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Anila und die Höhle der Ewigkeit

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Die Geschichte habe ich schon unter meinem Autorennamen J.D.Möckli veröffentlicht. Da ich die Bücher jedoch aus dem Verkauf genommen habe und mich wieder auf das freie Schreiben konzentrieren will, könnt ihr sie jetzt gratis lesen. Wenn ihr mir nicht glauben wollt, kann ich euch gern einen Screenshot vom ersten Manuskript schicken. Komplett anzeigen

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Kapitel 1

Die Geschichte habe ich schon unter meinem Autorennamen J.D.Möckli veröffentlicht. Da ich die Bücher jedoch aus dem Verkauf genommen habe und mich wieder auf das freie Schreiben konzentrieren will, könnt ihr sie jetzt gratis lesen. 

 

Nun kehre ich hierher zurück und werde die freien Werke, die es mal zu kaufen gab, für euch gratis hochladen. Ich wünsche euch viel Spass beim Lesen.

 

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Kapitel 1

 

 

Ein lauter Donner lässt Anila aus dem Tiefschlaf hochfahren. Mit rasendem Puls starrt sie in die Dunkelheit. Sie kann nur Umrisse erkennen, bis ein Blitz ihr Schlafzimmer für einen Moment erhellt. Noch immer hat sie das Gefühl, dass ihr das Herz aus der Brust springen will, als sie das Licht einschaltet. Von der plötzlichen Helligkeit geblendet, kneift sie die Augen zusammen. »Na toll«, murmelt sie genervt, als sie hört, wie die ersten Regentropfen gegen die Fensterscheibe prasseln.

Leicht fröstelnd steigt sie aus dem Bett und tappst langsam ins Badezimmer. Wenn sie schon wach ist, dann kann sie auch gleich aufs Klo. Ohne aufzusehen, geht sie in den kleinen abgetrennten Toilettenbereich im Bad. Als sie rauskommt und sich die Hände wäscht, fällt ihr Blick in den Spiegel, was sie laut aufseufzen lässt. »Na super. Ich hätte nicht mit nassen Haaren ins Bett gehen sollen.« Sie fährt sich mit den feuchten Händen durch die braunen Strähnen, doch wie erwartet bringt es überhaupt nichts. Noch immer sieht sie aus, als wäre ihr Föhn explodiert. Ein trotziges Funkeln schleicht sich in ihre braunen Augen. »Dann halt nicht. Ich bin eh die meiste Zeit allein im Büro und untersuche Tonscherben.«

Erst jetzt sieht sie auf ihre Armbanduhr und stöhnt auf. »Drei Uhr! Ich geh wieder schlafen.«

In der Hoffnung, dass sie noch ein paar Stunden Schlaf bekommt, geht Anila wieder ins Schlafzimmer, wo sie leise auflacht, als sie den schwarzen Umriss mitten auf der Decke bemerkt. »Luna, lass mir auch etwas Platz«, raunt sie sanft und schiebt die kleine Katze zur Seite, die zwar murrt und sie mit einem Todesblick aus ihren grünen Augen ansieht, sich aber nicht dazu herablässt, sich zu erheben.

Kaum liegt Anila unter der Decke, legt sich Luna auf ihren Bauch und beginnt laut zu schnurren. Nachdem sie das Licht gelöscht hat, krault sie Luna sanft unterm Kinn und schläft dabei, trotz des Schnurrens und dem Rauschen des Regens, tatsächlich wieder ein.

 

Ein paar Stunden später wird Anila wieder aus dem Schlaf gerissen: »Guten Morgen. Es ist sechs Uhr und hier sind die Morgen-News. In der Nacht ist ein Gewitter über Schaffhausen und den Klettgau gezogen. Stellenweise kam es zu leichten Überschwemmungen. Achten Sie auf den Straßen auf umgestürzte Bäume. Nun zu den weiteren …«

Genervt stellt sie den Wecker aus und setzt sich auf. Viel weiter kommt sie nicht, hat es sich doch Luna irgendwann in den letzten Stunden auf ihren Beinen gemütlich gemacht und denkt nicht mal dran, ihren Platz aufzugeben. »Luna. Ich muss doch aufstehen.« Sanft streichelt sie über das weiche, glänzende Fell, bis sich ihre kleine Katzendiva erhebt und sich neben ihren Beinen einfach wieder fallen lässt. »Danke, meine Kleine.«

Noch einmal streichelt sie über das schwarze Fell, bevor sie aufsteht. Wie immer zieht sie sich ihre bequemen Jeans und ihren heiß geliebten Hoodie an. Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick zu Luna geht Anila aus dem Zimmer.

Trotz des warmen Pullovers fröstelt sie, als sie in die Küche kommt und die Kälte des Fliesenbodens durch ihre Socken dringt. »Eine Bodenheizung. Das wäre es.« Sie träumt vor sich hin, als sie die Kaffeemaschine einschaltet und sich für die Mittagspause ein Brötchen in den Ofen schiebt. Aber bevor sie sich jetzt einen Kaffee gönnt, stellt sie Luna eine Portion Nassfutter bereit und geht das Katzenklo putzen.

Die Morgenroutine ist so in ihrem Unterbewusstsein verankert, dass sie schon lange nicht mehr drüber nachdenken muss. Ab und zu passiert es ihr sogar, dass sie ihrer Katze versehentlich noch ein zweites Frühstück hinstellt.

Als sie alles erledigt hat, macht sich Anila ihr eigenes Frühstück, das wie immer aus einem einfachen gekauften Müsli und einem Kaffee besteht. Doch bevor sie sich hinsetzen kann, klingelt der kleine Backofen, den sie sich extra gekauft hat, um nicht immer den großen benutzen zu müssen. »Perfektes Timing«, murmelt sie. Sie holt das Brötchen für ihr Mittagessen aus dem Ofen und kann endlich frühstücken. Nebenbei scrollt sie durch die Nachrichten in der 20-Minuten-App und stockt, als in dem Moment über WhatsApp eine neue Nachricht reinkommt:

Guten Morgen. In Schleitheim ist der Zwärenbach über die Ufer getreten und es wurde gemeldet, dass da etwas Seltsames rausschaut. Und der olle Meier hat beim Galgenbucktunnel auch etwas gefunden, von dem er glaubt, dass du da mal draufschauen solltest. Wo willst du hin? Dann übernehme ich den anderen Platz.

Tief seufzt sie auf. »Nur einen Kaffee. Ich will doch nur in Ruhe einen Kaffee trinken.«

Einen Moment lang überlegt Anila, bevor sie zurückschreibt: Guten Morgen, Sam. Da du eh durch Schleitheim durch musst, übernimm du das. Ich halte beim Galgenbuck an. Informiere bitte den alten Griesgram, dass ich etwa in einer halben Stunde da sein werde.

Kaum hat sie das Handy hingelegt, hört sie das Zwitschern wieder, das den Eingang einer neuen Nachricht signalisiert. Ein Blick auf das Pop-up-Fenster zeigt ihr, dass Sam einen erhobenen Daumen geschickt hat. »Also dann beim Tunnel anhalten«, seufzt Anila und widmet sich wieder ihrem Frühstück.

 

Zehn Minuten später verlässt Anila das weiße Haus und blickt die Straße entlang zum Turm, der die eine Seite des Neunkircher Städtlis begrenzt und in dessen Bogen schon der ein oder andere Lastwagen hängen geblieben ist, weil die Fahrer nicht bedacht haben, dass die Durchfahrt zu niedrig ist. Jetzt aber scheinen die ersten Sonnenstrahlen durch den Bogen und umspielen den Turm mit ihrem warmen Licht.

Nach einem kurzen Blick nach links und rechts geht sie über die Straße und an dem Brunnen vorbei. In die Seitengasse dringt das Licht noch nicht und in den Schatten ist es spürbar kühler. Eigentlich ist es schon Mitte Mai, nur das Wetter fühlt sich an, als wäre es noch April.

Fröstelnd, weil sie über dem Hoodie nur eine dünne Jacke angezogen hat, schlingt Anila die Arme um sich, als sie zu ihrem Auto eilt. Der kleine Honda Jazz, der mit seinem hellen Grün hinter der Bank auf einem Parkplatz steht, scheint sie mit seiner Front grinsend zu begrüßen, als sie auf ihn zu geht. Obwohl sie ihn jetzt schon mehrere Jahre hat, kann sie sich das Lächeln nicht verkneifen, als sie die Tür aufschließt und sich hinters Steuer setzt. »Dann wollen wir mal«, murmelt sie und startet den Motor.

Beinahe lautlos fährt sie vom Parkplatz, da in dem Moment der Elektromotor den Antrieb übernimmt und sich der Benziner erst auf der Hauptstraße zuschaltet. Sie ist schon etwas stolz darauf, musste sie doch eine Weile lang üben, bis sie den Mildhybrid so fahren konnte.

Außerhalb von Neunkirch steigen leichte Nebelwolken von den Feldern auf, die sich in den Wäldern der Hügel verfangen. Der Morgen wirkt schon beinahe magisch auf Anila, als sie die Straße entlang in Richtung Schaffhausen fährt. Während der Fahrt überlegt sie schon mal, wo sie das Auto parken soll. Direkt beim Tunnel wäre vermutlich nicht so klug.

Schlussendlich stellt sie das Auto auf dem Parkplatz der Avia-Tankstelle direkt beim ersten Kreisel ab.

Zum Glück hat sie für solche Fälle immer ihre Tasche mit den wichtigsten Utensilien im Auto. Mit der blauen Freitag-Tasche über der Schulter geht sie auf dem Gehweg in Richtung Tunnel, wo sie schon von Roman Meier persönlich, dem Chef des kantonalen Tiefbauamtes, erwartet wird.

»Guten Morgen Frau Moor. Danke, dass Sie so früh herkommen konnten.« Mit einem falschen Lächeln reicht er ihr die Hand.

»Guten Morgen, Herr Meier. Na ja, wenn Sie uns schon vor unseren Bürozeiten kontaktieren, dann muss es ja dringend sein. Oder haben Sie vergessen, dass die Kantonsarchäologie erst um acht Uhr aufmacht?«, erwidert sie mit einem zuckersüßen, aber ebenso falschen Lächeln. Schließlich kann sie ihn genauso wenig leiden, wie er sie. Irgendetwas hat der Mann an sich, das sie nervös macht. Vielleicht der mitunter stechende Blick aus den blauen Augen.

»Schön wär's. Ich bin seit zwei Stunden hier. Aber Ihr Mitarbeiter hat erst vor einer halben Stunde geantwortet. Doch genug der Worte. Kommen Sie mit. Das müssen Sie sehen.« Mit der linken Hand deutet er in Richtung Tunneleingang.

Erst jetzt fällt Anila auf, dass die Straße in den Tunnel gesperrt ist. Gespannt, was er ihr zeigen will, folgt sie ihm in die hell erleuchtete Röhre. Schweigend gehen sie nebeneinander her die Straße entlang nach unten, bis zur ersten Nothaltebucht, die sich auf der linken Seite im inneren der lang gezogenen Kurve befindet. Sie will schon etwas sagen, dass sie die Strecke auch ruhig hätten fahren können, als sie in der Tunnelwand das Loch, eher ein Riss, erblickt.

»Was ist denn hier passiert? Der Tunnel ist doch ganz neu!«, ruft sie überrascht aus. »Und was hat das mit uns zu tun?«

Breit grinsend fährt sich Meier durch die ergrauten Haare, bevor er die Arme vor der Brust verschränkt. »Sehen Sie selbst nach, was sich dahinter befindet.«

Die Stirn runzelnd sieht Anila ihn an. Sie fragt sich, ob er inzwischen ganz durchgeknallt ist, aber dann atmet sie tief durch und zwängt sich durch den Riss in der Wand. Sie rechnet damit, dass es dunkel ist, aber anscheinend hat Meier oder einer seiner Leute einen Scheinwerfer aufgestellt, der die Höhle ausleuchtet. Ungläubig starrt sie auf die Felswand vor sich. Oder besser gesagt auf die Wandmalerei, die mehrere Menschen zeigt, die sich um zwei Gottheiten herum versammelt haben und sie offensichtlich anbeten. »Wie ist das möglich? Warum wurde sie nicht beim Bau gefunden?«

Meier hat sich inzwischen neben sie gestellt und mustert das Bild ebenfalls. »Gute Frage. Vielleicht ist die Felswand während der Bauarbeiten noch stabil genug gewesen. Wobei … wir hatten doch einen kurzen Baustopp, weil angeblich Chrom gefunden worden ist, das separat entsorgt werden musste. Vielleicht wollte die Bauleitung damit das hier verschleiern und es gab gar kein Chrom im Gestein?«

»Wenn das stimmt, dann haben die sich strafbar gemacht.« Gebannt starrt Anila weiter auf das Bild. Sie kann nicht sagen, wie alt es ist oder von welcher Kultur es stammen könnte, hat sie doch so was in der Art noch nie gesehen.

»Es ist, wie es ist. Die Frage lautet jetzt: Wie lange brauchen Sie hier? Wir müssen den Tunnel schnell wieder für den Verkehr freigeben. Die Neuhauser rennen uns sonst die Tür ein, weil sich der Verkehr wieder durch ihr Dorf staut.« Genervt sieht er sie an, was Anila fast auf die Palme bringt.

»Geben Sie mir zwei Wochen. Wir müssen das hier so gut wie möglich untersuchen. Ich nehme nicht an, dass Sie eine Tür in die Wand einbauen wollen?«

Bitter lacht Meier auf. »Guter Witz. Das hätten wir machen können, wenn wir das hier beim Bau des Tunnels entdeckt hätten. Jetzt aber haben wir ganz andere Voraussetzungen. Ich erspare Ihnen die Details. Die verstehen Sie sowieso nicht, Frau Kantonsarchäologin.«

»Danke, dass Sie an mich denken. Zwei Wochen, dann gehört der Tunnel wieder ganz Ihnen.« Anila kann sich den schnippischen Unterton in der Stimme nicht verkneifen. Automatisch greift sie nach ihrem Handy, um Sam anzurufen, aber sie hat keinen Empfang.

»Das wollte ich noch sagen. Seit das Loch besteht, hat im Tunnel kein Natel mehr Empfang. Warum auch immer. Aber die paar Meter werden Sie sicher gehen können, wenn Sie telefonieren wollen. Ach ja: Ausnahmsweise dürfen Sie in den beiden Wochen hier im Tunnel das Auto parkieren.« Mit einem gönnerhaften Gesichtsausdruck mustert er sie von oben herab. Das ist allerdings nicht allzu schwer, schließlich ist er über einen Kopf größer als sie.

»Zu gütig. Dann werde ich mich mal an die Arbeit machen«, erwidert sie mit einem erzwungenen Lächeln und entsperrt wieder ihr Handy, um damit zu fotografieren. Verwundert stellt sie fest, dass es sich zwar einschalten lässt, aber die Fotoapp nicht startet. Auch sonst scheint nichts zu funktionieren. Abgestürzt? Aufgehangen? »Macht nichts«, sagt sie und holt die gute alte Polaroidkamera aus ihrer Tasche. Meier ignorierend, macht sie Fotos und holt dann den Skizzenblock hervor. So schnell wie möglich zeichnet sie die wichtigsten Punkte ein.

 

Erst gute zwei Stunden später verlässt Anila den Tunnel wieder und atmet tief die frische Luft ein. Irgendwann hatte Meier sie allein gelassen, als er wohl bemerkte, dass sie ihn nicht mehr beachtete.

Auf dem Weg zum Auto beginnt ihr Handy wie wild zu zwitschern. Erstaunt sieht Anila auf das Display: 20 Anrufe in Abwesenheit. Allesamt von Samuel Wanner. Wohl doch nicht abgestürzt. Merkwürdig.

Statt Sam zurückzurufen, schreibt sie ihm eine kurze Nachricht, dass sie bis spätestens zehn Uhr im Büro sein würde.

Bevor Anila aber losfährt, holt sie sich im Tankstellenshop noch einen Kaffee.

Im Auto sitzend, genießt sie ihr zweites Frühstück, während sie sich die Polaroids ansieht und immer wieder ungläubig den Kopf schüttelt. Eine solche Höhle musste beim Bau des Tunnels einfach auffallen. Vor allem weil sie ja nur ein paar Meter vom Tunnel entfernt liegt. Nachdenklich mustert sie eines der Bilder von der Höhlenmalerei. Wie zum Teufel ist die da hingekommen? Die Höhle hat offensichtlich keinen Eingang. Also wie sind die Menschen da reingekommen?, fragt sie sich zwischen zwei Schlucken von dem überraschend guten Kaffee. Ohne es zu merken, trinkt sie immer wieder, bis der Becher auf einmal leer ist.

Verwirrt blickt sie auf den Pappbecher, nur um dann leise zu fluchen, als ihr Blick auf die Uhr fällt. Zehn vor zehn! Hastig wirft sie den Pappbecher in den nahen Mülleimer, ehe sie losfährt. Der Reiz ist groß, einfach durch den gesperrten Tunnel zu fahren, aber sie widersteht dem Drang und nimmt bei beiden Kreiseln die Ausfahrt in Richtung Neuhausen. Obwohl es schon relativ spät ist, ist deutlich zu spüren, dass der gesamte Verkehr wieder durch den Ort fahren muss.

Kurz nach zehn stellt Anila ihr Auto auf einem der Parkplätze im unterirdischen Parkhaus ab. Sie rennt die Treppe nach oben, die sie zum Ausgang auf dem Herrenacker führt und dann quer über den Platz zum Gebäude, in dem sich das Amt für Denkmalpflege und Archäologie befindet. Innerlich flucht sie dabei vor sich hin. So schön der Platz auch ist, es wäre schon deutlich praktischer, wenn sie das Auto direkt vor dem Haus abstellen könnte.

Atemlos betritt sie das Büro, wo Sam schon an seinem Schreibtisch sitzt, und hektisch auf seiner Tastatur herumhämmert. Tippen kann man das beim besten Willen nicht nennen.

Als er hört, wie sich die Tür schließt, hebt er den Blick. »Da bist du ja endlich! Du glaubst nicht, was ich gefunden habe. Wir müssen vermutlich unsere ganze Geschichte umschreiben! Das ist einfach unglaublich!« Wild fuchtelt er mit einem Kugelschreiber in der Luft herum, während Anila sich grinsend hinsetzt. »Was auch immer es ist. Es kann meine Entdeckung nicht toppen.« Triumphierend hält sie ihm eins der Polaroids vor die Nase. »Das Bild habe ich in einer Höhle neben dem Galgenbucktunnel gemacht. Sie hat keinen Eingang und kann nur durch einen Riss in der Tunnelwand erreicht werden. Wir haben zwei Wochen, um alles zu untersuchen, bis die Bauarbeiter anrücken, um die Wand wieder zu schließen. Dann kommen wir nicht mehr rein.«

Sam mustert das Foto und sieht sie dann grinsend an. »Interessant, aber nichts im Vergleich zu meinem Fund.« Mit einer theatralischen Geste hebt er das Tuch neben sich hoch, das einen rechteckigen Gegenstand bedeckt. Zum Vorschein kommt eine massive goldene Truhe, deren Oberfläche mit den gleichen geheimnisvollen Symbolen verziert ist, die sie heute Morgen schon gesehen hat. Anila will etwas sagen, aber Sam hebt die Hand. »Moment, es kommt noch besser.« Er wartet, bis sie ihn ungeduldig ansieht. Erst jetzt öffnet er die Truhe und holt ein offensichtlich uraltes Lederbündel hervor. »Es wird noch besser«, sagt er grinsend und wickelt das Leder vorsichtig aus, bis eine alte Pergamentrolle zum Vorschein kommt. »Ich habe ja gesagt, es kommt noch besser. Das ist alles offensichtlich uralt. Ich habe noch nicht versucht, die Rolle zu öffnen. Aber ich denke, dass sie Gebete oder so enthalten muss. Nur befürchte ich, dass das Pergament bricht, wenn ich versuche, es aufzurollen. Oder was meinst du?«

Anila starrt auf die Rolle und bekommt eine Gänsehaut. Nur undeutlich nimmt sie wahr, was Sam sagt. Erst als es plötzlich still ist, kann sie ihren Blick losreißen. »Ich denke auch, dass wir sie nicht öffnen sollten. Wir haben hier nicht die Voraussetzungen, um sicher feststellen zu können, dass das Pergament noch geschmeidig genug ist.« Sie ist hin und her gerissen. Einerseits will sie Sam die Rolle entreißen und sie lesen, andererseits will sie sie ihm entreißen und vernichten.

Nur mit Mühe kann sie sich beherrschen und sieht Sam möglichst ruhig an. »Wickle sie lieber wieder ein und leg sie zurück in die Truhe. Du weißt doch, die in Basel steigen uns sonst noch aufs Dach, wenn sie merken, dass wir uns nicht streng an die Vorschriften gehalten haben. Wie zum Beispiel Handschuhe zu tragen, wenn wir potenziell empfindliche Materialien anfassen.« Vielsagend deutet sie auf Sams Hände, die in keinen Handschuhen stecken.

Wie auf Kommando wird Sam knallrot. »Oh, Scheiße«, flucht er, während er hastig die Rolle wieder einwickelt und zurück in die Truhe legt.

»Keine Sorge. Ich verrate es keinem. Aber verstau die Truhe lieber sicher im Lager, sobald du alles fertig erfasst hast. Nicht, dass sie uns noch gestohlen wird.«

»Mach ich. Wie hat mir nur so ein Anfängerfehler unterlaufen können? Verdammt, ich mache den Job doch nicht erst seit gestern.«

»Vermutlich, weil du so aufgeregt gewesen bist. Überleg mal. Wann hatten wir das letzte Mal so einen Fund? Das ist so lange her, dass wir beide noch nicht hier gearbeitet haben. Nun sollten wir uns aber wieder auf unsere Arbeit konzentrieren. Ich denke, die Höhle im Tunnel hat Priorität. Wir haben nur zwei Wochen.«

Tief aufseufzend lässt sich Sam wieder auf seinen Stuhl sinken. Dabei fällt sein Blick auf seinen dunkelgrauen Pullover, auf dem ein großer brauner Erdfleck prangt. »Verdammt, warum hast du nicht gesagt, dass ich dreckige Sachen anhabe?«

Anila kann nicht anders und lacht schallend auf. »Ich sehe vermutlich nicht besser aus. Du hast übrigens auch einen großen Fleck auf der Wange und einen auf der Stirn.«

Unwillkürlich fährt sich Sam mit dem Handrücken übers Gesicht. »Das wird wohl nichts, oder?« Fragend sieht er sie an.

