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Der Aufstieg des schwarzen Drachen

von

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Im Schatten der Walled City

Starr sah ich auf meine Schuhe und schulterte meine Schultasche, in welcher ich das Teuerste, was ich besaß, herumtrug. Es waren Sammelkarten. Ich hatte sie mit dem Geld, was ich zum Neujahrsfest in meinem roten Umschlag bekommen hatte, gekauft.

Andere Kinder spielten damit auf dem staubigen Boden vor der Schule, sie lachten und tauschten die Karten mit schmutzigen Fingern. Ich nicht. Sie waren zu wertvoll für mich, zu besonders. Ich berührte die glatte Oberfläche nur, wenn meine Hände sauber waren. Für mich waren sie kein einfaches Kinderspiel.

Jedes Monster hatte seinen Platz, jede Karte eine feste Regel. In der Enge unserer Wohnung, in der man sich ständig gegenseitig berührte, waren diese Karten das Einzige, was nur mir gehörte. Ein kleines Rechteck aus Perfektion in einer Welt, die nach Abfall und altem Fett roch.

Ich drückte die Tasche fest an meine Seite, als ich in die Schatten von Kowloon Walled City eintauchte. Einem Teil von Hongkong. Die Karten gaben mir ein Gefühl von Macht, das ich nicht erklären konnte. Sie Meine Eltern hatten dafür keine Zeit.

In Kowloon Walled City gab es keinen Tag und keine Nacht. Es gab nur das ewige Summen der Neonröhren und den Geruch von kochendem Fett und Abfall. Ich war elf, aber ich hatte schon gelernt, dass man in den Gassen verschwinden muss, wenn man überleben will. Entweder lernte man zu überleben oder man starb in diesem Slum. Wie das Leben auf der anderen Seite der Stadt wohl aussehen mag? Hongkong war eine Weltmetropole und gehörte doch zu den reichsten Städten der Welt. Davon merkte ich in der Walled City nichts.

Ich kam gerade von der Schule. Meine Eltern hatten kein Geld, und so besuchten meine Schwester und ich die örtliche Missionarsschule. Wie alle Kinder aus der armen Arbeiterklasse.

Der Übergang war jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht. Hinter mir lag die Missionsschule mit ihren sauberen Steinböden und dem harten, englischen Alphabet, das noch immer in meinen Ohren nachhallte. Vor mir lag das Monster, das ich mein Zuhause nennen musste.

Kowloon City fraß das Licht. Sobald ich die erste Gasse betrat, verschwand die Sonne. Hier oben, wo die Häuser so eng zusammenstanden, dass man sich von Fenster zu Fenster die Hand reichen konnte, gab es keinen Himmel mehr. Nur noch ein Gewirr aus schwarzen Stromkabeln, die wie fette Adern über unseren Köpfen hingen und ständig leise summten. Die Menschen die mir in der enge begegneten waren blass und wirkten krank.

Ich hielt meine Schultasche fest an den Körper gepresst. Meine Uniform war weiß, ein gefährliches Weiß in dieser Welt aus Ruß und Abwasser. Ich wich einer Pfütze aus, in der reglose Fischabfälle schwammen, und ignorierte das Schreien der Verkäufer. Hier roch es nach allem gleichzeitig: nach süßlichem Opiumrauch aus den dunklen Hauseingängen, nach brennendem Plastik und dem scharfen Duft von Schweinefleisch, das an Haken in der feuchten Luft hing. Und von Abfällen die eigentlich in die Kanalisation gehörten. Wie es wohl war an einem Ort zu leben, der nicht nach sowas roch? Wo man keine Angst haben musste den Boden mit den Händen zu berühren? Meine Augen verengten sich. Diese Gedanken brachten mich nicht weiter, also drängte ich sie weit nach hinten in meinen Kopf.

Ich betrachtete die toten Tiere im Dreckwasser und wünschte mir für einen absurden Moment, wir hätten sie heute Abend auf den Tellern – sauber und gebraten. Doch selbst das war zu viel verlangt.

Der Wunsch würde nicht erfüllt werden können. Es gab eigentlich nur einfaches Essen und kaum Fleisch, das war für meine Familie zu teuer. Fisch hatten wir häufig, aber richtiges Fleisch konnten wir uns einfach nicht leisten. Mein Vater war ein einfacher Arbeiter in einer Fabrik am Hafen und verdiente fast nichts. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ich betrachtete den Stadtteil, mein Zuhause, und spürte einen Hass in mir.

Ich hasste mein Leben hier, denn ich wusste, dass ich zu mehr geschaffen war, als in diesem elenden Dreck zu verkommen. Meine dunklen Augen verengten sich und ich biss mir kurz zornig auf die Lippen, während ich die Treppen zu unserer Wohnung hinaufging. Stufe um Stufe. Das laute Aufheulen einen Flugzeuges ließ das Haus erbeben.

Ich hatte nur sehr selten einen Aufzug nutzen können. Hier in Kowloon hatten die Häuser keinen, obwohl die grauen Kolosse hoch in den Himmel ragten.
 

Unsere Wohnung war kein Ort zum Leben, sie war eine Lektion in Demut. Vier Personen auf knapp zwanzig Quadratmetern bedeuteten, dass man niemals allein war, außer in seinem eigenen Kopf.

Wenn ich an der Türschwelle stand, konnte ich alles mit einem einzigen Blick erfassen. Links die winzige Kochstelle, auf der meine Mutter ständig Fisch dämpfte, dessen Geruch sich wie ein klammer Film in die Tapeten fraß. Manchmal kochte meine Mutter auch im Flur, dann war ich dankbar, denn so stank es weniger intensiv.

Neben der Kochzeile stand das Etagenbett, das ich mir mit meiner Schwester teilte. Sie schlief oben, umgeben von ihren Schulbüchern, während ich unten lag und auf die Unterseite ihrer Matratze starrte, die mit der Zeit durchhing wie ein schwerer, grauer Himmel. Ein kleiner Vorhang gab mir wenigstens das Gefühl etwas alleine zu sein. Auch, wenn ich das nie war.

Das einzige Fenster ging zum Innenhof hinaus. Es ließ kein Licht herein, nur den Lärm der Nachbarn und das Tropfen der Klimaanlagen von oben. Mein Vater saß meistens auf dem Klappstuhl am Tisch, den Rücken zur Tür, den Kopf gesenkt über seiner Zeitung. Er nahm den meisten Platz ein, ohne jemals wirklich präsent zu sein.

Um vom Eingang zum Bett zu gelangen, musste ich mich seitlich an ihm vorbeischieben. Jedes Mal, wenn mein Arm dabei seinen Stoff der billigen Arbeitsjacke streifte, spürte ich ein brennendes Verlangen, die Wände nach außen zu drücken. Die Enge war wie ein leises Ersticken. Ich beobachtete meine Schwester, wie sie versuchte, an dem kleinen Tisch ihre Hausaufgaben zu machen, während meine Mutter das Geschirr in einer Plastikschüssel wusch. Auch sie arbeitete viel und war als Näherin lange außer Haus. Als ich kleiner war, musste ich sie mit zu ihrer Arbeit begleiten und später mich dabei um meine kleine Schwester kümmern.
 

Meine Mutter grüßte mich freundlich und fragte, wie mein Tag in der Schule war. „Gut …“, meinte ich nur und zog mir meine saubere und reine Schuluniform aus und hing sie an das Etagenbett. Wir bekamen großen Ärger, wenn wir dreckig oder ungepflegt in der Schule erschienen. Ein perfektes und gepflegtes Äußeres wurde von der Schulleitung verlangt. Trotzdem roch sie oft nach Essen und ich bekam dafür Arger.

Ich zog mir meine normale, schlichte Kleidung an und hasste sie. Denn sie zeigte, dass selbst wir hier in diesem Stadtteil so gut wie nichts hatten. Selbst unter den Armen zählte meine Familie noch zu den Ärmsten.

Ich setzte mich auf mein Bett und blickte mich um. Hier gab es nichts Schönes. Alles musste nur funktional sein. Ich schwieg und begann kein Gespräch. Meine Noten waren hervorragend, und doch wusste ich, dass mir das nicht viel helfen würde.
 

Meine Mutter nannte mich „ruhig“. Mein Vater sah mich gar nicht an. Ich saß oft stundenlang in der Ecke unserer winzigen Wohnung und beobachtete, wie sie sich bewegten. Sie waren wie Insekten, die in einem Glas gefangen waren. Ich wollte kein Insekt sein. Doch ich wusste nicht, wie ich dem hier entkommen sollte. Wie konnte man aus dem Glas fliehen, in das man hineingeboren wurde? Wie konnte ich meine Ketten sprengen?

Mein Vater erhob sich, um seiner Tätigkeit in einer Fabrik nachzugehen. Ich hörte, wie er sich von meiner Mutter verabschiedete. Meine Schwester war weiterhin mit ihren Hausaufgaben beschäftigt und ich setzte mich zu ihr. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, hier herauszukommen durch Bildung. Ich selbst erkannte für mich hier keine Zukunft.

Als ich fertig mit den Hausaufgaben war, bat meine Mutter mich, ihr etwas Gemüse von den Händlern zu besorgen. Sie selbst wusch in unserem Badezimmer gerade Kleidung. Ich wusste, dass es Waschmaschinen gab. Aber gesehen hatte ich noch keine wirklich.

Ich nahm das wenige Geld entgegen und nickte nur. An diesem Nachmittag regnete es. Ich nutzte den Botengang als Gelegenheit, um der erstickenden Enge der Gassen für einen Moment zu entkommen. Um den Himmel zu sehen und Licht, welches nicht von einer einzelnen Glühbirne auf mich hinab schien.

Ich lief bis vor an die große Außenstraße, wo der Slum auf die echte Stadt traf und ich endlich, das Grau des Himmels sehen konnte.
 

