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Silent Hill

Das Rufen
von

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Prolog

Es fing gerade an zu dämmern, noch lang bevor die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont kletterten, als die Tür des kleinen Apartments in Caldecotte sich knarrend öffnete. Damian betrat den noch im dunklen liegenden Flur und ließ die Tür achtlos hinter sich zurück ins Schloss fallen. Ein erschöpfter Seufzer, den er sich nur in der Abgeschiedenheit seiner eigenen vier Wände erlaubte, schien von tief in ihm heraufzudringen und mit einer Vollständigkeit ins Freie zu drängen, die den gesamten Raum ausfüllte. Er war müde, dass die Augen brannten, die Knie taten ihm vom Treppensteigen weh und den ganzen Körper durchzog ein Gefühl von Verspanntheit, das ihn sich steif, wie ein Brett fühlen ließ. 58. Die Zahl spukte wie ein Mahnmal durch seinen Verstand. Das war doch noch kein Alter, oder? 60 war doch das neue 30, oder war das nur eine Lüge, die alle erzählten, um dieser Zahl ihre Macht zu nehmen?
 

„Das neue 30...“

sprach er den Gedanken laut aus, als könnte er ihm damit auch nur einen Funken Wahrheit verleihen. Ein Geräusch, dass sich nicht zwischen einem Lachen und einem Schnauben entscheiden konnte, entwich seiner Kehle. Na klar. Und 90 ist das neue 45. Vor 120 brauchte man gar nicht erst ans Altern zu denken. Er ließ den Schlüssel klappernd auf die alte Kommode fallen, die neben der Tür stand und konnte seinen Körper nur widerwillig in Bewegung setzen.
 

Als er die Wohnzimmertür öffnete, wurde er vom Licht des laufenden Fernsehers empfangen. Hatte er vergessen ihn auszuschalten, bevor er zur Arbeit ging? Es war auch kein Kanal eingestellt, also gab es nur den charakteristischen, mit weißem Rauschen untersetzten, Schneesturm des Störbilds zu sehen, den der große Röhrenfernseher in den Raum hinaus sandte. Er setzte sich in den Sessel, fuhr die Fußlehne aus und streckte Seufzend die Beine aus, bevor er begann, den Schmerz aus den steifen Knien zu reiben.
 

Die 150 Stufen des Leuchtturms, der sein Arbeitsplatz war, ließen die Knie jeden Abend schmerzen und die Sturheit, mit der er seine Arbeit im Stehen verbrachte tat den Rest, um diesen Schmerz nie komplett abklingen zu lassen. Tagsüber, nach dem Aufstehen, ebbte er zu einem dumpfen Pochen ab, das man ignorieren konnte. Aber in den frühen Morgenstunden, nach Schichtende, brachten ihn seine Beine jedes mal fast um.

Sicher könnte er sich jederzeit setzen. Könnte den Spazierstock nutzen, um sich den Treppenaufstieg zu erleichtern. Aber genau das erwartete man schließlich von ihm. Zeichen der Schwäche, um ihn in den Ruhestand zu verabschieden. Laut dem Lighthouse Retirement Act war ein Ruhestand erst ab dem 70. Lebensjahr verpflichtend. Dennoch lauerte der U.S. Lighthouse Service nur auf eine günstige Gelegenheit, ihn mit allerlei Glückwünschen, in den Ruhestand abzuschieben.
 

Der Kanal, der den Delaine Lake mit dem Toluca Lake verband, wurde seit Jahren nicht mehr befahren, was die Schiffahrt an diesem Teil des Sees nahezu vollständig zum erliegen gebracht hatte. Industrie gab es, abgesehen vom an den Caldecotte Woods angrenzenden Sägewerk keine erwähnenswerte. Und selbst dort kündigten die Arbeiter Scharenweise, aus den wildesten, abergläubischen Gründen.
 

Touristen zog es eher in den Westen des Sees, an verträumte Orte, wie Dellie Hollow oder Masons Creek. Der Leuchtturm an der Ostküste tat also weiter nichts, als Geld zu verschlingen. Ein Kostenpunkt, den der Lighthouse Service nur allzu gern ersatzlos streichen würde. Nach Damians Weggang würde man den Turm entweder als Museumsstück behalten, oder was wahrscheinlicher war, ihn gleich komplett abreißen.

Dank einer unglücklichen Formulierung in seinem über 30 Jahre alten Vertrag, wurde ihm jedoch eine dauerhafte Anstellung in genau diesem Turm zugesichert und man entschied, dass seinen freiwilligen Weggang abzuwarten, günstiger als eine eventuelle Klage wäre. Ein aberwitziges Wartespiel, bei dem man, je länger man es spielte, immer mehr bei seinem Einsatz bleiben musste. Mit jedem verstrichenen Jahr, war man vermeintlich näher dran, ihn los zu werden, und die Konsequenzen einer Entlassung oder auch nur Versetzung damit weniger tragbar. Man warf also lieber das sprichwörtliche gute Geld, dem schlechten hinterher.

Also wartete man. Wartete auf eine Gelegenheit, diesen störrischen, alten Bock in den Ruhestand zu komplimentieren, oder darauf, dass sein Herz die tägliche Anstrengung nicht mehr akzeptierte.
 

Damian erlaubte sich bei dem Gedanken ein höhnisches Lächeln, während er im Sesselpolster nach der Fernbedienung fischte. Das war sein Job und den würde er sich nicht wegnehmen lassen. Der Lighthouse Service musste ihn wohl oder übel noch ganze 12 Jahre behalten. Das Grinsen verschwand, als er die Knöpfe der Fernbedienung drückte, aber auf allen Kanälen nur das selbe Bild zu sehen war. War etwas mit dem Anschluss nicht in Ordnung? Wenn ja, war das kein Problem mehr für diese Nacht. Er schaltete das Gerät ab, lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen, wohl wissend, dass es nicht das erste mal wäre, wenn ein kurzes Ausruhen zu einem tiefen Schlaf ausuferte und Rücken sowie Nacken es ihm am nächsten Tag fürchterlich heimzahlen würden.
 

Seine Ruhe wurde vom plötzlichen Klingeln des Telefons unterbrochen und manifestierte zornige Gewitterwolken hinter den sich widerwillig öffnenden Augen. Es war 5:30 in der früh. Wer um alles in der Welt, rief zu so einer Zeit an? Er lehnte sich vor, griff den Hörer und war bereit dem Anrufer ein verärgertes 'WAS!?' entgegen zu keifen, das ihm aber in der Kehle stecken blieb, als er sich den Hörer ans Ohr hielt. Im Telefon war nur das gleiche Rauschen zu hören, das auch schon seinen Fernseher beherrschte.

Könnte ihm jemand einen Streich spielen? Oder Vielleicht eine Störung in der Anschlussbuchse?
 

Ein Geräusch, wie von streckendem Leder riss ihn aus seinen Gedanken. Jemand war mit ihm im Raum! Er Sprang aus seinem Sessel, jeder Gedanke an Müdigkeit vergessen, und suchte das dunkle Zimmer ab. Nichts. Nur die vertrauten Regale, der kleine Beistelltisch neben dem Sessel, die schweren, zugezogenen Gardinen, die den Raum trotz der Morgendämmerung in Dunkelheit hüllten. Da war das Geräusch wieder und diesmal, darauf vorbereitet, konnte er den Ursprung auch deutlicher ausmachen.
 

Eine verzerrte Gestalt, direkt neben dem Fenster. Damian kniff die Augen zusammen, um die Person zu erkennen. Er ließ die Gardinen stets geschlossen, um nicht beim Dösen, oder beim Fernsehen von der Sonne gestört zu werden. In diesem Augenblick verwünschte er sich dafür. Je mehr sich seine Augen fokussierten und ihn erkennen ließen, was dort vor ihm stand, desto weniger Sinn ergab es. Es sah aus, wie ein Mensch, oder eher wie etwas, das irgendwann mal ein Mensch gewesen war. Es war gänzlich nackt und ihm fehlte jedes erkennbare Merkmal eines Menschen. Wo die Augen sich hätten befinden sollen, gab es nur kleine Einbuchtungen in der Haut. Es gab nichts, das wie Mund, Nase oder Ohren aussah. Komplett haarlos und ohne irgendeinen Hinweis auf das Geschlecht, wirkte es wie eine Puppe, die mit faltigem Leder überzogen wurde. Kein Wunder, dass er dieses Ding nicht sofort erkannt hatte. Ohne Arme sah es in der Dunkelheit beinahe aus, wie der Falten schlagende Stoff, neben dem es stand.
 

Damian wich langsam zurück. Was immer es auch war; er konnte sich nicht vorstellen, dass es ihm auch nur im entferntesten freundlich gesinnt war. Das knarren von ziehendem Leder ertönte erneut, stärker diesmal. Der Oberkörper drehte sich langsam in Damians Richtung und folgte seinen Bewegungen. Es war unmöglich festzustellen, mit welchen Sinnen es dies tat, doch das Geschöpf konnte Damians Position ausmachen und sie verfolgen. Ein langsamer, schwerfälliger Schritt ließ es vorwärts stapfen, als Damian die Wand erreichte und sich an dieser entlang schob. Mit den Händen hinter sich, tastete er nach der Durchreiche zur Küche und dem Messerblock, den er dort zu finden hoffte.
 

Die Kreatur näherte sich schrecklich langsam und wirkte dabei beinahe unbeholfen, als würde sie jeden Augenblick ins Stolpern geraten. Dennoch wollte er sich nicht im Faustkampf mit diesem Ding messen, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Er bekam einen Messergriff zu fassen und zog das große Küchenmesser heraus. Das Geschöpf schien auch nicht sonderlich intelligent zu sein, sondern ihm stumpf zu folgen. Als es in der Mitte des Raums angekommen war, begann er sich weiter an der Wand entlang zu schieben. Mit etwas Glück würde er diese Kreatur einfach umrunden und den Raum ohne Kampf verlassen können.
 

Er erreichte eine Ecke und begann seinen endlos langsamen Weg an der nächsten Wand entlang von neuem,während sich das Geschöpf langsam drehte, um ihm folgen zu können. Am Fenster angekommen, blieb er einen Augenblick stehen und fingerte nach dem Gardinensaum. Er wollte zumindest einen klaren Blick auf dieses Ding werfen. Draußen wurde es zunehmend heller, aber ein dichter frühmorgentlicher Nebel war vom Delaine her aufgezogen und tauchte alles vor dem Fenster in ein milchiges Weiß. Dennoch reichte es aus, um einen guten Blick erhaschen zu können.
 

Die Haut der Kreatur spannte sich und wurde gleichzeitig an anderen Stellen faltig zusammengepresst. Es wirkte so, als wäre ihm seine Haut zu eng und gleichzeitig zu weit. Entgegen seiner ersten Vermutung hatte es Arme. Sie waren eng vor der Brust verschränkt und schienen mit ihr verwachsen. Die fingerlosen Hände lagen nutzlos auf den Schultern und es erinnerte Damian in dieser Pose an den schlafenden Vampir, aus einem alten Horrorfilm, den er vor vielen Jahren gesehen haben musste.

Plötzlich, und in Krassem Gegensatz zu seinen Bisherigen Bewegungen, machte das Geschöpf einen Satz auf ihn zu, prallte mit seinem ganzen Körpergewicht gegen ihn und stieß ihn schwer nach hinten.

Damian hörte Glas splittern, spürte die Scherben in seinen Nacken schneiden und stürzte dem im Nebel unsichtbaren, aber dennoch gnadenlos wartenden Boden entgegen.

Spuren

Damian schrak aus der sitzenden Position auf und ließ den kleinen, hölzernen Stuhl klappernd hinter sich umkippen. Der Morgen dämmerte bereits und aus dem Funkgerät erklang eine mechanisch verzerrte, aber dennoch besorgt klingende Stimme.

„Damian, was ist denn los? Melde dich!“
 

Damians Augenbrauen zogen sich zusammen. 'Kling nur nicht zu besorgt. Nachher glaube ich dir noch!' Diesen Gedanken sprach er nicht laut aus und begnügte sich damit, die müden Augen zu reiben. Irgendjemand hatte offensichtlich bemerkt, dass der Leuchtturm in der Morgendämmerung noch eingeschaltet war und den Lighthouse Service informiert, der sich natürlich sofort guter Hoffnung ans Funkgerät setzte um in Erfahrung zu bringen, ob man vielleicht einen Krankenwagen schicken müsste. Oder mit etwas Glück doch gleich den Leichenwagen, dicht gefolgt von der Abrisskolonne? Dieser Hoffnung machte er sogleich den Garaus.

„Ja. Ja, alles bestens, Dimitri! Es gab einen kleinen defekt, den ich nur bei laufendem Betrieb finden konnte. Deswegen war ich auch gerade nicht am Funkgerät.“

„Ach so. Ja, okay, alles klar. Ich hab mir schon Sorgen gemacht, als du nicht reagiert hast. Melde derartige Störungen bitte beim nächsten mal, bevor du verschwindest.“

'Versuch nicht zu enttäuscht zu klingen, du Mistkerl!' „Ja, tut mir Leid. Ich wollte vor dem Morgen fertig werden und hab in der Eile vergessen, Bescheid zu geben.“
 

Ob der andere die Lüge glaubte, oder sich einfach nur mit der nächstbesten Antwort zufrieden gab, konnte Damian in diesem Augenblick nicht sagen. Es war eine schlechte Lüge. Welcher technische Defekt sollte in einem Leuchtturm schon den laufenden betrieb erfordern, um ihn auszumachen? Aber etwas besseres war ihm, mit vom Alptraum noch vernebelten Verstand, auf die Schnelle nicht eingefallen. Was zur Hölle war das überhaupt für ein Traum? Er konnte sich beim besten Willen keinen Reim drauf machen, was sein Hirn ihm dort für einen Unsinn vorgesetzt hatte. Er ließ die Schulterblätter kreisen und massierte sich den starren Nacken.

„Der Fehler ist jetzt aber behoben und ich bin hundemüde. Wenn es sonst nichts gibt, mache ich Schicht, für heute.“

„Ja, natürlich. Wenn du irgendetwas brauchst, melde dich gern jederzeit. Komm gut heim und gute Nacht.“
 

Damian schaltete die Leuchte ab und stoppte die Rotation der Fresnellinse, bevor er sich an den Abstieg machte. Seine Hand verkrampfte sich so fest um das nackte Metall des Treppengeländers, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten, als ihm das Gesprächsende noch einmal durch den Kopf ging. Was für ein hohles Angebot. Eines, wie er es dutzendfach in den letzten Tagen gehört hatte.

Hilflos, wie unehrlich. Was würde irgendjemand tun können? Oder auch nur wirklich tun wollen? Aber derartige Bekundigungen halfen das eigene Gewissen zu beruhigen, während man im Stillen doch nur erleichtert war, dass man nicht selbst zu den betroffenen gehörte.
 

Er schüttelte den Gedanken wieder ab und verließ den Turm, während er sich mental eine Liste für den Nachmittag machte. Das kleine Tor hing nach dem letzten Sturm schief und musste gerichtet werden. Der gesamte Zaun vor dem ersten Frost mit neuem Holzschutz versehen werden.
 

Wenn er um 15 Uhr anfangen würde, würde er beides noch vor Einbruch der Dunkelheit schaffen können. Er legte seine reche Hand schwer auf eine der Zaunlatten und sah hinaus auf den, in der Morgendämmerung langsam heller werdenden See, von dem her dichter Nebel heranrollte, der Damian erneut an seinen Traum erinnerte. Er zwang die Erinnerung daran in den Hintergrund und stieg in den Wagen. Die heimfahrt sollte eigentlich nur etwa zwanzig Minuten dauern, aber der aufkommende Nebel hüllte den Wagen bald komplett ein und zwang ihn dazu, beinahe Schritttempo zu fahren. Es war, so nah an den großen Seen, kein seltenes Ereignis und Damian war die Heimfahrt im Nebel bereits gewohnt; wusste, wo er wegen besonders schlechtem Zustand der nur dürftig instand gehaltenen Straßen auf Schlaglöcher aufpassen musste, oder wo es sicher war, etwas schneller zu fahren.
 

Der mitleiderregende Zustand der Straße war der Tatsache geschuldet, dass es hier praktisch keinen Verkehr gab. Folgte man ihr am Leuchtturm vorbei, so kam, mitten im Wald gelegen, nur noch Scottsdale. Eine geisterhafte Kleinstadt, in den niemand je fuhr und aus der beinahe genauso selten jemand kam. Die wenigen verbliebenen Einwohner des nahezu verlassenen Ortes blieben im allgemeinen unter sich. Ein Umstand, über den die Bewohner der umliegenden Städte recht dankbar waren. Abgesehen vom schlechten Straßenzustand, musste er noch wegen dem stetigen Wildwechsel vorsichtig fahren, der besonders dort, wo die Strecke direkt an der Baumgrenze der Caldecotte Woods entlangführte, nicht zu vernachlässigen war.
 

Nach einer guten dreiviertel Stunde kam er endlich zuhause an und stieg müde die Stufen im frühen Morgenlicht hinauf. In wenigen Minuten würden die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont klettern und bis dahin wollte er schon schlafen. Die Dusche würde bis zum Nachmittag warten können. Er schloss die Tür auf und rieb sich wütend die Stirn mit Zeigefinger und Daumen, als würde er so die von seinem Verstand erneut heraufbeschworenen Bilder des Traumes, der ihn wie eine dunkle Vorahnung verfolgte, daraus verbannen können. Vermutlich würde er erst Ruhe finden, nachdem er einen Blick ins Wohnzimmer geworfen hatte, um sich zu versichern, dass alles in Ordnung war.
 

Er öffnete die Tür und fand den Raum, wie erwartet, in nahezu völliger Dunkelheit. Kein rauschender Fernseher, keine lauernden Monster, kein... Das plötzlich schrillende Telefon ließ die langsam von ihm abperlende Anspannung mit aller Macht zurückkehren und seine Finger gruben sich schmerzhaft in die Handflächen. Zögerlich trat er näher.

„Reiß dich zusammen!“

ermahnte er sich und zwang sich die geballten Fäuste zu öffnen. Langsam streckte er den Arm mit einer Kraftanstrengung nach dem Telefon aus, die ihm vorkam, als würde er dabei eine unsichtbare Wand verschieben müssen. Die zittrigen Finger schlossen sich um den Hörer und führten ihn ans Ohr.
 

„Hallo?“

„Hallo Grampa. Entschuldige die frühe Störung!“

„Gavin!“

entfuhr es ihm und er ließ sich, wie ein nasser Sack in seinen Sessel fallen, der unter dem plötzlichen Gewicht beinahe genauso laut ächzte, wie er selbst.

„Was gibt es, mein Junge?“

Damian wollte schon fragen, was sein Enkel so früh auf den Beinen machte, verkniff sich die Frage aber. Ihm war klar, warum Gavin nicht schlafen konnte. Es war der gleiche Grund, aus dem niemand in der Familie, ihm selbst eingeschlossen, derzeit viel Schlaf fand. Schließlich stellte er die eine, wichtige Frage, auf die es eh unweigerlich hinauslaufen würde.

„Gibt es Neuigkeiten?“

„Ja, sie haben Abigails Auto gefunden.“

Damian fuhr augenblicklich im Sitz hoch.

„WAS? Wo?!“

Der Junge schien zu zögern, was ihm eigentlich gar nicht ähnlich sah. Damian hielt den Atem an, während die Anspannung in seinem ganzen Körper schmerzhaft spürbar wurde.

„Auf einem Parkplatz in Scottsdale.“

Er spürte, wie seine Innereien sich verkrampften und ihm die Luft weg blieb, so als hätte ihm jemand mit aller Kraft in die Magengrube geschlagen.

„Was um Himmels Willen, hatte deine Schwester dort verloren? Seit wann wisst ihr davon?“

„Die Polizei hat Dad gestern Abend angerufen. Er sagte mir und Mom, das wir dir nichts davon erzählen sollen. Dass es dich nur unnötig aufregen würde. Aber … aber ich wollte dich nicht außen vor lassen. Dad schläft und ich dachte, du bist vielleicht noch wach, nach der Arbeit. Deswegen habe ich so früh angerufen.“

„Danke … Ich danke dir, Gav. Ich kann nicht sagen, dass mich diese Nachricht glücklich macht. Aber ich bin dennoch froh, dass du mich informiert hast.“
 

Scottsdale … Abigail verschwand praktisch direkt unter seiner Nase. Die einzige Straße aus dieser Richtung dorthin, führte direkt am Leuchtturm vorbei. Dann den Kanal entlang und kurz bevor er in den Toluca mündete, lag der Ort versteckt im Wald. Früher war es ein Umschlagplatz. Scottsdale hatte einen Industriebahnhof, von dem aus das Holz aus dem Caldecotte Sägewerk verladen und abtransportiert wurde. Hin und wieder wurden auch Fähren mit Holz beladen, aber sowohl dir kleine Anlegestelle, als auch der Bahnhof schlossen, nachdem durch die Abholzung genug Platz für einen Werkseigenen Bahnhof entstand, dessen Gleise sich etwas weiter nördlich dem Haupt-Schienennetz anschlossen. Die kleine Stadt verlor zusehends an Bedeutung und war schließlich kaum mehr als eine Durchfahtrsstation für Touristen, auf dem Weg nach Silent Hill. Als der Tourismus schlagartig abebbte, wurde auch Scottsdale selbst beinahe zur Geisterstadt. Die letzten verbliebenen Bewohner beobachteten jeden argwöhnisch, der von Westen her durch die Stadt kam. Jeder, der aus dieser Richtung kam, konnte nur ein einziges Ziel haben: Die nächste Stadt, die kaum zwei Meilen hinter dem Ortsausgang lag.
 

„Oh, mist!“

erklang es plötzlich gehetzt aus dem Telefon, gefolgt vom Geräusch einer sich öffnenden Tür. Eine verärgerte Männerstimme war zu hören.

„Was machst du da, Gavin? Gib mir das!“

Damian wusste, was als nächstes passieren würde und bereitete sich auf das unangenehme Gespräch mit seinem Sohn vor.

„Geh in dein Zimmer. Wir sprechen uns noch, verlass dich drauf!“

Dann lauter, direkt in Damians Ohr.

„Dad?“

„Hallo, Jake...“

„Was hat Gav dir gesagt?“

„Nichts, was du mir nicht schon gestern Abend hättest erzählen sollen, Sohn!“

Die Stimme am anderen Ende nahm einen erschöpften, aber nicht weniger irritierten Ton an.

„Fang nicht wieder damit an, Dad! Ich hab es nicht getan, weil ich genau wusste, welche Diskussion wir jetzt führen werden! Und nein, wir werden uns nicht Hals über Kopf auf die Suche machen. Und du auch nicht!“

Damian schnaubte.

„Du sagst mir nicht, was ich zu tun habe, Jacky! Dir mag deine Tochter vielleicht egal sein, aber ich liebe Abigail! Und wenn es auch nur eine Chance auf einen Hinweis gibt, werde ich dem nachgehen!“
 

Die Stimme am anderen Ende wurde kalt. Das war ein Tiefschlag, um seinen Sohn, der versucht hatte ihn auszugrenzen, zu verletzen und beide wussten es.

„Egal, Dad? Ich habe Tag und Nacht mit der Suche nach ihr verbracht! Ich war bei jeder einzigen organisierten Suche ganz vorn dabei, und habe jeden erschöpften Augenblick der Ruhe in diesem Wald verbracht, um es auch ja zu hören, falls Abby mich ruft. Ich habe alle möglichen und unmöglichen Orte abgesucht!“

Damian tat Leid, was er seinem Sohn gesagt hatte. Er hörte den Schmerz in seiner Stimme und es war möglich, dass dieser eine Satz eine Kluft zwischen ihnen aufgetan hatte, die sich nie wieder ganz schließen würde. Dennoch konnte er nun nicht einfach aufhören und das Thema in der Luft hängen lassen.

„Alle Orte … solang sie dich nicht zu nah an Silent Hill bringen. Ist das der Grund, aus dem du nicht schon längst selbst in Scottsdale bist und nach deiner Tochter suchst? Ist deine Angst, wohin es dich führen könnte zu groß?“

„Komm mir nicht so!“

Heißer Zorn ersetzte die vorangegangene Kälte in der Stimme, seines Sohnes.

„Du weißt genau, dass mich irgendein alter Aberglaube nicht davon abhalten würde, meine Tochter zu finden. Die Polizei hat ihren Wagen gefunden und ich vertraue auf ihre Arbeit. Sobald es auch nur einen Anhaltspunkt gibt, der die Organisation einer weiteren Suche rechtfertigt, werde ich dabei sein! Ganz egal ob in Scottsdale, Silent Hill, oder den Tiefen der Hölle selbst! Aber ich werde nicht mehr sinnlos allein durch das Unterholz krauchen und meine Energie verschwenden, um dann bei einer echten Suche; einer mit Erfolgschancen, an der Seitenlinie zu sitzen! Lass die Polizei ihre Arbeit machen. Du störst nur!“
 

Damian hörte seine Schwiegertochter den Raum betreten und versuchen ihren Mann zu beruhigen.

„Ich fahre hin. Und wenn es sein muss auch noch weiter. Ich werde dich nicht zwingen, mitzukommen. Wenn du doch willst, triff mich in zwei Stunden am Leuchtturm.“

Er legte auf, ohne die Antwort seines Sohnes abzuwarten. Dann hob er den Hörer erneut und wählte Dimitris Nummer.
 

„Hallo Dimitri, Ich bin's, Damian. Hör mal, das Angebot von vorhin, dass ich mich bei dir Melden soll, wenn ich etwas brauche. Steht das noch?“

Der andere zögerte nur einen Augenblick.

„Äh, ja. Ja, natürlich. Was kann ich für dich tun?“

„Der Wagen meiner Enkelin wurde gefunden und ich will hinfahren, um mir das anzusehen. Kannst du jemanden finden, der ein paar Tage für mich einspringt?“

Erneutes Zögern.

„Das sollte kein Problem sein. Derzeit ist eh kaum Verkehr. Das bisschen kriegen wir einfach umgeleitet. Wenn jemand fragt, sagen wir einfach Wartungsarbeiten. Nimm dir gern eine Woche, oder zwei.“

Natürlich. 'Derzeit wenig Verkehr'. Beinahe hätte Damian gelacht. Das man den Leuchtturm praktisch von jetzt auf gleich für zwei Wochen außer Betrieb setzen konnte und es niemanden stören würde, war nur ein weiterer, Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, dass seine Arbeit längst überflüssig geworden war. Noch ein paar Dieser Art mehr und er würde daraus einen ganzen Zaun bauen können.

„Alles klar, ich danke dir! Ich melde mich, sobald ich zurück bin!“
 

Als Damian erneut ins Auto stieg, hatte sich der Nebel etwas gelichtet. Statt einer Wand aus endlosem Weiß, war er nun eine trübe Suppe, die es zumindest ermöglichte, einige Meter weit zu sehen. Wider erwarten stand Jake tatsächlich gegen das Schiefe Zauntor gelehnt und zündete sich gerade eine Zigarette an, als Damian vorfuhr. Er hatte das Rauchen mit Helen, seiner ersten Frau, zusammen aufgegeben, als sie mit Abigail schwanger wurde. Er wurde nicht einmal nach Helens Tod rückfällig. Nun mit Verschwinden seiner Tochter, 19 Jahre nachdem er die letzte Zigarette angefasst hatte, hatte er wieder angefangen.
 

„Hast du einen Plan?“

Die Frage war steif, distanziert. Jake schien seinen Vater kaum wahr zu nehmen. Seine Augen starrten geradezu durch ihn hindurch, als wäre sein Verstand bereits an einem ganz anderen Ort, den Damian nur erahnen konnte. Sein Sohn wandte den Blick gänzlich ab, nahm einen Tiefen Zug und blies den Rauch stoßhaft wieder aus. In diesem Moment war das Rauchen scheinbar alles, was ihn vor einem kompletten Nervenzusammenbruch bewahrte.
 

Damian hatte seinem Sohn die Hölle heiß gemacht, als er, während einer rebellischen Phase in seiner Jugend, angefangen hatte zu rauchen. Umso größer war der Stolz, als er auf einen Schlag aufgehört hatte. Ihn so vor sich sehend, mit zittrigen Händen, bis zum zerreißen angespannt, konnte er es ihm nicht verübeln. Ein Teil von ihm wünschte sogar selbst, er könne sich in etwas ähnliches flüchten und darin halt finden.

„Zuerst die Gegend um den Parkplatz anschauen und die Einwohner fragen.“

„Das hat die Polizei schon getan. Uns werden die Daleys auch nicht viel mehr erzählen.“

„Vielleicht. Vielleicht nicht. Das werden wir sehen, wenn wir dort sind.“

„Das können wir uns sparen. Wenn sie in die Richtung fuhr, kann sie eh nur ein Ziel gehabt haben.“
 

Damian sah seinen Sohn schweigend an und erkannte neben der scheinbaren Abwesenheit, mit der er seinen Vater strafte, auch die Entschlossenheit in seinen Augen. Ihm wurde schlagartig klar, was er eigentlich von vornherein hätte wissen Müssen. Jakes Entschluss, sich auf die Suche zu machen, stand längst fest. Schon lang, bevor dem Gespräch mit seinem Vater. Er wollte nur nicht Babysitter für den älteren spielen, während er nach seiner Tochter suchte.

„Es tut mir Leid, was ich vorhin am Telefon sagte. Ich war enttäuscht, verletzt, dass du mir nichts erzählt hattest und wollte zurück verletzen. Ich weiß, dass Abby dir die Welt bedeutet.“

Jake Antwortete nicht. Alles was Damian bekam, war ein leichtes Zucken der Augen, in seine Richtung. Dennoch weigerte er sich, den anderen direkt anzusehen, bewusst kaum Notiz von ihm zu nehmen. Mit dem gesagten wurde eine Wunde gerissen, die sich nicht mit einer schlichten, wenn auch ehrlichen, Entschuldigung würde schließen lassen.

„Also. Wohin?“ fragte er schließlich.

Die Antwort bestand nur aus einem Namen:

„Brookhaven.“

Scottsdale

„Warst du schon einmal dort?“
 

Die plötzliche Frage riss Damian nach der schier endlosen Stille aus seinen Eigenen Gedanken. Sein Sohn hatte während der gesamten bisherigen Fahrt schweigend auf die Straße gestarrt. Auch jetzt sah er seinen Vater nicht an. Seine Stirn war in angestrengte Falten gelegt, die Augen zusammengekniffen, als erwarte er, Abigail im endlosen Weiß auf die Straße wandern zu sehen.
 


