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Der Schwarze Drache

von

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Ankunft: Hongkong im Zeichen des Regenbogens

Hallo! Schön, dass ihr meine Geschichte gefunden habt.
 

Nach langer Zeit hat mich endlich mal wieder eine Idee so richtig gepackt. Was euch erwartet, ist ein Drama mit starken Thriller-Elementen. Themen wie Macht, Missbrauch und deren psychische Auswirkungen werden hier eine zentrale Rolle spielen. Ich werde vor den einzelnen Kapiteln entsprechende Triggerwarnungen einfügen.
 

Ein wichtiger Hinweis vorab: Wer hier eine romantisierte Vorstellung von einer Trauma-Bindung (Stockholmsyndrom) sucht, ist hier leider falsch. Mir geht es um eine realistische und ungeschönte Darstellung dieser Dynamiken.
 

Ich bin Legasthenikerin und gebe mir bei der Korrektur große Mühe, aber bitte seht es mir nach, wenn sich doch mal ein Fehler einschleicht.
 

Ich freue mich sehr auf den Austausch mit euch und bin gespannt auf eure Eindrücke!

Viel Spaß beim Lesen.

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Erschöpft lehnte ich mich an die Flugzeugwand und schaute hinaus aus dem kleinen Fenster. Der Pilot flog eine Kurve, und ich sah die Insel, auf welcher der gigantische Flughafen errichtet wurde. Eine lange Brücke verband das kolossale Bauwerk mit der Metropole die sich vor mir erhob. Dichter Smog hing in der Luft und legte sich wie ein Schleier über die riesige Metropole Hongkongs.

Ich stand kurz vor dem Ende meines Studiums, und anstatt den Spring Break in Amerika zu feiern, hatte ich mich für Backpacking in Südostasien entschieden. Anders als viele meiner Landsleute wollte ich die Vereinigten Staaten verlassen, bevor ich ins Berufsleben startete. Ich war in Thailand und war auf Bali gewesen, und da der Rückflug über Hongkong ging, hatte ich mich entschieden, einige Nächte hier zu verbringen. Wer wusste schon, wann ich noch einmal hier sein würde – oder ob überhaupt. Doch während ich die Skyline der Metropole anschaute und den dichten Smog sah, wusste ich nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, einfach weiter nach Hause zu fliegen. Im Internet und im Reiseführer hatte die Stadt schöner ausgesehen.

Erschöpft rieb ich mir die müden Augen, während der Pilot das Flugzeug wieder gerade lenkte und es immer tiefer zum Erdboden ging. Mit einem Ruck setzte das Flugzeug auf der Landebahn auf, und ich wurde in den Sitz gedrückt. „Ach, das wird schon gut werden“, dachte ich mir, und wie viele andere schnallte ich mich ab, bevor das Flugzeug zum Stehen kam. Wann hatte ich schließlich noch mal die Gelegenheit wieder hier zu sein?

Endlich hatte das Flugzeug seinen Parkplatz erreicht, und die Passagiere konnten den Flieger verlassen. Beim Aufstehen stieß ich mir den Kopf an der Decke. Ich war nicht gerade klein und stach zwischen den vielen Asiaten mit meiner Größe deutlich heraus. Endlich, als ich durch die Schleuse aus dem Flugzeug trat, konnte ich meine steifen Glieder strecken. Ich folgte der Masse und stellte mich in die Schlange der Ausländer, welche ihren Pass vorzeigen mussten. Eine gelangweilte Asiatin stempelte meinen Reisepass ab, reichte ihn mir wieder, und ich konnte endlich auf mein Gepäck warten.

Die Ausmaße des Flughafens waren enorm. Wahrscheinlich war ich noch nie an einem so großen Flughafen gewesen. Mit einer U-Bahn verließen wir das Gate an dem wir ankamen und fuhren hinüber in die eigentliche Halle des Flughafens. Ich beobachtete Menschen, welche auf einem Laufband standen, damit sie selbst nicht gehen mussten. Es amüsierte mich zu sehen, was man sich alles einfallen ließ, um sich so wenig wie möglich zu bewegen. Ich liebte Sport und versuchte, Bewegung so gut es ging in meinem Alltag zu integrieren. Doch nachdem ich gefühlt ewig geradeaus lief, verstand ich, weswegen einige Passagiere sich dazu entschieden, sich über das Laufband wenigstens einige Meter transportieren zu lassen. Es zog sich wie Kaugummi und hing in der Mitte durch.

Endlich war ich bei den Gepäckbändern. Einige Gepäckstücke waren bereits darauf und warteten, dass ihre Besitzer sie einsammelten. Schneller als ich dachte, hatte ich meinen Rucksack und konnte endlich den Flughafen verlassen. Alles schien hier eine Ordnung zu haben, und anders als auf Bali oder in Thailand waren die Menschen sehr geschäftig unterwegs. Kein Lächeln, keine freundlichen Blicke, nur geschäftiges Treiben. Hier schienen die Uhren schneller zu laufen, so wie ich es aus meiner Heimat kannte. Viele Menschen in Anzügen liefen eilig durch den Flughafen und stellten sich an einer Schlange an, über der das Wort „Taxi“ stand. Auch ich stellte mich in die Reihe und versuchte, das WLAN auf meinem Telefon zu aktivieren.

Schnell war ich an einem Taxi und hatte bereits die Mail mit der Hoteladresse gefunden. Anders als in Thailand hatte ich mich in Hongkong gegen ein Hostel und für ein Hotel entschieden. Ich wollte in dieser riesigen Metropole ein Zimmer für mich haben. Schon während der Buchung war mir klar, dass diese vier Nächte mein Budget stark belasten würden. Hongkong war keine billige Stadt.

„Hallo“, sagte ich freundlich, als ich in das Taxi stieg. Der Fahrer nickte höflich und fragte, wohin ich wollte. Kurz reichte ich ihm mein Handy nach vorne, damit er die Adresse lesen konnte. Natürlich konnte ich weder chinesische Zeichen lesen noch Chinesisch sprechen. Der Fahrer reichte mir mein Handy zurück, nickte und gab die Adresse in sein Navi ein. Natürlich konnte er in dieser Metropole nicht alle Hotels kennen – zumal ich natürlich auch kein Luxushotel gebucht hatte.

Während die Klimaanlage im Wagen mir kühle und saubere Luft entgegen blies, blickte ich aus dem Fenster auf die graue Flughafenlandschaft. Es dauerte, bis wir die Insel verlassen hatten, auf welcher der Flughafen erbaut wurde. Erst nachdem wir eine lange Brücke überquert hatten, die die riesigen Frachtterminals hinter uns ließ, spürte ich, dass wir uns der eigentlichen Stadt näherten.
 

Natürlich war ich auch schon in Amerika in großen Städten gewesen. Ich war von Austin aus geflogen. Texas war meine Heimat. Dort war ich aufgewachsen und hatte fast bis zum Ende meines High-School Abschlusses bei meinen Eltern gewohnt. Dann bin ich zu meiner Schwester gezogen. Mein Blick glitt aus dem Fenster und ich sah, die riesige Metropole auf mich zukommen. Ich schmunzelte, denn mein Mutter hatte Angst vor großen Städten. Was sie wohl sagen würde… Doch leider konnte ich nicht einfach Das Handy hervorholen und sie anrufen. Das Verhältnis zu meinen Eltern – fast allen Familienmitgliedern – ist zerrüttet.

Kurz vor dem Ende meiner High School konnte ich mich selbst nicht mehr belügen: Ich war, nein, ich bin schwul. Es war keine leichte Zeit. Ich hatte viele Zweifel, fühlte mich seltsam und vor allem allein. Meine Eltern waren sehr christlich, und plötzlich passte ich nicht mehr in ihr Weltbild.

Ich war das jüngste von drei Kindern. Das Nesthäkchen. Ich war immer sportlich, beliebt, ich war Kapitän der Baseballmannschaft unserer Schule, und man sagte mir immer nach, dass ich eine positive, selbstbewusste Ausstrahlung hatte.

Doch plötzlich schien all das egal. Egal, was ich sportlich erreicht hatte, egal, dass ich nicht auf den Kopf gefallen war. Es zählte plötzlich nur noch, dass ich mich Männern hingezogen fühlte. Mein Vater drehte vollkommen durch. Ich verdrängte den Gedanken daran, was in dieser einen Auseinandersetzung passiert war. Ich hasste diese Erinnerungen so sehr, und noch heute schmerzten sie. Meine Mutter weinte häufig, wenn wir sprachen und meinte ständig, sie habe mich verloren. Auch mein Bruder wollten mit mir nichts mehr zu tun haben. Ich solle von seiner Familien wegbleiben. Er hätten Kinder, und so etwas wie mich bräuchten sie nicht in ihrer Familie. Nur Jenny, meine Schwester, und ihr Mann standen mir zur Seite. Sie waren es, die mich aufnahmen und mir halfen, nachdem meine Eltern auf die Idee kamen, mich in einem Umerziehungscamp anzumelden. Dort konnte ich zur Ruhe kommen, konnte endlich anfangen zu heilen und lernen, mich so anzunehmen, wie ich bin.

Es war ein langsamer, mühsamer Prozess, das christliche Dogma und die Abneigung meiner Familie aus meinem Kopf zu verbannen. Ich lernte, dass meine Wahrheit nicht verhandelbar war und dass wahre Stärke nicht auf dem Baseballfeld, sondern in der Akzeptanz meiner eigenen Person lag.

Und nun, mit fast 25 Jahren, konnte ich von mir sagen: Ich mochte mich, wie ich war. Meinen jugendlichen Traum, Baseballprofi zu werden, musste ich irgendwann begraben. Und doch war ich stolz auf das, was ich erreicht hatte. Bald hatte ich mein Psychologiestudium beendet. Ich wollte gerne Therapeut werden. Vielleicht schlummerte innerlich der Wunsch, Jugendlichen zu helfen, die nach ihrem Outing mit sich und der Außenwelt kämpften – ein Weg, das eigene Trauma zu transformieren und in etwas positives fließen zu lassen.

Ich schaute hinaus aus dem Fenster und fand mich inmitten von Hochhausschluchten. Die unendliche Höhe der Gebäude drückte auf die Straße, die Fassaden wirkten kalt und gleichgültig. Überall prangte Werbung, die ich nicht lesen konnte. An jeder Ampel standen Massen von Menschen und warteten auf Grün, ein Ameisenhaufen von Eile und Anonymität. Es war, als würde die Stadt die Erschöpfung meines Backpacker-Abenteuers nur Verstärken und Texas fühlte sich plötzlich sehr weit weg an.
 

Ich schüttelte den Kopf und ermahnte mich selbst: „Man, Jasper, lass dir nicht die Laune verderben. Morgen hast du ausgeschlafen, und dann wirst du dich freuen, dass du hier bist!“

Plötzlich musste das Taxi abrupt halten, und als ich nach vorne sah, überraschte mich, was ich erblickte. Anstatt des erwarteten Verkehrschaos und Staus sah ich eine Menschenmenge, die Regenbogenflaggen schwenkte. Es waren Hunderte von Menschen, die die Straße blockierten. Sie schienen ausgelassen und voller Energie, und überall tanzte das Auge über die Farben des Regenbogens.

„Was ist das denn?“, fragte ich den Fahrer überrascht und konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Erst nach einem Moment drehte sich der Fahrer zu mir um und erklärte in schlechtem Englisch: „Das ist... Hong Kong Pride Parade... Ich vergessen. Ich nicht zum Hotel komme. Hotel dahinten.“ Er beendete seinen Satz und deutete auf ein unscheinbares Hochhaus in der Mitte der Straße. Ein Laden schien im Erdgeschoss zu sein.

Ich musste laut auflachen. Natürlich fand das genau vor meinem Hotel statt. Sofort wirkte die Stadt nicht mehr feindlich, sondern einladend und elektrisch. Mit einem Lachen in der Stimme sagte ich: „Alles gut. Den Rest gehe ich zu Fuß.“ Schnell bezahlte ich den Fahrer, öffnete die Wagentür auf und stieg aus.

Anstatt zwischen grauen, gleichgültigen Betonschluchten fand ich mich mitten in einem Meer aus Bewegung und Lärm wieder. Die Luft summte vor lauter Beats und fröhlichem Geschrei. Glitzer blitzte auf Kostümen, große Banner trugen Botschaften der Freiheit und Akzeptanz, die natürlich nicht lesen konnte. Es war ein Ausbruch von Farbe und Leben – und alle schienen euphorisch zu sein. Und das inmitten vom Grau der Häuser. Zum ersten Mal seit der Landung fühlte sich Hongkong nicht wie ein stressiger Zwischenstopp an, sondern wie eine Weiterführung meines Abenteuers.

Ich bewegte mich gut gelaunt durch die Menschen, und natürlich fiel ich durch meine Größe auf. Einige blickten zu mir hoch, und ich merkte, dass einige mich musterten. Ich grinste breit und versuchte, mit dem fröhlichen Strom zu schwimmen.

Breit grinsend beobachtete ich die Menge. Doch der schwere Rucksack behinderte mich, und wenn ich ehrlich war, war ich todmüde. Langsam bewegte ich mich auf das Gebäude zu, das mir der Fahrer gezeigt hatte. Neben dem Hotel war eine Gasse, und als ich an ihr vorbeiging, erhaschte ich den Blick auf zwei Gestalten. Ich konnte nicht anders und musste noch einmal genauer hinschauen.

Ich erkannte zwei Männer. Sie küssen sich innig, und ihre Hände waren eindeutig nicht mehr oberhalb ihrer Kleidung. Ein gedämpftes Stöhnen drang an meine Ohren, und schmunzelnd drehte ich mich weg.

In diesem Moment bemerkte ich, dass noch ein Mann die beiden beobachtete. Ein Chinese, offensichtlich. Er war größer als einige seiner Landsleute, aber vermutlich nicht so groß wie ich. Doch was mir sofort ins Auge stach, war sein extrem trainierter Körper. Seine Schultern und Oberarme waren sehr breit. Er wirkte fast schon wie ein Bodybuilder. Nur seine Kleidung passte nicht dazu.

Eine perfekt sitzende Anzughose und ein weißes Hemd kleideten den Fremden. Trotz der Entfernung konnte ich eindeutige, dunkle Muster erkennen, die durch das gestärkte, aber dünne Hemd hindurchschimmerten – er hatte großflächige Tattoos. An seinem Handgelenk war eine schwere, goldglänzende Uhr, die in der Sonne glitzerte. Ich hatte nur sehr selten Tattoos bei Asiaten gesehen. Seine tiefschwarzen Haare waren an den Seiten auf Millimeter kurz rasiert, der Rest streng nach hinten gekämmt. Er wirkte fehl am Platz, eine stille Präsenz von Härte inmitten der fröhlichen Parade. Und doch bemerkte ich, dass auch er die zwei Männer in der Gasse mit konzentrierter Neugier beobachtete.

Ich blickte in sein streng, fast unnahbar aussehendes Gesicht und war überrascht, was ich bemerkte. Er sah nicht angewidert aus. Es schien eher, als würde er diesen intimen Anblick genießen. Der Fremde gefiel mir sofort. Ich stand auf Männer mit einer solchen Ausstrahlung und konnte mit den schmalen Gestalten, die man oft sah, nichts anfangen. Es schien, als bemerkte er mein unverhohlenes Starren, und unsere Blicke trafen sich. Meine Augen glitten an seinem Körper hinunter, und als sich unsere Blicke erneut trafen, zwinkerte ich ihm frech zu. Mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen drehte ich mich weg und machte mich auf, ins Hotel zu kommen.

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1 Tag: Unerwartete Begegnung

Ich hatte mein kleines Zimmer bezogen und hörte noch von unten den gedämpften Lärm der Menge. Während ich meinen Rucksack auspackte, hatte ich bereits im Internet gefunden, wonach ich gesucht hatte. Einmal im Jahr, zumeist im November, fand diese Parade unten statt. Zwar nannten die Hongkonger sie nicht „Christopher Street Day“, aber man konnte eindeutig sagen, dass sie große Parallelen dazu aufwies. Immer noch lag ein Schmunzeln auf meinen Lippen, denn dass ich genau an diesem Tag hier ankam, war absolut nicht geplant gewesen. Umso mehr erfreute ich mich natürlich daran.

Ich hatte ein kleines, vollgestopft wirkendes Zimmer bezogen, das kaum mehr Platz als das Bett selbst bot. Der Fußboden war gerade breit genug, um einen Koffer vollständig zu öffnen, und der Geruch von starkem Reinigungsmittel hing noch in der Luft. Ein Doppelbett, Nachttische, ein eingebauter Schrank sowie ein kleiner Tisch mit einem Stuhl waren hier zu finden. An der Wand hing ein kleiner Fernseher, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Alles war in dunklem Holz gehalten und offensichtlich darum bemüht, interkontinental auszusehen. Nur die Bilder an den Wänden zeigten typische chinesische Kunst. Die Berge, die die Bilder zeigten, waren aus meinem Zimmer jedoch nirgendwo zu sehen.

Rasch machte ich mich im Badezimmer frisch und schlüpfte in saubere Kleidung. Ich wollte sofort hinunter zu den Feiernden. Während ich mich im Spiegel betrachtete, versuchte ich, meine hellbraunen Haare in eine etwas vorzeigbarere Frisur zu kämmen. Ich strich mir über meinen Fünf-Tage-Bart und musste leicht schmunzeln, als ich an die elektrisierende Stimmung dachte, die unten herrschte. Ich steckte die Zimmerkarte ins Portemonnaie und zog schnell meine schwarzen Sneaker an.

Die Leute tanzten und feierten ausgelassen vor dem Hotel. Schmunzelnd betrachtete ich die Menge, die jetzt im warmen Abendlicht noch bunter wirkte. Die Sonne hatte gegen den Smog gewonnen, und warme Sonnenstrahlen trafen auf mein Gesicht. Auf dem Boden waren bunte Regenbögen mit Kreide gemalt, und überall sah ich die Regenbogenflagge. Ich suchte die feiernde Menge mit den Augen ab, doch natürlich war der große, breite Chinese nicht mehr zu sehen. Ein kleiner Stich der Enttäuschung traf mich, denn ich hätte vielleicht versucht, mich mit ihm zu unterhalten. Dennoch ließ ich mich von der Musik mitreißen. Ich tauchte in die tobende Menge ein und begann, mich zu den lauten, pulsierenden Beats zu bewegen, selbst wenn ich viele der asiatischen Rhythmen nicht kannte.

Es wurde nicht so spät, wie ich dachte, denn die anstrengende Reise und der Flug forderten ihren Tribut. Kurz nachdem die Sonne endgültig untergegangen war und die Straßenlaternen angingen, ging ich wieder zu meinem Hotel. Gähnend drückte ich auf den Knopf, um den Aufzug zu rufen, während ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ. Angrenzend an das Foyer schien eine Art Hotelbar zu sein. Sie war winzig und wirkte eher kühl und funktional als einladend. Nur wenige kleine Tische waren da, die lediglich von schwachen, punktuellen Lichtern spärlich beleuchtet wurden. Ein kleiner Tresen war am Ende des Raumes zu erkennen, hinter dem gerade ein Barkeeper Getränke einschenkte.

Plötzlich bemerkte ich, wie zwei Gestalten sich ruckartig erhoben, und ich sah ihn: den breit gebauten Asiaten von heute Nachmittag. Er war nicht allein und schien sich mit einem anderen Mann unterhalten zu haben. Beide schienen ähnlich gekleidet, und doch wirkte es anders. Während die Anzughose und das Hemd des trainierten Mannes passten wie angegossen und jede Bewegung der Muskeln nachzeichneten, wirkte das weiße Hemd seines Gegenübers deutlich zu locker und etwas zerknittert. Natürlich verstand ich nicht, was sie sagten. Der kleinere Partner drehte sich abrupt weg und verließ die Bar, ohne sich noch einmal umzuschauen – eine Geste, die nach einem Streit aussah. Ob die beiden zusammen waren, fragte ich mich in Gedanken und blickte dem kleineren Mann nach, der das Foyer verließ. Oder weswegen hatten sie Streit?

Ich bemerkte den trainierten Asiaten erst, als er neben mir stand und ebenfalls auf den Knopf des Aufzugs drückte. Er war nur etwas kleiner als ich, jedoch nicht so viel, wie ich vorhin dachte. Doch die Breite seiner Statur und der Umfang seiner Muskeln waren beeindruckend. Obwohl ich selbst trainiert war und auch meine Muskeln zeigten, dass sie vom Sport kamen, schien er sehr viel trainierter als ich. Die Schultern waren einfach nur breit, und seine Oberarme füllten die Ärmel des Hemdes bis zum Anschlag. Unter dem straff gespannten, weißen Stoff wölbte sich ein massiver Brustkorb. Sein Bauch hingegen war zwar nicht flach, aber er wirkte auch nicht dick. Der Mann musste ein Strongman oder etwas Ähnliches sein.

Sein Auftreten wirkte sehr autoritär und selbstsicher: ein strenges Gesicht und, wie bei den meisten Asiaten, kein Bart. Er schien eindeutig verstimmt und presste wütend die Lippen aufeinander. Seine Hände, die im Vergleich zu den Unterarmen fast schon zu klein wirkten, ballten sich sogar kurz zu Fäusten. Dabei blitzte an seiner rechten Hand ein schwerer, dunkler Ring auf, der kein einfacher Ehering zu sein schien. Am Handgelenk trug er eine große, goldglänzende Uhr, und dunkle Schattierungen großflächiger Tattoos zeichneten sich deutlich durch das dünne Hemd ab. Ich betrachtete ihn kurz stirnrunzelnd und hätte gerne gefragt, was passiert war. Doch das wäre unhöflich gewesen.

Unsere Blicke trafen sich, und ich sah in die dunklen, braunen Augen des Mannes neben mir. Sein Blick zögerte nicht, sondern glitt offen an mir hinunter – eine deutliche Geste. Als sich unsere Blicke erneut trafen, grinste ich ihn leicht, fast schon frech an. Stirnrunzelnd zogen sich die Augenbrauen des Fremden zusammen, doch ein flüchtiges Zucken um seinen Mund verriet mir, dass er verstand – zumindest glaubte ich das. Als sich endlich die Aufzugtüren öffneten, betraten wir den engen Raum. Er folgte, gemeinsam mit einem dritten Mann, der uns offensichtlich keines Blickes würdigte. Der Raum war plötzlich extrem klein und enger, als er eh schon war. Schnell drückte ich auf die Nummer für mein Stockwerk.

Ich bemerkte im spiegelnden Metall, wie der Blick des Breiten erneut an mir entlangglitt, und konnte nur mühsam ein keckes Schmunzeln unterdrücken. Seine massigen Hände hatte er in die Taschen seiner Anzughose vergraben, wodurch die Schultern noch breiter wirkten.

„Tourist?“, fragte er nach wenigen Momenten der Stille. Seine Stimme war tief und rau. Erneut sah ich zu ihm und nickte leicht lächelnd. „Ja, genau. Ich bin aber erst heute angekommen.“ Wieder blickten die Augen des Mannes an mir hinunter, als schien er etwas zu suchen – oder zu bewerten. „Woher kommst du?“, wollte er wissen und lehnte sich lässig an die Rückwand des Aufzugs. „Eigentlich aus Texas“, erklärte ich sofort und freute mich richtig darüber, dass er einem Gespräch nicht abgeneigt zu sein schien. „Aber jetzt war ich zuletzt auf Bali gewesen und davor in Thailand, in Chiang Mai.“

Er grummelte nur, ein tiefes Geräusch in seinem breiten Hals, als schien er nicht zu wissen, was er dazu groß sagen sollte. Er schien wieder in Gedanken zu versinken, und mit einem, wie ich hoffte, frechen Unterton in meiner Stimme sagte ich: „Lass dich von dem Typen nicht ärgern. Du siehst gut aus. Du findest bestimmt jemand anderen.“

Durchdringend, fast schon schneidend, bohrte sich der Blick des Fremden in meine Augen. Seine Kiefermuskeln spannten sich sichtbar an, als er meine Worte verarbeitete. Ich konnte nicht anders, als ihm erneut frech zuzuzwinkern. Leicht leckte ich mir über die Lippen, während der Fremde mich unverwandt betrachtete, und ich bemerkte sofort, dass seine Augen jede Geste wahrnahmen. Seine Finger schienen leicht in seiner Hosentasche zu zucken, doch sicher war ich mir nicht.

„Du bist ganz schön frech“, bemerkte er kühl, und doch sah ich, dass seine Stimme noch rauer klang als zuvor, und ein leichtes Grinsen huschte kurz über seine Lippen. Zustimmend nickte ich und erwiderte: „Kann sein. Und du sprichst echt gut Englisch.“ Ein Ping ertönte, und die Aufzugtür öffnete sich. Ich betrat den Flur und blickte über die Schulter in das Gesicht des breiten Mannes. „Du wirst doch damit leben können, wenn man mit dir flirtet – oder etwa nicht? Nimm es als Kompliment. Du siehst schließlich ziemlich gut aus“, sagte ich mit einem Schmunzeln in der Stimme und zwinkerte ihm erneut zu. Die Aufzugtür schloss sich langsam. Im schmaler werdenden Spalt sah ich, wie die Strenge aus seinem Gesicht wich und ein ehrliches Grinsen, vielleicht sogar ein Lächeln, seine Züge weicher erscheinen ließ.

Ich hatte gut geschlafen und ging nach einer Dusche hinunter zum Frühstück. Die Auswahl dessen, was meinem westlichen Gaumen entsprach, war leider nicht sehr groß. Ich betrachtete den gedünsteten, warmen Fisch und die diversen Suppen und fragte mich, ob das wirklich morgens lecker sein sollte. Ob in Thailand, auf Bali oder hier in Hongkong – das asiatische Frühstück war gewöhnungsbedürftig. Während ich aß, beantwortete ich Nachrichten und schaute mir den Wetterbericht an. Es nieselte leicht, obwohl derzeit eigentlich Trockenzeit sein sollte. Ich öffnete die Internetseite des Hotels und entdeckte, dass es hier ein Gym geben sollte. Es sah gut aus. Erstaunlich modern eingerichtet, und wenn man den Bildern im Internet glauben konnte, schien die Aussicht schön zu sein.

Kurz meldete sich mein innerer Schweinehund und versuchte, mich davon abzubringen. Was würde eine kleine Sporteinheit denn ausrichten, wenn ich danach eh das ganze fettige Zeug esse? Doch die vernünftige Stimme – die Stimme des fast fertigen Psychologen, der wusste, dass Bewegung auch eine Frage der Einstellung war – setzte sich durch. „Fettiges Zeug isst du sowieso“, dachte ich mir, „aber dann weißt du, dass du es dir noch mehr verdient hast.“ Ein Sieg über den Jetlag war ebenfalls nötig, und meine Müdigkeit vom Vortag verlangte nach einem richtigen Neustart.

Mit diesem Entschluss im Kopf beendete ich mein Frühstück. Ich ging kurz in mein Zimmer und zog mir ein blaues T-Shirt und eine dunkelgraue Jogginghose an. Natürlich war das Gym im obersten Stockwerk, wo auch sonst? Langsam ging ich durch die engen, schwach beleuchteten Flure. Die Teppiche hier oben wirkten älter, und die Stille war beinahe unnatürlich. Nur wenige andere Gäste liefen mir über den Weg, doch niemand schien dorthin zu wollen. Ich folgte den Schildern, die zum Fitnessbereich führten, und hörte plötzlich einige Stimmen. Ich verstand nicht, was sie sagten, doch es mussten mindestens vier Männer sein, die sprachen. Sie klangen tief, ernst und geschäftig, mit einer unterdrückten Härte in der Tonlage. Ich fragte mich, was sie hier wollten.

Als ich um die Ecke schaute, sah ich sie. Es waren tatsächlich vier. Alle ähnlich gekleidet in dunklen Farben. Niemand trug eine einfache Jeans. Nur einer von ihnen trug eine Art Jogginganzug, welcher allerdings etwas schicker wirkte als die meisten Teile. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass fast alle Chinesen das Gleiche trugen. Ziemlich langweilig, wenn man mich fragte. Sie waren alle schlank und blickten ernst umher. Sie schienen zu warten. Mit ihnen wollte man sich sicher nicht anlegen. Oder ich jedenfalls nicht. Sie unterhielten sich mit verschränkten Armen und wirkten nicht so, als sollte man sie ansprechen. Können die nicht woanders herumstehen und warten, dachte ich frustriert.

Ich war genervt, als ich die Männer betrachtete. Anlegen wollte ich mich mit keinem der vier, aber kuschen und abhauen ebenso wenig – das war einfach nicht ich. Genervt verdrehte ich die Augen und wägte ab, was besser war. Ich hatte kein Problem mit Auseinandersetzungen, doch hier schien es einfach nur dumm zu sein. Gerade als ich mich entschieden hatte, vielleicht doch zu gehen, rief eine Person, die ich nicht sah, den vieren etwas zu. Vermutlich derjenige, auf den sie gewartet hatten. Alle vier Köpfe drehten sich synchron in die Richtung der Stimme. Die fünfte Person schien die vier gerufen zu haben. Sie gingen auf die Person zu und verschwanden kurz aus meinem Blickfeld. Ich hoffte, dass sie nun verschwanden, und ging schnell ins Gym.

Tatsächlich hatten die Bilder im Internet nicht gelogen. Die Aussicht war atemberaubend. Durch die durchgehende Glasfront konnte man weit über die Stadt blicken, obwohl es nicht das höchste Gebäude der Stadt war. Die Metropole war wirklich beeindruckend groß. Trotz der frühen Stunde und des leichten Nieselregens erhob sich die Skyline wie eine unendliche Mauer aus Glas und Stahl. Die oberen Stockwerke der Wolkenkratzer verschwanden im grau-gelben Morgendunst. Chiang Mai, die Stadt in Thailand, die ich auf meinen Reisen besucht hatte, war wunderschön gewesen. Der Dschungel und die ganzen Tempelanlagen waren toll. Auch Bali war beeindruckend schön, doch anders. Dort war es die Natur, das Ruhige, die Freundlichkeit der Menschen, die diesen Orten einen Charakter verliehen hatte. Hongkong war mit den ganzen Wolkenkratzern das komplette Gegenteil. Alles schön und gänzlich anders.

Die modernen Sportgeräte sahen gut aus, und viele waren natürlich zum Fenster ausgerichtet. Ich entfernte mich schnell von der Tür und hörte hinter mir, dass noch jemand hier trainierte. Ich blickte mich um, und ein breites Grinsen schlich sich auf meine Lippen, als ich den Mann sah, der ebenfalls noch hier war. Es war der große, breite Chinese, und ich sah, wie er mich fast schon fassungslos anschaute. Seine braunen Augen weiteten sich minimal, und er vergaß beinahe, das schwere Gewicht abzulegen, das er in den Händen hielt. Er schien gerade mit Hanteln trainiert zu haben, und die Adern auf seinen massigen Unterarmen traten deutlich hervor. Er trug ein grünes, etwas verschwitztes Tanktop und eine schwarze Jogginghose. In diesen Sachen sah man erst seine ganzen Ausmaße. Wenn ich ehrlich zu mir war, war er fast schon zu viel trainiert.

Ein großes Tattoo schlängelte sich über den breiten Oberarm – es war ein chinesischer Drache. Seine Schuppen waren so detailreich gestochen, dass sie in der Bewegung seiner Muskeln zu glänzen schienen, als wäre seine Haut selbst mit einem lebendigen, schwarzen Panzer überzogen. Die Krallen waren scharf und spitz, bereit, sich in alles zu graben, was sich ihm in den Weg stellte. Der Mund war zu einem drohenden Grinsen verzogen, gespickt mit feinen, spitzen Zähnen, die bereit waren zu zerreißen. Und die Augen… die Augen des Drachen waren nicht farbig, sondern tiefe, leere Höhlen, aus denen pure, kalte Macht strahlte. Das Tattoo zog sich weiter unter das Shirt, und ich vermutete, dass es mindestens bis zur trainierten Brust ging.

Unbewusst leckte ich mir über die Lippen und trat gut gelaunt auf ihn zu, während ich freundlich sprach: „Hey, cool, dich hier zu sehen. Pass vielleicht besser auf, vor der Tür stehen einige Leute und sehen aus, als wollten sie Stress machen.“ Ein Gewicht in der Hand haltend, richtete er sich auf und blickte zur Tür, während er verwirrt fragte: „Und wo sind die jetzt?“ Schulterzuckend folgte ich seinem Blick und antwortete ehrlich: „Keine Ahnung. Irgendwer hat die gerufen, und als sie nicht geschaut haben, bin ich hier zur Tür rein. Ich hatte wohl Glück.“ Ich zwinkerte ihm erneut zu und betrachtete ihn genauer. Seine schwarzen Haare waren sicher heute Morgen ordentlich frisiert gewesen, doch der Schweiß des Trainings hatte die wahrscheinlich strenge Frisur durcheinandergebracht und ließ sie wilder wirken.

„Das hattest du wohl“, vernahm ich seine kühle und tiefe Stimme und blickte dem Mann erneut ins Gesicht. Es schien, als erwartete er, dass ich irgendetwas tat. „Ich heiße übrigens Jasper Hale“, sagte ich in die aufkommende Stille hinein. Ich bemerkte den abschätzenden, prüfenden Blick des Mannes. Er scannte mich von den Sneakern bis zum Scheitel. Er schien auf etwas zu warten. Seine Brust hob und senkte sich rhythmisch unter dem eng anliegenden Shirt – ein deutliches Zeichen seiner physischen Anstrengung. Doch worauf er wartete, konnte ich nicht sagen. Sein Blick fixierte mich erneut, bevor er den Namen fast beiläufig fallen ließ: „Mein Name ist Li Qiang.“

Ich wusste nicht, wie ich diese Blicke einordnen sollte. Es schien nicht so, als gefiele es ihm nicht, dass ich mit ihm sprach, und doch wirkte er immer wieder überrascht. „Freut mich, dich kennenzulernen… Li oder Qiang? Und merkst du eigentlich, dass du das schwere Gewicht noch in der Hand hast, oder ist das für dich wie eine Einkaufstasche?“, fragte ich keck und schaute ihm direkt in die Augen. Li blickte hinab auf das Gewicht in seiner Hand, als schien er es tatsächlich vergessen zu haben. Sein strenger Gesichtsausdruck entspannte sich kurz. Ich glaubte fast schon, einen Anflug von Spaß zu erkennen, und ein leises, kehligeres Geräusch, das wie ein Lachen klang, entkam ihm. „Ja, doch, das merke ich“, meinte er mit freundlich klingender Stimme. Sein Gesicht schien sich zu entspannen, und ein fast schon freundlicher Ausdruck umspielte seine Lippen.

Noch bevor er etwas sagen konnte, traten zwei Personen ins Gym. Ich erkannte sie sofort. Es waren zwei der vier Männer, welche vor der Tür gestanden hatten. „Oh…“, meinte ich gedehnt und blickte in die wütenden Gesichter der Männer. „Was haben die denn?“ Li schaute zu mir und fiel einem der Männer sofort ins Wort. Er ging auf sie zu, und ich verstand nicht, was er sagte. Ich versuchte nicht zu starren, dennoch hatte ich das Gefühl, dass die Männer immer kleinlauter wurden und Li fast schon devot anblickten. Ich ging zu einem Laufband, welches vor dem großen Fenster stand, und begann zunächst zügig zu gehen. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich zu den drei Personen blickte. Li deutete auf die Tür und sprach fast schon herrisch, und langsam hatte ich eine Vermutung, wer und was die Personen vor der Tür waren.

Beide verließen den Raum, und in die aufkommende Stille hinein fragte ich: „Sind das deine Bodyguards? Bist du berühmt und ich erkenne dich nicht?“ Li blickte zu mir hinüber, und seine dunklen Augen trafen auf meine grünen. Er schien kurz zu überlegen und erklärte mit einem neuen Tonfall von Selbstverständlichkeit und Autorität: „Ich bin Geschäftsmann und mir gehört das Hotel. Als Geschäftsmann sollte man hier in Hongkong besser aufpassen.“

Kurz weiteten sich meine Augen, und für einen Augenblick wusste ich nicht genau, was ich sagen sollte. Ihm gehörte ein Hotel inmitten von Hongkong. Es war kein Luxushotel, noch eines der größten Hochhäuser der Stadt, und trotzdem war es sicher sehr viel wert. „Ähm“, kam es wenig klug von mir, meine Stimme brach fast ab. „Das ist schon ziemlich beeindruckend. Für mich jedenfalls. Ich bin nur Student…“ Ein ehrliches Lächeln durchzog seine Züge, das die Strenge seines Gesichts für einen Moment auflöste, und kurz betrachtete er mich eingehender. „Normalerweise sind hier weniger Ausländer. Die meisten Gäste sind Landsleute“, sprach er und schaute sich um. Offensichtlich überlegte er, womit er als Nächstes trainieren wollte. Ohne ein Wort der Erwiderung nickte ich nur und begann auf dem Laufband zu joggen. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich meine Kopfhörer vergessen hatte. Mit Musik lief es sich einfach besser, und es machte auch mehr Spaß. Ich vermutete, dass seine Leute weiterhin vor der Tür standen, und ich hatte wenig Lust, ihnen zu begegnen, zumal ich mir sicher war, dass sie Ärger bekommen hatten, da ich mich hier reingeschlichen hatte. Ich verstand zwar kein Chinesisch, aber so viel hatte ich mir aus dem, was ich nun wusste, selbst zusammenreimen können.

So trainierten wir beide eine Weile, und ich blickte aus dem Fenster und sah, wie die Wolken sich langsam auflösten und die Sonne immer mehr an Kraft gewann. Heute würde noch ein schöner Tag werden, dachte ich mir und wischte mir mit der Hand über die Stirn. Ich hörte Li hinter mir angestrengt stöhnen. Zu ihm rüberblickend sah ich ihn Klimmzüge machen. Die Muskeln auf seinem Rücken zogen sich unter dem T-Shirt zusammen und ließen das breite Kreuz deutlich hervortreten. Das große Tattoo zog meine Augen magisch an, und ich folgte den schwarzen Linien mit den Augen. Seine Wangen waren von der Anstrengung leicht gerötet, und als er losließ, sah er zu mir hinüber.

„Willst du noch breitere Schultern?“, fragte ich, ebenfalls leicht angestrengt. „Dir platzt doch bald das T-Shirt. Nicht, dass mich das stören würde“, scherzte ich und grinste ihn leicht an. Er kam langsam zu mir rüber und musterte mich eingehend. Es war ein komischer Blick, für mich schwer zuzuordnen. Er scannte mich langsam, fast unverschämt gründlich. Sein Blick glitt von meinen Augen über mein Gesicht hinunter. Er betrachtete meinen Oberkörper, meinen Bauch und hielt auch an meinem Schritt nicht inne. Es war, als prüfte er, ob sich meine Angeberei, meine freche Art lohnen würde. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, und da ich ihn nicht kannte, wusste ich diesen Blick nicht wirklich zuzuordnen. „Du bist ganz schön mutig, so offensiv hier mit einem Mann zu flirten“, meinte er langsam, wobei er die Worte leicht dehnte. Seine Lippen kräuselten sich zu einem leichten Grinsen.

Ein leichtes Grinsen schlich kurz über meine Züge, ehe ich erklärte: „Ich habe gesehen, wie du gestern die zwei Männer in der Gasse neben dem Hotel beobachtet hast. Du fällst auf mit deinem Aussehen und dem Tattoo“, fügte ich hinzu, nachdem er mich skeptisch, fast schon fragend musterte. Er schwieg, das schien er gut zu können, wahrscheinlich auch besser als ich. Er verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust, seine Haltung wurde abwartend und dominant, und irgendwie hatte ich das Gefühl, mich erklären zu müssen. „Gestern bei dieser Pride Parade, die hier irgendwie anders heißt“, plapperte ich fast schon etwas unsicher, „du hast die zwei Männer in der Gasse angeschaut und nicht befremdlich oder angewidert geguckt. Daher dachte ich, ich kann ein bisschen flirten. Du gefällst mir schon irgendwie.“

Stirnrunzelnd betrachtete er mich, und mit einem fast schon neutralen Ton erklärte er: „Du weißt schon, dass hierzulande offensives Flirten als unangemessen gilt, besonders unter zwei Männern.“ Ich glaubte endlich zu verstehen, weswegen er immer so zurückhaltend war. Ohne den Blickkontakt zu ihm zu lösen, drückte ich auf Stopp, und augenblicklich wurde das Laufband langsamer. „Gut, ich habe es verstanden. Ich bin der unhöfliche Ausländer, und du kannst dir jetzt aussuchen, ob du dich geschmeichelt fühlst oder ob du dich über meine Aussagen und mein Verhalten ärgerst“, erwiderte ich keck und zwinkerte ihm erneut frech zu. Ich mochte das Flirten schon immer, es machte Spaß, und ich fand es auch nicht sonderlich schwer.

Ein leichtes Grinsen huschte über seine Gesichtszüge, und nach einem Augenblick, in dem er seinen Kopf leicht neigte, fragte er: „Was hast du vor hier in der Stadt?“ „Hm“, antwortete ich nachdenklich. „Ich wollte halt Sightseeing machen. Ich wollte raus zum Victoria Peak, vielleicht mit der Bahn rauf oder runter… Zum Hafen. Der Jademarkt soll schön sein. Ach, einfach das, was alle Touristen sich hier anschauen. Eigentlich nichts Besonderes. Vielleicht auch das Nachtleben hier etwas kennenlernen.“ Langsam stieg ich vom Laufband und trat vor Li, welcher mich weiterhin mit einem festen Blick musterte. „Willst du das alles alleine machen? Ich kann dir ein paar gute Orte zeigen. Besonders was das Nachtleben angeht“, sprach Li mit ruhiger und selbstsicherer Stimme.

Kurz zögerte ich, doch wieso nicht? Ich hatte häufig auf meinen Abenteuern kurze Begleitungen gehabt, es war immer cool gewesen, und man hatte einfach Spaß. Außerdem schien er sich in der Stadt auszukennen. Also nickte ich und ging einen kleinen Schritt auf ihn zu. „Wieso nicht? Machst du denn auch die ganzen Touristen-Sachen mit? Auch wenn ich so was wie den Sonnenaufgang am Victoria Peak anschauen möchte?“, fragte ich spielerisch und blickte ihm direkt in die Augen.

Auf einmal spürte ich eine kräftige, trainierte Hand, welche sich dreist und ohne Vorwarnung unter mein Oberteil schlich. Die Haut seiner Hand war warm und rau von den Gewichten. Kräftige Finger strichen über meinen leicht trainierten Bauch, der mit seinem vermutlich nicht zu vergleichen war. Eine Gänsehaut überzog meinen Oberkörper, und mir war klar, dass Li das sicher nicht entgangen war. Auch mein Puls beschleunigte sich, und ich hörte ihn in meinen Ohren widerhallen. Seine Finger glitten durch die leichten Haare, die dort wuchsen, und hörten unvermittelt knapp an meinem Hosenbund auf. Erneut strich seine Hand über meine warme Haut, und ein Schauer lief mir den Rücken hinunter.

„Na gut…“, meinte er schelmisch grinsend, „Lass uns den Sonnenaufgang am Peak anschauen. Heute Abend muss ich noch arbeiten. Da kann ich dir keine Gesellschaft leisten… Dann musst du so an mich denken.“ Ich lehnte mich zu ihm und konnte ein süffisantes Grinsen nicht unterdrücken. Er schien wohl nichts gegen meine Flirtoffensive gehabt zu haben, wenn er jetzt schon anfing, zweideutige Sätze zu sagen. „Vielleicht tue ich das sogar“, frech hoben sich meine Augenbrauen, und langsam trat ich einen Schritt nach hinten. Ein letztes Mal strichen seine Finger über meinen Bauch, und die Intensität der Berührung hallte nach.

Li löste sich von mir, trat an mir vorbei und deutete auf ein hohes Gebäude gegenüber seines Hotels. „Wir treffen uns morgen früh da. Sei gegen fünf Uhr da. Ich hole dich ab.“ Ich betrachtete den Eingang des hohen Gebäudes und nickte leicht. Das konnte ich mir merken. „Krieg ich hin… Verrate mir nur eins, Li“, meinte ich gedehnt, und ich sah, wie er mich erneut aufmerksam musterte. „Wieso kannst du so verdammt gut Englisch, oder tun sich die Menschen hier absichtlich schwer? … Und bekomme ich deine Nummer? Nachher schaffst du es nicht, und ich stehe da in Herrgottsfrühe und warte auf dich.“

Ein kurzes, schräges Grinsen schlich sich auf seine sonst so ernsten Züge, und nach einem Augenblick holte er ein Handy aus der Tasche. Schnell hatten wir die Nummern ausgetauscht. Währenddessen erklärte er: „Viele sprechen hier Englisch. Hongkong war schließlich britische Kolonie. Aber ich habe tatsächlich in England studiert… Aber viele Landsleute wollen es vielleicht einfach nicht sprechen.“ Ich nickte leicht und ging langsam Richtung Ausgang. Li folgte, und gemeinsam traten wir aus dem Gym.

Es waren nur noch zwei seiner Leute vor der Tür, und ich hatte offensichtlich recht gehabt. Ihr Blick traf mich wie ein Schlag: leicht zornig, ohne jegliche Freundlichkeit. Li sagte etwas auf Chinesisch, was ich natürlich nicht verstand – es klang kurz und befehlend –, bevor er sich wieder zu mir drehte. „Wir sehen uns dann morgen früh, Jasper“, verabschiedete er sich. Sein Blick war anders. Auf mich wirkte er fast schon freundlich und offen. Er lächelte sanft, und dieses Lächeln reichte bis in seine Augen, was ich bei ihm noch nie gesehen hatte. Doch sicher konnte ich mir noch nicht sein. Ich nickte leicht und verabschiedete mich von ihm. Tatsächlich freute ich mich auf den Ausflug mit ihm.

2 Tag: Über den Dächern der Stadt

Müde rieb ich mir die Augen, als der Wecker gnadenlos um Viertel nach vier klingelte. Ich stöhnte auf und streckte meine steifen Glieder. Wieso stand ich noch mal so früh auf? Ach ja, das Treffen mit Li. Ich hoffte wirklich, dass er kam. Schließlich wollte ich nicht wie ein Depp in dieser gottverlassenen Frühe vor einem Wolkenkratzer warten und dabei aussehen, als würde ich irgendetwas Zwielichtiges anstellen.

Ich schleppte mich unter die Dusche. Der feuchtwarme Dampf weckte die letzten schläfrigen Zellen in meinem Kopf. Ich machte mich schnell für den Tag fertig. Dabei blickte ich in den Spiegel und musste noch einmal ausgiebig gähnen. Meine grünen Augen waren noch etwas verschleiert, aber die Vorfreude auf das bevorstehende Treffen gewann die Oberhand und vertrieb den letzten Rest der Müdigkeit. Ich freute mich auf Li, denn ich wollte ihn tatsächlich besser kennenlernen. Natürlich gefiel er mir optisch, aber mir war bewusst, dass es mehr gab als nur gutes Aussehen. Er wirkte zurückhaltend, aber absolut nicht unsicher. Er schien ein sehr selbstbewusster Mann zu sein. Tatsächlich hoffte ich inständig, dass er auftauchte. Es wäre schön, hier nicht jeden Ausflug alleine machen zu müssen. Auch in Thailand und auf Bali hatte ich immer mal wieder Leute bei Ausflügen mitgenommen oder war selbst dazu eingeladen worden. Wieso also nicht auch hier in Hongkong?

Wir hatten zwar nur sehr wenig miteinander gesprochen, dennoch wollte ich mehr über ihn erfahren. Wer er war, was er sonst noch so machte. Wie war das Leben hier in Hongkong als schwuler Mann? War es schwer? Er schien erfolgreich zu sein, denn natürlich brauchte hier nicht jeder Geschäftsmann einen Leibwächter. Das war mir klar.

Ich zog mir ein T-Shirt und eine dünne Jacke über, während ich darüber nachdachte, ob Li wirklich zu dieser frühen Stunde erscheinen würde. Ich hatte echt keine Lust, versetzt zu werden. Aber wenn es so sein sollte, dann wäre das eben so und würde mir den Urlaub auch nicht vermiesen. In diesem Fall, so überlegte ich mir, würde ich einfach mit einem Uber zum Peak aufbrechen.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Beim Blick aus dem Fenster sah ich, dass zwar deutlich weniger Verkehr herrschte, die Stadt aber natürlich noch nicht zur Ruhe gekommen war. Die Metropole wirkte jetzt beherrscht und gespenstisch zugleich. Es war keine Stille, sondern ein gedämpftes, tiefes Grollen von Maschinen und frühen Lieferanten, das von der Straße heraufstieg. Vermutlich schlief die Stadt, ganz wie New York, nie wirklich – sie wechselte nur in einen leiseren, geschäftigeren Modus.

Natürlich gab es noch kein Frühstück, und das Hotelpersonal sah mich sichtlich irritiert an, als ich um kurz vor fünf Uhr das Gebäude verließ. Ihre Blicke sagten mir, dass niemand, der noch alle Tassen im Schrank hatte, zu dieser Zeit unterwegs war – es sei denn, er musste.

Ich war schnell bei dem Hochhaus, das Li mir gezeigt hatte, und zückte mein Handy. Ein kurzer Moment der Unsicherheit überkam mich und ich blickte mich um. Schnell tippte ich eine Nachricht, dass ich da sei. Plötzlich bemerkte ich eine Bewegung hinter mir und drehte mich um. Ich war fast schon erleichtert, als ich die unverkennbar kräftige Statur erkannte, die aus dem Gebäude auf mich zukam.

„Hey. Boah, zum Glück bist du wirklich gekommen. Ich hatte schon Sorge, dass ich hier stehe wie bestellt und nicht abgeholt“, plapperte ich direkt los. Doch als ich den Mann vor mir betrachtete, musste ich stutzen.

Li Qiang sah aus, als wäre er bereit für ein wichtiges Geschäftstreffen, nicht für eine Wanderung im Morgengrauen. Er trug ein makelloses, dunkelblaues Jackett, das er offen gelassen hatte. Darunter trug er kein steifes Hemd, sondern ein schlichtes, perfekt sitzendes weißes T-Shirt. Eine lockere, schwarz fließende Hose kleidete ihn ein. Am Handgelenk blitzte immer noch die große, goldene Armbanduhr. „Morgen“, meinte er, nachdem er mich langsam gemustert hatte. Sein Blick verweilte nur kurz auf meinem legeren T-Shirt und der dünnen Jacke, bevor er mir wieder direkt ins Gesicht sah.

Ich kam mir augenblicklich falsch vor in meinem Outfit. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich hätte mich deutlich schicker anziehen sollen. „Ähm“, kam es wenig intelligent von mir, „ich glaube, du hättest was zum Dresscode sagen können.“

Ein Schmunzeln glitt über sein Gesicht, und als er mich erneut ansah, winkte er fast schon ab. Die Geste war lässig und wirkte auf mich beinahe etwas überheblich. „Ich komme gerade aus meinem Club… Da kommt man ohne die passende Kleidung nicht rein… Folge mir“, erklärte er mit ruhiger und tiefer Stimme.

Verwirrt blinzelte ich ihn an. Er besaß auch noch einen Club?! Neben dem Hotel? Das Bild des Geschäftsmanns wurde immer undurchsichtiger. Und ich wusste nicht genau was, aber irgendetwas passte daran nicht. Vielleicht war es auch seine massige Erscheinung. Doch letztlich konnte ich es natürlich nicht genau sagen. Ich folgte ihm in Richtung der Aufzüge, und erst als wir drinnen standen, fragte ich ihn verwirrt: „Wollten wir nicht zum Aussichtspunkt? Also zum Victoria Peak?“ Li drückte auf den obersten Knopf und nickte leicht.

„Ja, da geht es jetzt auch hin. Aber mit dem Auto würden wir den Sonnenaufgang nicht mehr schaffen. Gleich beginnt die Rushhour“, meinte er gelassen, während ich mich fragte, wo eigentlich seine Bodyguards abgeblieben waren.

Ich bemerkte, wie der Aufzug sich schnell und ruckfrei nach oben bewegte, und immer verwirrter blickte ich den ruhigen Chinesen an. „Ähm… und wie kommen wir dann dahin? Wir nehmen sicher keinen Wingsuit“, fragte ich etwas unsicher in die Stille hinein. Meine grünen Augen suchten seinen Blick, und ein belustigtes Funkeln trat in seine Augen, als er meinen verwirrten Ausdruck sah.

„Wir nehmen ein Flugtaxi“, erklärte er, als ob das das Normalste der Welt wäre. „Was ist denn ein Flugtaxi?“, fragte ich skeptisch und folgte Li aus dem stählernen Aufzug. Offensichtlich belustigte ihn meine Unwissenheit. Ich folgte ihm eine Treppe hinauf, wo er eine schwere Eisentür öffnete. Li trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick frei.

Sprachlos starrte ich auf den weißen, kleinen Hubschrauber, der mitten auf dem Dach stand und auf uns zu warten schien. „Wusstest du nicht, dass man hier Hubschrauber ähnlich wie ein Uber buchen kann?“, fragte er fast schon schelmisch, denn er wusste genau, dass ich so etwas nicht geahnt hatte. Woher auch?

Langsam schüttelte ich den Kopf und merkte erst nach einem Augenblick, dass mein Mund leicht offen stand. Ich schloss ihn hastig und suchte seinen Blick. Ich sah mich um und fragte: „Ist das dein Ernst? Ich meine, klar, das ist voll cool… Aber ist das nicht etwas übertrieben?“

Über die Schulter blickend antwortete er ruhig: „Na ja, Zeit ist Geld. Ich war die ganze Nacht im Club und habe jetzt keine Lust, ewig mit dem Auto durch die Stadt zu fahren. Ich hasse es, im Stau zu stehen. Absolute Zeitverschwendung.“ Seine Aussage war so ungerührt, als würde er über das Wetter sprechen. Ich blinzelte verwirrt und verstand immer weniger, was für ein Mann da vor mir stand.

Langsam setzte ich einen Fuß nach dem anderen auf die knallgrüne Plattform des Hubschrauberlandeplatzes und folgte Li zu dem Fluggerät. Die Rotoren drehten sich bereits langsam, und der Pilot reichte mir und Li einen Helm. Ich folgte dem breiten Chinesen in die Kabine. Mit großen Augen sah ich mich um. Natürlich war ich noch nie mit einem Hubschrauber geflogen und konnte kaum glauben, dass das für ihn keine große Sache war.

Die Kabine war erstaunlich leise und roch schwach nach Leder und Kerosin. Es war kein abgenutztes Fluggerät, sondern wirkte sehr gepflegt. Die Sitze waren in dunklem, strapazierfähigem Leder gehalten und wirkten effizient, aber bequem. Es gab keinen unnötigen Schnickschnack, alles schien auf Funktionalität ausgelegt zu sein. Die Verkleidungen waren schlicht gehalten, und durch die großen Fenster konnte man hervorragend hinausschauen. Vor mir lag die komplexe Instrumententafel des Piloten, die im Halbdunkel mit kleinen, grünen und roten Lichtern glitzerte. Neben mir schob Li seinen massigen Körper in den Sessel. Er schnallte sich routiniert an, während ich noch unschlüssig den breiten Gurt in der Hand hielt. Ich atmete tief durch und versuchte gar nicht erst so zu tun, als wäre das hier für mich normal.

„Aufgeregt?“, fragte er, während ich über das Headset hörte, wie der Pilot sich bereit für den Abflug machte. Die Rotorblätter drehten sich immer schneller und wurden dröhnend laut. Sanft erhob sich das Fluggerät in den Himmel.

Ich nickte leicht und sah aus dem Fenster, wie wir die Plattform verließen. Das Fliegen mit einem Hubschrauber war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Das Wackeln in der Luft erinnerte eher an das Schaukeln eines Schiffes auf dem Meer. „Irgendwie schon. Ich habe auch überhaupt nicht damit gerechnet“, sagte ich, holte schnell mein Handy heraus und schoss ein Foto. Ich sah hinüber zu ihm und bemerkte, dass sein Blick immer noch auf mir ruhte. Ich schluckte leicht bei diesem intensiven, forschenden Blick und sagte: „Dir ist klar, dass du mich nicht beeindrucken musst, oder?“

Ein kurzes Grinsen schlich über seine Lippen. Er blickte kurz nach draußen, bevor er den Blick wieder auf mich richtete: „Ich habe noch gar nicht angefangen, dich zu beeindrucken“, erwiderte er keck, und dieses Mal war er es, der mir zuzwinkerte.

Kurz glitt seine Hand zu meinem Bein und strich fest, aber kurz darüber. Es war nur ein flüchtiger, fast schon unauffälliger Kontakt – eine beiläufige Geste – und mir fiel wieder ein, was er gesagt hatte: Hier flirtete man nicht offensiv. Vermutlich war das für seine Verhältnisse schon extrem mutig.

Den Kopf schüttelnd grinste ich ihn an und konnte immer noch nicht glauben, welche Wendung mein Urlaub hier zu nehmen schien. Ich blickte aus dem Fenster und sah, wie im Osten langsam die Sonne begann, gegen die Dunkelheit der Nacht anzukämpfen. Ein leuchtender, orangefarbener Schimmer zeichnete sich am Horizont ab.

Der Flug dauerte nicht lange, und unter uns sah ich die Scheinwerfer der Autos, die sich wie leuchtende Adern durch die Stadt schlängelten.

„Bist du heute ohne deine Bodyguards unterwegs?“, fragte ich nach einem Moment der Stille. Kurz schien Li zu überlegen und zog dabei eine Augenbraue leicht nach oben. Nach einem Augenblick erklärte er: „Hm, hier oben wartet einer, aber er wird uns nicht stören.“ Wir schwiegen einen Moment, bis mir etwas einfiel, was ich gestern schon fragen wollte. „Ist Li dein Vor- oder dein Nachname? Und wie möchtest du eigentlich lieber angesprochen werden? Li oder Qiang?“, fragte ich, während ich mich mühsam von der Aussicht löste, um Li anzublicken.

Wieder blickte er mich auf diese seltsame und für mich schwer einzuschätzende Weise an, bevor er erklärte: „Li ist mein Familienname. Qiang sagen nur enge Freunde. Ich weiß aus meiner Zeit in England, dass es bei euch anders ist… Bleib erst mal ruhig bei Li.“ Ich nickte, fand es aber trotzdem seltsam. Doch ich wollte ihn nicht beleidigen; nur weil es für mich ungewohnt war, musste es ja nicht falsch sein.

Sanft, aber dennoch deutlich spürbar, setzten wir auf dem Boden auf. Erst nachdem die Rotorblätter zum Stillstand gekommen waren, öffneten wir die Tür. Wir ließen die Helme im Hubschrauber zurück und ich verließ gemeinsam mit Li die Plattform.

Kühle, angenehme Luft wehte mir um die Nase, und der Duft von Bäumen und Blumen drang zu mir durch – etwas, das man in der Stadt unter uns vermutlich nur selten roch.

Vor uns, nur wenige Meter entfernt, stand ein weiterer Mann am Rande des Landeplatzes. Es war offensichtlich, wer er war – Li Qiangs Bodyguard. Er war groß, trug eine einfache schwarze Windjacke und schien die Kälte gar nicht zu bemerken. Er hatte sehr kurzes schwarzes Haar und betrachtete uns ohne jede erkennbare Regung im Gesicht. Um ehrlich zu sein, fiel es mir schwer, die Gesichter hier alle auseinanderzuhalten, doch ich war mir sicher, dass dies keiner der vier Männer war, die vor dem Fitnessstudio gewartet hatten. Der Fremde nickte Li Qiang kurz und wortlos zu.

Li ignorierte den Bodyguard weitestgehend und führte mich mit einer Handbewegung zu einer weiteren, schlichten Stahltür, die in den Kern des Gebäudes führte.

Es war fast nichts los. So leer hatte ich noch nie einen Ort in Hongkong gesehen, und irgendwie tat es gut, dass weniger Menschen um uns herum waren.

Wir schlenderten einen schmalen Gang entlang. Einige Geschäfte waren geschlossen, andere bereits geöffnet. Es wirkte jedoch so, als wären wir derzeit die einzigen Gäste. Die Stille der Mall war beinahe unheimlich. Es roch nach kaltem Stein und dem Desinfektionsmittel der Putzkolonnen, die hier vermutlich noch irgendwo arbeiteten. Li blickte weder nach rechts noch nach links, sondern ging stetig auf den Ausgang zu.

Ich folgte ihm und bemerkte, dass sein Bodyguard sich tatsächlich dezent im Hintergrund hielt. Langsam traten wir auf die Aussichtsplattform, und vor mir erstreckte sich die ganze gewaltige Größe der Metropole.

Der Anblick war überwältigend. Die Sonne brach gerade am Horizont durch, und der Himmel war ein brennendes Spektakel aus Tiefrot, Violett und schimmerndem Gold. Direkt unter uns lag der Victoria Harbour, dessen Wasser noch dunkel und spiegelglatt wirkte.

Die Stadt selbst lag noch halb im Schatten, doch die Millionen Fenster der Wolkenkratzer fingen das Licht der aufgehenden Sonne ein. Es war, als würden die höchsten Türme in Flammen stehen, während der Rest der Metropole noch im tiefen, blaugrauen Morgennebel versank. Das Geräusch der Motoren des beginnenden Verkehrs drang nur gedämpft bis hier oben herauf.

Während ich ein paar Bilder machte, lehnte ich mich an den Zaun und ließ die Dimensionen der Stadt auf mich wirken. Von hier oben konnte ich mit Sicherheit sagen, dass ich noch nie in einer so riesigen Stadt gewesen war – nicht einmal in Amerika. Ich atmete tief ein und drehte mich zu Li um, dessen dunkles Jackett sich scharf vom orangefarbenen Hintergrund abhob. „Das… das ist wirklich der Wahnsinn“, flüsterte ich, unsicher, ob ich die Aussicht oder die gesamte Situation meinte.

Li nickte langsam, ohne ein Wort zu sagen. Er trat neben mich an die Brüstung, doch anders als ich betrachtete er nicht das Naturschauspiel, sondern scannte die Skyline mit einem nachdenklichen, fast prüfenden Blick. „Ja, vermutlich. Meine Stadt ist schon schön“, sinnierte er. Langsam und ruhig drehte er den Kopf in meine Richtung.

Ein freches Grinsen huschte über meine Lippen, und ich warf einen kurzen Blick zu seinem Bodyguard. Zu meiner Überraschung sah dieser nicht in unsere Richtung, sondern ließ seinen Blick wachsam schweifen – vermutlich, um zu kontrollieren, ob sich andere Besucher der Plattform näherten.

Ich wusste nicht genau weswegen – ob es der Flug war, das Adrenalin, das immer noch durch meine Venen pumpte, oder der Mann neben mir, der mir gefiel und, wie ich feststellte, frisch und leicht nach einem vermutlich teuren Parfum roch. Ich lehnte mich zu ihm und drückte kurz meine Lippen auf seine Wange. Es war nur ein schneller, entschlossener Kontakt, entstanden aus dem Übermut des Augenblicks. Und doch war ich zufrieden, als ich ihm danach ins Gesicht sah. Perplex und mit leicht geweiteten Augen starrte Li mich an, als hätte das noch nie ein Mensch zuvor gewagt. Ich konnte nicht anders, und ein leises Lachen stahl sich über meine Lippen. „Was ist los?“, fragte ich mit schelmischem Unterton, „du wirst doch sicher schon andere Sachen gemacht haben. Das sollte dich jetzt wirklich nicht aus der Ruhe bringen.“

Ein kurzes, für mich schwer einzuordnendes Grinsen stahl sich auf das Gesicht meines Begleiters. „Du hast ja keine Ahnung, was ich schon alles gemacht habe“, meinte er gelassen und blickte mir direkt in die Augen. Überrascht weiteten sich nun meine Augen, als ich eine kräftige Hand bemerkte, die mir gezielt und unerwartet auf das Gesäß schlug. Damit hatte ich bei ihm absolut nicht gerechnet.

„Hey“, meinte ich gespielt empört und grinste breit. „Was sollte das denn?“ Meine Stimme klang kecker, als ich mich eigentlich fühlte.

Der kräftige Asiate lehnte sich zu mir, und sein warmer Atem streifte mein Ohr. Er raunte mir süffisant zu: „Wenn du das genauer wissen willst, sollten wir irgendwo hingehen, wo wir ungestört sind.“ Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter und Gänsehaut breitete sich über meine Arme aus. Einen kurzen Augenblick lang fühlte ich mich intensiv erregt und vor allem begehrt. Seine Nähe, kombiniert mit dem Adrenalin und seiner fordernden Geste, wirkte wie ein Rauschmittel, das meine Vernunft kurzzeitig ausschaltete.

„Vielleicht später“, sagte ich leise. Ich umfasste kurz seine Hand. Seine Finger waren kräftig und überraschend kalt – ein eiskalter Kontrast zu dem Feuer, das er gerade entfacht hatte. Rau vom vielen Training, wie ich vermutete. Kurz erwiderte er den Händedruck, doch dann ließ er meine Hand schnell wieder los. Es war eine klare Geste, die Distanz markierte, doch mir war in diesem Moment klar, dass das absolut nichts mit Zurückweisung zu tun hatte.

Kurz dachte ich nach: Wollte ich einen Urlaubsflirt? Oder war das hier etwas Gefährlicheres, Komplizierteres? Ich war natürlich nicht abgeneigt; das letzte Mal, als ich etwas mit einem Mann hatte, war noch in den Vereinigten Staaten gewesen. Das Ziel meiner Reise war es schließlich nicht, in jeder Stadt eine Nummer zu schieben. Langsam gingen wir von der Plattform weg und schlenderten zu den Cafés, die bereits geöffnet hatten. Ich hatte das Gefühl, seinen Schlag auf meinem Hintern immer noch zu spüren.

Ohne mich umzublicken, wusste ich, dass Li mich genau musterte. Ich spürte die Hitze seines Blicks in meinem Nacken. Ich drehte den Kopf, und wie vermutet, betrachtete er mich mit einer Intensität, die mir erneut eine Gänsehaut bescherte.

„Hast du genug schauen können?“, fragte ich frech und zwinkerte ihm erneut zu. Ein kurzes, trockenes Lachen entwich ihm – nur ein flüchtiger Hauch von einem Geräusch. Ich spürte förmlich, wie sein Blick über meinen Rücken glitt und an meinem Hintern verweilte. Ich hatte das Gefühl, ich hätte ebenso gut nackt vor ihm stehen können.

Schnell überbrückte er den Abstand zwischen uns, und als er neben mich trat, sagte er ruhig: „Normalerweise redet niemand so mit mir. Und normalerweise sind die Männer… deutlich anders, mit denen ich zu tun habe.“ Wir hielten vor dem Eingang der Mall an, und ich betrachtete ihn skeptisch, beinahe herausfordernd. „Wie meinst du das?“, wollte ich wissen, während wir langsam einen Laden betraten.

„Die Männer, die ich treffe, sind… wie sagt man auf Englisch… fügsam. Sie sind darauf bedacht, mich nicht zu verärgern. Keiner hätte es gewagt, mich so anzusprechen, geschweige denn mich einfach in der Öffentlichkeit auf die Wange zu küssen“, erklärte er ruhig und mit einer unerschütterlichen Autorität in der Stimme, die mich überraschte. Dennoch war es eindeutig kein Angriff. Es schien ihn einfach ehrlich zu wundern. Und so wie er mich anblickte, gefiel es ihm vielleicht sogar. „Ist das nicht langweilig, wenn alle vor einem kuschen?“, fragte ich und zog die Augenbrauen zusammen. „Ich stelle mir das eher öde vor… Vielleicht ist es für dich ja mal ganz angenehm, dass nicht alle sofort springen, wenn du etwas sagst.“ Ich lehnte mich leicht vor, meine Neugier siegte über die Vorsicht.

Erneut grinste er mich an, dieses Mal mit einem echten, fast amüsierten Lächeln, das seine Augen kurz aufhellte. Wir setzten uns an einen kleinen Tisch. Das Café war fast leer, nur das leise Klappern der Frühschicht war zu hören. Schnell kam die Bedienung und wir bestellten Kaffee sowie ein kleines Frühstück. Für mich war es zwar nur ein Croissant, aber ich brauchte etwas im Magen.

„Ich lade dich ein. Und ich bestehe darauf, bevor du jetzt etwas anderes sagst“, fügte ich schnell hinzu und legte eine gewisse Strenge in meine Stimme. Ich fixierte seinen Blick, um meine Entschlossenheit zu unterstreichen. Ein skeptischer und überlegender Ausdruck legte sich auf Lis Gesicht, während er über meine Worte nachzudenken schien. Er wog meine Geste ab. Dann nickte er und meinte, das sei wohl in Ordnung. Ich war perplex und konnte nur grinsend den Kopf schütteln. Das war also „in Ordnung“, sich von mir einladen zu lassen. Na gut.

Doch wenn ich darüber nachdachte und den Mann betrachtete, wusste ich einfach, dass er nicht der Typ war, der sich einladen oder gar aushalten ließ. Ich beobachtete sein Gesicht, während er kurz auf sein Smartphone schaute. Seine Brauen waren zusammengezogen, während er etwas las.

Trotzdem wollte ich, dass Li verstand, dass ich ebenfalls kein Mann war, der sich einfach aushalten ließ. So albern es auch sein mochte – mir war es wichtig, ihm diese winzige Geste der Unabhängigkeit zu zeigen. Schließlich hatte ich ihn nicht um ein Treffen gebeten, nur damit er mich finanzierte. Die Bedienung brachte uns schnell die Bestellung, und während wir aßen, erzählte ich ihm von meinen Reisen. Er ließ mich sprechen und erwähnte nur, dass er auch schon im Norden Thailands gewesen sei, das jedoch schon länger zurückliege. Skeptisch betrachtete ich das Gesicht vor mir und fragte mich zum ersten Mal, wie alt Li eigentlich war. Er hatte feine Falten auf der Stirn und an den Wangen, aber sie waren nicht besonders tief. „Wie alt bist du eigentlich?“, fragte ich unvermittelt. Sofort erntete ich einen überraschten, leicht verwirrten Blick. Vermutlich fragte er sich, wie ich von Urlaubsgeschichten so plötzlich auf sein Alter kam.

„Ich bin 45“, meinte er nach einem kurzen Augenblick. Fast schon fassungslos sah ich ihn an. Ich hatte ihn wesentlich jünger geschätzt, vielleicht Mitte 30. Anerkennend nickte ich und sagte beeindruckt: „Wow, ich hätte dich viel jünger eingeschätzt. Total krass. Du hast dich echt gut gehalten. Da sieht man mal, was Sport ausmacht. Ich bin 25.“ War er mir zu alt? Für eine feste Beziehung vielleicht, aber für einen Flirt? Wieso nicht. Ich suchte keine Liebe, ich suchte das Abenteuer.

Li zog eine Augenbraue hoch, das amüsierte Lächeln blieb auf seinem Gesicht. „45 ist ja zum Glück auch nicht alt, Jasper. Es ist… nennen wir es erfahren.“ Er lehnte sich leicht zurück, sein Blick wurde abschätzend. Er sah mir ins Gesicht, und ich bemerkte, wie er kurz auf meine Lippen schaute. Zumindest bildete ich mir das ein. „Und du bist gerade einmal 25… Du bist jung… vielleicht auch in manchen Dingen unerfahren. Das ist erfrischend. Die Männer, mit denen ich zu tun habe, sind normalerweise… anders… Sie wissen, wie sie mit mir umgehen sollten.“

Verwirrt riss ich kurz die Augen auf und starrte ihn für einen Moment sprachlos an. Es passierte selten, dass ich keine Antwort parat hatte. „Aha“, meinte ich gedehnt und fing mich wieder. „Ich würde mich zwar jetzt nicht als unerfahren bezeichnen… aber immer zu wissen, wie die anderen reagieren und was sie tun werden, klingt für mich eher langweilig.“

Li neigte den Kopf leicht zur Seite und fixierte mich. Sein Blick war nun nicht mehr bloß abschätzend, sondern prüfend, fast schon herausfordernd. Ein minimales, fast unmerkliches Lächeln schlich sich in seinen Mundwinkel. „Langeweile“, wiederholte er das Wort langsam und mit tiefer Stimme. „Es ist keine Langeweile, Jasper. Es ist Ordnung. Du verwechselst Disziplin mit Langeweile. In meiner Welt gibt es klare Hierarchien, und die Männer, die ich treffe, respektieren diese.“ Er hielt kurz inne, um das Croissant auf seinem Teller zurechtzurücken. Vielleicht wollte er auch einfach nur seine Hände beschäftigen, um seine innere Ruhe zu bewahren. „Aber weißt du, deine Art ist erfrischend unerzogen.“ Sein Blick glitt über mein Gesicht, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen. „Du scheinst zu glauben, dass dein mangelnder Respekt mich reizt. Und weißt du was? Das tut er tatsächlich.“

Sprachlos starrte ich ihn an. Mit vielen Reaktionen hatte ich gerechnet, aber damit nicht. Mein Mund stand leicht offen. „Ähm. Wow“, entfuhr es mir wenig geistreich, bevor ich schnell hinzufügte: „Ich wollte dir eigentlich gar nicht das Gefühl vermitteln, respektlos zu sein. Das tut mir leid.“ Die Entschuldigung kam schneller über meine Lippen, als beabsichtigt. Li hob fast unmerklich die Hand, um mich zum Schweigen zu bringen. „Kein Grund, dich zu rechtfertigen“, sagte er mit einer tiefen Ruhe, welche die Intensität seiner Aussage nur verstärkte. Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee. „Ich sagte nicht, dass es unangenehm ist. Nur ungewöhnlich.“

Ich nickte leicht und wusste nicht genau, was ich darauf erwidern sollte. Li trank den letzten Rest seines Kaffees aus, und ich bemerkte, wie er ein Gähnen gewaltsam unterdrückte. Erst da fiel mir wieder ein, dass er die ganze Nacht durchgemacht hatte. Er war sicher seit Stunden auf den Beinen. „Wenn du müde bist, können wir das hier auch beenden. Wenn du die ganze Nacht wach warst, bist du sicher allmählich fertig“, sagte ich fast schon sanft und schenkte ihm ein freundliches Lächeln. Seine Augen suchten die meinen, und ein weiches, echtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er nickte leicht. „Tatsächlich hast du recht… Willst du stattdessen heute Abend mit mir essen gehen?“

Während er auf meine Antwort wartete, tippte er etwas in sein Handy. Ich beugte mich vor, um seine volle Aufmerksamkeit zu bekommen, und antwortete: „Wo willst du denn essen gehen? Ich habe nämlich kein schickes Hemd eingepackt.“

Stille trat ein, und erneut musterte er meine Kleidung langsam und prüfend von oben bis unten. Es war ein seltsames Gefühl; ich war zwar nicht reich, aber meine Kleidung war auch nicht billig. Dieser kritische Blick fühlte sich merkwürdig an. Nach einigen Augenblicken meinte er: „Ich denke, das geht schon… Magst du lieber international essen oder traditionell chinesisch?“

„Hm… solange ich keinen Hund serviert bekomme, bin ich für traditionell chinesisches Essen“, scherzte ich und lachte kurz auf. Lis Mundwinkel zuckten, und er versprach mir, dass es keinen Hund geben würde. Ich bemerkte, dass er wirklich immer müder wurde; seine Augen waren nun leicht gerötet. Ich schlug vor: „Weißt du was? Ich fahre mit der Bahn nach unten. Das ist typisch touristisch. Du gehst am besten nach Hause und schläfst.“

Li nickte leicht und stand langsam auf. „Ich glaube, das ist tatsächlich eine sehr gute Idee… Ich schreibe dir wegen der Uhrzeit. Ich hole dich vor dem Hotel ab.“ Sein Ausdruck wurde wieder klarer und wirkte wacher. Er griff nach seinem Jackett, das über dem Stuhl gehangen hatte. „Die Standseilbahn ist eine gute Idee. Um diese Zeit ist sie noch nicht so voll.“

Er kam um den Tisch herum und blieb dicht vor mir stehen. Er beugte sich leicht zu mir herab, und erneut stieg mir der frische Duft seines teuren Parfums in die Nase. Mein Herz machte einen kurzen Aussetzer, um dann gefühlt doppelt so schnell weiterzuschlagen. „Du hast dir erlaubt, mir einen Kaffee auszugeben“, murmelte er mit tiefer, eindringlicher Stimme, die mir erneut eine Gänsehaut bescherte. Er zog mich sanft, aber fest am Handgelenk noch ein Stück näher an sich heran. Überrascht öffnete ich die Lippen.

Li lächelte nicht, aber sein Blick bohrte sich fest in meine grünen Augen. „Heute Abend bezahle ich.“ Er ließ meinen Arm los, während ich ihn immer noch fassungslos anstarrte. Ein kurzes Zucken seiner Mundwinkel entschärfte sein strenges Gesicht. Während er sich ganz aufrichtete, strich er mir sanft, fast beiläufig, über den Fünftagebart. „Bis heute Abend“, verabschiedete er sich und ging langsam auf seinen Bodyguard zu.

2 Tag: Süße Rebellion

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

3 Tag Hinter der gläsernen Fassade

cfVerschlafen drehte ich mich um und stieß an etwas Hartes und Warmes. Schlaftrunken hob ich den Kopf und blickte müde auf die massive, halbnackte Gestalt neben mir. Ich rieb mir meine verschlafenen Augen und streckte meine Glieder unter der kühlen Decke.

Gähnend setzte ich mich auf und sah auf den schlafenden Mann hinunter. Er lag auf dem Bauch und hatte die Arme wie schützend um ein Kissen geschlungen. Wir hatten vergessen, die Vorhänge zuzuziehen, und die helle, unbarmherzige Morgensonne Hongkongs schien direkt ins Zimmer. Das Licht warf einen scharfen Schatten.

Gleichmäßig hob und senkte sich Lis breiter Rücken, und ich betrachtete den Mann. Er wirkte im Schlaf fast verletzlich, eine Illusion, die sein Körperbau sofort widerlegte. Sanft strich ich über den schwarzen Drachen, der sich kraftvoll um seinen rechten Oberarm schlängelte. Das Tattoo war ein Kunstwerk, das seine gefährliche Seite im Schlaf zur Schau stellte. Es fühlte sich warm und glatt unter meinen Fingerspitzen an. Ich musste unwillkürlich lächeln; diese Machtdemonstration, die nun so friedlich dalag.

Langsam regte sich der massige Körper, und als er auf die Seite rollte, konnte ich das dunkle Tattoo auf seiner Brust mit den Augen nachfahren. Kräftige Hände zogen mich zu sich, und er strich mir sanft über den Rücken. „Zao“, murmelte Li leicht verschlafen, seine Stimme war tief und noch belegt. Ich musste leicht grinsen. Er war sogar noch so verschlafen, dass er nicht merkte, dass er Chinesisch sprach. „Morgen?“, riet ich leise und strich ihm durch die schwarzen Haare.

„Hmm…“, kam es nur von ihm, und er lachte leise. Ich strich weiter über seine breiten Schultern und fuhr immer wieder das dunkle Tattoo nach. Auch seine kräftigen Hände strichen über meinen Rücken, und er schien diese mühelose, morgendliche Intimität ebenso zu genießen wie ich. Es war ein kurzer, perfekter Moment außerhalb seiner kontrollierten Welt. Doch leider wollte und musste ich mich aus der wohligen Umarmung lösen. Ich stahl mich aus seinen Armen und machte mich schnell im Badezimmer fertig.

Als ich aus dem Badezimmer kam, konnte ich nicht verhindern, dass ich mich enttäuscht fühlte. Li hatte bereits seine Hose angezogen und stand mit dem nackten Oberkörper am Fenster, wo er geschäftig am Handy war. Der Casinobesitzer war zurückgekehrt. „Sofort wieder am Arbeiten?“, wollte ich wissen und griff nach einer Hose. Die Frage klang fordernd, was ich nicht beabsichtigt hatte.

Li drehte sich nicht um, aber ich sah, wie er nickte, während er auf Mandarin in das Telefon sprach. Der Mann von der letzten Nacht war in den Anzugträger und Tycoon von heute Morgen übergegangen. Ich verstand wieder nur Bahnhof und kramte ein T-Shirt aus dem Schrank. Es war ein Bandshirt, der Druck war leicht verwaschen.

Auch mein Handy summte, und als ich auf das Display sah, musste ich schmunzeln. Es war meine Schwester.

Ich nahm den Anruf entgegen, und eine piepsige, fröhliche Mädchenstimme hallte durch den Hörer. „Onkel Jazz!“, quietschte es fröhlich, und ich lachte leise, als ich Graces klare Stimme hörte. „Hi, Mäuschen“, meinte ich grinsend und sofort plapperte sie etwas vom Kindergarten. Ich hörte Jenny im Hintergrund leise lachen.