Anila schüttelt den Kopf. »Ich befürchte, du wirst dich nachher waschen müssen. Aber hey, was macht so ein bisschen Dreck schon aus? Wir haben beide den Fund des Jahrhunderts gemacht und wenn ich mir die Zeichen auf der Truhe so ansehe …« Mit einem der Fotos in der Hand steht sie auf und stellt sich neben Sam. »Schau mal, die sehen doch fast gleich aus. Was ist, wenn die Malerei in der Höhle und die Truhe aus der gleichen Zeit und der gleichen Kultur kommen? Ich meine, das kann doch kein Zufall sein.«

Vorsichtig nimmt er das Foto in die Hand und mustert es genau. »Ja, die sehen wirklich sehr ähnlich aus. Aber warum hast du Polaroids gemacht? Auf dem Natel würden wir doch viel mehr sehen.«

»Oh, das habe ich ganz vergessen zu erwähnen. Im ganzen Tunnel hat man keinen Empfang mehr. Das Handy lässt sich zwar einschalten, aber es funktioniert seltsamerweise keine einzige App. Ich dachte schon, es wäre abgestürzt oder so, aber als ich aus dem Tunnel rausgekommen bin, hat es wieder ganz normal funktioniert. Darum habe ich auch nicht gemerkt, dass du versucht hast, mich zu erreichen.« Schief grinsend kratzt sie sich am Hinterkopf. »Tut mir leid.«

»Ach, darum ist immer deine Combox gekommen. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, als ich dich nicht erreicht habe. Ich habe schon gedacht, du und Roman habt euch endgültig den Hals umgedreht. So gut, wie ihr euch leiden könnt … Autsch.« Mit einem vorwurfsvollen Blick reibt er sich über den Oberarm, der eben nicht gerade sanft Bekanntschaft mit ihrer Faust gemacht hat. »Was soll das. Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass ihr beide wie Hund und Katz seid.«

Trotzig verschränkt Anila die Arme. »Er ist ein Arsch. Weißt du eigentlich, dass er mich Frau Kantonsarchäologin nennt? Was soll das? Ja, er ist deutlich älter als ich, aber das gibt ihm doch noch lange nicht das Recht, so mit mir zu reden!«

Nur mit Mühe kann sich Sam ein breites Grinsen verkneifen. »Nimm es nicht persönlich. Mich nennt er auch Herr Kantonsarchäologe oder Maulwurf, wenn er gezwungenermaßen mit mir zusammenarbeiten muss.«

Einen Moment lang sehen sich die beiden an, bevor sie loslachen.

»Der ist unmöglich. Wie lange hat er eigentlich noch, bis er pensioniert wird?«, fragt Anila schließlich und wischt sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln.

»Noch fünf Jahre. – Wenn er sich mit sechzig pensionieren lässt. Nur befürchte ich, dass er wohl nicht so schnell gehen wird. Er hat ja sonst keine Hobbys.« Mitleidig schüttelt Sam den Kopf. »Manchmal tut er mir beinahe leid. Ich habe gehört, dass seine Frau ihm den Laufpass gegeben hat. Aber Genaueres weiß ich natürlich nicht.«

»Ist das mein Problem? Ich lasse meine schlechte Laune auch nicht an ihm oder dir aus.« Schon bei dem Gedanken schüttelt sie den Kopf, als sie sich wieder an ihren Schreibtisch setzt und endlich den PC hochfährt. Sie bemerkt, dass die Post auf der Ablage liegt und beginnt sie durchzublättern.

»Sag mal, seit wann kriegen wir eigentlich Werbung von komischen religiösen Parteien?« Fragend hebt Anila den Flyer hoch, auf dem das Kürzel FFA steht. »Frieden für alle. Jahwe und Aschera führen die Menschheit in den ewigen Frieden. Folge uns und finde den Frieden«, liest sie vor. Es läuft ihr dabei kalt den Rücken runter. »Und hier noch eine Prophezeiung. Mal schauen, ob ich sie hinkriege.«

»Lass nur, ich habe die schon in der Zeitung gelesen, weil da einer der Typen von dem Verein ein Interview gegeben hat. Moment.« Sam wühlt eine Weile herum, dann hält er ihr die aufgeschlagene Zeitung hin.

 

Vier Töchter, geboren zur magischen Stund der hellsten Zeit.

Vier Söhne, geboren zur magischen Stund der dunkelsten Zeit.

Ein Paar, geboren zur magischen Stund der ausgeglichenen Zeit.

Gemeinsam den Frieden sie bringen, für eine Milleniumszeit.

 

»Das ist doch abartig. Ich meine, wer glaubt schon an so einen Mist. Ani? Warum bist du plötzlich so blass?« Unwillkürlich springt er auf, als sie aus dem Büro stürmt. »Ani?«, ruft er ihr laut hinterher.

Doch sie kann nicht antworten. Gerade noch so erreicht sie das Klo, bevor sie sich übergeben muss. Krampfend würgt sie, bis ihr Magen leer ist. Zitternd und mit kaltem Schweiß bedeckt, lehnt sie sich an die Wand. »Verdammt. Was ist nur mit mir los?«, murmelt sie tonlos und wischt sich mit dem Ärmel ihres Pullovers den Schweiß von der Stirn.

Mit zitternden Beinen steht sie langsam auf. Atemlos muss sie sich wieder an der Wand abstützen. Mit geschlossenen Augen steht sie da, schreckt aber hoch, als sie sanft am Arm gepackt und gestützt wird.

»Nicht erschrecken«, sagt Sam. »Komm, ich helfe dir.«

Ohne die Augen zu öffnen, nickt Anila. »Das ist das Frauenklo«, murmelt sie, als sie mit seiner Hilfe zum Waschbecken geht.

»Pah. Dann sollen sich die Damen doch beschweren. Ich helfe dir und basta«, erwidert Sam fest, während er sie stützt, als sie sich den Mund ausspült. »Hast du etwas Schlechtes gegessen? Oder bist du krank?«

Mühsam richtet sich Anila auf. »Nicht dass ich wüsste. Bis vor ein paar Minuten ging es mir noch gut.« Sie zwingt sich zu einem leichten Lächeln. »Es ist heute vermutlich nur etwas viel gewesen. Ich habe wegen des Gewitters auch nicht wirklich viel geschlafen.« Tief atmet sie noch einmal durch. »Gehen wir wieder ins Büro. Wir haben viel zu tun. Und bevor du fragst: Ja, es geht mir wieder besser.«

 

Obwohl Anila murrt, stützt Sam sie auf dem Weg ins Büro. Er lässt sie erst wieder los, als sie sicher auf ihrem Stuhl sitzt. »Wenn es dir wieder schlechter geht, sag es mir. Dann fahre ich dich nach Hause. Keine Widerrede.« Streng sieht er sie an, als sie widersprechen will, woraufhin sie nur leise seufzt. Das genügt ihm als Antwort. Sie aber dennoch weiter aufmerksam beobachtend, setzt er sich ihr gegenüber an seinen Schreibtisch.

Eine Weile lang arbeiten sie schweigend, bis sich Sam zurücklehnt und die Truhe mustert. »Also wenn die Malerei und die Truhe irgendwie zusammengehören, dann frage ich mich wirklich, wieso bisher noch nie jemand etwas über diese Kultur berichtet hat. Schließlich muss es da doch noch mehr geben als nur das hier. Oder was meinst du?«

Nachdenklich auf ihren Bildschirm schauend, nickt Anila. »Ja, das wundert mich auch. Auch über den Zufall, dass beides ausgerechnet jetzt am gleichen Tag aufgetaucht ist. Solche Zufälle kann es doch eigentlich gar nicht geben. Hast du dir mal die Bodenradarbilder von der Tempelanlage bei Juliomagus angesehen? Ich staune, dass die Truhe da nicht zu sehen ist. Das wäre doch sicher aufgefallen. So groß und massiv, wie sie ist.«

»Stimmt. Ich sollte mir die Bilder mal ansehen. Ich weiß ja, wo ich schauen muss. Nur ist die Technik damals so was von mies gewesen. Wir sollten mal anfragen, ob sie die Wiese mit Lidar scannen können. Dann könnten wir den Leuten auf den Infotafeln endlich mal verständlichere Bilder zeigen. Oder was meinst du?«

»Du kannst ja mal versuchen, ob du das Budget dafür bewilligt kriegst. Du weißt doch, wie die im Kantonsrat teils auf dem Geld sitzen«, meint Anila breit grinsend. Dabei fällt ihr Blick auf die Uhr über der Tür. »Was hältst du davon, wenn du deine Truhe sicher wegschließt und wir dann Mittagspause machen? Es ist zwar sicher noch kühl, aber ich denke, auf einer der Bänke an der Sonne kann es recht angenehm sein.«

»Das hört sich super an. Wobei ich mir im Coop was holen werde. Irgendwie bin ich heute nicht dazu gekommen, mir was zu machen.« Schief grinsend kratzt sich Sam am Hinterkopf. »Ich habe am Morgen ein kleines bisschen Stress gehabt.«

Anila lacht. »Kann ich verstehen. Aber geh dir vorher noch das Gesicht waschen. Du hast immer noch Schleitheimer Erde im Gesicht.«

»Ja, Mama. Ich sehe, es geht dir wirklich wieder besser«, erwidert er immer noch grinsend und geht zur Tür. »Immerhin habe ich dunkelbraune Haare. Da fällt etwas Erde nicht auf, wenn ich denn welche in den Haaren haben sollte.« Er zwinkert ihr verschmitzt zu, ehe er in Richtung Herrenklo verschwindet.

Amüsiert schüttelt Anila den Kopf und sieht noch einmal auf die Fotos. Da fällt ihr Blick auf die Truhe. »Der Schussel«, murmelt sie und steht auf. Sie geht zu Sams Platz und kontrolliert kurz, ob er sie schon beschriftet hat. Als sie den gelben Zettel mit den entsprechenden Nummern sieht, hebt sie die Truhe mühsam hoch. Sie ist sehr schwer, aber sie schafft es, sie ins Lager zu tragen und dort sicher an dem Platz zu verstauen, den ihr Kollege für sie vorgesehen hat.

Sorgfältig schließt sie den Schrank ab, bevor sie zurück ins Büro geht und den Schlüssel an seinem Platz verstaut. Sie sieht, dass Sams schwarze Tasche weg ist, was wohl bedeutet, dass er einkaufen gegangen ist. Sie zieht sich nun auch ihre Jacke an und holt die rote Brotbox mit dem lachenden Smiley und die Wasserflasche aus ihrer Tasche.

 

Draußen atmet sie tief durch und sucht sich dann eine Bank aus, die von der Sonne direkt angestrahlt wird. Sie macht es sich so richtig gemütlich und hält ihr Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen. Ein sanfter Wind umspielt sie und lässt die ersten Blätter der Bäume leise rauschen, was sie lächeln lässt. Sie hat dieses Geräusch schon immer geliebt und die Bäume in den großen Blumenkübeln versöhnen sie ein wenig mit der Tatsache, dass es hier oben keine Parkplätze gibt.

»Na, träumst du wieder? Fliegst du mit dem Wind durch die Gegend?« Sam lässt sich neben sie fallen und atmet auf. »Herrlich warm. Magst du ein Torino?« Er wartet gar nicht auf ihre Antwort, sondern legt ihr einfach den Schokoriegel auf ihre Brotbox.

»Danke, du bist ein Schatz.« Sie nimmt den rot verpackten Riegel und wickelt ihn aus der Folie. Genüsslich isst sie ihn und lässt sich die nussig schmeckende Schokolade auf der Zunge zergehen. Erst danach holt sie ihr Sandwich heraus und beißt hinein. »Ich habe die Truhe im Lager verstaut. Sie sollte nicht im Büro rumstehen, bis wir sie nach Basel bringen«, sagt sie mit vollem Mund.

»Ani, hat dir deine Mama nicht beigebracht, dass man nicht mit vollem Mund redet?«, rügt Sam sie grinsend, ehe er hungrig in sein Schinkensandwich beißt.

»Nein, sie war ja immer nur mit sich selbst beschäftigt. Wobei sie mir ja noch was zuschicken wollte. Sie hat gemeint, sie habe was gefunden, was Oma mir immer geben wollte.« Nachdenklich blickt sie nach oben zu der einzelnen Wolke, die einsam über ihnen hinwegzieht.

»Die Oma, die du nie wirklich kennengelernt hast, weil sie gestorben ist, als du noch klein warst?«, fragt er leise und mustert sie aufmerksam von der Seite.

Kaum sichtbar nickt Anila. »Ja, ich war fünf, als sie gestorben ist. Sie hat mir immer Geschichten erzählt. Aber ich weiß nicht mehr, was für welche das gewesen sind. Auf jeden Fall nicht die aus dem Märchenbuch, aus dem mir meine Eltern vorgelesen haben.« Sie weiß nicht warum, aber irgendwie fühlt sie eine plötzliche Traurigkeit in sich aufsteigen. Dann spürt sie eine Hand auf ihrer Schulter. Erst blickt sie zur Hand und dann zu Sam.

»Hey, sie ist sicher irgendwo da oben und sieht auf dich runter. Und jetzt sag nicht, dass du nicht daran glaubst. Jeder Mensch glaubt an irgendetwas, und wenn es nur ist, um sich mit einer Vorstellung etwas zu trösten.« Aufmunternd drückt er für einen Moment ihre Schulter etwas fester, ehe er die Hand wieder zurückzieht.

Dankbar lächelt sie kurz. »Jaja, ich glaube aber nicht an dieses göttliche Zeugs. Ich bin der Überzeugung, dass es eine andere Erklärung für die Dinge geben muss, die wir noch nicht verstehen. Und ehrlich gesagt will ich gar nicht, dass sie irgendwo sitzt und auf mich runterschaut. Wenn ich mir die Erzählungen über sie ins Gedächtnis rufe, dann hat sie es verdient, in Frieden zu ruhen und nicht über ihre Familie wachen zu müssen, wie es die Herren in der Kirche gern erzählen.«

Leise lacht Sam auf, wird dann aber wieder ernst. »Ja, sie erzählen wirklich gern davon, was im Jenseits so passiert, und weißt du was? Ich denke mir jedes Mal, dass ich lieber in die Hölle will. Der Himmel hört sich so langweilig an.«

Einen Moment lang sehen sie sich nur an, aber dann prusten sie beide los.

»Oh ja, das kann ich nur unterschreiben«, keuchend wischt sich Anila die Lachtränen aus den Augenwinkeln. »Nun lass uns aber essen.«

Er nickt und beißt wieder in sein Sandwich.

 

Sie sind gerade mit essen fertig, da hören sie einen einzelnen Glockenschlag, was Anila auf ihre Uhr sehen lässt. »Es ist schon eins. Wir sollten wieder reingehen und noch etwas arbeiten. Fährst du morgen zum Tunnel und schaust dir die Höhle auch mal an? Vielleicht siehst du ja mehr als ich. Und denk daran, eine gute alte analoge Kamera mitzunehmen.«

Leicht neigt Sam den Kopf. »Kann ich machen. Wobei ich gleich nachher fahren kann. Ich bin mit der Eingabe der Daten fertig und muss jetzt auf die Antwort aus Basel warten. Wir wissen ja beide, wie schnell das geht.« Vielsagend hebt er eine Augenbraue an, was Anila wieder breit grinsen lässt.

»Sei nicht so streng mit ihnen. Denk dran, sie kriegen Anfragen aus der ganzen Schweiz. Schaffhausen ist da in der Regel für sie nicht so interessant, was die Funde angeht.«

»Jaahaa, ich weiß. Darum sind wir auch nur zu zweit«, erwidert Sam, die Augen verdrehend. Schließlich steht er auf und wirft die Verpackung seines Sandwiches in den nahen Mülleimer, ehe er ihr zurück ins Büro folgt.

 

 

***
 

 
 

Es ist schon nach sieben Uhr abends, als Anila den Briefkasten leert und das flache Päckchen aus dem Milchkasten holt. Zusammen mit den Rechnungen trägt sie den braunen Karton nach oben in ihre Wohnung, wo Luna schon ungeduldig hinter der Tür sitzt und sie laut miauend begrüßt. Wobei dieses Miauen eher bedeutet, dass sie Futter will. Dabei hat die Kleine Trockenfutter zur freien Verfügung.

»Hallo, Kleines. Ich gebe dir ja gleich was.« Anila legt die Post auf den Tisch und streichelt Luna kurz, bevor sie, gefolgt von ihrer Katze, in die Küche geht.

Kaum hat sie ihr ein Schälchen Nassfutter hingestellt, stürzt sich Luna darauf. Amüsiert beobachtet Anila einen Moment lang ihre Katze, ehe sie für sich selbst Pizza in den Ofen schiebt und ins Bad geht.

 

Nach einer heißen Dusche und schon ihren liebsten Schlafanzug tragend, geht sie zurück in die Küche und holt die fertige Pizza aus dem Ofen.

Während sie isst, geht sie die Rechnungen durch und bezahlt sie auch gleich mit der Banking-App. Erst als sie fertig gegessen und alles aufgeräumt hat, widmet sie sich dem Päckchen. Vorsichtig packt sie es aus. Zum Vorschein kommt ein altes, in Leder gebundenes Buch. Neugierig klappt sie es auf und findet einen Zettel.

 

Mein Kind. Wenn du das liest, dann hat dir deine Mutter das Buch übergeben, weil ich schon im Himmel über dich wache. Du bist sicher eine bildhübsche junge Frau und es zerreißt mir das Herz, dass ich nicht an deiner Seite sein kann. Ich kann dir nur eines sagen. Höre auf dein Herz. Es wird dir sagen, was richtig und was falsch ist.

Lies das Buch und entscheide dann, wie dein zukünftiger Weg aussehen soll.

Dein dich über alles liebendes Grosmami.

 

Die Stirn runzelnd liest Anila den Brief ein zweites Mal. Wieso soll die Geschichte in dem Buch ihr den Weg weisen können? Kurzerhand steht sie auf und macht sich einen leckeren heißen Kakao, ehe sie es sich mit dem Buch auf dem grauen Sofa gemütlich macht. Kaum hat sie sich ihre Kuscheldecke über die Beine gelegt, legt sich Luna drauf und rollt sich zusammen.

»Na Luna, dann wollen wir mal.«

 

Vier Töchter, geboren zur magischen Stund der hellsten Zeit. Ich war eine von ihnen. Vier Töchter, die den Wind, die Erde, das Wasser und das Feuer kontrollieren konnten.

Es ist Zeit, dass ich meine Geschichte erzähle. In der Hoffnung, dass du stärker bist als …

 

Mitten im Satz fallen Anila die Augen zu, obwohl schon seit dem ersten Satz ihr Herz deutlich schneller schlägt, als sonst …

 

 

 

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Ich hoffe ihr hattet Spass beim Lesen und wir lesen uns beim nächsten Kapitel wieder. 

Kapitel 2

Es geht gleich weiter, damit ihr auch etwas zu lesen habt. 

 

 

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Kapitel 2

 

 

Mit ausdruckslosen Augen blickte sie über die mit Blut getränkte Wiese. Wann hörte dieses ewige Kämpfen nur endlich auf? Warum konnten sie nicht … Anila konnte den Gedanken nicht zu Ende denken. Ein heftiger Windstoß ließ sie herumfahren und so in letzter Sekunde einem Schwert ausweichen, das sie sonst getötet hätte. Ohne nachzudenken, sammelte sie ihre Kräfte. Ein kleiner Tornado schoss aus ihren ausgestreckten Händen und schleuderte den Angreifer gegen einen Felsen. Blutüberströmt sackte er in sich zusammen. Sie musste nicht mal hinsehen, um zu wissen, dass er tot war.

Erschöpft ließ sie ihre Arme sinken und sank auf die Knie, ihr braunes, halblanges Haar fiel ihr dabei über die Schultern, aber sie registrierte es nur am Rande. Sie erlaubte sich, für einen Moment die Augen zu schließen, bevor sie sich dazu zwang, wieder aufzustehen. Eine unheimliche Stille lag über der Wiese, die einst grün gewesen war, nun aber durch das Blut und den aufgerissenen Boden nur noch aus einem schmutzigen Braun zu bestehen schien.

Mühsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, wankte vom Schlachtfeld.

Kaum hatte sie es hinter sich gelassen, wurde das Gras vor ihren Augen wieder grün und wiegte sich im sanften Wind. Sie hob den Kopf, als sie den Schrei eines Falken hörte, und musste trotz allem lächeln. Ein Zeichen von Leben. Auch wenn es nur ein Vogel war, erfüllte dieser ihr inzwischen kaltes Herz mit einem Funken von Wärme.

Sie zwang sich, immer weiterzugehen. Spürte, wie der Boden unter ihren Füssen langsam anstieg und dann den kühlen Schatten der Bäume, als sie den Wald erreichte. Irgendwo, tief in sich drin, fragte sie sich, ob noch jemand von ihren Leuten übrig war. Hatte nur sie die Schlacht überlebt?

»Anila!«

Die Stimme ließ sie aufblicken und zur Seite schauen. Trotz allem stahl sich ein müdes Lächeln auf ihre Lippen, als sie Erin neben sich sah. »Du lebst«, sagte sie leise und holte einen Grashalm aus seinen roten Haaren, die sich während der Schlacht aus seinem ledernen Haarband gelöst hatten und sich nun wild um sein jugendliches Gesicht kringelten. »Du hast da Gras in deinen Haaren.«

In seinen grünen Augen blitzte es spitzbübisch auf, als er ihr einen kleinen Ast aus ihren braunen Haaren holte. »Und du hast offensichtlich einen Busch auf deinem Kopf.« Er grinste schief, was die Sommersprossen auf seinen Wangen und der Nase tanzen ließ. Aber dann wurde er wieder ernst. »Wir haben gewonnen. Aber zu welchem Preis? Die meisten sind tot oder verletzt. Was auf das Gleiche rausläuft, wenn sie Pech haben.«

Anila blickte nach oben zu den grünen Baumkronen. »Ist es denn Pech? Wenn sie von den Göttern geholt werden?«, fragte sie leise in den Wind, der sie wieder umspielte, als wolle er sie trösten.

»Sag nicht so etwas. Meinst du, sie sind inzwischen alle gefunden worden?« Erin legte ihr den Arm um die Schultern.

Obwohl sie sich für ihre Schwäche schämte, lehnte sie sich an ihn. »Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob sie wirklich in der Lage sein werden, unsere Kräfte zu vereinen und so die Völker zu befrieden.«

Er festigte den Griff um ihre Schultern. »Zuallererst, Priesterin: Auch du darfst mal schwach sein und dich anlehnen. Was die Zukunft bringen mag, wird sich zeigen. Aber es ist eine Hoffnung, die unser Volk weitermachen lässt. Sonst hätten wir uns den Invasoren schon längst ergeben und würden als Sklaven leben.«

Sie schwieg, während zwischen den Bäumen langsam die Mauern der Stadt sichtbar wurden. Auch wenn sie die wiederkehrenden Kämpfe leid war und wusste, dass sie nur noch diese eine Chance hatten, regte sich tief in ihrem Herzen leiser Zweifel, ob …

Sie konnte den Gedanken nicht beenden, da musste sie sich auch schon straffen, um nicht nach hinten zu taumeln, als Aieda ihr um den Hals fiel.

