Dieser Körper
Es war ein ungewöhnlich ruhiger Abend im Hazbin Hotel. Nicht einmal Charlie war unterwegs, um die Bewohner mit einem ihrer gut gemeinten Therapieprogramme zu behelligen. Das ganze Haus schien zur Ruhe gekommen zu sein, und nur das ferne Ticken einer Uhr und das gelegentliche Knacken im Gebälk durchbrachen die Stille.
Husk und Angel hatten sich längst nach oben verzogen, in Angels Zimmer.
Es war inzwischen Wochen her, dass Husk das letzte Mal in seinem eigenen Bett geschlafen hatte. Sein Zimmer existierte noch, irgendwo am Ende des Flurs, und manchmal sagte er sich, dass er es behielt, um eine Rückzugsmöglichkeit zu haben, wenn ihm der aufgedrehte Spinnendämon mal zu viel wurde. Das war die offizielle Version. Die ehrlichere war, dass er den Weg dorthin schon eine ganze Weile nicht mehr angetreten hatte und es vermutlich auch nicht mehr tun würde.
Ihre Abende hatten sich eingespielt, ein vertrautes kleines Ritual.
Während Angel sich an seinen Schminktisch setzte, das Make-up des Tages abnahm und in eines seiner seidenen Nachthemden schlüpfte, die mehr andeuteten als verbargen, verschwand Husk im angrenzenden Badezimmer. Dort widmete er sich seiner abendlichen Fellpflege.
Er hätte sich auch einfach unter die Dusche stellen können, schneller, unkomplizierter. Aber das tat er fast nie. Er hasste das Gefühl danach, dieses Frösteln, wenn das nasse Fell ihm am Körper klebte, schwer und struppig, und den Geruch, der hinterher eher schlimmer war als besser, nach durchnässtem Tier. Seine Zunge erledigte die Sache gründlicher. Langsam, Strich für Strich, eine Stelle nach der anderen.
Es war zeitaufwendig, gewiss. Eine bis anderthalb Stunden gingen dafür meist drauf. Aber es hatte auch etwas Beruhigendes, etwas, das ihm den Kopf freimachte. Hier drin, allein zwischen den Fliesen, musste er für nichts und niemanden sein. Nicht der griesgrämige Barkeeper, nicht der Typ mit dem Flachmann und der losen Zunge. Hier war er einfach nur er.
Beim allerersten Mal hatte seine Fellpflege so lange gedauert, dass Angel sich Sorgen gemacht und nachgesehen hatte. Was er vorfand, war ein höchst würdeloser Anblick. Husk saß ohne Hose auf dem Boden, das eine Bein angewinkelt, das andere senkrecht in die Luft gestreckt, vertieft darin, sich konzentriert die Eier zu putzen. Angel war in schallendes Gelächter ausgebrochen. Husk wiederum war puterrot angelaufen, hatte das Fell gesträubt und den lachenden Spinnendämon mit einer Salve übelster Beleidigungen aus dem Bad gescheucht. Seither hatte Angel es nie wieder gewagt, die abendliche Routine zu stören.
Auch heute dauerte es seine Zeit. Erst nach gut siebzig Minuten trat Husk endlich aus dem Bad.
Das Zimmer lag im Halbdunkel. Das Deckenlicht war längst aus, nur die unzähligen pinkfarbenen Lichterketten an den Wänden tauchten alles in ein weiches, warmes Glühen. Husk hatte Zylinder und Fliege abgelegt und trug nur noch eine hellblaue Schlafhose. Angel lag bereits im Bett und wartete auf ihn.
Für einen Moment blieb der Kater in der Tür stehen und betrachtete ihn. Dann zog ein Lächeln über seine Schnauze, klein und echt, von der Sorte, die er sonst niemandem zeigte. Ohne ein Wort schlüpfte er zu Angel unter die Decke.
Sofort schlangen sich vier Arme um ihn und zogen ihn in die wohlige Wärme.
„Na endlich“, schnurrte Angel und drückte ihm einen sanften Kuss auf die schwarze, herzförmige Nasenspitze. „Heute warst du sogar schneller als gestern. Hast du etwa irgendwo geschludert?“ Ein verschmitztes Funkeln lag in seinen Augen.
Husk brummte nur etwas Unverständliches, viel zu entspannt, um sich auf die Neckerei einzulassen. Er ließ sich in die Umarmung sinken, spürte das Fell, das an Angels Brust den seidigen Stoff streifte, und für einen Augenblick war einfach alles in Ordnung.
Angels obere Hände ruhten auf seinen Schultern. Die unteren jedoch lagen um seine Taille, und genau die machten sich nun heimlich auf den Weg. Sie strichen über das graubraune Fell an seinen Flanken, tasteten sich neugierig tiefer, den Rücken hinab. Dort, wo die Wirbelsäule in den Ansatz seines Schweifs überging, hielten die Finger inne. Sie spielten mit dem dichten Fell, zupften sacht daran, fuhren in langsamen, kreisenden Bewegungen darüber.
Husk erstarrte.
Ein heißer Schauer schoss ihm den Rücken hinauf, kroch unter das Fell, ließ seine Ohren zucken. Er spürte, wie sein Körper der Berührung von ganz allein entgegendrängte, wie er mehr davon verlangte, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen. Und genau das ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
Angel merkte nichts von dem inneren Kampf.
„Na, gefällt dir das?“, neckte er und kraulte die Stelle nun gezielt. „Sieht ganz so aus.“
Husk presste die Kiefer aufeinander. Stemmte sich mit allem dagegen, was er hatte.
Und verlor.
Aus seiner Brust stieg es auf, tief und unaufhaltsam. Das Schnurren. Dieses verdammte, katzenhafte Schnurren, das er an sich selbst am meisten verabscheute, ein Vibrieren, das durch seinen ganzen Körper rollte und ihn vor sich selbst bloßstellte.
„Angel … nng … lass das“, stieß er gepresst hervor.
Doch sein Hinterteil reckte sich den Fingern schon entgegen. Schamlos, gierig, wie bei einer Katze, die ihre Lieblingsstelle gefunden weiß. Sein Körper hörte nicht auf ihn. Er gehorchte allein dem Instinkt, diesem fremden, ungebetenen Reflex, der einfach tat, was er wollte.
