick auf sich und zwang sich, sich davon nicht beirren zu lassen. „Wir sollten uns außerdem noch einmal in diesem Hotel umsehen.“ Ranpos Miene verzog sich in einem plötzlichen Anfall von Zorn. Es war nicht unwahrscheinlich, dass er nun dachte, seine Fähigkeit (und damit vielleicht sein ganzer Status) würde in Frage gestellt werden. Doch es half nichts. Sie hatten keinen Anhaltspunkt und zwei ihrer Leute waren möglicherweise in Gefahr. „Wir sollten uns ebenso diese Markierungen selbst einmal ansehen. Kunikida, Yosano, Kyoka und Atsushi, ihr bleibt zusammen und übernehmt das.“

Die Detektive nickten, während Ranpo aussah, als würde er Einspruch einlegen wollen und nicht wissen wie. Atsushi konnte sich nicht erinnern, dass der ältere Kollege je zuvor schon einmal dermaßen nervös gewirkt hatte.

In diesem Augenblick klopfte es von außen an die Tür. Auf das Okay des Chefs hin öffnete Haruno diese und ließ die Frau hinein, die zu dem Ehepaar gehörte, das das Café Uzumaki betrieb. Mit einem Mal stieg die Anspannung im Büro wieder schlagartig an. Die Frau war weiß wie eine Wand und zitterte am ganzen Körper. Geistesgegenwärtig schob Haruno ihr einen unbenutzten Schreibtischstuhl hin, auf den sie sich setzte.

„Lucy …“, begann die Frau mit bebender Stimme und ließ Atsushi vor Schreck die Luft anhalten. „Lucy ist … Lucy, sie …“

„Ganz ruhig. Atmen Sie tief ein.“ Yosano hockte sich zu der Frau hinunter und fühlte ihren rasenden Puls. „Und wieder aus. Und von vorne.“

Die aufgewühlte Frau beruhigte sich nur ein wenig, aber genug, um mit weit aufgerissenen Augen dem Chef die nächste Horrorbotschaft zu überbringen:

„Lucy sollte eine Lieferung machen und … und sie kam nicht zurück. Sie ging nicht an ihr Handy … und-und da ist mein Mann sie suchen gegangen und er rief mich an. Er rief mich an und sagte, sie sei … sie sei zu Glas erstarrt.“

Atsushi fühlte, wie sein Herz kurz aussetzte. Aus dem Augenwinkel bekam er mit, wie Kyoka ihre Augen entsetzt aufriss und auch die übrigen Detektive zogen scharf die Luft ein.

„Wann ist das passiert?? Und wo??“, platzte es nach der schweigsamen Schrecksekunde aus Kunikida heraus.

Die Frau zog mit fahrigen Bewegungen einen kleinen Zettel aus ihrer Schürze. „Lucy hat die Adresse notiert. Es ist nicht weit, deswegen ist sie zu Fuß los. Wer kann denn ahnen, dass-“ Sie brach in Tränen aus.

Mit einer plötzlich wiedergewonnenen Energie zischte Ranpo an den anderen vorbei und nahm ihr den Zettel aus der Hand.

„Chef, das hat Vorrang!“

Fukuzawa zögerte.

„Ich muss mir das mit eigenen Augen ansehen!“, rief Ranpo aus und wirkte beinahe flehentlich.

„Nimm Atsushi und Kyoka mit“, sagte Fukuzawa hadernd.

„Und Yosano.“ Ranpo hatte die Mütze aus seinem Gesicht geschoben und blickte hastig zu der Ärztin. „Vielleicht kannst du irgendetwas tun. Oder uns wenigstens sagen, wie es um Lucy bestellt ist.“

Yosano nickte und schaute zum Chef, um sich sein Einverständnis zu holen.

Er gab es ihr und die vier stürmten regelrecht aus der Detektei.

 

Tatsächlich war die Wohnung, die auf dem Zettel notiert war, nur wenige Minuten vom Café entfernt. Sie lag in einem gewöhnlichen, bewohnten Apartmenthaus. Nur die Wohnung selbst war unbewohnt. Kyoka hatte Weißer Dämonenschnee vorgeschickt, um die Wohnungstür zu öffnen. Drinnen fanden sie in einem großen leer stehenden Raum lediglich den Betreiber des Cafés und die Glasfigur, die er zu bewachen versuchte.

Mit ungläubigen Augen bewegte Atsushi sich auf die wie eingefroren aussehende Lucy zu. Die Box mit der Lieferung hielt sie noch in Händen und ihr erschrockenes Gesicht verriet, dass sie gemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte. Es war surreal, sie so zu sehen. Als hätte jemand ihre Zeit einfach angehalten.

„Es ist besser, wenn Sie jetzt gehen“, sagte Ranpo mit gedämpfter Stimme zu dem Caféinhaber. Dieser wollte widersprechen, aber Ranpo schüttelte schwach den Kopf. „Bitte, vertrauen Sie Lucy uns an.“

Der Mann ließ seinen traurigen Blick über die anderen Detektive wandern und Atsushi nickte ihm ermutigend zu.

„Wir werden einen Weg finden, Lucy zu retten. Das verspreche ich Ihnen!“

„Wieso hat ihr jemand dies angetan?“, wollte der Mann wissen.

„Wahrscheinlich … unseretwegen.“ Ranpo biss sich auf die Unterlippe. „Deswegen bitte ich Sie, jetzt zu gehen. Bevor Ihnen auch noch etwas zustößt.“

Endlich wurde der besorgte Cafébetreiber einsichtig. Mit den Worten „Bitte kümmert euch um sie“ ließ er die Detektive mit der gläsernen Lucy allein zurück.

„Das heißt, die Terroristen wissen, dass wir hinter ihnen her sind“, schlussfolgerte Kyoka und selbst bei ihr konnte man die Wut über das Geschehene heraushören.

„Sie haben Lucy als Warnung für uns benutzt“, antwortete Ranpo mit einem stark verbitterten Unterton. Er schaute zu Yosano, die recht verzagend die Glasfigur vor sich musterte.

„Ich glaube nicht, dass ich hier irgendwie helfen kann.“ In der Miene der Ärztin konnte man lesen, dass auch sie eine ungeheuerliche Wut auf denjenigen verspürte, der dies Lucy angetan hatte.

„Das habe ich befürchtet.“ Ranpo atmete aus. „Aber du weißt noch, was Priestley über die Glasfiguren gesagt hat, oder?“

Yosano ballte ihre Hände zu Fäusten. „Dass sie äußerst zerbrechlich sind.“

Verängstigt wich Atsushi von Lucy zurück. „Was-was machen wir denn jetzt?? Was ist, wenn Lucy …“ Er schaffte es nicht dies auszusprechen.

Ranpos ernst dreinblickende grüne Augen richteten sich wieder auf Yosano. „Ich kann nicht sagen, ob das funktionieren würde, aber falls sie zerbricht, musst du versuchen, deine Fähigkeit auf sie anzuwenden. Mehr können wir momentan nicht für sie tun.“

Yosano lächelte gequält. „Ich hasse es, das zu sagen, aber wir brauchen Dazai. Ich denke, es ist das Beste, wenn wir uns zuerst um ihn kümmern. Wie schnell kannst du ihn aus dem Gefängnis holen, Ranpo?“

Der Meisterdetektiv wandte sich zu einem Fenster um und blickte auf das mittlerweile nächtliche Yokohama.

„Ranpo?“, hakte Atsushi nach, nachdem sie keine Antwort erhielten und er mit Yosano und Kyoka einen fragenden Blick ausgetauscht hatte.

„Ja doch! Ja doch!“ Ranpo drehte sich schwungvoll wieder zu ihnen um und zog eine beleidigte Miene. „Dazai kann wieder alles richten! Dazai ist wohl neuerdings euer bester Mann!“

Yosano schüttelte tadelnd den Kopf. „Das ist wirklich nicht die Zeit, um eingeschnappt zu sein.“

„Das weiß ich auch!“

„Dann beruhige dich.“

„Hört auf, mir zu sagen, was ich tun soll!“ Ranpo wollte mit dem Fuß aufstampfen, doch blitzschnell hielt Weißer Dämonenschnee ihn fest und hinderte ihn daran, indem er ihn ein Stück hochhob.

„Ich glaube, wir sollten jegliche Erschütterungen vermeiden“, sagte Kyoka und zeigte auf Lucy, die durch das bisschen Aufruhr bereits ins Wackeln geraten war. Atsushi hielt vor Angst die Luft an.

„Lass mich bitte runter.“ Ranpo klang schrecklich niedergeschlagen, als Weißer Dämonenschnee ihn sacht absetzte und von Kyoka zurückgerufen wurde. Der dunkelhaarige Detektiv führte beide Hände zu seinen Schläfen und rieb sich angestrengt darüber.

„Ranpo“, begann Yosano ungewohnt sanft, „es ist keine Schande, Hilfe zu brauchen und anzunehmen. Das muss ich dir doch nicht erklären. Mit alldem, was gerade passiert, ist ein Einziger unweigerlich überfordert. Und du bist immer noch unser wichtigster Mann. Ohne dich können wir nicht einmal Dazai befreien.“

Ein paar Sekunden lang sagte niemand etwas. Dann zog Ranpo seine Mütze wieder tiefer ins Gesicht und setzte sich in Bewegung.

„Bleib du bei Lucy“, sagte er zu Yosano, ohne sie anzusehen. „Wir kümmern uns um Dazai.“

„Ist das nicht zu gefährlich?“, wandte Atsushi ein. „Ich meine, wenn Yosano alleine hier bleibt und die Terroristen wiederkommen?“

„Sie haben hier alles erledigt, was sie erledigen wollten.“ Ranpo zeigte flüchtig auf Lucy. „Sie wissen wahrscheinlich, dass wir ihre Warnung erhalten haben und werden sich eher an unsere Fersen heften.“

„Ich komme klar. Beeilt ihr euch“, bestärkte Yosano sie und blieb mit Lucy allein in der Wohnung zurück.

Die drei anderen hatten gerade die Straße vor dem Apartmenthaus erreicht, als Atsushi anhielt. Er hatte ein furchtbar flaues Gefühl im Magen und er spürte ein Kribbeln auf seiner Haut, als würde er sich gruseln.

Woher kam das nur?

War das allein dem Anblick von Lucy in ihrem Glasgefängnis geschuldet?

Ein Passant blieb plötzlich bei ihnen stehen.

„Ist einer von Ihnen Ranpo Edogawa?“

Alle stutzten und blickten den Mann fragend an. Er hatte mittellange, hellbraune Haare und sehr markante Augenbrauen. Er trug eine große, runde Brille, ein weißes Hemd mit einer modischen Weste darüber und eine beigefarbene Hose in der gleichen Farbe. Wahrscheinlich war er Mitte oder Ende 20.

„Jemand hat mir diesen Brief in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle ihn einem Ranpo Edogawa geben, der gleich aus diesem Gebäude käme.“

Der Mann hielt ihnen einen Umschlag hin.

„Wer hat Ihnen diesen Brief gegeben und wo?!“, platzte es aus Atsushi heraus, während Kyoka mit ihren Augen bereits die Umgebung absuchte.

„Uhm, dort hinten an der Straßenecke.“ Der Passant zeigte grob in eine Richtung. „Es war ein Mann, aber ich habe ihn mir nicht näher angesehen.“

„Und wo ist er danach hin?“, wollte Kyoka eiligst wissen.

Der Fremde zuckte entschuldigend mit den Achseln. „Er ist die Treppe zur U-Bahn runter, aber mehr weiß ich auch nicht.“

Ranpo riss ihm den Umschlag aus den Händen und öffnete ihn sofort. Der Mann blinzelte verwundert und ging daraufhin seines Weges. Derweil knarzte Ranpo mit den Zähnen, als er den Brief zu lesen begann:

„Aufmerksamer Leser!“

Atsushi und Kyoka rissen beide die Augen weit auf.

Ich fühle ein gewisses Maß an Vernachlässigung. Ich habe zwar gehört, du seist sehr beschäftigt, doch kann ich kaum glauben, dass du mir nicht wenigstens einen Bruchteil deiner Zeit schenken kannst. Nun, ich bin geduldig. Ich habe dir derweil ein Geschenk hinterlassen. Dort, wo man hoch oben das Meer sehen kann.“

„Dort, wo man hoch oben das Meer sehen kann?“, wiederholte Kyoka verwirrt.

„Vielleicht ist das ein Hinweis auf den Aufenthaltsort von Kenji!“, rief Atsushi angespannt aus.

„Der Marine Tower“, sagte Ranpo knapp. „Ihr macht euch auf den Weg zum Tower, ich hole Dazai.“

„Ist das klug?“ Sollten wir nicht lieber zusammen bleiben, hatte Atsushi fragen wollen, traute sich aber nicht mehr weiterzusprechen, nachdem Ranpo verstimmt die Lippen zusammenpresste.

„Du hast auch kein Vertrauen mehr in mich?“, fragte der Meisterdetektiv fast tonlos.

„Nein! Ich meine, doch! Natürlich!“ Der Junge wedelte hastig mit den Händen. Konnte er sich noch unglücklicher ausdrücken? Er sammelte sich kurz, um seine Wortwahl zu überdenken. „Wir wissen, dass dieser ‚Teufel‘ es auf jeden Fall auf dich abgesehen hat und die Terroristen sehen in dir bestimmt eine Gefahr.“

„Das stimmt“, gab Kyoka ihm Recht. „Wenn sie wissen, dass das Büro der bewaffneten Detektive eingeschaltet wurde, dann wissen sie zweifellos, dass du ihnen auf der Spur bist.“

Eine kurze Stille trat zwischen die drei, bis Ranpo schwach den Kopf schüttelte.

„Der ‚Teufel‘ ist harmlos. Der wird mir nichts tun. Er will doch schließlich, dass ich sein Spiel mitspiele. Und was die anderen angeht … haben wir keine andere Wahl. Ihr könnt Dazai nicht helfen und ich kann keinen von euch alleine zum Marine Tower schicken. Nein, es geht nicht anders.“

Ratlos blickte Atsushi zwischen dem Ältesten und der Jüngsten ihrer Gruppe hin und her. Dieses schauderhafte Gefühl, das er seit eben hatte, wurde immer schlimmer. Als würde sein Körper ihn warnen wollen, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde. Aber was sollten sie tun? Kunikida und dem Chef Bescheid sagen?

„Wir haben keine Zeit zu verlieren“, drängte Ranpo, als hätte er erneut seinen Gedanken erraten. „Passt ja auf euch auf.“

„Schaffst du es alleine zur Polizeistation?“, wandte Kyoka ein.

Für einen flüchtigen Moment hatten sich beide eingebildet, dass Ranpo gestutzt hätte, ehe er hinter sich zeigte. „ … Ich nehme mir ein Taxi.“ Einige Meter von ihnen entfernt hielten ein paar Taxis in einer Haltebucht.

Zögernd willigte Atsushi ein. „Sag Kunikida auf jeden Fall Bescheid, wo du bist und wo du hin willst. Wir nehmen die U-Bahn!“

„Ich rufe ihn an, sobald ich im Taxi bin. Beeilt euch.“

 

Die beiden jungen Detektive kamen binnen Minuten am Yokohama Marine Tower an. Es war schon so spät, dass die U-Bahnen nicht mehr lange fahren würden. Der Tower an sich hatte bereits seit fast zwei Stunden geschlossen, was aber – wie Kyoka sagte – kein Problem wäre. Sie schlichen am Wachmann vorbei und warteten bis Weißer Dämonenschnee, den Kyoka in einiger Entfernung platziert hatte, ein Geräusch machte. Der Wachmann hörte dies (Kyokas Fähigkeit schlug mit ihrem Schwert gegen einen metallenen Pfosten) und ging einige Schritte vom Tower weg. Weißer Dämonenschnee wiederholte das Geräusch und der Wachmann entfernte sich noch weiter vom Tower. Routiniert huschte Kyoka auf Zehenspitzen zu dem schweren, robusten Schloss, das ihnen am Eingang den Weg versperrte. Atsushi folgte ihr und blickte sich dabei fortlaufend nervös um. Er musste sich keine Sorgen machen, dass die Überwachungskameras oder Alarmanlagen sie bei ihrem Einbruch störten. Ein kurzer Anruf bei Katai hatte dies für sie erledigt. Allerdings hatte er sie gewarnt, dass sie nur wenige Minuten hätten, bevor die ausgefallenen Systeme auffielen und aus der Ferne reaktiviert würden.

Wie lange Kyoka wohl brauchen würde, um das Schloss zu knacken, dachte der Junge mit zunehmender Nervosität. Hoffentlich nicht zu la-

„Kommst du?“

Er sah zu seiner Partnerin, die bereits im weit geöffneten Eingang stand.

Ah. Manchmal vergesse ich, welche Talente sie alles besitzt.

Im Tower war nicht mehr als die nächtliche Notbeleuchtung an, doch das hinderte einen gewissen Tiger nicht daran, mit Kyoka auf dem Rücken mit rasender Geschwindigkeit das enge Treppenhaus hinaufzuflitzen.

Erst auf der Etage der Aussichtsplattform hielt Atsushi an, verwandelte sich zurück und fragte sich bang, was sie hier oben finden mochten.

Vorsichtig öffnete er die Tür zur Plattform, um sie gleich darauf wieder zu schließen. Kyoka hatte durch den schmalen Spalt dennoch sehen können, was er gesehen hatte.

Im Dunkel der Nacht leuchteten die merkwürdigen Markierungen noch heller und deutlicher, als sie es am Tag getan hatten.

„Wieso sind die hier?“ Kyoka starrte die Tür an, unschlüssig, ob sie weitergehen sollten oder nicht.

„Es ist auch möglich, dass diese Zeichen etwas mit Kenjis Verschwinden zu tun haben“, überlegte Atsushi.

„So oder so ist hier etwas sehr verdächtig.“

Atsushi erschrak, als sein Handy plötzlich vibrierte. Ein Anruf von Kunikida.

„Wo steckt ihr??“, polterte der Brillenträger durch das Telefon.

„Im Marine Tower“, antwortete Atsushi leise. „Der ‚Teufel‘ hat Ranpo eine Nachricht überbracht und wir dachten, wir könnten Kenji finden.“

„Und??“

„Bisher haben wir nur diese seltsamen Markierungen auf der Aussichtsplattform gefunden.“

„Atsushi!“ Alarmiert deutete Kyoka auf die Tür, auf der die Markierungen mit einem Mal auch aufleuchteten. Beide machten ein paar Schritte zurück.

„Was ist jetzt??“, wollte Kunikida wissen.

„Diese Zeichen breiten sich aus!“

„Wir wissen nach wie vor nicht, was das ist. Kommt besser nicht mit ihnen in Berührung! Und kommt sofort alle drei zur Detektei zurück!“

Atsushi stutzte bei dem aufgebrachten Ton des Blonden. „Warum? Ist etwas-“

„Der Kontakt zu Yosano ist abgebrochen.“

„Was?!“

„Sie rief uns an, um zu sagen, dass sie bei Lucy bleibt. Als ich sie wenig später kontaktieren wollte, ging sie bereits nicht mehr an ihr Handy. Der Chef und ich waren dann in dieser Wohnung …. Mit Yosano ist das Gleiche geschehen.“

„Das Gleiche??“ Atsushi fiel beinahe das Telefon aus der Hand. „Du meinst, Yosano ist ebenfalls zu Glas erstarrt??“ Kyoka starrte ihn entsetzt an, als er dies sagte.

„Wir sind zurückgeeilt, weil wir uns Sorgen um Naomi und Haruno gemacht haben“, erklärte Kunikida ernst. „Der Chef will, dass wir uns alle wieder in der Detektei versammeln und nicht mehr getrennt voneinander unterwegs sind.“

Der silberhaarige Junge schluckte, als ihm etwas auffiel. Kunikida hatte „alle drei“ gesagt. „Hat Ranpo sich nicht bei dir gemeldet?“

„Nein, wieso? Ist er nicht bei euch?“

Atsushi wusste nichts zu antworten. Mit einem Mal wurde ihm sehr schlecht und sehr heiß. Sie hätten Yosano und Ranpo niemals alleine lassen dürfen.
 

On this planet of flakes


 

On this planet of flakes“

 

Placebo, „Try Better Next Time“

 

„Was soll das heißen, Sie können mir nicht sagen, wo er ist?! Ihre Geheimhaltung ist mir egal, ich habe ein Recht zu erfahren, wo mein Mitarbeiter abgeblieben ist!“

Als Kyoka und Atsushi in die Detektei zurückkamen, erlebten sie ein ungewohntes, vermutlich äußerst seltenes Bild: Der Chef sprach sichtlich und hörbar aufgebracht ins Telefon. Kunikida stand neben ihm und machte eine ernste und angestrengte Miene. Naomi sah erbost aus und Haruno nestelte nervös mit ihren Fingern.

Was war in der Zwischenzeit geschehen?

„Was denken Sie sich?! Sie kennen ihn überhaupt nicht! Er ist nicht in der Lage, sich selbst zu verteidigen!“, schimpfte Fukuzawa weiter. Er hatte seine Hand so fest um den Hörer verkrampft, dass man befürchten musste, dass das Plastik gleich splitterte. „Sie sind derjenige, der eine Zusammenarbeit erschwert! Warum sollten wir-? Wie bitte?! Warum sagen Sie mir nicht jetzt sofort, was-“ Er gab ein verärgertes Geräusch von sich. Anscheinend unterbrach sein Gesprächspartner ihn immer wieder. „Ich habe verstanden! Ja, habe ich! Wir machen uns sofort auf den Weg.“ Er atmete schnaubend aus und blickte noch einige Sekunden erzürnt auf den Hörer, den er nach wie vor viel zu fest hielt. Haruno nahm ihm ihn behutsam aus der Hand und hängte auf.

„Was ist mit Ranpo?“, fragte Kunikida und ließ die zwei jüngeren Detektive zusammenzucken. „Wo hat Priestley ihn hingeschickt?“

Fukuzawa atmete ein paar Mal durch, um seine Fassung wiederzuerlangen. Voller Anspannung schauten Atsushi und Kyoka zu ihm. Sie hatten Kunikida übers Telefon erzählt, dass sie sich aufgeteilt hatten und Ranpo ursprünglich zur Polizeiwache hätte fahren sollen – und sich vor allem zügig im Büro hätte melden sollen.

„Während ihr unterwegs wart“, begann Kunikida nun schon einmal die Erläuterung, „rief dieser Inspector Priestley in der Detektei an. Bisher wissen wir nur, dass er Ranpo abgefangen und mit einem anderen Auftrag weggeschickt hat.“ Abwartend blickte Kunikida zum Chef, der sich inzwischen beruhigt hatte. Er kreuzte seine Arme vor der Brust, indem er sie in seinen Kimonoärmeln verschwinden ließ. Seine Mimik (so sehr er sich auch bemühte, seine normale stoische Miene aufzusetzen) machte jedoch deutlich, dass er immer noch auf 180 war.

„Inspector Priestley hat Ranpo angerufen, bevor er uns erreichen konnte. Er soll einem dringenden Hinweis bezüglich der Terrorgruppe nachgehen.“

„Ganz alleine??“ Haruno wurde bei dem Gedanken kreidebleich im Gesicht.

„Das geht doch nicht!“ Naomi war empört und verärgert.

„Ich habe ihm gesagt, dass das unverantwortlich ist“, fuhr Fukuzawa fort. „Allerdings ist er überaus uneinsichtig. Wir können Ranpo nicht einmal erreichen, weil er auf Priestleys Anweisung sein Handy ausschalten musste.“

„Das heißt, Katai kann ihn auch nicht finden“, stellte Atsushi bekümmert fest.

„Apropos Katai“, warf Kunikida ein und wirkte mit einem Mal noch unglücklicher. „Er meldete sich bei mir und sagte, dass an dem Tower etwas nicht stimmen würde.“

Kyoka und Atsushi blickten ihn mit unterschiedlichen Graden von Verwunderung an.

„Die Sicherheitssysteme des Towers sind erst lange, nachdem ihr ihn verlassen habt, wieder hochgefahren. Ihm zufolge hätte das viel schneller gehen müssen.“

„Vielleicht ein Fehler im System?“, mutmaßte Atsushi verhalten hoffnungsvoll.

Kunikida zerquetschte seine Hoffnung im Handumdrehen. „Katai vermutet, dass sich da noch jemand von außen an dem System zu schaffen gemacht hat. Es spricht viel dafür, dass nach euch noch jemand den Tower verlassen hat.“

Kyoka verstand auf der Stelle, was das hieß. „Eine Falle. Wären wir weitergegangen, wären wir in eine Falle gelaufen.“

„Moment, Moment, das begreife ich nicht!“ Atsushi wirkte überfordert. „Der ‚Teufel‘ hat uns dorthin gelockt. Sind dann diese Markierungen von ihm? Aber … was sind sie? Und warum-“ Sein Blick klärte sich plötzlich. „Ranpo. Er wollte Ranpo in eine Falle locken! Deswegen waren die Markierungen auch an dem Hotel!“

„Dann wäre mit einem von uns das Gleiche passiert wie mit Tanizaki“, schlussfolgerte Kyoka weiter. „Und derjenige hätte dann ebenso Ranpo angegriffen.“

Sie beobachteten einen der seltenen Momente, in denen der Chef erkennbar zusammenzuckte.

„Will dann der ‚Teufel‘ Ranpo doch schaden?“, gab Atsushi zu bedenken.

„Möglicherweise gab es von Anfang an einen Denkfehler.“ In Kunikidas Entsetzen mischte sich Frust über das eigene Versagen. „Möglicherweise haben wir es mit einem Nachahmer des ursprünglichen ‚Teufels‘ zu tun. Jemand, der sich als dieser Dieb ausgibt, um Ranpo in falscher Sicherheit zu wiegen. Jemand, der eventuell zu dieser Terrororganisation gehört und uns mit diesen Fehlinformationen in die Irre führen wollte. Und dies wohl leider auch geschafft hat.“

Jemand, der es tatsächlich schafft, Ranpo hinters Licht zu führen, dachte Fukuzawa beklommen. Die Vorstellung, dass es so jemanden gab, war erschreckend. Aber dann wiederum war es in der Tat schrecklich arrogant, zu glauben, dass dies eine unmögliche Vorstellung wäre. Nur weil die ganze Detektei und vor allem er davon ausgegangen waren, dass Ranpos Verstand dem Rest der Welt überlegen wäre. Was für einen furchtbaren Fehler hatte er gemacht! Er, der doch dafür hätte sorgen sollen, dass Ranpo niemals die Bodenhaftung verlor. Er war es, der Ranpo so viel (zu viel) aufgebürdet hatte und davon ausgegangen war, dass Ranpo jedes Rätsel lösen würde. Er hatte bei dieser wichtigen Aufgabe versagt, weil er Ranpo einfach hatte gewähren lassen. Deswegen fühlte Ranpo sich nun wie ein Versager, deswegen war er vielleicht in Gefahr, deswegen waren Tanizaki und Kenji verschwunden und Yosano und Lucy in Glas eingesperrt.

„Chef?“

Aus seinen Gedanken gerissen, blickte Fukuzawa verdattert zu Kunikida, der ihn bereits mehrmals angesprochen hatte.

Sein Selbstmitleid war völlig fehl am Platz.

Er richtete sich wieder auf. „Priestley will, dass wir zur Polizeistation kommen. Aus Gründen der Geheimhaltung könne er nicht alles am Telefon besprechen. Er sagte lediglich, dass es noch eine große Entwicklung gäbe, über die wir informiert werden müssen.“

„Was wird aus Dazai?“, hakte Atsushi zaghaft nach. Er konnte kaum glauben, wie viel Pech sie hatten, dass dieser Interpol-Agent ihnen immer dazwischenkam, wenn Ranpo endlich Dazais Unschuld beweisen sollte.

„Ich habe den Polizeichef angerufen, als wir Yosano … vorgefunden haben. Er will versuchen, meiner Bitte nachzukommen, dass wir Dazai wenigstens für das Aufheben der Glas-Fähigkeit mitnehmen dürfen.“

„Puh.“ Atsushi atmete auf, als er dies hörte. Wenigstens etwas. Yosano und Lucy würden also bald gerettet werden.

 

Die Erleichterung des Jungen kehrte sich abermals ins Gegenteil um, als Priestley sie mit grimmiger Visage auf der Wache empfing. Naomi und Haruno hatten sie mitgenommen, weil keiner von ihnen sagen konnte, ob es weitere Angriffe auf das Detektivbüro geben würde. Doch auch wenn Atsushi das Gefühl hatte, Steine im Magen zu haben, fiel ihm auf, dass dieses unheimliche Gefühl eines unerklärlichen Horrors wieder verschwunden war. Er hatte es schon im Marine Tower nicht mehr gespürt.

Wortlos führte Priestley sie in einen Raum, der sonst für Vernehmungen genutzt wurde.

„Hatten Sie Kontakt zu Ranpo?“, wollte Fukuzawa gleich zu Beginn wissen.

„Er meldet sich, sobald er kann. Im Moment verfolgt er eine Spur und es wäre unglücklich, wenn ein klingelndes Handy ihn verraten würde. Zudem ist es möglich, dass die Terroristen ihn darüber orten können. Das können wir nicht riskieren.“

„Ranpo ist unbewaffnet, wissen Sie das nicht?“, warf Atsushi besorgt ein.

„Und selbst wenn man ihm eine Waffe gibt, ist er wahrscheinlich nicht in der Lage, sie zu benutzen“, unterstützte Kyoka ihn.

Priestley hob nur schwach eine Augenbraue. „Seine Kollegen trauen ihm also wirklich nicht viel zu.“

„Das hat doch keiner von uns gesagt!“, empörte Naomi sich von neuem. Dieser Inspector trieb mit seinem Verhalten die Schülerin noch zur Weißglut.

„Lassen Sie mich Ihnen sagen, dass er sich der Risiken bewusst ist und er eingewilligt hat, sie einzugehen.“ Der Interpol-Agent warf der jungen Frau einen unnötig strengen Blick zu, ehe er sich Fukuzawa zuwandte. „Im Übrigen haben Sie ganz andere Sorgen.“

„Die da wären?“ Der Chef erwiderte seinen Blick mit gleicher Strenge, was Priestley wenig beeindruckte.

„Es ist undenkbar, dass Sie sich dessen nicht bewusst sind.“

„Ich würde es begrüßen, wenn Sie damit aufhören würden, in Rätseln zu sprechen.“

„Die restliche Detektei ist von dem Fall abgezogen“, äußerte der Brite knapp und mit einer Selbstverständlichkeit, die allen Fragezeichen ins Gesicht trieb.

„Könnten Sie das ausführen?“ Nur wenn man Fukuzawa gut kannte, konnte man das langsame Reißen seines Geduldsfadens hören.

„Da gibt es nicht viel auszuführen. Ich sage nur einen Namen: Osamu Dazai.“

Ohne dass er es sich erklären konnte, wurde Atsushi unerträglich heiß. Hilfesuchend guckte er zu Kunikida, dessen Venen nur bei der Erwähnung von Dazais Namen hervortraten.

Trotzdem bewahrte der Idealist die Ruhe. „Normalerweise würde das Vieles erklären, aber im Moment tut es das nicht. Was hat dieser- ich meine, Dazai mit dem Fall zu tun?“

Priestley nahm sich alle Zeit der Welt, um Kunikida kritisch zu mustern, bevor er zu einer Antwort ansetzte. „Das versuche ich gerade herauszufinden. Wollen Sie mir weismachen, keiner von Ihnen wusste über die Hintergrundgeschichte dieses Mannes Bescheid? Es gibt Hinweise darauf, dass er früher mit der Unterwelt zu tun hatte.“

Die scharfen Augen des Agenten erfassten Atsushis entgeisterte Miene und der großgewachsene Mann stellte sich direkt vor den verunsicherten Jungen.

„Ein Detektivbüro, das jemanden beschäftigt, der mit Morden und Anschlägen in Verbindung gebracht wird. Da wird man doch hellhörig, oder nicht?“

Atsushi schluckte und wusste nichts zu antworten.

„Das ist mir neu.“ Kyokas trotzige und unerschrockene Aussage lenkte die Aufmerksamkeit des Briten auf sie. „Außerdem habe ich nicht gehört, wie Sie Beweise für diese Anschuldigungen vorgebracht haben.“

Begeistert und ergriffen blinzelte Atsushi sie an. Kyoka war nach ihm den bewaffneten Detektiven beigetreten, doch irgendwie hatte sie bereits viel mehr als er gelernt.

„Meine Informanten lügen mich in der Regel nicht an“, konterte Priestley kühl. „Andere Anwesende hingegen schon.“

„Was interessiert Sie Dazai überhaupt?“, ging Fukuzawa dazwischen, deutlich verstimmt, dass der Agent die zwei Jüngeren derart in die Mangel nahm.

„Ein Zufallsfund bei der Informationsbeschaffung“, antwortete der Inspector kernig. „Daher habe ich einen Blick in den Fall geworfen, wegen dem er gerade in Untersuchungshaft sitzt. Ich wundere mich, was in seinem Kopf vorgeht. Eine so offensichtliche Lüge musste doch auffliegen.“

„W-was für eine offensichtliche Lüge?“ Atsushi versuchte zwanghaft, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen.

„Dass er betäubt und bewusstlos gewesen wäre.“ Priestley nahm einige Papiere, die nach Laborergebnissen aussahen, aus seinem Mantel. „Es wurde keine derartige Substanz in seinem Blut gefunden. Es wurden einige Substanzen gefunden, aber nichts, was seinen Kopf aus der Schlinge ziehen würde.“

Schlagartig wurde Atsushi schwindelig. Dazai sollte gelogen haben? Er sollte sie angelogen haben?

„Ich möchte die Ergebnisse sehen.“ Fukuzawa hielt eine Hand auf und nahm die Papiere entgegen. Kunikida kam hinzu und studierte die Laborergebnisse gleichermaßen. Er zog seine Brille aus, rieb sich über die Augen und las sie ein weiteres Mal. Bang und atemlos wartete Atsushi ab, was sie zu sagen hatten. Fukuzawa nahm die Papiere jedoch einfach herunter und blickte grüblerisch vor sich hin.

„Bitte kommen Sie mir nicht mit der Idee von einer Substanz, die sich im Blut nicht nachweisen lasse“, ermahnte der Mann von Interpol sie. „Sie wissen selbst, wie unwahrscheinlich das ist.“

„Ich möchte, dass dieser Test wiederholt wird“, sagte Fukuzawa schließlich und erntete ein kurzes Achselzucken von Priestley.

„Meinetwegen. Aber Sie werden verstehen, dass Ihrer Bitte an den Polizeichef nicht nachgekommen werden kann. Ebenso werden keine Interna mehr an Ihr Detektivbüro weitergegeben. Auch Herr Edogawa musste akzeptieren, dass er in dem Fall Ihres Mitarbeiters nicht mehr ermitteln darf.“

Atsushi glaubte, ihm würde schwarz vor Augen. Er konnte nicht mehr klar denken. Er spürte, wie Kyoka seine kalte, schweißnasse Hand in ihre nahm.

„Das hat aber noch lange nicht zu bedeuten, dass Dazai irgendetwas mit diesen Terroristen zu tun hat“, wandte Kunikida ein. „Eine unserer Kolleginnen-“

Der Inspector schüttelte den Kopf. „Akiko Yosano, ich weiß. Herr Fukuzawa hat schließlich die Militärpolizei darum gebeten, Wachen für sie und dieses Mädchen aus dem Café bereitzustellen. Es tut mir leid, dass die beiden dieses Schicksal ereilt hat, aber das beweist nichts, vor allem nicht, dass Osamu Dazai nicht immer noch für die Unterwelt oder für terroristische Vereinigungen tätig ist. Ist es nicht möglich, dass die zwei geopfert wurden, um jeglichen Verdacht von den bewaffneten Detektiven abzulenken?“

Reflexartig zerknüllte Fukuzawa die Laborergebnisse, die er noch in der Hand gehalten hatte. „Wollen Sie andeuten, jemand meiner Leute würde zu den Terroristen gehören?“ Die Stimme des silberhaarigen Mannes wurde lauter und bedrohlicher.

„Bei Osamu Dazai liegt der Verdacht nahe. Einzig Herr Edogawas Hintergrundcheck war vollkommen unauffällig, sonst würde ich ihn kaum weiter ermitteln lassen. Und das, was ich bisher über die weiteren Detektive herausgefunden habe, ist nicht sehr vertrauenerweckend.“ Er drehte sich den Jüngsten zu. „Ein gefährlicher Tiger, über den nichts bekannt ist und eine ganze Reihe mysteriöser Mordfälle, bei denen ein kleines Mädchen im Verdacht steht.“

Kyoka drückte Atsushis Hand so fest, dass sie sie fast zerquetschte, doch das merkte der zutiefst verängstigte Junge nicht einmal.

Wieso wusste der Mann von Interpol dies alles? Standen diese Informationen nicht unter Verschluss? Dass er selbst Dazais Vergangenheit zu einem Teil hatte aufdecken können, war mehr als unheimlich!

„Und ich habe auch einige interessante Dinge über einen Attentäter gehört …“ Priestley sah Fukuzawa nur aus dem Augenwinkel an, doch das reichte, um die gewünschte Reaktion zu erkennen. Dem Chef stand pure Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben.

„Das reicht jetzt aber!“ Naomi stampfte mit einem Fuß auf. „Was erlauben Sie sich?! Sie sind ungehobelt und undankbar! Wir wollten Ihnen helfen und deswegen sind mein Bruder und Kenji jetzt wie vom Erdboden verschluckt!“

„Auch das tut mir leid.“ Egal, wie sehr man ihn anschrie, nichts schien den Inspector aus der Ruhe zu bringen.