»Anila, du lebst. Ich hatte solche Angst, als die ersten Verletzten zurückgebracht worden sind. Ich hätte dich nie gehen lassen dürfen. Nicht schon wieder. Auch wenn du stark bist, du bist nicht wie die Götter unsterblich!«

Obwohl sie so müde war und die lebenssprühende Nähe ihrer Gefährtin in ihrem Zustand kaum ertragen konnte, ließ die sichtbare Sorge in den kupferfarbenen Augen sie sanft lächeln. »Aieda, Liebste. Du weißt doch, der Wind beschützt mich. Er lässt nicht zu, dass mir etwas passiert, und warnt mich vor jedem Angreifer, der mich von hinten attackieren will.« Sie legte den Arm um die schlanken Schultern und drückte sie an sich. Die kupferroten langen Haare kitzelten sie dabei an ihrer Wange. »Gehen wir nach Hause. Ich bin müde und meine Tunika ist schmutzig.« Mit einem misslungenen Grinsen deutete sie auf ihre einst helle Leinentunika, die zerrissen und von Dreck und Blut ganz steif war. »Ich denke, die kann ich nicht mehr anziehen.«

Tief sog Aieda die Luft in ihre Lungen. Erst jetzt schien sie zu bemerken, wie Anila aussah. »Ich schneidere dir noch heute eine neue und bereite dir ein heißes Bad. Jahwe soll morgen von seiner Reise zurückkommen. Bestimmt war er erfolgreich. Aschera ist davon überzeugt, dass er mit den restlichen Auserwählten wiederkommen wird, und sie hat sich noch nie geirrt.«

Aieda strahlte regelrecht, als sie das sagte, und so drängte Anila den leisen Zweifel, der sich wieder meldete, zurück. »Das sind ja tolle Neuigkeiten. Haben wir noch etwas zu essen? Erin ist sicher auch hungrig und ohne ihn hätte ich es auf dem Schlachtfeld noch viel schwerer gehabt.«

Leicht presste Aieda die Lippen aufeinander. »Ja, wir haben Brot und Rübensuppe gemacht. Alle, die zurückgeblieben sind, haben gemeinsam gekocht und gebacken. So haben alle genug.« Sie blickte mit einem gezwungenen Lächeln zu Erin. »Natürlich bist du an unserem Tisch willkommen.«

Doch er winkte ab. »Ich gehe nach Hause. Meine Mutter wird sicher schon voller Sorge auf meine Rückkehr warten.« Er drückte Anila noch einmal brüderlich an sich. »Versuche es gar nicht erst. Sie wird mich nie mögen«, raunte er, ehe er sie losließ und langsam in Richtung Stadttor ging.

Das schwere Holz war noch vom ersten überraschenden Angriff direkt vor der Stadt gezeichnet, als die Feinde mit Feuer versucht hatten, es zu durchbrechen. Das Holz war schwarz, aber dank der Priesterin Aieda hatten sie die Flammen zu ihnen zurückschicken können. Doch es hatte sich gezeigt, dass sie zwar das Feuer kontrollieren konnte, aber in einer Schlacht schnell dazu neigte, die Kontrolle über ihre Gabe zu verlieren.

Darum hatten Aschera und Jahwe bestimmt, dass sie in der Stadt bleiben sollte, während Anila die Truppen begleitete. Erin wusste nicht, ob er darüber froh sein sollte. Er konnte Aieda nicht leiden, aber so hatte Anila immerhin einen Grund, noch härter um ihr Leben zu kämpfen.

 

Anila blickte ihm nach, bis er das Tor passiert hatte. Sie konnte sehen, dass er zurückschaute. Langsam folgten sie ihm. Sie hatte den Arm um Aieda gelegt. Auch, um sich noch etwas abzustützen. Sie wusste, dass es für viele immer noch ein seltsamer Anblick war, zwei Frauen so innig zu sehen, aber da die Götter es offenbar so wollten, dass Wind und Feuer vereint waren, sagten sie nichts dagegen.

Während sie durch die Straßen gingen, ließ Anila ihren Blick über die Häuser schweifen. Im Erdgeschoss noch aus Stein gebaut, waren sie in den oberen Stockwerken meist aus Lehm oder Holz. Die breite Straße führte direkt zum zentralen Marktplatz, um den herum die Stadt gewachsen war. Auf der anderen Seite des Platzes erhob sich der große, aus weißem Stein erbaute Tempel, in dem nicht nur Jahwe und Aschera lebten, sondern in einem Seitenflügel auch sie und Aieda.

Eigentlich war es eine schöne und wohlhabende Stadt. Der Fluss, der hinter dem Tempel floss, versorgte sie über Kanäle mit Wasser und in seinem Strom konnten sie die besten Fische fangen.

Anila konnte sehen, wie Erin nach rechts in die Straße abbog, in der die meisten Handwerker lebten. Als sie dann den Marktplatz überquerten, konnte sie das Hämmern von Erins altem Vater hören, der wie so oft in den letzten Wochen wieder in der Schmiede arbeitete. Sie ahnte, dass dieser die Waffen reparierte, die mit den Verletzten in die Stadt gebracht worden waren. Später würden sicher noch mehr Waffen vom Schlachtfeld geholt. »Viel Arbeit und eine lange Nacht«, murmelte sie und blickte die Straße entlang. Sie sah, wie Erin sich in eine kleine Seitengasse zwischen zwei Häusern zurückzog, als ihm mehrere junge Frauen entgegenkamen. Bestimmt wollten sie die Helden der Schlacht begrüßen und feiern. Doch anscheinend fühlte er sich nicht in der Lage, sich ihnen zu stellen.

Lautlos seufzte Anila auf. Sie würde sich jetzt auch zu gern in einer der schmalen Gassen verstecken. Doch in ihrer Stellung konnte sie sich den Leuten auf der Straße nicht entziehen.

Es dauerte nicht lange, bis sie von jungen Frauen umringt waren und mit Fragen zum Verlauf der Schlacht gelöchert wurden. Irgendwie schaffte sie es, so zu tun, als sei die Schlacht nichts Besonderes gewesen. Geduldig beantwortete sie die Fragen freundlich, aber so knapp wie möglich.

Sie wurde als Heldin angesehen. Auch weil einige der Überlebenden wohl erzählten, dass sie ihnen das Leben gerettet hatte. Ehrlich gesagt wusste sie nicht, ob das stimmte. Kaum hatte die Schlacht begonnen, hatte sie nur noch gekämpft, um nicht selbst getötet zu werden. Sogar Erin hatte sie dabei aus den Augen verloren. Doch nun stand sie da und hielt nacheinander die Hände, die ihr entgegengestreckt wurden.

Auf einmal erklang eine herrische Stimme. »Lasst die Priesterinnen weitergehen. Sie müssen sich stärken und dann für uns alle zu den Göttern beten. So wie ihr es auch tun solltet.«

Anila blickte auf und sah Aschera in ihrer weißen Robe aus bestem Leinen auf sie zu kommen. Respektvoll neigte sie den Kopf. Auch, um dem missbilligenden Blick auszuweichen, der ihr wegen ihres Aussehens zugeworfen wurde. »Hohepriesterin. Seid gegrüßt.«

Aschera entließ die jungen Frauen und wandte sich dann den beiden zu. »Wie ich es vorausgesehen habe, warst du zusammen mit den Kriegern erfolgreich. Ich danke den Göttern, dass du wieder einmal heil zurückgekehrt bist. Geh dich frisch machen und speise dann mit uns gemeinsam. Das Essen ist einfach, aber nahrhaft. Du wirst die Kraft sicher brauchen.«

Erstaunt hob Anila den Blick. Sie war es nicht gewohnt, dass Aschera so zu ihr sprach. Die Hohepriesterin war eine gütige Person, aber sie hatte Probleme, die schmutzige Realität des Schlachtfeldes zu verstehen. »Ich bin in der Tat hungrig und habe das Bedürfnis, mich zu waschen«, erwiderte sie leise. Sie erwartete, dass die Hohepriesterin sie nun allein lassen würde, aber sie folgte ihnen bis zum Badehaus des Tempels.

»Ich werde euch beide im großen Saal erwarten.« Erhaben nickte sie den beiden zu, ehe sie davonging. Ihre Robe umspielte dabei ihren wohlgeformten Körper und ihr langes blondes Haar schien im Licht der Sonne zu leuchten.

Den Kopf schüttelnd blickte Aieda ihr nach. »Seit ihr heute in die Schlacht gezogen seid, ist sie so komisch drauf. Das ist schon richtig unheimlich.«

»Bevor Jahwe gegangen ist, war sie doch auch schon so. Erst seit er weg ist und sie allein für die Menschen verantwortlich ist, hat sie sich verändert. Vielleicht lässt der Gedanke, dass alles bald vorbei ist, sie wieder zu sich selbst zurückfinden.«

Aieda runzelte nachdenklich die Stirn. »Wer weiß«, murmelte sie und ging mit Anila in den Badebereich. »Ich heize das Wasser für dich an, während du dich ausziehst.« Sie lächelte Anila sanft an, ehe sie sich dem mit Wasser gefüllten Becken zuwandte und die Hände hob. Langsam bildeten sich Flammen um sie herum, die sie in dem Hohlraum unter dem Becken hin und her wandern ließ, bis das Wasser anfing zu dampfen.

Unterdessen hatte sich Anila ausgezogen. Inzwischen schmerzte jede Bewegung und sie sah, dass sie doch die ein oder andere tiefere Schramme und mehrere blaue Flecken davongetragen hatte.

Nackt trat sie auf das Becken zu und hielt ihre Hand hinein. »Das ist perfekt.« Warm lächelte sie Aieda an, die nun ihre Hände sinken ließ, woraufhin die Flammen erloschen. »Gut, dann kümmere ich mich mal ums Essen. Ich denke, du willst nicht unbedingt mit Aschera zusammen speisen. Oder?«

Ertappt biss sich Anila auf die Lippen. »Ja. Mir wäre es lieber, wenn ich in Ruhe essen und mich dann gleich hinlegen könnte.« Vorsichtig stieg sie in die Wanne und wollte noch etwas zu Aieda sagen, aber sie war schon weg. Leise seufzte sie auf und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück.

Durch die offenen Fenster drang der Wind herein und umspielte ihr Gesicht, schien sie zu streicheln. Immer mehr entspannten sich im warmen Wasser ihre Muskeln. Ihr Geist kam zur Ruhe und sie schlief ein.

 

 

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Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen. Auf geht's zum nächsten. 

Kapitel 3

Ich denke, jetzt einen Wochenrhythmus ist ab jetzt ideal. Also jede Woche gibt es ein neues Kapitel. 

 

 

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Kapitel 3

 

 

Ein Poltern lässt Anila hochfahren. Verwirrt und noch nicht wirklich wach sieht sie sich um. Ihr Nacken schmerzt und ihre Schultern sind verkrampft. »Ich bin eingeschlafen?«, murmelt sie und setzt sich auf dem Sofa auf. Dabei sieht sie das Buch aufgeschlagen auf dem Boden liegen. Die Stirn runzelnd bückt sie sich und nimmt es. Bevor sie es schließt, fällt ihr Blick auf die Seite und sie erstarrt, als sie den letzten Satz liest:

 

Mein Geist kam zur Ruhe und ich schlief ein.'

 

Das ist reiner Zufall! Ein verrückter Traum. Und wer träumt nicht ab und zu von einem schönen heißen Bad? Sie schlägt das Buch heftiger als gewollt zu und legt es auf den niedrigen Tisch vor dem Sofa.

Der Kakao ist schon lange kalt, dennoch trinkt sie ihn aus und geht in die Küche, wo sie die Tasse in den Geschirrspüler verfrachtet.

Als sie wieder raus geht, fällt ihr Blick auf die Uhr neben der Küchentür. Halb zwei. Seufzend reibt sie sich den schmerzenden Nacken. Auf dem Sofa zu schlafen ist offensichtlich keine gute Idee.

Nach einem Abstecher ins Badezimmer legt sich Anila ins Bett. Schon bevor sie richtig liegt, springt Luna auf die Decke und rollt sich neben ihr zusammen. Sie lächelt, als sie ihr übers Köpfchen streichelt. »Gute Nacht, Luna.«

 

 

 

 
 

***
 

 

Viel zu früh reißt sie der Nachrichtensprecher aus dem Schlaf. Sie macht den Wecker aus und dreht sich um. Der seltsame Traum ist nicht wieder aufgetaucht. Dennoch fühlt sie sich wie gerädert. Irgendwie schmerzen auch Muskeln, von denen sie gar nicht wusste, dass sie sie hat.

Sie ist gerade dabei, wieder einzuschlafen, als der Wecker erneut losgeht, diesmal mit Musik. Es bringt nichts. Sie muss aufstehen. Also kämpft sie sich in eine sitzende Position und stellt diesmal den Wecker wirklich aus. Neben ihr liegt Luna, die sie mit nur halbgeöffneten Augen vorwurfsvoll ansieht. »Ich kann doch nichts dafür. Ich würde auch lieber liegen bleiben.«

Doch Luna ist wohl nicht besänftigt. Sie dreht sich zur Seite und schließ demonstrativ die Augen.

Amüsiert schmunzelt Anila und setzt sich auf die Bettkante. Gähnend streckt sie sich, bevor sie sich anzieht und ihre Morgenroutine startet.

 

Nachdem sie Luna versorgt und ihr Müsli gegessen hat, fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, das Brötchen für ihr Mittagessen aufzubacken. Also macht sie auf dem Weg zum Auto noch einen Abstecher zum Bäcker. Dort gönnt sie sich ein Eiersandwich. Da sie weiß, wie sehr Samuel Spitzbuben mag, kauft sie auch noch zwei von denen.

Mit den beiden Papiertüten der Bäckerei in ihrer Tasche geht sie zum Auto. Da sie am Abend zuvor mit der Front in Richtung Hausmauer geparkt hat, sieht sie als Erstes das Heck, das in dem grauen Morgen mit seiner hellgrünen Farbe zu leuchten scheint.

Kaum sitzt sie hinter dem Steuer, fröstelt es sie, als sie im Rückspiegel eine Gestalt zu sehen glaubt. Doch als sie sich umdreht, ist da niemand. Jetzt sehe ich schon Gespenster. Sie schüttelt den Kopf, bevor sie rückwärts aus der Parklücke fährt und dann auf die Hauptstraße einbiegt.

Durch den überraschend dichten Nebel wirkt die kegelförmige Kuppe des Hemings so, als wäre er nur halb in dieser Welt. Die Bäume haben vereinzelt schon ihre grünen Blätter, sodass es noch mystischer wirkt. Jedes Mal, wenn Anila das so sieht. Kann sie sich der Vorstellung nicht erwehren, dass zu diesen Tageszeiten bei Nebel, die Geschichten von Geistern und Kobolden entstanden sind. Von Wesen, die im Halbschatten leben und verschwinden, sobald das Licht der Sonne sie trifft.

Aufmerksam fährt sie nach der S-Kurve das kurze Stück am Wald entlang. Schon mehr als einmal ist plötzlich ein Reh aus dem Wald gesprungen und über die Straße zu den Feldern gerannt.

Ihr Blick fällt kurz auf den kleinen Flughafen auf dem Schmerlat, von dem im Sommer die Segelflugzeuge in die Luft gezogen werden, um dann ihre Kreise über dem Klettgau und vielleicht noch weiter zu ziehen. Anila weiß nicht, wie weit sie fliegen können oder dürfen. Sie ist noch nie in einem Segelflieger mitgeflogen. Dabei hätte sie mindestens einmal im Jahr bei der Flugshow die Möglichkeit dazu. Es ist ihr aber einfach zu unsicher. Auch weil der Flughafen Kloten gar nicht so weit weg ist. Tatsächlich ist das ihre größte Sorge, dass mal so ein Segelflieger mit einem großen Flugzeug im Landeanflug zusammenstoßen könnte. Wer weiß, wie hoch so ein Segelflugzeug mit der richtigen Thermik fliegen kann?

Sie konzentriert sich wieder ganz auf die Straße, als sie sich der Sechzigerzone bei Guntmadingen nähert. Natürlich bremst der Fahrer vor ihr auf fünfzig ab. Wie sollte es auch anders sein? Als das schließlich noch eine Siebzigerzone gewesen ist, sind die meisten ja auch zehn Stundenkilometer langsamer als erlaubt durchgefahren. Irgendwie findet sie das amüsant. Die Stelle scheint einfach etwas an sich zu haben, das die Fahrer langsamer fahren lässt.

Auf einmal erklingt ein leises Ping und das Tanksymbol leuchtet in Übergröße vor ihr auf. »Na gut«, murrt sie und biegt bei der Kiesgrube links ab, um zu ihrer bevorzugten Tankstelle im Beringer Industriegebiet zu fahren.

Nachdem sie vollgetankt hat, fährt sie weiter nach Schaffhausen. Doch schon auf Höhe der KBA Hard muss sie wieder bremsen. Es staut … und wie es staut. Tief atmet Anila durch. Da sie ohnehin steht, greift sie verbotenerweise nach ihrem Handy, um Samuel eine Nachricht zu schicken. Doch in dem Moment zwitschert es und eine Nachricht erscheint.

 

Ich stehe drei Autos hinter dir. Dein Grashüpfer leuchtet mich regelrecht an.

 

Unwillkürlich dreht sie sich um, aber natürlich kann sie Samuels silbernes Auto von ihrer Position aus nicht sehen. Also schreibt sie ihm zurück.

 

Lieber ein Grashüpfer, als ein Auto, das niemand sieht.

 

Bevor noch etwas passiert, legt sie das Handy zurück in ihre Tasche. Inzwischen kann sie eine Autolänge vorfahren.

So geht es im Schneckentempo voran. Irgendwie ist ihr nie aufgefallen, wie viele Autos seit der Eröffnung des Galgenbucktunnels unterwegs sind. Sie alle scheinen sich genau jetzt von Neunkirch und Beringen her durch Neuhausen quetschen zu wollen.

 

Nach fast einer Stunde, statt zwanzig Minuten, betritt sie mit Sam zusammen das Büro. Jetzt schon kaputt, lässt sie sich auf ihren Stuhl fallen. »Ich befürchte, wir müssen in Zukunft noch früher losfahren.«

»Oder später, um dem Chaos zu entgehen«, murrt Sam und fährt seinen PC hoch. »Das ist doch verrückt. Ich meine, wo kommen plötzlich die ganzen Autos her? Früher war es doch nie so extrem.« Er reibt sich die Schläfen und sieht dann zu ihr. »Ich wollte ja früher los, aber dann habe ich verschlafen. Was ist deine Ausrede?«

Anila grinst schief. »Ich musste noch tanken. Das hat mich … fünf Minuten gekostet. Und wir wissen ja beide, was die paar Minuten ausmachen können.«

Sie gibt, ohne hinzusehen, ihr Passwort ein. Automatisch öffnet sich dann auch das Mailprogramm und eine Flut von ungelesenen Nachrichten erscheint vor ihr im Outlook. Das meiste ist Spam, den sie sofort in den Papierkorb verfrachtet. »Sag mal, wann wollen die von der IT eigentlich mal etwas gegen den ganzen Spam machen? Ich habe hier sogar Mails von diesem FFA-Verein drin. Das ist doch unglaublich!« Genervt verdreht sie die Augen und ignoriert dabei das ungute Gefühl, das sich in ihr ausbreiten will.

»Du hast Post von denen? Wow, ich habe nur Mails von Damen, die ich angeblich kennen sollte und die mich unbedingt wiedersehen wollen.« Er schüttelt den Kopf und löscht ebenfalls eine Nachricht nach der anderen. »Oder von Paketen, bei denen ich angeblich noch Zollgebühren zahlen muss.« Er blickt auf und sieht sie fragend an. »Von Basel hast du aber noch nichts gehört, oder?«

Sie schüttelt bedauernd den Kopf. »Nein. Ich habe dir doch gesagt, dass das eine Weile dauern kann. Ich verstehe sowieso nicht, warum ich ihnen auch noch mal wegen allem schreiben musste. Schließlich hast du die goldene Truhe und das Pergament doch gefunden.«

Als sie sieht, dass er sich auf die Lippen beißt, sieht sie ihn stirnrunzelnd an. »Samuel Meier, was ist los?«

»Na ja, ich … hatte mit der einen da mal was laufen und …«

»Lass mich raten. Sie hat mehr gewollt und du hast sie dann abserviert?« Missbilligend verschränkt sie die Arme, als er ertappt dreinschaut. »Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du ins Bett gehen kannst, mit wem du willst. Solange es deine Arbeit nicht beeinflusst. Das ist doch kindisch, dass du jetzt nicht mal mehr eine Mail schreiben kannst, sobald die Möglichkeit besteht, dass eine gewisse Person sie zuerst liest.«

Wie ein kleiner Junge senkt er den Blick. »Ich weiß. Ich dachte zuerst, dass ich eventuell mehr für sie empfinde. Aber dann hat sie angefangen, mehr zu wollen, und das war mir dann zu viel. Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Also sei mir bitte nicht böse. Ich schreibe die Anfragen in Zukunft auch selbst. Na ja … zumindest wenn es egal ist, wie lange die Bearbeitung dauert.«

Seufzend schüttelt Anila den Kopf. »Du bist mir einer. Aber gut, wenn wir hier soweit durch sind, will ich dann nach Schleitheim, um mir den Fundort deiner Truhe in Ruhe anzusehen. Vielleicht fällt mir heute ja noch was auf.«

»Ach ja, ich habe mir gestern doch noch die Höhle angesehen. Ich denke nicht, dass du das Licht ausgeschaltet hast. Oder?« Fragend sieht er sie an und als sie den Kopf schüttelt, grinst er breit. »Das habe ich mir gedacht. Sonst hättest du es sicher erwähnt. Wenn das Licht nämlich aus ist, leuchtet das Wandbild ganz schwach in einem schönen Grünton.«

Erstaunt sieht sie ihn an. »Interessant. Hast du testen können, ob es radioaktiv ist?«

»Ja, das konnte ich. Wenn der Geigerzähler nicht am Arsch ist, ist da nichts radioaktiver, als es sein sollte.«

Ungläubig lehnt sich Anila zurück. »Das ist ungewöhnlich. Soviel ich weiß, ist doch immer mindestens eine leicht erhöhte Radioaktivität zu messen, wenn ein Leuchten zu sehen ist«, murmelt sie leise.

Trotzdem nickt Sam. »Ja, so weit bin ich auch schon gekommen. Ich kapiere es einfach nicht. Es passt hier gar nichts mit dem zusammen, was wir bisher zu wissen geglaubt haben.«

Nachdenklich nickt sie und blickt dann zur Uhr. »Weißt du was? Ich brauche noch etwas frische Luft.« Sie steht auf und greift nach ihrer Tasche. »Halt du hier die Stellung. Ich fahre jetzt schon nach Schleitheim und dann noch einmal zur Höhle im Tunnel. Melde dich, wenn was ist. Ich schreibe dir, bevor ich in den Tunnel gehe.«

»Alles klar. Dann viel Spaß bei der Schlammschlacht.« Breit grinsend sieht er zu, wie sie ihre Sachen packt und dann noch nach der Polaroidkamera greift. »Ich hätte noch einen besseren Knippser mit einem noch leeren Film drin. Wir müssen dann halt drauf warten, dass er entwickelt wird.«

»Wirklich? Dann nehme ich den auch noch mit. Ich habe hier zwar noch eine Digitalkamera, aber wer weiß, ob die funktioniert.« Sie klopft schief grinsend mit der Hand auf ihre Tasche, während er eine schon fast antik wirkende Kamera hervorholt.