„Wieso denn?“, schnurrte Angel. „Dein Hintern reckt sich mir doch so schön entgegen. Der will eindeutig mehr.“
Er sah nicht, wie sehr es Husk demütigte. Sah nicht, wie der Kater unter seinem Fell glühend rot anlief, wie er die Augen fest zukniff, weil er den eigenen Körper in diesem Moment nicht ertrug.
Husk hatte sich auf den Bauch gewälzt. Der Oberkörper presste sich in die Kissen, das Gesicht halb vergraben, während sein Hinterteil ganz gegen seinen Willen immer weiter in die Höhe wanderte. Das Schnurren schwoll an, wurde zu einem tiefen, kehligen Grollen, das den ganzen Raum erfüllte.
„Wow“, lachte Angel leise und kraulte unbeirrt weiter. „Ich hätte echt nicht gedacht, dass du so heftig darauf abfährst.“
Husks Hinterpfoten begannen zu trippeln, ein hektisches, unkontrolliertes Tippeln auf der Matratze, hin und her, hin und her. Ein Reflex, gegen den er machtlos war, so verzweifelt er auch dagegen ankämpfte.
Und dann wurde es ihm zu viel.
Die Anspannung, die Scham, das eigene Schnurren, das ihm in den Ohren dröhnte. Husk verlor das Gleichgewicht und kippte einfach zur Seite, ein unbeholfenes Knäuel aus Fell und Flügeln, das in die Decke plumpste.
Angel hielt mitten in der Bewegung inne, die Hände noch in der Luft. Für einen Moment war es still.
Dann prustete er los.
„Oh Gott“, japste er und schlug sich eine Hand vor den Mund. „Das war ja zu niedlich. Wie du da auf den Zehenspitzen rumgetänzelt bist, ich kann einfach nicht.“
Husk, genervt, gedemütigt und mit nichts als dem Wunsch zu verschwinden, riss die Decke über seinen Kopf und kehrte Angel wortlos den Rücken zu.
„Fick dich“, knurrte er gedämpft in den Stoff.
Es dauerte ein, zwei Minuten, bis Angels Glucksen verebbte.
Und dann fiel ihm etwas auf.
Husk lachte nicht mit. Husk fauchte nicht zurück, nicht auf diese gespielt-beleidigte Art, die Angel so gut an ihm kannte. Unter der Decke war er vollkommen still geworden, ein reglose Erhebung aus Fell, die sich kein Stück mehr rührte.
Das Lächeln rutschte Angel aus dem Gesicht.
Vorsichtig rückte er näher und schmiegte sich unter der Decke an Husks Rücken.
„Hey“, sagte er leise. „Bist du sauer?“
„Ja“, kam es dumpf und erstickt zurück.
„Warum denn? Hat es sich nicht gut angefühlt?“
Eine Pause. Dann, ganz leise:
„Ich hass es.“
Angel blinzelte. Das ergab für ihn keinen Sinn. „Aber du hast doch geschnurrt. Und dein Arsch ist hoch wie eine Rakete.“
Keine Antwort. Nur diese schwere, dichte Stille.
Behutsam zog Angel die Decke ein Stück hinunter, Zentimeter für Zentimeter, bis Husks flauschiger Kopf wieder auftauchte, das Fell zwischen den Ohren zerzaust, der Blick stur an die Wand geheftet. Ein schlechtes Gewissen, das er sich kaum eingestehen wollte, regte sich in Angel. Er hob die Hand und begann, den Kater dort sanft zu streicheln, nicht mehr neckend, nur noch beruhigend.
„Es tut mir leid“, sagte er, und diesmal meinte er es ernst. „Ich hab echt nicht gemerkt, dass es dir unangenehm ist.“
Husk atmete tief aus. Ein langer, schwerer Seufzer, der von ganz weit unten zu kommen schien.
„War ja nicht deine Schuld“, murmelte er. „Es ist dieser Körper.“
Angel erwiderte nichts. Er gab Husk den Raum, sich zu sammeln, und wartete einfach ab, etwas, das ihm normalerweise so unendlich schwerfiel.
„Die Stelle …“, begann Husk schließlich stockend, die Stimme rau und brüchig, als koste ihn jedes Wort Überwindung. „Wo du mich gekrault hast. Das ist so eine empfindliche Zone bei mir. Aber das war nicht immer so. Früher nicht. Erst, seit ich in diesem verdammten Körper stecke.“
Seine Augen verengten sich, und ein bitterer Zug grub sich um seine Schnauze.
„Und ich hasse es. Ich hasse alles daran. Wie ich aussehe. Die Ohren. Den Schwanz. Diese nutzlosen Flügel. Diese ganzen Instinkte, die mit mir machen, was sie wollen, egal wie sehr ich mich dagegen wehre.“ Er schluckte schwer. „Und eben gerade hat's mich nur wieder mit der Nase draufgestoßen, was ich eigentlich bin. Kein Mann. Keine Person. Bloß 'ne beschissene Katze.“
Angel hörte ihm zu, ruhig und geduldig, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Eine seiner unteren Hände lag flach auf Husks Bauch und hob und senkte sich mit dessen ungleichmäßigen Atemzügen.
Dass Husk mit sich selbst haderte, dass tief unter all dem Spott und der schlechten Laune ein zerfressender Selbsthass saß, das hatte Angel geahnt. Aber wie tief dieser Abgrund wirklich reichte, wie sehr sich dieser Mann in seiner eigenen Haut wie ein Gefangener fühlte, das begriff er erst jetzt.
„Ach, Husky“, sagte er leise.
Er suchte gar nicht erst nach den perfekten Worten. Er sagte einfach, was wahr war.
„Es ist okay. Du musst dich selber nicht mögen.“ Eine kurze Pause. „Und ich werd dir auch nicht den Quatsch erzählen, dass irgendwann alles gut wird. Das wär gelogen. Du bist 'ne Katze, und das bleibst du auch.“
Husk schwieg. Aber er hörte zu, das verrieten seine Ohren, die sich ein Stück in Angels Richtung drehten.