„Ich möchte mit Dazai persönlich reden“, forderte Kunikida auf einmal in die aufgeheizte Stimmung hinein.

„Sie dürfen nicht ermitteln“, erinnerte Priestley ihn.

„Das habe ich auch nicht vor. Ich will nur hören, was er zu sagen hat.“

Der Brite überdachte Kunikidas Wunsch kurz. „In Ordnung. Sie dürfen mit ihm sprechen. Allein. Vielleicht verweigert er dann nicht mehr die Aussage.“

„W-warum verweigert Dazai jetzt die Aussage?“ Atsushi hatte Mühe einen kohärenten Satz herauszubringen.

„Das fällt unter Interna.“ Priestley öffnete die Tür und zeigte Kunikida an, dass er mitkommen sollte, während die anderen auf ihn warteten.

 

„Ich muss Ihnen nicht sagen, was Ihnen blüht, wenn ich Sie dabei erwische, dass Sie weiter ermitteln.“ Priestleys Tonfall klang nicht drohend, aber sein Blick machte dennoch deutlich, dass es eine Warnung hatte sein sollen.

„Ich habe Sie klar und deutlich verstanden“, erwiderte Kunikida ernst. Er bemühte sich, seinen Ärger herunterzuschlucken, während er dem Inspector durch den Flur folgte.

„Ihr Check hat bisher noch nichts Dramatisches ergeben“, erwähnte der Brite quasi nebenbei. „Falls Sie sich deswegen Sorgen machen.“

„Ich mache mir keine Sorgen.“

Priestley lachte flüchtig. „Vielleicht nicht um sich selbst, aber Sorgen machen Sie sich sehr wohl.“

Dem Detektiv war nicht danach, mit dem anderen Mann zu reden. Ihn hatte ein Gefühl beschlichen, dass es fatal für sie alle werden könnte, sollte der Inspector an weitere Informationen gelangen. In der immer verzweifelter werdenden Atmosphäre von eben hätte sich die Schlinge um ihre Hälse vermutlich nur fester zugezogen. Kunikida war nichts anderes eingefallen, als die Aufmerksamkeit des Interpol-Agenten irgendwie von den anderen wegzulenken. Es gab nur eine Sache, die er Dazai fragen wollte – doch das Verbot, dass Priestley ihnen erteilt hatte, erschwerte die Angelegenheit ungemein.

„Oh! Verzeihung!“

Kunikida stoppte abrupt, als eine Frau, die aus einer Tür in den Flur gekommen war, direkt in ihn hineingelaufen war. Sacht hielt er sie an den Armen fest, bis sie sich von dem Schreck erholt hatte. Sie hatte lange, dunkle Haare, einen blassen Teint und sanfte Gesichtszüge. Der Idealist konnte nicht leugnen, dass er von ihrer atemberaubenden Schönheit unmittelbar in den Bann gezogen wurde.

Verschämt löste sie sich aus Kunikidas helfendem Griff und entschuldigte sich ein weiteres Mal:

„Verzeihen Sie bitte, ich habe nicht darauf geachtet, ob jemand kommt. Ich stehe immer noch ziemlich neben mir.“

Er räusperte sich verlegen. „Machen Sie sich bitte keinen Kopf. Es ist nichts passiert.“ Er stockte, als er bemerkte, wie sich Tränen in den Augen der Schönheit formten.

„Oh“, sie wischte sie hastig und dennoch elegant weg. „Verzeihen Sie erneut. Ich bin nur … es ist etwas wirklich Schreckliches geschehen und deswegen bin ich derart durch den Wind.“

„Das tut mir leid.“ Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte Kunikida sich ihr sofort angenommen, aber gerade-. Er stutzte von neuem, als er sah, wie Priestley näher trat.

„Sie dürfen zwar mit dem Fall nichts zu tun haben“, raunte er ihm zu, „aber es könnte für Sie äußerst aufschlussreich sein, zu wissen, wer diese arme Frau ist.“

Die Schönheit blickte den erstaunten Kunikida erwartungsvoll an, während Priestley fortfuhr:

„Das ist Shigeko Kobayashi. Eine enge Freundin der ermordeten Shizuko Tanaka.“ Er machte eine kurze Pause, als Kunikida entgeistert die Augen aufriss. „Sie ist hier, um eine Zeugenaussage zu machen.“

„Sind Sie auch ein Kriminalbeamter?“, fragte Shigeko hörbar verängstigt.

„N-nein, ich bin ein Detektiv.“ Kunikida überkam ein Gefühl von Gänsehaut und das sicher nicht wegen der Anmut der Frau. Ihm war, als würde er sich gruseln.

„Erzählen Sie ihm ruhig, was Sie der Polizei erzählt haben“, ermutigte Priestley sie. „Ich würde gerne seine Einschätzung hören.“

Verunsichert überlegte Shigeko einen Moment lang, ehe sie zaghaft nickte.

„Ich-ich habe gestern Nacht eine Sprachnachricht von Shizuko erhalten. Sie klang darin sehr aufgelöst und panisch.“

Kunikida schluckte.

„Sie sagte, sie hätte einen unheimlichen Mann in einer Bar kennengelernt und er wäre immer aufdringlicher geworden.“ Es fiel ihr spürbar schwer weiterzusprechen. Ihre Hände und Lippen zitterten, während ihr das Grauen ins Gesicht geschrieben stand. „Dann sagte sie, dass er sie verfolgen würde und kurz darauf schrie sie entsetzlich und man hörte, wie ihr Handy ins Wasser fiel.“

„Bei der Toten ist kein Handy gefunden worden“, eröffnete der Inspector Kunikida. „Die Vermutung liegt nahe, dass der Verdächtige es in einen Kanal geworfen hat.“ Er schaute Kunikida abwartend an.

„Hört man auf dieser Aufnahme auch die Stimme des Verdächtigen?“, fragte der Detektiv und unterdrückte das Verlangen, selbst schreien zu wollen.

„Nein“, antwortete Priestley gewohnt einsilbig.

„Kann ich mir diese Aufnahme anhören?“ Kunikida fragte sich, was los war. Kam das Schaudern, das er spürte, von einem mulmigen Gefühl wegen Dazais Fall? Oder hatte es einen ganz anderen Ursprung?

Der Inspector führte ihn in den Raum, aus dem Shigeko gekommen war und bat den noch anwesenden Polizisten, ihm die Aufnahme vorzuspielen.

Es war alles genau so, wie sie es geschildert hatte.

Die panische Stimme einer Frau, die sich verfolgt fühlte. Ihre Schreie, als sie bemerkte, dass tatsächlich jemand sie zu verfolgen schien. Mehr Schreie, als sie versuchte, wegzulaufen und hörbar festgehalten wurde. Und schließlich das Plumpsen des Telefons ins Wasser.

Priestley bedankte sich bei dem Polizisten und leitete den grübelnden Kunikida wieder in den Flur. Dort stand Shigeko und weinte herzzerreißend.

„Wäre ich doch nur bei ihr gewesen! Die arme Shizuko! So etwas hat sie nicht verdient! Wie konnte ihr jemand das nur antun?! Was für ein Monster tut einem anderen Menschen so etwas an?!“

„Seien Sie sich sicher, dass dieses Monster niemals wieder jemandem etwas antun wird“, gab Priestley ihr sein Wort. „Am Ende wird die Gerechtigkeit siegen.“

Komplett perplex starrte Kunikida die weinende Schönheit noch eine Weile an, bis er merkte, dass der Inspector sich bereits wieder in Bewegung gesetzt hatte. Ohne ein Wort zu sagen, folgte er ihm in den Zellentrakt.

 

Dazai sah ihn durch die Glasscheibe ernst, aber nicht todernst, an. Der brünette Wirrkopf sagte nichts, sondern schien darauf zu warten, dass Kunikida das Wort ergriff. Priestley hatte sie allein gelassen. Es waren nur zwei Wachen im Raum; eine auf Dazais Seite, eine auf Kunikidas.

„Yosano und Lucy sind in Glasfiguren verwandelt worden“, durchbrach Kunikida nach einer halben Ewigkeit die Stille. „Sagt dir das irgendetwas?“

Dazai stutzte merklich. Diese Nachricht war ihm offenkundig neu. „Nein. Leider nicht.“

„Angeblich handelt es sich um einen Befähigten, der einen Anschlag plant“, berichtete Kunikida weiter. „Wir sollten ihn finden und werden jetzt selbst verdächtigt.“

„Obwohl das mit Yosano und Lucy geschehen ist?“

Weil jemand von uns des Mordes verdächtigt wird.“ Der Unterton des Idealisten gab seinen Unmut preis.

Zu seinem noch größeren Unmut huschte ein ominöses Grinsen über Dazais Gesicht. „Das ist mir nicht neu. Die ganzen Beweise, die gegen mich aufgetaucht sind, sind ziemlich erdrückend, oder?“

„Kenji und Tanizaki sind verschwunden.“

Normalerweise fand Dazai es immer schade, wenn Kunikida seine Köder nicht schluckte, jetzt hingegen ließ er ihn einfach vom Haken.

„Verschwunden? Sie werden sich kaum in Luft aufgelöst haben.“

„Tanizaki wurde plötzlich von jemandem kontrolliert und schoss auf Ranpo. Kenji verfolgte ihn und verschwand ebenso wie er.“

Dazai führte seine mit Handschellen gefesselten Hände an sein Kinn und dachte nach. „Was sagt Ranpo dazu? Mir wurde gesagt, er dürfte mir nicht mehr helfen, daher gehe ich doch davon aus, er sucht nach den beiden.“ Er stutzte abermals, als Kunikidas Stirnrunzeln noch intensiver wurde.

„Ranpo ist … momentan etwas durch den Wind“, sagte der Blondschopf zerknirscht.

„Wie darf ich denn das verstehen?“

„Es ist noch ein Dieb aufgetaucht, der ihm vor Jahren mal entwischt ist und ihm seltsame Briefe schickt. Ich weiß nicht, was genau mit ihm los ist, aber seitdem …“ Kunikida schaute Dazai beklommen an. „Ranpo macht Fehler. Er wirkt geradezu ratlos und überstürzt Entscheidungen.“

Aufmerksam beugte sich Dazai nach vorne. „Ich brauche mehr Informationen. Ist noch irgendetwas passiert?“

Kunikida nahm tief Luft. „An mehreren Orten in der Stadt sind Markierungen aufgetaucht, die sich ausbreiten. Kyoka und Atsushi sind knapp einer Falle entkommen, die dieser Dieb wahrscheinlich für Ranpo vorbereitet hatte. Da dort diese Zeichen waren, glauben wir an einen Zusammenhang zwischen dem Dieb un-“

„Wieso war Lucy bei Yosano?“, fiel Dazai ihm ins Wort und Kunikida schüttelte den Kopf.

„Es war umgekehrt. Yosano war bei Lucy, da sie zuerst in Glas verwandelt worden ist. Yosano war mit Ranpo, Atsushi und Kyoka vor Ort, um herauszufinden, was mit Lucy geschehen ist.“

„Und Yosano ist bei ihr geblieben?“

„Ranpo hatte entschieden, dass es zu gefährlich wäre, Lucy so verletzlich allein zu lassen.“ Allmählich irritierte den Brillenträger die Fragerei seines Partners.

„Erzähl mir mehr, Kunikida. Mehr. Alles, was dir in den letzten Stunden aufgefallen ist oder komisch vorkam.“

Der Aufgeforderte hob kritisch eine Augenbraue. „Der gesamte vergangene Tag war merkwürdig.“

„Irgendwas! Komm schon, irgendwas, was dir spontan einfällt. Kleinigkeiten. Belangloses.“ Dazai sah ihn ungeduldig an.

Wie sollte ihnen das helfen?

Kunikida ging kurz in sich. „Atsushi hatte die Hoffnung, du könntest die anderen Opfer dieses Glas-Befähigten zurückverwandeln, aber dieser Inspector sagte ihm gleich, dass dies nicht ginge, weil sie alle im Ausland wären.“ Er wunderte sich, wie wachsam Dazai ihm zuhörte.

„Okay. Weiter.“

Der blonde Detektiv strengte seine grauen Zellen an. Er hatte keine Ahnung, was Dazai hören wollte. „Ah, ja, Ranpo ist einmal richtig ausgerastet, als Atsushi Vermutungen über diesen Dieb angestellt hat.“

Ein flüchtiges Aufblitzen war in den Augen des Brünetten zu erkennen. „Ranpo ist ausgerastet?“

„Ich sagte doch, er ist ziemlich durch den Wind.“

„Was war noch?“

„Ich weiß nicht, was du hören willst! Unser ganzer Tag war die reinste Hölle!“

„Wo sind Tanizaki und Kenji verschwunden?“

„In einem verlassenen Hotel, in dem Ranpo einer Spur der Terroristen nachgehen wollte. Und nein, bevor du fragst: Da war nichts Auffälliges außer diesen Markierungen!“

„Nichts?“

Die stoische Fragerei ließ Kunikida rot anlaufen. „Nein! Nichts! Außer du willst wissen, dass Ranpo nicht einmal danach war, seine Snacks anzurühren!“

Nun war es Kunikida, der stutzte. Dazai öffnete den Mund, schloss ihn schnell wieder und lehnte sich zurück.

„Was ist jetzt?“, hakte der Idealist genervt nach.

„Das weiß ich noch nicht.“ Dazai war sichtlich nachdenklich geworden.

„Das … das weißt du noch nicht?“ Verdattert starrte Kunikida ihn an.

Sein Gegenüber beugte sich ein weiteres Mal nach vorne und sprach plötzlich mit leiserer Stimme. „Kunikida, ich will, dass du wegen der Markierungen einen Detektiv engagierst.“

Dem Angesprochenen entglitten die Gesichtszüge völlig. „Häh? Hast du den Verstand verloren? Ach, wen frage ich das?“

„Es muss jemand sein, der schon mehrmals in unserem Büro war. Erinnerst du dich an die Feierlichkeiten zum Sieg über die Gilde, die ich leider verpasst habe?“

Kunikida winkte erbost ab. „Was hat das mit alldem zu tun? Außerdem warst du daran selber schuld, weil du dich wieder irgendwo herumgetrieben hast und uns nicht einmal gesagt hast, wo.“

Das ominöse Grinsen kehrte auf Dazais Miene zurück, während er den Einwand nonchalant ignorierte. „Er muss sich diese Sache mit den Markierungen ansehen. Wir brauchen einen Detektiv.“

„Sind wir nicht selber welche?“

„Kommt darauf an. Aber falls wir welche sind, wäre es eine Schmach, einen Detektiv zu engagieren. Deswegen darfst du es niemandem verraten. Niemandem. Das ist mein Ernst, Kunikida. Gib ihm sicherheitshalber nicht nur deine Nummer, sondern auch die von Atsushi und Kyoka.“

Sprach er in Rätseln oder hatte er wirklich den Verstand verloren? Kunikida konnte sich keinen Reim auf Dazais wirres Gerede machen. Vielleicht sprach er in Rätseln, damit die Wachen nichts mitbekamen. Priestley hatte seine Augen und Ohren ja vermutlich überall.

„Ach, und Kunikida?“

Er schaute ihm durch die Glasscheibe direkt in die Augen, die schlagartig ungewohnt ernst aussahen.

Dazai lehnte sich wieder zurück. Seine Miene war in der Tat durch und durch ernst. „Meine Erinnerung ist nicht vollständig, aber ich kann mich an zwei Dinge mit absoluter Gewissheit erinnern: Ich bin nicht eigenständig in dieses Hotel gelangt. Und ich habe diese Frau niemals berührt.“

 

Ohne dass jemand vom Büro der bewaffneten Detektive dies wusste, gab es nur wenige Meter von der Polizeiwache entfernt einen unterirdischen Bunker, der zu Kriegsbeginn angelegt worden war. Seine Existenz war nirgends verzeichnet, denn ein millionenschwerer Firmeninhaber hatte diesen Bunker heimlich und ausschließlich für sich und seine Familie anlegen lassen. Besagter Firmenchef war vor einer ganzen Weile verstorben und da der Bunker nie in Betrieb genommen worden war, lag er verlassen und vergessen da.

In dieser Nacht waren die engen Räumlichkeiten jedoch alles andere als verlassen. Ein schwaches Licht brannte darin, das gerade mal dafür reichte, dass die Anwesenden das Nötigste erkennen konnten. Neben unzähligen Kisten bevölkerten Gemälde, Skulpturen, Keramiken und eine Unmenge an Kunsthandwerk aus aller Welt den düsteren Raum. Sie mussten sich mit äußerster Achtsamkeit zwischen den edlen Schätzen bewegen. Das hatten sie jemandem versprochen.

„Er kommt gleich.“ Ein junger Mann mit mittellangen, hellbraunen Haaren, der eine Weste mit passender beigefarbener Hose und eine runde Brille trug, informierte eine Frau, die sich heruntergekniet hatte. Ihr langes Kleid war weiß und hellblau und mit Rüschen besetzt. Bei jeder ihrer Bewegungen machte es leise raschelnde Geräusche. Ihre rotbraunen Haare hatte sie zu einer Hochsteckfrisur drapiert. Sie war älter als der junge Mann, vielleicht in ihren Vierzigern.

Sie waren unverkennbar der junge Passant von der Straße und die angeekelte Dame aus der Bar.

„Gut, gut. Ich bin gespannt, ob er zufrieden damit ist, wie der Plan verläuft.“

„Hast du eigentlich vor, sie zu behalten?“ Er zeigte auf den Boden, auf dem vor der Frau zwei Gestalten bewusstlos lagen.

Sie lächelte die scheinbar schlafenden Gestalten an.

„Fürs Erste schon. Dann werde ich mal sehen.“

„Meine liebe Edith“, ertönte die Stimme eines weiteren Mannes, „bei dem rothaarigen Jungen wäre es eine Schande, ihn nicht zu behalten. Bei der … farmhand … weiß ich es nicht.“

Sie drehten sich zu dem Mann um, der ein Glas Bourbon in der Hand schwenkte. Es war Williams. Und bei den zwei regungslosen Gestalten handelte es sich um niemand Geringeres als Tanizaki und Kenji.

„Wenn er wirklich ein Bauernjunge ist, könnte er dir doch von Nutzen sein. Wir wissen, dass er kräftig ist, nicht wahr?“ Der junge Mann wirkte sehr angetan von seiner eigenen Idee. „Auch in Zukunft müssen unsere Nahrungsmittel irgendwoher kommen. Es kann ja nicht jeder von Bitterkeit und Alkohol leben.“ Er warf Williams einen amüsierten Blick zu.

Dieser nahm ungerührt einen großen Schluck aus seinem Glas. „Lass mich in Frieden. Die beiden Frauen in Glas einzusperren, ist mir nicht leichtgefallen.“

„Es war erforderlich, dass du dies tust.“ Die Edith genannte Frau stand vom Boden auf. Sie hatte bemerkt, dass noch jemand den Raum betreten hatte. Jemand, der sich am hinteren, dunklen Ende der Kammer mit überkreuzten Beinen auf einer Kiste niedergelassen hatte. Sein Oberkörper befand sich vollkommen im Schatten, sodass man sein Gesicht nicht erkennen konnte.

„Glaubst du, das Versäumnis mit dem Boss der Hafen-Mafia ist ein Problem?“, fragte die Schattengestalt die Dame, die mit vollem Namen Edith Wharton hieß.

Umgehend schüttelte sie den Kopf und lächelte dabei weiter. „Ich kann mich später darum kümmern.“

„Es war nicht meine Schuld“, verteidigte Williams sich. „Hätte dieser kleine Kerl mit dem Hut nicht Lunte gerochen, hätte ich das Glas zerstört.“

„Du musst dich nicht rechtfertigen“, sagte der Unbekannte. „Du hast uns im Vorfeld informiert, dass dir das Zerbrechen des Glases Kummer bereitet.“

Williams verkrampfte seine Hand um das Glas, das er festhielt.

„Ah, ja, wegen … wie war sein Name doch gleich?“ Wharton legte sich einen Finger ans Kinn. „Skipper?“

„Oh oh“, warf der junge Mann ein, der auf den Namen Thornton Wilder hörte und wie Williams und Wharton Amerikaner war. „Diese Geschichte ist ein Tabu. Wobei-“ Er wandte sich dem angespannten Williams zu. „Es keinen Sinn macht, ein Leben lang deswegen den Kopf in den Sand zu stecken. Tragödien passieren eben. Sie gehören zum Leben dazu. Du kannst dich zwar fragen, warum ihn dieses Unglück ereilt hat, aber wirst du auch eine Antwort finden?“

Williams leerte den Rest des Bourbons in einem Zug. „Ich brauche keine Antwort. Ich brauche mehr Alkohol.“

Ablehnend schüttelte Wharton den Kopf. „Diese Einstellung kann ich nicht unterstützen.“

„Ich habe euch nie um Unterstützung gebeten.“

„Hah.“ Wilder zuckte mit den Schultern. „Du hast ihn beim Erwachen deiner Fähigkeit aus Versehen in Glas verwandelt und er ist umgefallen und zersplittert. Damit musst du leben.“

Der ältere Mann schüttete sich aus einer herumstehenden Flasche nach und nahm direkt einen weiteren großen Schluck. „Es ist nicht meine Schuld. Ich habe damit nichts zu tun.“

„Es ist gut, dass wir die Geheimgänge im Hauptquartier der Hafen-Mafia kennen“, wechselte der mysteriöse Mann im Schatten das Thema. „Andernfalls wärst du ihnen in die Hände gefallen.“

„Trés bien! Die ganzen Recherchen zahlen sich also aus“, freute sich Wharton. „Ich hoffe, die kurze Verzögerung mit dem Mädchen aus dem Café hat keine größeren Probleme bereitet?“

„Im Endeffekt nicht“, antwortete er ihr. „Ich musste improvisieren, aber da ich das sehr gut beherrsche, hatte es einen gewissen Reiz. Man könnte sogar sagen, es hat mir Spaß bereitet. In der Tat hat mir das Spielen wohl noch nie so viel Freude bereitet wie dieses Mal. Konntest du bereits umplanen wegen dieses Tigers und des Mädchens?“

Sie seufzte, ohne es so zu meinen. „Das war schade, dass ich umsonst auf sie im Tower gewartet habe, aber non. Auch da besteht kein Problem.“

Der Mann im Schatten wandte sich Wilder zu. „Kannst du einschätzen, wie lange du noch brauchst?“

Der Angesprochene legte den Kopf ein wenig schief, während er überlegte. „Ich denke, ein paar Stunden werde ich noch brauchen. Aber bis zum Morgengrauen bin ich bestimmt fertig. Meine Fähigkeit ist etwas langsam, doch sehr zuverlässig. Solange sie nicht gestört wird, natürlich.“

„Er müsste dich berühren, oder?“, hakte Williams nach und Wilder nickte.

„Nach allem, was wir wissen, ja.“

„Ich bin der Letzte, der einen so hübschen Kerl opfern möchte“, fuhr Williams fort, „aber war das mit diesem Dazai wirklich die richtige Entscheidung? Hätten wir nicht weniger Ärger, wenn wir ihn aus dem Weg geräumt hätten?“

Wilder lachte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Die Dosis, die wir ihm verabreicht haben, hätte gereicht, um einen Elefanten schlafen zu legen! Was ist nur mit diesem Kerl? Als ich ihm zum dritten Mal etwas ins Glas gekippt habe, war ich der festen Überzeugung, ich würde ihn über den Jordan schicken!“

„Zum Glück hast du es nicht“, entgegnete Wharton. „Nachdem wir ausprobiert hatten, dass weder Tennessees noch meine Fähigkeit auf ihn wirkt, blieb uns keine andere Wahl. Wobei wir diesen Ausgang ja schon befürchtet hatten und seien wir ehrlich: Wir behalten ihn ja nicht ohne Grund.“ Sie blickte zum geheimnisvollen Mann im Dunkeln. „Du sagtest zwar, es sei dir wichtig, die Opferzahl gering zu halten, doch das ist nicht der Hauptgrund, warum wir diesen Dazai am Leben lassen. Er ist schließlich die größte Gefahr für unseren Plan – und gleichzeitig denke ich, es wäre vielleicht sinnvoll, ihn als Versicherung zu behalten. D’ accord?“

„Huh? Wofür brauchen wir eine Versicherung?“ Irritiert horchte Williams auf.

„Du benötigst keine“, sprach die Amerikanerin weiter. „Wir anderen jedoch, die ein höheres Ziel verfolgen, müssen vorsichtiger sein. Wenn einer von uns falsch spielt, kann dieser Dazai die Fähigkeit des Falschspielers aufheben.“

„Tsk.“ Mit abschätziger Miene stellte der Dunkelhaarige sein Glas auf einer der Kisten im Bunker ab. „Das setzt voraus, dass er euch dann hilft. Wie wollt ihr ihn dazu kriegen?“

„Das werden wir noch sehen“, antwortete die Gestalt im Schatten. „Er erinnert mich in Teilen an den Meisterdetektiv, daher brächte ich es kaum übers Herz, ihn zu verlieren.“

Wenig überzeugt winkte Williams ab. „Er wird sich kaum durch ein gutes Gespräch umstimmen lassen.“

„Ah, daran glaubst du ja nicht“, merkte Wilder an. „Aber es lässt sich nicht leugnen, dass unsere zusammengewürfelte Truppe vom großen Maestro hier“, er zeigte auf das nicht erkennbare Mitglied der Gruppe, „davon überzeugt wurde zusammenzuarbeiten. Und das will etwas heißen. Ich bin sonst kein geselliger Typ, musst du wissen.“

„Da fällt mir ein“, Wharton richtete interessiert ihren Blick auf Williams, „du hast uns nicht gesagt, was du vorhast, wenn wir fertig sind.“

Er zuckte schwach mit den Achseln. „Im Gegensatz zu euch verfolge ich auch keine großen Pläne. Mir ist es egal, was aus der Welt wird. Ich warte nur darauf, dass ich mich besser fühle.“

„Ich für meinen Teil“, die Frau begann zu strahlen, „kann es kaum noch erwarten, bis ich meine Modellwelt habe. Ich bin schon ganz aufgeregt!“ Sie faltete voller Vorfreude ihre Hände. „Ah~, die gesamte Ostküste der Staaten wird ein Paradies! Ihr werdet nirgends glücklichere Leute als dort antreffen werden! Eine Welt, die echter ist als die Realität! Keine Unterdrückung, keine stumpfsinnigen Vorschriften, keine Oberflächlichkeit, keine Verlogenheit, nur Freiheit für alle!“

„Vielleicht komme ich mal vorbei“, sagte Williams trotz der flammenden Rede der Frau ausgesprochen unenthusiastisch.

„Ach, du willst mir nur die gute Laune ruinieren.“ Whartons Feuereifer verpuffte.

„Nicht doch.“ Der dunkelhaarige Amerikaner nahm sein Glas wieder auf und schwenkte es. „Es würde mich aufrichtig freuen, wenn deine kleine Fantasiewelt funktioniert. Freiheit für alle? Da spricht nichts dagegen. Keine Verlogenheit? Klingt zu gut, um wahr zu sein.“

„Es ist keine Fantasiewelt.“ Die Dame kreuzte leicht pikiert ihre Arme vor der Brust. „Es wird ein Paradies für Intellektuelle. Für diejenigen, die es wagen, sich mehr vorzustellen als andere.“ Sie schaute zu Wilder. „Ich verlasse mich darauf, dass du mir die richtigen Personen übrig lässt.“

„Es ist immer möglich, Anpassungen vorzunehmen“, beruhigte Wilder sie und lächelte dabei. „Ich freue mich auch schon sehr auf eure Versuchswelten. Sie zu beobachten wird ein wahres Freudenfest!“

„Und du beschränkst dich auf das Beobachten, nicht wahr?“ Wharton bedachte ihn mit einem nachdrücklichen Blick.

„Keine Sorge. Ich habe versprochen, mich nicht einzumischen, ich mische mich nicht ein. Außer es wird ausdrücklich gewünscht.“

„Also, dann wird es nur noch Madames Bilderbuchwelt geben“, fasste Williams lapidar zusammen, „und die sozialistische Sekte von unserem anderen Träumer.“

Trotz des leicht abfälligen Tons lachte Wharton. „Ich glaube, er wäre sehr erbost, wenn er mitbekäme, dass du seine Pläne so nennst.“

„Er bevorzugt, es eine ‚gerechte Gemeinschaft‘ zu nennen“, korrigierte Wilder nicht minder amüsiert den Landsmann. „Es wird spannend zu sehen, wie sich seine Ideen von denen von Edith unterscheiden.“

„Jedenfalls scheint er in seiner Rolle ziemlich aufzugehen, ach, was sage ich, aufzublühen!“, erwiderte Wharton. „Da merkt man, wie sehr er das Theater liebt. Ich hätte ihm die Rolle fast nicht zugetraut.“

„Er ist formidabel, das ist wahr“, sagte die Schattengestalt, die den anderen aufmerksam zugehört hatte. „Ohne ihn und seine Fähigkeit hätten wir es erheblich schwerer.“

„Und? Wie geht’s weiter?“, wollte Williams wissen.

„Wie wir es besprochen haben.“ Der Mann im Schatten stand gemächlich auf. „Ich werde mich um den Herrn Meisterdetektiv kümmern.“
 

Bite the hand that feeds


 

Bite the hand that feeds“

 

Placebo, „Post Blue“

 

Als Fukuzawa aufblickte, sah er Atsushi mit entschlossener Miene vor sich stehen.

„Er war es nicht“, sagte der junge Detektiv energisch. „Ich kann es nicht beweisen und vielleicht will ich nur glauben, dass er so etwas nicht tut, aber …“ Er stockte. Obwohl er sich seine Rede minutenlang zurechtgelegt hatte, wollte sie ihm nicht so flüssig über die Lippen gehen, wie er das gehofft hatte. „Aber … er war es nicht.“

Fukuzawa schaute ihn wortlos an, was Atsushis Nerven zum Flattern brachten.

„Ich weiß, dass er es nicht war“, fuhr er fort, unsicher, wo die Reise hinging. „Ich weiß nicht, warum ich das weiß, ich weiß es einfach.“

Atsushi entwich ein Japsen, als die Mimik des Chefs erzürnter wurde. Er wusste, dass er gerade nicht unbedingt den klügsten Satz der Welt geäußert hatte, doch besser konnte er es nicht. Und er hatte es nicht mehr ausgehalten, nichts zu sagen.

„Jemand hat ihm eine Falle gestellt“, äußerte Fukuzawa letztlich, zerknüllte die Laborergebnisse ein weiteres Mal und warf sie zu Boden. „Wir können im Moment nicht rekonstruieren, was Dazai in der vergangenen Nacht zugestoßen ist, aber jemand hat ein Interesse daran, ihn hier einzusperren. Jemand will ihn vom Detektivbüro und von den merkwürdigen Ereignissen fernhalten.“

„Damit er Yosano und Lucy nicht helfen kann?“, mutmaßte Kyoka.

„Auch das wird ein Grund sein.“ Zornig blickte Fukuzawa auf die auf dem Boden liegenden Laborergebnisse. „Wir müssen annehmen, dass dieser jemand mit aller Macht versucht, Ranpo von Dazais Fall abzubringen.“

„Jemand, der versucht …?“ Atsushi zog scharf die Luft ein. Deutete der Chef etwa an, dass …?!

„Warum hat dieser Inspector uns dann in den Fall mit den Terroristen eingeweiht, wenn er vielleicht selber zu den Terroristen gehört?“, wandte Kyoka ein. „Nur, um Ranpo von Dazai fernzuhalten?“

„Wir wissen nicht, ob er für die Terroristen arbeitet oder für den, den wir für den ‚Teufel‘ halten.“ Fukuzawa blickte wieder auf und ließ seine Augen über die Anwesenden schweifen. „Wir können nur davon ausgehen, dass er falsch spielt.“

Haruno schreckte zusammen. „Aber Kunikida ist doch eben mit ihm mitgegangen!“

„Es ist unwahrscheinlich, dass er die gesamte Polizei unterwandert hat“, beruhigte Fukuzawa sie. „Auf der Wache wird er keinen Angriff wagen. Wenn Kunikida jetzt verschwinden würde, würde er sich zudem verraten.“

Naomi nahm einen Notizblock aus einer Rocktasche und einen Stift aus der anderen und begann, hastig Dinge darauf zu schreiben. Das fertige Ergebnis hielt sie den anderen hin. Es waren vier Spalten, überschrieben mit „Glas“, „Graffiti“, „Kontrolle“ und „Verschwinden.“

„Wenn wir davon ausgehen, dass jedes Phänomen von einem Befähigten ausgelöst wird, dann haben wir es mit vier verschiedenen Leuten zu tun“, erläuterte sie ihre Grafik. „Wenn das Graffiti die Ursache für die Gedankenkontrolle wäre, hätte nicht nur mein Bruder davon betroffen sein müssen, sondern auch Kenji und Ranpo.“

„Außer Kenji ist verschwunden, weil er auch von jemandem kontrolliert wurde“, bemerkte Kyoka.

„Aber da war doch ein zeitlicher Abstand zwischen Tanizakis Verhalten und Kenjis Verschwinden“, erinnerte Atsushi sie. „Und Ranpo war gar nicht betroffen.“

„Eine Fähigkeit, die nur Befähigte befällt?“, äußerte Haruno.

„Das ist möglich“, erwiderte Naomi, „aber dann wiederum sollte Ranpo in den Marine Tower gelockt werden, wo diese Markierungen waren. Das hätte doch dann gar keinen Effekt auf ihn.“

Fukuzawa überdachte die Theorien aller kurz. Sie mussten es mit mehreren Verbrechern zu tun haben, anders ergab die Situation gar keinen Sinn. Und bei allem, was geschehen war, konnten sie immer weniger von Zufällen ausgehen. Das hieß, dass es sich um zusammenarbeitende Befähigte handelte. Doch dann hätte Ranpo ja erneut einen Fehlschluss gezogen …? Fukuzawa schalt sich selbst dafür, dass er erneut zu viel auf den schmalen Schultern des Meisterdetektivs abladen wollte. Sie mussten akzeptieren, dass jemand Ranpo austricksen konnte. So schwer ihnen das auch fiel.

„Gehen wir davon aus“, erhob er das Wort, „dass es drei Befähigte sind. Glas, Graffiti und Gedankenkontrolle. Kenjis Verschwinden muss in einem Zusammenhang mit einem dieser drei Phänomene stehen.“

Gedankenvoll legte Atsushi eine Hand an sein Kinn. Er hatte die ganze Zeit das quälende Gefühl, dass sie etwas Entscheidendes übersahen. Doch so sehr und intensiv er auch über alles nachdachte, er kam zu keinem Ergebnis. Naomi hatte mehr zusammengetragen als er. War er wirklich so ungeeignet als Detektiv?

Ah! Das ist nicht die Zeit für Selbstmitleid!, schimpfte er in Gedanken. Seine Kameraden waren in Gefahr, er musste sich zusammenreißen!

„AH!“ Atsushi schrie laut, als sein Handy plötzlich klingelte. Mit fahrigen Bewegungen holte er es hervor und stutzte über die unterdrückte Nummer. Der Chef deutete ihm an, abzuheben, was er unverzüglich tat.

„Menschentiger!“

Aaaaaaaaaaaaaaaaaah! Neinneinneinneinneinnein! Nicht er, nicht jetzt!

Als Atsushis Gesichtszüge in pure Verzweiflung abrutschten, forderte Fukuzawa ihn auf, auf Lautsprecher zu stellen.

„Antworte gefälligst, wenn du an dein Telefon gehst!“, fauchte Akutagawa. Die restlichen Detektive tauschten verstörte Blicke aus, als sie seine Stimme erkannten. „Weißt du nicht einmal das?!“

„D-doch!“ Was verteidigte er sich denn dafür? Sollte Akutagawa sich eben aufregen, konnte ihm doch egal sein! „Darf ich nicht verwundert sein, wenn du mich anrufst??“

„Ich habe keine Zeit für deine Befindlichkeiten.“

„Vielleicht habe ich keine Zeit für dich!“

„Sei nicht albern, Menschentiger.“ Er hustete. „Wir wissen über eure Lage Bescheid. Chuuya ist der Ansicht, dass es von Vorteil wäre, wenn wir Informationen austauschen.“

Atsushi bemerkte, wie Fukuzawa stutzte.

„Ihr wollt uns doch nicht einfach so helfen, oder?“, hakte der silberhaarige Junge bei seinem Erzfeind nach.

„Helfen?“ Akutagawa lachte verächtlich. „Wir wollen uns nur selber helfen.“

„Schön, dann lasst uns in-“ Atsushi stockte, als Fukuzawa eine Hand aufhielt, als würde er sein Handy haben wollen. Verunsichert übergab er es ihm.

„Wo ist Mori?“, fragte der Chef ohne Umschweife und fühlte sich bestätigt, als Akutagawa hörbar stutzte und dann schnaubte.

„Er … ist gerade nicht zu sprechen.“

„Ist er verschwunden oder in Glas verwandelt worden?“

Ein leises, missmutiges Grummeln ertönte aus der Leitung. Dann, nach einer kurzen Pause:

„Glas.“

„Ich verstehe“, antwortete Fukuzawa. „Dazai ist momentan nicht verfügbar.“

„Das ist uns bekannt“, brummte das Mafiamitglied. „Wir wissen, wer der Glas-Befähigte ist. Wenn ihr Detektive an dieser Information interessiert seid, können wir ins Geschäft kommen.“

Kyoka nahm sich Naomis Notizblock und schrieb geschwind etwas darauf:

„Sie wollen Dazais Hilfe im Austausch für die Info.“

Fukuzawa las ihre Nachricht und nickte. Konnte ihnen irgendein Schaden daraus entstehen, wenn sie sich mit der Hafen-Mafia trafen? Solange der Glas-Befähigte frei herumlief, war keiner vor ihm sicher. Selbst wenn sie durch ein Wunder Dazai jetzt in diesem Augenblick aus der Haft holen könnten, könnte es überall in der Stadt unbekannte Opfer geben, die vielleicht sogar zerbrachen. Sie mussten diesen Befähigten aufhalten. Das war das Einzige, was er im Moment mit absoluter Gewissheit sagen konnte.