»Sie ist von meinem Vater, funktioniert aber noch super. Er ist erst letzten Monat mit ihr durch Wales gereist. Er ist der Meinung, dass analoge Fotos viel mehr Charakter haben.«

Lachend nimmt sie die Kamera entgegen und mustert sie genau. »Wo er recht hat, hat er recht. Digitale Bilder sind oft einfach zu perfekt. Wobei ich wirklich hoffe, dass ich perfekte Bilder kriege, um sie am PC besser auswerten zu können.« Leise seufzt sie, als sie die Kamera in ihre Tasche packt.

»Verständlich. Aber lieber unperfekte Bilder, als gar keine Bilder«, erwidert er und drückt ihr noch ein paar Ersatzfilme in die Hand.

»Danke, nun bin ich aber weg.« Sie winkt ihm zwinkernd zu, bevor sie das Büro verlässt und zu ihrem Auto im unterirdischen Parkhaus geht.

Bevor sie losfährt, schließt sie für einen Moment die Augen. Er ist fast wie Erin. Anila weiß nicht, wo dieser Gedanke auf einmal herkommt. Erschrocken schiebt sie ihn vehement zur Seite. »Es war nur ein verrückter Traum!«, sagt sie laut. Mit einem schon fast trotzigen Blick startet sie den Motor und fährt los. »Es ist nur Zufall, dass ich am 21. Juni genau beim Sonnenuntergang geboren worden bin. Wie Tausende andere Menschen auch. Das hat nichts zu bedeuten.«

Die Ampel springt auf Rot. Der Wagen vor ihr fährt noch bei Orange durch, aber Anila muss bremsen. Während sie darauf wartet, dass es wieder grün wird, blickt sie zum aufgestauten Rhein. Sie hat schon Bilder gesehen, wie der Rhein vor dem Bau des Kraftwerks ausgesehen hat, und irgendwie findet sie es schade, dass von den ganzen Stromschnellen nichts mehr zu sehen ist. Auch wenn es natürlich naheliegend gewesen ist, damals an genau dieser Stelle das Kraftwerk zu bauen.

Durch Neuhausen staut sich der Verkehr immer noch, sodass sie nur langsam an den Häusern vorbeifahren kann. Als sie die Kirche hinter sich gelassen hat, wird es etwas besser, aber dennoch geht es nicht so schnell voran wie sonst.

Nachdem sie beim zweiten Kreisel die erste Ausfahrt genommen hat, fährt sie in Richtung Beringen. Dort muss sie besonders aufpassen. Nicht nur Kinder haben hier die Angewohnheit, einfach über die Straße zu gehen. Auch die Erwachsenen ignorieren gern die zahlreichen Zebrastreifen.

Endlich hat sie Beringen und schließlich auch Löhningen sowie Siblingen hinter sich gelassen und kann entspannt weiter in Richtung Schleitheim fahren.

 

Schließlich parkt sie auf dem Parkplatz in der Nähe des Thermenmuseums Juliomagus.

Nach einem kurzen Fußweg erreicht sie das blaue Gebäude, geht aber nicht über die Brücke, sondern bleibt auf der anderen Seite des Zwärenbaches, der nun wieder brav in seinem Bett dahinplätschert. Man kann sehen, wo er gestern über die Ufer getreten ist. Anila schaut auf der Karte nach, wo genau Sam die Truhe gefunden hat, und geht hin.

Dort ist der Boden sichtbar aufgewühlt. Vorsichtig geht sie in die Hocke und sieht sich alles an. Doch ihr fällt nichts weiter auf, was auf die Anwesenheit von weiteren Fundstücken hinweist.

»Hier ist laut Karte auch keine römische Mauer«, murmelt sie nachdenklich, während sie mit den Fingern über die feuchte Erde fährt.

Auf einmal glaubt sie, eine Stimme zu hören. Sie fährt herum, doch sie ist allein und nur noch das Rascheln der Blätter ist zu hören. »Ist da jemand?« Langsam dreht sie sich um die eigene Achse, lässt ihren Blick suchend über die Wiesen und Hügel gleiten. Doch nur der Wind fährt weiter durch die hellgrünen Blätter, die sich vereinzelt an den Bäumen zeigen.

»Ich werde wohl noch verrückt. Jetzt höre ich schon Stimmen im Wind«, murmelt sie und sieht wieder zu der Stelle, wo Sam die Truhe gefunden hat. Wie konnte die so lange unentdeckt bleiben? Das macht doch keinen Sinn.

Wieder geht sie in die Hocke und mustert die Stelle noch einmal, bevor sie ein paar Meter weitergeht, dabei den Blick auf die vom Wasser immer noch aufgeweichte Erde gerichtet. Sie hätte doch beim Bau des Weges entdeckt werden müssen.

In Gedanken versunken blickt Anila nach oben. Alles hat mit dem Gewitter angefangen. Dann der seltsame Nebel am nächsten Morgen …

Wieder weht der Wind durch die Bäume und die Büsche. Sie glaubt ein Erinnere dich im Rauschen zu hören. »Ja, aber woran?«, fragt sie leise. Natürlich bekommt sie keine Antwort. »Wäre auch zu schön, wenn der Wind plötzlich mit mir reden würde«, seufzt sie und schüttelt den Kopf.

Langsam geht sie zum Auto zurück und erlaubt es sich, die frische Luft zu genießen.

Beim Auto angekommen, schreibt sie Sam schnell eine Nachricht, dass sie nichts gefunden hat und nun zum Tunnel fährt. Kaum hat sie sie abgeschickt, erscheint auch schon ein einzelner Daumen nach oben.

 

Wie versprochen schickt sie ihm noch eine Nachricht, als sie wieder auf dem Parkplatz bei der Tankstelle ihr Auto abgestellt hat, und geht dann zu Fuß mit ihrer Tasche zum Tunnel. Bewusst behält sie das Handy in der Hand und tatsächlich: Kaum hat sie den Eingang hinter sich gelassen, wird der Bildschirm schwarz und es lässt sich anders als gestern jetzt auch nicht mehr einschalten.

»Sehr seltsam«, murmelt sie und geht weiter die Straße entlang nach unten. Die Tunneleröffnung und die Möglichkeit, ihn zu Fuß zu erkunden, hatte sie damals ja verpasst.

Im ersten Moment fühlt es sich seltsam an, zu wissen, dass sie nicht erreichbar ist. Doch nach ein paar Minuten genießt sie die Ruhe. Als sie beim Loch in der Wand ankommt, hat sie schon ganz vergessen, dass niemand sie erreichen kann.

Sie zwängt sich durch den Riss und achtet diesmal bewusst darauf, wie weit sie gehen muss, bis sie die Höhle erreicht. »Zehn Meter«, murmelt sie schließlich und notiert sich die Zahl im Notizbuch. Noch immer brennt die Lampe und erhellt die Höhle in einem warmen Licht.

Doch bevor sie wieder zur Wand mit der Malerei geht, tritt sie zur Lampe und schaltet sie aus. Für einen Moment ist es stockfinster. Dann erkennt sie als Erstes den schwachen Lichtstrahl, der durch das Loch in der Wand fällt. Sie wendet den Blick von der Lichtquelle ab. Es dauert eine Weile, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, aber dann fällt ihr ein schwaches grünliches Schimmern auf.

Langsam geht sie auf die leuchtende Wand zu und streckt die Hand aus. Sie weiß, dass sie die Malerei nicht berühren sollte, zumindest nicht ohne Handschuhe, aber schon fühlt sie unter ihren Fingerspitzen den kalten und doch warmen Stein.

»Erinnere dich.«

Erschrocken zieht sie reflexartig ihre Hand weg und weicht von der Wand zurück. Wieder diese Stimme und diesmal so laut, dass sie keine Einbildung sein kann. »Wer bist du? Wo bist du?«, ruft sie, dass es an den Felswänden widerhallt.

Doch niemand antwortet.

Schwer atmend stolpert sie rückwärts bis zu dem Schatten, den sie als Lampe erkennt. Es dauert viel zu lange, bis sie endlich den Schalter gefunden hat und das Licht die Höhle wieder erhellt.

Geblendet schließt Anila für einen Moment die Augen, aber dann reißt sie sie wieder auf und sieht sich mit wild klopfendem Herzen um. Doch sie ist allein.

Tief durchatmend senkt sie den Blick. »Nun reiß dich zusammen. Wer soll schon hier sein«, murmelt sie.

Es dauert lange, bis sich ihr Herzschlag wieder beruhigt, obwohl sie sich eine Idiotin schimpft, die vor eingebildeten Stimmen Angst hat. Noch einmal atmet sie tief durch, ehe sie die Kameras aus ihrer Tasche holt. Sie braucht einen Moment, aber dann steht die analoge Kamera sicher auf einem Stein und die Belichtungszeit ist auf mehrere Sekunden eingestellt. Erst jetzt schaltet sie das Licht wieder aus und wartet, bis sie das Leuchten erneut sieht. Vorsichtig beginnt sie nun Fotos zu machen und hofft, dass wenigstens ein oder zwei Bilder gelingen werden. Im Dunkeln greift sie auch nach der digitalen Kamera und macht auf gut Glück Fotos. Sie hat keine Ahnung, ob überhaupt irgendwelche Bilder auf der SD-Karte landen.

Zu ihrer Erleichterung hört sie auch keine Stimmen mehr. Obwohl sie fast eine Stunde lang im Dunkeln arbeitet, bis sie das Licht wieder anmacht und die Kameras verstaut.

Dafür nimmt sie jetzt ihren Zeichenblock mit Millimeterpapier und setzt sich so hin, dass sie ohne Probleme die ganze Höhlenwand mit der Malerei auf dem Papier verewigen kann. So gut Sam in seinem Job auch ist. Sein Gekritzel von gestern ist beim besten Willen nicht wirklich als brauchbar anzusehen und ihre eigenen ersten Skizzen sind nicht genau genug geworden.

 

Es dauert so lange, dass sie sogar in der Höhle ihre Mittagspause macht, als sie Hunger bekommt. Sich an den großen Stein lehnend, den sie vorher als provisorisches Stativ verwendet hat, isst sie ihr Sandwich und mustert das Bild. Wer hat dich gemalt? Wie ist dein Erschaffer hier reingekommen? Nachdenklich lässt sie ihren Blick durch die Höhle gleiten. War hier irgendwann ein Eingang, der vor langer Zeit verschüttet worden ist? Wenn ja, dann muss das noch vor den Römern passiert sein. Sonst wüssten wir doch bestimmt irgendetwas über die Malerei.

Wieder wandert ihr Blick zum Bild. »Seid ihr Götter? Oder Hohepriester? Werdet ihr angebetet? Oder betet ihr mit den Gläubigen zu euren Füssen zu einem noch höheren Wesen? Woran habt ihr geglaubt?« Sie spricht die Fragen unbewusst laut aus.

Dann bildet sich in ihrem Gehirn eine weitere Frage. »Ist das Bild noch komplett? Sehe ich noch alles oder ist im Laufe der Zeit ein Teil verschwunden?«

Langsam steht sie auf und tritt näher an die Wandmalerei heran. Sie unterdrückt den Drang, wieder die Hände auszustrecken und es zu berühren, sondern folgt den Linien nur mit ihren Augen. Sucht nach Stellen, die so aussehen, als würde etwas fehlen.

An einigen Punkten hat sie das Gefühl, als müsste da noch etwas sein, aber jedes Mal, wenn sie die Stellen dann genauer mustert, ist da nur eine Vertiefung in der Felswand, die sie getäuscht hat.

Schließlich gibt sie auf. »Das bringt so nichts!«, ruft sie frustriert und geht zurück zu ihren Sachen.

Irgendwie hat sie das Gefühl, dass sie den ganzen Tag hier drin verbracht hat, und so verlässt sie die Höhle und geht die leere Straße nach oben. Als sie sich dem Tunnelende nähert, sieht sie, dass die Sonne schon untergeht. »So spät ist es schon?«

 

Kaum sitzt sie im Auto, schreibt sie Sam, dass sie erst morgen wieder ins Büro kommt, und fährt nach Hause.

Dort wird sie schon von der ungeduldigen Luna erwartet. Nachdem sie die Kleine ausgiebig begrüßt hat, gibt sie ihr frisches Futter, ehe sie sich ein einfaches Curry mit Reis kocht.

Nach dem Essen greift sie automatisch nach dem Buch, legt sich aber diesmal ins Bett.

 

Kapitel 4

Ich hoffe, ihr habt immer noch Spass.

 

 

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Kapitel 4

 

 

 
 

Laute Rufe der Begeisterung ließen Anila zum Stadttor blicken. Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber dann sah sie eine Gruppe von Reitern das Tor passieren. Zuvorderst ritt auf einem schneewei-ßen Hengst Ascheras weißhaariger Gefährte Jahwe, der an ihrer Seite als Hohepriester über ihre Sicherheit wachte.

Mehrere Monate war er mit seinen beiden Priestern unterwegs gewesen, um die restlichen Auserwählten zu finden. Anscheinend waren sie erfolgreich. Wurden sie doch von zwei weiteren Frauen und zwei Männern begleitet, die sie noch nie gesehen hatte.

Neugierig trat Anila etwas näher, wohl wissend, dass sie in ihrer hellen Leinentunika zwischen den dunkleren Wollgewändern der anderen auffallen würde.

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis sich die grauen Augen Jahwes auf sie richteten. Er ließ seinen Hengst direkt vor ihr anhal-ten. »Priesterin Anila. Wie ich sehe, mischst du dich wieder unters Volk, das du mit den Kriegern offensichtlich erfolgreich beschützt hast.«

Respektvoll neigte sie den Kopf. »Hohepriester Jahwe. Ich danke den Göttern, dass es euch gut geht und ihr offensichtlich mit eurer Suche erfolgreich gewesen seid.«

Grinsend nickte er. »Wir haben die restlichen Auserwählten gefunden. Wenn das nächste Mal die Sonne und der Mond nach gleich langer Zeit ihren Lauf beenden, können wir dem Hass der Menschen ein Ende setzen.«

Obwohl die Worte positiv klangen, spürte sie einen kalten Schauer, als sie ihre Blicke auf die vier Fremden richtete, die er als die anderen Auserwählten bezeichnet hatte. »Es ist eine Freude, das zu hören«, sagte sie widerstrebend und blickte wieder zu Jahwe.

Der jedoch musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Priesterin des Windes. Zweifelst du an der Richtigkeit unseres Vorhabens?« Die Schärfe in seiner Stimme ließ sie noch wachsamer werden.

»Nein, ich zweifle nicht daran. Es ist nur so … unwirklich, dass die Kämpfe und die unnötige Gewalt bald ein Ende haben sollen.« Sie zwang sich dazu, ihn anzulächeln und ihm direkt in die Augen zu sehen. Dabei ignorierte sie die Kälte, die sich immer weiter in ihr ausbreitete.

Nachsichtig erwiderte er das Lächeln. »Nur noch ein paar Tage, dann ist es so weit. Schafft ihr es, die heilige Stätte beim Tor zur anderen Seite rechtzeitig vorzubereiten?«

»Natürlich. Wir haben gestern schon während der goldenen Stunden damit begonnen, die Lichtung von allen bösen Einflüssen zu reinigen«, erwiderte Anila ernst und senkte ihr Haupt.

»Sehr gut, dann ist für die Zeremonie alles bereit. Nun müssen wir aber weiter. Ich sehe schon meine geliebte Hohepriesterin beim Tempel stehen.« Er blickte nach vorn und sein Blick wurde etwas wärmer. »Wir sehen uns später.« Er trieb seinen Hengst an, der sich mit einem lauten Schnauben in Bewegung setzte.

Die anderen Reiter folgten ihm, bis auf Nordin, der von seiner schwarzen Stute stieg und sich zu Anila gesellte.

»Lange nicht gesehen. Schon vor unserer Abreise hast du dich rar gemacht.« Seine blauen Augen, die im starken Kontrast zu seinen mitternachtsschwarzen Haaren standen, musterten sie besorgt.

»Priester des Nordens, ich hatte vor eurer Abreise viel zu tun. Schließlich sollten die Winde euch alle sicher zu euren Zielen und wieder zurück nach Hause führen.« Sie lächelte ihn schwach an.

Er erwiderte das Lächeln und blickte dann den anderen hinterher. »Ja. Es gleicht einem Wunder, wie sicher uns Jahwe direkt zu ihnen führte. Komm, begleite mich zum Tempel.«

Sie grinste schief, ging aber neben ihm her. »Du willst doch nur wissen, ob Mariella auf dich gewartet hat.« Mit einem wissenden Blick sah sie ihn von der Seite an, runzelte dann aber die Stirn, als er entgegen seiner üblichen fröhlichen Art sehr ernst wurde.

»Ja, irgendwie schon. Wobei es doch eigentlich egal ist. Wenn die Zeremonie vorbei ist, wird sie entweder sterben oder wie alle ihrer Leidenschaft beraubt. Du zweifelst doch auch, ob es das Richtige ist. Oder?«

Sie blieb erschrocken stehen. »Sprich nicht solche Worte aus. Du weißt, was die Hohepriester sagen: Es ist der Wille der Götter und es ist uns nicht erlaubt, an ihnen zu zweifeln.«

Nordin senkte grinsend den Blick. »Du hast ja recht. Nur frage ich mich manchmal, ob sie wirklich im Namen der Götter handeln oder ob sie sich selbst als Götter sehen. Denn denke daran: Jetzt, da alle auserwählten Töchter der Natur und Söhne der Himmelsrichtungen vereint sind, werden sie unglaublich mächtig sein, sobald wir unsere Kräfte bündeln, um die Menschheit zu zähmen.«

Anila zögerte einen Moment. »Ja, ich denke, dass sie im Namen der Götter handeln. Schließlich wurden sie schon seit ihrer Geburt auf ihre zukünftige Aufgabe vorbereitet.«

Inzwischen waren sie auf dem freien Platz vor dem Tempel angekommen und wandten sich den Ställen zu, wo die anderen Pferde schon von Knechten versorgt wurden. Einer entdeckte sie und lief auf sie zu, um ihnen das Pferd abzunehmen. Doch bevor Nordin ihm seine Stute überließ, kraulte er sie noch einmal und be-dankte sich bei ihr dafür, dass sie ihn sicher wieder zurück nach Hause gebracht hatte.

Anila beobachtete ihn und ließ dann ihren Blick weiterwandern. Aieda war auf der Lichtung hinter dem Felsentor, um mit ihrem Feuer die Erde dort weiter zu reinigen. Dazu musste sie allein sein, weshalb sie schon vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um auch die goldene Stunde am Morgen nutzen zu können.

»Ist Benjas denn auch deiner Meinung?«, fragte sie leise, als sie und Nordin wieder allein waren und in Richtung Badehaus gingen.

Nordin lachte auf. »Er ist mein Gegenteil. Seine Macht ist im Süden. Er ist von allem, was Jahwe sagt, voll und ganz überzeugt. Er war es auch, der die beiden Damen mit seinem Charme überzeugt hat, uns zu begleiten.« Grinsend legte er den Arm freundschaftlich um ihre Schultern. »Gea und Enya. Die Töchter der Erde und des Wassers.«

»Und du hast die Söhne des Westens und Ostens überzeugt?«, fragte sie grinsend.

Er nickte stolz. »Wobei ich nur den Sohn des Westens überzeugen musste. Er heißt Batikan und ist einfach unglaublich. Er ist geschickt mit seiner Zunge, aber nur wenn die Sonne tief im Westen steht. Das ist so ein Tick von ihm, weil sie ihn dann nicht dabei beobachten kann, was er tut.«

Anila brauchte einen Moment, bis sie verstand, aber dann lachte sie auf. »Du bist mir einer. Was ist denn mit Mariella? Und wie heißt der Sohn des Ostens?«

Nordin machte eine wegwerfende Handbewegung. »Dong heißt er. Wir sind auf einem Markt für Sklaven über ihn gestolpert. Ich musste Jahwe nur auf ihn aufmerksam machen. Anscheinend ist er ein Gelehrter aus dem Osten und bei seinem Kaiser oder was auch immer in Ungnade gefallen, weshalb er als Sklave verkauft worden war.« Ernst blickte er in den Himmel. »Mein Herz gehört Mariella. Aber irgendwie auch Batikan. Es ist schwer zu erklären. Weißt du, wo sie weich ist, ist er hart, und das reizt mich. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass er mich nach der Zeremonie noch will, deutlich größer als bei ihr.«

Als sie das Badehaus betraten, musste Anila einen Schritt zur Seite machen, als eine junge Frau aus den Schatten auftauchte und ihre Arme stürmisch um Nordins Hals legte. »Da bist du ja. Ich habe schon dein Bad vorbereitet.«

»Das hört sich sehr gut an«, raunte er und sah dann noch einmal zu Anila rüber. »Bis später. Wir sehen uns.«

Sie nickte und blickte den beiden nach, als sie in einem der Räume verschwanden. Leise seufzte sie auf und verließ dann das Badehaus. Es erstaunte sie, wie offen er mit ihr über seine Zweifel gesprochen hatte, und sie fragte sich, ob es nicht nur eine Art Test gewesen war, weil sie vorher Jahwe gegenüber vielleicht etwas zu zweifelnd gewirkt hatte.

Langsam ging sie über den Platz vor dem Tempel und betrat dann einen der seitlichen Räume, der ihrer Schutzgöttin des Windes gewidmet war. Der Raum war hell und verfügte unter dem Dach über Öffnungen, die den Wind ungehindert hereinließen.

Sie zündete eine Kerze aus Bienenwachs an und stellte sie vor der Statue ihrer Muttergöttin auf ein kleines Podest, ehe sie sich hinkniete. Die Hände zum Gebet verschränkt, schloss sie die Augen und senkte den Kopf. »Heilige Windmutter. Du hast mich bei meiner Geburt auserwählt, deine Tochter zu sein«, raunte sie und hob dann den Blick, um der Statue ins Gesicht zu sehen. »Ich frage mich, ob du dich nicht getäuscht hast, als du mich erwähltest. Ich zweifle und weiß nicht, ob das der richtige Weg ist, den ich gerade beschreite.«

Die Flamme der Kerze vor ihr begann zu flackern, als der Wind stärker wurde und sich vor ihr zu sammeln schien.