Ich setzte mich aufs Bett und bemerkte, wie Li mich aufmerksam musterte. Er sprach nicht mehr in sein Telefon. Er hatte sein Gespräch beendet. Ich hoffte, ich hatte kein wichtiges Geschäft unterbrochen, doch er blickte mich nicht wütend an. Es schien eher interessiert -von dem Einblick in meine Welt zu sein. „Nicht so schnell, Darling“, meinte ich mit sanfter Stimme und versuchte, das aufgeregte Kind zu bremsen. „Ich verstehe dich nicht, wenn du alles versuchst, gleichzeitig zu erzählen.“

Ich hörte, wie Grace etwas erzählte, was sie gerade sah, und hörte nach wenigen Augenblicken, wie Jenny ihr den Fernseher anmachte. Ich versuchte dem Kind das Gefühl zu geben, dass ich ihr zuhörte. Immer wieder ließ ich ein Ja und oh einfließen. Sie freute sich lautstark darüber. Doch ich hörte ihre Mutter im Hintergrund und sie forderte Grace auf, dass Gespräch zu beenden.

„Bis bald, Mäuschen“, verabschiedete ich mich von meiner Nichte. „Ich habe auch was Tolles für dich zum Geburtstag. Ich habe dich lieb.“ Quietschend vor Freude bekam ich mit, dass ihre Mutter das Handy übernommen hatte, und ein erschöpftes „Hi, Jazzy“, drang an meine Ohren. Ihre vertraute Stimme tat gut, und ich freute mich, sie bald wiederzusehen. „Alles gut bei dir? Wie ist Hongkong? Ich muss gleich Einkaufen aber ich wollte mich mal persönlich melden“, erklärte sie wissen, und ich lehnte mich entspannt in die Kissen zurück. Li stand immer noch schweigend am Fenster und beobachtete mich.

„Jap, alles gut hier. Als ich ankam, war hier erstmal sowas wie ein CSD. Ziemlich passend für mich, wenn du fragst.“ Ich hörte Jennys Lachen. Sie hatte mir in meiner Krise damals beigestanden und hatte sämtliche Höhen und Tiefen mit mir durchlebt. Wir hatten ein enges und sehr vertrautes Geschwisterband. Sie war mir eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. „Jap, alles super. Nur der Jetlag zieht rein. Aber hey, die ersten Nächte waren ein Erfolg.“ Jenny kicherte, und ich konnte mir vorstellen, wie sie den Kopf schüttelte. „Total passend. Für dich jedenfalls. Und sonst? Du bist doch nicht nach Hongkong geflogen, um Männer aufzugabeln. Hast du dir wenigstens die Stadt angeschaut?“ Ich schmunzelte leicht und berichtete von meinen Erlebnissen auf dem Markt. Ich beobachtete Li, der sich gerade sein schwarzes Hemd von gestern anzog. Die Knöpfe seiner Hose waren bereits geschlossen, er wirkte wieder undurchdringlich.

Ich vermutete, dass er meine Schwester hören konnte. Mein Handy war nicht auf leise eingestellt. Er lehnte sich an die Scheibe und sah in sein Handy hinunter. Ich wusste nicht genau, wie ich die Hubschrauberfahrt von gestern erklären sollte, ohne sie völlig zu überfordern.

„Und ich habe auch noch Sachen hier vor. Ich will hier noch auf den Jademarkt und einen Tempel anschauen… Aber vielleicht muss ich das ja nicht alles alleine machen“, antwortete ich, meine Stimme hatte diesen koketten Unterton, den Jenny sofort bemerkte. Lis und mein Blick trafen sich, und ich lächelte ihn an. Doch etwas schien nicht zu stimmen. Er sah nicht amüsiert aus.

„Ich habe da einen Typen kennengelernt. Er hat mich gestern Abend zum Essen ausgeführt, in ein teures Restaurant mit Blick über die ganze Bucht.“

„Das klingt cool. Hast du ihn auf der Parade kennengelernt? Wie heißt der denn?“, wollte Jenny wissen, und ihre Stimme war jetzt voller Neugier.

Li kam mit zwei langen, lautlosen Schritten vom Fenster zum Bett. Er beugte sich über mich. Er nahm mir das Telefon nicht ab, doch es war klar, dass ich nicht groß weitersprechen sollte. Bevor ich den Namen sagen konnte, legte Li ihm einen großen, kühlen Finger auf meine Lippen. Es war eine bestimmende, fast unverschämte Geste. Er sah mir dabei tief in die Augen, seine waren dunkel und voller Ernst. Ich erstarrte, verstand die klare, stumme Warnung sofort: Sein Name ist tabu.

„... er will nicht, dass ich ihn nenne. Die Menschen hier sind ja weniger offen. Noch konservativer, was das angeht, als in den USA“, beendete ich den Satz schnell, meine Stimme war plötzlich sachlicher. Es war die nächstbeste, halbwegs plausible Lüge. „Er ist Geschäftsmann aus Macau. Auf jeden Fall kein Backpacker. Wir wollen heute vielleicht noch in seine Wohnung.“

Die Stille am Ende der Leitung verwirrte mich, und verwirrt fragte Jenny nach einem Augenblick: „Wieso will er denn nicht, dass du seinen Namen sagst? Bist du sicher, dass es eine gute Idee ist, mit ihm in seine Wohnung zu gehen? Ich meine, du kennst ihn nicht.“ Ich musste an den gestrigen Abend denken. Die Zweisamkeit, die Intimität, die Entspanntheit. Ich war mir sicher, dass es ihm einfach unangenehm war, wenn viele wussten, dass er etwas für Männer empfand.

Langsam nahm Li den Finger von meinen Lippen und strich mit dem Daumen sanft und besitzergreifend darüber. Ein Kribbeln ging durch meinen Körper, und ich erschauderte.

„Mach dir mal keine Sorgen“, meinte ich gelassen und lächelte den breiten Chinesen an. „Er wird mir schon nichts tun. Hier sind manche Sachen einfach anders. Andere Kultur eben.“ Ein Grummeln kam von Jenny. „Na gut. Kannst ja trotzdem mal deinen Standort schicken, wenn du da bist“, meinte sie, und ich hörte raus, dass es ihr nicht passte. Doch ich war eindeutig erwachsen.

„Du, Jenny“, meinte ich und blickte Li weiterhin in die Augen, der mich jetzt leicht grinsend beobachtete. „Ich bin gerade erst aufgestanden. Ich habe Hunger und würde gerne zum Frühstück gehen.“

Kurz schwieg Jenny am anderen Ende der Leitung, und unsicher sagte sie: „Alles klar. Ich muss auch gleich los. Ich hole dich vom Flughafen ab. Pass auf dich auf.“

Ich stöhnte genervt und musste trotzdem grinsen. „Natürlich“, meinte ich nur, und mit einem ich habe dich lieb, beendete ich das Gespräch. Ich legte das Handy beiseite und sah Li an. "Hast du ein Problem mit meiner Familie? Oder was ist dein Problem?"

Li lächelte, aber es erreichte seine Augen nicht ganz. Er lehnte sich mit seinem nackten Oberkörper vor und stützte seine Hände rechts und links neben meinem Kopf auf der Matratze ab. Ich lag wieder unter ihm.

„Ich habe kein Problem mit deiner Familie, Jazz“, antwortete er, seine Stimme war jetzt wieder tief und besitzergreifend. „Aber sie brauchen meinen Namen nicht kennen.“ Er beugte sich noch näher, seine dunklen Augen musterten mich. Seine Hand wanderte erneut zu meinen Lippen und er strich mit den rauen Fingern darüber. Ich verstand nicht, weswegen er das meinte und wollte gerade den Mund öffnen um ihn zu sagen, dass das albern sie als er besitzergreifend seinen Mund auf meinen drückte. Er ließ mich sich nicht bewegen und erst nach einigen Sekunden gab er meinen Mund frei. „Mein Name ist teil meiner Lebensversicherung. Solange wir zusammen hier in Hongkong unterwegs sind, sag ihm besser so wenigen wie möglich“, meinte er erklärend und stand auf. „Vielleicht sollten wir frühstücken“, meinte er gelassen und griff nach seinen Schuhen.

Unzufriedenheit brandete in mir hoch und doch wusste ich nichts adäquates dazu zu sagen. Auch ich zog meine Sneaker an.

„Wenn du wirklich zum Jademarkt willst, kann ich dich begleiten. Und wenn du willst, können wir heute Abend bei mir in der Wohnung kochen.“ Wir warteten auf den Aufzug. Überrascht sah ich ihn an. „Du kochst?“, fragte ich verwirrt, und ein leichtes Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Das passte so gar nicht zu dem Mann, den ich kennen gelernt hatte. „Ja, manchmal koche ich“, meinte er gelassen und stieg in den Aufzug, der gekommen war.

Ich folgte ihm und wir standen wieder eng in der Kabine, während wir in die Lobby hinunterschossen. „Ich bin davon ausgegangen, du hast einen Koch“, rutschte mir verwirrt heraus. Li sah mich mit diesem geheimen, zufriedenen Lächeln an. „Ich habe eine Haushälterin“, erklärte er entspannt. „Die kocht auch mal, aber ich kann es tatsächlich auch selber. Ich bin nicht nur ein Geschäftsman, Jazz.“ Seine Augen strichen über meinen Körper. Die Idee, ihn in seiner privaten Küche zu sehen, war ebenso reizvoll wie die Vorstellung seiner luxuriösen Wohnung.

„Na gut“, sagte ich und erwiderte sein Lächeln. „Dann zeig mir, was der Geschäftsmann so kocht. Aber ich warne dich, meine Standards sind hoch“, spottete ich über mich selbst und ein leises Lachen stahl sich aus meinem Mund. „Und was den Jademarkt angeht“, meinte ich nach einem Augenblick und betrat den Raum in dem es immer Frühstück gab, „können wir das gerne zusammen machen. Ich will dich nur nicht von deiner Arbeit fernhalten.“
 

Das Buffet war dürftig. Ich schnappte mir Toast, Rührei und Bacon, das bereits leicht kalt aussah. Li wirkte in dieser Umgebung einfach falsch. Er war zu poliert, sein Hemd zu teuer, seine Haltung fast schon königlich für diesen Allerweltsaal. Als wir an unserem Tisch vorbeigingen, verbeugten sich einige Hotelmitarbeiter fast unmerklich vor Li. Es war kein theatralischer Kniefall, sondern ein schneller, tiefer Nicker – ein deutliches Zeichen des Respekts. Nur kurz nickte Li den Leuten zu, seine Reaktion war flüchtig, als wäre es für ihn normal, dass die Welt vor ihm knickt.

Er kam mit einer tiefen Schale zum Tisch zurück, gefüllt mit dickem, heißen Reisbrei garniert mit frischen Frühlingszwiebeln und etwas eingelegtem Gemüse. Dazu gab es frittierten Teigstangen, die er in seinen Brei tunkte. „Das asiatische Frühstück sieht für mich immer aus wie ein Abend- oder Mittagessen“, meinte ich gelassen und kaute auf meinem trockenen Toast.

Li sah von seinem auf meinen Teller. Während er gekonnt mit den Stäbchen hantierte, konterte er kühl: „Das hier sieht für mich jetzt auch nicht unbedingt appetitlich aus. Es ist blass und hat keine Seele.“

Frech nickte ich während ich den Bacon aß und meinte frech: „Stimmt, das Tier hat es eindeutig hinter sich.“ Kurz zuckte sein Mundwinkel nach oben. Wieder hatte er sein Handy in der Hand. Wenn ich ehrlich war, hatte er es fast nicht weggelegt, seit wir aufgestanden waren. Die Konzentration, mit der er auf den beleuchteten Bildschirm starrte, war fast beleidigend. „Wenn du möchtest, kaufen wir die Lebensmittel für heute Abend auf dem Markt“, sagte er, ohne den Blick vom Display zu heben. „Das könnte dir als Tourist sicher gefallen.“

Langsam nervte mich sein Desinteresse. „Das könnte wirklich nicht schlecht sein“, meinte ich und war trotzdem überrascht, dass er Lebensmittel kaufen wollte. „Kaufst du öfter Essen ein? Dachte, der Casinobesitzer hätte besseres zu tun.“ Geschäftig schüttelte er den Kopf. „Nein. Normalerweise macht das die Haushälterin“, sagte er und schaffte es endlich, das Handy zur Seite zu legen. Ich hatte meinen Teller leer gegessen, doch die Auswahl war so dürftig, dass ich nicht noch einmal zum Buffet gehen wollte.

Er blickte mir in die Augen und sprach weiter: „Da du vermutlich nicht länger bleiben willst und ich deine Anwesenheit unterhaltsam finde, dachte ich, wir verbringen den Tag einfach zusammen. Solche Märkte interessieren euch Touristen ja immer. Aber auf dem Markt werde ich wohl den ein oder anderen Leibwächter mitnehmen. Nur zur Vorsicht.“

Schon wieder Leibwächter? Und das nur für den Einkauf von Fisch und Gemüse? Die Diskrepanz zwischen seiner luxuriösen Welt und dieser fast lächerlichen Bedrohung wurde immer suspekter. Ich trank meinen lauwarmen Kaffee leer und dachte mir, dass es vielleicht besser war, wenn wir ab morgen getrennt Wege gingen. Für heute ließ ich mich noch einmal in seine Welt ziehen, doch ich merkte mit jeder neuen Facette, dass diese Welt wohl einfach nicht meine war. Li spielte ein Spiel, dessen Regeln ich nicht kannte, und das machte mir zunehmend ein schlechtes Bauchgefühl.
 

Zehn Minuten später stand ich wieder in der Tiefgarage des Hotels. Die schwarze Limousine wartete. Aber diesmal war es nicht nur ein Auto. Es war eine kleine, bedrohliche Kolonne von drei identischen schwarzen Limousinen, und diesmal waren die Leibwächter nicht nur Fahrer. Kurz erstarrte ich und blickte an mir runter. Ich passte absolut nicht in Lis Welt mit meinem Bandshirt.

Neun weitere Männer in dunklen Anzügen mit unbewegten Gesichtern standen bereit. Einer öffnete die Tür für Li, ein anderer, dessen Blick kühl und ungeduldig war, fixierte mich. Die Männer verbeugten sich kurz vor Li, und ich hörte sie in kurzen, abgehackten chinesischen Befehlen miteinander sprechen, bevor sie ihre Positionen einnahmen. Zwei der neuen Männer stiegen in den ersten Wagen. Einer öffnete meine Tür mit einer unverhohlenen Geste des Befehls, der andere sicherte die Umgebung mit einem prüfenden Blick in die leere Garage. Li stieg in den ersten Wagen, ich rutschte auf den Rücksitz neben ihn.

„Was ist das denn?“, fragte ich Li, als die Autotür mit einem satten, isolierenden Geräusch ins Schloss fiel. „Haben wir Krieg? Ist das nicht ein wenig übertrieben?“ Li drehte seinen Kopf langsam zu mir, das geheime, unlesbare Lächeln zog sich über sein Gesicht. „Vielleicht möchte ich ja jetzt endlich angeben, Jazz“, meinte er gelassen und grinste mich an.

Die Fahrt war schnell. Die Kolonne manövrierte mit präziser Aggressivität und ohne Rücksicht auf andere durch den dichten Verkehr. Ich fühlte mich plötzlich unwohl, eingesperrt und zu sehr beobachtet. Das hier war keine gewöhnliche Fahrt zum Markt, das war eine militärisch anmutende Eskorte. Vollkommen sinnfrei und übertrieben.

„Kommen die gleich wirklich alle mit?“, fragte ich, und lehnte mich vor, um durch die Windschutzscheibe zu sehen, wie die Kolonne die Spur wechselte. „Das wäre schon etwas drüber, auch zum Angeben… Reicht deine Wohnung etwa nicht aus, um mich zu beeindrucken?“ Meine Frechheit war ein Verteidigungsmechanismus gegen die Unsicherheit, die jetzt in mir schwang.

Li legte seine Hand auf meinen Oberschenkel, seine Geste war so locker wie der Befehl zum Überholen eines Taxis. Seine breiten rauen Finger zogen kreise auf meiner Hose und kamen erst nach einigen Augenblicken zur Ruhe.

„Die Wohnung ist für uns. Ich verspreche dir, da wird keiner sein. Ich zeige dir meine Welt. In dieser Welt bewegt man sich nicht ohne eine kleine Entourage. Das ist keine Angeberei. Das ist mein Leben. Genieß einfach die Vorteile mit mir unterwegs zu sein.“ Vorteile, dachte ich mir skeptisch und sah aus dem Fenster. Ich war mir nicht sicher ob das, was er als Vorteil sah mir gefiel. Der Markt selbst war ein Chaos der Sinne – der Geruch von Gewürzen und getrocknetem Fisch, der Lärm der Händler, die bunten Farben von Jade und gefälschter Seide. Aber sobald Li aus dem Auto stieg, änderte sich die Atmosphäre. Einige Gespräche verstummten, als wir geballt aus dem Fahrzeugen stiegen. Sie musterten uns mit unverhohlener Neugier.

Die Leibwächter bildeten sofort einen Halbkreis hinter uns. Sie folgten uns, diskret, aber unerbittlich. Niemand sprach uns an, niemand drängte sich uns auf. Es war seltsam und ein beklemmendes Gefühl. „Die sind aber später wirklich nicht mehr da, oder?“, wollte ich wissen, während ich die Massen an Obst und Gemüse betrachtete. Würden sie uns weiterhin in seine Wohnung begleiten, würde ich mir eine Ausrede einfallen lassen. Diesen permanenten Schatten wollte ich mir nicht den ganzen Tag geben. Li schüttelte ungeduldig den Kopf. „Habe ich doch gerade gesagt. In der Wohnung sind wir allein.“

Überall, wo Li hinging, verstummen die Gespräche. Die Händler, die eben noch lautstark ihre Waren angepriesen hatten, wurden ehrfurchtsvoll still. Sie verbeugten sich nicht, aber ihre Blicke waren tief, ehrerbietig, mache fast ängstlich. Unser Auftreten war beängstigend und einschüchternd, und ich konnte es den Leuten nicht verübeln. „Das ist... seltsam“, murmelte ich leise und trat vorsichtig über ein paar nasse, rutschige Fliesen, um nicht auszurutschen.

Li blickte zu mir und blieb stehen. Seine Haltung forderte die Umgebung auf, innezuhalten. „Es ist nur seltsam für dich, weil du diesen Personenkult nicht gewohnt bist“, erklärte er ruhig und mit ungewohnter Sanftheit. Er sprach leise und ich vermutete, dass er nur wollte, dass ich die Worte hörte, „Die Menschen sehen mich mit den Männern, die mich begleiten. Sie müssen nicht wissen, wer ich bin, um zu wissen, dass ich etwas bin. Sie sind dann einfach lieber höflicher, bevor man ihnen nachsagt, sie seien es nicht. Lass dich also nicht verunsichern.“

Die letzten Worte waren fast ein beruhigendes Flüstern. Dann, ganz kurz, strich er mit dem Daumen über den Handrücken meiner zur Faust geballten Hand. Leicht zuckten seine Mundwinkel für ein schnelles, intimes Lächeln, das nur mir alleine galt. Tatsächlich fühlte ich mich dadurch etwas sicherer. Und der Knoten in meiner Brust löste sich langsam. Leicht nickte ich, und auch ich lächelte kurz.

Mit einem knappen Nicken wandte sich Li wieder ab. Er ging zielstrebig zu einem Gemüsestand. „Wir brauchen Ingwer, Chili und frischen Fisch. Halte dich an meine Seite, der Markt ist groß und unübersichtlich“, forderte er mich auf. Vielleicht hatte er Recht. Vielleicht sahen die Leute nur das Geld und die Macht und wollten ihn nicht versehentlich vergraulen. Wahrscheinlich konnte man bei jemandem, der so viel Geld hatte, sein Gesicht verlieren. Ich atmete durch und versuchte, endlich keine Gespenster zu sehen.

Trotzdem starrten die Leute uns an. Nicht mich, sondern ihn. Es war eine Art von Respekt, die ich nicht kannte. Eine Art von Respekt, die man nicht lautstark verdienen muss, sondern die einem einfach entgegengebracht wird – eine Macht, die leise und absolut war.

Li war gerade dabei, mit einer Verkäuferin über den Preis eines Fisches zu verhandeln, wobei er einen knappen, aber fließenden Dialekt sprach. Ich hielt mich etwas abseits der Leibwächter, fasziniert von den Stapeln exotischen Gemüses. Ich sah mir Früchte an und überlegte, mir eine Drachenfrucht zu kaufen. In Thailand hatte sie mir unheimlich gut geschmeckt. Ein älterer, runzliger Mann mit einem Korb voller Kräuter kam näher. Seine Augen waren dringend und ängstlich, als er mich musterte. Er fasste meinen Arm. Überrascht starrte ich ihn an. Wenn ich etwas verstanden hatte, dann das man hier niemanden einfach so anfasst.

„Du… Schlechter Weg. Du gehen nach Hause…“ Er sprach in sehr gebrochenem Englisch und schüttelte intensiv den Kopf. Er drückte meinen Arm fest. „Dein Gesicht… es ist zu klar…Du verschwinden, besser! Das Glück geht fort!“ Verwirrt starrte ich in das Gesicht des Greises und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.

Er sprach noch etwas auf Chinesisch, was ich nicht verstand. Gerade in dem Moment merkte ich, wie jemand blitzschnell hinter mir trat. Es war einer der Leibwächter. Er war nicht so groß und bullig, sondern von drahtiger, sehniger Statur, wirkte athletisch und federnd. Sein dunkler Anzug war makellos und saß so perfekt, dass er eher wie eine zweite Haut wirkte als wie eine Uniform. Er hatte ein junges, fast neutrales Gesicht mit scharfen, intelligenten Zügen, aber seine Augen wirkten gerade kalt. Sie waren hellbraun, fast bernsteinfarben, und trugen einen Ausdruck konzentrierter, unerbittlicher Wachsamkeit.

Er sprach Li auf Chinesisch mit einem einzigen, scharfen, warnenden Wort an, während er den alten Mann fixierte. Seine Stimme war tief und absolut befehlend. Sofort sah Li von seinem Fisch auf. Sein Blick traf den des alten Mannes. Li lächelte nicht, aber sein Gesicht war ruhig und absolut beherrscht. Er sah nicht wütend aus, noch schien er sonst eine Reaktion zu zeigen.

Der alte Mann zuckte sichtlich zusammen, ließ meinen Arm los und huschte mit gesenktem Kopf in die Menge, seinen Korb fest umklammert. Er war so schnell verschwunden, als wäre er nie dagewesen. Ich stand da, den Arm noch leicht kribbelnd, und sah verwirrt Li an.

Li kam ruhig auf mich zu. Er sah kurz dem flüchtenden Mann nach, bevor seine braunen Augen auf meine trafen. Der Leibwächter war sofort zurückgewichen, als wäre er nie dagewesen, und stand wieder diskret in der Formation hinter uns.

„Was wollte der Alte?“, fragte ich überrascht. Li blickte mich freundlich an, als wäre nichts geschehen. „Ich glaube, er war nur verwirrt, Jazz. Ein alter Mann, der seine Kräuter überteuert verkaufen will und dafür einen Aberglauben erfunden hat. Er hat dich mit jemandem verwechselt, der ihm Schlechtes Omen bringt. Vielleicht war er auch einfach nur rassistisch.“

Ich nickte, doch seine Erklärung beruhigte mich, jedoch nicht gänzlich. Die Worte des Mannes waren absurd, aber seine Angst war real und greifbar. Die Art, wie Li nur schauen musste, um einen Mann aus Angst zum Schweigen zu bringen, war beunruhigend. Ich atmete durch und versuchte, mir einzureden, dass es nur ein kulturelles Missverständnis war – ein Gespenst, das ich in seiner Welt sah. Doch ich war mir sicher, heute Abend gingen wir besser getrennte Wege.

Li reichte seine Einkäufe einem Mann der in der Menge verschwand und meinte zu mir: „Der Jademarkt ist über Mittag am besten zu besuchen. Wir fahren dahin und danach in meine Wohnung. Ich nickte leicht und folgte ihm zum Auto und stellte fest, dass nur noch zwei Wagen von der Kolonne vor Ort waren.

„Bringt man das Essen jetzt etwa schon zur dir?“, wollte ich wissen und Li bestätigte es mit einem nicken.

Die Fahrt zum Jademarkt dauerte nur zehn Minuten, doch die Atmosphäre änderte sich radikal. Es war kein Vergleich zu dem Markt davor. Hier herrschte kein Chaos aus Fisch und Feuchtigkeit, sondern ein gedämpfter, fast feierlicher Trubel. Die Gassen waren gesäumt von festen, kleinen Ständen unter leuchtend roten Vordächern. Die Luft roch nach Weihrauch, Sandelholz und dem kühlen, erdigen Duft der Steine selbst.

Lis Entourage war hier weniger einschüchternd. Die beiden verbliebenen Limousinen hielten in einer Seitenstraße; die Leibwächter mischten sich diskreter unter die Touristen und die lokalen Käufer. Hier fielen sie eigentlich gar nicht auf. Li und ich wirkten wieder wie zwei Freunde, die eine gute Zeit hatten. Auch Li wirkte entspannter, für mich fast schon wieder normal. „Einige Chinesen glauben, dass Jade ein Lebenselixier ist“, erklärte Li, seine Stimme war jetzt wieder leicht und entspannt. „Sie hält schlechte Geister fern und bringt Glück. Hier gibt es nur gute Schwingungen, Jazz. Kein Grund zur Sorge also.“

Ich atmete tief durch. Tatsächlich fühlte ich mich hier sofort wohler, wobei ich glaubte, dass das weniger an der Jade lag als an der Atmosphäre des Ortes. Die Farben des Steins – von blassem Apfelgrün bis zu tiefem Moos – waren schön. Die Menschen um mich herum waren entspannt und gut gelaunt. Niemand verspürte hier Angst. Ich betrachtete eine Figur eines chinesischen Drachen, sie war groß und sehr detailliert gemach. Es erinnerte mich etwas an Lis Tattoo. Wir blieben vor einem Stand stehen, der kunstvoll geschnitzte Figuren und kleine Sets ausgestellt hatte. Li hob eine polierte Figur auf. „Such dir etwas aus. Ein Souvenir für dich. Für das Glück, wie die Alten sagen.“ Ich lachte leise und betrachtete Buddha-Statuen, Geisterhäuser und andere asiatisch anmutende Gegenstände. Wollte ich mir ein Geschenk von ihm machen lassen? Wieso nicht? Außer auf dem Markt gerade war Li zwar seltsam aber wir hatten eigentlich eine schöne Zeit und ihm würde es wirklich nicht weh tun. Also nickte ich leicht. „Danke. Mal schauen, was mir gefällt. Ich dachte, du kaufst Geschenke nur in der teuersten Boutique der Welt“, neckte ich ihn und spürte, wie die anfängliche, lockere Chemie zwischen uns zurückkehrte. Etwas, das mich sehr erleichterte. Hier wirkte er nicht wie der Mogul, sondern einfach wie der Mann, der mir im Restaurant die Kinderstäbchen bestellt hatte – ein Mann, der mir viel lieber war.

Li schmunzelte und sein Blick verriet eine kaum merkliche Belustigung. „Ich kaufe das Beste, Jazz. Manchmal ist das Beste ein Stück Glück auf einem einfachen Markt. Weißt du, was mir auffällt?“ Er hob eine kleine grüne Münze hoch und sah von dieser zu mir. „Deine Augen erinnern mich an Jade“, meinte er und ein fast schon zärtlicher Ausdruck schlich sich auf sein sonst so strenges Gesicht. „Vielleicht bringe ich dir dann Glück“, konterte ich frech und fand endlich wieder zu meiner Schlagfertigkeit zurück. Ich zwinkerte ihm zu und betrachtete weiterhin die ausgestellten Gegenstände.

Ich ging tiefer in einen der Stände hinein. Mein Blick fiel auf ein kleines Reise-Mah-Jongg-Set aus Elfenbeinfarbener und tiefgrüner Jade. Die Fliesen waren winzig, aber perfekt graviert. „Interessiert dich das Spiel?“, fragte Li entspannt, der mir gefolgt war. Auch er nahm einen der Spielsteine in die Hand und begutachtete ihn. „Es sieht schon schön aus. Ein kleines Kunstwerk“, sagte ich ruhig, während ich die Spielsteine betrachtete. „Aber ich kenne die Regeln nicht wirklich.“

Li nahm ein anderes Kästchen, öffnete es und ließ seine Finger über die kühlen, glatten Drachen-Fliesen gleiten. „Mah-Jongg. Das Spiel des Glücks, der Gier und der Psychologie. Es ist komplex, man braucht sowohl Strategie als auch eine gute Hand. Ein Spiel, das dir wahrscheinlich gefällt.“ Er legte das Kästchen beiseite und sah mich an. Sein Blick war nicht mehr der unbewegte Befehlshaber, sondern der faszinierte Stratege. Ich grinste kurz und legte alle Steine zurück in die Schachtel. „Ich kaufe es dir. Unter einer Bedingung“, meinte er fast schon frech klingend. Hier auf diesem Markt machte es wieder

Der Knoten in meiner Brust löste sich unter der entspannten Stimmung vollends auf. Ich lächelte den Mann vor mir breit an. „Und die wäre?“, fragte ich.

„Du spielst es heute Abend mit mir. Ich werde dir die Regeln erklären“, meinte er gelassen.

Ohne lange nachzudenken nickte ich. „Abgemacht, aber ich warne dich, ich habe oft Glück im Spiel“, sagte ich lachend und konnte nicht anders, als ihn erneut frech anzuzwinkern. Ein leises, unauffälliges Lachen entfuhr dem breiten Asiaten neben mir.

Li bezahlte den Händler, ohne über den Preis zu verhandeln, was in dieser Umgebung fast unhöflich war. Er steckte das kleine Kästchen mit den Jadesteinen in meine Hand. Der kühle Stein und das Gewicht der Fliesen fühlten sich fest und vielversprechend an.

„Na komm“, sagte Li, seine Entschlossenheit kehrte zurück. „Wir fahren jetzt zu mir. Ich brauche auch endlich andere Kleidung.“

Li führte mich zum ersten Wagen, während der Leibwächter, der Li auf dem anderen Markt gerufen hatte, das Mah-Jongg-Set und meine Hand kurz musterte, bevor er die Wagentür öffnete.

Die Fahrt begann. Wir glitten durch die belebten, engen Gassen der Innenstadt, die bald breiteren und geordneteren Straßen einem Viertel wichen, was eindeutig nicht mehr Touristisch war, aber das deutlich zeigte, dass die Menschen die hier lebten sehr reich waren. Es war eine atemberaubende Show aus Glas, Stahl und Licht, in der die Wolkenkratzer wie Titanen in den Himmel ragten.

„Dieser Teil der Stadt“, begann ich, während ich eine glänzende Fassade bewunderte, „sieht aus, als wäre er direkt aus einem Science-Fiction-Film entnommen. Du wohnst hier, richtig? Wir haben in Texas zwar auch Hochhäuser, aber die wirken nicht so… dich aneinander.“

Li lehnte sich zurück. „Ja, dass Leben hier ist in dem Viertel ist teuer. Hier mischt sich das alte Geld mit dem neuen. Aber ja, ich wohne hier. Es ist praktisch und bietet die Ruhe, die man braucht.“ Er drehte den Kopf zu mir. „Wenn du aus Texas kommst – vermisst du dann die weite Landschaft, wenn du in so einem Dschungel aus Beton bist? Könnte dir sowas auch gefallen?“

Es folgte ein kurzer, entspannter Small Talk. Wir sprachen über Essen, die Unterschiede zwischen Texas BBQ und authentischem chinesischem Essen, über die Weite Amerikas im Vergleich zur Dichte Asiens. Es war ein normales, angenehmes Gespräch – abseits aller Bodyguards, Jadesteine und dubioser Fischmärkte. Ich musste mich daran erinnern, dass dies nur eine Fassade war, die mein Entschluss, abzureisen, bald einreißen würde.

Nachdem wir mehrere Blocks durch dieses exklusive, beinahe unwirkliche Viertel gefahren waren, bogen wir abrupt von der Hauptstraße ab und fuhren in eine unauffällige Einfahrt. Die breite Limousine rollte durch ein Sicherheitstor, das sich geräuschlos hinter uns schloss, und tauchte in die kühle, neonbeleuchtete Stille einer Tiefgarage ein.

Es war keine normale Tiefgarage, auch wenn sie nach Benzin roch. Die Wände waren poliert, der Boden makellos. Das Licht war gedämpft, fast wie in einer Kunstgalerie. Hier standen nicht nur Autos, sondern Sammlerstücke, perfekt beleuchtet auf ihren zugewiesenen Plätzen. Es war der letzte Puffer zwischen Lis öffentlicher Macht und seinem privaten Leben.

3. Tag: Hinter der goldenen Kluft

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

4 Tag: Wánjù

Jian redete nicht mit mir und auch ich wusste nichts zu sagen. Vielleicht sprach er auch gar kein Englisch. Ich betrachtete den Mann mit den auffälligen Augen. Er war nicht viel älter als ich und wirkte aber sehr sportlich. Er war kein Muskelprotz wie Li, sondern eher drahtig. Doch wenn er ein Leibwächter war, war er sicher erprobt in Kampftechniken. Unsere Blicke trafen sich im Rückspiegel und schnell sah ich wieder auf die Straße. Es sollte ja nicht so aussehen als würde ich ihn beobachten. Was ich natürlich getan hatte.

Ich war fast schon erleichtert als Jian mich vor dem Hotel rausgelassen hatte. Er hatte auch nach unserem Blickkontakt nicht mit mir gesprochen, vermutlich sollte er das auch gar nicht. Das Angebot von Li oder eher die Aufforderung mein Leben einfach quasi wegzuschmeißen und wenn es nur für einen verlängerten Zeitraum ist klang falsch in meinen Ohren. Und dafür brauchte ich nicht bereits 9 Semester Psychologie studiert und einen Bachelor haben um das zu bemerken.

Es wirkte falsch und ziemlich ungesund. Schließlich kannten wir uns nicht. Wir hatten ein paar Stunden miteinander verbracht und ja, wir hatten guten Sex, aber deswegen wäre ich nie auf die Idee gekommen jemanden solch ein Angebot zu machen. Vielleicht war es dumm gewesen den ganzen Tag mit ihm zu verbringen und doch eigentlich nicht. Wenn er sich Hals über Kopf in mich verknallt hat war das nicht mein Problem. Es schien, dass dieser Mann glaubte alles haben zu können. Vermutlich viel ich einfach aus dem Raster mit meinem Aussehen und noch viel mehr mit meiner Art. Das hatte er mir ja selbst öfters gesagt.

Li musste akzeptieren, dass nicht alle Menschen nach seiner Nase tanzten. Ich ging die Straße von meinem Hotel runter, denn ich wollte mir noch die Beine vertreten. Zudem hatte ich gelesen, dass es in dem Park in der Nähe meines Hotels einen kleinen Tempel gab. Bis jetzt kannte ich nur die Tempel aus Thailand und auf Bali. Wobei das alte Tempelanlagen waren. Die eine war sogar über 400 Jahre alt gewesen.

Li wusste es noch nicht, denn er ging sicher davon aus, dass wir uns morgen sehen würden, doch mir war klar, dass ich morgen den letzten Tag allein verbringen würde. Dieses Verhalten gefiel mir nicht. Es war vermutlich eh schon unklug gewesen, mit ihm in seine Wohnung zu gehen. Aber ich war neugierig. Jetzt musste der Verstand wieder einsetzten und die Lust durfte sich zurücknehmen. Wie würde meine Mutter sagen, wenn der Schwanz steht, setzte der Verstand aus. Und irgendwie war es bei mir so gewesen. Es war spannend, es war aufregend, aber nur für kurze Zeit. Er verunsicherte mich und ich war keine unsichere Person. Auch, wenn die Zeit bei ihm wirklich intensiv war, war sie für mich vorbei.

Ich verbrachte einige Zeit im Park und beim kleinen Tempel, ein Ort der Ruhe inmitten der Hektik. Er war bei weiterem nicht so beeindruckend wie die in Thailand und Bali. Ich sah den Straßenkünstlern bei ihren Darbietungen zu, genoss die fremden Klänge und Gerüche und versuchte, mir die Beine richtig zu vertreten, um den Kopf freizubekommen. Nach einer Weile, als die Schatten länger wurden, kehrte ich ins Zimmer zurück.

Es war bereits dunkel. Ich schrieb meiner Schwester Jenny, dass ich wohlbehalten im Hotel sei und alles in Ordnung war – ein liebgewordenes Ritual, auch wenn ich wegen der enormen Zeitverschiebung wusste, dass ich so schnell keine Antwort bekommen würde. Online checkte ich für meinen Flug ein und war, enttäuscht: Die Fensterplätze waren natürlich sofort weg. So würde ich über den Wolken keine Gelegenheit mehr haben, das Lichtermeer Hongkongs zu überblicken.

Während ich meinen Rucksack packte und dabei pedantisch jede Tasche kontrollierte, ging ich alles durch. Ich hatte mir fest vorgenommen, morgen relativ früh auszuchecken und dem ganzen Trubel endgültig den Rücken zu kehren. Ich nahm noch eine lange, ausgiebige Dusche, wusch die Spuren des Tages und vor allem die Erinnerung an Li symbolisch von mir ab, und fiel später ins Bett, als ich es eigentlich vorhatte. Doch die Gedanken – Lis unverschämtes Angebot, seine Arroganz, meine eigenen verwirrenden Gefühle – kreisten zu lange. Es dauerte länger, als mir lieb war, bis ich endlich in den Schlaf fand.
 

Es war bereits acht Uhr morgens, als ich wach wurde. Dass ich erst so spät zur Ruhe gekommen war, hatte wohl seinen Tribut gefordert. Ich putzte mir schnell die Zähne und verstaute den letzten Rest meiner Sachen – das Ladegerät, die Toilettenartikel. Eine neue Nachricht von Jenny: Sie würde mich abholen. Falls sie es nicht schaffen sollte, würde ihr Mann, Steven, kommen. Ich grinste bei dem Gedanken an ihn. Wir verstanden uns gut, ein unaufgeregtes, langjähriges Verhältnis – das komplette Gegenteil von dem, was ich gerade erlebt hatte. Ich schrieb Steven und er warnte mich, dass später Mum und Dad beim Geburtstag von Grace dabei sin würde. Natürlich waren die Großeltern da. Für mich würde es also doppelt anstrengend. Dad würde das Gespräch mit mir nicht suchen und Mum würde sich wieder schwertun. Ich machte gerade Steven eine Sprachnachricht, da hämmerte es an der Tür.

Ich fror in der Bewegung ein. Oh, verdammt! dachte ich, denn ich konnte mir mit grausamer Gewissheit ausmalen, wer da vor der Tür stand. Dieses ungebetene Erscheinen gefiel mir überhaupt nicht. Mein Herz begann, unruhig und schnell zu schlagen. Ich wollte diese Konfrontation, diesen letzten, unnötigen Machtkampf, einfach nicht.

Ich seufzte innerlich laut auf, schmerzhaft bewusst, dass dieser Moment unvermeidlich war. Ich wollte das nicht.

Erneut klopfte es, diesmal bestimmter. „Jasper“, klang die vertraute, melodiöse Stimme Lis durch das Holz, und ich stieß frustriert einen leisen, aber deutlichen Laut aus. Er war hartnäckig. Er war Li. Ich ging zur Tür und riss sie auf. Ich war ehrlich überrascht.

Er stand in exakt den Klamotten vor mir, in denen ich ihn gestern verabschiedet hatte – der perfekt sitzende Anzug wirkte jetzt zerknittert oder einfach gesagt, nicht mehr perfekt gebügelt. Als hätte er ihn nur kurz auf den Stuhl geworfen. Mein Blick glitt prüfend an ihm herunter. Die Spur von Müdigkeit in seinem sonst so tadellosen Gesicht bestätigte meine Vermutung. Ich trat beiseite und ließ ihn eintreten. Dieses Gespräch führte man definitiv nicht auf dem Hotelflur.

„Hi“, meinte ich, meine Stimme klang unbeteiligter, als ich mich fühlte. Ich hob fragend eine Augenbraue: „Hast du die Nacht durchgemacht?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nicht ganz“, meinte er geschäftig und wich meinem Blick leicht aus. „Ich habe über meinem Club eine kleine Wohnung. Da habe ich mich kurz ausgeruht. Aber ich habe nicht lange geschlafen.“ Er betrat den Raum, seine Präsenz füllte den kleinen Platz sofort aus. Er musterte mich kurz, seine Augen verweilten auf meinem Gesicht, dann ließ er den Blick suchend durch das Zimmer gleiten. Er sah die gepackte Tasche neben dem Bett, den Reisepass, der verräterisch auf dem Nachttisch lag, und dann wieder mich.

Seine Haltung versteifte sich leicht. Die Frage, die er stellte, klang nun nicht mehr nach einem romantischen Angebot, sondern nach einer Geschäftsverhandlung, die er schnell abschließen wollte: „Ich bin hier, um dich zu fragen, wie du nun zu meinem Angebot stehst. Willst du hierbleiben?“

Leicht wippte ich von einem auf das andere Bein und verschränkte die Arme vor der Brust. Mir war es sichtlich unangenehm. Sagte mein Zimmer nicht bereits alles?

„Meine Antwort hat sich nicht geändert“, meinte ich und versuchte dennoch, freundlich und empathisch zu klingen – ein letzter, hoffnungsloser Versuch der Vernunft. „Li, du verlangst, dass ich hierbleibe, obwohl du genau weißt, dass ich zu Hause erwartet werde. Ich will bei Graces Geburtstag dabei sein. Ich freue mich auf meine Kollegen von der Arbeit – auf mein echtes Leben!“

Unzufrieden sah Li mich an und schüttelte den Kopf. Sein Blick war der eines Mannes, der eine lästige Fliege ignorierte. „Du kannst hier mit mir ein besseres Leben haben. Du musst nicht arbeiten, und dein Studium kannst du auch hier beenden.“

Ich hob die Hand – ein verzweifeltes Stoppzeichen – und Li sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Also“, meinte ich beherrscht, denn die Wut in mir begann aggressiv zu brodeln, „gestern hattest du noch von einer Woche gesprochen. Jetzt klingt es so, als sollte ich komplett bei dir bleiben. Das ist Wahnsinn! Wir kennen uns kaum. Wenn es dir so wichtig ist, dann besuch mich. Du hast das Geld, um mir regelmäßig Tickets zu kaufen oder dich selbst in den Flieger zu setzen. Das ist der Kompromiss, Li!“

Er schüttelte leicht den Kopf und sah mich fast schon zornig an. Ich merkte, wie sich seine Haltung veränderte: Seine Fäuste ballten sich kurz, seine Schultern spannten sich. Er wirkte angespannt, lauernd, als sei er mental bereit, diesen Kampf mit aller Härte zu führen. Doch für mich war das nicht verhandelbar. „Ich weiß, wie so etwas abläuft. Man schreibt vielleicht noch ein wenig, dann wird es weniger. Ich kann leider nicht so einfach in die USA, beziehungsweise bedeutet es unverhältnismäßigen Aufwand und Organisation. Ich gebe dir die letzte Chance, freiwillig zu bleiben, Jasper.“

Fassungslos starrte ich ihn an. Freiwillig? Ich war wie gelähmt. Hatte ich mich verhört? War er wirklich so realitätsfern? „Bist du bescheuert oder was?“, entfuhr es mir entsetzt, und ich trat einen Schritt von ihm weg. Was zum Teufel sollte dieser groteske Unsinn? Enttäuscht sah Li mich an und meinte, seine Stimme war nun kalt, ohne jede Verhandlungstoleranz: „Gut, schade…Ich hatte gehofft, du endscheidest klüger.“ Er wandte den Blick ab und wechselte die Sprache – eine knappe, fremde Silbenfolge, die scharf und unmissverständlich wie ein Befehl klang.

Noch bevor ich den Sinn begreifen konnte, wurde die Tür aufgestoßen. Zwei seiner Leibwächter betraten den Raum. Was war hier los?! Sie traten mit einer synchronen Ruhe ein, die meine Panik nur noch verstärkte. Zielstrebig, ohne mich eines Blickes zu würdigen, gingen sie auf mich zu und griffen feste nach meinem Arm.

Ich schrie instinktiv und erschrocken auf und versuchte, ihre Hände wegzuschlagen. Meine Hände waren nutzlos gegen ihre Stärke. „Li, was zum Scheiß soll das?!“, schrie ich panisch, meine Stimme überschlug sich. Ich suchte verzweifelt seinen Blick, aber er sah mich nur emotionslos, fast gelangweilt, an. Als sei ihm das was gerade passiert eher lästig.

Er ging zum Nachttisch und griff nach meinem Reisepass, sowie mein Handy. Fassungslos sah ich ihn an als er mein wichtigstes Dokument an sich nahm und mein Handy, meine Verbindung zur Außenwelt einfach einpackte als sei es sein eigenes. „Du hattest die Wahl, Wánjù“, sagte er, während er das blaue Buch in seine Innentasche gleiten ließ. „Ich habe gesagt, ich bekomme, was ich will. Wenn du nicht freiwillig bleibst, dann so. Du hast dich dafür entschieden.“ Immer noch versuchte ich, mich aus dem eisernen, unnachgiebigen Griff der Männer zu befreien. „Lass meinen Pass liegen!“, brüllte ich ihn an, alle Beherrschung war dahin. „Du verdammter Wichser! Du bist krank! Du kennst mich nicht! Was soll der Scheiß! Du Huren-“

In diesem Moment spürte ich einen heftigen, brennenden Schmerz über meine Schläfe gleiten. Ein lautes Klatschen erfüllte den Raum, so scharf und unerwartet, dass es mir den Atem raubte. Mein Kopf flog zur Seite. Ein schrilles Pfeifen war kurz in meinem Ohr zu hören, als würde eine Sicherung durchbrennen. Ich starrte den Bodyguard neben mir entsetzt an, die Hand, die mich geschlagen hatte, zuckte noch leicht. Die Wut war deutlich in den Augen des fremden Mannes zu sehen. Die Welt um mich herum schien sich zu verlangsamen. Das war nicht mehr verhandelbar. Das hier ging in überhaupt nicht.

„Rede nicht so mit dem Boss“, sagte der fremde Typ, der mich geschlagen hatte. Die harten, leeren Worte waren die ersten, die er auf Englisch mit mir gewechselt hatte. Der Schmerz in meiner Wange war ätzend, aber die Wut war viel heißer. Es waren keine 5 Minuten vergangen seit seiner Ankunft in meinem Zimmer.

Ich stemmte mich mit aller Kraft gegen die Männer, versuchte, mich aus den Griffen zu winden, und schrie aus tiefster Kehle nach Hilfe. Irgendwer musste mich doch hören! Das konnte doch nicht wahr sein?! Ich war zwar in keinem Luxushotel, mitten in Hongkong, aber hier waren doch andere Menschen? Die mussten etwas hören. Etwas mitbekommen?!

Sie zerrten mich rüde aus dem Zimmer in den Flur. Ich kämpfte verzweifelt, meine Füße scharrten über den Teppichboden. Im Augenwinkel sah ich, wie eine benachbarte Tür aufgerissen wurde. Eine kleine asiatische Frau stand im Bademantel da, ihr Blick war erschrocken, weit aufgerissen. Die Männer brüllten ihr etwas in ihrer Sprache zu – es klang grob, drohend – und die Tür wurde mit einem lauten Knall wieder zugeschlagen. Die Frau war weg, die Chance auf Zeugen vertan. Ich war wieder allein mit ihnen. Meine Panik explodierte. Mein Puls rauschte in meinen Ohren und ich verstand die Welt nicht mehr.

Die Männer ignorierten meine Schreie und zerrten mich weiter den Flur entlang. Einer von ihnen, derjenige, der mich geschlagen hatte, drückte mich hart gegen die Wand. Die Härte meines Rückens auf der Tapete ließ mich kurz keuchen. Hinter uns schien Li entspannt nachzukommen. Wobei Entspannt das falsche Wort war. Er sah genervt und gelangweilt aus.

„Ruhig bleiben“, zischte der Fremde bedrohlich. Ich versuchte nach ihm zu treten. Ich durfte nicht an in eine Angststarre verfallen. Dann wäre ich verloren! Als er erneut die Faust hob um mich zu schlagen drang Lis Stimmte befehlend durch den Flur und er ließ sofort die Hand sinken. Ich starrte zu Li und unsere Blicke trafen sich. Ängstlich sah ich ihn an. Wer war dieser Mann?! Der Typ vor mir lockerte seinen Griff an meinem Arm nur so weit, dass er mit der anderen Hand unter sein Jacket greifen konnte. Meine Augen weiteten sich, als er eine kleine, schwarze Waffe zog, die er gegen meine Hüfte drückte. Die kalte Metallspitze war ein unmissverständliches Argument, das selbst meine schrille Panik sofort dämpfte. Plötzlich war ich still, die Luft blieb mir in der Lunge stecken.

„Ruhe“, wiederholte er zischend und bedrohlich. Li trat neben uns, die Ruhe selbst, und betrachtete die Szene mit irritierender Gelassenheit.

„Siehst du, Jasper“, sagte er, seine Stimme wieder sanft, aber jetzt von einer tödlichen Ruhe durchzogen. Er sprach, als würde er einem Kind eine einfache Physikregel erklären. „Das ist deine Schuld. Ich habe dir das Angebot gemacht, freiwillig zu bleiben. Du hast dich entschieden, den Weg des Widerstands zu gehen.“

Ich schluckte schwer, die Kehle war trocken wie Sandpapier, aber ich musste es versuchen. Ich musste an seinen letzten Funke n Menschlichkeit appellieren.

„Li, bitte“, flüsterte ich, meine Stimme brach, „denk doch nach. Ich bin kein Ding, das du einfach behalten kannst. Ich habe ein Leben. Eine Familie, die sich Sorgen machen wird. Was, wenn Jenny die Polizei ruft? Was tust du mir an? Lass mich gehen. Wir tun beide so, als wäre das hier nie passiert! Bitte…“

Li sah mich an, und für einen Moment hoffte ich wider alle Vernunft. Ich sah in seinen Augen keinen Hass, keine Wut – ich konnte es überhaupt nicht zuordnen. Es war eine unheimliche Mischung aus Anspruch und Leere.

Seine Hand glitt zu meinem Gesicht und er strich sanft über die immer noch pochende, brennende Stelle auf meiner Wange. Es war eine Geste von völlig unpassender Zärtlichkeit angesichts der Waffe, die meine Hüfte drückte. „Ich habe dir gesagt, ich habe für alles, was ich erreicht habe, gekämpft“, sagte er, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber durchdrang die Panik. „Ich habe mir immer genommen, was ich wollte. Und ich will dich, Wánjù.“ Der fremde Begriff, den ich nicht verstand, klang in seinem Mund wie eine endgültige Besitzansage.

„Du wirst heute Nacht nicht in dieses Flugzeug steigen, Jasper. Deine Schwester wird lange warten, bis sie merkt, dass du nie den Fuß in die Maschine gesetzt hast. Du gehörst jetzt mir.“ Erneut strich er über meine verletzte Wange, und ein tiefer, ekelhafter Schauder packte mich. Ich riss den Kopf angewidert zur Seite.

„Fass mich nicht mehr an“, forderte ich ihn mit letzter Kraft auf und versuchte erneut, meine Hand frei zu bekommen. Doch der eiserne Druck der Waffe, der jetzt noch einmal verstärkt wurde, ließ mein Vorhaben im Keim ersticken. „Ich kann dich jetzt immer anfassen, wann und wie ich will“, konterte er kalt. „Du bist mein Eigentum. Mein Spielzeug. Mein Wánjù.“ Er nickte den Männern zu. „Bringt ihn in den Wagen. Und hört zu: Wenn ihr ihn verletzt, bekommt ihr eine Strafe, die ihr so schnell nicht vergessen werdet.“ Es war keine Sorge um mich, es war die Anweisung, sein neues Gut unversehrt zu liefern.

Der Mann mit der Waffe lockerte den Druck nur minimal und zerrte mich weiter den Flur entlang, während mein letzter verzweifelter Gedanke war: Ich bin nicht sein Eigentum und erst Recht nicht sein Spielzeug. Aber in diesem Moment, mit der Waffe in der Seite und dem Schmerz in der Wange, fühlte ich mich genau so. Wehrlos. Entmenschlicht.

Wir stiegen in den Fahrstuhl. Die Bodyguards positionierten sich so, dass ich keinerlei Fluchtmöglichkeit hatte. Li drückte auf den Knopf für die Tiefgarage – ein weiteres Indiz dafür, dass keine Zeugen erwünscht waren.

Die Stille in der Kabine war erdrückend, nur unterbrochen von dem leisen Surren des Aufzugs. Er betrachtete mich, seine Augen fixierten meine. Ich zitterte, mein ganzer Körper reagierte mit unkontrollierbarer Angst. Wie zur Hölle sollte ich hier wieder rauskommen?

„Wer bist du?“, fragte ich, meine Stimme war heiser und kaum mehr als ein Krächzen, als sich unsere Blicke trafen. Ich musste es wissen. Ich brauchte einen Namen für diesen Albtraum.

Ein tödliches und gefährliches Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, ein Ausdruck, der nichts Freundliches mehr an sich hatte. „Ich bin Li Qiang“, erklärte er ruhig, fast prahlerisch, „bekannt unter dem Namen Hēilóng – übersetzt, der Schwarze Drache.“ Unweigerlich musste ich an das kunstvolle, schwarze Drachentattoo denken, das sich über seinen Oberkörper schlängelte. „Ich bin vieles“, fuhr er fort, wobei er die Worte genüsslich dehnte: „Casinobesitzer, Hotelbesitzer, Clubbesitzer, Unternehmer und Anführer der größten Triade in Hongkong… Deinem Gesicht nach zu urteilen, weißt du nicht, was das ist. Stell es dir wie die Mafia vor. In gewissen Teilen gehört Hongkong quasi mir, Wánjù.“

Die kalte, brutale Wahrheit traf mich härter als die Ohrfeige zuvor. Der Mann, mit dem ich so intim gewesen war, war nicht nur reich, er war gefährlich, mächtig und kriminell. Die Waffe, die meine Hüfte drückte, und das unheilvolle Wort Wánjù ergaben nun einen erschreckenden Sinn. Die Aufzugtür öffnete sich mit einem leisen Pling in die beunruhigende Dunkelheit der Tiefgarage. Wir traten aus dem Aufzug, und dank eines Bewegungsmelders ging augenblicklich das Licht an. Die Helligkeit wirkte in dieser Betonhöhle fast grell und surreal. Vier dunkle, teure Wagen standen dort, und mehrere Männer in Anzügen positionierten sich um sie herum. Alle, das wusste ich nun, waren Kriminelle. Teil dieser organisierten, kalten Maschinerie, die Li Triade nannte.

Ich war dankbar, dass Li weiterhin auf Englisch sprach, doch ich vermutete, es war weniger, um mich zu beruhigen. Es ging ihm darum, dass ich jedes Wort, jede Anweisung, glasklar verstand, was nun vor sich ging. „Bringt ihn in die Wohnung über den Club. Ich bin müde und muss schlafen.“ Er sah mich vielsagend an. „Er würde mich sicher nicht schlafen lassen, wenn wir zu mir fahren.“ Die kalte Logik in seiner Stimme war entsetzlich. Das hier war eindeutig nicht die erste Entführung in seinem Leben.

„Jian“, befahl er weiter. „Bleib bei ihm. Du sprichst am besten Englisch. Du darfst Fragen beantworten. Du wirst sicher wissen, was sinnvoll ist und was nicht…“ Jian nickte, die Bewegung knapp und militärisch. Er trat vor, und seine bernsteinfarbenen Augen trafen kurz auf meine. Er zeigte keine Reaktion, keine Emotion – er war nur ein Werkzeug, ein Befehlsempfänger.

Li drehte sich zu mir, und erneut erschauderte ich, als er mich anfasste. Er legte mir eine Hand auf die Schulter, und ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken hinunter. „Ich komme heute Nachmittag zu dir, wenn ich ausgeschlafen habe“, sagte er und fügte mit beiläufiger Autorität hinzu, „Versuch gar nicht erst zu fliehen. Du kommst nicht weit, und es wäre lästig, dich wieder einzusammeln.“

Ich wollte nicht in den Wagen steigen. Ich hatte das Gefühl, dass, wenn ich das tat, alles verloren hatte. Und doch wusste ich genau, dass ich keine Wahl hatte. Mir wurde schlecht, und ich kniff wütend die Augen zusammen. Doch ich durfte nicht kopflos werden. Immer noch hielt einer der Bodyguards die Waffe in der Hand. Li trat zu dem vorderen Wagen, und einer der Männer öffnete ihm die Tür. „Komm“, hörte ich eine Stimme hinter mir und blickte in Jians Gesicht. Er hatte die Wagentür geöffnet, und noch einmal auf die Pistole in der Hand des anderen schauend, stieg ich unzufrieden in das schwarze Gefährt.
 

Die Fahrt in dem dunklen Wagen kam mir vor wie die Fahrt in die Hölle. Immer noch schnürte Panik mir die Kehle zu, und ich hatte das Gefühl, nicht richtig atmen zu können. Ich saß eingezwängt zwischen den beiden Bodyguards. Jian, links von mir sitzend, betrachtete mich mit einem Blick, den ich schlecht zuordnen konnte – dennoch war er klar beobachtend, wie der Blick eines Türstehers, der einen Unruhestifter im Auge behält. Die Waffe war weg, aber der stechende, pochende Schmerz in meiner Wange war eine konstante, ätzende Erinnerung an die neue Realität. Meiner neuen Realität. Ich starrte auf die Lichter von Hongkong, die in einem verschwommenen, sinnlosen Glanz vorbeizogen, und versuchte, mich zu orientieren. Es war sinnlos. Die Stadt war zu groß und mir zu fremd. Die Umgebung, die eben noch aufregend und exotisch war, wirkte nun feindselig und chaotisch. Ich wusste, es würde nicht passieren, doch ich wünschte, jemand – ein Polizist – würde das Fahrzeug anhalten und kontrollieren. Doch natürlich war es ein sinnloser Wunsch.

Wir hielten vor einem strahlenden, modernen Wolkenkratzer. Das Erdgeschoss leuchtete in einem gedämpften Goldton, und ich konnte durch die breiten Glasfronten die schicke Lounge eines Luxusclubs erkennen. Hier gab es keinen feuchten Beton oder Zigarettenrauch; dies war ein Teil der glänzenden Fassade von Lis Imperium.

Li war verschwunden; er war wahrscheinlich noch auf dem Weg zu seiner Wohnung, falls er nicht schon da war. In seiner Festung.

Wir hielten vor dem Eingang des Clubs. Jian öffnete die Tür und wartete darauf, dass ich ausstieg. Wiederstrebend trat ich aus dem Fahrzeug. Obwohl ich gerade alles dafür gegeben hätte, aus dem Auto rauszukommen, wollte ich nun lieber wieder da drinnen sitzen. Passanten gingen an uns vorbei und sahen uns tatsächlich etwas neugierig an. Ich sah einem Mann im blauen Hemd in die Augen, und noch bevor ich etwas tun konnte, riss mich Jians Stimme aus meinen Gedanken. „Denke besser nicht einmal daran, Wánjù“, meinte er ruhig, und unsere Blicke trafen sich. Ich wusste immer noch nicht genau, was das Wort bedeutete, aber ich war mir sehr sicher, dass es mir nicht gefiel. „Du wirst uns folgen, ohne groß auf dich aufmerksam zu machen. Oder wir bekommen alle Probleme…“ Ich sah ihn an und erschauderte bei den Gedanken.

Ich verstand, was er meinte, auch wenn er die Drohung nicht aussprach. Die Pistole hatten sie sicher nicht aus Spaß dabei. Sollte ich hier schreien, den Leuten deutlich machen, dass hier etwas Illegales stattfand, würden sie mich, wenn nötig, mit Gewalt zum Schweigen bringen. Das bedeutete für sie, dass sie Ärger mit Li bekamen. Ich nickte leicht und wusste nicht, ob ich das Richtige tat. Aber woher sollte ich das auch wissen? Das war schließlich meine erste Entführung…

Ich folgte den zwei Männern, beziehungsweise ging ich zwischen ihnen lang. Wir gingen an dem prunkvollen Eingang vorbei, für den ich gerade keinen genauen Blick übrighatte, um das Gebäude herum. Wir traten durch eine Tür, und es wirkte, als sei es der Eingang für die Angestellten. Wir fuhren nicht nach ganz oben mit dem Aufzug. Ich war mir nicht sicher, aber glaubte, dass Jian auf die Nummer 5 gedrückt hatte.

Sie gingen auf eine schlichte Eingangstür zu und öffneten die Tür zu der Wohnung. Meine Beine fühlten sich mit jedem Schritt, den wir machten, immer mehr und mehr nach Pudding an. Ich wollte hier einfach nicht sein!

Es war eine funktionale Zwei-Zimmer-Wohnung. Im Gegensatz zu Lis Penthouse wirkte sie nicht luxuriös, sondern steril und neutral. Die Möbel waren neu, aber gewöhnlich – ein Sofa, ein kleiner Esstisch, alles in neutralen Beigetönen gehalten. Eine kleine Kochzeile war in der Ecke und wirkte karg und unbenutzt.

Als ich den Raum betrat, spürte ich eine lähmende, zähe Angst, die sich wie Teer in meinen Gliedern festsetzte. Mein Verstand schaltete jedoch sofort in einen pragmatischen Überlebensmodus. Wie komme ich hier raus? war der einzige Gedanke, der durch das Chaos hämmerte. Ich musste hier raus!

Ich blickte zu Jian, der mir nun als mein direkter Wärter zugewiesen war, und unsicher fragte ich ihn: „Kann ich dir wirklich Fragen stellen?“ Jian sah mich an und nickte leicht, während er sich lässig an die Küchenzeile stellte. Der andere schloss gerade die Tür ab, und das leise, endgültige Klicken hallte noch lange nach in meinen Ohren. Auffordernd sah er mich an, und ich räusperte mich langsam. Es war albern, aber ich wollte meine Stimme irgendwie im Griff haben. Ich wollte nicht sinnlos nach Worten stammeln. Ich hatte so vieles im Kopf, und doch wollte keine klare Frage gerade aus meinem Mund kommen. Also fragte ich das Erste, was mir einfiel. „Was bedeutete dieses Wánjù?“

Jian sah mich überrascht an, und das leichte Grinsen auf seinem Gesicht zeigte mir deutlich, dass er nicht mit dieser Frage gerechnet hatte. Mit einem leichten Schmunzeln in der Stimme antwortete er: „Es bedeutet Spielzeug. Allerdings auf Mandarin und nicht Kantonesisch. Du bist jetzt das Spielzeug des Bosses.“ Perplex sah ich ihn an. Spielzeug? Es war nicht die schlimmste Beleidigung, und doch war es mir absolut nicht recht. Schließlich war ich kein Gegenstand. „Wieso will er mich unter allen Umständen dabehalten? Wir kennen uns doch kaum…“, fragte ich und merkte deutlich, wie verzweifelt und dünn meine Stimme klang. Da ich nicht genau wusste, wohin mit mir, setzte ich mich auf das Sofa in Mitten des Raumes. Unschlüssig war der Blick von Jian, und er meinte ruhig: „Ich hinterfrage die Anweisungen von Hēilóng nicht. Das steht mir nicht zu. Er will dich hier haben, also bleibst du hier.“

Die Worte trafen mich kalt. Jian war nicht nur ein Handlanger, er war ein Überzeugungstäter – oder zumindest ein loyaler Soldat, der die Hierarchie Lis Welt bedingungslos akzeptierte.

Doch ich kannte Triaden nicht. Ich hatte, wenn ich ehrlich war, noch nie etwas von ihnen gehört. Für mich war das Wort „Mafia“ ein Klischee aus schlechten Filmen. Jetzt stand ich mitten in einem dieser Klischees, und es war alles andere als unterhaltsam. Ich musste mehr wissen. Die Angst war immer noch da, aber meine Psychologen-Ader drängte mich zur Analyse, zur Informationsgewinnung.

Ich fixierte Jian, der immer noch gelassen an der Küchenzeile lehnte, seine Hände tief in den Hosentaschen seines Anzugs vergraben.

„Was genau ist eine Triade?“, fragte ich leise. „Ist das wie die italienische Mafia in Amerika?“

Jian atmete durch die Nase aus, ein Geräusch, das fast wie ein ungeduldiges Seufzen klang. Er schien kurz zu überlegen, welche Information er preisgeben durfte, bevor er antwortete, seine Stimme war gleichmäßig und ohne Schärfe. „Sie können es sich so vorstellen. Eine Triade ist eine geheime Gesellschaft. Sie ist mächtig und sehr, sehr alt. Sie haben ihren Ursprung in China, in alten Bruderschaften, aber heute kontrollieren sie alles, was Geld bringt – von Casinos und Nachtclubs bis hin zu Immobilien und illegalen Geschäften. Hēilóng kontrolliert viele dieser Geschäfte hier in Hongkong und Macau– legal und... anders.“

Er sah mich mit einem durchdringenden Blick an, um sicherzustellen, dass ich die Tragweite verstand. „Die Triaden sind die unbemannte Regierung der Unterwelt. Die Polizei toleriert sie oft, solange sie das Gesicht wahren. Sie sind überall. Sie sehen alles.“

„Und du?“, hakte ich sofort nach. „Was bist du für ihn? Ein Bodyguard? Ein Killer?“ Jian lächelte nicht, aber seine bernsteinfarbenen Augen schienen sich leicht zu verengen. Er war nicht beleidigt, nur sachlich. „Ich bin sein vertrauter Mann. Ich sorge dafür, dass seine Anweisungen ausgeführt werden und er sicher ist.“ Er richtete sich auf, seine Haltung wurde noch gerader, fast militärisch. „Ich habe Hēilóng einen Eid der Loyalität geschworen. Meine Treue ist absolut.“

Seine Worte machten mir klar, dass ich bei ihm keine Hilfe finden würde. Er war unbeweglich, eine Wand. Ich schluckte schwer und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Ich musste überlegen, was Li als Nächstes tun würde.

„Was wird er heute Nachmittag tun?“, fragte ich und erneut schwang die Unsicherheit in meiner Stimmte mit. Ich spürte, wie meine Stimme zitterte, aber ich presste die Worte heraus. „Wird er mich... bestrafen? Weil ich nicht geblieben bin?“

Jian sah die Stelle in meinem Gesicht die vermutlich immer noch etwas Rot war und er zuckte unmerklich mit der Schulter. „Die Ohrfeige hast du bekommen, weil du den Boss beleidigt hast. Das war eine Reaktion, keine geplante Strafe. Und sie ging nicht einmal von ihm selber aus…“ Er machte eine kurze Pause. „Heute Nachmittag kommt er. Er hat dir gesagt, warum. Er wird dich nicht verletzen, wenn du kooperierst, Wánjù. Du bist jetzt hier. Mach es dir nicht unnötig schwer.“

Mache es dir nicht unnötig schwer. Das klang wie eine Empfehlung, aber es war eine klare Warnung. Ich sah mich wieder im Raum um. Die sterile Umgebung, die verschlossene Tür, der Mann, der Treue geschworen hatte. Mein Blick blieb auf der kleinen Kochzeile hängen.

„Kann ich... kann ich etwas Wasser trinken?“, fragte ich. „Ich habe Durst und mein Kopf tut weh…“ Es war eine einfache Bitte, ein winziger Test, ob es noch so etwas wie Grundrechte gab. Ich brauchte einen kleinen Sieg, eine Bestätigung, dass ich noch lebte und nicht nur eine Marionette war. Jian nickte sofort. „In Ordnung.“ Er ging zur Spüle, füllte ein Glas und reichte es mir, wobei er darauf achtete, keine meiner Hände zu berühren.

Ich nahm das Glas und trank gierig. Die Kühle tat gut. Sie gab mir Zeit zum Nachdenken, was ich als nächstes Fragen möchte. Die nächste Frage schien die Wichtigste von allen zu sein, die wichtigste: die Familie.

„Meine Schwester wird in ein paar Stunden am Flughafen auf mich warten“, sagte ich, meine Stimme war wieder fester, analytischer. „Was wird sie tun, wenn ich nicht auftauche? Hat er... hat Li Vorkehrungen getroffen, damit sie nicht die Polizei ruft?“ Ich hatte Angst vor der Antwort, denn ich wollte nicht, dass meine Schwester in Gefahr ist. Keiner aus meiner Familie sollte in Gefahr sein. Jian nahm das leere Glas entgegen. Er sah mich an, und dieses Mal lag ein Hauch von Verwunderung in seinen Augen – als ob die Sorge um die Familie für einen Mann wie Li irrelevant wäre. „Der Boss hat deinen Pass und dein Handy. Seine Probleme enden, wo deine anfangen. Hēilóng wird sich nicht darum kümmern, was deine Familie glaubt oder tut. Er weiß, dass du nicht ins Flugzeug gestiegen bist. Das ist alles, was zählt.“

Die kalte, gleichgültige Antwort traf mich härter als die Ohrfeige. Er hatte nichts getan, was in einem perversen Sinn gut war – denn es gab keine direkte Drohung gegen meine Schwester – und doch war es schmerzhaft. Das bedeutete, Jenny würde am Flughafen warten. Wie lange, das würde ich vielleicht nie erfahren. Sie würde sich Sorgen machen. Sie würde glauben, mir sei etwas zugestoßen. Sie und Steven würden mich anrufen, und dieser Anruf würde nie durchgehen. Vermutlich war mein Handy bereits aus, ein toter, nutzloser Gegenstand in Lis Tasche. Sie würden sich Sorgen machen, und der Geburtstag von Grace würde mit einem unguten Gefühl zu Ende gehen. Vielleicht würde ich nie wieder ihre Stimmen hören. Li hatte mein Leben von jetzt auf gleich einfach beendet, und das, ohne mich getötet zu haben. Ich wusste nicht, wie lange er vorhatte, mich bei sich zu behalten, und was würde danach passieren? Was, wenn es Wochen oder Monate werden? Doch nein, die meisten Entführungen endeten nach wenigen Tagen und das häufig, wenn jemand kein Lösegeld wollte, nicht gut.

Meine Gedanken kreisten immer wieder darum, rasend und ohne Halt, und ich spürte etwas Feuchtes auf meiner zur Faust geballten Hand. Ich merkte, dass es eine Träne war, die mir auf die Hand getropft war. Ich wischte mir schnell durch das Gesicht. Jian beobachtete mich. „Ich habe selten Männer weinen gesehen. Weinen macht man hier nicht“, meinte er, und ich hörte keinen Spott aus seiner Stimme heraus. Es schien ihn wirklich zu faszinieren, dass ich so offen mit meinen Gefühlen umging. Es war eine kulturelle Kluft, die er hier in mir beobachtete.

„Tja“, meinte ich nüchtern und fast schon spöttisch meinte ich, „Wenn hier mehr zum Lachen wäre, müsste ich nicht heulen…“ Es war ein Schutz, das wusste ich, doch außer meiner scharfen Zunge hatte ich keine andere Waffe. Ich würde sie nutzen. Meine Verzweiflung war echt, aber meine Wut darüber, zum Spielzeug eines Triaden-Mannes zu werden, war noch größer.

Jian stieß sich von der Küche ab und meinte: „Ich warte vor der Tür. Du kannst dich in der Wohnung aufhalten. Versuch nicht aus dem Fenster zu klettern… Wäre schade für alle, findest du nicht?“

„Schade?“, fragte ich höhnisch und nickte in Richtung der geschlossenen Tür. „Sei ehrlich, Jian. Es wäre vor allem schade um Lis ‚Investition‘… Hier geht es doch nicht um mich.“Ich verschränkte die Arme vor der Brust, meine Haltung war provozierend unbeeindruckt. „Er hat sich gerade erst die Mühe gemacht, mich zu entführen und mich zu seinem Spielzeug zu erklären.“ Ich sah ihm direkt in die bernsteinfarbenen Augen. „Ich werde schon nicht aus dem Fenster springen.“ Wir sahen einander in die Augen, und ich wusste nicht, was er von mir hielt, oder ob er überhaupt etwas von mir hielt. Er war so undurchdringlich wie die blickdichten Vorhänge am Fenster.

Ein Mundwinkel von ihm zuckte leicht, und ich war von dem winzigen Grinsen überrascht. Es war nicht spöttisch, womit ich gerechnet hätte. „Wenn du uns brauchst, ruf“, meinte er, und erst jetzt fiel mir ein, dass die Beiden ja zu zweit waren. Sie verließen die Wohnung und verschlossen die Tür mit dem gleichen leisen und doch für mich unerträglich lauten Klicken. Das Geräusch schnitt wie ein endgültiges Urteil durch die Stille und bestätigte meine totale Isolation.
 

Unschlüssig saß ich auf dem Sofa und starrte auf meine Hände. Von draußen hörte ich das gedämpfte Rauschen der Straße, ein Lärm, der nun unerreichbar und gleichgültig klang. Langsam erhob ich mich. Ich ging zu den Fenstern und zog die schweren, lichtundurchlässigen Vorhänge beiseite. Endlich fiel graues, fremdes Licht in die Wohnung. Ich sah auf die Straße und sah Passanten vorbeigehen, Autos und Lastwagen, die sich durch die Häuserschluchten schoben. Das Leben ging weiter. Meins war stehen geblieben.

Ich öffnete die zwei Türen. Hinter der einen fand ich ein einfaches, funktionales, aber sauberes Badezimmer. Hinter der anderen war ein kleines Schlafzimmer mit einem Doppelbett. Eine Bettseite wirkte zerknittert; ich vermutete, dass hier Li die Nacht verbracht hatte. Ich öffnete den einfachen, weißen Kleiderschrank und fand einige ordentlich gestapelte, einfache weiße und schwarze Hemden. Auch Hosen waren hier. Es war eindeutig Notfallkleidung – oder eine Art Uniform für Gefangene.

Meine Unruhe wuchs zu einem zwingenden Drang. Ich begann, jeden Raum systematisch abzusuchen. War hier doch irgendeine Fluchtmöglichkeit, die man übersehen hatte? Die Kochzeile bot nichts Schärferes als stumpfe Löffel. Ich fand keine Kamera, aber ich war mir sicher, dass sie da sein musste. Erneut erbebte mein Körper, ein nervöses Zittern der Unsicherheit. Ich ließ mich erneut auf das Sofa nieder und fuhr mir wirsch durch meine braunen Haare. Wieder überrollte mich eine kalte Welle der Angst, und mein Körper begann zu zittern. Ich war dumm, dachte ich mir und verfluchte mich und meine dummen Entscheidungen. Hätte ich bloß niemals so viel Zeit mit diesem Menschen verbracht, dann wäre ich niemals in diese Lage gekommen.

Ich hatte doch schon auf dem Lebensmittelmarkt dieses schlechte Gefühl gehabt, und nun verstand ich die wirsche Warnung des alten Mannes. Hätte ich doch bloß darauf gehört. Doch etwas in mir widerstrebte es, mich in diese Spirale ziehen zu lassen. Das, was ich dachte, war reine Schuldumkehr. Damit hatte ich nichts zu tun. Ich durfte mich mit Menschen treffen, sie kennen lernen und mit ihnen Zeit verbringen. Das gab ihnen aber nicht das Recht, mir weh zu tun, und noch viel weniger das Recht, mich zu entführen. Ich war daran nicht Schuld, an nichts davon. Die Verantwortung lag einzig und allein bei Li. Er hatte mich in diese Situation gebracht, und das nur, weil ich nach Hause wollte. In mein Leben.

Ich dachte nach und biss mir auf die Lippen, bis ich den metallischen Geschmack von Blut spürte. Das einzige, das sie mir nicht nehmen konnten, war mein Verstand. Ich durfte nicht durchdrehen. Wenn mein Körper schon versagte, musste mein Kopf funktionieren. Selbstschutz war nun das wichtigste Ziel. Ein kühler, berechnender Geist war meine letzte, ungreifbare Waffe. Ich leckte mir kurz das das Blut von den Lippen und merkte dennoch wie ich immer unsicherer wurde. Diese verdammte Stille. Sie war einfach drückend.

Was brauchte ich, um nicht verrückt zu werden? fragte ich mich innerlich. Das Adrenalin brannte nicht mehr wie Feuer in meinen Adern, und ich merkte erst jetzt, wo ich saß, dass mich der Hunger packte. Seit gestern Abend hatte ich nichts mehr gegessen. Man hatte mich vor dem Frühstück entführt. Ich musste essen, damit ich klar denken konnte.

Langsam ging ich zur Tür und klopfte leise. Es war seltsam, denn normalerweise hätte man eine Tür einfach öffnen können. Normalerweise…

„Jian?“, fragte ich etwas unsicher, da ich nicht wusste, ob er direkt vor der Tür wartete. „Ich habe seit gestern Abend nichts mehr gegessen. Ich brauche etwas zu essen. Und Kaffee, wenn das möglich ist. Wäre das in Ordnung?“ Es dauerte einen Moment. Dann hörte ich Jians gedämpfte Stimme von draußen: „Warte.“

Ich war fast schon erleichtert, zu wissen, dass sie da waren. So surreal es auch war, ich war nicht gänzlich alleine. Ich hörte, wie sich Schritte von der Tür entfernten, und ich ging erneut zum Sofa hinüber. Zehn Minuten später öffnete sich die Tür nur einen Spalt breit. Der andere Bodyguard schob ein Tablett mit einem einfachen, aber warmen Gericht – Reis, Gemüse und etwas Fleisch – und einer Tasse Kaffee hinein. Ich nahm es schweigend entgegen. Ich war dankbar, dass es vernünftiges Essen war.

Doch während ich so darüber nachdachte, merkte ich, dass ich kein normaler Gefangener war. Li hatte verhindert, dass der Bodyguard mich ein zweites Mal schlug. Er hatte die klare Anweisung erteilt, mir nicht mehr Schaden zuzufügen. Während ich mit dem Löffel das Essen aß, dachte ich darüber nach, was Li von mir wollte. Was er wirklich wollte. Ich schien ihm, so seltsam es auch war, irgendwie wichtig zu sein. Oder er fand mich nach den wenigen Tagen so interessant, dass er eine Straftat vorzog. Aber ich konnte mir schlecht vorstellen, dass ein einfacher Gefangener ein warmes Essen und Kaffee bekam. Vielleicht war dieser Jian auch deswegen fast schon freundlich zu mir. Das war keine menschliche Geste, das war Kalkül.

Nachdem ich gegessen hatte, legte sich eine bleierne, erdrückende Schwere auf mich. Die Sorgen waren zu groß, die Nacht schien plötzlich gar nicht mehr erholsam gewesen zu sein, das Adrenalin verpuffte. Die sterile, warme Stille der Wohnung wirkte wie ein Schlafmittel. Denn ich hatte nichts, rein gar nichts um mich irgendwie abzulenken.

Ich darf nicht einschlafen, hämmerte es in meinem Kopf. Du musst wach bleiben, planen, die Minuten zählen. Das Adrenalin, das mich seit Stunden auf den Beinen hielt, forderte nun seinen Tribut. Es war ein biologischer Verrat – mein Körper kapitulierte, obwohl die Gefahr noch vor der Tür lauerte. Ich wollte es nicht, und ging erneut die ganze Situation im Kopf durch. Doch diese eine Sekunde dehnte sich aus. Die Geräusche der Straße wurden zu einem gleichmäßigen, fernen Brummen. Mein Kopf kippte zur Seite, die schmerzende Wange presste sich gegen den Kissenbezug. Es gab keinen Traum, keine Bilder, keine Stimmen. Nur eine tiefe, leere Schwärze, in die mein Bewusstsein ohne Widerstand fiel. Es war nicht Erholung. Es war Flucht. Die einzige Flucht, die mir diese Wohnung noch ließ.

4 Tag: Gegen das Vergessen

Als ich das nächste Mal mit einem scharfen Ruck aufwachte, war es nicht die Türklingel oder ein lautes Geräusch. Es war der brennende Schmerz in meiner Wange, der mich in die Realität zurückzerrte. Mein Herz raste, als hätte ich einen Sprint beendet. Verwirrt blinzelte ich einige Male. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ich wieder verstand, wo ich war und, viel wichtiger, was passiert ist. Ich schnellte hoch und ich sah zum Fenster. Die Sonne stand anders am Fenster, und der Raum lag in einem feurigen, orangefarbenen Schimmer. Es musste Spätnachmittag sein. Da ich kein Handy hatte, wusste ich nicht genau, wie spät es tatsächlich war.

Ich war außer mir vor Wut. Ich hatte geschlafen! Ich hatte meine einzige Chance auf mentale Vorbereitung, auf Analyse, auf einen Moment der Kontrolle, weggeschlafen. Mein Körper hatte mich betrogen. So jedenfalls fühlte es sich an. Wie konnte mir das passieren?!

Dumm! Dumm! zischte es in meinem Kopf. Ich fuhr mir mit der Hand über die Augen. Die Müdigkeit war zwar kurzzeitig verflogen, ersetzt durch reines Adrenalin, aber die Scham über meinen Kontrollverlust war überwältigend. So jedenfalls fühlte es sich an, obwohl es doch nichts weiter war als eine körperliche Reaktion...

Ich warf einen panischen Blick durch den Raum. Hatte jemand die Gelegenheit genutzt? Hatte Jian mich beobachtet, ausgelacht? Ich sprang auf, rannte ins Schlafzimmer, scannte den Kleiderschrank. Die Hemden lagen noch akkurat gefaltet. Das Bad war unberührt. Nichts war verändert, nichts bewegt. Trotzdem schlich ich zurück zur Küchentheke. Ich suchte nach Spuren, ein Zeichen, dass jemand hier war. Der Tisch mit dem leeren Tablett stand noch da. Es gab keine Beweise dafür, dafür dass jemand im Raum gewesen war, aber das bedeutete nichts. Li brauchte keine physische Präsenz, um mich zu überwachen. Da war ich mir ziemlich sicher.