Nur -

Es war zu gefährlich, mit allen zu diesem Treffen zu gehen. Gleichermaßen konnten sie sich nicht zu sehr aufteilen.

„Wir warten, Detektive“, drängte Akutagawa, „und wir warten nicht lange.“

„Einverstanden“, sagte Fukuzawa. „In einer halben Stunde auf dem Hotelparkplatz am Westausgang des Hauptbahnhofs.“

„Tsk“, machte sein Gesprächspartner verächtlich. „Habt ihr Angst, wir würden euch in eine Falle-“ Akutagawa brach plötzlich ab. Man konnte hören, wie sein Telefon offensichtlich von jemand anderem übernommen wurde.

„Meine Güte!“, vernahmen alle Chuuyas lautstarkes Meckern. „Wir haben keine Zeit für zähe Verhandlungen! Meinetwegen am Hauptbahnhof! Hauptsache, ihr taucht auf!“

Er legte auf und alle starrten irritiert auf das Handy, das nur noch Pieptöne von sich gab. Mit nachdenklicher Miene gab Fukuzawa es an Atsushi zurück.

„Ich glaube nicht, dass das eine Falle ist“, äußerte Atsushi.

„Weil du weißt, dass du es weißt, obwohl du nicht weißt, warum du es weißt?“, neckte Naomi ihn und ließ ihn peinlich berührt erröten.

„Es ist keine“, gab der Chef dem Jungen Recht. „Normalerweise ist es Mori, der mich anruft, wenn es um Verhandlungen geht. Dass Chuuya und Akutagawa sich bei uns melden, zeigt, dass die Hafen-Mafia selbst in einer Notlage zu sein scheint.“

Just in diesem Moment ging die Tür auf und Kunikida kehrte zurück. Verdattert bemerkte er die angespannte Atmosphäre im Zimmer, doch bevor er danach fragen konnte, richtete Fukuzawa das Wort an ihn.

„Hast du etwas von Dazai erfahren können?“

Kunikida schob seine Brille hoch. „Er geht davon aus, dass er in eine Falle gelockt wurde.“

Der Älteste im Raum nickte bedächtig. „Das bestätigt unsere Vermutung. Hat er noch etwas gesagt?“

Atsushi fragte sich, ob das kurze Zögern seitens des Idealisten Einbildung war. Er schien genauestens über seine Antwort nachzudenken und sich zwanghaft Mühe zu geben, sie völlig neutral klingen zu lassen.

„Nein. Wir haben nur das Nötigste besprochen, da wir nicht wissen, wer mithört.“

„Die Hafen-Mafia hat uns um ein Treffen gebeten“, informierte Fukuzawa ihn und Kunikidas Gesicht verriet seine Verblüffung über diese neue Entwicklung.

„Du wirst Kyoka und Atsushi dorthin begleiten“, fuhr der Chef fort. „Wir werden hier auf euch warten.“

„Machen Sie sich keine Sorgen um uns!“, warf Haruno energisch ein. „Naomi und ich kommen zurecht!“ Die Schülerin nickte entschlossen.

„Auf der Wache ist es für euch wahrscheinlich am sichersten“, stimmte Fukuzawa ihnen zu. „Allerdings ist Ranpo momentan auf sich allein gestellt und ich will versuchen, etwas über seinen Aufenthaltsort herauszufinden.“ Mit ernster Miene sah er zu Atsushi, Kyoka und Kunikida. „Versucht, so viele Informationen wie möglich von der Hafen-Mafia zu erhalten. Wir sind im Nachteil, solange wir so wenig über den Feind wissen.“

Die drei nickten entschieden und machten sich auf den Weg.

 

Kunikida parkte den Wagen auf dem gut ausgeleuchteten Parkplatz in der Nähe des Westausgangs am Bahnhof und traute seinen Augen kaum.

„Die Markierungen“, hauchte Atsushi erschüttert. Im Dunkel der Nacht reihten sich die leuchtenden Schlaufen in die Lichter der Leuchtreklamen am Bahnhofsgebäude ein. Um diese nachtschlafende Zeit war praktisch kein Passant mehr unterwegs. Die Züge würden erst in ein paar Stunden wieder fahren und das gesamte Gebiet rund um den Bahnhof schien wie ausgestorben. Obwohl alles hell beleuchtet war, war es dennoch leicht gespenstisch.

„AAAHH!“ Atsushi erschrak fast zu Tode, als seine Tür sich wie von selbst öffnete. Ebenso wie Kyokas und Kunikidas.

Nein. Nicht wie von selbst.

Rashomon war der Türöffner.

„Ihr braucht zu lange“, begrüßte Akutagawa sie barsch.

„Lass die Türen dran.“ Chuuya tauchte neben ihm auf. „Ausnahmsweise brauchen wir die Detektive noch.“

Die drei stiegen aus dem Fahrzeug aus.

„Was wisst ihr über dieses leuchtende Geschmiere?“, fragte Chuuya ohne Umschweife.

„Nicht viel“, antwortete Kunikida. „Es ist schon an mehreren Gebäuden in der Stadt aufgetaucht.“

„Es ist an den Backsteingebäuden im Hafenviertel.“ Der rothaarige Mafioso knarzte mit den Zähnen. „Und an unserem Hauptquartier.“

Für diese Neuigkeit erntete er verdatterte Blicke von den Detektiven.

„Es kann nichts mit der Glas-Fähigkeit zu tun haben“, erläuterte Atsushi. „Denn-“

„Glaubst du, dass wir das nicht wissen, Menschentiger?“, fiel ihm Akutagawa rüde ins Wort. „Eure Ärztin und das Mädchen von der Gilde sind nicht mit diesen Zeichen in Berührung gekommen.“

„Woher weißt du das schon wieder??“ Wie so oft fühlte Atsushi, wie sein Geduldsfaden zu reißen begann, sobald er mit seinem Erzfeind redete.

„Die Mafia hat Informanten bei der Polizei“, klärte Kyoka ihn trocken auf.

Derweil hatte etwas anderes Chuuyas Unmut erregt. „Was. Soll. Das?“ Er schaute zu Kunikida, der eine Nachricht in sein Handy getippt hatte.

„Entschuldigung.“ Er versendete die Nachricht und steckte das Telefon wieder weg. Nun war Atsushi sich sicher, dass er sich das seltsame Verhalten vorhin nicht nur eingebildet hatte. Verbarg Kunikida etwas vor ihnen?

„Also, um es kurz zu machen, weil es eilt: Wir brauchen-“

„Dazai“, vervollständige Kyoka ungefragt den Satz des Führungsmitglieds.

„Könnt ihr für eine Sekunde mal nicht unhöflich sein?!“, polterte Chuuya.

„Sind wir nicht“, entgegnete das Mädchen ruhig. „Wir haben es nur ebenso eilig wie ihr.“

Er knirschte ohrenbetäubend mit den Zähnen. „Okay. Also: Der Feigling mit der Glas-Fähigkeit ist ein Amerikaner namens Tennessee Williams.“ Chuuya holte ein Foto aus seiner Hosentasche. „Das hat unsere Überwachungskamera von ihm aufgenommen.“

„Wo wurde das Bild aufgenommen?“, wollte Atsushi wissen, während sie die Aufnahme studierten.

„In unserem Hauptquartier“, antwortete Chuuya und Kunikida hob kritisch eine Augenbraue.

„Wieso war er dort?“

„Er hat uns rein-, ich meine, er hat behauptet, etwas über einen Vorfall in der Speicherstadt zu wissen.“ Der Rothaarige hatte sich auf die Zunge gebissen, als er ihren Fehler beinahe zugegeben hätte.

„Und was für ein Vorfall war das?“ Atsushi bereute seine Frage, als beide Mafiamitglieder ihn finster anfunkelten.

„Das tut nichts zur Sache“, kürzte Chuuya die Diskussion ab. „Kennt ihr diesen Amerikaner? Was soll der Mist mit den Glasattacken? Wenn ihr nicht auch betroffen wärt, hätten wir geglaubt, es würde sich um eine verfeindete Organisation handeln, aber das hier sieht einmal mehr nach einem gemeinsamen Feind aus.“

Atsushi und Kyoka blickten zu Kunikida, in der Hoffnung, der Name oder das Aussehen des Gesuchten würden ihm etwas sagen. Dieser schüttelte jedoch den Kopf.

„Uns ist er genauso unbekannt wie euch.“

„Uns wurde gesagt, er gehöre zu einer Terrorgruppe, die einen Anschlag plant“, ergänzte Kyoka. „Aber wir wissen nicht, ob diese Information überhaupt stimmt.“

„Und von wem kam diese Info?“, hakte Chuuya ungeduldig nach.

„Interpol, angeblich.“ Kunikidas rätselhafte Antwort machte den Hutträger noch nervöser.

„Was soll das denn heißen? Hat Dazai auf euch alle abgefärbt, dass ihr nur noch in Rätseln sprecht?? Mehr als einen von der Sorte ertrage ich nicht! Ich ertrage nicht einmal einen von der Sorte!!“

„Was ist mit Dazai?“, fragte Akutagawa. „Selbst wenn er einen Mord begangen hat, ist es unnatürlich, dass er sich erwischen lässt.“

Atsushi wurde es bei diesem Thema (und der nebensächlichen Art, wie Akutagawa es angesprochen hatte) abermals übel. Dazai hatte für die Hafen-Mafia unsagbare Verbrechen begangen und es war dem empathischen Jungen grundsätzlich lieber, nicht daran erinnert zu werden.

„Bei uns sind viele unerklärliche Dinge geschehen“, sagte er beklommen.

„Akutagawa hat Recht“, warf Chuuya nachdenklich ein. „Wenn dieser bescheuerte Spinner es gewesen wäre, würde niemand wissen, dass er es war. Egal, was er intus hatte.“ Wie er dies sagte, wurde er noch nachdenklicher. „Was ist noch bei euch passiert, außer dass dieser Nerven zersägende Trottel eingebuchtet wurde?“

Die Detektive schwiegen, offensichtlich verunsichert, was sie noch preisgeben sollten. Die Hafen-Mafia war schließlich nicht gerade sonderlich vertrauenswürdig. Sie würden jeden Schwachpunkt nutzen, um ihn gegen sie zu verwenden. Dennoch überkam Atsushi das Bedürfnis, ihnen eine Kleinigkeit mitzuteilen. Diese konnte dem Detektivbüro sicherlich nicht schaden und im schlimmsten Fall konnten die zwei schwarzgekleideten Mafiosi vor ihnen nichts damit anfangen.

„Es fing alles mit dem ‚Teufel‘ an“, sagte Atsushi vorsichtig.

„Teufel?“ Chuuya schenkte ihm einen Blick, als würde er ihn für irre halten.

Akutagawa zeigte derweil fragend auf sich selbst.

„Nein“, korrigierte Atsushi ihn vehement, „nicht du! Das ist ein Kunstdieb!“

„Kunst?“, wiederholte Chuuya tonlos, bevor die zwei Mafiosi sich auf einmal mit aufgerissenen Augen anblickten. „EIN KUNSTDIEB?!“ Jetzt schrie er plötzlich. Und wurde rot vor Wut im Gesicht. Was war nun los?

„Der Vorfall in der Speicherstadt!“, rief Chuuya vor Zorn schnaubend. „Unsere komplette Kunstsammlung wurde gestohlen!!“

„Aber-aber“ Atsushi konnte diese Information nicht einordnen. „Was hat das denn zu bedeuten? Warum meldet der Dieb sich bei uns, wenn er die Hafen-Mafia ausraubt?“

„Kann Ranpo einen Hinweis übersehen haben?“ Kyoka dachte an alles zurück, was sie über diesen ‚Teufel‘ erfahren hatten. Doch nichts deutete auf einen Überfall bei der Hafen-Mafia hin.

Chuuya ballte die Hände zu Fäusten und versuchte wirklich, nicht zu explodieren. „Macht endlich reinen Tisch! Erzählt uns alles, was ihr über diesen Dieb wisst!“

 

Dass Chuuya einzig mit Akutagawa am Treffpunkt aufgetaucht war, hatte einen simplen Grund. Und genau aus diesem Grund blickte Tachihara gerade nervös hin und her. Er, Gin und Hirotsu standen seit Stunden um Mori herum und bewachten den zur Glasfigur erstarrten Mann in dessen Büro. Es war unmöglich, ihn zu bewegen – und niemand wollte derjenige sein, der dem Boss wortwörtlich auch nur ein Haar krümmte. Vor der Tür hielten Koyo und Higuchi Wache. Sollten von dort Geräusche zu hören sein, wären sie vorgewarnt.

„Hrrrgh“, machte Tachihara genervt, „diese Warterei raubt mir den letzten Nerv.“

„Wäre es dir lieber, der Feind würde hereinstürmen und der Boss in den Wirren des Kampfes zerbrechen?“ Obwohl sie sich hier seit Stunden die Füße platt standen, war Hirotsu die Ruhe selbst.

„Natürlich nicht! Aber hier dumm herumzustehen ist einfach nicht meine Art!“

„Wir haben keine Ahnung, was der Feind vorhat“, erinnerte Hirotsu ihn. „Daher lautet unsere oberste Aufgabe, den Boss zu beschützen.“

„Ja doch! Aber-“

Gin machte ein Geräusch und deutete ein Kopfschütteln an, sodass Tachihara seinen Trotz aufgab. Sie hatten im Büro nicht mehr als die Notbeleuchtung an, von draußen schien gerade mal ein kleines bisschen Mondlicht hinein und dennoch wirkte Gin hellwach. Als wäre sie in dieser Dunkelheit zu Hause. Tachihara fand dies bewundernswert und wunderte sich gleichzeitig, ob der Kameradin nicht auch einmal danach war, sich zu beschweren – oder überhaupt etwas mehr als ein oder zwei Worte zu sagen. Sie war ein wenig wunderlich und wenn er ehrlich war, wusste er so gut wie gar nichts über sie. Dass sie trotzdem derart gut miteinander harmonierten … ach. Womöglich lag es daran, dass er selbst unzählige Geheimnisse mit sich herumschleppte. Er seufzte innerlich, als Gin zusammenzuckte.

„Da kommt jemand“, sagte sie und alle drei machten sich unverzüglich kampfbereit.

„Da stimmt etwas nicht“, stellte Hirotsu nach ein paar Sekunden absoluter Stille fest. „Koyo und Higuchi hätten längst reagieren müssen.“

„Sie können doch unmöglich auch schon zu Glas geworden sei-ah!“ Tachihara richtete seine Waffen zur Tür, als diese sich öffnete. Dann stutzte er, blinzelte ein paar Mal, blinzelte noch einmal und sah letztlich aus dem Augenwinkel hilflos zu Hirotsu.

Dieser wirkte nicht weniger überrumpelt als er.

Die Tür war von Koyo und Higuchi geöffnet worden. Die beiden Frauen hielten wortlos die Tür auf und schienen dabei ins Leere zu starren.

„Ah, bon soir, die Herren.“ Eine Frau mit hochgesteckten, rotbraunen Haaren und einem blau-weißen Rüschenkleid trat durch die Tür ein. Edith Wharton. „Entschuldigen Sie die späte Störung, ich muss hier nur schnell etwas zu Ende bringen.“

„Wer sind Sie?“ Hirotsu hielt mit einem Arm Tachihara davon ab, auf der Stelle auf den Eindringling zu feuern.

„Das tut nicht wirklich etwas zur Sache, aber es wäre unhöflich, mich nicht vorzustellen. Wharton. Nennen Sie mich einfach so. Mehr müssen Sie nicht wissen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Sie für meine Welt benötige.“ Furchtlos und mit ungebrochen guter Laune kam sie näher.

„Wie haben Sie es bis hierher geschafft?“, fragte Hirotsu und ließ seinen prüfenden Blick über die Frau fahren.

Sie lachte herzlich. „Wissen ist Macht. Und die paar Männer, die mir begegnet sind, waren kein Problem.“

Tachihara schluckte bei ihren Worten. „Eine Befähigte??“ Und eine, die geräuschlos und im Alleingang alle im Gebäude positionierten Wachen hatte erledigen können??, fügte er gedanklich an.

„Sieh dir Koyo und Higuchi an“, forderte der Mafia-Veteran ihn auf. Selbst er, der nur selten aus der Ruhe zu bringen war, schien besorgt zu sein. „Sie werden von ihr kontrolliert.“

Die zwei Mafia-Frauen schlossen ohne jegliche Regung in ihrem Gesicht zu Wharton auf, die überlegen lächelte. „Ihr Blick eben hat mir nicht gefallen. Darum sollte ich mich kümmern.“ Ihre Augen wanderten zur seit eben wie erstarrten Gin. „Die gleichen Regeln gelten für dich.“

„Häh?!“, entfuhr es Tachihara, ehe er einen schnellen Satz zur Seite machen musste – um Gins Messer auszuweichen. „Was zur Hölle?!“ Er blockte ihre Klinge mit beiden Waffen. „Hast du den Verstand verloren??“

„Ja, typisch, wenn eine Frau Engagement zeigt, wird ihr gleich so etwas vorgeworfen.“ Wharton schüttelte missbilligend den Kopf.

„Gin wird auch von ihr kontrolliert!“, rief Hirotsu ihm zu. „Wie macht sie das? Sie ist doch nur zur Tür reingekommen?“ Die Kontrolle über Koyo und Higuchi musste sie bereits im Flur übernommen haben, aber Hirotsu konnte nicht nachvollziehen, wie das geschehen war. Koyo hätte bei Erscheinen einer Fremden umgehend ihren Goldfarbigen Dämon gerufen. War sie nicht einmal dazu gekommen?

Er musste seine Überlegungen abrupt unterbrechen, als eben dieser Dämon erschien und auf ihn losging. Gekonnt wich Hirotsu aus, stellte aber erschrocken fest, dass die Wucht des Schwerthiebes von Koyos Fähigkeit Mori ins Schwanken brachte. Goldfarbiger Dämon holte erneut aus und unzweifelhaft war Mori sein Ziel. In Windeseile stürmte Hirotsu auf den Dämon zu und schleuderte ihn mit seiner Fähigkeit weg. Im nächsten Moment hörte er das Abfeuern einer Waffe und ein stechender Schmerz fuhr durch seine Schulter. Ein weiterer Schuss und sein Knie knickte getroffen ein. Higuchi hatte auf ihn geschossen.

„SCHEISSE!“ Tachihara bekam mit, was passierte, während er Gin abwehrte. Die blitzschnelle Assassine machte einen Satz zurück, stieß sich vom Schreibtisch ab und sprang hinter den Rothaarigen, der sich so schnell nicht umwenden konnte. Gin schlitzte ihm den Rücken auf. Und während Tachihara durch den Überraschungsangriff zu Boden ging, sah er, wie Goldfarbiger Dämon sein Schwert emporhob, um es auf Mori niedergehen zu lassen. Die Klinge war nur noch wenige Zentimeter vom Boss entfernt, als – sie sich nicht weiter bewegte. Wie eingefroren blieb sie in der Luft stecken.

„Was?“ Alarmiert besah sich Wharton die Szene. „Warum zerschlägt er die Figur nicht?“

Der Dämon holte immer wieder aus und immer wieder blieb das Schwert in der Luft stecken und erreichte Mori nicht.

„Haha!“ Kajii sprang unter dem großen Schreibtisch hervor. „Die ultimative Sicherheitstechnologie! Der ultimative Käfig! Entwickelt, um den Menschentiger unschädlich zu machen und nun – das ist das Wunder der Wissenschaft! – ein nicht zu durchdringender Energiepanzer für den Boss! Kein Kugel durchdringt ihn! Keine Klinge kann sich durch dieses Meisterwerk aus Nanopartikeln bohren!“

Frustriert biss Wharton die Zähne aufeinander. „Das trifft uns etwas unvorbereitet.“ Zum Unverständnis der drei Männer behielt sie die Fassung. „Auch egal. So wichtig ist er nicht. Wir werden fertig mit allem sein, bevor er uns zum Problem werden kann.“

„Ich fühle meine geniale Erfindung nicht wertgeschätzt“, beschwerte Kajii sich, doch Wharton ignorierte ihn und besah sich lieber Tachihara. „Er ist nur leicht verletzt. Nimm ihn mit.“

„HÄH?!“ Bevor Tachihara verstand, wie ihm geschah, schlug Gin ihm mit einer harten Handkante ins Genick, sodass er das Bewusstsein verlor. Goldfarbiger Dämon hob ihn vom Boden auf und trug ihn heraus. Die Frauen zogen sich daraufhin aus dem Büro zurück.

Baff blickte Kajii ihnen hinterher, ehe er Hirotsu zu Hilfe eilte. Hinter ihnen flogen ein paar Funken, als die Schutzhülle, die Mori umgab, langsam den Geist aufgab.

„Puh“, machte Kajii erleichtert und mit einigen Schweißperlen auf der Stirn. „Zum Glück hat das nicht länger gedauert. Mein Energieschild ist nur ein Prototyp, der lediglich ein paar Minuten funktioniert ….“

 

Als sein Handy klingelte, atmete Fukuzawa innerlich auf.

Es war Ranpo. Endlich.

Naomi und Haruno richteten sich gespannt auf, als ihr Chef eiligst den Anruf annahm.

„Sind die anderen okay?“, eröffnete Ranpo fast flüsternd das Gespräch.

„Noch ist nichts weiter passiert“, antwortete Fukuzawa, stutzend, dass der Andere so leise sprach. Das konnte nur eines bedeuten …. „Was ist mit dir? Wo steckst du?“

„Ich habe tatsächlich etwas Verdächtiges gefunden.“

„Hast du Priestley davon erzählt?“

„Pffffff“, machte der Meisterdetektiv. „Bitte, sag mir, dass ihr inzwischen gemerkt habt, dass mit dem etwas nicht stimmt.“

„Doch, haben wir.“ Fukuzawa atmete erneut erleichtert auf. Das hieß, Ranpo war in keine Falle gelaufen.

„Ich hatte das Gefühl, dass an der Richtung, in die er mich schicken wollte, etwas faul war, also bin ich von seinen Vorgaben abgewichen und-“

Er stoppte so jäh, dass es Fukuzawa beinahe erschreckte.

„Was ist-“

„Mist“, kam es noch leiser als vorher zurück. „Ich muss aufpassen, dass sie mich nicht entdecken.“

„Von wem sprichst du?“

„Den Befähigten, denen wir das ganze Schlamassel zu verdanken haben. Ich habe ihren momentanen Unterschlupf gefunden.“

Naomi und Haruno, die das Gespräch nicht mithörten, wunderten sich, warum der Chef die Augen aufriss.

„Wo genau bist du?“

„Bei einem verlassenen Haus im Süden von Noge. Bei der Choja-bashi-Brücke. Und weißt du, was interessant ist?“ Ranpo machte eine dramatische Pause. „Hier gehen ein paar Polizisten ein und aus.“

„Was?!“ Entgeistert sah Fukuzawa seinen eigentlichen Plan in sich zusammenfallen. Er hatte daran gedacht, ihm Unterstützung durch die Militärpolizei zu schicken, aber wenn diese unterwandert worden war …. Er presste die Lippen aufeinander. „Bleib, wo du bist. Ich bin auf dem Weg.“

Ranpo legte auf und Fukuzawa wandte sich den jungen Frauen zu. „Ranpo hat möglicherweise das Versteck der Verbrecher gefunden. Ein verlassenes Gebäude in Noge. Informiert die anderen, sobald sie sich melden.“

Die beiden nickten energisch, auch wenn ihnen nicht wohl dabei war, dass der Chef allein aufbrach. Doch Ranpo brauchte schnell Unterstützung und welche andere Möglichkeit blieb ihnen? Sie begleiteten Fukuzawa bis in den Empfangsbereich der Wache, wo sie von nun an warten sollten. Hier wimmelte es vor Menschen, sodass Naomi und Haruno dort fast unbemerkt blieben. Keiner von ihnen wusste, wem zu trauen war, daher war dies die beste Option, um die beiden vor eventuellen Angreifern zu beschützen.

Fukuzawa konnte nicht leugnen, dass ihm die verfahrene Situation Unbehagen bereitete. Er eilte so schnell er konnte zu dem Ort, den Ranpo ihm genannt hatte und hatte dennoch das Gefühl, viel zu langsam zu sein. Ranpo musste sehr nah an den Angreifern dran sein und es war nicht ausgeschlossen, dass sie ihn längst überwältigt hatten. Auf Kunikida und die anderen zu warten war daher ausgeschlossen.

Mitten in der Nacht war in diesem Viertel kaum noch eine Menschenseele auf der Straße unterwegs. Das Haus, das Ranpo erwähnt hatte, war bereits von weitem als verlassen zu erkennen. Einige Meter vor dem Ziel huschte Fukuzawa ungesehen in eine dunkle Seitengasse auf der anderen Straßenseite, um sich von dort, verstohlen um die Ecke blickend, die Umgebung näher zu betrachten. Plötzlich spürte er hinterrücks eine Präsenz herannahen und wirbelte zu dieser herum.

Mit der Hand noch am Schwertgriff atmete er zum gefühlt x-ten Mal an diesem langen Tag erleichtert aus.

„Lass meinen Kopf bitte dran.“ Ohne jeglichen Elan hob Ranpo eine Hand zum Gruß.

„Mori ist in Glas verwandelt worden. Kunikida, Atsushi und Kyoka treffen sich gerade mit der Hafen-Mafia, um etwas über unsere Gegner zu erfahren“, brachte Fukuzawa ihn auf den neusten Stand. „Mit wie vielen haben wir es zu tun?“

„Ich habe eine Handvoll Polizisten gezählt und vier Typen ohne Uniform. Im Versteck sind gerade nur zwei von ihnen. Das klingt nach einer günstigen Gelegenheit.“

„Weißt du, ob es sich dabei um Befähigte handelt?“

„Sie haben sich mir nicht vorgestellt, wir dürfen uns also überraschen lassen.“

Fukuzawa blieb hadernd stehen, als Ranpo schon an ihm vorbei war.

„Was ist denn?“, hakte der Schwarzhaarige ungeduldig nach.

„Kannst du ausschließen, dass sie dich gesehen haben?“ Es versetzte ihm selbst einen kleinen Stich ins Herz, als Ranpo daraufhin die Lippen zusammenpresste und die Augen abwandte.

„Du willst wissen, ob ich eine Falle übersehen habe. Schon wieder“, sagte der Meisterdetektiv mit gebrochener Stimme.

„Ranpo, es ist …“ Fukuzawa ballte eine Hand ungesehen zu einer Faust. Wenn er ehrlich war, wusste er gar nicht, was er ihm sagen sollte. Im Moment würde alles nur danach klingen, als würde keiner mehr dem eigentlichen Pfeiler der bewaffneten Detektive etwas zutrauen. Er räusperte sich. „Unsere Feinde sind perfekte Fallensteller. Dass sie uns alle austricksen konnten, ist nicht deine Schuld.“

„Nicht?“ Ranpo entwich ein trauriges Lachen. „Fühlt sich aber so an.“ Er schien Tränen wegzublinzeln, bevor er dem Chef voller Entschlossenheit in die Augen sah. „Wir müssen die zwei, die dort in dem Versteck lauern, jetzt erwischen! Wir müssen! Wir müssen einfach!“

Was blieb Fukuzawa anderes übrig als ihm zuzustimmen?

Sie schlichen im Schutz der Nacht zu dem leer stehenden Gebäude, an dessen Außenwand Fukuzawa augenblicklich versuchte, Geräusche aus dem Innern wahrzunehmen.

Es war totenstill darin.

Umgehend gab Ranpo ihm ein Zeichen, ihm weiter zu folgen. Fukuzawa wollte ihn zurückhalten, als er voranpreschte und durch die Vordertür marschierte. Geschwind folgte er seinem Zögling, der ins Innerste des Gebäudes vorgedrungen war. Drinnen war es dunkel, einzig ein wenig Licht einer Straßenlaterne fiel durch die Fenster. Fukuzawas trainierte Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit und er konnte in dem Eingangsraum ein paar mit Planen zugedeckte Möbel ausmachen. Sonst jedoch nichts.

Ranpo signalisierte ihm, stehenzubleiben und deutete dann auf den hölzernen Fußboden. Er kniete sich herunter und drückte mit einer Hand gegen eine der Leisten. Fukuzawa staunte nicht schlecht, als ein leises Klicken zu hören war. Dann drückte Ranpo auf eine weitere Leiste und ein erneutes Klicken später wurden die Umrisse einer versteckten Luke im Boden erkennbar. Wer hatte einen solch ausgeklügelten Mechanismus in dieses Haus eingebaut? Kein normaler Mensch käme auf die Idee, dass sich ein Geheimgang unterhalb des Hauses befand.

Fukuzawa öffnete die Luke, unter der eine Leiter befestigt war. Von hier oben konnte man sehen, dass der Raum, der sich darunter befand, über eine schwache Lichtquelle verfügte. Bedacht kletterte er die Leiter zuerst herunter, nachdem er Ranpo verdeutlicht hatte, dicht hinter ihm zu bleiben. Das schwache Licht kam von einigen im Raum platzierten Gaslampen, wobei „Raum“ der falsche Begriff war. Es war mehr eine Art langer Gang, an dessen Ende beziehungsweise Anfang sie standen. Von diesem zweigten sich Einbuchtungen ab, auf die die Bezeichnung „Raum“ eher zutraf. Vorsichtig setzten sich die zwei Detektive entlang der gemauerten Wände in Bewegung. Das hintere Ende des Ganges lag in völliger Finsternis und war nicht zu erkennen. Die rötlichen Mauern wirkten alt, als wären sie bereits lange vor ihrer Zeit entstanden. Die ersten Räume, an denen sie vorbeikamen, waren mit schweren Eisentüren verschlossen. Fukuzawa näherte sich einer der Türen und versuchte, sie zu öffnen. Sie waren abgeschlossen. Ranpo schüttelte den Kopf, um ihm mitzuteilen, dass das, was sie suchten, sich nicht hinter diesen Türen befand.

Die Atmosphäre in diesem Gang war zweifelsohne gespenstisch, aber Fukuzawa hatte schon viel schlimmere Dinge gesehen und vor allem erlebt und so wunderte er sich zutiefst, warum ihn eine Art schauderhaftes Gefühl überkam. Er fürchtete sich nicht und doch reagierte sein Körper mit Angstgefühlen. Seine gesamte Haut war von Gänsehaut überzogen, sein Puls beschleunigte sich und kalter Schweiß begann, seinen Rücken hinabzulaufen.

Was ist das nur? Mir ist, als würde etwas nicht stimmen. Als würde gleich etwas passieren.

Er wollte gerade den Gang weiter entlanggehen, als er sich aus einem Gefühl heraus wieder panikartig umdrehte. Ranpo war nicht mehr hinter ihm. Blitzschnell suchten seine Augen den düsteren Geheimgang ab, doch der Andere war nirgends mehr zu sehen. Er hatte nichts gehört, nichts gespürt, wie konnte Ranpo sich einfach in Luft auflösen? Wenn jemand ihn angegriffen hätte, hätte das irgendein Geräusch machen müssen. Wenn jemand außer ihnen hier gewesen wäre, hätte er das bemerken müssen. Was hatte er übersehen?

Plötzlich überkam ihn eine riesige Welle des schauderhaften Gefühls, es nahm ihm fast die Luft zum Atmen und im nächsten Moment bohrte sich ein Dolch aus dem Nichts in seine Seite. Mit vor Schreck und Schmerzen aufgerissenen Augen sah Fukuzawa, woher er der Angriff gekommen war:

In der gemauerten Wand neben der verschlossenen Tür fehlte ein Stein – und in dieses Loch zog sich die Hand, die den Dolch hielt, gerade mitsamt der Waffe zurück.

Mit einer Hand hielt sich Fukuzawa seine stark blutende Seite, während er es mit der anderen geistesgegenwärtig und rasend schnell bewerkstelligte, die Hand hinter der Mauer zu packen.

„Wer … wer bist du?!“, presste er angestrengt heraus. Der Dolch war wahrscheinlich mit irgendetwas präpariert gewesen. Ihm wurde schwindelig, seine Sicht verschwamm und seine Knie wurden wacklig. „Was … hast du … mit Ranpo gemacht?!“

Die Hand des Angreifers schüttelte den lasch gewordenen Griff des Chefs locker ab, legte den Dolch beiseite und schob den fehlenden Stein wieder in die Mauer. Derweil stürzte Fukuzawa entkräftet zu Boden. Mit ungläubiger Miene beobachtete er, wie der Unbekannte aus einer praktisch geräuschlosen Drehtür im Mauerwerk spazierte. Der Mechanismus war, wie der durch den sie den Geheimgang betreten hatten, mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Der Unbekannte legte sich einen Zeigefinger auf seine wahnsinnig grinsenden Lippen und ging beschwingt zurück zum Ausgang.

„Warte!“, rief Fukuzawa hinter ihm her. „Warte.“ Seine leiser werdende Stimme verhallte ungehört in dem unterirdischen Gang.
 

You are the birth and you are waste


 

You are the birth and you are waste“

 

Placebo, „Ashtray Heart“

 

Nervös tippelte Naomi ununterbrochen mit ihren Fingern auf ihren Oberschenkeln. Um sie und Haruno herum war auch nach drei Uhr morgens immer noch reichlich los. Polizisten gingen ein und aus, brachten Verhaftete, Zeugen oder Opfer, andere brachten Fundgegenstände oder wollten etwas melden. Nur von den Detektiven meldete sich niemand.

„Wo bleiben die alle?“, raunte sie Haruno zu. „Der Chef hätte sich doch eigentlich längst melden müssen.“

Haruno hielt ihr Handy fest in beiden Händen, als wäre es ein wohlgehüteter Schatz. Bedrückt blickte sie auf das Mobiltelefon, das keinen Mucks machte und sie damit nicht von der grässlichen und quälenden Ungewissheit befreite.

„Ah!“ Die Sekretärin erschrak, als eine Textnachricht einging. Von Sorge um den Chef getrieben, hatte sie Katai eine Nachricht geschickt, um den genauen Aufenthaltsort Fukuzawas oder Ranpos zu ermitteln (Nachrichten waren in diesem Fall einfacher. Katai bekam nur schwer ein Wort heraus, wenn sie ihn anriefen).

„Und? Und?“, fragte Naomi ungeduldig.

„Ähm, Katai schreibt: „Das Signal beider Handys verliert sich in Noge. Als wäre dort ein Störsender installiert.“

„EIN STÖR- Ein Störsender??“ Naomi drosselte ihre Lautstärke, damit niemand ihr Gespräch mitbekam.

Haruno, die noch ein bisschen bleicher im Gesicht geworden war, senkte bestürzt ihr Handy wieder ab. „Dann … dann … meinst du, sie haben Ranpo absichtlich ihr Versteck finden lassen?“ Die Worte erschreckten sie umso mehr, als sie sie aussprach.

„Argh!“ Naomi stapfte mit einem Fuß auf. „Das gibt es doch nicht! Mit wem in aller Welt haben wir es da zu tun?! Es hilft nichts, wir müssen Kunikida anrufen und ihm sofort Bescheid geben!“ Sie stockte, als Haruno ihr andeutete, leise zu sein. Die Schülerin blickte in die gleiche Richtung wie ihre Kollegin und sah Inspector Priestley vor sich stehen.

„Verzeihung, die Damen“, sagte der Brite, „Sie müssten mich kurz begleiten.“

„Wir gehen nirgendwohin!“, konterte Naomi trotzig.

„Ich will sie nur in einem Verhörzimmer ein paar Kleinigkeiten fragen“, entgegnete er.

„Hier auf der Wache?“, hakte Haruno nach und erntete ein Nicken des Mannes.

„Mir ist nicht entgangen, dass Herr Fukuzawa sich davon gemacht hat.“

„Na und? Das hier ist ein freies Land!“ Naomi funkelte ihn böse an.

Zur Überraschung der zwei Frauen entlockte dies Priestley ein kurzes Lachen. „Noch ermitteln wir nicht offiziell gegen das Büro der bewaffneten Detektive, aber es gibt eine Menge Ungereimtheiten. Vielleicht können Sie helfen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.“

Resolut stand Haruno auf. „Das Büro der bewaffneten Detektive hat sich nie etwas zu Schulde kommen lassen. Was auch immer Sie gegen uns in der Hand haben wollen, wird sich wie nichts in Luft auflösen.“

Nach einem kurzen Moment, in dem Naomi die Freundin bewundernd angeschaut hatte, stand auch sie auf.

„Genau so ist es! Sie können sich Ihre leeren Drohungen sonst wohin stecken! Das Büro der bewaffneten Detektive ist voller guter, großherziger Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen! Eine zwielichtige Gestalt wie Sie wird das wahrscheinlich niemals verstehen können!“

Als hätten sie plötzlich jemand vollkommen Anderes vor sich stehen, blinzelte der Inspector sie für einige Sekunden verdattert an. Dann räusperte er sich und setzte schnell wieder seine ernste Miene auf. „Oh nein, bitte, missverstehen Sie mich nicht. Ich drohe doch niemandem. Mir geht es einzig und allein um die Gerechtigkeit.“

„Uns auch!“ Mit ungebrochenem Trotz verschränkte Naomi die Arme vor der Brust.