 

„Scottsdale?“
 

„Nein, Silent hill.“
 

„Ein mal. Das war, als ich noch im Sägewerk angestellt war, lang bevor ich deine Mutter kennengelernt habe. Es gab einen Unfall im Werk. Ware eine fast schon komische Sache, wenn sie nicht so ernst gewesen wäre. Das Skt. Helenas in Caldecote gab es noch nicht. Auch das Brookhaven in South Vale befand sich gerade erst im Bau. Das einzige erreichbare Krankenhaus war damals auch nur schlecht besetzt, sodass man uns keinen Rettungswagen schicken konnte. Der schnellste Weg war also, das arme Schwein in den Arbeiterzug am Werksbahnhof zu laden, nach Paleville zu fahren und ihn in das dortige Krankenhaus zu bringen. Und das alles, bevor er verblutete. Ich Komm gerade nicht mehr drauf, wie das Krankenhaus hieß.“
 


 

„Ist in Ordnung. Ich weiß, welches du meinst. War das das einzige mal, dass du je dort warst?“
 


 

Damian reagierte mit einer unverbindlichen Handbewegung und warf einen kurzen Seitenblick auf Jake. Erst jetzt bemerkte er, dass ihm der Schweiß auf der Stirn stand.
 

„Bist du Okay? Du siehst nicht gut aus.“
 

Jake wischte sich über die feuchte Stirn, wandte den Blick aber trotzdem noch immer nicht von der Straße.
 

„Nein. Nein, natürlich bin ich das nicht. Aber Ich komme klar.“
 

Damian zögerte. Es war eine abweisende Antwort, aber die einzige, die er im Augenblick bekommen würde. Also griff er das vorherige Thema wieder auf und sprach weiter.
 


 

„Du weißt ja, deine Großeltern waren noch vom neuenglischen Schlag. Ihre Eltern hatten ihnen von klein an eingebläut, sich niemals mit den Leuten in Silent Hill einzulassen, besser noch die Stadt gar nicht erst zu betreten. Und sie wiederum hatten es mir eingebläut.
 

Ich halte nicht viel, von dem ganzen Hokuspokus. Aber das von frühster Kindheit an eingetrichtert zu bekommen, hat dafür gesorgt, dass ich die Stadt dennoch mied. Also ja. Ich war nur das eine Mal dort. Aber dieses eine Mal, schienen mir die Leute dort freundlich genug, wenn auch auf ihre eigene Art altmodisch. Außenseitern gegenüber freundlich und hilfsbereit, trotzdem gleichzeitig darauf bedacht, sie möglichst höflich, aber auch zügig wieder los zu werden.“
 


 

Jake nickte stumm und zündete sich eine neue Zigarette an. Obwohl Damian stets darauf geachtet hatte, seinen Wagen rauchfrei zu halten, sagte er nichts. Der Rauch stieg ihm in Nase und Augen, doch er gestattete sich kein Zeichen des Unbehagens.
 


 

„Warum fragst du?“
 

„Ich wollte nur wissen, ob du irgendwas weißt über … Du weißt schon.“
 

„Das Verschwinden der Bewohner?“
 

„Hm.“
 

„Nein, das eine mal, als ich da war, war es noch eine ganz normale Stadt. Ich hätte nie auch nur etwas in der Richtung geahnt. Alles was ich über das plötzliche Massenverschwinden weiß, ist das, was sie in den Nachrichten gebracht hatten. Wie sieht es mit dir aus? Du und Helen wart lang nach mir dort.“
 


 

Jake wandte den Blick nun doch endlich von der Straße ab und starrte seinen Vater an, als hätte er ihm ins Gesicht geschlagen, zwang sich aber sofort wieder, sich zu entspannen. Sein Aufenthalt in dieser Stadt war keine angenehme Erinnerung gewesen. Ein Ereignis, dass noch Jahre später neue Wunden Riss, statt die alten Narben endgültig verheilen zu lassen. Allein Abigails offensichtlicher Besuch der Stadt, war ein neuerlicher Beweis dafür.
 


 

„Keine Ahnung, was ich dir sagen könnte. Auf mich machte die Stadt einen ganz normalen Eindruck. Aber ich hatte auch nicht wirklich die Zeit, um auf viele Details zu achten und bin buchstäblich zwischen den Krankenhäusern hin und her gerast. Hatte kaum einen Gedanken an etwas anderes verschwendet.“
 


 

Je weiter sie die Waldstraße entlang fuhren, desto mehr verdichtete sich der Nebel erneut. Es war, als würden die Bäume selbst unentwegt dieses unnatürlich wirkende Phänomen ausatmen. Gegen Mittag erreichten sie endlich das Ortseingangsschild von Scottsdale, hätten es im gnadenlosen Weiß beinahe übersehen. Damian lenkte den Wagen auf einen kleinen Parkplatz, nahe der Stadtgrenze und öffnete die Tür. Augenblicklich drängte der Nebel ins Fahrzeug, als würde er diesen Eindringling genau untersuchen.
 


 

Er schlug die Tür zu und ging nur wenige Schritte, war vom Wagen aus aber bereits kaum mehr zu sehen. Jake tat es seinem Vater gleich und versuchte sich umzusehen, konnte aber bis auf eine kleine Bank, am Rande des Parkplatzes, nichts erkennen. Er legte eine Hand auf das oberste Brett und bemerkte, wie weich sich das Material unter seinen Fingern anfühlte. Die Farbe war aufgequollen und ließ sich einfach vom morschen Holz reiben. Der Nebel war an diesem Ort eine offensichtlich unausweichliche Konstante und schien ihn langsam zu verschlingen. Nicht mit Klauen und Zähnen, sondern mit Feuchtigkeit und Verfall.
 

Er hörte die Stimme seines Vaters von irgendwo hinter sich.
 


 

„Wir gehen von hier an besser zu Fuß weiter. Bringt nichts, wenn wir in der trüben Suppe einen Unfall bauen.“
 

Jake nickte stumm, besann sich dann jedoch darauf, dass der Ältere ihn wahrscheinlich nicht sehen konnte.
 

„Ja, gute Idee. Abbys Wagen wurde im östlichen Teil der Stadt gefunden. Wenn wir einfach der Hauptstraße folgen, sollten wir es in einer Stunde schaffen.“
 


 

Lange Zeit schien die Stadt komplett verlassen. Gelegentlich unterbrach das wechselnde Licht vereinzelter Ampeln, die endlose Monotonie des Weges. Es erzeugte ein Gefühl der Unwirklichkeit dieses Ortes. So, als wäre die Stadt nur eine Fassade. Ein krankes, vor sich hin moderndes Geschöpf, das sich nur wenn man hin sah, die Mühe machte, den Anschein einer Stadt zu erwecken. Sobald sie die Blicke abwandten, verschwanden die Ampellichter, die dunklen Fenster, die knarrenden Bäume und überhaupt alles, was den Anschein einer von Menschenhand gebauten Stadt mühsam aufrecht erhielt und wurde wieder zu dem, was auch immer Scottsdale sein mochte, wenn es sich unbeobachtet fühlte.
 


 

Der Gedanke, so unsinnig er auch war, ließ dennoch ein Gefühl der Paranoia bei Damian zurück. Sein Verstand suchte verzweifelt nach einer offensichtlichen Bedrohung, der er sich entweder zum Kampf stellen, oder vor der er fliehen konnte und nichts zu finden war schlimmer, als die Alternative.
 


 

Als ihn plötzlich ein Gesicht aus einem Schaufenster anstarrte, reagierte er wie ein gespannter Bogen, dessen Sehne zerschnitten wurde. Er sprang zurück und stieß mit einem erstickten Schrei gegen Jake, der herum schnellte und sich an die Hüfte griff.
 


 

Die Person, ein untersetzter Mann, mit dichtem, langsam ergrauenden Bart, aber dennoch dunklem Haar, trat aus dem kleinen Laden, vor dem Vater und Sohn gerade standen und unternahm keinerlei Anstrengungen, um sich vorzustellen, oder die Situation anderweitig zu beruhigen. Stattdessen fragte er scharf:
 


 

„Hört ihr auch das Rufen?“
 


 

Damian zog die Stirn kraus und blickte fragend zu seinem Sohn, der den Fremden wie vom Donner gerührt anstarrte.
 


 

„Was für ein rufen?“
 


 

Der andere schüttelte den Kopf und schickte sich an, wieder in seinen Laden zu gehen. Bevor er durch die Tür trat, fixierten sich seine Tief in den höhlen liegenden und dunkel umrandeten Augen auf Damian.
 


 

„Wenn ihr es nicht hört, seid ihr hier nicht willkommen. Schert euch dorthin zurück, wo ihr hergekommen seid.“
 


 

Mit diesen Worten war er durch die Tür und irgendwo im dahinterliegenden Raum verschwunden.
 

Jake zwang sich, seine Haltung zu entspannen und erwiderte nun den Blick seines Vaters.
 


 

„Hast du eine Idee, was er damit meint ?“
 

Damians Gedanken rasten, fanden jedoch keine Verbindung zwischen diesem Ort und einem 'Rufen'.
 

„Nein, keine Ahnung. Du?“
 

„Nicht die leiseste. Wird irgendein unsinniger Glaube sein. Die Daleys spinnen doch eh alle.“
 

Damian nickte zögerlich, doch dann verfinsterte sich sein Blick und er deutete knapp auf Jakes Hüfte.
 

„Du bist bewaffnet?“
 

Jake schob den Saum seiner Jacke beiseite und offenbarte eine Handfeuerwaffe.
 

„Du hast den Kerl eben doch erlebt. Ich will mich verteidigen können, falls einer von denen entscheidet, handgreiflich zu werden.“
 

„Mag sein, aber ich möchte trotzdem noch einmal mit ihm reden. Warte bitte hier.“
 

„Ich werde dich nicht allein mit dem Kerl...“
 

„Und ich werde nicht mit ihm reden, während du ihm deine Pistole unter die Nase reibst. Du wartest.“
 


 

Damit war die Diskussion beendet und Damian betrat den schwach beleuchteten Laden. Die sich öffnende Tür ließ das kleine Glöckchen über dem Eingang läuten. Trotz des ersten Eindrucks den der vermeintliche Besitzer gemacht hatte, war der Laden sauber.
 

Der geflieste Boden war blitzblank, die Regale frisch gewischt und die ausliegenden Magazine, wenn auch alt, waren in makellosem Zustand. Alles hier deutete darauf hin, dass es sich nicht um einen lokalen verrückten handelte, sondern um jemanden, der mit Mühe ein Leben aufrecht erhielt, das an allen Ecken bröckelte und dass jedes Stück, das nicht komplett wegbrechen sollte, hart und ständig aufs neue erkämpft werden musste.
 

Auch der Laden selbst kämpfte gegen den Verfall. Aber nicht aus Nachlässigkeit, sondern aufgrund der schlichten Tatsache, dass die meisten Materialien längst ausgegangen waren. Defekte Neonröhren konnten nicht ersetzt und gesprungene Fliesen nicht ausgetauscht werden. Statt dessen wurden die entstehenden Risse und Löcher im Boden Behelfsmäßig, aber sauber, mit einem selbstgemischten lehmbraunen Mörtel aufgefüllt.
 


 

„Ich habe doch gesagt, dass ihr abhauen sollt!“
 

fuhr ihm die wütende Stimme des Mannes entgegen, der gerade einen Kasten Getränke verräumte.
 


 

Langsam verstand Damian. Die einzigen Menschen, die sich noch nach Scottsdale verirrten, waren Schaulustige Touristen, um die Bewohner wie Zootiere zu begafften. Sie zu verfolgen, um eine aggressive Reaktion zu provozieren. Vielleicht noch ein schönes Erinnerungsfoto für die Familie schießen. 'Oh schau mal hier! Hier hab ich einen tollwütigen Daley gesehen. Der hätte mich fast gebissen!'
 


 

Er schüttelte mit dem Kopf.
 

„Ich will nur eine Frage stellen, dann bin ich wieder weg. Ich suche meine Enkelin. Sie wird seit zwei Wochen vermisst und ihr Wagen wurde hier gefunden. Das da draußen ist mein Sohn. Wenn Sie uns irgendeinen Hinweis geben können, dann bitte. Wir wollen den Frieden hier nicht stören, sondern nur unsere Abby finden!“
 


 

Der andere stemmte die Hände auf die Knie und stand mühsam auf, was ihn deutlich älter erscheinen ließ, als er sein konnte.
 

„Frieden.“
 

Dem Wort folgte ein bitteres Schnauben, als er langsam den Laden durchschritt, seine kleine Theke umwanderte und sich hinter ihr auf einen schlichten Stuhl sinken lies. Er kramte unter dem Tresen und Damian bereute für einen Augenblick selbst keine Waffe gehabt zu haben, kämpfte diesen Gedanken aber nieder. Ohne aufzusehen sprach der Mann weiter.
 

„Ihre Kleine hat das Rufen gehört.“
 


 

Da war es wieder. Ein Begriff der so viel zu bedeuten schien, aber gleichzeitig für Damian so wenig Sinn ergeben wollte.
 

„Was meinen Sie damit?“
 

Endlich blickte der andere auf und ihm standen Tränen in den dunkel umrandeten Augen.
 

„Es tut mir Leid um Ihr Mädchen, aber sie ist nach Silent Hill gegangen. Sie können ihr nicht mehr helfen!“
 

Damians Herz begann zu rasen. Sein Nacken spannte sich und er ballte die kalt werdenden Hände zu Fäusten, spürte wie sich die Finger in die feuchte Haut gruben. Dieser letzte Satz, mit absoluter Endgültigkeit und Gewissheit ausgesprochen, drohte ihn zu überwältigen, doch konnte er den letzten Funken Hoffnung nicht einfach so aufgeben.
 

„Was soll das Rufen überhaupt bedeuten? Ich werde meine Enkeltochter nicht für irgendeinen Aberglauben aufgeben. Wenn sie nach Silent Hill gegangen ist, dann werde ich sie dort finden!“
 


 

Er hatte nicht viel bekommen, aber dennoch mehr, als er sich erhofft hatte: Eine Bestätigung, wohin Abigail gegangen war. Gerade, als er sich zum gehen umdrehen wollte, stoppte der andere ihn.
 

„Warten Sie!“
 

Die Tränen liefen ihm nun frei über die Wangen.
 

„Jeder hier in Scottsdale hört das Rufen. Immer und überall. Es lockt, fleht, verspricht, droht, tut was immer es auch tun muss, um dich in diese verfluchte Stadt gehen zu lassen!“
 


 

Die Stimme versagte ihm und er schluckte schwer, sein Atem ging zittrig.
 


 

„Irgendwann gibt man nach und bricht auf. Jeder hier geht irgendwann, aber niemand der das Rufen hört, ist je zurückgekommen. Meine Sohn, meine Frau … Jeder, den ich kannte, sie sind alle weg. Und ich kann nicht einmal nach ihnen suchen gehen. Denn wenn ich nach Silent Hill gehe, dann hat das Rufen mich. Und es wird mich, genau wie all die anderen, nicht mehr hergeben!“
 

Er schluchzte und vergrub das Gesicht in den Händen.
 

„Gehen Sie. Gehen Sie, bevor es sie bemerkt und auch Sie zu sich ruft!“
 


 

Damian wollte noch etwas erwidern, aber das Gespräch war offensichtlich beendet. Der Andere saß einfach da, zusammengesunken auf seinem kleinen Stuhl, nun nochmal um einiges älter und zerbrechlicher wirkend, als vorher. Also begnügte er sich mit einem knappen Nicken und verließ den kleinen Laden wieder.
 


 

Erst als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, bemerkte er die Veränderung. Der Nebel hatte sich beinahe gänzlich aufgelöst und es war stockfinster geworden, obwohl es noch nicht einmal Mittag war. Auch sein Sohn war nirgendwo zu sehen.
 


 

„Jake?“
 

Er bekam keine Antwort auf seien Ruf und machte einen hilflosen Schritt vorwärts, der ein Geräusch, von sich verziehendem Metall unter Damians Füßen verursachte. Ein Blick hinab verriet ihm, dass er auf einem rostigen Metallgitter stand, welches im Begriff nachzugeben war. Und darunter: Nichts!
 

Die einzige Lichtquelle, war die schwache Beleuchtung, aus dem Schaufenster in seinem Rücken. Und die reichte gerade einmal aus, um gerade noch so die eigenen Füße zu erkennen. Unter dem Gitter könnte der Boden sich gerade mal einen Meter tiefer befinden, oder es könnte auch schlicht Kilometer in die Tiefe gehen. Er hatte keine Möglichkeit es vorher zu sagen, wollte es aber auch genauso wenig herausfinden. Mit einem Satz rückwärts, landete er gerade noch rechtzeitig auf der Türschwelle, als das Gitter vor ihm in die Tiefe stürzte.
 


 

Er wartete, lauschte angespannt, hörte jedoch keinen Aufprall. Statt dessen bemerkte er ein anderes Geräusch, das von irgendwo tief unten zu ihm herauf drang.Es war ein rhythmisches Schlagen, beinahe so, als würde jemand auf einen Amboss hämmern. Das Geräusch schien von weit her zu kommen und Damian konnte weder den Genauen Ursprung ausmachen, noch irgendetwas erkennen.
 


 

Von seiner jetzigen Position aus, konnte er gerade noch so das nächste Gitter sehen. Er hatte keine Anlauffläche und vertraute seinen Armen nicht genug, um sich aus eigener Kraft hoch zu ziehen, wenn er den Sprung nicht schaffen würde. Die vorher unterdrückten Gedanken kehrten mit einem Schlag zurück. Nur war es diesmal keine Paranoia mehr. Es war, als hätte er die Stadt ertappt. Und jetzt, wo er sie so gesehen hatte, musste sie sich keine Mühe mehr geben, sich vor ihm zu verstellen.
 


 

Der Versuch sich zu beruhigen scheiterte, als der nächste, noch schlimmere Gedanke sich aufdrängte: Was, wenn Jake in die Tiefe gestürzt war? Wenn er auf einem Gitter gestanden hatte und sich nicht retten konnte, als er unter seinen Füßen nachgab? Damian versuchte erneut in die Tiefe zu blicken, doch es war sinnlos. Nur endlose Dunkelheit und das stetige Schlagen in der Ferne. Auch ein Blick hinauf offenbarte ihm keine neuen Einsichten. Kein Mond, keine Sterne, nichts, das ihm irgendeinen Hinweis gegeben hätte. Die Ladenfront hätte sowohl tief untertage, als auch Hoch im Himmel liegen können und er hätte es nicht gewusst. Der einzig offensichtliche Weg, war der zurück in den Laden.
 


 

Knarrend und schwer öffnete sich die verzogene Tür, schleifte dabei über den schmutzigen Boden. Ein kreisrunder Bogen aus Kratzern im Dreck und den gesprungenen Fliesen zeigte, dass die Tür schon lang vernachlässigt worden sein musste. Auch die restliche Einrichtung hatte sich deutlich verändert. Alles war längst dem Verfall anheim gefallen. Die dreckigen und teils umgestoßenen Regale waren leer, der gesprungene Boden einfach ignoriert worden und nur noch eine einzige Neonröhre flackerte vergeblich an der Decke, bereit jeden Augenblick den Geist endgültig aufzugeben und ihn gänzlich blind zurück zu lassen.
 

Die ausliegenden Magazine waren vergilbt und scheinbar nur schlecht bedruckt. Die Titelbilder waren ein verschwommener Brei aus Farben, der Text erschien doppelt und unleserlich.
 


 

„Hallo?“
 

Keine Antwort.
 

„Sind Sie noch da?“
 

Was auch immer hier gerade passiert war, wo auch immer hier war; Es schien nur ihn betroffen zu haben. Waren die anderen noch auf der 'normalen' Seite? Wunderten sie sich, wohin Damian verschwunden war? Oder war die Situation viel simpler, als er sie sich vorstellte? War er nach den Worten des Ladenbesitzers einfach gestürzt und lag nun bewusstlos vor der Eingangstür? Keine dieser Möglichkeiten brachte ihm gerade viel. Für den Augenblick konnte er nur nach einem Ausweg suchen, doch einzig andere Tür im Raum war verschlossen.
 

Sich langsam vorwärts tastend umrundete er die Theke. Das Licht reichte aus, um sehen zu können, wohin er trat. Trotzdem bestand keine Sicherheit, dass der Boden unter seinen Füßen hier nicht auch einfach nachgeben und ihn in die Tiefe ziehen würde.
 


 

In einem der Fächer, auf der Rückseite der Theke, fand er ein kleines, aber merkwürdig gut erhaltenes Notizbuch. War das, wonach der Ladenbesitzer gesucht hatte? Er nahm es und blätterte durch die Seiten. Alle Einträge schienen von dem Rufen zu handeln. Heraus sprang dabei ein eingeklebter und zusammengefalteter Artikel, in der Mitte des Buches. Als er das Papier auffaltete, fiel dabei ein kleiner Schlüssel heraus. Damian hob ihn auf, richtete seine Aufmerksamkeit aber wieder, auf den Text. Es war scheinbar ein wissenschaftlicher Text, der das Phänomen erklären sollte. Der Text war alt und unleserlich. Einige Teile konnten nicht mehr entziffert werden, aber dennoch konnte man genug lesen:
 


 


 


 

Vorboten, des als 'Das Rufen' bekannten Phänomens kündigten sich vereinzelt im März 19 ermeintliches Wimmern, oder Weinen, das sie häufig zuerst nach einem verlorenen Kind suchen ließ.
 

Teilweise wurde auch die Polizei hinzugezogen, konnte aber keine Beweise finden, oder Geräusche von Kindern wahrnehmen.
 

Eine Parapsychologische ausgeschlossen werden.
 

Diese Veränderung vollzog sich derart, das aus dem Weinen, das Namensgebende Rufen wurde, das sich auf unterschiedlichste Art Manifestierte.
 


 

ten einen Hilferuf. Die einzige Gemeinsamkeit in allen fällen war die Einigkeit aller Patienten, dass der Ruf inzwischen Eindeutig aus Silent Hill kam.
 

nen rationalen Ursprung hatten, suchte der Verstand nach möglichen Erklärungen. Das plötzliche Massenverschwinden in geeignetes Ziel dieser Suche, also wurde der scheinbare Ursprung in die verlassene Stadt verortet und eine kausale Verbindung angenommen, um dem erlebten Rufen Legitimität zu verleihen. Tatsächlich f Heilung durch diese Beharrlichkeit schwierig.
 

Es konnte hinreichend nachge nötig ist, um das Rufen zu erleben. n waren nicht in der Lage, es zu hören. die das Rufen vorher erlebt hatten, blieb dieses auf einen Schlag aus.
 

Julian D. Erlitt durch selbst beigebrachte Schussverletzung anschließend nicht mehr erleben.
 


 

Untersuchungen wurden eingestellt, als Daniel G ebenfalls berichtete, ein Rufen zu hören und kurze Zeit später spurlos verschwand. Trotz l nie gefunden werden und es ist davon auszugehen, dass er in verwirrtem Zustand in den Toluca Kanal stürzte und ertrank.
 


 


 


 

Damian blätterte noch kurz durch das Buch und fand hauptsächlich selbstgeschriebene Notizen, die vielleicht Hinweise auf den Verbleib seiner Enkelin liefern konnten, im Augenblick jedoch nicht halfen. Er entschloss sich das Notizbuch mitzunehmen und es später zurück zu geben. Vorausgesetzt er schaffte es, diesem Ort zu entkommen.
 


 

Ein kleines Plastikschild mit der Aufschrift 'Lager' hing am Schlüssel und er stellte erleichtert fest, dass er in das Türschloss passte. Das Lager selbst unterschied sich nicht groß vom Hauptraum, hatte allerdings keine einzige, funktionierende Lichtquelle. Er schob die sperrige Tür weit auf und hoffte auf möglichst großen Lichteinfall von der Ladenfläche. Gerade so wurden einige, größtenteils leere Regale sichtbar. Damians Blick fiel auf eine einsame Zigarettenschachtel. In ihr war ein klapperndes Geräusch zu hören und als er sie öffnete, fiel ihm ein brauchbar aussehendes Feuerzeug in die Hand. Beim dritten Anlauf zündete eine kleine Flamme, die dem Raum zumindest eine Winzigkeit mehr Licht verlieh.
 


 

Es war genug um weitere leere Regale zu erkennen, die so angeordnet waren, dass sich drei schmale Gänge zwischen ihnen formten.Dazu gab es eine, für diesen Laden merkwürdig fehl am Platz wirkende Schaufensterpuppe und hinter dieser eine Tür, mit einem Notausgangsschild. Die Batterie musste vor Ewigkeiten den Geist aufgegeben haben, sodass das Schild nicht mehr leuchtete und nur noch gerade so zu erkennen war. Als er näher trat, begannen sich seine Nackenhaare zu sträuben und er verspürte einen starken Widerwillen weiter zu gehen. Etwas in seinem Hinterkopf warnte ihn und eine plötzliche Bewegung der Schaufensterpuppe machte auf einen Schlag klar, wovor. Es war das Geschöpf aus seinem Alptraum. Der Gedanke, das Bewusstsein verloren zu haben, drängte erneut auf ihn ein. Würde er wieder einfach aufwachen, wenn ihm etwas zustieß?
 


 

Er entschloss sich, diesen Gedanken nicht auf die Probe zu stellen und trat vorsichtig zurück. Die Kreatur schien ihn nun endgültig bemerkt zu haben und folgte ihm mit unbeholfenen Schritten, schien aber diesmal aufmerksamer zu sein, als sein Traumäquivalent. Mehr Absicht lag in den Bewegungen und vermittelte Damian das Gefühl, einem wachen Verstand gegenüber zu stehen.
 


 

Er wich weiter zurück, um die Regale zu umrunden und so, ohne Konfrontation, die Tür zu erreichen. Das Geschöpf, vor ihm, hielt inne, folgte seinen Bewegungen nur noch mit dem Oberkörper. Ohne Warnung warf es sich heftig zu den Seiten und stieß damit krachend die Regale um. Über diese zu klettern würde ihn weit offen für einen Angriff lassen, weshalb es nun keine Möglichkeit mehr gab, die Tür ohne direkte Konfrontation zu erreichen.
 


 

Der Rückzug in den Hauptraum wäre eine Möglichkeit gewesen. Dieser bot vor dem Tresen eine größere, offene Fläche. Doch wenn das Geschöpf die gleichen Fähigkeiten, wie in seinem Traum hatte, wäre es in der Lage, auch größere Abstände mit plötzlichen Bewegungen zu überwinden. Dann würde er in der Falle sitzen. Mit dem Rücken zur Tür, hinter der es nur einen Bodenlosen Abgrund gab. Und diesen Kreaturen auszuweichen, hatte ihm bisher nichts Gutes eingebracht.
 


 

Inzwischen von seinem Gepolter erholt, trat es wieder einen Schritt näher. Ohne weiter drüber nachzudenken, entschloss Damian sich, es diesem Geschöpf gleich zu tun und stürmte vorwärts, prallte während deren nächsten Schritt, gegen die Kreatur, ließ sie damit endgültig das Gleichgewicht verlieren und riss sie mit sich zu Boden. Ein widerliches Geräusch brechender Knochen war zu hören und Damian stellte erleichtert fest, dass er selbst unverletzt geblieben war. Das Ding unter ihm wand sich hilflos und noch immer Stumm, nur das Geräusch zerrenden Leders bei seinen Bewegungen erzeugend. Eines seiner Beine war dabei Schrecklich verdreht und seine Bewegungen wirkten panisch und noch einiges unkoordinierter als vorher. Es warf den Kopf nutzlos hin und her, versuchte die festgewachsenen Arme zu bewegen und das unverletzte Bein schlug wild, im sinnlosen Versuch Halt zu finden, umher.
 


 

Das Feuerzeug ging beim Aufprall verloren und die Flamme war erloschen. Wenn Damian nicht herausfinden wollte, ob dieses Ding sich nicht doch noch einmal aufraffen konnte, blieb keine Zeit, es zu suchen. Dennoch wusste er, wo sich die Tür befand und stürmte darauf zu. Mit einem Schlag knallte sie auf und gab den Blick auf eine schmale Treppe abwärts frei. Gelegentliche Lampen erleuchteten den Abstieg genug, um zu sehen, dass sich zwischen den Stufen nichts befand. Genau wie vor dem Laden ging es darunter einfach in die Tiefe. Das Geräusch schlagender Hämmer war wieder zu hören und die rechte Wand war von ineinandergreifenden Zahnrädern gesäumt.
 


 

Damian wollte den ersten Schritt abwärts machen, diesen Raum hinter sich lassen, doch das verzweifelt über den Boden kratzende Geräusch, ließ ihn sich noch einmal umdrehen und beinahe so etwas wie Mitleid in ihm aufsteigen. Die Kreatur hatte eindeutig versucht, ihn anzugreifen, doch sie so hilflos und offensichtlich panisch zurück zu lassen fühlte sich ebenfalls nicht richtig an. Doch alles, was er für dieses Geschöpf tun konnte, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, war es von seinem Leiden zu befreien.
 


 

Mit einem kräftigen Tritt ins Genick, begleitet vom grauenhaftesten Geräusch brechender Knochen und reißenden Fleisches, fand das Geschöpf sein Ende. Damian machte einen Schritt rückwärts und der blutige Schuhabdruck, den er dabei hinterließ, ließ keine Illusionen darüber zu, was er gerade getan hatte. Das Geschöpf war kein Mensch gewesen, aber dennoch menschenähnlich genug, um ein Gefühl tiefer Übelkeit in ihm auszulösen. Ein trockenes Würgen drängte sich, mit dem Beigeschmack von Galle auf und er hastete zurück zur Treppe.
 


 

Der Blick hinab ließ ihn jedoch erneut zögern. Zwischen dem Drang, diesen Raum so schnell wie möglich zu verlassen, und dem Widerwillen, diese Treppe zu betreten, hin und her gerissen, machte er sich an den Abstieg und jeder Schritt knarrte gefährlich, unter seinen Füßen. Vorsichtig testete er jede einzelne Stufe, bevor er ihr sein ganzes Gewicht anvertraute.
 


 

An einigen Stellen waren so viele Lampen entweder defekt, oder fehlten komplett, dass er nicht einmal die Stufen unter sich sehen konnte. Starr richtete er seinen Blick vorwärts, auf die nächste, scheinbar endlos weit entfernte Lichtquelle fokussiert und weigerte sich hinab zu blicken. Er konnte nicht sehen, ob er halt finden würde, oder sein Schritt einfach ins Leere ging, um ihn in die Tiefe zu ziehen. Erst der Widerstand, unter seinem Fuß und das Geräusch, von einem Tritt auf Metall, verrieten ihm jedes mal aufs Neue, dass er für einen weiteren Schritt sicher war.
 


 

Ohne Möglichkeit die Zeit zu messen, und sich beinahe Zentimeterweise voran arbeitend, kam ihm der Weg endlos lang vor und er konnte nicht sagen, wie weit hinab ihn dieser Weg geführt hatte, als er endlich eine weitere Tür erblickte. In großen geschmierten Buchstaben standen zwei Worte darauf geschrieben.
 


 

HILF MIR!
 


 

Die Tür selbst hatte keine Klinke, gab jedoch schon bei einem leichten Schieben nach.
 

Augenblicklich fluteten dichter Nebel und ein Helles Licht, das Damian die Augen zusammenkneifen lies, den Raum. Er trat hinaus und befand sich auf der Straße. Alles schien wieder normal. Er wollte sich umdrehen, sehen ob das gerade erlebte hinter ihm wirklich real gewesen war, doch bevor er diesen Gedanken umsetzen konnte, fiel die Tür krachend ins Schloss. Und obwohl sie sich gerade so leicht öffnen lies, war sie nun fest verschlossen und rührte sich keinen Millimeter.
 