Ich stand im Schatten eines Zeitungsstandes und beobachtete einen schwarzen Mercedes. Meine Augen wurden groß. Das war kein Wagen, der hierhin gehörte.

Ich erkannte schnell, wem der Wagen gehörte. Er kam gerade aus einem der Geschäfte. Aber der Mann passte nicht hierher. Sein Anzug war zu sauber, seine Bewegungen zu sicher. Er strahlte eine Macht aus, die die Luft um ihn herum schwer machte.

Ich bewunderte ihn, obwohl ich ihn nicht kannte. Was wollte so jemand hier? So jemand gehörte nicht in diesen Stadtteil. Er gehörte auf die andere Seite der Stadt, welche ich noch nie gesehen hatte. Ich betrachtete die Tüte mit dem Gemüse und kam mir albern vor. Er sprach mit einem der Händler hier, von dem ich wusste, dass man sich mit ihm nicht anlegen sollte. Man zahlte, was er verlangte, oder ging besser. Ich bemerkte, wie der gut gekleidete Mann mit dem Händler diskutierte und er abweisend den Kopf schüttelte. Dieser Mann hatte keine Angst. War dem Idioten nicht klar, dass er mit seinem Auftreten die komplette Aufmerksamkeit auf sich zog?

Drei Männer traten aus einer Seitengasse. Ich roch den Alkohol und kannte sie. Sie waren Loser, aber leider gewalttätige Verlierer. Sie schienen so betrunken, dass sie in dem Mann jemanden sahen, den sie wohl hochnehmen konnten. Sie hatten Messer, billige Klingen, die im fahlen Licht glänzten. Wahrscheinlich dachten sie, sie hätten ein leichtes Opfer gefunden.

Ich hätte wegrennen können. Das war die Regel in Kowloon. Wer stehen bleibt, stirbt mit. Aber ich blieb. Ich wollte sehen, wie Macht blutet. Oder wie sie sich wehrt. War er wirklich ein Gewinner oder nur jemand in einem schicken Anzug? Doch dann kam mir etwas in den Sinn: Wenn ich ihm half, konnte er mir Geld geben. Er würde mir dann etwas schulden. Er hatte eindeutig Geld. Und kurz blickte ich auf das schrumpelige Gemüse und sah hinauf. Der Mann in Anzug hatte die Männer wirklich noch nicht bemerkt.

„Hey, du im schicken Anzug! Pass auf“, meinte ich nur kalt, und es war, als würde ich erst jetzt für diesen Mann sichtbar werden, und als er meinem Blick folgte und das Messer in den Händen der Männer sah, reagierte er erstaunlich schnell.

Der Mann bewegte sich wie eine Raubkatze. Bevor die drei Angreifer begriffen hatten, dass ihre Deckung aufgeflogen war, war er bereits bei ihnen. Es gab kein langes Zögern, kein Geschrei. Ich hörte nur das dumpfe Geräusch von Fleisch auf Fleisch. Ein gezielter Schlag gegen das Kinn des ersten Mannes, das metallische Klirren eines Messers auf dem nassen Asphalt. Eine blitzschnelle Faust traf die Wange des zweiten Angreifers. Blut spritzte aus dessen Nase, als er stöhnend zusammensackte. Der verbliebene Dritte wich panisch zurück, die Augen geweitet vor plötzlicher Angst. Er hatte ein Schaf erwartet und einen Wolf gefunden. Hastig zerrte er seine Kumpel hoch und sie verschwanden in den Schatten der Hochhausschluchten..

Ich stand noch immer unbeweglich im Schatten des Zeitungsstandes. Die Tüte mit dem Gemüse lastete schwer in meiner Hand. Fast schon enttäuscht sah ich den Männern nach. Ich hatte mehr erwartet.
 

Der Fremde strich sich seinen Anzug glatt, als wäre nichts geschehen. Sein Atem ging ruhig, während er auf mich zukam. Er war groß, viel größer als mein Vater, und sein Blick war so scharf wie die Klingen, die gerade noch auf ihn gerichtet gewesen waren. Er blieb vor mir stehen. Der Geruch von teurem Tabak und Leder verdrängte für einen Moment den Gestank von Müll. Stumm sahen wir einander an, und ich senkte den Blick nicht.

„Du hast keine Angst“, stellte er fest. Es war keine Frage. Seine Stimme war tief und klang wie das Knirschen von Kies.

„Brauchte ich ja nicht. Sie wollten ja nicht mein Gemüse“, antwortete ich und sah ihm direkt in die Augen. Ich wollte nicht wie ein Kind wirken. Ich wollte, dass er sah, dass wir aus demselben Holz geschnitzt waren. Dass ich kein ängstliches Kind war.

Er lachte nicht. Er betrachtete mich einen Moment lang, als würde er den Wert einer Ware schätzen. „Warum hast du mich gewarnt?“, fragte er direkt und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ich sah ihn an und meinte kühl: „Weil ich dachte, dass dir dein Leben vielleicht etwas wert ist und ich dann endlich mal satt ins Bett gehen kann.“

Erstaunt betrachtete er mein Gesicht, bevor ein Grinsen über seine Lippen huschte. Dann griff er in seine Innentasche und holte ein Bündel Geldscheine heraus. Meine Augen weiteten sich. So viel Geld hatte ich noch wie gesehen. Er zog einen Schein ab – mehr Geld, als mein Vater in einem ganzen Monat nach Hause brachte – und hielt ihn mir hin.

Ich sah den Geldschein an, aber ich griff nicht sofort danach. Ja, ich brauchte das Geld. Aber ich wollte nicht wie ein Bettler aussehen. Schließlich hatte ich gerade sein Leben gerettet. Er schuldete es mir. Das waren keine Almosen.

Ein schmales Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er ließ den Schein in meine Gemüsetüte fallen, direkt auf den welken Kohl. „Wie heißt du, Junge?“

„Li Qiang“, sagte ich.

„Li Qiang“, wiederholte er, als würde er den Namen testen. „Komm morgen um dieselbe Zeit hierher. Ohne das Gemüse. Wenn du mehr verdienen willst, habe ich vielleicht etwas für dich, bei dem du mir helfen kannst…“

Ich sah auf das Geld, stellte mir vor, wie ich davon Karten kaufte, und blickte hinauf in das Gesicht des Fremden. Ich nickte nur. Wie er hieß, war mir egal.

Er musterte mich ein letztes Mal, hob langsam eine Hand und tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn – ein stummer Gruß, der sich anfühlte wie ein besiegelter Vertrag. Dann wandte er sich um. Er öffnete die Tür des Mercedes, und für einen kurzen Atemzug drang das sanfte Leuchten der Armaturen und der Geruch von edlem Leder zu mir in den kalten Regen heraus. Ein unbezahlbarer Luxus.

Er stieg ein und schloss die Tür mit einem satten, schweren Klang, der die Geräusche des Slums auf einen Schlag schluckte. Der Motor schnurrte leise auf, und ich sah zu, wie die roten Rücklichter im Grau des Regens verschwanden. Ich spürte, wie mein Herz klopfte – nicht vor Angst, sondern vor Triumph. Der Händler, mit dem der Mann sich unterhalten hatte, sah mich skeptisch an, doch ich ignorierte seinen Blick. Es war bezeichnend für diesen Ort, dass niemand in Panik ausbrach, als die Schlägerei gerade war. Alle sahen nur weg und niemand wollte damit etwas zu tun haben.
 

Langsam ging ich wieder hinein in die graue, schwarze Welt der Walled City und betrachtete den Geldschein.

Ich ging zu einem Laden und kaufte mir sogar zwei Packungen Spielkarten. Einfach so ohne groß darüber nachzudenken. Und vermutlich taten andere Kinder das ebenfalls einfach so. Danach hatte ich noch immer genug übrig, damit meine Mutter meiner Schwester und mir etwas Ordentliches kochen konnte.

Als ich zu Hause ankam, betrat ich unsere Wohnung. Der Geruch von gedämpftem Fisch schlug mir wieder entgegen, aber dieses Mal war er mir egal. Ich legte das Gemüse auf den Tisch und platzierte zwei zerknitterte Geldscheine daneben. Meine Mutter hielt inne, ihre nassen Hände erstarrten an der Plastikschüssel. „Qiang? Woher hast du das?“, fragte sie und betrachtete besorgt das Geld. Dennoch war ihr Blick wachsam und glitt an mir entlang. Sie suchte nach Wunden, oder etwas anderem, von dem nur sie wusste. Immer noch hielt ich ihr die Scheine hin und mit zittrigen Fingern nahm sie es entgegen.

„Gefunden. Ich war außerhalb der Walled City. Da hat jemand nicht aufgepasst“, sagte ich flach und sah sie nicht an. „Kauf morgen Fleisch. Ich will morgen kein Gemüse essen.“ Sie fragte nach, ob ich wirklich die Wahrheit sagte und ich bestätigte meine Lüge problemlos. Erleichtert sah sie mich an und endlich sah ich Erleichterung in ihren vertrauten Augen. Ich bemerkte die Freude meiner Mutter und schmunzelte leicht. Nie hatte ich ihr einen Grund gegeben meinen Worten nicht zu glauben.

Ich setzte mich auf mein Bett und riss die Folie der neuen Kartenpackungen auf. Das Knistern des Kunststoffs klang für mich wie Musik. Für mich war jede Karte etwas Besonderes, doch als ich auf die erste Karte der zweiten Packung starrte, erstarrte ich. Es war ein schwarzer Drache. Eine mächtige und seltene Sammelkarte. Vorsichtig strich ich über die glatte Oberfläche, und ein ehrliches, zufriedenes Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Ich sah zu meiner Schwester hinüber, die mich mit großen Augen anstarrte. Ich gab ihr nichts ab. Das war mein Geld. Mein Sieg. Doch sollte ich morgen wieder Geld bekommen, würde ich ihr etwas Schönes kaufen.
 