Angels Hand wanderte sanft an seine Wange und drehte seinen Kopf so weit, dass der Kater ihm in die Augen sehen musste. Gelb traf auf Rosa.
„Aber ich liebe alles an dir.“
Husks Augen weiteten sich ein wenig.
„Ich liebe diese riesigen Kulleraugen, die du kriegst, wenn du einem Laserpunkt nicht widerstehen kannst, auch wenn du immer tust, als wär das unter deiner Würde. Ich liebe dein Schnurren. Ich liebe, wie du dich im Schlaf manchmal ganz klein zusammenrollst, als wolltest du dich vor der ganzen Welt verstecken. Ich liebe, wie biegsam du bist, und ja, ich liebe sogar diese ewig lange Bad-Routine, auch wenn du dafür dreimal so lang brauchst wie ich.“
Ein weiches, warmes Lächeln legte sich auf seine Lippen.
„Ich liebe diese winzigen Milchtritte, die deine Pfoten machen, wenn du dich so richtig wohlfühlst und denkst, ich krieg's nicht mit. Ich liebe, wie selig du vor dich hin maunzt, wenn du mal an Katzenminze gerätst und total weggetreten bist.“
Seine Stimme sank zu einem fast zärtlichen Flüstern herab.
„Husk. Ich liebe dich. Mit allen Macken. Mit allen Instinkten. Mit diesem ganzen Körper, den du so verabscheust.“ Sein Daumen strich behutsam über die Wange des Katers. „Es ist völlig in Ordnung, wenn du dich selbst hasst. Dann lieb ich dich eben für uns beide. Und daran wird sich niemals etwas ändern.“
Er beugte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Nase.
Husk blinzelte.
Er hatte keine Ahnung, was er darauf erwidern sollte. So etwas war ihm fremd, etwas, womit er schlicht nicht umzugehen wusste, weil ihm nie jemand gezeigt hatte, wie. In all den langen Jahren, im Suff, in der Bitterkeit, hatte nie jemand so mit ihm gesprochen. Hatte ihn nie jemand angesehen und gesagt: Genau so will ich dich.
Er spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen schoss, wie sich das Blut darin sammelte, bis selbst durch das Fell hindurch ein rötlicher Schimmer durchdrang.
Er wurde rot.
Mit einem leisen Schnauben drehte er sich wieder weg und zog die Schultern hoch, als könnte er sich darin verkriechen.
„Fick dich doch selber“, knurrte er in die Decke.
Aber da war kein Biss in den Worten. Kein bisschen.
Angel lachte. Warm, hell, ehrlich. Er wusste genau, dass Husk es nicht so meinte, dass der Kater nur seine Verlegenheit zu überspielen versuchte, weil ihm die Worte fehlten und das Gefühl in seiner Brust schlicht zu groß war, um es auszuhalten.
„Schlaf schön, Husky“, sagte er leise und kuschelte sich enger an ihn, schlang alle vier Arme um den pelzigen Körper und gab ihm Halt. Gab ihm das Gefühl, in diesem verhassten Körper wenigstens nicht allein zu sein.
Husk sagte nichts mehr.
Aber er rückte nicht weg. Und das war Antwort genug.
So lagen sie eine ganze Weile da, eingehüllt in das sanfte rosa Licht der Lichterketten. Das einzige Geräusch im Raum war Husks leises, gleichmäßiges Schnurren, und zum ersten Mal an diesem Abend klang es nicht wie ein Verrat an ihm selbst. Es klang nur noch ruhig. Fast zufrieden.
Husk lauschte, wie Angels Atem langsamer und tiefer wurde, spürte das warme Gewicht der vier Arme, die ihn hielten. Und auch wenn er es niemals laut ausgesprochen hätte, schlich sich ein Gedanke in seinen müden Kopf. Vielleicht war dieser Körper, den er so verfluchte, doch zu irgendetwas nütze. Dazu nämlich, genau hier zu liegen, von genau diesem Dämon umschlungen. Das war nicht dasselbe, wie sich selbst zu mögen, da lagen noch Welten dazwischen. Aber für diese eine Nacht reichte es vollkommen.
Irgendwann schlief er ein. Lange nach Angel.
Und das Einzige, was dann noch im Zimmer zu hören war, war ein leises, schnarchendes Brummen. So unverkennbar typisch für einen alten, mürrischen Kater.
Katzenminze
Es war ein ruhiger Morgen im Hotel, und vor allem war es noch recht früh. So früh, dass kaum andere Dämonen unten in der Lobby waren. Nur ein einsamer Kater stand hinter der Bar. Das erste rötliche Licht der Hölle fiel schräg durch die hohen Fenster, malte lange Streifen über den Boden und ließ den Staub in der Luft tanzen. Es roch nach kaltem Rauch von gestern Abend, nach poliertem Holz und ganz schwach nach den Zitronen, die Husk für die Garnituren bereit gelegt hatte.
Husk war heute ein bisschen früher aufgestanden, was eigentlich gar nicht seine Art war. Aber es stand viel auf seiner To-do-Liste, allen voran die Inventur. Mit einem kleinen Block und einem Stift in der Pfote war er bereits dabei aufzuschreiben, welche Lebensmittel und Alkoholflaschen er nachbestellen musste. Ungewöhnlich war, dass eine kleine Lesebrille auf seiner Schnauze saß. So bekam man ihn wahrlich nicht oft zu Gesicht. Sie rutschte ihm alle paar Sekunden ein Stück die Nase hinunter, und jedes Mal schob er sie mit einem mürrischen Schnauben mit dem Krallenrücken wieder hoch.
„Zwei Kisten Bier. Zwanzig Kilo Orangen …“, murmelte der Kater vor sich hin, und seine Stimme hallte leise durch die leere Lobby. Er kniff die Augen zusammen, zählte die Flaschen im Regal noch einmal nach und kritzelte eine Zahl auf den Block.