„Sehr gut! Somit haben wir ja eine gemeinsame Grundlage. Wenn Sie mir dann bitte in den Verhörraum folgen wollen. Es dauert auch nicht lange. Versprochen.“

Die zwei Frauen tauschten einen erwägenden Blick miteinander aus, ehe sie zustimmten.

 

Mit wachsender Frustration wählte Kunikida eine Nummer nach der anderen. Egal, bei wem er anzurufen versuchte, er bekam nichts außer einer Stimme zu hören, die ihm mitteilte, dass der gewünschte Teilnehmer nicht zu erreichen war.

Besorgt starrte er sein Telefon an. Dass weder Ranpo noch der Chef noch eine ihrer Schreibkräfte zu erreichen war, war gewiss kein normaler technischer Fehler. Störte jemand ihr Signal? Auf der Wache hatte doch noch alles funktioniert …. Hatten Fukuzawa, Naomi und Haruno die Polizeistation verlassen? Aber aus welchem Grund? Selbst wenn Ranpo sich in der Zwischenzeit gemeldet hätte, hätte der Chef die Mädchen niemals mitgenommen.

Ihm war danach, sein Handy mit voller Wucht auf die Straße zu schmeißen.

Aber das würde ihnen auch nicht helfen.

„Hey, wird das heute noch etwas?! Habe ich nicht deutlich genug gemacht, dass es eilt?! Eure Ärztin ist doch in der gleichen Lage!“ Chuuya schimpfte über den halben Parkplatz hinweg in Kunikidas Richtung. Die zwei Mafiosi warteten dort mit den beiden übrigen Detektiven.

In ihrer prekären Lage war der Vorschlag des Rothaarigen nicht wirklich überraschend gekommen: eine Zusammenarbeit. Auf Zeit natürlich. Nur für diesen Fall. Detektivbüro und Hafen-Mafia.

Das hatte schon einmal funktioniert, aber (verständlicherweise) traute Kunikida der Mafia gerade einmal so viel, wie er unbedingt musste. Sie hatten ihnen alles, was sie über den ‚Teufel‘ („Lächerlicher Name, hatte Akutagawa gespottet) wussten, erzählt und nun wollte Chuuya, dass sie sich zusammentaten, um sich sowohl den Dieb als auch Williams vorzuknöpfen.

Sollte Kunikida dem einfach zustimmen? Er wollte hören, was der Chef dazu zu sagen hatte, doch dieser war nicht erreichbar.

„HEY! HÖRST DU MIR ÜBERHAUPT ZU?!“, brüllte Chuuya noch lauter und noch eine Spur schlechter gelaunt.

„JA! TUE ICH!“, gab Kunikida zurück und hatte für einen Moment das Gefühl, er würde mit Dazai reden. „ICH SAGTE, ICH MÜSSE NACHDENKEN!“

„Himmel“, sprach Chuuya leiser und deutlich gekränkt, „was brüllt der denn gleich so?“

Akutagawa hustete – dezent auffällig – und drehte sich von Chuuya weg, damit dieser seine Mimik nicht sehen konnte.

„Ob er keinen erreicht?“, flüsterte Atsushi mit besorgter Miene zu Kyoka.

„Das würde bedeuten, dem Chef und den beiden anderen ist auch etwas zugestoßen“, murmelte Kyoka, ihre Sorge daran erkennbar, dass sie eine Hand bereits am Schwert hatte.

Beide Detektive fuhren zusammen, als sie hörten, wie das Mobiltelefon des älteren Kollegen endlich klingelte.

Hastig beantwortete Kunikida den Anruf, eine kurze gedankliche Notiz darüber machend, dass es gut gewesen war, das Handy nicht vor Frust zerschmettert zu haben.

„Ranpo! Ist bei dir alles in Ordnung?“

„Bei mir schon“, antwortete der Meisterdetektiv und klang dabei ziemlich matt.

„Was ist passiert? Wo bist du? Weißt du, wo der Chef ist?“

„Ah, langsam, langsam, Kunikida.“ Ranpo klang in der Tat etwas gepeinigt. „Ich bin eben erst zu mir gekommen. Ich habe keine Ahnung, was passiert ist und den Chef habe ich auch aus den Augen verloren.“

Entgeistert vergaß Kunikida zu atmen. Das war genau das Gegenteil von dem, was er hatte hören wollen. „Das heißt, der Chef war bei dir?“

„Ja, wir waren in Noge … und ich weiß ehrlich nicht, wo ich jetzt bin.“

Auch aus der Entfernung konnten Atsushi und Kyoka ausmachen, wie ihr Kamerad angespannter und angespannter wurde. Sie konnten nicht hören, was er sagte oder wen er nun endlich an den Apparat gekriegt hatte.

„Das ist aber auch gerade nicht so wichtig“, fuhr Ranpo zu Kunikidas Verwunderung eilig fort. „Als ich aufgewacht bin, lag eine Nachricht neben mir. Kunikida, hör jetzt gut zu.“

Der Angesprochene schluckte. Ranpos Tonfall war bitterernst.

„Auf diesem Zettel steht, dass sie Naomi und Haruno als Geiseln genommen haben.“

„WAS?!“ Kunikidas fassungsloser Ausruf versetzte die zwei anderen in Alarmbereitschaft. „WER-“

„Mein Akku ist so gut wie tot, du darfst mich nicht unterbrechen! Der Zettel ist natürlich nicht unterschrieben, aber hier steht, du sollst die Entführer um 3:45 Uhr im Kamonyama Park treffen.“

„Ich?“, hauchte der Idealist entsetzt.

„Hier steht sogar nur du. Und wenn du jemand anderem auch nur davon erzählst, würde das schlimme Folgen haben. Kunikida, das ist offensichtlich-“

„Eine Falle“, beendete der blonde Detektiv mit hörbarem Grauen in der Stimme den Satz, bevor er verstummte. Seine Gedanken überschlugen sich und seine Ohren rauschten, weil sein Herz so schnell schlug. Sollte er ihnen in die Falle gehen? Würden Naomi und Haruno zu Schaden kommen, wenn er nicht dort erschien? Würden Atsushi und Kyoka in Gefahr geraten, wenn er sie einweihte? Hatten diese Angreifer ihre Augen und Ohren überall?

„Was wirst du tun?“ Ranpos Frage stürzte ihn endgültig in die Verzweiflung.

„Ich … ich … ich weiß es nicht.“

„Ich habe mich eindeutig gerade verhört.“ Ranpo schien empört zu sein. „Dir ist klar, dass du dich entscheiden musst, oder? Und das ziemlich schnell!“

„Was soll ich deiner-“

„Hast du mir nicht zugehört?!“, polterte der Meisterdetektiv nun. „Haruno und Naomi sind in Gefahr und du kannst dich nicht zu einer Entscheidung durchringen?! Es tut mir leid, so direkt werden zu müssen, aber du enttäuschst mich, Kunikida! Bist du so willensschwach, dass du keine Entscheidung treffen kannst?! Wie soll jemand wie du jemals die Verantwortung für die Detektei übernehmen?! Kein Wunder, dass Dazai immer so leichtes Spiel mit dir hat! Wahrscheinlich ist er so außer Kontrolle, weil du so schwach bist! Du könntest einer der Besten und Wichtigsten im Büro sein, wenn du nicht ständig nur zögern würdest! “

Jedes einzelne Wort des Anderen traf Kunikida wie ein schwerer Stich ins Herz. Das dachte Ranpo also tatsächlich über ihn? Wenn Ranpo so dachte, war dann nicht etwas Wahres daran? Niemand konnte Menschen so lesen, wie der Meisterdetektiv es tat. Und er hatte eben in der Tat schon allein mit der Frage nach der Zusammenarbeit zwischen ihnen und der Mafia gehadert.

Kunikidas Gedankenchaos löste sich auf – nein, vielmehr wurde es ersetzt. In seinem Kopf hallte immer und immer wieder ein Satz wieder:

Du enttäuschst mich, Kunikida!

„Ich mache mich auf den Weg“, sagte er letzten Endes fast tonlos. „Kommst du zurecht?“

„Natür-“ ‚Pieppieppieppiep.‘

Irritiert nahm der Brillenträger sein Handy vom Ohr und starrte auf das Display. Das Gespräch war unterbrochen.

Sein Akku muss den Geist aufgegeben haben.

Er legte auf, verkrampfte die Hand um sein Handy, nahm tief Luft und ging entschlossenen Schrittes zu den anderen. Erwartungsvoll warteten Kyoka und Atsushi darauf, was er zu berichten hatte.

„Das war Ranpo“, sagte er auffallend emotionslos. „Ich … ich muss zu ihm. Der Kontakt zum Chef und zu Haruno und Naomi ist abgebrochen. Ihr beide“, er schaute flüchtig zu den Mafiosi, „bleibt bei ihnen.“

„W-warte!“ Atsushi wunderte sich über dieses Minimum an Informationen. „Wohin gehst du? Und sollten wir nicht lieber mitkommen?“

Kunikida blickte angestrengt an ihm vorbei. „Das geht nicht.“

„Wieso nicht?“, hakte Kyoka nach und beäugte misstrauisch, warum der Kollege so nervös wurde, nachdem er auf seine Armbanduhr gesehen hatte.

„Ich erkläre es euch später. Jetzt ist keine Zeit dafür.“

Um diese Uhrzeit ist wenig Verkehr, ich kann es noch rechtzeitig schaffen, wenn ich sofort losfahre.

Verwirrt und verunsichert beobachteten die zwei, wie Kunikida sich umwandte.

„Seid vorsichtig“, warnte er sie, bevor er schnellen Schrittes wegging.

„Du aber auch.“ Atsushi glaubte nicht, dass Kunikida ihn noch gehört hatte. Hätte er ihn aufhalten sollen? Doch der Idealist hatte so entschlossen, so getrieben gewirkt, dass ihn vermutlich nichts aufgehalten hätte. Er war auf dem Weg zu Ranpo und vielleicht war das alles, was sie wissen mussten.

„DER LÄSST UNS EINFACH HIER STEHEN?! WARUM MÜSST IHR DETEKTIVE SO SELTSAM SEIN?! IHR SEID ALLE KEINEN DEUT BESSER ALS DAZAI!! KEIN WUNDER, DASS DIESER GEMEINGEFÄHRLICHE IRRE SICH BEI EUCH SO WOHLFÜHLT!!“ Chuuya tobte vor rasender Wut, als der Blondschopf sich davongemacht hatte.

„Er wird seine Gründe haben“, beschwichtigte Atsushi ihn. Die MUSSTE er haben, ergänzte er in Gedanken. Kunikida ließ sie bestimmt nicht grundlos bei der Hafen-Mafia zurück.

„Wichtiger ist doch, was wir jetzt machen“, sagte Kyoka diplomatisch. „Eure Hoffnung, dass die gestohlenen Gegenstände auf dem Schwarzmarkt auftauchen, hat sich also im Sand verlaufen?“

„Kein einziges Stück ist irgendwo aufgetaucht oder angeboten worden“, antwortete Akutagawa ihr reserviert.

„Aber was macht man denn dann mit dutzenden von wertvollen Kunstschätzen?“ Atsushi kratzte sich am Kinn und hoffte schwer, dass sie zusammen bei ihren Überlegungen weiterkamen. Wenn nun so viele von ihnen wahrscheinlich in Gefahr waren, dann mussten sie schnell eine rettende Idee haben. Er versuchte, die Angst, die sich in ihm breitmachte, zurückzudrängen. Noch war zumindest Ranpo und Kunikida nichts zugestoßen, das nahm ihm einen großen Teil der Last von den Schultern. Er wollte sich gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn alles von ihm und Kyoka allein abhängen würde. Auch wenn er es zum ersten Mal erlebte, dass Ranpo dermaßen Schwierigkeiten mit einem Fall hatte, solange Ranpo da war, gab es noch Hoffnung.

„Wisst ihr denn nichts darüber, was dieser Möchtergern-Teufel in der Vergangenheit mit seiner Beute angestellt hat?“, fragte Akutagawa verächtlich. Offensichtlich sollte sein Unterton unterstreichen, was er vom Detektivbüro hielt.

„Haruno sagte mir, dass keiner der zuvor entwendeten Gegenstände irgendwo wieder aufgetaucht ist“, merkte Kyoka an.

„Pah, eure Recherchen sind wahrscheinlich nur zu schlecht! Als würde sich jemand den ganzen Plunder ins Wohnzimmer stellen!“

Bei Akutagawas bissigem Kommentar hellte sich Chuuyas Miene leicht auf.

„Moment. Wenn das Zeug nirgends wieder aufgetaucht ist und keiner weiß, wie dieser an Selbstüberschätzung leidende Dieb aussieht oder wo er sich aufhält, dann könnte doch genau das der Fall sein!“

Der Rothaarige blickte in drei fragende Gesichter – und stöhnte.

„Natürlich nicht wortwörtlich in sein Wohnzimmer! Der Mistkerl wird irgendwo ein Versteck haben. Und da haben er und seine Handlanger unser Eigentum hingeschafft.“

„Dann …“ Atsushi legte den Kopf schief. „Dann hilft Williams ihm, weil er dafür etwas von den Schätzen bekommt?“

Er erntete ein Augenrollen samt genervtem Geräusch. „Bin ich der Einzige, der hier mitdenkt? Warum sollte Williams dann den Boss in Glas verwandeln? Nein, die arbeiten zusammen, aber sie haben nicht das gleiche Ziel. Muss ich euch jetzt auch noch durchdeklinieren, was ihr Ziel – oder eines ihrer Ziele – ist?“

Dieses Mal war es Kyoka, die eine Eingebung hatte. „Sie wollen das Büro der bewaffneten Detektive und die Hafen-Mafia unschädlich machen!“

Atsushi gefiel es gar nicht, dass er die gleiche überraschte Miene wie Akutagawa machte.

„Unschädlich? Aber warum? Wegen des Kongresses?“

Kyoka schüttelte den Kopf. „Nein. Es geht um etwas Anderes.“

„Die Kleine hat Recht“, bekräftigte Chuuya Kyoka. „Und warum will man die zwei mächtigsten Institutionen in Yokohama ausschalten? Tsk. Warum ist mir das nicht früher aufgefallen? Sie haben irgendetwas in der Stadt vor. Etwas Großes.“

„Dann schalten wir sie einfach zuerst aus“, gab sich Akutagawa gleichermaßen unbeeindruckt und großspurig.

„Wir wissen nicht, um wie viele Angreifer es sich handelt“, wollte Kyoka widersprechen, als nun Chuuyas Handy klingelte.

„Ja?“, ging er genervt ran, um kurz darauf Atsushi beinahe einen Herzinfarkt zu verpassen. „ES IST WAS PASSIERT?! … UND SIE IST EINFACH MIT DEN FRAUEN UND TACHIHARA ABGEHAUEN???“ Das Führungsmitglied schrie dermaßen laut, dass die halbe Nachbarschaft es hören musste. „ABER DER BOSS IST- …“ Er atmete aus. „Okay. Lass deine Wunden versorgen, Hirotsu, wir übernehmen den Rest.“

Nachdem Chuuya aufgelegt hatte, warteten die anderen darauf, dass er ihnen den Inhalt des Gesprächs mitteilte. Atsushi traute sich kaum zu fragen und aus dem Augenwinkel konnte er feststellen, dass es Akutagawa genauso ging.

„Sie sind schon mal mindestens zu dritt.“ Chuuya knirschte mit den Zähnen. „Eine Frau namens Wharton, die Gedankenkontrolle beherrscht.“

Die Detektive tauschten einen aufgeschreckten Blick aus.

„Zu viert“, korrigierte Kyoka. „Die Markierungen.“

„Zu fünft“, sagte Atsushi und schluckte. „Wenn dieser Interpol-Agent auch zu ihnen gehört.“

Das Zähneknirschen wurde lauter. Und lauter. Und lauter. Atsushi machte sich schon Sorgen, ob der rothaarige Mafioso sein eigenes Gebiss gerade zerstörte, als dieser aus dem Blauen heraus seinen Hut auf den Boden schmiss und wie ein kleines Kind wütend auf der Stelle sprang. Überfordert schaute er zu Akutagawa, der stoisch die Szene betrachtete.

„Er fängt sich gleich wieder.“

Tatsächlich hörte Chuuya auf, wie ein Verrückter herumzuspringen, hob seinen Hut vom Boden auf, klopfte ihn ab und setzte ihn wieder auf. Sein Gesichtsausdruck war nur schwer lesbar. Er wirkte immer noch erzürnt und zur gleichen Zeit … resigniert?

„Ich hasse ihn. Ich hasse diesen Kerl wie die Pest“, sagte er, ohne dass dies irgendetwas aufklärte. „Er ist die Pest. Er nagt langsam und genüsslich an jedem einzelnen Nerv im Körper von jedem, der seinen Weg kreuzt. Er weiß, dass er die Pest ist und auch das genießt er. Er ist das Schlimmste, was dieser Welt, nein, diesem Universum passieren konnte. Ich hätte ihn bei unserer allerersten Begegnung erledigen sollen. Wie viel Leid wäre mir dann erspart geblieben! Irgendwann werde ich ihn erledigen. Und das werde ich in vollen Zügen genießen.

Doch – erst einmal brauchen wir ihn leider. Denn er ist so klug, dass es unheimlich ist. Und seine verdammte Fähigkeit ist so außergewöhnlich, dass sie unsere einzige Rettung ist. Der Einzige, der nicht in Glas verwandelt werden kann. Der Einzige, der nicht von anderen kontrolliert werden kann. Und der Einzige, dem ich jedes Mal den Hals umdrehen möchte, wenn ich ihm begegne. Ich werde später leugnen, dass jetzt gesagt zu haben, aber: Wir sind ohne ihn verloren. Wir brauchen ihn mehr als alles andere.“

Nach seiner Rede guckte Chuuya flüchtig in den nächtlichen Himmel empor und atmete laut aus. Dann senkte er seinen Blick und ließ ihn auf Akutagawa fallen.

„Komm. Wir holen ihn.“

Akutagawa verbeugte sich kurz und folgte dem Rothaarigen, der voranschritt. Allmählich fand Atsushi es unerträglich, ständig planlos zurückgelassen zu werden. Wobei er dieses Mal nicht ganz planlos war. Chuuya konnte nur eine einzige Person gemeint haben, aber wie wollte er …?

„Moment mal! Wartet! Was habt ihr vor?“

Chuuya hielt an, atmete abermals durch und zog seinen Hut tiefer ins Gesicht.

„Na, was wohl? Wir holen Dazai aus dem Gefängnis. Egal wie.“
 

Try this trick, spin it


 

Try this trick, spin it“

 

Placebo [The Pixies], „Where Is My Mind?“

 

Scheinbar nichts tuend lag Dazai auf der Pritsche in seiner engen Zelle und studierte die Decke seiner momentanen Unterkunft. Doch dies stimmte nicht so wirklich. In Wahrheit nahm er die Decke nicht einmal wahr, seine Augen schauten auf einen Punkt, den nur er sehen konnte. Es mochte zwar so aussehen, als würde er ins Nichts starren, doch hinter seiner sorglosen Miene überschlugen sich gerade seine Gedanken.

War das die Antwort auf die seltsamen Ereignisse?, debattierte er mit sich selbst. Wenn ja, würde es so gut wie alles erklären, nur hatte er keinen Beweis dafür. Und was für eine ungeheuerliche Fähigkeit wäre das bloß, von einer solchen hatte er noch nie gehört. Trotz der ernsten Lage musste er leicht grinsen. Eine solche Fähigkeit wäre eine spannende Angelegenheit. Er spürte fast einen kleinen Nervenkitzel.

Ein wenig Wehmut schlich sich plötzlich in seine Mimik, als er dies dachte. Odasaku hatte einmal beinahe so etwas wie mit ihm geschimpft, als er eine andere Sache übertrieben hatte.

Es ist nicht gut, so etwas aus reinem Nervenkitzel zu veranstalten“, hatte Odasaku ihn in seiner typisch lethargischen Art ermahnt.

Deswegen mache ich das doch nicht“, hatte ein sehr junger Dazai sich belustigt gewehrt.

Und warum dann? Warum lässt du dich ständig wegen irgendwelcher kleinen Vergehen festnehmen?“

Dazai hatte laut lachen müssen, weil sein Freund nicht auf den für ihn so offensichtlichen Grund gekommen war. „Weil ich immer wieder aus der Zelle ausbrechen will!“

Er erinnerte sich ganz genau, was für einen irritierten Blick Odasaku ihm zugeworfen hatte.

Weil du immer wieder ausbrechen willst?“

Wie ein überdrehtes Kind hatte Dazai energisch genickt. „Du hast mir doch mal erzählt, wie oft du schon irgendwo ausgebrochen bist. Siehst du, Odasaku? Ich kann das auch! Es ist ganz einfach!“

Rückblickend sah Dazai nun das Entsetzen im Gesicht des Anderen.

Nicht begreifend hatte Odasaku den Kopf geschüttelt. „Du willst mir doch nicht etwa in dieser Hinsicht nacheifern, oder?“

Der überdrehte Junge von damals hatte erneut amüsiert gelacht. „Es macht sogar ein bisschen Spaß! Es ist schade, dass es nicht schwieriger ist, aber das bin ich gewohnt.“

Rückblickend wurde sich Dazai dem ziemlich eindeutigen Entsetzen in der Miene des Anderen bewusst.

War es denn jedes Mal nötig, dass dabei Polizisten und Wärter zu Schaden kommen?“

Die Begeisterung des jungen Dazai war mit einem Mal verschwunden gewesen. Er hatte von dem älteren Rothaarigen nicht die erwartete Reaktion bekommen.

Bist du denn gar nicht beeindruckt, Odasaku?“

Du wolltest mich damit beeindrucken?“

Natürlich!“

Rückblickend war die Stille, die an dieser Stelle zwischen sie getreten war, fürchterlich lang und fürchterlich bedrückend gewesen.

Damit beeindruckst du mich nicht.“

Nicht? Aber wieso denn nicht?“

Mach das bitte nie mehr.“

Aber es hatte doch gerade angefangen, Spaß zu machen!“

Wenn du mich beeindrucken willst, mache etwas, in dem ich schlecht bin.“

Dazai hatte geschmollt. „Und was soll das sein?“

Lass mich darüber nachdenken.“

Ein paar Tage später hatte Odasaku ihm eine Videospielkonsole geschenkt und ihn aufgefordert, in jedem Level die Höchstpunktzahl zu erreichen. Dazai hatte sich bis dato noch nie mit so etwas beschäftigt, hatte die Konsole jedoch achselzuckend entgegengenommen und sie ausprobiert. Mit Staunen hatte er festgestellt, dass das, was Odasaku von ihm gefordert hatte, viel schwieriger zu erreichen war, als er anfangs gedacht hatte. Und kaum hatte er in einem Spiel den Highscore geschafft und stolz dem Älteren unter die Nase gehalten, war Odasaku mit dem nächsten Spiel um die Ecke gekommen. Am Ende war lediglich ein Spiel übrig geblieben, das er nicht perfekt vollendet hatte – doch das hatte jede Bedeutung verloren, als Odasaku ihm einen anderen Auftrag erteilt hatte.

„Ah, ich werde abgeholt!“, rief Dazai plötzlich aus und richtete sich auf seiner Pritsche auf. Er drehte sich von der Außenwand weg und hielt schützend seine Hände über seinen Kopf.

Keine Sekunde später ertönte ein cholerisches Dröhnen und mit einem wuchtigen Knall donnerte ein Teil der Außenwand weg, schlug gegen die Zellengitter und verbeulte diese. Schwarze Stoffbahnen schlängelten sich durch das entstandene Loch und hauten links und rechts weitere Steine weg, sodass das Loch größer wurde. Auf der anderen Seite kamen Chuuya und Akutagawa zum Vorschein.

Dazai sprang auf, wischte sich notdürftig den Staub ab und winkte ihnen.

„Chuu~ya! Was für eine Überraschung! Du kommst mich extra in meiner Zelle besuchen? Das ist ja unglaublich nett von dir! Traut man dir gar nicht zu!“

„HALT DIE KLAPPE!“ Es war erstaunlich, wie schnell er den Hutträger auf 180 bringen konnte. „ALS WÜRDE ICH DICH BESUCHEN KOMMEN! WOVON TRÄUMST DU EIGENTLICH NACHTS?!“

Akutagawa hustete und einem gewissen jungen, silberhaarigen Detektiv, der in etwas Entfernung hinter ihm stand, kam es beinahe so vor, als wäre dieser Hustenreiz nicht vom aufgewirbelten Staub verursacht worden.

Will er so etwa Dazais Aufmerksamkeit auf sich lenken??

„Aha, Akutagawa ist auch da“, bemerkte Dazai betont nebensächlich, um dann mit mehr Elan hinzuzufügen: „Oh, und noch mehr Gäste? Habt ihr eine Fahrgemeinschaft gegründet?“

„IchbringihngleichumIchbringihngleichumIchbringihngleichum“, murmelte Chuuya wie ein Mantra.

„Wir sollten gehen“, sagte Kyoka über die lauten Alarmsirenen hinweg, die sich inzwischen eingeschaltet hatten.

„Ja, nichts wie weg hier!“, stimmte Atsushi ihr hypernervös zu. Wenn man davon absah, dass sie draußen ein paar Polizeibeamte hatten k.o. schlagen müssen, war noch kein größerer Schaden entstanden und er wollte unbedingt, dass es dabei blieb. Mit diesen zwei fleischgewordenen Abrissbirnen von der Hafen-Mafia wollte er keinen Moment zu lange irgendwo verweilen. Er machte gedanklich drei Kreuze, dass Akutagawa ihm dieses Versprechen gegeben hatte.

„Halt, mein Mantel fehlt noch!“, wandte Dazai allen Ernstes ein und staunte nicht schlecht, als Rashomon ihm den Mantel und seine Schuhe hinhielt.

„Ooh, Akutagawa, du solltest über eine Karriere als Garderobenständer nachdenken“, frotzelte Dazai anstatt sich zu bedanken.

„Können wir jetzt endlich hier weg??“, drängte Atsushi, als von allen Seiten Polizisten herbeigelaufen kamen.

Gemächlich setzte Dazai sich in Bewegung und schloss zu ihrer Gruppe auf. Zu ihrem Unverständnis klopfte er jedem einmal auf die Schulter (Atsushi hätte schwören können, dass Akutagawa rot geworden war!), ehe er ihnen zustimmte, von hier abzuhauen. Chuuya ließ die herausgebrochenen Steine der Mauer in die Luft schweben und sie dann auf die Polizisten herabschnellen. In dem entstandenen Tumult konnte die chaotische Fünfergruppe ungesehen fliehen.

 

Mit einem Puls, der durch die Decke ging, lugte Atsushi durch die heruntergelassene Jalousie eines unscheinbaren Friseurladens, der zur Hafen-Mafia gehörte. Draußen fuhren mehrere Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene an ihnen vorbei. Drinnen knuddelte ein erwachsener Mann seinen Trenchcoat.

„Das kann man ja nicht mit ansehen!“, schimpfte Chuuya im Halbdunkeln des Ladens in Richtung seines ehemaligen Partners. „Zieh den verdammten Mantel an und vergeh dich nicht an ihm!“

„Chuuya, du hast einfach keine Vorstellung davon, wie sehr er mir gefehlt hat!“, widersprach Dazai, sich mit einem schelmischen Grinsen endlich den Mantel anziehend. „Du bist so herzlos! Durch und durch ein Bösewicht! … Wobei die Betonung da voll und ganz auf der letzten Silbe liegt …“

„Das reicht! Ich habe es mir anders überlegt! Wir brauchen ihn doch nicht!“

Atsushi bildete es sich nicht ein, dass da Dampf aus Chuuyas Kopf kam.

Den Wutausbruch des Führungsmitglieds gekonnt ignorierend, fuhr Dazai sein Grinsen auf ein selbstgefälliges Lächeln zurück. Er ließ sich in einen der Stühle im Geschäft fallen. „Also, wie ist die Lage? Bringt mich bitte auf den neusten Stand. Ich bin ja schrecklich ahnungslos.“

Die vier erzählten ihm alles, was sich zugetragen und was sie zusammengetragen hatten. Atsushi war überrascht, wie aufmerksam und ernst Dazai nun war. Er signalisierte ihnen, dass er ihnen zuhörte, sagte selber jedoch so gut wie nichts. Stattdessen wirkte er überaus nachdenklich.

„Fünf Leute“, sagte er nach einer Weile. „Es sind fünf Leute. Priestley hat definitiv Ranpo von mir ferngehalten und meinen Bluttest verschwinden lassen. Es gibt nur einen Grund, warum er so etwas tun würde: Damit ich – oder vielmehr meine Fähigkeit – ihnen nicht in die Quere kommt.“

„Hast du denn eine Ahnung, welches Ziel sie verfolgen?“, fragte Atsushi und staunte von neuem, als sein Mentor ein Kopfschütteln andeutete.

„Es ist wie Chuuya gesagt hat: Sie planen etwas Großes. Etwas in der Stadt. Kein Anschlag, zumindest nicht im eigentlichen Sinne. Es muss mit diesen Markierungen zu tun haben. Sie breiten sich aus, sie sind also noch nicht ausgereift. Irgendetwas wird passieren, wenn sie es sind.“

„Das sind ja tolle Aussichten“, meckerte Chuuya. „Und wenn du diese Zeichen einfach mal berührst?“

„Pff.“ Dazai winkte ab. „Wenn es so leicht wäre, hätten sie mich in der Bar gekillt statt mich abzufüllen. Und sie waren zu viert in dieser Bar.“

Verdutzt blinzelte Atsushi. „Woher weißt du, dass vier von ihnen dort waren?“

Dazai lachte. „Sie haben ausprobiert, ob sie mich mit ihren Fähigkeiten loswerden können. Wharton hat mir nicht nur einen Korb gegeben, sondern mit ihrer Fähigkeit einige Leute in der Bar manipuliert. Leider kann ich daraus noch nicht ganz schließen, wie ihre Fähigkeit funktioniert. Williams hat mich angegraben, um zu testen, ob ich zu Glas werde. Der Barkeeper hat mir dieses Elefantenschlafmittel ins Glas gemischt, er muss derjenige mit den Markierungen sein. Und …“ Er machte eine Pause und lächelte ominös. „Der ‚Teufel‘ muss auch dort gewesen sein.“

„Du hast ihn gesehen?“, hakte Akutagawa nach, als abermals ein Handy klingelte. Akutagawa warf Atsushi einen bösen Blick zu, weil es das des jungen Detektivs war. Schwer hoffend, dass Kunikida oder Ranpo sich meldeten, zückte Atsushi es hastig, nur um enttäuscht festzustellen, dass es eine unbekannte Nummer war. Er hatte fast keine Lust dranzugehen und damit neue Hiobsbotschaften zu empfangen, als Dazai ihn drängte, den Anruf anzunehmen.

„Ja?“ Atsushi wartete, ob sich jemand meldete, doch er hörte nur Atemgeräusche. „Hallo? Ist da jemand?“

„Ähm“, ertönte es endlich und nervös, „ähm, Verzeihung, ist dies der Anschluss von Atsushi Nakajima?“

Moment. Diese Stimme. Wieso …? Weshalb …? Warum in aller Welt rief er ihn an?

„Herr Poe?“

„Ja?“

„Woher haben Sie meine Nummer?“

„Von Herrn Kunikida.“

Atsushi verstand gar nichts mehr. Derweil war Dazai aufgestanden und zu ihm gekommen.

„Ich glaube, der Anruf ist für mich“, sagte er, weiterhin ominös grinsend, und nahm dem Jungen das eigene Mobiltelefon aus der Hand.

„Guten Tag, alter Freund“, begrüßte Dazai den verwunderten Amerikaner.

„Wir sind Freunde?“

„Ranpos Freunde sind auch meine Freunde. Also, spann mich nicht auf die Folter, was hast du für mich?“

„Nogeyama Park. Wahrscheinlich der Zoo.“

„Großartig! Gute Arbeit!“

„Oh, ah, vielen Dank, aber … wieso konnte Ranpo das denn nicht übernehmen?“

„Eine hervorragende Frage! Und das ist der nächste Auftrag, den du übernehmen musst.“

„Huh? Wie bitte? Ich soll-“

„Es ist so …“

Die übrigen vier Anwesenden beobachteten mit unterschiedlichen Graden an Verwirrung, wie Dazai sich in den Hinterraum zurückzog und dort derart leise sprach, dass sie ihn nicht mehr verstehen konnten.

Laut und deutlich hörbar war hingegen Chuuyas Zähneknirschen.

„Hat der jetzt auch Geheimnisse vor uns? Ach, vergesst es. War eine rein rhetorische Frage.“

„Er hatte diesen Gesichtsausdruck“, erklang es unisono von Atsushi und Akutagawa, was beiden ganz und gar nicht gefiel. Gleichermaßen verschlossen sie nach ihrer unfreiwilligen Harmonie fest ihre Lippen - nur um frustriert zu bemerken, dass sie erneut das Gleiche taten. Kyoka zog Atsushi sacht am Ärmel, um seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass Dazai wieder aus dem Hinterzimmer kam. Er hatte inzwischen das Gespräch beendet und gab Atsushi sein Handy zurück.

„Uhm, Dazai? Wieso ruft Poe mich an?“

„Weil er Kunikida nicht mehr erreichen kann“, antwortete Dazai kryptisch.

„Und warum wollte er Kunikida erreichen?“

„Weil Kunikida ihm einen Auftrag erteilt hat.“

Fragezeichen tanzten um die Gesichter der beiden jüngeren Detektive.

„Drück dich klarer aus, du Spatzenhirn! Nichts, was du sagst, ergibt einen Sinn!“, schimpfte Chuuya, mit der Geduld endgültig am Ende – und kurz vor der Explosion, als Dazai daraufhin amüsiert seinen Hut tätschelte.

„Oh, das wird es noch, das wird es noch!“, verkündete der Brünette. „Auch wenn es noch ein paar Unklarheiten gibt, aber das macht es auch spannend. Und außerdem traue ich Poe zu, dass er einige davon ausräumen kann. Insbesondere weil der gute Kunikida ihm noch mitgeteilt hat, wo er, der Chef und Ranpo zuletzt waren. Und was noch viel wichtiger ist: Dank unserem nervösen amerikanischen Freund wissen wir jetzt, wo wir hin müssen.“

„Und wohin soll das sein?“, hakte Chuuya argwöhnisch nach.

„Dort, wo die finalen Markierungen auftauchen werden.“ Dazai machte eine dramatische Pause, in der die anderen ihn voller Anspannung anschauten. „Im Nogeyama Park.“

 

Atsushi verstand immer noch nicht, wieso Dazai anscheinend Kunikida gebeten hatte, Poes Hilfe anzufordern. Es war auch nicht aus ihm rauszukriegen.

„Du wirst es sehen“, hatte er nur mehrmals wiederholt. „Wenn ich es dir sage, wirst du es vielleicht nicht glauben. Und vielleicht werden sie das gegen mich verwenden.“

Diese Antwort hatte den silberhaarigen Jungen nur noch mehr durcheinander gebracht. All sein Grübeln brachte ihn nicht weiter. Sollte er Dazai sagen, dass er in den letzten Stunden nur immer und immer wieder hatte feststellen müssen, dass er kein sonderlich begabter Detektiv war? Was, wenn er es nicht sah? Was auch immer „es“ war.

Da sie zu Fuß unterwegs waren, war schon eine ganze Weile vergangen, seit sie aus ihrem Versteck im Friseurladen in Richtung Noge aufgebrochen waren. Über die in der Stadt verteilten Geheimgänge der Hafen-Mafia konnten sie sich weitestgehend ungesehen bewegen und mussten nicht die Verfolgung durch die Streifenwagen fürchten, die immer noch nach dem flüchtigen Ausbrecher und seinen Komplizen suchten. Außerhalb der Geheimgänge huschten sie so schnell durch dunkle Seitenstraßen und enge Gassen, dass Atsushi sich schon beinahe tatsächlich wie ein Verbrecher vorkam. Der Rest der Gruppe schien darin Übung zu haben.

Der Morgen graute langsam, als sie endlich im Park ankamen. Sie liefen eine Weile die Wege entlang, die zu allen Seiten von mächtigen, alten Bäumen gesäumt waren. Atsushi hatte seine Sinne geschärft, da es nicht unwahrscheinlich schien, dass gleich jemand aus dem dichten Grün um sie herum herausspringen würde. Dazai hatte sie drauf hingewiesen, dass Poe den Zoo erwähnt hatte und so begaben sie sich auf den steilen Pfad, der hinauf zum Tierpark führte. Noch war es überall recht düster, was die leuchtenden Markierungen an einer der Mauern am Wegesrand nur deutlicher herausstechen ließ. Die Fünfergruppe blieb in einiger Distanz zu der Mauer mit den leuchtenden, sich ausbreitenden Schlaufen stehen.

„Das sind sie, ja?“, fragte Dazai.

„Die sind überall in der Stadt aufgetaucht“, antwortete Akutagawa ihm.

„Dann hatte Poe Recht.“ Wachsam blickte Kyoka sich um. „Aber was bedeutet das? Sind die Angreifer in der Nähe? Haben sie sie erst kurz zuvor angebracht?“ Als wollten sie ihre eigenen Fragen beantworten, schlugen die Instinkte des Mädchens Alarm. Doch auch die anderen hatten bemerkt, dass sie nicht allein waren. Blitzschnell stellten sie sich Rücken an Rücken im Kreis auf und lauschten in die dunkleren Ecken des Parks hinein.