So blieb das kleine Buch in seiner Tasche der einzige Beweis dafür, dass irgendwas von alledem wirklich passiert war.
 


 

Ein Blick auf ein Straßenschild verriet ihm, dass er sich noch immer, oder eher wieder, auf der Hauptstraße befand. Seinem ersten Instinkt folgend, rief er laut und wider aller Hoffnung:
 


 

„Jake! Jake, kannst du mich hören?“
 


 

Der Nebel blieb ihm eine Antwort schuldig. War sein Sohn ebenfalls an einem anderen, dunklen Ort gefangen? Oder war er weiter gegangen? Was hätte Jake in dieser Situation von ihm erwartet? Sollte er zurück zum Wagen gehen? Das erschien ihm wenig sinnvoll, da beide das Ziel kannten: das Brookhaven Hospital in Silent Hill. Wenn sie sich aus den Augen verloren, war es das vernünftigste, sich dort zu treffen.
 


 

Der Nebel lichtete sich für einen kurzen Augenblick minimal, aber genug um ein weiteres, größeres Schild erkennen zu lassen. Der Name auf dem Schild war durchgestrichen, aber dennoch gut zu lesen:
 


 

Silent Hill – 2 Meilen

Der Wald

Ein kleiner Asphaltbrocken löste sich unter Damians Füßen und kullerte den Hang hinab, um gerade noch sichtbar, mit einem leisen Platschen im Wasser zu verschwinden. Der Nebel wurde immer dichter, je tiefer er der Straße in den Wald folgte und verschlang praktisch alles. Den Dingen, die Damian in seiner direkten Umgebung noch erkennen konnte, wurde jegliche Farbe ausgesaugt und sie wurden in einem trüben Grau zurückgelassen. Die Straße unter ihm unterschied sich kaum von einem Blick geradeaus und er war nur schwer in der Lage zu unterscheiden, wo der Boden endete und der Nebel anfing.
 

So wäre er auch, praktisch blind, beinahe direkt in den Abgrund gelaufen, als der Weg vor ihm ein jähes Ende fand. Etwa auf halber Strecke zwischen Scottsdale und Silent Hill sollte eine Brücke über einen Zuläufer des Toluca Kanals führen, doch diese fehlte schlicht. Das Ende der Straße sah wie abgerissen aus und bröckelte unter ihm etwa fünf Meter in die Tiefe.
 

Damian fischte eine grobe Umgebungskarte aus seiner Jackentasche und suchte nach anderen Möglichkeiten zur Überquerung, fand in den von der Karte gezeigten Abschnitten aber keine weiteren Brücken, oder ähnliches. Er bereute es, keine genauere Ortskarte gekauft zu haben. Sicher hätte er eine im Laden in Scottsdale kaufen können, hatte in dem Augenblick aber nicht daran gedacht, oder auch nur damit gerechnet eine brauchen zu können. Kurz hatte er auch überlegt, einfach hinab zu klettern und hinüber zu schwimmen, aber etwas hielt ihn zurück.
 

Im Wasser waren keine Überreste der Brücke zu sehen. Es gab keine Strömung, die stark genug gewesen wäre, um Schwere Metallträger weg zu spülen und das Wasser sollte eigentlich nicht so tief sein, dass alle Überreste gänzlich darin versunken sein konnten. Bei genauerem Hinsehen konnte er erkennen, dass das Wasser sogar völlig still zu stehen schien. Auch ein Blick auf die andere Seite blieb ihm verwehrt. Nicht einmal die Umrisse des anderen Ufers waren zu erkennen. Es war so, als würde die Realität, wie er sie kannte, an diesem Punkt enden und sich ein Meer, statt des kleinen Kanalzulaufes vor ihm auftun.
 

Der Gedanke schien schwachsinnig, aber nichts von diesem Anblick ergab einen Sinn. Wie konnte ein Kanalzulauf gar keine Strömung haben? Warum war die andere Seite nicht auch nur zu erahnen? Wo waren die Überreste der Brücke hin? Es kam ihm vor, als würde er auf das Ufer eines endlosen toten Ozeans starren, bei dem es keinen Unterschied machte, ob er bis ans Ende seiner Kräfte, oder ans Ende der Zeit schwamm. Falls ihn nicht vorher etwas in die Tiefe zog. So widersinnig der Gedanke auch schien, rieten ihm die jüngsten Ereignisse zur Vorsicht. Und während der letzten Stunden hatte er gelernt, seinem Bauchgefühl mehr zu vertrauen, als seiner Vernunft.
 

Dem Flusslauf in Richtung Süden folgend, würde es keine weiteren Brücken geben, bevor der Strom auf den Toluca Kanal stieß und damit keine Möglichkeit bieten, auf die andere Seite zu kommen. In Nördliche Richtung müsste er aber irgendwann auf die Eisenbahnbrücke der alten Strecke vom Sägewerk treffen, die er vor vielen Jahren passiert hatte. Falls sie noch stand.
 

Zu seiner linken lag ein Straßengraben, in dem sich ein kleiner Bach, oder eher ein Rinnsal träge seinen Weg bahnte und in einer Kaskade die steinige Klippe hinab rieselte. Mit einem beherzten Sprung überwand Damian den Graben, glitt aber auf der anderen Seite im feuchten Gras aus und rutschte den Graben hinab, wo er mit einem leisen Platschen im flachen Wasser landete. Der leichte Strom des Wassers umspülte seine Füße und zogen dünne, rote Blutspuren von seinem rechten Schuh und der Anblick beendete jede aufkeimende Frage, ob die Ereignisse aus dieser Nachtwelt wirklich geschehen sein konnten.
 

Mühsam arbeitete er sich, beinahe auf allen Vieren kriechend und an Grasnarben festhaltend, wieder heraus. Er wollte gerade wieder aufstehen und sich den Dreck von der nassen Hose wischen, als er frische Abdrücke im matschigen Boden entdeckte. Es waren nicht die langgezogenen Furchen im Dreck, die er durch seine verpatzte Landung gezogen hatte, sondern mussten zu jemand anderem gehören. Die Frage, ob Jake sich wirklich nach Silent Hill begeben hatte, oder ob Damian falsch gehandelt hatte, als er nicht zum Wagen zurückgekehrt war, schien damit beantwortet. Damian war kein Fährtenleser, aber die Größe und Tiefe der Abdrücke kamen ihm richtig vor, um zu seinem Sohn gehören zu können.
 

Mit einem schweren Ächzen rappelte er sich auf und versuchte den Spuren zu folgen, was sich als zunehmend schwierig erwies. Jake musste, genau wie Damian, über den Graben gesprungen sein und hatte deshalb tiefe Abdrücke im feuchten Boden hinterlassen, die gut erkennbar waren. Dann mit deutlich leichterem Schritt, verliefen sie sich bald auf dem grasbewachsenen Untergrund und waren nach nur wenigen Schritten gar nicht mehr auszumachen. Damian seufzte enttäuscht, fühlte aber dennoch eine Welle der Erleichterung über ihn gleiten. Selbst wenn er Jake so nicht direkt folgen konnte, war es doch ein Beweis, dass er hier gewesen war. Und sein Weg konnte ihn auch nur in eine Richtung geführt haben.
 

Mit neuer Zuversicht, seinen Sohn im Brookhaven Hospital zu treffen, machte er sich auf den Weg, die Augen stets nach einer Möglichkeit offenhaltend, den Fluss möglichst bald zu überqueren. Hätte er der eingestürzten Straße folgen können, hätte er laut seiner Karte kurz vor dem Ortseingang die Nathan Avenue dort erreicht, wo sie auf die Sandfort Street traf. Von dort aus, wäre es nur ein kurzer Fußmarsch zum Krankenhaus gewesen. Aber je weiter er sich nun von dieser Straße entfernte, desto schwerer wurde es vorher zu sagen, wo genau er rauskommen würde.
 

Eine weitere Sorge war die voranschreitende Zeit. Er blickte hinauf, konnte die Sonne aber nur gerade so als hellen Fleck im ewigen Grau erahnen. Es musste inzwischen früher Nachmittag sein und ihm würden maximal eine Handvoll Stunden bis zum Einbruch der Nacht bleiben.
 

Das Geräusch von Schritten ließ ihn abrupt stehenbleiben. Konzentriert lauschte er in die Umgebung hinein und es fiel ihm erst jetzt auf, dass der Wald still wie ein Grab war. Kein Vogelgesang, kein Blätterrauschen, nicht einmal die leiseste Brise. Genauso wenig, wie die Schritte, die er gerade zu hören geglaubt hatte. War es das Geräusch der eigenen Fußschritte, das ihn in dieser Totenstille erschreckt hatte? Ein Teil von ihm wollte nach der anderen Person rufen, doch er entschied sich, keinen Ton von sich zu geben. Es war unmöglich vorherzusagen, ob diese Schritte, wenn sie denn real waren, von einem Menschen stammten. Schlimmer noch: Sie mussten nicht einmal von einem Tier erzeugt werden.
 

Einige lange Augenblicke stand er einfach da, die Stirn in angestrengte Falten gelegt und sich mit geschlossenen Augen auf sein Gehör konzentrierend. Das Ergebnis blieb gleich. Kein Geräusch war zu hören. Mit einem Gefühl, das weder ganz Enttäuschung, noch Erleichterung war, öffnete er wieder die Augen. Ein Versuch sich umzusehen war sinnlos, also entschloss er sich weiter zu gehen, aber die Ohren offen zu halten. Gerade, als er sich in Bewegung setzen wollte, ertönten die Schritte erneut, diesmal zweifelsfrei nicht seine eigenen. Dennoch konnte er ihren Ursprung beim besten Willen nicht ausmachen, oder auch nur sagen, ob sie sich näherten, oder entfernten.
 

Zwei... Drei Schritte. Dann verstummten sie wieder. Das exzentrische Schritttempo und die unmöglich zu deutende Richtung verliehen dem ganzen einen unnatürlichen Charakter und ließen Damian sich mit erneuter Dringlichkeit in Bewegung setzen. Bei jedem Schritt verfluchte er still das Rascheln des Grases unter ihm und den pochenden Schmerz, der sich in seinem linken Knie ausbreitete. Auch wenn er es in dem Schreckmoment seines Sturzes nicht gemerkt hatte, musste er auf einen Stein geschlagen sein. Jetzt, wo er darauf achtete, fühlte sich das Hosenbein klebrig feucht und warm auf seiner Haut an. Der Schmerz, der ihm die ersten Meter nicht einmal aufgefallen war, nahm nun mit jedem Schritt an Intensität zu und würde über kurz oder lang sein Lauftempo beeinträchtigen.
 

Sein vermeintlicher Verfolger war erneut zu hören und wirkte diesmal deutlich hektischer. Damian hatte das Gefühl, als würde, was auch immer es war, einerseits vor ihm fliehen, sich aber auch gleichzeitig bereit machen, ihn von hinten anzufallen. Das von überall und nirgends auf ihn eindringende Geräusch setzte seinem Orientierungssinn, durch die mangelnde Sicht verstärkt, deutlich zu und ihn überkam ein Gefühl von Schwindel, das er nur mühsam niederkämpfen konnte. Die Sorge, um die von ihm selbst verursachten Geräusche aufgebend, verfiel er in einen eiligen Laufschritt, der jedes mal einen scharfen Schmerz sein Bein heraufzucken ließ, wenn er sein Gewicht darauf verlagerte.
 

Inzwischen war er sich sicher, dass der Ursprung der Geräusche nicht menschlich war. Die Sätze, die es im lauf machte, waren zu groß, für einen Menschen und wurden weder lauter, noch leiser, egal wie schnell oder langsam er sich gerade bewegte. Auf seinen Verfolger konzentriert und fast blind, hätte er beinahe ein, an einem Baum aufgespanntes Seil übersehen und kam abrupt vor diesem zu stehen.
 

Ein kurzer Blick bestätigte die Vermutung, dass das Seil über die Klippe und den Kanalzulauf führte. Zumindest so weit, wie er es erkennen konnte. Da es aber unter Spannung stand, ging er davon aus, dass es irgendwo auf der anderen Seite ebenfalls befestigt war. Damian erkannte mehrere Karabiner und Winden, die das etwa auf Schulterhöhe eingehende Seil, kurz über dem Boden wieder zurückführten. Es handelte sich offensichtlich um einen Seilzug, den die Holzfäller hier vor langer Zeit gespannt haben mussten, um schnell Werkzeuge und sicher auch den ein oder anderen ungeduldigen Arbeiter auf die andere Seite zu befördern.
 

Die Schritte ertönten wieder, noch immer ohne Richtung, doch mit deutlich hörbarer Eile. Hastig ergriff er das obere Seil und stellte beide Beine auf das untere, um es mit seinem Gewicht zu testen. Er Versuchte kurz darauf zu wippen und die Leinen spannten sich knarrend, doch die Konstruktion hielt. Ohne einen weiteren Gedanken an Sicherheit zu verschwenden, begann er sich seitwärts, den Seilzug entlang zu bewegen und nach wenigen Schritten, endete der Boden und er konnte den trügerisch ruhigen Fluss unter sich sehen.
 

Die Kluft war deutlich weiter als erwartet und er konnte das andere Ende auch nach mehreren Schritten nicht ausmachen. Plötzlich geriet das Seil heftig ins Schwingen und er musste sich mit aller Kraft festhalten. Etwas rüttelte am Seilzug, genau aus der Richtung, aus der er gerade kam. Er warf einen Blick zurück, doch der Nebel hatte die Stelle, an der er das Seil betreten hatte bereits verschlungen. Damian schien im Nichts zu hängen. Unter ihm nur das Wasser; vor und hinter ihm verschwand sein einziger Halt bereits nach Wenigen Metern aus seinem Sichtfeld und der einzig andere Beweis, dass noch irgendetwas anderes existierte, war das Rütteln am Seil.
 

Er glaubte einen gigantischen Umriss hinter sich zu erkennen, aber er war deutlich zu groß, um das ihm bekannte Monster zu sein. Es gab nicht einmal Sicherheit, ob es nicht nur ein Baum war, oder ein Trick des Lichtes. Das Rütteln war jedoch eindeutig real und Damian beeilte sich, wieder festen Boden zu erreichen. Widerwillig und zuerst nur Schemenhaft tauchte vor ihm das andere Ufer auf. Erst der Klippenrand, dann die Baumgrenze und direkt dahinter etwas, das wie eine Waldarbeiterhütte aussah.
 

Der rettende Boden war schon zum Greifen nahe, als das Seil hinter ihm riss und er gegen die Felskante knallte. Ein vorstehender Stein grub sich in seinen Magen und trieb ihm die Luft aus den Lungen. Gegen Schmerz und Atemnot ankämpfend, schlang er hektisch seinen Arm mehrfach um das nun schlaff herabhängende Seil, wickelte es so um diesen, was seinem Halt etwas mehr Sicherheit gab.
 

Es dauerte eine Ewigkeit, doch er schaffte den kurzen Aufstieg und rollte sich, endlich wieder auf festem Untergrund angekommen und um Luft ringend auf die Seite. Unter ihm ertönte das laute Geräusch, von etwas Großem, dass aufs Wasser aufschlug. Mit flach und stoßweise gehendem Atem, der Erstickungsangst in ihm aufkommen ließ, zog Damian sich an den Rand des Abgrunds und versuchte von dort aus etwas zu erkennen. Er lauschte auf Geräusche von Schlägen ins Wasser, das Bröckeln von Steinen irgendetwas, das auf eine weitere Verfolgung hindeuten können. Doch nichts kam.
 

Der Nebel lichtete sich für einen kurzen Moment genug, um die andere Seite wieder erkennen zu können und gewährte damit freien Blick auf das Wasser unter ihm. Keine einzige, sich kreisförmig ausbreitende Welle war zu sehen. Der Fluss war in völliger Ruhe und nichts deutete auf einen Einschlag auf der Wasseroberfläche hin. Was auch immer ihm hinterher gesprungen war, war in dem Augenblick verschwunden, als es in das Wasser eintauchte. So, als hätte es nie existiert.
 

Damian rollte sich auf den Rücken und kam allmählich wieder zu Atem, sich im Stillen für die Entscheidung dankend, nicht den Versuch zu schwimmen gewagt zu haben. Schwerfällig schleppte er sich zur Hütte und stieß die Tür auf, die knarrend nachgab. Drinnen zeigte sich ein einsames und verlassenes Bild. Die Luft roch abgestanden und Staub tanzte, von der aufgestoßenen Tür aufgewirbelt, durch das trübe licht. Jeder Schritt knarrte auf dem alten Holzboden und Werkzeuge, die schon Jahre keine Verwendung mehr gesehen hatten, reihten sich an den Wänden auf. Den traurigen Anblick ignorierend, schleppte er sich zum Bett. Die Federn quietschten unter der Matratze, als er sich darauf fallen ließ und Der Bezug lag unordentlich auf dem Bett verstreut; die Farbe von Jahren des Sonneneinfalls verblichen.
 

Sein Atem hatte sich noch immer nicht ganz beruhigt und der Schmerz in seinem Knie erlaubte kaum einen weiteren Schritt. In diesem Augenblick fühlte er sich unglaublich alt und gebrechlich.
 

„Das neue 30...“
 

brachte er mit angestrengt kratzender Stimme hervor und schnaubte seine Verärgerung über sich selbst hinaus.

Damian wusste, dass er eigentlich noch einmal aufstehen musste. Die Tür, durch die das Trübe Licht gemeinsam mit dem Nebel hereinsickerte schließen, besser noch verbarrikadieren, aber für den Augenblick war ihm das egal. Eine Schwere legte sich auf seinen Geist, die sich viel mehr anfühlte, als würde er das Bewusstsein verlieren, statt einzuschlafen. So als würde der langsam in das Haus wabernde Nebel gleichzeitig auch in seinen Verstand kriechen.
 

In wenigen Minuten würde er weitermachen. Dem Fluss auf dieser Seite zurück zur Straße folgen und dann in Silent Hill ankommen, dort seinen Sohn treffen, Abigail finden und sie würden diesen Alptraum gemeinsam hinter sich lassen. Mit diesem Gedanken, umfing ihn die Dunkelheit, noch bevor sich seine Augen ganz geschlossen hatten.
 

Plötzlich riss er die Augen auf und war auf einen Schlag wieder wach. Die Sonne war inzwischen untergegangen und er war von Dunkelheit umgeben. Nein, das war nicht richtig. Instinktiv wusste er, dass die Dunkelheit nicht an der vergangenen Zeit lag. Die Luft fühlte sich anders an. Statt alt und abgestanden, war sie feucht und modrig. Er wusste, dass er nicht lang geschlafen hatte. Das knie und sein Oberkörper schmerzten noch immer. Er war wieder an dem anderen Ort.Beinahe wäre er aus dem Bett gesprungen, auf dessen grünschimmeligem Laken er gelegen hatte und das rostige Gestell ächzte. Die explosionsartig in ihm aufgestiegene Anspannung ebbte wieder ab, als er festen, wenn auch verrotteten Holzboden sah. Kein Bodenloses Loch wartete darauf, ihn abstürzen zu lassen. Dennoch hatte der Ort sich sonst gänzlich verändert. Die Fenster waren verbarrikadiert und der Gestank von feuchtem Schimmel und Verfall drängte geradezu in seine Nase.
 

In nahezu völlige Dunkelheit gehüllt, tastete Damian sich Schritt für Schritt vorwärts, die Arme wie blind ausgestreckt, schlurfte er durch den Raum, dahin, wo seiner Erinnerung nach die Tür war. Wenn seine Vermutung stimmte, würde ihm das öffnen der Tür wenig bringen, da ihn draußen ur eine stern- und mondlose Nacht erwarten würde. Auf halbem Weg durch den Raum, stieß er mit dem Fuß gegen ein Tischbein und stieß dabei etwas vom Tisch, das metallisch klappernd und mit dem Geräusch von splitterndem Glas zu Boden ging. Er beugte sich vor und die sich langsam an die Dunkelheit gewöhnenden Augen konnten eine alte Karbidlampe erkennen. Derartige, häufig im Bergbau verwendete Lampen mussten früher in dieser Gegend normal gewesen sein. Dennoch wurden sie seit den späten 20ern kaum mehr verwendet, da sie dazu neigten, Feuer zu fangen und bestialisch stanken.
 

Damian erinnerte sich, als Kind einmal eine in der Hand gehabt zu haben, als er mit seiner Familie ein historisches Bergwerk besucht hatte. Er hatte sie nicht richtig angefasst und hätte sich beinahe die Hand verbrannt, als eine Flamme aus der Lampe schlug. Mit einem lauten Schrei hatte er sie fallen gelassen und seine Mutter kam besorgt angelaufen, während sein Vater gelacht hatte. Das Feuer hatte ihn kaum berührt und außer einer roten Hand und dem Schrecken war nichts geschehen. Seine Mutter hatte dem weinenden Jungen über den Kopf gestreichelt und gesagt
 

„Dimi, was machst du nur?“
 

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann ihn jemand zum letzten mal Dimi genannt hatte.
 

Vorsichtig hob er die Lampe auf und betrachtete sie, mit zusammengekniffenen Augen. Die Scheibe war durch den Sturz gesprungen. Darauf bedacht, sich nicht zu schneiden öffnete er den Verschluss und betätigte den Zünder. Nichts geschah. Er versuchte es nochmal, aber die Lampe blieb dunkel. Sie war zu schwer, um komplett leer zu sein und Damian schüttelte sich leicht, um zu hören, ob noch Steine im Karbidbunker waren. Dem Klang nach zu urteilen, waren noch mehrere Steine vorhanden und er schätzte, dass der Bunker noch halb voll war. Warum funktionierte es also nicht? In der Dunkelheit wollte er die Lampe nicht öffnen. Zum einen wusste er nicht, ob er sie wieder zusammensetzen konnte. Zum anderen würde er die kleinen Steinchen nie wiederfinden, wenn sie zu Boden fielen. Er hätte auch nicht die leiseste Idee gehabt, nach welchem Fehler er suchen sollte.
 

Seine Finger tasteten auf der Oberfläche nach einem zweiten Mechanismus, etwas das beim Zünden helfen würde, fanden aber nichts dergleichen. Stattdessen stieß er auf einen kleinen Schraubdeckel, für einen darunterliegenden Tank. Brauchte er Lampenöl? Nein, das war Unsinn. Wozu dann die Steine, wenn sie wie jede Sturmlaterne ölbetrieben war? Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Wasser! Ganz normales Wasser das auf die Karbidsteine tropfen und durch chemische Reaktion ein brennbares Gas erzeugen sollte.
 

Damian fand zwar ein winziges Waschbecken im Raum und der rostige Griff drehte sich auch widerwillig unter seiner Hand. Dennoch träufelten nur ein paar Tropfen faulig riechendes Wasser in den kleinen Tank. Als er die Ventilschraube öffnete, war er dankbar, ein leises Zischen, aus dem Inneren zu hören. Erneut betätigte Damian den Zünder und beim dritten Anlauf zündete tatsächlich eine kleine Flamme. Sie war nicht besonders hell und das Metall des Reflektors war über die Jahre matt geworden, wodurch die Lichtabstrahlung nicht mehr besonders stark war. Dennoch war es alles was er hatte und es war ihm deutlich lieber, als die Alternative, nicht nur wehrlos, sondern auch völlig blind durch den Wald zu irren.
 

Das Licht reichte aus, um die kleine Hütte schwach zu beleuchten und bei der Suche nach irgendetwas, das er als Waffe verwenden konnte zu helfen. Zuerst stieß er auf eine alte Kettensäge. Auch sie war noch aus Vorkriegszeiten. Ein Modell, wie es selbst zu seiner Zeit im Sägewerk nur noch als Erinnerungsstück an einer Wand hängend gesehen hatte. Schwer, unhandlich, und was noch schlimmer war: Nur von zwei Personen zu bedienen, was sie als Waffe völlig nutzlos machte. Selbst wenn er brauchbares Benzin dafür gefunden hätte. Stattdessen zog die Kleine Handaxt an einer Wandhalterung, direkt neben der Säge, seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie war fleckig vor Rost und der Holzgriff wurmstichig, aber mit etwas Kraft geschwungen, würde sie noch immer eine gute Verteidigungsmöglichkeit bieten.
 

Er nahm sowohl die Axt, als auch den darunterhängenden, ledernen Beilhalter und befestigte ihn an seinem Gürtel. Es war bei weitem nicht die bestmögliche Ausrüstung, aber Licht und Waffe verliehen ihm ein stärkeres Gefühl von Sicherheit, als er es seit seinem ersten Besuch dieser Welt erlebt hatte. Langsam öffnete er die Tür mit dem Handrücken und trat hinaus in den Wald.
 

Wie erwartet, hatte sich die Umgebung deutlich verändert. Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war dass der Fluss komplett verschwunden war. Nichtmal ein Flussbett, oder auch nur eine Schneise im Boden. Nur in alle Richtungen der gleiche Anblick, toter, knorriger Bäume, die sich ein paar Meter vor ihm erstreckten und dann jenseits des Lampenscheins in der Dunkelheit verschwanden. Vom schwarzen Himmel fiel ein leichter Regen und trommelte auf den trichterförmigen Metallreflektor der Lampe. Er öffnete den Deckel in der Hoffnung, einige Regentropfen im Tank aufzufangen, machte einige vergebliche Schritte, um den Flusslauf vielleicht doch noch zu sehen und versuchte, nachdem er nichts gefunden hatte, sich trotzdem irgendwie zu orientieren.
 

„Okay...“
 

Er sprach mit gedämpfter Stimme, auch wenn die Lampe eh jedem seine Position verraten würde. Es war niemand da, dem er seine Gedanken mitteilen konnte, aber er wollte eine menschliche Stimme hören, auch wenn es nur die eigene war.
 

„Die Tür zeigte vorher in Richtung des Kanals, also Westen.“
 

Mit dem Haus im Rücken blickte er nach links und hielt die Lampe hoch, um etwas mehr zu erkennen.
 

„Wenn ich nach Süden gehe, könnte ich auf die Straße stoßen. Wenn die Richtung stimmt. Und wenn sie hier überhaupt existiert.“
 

Er drehte sich um und versuchte am Haus vorbei zu sehen.
 

„Im Osten liegt die Stadt in ca. einer Meile Entfernung. Und von der Stadt muss auch hier irgendetwas existieren. Eine Möglichkeit wieder zurück zu kommen. Oder?“
 

Damian seufzte schwer und schüttelte den Kopf. Niemand hätte ihm auf diese Frage antworten können und er kam sich albern vor. Dennoch half der Klang seiner Stimme ihm dabei, die angespannten Nerven zu beruhigen. Er entschied sich für Osten und ging an der Hütte vorbei. Der Schmerz hatte inzwischen nachgelassen, war aber noch immer präsent genug, um das andere Bein im Lauf dominant sein zu lassen. Ohne Orientierung würde er also bald im Kreis laufen und er entschied sich, ein drei-Punkte System zu nutzen. Er lehnte sich mit dem Rücken flach an die Hütte, bis beide Schultern die Wand berührten und blickte genau geradeaus. So schritt er an der Wand entlang, bis er eine mehr oder weniger gerade Linie aus drei Bäumen fand. Dieser folgte er zum ersten Baum und suchte dann nach einem neuen, der in einer Linie mit den anderen beiden war. Auch wenn er mehrmals Seitenschritte machen oder weiter vorlaufen musste, funktionierte das System und er vermutete gute Fortschritte zu machen.
 

Das Geräusch brechender Zweige ließ ihn herumfahren und eine Kreatur in das Licht der Lampe tauchen, die außer grotesk zu sein, nichts mit dem ihm bereits bekannten Wesen gemein hatte. Es war deutlich größer als er und ragte trotz seiner vorgebeugten Haltung weit über zwei Meter auf. Vereinzelte lange, weiße Haarsträhnen, hingen von seinem gesichtslosen Kopf herab und waren so dünn, dass das Licht direkt durch sie hindurch schien und den ausgedorrten Schädel der Kreatur unter der kränklich lilanen Kopfhaut beleuchtete. Die eigene Haut war ihm zu weit und hing in Falten, wie ein übergroßes Nachthemd, von seinem Körper herab. Seine Arme wirkten eher wie Vorderläufe, die trotz mehrerer Gelenke Knorpelig und starr vom Körper abstanden. Weil es die Arme offensichtlich nicht bewegen konnte, musste es den Oberkörper mit ruckartigen Bewegungen anheben, sodass die Arme weiter vorn wieder auf den Boden stampften und es die zittrig schlurfenden Beine nachziehen konnte.
 

Langsam und darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, öffnete Damian den Verschlussriemen des Beilhalters und hob die Kleine Axt, bereit zum Kampf. Würde er jetzt rennen, hätte er das bisschen Orientierung, das er sich mühsam aufrecht erhalten hatte, bereits nach wenigen Schritten verloren. Ebenso würde die winzige Flamme mit ziemlicher Sicherheit erlöschen und ihn in kompletter Finsternis zurücklassen. Es blieb also nur, sich dieser Kreatur zu stellen. Glücklicherweise schien dieses Geschöpf aber genauso wenig an einer Konfrontation interessiert zu sein, wie er selbst. Wenn es überhaupt Notiz von ihm nahm, zeigte es das nicht und schlurfte einfach ziellos weiter. Langsam ließ Damian die Axt sinken und sah diesem Ding noch lang, nachdem es aus dem Lichtkegel verschwunden war nach.
 

Doch bevor er sich wieder auf den nächsten Baum in seiner Orientierungslinie fokussieren konnte, brach ein weiteres Monster aus der Dunkelheit hervor, dem letzten in Aussehen nahezu identisch, doch dieses Ding wütete wild umher. Es stampfte und richtete den Oberkörper auf, um mit den starren Armen nach ihm schlagen zu können. Im letzten Moment konnte er zurückweichen und so verhindern, vom Niederstampfen der Kreatur zermalmt zu werden, ließ dabei jedoch die Taschenlampe fallen.
 

Er flehte die aufschlagende Lampe an, nicht auszugehen und tatsächlich flackerte die Flamme zwar, erholte sich aber wieder. Das tobende Geschöpf schien derweil alles Interesse an ihm verloren zu haben und versuchte mit unbeholfenen Tritten, die Lampe zu zerschmettern. Auch wenn die letzte Kreatur das Licht gar nicht zu bemerken schien, reagierte diese extrem aggressiv darauf. Mit einem schnellen schlag der Axt, zersplitterte einer der Arme, mit einem Geräusch, das an vertrocknetes Holz erinnerte und das Geschöpf fiel stöhnend zur Seite. Dunkles Blut sickerte zähflüssig aus der Wunde, während die Kreatur verzweifelt wieder auf die Beine zu kommen versuchte. Mit einigen weiteren Schlägen, jeder begleitet vom Geräusch splitternder Zweige, setzte Damian auch diesen Bewegungen ein Ende.
 