Ich zwang mich, tief durchzuatmen und das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Die Schwellung an der Wange war noch immer da, ein dunkler, hässlicher Fleck. Zudem war meine Lippe leicht geschwollen, weil ich mir darauf gebissen hatte. Ich blickte zur Tür und konzentrierte mich. Doch ich hörte nichts. Unruhe erfasste mich und ließ mich in der Wohnung umherlaufen. Ich wollte, dass die Stille und Einsamkeit der Wohnung durchbrochen wurde, und ich wusste jetzt schon, dass ich mich genau dann nach der Stille sehnen werde.
 

Das leise Drehen des Schlüssels und das Zurückgleiten des Riegels riss mich aus meinen Gedanken. Es klang anders als das Klicken des Bodyguards. Es war langsamer. Mein Puls begann zu rasen und ich schluckte den bitteren Geschmack in meinen Mund hinunter. Es war nur logisch, dass ich Angst hatte und Angst war nichts Schlimmes. Das Einzige was wirklich schlimm war, war das ich nicht entkommen konnte.

Die Tür schwang auf, und ich stand vom Sofa auf, denn ich wollte nicht zu ihm hinaufblicken. Li trat ein. Er war allein. Er trug einen frischen, anthrazitfarbenen Anzug, der perfekt saß, und strahlte eine ausgeruhte, eiskalte Autorität aus, die den sterilen Raum sofort beherrschte. Seine Haare waren perfekt gestylt, jeder Hinweis auf Müdigkeit aus seinem Gesicht gewaschen. Er wirkte, als käme er gerade von einem Millionen-Deal. Doch ich wusste es besser, jetzt.

Wir sahen einander in die Augen, und ich wich seinem Blick nicht aus. Ich wusste, dass wenn man einem Blick auswich, das schnell als Unterwürfigkeit und Schwäche angesehen werden konnte. Doch ich hatte Angst. Ich versuchte meine Hände ruhig zu halten und ballte sie kurz zur Faust. Er trat langsam auf mich zu und ließ die Tür ins Schloss fallen. Er schloss sie nicht einmal ab. Er sah sich kurz in der Wohnung um und meinte: „Es freut mich, dass du die Wohnung nicht auseinandergenommen hast.“ Ich wusste nicht genau, was ich dazu sagen sollte, also schwieg ich lieber. Ich wäre am liebsten zurückgetreten, als er auf mich zuging, doch ich zwang meine Füße, sich nicht zu bewegen. Ich erstarrte, als er die Hand ausstreckte und mit dem Daumen über meine Lippen strich. „Fass mich nicht an“, meinte ich und trat nach hinten, weg von ihm. Er grinste mich an, doch es war ein kaltes und schwer einzuordnendes Grinsen. „Was ist mit deiner Lippe passiert?“, wollte er wissen und ließ die Hand sinken. „Ich weiß, dass man dich nicht noch einmal geschlagen hat.“

Meine Augen verengten sich, und nach einem Augenblick, in dem er mich erwartungsvoll ansah, erklärte ich: „Ich habe mir auf die Lippen gebissen… Was hast du jetzt vor mit mir?“

Erneut betrachtete er mein Gesicht, und seine Augen verweilten in meinen grünen Augen. „Mal sehen“, sinnierte er und kam erneut einen Schritt näher. „So genau weiß ich es nicht. Aber ich mag deine Art, und da du lieber so bleiben wolltest…“ Sofort brannte eine Sicherung bei mir durch. Ich wollte das?! Will er mich etwa verarschen? „Bitte?“, fuhr ich ihn wütend an und ballte meine Hände zu Fäusten. „Ich wollte das? Wie kommst du bitte auf die bekloppte Idee?“ Ein kurzes, kalibriertes Grinsen huschte über Lis Gesicht. Ich hatte das Gefühl, es amüsierte ihn zutiefst, mich so zu sehen – so empört, so lebendig. „Ja, du hattest die Wahl“, entgegnete er ruhig. Seine Stimme war seidenweich, doch die Worte waren Stahl. „Ich bekomme, was ich will. Es war deine Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Du bist gegangen, obwohl ich dir die Partnerschaft angeboten habe. Nun bist du mein Eigentum.“

Sprachlos starrte ich ihn an und schüttelte langsam den Kopf. Das, was er sagte, war einfach falsch. Es war eine Lüge, eine kranke Verdrehung der Realität, um die Verantwortung von sich zu weisen. Langsam schüttelte ich den Kopf und leise und fast verzweifelt meinte ich: „Du kannst doch keinen Menschen besitzen…“

Langsam ging Li weg von mir und lehnte sich entspannt an die Küchenzeile. „Warum nicht? Ich verrate dir was… das geht sehr viel einfacher, als du denkst. Und wieso sollte mich deine Meinung jetzt noch interessieren… Meine Meinung hat dich auch nicht interessiert, als ich dich gebeten habe zu bleiben.“ Sein Blick war kalt, berechnend. Er hatte meinen Versuch, an seine Menschlichkeit zu appellieren, nicht nur abgewiesen – er hatte ihn gegen mich verwendet. Meine Ablehnung war der Beweis für sein Recht auf Besitz. Ich bin gefangen in seiner verdrehten Logik. Aber ich würde ihn nicht gewinnen lassen. „Du hast mich geholt, weil ich angeblich anders bin“, sagte ich, meine Stimme zitterte nun nicht mehr, sie war hart. „Weil ich dir meine Meinung gesagt habe. Weil ich dich nicht wie ein Gott behandelt habe. Und jetzt, wo du mich hast, verlangst du Unterwerfung? Was ist daran noch interessant, Li?“

Kopfschüttelnd betrachtete mich der kräftige Asiate vor mir und schüttelte den Kopf, als sei ich ein Kind, das nicht verstand, worum es ging. „Ich verlange keine Unterwerfung… Ich verlange Anpassung“, meinte er leise und mit einem Ernst in der Stimme, der mich überraschte. Es war kein wütender Befehl, sondern eine kalte, unumstößliche Tatsache. „Anpassung an was? An deine verdrehte Welt, in der du Menschen wie Sachen behandelst?“, konterte ich sofort, da ich mich durch diese Unterscheidung nicht täuschen lassen wollte. Es war einfach nur alles ein kranker Scheiß.

Li sah mir tief in die Augen, und sein Gesicht verlor jeden Hauch von Lächeln oder Grinsen. So, wie er mich nun ansah, erschauderte ich; innerlich begann ich zu zittern. Dieser Blick war eindeutig nichts Gutes, und ich spürte, wie er langsam die Geduld verlor. „Anpassung an die Realität, Wánjù. An die Tatsache, dass du hier bist. Du bist kein Gast mehr, der sich entscheiden darf, wann er geht. Ich verlange, dass du das jetzt verstehst!“ Ich schluckte schwer. Die Art, wie er das jetzt betonte, zeigte, dass er genug von meiner Renitenz hatte. Mein Verstand raste: Was war klug, und was wäre dumm? Schreien würde mich nur in eine noch schlimmere Lage bringen.

„Wir fahren jetzt in meine Wohnung“, meinte Li und ging zur Tür. Die plötzliche Entscheidung riss mich aus meinen Gedanken. „Du wirst bei mir bleiben.“ Er drehte sich nicht um, aber ich spürte seine volle Konzentration. „Und du wirst gleich brav hinter mir her gehen und ins Auto steigen. Du wirst nicht schreien und unnötig Aufmerksamkeit auf dich ziehen. Haben wir uns verstanden?“ Durchdringend war sein Blick, selbst von der Tür aus. Fast schon trotzig blickte ich in seine braunen Augen. Ich bin nicht dein Hund

„Ich habe keine andere Wahl, oder?“, erwiderte ich, wobei ich das Haben wir uns verstanden? bewusst ignorierte und meine eigene Frage als passive Zustimmung nutzte. Li drehte den Kopf nur leicht. Ein minimales, zufriedenes Zucken umspielte seine Lippen. „Gut erkannt, Jasper. Exakt. Und jetzt beweg dich.“
 

Li drehte sich um und ging, ohne einen weiteren Blick. Die Geste war eindeutig: Er ging davon aus, dass ich folgen würde. Und ich tat es, denn ich wusste, ich hatte keine andere Wahl. Meine Beine bewegten sich, die Füße folgten dem Mann, der mich entführt hatte, als wären sie nicht mehr meine eigenen. Die Wut kochte immer noch, aber sie wurde von einem kühlen, klaren Befehl meines Verstandes überlagert: Überleben. Und das tat ich nicht in dem ich hier herumschrie oder versuchte mit ihm zu kämpfen was ebenfalls sinnlos sein würde.

Als wir die Tür öffneten, sah ich Jian und einen weiteren, gesichtslosen Mann gegenüber an der Wand lehnend stehen. Li nickte ihnen zu und beide traten auf ihn zu. Ich ging durch die Tür, und die Wachen schlossen sich sofort.

Der Gang war eng, der Aufzug kam geräuschlos. Ich sah mein eigenes Spiegelbild in der polierten Messingoberfläche: ein junger Mann mit zerzaustem Haar und dem Ausdruck eines Tieres in der Falle. Ich sah schrecklich aus. Ich zwang mich, meine Schultern zu straffen. Ich musste aufhören, wie ein Opfer auszusehen, auch wenn ich eins war.

Die Lobby roch nach kaltem Stein und abgestandener Luft. Vom Club der hier war, bekam ich nichts mit. Draußen wartete ein schwarzer, gepanzerter Wagen, so unscheinbar und doch so unübersehbar teuer wie Li selbst. Jian öffnete die hintere rechte Tür. Meine Hoffnung, dass die Straße oder die Passanten meine Rettung sein könnten, verpuffte augenblicklich. Niemand sah mich an. Niemand sah die Angst in meinen Augen oder die hässliche Schwellung an meiner Wange.

Die Welt sieht nur, was sie sehen will. Und sie sah einen reichen asiatischen Geschäftsmann, begleitet von seinen Angestellten.

Li stieg zuerst ein, seine Bewegung war geschmeidig. Ich zögerte. Der Gedanke, mich mit ihm in diesen engen Raum zu zwängen, ließ mich fast würgen. Ich zögerte, denn ich wollte nicht einsteigen. „Komm, Wánjù“, sagte Li, seine Stimme war tief und drang mühelos durch die Autoscheibe. Widerstrebend tat ich es. Ich setzte mich auf das weiche Leder, die kalte Textur war ein scharfer Kontrast zu meiner aufgeheizten Haut. Li saß direkt neben mir. Die Nähe war erdrückend. Jian schloss die Tür mit einem satten Geräusch, das jeden Zweifel an meiner Gefangenschaft bestätigte. Der andere Wächter übernahm das Steuer. Jian selbst schien zu bleiben.

Meine Gedanken rasten: Ich war nicht nur im Land des Mannes, der mich entführt hatte. Ich war auf dem Weg in sein Zuhause. In sein Zentrum der Macht. Die Anpassung hatte gerade erst begonnen. Und ich würde ihn dafür hassen. Hassen für alles was er mir noch antun wird.

Ich starrte aus dem Fenster und sah die vorbeiziehende Stadt, doch ich nahm sie nicht wahr. Was würde mich bei ihm zu Hause erwarten?

„Kann ich vielleicht mein Handy wieder haben… dann könnte ich Jenny schreiben, dass es mir gut geht und sie sich keine Sorgen machen muss“, bat ich vorsichtig, doch ich kannte die Antwort bereits. Die Worte klangen hohl und absurd in der engen, luxuriösen Kabine. Es war ein letzter, verzweifelter Versuch, meine Menschlichkeit und meine Verantwortung Li entgegenzuhalten. Li lachte leise. Es war kein amüsiertes Lachen, sondern ein trockenes, zynisches Geräusch, das meine Bitte sofort zunichtemachte.

„Nein“, antwortete er ohne Umschweife, seine Stimme war kühl und flach. „Du brauchst jetzt mit keinem mehr schreiben. Wozu solltest du ihr schreiben? Um dich zu verabschieden? Oder um ihr zu verraten, wo du bist?“ Er drehte seinen Kopf, sodass seine Augen mich fixierten. Ich versuchte ausdruckslos auszusehen, doch ich vermutete, dass ich das absolut nicht schaffte. „Du hast dein Leben in Texas hinter dir gelassen, als du entschieden hast, heute früh nicht bei mir zu bleiben.“

Er wandte sich wieder ab, blickte auf die Straße, als sei das Gespräch damit beendet. Die Ablehnung war nicht wütend, sondern absolut. Er hatte die Verbindung zur Außenwelt nicht nur gekappt, er hatte sie für irrelevant erklärt. Ich schluckte hart, und der dicke Kloß in meinem Hals schmerzte. Meine Augen pressten sich kurz zusammen, dann öffnete ich sie wieder und fixierte Li. Ich würde ihm meine Angst nicht geben.

„Es ist irrelevant, ob ich schreibe…“, sagte ich, meine Stimme war überraschend fest. Ich ignorierte die verdrehte Logik. Ich fragte mich, was so traurig in seinem Leben sein muss, Li, dass du die Illusion der Zuneigung und Gesellschaft durch Entführung erzwingen musste, doch das traute ich mich nicht ihm ins Gesicht zu sagen. Dann hätte ich ihm auch anspucken können.

„Stimmt“, erwiderte er gelassen und sah mich an. „Es ist egal und nicht mehr wichtig. Lerne dich anzupassen, und wir werden eine gute Zeit haben. Die hatten wir auch vorher.“ Innerlich schüttelte ich den Kopf und fragte mich, was er beabsichtigte. Wollte er, dass wir einen auf Paar machen? Das konnte er vergessen!

Innerlich ging ich die Gedanken durch, an was für einer psychischen Erkrankung er leiden könnte. Narzissmus, Größenwahn, eine dissoziale Persönlichkeitsstörung? Konnte dieser Mann ehrliche Empathie empfinden? Egal welche Diagnose, oder Persönlichkeitsstörung er am Ende bekäme, ich musste bei allem, was mir durch den Kopf schwirrte, extrem aufpassen. Alle waren potenziell extrem gefährlich und für mich eine existenzielle Bedrohung. In meinem Kopf ratterte es. Ich sah hinaus auf die Straße und sah doch nichts, während ich durchging, wie ich mit Li umgehen sollte. Was war richtig, was klug. Was würde helfen, und was mich vielleicht noch mehr in Gefahr bringen.

Wir fuhren in die Tiefgarage zu seiner Wohnung, und nach einem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Jian stand seitlich an der Tür und wartete, dass ich ausstieg. Mit zitternden Beinen folgte ich der stummen Aufforderung. Was hätte ich auch anderes machen sollen. Li folgte mir und führte mich zu dem Aufzug, den ich erst gestern Nachmittag als freier Mann verlassen hatte.

Einen Zahlencode eingebend, wartete er darauf, dass der Aufzug nach oben kam. Natürlich versuchte ich den Code zu sehen. Ich hatte nur die ersten drei Zahlen sicher erkennen können: Neun, Fünf, Vier, danach versperrte Jian mir den Blick.

Mit einem sanften Geräusch öffnete sich die Tür des Aufzugs, und sofort betrat Li den kleinen Raum. Meine Füße wollten nicht gehorchen. Ich wusste, dass oben der pure Luxus auf mich warten würde. Ein Luxus, den ich mir niemals hätte leisten können, und doch wollte ich einfach nicht gehen. Es würde mein Gefängnis werden. Ein wahr gewordener Goldener Käfig. Li drehte sich im Aufzug nicht um, aber er spürte meine Starre. „Wir warten nicht, Jasper.“ Ich zwang mich, einen Schritt zu machen. Jian kam nicht mit und ich wusste nicht, ob ich das gut fand oder nicht. Der Aufzug schloss sich. Die Fahrt nach oben war still, nur das Surren der Mechanik war zu hören. Die Tür glitt auf – und ich stand wieder in der Penthouse-Wohnung.

Es war nicht fremd. Es war der Ort, an dem Li mir eine Wahl gegeben hatte, dessen Tragweite ich nicht verstanden hatte. Nun war der gleiche Raum der Inbegriff meiner Gefangenschaft. Die Wohnung war genauso, wie ich sie in Erinnerung hatte: dominiert von poliertem Marmor, dunklem Holz und dem beängstigenden Blick auf die glitzernde Skyline. Mein Blick glitt zum Pool in dem ich einfach reingeschubst hatte. Etwas was ich mich nun sicher nicht mehr trauen würde. Li ging an mir vorbei, seine Silhouette vor der strahlenden Stadt wirkte unheimlich groß. Er drehte sich um und sah mich an.

Seine Augen suchten die Meinen, und Stille legte sich in den Raum, während wir uns betrachteten. Nach einem Moment seufzte er. „Ich gebe dir ein paar Tage Zeit, um anzukommen“, meinte er und klang dabei feierlich, als sei er ein wahrer Held. Und ich vermutete, dass er dafür von mir Dankbarkeit erwartete. Doch ich blieb stumm. Ein knappes Nicken war das Einzige, zu dem ich mich herablassen konnte. Ich sah an ihm vorbei und sah, dass mein Reiserucksack neben der Küchentheke stand. Verwirrt blinzelte ich, denn ich hatte nicht erwartet, etwas Vertrautes wiederzusehen.

„Du hast meine Sachen hierher bringen lassen?“, fragte ich überrascht und ging darauf zu. Ich öffnete ihn und stellte fest, dass einige Kleidungsstücke fehlten. „Hast du meine Sachen weggeschmissen?“, fragte ich leise, und ich wusste nicht, weswegen, aber ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Es waren nur Kleidungsstücke. Wieso ging mir das auf einmal so verdammt nah? Doch ich wusste warum. Es war das einzige was mir gerade aus meinem alten Leben geblieben waren. Diese wenigen Sachen.

„Nein. Sie sind in der Wäsche“, meinte Li und ging zu einem Kaffeevollautomaten. „Aber wir müssen deine Garderobe verändern. Du brauchst Anzüge; wenn ich dich mitnehme, musst du gut aussehen.“ Der Kloß in meinem Hals löste sich, und verwirrt fragte ich: „Wohin willst du mich denn bitte mitnehmen?“

Die Maschine begann laut zu arbeiten, und Li drehte sich zu mir um. „Wenn du dich an deine neue Situation gewöhnt hast, werde ich dich mitnehmen. In mein Casino, meinen Club… und mal schauen, was ich sonst noch machen muss. Aber dafür musst du passend gekleidet sein. Ich lasse einen Schneider kommen. Der macht dir ein paar Sachen… Deine alten Klamotten… die darfst du hier tragen.“ Er fügte dies hinzu, und für ihn war das vermutlich ein großer Kompromiss. Fassungslos sah ich ihn an. Er wollte bestimmen, was ich trug? Hatte ich bald überhaupt noch Haare auf meinem Körper, oder würde er das auch bald entfernen lassen…?

Kurz dachte ich nach. Es hatte keinen Sinn, sich über Kleidung zu streiten oder zu diskutieren. Am Ende wären die wenigen persönlichen Gegenstände, die ich besaß, vielleicht auch noch weg. Also nickte ich widerstrebend. Es waren nur Klamotten. Doch so wie er klang, wollte er mich zu einem Ausstellungsstück machen. „Werden die anderen sich nicht wundern, dass du einen Mann mitnimmst? Ich dachte, China ist so konservativ“, meinte ich und hielt den Rucksack weiterhin fest. Als würde er ihn mir sonst gleich wegnehmen.

Li nahm den Kaffee und trank einen Schluck, bevor er mich leicht grinsend musterte. „Vermutlich… Aber die müssen sich daran gewöhnen… Vielleicht provoziere ich auch gerne… Und du wärst der erste Mann an meiner Seite. Sonst waren immer nur Frauen die ich mal präsentiert habe… Aber die waren nicht so… so wie du“, meinte er, und zum Ende des Satzes wurde seine Stimme seltsam, und ich musste leicht schlucken. Doch ich versuchte gar nicht erst, auf die Emotionalität hereinzufallen oder sie zu beachten. „Frauen?“, fragte ich stattdessen und war tatsächlich überrascht. „Ich dachte, du bist schwul.“

Li schüttelte den Kopf und grinste leicht. „Das dachtest du… Ich habe in meiner Zeit in England erkannt, dass auch Männer etwas haben können. Etwas Anziehendes.“ Verwirrt sah ich ihn an. Während seines Studiums? Unsicher fragte ich: „Hast du überhaupt in England studiert?“

Leise lachend sah mich Li an, und seine Augen verengten sich. Er schüttelte den Kopf und meinte: „Nein. Ich bin für meinen Boss damals ins Gefängnis gegangen. Ich war sechs Jahre da und habe mich sehr bemüht, vorzeitig entlassen zu werden. Habe die englische Sprache perfekt gelernt und dort viel Zeit in der Bibliothek verbracht. Sie nannten mich dort das erste Mal schwarzer Drache… Und nachdem ich wieder raus war, bekam ich eine großzügige Belohnung und bin sehr schnell aufgestiegen. Mein alter Boss wusste meine Loyalität zu schätzen und hat mich nach und nach in die Geschäfte eingeführt.“

Ich nickte leicht. Es klag logisch und verwirrend zu gleich. „Bist du dann nicht sogar ziemlich jung für deine Position?“, fragte ich und sah ihn an. Ich war überrascht, dass er eine zweite Tasse unter den Automaten stellte und erneut auf den Knopf drückte.

Zustimmend nickte er und erklärte: „Ja, sehr jung. Und ich habe einige aus dem Weg geräumt, die mich hier nicht sehen wollten. Die mir das nicht zugetraut haben. Und sie lagen falsch. Ich bin sehr gut in meinen Geschäften, und sie laufen derzeit sehr gut.“ Er nahm seine zweite Tasse in die Hand und sah mich mit leicht gesenktem Kopf an, wobei seine Augen mich fixierten.

„Aber ich denke nicht, dass du in die Abläufe von Geldwäsche, Menschenhandel, Glücksspiel und Drogenhandel eingeführt werden möchtest, oder?“

Fassungslos sah ich ihn an und schüttelte sofort den Kopf. Natürlich wollte ich das nicht. Absolut nicht. Die Worte, die er so ruhig aussprach, waren die scharfe Realität, die meinen goldenen Käfig umgab.

„Nein“, krächzte ich und schluckte, damit ich meine Stimme wieder unter Kontrolle hatte, „nein, das möchte ich nicht.“ Li reichte mir den Kaffee, und unschlüssig nahm ich das heiße Getränk entgegen. Ich wusste nicht, was ich sonst damit hätte machen sollen. „Damit habe ich auch nicht gerechnet“, meinte Li und ging zu seinem hellen Sofa und ließ sich darauf nieder. Auffordernd schaute er mich an. Ich folgte der nonverbalen Aufforderung und setzte mich ebenfalls. Er schien das alles so normal hinzunehmen. So als sei fast nichts passiert. Als wären wir zu einem einfachen Gespräch verabredet. Er wirkte extrem entspannt und nahezu zufrieden.

Ich setzte mich nicht direkt neben ihn, doch ihm schien das egal zu sein. Denn wenn nicht, hätte er vermutlich bereits etwas gesagt. „Du darfst dir aussuchen, ob du bei mir schlafen möchtest, oder ob du eines der Gästezimmer nimmst“, meinte er gelassen.

Ich sagte ihm sofort, dass ich ein Gästezimmer wollte. Als hätte ich mich freiwillig neben meinen Entführer gelegt. Er hatte sie doch nicht mehr alle. Er nickte, und ich vermutete, dass er damit gerechnet hatte. Denn er wirkte weder überrascht noch sauer. „Gut“, meinte er, und ich trank den Kaffee.

Nachdem wir einige Sekunden geschwiegen hatten, fragte ich unsicher: „Soll ich den ganzen Tag da warten, bis du mich sehen willst?“

„Nein“, meinte er und stellte seine leere Tasse auf den Tisch ab. „Du kannst dich hier aufhalten. Außer in meinem Arbeitszimmer. Du kannst Sport machen, wenn du magst.“ Er klang freundlich, und doch wusste ich, dass er nur so lange freundlich zu mir war, wie ich sein krankes Spiel mitspielte. Ich dachte nach, während ich immer wieder an dem Kaffee nippte. Was konnte ich tun, um mich zu schützen? Körperlich wusste ich, hatte ich keine Chance gegen diesen trainierten Mann. Doch wie konnte ich mich schützen, damit ich nicht daran zerbrach? Ich dachte an die Seminare, die ich besucht hatte. Trauma… Ein Trauma passiert, wenn man die Kontrolle über die Situation verliert, wenn man Angst um sein Leben hat. Das alles war mir an diesem Tag passiert. Immer wieder wurde mein Gehirn von der Angst zugeschüttet, und ich merkte, dass mir teilweise rationales Denken nicht gelang. Auch hatte ich meine Emotionen nicht immer unter Kontrolle.

Wenn ich nicht wollte, dass das Trauma mich im Griff hielt, musste ich mich darauf konzentrieren, nichts zu vergessen. Nichts zu verdrängen. Nur so konnte ich verhindern, dass das Trauma mich nicht weiter zerstörte. Dass Li mich nicht weiter seelisch zerstörte. Denn ich wusste, so etwas konnte die Seele zerstören. Quasi von innen auffressen, und ich wollte es einfach nicht. Ich hatte so sehr gekämpft mit meiner Familie, um Akzeptanz, und nur weil ein Idiot seine Gefühle, Emotionen nicht unter Kontrolle hatte, sollte ich innerlich zerstört werden? Das konnte ich einfach nicht zulassen. Jedenfalls nicht ohne alles, was in meiner Macht stand, zu versuchen.

Ich atmete schwer durch und trank den letzten Schluck aus meiner Tasse. „Li?“, fragte ich vorsichtig, und unsere Blicke trafen sich. „Kann ich auf das Zimmer und kannst du mir was zum Schreiben geben?“ Langsam nickte Li und meinte sofort mit Strenge in der Stimme: „Du wirst deiner Familie keinen Brief schreiben.“

Tatsächlich hatte ich gerade gar nicht daran gedacht, und ich schüttelte nur den Kopf. „Nein. Ich wollte keinen Brief schreiben. Ich wollte… Ich will einfach schreiben“, meinte ich leise und erhob mich langsam. Ich wusste, dass die Gästezimmer oben waren. In dem privaten Bereich. Ich griff nach meinen verbliebenen Habseligkeiten und stellte die Tasse auf die Kochinsel.

Li stand ebenfalls auf und nickte nur. Er ging zielstrebig in sein Arbeitszimmer und kam mit einem Block und Stiften heraus. Ich ging ihm nach und folgte ihm in eines der Gästezimmer. Ich hatte beim letzten Mal nur einen kurzen Blick hineingeworfen. Es war ordentlich. Ein Doppelbett stand herum, ebenso wie ein Kleiderschrank und eine Kommode. In einer Ecke war ein kleiner Tisch mit einem Stuhl. Ein Fernseher war an der Wand montiert, und der Blick aus dem Fenster zeigte etwas Grün. Wahrscheinlich hatte er mir das Zimmer mit der schöneren Aussicht gegeben.

„Hier kannst du erstmal bleiben und deine Sachen wegräumen“, meinte er und ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Ich telefoniere jetzt. Essen ist in der Küche. Vermutlich werde ich heute Nacht wieder weg sein. Aber noch nehme ich dich nicht mit… Ich glaube, dein Fluchtinstinkt ist noch etwas ausgeprägt.“ Ausgeprägt? Er sprach, als müsse man mich trainieren wie einen Hund. Doch ich schluckte die Wut hinunter und nickte stur. Ich wollte, dass er mich endlich alleine ließ. Also packte ich die Klamotten einfach aus und legte sie in den Schrank. Ein eindeutiges Zeichen, ohne dass ich etwas sagen musste.

Nachdem mich Li alleine gelassen hatte, den Rucksack neben das Bett gestellt, setzte ich mich an den Tisch und klappte das Notizheft auf. Ich nahm einen der Stifte und begann langsam zu schreiben: „Ich wurde entführt. Ich habe Angst. Ich werde entkommen. Ich werde wieder frei sein.“ Tief atmete ich durch und fügte hinzu: „Ich werde ich bleiben. Ich werde daran nicht zerbrechen. Ich werde wieder leben.“ Ich rahmte diese Sätze ein. Vielleicht waren sie nicht klug geschrieben, nicht poetisch, aber das war egal. Diese Sätze sollten mein Mantra werden, denn ich wusste nicht, wie lange dieses kranke Spiel dauern würde. Es würden schwere Tage kommen, und dann wusste ich, dass ich genau diese klaren Sätze brauchen würde, um mich daran zu erinnern, was ich genau wollte. Und ich wollte nichts vergessen. Ich wusste, meine Seele würde tiefe Narben davontragen, aber sie sollte, nein, sie durfte nicht zerbrechen! Und dann begann ich, den Tag so, wie ich ihn erlebt hatte, aufzuschreiben – detailliert, denn das Vergessen und Verdrängen war etwas, was ungesund war, was Seelen langfristig zerstören konnte. Alles auch die Zahlen des Schlüsselcodes die ich gesehen hatte schrieb ich auf. 954.

Woche 1: der Platz neben dem Drachen

Hey,

das Kapitel ist wieder sehr lang... die nächsten werden kürzer. Versprochen...

:D

Viel Spaß!

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Tatsächlich sah ich Li an diesem ersten Tag kaum. Ich verbrachte die meiste Zeit in meinem Zimmer und schrieb, vielleicht zu akribisch, notierte unnötige Details, die ich vielleicht gar nicht brauchen würde. Doch es lenkte ab. Es gab mir das Gefühl, irgendetwas tun zu können – ein Anker in der Ohnmacht.

Die Sonne ging unter und tauchte das Zimmer in ein sattes, tiefes Orange. Normalerweise hätte ich mir nun ein Abendessen gegönnt und wäre danach langsam zum Flughafen aufgebrochen. Li betrat den Raum, natürlich ohne zu klopfen, und unsicher sah ich ihn an. Was wollte er jetzt von mir? „Die Haushälterin hat Essen gemacht. Ich möchte, dass wir zusammen essen und danach werde ich losfahren.“ Perplex sah ich ihn an und erst jetzt bemerkte ich den leichten, exotischen Geruch des Essens. Er inszenierte Normalität, wo keine war. Oder vielleicht für ihn schon.

„Komm“, meinte er mit unzweifelhafter Autorität in der Stimme und verließ, ohne auf eine Antwort oder eine Reaktion von mir zu warten, das Zimmer.

Ich zögerte. Der Geruch des Essens – vermutlich wieder etwas Chinesisches, das ich nicht kannte – war nun deutlich in der Halle. Es roch nach Normalität, und das war das Gefährlichste an diesem Mann: seine Fähigkeit, diese falsche Situation als Alltägliches zu inszenieren.
 

Ich folgte Li in den Essbereich. Der Tisch war ein Meisterstück aus poliertem Holz, lang und schmal, mit Platz für gut zehn Personen, beleuchtet von drei einzelnen, minimalistischen Lampe. Der Tisch war für zwei gedeckt. Ich blieb am Fußende des Tisches stehen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich in dieser erzwungenen Intimität verhalten sollte. Am liebsten hätte ich einfach meine Beine in die Hand genommen und wäre aus dieser Wohnung geflohen.

Li ging zum Kopfende des Tisches und ließ sich dort in den hochlehnigen Stuhl fallen. Eine Geste, die seine Stellung als Alleinherrscher unterstrich. Vermutlich saß er immer am Kopfende. Gedankenverloren rückte ich einen der Stühle nach hinten. Ich wollte nicht bei ihm sitzen, doch noch bevor ich mich setzen konnte, hörte ich seine Stimme. „Wer hat dir erlaubt, dass du da sitzt? Willst du nicht lieber fragen, wo du sitzen sollst?“, sagte er. Obwohl es eine Frage war, war es eher ein Befehl oder eine Feststellung.

Ich erstarrte in meiner Bewegung und sah zu ihm hinüber. Ich fand es albern und konnte den leichten Spott nicht aus meiner Stimme verbergen, als ich fragte: „Wo soll ich denn sitzen? Ich konnte beim letzten Mal doch auch sitzen, wo ich wollte…“

Ein diabolisches Lächeln erschien auf dem Gesicht des Asiaten. „Das stimmt“, meinte er und klang gelassen. „Aber beim letzten Mal warst du auch mein Gast. Jetzt bist du das nicht mehr. Setz dich neben mich auf den Stuhl. Hier hat die Haushälterin auch für dich gedeckt.“ Auf dem Stuhl? Wo hätte ich denn sonst sitzen sollen?

Mir entging nicht, was das bedeutete: Nicht am anderen Ende des langen Tisches, nicht gegenüber, sondern direkt neben ihm. Keine Distanz, kein Augen-zu-Augen-Gespräch, nur seine überwältigende Nähe, während die Leere des restlichen Tisches unsere nein meine Isolation betonte. Ich musste mich hinsetzen wie ein Haustier oder ein Ausstellungsstück neben seinem Besitzer.

Meine Kiefer waren fest aufeinandergepresst. Ich bewegte mich langsam zu dem zugewiesenen Platz und setzte mich. Sich zu weigern würde unweigerlich unnötigen Stress bedeuten. Li warf mir einen zufriedenen Blick zu. Er wirkte, genau wie ich vermutet hatte, völlig entspannt.

Ich hingegen war angespannt. Jeder Muskel unter meiner Kleidung war hart. Mein Verstand sagte mir, dass ich jetzt essen musste, um Energie zu sammeln, aber mein Magen zog sich bei der bloßen Anwesenheit dieses Mannes zusammen. Li begann, sich selbst und dann mir die Speisen auf die Teller zu legen – Garnelen, gedämpften Fisch, etwas Gemüse. Ein weiteres Zeichen seiner Kontrolle: Er bestimmte nicht nur, wo ich saß, sondern auch, was ich essen durfte.

„Iss“, forderte er mich auf und nahm gelassen seine Stäbchen in die Hand. Ich hob meine Stäbchen und hielt sie unsicher in den Händen. Ich konnte schließlich nicht gut damit umgehen. „Du wirst sicherer damit werden“, kommentierte Li und sah von den Stäbchen zu mir. Der Duft des Essens war intensiv, aber ich schmeckte nur die bittere Angst. Li hatte eine Normalität erschaffen, die nur für ihn selbst normal war. Ich nickte nur und musste unweigerlich an die Pandastäbchen denken, die ich in dem Restaurant bekommen hatte. Es kam mir vor als wäre das schon Wochen her.

Ich aß ohne wirklich zu schmecken. Und mehr schlecht als recht wollte es mit den Stäbchen klappen. Li ignorierte meine Unsicherheit damit. „Du brauchst nicht auf mich warten“, meinte er gelassen und erklärte: „Ich komme vermutlich erst gegen frühen Morgen nach Hause. Der Schneider kommt morgen Nachmittag, und wir kleiden dich vernünftig ein.“

Ich schluckte hart und nickte nur. Als hätte ich auf ihn warten wollen, dachte ich sarkastisch und schob mir lieber noch etwas zu Essen in den Mund. „Aber meinen Bart darf ich noch behalten, oder?“, fragte ich und überlegte, ob ich mich überhaupt noch widererkennen werde. Mich betrachtend streckte Li die Hand unvermittelt nach mir aus, und ich zuckte zusammen, als er mich berührte. Am liebsten hätte ich die Hand weggeschlagen. Er strich über die kratzigen Haare und meinte: „Erstmal ja… das gefällt mir bei dir. Aber ich weiß noch nicht ganz, ob die Haare auf dem Bauch und der Brust nicht eher weg sollten… Mal schauen.“

Ich zuckte innerlich zusammen, als ich daran dachte, dass man mir vermutlich die Haare entfernen lassen würde. Etwas, was ich nicht wollte, denn ich mochte es, etwas Haare am Körper zu haben.

Ohne noch viel zu sagen beendeten wir das Essen und Li stand entspannt auf. Er sah sich in seiner Wohnung um und meinte zu mir: „Du musst nicht die ganze Zeit in deinem Zimmer sein, wenn du magst mach Sport oder soll ich dir oben einen Film anmachen? Du kannst Billiard spielen.“

Langsam schüttelte ich den Kopf. Ich wollte keinen Sport machen noch wollte ich einen Film sehen. „Na gut“, meinte er entspannt, „Wenn du dich langweilen willst…“ Er stand auf, natürlich räumte er die Sachen nicht weg. Wieso auch? Ich vermutete, dass die Haushälterin gleich kommt und alles aufräumen würde.

Nachdem Li gegangen war, nutzte ich die Gelegenheit und ging immer wieder durch seine Wohnung. Doch ich wusste einfach nichts mit mir anzufangen. Die Stille der Wohnung war erdrückend, ein Vakuum. Erneut begannen meine Gedanken zu kreisen und sie ließen sich dieses Mal in der absoluten Stille nicht unterdrücken.
 

Zwanzig Minuten nachdem Li die Tür hinter sich geschlossen hatte, betrat eine unscheinbare, kleine Frau die Wohnung. Ihre schwarzen Haare waren von leichtem grau durchzogen und im Nacken zusammengebunden. Sie trug einfache Kleidung. Nichts was irgendwie aufgefallen wäre. Die Haushälterin. Sie mied meinen Blick, und als ich versuchte, mit ihr zu sprechen, reagierte sie nicht. Sie sprach kein Englisch, und meine Versuche, mit ihr Kontakt aufzunehmen, waren ihr offensichtlich unangenehm. Auch mein Mithelfen in der Küche unterband sie augenblicklich. Eine weitere Barriere. Keine menschliche Verbindung. Also zog ich mich wieder auf mein Zimmer zurück. Jetzt hatte die erste Woche begonnen, dachte ich und starrte auf dem Fenster.
 

Ich saß auf dem Bett und starrte in die Dunkelheit. Die Zeit verstrich. Als die Stunde kam, in der ich eigentlich im Flugzeug hätte sitzen müssen, fragte ich mich bei jedem fernen Rauschen eines Jets am Himmel, ob es nicht vielleicht meine Maschine war. Ob sie nun ohne mich abgehoben war und die letzte physische Verbindung zu meiner Welt kappen würde.

Nun, in der Stille und Einsamkeit meines Zimmers, ließ ich die Tränen zu. Ein lautes Schluchzen entkam meinem Mund, und ich rollte mich in diesem fremden Bett zusammen. Ich wusste, die Tränen mussten raus. Sie waren die emotionale Entladung der Anspannung, die Li mit seinen kranken Spielen aufgebaut hatte. Ich weinte um meine verlorene Freiheit, um die verlorene Normalität, um meine Familie.

Erst nachdem ich mich beruhigt hatte und einige Zeit verstrichen war, fiel ich in einen zum Glück traumlosen Schlaf. Es war keine Erholung, sondern eher ein Blackout des Verstandes. Li hatte mir die Wahl genommen, aber in dieser Dunkelheit hatte ich mir wenigstens die Trauer erlaubt. Morgen würde der Kampf gegen das Zerbrechen weitergehen.
 

Die folgenden zwei Tage zogen sich zäh und gleichförmig dahin, eine erzwungene Leere. Doch ich lebte und körperlich ging es mir gut. Nur meine Psyche litt. Li hatte seine Routine. Er stand spät auf, machte seinen Sport – ich hörte gedämpfte Geräusche aus dem Fitnessbereich, ein Hinweis auf seine disziplinierte, gefährliche Stärke – und verbrachte Stunden in seinem Arbeitszimmer. Nachts war er meistens weg. Die Haushälterin, die weiter meinen Blick mied, bereitete das Frühstück ungewohnt spät zu, oft erst gegen elf Uhr und erledigte auch sonst alles was man normalerweise selber im Haushalt machte.

Li behielt seine dominante Position am Kopf des Tisches bei, während ich mich neben ihm zum Essen zwang. Wenn ich ehrlich war, hing mir das chinesische Essen zum Hals heraus. Ich wollte endlich wieder normales Essen. Essen, was ich für mich als normal empfand – eine kleine, unerfüllte Sehnsucht nach Vertrautheit. Am Nachmittag nach meiner Ankunft kam der Schneider. Wir drei standen im Wohnzimmer, und er fragte mich nichts. Vielleicht durfte er auch nicht mit mir sprechen. Wenn ich ehrlich war, hatte ich seit Jahren so wenig gesprochen wie jetzt. Der Mann, diskret und professionell, nahm meine Maße, ohne mich auch nur einmal richtig anzusehen. Es gab keine Nachfragen, keine Optionen. Li entschied alles.

„Schwarz, Anthrazit und Dunkelblau. Vielleicht Dunkelrot“, erklärte er knapp. „Keine großen Muster. Keine Schnörkel. Du wirst modern und kühl aussehen. Das passt besser zu dir. Und neben den Anzügen braucht er passende Alltagskleidung. Schick, aber keine Abendgarderobe.“

Meine Meinung zählte nicht, das hatte ich schnell verstanden. Ich nickte nur. Jeder Widerstand an dieser Front war nutzlos und würde nur seinen Spott provozieren und mir Energie rauben die ich woanders brauchte.

Eine innere Unruhe erfasste mich. Ich schrieb so gut ich konnte alles auf, doch es passierte einfach nichts, und das machte mir noch mehr Angst. Worauf wartete Li? Sicherlich nicht auf Lösegeld. Ich merkte, wie ich immer unruhiger wurde. Plötzlich wurde jedes Geräusch zu viel, und ich zuckte zusammen – ein Zeichen der latenten Übererregung. Eine plötzlich aufkommende Angst überrollte mich, besonders in den Stunden der Nacht, in denen ich allein war. Natürlich hatte ich versucht den Aufzug zu rufen. Doch ohne den Zahlencode war es unmöglich. Als Li mich sogar darauf ansprach war ich verwirrt, bis er mir sagte, dass er nach mehreren falsch eingegebenen Codes Nachrichten auf sein Handy bekam.

Immer wieder fragte ich mich, welche Angst meine Familie gerade durchleiden musste. Doch die Gedanken an meine Familie versuchte ich bewusst zu verdrängen. Sie lähmten mich und brachen die Mauer ein, die ich jeden Tag versuchte stabil zu halten, um mich so gut es ging zu schützen.

Doch diese verdammte Einsamkeit. Diese Stille. Selbst wenn ich den Fernseher anmachte, lenkte es nur bedingt ab. Denn ich verstand kein Chinesisch, und natürlich liefen fast ausschließlich chinesische Sender. Jian oder jemand anderen hatte ich seit meiner Ankunft hier nicht mehr gesehen, und ich wusste, dass Li mich absichtlich in Isolation hielt. Denn diese zerbrach einen, ohne dass man Gewalt einsetzen musste. Sie fraß die psychische Substanz auf. Es war schrecklich, dass ich wusste, wie es funktionierte, ohne mich dagegen wehren zu können.
 

Es war der dritte Morgen seit meiner Entführung, und lustlos saß ich oben auf dem Bett. Erneut war das Schweigen und die Stille erdrückend. Ich fühlte mich unwohl, und es dauerte eine Zeit lang, bis ich es schaffte, mich aus dem Bett zu quälen. Ich zwang mich unter die Dusche, denn ich merkte, dass ich meine Körperhygiene tatsächlich vernachlässigt hatte.

Als ich aus der Dusche trat und in mein Zimmer schlich, hörte ich Li erneut unten in seinem Fitnessbereich trainieren. Ich sah mein Zimmer an und merkte, dass ich es nicht mehr ertrug, nur noch dort drinnen zu sein. Die Isolation fraß mich auf. Ich zog eine meiner Jogginghosen und mein verwaschenes Bandoberteil an. Ich wusste, ich musste irgendetwas machen.

Langsam betrat ich den Fitnessbereich. Ich sah, wie Li Gewichte stemmte. Ja, ich wusste, er nahm Steroide, aber man konnte ihm nicht nachsagen, dass er nicht hart trainierte. Er war eine Maschine. Ich ging am Pool vorbei, vorsichtig, denn ich wusste nicht, ob ich das Richtige tat. Ich wusste nur, ich ertrug keine Stille mehr. Ich muss mit jemanden sprechen, sonst würde ich verrückt werden in dieser Einsamkeit.

Li hängte die Stange mit den Gewichten über sich in die Haltevorrichtung und setzte sich auf. Seine Haare waren schweißnass, und er betrachtete mich. „Willst du mitmachen?“, fragte er gelassen.

Ich seufzte leise und nickte. „Ja… Ich merke, dass ich was tun muss“, meinte ich und sah mich etwas unschlüssig um. „Willst du auf das Laufband?“, fragte ich und deutete auf das Gerät vor mir. Er schüttelte den Kopf. „Ich bin schon warm“, erklärte er.

Langsam stieg ich auf das Gerät. Mir fiel auf, wie surreal die Situation war. Hier, in der Mitte seiner illegalen Festung, teilten wir den Raum und die Anstrengung. Nach einem Moment der Stille sagte ich: „So haben wir auch das erste Mal gesprochen… Als ich dich im Fitnessstudio überrascht hatte… Wieso hast du… eigentlich so mit mir gesprochen. Ich meine… Ich hätte wer weiß wer sein können…“ Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, und er nickte, während er wieder das schwere Gewicht stemmte.

„Ja“, keuchte er unter der Anstrengung, „Ich dachte echt, du hast alle meine Bodyguards ausgeschaltet und wolltest mich erschießen… Ich hatte die ganze Zeit die Hantel in der Hand und wollte dir den Kopf einschlagen… Aber es war dann schnell klar, dass du nichts dergleichen vorhattest.“ Unschlüssig sah ich ihn an und konnte eine sarkastische Antwort nicht verhindern. „Na, da habe ich aber Glück gehabt.“

Li betrachtete mich grinsend. Natürlich war ihm mein Ton nicht entgangen. Doch es schien ihm egal. „Ich hatte es noch nie, dass ein Mann mich so offensichtlich angeflirtet hatte und du hast gar nicht mehr aufgehört…“

Ja, dachte ich und könnte mich im Nachhinein dafür selbst ohrfeigen. Kurz dachte ich nach und betrachtete das voll ausgestattete Gym und fragte: „Wenn du das hier hast? Wieso hast du in dem Hotel trainiert?“ Ich joggte und merkte, dass ich lange nichts mehr getan hatte, denn schnell war ich außer Atem. Li sah zu mir und stemmte wieder seine Gewichte und meinte: „Ich habe das Gym als erstes renovieren lassen. Wollte schauen wie es ist. Bin auch bald wieder da… wir renovieren.“ Ich nickte nur als Zeichen, dass ich ihm zuhörte und ärgerte mich erneut. Hätte ich meinen Schweinehund also gewinnen lassen wäre ich ihm nie wieder begegnet. Es machte mich wütend und ich war froh und nahezu dankbar, über die Sportliche Betätigung.

Ich beendete mein Laufbandtraining und stieg langsam hinab. „Komm her“, forderte Li mich auf und nahm einige Scheiben von der Langhantel. „Leg dich hin. Wir trainieren mal deine Schultern.“
 

Es war ein komisches Gefühl, denn ich wollte keine Zeit mit ihm verbringen und doch genoss ich es irgendwie, wieder mit einem Menschen zu interagieren. Ich ließ mich für den Moment darauf ein. Li zeigte mir, wie man sauber mit der Hantel trainierte. Es war anstrengend, und ich kam ordentlich ins Schwitzen. Die körperliche Verausgabung war eine willkommene Ablenkung.

„Gut“, meinte er, und als meine Arme begannen zu zittern, hörte Li auf. „Ich glaube, das reicht“, meinte er ruhig und trat von der Hantelbank weg. Schwer atmend setzte ich mich auf, die Hände auf den Knien abgestützt, und wir betrachteten einander stumm. Was sollte ich jetzt auch sagen? Die Luft war dicht von Anstrengung und der unangenehmen Nähe.

„Wann kann ich mal die Wohnung verlassen?“, fragte ich vorsichtig und erhob mich von der Bank. Ich wollte nicht weiter zu Li aufblicken. Nach einem Augenblick meinte er langsam: „Ich denke, du bist noch nicht so weit. Ich will dir die Zeit geben, die du brauchst.“

Es war ein netter Satz von den Worten her, und doch war er alles andere als nett gemeint. Er klang nach Rücksichtnahme, aber er war eine Anweisung zur Geduld in der Gefangenschaft. Doch vermutlich merkte Li das gar nicht. Vermutlich war er fest davon überzeugt, dass alles, was er tat, geradezu großzügig sei.

„Ich gebe dir den Raum, damit du hier ankommen kannst“, meinte er entspannt und sah mich an. Es war das erste Mal seit dem Abendessen, dass wir mehr als drei Sätze sprachen. Er trat auf mich zu und legte eine Hand an meine Wange. Ich wollte das nicht, und doch schlug ich die Hand nicht weg. Ich nahm meine Hand und schob seine sanft, aber bestimmend von meiner Wange. Ich wollte zwar Kontakt mit anderen Menschen, aber ich wollte nicht, dass Li mich anfasste. Die körperliche Berührung war die letzte Grenze, die ich noch verteidigen konnte.

Li bemerkte meinen Widerstand. Sein Blick verhärtete sich minimal, doch er verzog keine Miene. Er akzeptierte es – noch.
 

„Heute Abend wird wohl ein Teil der Kleidung schon mal fertig sein. Meine Aufträge werden sofort ausgeführt“, meinte er und betrachtete mich mit einem unergründlichen Blick. „Ich freue mich auf den Anblick dann…“ Ich schluckte, denn ich wollte einfach nicht wie eine Puppe angezogen werden. Dennoch nickte ich leicht. „Wenn du die nächsten Tage etwas zugänglicher bist, kann ich mir ja mal überlegen, dich mit ins Casino zu nehmen“, meinte er.

Ich verstand genau, was er meinte. Er verlangte von mir Gehorsam, wahrscheinlich auch Nähe, die über das rein Physische hinausging. Ich nickte nur, doch ich vermutete, dass Li mein Nicken falsch interpretierte. Es war keine Zustimmung von mir, es war nur der Hinweis, dass ich ihn verstanden hatte. Erneut glitt seine Hand an meinen Körper, dieses Mal strich er über meinen Arm. Die Berührung war leicht, aber sie fühlte sich an wie eine Brandmarkung. Ich sah ihn stur in die Augen und ballte meine Hände zu Fäusten. Ich wusste, dass ich ihn früher oder später körperlich befriedigen sollte. Dennoch wollte ich das so lange es ging herauszögern. Ich wollte keinen Sex mehr mit ihm. Doch ich wusste genau, dass der Moment kommen würde. Konnte man sich emotional auf eine potenzielle Vergewaltigung vorbereiten? Ich wusste es nicht.

Li ging duschen, und auch ich sprang für eine kurze Erfrischung unter die Dusche. Wir trafen unten wieder aufeinander. Ich war überrascht, als ich sah, dass er kochte. Doch eigentlich sollte es mich nicht überraschen. Er hatte mir deutlich gesagt, dass er öfter mal kochte. Vielleicht hatte seine Haushälterin, deren Namen ich noch nicht kannte, heute auch einfach frei.

„Ich muss die nächsten Tage nach Macau“, meinte er. Ich stöhnte innerlich auf, als ich sah, wie er schon wieder Fisch auspackte. Ich nickte kurz und betrachtete missmutig den Fisch auf der Arbeitsplatte. Lis Blick wanderte zu dem Fisch und er fragte: „Ist damit etwas nicht richtig?“

Kurz dachte ich nach, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass er aus meiner Ehrlichkeit mir einen Strick drehen konnte. Also erklärte ich ehrlich: „Ich kann keinen Fisch mehr sehen… Wenn ich ehrlich bin, kann ich gar kein asiatisches Essen mehr sehen… Ich würde einfach gerne wieder ein richtiges Steak essen, oder Rippchen… Hier gibt es immer Fisch.“ Ich ging an den Kühlschrank, holte eine Flasche Wasser heraus und meinte: „Oder Grillhähnchen. Die von meiner Mutter waren immer…“ Ich brach den Satz ab. Ich hatte einen Fehler gemacht. Schwer schluckend beendete ich den Satz nicht. Ich hatte zwar nur wenig Kontakt zu meinen Eltern, doch auch sie vermisste ich schmerzlich. Nachdem ich mich aus meiner Starre lösen konnte, bemerkte ich, wie Li mich betrachtete. Seine Stirn war gerunzelt, und nach einem Augenblick sagte er: „Dann sage ich Xia, dass sie morgen Steak einkaufen soll.“

Er ging nicht auf das ein, was ich zu meiner Familie gesagt hatte. Die Erwähnung meiner Mutter glitt an ihm ab wie an einer Teflonpfanne. Wenn ich ehrlich war, war ich darüber dankbar. Ich vermutete jedoch, dass er das Thema nicht meinetwegen mied, sondern weil es für ihn irrelevant war. „Xia?“, fragte ich stattdessen, um die Stille zu durchbrechen.

Sofort erklärte Li, dass es der Name der Haushälterin sei. Ich nickte leicht und wusste nicht genau, was ich nun sagen sollte. Li bekam einen Anruf auf seinem Handy. Kurz sprach er auf Kantonesisch, und überrascht meinte er nach dem Anruf zu mir: „Oh, der Schneider. Er könnte jetzt schon vorbeikommen. Super.“

Innerlich verdrehte ich die Augen. „Wie toll“, entfuhr es mir zynisch, denn ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als wie eine Schaufensterpuppe ausstaffiert zu werden. Li betrachtete meine Kleidung und erwiderte trocken. „Du hast es wirklich nötig, Wánjú. Deine Garderobe ist…“ Er beendete den Satz nicht, doch es war mir wirklich egal, was er von meinen Klamotten hielt.

„Beim nächsten Mal packe ich besser. Ich konnte ja schlecht ahnen, dass ich entführt werde und nun in Casinos ausgestellt werde“, erwiderte ich trocken und war kurz überrascht, dass meine zynischen Worte den Weg über meine Lippen gefunden hatten.

Lis Mundwinkel zuckten tatsächlich, und ich war von der Reaktion tatsächlich überrascht. Sein kalkuliertes Lächeln brach durch. Ungefragt und ungewollt glitt seine Hand durch meine Haare. Er krallte sich leicht in meinem hellbraunen Schopf fest und zwang mich so, ihm direkt in die Augen zu schauen.

„Da ist sie ja wieder… deine freche Zunge“, meinte er, und ein zufriedener Ausdruck lag auf seinem sonst so strengen Gesicht. Ich wollte weg von ihm, doch der Druck auf meinen Haaren tat zu sehr weh, also blieb ich, wo ich war. Die andere Hand legte sich auf meine Wange, und ich wollte einfach nur verschwinden.

„Jade“, flüsterte er nur, und ich wusste, dass er von meinen Augen sprach. „Deine Augen sind wie aus Jade gemacht.“ Doch bevor ich etwas machen konnte, drückte er seine Lippen ungefragt auf die meinen und drückte mich bestimmend nach hinten. Ich stieß mit dem unteren Rücken fest an die Küchenzeile und stöhnte schmerzvoll auf. Er nutzte die Gelegenheit, und seine Zunge drang drängend und bestimmend in meinen Mund ein. Immer noch krallte sich die Hand in meinem braunen Schopf fest. Ich versuchte, Li mit aller Kraft von mir zu drücken, doch der Laut, der seine Kehle verließ – ein tiefes, zufriedenes Grollen – machte deutlich, dass er das nicht wollte.

Sein Geschmack war bekannt, vielleicht sogar ein wenig vertraut, und doch fand ich es schrecklich, wie ich eingezwängt zwischen Küche und seinem Körper eingepfercht war. Ich versuchte, seine Zunge aus meinem Mund zu drängen, und vermutlich dachte er, ich würde den Kuss erwidern. Vermutlich waren es nur wenige Sekunden, aber es kam mir wesentlich länger vor, bis er mich endlich freiließ. Zufrieden sah er mich an, und sein Daumen strich über meine Lippen.
 

„Das war aber schon mal leidenschaftlicher“, stellte er fest und strich weiterhin, fast schon sanft, über mein Kinn.

Ich wollte ihn jetzt nicht daran erinnern, dass es vielleicht daran lag, dass es das letzte Mal freiwillig war. Doch es war sinnlos, darüber zu sprechen. Also schwieg ich. Gerade jetzt wollte ich ihn nicht provozieren, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. Ich brauchte meine mentale Klarheit.

Er ließ von meinen Lippen ab, doch seine Hände strichen zufrieden über meinen Bauch. Ich erschauderte und fand es immer noch sehr unangenehm.

Ich hielt seine Hände fest und wütend zogen sich meine Augenbrauen zusammen. „Der Schneider kommt gleich“, meinte ich und erinnerte mich an den Anfang des Gesprächs. „Und wieso musst du nach Macau? Bleibe ich dann alleine hier?“

Li ließ mich los und schien für den Augenblick abgelenkt zu sein. Er war nicht sauer. „Die Geschäfte“, erklärte er und wandte sich zum Glück dem Fisch zu. Sofort brachte ich die Kochinsel zwischen uns, eine ungesprochene physische Barriere. „Ich muss regelmäßig dorthin. Ich muss schauen, was mein Casino macht und das Hotel.“ Verwirrt fragte ich ihn: „Was meinst du mit Hotel? Das ist doch hier in Hongkong…“

Li lachte leise und meinte: „Nein, nicht das. Die Casinos in Macau sind meistens gleichzeitig auch Hotels. Das Hotel hat zwar offiziell einen anderen Eigentümer… aber man kann schon sagen, dass es mir gehört… Der offizielle Besitzer und ich sind enge Geschäftspartner. Du wirst ihn kennenlernen.“ Ich nickte leicht und wollte, wenn ich ehrlich war keine Geschäftspartner eines Triadenanführer kennen lernen.

„Was ist mit dem Hotel hier… Was ist deine Idee damit?“, wollte ich wissen und trank einen Schluck Wasser. Li runzelte die Stirn und meinte: „Das werde ich wohl renovieren lassen. Ich werde jedenfalls den Koch austauschen lassen“, meinte er und grinste mich schräg an, „Das Essen und besonders das Frühstück gingen gar nicht…“ Ein ehrliches grinsen schlich kurz über meine Züge, denn ja es stimmte total, dass das Essen eine Katastrophe ist.
 

Es klingelte, und es war das erste Mal überhaupt, dass ich die Klingel hörte – ein seltenes Geräusch in dieser abgeschirmten Höhe. Der Schneider kam, und ich kam mir albern vor.

Der Schneider hatte, wie Li mir sagte, Freizeithemden geschneidert. Sie waren teilweise aus Seide, manche aus Baumwolle. Einige hatten ein leichtes, aber nicht aufdringliches Muster. Die Hosen waren aus Leinen oder Baumwolle und saßen passgenau. Doch was hätte ich sonst erwarten sollen? Schließlich war hier alles eine Maßanfertigung.

Offensichtlich durfte ich keine T-Shirts außerhalb tragen, denn nicht eins war in meiner neuen Garderobe. Mein Look war immer sportlich und frech gewesen, T-Shirts und bequeme Jeans – der Habitus eines analytischen Freigeists und Reisenden. Jetzt gab es nur noch teure Schuhe, keine Sneaker, keine Lässigkeit.

Nachdem die Alltagskleidung von Li als akzeptabel abgesegnet wurde, musste ich nach und nach die Anzüge anprobieren. Man konnte es nicht anders sagen: Sie saßen perfekt. Als ich mich im Spiegel betrachtete, war ich erstaunt, wie ich aussah. Die Anzüge ließen meine Schultern ideal zur Geltung kommen. Sie trugen in keinster Weise auf, und auch die Farben standen mir tatsächlich sehr gut. Der Mann und seine Mitarbeiter hatten in meiner Perspektive sehr gute Arbeit gemacht.

Doch die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht: Ich sah zwar makellos aus, aber ich war weniger ich selbst. Jede Naht, jeder Stofffaden war ein Beweis für die vollständige Kontrolle Lis über mein eigentliches Ich. Ich war nun nicht mehr Jasper, der sportliche, vorlaute und freche Freigeist, sondern wurde zu dem idealen Mann kreiert den Li für sich haben wollte.

Der Schneider passte bei zwei Anzügen die Ärmel noch etwas an, und so mussten der schwarze und der blaue Anzug noch einmal mit. Ich atmete schwer durch und betrachtete mich in dem dunkelroten Anzug. Die Farbe hätte ich mir niemals ausgesucht.

Li unterhielt sich noch mit dem Schneider. Als dieser ging, trat Li näher und betrachtete mich. Seine Augen glitten langsam an mir entlang, von den Schultern bis zu den neuen Schuhen, und ein zufriedener Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

„Perfekt“, meinte er leise und umrundete mich. „Du siehst so viel besser aus im Anzug… so kommt dein Wert viel besser zur Geltung…“ Wert. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einem Menschen einen solchen monetären Wert zuzuschreiben. Das Wort klang falsch, es schmerzte in meinen Ohren. Es reduzierte mich auf eine Investition, ein Statussymbol. Doch diese Grundsatzdiskussion über Moral und Narzissmus würde ich mit ihm nicht führen. Es wäre nur ein weiterer Beweis für seine perverse Logik.

Ich keuchte erschrocken auf, und Lis Hände wanderten ohne Umschweife von meinem Bauch hinunter in meinen Schritt.

„Nein!“, entfuhr es mir, und ich wollte von ihm wegtreten, doch eisern hielt mich der kräftige Mann fest. Sein Griff in meinen Haaren wurde hart, schmerzhaft, und er zwang meinen Kopf in eine unnatürliche Position. Immer noch strich er mit der flachen Hand über meinen Schritt, und ein Zucken ging durch meinen Körper. Seine Lippen legten sich an meinen Hals, und er biss leicht hinein.

Ich wand mich unter seinen Berührungen, doch es war nicht die Lust, die das machte. Es war die Angst.

„Bitte… ich will nicht“, meinte ich erneut und war entsetzt, wie schwach meine Stimme klang. Meine Mauer brach langsam; ich konnte nur noch auf diesen unmittelbaren Schmerz und die Berührung reagieren. Die ich gar nicht wollte.

Genervt stöhnte Li auf, und ich war überrascht, als er mich losließ. Sofort trat ich weg von ihm, und wir sahen einander an. Unzufrieden und fast schon beleidigt sahen mich seine dunklen Augen an. Er atmete durch und schien sich beruhigen zu müssen – ein Umstand, der mir im höchsten Maße Angst machte. Doch ich zwang mich, meine Furcht nicht nach außen zu zeigen.
 

„Noch einmal“, meinte er leise, und ich verstand genau, was er meinte. Dieses eine Mal akzeptierte er noch meine Grenzen. Und so, wie er mich anschaute, wusste ich, dass das nächste Mal anders ausgehen wird. So wie er sprach, war das kein Zugeständnis, sondern ein Versprechen. Die Zeit für meinen Widerstand lief ab.

Ich konzentrierte mich darauf, meine Hände zu kontrollieren, die immer noch leicht zitterten. Ich musste diesen Ekel und die Scham in etwas Nützliches umwandeln.

Er hat aufgehört. Er hat meine Grenze akzeptiert, aber nur, weil er die Macht hat, sie später zu brechen. Er hat mir ein Ultimatum gestellt. Das Wort „noch einmal“ hallte in meinem Kopf nach, nicht als Drohung, sondern als klare Zeitvorgabe. Ich hatte Zeit gekauft, und Li hatte den Preis dafür festgelegt. Er reagierte auf direkte Bitten und minimalen Widerstand, solange sie seine Macht nicht fundamental infrage stellten. Das war ein Mechanismus, den ich nutzen konnte. Das war etwas, was ich für mich ausnutzen konnte.

Ich war kein Opfer, ich war ein Gefangener, der gerade die Regeln lernte. Das Zittern meiner Hände wich einem eiskalten Fokus. Ich musste überleben. Und wenn ich für mein Überleben mit diesem Perversen vögeln musste, dann musste ich das. Ich wollte nicht sterben, und ich war bereit, fast alles für mein Überleben zu tun.

In meinem Kopf ratterte es. Was konnte ich jetzt noch sagen, fragen? Durchatmend sammelte ich meine Gedanken. „Du hast meine Frage nicht beantwortet“, wollte ich leise wissen und trat etwas weg von Li. „Werde ich mitkommen nach Macau?“

Unschlüssig sah er mich an und runzelte leicht die Stirn. Unzufrieden sah er mich an, und ich konnte mir denken, weswegen. Er wollte mich, und doch hatte er meine Grenze vorerst akzeptiert.

„Ich weiß nicht“, meinte er und betrachtete mich. „Viele hohe Mitglieder meiner Triade werden anwesend sein, und ich möchte zwar mit dir provozieren… Aber ich brauche es nicht, dass du mich versuchst bloßzustellen.“

Ich schluckte leicht und wusste genau, was er meinte. Oder konnte es mir zumindest vorstellen. Macau war das Zentrum des Glücksspiels, und das Glücksspiel war der Kern des organisierten Verbrechens in dieser Region. Ihn dorthin zu begleiten, bedeutete, direkt in den Kreis seiner Macht und seiner gefährlichsten Kontakte vorzudringen. Das Risiko für meine Sicherheit war sicher immens, aber die Chance auf Information – und vielleicht eine Fluchtmöglichkeit – war es ebenso präsent. Außerdem wollte ich endlich diesen goldenen Käfig verlassen. Seit Tagen hatte ich keine frische Luft mehr geatmet. Ich war nur in diesen vier Wänden. Auch wenn der Käfig der mich umgab von Luxus strotzte wollte ich ihn einfach verlassen.

„Ich werde dich nicht bloßstellen“, versprach ich leise und sah ihm in die Augen, „Du hast mir gesagt, ich soll mich anpassen. Ich werde deine Regeln respektieren, solange ich weiß, welche sie sind. Ich muss einfach mal hier raus.“ Li hob eine Augenbraue. Ein Anflug von Interesse, huschte über sein Gesicht.

„Gut“, murmelte er. „Wir gehen heute in meinen Club. Sehe es als Probelauf. Wenn das gut klappt überlege ich es mir.“ Ich nickte leicht und zog mir mein rotes Sakko an. Nach dem Essen bekam ich die Aufforderung den Bart ordentlich zu rasieren und die Haare ordentlich zu kämmen. Ich betrachtete mich im Spiegel. Ich sah wirklich gut aus. Das Rot betonte die Farbe meiner Haut sehr und der Schnitt brachte meine Proportionen gut zur Geltung.

Ich sah immer noch nach mir aus, doch diese Fassade spiegelte nichts von dem wieder wer ich im inneren war. Auch Li kam auf mich zu. Er war tadellos gekleidet. Ganz in Schwarz und die goldene Uhr und der auffällige Ring stachen deutlich heraus. „Komm“, meinte er nur und nickte mir zu, dass ich ihm nonverbal folgen sollte. Tief atmete ich durch. Ich hatte keine Ahnung, was mich in seinem Club erwartete und ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte.

Ich war fast schon erleichtert, als wir endlich im Aufzug waren und ich endlich die Wohnung wenigstens für einige Stunden hinter mir lassen durfte. „Du wirst meine Seite heute nicht verlassen. Auf die Toiletten begleitet dich ein Leibwächter“, erklärte er und sah mich an. Sein Ton war streng und ließ keine Widerworte zu. Ich nicht leicht, die Regeln waren unmissverständlich. „Du wirst nur reden, wenn ich es dir erlaube… Du wirst dich ins nichts einmischen was du siehst.“ Ich nickte erneut. Ich war, wenn überhaupt, nur ein Beobachter. Ich hatte keine Ahnung auf was ich mich da einließ, doch verhindern konnte ich hier eh nichts. Wir kamen unten an und die Tür öffnete sich geräuschlos.
 

Unten warteten Leibwächter. Ich erkannte Jian und unsere Blicke trafen sich. Alle verbeugten sich vor Li und sofort wurde die Autotür geöffnet. Wir stiegen in die großen schwarzen Wagen und hinter mir wurde die Tür verschlossen. Tief atmete ich durch. „Bist du im Club Li, oder Hēilóng?“ Zufrieden sah Li mich an und meinte: „Eine gute Frage… Eigentlich ist es egal… Aber am besten sprichst du mich gar nicht groß an.“

Ich nickte nur und schluckte schwer. Wir fuhren durch die Straßen und hielten vor dem Club. Wir stiegen aus und ich merkte Jian der hinter mir trat. Ich vermutete, dass er es war der mich genauer im Auge behielt.

Der Club schien noch geschlossen, aber natürlich wurde die Tür für Li geöffnet. Der Eingangsbereich selbst jedoch war ein Kontrast: Er war opulent chinesisch verziert, von indirektem Licht beleuchtet, und große, exotische Pflanzen säumten den Weg. Es sah edel und teuer aus, wie eine perfekte Inszenierung. Vermutlich hätte er mir selbst gefallen, wäre ich unter anderen Umständen hier her gekommen.

Li legte mir eine Hand in den Nacken – eine Geste des Besitzes – und strich kurz, aber bestimmend durch meine Haare. Es gefiel mir nicht, dass er mich anfasste, doch hier draußen konnte ich seine Hand nicht einfach wegschlagen. Wenn ich nicht mitspielte, würde er mich so schnell nicht mehr aus seiner Wohnung entlassen. Also schluckte ich meine Wut hinunter und ließ es zu. Doch schnell war seine Hand wieder weg. Wir passierten eine schwere Doppeltür und betraten einen Vorraum, wo sofort eine stickige Mischung aus teurem Parfüm, Leder und der latenten Vorahnung von Schweiß in meine Nase stieg.

Hinter einer Garderobe führten einige Stufen nach unten. Mit jedem Schritt änderte sich die Atmosphäre. Plötzlich standen wir in einem hochmodernen Club. Die Musik dröhnte nicht, sie vibrierte im Boden, ein tiefer, dunkler Beat, der die Brusthöhle erschütterte. Der DJ schien gerade eine Soundprobe zu machen, denn die Musik war nur kurz an, bevor sie wieder verstummte. „Wann öffnet der Club?“, fragte ich, nachdem die Musik aus war. Li betrachtete mich und erklärte: „In einer Stunde.“

Ich nickte nur und sah mich erneut um. Ich sah viele Menschen hier, die geschäftig am Arbeiten waren. Mein Blick scannte sofort: Unten lag die Hauptetage. Eine lange, elegant beleuchtete Bar dominierte die Seite, während in der Mitte eine große Tanzfläche lag, wo natürlich noch keiner am Tanzen war. Am Rand standen einige Tische. Das Ungewöhnliche waren die Stangen; sie ragten aus der Decke in die darunter liegende Ebene. Offensichtlich waren es Poledancestangen.

Li blieb stehen und sah mich an. Er nickte nach oben, und ich folgte seinem Blick. Ich erkannte oben eine weitere Ebene. „Das ist der VIP-Bereich“, erklärte er, und tatsächlich glaubte ich, so etwas wie Stolz in seiner Stimme zu hören. „Ich habe die Lichter so anbringen lassen, dass man nicht ganz nach oben schauen kann. Die von oben können aber den Trubel von unten sehen…“

Ich nickte leicht und war etwas unschlüssig, was er damit eigentlich sagen wollte. „Dann sind die oben… quasi ungestört?“, riet ich und sah ihn an. Li nickte leicht und fügte hinzu: „Wenn du nicht genau an der Brüstung stehst oder kurz dahinter, bist du tatsächlich eher für dich… Hat doch was.“ Ich war mir unschlüssig, ob das etwas hatte oder nicht… Aber vielleicht brauchte ich diese Information ja mal. Man konnte schließlich nie wissen.

Wir verweilten nicht unten. Li nickte seinen Männern zu und begleitete mich zu einer großen Treppe. Hier standen zwei Türsteher. Li blieb bei ihnen stehen und sprach befehlend auf Kantonesisch. Er deutete auf mich, und sofort sahen mich die Männer direkt an. Ihre Blicke glitten an mir entlang, und sie nickten kurz. „Was hast du denen gesagt?“, wollte ich leise wissen, nachdem sie uns durchgelassen hatten.

Li sah zu mir und antwortete: „Dass sie dich immer in den VIP-Bereich lassen müssen und dass du den Bereich auch nicht verlassen darfst…“ Unschlüssig sah ich ihn an. Es war eine weitere Grenze für mich. Eine weitere Regel. Ich durfte nicht heraus aus dem Bereich. Es war quasi ein neues Gefängnis. Ich schluckte leicht, doch ich verdrängte das Gefühl. Es war lähmend und brachte mir gerade nichts. Ich musste klar bleiben.

Wir gingen nach oben, und tatsächlich konnten wir direkt auf die Tanzfläche schauen. Doch ich blieb nur kurz hier stehen, denn Li deutete an, dass er weiter wollte. Hier herrschte eine andere Art von Eleganz. Die Musik war gedämpft – gerade machte der DJ sie nämlich wieder an –, die Polstermöbel in dunklem Leder gehalten. Es gab eine eigene, kleinere Bar und durchscheinende Vorhänge, die Separees andeuteten.

Ich war gerade dabei, die exquisite Deckenbeleuchtung zu analysieren, als mein Blick an den Wänden hängen blieb. SM-Möbel. Er hatte SM-Möbel in seinem Club stehen?! Und es schien keinen zu interessieren. Elegant verteilt standen ein moderner Pranger und ein rotes Holzkreuz im Raum. Ich erkannte Haken in den Wänden und vermutete, dass sie zum Fesseln da waren. Die Ästhetik war unbestreitbar hochwertig, aber die Funktion war klar pervers. Was bitte sollte das für ein Club sein? Verwirrt blieb ich stehen und merkte, dass mein Mund leicht offenstand. Li bemerkte meinen Blick und grinste leicht. „Wir haben ab und zu Themenabende“, erklärte er beiläufig. „Gäste mit besonderen Neigungen. Du weißt schon.“ Verwirrt sah ich mich um und sah einige Frauen an. Ich dachte, sie waren Kellnerinnen. Sie waren sehr hübsch und perfekt gestylt. Menschenhandel, schoss mir durch den Kopf, und ich erschauderte. Hier war vordergründig ein Club, doch hier wurde nicht nur getanzt und vielleicht die ein oder andere Pille eingeworfen. Hier wurde mit Menschen gehandelt. Hier wurden sie nahezu versklavt.
 

Meine innere Abwehr trat in Kraft: Ich musste meinen moralischen Kompass ignorieren. Ich musste funktionieren. Ich sah ihn direkt an. „Arbeiten hier Prostituierte?“ Li lachte, ein kurzes, trockenes Geräusch. „Nein. Das ist in Hongkong illegal, Wánjú.“ Er zwinkerte, wobei sein Grinsen sich nicht änderte. Die Implikation war klar: Man sprach es nicht aus. Es war offensichtlich, aber vermutlich würde man es nie offiziell zugeben.

Kurz erzitterte ich, denn hier war so viel, was gegen mein Innerstes sprach. Gegen das, was ich als moralisch richtig empfand. Schwer schluckend versuchte ich, mich zu beruhigen. Doch noch etwas anderes fiel mir auf. Er nannte mich nicht beim Namen, und ich vermutete, dass er das hier auch nicht machen würde. Hier war ich nicht mehr Jasper. Hier war ich nur das, zu dem er mich machen wollte. Sein Spielzeug.

Ich sah erneut eine Treppe. Diese war aber unscheinbarer, auch wenn hier ebenfalls ein Bodyguard stand. „Was ist da oben?“, fragte ich leise und hoffte, dass ich meine Stimme unter Kontrolle hatte. Ich räusperte mich und sah Li direkt in die Augen.

„Da oben kommen nur… die besonderen Gäste hin. Kollegen, Geschäftspartner… Bei den Themenabenden ist der Bereich auch mal für das ‚normale‘ Publikum geöffnet. Außerdem können die Geschäftspartner in die Dritte Etage auch durch das Haus kommen. Außerhalb der Öffnungszeiten… Willst du hoch? Ich bin meistens hier und genieß, was sich hier so abspielt.“ Mein Mund war trocken, und ich sah mich um. Ich sah, dass ein Gang abging, und leise fragte ich: „Wohin geht es denn dahin?“ Li folgte meinem Blick und meinte, dass er es mir zeigen wollte. Wir gingen den eleganten Gang entlang. Ich sah mehrere Türen, und als er eine öffnete, sah ich sofort ein Doppelbett. „Hier sind… Räume, um sich... zurückzuziehen?“, schlussfolgerte ich leise. Li nickte sofort. Ein Bordell. Der Club war nur Tarnung für ein Edelbordell.

„Du magst den Club gerne… Dein Lieblingshobby?“, fragte ich und dachte an die SM-Möbel, die verteilt herumstanden. Ich zuckte zusammen, als ich seine Hand erneut in meinem Nacken spürte. Dafür, dass er am Anfang unseres Kennenlernens so sehr darauf achtete, mich in der Öffentlichkeit nicht anzufassen, machte er es hier nahezu ständig. Doch dann wurde mir etwas klar: Das hier war keine Öffentlichkeit. Wir waren mitten in seinem Reich. Selbst die, die mit Triaden nichts zu tun hatten und einfach nur eine gute Zeit hier verbringen wollten, wussten, was das hier für ein Ort war und mir fiel auf, dass ich eigentlich keine Frauen hier sah.

„Der Club ist mein Baby“, murmelte er in mein Ohr, und ich erschauderte, als er fester in die Muschel biss. „Ich habe mich schon immer um die Mädchen und solche Orte gekümmert. Das macht mir Spaß… Das Casino ist ebenfalls toll und bringt natürlich sehr viel mehr ein, aber der Club ist mein Baby…“

Seine Lippen strichen über meinen Hals, und ich versteinerte. Er hatte gesagt, dass er mir nicht noch einmal die Möglichkeit ließ, nicht mit ihm intim zu werden, doch hier, in einem Puff, wollte ich einfach nicht vögeln. Doch er ließ von mir ab und fragte erneut, ob ich nach oben in die dritte Etage wollte. Sofort nickte ich, denn es war eine Ablenkung von ihm. Von seiner erzwungenen Nähe.
 

Als wir in die dritte Etage stiegen, wurde die Stimmung eine andere. Dies war der private Bereich, der nur den Triade-Mitgliedern vorbehalten war. Und mitten in diesem eleganten VIP-Bereich stand ein großer, leerer Käfig aus poliertem Chrom. Die Botschaft war ebenso brutal wie eindeutig: Besitz und Verwahrung.

Ich sah einen abgetrennten Bereich und einen großen, thronartigen Stuhl und wusste sofort, dass das Lis Platz war. Tatsächlich standen und saßen hier einige Menschen. Und ich schluckte, denn ich wusste, dass hier nur Verbrecher saßen. Verbrecher, die alle unter Lis Kommando arbeiteten. Ich schluckte leicht und blieb dicht bei Li. Es war albern, aber ich fühlte mich gerade bei ihm sicherer. Ihn kannte ich. Ihn konnte ich wenigstens ein wenig lesen.

Einige grüßten Li, und er nickte ihnen nur kurz zu. „Ich dachte“, begann ich leise zu sprechen und nickte zu dem Thron, „dass du lieber auf der zweiten Etage bist… Wieso hast du dann hier deinen Thron…Sessel?“ Li sah zu mir, und ein Grinsen schlich über sein Gesicht. „Wánjú… Hier bin ich nicht nur zum Vergnügen… Hier wird auch gearbeitet. Aber ich habe unten auch eine separate Lounge… Wenn ich hier oder unten sitze, kniest du neben mir… oder sitzt auf dem Boden neben mir… Ihr Amerikaner könnt ja nicht lange knien.“

Es war wenig überraschend, was er da von mir verlangte, und schockte mich nicht. Dennoch konnte ich es nicht verhindern, etwas zynisch anzumerken. „Dafür ist der Anzug doch eigentlich viel zu schade… um damit auf dem Boden zu sitzen.“ Unschlüssig sah er mich an und musterte mich. „Hm…“, kam es nachdenklich von ihm. „Du hast nicht unrecht… für den Club brauchst du andere Kleidung… Vielleicht etwas… was deutlicher macht, was du bist… Etwas in Leder vielleicht…“ Ich hätte mir selbst am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Hätte ich doch einfach nur genickt. Jetzt würde ich bald in irgendwelchen komischen Lederoutfits vor ihm knien sollen. Mir graute es davor. Und gerade verfluchte ich meine vorlaute Klappe. Doch der Zynismus war mein Schutzschild in dieser schrecklichen Blase in welcher ich gerade war.

Mit unsicheren Schritten folgte ich Li, und sah bereits, dass Jian und einige andere Leibwächter in der Nähe des Throns Stellung bezogen hatten. Li setzte sich hin, und sein Blick glitt neben den Thron, rechts von ihm. Es kam mir albern vor, und doch zeigte mir sein Blick, dass ich keine andere Wahl hatte. Langsam ließ ich mich auf die Knie nieder und merkte jetzt schon, dass ich nicht lange würde knien können. Die Anspannung in meinen Oberschenkeln signalisierte sofortigen Protest. Li holte sein Handy heraus, und ich beneidete ihn. Ich vermisste mein Handy tatsächlich, oder eher das, was man damit alles machen konnte.