„Hier ist jemand“, raunte Atsushi den anderen zu. „Jemand lauert hier. Ist das schon wieder eine Falle?“

„Oh nein“, entgegnete Dazai, die Umgebung ebenso nicht aus den Augen lassend. „Sie wussten einfach, dass wir kommen.“

Mitten in die fast noch nächtliche Stille des Parks ertönte plötzlich der ohrenbetäubende Lärm von Maschinenpistolensalven. Von jetzt auf gleich geriet die ungleiche Gruppe in ein Dauerfeuer. Geistesgegenwärtig zog Dazai Kyoka nah an sich heran, wohl wissend, dass Akutagawa zum Schutz vor den Kugeln Rashomon über ihm aufspannen würde. Die aus drei Richtungen kommenden Geschosse prallten an Atsushis Tigerarmen ab und Chuuya fing sämtliche Kugeln routiniert mit seiner Schwerkraftveränderung ab.

„Was ist denn das für ein Empfang?“ Selbst im Kugelhagel verlor Dazai nicht die Ruhe. „Kyoka, könntest du das Begrüßungskomitee aus ihren Löchern locken?“

Das Mädchen, etwas irritiert davon, von Dazai mehr oder weniger im Arm gehalten zu werden (und von Akutagawa beschützt zu werden), machte ein konzentriertes Gesicht. „Ich kann nicht feststellen, wo genau sie sind. Normalerweise spüre ich es ganz stark, wenn jemand Mordgelüste hat, aber hier merke ich nichts.“

„Heißt das, sie wollen uns nicht töten?“, schrie Atsushi über den Krach der Maschinengewehre hinweg.

„Sieht das für dich aus, als wollten sie uns NICHT töten?!“, keifte Akutagawa ihn an.

So plötzlich wie sie angefangen hatten, hörten die Salven auf.

„Sie laden nach, jetzt!“, rief Dazai, rückte von Kyoka weg und im Handumdrehen erschien Weißer Dämonenschnee und rauschte in eine der Richtungen, aus denen die Kugeln gekommen waren, davon. Zwei Bahnen von Rashomon zischten gleichermaßen pfeilschnell in die beiden anderen Richtungen. Es entging Dazai nicht, dass Akutagawa den Stoff nicht zu tödlichen Spitzen geformt hatte, wie er es früher stets getan hatte. Er dachte also mit. So langsam wurde es doch noch was mit dem Kerl.

Aus der Dunkelheit, die sie nicht einsehen konnten, erklangen die Geräusche von Weißer Dämonenschnees schwingendem Schwert, sowie das Rauschen von Rashomon. Und dann raschelte es an drei verschiedenen Punkten, als würden die Angreifer aus ihrem Versteck im Gebüsch fliehen und tatsächlich waren rennende Schritte zu hören. Drei Leute kamen auf sie zu. Atsushi hielt vor Anspannung die Luft an – und verstand die Welt nicht mehr, als die drei Angreifer endlich ins Licht traten und klar und deutlich zu erkennen waren.

„Was … was … was ist hier los??“ Panisch blickte er zu den anderen und bekam mit, wie Akutagawa für den Bruchteil einer Sekunde den gleichen perplexen Gesichtsausdruck wie er gehabt hatte. Erschrocken hatte Kyoka sofort Weißer Dämonenschnee befohlen, anzuhalten.

„Oh, das ist interessant“, kommentierte Dazai, „und wirklich, wirklich gemein.“

„Higuchi! Was soll das?!“, schrie Akutagawa seiner Untergebenen entgegen, die ihre nachgeladene Maschinenpistole direkt auf ihn richtete.

„So ein Dreck!“, fluchte Chuuya. „Sie wird kontrolliert! Diese Wharton muss hier irgendwo in der Nähe sein!“

Der Verzweiflung nahe schaute Atsushi zwischen Dazai und den beiden bewaffneten Angreifern vor ihnen hin und her. „Was machen wir denn jetzt?“

Der ältere Detektiv seufzte. „Ich habe die Befürchtung, dass das keine Waffen aus dem Notizbuch sind.“ Er sah zu dem vor ihnen aufgetauchten Kunikida, der wie Higuchi mit einer Pistole auf sie zielte. Neben ihm stand Kenji und irgendwas daran den sonst so gutmütigen Jungen mit einer Waffe in der Hand zu sehen, sah schrecklich falsch aus. Alle drei blickten ins Leere. Nichts regte sich in ihrer Mimik, wie programmierte Roboter standen sie mit ihren Maschinenpistolen da und warteten allem Anschein nach auf die Eingabe des nächsten Befehls. Gutes Zureden wäre hier sehr wahrscheinlich vergebens.

„Mir ist zwar klar, dass du leicht schönen Frauen verfällst, Kunikida“, sagte Dazai dennoch, „aber dass es so schlimm mit dir ist …. Entspricht dieses willenlose Verhalten etwa deinem Ideal?“

Er wartete kurz ab, doch bei dem blonden Detektiv rührte sich nichts.

„Ha~h, so ist das langweilig“, seufzte Dazai. Dann umspielte von neuem ein Lächeln seine Lippen. „Na schön. Dann holen wir uns mal zurück, was uns gehört.“
 

Day’s dawning, skin’s crawling


 

Day’s dawning, skin’s crawling“

 

Placebo, „Pure Morning“

 

Die eigenen, unter Fremdkontrolle stehenden Kameraden blieben wie angewurzelt an Ort und Stelle stehen, die Maschinenpistolen unentwegt auf die Fünfergruppe gerichtet. Um sie herum wich das Schwarz der Nacht langsam dem Morgengrauen, an der Mauer vor ihnen leuchteten die schlaufenförmigen Markierungen neonblau und wanderten weiter die zum Zoo führende Mauer hinauf.

„Schießen die jetzt nicht, weil sie gemerkt haben, dass sie damit nicht durchkommen?“, fragte Chuuya, sauer, dass Higuchi ihnen als Feind gegenüberstand.

„Nein, die warten, ob wir uns ergeben“, antwortete Dazai, auch mit Kunikida und Kenji als Gegnern nicht aus der Ruhe zu bringen. Im Gegensatz zu Atsushi, der seine Augen nicht von den beiden Kollegen losreißen konnte. Kenji musste also bereits in diesem Hotel wie Tanizaki den Angreifern in die Hände gefallen sein. Und Kunikida war ihnen in die Falle gegangen, als er auf dem Weg zu Ranpo gewesen war.

„Wir können sie nicht angreifen.“ Kyoka wirkte nicht so panisch wie Atsushi, aber an ihrem fahrigen Blick konnte man die Sorgen, die sie sich um die anderen machte, erkennen.

„Ihr werdet Kunikida und Kenji nicht angreifen“, sagte Atsushi in Richtung der beiden Mafiosi, das Beben in seiner Stimme unterdrückend. „Wir werden auch dafür sorgen, dass Higuchi nichts geschieht.“

Anstatt eine Antwort zu erhalten, trat eine unangenehme Stille zwischen die notgedrungen zusammenarbeitenden Mafiosi und Detektive. Atsushi bangte, ob sie überlegten, auf seine Ansage einzugehen oder ob sie darüber nachdachten, Kenji und Kunikida niederzustrecken.

Schließlich sah Akutagawa abwartend zu Chuuya, der aus dem Augenwinkel zu Dazai blickte.

„Also?“, äußerte der Rothaarige knapp und der Adressat dieser rätselhaften Frage deutete ein Nicken an.

„Versuchen wir es“, antwortete Dazai den Blick auf Kunikida gerichtet. „Atsushi.“ Er zeigte auf Kenji.

Plötzlich sprintete Dazai nach vorn, woraufhin die drei Kontrollierten das Feuer wieder eröffneten. Chuuya fing Higuchis Kugeln abermals ab, während Rashomon nach vorne preschte und Dazai mit genügend Abstand zu ihm abschirmte und Atsushi die Geschosse, die Kenji abfeuerte, an seinen Tigerarmen abprallen ließ. Ein Strang Rashomons schoss aus der Masse heraus und schlug mit voller Wucht gegen Kunikidas Waffe, die umgehend in zwei Teile zerbrach und zu Boden fiel. Nur einen Wimpernschlag später berührte Dazai eine Hand seines Partners.

Das Dauerfeuer der beiden anderen brach abrupt ab.

Mit aufkeimender Hoffnung sah Atsushi zu seinen zwei älteren Kollegen – und japste erschrocken, als Kunikida mit seiner anderen Hand zu einem Faustschlag ausholte. Der Idealist hatte immer noch diesen vollkommen leeren Gesichtsausdruck. Dazai wich ihm knapp aus, doch Kunikida setzte bereits zum nächsten Schlag an. Dieses Mal fing Dazai die angreifende Faust ab und Kunikida konterte sofort mit einem Fußfeger, sodass Dazai ihn wieder loslassen musste und sich mit einem Satz nach hinten davor rettete, von seinem eigentlichen Partner getroffen zu werden.

„Das … ist jetzt sehr ärgerlich“, kommentierte der Brünette die Situation hörbar angesäuert und sein momentan fremdgesteuertes Lieblingsopfer nicht aus den Augen lassend. Eine dieser Fähigkeiten, die sich nur durch Berührung des Anwenders aufheben ließen. Solche konnte er absolut nicht leiden.

„Sag mir, dass du einen Plan B hast!“ Chuuya blickte über seine Schulter zurück zu seinem ehemaligen Partner.

Rashomon langsam zurückziehend, schlug Akutagawa gewohnt kaltherzig etwas vor: „Wir könnten sie fürs Erste bewusstlos schlagen. Higuchi würde das verstehen.“

Empört stellte Atsushi sich schützend vor Kenji, der wie zuvor nichtstuend verharrte. „Kommt nicht in Frage!“ Vor seinem inneren Auge sah er sich bereits die zwei Kameraden gegen die Angriffe der Hafen-Mafia verteidigen.

„Da sie momentan wie Marionetten sind“, wandte Kyoka diplomatisch und doch mit bösem Blick in Richtung des Schwarzgekleideten ein, „können wir sie wahrscheinlich auch nicht bewusstlos schlagen. Der Feind könnte ihre Körper vielleicht trotzdem weiter kontrollieren und sie würden weiter wie Marionetten benutzt werden.“

„Also, ich würde auf das Mädchen hören.“

Alle fünf drehten sich zu der Frau um, die mit ihrem bodenlangen blau-weißen Kleid den Parkweg von oben her auf sie zu spazierte. Dazai erkannte sie unverzüglich als die Frau aus der Bar wieder. Die, die von ihm so angewidert gewesen war.

„Ich habe nicht unbedingt Spaß daran, Freunde gegeneinander aufzuhetzen, aber ihr seid noch etwas zu früh dran.“ Wharton blieb einige Meter vor ihnen stehen. „Daher muss ich euch noch ein bisschen beschäftigen.“

„Lassen Sie Kunikida und Kenji frei!“, flehte Atsushi sie vehement an.

Die Amerikanerin lachte herzlich und rief damit Argwohn bei ihren Gegenübern hervor. „Gerne. Die Regeln gelten nicht mehr.“

Kaum hatte sie dies gesagt, klappten Higuchi, Kunikida und Kenji einfach zusammen, als hätte plötzlich jegliche Kraft sie verlassen und sie blieben regungslos auf der Erde liegen.

„WAS HAST DU ANGERICHTET, MENSCHENTIGER??!“, blaffte Akutagawa den nicht minder entsetzten Jungen an.

„DAS WOLLTE ICH OFFENSICHTLICH NICHT!“, wehrte dieser sich.

„Sie leben noch.“ Kyoka war schnell zu Kenji gelaufen und hatte seinen Puls gefühlt.

„Regeln?“, murmelte Dazai, nachdenklich die drei Betroffenen studierend. Er erinnerte sich an die Szene zurück, die er in der Bar beobachtet hatte. Die Männer, die Wharton hatte hochspringen lassen, sie ….

„Sie steht ungeschützt da.“ Fast gleichzeitig, wie Akutagawa diese Bemerkung brummte, ließ er Rashomon auf sie zuschießen.

Alarmiert riss Dazai die Augen auf. „Nein! Warte!“

Wharton lächelte siegessicher. „Fähigkeit“, sagte sie, an den auf sie zu rasenden Bändern vorbeischauend. „The Age of Innocence. Es gelten neue Regeln. Und sie gelten für alle … Rothaarigen.“

Rashomon knallte mit Wucht gegen das Schwert von Koyos Goldfarbigem Dämon. Während Akutagawa verwirrt stutzte, erhob Koyo sich gespensterhaft aus einem der Gebüsche am Wegesrand und lief zu Wharton.

Fast gleichzeitig kamen aus dem scheinbaren Nichts erneute Pistolenschüsse. Atsushi erblickte Tachihara mit gezogenen Waffen von einer anderen Seite auf sie zukommen. Kyoka kniete noch immer bei Kenji und bemerkte den Mafioso zu spät. Mit entgeistertem Blick blieb Atsushi das Herz stehen, als Kyoka von seinen Kugeln getroffen wurde. Mit entsetzter, schmerzverzerrter Miene ging das Mädchen zu Boden, während sich weitere Kugeln durch ihren Körper bohrten. Gerade als Atsushi dachte, sein Herz würde explodieren – packte ihn jemand am Arm und das Bild der in ihrem eigenen Blut liegenden Freundin verschwand.

„Fall nicht darauf rein“, zischte Dazai ihm zu.

Tachihara war zwar tatsächlich da, aber er hatte noch nicht geschossen. Kyoka war wohlauf und verharrte zusammen mit Weißer Dämonenschnee an Kenjis Seite. Sie blickte direkt zu Tanizaki, der nun ebenfalls neben Wharton stand. Koyo, Tachihara, Tanizaki …. Dazai beschlich das akute Gefühl, dass sich diese Reihe um eine bestimmte Person erweitern ließ.

„WEG VON CHUUYA!!“, hallte sein plötzlicher Schrei durch den Park, genau in dem Moment, als der Boden um das rothaarige Führungsmitglied zu beben begann und sich in ihm tiefe Risse bildeten. Der Asphalt brach auf, der Boden rings um ihn sackte ab und schwere Steinsbrocken lösten sich aus ihm, die im nächsten Moment bereits in der Luft schwebten.

Kyoka hatte mit einem beherzten Sprung zur Seite Abstand zu dem nun unter Whartons Kontrolle stehenden Hutträger gewonnen. Weißer Dämonenschnee schnappte sich Kenji und Kunikida und warf sie mit Schwung ins Gebüsch zurück. Mithilfe von Rashomon hatte Akutagawa sich zügig von Chuuya wegbewegen können und in einem hatte sich ein Band flugs Higuchi gegriffen und sie ebenso in das Unterholz befördert. Dazai und Atsushi hatten sich so weit sie konnten von Chuuya entfernt, doch wenige Meter vor ihnen standen Wharton und ihre willenlose Wachtruppe. Hinter ihnen breitete sich ein durchlöchertes Feld aus, über dem drohend Steingeschosse schwebten.

„Finden Sie mich wirklich so abstoßend?“ Dazai sah zu der Amerikanerin. „Oder haben Sie solche Angst vor mir, dass Sie sich hinter diesen Rotschöpfen verstecken?“ Ihm war klar, dass er nicht an sie herankam, solange sie so viele Leute in ihrer Gewalt hatte. Würde er sich ihr nähern, würde sie ihre Marionetten angreifen lassen. Und Tachiharas Kugeln sowie Chuuyas Geschosse konnten ihm sehr wohl etwas anhaben.

„Angst?“ Belustigt schüttelte sie den Kopf. „Nicht doch. Das ist nichts Persönliches, verstehen Sie mich da bitte nicht falsch. Ich will nach Möglichkeit auch größere Verluste vermeiden.“

„So wie in der Lagerhalle der Hafen-Mafia?“

Auf Dazais Konter hin schwand das Lächeln aus dem Gesicht der Frau. Vielmehr wirkte sie nun etwas bedrückt. „Das war in der Tat unglücklich. Glauben Sie mir, ich bin kein Freund von roher Gewalt. Dass in dem Chaos so viele Glasfiguren kaputt gegangen sind, war nicht Teil des Plans.“

„Sie können immer nur diejenigen befehligen, die etwas gemeinsam haben. Und dann auch nur kleinere Gruppen. So kam es in der Lagerhalle zu dem Chaos. Weil Sie immer nur eine Gruppe von Leuten kontrollieren können und die anderen derweil zum Angriff übergehen.“

„Oh.“ Ihr Lächeln kehrte zurück, sah jedoch weitaus weniger herzlich aus. „Sie haben meine Fähigkeit durchschaut.“

Dazai bemerkte Atsushis fragenden Blick. „Wenn diese Einschränkung mit den kleineren Gruppen nicht wäre, könnte sie ja einfach alle Männer oder alle Frauen unter ihre Kontrolle bekommen. Das scheint aber nicht zu gehen. Gleichermaßen kann sie immer nur eine Gruppe, die etwas gemeinsam hat, kontrollieren. Ihre vorigen Marionetten fallen dann ohne Puppenspieler erst einmal zusammen.“ Dazai deutete mit den Augen zu Kunikida und Kenji. „Sie hat sich in diesem Hotel erst Tanizaki geschnappt und dann Kenji, als er Tanizaki gesucht hat.“

„Ah“, erwiderte der Junge, allmählich begreifend, „das meint sie mit ‚Regeln!‘ Damit ändert sie, über wen sie die Kontrolle hat! Das ist eine schrecklich starke Fähigkeit. Vor allem ist es eine schreckliche Fähigkeit!“

„Na na.“ Wharton wackelte mit einem Finger. „Au contraire, sie ist fantastisch. All diese Leute hier sind und bleiben unschuldig, egal, was sie tun, weil sie nur meine Regeln befolgen. Sie können ihre Hände in Unschuld waschen, wenn ich sie wieder entlasse.“

„Als würde das so funktionieren!“ Die Argumentation der Frau machte Atsushi wütend. „Sie steuern unsere Kameraden gegen ihren Willen und lassen sie gegen uns kämpfen!“ Er hielt inne, als Dazai ihm plötzlich etwas zuraunte.

„Sie will nur Zeit schinden. Die haben wir nicht. Wir müssen weiter. Wir müssen den Drahtzieher finden.“

Atsushi schluckte. Wie sollten sie aus dieser Pattsituation entkommen? Dazai hatte Recht, sie verloren gerade viel zu viel Zeit.

„Kyoka.“ Dazai wandte sich zu dem Mädchen um. „Schaffst du das?“

Für einen flüchtigen Moment blickte Kyoka ihn erstaunt an, dann nickte sie entschlossen.

Zufrieden wandte Dazai sich zu Akutagawa um. „Mach mir keinen Ärger.“

Der Schwarzhaarige grummelte und brummte, ehe er schwach nickte. „Natürlich nicht.“

Atsushi wollte einwenden, ob Dazai wirklich das vorhatte, was er dachte und ob es nicht zu gefährlich war, Kyoka dies zu überlassen, aber …. Sie alle waren nicht so ängstlich wie er. Wenn Kyoka sich dies zutraute, dann würde er ihr auf jeden Fall vertrauen (Akutagawa vertraute er zwar nicht, aber … der würde schon klarkommen).

Wharton blickte gespannt auf die Gruppe, die anscheinend geheime Absprachen traf. Im nächsten Augenblick raste Weißer Dämonenschnee auf sie zu und Goldfarbiger Dämon stellte sich ihm in den Weg. Zur gleichen Zeit rauschte auch Rashomon nach vorne und wie Wharton es bei der Aktivierung ihrer Fähigkeit befohlen hatte, preschte Chuuya los, um die Attacke aufzuhalten. Die schwebenden Steine prasselten auf Akutagawa herunter, der sie mit seinen Bändern abfangen und in Richtung der Amerikanerin schmeißen konnte. Sie ließ sich von Tanizaki hinter Pulverschnee verstecken und hörte in dem Chaos, wie Tachihara Schüsse abgab. Blitzschnell suchte sie die Umgebung ab. Die Staubwolken, die Chuuya aufgewirbelt hatte, verdeckten ihr im fahlen Licht des Morgengrauens die Sicht. Zusätzlich kamen ständig Bänder von Rashomon oder die zwei kämpfenden Dämonen dazwischen. Als sie endlich eine Lücke gefunden hatte, erblickte sie Tachihara niedergeschlagen am Boden liegen.

Der Tigerjunge und Dazai hatten sich davongemacht.

 

„Sie scheint uns nicht zu verfolgen.“ Atemlos blickte Atsushi hinter sich, während er und Dazai den Weg weiter nach oben rannten. Mit ihrer kompromisslosen Durchbruchsstrategie (Atsushi hoffte, dass seine Klaue Tachihara nicht zu sehr verletzt hatte; im Moment konnte der Mafioso ja nichts für sein Verhalten) hatten sie es an Wharton vorbeigeschafft. „Wo laufen wir hin?“

Dazai zeigte im Laufen auf die Markierungen an der Außenmauer des Zoos.

„Sie wanderten in unsere Richtung. Das heißt, sie haben ihren Anfang in der anderen Richtung genommen. Sie kommen von oben, vom Zoo. Atsushi, was auch immer passiert, vergiss nicht, dass wir es mit fünf Angreifern zu tun haben.“

Der Jüngere nickte ernst und sah endlich einen Hoffnungsschimmer am heller werdenden Horizont:

Am Ende des steilen Weges, dort, wo hoch oben auf einem Plateau der Zoo gelegen war, erblickte er auf dem großen Platz am Zooeingang eine ihm bestens bekannte Gestalt stehen. Den Blick nachdenklich auf das Zooschild und die dahinterstehenden Hecken in Tierform gerichtet, rückte die Gestalt ihre braune Mütze zurecht. Es war niemand Geringeres als Ranpo. Er hatte es also hierher geschafft. Atsushi hielt erleichtert an und wollte zu ihm gehen, um ihm die neusten Entwicklungen mitzuteilen – als Dazai ihn mit einer Hand zurückhielt.

„Atsushi“, sagte Dazai bitterernst und die Augen streng nach vorn gerichtet, „erinnere dich bitte daran, was ich dir gerade gesagt habe. Und was ich dir darüber gesagt habe, dass du mir vielleicht nicht glauben wirst.“

Völlig verunsichert und überfordert sah Atsushi seinen Mentor an. Was wollte er ihm denn damit sagen?

„Denk über alles nach, was geschehen ist“, forderte Dazai ihn auf.

Derweil drehte Ranpo sich zu ihnen um. „Endlich seid ihr da!“, meckerte er in seiner gewohnten Art. „Kunikida ist nicht am Treffpunkt erschienen!“

„Das wissen wir“, antwortete Atsushi ihm, während er nervöse Seitenblicke auf Dazai warf. „Er stand unter der Kontrolle einer Befähigten.“

„Ist das wahr? Konnte Dazai ihn daraus befreien?“

„Nein.“ Erneut schaute Atsushi nervös zu dem neben ihm stehenden Brünetten, der nichts sagte und Ranpo nur eindringlich musterte. „Das … das hat nicht funktioniert.“

„Huh?“ Ranpos Blick wurde misstrauisch. „Kommt dir das nicht seltsam vor?“

Der silberhaarige Junge wusste nichts darauf zu antworten. Sollte ihm das seltsam vorkommen? Hilflos blickte er Dazai an, der sich gerade tatsächlich seltsam verhielt. Warum redete er nicht mit Ranpo? Warum hielt er ihn auf Abstand zu ihm?

„Ja, mit dieser Verdrehung der Tatsachen habe ich gerechnet“, sagte Dazai extrem leise, sodass Ranpo ihn unmöglich hören konnte. „Deswegen hüte ich brav meine Zunge. Du musst alleine darauf kommen, Atsushi.“

„Worauf denn?“, flüsterte dieser zurück. Was in aller Welt versuchte Dazai ihm zu sagen?

„Atsushi“, sprach Ranpo, „vielleicht wäre es besser, wenn du von Dazai weggehst.“

Irritiert und mit steigender Panik blickte der Junge ein weiteres Mal zu dem Brünetten. Dazai sah aus wie immer. Er benahm sich wie immer. War ihm irgendetwas an ihm entgangen?

„Du kannst darauf kommen“, ermutigte Dazai ihn mit Nachdruck. „Denk einfach über alles nach.“

„Komm her“, rief Ranpo herüber. „Schnell und unauffällig.“

Ahhhhhh!, schrie Atsushi innerlich. Was wollten die zwei von ihm?? Er verstand gar nichts, überhaupt nichts! Egal, wie sehr er nachdachte, wie sehr er sich anstrengte, er begriff nicht, was Dazai meinte!

„Denk nach, Atsushi“, wiederholte Dazai und trieb den Jungen damit beinahe in die Verzweiflung.

Worüber soll ich nachdenken?? WORÜBER?! Gerade die zwei müssten doch wissen, dass ich darin nicht gut bin!!

„Hör nicht auf ihn, Atsushi“, wandte Ranpo ein. „Glaube mir, es ist besser, wenn du nicht auf ihn hörst.“

„Warum denn nicht?? Warum denn ni-“

Der Junge hielt inne, als ihn plötzlich von neuem dieses schauderhafte Gefühl überkam. In Sekundenschnelle breitete sich die Gänsehaut auf seinem gesamten Körper aus. Wieso kam sie jetzt wieder? Wieso wurde er jetzt in diesem Moment von diesem Gefühl des blanken Horrors heimgesucht? Es war doch verschwunden gewesen, schon im Marine Tower, nachdem Ranpo ihn und Kyoka dorthin-

Denk über alles nach, was geschehen ist.“

Atsushi, was auch immer passiert, vergiss nicht, dass wir es mit fünf Angreifern zu tun haben.“

Dieses Gefühl des blanken Horrors, das ihm fast die Luft zum Atmen nahm. Es war aufgetreten, als sie zusammen Lucy gesucht hatten. Bevor Yosano dem Glas-Befähigten zum Opfer gefallen war.

Dazai war da nicht bei ihm gewesen. Jemand anderes schon.

Jemand, der merkwürdige Fehler machte, furchtbare Fehlentscheidungen traf und in dessen Nähe mehrere Detektive verschwunden waren.

Zu sagen, dass die Erkenntnis ihn wie ein Blitz traf, war hoffnungslos untertrieben. Atsushi hatte vielmehr das Gefühl, als würde ein ganzer Gewittersturm durch seinen Körper jagen, so sehr überwältigte ihn die Erkenntnis, die ihm gerade gekommen war.

Nein.

Das konnte nicht -

Doch.

Hatte er auch sicher keinen Denkfehler begangen? War das die Erklärung für alles, was geschehen war? Ja. Denn nur wenn das die Erklärung war, ergab alles einen Sinn.

Vollkommen fassungslos öffnete er den Mund, doch kein Ton kam über seine Lippen. Seine Gedanken rasten so schnell und wild durcheinander, dass kein vollständiger Satz sich in seinem Kopf formen wollte. Was sollte das auch für ein Satz sein, der eine so fürchterliche Aussage machen musste? Eine die bedeutete, dass sie alle einen unverzeihlichen Fehler gemacht hatten. Ein Teil von Atsushi hoffte inständig, dass er sich irrte, doch er fürchtete längst, dass ein Irrtum ausgeschlossen war.

Wortlos starrte er Ranpo an, der den blasser und blasser werdenden Jungen aufmerksam beobachtet hatte. Die gewohnte, schmollende Miene des Meisterdetektivs wurde langsam ausdrucksloser. Und dann … formte sie sich zu einem hinterhältigen Grinsen. Atsushi hatte noch nie etwas Befremdlicheres gesehen als ein solch durchtriebenes Grinsen auf dem Gesicht des kindlichen Genies. Der Anblick ließ ihn erzittern.

„Du … du bist nicht Ranpo.“

Ein lautes, wahnsinniges Lachen schallte durch den Park.
 

We can build a new tomorrow today


 

We can build a new tomorrow today“

 

Placebo, „Speak in Tongues“

 

Vollkommen verstört besah sich Atsushi, wie der mutmaßliche Fremde, der haargenau so aussah wie Ranpo und genauso klang wie er, sich vor Lachen kaum noch einbekam. Das schallende, irrsinnige Lachen wurde sogar noch lauter und trieb dem Fremden die Tränen in die Augen, während er sich vor Ekstase krümmte.

Was hatte das zu bedeuten? Atsushi konnte seine Augen nicht von ihm nehmen. Das war definitiv nicht Ranpo. Aber wer in Gottes Namen war das dann? Und vor allem … - Dem Jungen wurde mit einem Mal fürchterlich heiß, als er endgültig begriff, was seine Erkenntnis bedeutete.

„Wer bist du??“, rief er über das wahnsinnige Gelächter hinweg. „Und wo ist der echte Ranpo??“

„Ahhahahaha!“ Der Betrüger richtete sich auf und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Ich bin jemand, der gerade unheimlich viel Spaß hat! Merkst du das nicht, du dummer Junge? Ah~, ganz dumm bist du ja nun doch nicht. Letzten Endes hast du also herausgekriegt, dass ich nicht euer verehrter Meisterdetektiv bin.“ Er sprach mit einer Mischung aus Amüsement und Verachtung – und das immer noch mit Ranpos Stimme, was Atsushi weitere Gänsehautschauern über den Körper jagte. „Aber wer oder was bin ich? Es wäre eine Blamage, wenn sich dieses Mysterium nicht auch auflösen ließe, nicht wahr? Ihr schimpft euch doch Detektive.“

Bei diesen hochtrabenden Worten klärte sich allmählich Atsushis Blick. Diese Art zu reden … kam sie ihm nicht schrecklich bekannt vor? Aus dieser Zeitungsanzeige und den Briefen? Wie vom Donner gerührt blickte Atsushi zu dem Schwindler vor ihm.

„Bist du etwa … der ‚Teufel‘?“

„Hah“, machte Dazai und wirkte dabei nicht mehr so ganz todernst, aber immer noch auffallend ernst für seine Verhältnisse. „Ranpo hat in der Tat einen einzigen Fehler gemacht. Wobei man ihm diesen kaum vorhalten kann. Ein Dieb, der immer wieder spurlos verschwindet und sich überall einschleichen kann. Nein, man kann ihm deswegen wirklich keinen Vorwurf machen. Denn wer rechnet schon mit einem Gestaltwandler?“

„Ein … Gestaltwandler?“, wiederholte Atsushi fassungslos.

„Ein cleverer noch dazu“, antwortete Dazai. „Um das Büro der bewaffneten Detektive zu unterwandern, hat er sich unbemerkt unter uns gemischt. Er musste sich dafür jemanden aussuchen, der keine Fähigkeit besitzt, denn bei allen anderen wäre er zu schnell aufgeflogen. Außerdem wusste er, dass sich alle voll und ganz auf Ranpo verlassen, was ihm ein gefundenes Fressen war. Er konnte jeden in die Falle laufen lassen, weil alle dachten, sie hätten es mit Ranpo zu tun.“

„Das heißt …“ Der silberhaarige Junge konnte die Informationen, die gerade in Massen auf ihn einprasselten, kaum verarbeiten. „Wir sind die ganze Zeit von ihm hereingelegt worden! Aber wann hat er den echten Ranpo verschwinden lassen?“

Ein leicht gequältes Lächeln huschte über Dazais Miene. „Als Priestley ihn für den angeblichen Fall angeheuert hat. Der Ranpo, der wiederkam, war nicht Ranpo. Leider habe ich es da auch noch nicht bemerkt. Aber genau deswegen haben sie mich weggesperrt. Eine zufällige Berührung und die Fähigkeit hätte sich aufgelöst.“

„Grandios!“ Der Gestaltwandler applaudierte amüsiert. „Ich bin neugierig: Du scheinst als Erster erkannt zu haben, dass ich nicht euer Meisterdetektiv bin. Was hat mich verraten?“

„Ich kann das Kompliment nur zurückgeben.“ Dazai zuckte anerkennend mit den Achseln. „Deine Komödie war fast perfekt gespielt. Du muss dich lange auf die Rolle vorbereitet haben.“

„Und wie ich das habe.“ Der ‚Teufel‘ schien ungeduldiger zu werden. „Wo war mein Fehler? Wieso war ich nur fast perfekt? Ich habe diesen Ranpo Edogawa so ausgiebig recherchiert, wie ich es noch nie zuvor für eine Rolle getan habe. Ich kann unmöglich einen Fehler gemacht haben.“

„Die Süßigkeiten.“

„Was?“ Der falsche Ranpo starrte ihn nicht verstehend an.

„Die Süßigkeiten“, wiederholte Dazai und lächelte süffisant. „Dass Ranpo absolut nichts von seinen geliebten Snacks anrührt, die im Auto lagen, ist das Einzige, das unmöglich ist.“

Ihr Gegenüber machte nun einen komplett erschütterten Eindruck. Er starrte Dazai mit großen Augen und offenem Mund an, ehe er den Kopf schüttelte und erneut lauthals lachte.

„Das darf doch nicht wahr sein! Ich wusste, dass dieser Kerl ein Kindskopf ist, aber dass ein paar eklige, ungesunde Naschereien elementar für seine Identität sind, schlägt dem Fass den Boden aus! Und so ein zu groß geratenes Kind ist der Einzige, der mich je fassen konnte!“ Sein Lachen nahm eine verzweifelte Färbung an, bevor es wieder verstummte. „Und daraus hast du gleich meine Fähigkeit geschlossen?“

„Oh, natürlich nicht allein daraus“, entgegnete Dazai. „Mich wegzusperren war zwar wichtig für euren Plan, aber es hat mir auch sooo viel Zeit zum Nachdenken gegeben. Besonders darüber, warum die hübsche Shizuko penibelst darauf geachtet hat, mich nicht zu berühren. Ha~ch“, er seufzte theatralisch. „Weil du die hübsche Shizuko warst.“

Atsushi hatte nicht gedacht, dass die ganze Geschichte ihn noch mehr verwirren konnte, doch genau das war gerade geschehen. „Aber Dazai, Shizuko ist doch tatsächlich tot. … Oder nicht?“

„Doch, Atsushi, die arme Frau ist tatsächlich tot.“ Der Braunschopf warf dem Mann in Gestalt von Ranpo einen finsteren Blick zu. „Sie wurde von ihm und seinen Kompagnons getötet.“

Der Dieb hob abwehrend die Hände. „Verurteilt uns nicht gleich. Die Dame wollte sterben und wir haben ihr unsere Hilfe angeboten.“

„Und das sollen wir glauben??“ Atsushi war außer sich vor Wut, was ihren Gegner nicht beeindruckte.

„Solch einen Affront muss ich nicht auf mir sitzen lassen. Wir haben sie davon abgehalten von einer Brücke zu springen. Mit dem Versprechen eines viel schmerzloseren Ablebens.“

Dazai ließ das gerade Gehörte kurz sacken, ehe er die weiteren Umstände des merkwürdigen Mordfalls begriff. „Shizuko war bewusstlos, nachdem Wharton ihre Fähigkeit auf sie angewandt hatte. Und dann habt ihr sie erschlagen und in die Badewanne gelegt.“

„Es hat jeder die Vertragsbedingungen erfüllt.“ Der ‚Teufel‘ atmete hörbar aus. „Mord ist normalerweise nicht mein Metier, aber die Dame hatte eingewilligt. Ich hatte auch eigentlich angenommen, der Fall wäre so schön grausam konstruiert, dass die anderen Detektive sich vom vermeintlichen Mörder abwenden würden. Aber dieser Kunikida konnte nicht einmal von den herzzerreißenden Tränen einer schönen Frau, die sich ihm an den Hals schmeißt, davon überzeugt werden, dass sein Partner ein Monster ist. Dabei habe ich mir so viel Mühe gegeben.“

„Atsushi, erinnere mich später daran, dass ich Kunikida sage, dass wir vom gleichen Kerl angegraben wurden“, witzelte Dazai zu Atsushis Unverständnis.

Wie konnte er jetzt solche Witze machen? Und außerdem klang das nach etwas, an das man Dazai mit Sicherheit nicht erst noch erinnern musste. Der junge Detektiv kam nicht darüber hinweg, dass sie auf einen Betrüger hineingefallen waren. Ihr Feind konnte also das Aussehen eines jeden Menschen annehmen. Wie ungeheuerlich war das? Es war immer wieder erstaunlich, was es für mächtige, nein, geradezu übermächtige Fähigkeiten gab! Wie sollte man da nach einer Schwachstelle suchen? Wenn es denn überhaupt eine …! Atsushi hielt inne.

„Die Gänsehaut“, murmelte er und kassierte dafür einen erfrischend fragenden Blick von Dazai.

„Was meinst du?“

„Die Gänsehaut! Dieses Gefühl von blankem Horror!“, rief er nun aus. „Seine Fähigkeit macht das!“

„Was für ein-“ Dazai beguckte sich seinen Schützling näher und bemerkte die Pusteln und aufgestellten Haare auf der Haut des Jungen. „Oha! Ich verstehe. Ah, ja, wie ich immer zu sagen pflege: Keine besonders starke Fähigkeit kommt ohne Schwachpunkt aus.“ Jemanden, der alle Fähigkeiten neutralisieren konnte, betrafen auch keine Nebenwirkungen und so war bei Dazai kein Fleckchen des bandagierten Körpers mit Gänsehaut überzogen.

Der falsche Ranpo war von diesem Gespräch alles andere als angetan. Missmutig biss er sich auf die Unterlippe. „Nun, unglücklicherweise lässt sich diese Tatsache nicht abstreiten. Wenn ich mich in verwandelter Form zu lange in jemandes Nähe aufhalte, löst dies diese Reaktionen aus. Gewöhnlichen Menschen kann ich dann weismachen, sie litten an Furcht wegen der Ankündigung des genialen Diebs, doch bei euch Detektiven hätte dies wohl kaum funktioniert. Es ist jedoch recht unterhaltsam, wenn so tapfere Krieger wie euer Vorgesetzter sich plötzlich wundern, warum sie von einer so immensen Angst ergriffen werden.“

Atsushis Puls beschleunigte sich bei diesen Worten. Er wusste nun, was mit Tanizaki, Kenji und Kunikida geschehen war, doch von Fukuzawa, den zwei Bürokräften und natürlich Ranpo fehlte jede Spur.