Plötzlich wurde die Ruhe von leisen Klackgeräuschen unterbrochen, die immer näher kamen und immer lauter wurden. Angel Dust hatte sich wohl aus dem Bett geschält und zog es vor, die nicht vorhandenen Gäste mit seiner Anwesenheit zu beglücken.
„Wow, du siehst ja richtig sexy mit deiner Lesebrille aus“, schnurrte der Spinnendämon und ließ sich elegant auf einen der Barhocker gleiten.
Husk drehte die Ohren in Angels Richtung, ohne aufzusehen. „Halt die Fre…“
Husk hielt inne.
Plötzlich hatte er einen Duft in der Nase. Einen Duft nach Kräutern. Aber es war nicht irgendein Kraut, das seinen Geruchssinn kitzelte. Es war dieses eine. Seine Nase zuckte, einmal, zweimal, ganz gegen seinen Willen.
„Angel …“, sagte er nur noch, ganz leise, und in dem einen Wort lag schon eine Spur Panik.
Besagter grinste frech. „Oh, du hast es gerochen. Das ist mein neues Shampoo, mit einer kleinen Prise Katzenminze.“ Er legte den Kopf schief und ließ eine seiner langen Haarsträhnen durch die Finger gleiten. „Darauf stehst du doch.“
Und wie Husk darauf stand. Seine Kralle zuckte. Der Stift entglitt seinen Fingern und rollte unbeachtet über den Tresen, fiel mit einem leisen Klacken zu Boden. Gegen das wohlige Gefühl, das sich warm in seinem Bauch ausbreitete, konnte er sich nicht mehr wehren, genauso wenig wie gegen den weichen Nebel, der langsam von hinten in seinen Kopf kroch und alles Mürrische einfach wegwischte. Innerhalb weniger Sekunden wurden seine Augen groß und rund, die Pupillen weit und dunkel, bis nur noch ein schmaler goldener Ring übrig blieb.
Angel bemerkte es und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er wusste genau, was das bedeutete. Husk war jetzt komplett high und würde seine Rolle als mürrischer Barkeeper für eine Weile ablegen.
„Lass uns spielen“, flötete Husk plötzlich, mit einer fast schon dunklen, lieblichen Stimme, die so gar nicht zu ihm passte. Die Lesebrille saß noch immer auf seiner Nase, schief und vollkommen vergessen.
Angel blinzelte. Damit hatte er nicht gerechnet. Dann aber musste er laut lachen. „Scheiße, okay. Kätzchen, lass uns spielen“, beschloss der Spinnendämon.
Er überlegte kurz, was er mit dem verspielten Tierchen anstellen sollte, hatte dann aber recht schnell eine Idee. „Warte hier.“
Er stand auf und ging schnell hoch in sein Zimmer. In seiner speziellen Spielzeugkiste, die eigentlich für ganz andere Nächte gedacht war, kramte er eine Weile herum, bis er fand, wonach er suchte. Einen kleinen Vibrator mit einem lilafarbenen Gummiüberzug. Das Ding surrte, zappelte und ließ sich herrlich vor einer Nase hin und her bewegen. Perfekt, um einen aufgedrehten Kater bei Laune zu halten. Grinsend klemmte er es sich unter den Arm und machte sich wieder auf den Weg nach unten.
Als er zurückkam, war Husk allerdings nicht mehr an der Bar.
Der Kater hatte sich schnurrend auf die Couch geworfen, wand sich wohlig in den Kissen, und seine Pfoten machten in der Luft diesen ungestümen Milchtritt, den Husk in seinem Zustand kein bisschen kontrollieren konnte. Seine Brille war ihm inzwischen ganz von der Schnauze gerutscht und lag irgendwo zwischen den Kissen vergraben. Ein Ohr war nach hinten geklappt, das Fell stand ihm büschelweise vom Bauch ab, und er sah dabei so albern und so glücklich aus, dass es Angel fast das Herz zerdrückte.
„Oh mein Gott, du bist so niedlich“, quiekte er, hingerissen von dieser neuen Seite des Barkeepers, die er kennenlernen durfte.
„Guck mal, ich hab was für dich“, lachte er frech und hielt Husk den Vibrator hin.
Husk fixierte das Ding sofort mit großen Augen. Sein ganzer Körper erstarrte, nur die Schweifspitze zuckte.
Angel schaltete es an. Ein leises Surren erfüllte die Luft, und er hielt es Husk direkt vor die Nase. Zack, griff der Kater danach.
„Das … das brummt ja“, sagte er fasziniert, als hätte er in seinem ganzen Leben noch nie etwas so Wunderbares in der Pfote gehalten. Er drehte es hin und her, beschnupperte es, drückte mit dem Pfotenballen dagegen und quiekte begeistert, als es unter der Berührung weitersurrte.
„Ja, komm, schnapp es dir.“
Angel riss ihm das Spielzeug wieder weg. Husk grapschte mit beiden Pfoten hinterher, doch Angel war schneller. Immer wieder tritzte er den Kater, ließ das surrende Ding vor seiner Nase tanzen, tippte ihm damit verspielt gegen den Bauch, was Husk ein entzücktes Quieken entlockte, und wedelte es dann blitzschnell hin und her, sodass Husk es mit ruckartigen, weit aufgerissenen Augen verfolgte. Sein ganzer Körper spannte sich an, der Hintern wackelte, bereit zum Sprung, und dann hechtete er mit ausgestreckten Pfoten danach, verfehlte es um Haaresbreite und purzelte in einem Wirbel aus Fell und Flügeln in die Kissen zurück.
„Ich sterbe, wie kann man nur so süß sein“, freute sich Angel, als Husk sich nach einer kurzen Spielpause erschöpft auf die Seite rollte. Sein Schweif peitschte für einen Moment hin und her, dann lag er still und glücklich da und schnurrte vor sich hin.
„Ich will was anderes spielen“, beschloss der Kater. Träge schnappte er noch einmal nach dem Vibrator, dann sah er Angel mit großen Kulleraugen an.
Bevor der Spinnendämon einen weiteren Vorschlag machen konnte, setzte Husk sich auf. Ohne jede Vorwarnung streifte er sich die Hose ab, drehte sich um und streckte Angel sein Hinterteil entgegen.
