Wiedersehen mit Seimei und Soubi
Die Sonne fiel schräg durch das Fenster der kleinen Cafeteria, in der Ritsuka, Natsuo und Yoji zusammensaßen. Das Licht zeichnete helle Muster auf den Tisch, auf dem halb gegessene Bentos standen. Natsuo stocherte lustlos in seinem Reis, während Yoji mit verschränkten Armen auf die Uhr starrte. Ritsuka schwieg, seine Gedanken kreisten um Seimei – wie immer. Es war nun genau 3 Tage her, dass Natsuo Faceless mit der Suche nach seinem Bruder und Soubi beauftragt hatte. Bisher hatten sie noch nichts von ihnen gehört und je mehr Zeit verstrich, desto ungeduldiger wurden sie. Wie lange würden sie noch warten müssen? Immerhin konnten sie nicht ewig der Schule und Ritsuka seiner Mutter fernbleiben. Doch an Konzentration zum Lernen war momentan nicht zu denken, noch an die benötigte Kraft, sich den Launen seiner Mutter zu stellen.
Plötzlich vibrierte Natsuos Handy. Er warf einen Blick aufs Display, seine Pupillen verengten sich. „Es ist soweit“, murmelte er, die Stimme rau. Yoji hob den Kopf, Ritsuka spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Faceless hat Seimei gefunden. Er ist sogar ganz in der Nähe. Nicht zu fassen, der Kerl … er lebt bei einer Alten namens Chiyako und einem Kerl namens Nakahira“, sagte Natsuo leise, als hätte er Angst, die Worte könnten das fragile Gleichgewicht der Welt zerstören.
„Chiyako?“, murmelte Ritsuka nachdenklich und strich sich über die Stirn.
„Kennst du sie?“, hakte Yoji nach, doch sein Freund schüttelte den Kopf.
„Nein, noch nie von ihr gehört, glaube ich.“
Ritsuka stand auf, seine Hände zitterten leicht.
„Egal. Ich muss ihn sehen. Ich brauche Antworten und ich werde Soubi zurückholen.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch sie war fest. Die Zero nickten und erhoben sich ebenfalls. Yoji streckte sich ausgiebig und versuchte seine Nervosität mit Gelassenheit zu überspielen.
„Dann lasst uns den Kerl mal stellen.“
Gemeinsam verließen sie das Café, die Straßen schienen sich unter ihren Schritten zu winden, als führten sie direkt in den Abgrund.
☙
Sie brauchten fast 90 Minuten, um zu dem genannten Ort von Faceless zu gelangen. Das besagte Haus befand sich am Waldrand, fern ab von der Stadt. Das Licht der Nachmittagssonne ließ die alten Mauern golden schimmern. Ritsuka atmete tief durch und fasste einen Entschluss, als seine Freunde weitergehen wollten.
„Wartet mal, Leute.“
Irritiert bleiben Natsuo und Yoji stehen und blickten ihn an.
„Ich danke euch, für eure Hilfe, doch den Rest muss ich allein tun.“
Yojis Miene entgleiste.
„Was? Wieso das denn? Wir begleiten dich …“
Ritsuka schüttelte entschieden den Kopf.
„Es ist mein Bruder und … ich habe einfach das Gefühl, dass ich es allein schaffen muss. Ihr habt wirklich schon mehr als genug getan.“
Yoji öffnete zum Widerspruch den Mund, doch Natsuo legte seine Hand über dessen Lippen.
„Lame, aber wie du willst. Wir warten hier. Falls etwas ist, ruf uns. Wir kommen sofort.“
Ritsuka nickte dankbar und lief mit klopfendem Herzen auf das fremde Haus zu.
Yoji funkelte Natsuo empört an, bevor er ihn in den Finger biss.
„Au, lass das! Spinnst du?“, beschwerte sich Natsuo, doch sein Freund war stocksauer.
„Dasselbe könnte ich dich fragen! Willst du Ritsuka wirklich im Stich lassen! Wir müssen hinterher!“
Natsuo schüttelte entschieden den Kopf.
„Das würde nichts bringen.“
„Aber …!“
Der braunhaarige legte Yoji einen Finger auf die Lippen, um diesen zu beschwichtigen. Ein lausbubenhaftes Lächeln hatte sich um seine Mundwinkel gelegt.
„Chill, glaubst du wirklich, ich habe vor, Ritsuka im Stich zu lassen? Ihm zu folgen, wird nichts bringen. Seimei hat uns bestimmt schon bemerkt, lass uns mal hintenrum schleichen und die Lage auschecken.“
Yojis Miene erhellte sich schlagartig und sofort war er wieder Feuer und Flamme.
„Worauf warten wir noch? Let’s go!“
Schnell schlichen sie um das Haus, versteckt in den Schatten der Bäume und Sträucher.
Ritsuka stand vor Chiyakos Haus, sein Herz hüpfte bis zum Hals, als wollte es aus dem Brustkorb entkommen. Er hob seine zitternde Hand, doch die Tür öffnete sich, bevor er klopfen konnte. Chiyako trat heraus. Auf den ersten Blick wirkte sie wie eine normale, freundliche alte Frau, doch in ihren Augen lag ein waches und gefährliches Funkeln, das den Jungen einen Schritt zurückweichen ließ. War sein Bruder wirklich hier? Welche Verbindung hegte er zu der Frau. Ritsuka war sich in dem Moment sicher, sie noch nie zuvor gesehen zu haben.
Ritsuka, was machst du hier?“, fragte sie, ihre Stimme freundlich, aber mit einem Unterton, der ihn frösteln ließ.
„Ich suche Seimei. Ist er hier?“, entgegnete Ritsuka mit bemüht fester Stimme. Er hatte nicht vor, sich von der Fremden verunsichern zu lassen.
Chiyako schüttelte den Kopf, ein Lächeln, das zu süß war, um echt zu sein, auf den Lippen. „Seimei ist gerade nicht hier. Er hat gewusst, dass du kommst, denn er ist sehr intelligent. Warum suchst du ihn überhaupt? Hast du ihn letztens nicht aufgegeben? Er war gekommen, um dich abzuholen, doch du hast ihn hinterfragt. Er hat dich immer geliebt, weißt du das nicht? Du solltest ihm vertrauen, so wie früher.“
Ritsuka spürte, wie die Erinnerungen an seinen Bruder wie Dornen in seinem Geist stachen. Was wusste die alte Frau alles? Was genau hatte Seimei ihr erzählt? Immer mehr Fragen tauchten auf und fluteten seine Gedanken. Ritsuka atmete tief durch und versuchte, sich zu sammeln. Er durfte sich nicht verunsichern lassen, musste sich sein Ziel fest vor Augen halten.
„Ich will wissen, warum er mich verlassen hat. Was er von mir will. Und ich möchte Sobi abholen.“
Chiyako trat näher, ihre Stimme wurde sanft, fast hypnotisch. „Seimei hat dich nie verlassen. Er hat dich beschützt, immer. Du bist sein Ein und Alles. Lass ihn dich führen, Ritsuka. Lass ihn dich beschützen. Du bedeutest ihm mehr als alles andere auf der Welt. Alles was er getan hat, hat er auch für dich getan.“
Ritsuka schüttelte den Kopf, Tränen brannten in seinen Augen. Sein Kopf begann zu schwirren. Er spürte, wie Chiyakos Worte ihn in einen seltsamen Strudel zogen, der ihn zu verschlingen drohte „Das … stimmt so nicht. Ich will mit Seimei persönlich sprechen!“
Chiyako lächelte, doch ihre Augen waren kalt. „Du bist nichts ohne Seimei und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, dann weißt du das auch. Deine Amnesie ist ein wunderbares Geschenk. Siehst du das denn nicht? Du kannst neu beginnen – mit ihm.“
Währenddessen schlichen Natsuo und Yoji ums Haus. Sie hatten kaum die Rückseite des Hauses erreicht, als ihnen Seimeis Präsenz und die seiner beiden Waffen überdeutlich entgegenschlug.
„Er hat uns entdeckt“, murmelte Yoji und sein Freund nickte.
„Mach dich zum Kampf bereit. Er kommt.“
Seimei stand mit ausdrucksloser Miene am Fenster, Soubi und Nisei an seiner Seite. Zuerst hatte es ihn belustigt und auch etwas imponiert, dass Ritsuka seinen Aufenthaltsort herausgefunden hatte, doch als er die Zero entdeckt hatte, war seine Laune wieder so schnell gesunken, wie sie zuvor gestiegen war.
„Lästige Hunde … sie sind es nicht wert, an Ritsukas Seite zu sein. Es wird Zeit, sie zu entfernen. Lasst uns ein bisschen Spaß haben. Dann sind sie immerhin nicht ganz unnütz. Das ist doch eine super Aufgabe für dich, Soubi.“
Soubis Miene war durchzogen von Qual. Er antwortete nicht, seine Lippen blieben stumm, doch in ihm schrie seine Seele gepeinigt auf. Nisei folgte seinem Sacrifice als erstes. Auch ihm war sein innerlicher Kampf anzusehen. Seimei bevorzugte Soubi … eine Zweitwaffe. Er fühlte sich gedemütigt und abgelehnt. Er war für sein Sacrifice bestimmt – er war das Original, nicht Soubi und doch …
Sie glitten lautlos durch den Hinterausgang, bereit für den Kampf.
Nakahira beobachtete die drei mit gemischten Gefühlen. Seit Seimei aufgetaucht war, hatte er das ungute Gefühl, dass alles aus dem Ruder lief. Er verstand nicht, was die alte Dame an dem Psychopathen fand. Er strahlte etwas Gefährliches aus. Etwas, von dem man sich besser fernhalten sollte. Wieso sah Chiyako das nicht? Er musste sie beschützen und sah seine Chance nun gekommen. Entschlossen trat er zu der alten Frau und zu Ritsuka, unterbrach das seltsame Gespräch. eine Stimme war schneidend: „Chiyako, hör auf, ihn zu belügen. Seimei ist noch hier – und er spielt wieder seine Spiele.“
Chiyako fuhr ihn an, ihre Stimme voller Zorn. „Du verstehst nichts! Seimei ist kein Monster!“
Nakahira schüttelte den Kopf. „Du bist blind in Sachen Seimei und ich verstehe einfach nicht, warum. Er ist gefährlich. Ritsuka, geh – Seimei ist draußen hinter dem Haus bei denen Freunden.“
Ritsuka wurde augenblicklich blass und verlor keine Zeit. Er rannte um das Haus, das Herz hämmernd. Er sah Natsuo und Yoji, wie sie sich Soubi und Seimei entgegenstellten. Die Luft flirrte und spannte sich wie eine Schlinge um seine Kehle. Er musste eingreifen – sofort.
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„Na, welch Ungeziefer schleicht hier um das Haus? Soubi, beginne. Verweisen wir die beiden auf ihren Platz!“, Seimeis Stimme war ein Befehl, der die Luft zerschnitt. Er wollte die Sache schnell hinter sich bringen und keine Diskussionen starten.
„Du hast es aber verdammt eilig, Alter“, motzte Yoji und Natsuo trat gleichsam mit Soubi vor.
„Da hat wohl jemand Angst, dass sein kleiner Bruder davon Wind bekommt.“
„Angst? Wie töricht. Dieses Gefühl kenne ich nicht. Doch warum meine Zeit mit unnötigen Diskussionen mit Hündchen wie euch vergeuden? Ihr seid nichts, außer lästig. Niemand braucht euch. Ihr verdient es nicht, zu existieren. Ich, Beloved, eröffne den Kampf gegen euch Zero.“
Natsuo fröstelte. Allein Seimeis Worte reichten aus, um in ihr Bewusstsein einzudringen. Er wusste, dass sie keine Chance hatten, doch fliehen war keine Option. Er war einen Blick über seine Schulter und Yoji nickte.
„Kann man wohl nichts machen. Wir, Zero, akzeptieren die Herausforderung. Der Kampf ist eröffnet.“
Soubi trat vor, seine Stimme hallte wie ein ferner Donner durch den Garten:
„Worte wie Ketten, Gedanken wie Messer –
Zerschneide die Bindung, zerreiße das Fleisch!
Zero – das Wort ist gleichzusetzen mit Nichts.
Fügt euch eurem Namen, vergeht im Nichts!“
Ein unsichtbarer Druck legte sich auf Natsuo und Yoji. Die Luft wurde schwer, als würde sie aus Blei bestehen. Yoji keuchte, seine Knie gaben fast nach, doch Natsuo packte seine Hand.
Natsuo rief, seine Stimme zitterte, aber sie war klar:
„Wir sind Null, wir fühlen keinen Schmerz, denn wir sind der Schmerz –
Unser Wille brennt wie das Höllenfeuer!
Zerreiße die Schatten, zerbrich die Ketten!“
Ein Lichtblitz zuckte zwischen den Kontrahenten, Funken stoben, als die Worte aufeinanderprallten. Doch Soubi war stärker, seine Worte schnitten tiefer, emotionslos und präzise.
„Verlorene Namen, verlorene Seelen –
Ihr seid nicht natürlich, nicht echt. Eure Existenz ist eine Lüge!
Zersplittert, vergeht, löst euch auf im Nichts!“
Yoji schrie auf, als unsichtbare Fäden sich um seine Brust legten, ihn zu zerdrücken drohten. Er spürte keinen Schmerz, doch die Bedrohung spürte er sehr wohl. Blut tropfte von seiner Lippe, doch er biss die Zähne zusammen.
Natsuo fuhr kurz herum. Seinen Freund so zu sehen, löste eine unbändige Verzweiflung in ihm aus. Er musste das Ruder herumreißen, die Oberhand gewinnen.
„Wir sind Null, doch wir sind eins –
Die Behauptung, wir seien eine Lüge, lehnen wir ab.
Wir und unsere Verbindung sind echter, als es eure jemals sein kann.
Wir fühlen keinen Schmerz und doch tragen wir Narben.
Unsere Narben sind unser Schild!
Kein Wort kann uns brechen!“
Seimei lachte leise, ein grausames, kaltes Geräusch.
„Ihr seid so erbärmlich. Soubi, mach Schluss.“
Für einen kurzen Moment nur, dachte Soubi an die gemeinsame Zeit zurück. Zu schön um wahr zu sein, so flüchtig und trügerisch friedlich, fast schon glücklich. Im nächsten Moment verdrängte er die Erinnerungen wieder. Es zerriss ihn innerlich, doch er musste seinem Sacrifice gehorchen. Er hatte keine andere Wahl. Der Name Beloved schmerzte wie ein Brandmal auf seiner Haut. Soubi hob die Hand, seine Stimme wurde zu einem scharfen Befehl:
„Ende der Null, Ende des Lichts –
Verschwinde, was nie war!
Zerfall, zerbricht in Tausend Teile!“
Die Worte wirbelten wie ein Sturm um Natsuo und Yoji, rissen an ihren Körpern, an ihren Seelen. Yoji sackte auf die Knie, Natsuo schrie seinen Namen, doch die Kraft der Worte war zu groß.
Natsuo, mit letzter Kraft:
„Wir sind… wir sind…!“
Doch die Stimme versagte ihm, als ein unsichtbarer Schlag ihn zu Boden warf. Yoji lag neben ihm, zitternd, die Augen glasig.
Seimei trat näher, seine Stimme war ein Flüstern, das durch Mark und Bein ging:
„Ihr seid nichts. Ihr wart nie etwas. So erbärmlich, euer Anblick schmerzt in meinen Augen. Eure Anwesenheit beleidigt mich. Soubi!“
Er warf Soubi ein Taschenmesser zu. Dieser fing es auf und erstarrte, als er die Absicht seines Sacrifices erkannte.