„Der Chef! Was hast du mit ihm gemacht?!“

Mit einem geistesgestörten Lächeln auf den Lippen schaute der Betrüger kurz zur langsam aufgehenden Sonne.

„Er dürfte inzwischen tot sein.“

„WAS?!“ Atsushi hörte seinen Puls in seinen Ohren rauschen.

„Ich dachte, Mord sei nicht dein Metier?“, hakte Dazai nach, nicht annähernd so lässig, wie er es sonst war.

„Oh, ist es auch nicht, normalerweise“, ergänzte der Dieb ruhig. „Doch für die Vollendung des Plans waren einige Opfer nötig.“

„Was soll das für ein Plan sein, für den Opfer nötig sind?!“, schrie Atsushi ihm voller Zorn und Sorge entgegen.

„Das würde mich auch interessieren.“ Dazai lächelte nun auch nicht mehr. „Wofür der ganze Aufwand?“

Abermals verstörte Atsushi der Anblick, wie jemand in Ranpos Gestalt ein völlig wahnsinniges Grinsen aufsetzte. Der ‚Teufel‘ strahlte mit einem Mal, als hätte er sehnsüchtig auf diese Frage – oder vielmehr auf die Beantwortung dieser Frage – gewartet. In einer übertriebenen Geste riss er die Arme in die Höhe und setzte mit lauter, klarer Stimme zu einer Rede an:

„Diese Welt ist schlecht“, konstatierte er mit dem verklärtem Blick eines Menschen, der glaubte, die Erleuchtung gefunden zu haben. „Die Menschen sind schlecht. Sie sind alle nichts als eine Enttäuschung. Eine bittere, unaufhörliche Enttäuschung! Sie sind dumm und sie werden ihre Dummheit niemals ablegen können! Anstatt aus ihren Fehlern zu lernen, begehen sie sie immer wieder mit Freude aufs Neue. Man sollte doch meinen, sie würden sich entwickeln, wachsen, an Vernunft dazugewinnen – doch sie tun nichts dergleichen. Schlimmer noch! Ihr einziger Fortschritt besteht darin, neue Waffen und Methoden zu entwickeln, um das wenige Schöne in dieser Welt zu vernichten!

Sie wissen nicht, was gut ist, selbst wenn man sie darauf hinweist, wissen sie nichts zu schätzen! Selbst wenn man sie anfleht, Vernunft anzunehmen, sind sie nicht in der Lage dazu! Was für eine Entwicklung ist das, die nur auf der Stelle tritt, um dann wieder zig Schritte rückwärts zu machen?! Die Menschheit läuft sehenden Auges auf einen Abgrund zu und bemerkt es nicht einmal! Sie werden nicht ruhen, bis sie die wenigen Dinge, die in dieser Welt gut sind, endgültig vernichtet haben werden! Vernichten und Zerstören ist alles, was sie können!“

Seine Mimik und sein Ton waren traurig und erzürnt geworden. Er wirkte beinahe verzweifelt.

„Was haben die Länder im letzten Krieg gemacht? Wisst ihr, was sie getan haben? Welche Verbrechen sie begangen haben?? Ja, sie haben sich gegenseitig abgeschlachtet, aber das ist nicht alles, was sie verbrochen haben! Aus Angst, einem Feind könnte irgendetwas der wenigen schönen Dinge auf dieser trostlosen Erde in die Hände fallen, hat jede an diesem lächerlichen Krieg beteiligte Nation vorsorglich – VORSORGLICH! – Kunstschätze zerstört! Sie haben Gemälde, Bücher, Wandteppiche, Musikinstrumente, Schnitzereien verbrannt! Einfach verbrannt! Als wäre es Müll! Ein Feuer entzündet und alles, was brennen kann, dort hineingeworfen! Die Statuen und Keramiken haben sie zerschlagen! Vasen, die die Jahrtausende überdauert haben, haben sie wie nichts zertrümmert! All diese Dinge, die von unschätzbarem Wert waren, die von genialen Schöpfern erschaffen worden sind, um die Menschen zu erfreuen, um ihnen beizustehen, um ihnen den Weg in die Zukunft zu weisen!

Welche Zukunft soll das sein?! Alles, was aus Metall war, haben sie eingeschmolzen und neue Waffen daraus gefertigt! Waffen sind alles, was sie wollen und brauchen! Mehr Waffen, mehr Zerstörung! Bis nichts mehr übrig ist! Nichts mehr von dem, was schön und gut ist! Ihr tiefsitzender Hass gegen das Schöne und Gute wird nur noch von ihrer Gier übertroffen! Denn was nicht zerstört wurde, wurde mitgenommen und auf irgendwelchen dreckigen Schwarzmärkten an Narren verkauft, die einen Monet nicht von einem Hokusai unterscheiden können!“

Er lachte voller Verzweiflung.

„Was sage ich! Die einen Monet nicht von einer Ming-Vase unterscheiden können! Und eine Ming-Vase nicht von einem gewöhnlichen Aschenbecher! Sie teilen ihre Beute auch nicht mit anderen. Sie sperren sie weg, damit niemand sich an ihnen erfreuen kann und ihr Wert in dunklen, stillen Kammern steigen kann. Als hätten diese niederen Wesen irgendeine Ahnung von dem Wert dieser Schätze! Ich wusste früh, dass ich die schönen Dinge vor ihnen bewahren muss, dass ich sie retten muss! Doch ich merkte rasch, dass eins nach dem anderen aus ihren Klauen zu reißen, nicht ausreicht. Für jedes, das ich gerettet habe, sind in der gleichen Zeit dutzende zerstört worden.“

Er atmete durch und sprach leiser weiter.

„Ich hatte mich lange an die Hoffnung geklammert, dass die Menschen sich bessern werden. Dass sie ihre Fehler einsehen und niemals wiederholen werden. Irgendwann wachen sie gewiss auf, erkennen das Gute und arbeiten darauf hin, ein Paradies auf Erden zu schaffen. Ja. Das ist es, was hätte geschehen sollen. Das ist nicht das, was geschehen ist. Das ist nicht das, was geschehen wird, wenn man sie einfach weitermachen lässt.“

„Die Menschen sind schlecht!“, schrie er plötzlich aus tiefster Seele und mit einer sich mehr und mehr dem Wahn hingebenden Grimasse hinaus. „Die Menschen sind schlecht! Sie werden niemals ein Paradies aus dieser verkommenen Welt machen! Ist ein Krieg vorbei, fangen sie den nächsten an! Herrscht gerade kein Krieg, zünden sie ihre Museen an, um die Versicherungssummen zu kassieren! Sie könnten so viel tun, so viel, um die Menschen dieser verkommenen Welt zu beschützen! Doch das ist nicht das, was sie interessiert. Es bringt kein Geld ein. Nicht einmal Krankheiten gelten als Krankheiten, solange man nicht daran verdienen kann. Sie existieren nicht mehr, um geheilt zu werden, sondern um sich daran zu bereichern!

Und hat man nicht genügend Krankheiten und Kriege und Katastrophen, dann führt man welche herbei! Solange bis alles und jeder zerstört ist! Oder bis man genug damit verdient hat! Geld! Geld! Geld und Ruhm sind ihnen tausendmal teurer als jeder Monet! Sie kriechen vor jedem, der ihnen nützlich erscheint! Einige kriechen auf ewig, andere um irgendwann jemandem in den Rücken zu fallen, dem sie eben noch lebenslange Loyalität geschworen haben, und daraufhin selbst seine Position einzunehmen! Statt mehr Vernunft anzunehmen, verlieren sie die Fähigkeit, eigenständig zu denken! Videos auf ihrem Mobiltelefon bestimmen, was sie sagen, wie sie es sagen, was sie tun, wie sie es tun, wie sie aussehen, was sie essen, wie sie atmen, wie sie zu kriechen haben! Das ist der Fortschritt der Menschen! Unmündige Kreaturen, die auf Befehl dem Menschen ein Wolf sind!“

Der Zorn des falschen Ranpo wich aus dessen Miene. An dessen Stelle formte sich langsam ein schauderhaftes und gleichzeitig seliges Lächeln.

„Und wenn es das ist, was die Menschen in Wahrheit wollen; dass jemand anderes über sie bestimmt, dann kann ich ihnen diesen Wunsch mit größter Freude erfüllen. Und zur gleichen Zeit alle Schätze der Welt und sogar die Welt selbst vor ihnen bewahren.“

Die beiden Detektive hatten dem langen und leidenschaftlichen Monolog aufmerksam zugehört. Bei Atsushi war mit jedem Wort der wahnsinnigen Rede die Panik ins Unerlässliche gestiegen. Mit wem hatten sie es hier zu tun? Ein einfacher Kunstdieb, der sich aus Verzweiflung zu einem Attentäter mit Allmachtsfantasien aufgeschwungen hatte? Nein, ganz so einfach war es nicht (sofern man irgendetwas davon als „einfach“ hätte bezeichnen können). Der ‚Teufel‘ hatte es ihnen selbst gesagt: Ursprünglich hatte er Kunstwerke vor der Zerstörung oder dem Verschwinden bewahren wollen. Das war der Dieb, mit dem Ranpo und der Chef es damals zu tun gehabt hatten. Jedoch hatte die Erkenntnis, dass seine Diebstähle nicht genug waren, ihn zu einem echten Teufel werden lassen. Einer der anscheinend bereit war, Menschen für die Bewahrung von Kunstgegenständen zu opfern. Atsushi konnte nicht leugnen, dass er in einigen Punkten nicht falsch lag. Aber das, was der Dieb nun tat, konnte unmöglich eine Lösung für all diese Probleme sein. Nichts in der Welt entschuldigte Angriffe auf Unschuldige und keine Lösung, wie eloquent sie auch immer vorgetragen wurde, konnte so schwere Opfer beinhalten.

Der junge Detektiv dachte an all die Menschen, die bereits unter diesen Fall gelitten hatten und ballte seine Hände zu Fäusten. Wenn jemand den einzigen Ort, den er ein Zuhause nennen konnte, bedrohte, dann würde er denjenigen aufhalten. Er war nicht klug genug, eine andere Lösung vorzuschlagen. Was hätte er auch sagen sollen? Dass er wisse, wie man die Menschen dazu bewog, mehr Vernunft anzunehmen? Vermutlich wussten nicht einmal Dazai oder Ranpo dies und schlauere Menschen gab es vermutlich wahrlich nicht auf der großen, weiten Welt.

Im Gegensatz zu Atsushi hatte Dazai den Monolog mit steigendem Interesse verfolgt. Er sah regelrecht gespannt aus.

„Jetzt bin ich so richtig neugierig“, sagte er daher, „wie soll das gehen? Wie hält man die Menschen davon ab, weiter so zerstörerisch zu sein? Die Vernichtung der Welt kann ja nicht die Lösung sein, wenn man die Welt bewahren will. Davon abgesehen wäre das Ende der Welt so unkreativ; nein, das wäre eine Enttäuschung.“

Erneut riss der ‚Teufel‘ schwungvoll die Arme in die Höhe und strahlte von neuem über das ganze Gesicht.

„Die Lösung wird euch nicht enttäuschen, denn sie könnte kaum kreativer sein! Jahrelang habe ich an ihr getüftelt und mithilfe meiner Gleichgesinnten schlussendlich erarbeitet.“ Er holte noch einmal tief Luft und grinste noch breiter.

„Das größte und schönste Museum, das diese Welt je gesehen hat! Und in einem Museum benimmt man sich, nicht wahr? Es wird Milliarden von Ausstellungsstücken geben! Ein ganzes Leben wird nicht ausreichen, um sich jedes davon anzusehen! Und man kann sich alles in absoluter Ruhe ansehen, weil kein Krieg ausbrechen wird! Kein einziger Kampf, nur vollkommener Frieden. Auf der ganzen Welt! Klingt das nicht wundervoll? Wenn ihr es klug anstellt, könnt ihr in dieser paradiesischen Welt leben. Ich würde euch die Möglichkeit dazu geben.“

Er nahm plötzlich den von dieser Antwort irritierten und übertölpelten Atsushi in den Fokus.

„Stell dir doch nur mal vor: Es wird keine grausamen Waisenhäuser mehr geben, die mehr Folterzentren gleichen. Keine weinenden, unglücklichen Kinder mehr. Keine Misshandlungen, keine Qualen! Niemand nutzt mehr aus und niemand wird mehr ausgenutzt. Willst du nicht in diesem Paradies leben?“

Perplex stolperte der direkt angesprochene Junge einen Schritt zurück. „W-wieso weißt du von dem Waisenhaus?“

„Und du!“ Anstatt zu antworten, wandte der ‚Teufel‘ sich mit ungebrochenem Elan Dazai zu. „Es wird eine Welt sein, in der selbst du glücklich sein wirst! Diese neue Welt wird die Sorgen und Nöte der alten Welt hinter sich lassen und einen neuen Anfang für die Menschheit bedeuten! Diese Sonne, die gerade aufgeht, wird eine neue Welt einläuten! Eine Paradies auf Erden! Gestern war die Welt noch verloren, doch heute beginnt ein reiner Morgen! Die Altlasten der Vergangenheit werden abgelegt, der Schmutz und die Tränen der alten Welt werden weggewischt! Ein klarer, reiner Morgen!“

Je mehr der gestaltenwandelnde Befähigte redete, desto verwirrter wurde Atsushi. Bang schaute er zu Dazai, dessen Blick sich gerade klärte.

„Ah~“, machte der ältere Detektiv und lächelte kopfschüttelnd. „So langsam beginne ich zu begreifen. Das ist ja ungeheuerlich. Zumindest ist es wirklich keine Enttäuschung, Respekt. Aber wie wollt ihr das anstellen?“

Atsushis verstörter Blick durchbohrte Dazai geradezu.

„Wie wollt ihr das anstellen?“, wiederholte Dazai seine Frage und formulierte sie für den Jungen aus. „Wie wollt ihr die gesamte Welt in ein Museum verwandeln?“

HÄH?! Der Kiefer des Silberhaarigen klappte nach unten. Er musste sich verhört haben, er musste sich ganz gewiss verhört haben. „Die gesamte Welt … in ein Museum verwandeln?!“

Begeistert applaudierte der ‚Teufel‘ ein weiteres Mal. „Siehst du? Es war richtig, dich am Leben zu lassen. Es wäre eine Schande, wenn du stirbst. Du bist so clever, du wärst eine Bereicherung für uns. Deine Vergangenheit macht mir zwar einige Sorgen, jedoch könntest du das Wunder sein, auf das ich gehofft habe. Eine Bestie, die sich zum Menschen entwickelt. Ja, du solltest zu uns gehören, findest du nicht?“

Dazai legte den Kopf schief. „Herrje, ihr schmeißt ja wirklich alle ständig mit Komplimenten um euch. Ich fühle mich richtig begehrt.“

„Wenn du und der Junge sich uns anschließen, dürft ihr am Leben bleiben, in unserem Paradies leben und …“ Ihr Gegenüber machte eine bedeutungsvolle Pause. „Du darfst die zwei Frauen aus dem Glasgefängnis befreien.“

„Du meine Güte, jetzt wird er aber richtig spendabel.“ Dazai wirkte wieder amüsierter, während Atsushi dem Geplänkel der beiden nicht mehr folgen konnte. Was hieß das überhaupt, die Welt in ein Museum zu verwandeln? Sollte nur die Gruppe um den ‚Teufel‘ am Leben bleiben? Hatten sie eine Waffe, die die restliche Menschheit auslöschen konnte? Bei diesem Gedanken hielt Atsushi unbewusst die Luft an. Diese Unwissenheit machte ihn noch fertig!

„Also, was sagst du?“ Unverändert in Ranpos Gestalt hielt der Dieb eine Hand auf. „Schließt du dich uns an?“
 

So without greed and without pride shout I’m alive! I am alive!


 

So without greed

And without pride

Shout I’m alive

I am alive“

 

Placebo, „The Prodigal“

 

Mit einem ominösen Lächeln im Gesicht blickte Dazai auf die Hand, die der ‚Teufel‘, der Ranpos Gestalt angenommen hatte, ihm entgegenreckte. Aus dem Augenwinkel konnte er Atsushis verschwitzte und panische Miene erkennen.

„Ihr beide bleibt am Leben und erhaltet mit den beiden Frauen, die du aus dem Glas befreien darfst, Eintritt ins Paradies“, wiederholte ihr Gegner, nachdem Dazai ihn für endlos quälende Sekunden nur abwägend betrachtet hatte.

„Nö, keine Lust.“

Atsushi hatte zwar gehofft, dass Dazai die Einladung ablehnte, aber wie sein genialer und zweifelhafter Mentor dies tat, ließ den armen Jungen bald verzweifeln.

Genau wie er noch nie die ganzen wahnsinnigen Gesichtsausdrücke, die der ‚Teufel‘ in den letzten Minuten aufgesetzt hatte, bei Ranpo gesehen hatte, hatte Atsushi auch noch nie erlebt, dass Ranpo ein komplett verdattertes Gesicht machte.

„K-keine Lust?“ Der Gestaltwandler war sichtlich überrumpelt. „Hast du mir überhaupt zugehört?!“

„Ja doch.“ Dazais Stimme nahm eine leicht genervt klingende Färbung an, ehe er seufzte. „Yosano meckert immer mit mir und Lucy eignet sich aaaabsolut nicht für einen Doppelsuizid, was habe ich also davon, die beiden zu befreien?“

„Und das Leben des Jungen??“

„Atsushi eignet sich auch nicht für einen Doppelsuizid.“

Hey! Ist das alles, was du über mich zu sagen hast??

Der ‚Teufel‘ nahm seine ausgestreckte Hand zurück, ballte sie verärgert zu einer Faust und biss die Zähne aufeinander.

„Habe ich mich in ihm getäuscht? Ist er doch nichts Besonderes?“

„Er will dich nur ärgern!“, rief eine männliche Stimme hinter ihm. Kurz darauf kam ein Mann mit hellen Haaren und einer runden Brille von einem der abzweigenden Wege, in die man wegen der dort stehenden Gehege nicht blicken konnte, entlanggeschlendert und blieb bei ihm stehen. Mit scheinbar bester Laune sah er zu den Detektiven.

„Ah~, der Barkeeper“, begrüßte Dazai ihn.

„Oh, was für ein gutes Gedächtnis“, entgegnete Wilder bewundernd. „Und das trotz der widrigen Umstände an jenem Abend.“

„Wie lange noch?“, fragte sein Komplize ungehalten.

„So gut wie vollendet.“

„Ihr werdet uns doch nicht um Unklaren darüber lassen, wie die Markierungen funktionieren, oder?“, warf Dazai gespielt entrüstet ein. „Insbesondere jetzt, wo doch der wichtigste Mann für den Plan erschienen ist.“

Wilder wirkte äußerst angetan von dieser Bemerkung. „Oh, oje, oje, bitte, ich werde ja noch ganz verlegen.“ Er lachte vergnügt. „Selbst das hat er also erkannt, ja?“

„Ähm, Dazai“, warf Atsushi kleinlaut ein, „Hilfe. Bitte.“

„Hm? Ach so“, antwortete der andere Detektiv ihm unaufgeregt. „Er ist der Befähigte mit den Markierungen. Und ich vermute stark, er ist für diesen Teil mit der Verwandlung in ein Museum zuständig. Ich wüsste nur zu gerne wie.“

Wilder lachte abermals, anscheinend froh, dies erzählen zu können. „Das ist ganz leicht. Ich muss nur meine Markierungen an mehreren Stellen in einer Stadt strategisch platzieren, dann umspannen sie nach einer Weile die gesamte Stadt. Es braucht ein bisschen Zeit, bis ich meine Fähigkeit vollständig aktivieren kann, aber wenn es so weit ist, leuchten alle Schlaufen auf und verbinden sich zu einem großen Ganzen. Dann ist meine Fähigkeit ‚Our Town‘ einsatzbereit. Und so – wie erwähnt, ganz leicht – kann ich alle Menschen einer Stadt quasi an Ort und Stelle einfrieren. Ihre Leben werden angehalten und solange ich es ihnen nicht anders sage, bleiben sie für immer in diesem Moment bewahrt, in dem meine Fähigkeit aktiviert wurde.“

Atsushi schluckte. Er konnte kaum glauben, was er da gehört hatte – und nun endlich begriff. „Milliarden von Ausstellungsstücken“, hauchte er erschüttert, ehe er lauter wurde. „Damit sind die Menschen gemeint! Ihr wollt die Menschen dieser Welt zu Ausstellungsstücken machen!“

„Der Junge fängt an zu nerven“, nörgelte der ‚Teufel‘.

„Haha, ist doch nicht schlimm“, wiegelte Wilder ab. „Er versucht doch nur zu verstehen, welches Schicksal die Menschen erwartet. Vielleicht verwandeln wir auch noch ein paar in Glas. Das sorgt für mehr Abwechslung und glitzert so schön.“ Er streckte sich, als wollte er sich dehnen. „Meine Fähigkeit wirkt natürlich nicht bei Herrn Dazai. Aber dafür kann er sie auch nicht mehr aufhalten, wenn sie einmal vollständig in Gang gesetzt wurde.“

Als er dies hörte, setzte Atsushis Panik wieder ein. Dazai konnte sie nicht mehr aufhalten? Waren sie bereits zu spät?

„Wenn der Rest der Welt sieht, was mit Yokohama passiert ist“, plauderte Wilder munter weiter, „werden sie in Panik verfallen. Ein paar werden sicher mit uns verhandeln wollen und – jetzt kommt das Beste - unser Anführer wird sich hier und da als Staatsoberhaupt ausgeben und die Kapitulation vorantreiben. Yokohama ist ein guter Startpunkt, nicht wahr? Die Stadt, die von zwei Befähigten-Institutionen beschützt wird und schon so viele Katastrophen überstanden hat, fällt als Erstes. Yokohama ist quasi die halbe Miete auf dem Weg zu einer besseren Welt.“

Allmählich platzte Atsushi der Kragen. Ihre Widersacher redeten anscheinend nicht nur wahnsinnig gerne, sie taten dies auch mit einer Selbstgefälligkeit, die er abscheulich fand. „Eine Welt ohne Menschen ist sicher keine bessere Welt!!“

Überrascht blinzelte Wilder ihn nach diesem zornigen Ausbruch an, blieb jedoch die Ruhe selbst. „Da hast du uns missverstanden. Eine Welt ohne Menschen ist gewiss unlogisch. Wir lassen ein paar übrig. Ein Museum ohne Besucher macht ja auch keinen Sinn.“

„Versteht ihr denn nicht, wie grausam und unmenschlich es ist, die Leben von Menschen einfach anzuhalten??“ Atemlos sah Atsushi zu Dazai. Konnte er ihnen nicht klarmachen, dass ihr Tun falsch war?

„Du hast die Rede eben gehört, Atsushi“, sagte Dazai jedoch. „Sie sind davon überzeugt, die einzig wahre Lösung gefunden zu haben. Du wirst sie nicht umstimmen können.“

„Grausam und unmenschlich“, wiederholte Wilder und wirkte nun deutlich schwermütiger, als er es zuvor getan hatte. „Du meinst, wie in einem Krieg?“

Als er den plötzlich viel melancholischeren Mann betrachtete, hatte Atsushi das unweigerliche Gefühl, aus Versehen einen Nerv getroffen zu haben.

„Ich hatte mich damals freiwillig gemeldet, im letzten Krieg, weißt du?“, erzählte der Amerikaner und wirkte, verglichen zu seinem zuvor fröhlichen Plauderton, wie ausgewechselt. „Ich hatte gedacht, ich könnte etwas tun, um zu helfen.“ Er schüttelte sacht den Kopf. „Dort war niemandem mehr zu helfen.“ Mit einem tieftraurigen Lächeln blickte er direkt zu Atsushi. „Und weil es Edith und unserem Inspector ähnlich ergangen ist, sind wir nun hier.“

Die ersten Sonnenstrahlen legten sich über den weitläufigen Park und tauchten ihn in ein helles, warmes Licht.

Atsushis Wut war purer Betroffenheit gewichen.

„Es muss eine andere Lösung geben als diese hier“, versuchte er es noch einmal und um Längen ruhiger.

Dem ‚Teufel‘ entwich ein gereizter Laut. „Der Junge nervt wirklich. Glaubst du ernsthaft, ein paar nette Worte bringen uns von der Erfüllung unseres Traums für die Menschheit ab? Was bildest du dir überhaupt ein, unsere Vision zu diffamieren?“

Erneut sah Atsushi hilfesuchend zu Dazai, der ein Schulterzucken andeutete, als wollte er ihm mitteilen: „Ich habe es dir doch gesagt.“

Der junge Detektiv richtete seinen Blick wieder nach vorne und schien einen Entschluss gefasst zu haben. „Dann … dann werde ich auf meine Weise für die Menschheit kämpfen.“

Mit einem Mal verwandelte er seine Arme und Beine in die eines Tigers und hastete direkt auf Wilder zu. Er musste ihn dazu bringen, seine Fähigkeit zu stoppen. Irgendwie. Wenn er der wichtigste Mann für diesen Plan war, dann musste er ihn in Bedrängnis bringen, um die anderen in Bedrängnis zu bringen. Das war keine Denkweise, die Atsushi in irgendeiner Hinsicht gefiel. Vielleicht musste er auch den ‚Teufel‘ angreifen, obwohl ihm das deutlich schwerer fiel, da dieser immer noch so aussah wie Ranpo.

„Atsushi, stopp!“

Kaum hatte Dazai dies gerufen, hielt der Junge abrupt an und wandte sich verwirrt zu ihm um.

„Sieh dir an, wie ruhig sie bleiben.“

Dazai hatte Recht. Sollte man nicht meinen, dass jemand irgendeine Reaktion zeigte, wenn er kurz davor war, attackiert zu werden?

In diesem Moment kamen von einem weiteren, nicht einsehbaren Weg zwischen den Gehegen weitere Personen hinzu und Atsushi stockte der Atem, als er die zwei widerwillig Vorangehenden als Naomi und Haruno erkannte. Die Hände beider waren gefesselt und zusätzlich hatte man sie geknebelt. Hinter ihnen ging, einen Revolver auf die zwei Frauen gerichtet, Priestley.

Die beiden Schreibkräfte schienen nicht verletzt zu sein. Haruno sah etwas bleich und verängstigt aus, Naomi hingegen warf den Angreifern fortwährend böse Blicke zu.

„Oh, das ist kein guter Stil“, merkte Dazai an. „Bitte, was für ein Klischee.“

„Aber eins, das funktioniert“, konterte Wilder mit wieder steigender Laune. „Wie erwartet greift der Tiger nicht an, wenn seine Kameraden in Gefahr sind.“

„Konntet ihr sie noch nicht zum Aufgeben bringen?“, fragte Priestley und schien ein wenig erstaunt. „Was ist mit dem Waisenhaus-Argument? Hat das nicht bei ihm gezogen?“

Plötzlich erinnerte Atsushi sich daran, wie viel Priestley über sie in Erfahrung gebracht hatte. Es war ihm die ganze Zeit schon seltsam vorgekommen. Doch woher-

Dazai stöhnte in seine Überlegungen hinein. „Ach, so ist das. Er ist auch ein Befähigter. Natürlich. Wieso ist mir das nicht früher eingefallen? Die Informationen, die sie über uns und unsere Freunde von der Hafen-Mafia hatten, waren keine, die man durch eine sorgfältige Recherche herausfindet.“

Der Inspector zuckte mit den Achseln, entfernte Naomis Knebel und berührte mit seiner freien Hand ihre Schulter. „Sag mir, was sind die Schwächen von Atsushi Nakajima?“

Schlagartig wirkte die Schülerin, als wäre sie in einer Art Trance. Mit starrem Blick schaute sie ins Nichts. „Er leidet an Selbstzweifeln“, sprach sie mit monotoner Stimme, „er kommt nicht über sein Trauma aus dem Waisenhaus hinweg. Er hat Angst, alleine zu sein. Er-“

Priestley nahm die Hand weg. „Das ist genug.“

Naomi erwachte aus der Trance und blickte fragend zu Haruno. Sie schien sich nicht erinnern zu können, was gerade geschehen war.

„Die Fähigkeit ‚An Inspector Calls‘, ein Grundpfeiler unseres Plans. Sie zwing jeden, die Wahrheit zu sagen. Ein perfekter Plan, mit einem perfekten Team.“

Atsushi hatte sich noch nicht von dem gerade Gehörten erholt, als Wharton, diese Worte äußernd, sich hinter ihnen näherte. Und sie war nicht allein. Jeglicher Mut verließ ihn, als inmitten ihres rothaarigen Gefolges zwei Glasfiguren durch die Luft schwebten. Zweifelsohne bewegte Chuuya diese mit seiner Fähigkeit. Neben den Glasfiguren schritt Williams und beäugte seine zwei neusten Opfer skeptisch.

Kyoka und Akutagawa hatten den Kampf verloren.

„Und?“, fragte Wharton in Richtung des ‚Teufels‘. „Was machen wir jetzt mit den letzten verbleibenden Detektiven?“

Atsushis Knie waren kurz davor, nachzugeben. Sein ganzer Körper zitterte und er kämpfte gegen die Tränen, die sich in seine Augen drängten, an. Es brauchte nur einen Befehl Whartons oder auch nur eine unglückliche Bewegung und Kyoka würde in tausend Teile zersplittern. Wenn sie aufgaben, könnten sie Kyoka retten – und dafür den Rest der Menschheit opfern. Einzelne Tränen bahnten sich doch den Weg auf Atsushis Wangen, als ihm deutlich wurde, was Whartons Frage zudem noch beinhaltete.

Nur Dazai und er waren übrig? Hatte der ‚Teufel‘ den Chef tatsächlich getötet? Und …. Atsushi wurde bei seinem nächsten Gedanken ganz schlecht.

Hatte er auch Ranpo umgebracht? War Ranpo …?

„Inzwischen ist es mir egal“, antwortete der ‚Teufel‘ auf Whartons Frage. „Wir wollten Herrn Dazai zwar ursprünglich behalten, aber …“ Er zog eine angewiderte Grimasse. „Vielleicht ist er doch eine Plage. Ich will nicht, dass er das Museum gefährdet.“

„Also jetzt wird es persönlich“, empörte Dazai sich, ohne tatsächlich empört zu sein.

Wharton nickte, Dazais Einwand ignorierend. „Ich will nicht, dass er in meinem Modellstaat auftaucht und dort Unfrieden stiftet. Mir scheint es langsam, dass er genau dies mit Vorliebe tut.“

„Geht mir genauso“, gab Priestley ihr Recht. „Ich glaube, er bedeutet nur Ärger.“

„Modellstaaten?“ Atsushi versuchte, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen und sich aufzurichten.

„Die letzte Chance der Menschheit für einen Neuanfang“, erläuterte Priestley ihm und guckte dabei nicht mehr so streng, wie er es die ganze Zeit in seiner Rolle als Interpol-Agent getan hatte. Selbst sein Tonfall war um Weiten freundlicher geworden. „Der Herr, der uns zusammengeführt hat, wollte ursprünglich alle Menschen zu Ausstellungsstücken machen. Wir konnten ihn überzeugen, uns ein paar Streifen Land zu überlassen, in denen wir den Menschen die Möglichkeit geben, sich zu bessern. Eine Möglichkeit, um sie begreifen zu lassen, dass sie eine Gemeinschaft bilden müssen, Verantwortung füreinander übernehmen müssen und aus ihren Fehlern lernen müssen. Die einzige Alternative zu einem Ende aus Feuer, Blut und Verzweiflung.“

„Die einzige Hoffnung, die die Menschheit noch hat“, stimmte Wharton ihm zu.

„Wenn ihr euch so einig seid, braucht ihr diesen Dazai doch wirklich nicht mehr“, warf Williams ein. „Auch wenn es eine Schande ist.“

„So langsam fühle ich mich benutzt.“ Zu Atsushis tiefem Unglauben klang Dazai noch immer nicht so, als hätte er den Ernst der Lage erkannt. Berührte es ihn nicht im Geringsten, was mit dem Chef und Ranpo geschehen war? Hatte er keine Angst um Kyoka?

„Darf ich auch mal etwas dazu sagen?“ Dazai schlenderte auf Wharton zu, die ihn argwöhnisch im Blick behielt. „Vielleicht möchte ich mich euch doch anschließen. Aber nur wenn ich in dem Land leben darf, das die charmante Frau Wharton errichtet. Das erscheint mir am reizvollsten.“

Misstrauisch hob die Amerikanerin eine Augenbraue. „Tsk. Wird das ein Versuch, sich an die beiden im Glas heranzuschleichen?“ Sie zeigte auf Kyoka und Akutagawa, woraufhin Dazai stehenblieb.

„Aber wo denken Sie denn hin!“, erwiderte Dazai entrüstet. „Ich will mich nur auf Ihre Seite stellen. Und ich gehe doch davon aus, dass dieser Akt Kyokas Sicherheit garantieren würde. Kyokas Sicherheit gegen meine Loyalität. Klingt doch nach einem guten Deal, oder?“

Wharton schien wahrhaftig über sein Angebot nachzudenken, während Atsushi im Hintergrund weiter ratlos verzweifelte. Verfolgte Dazai irgendeine Absicht? Oder versuchte er nur, Kyoka zu retten?

„Ich weiß nicht, ob mir das reicht.“ Wharton ließ Chuuya beide Glasfiguren auf dem Boden ablegen. Dann ließ sie sich von Tachihara eine seiner Waffen aushändigen. „Eigentlich habe ich sogar große Zweifel, was Sie betrifft. Sind wir in diesem Punkt nun d’accord?“, fragte sie über seinen Kopf hinweg in Richtung ihrer Gefährten. Die Männer stimmten ihr einhellig zu, worauf sie lächelte. „The Age of Innocence: Neue Regeln für … Jungen, die sich in Tiger verwandeln können.“

Alle, die Wharton bis eben unter ihrer Kontrolle gehabt hatte, fielen wie zuvor einfach um.

„Huh?“, entwich es Atsushi noch schockiert, bevor sein Bewusstsein sich schlagartig wie ein Fremdkörper in seinem eigenen Körper anfühlte. Er verlor sämtliche Kontrolle über seine Bewegungen und bekam bei vollem Bewusstsein mit, wie Wharton ihm die Waffe von Tachihara zuwarf. Er fing sie, entsicherte sie, als hätte er nie etwas anderes gemacht und wollte dabei schreien, wollte Dazai zurufen, abzuhauen, doch kein Ton kam über seine Lippen, die sich nicht mehr wie seine Lippen anfühlten. Er hörte Whartons Stimme in seinem Kopf, die ihm Anweisungen gab. Panisch und verzweifelnd versuchte er gegen die Fähigkeit anzukämpfen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Er war zu einer völlig willenlosen Marionette geworden, die hilflos mitansehen musste, was sein Körper auf Befehl eines anderen tat.

Der Anblick des kontrollierten Jungen ließ auch Dazai nicht kalt. Er warf Wharton einen erbosten Blick zu, was die Frau mit einem Kopfschütteln beantwortete.

„Haben Sie wirklich geglaubt, ich würde nicht ahnen, dass Sie sich uns einzeln vornehmen wollen, sobald Sie können? Loyalität? Sie sehen nicht nach jemandem aus, der dieses Prinzip beherzigen könnte. Wir wissen, dass Sie hinterhältig sind und haben uns immer die Option offengehalten, Sie doch noch aus unserem Plan zu streichen, wenn wir Sie nicht überzeugen können.“

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, eröffnete Atsushi das Feuer auf seinen Kollegen. Gekonnt wich Dazai den Kugeln aus. Sein Glück war, dass Atsushi auch fremdgesteuert kein sonderlich guter Schütze war. Unglücklicherweise musste er jedoch so ausweichen, dass er sich wieder von den Glasfiguren wegbewegte. Atsushi drehte sich ihm auf der Stelle verharrend hinterher und feuerte ohne Unterlass weiter. Dazai lief in Richtung der beiden Mädchen und Priestley, der verschreckt einen Schritt zurück machte und auch Naomi und Haruno ein Stück nach hinten drückte. Für den Bruchteil einer Sekunde war Naomi, als hätte sie in den dunklen Augen des Brünetten etwas aufblitzen sehen, dann mussten sie und Haruno mitansehen, wie Dazai von einer Kugel in die rechte Schulter getroffen wurde. Abrupt hielt er an und hielt sich, das Gesicht schmerzverzerrt, mit der linken Hand die Wunde. In dem Augenblick, in dem er getroffen worden war, hatte Atsushi das Feuer eingestellt.

„Das … macht jetzt wirklich keinen Spaß mehr“, presste Dazai gequält hervor, während sein eigenes Blut seinen Mantel langsam rot färbte und er in die Knie ging. „Ich … hätte nichts dagegen … jetzt Feierabend zu machen.“ Er spürte die wachsamen Blicke seiner Gegner auf sich. Sie waren vorsichtig, was ihn betraf, aber im Gegensatz zu anderen Kalibern, mit denen er es schon zu tun gehabt hatte, waren sie keine kaltblütigen Killer.

„Das ist genug“, sagte Wharton und schaute dabei zum ‚Teufel‘, der ihr mit einem Nicken antwortete.

„Wir lassen ihn hier zurück.“ Er gab den anderen das Zeichen, sich zurückzuziehen.

„Moment“, stoppte Dazai die Gruppe mit schwacher Stimme, „ich will noch eine Sache loswerden.“

„So?“ Der ‚Teufel‘, unverändert in Ranpos eigentlich unschuldiger Gestalt, blickte argwöhnisch zu ihm. „Und das wäre?“

Schwer atmend schaute Dazai direkt zu Naomi – und lächelte plötzlich. „Übrigens … ist nur eine der Waffen hier echt.“

In dem Moment, in dem Naomi und Haruno die Augen aufrissen, schnellte Dazai vom Boden hoch und stürmte wieder auf sie zu.