»Mein Kind. Gerade darum habe ich dich erwählt. Du wurdest zur magischen Zeit am hellsten Tag geboren. Nur du kannst meine Macht in dir aufnehmen. Der Wind ist unbezähmbar und so bist auch du. Egal was passiert, dein Geist ist frei. Dein Wille und dein Wesen sind ungebrochen. Für welchen Weg du dich auch immer entscheidest, höre auf dein Herz, denn es wird dich leiten.«

Sie hörte die Worte im Rauschen des Windes vor ihr und sie taten ihr gut. Dennoch senkte sie den Blick. »Was ist, wenn mein Herz für zwei Wege schlägt? Welchen Weg soll ich dann nehmen?«

»Die Zukunft kann niemand voraussehen. Wir können nur aus der Gegenwart und der Vergangenheit lernen. Höre auf dein Herz …«

Anila wollte weiterfragen, aber die Kerze erlosch und der Wind legte sich wieder, als die Tür hinter ihr geöffnet wurde und Aschera eintrat. »Betest du wieder zum Wind?«, fragte sie und trat neben sie. Sie blickte in das steinerne Gesicht der Statue. »Es muss schön sein, die Auserwählte eines Elementes zu sein, das immer zu dir sprechen kann und das so mächtig ist.«

Langsam richtete Anila sich auf und nahm dabei die erloschene Kerze vom Podest. »Spricht denn deine göttliche Mutter nicht zu dir, Hohepriesterin?«, wollte sie leise wissen.

Ein Blick traf sie, den sie nur als sehnsüchtig bezeichnen konnte. »Doch, aber nur in meinen Träumen. Sobald ich morgens von der magischen Stunde geweckt werde, verstummt sie wieder. Selbst wenn ich noch Fragen habe, kann ich sie ihr dann nicht mehr stellen, da sie ihren Weg über das Himmelszelt angetreten hat.«

Nachdenklich musterte Anila die Kerze. »Ich habe ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht, wie du mit deiner göttlichen Sonnenmutter redest. Oder wie Jahwe mit seinem göttlichen Mondvater spricht.«

Leise lachte Aschera auf. »Er hat es noch schwerer. Sein göttlicher Vater spricht nur mit ihm, wenn er sich den Himmel bei Tag mit meiner Mutter teilt. Nur dann kann er in den Träumen mit ihm reden. Irgendwie hoffen wir auch, dass wir nach der Zeremonie zu jeder Zeit mit unseren göttlichen Eltern sprechen können.«

Anila fragte sich, warum heute plötzlich so offen mit ihr gesprochen wurde. Erst Nordin und nun auch Aschera. »Ich … weiß nicht, was ich sagen soll. Aber eure göttlichen Eltern sind immer bei euch. Auch wenn ihr sie gerade nicht hören könnt, wachen sie dennoch über euch, führen euch auf den richtigen Weg.« Immer mehr hatte sie das Gefühl, am heutigen Tag auf die Probe gestellt zu werden. Nur wusste sie nicht, was sie tun sollte, wem sie vertrauen konnte. Selbst Erin gegenüber konnte sie nicht alles sagen, weil er sie einfach nicht verstand.

Vorsichtig legte sie die Kerze wieder in die Schale. Das durch die Flamme geschmolzene Wachs war noch warm, aber schon wieder so fest, dass es nicht mehr davonlief, als sie auf der Seite lag.

Auch ohne hinzusehen wusste Anila, dass Aschera wieder neben ihr stand. »Du bist nicht nur stark, sondern auch sehr weise. Deine göttliche Mutter hat bei deiner Geburt eine gute Wahl getroffen«, murmelte sie und strich sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. »Danke, Priesterin. Du hast mir sehr geholfen.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ sie wieder allein.

Nachdenklich blickte Anila ihr nach. Durch die offene Tür sah sie, dass sich die Sonne dem Horizont näherte und ihr Licht beim Beginn der magischen Stunde auf die goldenen Dächer des Tempels warf und sie flammenhell aufleuchten ließ.

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Wenn ich dran denke, das nächste Kapitel einzugeben, geht es nächste Woche weiter. 

Kapitel 5

Und schon geht es weiter. Ich wünsche euch viel Spass.

 

 

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Kapitel 5  

 

Ein lautes Donnern lässt Anila hochfahren. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie in das düstere Licht des frühen Morgens, als sie das Rauschen des Regens vernimmt. »Déjà-vu«, murmelt sie und tastet nach dem Handy auf ihrem Nachttisch. Als sie auf das Display sieht, erkennt sie, dass es kurz nach fünf Uhr morgens ist. Seufzend lässt sie die Hand sinken und blickt zu dem Buch, das unschuldig neben ihr auf der Matratze liegt und von Luna als Kopfkissen missbraucht wird. »Ist es bequem?«, fragt sie die Katze, aber die blinzelt nur kurz und schläft dann weiter. Einen Moment lang überlegt Anila, aber dann entscheidet sie sich, aufzustehen und ins Bad zu gehen.

 

Eine gute halbe Stunde später hat Anila nicht nur Lunas Katzenklo gereinigt, sondern ihr auch schon Futter hingestellt. Jetzt sitzt sie mit ihrem Müsli am Tisch und beobachtet ihre Katze, die zwar verschlafen wirkt, sich aber dennoch über ihr Frühstück hermacht, als hätte sie seit Wochen nichts mehr zu fressen bekommen.

»Weißt du, was ich komisch finde? Die haben heute gar keine Gewitter angekündigt. Was meinst du, was wohl heute passieren wird?«

Natürlich antwortet Luna nicht. Sie hebt nicht mal den Kopf.

»Ja, du mich auch«, murmelt Anila schmunzelnd und steht auf.

Nachdem sie sich ihr Mittagessen eingepackt hat, kontrolliert sie zur Sicherheit, ob die Kameras immer noch sicher in der Tasche verstaut sind, ehe sie sich von ihrer Katze verabschiedet und nach draußen in den immer noch strömenden Regen tritt.

Seufzend geht sie wieder rein und holt den Regenschirm. Sie hat ihn vor ein paar Jahren zu irgendeinem Jubiläum vom Kanton geschenkt bekommen und ist doch ganz froh darum. Auch wenn er mit der großen silbernen Werbeaufschrift auf dem blauen Stoff nicht ganz ihrem Geschmack entspricht.

 

Halbwegs trocken betritt sie als Erste das Büro. Kaum hat sie sich hingesetzt, klingelt das Telefon. Sie will es eigentlich ignorieren und den Anrufbeantworter rangehen lassen, aber dann erkennt sie die Nummer.

»Kantonsarchäologie, Moor«, meldet sie sich mit einem betont freundlichen Tonfall.

»Guten Morgen. Meier hier. Da Sie ja schon da sind, was halten Sie von einem Ausflug zum Kesslerloch? Ich habe hier vermutlich etwas ziemlich Interessantes für Sie.«

»Guten Morgen, Herr Meier. Das Kesslerloch? Da gibt es doch schon seit Jahren nichts mehr …«

»Kommen Sie einfach her! Es lohnt sich. Sonst hätte ich meinem Nachbarn mit dem räudigen Köter die Hölle heiß gemacht, weil er mich aus dem Bett geklingelt hat.«

Anila sieht auf die Uhr. »Na gut, ich komme. Geben Sie mir eine halbe Stunde. Gegen halb Acht sollte ich da sein. Bis dann.« Sie legt auf und lehnt sich seufzend zurück. »Ich hätte im Bett bleiben sollen«, murmelt sie mit halbgeschlossenen Augen. Dann strafft sie sich, legt die beiden Fotoapparate mit den belichteten Filmen auf Sams Tisch und schreibt ihm eine Nachricht, dass er sie bitte möglichst schnell entwickeln lassen soll.

Nachdem sie ihre Tasche neu gepackt hat, verlässt sie das Gebäude und eilt, von ihrem Schirm geschützt, über den Platz zum Parkhaus. Es ist immer noch ziemlich leer, als sie zu ihrem Auto geht, das auf ihrem üblichen Parkplatz immer noch nass glänzend auf sie wartet.

 

Sie kommt überraschend gut voran und so erreicht sie um kurz vor halb acht das Kesslerloch. Sie sieht Meier im Schutz des Höhleneinganges stehen und will ihm zur Begrüßung etwas zurufen, aber in dem Moment fährt ein Zug vorbei.

Als es wieder ruhig ist, hat sie Meier schon fast erreicht und tritt zu ihm in das Dunkel der auf zwei Seiten offenen Höhle. »Guten Morgen. Also, was muss ich mir unbedingt ansehen?«, fragt sie ihn und sieht sich im Zwielicht um.

»Guten Morgen. Direkt hier in der Höhle ist nicht viel zu sehen, außer dem grünen Leuchten da drüben. Aber wer weiß, ob da nicht wieder ein paar Idioten Leuchtfarbe auf die Wände geschmiert haben. Die jungen Leute haben heutzutage einfach keinen Respekt mehr vor der Vergangenheit. Schließlich haben hier mal Steinzeitmenschen gelebt.«

Anila verkneift sich den Kommentar, dass diese Theorie ziemlich sicher widerlegt worden ist. Außerdem hat sie das Gefühl, dass das Leuchten nicht von Schmierereien mit Leuchtfarbe herrührt. »Ich werde es mir ansehen, wenn es hell genug ist. Was ist es dann, was Sie mir zeigen wollten?«

Er deutet zum anderen Ausgang, der auf eine kleine Wiese führt, die tatsächlich nur durch die Höhle wie durch ein Tor erreicht werden kann. Das Gras glänzt nass im fahlen Licht des immer noch frühen Morgens . Der Regen hat gerade aufgehört.

»Bei dem Baum da ist etwas Seltsames aufgetaucht. Am besten schauen Sie es sich selbst an. Ich will ja nicht aus Versehen wertvolle Spuren verwischen.« Leicht spöttisch grinsend sieht er sie an, als sie ihre Tasche schultert und auf dem rutschigen Boden vorsichtig zur anderen Seite der Höhle geht.

Sie ist nur noch selten hier, dennoch ist ihr die Lichtung sehr gut vertraut, da sie als Kind erst mit ihrer Oma und später mit ihren Eltern oft hier gewesen ist. Doch diesmal ist es irgendwie anders. Sie hat das Gefühl, als würde der Boden unter ihren Füssen vibrieren und das immer stärker, je näher sie dem Baum kommt, auf den Meier gezeigt hatte.

Im ersten Moment sieht sie nichts Ungewöhnliches, aber dann geht sie weiter und erstarrt, als sie die goldene Schatulle in einem Loch direkt bei den Wurzeln entdeckt. Inzwischen hat sie das Gefühl, als würde sie auf einer Waschmaschine stehen, die sich gerade im Schleudergang befindet.

Alles in ihr schreit danach, zu verschwinden, aber sie ignoriert den Drang. Im Gegenteil. Sie zieht sich ihre Handschuhe an und greift nach ihrem Handy. Irgendwie hätte es sie nicht erstaunt, wenn es nicht funktioniert hätte, aber es lässt sich ohne Probleme einschalten.

Hochkonzentriert beginnt sie zu arbeiten. Macht erst Fotos und dann Notizen mit entsprechenden Skizzen, ehe sie die Schatulle vorsichtig vollständig ausgräbt und von der Erde befreit. Kaum ist der Schmutz entfernt, starrt Anila auf das schon fast schmerzhaft vertraute Bild, das sie aus der Höhle und von der Truhe aus Schleitheim kennt.

»Warum?«, murmelt sie leise und untersucht das goldene Kästchen von allen Seiten, bis sie den Deckel öffnen kann. Doch kaum erblickt sie den Inhalt, lässt sie es fallen. Die rund geschliffenen und glänzenden Steine springen heraus und rollen vor ihr als acht rote und zwei weiße Punkte auf den Boden.

Mit zitternden Fingern greift sie nach dem Stein, der direkt vor ihr liegt. Sie hat das Gefühl, als würden ihre Finger verbrennen, als sie ihn hochhebt. Langsam hält sie ihn gegen das Licht der Sonne, die sich immer mehr durch die tief hängenden Wolken kämpft. Ein Sonnenstrahl bricht sich in ihm und lässt sein Inneres aufleuchten. Ein Wirbel wird sichtbar, der sich im Stein wild zu drehen scheint. Beinahe lässt sie ihn wieder fallen, aber stattdessen schließt sie ihre Hand um den Stein zu einer Faust. Ihr Atem geht stockend, als sie das Gefühl hat, dass sich die Welt um sie herum dreht und sie …

Eine Hand auf ihrer Schulter holt sie zurück. Erschrocken blickt sie zur Seite, wo Meier steht und sie besorgt mustert. »Alles in Ordnung? Sie sehen aus, als würden Sie gleich umkippen.«

Obwohl ihr Mund staubtrocken ist, schluckt Anila und nickt. »Ja, alles in Ordnung. Ich … Wie spät ist es?« Verwirrt sieht sie sich um. Das Licht ist viel heller als zuvor.

»Sie waren jetzt über zwei Stunden hier. Ich weiß nicht warum, aber ich dachte, es ist besser, dass ich warte, als ich gesehen habe, dass Sie sich seltsam verhalten. Sie sind gelaufen, als wären sie betrunken. Mit Restalkohol sollten Sie wirklich nicht Auto fahren.«

Nur mit Mühe kann sich Anila beherrschen, ihn nicht anzufahren. »Ich bin nicht betrunken. Keine Sorge«, erwidert sie stattdessen.

Sie beginnt die Steine einzusammeln und wieder in die Schatulle zu legen. Seltsamerweise fühlen sie sich nicht heiß an, so wie der Stein, den sie als Erstes hochgehoben hat. Auch der ist inzwischen kühler und leuchtet auch nicht mehr, als sie ihn noch einmal gegen die Sonne hält.

Erst, als sie nun aufsteht, merkt sie, dass ihre Beine taub sind. Dafür vibriert der Boden nicht mehr unter ihren Füssen. Auch wenn es ihr nicht passt, sagt sie nichts dagegen, als Meier ihr die Tasche abnimmt und sie stützt, während sie die Lichtung verlassen.

Auf der anderen Seite der Höhle scheint das Tageslicht weniger hell zu sein als auf der Lichtung. Verwundert blickt sie zurück.

»Ja, das ist mir auch aufgefallen, dass per Zufall die Lichtung von der Sonne angestrahlt wird, während der Rest noch im Schatten der Wolken liegt«, murrt Meier, als sie langsam über die nasse Wiese und dann den Weg entlang zu ihrem Auto gehen.

»Ich war wirklich zwei Stunden auf der Lichtung?« Fragend sieht sie ihn an. Auch wenn es ihr unangenehm ist, ist sie doch froh, dass er sie immer noch stützt und sogar ihre Tasche trägt.

Grummelnd nickt er. »Sogar länger. Aber fast zwei Stunden lang haben sie etwas angestarrt und sich fast wie in Zeitlupe bewegt, nachdem Sie zum Baum geschwankt sind. Ich dachte echt, ich muss den Notruf wählen, weil Sie auch auf mein Rufen nicht reagiert haben. Als Sie dann nach diesen Steinen gegriffen haben, wirkten Sie sogar wie ein Reh, das ins Licht der Autolampen auf der Straße starrt.«

»Na toll«, murmelt sie und holt ihr Handy aus der Tasche. Sie kontrolliert, ob sie wirklich Fotos gemacht oder sich das alles nur eingebildet hat. Wobei … sie trägt ja auch ihre Einweghandschuhe. Zu ihrer Erleichterung findet sie in der Galerie die Fotos. Sie will das Handy schon wegstecken, als es klingelt. »Guten Morgen, Sam. Ich bin noch in Thayngen.«

»Und dort hast du keinen Empfang? Oder war es so wichtig, dass du nicht rangehen konntest, und das über Stunden?«

Um Fassung bemüht bleibt sie stehen und atmet tief durch. »Ja, es war so wichtig. Beim Kesslerloch ist eine goldene Schatulle aufgetaucht, und zwar mit den gleichen Symbolen drauf, die auch auf der Truhe drauf sind, die du gefunden hast.«

Es ist so lange ruhig in der Leitung, dass sie schon glaubt, dass die Verbindung abgebrochen ist, aber dann hört sie ein Räuspern. »Du machst Witze, oder? Das Kesslerloch ist so oft untersucht worden, da kann nichts mehr gefunden werden, was wir nicht schon …«

»Das dachten wir bei Juliomagus auch und doch hast du dort beim Ufer des Zwärenbaches eine verdammt große Truhe gefunden, die wohl seit Jahrzehnten übersehen worden ist. – Jedes Mal, wenn der Weg dort neu gemacht worden ist«, fällt sie ihm ins Wort. »Ich sag dir eins: Wir sind hier etwas auf der Spur. Nur schreib nichts mehr nach Basel. Okay? Ich habe das Gefühl, dass wir da erst mal selbst schauen sollten.«

Meiers fragenden Blick ignoriert sie gekonnt, während sie nun langsam weitergeht und darauf wartet, dass Sam antwortet. »Sam?«

»Ja, ich bin noch dran. Ich habe mir nur gerade die Antwort aus Basel durchgelesen. Netterweise haben sie uns beiden geantwortet. Leider haben sie momentan viel zu tun und viele Leute sind krank. Wir müssen uns also noch gedulden. Du hast also Glück, wir können in Ruhe weitermachen, ohne dass sie uns dazwischenfunken.«

Eigentlich sollte Anila sauer sein, dass sie mal wieder abgewimmelt werden, aber das Gefühl wird von der plötzlichen Erleichterung überlagert, die sich in ihr ausbreitet. »So verrückt sich das anhört, ich bin wirklich froh darüber«, sagt sie ehrlich. »Ich bin jetzt beim Auto. Ich sollte also bald zurück sein. Halte noch so lange die Stellung. Ja?«

»Habe ich denn eine andere Wahl? Bis gleich.« Noch bevor sie etwas erwidern kann, hat er aufgelegt.

Seufzend steckt sie das Handy ein und wendet sich zu Meier um. »Danke. Sie haben mir sehr geholfen.« Es ist schwer, das zuzugeben, und ihr Stolz schreit sie beinahe taub, aber das ist ihr egal. Er hätte ihr wirklich nicht helfen müssen. Vor allem, weil er nun selbst zu spät zur Arbeit kommen wird.

»Nichts zu danken. Schauen Sie einfach, dass Sie das Rätsel lösen und wir den Tunnel möglichst schnell reparieren können. Das ist ja kein Zustand, wie der Verkehr durch Neuhausen kriecht.« Ernst erwidert er ihren Blick, als er ihr ihre Tasche reicht. Er sieht erst weg, als er sich umwendet. »Irgendwas geht hier vor. Das merke selbst ich und irgendwie scheinen Sie mittendrin zu stecken. Also passen Sie bitte auf.«

Lange sieht sie ihm nach, als er davongeht. Aber dann löst sie den Blick und verstaut ihre Tasche auf dem Rücksitz, ehe sie ins Auto steigt und losfährt.

 

Kaum hat sie das Büro betreten, springt Sam auch schon auf und drückt ihr einen Stapel Fotos in die Hand. »Das ist vor zehn Minuten gekommen. Die haben im Fotolabor echt ganze Arbeit geleistet und die Bilder in Rekordzeit entwickelt. Keine Ahnung, wie die das so schnell geschafft haben«, ruft er begeistert.

Auch Anila staunt, stellt aber erst einmal bemüht ruhig ihre Tasche hin und setzt sich, ehe sie die Fotos ansieht. Die sind überraschend gut geworden, wenn man bedenkt, dass sie schon seit ihrer Kindheit nicht mehr mit einem analogen Fotoapparat gearbeitet hat, wenn man von der Polaroidkamera mal absieht.

»Gut. Sogar auf den Fotos im Dunkeln erkennt man was. Kriegen wir sie noch digital?« Fragend sieht sie Sam an, der heftig nickt. »Ja, aber das dauert noch etwas. Ihr System spinnt mal wieder rum. Frag mich aber nicht, warum. Ich habe von der Erklärung rein gar nichts verstanden.«

Anila nickt, während sie sich ein Bild nach dem anderen ansieht. »Was ist mit den Bildern der Digitalkamera? Ist da was drauf?« Ihr Blick ist dabei auf ein Foto gerichtet, auf dem besonders gut die leuchtenden Linien zu sehen sind.

»Schön wärs. Die Karte ist so leer, als wäre sie noch nie benutzt worden. Wir können also nur mit den Bildern arbeiten und dann mit der digitalen Version davon. Immerhin hast du kaum ein Bild verwackelt.« Mit verschränkten Armen lehnt sich Sam rücklings neben ihr an den Schreibtisch und schielt auf das Foto, das sie immer noch ansieht. »Was ist daran so interessant, dass du die ganze Zeit draufstarrst?«

Nur mit Mühe kann sie den Blick von dem Bild losreißen. »Ich weiß nicht, ich finde es nur interessant, dass hier an zehn Stellen runde Unterbrechungen in den Linien sind.« Sie zeigt ihm das Foto. »Siehst du?«

Er nimmt ihr das Foto aus der Hand und mustert es genau. »Dass du das siehst … Für mich sind das nur ein paar schwarze Punkte in den Linien«, murmelt er und hält sich das Foto noch näher ans Gesicht. Schließlich gibt er ihr das Foto zurück. »Keine Chance. Ich muss wohl darauf warten, dass wir die Fotos am PC vergrößern können.«

»Oder du besorgst dir endlich mal eine Brille«, neckt ihn Anila und legt die Fotos beiseite. »Willst du denn gar nicht wissen, was ich beim Kesslerloch gefunden habe?«

Als sie nun neugierig angesehen wird, holt sie die Schatulle aus der Tasche und wickelt sie aus dem Baumwolltuch. Sie muss Sam nicht ansehen, um zu wissen, dass er die Luft anhält. »Wie du siehst, sehen wir hier die gleichen Symbole oder Bilder wie auf der Truhe.«

Sie muss etwas zur Seite ausweichen, als er sich weit vorbeugt, um die Schatulle noch besser sehen zu können. »Ist da auch was drin?«, fragt er flüsternd.

Schmunzelnd nickt sie und öffnet den Deckel.

»Heilige Scheiße«, ruft er und nimmt einen der weißen Steine mit spitzen Fingern heraus. »Sind das etwa Rubine und Diamanten?«

Kopfschüttelnd nimmt sie das Baumwolltuch und nimmt ihm den Stein aus den blanken Fingern. »Sag mal, hast du im Studium geschlafen, als durchgenommen worden ist, wie man mit Fundstücken umgeht?«, fragt sie ihn streng und legt den Stein zurück in die Schatulle. »Ich habe keine Ahnung, was das für Steine sind. Da müssen wir wohl einen Experten fragen. Wobei ich schon vermute, dass es Rubine und Diamanten sein könnten. Auf jeden Fall müssen wir langsam überlegen, ob wir nicht einen richtigen Tresor beantragen sollten.« Sorgfältig verschließt sie die Schatulle und wickelt sie wieder in das weiche Baumwolltuch.