„Auf was wartest du noch. Beseitige den Abschaum.“
Zögernd setzte er einen Schritt nach dem anderen auf die Zero zu. Seine Beine schwer und jede seiner Bewegungen unendlich langsam. Wenn es so etwas wie Gerechtigkeit gab, nur einen Funken, dann musste etwas passieren. Ihm wurde schlecht. Die Welt fing sich an zu drehen.
Ritsuka stürzte zwischen die Parteien, stellte sich schützend vor Natsuo und Yoji. Tränen liefen über sein Gesicht.
„Seimei, bitte! Hör auf! Sie sind meine Freunde! Das darfst du nicht tun. Soubi, du auch! Komm zu dir!“
Seimei wandte sich ihm zu, seine Stimme wurde weich, doch die Worte waren Gift.
„Ritsuka, du hast mich gefunden. Ich freue mich, wir gehören zusammen. Schon immer. Mutter hat mir dich geschenkt.“
„Was redest du da bloß? Hör bitte auf! Die beiden haben nichts mit der Sache zu tun. Lass uns in Ruhe darüber sprechen! Warum hast du deinen Tod vorgetäuscht? Wieso hast du mich allein gelassen? Warum tust du das alles?!“
„Ich liebe dich Ritsuka. Du bist mein ein und alles. Aber ich verstehe nicht. Wenn du mich wirklich liebst, dann lass mich gewähren. Du musst mir blind vertrauen, nur so kann ich mir sicher sein, dass auch du mich liebst.“
Ritsuka schüttelte verzweifelt den Kopf und wich nicht von der Stelle. Auch Soubi hatte seine Bewegungen eingestellt und verharrte mit gepeinigter Miene auf der Stelle. Ritsuka war so nah und doch so fern. Wie gerne würde er ihn in die Arme schließen.
„Ich sagte schon, die beiden haben nichts damit zu tun. Sie sind meine Freunde – sie sind mir wichtig. Genau wie du!“
Seimei verzog angewidert sein Gesicht.
„Du setzt mich tatsächlich mit denen auf eine Stufe, kleiner Bruder? Liebst du mich den gar nicht? Verrätst du mich?“
Ritsuka schüttelte den Kopf, seine Stimme bebte.
„Ich kann nicht einfach wegsehen, wenn du anderen wehtust! Ich will dich verstehen, aber ich kann nicht zulassen, dass du meine Freunde zerstörst!“
Seimei trat näher, seine Augen glitzerten gefährlich.
„Du bist mein. Niemand sonst. Du bist nichts ohne mich. Sag mir, wen du wirklich liebst – mich oder diese Nullen?“
Ritsuka blieb seinen Prinzipien treu, doch die Worte seines Bruders brannten sich tief in seine Seele.
„Ich liebe dich, Seimei. Aber ich liebe auch meine Freunde. Ich kann nicht wählen. Bitte, hör auf! Was du tust, ist nicht richtig!“
Seimei ignorierte ihn, wandte sich an Nisei.
„Nisei, töte sie.“
Nisei trat vor, bereit zum Mord.
Plötzlich durchbrach eine neue Stimme das Ritual, klar und fordernd:
„Genug! Körperliche Angriffe sind gegen die Regeln. Nicht, dass uns Regeln sonderlich kümmern, doch diese hier darf nicht gebrochen werden und ihr habt bereits genug Chaos angerichtet, findet ihr nicht?“
Alle Blicke wandten sich den zwei Neuankömmlingen zu, die gerade aus dem Schatten traten und die nicht viel älter waren als Ritsuka, Yoji und Natsuo. Der blonde von ihnen wurde sofort als Sacrifice identifiziert. Er trug ein schwarzes Outfit: perfekt sitzende schwarze Jeans, ein lässiges Shirt und eine kurzärmelige Wollweste darüber. Seine drei Modeschmuck Ketten klirrten leise bei jedem Schritt. Sein Nietenhalsband glänzte im Licht der Sonne mit seinen großen, hellgrünen Augen um die Wette. Seine Katzenohren zuckten erwartungsvoll und sein Blick war auf Seimei gerichtet. Seine Waffe war einen Kopf kleiner als er, trug weite Hosen und eine sportliche, langärmelige Weste in Blau-Weiß. Seine hüftlangen Rastazöpfe reichten ihm bis zum Gesäß und wurden von einem breiten Stirnband und einer Kapuze darüber gebändigt. Eine Sonnenbrille verdeckte die Augen, doch sein freches Grinsen war nicht zu übersehen.
„Wie wäre es, wenn ihr uns mitspielen lässt“, meinte der Kleinere und sah Nisei herausfordernd an. Der umklammerte sein Messer fester.
„Wer zum Teufel seid ihr denn?“
„Wir sind Boundless“, sagte der Blonde. „Und wir fordern euch heraus.“
Seimei erstarrte, Überraschung und Zorn blitzten in seinen Augen auf. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.
„Boundless also … eine unerwartete Wendung. Ich kann nicht behaupten, dass mich euer Erscheinen freut. Ihr solltet euch nicht in Dinge einmischen, die euch nichts angehen!“, zischte er und wandte er sich dann abrupt ab. „Soubi, Nisei – wir gehen. Ich kann den anderen nur raten, uns nicht zu folgen.“
Ein kalter Wind kam auf und ließ alle Anwesenden frösteln, doch Ritsukas Augen waren fest auf Soubi gerichtet.
„Warte! Bleib hier! Komm mit mir! Soubi, das ist ein Befehl“, versuchte es Ritsuka flehentlich, doch vergebens. Soubi warf einen letzten, schmerzerfüllten Blick zu Ritsuka. Seine Augen sprachen Bände und dennoch konnte er nicht anders, als Seimei zu gehorchen. Er wandte sich ab und verschwand mit Nisei und Seimei in dem Dickicht des Waldes.
Boundless
Ritsuka kniete neben den verletzten Zero, während die beiden fremden Jungen sich wortlos an seine Seite stellten. Der Blonde, der sich eben noch so entschlossen dem Kampf gestellt hatte, lächelte jetzt sanft.
„Ich bin Li“, sagte er ruhig und reichte Ritsuka die Hand. „Und das ist Pony.“
Der kleinere Junge mit den langen Rasterzöpfen grinste breit und winkte.
„Eigentlich heiße ganz anders. Aber da mir mein richtiger Name nicht gefällt hab ich mir diesen ausgesucht. Klingt nice, findest du nicht? Li wollte mich Keiko nennen …“ Er verzog gespielt angewidert das Gesicht.
Li verdrehte die Augen, ein Lächeln zuckte um seine Lippen. „Du bist auch manchmal wie ein Pony – stur und zu laut.“
Pony stieß Li mit der Hüfte an und platzierte seine Hand in Lis rechte Gesäßtasche der Jeans. „Und wer hat mir das beigebracht?“
Trotz der angespannten Situation musste Ritsuka ein wenig lächeln. Die beiden strahlten eine Wärme aus, die ihm seltsam vertraut vorkam und die er ein wenig beneidete. Er kannte die beiden nicht, ihr Auftauchen war ihm suspekt, doch sie schienen nichts Böses im Sinn zu haben. Das spürte er einfach. Dennoch wollte er auch nicht zu unvorsichtig sein. Außerdem schwirrte sein Schädel und in ihm herrschte das reinste Gefühlschaos. Endlich hatte er Seimei gefunden, doch er war keinen Schritt weitergekommen. Weder hatte er Antworten erhalten, noch hatte er seine Freunde beschützen können und Soubi … seine Augen begannen zu brennen und Tränen verschwammen seine Sicht.
„Wir sollten sie verarzten“, sagte Li und beugte sich zu Yoji hinunter, dem zwar sehr viel auf der Zunge lag, doch der zu geschwächt war, alles herauszulassen. „Kannst du laufen?“
Yoji schüttelte den Kopf, seine Stimme war schwach. „Nicht wirklich.“
„Seid ihr wirklich Boundless…?“ Natsuo beäugte sie misstrauisch und Pony nickte.
„Yes, so wie wir hier vor euch stehen. Freut uns.“ Er reichte Natsuo die Hand, der sie zögernd ergriff.
„Aber ihr seid doch …“
„Verschollen beziehungsweise verloren gegangen? Getürmt? Abgehauen? Verschleppt worden und das alles?“ Pony grinste ihn amüsiert an und Natsuo nickte.
„Ja, es kursieren einige Gerüchte.“
„Das können wir gerne nachher bereden. Jetzt sollten wir erstmal hier weg, bevor noch die alte Krähe aus dem Gebäude geschossen kommt.“
„Dann eben Huckepack“, entschied Li, der dem Gespräch nur halbwegs gelauscht hatte und und vor Yoji hockte. „Komm, ich bin stärker als ich aussehe.“
Yoji zögerte, doch Natsuo half ihm, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu Soubis Wohnung. Ritsuka warf Li einen prüfenden Blick zu. War es richtig, die beiden mitzunehmen? Immerhin kannte er sie nicht und Natsuo schien den beiden nicht ganz zu trauen. Zumindest schien ihm der Name Boundless etwas zu sagen. Er selbst hatte leider wieder keine Ahnung. Frustrierend. Angespannt wedelte er mit seinem Katzenschwanz.
„Warum helft ihr uns?“
Li zuckte mit den Schultern. „Weil wir es können, wir Seimei nicht mögen, auch wenn wir ein Ziel gemeinsam haben. Trotzdem ändert das nichts daran, dass er zu viele Grenzen überschritten hat. Er muss aufgehalten werden.“
Pony grinste. „Und weil das derzeitige System und Sieben Monde dazu nicht in der Lage zu sein scheinen. Außerdem bist du süß, Ritsuka. Aber sag das nicht Li, sonst wird er eifersüchtig.“
Li schnaubte belustigt auf. „Ich bin nie eifersüchtig. Ich weiß, dass du sowieso nur mich willst. Du bist mir verfallen mit Haut und Haar.“
Pony lachte und stupste ihn sanft in die Seite. „Träum weiter.“
„Von dir? Immer.“
Ritsuka wurde rot und wandte sich ab, während die Zero ihre Gesichter verzogen.
„Bei so viel Turtelei wird mir übel“, meinte Yoji und streckte die Zunge raus. Natsuo nickte.
„Ja, aber so richtig.“
Boundless blickte sich an und begannen schallend zu Lachen.
„Na dann bemühen wir uns mal um Zurückhaltung.“
„Aber nur ein wenig“, ergänzte Pony und zwinkerte seinem Partner zu.
☙
In Soubis Wohnung angekommen, halfen Li und Pony, Yoji und Natsuo auf das Sofa zu legen. Pony verschwand in die Küche und kam mit einer Schale Wasser und einem Handtuch zurück. „Hier, Li. Du bist doch der Sanitäter von uns. Das überlasse ich lieber dir.“
Li nahm das Tuch und begann, vorsichtig Yojis Wunden zu säubern. Seine Bewegungen waren ruhig und sicher, während Pony einen Schokoriegel aus der Tasche zog und ihn Natsuo zuwarf. „Ich bin besser in seelische Wunden zu heilen. Süßkram hilft immer.“
Natsuo murmelte ein schwaches „Danke“ und knabberte an dem Riegel, während Yoji gegen den Schlaf kämpfte. Er war so unfassbar müde nach dem Kampf, doch er wollte auf keinen Fall etwas verpassen.
Ritsuka beobachtete die beiden Fremden, während er für alle Tee richtete, wie sie sich wortlos abwechselten, sich kleine Blicke zuwarfen und immer wieder leise lachten. Pony zog Li an den blonden Haarspitzen, als der sich zu sehr konzentrierte, und Li schüttelte nur den Kopf, ohne wirklich böse zu sein.
Schließlich setzte sich Ritsuka zu ihnen. Er wollte endlich Antworten. Das ganze Unwissen fing an, ihn zu erschöpfen. „Wer seid ihr wirklich? Und warum seid ihr gerade jetzt aufgetaucht? Woher kennt ihr Seimei?“
Li sah ihn ernst an. „Wir sind Boundless. Wir haben keine Fesseln, sind nicht an Regeln gebunden – zumindest nicht mehr. Wir kennen deinen Bruder nicht wirklich – wir haben nur von ihm … sagen wir mal: gehört und leider nicht besonders viel Gutes.“
Pony grinste. „Und wir haben ein Talent dafür, zur richtigen Zeit am falschen Ort zu sein. Oder umgekehrt.“
Li legte einen Arm um Ponys Schultern und setzte sich neben ihn.
„Unsere letzte Info war, dass ihr verschleppt worden und wahrscheinlich nicht mehr am Leben seid“, schaltete sich Natsuo ein und Li nickte.
„Ja, ganz falsch ist das nicht. Mein leiblicher Onkel hat uns tatsächlich verschleppt, aber Pony und ich sind abgehauen. Wir waren in Amerika …“
„Warum seid ihr nicht zurückgekehrt?“ Natsuos Ohren zuckten misstrauisch.
„Das ist der Part, den wir mit Seimei gemeinsam haben: wir mögen das derzeitige System des Spell Battles nicht. Er versucht dieses zu stürzen, wir haben damals unsere Chance ergriffen und sind in Amerika untergetaucht“, erklärte Pony und hauchte einen Kuss auf Lis Handrücken.
„Deswegen der Einbruch in die Akademie…“, murmelte Ritsuka nachdenklich und Boundless nickte.
„Richtig.“
„Aber …“, setzte Yoji an und Natsuo vervollständigte seine Frage.
„Man sagt ihr wart sehr erfolgreich, fast unbesiegbar in den Battles. Ihr konntet Dinge, die sonst keiner konnte …“
„Ja, kann sein“, entgegneten Li und Pony unisono und mussten grinsen.
„Wieso lehnt ihr das System dann ab?“, fragte Natsuo und fütterte Yoji mit dem Rest des Riegels. Lis Miene verdüsterte sich.
„Das System ist ungerecht und hart. Die Methoden barbarisch …“
„Und je besser man ist, desto mehr muss man von seiner Freiheit opfern“, ergänzte sein Partner. „Wir hatten es satt, die Spielfiguren von Nagisa, Ritsu und den anderen zu sein. Lis Onkel hat uns, ohne es zu wissen, einen großen Gefallen getan.“
Für einen Moment herrschte betroffenes Schweigen, in dem jeder seinen Gedanken nachhing. Ritsuka musste an die beiden weiblichen Zero denken, die den Schritt in die Freiheit auch geschafft zu haben schienen. Aber hatten sie das wirklich?
„Ihr beiden, Zero, müsstet es doch auch zu spüren bekommen haben. Die Experimente, die Kontrolle, der Zwang“, begann Li und blickte Natsuo fest in die Augen. Dieser hielt den Blick stand. „Wir hörten von zwei weiblichen Zero, die ebenfalls aus dem System ausgebrochen sind … Lass mich raten: ist es nicht so, dass Nagisa dich gegen Koga austauschen möchte?“
Yojis Augen weiteten sich geschockt bei den Worten. Entsetzt schaute er zu Natsuo, der sich noch immer einen Blickaustausch mit Li lieferte.
„Ja, aber damit wird sie nicht durchkommen. Das lasse ich nicht zu.“
„Können wir verstehen“, meinte Pony. „Es ist nicht schön, nur benutzt und als Spielball benutzt zu werden. Insofern haben wir hier alle was gemeinsam, auch du, Ritsuka.“
„Aber ich bin doch noch gar nicht richtig dabei …“ Ritsuka rieb sich nachdenklich die Stirn, doch Boundless schüttelte den Kopf.