Er stützte sich mit den Händen auf den Knien ab, was ihn mit einem jähen Schmerz wieder an seine Verletzung erinnerte und atmete tief durch. Adrenalin und Anstrengung ließen sein Herz bis zum Hals schlagen, während das nächste Monster, auf ihn zu kam. Doch als Damian die Lampe aufhob und es anleuchtete, zeigte es sich irritiert, machte kehrt und stapfte und schlurfte in die Dunkelheit davon. Im Laufe seines Weges musste Damian immer wieder feststellen, wie unvorhersehbar diese Kreaturen sich verhielten. Einige schlurften friedlich an ihm vorbei, andere schienen sich völlig orientierungslos im Kreis zu bewegen, und wieder andere verhielten sich aus den unterschiedlichsten Gründen aggressiv. Sei es das Licht seiner Lampe, das Geräusch seiner Schritte, oder seine bloße Anwesenheit.
 

Der Schlag eines, sich aufbäumenden Monsters, schickte ihn zu Boden. Blut lief warm seine Stirn herab, als er benommen wieder auf die Beine kam und beeinträchtigte seine Sicht noch mehr, als es ihm ins Auge lief. Das Bild vor seinen Augen verschwamm zunehmend und er drohte das Bewusstsein zu verlieren. Kampf war in diesem Zustand keine Option und er musste fliehen. Blindlinks stürzte er los, an der überrumpelten Kreatur vorbei, die mit ihren ungeschickten Bewegungen keine Chance hatte, ihn wieder einzuholen.
 

Er stürzte geradezu aus der Baumgrenze heraus und realisierte dabei weder bewusst, dass er den Wald hinter sich gelassen hatte, noch dass er das Tor eines Maschendrahtzauns mit einem lauten Rasseln aufstieß. Erst als er auf ein Gebäude zuhielt, sickerte der Ortswechsel langsam in seinen Verstand ein. Es war eine Sägemühle und eine wage Erinnerung verriet ihm, dass sich eine am Stadtrand von Silent Hill befand.
 

Mit seinem ganzen Gewicht stürzte er gegen die Tür, die laut aufflog und kaum über die Schwelle, landete er auf allen Vieren. Erschöpft und mit ausgelaugt rebellierendem Geist trat er die Tür hinter sich zu, bevor er zur Seite kippte und auf dem Rücken zu liegen kam. Das warme Licht der Frühen Abendsonne fiel auf sein Gesicht, während er die sich über ihm drehende Decke anstarrte.
 

Er hatte es geschafft. Nicht nur hatte er die Nachtwelt hinter sich gelassen, er hatte auch endlich die Stadtgrenze erreicht. Er wischte sich das Blaut aus dem Auge und versuchte die Benommenheit weg zu blinzeln, die Konturen zurück in seine Umgebung zu zwingen. Für einen Augenblick glaubte er erneut, eine in großen, eilig geklecksten Buchstaben an die Decke geschriebene Nachricht erkennen zu können, bevor auch diese mit der Umgebung verschwamm. Als sein Blick wieder klar wurde, war sie bereits gänzlich verschwunden, sodass er sich nicht sicher sein konnte, ob sie überhaupt existiert hatte, oder nur Einbildung war.
 

Endlich erlaubte er seinem Körper, sich zu entspannen und gab seinem Herzschlag die Chance, sich wieder zu beruhigen. Er sackte auf dem Boden liegend in sich zusammen und holte tief Luft. Einige lange Augenblicke blieb er einfach so liegen, bevor er sich stöhnend wieder aufrappelte. Er war so nah am Ziel und konnte nun nicht aufgeben, egal wie verlockend ein tiefer Schlaf in diesem Augenblick auch gewesen sein mochte. Nur noch wenige Schritte, dann würde er am Brookhaven Hospital ankommen und dort würde dieser Alptraum ein Ende finden.
 

Dennoch rang der Zweifel, mit seiner Hoffnung, um die Oberhand. Konnte es wirklich so leicht sein? War irgendetwas an diesem Tag leicht gewesen? Er schüttelte den Gedanken wütend ab und machte sich auf den Weg.
 

Die Nachricht an der Decke, die fünf Worte, ob sie nun wirklich existiert hatten, oder nicht, hatte er inzwischen komplett vergessen gehabt.
 

„LASS IHN MICH NICHT FINDEN!“

Relikte

Die Stadt schien ungewöhnlich kalt, für den frühen Herbst und Damian zog die Jacke enger. Adrenalin hatte ihm dabei geholfen, seine Müdigkeit zu unterdrücken. Aber nun, die leere Straße entlanglaufend, kehrte sie mit aller Macht zurück und ließ ihn die klassischen Symptome der Erschöpfung durchleben. Seine Augen brannten, als hätte er Sand in sie hinein gerieben. die Hände froren, obwohl er sie tief in den Jackentaschen vergraben hatte, was für einen niedrigen Blutdruck sprach. Und abgesehen von der immer wieder verschwimmenden Sicht, die ihn mehrmals anhalten und sich die Augen reiben ließ, breitete sich in seinem Kopf ein Gefühl von Schwere aus, die von einem dumpfen Schmerz begleitet wurde.
 

Wie lang war er nun schon auf den Beinen? Es mussten sicher an die 40 Stunden sein, wenn er die kurzen, unbequemen Augenblicke im Leuchtturm und in der Waldhütte nicht mitzählte. Die Aussicht in dieser Stadt zu übernachten erfüllte ihn mit einer Angst, die sich im Laufe des Tages als alles andere, als irrational herausgestellt hatte. Was er noch am Morgen Aberglauben genannt hatte, war inzwischen nur zu real. Und es konnte nur noch schlimmer werden. Scottsdale und Umgebung wurden zwar im Allgemeinen gemieden, doch die ganzen Geschichten hatten ihren eigentlichen Ursprung in Silent Hill. Die übrige Umgebung bekam nur die Residuen von alledem ab. Allein der Gedanke, ließ es ihm eiskalt den Rücken runter laufen. Was konnte noch kommen, wenn das bisher erlebte nur Abstrahlung aus dieser Stadt war? Und sie würden heute hier übernachten müssen.
 

Selbst wenn sie Abigail fanden... Nein. Selbst nachdem sie Abigail fanden, würde der Abend schon vorangeschritten sein und eine Nachtwanderung durch die Caldecotte Woods lud die Katastrophe praktisch ein. War es vielleicht wirklich ein Fehler gewesen, sich Jake aufzudrängen? Das Herz wurde ihm bei diesem Gedanken schwer, doch er konnte ihn nicht vermeiden.
 

Seit dem Vormittag tat er nichts anderes, als dem Schatten seines Sohnes hinterher zu laufen. Hatte er Abigail vielleicht sogar schon gefunden und längst eine Chance gehabt, sie in Sicherheit zu bringen? Eine Chance, die verstrichen war, weil Jake nun nach seinem Vater suchen musste? Damian fragte sich, ob er durch seine sture Beharrlichkeit alle in sinnlose Gefahr gebracht hatte.
 

Für gewöhnlich konnte er derartige Gedanken abschütteln, aber diesmal wollte es ihm einfach nicht gelingen. Aus diesem Grund verpasste er auch beinahe die Abzweigung, die sich rechter Hand von ihm, aus dem vom Abendlicht rot gefärbten Nebel schälte. Wie angewurzelt blieb er stehen und starrte auf das Straßenschild: Carroll St.
 

Das war es. Nur etwas weiter die Straße herab, würde er das Brookhaven Hospital finden. Sein Schritt wurde zusehends schneller, bis er in einen Laufschritt verfiel. Nach wenigen Momenten erblickte er die Grundstücksmauer, des Krankenhauses und kurz darauf die Kleine Treppe, die zum Eingang, mit dem großen, verblichenen Kreuz darüber führte. Er lehnte sich, um Atem ringend, gegen die Mauer und erlaubte sich zum ersten Mal ehrliche Hoffnung. Der bisherige, starrsinnige Optimismus, aus der Weigerung alternative Ausgänge auch nur in Betracht zu ziehen geboren, hatte schon längst Risse bekommen und begann, wie eine alte Fassade abzubröckeln. Doch nun war er am Ziel. Langsam stieg er die Stufen hinauf, legte die Hand bedächtig auf die Tür und zog.
 

Die Tür rührte sich keinen Millimeter. Egal ob er sich dagegen stemmte, oder daran zog; nichts änderte etwas am Ergebnis. Mut und Hoffnung sanken mit einem Schlag ins Bodenlose und er fühlte sich durch diese neue Hilflosigkeit noch um vielfaches erschöpfter, als vorher. Was hatte er auch erwartet? Dass er hereinspazieren würde, der netten Empfangsdame Abigails Namen gab und dann entspannt wartete, während sie ausgerufen wurde?
 

Die Türfenster waren mit schweren Gittern unterlegt, sodass selbst das Glas einzuschlagen nichts gebracht hätte. Und selbst wenn. Die Tatsache, dass er die Tür nicht aufgebrochen vorfand war doch Beweis genug, dass weder Jake noch Abigail hier waren.
 

Damian wandte sich von der Tür ab und sackte in sich zusammen, nicht mehr in der Lage, das eigene Körpergewicht zu tragen.Sein Kinn sank kraftlos auf die Brust und der Blick streifte seine Hände. Er ballte sie schmerzhaft zu Fäusten, öffnete sie wieder und konnte beim Anblick nichts als Enttäuschung und Ekel empfinden. Seine Hände waren immer stark. Vom ersten Augenblick an, als er seinen Sohn hoch hob, hatten seine Hände die Familie getragen. Es gab nichts, was diese Hände nicht schaffen konnten. Doch was nutzten sie ihm jetzt? Wann hatten sie zum letzten mal irgendwem genutzt? Das nutzlose Werkzeug, eines nutzlosen Mannes.
 

Ein Geräusch, auf dem Boden neben ihm, riss ihn aus seinen Gedanken. Ein leichter Windhauch ließ einen Papierfetzen flattern. Er war alt und verblichen, durch den Einfluss der Elemente, denen er zweifellos schon lang ausgeliefert war, weich und aufgequollen. Die Ecken waren abgerissen und ein Blick auf die Tür zeigte ihm Klebereste, wo der Anschlag einmal angebracht gewesen sein musste. Unmöglich konnte diese Nachricht ihm gelten. Dennoch rieb er sich die brennenden Augen und versuchte die blasse Schrift zu entziffern. Er traute sich nicht, das Blatt anzufassen, aus Angst auch das letzte bisschen aufgeweichte Farbe zu verwischen. Weit vornüber gelehnt, fast selbst auf dem Boden liegend, las er:
 

Sehr geehrte Patienten,
 

leider dauert die Renovierung des Krankenhauses weiter an und wird zum angekündigten Termin noch nicht abgeschlossen sein. Bitte wenden Sie sich an die Ridgeview Medical Clinic, oder in dringenden Notfällen an das Alchemilla Hospital.
 

Darunter stand noch eine Handgeschriebene Notiz:
 

Tina, ich hab dir die Sache in deinen Spind gelegt. Den Hausschlüssel kannst du dir bei Jerry in der Ridgeview Clinic holen. Vergiss bitte nicht, ihm den Schlüssel zurück zu bringen, wenn du fertig bist.
 

Ridgeview. Damian hatte nicht die leiseste Ahnung, wo das sein sollte.Seine Karte zeigte zwar Straßennamen, aber wenn er die richtige Straße nicht kannte, brachte ihm das herzlich wenig. Dennoch war es ein Anhaltspunkt.Etwas von dem aus er starten konnte. Dennoch fühlte er sich unendlich schwer, als er sich erhob. Die Hoffnung war verflogen und konnte nur noch durch seine längst zerfallende Starrsinnigkeit ersetzt werden.

'Großartig! Ein Hinweis, auf einen Hinweis. Und keine Ahnung, ob der auch nur in die richtige Richtung führt.'

So zynisch dieser Gedanke auch war, half er ihm dennoch dabei, sich noch einmal aufzuraffen. In den Jahren hatte er es geschafft, Bitterkeit in einen Motor zu verwandeln und dieses verquere Spiel hier weiter zu spielen war allemal besser, als die Verzweiflung, die ihn zu übermannen drohte und er schaffte es tatsächlich, sich in Bewegung zu setzen.
 

Die nächste Frage war nur, in welche Richtung er gehen sollte. In südliche Richtung lag der Stadtausgang. Gleiches galt für den Westen. Richtung Norden würde er über die Nathan Avenue, am Toluca Lake vorbei, in die Altstadt kommen. Blieb also noch der Osten, also war der Plan zurück zur Nathan Avenue, ihr in östliche Richtung folgen und darauf zu hoffen, ein Straßenschild zu finden.
 

Der Weg, zurück zur Hauptstraße streckte sich geradezu ins Unendliche. Noch mehr, als in Scottsdale hatte er das Gefühl von den leeren Fenstern beobachtet, oder direkt angestarrt zu werden. Nicht von etwas, das hinter den Fenstern lauern mochte. Sie selbst erschienen ihm wie leere, tote Augen, die ihm dennoch folgten, sein Scheitern stumm zur Kenntnis nahmen. Es war ein merkwürdig paranoides Gefühl. Eines von der Art, wie man es bekam, wenn man glaubte, Blicke im Nacken zu spüren. Doch wann immer Damian stehen blieb, um sich umzusehen, bekam er nur die verschiedenen Häuserfassaden zu sehen. Es schlurften zwar ein paar Kreaturen müde durch die nebelverhange Straße, zeigten aber allesamt kein großes Interesse an ihm. Statt dessen zog es seinen Blick immer wieder zu den Wänden, mit ihren vielen Augen. Beobachtend, aber doch Teilnahmslos. Wie ein Teil, eines gigantischen Wesens, das zwar lebte, aber keinen Verstand besaß. Etwas großes und mächtiges, das nicht in der Lage war, dieser Macht eine Richtung zu geben.
 

Sich in seine Gedanken vertieft weiter vorwärts zwingend, wich er den Kreaturen nahezu rein instinktiv aus, ohne groß von ihnen Notiz zu nehmen. Kurz bevor er auf die Hauptstraße einbog, geschah jedoch etwas derart unerwartetes, dass sein Verstand sich zuerst weigerte, es überhaupt zu registrieren, geschweige denn, es zu akzeptieren. Eine Gestalt saß vornüber gebeugt auf einer Bank und Damian wollte gerade die Straßenseite wechseln, um sie zu umgehen, als ihm sich genügend Details offenbarten, um ihn, wie vom Schlag getroffen, stehen bleiben zu lassen.
 

Dort saß ein Mensch auf der Bank. Definitiv nicht Jake, aber ebenso eindeutig auch kein Monster. Direkt vor ihm saß ein junger Mann. Zerzaustes, schmutzig blondes Haar. Wild zusammengewürfelte Kleidung, die wirkte, als wäre sie schlicht das erste gewesen, was er auf einem Kleiderhaufen gefunden hatte. Ungewöhnlich blasse Haut. Er lehnte sich vor, stützte die Ellenbogen auf seinen Beinen ab und war in ein Buch vertieft. Das sich ihm bietende Bild war so banal, so alltäglich, dass es hier gänzlich fehl am Platz wirkte. Dennoch wollte er die Gelegenheit, mit einem anderen Menschen zu sprechen, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Besonders nicht, wenn dieser ihm vielleicht helfen konnte. Er räusperte sich zögerlich und der junge Mann, blickte von seinem Buch auf, wobei Damian nicht eindeutig bestimmen konnte, ob sein Blick gelangweilt, oder genervt war. Unsicher ergriff er das Wort.
 

„Ah, hallo. Kannst du mir vielleicht helfen? Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Na ja, weniger verlaufen. Eher, dass ich nicht weiß, wo genau ich hin muss. Kennst du dich hier aus?“

Die Züge des anderen entspannten sich, wirkten beinahe etwas belustigt. Damian selbst legte ein unbeholfenes, entschuldigendes Lächeln auf die Lippen. Die Situation war völlig absurd. Nach einem Tag wie dem, den er gerade erlebt hatte, an einem Ort, wie diesem, umgeben von Monstern, einen Passanten nach dem Weg zu fragen, ließ ihn beinahe lachen. Endlich sprach der Andere. Seine Stimme klang müde, aber nicht unfreundlich.

„Ich bin selber noch recht neu hier. Aber wohin soll's denn gehen? Ein bisschen kenn ich mich hier schon aus.“
 

Damian entspannte sich merklich. Obwohl Normalität fvöllig deplatziert wirkte, war sie genau das, was er gerade brauchte.

„Ich will zur Ridgeview Klinik, weiß aber nicht mal, in welcher Richtung die liegt. Ich suche etwas, oder eher jemanden. Und das ist im Augenblick mein einziger Anhaltspunkt.“
 

Der jüngere überlegte kurz. Dann deutete er in östliche Richtung, die Hauptstraße entlang.

„Klar, die ist nicht weit. Einfach immer der Straße folgen. Die Klinik liegt dann direkt an der Straße, kurz vor dem Stadtausgang. Lass es, wenn's hoch kommt, 600 Meter sein. Wenn du ne Stadtkarte brauchst. Schau mal beim Rosewater Park vorbei, liegt direkt auf dem Weg. Halt nach einem großen Schild am Parkplatz Ausschau. Da hängt ein Kasten dran und mit etwas Glück, ist da noch ne Stadtkarte drin. Da sind so ziemlich alle wichtigen Orte drauf eingetragen, auch die Klinik. Vielleicht bringt's dir ja was.“

„Danke, das hilft mir weiter! Ich bin übrigens Damian. Und du?“

Er bemerkte ein kurzes Zögern, beim Anderen.

„Danny... Nein, warte. Dan“
 

„Okay, danke Dan. Einfach der Straße folgen, richtig?“

„Richtig. Ach nein, Moment.“

Er hob in einer entschuldigenden Geste die Hände.

„Ganz vergessen. Die Straße ist direkt davor komplett eingestürzt. Da geht’s einfach in die Tiefe. Kein Durchkommen.“
 

Damian legte die Stirn in Falten und sah Dan fassungslos an. Da war ein Erdfall mitten auf dem Weg und er erwähnte das mit einer Beiläufigkeit, als würde es sich um ein simples Schlagloch handeln.

„Eingestürzt?“

Wiederholte er ungläubig.

„Hah, ja. Sich in der Stadt zu bewegen, ist n bisschen schwierig geworden. Man gewöhnt sich aber daran. Pass auf: Du musst über das Dach der Kirche in die Feuerwache. Dort kommst du über den Hinterausgang in eine kleine Gasse. Dann einfach bei nächster Gelegenheit zwei mal links und du bist da.“
 

Die ganze Situation erschien ihm von Augenblick zu Augenblick surrealer. Er wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte, also begnügte er sich mit

„Alles klar, klingt machbar. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“

und bereitete sich im Geiste schon auf die nächste Offenbarung vor. Vielleicht war ja ein Meteorit in die Feuerwache eingeschlagen und er würde durch dessen Krater klettern müssen.
 

„Nein, eigentlich nich. Mit etwas Glück ist Margie heut in der Klinik. Die ist n bisschen verschroben, wird aber gern helfen, wenn sie kann.“

Damian legte die Stirn kraus. Es gab hier noch mehr Menschen? Womit auch immer er gerechnet hatte; es war nicht Einwohner in dieser Stadt zu finden.

„Oh? Ich wusste nicht, dass hier noch so viele Leute leben.“

„Na ja, ich würd nich direkt viele sagen. Ein paar Handvoll vielleicht? Zumindest nach meiner eigenen Erfahrung. Im Gegensatz zu mir, sind praktisch alle anderen noch Anwohner von früher. Echte Relikte von Silent Hill. Keine Ahnung, warum die sich hier noch rum treiben. Das musst du sie selbst fragen.“
 

Das Thema war offensichtlich beendet. Sollte Damian schlicht gehen? Er fühlte sich unwohl dabei, Dan so zurück zu lassen. Sein Blick fiel auf das Buch, das der junge Mann nun zugeklappt in den Händen hielt, den Zeigefinger in die Seite geklemmt, an der er das Lesen unterbrochen hatte.

„Gute Lektüre? Worum geht’s denn?“

fragte er etwas unbeholfen.
 

„Interessiert dich das wirklich?“

Dans Augenbrauen zogen sich zusammen und die Stimmung wurde plötzlich deutlich angespannter. Damian fühlte sich ertappt und gleichzeitig ungerechtfertigt angegriffen. Sicher fühlte sich Smalltalk in dieser Situation merkwürdig an. Aber nichts hier war normal und er hatte nur versucht, freundlich zu sein.

„Nein. Nein, schätze nicht.“

sagte er schließlich.

„Tut mir Leid. Es geht mich nichts an.“
 

Beide Männer schwiegen einander einen Augenblick an, bevor Damian erneut das Wort ergriff, sich nach der Rüge weniger schlecht dabei fühlend, einfach zu gehen.

„Wenn ich nicht im Dunkeln umher irren möchte, sollte ich mich auf den Weg machen. Danke nochmal, für deine Hilfe.“

Der andere entgegnete ein Knappes „Okay.“, sah ihn aber noch immer argwöhnisch an. Damian verstand nicht, was er getan hatte, um dessen Zorn zu erregen,hatte aber auch kein Interesse daran, das auszudiskutieren. Er nickte Dan knapp zu, drehte sich um und machte sich auf den Weg. Nach einigen Metern warf er noch einmal einen Blick zurück, aber der Nebel hatte Dan bereits verschluckt und er war nicht mehr zu sehen, so als hätte es ihn und das ganze Gespräch nie gegeben.
 

Nach etwa 200 Metern erreichte er tatsächlich den kleinen Park, am See und fand das zuvor erwähnte Schild. Er öffnete die Klappe des kleinen Kastens, der den Inhalt vor Wettereinflüssen schützte und fand darin tatsächlich noch eine einzige, ordentlich zusammengefaltete Stadtkarte. Wie versprochen waren alle Orte, die er brauchte, darauf eingezeichnet. Die Kirche, Feuerwache und auch Klinik. Alles lag direkt vor ihm. Buchstäblich hinter der nächsten Querstraße. Er legte einen Finger auf die Gasse Hinter der Feuerwache.
 

Martin Street. Dann links in die Katz Street und noch einmal links in die Lindsey Street. Es schien geradezu lächerlich leicht und genau das bereitete ihm Sorgen. Die Karte zeigte ihm den Weg, nicht was ihn auf diesem erwarten würde. Darüber zu grübeln half ihm aber nicht weiter und er beschloss keine Zeit zu verlieren. Der Weg konnte so einfach, oder beschwerlich sein, wie er wollte. Solang er hier herumstand, würde er keine Fortschritte machen. Damian mobilisierte seine letzten Kraftreserven und zwang sich zu einem zügigen Laufschritt, dessen Tempo er sich selbst nicht mehr zugetraut hätte. Schon nach wenigen Schritten ging der Atem schwer und das Herz hämmerte in der Brust.
 

Der Erdfall war deutlich größer, als Dans Beschreibung ihn hatte erwarten lassen. Er führte fast gerade abwärts und begann direkt an der verwitterten Backsteinmauer, der Kirche. Damit hatte Damian gerechnet, aber ein ausufernder Spalt im Boden zog sich auch um die Kirche herum und erzeugte eine Kluft zwischen ihm und dem Eingang des alten Gebäudes. Einige lange Holzbalken waren behelfsmäßig über den Erdspalt gelegt worden. Schon beim Anblick des schmalen Brückenersatzes wurde ihm klar, dass er alles andere, als sicher zu passieren sein würde.
 

Das Holz wirkte modrig, hing in der Mitte durch und es gab kein Geländer, dass ihn halten könnte, wenn er auf der rutschigen Oberfläche den Halt verlor. Dichte Nebelschwaden, die sich im Erdfall sammelten, machten einen Blick auf den Grund unmöglich, was vielleicht auch besser so war. Er streckte die Arme zu beiden Seiten aus und versuchte so besser das Gleichgewicht zu halten, während er Schritt für Schritt, über die Balken balancierte. Seine Schuhe hinterließen Abdrücke im weichen Holz und der noch nicht verfaulte Kern knarrte bedrohlich unter der Last des Mannes.
 

Auf der anderen Seite angekommen, stieg er zügig die kleine, steinerne Treppe zur Kirchtür hinauf, um möglichst schnell Abstand zur Kluft hinter ihm zu gewinnen. Höhenangst war vorher nie ein Problem gewesen, doch die gesamten Anstrengungen des Tages und nur mühsam unterdrückte Verzweiflung, trieben den erschöpften Verstand an seine Grenzen. Er beugte sich vor und stützte sich mit den Handflächen schwer an der Oberfläche der großen Holztür ab, im Versuch, keuchend seinen Atem zu beruhigen und die in ihm aufsteigende Panik zu unterdrücken. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass die Tür nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war und schwerfällig unter seinem Gewicht aufschwang.

Fragen

Der Luftzug, der sich öffnenden Tür ließ die Kerzenflammen tanzen und blies einige von ihnen komplett aus, als sie hinter Damian laut ins Schloss fiel. Jemand musste vor kurzem hier gewesen sein, um die Kerzen zu entzünden und er widerstand dem Drang zu rufen. Vorsichtig durchschritt er den Raum und betrat das dahinter liegende Langschiff. Die Kirche wurde offensichtlich gebaut, um schlicht, gleichzeitig aber auch eindrucksvoll zu wirken. Angefangen von den hohen Backsteinmauern, setzte sich dieses Bild nach innen fort. Hohe Säulen stützten einen Galeriegang und trennten die beidseitig gelegenen Gebetsbänke vom Mittelgang, der schließlich zum Altarraum führte.
 

Im Langschiff brannten noch deutlich mehr Kerzen, als im Vorraum und waren hell genug, um die Schatten der Säulen an den Wänden tanzen zu lassen. Seine Hand fühlte sich wie Blei an, als er sie auf die hölzerne Rücklehne einer der Bänke legte und sich auf dieser abstützte. Ein lautes stöhnen entwich ihm, während er sich nieder ließ und vermischte sich mit dem hölzernen knarren. Beinahe hätte er gelacht. Die Geräusche, die er unfreiwillig von sich gab, waren waren denen zum Verwechseln ähnlich, die altes, strapaziertes Holz, von sich gab. All die Jahre hatte er sich strikt geweigert, Anzeichen von Schwäche zu zeigen. Sich zu ruhigem Atem gezwungen, um bloß keinen verräterischen Laut von sich zu geben. Nur allein in seiner Wohnung wagte er es, die Last des Alltags hinaus zu stoßen. Doch in diesem Augenblick war es ihm egal. Sollte ihn doch sehen, wer oder was auch immer es wollte. Er war hier um seine Enkelin zu finden, nicht um jemandem etwas zu beweisen.
 

Doch stimmte das wirklich? War er nicht auch hier, um vor allem sich selbst etwas zu beweisen? Das er noch gebraucht wurde, noch helfen konnte? Er hatte sich gesetzt, um sich einen Moment der Ruhe zu erlauben, doch hatte er sich damit gleichzeitig auch einen gefährlichen Moment des Nachdenkens erlaubt. Sein Oberkörper sackte nach vorn und er vergrub das Gesicht in seinen Händen.
 

„Was mache ich hier eigentlich?“
 

brach es aus ihm hervor. Er folgte einer vagen Idee, weniger als ein Gespenst. Es gab keinen einzigen wirklichen Hinweis, dass Jake überhaupt in dieser Stadt war, die auch nur zu erreichen, ihn bereits mehrmals fast das Leben gekostet hatte. Und was hatte er dafür vorzuweisen? Eine Vermutung seines Sohnes, den er ebenfalls längst verloren hatte. Eine Hand voll Fußspuren im Matsch, mehrere Kilometer und Stunden zurück. Ein aufgeweichter Zettel, mit einem Versprechen auf einen Schlüssel. Das ganze fing an, sich wie eine makabre Schnitzeljagd anzufühlen. Statt Antworten bekam er nur immer weitere Fragen. Fragen, die er nur mit Vermutungen beantworten konnte, manche nicht einmal damit. Was würde er tun, wenn er wirklich ins Krankenhaus kam? Auf einen weiteren flüchtigen Hinweis hoffen? War das wirklich alles, was er tun konnte? Dabei kam er der Beantwortung der wirklich wichtigen Fragen keinen Schritt näher. Wo war Abigail? Was war das Rufen und warum hörte sie es? Was würde das Rufen davon abhalten, Abigail wieder anzulocken, nachdem er sie nachhause geholt hatte?
 

All diese Fragen zerrten an Geist, wie Körper und er hatte das Gefühl, als würde sein Verstand an den Rändern zerfasern und ihn in eine tiefe Dunkelheit ziehen. Die einladende Bewusstlosigkeit zog und lockte, als er sich mit einem starken Schwindelgefühl zurück in die Eingangshalle schleppte. Beidhändig umfasste er das neben der Haupttür stehende Weihbecken und tauchte sein Gesicht tief in das Kühle Weihwasser. Widerwillig kehrte sein Verstand aus dem Dämmerzustand zurück und er wischte sich die Feuchtigkeit von den Augen.
 

Wasser tropfte vom Kinn in das Becken unter ihm und ließ sein dunkles Spiegelbild immer wieder von kleinen Wellen verschwimmen.
 

„Reiß dich zusammen!“,

ermahnte er das ihm erschöpft aus dem Wasser entgegenblickende Gesicht.
 

„Nur weil ein Tag nicht so lief, wie du es wolltest, willst du die Flinte ins Korn werfen?“
 

Er manifestierte alles an Wut, das er aufbringen konnte, in der Hoffnung, sein System durch Adrenalin wieder in Schwung bringen zu können. Dennoch fiel es ihm nicht leicht, der ihm so allumfassend entgegen starrenden Erschöpfung nicht nachzugeben. Seine Stimme wurde mehr einem Flehen, als einem Vorwurf gleich.
 

„Komm schon.“,

verhandelte er mit seinem Spiegelbild.

„Seit Wann brauchst du Zeichen und Wunder, um weiter zu machen? Es ist nur ein einziger Tag, an dem alles schief ging. Wir viele davon hatte ich schon und nie aufgegeben?“
 

Immer mehr wurde ihm klar, wie sehr ihn Abbys Verschwinden und die folgenden Wochen mitgenommen hatten. Das angespannte Verhältnis zu seinem Sohn hatte sich weiter verschlechtert und seine einzige Reaktion war gewesen, sich noch steifer auf seine Ziele zu fokussieren und noch weniger an sich heran zu lassen. Er hatte es über Tage und Wochen ignoriert, dass er bis an seine Grenzen und darüber hinaus gegangen war und nun musste er Rechnung dafür tragen. Es gab nichts mehr, dass er seinem Spiegelbild noch sagen konnte, also blickte er in das dunkler werdende Wasser, bis es ihm nur noch die schattenhaften Umrisse seiner selbst zeigte.
 

Durch ein Fenster konnte er sehen, dass der Nebel nahezu gänzlich verflogen war und die Abenddämmerung zur Nacht wurde. Und obwohl er vereinzelte Laternen in der Ferne leuchten sehen konnte, war es draußen stockfinster. Damian war kein religiöser Mensch, aber dennoch fühlte es sich falsch an, das Weihwasser zu missbrauchen, als er den Tank der Karbidlampe ins Becken hielt, um es volllaufen zu lassen, aber eine andere Option, außer ohne Licht umher zu irren, blieb ihm nicht.
 