„Popokratzen?“, fragte er erwartungsvoll, das Kinn über die Schulter gedreht.
Angel blinzelte. „Ich …“, machte er verdutzt, dann musste er ungläubig lachen. „Okay, okay. Popokratzen.“
Er legte den Vibrator beiseite, rutschte zu Husk heran und begann tatsächlich, ihm den unteren Rücken zu kraulen. Sofort reckte Husk das Hinterteil höher und schnurrte so laut, dass man es vermutlich noch draußen auf der Straße hörte.
„Gefällt es dir?“, fragte Angel grinsend.
„Ja, mach weiter“, befahl Husk, der auf keinen Fall wollte, dass dieses wohlige Gefühl, das sich durch seinen ganzen Körper zog, schon wieder aufhörte. Auffordernd wackelte er mit dem Hintern, sodass Angel den Bewegungen folgen musste.
„Ganz ruhig, Kitty, ich hör ja nicht auf.“ Der Spinnendämon richtete sich ein Stück auf, um mehr Druck auf jene Stelle ausüben zu können, die für Husk wohl die ultimative Kraulstelle war, dort am Ansatz des Schweifs, wo das Fell am dichtesten war. Gezielt ließ er die Finger tief hineingleiten, kraulte die Haut darunter und zupfte verspielt an den Härchen.
Für ein paar Augenblicke war nur das vertraute, tiefe Schnurren des Katers zu hören und das leise, kratzige Geräusch, mit dem Angel seinem Wunsch nachkam. Husks Augen waren halb geschlossen, sein Kopf sackte immer tiefer in die Kissen, und er sah aus wie der zufriedenste Dämon der ganzen Hölle.
Irgendwann aber hatte er scheinbar genug vom Popokraulen. Etwas anderes geschah. Er drehte sich um, wackelte erneut mit dem Hinterteil, ganz so, wie es eine Katze tut, die kurz vor dem Sprung steht, und dann brachen sie aus. Die Zoomies.
Husk konnte nichts dagegen tun. Wie von der Tarantel gestochen flitzte er durch die Lobby, so wild und angestachelt, dass er im Vorbeirennen einen Tisch umwarf, was er selbst nicht einmal bemerkte. Ein Stuhl kippte hinterher, ein Stapel Servietten wirbelte durch die Luft wie Schnee.
Angel beobachtete das Ganze und musste erneut hell auflachen. „Fuck, das ist einfach zu gut.“
Er zog sein Handy heraus und filmte den durchdrehenden Kater, der weiter durch den Raum schoss. Plötzlich blieb Husk stehen, legte die Ohren an, die Augen weit aufgerissen, als hätte ihn etwas furchtbar erschreckt, dann rannte er weiter, sprang hierhin und dorthin, hüpfte wild über Möbel und Kissen, schlug einen Haken um die Bar und kam schließlich wieder bei der samtigen Couch zum Stehen. Er schnaufte schwer, die Flanken hoben und senkten sich rasch, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen.
Angel lächelte nachsichtig und steckte das Handy wieder weg. „Komm her, du wildes Tier.“
Er legte sich auf die Couch, sodass Husk sich schwer atmend zu ihm legen konnte. Genau das tat der Kater auch Sofort schlangen sich alle vier Arme um ihn und zogen ihn fest an die flauschige Brust.
Husk zuckte neugierig mit den Ohren und begann, Angel das Gesicht sauber zu lecken. Eine Geste, die bei Katzen Zuneigung bedeutet.
„Hey, lass das“, kicherte Angel leise, als die raue Zunge über seine Wange schmirgelte, und schob den Kater sanft ein Stück weg. „Hier, du kannst meine Hand ablecken.“ Er bot ihm seine Finger an.
Husk nahm sie bereitwillig entgegen und begann, sie hingebungsvoll sauberzulecken, ganz konzentriert, als wäre es die wichtigste Aufgabe der Welt.
„Du bist viel niedlicher, als ich gedacht hätte“, sagte Angel leise und lächelte.
Husk blinzelte ihn an, langsam und verträumt. „Wirklich? Du magst mich?“, fragte er, und augenblicklich setzte sein Schnurren wieder ein.
„Ich mag dich auch“, verkündete der Kater dann ganz stolz und leckte noch einmal über die Finger. „Ja, wir sind allerbeste, beste Freunde, und das wird auch immer so bleiben“, fügte er feierlich hinzu, als verkünde er ein heiliges Versprechen.
Angel neigte ein wenig den Kopf. Wurde er gerade von einer bekifften Katze in die Friendzone gesteckt? Er konnte nicht anders, als zu lachen.
„Hm. Und was, wenn ich mehr sein will als nur dein allerbester Freund?“, fragte er, und für einen winzigen Moment lag echte Hoffnung in seiner Stimme, gut versteckt hinter dem Grinsen.
Husk blinzelte verwirrt. „Hyper beste Freunde?“, bot er an, ohne die Andeutung auch nur im Ansatz zu verstehen.
„Okay, okay, ich glaub, dieses Gespräch verschieben wir lieber auf einen anderen Zeitpunkt“, lachte Angel. Mit Husk in diesem Zustand war an ein vernünftiges Gespräch ohnehin nicht zu denken. Trotzdem blieb ein kleines, warmes Ziehen in seiner Brust zurück, das er für später beiseiteschob. Irgendwann. Wenn der Kater wieder klar im Kopf war und ihm das alles nicht mehr so leicht über die Lippen ging.
Für ein paar Minuten kehrte Ruhe zwischen die beiden Dämonen ein. Angel kraulte Husk zwischen den Ohren, und der Kater schmiegte sich eng an seine Brust, ein schweres, zufriedenes Bündel aus Fell und Federn. Das wilde Funkeln in seinen Augen wurde langsam müder, das Schnurren tiefer und schläfriger.
Und ganz allmählich, Atemzug für Atemzug, lichtete sich der Nebel in Husks Kopf.
Es kam nicht auf einmal. Erst kehrte ein Gedanke zurück, dann noch einer, träge und zäh wie Sirup. Husk blinzelte. Die Decke der Lobby über ihm kam ihm plötzlich seltsam nah vor. Warum lag er auf der Couch? Warum lag er auf Angel? Und warum, verdammt noch mal, war da ein kühler Luftzug an einer Stelle, an der eigentlich seine Hose hätte sein sollen?