Ich bemerkte die Blicke der Fremden. Nach einigen Minuten, in denen meine Knie schon langsam begannen zu pochen, kam ein Mann herüber. Er war nicht sehr breit. Sein glattrasiertes Gesicht zeigte nur wenige Falten, aber eine lange Narbe zog sich über seiner linken Wange. Er ging selbstbewusst auf Li zu, und ich vermutete, dass er hier etwas zu sagen hatte. Denn er sprach Li zwar höflich an – guten Tag und guten Morgen verstand ich auf Chinesisch – und er verbeugte sich kurz, aber seine Stimme war selbstsicher und deutete eindeutig daraufhin, dass er kein einfacher Handlanger war.

Ich hasste es, dass ich nichts verstand. Der Mangel an Information war hier war mein größtes Handicap. Und mein Kopf schaltete irgendwann ab. Ich konzentrierte mich wenigstens einige Zeit darauf, die verdammten Kniehaltung auszuhalten, denn es tat einfach nur weh. Auf einmal spürte ich eine Hand auf meinem Kopf und drehte automatisch den Kopf zu Li. Doch er sah mich nicht an. Er sprach weiterhin mit dem Mann, und ich hörte nur ein Wort deutlich heraus: Wánjú. Spielzeug.

Sie sprachen nun offensichtlich über mich, während ich direkt neben ihm auf dem Boden saß. Ein seltsames und extrem unschönes Gefühl, besonders wenn man rein gar nichts verstand. Ich war ein Objekt der Begutachtung in einem Gespräch, das ich nicht entschlüsseln konnte.

Ich hörte die Überraschtheit in der Stimme des Fremden, und ich vermutete, dass er verwirrt war, dass Li keine Frau neben sich knien hatte. Li hatte mir bereits gesagt, dass er damit bewusst provozieren wollte.
 

Ich wollte wissen, was sie sagten, aber Li sah mich nicht an. Sie lachten kurz, und Li sagte etwas, bevor der Mann entspannt wieder ging. Statt zu mir sah Li erneut auf sein Handy, doch ich musste irgendwie seine Aufmerksamkeit bekommen. Nur wie? Ich sollte nicht sprechen.

Langsam glitt meine Hand zu seinem Arm, der entspannt auf der Lehne des Throns lag, und ich berührte ihn vorsichtig. Seine Augen wanderten zu mir, und er blickte mich fragend an. Das war meine Chance.

Ich hoffte einfach, dass diese nonverbale Aufforderung auch wirklich so gemeint war und fragte ihn leise: „Was wollte er… Hab ich etwas falsch gemacht?“ Li grinste leicht, und ich musste meine Beine einfach anders positionieren. Ich konnte nicht mehr knien. Ich stöhnte leise und schmerzvoll, als ich die Beine ausstreckte und die stechenden Schmerzen in den Knien zu lindern versuchte.

Li betrachtete die Situation und schüttelte leicht den Kopf. „Nicht einmal eine viertel Stunde? Na ja… daran wirst du wohl üben müssen.“ Er tat meine Schmerzen als Trainingsmangel ab. „Und natürlich wollte er wissen, wer du bist. Ich habe ihm nur gesagt, dass er sich an deinen Anblick gewöhnen muss…“

Seine Worte waren eine kalte Bestätigung meiner Rolle: Ich war nur ein neues, ungewöhnliches Element in seiner Machtkulisse, das seine Untergebenen einfach zu akzeptieren hatten. Die Schmerzen der erzwungenen Unterwerfung waren nur ein Nebeneffekt, der ihn nicht interessierte. Er unterhielt sich noch mit einigen anderen. Erst nach einer Zeit sah er wieder zu mir und meine Knie taten höllisch weh.

„Du scheinst Schmerzen zu haben“, bemerkte er, ohne jede Spur von Mitleid. Seine Augen fixierten mich, als würde er einen Messwert ablesen. „Das sieht leider nicht gut aus...“ Am liebsten hätte ich ihm etwas zynisches an den Kopf geworfen doch ich ließ es bleiben.

Er hob eine Hand und begann, die Anwesenden mit knappen, beiläufigen Bemerkungen vorzustellen, was mich tatsächlich überraschte. „Der Mann, der gerade ging, war Chen. Er leitet die Geldwäsche von einigen Läden. Die beiden dort drüben sind die Brüder Wu – Schlüsselpersonen im Hafengeschäft von Kowloon. Sie hassen sich, also sprich sie nie gleichzeitig an.“ Ich sah die beiden Männer an und sie gleichen sich fast bis auf die Haarspitze, nur das einer einen hellen und der anderen einen dunklen Anzug trug.

Während er sprach, pochte der Schmerz in meinen Knien so stark, dass ich Mühe hatte, mich auf die komplizierten Namen und Zuständigkeiten zu konzentrieren. Ich musste seine Worte in meinem Gedächtnis verankern, bevor der Schmerz meinen Verstand ablöste. „Der Große am Rand, der wie ein Türsteher aussieht? Er kontrolliert die Casino-Eintreibungen in einem unserer Etablissements in Macau“, fuhr Li fort. „Wie ist sein Name?“

Ich zögerte. Der Name war komplex gewesen, und die Schmerzwellen überlagerten die Erinnerung. „Ich… ich habe ihn nicht gehört“, presste ich hervor und meine Augen zogen sich vor Schmerz zusammen.

Li zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Schade. Eine verpasste Chance, Wánjú. Beim nächsten Mal.“ Er hielt inne. Sein Blick fixierte meine zitternden Beine. Er sprach Jian an und ich bemerkte wie der Chinese ging und nach einigen Augenblicken mit einem kleinen Hocker wiederkam.

„Setz dich. Ich will nicht, dass du noch mehr Schmerzen hast“, meinte Li leise, aber bestimmt. „Du bist nutzlos, wenn du umkippst und es kommt nicht gut am ersten Abend. Aber denk daran: Du sitzt neben dem schwarzen Drachen…“ Daran brauchte er mich nicht erinnern und doch spürte ich tatsächlich kurze Dankbarkeit. Doch sofort verbot ich mir dieses eigentlich schöne Gefühl, denn ich wusste es war absolut nicht richtig.

Ich atmete tief und zitternd aus. Der Schmerz wich dem kalten, harten Metall des Hockers, doch die Demütigung blieb.
 

Die Zeit verging, und es kam mir ewig vor, bis Li aufstand und andeutete, dass ich ihm folgen sollte. Ich tat wie geheißen und erleichtert stellte ich fest, dass wir den Club tatsächlich verließen. Doch viel vom Geschehen im Club hatte ich nicht mitbekommen. Meine Konzentration hatte sich auf die Oberfläche beschränkt: die Gesichter der Triade-Mitglieder, die Geräusche der Bar, die genaue Position von Jian und den Türstehern. Mein analytischer Verstand hatte still Informationen gesammelt, während mein Körper gehorchte. Der Test war bestanden, weil ich mich unsichtbar gemacht hatte.

Wir stiegen in die schwarze Limousine und machten uns wieder auf den Weg zu meinem goldenen Käfig. Ich sah erschöpft aus dem Fenster – die hellen, rasenden Lichter Hongkongs verschwammen zu einem Streifen. Ich zuckte zusammen, als ich Lis Hand bestimmend auf meinem Bein spürte. Wir sahen einander in die Augen. Leicht grinsend meinte er: „Gut gemacht.“

Woche 1: Überlebensinstinkt

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Woche 1: Das Eche der Gewalt

Immer wieder schreckte ich aus dem Schlaf hoch und fand erst sehr spät in einen zum Glück traumlosen Schlaf. Mein Körper sehnte sich gerade nach der Erholung und ganz besonders nach dem Vergessen. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich Hände auf meinem Rücken spürte, und fast schon panisch schreckte ich hoch. Verwirrt drehte ich mich um und sah Lis Gesicht. Entspannt sah er mich an und wirkte erstaunlich zufrieden. Wie lange war er wach? Hat er mich beobachtet?

„Guten Morgen, Wánjú“, meinte er, und ich spürte deutlich, dass ich diesen Spitznamen hasste. Es war das Wort für Spielzeug. Es war weder ein netter Spitzname noch etwas was ich auch nur im Entferntesten einem potenziellen Partner als Kosenamen gegeben hätte.

Ich blinzelte verschlafen und strich mir durch das Gesicht. „Morgen“, krächzte ich, und der Ton schnitt mir förmlich die Kehle durch. Meine Stimme klang nicht nur kratzig, sie war belegt, tief und kaum lauter als ein Flüstern. Jeder Versuch zu schlucken, war wie das Herunterschlucken von Glassplittern. Reflexartig griff ich nach meinem Hals, denn es fühlte sich an, als hätte ich einen Tennisball im Hals, der bei jeder Bewegung des Kehlkopfes rieb. Es tat höllisch weh und war unangenehm. Wahrscheinlich war die Schwellung über Nacht gekommen.

Perplex zuckte ich zusammen, als ich Lis Finger spürte, die sanft über meinen Hals strichen. Sofort versteifte ich mich; meine Augen blickten ihn erschrocken an. Seine Augen lagen auf meinem Hals, und er schien erst jetzt richtig die Male zu bemerken, obwohl sie gestern so offensichtlich waren.

Ich wagte es nicht, seine Hand wegzudrücken oder gar wegzuschlagen. Ein weiteres Mal strich er über die Male, und ich war überrascht, als er meinte: „Ich denke, ich habe gestern vielleicht etwas übertrieben… Das wollte ich so nicht.“ Er zog die Hand zurück und sah mir ruhig in die Augen. „Widersprich beim nächsten Mal nicht, dann wird das nicht erneut passieren.“ Sprachlos sah ich ihn an.

Sollte das etwa eine Entschuldigung sein? Ein halbes Eingeständnis, gefolgt von einer klaren Drohung und der kompletten Umkehrung der Verantwortung? Er hat mich gewürgt, aber ich bin schuld, weil ich eigentlich nicht mit ihm schlafen wollte? Die Wut stieg in mir hoch, aber sie blieb verborgen, tief in meinem Inneren. Denn es war einfach unnötig. Li würde es nicht verstehen, und vielleicht konnte er das gar nicht. Ich wusste gar nicht, was ich dazu sagen sollte, geschweige denn, darauf reagieren sollte. Meine Kehle war wie zugeschnürt, nicht nur vor Schreck, sondern auch physisch durch die innere Schwellung.

„Okay“, brachte ich leise heraus und stand langsam auf. Jetzt durfte ich sicher endlich sein Schlafzimmer verlassen. Unschlüssig sah er mich immer noch an, und ich nickte in Richtung der Tür und meinte mit krächzender Stimme: „Bin duschen.“ Ich vermied es, viele Worte zu sagen, und Li nickte mir nur zu.
 

Schnell ging ich in das Badezimmer und verschloss die Tür hinter mir. Ich war erleichtert, als ich das Klicken der verschlossenen Tür hörte. Endlich konnte ich duschen, und ich genoss das warme Wasser. Ich wollte gar nicht mehr darunter weg. Abgesehen von meinem Hals und einem leichten Brennen am Anus, was wohl eher dem Handtuch zuzuordnen war, war eigentlich alles normal, und doch schien gar nichts mehr normal zu sein. Ich ließ das warme Wasser an meinem Körper entlanglaufen und atmete tief durch. Es war klar, dass das, was gestern passiert ist, irgendwann eingetroffen wäre. Li hätte auf meinen Körper nicht verzichtet – das war nur logisch gewesen.

Ich fragte mich gerade, was mich am meisten von allem geschockt hatte, und langsam drang es in meinem Kopf. Es war nicht die Vergewaltigung. Es war das Würgen. Li fand meinen Körper anziehend, das wusste ich nicht erst seit der Entführung. Den Körper wollte er, und das war etwas, was ich hatte kommen sehen. Was ich nicht hatte kommen sehen, war die Gewalt. Ich hatte in dem trügerischen Irrglauben gelebt, dass er mir nichts antun würde. Weil er mich wollte, weil er mich bei sich wohnen ließ.

Doch das war nicht so. Er hatte es gestern eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ich war nur so lange interessant und sicher, wenn ich ihn zufrieden stellte. Es gab klare Grenzen für mich und mein Verhalten – vielleicht konnte ich manche etwas überschreiten, aber nicht durchbrechen. Das hatte ich nicht erwartet.

Mir war auch bewusst, dass es nicht die letzte Vergewaltigung sein würde. Diese Tatsache ließ mich erschaudern und doch machte sie mich nicht kopflos oder ließ mich erzittern. Die Angst vor einem erneuten Ausbruch der Gewalt, der Wut machte mir sehr viel mehr Sorge, denn seine Lust kannte ich, aber seine Wut nicht. Etwas wiederwillig beendete ich das Duschen und nahm ein frisches Handtuch von der Heizung.

Ich schlich in mein Zimmer und war erleichtert, dass ich Li nicht begegnet war. Ich zog meine eigene Kleidung an, denn ich hatte das Gefühl, ich brauchte sie heute. Unsicher ging ich aus meinem Zimmer und langsam runter.

Li stand in der Küche und machte gerade Tee. Mit der Tasse kam er auf mich zu und reichte sie mir. „Tee hilft“, meinte er ruhig, und ich sah ihn fragend an. Der Geruch von Ingwer schoss mir in die Nase, und ich blickte die Tasse verdutzt an. „Trink ihn vorsichtig… Ich muss gleich zum Hafen. Die Brüder Wu haben mal wieder heftigen Streit, und ich muss ihnen den Kopf gerade biegen…“

Ich nahm langsam die Tasse an, denn ablehnen hätte ihn vermutlich wieder sauer gemacht. Da ich noch nie gewürgt wurde, hatte ich keine Ahnung, ob Tee mir gerade helfen könnte. Aber abgesehen davon, dass ich nicht zynisch antworten konnte, ich hätte eine Prellung und keine Erkältung, wollte ich gerade auch keinen Streit mit ihm riskieren.

Langsam nippte ich an dem heißen Getränk, aber es war noch viel zu heiß, um den Tee schnell hinunterzukippen. „Wenn ich in zwei Tagen nach Macau fliege, werde ich dich mitnehmen“, meinte er und klang, als hätte ich einen Preis gewonnen.

„Jeh“, sagte ich sarkastisch, doch meine Stimme klang nur heiser, sodass man meinen Sarkasmus gar nicht heraushörte. Li nahm meinen Tonfall als gehorsame Akzeptanz wahr, und ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht.
 

Ich wollte nichts frühstücken, denn dafür tat mir der Hals noch zu weh. Nachdem Li gegangen war und ich meinen Tee ausgetrunken hatte, zog ich mich in mein Zimmer zurück. Das Tagebuch zur Hand nehmend, begann ich, alles auszuschreiben.

Alle Details, jede Nuance, jedes Gefühl versuchte ich zu benennen. Es war schwer; immer wieder zitterten meine Hände, und ein paar Mal schaffte ich es kaum, die Worte dafür auch nur zu denken. Doch solange ich es schaffte, wollte ich verhindern, dass sich das Trauma zu sehr in meinen Geist, mein Innerstes fraß. Würde ich nicht wissen, was das alles mit sich bringen würde, hätte ich mich nie dazu bekommen, freiwillig alles, was passiert war, noch einmal niederzuschreiben.

Ich musste die Kontrolle über die Erzählung behalten. Ich musste es festhalten, bevor Li es umschrieb, bevor mein eigener Verstand es verharmloste. Jede Zeile war eine Anstrengung, aber auch ein Anker gegen das Vergessen und die drohende Lähmung.
 

Erneut war ich alleine, den ganzen Tag über. Diese Stille wurde unerträglich. Ich verbrachte nahezu den ganzen Tag in seinem Heimkino und starrte auf den Bildschirm. Ich verstand gar nichts.

Als Xia kam, ging ich in die Küche. Auch wenn sie nicht mit mir sprach, war sie dennoch da. Unsicher sah sie mich an, und ich versuchte gar nicht erst, ein Gespräch anzufangen. Sie packte die Einkäufe aus, und ich sah überrascht auf die zwei großen Steaks, die auf der Arbeitsplatte lagen. Li hatte sein Versprechen gehalten. Heute gab es kein asiatisches Essen.

Eine Welle der Dankbarkeit überrollte mich, und ich wusste, dass es albern war. Doch ich ließ das positive Gefühl zu, denn ich brauchte es. Als sie es in den Kühlschrank legen wollte, sagte ich leise: „Lass es liegen… Es schmeckt besser, wenn es nicht gekühlt ist…“ Unsicher sah sie mich an, und ich wusste nicht, ob sie mich verstand.

Doch als sie langsam die Hand zurückzog und leicht nickte, wusste ich, dass sie wenigstens ein bisschen Englisch verstand. „Okay“, meinte sie leise, und es war das erste Wort, das sie zu mir sagte. Ehrlich gesagt war ich überrascht, dass sie tatsächlich ein Wort sagte. Ein leichtes Lächeln legte sich auf meine Lippen, und ich sah sie freundlich an, denn dieses Stück Fleisch ließ meine Laune sehr viel besser werden.

Xia begann aufzuräumen, und ich ließ sie machen. Irgendwann verließ sie die Wohnung, und ich bekam es nicht einmal mit. Ich sah mir an, was sie gekauft hatte. Es waren frische Bohnen und tatsächlich Kartoffeln. Auch Kräuterbutter hatte sie besorgt. Ich legte alles auf die Arbeitsplatte und begann, in den Schubladen nach Messern, Schneidebrettern und anderen Sachen zu suchen. Endlich konnte ich irgendetwas machen, und wenn es nur das Kochen des Abendessens war. Es war vollkommen egal, es war etwas, was produktiv war.
 

Ich bereitete Bratkartoffeln vor und machte auch die Bohnen so weit es ging fertig. Doch natürlich briet ich das Fleisch nicht an.

Ich merkte zudem, dass mir das Trinken vom Tee half, und trank über den Tag verteilt noch einige Tassen. Ich wollte mich gerade wieder auf den Weg nach oben machen, als ich hörte, wie die Aufzugtür aufging. Li kam herein, natürlich alleine. Er hielt eine kleine weiße Tasche in den Händen. Etwas unsicher ging ich von der Treppe weg und sah Li an. Ich nickte nur und hoffte, dass ich nicht verängstigt aussah.

„Hallo“, meinte er entspannt und trat auf mich zu. Überrascht sah ich ihn an, als er mir die Tasche reichte. Was sollte das jetzt? Hatte er mir jetzt etwas gekauft? Ich kam mir vor wie eine geschlagene Hausfrau, die von ihrem Mann als Entschuldigung einen Strauß Blumen geschenkt bekommt.

Ich zog eine große, viereckige Schatulle hervor und sah Li verwirrt an. „Für dich… Ich dachte mir, das könnte dir gefallen und es dient als kleine Entschuldigung, dafür dass ich gestern etwas ungehalten war.“ Sprachlos sah ich ihn an. Ungehalten? Er hatte mich gewürgt und das aus Wut heraus!

Doch ich schluckte die Wut hinunter und sah das weiße Kästchen einfach nur an. Was glaubte er, bewirkte er damit? Es würde doch nichts besser machen, nichts ungeschehen. Dennoch nahm ich es an, denn das Geschenk abzulehnen war bestimmt nicht klug. Langsam öffnete ich das Geschenk und sah sprachlos auf eine silbern schimmernde Armbanduhr.

Es war eine Rolex. Eine verdammte Rolex?! Wie teuer war die bitte? Ich blinzelte überrascht und merkte wie sich mein Mund kurz öffnet und dann doch wieder schloss. Ich wusste nicht, ob die Uhr aus Edelstahl, Silber oder vielleicht sogar Platin war, denn damit kannte ich mich absolut nicht aus. Im Zentrum lag das Zifferblatt in einem tiefen, strahlenden Blau, das durch den Schliff bei jeder Bewegung des Lichts zu tanzen schien. Ich gab es nur ungerne zu, aber sie gefiel mir tatsächlich sehr gut.

Sie war makellos, unbezahlbar und kalt. Ein Symbol für alles, was Li war – unangreifbar, glänzend und unerbittlich teuer. Ich schluckte leicht und spürte sofort den Schmerz. „Ist das nicht zu viel… zu übertrieben?“, wollte ich leise wissen und nahm die Uhr vorsichtig aus der Schatulle. Zufrieden sah Li mich an und schüttelte nur den Kopf.

„Nein. Und sie wird dir sicher stehen“, meinte er gelassen und sah auf die Küchenzeile. Überrascht sah er mich an und stellte das Offensichtliche fest. „Du hast gekocht. Das freut mich.“ Immer noch sah ich die Uhr an und strich leicht über das Ziffernblatt.

„Ja“, meinte ich und legte die Uhr vorsichtig auf die Kochinsel, „Ich muss nur noch das Steak braten… der Rest ist soweit vorbereitet.“

Li nickte nur, und es war seltsam, als ich sah, wie er unaufgefordert eine Pfanne herausholte. Er schien das Kochgeschirr in seiner riesigen, modernen Küche intuitiv zu finden. Was ich in Anbetracht seiner Position immer noch seltsam fand.

Ich stellte mich neben ihn an die Kochinsel und begann, die Kräuterbutter auf die vorbereiteten Bohnen zu geben. Die Nähe war angespannt, aber nicht feindselig. Es war, als hätten wir beide stumm beschlossen, die vergangenen zwölf Stunden hinter einem Vorhang aus Normalität zu verstecken, doch wenn ich ehrlich zu mir selbst war, brauchte ich das gerade auch. Wir funktionierten als Team, zwei Köche in einer eleganten Küche, die ein Abendessen für zwei zubereiteten. Er reichte mir das Salz, als ich danach fragte, und er erinnerte mich an die Kartoffeln. Es war nahezu harmonisch.
 

Li schwang das Steak in die heiße Pfanne, das Fett zischte laut. Der Geruch von gebratenem Fleisch vermischte sich mit dem Duft der Bohnen und schuf eine alltägliche, trügerische Atmosphäre. Während das Fleisch brutzelte, brach Li das Schweigen: „Du hast gut entschieden, die Steaks hier liegen zu lassen. Xia hätte sie direkt in den Kühlschrank gepackt. Sie ist gründlich, aber… ohne kulinarisches Gespür. Ich wusste gar nicht, dass du dich damit auskennst.“

Ich nickte leicht. Meine Kehle schmerzte zu sehr für eine ausführliche Antwort. „Ich bin Texaner, ich weiß, wie man Fleisch zubereitet. Ich hoffe, du auch.“ Meine Stimme klang rau und dünn, und ich erstarrte. Hatte ich gerade wirklich seine Kochkünste angezweifelt?! Was, wenn er sauer wird

Unsicher sah ich zu Li, doch er grinste breit, und es schien ihm gerade eher zu gefallen, dass ich versehentlich frech war. „Wir können gerne tauschen“, sagte er gelassen und reichte mir tatsächlich die Zange. Ich nahm sie entgegen und war immer noch überrascht, dass wir so normal miteinander umgingen. So sehr ich diese Normalität brauchte, so sehr machte sie mir auch Angst.

„Wie war dein Tag? Die Brüder Wu haben sich fast gegenseitig in den Hafen ertränkt... Und die Regierung macht wegen Macau wieder Druck“, meinte Li und lehnte sich gelassen an die Kochinsel und sah mir beim Kochen zu. Er sprach über Geschäfte, als säßen wir bei einem Drink in einer Bar.

„Langweilig“, krächzte ich. „Hab… fern gesehen.“ Li nickte nur und erneut überraschte er mich, als er begann, den Tisch zu decken. Doch anders als sonst. Er deckte am Tresen ein. Hier saßen wir uns gegenüber, und es wirkte viel intimer als an dem langen Tisch.

„Wenn du wieder fit bist, trainiere ich dich… Du musst dich mehr bewegen“, meinte er und holte tatsächlich Messer und Gabel heraus.

Verwirrt sah ich ihn an und erschauderte, als er zu mir trat und seine Hände über meinen Bauch strichen. „Trainiert gefällst du mir besser“, säuselte er, und ein seltsames Lächeln schlich sich auf seine Lippen

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Also nickte ich nur. Ein Nein hätte er vermutlich eh nicht akzeptieren können. Ich holte das Steak aus der Pfanne und verteilte die Beilagen. Ich sah, wie Li auf die Uhr blickte, und mir fiel etwas ein. Er hatte sich gestern beschwert, dass ich undankbar war. Es war albern, denn wieso sollte ich in meiner Lage Dankbarkeit zeigen? Und doch wollte ich nicht erneut, dass sich die Wut in ihm aufstaute. „Danke für die Uhr, sie gefällt mir“, meinte ich leise, und es war leider nicht einmal gelogen. Zufrieden sah er aus und wirkte fast schon gönnerhaft. „Danke für das Kochen“, meinte er gelassen und setzte sich an den Tresen.

Wir aßen, und ich genoss das vertraute Essen, und auch wenn jeder Schluck schmerzte, wollte ich nicht aufhören. Wir schwiegen beim Essen, und auch Li schien es zu schmecken. Meine Gedanken kreisten. Das war nicht richtig hier, das wusste ich genau. Und doch brauchte ich diese Pause. Mein Körper und mein Geist brauchten diese Pause, sie brauchten diese Normalität, von der ich genau wusste, dass sie keine Normalität war. Die Normalität war eine dünne, brüchige Haut, die er über die klaffende Wunde der letzten Nacht zog. Und ich war gezwungen, mich darunter zu begeben, zu kauen und so zu tun, als sei die Welt wieder in Ordnung, denn in dieser Illusion – in dieser Normalität – war ich zumindest vor seiner unberechenbaren Wut sicher.
 

Zwei Tage waren vergangen, zwei Tage, in denen mir das Sprechen schwerfiel und ich Li wenig gesehen hatte. Doch er hielt sich an das, was er mir versprochen hatte, auch wenn ich dieses Versprechen gar nicht gewollt hatte. Wir machten jeden verdammten Tag Sport. Und er trainierte mich hart. Ich mochte Sport, und doch war es extrem anstrengend für mich. Und die Nähe zu Li machte es für mich doppelt anstrengend. Doch er wollte, dass mein Körper weiterhin so aussah wie er es jetzt tat. Also bestimmte er wie viel ich aß, was ich aß und dass ich mich viel bewegen sollte. Vor allem die Regulation des Essens machte mir schwer zu schaffen.

Die augenscheinliche Normalität ließ mich äußerlich ruhig werden, doch sie spiegelte nicht die Realität wider, wie es innen in mir aussah. Ich war erschöpft. Ich war ausgelaugt, und die Nächte waren kurz und teilweise von Albträumen durchzogen.

Doch Li zwang mich nicht erneut bei ihm zu schlafen und auch nicht mit ihm ins Bett zu steigen und ich war darüber tatsächlich dankbar. Was genau Li machte, wusste ich auch nicht, doch ich sah ihn nur wenige Stunden am Tag, meistens den späten Vormittag und Mittag. Ich begann, mich richtig auf den Ausflug nach Macau zu freuen. Endlich ein Ausbruch aus der Routine hier, endlich etwas erleben zu können, war wunderbar. Endlich mal andere Gedanken. Ich zwang mich, nicht mehr an meine Familie zu denken oder nur abends, wenn ich alleine in meinem Zimmer war. Da kamen die Tränen, und da erlaubte ich mir, Heimweh zu haben. Doch tagsüber musste ich einfach funktionieren.

Immer noch sah ich niemanden wirklich, und die Einsamkeit sorgte dafür, dass ich, wenn Li da war, seine Nähe fast schon suchte. Immer noch schrieb ich alles auf, was mich belastete, was ich erlebte und vor allem, wie ich mich fühlte. Doch ich erwischte mich dabei, wie ich es genoss, dass wir gemeinsam einen Film schauten. Sogar das Majong-Spiel brachte er mir bei, und ich vergaß in der Zeit sogar, dass ich unfreiwillig hier war. Denn die Nähe und das Sprechen mit einem Menschen tat mir und meiner Seele so gut. Ich wusste, dass es ungesund ist, und doch konnte ich diese Gefühle einfach nicht ändern.
 

Am Morgen des Sechsten Tages stand Li im Schlafzimmer, nicht in Anzug, sondern in einer eleganten, dunklen, Freizeitkleidung. Unsere Taschen hatte Xia gestern bereits gepackt, und ich war tatsächlich aufgeregt. Endlich wieder raus! Endlich wieder frische Luft, so frisch sie in Hongkong war. Endlich konnte ich aus diesem Käfig verlassen und das Beste, ich konnte vielleicht mit anderen Menschen sprechen.

„Zeit zu gehen, Wánjú. Macau wartet.“ Er sah mich an, als würde er mich inspizieren. Ich trug meine von ihm gekaufte Freizeitkleidung. Es war ein gutsitzendes Hemd und eine bequeme Hose. Eine dunkelrote Lederjacke hatte ich drübergezogen. Natürlich trug ich die Rolex, denn ich wollte Li nicht verärgern, und es wäre vermutlich unklug gewesen, seine Geschenke zu ignorieren und leider gefiel sie mir wirklich.

Ich nickte sofort. Das Sprechen sparte ich mir inzwischen auf das Nötigste auf. Die Heiserkeit war noch da, aber sie war zu meinem stummen Gehorsam geworden, jedenfalls wenn es um direkte Befehle ging.

Unten sah ich Jian wieder und ich nickte ihm leicht zu und freute mich riesig innerlich, als ich sah, dass er die Geste erwiderte.

Wir fuhren in einem dunklen, unauffälligen Wagen direkt zu einem luxuriösen Wolkenkratzer. Der Fahrer fuhr uns in die obersten Stockwerke, vorbei an Sicherheitsposten, die sich lautlos verbeugten. Ich fragte mich, ob sie wussten, wer Li war, oder ob sie einfach nur höflich waren. Wir betraten eine helle, unauffällige Warte-Lounge. Durch die bodentiefe Fenster sah ich die Start- und Landeplattform. Ich sah einen Helikopter und spürte freudige Aufregung, denn endlich passierte mal wieder etwas in meinem Leben. „Wir fliegen“, meinte ich leise, fasziniert von dem Anblick. Das einzige andere Mal als ich einen Helikopter geflogen war, war mit Li und obwohl dieser Ausflug keine Woche ehr war kam es mir vor als seien Jahre vergangen.

Li lächelte, und es war ein ekelhaftes, fast schon zu gönnerhaftes Lächeln. Wahrscheinlich freute ich mich gerade zu offensichtlich, dass ich etwas erlebte. „Macau ist zu wichtig, um eine Stunde auf einer stinkenden Fähre zu verschwenden. Das überlassen wir dem gemeinen Volk.“ Also denen, die nicht im Drogenhandel, Prostitution, Menschenhandel, Waffenschmuggel oder andere kriminelle Machenschaften verwickelt waren, dachte ich zynisch und folgte dem breiten Asiaten vor mir.

Vor uns auf der Plattform stand ein Helikopter bereit, die Rotoren drehten bereits langsam in der feuchten Luft. Auf Nachfrage erklärte Li, dass wir ungefähr 15 Minuten fliegen werden. Ich nahm den Helm und setzte ihn an, bevor ich mich anschnallte. Auch Jian und zwei andere Menschen stiegen in den Hubschrauber. Wer genau das alles war wusste ich nicht.
 

Die Turbinen heulten auf, eine scharfe, mechanische Wut, die selbst durch den Helm kaum gedämpft wurde. Ich spürte das Dröhnen nicht nur in den Ohren, sondern tief im Brustkorb. Mein Blick huschte zu den anderen drei Männern im Helikopter. Sie sahen alle aus dem Fenster, und ich schaffte es auch nicht, Jians Blick einzufangen. Der Helikopter hob ruckfrei ab. Plötzlich lagen die graubraunen Dächer des Wolkenkratzers unter uns, und die Stadt breitete sich unter uns auf.

Hongkong. Die überwältigende Enge, die ich am Boden gespürt hatte, löste sich auf. Aus der Vogelperspektive war die Stadt nur noch ein riesiges, gleichgültiges Gewirr an Straßen. So albern es war, das Wegfliegen gab mir ein Gefühl der Freiheit, obwohl es keine war. Meine Augen folgten den Straßen, und ein Kloß bildete sich in meinem Hals, der nichts mit dem Würgen zu tun hatte, als ich in der Entfernung den Flughafen sah. Der Flughafen, von dem ich so gerne nach Hause geflogen wäre. Nach Hause zu Grace, Steven und vor allem zu Jenny. Kurz blitzten die Gesichter meiner Familie vor meinem inneren Auge auf, doch so schnell sie kamen, versuchte ich, sie tief in mir zu verdrängen. Ich konnte nicht jetzt in Tränen ausbrechen. Das hätte keiner verstanden, und ich hätte es niemanden erklären wollen.

Also schluckte ich das Gefühl von Heimweh, Sehnsucht und Vermissen hinunter und sah mich lieber wieder im Hubschrauber um. Li saß mir direkt gegenüber. Sein Helm verdeckte sein Haar, aber nicht sein Lächeln. Er lehnte sich leicht vor, sodass seine Lippen fast den Mikrofonarm seines Headsets berührten. Unsere Blicke trafen sich, und sein Lächeln wurde breiter.

„Sieh es dir genau an, Wánjú. Es gibt Menschen, die arbeiten ein Leben lang, um sich diese Aussicht einmal leisten zu können“, sagte er, seine Stimme kalt und klar durch den Kopfhörer, doch mit einem schmeichelhaften Unterton. Und ich spürte erneut, wie sehr ich es hasste, dass er mich weiterhin als sein Spielzeug betrachtete. Er machte eine ausladende Geste über die zerklüftete Skyline. „Dort unten ist meine Stadt. Oder zumindest ein großer Teil der Stadt gehört mir.“
 

Ich wusste nicht genau, was ich dazu sagen sollte. Denn für mich gehörte ihm die Stadt nicht. Er war kriminell, er war kein Politiker, noch war er ein König. Doch vermutlich nahm er sich genau als das wahr: Ein König seines eigenen kleinen, vielleicht auch nicht ganz so kleinen, Königreichs. Er schwieg kurz und genoss meine ungeteilte Aufmerksamkeit, denn weiterhin sahen wir einander in die Augen.

„Sag mir, was siehst du, wenn du auf Hongkong blickst?“, fragte er und sein Blick glitt über die gigantische Stadt. Ich musste schlucken, bevor ich antwortete. „Ich sehe… ein Labyrinth.“

Li grinste kurz und musterte mich entspannt und meinte: „Du wirst es irgendwann sehr gut kennen, und dann wird es für dich nicht mehr unbekannt sein.“ Hatte er denn vor, mich irgendwann aus der Isolation zu entlassen? Und wenn ja, wann? Und was musste ich dafür tun? Ich runzelte die Stirn und sah aus dem Fenster. Wahrscheinlich würde er mich nur dann rauslassen, wenn er mir vollkommen vertraute, dachte ich mir und merkte, wie ich überlegte, es zu schaffen, dass er mir dieses Vertrauen entgegenbrachte

Wir überquerten das offene Meer. Der Kontrast zwischen dem grauen Himmel und dem tiefen Ozean beruhigte meine Sinne beinahe, bis der Pilot abrupt die Richtung änderte

Vor uns tauchte Macau auf. Es war nicht die historische portugiesische Altstadt, die ich erwartet hatte, sondern eine glitzernde, protzige Wand aus Casino-Palästen und spiegelnden Hotels, die so hoch in den Himmel ragten, als wären sie aus Gold gebaut. Es sah aus, als hätte man Las Vegas hier kopiert, nur noch größer und noch gigantischer.

Wir landeten sanft auf dem Dach dieses schimmernden Giganten. Kaum hatten die Rotoren aufgehört zu drehen, öffnete sich die Tür. Die feuchtheiße Luft Macaus strömte herein, schwer von Salz und dem unverkennbaren, süßlichen Geruch nach Geld und Verzweiflung.
 

Wir verließen den Hubschrauber, nachdem die Rotorblätter aufgehört hatten, sich zu drehen. „Was machen wir jetzt?“, wollte ich wissen und verließ hinter ihm den Hubschrauber. Ohne Aufforderung folgte ich Li, und er erklärte: „Wir beziehen erst einmal mein Zimmer hier. Wir treffen heute meine engsten, nennen wir es, Vertrauten zu einem netten Beisammensein. Wir essen und haben dann etwas Spaß. Aber vorher machen wir uns fertig.“

Li nickte den Männern zu, die ihm gefolgt waren. Sie nahmen die Taschen entgegen. Natürlich trug Li sie nicht selbst, doch das wunderte mich nicht mehr. Die Türen wurden uns geöffnet, und zwei Hotelangestellte standen dort und verbeugten sich tief vor uns. Wir folgten einer Hostess, die uns durch einen stillen, goldenen Gang führte. Sie begrüßte uns höflich und sprach danach nicht mehr. Vermutlich sprach sie nur, wenn sie angesprochen wurde. Wir fuhren wenige Etagen nach unten und stiegen aus dem Aufzug aus. Der ganze Flug war elegant gestaltet, und der Reichtum strahlte aus jeder verdammten Ecke zu mir. Langsam begann ich, in dem Luxus nichts Schönes mehr zu sehen, denn für mich symbolisierte er nur noch Gefangenschaft. Das Hotelzimmer war natürlich kein Zimmer, sondern eine Suite – was hatte man auch anderes erwartet?

Die Hostess öffnete die Tür, und wir traten in einen Raum, der das protzige Versprechen von Macau in Marmor und Seide einlöste. Der Eingangsbereich führte in eine offene, lichtdurchflutete Lounge.

Ein tiefer, cremefarbener Samtsofa-Bereich mit einem massiven Mahagonitisch dominierte den Raum. Die Fensterfront bot einen atemberaubenden, unverstellten Blick auf das Meer und die glitzernde Skyline der Stadt, ein Panorama, das das Auge in jeder Richtung überforderte. Es war anders als Hongkong.

Hongkong war Macht, gestapelt und effizient; die Skyline war eine Festung des Handels und zeigte deutliche die Enge und Masse an Menschen. Macau hingegen war reine, schamlose Extravaganz. Hier standen keine Bankentürme, sondern Paläste der Illusion. Die Gebäude schrien nach Risiko, nach schnellem Geld, nach der Süße der Dekaden.

Überall im Zimmer funkelten goldene Akzente und kristallene Oberflächen. Es gab eine voll ausgestattete Bar aus dunklem Holz und einen riesigen Flatscreen, der in die Wand eingelassen war. Alles war makellos, unpersönlich und schrie nach dem unverschämten Reichtum der Casino-Welt.

Während Li direkt zur Bar schritt, um sich einen Drink zu nehmen, ging ich weiter in Richtung des Schlafbereichs. Das Bad war eine Kathedrale aus schwarzem und weißem Marmor, komplett mit einer freistehenden Badewanne und einem Fernseher. Eigentlich schön und doch wieder nur Luxus. Ich merkte deutlich, dass mich das immer weniger beeindruckte. Kurz wanderte mein Blick erneut über all das, und doch suchte ich etwas anderes. Ich ging durch das Badezimmer durch und stand inmitten des großen Schlafzimmers und starrte auf das Bett.

Ich erstarrte. Die Wut und die kalte Rationalität, die ich in den letzten zwei Tagen aufgebaut hatte, begannen zu bröckeln. Es gab kein separates Zimmer, keine Tür, die ich schließen konnte. Wir würden nebeneinander liegen. Die ganze Nacht. Ich vermutete, dass wir zwei oder drei Nächte blieben, und ich biss mir innerlich auf die Wange. Ich würde keine Ruhe vor ihm haben. Ich musste neben diesem Mann schlafen. Ich betrachtete das überdimensionale Kingsize-Doppelbett. Plötzlich schmeckte ich Blut und merkte, dass ich mir immer noch innerlich auf die Wange gebissen hatte.

Meine Kehle zog sich zusammen. Meine innere Stimme, die so hart daran gearbeitet hatte, die Panik zu unterdrücken, schrie auf. Ich hatte nun keine Ruhe mehr vor ihm. Wir würden die Nacht nebeneinander verbringen. Ich war seinem Zugriff völlig ausgeliefert. Ich atmete durch. Du hast es schon einmal geschafft, und dieses Mal würde ich ihn nicht vorher zur Weißglut bringen. Ich musste mich daran erinnern, dass, auch wenn ich absolut nicht mit ihm schlafen wollte, es nicht seine Lust war, die mir Angst machte. Es war das, was in ihm schlummerte.

„Gefällt dir das Zimmer?“, fragte Li beiläufig von der Bar, ohne sich umzudrehen, und ich zuckte zusammen, denn ich hatte ihn gerade tatsächlich vergessen. Ich wusste, es war Einbildung, denn die Wunde am Hals war zurückgegangen, und doch hatte ich das Gefühl, ich spürte den Druck wieder um meine Kehle.

Ich musste mich räuspern, um überhaupt sprechen zu können, ignorierte den stechenden Schmerz in meinem Hals. „Ja“, krächzte ich. „Wunderschön.“ Li nahm sich einen Apfel aus dem Obstkorb der im Raum stand und er biss entspannt hinein.

„Das Hotel gehört… gehört also dir?“, wollte ich leise wissen und drehte mich zu ihm. „Offiziell nicht“, erklärte er und ging zu mir um ebenfalls kurz das Schlafzimmer zu mustern, „Aber der offizielle Besitzer ist ein Mitglied meiner Triade und dementsprechend… verdienen wir beide sehr gut an dem Hotel und Casino… Gleich wirst du einige Menschen begegnen.Du wirst neben mir sitzen. Mal schaue, wie das ankommt.“ Ich wusste er wird mit mir provozieren. Und ich hatte ein wenig Sorge wie es sein wird.
 

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Abend,

soo falls es euch gefallen habt freu ich mich auf Rückmeldungen ;)
 

Schönen Abend.

Woche 1: Das blutige Bankett

Dieses Kapitel enthält Darstellungen von extremer physischer Gewalt sowie eine Szene mit sexualisierter Gewalt. Solltet ihr Euch dabei nicht wohl fühlen dabei lest es nicht.
 

Viels "Spaß" dennoch.

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Li öffnete den Koffer und holte einen schwarzen Anzug hervor. Der Stoff sah schwer und perfekt geschnitten aus. Dazu reichte er ein klassisches, makelloses weißes Hemd. Natürlich war es wieder einer der Anzüge vom Schneider. Ich nahm sie entgegen und nickte Li höflich zu. Ich war nur einmal in einem Casino gewesen, doch auch dort bestand Anzugpflicht für Männer.

Ich nahm die Kleidung entgegen und ging ins Bad. Das Anziehen des Anzugs fühlte sich seltsam an. Er passte perfekt, ohne ein einziges Zwicken, und doch fühlte es sich an, als passte er gar nicht. Ich war nicht mehr der Texaner in Jeans und Bandshirt, ich war jetzt ein Accessoire, eine Erweiterung des Vermögens, das Li hier zur Schau stellen wollte. Eine Erweiterung seiner Macht. Eine Provokation. Ich schob die Ärmel des Hemdes zurück und legte die Rolex an. Erneut sah ich aus, als würde ich auf eine Hochzeit gehen.

Das kalte Metall der Uhr schloss sich um mein Handgelenk und fühlte sich an wie eine Handschelle. Ich sah in den Spiegel. Mit dem schwarzen Anzug, dem weißen Hemd und dieser unverschämt teuren Uhr fühlte ich mich nicht gekleidet, sondern verkleidet. Es war, als hätte Li meinen Körper in eine perfekte, unantastbare Schaufensterpuppe verwandelt, die er nun ausstellte. Bereits gestern hatte er mich aufgefordert, den Bart extrem ordentlich zu rasieren, und ich war immer noch erleichtert, dass ich meinen Drei-Tage-Bart behalten durfte.

Als ich aus dem Bad kam, war Li bereits fertig. Er trug einen Anzug aus tiefblauem Samt, der in dem gedämpften Licht schimmerte. Er sah majestätisch und gefährlich aus. Er war das Zentrum der Aufmerksamkeit, ich war seine sorgfältig ausgewählte, provokante Ergänzung. Eine teure Uhr und der auffällige Ring war ebenfalls wieder an ihrem gewohnten Platz.

Li lächelte, als er mich sah, ein Lächeln voller stolzer Besitzergreifung. Er kam auf mich zu und strich durch meine braunen Haare. Ich ließ die Berührung zu, und so falsch es war, fühlte sich das sanfte Streichen einfach nicht so schlecht an, wie es das eigentlich sollte. Zufrieden sahen wir einander in die Augen. „Jade“, murmelte er, und zufrieden sah er aus. Es war fast schon sanft, wie er mit seinen rauen Fingern mein Gesicht einrahmte und seine Lippen mit meinen bedeckte. Ich wusste, ich musste den Kuss erwidern, und so zögerte ich erst gar nicht. Es war kein leidenschaftlicher Kuss. Er war erstaunlich sanft, und kurz genoss ich es, bevor mein Verstand mich in die Realität holte. Es zu sehr zu genießen war gefährlich. Er löste den Kuss und sah noch einmal in meine Augen. „Komm“, meinte Li, und erstaunlich sanft klang seine Stimme, und er ging vor, während ich ihm mit unsicheren Schritten folgte.
 

Wir verließen die Suite und fuhren mit einem privaten Aufzug direkt in die unteren Stockwerke. Li führte mich durch versteckte Korridore, bis wir vor einer schweren, geschnitzten Holztür zum Stehen kamen. Jian und seine Männer warteten bereits, auch sie trugen Anzüge und sahen deutlich schicker aus, als während unserer Reise.

Die Tür öffnete sich in einen eigenen Speiseraum, eine Oase der Stille abseits des Casino-Lärms. Ein langer Tisch, bedeckt mit weißer Damasttischdecke und strahlendem Silberbesteck, erstreckte sich durch den Raum. Butler und Kellner in unauffälligen Uniformen bewegten sich nahezu lautlos.

Rund um den Tisch saßen sie: die Triadenmitglieder – ältere und jüngere Männer in teuren Anzügen, deren Augen kalt und berechnend waren. So kam es mir jedenfalls vor, denn ich wusste, dass sie alle kriminell waren. Einige hatten ihre Frauen dabei; Damen in schimmernden Kleidern, mit funkelnden Juwelen behängt. Teilweise wirkten die Frauen sehr jung und schienen wie ich eher Statussymbol zu sein.

Als Li und ich eintraten, verstummten die Gespräche. Alle Blicke lagen auf uns. Sie standen auf und verbeugten sich kurz zur Begrüßung und einige sagten guten Abend auf Chinesisch. Und dann fiel ihr Blick auf mich. Li führte mich an den Tisch. Es gab offenbar eine Sitzordnung; der Platz neben ihm war offensichtlich für mich reserviert. Zum Glück musste ich nicht wieder auf dem Boden neben ihn knien. Li setzte sich, und ich tat es ihm gleich.

Ich spürte die Hitze der verwirrten und taxierenden Blicke. Die Frauen musterten meine Kleidung, meine Rolex, und ihre Gesichter waren entweder ausdruckslos oder leicht spöttisch, manche schienen einfach nur verwirrt zu sein. Die Männer betrachteten mich mit einer Mischung aus Neugier und stiller Verurteilung. Sie wussten, dass Li keinen „normalen“ Gast mitbrachte. Sie wussten, dass ich sein Statement war. Vermutlich gab es Gerüchte, die nun gerade bestätigt wurden.

Ein Butler schenkte Tee nach. Li begann sofort, Gespräche auf Kantonesisch, und ich hasste es. Denn ich verstand einfach gar nichts. Ich saß steif da, versuchte neutral auszusehen und biss mir innerlich immer wieder auf die Wange. Da ich nichts verstand, nippte ich einfach an der Tasse und wartete darauf, dass das Essen serviert wurde. Jian stand unauffällig, aber präsent, nur wenige Meter von meinem Stuhl entfernt – unsere Blicke trafen sich kurz, und etwas unsicher blickte ich ihn an.
 

Niemand sprach mich an. Die Verwirrung hing schwer in der Luft. Ich war der Elefant im Raum, den alle ignorierten, weil sein Besitzer am Tisch saß. Und ich verstand: Li hatte mich nicht mitgebracht, um mich einzuführen. Er hatte mich mitgebracht, um seine Macht über ihre Regeln zu demonstrieren um mit Konventionen zu brechen und vielleicht auch absichtlich einen Streit zu provozieren. Erneut sahen Jian und ich uns an, und ich war erstaunt, als er etwas näher zu mir kam und leise murmelte: „Sie sprechen über die Geschäfte.“ Kurz öffnete sich mein Mund, ich sah ihn kurz fassungslos und dann vollkommen dankbar an.

Li sah kurz zu uns, natürlich hatte er Jian gehört, und es schien, als überlegte er kurz, wie er es fand, dass Jian mit mir sprach. Doch dann wandte er sich wieder einem Gesprächspartner zu. Es war eine Zustimmung, eine stumme Zustimmung, dass Jian mit mir sprechen durfte. Einem älteren Chinesen, neben dem eine Frau saß, deren Alter ich nicht einschätzen konnte sah immer wieder zu mir.
 

Die Gänge wurden serviert: kunstvoll angerichtete Gerichte, die ich als Amerikaner kaum identifizieren konnte. Doch ich war froh, dass neben Stäbchen auf normales Besteck bereit lag. Li führte weiterhin das Gespräch auf Kantonesisch, laut und dominant, wobei er sich hauptsächlich an den älteren, Chinesen wandte, der rechts neben ihn saß.

Dieser Mann, den ich innerlich nur Meister Wu nannte, schien in der Hierarchie hoch zu stehen, schließlich saß er rechts neben Li. Er lächelte oft, aber seine Augen verrieten keine Wärme. Immer wieder, während er aß und sprach, glitt sein Blick zu mir. Unsere Blicke trafen sich und deutlich spürte ich die Abneigung, die er gegen mich hegte ohne mich zu kenne. Doch ich kannte es. Mein Vater hatte mich nach meinem Outing auch öfter so angesehen. Ich verstand zwar kein einziges Wort, doch ich verstand die Körpersprache.

Meister Wu sprach, sah dann Li an, und seine Lippen zogen sich zu einem Hauch von Spott. Traute er sich wirklich über Li lustig zu machen? War er wahnsinnig? Dann sah er mich an, und dieses Muster wiederholte sich. Es war höchst unangenehm zu wissen, dass über mich gesprochen wurde während ich direkt neben ihnen am Tisch saß. Li antwortete, seine Stimme blieb ruhig und geschäftsmäßig, aber seine Haltung veränderte sich zwar nur minimal, aber für mich sehr deutlich spürbar. Seine Lippen pressten sich immer fester aufeinander, und die leichten Vertiefungen an seinen Mundwinkeln wurden schärfer. Seine Ausstrahlung und sein Blick wurden düsterer. Die Gespräche drehten sich nun sicher nicht mehr um Geschäfte, wie Jian vorhin gemurmelt hatte. Ich war offenbar ein störendes, unerklärliche Element an diesem Tisch.

Ich hielt mein Gesicht neutral, aß langsam und bemühte mich, weder panisch noch zu gleichgültig zu wirken. Doch ich sah, wie sich Lis Hände unter dem Tisch kurz, aber kräftig zu Fäusten ballten, bevor er sie wieder löste und nach dem Weinglas griff. Äußerlich wirkte er weiterhin ruhig, die Höflichkeiten der Triaden-Etikette wahrend. Doch die Wut, vor der ich so viel Angst hatte, schien kurz vor dem Überkochen zu stehen.

Mein Hand wanderte unter dem Tisch zu seinem Knie und sanft berührte ich es, in der Hoffnung, dass er sich beruhigte. Denn vor einem wütenden Li hatte ich einfach Angst. Doch ich bekam keinen Blick und er schien mich vollkommen zu ignorieren.

Meister Wu lehnte sich zurück, grinste breit und sagte einen längeren Satz in einem langsamen, betonten Kantonesisch. Alle am Tisch, auch die Frauen, versteckten ihre Reaktionen nicht mehr; ein Gemurmel ging durch die Runde und alle starrten den Mann neben Li entsetzt an.

Plötzlich zuckte Li zusammen und er schien es wirklich nicht einmal gemerkt zu haben, dass ich ihn berührt hatte.

Seine Augen, die zuvor kalt und kontrolliert gewesen waren, funkelten vor ungebändigter Wut. Ohne ein Wort zu sagen, ohne eine weitere Sekunde zu zögern, schnellte Li über den Tisch wie eine Schlange die angriff. Drei kräftige, ohrenbetäubende Ohrfeigen trafen Meister Wu. Die Geräusche waren so laut in dem stillen Raum, dass ich zusammenzuckte und die Gabel fallen ließ.

Blut spritzte auf die weiße Tischdecke. Meister Wus Kopf schlug zurück, und er fiel halb vom Stuhl. Die Gäste am Tisch erstarrten, die Kellner froren in ihrer Bewegung ein. Es herrschte absolute Stille, nur das leise Tropfen von Blut auf die weiße Tischdecke war zu hören.

Meine Panik explodierte. Mein ganzer Körper verkrampfte sich; ich musste meinen Blick zu Jian werfen, der regungslos dastand. Was zum Teufel war hier los verdammt?! Ich sah in seine bernsteinfarbenen Augen und verunsichert sah ich ihn an. Meister Wu hielt sich die blutende Wange. Li atmete schwer, aber er hatte seine Fassung bereits wiedergefunden und sah den Mann mit absoluter Verachtung an.
 

Ich sah Jian flehend an. Meine Augen schrien: Was hat er gesagt? Was ist hier los?! Jian bewegte sich näher an meinen Stuhl, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch, aber mit einer bitteren Schärfe: „Er kommt nicht damit klar, dass du ein Mann bist.“ Ich erstarrte, ich hatte das Verhalten des Mannes richtig interpretiert. Meister Wu, der nun wieder auf seinem Stuhl saß, stammelte auf Kantonesisch eine hastige Entschuldigung. Jedenfalls vermutete ich das. Er wollte sich erheben, doch Li schien ihm zu befehlen zu bleiben.

Es wurde weitergegessen und nur langsam schien sich die Stimmung wieder zu normalisieren. Doch ich schaffte es nicht mich genau auf das Essen zu konzentrieren. Denn ich merkte, wie ein wütender Li mir Angst machte. Selbst wenn die Wut nichts mit mir zu tun hatte.

Die anderen Gäste am Tisch waren ein Meisterstück der Disziplin. Nach einem Moment der Schockstarre taten sie genau das, was ihr Boss befohlen hatte: Sie setzten sich wieder in Bewegung. Die Frauen senkten ihre Blicke auf ihre Teller. Die Männer nahmen ihre Gespräche wieder auf, allerdings mit einer neuen, nervösen Gedämpftheit. Es war, als hätte Li einen Schalter umgelegt: Die Demonstration war vorbei, die Show musste weitergehen.

Meister Wu, dessen linke Gesichtshälfte nun rot und geschwollen war, saß still. Er rührte sein Essen nicht mehr an. Sein Blick war zu Boden gerichtet, seine Demütigung war vollständig.

Li hingegen aß mit ruhiger Gelassenheit weiter. Er nahm die Gabel, hob sie zum Mund, diskutierte eine Zahl auf Kantonesisch mit dem Mann ihm gegenüber. Die Vehemenz der Attacke war sofort in eine kalkulierte Kälte übergegangen, die noch bedrohlicher wirkte als der Wutausbruch selbst. Er hatte seine Dominanz zementiert.

Ich saß neben ihm, mein Körper immer noch steif. Mein Blick huschte zwischen Li und dem blutigen Fleck auf dem Tischtuch hin und her. Ich versuchte zu essen, um nicht weiter aufzufallen, aber das Essen schmeckte nach nichts. Ich hatte diesen Mann in seiner puren, unkontrollierten Gewalt gesehen und das gegen seine eigenen Leute.

Ich dachte an Jians knappe, bittere Erklärung: „Er kommt nicht damit klar, dass du ein Mann bist.“
 

Als das Essen beendet wurde und sich alle nach und nach erhoben, stand auch ich vorsichtig auf. Li ignorierte mich und ging zu einem anderen Mann, um ein Gespräch zu beenden. Ich war unwichtig gerade und er brauchte mich gerade nicht. Es schmerzte zu wissen und doch war es albern, denn er brauchte mich nicht und mein Verstand sagte mir deutlich, dass ich auch nicht wollte, dass er mich braucht. Doch nun wie ich inmitten des riesigen Raumes mit so vielen Menschen war und doch niemand mit mir sprach fühlte ich mich einfach schlecht.

Jian trat neben mich und meinte: „Láng hat es gewagt, Hēilóng in Frage zu stellen.“ Ich war dankbar, dass er ohne Aufforderung begann zu erklären, und noch dankbarer, dass er in der Fremde hier bei mir war. Denn ich wollte einfach nicht mehr überall alleine sein. Ich nickte nur und murmelte: „Das war ziemlich dumm, oder?“ Sofort nickte Jian. Er sah zu dem Mann rüber, den ich bis gerade Meister Wu genannt hatte, und erklärte: „Er kommt mit den… neuen Ideen von Hēilóng nicht klar… Sodass er nun gerade wirklich seine Männlichkeit in Frage gestellt hat… Ich denke, der Boss wird gleich irgendein Exempel statuieren. Das wird er nicht auf sich sitzen lassen.“

Ich sah zu, wie Li sich nun wieder Láng zuwandte, der immer noch an seinem Stuhl klammerte. Li sagte etwas Kurzes, scharfes auf Kantonesisch. Die ganze Gesellschaft, die gerade noch gedämpft gesprochen hatte, wurde schlagartig still. Sogar Jian, der neben mir stand, sah Li mit einer überraschten Miene an. Li schien etwas gesagt zu haben, das selbst seine engsten Vertrauten nicht erwartet hatten. Ich sah Jian fragend an. Sein Blick war ernst, als er sich leicht zu mir neigte. „Hēilóng hat gesagt… Láng habe recht. Er brauche mal wieder eine Frau, um ihn zu erden.“

Ich erstarrte, ich glaubte ihn genug zu kennen um genau zu verstehen was er meinte und was er nun durchziehen würde. Die Wut, die Li gerade noch gezeigt hatte, war nun verschwunden, ersetzt durch eine gruselige, gelassene Entschlossenheit. Die Demütigung von Láng war noch nicht beendet. Sie begann jetzt erst richtig.
 

Li ging nicht auf Láng zu, sondern direkt auf die Frau, die die ganze Zeit neben ihm gesessen hatte – seine Frau. Eine zierliche Person, deren Alter ich nicht einschätzen konnte, gekleidet in ein teures, glänzendes Abendkleid. Sie hatte nichts getan. Das was er machte war ungerecht. Wenn schon wer bestraft werden sollte dann der, der den Streit verursacht hatte.

Als Li sich ihr näherte, schien sie sofort zu verstehen. Ihre Augen weiteten sich vor panischem Entsetzen. Sie stieß einen panischen Schrei aus und versuchte, sich rückwärts von Li wegzudrücken. Sie schien genau zu wissen, was Li mit ihr vorhatte und vermutlich auch alle anderen im dem Raum. Doch niemand schien Li aufhalten zu wollen. Vermutlich wollten sie sich nicht selbst Ärger einhandeln.

Ihre Bewegung veranlasste Li zu einem einzigen, scharfen Hieb. Seine Handfläche traf ihre Wange mit einem lauten Klatsch. Der Klang war so brutal und unerwartet, dass er selbst mich wieder zusammenzucken ließ. Die Frau wimmerte und sank in sich zusammen. Es schien als wusste sie genau, dass es kein entkommen gab.
 

Ohne Eile, mit der gesamten Gesellschaft als stumme Zeugen, packte Li die Frau. Er zog sie grob auf einen der massiven, dunklen Holztische, die in der Mitte des Raumes standen, und drückte sie darauf fest. Ich bemerkte, dass die Butler sich zurückzogen und sofort verschwanden.
 

Ich erinnerte mich an meine Angst von vor wenigen Tagen und sah die gleiche Angst in den Augen der unbekannten Frau. Der Anblick wie Li sie brutal auf den Tisch drückte und sie verzweifelt versuchte ihre Beine zusammen zu pressen ließ mich erschaudern. Das war unfair, nicht richtig. Ich wollte losstürmen, Li von der Frau wegzerren. Das hier war anders als alles, was ich bisher erlebt hatte. Sie brauchte Hilfe und hier standen so viele alle sahen offenkundig weg. Einige blickten sogar fast schon neugierig zu. Es widerte mich an. Alles hier widerte mich an. Es war krank und falsch. Doch bevor ich mich bewegen konnte, spürte ich einen eisernen Griff. Jians Hand schloss sich fest um meinen Oberarm. Er hielt mich mit einer überraschenden Kraft fest, die meine gesamte Bewegung blockierte. Offenbar war deutlich in meinem Gesicht zu lesen gewesen, was ich vorhatte. „Misch dich nicht ein“, zischte Jian leise, aber mit der Autorität eines Mannes, der Leben und Tod verstand. „Láng hat das provoziert. Das ist seine Strafe. Dafür brauchst du dir keinen Ärger einhandeln.“ Seine Strafe, dachte ich wütend und schrie Jian innerlich an, seine und nicht die seiner Frau! Erneut hörte ich die Schreie der Frau und blickte panisch zu ihr. „Sowas ist keine Strafe“, sagte ich leise und immer noch mit heiserer Stimme, „Sowas ist einfach nur falsch!“ Jian schwieg und es war mir gerade egal. Mir wurde schlecht bei dem Anblick.

Meine Augen waren auf die Szene vor mir fixiert, meine Atmung stockte. Die Frau auf dem Tisch wimmerte, versuchte, sich abzuwenden. Li beugte sich über sie, seine samtene Anzugjacke spannte sich. Mit einem einzigen, rücksichtslosen Ruck riss er das zarte, glänzende Kleid der Frau auf. Der Stoff gab mit einem lauten, unbarmherzigen Geräusch nach, wie zerrissenes Seidenpapier. Sie schrie, und ich sah, wie Li an seiner Hose hantierte, und ich spürte, wie mir erneut schlecht wurde. Erneut wollte ich einen Schritt auf das Geschehen zu machen, doch Jian hielt mich weiterhin fest und zog mich bestimmend aus dem Raum.
 

Wie in Trance ließ ich es zu und panisch starrte ich ihn an. „Das ist falsch! Das kannst du doch nicht gutheißen“, sagte ich und spürte deutlich die Panik in meiner Stimme. Li vergewaltigte gerade eine Frau, und alle sahen zu! Keiner hielt ihn auf, und kurz schossen mir Tränen in die Augen, als ich die Schreie der Fremden hörte.

Ich wusste genau, was er nun mit ihr tat, und das Mitleid durchflutete meinen gesamten Körper. „Jian“, murmelte ich und fand endlich seinen Blick, „sag mir, dass du das nicht gut findest… Das ist falsch und krank!“ Mit unergründlicher Miene sah er mich an. „Ich bewerte das, was der Boss macht, nicht. Ich bin hier, um seine Befehle auszuführen.“ Ich war sprachlos und verstummte, und doch war es nicht still, denn deutlich hörte man, was sich hinter uns in dem Raum abspielte.

Ich sah auf den Boden, und kurz brachen zwei, drei Tränen aus meinen Augen. Schnell wischte ich sie weg, denn ich wollte nicht, dass Jian meine Emotionen ungefiltert sah. „Ich schaffe das nicht“, murmelte ich mehr zu mir als zu ihm und strich mir mit beiden Händen durch die Haare. Ich hob den Blick, und unsere Augen trafen sich.

„Ich weiß nicht, was Li von mir will. Wieso ich hier bin…“, sagte ich nun zu dem Asiaten, und immer noch sah er mich stumm an. Sekunden vergingen, und ich rechnete schon nicht mehr damit, dass er mit mir sprach, da sagte er: „Ich weiß, dass er dich von Beginn an interessant fand… Als du ihn im Aufzug vom Hotel angesprochen hast, war ich dabei. Deine Frechheit hat ihn beeindruckt.“

Perplex sah ich ihn an und versuchte, die Geräusche hinter mir auszublenden. „Aber das zerstört er gerade. Das, was mich ausmacht, ist doch kaum noch da“, meinte ich leise und spürte deutlich die Verzweiflung in meiner leisen Stimme.

„Jasper“, meinte Jian, und ich erstarrte, denn meinen Namen hatte ich schon lange nicht mehr gehört, „Beruhig dich… Ich gebe dir einen ernst gemeinten Rat. Bleib interessant. Versuch, für den Boss interessant zu bleiben. Wenn er dann das Interesse verliert, wird er dich vielleicht gehen lassen.“

Das Aussprechen meines Namens beruhigte mich, und ich sah dem Asiaten fast schon ruhig ins Gesicht. Er sah mich an, und es wirkte auf mich so, als würde er tatsächlich mich sehen und nicht das, wozu Li mich gemacht hatte. Ich atmete mehrere Male tief ein und aus. Es beruhigte mich, und mein Verstand lichtete sich.

„Wie schaffe ich es denn, interessant zu bleiben?“, wollte ich leise wissen und fragte: „Und glaubst du wirklich, dass er mich gehen lässt?“ Unschlüssig zuckte Jian mit den Schultern und antwortete ehrlich: „Ich weiß es nicht. Er hatte schon länger keine mehr, und auch wenn ich nicht schwul bin und das nicht nachvollziehen kann, was er von dir will, glaube ich einfach, dass du lernen musst, interessant zu bleiben. Dabei kann ich dir aber nicht helfen.“ Es war nicht böse oder gehässig ausgesprochen. Er war einfach rational, und ich glaubte, dass, wenn er mir einen Tipp hätte geben können, er das gemacht hätte. Ich blickte auf die verschlossene Tür und fragte: „Was wird der Mann mit der Frau jetzt machen? Das wird er doch nicht auf sich sitzen lassen, oder?“

Jian schüttelte sofort den Kopf. Ernster sah er aus und erklärte: „Nein, das wird er garantiert nicht. Er wird sich rächen, und vermutlich wird bald jemand seinen Platz einnehmen. Und da er sich nicht an dem Boss rächen kann, wird er es vermutlich über dich versuchen.“

Eine Welle der Angst erfasste mich kurz, und unsicher fragte ich ihn, wieso er darauf käme. „Weil das Geschäft gerne mal so läuft… Aber wir werden auch dich beschützen, das hat Hēilóng von uns verlangt. Und ich führe seine Befehle immer treu aus.“ Unsicher nickte ich, denn ich wusste, dass er Li die Treue geschworen hatte. Auch wenn ich Jian immer mehr begann zu vertrauen, wusste ich doch, dass er mir nie zur Flucht verhelfen würde.
 

Wir schwiegen, und erst jetzt fiel mir auf, dass von innen keine Schreie mehr zu hören waren. Wir hörten Schritte, die sich der Tür näherten, und etwas unsicher trat ich hinter Jian.

Die schwere Tür öffnete sich, und es war Láng, der seine Frau stützte. Ihr Kleid war am Oberkörper zerrissen, die nackte Haut schimmerte unter dem Stoff. Die Frau klammerte sich an ihren Mann, die Augen vor Schock weit aufgerissen. Ihr Make-Up war verschmiert, doch keine Träne rollte mehr über ihre Wange. Vermutlich schaffte sie es nicht mehr zu weinen. Ich sah Blut in der Innenseite ihrer Beine, und mir wurde schlecht. Ich wollte ihr sagen, wie leid es mir tat, doch ich wagte es nicht, ein Wort zu sagen. Lángs Blick traf meinen, und der Hass, der mir entgegenblickte, hätte mich vollkommen überrascht, hätte Jian mich nicht vorgewarnt. Der Blick traf mich wie ein Schlag: Er gab mir die Schuld für das, was passiert war. Sie verschwanden ohne ein Wort zu sagen, und Jian nickte wieder zum Raum.

Gemeinsam betraten wir den Raum. Es waren nicht mehr so viele Menschen hier wie vorher. Eine Tür am anderen Ende war offen, und ich sah einige Menschen dorthin hindurchgehen. Ich bemerkte Li, er sah zu mir und kam auf mich zu. Sein Anzug saß zwar wieder, aber er war nicht mehr so glatt und perfekt sitzend wie zuvor.

„Wo wart ihr?“, wollte er zu Jian wissen und musterte uns beide. Jian neigte leicht den Kopf und erklärte wahrheitsgemäß: „Er kam mit der Bestrafung nicht zurecht. Bevor er etwas Dummes tat oder dich versehentlich bloßstellte, haben wir vor der Tür gewartet. Ich glaube, Láng wird sich rächen.“

Li blickte mit gerunzelter Stirn zur Tür, durch die Láng gerade mit seiner Frau gegangen war. „Hm. Davon gehe ich aus. Aber dann bin ich ihn schnell los. Ich habe ihm gerade erlaubt zu gehen.“ Ich schluckte bei dem Satz, denn ich wusste, dass Láng bereits nach den Ohrfeigen gehen wollte. Nun, nachdem er dabei zuschauen musste, wie seine eigene Frau missbraucht wurde, ihm erlaubt zu gehen, war sicher ein heftiger verbaler und emotionaler Schlag gewesen. Es erklärte für mich die ungefilterten Emotionen.

Überrascht zuckte ich zusammen, als Li mich auf einmal am Arm berührte. Er sah aus, als sei nichts vorgefallen. Als habe er nicht vor zehn Minuten noch eine Seele wahrscheinlich vollkommen zerstört. „Ich vermute, so dreist wird uns keiner mehr beleidigen“, meinte er gelassen und führte mich durch den Raum zur offenen Tür. Ich schluckte hart, denn ich hatte mich nicht beleidigt gefühlt, beziehungsweise nicht so sehr, dass irgendetwas solch eine Tat auch nur ansatzweise erklären, gar rechtfertigen konnte.

Dennoch schluckte ich es runter. Leise murmelte ich ein „Gut“ und hoffte, er wollte das Thema nicht vertiefen. Doch das versuchte Li auch gar nicht. Er zeigte mir das Casino, und ich war entsetzt, dass er die Tat mit keinem Wort erwähnenswert fand. Zwar war ich froh darüber, und doch auch entsetzt.

Li schob mich sanft durch die offene Tür. Wir befanden uns nun in einem Bereich, der als VIP-Salon diente, der zwar weniger exklusiv war als der Speiseraum, aber weit über dem Niveau des Hauptcasinos lag. Der Raum war ein Fest für die Augen, aber eine Qual für meine Seele. Überall Luxus, von dem ich wusste, dass er mich nur gefangen hielt. Die Decken waren so hoch, dass sie in goldenen Kronleuchtern und verspiegelten Mosaiken verschwanden. Überall herrschte ein intensiver, warmer Lichtschein, der die Haut der Gäste in ein unnatürliches Gold tauchte. Die Luft war dicht vom Duft teurer Zigarren, starken Kaffees und dem leicht metallischen Geruch von Chips und Gier. Die Tische hier waren größer und die Einsätze astronomisch. Männer und Frauen, alle in tadellosen Anzügen oder Designerkleidern, saßen um Tische für Baccarat und Sic Bo. Ich erkannte Black Jack und Poker. Die Dealer trugen weiße Handschuhe und bewegten die Spielkarten mit der präzisen Geschwindigkeit eines Chirurgen. Es gab keinen lauten Jubel, nur gedämpfte, angespannte Konzentration. Jedes Geräusch der Chips, die in hohen Türmen gestapelt wurden, schien im Überfluss zu ertrinken. Unter unseren Füßen lag ein dicker, gemusterter Teppich, der jeden Schritt dämpfte und die Umgebung noch surrealer machte.
 

Wir gingen eine Treppe hinunter, vermutlich weg aus dem VIP-Bereich, und ich sah Roulettetische und noch mehr Tische. Es war eine gigantische, übertriebene Zurschaustellung von Luxus.

Das Design war darauf ausgelegt, die Zeit zu löschen. Es gab keine Fenster, nur spiegelnde Wände, die das Licht endlos reflektierten. Li führte mich an einigen Roulettetischen vorbei, deren Kessel sich hypnotisch drehten.

„Hier sind die echten Spieler, Wánjù“, murmelte Li, während wir durch die Menge glitten. Seine Hand ruhte nun auf meinem Arm. „Sie spielen um mehr als nur Geld. Sie spielen um ihre Geschäfte, ihre Ehre. Und ihre Frauen.“ Unsicher sah ich ihn an und fragte vorsichtig: „Du hast aber nicht vor, mich einzusetzen, oder?“

Li lachte amüsiert, doch ich war innerlich angespannt. Würde er mich an andere abgeben? Ich traute ihm alles zu, und seine Antwort beruhigte mich in keinster Weise. „Ich habe es heute nicht vor“, meinte er gelassen, und wir gingen weiter.

„Aber wir spielen ein bisschen, Wánjù“, sagte Li, seine Augen glänzten. Er zog mich zu einem Rouletttisch, der von einer kleinen, energiegeladenen Menge umgeben war. Die Aufregung hier war greifbarer, lauter. Der Geist des Glücksspiels – der reine, unkontrollierte Zufall – schien mir für einen Moment fast befreiend, da er Li die Kontrolle entzog.

Li zog mich zum Rouletttisch, dessen Lärm und Energie einen willkommenen Kontrast zur eisigen Stille des Speisesaals boten. Ich nahm die Chips entgegen. Es war absurd: Zehn Minuten zuvor hatte ich zugesehen, wie Li etwas so grausames tut und nun standen wir hier und beobachteten die Kugel die sich sehr schnell drehte. Ich zwang mich, die Bilder der zerrissenen Kleider und des Blutes tief zu vergraben. Es durfte wieder kommen, aber nicht hier und nicht jetzt. Und es funktionierte.

Wir spielten. Li spielte mit einer verblüffenden Gelassenheit, die nur jemand besitzen konnte, für den das Geld keine Rolle spielte. Er warf die Chips auf Zahlen und Farben, lachte, wenn er gewann, und zuckte mit den Schultern, wenn er verlor. Ich tat es ihm gleich.

Nach einer Weile wich die Anspannung dem reinen Adrenalin des Spiels. Ich gewann einen kleinen Stapel Chips, und als ich Li mit einem echten, unvorsichtigen Lächeln ansah, spiegelte er es wider. Für diese kurzen Augenblicke war Li nicht mein Entführer; er war ein reicher, aufregender Mann, der mich zu einem verbotenen Spaß mitgenommen hatte. Ich genoss diesen verdammten Ausbruch. Ich brauchte den so dringend, dass ich selbst von mir überrascht war. Die Lichter, der Lärm, die Tatsache, dass ich mich bewegte und etwas tat – es war die Befreiung von den Mauern Hongkongs. Wir gingen durch das Casino. Spielten Black Jack und ein Würfelspiel was ich nicht kannte.

Währenddessen strömten Menschen zu Li. Diskret, flüsternd, in Anzügen, deren Preis ich nicht schätzen konnte. Sie beugten sich kurz zu ihm, murmelten Sätze auf Kantonesisch. Li hörte zu, nickte, gab kurze, autoritäre Anweisungen und wandte sich dann sofort wieder dem Tisch zu. Für ihn war das Geschäft so beiläufig wie das Würfeln.

Ich verstand nichts von diesen kurzen Interaktionen. Ich fragte Jian auch nicht. Er stand, wie ein unbeweglicher Schatten, immer einige Schritte hinter uns, seine Präsenz war eine stumme Garantie der Sicherheit und der Gefangenschaft.
 

Die Zeit löste sich auf. Eine Stunde? Zwei? Erst als Li seine Hand auf meinen Arm legte, die Gewinne in eine kleine Ledertasche schob und sagte: „Genug gespielt. Die Nacht wartet.“, wurde mir schlagartig bewusst, wie lange wir hier unten waren.

Die aufgestaute Angst kehrte zurück, kalt und schwer. Das Spiel war vorbei. Die Illusion der Freiheit war zerbrochen. Jetzt wartete die Realität der gemeinsamen Suite. Ich hatte Angst, dass er heute auch von mir erwartete, mit ihm zu schlafen.

Wir verließen das Casino. Die Abkürzung führte uns an den Menschenmassen vorbei, durch ruhige, spiegelnde Gänge zum privaten Aufzug. Jian und ein weiterer Mann folgten uns. Doch sie schwiegen und sagten nichts. Ich nickte den beiden Männern zum Abschied zu und Jian erwiderte die Geste leicht. Was mich erneut einfach freute.

Oben in der Suite war das Licht gedimmt. Li schenkte sich, ohne ein Wort zu sagen, einen weiteren Whiskey ein und ließ die teure Samtjacke fallen. Er sah mich an, und der befriedigte Ausdruck des Spielers wich einer leisen, fordernden Dominanz.

„Du hast dich gut geschlagen“, sagte er. Es klang nach einem Lob für einen Hund. „Zieh dir etwas Bequemeres an. Wir gehen ins Bett.“

Die Aussage war keine Frage, sondern ein Befehl und die letzte Erinnerung daran, dass ich in diesem luxuriösen Käfig keinen Rückzugsort hatte. Die riesige, unumgängliche Fläche des Doppelbettes wartete.

Ich ging ins Badezimmer. Dort warf ich den teuren Anzug und die Rolex in die Ecke. Ich wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser und putzte mir die Zähne. Die Angst in meinem Magen zog sich fest zusammen, während ich mich zwang, mich anzusehen. Ich warf mir eines der viel zu großen, weißen Bademäntel über, die in der Suite hingen. Es war alles, was ich an Schutz finden konnte.

Als Li ins Badezimmer ging, hörte ich, dass er duschte, wofür ich dankbar war, denn ich hatte Angst, dass ich das Parfüm der Frau an ihm riechen würde. Ich zog mir ein einfaches T-Shirt zum Schlafen über und legte mich nahe an den Rand des großen Doppelbettes. Ich rollte mich zusammen und versuchte einfach einzuschlafen. Wenn ich jetzt, während er unter der Dusche stand, einschlief, würde er mir dafür sicher nicht böse sein können.

Doch natürlich fand der Schlaf mich so nicht, denn dazu war mein Kopf einfach viel zu wach. Ich lag angespannt da, mein Blick auf die makellose weiße Decke gerichtet, und zählte jeden Herzschlag. Ich hörte das unablässige Rauschen des Wassers, das die Angst vor seiner Rückkehr verzögerte, aber nicht auflöste.

Das Rauschen der Dusche war das Einzige, was in der Suite zu hören war, ein Geräusch, das ich in meiner Anspannung als unangenehm laut empfand. Ich lag am äußersten Rand des Bettes. Ich roch den reinen Duft der frischen Bettwäsche, aber in meinem Kopf hing die unsichtbare, metallische Angst vor dem, was kommen würde.

Die Dusche verstummte. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als Li aus dem Badezimmer kam. Er trug nur ein Handtuch, das locker um seine Hüften hing. Sein Oberkörper war nass und glänzend, und der Geruch von teurem Duschgel überlagerte die letzten Spuren des Casino-Rauchs. Der schwarze Drache schien fast zu leuchten auf seiner Brust, als sei er lebendig. Li sah entspannt aus, fast alltäglich – und das war das Furchtbarste. Er schien die entsetzlichen Ereignisse des Abends komplett vergessen zu haben, während sie sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatten.

Li bemerkte meine angespannte Haltung. Er trat an meine Seite des Bettes. „Willst du mir den Rücken zuwenden, Wánjù?“, fragte Li, seine Stimme war weder wütend noch fordernd, sondern klang eher amüsiert.

Ich versteifte mich und schloss kurz die Augen. Mein Verstand schrie natürlich will ich, aber ich wusste, wie gefährlich es war, Li in dieser Situation zu widersprechen. Trotzdem zögerte ich. Wenn ich mich umdrehte, war ich seinem Blick, seinen Händen, seiner physischen Präsenz direkt ausgesetzt. Das wollte ich einfach nicht, und doch wusste ich, dass ich fast gar nicht davonlaufen konnte.

„Wie soll ich mich denn hinlegen? Meinst du, du kannst so nicht gut sehen?“, fragte ich, meine Stimme immer noch leise wegen der alten Würgemale. Es war ein verzweifelter, kleiner Akt des Trotzes, eine Rückkehr zu meiner frechen Zunge, die er einst so interessant fand.

Li lächelte, ein schmales, gefährliches Grinsen. Er ließ das Handtuch fallen, das zu Boden sank, und stieg ohne Eile ins Bett. Er war nackt, und doch wunderte es mich nicht. Das große Laken sank unter seinem Gewicht ein.

„Ich möchte dich bei mir haben“, sagte Li und legte sich in die Mitte des Bettes, direkt neben mich. Die Wärme seiner Haut strahlte sofort zu mir. Mein Körper erstarrte völlig. Die symbolische Trennlinie des Bettes hatte Li mit seiner physischen Nähe ausgelöscht. Li lag auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und sah zu mir.

Ich brauchte keine weitere Mahnung. Ich drehte mich um, mein Rücken nun nur wenige Zentimeter von Lis Oberkörper entfernt. Er breitete seinen Arm aus, und ich verstand, was er wollte. Er wollte, dass ich in seinen Armen lag.

Ich spürte, wie ein Teil die Nähe wollte, und der andere deutlich sagte, dass es nicht gut war. Dass Li nicht gut war. Doch die Angst, was passierte, wenn ich mich verweigerte, war größer. Also zwang ich meinen Körper, zu ihm zu rutschen. Ich legte meinen Kopf auf seinen Arm, und sofort zog er mich an seine Seite. Der Kontrast zwischen der ungezügelten, brutalen Gewalt gegen die Frau und dieser sanften, fast ehelichen Nähe war surreal, und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Li schwieg, und seine Finger strichen sanft über meinen Rücken. Ich lauschte Lis Herzschlag, der ruhig und stark war. Das Einzige, was mir in diesem Moment eine Art Sicherheit gab, war die Tatsache, dass er keine weiteren Befehle erteilte. Seine Hände wanderten nicht unter mein Shirt, und er gab sich offensichtlich damit zufrieden, dass ich neben ihm lag. Ich atmete leise aus und versuchte, meine Gedanken zu beruhigen.