Die Lampe einschaltend, sah er sich zum ersten mal richtig im im Vorraum um. Nun mit vollem Wassertank erlaubte er sich auch, das Ventil etwas weiter zu öffnen und das Licht schien heller als zuvor. Er entdeckte einen Raumplan an der Wand und betrachtete ihn im Lampenschein. An diesen Raum schloss sich die kleine Sakristei an, in der sich eine Treppe zum Obergeschoss befand. Von dort aus, würde er zum Galeriegang und schlussendlich aufs Dach gelangen. Vorsichtig öffnete er die Tür und leuchtete in den Raum, bevor er ihn betrat, bereit jederzeit zurück zu springen, oder anzugreifen. Dennoch fand er dort nichts, das fehl am Platz gewesen wäre. Ein Regal mit Messweinen, Zeremonieroben, ein zur Restauration abgenommenes Ornament und ähnliches. Die Anspannung von sich gleiten lassend, erklomm er die Stufen und machte sich auf, die Galerie zu betreten. Auf halbem Weg ertönte ein Geräusch, das von unten zu ihm herauf drang, ihn zusammenzucken und sofort die Lampe löschen ließ.
 

Damian kauerte sich zusammen und schob sich langsam zum Geländer vor, um einen Blick zwischen den Streben hindurch zu wagen. Etwas, oder jemand schritt mit einem langen Kerzenanzünder zu einer der vielen, kleinen Flammen, hielt das mit Wachstuch umwickelte Ende hinein, um den Stab dann, wie eine kleine Fackel vor sich zu tragen und die im Vorraum ausgeblasenen Kerzen erneut zu entzünden. Die Person hatte ihn entweder nicht bemerkt, oder ignorierte ihn und bewegte sich ohne jede Eile. Damian kam nicht umhin, eine gewisse Anmut im Schritt der Person zu sehen. Sie bewegte sich, als gäbe es an diesem Ort keine Gefahr, oder als wäre sie bedeutungslos. Es gab nur stille Disziplin, mit der die täglichen Aufgaben erfüllt wurden. Er wünschte sich in diesem Augenblick auch nur einen Teil dieser Disziplin zu haben; Frei von Zweifeln seinem Weg zu folgen, doch es blieb ihm nur er selbst zu sein und trotz aller Zweifel weiter zu machen.
 

Damian beschloss, dass es das beste war, in diesem Augenblick unentdeckt zu bleiben. Vorsichtig schlich er den Gang entlang, das Langschiff umrundend, und erreichte schließlich eine Kleine Luke, die ihn endlich das Dach erreichen ließ.
 

Das Kirchdach bot keine Erkundungsmöglichkeiten, sondern nur einen Schlichten Gang, der zum Rand des Gebäudes führte. Im fiel auf, dass die Feuerwache nicht Bündig mit der Kirche abschloss und so wurde auch dort eine behelfsmäßige Brücke gelegt, um die beiden Gebäude miteinander zu verbinden. Das unwohle Gefühl vom letzten Mal steckte ihm noch in den Knochen, aber es blieb ihm keine Wahl. Dieser Steg wirkte allerdings deutlich robuster, als der vorherige und ihm war so, als würde der Weg häufig genutzt werden. War das hier für die vereinzelten Einwohner ihre normale Art, sich in der Stadt fortzubewegen? Er fragte sich, was das für ein Schlag Mensch sein musste, der so seinen Alltag bestritt und war froh darüber, in der Kirche nicht bemerkt worden zu sein.
 

Noch während er mit dem ersten Schritt, auf den Balken haderte, hörte er ein lautes Krachen, hinter sich. Etwas großes prallte gegen die Dachluke der Kirche und schmetterte sie mit einem Schlag, der die Luke beinahe aus den Angeln hob, weit auf. Eine Kreatur schob sich hindurch, wie Damian sie noch nie zuvor gesehen hatte. Es schien ihm auch Abwegig, dieses Ding als Kreatur zu bezeichnen. Alles was ihm bisher begegnet war, schien grob menschlich, oder zumindest menschenähnlich gewesen zu sein. Dieses Ding hingegen wirkte mehr, wie ein unförmiger Klumpen aus Muskeln und Fleisch. Die Haut war aufgeblasen und glänzte nässend. Wo sie nicht vom wild in den groteskesten Formen wuchernden Fleisch durchbrochen wurde, zogen sich deutlich sichtbare Adern in verschiedenen Rot- und Lilatönen deutlich sichtbar unter ihr ab.
 

Er konnte nicht sagen, ob dieses Ding über Arme, oder Beine verfügte, da die fleischigen Auswüchse alles mögliche sein konnten, doch es nutzte diese Eindeutig zur Fortbewegung. Mit einem laut und feucht klatschenden Geräusch fiel ein Auswuchs auf den Boden vor diesem Geschwür und zog es vorwärts. Bei den Bewegungen zuckte und wand sich der gesamte Körper. Wenn dieses Ding ein Hirn hatte, um Schmerzen zu verarbeiten, dann musste es unendliche Qualen bei jeder Bewegung spüren. Blutige Rinnsale liefen bei den Bewegungen aus der offenen haut und klatschten unter dem Geschöpf zu Boden. Der Anblick und noch mehr, der immer intensiver in seine Nase dringende Geruch, ließen ihn trocken würgen und einen unbeholfenen Schritt rückwärts machen. Mit dem Hacken stieß er gegen die Brücke und geriet selbst ins Stolpern. Im verzweifelten Versuch, sein Gleichgewicht wieder zu finden, stieß er das Bein instinktiv kräftig zur Seite, um wieder festen Boden zu finden und schickte damit den Balken über die Dachkante. Damit stürzte seine einzige, sichere Möglichkeit zur Überquerung, mehrmals lautstark gegen die Hauswände schlagend zu Boden und kam tief unter ihm zum liegen.
 

Damian wagte einen Blick über die Schulter, in die Tiefe. An dieser Wand gab es keine Möglichkeit, hinab zu klettern und der Weg zurück, war versperrt. Die anderen Kreaturen konnte er mit seiner Axt bekämpfen. Sie waren menschlich genug, um Schwachstellen identifizieren und angreifen zu können. Doch dieses Ding? Ein unförmiger, sich bewegender Klumpen aus Gewebe. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo er hätte hinschlagen sollen, um einen fatalen Treffer zu landen. Dazu bewegte es seine Masse mit einer Gewalt, von der allein der Schwung ihn unter sich begraben würde, selbst wenn er das Ding mit einem Schlag niederstrecken konnte.
 

Er drehte sich gänzlich zur Dachkante und versuchte die Entfernung zum anderen Gebäude zu schätzen. Es waren gut und gern zwei Meter. Durchaus schaffbar. Mit Sicherheit, wenn er etwas Anlauf nehmen würde. Noch war das Monstergeschwür weit genug entfernt, um ihn ein paar Schritte zurück zu erlauben. Ohne weiter darüber nachzudenken, trat er zurück und rannte dann auf die Dachkante zu, um im letzten Moment abzuspringen.
 

Unerwartet gab ein Stein unter seinem Fuß nach und ließ ihn ins Stolpern geraten, doch es war zu spät, um noch abzubremsen und so stürzte er mehr über den Rand, als das er sprang. Gerade so verpasste er die Landung auf der anderen Seite und knallte mit dem Oberkörper gegen die Wand, Was ihm die Luft aus den Lungen trieb. Hätte er die Arme nicht ausgestreckt gehabt, um die Kante zwischen ihnen und seiner Brust einzuklemmen, wäre er der Brücke in die Tiefe gefolgt.
 

Hilflos schlugen seine Beine umher und versuchten Halt am Mauerwerk zu finden, was ihnen einfach nicht gelingen wollte, während die Kreatur sich näher schleppte. Die Dachkante hatte er zwischen Arm und Brust verkeilt, sodass er nicht abrutschen würde, doch ihm lief die Zeit davon. Mehrmals glaubte er, Halt gefunden zu haben, nur um ihn beim Versuch sich hinauf zu stemmen, wieder zu verlieren und in seine ursprüngliche Position zurück zu rutschen. Er wagte es nicht, zurück zu sehen, da ihn der Anblick des näher kriechenden Dings nur in Panik geraten lassen würde.
 

Sein Fuß fand erneut halt und gerade als er im Begriff war, sich hinauf zu drücken, stürzte das Geschöpf hinter ihm vom Dach prallte gegen ihn. Die Wucht des Aufpralls ließ ihn gänzlich den Halt verlieren und er stürzte mit der wild um sich schlagenden Kreatur ab. Einer dieser Schläge traf ihn direkt unter der Brust und er spürte, wie mehrere Rippen nachgaben, während er nach hinten geschleudert wurde.Von einem lauten Splittern begleitet, brach Damian durch eine Fensterscheibe, die Glasscherben in Gesicht und die reflexartig erhobenen Arme schneidend, und ging schwer auf dem staubigen Boden nieder.
 

Er versuchte zu husten, doch die Luft blieb ihm versagt. Jedes mal, wenn er versuchte einzuatmen, war es so, als würde seine Kehle sich einfach verschließen und Erstickungsangst drohte ihn zu übermannen. Nur unbewusst nahm er den lauten, matschigen Aufprall der Kreatur unten in der Gasse, zwischen den Gebäuden, und die darauffolgende Stille wahr. Damians Instinkt schrie, sich von einer Seite zur Anderen zu rollen, um vielleicht eine Position zu finden, in der sich sein Hals wieder öffnen würde, doch der Verstand kämpfte diesen Gedanken nieder und er schaffte es unter Schmerzen, sich aufzusetzen und vor zu beugen. Blut lief aus mehreren Schnittwunden auf seinem Gesicht und tropfte unter ihm in kleinen Pfützen zu Boden.
 

Obwohl der Blick verschwamm und er erneut drohte, das Bewusstsein zu verlieren, schaffte er es, nach scheinbar endlos langen Sekunden, während denen ihm das Luftholen verwehrt blieb, langsam wieder zu Atem zu kommen und die aufkeimende Panik ebbte nach und nach wieder ab. Auch seine Augen konnten sich wieder fokussieren und gewährten ihm eine Chance, sich keuchend umzusehen. Jeder einzelne Atemzug tat unter den angeschlagenen Rippen weh, doch es war allemal besser, als die Erstickungsangst, die ihn eben noch zu übermannen gedroht hatte.
 

Und auch, wenn er noch immer mit der Benommenheit und der Dunkelheit im Raum kämpfte, fiel ihm eines Sofort auf: Dies war nicht der Raum, in den er zuvor gestürzt war. Die Dunkelheit, die ihn nun umgab, kam nicht einfach nur von der Nacht. Sie war gänzlich unnatürlich und allumfassend. Ein Raum in dem natürliches Licht nicht nur abwesend war, sondern gar nicht erst existierte. Als wären die unzähligen Sterne des Universums entweder niemals auch nur entstanden, oder bereits allesamt vor Jahrmilliarden erloschen. Alles was diese Ebene der Existenz nun beherbergte, waren Monster und das inzwischen schon beinahe vertraute, stetige Hämmern, das von irgendwo tief unter ihm kam. Wie von einer riesigen Maschine, oder einem Mechanismus verursacht, dessen Sinn er nicht einmal erahnen konnte.
 

Es war schon mehrere Stunden her, dass er in diese andere Welt gezogen wurde und sein Verstand hatte sich bemüht, diese Möglichkeit zu verdrängen, doch nun war sie erneut Realität geworden. Zum ersten mal erlaubte er sich die Frage, was ihn in diese Welt zog. Was war die Gemeinsamkeit? Damian erinnerte sich an die beiden Orte, an denen ihm das zuvor passiert war. Vor dem Laden in Scottsdale und in der Waldarbeiterhütte. Und nun auch hier, in der Feuerwache. Keiner dieser Orte hatte eine direkte Verbindung zu den anderen. Lag es vielleicht an ihm selbst? Gerade hätte er beinahe das Bewusstsein verloren und in der Hütte, hatte er geschlafen, als es geschah. Doch im Laden war er bei vollem Bewusstsein gewesen.
 

Vielleicht war es sein Gemütszustand? Beim ersten mal hatte der Ladenbesitzer ihm gerade erzählt, dass es es keine Chance gab, Abby retten. Beim zweiten mal entkam er nur knapp den hünenhaften, wandernden Monstern. Und dieses mal wäre er beinahe in den Tod gestürzt. War es das? Machte ihn seine Verfassung zugänglich, für diesen Wandel? War es sein Verstand, der sich diese Welt ausmalte, wenn er an seine Grenzen traf? Ihm eine Alptraumwelt präsentierte, mit der er sich auseinandersetzen konnte, um nicht den Verstand zu verlieren? Das schien ihm zu einfach. Und auch gleichzeitig zu abwegig. Diese Welt fühlte sich absolut real an. Auf keinen Fall bildete er sie sich nur ein.
 

Vorsichtig entzündete er die Lampe auf kleinstmöglicher Flamme und riskierte einen Blick in den Raum, vor ihm. Was das schummerige Licht der Dunkelheit zu entreißen vermochte, offenbarte sich als die Überreste einer ausladenden Küche. Ein Tresen, um den mehrere modrige Hocker mit vergilbten, teils zerrissenen Bezügen gestellt standen. Ein verrosteter Ofen, mit herausgebrochener Ofentür. Auf dem Boden verstreutes, glanzloses Besteck. Es war ein erbärmliches Bild, aber eines, dass er an diesem Ort bereits zu erwarten gelernt hatte.
 

Ein wenig weiter, brach der Boden einfach ab, ließ zersplitterte Dielen zurück und eine modrige Couch ragte halb über den Abgrund, bereit jeden Augenblick einfach abzustürzen. Unweit davon lag ein umgestürzter Fernseher, mit zertrümmerter Bildröhre. Offensichtlich ein Aufenthalts- und Bereitschaftsraum, für die Feuerwehrleute, die es dort wahrscheinlich nie gegeben hatte. Große Teile der Wand waren einfach herausgebrochen und offenbarten hinter ihr einen Blick in die finstre Unendlichkeit.
 

Ein plötzliches, leises Rauschen ließ ihn zusammenzucken und zu seiner Handaxt greifen. Das Geräusch erinnerte ihn an seinen Albtraum und ließ ihn sofort nach einer Gefahrenquelle suchen, doch er konnte in diesem Raum keine ausmachen. Das Geräusch selbst kam direkt vom Tresen und ging von einem alten Taschenradio aus, das halb aus seiner ledernen Tasche ragte und langsam anschwellendes, statisches Rauschen in den Raum schickte. Trotz des eindeutigen Alters, sah es noch brauchbar, ohne eindeutige Schäden aus. Er nahm das Radio zur Hand und drehte erfolglos an dem kleinen goldenen Rädchen, während das Rauschen unbeirrt lauter wurde.

Das plötzliche Geräusch von Fußschritten, die durch den offenen Türrahmen vom Flur herein drangen sorgten dafür, dass er sofort hinter dem Tresen in Deckung ging und die Lampe ausschaltete. Irgendetwas stolperte am türlosen Rahmen vorbei, ohne den Raum zu betreten und war kurz darauf außer Hörreichweite. Damit einhergehend nahmen auch die Geräusche aus dem Radio ab, bis sie schließlich gänzlich verschwanden.
 

Konnte es da einen Zusammenhang geben? Sein Alptraum erschien Damian immer mehr, wie eine Vision, statt als bloßer Traum. Der Kreatur daraus war er kurze Zeit später tatsächlich begegnet. Nun auch das Rauschen. Vorsichtig trat er zum Durchgang und hielt das Radio in die Richtung, in die die Fußschritte verschwunden waren. Erneut fing das Radio in seiner Hand an, leise Statik auszusenden. Erzeugten diese Wesen das Geräusch? Strahlten sie ein natürliches Breitbandrauschen ab, dass im Radio aufgefangen wurde? Er wusste, dass Neonlampen einen ähnlichen Effekt hatten. Wenn man einen Empfänger daneben stellte, war kaum etwas anderes, als ein lautes Störgeräusch wahrzunehmen. Den Grund dafür kannte er allerdings nicht, was es ihm erschwerte auch nur Vermutungen über einen möglichen Zusammenhang zu dieser Situation anzustellen. Für den Augenblick begnügte er sich also mit der Tatsache, dass es scheinbar funktionierte, auch wenn er sich noch nicht auf die Zuverlässigkeit dieses Phänomens verlassen wollte.
 

Als auch dieses leise Rauschen gänzlich verstummte, entspannte er sich und wischte mit dem Handrücken das Blut vom Gesicht. Die Schnittwunden waren nicht tief, bluteten dafür aber umso stärker. Irgendwo in der Feuerwache musste es so etwas, wie einen Ersthilfekasten geben. Sicher war vieles vermodert und verfallen, doch stieß er auch immer wieder auf brauchbares, wie die Axt, Lampe, oder nun auch das Radio.
 

Damian schaltete die Lampe auf kleinster Stufe ein und sah sich um, auch wenn sie nur einen kleinen, wenige Meter weit reichenden Lichtkegel erzeugte. Mehrere Türen säumten die Wände, doch die meisten von ihnen ließen sich nicht öffnen. Eventuell hätte er sie mit der Axt einschlagen können, doch das wäre viel Aufwand und noch mehr Lärm geworden. Für den Augenblick lag seine Priorität darauf, möglichst unbemerkt zu bleiben, da er nicht sagen konnte, wie viele Kreaturen und vor allem welcher Art hier ihr Unwesen trieben. Würde er einem Puppenmonster begegnen, könnte er es sicher leicht ausschalten, doch ein Fleischberg wie der, der ihn vom Dach gerissen hatte, würde ihn nahezu wehrlos vorfinden. Dennoch ließen sich einige Türen öffnen.
 

Damian fand einen Umkleideraum, der bis auf einige alte Uniformen nichts Interessantes enthielt. Diesem schloss sich eine Gemeinschaftsdusche an, doch auch dort konnte er kein Verbandszeug finden. Ein paar Türen weiter gab es noch einen Schlafraum, von dem aus er eine kleine Toilette erreichte. Mit wenig Hoffnung öffnete er den Schrank, über dem Waschbecken. Knarrend gab die Tür mit dem erblindeten und gesprungenen Spiegel nach und fiel scheppernd zu Boden. Zu seiner Überraschung fand Damian darin tatsächlich einen Verbandskasten. Dieser war jedoch aufgebrochen und schien vor langer Zeit geplündert worden zu sein. Lediglich ein Fläschchen mit Desinfektionsalkohol rollte darin umher. Trotz der Enttäuschung nahm er es und rollte das kalte Glas in der Hand. Zumindest würde er damit die Wunden reinigen können.
 

Im Lampenschein betrachtete er die Ärmel seiner Jacke und sah die mit roten Flecken umrandeten Schnitte im Material. Er hatte Wunden im Gesicht zwar nicht gänzlich vermeiden können, aber zumindest hatte er keine ernsthafteren Verletzungen davongetragen. Beim Versuch den Ärmel hoch zu schieben, durchfuhr ihn ein plötzlicher Schmerz. Anscheinend waren einige Scherben in der Jacke stecken geblieben und schnitten nun bei der Bewegung erneut in seinen Arm. Seufzend machte er sich daran, die Jacke auszuziehen und zupfte sie vorsichtig von seinem Arm, konnte weitere Schnitte dabei jedoch nicht vollständig verhindern. Dennoch war es ihm lieber, in diesem Augenblick ein paar oberflächliche Kratzer zu riskieren, als sie mitten in einem Kampf, tief in seine Haut schneiden zu lassen.
 

Die plötzliche Kälte war schlimmer, als die meisten Schnitte, aber dagegen konnte er einfach eine der abgetragenen Uniformen aus der Umkleide nehmen. Zunächst mussten jedoch seine Wunden versorgt werden. Damian ging zurück in den Schlafraum und sah sich die Betten genauer an. Er suchte sich das am wenigsten ruinierte aus und Zog das schäbige Bettlaken ab, um es anschließend auf dem Boden auszubreiten. Er packte ein Ende mit beiden Händen und kniete sich direkt neben die festgehaltene Stelle. So riss er es in mehrere lange Streifen, von denen er den ersten in Alkohol tränkte und sich das Blut aus dem Gesicht wischte. Der Alkohol brannte in den Schnitten und ließ Damian schmerzhaft aufstöhnen. Dennoch war es erträglich und auch der zweite Stofffetzen wurde in Alkohol getränkt, bevor er ihn sich um die Stirn wickelte. Sicher wären ihm saubere Verbände lieber gewesen, aber der Alkohol musste im Augenblick reichen. Es war natürlich auch kein Druckverband, würde aber zumindest dafür sorgen, dass ihm kein Blut in die Augen lief.
 

Während er einen weiteren Stofffetzen säuberte, begann das Radio leise zu Rauschen. Im offenen Raum hatte Damian nicht viele Möglichkeiten, in Deckung zu gehen, also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf eine Konfrontation vorzubereiten. Er nahm die Axt aus ihrer Lasche und wartete. Vom Flur her drang ein langsam lauter werdendes Stampfen und als er das Geschöpf durch den Türrahmen sah, erkannte er es als jenes, dessen Artgenossen ihm schon im Wald begegnet waren. Es senkte den gesichtslosen Kopf um ihn durch die Tür schieben zu können. Für einen Augenblick stand es reglos da, so als würde es in den Raum hinein lauschen und Damian bemerkte, dass er den Atem angehalten hatte. Der übergroße Kopf, mit der durchsichtig lilanen Haut, schien ihn für einen Augenblick augenlos anzustarren, bevor es sich wieder aus der Tür zurückzog und weiter stampfte.
 

Damian ließ den angehaltenen Atem laut entweichen, was einen jähen Schmerz durch seinen Oberkörper jagte. Auch wenn die Unvorhersehbarkeit dieser Art sie noch gefährlicher machte, war er froh, dass dieses Exemplar offensichtlich nicht an ihm interessiert war. Dennoch wollte er nicht zu lang hier bleiben und abwarten, ob es seine Meinung vielleicht änderte. Mit neuer Dringlichkeit begann er seine Arme zu reinigen und auch sie zu verbinden, als ihm auffiel, dass das Radio noch immer seine Statik ausstrahlte und sogar wieder lauter wurde. Erschrocken wandte er sich erneut zur Tür um, nur um eines der Puppenmonster zu entdecken, das, angelockt vom Licht seiner Lampe, in den Raum torkelte und abrupt stehenblieb, als es Damian bemerkte. Der Oberkörper drehte sich in seine Richtung und er konnte sehen, wie die festgewachsenen Arme an der Haut zerrten, so als wollte es diese losreißen, um ihn besser angreifen zu können.
 

Die Kreatur begann Damian zu umrunden, im Versuch, eine bessere Position zum Angriff zu finden. Seine Schritte führten die Kreatur hinter das nächststehende Bett, das alles war, was die beiden Voneinander trennte. Mit einem ruckartigen Tritt schickte es das Bett vorwärts und traf Damian auf Kniehöhe. Vor Schmerz aufstöhnend stolperte er rückwärts und fiel beinahe über das zuvor von ihm abgezogene Bett, direkt hinter ihm. Er griff die auf dem Boden liegende Bettdecke und warf sie über das Monster, das sofort versuchte, sie abzuschütteln, aber ohne frei bewegliche Arme deutliche Probleme damit hatte.
 

Damian sprang über das Bett und trieb die Axt in den Schädel der Kreatur, was den grünen Stoff der darüberliegenden Decke augenblicklich dunkel einfärbte und ihn beinahe schwarz wirken ließ. Mit einem Ruck zog er die Axt aus dem Kopf heraus und dunkelrotes Blut ergoss sich aus der Wunde. Noch bevor es zu Boden ging, setzte er mit einem weiteren Schlag nach und die Kreatur blieb reglos liegen.
 

Auch wenn er selbst nicht getroffen wurde, pochten seine Kopfverletzung, von den hektischen Bewegungen und er spürte einen stechenden Schmerz unterhalb der Brust. Für einen Augenblick sank er auf das Bett, um wieder zu Atem zu kommen.
 

Nachdem er sich wieder erhoben hatte, zog er das ausgebreitete Bettlaken weg von der toten Kreatur und beendete seine Arbeit.
 

So zufrieden mit den provisorischen Verbänden, wie er nur sein konnte, war es an der Zeit, sich dem nächsten Problem zuzuwenden. Wie konnte er diesen Alptraum wieder verlassen? In den vorangehenden Situationen, war es mit dem Durchschreiten einer Tür geschehen. In Scottsdale, am Ende der Treppe und im Wald, als er die Sägemühle betrat. Aber war das die Regel? Und vor allem: War sie zuverlässig? Die einzige Möglichkeit das herauszufinden bestand darin, diese Ruine zu verlassen.
 

Nach einem kurzen Abstecher zur Umkleide und nun in eine Warme, wenn auch Modrige Feuerwehrjacke gekleidet, begann er nach einem Abstieg zu suchen. Die Haupttreppe war eingestürzt und als er hinab leuchtete, um zu sehen, ob er vielleicht runter klettern konnte, musste er erkennen, dass die Eingangshalle unten keinen Boden hatte. Die Wände führten einfach weiter, ins Nichts hinab. Nur das inzwischen schon erwartete, rhythmische Hämmern, drang von tief unten herauf. Damian konnte nur hoffen, dass es noch einen anderen Weg gab, um nach unten zu gelangen, und dass ihn dort ein fester Boden erwartete. Seine Suche führte ihn an dem noch immer uninteressiert umherstampfenden Monster vorbei, zurück in den Schlafraum. Als er fand, wonach er gesucht hatte, legte sich ein knappes Lächeln auf seine Lippen.
 

„So hab ich mir diese Gelegenheit ganz sicher nicht vorgestellt.“
 

Er ergriff die Rutschstange und rüttelte kräftig daran. Sie bewegte sich zwar mehr, als ihm lieb war, aber nicht genug um ihn vermuten zu lassen, dass das untere Ende frei schwang. Dennoch hörte er erneut das Hämmern, was wierum dafür sprach, dass sich kein Boden unter ihm befand. Die Lampe war aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht dafür ausgelegt, direkt senkrecht hinab zu leuchten und als er es versuchte, drohte die kleine Flamme komplett zu erlöschen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich auf sein Gefühl zu verlassen. Die Stange selbst war von Rost zerfressen, was die zusätzliche Sorge aufkommen ließ, dass sie beim herabrutschen einfach unter seinem Gewicht brechen könnte.
 

Er nahm die letzten Stofffetzen aus der Tasche und wickelte sie um seine Hände, bevor er sich an der Stange festhielt und langsam daran hinabrutschte. Dabei vermied er es bewusst, nach unten zu sehen. Wenn dort wirklich kein Boden war, würde er eh nicht mehr hinauf klettern können. Die Tage, an denen er eine Kletterstange ohne Probleme hoch kam, lagen schon seit Jahren hinter ihm.
 

Plötzlich drehte sein einziger Halt sich mit einem lauten Klickgeräusch um 180° und durch die Plötzlichkeit der Bewegung drohte er seinen Halt zu verlieren, konnte sich aber gerade so noch fangen. Dennoch wollte Damian nicht länger als nötig dort hängen und beeilte sich hinab zu kommen. Tatsächlich gab es einen Boden, der allerdings nicht viel zu seiner Erleichterung beitrug. Der Untergrund bestand nur aus einem dünnen Gitterrost, unter dem Damian mehrere Zahnräder erkennen konnte, die sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit drehten und einen unbekannten Mechanismus antrieben. Die Rutschstange war in die Narbe eines dieser Zahnräder eingelassen, was die vorherige Drehbewegung erklärte, auch wenn Damian sich den Zweck nicht vorstellen konnte.
 

Statt zu lang über Sinn und Unsinn dieser Vorrichtung nachzudenken, beeilte er sich lieber, den Raum zu verlassen und wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Das dumpfe Geräusch, dass seine Schuhe auf dem Gitter verursachten, und das kaum mehr metallisch klang, machten nur umso deutlicher, wie porös der rostige Untergrund sein musste und er war dankbar hinter dem nächsten Durchgang einen schmutzigen Fliesenboden zu erkennen, dessen schwarzweißes Schachbrettmuster in diesem Augenblick einladender war, als alles, was er je zuvor gesehen hatte.
 

Er betrat den Nebenraum, der sich als eine zweite Küche herausstellte. Sofort fiel sein Blick auf eine Tür im hinteren Bereich des Raums und er eilte, alles andere ignorierend, darauf zu. Erwartungsvoll öffnete er sie und trat hinaus ins Freie.
 

Nichts änderte sich. Noch immer sah er nur die sternlose Unendlichkeit über sich, die von Rost und Schimmel überwucherte Umgebung, und den Boden, der an vielen Stellen schlicht endete. Direkt vor der Tür war ein kurzer Plattenweg, der ums Gebäude führte und direkt dahinter ein großer Lattenzaun, den jemand aufgebrochen hatte.
 

Direkt neben dem Durchbruch stand, an die Zaunreste gelehnt, eine Feueraxt. Der große Axtkopf war zwar genauso rostbefallen, wie der seiner Handaxt, doch der lange Griff sah robust genug aus und schien in der Vergangenheit einmal ausgewechselt worden zu sein. Es könnte eine deutlich stärkere Waffe als die sein, die er bereits hatte. Wenn auch vergleichsweise unhandlich. Ohne auch nur eine Ahnung, was hier noch alles lauern würde, war es eine gute Idee, auch eine Waffe zu haben, mit der man einen Gegner auf Abstand halten konnte. Ar nahm die Axt und trat durch das Loch im Zaun, auf die Martin Street hinaus. Endlich war er auf der Zielgeraden, zumindest für diesen Abschnitt des Weges.
 

Ein jähes Geräusch hinter ihm, ließ ihn ruckartig herumfahren und er erkannte ein Monster wie jenes, das ihm auf dem Kirchdach begegnet war? Die schweren Abschürfungen und offenen Wunden deuteten daraufhin, dass es das selbe war und den Sturz überlebt hatte. Die neue Waffe gab ihm ein stärkeres Selbstvertrauen, dennoch war eine Konfrontation vielleicht nicht nötig und er begann einen Sprint, die Straße hinab. Das geschwürartige Monster folgte Damian, deutlich schneller, als er es bei seiner Gestalt erwartet hätte. Im Sprint wog er das Risiko ab, sich diesem Monster nicht zu stellen? Die Klinik war nur ein Zwischenstopp, bevor er hoffentlich den Rückweg zum Brookhaven antreten konnte. Wenn er dem Ding jetzt nicht entgegentrat, könnte es ihm später womöglich noch einmal auflauern. Dazu machte der immer näher kommende Lärm klar, dass es zügig aufholte.
 