„Du bist mehr involviert, als du denkst. Dieses ganze Theater mit deinem Bruder … die Spielchen, die er insbesondere mit dir spielt, dies alles hat auch mit dem hiesigen Spell System zu tun“, erklärte Li und ein Funken Mitleid lag in seinen Augen. Ritsuka wurde unter seinem Blick etwas klein. Er realisierte einen Teil in sich, der am liebsten Weinen würde. Das gefiel ihm nicht. Schnell sah er weg und versuchte, die aufkommende Emotion zu unterdrücken.
Natsuo streichelte Yoji am Kopf, der wiederum gegen das Einschlafen kämpfte.
„Wenn ich das richtig verstehe, dann ist es Seimeis Ziel, das derzeitige Spell Battle System und Sieben Monde zu stürzen?“, schlussfolgerte der braunhaarige Zero und Li nickte.
„Das und aus seiner Sicht eine perfekte Welt für seinen kleinen Bruder und sich zu schaffen in der die meisten von uns keinen Platz haben.“
Ritsukas Augen wurden groß, in ihm rebellierte es, und auch die beiden Zero waren mit einem Mal hellwach. Sollte Seimei wirklich so etwas Verrücktes im Sinn haben?
„So etwas würde Seimei nicht tun“, widersprach er vehement, doch schon als die Worte seinen Mund verließen, kamen ihm Zweifel. Zu was war sein großer Bruder alles fähig? Wie fiel verdrängte er? Welche Erinnerungen fehlten ihm?
„Tut mir leid“, antwortete Pony mit sanfter Stimme, „aber er ist schon seit Jahren dabei, dies zu tun. Dein Bruder ist besessen davon, alles davon zu kontrollieren und zu manipulieren. Außerdem liebt er es, andere zu quälen …“
„Ein Psycho …“, kam es gleichzeitig von den Zero, doch Ritsuka schüttelte mit geballten Fäusten den Kopf.
„Nein, ich kenne ihn auch anders. Kann sein, dass er nicht ganz normal ist …“
„Maligner Narzissmus“, meinte Li und schaute ernst wenngleich auch mitfühlend drein. „Eine Kombination aus starkem Narzissmus, Kontrollsucht und antisozialem, oft sadistischem Verhalten.“
„Dein Bruder hat Mikado von Moonless durch Nisei vergewaltigen lassen. Er hat ihm den Befehl dazu erteilt und empfindet keinen Funken Reue … weil er es nicht kann. Er besitzt nicht viele Emotionen. Er hat keine Empathie, kein Unrechtbewusstsein. Kann sein, dass er zu dir auch nett war, aber nur solange du in seinem gebastelten Käfig der Illusion sitzt. Ich glaube, tief im Unterbewusstsein weißt du das“, redete Pony auf ihn ein und setzte die Sonnenbrille ab. Seine dunkelgrauen Augen schienen ihn mitfühlend zu durchbohren. Ritsuka wollte sich abwenden, doch in dem Moment füllten kurze Erinnerungsfetzen seinen Kopf: Seine Fische, die am nächsten Morgen plötzlich tot im Glas schwammen. Er hatte Seimei damals danach gefragt, doch dieser hatte verneint. Allerdings hatte er es tief im Inneren besser gewusst. Und dann waren da noch Freunde gewesen, wie Schatten flogen sie an ihm vorbei – er konnte keine einzelnen Gesichter erkennen. Doch er erinnerte sich genau daran, warum er keinen einzigen davon mit nach Hause genommen oder eingeladen hatte … Seimei hätte sie nicht akzeptiert.
Als die Erinnerungen zu schmerzhaft wurden, schüttelte er schnell seinen Kopf. Woher kamen sie auf einmal? Wieso gerade jetzt? Die gesamte Zeit hatte er sich nach Erinnerungsfetzen gesehnt und jetzt überfielen sie ihn. Hatten die beiden Jungen etwas damit zu tun?
„Sorry, ich wollte dich nicht überfordern. Das war wohl etwas zu heftig?“, entgegnete Pony, beugte sich vor und strich Ritsuka behutsam über seinen Arm, bevor er von Li mit schnalzender Zunge zurück und auf dessen Schoß gezogen wurde.
Die Zero beobachteten die Szenen schweigend, jedoch angespannt. Ritsuka hielt sich den wummernden Kopf und schielte Li und Poni unter zusammengekniffenen Augen an.
„Dann warst das wirklich du? Wie hast du das gemacht?“
Pony und Li warfen sich flüchtige Blicke zu, bevor der Kleinere von ihnen antwortete.
„Ich kann nur Herausholen und Verstärken, was heraus möchte und in dir ist. Und Li kann gewisse Dinge, die sehr bedrohlich sind, im Schlaf sehen. Deswegen wissen wir mehr Bescheid, als wir selber möchten.“
„Das ist doch cool“, entgegnete Natsuo und Yojis Augen leuchteten vor Begeisterung, doch der Blonde schüttelte den Kopf.
„Nicht wirklich. Noch ein Grund, das magische System der Spell Battle zum Erlöschen zu bringen.“
„Dann wisst ihr auch, wo Ritsukas eigentliche Waffe ist oder sein Name sich befindet beziehungsweise, ob dieser überhaupt aufgetaucht ist?“, schlussfolgerte Natsuo und die beiden nickten, machten jedoch keine Anstalten, ihr Wissen preiszugeben.
„Jetzt sagt schon“, presste Yoji ungeduldig hervor, doch Li schüttelte den Kopf.
„Nein, das wäre nicht gut. Ritsuka ist dafür noch nicht bereit. Es wäre zu viel für ihn.“
„Abgesehen davon, weiß sein Unterbewusstsein, wo seine Waffe ist …“, murmelte Pony unwohl und dieses Mal war es Ritsukas Blick, der den anderen durchbohrte.
„Ob zu viel oder nicht, ich muss es wissen.“
„Wir werden es dir nicht sagen.“ Li blieb stur.
„Aber … ich trete die ganze Zeit auf der Stelle! Wenn ich mich wieder erinnern kann, egal wie schmerzhaft es ist, dann kann ich Seimei besser gegenübertreten und ihm helfen. Dann kann ich wieder der Ritsuka werden, den meine Mutter vermisst!“
Li und Pony tauschten zögernde und sorgenverhangene Blicke aus.
„Das wird so nicht funktionieren … du kannst deinem Bruder nicht helfen, dass kann nur eine Psychiatrie, falls überhaupt. Und deine Mutter … die Lage ist nicht so wie du denkst.“
„Bitte! Ich muss es wissen! Wenn ihr etwas tun könnt, dann tut es! Ihr wollt Seimei doch auch aufhalten?“
Für einen Atemhauch herrschte angespanntes Schweigen. Die Zeit schien stillzustehen, dann nickte Pony schließlich seufzend.
„Okay, ich denke, ich kann einen kleinen Anstoß geben. Allerdings möchte ich nicht zu viel tun, eine PTBS schützt das Opfer, indem das Gehirn blockiert, mit gutem Grund. Ich möchte nichts mit Gewalt ans Licht bringen.“
Er stand auf, griff nach Ritsukas Hände und blickte ihm fest in die Augen. Wieder fühlte Ritsuka, wie er in einen Strudel gezogen wurde, dennoch blieben die Erinnerungen aus. Verwirrt schaute er Pony an.
„Du wirst dich heute Nacht im Traum an etwas erinnern und es wird wahrscheinlich nicht schön sein. Ich kann dir nicht sagen an was und an wieviel, doch du wirst deiner Vergangenheit ein Stück näherkommen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Egal, was du erfährst, du muss dich dem stellen, ob du bereit bist oder nicht.“
Ritsuka nickte, noch immer leicht benommen und bereitete für die neuen Gäste ein Nachtlager vor. Er hatte es noch nie so eilig gehabt, ins Bett zu kommen. Egal, was er erfahren würde, es würde ihn weiterbringen. Davon war er fest überzeugt.
Li und Pony sahen der Nacht nervös entgegen und hofften inständig, dass sie nicht zu weit gegangen waren und Ritsuka wirklich bereit war, sich seinen verdrängten Erinnerungen zu stellen, und nicht daran zerbrach.
Enthüllungen
Die Nacht warf lange Schatten in Soubis Wohnung, die schwer auf den Boden fielen. Ritsuka lag ungeduldig in seinem Bett, wollte unbedingt einschlafen und fand doch keinen Schlaf. Die Stimmen des Tages hallten in seinem Kopf wider. Die Ereignisse des Tages ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er hatte Seimei getroffen und hatte nichts erreicht. Soubi war abermals fort und beinahe wären seine Freunde ermordet worden – angeordnet durch seinen Bruder. Warum tat Seimei das? Stimmte das, was Li und Pony behaupteten? Dann benötigte sein großer Bruder dringend Hilfe … und was war mit ihm?
Ritsuka drehte sich unruhig von einer Seite auf die nächste. Es war fast drei Uhr morgens, als er endlich die Augen schloss und von den Fäden des Schlafes in einen tiefen Traum mitfortgetragen wurde – zurück in eine Zeit, die er längst verloren geglaubt hatte.
☙
Ritsuka blinzelte gegen das Sonnenlicht und runzelte die Stirn, als er das alte Gebäude erkannte und sich selbst, wie er darauf zusprang. Er sah sich in seiner jüngeren Version und die Gefühle seines früheren Ichs sprangen auf ihn über. Die Welt war heller, leichter, voller Lachen. Der Ritsuka aus der Vergangenheit rannte über den Schulhof, umringt von Stimmen, die seinen Namen riefen. Er hatte Freunde, viele Freunde, und an einig kehrte seine Erinnerung beim bloßen sehen in weichen Wogen zurück. Was auch zurückkehrte, war die unterschwellige Angst, die er damals verspürt, aber nicht verstanden hatte. Eine Grenze, die er nicht zu überschreiten wagte. Er hatte es damals nicht benennen können und auch nicht wollen, doch er hatte keinen einzigen seiner zahlreichen Freunde mit nach Hause genommen. Seimei würde das nicht gefallen. Sein großer Bruder hatte es nie ausgesprochen und doch waren da diese unzähligen Anspielungen. Er wollte seinen Bruder nicht traurig sehen oder eifersüchtig machen. Er liebte ihn von ganzem Herzen und doch hatte er nicht selten ein beklemmendes und mulmiges Gefühl. Seimei, der große Bruder, der immer lächelte, aber dessen Augen nie wirklich lachten. Seimei, der alles wusste, alles sah, ihn vor seiner Mutter beschützte – und doch nie greifbar war.
Die Szene wechselte in den Klassensaal und Ritsuka stellte sich nach hinten in eine Ecke, um das Treiben und sein früheres Ich zu beobachten. Ein seltsames Prickeln durchzog seine Haut. Er konnte sich nicht erinnern, doch er war sich sicher, dass gleich etwas ganz Wichtiges passieren würde.
Die Tür öffnete sich und mit der Lehrerin kam ein neuer Junge in die Klasse. Er hatte zerzaustes Haar und ein Lächeln, das aus purem Sonnenlicht zu bestehen schien. Schon beim ersten Blick merkte sein Ich aus der Vergangenheit, dass er etwas ganz Besonderes war. Ihre Blicke trafen sich und er spürte eine einzigartige Verbundenheit, die sein Herz vor Freude springen ließ.
„Toma…“, flüsterte Ritsuka und spürte einen stechenden Schmerz in der Brust. Mit einem Mal war er nicht mehr der Beobachter, sondern mittendrin in seinem damaligen ich. Wirklichkeit, Traum und Vergangenheit verschmolzen zu einer Einheit.
Der Junge stellte sich vor die Klasse, die Hände nervös hinter dem Rücken verschränkt. „Ich bin Toma. Ich bin neu hier. Ich hoffe, wir werden Freunde.“
Die Lehrerin bat ihn, sich neben Ritsuka zu setzen. Toma ließ sich auf den Stuhl fallen, drehte sich sofort zu ihm um und flüsterte: „Hi! Du siehst nett aus. Magst du Katzen?“
Ritsuka blinzelte überrascht, dann nickte er schüchtern. „Ja… sehr sogar.“
Toma grinste. „Ich auch! Ich hab zu Hause eine, sie heißt Momo. Sie schläft immer auf meinem Kopfkissen.“
Ritsuka musste lachen, leise und ein bisschen verlegen. Toma kramte in seiner Tasche und zog ein zerknittertes Kaugummipapier hervor. „Willst du? Ist zwar schon ein bisschen alt, aber noch süß.“
Sie teilten sich das Kaugummi, kicherten, als die Lehrerin sie ermahnte, leise zu sein. In der Pause zeigte Toma ihm, wie man Papierflieger faltet, und Ritsuka brachte ihm bei, wie man heimlich Süßigkeiten in den Unterricht schmuggelt. Sie rannten über den Hof, jagten sich um die Bäume, warfen sich lachend ins Gras. Toma erzählte von seiner alten Schule, von seinen Lieblingscomics und davon, dass er Angst vor Gewittern hatte.
Mit Toma verging die Zeit wie im Flug und alles schien möglich. Er hatte viele Freunde, doch dieser, war etwas ganz Besonderes.
Sie bauten zusammen kleine Burgen aus Sand, tauschten Sammelkarten und schworen sich, immer füreinander da zu sein. Toma nahm Ritsuka manchmal an der Hand, wenn er sich fürchtete, und Ritsuka spürte, wie sein Herz jedes Mal ganz warm wurde und seinen ganzen Körper mit einem wohligen Prickeln füllte.
Doch zu Hause schwieg Ritsuka. Er versteckte die Freundschaft wie einen Schatz, den niemand finden durfte. Nach der Schule verabschiedete er sich immer schon an der Ecke, bevor er in Sichtweite seines Hauses kam. Er erzählte Seimei nichts von Toma, nicht von den gemeinsamen Spielen, nicht von den kleinen Geheimnissen, die sie teilten. Er liebte seinen Bruder, doch er war sich sicher, dass dieser nicht mit Toma einverstanden war. Er würde ihn nicht akzeptieren, genauso wenig wie er all seine anderen Freunde akzeptieren. Ritsuka konnte nicht sagen warum, doch er wusste instinktiv, dass er Toma geheim halten musste.
Doch Seimei beobachtete ihn, immer, mit diesem wissenden Blick. Es war, als könnte er Gedanken lesen, als würde er jede Veränderung in seiner Stimmung sofort spüren. Ritsuka war unwohl. Er wollte ihm nichts verheimlichen, doch noch mehr Angst bereitete ihm Seimeis Reaktion, wenn er ihm von seinem wertvollen Freund erzählen würde.
Eines Abends, als Ritsuka nach Hause kam, saß Seimei am Fenster, das Gesicht im Schatten. Die Luft im Zimmer war schwer, als hätte jemand alle Fenster geschlossen.
„Du bist in letzter Zeit immer fröhlich“, sagte Seimei leise, ohne sich umzudrehen. „Ist etwas außergewöhnliches passiert? Eine neue Freundschaft zum Beispiel?“
Ritsuka zuckte zusammen und sein Herz schlug wie wild. „Nein… ich… ich war nur draußen. Dort ist es schön. Ich kenne ganz viele tolle Orte. Soll ich sie dir mal zeigen?“
„Das ist lieb, aber nein, danke.“
Seimei drehte sich langsam zu ihm um, sein Lächeln war sanft, aber seine Augen waren kalt wie Glas. „Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst, oder? Ich bin immer für dich da.“
Ritsuka nickte, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Er spürte, wie Seimeis Blick ihn durchbohrte, als würde er ganz tief in seinem Innern nach der Wahrheit graben. Er wusste, dass er angelogen wurde. Ganz sicher und dennoch konnte er es ihm nicht sagen. Es ging nicht. Eine Sperre hatte sich in seine Kehle verankert und verhinderte es.