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Guten Tag und herzlich willkommen!
 

Ich hoffe, der Einstieg hat euch gefallen. Für mich ist das dieses Mal etwas ganz anderes. Der Hauptcharakter hat mich in den letzten Monaten einfach nicht mehr losgelassen, und mittlerweile sind schon einige Kapitel geschrieben. Auch wenn die Geschichte noch nicht vollends abgeschlossen ist, bin ich wieder an dem Punkt, an dem ich ganz klar sagen kann: Sie wird nicht abgebrochen! ;)
 

Kanntet ihr die Walled City eigentlich schon? Ich hatte bis zu meinen Recherchen noch nie davon gehört. Aber als ich die ersten Bilder gesehen habe, musste ich sofort an das Spiel Cyberpunk denken!
 

Wünsche Euch einen schönen Tag

Die erste Lektion des Wolfs

Das Kratzen der Kreide auf der Tafel war das einzige Geräusch, das die drückende Schwüle im Klassenzimmer durchschnitt. Für die anderen war es ein gewöhnlicher Dienstagnachmittag, ein zähes Warten auf die Freiheit. Für mich war es eine Übung in Geduld.

Ich saß aufrecht, die Hände flach auf der hölzernen Tischplatte, die Kanten meiner Hefte exakt parallel zur Tischkante ausgerichtet. Mein weißes Hemd klebte nicht an meinem Rücken, obwohl die anderen Jungen bereits in ihrem Schweiß schwammen und die obersten Knöpfe ihrer Uniformen geöffnet hatten. Sie sahen aus wie zerknitterte Papierhaufen. Unordentlich. Disziplinlos.

Ich beobachtete den Lehrer, wie er englische Vokabeln an die Tafel schrieb. Er glaubte, er würde uns Bildung lehren, aber er lehrte uns nur Gehorsam. Ich lernte die Wörter nicht, weil ich sie liebte, sondern weil sie Werkzeuge waren. Wer die Sprache der Mächtigen spricht, wird eines Tages selbst mächtig. Denn das hier war nicht meine Zukunft.

Hinter mir hörte ich das unterdrückte Kichern von Wong und Chen. Sie warfen sich kleine Papierkügelchen zu und dachten, sie wären besonders mutig, weil sie den Unterricht störten. Ich musste nicht einmal hinsehen, um ihre Dummheit zu spüren. Sie verschwendeten ihre Zeit mit Spielen, die keinen Gewinn abwarfen. In ihren Augen sah ich nur die Leere von Menschen, die für immer in den Gassen von Kowloon bleiben würden.

Als der Lehrer kurz darauf einen Test zurückgab, betrachtete ich meine Bestnote. Doch so schnell der Stolz kam, so schnell war er auch wieder verflogen. Die Note brachte mir hier nichts. In anderen Familien gab es dafür vielleicht eine Belohnung, in der meinen nicht. Manchmal schweifte mein Blick zum Fenster, doch dort gab es nichts zu sehen außer der grauen Wand des Nachbarhauses. Kein Himmel, nur Beton. Nichts, was ansatzweise schön war.

„Li?“, die Stimme des Lehrers riss mich nicht aus meinen Gedanken – ich war ohnehin präsent. „Lies bitte den nächsten Absatz vor.“

Ich stand langsam auf, rückte meinen Stuhl geräuschlos zurück und las mit klarer, emotionsloser Stimme. Mein Englisch war gut. Nicht perfekt, aber gut. Ich sah, wie Chen mich hasserfüllt anstarrte, weil er selbst kaum einen geraden Satz herausbrachte. Sein Neid war wie ein billiges Parfüm – aufdringlich und leicht zu durchschauen. Als ich mich wieder setzte, spürte ich die angenehme Kälte meiner Sammelkarte, die ich in der Innentasche meiner Weste trug. Die anderen besaßen nur ihre lauten Stimmen und ihren billigen Schabernack. Ich besaß Ordnung. Und ich besaß ein Geheimnis, das später am Zeitungsstand auf mich wartete.
 

Ich verbrachte die Pause oben auf dem Dach unserer Schule. Ein hoher Zaun sollte dafür sorgen, dass wir im Spiel nicht versehentlich vom Dach fielen. Ich setzte mich und öffnete meine Blechdose. Was hätte ich für ein richtiges Mittagessen gegeben … Ich aß den kalten Reis und das gedämpfte Gemüse. Ich hoffte inständig, dass ich heute Nachmittag wieder Erfolg haben würde, damit meine Mutter am Abend echtes Fleisch kochen konnte. Meine Schwester saß bei ihren Freundinnen, und ich sah, wie sie zusammen lachten. Sie war anders als ich. Freundlicher, lauter, offener. Ich begriff nicht, warum sie lachte. Wir hatten fast nichts, wir lebten in einem Loch, und sie benahm sich, als wäre alles ein großes Spiel. Für mich gab es nichts zu lachen, solange ich noch hier feststeckte.

Nach dem Essen lehnte ich mich gegen den Zaun. Das Metall zitterte, weil ein paar Jungs dagegenrannten. Sie spielten Fangen und sahen aus wie Idioten, wie sie einander die Hemden aus der Hose rissen.

„Hey, Li!“, rief Chen. Er kam angerannt, sein Gesicht war rot und voller Dreck. Er hielt einen Stapel Karten in der Hand, die mit einem fetten Gummiband zusammengehalten wurden. Wie konnte man so etwas nur so behandeln? „Spielst du mit? Wir werfen.“

Ich sah auf seine Finger. Unter seinen Nägeln klebte schwarzer Schmutz vom Treppengeländer.

„Nein“, sagte ich, ließ den Deckel meiner Blechdose laut zuschnappen und sah hinauf in seine braunen Augen.

„Komm schon, hab keine Angst. Zeig mal, was du hast.“ Chen kam einen Schritt näher. Er wollte gar nicht spielen, er wollte nur sehen, ob ich bessere Karten hatte als er.

Ein paar andere Jungs blieben stehen. Sie fingen an, ihre Karten auf den Boden zu knallen. Das Ziel war es, die Karte des anderen umzudrehen, indem man seine eigene flach danebenwarf. Wer sie umdrehte, durfte sie behalten. Ich sah zu, wie eine glänzende Karte über den harten Beton rutschte. Der Boden machte fiese Kratzer auf das Bild. Wie konnte man so blöd sein? Das waren keine Steine, das waren Schätze.

„Bist du ein Feigling, Li?“, grinste Chen und sah zu den anderen. Er hielt seine Karte hoch, einen zerknitterten Ritter.

„Ich werfe meine Sachen nicht in den Dreck“, sagte ich laut. Ich stand auf und machte mich so groß wie möglich. „Guck dir doch mal deine Finger an, Chen. Du bist total dreckig. Ich fasse deine ekligen Karten gar nicht erst an.“

Ein paar Jungs lachten. Chen wusste nicht, was er sagen sollte. Er hob die Hand, als wollte er mich schubsen, aber er tat es nicht. Ich guckte ihn einfach nur an. Ganz ruhig. Ich blinzelte nicht einmal. Ich wusste, dass ihn das nervös machte. Die meisten Kinder schrien herum, wenn sie stritten, aber ich war einfach nur still.

„Du bist echt ein Spinner, Li“, brummte er und drehte sich um.

Ich klopfte mir den Staub von der Hose. In meiner Tasche fühlte ich den Drachen. Er war sicher. Er war sauber. Während die anderen im Staub um kaputte Karten stritten, wartete ich auf das Treffen heute Nachmittag. Das war viel wichtiger als ihr dummes Spiel. Denn wenn ich mich geschickt anstellte, würde ich bald dafür sorgen, dass wir nie wieder hungrig ins Bett gehen mussten.
 

Nach der Schule ging ich nicht nach Hause. Ich sagte meiner Schwester, dass sie unserer Mutter Bescheid geben sollte, dass ich länger weg sein würde. Es war nichts Neues. Denn die Enge unserer Wohnung war für alle manchmal schwer auszuhalten.

Ich ging wieder zu dem Ort, an dem ich gestern den Mann getroffen hatte. Ich stand am Zeitungsstand und tat so, als würde ich die Schlagzeilen lesen. In Wahrheit achtete ich auf jedes Motorgeräusch. Ich wollte nicht, dass man mir ansah, wie sehr ich darauf hoffte, dass er kam.

Der Mercedes bog nicht um die Ecke. Stattdessen spürte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Ich fuhr nicht herum, ich erstarrte nur.

„Pünktlich“, sagte die tiefe Stimme des Mannes hinter mir. „Das ist gut. Wer pünktlich ist, ist verlässlich.“

Ich sah in das Gesicht des Mannes von gestern und ging automatisch zurück. Sein Anzug war noch genauso makellos wie gestern. Kein einziger Aschefleck, kein Staubkorn. Ich fragte mich, wie er das in diesem Dreckloch schaffte.

„Willst du wieder überfallen werden?“, fragte ich forsch. Ich versuchte, so cool wie möglich zu klingen, und verschränkte die Arme.

Der Mann lachte nicht. Er sah mich nur an, und sein Blick war plötzlich so schwer, dass meine Arme fast von allein wieder sanken. Er strahlte etwas aus, worum ich ihn beneidete. Autorität. Eine Autorität, die er ohne Schreien und ohne Schlagen bekam. Seine Augen durchbohrten mich regelrecht. Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch direkt über meinen Kopf.