Als es nahe genug war, blieb er wie vom Schlag getroffen stehen und schwang die lange Axt so kräftig herum, wie er konnte. Die Waffe grub sich tief in das Geschöpf, das sich hoch aufbäumte und Damian, die Hände noch immer krampfhaft um den Griff geschlossen, von den Füßen hob und wegschleuderte, als seine Finger sich doch lösten. Er stieß mit dem Kopf gegen eine Wand und ging schwer zu Boden. Das Monster wütete und Stampfte, ging dann aber ebenfalls nieder, zuckte und schlug wild um sich, konnte aber nicht aufstehen.
 

Unsicher kam Damian wieder auf die Beine und wollte die Lampe aufheben, als sein Körper sich endgültig weigerte, noch weitere Folter zu ertragen. Beim versuch sich nach der Lampe zu bücken, fiel er vornüber und das letzte was er sah, bevor er das Bewusstsein verlor, war eine weitere, an die Wand geschmierte und vom Licht beleuchtete Nachricht:
 

„ER WIRD MICH WIEDER TÖTEN!“

Brookhaven

Langsam öffnete Damian die Augen und bemerkte, zu seiner Überraschung, eine hohe Decke über sich. Auch lag er nicht auf der Straße, sondern einer Sitzcouch, die deutlich zu kurz war, um bequem darauf schlafen zu können, sodass seine Beine über die Lehne hinaus hingen. Er rieb sich die müden Augen und stellte fest, dass der Stofffetzen an seiner Stirn durch einen festen, und vor allem sauberen Verband ersetzt worden war.
 

„Oh, Sie sind wach?“
 

Die Stimme gehörte einer älteren Frau und als Damian sich aufsetzte und den Blick zu ihr wandte, schätzte er sie etwas älter, als sich selbst ein. Ihr langes, graues Haar hatte noch vereinzelt dunkle Strähnen und war zu einem einfachen Seitenzopf gebunden, der auf ihrer schulter ruhte. Sie trug eine simple Schwesternkluft und Damian schloss daraus, dass man ihn zur nahegelegenen Klinik gebracht haben musste, während er bewusstlos war. Sie trug ein kleines Namensschild über der Brust, doch sein Blick war noch zu verschwommen vom Schlaf, um es lesen zu können.
 

„Wir lang war ich bewusstlos?“

fragte er mit trockener Stimme und griff nach dem Glas Wasser, das auf dem niedrigen Tisch, für ihn bereitstand.
 

Die Ältere blickte ihn nüchtern an, schien aber auf die Frage vorbereitet gewesen zu sein.
 

„Gefunden habe ich Sie, Heute Morgen gegen 5. Das war vor etwa 7 Stunden. Keine Ahnung, wie lang Sie davor schon weg waren. Sie haben sich da eine fiese Delle eingefangen. Glücklicherweise hat der Stofffetzen, den Sie um die Stirn gewickelt getragen haben, wie ein Kissen beim Aufprall gewirkt. Sonst wären Sie wahrscheinlich noch eine Weile länger weg gewesen. Übrigens: Gern geschehen!“
 

Sie nickte in Richtung des Tresen, direkt neben dem Eingang, auf dem ein offener Verbandskasten stand.
 

„Davon gibt es hier nicht mehr viele. Und was noch da ist, muss auch noch eine ganze Weile halten. Halten Sie sich also etwas zurück, was neue Verletzungen angeht. Was hat Sie überhaupt so zugerichtet?“
 

Damian seufzte und stellte das Glas wieder ab.

„Wenn ich Ihnen das erzähle, halten Sie mich für verrückt.“
 

Als Antwort bekam er ein humorloses Lachen

„Na klar. Sie wären auch der erste Verrückte hier! Na, ist ja auch egal. Sie müssen's mir nicht sagen. Hauptsache, Sie sind wieder auf den Beinen. Aber Ihren Namen können Sie mir doch verraten, oder?“
 

„Ah, ja natürlich. Ich heiße Damian Tinner. Ich bin auf der Suche, nach meiner Enkelin, in die Stadt gekommen. Ihr name ist Abigail und sie ist 19 Jahre alt. Ist sie Ihnen vielleicht aufgefallen?“
 

Langsam schüttelte die Frau den Kopf.

„Nein. Von Ihnen abgesehen, habe ich in letzter Zeit niemand Neues gesehen. Aber Sie sind kein Einzelfall. Nahezu jeder, der nach Silent Hill kommt, ist auf der Suche. Manche suchen etwas. Andere suchen jemanden. Das, was sie finden oder das, was sie findet, ist dabei nicht immer, wonach sie gesucht haben. Ich hoffe aber, Sie finden die kleine. Wo sind ihre Eltern? Auch auf der Suche?“
 

„Ihre Mutter lebt nicht mehr. Sie ist gestorben, als Abby noch sehr klein war. Ich bin mit ihrem Vater, meinem Sohn, hergekommen, um sie zu suchen. Ihn habe ich aber auch verloren und seit gestern Vormittag nicht mehr gesehen.“
 

Damian schüttelte den Kopf und blickte verloren zu Boden.
 

„Schätze ich bin so schlecht darin, jemanden zu finden, dass ich auf der Suche, nur noch mehr verliere.“
 

Die Hand der Schwester legte sich schwer auf seine Schulter und drückte sacht zu.“ Ihre Stimme hatte etwas von der ursprünglichen Härte verloren, als sie antwortete.
 

„Machen Sie sich deswegen keine Vorwürfe. Die Stadt hat diesen Effekt. Jeder muss in Silent Hill seinen eigenen Weg gehen. Und auch, wenn das Ziel das Selbe ist, heißt das nicht, dass der Weg dorthin auch der Selbe ist.“
 

Damian hatte nicht damit gerechnet, wie sehr er diese simple Geste gebraucht hatte. Er legte seine Hand auf die Ihre und bemerkte erst in diesem Moment, dass auch die Schnittwunden, an seinen Armen versorgt worden waren. Er erhob sich mit einem leisen Seufzen und wurde sich noch einmal schmerzhaft bewusst, dass er nicht auf einer Schlafcouch geruht hatte. Die verspannten Muskeln waren jedoch ein willkommener Schmerz und erinnerten ihn an die Male, die er im Sitzen, vor dem Fernseher eingeschlafen war. Nach den Ereignissen des vorigen Tages fühlte sich dieser Schmerz beinahe nostalgisch an. Zum ersten mal blickte er sich richtig im Raum um und bestätigte, durch den Namen in großen schwarzen Buchstaben, auf der weißen Wand, dass er sich tatsächlich in der Ridgeview Klinik befand.
 

„Wie genau bin ich überhaupt hergekommen?“ fragte er, sich den verspannten Nacken reibend. „Ich bezweifle, dass mich ein Krankenwagen abgeholt hat.“
 

Das brachte ihm ein deutlich lauteres, aber auch herzlicheres Lachen ein.
 

„Selbstverständlich nicht. Ich hab sie auf dem Weg zu meiner Schicht entdeckt und sie den ganzen Weg her geschleift. Das war ein ganz schönes Stück Arbeit. Deswegen sind Sie auch hier vorn auf der Couch gelandet. Noch einen Meter weiter, und ich wäre mit ihnen zusammengeklappt.“
 

Damian nickte lächelnd.
 

„Ja, die Couch ist mir deutlich lieber, als der Fußboden. Vielen Dank! Wenn ich mich irgendwie erkenntlich zeigen kann, lassen Sie es mich wissen... ah“
 

Beiden fiel nahezu gleichzeitig auf, dass die Schwester ihren Namen noch nicht genannt hatte.
 

„Margie.“

half sie ihm aus.
 

„Oh! Ich suche nach einer Schwester Margie. Mein Sohn hatte mir das Brookhaven Hospital als Ziel genannt und ich habe gehofft, mich dort mit ihm treffen zu können, doch es war verschlossen. Mir wurde gesagt, dass Sie mir weiterhelfen können?“
 

Margie griff sich kommentarlos in die Tasche, ihres Jäckchens und fischte einen Schlüsselbund heraus, von dem sie einen Schlüssel zog und auf den Tresen legte.
 

„Damit kommen Sie rein. Das ist allerdings nur der Eingangsschlüssel. Wenn Sie drinnen auf verschlossene Räume stoßen, kann ich ihnen auch nicht helfen. Direkt gegenüber der Eingangstür ist eine Rezeption. Legen Sie den Schlüssel einfach auf den Schreibtisch, sobald Sie fertig sind.“
 

„Verstanden. Vielen Dank, noch einmal!“
 

Damian fühlte sich komisch dabei, den Schlüssel anzunehmen. Das größte, der Krankenhäuser, in der Stadt, und ihm wurde einfach so, der Hauptschlüssel anvertraut.
 

„Ich bin Morgen in der Nähe, den Schlüssel abholen. Bis dahin sollten Sie fertig sein.“
 

Damian nickte und wandte sich zum Gehen um.
 

„Ich sollte mich auf den Weg machen. Danke nochmal, für alles. Ich weiß Ihre Hilfe sehr zu schätzen. Ach, eine Sache noch. Mir wurde gesagt, dass Abbigail ein Rufen hörte, dass sie hierher gezogen hat. Wissen sie etwas darüber?“
 

Margie zog eine Augenbraue hoch und blickte Damian fragend an.
 

„Ein Rufen? Ja, davon habe ich mal vor langer Zeit gehört. Muss bestimmt schon 20 Jahre her sein. Damals haben mehrere Leute das Weinen, oder Rufen, eines kleinen Mädchens gehört. Habe selbst aber nie etwas in der Art erlebt. Kannte auch nie jemanden, der betroffen war. Die Lokalzeitung meinte, dass es einige Bewohner oben in Paleville und Central Silent Hill betroffen hat. Es hielt ein paar Jahre an und betraf auch nur vereinzelte Personen. Und danach … Na ja. Danach gab es niemanden mehr, um solche Geschichten zu verbreiten. Ich war auch Jahre schon nicht mehr oben in der Altstadt. Keine Ahnung, ob dort noch jemand lebt, oder ob man es dort noch hören kann. Tut mir Leid, dass ich nicht weiterhelfen kann.“
 

Damian schüttelte den Kopf.

„Kein Problem. Vielen Dank, trotzdem. Damit habe ich zumindest eine Richtung, falls ich im Brookhaven nicht fündig werde.
 

„Seien sie vorsichtig. Da oben ist es nicht gut.“
 

Mit diesen Worten widmete sie sich einem Klemmbrett und nickte Damian nun halb abwesend zu, bevor sie sich umdrehte und den Flur hinab verschwand. Er entschied sich, es ihr gleich zu tun und das Gebäude zu verlassen.
 

'Nicht gut.' wiederholte er in Gedanken. 'Was ist dann dieser Ort hier?'
 

Er nahm die auf dem Tisch stehende Lampe und bemerkte bei dieser Gelegenheit, dass die Feueraxt fehlte, was nicht weiter verwunderlich war. Damian hätte kaum von Margie erwarten können, dass sie neben ihm selbst, auch noch seinen ganzen Unrat mit zur Klinik schleppte. Umso dankbarer war er, das beruhigende Gewicht der Handaxt, in ihrer Trageschlaufe, unter seiner Jacke zu spüren.
 

Vor der Tür war Damian beinahe froh, nach den letzten Ereignissen in der Alptraumwelt, den gewohnten, alles verschlingenden Nebel wieder zu sehen. 'Alptraumwelt' Das Wort fühlte sich in seinem Verstand merkwürdig, aber dennoch richtig an. Diese andere Seite wirkte, wie vage Erinnerungen, oder Erwartungen an einen Ort, über die jemand ein Laken, aus den Alpträumen eines Kindes geworfen hatte. Allein und im Dunkeln war alles bedrohlich. Es waren aber auch diese Ängste, die einen durch das Leben hinweg begleiten, sich nur zu etwas Anderem entwickeln. Man konnte das Alleinsein schätzen lernen, aber dennoch angst vor der Einsamkeit haben. Die Dunkelheit an sich war nicht mehr bedrohlich, sondern der Verlust von Orientierung und Kontrolle war es, das einem Angst machte. Bedrohungen konnte man zu überwinden lernen, aber durch die Angst davor, einer Situation nicht gewachsen zu sein und zu scheitern ersetzt.

Das Alleinsein, die Dunkelheit, Die Gefahr. Gereift zu Vereinsamung, Kontrollverlust, Scheitern. Erwachsene Ängste, aus denen der Kindheit erwachsen.
 

Die Alptraumwelt war jedoch anders. Als wären die ursprünglichen Ängste in ihrem Reifeprozess pervertiert worden; hätten sich nicht weiterentwickelt, sondern nur zu einer extremeren Version ihrer selbst mutiert. Auf eine Art, wie es nur Alpträume konnten. Mit dem Unterschied, dass dieser Alptraum real war.
 

Dieser Gedanke ließ ihn auf dem Treppenabsatz halt machen.

'Ist er das?' Die plötzlich aufkeimende Frage brandete auf seinen unvorbereiteten Geist ein. Die Idee, dass ihm sein Verstand das alles nur vorspielen könnte, riss die Pforte zu neuen, grauenhaften Möglichkeiten weit auf.
 

Hatte er auf dem Weg nach Caldecotte einen Autounfall gehabt und lag nun im Koma, oder schlimmer noch, im Sterben? Waren dies die ins Endlose gezogenen, letzten Bilder eines Verstandes, der nicht begreifen konnte, dass er gerade stirbt? War Jake noch neben ihm im Wagen? Schwer verwundet und um Damians Hilfe flehen, die er nie bekommen würde.
 

Die Alternative war noch beängstigender. Er könnte an Wahnvorstellungen leiden. Durch eine nebelige Stadt irren und ihre letzten Bewohner abschlachten.
 

Damian schüttelte den Kopf so heftig, dass ihm schwindelig wurde und die Wunde wieder zu schmerzen begann. Das alles war die Wirklichkeit. Es musste die Wirklichkeit sein, egal wie unwirklich sie ihm schien.
 

Er griff in die Tasche der Feuerwehrjacke und betastete das von seinem Körper Handwarme Metall, des Schlüssels, zum Brookhaven Hospital. Er hatte ein Ziel. Ein Ziel, bei dem ihm jemand fremdes geholfen hatte. Etwas, das sie sicher nicht getan hätte, wenn Damian sich durch die Stadt gemordet hätte.
 

Den Schlüssel, wie einen Talisman in seiner Hand drehend, machte Damian sich auf den Weg und erreichte nach wenigen Augenblicken den Hintereingang der Feuerwache. Er durchschritt die Reste des Lattenzauns und drückte gegen die Tür des Hintereingangs, die sich mit einem Geräusch, von rostigem Metall öffnete.
 

Er lief durch die kleine Küche, blieb aber am Durchgang zum Hauptraum stehen. Die meisten Fenster standen entweder offen, oder waren zersprungen, sodass der Nebel in die Ruine kroch und wie ein geisterhafter See über den Boden waberte. Im Alptraum war der Boden nur ein angeschlagenes Gitter, das bei jedem Schritt nachzugeben drohte.Vorsichtig wischte er mit seinem Fuß über den Boden, um die Nebelschwaden zu vertreiben und stellte erleichtert fest, dass der Boden aus solidem Beton war.
 

Mit neugewonnener Sicherheit eilte er zur Treppe und fand auch diese noch intakt vor. Sie war feucht und modrig, hielt dem Gewicht seiner Schritte aber knirschend stand. Und obwohl er es eilig hatte, und den morschen Holzdielen unter seinen Füßen nicht traute, konnte er es sich nicht nehmen lassen, einen Blick in die Räume zu werfen, die ihm vertraut, aber dennoch neu waren. Er wusste nicht, womit er rechnen sollte und so war er weder überrascht, noch hatte er es erwartet, als sich keines der Ereignisse in den, zuvor im Alptraum besuchten Räumen widerspiegelte. Seine zerrissene Jacke lag nicht auf dem Boden der Umkleide, wo er sie zurückgelassen hatte. Keine Glasscherben lagen auf dem Boden des Raumes, in den er gestürzt war. Und die schimmeligen Laken lagen unordentlich auf den Betten.
 

In diesem Augenblick bereute er seinen neuen Verband. Der alte, war aus den Laken des Bettes, vor dem er gerade stand. Die Stofffetzen in Händen halten zu können, während er es hier intakt sah, hätte dem ganzen Wirklichkeit verliehen. Ein handfester Beweis, das beide Welten parallel zueinander existierten, und er sich den Alptraum nicht nur einbildete.
 

Mit einem Seufzen machte Damian sich auf dem Weg zum Dach. Die Wunden und der dumpfe Schmerz, den seine angeschlagenen Rippen bei jedem Atemzug bescherten, mussten als Beweis reichen.
 

Auf dem Dach bemerkte er dann doch eine Veränderung: Die behelfsmäßige Brücke war nicht an ihrem Platz und als Damian über den Rand spähte, sah er die Balken zersplittert in der schmalen Gasse liegen, während sein Verstand sich bemühte, das Puzzle zusammenzusetzen und zu dem Schluss kam, dass er während des Sturzes hinüber zur anderen Seite gewechselt haben musste. Selbst die Stelle, an der sich der Stein gelöst hatte, war noch auf der gegenüberliegenden Seite zu erkennen.
 

Es war ein abstraktes Rätsel, dessen Lösung keinen Sinn ergab. Damian konnte praktisch auf den Augenblick genau festhalten, wann er einfach aus dieser Welt verschwand. Doch auch das war nicht richtig. Viel weniger verschwand er, als die Welt um ihn herum. Er fühlte sich nie, als wäre er versetzt worden. Ganz im Gegenteil hatte er den Wandel mehrfach gar nicht im ersten Augenblick bemerkt. Der Alptraum stülpte sich einfach über die Realität und ersetzte Handlungen und Konsequenzen mit seinen eigenen. Dennoch fehlten ihm so viele Teile zu diesem Puzzle und das resultierende Bild war derart ungenau, dass es alles mögliche sein konnte.
 

Langsam trat er vom Rand weg und machte ein paar Schritte rückwärts. Die Brücke war zersplittert und unbrauchbar, selbst wenn er sie hinaufgetragen bekommen hätte. Ihm blieb also nichts anderes übrig, als erneut zu springen. Es war noch immer kein schwerer Sprung, aber diesmal würde er keine zweite Chance bekommen. An der gegenüberliegenden Wand befanden sich keine Fenster, durch die er stürzen könnte und wenn er wieder an der Dachkante hängen blieb, würde seine schmerzende Brust nicht zulassen, dass er sich lang dort festhielt.
 

Er schob die Sorgen beiseite und lief los. Diesmal gab es kein Monster, das ihn ablenken konnte. Kein Stein, der sich unter seinem tritt löste. Mit einem Satz war er drüben, stolperte vorwärts und landete auf den Knien. Adrenalin raste durch seinen Körper und ließ ihn schneller atmen, aber er war in Ordnung. Er zwang sich, sich zu entspannen, stand wieder auf und klopfte sich den Schmutz von den Knien.
 

Als er die Dachluke öffnete, erwartete er halb, die Kirche nun verändert zu sehen. Dass sein Rückweg genauso beschwerlich werden würde, wie der zur Klinik. Doch auch sie zeigte sich unverändert. Über den Rundgang, zur Sakristei und schließlich zum kleinen Vorraum, mit dem Weihbecken. Sogar die Kerzen brannten noch, mussten zwischenzeitlich aber ausgetauscht worden sein.

Auf dem kurzen Restweg, zum Brookhaven, machte Damian nur noch einmal an der Bank halt, wo er Dan am Vortag begegnet war und es war ein merkwürdiges Gefühl die Bank leer vorzufinden.
 

Den Gedanken, dass die Stadt nur ein Überzug war, ein Laken, dass über etwas anderes, verschlagenes geworfen wurde, um bei grobem Hinschauen, wie ein normaler Ort auszusehen, konnte er schon seit Scottsdale nicht mehr vertreiben. Und auch wenn er mit ihnen sprach, sie Dinge fragte und Antworten bekam, hatte sich ebenso das Gefühl in seinem Verstand festgesetzt, dass sie genauso unecht waren. Statisten, die immer am gleichen Ort auftauchen und ihre Rolle aufs neue abspielten, wenn man ihnen begegnete. Aber Dan war nicht dort auf der Bank. Genauso wenig, wie das Buch, das er gelesen hatte. Keine Puppe, die darauf wartete von einem Publikum gesehen zu werden, um zum Leben zu erwachen, sondern ein Mensch. Ein Mensch, der aus freien Stücken in dieser Stadt war.
 

Für einen Augenblick fragte Damian sich, was für Dämonen jemanden an diesen Ort treiben konnten und ob er ihm helfen konnte, besann sich dann jedoch darauf, dass er eigene Probleme hatte. Der Knabe war aus freien Stücken nach Silent Hill gekommen, genau wie Damian selbst.
 

Über den Grundstücksmauern des Brookhaven, konnte er die Fassade, des Gebäudes aufragen sehen. Grauer Putz bröckelte von der Wand und rieselte aus den Boden. Leere Fenster, die nichts als eingestaubte Räume verbargen. Im Gegensatz zur Stadt selbst, die auf eine verquere Art lebendig schien, wirkte dieses Gebäude leblos. Ob es ein Mann, auf einer Bank, die brennenden Kerzen, in der Kirche, oder die besetzte Klinik war. Sogar die Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellten, wirkten wie Absicht. Monster, Abgründe, verschlossene Türen. Das alles verlieh der Stadt selbst etwas lebendiges.
 

Das Brookhaven jedoch, stand da, wie etwas, das vor langer Zeit abgestorben war und vor sich hin rottete. Die Fenster starrten leblos ins leere und verliehen dem Gebäude, das Bild einer Leiche, die mit offenen Augen und ausdruckslosem Blick vor sich hin glotzte.
 

Damian konnte nicht sagen, ob es eine Vorahnung, oder nur ein schlechtes Gefühl war, das seine angeschlagenen Nerven, ihm nach den vorangegangenen Ereignissen vorsetzten. Langsam, vielleicht etwas übervorsichtig, stieg er die wenigen Stufen zum Eingang hinauf und bemerkte beiläufig, dass das Blatt mit der Notiz, das ihn am Vortag zur Klinik hatte aufbrechen lassen, in der Zwischenzeit fortgeweht sein musste.
 

Der Schlüssel passte problemlos ins Schloss, ließ sich aber nur widerwillig in ihm drehen, bevor Damian endlich vom Klicken des Schließmechanismus' belohnt wurde. Und tatsächlich ließ sich die Tür, schwer über den Boden schabend öffnen. Ein paar verirrte, morgendliche Sonnenstrahlen fielen schwach, durch die offene Tür, in die Eingangshalle, des Brookhaven und zeigten einen schmutzigen Fliesenboden, mit schwarzweißem Schachbrettmuster. Vorsichtig betrat er das Gebäude und entzündete die Flamme, seiner Lampe.
 

Er machte nur wenige Schritte vorwärts und während die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, kam ihm ein Gedanke, der seine Innereien sich verkrampfen ließ: Was, wenn dieses Gebäude nicht tot war, sondern schlief?
 

Direkt vor ihm teilte sich der Flur und schien, in beide Richtungen, um eine Mittelsektion herum zu führen. Im Lampenschein sah er den Gang beidseitig, nach wenigen Schritten um die Ecke biegen. Direkt vor ihm war ein kleiner Schaukasten, mit einem Gebäudeplan und einer Tür daneben. Er leuchtete kurz in den kleinen Raum und erkannte ihn, als die Rezeption wieder, die Margie angesprochen hatte. Die alltägliche Unordnung, war von einer dicken Staubschicht bedenkt. So als wäre man vor Jahren, nur eben zur Mittagspause gegangen und niemals zurückgekommen. Akten standen halb sortiert im Regal und halb auf den Boden gestapelt. Einige Akten lagen in den Körben, während andere, auf dem Tisch verstreut, auf ihre Bearbeitung warteten, dennoch darauf bedacht, die dem Besucher zugewandte Fläche, frei zu halten.
 

Damian zog kurz in Erwägung, den Schlüssel gleich auf die freie Tischfläche zu legen, entschied sich aber dagegen. Wenn er sich länger im Brookhaven aufhielt, als erwartet und Margie kommen und abschließen würde, während er noch irgendwo im Gebäude war, würde er gefangen sein. Er schloss die Tür wieder und wendete sich dem Plan zu. Hierher zu kommen, war sein letzter Anhaltspunkt gewesen. Nun hatte er nicht die leiseste Ahnung, wie er seine Suche fortsetzen sollte.
 

Vorsichtig griff er in das gesplitterte Glas, des Schaukastens und nahm den Plan heraus. Im Zweifel konnte er ihn später einfach wieder zurück hängen, aber für den Augenblick brauchte er etwas um sich eine Vorgehensweise zu erarbeiten. Systematisch versuchte er weniger wahrscheinliche Orte, wie die Apotheke zu seiner rechten auszuschließen und markierte sich gleichzeitig Orte, die wichtig sein konnten. Dazu zählte das Büro des Direktors, zur linken, sowie die Patientenzimmer, auf allen ebenen und die Isolierräume, im Dritten.Ebenfalls markierte er die Umkleideräume, im Zweiten. Er erinnerte sich, an die Notiz, auf dem Anschlag. 'Ich habe dir die Sache in deinen Spind getan.' Der Name, der Adressatin wollte ihm nicht mehr einfallen, aber es könnte eine gute Idee sein, die Spinde zu überprüfen.
 

Es war auch nicht der schlechteste Ort, um die Suche zu beginnen. Damian folgte dem Rundgang zum Treppenhaus und wollte gerade die Tür zu diesem aufstoßen, als er Geräusche von irgendwo hinter sich hörte. Er drehte sich um und sah die leicht offenstehende Tür, zum Patientenflügel, des Erdgeschosses. Die Geräusche kamen von irgendwo dahinter und klangen wie Fußschritte. Das Radio in seiner Tasche blieb stumm, also war es, solang das statische Rauschen zuverlässig war, kein Monster, das sich dort bewegte.
 

Die schwere Tür ganz auf zu stemmen, kostete ihn einiges an Kraft und er zog mit dem Geräusch von Metall, das kreischend über den Boden schleifte, sofort die Aufmerksamkeit auf sich. Der Lichtstrahl einer Taschenlampe fuhr herum, überstrahlte augenblicklich die schwache Flamme seiner Karbidlampe und blendete ihn, dass er seine Augen mit der Hand abschirmen musste. Dennoch konnte er nur einen blendend weißen Punkt, als Ursprung des Lichts, aber nichts dahinter ausmachen.“
 

„Dad?“

fragte die vertraute, aber dennoch unerwartete Stimme, seines Sohnes und Damian hätte seine eigene Lampe beinahe fallengelassen.
 

„Jake!“
 

Die Taschenlampe wurde herabgesenkt und endlich konnte Damian seinen Sohn auch erkennen. Jake stand mitten in der Dunkelheit des langen Ganges, die Großen Doppeltüren, der Patientenzimmer zu seiner Linken, die nackte Wand zur Rechten. Er hielt die Lampe in der einen und die gezogene Waffe in der anderen Hand. Offensichtlich war bei ihm auch nicht alles friedlich abgelaufen.
 

„Wie bist du überhaupt hier rein gekommen? Die Tür war bis eben abgeschlossen.“
 

Jake zuckte mit den Schultern.
 

„Bin hinten, über eine Mauer, in den Garten geklettert. Die Tür zum Patientenbereich war nicht abgeschlossen, also bin ich rein. Ich dachte schon, wir hätten uns verpasst, weil ich aufgehalten wurde.“
 

Damian hätte sich am liebsten mit der Hand an die Stirn geschlagen. Er hatte nicht einmal versucht, über die Mauer zu kommen. Andererseits, traute er es sich auch nicht mehr so ohne weiteres zu, sich nur an den Fingerspitzen, an einer übermannshohen Wand hoch zu ziehen. Eine starke Erleichterung überkam ihn. Nicht nur darüber, dass er seinen Sohn gefunden hatte; auch die zwischen beiden herrschende Anspannung, schien mit einem Tag Abstand milder geworden zu sein. Er schüttelte leicht den Kopf.
 

„Nein, ich wurde ja selbst aufgehalten.“

sagte er und deutete auf den Verband an seiner Stirn.

„Nachdem wir uns in Scottsdale verloren hatten, habe ich mich daran erinnert, dass du hierher wolltest und habe mich auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, dass du die selbe Idee hattest und wir uns hier wiedertreffen. Ich kam gestern Abend hier an, fand aber nur eine verschlossene Tür vor... Ich habe mir Sorgen gemacht, dass du es nicht bis hierher geschafft hast. Tut gut, dich zu sehen, Junge.“
 

Jake nickte und Damian bemerkte, dass er nicht weiter darauf einging, was seinen Vater so lang aufgehalten hatte. Erst jetzt, sah er die dunklen Augenringe seines Sohnes, die darauf hindeuteten, dass er die Nacht nicht geschlafen hatte. Er war dankbar, dass sein Sohn nicht über die Ereignisse nachfragte, und entschied sich, es ihm gleich zu tun. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass es Dinge waren, an die er nicht denken, geschweige denn über sie reden wollte.
 

„Also, Jake. Du hast das Brookhaven vorgeschlagen. Wo geht es hin?“
 

Der jüngere deutete auf eine Tür, direkt neben der, durch die Damian gerade gekommen war.
 

„Das Untersuchungszimmer.“
 

Damian nickte knapp und zog die Tür auf, während Jake mit schussbereiter Waffe hinein leuchtete. Als er sicher war, dass keine Gefahr drohte, traten beide hinein, fanden aber nur einen nahezu leeren Raum vor. Ein kleiner Schreibtisch, mit verstreuten Unterlagen. Eine Patientenliege. Dazu noch einen Medikamentenschrank und ein paar faulende Bücher, in einem Regal.
 

„Wonach suchen wir?“
 

Damian blätterte durch die Unterlagen, auf dem Tisch und versuchte sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Aber wenn schon nicht Abigail selbst, hatte er wenigstens einen Hinweis erwartet. Er sah seinen Sohn fragend an, der seine Finger vorsichtig über die Liege streichen ließ.
 

„Abby kam hier in diesem Raum zur Welt.“
 

Damian zog die Stirn kraus, da diese Information nicht mit dem überein stimmte, was er wusste. Oder zumindest zu wissen glaubte.
 

„Ich dachte, sie kam in Central Silent Hill zur Welt?“
 

Jake berührte noch immer sanft die verschmutzte Liege, als würde er damit seine Tochter heraufbeschwören können. Langsam schüttelte er den Kopf.
 

„Nein, da wollten wir ursprünglich hin. Aber Durch einen Unfall war die Straße direkt hinter der Abzweigung nach Scottsdale gesperrt. Also bin ich wie ein wahnsinniger her gerast. Brookhaven war als psychiatrische Einrichtung, nicht für Entbindungen ausgelegt und Helen wurde in dieses Untersuchungszimmer geschafft. Genau hier brachte sie Abby zur Welt. Erst einen Tag später wurde Abby, wegen Komplikationen bei der Geburt, ins Alchemilla transportiert. Mir wurde gesagt, dass Helen hysterisch war und man sie für psychiatrische Beobachtung noch hier behalten wollte, aber...“
 

Jake sprach nicht weiter, musste er aber auch nicht. Damian wusste, dass Helen das Brookhaven nicht mehr lebend verlassen hatte.
 