Seimei stand auf, trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du bist mein kleiner Bruder. Niemand versteht und liebt dich so wie ich. Du kannst immer zu mir kommen. Vergiss das nicht.“
Ritsuka nickte wieder, und trotz der lieben Worte, die doch nichts Böses bedeuten durften, wuchs die Angst in seinem Innern – eine unbeschreibliche Angst, die er nicht benennen oder gar begründen konnte, die keinen Namen hatte, aber alles überschattete.
Wieder machte die Szene einen Sprung und Ritsuka wurde schlecht. Panik übermannte ihn. Etwas in ihm wollte erwachen, wollte fliehen vor dem, was jetzt passieren würde, doch er konnte nicht. Er war gefangen in seinem Traum und egal, was jetzt geschehen würde, es gab kein Zurück, genau wie Pony gesagt hatte.
Der Himmel verfinsterte sich. Dunkle Wolken zogen auf, als hätte jemand das Licht aus der Welt gesogen. Ritsuka war mit Toma verabredet, doch der erschien nicht. Stattdessen kam ein anderer Schüler, den er zuvor noch nie gesehen hatte, zu ihm, die Stimme unsicher:
„Toma wartet im Klassenzimmer auf dich. Er hat gesagt, er muss dir was zeigen und du sollst kommen.“
Ein eisiger Schauer lief Ritsuka über den Rücken. Etwas stimmte nicht. Trotzdem ging er los, getrieben von einer Angst, die er nicht benennen konnte.
Die Schule war fast leer, die Gänge hallten von seinen Schritten wider. Er rief nach Toma, doch nur sein Echo antwortete. Eine unsichtbare Macht zog ihn weiter, führte ihn durch die Flure, bis er vor seinem Klassenzimmer stand. Die Tür stand sperrangelweit offen.
Drinnen, im kalten Licht, saß Toma auf einem Stuhl. Seine Hände waren auf den Rücken gefesselt, ein Tuch presste sich über seinen Mund. Seine Augen waren weit aufgerissen, Tränen liefen über seine Wangen. Er sah Ritsuka an, flehte stumm um Hilfe.
Ritsukas Herz setzte einen Takt lang aus. Er wollte zu ihm rennen, doch plötzlich stand Seimei neben dem Stuhl und er erstarrte in seiner Bewegung. Sein Blick war leer, seine Stimme ein Flüstern, das wie ein Messer schnitt.
„Du hast mich verraten, Ritsuka. Du hast mich wegen dem hier angelogen. Er will dich mir wegnehmen. Das kann ich nicht zulassen, dass verstehst du doch?“
Ritsuka stockte der Atem. Er wollte antworten, doch seine Stimme versagte. Immer wieder kreiste derselbe Gedanke durch seinen Kopf umher: Bitte lass es nur einen Albtraum sein. Das darf nicht passieren. Bitte lass es einen Albtraum sein!
„Ich bin wirklich traurig. Und das nach allem, was ich für dich getan habe. Ich bin der Einzige, der dich beschützt und dich wirklich liebt. Weißt du das denn nicht? Alles, was ich tue, tue ich nur für dich. Deswegen muss ich dich jetzt bestrafen und ihn, der dich mir wegnehmen will“, sagte Seimei leise. Da war sie: die andere Seite von Seimei, die sein Bruder nie offensichtlich gezeigt, doch die er immer im Unterbewusstsein erahnt, verdrängt und gefürchtet hatte.
Seimei zündete ein Streichholz an. Die Flamme spiegelte sich in seinen Augen, als er sie an Tomas Kleidung hielt. Das Feuer fraß sich gierig durch Stoff und Haut. Toma schrie, ein Laut, der Ritsuka bis ins Innerste fuhr und sein Herz zerriss. Der Gestank von verbranntem Fleisch erfüllte den Raum, Ritsuka rang nach Luft, wollte zu seinem Freund rennen, ihm zu Hilfe eilen, doch Seimei griff eisern nach seinem Arm und hielt ihn fest.
Ritsuka schrie, weinte, flehte, doch Seimei beugte sich zu ihm, seine Stimme wurde weich, hypnotisch.
„Du verstehst es noch nicht, kleiner Bruder, doch ich tue das alles nur für dich. Nur ich weiß, was das Beste ist für dich. Vertrau mir und gib dich mir ganz hin. Vergiss das alles, Ritsuka. Du erinnerst dich nur an eines: Ich bin auf diesem Stuhl gestorben. Das ist alles, was bleibt. An sonst nichts. Ich bin auf diesem Stuhl verbrannt.“
Die Welt wurde schwarz. Ritsuka fühlte, wie sein Bewusstsein schwand und ihn die gierige Dunkelheit verschlang.
☙
Ritsuka erwachte mit einem Ruck, das Herz hämmernd, die Haut feucht von Schweiß. Die Morgensonne warf blasse Streifen auf die Decke, doch die Wärme drang nicht zu ihm durch. Seine Hände zitterten, als er sich aufrichtete. Die Bilder des Traums brannten noch immer hinter seinen Lidern – das Feuer, Seimeis Stimme, Tomas flehender Blick. Er erinnerte sich endlich an einen bedeutenden Teil seiner Vergangenheit und es gefiel ihm nicht. Zwar war er sich bewusst, dass er selbst den Weg gewählt hatte, doch er war sich nicht mehr sicher, ob dies richtig gewesen war. Toma … Seimei hatte Toma getötet, seine Waffe … ein tiefer Stich durchbohrte sein Herz und ließ ihn erzittern.
Aufgewühlt sah er sich um und wollte sich doch am liebsten wieder unter seiner Decke verkriechen.
Neben ihm saßen Yoji und Natsuo, beide blass und erschöpft, aber wachsam. Yoji legte vorsichtig eine Hand auf Ritsukas Schulter und lehnte sich so weit vor, dass sich ihre Köpfe fast berührten.
„Alles okay? Du hast im Schlaf geweint… was hast du gesehen?“
Ritsuka schüttelte nur den Kopf, die Worte blieben ihm im Hals stecken. Natsuo sah ihn besorgt an, doch sagte nichts. Yoji wollte ihn weiter löchern, doch sein Partner zog ihn zurück und presste seine Hand vorsichtig, aber bestimmt auf dessen Mund. Empört blickte sein Freund zu ihm auf, gab dann jedoch unter Natsuos ernstem Blick mürrisch nach. Die Stille war schwer, voller unausgesprochener Fragen.
Da öffnete sich die Tür leise. Pony kam herein, ein Tablett balancierend, darauf eine dampfende Tasse heiße Schokolade mit Sahne und ein Teller Toast. Li folgte ihm, trug eine Schale mit frischem Obst.
„Guten Morgen, Ritsuka“, sagte Li sanft. „Wir dachten, du könntest etwas Süßes gebrauchen. Mehr hat die Küche leider nicht hergegeben. Wir hätten gerne ein amerikanisches Frühstück zubereitet mit Pancakes.“
Pony stellte das Tablett vorsichtig auf Ritsukas Schoß. „Mit extra Sahne. Und Marshmallows. Ich hab die Sahne fast alleine aufgegessen, aber Li hat mich gestoppt.“
Li lächelte und stupste Pony an. „Du bist unmöglich.“
Pony grinste, doch seine Augen waren voller Sorge. Ritsuka sah nicht gut aus. Hatte er falsch gehandelt, indem er seine Erinnerungen weiter aus dem Unterbewusstsein hervorgehoben hatte? Nun war es nicht mehr zu ändern. Der Prozess des Erinnerns war angestoßen und würde sich in den nächsten Tagen weiter an laufen, ob sie wollten oder nicht. Das war es, was er so an seiner Fähigkeit hasste. Einmal in Gang gesetzt war der Prozess nicht mehr rückgängig zu machen oder zu stoppen. „Du siehst aus, als hättest du einen Albtraum gehabt… Willst du darüber reden?“
Ritsuka schüttelte den Kopf, zog die Decke enger um sich. Die heiße Schokolade roch nach Kindheit, nach Geborgenheit – und doch konnte er sie kaum anrühren. Die anderen meinten es nur gut, doch alles, was er in dem Moment wollte, war allein zu sein.
Natsuo schien seine Gedanken zu erraten.
„Wir lassen dich erstmal allein.“
Li nickte und zog den protestierenden Yoji mit sich.
„Komm zum Frühstück nach, wenn du so weit bist, ja?“
Ritsuka nickte, als in dem Moment ein lautes Poltern aus dem Wohnzimmer drang und eine Stimme durch die Wohnung hallte:
„Soubi! Ritsuka! Wo steckt ihr denn?“
Verwundert gingen alle fünf ins Nebenzimmer. Dort stand Kio, halb auf dem Teppich, halb noch im Fensterrahmen, das Fenster weit offen. Er grinste breit, einen Loli im Mund steckend. Sein Haar war zerzaust und seine Brille schief auf der Nase.
„Kio! Was machst du denn da?“, rief Ritsuka verwundert, während die Zero den Kopf schüttelten.
„Wird man im Alter so sonderbar?“, mutmaßte Natsuo und musterte Kio amüsiert. Yoji verschränkte die Arme vor der Brust.
„Alte Menschen sind seltsam. Wir werden anders, denn wir sind Zero. Wir heben uns bereits jetzt ab.“
„Korrekt“, stimmte sein Partner überzeugt zu und Kio runzelte verärgert die Stirn.
„Also hört mal, ich bin nicht alt! Sprecht nicht über mich, als wäre ich ein runzeliger Opa und wer seid überhaupt ihr? Irgendwie werden es hier immer mehr?“, meinte er und deutete auf Boundless, die ihn verwundert ansahen.
„Das sagt der, der gerade durch das Fenster eingebrochen ist“, entgegnete Pony mit einem breiten Grinsen.
„Ich bin ein Freund von Soubi. Wo steckt er? Ist er gar nicht hier?“
Li schüttelte den Kopf und reichte Kio einen Teller Toast. „Einbrecher bekommen bei uns Frühstück. Willst du Marmelade oder Honig?“
Pony grinste frech. „Oder willst du lieber einen Apfel? Damit du nicht so sauer bist wie eben!“
Kio nahm den Toast und setzte sich, das Gesicht immer noch voller Überraschung. „Schon wieder so vorlaute Bälger. Soubi scheint echt eine seltsame Vorliebe für so etwas zu haben. Ich muss mal ein ernstes Wort mit ihm reden, bevor er noch einen Jugendhort aufmacht. Wo ist Soubi denn?“
Ritsuka ließ den Blick sinken und umklammerte fest seine Tasse mit der heißen Schokolade, in der sich die Marshmallows langsam aufzulösen zu begannen. „Er ist… Seimei hat ihn mitgenommen.“ Seine Stimme war leise, fast tonlos. Das Bild von Soubi, der ihm mit gequälter Miene den Rücken zukehrte, um ihn allein zu lassen, schob sich unangenehm in den Vordergrund.
Kios Kinnlade fiel herunter und er starrte Ritsuka fassungslos an. Aschfahl schlug er mit der Faust auf den Tisch.
„Verflucht nochmal – das kann doch nicht wahr sein! Dieser Seimei … immer macht er alles kaputt. Ich dachte er wäre endlich fort und dass Soubi … er hätte niemals gehen dürfen! Wieso hat ihn denn keiner aufgehalten?!“
Li und Pony tauschten einen einvernehmlichen Blick, dann schoben sie Kio einen Becher heiße Schokolade und einen Teller mit Obst hin. „Hier, iss erstmal. Das hilft gegen schlechte Laune.“
Kio verzog missmutig das Gesicht.
„Was ist das denn?“
„Heiße Schokolade“, kam es unisono von Boundless und Kio schüttelte den Kopf.
„Habt ihr keinen Tee oder Kaffee? Das ist typisch Soubi …“
„Erst einbrechen und jetzt noch Sonderwünsche äußern? Probier erst mal. Den anderen schmeckt es auch“, beschwerte sich Li und nickte dem Rest am Tisch auffordernd zu.
„Geht so“, murmelte Natsuo und nippte jedoch ununterbrochen an der Tasse.
„Kann man trinken, für den Anfang nicht schlecht“, meinte Yoji und löffelte die letzten Marshmallows heraus. Auch Ritsuka murmelte bejahend.
„Na dann … wollen wir mal“, Kio nahm einen Schluck, und sein Gesicht entspannte sich langsam. Pony stupste ihn an.
„Du bist echt der lustigste Einbrecher, den wir je hatten. Hast du wenigstens was Wertvolles gefunden?“
Li grinste. „Außer Staub und einer kaputten Vase?“
Kio lachte, zum ersten Mal an diesem Morgen. „Ihr seid unmöglich! Ich wollte Soubi erschrecken, nicht euch. Und Staub ist das Einzige, was Soubi zuverlässig sammelt.“
Natsuo schob ihm noch einen Toast zu. „Du bist jetzt offiziell unser Frühstücksgast. Und Einbrecher. Wir sollten dich anzeigen.“
Yoji nickte ernst. „Oder wenigstens ein Foto machen, damit wir dich beim nächsten Mal erkennen.“
Pony zog sein Handy raus und hielt es Kio unter die Nase. „Sag 'Einbrecher'!“
Kio verzog das Gesicht, aber die Stimmung lockerte sich mit jeder verstreichenden Sekunde. Sogar Ritsuka musste schmunzeln, und die Schwere des Morgens wich langsam aber sicher einer warmen Leichtigkeit.
Doch während Kio lachte und sich mit Pony und Li neckte, fiel Ritsuka auf, dass Kio immer wieder abwesend wirkte, als würde ihn etwas beschäftigen. Anscheinend war er nicht der einzige, der mit vielem zu kämpfen hatte. Die Freunde bemerkten es ebenfalls.
„Kio, warum wolltest du Soubi eigentlich sehen?“, fragte Ritsuka plötzlich, die Stimme sanft.
Yoji legte den Kopf schief. „Du bist doch nicht nur zum Frühstücken gekommen, oder?“
Die Jugendlichen schauten ihn neugierig an. Kio setzte ein Lächeln auf, jedoch war es nur sein Mund, der Lächelte. Die Augen sprachen eine ganz andere Sprache.
„Alles in Ordnung. Das geht euch nichts an. Dafür seid ihr noch zu jung.“
„Jetzt sprichst du wie ein alter Opa“, konterte Yoji und streckte ihm provozierend die Zunge heraus. Natsuo nickte zustimmend.
„Lame.“
„Wir haben alle mehr erlebt und hinter uns als andere. Zu jung ist kein gültiges Argument“, entgegnete Li und lehnte sich nach hinten.
„Abgesehen davon hat dich hier jeder am Tisch durchschaut, also …“, fügte Pony hinzu und Ritsuka setzte sich näher zu Kio.
„Ich habe dir auch wegen Soubi geantwortet.“
Kio seufzte, sein Lächeln verschwand. Gegen so viele gewichtige Argumente kam auch er nicht an oder vielleicht wollte er es einfach nicht. Er war durcheinander und hatte gehofft, mit Soubi reden zu können. Warum eigentlich? Hätte ihm Soubi wirklich zugehört? Fragen über Fragen, er raufte sich kurz sein Haar. Dann drehte er den Becher in den Händen, als müsste er sich Mut antrinken. Was sollte es. Ob Soubi oder die Kids, was machte das momentan für einen Unterschied? Er biss sich auf die Lippen und verfluchte seinen Kommilitonen, dass er wieder mit Seimei mitgegangen war. Dies war eins der Dinge, vor denen er sich immer gefürchtet hatte.
„Na gut, aber beschwert euch hinterher nicht. Ich… war bei meiner Familie“, begann er stockend. „Da gibt es strenge Regeln. Nur Frauen werden akzeptiert, hoch angesehen und dürfen im Hauptsitz bleiben. Ich… habe eine Tochter, aber wir haben keine richtige Bindung. Ich wusste damals noch nicht mal, dass sie geboren wurde und hatte somit auch nie wirklich Kontakt zu ihr. Sie ist in der Familie rangtechnisch höher als ich, obwohl ich ihr Vater bin.“
Er hielt inne, die Freunde schwiegen mit gemischten Gefühlen.