„Du hast ein loses Mundwerk, Kleiner“, sagte er ruhig. Es war keine Drohung, aber ich spürte, dass ich nicht zu weit gehen durfte. „Aber du hast Biss. Und du kennst die Rattenlöcher hier besser als ich.“

Er lehnte sich gegen die Wand, sein Anzug wirkte wie ein Fremdkörper auf dem rissigen Beton. „Ich benötige jemanden, der Dinge bewegt. Briefe, kleine Päckchen. Jemand, der so aussieht, als käme er gerade von der Schule, fällt nicht auf. Glaubst du, du schaffst das, ohne dass dich jemand erwischt?“

Ich sah ihn perplex an. Er wollte mich als Kurier. Er wollte, dass ich sein Schatten in den Gassen wurde.

„Ich kenne Abkürzungen, da passt nicht mal ein Hund durch“, meinte ich, und mein Herz fing an, schneller zu schlagen. Ich war hier aufgewachsen. Natürlich kannte ich dieses Rattenloch. Wenn es um so etwas Simples ging, konnte ich ihm wirklich nützlich sein. Erneut nahm er einen Zug von seiner Zigarette und schmiss den Stummel vor mir auf den Boden. Er hielt mir einen Umschlag hin und meinte: „Zhang Yimou, hat ein Wechselbüro. Sag ihm, der graue Wolf schickt dich, und ich erwarte, eine Antwort. Weißt du, wo das ist?“

Kurz runzelte ich die Stirn und fragte nach einem Augenblick: „Ist das der mit dem fetten Bierbauch? Neben einem Friseur?“ Ein kurzes Grinsen schlich über das Gesicht des Mannes und er nickte nur. Ich nahm den Umschlag und blickte von ihm zu dem Typen vor mir.

„Was bekomme ich dafür?“, wollte ich wissen und betrachtete den viereckigen Umschlag. Kurz grinste der Mann, der sich der graue Wolf nannte, und zündete sich erneut eine Zigarette an und meinte: „Garantiert nicht so viel wie gestern. „Aber wenn du schnell bist, bekommst du noch was obendrauf …“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und so spurtete ich los.
 

Ich rannte nicht über die Hauptstraßen. Das wäre dumm gewesen. Wer auf den großen Wegen rannte, zog Blicke auf sich – und Blicke bedeuteten Fragen. Ich bog sofort in eine schmale Gasse ab, in der das Abwasser in einer offenen Rinne in der Mitte des Weges floss.

Die Walled City war für die meisten ein Monster, in dem man sich verirrte, aber für mich war es wie ein riesiger Spielplan. Ich kannte die Lücken. Ich kannte die Wege.

Ich sprang über eine Kiste mit fauligen Melonen und schlüpfte hinter einem klappernden Ventilator durch einen Spalt, der so schmal war, dass der raue Beton an meinen Schultern kratzte. Ein kurzes Ziehen an meiner Uniformjacke ließ mich fluchen – wenn sie riss, würde meine Mutter Fragen stellen. Aber ich hielt nicht an.

Über mir hingen tausende Stromkabel wie schwarze Spinnweben. Sie summten so laut, dass man das eigene Atmen kaum hörte. Es roch nach verbranntem Plastik und dem süßlichen Dampf der Garküchen, die ihre Abfälle einfach hinter die Tür kippten. Ich wich einer Katze aus, die so räudig aussah wie die Schatten, in denen sie lebte.

Ich kletterte eine rostige Eisenleiter hinauf, die an der Außenwand eines Wohnblocks hing. Die Sprossen waren rutschig von Fett und Ruß. Von hier oben konnte ich in die Fenster der Menschen sehen. Ein alter Mann starrte mit leeren Augen auf einen flackernden Fernseher, eine Frau schrie ihr Kind an. Sie wirkten alle so klein und festgefahren. Ich war der Einzige, der sich bewegte. Ich war der Schatten, den der graue Wolf geschickt hatte.

Ich sprang von einem Mauervorsprung zurück auf den Boden einer noch dunkleren Gasse. Hier unten brannte kein Licht mehr, nur das ferne, rote Glühen einer Neonreklame warf blutige Schatten auf den Boden.

Noch zwei Abbiegungen, vorbei an der illegalen Zahnarztpraxis, aus der das hohe Surren eines Bohrers drang, dann sah ich es. Das Schild des Wechselbüros war klein und verbeult.

Ich verlangsamte meinen Schritt. Ich wollte nicht außer Atem wirken. Ich strich meine Uniform glatt und wischte mir den Schweiß von der Stirn.

Vor der Tür, auf einem viel zu kleinen Schemel, saß er. Der Bauch spannte das billige Unterhemd so sehr, dass man die Knöpfe fast ächzen hörte. Zhang Yimou. Er fächerte sich mit einer alten Zeitung Luft zu und sah aus, als würde er gleich in der Hitze schmelzen.

Ich trat auf den Mann zu und hielt ihm den Umschlag hin. „Vom grauen Wolf für dich“, meinte ich nur, und perplex starrte er mich an.

Sein Blick glitt an mir entlang. Und unschlüssig nahm er den Brief. Er sah auf die Schrift und blickte dann zu mir. „Warte“, meinte er nur und verschwand im Hinterzimmer seines schäbigen Ladens. Ungeduldig wartete ich, denn er sollte sich beeilen. Schließlich bekam ich mehr, wenn ich schnell wieder bei dem Typen war.

Als Zhang zurückkam, hielt er kein Papier in der Hand. Er reichte mir ein kleines, schweres Päckchen, das fest mit braunem Klebeband umwickelt war. Ich war kurz überrascht – der Wolf hatte von einer Antwort gesprochen –, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich griff nach der Schachtel, spürte ihr unerwartetes Gewicht und steckte sie hastig in meine Schultasche zu den Sammelkarten. Ohne eine Verabschiedung machte ich mich sofort auf den Rückweg.
 

Als ich wieder vor dem Mann stand, sah ich, dass er auf seine Armbanduhr blickte. Eine glitzernde, silbrige Uhr – ich hatte noch nie eine so schöne gesehen.

„Du warst schnell …“, er nahm das Paket entgegen, das ich ihm reichte, und kontrollierte es. Vermutlich wollte er sehen, ob ich es geöffnet hatte. „Du hast nicht reingeschaut“, stellte er zufrieden fest und betrachtete mich mit gerunzelter Stirn. „Hm“, kam es langgezogen von ihm. Er griff in die Innenseite seines Sakkos und zog seine Geldbörse hervor. Meine Augen weiteten sich, als er mir einige Scheine hinhielt.

Ich griff nach ihnen. Es war genug, um auch heute wieder warmes Essen für uns alle zu kaufen.

„Was hältst du davon, wenn wir uns öfter sehen? Du kennst dich hier aus. Ich nicht. Ich muss hier Sachen erledigen, und du kannst mir helfen …“

Sofort nickte ich. Ich hätte nicht gedacht, dass man so einfach an Geld kommen konnte. „Klar“, meinte ich und fügte arrogant hinzu: „Wenn du dir dafür zu fein bist, sage ich nicht nein.“

Ein plötzliches Brennen explodierte auf meiner Wange. Ein lautes Klatschen ertönte, und mein Kopf flog zur Seite.

Mit dieser Ohrfeige hatte ich absolut nicht gerechnet. Für einen Moment setzte das Geräusch der Straße aus. Mein Ohr pfiff gellend, und der metallische Geschmack von Blut mischte sich mit dem Speichel in meinem Mund. Ich starrte den Mann an. Meine Knie zitterten ganz leicht, aber ich zwang mich, stehenzubleiben.

„Wenn du weiterhin so frech bist, überlege ich es mir noch mal… Wenn du und ich zusammenarbeiten wollen, wirst du Respekt lernen müssen, Li“, meinte er ruhig. Er schrie nicht, er hob nicht einmal die Stimme. Und doch schnürte mir seine Kälte die Kehle zu.

Ich hielt mir die brennende Wange. Die Haut glühte, und in meinen Augen staute sich heiße Flüssigkeit, aber ich blinzelte sie weg. Ich weinte nicht. Hier weinten nur die Schwachen, und ich würde verdammt noch mal nicht schwach sein. Was mich tiefer traf als der körperliche Schmerz, war die Demütigung. Er hatte mich gerade wie ein Tier gemaßregelt.

Ich verstand jetzt: Das hier war kein Spiel auf dem Schulhof. Das war ein Geschäft, und in seinem Geschäft gab es keine Witze. Ich schluckte meinen Stolz hinunter und nickte langsam.

Er beugte sich ein Stück zu mir herab. Er roch nach teurem Tabak und Rasierwasser – ein Duft, der wie eine eigene Machtkomponente in dieser dreckigen Gasse stand.

„Morgen zur gleichen Zeit“, sagte er. Seine Stimme klang nun wieder fast freundlich, was die Sache nur noch unheimlicher machte. „Und wehe, deine Uniform ist dann schmutzig. Wer für mich arbeitet, sieht ordentlich aus. Hast du das verstanden?“

„Ja, Sir“, presste ich hervor. Mein Kiefer tat weh, aber ich zwang mich, seinen Blick auszuhalten. „Ich werde da sein.“

Er klopfte mir zweimal hart auf die Schulter, beinahe kameradschaftlich, als wäre nichts gewesen. Dann drehte er sich um und ging zu seinem Wagen. Ich blieb wie angewurzelt stehen und sah ihm nach, bis die roten Rücklichter des Mercedes in der nächsten Querstraße verschwanden.

In meiner Hand hielt ich die Geldscheine. Sie waren zerknittert, aber sie fühlten sich schwerer an als alles, was ich jemals besessen hatte. Der Schmerz im Gesicht war der Preis für dieses Geld – und ich beschloss in diesem Moment, dass ich bereit war, diesen Preis immer wieder zu zahlen.

Auf dem Rückweg kam ich an einem kleinen Schreibwarenladen vorbei. In der Auslage, zwischen verstaubten Heften, lag ein einzelner Stift. Er war durchsichtig, und im Inneren schwammen silberne Glitzerpartikel in einer blauen Flüssigkeit. Ich erinnerte mich, wie meine Schwester im Laden einmal sehnsüchtig davor stehen geblieben war, bis meine Mutter sie am Arm weitergezogen hatte, weil wir kein Geld für solchen Unsinn besaßen.