Aus dem Augenwinkel sieht sie dabei, dass er zurück zu seinem Schreibtisch geht und sich wieder hinsetzt. »Glaubst du wirklich, dass die uns das bewilligen? Eher dreht sie die Welt andersherum.« Er lässt sich auf seinen Stuhl fallen und lehnt sich zurück. »Wenn wir Glück haben, dann kriegen wir ein großes Schließfach in der Kantonalbank finanziert.«

»Oder im Museum«, ergänzt Anila und fährt nun endlich ihren PC hoch. »Weißt du, ich finde es irgendwie komisch, dass wir jetzt immer nach den Gewittern was gefunden haben und das an Orten, wo wir eigentlich nichts mehr hätten finden dürfen.«

»Ich finde das nicht komischer als die Spinner von der FFA. Die suchen jetzt nämlich in der Zeitung nach Frauen, die zwischen dem 20. und 22. Juni, und nach Männern, die am 21. oder 22. Dezember Geburtstag haben. Die können wohl in ihrer Partei Ehrenmitglieder werden, wenn sie ausgelost werden.« Den Kopf über so einen Blödsinn schüttelnd, setzt sich Sam wieder aufrechter hin. »Da muss ich mich ja schon fast diskriminiert fühlen, dass sie da nicht auch den 20. Dezember genommen haben. Oder was meinst du?« Als er keine Antwort erhält, blickt er an seinem Bildschirm vorbei zu ihr rüber. »Ani? Hallo … Hallo … Hörst du mich? Lebst du noch?« Als sie nicht reagiert, sondern nur auf ihren Bildschirm starrt, nimmt er ein Papier und formt es zu einer Kugel. »Ani?« Sie reagiert immer noch nicht, also zielt er und wirft ihr die Papierkugel an den Kopf.

»Hey, spinnst du?« Erschrocken reibt sich Anila über die Stirn.

»Ich spinne nicht, aber du anscheinend. Du starrst da auf deinen Bildschirm und reagierst auf gar nichts mehr. Hast du überhaupt zugehört? Hast du nicht am 21. Juni Geburtstag?« Mit zusammengekniffenen Augen erwidert er ihren Blick. »Soll ich dich bei der FFA anmelden? Dann wirst du vielleicht Ehrenmitglied.«

Anila muss sich zusammenreißen, um nicht aufzuspringen. »Auf gar keinen Fall will ich mit dem Verein was zu tun haben! Die sind schlimmer als … als … sämtliche unserer Parteien zusammen. Die sind ja schon fast so was wie eine Sekte!«, erwidert sie schärfer als beabsichtigt. »Und du solltest dich auch möglichst weit von denen fernhalten! Auch wenn du nicht an der Wintersonnenwende Geburtstag hast! Verstanden!« Warnend sieht sie Sam so streng an, dass er unwillkürlich die Hände hebt.

»Alles gut. Ich mache einen großen Bogen um die, Chefin.« Eigentlich wollte er sie doch nur etwas aufziehen, aber irgendwie hat er das Gefühl, dass der Versuch gründlich nach hinten losgegangen ist.

Tatsächlich hatte Anila in dem Moment, als er von dieser verrückten Anzeige erzählt hat, eine Mail geöffnet, in der sie von der FFA direkt angeschrieben und persönlich zur nächsten Veranstaltung eingeladen wird. Sie löscht die Mail, ohne nachzusehen, wer sie unterschrieben hat. Sie will gar nicht erst wissen, ob jemand aus ihrem Bekanntenkreis etwas mit den Spinnern zu tun haben könnte.

»Sag mal, glaubst du an Reinkarnation?«, fragt sie nach einer Weile und sieht dabei fragend zu Sam, der verwirrt den Kopf von einer Skizze hebt.

»Wie meinst du das?«, will er vorsichtig wissen. »Hast du etwa seltsame Déjà-vus?«

Mit einem Blick, den sie schon als misstrauisch bezeichnen würde, mustert er sie mit zusammengekniffenen Augen.

Sie bereut die Frage und zuckt nur ausweichend mit den Schultern. »Déjà-vus sind es nicht direkt, aber ich habe jetzt schon seit zwei Nächten seltsame Träume, die sich eher wie Erinnerungen anfühlen. Aber nicht von mir, sondern von einer anderen Person. Und dann diese Wandmalerei und die Truhe und jetzt die Schatulle. Es kommt mir einfach alles so vor, als hätte ich sie schon mal gesehen, könne mich aber nicht daran erinnern.«

»Ja, ich glaube irgendwie daran, dass es so was wie eine Reinkarnation geben könnte«, sagt er nach einer Weile vorsichtig. »Allerdings weiß ich nicht, ob ich daran glauben kann, dass man sich daran erinnern kann, was in einem möglichen früheren Leben passiert ist. Denn schließlich ist man ja gestorben und dann wird doch alles gelöscht. Vielleicht hast du ja im Studium oder auf einer Ausgrabung mal so etwas Ähnliches gesehen, was wir hier jetzt auch haben, sodass es dir bekannt vorkommt. Das könnte doch gut sein. Oder etwa nicht?«

Nachdenklich reibt sich Anila die Stirn. »Vielleicht hast du recht.« Sie wendet sich wieder dem Protokoll über den heutigen Fund zu.

»Du glaubst aber nicht, dass es so ist«, hört sie Sam murmeln. »Mach dir nicht zu viele Gedanken. Wir alle haben ab und zu das Gefühl, etwas schon einmal erlebt zu haben.« Versucht er, sie zu beruhigen.

Sie sieht wieder zu ihm rüber und versucht sich an einem Lächeln. »Es ist alles in Ordnung. Vergiss einfach, was ich gefragt habe. Es ist nur so verrückt, was in den letzten Tagen passiert ist, und dann noch das Chaos, das momentan überall auf der Welt zu passieren scheint.«

Laut seufzt er auf. »Nett, wie du die Kriege und Anschläge als Chaos bezeichnest. Da sind die anderen Spinner noch richtig harmlos dagegen.« Nun versucht er sich an einem Grinsen, das aber ziemlich schief ausfällt.

»Stimmt, das habe ich etwas unglücklich gesagt. Wenn ich ehrlich bin, beschäftige ich mich momentan kaum mit den Kriegen. Ich verschließe nicht die Augen davor, aber ich habe gerade einfach nicht den Nerv mich durch die ganzen Nachrichten zu kämpfen.« Anila blickt zu der eingewickelten Schatulle, die immer noch neben ihr auf dem Schreibtisch steht und darauf wartet, dass sie ihre Inventarnummer bekommt und ins Lager wandert.

Samuel seufzt tief auf. »Verständlich. Ich würde auch am liebsten eine Weile lang nichts davon hören. Aber meine Eltern sind immer über alles informiert und da sie mich ja ständig auf dem Laufenden halten müssen, weiß ich halt Bescheid. Und ignorieren kann ich ihre Nachrichten nicht, sonst kommt gleich wieder ein Anruf, der mit den Worten Samuel Erin Wanner anfängt, und dann darf ich mir das alles auch noch anhören, statt es nur zu lesen.«

Unmerklich zuckt Anila bei dem Namen Erin zusammen. Unbewusst sieht sie ihn genauer an. Grüne Augen und ein paar Sommersprossen, aber dunkelbraune Haare. Irgendwie beruhigt es sie, dass er keine roten Haare hat. Auch wenn sie sich eine Idiotin schimpft, als sie merkt, wohin ihre Gedanken gerade gewandert sind. Außerdem arbeiten sie seit über einem Jahr zusammen. Wenn er rote Haare hätte, wäre ihr das doch schon lange aufgefallen.

Leider ist ihm ihr musternder Blick nicht entgangen. »Was ist los? Muss ich meine Haare nachfärben? Siehst du einen Ansatz?«, fragt er sie und deutet auf seine Haarpracht.

Sie stockt. »Ansatz? Ist das etwa nicht deine natürliche Haarfarbe?«, fragt sie vorsichtig. Eigentlich will sie die Antwort nicht hören.

»Nee.« Er grinst verschämt. »Ich habe rüeblirote Haare. Kannst du dir das vorstellen? Ich und ein Rotschopf. Das sieht beschissen aus, darum färbe ich mir die Haare und die Augenbrauen seit über drei Jahren braun.« Immer noch grinsend nimmt er sein Handy in die Hand. »Ich kann es dir sogar beweisen, wie beschissen das aussieht. Irgendwo habe ich noch ein Foto von damals.«

Kreidebleich steht Anila auf. »Schon gut. Du musst es mir nicht beweisen. Ich … gehe kurz raus an die frische Luft. Es ist sowieso bald Zeit für die Mittagspause.«

Sie lässt sich auf die erstbeste Bank fallen und vergräbt das Gesicht in ihren Händen. »Ich werde noch verrückt.« Sie würde am liebsten losschreien, aber das ist einfach nicht ihre Art.

Lange bleibt sie so sitzen, bevor sie sich zurücklehnt und in den bewölkten Himmel schaut. »Wenn ich nicht verrückt werde … warum habe ich dann so ein verdammt ungutes Gefühl im Bauch?«, murmelt sie vor sich hin.

Die Sonne blendet sie, als sich zwischen den Wolken eine Lücke bildet, weshalb sie den Blick wieder senkt und stattdessen die Häuser auf der anderen Seite des Herrenackers ansieht, das Theater und das Restaurant daneben und dann den hinteren Eingang vom Manor.

 

Als Sam sich mit den beiden Lunchboxen und zwei Flaschen Wasser neben sie setzt, hat sie sich wieder so weit beruhigt, dass sie nicht mehr das Gefühl hat, jeden Moment losschreien zu müssen. Stattdessen nickt sie ihm mit einem dankenden Lächeln zu, als sie ihre Lunchbox entgegennimmt.

Schweigend nebeneinandersitzend, genießen sie ihre Sandwiches und das kühle Wasser.

 

 
 

***
 

 

Es ist schon spät, als sich Anila endlich ins Bett legen kann. Sofort legt sich Luna zu ihr und kuschelt sich fest an sie, das Köpfchen dabei so hinlegend, dass sie ihr direkt ins Ohr schnurrt.

Schmunzelnd krault Anila sie im Nacken, auch wenn die Krallen ihr gefühlt eine Akupunktur auf der Kopfhaut verpassen, als Luna vor Genuss anfängt, den Milchtritt zu machen. Durch das Schnurren und die Wärme eingelullt, schläft Anila langsam ein. Das Buch liegt dabei immer noch vergessen neben ihr auf der Matratze.

 

 

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Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen. 

Kapitel 6

Und es geht schon weiter. Viel Spass 

 

 

 

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Kapitel 6 

 

 

Anila atmete tief durch, als sie vor der Höhle stehen blieben. Nervös strich sie sich über die hellblaue Tunika, die extra für diesen Tag angefertigt worden war und mit ihrer Farbe wohl den Himmel darstellen sollte. Als sie eine sanfte Berührung an ihrem Arm spürte, blickte sie zur Seite, wo Aieda sie warm anlächelte. Die rote Tunika umspielte ihre wohlgeformte Figur. »Alles gut. Bald haben wir es geschafft«, raunte Aieda und deutete auf die Höhle. »Lass uns weitergehen. Die anderen erwarten uns sicher schon.«

Obwohl sie das Gefühl hatte, dass sie nicht weitergehen sollte, nickte Anila und ergriff die Hand ihrer Gefährtin. Sie brauchte den Kontakt, als sie in das dämmrige Licht der Höhle traten. Auf der anderen Seite konnte sie schon die Lichtung erkennen, die sie in den letzten Tagen alle nacheinander gereinigt und geweiht hatten.

Sie spürte ein leichtes Vibrieren unter ihren Füssen, die durch leichte Hirschledersandalen vor den Steinen auf dem Höhlenboden geschützt wurden. Als sie wieder ins Licht traten, war sie für einen Moment geblendet, aber dann gewöhnten sich ihre Augen an die ungewohnte Helligkeit, die auf dieser Seite der Höhle herrschte. Sie erkannte die anderen, die sie schon erwarteten. Nordin, der neben Batikan stand und auf der anderen Seite Benjas und Dong. Bis auf Nordin hatte sie mit den Söhnen der Himmelsrichtungen kaum Kontakt gehabt. Sie musterte die Männer, die alle schwarze Tuniken trugen. Zwischen ihnen stand Jahwe, der mit seiner silbernen Robe geradezu herausstach.

Sie ließ ihren Blick weitergleiten, bis sie Gea, die Tochter der Erde, und Enya, die Tochter des Wassers entdeckte. Beide trugen Tuniken, die ebenfalls ihre Mütter repräsentieren sollten. Geas Gewand war in grünen und braunen Tönen gehalten, während Enyas Gestalt von einem dunklen Blau umspielt wurde.

Bei ihnen stand Aschera, die in eine schillernde goldene Robe gekleidet war und sich nun zu ihnen umdrehte. »Da seid ihr beiden ja.« Lächelnd trat sie auf sie zu und ergriff ihre Hände. »Bald wird Frieden herrschen«, sagte sie und ihre Augen leuchteten vor Vorfreude.

Während Anila nur zurückhaltend den Kopf neigte, strahlte Aieda und ergriff nun ihrerseits gegen jede Regel die Hand der Hohepriesterin.

Diese lächelte nachsichtig und deutete in die Mitte der Lichtung. »Nun sollten wir anfangen, damit wir bereit sind, wenn die magische Stunde des Abends beginnt.«

Trotz ihres unguten Gefühls gehorchte auch Anila und stellte sich auf die Stelle, die unter ihren Füssen am stärksten vibrierte und ihr so anzeigte, dass dies ihr Platz war. Für einen Moment schloss sie die Augen, um sich auf die Energie einzustellen, die um sie herum zu pulsieren schien.

Dann hörte sie das leise Geräusch von Schritten auf Gras. Sie öffnete die Augen und sah direkt in Ascheras Gesicht, das von der goldenen Haarpracht wie von einem heiligen Schein umspielt wurde.

»Nimm dies. Er hilft dir, deine Kraft zu bündeln.«

Gehorsam streckte Anila ihre Hand aus und nahm den tiefroten Rubin entgegen. Als sie wieder allein auf ihrem Platz stand, hob sie ihn gegen das Licht und sah einen Wirbel, der im Innern gefangen zu sein schien. Sie ließ die Hand sinken und umfasste den Stein, der mit jeder Sekunde heißer zu werden schien, sicher in ihrer Faust. Ihr Blick glitt über die Lichtung rüber zu Aieda, die zwischen Dong und Benjas stand und ihr lächelnd zunickte. Sie erwiderte das Lächeln und ließ den Blick dann weiterwandern. Neben Benjas stand Gea und neben ihr nahm gerade Batikan einen ebenfalls roten Rubin von Jahwe entgegen. Anila sah nun auf ihre andere Seite, wo Nordin seinen Stein kritisch musterte, und sah zuletzt zu Enya, die gerade ihren Stein von Aschera erhalten hatte. Sie fragte sich, ob sie die Einzige war, die das Gefühl hatte, dass sich das hier falsch anfühlte. Sie spürte Nordins Blick auf sich und sah wieder zu ihm.

»Keine Sorge. Alles wird gut. Bald ist das Kämpfen endgültig vorbei«, raunte er ihr zu und blickte dann wie die anderen in die Mitte ihres Kreises, wo nun Aschera und Jahwe einander gegenüberstanden. Anders als sie hielten die beiden je einen großen Diamanten in der Hand.

Sie warteten, bis die Sonne tiefer gesunken war und ihre Strahlen die Lichtung in ein warmes Licht tauchten.

Es war so weit … die Zeit war gekommen . Gleichzeitig hoben sie ihre Hände, die Handflächen nach oben haltend. Die runden Steine ruhten sicher in ihnen. Sie fingen das Licht auf, schienen es in sich einzuschließen und speichern zu wollen.

Anila hatte das Gefühl, eine kleine heiße Flamme in den Händen zu halten, die sie aber nicht verbrannte. Sie starrte in den Stein hinein, hatte das Gefühl, in sein Inneres gezogen zu werden, als sie in den Singsang der anderen einstimmte: »Mutter Wind. Ich rufe deine Macht. Vereine sie, um die Kinder dieser Welt zu zähmen«, sprach sie wie ferngesteuert. Da schien sich ihre Umgebung in gleißendem Licht aufzulösen, das mit einem tosenden Rauschen um ihren Kreis herumtobte. Sie spürte, wie der Stein in ihren Händen immer schwerer wurde, je heller er zu brennen schien. In dem Moment schoss ein Strahl aus gleißendem Licht zu den beiden Gestalten in der Mitte und vereinte sich mit den anderen Lichtstrahlen, um dann nach oben geleitet zu werden, wo er sich wie ein Stern mit acht Zacken ausbreitete.

Da erkannte sie die Wahrheit, spürte, was passierte, als ihr Inneres immer kälter wurde. Ein Teil von ihr wollte sich der Kälte ergeben, versprach sie doch ewigen Frieden. Doch ein anderer Teil begehrte auf, wehrte sich dagegen, sich dem Licht und der Kälte zu ergeben. Sie hatte das Gefühl, in zwei Teile zerrissen zu werden, während ihr Körper in dieser Position verharrte.

Sie schrie auf. Aber kein Ton verließ ihre Lippen. Der Schrei war nur in ihrem Innern zu hören. Sie begann, sich zu wehren, wollte nicht in dieses Licht. Doch die Kraft, die an ihrem Geist zog, wurde immer stärker.

Bis es auf einmal aufhörte.

Das Licht schien zu erlöschen, das Tosen war auf einmal nur noch ein fernes Rauschen. Ihr Blick war nicht mehr von den beiden Gestalten in ihrer Mitte gefangen, sondern von einer anderen Gestalt, die sie abzuschirmen schien. »Wer bist du?«, fragte sie, aber wieder bewegten sich nicht einmal ihre Lippen. Dennoch schien die Gestalt sie zu hören.

»Ich bin du. Ein Teil von dir. Der Teil, der deinen Platz als gehorsame Dienerin Jahwes und Ascheras einnehmen sollte«, sprach die Gestalt mit einem seltsamen Singsang. »Du hast die Wahl. Was willst du? Die Wahrheit, die dich immer wieder schmerzen wird, oder ein friedliches Leben in der Lüge?«

»Eine Wahl? Was ist mit den anderen? Was passiert mit ihnen, wenn ich meinem Herzen folge und die Wahrheit wähle? Wird der Hass, der Krieg dann weitergehen?« Anila spürte, wie sie schwankte. Sie hatte Angst, nein … Todesangst. Eine Todesangst, die sie noch nicht einmal auf dem Schlachtfeld verspürt hatte.

Bedauernd schüttelte die Gestalt vor ihr den Kopf. »Sie sind schon gefangen. Sie waren schon am Tag ihrer Geburt dazu bestimmt, Sonne und Mond blind zu folgen, wenn die Zeit gekommen ist. Doch du bist anders. Der Wind ist wild und ungezähmt. Nichts kann ihn auf Dauer aufhalten und so bist auch du. Wild und unbezähmbar wie der Wind, der dir seine Macht gegeben hat. Du hast die Wahl. Doch wähle weise. Denn wenn die magische Stunde vorbei ist, kannst du nicht mehr zurück und deine Wahl ändern.«

Anila zögerte. »Was ist mit den Menschen? Haben sie noch eine Wahl?« Sie musste es einfach wissen. Konnte sie noch etwas verändern oder verhindern?

Wieder schüttelte die Gestalt den Kopf. »Es ist zu spät. Die vereinte Kraft wirkt bereits auf sie. Sie werden im ewigen Frieden leben, bis sie eines fernen Tages in der Lage sein werden, sich zu befreien. Nun entscheide dich. Die schmerzhafte Wahrheit des Wissens oder den Frieden der ahnungslosen Lüge.« Die Gestalt fing an zu flimmern, der Zug des Lichtes setzte wieder ein. Das Tosen wurde wieder lauter.

Anilas Herz schlug schneller, als sie ihre Wahl traf und bewusstlos zusammensackte.

 

Kapitel 7

Da das Kapitel ganz kurz ist, veröffentliche ich es für euch auch heute schon

 

 

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Kapitel 7

  

 

Mit einem Schrei auf den Lippen wacht Anila auf. Schwer atmend liegt sie in der Dunkelheit. Sie hat immer noch das Gefühl zu fallen, irgendwo hingezogen zu werden. Sie braucht unglaublich viel Kraft, um den Arm auszustrecken und das Licht einzuschalten.

Sie wird erst ruhiger, als sie ihr gewohntes Schlafzimmer im weißen Licht der LED-Lampe erkennt. »Nur ein Traum, es war nur ein Traum«, murmelt sie und schafft es, sich aufzusetzen.

Ihr Blick fällt auf das Buch, das unschuldig neben ihr liegt. Es macht ihr Angst, als sie danach greift und es aufschlägt. Obwohl sie die Worte erkennt, die Sätze lesen kann, dringt die Bedeutung des Gelesenen nicht in ihr Bewusstsein vor.

Auf einmal hat sie das Gefühl, nicht mehr allein im Raum zu sein. Doch als sie sich umsieht, kann sie nur Luna entdecken, die sie neben dem Bett stehend vorwurfsvoll ansieht.

»Habe ich dich erschreckt?« Anila legt das Buch zur Seite und beugt sich runter, um ihre Katze hochzuheben. Obwohl sie weiß, dass es Luna nicht wirklich mag, wenn sie gegen ihren Willen festgehalten wird, drückt sie sie an sich und vergräbt ihr Gesicht in dem weichen Fell. »Ich habe Angst. Was ist, wenn das Erinnerungen sind? Wenn ich diese Person bin, von der ich träume? Was soll ich nur tun?«, murmelt sie gegen den warmen Katzenkörper. Luna scheint zu spüren, dass Anila diese Nähe braucht, hält sie doch überraschend lange still, bis sie sich aus ihrem Griff windet und sich bis zum Fußende des Bettes zurückzieht, wo sie sich hinsetzt und anfängt das Fell wieder in Ordnung zu bringen.

Auch wenn sie tief in ihrem Innern noch immer Angst hat, kann sich Anila ein Lächeln nicht verkneifen. Dieses so normale, ja alltägliche Verhalten ihrer Katze beruhigt sie, sodass sie sich wieder hinlegt. Auch wenn es noch mitten in der Nacht ist, lässt sie das Licht brennen, als sie die Decke wieder über sich zieht.

»Ich habe das Gefühl, dass ich mich an etwas Wichtiges erinnern sollte. Ich weiß aber nicht, was es ist.« Sie dreht sich zur Seite und blickt wieder zu diesem geheimnisvollen Buch.

Da blitzt für den Bruchteil einer Sekunde eine Erinnerung auf: ihre Oma, wie sie das Buch in den Händen hält und etwas sagt. Aber als Anila versucht, sich daran zu erinnern, verschwindet das Bild vor ihrem inneren Auge so schnell, wie es gekommen war.

Gähnend dreht sie sich auf den Rücken. Kaum liegt sie wieder ruhig da, macht es sich Luna auf ihrem Bauch bequem. Sie rollt sich zusammen und sieht Anila wie warnend an.

»Ja, ich bleibe ja liegen«, flüstert Anila und macht nun doch das Licht aus. Das Gewicht des warmen Katzenkörpers beruhigt sie noch mehr und ohne es zu merken, schläft sie wieder ein.