„Und ich habe eine jüngere Schwester, von der ich bis zu meiner Geiselnahme nichts wusste, und die mich da … besucht hat. Anscheinend ist sie in dasselbe System wie ihr involviert. So ganz kapiert habe ich das nicht. Meine Mutter hat mir nie von ihr erzählt. Sie wurden in der Kindheit getrennt, und meine Mutter weigert sich, mir mehr zu sagen. Ich würde sie gerne sehen, sie kennenlernen… aber ich weiß nicht, wie.“
Die Freunde sahen Kio betroffen und zum Teil verwirrt an. Pony legte ihm die Hand auf die Schulter. „Das klingt echt schwer. Aber vielleicht können wir dir helfen, sie zu finden.“
Li nickte. „Wenn sie wirklich eine von uns ist, wie du sagst, dann sollte das machbar sein.“
Natsuo seufzte und schloss kurz die Augen, bevor er das Wort ergriff.
„Es ist machbar. Ich kann sie durch denselben Weg ausfindig machen, wie ich Seimei ausfindig gemacht habe. Ich bräuchte nur ihren Namen.“
Yoji runzelte die Stirn.
„Sag mal, wer bezahlt denn für die Infos? Das kostet doch bestimmt massig Geld.“
Natsuo begann zu grinsen.
„Nagisa-Seinsei wird alle Kosten tragen, um Seimei ausfindig zu machen. Immerhin wurde ihr geliebter Ritsu verletzt.“
„Urks, würg.“ Yoji verzog angewidert das Gesicht. Was fand Nagisa Seinsei nur an dem Alten?
„Ihr könnt das wirklich bewerkstelligen?“ Kio schaute perplex drein, doch die beiden Jungen nickten.
„Jo, überlass das nur uns.“
„Aber warum solltet ihr das für mich tun?“
„Ist doch klar: weil du einer von Ritsukas und Soubis Freunden bist. Außerdem ist es nicht unser Geld und Nagisa-Sensei kann ruhig mal ein bisschen blechen, falls Rituska einverstanden ist“, meinte Natsuo und schielte zu Ritsuka, der bejahend nickte.
Auf Yojis Gesicht formte sich ein freches Grinsen.
„Außerdem gibst du uns immer Lollies“, ergänzte er und hielt auffordernd seine Hand auf.
Kio lächelte schwach, dann schob er seine Brille zurecht und grinste wieder. „Ihr seid echt besser als jede Therapie, wisst ihr das?“
Ritsuka sah Kio an, und zum ersten Mal seit dem Erwachen fühlte er sich nicht mehr ganz so verloren. Die Sorgen der anderen, die kleinen Gesten, das gemeinsame Frühstück – sie gaben ihm Halt. Er war nicht allein. Egal was noch kommen würde, ganz gleich, was er noch erfahren würde, er würde es schaffen. Er hatte einen Niederschlag erlitten, doch er gab nicht auf. Soubi benötigte Hilfe. Er würde ihn um jeden Preis zurückholen und er würde dafür sorgen, dass auch sein Bruder seine Taten bereute und auf den richtigen Weg kam. Ob in einer geschlossenen Anstalt oder ohne. Er durfte anderen Menschen nichts mehr antun. Nie mehr.
Frühstücksgeflüster
Die Sonne schien durch das Fenster und tauchte die kleine Küche in warmes Licht. Akito und Chouma saßen beim Frühstück, die Teller voll mit Toast, Marmelade und frischem Obst. Akito schob sich eine Erdbeere in den Mund, strich sich durch sein braunes Haar und grinste Chouma an.
„Du bist heute ungewöhnlich still, Chouma. Ist das etwa die berühmte Morgenmuffeligkeit des weiblichen Geschlechts, bevor ihre Bäuche gefüllt sind, oder hast du was auf dem Herzen?“
Chouma verdrehte die Augen, aber ein Lächeln zuckte um ihre Lippen. „Du bist wie immer unmöglich, Akito. Ich denke nur nach.“
Akito lehnte sich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Das Sonnenlicht fiel auf seine Stirn und ließ seinen Sternenaufkleber hell leuchten. „So kennst und liebst du mich doch. Ich kann dich doch nicht enttäuschen. Na, dann erzähl mal. Was beschäftigt dich so früh am Morgen?“
Chouma schob ihren Teller zur Seite und sah Akito ernst an. „Ich habe letztens meinen Zwillingsbruder getroffen.“
Akito verschluckte sich fast an seiner Erdbeere. „Was? Kio?“
Sie grinste überlegen. „Wer denn sonst? Einen anderen habe ich nicht und abgesehen davon, heißt das Wie bitte. Als Waffe solltest du um ein Vielfaches wortgewandter sein, findest du nicht?“
„Keine Sorge, ich erweitere meinen Wortschatz für dich jeden Tag unermüdlich. Immer hin sind wir Tireless … Jetzt aber mal zurück zu deinem Zwilling. Wie ist das denn passiert?“
„Bloodless hatte ihn als Geisel genommen. Ich hab die Chance genutzt, als sie draußen Soubi und Ritsuka gekämpft haben, und bin zu ihm rein.“ Chouma zuckte scheinbar teilnahmslos mit den Schultern, doch ihr Partner wusste es besser: da ging eine Menge in ihr vor.
„Und wieso bist du zu ihm hin? Wieso warst du überhaupt alleine da? Blodless hätte dich entdecken können und dich zum Battle herausfordern können.“
„Halt die Luft an. Falls das passiert wäre, hätte ich dich natürlich gerufen. Ich wollte nur Informationen über Seimei sammeln, da habe ich meinen großen Bruder entdeckt.“
Akito seufzte. „Sturr wie eh und je. Wie soll ich da auf dich aufpassen?“
„Ich kann auf mich selbst aufpassen.“
„Dessen bin ich mir wohl bewusst, aber ich bin und bleibe nun mal deine Waffe.“
„Seit wann machst du dir Sorgen um mich?“ Sie zwinkerte ihm neckisch zu und griff nach einem Lolli.
„Ich kann gar nicht anders. Als deine Waffe ist es meine Pflicht mir Sorgen …“
Er wurde abrupt unterbrochen, als Choumas geworfene Erdbeere ihn genau ins Gesicht traf.
„Au … das hat gesessen.“
„Sollte es auch, mein Lieber.“
„Und was ist jetzt mit Kio? Ich dachte, du willst nichts mit ihm zu tun haben?“
„Will ich auch nicht.“
„Aber wieso bist du dann zu ihm hin?“
„Ich war neugierig und es hat sich nun mal ergeben. Das ist alles.“
Akito grinste sie provozierend an. „Na, sieh mal einer an! Die große Chouma sorgt sich um ihren Bruder und zeigt Gefühle. Ich dachte, du hältst Männer für schwach und unnütz.“
Chouma schnaubte und setzte zum erneuten Wurf an, doch ihr Partner war dieses Mal darauf vorbereitet und wich aus. „Was hat das mit Gefühlen zu tun? Ich war nur neugierig. Und ja: Männer sind das schwächere Geschlecht, auch wenn sie das gerne leugnen und die Wahrheit verdrehen.“
„Würde ich dich nicht besser kennen, würden deine Worte mitten durch mein Herz gehen. Hast du ihn wenigstens befreit? Nicht? Du bist einfach zu grausam.“ Akito lachte amüsiert auf, bevor seine Gesichtszüge ernst wurden.
„War es ein gutes Gespräch?“
„Es war lustig. Du hättest sein Gesicht sehen sollen. Er wusste nicht einmal, dass ich existiere.“
„Der Arme war bestimmt komplett überfordert …“ Akito musterte seine Partnerin von oben bis unten. Er konnte fühlen, dass sie es gar nicht lustig fand, dass ihr Bruder keinen Schimmer von ihrer Existenz hatte. Sie litt an der Trennung von ihrem Zwilling, auch wenn sie das nie zugeben wollte. „Da er nun eh von dir weiß, solltest du ihn wiedertreffen.“
Chouma verschluckte sich am Kaffee und schaute ihn empört an.
„Wozu das denn bitte?!“
Akito kratzte sich nachdenklich am Nacken. „Ich denke, es täte euch beiden ganz gut und ihr hättet viel zu reden. Ihr könntet eine Beziehung zueinander aufbauen, die man euch damals verwehrt und gestohlen hat.“
„Was soll das bringen?“
Sie funkelte ihn wütend an und wartete, doch ihr Partner hatte nicht vor, darauf zu antworten. Chouma atmete tief durch. Dieser verdammte Akito … er war der einzige, dem es gelang, sie immer wieder aus dem Konzept zu bringen. Doch so leicht gab sie sich nicht geschlagen.
„Kio ist nicht einmal im Spall Battle eingeweiht, er gehört nicht dazu und versteht unsere Welt nicht.“
„Und? Er wurde bereits dennoch mehr als einmal mit reingezogen und als Soubis Freund hat ihn Seimei jetzt auf dem Schirm. Unbeteiligt ist er schon lange nicht mehr, meinst du nicht?“
Ihre Miene verfinsterte sich und sie ballte die Hände zu Fäusten, starrte für einige Sekunden gedankenverloren in ein unsichtbares Loch.
„Ich bin all die Jahre ohne ihn zurechtgekommen.“
Akito schob ihr einen Toast zu. „Du bist aber nicht all die Jahre glücklich gewesen, oder?“
Chouma schwieg. In ihrem Inneren tauchte eine Erinnerung auf – eine Szene aus ihrer Kindheit, die sie nie vergessen hatte:
Sie war noch klein, versteckte sich hinter einem Baum im Park. Ihr Bruder Kio spielte mit anderen Kindern, lachte, rannte, fiel hin und stand wieder auf. Chouma durfte nicht zu ihm, durfte nicht mitspielen. Sie beobachtete ihn heimlich, das Herz schwer, die Sehnsucht groß. Sie wollte ihm zurufen, wollte ihm sagen, dass sie seine Schwester war – aber sie durfte es nicht. Die Regeln ihrer Familie waren unerbittlich und ihr Bruder, sowie alle Männer, hatten darin nun mal nichts verloren. Sie waren Samenspender. Nicht mehr und nicht weniger. Sie blieb im Schatten, sah zu, wie Kio weiterlief, ohne zu wissen, dass sie da war. Ihr Herz schmerzte in der Brust.
Die Erinnerung brannte in ihr, lockte erneut den Schmerz von damals empor, und sie schob den Toast weg.
„Du bist echt eine Nervensäge, weißt du das? Hast du nicht andere Dinge zu erledigen, bevor du dich in meine Angelegenheiten einmischt? Wolltest du dir nicht ein Hobby suchen? Was ist daraus geworden? Du scheinst mir viel zu unausgelastet, mein Lieber.“
Akito grinste. „Du bist mein Hobby. Und jemand muss ja auf dich aufpassen.“
„Niemand muss auf mich aufpassen.“
„Doch, allein schon was deine Ernährung anbelangt. Iss mal was Richtiges zum Frühstück und nicht nur diese klebrigen Bonbondinger.“
„Das nennt man Lutscher. Du bist nur so frech, weil du weißt, dass ich dich als meine Waffe nicht verprügle.“
Akito lachte. „Du würdest dich eh nicht trauen. Und wenn, dann nur mit Marmelade.“
Chouma warf ihm eine Erdbeere zu, die Akito geschickt auffing. „Du bist unmöglich.“
„Aber du magst mich trotzdem – du kannst gar nicht anders“, konterte Akito und zwinkerte.
Chouma seufzte, aber ihr Lächeln wurde wärmer. „Vielleicht… vielleicht sollte ich Kio wirklich treffen. Nur um zu sehen, ob er immer noch so tollpatschig ist wie früher.“
Akito hob die Tasse. „Darauf trinken wir. Und ich wette, du wirst ihn mögen – zumindest ein bisschen. Immerhin ist er dein Zwilling. Deine zweite Hälfte kann sich gar nicht so groß von dir unterscheiden.“
„Du bist wirklich ein eingebildeter Kotzbrocken.“
„Freut mich. Aus dem Grund passen wir auch perfekt zusammen.“
Chouma stieß mit ihm an und wusste nicht, ob sie ihren Partner verfluchen oder ihm dankbar sein sollte. Dennoch konnte sie sich keine bessere Waffe als ihn wünschen.
☙
Die Morgensonne tauchte den Schulhof in ein goldenes Licht. Ritsuka, Yoji und Natsuo schlenderten nebeneinander durch das Eingangstor, die Taschen lässig über die Schultern geworfen. Yoji gähnte demonstrativ und Natsuo streckte sich, als hätte er die halbe Nacht nicht geschlafen.
„Warum beginnt die Schule eigentlich immer so früh?“, meinte Yoji und streckte sich ausgiebig.
„Ja, es ist viel zu früh, um richtig denken zu können“, stimmte Natsuo zu und ein fieses Grinsen kreuzte seine Gesichtszüge. „Auf der anderen Seite sind die anderen so dumm, dass sie vielleicht einfach mehr Zeit brauchen, um zu lernen.“
„Stimmt, wir beide sind ihnen weit voraus.“
Ritsuka wollte gerade widersprechen, als plötzlich Yuiko aus dem Schatten eines Baumes sprang. Aufgeregt rannte sie ihnen winkend entgegen und ihre Zöpfe wippten wild im Takt.
„Wenn man gerade davon spricht“, meinte Natsuo und Yoji lachte zustimmend.
„Ritsuka! Yoji! Natsuo! Ihr seid endlich da!“ Sie nahm Ritsuka in die Arme und drückte ihn fest an sich. „Ich habe mir Sorgen gemacht! Wo wart ihr gestern?“
„Uns ging es nicht so gut“, entgegnete Ritsuka, „aber jetzt ist wieder alles okay.“
Yuiko ließ ihn los und schaute die drei abwägend und besorgt an. Sie hatte jedoch keine Zeit, um nachzuhaken, denn im nächsten Moment ertönte die Schulglocke. Die Schüler um sie herum strömten in Richtung Eingang. Fröhlich schnappte sich das Mädchen Ritsukas Arm.
„Es war sooooo langweilig ohne euch! Schön, dass ihr wieder da seid! Jetzt aber los, sonst kommen wir zu spät!“
Natsuo und Yoji folgten ihnen gelangweilt, während Yuiko die Gruppe energisch ins Gebäude schob. Die Stimmung war ausgelassen, und für einen Moment fühlte sich alles fast normal an.
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Die Glocke läutete zur großen Pause und die vier suchten sich einen freien Tisch und packten ihre Bentos aus. Yuikos Augen wurden groß, als sie die Essenspakete ihrer Freunde sah.
„Wow, wer hat euch denn die gemacht?“
Die Zero begannen zu grinsen.
„Die sind von unserem Besuch“, antwortete Yoji. „Da kannst du noch kochen lernen.“
Yuiko wurde ganz mulmig zu Mute. Wer besuchte Ritsuka und sorgte für ihn? Hoffentlich kein anderes Mädchen … Ihr Herz machte verzagte Sprünge und sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Trotzdem bemerkten die anderen ihre Reaktion und Natsuo konnte es sich nicht verkneifen, einen drauf zu setzen: „Und attraktiv sind sie auch noch.“
„Häh?!“, Yuiko saß kerzengerade und wurde aschfahl. Tränen sammelten sich in ihren Augen und Ritsuka schüttelte seufzend den Kopf.
„Ihr findet uns attraktiv? Das hört man doch gerne“
Die vier Freunde wirbelten herum, als Lis Stimme erklang und dieser mit Pony grinsend auf sie zu schlenderte.