Ich kaufte ihn. Der Verkäufer starrte auf den großen Geldschein in meiner kleinen, schmutzigen Hand, aber er schwieg.
 

Zu Hause war es eng und roch nach gebratenem Kohl. Meine Schwester saß am wackeligen Küchentisch und malte mit einem fast abgekauten Bleistift auf die Rückseite einer alten Zeitung. Als ich eintrat, sah sie sofort meine Wange. Sie riss die Augen auf und wollte gerade nach unserer Mutter rufen.

„Hier“, unterbrach ich sie und legte den Stift mitten auf ihren Zeitungsfetzen.

Sie erstarrte. Das blaue Leuchten des Stifts wirkte in unserer grauen Wohnung wie ein Juwel. Vorsichtig streckte sie die Hand danach aus, als würde er zerbrechen, wenn sie ihn zu fest anfasste.

„Woher hast du… ?“, flüsterte sie und sah mich mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung an.

„Frag nicht“, sagte ich kühl und strich mir über die brennende Haut. „Und sag Mutter nichts davon. Ich bin gegen eine Tür gelaufen. Und ich habe Geld gefunden.“

Ich sah, wie sie den Stift fest umschloss und ein kleines, ungläubiges Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. Ich erwiderte es nicht. Ich ging direkt in die Ecke, in der unser Doppelbett stand, und legte mich hin. Ich tastete nach den Scheinen in meiner Tasche. Meine Wange pochte im Takt meines Herzschlags, aber ich lächelte innerlich. Ich war kein Kind mehr, das darauf wartete, dass ihm jemand etwas gab. Ich war derjenige, der die Geschenke brachte. Und morgen würde ich wieder zum grauen Wolf gehen.

Ich zog den schwarzen Drachen aus der Tasche und strich behutsam über das glatte Bild. Sie war so besonders, so unberührt von diesem Ort.

Meine Mutter kam aus unserem winzigen Badezimmer, hängte die Wäsche auf eine Leine und begann, das Abendessen zuzubereiten. Mein Herz machte einen kleinen Sprung, als ich sah, dass sie ein frisches Stück Schweinefleisch auspackte. Sie hatte es von dem restlichen Geld gekauft, das ich gestern nach Hause gebracht hatte – doch die Scheine waren nun aufgebraucht. Als sie mich nach der Schule fragte, erzählte ich ihr von meiner Bestnote. Natürlich entging ihr die Schwellung in meinem Gesicht nicht. Ich tischte ihr dieselbe Lüge auf: ein Unfall nach dem Unterricht. Sie strich sanft über die schmerzende Stelle, und ich zuckte leicht zusammen. Sie glaubte mir blind, weil ich in ihren Augen immer der ehrliche, gute Junge war. Während ihre Finger meine heiße Haut berührten, umklammerte ich tief in meiner Hosentasche das neue Geld. Die Lüge tat weh, aber das Gefühl der Macht war stärker.

Kurz darauf hörte ich das schwere Schlurfen von Schritten im Flur. Mein Vater kam herein. Er arbeitete in den Docks, und der Geruch von Diesel und salzigem Meerwasser klebte an ihm wie eine zweite Haut. Er sah unendlich müde aus, seine Schultern hingen tief, als lastete die gesamte Schwere von Kowloon auf ihm.

Meine Mutter stellte die Schüssel mit dem dampfenden Reis und dem Fleisch in die Mitte des Tisches. „Mailin hat heute fleißig beim Tragen geholfen, und schau dir den Test von Qiang an“, sagte sie leise zu meinem Vater und lächelte mich an. Es war ein Lächeln voller Stolz, das mir fast körperlich wehtat. „Er ist ein guter Junge. Und Mailin hilft, wo sie kann.“

Mein Vater brummte nur etwas Unverständliches. Er nahm ein Stück vom Fleisch und legte es auf meinen Reis. Es war seine Art, Danke zu sagen. Früher hätte ich mich darüber gefreut. Heute sah ich nur seine rissigen Hände und die dunkle Dreckkruste unter seinen Nägeln. Ich sah einen Mann, der sich sein ganzes Leben lang abgemüht hatte und am Ende nichts besaß außer einer erschöpften Frau und einer Wohnung, die kaum größer war als ein Schrank.

So werde ich nicht enden, dachte ich und stocherte im Reis. Ich werde nicht für ein Stück Fleisch buckeln.

Im fahlen Licht der nackten Glühbirne fiel dem Vater die Rötung an meiner Wange nun erst richtig auf. Er legte die Stäbchen beiseite. „Was ist das, Qiang? Hast du dich geschlagen?“

Seine Hand, rau von der Fabrikarbeit, legte sich sanft auf mein Gesicht. Ich wollte zurückweichen, wollte seine Sorge abschütteln wie lästigen Staub.

„Ich bin nach der Schule gegen eine Tür gelaufen, Vater. Es ist nichts“, sagte ich und zwang mich, seinem Blick standzuhalten. Er musterte mich misstrauisch. Anders als Mutter glaubte er mir nicht sofort, aber er bohrte nicht weiter nach. Er hatte ja keinen Grund zu der Annahme, dass sein elfjähriger Sohn einen neuen Weg vorgeschlagen bekommen hatte.

„Du musst vorsichtiger sein“, flüsterte er und strich mir über die Haare. „Du bist unser ganzer Stolz, Qiang. Du wirst es einmal besser haben als wir. Du wirst studieren und in einem Büro arbeiten, in dem es kühl ist.“

Ich nickte, aber innerlich wollte ich lachen. Er träumte von klimatisierten Büros und Aktenkoffern. Er verstand nicht, dass die Welt da draußen nicht auf ehrliche Jungen wartete. Sie wartete auf Wölfe und Drachen. Wir hatten überhaupt nicht das Geld für eine höhere Bildung. Das wusste ich, auch wenn ich erst elf Jahre alt war.

Während meine Mutter das Gespräch wieder übernahm und meiner Schwester erklärte, dass sie heute früher ins Bett müsse, fühlte ich die neuen Geldscheine in meiner Tasche. Das Geld war die einzige Wahrheit in diesem Raum. Es war die unsichtbare Grenze zwischen dem lebenslangen Hunger meines Vaters und dem Glitzerstift meiner Schwester.

Ich war bereits auf dem Weg nach draußen. Sie sahen es nur noch nicht.

Gekaufte Kindheit

Guten Abend,
 

die nächsten Tage komme ich wahrscheinlich nicht zum Hochladen. Viel Arbeit. Bereitschaft und Familie.

Ich hoffe, ihr habt Spaß am neuen Kapitel.

Teilt mir gerne mal eure Meinung mit, wie ihr es generell findet. Ist es überhaupt spannend :D?
 

Schönen Wochenstart^^

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Nachdem der Tisch abgeräumt war, löschte meine Mutter die nackte Glühbirne über dem Tisch. „Ab ins Bett, ihr zwei“, sagte sie sanft und betrachtete uns.

Wir halfen noch, den Tisch und die Klappstühle wegzustellen, dann rollten meine Mutter und mein Vater ihre Matratze aus, auf der sie jeden Tag schliefen. Ich wusch mich im Badezimmer am Waschbecken und machte mich frisch für die Nacht. Wir hatten keine Dusche, geschweige denn eine Badewanne. Der einzige Luxus an unserer Wohnung war, dass wir uns dieses Badezimmer nicht mit den anderen Familien auf dem Flur teilen mussten. So wusch ich mich mit Seife und einem Waschlappen und betrachtete mich im Spiegel. Meine schwarzen Haare waren kurz geschnitten und meine dunklen, fast schwarzen Augen stachen aus der hellen Haut hervor. Ich hatte wohl das Glück, dass ich nicht sehr klein werden würde. So wie mein Vater und mein Großvater.

Ich fragte mich, wie andere Kinder in meinem Alter lebten. Wie es war, wenn man nicht ständig hungern musste. Wie es war, wenn man einfach alles hatte. Wie fühlte es sich an? Wie schmeckte das beste Fleisch der Welt? Wie war es, ein eigenes Zimmer zu haben? Wie war es zu duschen? Wie war es, wenn man sich keine Sorgen um seine Zukunft machen musste? Wäre ich dann ein anderes Kind? Dachten andere Kinder wie ich?

Wenn ich mir die Idioten in meiner Klasse anschaute, dann war die Antwort klar. Nein. Nachdem ich mir die Zähne geputzt hatte, verschwand ich aus dem Badezimmer, damit Mailin sich waschen konnte.

Mein Vater saß wie gewohnt auf seinem Klappstuhl am Fenster und rauchte eine Zigarette. Ich mochte den stinkenden Qualm nicht. Er verpestete die Luft und meine Kleidung stank häufig danach. Es war nicht der teure, mächtige Duft des grauen Wolfs – es war der beißende Geruch von billigem Tabak. Mein Vater kam nicht auf die Idee, mit uns zu reden. Ich hasste ihn nicht, aber er war mir auch nicht sonderlich wichtig. Er war halt da und brachte das Geld nach Hause. Seine Haare waren noch voll, und hätten wir besseres und ausreichendes Essen gehabt, hätte er ein attraktiver Mann sein können. Wenn er nach Hause kam, wollte er nicht viel sprechen. Wir hatten ruhig zu sein, damit er den Frieden bekam, den er wollte.

Ich nahm meine Schulbücher, verstaute sie in meiner Tasche und stellte die leere Blechdose zu dem anderen Geschirr, das Mutter noch säubern musste.