„Ich hatte gehofft, dass Abby versuchen würde, einen Hinweis auf ihre Mutter zu finden. Vielleicht finde ich etwas, in Helens Zimmer. Sie war hier direkt im Erdgeschoss, in C3. Schau du dich hier noch etwas um.“
 

Damian wollte dagegen protestieren, sich erneut zu trennen, entschied sich aber dagegen. Sein Sohn ging in den Raum, in dem seine Frau, die letzten Tage ihres Lebens verbracht hatte und er hatte das Gefühl, ein Eindringling, in diesem privaten Moment zu sein.
 

Er hörte die Tür hinter sich zuklappen und machte sich daran, einige Patientenunterlagen im Schreibtisch zu untersuchen.
 

Patient 173 zeigte wiederholt gewalttätiges Verhalten den Schwestern gegenüber. Die Ausbrüche scheinen dabei nicht reiner Willkür, oder böser Absicht, sondern einer tief sitzenden Angst zu entspringen.

Eigentümlicherweise spricht er diese oft mit 'Mutter' an, und seine Reaktion auf Schwesternbesuche schwanken, je nach Gemütszustand, zwischen Gewaltausbrüchen und Fluchtverhalten. Sie sind damit kongruent, mit typischen Reaktionen auf eine Gefahrensituation.

Das, in Verbindung mit seinen ausschließlich weiblichen Opfern, die oberflächliche Ähnlichkeiten, zu seiner Mutter aufwiesen, spricht für ein tiefsitzendes Trauma. Vor Gericht sagte 173 aus, dass ihm die Frauen 'Die Luft zum Atmen' nahmen. Ob das auf physischer Gewalt, durch seine Mutter, oder ein Gefühl der Unterdrückung gründet, bleibt zu klären. Ebenso können andere, alternative Begründungen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgeschlossen werden. Es gibt Fälle, in denen nicht erwidertes, sexuelles Begehren, mit einem Gefühl des Erstickens beschrieben wurde. Wobei diese Ablehnung als akute Gefahr für sich selbst zu verorten, eine extreme Reaktion wäre.

Da die Hintergründe noch nicht hinreichend geklärt werden konnten, gestaltet sich eine zuverlässige Diagnose, und damit auch die Frage der Schuldfähigkeit, als schwierig. Dennoch kann mit einiger Sicherheit von einer schweren Persönlichkeitsstörung ausgegangen werden, eventuell in Komorbidität mit einer psychotischen Störung.

Die starke Kampf,- oder Fluchtreaktion ist ein deutlicher Hinweis, der für Gewalteinwirkung spricht. Deshalb ist vorerst von einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung auszugehen und auslösende Situationen entsprechend zu vermeiden.

Bis auf weiteres ist 173 ausschließlich von männlichem Pflegepersonal zu betreuen und es wurde den Schwestern verboten, seinen Raum zu betreten. Mit dieser Vorsichtsmaßnahme kann auf eine Verlegung in die Sonderbehandlungsräume vorerst verzichtet werden. Um im Notfall vorbereitet zu sein, habe ich jedoch Anweisung gegeben, Raum 4 frei zu halten.
 

J. Bergheim
 


 

Patientin 279 zeigt nach dem Tod ihrer Tochter, Denk,- und Verhaltensweisen, die, auch wenn eine endgültige Diagnose noch aussteht, auf eine schwere, depressive Episode mit psychotischer Symptomatik oder einer postpartalen Psychose hindeuten.

Sie besteht darauf, das verstorbene Kind weinen zu hören und verlangt, zu ihm gelassen zu werden. Diese akustische Halluzination können als synthymer Wahn (In diesem Fall Schuldwahn, bedingt durch das Gefühl, ihr Kind im Stich zu lassen und fatalistischer Wahn, in der Verweigerung, den Kindstod anzuerkennen) beschrieben werden und würden in beiden Fällen als typische Symptome dienen. Ob diese Muster auch über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten bleiben, wird über die schlussendliche Diagnose entscheiden.

Unabhängig dessen, besteht die akute Gefahr auf autoaggressives Verhalten. Somit stellt 279 eine Bedrohung, für sich selbst dar und es wurde Anweisung gegeben, die Patienten in Sonderbehandlungsraum 1 zu verlegen. Auf eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit wird derzeit noch verzichtet. Sollten diese Tentenzen allerdings in Zukunft zu suizidalem Verhalten ausufern, muss auch diese Möglichkeit in Betracht gezogen werden.
 

J. Bergheim
 


 

Patientin 113 wurde nackt auf der Straße aufgelesen und verängstigt eingeliefert. Bei der Aufnahme war sie der festen Überzeugung, dass sie entweder hingerichtet, oder durch chirurgische Eingriffe verändert werden soll. Nachdem sie beruhigt werden konnte, zeigt die Patientin sich äußerst freundlich und auf positive Zuwendung orientiert. Dennoch manifestieren sich immer wieder Episoden von starkem Verfolgungswahn, in denen auch ihre Gewaltbereitschaft deutlich zunimmt.

Als Patient 097 sich in der Mensa zu ihr setzte, löste er damit eine solche Episode aus, woraufhin 113 mit einem Dessertlöffel Angriff und 097 infolge dessen ein Auge verlor. In der Folge wurde 113 in Sonderbehandlungsraum 3 isoliert und aufgrund der akuten Gefahr für sich selbst auch fixiert. Inzwischen distanziert die Patientin sich glaubhaft von ihrem vorhergehenden Verhalten und drückt tiefes Bedauern für den Zwischenfall aus.

Als Ursache für diese Episoden nennt sie die Angst, dass äußere Einflüsse, die sie nicht genauer benennen kann, in einen Alptraum hinabziehen wollen. Dieser scheint dabei weniger als tatsächlicher Alptraum verstanden zu werden, und mehr eine Ebene des Seins, die unter der Realität liegt, aber genauso real ist. Sie hat keine Erklärung, wie dieser Prozess ablaufen soll, glaubt aber, dass es eines externen Eingriffs bedarf, wie etwa ihre Tötung, oder eine Operation an ihrem Körper.

Die bei Einlieferung vermutete, substanzinduzierte psychotische Störung, konnte schnell durch einen Bluttest, der keinerlei Intoxikation ergab, ausgeräumt werden. Ebenso wird von einer Persönlichkeitsstörung, wie etwa dem Borderline Syndrom abgesehen, da diese zwar die stressbedingten, mikropsychotischen Episoden erklären könnte, die Anamnese der Patientin aber keine vorangehenden, klinisch relevanten, Eigenschaften aufdeckte.

Naheliegend wäre also eine manische, schizoaffektive Störung, oder paranoide Schizophrenie, wobei hohe Wahrscheinlichkeit für eine Komorbidität, beider Erkrankungen besteht.

Da sie sich zum Zeitpunkt des Angriffes auf Patient 097 in einem Zustand extremer Todesangst befand, ist sie für diese Tat als schuldunfähig einzustufen. Obwohl eine weitere Isolation von anderen Patienten derzeit nicht nötig scheint, ist stets Sorge dafür zu tragen, dass 113 keinen Zugang zu festem Besteck, oder anderen Gegenständen bekommt, die sie als Waffe missbrauchen könnte. Sonderbehandlungsraum 3 wird auch weiterhin für die Patientin freigehalten, da stets Gefahr neuerlicher Episoden besteht und sie auch unbewaffnet zur Gefahr für sich und ihre Mitpatienten werden könnte.
 

J. Bergheim
 


 

Seufzend legte Damian den Stapel Papiere beiseite. Es kam ihm falsch vor, in diesen persönlichen Unterlagen von Menschen zu schnüffeln, die in diesem Hospital behandelt wurden. Das galt gleich noch mehr, wenn diese Akten ihm keine Hinweise zu liefern vermochten.
 

Eine der Patientinnen könnte ein frühes Opfer des Rufens gewesen sein und der zeitnahe Tod ihres Kindes, erschuf eine tödliche Mischung, für die Frau. Dennoch würde er mehrere Hintergrundinformationen brauchen, um irgendwelche vernünftigen Schlüsse daraus ziehen zu können und er zweifelte daran, mit einem irgendwie zu rechtfertigenden Zeitaufwand, welche zu finden.
 

Der letzte Fall erinnerte ihn grob an seine eigene Situation, jedoch ohne den externen Faktor. Jedenfalls konnte er keine wahrnehmen. Auch wollte er nicht weiter darüber nachdenken, da er sonst erneut über die Möglichkeit nachdenken musste, sich vielleicht selbst alles einzubilden.
 

Langsam trat er von dem Tisch weg und wieder in den langen Flur hinaus. Von weiter hinten sah er den Taschenlampenstrahl seines Sohnes, der sich ihm näherte.
 

„Was gefunden?“

rief er ihm zu.
 

„Nein, nichts. Ein paar rostige Pritschen, mit vergammelten Matratzen drauf. Du?“
 

„Patientenakten, aber nichts brauchbares. Das hier war offensichtlich doch nicht Abbys Ziel.“
 

Damian zögerte einen Moment und fügte dann hinzu:

„Bist du okay?“
 

Er wusste nur, dass Jake Helen die letzten Tage ihres Lebens nicht besuchen durfte. Jetzt den Raum zu betreten, in dem sie gestorben war, konnte nicht leicht gewesen sein.
 

„Ich weiß es nicht. Fühlt sich komisch an, jetzt hier zu sein. Das war damals mitten während der Patientenverlegungen, als die Renovierungen in vollem Gange waren. Die umliegenden Krankenhäuser verfügten nicht über die nötigen Einrichtungen, um so viele Patienten aus einer psychiatrischen Klinik zu beherbergen, weswegen man besonders gefährdete Fälle solang wie möglich hier behielt.

Und um sie, während der laufenden Arbeiten nicht unnötig aufzuregen, waren in dieser Zeit keine Besuche gestattet. Aber jetzt in diesem Zimmer zu stehen, hat mich nichts fühlen lassen.“
 

Damian nickte zögerlich. Das alles war ihm neu. Er und Jake hatten nie über Helens letzte Tage gesprochen. Ihr Tod war der erste Riss zwischen den beiden gewesen, der sich im Lauf der Jahre, zu einer großen Kluft ausbreiten sollte. Auch jetzt wusste er nicht, was er sagen sollte, wie er seinem Sohn hätte beistehen können.
 

„Hast du noch eine Idee?“

fragte er schließlich.
 

„Ich hätte gedacht, dass Abby herkommen würde, weil Helen hier war. Aber offensichtlich lag ich falsch. Als nächsten Punkt würde mir nur das Alchemilla Hospital, oben in der Innenstadt einfallen. Dort verbrachte sie die ersten Wochen, ihres Lebens. Vielleicht wollte sie dorthin.“
 

Es war kein sonderlich guter Anhaltspunkt. Das Brookhaven hatte eine starke Möglichkeit geboten. Hier kam sie zur Welt. Hier verbrachte ihre Mutter, die letzten Tage, ihres Lebens. Das Alchemilla war nur ein Krankenhaus, in dem sie als Baby war. Es war eine Möglichkeit, aber keine besonders überzeugende.
 

„Gab es da etwas besonderes, dass sie dort hinziehen könnte?“
 

Jake schien angestrengt zu überlegen und brauchte einen Moment, bevor er antwortete.
 

„Nichts besonderes, von dem ich wüsste. Auch wenn sie operiert werden musste, war der Rest ein völlig normaler Aufenthalt. Säuglinge zu operieren birgt immer ein hohes Risiko. Vielleicht wollte sie dorthin, weil sie an diesem Ort beinahe gestorben wäre? Auch wenn sie sich selbst nicht daran erinnern kann, weiß sie von einer Operation. Möglich, dass sie sich diesem Ort stellen wollte.“
 

Jake klang nicht annähernd so überzeugt davon, wie er noch am Vortag vom Brookhaven überzeugt gewesen war. Aber mehr hatten sie nicht, also machten sie sich auf den Weg, das Krankenhaus zu verlassen. Kurz vor dem Ausgang blieb Damian stehen. Die Notiz über den Spind fiel ihm wieder ein. Es war Vage, unverbindlich und hatte auf Anhieb nichts mit ihrer Suche zu tun, aber Damian hatte das Gefühl, dass es wichtig sein könnte. Dass er diesen Hinweis nicht ohne Grund bekommen hatte.
 

„Geh schon mal vor. Ich will noch kurz etwas oben im Dritten überprüfen.“
 

Sein Sohn sah ihn überrascht an.
 

„Da oben war Helen nie. Sie war immer hier im Erdgeschoss. Für Abby gäbe es also keinen Grund dort hinauf zu gehen. Oder hast du eine Idee?“
 

Damian hob entschuldigend die Hände, bevor er antwortete.
 

„Nein, keine direkte Idee. Eher ein Gefühl. Ich hatte einen Zettel gefunden, auf dem Stand, dass eine 'Sache' in einem Spind, in der Umkleide hinterlegt werden soll. Und irgendetwas sagt mir, dass ich nachsehen sollte.“
 

Jakes Augenbrauen zogen sich zornig zusammen. Die langsam zwischen den beiden abbauende Spannung und Distanz war mit einem Schlag wieder da.
 

„Das hat doch nichts mit uns zu tun. Wir müssen Abby finden und können uns nicht von jedem Mist ablenken lassen, der unsere Neugier weckt. Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, irgendwelchen Gespenstern nach zu jagen!“
 

„Ich weiß. Natürlich hast du Recht. Aber irgendetwas sagt mir, dass es wichtig sein könnte. Ich muss zumindest einmal nachsehen.“
 

Nun war es an Jake, eine entschuldigende Geste zu machen.
 

„Okay. Ist in Ordnung. Wir sind schließlich wegen meinem Bauchgefühl hier. Geh nachsehen. Ich werde inzwischen versuchen, in die Innenstadt zu kommen. Das ist ein ziemlich langer Weg, zwischen den Stadtteilen. Du solltest also genügend Zeit haben, mich wieder einzuholen. Wenn wir uns verfehlen, treffen wir uns am Krankenhaus wieder.“
 

Ohne auf eine Antwort zu warten, war Jake durch die Tür verschwunden und Damian damit wieder allein. Er betrat das kleine Treppenhaus und eilte die Stufen hinauf, fand jedoch eine Absperrung direkt unter dem Treppenabsatz der zweiten Etage. Enttäuscht drückte er gegen die Barrikade, nur um festzustellen, dass sie sich keinen Zentimeter rührte. Ein Blick auf die Karte, offenbarte eine zweite Treppe, die die Patientenabteile, der einzelnen Etagen, miteinander verband. Aber auch die brachte keine Lösung. Die Tür zum Patientenbereich, im Erdgeschoss stand zwar nach wie vor offen, dafür war die Treppentür selbst abgeschlossen und brachte ihn nicht weiter. Die einzig verbleibende Möglichkeit, war den Fahrstuhl zu benutzen, der alles andere als einladend war.
 

Zu seiner Überraschung öffnete sich die Tür quietschend, als er die Ruftaste drückte. Er betrat den engen Raum und bemerkte, dass der gesamte Mechanismus über einen separaten Stromkreis laufen musste, da selbst das Kabinenlicht, wenn auch flackernd, funktionierte. Dennoch wollte er das Risiko nicht eingehen, ohne vorher zumindest sicher zu stellen, dass dieses Ding überhaupt fahrtauglich war. Er betätigte die Taste, für das dritte Stockwerk und verließ die Kabine, bevor die Tür sich schließen konnte. Angespannt lauschte er, mit einem Ohr direkt an der kalten Fahrstuhltür und hörte, wie der Lift aufwärts fuhr, zum stehen kam und die Tür öffnete. Dann betätigte er die Ruftaste erneut und hörte erneut Bewegung, bevor die Tür sich direkt vor ihm wieder öffnete.
 

Das war noch lange kein Beweis dafür, dass eine Fahrt auch sicher sein würde, doch zumindest war die Kabine bei seinem Versuch nicht stecken geblieben und eine andere Möglichkeit gab es nicht. Der Fahrstuhl jaulte laut und schien sich nur mit äußerstem Widerwillen in Bewegung zu setzen, doch er tat es. Langsam fuhr er aufwärts und kam ebenso quietschend zum Stehen. Noch ehe sich die Tür ganz geöffnet hatte, begann das Radio laut zu rauschen und Damian wollte gerade seine Axt aus der Halterung nehmen, als eine Hand ruckartig in die Kabine Griff und ihn an der Kehle packte.
 

Instinktiv krallte Damian sich in den Arm der Kreatur, schlug darauf ein, versuchte deren Hand zu öffnen, die sich wie ein Schraubstock um seinen Hals geschlossen hatte, doch es war vergeblich. Panisch sah er das Ding an, das ihn gepackt hatte und ihm gefror das Blut in den Adern. Von allem, was er bisher gesehen hatte, war dieses Geschöpf, das menschenähnlichste, was er bisher gesehen hatte und schien damit nur umso unmenschlicher.
 

Es trug die veraltete Kluft einer Pflegerin. Angefangen beim weiten Kleid, in dessen lange Ärmel sich Damians Finger verzweifelt gruben und dem darüber liegenden Überwurf, der irgendwann vielleicht einmal weiß gewesen sein konnte, aber inzwischen fleckig gelb und grau war. Über die Schultern drapiert, trug es einen dunkelblauen Schulterumhang, der großflächig mit einer dunklen Flüssigkeit beschmiert war, die es beinahe schwarz wirken ließ. Unter der langen, Schwesternhaube schauten einige Haarsträhnen hervor, die im direkten Widerspruch zum restlichen Erscheinungsbild, merkwürdig gepflegt aussahen.
 

Das Atmen fiel ihm immer schwerer und Damian drohte, das Bewusstsein zu verlieren. Vielleicht war es nur, dass er in diesem Augenblick, da er zu ersticken drohte, instinktiv das Bild seiner vor vielen Jahren verstorbenen Mutter heraufbeschwor, denn in diesem Moment drängte sich ihm eine Vision auf, wie ihr Haar unter einem Sommerhut hervorschaute und beinahe identisch, mit dem dieses Monsters war. Das von diesem Haar umrahmte Gesicht der Kreatur, war ebenfalls menschenähnlich, wirkte aber stark verzerrt, oder verschwommen. So als würde er es durch einen dichten Schleier, in einem Zauberspiegel sehen. Der Kopf zuckte dabei genauso plötzlich und scheinbar unkoordiniert, wie der Rest, des Körpers.
 

Sein Griff wurde schwächer, während er aus der Kabine gezerrt wurde. Mit letzter Kraft versuchte er die Axt zu ziehen, doch rutschte seine Hand vom Griff und blieb schlaff hängen, als die letzte Gegenwehr erstarb und er in die Dunkelheit hinab sank. Wie aus weiter ferne, nahm er vereinzelte Eindrücke wahr. Wie er über den Boden geschleift wurde. Wie er etwas nasses auf seiner Haut spürte und sein Körper fror. Aber immer, wenn er endgültig zu erwachen begann, wurde er zurück in tiefe Bewusstlosigkeit verbannt.
 

Damian wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er mit schmerzender Kehle, aus dem Dämmerzustand erwachte und sich in einem Patientenzimmer wiederfand. Neben der nackten Matratze, auf der er lag stand ein Tisch, mit einer alten Nachtlampe darauf, die trübe vor sich hin leuchtete und den Raum, als einzige Lichtquelle, in ein schummeriges Licht hüllte. Seine eigene Lampe war verschwunden und er stellte schockiert fest, dass sie nicht das einzige war. Er trug weiter nichts mehr, als ein gammelig zerlumptes Nachthemd am Leib. Seine Haut war schmierig und klamm, so als hätte er in schlammigem Wasser gebadet.
 

Bei dem Gedanken daran, was das bedeutete, wurde ihm schwindelig. Das Monster hatten ihn angefasst, mehr noch ihn ausgezogen, als er bewusstlos war und in diesen Fetzen gestopft. Das Gefühl schmutzig zu sein, das ihn beinahe zu übermannen drohte, hatte nichts mit dem Dreck auf seiner Haut zu tun. Beide Hände ballten sich zu Fäusten, beschämt und wütend zugleich. Am liebsten hätte er diesen Fetzen sofort runter gerissen, doch dann würde er komplett unbekleidet durch die Flure irren. Sich dazu zwingend, die schmerzhaft geballten Fäuste wieder zu entspannen, sah er sich im Raum um.
 

Es war keine große Überraschung, dass seine Umgebung sich verändert hatte. Er wusste nicht, wann genau der Übergang geschehen war, aber es spielte auch keine Rolle. Die unnatürliche Dunkelheit, die hinter dem vergitterten Fenster lag, war Beweis genug. Der auflodernde Zorn überlagerte seine Scham und Damian schleuderte das Bettgestell, gegen die Scheibe, die beim Aufprall laut klirrend zersplitterte und unzählige Scherben zu Boden prasseln lies. Beinahe hätte er gelacht, als er nun wieder das vertraute Hämmern von draußen hereindringen hörte. Rhythmisch und unnachgiebig schien es ihn praktisch zu verhöhnen.
 

Damian schrie seine Frustration und Demütigung in den Raum hinaus, schrie bis seine geschundene Kehle, ihm die Stimme versagen ließ. Als er sich schlussendlich nur noch leer fühlte, zwang er sich, sich wieder zu sammeln. Die Karte hatte er nicht mehr, aber er erinnerte sich daran, dass die Einzelzimmer in der dritten Etage waren. Wenn er in die Schwesternumkleide wollte, musste er also wieder eine Etage tiefer. Dennoch wollte er zuerst die eigenen Sachen wieder bekommen, falls das überhaupt möglich war.
 

Vorsichtig drückte die Türklinke herunter und stellte erleichtert fest, dass er nicht eingeschlossen war. So leise er konnte, zog er die Tür auf und spähte in den Flur dahinter. Der lange Gang war stockdunkel und Damian öffnete die Tür soweit es ging, um möglichst viel Licht hinein zu lassen. Es reichte aus, um zumindest eine Tür gegenüber zu sehen. Seine nackten Füße klatschten bei jedem Schritt auf den Boden, als er hinaus trat.
 

Die gegenüberliegende Tür öffnend stellte er fest, dass es sich um eine Patientendusche handelte und wollte die Tür gerade wieder schließen, als ihm plötzlich ins Gesicht geleuchtet wurde. Eine dieser bizarren Krankenschwestern stand praktisch direkt neben ihm und hatte unverkennbar seine Lampe, mit dem gesprungenen Glas in der Hand.
 

Damian hatte sich zu sehr auf das Radio verlassen und nun, da es fort war, konnte das Monster ihn einfach überraschen. Die Hand zuckte vor, wollte ihn erneut packen, doch er stürzte im letzten Moment nach vorn, landete auf allen Vieren und kroch so in den Duschraum, wo er die Tür mit einem kräftigen Tritt wieder zuschlug und sich dagegen stemmte.
 

Die Schwester krachte von draußen gegen die Tür, was Damian rückwärts in den Raum taumeln ließ, wo er sich erneut im Schein der Lampe wiederfand. Er machte einige unsichere Schritte rückwärts. Noch während er überlegte, ob er sie zuerst in eine Ecke des Raums locken und dann an der gegenüberliegenden Wand vorbeirsprinten konnte, fiel sein Blick auf etwas glänzendes, neben ihm. Eines der stählernen Wasserrohre war aus der Verankerung gelöst und hing halb in den Raum hinein. Ohne groß zu überlegen, zog er mit aller Kraft an dem Rohr und schaffte es, dieses endgültig abzureißen. Das Monster würde ihn auf keinen Fall noch einmal anfassen.
 

Mit einem dumpfen Aufschlag und dem Geräusch krachend brechender Knochen, traf er dieses widerwärtige Geschöpf an der Schläfe und schickte es zu Boden. Es zuckte sinnlos mit Armen und Beinen, bevor Damian es mit noch einem Schlag erstarren ließ. Dem folgte noch ein weiterer. Und noch einer. Das Geschöpf hatte unlängst aufgehört, sich zu bewegen und nur noch der Aufprall des Rohrs, schickte ein Zucken durch den grotesken Körper.
 

Schwer atmend betrachtete Damian sein sein Werk, mit einer Mischung aus grimmiger Genugtuung und Abscheu, sich selbst gegenüber. Dunkles Blut tropfte von seiner Waffe und klatschte schwer auf den Boden, wo es zu einer beinahe schwarzen Pfütze zusammenlief.
 

Noch immer vor Anstrengung keuchend, hob er seine Lampe auf und schwang das Rohr, in der freien Hand. Es war nichts im Vergleich zur verlorenen Feueraxt und er würde beide Hände benötigen, um große Schlagkraft zu entwickeln. Dennoch konnte es ihm dabei helfen, Monster auf Abstand zu halten.
 

Direkt im nächsten Raum, fand er ein Patientenbad und dort auf dem Boden verstreut seine Kleidung wieder. Und auch wenn das Radio fehlte, war er erleichtert, so viel wiedergefunden zu haben.
 

Für einen Augenblick starrte er die widerwärtig befleckte und teils gesprungene Wanne, mit leerem Blick an, doch sein Verstand weigerte sich, die Verbindung zwischen diesem Ort und dem, was mit ihm geschehen war herzustellen. Schnell blinzelnd und den Kopf schüttelnd, befreite er sich aus diesem tranceartigen Zustand, zog das schmutzige Nachthemd aus und rieb sich damit die restliche Feuchtigkeit, vom nackten Körper, bevor er sich wieder anzog.
 

Auch wenn er seine Entscheidung, zurück zu bleiben, längst bereute, wollte Damian nun umso mehr wissen, wofür er das alles auf sich genommen hatte. Er hastete den Flur entlang und stürmte mit ganzem Körpergewicht gegen eine der Schwestern, wodurch er das, ruckartig nach ihm greifende, Monster zu Fall brachte. Das Lampenlicht erlosch, als diese klappernd zu Boden fiel und Damian die Stange beidhändig fest umschloss. Er brauchte es nicht zu sehen, um dem Monster, genau wie dessen Vorgänger, den Garaus zu machen. Sein verzerrter Mund stieß beinahe menschliches Stöhnen aus, bevor auch diese Ding reglos liegen blieb.
 

Erst als er das tote Geschöpf einige Schritte hinter sich gelassen hatte, schaltete er die Lampe wieder ein, verließ den Patientenkorridor und trat auf den Flur hinaus, in dem sich auch das Treppenhaus befand, über das er sein Ziel ohne weitere Zwischenfälle erreichte.
 

Die Umkleide war wenig geräumig. Eine Hand voll rostiger und verbeulter Spinde, säumte die Wände. Dazu ein Tisch, mit einem blinden Spiegel darüber und das erste, nicht vergitterte Fenster, das Damian im ganzen Gebäude gesehen hatte, auch wenn das Bild endloser, alles verschlingender Nacht dahinter, das Gleiche war. Vergeblich versuchte er sich an den Namen, der Schwester zu erinnern, der auf der Nachricht stand und beschloss schlichtweg alle Spinde durch zu probieren. Er bezweifelte, dass deren Besitzer zeitnah, oder viel mehr überhaupt jemals zurückkommen würden, um ihr Eigentum in Anspruch zu nehmen.
 

Die meisten Spindtüren waren entweder so verbeult, oder zugerostet, dass sie sich unmöglich öffnen ließen. Doch als Damian das Namensschild an einer von ihnen als 'Tina' wiedererkannte, ließ es sich, mit einigem Widerstand, öffnen. Und auch wenn Damian nicht wusste, was er zu finden gehofft hatte, den Spind vollkommen leer vorzufinden, war es sicher nicht gewesen.

Doch vollkommen leer entsprach nicht ganz der Wahrheit. Er wollte sich gerade zum Gehen abwenden, als ihm eine zusammengefaltete Notiz im oberen Fach auffiel. Sie war offensichtlich mit Schreibmaschine verfasst worden und Damian fragte sich, warum man sich für so einen Papierfetzen, so viel Mühe gegeben hatte, während er diesen ins Licht seiner Lampe hielt und zu lesen begann:
 

Das Schwein sitzt jetzt in Sonderbehandlungsraum 4 isoliert. Ich kann noch immer nicht glauben, was mit Martha passiert ist. Nur weil sie sich, während der Nachtvisite, im Zimmer geirrt hat. Als Mike sie gefunden hatte, hat dieses perverse Monster, sich gerade einen runter geholt. Bergheim hat das natürlich völlig kalt gelassen. Der hat nur fasziniert seine Schlüsse gezogen. Das man an den bisherigen Opfern keine Spuren von Vergewaltigung fand, weil 173 sich selbst nach der Tat befriedigte, statt sich an den Leichen seiner Opfer zu vergehen. Und das offensichtlich sexuell motivierte Taten einige Klarheiten schaffen könnte. Martha hat über 20 Jahre hier gearbeitet und dieser eiskalte Mistkerl hat kaum Notiz von ihrem Tod genommen.
 

Ich habe dir jedenfalls das besorgt, was du haben wolltest. Das Krankenhaus ist noch immer wegen den Renovierungsarbeiten geschlossen, aber bis die in der dritten Etage anfangen, werden die drei in den Isolierräumen noch nicht verlegt.
 

Eine Sache noch: Vergiss über all dem bitte nicht, dich um die Patienten in Raum 1 zu kümmern. Die arme hat seit dem Tod ihrer Tochter genug durchgemacht und sollte derzeit unter ständiger Beobachtung stehen. Ich weiß, dass du es diesem Drecksschwein heimzahlen willst, aber wir dürfen unsere Pflicht nicht vergessen, den Menschen zu helfen, die auf uns angewiesen sind!
 

Damian knüllte das Papier zusammen und ließ es enttäuscht fallen. Obwohl ihm inzwischen klar war, warum es nicht handschriftlich verfasst wurde, war das Schriftstück nichts. Weniger als nichts. So erschreckend, und vor allem traurig diese Vorfälle auch gewesen sein mochten; Sie hatten nichts mit seiner Situation und der Suche nach seiner Enkelin zu tun. Alles was ihm jetzt noch zu tun blieb, war sich zu beeilen, um seinen Sohn einzuholen.
 

Er öffnete die Tür und machte sofort einen Satz rückwärts, als ihm das Rauschen seines eigenen Radios entgegenschlug und seine Axt gegen ihn geschwungen wurde. Noch eine der Monsterschwestern hatte sich offensichtlich an seinen Sachen bedient. Mit ihren grotesk zuckenden Bewegungen, schwang sie die Waffe und verfehlte ihn nur um Haaresbreite, doch er schaffte es zu reagieren. Fest stieß das Rohr in den Bauch des Geschöpfes und wurde dann aufwärts geschwungen, wo es dessen Unterkiefer zertrümmerte. Damian machte einen Schritt näher, um den Kampf zu beenden, doch ein plötzlicher Schlag, gegen seine Brust, ließ seine gebrochenen Rippen in einer Explosion aus Schmerz aufschreien.

Benommen ging er selbst, über der zu Boden gegangenen Kreatur nieder, die ihm ihr Blut entgegenspuckte. Er bekam die fallengelassene Handaxt zu greifen und trieb sie dem Monster in den Schädel, was dessen Bewegungen abrupt beendete.
 