„Du bist bestimmt Yuiko. Freut uns“, meinte Pony, bevor er sich und seinen Partner vorstellte. Sie griffen sich zwei leere Stühle und nahmen am Tisch Platz.
„I… ihr seid die Gäste?“, stotterte Yuiko, die Erleichterung deutlich anzusehen. Die beiden Jungen nickten und zwinkerten ihr aufmunternd zu, während Yoji, bedauernd über den fehlenden Spaß, mit der Zunge schnalzte. Natsuo lachte auf.
„Das möchte ich meinen“, entgegnete Li. „Na, wie läuft’s in der Schule?“
„Langweilig wie immer“, antwortete Yoji. „Aber wenigstens gibt’s jetzt Frühstück.“
Pony grinste. „Ist ja eigentlich mehr Mittagessen.“
Yuiko sprang auf. „Ich geh Getränke holen! Will jemand was?“
„Klar, einen Tee,“ orderte Natsuo und lehnte sich lässig in die Stuhllehne zurück.
„Für mich Saft, aber nicht mit so viel Zucker, kapiert.“ Yoji streckte ihr die Zunge heraus und bekam prompt von Li einen ermahnenden Stoß.
„Zwei Mal Erdbeermilch, also eine für Li und eine für mich.“ Pony nickte ihr dankbar zu.
Um Yuikos Kopf schwirrten Fragezeichen und Ritsuka stand sogleich auf.
„Ich helfe dir. Es ist viel zu viel, um alles allein zu tragen.“
„Ja, hast Recht.“ Yuiko kratzte sich lachend am Hinterkopf. „Danke Ritsuka, du bist immer so nett.“
Gemeinsam gingen sie zum Automaten. Währenddessen blieben Yoji, Natsuo, Li und Pony am Tisch zurück. Die Zero warfen den Boundless ernste Blicke zu.
„Oha, ich sehe schon, jetzt kommt es zum Verhör“, meinte Li und fischte sich eine Waffel aus der Box. Sein Partner nickte und schnappte sich ein Stück Apfel. „Es geht bestimmt um Ritsukas Traum und den Erinnerungsfetzen, hab ich Recht?“
Die Zero nickten. Ritsuka hatte am Abend des Vortages mit ihnen endlich darüber gesprochen, doch seitdem waren die beiden ruhelos.
Yoji seufzte, bevor es impulsiv aus ihm herausbrach: „Ich versteh nicht, wie er seinem Bruder noch verzeihen kann. Wenn jemand meine Waffe tötet, würde ich das nie verzeihen.“
Natsuo nickte und strich Yoji beruhigend über den Rücken. „Und überhaupt – wo ist eigentlich Ritsukas Name? Der muss doch erschienen sein. Und hatte Toma schon seinen Namen? Dann hätte Sieben Monde und Nagisa doch wissen müssen, wer Ritsukas Waffe ist. Außer sie wissen es und haben es nicht preisgegeben.“
Boundless tauschte einen Blick, ihre Mienen wurden ernst. Pony kaute auf seinem Apfel, Li sah auf den Tisch.
Yoji ließ nicht locker. „Ihr wisst doch was, oder? Spuckt es aus!“
„Der Mist hat uns die ganze Nacht beschäftigt. Also wenn ihr was wisst, dann raus mit der Sprache“, stimmte Natsuo mit ein. „Und was ist eigentlich mit Ritsukas Name passiert? Keiner von uns hat diesen an seinem Körper entdeckt, er selbst auch nicht, doch er muss da sein.“
Li atmete tief durch. „Ritsukas Name… ist bereits erschienen. Damals, als er und Toma Freunde wurden, begann der Name zu wachsen. Bei Toma war er allerdings noch am Erscheinen und wir vermuten, dass Nagisa und die anderen es deshalb noch nicht wussten, aber…“
Pony ergänzte leise: „Durch die traumatischen Ereignisse und die Manipulation von Seimei hat es dieser geschafft, dass Ritsukas wahrer Name wieder nach Tomas Tod auf der Haut verschwindet. Seimei hat ihn sozusagen mit Toma ausgelöscht – zumindest vorübergehend.“
Yoji starrte Li an. „Kann man einen Namen einfach verschwinden lassen? Und was bezweckt er damit?“
Li nickte langsam. „Ich glaube nicht, dass dies beabsichtigt war. Auch nicht, dass Seimei wusste, dass so etwas passieren kann. Es bringt ihm keinerlei Nutzen. Das mit dem Namen ist eher zufällig passiert durch das Trauma. Ritsuka hat vieles verdrängt, vieles vergessen. Erst wenn er bereit ist, alles zu erinnern, alles zu akzeptieren, wird sein Name wieder erscheinen.“
„Shit …“, murmelte Natsuo und Yoji kratze mit seinem Stäbchen frustriert auf der Oberfläche des Holztisches herum. Die Stimmung am Tisch wurde drückend, schwer. Yoji blickte auf seine Hände. „Ich könnte das nicht. Ich könnte dem Mistkerl nicht vergeben. Und ich könnte nicht ohne meinen Namen leben.“
Natsuos Miene verfinsterte sich bei seinen Worten. Unweigerlich musste er daran denken, was den weiblichen Zeros passiert war. Die Tante hatte auch ihren Namen verloren. Es war offensichtlich, dass Nagisa ihn austauschen wollte. Wenn er seinen Namen verlieren würde, was würde sein Partner dann tun?
Li legte Yoji die Hand auf die Schulter. „Manchmal muss man erst alles verlieren, um sich selbst zu finden.“
Pony nickte. „Und manchmal braucht man Freunde, die einen daran erinnern, wer man wirklich ist.“
Als Ritsuka und Yuiko zurückkamen, spürten sie die Schwere im Raum. Ritsuka setzte sich, sah in die Runde und wusste, dass die Wahrheit schwer auf allen lastete. Doch als Pony ihm ein Stück Waffel reichte, Li und seine Freunde ihm aufmunternd zulächelten, fühlte er einen Funken Hoffnung.
Seelenschmerz
Das geräumige Bistro war fast leer, nur das leise Klirren von Geschirr und das Murmeln vereinzelter Gäste erfüllte den Raum. Seimei saß am Fenster, den Blick auf die vorbeiziehenden Passanten gerichtet, während Soubi und Nisei ihm gegenüber Platz genommen hatten und schwiegen. Ein Hauch von Bitterkeit lag in der Luft – Seimei war schlecht gelaunt.
Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst. „Boundless…“, murmelte er, „ausgerechnet jetzt tauchen sie aus der Versenkung auf. Ihr Timing hätte nicht ungünstiger sein können. Was wollen sie? Wieso mischen sie sich ein? Sie hätten nützliche Werkzeuge sein können, aber nach diesem Auftritt?“ Er schnaubte leise und schüttelte bedauernd den Kopf. In seinen Augen blitze es gefährlich auf. „Wohl kaum. Sie haben sich klar positioniert. Woher kommt nur immer wieder das ganze Ungeziefer?“
Soubi schwieg, sein Blick war leer, doch in seinen Augen lag ein fernes Flackern. Seine Gedanken schweiften immer wieder zu Ritsuka – zu seinem Blick, zu seiner Stimme, zu dem Schmerz, den er zurückgelassen hatte. Er sehnte sich ein paar Monate zurück. Die gemeinsame Zeit. Ritsukas Umarmungen. Seine Aufmunterungsversuche.
Nisei hingegen konnte seine Unruhe kaum verbergen. Er knetete verdrossen seine Finger, sein Blick wanderte unzufrieden zwischen Seimei und Soubi hin und her. „Man sagt, Boundless seien mächtiger als viele Spell Battle-Paare. Sie sollen sich über die Gesetze des Spell Battles hinwegsetzen können. Aber wie viel davon stimmt? Immerhin waren die beiden Gören jahrelang verschollen. Vielleicht sind sie doch nicht so stark, wie alle glauben. Wenn sie uns im Weg stehen, dann sollten wir sie beseitigen.“
Seimei lächelte kalt und sein Blick war vernichtend. Er legte lässig den Kopf in den Nacken, seine Waffe jedoch nicht aus den Augen lassend. „Du konntest dich nicht einmal annähernd gegen Moonless behaupten, Nisei. Und Boundless sind eine andere Liga. Wie glaubst du, gegen sie kämpfen zu können?“
Nisei setzte zum Protest an, doch Seimei hob ermahnend die Hand und brachte ihn damit sofort zum Schweigen. Sein Blick schien ihn zu durchbohren wie eine Kakerlake.
„Mach dich nicht noch mehr lächerlich. Wenn ich gegen die beiden kämpfen werde, dann mit Soubi als meine Waffe.“ Seine Stimme war ruhig, doch die Worte trafen Nisei wie ein Schlag mitten ins Herz.
Nisei biss die Zähne zusammen, sein Stolz verletzt. Soubis Anwesenheit war ihm ein Dorn im Auge – immer war es Soubi, der im Mittelpunkt stand, immer war es Soubi, dem Seimei vertraute. Er war seine Waffe, nicht diese billige Kopie! Wieso erkannte Seimei das nicht?!
Seimei lehnte sich zurück, die Augen schmal. „Ich frage mich, ob sie wirklich verschwunden waren… oder ob Nagisa, Ritsu und die anderen sie miteingeplant haben als Geheimwaffe. Doch eigentlich ist das nicht ihre Art. Jedoch … Boundless taucht nicht einfach so wieder aus dem Nichts auf. Vielleicht ist das alles Teil eines größeren Spiels. Gar nicht mal so uninteressant, wenngleich auch nervig.“
Soubi schwieg weiter, seine Gedanken kreisten um Ritsuka. Er fragte sich, wie es ihm ging, ob er Angst hatte, ob er an ihn dachte.
Da klingelte plötzlich Seimeis Handy. Er zog es heraus, warf einen Blick aufs Display und nahm ab. „Chiyako? Dein Anruf ist Musik in meinen Ohren.“
Die Stimme der alten Frau klang besorgt. „Seimei, ich hoffe, es geht dir gut, mein Lieber. Es ist ein Jammer, dass man dich ausfindig gemacht hat und du mich verlassen musstest. Aber ich habe einen neuen Unterschlupf für dich gefunden. Es ist sicher, niemand wird dich dort suchen. Schreib dir die Adresse auf…“
Seimei notierte sich die Anschrift, sein Gesichtsausdruck wurde wieder kontrolliert. „Danke, Chiyako. Du hilfst mir sehr. Wir machen uns sofort auf den Weg.“
Er legte auf und stand auf. „Wir gehen. Chiyako hat eine neue Bleibe für uns gefunden.“
Soubi erhob sich schweigend, Nisei folgte, immer noch mit einem bitteren Blick auf Soubi.
„Hör auf, mich anzustarren.“
„Ich starre, wohin ich will, Kopie. Du bist hier fehl am Platz.“
Sie standen sich gegenüber und lieferten sich kurz ein stummes Blickduell. Beide Mienen hart, verbittert und voller Schmerz. Soubi war der erste, der die Stille nach wenigen Sekunden unterbrach.
„Wenn du stärker wärst, wäre ich jetzt nicht hier.“
Er lief gelassen an Nisei vorbei, der seine Hände zu Fäusten geballt hatte. Sein ganzer Leib zitterte und er senkte seinen Kopf. Woher kam auf einmal das Brennen in den Augen? Bloß nicht weinen – er durfte keine Schwäche zeigen, Soubis Worte auf keinen Fall bekräftigen. Schwungvoll drehte er sich um und gemeinsam verließen die jungen Männer das Bistro, bereit für den nächsten Zug in Seimeis perfidem Spiel.
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Die neue Unterkunft war still. Zu still. Die Schatten der Nacht krochen an den Wänden entlang, und irgendwo tropfte ein Wasserhahn monoton in die Dunkelheit. Nisei lag auf dem schmalen Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen, doch Schlaf wollte sich nicht einstellen. Er starrte an die Decke, als könnte er dort Antworten finden, doch alles, was er fand, war Leere.
Seimei war im Nebenzimmer, Soubi irgendwo in der Nähe. Der Kerl war ihm ein Dorn im Auge. Sollte er bleiben, wo der Pfeffer wuchs. Nisei presste die Augen zusammen, als könnte er so die Gedanken vertreiben, die ihn quälten. Doch sie kamen immer wieder, wie Wellen, die gegen einen Felsen schlugen und ihn langsam, aber sicher zermürbten. Er fühlte sich abgewiesen – wie ein Hund, der immer wieder zurückkehrt, obwohl er weiß, dass er nie gestreichelt wird. Er hatte alles für Seimei getan, alles, was dieser verlangte, ohne zu zögern, ohne zu fragen. Seimei war sein Sacrifice, er seine Waffe. Sie teilten denselben Namen, waren vom Schicksal verbunden und gehörten zusammen. Er hatte gehofft, gehofft, gehofft – und war doch immer nur der Zweite geblieben. Nie genug. Nie wichtig. Nie geliebt.
Und jetzt war Soubi da. Soubi, der Stärkere, die effektivere, die perfekte Waffe. Der Kerl war doch nur eine billige Kopie. Namenlos. Er war nicht vom Schicksal auserwählt und mit Seimei verbunden worden und dennoch … Wie konnte es sein, dass sein Können sein eigens um Welten übertraf. Er gab es nicht gern zu, wollte es so gerne leugnen, doch er wusste, dass Soubi stärker war als er. Er verabscheute dieses Leben, diese Welt, die ihn von Anfang an abgelehnt zu haben schien. Beloved … welch schöner Name und doch nichts weiter als eine Lüge. Warum konnte er nicht einfach loslassen? Warum war er so schwach? Er hasste sich für diese Abhängigkeit, für das ständige Kreisen um Seimeis Anerkennung, für das kleine, erbärmliche Fünkchen Hoffnung, das immer noch in ihm glomm. Er war nichts anderes als ein Haustier in den Augen seines Sacrifice. Nicht mehr wert, als ein lästiger Käfer. Und wenn er ihm nicht mehr nützlich war, jetzt, wo Soubi hier war …
Ein Teil von ihm wollte schreien, wollte alles zerstören, wollte endlich frei sein – und doch blieb er liegen, stumm, gefangen in sich selbst. Nisei spürte, wie sich der Schmerz in seiner Brust zusammenzog, wie eine Faust, die immer fester zudrückte. Es war, als würde er langsam ersticken.
Die Jahre hatten ihn hart gemacht, hatten ihn gelehrt, zu ertragen, zu warten, zu hoffen. Bereits in seiner Kindheit hatte er lernen müssen, nichts von anderen oder von dem Leben zu erwarten. Er war damit klargekommen – zumindest hatte er das gedacht. Aber jetzt, wo Soubi da war, fühlte sich alles noch schlimmer an. Die Demütigung war tiefer, der Schmerz schärfer, die Einsamkeit unerträglicher. Diese lächerliche Hoffnung, dieser dämliche Wunsch nach einer tiefen Verbundenheit, nach Akzeptanz und Zusammenhalt mit seinem vom Schickal auserwählten Sacrifice … Wann würde es endlich enden? Wann würde er aufhören, zu hoffen? Wann würde der Schmerz endlich nachlassen?
Nisei drehte sich auf die Seite, vergrub das Gesicht im Kissen. Er spürte, wie ein weiterer Teil in ihm starb, wie ein Stück von ihm einfach aufgab. Leben war nie einfach gewesen. Glück war immer etwas für andere gewesen. Aber jetzt… jetzt war es ein Albtraum, aus dem er nicht erwachen konnte. Wie wäre sein Leben gewesen, wenn er nicht in die Welt der Spell Battle mit reingezogen worden wäre?