Mailin kletterte flink auf die untere Ebene unseres Stockbetts. Sie drückte sich mit dem Rücken gegen die kalte Wand und hielt ihren neuen Glitzerstift fest umklammert, als könnte er in der Dunkelheit verloren gehen. Stolz sah sie ihn an und grinste zu mir. Ein leichtes Lächeln schlich auf mein Gesicht. Ich war es, der ihr diese Freude beschert hatte, und es war ein gutes Gefühl. Das konnte mein Vater nicht.

Mutter beugte sich zu ihr, deckte sie zu und flüsterte ihr ein paar liebevolle Worte zu, die nur für ihre Ohren bestimmt waren.

Ich selbst hatte mich bereits zugedeckt und wartete darauf, dass sie zu mir kam. Sie setzte sich neben mich, strich mir durch die Haare und sah mich innig an. Sie streckte ihre Hand nach mir aus und zog mich sanft zu sich. Für einen Moment war da kein Geruch nach Plastikfabrik oder Abwasser, sondern nur der vertraute, warme Duft von ihr – nach Reis und billiger Seife.

Ich zögerte. Mein Kiefer war steif und die Wange brannte bei jeder Bewegung. Aber als sie den Arm um mich legte, sank meine Abwehr. Ich lehnte meinen Kopf an ihre Schulter und schloss die Augen. Nur für einen Wimpernschlag ließ ich es zu, dass ich wieder ein Kind war. Ihr Körper war schmal und sehnig von der harten Arbeit, aber ihr Arm fühlte sich an wie eine Festung gegen die Welt da draußen. Hätte das Schicksal uns doch an einem anderen Ort wohnen lassen können.

Doch dann spürte ich durch den dünnen Stoff meiner Hose das harte Papiergeld in meiner Tasche. Es drückte gegen mein Bein wie eine Mahnung. Ich konnte mehr erreichen. Meine beiden Eltern arbeiteten, und trotzdem reichte es für nichts. Und ich hatte mit einem einfachen Gang zu irgendeinem fetten Typen Geld verdient.

Ich löste mich aus der Umarmung und sie küsste mich auf die Stirn. „Schlaf gut, mein starker Junge“, flüsterte sie liebevoll und leise. Das waren ihre Worte nur für mich. „Ich bin stolz auf dich, Qiang.“

Ich drehte mich auf die Seite. „Gute Nacht, Mutter“, murmelte ich.

Dann starrte ich auf die kalte Wand. Hinter mir hörte ich meine Eltern sich leise unterhalten. Sie sprachen über die Stadt, die Nachbarn, die Arbeit. Nach einem Moment schalteten sie den alten, fast kaputten Fernseher ein.

In der Ecke der Wohnung flackerte das Gerät. Das Bild war grieselig und hatte einen Blaustich, aber meine Mutter sah trotzdem gebannt zu, wie eine Frau in einem Seidenkleid durch ein großes Haus wandelte. Ein Haus, wie ich es noch nie betreten hatte. Mehrere Räume, schöne Möbel. Jeder hatte Platz. Vermutlich gab es so etwas wirklich.

Für meine Mutter war es ein Traum, für mich war es nur ein schlechtes Bild auf einer billigen Röhre. Mein Vater beachtete das Gerät nicht; er starrte lieber in seinen Tabakqualm. Erneut strich ich über die Geldscheine, sah, wie meine Mutter auf den Bildschirm starrte, und schwor mir, dass wir genau so leben würden.

Ich wartete auf den Schlaf. Die Gespräche meiner Eltern und das monotone Summen des Fernsehers wurden zu einem Hintergrundgeräusch, das mich nach und nach in die Dunkelheit zog.
 

Die Hitze am nächsten Nachmittag war noch drückender als am Tag zuvor, doch ich ließ mir nichts anmerken. Die Schule war heute zäh gewesen. Während die anderen Jungs wie Idioten auf dem Hof herumrannten und Fangen spielten, hatte ich mich abseitsgehalten, um mein Hemd nicht schmutzig zu machen.

Ich hatte Chen meine Sammelkarten gezeigt, und die anderen waren augenblicklich beeindruckt von meinem schwarzen Drachen gewesen. Es wurden mir viele Tauschkarten für ihn angeboten, doch er gehörte mir. Das war mein Schatz. Niemand durfte ihn anfassen. Alle wollten wissen, was mit meiner Wange passiert war. Ich erzählte ihnen, dass ich einen Unfall gehabt hatte. Einige glaubten mir, andere nicht. Doch eigentlich war es egal.

In der Pause beobachtete ich meine Schwester, die den anderen Mädchen stolz ihren neuen Glitzerstift präsentierte. Sie fanden ihn toll, und es freute mich zu sehen, dass Mailin für das bewundert wurde, was ich ihr geschenkt hatte. Ich war es gewesen. Nicht unser Vater.

Heute hatten wir von zu Hause nicht viel zu essen mitbekommen. Mein Magen knurrte erbärmlich, und ich sah an Mailins verhaltenen Blicken, dass auch sie Hunger hatte. Nach der Schule standen wir draußen auf den engen, überfüllten Straßen, und ich spürte das Geld von gestern in meiner Hosentasche. Ich betrachtete meine Schwester einen Augenblick, wie sie da stand, ihre langen schwarzen Haare zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden.

„Komm“, sagte ich knapp.

Wir gingen zu einem der dampfenden Essensstände an der Ecke. Verwirrt sah meine Schwester mich an und fragte leise, wie ich mir das Essen leisten wollte. Ohne ein Wort zu sagen, streckte ich die Hand in die Tasche und zog einen der Scheine heraus. Mit großen Augen starrte sie das Geld an.

„Woher hast du das, Gege?“, flüsterte sie. Sie nannte mich selten Qiang, sie nannte mich fast immer nur ihren großen Bruder. Und das war ich. Ich war ihr Gege. Ihr Beschützer.

Ich schmunzelte leicht und erklärte stolz: „Ich helfe jemandem und bekomme dafür Geld. Und jetzt können wir uns auch endlich Fischbällchen holen.“

Ich reichte dem Händler den Schein und bestellte zwei volle Portionen. Mailin nahm ihren Becher mit fast ungläubigem Blick entgegen. Vermutlich hatte sie damit gerechnet, dass wir uns eine Portion teilen müssten, wie wir es sonst immer taten, wenn wir sie uns gönnten. Das erste Mal hatte sie so etwas ganz für sich allein. Wir setzten uns auf eine niedrige Betonmauer und aßen stumm, während um uns herum das laute Chaos von Kowloon vorbeizog.

„Danke, Gege“, sagte sie nach einer Weile, kaute und sah mich von der Seite an. „Woher hast du das Geld wirklich? Was machst du denn für ihn? Kann ich das auch machen?“

Ich stockte mitten in der Bewegung, das Holzstäbchen kurz vor meinem Mund. Ich wusste natürlich, was die Leute über Männer wie den Wolf sagten. Sie nannten sie Hak Se Wui – die schwarze Gesellschaft. Triaden. Sie waren hier in Kowloon überall, besonders in Mong Kok und innerhalb der Walled City. Sie waren das wahre Gesetz. Vor der Polizei hatte ich keinen Respekt; die war korrupt oder feige. Aber jemand wie der graue Wolf besaß echte Autorität, ohne dass er schreien musste. Das war es, was ich auch wollte.

Wenn meine Mutter auf der Straße Männern in solchen makellosen Anzügen und mit diesem unnahbaren Blick begegnete, strafften sich ihre Schultern. Sie starrte dann plötzlich sehr konzentriert auf den nackten Boden oder in ein schäbiges Schaufenster. Es war keine panische Angst, eher eine tiefe, instinktive Vorsicht. So wie man sich vor einem tiefen Abgrund in Acht nimmt: Man weiß, dass er da ist, man akzeptiert seine Existenz, aber man tritt niemals zu nah an den Rand.
 

Ich selbst hatte keine Angst vor diesem Abgrund. Denn ich saß gefühlt schon mein ganzes Leben mittendrin und suchte nur nach einer Leiter, um herauszukommen. Aber meine Schwester sollte diesen Weg nicht gehen. Sie war nicht aus demselben harten Holz geschnitzt wie ich. Ich war nie ein lautes Kind gewesen. Ich war still, beobachtete und kalkulierte. Zwar gab es Momente, in denen der Zorn wie eine Flutwelle über mich hereinbrach, wenn man mich reizte – eine dunkle Raserei, die ich nur schwer kontrollieren konnte –, aber ich hatte gelernt, dass lautes Schreien auf der Straße nichts brachte. Mailin hingegen hatte eine durch und durch sanfte Seite. Sie freute sich über schimmernde Stifte, machte fleißig ihre Hausaufgaben und bemühte sich jeden Tag, eine gute Tochter zu sein. Die Hak Se Wui war nichts für sie.

„Das ist nichts für Mädchen, und du bist noch zu jung“, sagte ich bestimmend und aß das letzte Fischbällchen in der scharfen Soße auf.

„Ist es gefährlich?“, fragte Mailin vorsichtig.

Ich zuckte nur mit den Schultern. „Nicht gefährlicher als alles andere hier… Mach dir keine Sorgen. Das mit der Wange, war meine eigene Schuld.“ Ich wischte mir den Mund ab. „Sag unseren Eltern einfach nichts davon. Und ich besorge dir noch ganz viele Stifte.“

Ich sah, wie sie kurz mit sich rang. Doch die Armut, in der wir aufwuchsen, drückte auch auf ihre kleinen Schultern. Der Wunsch nach etwas Schönem, nach etwas so wunderbar Überflüssigem wie diesen Glitzerstiften, war am Ende größer als die Furcht. Sie nickte und versprach mir, das Geheimnis vor den Eltern zu bewahren.

Kurz darauf machte sich Mailin auf den Weg durch die engen, dreckigen Gassen nach Hause. Ich hingegen ging in die entgegengesetzte Richtung, direkt zu unserem Treffpunkt am Zeitungsstand. Ich setzte mich auf eine flache Mauer, zog mein Schulbuch heraus und schlug es auf. Während ich meine Hausaufgaben machte, schweifte mein Blick immer wieder ab, suchte die Straße ab und wartete auf das tiefe Brummen des schwarzen Mercedes.
 