Es dauerte lange. Die Bilder des Blutes und der Schreie kämpften gegen die physische Beruhigung durch die Wärme an. Doch langsam gab mein Körper nach. Wenigstens bist du gerade nicht alleine, dachte ich mir und wusste genau, dass dieser Gedanken ebenso richtig wie falsch war.

Woche 2: Gefährliche Zärtlichkeit

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Woche 2: In Stein gegossen

Li stieg wieder in die Limousine, ich folgte ihm. Mein Blick glitt sehnsüchtig zu den Flugzeugen am anderen Ende des Flughafens. Wie gerne würde ich einfach in eine der Maschinen steigen und all das hinter mir lassen. Yú fuhr mit Williams in einem anderen Wagen. Ich fragte mich, wo man solche Geschäftsgespräche führte – vermutlich in einem überteuerten Luxusrestaurant.

Ich schwieg und sah wieder aus dem Fenster. Ich hasste es, ein lebendes Accessoire zu sein. Erst nach einigen Augenblicken fiel mir auf, dass die Fahrt länger dauerte. Verwirrt fragte ich: „Fahren wir nicht zum Hotel?“

Li sah von seinem Handy auf, schüttelte den Kopf und tippte noch kurz etwas zu Ende, bevor er antwortete: „Nein. Ich werde Junket-Bossen einen Besuch abstatten.“ Ein Blick in mein verwirrtes Gesicht reichte aus. „Meine Geldeintreiber. Sie umgehen Chinas strenge Regeln, indem sie den Spielern Kredite direkt in Macau gewähren. Sie sind so etwas wie meine besten Schuldeneintreiber. Sie sorgen mit allen Mitteln dafür, dass das Geld zu mir fließt.“

Sprachlos sah ich ihn an und schluckte. Wenn es nicht so kriminell wäre, wäre ich fast beeindruckt, was Li alles managen musste. Aber am Ende des Tages war er es. Die Limousine bog von den breiten Prachtstraßen ab und schlängelte sich durch die engen Gassen Macaus. Vorsichtig fragte ich: „Gehörte dieser Láng auch dazu?“

Li nickte sofort. „Ja, bis gestern war er einer meiner besten Eintreiber. Ich habe von Jian gehört, dass er dir vermutlich etwas antun möchte.“ Ich schluckte schwer, denn ich wollte kein Stellvertreteropfer werden. Besonders, da ich das was Li getan hatte schwer verurteilte.

Etwas unsicher klang meine Stimme, als ich leise fragte: „Muss ich jetzt Angst haben?“ Es war absurd, dass ich ausgerechnet Li diese Frage stellen musste. Doch die Sorge, gleich oder später auf Lángs Zorn zu treffen, war bedrohlicher als meine Wut auf meinen Entführer.

„Hm“, meinte Li nachdenklich und entsetzte mich damit. „Ich bezweifle, dass er jetzt einen Racheakt planen kann. Aber er sollte gut überlegen. Denn wenn er etwas versucht, wird er sich wünschen, ich würde seine Frau noch einmal ficken.“ Die Drohung war unmissverständlich, und doch erschreckte mich etwas viel mehr. Es war erschreckend, dass er die Vergewaltigung der Frau als einen "einfachen Fick" bezeichnete, doch ich schwieg. Was sollte ich dazu auch sagen? An welche Moral sollte ich appellieren?

„Wird er da sein?“, fragte ich leise und wusste nicht, wie ich reagieren sollte, wenn Láng wirklich da war. Ich war erleichtert, als ich sah, dass Li den Kopf schüttelte. „Nein. Aber die Männer, die ich treffe, arbeiten eng mit ihm zusammen. Sie sind quasi wie ein Team.“ Ich schluckte, also war er persönlich nicht anwesend, doch seine Vertrauten oder Kollegen. Ich wusste nicht, wie die Struktur innerhalb dieser Eintreiber war, doch es machte mir Angst. Sie würden Láng garantiert berichten, dass Li mich mitgenommen hatte. Was, wenn sie von ihm gehört hatten, was ich für Li bin und was er mit der Frau gemacht hatte?
 

Wir hielten vor einem unscheinbaren, alten Gebäude mit dicken Holztüren, das nach außen hin wie ein stillgelegtes Teehaus wirkte. Jian positionierte sich sofort an der Tür, gemeinsam mit einem anderen Leibwächter.

Li drehte sich zu mir um. Er nahm seine Hand von meinem Bein, und diesmal hätte ich seinen Halt gerne gehabt. Ich überwand meine Scheu, meine eigentliche Abneigung, und griff kurz nach seiner Hand. Überrascht sah mich Li an. „Ich hab jetzt wirklich Angst…“ Die Ehrlichkeit war eine Währung, die Li akzeptierte, die er offenbar sogar anerkannte.

Ein sanftes, fast schon liebevolles Lächeln schlich sich auf seinen Mund und ließ den Triadenanführer kurz verschwinden. Seine Hand strich durch meine Haare, und er zog mich für einen sanften Kuss zu sich. Ich erwiderte den Kuss kurz, doch erneut nur, weil er es wollte. Nachdem Li sich gelöst hatte, sagte er: „Halte dich an mich und bleib bei Jian. Er wird dir übersetzen. Solange ich da bin, wird dir keiner etwas tun, Wánjù. Sie sind nervös, wegen Láng und weil Deals schiefgegangen sind. Sie müssen verstehen, dass mein Wort das Gesetz ist.“ Doch die Tatsache, dass er mir überhaupt eine Erklärung lieferte, war ein seltenes Geschenk und beruhigte meine Nerven.

Li sah mich an. Ich trat an seine Seite. „Bleib bei mir. Und Jian!“, sprach er den Leibwächter auf einmal direkt an. Li sah den Leibwächter mit den Bernsteinfarbenen Augen an. „Übersetz ihm das Wichtigste.“ Jian nickte und trat hinter uns.

Das Innere des Teehauses war kühl und schattig. Der Geruch von altem Holz und starkem Tee hing in der Luft. In einem spärlich beleuchteten, holzgetäfelten Raum saßen zwei Männer am Ende eines langen Tisches. Sie trugen einfache, dunkle Anzüge und wirkten geduckt und angespannt. Einer hatte eine auffällige Narbe über dem linken Auge, der Andere hell gefärbte Haare. Als wir eintraten, sprangen die Männer wie auf Knopfdruck auf und verbeugten sich tief. Ihr Respekt war unmittelbar und total. Ich sah die Panik in ihren Augen. Echte, lähmende Angst erkannte ich an ihnen. Es war ein ganz anderes Gefühl, als das, was ich Li gegenüber empfand. Ihre Angst war existenziell.

Li ging langsam um den Tisch herum und setzte sich an das Kopfende. Mit einer Handbewegung signalisierte er mir, an seiner Seite zu stehen. Ich spürte, wie die Blicke der beiden Männer mich streiften – eine Mischung aus Verwirrung über meine Anwesenheit und der Panik, Li nicht zu verärgern. Sie wussten genau, wer ich war, denn sie waren verwirrt, aber fingen sich schnell wieder. Zu schnell. Ich vermutete, dass sie eher von meiner Anwesenheit überrascht waren, als von meiner bloßen Existenz.

Die Unterhaltung begann. Li sprach ruhig auf Kantonesisch, aber jeder seiner Sätze war ein kalter Stahlhieb. Ich verstand die Worte nicht, aber die Hierarchie war universell. Leise wandte ich mich zu Jian und fragte: „Was ist ihnen passiert?“

Jian rückte näher an mich heran, damit unsere Unterhaltung das wichtige Gespräch nicht störte. „Es geht um zirka 80 Millionen Hongkong-Dollar an Krediten, die sie nicht eintreiben können. Das sind ungefähr 10 Millionen US-Dollar. Hēilóng geht davon aus, dass sie das Geld unterschlagen haben und ich selbst in die Tasche gesteckt haben.“

Sprachlos starrte ich die Männer an, dann Li. Um was für Summen redeten wir hier eigentlich? Wie reich musste man bitte als Triadenchef sein? Nach einigen Minuten lehnte Li sich vor und sagte einen Satz auf Kantonesisch, der die Unterbosse erstarren ließ. Der Mann mit der Narbe rang nach Luft, seine Augen flehten. Li musste ein Machtwort gesprochen haben, ohne dabei laut geworden zu sein.

Ich lehnte meinen Kopf zu Jian. „Er hat ihnen versichert“, übersetzte Jian leise, „dass sollten sie und Láng auf die Idee kommen, Gelder zu unterschlagen, wird er sie eigenhändig umbringen und hier für alle sichtbar ausstellen. Aber er geht davon aus, dass die Gelder wieder auftauchen.“

Ich wusste nicht, was ich von dieser Drohung halten sollte. Überraschend war sie nicht, und sie schockte mich nur noch minimal. Wenigstens bestrafte er nicht die Angehörigen. Li lehnte sich zurück und lächelte kurz in Richtung der Männer. Es war das grausamste Lächeln, das ich je gesehen hatte – es enthielt nichts als Vernichtung.

Mit einer Handbewegung befahl er ihnen aufzustehen. Die beiden Männer verbeugten sich erneut tief, ihre Erleichterung war fast körperlich spürbar. Li würdigte sie keines Blickes mehr. Doch wahrscheinlich waren sie erleichtert über den Ausgang des Gesprächs.
 

„Ganz schön viel Geld“, meinte ich leise, und kurz sahen Lis dunkle Augen in meine Richtung. Er winkte fast schon gelangweilt ab, während er sich wieder seinem Weinglas widmete.

„Geld ist nur Papier. Es ist ein Werkzeug, um Gehorsam zu kaufen“, erwiderte er mit einer beängstigenden Gleichgültigkeit. „Zehn Millionen sind nichts weiter als eine kleine Unachtsamkeit in der Buchhaltung. Aber Loyalität? Loyalität hat keinen Preis. Und Verrat... nun, Verrat kostet immer das Leben. Jetzt müssen sie beweisen, wem sie loyal sind. Sonst werde ich sie auf meine Todesliste setzten lassen“

Er sah mich nun direkt an, und für einen Moment war da wieder dieses besitzergreifende Leuchten in seinen Augen. „Und ja, bevor du fragst, ich erstelle Todeslisten und nein, ich suchte nicht persönlich. Diese Arbeit habe ich hinter mir.“ Ich schluckte hart und nickte nur. Ich musste eindeutig dafür sorgen, dass ich niemals auf dieser Todesliste stehe.

„Für mich ist das trotzdem viel Geld… Was nimmst du denn bitte ein?!“, fragte ich leise und dennoch perplex von den Dimensionen von denen Li sprach. Mit der Masse an Geld müsste ich niemals arbeiten und für ihn war es eine Unachtsamkeit.

Li lachte leise, ein tiefes, kehliges Geräusch, das jedoch keine echte Fröhlichkeit enthielt. Er drehte den schweren Ring an seinem Finger und sah mich mit einem Blick an, der halb amüsiert, halb belehrend war.

„Du denkst in den Kategorien eines Angestellten, Wánjù. Du rechnest in Stunden und Gehältern“, sagte er und lehnte sich so weit zu mir , dass ich sein teures Parfum riechen konnte. „Meine Einnahmen? Ich besitze Anteile an vielen Häfen, durch die deine amerikanische Konsumwelt fließt. Ich besitze Immobilien in Dubai, Paris und Singapur, deren Wert steigt, während wir hier atmen. Ein einziger Abend in meinem Casinos in Macau bringt mehr ein, als dein Vater in seinem ganzen Leben gesehen hat.“

Er machte eine ausladende Geste über den reich gedeckten Tisch. „In China sagen wir: 'Ein Baum braucht Rinde, ein Mensch braucht Gesicht.' Reichtum ist mein Gesicht. Wenn ich zehntausend Dollar für ein Abendessen ausgebe, dann nicht, weil ich Hunger habe, sondern weil ich es kann. Wenn ich eine Million für eine Uhr ausgebe, dann zeige ich der Welt, dass meine Zeit kostbarer ist als ihre.“

Sprachlos starrte ich ihn an. Er war nur reich, er war stinkendreich. Ich zitterte kurz und schluckte. „Und ich war so kostbar, dass ich dir Zeit stehlen durfte…“ Das Lächeln auf seinem Gesicht zeigte mir deutlich wie Recht ich hatte und es machte mir Angst. Wie sehr hatte ich eigentlich in die Scheiße gegriffen?
 

Als wir wieder in der Limousine saßen, war die Luft dicker. Ich musste mich hier anpassen, wenn ich überleben wollte. Irgendwie. Meine Gedanken kreisten und erst nach einem Augenblick holte mich Lis stimme in die Realität zurück.

Li sah mich kurz an und lächelte zufrieden. „Manchmal muss man ihnen nur zeigen, wer der Chef im Raum ist und dass man nach meinen Regeln spielt.“ Er drückte kurz meine Hand, bevor er sie losließ. Dieses Mal erwiderte ich den Händedruck nicht, doch es fiel nicht auf. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Auch wenn er es anders sah, er war kein Richter und kein Gott.

Nach einem Augenblick fragte ich: „Was machen wir jetzt? Geht es zum Hotel zurück?“ Ich war erstaunt, dass Li den Kopf schüttelte. „Wir fahren zu einem Bauprojekt von mir. Hier wird das Geld, was ich einnehme, wieder… sauber. Ich glaube, so nennt man das.“ Sprachlos sah ich ihn an. Li investierte in Bauprojekte? Was machte er eigentlich nicht? Ich erinnerte mich, wie er das Hotel, in dem wir uns getroffen hatten, beiläufig als Hobby abgetan hatte.

Die Limousine fuhr weiter zu einem riesigen Baukomplex am Rande Macaus. Hier wurde kein Luxushotel, sondern eine ganze Siedlung im Bau mit riesigen Apartmenttürmen errichtet. Baulärm drang durch die Panzerung der Wagen. Li deutete auf die unzähligen Kräne, die in den grauen Himmel ragten. „Dies ist mein neuestes Projekt. Tausende Wohnungen. Reines Geld, in Beton gegossen.“

Langsam stiegen wir aus. Die rohe Größe des Projekts war überwältigend. Ich stolperte fast über meine feinen Lederschuhe auf dem schlammigen Boden. Jian und seine Männer folgten in respektvollem Abstand. Ich sah mich um. Wie viele Milliarden steckten hier drin?

„Es wird über eine Kette von Holdinggesellschaften in Singapur und Panama gehalten“, erklärte Li, fast beiläufig, als würde er mir die Wettervorhersage mitteilen. „Die Käufer sind oft reiche Festlandchinesen, die keine Fragen stellen.“ Die rohe Größe des Projekts war überwältigend, doch ich verstand nicht, wie das alles funktionierte. Ich hatte mich schließlich nie mit Geldwäsche auseinandersetzen müssen.

„Ich verstehe das trotzdem nicht, wie das Geld hier wieder sauber wird“, meinte ich unsicher und sah mich auf der gigantischen Baustelle um. Überall waren Bauarbeiter, die uns verwirrt ansahen, doch keiner sprach mit uns.

Li blieb vor einem riesigen Betonpfeiler stehen, der gerade in die Höhe gezogen wurde. Er streckte eine Hand aus und strich über den rauen, grauen Beton, als wäre es Seide.

„Es ist eigentlich ganz einfach“, sagte er, ohne mich anzusehen. Seine Stimme war ruhig, übertönte mühelos den Lärm der Baustelle, dennoch trat ich etwas näher an ihn heran. „Stell dir vor, ich habe zehn Millionen Dollar in bar aus dem Glücksspiel. Dieses Geld existiert nicht offiziell. Wenn ich es direkt auf ein Konto einzahle, fangen die Fragen an. Aber hier? Wir überbewerten die Kosten des Projekts massiv. Sagen wir, ein Sack Zement kostet offiziell fünfzig Dollar, aber unsere Buchhaltung schreibt hundertfünfzig Dollar auf.“ Er drehte sich zu mir um, und seine Augen blitzten in der schmutzigen Luft.

„Ich nehme meine zehn Millionen schmutziges Bargeld und zahle damit die überhöhten Rechnungen der Baufirmen, die natürlich mir gehören. Die Baufirmen überweisen dann die Differenz – das saubere Geld – von ihrem offiziellen Bankkonto auf meine Holdinggesellschaften in Panama. Das Finanzamt sieht nur, dass ich enorme Baukosten habe und Einnahmen durch den Wohnungsverkauf. Am Ende ist das Geld offiziell Profit aus einem legitimen Geschäft, verstehst du? Geld, in Stein verwandelt.

Sprachlos sah ich ihn an, und langsam merkte ich, wie gefährlich Li wirklich war: Er war nicht nur brutal und einflussreich, er war klug und hatte einen gefährlichen Geschäftssinn. Wäre er nicht kriminell geworden, hätte er vielleicht wirklich ein erfolgreicher Manager werden können. Er lächelte, dieses Mal ein Lächeln reiner, arroganter Intelligenz. „Das ist wahre Stärke. Nicht das Führen von Kriegen auf der Straße, sondern die Umwandlung von Gesetzlosigkeit in etwas Unangreifbares.“

Er schob mich mit einer Handbewegung leicht zur Seite, damit ich einem vorbeifahrenden Lastwagen ausweichen konnte. Ich sah zu ihm und unsere Blicke trafen sich und ich kam mir nachdem was ich heute alles erfahren hatte so klein und irgendwie unbedeutend vor.

„Das ist es, was ich bin“, flüsterte er, während wir in einen noch nicht fertiggestellten Turm traten, wo nur der nackte Beton und der Wind herrschte. „Nicht nur der Mann mit den teuren Autos und Anzügen. Ich bin die Wirtschaft. Ohne mich steht diese Stadt still.“

Ich fand es übertrieben, nahezu größenwahnsinnig, was er sagte, und doch war es leider wohl die Wahrheit. Es traf mich wie ein Schlag, denn es machte deutlich, dass er so viel mehr Einfluss hatte, als ich mir vorstellen konnte. Ich schluckte und sah über die Baustelle hinüber zur Skyline der Stadt. „Du siehst die Welt, die ich geschaffen habe, und die Welt, die mich geschaffen hat“, sagte er und ich hörte die Arroganz und Überheblichkeit deutlich heraus.
 

Schweigend fuhren wir zurück zum Hotel. Li telefonierte, natürlich auf Chinesisch. Doch ich wollte gar nicht lauschen. Ich war immer noch geplättet von dem, was ich gesehen und gehört hatte. Ich hatte nicht nur in ein Wespennest gestochen, ich hatte die Königin – oder in diesem Falle den König – angelockt. Und ich spürte immer deutlicher, wie er mich einnahm. Wie sollte ich aus diesem Netz fliehen? Ohne Pass, ohne die Möglichkeit, mit den Menschen zu sprechen. Selbst wenn ich es aus seiner Wohnung, dem Hotel, schaffen würde, seinen Leibwächtern zu entkommen – was dann?

Welcher Instanz konnte man vertrauen, welcher nicht? Und dann war da die Sprache. Alle sprachen Englisch, und doch taten sie es alle nicht gerne. Welches Pech ich doch hatte, dass ich diese verdammten zehn Sekunden ausgenutzt hatte, als die Leibwächter sich damals vor dem Gym kurz umgedreht hatten. Hätte nicht einer rüber schauen können? Er hätte mich aufgehalten. Mich angeschnauzt, und ich hätte mich schnell zurückgezogen.

Vermutlich wäre ich sauer gewesen und doch würde ich dann jetzt vielleicht bei Jenny sitzen und mit ihr darüber sprechen. Vielleicht wäre ich auch mit meinen Freunden unterwegs und würde darüber sprechen, in welche Bar wir heute Abend gingen. Hätte ich doch nur Eric weiter beredet, mitzukommen. Doch er wollte für seine Hochzeit sparen und doch… hätte ich vielleicht mehr gebohrt, wäre ich nicht alleine auf Reisen gegangen. Dann wäre all das hier nie passiert. Dann würde ich nicht dem Teufel persönlich gegenübersitzen

Li beendete das Gespräch und ich zwang meinen Geist, in das Hier und Jetzt zurückzukommen. Er steckte das Handy in die Sakkotasche, und unsere Blicke trafen sich. Es schien, als interpretierte er mein Gesicht als eine stumme Frage und er begann zu erklären: „Wir sind mit Williams weitergekommen. Wir werden heute noch zusammen Essen und vermutlich werde ich in den nächsten Wochen eine schöne Lieferung von Waffen bekommen. Direkt aus den USA. Vermutlich werde ich mich dann mit seinem Boss treffen. Irgendeiner, der sich Snake nennt. Mal schauen, wie hilfreich du mir dann sein wirst.“

Ich nickte nur, denn genau wusste ich einfach nicht, was ich dazu sagen sollte. Mir sagte das alles nichts, und doch wusste ich, dass ich nicht daraus herauskommen würde. Meine Gedanken kreisten, und ohne darüber nachzudenken, fragte ich: „Kann mir jemand Chinesisch beibringen? Es ist schrecklich, nie etwas zu verstehen…“

Überrascht sah Li zu mir und runzelte seine Stirn. Er schwieg, als wöge er ab, was nützlicher für ihn war: Unwissenheit, die ihn dazu zwang, mir das Nötigste zu übersetzen, oder die Gefahr, dass ich etwas verstand, was ich nicht hätte verstehen sollen. Ich schluckte leicht und meinte leise: „Jian könnte es mir doch beibringen… Er kann doch sehr gut Englisch.

Immer noch schwieg Li, und erst nach einem Moment meinte er: „Na gut… Jian kann es versuchen.“ Ich war erleichtert und merkte erst dann, was ich dadurch noch gewonnen hatte: Ich durfte mich mit einem Menschen treffen! Neben Li. Jemanden, der mit mir sprach. Der mich nahezu nett behandelte. Doch auch hier musste ich aufpassen. Jian war nicht mein Freund, und doch merkte ich deutlich, dass sich meine Laune hob. Es war eine winzige Tür, die sich in meiner Zelle geöffnet hatte – eine Chance auf mentale Beschäftigung und vielleicht auf Informationen, die Li mir nicht geben würde.
 

Wir kamen endlich im Hotel an. Die Sonne war am Untergehen, und alles leuchtete Rot in der untergehenden Sonne. Am liebsten wäre ich alleine auf meinem Hotelzimmer geblieben, doch ich durfte nicht. Ich war müde, nicht von Anstrengung, sondern von den ganzen Informationen, die ich gerade bekommen und aufgesogen hatte.

Ich folgte Li stumm in den Aufzug und beachtete die Menschen um mich herum nicht. Als ich endlich die Badezimmertür hinter mir schließen konnte, schloss ich die Augen und genoss die Ruhe und, so paradox es klang, das Alleinsein.

Die Stille, die mich gerade umgab, war beruhigend und nicht beängstigend. Ich machte mich frisch und verweilte noch ein, zwei Minuten länger im Badezimmer, ehe ich es verlassen musste. Ich sah auf dem Bett, welches frisch bezogen wurde, den roten Anzug liegen. Li schien das Dunkelrot zu gefallen, und ohne Aufforderung von ihm zog ich mich um, während Li ebenfalls im Badezimmer verschwand.

Auch die Rolex fand ihren Weg an mein Handgelenk, und als Li herauskam, erinnerte er mich an den Mann, mit dem ich im Four Seasons zum Essen verabredet war. Seine Kleidung war eine moderne Variante einer klassischen Tracht.

Ich kämmte mir die Haare, und Li strich durch meine Haare. Verwirrt sah ich ihn an, denn es war keine liebevolle Geste. Es hatte etwas Prüfendes an sich. Als sich unsere Blicke trafen, erklärte er: „Ich werde mal einen Frisör kommen lassen. Deine Haare gefallen mir zwar strubbelig, aber es wird zu wild.“ Ich biss die Lippen aufeinander, denn ich wusste, dass ich über meine baldige neue Frisur keinen Einfluss haben werde. Ich hoffte nur, dass es mir noch gefiel und ich danach immer noch nach mir selbst aussah.

Doch gerade hatte ich keine Lust und Kraft, darüber zu diskutieren. Es war unnötig und einfach Zeitverschwendung. Meine grünen Augen wanderten an ihm entlang, und ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, und meinte: „Du siehst gut aus. Vielleicht sollten wir gehen.“

Schweigen legte sich über uns, aber es war nicht die angespannte Stille aus der Limousine, sondern eine, die nach Erschöpfung roch.
 

Als wir durch die Lobby zum Restaurant gingen, traf mich der Geruch. Keine schweren Gewürze, kein scharfer Essig, sondern Fett und Rauch – die unverkennbare Duftnote eines amerikanischen Grillhauses. Eine Kellnerin huschte mit einem Teller voller goldbrauner, knuspriger Pommes und massiven, glänzenden Rippchen an mir vorbei. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Es war, als würde mir Li nicht nur Essen anbieten, sondern einen kurzen Urlaub.

„Darf ich bestellen, worauf ich Lust habe?“, fragte ich, ohne groß darüber nachzudenken. Ich schluckte leicht. Es war eine so banale, alltägliche Frage, und doch bedeutete sie mir gerade so viel. Unsere Blicke trafen sich, und Li nickte kurz, seine Erlaubnis fühlte sich wie ein Sieg an. Eine winzige Anerkennung meiner Existenz, die über die Rolle des Wánjù hinausging. Ich durfte mal bestimmen, was ich aß. Die Flut der Dankbarkeit, die mich dafür überrollte, war widerlich, aber ich konnte sie nicht abstellen.

Wir wurden in ein Séparée geführt, das mit dunklen Holzpaneelen und schweren Vorhängen von dem geschäftigen Treiben des Hauptraums abgetrennt war. Yú saß bereits am Tisch und nickte uns zu. Ihm gegenüber saß Williams, derselbe Mann im Anzug, der heute Morgen so leicht über mich hinweggesehen hatte. Er erinnerte mich an einen Immobilienmakler.

Sie hatten beide bereits dunkle Getränke vor sich stehen, vermutlich Whisky auf Eis. Ich erinnerte mich, wie mein Vater immer gesagt hatte, dass man Whisky nicht mit Eis trank – zu kalt. Die Nuancen des Geschmacks waren nicht mehr zu schmecken. Ein kurzes, trauriges Lächeln glitt über meine Lippen, als ich an ihn dachte. Wegen meines Outings hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich fragte mich, ob er mich auch vermisste oder sich Sorgen machte. Doch ich schüttelte den Gedanken ab und sah die Männer vor mir wieder klarer

Li setzte sich ans Kopfende, Williams und Yú saßen sich an den Seiten gegenüber. Ich zögerte kurz, aber Li signalisierte mir mit einer knappen Handbewegung, dass ich an seiner Seite Platz nehmen sollte – eine weitere öffentliche Zurschaustellung meines Status. Jian und zwei weitere Leibwächter positionierten sich stumm an der Tür und der Wand.

Williams hob sein Glas und prostete Li zu. Es war eine freundliche Geste, und doch merkte ich, dass Williams sich bewusst war, mit wem er am Tisch saß, denn sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. Er sah Li prüfend an. „Mr. Li. Es ist ein Vergnügen, dass unsere Verhandlungen geglückt sind und wir nun einige Details besprechen können.“

Li erwiderte den Toast auf Kantonesisch, den Yú sofort für Williams übersetzte: „Ebenso, Mr. Williams.“

Der Kellner nahm meine Bestellung auf: Ich wählte die Rippchen mit den ersehnten Pommes und einer Cola. Das Gespräch unter den Gaunern interessierte mich gerade nicht. Ich wollte einfach mal wieder so richtig ungesund essen und vor allem etwas typisch Amerikanisches. Li bestellte ein Steak und seine Konzentration galt Williams.

Als die Bestellungen aufgenommen waren, begann das eigentliche Gespräch. Es war nicht so laut und aggressiv wie das Treffen mit den Geldeintreibern, sondern ruhig und in einer Sprache, die auf den ersten Blick harmlos klang. Was für mich nach der Woche nur seltsam war, war, dass ich alles verstand.

„Was die Logistik der Lieferung angeht“, begann Williams, lehnte sich vor und senkte seine Stimme minimal, „Ihr Kontakt in Singapur ist bereit, hat mir Mr. Yú gesagt. Aber wir müssen sicherstellen, dass die Papiere halten im Falle des Falles. Wir können das nicht einfach durch den üblichen Kanal laufen lassen, wenn wir über so eine Größe reden.“

Li sah Williams mit seinen dunklen Augen an, seine Hände lagen entspannt auf dem Tisch. Er verstand Williams' Worte, das wusste ich genau. Daher war ich überrascht, als er sich zu mir beugte. „Wánjù“, sagte Li, seine Stimme so beiläufig, als würde er mich nach der Uhrzeit fragen. „Er spricht von ‚Papieren‘ und ‚Größe‘. Er benutzt diese harmlosen Worte, wie würdest du das verstehen?“

Mein Hals zog sich zusammen. Woher zum Teufel sollte ich das wissen? Ich war Student und kein Waffenschmuggler. Ich atmete tief durch und zwang mich, meine professionelle Maske aufzusetzen, so gut ich das in dem Bereich konnte. Was konnte Williams damit meinen?

„Ich vermute, Mr. Williams spricht nicht über Speditionsdokumente“, erklärte ich leise. „Er spricht über Glaubwürdigkeit. ‚Die Papiere halten‘ bedeutet einfach nur, dass sie einer Prüfung standhalten und keine weiteren Fragen aufgeworfen werden. Er möchte wissen, dass du ihm eine so wasserdichte Lüge verkaufen kannst. Ich schätze, damit seine Leute nicht irgendwo eingesperrt werden.“ Ich sah Williams an, dessen Mundwinkel zuckten. Ich schien es richtig verstanden zu haben. „Ich vermute, dass man so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich ziehen will.“ Ich sah Williams an. Der Amerikaner musterte mich, eine vage Neugier und Irritation in seinem Blick.

Li lächelte, dieses Mal ein echtes Lächeln der intellektuellen Befriedigung. „Ausgezeichnet. Yú, sag Mr. Williams, dass unsere Konten in Panama jederzeit bereit sind, das ‚Problem der Papiere‘ zu lösen. Außerdem sind wir ja sicher nicht die Ersten, die von euch Waffen bekommen.“

Williams lachte leise und schüttelte nur den Kopf, etwas gezwungen. „Natürlich nicht. Die Sachen werden auch nicht zusammen ankommen. Man muss alles noch zusammenbauen. Wir sind Profis, das steht ja außer Frage. Und außerdem sprechen wir nicht über Spielzeuge, sondern über das, was die 'Big Dogs' brauchen.“

Williams benutzte bewusst das Wort Waffe nicht, was nur klug war, da wir in einem Restaurant waren. Auch wenn ich nicht glaubte, dass jemand uns belauschen konnte

Li wandte sich wieder an mich: „Was meint er mit 'Big Dogs'? Ist das ein amerikanischer Slang?“ Kurz war ich verwirrt, denn der Begriff war nichts Besonderes. Natürlich kannte ich den Begriff. Wichtigsten Leute, die Chefs oder die Hauptakteure in jedem Bereich – ob in der Wirtschaft oder im Sport – wurden so genannt. Doch es war vermutlich ein zu kulturell geprägter Begriff, und ich verstand, dass Li ihn nicht zuordnen konnte.

Ich antwortete schnell, ohne nachzudenken, und erklärte ihm: „'Big Dogs' ist ein Ausdruck für die Hierarchie. Die, die oben stehen, werden so genannt. Du bist hier quasi auch der Big Dog. Wenn er sagt, dass du das bekommst, was die Big Dogs bekommen, meint er vermutlich, dass die… Spielzeuge sehr gute Qualität haben und vermutlich auch sein Boss… damit spielt.“ Ich kam mir albern vor, es so auszudrücken, denn wir sprachen von Waffen, die vermutlich auch eingesetzt werden würden. Ich war dankbar, als die Cola kam und trank sofort einen großen Schluck.

„Faszinierend“, murmelte Li, und kurz spürte ich sanft seine Hand, die über meinen Oberschenkel strich. Schnell verschwand sie wieder. Li lehnte sich zurück, sah mich triumphierend an und sagte dann zu Williams: „Ich sehe, mein 'Spielzeug' ist nicht nur hübsch, es ist auch nützlich. Es versteht die amerikanische Seele besser, als manch anderer. Aber sprechen wir jetzt Klartext: Wir zahlen 15 Prozent über dem Marktpreis, wenn der Liefertermin steht. Und es gibt keine weiteren Verzögerungen.“

Mit diesen harten Worten war das Vorgeplänkel beendet. Als das Essen gebracht wurde, war ich erleichtert. Die Rippchen waren zart und fielen fast vom Knochen, die Pommes salzig und heiß. Ich aß gierig, während Li und Yú in komplexem Kantonesisch und Englisch über Route, Transitdokumente und Zollsicherheit stritten. Ich bestellte mir eine weitere Cola und hörte einfach nur zu. Ich war nur noch ein stiller Zeuge, der glücklich etwas Vertrautes aß. Es war die traurigste Mahlzeit meines Lebens, aber mein Magen wusste es nicht und war einfach nur dankbar.

Ich säuberte mir die Finger an der Serviette und ließ den Blick gleiten. Es war Stille am Tisch, und ich zuckte innerlich zusammen, als ich Williams fragen hörte: „Woher kommt… dein Spielzeug? Wieso hast du ihn?“ Es war schrecklich, dass sie nicht einfach Jasper sagten. Doch auch wenn Li es nicht ausgesprochen hatte, er wollte nicht, dass ich jemandem meinen Namen sagte.

Mein Name schien wie ich etwas „Besonderes“ zu sein. Ich schwieg, denn ich durfte nicht antworten, das war mir klar. Lis dunkle Augen glommen zu mir, und er meinte: „Ich habe ihn nicht gefunden, er ist zu mir gekommen und ich habe mich entschieden ihn zu behalten.“ Es war wie ein Schlag ins Gesicht, und ich schluckte hart. Ich spürte hinter meinen inneren Auge Tränen, doch ich zwang sie zurück. So grausam es war, es stimmte, was Li sagte. Und doch schrie mein Verstand, dass das keine Entschuldigung für alles war, was danach passierte. Williams sah mich an und unsere Blicke trafen sich. Unergründlich war der Blick in die hellen Augen, und ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Ich unterbrach den Blickkontakt und sah über seine Schulter. Verstand er, dass ich nicht freiwillig hier war? Doch es war eigentlich egal.

Nachdem, was wir gerade besprochen hatten, würde er mir nicht helfen. Er war ebenso in die Geschäfte verwickelt wie Li, nur eben Zuhause. „Interessant“, meinte Williams nur und sah von mir zu Li. „Ich habe gehört, Sie haben einen exklusiven Club in Hongkong… Kommt er daher?“ Sprachlos sah ich ihn an. Fragte er gerade wirklich, ob ich ein Prostituierter bin? Ich war einfach nur sprachlos. Vom Psychologiestudenten zum Stricher, dachte ich zynisch und beschäftigte mich lieber mit dem Rest meiner Cola.

Li lachte leise und legte eine Hand besitzergreifend in meinen Nacken. Ich erschauderte, als ich die rauen, kräftigen Finger bemerkte, die nun leicht über den Nacken streichelten. Ein unnatürlicher und deutlicher Besitzanspruch. Und mein Puls begann zu rasen, denn er war viel zu nah an meinem Hals. „Nein, aber wir reden nicht über ihn. Er geht dich nichts an.“, beendete Li das Gespräch über mich, und auch wenn es paradox klang, war ich dankbar dafür. Denn ich wollte nicht, dass man so etwas von mir dachte.

Li strich sanft, nahezu liebevoll, über meinen Nacken, ehe er die Hand wieder sinken ließ. Wir saßen nur noch kurz da, dann gingen wir endlich hinauf in das Hotelzimmer. Li sah mich an und trat auf mich zu. Ich blieb stehen, und wir blickten einander in die Augen. Ich war müde und erschöpft. Der ganze Tag war nur noch anstrengend gewesen.

Ich atmete aus, meine Schultern fielen herunter, und ich wich Lis Blick aus. Ich wollte nicht mehr. War der Tag endlich rum?

Seine kräftige Hand legte sich an meine Wange, und er zwang mich, den Blickkontakt wieder aufzunehmen. „Du bist müde“, stellte er das Offensichtliche fest. „Geh besser schlafen. Ich gehe noch ins Casino.

Dankbarkeit durchflutete meinen Körper, und ich merkte erst, dass ich meinen Kopf gegen seine Hand drückte, als ich es bereits tat. Es war eine unkontrollierte Reaktion auf die Erlaubnis, endlich Ruhe zu finden. Ein ehrliches Lächeln schlich sich auf seine Lippen, und sanft und liebevoll war der Kuss, den er mir schenkte. Ich erwiderte den Kuss, denn was blieb mir anderes übrig?

Ich schmeckte den Wein auf seinen Lippen, und er löste sich sanft von mir. Ich wusste, dass er die Farbe meiner Augen liebte und sah ihm bewusst in die Augen. „Viel Glück“, meinte ich leise, und nachdem Li noch kurz auf der Toilette war, war ich endlich alleine im Hotelzimmer.
 

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Ein paar Worte zu diesem Kapitel...
 

Keine Ahnung, wer sich das hier alles durchliest, aber ich wollte kurz etwas mit euch teilen, bevor sich jemand an den Summen oder Lis Macht „stört“.

:)
 

Die Zahlen, die ich hier nenne, sowie das Einkommen von Li, sind tatsächlich nicht übertrieben. Ich war anfangs skeptisch, ob ich die Triaden oder die Yakuza als Thema nehmen soll. Da ich selbst aber schon in Hongkong war, fiel die Wahl auf die Triaden. Bei meinen Hintergrundrecherchen war ich regelrecht entsetzt, wie groß und vernetzt diese Organisation ist und in welchen finanziellen Dimensionen sich das Ganze abspielt.
 

Tja... ich würde sagen: Jasper hat wirklich tief in die Scheiße gegriffen. Wie seht ihr das? Schreibt mir gerne mal, wie ihr diese Machtverhältnisse wahrnehmt!
 

Schönen Abend Euch

Woche 2: Die Illusion der Wahl

So, nun bekommt der Drache eine neue Facette. Li ist ein extrem komplexer Charakter – absolut skrupellos und doch ‚leider‘ nicht nur böse. Genau das macht es Jasper (und vielleicht auch euch) so schwer, ihn einfach nur zu hassen. Bitte bedenkt beim Lesen, dass Jasper unter massiver Isolation und Einsamkeit leidet. Das ist eine klassische Methode, um jemanden emotional zu zermürben – und ja, das wirkt leider schon in einem so kurzen Zeitraum.
 

Ich würde mich natürlich sowohl über Empfehlungen als auch über einen Austausch freuen – egal ob per Nachricht oder Review! :)

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Am letzten Tag in Macau verbrachte ich die meiste Zeit damit, mit Li durch die Straßen zu gehen. Er kaufte mir neue Kleidung und neuen Schmuck, dabei war ich nie ein Mann, der Schmuck mochte. Er staffierte mich aus wie eine Schaufensterpuppe. Ich bekam eine teure Sonnenbrille, und wir verbrachten den Nachmittag im Spa des Hotels. Erneut zwang ich meinen Körper dazu, diese Ruhe zu genießen, denn ich wusste nicht, wie oft ich noch Ruhe bekommen würde. Das Abendessen verbrachten wir zu zweit, und erneut zwang Li mich dazu, mit ihm zu schlafen. Ich ließ es erneut zu, denn weiterhin hatte sich daran nichts geändert, dass ich keine Wahl hatte. Ich versuchte, dieses Spiel so gut ich konnte mitzuspielen, doch es war schwer.

Ich fühlte mich schmutzig und ich fühlte mich missbraucht. Ich hasste es, dass mein Körper mich betrog und war ihm doch dankbar. Ich wollte den schwarzen Drachen nicht wütend machen. Ich wollte einfach nur nach Hause. Doch ich hatte noch keinen Plan wie ich das erreichen kann und es war elendig frustrierend.

Wir flogen mit dem Hubschrauber zurück nach Hongkong, und ich betrachtete die verhasste Skyline. Wie bei meiner Ankunft lag dichter Smog um die Hochhäuser, und das Grau der Stadt fand sich in meinem Inneren wieder. Die Rückkehr nach Hongkong war ein Sturz in die Stille und in den Alltag, der sich einschlich, obwohl ich es nicht wollte. Die Limousine hatte mich vom Flughafen zurück in die Wohnung gebracht, und die schweren, schallschluckenden Aufzugtüren schlossen sich hinter mir, als würden sie die gesamte Welt aussperren. Macau fühlte sich an wie ein Fiebertraum aus Fett, Rauch und dem Ausbruch aus der Stille. Hier herrschte wieder der polierte, kühle Luxus des Alltags. Hier in Hongkong wurde ich nicht mitgenommen von Li. Wieso, konnte nur er beantworten.

Li trainierte mich wieder jeden Tag, und die körperliche Bestätigung tat mir gut, auch wenn ich es nicht wollte. Er bestimmte mein Essen und eigentlich alles, was ich machen durfte. Er kaufte mir Bücher, die ich haben wollte, und der größte Luxus war, dass er amerikanisches Fernsehen installierte und ich Filme und Serien schauen konnte.

Die zwei oder drei Tage verschwammen. Es gab keine Wochentage mehr. Doch es mussten über zwei Wochen her sein. Zwei Wochen, die sich viel länger anfühlten. Es gab keine weiteren Abendessen mit Waffenhändlern, keine plötzlichen Fahrten zu dubiosen Teehäusern. Es gab nur Li, Yú, Jian und das endlose, seidenweiche Schweigen des Penthouses. Die Haushälterin sprach weiterhin nicht mit mir, und ich lernte, sie zu ignorieren. Ich sah keinen anderen Menschen. Keine Bediensteten, keine Sicherheitskräfte, die nicht in Uniform und stumm waren. Li hatte mich effektiv von der Welt isoliert. Ich verbrachte Stunden damit, einfach auf die Skyline zu starren, die sich vor mir erstreckte, las Bücher oder suchtete eine Serie nach der anderen durch.
 

Am Abend, wenn Li im Club war oder geschäftlich telefonierte, zog ich mein kleines Notizbuch hervor. Es war meine letzte Bastion. Alles, woran ich mich von Macau erinnerte, hatte ich aufgeschrieben. Alles, was falsch war und sich doch richtig angefühlt hatte. Ich schrieb es auf und las mir immer wieder die ersten Sätze durch, die in dem Heft standen: „Ich wurde entführt. Ich werde ich bleiben. Ich werde daran nicht zerbrechen. Ich werde wieder leben.“ Ich klammerte mich an diese Sätze und fügte noch etwas hinzu: „Ich bin Jasper.“ Denn meinen Namen hatte ich seit dem einen Moment in Macau nicht mehr gehört, und er wurde auch nicht mehr genannt. Sie nahmen ihn mir einfach.

Ich wiederholte diese Sätze, bis sie in meinem Kopf brannten. Ich wollte mich nicht verlieren in dieser ausweglosen Lage. Doch die bleierne Panik war in den Tagen einer Ohnmacht gewichen, und trotz aller Versuche, nicht zu zerbrechen, spürte ich immer deutlicher die tiefen Risse in mir.

Es war spät am Abend, und ich konnte nicht schlafen. In wenigen Tagen war ich drei Wochen hier. Drei Wochen. Das war länger, als mein gesamter Urlaub gedauert hätte. Doch während mein Urlaub nur so an mir vorbeigezogen war, hatten sich diese drei Wochen dann wie eine zähe Masse angefühlt. Es war schrecklich, dass ich nun schon so lange hier war. Albträume suchten mich heim, und so kam es, dass ich nachts unten stand und hinaus auf die Stadt blickte. Müde und erschöpft lehnte ich meine Stirn gegen die Scheibe und ließ die Schultern hängen. Schwer atmete ich aus und genoss die Kälte an meinem Kopf.
 

Ich bemerkte Li erst, als er sprach. „Was machst du hier?“, fragte Li auf einmal, und ich zuckte zusammen, denn ich hatte nicht mit ihm gerechnet. Ich dachte, er wäre noch unterwegs, wie fast immer abends. „Ähm“, kam es wenig intelligent von mir, und ich betrachtete ihn. Er schien erst vor Kurzem wieder aus dem Club gekommen zu sein. Er hatte elegante Kleidung an, die aber nicht zu förmlich aussah. Ich beneidete ihn, dass er einfach rausgehen konnte, wann immer er wollte. Was würde ich alles für diese Freiheit geben. Wahrscheinlich war er noch in seinem Arbeitszimmer gewesen.

Kurz fragte ich mich, ob ich laut war oder wieso er mitbekommen hatte, dass ich hinuntergeschlichen war. Nachdenklich betrachtete ich ihn. Seine massiven Schultern ließen mich immer noch nahezu schmächtig wirken, und seine Größe stach für einen Asiaten immer noch ins Auge. Sein Äußeres hatte mich so geblendet, dass es im Nachhinein schmerzte.

„Ich kann nicht schlafen“, meinte ich ehrlich und blickte wieder auf die Stadt, denn ich wollte ihn nicht weiter anschauen. Es war seltsam. Hier oben, weit über allem, bekam man nichts mit von dem Gedränge der Metropole. Die letzten Wochen waren so anstrengend gewesen wie manche Jahre. Jeden Tag gab es entweder nur Isolation oder das Grauen. Li ließ sich entspannt auf sein helles Sofa nieder und schwieg einige Augenblicke, und ich merkte, dass er mich beobachtete, wie ich ihn vorhin.

Ich fragte mich, was er sah. Ich war immer noch groß und dank seiner Disziplin immer noch sportlich und nicht schmächtig. Doch ich merkte jeden Tag, wie ich mich veränderte, dass ich nicht mehr ich war. Der alte Jasper war frech und manchmal etwas überheblich und offenbar blind für Gefahren. Der neue war still und vorsichtig. Der alte war fordernd vielleicht sogar manchmal arrogant, der Neue zurückhaltend. Ich war nicht mehr derjenige, den er kennengelernt hatte. Derjenige, den er haben wollte. Das alles hatte er in so kurzer Zeit zerstört. Und es war bezeichnend, dass das alles keinen Monat gedauert hatte – und leider so brutal realistisch.

„Du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du Albträume hast“, meinte er gelassen und betrachtete mich. Langsam schüttelte ich den Kopf und sah ihn verwirrt an. Was glaubte er eigentlich, wer er für mich war?

„Li“, meinte ich leise und drehte mich zu ihm. „Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass der Grund meiner Albträume der ist, dass man mich entführt hat?“ Lis Lächeln verblasste nicht, aber es veränderte sich in etwas, was ich nicht gut kannte. „Ich kann verstehen, dass du damit Probleme hast“, meinte er ruhig und kam entspannt auf mich zu. „Doch du vergisst dabei eins: dass du die Wahl hattest.“
 

Es war zum Mäusemelken. Ich raufte mir die hellbraunen Haare und sah ihn zornig an, denn diese Aussage war wie Gift; sie verdrehte alles, was war, in eine vollkommen falsche Richtung. „Ich hatte keine Wahl. Du hast entschieden. Wenn ich eine Wahl gehabt hätte, hätte ich alles wissen müssen. Nur wenn man alles weiß, kann man eine Wahl treffen.“ Li trat neben mich, und es war seltsam, hier mit seinem Entführer zu stehen und sich über die Tatsache zu unterhalten, dass ich entführt wurde. Und keiner von uns beiden schrie, trat oder sonst etwas machte. Wir unterhielten uns wie bei einer intensiven Diskussion. Als würden wir über Politik streiten. Li schwieg und sah mich weiterhin einfach an.

„Warum hast du mich entführt, Li?“, wollte ich leise wissen und betrachtete den Mann neben mir, der nun über alles, was mich anging, bestimmen konnte. Sogar über mein Essen.

„Warum? Weil du mich in diesem Fitnessstudio angemacht hast, obwohl du keine Ahnung hattest, wer ich war. Du wolltest also nicht meinen Einfluss und mein Geld. Du hast mich herausgefordert – mit deiner Art, deinem Verhalten, mit allem“, sagte er, und seine Stimme klang seltsam, und er betrachtete mich intensiv, und es war fast schon verstörend. „Du bist anders, Jasper. Alles in meiner Welt ist vorhersehbar, kaufbar, leicht zu ersetzen. Jede Person an meiner Seite war ersetzbar. Du bist das irgendwie nicht. Weil du es wagst, dem Drachen die Stirn zu bieten.“

Es war krank, was er sagte, und doch war es seltsam, dass er meinen Namen nutzte. Ich glaubte nicht, dass es ihm aufgefallen war, denn es war etwas, was er sonst vermied. Ich blieb stumm, denn ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Es war fast schon wahnhaft, was er da sprach; krank, vor allem, wenn man bedachte, dass wir einander kaum bis gar nicht kannten. Wir hatten zwei intensive Tage zusammen. Mehr nicht, und er sprach, als sei es wer weiß was gewesen? Schicksal? Schweigend sah ich ihn einfach nur an. Was sagte man auch dazu? Es war nichts Romantisches, es war wahnhaft. „Ich habe dir ein Angebot gemacht und dir die Wahl gelassen. Du hast abgelehnt. Und nun?“ Li kam weiter auf mich zu, und seine Hände umrahmten mein Gesicht. „Es war eine logische Notwendigkeit.“

Notwendigkeit? Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken, denn das, was er sagte, war krank. Es war seltsam, und langsam trat ich einen Schritt zurück. „Aber Li“, meinte ich fast schon verzweifelt, „du zerstörst aber alles, was mich ausmacht. Ist dir das nicht klar? Das, was mich besonders gemacht hat, wird zerstört…“, hauchte ich leise, denn der Grund seiner Entführung war mehr als verstörend, denn was wenn er merkte, dass es nicht zurückkam?

Li schüttelte leicht den Kopf und meinte: „Nein. Du musst dich nur an das hier gewöhnen. Ich glaube, dass der alte Jazz wiederkommen wird, auch wenn es etwas dauert. Ich habe dich nie als schwachen Mann erlebt, und deswegen glaube ich auch, dass du durch diese Phase unbeschadet rausfinden wirst. Ich weiß, dass das eine schwere Zeit ist. Es ist halt einfach eine Umstellung.“ Es gab selten Augenblicke, in denen ich noch sprachloser wurde, als ich eh schon war. Ich blinzelte einige Male und wusste wirklich nichts darauf zu sagen.

War er dumm?!

Nein war er nicht, dass hatte er mir gezeigt, kein dummer Mensch würde solch ein Imperium halten können. Also war er in seiner sozial Emotionalen Entwicklung mehr wie verkümmert. Er hatte mich mit Waffengewalt aus dem Hotel entführen lassen. Er hatte mich hier eingesperrt und mich in Isolation gehalten. Er hatte mich gewürgt und danach missbraucht, und nicht zu vergessen die Vergewaltigung von Lángs Frau in Macau. Und auch die Male danach waren zwar körperlich einvernehmlich gewesen, aber im Grunde war jede Intimität mit ihm sexualisierte Gewalt. Jeder Kuss jede intime Berührung war eine Grenzverletzung!
 

Das alles sollte ich vergessen? Hinter mir lassen? Und dann wieder der Alte werden? Der ihn wieder aus Spaß in den Pool schubste? Der ungezwungen mit ihm umging? In was für einer kranken Welt lebte dieser Mann? Doch es war erschreckender. Fast hätte ich mir gewünscht, er hätte mich einfach als seine Matratze, als Sexspielzeug, hierbehalten. Denn das wäre emotionslos. Das, was er von mir verlangte, war mehr als nur Bedürfnisbefriedigung. Wie einsam musste Li sein, dass er mich so bei sich behielt und glaubte, dass es nur eine Phase war. Das war genauso wenig eine Phase wie damals als ich mich geoutet hatte und Mum verzweifelt daran glaubte, dass es irgendwann wieder anders sein würde.

Sanft streichelte Li meine Wange und meinte: „Ich zeige dir meine Welt, und ich werde dir Zeit geben. Aber ich erwarte auch, dass du dich anpasst.“ Ich sollte mich anpassen? Anpassen an seine Vorstellung vom Leben? Ich wusste nicht, ob ich das konnte. Doch jetzt darüber zu diskutieren, brachte nichts.

Er küsste mich sanft, und wahrscheinlich zu spät zwang ich meinen Körper, auf den Kuss zu reagieren. Meine grünen Augen suchten seinen Blick, und leise flüsterte ich: „Ich kenne dich doch gar nicht… wir kennen uns doch gar nicht.“ Unschlüssig betrachtete mich Li, und seine Finger strichen nahezu sanft eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. Er nickte leicht, stimmte mir zu und meinte: „Ich zeig dir morgen, wo ich aufgewachsen bin. Und wenn du das Gefühl hast, mich nicht zu kennen, sollten wir mehr Zeit zu zweit verbringen.“ Perplex sah ich ihn an und fragte mich, was er sich davon versprach. Es würde an der Tatsache nichts verändern, dass er mein Entführer war, und doch war er leider der einzige Mensch, mit dem ich mehr Zeit verbrachte als mit anderen.
 

Ich hatte nicht bei Li geschlafen und die Albträume seiner Nähe vorgezogen, und so saß ich gegen 11 Uhr vormittags nahezu verkatert am Tresen seiner Küche und trank einen Kaffee. Wenigstens war die Kaffeemaschine gut, dachte ich nur zynisch und trank. Ich hoffte, dass wir heute nicht trainierten, und als Li entspannt und offenbar vollkommen erholt runterkam, betrachtete er mich und schüttelte leicht den Kopf.

„Du hättest bei mir schlafen können, Wánjù“, meinte er nur und drückte sich selbst einen frischen Kaffee. Ich schwieg und war immer noch in Gedanken bei seiner Erklärung, warum er mich entführt hatte. Ich musste so schnell wie möglich hier raus, sonst würde ich aus diesen krankhaften Fängen nicht mehr entkommen. „Láng ist übrigens untergetaucht und versucht nun, gegen mich zu operieren“, meinte Li entspannt und beendete meinen Gedankenstrudel. Ich nickte es nur ab und fragte mich, ob ich nicht hoffte, dass Láng es schafft, Li auszuschalten.

Doch noch bevor ich weiter fragen konnte, sprach Li schon weiter: „Wir lassen das Training heute ausfallen… Ich zeige dir, wo ich aufgewachsen bin… Ich habe dir gesagt, dass meine Eltern Arbeiter waren. Ich zeige dir, was du alles erreichen kannst, wenn du nur daran glaubst. Wenn du anfängst, an mich zu glauben.“

An ihn glauben? An was? Dass ich durch Menschenhandel und Vergewaltigung ein besseres Leben haben würde? Ich sagte dazu nichts. Es war einfach nur falsch, alles davon. Und ich war mir unschlüssig, ob ich wirklich wissen wollte, wie Li aufgewachsen war. Es machte ihn für mich menschlicher, greifbarer, und das war gefährlich. Doch die Möglichkeit, diesem Käfig für einige Stunden zu entkommen, war zu verlockend. Die Wohnung begann mich zu erdrücken, und es gab Augenblicke, da dachte ich, dass ich nicht mehr atmen konnte.

Und so verließen wir nach dem Frühstück die Wohnung, und ich war erleichtert, als ich die Autos sah, die eigentlich nur eine fahrende Festung sind. Die Leibwächter, die uns heute begleiteten, kannte ich nicht wirklich; erst hinten beim Auto stehend entdeckte ich Jian. Kurz trafen sich unsere Blicke, und leicht und etwas vorsichtig lächelte ich. Es freute mich, dass er das Lächeln kurz erwiderte. Li sprach auf Kantonesisch mit den Leuten und setzte sich mit mir auf den Rücksitz. Ich sah den Blick des Leibwächter der mich damals geschlagen hatte. Er sah mich distanziert und ernst an. Ich wich seinem Blick aus.
 

Wir fuhren durch die Stadt und verließen das reiche Viertel schnell. Der sterile, kühle Atem des Penthouses wich einem schweren, feuchten Schleier aus Frittierfett, Abgasen und Gewürzen. Hier war es anders als in Gebieten, in denen wir uns sonst aufhielten. Es war enger, voller und lauter, als ich es mit Li gewohnt war. Der Lärm drang durch die Isolierung, pulsierend und unaufhörlich. Die Limousine tauchte aus der Welt der Privilegierten in die gnadenlose Dichte von Hongkong ein. Es war, als würde man in eine offene Wunde blicken. Hier war der Reichtum etwas, von dem man nicht einmal zu träumen wagte, jedenfalls nicht in den Dimensionen, wie Li es auslebte.

Die Gassen wurden enger, die Gebäude stießen fast aneinander. Bunte Wäscheleinen hingen über den Köpfen der Fußgänger, Neonschilder in leuchtendem Rot und Grün überstrahlten die Gesichter der Passanten. Hier lief keiner in überteuerten Anzügen herum. Hier war deutlich, dass jeder Cent mehrfach umgedreht wurde.

Ich sah Kinder dreckig auf der Straße spielen und drehte mich zu Li. Hatte er auch so mit verdreckter Kleidung und vielleicht ohne Schuhe hier in den Gassen gespielt? Hatte er sich auch aus der Ferne die Reichen anschauen müssen und wusste er abends nicht, ob es eine warme Mahlzeit gab? Ich zwang meine Gedanken weg davon und räusperte mich.

„Wo sind wir?“, fragte ich leise. Die Bilder der Clubszene und der Gewalt in Macau waren in dieser überwältigenden, echten Hektik seltsam fern und wirkten irrelevant, obwohl sie das absolut nicht waren. Hier waren die Ängste und Nöte der Menschen anders. Existenzieller. Etwas, mit dem ich mich persönlich besser identifizieren konnte. Ich war nie arm gewesen, aber hätte mich Jenny damals nicht bei sich aufgenommen, wäre es sicher enger geworden. Bei mir ging es zwar nie darum, ob es eine Mahlzeit gibt, aber es gab Zeiten, da musste ich sehr darauf achten, was ich mit meinem Geld machte und was nicht.

Li lächelte. Es war nicht das berechnende Lächeln des Bosses, sondern ein kurzes, kühles Zucken, das fast etwas Stolz enthielt. Stolz, dass er es hier rausgeschafft hatte, und eigentlich hätte er darauf auch stolz sein können, würde nicht zu viel Blut an seinen Händen kleben.

„Mong Kok“, sagte er beiläufig. „Ein Ort, an dem die Regeln nicht vom Gesetz, sondern vom Überleben geschrieben werden. Das ist mein Anfang, Wánjù... Das war mein Viertel. Das war das, was für mich mein Leben war.“ Wir hielten vor einem unscheinbaren, schmutzigen Wohnblock, der zwischen einem belebten Imbiss und einem Handyladen eingequetscht war. Jian öffnete die Tür. Wir wirkten so fehl am Platz, und ich sah, wie einige Menschen uns neugierig, andere ängstlich musterten.

Als ich ausstieg, traf mich die Stadt wie eine Welle. Der Geruch schlug mir entgegen: feuchte Hitze, der scharfe Geruch von getrocknetem Fisch, das Gebrüll eines Händlers, der beinahe gegen meine Schulter stieß und Obst verkaufen wollte. Meine Sinne, die im Penthouse hungern mussten, waren sofort überfordert. Hier war das echte Leben, unkontrolliert, schmutzig, gefährlich – das genaue Gegenteil von Lis poliertem Reich. Ich saugte die Reizüberflutung in mich auf und fragte mich im selben Moment, ob ich hier eine Chance zur Flucht hätte. Doch Jian und zwei weitere, unauffällige Wachen verschwanden sofort in der Menge. Ich war umzingelt, und wohin sollte ich fliehen in der Fremde, ohne Pass und ohne Handy? Ich würde sofort zurückgebracht werden.

Li ging nicht in den Block. Er führte mich in eine enge, dunkle Seitengasse, wo der Müll in Plastiksäcken aufgestapelt war. In seinen teuren Sachen wirkte er so falsch hier, und ich konnte mir nur sehr schwer vorstellen, dass dieser Mann aus diesem Elend kam. Er blieb vor einer rostigen Stahltür stehen, die kaum breiter als er selbst war.

Ich folgte stumm und beobachtete alles. „Dahinter“, sagte er und deutete mit dem Kinn auf die Tür, „habe ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr gewohnt. 15. Etage, kein Aufzug und ab und zu fiel der Strom aus. Ein Zimmer für meine ganze Familie. Hier lernte ich, dass Gerechtigkeit ein Luxus ist, den sich nur die Reichen leisten. Hier lernte ich, dass Stärke das einzige Gesetz ist. Hier traf ich meinen Dai Lo… so was wie einen Paten.“

Mein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Er zeigte mir eines seiner größten Geheimnisse. Nicht aus Liebe, sondern um seine Ideologie zu untermauern. Dieses Wissen war für ihn die ultimative Geste der Vereinnahmung. Er machte mich zu einem Mitwisser, einem Teil seiner Geschichte.

„Pate? Klingt nach der italienischen Mafia…“, meinte ich leise und betrachtete das dreckige, riesige Haus, in dem der Mann aufgewachsen war. Li schmunzelte leicht und lehnte sich an das Tor, und auch sein Blick klebte an dem Haus, mit dem er so viele Erinnerungen verband. „Ja… Aber so verstehst du es besser… Die Strukturen sind ähnlich. Aber das muss dich nicht interessieren“, meinte er, und so wie er klang, war es eindeutig, dass es mich nicht zu interessieren hatte. Ich schluckte schwer und schwieg.

„Du hast gesagt, ich zerstöre dich. Das ist nicht richtig“, raunte er, seine Stimme war tief und fest. „Ich zerstöre nur die Illusion der Wahl, die dich schwach macht. Die Teile, die dich in dein kleines, langweiliges amerikanisches Leben zurückziehen wollen. Du kannst viel mehr haben.“ Er hob eine Hand und legte sie an meine Wange. Die Berührung in dieser stinkenden Gasse, die sein Ursprung war, fühlte sich intimer und bedrohlicher an als jeder erzwungene Kuss in seinem Penthouse.

„Ich helfe dir, dich neu zu erschaffen. Wie mein Pate, der mich fand, es für mich getan hat. Ich mache dich brauchbar für meine Welt. Sieh dich um: Wenn du nicht stark genug bist, dir zu nehmen, was du willst, wirst du genommen. Du bist nicht zerbrochen, du wirst neu geschmiedet. Und wenn du lernst, wie man in meiner Welt überlebt, dann wird der ‚alte Jasper‘, den du so sehr vermisst, stärker sein, als er es je in deiner kleinen, sicheren Welt hätte sein können. Darauf warte ich, dass du dich hier neu findest.“

Ein Schauer der Angst lief mir über den Rücken, und ich zitterte kurz. Ich wollte nicht neu geformt werden. Ich wollte ich bleiben kurz erschauderte ich. „Ich mag mich aber, wie ich bin. Ich will mich nicht verändern.“

„Ich mag dich auch, wie du bist. Ich habe von dir Anpassung verlangt, nicht komplette Veränderung, und das tue ich weiterhin“, meinte er und betrachtete mich mit seinen dunklen, kalten Augen. Doch wie er es drehte und wendete: Es war für mich genau das. Er formte mich, er veränderte mich.

Ich wusste nichts mehr zu sagen. Und wir gingen durch die Straßen seiner Kindheit, und es war erschreckend, denn es war wirkliche Armut, in der er gelebt hatte und aus der er sich herausgearbeitet hatte. Ich sah seine Schule, in welche sich sehr viele Kinder quetschten. Und ich blieb stumm. Li erzählte mir, dass er hier viel gespendet hatte. Seither habe die Schule immer Strom, und die Lehrer seien besser geworden. Auch habe man die Schule vergrößern lassen und für die Kinder würde es eine warme Mahlzeit geben.

„Ich weiß, woher ich komme, das habe ich nicht vergessen“, meinte er leise, und ich nickte nur. Ich wusste nicht, ob Li erkannt wurde, aber die Menschen sahen ihn ehrfurchtsvoll an, und ab und zu sprach er mit einem Verkäufer.

Wenn sie wussten, wer er war, dann war er in ihren Augen einer, der es geschafft hatte, und ihnen war es wahrscheinlich auch egal, wie er es aus diesem Viertel geschafft hatte. Sie sahen den Mann der ihr Viertel versuchte zu verbessern und dafür sorgte, dass die Kinder wenigstens einmal am Tag etwas Warmes im Magen hatten.

Der Gedanke an Flucht war verpufft, und unschlüssig dackelte ich hinter Li her und sah auf den Boden. Gerade war es erschreckend einfach zu verstehen, wieso er sich der Triade angeschlossen hatte. Wieso er gar nicht erst versucht hatte, etwas anderes zu machen. Wenn die eigene Existenz so sehr an Geld und Wohlstand geknüpft war, war der materielle Wert wichtiger als Moral und Anstand. Denn Moral und Anstand ließen Hunger nicht verschwinden. Sie brachten dir keine Medikamente, wenn du krank bist, und sie hielten dich nicht warm, wenn du frierst.

Ich verstand, warum Li sich für diesen Weg entschieden hatte, aber mir fehlte das Verständnis dafür, wie er geworden war. Auch wenn er es versuchte so darzustellen: Er war kein Held und auch kein Robin Hood. Das Geld, das er hier für Wohltätigkeit ausgab, war Geld, an dem sehr viel Blut klebte. Es war Geld welches er aus Terror erworben hatte.

Wir warteten auf den Wagen, und wir beide bemerkten ein Mädchen. Es war gestolpert, denn die Sohle ihrer Schuhe hatte sich gelöst. Sie murmelte etwas und schien den Tränen nahe zu sein. Li betrachtete sie und trat auf sie zu. Nicht das Mädchen, dachte ich verzweifelt, und Angst kam in mir hoch. Doch Li hockte sich kurz zu ihr und sprach mit ihr. Er holte die Brieftasche raus, und ich sah, wie er ihr viele Geldscheine in die Hand drückte. Sehr viel Geld für das Mädchen für ihn sicher nicht einmal erwähnenswert. Er deutete auf einen Laden, und das Mädchen und ich folgten seinem Finger mit den Augen. Es war ein Krämerladen, und ich vermutete, dass man dort auch Schuhe kaufen konnte. Das Mädchen hatte Tränen in den Augen, verbeugte sich sogar vor ihm und lief glücklich dorthin.

Sprachlos starrte ich ihn an, und ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Er sollte keine netten Handlungen machen. Er sollte keine menschliche Seite bekommen. Dennoch fragte ich: „Wieso hast du das gemacht?“ Li sah zu mir, und seine Erklärung machte es für mich nicht besser: „Ich weiß selber, wie es ist, keine guten Schuhe zu haben.“

Schweigend fuhren wir zurück in den Luxus, den er nun hatte und dessen Mauern aus Blut und Gewalt erstanden waren.
 

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Ich hoffe ihr hattet Spaß.

Schönes Wochenende.

Woche 3: Schutz des Drachens

Seit dem Ausflug in seine Vergangenheit hatte ich wieder einmal kaum die Wohnung verlassen. Und ich merkte wie die Stille und weite der Wohnung anfingen mich zu erdrücken. Die kurze menschliche Seite verschwand schnell. Doch die Erinnerung blieb, er war das was seine Umgebung aus ihn erschaffen hat. Was das System aus ihm gemacht hatte und doch entschuldigte das keine seiner Taten.

Li war unberechenbar wie eh und je. Manchmal beachtete er mich stundenlang nicht, saß nur mit einem Kopfhörer in seinem Sessel und sah Akten durch. Er verbrachte viel Zeit im Gym und schlug wie ein Besessener auf den Boxsack ein. Dann wieder kam er in mein Zimmer, schenkte mir ein teures Buch und verlangte, dass ich abends bei ihm blieb. Ich war dankbar, dass er mich nicht in den Teil seines Schlafzimmer schickte, in dem der Thron war.

Das Schlimmste war, dass ich seine Fürsorge fast schon begann zu erwartete. Er sorgte dafür, dass ich gut aß, schlief und immer neue Kleidung hatte. Auch erinnerte ich ihn, dass ich doch eigentlich Kantonesisch lernen wollte. Ich hasste mich dafür, dass mein Kopf bei seiner Rückkehr aus dem Club, selbst wenn es zwei Uhr morgens war, für einen kurzen Moment Erleichterung empfand. Er war zurück. Er war sicher. Ich war sicher. Die Dankbarkeit ist eine Lüge, dass wusste ich genau, doch ein Teil in mir schien die Lüge dankend anzunehmen. Ich musste mein Mantra fest ins Gedächtnis brennen, um diese unkontrollierte, widerliche Abhängigkeit abzuwehren.

Es fühlte sich an wie eine Mammutaufgabe und ich musste mir eingestehen, dass es dabei wohl immer wieder zu Rückschritten kommen würde und ich musste lernen die zu akzeptieren.
 

Die einzige Abwechslung war Jian. Pünktlich jeden Nachmittag nachdem Li gegangen war klopfte er an die Tür meines Zimmers.

„Wir fangen an mit Tönen“, sagte er, emotionslos, aber präzise. Ich lernte Kantonesisch nicht nur als Sprache, sondern als Werkzeug. Es fiel mir schwer, doch die Wichtigkeit zwang mich am Ball zu bleiben und auch nachdem Jian gegangen war weiter zu machen.

Jian lehrte mich nicht die Umgangssprache des Marktes, sondern die höfliche, fast militärische Sprache der Hierarchie und des Respekts. Und ich wagte am Anfang nicht mehr zu machen, als mit ihm zu lernen, denn wenn ich begann, zu viel zu fragen, würde er nicht mehr kommen dürfen. Und davor hatte ich Angst. Denn ich vermutete, dass er Li genau Mitteilen musste, was ich mit ihm gemacht habe.

Als wir die Struktur des Satzbaus durchgingen, fragte ich ihn: „Wie spreche ich einen Mann an, der mir überlegen ist, aber den ich nicht respektiere?“

Jian zögerte kurz, seine Augen verrieten nichts. „In dieser Welt“, antwortete er schließlich, „ist es wichtiger zu überleben. Also bleib einfach höflich, Jasper. Auch wenn es dir schwerfällt. “ Ich war dankbar, dass er meinen Namen nutzte. Er tat es nur, wenn wir alleine waren und doch bedeutete es mir so viel. Es zeigte mir, dass er mich nicht nur als Spielzeug, Objekt sah, sondern als Person. Es war etwas Menschliches in dieser Unmenschlichkeit, die mich umgab.

Ich lernte also die Regeln des Spiels. Ich lernte die Waffen der Höflichkeit. Jede Silbe, jeder Ton war ein neuer Schutzschild, der mich vor der vollständigen Isolation bewahrte.

Ich verstand, dass meine Flucht nicht körperlich, sondern kognitiv beginnen musste. Solange ich die Codes und die Regeln dieses goldenen Käfigs nicht verstand, würde ich sterben.
 

Ich hatte gerade eine Folge einer Serie zu Ende geschaut und ging langsam aus dem Kino hinunter in die Küche. Der Hunger zwang mich dorthin, und ich hörte Li in seinem Arbeitszimmer. Ich nahm etwas Obst und aß es im Gehen. Ich war noch nie wirklich lange in dem Raum gewesen. Meistens hatte er die Tür hinter sich verschlossen.

Gerade war die Tür offen, vermutlich war er gerade erst hier reingekommen. Die Möbel waren aus dunklem Mahagoni oder einem anderen teuren Holz. Hinter dem Schreibtisch stand eine große, beeindruckende Jadestatue eines chinesischen Drachen. Bücherregale standen an den Wänden, und ich sah einen Safe in dem Schrank. Falls mein Handy und mein Ausweis noch existierten, dann waren sie vermutlich hier.

Li saß hinter seinem Schreibtisch, hatte gerade ein Tablet in der Hand und sah zu mir auf. Unsicher sah ich ihn an und langsam fragte ich auf gebrochenem Kantonesisch, wie es ihm geht. Überrascht betrachtete er mich, dann glitt ein leichtes Lächeln über seinen strengen Gesichtsausdruck. Schnell antwortete er, und ich glaubte zu verstehen, dass er meinte, es ginge ihm gut. Er fragte etwas, und ich war mir nicht ganz sicher, aber der Kontext ließ fast nichts anderes zu.

Etwas unsicher meinte ich auf der fremden Sprache, dass es mir gut ging. Verlegen kratzte ich mich am Kopf und fragte, ob er Tee wollte. Doch ich wusste nicht, ob ich das Wort für Tee richtig ausgesprochen hatte, und das schräge Grinsen sagte mir eindeutig, dass ich etwas Falsches gesagt hatte.

Er legte das Tablet auf den Schreibtisch und ging auf mich zu. Er war entspannt und schien gerade gute Laune zu haben. Vielleicht war ich der Grund der guten Laune, das wusste ich nicht. „Ich denke nicht, dass ich einen Schrank trinken möchte.“ Etwas zögerlich grinste ich und meinte frech: „Man kann es ja mal versuchen.“

Langsam erhob er sich vom Schreibtisch und ging auf mich zu. Er zog mich in die Arme, und ich roch das vertraute und doch verhasste Parfüm von ihm. Dennoch legte ich meine Arme um ihn und erwiderte die Umarmung kurz. „Was wolltest du?“, fragte Li, und ich merkte seine Hand, die besitzergreifend durch meine Haare strich. Ich erwischte mich dabei, wie ich die Berührung genoss und schämte mich augenblicklich für meine Schwäche.

Ich löste mich langsam von ihm, denn ich wollte seine Nähe ja eigentlich nicht. „Mir ist langweilig“, sagte ich ehrlich und blickte an ihm vorbei, ließ meinen Blick kurz durch den Raum gleiten. „Ich dachte… ich weiß nicht… wir können was zusammen machen…“ Ich war unschlüssig, ob es klug war, doch ich ertrug nicht noch mehr Fernsehen. Li schwieg und sah mich nur an, und unsicher plapperte ich weiter: „Ich weiß nicht… in Macau durfte ich überall mit hin… Hier bin ich so… weggesperrt. Als hätte ich etwas falsch gemacht.“

Leise seufzte Li, und nach einem Moment meinte er: „Das liegt daran, dass Láng tatsächlich droht, sich an mir zu rächen. Und ich weiß nicht, wann er das umsetzt. Er ist untergetaucht. Dank dir und deiner… nein, unserer Provokation weiß ich langsam immer mehr, wem ich vertrauen kann. Und es wäre sehr viel einfacher sich an dir zu vergehen als an mir. “

Ich war sprachlos und wusste mit dem neuen Wissen nicht wirklich umzugehen. Ich verstand nicht, weswegen dieser Mann mir die Verantwortung für das gab, was Li getan hatte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, Li zu bitten, eine mir vollkommen fremde Frau zu vergewaltigen. Nie! Ich verstand, dass Láng Li dafür hasste, und doch war mir vollkommen schleierhaft, woher die Wut auf mich kam.

Doch wie ich darüber so sinnierte, brachte mein Verstand mir eine Erklärung. Li hat Lángs Frau als Stellvertretungsopfer genommen; ich vermutete, dass Láng deswegen mich ausgesucht hatte. Auge um Auge… Es war dumm. Es war etwas, was ich verstehen konnte, wofür ich aber kein Verständnis erbringen konnte.
 

Ich raufte mir durch die Haare und betrachtete Li. „Das ist scheiße“, meinte ich ehrlich und konnte es auch nicht besser ausdrücken. „Ich will nicht mehr so eingesperrt sein… Bitte, ich will nicht dafür bestraft werden. Qiang.“ Flehend war mein Ton, und ich benutzte seinen Vornamen bewusst in der Hoffnung, an etwas Menschliches zu appellieren, von dem ich wusste, dass es doch kaum vorhanden war.

Unschlüssig sah er mich an, und er schwieg. Er sagte nichts dazu, dass ich seinen Vornamen benutzt hatte, und ich hatte, wenn ich ehrlich war, auf eine Reaktion gehofft.

„Du wirst nicht bestraft, Jasper“, meinte er, und ein beunruhigendes Ziehen breitete sich in meiner Brust aus, als ich meinen Namen hörte. Etwas Tiefes und fast schon zufriedenes Gefühl brach kurz aus. Ich erschauderte, als er seine Hand an meine Hüfte legte und mich zu sich zog

„Ich will nicht, dass dir etwas geschieht“, sagte er, und seine Stimme klang so falsch. Sie war sanft, nahezu liebevoll. „Ich weiß, wieso Láng sich rächen will, und damit hast du nichts zu tun. Also sorge ich dafür, dass du in Sicherheit bist.“

Sein Arm legte sich um meine Schulter, und die Umarmung, die er mir jetzt schenkte, war so seltsam, so… beschützend. Für einen kurzen Augenblick glaubte ich ihm, dass es ihm um mein Wohl ging. Seine Finger strichen sanft über meinen unteren Rücken, und ich seufzte leise und spürte, wie ich mich an ihn lehnte.

Es dauerte einen Moment, bis mein Verstand mich daran erinnerte, an wen ich mich gerade lehnte und bei wem ich mich gerade begann, geborgen zu fühlen. Ich schluckte hart und löste langsam die Umarmung. Ich musste mich tatsächlich räuspern

„Es ist unfair“, meinte ich leise und hatte das Gefühl, ich klang wie ein kleines Kind. Doch es war mir egal. Ich hatte schon keine Freiheit mehr, aber mich jetzt noch in meiner Gefangenschaft einzugrenzen fühlte sich einfach nur scheiße an. Ich erinnerte mich an den Club und fragte: „Kann ich nicht mal mit in den Club… Da bist du, da sind viele Menschen… Wäre ich da nicht sicher? Mir fällt die Decke auf den Kopf und will wieder frei atmen können…“

Mir war die Ironie meiner Worte vollkommen bewusst: Ich bettelte darum, an den Ort seiner Geschäfte und seiner Macht mitgenommen zu werden, nur, um dem goldenen Käfig zu entkommen. Ich wollte endlich wieder Wind spüren und einfach wieder unter Menschen sein. Seit Vier Tagen war ich nahezu Isoliert!

Li sah mich an, und als sich unsere Blicke trafen, seufzte er leise. Er schien nachzugeben, und ich merkte es, ehe er etwas sagen konnte. Hatte ich vielleicht doch einen menschlichen Punkt getroffen, ohne es zu merken?

„Na gut… Du kannst mit in den Club… Aber ich erwarte Gehorsam.“

Sein Ton war nicht warm, sondern endgültig. Die minimale Erleichterung, die ich über die Aussicht auf die Außenwelt empfand, wurde sofort von der kalten Realität des Preises überschattet. Der Club war keine Flucht, sondern eine neue Bühne für meine Gefangenschaft, und Li hatte soeben die Bedingungen für meine Vorstellung festgelegt.
 

Ich verbrachte die Nacht alleine und war dankbar dafür. Der Morgen begann wie alle zuvor. Wir frühstückten gemeinsam, und langsam gewöhnte ich mich an das asiatische Frühstück. Auch mein Umgang mit den Stäbchen wurde immer sicherer. Danach kam die übliche Sporteinheit gemeinsam mit Li. Diese war immer anstrengend und brachte mich immer zum Schwitzen. Nach dem Sport trank ich einen Proteinshake.

Li verließ kurze Zeit später die Wohnung. Ich war wieder alleine. Ich wusste nicht, ob ich mich auf heute Abend freuen sollte oder nicht. Ich wanderte durch die Wohnung, schwamm im Pool und kam gerade aus der Dusche, als ich Li hörte, der wiederkam.

„Wánjù“, rief er, und ich sackte innerlich zusammen. Ich hasste diesen Namen. Doch ich ging zu ihm, auch wenn ich nur ein Handtuch umhatte. Er hatte eine schwarze Tasche dabei mit einem seltsamen Logo drauf, welches ich nicht zuordnen konnte.

„Ja?“, fragte ich etwas beklommen, und ich spürte seinen Blick auf meinem Körper. Ich war trainierter als zuvor, denn außer dem einen Mal in Macau entschied Li, was wir aßen. Sein Essen war zumeist sehr proteinreich und fettarm. „Ich habe etwas für dich“, meinte er und klang erstaunlich süffisant, als er mir die Tasche reichte. Etwas unsicher nahm ich sie entgegen und bedankte mich automatisch.

Ich wusste nicht, was ich noch alles bekommen sollte. Doch mir stockte der Atem, als ich sah, was in der Tasche war. Meine Hand fühlte kaltes Leder. Mein Mund wurde trocken, und ich erinnerte mich an den ersten Besuch im Club – ich im roten Anzug neben ihm kniend und meine dumme Aussage, dass die Anzüge dafür zu schade seien. Ich hatte es vollkommen vergessen.

Li trat zu mir, und langsam holte ich die Kleidung heraus. Es war eine schwarze, enge Lederhose, die nur mit Bändern am Schritt zusammengehalten wurde. Dazu eine passende ärmellose Weste, die ebenfalls nur mit Bändern vor dem Bauch zugeschnürt war.

„Der Schneider hatte noch deine Maße… Ich habe ihn angerufen und gebeten, dir welche zu machen“, meinte er, und seine Hände glitten gezielt an meinen Bauch und strichen über das angedeutete Sixpack. „Zieh es an“, säuselte er und grinste begierig. „Ich wette, es steht dir ausgezeichnet.“

Meine Hände zitterten, und ich brauchte einen Augenblick, bis ich sie wieder beruhigen konnte. Das war keine Kleidung, das waren Fesseln aus Leder.