Ein leiser Laut entkam ihm, kaum mehr als ein Flüstern. Unsagbarer Schmerz schüttelte seinen Körper und ihm wurde kalt von innen. Seine zerrupfte Seele zersplitterte endgültig und ließ nichts weiter zurück als eine leere Hülle.
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Soubi stand allein in dem kalten, fast leeren Raum der neuen Unterkunft. Die Wände waren kahl, der Boden hart, und das einzige Licht kam vom bleichen Mond, der durch das Fenster fiel und die Landschaft draußen in silberne Schatten tauchte. Soubi lehnte an der Fensterscheibe, die Stirn dagegen gepresst, und starrte hinaus in die Nacht, als könnte er irgendwo in der Ferne einen Ausweg finden.
Sein Atem beschlug das Glas, doch er spürte die Kälte nicht. Alles in ihm war taub, leer, ausgebrannt. Nur ein einziger Gedanke brannte noch in seinem Innersten: Ritsuka. Was tat Ritsuka gerade? War er in Sicherheit? Hatte er jemanden, der ihm beistand – vielleicht Yoji und Natsuo? Oder war er allein, so wie er jetzt? Ob Ritsuka an ihn dachte? Ob er ihm je vergeben könnte, nach allem, was geschehen war und was vermutlich noch geschehen würde?
Soubi schloss die Augen, und ein scharfer Schmerz durchzuckte seine Brust. Er wusste, dass Seimei ihn benutzt hatte, um Ritsuka zu brechen. Ritsuka war noch so jung, schien so zerbrechlich und trotzdem musste er so viel durchmachen. Das war nicht fair.
Alles war ein Spiel gewesen, ein grausames Schauspiel, in dem Soubi nur eine Marionette war. Seimei wollte Ritsuka gefügig und abhängig machen, um ihn zu kontrollieren. In seiner verrückten Vorstellung gab es nur ihn und seinen kleinen Bruder. Alle anderen waren nur Spielfiguren auf seinem Feld. Genauso wie er selbst und er hatte gehorcht. Er hatte gehorchen müssen, immerhin war er Seimeis Waffe, sein Besitz, und jeder seiner Befehle war Gesetz, auch wenn er diese noch so sehr verabscheute. Er konnte sich nicht widersetzen. Er durfte es nicht. So waren die Regeln in der magischen Welt der Spell Battle. Eine grausame und egoistische Welt.
Beinahe hätte er zugesehen, wie Natsuo und Yoji getötet worden wären. Er hätte es nicht verhindern können. Gepeinigt ballte Soubi seine Hände zu Fäusten. Nur Boundless’ Eingreifen hatte das Schlimmste verhindert. Aber warum waren sie überhaupt aufgetaucht? Wo kamen sie her? Er hatte kaum etwas von ihnen erfahren. Was wollten sie? Verfolgten sie tatsächlich das Ziel, Seimei aufzuhalten? Hatten die obersten sie damit beauftragt? Und konnten sie Seimei wirklich aufhalten? Konnte das überhaupt jemand?
Wie viel musste und konnte Ritsuka noch ertragen? Soubi selbst fühlte sich am Ende. Es war zu viel. Er war so unendlich müde. Könnte er doch nur die Augen schließen und schlafen – für Wochen, Jahre, für immer.
Seit seine Eltern gestorben waren, war er auf Ablehnung gestoßen. Sein Leben hatte sich in einen einzigen Albtraum verwandelt. Ritsu hatte ihn nur benutzt, weil er seiner verstorbenen Mutter so ähnlich sah. Er hatte sich in der Hinsicht nichts vorgemacht. Und dennoch: Soubi hatte diesem Mann alles gegeben, alles ertragen, und am Ende hatte Ritsu ihn einfach weitergegeben – an Seimei.
Er hatte gedacht, Ritsu würde ihn als Waffe behalten, nachdem er selbst seine Waffe verloren hatte, doch er hatte sich getäuscht. Weitergereicht wie eine Sache, wie ein Werkzeug, das man benutzt und dann fortwirft, wenn man daran die Lust und Interesse verliert.
Warum war er überhaupt an Seimei verschenkt worden? Seimei hatte bereits eine Waffe gehabt: Nisei. Soubi hatte die Gründe von Sieben Monde und dem System nie hinterfragt. Er hatte alles stumm mitgemacht, alles erduldet, wie man es ihm beigebracht hatte – unter Schmerzen, unter Demütigung, unter Pein. Er hatte sich selbst eingeredet, dass es ihn nicht interessierte. Soubi hatte gedacht, sich durch dieses Verhalten schützen zu können, aber dem war nicht so.
Die Welt um ihn herum wurde dunkler, die Schatten krochen näher, und Soubi spürte, wie sein Innerstes schmerzte, als würde etwas in ihm zerreißen.
Doch dann, wie ein Lichtstrahl in der Finsternis, tauchte ein Gedanke auf: Ritsuka. Unschuldig. Jung. Gerecht und trotz seiner schmalen Schultern stark. Wie gerne würde er bei ihm bleiben und ihm dienen. Ja, wenn er doch nur Ritsukas Waffe wäre …
Seimeis perfides Spiel hatte Soubi eine Zeitlang Freiheit und Glück beschert. Mit Ritsuka war das Leid abgeflaut, das Leben hatte einen Sinn bekommen. Zum ersten Mal hatte er wieder Freude empfunden, hatte sich lebendig gefühlt. Und doch hatte er immer geahnt – nein, gewusst –, dass Seimei am Leben war, dass er ihn nur benutzte, dass er ihn eines Tages wieder zurückholen würde. Dass er ihn aus der heilen Welt und der schönen Zeit mit Ritsuka entreißen würde.
Soubi strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und bemerkte, dass seine Wangen feucht waren. Tränen liefen ihm über das Gesicht, heiß und salzig. Er schloss die Augen und versuchte, den Schmerz innerlich aussperren. Vergebens.
Raus – er wollte endlich aus diesem Käfig des Grauens heraus, der sich Leben nannte. Er ertrug das alles nicht mehr. Und doch war er nicht in der Lage, die Situation zu ändern und sich zu befreien. Seine innere Stimme begann zu schreien. Immer lauter, immer schriller. Raus, ich will endlich aus meinem Leben raus! Echote es in seinem Körper wieder. Warum gibt mir niemand den Gnadenstoß mitten durchs Herz?
Er wollte nur noch verschwinden, sich auflösen, als hätte es ihn und sein erbärmliches Leben niemals gegeben. Und doch war er in dieser grausamen Wirklichkeit gefangen, unfähig, sich zu befreien. Eine zerrissene Spielfigur, die nicht entsorgt, sondern weiter im Spiel gehalten wurde, bis sie endlich zu Staub zerfallen würde.
Soubi stand reglos da und ließ die Tränen laufen, während draußen der Mond langsam hinter den Wolken verschwand.
Zeit der Erinnerungen
Kio saß in der hintersten Ecke des Kunstraums, den Kopf auf die Hände gestützt. Vor ihm lag ein halb fertiges Kunstprojekt – ein großes Landschaftsbild mit Bergen, das er schon seit Tagen nicht mehr weitergeführt hatte. Die Farben verschwammen vor seinen Augen, seine Gedanken waren ganz woanders.
Soubi.
Wo war er jetzt? Ging es ihm gut?
Kio biss sich auf die Lippe. So würde er sein Projekt niemals fertigbekommen. Die Abgabefrist war ohnehin nicht mehr lange, doch er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Die Ungewissheit nagte an ihm, und das Gefühl, völlig machtlos zu sein, machte ihn wahnsinnig. Er verstand die zweigeteilte Gesellschaft nicht. Das System der Spell Battle war ihm unverständlich und sinnlos zugleich. Wozu das Ganze? Wer hatte sich solch einen Schwachsinn ausgedacht? Und gab es wirklich so etwas wie Magie in der Welt? Einen Gegner manipulieren und ihn allein durch Worte zu bezwingen … das klang eher nach einem verrückten Fantasyroman. Frustriert zerkaute er seinen Lolli und hielt im nächsten Moment inne. Lollis zerkaute man nicht, man lutschte sie. Eine einfache Regel, an dem man schnell den Charakter von Leuten ausmachen konnte und nicht seine Art. Soubi hatte seinen Lolli immer zerkaut …
Seufzend schob er sein Gemälde von sich. Dieser blöde Idiot ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Abgesehen davon fühlte sich der Saal des Zimmers ohne seinen Freund so unvollständig und leer an.
„Kann ich denn wirklich gar nichts tun?“, murmelte er leise und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Er hasste diese Hilflosigkeit. Eine Entmachtung seines Selbst. Schon wieder. Seit seiner Kindheit hatte er ständig dieses Gefühl des Nicht Sark-Genug-Seins. Eigentlich hatte er gedacht, wenigstens ein bisschen daraus entkommen zu sein, doch die gegenwärtige Situation deutete auf das Gegenteil hin.
Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Entschlossen packte er seine Sachen zusammen. Wenn er schon nichts tun konnte, dann würde er wenigstens versuchen, seinen Freund zu finden. Vielleicht konnte er ihm etwas Vernunft eintrichtern, auch wenn die Chancen dafür schlecht standen. Bestimmt wusste Chiyako mehr – immerhin hatte sie Seimei und somit auch Soubi Unterschlupf gewährt, wie Ritsuka und die anderen ihm erzählt hatten.
Kio war kaum fünf Minuten unterwegs, als plötzlich eine bekannte Gestalt vor ihm auftauchte.
Er blieb stehen und als er sie erkannte, riss er im nächsten Moment die Augen auf.
Seine Zwillingsschwester stand da, die Arme verschränkt, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
„Chouma …?“
„Das halte ich für keine gute Idee, großer Bruder.“
Kio geriet ins Stottern. „Wa… Was denn?“ Er blinzelte verwirrt.
„Du willst zu Chiyako, oder?“, fragte sie trocken und drehte den Lolli in ihrem Mund.
„Woher weißt du das? Beobachtest du mich etwa?“ Seine anfängliche Irritation wich dem Misstrauen, doch seine Schwester blieb gelassen.
„Wie alle Männer, bist auch du, leicht zu durchschauen. Das war eins der ersten Dinge, die man mir in unserer Familie beigebracht hat.“
Kio nahm den Lolli aus dem Mund und deutete damit angriffslustig auf Chouma.
„Und wenn schon! Was willst du jetzt tun? Mich aufhalten? Wieso bist du hier?“
Sie nickte. „Genau das. Es bringt nichts, wenn du dich da jetzt einmischst. Du hast nichts mit dem Spell Battle System zu tun. Du würdest alles nur komplizierter machen – und dich selbst in Gefahr bringen. Abgesehen davon, glaubst du wirklich, die alte Schachtel würde dir etwas verraten?“
Kio ließ mutlos den Arm sinken und schaute betroffen zu Boden.
„Was soll ich denn sonst tun?“
„Den Dingen ihren Lauf lassen.“
„Soubi ist mein Freund. Ich kann ihn nicht einfach im Stich lassen.“ Kio ballte die Hände zu Fäusten.
„Das ist nicht deine Sache. Halt dich einfach raus.“
Er runzelte die Stirn. „Du klingst wie der Rest der Frauen aus unserer Familie und das ist kein Kompliment.“
Chouma grinste. „Ich weiß, das liegt an der Erziehung und am messerscharfen Verstand. Aber ich hab recht. Komm, lass uns in den Park gehen. Wir müssen reden, großer Bruder.“
Mit gemischten Gefühlen ließ Kio sich darauf ein. Er hatte seine Schwester unbedingt wiedersehen wollen und jetzt stand sie hier. Völlig aus dem Nichts. Hatten Yoji und Natsuo ihre Informationsquelle schon beauftragt oder war dies dem Zufall zu verdanken? Er hatte so viele Fragen an sie. Auf der anderen Seite wollte er unbedingt Soubi suchen, auch wenn die Situation ausweglos erschien. Er war gefangen im inneren Zwiespalt.
Sie schlenderten nebeneinander durch die Allee, die Bäume warfen tanzende Schatten auf den Weg. Eine Weile schwiegen sie, dann begann Chouma zu erzählen.
„Weißt du, ich habe von dir erfahren, als ich gerade drei Jahre alt war. Unsere Tante hatte sich verplappert und damit meine Neugier entfacht. Seither habe ich dich oft heimlich beobachtet in meiner Kindheit. Ich durfte nie zu dir, durfte nie mit dir spielen. Mutter hat es verboten. Ich hab dich immer beneidet, weil du so frei gewirkt hast. Aber ich war auch wütend auf dich, weil du nie nach mir gesucht hast.“
Kio schnaubte. „Wie denn? Ich wusste ja nicht mal, dass ich eine Schwester habe!“
Chouma zuckte die Schultern. „Trotzdem. Ich hab dich oft beneidet. Du warst immer so… lebendig. Ich war immer nur die Tochter, die funktionieren musste.“
„Frei …“, murmelte Kio, doch war er das wirklich gewesen? Es fühlte sich nicht danach an. Fragend blickte er auf. „Wieso gerade jetzt? Nach all den Jahren …?“
Chouma zog eine Braue in die Höhe.
„Warum ich jetzt erst aufgetaucht bin?“
Ihr Bruder nickte, seine Wangen vor Aufregung gerötet und sein Herz pochte wie wild in seinem Brustkorb.
„Meine Neugier hat in all den Jahren nicht nachgelassen und letztens hat sich die Situation gut ergeben.“
„Ich war eingesperrt,“ murrte Kio und seine Schwester nickte entschieden.
„Sag ich doch, die Situation hat sich gut ergeben.“
Er öffnete den Mund zum Widerspruch, doch sie ließ ihn nicht reden.
„Außerdem war ich all die Jahre auch sauer auf dich, doch das hat sich mittlerweile gelegt. Ich weiß nun, dass du nichts dazu kannst.“
Für einen Moment herrschte nachdenkliches Schweigen. Dann fuhr Chouma fort.
„Du magst die Welt des Spell Battle als Normalo nicht verstehen und sie mag dir als kompletten Unsinn vorkommen, dir gar unnötig erscheinen …“, Sie lächelte ihn überlegen an und schob den Lolli von der linken zur rechten Seite in ihrem Mund. „Doch hat diese mir gewisse Vorteile und Freiheiten beschert, die ich sonst in unserer Familie nie gehabt hätte. Und durch diese bin ich ebenfalls an einen Partner gekettet, der wie du zur männlichen Spezies gehört, stur und widerspenstig ist und … nun ja, sagen wir mal, ich verstehe und akzeptiere die Schwäche des männlichen Geschlechts mittlerweile.“
Kion konterte instinktiv und obwohl die Worte seiner Schwester hart und provozierend klangen, konnte er ihr nicht böse sein. Abgesehen davon hatte er das Gefühl, dass sie es gar nicht böse meinte, wenngleich sie auch gerne zu provozieren und zu streiten schien. Eine Angewohnheit, die durchaus in ihrer Familie lag.
„Ich kenne deinen Partner nicht, doch er tut mir bereits jetzt leid. Der arme Tropf muss deine Besserwisserischen Art täglich ertragen.“
„Ihr Männer steht darauf.“
„Wohl kaum.“
„Wie schade, dass du nicht als Frau geboren worden bist. Du wärst hübsch.“
Kio verzog bei dem Gedanken das Gesicht.
„Bin ich das jetzt etwa nicht?“
„Nun ja …“
Beide sahen sich herausfordernd an, bevor sie zeitgleich anfingen zu lachen. Das Eis war gebrochen.
Hinter einem Baum, halb verborgen im Schatten, lehnte Akito und beobachtete die beiden. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Das entwickelte sich doch gar nicht so schlecht. Zwar war er schon etwas eifersüchtig, doch auch das würde vergehen und wenn es seinem Sacrifice gut ging, dann war auch er glücklich.