Der schwarze Mercedes bog um die Ecke. Er wirkte in dieser staubigen Gasse wie ein Raubtier, das durch ein Gehege voller Beute schlich. Das Glas der Fenster war so dunkel, dass ich mein eigenes, verzerrtes Spiegelbild sah, als der Wagen vor mir zum Stehen kam. Ich packte meine Schulsachen in die Tasche und trat langsam an das dunkle Fahrzeug heran.

Die Tür öffnete sich nicht sofort. Einen Moment lang passierte gar nichts. Ich wusste, dass er mich von drinnen beobachtete. Er prüfte, ob ich nervös war, ob ich zappelte oder mich wegdrehte. Aber ich blieb stehen wie eine Statue. Er wollte meine Hilfe. Ja, ich wusste, dass ich ersetzbar war, aber er brauchte mich genau jetzt, weil ein Junge in Schuluniform in diesem Drecksloch unsichtbar war.

Dann surrte die Scheibe der Beifahrerseite lautlos nach unten. Der graue Wolf saß entspannt im kühlen, ledernen Inneren. Seine Haare waren perfekt frisiert, das Kinn glattrasiert. Er trug heute ein traditionelles Gewand in tiefem Dunkelblau. Seine Augen musterten mich eindringlich. Der Geruch von teurer Klimaanlage und schwerem Tabak strömte zu mir heraus – eine Welt, die absolut nichts mit dem Gestank von ungewaschenen Leibern und fauligem Gemüse zu tun hatte, der mich sonst umgab.

„Deine Wange ist noch ziemlich geschwollen“, sagte er schließlich. Es war keine Entschuldigung, eher eine geschäftliche Feststellung.

Ich zuckte mit den Schultern. „Sie erfüllt ihren Zweck“, antwortete ich knapp und verschränkte die Arme.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Und der wäre?“

„Mich daran zu erinnern, dass Respekt kein Geschenk ist“, erwiderte ich und hoffte, dass meine Stimme so erwachsen klang, wie ich es konnte.

Ein kurzes, trockenes Lachen entwich seiner Kehle. Er lehnte sich ein Stück vor. Seine Augen waren hell, fast grau, passend zu seinem Namen. „Du bist klüger als die meisten Männer, die für mich arbeiten, Kleiner. Die meisten würden jetzt entweder winseln oder mir ein Messer in den Rücken wünschen. Du stehst hier und lernst.“ Er blickte auf mein Heft. „Du machst Hausaufgaben? Willst du die Schule nicht lieber abbrechen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn ich die Schule abbreche, bleibe ich dumm. Ich bin nicht dumm.“
 

Er betrachtete mein Gesicht, als versuchte er, die Zeilen dazwischen zu lesen. „Das bist du wirklich nicht. Vielleicht war es Schicksal, dass wir uns getroffen haben. Du bist ein roher Diamant, Junge. Wenn du klug bist, sorge ich dafür, dass du richtig strahlst. Ich kann dir helfen, aus diesem Drecksloch herauszukommen. Aber dafür muss ich wissen, dass du loyal bist.“

Stolz breitete sich in meiner Brust aus, heiß und mächtig. Ich spürte, wie ich mich unwillkürlich gerader aufrichtete. Ein ehrliches Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, doch ich zwang meine Stimme zu jener Ruhe, die mein Vater mir immer gepredigt hatte: Schweige erst, lass die Worte sickern, zeige niemals deine Hilflosigkeit durch voreilige Gier.

Erst nach einer kontrollierten Pause fragte ich: „Woran machst du das fest?“

Der graue Wolf schmunzelte. „Du hast mich gewarnt, als man versucht hat, mich zu töten. Du hast bewiesen, dass du Augen hast, wo andere blind sind. Ich komme nicht aus Kowloon, und erst recht nicht aus der Walled City. Mein Boss hat mir den Auftrag gegeben, in diesem Revier aufzuräumen. Willst du mir dabei helfen?“

„Ja“, sagte ich, ohne zu blinzeln.

Der Wolf nickte langsam, zufrieden mit meiner Festigkeit. Er griff nach einem kleinen, schweren Umschlag, der auf dem Ledersitz lag. Er war mit dunklem Siegellack verschlossen.

„Das hier ist kein Brief“, erklärte er, und seine Miene wurde augenblicklich wieder geschäftsmäßig. „Es ist eine Botschaft. Bring sie zum Jade-Markt. Stand 42, bei dem alten Mann, der nur noch drei Zähne im Mund hat. Du gibst sie ihm, er gibt dir etwas zurück. Wenn dich die Polizei anhält – was sie nicht tun wird, wenn du dich normal verhältst –, dann bist du ein Junge, der für seine Mutter Besorgungen macht. Mehr sagst du nicht. Auch nicht zu dem Mann.“

Er hielt den Umschlag fest, als meine Finger danach greifen wollten. Seine Augen verengten sich. „Wenn du das verlierst, Qiang, gibt es keine Ohrfeige. Dann ist unser Geschäft vorbei, bevor es begonnen hat. Wer einmal das Vertrauen des Wolfs verliert, findet es nie wieder. Hast du das verstanden?“

„Ich verliere nichts“, sagte ich und zog den Umschlag an mich.

„Gut.“ Er holte eine schwere Silbermünze aus der Tasche, ließ sie mit traumwandlerischer Sicherheit über seine Fingerknöchel rollen – ein flinkes Spiel aus Licht und Metall – und warf sie mir zu. Ich fing sie mit einer Hand. „Wenn du zurück bist, wartest du hier. Ich kann nicht den ganzen Tag auf ein Kind warten.“
 

Ich bahnte mir meinen Weg durch das Gewirr. Der Jade-Markt war wie ein lebendiger Organismus, der niemals zur Ruhe kam. Unter den großen, blauen Planen staute sich die feuchte Hitze, und die Luft war geschwängert vom Geruch nach altem Tee, billigem Parfüm und dem metallischen Duft von Schweiß. Überall leuchtete das kühle, milchige Grün des Jadesteins, der auf roten Samttüchern ausgelegt war.

Ich hielt meine Schultasche fest umklammert. Der Umschlag im Inneren fühlte sich an wie ein glühender Stein. Keiner der Händler oder Touristen sah mich an. Für sie war ich nur ein unbedeutender Schuljunge auf dem Heimweg. Ein Schatten unter vielen. Unsichtbar.

Ich suchte die Nummern an den Pfosten. 38, 39, 40... Mein Herz klopfte gegen meine Rippen, aber mein Gesicht blieb starr.

Stand 42 war klein und lag im tiefen Schatten einer massiven Betonsäule. Hier gab es keinen glänzenden Schmuck, nur staubige Amulette und rohe, ungeschliffene Steine. Hinter dem Tisch saß der Mann. Seine Haut glich gegerbtem Leder, er trug ein fleckiges Unterhemd.

„Ich habe eine Besorgung für meine Mutter gemacht“, sagte ich leise.

Der Alte hob den Blick. Als er grinste, kamen die drei einsamen Zähne zum Vorschein, von denen der Wolf gesprochen hatte. Ein hässlicher, modriger Anblick. Aber er beruhigte mich. Es war das Zeichen.

„Deine Mutter ist eine ungeduldige Frau“, krächzte er. Seine Stimme klang wie Sandpapier auf Holz.

Ich antwortete nicht. Ich griff in meine Tasche, holte den schweren Umschlag hervor und legte ihn auf den roten Samt, genau zwischen zwei grüne Drachenfiguren. Jade war der Stein des Reichtums, der Stein, der beschützte. Der Alte legte seine knochige Hand darauf und zog ihn mit einer flinken Bewegung unter den Tresen. Im Austausch schob er mir eine kleine, in altes Zeitungspapier gewickelte Schachtel zu. Sie war leicht, aber die Heimlichkeit verriet mir, dass ihr Inhalt wertvoll war. Vielleicht gefährlich.

„Sag dem Wolf, der Markt ist bereit für den Regen“, flüsterte der Alte, ohne mich noch einmal anzusehen.

Ich nickte, verstaute die Schachtel tief in meinem Rucksack und drehte mich um. Ich rannte nicht. Ich zwang mich zu einem langsamen, stetigen Schritt. Erst als ich die kühle Brise der Hauptstraße spürte, atmete ich aus. Ich hatte geliefert. In meiner Tasche transportierte ich jetzt das Vertrauen eines Mannes, vor dem die Straße zitterte. Ich fühlte mich plötzlich meilenweit über die anderen Kinder erhaben, die an mir vorbeiliefen. Sie spielten noch mit Karten – ich spielte bereits mit dem Schicksal.
 

Als ich zum Treffpunkt zurückkehrte, stand der Mercedes noch da. Der Wolf war ausgestiegen und ich musste warten. Als er kam unterhielt sich im Schatten des Hauseingangs mit zwei stämmigen Männern in dunklen Hemden. Um mich abzulenken, lehnte ich mich an die Mauer, holte meine Sammelkarten hervor und tat so, als würde ich sie studieren.

Der Wolf bemerkte mich irgendwann. Er verabschiedete sich von den Männern und kam mit eleganten Schritten auf mich zu. Die beiden anderen folgten ihm, ihre Augen wie kalte, leere Glasmurmeln. Ich spürte den Drang, wegzusehen oder auf meine staubigen Schuhe zu starren, aber ich zwang meine Lider, offen zu bleiben. Mein Nacken war steif, doch ich hielt ihrem Blick stand. Ich durfte keine Schwäche zeigen.

Schnell ließ ich meine Karten in der Innentasche verschwinden, öffnete meinen Rucksack und reichte dem Wolf die in Zeitungspapier gewickelte Schachtel.