 

Zum Glück ist ihr Schlaf diesmal traumlos, sodass sie ein paar Stunden später einigermaßen erholt von der Stimme des Radiomoderators geweckt wird.

Murrend greift sie nach dem Handy und stellt den Wecker aus. »Mist, es ist doch Samstag«, murmelt sie und legt das Telefon wieder auf den Nachttisch.

Ihr letzter Gedanke, bevor sie wieder einschläft, ist, dass sie endlich den Wecker so programmieren sollte, dass dieser am Wochenende automatisch ausgeschaltet ist.

 

 

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Das war es jetzt auch schon für heute. Ich hoffe, euch haben die beiden Kapitel gefallen.

 

Kapitel 8

Hallo ihr Lieben,

ich hoffe, ihr habt immer noch Spass an der Geschichte und jetzt wünsche ich euch viel Spass beim Lesen.

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Kapitel 8

 

Ein kalter Wind auf ihrem Gesicht weckte Anila wieder auf. Mühsam öffnete sie die Augen und sah nach oben zu den strahlenden Sternen, die wie weit entfernte Kerzen die Schwärze des Nachthimmels erhellten. Sie brauchte lange, bis sie realisierte, dass sie sich noch immer auf der Lichtung befand. Mit von der Kälte der Nacht steifen Gliedern setzte sie sich auf und sah sich um. Sie bemerkte, dass auch die anderen wohl ohnmächtig geworden waren. Doch zwei Personen fehlten: Aschera und Jahwe waren nirgends zu sehen. Suchend blickte sie sich um, aber sie konnte sie nicht entdecken. Wieder strich der kalte Wind über ihre Wangen, flüsterte ihr zu, dass sie aufstehen musste.

Sie wollte nicht, aber dennoch gehorchte sie. Irgendwie schaffte sie es, nicht nur sicher auf ihren wackeligen Beinen zu stehen, sondern sogar über die Wiese rüber zu Aieda zu gehen. Sie sank neben ihr auf den Boden und half ihr, sich aufzusetzen.

»Wie geht es dir?«, fragte sie, während sie voller Sorge in das ausdruckslose Gesicht ihrer Freundin sah. Kein Lächeln … keine Wärme in den sonst so strahlenden Augen.

»Es geht mir gut. Warum sollte es mir auch nicht gut gehen? Der Frieden ist hergestellt. Schon bald werden die Menschen, die sich nicht anpassen können, verschwunden sein«, erwiderte Aieda und sah ihr direkt in die Augen. »Geht es dir denn nicht gut?«

Anila wollte aufschreien, doch sie sah nur in diese leeren Augen. »Es geht mir gut. Ich bin nur erschöpft und die Nacht ist kalt«, sagte sie leise und half Aieda aufzustehen. Sie sah rüber zu Nordin. Doch auch er wirkte so unnatürlich ruhig. Anila biss sich auf die Lippen und atmete tief durch. Vermutlich waren sie alle einfach nur erschöpft.

In dem Moment fiel ihr auf, dass im Gras die Rubine rot im Licht der Sterne funkelten. Es wirkte unwirklich und falsch. Sie sollten nicht so leuchten. Irgendwie war die ganze Lichtung zu hell, war der Mond doch noch nicht hoch genug gestiegen, um sein Licht auf die Wiese werfen zu können.

Noch während sie darüber nachdachte, wie das sein konnte, trat Nordin auf sie zu. Auch sein Blick war leer, als er sie anlächelte. »Wir haben das Richtige getan. Sie würden sich sonst gegenseitig vernichten«, lallte er und hörte sich dabei so gar nicht wie der Nordin an, den sie kannte.

»Ja, das denke ich auch«, stimmte sie zu und drehte sich um. »Weiß jemand, wo Aschera und Jahwe sind?«

Sofort runzelte Aieda die Stirn. »Wieso weißt du das nicht? Sie sind am geheiligten Ort, wo sie unsere vereinten Kräfte nutzen, um das Gefäß für die primitiven Emotionen der Menschen zu erwecken.«

Anila hatte das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Sie rieb sich die Stirn und tat dann so, als würde sie sich erinnern. »Stimmt, ich bin wohl noch etwas verwirrt und überwältigt.« Sie hoffte, dass die doch sehr lahme Erklärung ausreichte, um das plötzlich spürbare Misstrauen Aiedas wieder zu zerstreuen.

»Das kann gut sein. Ich war auch einen Moment lang verwirrt, als ich in diesem Körper erwacht bin. Er ist so einengend. Denke dran, dass sie als Wind noch etwas ungezähmter ist, als du als Feuerwesen oder ich als Wesen des Nordens. Da kann es schon etwas länger dauern, bis sie sich orientiert hat«, lieferte Nordin die Erklärung, die Anila nicht verstand.

Tatsächlich hatte sie keine Ahnung, wovon er überhaupt sprach. Sie lächelte nur und nickte, als sie von Aieda fragend angesehen wurde. »Das wird es sein. Ich fühle mich noch orientierungslos und verwirrt. Das wird sich sicher bald legen.«

Sie spürte, wie eine überraschend warme Hand auf ihren Arm gelegt wurde, und blickte zu ihrer Gefährtin, die sie nun verständnisvoll ansah. »Dann sollten wir zurück in die Stadt gehen. Bestimmt wirst du dich besser zurechtfinden, wenn wir beim Tempel angekommen sind und du dich in deiner vertrauten Umgebung befindest.«

Aus Angst, wieder etwas Falsches zu sagen, nickte Anila nur und ließ sich widerstandslos von Aieda und Nordin zu dem dunklen Höhleneingang führen. Sie wollte schon sagen, dass sie nichts sehen konnte, als vor ihnen eine Flamme erschien und ihnen den Weg leuchtete.

Sie runzelte leicht die Stirn, als sie die Flamme sah, die einfach so aufgetaucht war, ohne dass Aieda wie sonst eine Bewegung mit der Hand gemacht hatte. »Wie ich sehe, hast du deine Kräfte nun deutlich besser im Griff«, sagte sie, als sie merkte, dass sie fragend angesehen wurde.

»Natürlich. Es ist so einfach, auch wenn es noch ungewohnt ist, so die Flammen zu rufen.«

»Ah ja«, murmelte Anila, als sie nun der Flamme durch die Höhle folgten. Sie erwartete, dass es auf der anderen Seite der Höhle ebenso ungewöhnlich hell sein würde. Doch obwohl hier der Mond schon sein Licht auf das wogende Gras werfen konnte, war es deutlich dunkler als zuvor auf der Lichtung. Unwillkürlich blickte sie zurück und tatsächlich konnte sie das schwache grünliche Leuchten sehen, das von der anderen Seite der Höhle schwach bis zu ihnen drang.

Sie löste sich von den beiden und ging ein paar Schritte von ihnen weg, hob ihr Gesicht in den Wind und lauschte. Diese vertraute Handlung gab ihr etwas von der Ruhe zurück, die sie schon seit Tagen vermisst hatte. Sie atmete tief durch und hörte auf das leise Rauschen, bis sie ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Erst dann wandte sie sich zu den beiden um, die zusammen mit den anderen auf sie warteten.

Ein leiser Schmerz breitete sich in ihrem Herzen aus, als sie langsam auf die Gruppe zuging und in das so vertraute und jetzt doch so fremde Gesicht Aiedas blickte.

»Wir werden schon beim Tempel erwartet. Wir sollten nicht noch länger rumtrödeln.« Missbilligend sah Enya sie an.

»Tut mir leid. Ich wollte euch nicht aufhalten.« Sie versuchte sich an einem entschuldigenden Lächeln und atmete innerlich auf, als Nordin ihr erneut zur Hilfe kam.

»Sie ist noch verwirrt von der plötzlichen Enge. Wir sollten ihr also noch etwas Zeit geben, sich zu orientieren«, sagte er und griff wieder nach ihrem Arm. Diese eigentlich freundlich gemeinte Geste wirkte auf Anila bedrohlich. Am liebsten hätte sie sich losgerissen, aber sie lächelte nur, als er sie nun führte. Schweigend folgten sie den anderen.

»Du solltest dich besser zusammenreißen. Sonst bleibe ich nicht der Einzige, der merkt, dass du nicht die bist, die du vorgibst zu sein«, flüsterte er, als sie sich etwas zurückfallen ließen.

Anila erstarrte, als sie das hörte. »Warum verrätst du mich dann nicht?«, fragte sie ebenso leise, ohne ihn anzusehen.

Als Antwort zuckte er mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht weil ich gespannt bin, wie du dich schlagen wirst. Außerdem mochte dich mein Sohn wie eine Schwester.« Er grinste schief, als er ihren erstaunten Blick bemerkte. »Sag bloß, du hast immer noch nicht verstanden? Sie sind alle tot. Wir haben ihre Körper übernommen. Ihr wurdet alle nur geboren, um uns eines Tages als Wirte zu dienen. Aber aus irgendeinem Grund hat sich deine Mutter zurückgehalten, ohne dich vorzuwarnen, was auf dich zukommt.«

Anila starrte vor sich hin. »Sie hat mich vor die Wahl gestellt. Die Lüge und den Frieden oder die Wahrheit und den Schmerz.«

Er nickte. »Die Lüge und der Frieden. Sprich, du fällst in einen ewigen Schlaf, bis du im Zyklus der Wiedergeburten wieder erwachst, um ihr dann erneut als Wirt zu dienen. Oder die Wahrheit und den Schmerz, alle zu verlieren, die du geliebt hast. Ich muss dich ja nicht fragen, wofür du dich entschieden hast. Ich gebe dir nur den Tipp: Zeige keine Gefühle. Denn dazu sind wir nicht in der Lage. Also vergiss, was du für sie empfindest. Sie existiert nicht mehr. Wenn sie merkt, dass du nicht die bist, die du vorgibst zu sein, verbrennt sie dich.«

Blass nickte Anila. Auch wenn sie es bis gerade eben nicht gewusst hatte, so hatte sie die Warnung des Windes doch vernommen. »Danke«, flüsterte sie und schwieg dann, als sie sich der Gruppe wieder näherten, die bei den Pferden auf sie wartete, die sie gefühlt in einem anderen Leben hierher getragen hatten. Sie grinste schief. »So langsam gewöhne ich mich an die Enge.« Sie sah die anderen direkt an, als sie sich straffte und nun neben Nordin als Erste auf die leise schnaubende Stute stieg.

Kaum saßen auch die anderen auf ihren Pferden, ritten sie los in Richtung Stadt. Unauffällig beobachtete Anila sie und bemerkte die kleinen, aber doch sichtbaren Unterschiede im Verhalten. Sie wirkten kälter und saßen deutlich steifer auf den Pferderücken, so als würden sie zum ersten Mal reiten. Sie biss sich auf die Lippen und blickte wieder nach vorn in die in Dunkelheit gehüllte Landschaft, die nur vom silbernen Licht des Mondes gespenstisch erhellt wurde.

 

Als sie das hintere Tor in der Stadtmauer erreicht hatten, stiegen sie von den Pferden. Noch immer schwiegen sie und Anila spürte, dass sie die Stille nicht durchbrechen durfte. Sie machte nun einfach nach, was Nordin und die anderen taten, und obwohl sie es falsch fand, ließ auch sie ihr Pferd einfach in die Stadt laufen, ohne es noch einmal zum Dank zu streicheln oder ihm ein paar sanfte Worte ins Ohr zu raunen.

Erst jetzt trat sie neben Nordin mit den anderen durch das Stadttor.

Unwillkürlich erschauerte sie, als eine unnatürliche Stille sie empfing, die nur durch das ferne Geräusch der Pferdehufe durchbrochen wurde. Auch wenn es Nacht war: Es hätte nicht so still sein dürfen, als sie langsam die Straßen entlanggingen, um zum Tempel zu gelangen. Anila bemerkte, dass er höher erschien, als noch zuvor, und wenn Nordin sie nicht wieder am Arm gehalten hätte, wäre sie unwillkürlich stehen geblieben, als sie den Platz vor dem Tempel betraten. Der Tempel ruhte auf einem kristallenen Podest, das die Umgebung in ein warmes Licht tauchte, das die Kälte in ihr schlagartig verstärkte.

»Reiß dich zusammen. Solange du dir nichts anmerken lässt, ist alles in Ordnung«, raunte er ihr zu, ohne den Blick von den beiden Gestalten abzuwenden, die vor dem Tempel auf sie warteten.

Sie gingen langsamer, bis die anderen sie einholten, und traten dann als Gruppe vor die beiden Personen, die Anila als Aschera und Jahwe erkannte. Sie schluckte und verneigte sich wie die anderen vor den beiden, dabei hatte sie das so noch nie getan.

»Meine Wächter«, erklang die Stimme Jahwes, die sich jedoch ganz anders anhörte. Tiefer, hallender, so als würden sie in einer Höhle stehen. »Endlich sind wir wieder so vereint, wie es sein sollte. Lange Jahre hat es gedauert, bis wir wieder an diesen Punkt gelangt sind. Die Menschen mussten erst wieder reifen, um für uns bereit zu sein. Noch sind ein paar unter ihnen, deren Wille sich unserer Macht entzieht. Aber schon wenn die Sonne mit ihrem Licht den Tag erhellt, werden die Ersten von ihnen nicht mehr unter uns weilen. Die Menschheit wird von ihnen gereinigt, sodass wir ewigen Frieden über diesen Planeten bringen werden. Von ihren primitiven Gefühlen befreit, werden sie sich von uns führen lassen.«

Anila wurde schlecht, als sie das hörte. Sie wollte hochfahren und schreien, aber sie verharrte in ihrer Position. Sie blickte nicht mal hoch, als nun die Stimme Ascheras erklang, die sich viel melodischer anhörte.

»Wir mussten lange warten, bis die passenden Wirte wieder geboren werden konnten. Viele vor ihnen starben, als sie mit unserer Macht in Kontakt kamen. Doch dank der Priester, die unsere Worte schon früher vernehmen konnten, konnten wir schlussendlich die richtige Auswahl treffen. Leider mussten wir einige der Wirte erst finden und auf diesen Tag vorbereiten. Doch ab heute werden wir wieder auf ewig unter den Menschen leben können. Als die Wächter, die ihr seid, werdet ihr euch aufmachen, um über die Menschen auf der ganzen Welt zu wachen. Ihr werdet Priester ausbilden, die in unserem Namen die Menschen leiten werden, während wir hier, im Zentrum der Macht, dafür sorgen, dass die Menschheit rein bleibt. Sobald die Menschheit gereinigt ist, werden sieben von euch aufbrechen, während eine Wächterin hierbleibt, um ihre Macht zu nutzen, uns alle zu verbinden. – Egal, wie weit entfernt wir voneinander auch sein werden.«

Leicht bebte die Erde unter Anilas Füssen, als sich der Tempel noch einmal etwas anhob. Die Energie, die von dem kristallenen Sockel ausging, ließ sie erschauern, als in Wellen ein grünes Licht aus ihm herausbrach und sich über sie und die Erde ergoss. Sie wusste instinktiv, dass dieses Licht die Reinigung herbeiführen würde. Sie schloss die Augen, auch um die Sorge wegen Erin zu verdrängen. Anila wusste nicht, was sie sich für ihn wünschen sollte. Sie wollte nicht, dass er starb, aber sie wollte auch nicht, dass er in dieser prophezeiten Welt leben musste.

Auf einmal änderten die Wellen ihre Richtung. Sie kehrten zum kristallenen Sockel zurück und Anila spürte, wie sie die ungezähmten Emotionen der Menschen mit sich trugen.

Langsam hob sie ein wenig den Kopf, sah zu dem grün leuchtenden Kristall, der zu beben schien und dann langsam in der Erde verschwand. Wenn sie es nicht mit eigenen Augen genau in diesem Moment gesehen hätte, hätte sie nicht geglaubt, was gerade geschah. Denn der kristallene Sockel verschwand nicht nur einfach bebend in der Erde. Als der Tempel wieder den Boden berührte, verschwand alles, was auf den Kristall hingedeutet hätte. Nicht mal ein Riss war zwischen den Platten zu sehen, die sich vorher noch geteilt hatten.

Sie senkte wieder den Blick und atmete bewusst ein und aus. Sie spürte Panik in sich aufsteigen, aber sie wusste, dass sie ihr nicht nachgeben durfte. Sie erlaubte es sich jedoch, für einen Moment wieder die Augen zu schließen, ehe sie sich zusammen mit den anderen aufrichtete.

»Meine Wächter. Es ist vollbracht«, sagte Jahwe feierlich.

Da spürte Anila die ersten Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Sie fragte sich, wie es sein konnte, wie diese Nacht so schnell vorbei sein konnte. Schließlich war ihr der gestrige Tag ewig erschienen. Dabei hatten sie die Tag- und Nachtgleiche des Frühlings für den Beginn des neuen Zeitalters gewählt.

»Nun geht und ruht euch aus«, sprach nun wieder Aschera. »Es wird eine anstrengende Zeit werden, die vor uns liegt.«

Wie die anderen verneigte sich Anila wieder. Doch es zog sie nicht in ihre Gemächer. Stattdessen ging sie bemüht langsam in Richtung Stadt, bis sie von Aieda aufgehalten wurde.

»Wo willst du hin?«, fragte diese misstrauisch.

»Ich will etwas durch die Stadt gehen und spüren, wie sich die Menschheit verändert. Dann will ich raus gehen und die Weite spüren, um der Enge noch einmal zu entkommen.«

Lange wurde sie gemustert, dann nickte Aieda. »Verständlich. Du bist als Wind noch freier gewesen als wir alle. Aber denke dran, der Körper braucht seinen Schlaf.«

Anila nickte. »Ich denke daran. Erhol dich gut. Auch für dich muss es schwer sein.« Sie lächelte leicht und ging dann weiter.

Anila spürte die Blicke der anderen auf sich, während sie betont langsam ging, obwohl sie nur noch rennen wollte. Weg von hier. So weit weg, wie sie konnte. Doch sie wusste, dass sie nirgendwo hinkonnte.

Auf dem zentralen Platz angekommen, bog sie in Richtung Handwerkergasse ab. Es war totenstill in den Straßen. Kein Lachen war zu hören, als sie sich der Schmiede näherte.

Doch dann durchbrach ein Schrei die Stille. Sie rannte los und stürmte in die Schmiede, riss die Tür auf und eilte an Erins Eltern vorbei nach oben. Sie kannte sich hier aus und so betrat sie nur Sekunden später das Zimmer ihres besten Freundes, der sich vor Schmerzen im Bett krümmte.

Zitternd sank sie neben ihm auf die Strohmatratze und nahm ihn in den Arm. »Es tut mir leid. Es tut mir so leid«, murmelte sie immer wieder, während sie ihn hielt, bis sein Schreien verstummte und sich der schmerzhafte Griff um sie lockerte. Die Tränen rannen ihr über die Wangen, als sie sich von ihm löste und seine toten Augen schloss. »Es tut mir so leid. Ich hätte es verhindern müssen. Ich war zu schwach«, schluchzte sie und deckte ihn zu. »Irgendwann … irgendwann werden wir uns wiedersehen. In einer besseren Welt, in der ich dich beschützen werde.«

Zitternd schlang Anila die Arme um sich und rang um Fassung. Sie wusste, dass sie, sobald sie das Zimmer verließ, keinerlei Gefühle mehr zeigen durfte. Noch einmal schluchzte sie auf, bevor sie sich die Tränen abwischte, sich straffte und sich umwandte.

Als sie die Tür öffnete, sah sie in die Augen von Erins Vater. »Er ist tot. Er war unrein. Oder?«, fragte dieser emotionslos.

Sie nickte knapp. »Ja, ich wollte sichergehen«, erwiderte sie und ging an ihm vorbei.

Ohne nach links oder rechts zu sehen, verließ sie die Stadt und ging so weit, bis sie das Rauschen des großen Wasserfalls hörte. Am Ufer des Flusses blieb sie stehen und sah mit leerem Blick auf das tosende Wasser.

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Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen.

Kapitel 9

Es geht auch schon weiter. Ich wünsche euch viel Spass. 

 

 

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Kapitel 9

 

  

 

Schluchzend öffnet Anila die Augen. Ihr Herz schlägt schneller als sonst und sie hat das Gefühl, als würde es vor Schmerz zerspringen. Sie greift nach dem Handy und sieht, dass es schon früher Nachmittag ist. Aber das ist ihr im Moment egal. Sie öffnet die Anrufliste und sucht so lange, bis sie die Nummer gefunden hat. Noch immer laufen ihr die Tränen über die Wangen, als sie sich aufsetzt und auf den grünen Hörer tippt.

Es dauert viel zu lange, dabei klingelt es nur zweimal, bis endlich abgenommen wird. »Ani, was ist los? Ist etwas passiert?«, meldet sich Samuel atemlos.

Als sie seine Stimme hört, muss Anila wieder losschluchzen. »Sam? Es geht dir gut?«, fragt sie und wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

»Ani? Weinst du?«

Sie kann nicht antworten. Sie schluchzt nur noch lauter, als sie die Frage hört. Stattdessen miaut nun Luna lautstark, was Sam offensichtlich hört.

»Du bist zu Hause? Ich komme vorbei. In zwanzig Minuten bin ich bei dir.« Noch bevor sie antworten kann, legt er auf.

Eigentlich hatte sie doch nur hören wollen, dass er noch lebt, dass es ihm gut geht. Nicht, dass er sich Sorgen macht. Aber nun will er vorbeikommen.

Irgendwie schafft sie es, aufzustehen und sich anzuziehen. Luna streicht dabei die ganze Zeit um sie herum und miaut lautstark. Auch wenn es verrückt klingt, es beruhigt sie, dass sie sich jetzt erst einmal um ihre Katze kümmern muss.

Sie hat ihr gerade frisches Futter und Wasser gegeben, als es auch schon klingelt.

Sie hat sich beruhigt, aber als sie Sam gegenübersteht, fängt sie wieder an zu schluchzen.

Er zieht sie in eine tröstende Umarmung. »Hey, Ani. Was ist denn los?« Ratlos streicht er ihr mit leichtem Druck über den Rücken, bis sie sich halbwegs beruhigt und mit einem verschämten Grinsen von ihm löst.

»Tut mir leid. Ich muss dir ja ganz verrückt vorkommen«, murmelt sie verlegen, als sie ihn endlich in die Wohnung lässt.

Er zuckt lediglich mit den Schultern und zieht sich im Flur die Schuhe aus. Dann folgt er ihr in die Küche, wo er von Luna begrüßt wird, die ihm begeistert um die Beine streicht. Schmunzelnd nimmt er die Katze auf den Arm. »Na hallo, kleine Lady. Erkennst du mich etwa wieder? Dabei bin ich doch erst einmal hier gewesen«, raunt er ihr zu und krault sie unterm Kinn, während er Anila aufmerksam beobachtet, die tatsächlich Tee kocht und dann zwei Tassen füllt. »Dir muss es ja echt mies gehen, wenn du freiwillig Tee trinkst.«

Zittrig fährt sie sich durch die Haare, die ihr wild in alle Richtungen vom Kopf abstehen. Tut mir leid. Es ist nur … Ich glaube, ich erlebe etwas, was vor langer Zeit passiert ist und … da bist du in meinen Armen gestorben«, murmelt sie und beginnt zu zittern. »Es … ist so schrecklich.« Wieder beginnt sie zu schluchzen und vergräbt das Gesicht in ihren Händen.