„Er hat uns was vorgespielt!“, rief Williams entrüstet aus, als Atsushi erneut das Feuer auf den eigenen Mentor eröffnete. Geistesgegenwärtig wich Naomi von Priestley weg, nur um unmittelbar darauf ihn mit voller Wucht zu rammen. Der überrumpelte Brite geriet ins Stolpern, worauf Haruno ihm ein Bein stellte und er gleich darüber flog – direkt in den Kugelhagel hinein, der für Dazai gedacht war.

„Ah! Verdammt!“ Ein glatter Durchschuss brannte sich durch den linken Oberarm des Inspectors und er ließ die Waffe, die er gehalten hatte, fallen.

Vor Schreck hob Wharton ihre Fähigkeit abrupt auf und Atsushi knallte der Länge nach auf den steinernen Boden des Vorplatzes.

„Hinterhältiger Mistkerl!“, schimpfte Wharton aufgebracht in Dazais Richtung.

Dieser grinste selbstgefällig. „Ich? Wieso? Ich habe nicht auf meinen Gefährten geschossen, oder?“

„Edith“, ermahnte Priestley sie wütend, „du musst bei deinen Befehlen deutlicher werden! Er hat ausgenutzt, dass der Junge einfach auf ihn schießen sollte, egal, wer noch getroffen werden könnte!“

„Jetzt ist es meine Schuld?!“

„Hört auf! Sofort!“, ging der ‚Teufel‘ wutentbrannt dazwischen. „Merkt ihr denn nicht, dass er uns gegeneinander aufhetzen will?!“ Er wirbelte mit vor Zorn verzerrter Grimasse zu ihm herum (und selbst Dazai musste zugeben, dass diese Miene auf Ranpos Gesicht wirklich seltsam und irgendwie gruselig aussah). „Solche billigen Tricks werden dir auch nicht mehr helfen!! ARGH! Ich hätte nie denken dürfen, dass wir diesen Kerl behalten sollen! Tennessee, verwandele die Frauen in Glas! Ich will jetzt endlich meine Ruhe haben!“

Erschrocken rückten Naomi und Haruno weg, wohl wissend, dass ihre Chancen zu entkommen, schlecht standen. Da winkte Wilder sorglos ab.

„Nicht mehr nötig.“ Er lächelte und deutete auf die Markierungen an der Mauer, die zu dem Platz am Zooeingang führte. Sie leuchteten plötzlich in einem starken, fast gleißendem Licht auf. „Es ist so weit!“, rief er voller Vorfreude aus. „Gesegnet sind die Bande, die uns verbinden! Fähigkeit: Our To-AAAAAH!!!“

Zum Entsetzen aller war ihm just in dem Moment, in dem er seine Fähigkeit aktivieren wollte, ein Waschbär von einem nahestehenden Baum mitten ins Gesicht gesprungen. Obwohl Wilder mit hastigen, panischen Bewegungen versuchte, das Tier von sich zu lösen, machte der Waschbär keine Anstalten, von seinem Opfer abzulassen. Er krallte sich regelrecht an seinem Kopf fest und von dem Amerikaner waren nur gedämpft-genuschelte Hilferufe zu hören.

Nicht begreifend, was nun passierte, starrten die anderen ihn voller Entsetzen an. Aus dem Nichts flog plötzlich ein schwarzer Schatten über das Dach eines Geheges und stürzte sich auf Williams. Der im Kampf nicht erprobte Mann wurde von einem harten Tritt in den Bauch zurückgeschleudert und krachte ungebremst gegen einen weiteren Baum. Fassungslos registrierte die Gruppe den Angriff, als Wharton, ohne zu wissen, was überhaupt gerade geschah, sicherheitshalber ihre Armee von Willenlosen reaktivieren wollte.

„Fähigkeit: The Age of In-MMMMFFFF!!!“

Hinter ihr war der schwarze Schatten aufgetaucht und hielt ihr mit einer Hand den Mund zu und mit der anderen Hand ein Messer an die Kehle. Die Amerikanerin erstarrte vor Angst, als das kühle Metall sich gegen ihren Hals drückte.

„Ich bin nachtragend“, sagte eine sanfte Stimme, die zu dem schwarzen Schatten gehörte. „Aber wie mein Bruder musste ich versprechen, niemanden zu töten. Jetzt zumindest.“

„W-wie kann das …?! Wir hatten sie doch als Reserve weggesperrt??“ Entgeistert sah der ‚Teufel‘ zu Gin, die seine Komplizin mit ihrem Messer bedrohte.

„HRRRGH!“ Vollkommen aus der Puste riss sich Wilder endlich den zähen Waschbär vom Gesicht und schleuderte ihn unsanft von sich. „Was ist denn das für ein aggressives Vi-“ Ein schwerer Schlag in den Nacken ließ Wilder mit einem Mal verstummen und ohnmächtig zusammenklappen. Nur einen Augenblick später traf Priestley ein knochenharter Faustschlag ins Gesicht. Der Brite taumelte zurück und hielt sich mit seiner gesunden Hand umgehend die gebrochene Nase. Ein heftiger Hieb mit einer Schwertscheide in seinen Bauch gab ihm den Rest. Sich beinahe erbrechend, sackte er kraftlos auf die Knie.

Unter den staunenden Blicken Harunos und Naomis hielt Fukuzawa sich die schmerzende, notdürftig verbundene Wunde und nahm, nachdem er Wilder und Priestley ausgeschaltet hatte, den Anführer der Gruppe ins Visier.

„Nein! NEIN! NEEEEEEEIN!!“ Verzweifelt schrie der ‚Teufel‘ derweil seinen Frust heraus, als er hilflos beobachtete, wie Dazai sich zu dem am Boden liegenden Wilder schleppte und ihn berührte. Die bis gerade grell leuchtenden Zeichen an der Mauer lösten sich in Nullkommanichts in Luft auf.

„Ist es vorbei?“ Schwerfällig kletterte und rutschte Poe von einem der niedrigeren Gebäude des Zoos herunter, das er zuvor mit Müh und Not erklommen hatte. Der bunt zusammengewürfelte Rettungstrupp hatte sich durch das Dickicht geschlagen und den Zoo so auf einem anderen Weg erreicht. Behutsam hob Poe gleich Karl auf, dem die grobe Behandlung durch Wilder anscheinend nichts ausgemacht hatte. Der tapfere Waschbär schüttelte sich und machte es sich in den Armen seines Herrchens bequem.

Poes Frage war an denjenigen gerichtet, der nun zufrieden lächelte. „Ist es“, antwortete Dazai ihm. „Die Fähigkeit hat sich nicht aktiviert. Er hat sich bei all seiner Redseligkeit verraten. Hätte Karl ihn nicht aufgehalten, als er eben seine Fähigkeit vollständig aktivieren wollte, hätte ich wahrscheinlich in der Tat nichts mehr tun können. Aber so …“ Dazai grinste genüsslich. „Tja~, blöd gelaufen.“

„NEIN! NEIN! NEIN!“ Der ‚Teufel‘ stampfte wie wild mit einem Fuß auf. „Du!“ Er zeigte vorwurfsvoll auf Fukuzawa. „Du hättest doch tot sein sollen!! Warum bist du nicht tot?! Was hast du hier verloren?? Du solltest in dem unterirdischen Gang liegen und tot sein! Mein schöner Plan! Ihr habt alles ruiniert!!“

„Chef, ich habe gar nicht gewusst, dass Sie so ein Rebell sind“, scherzte Dazai, sich leicht gepeinigt die verletzte Schulter haltend.

„Gibst du auf?“, fragte Fukuzawa den ‚Teufel‘ streng. Den Schwertkämpfer umgab eine Aura, die jeden wissen ließ, dass im Moment wirklich absolut nicht gut Kirschen essen mit ihm war.

„Aufgeben? Aufgeben?!“, wiederholte ihr Widersacher mit steigender Hysterie. „Was fällt euch ein?? Was erlaubt ihr euch, meinen wunderschönen, genialen Plan zu durchkreuzen?! Ihr, die ihr nur grobschlächtige Gewalttäter seid! Seht euch doch nur um! Zu nichts außer brachialer Gewalt seid ihr imstande!“

Scheinbar unberührt von seinen Vorwürfen machte Fukuzawa einen Schritt auf ihn zu.

„Das ist interessant“, sagte er, sich sichtlich zusammennehmend. „Du verurteilst Gewalt, aber wie nennst du das, was du tust?“

„Das ist für ein höheres Ziel!!“, wehrte sich der ‚Teufel‘ erzürnt.

Fukuzawa betrachtete ihn nach dieser Aussage milde erstaunt und atmete dann hörbar aus. „Du hast keine Vorstellung davon, wie oft ich diesen Satz bereits gehört habe. Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ein höheres Ziel nicht mit niederen Methoden erreicht werden kann?“

Der ‚Teufel‘ stutzte und blickte ihn irritiert an. „Willst du mich etwa belehren?!“

„Vielleicht“, entgegnete der Chef der Detektive mit einer Ruhe, um die selbst Dazai ihn beneidete. „Aber in erster Linie möchte ich dich jetzt aufhalten.“ Selbst Dazais übermenschliche Augen konnten kaum verfolgen, wie rasant Fukuzawa nach vorne raste und dabei gleichzeitig sein Schwert zog.

„AAAAAARRRGGGHH!!!“, schrie der ‚Teufel‘ hinaus, bevor Fukuzawa ihn erreichen konnte. Dann holte er zwei stählerne Kugeln aus seinen Taschen hervor und schmiss sie auf den Boden.

„Vorsicht!“, warnte Dazai geschwind seinen Vorgesetzten, als die Kugeln explodierten und den gesamten Vorplatz des Zoos in dicke, dunkle Rauchschwaden hüllten.
 

For what it’s worth


 

For what it’s worth“

 

Placebo, „For What It’s Worth“

 

„Atsushi. Atsushi! ATSUSHI!“

Mit zunehmender Intensität wurde der bewusstlose Detektiv durchgeschüttelt, ehe er langsam die Augen aufmachte. Wer rüttelte ihn gerade so durch und schrie dabei so schrecklich laut seinen Namen? Um ihn herum hörte er verschiedene Tiere kreischen und brüllen, aber am schlimmsten und wildesten brüllte derjenige, der bei ihm war.

„ATSUSHI!! BEI DER ARBEIT WIRD NICHT GEPENNT!!“

Mit einem Mal war der Junge hellwach. Diese Stimme, diese Stimme, deren Tonfall gerade in einen cholerischen Anfall überging! Er starrte ungläubig den Mann an, der ihn an den Schultern hielt.

„Kunikida?? Bist du wieder du? Bin ich wieder ich?“

Der Brillenträger atmete erleichtert aus und ließ den Anderen sacht los, sichergehend, dass er alleine aufrecht sitzen blieb. „Das ist zwar etwas seltsam formuliert, aber ja. Ich habe wieder die Kontrolle über meinen Körper.“

Als wollte er testen, ob bei ihm auch wieder alles seine Richtigkeit hatte, bewegte Atsushi nacheinander seine Hände und Füße. Dann seufzte er voller Erleichterung. So ein Glück. Es war alles wieder normal-

Schlagartig erinnerte er sich an das, was er getan hatte, als er unter Whartons Kontrolle gestanden hatte und wurde weiß wie eine Wand.

„Dazai! Was ist mit Dazai?!“

Kunikida gab ein Brummen von sich. „Der? Du weißt doch, dass er nicht ruhen wird, bevor er mir nicht den letzten Nerv geraubt hat. Und anscheinend ist das noch nicht geschehen.“ Er zeigte zu der Mauer, die sie zuvor entlanggelaufen waren, um diesen Platz zu erreichen. Hunderttausend Tonnen Steine fielen Atsushi vom Herzen, als er den Brünetten dort sitzen erblickte. Naomi verarztete seine Wunde behelfsmäßig mit einem schwarzen Stück Stoff und dem Gürtel seines Mantels. Neben ihnen stand Poe und inspizierte jammervoll sein in Fetzen gerissenes Cape. Dazais Blick traf auf den des silberhaarigen Jungen und instinktiv wollte Dazai ihm zuwinken, zuckte aber mit schmerzverzerrter Miene zusammen, als er dafür den verwundeten Arm hatte nehmen wollen.

Während Naomi schimpfte, fuhr Atsushi plötzlich vor Schreck zusammen, als jemand ihm um den Hals fiel. Er brauchte keine Sekunde, um zu begreifen, um wen es sich handelte. Unverzüglich nahm er Kyoka in den Arm.

„Bist du unverletzt?“, fragte er, als sie von ihm abließ und er sie gleich von oben bis unten musterte. Es schien noch alles an ihr dran zu sein.

Kyoka nickte. „Dazai hat uns aus dem Glas befreit. Bei mir ist alles heil geblieben.“

Bei ihr? Sollte das heißen …?

Atsushi blickte an ihr vorbei und sah, wie Akutagawa im Hintergrund stand und sich mit erfrischend genierter Miene eine seiner Haarsträhnen betrachtete. Sie war an der weißen Stelle abgebrochen und es wirkte fast, als würde Akutagawa sich dafür schämen – oder eher, als wollte er nicht, dass eine gewisse Person ihn so sah. Higuchi redete derweil auf Akutagawa ein und versuchte ihn davon überzeugen, dass es wirklich kaum auffiel.

Moment.

Argwöhnisch schaute Atsushi noch einmal zu Dazai, der gesehen hatte, wo der Junge gerade hingeblickt hatte und der jetzt … schelmisch grinste. Irgendetwas sagte Atsushi, dass die abgebrochene Haarsträhne kein Unfall gewesen war.

So ein Kindskopf.

Aber … was war eigentlich geschehen, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte? Er ließ seinen Blick weiter schweifen und geriet ins Stutzen. Auf der Fläche, auf der das Zooschild und die Hecken in Tierform standen, konnte man eindeutig die Spuren einer Explosion ausmachen. Einer Giraffenfigur fehlte der Kopf, einem Elefanten klaffte ein großes Loch in seinem großen, grünen Körper und eine ganze Reihe von Erdmännchenfiguren war weggesprengt worden. Das Schild war über und über mit schwarzem Ruß beschmiert und lag verbogen auf der Erde.

Fragend sah er sich um. Eine weitere tonnenschwere Ladung Steine fiel ihm vom Herzen, als er den Chef ausmachen konnte. Fukuzawa war offensichtlich verletzt und stützte sich ein wenig auf Haruno, aber er war am Leben und Atsushi kamen vor Freude und Erleichterung beinahe die Tränen. Kenji fesselte gerade Priestley und setzte ihn in eine Reihe mit den anderen Angreifern, die ebenso gefesselt auf dem Weg saßen oder lagen. Williams und Wilder waren noch ausgeknockt und Wharton hatte zusätzlich zu den Handfesseln einen Knebel im Mund, damit sie keine Regeln aussprechen konnte. Chuuya hockte noch leicht benommen aussehend ein paar Meter weiter und klärte die verwirrte Koyo über alles auf, während Gin Tachihara hochhalf. Tanizaki hatte sich gerade auf seine noch wackligen Beine gestellt, als er umgehend von einer überschwänglichen Umarmung Naomis wieder umgeworfen wurde.

„Dazai“, drang die Stimme des Chefs an seine Ohren, „was macht deine Verletzung?“

„Wehtun, aber ich habe schon weitaus Schlimmeres erlebt. Und bei Ihnen?“

Ein Hauch eines Schmunzelns glitt über Fukuzawas Gesicht. „Ich habe schon weitaus Schlimmeres erlebt.“ Er wurde schnell wieder ernst. „Fühlst du dich in der Lage, dich um Yosano und Lucy zu kümmern?“

„Um die beiden? Aber immer doch. Nur …“ Zu Atsushis Unverständnis geriet Dazai etwas ins Schmollen. „Ich habe eine schlimme Ahnung, was Ihren Deal mit Gin angeht.“

Beim Klang ihres Namens warf die Assassine Fukuzawa einen bitterernsten Blick zu.

„Nachdem wir sie aus dem unterirdischen Verlies befreit hatten, war sie bereit uns zu helfen. Doch damit sie kein Blutbad anrichtet, musste ich ihr versprechen, dass du Mori und die restlichen Mafiamitglieder aus dem Glas befreist.“

„Ha~~~!“ Dazai seufzte übertrieben laut. „Chef, ich will keine Beschwerden hören, falls Sie diese Entscheidung irgendwann bereuen.“

„Ähm“, Atsushi stand vorsichtig vom Boden auf. „Ich frage mich … hat der ‚Teufel‘ sich in die Luft gesprengt?“

Zu seiner erneuten Verwunderung lachte Dazai auf. „So viel Glück haben wir leider nicht. Er hat zwar zwei Bomben gezündet, aber es ging ihm mehr um Schall und Rauch als um tatsächliche Zerstörungskraft.“

„Wo ist er denn dann hin?“ Atsushi verstand nicht, wie alle so ruhig bleiben konnten, wenn dies doch hieß, dass ein so gefährlicher Mann auf der Flucht war.

„Hmm.“ Der Junge schluckte, als Dazai mit einem Mal ganz ernst wurde. „Da er die Fähigkeit besitzt, die Gestalt eines jeden anderen Menschen anzunehmen, könnte er sich längst erneut in einen von uns verwandelt haben und sich ganz schamlos unter uns gemischt haben. Er könnte sogar so tief sinken und sich in Chuuya verwandeln.“

Alle Augen wanderten zu dem rothaarigen Mafioso, der Dazai baff anblinzelte – um eine Millisekunde später wutentbrannt aufzuspringen und den Boden um sich herum mit seiner Fähigkeit absacken zu lassen. „WAS ERZÄHLST DU FÜR EINEN MIST?! ICH BIN KEIN BETRÜGER!!“

Auf die Tirade des Führungsmitglieds folgte schallendes Lachen seitens seines früheren Partners. Dazai bereute seinen Streich ein wenig, als ihm vor Lachen die Wunde wehtat.

„Beruhige dich wieder, Chuuya. Nicht einmal jemand, der sich der ‚Teufel‘ nennt, würde so tief sinken.“

„GRRRRRRRRR!! Woher wissen wir, dass du der Echte bist?! Davon abgesehen, dass niemand SO TIEF sinken würde!!“, bellte Chuuya ihm entgegen und ließ Koyo angestrengt seufzen.

„Immer das Gleiche mit den beiden“, sagte die stolze Frau. „Warum lässt du dich von Dazai ständig zum Narren halten?“, fügte sie kopfschüttelnd hinzu, während Goldfarbiger Dämon zu Dazai flog und dieser mit einer kurzen Berührung den Dämon verschwinden ließ. „Das dürfte als Beweis reichen, oder?“

Dazai schmunzelte von neuem. „Solange ich in der Nähe bin, begeht der ‚Teufel‘ sicher nicht den dämlichen Fehler, sich in einen von uns zu verwandeln. Nein, er hat seine kleine Explosionsshow veranstaltet, um sich aus dem Staub zu machen.“

Atsushi verstand endgültig nicht mehr, warum seine Kollegen dennoch nicht in Panik verfielen. Oder … war es unmöglich, den Dieb zu verfolgen? Wenn er längst eine neue Gestalt angenommen hatte ….

„Schön und gut“, warf Tachihara ein, während er ächzend seine entwendete Waffe wieder einsammelte, „aber seid ihr euch wirklich sicher, dass ihr diesen Mistkerl nun schnappen könnt? Ihr seid ja schließlich ziemlich heftig auf ihn reingefallen.“

„Das wird kein weiteres Mal geschehen“, antwortete Fukuzawa ihm. „Es gibt jemanden, der noch viel wütender auf den ‚Teufel‘ ist, als ich es bin.“

Atsushis Herz begann bei diesen Worten schneller zu schlagen.

„Oh ja.“ Poe nickte. „Er ist unfassbar sauer. So wütend habe ich ihn noch nie erlebt.“

 

Kurz bevor sich die Türen der ersten Straßenbahn des Tages, die an der Haltestelle in der Nähe des Zoos hielt, schlossen, schlüpfte eine in ein braunes Cape gewandte Gestalt noch geschwind in die Bahn. Die Türen schlossen sich hinter dem jungen, schwarzhaarigen Mann, der sich ausatmend die braune Mütze zurechtschob. Die Bahn fuhr los und er ging weiter in den Waggon hinein. Alle Sitzplätze waren besetzt, sodass er sich an einer der Handhalterungen, die von der Decke baumelten, festhielt. Vor ihm saß auf der seitlich verlaufenden Sitzbank eine in ein unauffälliges, dunkelblaues Businesskostüm gekleidete Frau mit einem schwarzen Bob, einer Frisur, die viele Frauen momentan trugen.

„Puh, da bin ich aber froh, dass ich die Bahn noch erwischt habe“, sagte Ranpo zu der Frau. „Können Sie mir sagen, ob ich in der richtigen Bahn bin? Ich bin nicht gut mit solchen trivialen Dingen.“

Verwirrt und ein wenig verschüchtert blickte die Frau ihn an. „Das weiß ich nicht“, erwiderte sie leise. „Wo wollen Sie denn hin?“

„In erster Linie brauche ich etwas zu essen. Sie glauben gar nicht, was ich für einen Hunger habe!“

„Oh, das tut mir leid. Die ersten Cafés machen allerdings erst in ein paar Stunden auf.“

„Ich weiß! Ich weiß! Im Moment meint die Welt es wirklich nicht gut mit mir! Gestern zum Beispiel kidnappt mich ein Wahnsinniger und sperrt mich in ein unterirdisches Verlies, das der Wahnsinnige aus den uralten Kellerräumen eines verlassenen Hauses gebaut hat!“

Die Frau starrte ihn schockiert an. „Das … das klingt ja grausam.“

„Ja! Danke! Endlich jemand, der mich versteht! Also, da kidnappt mich dieser Wahnsinnige, also eigentlich sein Komplize, aber das ist ein unwichtiges Detail, und dann verwandelt der Wahnsinnige sich in mich. Von Kopf bis Fuß, mit Haut und Haar!“

„Er-er verwandelt sich in Sie?“

„Ja! Ein Befähigter! Ist das zu glauben? Und wie ich in diesem kalten, dunklen, stickigen Kellerverlies festsitze – ohne einen Happen zu essen übrigens! – gibt der Wahnsinnige sich bei meinen Kollegen für mich aus und bringt alle in Gefahr!“

Die Mimik der Frau wurde immer entsetzter. „Damit sollten Sie zur Polizei gehen.“

Ranpo winkte ab. „Ja ja, später. Jetzt bin ich noch zu wütend. Ich meine, wären Sie das nicht, wenn sich irgendein dahergelaufener Verrückter als Sie ausgeben würde? Klar wären Sie das, aber jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie wären der genialste Meisterdetektiv der Welt und irgendein neunmalkluger Schwindler glaubt, er könne sich als Sie ausgeben! Ach, das können Sie sich vermutlich nicht vorstellen. Ich bin schließlich der einzige geniale Meisterdetektiv der Welt.“

„Und-und warum hat dieser, wie Sie sagen, Wahnsinnige, das alles gemacht?“

„Hybris“, antwortete Ranpo knapp und ließ die Frau perplex stutzen.

„Wie bitte?“

„Hybris, Hochmut, Selbstüberschätzung. Das ist alles.“ Er wirkte beinahe gelangweilt. „Das war mir bei unserem ersten Zusammentreffen damals schon klar gewesen.“

Ranpo erinnerte sich in der Tat lebhaft an seine erste Begegnung mit dem Dieb, der sich selbst ‚Teufel‘ nannte. Ein besorgter Kurator hatte sich damals an Fukuzawa gewandt, da in ganz Japan bereits mehrere Kunstgegenstände geraubt worden waren. Viele aus Privatbesitz, aber auch einige aus Sammlungen, die nur äußerst selten gezeigt wurden. Der Kurator hatte einen privaten Sammler überreden können, gegen eine hohe Summe eine verschollen geglaubte Teeschale, die dem großen Teemeister Sen no Rikyu zugeschrieben wurde, in einer Ausstellung zeigen zu dürfen. Drei Tage vor Ausstellungseröffnung war die Ankündigungskarte des ‚Teufels‘ eingetroffen. Der junge Ranpo hatte nicht viel Zeit gehabt, sich in die anderen Fälle, an denen der Dieb beteiligt gewesen war, einzuarbeiten, doch es war ihm rasch gelungen, ein Muster zu erarbeiten.

Der ‚Teufel’ schlich sich bei seinen Opfern lange im Vorfeld ein und inszenierte das Kommen eines Meisterdiebs im großen Stil, wenn er in Wahrheit bereits vorher den gewünschten Gegenstand entwendet oder ausgetauscht hatte. Die Teeschale, um die damals dutzende Wachleute gestanden hatten, war bereits eine Fälschung gewesen. Die Echte hatte sich längst im Besitz des Diebs befunden. Ranpo hatte lediglich durch ein wenig Nachfragen in Erfahrung bringen müssen, welche Wachleute zuletzt eingestellt worden waren und ob deren Hintergrundgeschichten schlüssig waren.

In dem Moment, in dem er aufgeflogen war, hatte der ‚Teufel‘ die Flucht antreten wollen, doch sein jugendlicher Gegenspieler hatte längst die wahrscheinlichste Fluchtroute ausgemacht. Vor dem nach draußen führenden Fenster im Versorgungsraum hatte Ranpo den geplagten Fukuzawa ohne Informationen abgehängt und den Meisterdieb alleine gestellt. Da ihm dies noch nie passiert war, hatte der Dieb geradezu fasziniert gewirkt.

Du hast meine Scharade wahrhaftig durchschaut? Du bist doch noch ein Kind!“

Ich habe dein schlechtes Theaterstück zwar durchschaut, aber ich verstehe eine Sache trotzdem nicht.“

So? Und was wäre das?“

Warum hast du noch im Museum herumgehangen, wenn du die Schale schon lange an dich genommen hast?“

Der ‚Teufel‘ hatte lachen müssen. „Warum arbeitest du als Detektiv?“

Weil ich das gut kann.“

Nun, das lässt sich gewiss nicht leugnen, aber ist das der einzige Grund, aus dem man etwas macht?“

Oh nein, sag mir nicht, du hast Spaß daran zu sehen, wie alle jammern, weil der Schatz weg ist?“

Hmm, das Jammern bringt nicht halb so viel Freude wie der Spaß am Spiel, den ich verspüre, wenn ich alle hinters Licht führe.“

Was für ein Klischee!“

Oh nein, nein, ich bin ein Dieb mit einer noblen Gesinnung, fernab eines jeden Klischees. Und jemand wie du, der jemanden wie mich überführen konnte, muss somit auch von einer höheren Bestimmung geleitet sein. Wenn wir uns ähnlich sind, können wir nur zwei Dinge füreinander sein: Komplizen oder Todfeinde.“

Wir sind uns bestimmt nicht ähnlich! Ich habe schließlich keinen Vollschuss!“

Der Dieb hatte abermals gelacht. „Was ist das für ein ungewöhnliches Gefühl! Obwohl du mir auf die Schliche gekommen bist, fühle ich mich wie berauscht! Als ob ich einen ebenbürtigen Gegner für mein bislang einsames Spiel gefunden hätte! Nie hätte ich mir erträumt, dass es jemanden gibt, der mir das Wasser reichen kann!“

Du HAST einen Vollschuss!!“

Es war in diesem Augenblick, dass Fukuzawa Ranpos Spur wieder hatte aufnehmen können und die Polizisten, die vor Ort waren, zu ihm und dem Dieb geführt hatte. Der ‚Teufel‘ hatte bei ihrem Eintreffen unmittelbar einen Schalter betätigt, den er bei sich getragen hatte und damit eine Explosion an der Außenwand des Museums ausgelöst. Im daraufhin entstanden Durcheinander war er entkommen.

Die Frau in der Straßenbahn wirkte von Ranpos lapidarer Antwort mehr als irritiert. „Sicherlich macht jemand solche Dinge nicht einfach aus Hochmut.“

„Oh, doch, doch“, winkte ihr Gegenüber ab. „Und weil er Spaß an der Sache hat. Mich nennt man ständig kindisch, aber wenn so ein genusssüchtiger Spinner völlig verrückte Spiele spielt, ermahnt ihn keiner. Finden Sie das nicht auch unfair?“

„Wenn er nur ein hedonistischer Spinner ist, wie hat er Sie dann entführen können? Da muss er sich doch schon einen Plan zurecht gelegt haben.“

„Jaaa, aber keinen sonderlich guten. Sonst hätte ich ja auch nicht so leicht entkommen können.“

„U-und wie haben Sie es geschafft zu entkommen?“

„Oh, ich habe da diesen Kollegen; manchmal ist er eine wandelnde Katastrophe, aber eigentlich ist er erschreckend clever – was das Traurige an der Sache ist. Jedenfalls ist dem aufgefallen, dass etwas nicht stimmt und er hat einen Freund von mir etwas überprüfen lassen. Der Entführer hat bei all seiner gründlichen Recherche meinen Freund einfach übersehen. Was ich verstehen kann. Wenn Sie ihn kennen würden, würden Sie das auch verstehen. Dieser Freund hat also zum einen herausgekriegt, was ich im Handumdrehen herausgekriegt hätte, wäre ich nicht in ein dunkles Kellerloch gesperrt worden und zum anderen hat er durch die Hinweise meiner Kollegen das dunkle Kellerloch finden können. Zum Glück! Denn was mich richtig rasend macht, ist, dass der Wahnsinnige jemanden verletzt hat, der mir sehr wichtig ist – und das kann ich gar nicht leiden. Können Sie sich jetzt vorstellen, wie sauer ich bin?“

Die Frau starrte ihn nun vollkommen perplex an. „I-ich finde immer noch, Sie sollten damit zur Polizei gehen.“

„Ich weiß nicht.“ Ranpo legte milde schmollend den Kopf schief. „Eigentlich ist der wahnsinnige Spinner doch so unbedeutend, dass er die Mühe gar nicht wert ist. Und seine Komplizen ist er auch los. Ohne die braucht man ihn wirklich nicht ernstzunehmen.“

„Sie sollten ihn ernst nehmen!“ Scheinbar erschrocken über ihren eigenen Ausruf zuckte die Frau zusammen und fügte leiser hinzu: „Er-er klingt doch gefährlich. Sie scheinen ihn zu verharmlosen. Und vielleicht haben Sie ihm nicht richtig zugehört. Er hat Ihnen doch bestimmt verraten, warum er dies alles tut.“

„Hat er.“ Ranpo gähnte mit weit aufgerissenem Mund. „Er hat mir einen langen und sehr, sehr ermüdenden Vortrag gehalten. Darüber dass die Welt schlecht ist und die Menschen schlecht sind und wie er das, was ihm wichtig ist, retten will. Davon machte ja auch schrecklich viel Sinn, aber … sein Lösungsansatz war komplett lächerlich. Woher will er wissen, dass unter den Menschen, die er bereitwillig opfern will, nicht noch welche sind, die irgendwann etwas Großes erschaffen oder leisten werden? Natürlich sind nicht alle Menschen gut. Aber es sind doch auch nicht alle Menschen schlecht. Nur weil man mit dem momentanen Zustand der Welt unglücklich ist, sollte man doch nicht gleich die ganze Welt abschreiben. Ich glaube, die Menschen sind es wert, gerettet und beschützt zu werden. Wenn ich etwas anderes glauben würde, wäre das an Hochmut kaum zu übertreffen.“

Die Frau krallte ihre Hände in den Stoff ihres Rocks. „Warum erzählen Sie eigentlich mir das alles?“

Anstatt sofort zu antworten zog Ranpo mit seiner freien Hand seine Brille aus einer Tasche und setzte sie sich auf.

„Das hat ganz einfache Gründe: Als ich einstieg, waren Sie die Einzige, die mich angesehen hat.“

Die Frau wirkte mittlerweile vollständig durcheinander und etwas verängstigt.

„Entschuldigen Sie, ich muss an der nächsten Haltestelle raus.“

Sie kam nicht dazu, aufzustehen, denn ihr gesprächiger Mitpassagier ließ die Handschlaufe los, als die Bahn bremste und fiel auf sie. Als er sich wieder erhob, grinste er verschmitzt.

„Und außerdem“, fügte Ranpo hinzu, „habe ich seit eben schon Gänsehaut. Mich schaudert’s richtig. Irgendeine Idee, warum dem so ist … ‚Teufel‘?“

Entsetzt stellte sein Gegenüber fest, dass Ranpo bei seinem fingierten Sturz sie beide mit Handschellen aneinandergekettet hatte. Die Frau starrte die Handschellen ungläubig an, ehe ihr ein resigniertes, schwaches Lachen entwich.

„Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, in Yokohama beginnen zu wollen. Aber das Spiel habe ich trotzdem genossen. Erspare mir bitte weitere Provokationen deinerseits. Mich kümmert es nicht, ob du mich wahnsinnig oder verrückt nennst und ob du meine Genialität in Frage stellst.“ Der ‚Teufel‘ blickte in Gestalt der unauffälligen Frau zu Ranpo hoch und lächelte traurig. „Gerade weil ich dich als ebenbürtig empfinde, wundert mich deine Einstellung. Meinst du wirklich, dass noch jemand etwas Großes leisten wird? Dass noch etwas kommt, das diese Welt wertvoll macht?“

Ranpo deutete ein Schulterzucken an. „Möglicherweise ist es wert, das abzuwarten.“

 

Nachdem die fünf Verschwörer unter den nötigen Sicherheitsvorkehrungen hinter Gitter gebracht worden waren, kehrte in die Stadt allmählich wieder Ruhe ein. Atsushi wusste, dass diese Ruhe nur vorübergehend war, denn ihnen passierten schließlich ständig die merkwürdigsten Dinge. Dennoch genoss er diese ruhigen Momente, denn ohne sie – da war er sich einhundertprozentig sicher – würde er die turbulenten Zeiten nicht verkraften. Vielleicht, so überlegte er sich, hatte es der Gruppe um den ‚Teufel‘ genau daran gefehlt. An einer Perspektive, wie die Welt wohl abseits von allem Schrecklichen, was auf ihr geschah, aussah. Wäre er selbst nicht Dazai begegnet … wer konnte schon sagen, was aus ihm geworden wäre? Wie er über die Welt denken würde? Himmel, vielleicht wäre er zu einem zweiten Akutagawa geworden.

Atsushi schüttelte sich bei diesem erschreckenden Gedanken und erntete dafür fragende Blicke von Kyoka, die mit ihm zusammen zu Fuß auf dem Weg ins Detektivbüro war.

„Ist dir kalt?“ Kyoka musterte ihn und gleichzeitig ihre Umgebung. Der Wind war zwar etwas frisch, aber die Sonne schien vom blauen Himmel.

„Nein, nein. Alles gut.“ Atsushi lächelte sie an und schämte sich innerlich von neuem. Jetzt, wo alles wieder ruhig war, war ihm das Dilemma mit Kyoka und Lucy wieder eingefallen. Übermorgen war der besagte Samstag. Er musste sich endlich etwas einfallen lassen!

Sie kamen vor dem Eingang zum Gebäude an und als Atsushi die Tür öffnen wollte, hielt Kyoka ihn auf.

„Warte kurz.“

„Hm?“ Ahnt sie etwas? Liest sie meine Gedanken?

„Dazai soll heute wiederkommen.“

Huh?

„Ja, das hat Kunikida gestern erzählt.“ Worauf wollte sie hinaus? Dazai hatte aufgrund seiner Schussverletzung ein paar Tage für deren Behandlung in der Detektei gefehlt. Da er ein spezieller Fall war, kam Yosano selten bei ihm zum Einsatz. Sie müsste jedes Mal sein Herz stoppen, um ihn zu behandeln und das war allen Beteiligten zu heikel.

„Ich wollte dir nur sagen …“, begann Kyoka leicht angespannt und merklich nach den richtigen Worten suchend, „dass du auch wenn du an Dazai hängst, dich nicht immer an ihn klammern darfst.“

„K-klammern? Ich klammere mich doch nicht an-“

„Doch“, entgegnete sie energisch. „Versteh mich nicht falsch, aber manchmal wirkst du, als wärst du abhängig von ihm. Das geht so nicht. Das ist gefährlich.“

Von dieser Ansage überrollt, wusste Atsushi nichts zu antworten. Baff blickte er sie lediglich mit offenem Mund an.

„Es ist ja gar nichts falsch dabei, ihn zu bewundern“, fuhr das Mädchen fort, „aber deine Bewunderung schießt übers Ziel hinaus. Du denkst, du würdest ihn realistisch betrachten, aber das stimmt nicht. Du siehst ihn durch den verzerrten Blick eines Abhängigen. Du willst, dass er nichts anderes als gut ist, damit du ihn weiter vergöttern kannst, damit du ihm weiter folgen kannst, ohne selbst über den Weg und das Ziel nachdenken zu müssen. Das ist gerade bei Dazai gefährlich, weil man nicht vorhersagen kann, wohin sein Weg führt.“

Bei ihren Worten ließ Atsushi die Schultern hängen. „Das … das klingt ja furchtbar erbärmlich.“

„So meine ich das nicht.“ Kyoka sah ihn streng und doch irgendwie liebevoll an. „Du musst nur lernen, mehr auf deinen eigenen Beinen zu stehen. Deinen eigenen Weg zu finden. Ich glaube, von diesem Weg aus ist es leichter, den Überblick zu behalten. Und vielleicht braucht Dazai auch niemanden, der ihm nachfolgt, sondern jemanden, der an seiner Seite geht.“

Immer noch nicht wissend, was er darauf antworten sollte, starrte Atsushi die Tür an. Es ließ sich kaum leugnen, wie sehr er sich auf seinen Mentor verließ, wie … ja, wie abhängig er von ihm war. Kyoka war selbstbewusster, selbstständiger als er und sehr wahrscheinlich deswegen in diesem Job schon sehr viel weiter als er. Wenn er es schaffte, sich ein bisschen mehr von Dazai zu lösen … würde er dann endlich auch so werden? Wäre er denen, die ihm alles bedeuteten, dann nicht eine größere Hilfe?