Ich starrte auf das kalte, schwarze Leder in meinen Händen. Meine Atmung setzte aus. Das war schlimmer als jeder teure Anzug. Das war keine Verkleidung mehr, das war erniedrigend. Er kleidete mich nicht an, er entblößte mich. Er stellte mich zur Schau. Ich war sein Statement, seine Trophäe. Ich wäre doch besser einfach in der Wohnung geblieben.

Ich wollte zum Schlafzimmer, doch Li hielt mich auf. „Du kannst dich hier anziehen… Darunter zieht man keine Unterwäsche“, erklärte er und zog bereits an meinem Handtuch. Das Tuch fiel zu Boden, und ich kam mir entblößt vor, obwohl er bereits alles von mir gesehen hatte.

Das Leder war kalt gegen meine noch feuchte Haut. Ich zwängte mich in die enge Hose. Die Bänder am Schritt fühlten sich obszön an, jeder Schritt war seltsam. Die Weste war noch schlimmer; sie schnürte meinen Brustkorb nicht ein, sondern umrahmte ihn nur, betonte die Linien, die ich Li zu verdanken hatte. Er hatte mir einen Körper gegeben, nur um ihn jetzt öffentlich zur Schau zu stellen.

Während ich mich anzog, ging Li zu seiner Bar und schenkte sich Wein in ein Glas ein. Er nahm einen langsamen, prüfenden Schluck aus seinem Glas. Seine Augen waren dunkel und hungrig. „Ausgezeichnet…“, murmelte er, und in seinem Blick lag keine Liebe, sondern reiner, kalter Besitz.

Ich sah mich an: eine teure, sexuelle Provokation.

„Ich habe noch was…“, sagte er und holte eine lange, schmale Schatulle hervor. Ich wusste, was da drinnen war, bevor er es auspackte.

Ich versuchte, alle Emotionen aus meinem Blick zu verbannen, während ich das Halsband anstarrte. Es war schwarz, dickes Leder, und es hatte kleine Karabiner an den Seiten, vermutlich, um Leinen an diversen Stellen festzumachen. Fast schon triumphierend legte er mir das Halsband um. Ich ließ es geschehen. Was wäre die Alternative?

Er trat vor mich und sah mich gierig an. Ich war sein Wánjù in Reinform. Ich spürte, wie die Scham mich erdrückte, doch gleichzeitig schoss das Adrenalin durch meinen Körper. Ich musste jetzt die Rolle spielen.

„Sehr schön“, murmelte er, und seine Hand strich an der Weste entlang, als bewundere er sie. Mir war einfach unwohl in meiner Haut. Also schwieg ich und ertrug die Blicke des Mannes vor mir. Ich senkte den Blick und merkte, dass meine Hände zu Fäusten geballt waren.

„Komm“, forderte Li mich auf und ging langsam zum Aufzug. „Ich bin gespannt auf den Abend.“

Ich ging an einem Spiegel vorbei und betrachtete mich. Kurz blieb ich stehen und sah auf das, was Li für sich erschaffen hatte. Die Lederkleidung saß wie angegossen und ließ mich aussehen, als wäre ich aus einem Porno… Wobei die vermutlich noch viel weniger trugen als ich jetzt. Doch es war mir unangenehm, und das Wissen, dass ich keine Unterwäsche trug, machte es für mich tatsächlich fast schon verrucht. Offensichtlich steckte in mir doch ein prüder Amerikaner. Ich erkannte meinen gehetzten Blick und zwang mich, den Blick von meinem eigenen Spiegelbild abzuwenden. Stumm folgte ich Li in den Aufzug, und wir fuhren hinunter.

Unten warteten Jian und zwei weitere Leibwächter auf uns. Jian musterte mich, und wir sahen einander kurz in die Augen. Doch ich wich seinem Blick schnell aus, denn mich so vor Fremden zu zeigen, war mir unangenehm. Dabei hatte ich nur eine Hose und eine Weste an – es hätte viel schlimmer aussehen können, dachte ich mir, und doch war es die Tatsache, dass ich gezwungen wurde, diese Kleidung zu tragen. Ich hatte einfach keine Wahl gehabt
 

Wir stiegen in das Fahrzeug und machten uns auf den Weg zum Club. Die Stadt zog draußen in einem verwischten Strom aus Lichtern vorbei. Ich war nicht mehr weggesperrt, ich wurde zur Schau gestellt. Und das war schlimmer.

Ich war mir unschlüssig, ob ich mich freuen sollte oder nicht. Ich kam raus und doch fühlte ich mich einfach unwohl wie ich gerade aussah. Ich biss mir auf die Lippen und entschied mich bewusst, den Ausbruch aus der Routine zu genießen. Wenn ich nicht bald aus diesem Hamsterrad ausbrechen würde, würde ich verrückt werden. Dann sah ich eben so aus wie ich gerade aussah. Ich würde durch meine große und der Tatsache, dass ich kein Asiate war eh herausstechen.

„Muss ich jetzt die ganze Zeit wieder bei dir knien oder so?“, fragte ich vorsichtig und sah hinüber zu dem breiten Asiaten, welcher entspannt neben mir saß in einem bequemen Anzug

Seine Antwort überraschte mich. „Nein, nicht unbedingt. Wenn ich dich bei mir haben möchte, werde ich dich holen lassen“, meinte er gelassen und steckte sein Handy weg.

Perplex sah ich ihn an und fragte: „Dein Ernst? Wirklich? Ich darf mich alleine bewegen?“

Li nickte und erklärte ohne große Umschweife: „Mein Club ist Kameraüberwacht – sie haben sogar eine Gesichtserkennung, und ein Leibwächter wird bei dir bleiben. Die Wände in meinem Club haben Augen und Ohren.“ Süffisant wurde sein Tonfall, und ich erstarrte.

„Du hast alles Kameraüberwacht?“, wollte ich entsetzt wissen, und Li nickte leicht. Mir fiel ein, dass sein Club auch ein Bordell war, und ich fragte: „Hast du etwa auch in den Zimmern Kameras?“

Ein eindeutiges und nahezu fieses Grinsen schlich sich auf Lis Lippen. Es war ein wissender Blick, und doch sagte Li: „Natürlich nicht. Das wäre illegal.“

„So illegal wie ein Bordell“, stellte ich nüchtern fest und hörte Li tatsächlich leise lachen, über meinen frechen Kommentar.

Er sagte nichts dazu und es war Zustimmung genug für mich. Schwer atmete ich durch und betrachtete wieder die Werbung an den Häusern. Ich war überrascht, dass Li das Wort ergriff und ich schaute zu ihm als er sprach: „Deine Freiheit endet an der Tür…“ Er sprach nicht weiter und ich schluckte als ich den Blick in seinen Augen sah. Er war hart und eindeutig. Ich würde erhebliche Schwierigkeiten bekommen, wenn ich jetzt versuchen würde zu fliehen.
 

Wir kamen beim Club an, der Eingangsbereich selbst hatte sich nicht verändert. Er war opulent chinesisch verziert, von indirektem Licht beleuchtet, und große, exotische Pflanzen säumten den Weg. Türsteher standen bereit und ich vermutete, dass der Club bald öffnen würde, auch einige Gäste schienen davor zu warten. Neugierig beäugten sie mich als ich an Lis Seite an ihnen vorbeiging. Die Türsteher verbeugten sich kurz vor Li und hielten ihm die Tür auf. Ich bemerkte wie einer der Bodyguards mit ihnen sprach und ihre Blicke trafen den Meinen. Sie unterhielten sich über mich, eindeutig und ich vermutete, dass ihnen deutlich mitgeteilt wurde, dass ich den Club nicht verlassen durfte.

Doch schnell hatten wir den Eingang hinter uns gelassen und ich hörte bereits, wie der DJ begann die Musik anzumachen. Ich folge Li in den VIP Bereich und er führte mich in einen kleinen abgetrennten Bereich. Ich wollte nicht auf die zweite Etage, ich wollte den Käfig nicht sehen der dort stand. Ich bemerkte Yú und er nickte mir kurz zu und sein Blick glitt an mir runter.

Er kam zu uns und begrüßte uns, oder eher Li freundlich. Sie sprachen auf Kantonesisch doch sie waren zu leise, sprachen zu schnell als dass ich etwas hätte verstehen können. Dafür war mein Wissen in dieser Sprache noch lange nicht ausgereift. Hier im Separee gab es bequeme Sessel, einen kleinen Tisch. Ich erkannte eine Kommode hinter einem Sessel und fragte mich, was da drinnen war. Doch ich fragte nicht. Vermutlich durfte ich auch gar nichts fragen. Ich bemerkte, dass von hinten Leute in den VIP Bereich kamen und wusste, dass es Mitglieder der Triaden waren. Die wahrscheinlich durch den Hintereingang in den Club kamen.
 

Der Raum unten füllte sich rasend schnell. Im Hauptbereich des Clubs pulsierten Hunderte von Körpern, ein einziger, wogender Organismus, angetrieben von den wummernden Bässen, die durch meine Brust donnerten. Das war keine Lounge, das war ein Inferno der Freiheit. Die Gäste lachten, tanzten ekstatisch und schienen alles um sich herum vergessen zu haben. Zwischen den Tänzern bewegten sich Frauen, die kaum mehr als ein paar Lagen Satin und Spitze trugen, ihre Bewegungen waren geschmeidig, als sie Tabletts mit Getränken balancierten. Sie waren schön, unerreichbar und dienten als flüchtige, menschliche Verzierungen dieses prunkvollen Ortes. Ich sah Frauen die an Stangen tanzten. Sie trugen nur aufreizende Unterwäsche und bewegten sich zur Musik an der Stange.

Li und Yú wechselte weiter ein paar leise Worte, dann setzte er sich in eine tiefe, gepolsterte Nische und deutete mit einem Winken an, dass ich gehen durfte. „Amüsiere dich, Wánjù. Aber vergiss nicht, wo du hingehörst“, sagte er, ohne mich anzusehen, während er sein Glas entgegennahm, was ihn eine sehr knapp bekleidete Frau reichte.

Endlich allein, nutzte ich die Chance. Ich stieß mich von der Wand ab und tauchte in die Menge. Die laute Musik, das grelle Licht und die Hitze der vielen Körper sollten mich schlucken, mich unsichtbar machen. Ich wollte mich an einen Unbekannten anlehnen und mich für einen Moment nur nach Leben anfühlen, nicht nach Eigentum. Doch es klappte nicht.

Das schwarze Leder war kalt auf meiner Haut, aber es zog die Hitze der Blicke an. Die enge Hose und die mit Bändern geschnürte Weste waren nicht nur sexy, sie waren eine Uniform. Überall, wo ich hinging, spürte ich das Brennen von Augenpaaren, die mich taxierten – neugierig, begehrlich, urteilend. Ich sah, wie Männer flüsternd auf mein Halsband deuteten.

Ich versuchte, meine Hüften zur Musik zu bewegen, ein Ticken des Fußes, ein leichtes Kopfnicken, aber die Kleidung war zu eng, zu unbequem, zu sehr eine Fessel. Ich fühlte mich nackt, entblößt und einfach falsch. Ich war nicht frei; ich war zur Schau gestellt, obwohl ich nicht an Lis Seite war.

Ich wich einem grinsenden Mann aus, der mir zu nahe kam. Und ich merkte langsam, was einige der Gäste in mir sahen. Zwar hatte mich keiner angesprochen, doch der Blick eines Mannes und auch einiger Frauen waren zu eindeutig. Zu offensichtlich. Sie hielten mich für jemanden der hier arbeitete. Jemanden, den man mit Geld für eine Zeit haben konnte. Ich war nichts anderes in ihren Augen als eine männliche Nutte. Panik stieg in mir auf, als ich erkannte, dass ich die ganze Zeit beobachtet wurde. Natürlich nicht von allen, doch von einigen und das reichte aus.

Die Wände hatten Augen, hatte er gesagt… Was, wenn er mich gerade beobachtete. Es war unmöglich, sich von der Stimmung mitreißen zu lassen.

Ich kämpfte mich zurück an den Rand der Menge, wo die Luft etwas kühler war. Ich sah hinauf zu Li in seinem abgetrennten VIP-Bereich, doch ich sah ihn nicht. Durch die Lichter, die er so hatte anbringen lassen konnte ich oben nur die Menschen erahnen, aber nicht gut erkennen.
 

Das hier war keine Freiheit und es war auch kein Ausbruch aus meinem Gefängnis. Es war eiskalte Zurschaustellung. Doch dieses Mal konnte ich ihm keinen Vorwurf machen. Ich hatte ihn gebeten mich mit hier her zu nehmen.

Langsam ging ich zum VIP-Bereich und erschreckte mich, als sich vor mir mehrere Männer aufbauen. Meine Knie zitterten leicht, und die Enttäuschung über das was ich gerade erlebt hatte breitete sich wie Gift in meinen Adern aus. Ich wollte nicht, dass die Menschen mich so wahrnahmen. Ich wollte nicht, dass man mich als Objekt sah. Ich war Jasper und kein Spielzeug, keine Nutte. Ich war ein Mensch und doch wusste ich, dass das gerade nur wenig zählte.

Ich blickte auf meine Schuhe und bemerkte die Männer erst als sie vor mir standen. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken, als mir plötzlich drei Männer den Weg abschnitten. Sie bauten sich in einer unauffälligen, aber unüberwindlichen Linie vor mir auf. Sie trugen dunkle, unauffällige Kleidung, ihre Gesichter waren jedoch feindselig.

Einer von ihnen, der in der Mitte, fixierte mich mit einem kalten, taxierenden Blick. Er sprach leise, fast emotionslos, sodass die umgebende Musik seine Worte gerade noch verschluckte.

„Da ist ja das Spielzeug von Heilong“, murmelte er und nickte abfällig auf mein Halsband. „Wir wissen, wer du bist… Was du bist.“ Er sprach mit einem harten, unbekannten Akzent, doch die Verachtung in seiner Stimme war universell.

Sein Partner rechts beugte sich vor, seine Stimme war ein scharfes Flüstern. „Was glaubst du von wem wir kommen könnten, Wánjù?“ Ich hasste es so sehr, dass diese Fremden mich so ansprachen. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass Li mich so nannte, auch wenn ich es weiterhin scheiße fand. In meinem Kopf ratterte es doch es war eindeutig. „Láng“, antwortete ich nur und wusste, dass ich nicht zu viel sagen sollte.

Mein Inneres zog sich vor entsetzlicher Angst zusammen. Láng. Die Bedrohung war real und unmittelbar geworden. Ich spürte, wie Panik aufstieg, aber ich presste die Lippen aufeinander und zwang meinen Blick dazu, kalt und abweisend zu bleiben. Ich würde ihnen keinen Millimeter meiner Angst zeigen. „Kluges Spielzeug“, meinte einer der Männer und grinste mich an. Noch bevor er etwas tun konnte erschien eine große Gestalt hinter mir.

Wie aus dem Nichts trat ein breitschultriger Mann neben mir auf. Er gehörte zu Li’s Sicherheitsteam, ich erkannte ihn am Schnitt seines Anzuges, auch wenn ich seinen Namen nicht genau wusste. Ich glaubte es war Ping. Er berührte mich nicht einmal, sondern stellte sich nur einen halben Schritt seitlich zwischen mich und Lángs Männer. Er blickte die drei Männer stumm an. Seine Präsenz war eine unmissverständlich.

Die Männer von Láng verstanden sofort. Sie fixierten den Leibwächter kurz, eine Welle kalter Wut ging von ihnen aus, doch sie zogen sich zurück und grinste mich an. Etwas, was mir eine Gänsehaut verschaffte. Sie verschwanden in der Masse und ich blickte ihnen unsicher nach. Li hatte mich gewarnt, dass Láng sich rächen wollte, doch er hatte nicht gesagt, dass sie hier in seinen Club auftauchen würde. Ob er damit gerechnet hatte? Ich wusste es nicht.

Der Leibwächter legte mir eine Hand auf den Rücken und schob mich sanft zur Treppe. Ich erschauderte bei der ungewohnten, aber nicht groben Geste. „Zurück zu Heilong“, knurrte er leise. Ich nickte stumm, meine Gedanken überschlugen sich.

Zurück im Separee, wo die Musik gedämpft war, zog der Leibwächter sich zurück. Li saß immer noch in seiner Nische.
 

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So,

Danke für alle die Nachrichten geschrieben haben, das motiviert doch sehr.

Schönen Samstag

Woche 3: Der Preis des eigenen Wunsches

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Woche 3: Die Lücke im Schatten

Die Stille drückte, und die Dunkelheit hatte ihre Arme immer noch über mir ausgebreitet. Die Nacht war nicht erholsam, sondern schwer und drückend, wie eine dicke Decke, die einem alle Luft zum Atmen nahm. Sehr häufig war ich wach geworden und hatte mich im Bett herumgequält. Ich schlug die Augen auf und starrte ins Halbdunkel. Meine eigene Decke war nicht aus Samt, sondern aus kühler, schwerer Seide, die Li mir besorgt hatte. Meine Hände lagen auf dem Stoff, und ich spürte noch immer den pochenden Bass, obwohl hier, in meinem eigenen Zimmer, kein Geräusch von draußen eindrang.

Mein Hals schmerzte, nicht vom Ziehen an dem Halsband, sondern von der Erinnerung an den eisernen Griff. Ich hob eine Hand, um sicher zu sein, dass das Halsband nicht mehr da war. Ich war erleichtert, dass es wirklich weg war. Ich war in meinem eigenen Bett, in meinem eigenen Zimmer, und doch fühlte es sich an, als hätte Li mir die Erlaubnis entzogen, allein zu sein. Denn er war präsent. In meinen Gedanken und, trotz mehrfachen Zähneputzens auch auf meiner Zunge. Ich wurde ihn einfach nicht los.

Ich musste mich von der Matratze schälen, die viel zu weich war. Meine Glieder fühlten sich träge an, als hätte ich die ganze Nacht lang gegen einen unsichtbaren Feind gekämpft – und dieser Feind war ich selbst gewesen. Mein Verstand, meine Erinnerungen, das, was mich ausmachte, und das, was ich gerade sein musste, schienen heute Nacht in meinem Kopf gekämpft zu haben. Und ich war mir nicht sicher, wer gewonnen hatte.

Ich stand auf, und der Dielenboden unter meinen Füßen war kalt. Wie der Boden, auf dem ich in der Nacht zuvor gelegen und gesessen hatte – ein Hund auf Abruf. Die Erinnerung schoss mit solcher Wucht durch mich, dass ich mich an die Wand stützen musste. Das Gesicht, das Stöhnen, die Menge, die zusah – Li, der keuchte und mit seiner Hand an meinen Haaren zerrte. Es war nicht die sexuelle Handlung selbst, die mich zerbrach; es war die Zurschaustellung. Es war die Tatsache, dass ich in diesem Moment nicht einmal die Kontrolle über meine Zunge, meine Lippen oder meine Würde gehabt hatte.

Ich taumelte ins Bad und schaltete das Licht nicht ein. Der schwache Schein, der durch das Fenster drang, genügte, um mein Spiegelbild zu sehen. Mein Gesicht war blass, meine Augen waren wie tiefe Schatten in den Höhlen. Ich hob die Hand und berührte vorsichtig meine Lippen, so als könnte ich den Geschmack von Li noch immer schmecken. Ich wusch mein Gesicht und schluckte das kalte Wasser aus den Händen. Seit meiner Entführung hatte ich mich nicht so schwach, so elendig gefühlt. Ich sah mir selbst in die Augen und spürte, wie sehr ich mich für das, was ich getan hatte, abstoßend fand.
 

Ich war nicht körperlich verletzt worden, aber ich war innerlich am Zerbrechen. Die Erinnerung an alles – die Frau auf dem Überwachungsvideo, von deren „Wert“ Li so emotionslos gesprochen hatte – verschmolz mit meiner eigenen Erfahrung. Li hatte mich vor aller Augen erniedrigt, um mir anschließend zu erklären, dass dies der Beweis meines hohen Wertes sei. Es war zu abgefuckt, als dass ich es verstehen konnte. Seine Gedanken waren ein Rätsel, und ich wusste, ich musste es irgendwie entschlüsseln, wenn ich hier jemals raus wollte.

Ich hatte in der Nacht keinen sehnlicheren Wunsch gehabt, als zu vergessen. Ich war nicht nur sein Gefangener; ich war sein Aushängeschild, seine Ware, die er demonstrativ auf den Markt warf. Und das Schlimmste: Sein krankes, zynisches Lob hatte kurzzeitig eine absurde, verzerrte Form von Trost geboten. Ich merkte immer mehr, wie gefährlich nah ich daran war, es einfach zuzulassen. Mich dem Gefühl der Zuneigung zu unterwerfen, nur um den mentalen Druck von mir zu nehmen. Ich glaubte kaum noch, dass ich es hier herausschaffte. Ich hatte längst vergessen, wie lange ich schon hier war. Dann könnte ich doch auch einfach aufgeben.

Immer noch sah ich mir ins Gesicht, und die Tränen liefen stumm über meine Wangen. Ich war so müde, so erschöpft. Wofür sollte ich noch kämpfen? Er hatte mir mein Leben genommen, ohne mich zu töten. Er hatte mir die Würde genommen, und er nahm mich ein mit allem, was er hatte. Wofür sollte ich also weiterhin, wenigstens innerlich, Widerstand leisten?

Die Tränen liefen nun ungehindert, und ich ließ es einfach zu. Doch ich ermahnte mich, leise zu sein, denn ich wollte nicht, dass Li mich jetzt sah. Seine verzerrte Weltansicht würde nie verstehen, was in mir vorging. Doch die Tränen und die Emotionen, die ich herausließ, hatten eine gute Sache: Sie klärten meinen Verstand. Nachdem ich mich wieder gefasst hatte, sagte mein inneres Ich klar zu mir: „Du kämpfst für dich, Jasper. Du kämpfst für ein Leben in Freiheit, und für die Freiheit lohnt es sich zu kämpfen.“ Es klang heroisch, und doch wusste ich, dass an diesem Kampf nichts Heldenhaftes war. Ich atmete durch und beruhigte meine Nerven. Nachdem ich mir das Gesicht gewaschen hatte, sah ich mich noch einmal im Spiegel an.

„Ich wurde entführt. Ich habe Angst. Ich werde entkommen. Ich werde ich bleiben. Ich werde daran nicht zerbrechen!“, wiederholte ich mein eigenes Mantra und sah mir dabei selbst in die Augen. Solange ich noch ein wenig Kampfgeist hatte, würde ich mich nicht aufgeben. Aufgeben lag mir, Jasper Hale, nämlich noch nie.

Ich sah in den Spiegel und zwang meine Züge in jene neutrale, gefasste Maske, die ich im Laufe der Wochen perfektioniert hatte. Die Panik musste weg. Der Abscheu musste weg. Nur Interesse und Aufmerksamkeit durften bleiben.
 

Der Tag begann, nachdem ich mich im Bad wieder gefasst hatte, wie jeder andere. Die gefasste Maske hielt. Ich tauchte auf und frühstückte mit Li in der unerträglichen, stillen Eleganz des Penthouses. Er sprach über die Börsenkurse, über Macau, und ich lauschte mit der aufmerksamen Leere eines Schülers, der die Prüfung bestehen will. Danach trainierte er mich, wie jeden Tag. Mein Körper funktionierte, aber mein Verstand war nur noch ein Scanner.

Der Mittag ging in den späten Nachmittag über. Ich saß in meinem Zimmer und sah, wie die Stadt draußen in das warme Licht der Dämmerung sank, als Li ohne anzuklopfen eintrat. Er trug, wie üblich bei Ausflügen, sein dunkles, perfekt sitzendes Sakko.

„Willst du gleich mit? Die Brüder Wu haben mal wieder Streit, und es behindert die Arbeiten im Hafen… Ich muss ihnen noch mal erklären, was wirklich wichtig ist. Danach würde ich gerne mit dir ins Theater. Vielleicht hast du recht und ich sperre dich zu sehr hier ein.“

Unschlüssig sah ich Li an. Er schien mich ebenso zu beobachten wie ich ihn. Natürlich – wir wohnten quasi zusammen. Wollte ich mit? Vermutlich war es wieder nur eine Zurschaustellung von Gewalt, aber Theater klang nicht so schlecht... Doch mein inneres Ich, das in der Nacht so klar zu mir gesprochen hatte, schrie: Ja!

„Ich glaube, das wäre schon ganz cool, wieder hier rauszukommen…“, sagte ich leise und freute mich tatsächlich über die Möglichkeit. Zwar hatte ich keine Lust, die Wu-Brüder näher kennenzulernen, doch wenn ich erneut die Möglichkeit hatte, aus dieser Einsamkeit zu entkommen, würde ich nicht Nein sagen. Solange wir um seinen Club einen gewaltigen Bogen machten.

Ich machte mich fertig und trug wieder einen überteuerten Maßanzug in Dunkelblau mit einem hellgrauen Hemd. Die Rolex hatte ich wieder angelegt und auch meine neue, teure Sonnenbrille hatte ich auf. Niemand, der klar bei Verstand war, hätte mich für ein Entführungsopfer gehalten. Niemand.

Wir traten in den Aufzug, und als wir hinunterfuhren, fragte ich Li: „Wieso streiten die Brüder Wu immer?“ Genervt verdrehte Li die Augen und erklärte mit einem gereizten Ton, von dem ich wusste, dass er nichts mit mir zu tun hatte: „Die streiten, weil sie sich einfach hassen. Sie sind Zwillinge und können den Konkurrenzkampf nicht abschalten. Jeder meint, er habe mehr zu sagen. Sie hassen sich einfach…“ Er seufzte und zupfte an seinem Sakko. „Eine lächerliche, selbstzerstörerische Ineffizienz. Deswegen müssen wir uns jetzt in dieses stinkende Hafenviertel begeben. Aber das wird nicht lange dauern.“

Ich hoffte es und fragte mich, wie man seinen eigenen Zwillingsbruder hassen konnte. Ich selbst hatte kein gutes Verhältnis zu meinem Bruder. Er kam mit meiner Homosexualität nicht zurecht. Er war wie Mum sehr christlich, und sie taten sich schwer damit. Doch ich hätte nie gesagt, dass ich meine Brüder hasste. Wenn man sich sah, unterhielt man sich über Belangloses oder man ging sich aus dem Weg. Während ich so an Jason dachte, spürte ich, wie ich ihn vermisste. Ich war zu stolz gewesen, um auf ihn zuzugehen. Ihm noch einmal die Hand zu reichen und zu fragen, ob er es nicht vielleicht doch hinter sich lassen kann und wir uns wieder annähern. Und nun gäbe es diese Möglichkeit vielleicht nie.

Es tat weh, und so zwang ich mich, das Bild meines großen Bruders zu verdrängen. Das war etwas für die Nacht, wenn ich alleine war. Wenn niemand merkte, wie traurig ich war. Der Aufzug öffnete sich zur Tiefgarage. Der vertraute, strenge Geruch von Benzin und kaltem Beton schlug uns entgegen. Mehrere Leibwächter waren da, und ich verstand weswegen. Hafenviertel und dann zwei strittige Triadenmitglieder klangen wenig vertrauenswürdig.
 

Wir fuhren mit vier Wagen, doch die ganze Zurschaustellung interessierte mich nicht mehr. Es war nur noch wenig beeindruckend. Wir fuhren durch das Gewirr der Straßen Hongkongs, und ich blickte wie immer aus dem Fenster. Obwohl ich schon so oft durch diese Straßen gefahren worden war, fiel es mir extrem schwer, mich zu orientieren. Ich glaubte, dass ich langsam ab einem bestimmten Punkt den Weg zu Lis Haus finden würde. Doch mehr tatsächlich noch nicht.

Die Limousine verließ die belebten Hauptstraßen und tauchte in ein tiefes, dunkles Industrielabyrinth ein. Hier roch es nicht nach den Gourmetrestaurants der Innenstadt, sondern nach Salz, Diesel und dem fauligen Öl alter Maschinen. Wir hielten nicht am glänzenden Terminal, sondern an einem abgesonderten, vergessenen Frachtkai. Der Boden war grober, rissiger Beton, durchzogen von tiefen, schmutzigen Rillen endloser LKW-Reifen. Die Beleuchtung war minimal: Nur vereinzelte, gelbliche Quecksilberlampen hingen hoch über uns, warfen lange, zitternde Schatten und kämpften hoffnungslos gegen die tiefblaue Dämmerung an. Direkt über uns ragten gigantische, rostbraune Stahlkräne in den Himmel. Ihre stählernen Silhouetten wirkten wie skelettartige Monster vor der untergehenden Sonne.

Wir parkten vor einer massiven Lagerhalle – ein schlichter Kasten aus unverputztem Zement und Wellblech. Die einzige Helligkeit kam aus der offenen Laderampe; ein grelles, kaltes Neonlicht schnitt wie ein Wundsaum in die Dunkelheit und beleuchtete die wartenden, dunklen Limousinen der Wu-Brüder. Wir stiegen aus, und die Geräuschkulisse bestand nicht aus Musik, sondern aus dem unheimlichen Quietschen von Seilen im Wind, dem dumpfen Schlagen von Wellen gegen die Betonmauer und dem gleichmäßigen, schweren Rumpeln ferner Container, die die eigentliche Währung dieses Ortes darstellten.

Einer der Wu-Brüder kam uns entgegen und grüßte Li auf Kantonesisch. Er war stämmig und hatte die dunklen Haare sehr kurz rasiert. Er hatte ein großes Tattoo am Hals und einige Narben auf der Hand. Er betrachtete uns, die Leibwächter und mich. Sein Blick blieb kurz, eine Sekunde zu lange, an mir hängen, und sein Ausdruck versteifte sich. Für ihn war ich vielleicht eine zu große Provokation. Doch was sollte ich machen? Wenn ich mich in Luft auflösen könnte, würde ich es sofort tun und wäre längst weg.

Ich verstand nicht, was der fremde Mann sagte, denn ich verstand die Sprache noch nicht gut genug. Doch der Bruder Wu deutete auf die Lagerhalle, und ich bemerkte ein Stocken bei Li. Skeptisch sah er zu ihm und seinen Leibwächtern. Ich verstand nicht, was er sagte, und wünschte gerade, ich würde es. Denn Li schüttelte den Kopf und sagte etwas. Ich stand direkt hinter ihm und hätte ihn gerne gefragt, worum es ging, doch natürlich war jetzt nicht der passende Augenblick. Ich sah mich nach Jian um und stellte fest, dass er gerade nicht dabei war. Verdammt. Er hätte sicher freiwillig übersetzt. Doch ich kam nicht dazu, einen der anderen zu fragen. Ich atmete tief ein und bemerkte den Geruch von Salz und Öl. Gerade als ich etwas sagen wollte, geschahen viele Dinge auf einmal. Der Mann neben Li rief etwas. Es klang wie ein Befehl.
 

Aus den dunklen Limousinen, die vor der Lagerhalle parkten, stürmten schreiend mehrere Männer heraus. Es war kein geordneter Ausstieg – es war ein Angriff. Schreie durchbrachen die Geräusche der Umgebung und ließen sie nahezu verstummen. Einige der Männer hielten Schusswaffen in den Händen, andere führten schwere Schlagstöcke. Sie brüllten etwas auf Chinesisch, das ich noch nicht verstand, aber der Ton und der Ausdruck in ihren Gesichtern war universell: Sie wollten uns töten. Auf einem der Überseecontainer neben uns stand ein einzelner Mann mit einer Taschenlampe. Er leuchtete direkt auf Li, um ihn für die Angreifer sichtbar zu machen. Er musste das Zeichen zum Angriff gegeben haben. Er zeigte deutlich, wer das Ziel des Angriffs war.

Mein Blick huschte über die Angreifer, und mein Magen krampfte sich zusammen. Ich erkannte zwei der Männer von gestern wieder. Es waren die Gesichter, die mich im Club bedroht hatten – sie waren Lángs Leute. Die Vergewaltigung seiner Frau durch Li war offenbar ein zu großer Vertrauensbruch gewesen. Láng und die Männer hatten ihren Treueeid Li gegenüber gebrochen. Mir sollte das eigentlich egal sein, würde ich nicht inmitten dieser Eskalation stehen. Ein kalter Schock durchfuhr mich. Die Brüder Wu mussten ebenfalls mit Láng kooperiert haben. Die Rede vom „Streit, der die Arbeit behindert“ war eine perfekte Falle gewesen, ein Köder, um Li in diesen dunklen, isolierten Winkel zu locken. Scheiße nur, dass ich auch hier war!

„Hinterhalt!“, presste ich hervor. Mein Verstand arbeitete blitzschnell, getrennt von dem Körper, der erstarrt in den teuren Anzug gehüllt war. Li reagierte nicht mit Panik, sondern mit eisiger Wut. Er rief seinen Leibwächtern etwas zu und wies sie mit einer Handbewegung an, sich Deckung zu suchen. In seiner Hand befand sich eine kleine Pistole mit goldenen Verzierungen. Ich hatte nicht einmal bemerkt, wann er sie gezogen hatte – und wo zum Teufel hatte er sie versteckt?! Er drückte mich mit einem heftigen, aber präzisen Stoß gegen die Limousine. Eine Geste, die ich von Bodyguards kannte. Er beschützte mich, und ehrliche Dankbarkeit überrollte mich – ein letzter, grotesker Anflug von Loyalität.

Die Angreifer waren bereits auf uns zugestürmt und suchten Deckung hinter allerhand Müll und Arbeitsgeräten. Einer von Lángs Männern stand bereits an Lis Mann und schlug ihm mit einer Eisenstange gegen den Kopf. Die Szene war nicht mehr Theorie, sondern rohe, unmittelbare Gewalt. Ich war wieder in der ersten Reihe, aber dieses Mal ging es um mein Leben. Diese Männer wollten mich nicht entführen. Sie wollten töten.

Ich suchte Deckung hinter der Limousine. Eine offene Autotür würde eine Kugel nicht aufhalten. Li selbst schoss bereits auf einen Angreifer und traf ihn in die Seite.

Der erste Schuss war so laut, dass mein linkes Ohr augenblicklich in ein schrilles, hohes Pfeifen verfiel. Es war kein sauberer Knall, wie man ihn aus dem Fernsehen kannte; es war ein hässliches, trockenes Bersten, das die Luft zerriss.

Der Geruch schlug mir sofort entgegen – beißend, schwefelig und heiß. Der Gestank von verbranntem Pulver mischte sich mit dem fauligen Geruch des Hafenbeckens.

Die meisten schossen, ohne ein Ziel anzuvisieren, teilweise ohne auch nur richtig hinzusehen. Dass Li überhaupt jemanden traf, war reiner Zufall. Und doch konnte ich in dem ganzen Chaos ausmachen, dass einige Männer versuchten, sich am Kampffeld vorbeizumogeln. Sie suchten den direkten Weg zu unserem Auto. Die, und nur die, hatten den Auftrag, Li zu töten. Die anderen schienen nur abzulenken.

Einige Autoscheiben gingen zu Bruch. Auch unsere Frontscheibe hatte bereits ein Loch und war großflächig gesplittert. Sprachlos und perplex sah ich mir die Szene vor mir an. Die zwei bewaffneten Gruppen kämpften miteinander.
 

Staub platzte von der Lagerwand ab, als Kugeln in den nackten Zement bissen. Es war pures Chaos. Männer schrien, aber ihre Stimmen wurden vom rhythmischen Klacken der automatischen Waffen verschluckt. Ein Leibwächter direkt vor mir sackte zusammen; das Geräusch, als sein Körper auf den harten Beton schlug, war dumpf und endgültig.

Er hatte seine Deckung verlassen – wahrscheinlich, um bei seinem Boss Eindruck zu schinden. Nun lag er schreiend und blutend vor der Limousine.

Ein Schuss schlug in den Boden direkt neben meinen Füßen ein und ließ Zementstaub hochfliegen. Er galt nicht mir, aber er war mein Signal. Ich drehte mich nicht um und rannte los. Es war meine einzige Chance. Mein Herz hämmerte nicht mehr nur vor Angst; es war ein wilder, elektrischer Rhythmus, der meine Beine leicht werden ließ. Ein grässliches Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, während um mich herum die Kugeln einschlugen.

Es war, als hätte Láng mir gerade die Tür geöffnet, nach der ich so sehnsüchtig gesucht hatte. Mein Gehirn arbeitete mit einer absurden, unaufhaltsamen Präzision. Nicht auf die Angreifer zu – das war der Tod. Nicht zu Li – das war die Falle. Vielleicht würde ich nie wieder die Chance haben zu entkommen! Ich sprintete seitlich, geduckt, auf eine dunkle Lücke zwischen zwei zehn Meter hohen Lagerhallen zu.

Ich lief, wie ich noch nie gelaufen war, und ich wagte es nicht, mich umzuschauen. Aber ich spürte, dass mir jemand folgte. Doch schnell schien er das Interesse verloren zu haben. Ich hörte die Waffen, dann die aggressiveren, automatischen Salven, die die Männer abfeuerten. Es klang, als würde die Welt um mich herum in Stücke gerissen. Doch die Geräusche wurden leiser mit jedem Meter, den ich rannte. Ich erreichte die Ecke der Halle, stieß mich mit voller Kraft ab und stolperte in eine Gasse, die nach Fisch und Salz roch. Ich warf mich hinter einen Stapel alter Holzpaletten. Die Schreie verstummten beziehungsweise wurden immer leiser.
 

Mein Rennen wurde zu einem Joggen, und ich sah mich um, versuchte, einen Weg aus dem Gedränge zu finden. Mit einem Satz sprang ich über Paletten und rannte eine Gasse hinunter. Die Masten am Ende des Terminals schienen wie die ersten Sterne der Freiheit. Ich rannte in die absolute Dunkelheit, in die Stadt, und ich schaffte es!

Als ich das Terminal-Gelände hinter mir ließ und den festen, normalen Asphalt der Straße unter meinen Füßen spürte, da wusste ich, dass ich die unmittelbare Gefahr abgeworfen hatte. Ich war in Sicherheit. Ich war weg von Láng, und die Freiheit von Li war greifbar nah. Aber noch war ich nicht frei. Ich war allein, ohne einen Cent, ohne Telefon, nur mit den viel zu teuren, verräterischen Designerkleidern, die Li mir gegeben hatte. Mein Herz raste, und ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. Ich blickte über meine Schulter. Das Feuergefecht am Hafen war verstummt. War Li tot? Oder hatte er diesen Kampf gewonnen? Ich wusste es nicht, aber ich wusste, dass ich jetzt eine Entscheidung treffen musste, die mir vorher verwehrt war: Ich konnte bestimmen, wohin ich als Nächstes gehe.

Ich sprintete über die Straße und wusste überhaupt nicht, wo ich war. Die Luft hier war laut, chaotisch und verdammt kalt. Aber jeder Meter brachte mich weg von Li, und das war pure Glückseligkeit.

Die kalte, chaotische Luft Hongkongs fühlte sich an wie ein scharfer, lebensspendender Schlag ins Gesicht. Ich rannte. Meine teuren Lederschuhe waren für Marmorböden gemacht, nicht für den schmutzigen Asphalt eines Industriegebiets. Jeder Schritt hallte laut und verräterisch. Der dunkelblaue Maßanzug, das hellgraue Hemd, die Rolex am Handgelenk – alles schrie: „Ich gehöre hier nicht her. Ich habe Kohle!“

Ich war eine wandelnde Leuchtreklame für Li, der mich in kürzester Zeit suchen würde, falls er es nicht jetzt schon tat. Die Polizei war meine einzige Chance, denn Li würde niemals ein Revier stürmen; das war zu gefährlich, zu riskant für sein Geschäft. Aber ich wusste auch: Wie sollte ein Mann, gekleidet wie ein Millionär, mitten in der Nacht blutige Geschichten von Entführung und Feuergefechten im Hafen glaubhaft machen? Wer würde mir glauben, dass ich entführt wurde, wenn ich aussah, als habe ich Geld im Überfluss?

Doch es war egal. Es war meine einzige Chance auf Freiheit, und nur dank Láng hatte ich es geschafft. Li würde seine Suche auf meine Kleidung ausrichten. Ich bremste ab und zwang mich zu gehen. Ein paar Straßen weiter, aus dem Labyrinth der Frachtterminals heraus, erblickte ich sie: ein Streifenwagen der Hongkonger Polizei. Er fuhr langsam durch eine breitere, nur mäßig beleuchtete Straße. „Jetzt oder nie“, murmelte ich mir leise zu. Mein Herz hatte Angst davor, doch mein Verstand schrie mich an, dass ich dumm wäre, diese Chance nicht zu nutzen.

Ohne nachzudenken, stürzte ich vor das Auto. Es war ein verzweifelter, fast schon filmreifer Move. Die Reifen quietschten, das Auto kam mit einem Ruck zum Stehen, nur Zentimeter vor meinen Füßen. Der Polizist am Steuer hupte und brüllte etwas auf Kantonesisch. Ich verstand einige Worte, und die waren nicht sehr freundlich. Ich hob beide Hände und trat sofort einen Schritt zurück, um keine zusätzliche Aggression zu signalisieren. Ich wusste nicht, wie die Polizisten in Hongkong drauf waren, aber ich kannte nur die amerikanische Polizei, und da musste man aufpassen – wobei ich als weißer Mann weniger zu befürchten hatte als andere.

Die Beifahrertür flog auf. Ein junger Polizist mit ernstem Gesicht sprang heraus. Er sah meinen Anzug, meine Panik, und sein Blick war ein einziges Fragezeichen, das sofort in Misstrauen umschlug. „Zurückbleiben! Was ist hier los? Was wollen Sie?“, forderte er in klarem, aber gereiztem Englisch. Zum Glück sprachen sie Englisch, und ich war erleichtert.

„Ich brauche Hilfe!“, presste ich hervor, meine Stimme war heiser und zitterte trotz meines Mantras. „Schießerei – Hafenviertel! Mein Name ist Jasper Hale. Ich wurde entführt. Sie müssen mich zum Präsidium bringen! Die werden mich sicher suchen!“

Der junge Polizist, dessen Uniform vor mir aufragte, zögerte. Er blickte über meine Schulter, versuchte die Dunkelheit hinter mir zu durchdringen, sah vermutlich nichts als die Schwärze der Stadt. „Schießerei? Mister, beruhigen Sie sich. Wer sind Sie? Ihre Papiere?“, forderte er mich auf und kam langsam auf mich zu. Er hatte seine Hand zwar an der Dienstwaffe, aber es schien nicht so, als ginge er davon aus, dass von mir eine Gefahr ausging. Und so ließ ich langsam meine Hände sinken. Natürlich fragten sie nach meinen Dokumenten, und ich schüttelte langsam den Kopf.

„Keine Papiere! Man hat mir meinen Pass geklaut“, sagte ich ruhig und blickte unsicher hinter mich. Ich hatte Angst, dass Li oder seine Leibwächter auftauchten. Ich wusste, ich musste Li sofort ins Spiel bringen, und doch zögerte ich. Wieso zum Teufel zögerte ich?! „Ich wurde entführt. Ich bin entkommen!“ Ich atmete zitternd aus. „Bitte. Bringen Sie mich in Sicherheit…“ Verzweifelt war mein Blick, und ich sah, wie der Polizist zu seinem Kollegen im Auto blickte.

Der ältere Polizist, der am Steuer saß, hielt das Funkgerät an sein Ohr. Sein Gesicht war steinern, aber seine Augen fixierten mich. Er sprach kurz und schnell auf Kantonesisch, dann legte er das Funkgerät beiseite. „Steig ein“, sagte er auf Englisch, seine Stimme war tief und autoritär, ohne jegliche Freundlichkeit. Er öffnete die hintere Tür und nickte seinem Partner zu. „Wir haben gerade eine Meldung über Schüsse im Terminal F gehört. Wir bringen Sie erst mal auf die Wache.“

Ich zögerte nicht. Ich stieg auf den Rücksitz, dessen Kunststoff kalt und hart war. Es roch nach Kaffee und etwas Schweiß. Es war der hässlichste Ort der Welt, aber es war pure Sicherheit. Der jüngere Polizist stieg wieder ein und sah mich über seine Schulter an. Er fragte mich nach meinem Namen, und ich antwortete ihm erneut. Er gab meinen Namen über Funk durch, doch ich verstand nichts. Aber ich vermutete, dass der Kollege im Innendienst vielleicht im System schaute, ob ich als vermisst galt. Natürlich wusste ich es nicht, aber ich war fest davon überzeugt, dass Jenny eine Vermisstenmeldung gemacht hatte. Der Wagen setzte sich in Bewegung, und ich merkte, wie eine große Anspannung von mir abfiel.

Ich atmete mehrmals tief durch. „Wir fahren zum Präsidium“, sagte der Fahrer in den Rückspiegel. „Da sind Dolmetscher.“ Das Blaulicht setzte ein, aber ohne Sirene. Der Wagen beschleunigte sanft. Ich lehnte meinen Kopf an die Scheibe und schloss kurz die Augen. Der Lärm und die Hektik von draußen strömten durch das geschlossene Fenster. Ich war weg. Die Freiheit war kein stiller, sanfter Ort. Es war die ohrenbetäubende, beängstigende Realität, in die ich mit einem teuren Anzug und einer zerbrochenen Würde hineingeworfen wurde.

Ich warf meine Maske ab und sah in den Rückspiegel. Ich sah keine Panik. Nur eine erschöpfte, aber konzentrierte Figur, die bereit war, die nächste Schlacht – die Schlacht um die Glaubwürdigkeit – zu schlagen. Ich lehnte den Kopf gegen das kühle Glas der Seitenscheibe. Draußen glitten die Neonlichter Hongkongs vorbei, die gleichen Lichter, die ich mit Li gesehen hatte. Doch jetzt war kein Leder um meinen Hals, nur der kratzige Stoff meines Hemdes. Ich war frei, und doch fühlte ich mich nackt ohne die dunkle Präsenz an meiner Seite. Es war ein beängstigender, berauschender Gedanke: Ich gehörte wieder mir selbst.

Woche 3: Die Scherben des Seins

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Woche 4: Die Kapitulation der Seele

Ich wachte auf und spürte, dass ich am liebsten nie wieder aufgewacht wäre. Ich fragte mich, wie ich nach dem, was passiert war, überhaupt in den Schlaf finden konnte. Allerdings hatte der dunkle, schwere Schlaf mir keine wirkliche Erholung beschert. Ich lag im Bett und starrte an die Decke und versuchte, mich so wenig wie möglich zu bewegen.

Die Stille im Penthouse war absolut. Es war eine andere Art von Stille als die, die ich in den ersten Wochen gekannt hatte. Damals war es die Stille des Wartens; jetzt war es die schwere Stille der Gewissheit. Meine Flucht war gescheitert. Ich hatte nun wahrscheinlich alle Privilegien verloren und war ein richtiger Gefangener.

Ich lag einen Moment lang da und spürte die Schmerzen. Meine Handgelenke taten von den Fesseln weh, mein Hals von Lis Griff, und mein Rücken, wo er sich aufgestützt hatte, war verspannt. Mein Hintern schmerzte, und ich spürte deutlich, dass die Penetration zu viel gewesen war. Die Empfindungen waren scharf, aber mein Geist behandelte sie wie ferne Informationen, die nichts mit mir zu tun hatten. Ich versuchte, die Schmerzen zu verdrängen. Sie in die gleiche Ecke zu verdrängen in der ich mich sonst kauerte, wenn Li meinen Körper benutzte.

Ich wählte meine Kleidung sorgfältig aus. Nicht, was ich wollte, sondern, dass was er sehen wollte. Ich zog einen tiefblauen Kaschmir-Pullover und eine makellose dunkelgraue Hose an – teure, weiche Kleidung, die das Bild des "verwöhnten Problemkinds" aus dem Polizeibericht untermauerte, aber Li gefiel. Kurz nahm ich mein altes Bandshirt in die Hand und strich über den, im Vergleich zum Pullover, rauen Stoff. Meine Lippen pressten sich aufeinander, als ich die wenigen Besitztümer betrachtete, die mir von meinem alten Leben geblieben waren. Sanft streichelte ich das Oberteil und legte es wieder in den Schrank.
 

Ich hatte Angst vor der Begegnung mit Li und wusste doch, dass sie unvermeidbar war. Was er wohl noch für Bestrafungen für mich in petto hatte, fragte ich mich unsicher. Ich ging leise hinunter in die Küche. Li saß nicht am Frühstückstisch. Er war in seinem angrenzenden Arbeitszimmer. Die Tür war einen Spalt offen.

Ich zwang mich, etwas zu Essen, und nachdem ich die Sachen weggeräumt hatte, ging ich zu seinem Arbeitszimmer. Leise atmete ich durch und klopfte. „Komm rein“, meinte er ruhig und geschäftig und mit einer Stimme die wieder so normal klang. Doch für mich war jetzt nichts mehr normal.

Langsam öffnete ich die Tür. Er saß hinter seinem Schreibtisch und blickte von dem Laptop hoch, der vor ihm stand. Er war frisch geduscht, trug ein weißes Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren, und sah so makellos und kontrolliert aus, als wäre die Nacht im Hafen, die Schießerei und alles andere nicht gewesen.

Doch ein Detail strafte seiner Fassade Lügen. Sein Handrücken war geschwollen und blau. Ich vermutete, dass er ziemlich weh tat. "Was möchtest du, Wánjù?“, fragte er und blickte mich kalt an. Schwer schluckend sahen wir einander an und ja, was wollte ich eigentlich hier? Darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Ich hatte nur das Gefühl, ich müsste zu ihm. „Ich… ich weiß nicht… Ich wollte glaube ich gar nichts“, stammelte ich unsicher und hasste es, dass meine Stimme so schwach klang. Ungerührt sah Li mich an und ich schluckte hart. Das Schweigen, welches sich ausbreitete war unangenehm und langsam trat ich einige Schritte zurück. „Tut mir leid“, murmelte ich und verließ das Arbeitszimmer, noch bevor er etwas sagen konnte.

Er kam mir nicht nach und ich war dankbar dafür und doch machte es mir auch Angst. Ich verbrachte den Tag in meinem Zimmer und starrte auf den Fernseher den ich dort hatte. Ich ließ mich berauschen von dem was gerade lief und sah es doch nicht. Ich hörte die Klingel und war überrascht. Doch ich traute mich nicht raus, obwohl ich neugierig war, wer Li besuchte. Vielleicht war es Jian, dachte ich mir und hoffte es fast.
 

Würde ich überhaupt noch Chinesisch mit ihm lernen dürfen? Abgesehen, dass Li gerade Besuch bekam, würde ich mich auch nicht trauen die Frage zu stellen. Ich wurde die Antwort mitbekommen.

Ich hörte wie Li den Gast begrüßte. Ich versuchte gar nicht erst zu lauschen und war überrascht, dass er mich rief, natürlich nicht mit meinem Namen. Ich erstarrte kurz und hatte Angst vor dem was mich erwartete. Nur langsam erhob ich mich und ging hinunter.

Ein Mann saß entspannt auf dem Sofa und ich erstarrte als ich vor ihm eine Tätowiernadel sah. Unsicher sah ich von dem Gerät zu Li und fragte: „Was wird das? Willst du ein neues Tattoo?“ Ich hoffte, er würde ja sagen, doch ich wusste, dass er den Kopf schütteln würde. Ein nahezu diabolisches Lächeln schlich sich auf seine Lippen.

„Nein“, meinte er entspannt und deutete an, dass ich mich setzten sollte. Zögernd ging ich zum Sessel und ließ mich darauf nieder. Angespannt saß ich auf der Kante, bereit aufzuspringen. „Ich will, dass jeder sofort weiß, dass du zu mir gehörst…“, meinte Li leise und ging um den Tisch herum. „Also wirst du mein Zeichen auf deiner Haut tragen. Damit du nicht vergisst, wem du gehörst.“

Meine Lippen zitterten kurz und unsicher sagte ich leise: „Ich will aber eigentlich kein Tattoo…“ Die Augenbrauen hochziehend meinte Li kalt: „Kein Problem. Wir können es dir auch in die Haut brennen, dass tut nur mehr weh…“

Erschrocken sah ich ihn an, die Frage ob das sein Ernst war brauchte ich gar nicht erst stellen. Li trat zu mir und nahm meinen rechten Arm. Er zog den Pullover hoch und drehte meine Arminnenseite nach außen. Er tippte auf die Mitte des Unterarms und erklärte: „Viele die mir die Treue geschworen hat tragen das Zeichen. Es soll dir helfen dich zu erinnern… Damit du es nie wieder vergisst…“ Der Mann auf dem Sofa blicke das Schauspiel zwischen uns emotionslos an und als Li den Arm in Position drehte rückte er zu uns. Er holte eine Folie heraus, und ich sah das Bild.

Es war ein Schwarzer Drache. Was auch sonst… Der Drache schlängelte um Chinesische Schriftzeichen, als würde er sie beschützen, seine Schuppen detailliert, sein Auge starr, als würden sie mich fixieren. Lis wahrer Name. Lis eigentliche Identität. „Was heißt das Schriftzeichen?“, fragte ich leise und vermutete, dass ich die Antwort schon kannte. „Hēilóng“, antwortete Li und ich schluckte hart.

Die Vorlage war ein Kunstwerk, aber für mich war es ein Brandzeichen. Ein Symbol der endgültigen Besitzergreifung. Es war unverkennbar Lis Emblem, unmissverständlich. Es schrie Besitz. Meine Magengrube zog sich zusammen. Ich würde das Zeichen von Hēilóng auf mir tragen. Für immer. Oder eher so lange ich hier war.

„Gefällt es dir?“, fragte Li leise, ein Anflug von Genugtuung war in seiner Stimme. Er wusste, dass ich das nicht wollte. Doch er und ich wussten beide, dass es egal war. Es war egal ob ich es toll fand oder nicht. Denn am Ende entschied nicht ich. Meine Grenzen waren hier egal.

Ich konnte nicht sprechen. Ich nickte nur stumm. Ich konnte mich nicht mehr wehren. Ich hatte die Wahl zwischen Schmerz und noch mehr Schmerz, zwischen einem Tattoo und einem glühenden Eisen, denn ich glaubte nicht, dass er das nicht wahr machen würde. Ich war Wánjù, sein Spielzeug, und nun würde es auch jeder sehen.

„Gut“, sagte Li. Er ließ meinen Arm los und setzte sich ebenfalls auf einen Sessel und lehnte sich zurück. Er nickte dem Tätowierer zu.

Der Mann lächelte mich nicht an. Er nickte Li zu und begann, seine Ausrüstung vorzubereiten. Mein Arm wurde rasiert und gesäubert. Die Nadel summte leise. Ein Geräusch, das nun für immer mit dem Schwarzen Drachen verbunden sein würde. Ein kurzer, scharfer Schmerz durchfuhr meinen Unterarm, gefolgt von einem warmen, pulsierenden Stechen.
 

Das Tattoo juckte, aber ich erlaubte mir nicht, daran zu kratzen. Es war jetzt ein Teil von mir, ein dunkles, tiefes, permanentes Schwarz, das die Zugehörigkeit zu Hēilóng herausschrie. Wann immer ich es ansah, spürte ich einen Stich der Demütigung, aber auch eine unheimliche Akzeptanz. Es war geschehen. Ich war markiert, gebrandmarkt.

Die nächsten drei Tage waren gruselig. Es war als wäre nichts passiert, nur das ich Jian nicht sehen durfte. Li trainierte mich, wie zuvor und verbrachte Zeit mit mir und doch fühlte es sich anders an. Es war der vierte Abend seit meiner Flucht und ich zwang mich nicht daran zu denken, dass ich Thanksgiving verpasst hatte. Denn ich hatte heute gehört, dass der Dezember bereits begonnen hatte. Die Vorstellung, dass meine Familie zusammensaß und vermutlich auch darüber sprachen was mit mir geschehen war und ob ich vermutlich überhaupt noch lebte, war gruselig. Doch ich verbann alle Gefühle, denn es tat zu weh. Erneut beschränkte sich mein Leben nur auf die Wohnung. Wir aßen zu Abend. Seit dem Ausflug nach Macau hatte ich nichts Westliches mehr gegessen. Und ich traute mich auch nicht mehr danach zu fragen. Das Essen mit den Stäbchen klappte zwar nicht immer perfekt, aber ich war sicher damit geworden.

Xia hatte heute eine Nudelpfanne gemacht und es war mal kein Fisch verarbeitet worden. Etwas was mich sehr freute. „Ich werde die nächsten Tage in Macau sein“, sagte Li gelassen und aß entspannt seine Portion auf.
 

Ich blickte zu ihm und als ich ihn fragte, ob ich mitkommen würde verneinte er schmunzelnd. „Wánjù“, tadelte er mich fast schon wie ein Lehrer, „Nachdem was passiert ist bleibst du erstmal hier. Hier bist du sicher und hier kannst du nicht einfach weglaufen. Jian und Yú werden nach dir sehen. Auch Xia wird ja hier sein. Ich bin auch nur zwei Nächte weg.“ Ich wusste nicht, ob es gut oder schlecht war, dass er mich nicht mitnahm, doch wenn ich darüber nachdachte merkte ich deutlich, dass ich unzufrieden war. Ich wollte endlich wieder raus. „Wieso glaubst du… dass hier nichts passiert?“, fragte ich und sah ihn verwirrt an. Ich hatte eher damit gerechnet, dass er mich zwang in einem Hotelzimmer auf ihm zu warten.

Ein bösartiges Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und ließ mich erstarren. „Wánjù“, säuselte er und das war selten ein gutes Zeichen, „Ich werde dich auch von Macau aus im Auge behalten können…“ Entsetzt starrte ich in das Wohnzimmer. Ich verstand was er sagte, ohne dass er es aussprach. Er hatte seine eigene Wohnung Kamera überwacht.

Waren sie etwa auch in meinem Zimmer?! „Überall?“, fragte ich leise und unsicher. Li schüttelte den Kopf und meinte: „Nicht überall. Hier unten und oben der Flur. In den Schlafzimmern und Badezimmern nicht. Aber ich vermute, dass du das doch keinem sagen wirst, oder?“ Erleichterung erfasste mich und ich schluckte schwer, bevor ich nickte. Wie oft er mich schon beobachtet hatte wollte ich gar nicht wissen. Es war einfach nur krank.
 

Als Li am nächsten Morgen abreiste, verließ ein Großteil der Struktur das Haus mit ihm. Xia war da. Sie machte den Haushalt und bereitete Essen zu. Sie sprach nicht und doch war sie da. Es war als sei sie eine stumme Wärterin.

Jian kam am Nachmittag vorbei, und wir sahen einander in die Augen. Er blickte mich nicht wütend an. Ich hatte damit gerechnet, da ich versucht hatte, vor Li zu fliehen.

Wir setzten uns ins Wohnzimmer, und ich hoffte, dass Li gerade nicht zuschaute. Seit dem Wissen glaubte ich immer, dass ich unter Beobachtung stand. Doch wieso sollte er? Er hatte in Macau genug zu tun. Er würde nicht die ganze Zeit darauf starren, was ich tat und doch machte es mir Angst nicht zu wissen, wann ich beobachtet wurde. „Wie geht es dir?“, fragte ich Jian und sah ihm ins Gesicht.

Er nickte nur stumm und meinte nach einem Moment: „Alles okay…“ Wir schwiegen, und ich war dankbar, dass er nicht fragte, wie es mir ging. Denn was hätte ich sagen sollen? Ich sah auf meine Füße und wünschte, ich wüsste, was ich sagen sollte.

Es war Jian, der die Stille durchbrach, und was er sagte, überraschte mich: „Ich hätte mich für dich gefreut, wenn deine Flucht erfolgreich gewesen wäre.“

Sprachlos starrte ich ihn an. Mein Mund öffnete und schloss sich sofort wieder. Dankbarkeit durchflutete meinen Körper, und leise murmelnd bat ich: „Kannst du mir dann nicht helfen, hier raus zu kommen?“ Es wunderte mich nicht, als ich Jians Kopfschütteln sah. „Nein“, sagte er leise und ehrlich, „Ich verrate Hēilóng nicht. Ihm gehört meine Treue. Wenn du es alleine geschafft hättest, hätte ich mich für dich gefreut. Aber ich helfe dir nicht. Tut mir leid, Jasper.“
 

Jasper. Es war das erste Mal seit Tagen, dass man mich mit meinem Namen ansprach, und es war wie ein kleiner innerer Rausch. Es erinnerte mich, dass ich mehr war als ein Spielzeug. Ich nickte nur, denn ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Jian schlug vor, etwas Billard zu spielen, und wir verbrachten einige Zeit in diesem Spielzimmer, das andere wollte ich eigentlich nie mehr betreten und wusste doch, dass dieser Wunsch vermutlich nicht in Erfüllung gehen würde.

Doch am frühen Abend verließ er mich. Er sagte, dass er am nächsten Tag kommen wird, und ich fragte gar nicht erst danach, wie ich jemanden in der Nacht kontaktieren konnte. Was sollte hier auch passieren?

Ich hatte die gesamte Wohnung für mich, und doch wurde sie schnell zu eng. Die Wände des Penthouses schienen sich zusammenzuziehen. Manchmal hatte ich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können, und mein Herz raste. Die erste Nacht alleine war die Hölle.
 

Mein Geist kam mit dem Wissen, dass ich alleine war, nicht zur Ruhe. Ich erwischte mich dabei, wie ich plötzlich Panik bekam, als ich Leder roch oder glaubte, es zu riechen. Sofort war ich wieder im Club und spürte die Scham der öffentlichen Nötigung, als sei ich wieder dort. Ich wusste nicht, wie lange ich da lag und ins Leere starrte. Als ich glaubte, dass mein Körper mir wieder gehorchte, musste ich sichergehen, dass ich alleine war, und verließ mein Zimmer. Die Panik verfolgte mich. Oder waren es Lis Augen? Sah er gerade zu?!

Als ich auf einmal in Lis Schlafzimmer stand, erstarrte ich vollkommen. Natürlich war hier keiner, doch die Erkenntnis, dass ich hier stand, überwältigte mich. Schnell verließ ich das Schlafzimmer und fand mich in der Küche wieder. Wie ich hier hergekommen war, wusste ich nicht.

Ich sah das Sofa und starrte auf meinen Unterarm. Das schwarze Tattoo stach grausam heraus, und ich hatte das Gefühl, dass der Drache auf meinem Arm begann, zu brennen. Immer schneller wurde meine Atmung, und ich hatte das Gefühl, ich würde ersticken. Und dieses Gefühl, keine Luft zu bekommen, brach die schrecklichste Erinnerung von allen heraus: Das Würgen. Das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ich spürte, wie ich immer schlechter Luft bekam. Ich musste raus aus diesem Kreislauf – aber wie?!

Ich griff in eine Schublade und fand eines von den Küchenmessern. Ich drückte es mir gewaltsam gegen den Unterarm. Ich drückte die Klinge tiefer, bis ein kalter, klarer Schmerz die Panik in meinem Kopf wie ein Blitzlicht zerriss. Endlich konnte ich wieder spüren, wo mein Körper anfing und die Angst aufhörte.

Ich starrte auf die schmale, rote Linie an meinem Unterarm, wo das Blut sofort zu tropfen begann und einen dunklen Fleck auf dem polierten Boden bildete. Erschrecken und Ekel über die eigene Tat durchzogen mich. Ich warf das Messer von mir, als wäre es eine Schlange, und drückte ein Handtuch auf die Wunde. Das Brennen war echt, es war hier, es war jetzt. Der Drache schien über die frische Verletzung zu wachen, und ich wusste: Ich hatte eine neue Art gefunden, die Kontrolle zu behalten. Denn der Schmerz half mir, mich nicht wieder an das zu erinnern, was alles passiert war.
 

Ich schlief die meiste Zeit. Nur wenn Jian und Yú kurz da waren, war ich wirklich wach. Wobei das Treffen mit Yú wirklich kurz war, denn wir sprachen nur sehr kurz miteinander. Mein Geist schaltete ab, und ich war unendlich müde. Ich hatte das Gefühl, ich müsse raus. Raus aus der Wohnung, raus aus der Stadt. Xia hatte mich gefragt, was ich essen wollte, und ich hatte mich am letzten Tage nur noch von Junkfood und Zucker ernährt, als wäre ich wieder 15 und hätte ein Wochenende ohne meine Eltern. Ich genoss das ungesunde Essen.

Ich bemerkte nicht, dass Li am Abend wieder kam, denn ich war am Schlafen. Erschrocken fuhr ich hoch, als ich hörte, dass jemand in mein Zimmer kam. War das ein Albtraum?! Ich drückte schmerzhaft gegen die Wunde an meinem Unterarm, und das Brennen zeigte mir deutlich, dass es real war. Dass er wirklich vor mir stand.

Ich wusste nicht, was ich für einen Anblick bot, doch Li ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Überall lag Müll herum. Überall war etwas nicht weggeräumt. Seit er weg war, hatte ich nicht mehr geduscht. Hatte ich daran gedacht, mir die Zähne zu putzen? Ich wusste es nicht. Weder hatte ich mich rasiert, noch hatte ich frische Kleidung an. Ich hatte eigentlich nur noch existiert.

„Du siehst scheiße aus“, begrüßte er mich eisig und verzog das Gesicht. „Steh auf.“

Träge erhob ich mich und blinzelte gegen die Sonne. Es war seltsam, denn ich hatte Angst und spürte gleichzeitig, wie ich mich freute, ihn zu sehen. Ich war nicht mehr alleine. „Hey“, krächzte ich, denn meine Stimme war vom vielen Schlafen belegt. „Geh duschen und dich rasieren“, meinte er. Sein Blick glitt tadelnd über mich, und er fügte hinzu: „Und zieh dir frische Kleidung an.“ Seine Aufforderung reichte aus, um mich in Bewegung zu setzten, und ich verschwand im Badezimmer gegenüber meines Zimmers. Ich putze die Zähne und verschwand kurz unter der Dusche und rasierte mir den Bart wieder etwas ordentlicher.

Es fühlte sich zwar gut an, doch wohl fühlte ich mich immer noch nicht wirklich. Nachdem ich mir frische Kleidung angezogen hatte, ging ich hinunter. Li war gerade am Kochen, und ich lehnte mich an die Kochinsel. Es war egal, dass ich nichts zu sagen hatte. Ich wollte nur gerade nicht alleine sein. Unschlüssig sah Li mich an. Ich wusste den Blick nicht zuzuordnen und dachte, dass er vermutlich gerne ein Gespräch führen wollte.

„Wie war es in Macau?“, fragte ich leise und spürte, wie ich unruhig wurde. „Ganz gut“, meinte er gelassen und fuhr fort: „Wir haben einen Ersatz für Lángs und Wus Positionen, und ich habe neue frische Mädchen und zwei, drei Jungs für den Club.“ Kurz flammte leises Entsetzten auf, darüber wie kalt er sprach, dass er Menschen gekauft oder versklavt hatte. Doch schnell war das Gefühl wieder verschwunden, durch meine eigene Angst überlagert. Ich nickte nur; ich wusste nicht, was man dazu sagen sollte. Kurz blickte ich auf seine Hände, sie waren nicht mehr geschwollen und nur noch kleine grüne Flecken erinnerten daran, was er getan hatte.

Wir schwiegen. Li stellte gerade das Essen in den Ofen und drehte sich zu mir um. Er streckte die Hand aus und meinte: „Zeig mir das Tattoo. Ich will sehen, wie es verheilt. So wie du aussahst hast du es sicher nicht gepflegt.“

Ich erstarrte, denn da war auch der Schnitt. Natürlich bemerkte Li mein Zögern und griff ruckartig nach meinem Arm. Ich zog ihn nicht weg, doch ich hatte Angst vor der Reaktion. Li zog den Ärmel hoch und sah kurz auf das verheilende Tattoo, bevor seine dunklen Augen auf den eindeutigen roten Schnitt fielen. Ich hatte ihn nur notdürftig versorgt, und die Wundränder waren leicht gerötet und vielleicht auch leicht entzündet.

Emotionslos sah ich auf die Wunde, doch Lis Augen schossen wütend in mein Gesicht. Er ließ meinen Arm ruckartig los und langte aus. Er schlug mir mit der flachen Hand kräftig auf die Wange. Der Schlag knallte wie ein Peitschenhieb durch die stille Küche. Meine Wange explodierte vor Hitze, und mein Kopf wurde so heftig zur Seite gerissen, dass meine Halswirbel knackten. Schmerzvoll stöhnte ich auf, und wütend fragte mich Li, was das sei.
 

Unschlüssig sah ich ihn an und zuckte mit den Schultern zornig zischte Li: „Dein Ernst?“ Ich wusste nicht, was er hören wollte.

„Wieso hast du das gemacht?!“, fuhr er mich an und holte erneut aus. Ich hätte ihn aufhalten können oder ausweichen, doch ich tat nichts, und ich spürte, wie meine andere Wange brannte. Kurz kamen die Erinnerungen an Láng hoch, und mir fiel auf, dass diese Ohrfeigen damals viel heftiger waren. Láng hatte geblutet, das tat ich noch nicht. Oder lag es daran, dass er dieses Mal keinen Ring am Finger trug?

Unschlüssig zuckte ich mit den Schultern; es war das Einzige, was ich als Antwort bringen konnte. Kurz flammte meine alte sarkastische Ader durch, und zynisch meinte ich: „Ich konnte halt kein Fenster öffnen…“

Es war als wäre ein Schalter umgelegt worden. Wut flammte in den Augen des Mannes vor mir auf, und er zischte: „Dann mach es beim nächsten Mal richtig, aber wenn du das so haben willst…“

Er schlug mir heftig in den Magen, und keuchend krümmte ich mich zusammen. Meine Arme schlangen sich automatisch um meine Mitte, doch Li zielte nicht mehr darauf. Sein Unterarm landete in meinen Nacken, und schmerzvoll landete ich auf dem Boden. Ich schrie leise und qualvoll vor Schmerzen auf, und eine Wut, die ich nicht zuordnen konnte, starrte mich an.

Erneut hob er die Hand, und ich rollte mich zusammen und schrie verzweifelt: „Nimm doch bitte eine Pistole. Bitte!“ Tränen liefen über meine Wangen. Wenn ich schon jetzt gehen musste, dann doch wenigstens ohne diesen langsamen, quälenden Schmerz, dachte ich verzweifelt und schloss die Augen.

Ja, in diesem Augenblick meines Seins hätte ich den Tod als Freund begrüßt und hätte keine Angst gehabt. Meine Eltern haben mir immer gesagt, dass ich als schwuler Mann in die Hölle käme, doch die konnte nicht so schlimm sein wie das hier. Innerlich sprach ich ein Gebet und hoffte, dass es wenigstens schnell ging und Li meine Bitte erhörte.
 

Ich wartete auf den nächsten Schlag, doch er blieb aus. Mein ganzer Körper erzitterte. Ich erschauderte, als ich merkte, wie Li sich zu mir auf den Boden setzte. Die unerwartete Geste war beinahe intimer und erschreckender als die Schläge selbst.

Heftig zuckte ich zusammen, als ich Lis Hand auf meinem Kopf spürte. Langsam hob ich den Blick und richtete mich auf. Die Wut war in Lis Augen verschwunden, und nach einem Moment fragte er: „Was ist los, Jasper.“

Er sprach mich mit meinem Namen an. Sofort schossen Tränen in meine Augen. Mein Körper begann zu zittern, und Li drückte mich an sich. Warum machte er das? Warme und kräftig waren seine Hände, die mich streichelten. Und verzweifelt drückte ich mich an ihn. Ich klammerte mich an dem Mann fest, von dem ich mir gerade gewünscht hatte, er solle mich lieber erschießen, als mich zu erschlagen.

„Ich kann nicht mehr“, schluchzte ich verzweifelt, und die Tränen hörten gar nicht mehr auf zu laufen. Mein Körper verlor gegen meine Emotionen und sie kamen ungefiltert aus mir heraus. „Ich kann nicht atmen. Ich kann nicht mehr schlafen. Ich bin so einsam. Ich will hier raus. Ich will Wind spüren, Sonne. Diese Wohnung…. Sie nimmt mir die Luft zum Atmen. Keiner spricht mit mir. Immer bin ich alleine. Niemand nennt mich mehr Jasper. Ich bin immer nur Wánjù…“ Meine Stimme brach, und ein Schluchzen und Zittern erfasste meinen Köper. Ich hatte ihn gar nicht mehr unter Kontrolle.

Fester wurde Lis Griff, und eine Hand strich sanft über meinen Hinterkopf. Er wiegte mich fast schon sanft wie ein Kind, und ich war so unendlich dankbar, dass er mich hielt. Immer wieder entwichen Schluchzer meiner Kehle, und mein ganzer Körper zitterte.

„Ich will das so nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich ertrage es nicht mehr…“, brachte ich unter den Tränen hervor und schämte mich selbst dafür, denn eigentlich wollte ich nicht sterben. Ich wusste nicht, wie lange wir schon da saßen, und erst nachdem ich das Gefühl hatte, wieder Luft zu bekommen und das Zittern meines Körpers nachgelassen hatte, löste sich Lis fester Griff um meinen Körper. Ich hob den Blick und sah ihm ins Gesicht. „Es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe, wirklich“, brachte ich leise hervor und zuckte zusammen, als sich Lis Hände hoben. Ich ertrug nicht mehr Schmerzen. Die schmerzen seiner Schläge hallten dumpf in meinem Körper nach, doch ich spürte sie nicht, denn ich versuchte sie krampfhaft zu verdrängen.

Es entging ihm nicht, und sanft strich er mit beiden Händen liebevoll die Tränen weg. Er nickte nur, und ich hatte das Gefühl, dass dieses Nicken zeigte, dass er mir verzieh. „Jazz“, sagte Li mit sanfter Stimme, und ich erschauderte, als er meinen Spitznamen sagte. „Alles wird gut.“ Er strich erneut über meine Wange, und ich lehnte meinen Kopf gegen seine Hände. Die Verwendung meines Spitznamens fühlte sich so viel intimer an, als er sich vermutlich vorstellen konnte.

„Ich sage Wánjù nicht, um dich bloßzustellen… Es ist dein Spitzname für mich“, erklärte er, und erstaunlich ruhig und sanft war seine Stimme. „Es ist nicht, weil ich deinen Namen nicht aussprechen will.“ Es klang ehrlich, und vielleicht meinte er es auch so, doch mein Verstand, der über dem Scherbenhaufen meines Ichs ruhte, sagte mir deutlich, dass er es dennoch auch bewusst vermied, meinen Namen zu sagen. Dennoch nickte ich nur und schluckte schwer.

Erst nachdem ich mich wirklich langsam unter Kontrolle hatte, löste Li seine Umarmung. Während ich mir durch das Gesicht strich, merkte ich, dass er sein Handy aus der Hosentasche zog. Er legte einen Arm um mich, und ich lehnte mich an ihn. Ich war gerade dankbar, dass er da war, und schloss kurz die Augen. Überrascht war ich, als ich ihn auf Englisch sagen hörte: „Sag meine Termine für die nächsten vier, fünf Tage ab. Ich fahre raus aus der Stadt.“

Mein Verstand schrie, dass dies eine Falle war, aber mein Herz – dieses verräterische, einsame Ding – saugte die Wärme seiner Hände auf wie ein Erstickender den ersten Atemzug an der Oberfläche.
 

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Hallo,
 

ich hoffe, es hat euch gefallen! Wie immer würde ich mich über eure Kommentare sehr freuen. Mich würde auch interessieren, wie euch der Verlauf der Geschichte bis jetzt generell gefällt. Ist vieles für euch vorhersehbar oder konnte euch das eine oder andere doch noch überraschen?
 

Schönen Abend noch! ;)

Woche 4: Der Atmen der Berge

Huhu an alle,
 

ich habe mich dazu entschieden, die Geschichte hier demnächst wahrscheinlich einzustellen.
 

Da es hier leider kaum Statistiken gibt und ich schwer einschätzen kann, ob die Story überhaupt Leser findet, ist es für mich als Autorin etwas frustrierend, quasi ‚ins Blaue‘ zu schreiben. Mir ist natürlich bewusst, dass der Inhalt sehr düster und speziell ist und sicher nicht jeden Geschmack trifft – was völlig okay ist!
 

Falls hier doch jemand still mitliest und wissen möchte, wie es mit Jasper weitergeht: Ich werde die Geschichte weiterhin auf Fanfiktion.de pflegen, wo ich die Resonanz besser im Blick habe. Ich werde euch den Link hier noch reinstellen.
 

Vielen Dank an alle, die bisher reingeschaut haben, und erst mal weiterhin viel Spaß beim Lesen des aktuellen Kapitels!
 

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Die Stunden nach meinem Zusammenbruch waren von einer erzwungenen Intimität geprägt. Wir saßen noch eine Weile auf dem Boden. Li strich sanft, fast mechanisch, über meinen Rücken, und nur noch vereinzelte Schluchzer kamen über meine Lippen. Seine Berührung war nicht zärtlich, sondern beruhigend – wie das Halten eines Tiers, das sich selbst erschöpft hatte. Es war eine Geste der Kontrolle, nicht der Empathie. Denn ich war mir sicher, dass dieser Mann keine Empathie empfinden konnte.

Erst nachdem ich mich komplett beruhigt hatte und die Last der Anspannung von mir abfiel, standen wir auf, wobei Li mir helfen musste. Meine Wangen brannten, und ich strich kurz darüber; die Haut fühlte sich heiß und geschwollen an. Li betrachtete mich stumm, seine Mimik war unleserlich, aber seine Augen fixierten mich. Ich wich seinen dunklen Augen aus. Ich schaffte es in diesem Moment nicht mehr den Blickkontakt zu halten. Er ging zum Kühlschrank und holte zwei Kühlakkus, wickelte sie in saubere Leinentücher und reichte sie mir. Es war seltsam, diese klinische, praktische Reaktion auf einen emotionalen Zusammenbruch.

Das Essen wurde schweigend eingenommen. Die Stille war nicht feindselig, sondern schwer und unumstößlich, wie ein neues Naturgesetz im Raum. Anders als sonst verbrachte Li den Abend komplett mit mir. Er las nicht, er arbeitete nicht. Wir sahen einen Film in seinem privaten Kino – ein stilles, episches Drama über verlorene Welten, dessen Handlung ich kaum verfolgte. Wieso tat er das? Wieso war jetzt wieder alles normal? Ich war so erschöpft und als die Panik wieder aufflammen wollte, drückte ich feste gegen den Schnitt und das brennen beendete die aufkeimende Angst in meinem Kopf. Ich wusste, dass er mir gerade nichts tun würde. Sein Arm lag um mich und er drückte mich einfach an seine Seite und obwohl ich nicht klein und zierlich war kauerte ich mich neben ihn zusammen. Als hoffe ich, dass niemand mich bemerkte.

„Schlaf heute bei mir“, forderte mich Li auf und seine Finger strichen erneut über meinen Rücken. Ich wusste, dass jede Bitte ein Befehl war, aber ich widersetzte mich nicht. Es gab keinen Grund zur Rebellion mehr. Also nickte ich nur und spürte immer noch das Pochen in meinen Wangen. Ich lag neben ihm in den kühlen, glatten Laken seines Bettes, atmete seinen vertrauten, leicht holzigen Duft ein und fühlte mich dennoch paradoxerweise sicher. Ich wusste einfach, dass er mir in dem Moment nichts tun würde und verzweifelt starte ich an die Decke.

Wollte ich wirklich Sterben? In dem Moment als Li mich geschlagen hatte und vollkommen durchgedreht ist, hatte ich den Tod wirklich akzeptiert. Hätte ihn sogar wirklich willkommen geheißen. Doch nun wie ich hier in seinem Bett lag und sein kräftiger Arm mich wie ein Schraubstock an ihn drückte erschreckte ich mich selbst vor mir. Wollte ich mich wirklich so sehr aufgeben? Mein Verstand regte sich. Das erste Mal seit der gescheiterten Flucht und seine Stimme war nicht mehr kämpferisch, sondern leise und vorsichtig- Doch klar und deutlich sagte sie, dass ich nicht sterben möchte. Ich war froh, dass sich die innere Stimme doch noch zu Wort melden konnte, doch mehr sagte sie nicht. Allerdings war es mir gleich und ich spürte wie ich mich an Li kuschelte und die Augen schloss. Ich hoffte, dass mein Verstand sich neu ordnen konnte über meinen inneren Scherbenhaufen. Doch so lange das dauerte tat ich das von dem mein Geist das Gefühl hatte, dass es ihm gut tat und das war gerade das Wissen, gehalten zu werden und sei es von dem Mann weswegen meine Wangen immer noch leicht brannten.
 

Der Flug fühlte sich endlos an. Die geschlossenen Fenster des Privatjets verweigerten mir den Blick, und die Geräusche des Triebwerks überlagerten alles. Natürlich war ich noch nie in einem Privatjet geflogen. Es wunderte mich nicht, dass Li einen hatte – er hatte alles, was nach Luxus schrie, und ich vermutete, dass im Hafen von Hongkong oder Macau eine übertriebene Riesenjacht auf ihn wartete. Doch es war mir gleich. Ich wollte einfach nur noch raus aus dieser Wohnung, raus aus der Stadt. Ich wusste, dass ich endlich wieder Natur um mich haben wollte.