Er seufzt und legt erneut den Arm um sie. »Hey. Ich lebe. Ich stehe hier vor dir und bin für dich da.«

Irgendwie schafft er es, die beiden Teetassen in einer Hand zu balancieren, während er sie ins Wohnzimmer führt. Er setzt sich mit ihr aufs Sofa und stellt dann die beiden Tassen auf den Couchtisch. »So, und nun erzähl mal ganz von vorn. Was ist passiert und was hat das alles mit mir zu tun?« Fragend sieht er sie an und drückt ihr dann eine der Tassen in die Hände, als sie keine Anstalten macht, sich selbst eine zu nehmen.

Beide Beine anziehend, lehnt sie sich zurück. Da sie immer noch zittert, hält sie die Tasse mit beiden Händen fest umklammert, als sie einen Schluck trinkt. »Bitte, halt mich nicht für verrückt, wenn ich dir jetzt erzähle, was in den letzten Tagen passiert ist.« Flehend sieht sie ihn an, bis er nickt.

»Versprochen. Ich werde dich nicht für verrückt halten. Egal wie verrückt sich deine Geschichte anhört.« Feierlich hebt er die Hand zum Schwur, was sie trotz allem zum Schmunzeln bringt.

»Du bist doof.«

Grinsend neigt er den Kopf. »Ich weiß. Aber gerade darum magst du mich doch.«

»Du bist oberdoof«, sagt sie, wird dann aber ernst. Sie sieht in ihre Tasse und überlegt, wo sie beginnen soll.

»Irgendwie hat alles mit diesem Gewitter in der Nacht angefangen. Weißt du, das, wo der Zwärenbach über die Ufer getreten ist. Mit den seltsamen Funden danach und dann noch diese FFA-Sekte oder Partei oder wie auch immer.« Sie wartet einen Moment, aber als er schweigt, redet sie weiter. »Schon der Gedanke an diesen Verein dreht mir den Magen um. Es ist verrückt, aber noch verrückter ist es, dass meine Mutter mir ein Buch geschickt hat, das mal meiner Oma gehört hat und von dem sie wohl wollte, dass ich es bekomme.«

Fragend neigt Sam den Kopf. »Du hast zu deiner Mutter nicht wirklich viel Kontakt so viel ich weiß. Aber es ist doch schön, dass du jetzt etwas von deiner Oma hast. Oder etwa nicht?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Irgendwie schon. Ich erinnere mich kaum an sie. Nur dass sie immer mit mir zum Kesslerloch gefahren ist und mir mal dieses Buch gezeigt hat«, murmelt sie und atmet tief durch. »Seit ich das Buch habe, habe ich Träume, die sich real anfühlen. Fast so, als wären es meine Erinnerungen an etwas, das ich schon mal erlebt habe. Aber in einem anderen Leben.«

Verwirrt neigt er den Kopf. »Und in einem dieser Träume bin ich gestorben?«, fragt er vorsichtig.

Sie nickt, schüttelt dann aber den Kopf. »Nicht du direkt. Eine frühere Version von dir. Du heißt da Erin und bist wohl der Sohn des Schmieds. Wenn du dir nicht die Haare färben würdest, dann würdest du sogar genauso aussehen wie er. Ihr seid euch auch vom Charakter her sehr ähnlich. Ich kann es nicht wirklich beschreiben …«

»Dann erzähle mir einfach mal alles und zeig mir das Buch.« Sanft und doch auch neugierig lächelt er sie an.

Sie geht es holen und reicht es ihm.

Während er es aufschlägt, setzt sie sich wieder neben ihn. »Weißt du, es ist verrückt. Ich habe angefangen zu lesen. Ich habe bewusst den ersten Satz geschafft, aber wenn ich jetzt reinschaue, weiß ich bis zu einer bestimmten Stelle immer schon, was da geschrieben steht. Weil ich es geträumt habe«, murmelt sie und fährt sich mit den Händen durch die Haare.

Er blättert eine Weile um. »Das ist eine sehr alte Schrift. Ich habe tatsächlich Probleme, sie zu lesen. Besser gesagt, ich kann kein einziges Wort entziffern«, gibt er schief grinsend zu und schließt das Buch wieder. »Das gehört vielleicht sogar in ein Museum, so alt wie es aussieht.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Vielleicht. Ich weiß es nicht. Willst du die Geschichte jetzt hören oder nicht?«

»Natürlich will ich die Geschichte hören. Schieß los.« Er legt das Buch auf den Tisch und sieht sie auffordernd an.

Sie trinkt ihren Tee aus und beginnt zu erzählen …

 
 

Die Sonne geht schon unter, als Anila schließlich verstummt.

Sam hat ihr die ganze Zeit über schweigend zugehört. »Puh, das ist wirklich heftig. Das hört sich so verrückt an, dass es kaum zu glauben ist. Aber es passt doch irgendwie alles zusammen«, sagt er. Luna springt zwischen ihnen aufs Sofa und stupst ihn auffordernd so lange mit dem Köpfchen an, bis er sie anfängt zu kraulen. »Was willst du jetzt machen? Ich meine, so wie es aussieht, scheint sich da so einiges zu wiederholen. Oder was meinst du?«

Sie seufzt. »Ja, irgendwie schon. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Auf den ersten Blick scheint das, was damals passiert ist, ganz übel zu sein. Doch was ist, wenn es eben doch nicht so schlecht gewesen ist, wie es scheint? Verstehst du, was ich meine?« Hilfe suchend sieht sie ihn an.

Nachdenklich reibt er sich das Kinn. »Schwer zu sagen. Ich finde auch, dass das voll Scheiße gewesen ist. Ich denke aber, um das beurteilen zu können, müssen wir erst wissen, was dann weiter passiert ist.«

Unwillkürlich beißt sie sich auf die Unterlippe. »Ich weiß, aber ich habe Angst. Das alles … Es hat so weh getan. Ich habe den Schmerz gespürt. Ich spüre ihn noch immer, wenn ich nur daran denke. Ich meine, wer tut so etwas? Wer tut Menschen so etwas an?«

Ernst und doch verwundert sieht er sie an. »Ist das nicht offensichtlich? Ein höheres Wesen. Vielleicht sind es sogar Außerirdische, die sich als Götter ausgeben. Schließlich ist uns der Name Jahwe nicht unbekannt und auch wenn Aschera wohl den meisten unbekannt ist, gilt auch sie als Göttin oder so etwas in der Art.«

Anila nickt. »Ja, aber Jahwe gilt als guter Gott. Er ist nicht böse. Zumindest steht es so in den alten Schriften, die wir während des Studiums wirklich mehr als gründlich untersuchen mussten.«

Sam schnaubt abfällig. »Ja, aber wer sagt, dass es wirklich so gewesen ist? Denk dran, dass das alles vor sehr langer Zeit passiert ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Geschichten so verändert oder verdreht worden sind, wie es gewissen Kreisen in den Kram gepasst hat. Denk nur an die Lüge wegen der Tempelritter oder die Lüge von der Konstantinischen Schenkung.« Vielsagend sieht er sie an, bis sie die Augen verdreht.

»Du hast ja recht. Also willst du mir sagen, dass du mir glaubst und dass ich mich verdammt noch mal möglichst schnell erinnern soll?«

Er grinst breit, als er sich mit ausgestreckten Armen zurücklehnt. »Genau. Du kannst dir ja zum Glück etwas Zeit lassen. Immerhin ist die nächste Tag- und Nachtgleiche erst wieder im September. Die vom Frühling ist ja schon vorbei.«

»Du bist doof.« Grinsend boxt sie ihn auf den Oberarm. »Weißt du eigentlich, wie beschissen das ist? Ich habe inzwischen schon beinahe Angst einzuschlafen.« Sie schlingt die Arme um sich und blickt nach vorn. »Was, wenn es noch schlimmer wird?«

»Gute Frage. Versteh das jetzt nicht falsch, aber soll ich für eine Weile hier schlafen? Ich kann das Sofa nehmen oder ich hole mein Luftbett und stelle es hier im Wohnzimmer auf. Dann musst du nur rufen, wenn was ist.«

Sie zögert. Schließlich ist sie schon achtundzwanzig und kein Kind mehr. Ihr Blick fällt auf das Buch, das so unschuldig wirkt, aber ihr inzwischen Angst macht. Es geht gegen ihren Stolz, aber dann nickt sie kaum merklich. »Wenn es dir nichts ausmacht?«

»Ani, es macht mir nichts aus. Und ich verstehe es auch sicher nicht falsch. Wir arbeiten zusammen und sind Freunde. Du musst dich deswegen nicht schämen. Es ist eine außergewöhnliche Situation und ehrlich gesagt, würde ich dich jetzt nur ungern allein lassen. Wer weiß, was die von der FFA noch anstellen, um an dich ranzukommen, wenn sie dich wirklich brauchen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.« Todernst sieht er sie an.

Sie kann sich nicht beherrschen und prustet los. »Tut mir leid, aber das mit der Weltherrschaft ist doch eine komische Vorstellung.« Sie wird wieder ernst. »Danke, dass du bleibst.«

»Was hältst du davon, wenn wir Pizza bestellen. Bis die kommt, hole ich schnell ein paar Sachen von zu Hause. Okay?«

»Hört sich gut an«, erwidert sie grinsend. »Ich schlage vor, wir bestellen in Beringen beim Pizzakurier. Der macht gute Pizzen zu einem guten Preis und liefert relativ zügig.«

Voller Vorfreude reibt er sich die Hände und steht auf. »Gut. Ich nehme eine Pizza Kebab mit Cocktailsoße. Bestell du schon mal, ich fahre nach Hause und bin in Rekordzeit wieder da.«

»Jaja, mach ich. Los.« Sie steht auf und schiebt ihn in den Flur. »Bis später.« Grinsend sieht sie ihm nach, als er das Haus verlässt und in sein Auto steigt.

Es geht ihr tatsächlich besser, aber kaum ist er weggefahren, fühlt sie sich unsicher und geht schnell zurück ins Haus. Wie versprochen bestellt sie die Pizzen und wartet dann ungeduldig darauf, dass Sam zurückkommt.

 

Es dauert fast eine Stunde, bis es an der Tür klingelt und Sam schwer bepackt und breit grinsend von ihr hereingelassen wird. »Sorry, ich habe etwas länger gebraucht. Ich musste meiner Mutter noch erklären, dass sie für eine Weile meine Pflanzen gießen soll. Du kannst dir vorstellen, dass sie genau wissen wollte, was los ist.« Er lässt die Taschen im Wohnzimmer auf dem Boden zurück und geht zurück in den Flur, um sich die Schuhe auszuziehen.

Anila folgt ihm und neigt fragend den Kopf. »Was hast du ihr gesagt? Dass deine verrückte Vorgesetzte dich weinend angerufen hat und nicht mehr allein sein sollte?«

Er stockt für einen Moment, ehe er sich mit strenger Miene zu ihr umdreht. »Erstens bist du nicht verrückt, würde ich jetzt mal behaupten, und zweitens sind wir doch Freunde!«

In dem Moment klingelt es wieder an der Tür.

»Das wird die Pizza sein.«

Sie will schon die Tür öffnen. Doch Sam kommt Anila zuvor und nimmt an ihrer Stelle die Pizzen entgegen. Da sie schon bei der Bestellung bezahlt hatte, bedankt er sich nur beim Kurier, ehe er die Tür wieder schließt. Mit den dampfenden Kartons dreht er sich zu ihr um. »Immerhin hast du eine gute Tür, die sich nicht so leicht aufhebeln lässt. Ich hätte nicht gedacht, dass in einem so alten Haus eine Tür mit Codeschloss und Fingerabdrucksensor verbaut ist.«

Sie nimmt ihm die Kartons ab. »Die habe ich vor zwei Jahren einbauen lassen. Ich musste eh eine neue Tür haben und da das Haus mir gehört, habe ich mir gedacht, wenn schon, denn schon. Auch wenn ich von den drei Stockwerken erst die Wohnung im ersten Stock bewohnbar machen konnte.«

Gemeinsam gehen sie in die Küche, wo sie den Tisch deckt. »Ich kann dir Cola, Eistee oder Wasser anbieten.«

»Kein Bier? Na ja, egal. Dann nehme ich eine Cola.« Er setzt sich hin und öffnet den Pizzakarton. »Wow. Wenn die bei mir in Beggingen ankommen, sind sie nie so heiß. Schon praktisch, dass du so nah dran wohnst.«

Anila stellt die kalten Coladosen auf den Tisch. »Ja, aber ich gebe dir den Tipp, dass du nach etwa der Hälfte der angegebenen Lieferzeit besser nicht mehr aufs Klo gehst. Die können dann nämlich jeden Moment auftauchen.« Sie setzt sich Sam gegenüber an den Tisch und öffnet ihren Karton. »Lecker, Pizza Carbonara.« Sie nimmt das erste Stück und beißt genussvoll rein. »Also, was hast du deiner Mutter erzählt?« Kauend sieht sie ihn an.

Leise lachend nimmt er sich ein Stück seiner Pizza. »Ich habe ihr gesagt, dass es einer guten Freundin gerade nicht so gut geht und dass ich darum eine Weile bei ihr bleibe, um ihr beizustehen. Aber irgendwie hat sie jetzt das Gefühl, dass es sich dabei um meine Freundin handelt und ich sie ihr bald vorstellen werde.« Demonstrativ verdreht er die Augen. »Ich sag dir eins: So sehr ich sie auch liebe und so weiter, aber manchmal kann sie echt nerven. Sie will nämlich unbedingt Enkelkinder und das am liebsten vorgestern. Schließlich bin ich ja schon sooo alt. Und sie erst.«

»Nimm es ihr nicht übel. Sie liebt dich halt und will nur das Beste für dich. Dass du andere Vorstellungen von Glück hast, muss sie erst noch verstehen lernen.« Mitfühlend lächelt sie ihn an. »Meine Mutter hat es auch nie verstanden und als ich dann meine erste Freundin mit nach Hause gebracht habe, ist sie beinahe ausgeflippt.«

Seufzend lehnt sich Sam zurück. »Das ist schon heftig. Dabei ist es doch egal, wen man liebt. Hauptsache, man ist glücklich.«

Sie nickt und nimmt sich das nächste Stück. »Hast du ihr denn schon mal eine deiner Freundinnen vorgestellt? Oder hatte sie noch nie das Vergnügen?«

»Warum sollte ich? Dann müsste ich ihr ja alle paar Monate erklären, warum ich schon wieder eine neue habe oder schon wieder Single bin. Das würde sie noch weniger verstehen als mein Dauersingledasein. Schließlich hat sie den ersten Mann geheiratet, den sie damals gedatet hat.«

»Deine Eltern sind eben eine andere Generation. Wobei es ja auch heute noch Menschen gibt, die ihre erste Liebe heiraten. Es ist inzwischen in der Gesellschaft einfach akzeptierter, wenn man sich nicht früh oder überhaupt nicht bindet. Aber Frauen haben es immer noch schwerer als Männer, wenn sie keine Kinder wollen oder noch schlimmer, keinen Mann.« Bitter sieht sie auf ihre halb aufgegessene Pizza.

»Komm mir nicht damit. Ich habe bei meiner lieben Verwandtschaft oft genug erleben dürfen, dass verheiratete Paare regelrecht bedrängt worden sind, wann denn endlich das erste Kind kommt. Dabei sollten wir inzwischen doch wohl so weit sein, dass man damit nicht mehr belästigt wird.« Genervt verdreht er wieder die Augen und nimmt sich dann sein letztes Pizzastück.

Anila lacht leise auf. »Hauptsache, wir wissen, was wir wollen. Scheiß auf die anderen und was sie denken. Das Wichtigste ist, dass du glücklich bist. Und wer weiß? Vielleicht läufst du irgendwann deiner großen Liebe über den Weg. Und wenn nicht, dann eben nicht.«

»Du sagst es. Momentan bin ich glücklich mit meinem Leben, so wie es ist. Ach ja, meine Mutter wollte mich schon mit dir verkuppeln. Sie meinte, dass wir doch super zusammenpassen würden.« Grinsend deutet er mit seinem angebissenen Pizzastück auf Anila. »Kannst du dir das vorstellen? Das ist doch schon richtig peinlich.«

»Irgendwie schon. Aber hey, lass dich davon nicht ärgern. Dann soll sie das halt denken. Hauptsache wir beide wissen, was Sache ist.« Betont gleichgültig zuckt sie mit den Schultern. »Wenn wir hier fertig sind, sollten wir dein Bett aufstellen. Wie groß ist es überhaupt? Müssen wir das Wohnzimmer umräumen?«

»Ja, das müssen wir vermutlich. Ich mag keine schmalen Betten, also ist auch das aufblasbare breit genug, dass zwei Leute drauf schlafen könnten.« Sein Blick wandert zu Luna. »Oder eine Katze. Würde ich sagen.«

»Genau. Oder eine Katze. Du weißt offensichtlich Bescheid. Also stell dich darauf ein, dass du dir das Bett vermutlich mit Luna wirst teilen müssen, wenn sie Gefallen daran findet.«

Nun zuckt er die Schultern. »Von mir aus. Ich habe kein Problem damit, mein Bett mit einer Katze zu teilen. Egal, ob mit zwei Beinen oder vier Pfoten.« Vielsagend grinst er sie an.

»Du bist doof. Aber das habe ich dir ja schon mehrmals gesagt.« Die Augenbraue hochziehend sieht sie ihn betont ernst an.

Den Blick erwidert er breit und unschuldig grinsend. »Ach, so ein oder zwei Mal.«

 

Nach dem Essen räumen die beiden noch kurz alles weg, ehe sie ins Wohnzimmer gehen.

Nachdenklich sieht sich Samuel um und deutet dann auf das Sofa und den Couchtisch. »Wenn wir das Sofa bis ganz an die Wand schieben und den Tisch an die Wand da drüben, hat mein Bett genug Platz.«

Anila nickt und mit vereinten Kräften verrücken sie die Möbel. Dabei werden sie von Luna kritisch beobachtet, die offensichtlich nicht weiß, was sie von der ganzen Sache halten soll. Dennoch kommt sie neugierig näher, als Sam nun das Bett auf dem Boden ausbreitet und dann mit der elektrischen Pumpe aufpumpt. Noch bevor es ganz mit Luft gefüllt ist, springt sie drauf und erkundet es neugierig. Dabei stört es sie überhaupt nicht, dass sich der Untergrund nicht nur bewegt, sondern sich auch noch weiter anhebt.

»Luna hat ja die Ruhe weg«, stellt er schmunzelnd fest, während er immer wieder testet, wie hart die Liegefläche schon ist.

»Ja, wenn sie etwas interessiert, dann kennt sie nichts. Auch wenn sie etwas will, geht sie mit dem Kopf durch die Wand, wenn es nötig sein sollte.« Anila hat bereits die Decke ausgepackt und auch das Kissen. »Ein großes Leintuch hast du nicht dabei?«

Verwirrt runzelt er die Stirn. »Wozu?«

»Na, um die Matratze zu bedecken. Oder willst du direkt auf dieser Plastikfläche schlafen? Das ist doch unangenehm.«

Das Bett ist inzwischen voll aufgepumpt. Er stellt die Pumpe ab, lässt sie aber am Strom hängen. »Daran habe ich noch nie gedacht. Ich nutze das Luftbett nur selten.«

»Du bist mir einer. Zum Glück habe ich so große Tücher.« Kopfschüttelnd geht sie in ihr Schlafzimmer und holt dort aus dem Schrank ein hellblaues Laken.

Im Wohnzimmer lässt sich Luna inzwischen von Sam durchkraulen.

»Ich sehe schon, sie liebt dich«, sagt Anila grinsend und breitet das Laken über dem Luftbett aus. »Gut, das hätten wir. Dann fühl dich wie zu Hause und … du weißt ja, wo du das Bad und die Küche findest. Gepinkelt wird aber im Sitzen.«

Grinsend setzt Sam Luna ab. »Versprochen, ich setze mich hin. Willst du schon schlafen gehen? Du hast doch bereits den halben Tag verschlafen.«

Sie nickt. »Ja, ich habe zwar lange geschlafen, aber irgendwie bin ich trotzdem schon wieder müde. Der ganze Stress setzt mir wohl zu und außerdem sollte ich mich doch möglichst schnell daran erinnern, was damals weiter passiert ist.« Vielsagend sieht sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Und erinnern tue ich mich wohl nur, wenn ich schlafe.«

»Stimmt auch wieder. Na dann schlaf gut. Ich kann mich ja noch etwas mit meiner Switch unterhalten oder fernsehen, wenn es dich nicht stört.« Er deutet auf den modernen Fernseher, der schon seit Wochen ungenutzt auf der Kommode steht und Staub ansetzt.

»Es stört mich nicht. Mach es einfach nicht zu laut. Okay?«, erwidert sie und geht zur Wohnzimmertür. »Ach ja, Luna ist es gewohnt, dass die Türen in der Wohnung immer offen sind. Also wundere dich nicht, wenn sie sich beschwert, wenn du die Badezimmertür schließt.«

»Gut zu wissen, dann lehne ich sie einfach nur an. Wir sind ja nur zu zweit, da ist es ja kein Problem, wenn die Tür nicht ganz geschlossen ist.«

Anila lächelt leicht, als sie das Wohnzimmer verlässt und ins Schlafzimmer geht. Sie lehnt die Tür erst nur an, aber dann schließt sie sie doch. Hastig zieht sie sich den Schlafanzug an und geht ins Bad, wo sie sich bettfertig macht.

 

Zurück im Schlafzimmer öffnet sie die Tür wieder und lehnt sie für Luna an. Zu gut kennt sie ihre Katze und weiß daher genau, dass sie kein Auge zumachen wird, wenn Luna vor der geschlossenen Tür Terror macht, weil sie nicht rein kann.

Anila legt sich ins Bett und zieht die Decke bis zum Kinn hoch. Irgendwie ist es ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass sie nicht allein in der Wohnung ist. Gleichzeitig beruhigt sie aber auch der Gedanke, dass Sam im Wohnzimmer schläft und nicht allein in seiner Wohnung. Sie weiß, dass es verrückt ist. Denn schließlich ist er nicht in Gefahr, aber nach den Erlebnissen im letzten Traum hätte sie vermutlich keine ruhige Minute gehabt, wenn er nicht hier gewesen wäre.

Die Decke festhaltend dreht sie sich zur Seite und schließt die Augen. Sie fühlt sich nicht wirklich müde, aber dennoch sinkt sie langsam, aber sicher in einen unruhigen Schlaf ab.

 

 

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Das war es auch schon. Ich hoffe, euch gefällt die Geschichte auch weiterhin. Kleine Info wir sind jetzt bei Kapitel 9 von 22 angekommen. 
 



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