Seine Ohren legten sich langsam an. Das Schnurren stockte.
„Was …“, machte er heiser, und seine Stimme klang schon wieder ein gutes Stück mürrischer als noch vor einer Minute. Er hob den Kopf, sah den umgeworfenen Tisch, die verstreuten Servietten, den lilafarbenen Vibrator, der achtlos auf dem Couchkissen lag, und seine eigene Hose, die zwei Meter weiter auf dem Boden lag. Ganz langsam setzte sich in seinem wieder erwachenden Verstand ein furchtbarer Verdacht zusammen.
„Oh nein“, knurrte er leise.
„Oh doch“, schnurrte Angel zuckersüß zurück und stützte sich grinsend auf einen Ellbogen.
Husk vergrub das Gesicht in den Pfoten. Seine Ohren waren mittlerweile so flach angelegt, dass man sie kaum noch sah, und unter dem Fell konnte man erahnen, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg. „Fick mein Leben“, presste er hervor. „Was hab ich gemacht. Sag mir nicht, ich hab …“
„Du hast Milchtritte gemacht, einen Tisch umgeschmissen, mir das halbe Gesicht abgeleckt und mich zu deinem hyper besten Freund ernannt“, zählte Angel genüsslich auf, während er an jedem Finger einer Hand mitzählte. „Ach ja. Und du hast mich um Popokratzen gebeten.“
Husk stöhnte gequält in seine Pfoten. „Ich bring dich um.“
„Du liebst mich“, korrigierte Angel fröhlich.
„Halt die Fresse.“ Aber es kam kein bisschen scharf heraus, eher müde und ertappt, und tief in seiner Brust setzte das verräterische Schnurren ganz von allein wieder ein, leise, aber unüberhörbar.
„Angel.“
„Hm?“
„Wenn du das irgendjemandem erzählst, dann sag ich, du warst das.“
Bei der Drohung schmunzelte Angel. „Behaupte, was immer du willst, Kätzchen. Aber ich hab ein Beweisvideo.“
Husk hob ruckartig den Kopf, die Augen weit aufgerissen. „Du hast was?“
„Dann fick ich dich eben“, knurrte er, halb Drohung, halb Resignation, und ließ sich mit einem ergebenen Schnauben zurück gegen Angels Brust sinken, zu erschöpft und zu peinlich berührt, um wirklich nach dem Handy zu jagen.
Angel lachte leise und drückte dem grummelnden Kater einen Kuss zwischen die Ohren. „Okay.“
Und obwohl Husk noch eine ganze Weile weiterschimpfte, machte er keine Anstalten, aufzustehen. Er blieb genau da liegen, wo er war, eng an Angel geschmiegt, das Schnurren tief in der Brust, und ließ sich kraulen, bis das letzte bisschen Katzenminze aus seinem Kopf verflogen war. Das mit dem Beweisvideo, beschloss er, konnte er sich auch später noch zurückholen.
Morgende mit dir
Der Morgen brach früh im Hazbin Hotel an. Das erste blasse Licht kroch durch die hohen Fenster, doch die Lobby lag noch vollkommen verwaist da. Kein Husk, der hinter der Bar stand und seiner morgendlichen Routine nachging. Kein Alastor, der gelangweilt vor der großen Treppe lauerte. Kein Angel Dust, der auf der Couch am Handy lümmelte. Auch von Charlie und Vaggie war noch keine Spur zu sehen. Die Einzige, die um diese Uhrzeit vielleicht schon auf den Beinen war, war Niffty, irgendwo in den Ecken auf ihrer unermüdlichen Ungezieferjagd.
Husk und Angel waren noch immer oben in Angels Zimmer, mehr oder weniger ineinander verschlungen unter der warmen Decke.
Einer der beiden war allerdings schon wach.
Angel Dust beobachtete Husk mit einem sanften Lächeln. Das Fell des Katers war vom Schlaf leicht zerzaust, und selbst mitten im Traum sah er aus, als hätte er auf rein gar nichts Lust. Doch was Angel am allermeisten faszinierte, war die kleine, rosa Katzenzunge, die ein winziges Stück zwischen den Lippen hervorlugte. Es sah so unfassbar niedlich aus und zeigte vor allem, wie sehr Husk sich hier inzwischen entspannen konnte. Bei ihm. An einem Ort, an dem er die Hüllen fallen ließ.
Angel konnte einfach nicht widerstehen. Vorsichtig, um den Kater bloß nicht zu wecken, angelte er nach seinem Handy und machte ein Foto von dem schlafenden Husk. Natürlich ohne Blitz. Zumindest war das der Plan gewesen.
Doch das leise Rascheln und die kleine Bewegung weckten Husk dann eben doch. Mit einem leisen, fast komischen Schlurfgeräusch wurde die Zunge wieder eingefahren, und der Kater öffnete blinzelnd die Augen.
Sein Blick fiel als Erstes auf das Handy in Angels Hand, und seine Ohren legten sich sofort misstrauisch an. „Hast du etwa schon wieder ein Foto gemacht“, knurrte er heiser.
„Ich? Niemals“, behauptete Angel mit einer Unschuldsmiene, die kein bisschen überzeugend war, und ließ das Handy blitzschnell unter der Decke verschwinden. „Das kommt direkt zu den anderen in die Sammlung.“
Husk stöhnte und ließ den Kopf zurück ins Kissen sinken. „Eines Tages lösch ich dieses verfluchte Handy.“ Aber er sagte es ganz ohne echten Groll, noch viel zu verschlafen, um wirklich böse zu sein.
„Guten Morgen, Husky“, sagte Angel schließlich leise und so sanft wie möglich, um seinen kleinen Morgenmuffel nicht weiter zu verschrecken. Als wäre das mit dem Handy vor wenigen Minuten niemals passiert.
„Morgen“, knurrte Husk, die Stimme vom Schlaf noch rau und viel zu dunkel.