Ich war nie ein Typ gewesen, der unheimlich gerne in der Natur war, doch jetzt, nach der Zeit in der Gefangenschaft, war jedes bisschen Grün und frische Luft eine Wohltat, denn es war ein unvorstellbares Luxusgut geworden in dieser Betonwüste. Ich lehnte mich in den hellen Sesseln zurück und beobachtete Li wie er an einem Laptop noch zu arbeiten schien. Ich vermutete, dass dieser spontane Ausflug viele seiner Pläne über den Haufen geworfen hatte. Doch es war mir gleich, denn so erschreckend es war, gab es mir das Gefühl, dass ich für ihn wichtig war. Wichtiger als seine Arbeit. Ich freute mich wirklich darüber, bis sich plötzliche die leise Stimme meines Verstands meldete. Er will nur nicht, dass du dich umbringst… Mehr sagte sie nicht und ich merkte wie ich ernüchtert auf meine teuren Schuhe schaute. Wieso meldete sich mein Verstand und schwieg dann wieder eisern. Könnte mir nicht helfen oder wenigstens vollkommen die Klappe halten. Ich verdrängte den Gedanken und lehnte mich lieber kurz in den Sessel zurück.

Sanft setzte der Flieger auf dem kleinen Flughafen auf und die Freude, dass wir wirklich aus Hongkong weg waren war unbegreiflich und unbeschreiblich.

Die Sonne blendete mich, als ich aus der Luke des Jets trat, und ich genoss es unglaublich. Es war eine unmittelbare, ungefilterte Explosion der Sinne. Der Wind traf mich wie eine schallende Ohrfeige, kühl, feucht und beladen mit dem Geruch von feuchter Erde und Kalkstein. Ich sog ihn tief ein, füllte meine Lungen mit dieser rauen, lebendigen Luft, die so anders war als die gefilterte Kälte des Flugzeugs oder der Wohnung.

Wir waren auf einem winzigen Rollfeld gelandet, das gerade eben groß genug war, um den Jet aufzunehmen. Ringsherum schoss die Welt vertikal empor. Riesige, zerklüftete Berge ragten wie versteinerte Titanen in den Himmel. Sie waren von dichtem, smaragdgrünem Dschungel bewachsen, ihre Spitzen in einem hellgrauen Morgendunst verschwommen. Die Szenerie war so dramatisch und wunderschön, dass sie fast unwirklich wirkte.

Ich nahm jedes Geräusch auf: Das ferne, rhythmische Rauschen eines Flusses, das scharfe, helle Schreien unbekannter Vögel. Li bemerkte, wie ich für einen Moment erstarrt war, meine Augen weit, meine Hände leicht geöffnet, als wollte ich die Luft greifen. Es fühlte sich nach Freiheit an, obwohl ich wusste, dass es keine war.

„Wir sind da“, sagte er, seine Stimme tief und zufrieden, als er den Arm um meine Schultern legte. Es war eine unglaublich intime Geste zwischen zwei Männern, außerhalb der eigenen vier Wände. Ich nickte zufrieden und ließ meine Augen über die Weiten der Berge wandern, an deren Hängen sich der Dschungel emporschlängelte. „Wunderschön“, meinte ich leise und ehrfürchtig vor diesem Anblick. „Eigentlich müsste man ein Foto machen. Der Nebel steigt ziemlich cool auf. Findest du nicht?“

Perplex starrte ich auf das Handy, welches Li mir hinhielt. Er hatte seine Kamera entsperrt, und unschlüssig nahm ich das Gerät in die Hand. Ich machte schnell zwei Bilder und reichte sie Li wieder. Am liebsten hätte ich es behalten. Doch so dumm war ich nicht, also reichte ich es ihm wieder. Natürlich waren Leibwächter mitgekommen. Jian war leider in Hongkong geblieben. Er hatte privat etwas zu tun, und ich musste mich daran erinnern, dass dies sein Job war.

„Das ist Yangshuo“, erklärte Li entspannt. „Wir werden uns hier eine Weile ausruhen. Die Stille wird dir guttun. Wenn du magst, können wir viel in der Natur sein.“

Ich nickte, denn ich wollte unbedingt in die Natur und die Ruhe genießen. Ein Teil von mir hoffte, dass es mir danach wieder besser ging und der Scherbenhaufen meines Ichs sich langsam, Stück für Stück wieder zusammensetzte. Ich wusste ich würde nie wieder der Alte sein, aber ich wollte mich in all dem wiederfinden. So gut es eben ging und ich spürte schließlich, dass mein Verstand noch da war, wenn auch nur sehr selten und leise.
 

Ein schwarzer, unauffälliger SUV fuhr uns über eine Stunde auf schmalen, gewundenen Landstraßen. Wir sprachen über das was wir sahen. Die Berge, den Dschungel und ich erwischte mich dabei wie ich wieder begann von Thailand und Bali zu sprechen, wie früher als wir uns kennen gelernt hatten. Es war ein seltsames Gefühl, dass das alles schon Wochen her war. Es war so viel in meinem Leben passiert, dass es durchaus Jahren gewesen sein konnten.

Irgendwann bogen wir auf einen Feldweg ab, der von riesigen, alten Bäumen gesäumt war, deren Wurzeln dicken Schlangen glichen. Dann öffnete sich die Landschaft zu einem Anwesen, das so diskret war, dass es fast unsichtbar wirkte.

Es war kein klassisches Hotel. Es war keine prunkvolle Villa, sondern eine Ansammlung von Pavillons aus dunklem Holz und grauem Stein, eingebettet in die Landschaft. Die Architektur war minimalistisch, modern, aber durchdrungen von traditioneller chinesischer Ästhetik. Große Glasfronten öffneten sich zu Terrassen mit Infinity-Pools, die direkt in die feuchten Reisfelder überzugehen schienen. Der gesamte Komplex strahlte eine Atmosphäre von ungestörter Ruhe und unerreichbarer Privatsphäre aus. Es roch nach altem Holz, feuchtem Stein und Jasmin. Ein Pagode stand auf einer Insel in einem künstlich angelegten See und thronte fast in seiner Mitte.

Es ließ sich nicht anders sagen, es war eine wunderschöne Anlage. Vor meiner Gefangenschaft hätte sie mir unglaublich gut gefallen, und auch jetzt: Der Luxus war da, aber absolut nicht offensichtlich und schrie dich an wie in Macau. Es war die elegante, zurückhaltende Zurschaustellung von Exklusivität.

Ich sagte Li, dass mir das Hotel gefiel, und er schien zufrieden.

Ein Page führte uns in eine Suite, die eher ein privater Flügel war: hohe Decken, Seide, handgefertigte Keramik. Sein Schlafzimmer lag am Ende des Flurs, aber er zeigte auf ein kleineres, stilvolles Zimmer nebenan. Ein zusätzliches kleines Schlafzimmer. „Dein Raum“, sagte er beiläufig, und ich konnte nicht verhindern, dass ich dankbar war. Ich konnte mich, wenn ich wollte, zurückziehen. Etwas, was ich in Macau nicht hatte. Ich sah mich um, und die Aussicht in die Natur tat meiner Seele gut. „Die Aussicht ist wunderbar“, meinte ich leise und schaute auf das leuchtende Grün vor dem Fenster. Ich sah Blumen an, deren Name ich nicht kannte und genoss den Anblick. Eine Ruhe erfasste mich langsam, von der ich nicht dachte, dass ich sie je wieder spüren konnte oder auch durfte.

Wir blieben den ersten Tag in der Anlage. Li hatte uns eine Massage gebucht, und es tat wirklich gut. So entspannt wie gerade hatte ich Li noch nie erlebt. Er wirkte ungezwungen und erinnerte mich an den Mann, den ich vor Wochen kennengelernt hatte. Immer noch darauf fokussiert, dass es nach seiner Nase ging, aber nicht mehr so… grausam, so bestimmend dabei. Ich sah ihn sogar lachen, etwas, was ich in Hongkong nicht mehr wahrgenommen hatte. Die anderen Gäste beachteten uns nicht und ich sprach keinen an, denn ich wusste ich durfte es nicht. Es war erschreckend wie normal alle Leute mit mir umgingen. Die Mitarbeiter nannten mich zwar nicht Jasper, aber hier war ich auch nicht das Spielzeug, sein Wánjú. Es tat gut, denn ich merkte, dass die Menschen die hier arbeiten mich und Li vollkommen gleich zu behandeln schienen. Wir waren so weit weg von Hongkong vielleicht wussten sie auch nicht wer und was er war. Hier war er nicht Hēilóng, kein Anführer einer Triade. Wir waren einfach zwei Gäste in diesem teuren Hotel.
 

Doch etwas anderes geschah, ich vergaß die Leibwächter vollkommen und bekam das Gefühl alleine mit Li zu sein.

Es wurde Abend, und wir gingen nicht zum Buffet. Vorsichtig fragte ich Li, ob und wann wir essen gehen, und schmunzelnd meinte er, dass wir auf unserer Terrasse zusammen essen würden. Ein Koch kam und servierte kantonesische Delikatessen; jedes Gericht war ein Kunstwerk. Li zwang mich nicht zum Gespräch, sondern führte es sanft, beiläufig. Wir sprachen über die Bücher, die er mir geschenkt hatte, und einige Serien, die ich mir angeschaut hatte. Es waren normale Gespräche, und ich kam mir nicht wie ein Schüler vor.

Ich trank einen Mojito und war überrascht, dass Li sich daran erinnert hatte, dass das mein liebster Cocktail war. Er hatte sich wirklich gemerkt, was ich damals gesagt hatte, im Four Seasons. Damit hatte ich, wenn ich ehrlich war, nicht gerechnet. Doch es zeigte mir, dass auch wenn Li mich als sein Spielzeug sah, er sich dennoch Dinge merken konnte, die mich ausmachten. Und wenn es nur diese Kleinigkeit war. Doch es war eben nicht er, der entschied was ich gerne trank. Wenn er doch sonst fast alles von mir formte und bestimmte.

Auch wenn ich eigentlich kein asiatisches Essen mehr sehen konnte, fand ich immer mehr, was mir zu schmecken schien, und auch wenn ich die Namen der Gerichte nicht kannte, wusste ich, welche mir nicht schmeckten. „Hast du wichtige Treffen jetzt wegen unserer kurzen Reise verschoben?“, wollte ich wissen und aß genüsslich ein Dim Sum, welches ich nun nicht mehr mit dem Stäbchen aufspießen musste.

„Das Treffen mit diesem Amerikaner, Snake nennt der sich ja“, meinte Li entspannt und trank einen Pflaumenwein. Kurz kamen Erinnerungen hoch an Williams, den Kontaktmann und Waffenschmuggler, und der Kopf. Dieser Snake. An ihn hatte ich bis jetzt keinen Gedanken mehr verschwendet. „Ich hoffe, dass es jetzt nicht schlimm ist“, meinte ich und trank ebenfalls von meinem Getränk.

Li schüttelte den Kopf und meinte: „Nein, der will ja an mich verkaufen. Wir treffen uns halt nach unserem Urlaub.“ Sanft legte er seine Hand auf die meine und streichelte liebevoll über den Handrücken. Es fühlte sich schön an, und meine Finger verwoben sich mit seinen rauen. Ich nickte nur und merkte, wie sich mein Inneres langsam entspannte und nicht nur die Muskeln meines Körpers. Nach diesem ruhigen Tag und der Entspanntheit zwischen uns konnte ich endlich wieder friedlich schlafen. Ich hatte mich entschieden, bei Li zu bleiben, weil ich wusste, dass er es wollte und ein kleiner Teil von mir auch gerade. Und so hüllte mich seine Wärme und sein Geruch ein, bevor ich den ersehnten, erholsamen Schlaf fand.
 

Den Zweiten Tag verbrachten wir draußen. Außerhalb des Hotels und schlenderten durch die Straßen. Ich beobachtete Li und war mir nicht sicher, was ich von ihm und all dem hier halten sollte. Ich erwischte mich dabei wie ich fast schon gierig seine Nähe suchte. Doch die leise Stimme meines Verstandes sagte mir, dass ich das besser sein lassen sollte. Wir beobachteten die Menge die mit einem Boot über den Fluss fuhren und ich sah die gut gelaunten entspannten Gesichter der Menschen. Als Li mich fragte, ob wir auch mit dem Boot fahren wollen zuckte ich unschlüssig mit den Schultern. Ich wusste, wenn ich ehrlich war nicht mehr was ich machen wollte. Li entschied, dass wir mit einem der Boote über den Fluss und zwischen den Bergen langfuhren und ich betrachtete die Umgebung und spürte wie die Ruhe in mir einkehrte. Doch immer wieder erwischte ich mich dabei wie ich Li beobachtete, nicht dass er wütend war oder keinen Spaß hatte. Li ließ die Schultern sinken, sein oberster Hemdknopf war offen, und die übliche Härte um seinen Mund war einer fast trägen Ruhe gewichen. Er war zufrieden.
 

Wir frühstückten im Zimmer, und es war für mich eine Überraschung dabei. Es gab westliches Frühstück. Rührei, Bacon, Toast. Aber auch Müsli mit frischen Früchten, Quark und frische, leckere Brötchen. Nichts Asiatisches war auf dem Tisch zu sehen, und ich aß mit großem Appetit und ich freute mich sehr darüber.

„Was steht heute auf dem Plan?“, fragte ich entspannt und kaute zufrieden auf einem Brötchen herum.

„Das kannst du dir aussuchen“, meinte Li entspannt und aß sein Rührei tatsächlich mit Stäbchen. „Willst du raus und dich sportlich betätigen? Hier kann man Räder leihen. Oder Boot fahren über den Fluss.“ Mein Blick glitt zu den Bergen und der exotischen, traumhaften Natur. Ich durfte entscheiden was wir machten? Ich! Es wurde mal nicht über mich entschieden und ich merkte, dass es mir guttat und mir mehr bedeutete als es vielleicht gut war. Es war albern und erschreckend zugleich war. Ich spürte wie mein Geist meine Seele die Natur zu brauchen schien und mein Blick glitt erneut zu den Bergen und den dicht gewachsenen Dschungel.

„Fahrradfahren in den Bergen aber bitte nur mit E-Bike…“, meinte ich und klang fast schon frech und fügte schmunzelnd hinzu: „Das wird auch damit anstrengend genug.“ Ein Lachen entkam Lis Mund, und ich merkte, wie ich mich entspannte, weil er gute Laune hatte. Ich sah zu den Bergen und dann zu ihm. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, und nach einem Moment forderte ich ihn tatsächlich auf: „Weißt du, dann reservier doch Räder. Du sprichst Kantonesisch… Mach du das mal besser.“

Es war albern, aber ich war stolz auf mich. Darauf, dass ich es tatsächlich geschafft hatte, seit langem wieder schlagfertig zu sein. Es war als sei kurzzeitig etwas vom alten Jazz wieder erwacht. Doch ich wusste, dass hinter dieser Schlagfertigkeit kein Selbstvertrauen mehr steckte. Ein zufriedener Ausdruck erschien auf Lis Gesicht, als sei er zufrieden mit dem, wie ich mich benahm.

Er hatte zwei Highend-Mountainbikes bereitstellen lassen. Natürlich reichten normale E-Bikes nicht aus für ihn. Doch etwas anderes ließ mich sprachlos zurück. Er und ich fuhren alleine. Keiner der Leibwächter sollte mitkommen. Für mich wirkte es wie ein Vertrauensbeweis. Doch mein Verstand mahnte mich leise, wohin sollte ich denn auch fliehen? Doch es war mir gleich, was der Grund war. Es fühlte sich normal an, und das war das, was der Scherbenhaufen in mir am meisten gerade brauchte.
 

Die Fahrt führte uns durch die Gassen und dann hinaus auf die schmalen Pfade, die die tiefgrünen Reisfelder durchzogen. Der Schlamm spritzte leise, die Luft war warm und die Sonne brannte auf meiner Haut.

Für einen kurzen, euphorisierenden Moment fühlte ich mich frei. Frei von meinen Sorgen, meinen Ängsten und der Enge der Wohnung. Der Wind wehte die hellbraunen Haare nach hinten, die Muskeln in meinen Beinen arbeiteten, und das monotone, fast meditative Treten erzeugte eine Leere in meinem Kopf, die von der Angst unberührt war. Ich sah das Wasser auf den Feldern glitzern, sah einen Bauern mit einem Hut aus Stroh und Bambus, der sich bei seiner Arbeit bückte, und hörte das Zirpen unzähliger Insekten. Es war überwältigend echt. Es war keine Fassade, es war nicht gestellt. Und ein zufriedenes, fast schon glückliches Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Endlich konnte ich wieder atmen, frei atmen.

Ich trat schneller, ließ Li ein paar Meter hinter mir zurück, gierig nach jedem Millimeter Abstand, und doch kam mir der Gedanke nach Flucht nicht. Ich wollte einfach nur Abstand zwischen uns.

Li holte mich mühelos ein. Er fuhr langsam neben mir her, blickte mich nicht einmal an, sondern genoss einfach die Geschwindigkeit. Er trat dann auf die Bremse und hielt abrupt neben einem kleinen, schattigen Baum an, der inmitten der Felder stand.

Automatisch bremste ich auch ab und blickte zu ihm. Ein leichtes Lächeln lag immer noch auf meinen Lippen, und die Atmung war angestrengt. Li betrachtete mich, und ich war überrascht, als er sein Handy zur Hand nahm und mich offenbar fotografierte. Perplex sah ich ihn an und grinste schräg, während er noch ein Bild machte.

„Wusste nicht, dass du Bilder machst“, meinte ich und lehnte mich auf das Fahrrad.

Li zuckte entspannt mit den Schultern und erwiderte: „Wieso denn nicht? Hier ist es schön. Ich möchte mich daran erinnern.“

Ich lachte leise, denn die Antwort klang so normal aus dem Mund eines Mannes, der alles andere als normal war. Doch ich sagte nichts. Dennoch freute ich mich, als ich die Stimme des alten Jaspers in meinem Kopf hörte, der frech in Gedanken erwiderte: Chinesen sehen doch eigentlich den gesamten Urlaub durch eine Kamera. Doch ich traute mich nicht, diesen frechen Satz wirklich auszusprechen. Stattdessen hielt ich die Hand auf und meinte: „Dann lass mich auch ein Bild von dir machen.“ Und Li gab mir sein Handy, was ich kaum glauben konnte.
 

Wir fuhren weiter und ich ließ den Blick erneut über die Natur gleiten und meine Gedanken wanderten. Gerade hatte ich in meinem Kopf endlich wieder den alten Jasper gehört, freute ich mich, auch wenn ich den dummen Satz nicht laut ausgesprochen hatte war ich dennoch froh, dass offenbar doch noch etwas von dem in mir war, was mich mal ausgemacht hatte. Und wenn es nur meine freche Schnauze war. Ich forderte Li immer mal wieder zu kleinen kurzen Rennen auf. Es war albern und unnötig, aber es machte mir Spaß und mein Kampfgeist erwachte kurz. Und jedes Mal, wenn ich eines dieser kleinen Rennen gewann freute ich mich sehr. Li lachte sogar als wir kurz ein Rennen fuhren und es ließ mich breit grinsen.

Wir erreichten ein kleines Dorf, und ich betrachtete die Architektur und die Souvenirs, die man hier kaufen konnte. Ich blieb vor einem Stand mit geschnitztem Holz stehen. Ich sah die Geisterhäuser, Pagoden und Buddhas in sämtlichen Formen. Li ließ mich schauen und fragte, ob mir etwas gefiel. Ich betrachtete die Gegenstände und sagte: „Nicht so sehr, dass ich es haben möchte.“

Li führte mich mit einer Hand auf meinem unteren Rücken in einen kleinen, unscheinbaren Laden, der nur Jade und feine Keramik anbot. Es roch nach kaltem Stein und Holz

Ich wusste, dass Li Jade mochte, und so ließ ich ihn schauen. Kurz sprach er mit der Verkäuferin und deutete dann auf einen kleinen, dunkelgrünen Jade-Anhänger, der an einer schlichten schwarzen Seidenschnur hing. Er hielt den Anhänger neben mein Gesicht, und mir war klar, dass er schaute, ob meine Augen eine ähnliche Farbe wie der Anhänger hatte. Das zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht zeigte mir, dass es für ihn wahrscheinlich ähnlich aussah.

„Der schützt dich“, sagte Li knapp und lächelte mich tatsächlich ehrlich an. Die Geste war so unerwartet wie die Ohrfeigen letztens, nur dieses Mal war es eine perverse Form der Fürsorge und Besitznahme. Er reichte mir die Kette und bezahlte sie, ohne mit der Verkäuferin zu handeln.

Sprachlos starrte ich den runden Anhänger in meiner Hand an, und das Lächeln auf meinem Gesicht wurde steif. Es schützt mich, dachte ich traurig und blickte zu Li, der gerade seine Kreditkarte wegsteckte, Aber wie soll es mich vor dir beschützen.

Dennoch legte ich ihn mir um und strich kurz über den Anhänger. Tief atmete ich durch und drängte die Gefühle und die Gedanken zurück. „Danke“, sagte ich, als Li zu mir kam, und zufrieden und gönnerhaft sah er mich an.
 

Später am Nachmittag kamen wir wieder im Hotel an. Wir beide waren ganz schön ins Schwitzen gekommen. Tatsächlich war ich stolz auf mich, denn obwohl Li stärker, breiter und beeindruckender war, hatte ich die größere Ausdauer. Er brauchte am Ende eine Pause und nicht ich. Es war albern aber es freute mich, dass ich wusste, dass ich etwas besser konnte als er.

Es brachte mir zwar nichts, doch es freute mich und ließ mich tatsächlich stolz sein. „Ich mache heute nichts mehr“, meinte ich und atmete schwer durch. Li grinste mich leicht an, und ich war überrascht, als er mir zustimmte. Erneut war alles normal. Wir waren nur zwei ganz normale Gäste. Als wir durch die Lobby des Hotels gingen, wurde mein Blick auf das Bild eines seltsamen Berges gezogen. Ich fragte Li, was das sei, und er erklärte, dass es sich dabei um den Moon Hill handelte. Ein Naturmonument.

„Dort soll die chinesische Mondgöttin leben“, meinte er und fragte mich, ob wir dorthin morgen wandern sollen.

Sofort stimmte ich zu und nahm den Flyer mit. Ich war dankbar, dass Li zu erschöpft war, um noch am Abend mit mir intim werden zu wollen. Und ich wollte gerade ebenso wenig, denn auch wenn ich seine Nähe und auch seinen Trost suchte, wollte ich nicht mehr.

Wir beschlossen den Berg am nächsten Tag zu besteigen. Der Aufstieg zur Aussichtsplattform war hart. Es war eine lange, steile Steintreppe, die von Lianen und dschungelartiger Vegetation umgeben war. Die Hitze war erstickend. Ich keuchte nach Luft, mein Körper schmerzte, und auch Li schien sehr ins Schwitzen zu kommen. Es war ein harter Aufstieg, besonders nach der langen Radtour vom Vortag.

Die Aussicht war es wert. Durch den riesigen, himmlischen Rahmen des Felsbogens sah man eine unendliche Weite der Berglandschaft, von der sich die Häuser und Dörfer wie kleine Spielzeugmodelle abzeichneten. Der Fluss glänzte wie ein silbernes Band in der Ferne. Es war einfach atemberaubend schön.

Als wir endlich den kleinen Pavillon unterhalb des Bogens erreichten, war ich zittrig und schweißgebadet. Auch Li sah erschöpft aus, und doch grinsten wir einander an. Wir schienen beide stolz zu sein, dass wir den Aufstieg gemeistert hatten. Nach der anstrengenden Radtour war ich wirklich sehr stolz auf mich, dass ich es durchgezogen hatte. Ich wusste jetzt schon, dass meine Beine morgen brennen würden.

Und wie ich so darüber nachdachte, fiel mir etwas ein, was früher mal eines meiner Mantras war in der Schule und beim Baseball spielen: Aufgeben liegt mir nicht, Jazz. Ich hatte nie aufgegeben. Auch nicht als es schwer wurde. Als ich mich geoutet hatte schien mein ganzes Leben einfach nur noch scheiße zu sein. Und doch wollte ich nie aufgeben, denn ich wusste, es würde wieder besser werden. Es würden Augenblicke kommen, die es wert waren dafür gekämpft zu haben. Und die gab es und das nur, weil ich eben nicht aufgegeben hatte. Auch wenn das kein Vergleich war zu dem was ich derzeit erdulden musste.

Und wie ich so schwer atmend dastand und in der Ferne den beeindruckenden und wunderschönen Berg sah, beschloss ich, dass ich kämpfen musste, wenn ich je wieder leben wollte. Der Schmerz in meinen Beinen erdete mich und die Anstrengung des Aufstiegs hatten alle Gedanken weggeblasen. Es war wie der Schnitt an meinem Arm nur weniger offensichtlich.

Ich musste alles mitspielen. Alles, egal wie krank es letztlich war. Es würde dauern, und es würde schmerzvoll werden, Es würde über alles gehen was ich wollte, was ich eigentlich ertragen konnte oder wollte. Doch ich wollte nicht aufgeben. Ich durfte mich einfach nicht aufgeben.

Langsam wurde mein Verstand wieder klarer, und etwas schlich sich in meinen Geist. Ein Wissen, was die lähmende Mauer in mir aufzubrechen schien. Stein für Stein. Li hatte es geschafft, mich an ihn zu binden. Mir das Gefühl zu geben, dass ich ihn brauchte. Er glaubte, die Quelle von allem ist was mich ausmachte. Endlich sprach der Psychologiestudent wieder aus mir und nicht mehr nur das Opfer. Doch nein, mahnte mich die Stimme in meinem Kopf, die mich aufbaute, die mir helfen wollte. Ich war kein Opfer. Ich war ein Überlebender, ein Kämpfer.
 

Ich betrachtete Li nicht mehr nur als eine Bedrohung, vor der ich mich wegducken musste. Mein Verstand begann automatisch, sein Verhalten in Schubladen zu sortieren: Narzissmus, Gott-Komplex, Konditionierung, Manipulation der Realität, Identitätsverlust. Ich sah die Fäden, an denen er mich ziehen wollte, und zum ersten Mal spürte ich den Drang, sie selbst in die Hand zu nehmen und mich nicht weiter herumschupsen zu lassen.

Ich wusste, ich konnte mich dem nicht mehr vollends entziehen, und doch musste ich endlich wieder daran arbeiten, denn ich würde nicht aufgeben, einen Weg nach Hause zu finden. Ich wollte meine Freiheit, mein Leben wieder, auch wenn es nicht schnell gehen wird und es vielleicht Monate, Jahre dauern würde bis ich irgendwann wieder der alte war. Ich musste es mir selbst wert sein zu Kämpfen. Wenn nicht ich selbst für mich und meine Freiheit kämpfte würde es niemand tun. Und ein Plan begann in mir zu wachsen. Ich sah zu Li, welcher ebenfalls gerade die Aussicht zu genießen schien.

Langsam drehte ich meinen Kopf zu ihm und betrachtete das Profil des Mannes, der mich einfach genommen hat. Ohne mir eine Wahl zu lassen. Lis dunkle Augen blickten zu mir und nach einem kurzen Augenblick in dem wir einander nur in die Augen sahen fragte ich Li: „Wieso ich? Wieso nicht jemand anderes…“ Ich hoffte diese zwei Worte reichten aus, dass er verstand und zum Glück wurde ich nicht enttäuscht.

Ein leichtes Lächeln schlich sich auf Lis Lippen und ruhig meinte er: „Meine Antwort ist dieselbe wie beim letzten Mal. Weil du anders bist. Weil du mich ausgewählt hast. Dein Mut und deine Frechheit haben mir Imponiert und das will ich für mich allein.“

Ich schluckte, denn diese Antwort sagte so viel über diesen Mann aus. Ganz besonders wie krank er wirklich war. Ich nickte leicht und musste akzeptieren, dass ich zwar verstand was er sagte, ich dafür niemals jedoch ein Verständnis entwickeln werde.

Wenn ich je wieder die Chance haben wollte zu fliehen, musste er mir also vertrauen. Er musste glauben, dass ich ihn liebte. Ihn wollte. Es nur noch ihn gab. Dann würde er mir vielleicht die Chance geben, zu entkommen. Jians Worte hallten in meinem Kopf. Bleib interessant. Hart schluckte ich. Ich würde sein Krankes Spiel mitspielen in der Hoffnung, dass er einen Fehler begann. Wohin ich dann floh, musste ich noch für mich herausfinden.

Als ich erneut zu dem Berg blickte und ihn doch nicht sah, wusste ich, dass das ein Tanz auf einer Rasierklinge war. Denn ich wusste nicht, ob ich dann nicht zu tief in den Fängen dieser krankhaften Verbindung gefangen war. Schwer atmete ich durch und merkte, wie mein Puls sich langsam beruhigte. Ich musste es weiter versuchen, denn Aufgeben lag mir nicht!

Ich legte meine Hand auf seine, genau dort, wo der Jade-Anhänger meine Haut berührte. Ich sah ihn an, und zum ersten Mal war das Lächeln auf meinen Lippen eine bewusste Waffe. „Danke, Li, für das hier…“, sagte ich leise. Es war die erste Lüge, die sich wie die Wahrheit anfühlte und gleichzeitig auch nicht. Ich würde sein Spielzeug sein, sein Wánjù – bis ich derjenige war, der die Regeln schrieb.

Woche 5: Der erste Zug

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Woche 5: Der Preis der Autonomie

Snake und Li redeten viel. Sie sprachen über Handelswege, die pünktlich ankommende Lieferung und über die Sicherheit der Ware. Es war seltsam, alles zu verstehen, und doch schaltete mein Verstand ab. Es interessierte mich nicht und brachte mich nicht weiter. Meine Beine begannen zu schmerzen. Trotz des Kissens war das Knien langsam sehr anstrengend. Doch ich beschwerte mich nicht, das stand mir in meiner Position einfach nicht zu.

Yú kam herein, sein Gesicht war eine Maske aus professioneller Gelassenheit, doch seine Augen verrieten eine tiefe Anspannung. Er beugte sich zu Li und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Li nickte nur und ein erschreckendes zufriedenes und unheimlich Gefährliches Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Es war eindeutig ein gefährliches Zeichen.

Er richtete sich auf, die Augen auf Snake fixiert, seine Haltung straff wie Stahl. „Entschuldige. Ich muss kurz runter“, sagte er zu Snake, seine Stimme hart und leise. „Wir hatten in letzter Zeit eine 'personelle Umstrukturierung' in der Organisation. Einer von ihnen ist wieder aufgetaucht, mein Glück, sein Pech. Er sollte hier nicht sein. Ich muss ihm jetzt zeigen, wo sein Platz ist.“
 

Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete ich Li. Personelle Umstrukturierung... Es war eine interessante Aussage, wenn man bedachte, dass die Brüder Wu ihn gemeinsam mit Láng verraten hatten und er einen von ihnen mit bloßen Händen erschlagen hatte. Ich fragte mich sowieso, was die Wu-Brüder nun machten. Láng war tot, und Ping, einer von Lis Leibwächtern. Der Inspektor hatte erwähnt, dass eine dritte Person gestorben war. Doch es hieß, dass wenigstens einer der Wu-Brüder oder vielleicht beide überlebt hatte, und ich glaubte zu wissen, wen sie gefunden hatten.

Sie hatten Li persönlich verraten und dieser Persönlicher Verrat schwelte gefährlich in Li. So wunderte es mich nicht, dass er aufstand und sich verabschiedete. Es schien Li so wichtig, dass er sich darum persönlich kümmerte.
 

Nun waren Snake und ich allein. Doch er sprach nicht sondern blickte in sein kaum angerührtes Whiskeyglas. Missmutig sah er hinein und langsam ließ ich mich auf den Hintern nieder. Denn mir schmerzten die Knie und so lange Li weg war wollte ich nicht mehr knien und saß lieber auf dem Kissen. Auch wenn ich mir weiter albern vorkam. Ich sah den halb aufgelösten Eiswürfel in Snakes Glas und meinte: „Schrecklich, dass sie das immer mit Eis servieren, oder?“ Ich wollte nicht schon wieder schweigen und hier hatte ich endlich jemanden vor mir sitzen der mich verstand, der Englisch sprach.

Überrascht sah Snake zu mir und seine blauen Augen blickten verwirrt in meine Grünen. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass ich ohne Li den Mund aufmachte. Und erst dann viel mir ein, dass er mir verboten hatte einfach ein Gespräch zu suchen.

Ich schluckte leicht, doch nun war es zu spät. „Wie sollen sie das denn sonst servieren?“, fragte Snake und er klang nicht sauer oder erzürnt. Seine stimme war rau und klang dennoch angenehm. Durch den amerikanischen Akzent sogar irgendwie vertraut. „Naja ohne Eis halt“, meinte ich und zuckte mit den Schultern und erinnerte mich an die Worte von meinem Vater, „Die Kälte sorgt dafür, dass man die Nuancen nicht mehr schmecken kann und das schmelzende Eis verwässert das Getränk. Offenbar scheinst du dich darin ja nicht gut auszukennen…“ Perplex von meiner eigenen Kühnheit weiteten sich meine Augen kurz und ich biss mir auf die Lippen.

Verdammt, schallte ich mich selbst in Gedanken. Mein Blick glitt zu Snake und der überraschte Ausdruck blieb. Dann schlich sich ein kurzes Grinsen auf seine Lippen und er meinte: „Und du bist ein Kenner?“ Er schien nicht wütend und ich schaute unsicher zu ihm. Er hatte eine ähnliche Position wie Li. Er hatte wahrscheinlich in Amerika viel Einfluss und doch wirkte er anders. Autoritär, selbstischer und doch weniger, und ich konnte es nicht anders sagen, bösartig. Wobei ich mich davon nicht täuschen lassen sollte. Denn Li hatte am Anfang auch nicht bösartig gewirkt. Vielleicht hatte ich dafür einfach keinen Blick…

„Offenbar“, meinte ich nur und streckte kurz eines meiner Beine. Snake lehnte ich entspannt zurück und hielt das Glas entspannt in der Hand während er zu mir hinabsah. „Und woher kommt deine Fachexpertise?“ Es war gefährlich wie nahezu freundlich er wirken konnte und ich musste mich zusammenreißen, denn schließlich wusste ich es besser.

„Ich bin Texaner“, meinte ich nur schulterzuckend. Snake musterte mich mit seinen hellen Augen und er trank erneut einen Schluck aus dem Glas und stellte es neben sich ab. „Und wie kommt ein Texaner hier hin?“, fragte er und schlug die Beine übereinander. Ich spürte eine Bewegung hinter mir und sah über meine Schulter in Jians Bernsteinfarbende Augen.

Ein warnender Blick lag in ihnen und ich war eh überrascht, dass er nicht vorher eingeschritten war. Stumm sahen wir einander in die Augen und ich verstand, dass ich nicht mehr sagen sollte. Meine Augen wanderten zu Snake und schluckte leicht. „Ähm… Nennen wir es… Schicksal“, meinte ich und war zufrieden mit meiner Antwort. Denn Schicksal war neutral. Weder gut noch schlecht. Es konnte beides heißen.

„Schicksal“, wiederholte Snake nachdenklich und runzelte leicht die Stirn. Seine klaren blauen Augen glitten hinauf zu Jian und er fragte: „Und wieso darf er nicht weiterreden? Ist das etwa verboten? Und wer bitte bist du, dass du mir vorschreiben willst mit wem ich mich unterhalte?“ Jian schwieg. Kurz glitt mein Blick zu ihm und ich sah wie er Snake eisig anstarrte. Hier prallten zwei Welten aufeinander. Jian der aufpasste, auf mich und darauf, dass ich Lis Regeln einhielt und der Mafia Boss der vermutlich ähnlich viel Einfluss hatte, wenn auch nicht hier. Es dauerte einen Augenblick bis die beiden Männer die Blicke voneinander lösten und ich sah lieber wieder durch den Raum. Ich hätte mich gerne weiter unterhalten, doch war es vermutlich besser, dass ich so wenig Kontakt wie möglich mit ihm hatte.

„Ich hätte nicht gedacht“, vernahm ich auf einmal Snake rauchige Stimme und ich blickte hinauf zu ihn, „Dass das Spielzeug von Hēilóng eine eigene Meinung hat.“ Unschlüssig war mein Blick und ich bemerkte wie mich Snake betrachtete, doch es wirkte anders als zuvor. Seine Augen blieben an dem Tattoo hängen und unbewusst verdeckte ich es mit der anderen Hand. Ich hasste es, dass Li mich damit gebrandmarkt hatte.

Snake sagte nichts dazu und ich war ihm tatsächlich dankbar, obwohl ich ihn gar nicht kannte. Denn man musste kein Psychologe sein um zu verstehen, dass es mir unangenehm war. „Also aus Texas kommst du“, meinte Snake gelassen als hätte Jian uns nicht unterbrochen, „Und nun bist du beim großen und einflussreichen Hēilóng. Eine wahre Ehre.“ Neutral und fast schon eisig klang sein Ton und ich runzelte leicht die Stirn. Ich dachte an meinen Plan. Ich musste Li davon überzeugen, dass er mir vertrauen konnte und Jian wird sicher mit ihm darüber sprechen. Also setzte ich ein falsches Lächeln auf und nickte leicht. „Absolut. Es ist eine wahre Ehre bei ihm sein zu dürfen.“ Snakes Mundwinkel zuckten und er winkte eine Kellnerin zu sich und sagte: „Bring mir noch einen Whiskey… aber auf Eis.“ Sein Blick glitt zu mir und tatsächlich grinste er mich fast schon provokant an, etwas was mich überraschte.

Doch so surreal es war, auch meine Mundwinkel zuckten kurz. Ein flüchtiges, heimliches Grinsen, das sofort wieder verschwand.
 

Wir schwiegen, die elektrisierte Spannung zwischen uns blieb hängen, bis es nicht lange dauerte, ehe Li mit Yú zurückkehrte. Ein zufriedener, fast strahlender Gesichtsausdruck lag auf seinem Gesicht, ein Anblick, der mich sofort frösteln ließ, denn solch eine Gelassenheit bedeutete bei ihm meist nichts Gutes.
 

Jian sprach leise und hastig zu Li. Li lauschte, grinste kurz und sein Blick glitt zu mir. „Du hast also mit meinem Spielzeug gesprochen“, stellte er ruhig, aber mit einer kalten Dominanz fest, die mich erschaudern ließ.

Ich schluckte leicht. Ich war unschlüssig, doch Lis Ton klang, als hätte Jian ihm berichtet, Snake hätte mich angesprochen. Das stimmte nicht, und ich runzelte unmerklich die Stirn. Ich blickte zu Snake und fragte mich fieberhaft, ob er es korrigieren würde. Snake sah entspannt zu Li und nahm den Whiskey entgegen, der ihm gerade gebracht wurde. Die Bewegung war langsam und souverän.

„Stört es dich? Du weißt, dass ich kein Kantonesisch verstehe… Da ist es schön, wenn man jemanden bei sich hat, der nicht erst übersetzt“, sagte er und ließ die Eiswürfel laut im Glas hin und her prallen. „Außerdem hat er offenbar Ahnung, wie man seiner Meinung nach Whiskey trinkt.“

Es beeindruckte mich, wie er mit Li sprach. So ganz ohne Angst, einfach authentisch. Li nickte leicht, blieb aber stehen. Er wirkte, als wäre er auf dem Sprung, so kannte ich ihn gar nicht. „Hm“, meinte er verwirrt und sah zwischen Snake und mir hin und her. „Was soll das heißen, Wánjù?“

Ich schluckte schwer. Noch bevor ich antworten konnte, kam Snakes Stimme: „Er hat mir nur erklärt, wie man in Texas seinen Whiskey trinkt. Auch wenn ich nicht danach gefragt habe…“ Hatte er Jian verstanden? Ich war mir nicht sicher. Doch ich spürte Lis taxierenden Blick auf mir, der mich durchbohrte. „Du belehrst die Gäste nicht“, fuhr er mich zwar an, seine Stimme war jedoch seltsam sanft. Etwas was eigentlich gar nicht zu ihm passte.

Ich nickte nur. Ich kam mir vor wie ein Kind, das für eine Albernheit gerügt wurde. „Tut mir leid“, meinte ich automatisch und senkte den Blick. „Das war nicht meine Absicht.“

Li winkte es ab, sein Blick verlor sofort die Strenge, und ich merkte deutlich, dass seine Laune nahezu euphorisch war. Die Erleichterung, die Snake mir verschafft hatte, war sofort wieder vergessen, verdrängt von der Angst vor Lis ungewohnter Fröhlichkeit.

„Snake, ich muss leider gehen. Bespreche die Details mit meinem Vertrauten, Yú. Wir müssen los“, meinte er und deutete an, dass Jian und ich ihm folgen sollten. Snake nickte geschäftig. „Alles klar. Ich bin noch ein paar Tage da, bis ich wieder abreisen muss.“
 

Li nickte, und wir verließen seinen Club, nicht durch den offiziellen, sondern durch den Hinterausgang, von dem ich wusste, dass die Mitglieder der Triade ihn quasi immer nutzen konnten. Hier war ich bis jetzt nur einmal gewesen. Am Tag meiner Entführung. Wobei die Wohnung noch zwei Stockwerke über uns war. Die kalte steril eingerichtete Zwei-Zimmer Wohnung. Doch dorthin gingen wir nicht. Statt des Aufzugs nahmen wir die Treppen und ich folgte meinen Entführer. Seine gute Laune macht mir immer mehr Angst.

„Bist du sauer, dass wir gesprochen haben?“, wollte ich wissen und griff zögerlich nach Lis Hand. Ich wollte wegen diesem Mann keinen Streit mit ihm provozieren. Ich hatte meinen Plan nicht vergessen, und so waren es meine Finger, die die seinen suchten und sich kurz einhakten. Kurz sah Li auf unsere Hände und nahezu sanft erwiderte er den kurzen Händedruck.

Seine dunklen Augen sahen zu mir, und ich war überrascht, als er den Kopf schüttelte: „Nein. Nicht deswegen. Aber bleib höflich und zurückhaltend…“

Perplex sah ich ihn an. Er hatte wirklich extrem gute Laune. Langsam lösten sich unsere Finger, und ich folgte Li hinunter. Seine Leibwächter waren bei uns und Jian öffnete uns die Wagentür.

„Was ist los, Li?“, wollte ich überrascht wissen und sah ihn stirnrunzelnd an. Wir stiegen in das Auto, und zufrieden sagte Li: „Wir haben einen der Wu Brüder… Er war untergetaucht… Aber in meiner Stadt kann man nur sehr schwer vor mir fliehen.“ Bösartig wurde sein Blick, und ein Schaudern erfüllte mich. Ich schluckte leicht. Wie recht er hatte, dachte ich und konnte nicht verhindern, dass ich an meinen Fluchtversuch dachte. Wäre ich nur direkt zur Botschaft gegangen. Dieser Gedanke löste etwas pulsierendes aus womit ich in diesem Augenblick nie gerechnet hatte. Die Botschaft war Amerikanisches Hoheitsgebiet. Dort regierten Amerikanische Gesetzte. Sollte ich es schaffen, dass Li mir vertraute und einen Fehler beginn musste ich zur Botschaft. Auf direktem Weg.
 

Ein kurzes zufriedenes Lächeln legte sich auf meine Lippen. Jetzt hatte ich nicht nur die Idee wie ich es schaffen konnte zu fliehen, ich hatte sogar ein Ziel wohin es nach einer Flucht gehen könnte.

Nun saß ich ebenfalls kurz zufrieden lächelnd im Auto, doch schnell hielt ich es zurück. Li betrachtete mich und fragte nach einem Moment der Stille: „Was hältst du von dem Amerikaner?“ Ich war perplex, dass er meine Meinung wissen wollte. „Ähm“, entfuhr es mir wenig intelligent, „Ich weiß nicht… Außer, dass er nicht weiß wie man Whiskey richtig trinkt kann ich dir leider nicht viel sagen…“ Ein leichtes grinsen schlich sich auf seine Lippen und er sagte: „Er ist frech. Genau wie du früher. Das habt ihr Amerikaner alle gleich. Ihr habt eure Zunge nicht unter Kontrolle.“ Traurig sah ich ihn an und erinnerte mich, als wäre es aus seinem früheren Leben wie ich ihn frech angesprochen hatte und wie ich ihn einst in den Pool geschubst hatte. „Es gab Zeiten, da hatte ich das Gefühl du mochtest das an mir“, meinte ich leise und eher zu mir selbst als an den Mann, der mich seit über einen Monat gefangen hielt. Li legte sanft eine Hand auf meinen Oberschenkel und breit lächelnd sah er mir in die Augen. „Ich mag das auch immer noch manchmal. Und du scheinst auch immer mehr wieder aufzutauen… Endlich übrigens.“

Aufzutauen? Glaubte er, dass ich in den letzten Wochen in einer Art Angststarre gefangen war? Ich schwieg dazu, doch mein Verstand meldete sich und schien die neue Information mehr abzugewinnen als ich im ersten Augenblick wahrgenommen hatte. Es hieß ich durfte und sollte frech sein. Ich musste mich also trauen den alten Jazz an die Oberfläche zu holen. Er wollte, dass ich frech war. Wenn ich nicht ab und zu wieder so sein würde, würde ich langweilig werden. Ich durfte nicht langweilig werden, denn es würde bedeuten, dass er mich sicher los werden wollte und ich hatte zu viel gesehen zu viel mitbekommen. Ich würde vermutlich sterben, wenn er keine Lust mehr auf mich hatte.

Kurz schwiegen wir und ich sah zu der roten Ampel und kam wieder zum Anfang unseres Gesprächs zurück. „Ich finde der Amerikaner sieht nicht schlecht aus… glaubst du wirklich, dass er mich attraktiv findet. Oder meinst du er wollte dich nur ärgern?“ Meine Hand suchte bewusst die seine und sanft strich ich über diese brutalen Hände. „Hm“, kam es von Li und er sah zu, „Weiß nicht. Vielleicht erkennt er deinen Wert… Aber ich merke eindeutig, dass du ein Händchen für gefährliche Männer hast…“ Er hob meine Hand an seine Lippen und drückte einen kurzen Kuss hinaus. Ein süffisantes Lächeln lag auf seinen Lippen und ich fragte mich immer mehr, was er noch vor hatte, dass seine Laune weiterhin so entspannt war. Denn als Snake angedeutet hatte, dass er mich scharf fand war Li nahezu eifersüchtig geworden.

Endlich kamen wir in der Tiefgarage an und ich merkte eine fiebrige Aufregung die von Li ausging. Er wartete nicht darauf, dass ihm jemand die Tür öffnete. Ich bemerkte, dass viel mehr Wagen in der Tiefgarage standen und unschlüssig folgte ich Li in den Aufzug.
 

Es war das erste Mal, dass wir nicht alleine in der Wohnung waren. Ich sah einige Männer hier stehen, doch keiner sah zu mir. Sie alle blickten Li an. Ihren Anführer und sie verneigten sich vor ihm. Eine höfliche traditionelle Begrüßung. Die kühle, leise Eleganz von Li’s Penthouse war verschwunden. Stattdessen herrschte eine fieberhafte, fast brutale Energie. Die Luft war dick von Adrenalin, auch wenn die Männer, die sich in der riesigen Wohnung bewegten, nicht laut waren. Ich erkannte einige Gesichter wieder. Ich hatte sie in Macau beim Essen gesehen, doch außer Láng der nicht mehr lebte war mir keiner groß in Erinnerung geblieben. Doch eins war mir bewusst, dass hier waren keine Angestellten., Es waren hochrangige Mitglieder der Triade, und ihre Anwesenheit erfüllte den Raum mit einer schwer greifbaren Spannung.

Li ließ mich buchstäblich in der Eingangshalle stehen. Er ging mit schnellen Schritten auf eine Gruppe von Männern zu, die am Rand des Pools warteten und begrüßte sie auf Chinesisch. Er war wieder Hēilóng, der fokussierte Anführer, und ich war in diesem Moment nicht mehr sein Wánjù, sondern nur ein unbeachteter Gegenstand. Ich fühlte mich in meinen Ledersachen ausgestellt.

Jian kam lautlos an meine Seite und ich war dankbar, dass er bei mir war, denn so kam ich mir nicht mehr so alleine vor. Er zischte, kaum hörbar, direkt in mein Ohr, während Li mit seinen Männern sprach: „Pass bei dem Amerikaner auf. Er ist gefährlicher, als du denkst. Lass dich auf keine Spielchen ein.“

Ich sah ihn unschlüssig an. Seine Worte klangen ernst und sorgenvoll. Ich nickte nur kurz und signalisierte, dass ich es verstanden hatte, doch ich war nicht überzeugt. Warum warnte er mich vor dem Mann, der mich kaum beachtete, und nicht vor dem Mann, der mich seit Wochen gefangen hielt. Jian war bei meiner Entführung dabei. Er war sogar schon da gewesen als ich noch Lis Gast und kurzzeitiger Liebhaber war.

Li rief uns alle herbei. Wir folgten ihm in sein Gym, vorbei an dem Pool. Das Gym war taghell beleuchtet. Im Zentrum stand ein riesiger, schwarzer Boxsack, den ein massiger Mann festhielt. Doch etwas schien nicht zu stimmen. Der Boxsack bewegte sich nicht durch einen Schlag, sondern durch eine heftige Bewegung, als versuche jemand, der darin gefangen war, verzweifelt zu entkommen. Und plötzlich wurde mir etwas bewusst, dass hier war kein Gym mehr, dass hier war eine Folterkammer. Mir stockte der Atmen und ich erschauderte.
 

Li war jetzt vollkommen in seinem Element. Die Kälte in seinen Augen war eine absolute, ungetrübte Klarheit. Er beachtete mich nicht mehr. Ich wusste, wo sich der Gefangene befand. Ich begann zu zittern. Ich suchte Jians Blick, doch dieser sah ungerührt zu dem Boxsack. „Das ist nicht sein Ernst…“, hauchte ich leise und Jian blickte zu mir.

„Wieso nicht?“, fragte er mit einer ruhe, die mich vor ihm erschreckte, „Er hat Hēilóng und auch dich verraten und hätte euren Tod absolut in Kauf genommen. Das lässt man nicht ungestraft.“ Mein moralischer Kompass meldete sich, doch im selben Moment meldete sich mein Überlebenswille. Ich musste meine Panik verbergen. Li war darauf aus, Rache zu üben, und ich durfte ihm nicht im Weg stehen. Ich musste meine Moral ignorieren. Doch es zeigte mir, wie Brutal Li war und leider zeigte es auch, dass Jian, obwohl er mir sympathisch war, ebenfalls in diesen Fängen und Moralvorstellungen festhing.

Ein schmerzvoller gedämpfter Schrei kam vom anderen Ende des Raums und ich sah wie Li mit zwei Boxhandschuhen bekleidet immer und immer wieder auf den Boxsack einschlug. Einer seiner Männer hielt den Boxsack feste. Die anderen standen grinsend um ihn herum. Mir wurde schlecht als ich glaubte Knochen brechen zu hören und die Schreie immer qualvoller wurden. Wenn man daran dachte, dass er vor einigen Wochen einem Mädchen mit kaputten Schuhen Geld geschenkt hatte und ihn nun sah glaubte man nicht, dass die beiden Menschen dieselbe Person waren.

Li war vollkommen fokussiert, im Rausch der Rache. Er bemerkte mich und die anderen nicht einmal mehr. Wir waren Statisten. Blut sickerte durch den Boxsack und ich war froh, nicht nah genug da dran zu stehen.

Ich ertrug diese Grausamkeit nicht. Die Luft wurde dünn, und mir wurde schwindelig. Ich musste hier weg. Meine Füße trugen mich rückwärts aus dem Raum, während meine Augen noch an der brutalen Szene klebten. Li war so in seinem Tun versunken, dass er das Verlassen eines einzigen Statisten nicht bemerkte.

Mein Panik vernebelte meinen Verstand, doch ich verdrängte die Panik und mein Kopf mahnte mich zur Ruhe. Ich wohnte hier, wenn auch nicht freiwillig und so ging ich schnellen Schritten die Treppe rauf und verschwand schnell ins Badezimmer. Ich wusste nicht, ob ich mich übergeben musste. Ich merkte, dass ich Mitleid mit diesem Mann hatte obwohl er mich töten wollte. Doch er hätte eine Kugel genommen. Es wäre schneller und schmerzloser gegangen.

Doch es war seltsam, ich merkte wie erleichtert ich war, dass ich für diesen Mann Mitleid empfinden konnte. Es zeigte mir, dass ich nicht gänzlich abgestumpft war. Ich war kein Gefühlkaltes Wesen. Etwas in mir war immer noch Jasper.

Ich beruhigte mich und verließ das Badezimmer. Überrascht blickte ich in Jians Gesicht. Er lehnte sich gegenüber an die Wand und schien auf mich gewartet zu haben. Fragend sah ich ihn an und Jian erklärte: „Ich wollte nur schauen wie es dir geht.“ Ich nickte nur und winkte ab.

„Du brauchst mir nicht mehr hinterherlaufen. Ich mach schon nichts dummes“, meinte ich leise und ging an ihm vorbei in mein Zimmer. Ich hörte die Menschen unten und einige Lachten. Ich wollte gar nicht wissen, weswegen sie alle Lachten. Es hätte mich vermutlich eher weiter traumatisiert. Ich war überrascht, dass Jian mir trotzdem folgte. Doch ich ließ ihn. Seine Nähe mochte ich, seine Freundlichkeit war echt. Es war seltsam einen Gast in meinem Zimmer zu haben und ich bot Jian den Stuhl an meinem Schreibtisch an.

Wir schwiegen. Ich ertrug es nicht, über die Folter zu sprechen, und so fragte ich nach einer Weile: „Ist es nicht nervig, mir immer hinterherzulaufen?

Jian saß auf dem Stuhl und schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin einer der Leibwächter von Hēilóng. Das ist eine Ehre. Und da wir ebenfalls auf dich aufpassen sollen, empfinde ich auch das als Ehre.“ Ehre... Ich wusste, dass dieser Begriff in der asiatischen Kultur anders ausgelebt wurde, doch ich verstand es nicht. Für Jian schien es eine Ehre zu sein, auf mich acht zu geben, und doch war ich doch nur ein Wánjù, ein Spielzeug, eine Puppe, die für Li parat stehen musste, wann immer er es wollte.

„Was bin ich für dich? Was hältst du wirklich von mir?“, fragte ich Jian. Meine Stimme war leise, fast gehaucht, aus Angst, dass uns jemand belauschen könnte – was surreal war, denn ich glaubte kaum, das ich irgendeine Regel brach. Jian schwieg und seine Augen blickten mich unverwandt an. Sein Blick veränderte sich, wurde schwer und nachdenklich.

Ich sah langsam auf meine Füße hinunter und rechnete nicht mehr mit einer Antwort, als ich Jians Stimme vernahm. Sie war tief und überraschend ehrlich.

„Was du für mich persönlich bist, ist irrelevant. Meine Aufgabe ist meine Ehre“, begann er leise. Er machte eine Pause, dann sprach er weiter: „Aber für Li... Für Li bist du vermutlich manchmal ein Spielzeug, manchmal ein Gefangener. Und manchmal bist du sein Partner, sein Liebhaber.“ Ich schwieg als ich das hörte und dachte über seine Worte nach, denn irgendwie so surreal es klang, hatte er damit vollkommen recht.
 

Jian und ich blieben noch eine Weile in meinem Zimmer. Wir unterhielten uns ungezwungen, und ich erfuhr, dass er abseits seiner Arbeit ein Fan von Computerspielen war, besonders von Shootern. Ich selbst war nie ein Zocker, doch ich ließ ihn reden. Es war ein ungewohnt normales und entspanntes Gespräch – eines, das ich so auch auf dem Campus geführt hätte.

Die Geräusche aus dem unteren Stockwerk blendete ich so gut es ging aus. Es schien immer noch eine kleine Gesellschaft da zu sein, und ich fragte Jian: „Willst du nicht lieber nach unten? Ich mache wirklich keinen Ärger.“ Jian hatte seine Füße bereits auf den Schreibtisch gelegt und sah tatsächlich entspannter aus als je zuvor. Wahrscheinlich würde er sogar Ärger bekommen, wenn man ihn hier so sitzen sah.

„Ach, das passt schon. Ich vermute, sie haben ein paar Mädchen kommen lassen und lassen es sich gut gehen. Vielleicht schnappe ich mir später eine. Mal schauen“, meinte er beiläufig und streckte seine müden Glieder.

Ich grinste schräg und sagte nichts dazu. Dann fiel mir etwas ein, was ich ihm schon den ganzen Tag hätte sagen können. „Ach, Li hat mir erlaubt, wieder mit dir Chinesisch zu üben. Wenn du magst, können wir bald wieder anfangen.“ Jian lächelte leicht und nickte. „Gerne. Mir hat das sogar Spaß gemacht, den Lehrer zu spielen“, meinte er entspannt, und ich hörte von unten wirklich Frauenstimmen. Offenbar war unten eine kleine private Party. Doch ich war nicht traurig, dass ich nicht dazu eingeladen wurde.

„Glaubst du, Li ist gerade mit einem der Mädchen beschäftigt?“, fragte ich und spürte erleichtert, dass ich zum Glück keine Spur von Eifersucht empfand.

„Kann gut sein“, erwiderte Jian entspannt. „Die Frau, die ihm neulich im Club einen Lapdance gegeben hat, war früher sein Liebling. Die hat zwar nicht wie du hier gewohnt, aber war auch eine Zeit lang immer in seiner Nähe… Generell war die Beziehung der beiden anders… Weniger dynamisch als eure.“ Dynamisch war ein netter Ausdruck für das, was es in Wirklichkeit war: eine Entführung, etwas Erzwungenes, nichts Echtes auch wenn es sich manchmal so anfühlte.

Ich reagierte nüchtern, wie bei einem Update über die Wetterlage. Jian wusste, dass ich ein Gefangener war, und ich war ihm dankbar, dass er mich nicht so behandelte. „Und warum ist sie nicht mehr an seiner Seite?“ Ich erinnerte mich an die natürliche Frau und auch, dass sie sofort zu Li gekommen war, um für ihn zu tanzen. Wenn sie ihn wollte, bitte gerne! Ich würde ihn ihr sofort mit Kusshand überreichen. Mit Glitzer oben drauf.

„Sie wurde ihm zu langweilig“, meinte Jian gedehnt und senkte seine Stimme leicht. „Der Boss steht halt nicht nur auf eine Person. Sie wollte ihn für sich haben und wurde eifersüchtig. Er mag es, wenn geteilt wird – auch Dreier. Und sie wollte nicht ‚weitergegeben‘ werden. Der Boss schaut gerne zu… Ich vermute, das wird auch bald auf dich zukommen.“
 

Sie wollte also einfach eine normale Beziehung zu ihm, dachte ich nüchtern und schüttelte den Kopf. Dieser Mann konnte keine gesunden Beziehungen pflegen. Dafür war er psychisch nicht in der Lage, ob er wollte oder nicht.

Doch etwas anderes traf mich, als ich Jians Worten lauschte und sie durch meinen Kopf gehen ließ. Die bleierne Erkenntnis traf mich, während ich an den Thron in seinem Schlafzimmer dachte. Er hatte es mir bei unserer ersten und einzigen SM-Session gesagt, dass er gerne zusah. Und ich hatte frech geäußert, dass ich lieber dabei wäre als nur zuzuschauen. Ich bereute jedes Wort nun noch mehr, als ich es eh schon tat. Aber nun würde es mich nicht unvorbereitet treffen. Jetzt, da ich ihm vorspielte, er hätte gewonnen und ich würde weiter um sein Vertrauen werben. Also wusste ich, dass ich diesem Aspekt wahrscheinlich nicht entkommen würde. Ich war froh, dass Jian mir diesen Hinweis gab. Zumindest emotional würde ich vorbereitet sein.

Schwer atmete ich durch und meinte: „Okay… Naja, wundert mich nicht, dass sie ihm dann zu langweilig wurde. Aber wieso muss sie jetzt im Club arbeiten? Hätte er ihr nicht die Freiheit geben können?“ Jian sah mich perplex an und schüttelte leicht den Kopf. „Ich vermute, dass sie zu viel wusste, oder er sie ab und zu noch haben möchte. Aber ich hinterfrage das nicht. Wenn du aber überleben möchtest, rate ich dir, das alles mitzuspielen… Je mehr du mitspielst, umso eher darfst du vielleicht gehen. Ich weiß, dass Li bereits andere hat gehen lassen, wenn er ihrer überdrüssig wurde.“

Ich nickte nur, doch glaubte ich Li diesbezüglich besser zu kennen. Mich würde er nicht gehen lassen. Ich war keines der Mädchen aus dem Club, die er sich ausgesucht hatte. Auch wenn ich es hasste, dass Li es so sagte, aber ich war zu ihm gekommen. Ich hatte mit ihm geflirtet, und ich hatte nicht wirklich locker gelassen. Ich hatte alles, was er mir angeboten hatte, mit Kusshand genommen. Auch wenn ich die Tragweite dessen erst im Nachgang richtig verstanden hatte. Ich war anders für ihn, und deswegen glaubte ich nicht, dass er mich wie die anderen Mädchen behandeln würde. Vielleicht wusste er es selbst auch nicht, doch ich glaubte kaum, dass er mich gehen ließ, wenn er meiner überdrüssig wurde.

Ich hörte Stimmen auf dem Flur, und Jian und ich setzten uns auf. Doch sie verschwanden, und ich wusste, dass sie in Lis Schlafzimmer gegangen waren. „Ich vermute“, meinte ich an Jian gewandt, „dass die Party ins Schlafzimmer verlegt wurde.“ Jian grinste kurz, und wir beide verließen kurz mein Zimmer. Es fühlte sich seltsam verboten an hier mit Jian zu stehen, fast als wären wir Teenager. Tatsächlich musste ich sogar kichern, denn es war albern.

Die Wohnung so belebt zu erleben, war seltsam, da sie bis jetzt nur eine stille Festung für mich war. Ich hörte Lis Stimme aus dem Schlafzimmer, und ich deutete Jian an, dass er warten sollte, und schlich kurz hinein. Ich hörte ihn lustvoll stöhnen und hörte mehrere Frauenstimmen. Nur kurz und schnell blickte ich um die Ecke und sah Li, wie er zwischen zwei Frauen stand, die ihn begierig anfassten. Sie trugen nur Unterwäsche und blickte Li fast schon erwartungsvoll an. Ich erkannte eine der Frauen; es war diejenige, die ihm einen Lapdance gegeben hatte, und sie zog sanft an seiner Hand und führte ihn in den Bereich, von dem ich wusste, dass der Thron war. Wenn sie wirklich seine Liebhaberin war, dann wusste sie genau was dort war.

Schnell ging ich. Ich wollte nicht, dass Li mich sah, und trat schnell zu Jian. „Da geh ich besser nicht hin. Zu viele Brüste“, meinte ich frech, und Jian grinste nur und schüttelte den Kopf. „Brüste sind doch toll“, meinte er gelassen und ging zum Geländer. Ich folgte ihm und sah, dass einige der Mitglieder entspannt auf dem Sofa saßen. Einige hatten eine Frau im Arm. Andere unterhielten sich einfach. Ich vermied den Blick zum Gym bewusst und sah, dass Yú da war. Offensichtlich hatte er alles mit Snake besprochen.

„Ich kann Frauen sexuell gesehen nichts abgewinnen“, meinte ich und sah, dass Jian eine der Prostituierten betrachtete. Ich schubste ihn fast schon freundschaftlich in die Seite und meinte: „Jetzt geh endlich. Ich verspreche dir, ich bleibe in meinem Zimmer und tue nichts Unüberlegtes.“ Kurz blickten die bernsteinfarbenen Augen zu mir, und er grinste leicht, bevor er von meiner Seite trat und sich auf den Weg nach unten machte.
 

Ich hielt mein Versprechen und ging in mein Zimmer und machte nichts. Doch es dauerte bis ich schlafen konnte, denn ert sehr spät verließen die anderen die Wohnung. Doch niemand wollte etwas von mir.

Als ich am nächsten Tag herunterkam, blickte ich vorsichtig ins Gym. Der Boxsack war weg, und nichts deutete darauf hin, was gestern Nacht hier geschehen war. Ich fragte mich, ob die arme Xia alles reinigen musste. Doch vielleicht hatte sie so etwas schon öfter erledigt. Da sie nicht mit mir sprach, konnte ich sie auch nicht fragen.

Ich trank gerade einen Kaffee, als ich hörte, wie Li aufstand. Er unterhielt sich mit jemandem, und ich sah eine Frau. Es war die hübsche, zierliche Asiatin. Sie unterhielten sich auf schnellem Kantonesisch, und ich beobachtete die beiden. Dass sie über Nacht geblieben war, überraschte mich, doch ich ließ mir nichts anmerken.

Als die beiden um die Ecke gingen und mich am Tresen erblickten, erstarrte die Frau. Sie sah zu mir, wie ich entspannt einen Kaffee trank und zu ihr blickte. Ihre Augen sahen zu Li, und sie sagte etwas leise zu ihm, was ich nicht verstand. Doch ein Blick von ihm reichte aus, um sie zum Schweigen zu bringen. Entspannt und vollkommen zufrieden ging Li zum Aufzug und tippte den Code ein, um ihn hochzuholen.

Ich verstand, was er auf Chinesisch sagte: sie solle gehen. Jedenfalls interpretierte ich das aus den Textstücken, die ich verstand. Immer noch sah die hübsche Frau zu mir, und sie wirkte nahezu verzweifelt. Ich verdrehte innerlich die Augen. Eine eifersüchtige Ex-Freundin konnte ich jetzt wirklich nicht gebrauchen. Sie durfte ihn haben, sofort mit Schleifchen und Glitzer verpackt, mir egal, wenn sie wollte, bitte. Aber sie sollte mich in Ruhe lassen. Sie zischte mir etwas zu, was ich nicht verstand, aber sicher nicht freundlich war, und stieg in den Aufzug.
 

Als der Aufzug sich schloss, drehte sich Li zu mir und betrachtete mich. Ich nippte an dem Kaffee und sah ihn fragend an. Erwartete er jetzt, dass ich etwas sagte? Ihm vielleicht sogar eine Szene machte? Stattdessen fragte ich nur: „Kaffee?“ Und stand langsam vom Tresen auf.

Ein kurzes Grinsen schlich über Lis Gesicht, und er nickte knapp. Ich stellte eine frische Tasse unter den Vollautomaten. „Ich hoffe“, meinte ich ruhig und drehte mich zu Li, „dass es nicht schlimm war, dass ich euch alleine habe feiern lassen. Ich weiß nicht genau, was ich von dieser Form der… personellen Umstrukturierung halten soll. Also dachte ich mir, auf dem Zimmer kann ich niemanden den Abend versauen.“

Li kam auf mich zu, und ein seltsamer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Ich bemerkte einen Fleck an seinem Hals und wusste, dass der vermutlich von der Frau stammte. Seine Arme legten sich um mich, und zufrieden sah er mich an. „Das war keine schlechte Idee…“, er schwieg wieder, und ich genoss es, dass er irgendwie unsicher war, dass ich den Elefanten im Raum nicht ansprach. Doch Jian hatte mir mehr geholfen, als er vermutlich dachte. Li wollte keine Eifersucht, also bekam er keine. Li wollte andere neben mir haben, also bitte sollte er sie nehmen. Und so tanzte ich fröhlich um den Elefanten in Gestalt der jungen Frau herum und merkte, wie gut es meinem Verstand tat, das Gefühl zu haben, Li in der Hand zu haben.

Ich musste dieses Wissen für mich nutzen. Für mich und mein Überleben. Langsam entließ mich Li aus seiner Umarmung und ich blickte zu ihm hinüber. Ein ehrliches Grinsen schlich sich auf mein Gesicht, doch es hatte weniger was mit dem zu tun was ich sagte, sondern weiterhin mit der Tatsachte, dass ich weiterhin den Elenfanten einfach ignorierte. „Tat sicher mal gut, mal wieder mit einer Frau was zu haben, oder?“, sage ich und reichte Li den Kaffee. Er nickte nur und nippte kurz an dem heißen Getränk.

Er nickte leicht und meinte: „Ja… das tat es…“ Ich hörte sein zögern und nun wurde ich fast euphorisch, denn ich merkte, dass Li unsicher wurde. Ich handelte offenbar absolut nicht wie er dachte.

Ich wusste, dass ich ihn an der Angel hatte und mir kam ein Plan. Ein Plan, der mich an meine Grenzen bringen würde mir aber vielleicht Autonomie einbrachte wo ich eigentlich keine hatte, entstand langsam in meinem Kopf. Jian hatte Recht. Ich war Lis Spielzeug und doch sah er mich auch wie einen Partner, auf seine kranke eigene Art, die nur erst verstand. Das musste ich nutzen, dass war mein Weg. Nun wo ich bei Li angekommen war, würde er erst beginnen mich so zu behandeln wie er mich sah. Wie sein Spielzeug. Und er würde mich rumreichen, daran hatte mich Jian erinnert und ich war ihm unendlich dankbar.
 

Es waren meine Arme, die sich um seinen Körper legten und ich drückte Li an meine Seite. Meine Hände strichen durch seine Haare und ich sagte im entspannten Ton: „Weißt du…, wären es gestern Nacht weniger Brüste in deinem Schlafzimmer gewesen wäre ich ja gerne dazugekommen… Aber damit kann ich leider so gar nichts anfangen.“ Li erwiderte die Umarmung und ein provokantes Lächeln schlich sich auf seine schmalen Lippen.

Seine Hand strich über meinen Rücken und kratze leicht darüber und ich drückte mich einfach etwas enger an ihm. „Wärst du denn gekommen… Wenn mehr Schwänze im Raum gewesen wären“, raunte er mir kehlig ins Ohr. Ich nickte leicht und meinte: „Absolut. Und solltest du auf die Idee kommen, lass uns zusammen nach einem passenden Mann schauen, der uns beiden gefällt… Dann habe ich auch was davon.“ Denn wenn ich schon rumgereicht werden würde auf Dauer, wollte ich wenigstens ein bisschen Mitbestimmen mit wem ich schlief und wer sich an mir verging. Es würde es nicht besser machen, doch dieses Wissen wenigstens ein bisschen mitzubestimmen gab mir ein leichtes Gefühl von Sicherheit. Auch wenn diese nicht existierte.

„Das lässt sich bestimmt ab und zu einrichten, Wánjù“, raunte er und biss feste in meine Ohrmuschel. Es war ein Teilerfolg und doch freute es mich, denn es war immerhin besser als eine Niederlage. Meine Hände krallten sich in seine Haare und ich fragte leise: „Hast du gestern nicht genug Befriedigung erfahren?“ Ich hoffte er ließ von mir ab, denn ich wusste, dass er mit mindestens zwei Frauen in seinem Schlafzimmer war. Er sollte mehr wie ausgelastet sein. Ich wollte so wenig wie möglich mit ihm intim sein. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, er war mein Entführer und nicht mein Liebhaber.

Woche 7: Heilige Nacht

Anderthalb Wochen waren vergangen, seit ich Li den Kaffee gereicht und ihm mein unverschämtes Angebot unterbreitet hatte. Anderthalb Wochen der Disziplin, in denen ich meine neue Rolle als williges, unemotionales „Wánjù“ – als Spielzeug – perfektioniert hatte, wenigstens für diesen Zeitraum. Die Verhandlungen mit Snake waren ohne mich weitergeführt worden, und ich fand es schade, denn ich hätte gerne noch einmal mit dem Amerikaner gesprochen. Doch wusste ich nicht einmal, ob es überhaupt zu einem Gespräch gekommen wäre.

Auch fand der erste Themenabend im Club statt. Es war grotesk. Die Prostituierten waren verkleidet wie Schulmädchen, und das erste Mal überhaupt nahm ich wahr, dass die SM-Möbel aktiv genutzt wurden. Ich war ein stummer Beobachter und fand es widerlich, wie die Männer darauf standen, die Frauen in den Uniformen zu begaffen, denn sie sahen einfach extrem jung aus und wurden am Ende wie Tiere bestiegen. Es war auch das erste Mal, dass ich registrierte, dass zwei Männer miteinander auf einem Zimmer verschwanden.

Lis Ex-Geliebte strafte mich jedes Mal mit einem missmutigen Blick, und sie tat mir leid. Sie klammerte sich vermutlich an Lis nette Seite und die Macht, die er hatte. Vielleicht kam sie aus armen Verhältnissen und nahm lieber das hier in Kauf, als weiter auf Feldern zu arbeiten. Es verunsicherte mich jedoch zum Glück nicht, denn ich merkte, dass Li sie attraktiv fand, aber ihr Verhalten ihn abturnte, besonders das Klammern. Sie wurde mir und meinem Plan also nicht gefährlich, was mich ziemlich erleichterte, denn ich brauchte nicht noch eine Front, an der ich kämpfen musste.
 

Ich hatte Li erneut nach Macau begleitet, doch es geschah nichts, und die anderen Mitglieder der Triade sprachen mich nicht an und ignorierten mich die meiste Zeit. Nur Yú und Jian sprachen mit mir, und langsam gewöhnte ich mich daran, auch wenn es immer noch wehtat. Ich suchte bewusst Lis Nähe, und trotz meines Plans und des Wissens, wer er war, freute ich mich auch darüber, dass er mich hielt, wenn das Heimweh mich packte, ich mich verloren fühlte oder einfach nur traurig war.

Und als ich in Macau war, traf mich noch eine weitere Erkenntnis hart und mit voller Wucht: Weihnachten stand vor der Tür. Alles war festlich und übertrieben dekoriert. Vollkommen übertrieben und überhaupt nicht nach meinem Geschmack. Doch es erinnerte mich hart daran, dass ich nicht zu Hause war.

Dieses Jahr würde ich mit Grace keine Plätzchen backen und mit ihr und ihren Eltern den Weihnachtsbaum schmücken. Ich würde keinen Socken an den Kamin hängen. Ich würde keinen Punsch trinken, würde keinen Sport im Fernsehen sehen und würde mich nicht über die übertriebene Weihnachtsdekoration der Nachbarn lustig machen können. Ich würde dieses Jahr kein seltsames, erzwungenes Gespräch mit meiner Mutter führen. Und auch mein Vater würde keine abwertende Meinung in den Hörer raunen können, und ich würde dieses Jahr keine Messe besuchen.

Doch ich wusste, dass die Gedanken meiner Familie viel um mich kreisen würden. Vermutlich dachten sie, ich sei tot, und doch war da sicher die vage Hoffnung, denn eine Leiche gab es schließlich nicht. Vielleicht bereuten meine Eltern sogar, wie sie mich behandelt hatten. Ich erinnerte mich, wie mein Vater einst sagte, er habe mich als Sohn verloren, doch damals stand ich vor ihm. Jugendlich, verletzt und zutiefst getroffen. Aber lebendig und vor allem da. Nun war ich weg. Weg von ihnen, und vielleicht bereuten sie es jetzt.

Ich suchte Lis Nähe an solchen Tagen sehr, denn sie ließen mir wenigstens die Illusion, dass ich doch jemandem wenigstens ein wenig bedeutete. Und wenn ich dann abends bei ihm im Bett lag, manchmal sogar in seinen Armen, rügte mich mein Verstand, dass ich mit so etwas den Kampf auf der Rasierklinge verlieren würde. Sollte ich je wieder ein Weihnachten mit meiner Familie haben wollen, musste ich durchhalten. Doch gerade fühlte sich Durchhalten sehr schwer an.

Also konzentrierte ich mich auf meinen Plan. Li sollte glauben, ich liebte ihn. Er musste unvorsichtig werden. Li wollte keine Eifersucht, also bekam er keine. Er wollte keine Belastung, also stellte ich keine dar. Die Belohnung war eine trügerische Ruhe, doch wenigstens musste ich mit keinen anderen schlafen. Und als er mich das nächste Mal aufforderte, ihm im Club einen zu blasen, zwang ich meine Scham zurück und tat, was er wollte, und ignorierte die Blicke der Menschen um uns herum.
 

Ich saß nun auf einem der Sofas in der festlich geschmückten Wohnung. Ich trug den dunkelblauen Kaschmirpullover. Er war bequem, er war warm und er war ein Zeichen von Lis Besitz. Die Wohnung war festlich geschmückt, doch ich wusste, dass Li das nur für mich getan hatte. Er selbst war schließlich nicht christlich, und doch stand ein künstlicher Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, und die Dekoration, die Xia aufgestellt hatte, war wenigstens nicht gänzlich übertrieben.

Jian und ich lernten nahezu jeden Tag Chinesisch, und es tat gut, mit ihm Zeit zu verbringen, denn für ihn war ich einfach nur Jasper. Ich wurde besser im Verstehen, doch wirklich sprechen konnte ich bis auf ein paar Bruchstücke noch nichts wirklich sicher. Kantonesisch war für eine westliche Zunge auch eine sehr schwere Sprache.

Ich war überrascht, als Li mich fragte, was ich zu Weihnachten gerne essen wollte. Ich überlegte, und das Erste, was mir einfiel, war das Brathähnchen meiner Mutter. Doch das würde ich vielleicht nie wieder essen, und mir das Essen zu wünschen, würde aktiv die Mauer durchbrechen, die ich innerlich immer wieder errichtete. Also überlegte ich und wünschte mir tatsächlich Truthahn und einen Apple Pie mit Pekannüssen. Und ich war Xia dankbar, dass sie das Essen wirklich köstlich zubereitete.

Es war Heiligabend, und die ganze Wohnung roch nach dem leckeren Essen, und obwohl ich wusste, dass es ihr unangenehm war, war ich doch die ganze Zeit in der Küche bei ihr. Ich rührte in den Töpfen und probierte einfach die Saucen, die sie kochte, und freute mich einfach. Kein Fisch, kein Reis, einfach nur normales Essen.

Ich versuchte ihr auf Chinesisch zu sagen, dass das Essen gut roch, und als ich ein kurzes Grinsen auf ihren Lippen sah, wusste ich, dass ich es geschafft hatte, den Satz richtig auszusprechen. Sie schien sich wirklich zu freuen, und ihr Gesichtsausdruck wurde entspannter. Sie musste sogar über mich den Kopf schütteln, als ich den Kuchen im Ofen betrachtete.

Ich deckte den Tisch, und als wir endlich da saßen und das Essen zusammen aßen, war es ein seltsames Gefühl. Es hatte nichts mit Weihnachten zu tun, wie ich es kannte, doch es war auch nicht schlecht. Es war wirklich etwas Besonderes in dieser Unnormalität.
 

Nach dem Abendessen saßen wir entspannt auf dem Sofa, jeder hatte ein Glas Wein in der Hand, und ich blickte nachdenklich aus dem Fenster. Ich blickte auf die Uhr, es war bereits ein Uhr nachts, und das bedeutete, dass sie noch mitten beim Abendessen des Heiligabends waren. Sie, meine Familie, meine Freunde. Die Menschen, die ich jetzt eigentlich um mich haben wollte. Grace war wahrscheinlich zu aufgeregt, um richtig zu essen, und würde wahrscheinlich nur schwer in den Schlaf finden. Weiterhin sah ich hinaus aus dem Fenster und sah doch nichts mehr von der verhassten Skyline Hongkongs.

Es tat weh, und ich vermisste sie so sehr, dass die Mauer große Risse bekam und das Heimweh auf meiner Seele drückte. Ich zwang mich, mich von den Gefühlen zu distanzieren. Hier unten neben Li durfte ich nicht weinen, das konnte ich nur in meinem Zimmer, alleine für mich.

Also räusperte ich mich und stellte das Glas auf den Tisch vor dem Sofa ab. Meine Augen glitten zu Li, und ich setzte ein falsches Lächeln auf. „War das das erste Mal, dass du Weihnachten gefeiert hast?“, fragte ich und lehnte meinen Kopf gegen das Sofa. Li schüttelte den Kopf und trank das Glas leer.

„Nein“, meinte er ruhig und erklärte: „Als ich die sechs Jahre im Gefängnis war, habe ich mit den anderen Weihnachten gefeiert. Aber sonst tatsächlich nicht. Hier wird eher das Neujahrsfest gefeiert. Das ist eigentlich immer im Februar.“ Ich nickte nur und wusste doch nicht genau, was das war, denn für mich war Neujahr immer der erste Januar. Ich nickte nur und wusste nicht genau, was ich dazu sagen sollte.

Ich fragte Li, ob ich mit ihm dann zusammen das Neujahrsfest verbringen werde, doch er grinste leicht und schüttelte den Kopf. „Nein. Ich werde wahrscheinlich ein oder zwei Tage zu meinen Eltern fahren“, sagte er entspannt und betrachtete mich mit einem Blick, den ich nicht zuordnen konnte. „Wenn ich jemanden mitbringen würde, würden meine Eltern wollen, dass es jemand Respektables ist. Jemanden, den ich heiraten könnte. Jemanden, der ihnen einen Erben schenkt. Das kannst du alles nicht, Wánjù.“ Ich nickte, und es verletzte mich auch nicht. Denn ich wollte nicht noch vor seinen Eltern diese kranke Rolle spielen, die sich an manchen Tagen und manchen Stunden nicht nach einer Rolle anfühlte.
 