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Das Wohnzimmer war erfüllt von hektischem Tastengeklapper und lauten, ausgelassenen Ausrufen. Yoji und Natsuo saßen mit Pony und Li vor der Konsole, die Augen auf den Bildschirm geheftet. Pony schrie auf, als sein Charakter zum dritten Mal in Folge von Natsuo aus dem Level gekickt wurde.
„Das war gemein! Du hast geschummelt!“, rief Pony und warf Natsuo ein Sofakissen an den Kopf.
Natsuo grinste breit. „Wer nicht schnell genug ist, verliert eben!“
Yoji lehnte sich zurück, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. „Pony, du bist einfach zu langsam. So stark scheint Boundless aller Gerüchte entgegen nicht zu sein.“
„Das ist nur ein Konsolespiel und kein Spell Battle!“, protestierte Li und Yojis Lächeln wurde breiter.
„Ach so? Wenn das so ist, vielleicht sollten wir …“
„Guter Versuch, aber kommt nicht in Frage.“ Li lachte leise und reichte Pony einen Controller. „Komm, wir machen ein Team. Gegen die beiden haben wir eine Chance.“
Pony funkelte Natsuo an. „Jetzt seid ihr dran!“
In diesem Moment bemerkte Yoji, dass Ritsuka sich leise zur Tür schlich, die Schuhe in der Hand. „Hey, Ritsuka! Wo willst du hin?“
Ritsuka hielt inne, drehte sich um und wich den Blicken aus. „Ich… wollte nur kurz nach meiner Mutter sehen. Sie macht sich bestimmt Sorgen, ich will sie nur beruhigen und mich vergewissern, dass es ihr gut geht. Und ein paar Sachen muss ich auch noch holen.“
Natsuo legte den Controller weg. „Allein? Keine gute Idee.“
Yoji stand auf. „Wir kommen mit.“
Pony sprang auf und zog Li mit sich. „Wir auch!“
Ritsuka hob abwehrend die Hände. „Das ist nicht nötig. Ich bin gleich wieder da.“
Doch die vier Freunde ließen nicht locker, redeten wild durcheinander und überboten sich mit Argumenten, warum es zu fünft sicherer sei. Schließlich seufzte Ritsuka und gab nach. „Na gut. Aber ihr benehmt euch, verstanden?“
Natsuo grinste. „Aber immer doch!“
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Die Stimmung kippte, als sie das Haus betraten. Die Luft war schwer, und Ritsuka spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Kaum hatte er die Tür geöffnet, stürmte seine Mutter aus dem Flur, die Augen rot und aufgerissen.
„Ritsuka! Wo bist du gewesen? Es ist schon spät!“
Er schluckte, überspielte seine Angst mit Gelassenheit, denn er wusste, er musste ruhig bleiben. Würde er Emotionen zeigen, würde sie das nur noch mehr triggern. Außerdem hatte er seine Freunde dabei, die die Szene mit zusammengekniffenen Augen beobachteten. Vielleicht würde sie sich an Hand der fremden Zuschauer beruhigen.
„Es tut mir leid, ich …“
„Nichts tut dir leid! Lüg mich nicht an!“, unterbrach ihn seine Mutter schroff, fast schon schreiend. „Wo bist du gewesen? Gefällt es dir hier nicht mehr?! Los, sag die Wahrheit!“
„Jetzt mach aber mal halblang, Alte“, mischte sich Natsuo ein und stellte sich schützend vor Ritsuka. Yoji folgte seinem Beispiel prompt.
„Wow, ein ganz anderes Gesicht wie letztens. Das ist also die Psychoseite deiner Mutter, Ritsuka? Ganz schön heftig.“
„Geht nach Hause! Eure Eltern machen sich bestimmt Sorgen! Ich dulde so einen schlechten Umgang für meinen Sohn nicht! Das ist auch eure Schuld! Wegen euch bekomme ich meinen alten Ritsuka nicht wieder!“ Sie setzte drohend einen Schritt auf die Zero zu, die erstaunt einen Schritt zurückwichen.
„Mama, bitte beruhige dich“, versuchte es Ritsuka abermals, doch seine Mutter war mit normalen Worten nicht mehr zu erreichen.
„Sich nachts und tagelang draußen herumtreiben … verschwindet! Ihr trägt Mitschuld, dass mein Ritsuka nicht mehr zurückkommt! Kinder müssen ihren Eltern gehorchen!“
Sie hob die Hand zum Schlag. Schnell sprangen Boundless an ihre Seite und griffen sie bei den Armen. Pony suche den Blickkontakt mit ihr und redete beruhigend auf sie ein.
„Keinen Grund zur Aufregung. Alles ist gut. Es gibt keine Probleme. Alles ist richtig wie es ist. Sie müssen sich keine Sorgen mehr machen.“
Die Augen der Mutter wurden trüb und sie wiederholte flüsternd die Worte: „Alles ist gut. Ich muss mir keine Sorgen machen.“
Pony nickte bestätigend.
„Ja, alles ist in Ordnung. Sie sind bestimmt müde von der ganzen Aufregung. Ihr Körper fühlt sich schwer an.“
„Ich bin so müde …“
„Ja, das sind Sie. Seien sie unbesorgt. Sie können sich jetzt hinlegen und schlafen, um Kraft zu tanken. Ruhen sie sich aus.“
„Ja, das werde ich … ausruhen …“
Mit weit aufgerissenen Augen beobachteten Ritsuka, Yoji und Natsuo wie die Frau im nächsten Moment die Lider schloss und in Lis Arme sackte. Der hob sie hoch und schaute Ritsuka auffordernd an.
„Wo soll ich sie hinlegen?“
„Was habt ihr mit ihr gemacht?!“
„Keine Sorge, ihr geht es gut. Sie schläft nur ein bisschen“, meinte Pony und sah ihn beschwichtigend an. „So wird niemand verletzt und sie tut nichts, was sie später bereuen wird.“
„Gerade jetzt, wo es spannend wurde“, murmelte Yoji und bekam von Natsuo einen leichten Schubs, auch wenn dieser ihn nur allzu gut verstehen konnte. Ritsuka atmete tief durch und führte sie ins Wohnzimmer, wo Li die schlafende Frau vorsichtig auf die Couch legte. Ihr Sohn holte eine Decke und deckte sie liebevoll zu. Die anderen beobachteten ihn für einige Sekunden schweigend dabei.
„Das komplette Gegenteil vom letzten Besuch, die Alte“, meinte Yoji schließlich und Li sah ihn fragend an.
„Ihr wart schon einmal hier?“
„Yo, wir haben in Seimeis Zimmer nach Sachen gesucht, die uns mehr über ihn verraten.“
„Letztes Mal hatte sie einen guten Tag“, entgegnete Ritsuka geknickt. „Heute ist anscheinend keiner davon.“
„Was meinte sie eigentlich mit ihrem alten Ritsuka?“, hakte Pony nach und blickte neugierig in die Runde.
„Ich habe vor zwei Jahren mein Gedächtnis verloren und verhalte mich anders. Sie möchte ihren alten Sohn wieder, aber ich kann mich einfach nicht erinnern. Abgesehen davon, verstehe ich ihren Ritsuka nicht …“
Loveless senkte den Kopf und seufzte. Yoji schmiegte sich an ihn, dicht gefolgt von Natsuo.
„Wir mögen dich so, wie du bist.“
„Dem stimme ich zu. Wir möchten nicht, dass du dich veränderst.“
„Danke euch.“ Auf Ritsukas Gesicht legte sich ein erleichtertes Lächeln. Hatte er erst allein gehen wollen, so war er nun froh, dass seine Freunde an seiner Seite waren. Fehlte nur noch Soubi …
„Ritsuka“, riss ihn Li mit ernstem Blick aus seinen Gedanken und alle Blicke legten sich auf ihn. „Bist du dir sicher, dass du derjenige bist, der sich verändert hat?“
Ritsuka öffnete den Mund, um zu antworten, doch genau in dem Moment überkam ihn aus dem Nichts heraus eine Flut an Erinnerungen, denen er sich nicht entziehen konnte.
Er sah sich selbst, kaum drei Jahre alt, in seinem kleinen Kinderzimmer. Die Nacht war still gewesen, nur das monotone Ticken der Uhr war zu hören gewesen. Plötzlich hatte die Tür geknarrt, und Seimei war eingetreten. Er hatte sich neben sein Bett gekniet, sein Gesicht war im Halbdunkel kaum erkennen zu wesen.
Seimeis Stimme war leise und schmeichelnd gewesen, voller Ehrlichkeit, aber in ihr war noch etwas anderes, etwas Unheimliches versteckt gewesen:
„Diese Frau… sie hat dich mir geschenkt, Ritsuka. Sie hat dich mir geboren. Wir sind vom selben Blut, wir sind gleich. Du gehörst mir. Keiner kann und wird je besser für dich sorgen als ich. Niemand sonst darf dich haben. Du bist mein Ein und Alles.“
Ritsuka hatte die kleinen Finger in die Decke geklammern und sein Herz hatte wie wild geschlagen. Er hatte damals nicht alles verstanden, aber er hatte den Ernst in den Worten seines Bruders gespürt, der ihn fast jede Nacht besuchten kam. Seimei würde für ihn da sein, denn er hielt seine Versprechen. Daran hatte Ritsuka schon damals geglaubt. Oft hatte ihn Seimei dann über das Haar gestreichelt, zu sanft, zu besitzergreifend.
„Andere mag ich nicht berühren, die sind ekelig, aber du bist anders, Ritsuka. Du bist mein kleiner Bruder, mein Geschenk. Niemand wird sich dir nähern, wenn ich es ihm nicht erlaube. Nur ich allein weiß, was gut für dich ist. Auf mich kannst du dich verlassen. Ich mag dich, Ritsuka.“
Die Szene wechselte zur nächsten Erinnerung. Seine Mutter, die ihn plötzlich angefangen hatte zu misshandeln und ihren Ritsuka zurückforderte ohne für ihn ersichtlichen Grund. Sein Vater, der nie eingegriffen hatte und überfordert aus den Situationen heraus geflohen war. Seinen jüngsten Sohn, allein zurücklassend. Und Seimei, der immer im richtigen Moment zu erscheinen schien und ihn beschützte. Er hatte sich an der Seite seines Bruders geborgen gefühlt. Nur dort war er sicher gewesen. Wie Blitze hagelten die Erinnerungen auf ihn ein. Ritsuka taumelte zurück, als sich ein weiterer Schub hoch ins Bewusstsein zurückdrängte.
Ritsuka war wach im Bett gelegen, das Herz schwer. Der letzte Albtraum hatte ihn nicht mehr einschlafen lassen. Er war aufgestanden und durch das dunkle Haus geschlichen, auf der Suche nach seinem großen Bruder.
Er hatte Stimmen aus dem Schlafzimmer seiner Eltern gehört und war näher geschlichen, der kalte Boden unter seinen nackten Füßen hatte ihn frieren lassen. Durch den Türspalt hatte er Seimei entdeckt, der sich zu ihrer Mutter über das Bett gebeugt hatte. Erst hatte er nähertreten wollen, doch eine innere Stimme hatte ihn damals davon abgehalten. Seimeis Stimme war kaum mehr als ein Flüstern gewesen, doch sie hatte die Dunkelheit wie ein Messer durchschnitten:
„Ritsuka ist lieblos. Er hat sich verändert. Er ist nicht mehr dein Ritsuka. Du musst ihn wieder zu deinem machen…“
Ihre Mutter hatte im Schlaf unverständlich gemurmelt und Tränen waren ihr übers Gesicht gelaufen. Ritsuka war wie erstarrt dagestanden, unfähig, sich zu bewegen. Er hatte sich von einem Albtraum in den nächsten geschleudert gefühlt und gehofft, dass das alles nicht wahr war. Es durfte nicht wahr sein, das hatte nicht passieren können.
„Vergiss den erschienenen Namen auf Ritsukas Schulter, doch vergiss nicht, was dieser dir beweist. Loveless, das ist der richtige Name der Person, die Ritsuka nun ist. Er ist nicht mehr dein Ritsuka, er unterdrückt ihn. Solange Loveless da ist, kann Ritsuka nicht zurückkommen. Vertreibe ihn, vertreibe den fremden jungen, der dir den Sohn gestohlen hat.“
Ritsuka hatte den Atem angehalten. Für einen Moment hatte die Welt begonnen, sich wie wild um ihn zu drehen. Was tat sein Bruder da? Wieso sagte er so etwas?
„Vertreibe ihn, mit allem, was du hast und fordere Ritsuka zurück und keine Sorge, solange ich da bin, werde ich aufpassen, dass nichts aus dem Ruder läuft. Ich werde Ritsuka beschützen.“
Er hatte gespürt, wie die Welt um ihn herum zu zerbrechen begann, wie die Liebe seiner Mutter zu ihm langsam vergiftet wurde – von den Worten seines Bruders, von seinem Willen.
Seimei war aufgestanden und hatte sich zu ihm umgedreht. Sein Blick hatte ihn durchbohrt. Er war unfähig gewesen, sich zu bewegen oder gar etwas zu sagen. Mit Tränen in den schreckgeweideten Augen hatte Ritsuka zu ihm aufgesehen, als sein Bruder vor ihn zum Stehen gekommen war. Zärtlich, aber doch mit festem Griff, aus dem es kein Entkommen gab, hatte er nach ihn gegriffen und zurück ins Bett gebracht.
„Vergiss was du gerade gesehen hast. Versprichst du mir das? Du vertraust mir doch? Alles, was ich tue, tue ich für uns. Ich werde da sein, um dich zu beschützen. Auf dieser Welt gibt es nur dich und mich. Alle anderen zählen nicht. Versprich mir, heute Nacht zu vergessen, aber wisse, ich werde immer für dich da sein, um dich zu beschützen. Du bist mein ein und alles, Ritsuka. Du brauchst mich. Liebe mich bedingungslos und stelle mich nicht in Frage.“
„Hey, Ritsuka, was ist los? Sag doch was? Alles okay?“ Yojis besorgte Worte holten ihn zurück in die Gegenwart. Ritsuka spürte, wie Tränen über sein Gesicht liefen, heiß und salzig.
Ohne es kontrollieren zu können, schluchzte er auf. Seine Brust schmerzte, als würde sie von innen heraus zerreißen. Wie hatte er das vergessen können? Mit einem Mal begriff er mit schmerzender Klarheit: Nicht er hat sich verändert. Seimei hat alles verändert. Seimei hat seine Mutter verändert. Seine Mutter hatte ihn nicht von Anfang an geschlagen. Sie war eine fürsorgliche und liebevolle Frau gewesen. Seimei hatte sie manipuliert, neu programmiert wie eine stumpfe Maschine. Und nicht nur sie … alle um ihn herum. Er hatte die Welt nicht mehr verstanden und das geglaubt, was ihm alle gesagt hatten. Er hatte sich verändert und musste sich zurückerinnern. Und er? Er hatte es versucht. Ein aussichtsloses Unterfangen…
Seimei hat ihm die Liebe genommen, die Geborgenheit, das Zuhause. Und später sogar Toma und seinen Namen mit jeglicher Erinnerung daran.
Er sank auf die Knie und schlug die Hände vor das Gesicht. Die Erkenntnisse waren zu viel auf einmal, um von ihm getragen zu werden. Der jahrelang unterdrückte Schmerz, die Angst und die Verzweiflung brachen endlich aus dem verborgenen Gefängnis aus und bahnten sich ihren Weg nach draußen. Ritsuka weinte zum ersten Mal seit langem – hemmungslos und befreit. Seine Freunde nahmen ihn schweigend in den Arm. Sie konnten nichts tröstendes sagen, doch sie gaben ihn dem Halt, den er nun am meisten benötigte.