Angel beugte sich vor und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Stirn, den der Kater mit einem leisen, verschlafenen Schnurren quittierte.
„Keine Sorge, wir können ruhig noch ein bisschen liegen bleiben“, murmelte Angel und strich mit der rechten Hand sanft über Husks flauschiges Ohr, das unter der Berührung zuckte.
Husk nickte und drückte sich enger an seinen Liebsten. Für einen Moment schlang er die großen Pfoten um ihn und ließ eine davon träge über Angels Rücken wandern, immer tiefer. Ein kleines, freches Grinsen schlich sich auf seine Lippen, und dann konnte er einfach nicht widerstehen und gab Angel einen sachten Klaps auf den Hintern.
Überrascht quiekte der Spinnendämon auf, ehe er selbst lachen musste. „Du kleiner Frechdachs“, kicherte er verspielt.
Ihre Morgende waren oft genau so. Sanft, kuschelig und ein bisschen albern. Husk war frühmorgens grundsätzlich viel zu müde und muffelig für mehr, und sein Körper war zu dieser Stunde ohnehin noch viel zu sehr im Aufwachmodus, als dass an Sex zu denken gewesen wäre. Angel hatte es anfangs immer wieder versucht, den kleinen Husk hervorzulocken, hatte es dann aber recht schnell wieder aufgegeben. So sehr er sich auch mühte, vor dem Mittag war bei dem Kater einfach nichts zu holen.
Am Anfang hatte das ein klein wenig an Angels Ego gekratzt, das musste er ehrlich zugeben. Inzwischen aber wusste er, dass es nichts mit ihm zu tun hatte, sondern schlicht an der Tageszeit lag. Denn am Nachmittag, da war Husk fast schon in Höchstform, und dann konnten sie die wildesten Nummern treiben. Na ja, außer der Rücken des Katers meldete sich, dann war die Sache natürlich gegessen.
Angel grinste auf einmal frech. Mit einer blitzschnellen Bewegung schnappte er sich ein Kissen und donnerte es Husk mitten ins Gesicht.
Der Kater keuchte überrascht auf, dann funkelte er Angel mürrisch an, auch wenn der Spieltrieb in seinen Augen bereits unverkennbar aufblitzte. „So, willst du also spielen“, knurrte er.
„Du hast angefangen“, erwiderte Angel unschuldig.
„Hab ich nicht“, brummte Husk, schnappte sich aber bereits selbst ein Kissen, und damit war die Schlacht eröffnet.
Husk schleuderte ihm das erste Kissen gegen die Seite, Angel konterte mit einem Wurf gegen seine Beine. Husk bewaffnete sich kurzerhand mit zwei Kissen und wirbelte mit kreisenden Armbewegungen um sich, um den lachenden Angel in die Flucht zu schlagen. Federn stoben durch die Luft, das Bett quietschte unter dem wilden Gerangel, und Angel jauchzte vor Vergnügen.
Doch er war anatomisch nun einmal im Vorteil. Ganz in Ruhe bewaffnete er sich mit gleich vier Kissen und drängte Husk damit unaufhaltsam zurück in die zerwühlten Decken. Mit einem triumphierenden Grinsen warf er die Kissen achtlos hinter sich und kitzelte den Kater zum krönenden Abschluss gnadenlos durch, bis dieser lachend und quiekend kapitulierte und hilflos mit seinen Pfoten in der Luft ruderte.
Schwer atmend ließ Angel sich schließlich wieder auf die Seite rollen.
„Tja. Gegen mich kannst du eben nie gewinnen“, grinste er und genoss seine Überlegenheit in vollen Zügen. Es gab ihm jedes Mal aufs Neue einen gewaltigen Push.
„Ja, ja. Du mich auch, Bitch“, schnaufte Husk, als er langsam wieder zu Atem kam. Trotz der gespielten Mürrischkeit lag ein zufriedenes Funkeln in seinen Augen. Er gab Angel einen letzten sanften Kuss, dann richtete er sich auf.
„Ich mach uns unten schon mal Frühstück und Kaffee“, sagte er, und seine raue Stimme war dabei ungewohnt weich.
Auch Angel konnte sich ein verliebtes Lächeln nicht verkneifen. „Okay.“
Er stand ebenfalls auf, folgte dem Kater aber nicht nach unten, sondern setzte sich an seinen Schminktisch, um sich frisch zu machen und sein morgendliches Make-up aufzulegen.
Husk derweil hatte sich nach unten verzogen. Noch war niemand zu sehen, und so nutzte er die Gelegenheit, die morgendliche Zeitung hereinzuholen, die wie jeden Tag vor dem Eingang des Hotels lag. Die kühle Morgenluft strich ihm kurz durchs Fell, ehe er die Tür wieder schloss. Dann setzte er Kaffee auf und machte sich an ein kleines Frühstück.
Husk war wahrlich kein begnadeter Koch, das wusste er selbst am besten. Aber Eier und Speck in die Pfanne hauen, ein paar frische Brötchen aufschneiden und Gemüse und Käse hübsch auf einem Teller anrichten, das bekam er noch ganz passabel hin. Klar, die paar Eier hätten es zur Not auch getan. Aber für Angel gab er sich nun einmal besonders gern Mühe.
Dazu gehörte auch, dass er nebenbei eine kleine Brotbox vorbereitete. Er wusste ja, dass Angel später wieder ins Studio musste, und der Kater wollte einfach, dass sein Liebster zwischendurch etwas Vernünftiges zu sich nahm, statt den ganzen Tag nichts zu essen oder gar drei Zigaretten zum Mittagessen zu haben. Er hätte es niemals so ausgesprochen, aber es war seine eigene, stille Art, sich zu kümmern.
Gerade hatte er den letzten Teller auf den kleinen Tisch gestellt, als sein Freund auch schon die Treppe herunterkam. Als Angel das liebevoll angerichtete kleine Buffet erblickte, breitete sich ein warmes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er liebte diese Morgende mit Husk wirklich von Herzen.
„Danke, dass du dir immer so viel Mühe gibst“, sagte er leise, als er unten ankam, und drückte Husk einen sanften Kuss auf die Wange.