„Bist du jetzt böse?“, fragte sie, als er immer noch nichts gesagt hatte.

Der silberhaarige Junge schüttelte sacht den Kopf und lächelte sanft. „Im Gegenteil. Danke, Kyoka. Das war hart, aber nötig. Ich denke, ich schaue wirklich immer zu viel auf Dazai.“ Und ich klappe ja fast vor Angst zusammen, wenn etwas mit ihm ist. Nein, so geht das nicht. Ich muss endlich anfangen, eigenständiger zu werden. Ich will mich nicht nur auf Dazai verlassen, ich will, dass Dazai sich auf mich verlassen kann!

Atsushi hatte in den letzten Tagen oft an das gedacht, was Naomi an seinen Schwächen aufgelistet hatte, als sie unter dem Einfluss von Priestleys Fähigkeit gestanden hatte und sich gefragt, was sie noch aufgezählt hätte, wenn der Inspector sie nicht unterbrochen hätte. Allen waren seine Schwächen bewusst und er selbst war sich mehr als bewusst, dass er an diesen arbeiten musste. Ein Immer-so-weiter, bei dem er sich einfach an Dazai dranhing und dann hoffte, dass alles gut werden würde, war sicher nicht die Einstellung eines guten Detektivs. Er wollte kein Detektiv sein, der ständig die Hilfe von anderen brauchte. Er wollte ein Detektiv sein, der anderen half.

Er fühlte sich in seinem Beschluss bestärkt, als Kyoka ihm ein erleichtertes Lächeln schenkte.

„Aber“, ergänzte Atsushi dezent peinlich berührt, „könntest du nicht ständig so schrecklich erwachsen klingen? Das würde es mir auch etwas leichter machen.“

„Oh?“ Sie blinzelte. „Ich kann es versuchen. Erwarte aber bitte nicht zu viel.“

„Ooooh~“, vernahmen sie hinter sich die ihnen wohlbekannte Stimme desjenigen, über den sie gerade eben noch gesprochen hatten. Sichtlich gut gelaunt kam Dazai auf sie zu und setzte – erneut mit dem falschen Arm – zum Winken an. „Autsch! Wieso vergesse ich das bloß immer wieder?“

Atsushi lachte etwas peinlich berührt, machte die Tür auf, durch die Kyoka zuerst ging und hielt sie dann für den Älteren auf.

„Vielen Dank, Atsushi, du kümmerst dich wenigstens noch um einen armen Invaliden wie mich“, jammerte Dazai mit ungebrochener Heiterkeit, als er hereinspazierte. „Kunikida könnte sich eine Scheibe von dir abschneiden. Der will doch tatsächlich, dass ich mich heute an meine unfertigen Berichte begeben soll, wo meine Verletzung doch noch so wehtut.“ Er sah den Jüngeren dabei hoffnungsvoll an, was diesen zum Seufzen brachte.

„Du willst, dass ich dir helfe?“

„Uh, gut kombiniert“, lobte Dazai ihn.

„Ich kann dir helfen, aber ich werde nicht die ganze Arbeit erledigen“, blieb Atsushi zu Kyokas Bewunderung standhaft.

Dazai wirkte einen flüchtigen Moment lang etwas baff, dann lachte er. „Das ist eine schöne Überraschung! Ich hatte eigentlich angenommen, du würdest Schuldgefühle haben wegen meiner Verletzung, aber dass dem nicht so ist, heißt, du entwickelst dich langsam.“

Diese Aussage war wiederum eine Überraschung für den Jungen. Verlegen kratzte er sich an der Wange. „Na ja, ich meine, es tut mir leid, aber ich wollte ja nicht auf dich schießen.“

„Ich vermute, mit dieser Einstellung gehörst du einer Minderheit an. Die meisten Menschen wollen auf mich schießen, nur richtig treffen tut keiner“, sagte Dazai im Scherz, löste damit aber nicht die gewünschte Reaktion bei seinem Schützling aus. In Atsushis Gesicht zeigte sich mit einem Mal eine große Nachdenklichkeit.

Ein Detektiv, der anderen hilft. Jemand, der erkennt, wenn andere Hilfe brauchen.

„Kyoka, gehst du schon mal vor? Ich will noch kurz etwas mit Dazai besprechen“, sagte der Junge erstaunlich ernst.

„In Ordnung.“ Kyoka nickte und stieg die Treppe empor.

Als sie außer Sichtweite war, verkrampfte Atsushi seine Hände um den Gurt seiner Tragetasche und kaute nervös auf seiner Unterlippe.

„Wenn du Zeit vertrödeln willst“, sagte Dazai, nachdem er sich dies kurz interessiert angesehen hatte, „dann solltest du das möglichst außerhalb von Kunikidas Reichweite machen. Hier findet er dich zu schnell.“

„Ich will keine Zeit vertrödeln“, entgegnete Atsushi ungewohnt forsch. „Ich weiß nur nicht, wie ich dir sagen soll, was ich sagen will!“

„Vielleicht indem du es einfach sagst?“ Er beobachtete, wie die Hände des Silberhaarigen den Riemen festhielten, als wären sie eine Rettungsleine, die er nicht loslassen durfte. Dann nahm Atsushi tief Luft und blickte Dazai direkt an.

„Ich verstehe dich oft nicht. Ich verstehe nicht, warum du manche Dinge machst. Warum du meinst, manche Dinge machen zu müssen. Aber ich weiß, dass du mir wichtig bist. Ich weiß, dass ich dich nicht verlieren will und dass ich – auch wenn ich versuchen will, mehr auf eigenen Beinen zu stehen – dich noch lange brauchen werde, Dazai. Du gehst mit dir selbst so rücksichtslos um, dass ich Angst habe, du könntest plötzlich nicht mehr da sein. Bitte, Dazai, sei noch ganz lange da! Nicht nur für mich! Auch für die anderen! Für die Detektei! Für die Menschen, die wir beschützen! Und vor allem für dich selbst! Bitte, Dazai, achte mehr auf dich! Du bist uns allen wichtig! Kannst du dir nicht selbst auch wichtig sein? Kannst du dir nicht wichtig genug sein, um auf dich Acht zu geben? Kann ich irgendetwas tun, damit dem so ist? Damit du hier bleibst? Damit du bei uns bleibst?“

Eine merkwürdige Stille legte sich über die beiden, in der Atsushi inständig hoffte, zu dem Anderen durchgedrungen zu sein. Dazai blickte ihn jedoch nur dezent verstört an und drehte sich schließlich um, um die Treppe hinaufzusteigen.

„Ich habe es mir anders überlegt: Sag es doch nicht.“

„Dazai …“

Der Angesprochene hielt wieder an. Ohne sich umzudrehen seufzte er tief. „Atsushi. So einfach ist das eben nicht.“

„Das habe ich auch nicht behauptet! Aber … eventuell ist auch dein Lösungsansatz falsch. Vielleicht hast selbst du irgendwo einen Denkfehler oder übersiehst etwas.“

Nach ein paar Sekunden, die sich für den nervösen Jungen wie eine Ewigkeit anfühlten, wandte Dazai sich ihm wieder zu. Er wirkte weder erbost noch sonst etwas in dieser Richtung. Dazai wirkte … verblüfft.

„Du überraschst mich schon wieder, Atsushi.“ Der Hauch eines Lächelns legte sich über sein Gesicht. „Das ist mal sehr interessant. Irgendetwas mache ich bei dir richtig.“

„Das will ich schwer hoffen.“ Der Junge schloss zu ihm auf. „Du bist schließlich mein Mentor. Und ich bin dein Schüler. Vergiss das bitte nicht. Vergiss das bitte niemals.“

 

Als die zwei im Büroraum ankamen, seufzte Atsushi in Gedanken wohlig. Jeder war an seinem Platz und war so, wie sie immer waren. Die Tanizakis saßen am Computer, während Naomi ihre Finger nicht von ihrem Bruder lassen konnte. Kenji wässerte seine Pflanzen, Yosano besprach etwas mit Kyoka, Kunikida schimpfte, dass Dazai zu spät kam und Ranpo war in ein Videospiel vertieft.

Atsushi war noch nicht an seinem Platz angelangt, als Fukuzawa hinter ihnen den Raum betrat.

„Der ‚Teufel‘ und seine Komplizen sind ohne Zwischenfälle weggebracht worden“, verkündete er seinen Mitarbeitern. „Der Chip scheint problemlos zu funktionieren.“

Da es keine Möglichkeit gab, die Fähigkeit des Diebs dauerhaft zu neutralisieren, hatte man ihm einen Chip unter die Haut gepflanzt, mit dem er, sollte er je aus dem Hochsicherheitsgefängnis fliehen, identifiziert werden konnte. Egal, welche Gestalt er annahm, die dazugehörenden Detektoren, die an die Militärpolizei ausgehändigt wurden, würden ihn erkennen. Die Polizei hatte eigentlich auch mit Dazais Hilfe seine wahre Identität feststellen wollen, doch der ‚Teufel‘ hatte daraufhin einen regelrechten Nervenzusammenbruch erlitten. Er hatte sie alle schreiend und weinend angefleht, dies nicht zu tun – und Ranpo hatte letzten Endes entschieden, dass es keinen Unterschied machte zu wissen, wie der Dieb tatsächlich aussah. Vielleicht wusste der ‚Teufel‘ dies selbst nicht mehr, vielleicht wollte er nicht daran erinnert werden. So oder so; er konnte sie nicht mehr täuschen und damit waren diese Überlegungen eh hinfällig.

„Hast du mich gehört, Ranpo?“, fragte Fukuzawa, nachdem von dem Schwarzhaarigen keine Reaktion gekommen war. Er hatte stur sein Spiel weitergespielt. Jetzt senkte er es langsam ab und zeigte damit allen seine missmutige Miene.

„Hauptsache, ER ist weg und ihr könnt MICH nicht mehr mit so einem SPINNER verwechseln!“

„Er ist immer noch beleidigt?“, raunte Atsushi extrem leise Kunikida zu, der nickte.

„Er lässt unsere Entschuldigungen nicht gelten.“

„ICH BIN NICHT BELEIDIGT“, motzte Ranpo in Richtung der beiden, die erschrocken zusammenfuhren, „ICH BIN SAUER! Ihr wurdet nicht geknebelt, weggetragen, eingesperrt und ausgetauscht!! AUS-GE-TAUSCHT!!“

„Oje, jetzt wird mir die Sache allmählich klar“, warf Yosano etwas neckisch ein. „Ranpo leidet an … Normalo-Komplexen.“

„ICH BIN KEIN NORMALO!! ICH BIN EIN MEISTERDETEKTIV!!“

Atsushi überlegte, ob er einwenden sollte, dass Ranpo definitiv nicht normal war … aber das ließ er lieber bleiben.

„Das mag sein“, sagte Fukuzawa, als wäre es etwas, was er unbedingt und doch möglichst beiläufig klingend loswerden wollte, „doch du bist nicht der einzige Detektiv hier. Die Detektei ruht nicht alleine auf deinen Schultern. Wenn du jemals bei einem Fall nicht weiterweißt, sind wir auch noch da. Das weißt du, oder?“

„Häh?“ Ranpo blickte ihn bockig an. „Wo kommt das denn her? Was hat dieser durchgeknallte Teufelsvogel hier angestellt, dass du mir so kommst? Nein, ich will es gar nicht wissen. Der hat sich bestimmt dumm angestellt und IHR. HABT. DEN. FÜR. MICH. GEHALTEN!“

„Willst du sagen, dir würden niemals Fehler unterlaufen?“, erwiderte der Chef.

Eine Schnute ziehend kreuzte Ranpo die Arme vor der Brust. „Ich sagte, ich bin ein Meisterdetektiv und kein unfehlbarer Gott. Und als würde ich nicht wissen, dass ihr auch noch da seid. Ich bin offensichtlich klüger als ihr, aber ohne euch geht es nicht. Wie heißt der Laden hier denn? Doch wohl ‚Büro der bewaffneten Detektive‘ und nicht ‚Büro des bewaffneten Detektivs.‘ Ich trage ja nicht einmal eine Waffe!“

Der Ansatz eines stolzen Lächelns war in Fukuzawas Mimik auszumachen, bevor sein ältester Schützling weiter polterte:

„Die Süßigkeiten haben den Schwindler auffliegen lassen! Man sollte doch meinen, mich würde mehr als das ausmachen! Gut, kann ich mich halt nicht in einen Tiger verwandeln oder Dämonen beschwören oder Häuser anheben! Aber dafür bin ich eben verdammt klug! Das IST AUCH eine Fähigkeit!“

„Also, jedes Haus kann ich auch nicht anheben“, wandte Kenji unschuldig ein, den Kern des Problems meilenweit verfehlend.

„Steht in eurem Handbuch denn nicht, was mich als Meisterdetektiv ausmacht?“ Ranpo schaute den gerade sehr bleich werdenden Kunikida an.

„H-handbuch?“, stammelte dieser. „I-ich weiß nicht-“

Ranpo winkte ab. „Ihr glaubt also auch noch, dass ich davon nichts wüsste?“

„T-tut mir leid, Ranpo“, beichtete Kunikida ihm nun. „Das Buch war nie dazu gedacht, dich zu beleidigen.“

„Beleidigen?“ Der Schwarzhaarige stand von seinem Platz auf und marschierte schnurstracks auf Atsushi zu, der umgehend so bleich wie Kunikida wurde. „Wer redet denn von beleidigen? Ich mag das Buch. Da stehen nützliche Sachen drin. Und ich rieche, dass Atsushi Reiscracker in seiner Tasche hat. Die mit Soyasaucengeschmack.“

Erleichtert blickte Atsushi in das nun wieder sanfte Gesicht des Kollegen (das entfernt an das einer Katze erinnerte, die etwas Leckeres gerochen hatte und jetzt darauf wartete, etwas davon abzubekommen), öffnete seine Tasche und gab ihm die Tüte mit den Crackern. Ranpo riss die Tüte auf, schüttete sich ein paar Cracker in den Mund und schmatzte zufrieden.

„Ich glaube, das ganze Handbuch handelt davon, wie außergewöhnlich du bist“, sagte Dazai amüsiert. „Über mich schreibt Kunikida nie solche netten Sachen.“

„Daran bist du selbst schuld“, gab der Idealist ihm prompt zur Antwort.

„Ach, Kunikida.“ Ranpo hatte die erste Portion heruntergeschluckt. „Ich weiß nicht, was der dusselige ‚Teufel‘ zu dir gesagt hat, aber hör auf, mich anzugucken, als würde ich schlecht von dir denken. Was auch immer er gesagt hat, ist sicher nicht das, was ich sagen würde.“

„Huh?“ Kunikida fiel vor Schreck fast von seinem Stuhl. „Natürlich, Ranpo. Ich würde nie annehmen-“

„Hast du aber.“

„J-ja, ich meine, n-nein, ich meine-“

„Ich meine“, setzte Ranpo an und grinste dabei zufrieden, „dass der Chef zwei Dinge richtig gemacht hat: Erstens, mein Talent zu erkennen. Zweitens, dich zum Vize zu machen. Und jetzt hör du auf, dieses Gesicht zu machen. Du verdirbst mir den Appetit.“

Kunikida starrte den älteren Kollegen noch kurz an, ehe er vor Erleichterung lächelte. „Danke, Ranpo. Danke.“

Derweil sah Fukuzawa aus, als wollte er nachhaken: „Zwei Dinge?? Nur zwei Dinge??“ Stoisch wie er war, seufzte er lediglich und schüttelte den Kopf dabei. Während Ranpo schon wieder Atsushis Tasche fixierte, um die darin enthaltene zweite Packung Cracker zu bekommen (von wegen Appetit verderben), schickte der einzigartige Meisterdetektiv noch eine kryptische Botschaft an den Gründer des Detektivbüros: „Das wäre auch die Gelegenheit, eine dritte Sache richtig zu machen. Bevor ich erneuten Ärger damit habe.“

Die Miene des Chefs verriet, dass Ranpo etwas wollte, was dem Silberhaarigen Unbehagen bereitete. Atsushi wollte gerade Dazai fragen, ob er die rätselhaften Worte Ranpos verstanden hatte (und ob sie sich wirklich alle sicher waren, dass Ranpo kein Befähigter war – wie konnte er ständig die Gedanken aller kennen?), als Fukuzawas Blick auf Dazai fiel.

„Dazai“, sagte der Chef ernst, „komm bitte in mein Büro.“

„Ach ja“, erwiderte Dazai leise, seine gespielte Heiterkeit krampfhaft aufrecht erhaltend. „Da war ja noch was.“

 

Glücklicherweise hatte die Kriminalpolizei Dazais Anklage fallengelassen, nachdem ans Licht gekommen war, dass der ‚Teufel‘ hinter allem gesteckt hatte. Und es war nicht weniger glücklich gewesen, dass Priestley die Informationen, die er über Dazai zusammengetragen hatte, niemandem bei Interpol oder der Militärpolizei weitergeben hatte.

Nicht genau wissend, wie er dieses Gespräch eigentlich beginnen sollte, blickte Fukuzawa, der sich hinter seinem Schreibtisch niedergelassen hatte, zu seinem Sorgenkind hoch, das vor ihm stand. „Dazai, ich kann dir nicht vorschreiben, was du in deiner Freizeit machst – wobei es genau genommen teilweise deine Arbeitszeit betrifft – doch ich hoffe, dir ist bewusst, in welche Situation du dich und uns letztens gebracht hast?“

„In keine sonderlich Gute.“ Dazai lächelte forciert und verkrampfte ungesehen seine Hände in den Taschen seines Mantels. „Ich bin mir bewusst, dass der ‚Teufel‘ nur so weit kommen konnte, weil ich … unpässlich gewesen war.“

„Verstehe mich bitte nicht falsch, ich will nicht dir die Schuld daran geben. Das wäre falsch. Sie hätten einen anderen Weg gefunden, dich auszuschalten. Das Ergebnis wäre das Gleiche gewesen.“

„Schon, aber ich habe ihnen mit meinem Verhalten Tür und Tor geöffnet, finden Sie nicht?“

„Denkst du so darüber?“

„Sie sollten so darüber denken.“ Dazai gehörte zu den wenigen, die nicht zurückwichen, wenn die Mimik des Chefs finsterer wurde. „Nicht, dass ich Ihnen vorschreiben will, was Sie zu denken haben.“

Fukuzawa atmete laut aus. „Dir ist klar, was das für Konsequenzen hätte, wenn deine Vergangenheit aufgedeckt würde, oder?“

„Das wäre nicht gut für die Detektei“, antwortete Dazai, den deutlicher werdenden Schwermut in seiner Stimme nur notdürftig versteckend. Er wunderte sich, warum der Chef ihn nun dezent irritiert anschaute.

„Das wäre nicht gut für die Detektei, das ist auch wahr, aber das ist nicht das, worauf ich hinauswollte.“

„Es ist das, worauf Sie hinauswollen sollten.“

Kaum hatte Dazai dies geäußert, entwich Fukuzawa mit unmutiger Miene eine ausgeprägtes Grollen, was selbst ihn ein wenig zusammenzucken ließ.

„DU wärst dann in Schwierigkeiten, Dazai! In Schwierigkeiten, aus denen dich weder Ranpo noch ich befreien könnten! Verstehst du das? Es kann für dich ernsthaft gefährlich werden!“

Nun war es Dazai, der irritiert (und das nicht nur dezent) dreinblickte. Dann schüttelte er lachend den Kopf. „Oh nein, Chef, ist das Ihr Ernst? Sie machen sich Sorgen um mich?“

„Das ist mein Ernst“, sagte Fukuzawa in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ. „Du solltest das nicht lustig finden.“

Der Detektiv stellte sein Lachen ein. „Sie wollten mir doch nichts vorschreiben. Das passt auch nicht zu Ihnen.“

Ob es daran lag, was Dazai gesagt hatte, oder wie er es gesagt hatte, oder ob es die Situation an sich war; es machte Fukuzawa dermaßen aufgebracht, dass ihm beinahe danach war, Dazai eine zu scheuern. So, wie er es damals bei Ranpo getan hatte, doch Ranpo war damals noch ein Kind gewesen. Ein Kind, das Situationen falsch eingeschätzt hatte, das sich selbst überschätzt hatte. Ein Kind eben. Aber Dazai war erwachsen. Sollte er nicht wissen, was er tat? Sollte nicht gerade einem dermaßen klugen und genialen Geist bewusst sein, was er tat? Er sah ihn an und überdachte seinen Gedanken sogleich. Möglicherweise hatte auch er einen Denkfehler begangen. Möglicherweise war das, was Fukuzawa davon abhielt, ihm eine zu scheuern, die Angst davor, hinter Dazais abgeklärte Fassade zu blicken. Möglicherweise hatte er ein weiteres Kind vor sich.

„Vielleicht sollte ich bei dir eine Ausnahme machen.“ Fukuzawa versuchte, streng und gleichzeitig nicht zu streng zu klingen, was ihn reichlich Mühe kostete.

„Sie wollen mir etwas vorschreiben? Chef, das ist vergebene Liebes-“ Dazai verstummte, als der grimmige Blick des Älteren ihn traf.

„Ich will dich etwas fragen und ich will, dass du mir ehrlich antwortest: Warum begibst du dich in solche Situationen wie am vergangenen Wochenende? Warum ziehst du ziellos durch die Gegend und betrinkst dich bis zur Besinnungslosigkeit?“

Man konnte Dazai anmerken, dass ihm die Frage nicht genehm war und er am liebsten einfach gehen wollte. „Das … das hat zu viele Gründe.“

„Nenn mir einen.“

Dazais Fingernägel bohrten sich inzwischen bereits in seine eigenen Hände. „Weil ich nicht finden kann, wonach ich suche.“

„Und wonach suchst du?“, hakte Fukuzawa unnachgiebig nach.

„Einem Sinn.“

„Ich verstehe.“

Dazai wollte umgehend einwenden, dass der Chef ihn sicher nicht verstand, doch Fukuzawa bedeutete ihm, zu warten.

„Ich kann dir darauf leider keine vollständig befriedigende Antwort geben“, fuhr der Ältere nach einer Weile nachdenklich fort, „ich kann dir nur sagen, was ich darüber weiß.“

„Und das wäre?“

„Ein Sinn ist nichts, das in der Welt herumliegt und über das man einfach zufällig drüberstolpert. Nach meiner Erfahrung muss er immer aktiv von einem selbst hergestellt werden. Nur dann kann man davon sprechen, einen Sinn gefunden zu haben.“

Dazai antwortete zunächst nicht. Er schien durch den Vorgesetzten hindurch zu blicken, während er dessen Worte sacken ließ. Ohne es selbst zu bemerken, entspannten sich seine Hände. „Einen Sinn … herstellen?“, wiederholte er leise.

„Ich weiß nicht, ob dir das weiterhilft, aber ich denke, es ist es wert, darüber nachzudenken.“

Ohne sich zwingen zu müssen, stahl sich ein schwaches Lächeln auf Dazais Gesicht. „Darüber nachzudenken kann ja nicht schaden.“

„Komm zu mir, wenn du Hilfe dabei brauchst.“

Bereits auf dem Weg zur Tür, drehte Dazai sich ihm noch einmal zu. „Chef, an Ihnen ist ein Philosoph verloren gegangen.“ Er öffnete die Tür und rannte fast in Haruno hinein, die darauf gewartet hatte, dass die beiden ihr Gespräch beendeten.

„Chef“, rief die Sekretärin fröhlich in den Raum hinein. „Ich habe sie! Ich habe die Karten!“

 

Atsushi konnte sein Glück kaum fassen.

Es war ein strahlend schöner Samstagmorgen, die Luft war rein und klar, der Himmel blau, die Blätter bunt und er stand mit Lucy und Kyoka auf dem Vorplatz des Zirkuszeltes. Oh, und mit der gesamten Detektei. Sie waren alle hier, um die Mittagsvorstellung der Zirkustruppe zu sehen. Haruno hatte ihnen allen erklärt, dass dies die einzigen Karten gewesen waren, die sie in der kurzen Zeit noch hätte besorgen können. Als Atsushi völlig verdattert gefragt hatte, warum sie sich überhaupt um die Karten bemüht hatte, hatte die Sekretärin ihm eröffnet, dass niemand Geringeres als Ranpo den Chef darum gebeten hatte. Und ja, natürlich kannte Fukuzawa jemanden vom Zirkus. Das war noch so eine Sache, über die Atsushi sich nicht mehr wunderte.

Mit mittelschwerer Nervosität hatte der Junge daraufhin Lucy mitgeteilt, dass das ganze Detektivbüro mitkäme, doch zu seinem erneuten, unverschämten Glück hatte sie nichts dagegen gehabt. Obwohl er sich so einen Fauxpas geleistet hatte, sah es so aus, als würde er unentdeckt und ungestraft davonkommen.

Während Kunikida ausrechnete, wann und wie sie die durch den kurzfristigen Betriebsausflug verlorene Arbeitszeit wieder aufholen sollten, brannte Naomi eine andere Frage unter den Nägeln.

„Mal ehrlich, Ranpo“, sagte sie leise zu dem aus einem lächerlich großen Popcorneimer futternden Meisterdetektiv. „Du sagtest, du wolltest die Karten nur haben, weil du die Show gucken wolltest, aber hätte dann nicht eine Karte gereicht?“

Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. „Der Chef wollte mich wohl nicht bevorteilen. Auch wenn ich es verdient hätte!“

„Ist es nicht möglich, dass du Atsushi aus der Klemme helfen wolltest?“, mutmaßte Tanizaki.

Er zuckte erneut mit den Schultern. „Ich will nur keinen Knatsch haben.“

„Wenn Atsushi sich jetzt nicht verplappert, dann kommt er heil aus der Geschichte raus“, bemerkte Yosano, wie die anderen den Blick auf die zwei Mädchen und Atsushi gerichtet.

„Ich war noch nie so stolz auf ihn wie in diesem Moment!“, jubilierte Dazai überschwänglich und guckte im Anschluss fragend zu Kunikida, als dieser mit einem lauten ‚Klapp!‘ sein Notizbuch zumachte.

„DU BRINGST IHM DIE VÖLLIG FALSCHEN SACHEN BEI!!“, explodierte der Idealist. „UND WIESO STEHT AUF MEHREREN SEITEN IN MEINEM NOTIZBUCH: ‚KUNIKIDA DARAN ERINNERN, DASS WIR VOM GLEICHEN KERL ANGEGRABEN WURDEN‘??!!“

Während Dazais Lachen und Kunikidas Fluchen über den Vorplatz schallten, wurde Atsushi ein bisschen bleich.

War es wirklich richtig, den Mädchen nicht die Wahrheit zu sagen? Durfte er diesen Tag genießen, wenn er nicht ganz aufrichtig war?

„Oh nein, er verbockt es. Und das nach all der Mühe, die ich mit den Karten hatte“, stellte Ranpo ernüchtert beim Anblick des Jüngeren fest.

„Kyoka, Lucy, ich muss euch etwas sagen“, begann Atsushi und zwang sich, die zwei anzusehen. „Ich-ich hatte mich aus Versehen, und wirklich aus Versehen, für diesen Tag mit euch beiden verabredet. Es tut mir so leid, es war keine böse Absicht!“ Er machte eine tiefe Verbeugung vor ihnen.

„Komm runter, Tigerkätzchen, das wissen wir längst.“

Häh?

Atsushi schnellte wieder nach oben und sah direkt in Lucys abgeklärte Miene. Sie winkte ab.

„Glaubst du, Kyoka und ich reden nie miteinander?“

„Du hast dich so seltsam verhalten, dass ich Lucy danach gefragt habe“, sagte Kyoka nüchtern. „Uns war direkt klar, was passiert war.“

Häh? Häh? Häh?

„Ich war zwar anfangs nicht begeistert“, fuhr Lucy fort, „aber dann sagte die Kleine mir, alle Detektive würden nun mitkommen und ob das für mich in Ordnung wäre. Es gibt Schlimmere als euch, also …“ Sie zuckte übertrieben gleichgültig mit den Achseln.

„Tut mir ehrlich leid“, wiederholte Atsushi aufrichtig.

„Du wärst eh heute mit uns mitgekommen.“ Kyokas beiläufige Aussage verwirrte Lucy.

„Wieso?“

„Du gehörst doch irgendwie dazu“, antwortete Kyoka, nicht minder um Gleichgültigkeit bemüht.

„Das ist wahr“, bestätigte Atsushi der plötzlich stark errötenden Kanadierin.

Lucy schüttelte sich kurz, blinzelte ihre Tränen weg und gab sich wieder betont gelassen. „Gehört der da auch zu euch oder ist er hier, um dem Zirkus beizutreten?“ Sie zeigte auf ihren alten Kollegen Poe, der sich zu ihnen gesellte und Lucys Bemerkung nicht amüsant fand.

„Karl und ich wurden eingeladen! Der Chef der Detektive hat mir extra auch eine Karte besorgt!“ Augenscheinlich rührte dieser Umstand den Amerikaner fast zu Tränen.

Endlich gaben Fukuzawa und Haruno, die sich bei dem Bekannten des Chefs persönlich bedankt hatten, ihnen das Zeichen, ihre Plätze einnehmen zu dürfen. Unzählige andere Besucher waren bereits in das Zirkuszelt gegangen. Die Plätze, die Haruno hatte arrangieren können, waren in einem gesonderten Bereich.

„Ich hoffe, es sind gute Plätze“, sagte Dazai belustigt -

und bereute seinen Wunsch nur wenige Augenblicke später.

„Chef, das sind miese Plätze.“

„Ist mir auch aufgefallen.“ Fukuzawa räusperte sich.

„Rintaro, der dumme Meisterdetektiv will mir nichts von seinem Popcorn abgeben!“

„Oh, Elisechen, ich kaufe dir nachher eigenes. So viel du willst!“

Mori und Elise saßen direkt bei ihnen und auch Atsushi hatte es nicht besser getroffen.

„Higuchi, das sind schlechte Plätze.“ Akutagawa starrte mit missmutiger Miene vor sich hin, während seine Untergebene sich unentwegt entschuldigte. „Was machst du im Publikum, Menschentiger? Solltest du nicht durch einen brennenden Reifen springen?“

„Solltest du nicht … nicht … auf eine Clownsschule gehen??“ Atsushis verzweifelter Versuch eines Konters beeindruckte Akutagawa wenig.

„Oh, Atsushi, das üben wir aber noch einmal“, neckte Dazai ihn und richtete seine Augen, in denen etwas schelmisch aufblitzte, auf die gegenüberliegende Seite der Zuschauerränge. „Zum Beispiel so.“ Er stand auf und brüllte quer durchs Zirkuszelt: „Chuuuuuuya! Was machst du denn da hinten? Solltest du nicht mit zwei Dutzend deiner nächsten Verwandten aus einem winzigen Auto steigen?“

Das rothaarige Führungsmitglied, das inmitten der normalen Zuschauer saß, zog sich ertappt seinen Hut tiefer ins Gesicht und rutschte auf seinem Platz herunter, um den neugierigen Blicken der anderen zu entkommen.

„Ach, wie süß! Es ist ihm peinlich, hier gesehen zu werden“, frohlockte Dazai. Dass seine Adleraugen ihn in der Menge erspäht hatten, würde ihm neues Material für Monate liefern.

„Er hätte doch etwas sagen können“, wunderte Mori sich. „Ich hätte ihm doch ganz leicht eine Karte besorgen können.“

„So nah an der Bühne zu sitzen, wäre ihm bestimmt unangenehm. Er könnte doch kaum über die Bande schauen“, legte Dazai nach.

„Dazai hat die Clownsschule auf jeden Fall nicht nötig“, seufzte Atsushi, den Umstand, dass sie bei der Hafen-Mafia saßen, nicht so locker hinnehmend wie sein Mentor.

„Wenn ich mir das so ansehe und so darüber nachdenke“, Ranpo verteidigte sein Popcorn gegen die übergriffigen Hände und Pfoten von Elise und Karl, „dann bin ich wirklich der einzige Normale hier. Das ist vielleicht gar nichts Schlechtes. Und auf jeden Fall ist dieser Zirkus den ganzen Zirkus wert.“

Zufrieden schob er sich eine weitere Hand voll Popcorn in den Mund und schmatzte genüsslich.
 


Nachwort zu diesem Kapitel:
Eins meiner Lieblingshobbys? Büroszenen mit Kunikida erfinden. Eigentlich wollte ich etwas viel Kürzeres schreiben. Doch dann kam mir mal wieder eine andere Idee und die Geschichte wurde länger und länger. Der besagte Dieb stammt aus den Jugendbüchern von Ranpo Edogawa und eigentlich hätte ich ihn lieber mit „Dämon“ übersetzt, aber so wird in der Serie ja schon Fjodor genannt, also wurde es „Teufel.“ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Aus Spaß an der Freude fragte ich mich: Ob ich es irgendwann mal schaffe, eine Zeile aus „Nancy Boy“ zu verwenden? Tada~. Der Name Shizuko kommt in Osamu Dazais Roman „No Longer Human“ vor. Tanaka ist einfach ein häufiger japanischer Familienname, daher habe ich ihr diesen gegeben. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
J.B. Priestley (1894-1984): britischer Schriftsteller.
Chuuya auftreten zu lassen, macht immer besonders viel Spaß. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Tennessee Williams (1911-1983): US-amerikanischer Schriftsteller. „The Glass Menagerie“ ist eines seiner bekanntesten Theaterstücke. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Bei Shigeko verhält es sich wie bei Shizuko: Der Vorname stammt aus Dazais Roman, der Nachname ist ein häufiger japanischer Familienname.
Thornton Wilder (1897-1975): US-amerikanischer Schriftsteller.
Edith Wharton (1862-1937): US-amerikanische Schriftstellerin. Wharton hat lange in Frankreich gelebt, weswegen ich trotz fehlender Französisch-Kenntnisse mein Bestes gebe, um das durchklingen zu lassen.
Skipper ist ein Charakter aus Tennessee Williams’ Drama „Cat on a Hot Tin Roof.“ Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Kajii ist ein schwierig unterzubringender Charakter, aber ich freue mich jedes Mal, wenn ich es irgendwie schaffe. Genauso freut es mich, dass ich endlich eine Zeile aus „Post Blue“ unterbringen konnte, weil ich das Lied sehr mag. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich erwähnte, dass es unheimlichen Spaß macht, Chuuya zu schreiben, oder? Es lässt sich leicht erraten, wer im nächsten Kapitel wiederkommt. ;)
Ich freue mich übrigens immer über Rückmeldungen - falls ich das noch nicht erwähnt hatte. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Da Odasaku einer der besten und wichtigsten Charaktere der Serie ist, suche ich immer nach Möglichkeiten, ihn vorkommen zu lassen. Und mein Darling Poe bekommt auch noch mal ein bisschen Zeit im Rampenlicht.
„Where is My Mind“ (im Original von The Pixies) gehört wie „Running Up That Hill“ (von Kate Bush) zu den Coversongs, die Placebo sich zu eigen gemacht haben. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Edith Whartons „The Age of Innocence“ ist wahrscheinlich einer der schwierigsten Romane, die ich bislang gelesen habe, aber er bietet so viel Material für einen BSD-Bösewicht, dass ich mich gar nicht beschweren will. Ich hoffe sehr, ich konnte euch mit der Wendung am Schluss des Kapitels überraschen. Habt ihr das kommen sehen? Ich habe mich sehr bemüht, euch auf die falsche Fährte zu schicken. ;) Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
„The Fiend with 20 Faces“ (jap.: Nijû mensô) – der exzentrische Dieb aus Edogawas Jugendbuchreihe – ist ein Meister der Verkleidung. Ursprünglich hatte ich eine einfache Geschichte mit ihm vor, aber dann kam mir die Idee, aus der Sache mit der Verkleidung eine Fähigkeit zu machen. Seinen Monolog habe ich zig Male umgeschrieben, bis ich zufrieden war. Ich hatte ebenfalls das Aufeinandertreffen der Charaktere umschreiben müssen, weil meine Internetrecherche ergab, dass Nogeyama Park tatsächlich einen kleinen Berg (jap.: yama) beinhaltet. So habe ich alles in den Zoo verlegt. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
„Our Town“ ist ein Theaterstück von Wilder. Aus diesem habe ich auch den Einfall mit den Schlaufen. „An Inspector Calls“ ist ein Drama von Priestley.
Und wer rettet die Lage? Karl der Waschbär natürlich. Komplett anzeigen
Nachwort zu diesem Kapitel:
Konnte ich euch mit der Szene in der Straßenbahn noch einmal überraschen? Ich muss zugeben, mir hat es wahnsinnig viel Spaß gemacht, ständig falsche Fährten zu legen und die Handlung Haken schlagen zu lassen. Ich hoffe, es war nicht zu verwirrend. Es war auch wieder eine schöne Herausforderung gewesen, Fähigkeiten für die eigenen Charaktere zu entwickeln. „Our Town“ hatte ich schlichtweg aus Interesse gelesen und dann gedacht: Oh Mann, daraus könnte man eine coole Fähigkeit machen. Zusammen mit dem Fiend/Teufel entstand dann das, was ihr hier gelesen habt.
Ich hoffe, die Geschichte hat euch gefallen. Lasst mir ruhig eure Gedanken dazu da. Ich bedanke mich von Herzen für eure Aufmerksamkeit und euer Interesse! Bis zum nächsten Mal! Komplett anzeigen

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