Kurz war ich am Überlegen zu fragen, ob seine Eltern von seinem Job wussten. Doch ich beließ es dabei. Es wäre egal. Und ich wollte Li nicht menschlicher für mich machen, als er es eh schon war. Wir schwiegen kurz, und Li fragte auf einmal: „Wann gibt es noch mal Geschenke? Jetzt oder morgen? Ich bringe das immer durcheinander.“

Verwirrt sah ich ihn an. Was wollte er mir denn bitte noch schenken? Ich brauchte nichts. Das einzige wahre Geschenk würde ich freiwillig von ihm nicht bekommen: meine Freiheit. Ich blinzelte einige Male und meinte: „Ähm. Normalerweise nach dem Aufstehen. Aber wieso schenkst du mir was? Ich habe auch nichts für dich und… ich habe doch quasi alles…“

Li schmunzelte leicht und stand langsam auf. „Man kann nie genug haben. Und wir haben ja fast morgen. Ich hol es mal…“ Perplex sah ich ihm nach und schüttelte nur den Kopf. Ich wollte nicht schon wieder ausstaffiert werden. Ich hasste diesen verdammten Luxus einfach so sehr. Und nun musste ich wieder so tun, als wollte ich genau das.

Li kam mit mehreren kleinen Paketen wieder, und ich seufzte schwer. Doch ich bedankte mich artig und machte die Geschenke nach und nach auf. Es war ein teures Parfüm, eine neue, vermutlich sehr teure Uhr. Sie war aus Platin, wie mir Li sagte, und fassungslos sah ich sie an. Sie musste ein wahres Vermögen wert sein! Er hatte wirklich zu viel Geld.

Doch das nächste Geschenk überraschte mich. Es war ein Füller. Ein sehr teuer aussehender Füller mit Edelsteinen, und ein in Leder gebundenes Notizbuch war dabei. Fragend sah Li an. „Du schreibst doch Tagebuch“, meinte er, und ich war überrascht, dass ihm das aufgefallen war, und schluckte leicht. Das war tatsächlich ein persönliches Geschenk. Viel persönlicher als ich angenommen hatte. Ich lächelte leicht und betrachtete den Stift. Er gefiel mir nicht, denn er war zu prunkvoll und zeigte das, was ich langsam immer abstoßender fand: exzessiver Reichtum. Und doch zeigte es auch, dass Li mich sah. Und sich bei diesem Geschenk tatsächlich Mühe gegeben hatte.

„Danke“, sagte ich ehrlich und blickte Li in die Augen. Er schien mit sich zufrieden, und das gönnerhafte Lächeln war auf seinem Mund erschienen. „Der ist doch eigentlich viel zu schade, um damit zu schreiben“, meinte ich und legte den überteuerten Füller zu der überteuerten Uhr und dem überteuerten Parfüm. Li sah zu dem Füller und dann erneut zu mir. Er winkte ab und meinte entspannt: „Der ist dafür gemacht. Nutze ihn ruhig.“

Ich betrachtete die Geschenke und wusste nicht genau, was ich davon halten sollte. Ich wollte keine weiteren Geschenke mehr von ihm, denn sie waren nur etwas, was mich beruhigen und zum Schweigen bringen sollte. Doch es waren auch nette Gesten, und ich glaubte in seiner krankhaften Wahrnehmung, dass er wirklich davon ausging, mir einen tollen Moment beschert zu haben.
 

Er reichte mir eine letzte lange Schachtel, und perplex nahm ich sie entgegen und begann, sie langsam zu öffnen, und ich war überrascht, was ich vorfand, und ein Schauer lief mir den Rücken hinunter. Es war ein Halsband. Ein breites Halsband aus Leder. Auf dem Leder waren in mehreren Reihen Edelsteine platziert worden, und ein großer grüner Stein prangte in der Mitte. Ich vermutete, dass es wieder ein Jadestein war. Ich strich über den Stein und sah zu Li auf. Ich musste die Rolle spielen. Er sollte glauben, dass ich ihn wollte, ihm vertraute. Also setzte ich ein falsches Lächeln auf und strich über das jetzt schon verhasste Halsband. Es war das absolute Gegenteil von dem Geschenk davor und zeigte mir erneut nur, als was er mich wirklich sah.

„Passt es denn zu meinen Augen?“, fragte ich und merkte, dass meine Stimme frecher klang, als ich mich fühlte. Ein zufriedenes Grinsen schlich sich auf Lis Lippen, und er nahm mir das Halsband ab. „Ich denke schon. Probiere es an. Es sollte passen. Ich habe es für dich anfertigen lassen“, meinte er ruhig, und widerwillig rückte ich zu ihm.

Das Halsband lag eng an meinem Hals, und ich merkte deutlich, dass ich Angst bekam, doch ich drängte die Erinnerungen an das Würgen weg, denn es waren nicht seine Hände. Es war nur ein Gegenstand. Ich rückte weg von ihm, und Li betrachtete mich – mich, sein Spielzeug, nicht den Liebhaber und nicht den Gefangenen. Ich atmete schwer durch und stand auf.

Fragend sah mich Li an, und ich setzte ein falsches Lächeln auf. Es war erschreckend, wie gut ich das konnte, obwohl mir nicht danach war. Bleib interessant, sagte ich mir selbst und griff nach Lis Hand. Er nahm sie, und ich zog ihn langsam aus dem Wohnzimmer, und wir gingen hinauf. Ich betrat sein Schlafzimmer, und meine Beine zitterten kurz, doch schnell unterdrückte ich die Panik. Ich durfte nicht an das letzte Mal denken, als ich an diesem Ort war.

„Das Halsband passt doch besser hier hin“, meinte ich und war dankbar, dass ich süffisant klang und betrat den Teil des Schlafzimmers, in dem der Thron war. Ich selbst zog den Pullover aus, und ich sah, wie Li sich zufrieden und lustvoll über die Lippen leckte. Ich ließ den Pullover fallen und betrachtete den Mann, der mich gefangen hielt und mich nun mit lustverschleierten Augen betrachtete.

Er setzte sich auf den Thron. „Kannst du das auch in schön, also dich ausziehen?“, meinte er und betrachtete meinen nackten Oberkörper. Er hatte weiterhin entschieden, dass ich derzeit keine Haare mehr dort haben durfte, und seine Augen glitten an mir entlang und zogen mich quasi schon aus.

Ein leises, falsches Lachen drang aus meinem Mund, und ich meinte: „Wenn ich für dich strippen oder tanzen soll, versaue ich uns beiden die Stimmung… Lassen wir das besser. Wie willst du mich? Soll ich wieder auf den Strafbock… Willst du mich an dieses Kreuz fesseln… Was möchtest du?“ Gierig wurde Lis Blick und sah sich in dem Raum um. „Du verdienst heute keine Strafe, Wánjù“, murmelte er und stand langsam wieder auf. „Du gehst an das Kreuz und ich verbinde dir die Augen. Du genießt, während ich dich ficke und dich an meinem Schwanz erfreust.“ Er tat, was er sagte, und band mich an dieses seltsame Kreuz, was ich nur aus Pornos kannte.

Ich zwang mich, mitzuspielen, und es war erschreckend, wie sehr mein Körper mich verriet. Es war seltsam nichts zu sehen und ich zuckte zusammen, als seine Hände mich berührten. Ich hoffte einfach, dass er weg von meinem Hals blieb. Doch das hier war keine Bestrafung. Als sich seine Hände um mein Glied legten und es bearbeiteten, ließ ich meinen Kopf entspannt nach vorne fallen und stöhnte tief auf.

Mein Körper antwortete auf seine Berührungen, ein biologischer Verrat, den ich nicht kontrollieren konnte. Während mein Geist vor Ekel schrie, passte sich meine Körper seiner Hitze an, und dieses Paradoxon fühlte sich schlimmer, denn ich genoss und verachtete es. Wie jedes Mal, wenn wir mit einander intim wurden.

Doch das kühle Leder an meinem Hals erinnerte mich bei jeder Bewegung daran, wer ich hier war. Ich war kein Partner, ich war eine Trophäe, die er sich nach Belieben nahm. Das Gewicht des Jadesteins fühlte sich an wie ein schweres Siegel meiner Gefangenschaft.

Ich stellte mir meinen Ex-Freund vor und ließ es einfach über mich ergehen. Er drehte mich irgendwann um, so dass er genüsslich meine Rückseite betrachten konnte und nachdem er mich vorbereitet hatte, drang er mit seinem Glied in mich ein. Lauter stöhnte ich auf und zuckte erschrocken zusammen, als er mir kurz feste auf den Hintern schlug. Aber Li war es wichtig, dass ich Spaß hatte. Er spielte an mir herum und ich merkte, dass so wie ich seinen Körper sehr gut kannte er den meinen ebenfalls. Und so ließ ich es einfach zu und als mein Orgasmus kam und auch seiner nicht mehr lange auf sich warten ließ, gab ich mich kurz hin und erlaubte meinem Körper es kurz und ehrlich zu genießen. Er war laut, körperlich, aber nicht ehrlich. Am Ende hing ich in den Seilen oder eher Fesseln und atmete schwer und tief. Ich fand es schrecklich, dass mein Körper es genoss und hasste es gleichzeitig so sehr.
 

Und wenig später fand ich mich in seinem Bett wieder. Eng umschlungen in seinen Armen. Ich hatte nicht mehr das Gefühl ich müsse nach jedem Sex sofort duschen, um seinen Geruch und sein Sperma von mir zu waschen. Ich hatte mich irgendwie daran gewöhnt. Mein Kopf ruhte auf seiner kräftigen Brust und er streichelte meine trainierten Schultern und schien vollkommen zufrieden. Seine Finger fuhren liebevoll über das Halsband und ich zuckte zusammen, als ich seine Finger da spürte. Sofort kam die Angst hoch, dass er mich wieder würgte. Doch natürlich passierte das nicht. Stattdessen öffnete er das Halsband und ich hatte erst jetzt das Gefühl wieder frei atmen zu können.

Li hatte das Zucken bemerkt und ich wusste, dass er es wusste, wie große Angst ich vor dem Würgen hatte. Doch ich sagte nichts dazu, sondern dankte ihm stumm, dass das Halsband endlich weg war und streichelte lieber sanft über seine Seite.

Ich konnte nicht schlafen, und als ich merkte, dass Li tief und fest schlief, verließ ich leise das Schlafzimmer. Nachdem ich mich im Badezimmer gesäubert hatte, verließ ich das Schlafzimmer. Ich schaffte es gerade nicht mehr, die Fassade aufrechtzuerhalten. Gerade schaffte ich es nicht mehr zu kämpfen. Das Heimweh war so grenzenlos, dass es mehr schmerzte als die letzten Schläge, die ich von Li bekommen hatte.
 

Ich ging hinunter zu dem Weihnachtsbaum und stellte mir vor, ich wäre zu Hause. Grace, die immer wieder gefragt hätte, ob der Weihnachtsmann gleich käme, und meine Schwester, die vermutlich langsam immer genervter von ihrer Tochter war, würde sie nun auffordern, ins Bett zu gehen. Steven, der entspannt ein Bier getrunken hätte, oder vielleicht gerade Grace ins Bett bringt. Vielleicht wären auch seine Eltern da.

Ich wünschte, ich wüsste es. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als bei ihnen zu sein. Und wenn nicht bei ihnen, dann bei meinen Freunden. Sogar bei meinen Eltern würde ich jetzt gerne sein, auch mein Bruder wäre nun jemand, den ich gerne umarmen wollen würde. Und ihn hatte ich seit Jahren nicht mehr gedrückt. Ich wünschte, ich könnte sie alle noch einmal in den Arm nehmen. Ihnen sagen, dass ich ihnen verzeihe. Dad sagen, dass ich ihn trotz allem immer noch liebe und mir wünschen würde, dass er mich wieder als Sohn akzeptierte. Mit Jason noch einmal ins Kino gehen und einfach mal reden wie wir es früher, vor meinem Outing, so oft getan hatten. Ich würde so gerne mit ihnen allen noch einmal zusammensitzen, zusammen lachen. Das Brathähnchen meiner Mutter essen und alle Streitigkeiten der Vergangenheit hinter mir lassen wollen.

Ich wollte alberne Pyjamas tragen und Spielzeug und andere Geschenke in die Socke stopfen. Blöde Sprüche sagen und einfach mal wieder ein Baseballspiel im Fernsehen sehen. Ich wollte einfach mein Leben wiederhaben. Ich wollte nichts mehr als das.
 

Tränen liefen mir stumm und leise über die Wangen, und ich lehnte meinen Kopf an die Scheibe der großen Glasfront. Die Skyline von Hongkong verschwamm hinter meinen Tränen, und die Last meiner Entscheidungen zwang mich auf die Knie.

Wäre ich nur nie in dieses verdammte Gym gegangen. Hätte ich doch nur nach dem ersten Aufkeimen eines schlechten Gefühls die Reißleine gezogen. Wäre ich doch einfach in der letzten freien Nacht weggegangen und nicht zurück in das Hotel gegangen, aus dem er mich entführt hatte. Es hätte alles anders kommen können. Der ganze Scheiß, den ich hier erlebt hatte, brodelte, und ich merkte, dass mein Heimweh die Mauer des Schutzes aufgeweicht hatte. Ich spürte seine Hände um meinen Hals, ich spürte meine Angst. Ich sah, wie er die Frau missbrauchte, und ich sah mich, wie ich mich selbst fesselte aus Angst davor, was er in seiner kalkulierten Wut machen würde. Ich spürte, wie er mich vergewaltigte. Mein Atem zitterte, und ich spürte die Blicke, als ich beim letzten Besuch im Club einen Blowjob geben musste, und ich so tat, als fände ich es geil. Ich war machtlos, und nun musste ich ihm das alles vorspielen.

Ich sollte Liebe vorspielen, wo nur Hass war. Ich sollte Vertrauen zeigen, wo ich doch eigentlich nur Verachtung empfand. Ich sollte glücklich sein, wo ich doch nur traurig, verzweifelt war. Und dann war da dieses Gefühl, dass er mich sah, dass ich ihm in seinem Wahn doch wichtig war, und es war erschreckend, wie ich darauf reagierte. Wenn ich wollte und mein Verstand mich im Stich ließ, glaubte ich das alles.

Ich war so müde vom Kämpfen und wusste gar nicht, ob das Kämpfen sich am Ende des Tages lohnte. Wie sollte ich mich fühlen? Wenn ich ehrlich war, fühlte ich mich gerade einfach nur noch leer. Leise schluchzte ich in die Stille der großen Wohnung hinein und wischte mir die Tränen weg. Ich zwang mich, tief und ruhig zu atmen. Ich musste diese negativen Gedanken verdrängen. Tief ein- und ausatmend schaffte ich es, meinen Körper zu beruhigen. Meine Atmung wurde gleichmäßig und mein Puls beruhigte sich. Ich saß neben dem Weihnachtsbaum und starrte in die Nacht hinaus.

Ich wusste, wofür ich kämpfte. Es waren die Menschen, an die ich die meiste Zeit heute gedacht habe, und ich erinnerte mich an das, was ich am Moon Hill dachte: Aufgeben liegt mir nicht, Jazz. Ich wusste bereits damals, dass es schwere Tage geben würde, und dass Weihnachten mich so aus der Fassung brachte, hatte ich nicht gedacht. Ich durfte nicht aufgeben, nicht jetzt, wo ich einen Plan hatte. Auch wenn ich nicht wusste, ob mein Plan überhaupt aufging.

Und ich stellte mir vor, nächstes Jahr säße ich am Tisch mit meiner Familie, und es würde das Brathähnchen meiner Mutter geben. Ich stellte mir den Tisch vor und schloss die Augen. In Gedanken sah jedem ins Gesicht und freute mich, dass sie alle da sein würden, um gemeinsam mit mir Weihnachten zu verbringen.

„Merry Christmas“, murmelte ich leise in die Stille des Raums, und es war für sie, auch wenn sie es niemals hören würden.
 


 

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https://www.fanfiktion.de/s/6952c52b00044d2c36be0fbb/1/Der-schwarze-Drache
 

hier könnt ihr die Geschichte dann zu Ende lesen, wer mag.

Da ich sie bereits auf dem PC beendet habe und sie dementsprechend nicht abgebrochen ist, werde ich sie hier auch als beendet ab Morgen reinstellen ^-^

Sonst sieht es ja aus, als würde ich alles abbrechehen. :D

Woche 7: Hoher Einsatz

Der Morgen nach Weihnachten roch noch nach Braten und Kuchen. Ein beißender Duft, der die traurige Realität des Abends untermalte. Als ich aufwachte, lag Li bereits nicht mehr neben mir. Das warme Vakuum, das er hinterlassen hatte, war fast so erdrückend wie seine physische Nähe. Beides war falsch und beides war richtig. Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren, um die Tränen der letzten Nächte als abgeschlossen zu verbuchen.

Meine Wangen fühlten sich kühl und geschwollen an. Du hast geweint, Jazz. Erschreckend viel. Aber du hast nicht aufgegeben.

Du musst weitermachen, dachte ich mir und schwang die Beine aus Lis Bett. Ich zog mir frische Kleidung an und schaffte es nach Wochen, etwas von mir anzuziehen. Etwas von meinem alten Ich. Das verwaschene Bandshirt fühlte sich nicht so weich an wie der Kaschmirpullover und doch so viel vertrauter und viel schöner. Ich grinste schräg und erkannte fast den alten Jazz in mir, und doch wusste ich, dass ich nie wieder derselbe sein würde. Ich verstaute den prunkvollen Füller und das ledergebundene Notizbuch im Schrank – sie waren zu gefährlich persönlich. Und langsam ging ich hinunter zum Frühstück.
 

Li war, wie erwartet, intensiv mit Arbeit beschäftigt. Die Auszeit über Heiligabend hatte ihn nur temporär entspannt. Jetzt war er wieder Hēilóng, der kompromisslose Geschäftsmann, der Anführer der Triade, der Mogul. Die Geschäfte mit Snake schienen eine komplizierte Angelegenheit zu sein, denn selbst beim späten Frühstück verstand ich aus seinen kurzen, kühlen Telefonaten, dass es Reibungen gab. Irgendetwas mit Papieren stimmte nicht, und die Gefahr bestand, dass man erkannte, dass Waffen beziehungsweise Waffenteile geschmuggelt wurden. Ich hielt mich da raus, denn ich kannte mich damit nicht aus. Also schwieg ich und gab meinen Senf nicht dazu.

Ich saß in seinem Arbeitszimmer. Nicht mehr, um zu lesen, sondern um ihn zu beobachten. Ich sah zu, wie seine Finger über den Touchscreen des Laptops glitten, wie sein Kiefer sich anspannte, wenn ein Deal nicht nach seinem Willen lief. Ich studierte ihn so gut ich konnte. Ich war unschlüssig und fragte ihn: „Machen wir noch was? Oder passiert heute etwas?“ Ich langweilte mich wieder, und das Gefühl der Enge breitete sich in mir aus. Ich hasste diese Klaustrophobie, denn wenn diese Wohnung eins nicht war, dann war es zu wenig Raum. Li sah zum Laptop auf und dachte kurz nach. „Heute Abend habe ich Freunde zum Pokerspielen eingeladen. Das mache ich normalerweise regelmäßig. Aber nachdem du hier ja eingezogen bist, wollte ich dir ja erstmal die Möglichkeit geben, anzukommen.“ Das Lächeln auf meinem Gesicht war so falsch wie die Behauptung, ich sei hier „angekommen“. Wer wollte schon nicht immer mit einer Pistole im Rücken in ein neues Zuhause einziehen?

Ich war dankbar, dass mein Zynismus wiederkam, doch ich schwieg. „Also haben wir heute Abend Besuch“, meinte ich gedehnt und fragte mich, ob ich mitspielen würde. Und etwas anderes erschreckte mich. Hatte ich gerade wirklich wir gesagt? Es gab kein wir, denn das würde heißen er würde mich als gleichberechtigen Partner sehen. Doch es brachte nichts, sich weiter darüber aufzuregen und Li schien es gar nicht aufgefallen zu sein.

Li nickte leicht und betrachtete mich. Sein Blick blieb an dem T-Shirt hängen und er nickte dahin und meinte: „Heute Abend aber wieder schick, Wánjù.“ Es schien ihm nicht zu passen, dass ich meine alten Sachen anhatte und doch hatte er es mir hier erlaubt. Doch ich glaubte, seine Gedanken nachvollziehen zu können. Meine Kleidung war der alte Jasper, der Rebellische, der der versuchte zu fliehen, der der ihn in den Sachen gesagt hatte, dass er mach Hause wollte. Der ihn abgewiesen hatte. Meine alten Kleider waren für ihn ein Zeichen der Rebellion, selbst wenn sie es gerade gar nicht waren, sondern ich sie trug, weil ich Heimweh hatte.

Ich nickte leicht und ging aus dem Arbeitszimmer und fragte mich, wann mich Li das letzte Mal mit Namen angesprochen hatte. Ich glaubte, es war vor unserem Urlaub… Vielleicht im Urlaub? Ich wusste es nicht mehr. Es war ein Kosename, ja, aber es war auch mehr und das wusste Li absolut. Und würde Jian mich nicht ab und zu Jasper nennen, wüsste ich nicht, ob ich meinen Namen irgendwann vergessen hätte. Konnte man das eigentlich? Bestimmt, dachte ich mir, aber sicher nicht so schnell. Doch eines hatte ich verinnerlicht. Ein Teil meines Namens war Wánjù. Und ich hörte auf diesen Namen genauso wie auf Jasper, auch wenn ich es hasste.

Doch das Bandshirt war der Beweis, dass ich nicht ganz so einfach zu formen war, wie er es sich wünschte. Ich verbrachte den Tag in seiner Wohnung, schwamm im Pool und sah mir noch ein paar Serien an. Heute hatte ich wohl Pause vom Training. Jian war nicht da. Er hatte frei, um seine Familie zu besuchen. Er würde im Februar bei mir bleiben, also durfte er jetzt seine Familie besuchen. Es machte mich traurig, und doch war ich Li dankbar, dass dann wenigstens Jian hier blieb und ich nicht wie beim letzten Mal alleine war. Ich vermisste Jian. Ich vermisste die wenigen Momente, in denen ich Jasper sein durfte, den wissbegierigen Studenten. Ich vermisste die einfache, unschuldige Anerkennung seinerseits, wenn er merkte, dass ich Fortschritte machte beim Lernen der Sprache. Und nach unseren Lerneinheiten blieb er noch und wir unterhielten uns einfach. Er war der einzige Anker, der nicht durch Zwang oder Besitz befleckt war. Auch, wenn wir uns nur unter diesen Umständen kennen gelernt hatten. Die Zeit verflog zäh und ich hasste es wieder, dass mein Leben sich nur hier abspielte.
 

Als es Abend wurde, machte ich mich fertig. Li hatte bereits eine Auswahl an Kleidung für mich auf dem Bett ausgelegt. Es war erschreckend wie wichtig ihm Äußerlichkeiten waren. Ich wählte ein dunkelgraues Hemd, das meine Schultern betonte, und eine schwarze Hose, die elegant, aber nicht zu formell wirkte. Ich legte die Kette mit den Jadeanhänger um und nahm die neue Platinuhr. Meine Haare kämmte ich ordentlich und blickte in den Spiegel. Ich sah wieder so aus wie er mich attraktiv fand und alles an meinem Körper war von ihm geschliffen worden bis auf die rote Narbe über dem erzwungenen Tattoo. Die ich fast schon stolz trug.

Li wartete in der Eingangshalle. Er trug einen tiefblauen Anzug, der aber eher Freizeitkleidung für ihn war, seine Haltung war königlich. Seine goldene Uhr und der auffällige Ring waren an den gewohnten Plätzen und seine glatten schwarzen Haare hatte er wie gewohnt nach hinten gekämmt. „Perfekt“, sagte er und trat näher. Er fuhr mit dem Finger über meinen Arm und strich sanft über die Stelle von der er wusste, dass sie sein Zeichen trug. Ich bemerkte, dass er zufrieden auf die Kette schaute und sein Blick zu meinen Augen wanderte. Seine Hand strich von meinen hellbraunen Haaren hinunter über meinen Hals, was mich augenblicklich zucken lies. Er sagte dazu nichts. Er wusste schließlich warum ich zuckte.

„Wer wird kommen?“, fragte ich vorsichtig und sah, dass kleine Häppchen auf der Kochinsel waren. Xia musste sie vorbereitet haben. Es sah wirklich appetitlich aus.

„Yú, mein engster Vertrauter, wie du weißt. Tao, er hat die Geschäfte der Wu-Brüder übernommen im Hafen“, erklärte er, und ich versuchte, mir alles zu merken. „Ming Ken, er ist der offizielle Besitzer des Hotels und Casinos in Macau, und Yuan Cheng, er verwaltet quasi alle Geldeintreiber, alle Junket-Bosse. Das war Lángs Aufgabe. Wie du siehst, wurde dank dir doch erheblich umstrukturiert. Nun weiß ich, dass alle hinter mir und meinen Entscheidungen stehen.“

Ich schluckte hart, denn seine Umstrukturierung war einfach nur Mord. Mehr nicht. Láng hatte er selbst erschlagen und einen der Wu-Brüder ebenfalls, was den zweiten anging hatte ich keine Ahnung. Mit einem unguten Gefühl sah ich zum Gym und fragte mich gerade ernsthaft, wie ich vor wenigen Stunden in diesem Raum noch entspannt Bahnen im Pool ziehen konnte. Irgendetwas stimmte nicht mehr mit mir.

„Was willst du, was ich mache?“, fragte ich und zwang meinen Blick weg vom Fitnessbereich und sah in Lis schwarze Augen. Ein triumphierender Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Sei einfach da und unterhalte mich, wenn es sein muss. Ich erwarte einen schönen und entspannten Abend.“ Ich wusste damit nichts anzufangen und trotzdem nickte ich.
 

Nach und nach kamen die Gäste an. Als Erstes kam Yú, und wir begrüßten einander kurz und höflich. Wir kannten einander ja quasi. Danach kam Tao. Er war ein Mann in den Fünfzigern und hatte einen markanten Schnurrbart. Er begrüßte Li höflich und beachtete mich nicht. Ming und Yuan kamen gleichzeitig an. Ming hatte ganz kurze Haare, sah absolut unscheinbar aus. Er trug eine Brille, und ich hätte niemals erwartet, dass ein so unscheinbarer Mann etwas mit Triaden zu tun hatte. Doch ich wusste, dass er das Casino nach außen hin vertrat, und ich glaubte zu wissen, weswegen er das tat. Er fiel einfach nicht auf.

Er und Li begrüßten sich wie alte Freunde, und vielleicht waren sie das sogar. Yuan war breiter als die anderen und erinnerte mich an Li. Doch er war ein Junket-Boss, Geldeintreiber. Ich vermutete, dass Geldeintreiber alle etwas speziell aussehen mussten. Beide nickten mir nur zu, was mich überraschte, und wie ich sie so betrachtete, erinnerte ich mich, dass ich sie alle bereits in Macau gesehen hatte. Doch die Vergewaltigung von Lángs Frau hatte die Gesichter der anderen aus meiner Erinnerung nahezu verbannt.

Der Abend fand im Pokerraum in Lis Wohnungskomplex statt. Er lag direkt gegenüber dem Arbeitszimmer – ein ruhiger, dunkler Raum mit schweren Samtvorhängen, die das Licht der Skyline aussperrten, und einem runden, massiven Pokertisch in der Mitte sowie einem Billardtisch.

Die Atmosphäre war dick, angespannt, und sie unterhielten sich im schnellen Chinesisch. Sie rauchten Zigarre und die Luft wurde stickig. Dank Jian verstand ich einige Bruchstücke, doch einem so schnellen Gespräch konnte ich noch nicht folgen. Sie unterhielten sich offenbar über den Club, und ich vermutete, dass sie wussten, dass das Lis Baby war und er sicher gerne über den Club sprach.

Es wurde gelacht und der ein oder andere Drink floss. Ich sah Xia kurz am Rand des Raumes. Sie war ein Schatten. Sie nahm leere Gläser entgegen, brachte kleine Schalen mit Nüssen und füllte die Whiskeys auf. Die Häppchen wurden serviert, und die Stimmung unter den Männern war gut. Das alles war ihre Aufgabe. Ich war Wánjù, und das bedeutete, ich hatte einen exklusiveren, persönlicheren Dienst.

Li hatte mich and en Tisch vorbeigeführt. Es gab keine Stühle für mich. Li hatte auf eine Stelle hinter seinem Sessel gedeutet, leicht abseits, aber in Reichweite. „Du bleibst hier, Wánjù“, hatte er leise befohlen, nur für mich bestimmt, und so wartete ich und versuchte nicht, ständig zu stöhnen und erst recht nicht genervt zu sein. Ich hatte bei der spontanen Party mich bereits zurückgezogen, nachdem sie den Mann erschlagen hatten, jetzt musste ich bis zum Ende bleiben.

Ich war das Ornament auf dem Kaminsims, die lebende Bestätigung von Lis Reichtum und sexueller Macht. Keiner sprach mich an, nicht einmal Yú. Aber wieso sollten sie auch? Ich hatte nichts zu sagen, was für diese Männer gerade wichtig wäre.

Li selbst lehnte sich zurück. Er hob die Hand in meine Richtung. „Komm her, massiere meine Schultern.“ Es war kein Befehl, es war eine Demonstration vor seinen Männern. Ich war fast schon dankbar für diese dumme Tätigkeit.

Ich trat näher und begann, meine Finger in die harten Muskeln seiner Nacken- und Schulterpartie zu massieren, so gut ich das eben konnte. Die Wärme seiner Haut unter meinen Händen, die Spannung in seinem Nacken. Ein seltsamer, intimer Dienst in dieser kalten, geschäftlichen Umgebung. Vor allem, wenn man bedachte, dass er mich damals draußen nicht anfassten wollte. Doch er wollte es so, also bekam er es.
 

Die Chips klickten, die Karten wurden verteilt. Die Gespräche wechselten zwischen Poker-Strategie und kurzen, beiläufigen Bemerkungen über „die Hafenpapiere“ – ein Stichwort, das mich aufhorchen ließ. Doch schnell verstand ich wieder nichts.

Yuan spielte aggressiv, aber seine linke Schulter zuckte jedes Mal, bevor er All-In ging. Der ältere Herr, Ming gegenüber von Li hielt seine Karten zu eng, seine Augen starr. Er war erfahren, vorsichtig.

Als Li wieder eine Hand gewann, neigte er den Kopf leicht in meine Richtung und genoss meinen Dienst. Seine Hand glitt nach hinten und drückte kurz auf meine Hüfte. Es war nur ein minimaler Kontakt, aber es war eine Besitzmarkierung vor seinen Freunden. Es bedeutete: Das gehört mir. Und mir ist egal, was ihr davon haltet. Doch nachdem, was mit Láng und den Wu-Brüdern passiert war, sagte keiner der Anwesenden etwas.

Doch lange war Li das Glück nicht hold, und nach und nach verlor er seine Chips. Ich hatte mich längst wieder verzogen Die Stimmung seiner Freunde trübte diese Tatsache in keiner Weise. Sie lachten, und Li lachte mit. Doch ich spürte den Zorn in ihm. Ich kannte ihn, und ich bemerkte das Zucken der Hand unter dem Tisch. Er war ein sehr schlechter Verlierer, doch das hatte ich ja bereits am eigenen Leib erfahren.

Ich hatte das Gefühl, ich musste die Situation retten. Irgendwie. Schließlich verlangte er von mir, dass er einen schönen Abend hatte, dass hatte er vorhin erst zu mir gesagt. Li wollte unterhalten werden. Wenn er jetzt verlor wusste ich, dass ich die Wut wahrscheinlich abbekommen würde. Er würde es niemals an diesen Menschen auslassen, die so wichtig für seine legalen und illegalen Geschäfte waren. Doch an mir konnte er es. Er brauchte keine Begründung. Ich erinnerte mich an das erste mal nach der Gefangenschaft als wir Sex hatte, als er mich vergewaltigte, korrigierte ich mich selbst. Ich hatte ihm meinen Körper übergeben und ihn einfach machen lassen, doch das hatte ihn damals so wütend gemacht, dass er mich fast erwürgt hatte. Ein Schauder überkam mich und meine Hand glitt an meinen Hals.
 

Er war wütend, weil er sich von mir abgewiesen gefühlt hatte und diese kleine Tatsache, hatte ihn explodieren lassen. Wenn nun seine Freunde darüber scherzten, dass er verloren hatte. Er der erste war der das Spiel verlassen musste war es eine viel größere Wut, die da schlummerte. Ich bemerkte wie sich Lis Augen verengten und sich sein Kiefermuskel anspannte. Mein Kopf ratterte. Wie sollte ich diese Wut abmildern. Wie konnte ich sie lenken, dass sie mich nicht traf.

Er wollte einen schönen Abend und was gehörte da seiner Meinung nach noch zu. Sex. Doch davor hatte ich ja Angst, wenn er Wütend war. Denn es war die Wut die kontrolliert aus ihn ausbrach die war gefährlicher. Das einzige was ich steuern konnte war seine Lust. Doch wie, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.

Ich erinnerte mich daran, dass Jian sagte, Li liebte es, dabei zuzusehen, wenn andere Leute es miteinander taten. Es konnte also noch jemand dabei sein… und dann wäre sein Wut eh versteckt und eine andere. Ich blickte jeden von ihnen an. Ich wollte mit keinem von ihnen schlafen, doch von ihnen ging keine Gefahr aus. Und das war hier wichtiger als das Aussehen, das Alter oder sonst etwas. Sie würden mir nichts tun, denn sie wussten, dass ich Li nahestand und ich ihm auf seltsame Art und Weise wichtig war. Keiner würde mich vergewaltigen und mich würgen. Wenn sie es denn überhaupt zuließen, eine Sexuelle Handlung mit mir auszuführen.

Zudem hatte ich eigentlich keine Lust, doch wen interessierte hier schon meine Lust und meine Meinung? Niemanden. Erneut blickte ich zu Li und ein gefährliches Grinsen lag auf seinen Lippen als er etwas zu Ming sagte der gerade wieder gewonnen hatte.

Ich schloss kurz die Augen und hasste mich selbst für das, was ich nun tat. Doch so paradox es klang, ich tat es für mich. Ich trat hinüber zum Tisch und in die Wolke aus Rauch, Schweiß und Alkohol. Meine Finger glitten in Lis Nacken, und kurz erstarrte er, denn er hatte mich nicht gerufen. Ich war einfach ohne Aufforderung frech zu ihm gegangen. Sanft glitten meine Hände hinunter zu seiner Brust, und ich beugte mich zu ihm runter. Nah, eng und eindeutig intim. Meine Lippen glitten an seiner Wange entlang, und leise murmelte ich in sein Ohr: „Was hältst du davon, wenn ich dem Gewinner genüsslich einen blase? Würde dir das den Abend versüßen, wenn du dabei zuschaust?“

Überrascht sah Li zu mir und ich merkte, dass seine Stimmung sich veränderte. Ein zufriedener Laut entkam seinen Lippen und er zog mich zu sich, so dass ich mich neben ihn kniend wiederfand. „Du versautest kleines Dreckstück“, war das einzige was er sagte und doch wusste ich, dass er angebissen hatte. Seine Hand ruhte auf meinen Kopf und ich saß zwischen seinen Beinen und wartete darauf, dass das Spiel zu ende ging.

Nach und nach verließen die Gäste das Spiel. Als Erstes verlor Yuan. Er spielte zu aggressiv. Als Zweites folgte Yú, und ich war froh, dass er raus war. Denn er sprach mit mir, und ich wollte ihn, auch wenn es meistens nur Guten Tag und Auf Wiedersehen war, nicht wegen eines lächerlichen Blowjobs in Gefahr bringen. Sie verließen das Spiel und, da es spät war, auch die Wohnung. Es waren also nur noch Tao und Ming am Spielen.

Sie rauchten an ihren Zigarren und tranken genüsslich ihren Alkohol, als Li das Wort ergriff. Er sprach etwas in Kantonesisch. Ich verstand wenige Worte: „Bekommt, Wánjù.“ Die vier Augen glitten zu mir, wie ich nahezu entspannt zwischen Lis Beinen saß und mich an ihn lehnte, als gäbe es keinen besseren Platz.

Beide musterten mich und sagten etwas, was ich nicht verstand, denn sie sprachen schnell und undeutlich. Fragend sah ich zu Li. Immer noch streichelte er mir durch die Haare und meinte: „Tao hat gesagt, dass er nicht wirklich auf Kerle steht, aber es sich überlegt, und Ming meinte, dass ich deine Zunge ja mehr als einmal gelobt habe…“ Ich seufzte innerlich. Er sprach darüber, wie er mich also vergewaltigte. Wundern tat es mich nicht und doch erschreckte es mich zutiefst. Sie alle wussten, ich war nicht freiwillig hier. Sie wussten, was er mir antat, und niemand kam auf die Idee, mir helfen zu wollen…
 

Doch die Traurigkeit durfte jetzt nicht einkehren. Ich hatte dieses Spiel begonnen, also würde ich es auch weiterspielen. Es war Ming, der gewann, und ich betrachtete den unscheinbaren Mann mit der Brille, der wahrscheinlich doppelt so alt war wie ich. Ich hatte mich schon bei Li vertan und ihn nicht auf fünfundvierzig geschätzt, doch dieser Mann sah älter aus als Li. Ich wollte gar nicht wissen, wie alt er letztlich war. Die Männer lachten und reichten einander die Hände, und es war deutlich, dass sie Freunde waren. Zumindest vordergründig. Ich glaubte nicht, dass es hier wahre Freundschaften gab. Tao verließ das Zimmer, und wir drei blieben zurück.

„Will er den Gewinn?“, fragte ich Li leise und blickte zu ihm rauf. Doch ich war überrascht, dass es Ming war, der sprach. Auf perfektem Englisch, und ich fragte mich, wie viele in meiner Umgebung sich einfach weigerten, mit mir Englisch zu sprechen. „Ja, du darfst dich gerne austoben… du bist zwar der erste Mann, der meinen Schwanz im Mund hat, aber wenn Qiang der Meinung ist, dass du so geil bist, will ich mal offen für Neues sein.“ Qiang – er sprach Li mit Vornamen an. Es war mehr als offensichtlich, dass sie Freunde waren. Sehr enge und wahrscheinlich auch sehr alte Freunde. Unsicher sah ich zu Li, wollte er, dass ich das hier machte?

„Komm her, Wánjù“, meinte Ming und klang autoritärer, als er aussah. „Qiang und ich haben uns schon bei weit aus Schlimmerem beobachtet…“ Ich hörte Li leise hinter mir lachen und erschauderte. Es war ein Lachen, als erinnerte er sich an etwas aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit, von der ich nichts wusste. Ich wollte gar nicht wissen, an was sie gerade dachten.

Also rutschte ich rüber zu dem Mann, der sich schon zurück in den Sessel lehnte und sich selbst die Anzughose öffnete. Sein Parfüm war weniger streng, fast schon dezent, und der Rauch der teuren Zigarren hing an seiner Kleidung.

Ich wollte vor diesem alten Sack keine Angst zeigen, und so blickte ich raus zu ihm, während meine Hände sich in seinen Schoß legten. „Wenn du offenbar so ein guter Freund von Li bist, verspreche ich dir, dass ich mir bei dir genauso viel Mühe gebe wie bei ihm…“, meinte ich ehrlich und setzte ein falsches Lächeln auf. Ming Ken zog die Hose ein Stück hinunter, und meine Finger umfassten sofort den Penis des Mannes vor mir. „Du hast Recht, Qiang“, meinte Ming und ließ mich machen. „Er ist echt ein freches, versautes Ding. Mal schauen, ob er wirklich so gut ist, wie du sagst…“

Li lachte leise, und ich hörte deutlich, dass er Spaß an der Situation hatte, so krank und verstörend ich diese auch fand.

Ich begann Ming geschickt mit der Hand zu bearbeiten und stellte mir einen meiner Ex-Freunde vor. Stur blickte ich auf den Schoß, sah nicht hinauf und konzentrierte mich nur auf das wachsende Glied vor mir. Ich leckte über die Spitze und hoffte, dass es genüsslich aussah, ehe ich ihn ganz in den Mund nahm. Ming zuckte, doch er stöhnte noch nicht. Er war beherrscht, und ich versuchte, herauszufinden, wie er es gerne mochte.

Meine Lippen glitten rhythmisch an seinem Glied entlang, und meine Zunge umspielte immer mal schneller und mal langsamer das steife Glied in meinem Mund. Er mochte es lieber, wenn man ihn tief in den Mund nahm, und ich merkte, dass er zuckte, als ich ihn tief in den Mund nahm und meine Zunge über seinen Penis glitt.

Endlich kam ein lustvolles Stöhnen aus seinem Mund, und seine Hand wanderte zu meinen Haaren. Ich bewegte meinen Kopf unter seiner Führung, und meine Finger massierten seine Hoden. Er rutschte tiefer in den Sessel, und ich erinnerte mich, dass ich genau das am Oralverkehr mochte. Ich bestimmte, wie viel Lust er hatte, und ich bestimmte, wie gut es war.

Und ich machte weiter, entließ die Eichel aus dem Mund und leckte unterhalb an den Hoden, was Ming zucken ließ. Er schien etwas auf Kantonesisch zu fluchen, und ich hörte Li hinter mir leise und zufrieden lachen. Dieser Laut war erleichternder als das Stöhnen des Mannes über mir, und sofort nahm ich seinen Schwanz wieder in den Mund, tief, wie er es mochte.

Er bewegte die Hüfte, und ich versuchte mich einfach anzupassen. Immer wieder nahm ich ihn tief in den Mund. Gerade als ich ihn wieder in den Mund nehmen wollte, hielt er mich auf und legte nur kurz selber Hand an sich und spritzte mir sein Sperma direkt ins Gesicht. Ming stöhnte zufrieden auf und betrachtete mich lustverschleiert, während ich da saß und nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Es war erniedrigend und widerlich, und doch meldete sich der Zyniker in mir, der mich schulterzuckend betrachtete und meinte: Besser, als das Zeug wieder zu schlucken… Ich gab meinem inneren Recht und tat als sei alles vollkommen normal.

Liebevoll strich ich weiterhin über den Schanz als würde ich nicht genug bekommen und Ming Ken sah mich gieriger an als zuvor. Es war bezeichnend, dass er englisch sprach als er zu Li sagte: „Du hast echt Recht… Der geht ja wirklich voll ab bei Schwänzen. Das nenne ich mal eine geschickte Zunge.“

Ich kam mir dumm vor, wie sie darüber sprachen wie gut oder schlecht ich beim Oralverkehr war, während ich versaut zwischen den Beinen eines der Männer kniete. Doch ich war der Gegenstand, die Ware und so schwieg ich eisern.

Ich rückte langsam weg von Ming, stand jedoch nicht auf. „Ja, ich habe doch gesagt, der ist nicht ohne Grund bei mir. Wenn du offener wärst, hättest du mehr Auswahl. Ob du jetzt eine Frau in den Arsch fickst oder einen Kerl… Dreh ihn um, dann siehst du es nicht“, meinte Li entspannt und ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Ming betrachtete mich und ich sah hinauf in seine braune Augen die mich musterten. „Hm… Ich kann es mir ja mal überlegen Qiang“, meinte er und stand langsam auf und verschloss seine Hose. „Danke, dass ich mal mit deinem Spielzeug spielen durfte…“ Die Männer verließen lachend den Raum und als die Tür ins Schloss fiel wirkte die Stille erdrückende als das Gelächter der Männer und ich spürte das Sperma auf meinem Gesicht brennen. Ich verschwand schnell im Badezimmer und wusch mir das Gesicht. Ich schüttelte den Kopf und beleidigte Ming in meinen Gedanken.

Doch es hätte schlimmer werden können und als ich aus dem Raum trat sah ich Li. Zufrieden betrachtete er mich und er nickte leicht. Ich erwiderte das Lächeln auch, wenn es falsch war. „Ich bin sehr zufrieden mit dir“, meinte Li und breitete die Arme aus. Er sah so gönnerhaft und zufrieden aus, dass ich mich gerade wirklich ekelte. Doch ich kam zu ihm und erwiderte die Umarmung. Ich atmete tief durch und merkte, dass mich Lis Geruch entspannen ließ. Seine Hände strichen über meinen Rücken und er drückte mich feste an sich.

„Du hast dir eine Belohnung verdient mein Wánjù“, meinte er und knabberte an meinem Ohr. Innerlich stöhnte ich auf und verdrehte die Augen, ich hatte nicht bedacht, dass meine Performance ihn anmachte. „Wie willst du es haben…“ Meinte er und strich mir provokant über das Gesäß. Leise atmete ich aus. Ich wollte nicht schon wieder den Arsch hinhalten, aber ich wollte auch nicht wieder den Mund aufmachen. Ich wollte gar keinen Sex. Doch auch wenn er es nett ausdrückte, war mir klar, dass es nicht um mich ging.

Ich dachte an unser erstes Mal, als ich ihn einfach ungefragt genommen hatte. Und als ich ihn ansah fragte ich mit frecher Stimme: „Weißt du noch unsere aller erste Nacht im Hotel? Ich habe dich gefickt… Das ist schon echt lange her und es hatte die gefallen… Was wäre, wenn ich dich nehme…“
 

Die Stille die diese kühne, freche Aussage mit sich brachte war fesselnd. Ich sah wie es in Lis Kopf arbeitete. Er erinnerte sich sicher sehr genau an unser erstes Mal. Damals als ich noch ich war und selbstbewusst genug um ihn zu zeigen wie ich es damals wollte. Selbstbewusst genug um ihn ungefragt zu nehmen. Ihn Lust zu bescheren ohne Angst vor Konsequenzen zu haben.

Ich spürte, wie Lis Hand meinen Nacken umschloss. Es war kein Griff, der Schmerz androhte – noch nicht –, sondern nur eine Erinnerung daran, wessen Spiel wir hier spielten. Er brauchte diese Geste, diesen sichtbaren Anker der Dominanz, um das Ungeheuerliche meines Vorschlags zu ertragen.

„Du hast wirklich Nerven, mein Wánjù“, hauchte er und biss mir frech ins Ohr. Ich sah es in seinen Augen, dieses Flackern. Es war die Lust an der Rebellion, an der Abweichung, die er in seinem perfekt kontrollierten Leben so verzweifelt suchte. In die er mich tagtäglich hineinpresste. Doch ich wusste, dass er im Hotelzimmer Spaß hatte und Befriedigung erfahren hatte. Ich vermutete, dass er das niemanden je verraten hatten. Es war als sei das unser kleines Geheimnis. Etwas, was niemand sonst je erfahren würde.

Es war bezeichnend, dass er nicht sofort lachte und es sofort ablehnte. Er lehnte sich leicht zurück, löste seinen Griff, nur um den Arm sogleich wieder unter mein Kinn zu legen. Ich ließ es geschehen. Ich sah ihm direkt ins Gesicht und blickte nicht weg. Denn ich hatte gerade seine Wut lenken können und er war sehr zufrieden mit mir.

„Du meinst“, begann er und ich hörte Lust in seiner Stimme und wusste dennoch nicht, ob er sich auf dieses Angebot einlassen konnte, denn damals war ich für ihn noch Jasper. Ein Freigeist, eine kurze flüchtige Affäre und nicht sein Eigentum, „Dass du solche Forderungen stellen kannst?“ Meine Hand legte sich auf seine Wange und kurz wirkte er überrascht.

Sanft strichen seine Finger über seine Wange und ich setzte ein nahezu liebevolles Lächeln auf. „Ich verlange gar nichts von dir, Qiang. Ich biete es dir an, weil ich weiß, dass es dir gefallen hat.“ Ich nutze bewusst den Vornamen und bevor er sich darüber groß beschweren konnte beugte ich mich zu ihm und küsste ihn. Nicht leidenschaftlich, sanft, liebevoll. Voller Wertschätzung.

Er erwiderte den Kuss und nachdem ich mich langsam löste sah ich ihn an und meinte: „Es ist deine Entscheidung. Ich biete es nur an…“

Ich merkte wie es in ihm arbeitete und ich ließ ihn. Ich verlangte keine Antwort, dich ich rückte näher zu ihm und knabberte an seinem Hals. Feste drückte mich Li an sich und ließ entspannt den Kopf zur Seite fallen. Seine Hände strichen über meine Seite und ich hörte ihn leise in mein Ohr raunen. „Na gut. Du hast es dir verdient und du wirst dir schön Mühe geben, damit ich weiß, dass du das wert bist…“

Ich löste mich von ihm und war tatsächlich überrascht. Wir gingen in sein Schlafzimmer und kurz blickte ich zu dem Raum in dem der Thron in die SM-Möbel standen doch Li sagte sofort: „Denk nicht einmal daran, Wánjù…“ Und sofort sah ich wieder zu Li der entspannt sein Hemd ausgezogen hatte. Ich nickte nur und nachdem wir nackt waren stiegen wir in sein Bett. Ich konnte es kaum glauben, dass ich das wirklich noch durfte! Das er das zulässt wobei es genau das war. Er ließ es zu. Er ließ es geschehen und es machte mir deutlich, dass er auch gleich die ganze Zeit die Kontrolle behalten würde. Es war gleich in welcher Rolle er beim Sex war. Er war derjenige der Bestimmte was wir tun würden.

Er wollte, dass ich ihm einen blies, wie immer. Und wie bei Ming gab ich mir große Mühe. Li stöhnte zufrieden auf und da er mich einfach nicht anmachte, bearbeitete ich mein bestes Stück nebenbei rhythmisch mit meiner Hand. Ich wurde unter meinen eigenen Bewegungen hart und als Li sich entspannt und zufrieden umdrehte schmierte ich mein eigenes Glied mit Gleitgel ein. Ich hätte es ihm so gerne gleich getan und es ihm einfach ohne Vorbereitung in den Arsch gesteckt, damit er wusste wie erniedrigen und verletzend es war. Aber ich tat es nicht. Ich hielt mich zurück, denn ich musste an meinen Plan denken und so nahm ich mir Zeit, stellte mir vor, dass es mein Ex wäre. Ich bereitete ihn mir Fingern vor und als ich mich in ihn versenkte und selber laut aufstöhnen musste merkte ich wie gut es tat endlich aktiv sein zu könne.

Ich war sehr viel weiter mit meinem Plan, dass er mir immer und immer mehr vertraute. Li stöhnte auf und drückte sich an mein bestes Stück. „Dein Arsch ist geil“, murmelte ich ihm versauft zu und schlug ihm auf den Hintern. Vielleicht etwas fester als es sein sollte und der Blick den Li mir zuwarf war eindeutig.

Also strich ich nach vorne, umfasste seinen Penis und murmelte. „Sorry. War keine Absicht.“ Ich fand schnell in meinen Rhythmus und achtete dennoch darauf, dass es Li gefiel, denn ich spürte, dass es wichtig war, dass er Spaß daran hatte.

Er erlaubte mir in ihm zu kommen und ehrlich zufrieden lag ich neben ihn und sah an die Decke. Doch es war weniger die sexuelle Befriedigung als eher das Wissen, dass mein Plan Schritt für Schritt vorranging

Woche 8: Whiskey ohne Eis

Es war Silvesterabend. Ich trug einen neuen, teuren, natürlich maßgeschneiderten Anzug. Die Uhr, die er mir zu Weihnachten geschenkt hatte, baumelte an meinem Handgelenk, und ich hatte noch neue Manschettenknöpfe bekommen – alles, was ich absolut nicht brauchte. Meine Haare waren perfekt gestylt und mein Bart ordentlich rasiert. Ich sah aus wie aus dem Ei gepellt. Meine Mutter hätte stolz auf mich nicht sein können. Ich glaubte, dass ich nicht mal zur Hochzeit meines großen Bruders so schick ausgesehen hatte.

Nun, wo Weihnachten hinter mir lag, ging es mir emotional besser. Die Luft im obersten VIP-Deck von Lis Casino war eine zähe Mischung aus Gefahr und Prunk. Überall sah ich Mitglieder der Triade, und sie alle erkannten mich natürlich. Ming ignorierte mich nicht mehr, was ich absolut seltsam und unpassend fand. Er nickte mir im Vorbeigehen zu, und ich tat, als sei alles normal. Als hätte ich mich nicht selbst angeboten und diesem wildfremden Mann, der wahrscheinlich doppelt so alt war wie ich, einen zu blasen. Doch wenn ich ehrlich war, störte es mich gar nicht so sehr. War ich schon so abgestumpft? Ich sah es wie einen One-Night-Stand in einem Club. Ich hakte es ab und ignorierte es einfach.

Es war Silvester. Für mich bedeutete das nur, dass Li entspannter und gut gelaunter war. Es war für mich kein Neuanfang. Ich spürte die Hitze der Tausenden von Lichtern in den Kristalllüstern und dem polierten Marmor – ein goldener Käfig, in dem jede meiner Bewegungen beobachtet wurde.

Ich stand so eng neben Li, dass ich seine teuren Duftstoffe roch, während er mit einem italienischen Konsul und einem russischen Oligarchen am privaten Baccara-Tisch verhandelte. Ich war sein schönstes, stummes Accessoire. Wobei, nein, sein provokantes Accessoire. Besonders der Russe hatte sich am Anfang an mir gestört. Doch Li liebte diese Provokation, und nachdem er dem Oligarchen deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er auch woanders sein Geld sauber machen könne, verstummte dieser und behandelte mich wie Luft. Besser als die wütenden Blicke, dachte ich mir und fragte Li nach einer Weile dennoch, ob ich mal alleine durch das Casino ziehen dürfe. Ich wollte nicht mehr nur blöde herumstehen.

Wenn man bedachte, dass ich kurz vor meinem Abschluss als Psychologe stand hatte ich nun das Gefühl zu verblöden.
 

Ich war überrascht, dass er mich ließ. Doch es zeigte mir, dass meine Taktik langsam begann aufzugehen, auch wenn es mir immer noch zu lange dauerte. Jian blieb natürlich bei mir, und auch wenn ich ihn mochte und ich ihn in der Zeit meiner Gefangenschaft zu schätzen gelernt hatte, war er gerade eher nervig. Doch er war mir immer noch lieber als die anderen Leibwächter, die mich zwar nicht schlecht behandelten, aber mich die meiste Zeit ignorierten. Ich kannte ein paar Namen, aber eine wirkliche Beziehung hatten wir nicht aufgebaut. Immer wenn ich irgendwohin wollte, meinte Jian: „Besser nicht. Hēilóng will, dass du hier oben bleibst.“ Ich seufzte genervt auf und ging zurück. Dabei wollte ich nur an die Bar unten, denn ich fand, dass der Barkeeper einen besseren Mojito hinbekam.

Frustriert sah ich Jian an und stöhnte genervt. „Ich wollte nur zur Bar“, meinte ich und deutete auf den Tresen unten. Jian nickte zu der hinter ihm und meinte: „Hier gibt es auch eine. Komm schon…“ Ich seufzte und ließ kurz die Schultern hängen. Mein Blick glitt genervt durch den Raum, und ich war überrascht, als ich den Amerikaner vor einer Fensterfront sah. Er blickte hinaus auf die Stadt und schien steif, fast schon militärisch steif, dort zu stehen. Ich erkannte Snake sofort.

Ich blickte zu Jian und fragte ihn leise: „Ist das nicht dieser Snake? Was macht der denn hier?“ Jian folgte meinem Blick und nickte leicht, bevor er erklärte: „Ich glaube, er hat von Hēilóng eine persönliche Einladung bekommen. Der erste Teil der Lieferung hat wohl gut geklappt, nachdem es da wohl Schwierigkeiten gab.“

Ich grinste kurz und blickte zur Bar. Ich sehnte mich nach Smalltalk, nach dem Ausbrechen, nach etwas Normalem, was nicht mit Li zu tun hatte, und ich wusste, dass er kein Chinesisch sprach. Also würde er sich vermutlich mit mir unterhalten, auch wenn ich Lis Spielzeug war. „Jian, kannst du mich bitte einfach mit ihm sprechen lassen? Ich will auch über nichts Schlimmes reden. Einfach mal nur Football oder Baseball… Ich rede immer nur mit dir und Li und ab und zu Yú… Wäre das okay?“, fragte ich direkt, denn ich wollte nicht, dass er Ärger bekam.
 

Jian seufzte, und dieses Seufzen war schwer. Es war die Müdigkeit eines Mannes, der zwischen zwei Loyalitäten zerrissen war – seinem Auftrag und einer leisen, ungewollten Freundschaft. Einer Sympathie, die er vermutlich auch nicht hatte kommen sehen. Er sah mich lange an, scannte den Raum, um sicherzustellen, dass Li noch immer mit seinen Gästen beschäftigt war und ihm nicht zuhörte.

„Ich rede auch schon nicht über Li“, meinte ich schnell, denn ich wollte ihn schließlich vergessen. „Ich will nur mal wieder mit jemandem aus meiner Heimat sprechen. Ich versuche hier ja anzukommen, aber meine Wurzeln sind in Amerika. Außerdem hat mir Li heute nicht verboten, mit anderen zu sprechen…“ Erneut sah Jian mich an und erneut seufzte er. Dann sah er zu Snake und meinte: „Pass bei dem auf… Ich habe gehört, dass er gefährlich ist. Du kennst dich in dieser Szene gar nicht aus, Wanjù.“ Es war bezeichnend, dass er mich hier und gerade jetzt so nannte, und mit gerunzelter Stirn sah ich ihn an.

„Ich habe gehört, dass der drüben wirklich gefährlich ist. Der hat wohl seine eigene Patin getötet“, meinte er leise, und ich fragte verwirrt, was er mit Patin meinte. Li hatte so etwas schon mal gesagt, als wir sein altes Viertel besucht hatten. Jian merkte, dass ich nichts verstand, und leise erklärte er: „Wenn du ein Mitglied in einer Triade wirst, gibt es Paten, die dich annehmen. Die dir helfen. Dich quasi… ausbilden. Dir die Regeln des Spiels erklären. Ich weiß nicht, wie das in Amerika heißt, aber er soll seine erschossen haben. Der ist nicht ohne.“

Erneut sah ich zu Snake, dessen Blick durch den Raum glitt, und ich erschauderte. War er wirklich so schlimm? Ich konnte es mir gar nicht vorstellen, doch ich hatte ja schon bewiesen, dass ich dafür offenbar keinen Blick und kein Gespür hatte. „Es ändert nichts daran, dass ich gerne einmal mit jemand anderem sprechen möchte, und er wird mich vielleicht nicht gleich wegschicken… Ich meine, er steht da auch ziemlich alleine, und hier drinnen kann er schlecht was anstellen. Außerdem habe ich doch einen engagierten Leibwächter an meiner Seite.“

„Na gut“, hauchte Jian und nickte kaum merklich. „Aber du sprichst wirklich nur über Baseball und Belangloses. Wenn er dich über Hēilóng ausfragt, wirst du nichts sagen. Bringe dich nicht in Schwierigkeiten. Und mich bitte auch nicht.“ Ich nickte leicht, und ein leichtes und vor allem ehrliches Lächeln legte sich auf meine Lippen, etwas, was schon länger nicht mehr vorgekommen war. Auch wenn Jian mir vielleicht nie zur Flucht verhelfen würde, war ich ihm doch wichtig geworden.
 

Ich ging zur Bar und bestellte zwei Getränke. Einen alkoholfreien Mojito und einen Whiskey ohne Eis. Ich schmunzelte und fand es fast schon lustig. Entspannt trat ich zu Snake, der die Roulettetische betrachtete, und hielt ihm wortlos den Drink hin. Er hatte ein dunkles Hemd an und trug ein Jackett darüber. Seine Hose war schlicht, und immer noch wirkte er verkleidet in meinen Augen. Doch es lag vermutlich nur an den Narben, die auffällig waren. Verwirrt sah er zu dem Getränk und blickte zu mir. Natürlich erkannte er mich, und seine Augen glitten von dem Getränk in mein Gesicht, und er schmunzelte tatsächlich: „Ohne Eis?“, fragte er, und mich überraschte es, dass er so locker war. Ich hatte damit gerechnet, dass er zurückhaltender wäre. Vielleicht sogar auch abwesend mir gegenüber. Doch ich freute mich, denn auch wenn Snake vielleicht nicht normal war, war es doch diese Situation. Es war, als hätte ich mir ein kleines Stück Normalität erklaut. Was ich vermutlich gar nicht haben durfte, wenn es nach Li ging.

Ich zuckte mit den Achseln, lehnte mich gegen das Glasgeländer und genoss die Ablenkung. Li war gerade woanders und hatte mir erlaubt, mich im Casino zu amüsieren. Und wer sagte, dass ich dann nur an die Tische gehen durfte, um Spaß zu haben? Ich wollte ein normales Gespräch, sehnte mich nach Abwechslung aus dem goldenen Käfig.

„Natürlich ohne Eis“, meinte ich frech und fügte hinzu: „Ich dachte, du wärst ein Kenner.“ Der Amerikaner vor mir schmunzelte leicht.

Snakes blaue Augen glitten an mir entlang, und ich verstand ihn. Als wir uns das letzte Mal gesehen hatten, hatte ich neben Li auf dem Boden gekniet, und mein Outfit sah aus wie aus einem schlechten Porno. Wobei die vermutlich noch weniger anhatten als ich. Nun sah ich aus, als wäre ich ein wichtiger Geschäftsmann mit meinem Outfit und den teuren Accessoires. „Bist du derselbe Typ von letztens aus dem Club?“, fragte Snake entspannt und blickte mir in die grünen Augen. Seine Haare fielen ihm fast schon frech ins Gesicht.

Ich lachte leise und fühlte mich erschreckend schnell wohl. Doch ich wusste, dass es nur daherkam, dass ich nach menschlichem Kontakt hungerte. Nach echtem, gesundem Kontakt. Wobei Snake, der Waffenschmuggler, sicher nicht viel echter war als Li. Dennoch grinste ich keck und erwiderte frech: „Welcher Club? Ich bin Tourist.“

Snake ging auf mein Spiel ein, und es überraschte mich, denn ich dachte, er sei ernster. Sein strenger Gesichtsausdruck schien zu täuschen, jedenfalls in diesem Moment. Er stellte seinen Drink auf die Kante, ohne ihn anzurühren. „Ah, Tourist. Dann habe ich dich wohl verwechselt. Und wieso der Whiskey dann?“, fragte er schelmisch und prostete mir zu.

Es war, als sei ich wieder in Texas und nicht in Macau. Als sei dies ein einfacher, entspannter Flirt und nicht etwas absolut Verbotenes. Und ich genoss und liebte jeden Augenblick hiervon. Kurz sah ich mich um, doch Li war nirgendwo zu sehen, und so erlaubte ich mir, dieses Spiel noch etwas zu genießen. Wer weiß, wann das nächste Erdbeben mich erschüttern würde. Und so zwinkerte ich ihm frech zu.

„Du sahst aus, als müsse man dir zeigen, wie man den richtig trinkt.“ Doch etwas anderes ließ mich zufrieden, glücklich werden. Ich spürte, dass mein altes Ich wirklich noch in mir ruhte und sich ohne Li sich traute, aus der Höhle herauszukommen. Es tat unbeschreiblich gut, und ich fühlte mich seit Wochen nicht mehr so, und ich konnte es nicht anders sagen, zufrieden. Und wenn ich dafür den Waffenhändler nahm, der vielleicht auch ein Mörder war, war es mir in dem Moment egal. Meine Seele brauchte das.

Snake lachte leise, aber das Geräusch wirkte spöttisch, auch wenn es nicht böse gemeint war. „Das sagt mir jemand mit einem Cocktail in der Hand?“ Ich genoss das lockere Geplänkel, das lockerste seit Wochen, leider Monaten. „Vielleicht bin ich ja eher ein Süßer“, sagte ich und war erstaunt von meiner Kühnheit.

Snake schmunzelte, und ich fragte mich, was er von mir und meinen Antworten hielt. Vielleicht gar nichts, und das war vollkommen in Ordnung. „Okay, Süßer“, erwiderte Snake. „Bist du hier zum Spielen?“ Sein Blick glitt durch das Casino, und ich folgte seinen Augen.

Ja, es war immer noch aufregend und beeindruckend, und doch verband ich mit diesem Ort nichts Aufregendes. Nichts Gutes. Ich schüttelte den Kopf. „Nee… Ich schaue eher zu, und wenn du willst, puste ich dir die Würfel an, damit du Glück hast.“ Ich hatte das heute bereits zweimal für Li machen müssen, und es war absolut albern. Doch es machte ihn glücklich, also hatte ich natürlich mitgemacht, wie er wollte. Ich atmete aus und spürte, wie das Lächeln langsam von meinem Gesicht verschwand, denn meine Gedanken trugen mich weg, und ich war kurz wieder in dem Raum und hörte die Schreie von Lángs Frau. „Ich schau heute auch lieber nur zu“, holte mich die rauchige Stimme Snakes aus meinen Gedanken.

Wir schwiegen kurz. Ich betrachtete die Menge, die sich langsam für Mitternacht versammelte. Ich wusste gar nicht, wie spät es war, doch ich war mir sicher, dass Jian mich rechtzeitig holen würde. Es überraschte mich, dass Snake es war, der das Gespräch wieder aufnahm. Er wirkte auf mich eher ruhig: „Wenn du Tourist bist, bist du hier im Hotel untergekommen?“

Ich hob eine Augenbraue, der Zynismus kroch in meine Stimme. „Ich bin auch hier. Ich habe sogar eine Suite.“ Und ich hatte wieder keinen Rückzugsort, anders als in Yangshuo. Doch der Urlaub dorthin war anders. Der war zum Heilen, obwohl ich nie heilen konnte mit ihm. Doch ich zwang meine Gedanken, hier zu bleiben.

Snakes Erwiderung kam unerwartet und spielte weiter darauf, dass ich angeblich ein Niemand war. Jemand, der keine Ahnung hatte von all dem Scheiß, der hier gerade passierte. „Klingt gut, welche Etage?“
 

Ich erstarrte. Das hatte er gerade nicht wirklich gesagt? Mein Blick fiel vom funkelnden Kronleuchter auf Snakes Gesicht, und ich starrte ihn fassungslos an. Ich wusste nichts zu sagen, etwas, was mir früher so sicher nicht passiert wäre. Ich sollte aufhören, sagte mein Verstand. Ich wollte nicht, dass Li sauer wurde, und je mehr ich darauf einging, umso mehr hätte mich Snake in der Hand. Unsicher wurde mein Blick, und ich begann, auf meiner Lippe zu kauen und biss leicht hinein. Es war dumm, darauf einzugehen. Doch war es schön, wenigstens für wenige Minuten mal alles kurzzeitig zu vergessen. Snake bemerkte meine Reaktion sofort. Was er dachte, konnte ich aus seiner Maske, die er aufsetzte, nicht erkennen.

Ich musste die Stimmung wieder kontrollieren, bevor ich mich wirklich in Gefahr brachte. „Bist du wirklich bi? Oder wolltest du Li damit nicht eher aus der Reserve locken?“, fragte ich direkt. Ich erinnerte mich genau daran, wie er mich betrachtet hatte, als ich vor Li kniete, und ich erinnerte mich genau an sein unverschämtes Angebot. Die gesamte Szene wurde mit diesem Satz ernster, die spielerische Maske bröckelte, wenn sie nicht sogar ganz verschwand.

Snake musterte mich langsam von oben bis unten, seine Augen verharrten auf der teuren Uhr, die Li mir geschenkt hatte. Ich fragte mich, was er wohl dachte. Was er von mir hielt. Vielleicht war ich in seinen Augen auch nur ein Prostituierter. „Vielleicht wollte ich das ein wenig… Und ob ich bi bin oder nicht… um dir das zu sagen, bräuchte ich noch einen Whiskey…. Oder vielleicht doch lieber etwas Süßes.“

Perplex sah ich Snake an, und meine Augen weiteten sich. Damit hatte ich ehrlich nicht gerechnet. Ich musste lachen. Es kam nur noch selten vor, dass ich lachte, und es tat so unglaublich gut. Dennoch ging ich nicht weiter darauf ein, denn es war dumm und gefährlich, und ich hatte schon einmal der Gefahr zu lange in die Augen geschaut. „Bist du gleich oben mit auf der Aussichtsplattform?“, fragte ich stattdessen und trank einen Schluck meines Cocktails. Snake bemerkte es, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Nicht bösartig, aber berechnender. Es schien, als seien wir beide wieder zur Vernunft gekommen. Es schien, als erinnerte er sich daran, dass ich das Spielzeug seines Geschäftspartners war, und ich erinnerte mich an die Gefahr, vor der Jian mich gewarnt hatte. „Keine Ahnung. Bin eingeladen. Ich weiß nicht genau, wohin er will“, antwortete Snake schulterzuckend.

Ich nickte leicht und sah mich erneut nach Li um. Ich sah ihn am anderen Ende der Halle, im Gespräch mit Ming und Yú vertieft. Wahrscheinlich würde er mich bald wieder suchen. Ich holte tief Luft und erlaubte mir eine ehrliche Aussage: „Wären wir jetzt in Texas in einer Bar, würde ich wahrscheinlich jetzt anfangen, über Baseball und Football zu reden… Aber davon bekomme ich nichts mehr mit.“

„Wir können trotzdem drüber sprechen. Die Ergebnisse kann ich dir googeln.“ Langsam gingen Snake und ich von der Balustrade weg, und ich war wirklich neugierig. Ich liebte Sport und besonders Baseball, doch ich konnte es nicht schauen.

Snake holte das Handy aus der Innentasche seines Sakkos und googelte die Ergebnisse. Dabei huschte sein Blick über den Raum, blieb kurz bei Jian hängen, der uns aus sicherer Entfernung beobachtete. Natürlich erkannte er ihn, schließlich war es Jian gewesen, der Snake untersagt hatte, mit mir zu sprechen. Die beiden Männer sahen einander kurz, aber intensiv in die Augen. Snake hob eine Augenbraue und grinste düster, und sein Blick glitt zu mir, und nun war nichts mehr von dem gespielten lockeren Flirt übriggeblieben.

Leise fragte er mich: „Wir können wahrscheinlich nirgendwohin, ohne dass dich dein Schatten verfolgt, oder?“ Langsam schüttelte ich den Kopf. „Nee, wahrscheinlich nicht…“ Wir setzten uns in einen Sessel, und ich ließ meinen Blick durch die Menge schweifen. Li hatte mich gesehen. Unsere Blicke trafen sich, und ich merkte, dass sein Blick mich tadelnd anschaute. Leicht schluckte ich, denn ich wusste nicht, ob ich eine Regel gebrochen hatte oder nicht. Wir hatten schließlich nie darüber gesprochen.
 

Snakes Blick schien meinem gefolgt zu sein, denn er fragte leise: „Darfst du überhaupt mit mir reden?“ Ich spürte den alten Trotz in mir aufsteigen. Ich war erwachsen, und eigentlich durfte ich doch entscheiden, mit wem ich sprach, doch ich wusste auch, dass ich seit fast zwei Monaten kein Mitspracherecht mehr hatte, was mein Leben anging. Und das hieß vermutlich auch, dass ich keinen Smalltalk mit Menschen führen durfte, ohne dass es von Li persönlich abgesegnet worden war. „Weiß nicht. Ich habe nicht gefragt“, meinte ich leise und glaubte dennoch, dass man meinen Trotz deutlich hörte.

Snake lehnte sich zurück, das breite, gefährliche Grinsen lag wieder auf seinem Gesicht. „Oh, ein Spielzeug mit einer eigenen Meinung und Mut… Das wird ja immer besser für mich.“ Ich wusste nicht, was er damit meinte, und ich kam auch nicht zum Fragen, denn ich spürte eine kräftige, raue Hand auf meiner Schulter, die zu fest zudrückte, und als ich aufblickte, sah ich in Lis kalte, dunkle Augen.

„Was wird das hier?“, fragte er kühl und sah mir in die grünen Augen. Ich merkte, wie ich mich versteinerte und leicht schluckte. Doch noch bevor ich etwas erwidern konnte, meinte Snake entspannt: „Wir schauen nach den letzten Ergebnissen vom Baseball.“ Er hielt mir sein Handy vor die Nase, und ich sah die aktuelle Liste der Mannschaften. Unschlüssig nahm ich diese entgegen und überprüfte, wo meine Lieblingsmannschaft, die Rangers waren. Li sah über meine Schulter, und ich spürte, wie seine Hand auf meiner Schulter sich entspannte. Etwas, was mich erleichterte.

Ich freute mich, als ich sah, dass die Rangers nicht schlecht standen, und ich wünschte mir, ich hätte ein Spiel gesehen. Ich reichte Snake das Handy wieder und meinte: „Ich bin ein Fan von den Texsas Rangers, und du?“ Kurz grinste Snake mich an, und schmunzelnd meinte er: „Natürlich ist der Texaner Fan der Rangers. Alles andere hätte mich auch überrascht… Ich mag die Guardians.“ Ein Grinsen schlich sich auf mein Gesicht, und schmunzelnd meinte ich: „Cool. Die sind okay…“ Weiter kam ich jedoch nicht, denn Li unterbrach mich, und ich war tatsächlich kurz sauer, denn endlich hatte ich mein gewünschtes normales Gespräch, und ich durfte es doch nicht führen.

„Ich glaube, wir gehen gleich besser nach oben“, meinte Li, und kurz verstärkte er den Druck auf meine Schulter. Ich merkte, dass ich nicht mehr weiter mit Snake sprechen konnte, und seufzte leise und ließ meine Schultern kurz hängen.

„Natürlich“, meinte ich leise und stand auf. Snake und ich sahen uns an, und ich lächelte falsch, wie ich es die letzten Wochen gelernt hatte. Snake stand ebenfalls entspannt auf und sah zu Li. „Keine Sorge, ich nehme ihn dir nicht weg“, meinte Snake mit seiner tiefen rauchigen Stimme und sah entspannt zu Li, und ich war beeindruckt. Er hatte wirklich keine Angst vor Li.

Ein kaltes und gefährliches Grinsen schlich sich auf Lis Gesicht und es machte mir augenblicklich Angst. Ich hasste es, wenn er jemanden und besonders mich so ansah. Doch Snake lies es kalt und es war erschreckend und beeindruckend zugleich.

Ich hatte das Gefühl ich musste die Situation retten und so war ich es der Lis Hand nahm und ich verschränkte die Finger mit seinen. „Davor habe ich auch keine Angst“, meinte ich und sah von Snakes blauen Augen hinein in Lis dunkle. „Bist du auch Baseball Fan?“, fragte Snake und ich war dankbar, dass er Li ins Gespräch holte, denn so wirkte unser Gespräch weiter weniger verfänglich als es eigentlich war.

„Nein. Ich schaue eigentlich keinen Sport ich mache ihn lieber“, meinte er und legte eine Hand auf meinen unteren Rücken. Snake betrachtete mich und ich meinte dann: „Offenbar macht ihr beide Sport.“

Ich nickte leicht, doch es war Li der sprach. „Ja“, meinte er und fügte hinzu, „Wir trainieren jeden Tag eigentlich.“ Unschlüssig nickte Snake und als wir kurz schwiegen meinte er: „Ich denke ich gehe mal an das Buffet. Gleich ist ja schon das Feuerwerk.“ Li nickte nur und wir standen alleine in dem überfüllten Raum.
 

Unschlüssig sah ich ihn an und fragte: „Durfte ich nicht mit ihm sprechen? Ich wollte dich nicht sauer machen.“  Ich hasste es, dass ich so devot sein musste und kurz griff ich nach seiner Hand. Er musste wissen, dass ich ihn nicht provozieren wollte. Ich wollte mir das, was ich mir gerade aufgebaut hatte nicht gefährden. Li ließ es zu, dass ich seine Hand nahm, jedoch nur kurz und er betrachtete mich stumm. Ich hasste es, wenn er das tat und merkte sofort wie meine Gedanken begannen zu kreisen und doch keinen klaren Gedanken finden konnten.

Erst nach einigen Augenblicken meinte er: „Doch… Aber ich denke, ihr habt genug gesprochen…“ Ich nickte nur und wusste selbst nicht was ich dazu sagen sollte. Er war ein Kontrollfreak. Vermutlich passte es ihm nicht, da ich ihn vorher nicht um Erlaubnis gebeten hatte. Ich blickte zu Snake der sich gerade Essen auf einen Teller lud und fragte: „Vertraust du ihm?“ Li schüttelte den Kopf und grinste mich sogar leicht an. „Wanjù“, tadelte er mich regelrecht, „in diesem Bereich vertraut man am besten nur sehr wenigen und auch denen nur mit Vorsicht.“

Unschlüssig nickte ich und folge Li zum Aufzug. Ich merkte, wie Li sich entspannte und ich vermutete, dass Li wirklich nicht sauer war. Jians Warnung kam mir in den Sinn und vielleicht was das Lis kranke Art zu zeigen, dass er sich Sorgen machte. Ich wusste es nicht. Doch ich vermutete, dass er es selbst wahrscheinlich nicht mal wusste.

Hinter mir trat Jian in den Fahrstuhl und ich sah ihn nicht an. Ich hoffte, dass Li nicht bemerkte, dass ich ihn wirklich mochte, denn vielleicht bekam er dann ärger oder ich durfte ihn vielleicht doch nicht mehr treffen. Li beachtete ihn nicht wirklich und ich glaubte, dass das ein gutes Zeichen war. Also würde Jian keinen Ärger bekommen, dass er mich mit Snake hatte sprechen lassen.

Kurz und fast  schon verstohlen blickten Jian und ich uns an und ein leichtes Grinsen schlich sich kurz auf meine Lippen und ich glaubte, dass Jian ebenfalls leicht am Grinsen war. Ein warmes und so angenehmes Gefühl bereitete sich in meiner Brust aus, etwas von dem ich nicht dachte, dass ich es hier spüren würde. Es war das ehrliche und aufrichtige Gefühl einer Freundschaft. Eine Freundschaft die aus Terror und Gewalt gewachsen war und sie dadurch nur noch mehr an Wert für mich gewann. Denn sie war das reinste was meine Welt gerade hatte.
 

Frisch wehte mir der Wind ins Gesicht als wir auf die Terrasse traten. Immer mehr Menschen kamen, hielten einen Drink in der Hand und Li wurde ein Getränk gereicht. Mir nicht, doch es war mir gleich. Ich ließ meinen Blick schweifen und bemerkte Snake. Er nahm gerade eine Tablette und ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Auch ihm wurde ein Drink gebracht und ich sah wie einer von Lis Leibwächter bei ihm war und sich mit ihm unterhielt. Ich vermutete, dass es sein Dolmetscher war. Es wurde Mitternacht und Li stieß mit seinen engen Freunden kurz und laut an. Sie lachten und klopften sich auf die Schultern und es war bezeichnend, dass er nicht mich als erstes umarmte und nicht mir eine nette Geste schenkte, denn es zeigte, dass ich zwar weiter mit meinem Plan gekommen war, aber nicht so sehr wie ich es mir gewünscht hätte. Raketen knallten laut und ließen den Himmel bunt leuchten. Es war ein beeindruckendes und großes Feuerwerk und ich lehnte mich an die Brüstung und betrachtete es. Ich zwang mich nicht an meine Familie zu denken und versuchte meinen Kopf abzuschalten und sah einfach in den von Raketen bunten Himmel. Erst nachdem die anderen, die wichtige, die Einflussreichen angesprochen waren kam Li zu mir. Er grinste mich an und ich lehnte mich weiterhin an die Brüstung.

„Frohes Neues, Wánjù“, meinte er breit grinsend und ich dachte mir sarkastisch, dass es schön war, dass wenigstens einer gute Laune hatte. Ich erwiderte die Floskel und grinste falsch, als mich Li an sich drückte, doch gleich wollte jemand wieder etwas von ihm. Vom großen Hēilóng und ich sah hinunter und starrte kurz nachdenklich auf den Boden.

Es wäre nur ein Sprung, dachte ich kurz und war doch von mir selbst entsetzt und schüttelte leicht den Kopf. Ich durfte gar nicht erst an so etwas denken. Plötzlich tauchte ein Glas vor meinen Augen auf. Ein Whiskey, ohne Eis und ich folge der Hand perplex und sah Snake. Seine blauen Augen sahen mich intensiv an, als habe er meinen kurzen Gedanken gehört, was nicht sein konnte. Meine Hände zitterten leicht und erst nach einem Augenblick schaffte ich es, sie zu beruhigen.

Unschlüssig nahm ich das Glas und lächelte leicht. Er hob sein Glas und ich erkannte, dass in seinem Whiskey Eis war. Es war bezeichnend, dass er meinen ohne bestellt hatte. Es war eine nette, aufmerksame Geste.

„Cheers“, meinte er entspannt und ein ehrliches Lächeln lag auf meinen Lippen und ich erwiderte das Anstoßen. „Frohes Neues Jahr“, meinte ich leise und nippte an dem Drink. Snake lächelte leicht und es wirkte ehrlich und ließ ihn weit weniger streng erscheinen und ich musste ehrlich sagen, dass ihm das Lächeln erstaunlich gut stand.

Er nickte nur und drehte sich weg und auch ich ging besser weg von der Brüstung und suchte Jian in der Menge. Doch kurz sah ich dem Amerikaner nach und hätte gerne weiter mit ihm gesprochen, über Baseball, Football, gutes Essen und einfach Dinge die ich so sehr vermisste.

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https://www.fanfiktion.de/s/6952c52b00044d2c36be0fbb/1/Der-schwarze-Drache



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Kommentare zu dieser Fanfic (3)

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Von:  LindenRathan
2026-03-17T07:31:11+00:00 17.03.2026 08:31
Ich habe die Geschichte gerade erst gefunden. Ich finde sie spannend und gut geschrieben. Weiter so!
Antwort von:  Strichi
17.03.2026 19:35
Hey, das freut mich.
Ich wünsche dir viel Spaß mit ihr ;)


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