Mit einem Husten, das fast noch mehr schmerzte, als der eigentliche Schlag, stand er, sich die Rippen haltend, wieder auf und sammelte seine Gegenstände zusammen. Das Radio und die Axt, zurück in seinem Besitz wissend, fühlte er sich endlich wieder vollständig.
 

Mit schweren Schritten und weiteres Husten, aus Angst vor dem unweigerlich folgenden Schmerz unterdrückend, schleppte er sich zur Treppe und stellte, mit einem Funken an Erleichterung fest, dass sie in dieser Welt nicht versperrt war, denn absolut nichts hätte ihn hier in den Fahrstuhl zwingen können.

Er wollte sich gerade an den Abstieg machen, als sein Blick unweigerlich hinauf, zurück zur dritten Etage gezogen wurde. Er war im Augenblick in keiner Verfassung zu kämpfen und musste sich eigentlich beeilen, diesen Ort zu verlassen. Doch das alles konnte nicht einfach umsonst gewesen sein. Es gab keine Hoffnung darauf, dort sinnvolle Hinweise zu finden. Und auch wenn er nicht erklären konnte warum, so musste er die Isolierräume zumindest einmal sehen.
 

Er stieg den leeren Aufgang hinauf, zurück in die dritte Etage. Dort angekommen musste er nur um eine Ecke biegen und stand vor der Tür, die zu den Sonderbehandlungsräumen führen würde. Und auch wenn sie genauso verrostet, wie alles andere war, so ließ sie sich überraschend leicht öffnen und gab den Blick auf vier weitere frei.
 

In den Wechselrahmen auf der ersten Tür wurde ein Schild mit der Ziffer 279 geschoben. Die versuchte Damian zuerst, aber sie war fest verschlossen. Er spähte in das kleine Sichtfenster, konnte aber selbst mithilfe der Lampe nichts erkennen.

Die zweite Tür wies kein Schild auf und stand halb offen. Innen zeigte sich ein, wie erwartet leerer Raum, mit gepolsterten Wänden. Das Polster selbst, war schmutzig und zog sich, ohne Unterbrechung, über alle Wände. Fensterlos und nur mit einer nackten Glühbirne, die längst ihre Funktion versagt hatte, wirkte der Raum kläglich und beklemmend zugleich. Mit einem Gefühl von Unbehagen, trat Damian zurück, auf den Flur hinaus.

Zimmer 3 zierte ein Schild, mit der Aufschrift 113 und Damian konnte sogar etwas durch das Sichtfenster erkennen, doch es präsentierte sich ihm nur ein ebenfalls komplett leerer Raum, dessen Tür, genau wie die erste, verschlossen war.

Zögerlich berührte er die Türklinge zum letzten Raum, dessen Schild die Nummer 173 trug. Diese schien nicht verschlossen, aber Damian hatte das Gefühl, dass sie von innen zugehalten wurde. Er stemmte sich mit aller Kraft dagegen und endlich gab die Tür nach, schwang in den engen Raum hinein und gewährte Damian eintritt.
 

Auf den ersten Blick, schien auch dieses Zimmer leer, doch als er die Lampe schwenkte, erkannte Damian einen großen, trockenen Blutfleck, im Polster der rückwärtigen wand. Er begann etwa auf Hüfthöhe, wurde aber an der Wand hinab geschmiert und hatte sich auf dem Boden zu einer Lache gesammelt, wo er getrocknet war. Davor fand er mehrere Blutstropfen, die vom Eingang, zurück zur Wand führten. Anscheinend wurde jemand verletzt, war dann zur Wand getaumelt und dort zusammengesunken. Ob tot, oder nur verletzt, konnte er nicht sagen, aber es war eine Menge Blut. Damian schwenkte die Taschenlampe noch weiter umher und fand, direkt neben der Tür, in einer Ecke, eine Waffe und einen Schlüsselbund liegend. Vorsichtig ging er auf ein Knie hinab, um beides aufzuheben. Doch gerade, als er die Hand ausstreckte, hörte er, wie jemand direkt hinter ihm, schwer atmete.
 

Damian schreckte sofort hoch und fuhr herum, konnte jedoch niemanden sehen. Das Atmen stoppte nur für einen Augenblick, bevor er es von neuem begann. Es schien von überall her zu kommen, geradezu aus den Wänden zu sickern und auf ihn einzubranden. Es wurde lauter, eindringlicher, aber auch gleichzeitig stockend und wich schließlich einem kratzenden Röcheln, als würde jemand versuchen, durch eine sich zuschnürende Luftröhre zu atmen. Er ergriff Schlüssel und Pistole, so schnell er konnte und rannte, die Tür hinter sich zu zerrend, aus dem Raum. Eilig suchte er am Schlüsselbund nach der Nummer 4 und verschloss die Tür.

Als das Schloss klickend einrastete und Damian sich wieder einigermaßen sicher fühlen konnte, sank er mit dem Rücken gegen die Tür und erlaubte der schmerzhaft spürbaren Anspannung, mit einem tiefen Ausatmen, von ihm zu gleiten.
 

Erst jetzt, sah er sich seinen jüngsten Fund an. Und auch, wenn ihn die Nachricht aus dem Umkleideraum auf eine Szene der Gewalt vorbereitet hatte, so hatte er nicht damit gerechnet, eine Waffe zu finden.
 

Es handelte sich um einen alter Kurzlaufrevolver, wie man sie aus Gangsterfilmen kannte, bevor das Farbfernsehen Fahrt aufnahm. Damian wusste nichts über diese Waffenart, außer das man sie allgemein auch Snubby nannte und sie in den 30ern populär waren. Nach kurzem hantieren schaffte er es, die Trommel zu öffnen. Sie fasste sechs Kammern, von denen sich in fünf eine Patrone befand. Und auch wenn er es Jake zuerst übelgenommen hatte, eine Feuerwaffe mitgebracht zu haben, war er nun doch froh, selbst über eine zu verfügen. Niemand konnte vorhersagen, welche Monstrositäten noch in dieser Stadt lauern mochten und jede Hilfe wurde dankbar angenommen.
 

Er steckte die Waffe in seine Tasche und bemerkte erst jetzt, dass ihm die Nackenhaare zu Berge standen und sich ihm das Gefühl aufdrängte beobachtet zu werden. Auch meinte er, noch ein ganz leises Atmen hören zu können.

Mit einem Ruck sprang er von der Tür weg und blickte, mit weit aufgerissenen Augen, zu ihr zurück. Auch wenn er durch das dunkle Sichtfenster nichts sehen konnte, konnte er sich dem magenumdrehenden Gefühl nicht erwehren, dass etwas hinter der Tür, in absoluter Finsternis stand und ihn anstarrte.
 

Damian wollte fliehen, nur noch raus, aber etwas hielt ihn zurück. Er war hier, so weit gekommen, mit den Schlüsseln in der Hand. Er konnte jetzt nicht einfach gehen. Hastig trat er aus dem Sichtfeld der Tür und vor Zimmer 3. Dessen Tür ließ sich leichter öffnen und auch hier erwies sich der erste Eindruck, dass das Zimmer komplett leer war, als falsch.

Eines der Wandpolster war aufgeschnitten und ein Tonbandgerät steckte darin. Damian legte die Stirn kraus zog das Gerät aus dem Polster.

'Haben die ihre Patienten hier heimlich abgehorcht?'
 

Das Gerät war auf den Langspielmodus gestellt, um eine möglichst lange Aufnahmedauer zu erzielen, was sich jedoch drastisch auf die Aufnahmequalität auswirkte. Die Minikassette, hatte bis zum Ende aufgenommen und musste somit etwa fünf bis sechs Stunden an Aufnahmen enthalten. Damian spulte das Band zurück und drückte die Abspieltaste.
 

Zuerst passierte eine ganze Weile lang gar nichts. Dann wurde eine Person in den Raum geführt und allein zurückgelassen. Die Frau stammelte, offensichtlich ängstlich, wirres Zeug vor sich hin und Damian konnte nur vereinzelte Fetzen heraushören.
 

„Sie kommen mich holen!“ oder „Sie sind gleich da!“ Der letzte Satz war „Ich will nicht dorthin zurück!“ Dann ein plötzliches Geräusch, wie von einem erschrockenen, scharfen Einatmen. Und dann nur noch Stille.
 

Damian spulte vorwärts, doch es gab nichts mehr von der Frau zu hören. Statt dessen hörte er, wie sich, scheinbar mehrere Stunden später, kurz vor Ende des Bandes, zwei Männer unterhielten. Er spulte wieder zurück, um den Anfang des Gespräches zu finden und drückte auf die Abspieltaste.
 

Die Zimmertür öffnete sich und mehrere Schritte waren knirschend auf dem Polster zu hören.
 

„Was für eine elende Sauerei!“
 

Aus dem Hintergrund war etwas leiser ein zustimmendes „Hm.“ zu hören.
 

„Drei Leichen und eine vermisste Person.“

„Wissen wir etwas über die vermisste?“
 

Es war ein kurzes blättern, mehrerer Papierseiten zu hören.
 

„Nur, dass sie ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen aus einem verschlossenen Raum verschwunden und potenziell gefährlich ist.“
 

„Was heißt potenziell?“
 

„Soll im allgemeinen recht umgänglich sein, hat aber mal, während einer Panikattacke, einem Mitpatienten das Auge rausgelöffelt.“
 

„Autsch.“
 

„Hm.“
 

„Und es gibt wirklich gar keinen Hinweis?“
 

Die Stimme des anderen klang zögerlich, als sie antwortete.
 

„Nicht den geringsten. Die Jungs von der Spurensicherung haben gesagt, dass die Fingerabdrücke der Schwester nicht auf der Tür waren. Das heißt, sie hat sie nicht geöffnet. Ist scheinbar schnurstracks in Zimmer 4 marschiert, um den anderen Patienten zu erledigen, was ihr zum Verhängnis wurde.“
 

„Wenigstens hat sie diesen Mistkerl mitgenommen.“
 

Die Stimme wurde gesenkt und nahm einen warnenden Unterton an.
 

„Pass auf wer dich das sagen hört, sonst kommst du noch in Teufels Küche. Wir reden hier immerhin von Mord!“
 

„Na, ist doch wahr! Dieser Mistkerl tötet Frauen rechts und links, und bekommt statt dem Stuhl eine schöne Unterbringung. Ich kann die Tat selbst natürlich nicht gutheißen, aber Gott, ich weine dem Arschloch keine Träne hinterher.

Aber genug davon. Was ist mit der dritten Leiche?“
 

Es war erneutes Papierrascheln zu hören.
 

„Hier wird es wirklich unschön.“
 

Die Stimme wurde von einem sarkastischen Lachen unterbrochen.
 

„Weil der Rest so schön war. Also gut, schockier mich.“
 

Es folgte ein Räuspern, dann wurde der Bericht fortgesetzt.
 

Die Patienten in zimmer 1 sollte eigentlich, wegen akuter Selbstmordgefahr unter permanenter Beobachtung stehen. Aber mit der toten Schwester, gab es niemanden zum Beobachten. Dem vorläufigen Bericht nach, trat ihr Tod mehrere Stunden, nach dem der anderen beiden ein. Gott allein weiß, was ihr allein in dieser Zeit durch den Kopf ging. Das arme Ding hatte keinerlei Hilfsmittel, wollte ihrer Situation aber so dringend entkommen, dass sie sich in ihrer Verzweiflung die Pulsader aufgebissen hat. Das Raumpolster ist komplett mit Blut vollgeschmiert und sie hat in ihren letzten Augenblicken, mit dem eigenen Blut, noch einen Namen an die Wand geschrieben.“
 

Nun kam die Stimme des ersten Mannes zögerlich, scheinbar um Fassung bemüht. Er zwang sich dazu sachlich zu bleiben und fragte:

„Was für einen Namen?“
 

„Den ihrer Tochter. Die hat sie kurz nach der Geburt verloren und ihren Tod nicht verkraftet. Laut den Unterlagen hat Dr. Kaufman, vom Alchemilla Hospital, die Verlegung kurz nach der Geburt, aufgrund eines medizinischen Notfalls angeordnet. Die kleine wurde direkt operiert, hat es aber nicht überlebt.“
 

„Geht aus den Unterlagen hervor, um was für einen Notfall es sich handelte?“
 

„Nein, soll ich die genaue Akte der kleinen, aus dem Alchemilla anfordern lassen?“
 

„Nein, ich denke, das wird nicht nötig sein. Das hat nur indirekt mit diesem Fall zu tun. Und Ich trau den Beiden Krauts zwar nicht, aber das Brookhaven ist nunmal nicht für medizinische Säuglingsversorgung ausgerüstet. Da ergibt eine solche Verlegung nur Sinn.“
 

„Warte, Kaufman ist auch Deutsch?“
 

„Klar. Er und Bergheim kamen kurz nach dem Krieg als junge Assistenzärzte rüber. Kaufman hat auch direkt seinen Namen angepasst. Hieß vorher Meekahl, oder wie auch immer zur Hölle man das aussprechen sollte. Keine Ahnunng, warum wir irgendwelche Assistenzärzte brauchten. Scheinen ja auch beide nicht viel hergemacht zu haben, wenn sie hier in diesem Kaff gelandet sind. Sind scheinbar auch beides echte Kontrollfreaks und Bergheim soll sogar seinen Mitarbeitern hinterherspionieren, was ihm allerdings nie nachgewiesen werden konnte. Tja, hätte er das in dieser Nacht getan, hätte es vielleicht drei tote weniger zu beklagen gegeben.“
 

„hm.“
 

Das Gerät gab ein lautes Klickgeräusch von sich, als das Band endete. Er sah sich noch einmal im leeren Raum um, bemerkte aber, dass es hier nichts mehr für ihn zu tun gab und er nur vermied, das letzte Zimmer zu betreten. Mit einer Mischung aus Angst und angespannter Erwartung, schloss er die letzte Tür auf und schob diese, nach einem langen Durchatmen auf.
 

Sofort donnerte ihm das laute Hämmern entgegen, dass er sonst nur aus weiter Tiefe hören konnte. Zahnräder griffen ineinander und rotierten wild. Decken, Wände, Boden, alles schien in diesem Raum nicht zu existieren, nur ein nie enden wollendes Gewirr aus Rädern und Achsen, über deren Sinn er nicht einmal zu spekulieren wagte. Ein Schlagmechanismus hob sich und knallte herab, was das stetige Hämmern zwar erklärte, aber keinerlei Aufschluss, über seinen Zweck gab. Ein langer Stahlträger drehte sich langsam, entgegen dem Uhrzeigersinn, um die eigene Achse und trieb so weitere Mechanismen an, die sich so weit er mit der Lampe leuchten konnte, in die Dunkelheit fortsetzten.
 

Vom Lärm und den komplexen Vorgängen abgelenkt, hätte er beinahe den einen Fetzen Stoff übersehen, das vor ihm, an einem schiefen Gitterrost zu hängen schien. Es war ein einziges Stück Polsterstoff, auf das mit großen, blutigen Buchstaben, eine Nachricht geschrieben stand, wie er schon viele gesehen hatte. Doch dies war kein Hilferuf, sondern nur ein einziges Wort. Ein Name.
 

„SAMANTHA“
 

Die Tür schlug vor ihm wieder zu, als hätte er etwas gesehen, dass er nicht sehen durfte. Er erkannte im trüben Lampenschein ein gelbes Polizeiband, das die drei Türen nun versiegelte. Auch die Dunkelheit, die ihn umgab, schien nun natürlich. Es war ein schlichter Raum, ohne Licht und fühlte sich nicht mehr wie ein lebendiges Wesen an, das nur die Dunkelheit zuließ. Er war zurück. Zurück in der Realität, die noch immer Gefahren barg, aber nun doch einen gewissen Trost spendete.

In Gedanken versunken trat er auf den Flur hinaus und konnte durch die verbarrikadierten Fenster, Fetzen von Tageslicht sickern sehen.
 

Was sollte ihm dieser Name sagen? Sicher hatte er die ein, oder andere Samantha in seinem Leben gekannt, doch keine hatte irgendeine Verbindung hierzu.

War das ganze nur ein grausamer Zufall? Eine Mutter deren Kind zu der Zeit starb, als das Rufen anfing? Oder war sie der Anfang? Trieb sie der Tod ihrer Tochter in den Wahnsinn und schlussendlich in den Selbstmord? Waren ihre Gefühlte so stark gewesen, dass ihr Echo noch so weit, in die Zukunft, zu hören war? Der manifestierte Schuldwahn einer gebrochenen Seele. Nur sie allein konnte es hören, doch in ihrem Tod schickte sie es hinaus, ließ über Jahre, so viele Menschen nach dem weinenden Kind suchen.
 

Aber warum kehrten diese Leute dann nie zurück? Was geschah mit denen, die auf das Rufen geantwortet hatten? Irrten auch sie durch die Dunkelheit? So lang zwischen Realität und Alptraum wechselnd, bis der Alptraum sie irgendwann nicht mehr hergab? Und gab es dann überhaupt noch eine Chance, Abigail dort zu finden? Endlich hatte Damian eine Antwort gefunden, doch sie stellte ihn nur noch vor weitere Fragen, deren Bedeutung sein Herz in einen eisernen Griff nahm.
 

Nur eine einzige Sache war klar: Das Mädchen war im Alchemilla Krankenhaus gestorben. Was auch immer geschehen war, er konnte sich nicht vorstellen, dass es dort sicher war. So wie es Margie schon gesagt hatte: „Da oben ist es nicht gut.“ Endlich schien Damian zu verstehen, was sie damit meinte. Je mehr er sich dem Zentrum dieses Phänomens näherte, desto schlimmer wurde es. Der erste Wechsel in den Alptraum, so grauenhaft er ihm in diesem Geschäft auch vorgekommen sein mochte, war nichts im Vergleich zu dem gewesen, was ihn seitdem heimgesucht hatte.
 

Damian wusste nicht, was er für Abby tun sollte. Nicht mal, was er überhaupt tun konnte. Aber er musste Jake warnen. Sein Sohn durfte das Alchemilla Hospital nicht erreichen!



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Kommentare zu dieser Fanfic (6)

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Von:  KiraNear
2026-06-04T14:56:28+00:00 04.06.2026 16:56
Hallo^^
 
Falls du dich gewundert haben solltest, warum ich bei einem anderen Kommentar Kinder geschrieben habe - Kind und Enkelkind waren mir in dem Moment ein bisschen zu umständlich XD
 
Abgesehen davon, ich finds interessant, dass er bisher nur wenig Wasser gefunden hat, aber in der Kirche dann ein Taufbecken, gefüllt mit Wasser findet. Vielleicht hat es eine Bedeutung, vielleicht lese ich da aber auch grad zu viel rein. Und klar nimmt ihn das mit. Er scheint ja generell jemand zu sein, der nur schluckt und sagt: Passt schon, auch wenn es eigentlich grad nicht passt. An einer anderen Stelle hat er auch gemeint, dass seine starken Hände ja immer die Familie getragen haben, und dass er sich, seine Hände als nutzlos ansieht. 
Vermutlich muss er sich jetzt all dem stellen, besonders, nachdem was ihn in den letzten Wochen so mitgenommen hat.
 
Btw, ich find diese Lampe immer noch faszinierend, von der Mechanik her XD
 
Hm, ok, nur ein Desinfektionsmittel... gut, besser als nichts^^°
Zumindest in seiner aktuellen Lage. Er hat sich damit und dem Laken ja gut versorgen können.
 
Und ui! Erst kommt dieses batzenartige Monster (sorry, aber so sah es in meiner Vorstellung aus) wieder zurück, und dann noch diese Nachricht am Ende. Bestätigt irgendwie all meine Theorien, und wirft noch mehr auf, muss ich sagen XD
Und ob es wirklich so eine gute Idee war, das Monster mit der Axt anzugreifen? Oder überhaupt anzugreifen? Auf der anderen Seite, es hat ihn ja auch angegriffen... ok, da bin ich echt mal gespannt, wie es weitergeht. Aber kein Stress :-)
 
Liebe Grüße,
Kira
Antwort von:  Schattenläufer
04.06.2026 19:35
Das ist ja ein ausführlicher Kommentar. Vielen Dank, das freut mich sehr. Ja, das mit den Kindern habe ich mir schon so gedacht. =)

Schön, dass du Damian magst. Ist ja immer das Risiko, wenn man einen Protagonisten schreibt. Besonders, wenn die Geschichte so sehr durch seine Introspektive getragen wird, kann man ihn schnell als nervig, oder langweilig empfinden.
Und ja, die Karbidlampe ist eine Idee, die ich auch sehr gern mag. Ein paar exzentrische Gegenstände, die so real existieren, oder einmal existiert haben, gibt der Geschichte einen realistischen Anker, finde ich. Von daher freut mich, dass die Idee aufgeht.

Der Batzen klingt schon irgendwie witzig. ^^ Wenn dich der kurze Balkengang im Vorkapitel schon getriggert hat, hoffe ich, dass du den Sturz vom Dach einigermaßen gut überstanden hast. ^^

Und was für Theorien denn? Du kannst mich doch nicht so neugierig zurücklassen! xD
Von:  KiraNear
2026-06-04T14:31:59+00:00 04.06.2026 16:31
Hallo^^
 
Ich muss zugeben, ich wurde sehr oft überrascht. Zum einen dachte ich mir schon, dass er beim Krankenhaus niemanden finden wird, dass das Ganze noch nicht sein Ende finden wird. Oder er seine Kinder. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Krankenhaus geschlossen sein würde. Auch hatte ich nicht damit gerechnet, dass er jetzt schon auf eine andere Person stößt. Irgendwie find ich diesen Dan ja ein wenig sus. Ich kanns nicht genau festlegen, ich mein, man sieht ja nicht viel von ihm, aber sein Verhalten ist komisch. Wie dass er erst den Weg beschreibt und dann erst später sagt: Oh, sorry, da kannst du nicht lang gehen. Auf der anderen Seite, das hätte mir auch passieren können, weil ich das nicht sofort auf dem Schirm hätte...
 
Dennoch, total verdächtig, finde ich. Aber mal sehen.
 
Als Damian über den Balken gelaufen ist, hat meine Höhenangst kurz Hallo gesagt XD
 
Liebe Grüße,
Kira
Antwort von:  Schattenläufer
04.06.2026 19:28
Und noch einmal vielen Dank, für dem lieben Kommentar.
Ich glaub, ein bisschen Sus muss man sein, um sich freiwillig in der Stadt aufzuhalten. xD Und was heißt schon? meine erste Silent Hill Fanfic, von vor 20 Jahren hatte 20.000 Wörter insgesamt. Die war jetzt schon zuende. xD
Freut mich, dass es dir gefällt und ich freu mich immer, auf deine Kommentare. Vielen lieben Dank, noch einmal! =)
Von:  KiraNear
2026-06-04T14:10:51+00:00 04.06.2026 16:10
Hallo nochmal^^
 
Hui, also entweder war er vorher, bevor er geschlafen hat, nur in einer Zwischenwelt. Oder die andere Welt ist nochmal eine Spur schlimmer geworden. Auf jeden Fall hat der arme Kerl auf die kurze Strecke eine Menge bereits mitmachen dürfen. Das mit der Orientierung bzw seine Lösung dafür fand ich cool, und auch das mit der Lampe. Ich kannte sie bisher noch nicht, bzw vllt höchstens vom Sehen. Aber hey, so lernt man dazu :-)
 
Dass ihn die Monster unterschiedlich behandeln, wundert mich nicht, soweit ich das damals gelesen habe, gibt es ja auch harmlose Monster? Aber vielleicht irre ich mich auch ja. Ich weiß auch nur noch, dass alle Monster irgendeine versteckte Bedeutung haben, die mit der Person zu tun hat, denen sie erscheinen und andere können sie deshalb auch weder sehen noch irgendwie wahrnehmen? 
 
Jedenfalls, find ich die Nachricht am Ende noch unheimlicher als die letzte, und ich frage mich: Sind das Nachrichten von seiner Tochter? Von ihm selbst, bzw seinem Unterbewusstsein? Oder doch von wem anderes? Naja, das werde ich ja dann irgendwann herausfinden^^
 
Auch das Kapitel hat mir wieder viel Spaß gemacht zu lesen! Hoffe nur, dass sich seine Wunde nicht verschlimmert bzw er sich bald darum kümmern kann :/
 
Liebe Grüße,
Kira
Antwort von:  Schattenläufer
04.06.2026 16:32
Meine Güte, du startest ja echt durch. Ich muss auch noch mit Schreiben hinterherkommen. XD

Vielen lieben Dank wieder, für deinen langen Kommentar. Der hat mich super gefreut!

Um dir mal etwas Kontext zu den Spielen zu liefern. Es gibt Monster Typen die harmlos sind und nur dazu dienen, den Spieler zu verstören. ^^ Und wie sie funktionieren ist von Teil, zu Teil unterschiedlich. Mal sind sie Reflektion des eigenen Bewusstseins, mal sind sie sehr real und auch von anderen wahrnehmbar. Ich hab mir bei meinen Tierchen zwar was gedacht, aber was das ist, verrate ich natürlich nicht. Du darfst aber sehr gern spekulieren. Würde mich interessieren, wie viel von meinen Gedanken so aufgenommen werden. =P
Von:  KiraNear
2026-06-04T13:06:52+00:00 04.06.2026 15:06
Hallo^^
 
Sorry erstmal, dass ich erst heute weiterlese, aber ich habe generell grad derzeit mit einer ziemlichen Leseflaute zu kämpfen, mein SuB wird auch nicht kleiner und ja^^°
Aber ich habe es endlich hinbekommen und ich muss zugeben, ich wurde komplett davon überrascht, dass Damian jetzt schon in diese andere Welt gezogen worden ist, ohne vorher die Stimme gehört zu haben. Oder er hatte sie gehört, an einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort, in einer anderen Art. 
 
Und ja, ich hätte vermutlich das Gleiche gemacht und diese Kreatur erlöst^^°
Auf jeden Fall bin ich mal gespannt, ich hoffe, der Verlust des Feuerzeugs wird sich sicherlich noch bemerkbar machen... sagt mir zumindest mein Bauchgefühl. Genauso wie es starke Zweifel daran, hat, dass er seinen Sohn am Krankenhaus (oder woanders) finden wird. 
 
Dann werde ich gleich mal weiterlesen :-)
 
Liebe Grüße,
Kira
Antwort von:  Schattenläufer
04.06.2026 15:40
Wofür entschuldigt du dich? Ich freue mich total, dass du weiter liest. ^^
Bin jetzt kurz vor Ende, des nächsten Kapitels, bin also auch noch fleißig dabei.
Das Rufen ist meine Eigenkreation, die sonnst keiner, der Protagonisten, der Reihe gehört hat.
Ohne zu Spoilern, hast du schon richtig erkannt, dass das Rufen wichtig ist. Ist ja schließlich Titel der Geschichte.
Deine Gedanken zu hören, ist immer wieder interessant. Also ruhig her, mit allen Vermutungen.
Und bloß kein schlechtes Gewissen, wenn es mal länger dauert. An der Geschichte schreib ich bestimmt noch ein Jahr ^^
Bis ich fertig bin, bist du längst auf aktuellem Stand.
Von:  KiraNear
2026-05-18T14:56:21+00:00 18.05.2026 16:56
Hallo nochmal :3
Ah, dass du da eigene Monster benutzen willst, finde ich total cool! Und ich muss sagen, ich hab ein dummes Gefühl, was die verschwundene Enkelin angeht und auch das verlassene Auto. Dass man Damian immer wieder aufzeigt, dass er "überflüssig" ä-wäre und im Grunde ersetzt werden kann bzw ersatzlos gestrichen werden kann, ist richtig mies. Er macht das schon richtig, indem er das Ganze bis zum Schluss aussitzt.
Hoffe nur, dass es bei ihm überhaupt noch einen solchen Schluss geben wird. Aber gut, erstmal abwarten, was in Brookhaven passiert.
 
Liebe Grüße,
Kira
Antwort von:  Schattenläufer
18.05.2026 17:32
Ich kann mich nur wieder für deinen lieben Kommentar bedanken. Die freuen mich außerordentlich, nachdem es Monate so still war. :D
Wenn du irgendeine Theorie um Abigail oder sonst irgendwas hast, immer gerne raus damit. Ich werd's nicht spoilern, aber ich bin neugierig! xD
Von:  KiraNear
2026-05-17T13:25:53+00:00 17.05.2026 15:25
Hallo^^
 
Nicht wundern, wenn ich FFs lese, dann immer kapitelweise und lasse dann auch dementsprechend meine Kommentare da :-)
Ich muss ehrlicherweise zugeben, ich habe bisher noch kein einziges Silent Hill Spiel gespielt (weil Feigling), find die Spieleserie an sich aber interessant. "Leider" beschränkt sich mein Wissen über die Serie auf die eine oder andere Fananimation, die ich mal vor Jahren gesehen habe, ebenso auch wenige Clips und das, was ich mal in so nem Wiki zu Silent Hill 2 gelesen habe. Auch alles vor Jahren.
 
Aber! Mich stört das nicht und ich hoffe, dass es dich ebenfalls nicht stört. Mir gefällt der Einstieg richtig gut, er ist ruhig, ich habe mir von Damian ein gutes Bild machen können und finde es richtig, dass er sich nicht einfach aus seinem Job vertreiben lässt XD
Als dann schon das erste Monster auftaucht, ich glaub, ich weiß, welches es ist, könnte aber nicht sagen, wie es heißt, wurde die Stimmung gleich ganz anders. Und am Ende hat mein Herz sogar einen kleinen Satz gemacht, weil ich auch dachte: Ok, das Monster ist langsam, harmlos und nicht gerade das Schlauste. Nur damit es dann auf einmal das VErhalten ändert und sich auf Damian stürzt?!
 
Wow, hoffentlich hat er sich dabei nicht allzu ernst verletzt... naja, ich freue mich schon auf das nächste Kapitel, auch wenn ich es vermutlich entweder erst nachher oder morgen lesen kann. Gespannt bin ich auf jeden Fall!
 
Liebe Grüße,
Kira
Antwort von:  Schattenläufer
17.05.2026 17:58
Vielen Dank, für deinen lieben Kommentar. Der hat mich sehr gefreut. Wenn du in den Charaktertab schaust, siehst du auch ein Bild von Damian und kannst entscheiden, ob er dem Bild in deinem Kopf entspricht! XD
Ich halteCharakterbios aber immer recht kurz und rudimentär. Man soll. Die Charaktere in der Geschichte kennenlernen, nicht im Klappentext! ^^ Da findest du auch ein Bild des Monsters, dem er begegnet. Und ich weiß, welches Monster du meinst. Es hat eine Ähnlichkeit zur Lying Figure aus SH2, die ist aber zufällig. Meine Monster sind allesamt Eigenkreationen, genau wie die Charaktere. Die haben auch alle einen Sinn, genau wie in den Spielen.
Im späteren Verlauf der Geschichte wird etwas Wissen über SH1 nützlich. Aber da finden wir eine Lösung! XD
Auf jeden Fall vielen Dank nochmal. Schön, dass es dir bisher gefällt.


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