Husk brummte nur etwas Unverständliches, aber seine Ohren zuckten zufrieden.
Sie setzten sich an den Tisch. Husk schenkte Angel den dampfenden Kaffee ein und schob ihm wie selbstverständlich Milch und Zucker hin, während er seinen eigenen Kaffee am liebsten schwarz und bitter trank.
„Aber eins muss ich kritisieren“, meinte Angel, nachdem er einen ersten Schluck genommen hatte, und stützte das Kinn in eine Hand. „Wenn du das Frühstück machst, gibt es immer nur das Gleiche.“
Husk schnaufte und sah das ganz und gar nicht als Kritik an. „Ich kann eben nichts anderes. Außerdem, immer noch besser, als wenn du Frühstück machst und am Ende alles in pinker Lebensmittelfarbe ertränkt ist“, erwiderte er neckend.
Dann setzte er sich seine kleine Lesebrille auf die Nase, schlug die Zeitung auf und vertiefte sich in die ersten Artikel.
Angel wusste längst, dass Husk für diesen Moment seine Ruhe brauchte. Zumindest, bis er die ersten zwei, drei Seiten durch hatte. Es war ein kleines Ritual, an das Angel sich gewöhnt hatte und das er insgeheim sogar mochte. Also widmete er sich in aller Ruhe seinem eigenen Frühstück und warf nur hin und wieder einen verstohlenen Blick zu seinem Liebsten hinüber.
Husk sah einfach verboten gut aus, mit dieser runden Lesebrille, die ihm alle paar Minuten ein Stück die Nase hinunterrutschte, sodass er sie mit dem Krallenrücken und einem leisen, genervten Schnauben wieder hochschieben musste. Angel hätte ihm stundenlang dabei zusehen können.
„Sag mal“, durchbrach Husk schließlich selbst die Stille, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er wieder gesprächsbereit war. Er senkte die Zeitung ein Stück. „Wann ist deine Schicht heute eigentlich vorbei?“
„Um sechs“, antwortete Angel kauend.
Husk klappte die Zeitung zur Seite, sah Angel kurz an und griff sich dann ein Brötchen, um es mit Ei und Käse zu belegen.
„Ich hol dich dann ab.“
Angel blinzelte kurz überrascht. Dann aber breitete sich ein leises, gerührtes Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Okay.“
Er freute sich jedes Mal, wenn Husk ankündigte, ihn abzuholen. Es kam nicht besonders oft vor, aber wenn, dann hatte Angel den ganzen Tag über gute Laune. Dann konnte ihm nicht einmal Valentino die Stimmung vermiesen, weil er die ganze Zeit wusste, dass am Ende des Tages jemand auf ihn wartete. Jemand, der ihn nicht als Ware sah, sondern einfach nur als Angel.
Sie unterhielten sich noch eine Weile beim Essen. Husk beschwerte sich, dass Alastor in letzter Zeit ständig an der Bar herumlungerte und ihm irgendwelche dämlichen Streiche spielte, während Angel von den neuesten Kinks seines Chefs erzählte, die er allesamt über sich ergehen lassen musste. Husk knurrte bei diesem Thema kurz und finster, sagte aber nichts dazu. Er wusste, dass Angel das auf seine Art verarbeitete, und manchmal war Zuhören mehr wert als jeder Kommentar.
Dann redeten sie über die nächsten Tage. Angel wollte unbedingt shoppen gehen, und Husk würde natürlich mitkommen, auch wenn es ihn jedes Mal an den Rand des Wahnsinns trieb. Aber er durfte ja seinen Flachmann mitnehmen, und Angels strahlendes Gesicht beim Anprobieren war den ganzen Zirkus ohnehin wert. Das hätte er allerdings nie zugegeben.
„Und du machst mir wieder so ein langweiliges Gesicht, wenn ich die Umkleide nicht mehr verlassen will“, lachte Angel und stahl sich ein Stück Speck vom Teller des Katers.
„Weil du auch jedes verdammte Teil im Laden anprobierst“, brummte Husk, ließ den Diebstahl aber wortlos durchgehen. „Drei Stunden für eine Hose, die genauso aussieht wie die letzten fünf.“
„Hey, die Nuancen, Whiskers. Die Nuancen.“ Angel tippte sich bedeutungsvoll an die Schläfe, und Husk konnte sich ein leises Schnauben nicht verkneifen, das verdächtig nach einem unterdrückten Lachen klang.
Nachdem sie das Frühstück beendet hatten und Angel sich allmählich auf den Weg zur Arbeit machen wollte, verschwand Husk noch einmal kurz in der Küche. Er kam mit der Brotbox und einer Flasche Wasser zurück.
„Hier. Damit du was hast“, knurrte er leise und hielt Angel beides hin, den Blick dabei fast ein bisschen verlegen zur Seite gewandt.
Angel sah erst auf die Box und die Flasche, dann auf Husk. Etwas in seiner Brust wurde ganz warm. So eine kleine Geste, und doch sagte sie alles. „Danke dir, Kätzchen“, sagte er liebevoll. Er küsste Husk sanft und verstaute Wasser und Box dann sorgfältig in seiner großen Tasche.
„Wir sehen uns dann später“, lächelte er.
Husk nickte und hob die Pfote zu einer knappen Verabschiedung. Dann sah er Angel kurz nach, wie dieser durch die großen Flügeltüren des Hotels verschwand.
Für einen Moment blieb er einfach so stehen, in der stillen, leeren Lobby, und lauschte dem Verklingen von Angels Schritten. Sechs Uhr, dachte er. Bis dahin war es noch eine halbe Ewigkeit. Aber dann würde er vor dem Studio stehen und warten, und Angel würde herauskommen, müde vielleicht, aber lächelnd, sobald er ihn sah.
Husk ertappte sich dabei, wie er bei dem Gedanken ganz von allein zu schnurren begann. Er schüttelte den Kopf über sich selbst, brummte ein leises „verdammter Spinnendämon“ in den leeren Raum und ging dann hinter die Bar, um endlich seiner morgendlichen Routine nachzugehen. Aber das Schnurren blieb noch eine ganze Weile.