„Der Alte sagt, der Markt ist bereit für den Regen“, wiederholte ich die Worte exakt.

Ein zufriedenes Glühen trat in die Augen des Wolfs. Er nickte und wandte sich an die beiden Schläger hinter sich. „Jinhai, Wan. Das hier ist Qiang. Er ist unser Bote für dieses Viertel. Er wird ab jetzt jeden Tag nach der Schule hier warten. Wenn ihr Lieferungen habt, schickt ihr ihn. Ich sehe Potenzial in dem Jungen. Gebt mir Bescheid, wie er sich anstellt.“

Die Männer nickten knapp. Mein Job war offiziell. Jeden Tag ab fünfzehn Uhr gehörte ich der Hak Se Wui, der Triade.

Der graue Wolf zog seine Geldbörse und reichte mir ein paar Scheine. Das Papier fühlte sich rauer an als meine Schulhefte, es roch nach einer ganz anderen Welt. Nach Macht. Ich schloss meine Finger so fest um das Geld, als hielte ich das Schicksal meiner Familie umschlungen. Heute würde ich das Geld meiner Mutter geben.
 

Auf dem Rückweg probte ich meine Lüge. Ich habe wohlhabenden Touristen geholfen, den Weg aus den Gassen zu finden. Sie haben sich mit dem Wechselkurs vertan und mir zu viel gegeben. Ich wiederholte die Geschichte in meinem Kopf wie ein Mantra, bis sie sich für mich selbst wie die Wahrheit anhörte. Ein guter Lügner muss seine eigene Geschichte glauben, damit die Fassade keine Risse bekommt. Die Lüge war mein Geschenk an meine Mutter, damit sie nachts ruhig schlafen konnte.

An einem kleinen Krämerladen hielt ich an. Ich knallte einen der kleineren Scheine auf den Tresen, der Wunsch nach noch mehr Karten war doch größer. Ich wollte wie andere Kinder einfach mit ihnen spielen, sie sammeln, und so gewann das Kind, das ich eigentlich war. Ich kaufte mir ein neues Päckchen Sammelkarten – und für Mailin zwei Glitzerhaarspangen mit kleinen Perlen. Während ich die Spangen entgegennahm, spürte ich den schwarzen Drachen in meiner Tasche. Ich war kein gewöhnlicher Junge mehr. Ich war jetzt der Versorger. Ich kaufte Mailin ein Stück jener Kindheit ab, die ich selbst gerade teilweise verlor. Und doch war es mir vollkommen egal.

Jenseits der Walled City

Einige Zeit war vergangen, seit ich begonnen hatte, für den grauen Wolf zu arbeiten. Ich sah ihn selbst seither kaum noch, doch seine Leute waren immer da. Jeden Tag nach der Schule wartete ich neben dem Zeitungsstand. Es kam nur selten vor, dass niemand auftauchte. Es gab immer etwas zu tun.

Zu Hause hatte sich der klebrige Schleier der Verzweiflung gelichtet, nur um Platz für ein seltsames, wohlhabendes Schweigen zu machen. Es gab jetzt fast jeden Abend frischen Fisch und ab und zu gutes Fleisch. Der Hunger war gewichen. Meine Mutter kaufte besseren Reis und neue Kleidung für Mailin und mich. Sie fragte nicht mehr, woher das Geld stammte. Vielleicht hatte sie Angst vor der Antwort.

Ich sah es in ihren Augen. Einmal, als ich einen Stapel neuer Scheine auf den Tisch legte, hielt ihre Hand im Ansatz inne. Sie zitterte ganz leicht. Sie sah mich an, als wollte sie fragen, ob Blut an diesem Geld klebte oder Tränen. Aber dann glitt ihr Blick hinüber zu Mailin, die freudig ihre neuen Glitzerstifte sortierte, und meine Mutter presste die Lippen zusammen. Erst letzten Monat hatte Mailin eine hartnäckige Erkältung und endlich konnten wir uns vernünftige Medizin leisten.

Sie schob die Scheine hastig unter eine alte Teedose aus Blech. In diesem Moment wurde mir klar: Sie wusste es. Sie wusste, dass ihr elfjähriger Junge für Männer arbeitete, vor denen sie auf der Straße den Blick senkte. Aber der Hunger war lauter als ihr Gewissen. Die Sorge, wenn jemand krank war, nagte an ihr. Das Schweigen war der Preis für die vollen Mägen und unsere Gesundheit, und sie zahlte ihn. Hätte sie es auch gemacht, wenn wir mehr gehabt hätten? Hätte sie dann auch geschwiegen, oder hätte sie mich davon abgehalten?

Mailin war regelrecht aufgeblüht. Ihr Etui war voll, und sie trug ihre Haare jetzt stolz mit den funkelnden Spangen, die ich ihr kaufte. Manchmal erwischte ich sie dabei, wie sie mich beobachtete – ein wissender, fast ehrfürchtiger Blick.

Nur mein Vater blieb gleich. Er saß noch immer im Qualm seiner Zigaretten, doch nun rauchte er teureren Tabak. Er nahm den Fisch und das Fleisch entgegen, als wäre es sein gottgegebenes Recht, und ignorierte weiterhin den Sohn, der es bezahlte. Er war ein starres Denkmal der Vergangenheit, während ich draußen die Zukunft baute.

Wir sprachen nicht mehr viel. Doch es war mir egal. Das Schicksal schuldete mir ein besseres Leben, und ich hatte aufgehört zu fragen, wer den Preis dafür zahlte.
 

Fünf Monate in der Walled City können sich wie ein ganzes Leben anfühlen. Die Zeit misst man hier nicht in Wochen, sondern in der Anzahl der Treppenstufen, die man gestiegen ist, und der Lügen, die man perfektioniert hat. Mein Leben hatte nun einen neuen, strengen Rhythmus.

Nur an meinem Geburtstag war ich nicht am Stand gewesen. Meine Mutter hatte die traditionellen Yi Mein-Nudeln gekocht; ihre außergewöhnliche Länge sollte ein langes Leben symbolisieren. Große Geschenke gab es nicht. Sie hatten eine neue Jacke für meine Schuluniform und einen feinen, blauen Tintenstift besorgt. Mein Vater saß am Tisch und beobachtete mich schweigend über den Rand seiner Teetasse hinweg. Er wirkte so leer, ausgehöhlt von der harten Arbeit in den Docks, dass er kaum noch die Kraft für Worte fand. Doch als meine Mutter meine guten Noten erwähnte, sah ich ein kurzes, müdes Leuchten in seinen Augen. Er war stolz auf mich – stolz auf den Sohn, von dem er glaubte, er würde den ehrlichen Weg gehen, den er selbst nie wirklich meistern konnte.

Die größte Überraschung aber kam von meiner kleinen Schwester. Sie hielt eine Sammelkarte in der Hand und reichte sie mir mit einem strahlenden Gesicht. Perplex starrte ich das Stück Pappe an, während sich ein ehrliches Lächeln auf meine Lippen stahl. Ich schob sie vorsichtig zu meinem „Schwarzen Drachen“ in die Innentasche meiner Weste. Es war eine billige Karte, wertlos für jeden anderen, aber für mich war sie kostbar. Weil sie von ihr war.

Es war ein seltsamer Geburtstag. Während meine Eltern mir ihre Wünsche für meine Zukunft erzählten, ahnten sie nicht, dass ich mich längst selbst aus diesem Drecksloch befreite. In der Missionsschule saß ich seither wie ein Geist unter Lebenden. Wenn der Lehrer über die Geschichte Englands sprach, beobachtete ich die Fliegen an der Decke und berechnete im Kopf die Provision für meine letzte Lieferung.

Chen und seine Bande ließen mich inzwischen in Ruhe. Vielleicht lag es an meinem Blick – er war nicht mehr wütend, er war fokussierter. Sie spürten wohl instinktiv, dass ich eine Welt betreten hatte, vor der ihre kleinen Schulhof-Schlägereien wie Kinderspiele wirkten. Weiterhin war ich einer der Klassenbesten. Nicht aus Fleiß, sondern weil ich Disziplin als Tarnung nutzte. Wer gute Noten vorweist, wird nicht verdächtigt, Päckchen für die Schwarze Gesellschaft zu schmuggeln. Die Triade, die mir so viel mehr ermöglichen konnte als meine eigene Familie, wurde mir von Tag zu Tag wichtiger.

Ich war kein einfacher Bote mehr; ich war eine Konstante in den Gassen geworden. Jinhai und Wu riefen mich inzwischen beim Namen, wenn sie mich in den dunklen Hauseingängen von Mong Kok abpassten. Ich hatte gelernt, die Stadt zu lesen wie ein offenes Buch. Ich wusste, welcher Polizist um sechzehn Uhr seinen Tee trank und welche Gasse man meiden musste, weil die Konkurrenz dort ihre Reviere markierte.

Die Schachteln und Umschläge, die ich transportierte, fühlten sich in meiner Hand nicht mehr schwer an. Sie waren Teil meines Körpers geworden. Ich stellte keine Fragen. Schweigen war meine wertvollste Ware, wertvoller noch als die Jade auf dem Markt.

Natürlich wusste ich längst, was ich da transportierte. Es waren Drogen. Jedes Mal, wenn ich einen Abhängigen zugedröhnt an einer feuchten Hauswand liegen sah, empfand ich keine Wut oder Ekel mehr wie früher. Nur noch eine seltsame Zufriedenheit. Ihre Sucht sorgte dafür, dass ich mir und meiner Schwester jeden Nachmittag warmes Essen kaufen konnte. Einmal hatte ich aus reiner Neugierde eines der Päckchen geöffnet und eine einzelne, gepresste Tablette zwischen den Fingern gehalten. Doch der Drang, sie auszuprobieren, war gleich null. Ich wollte nicht den schnellen, billigen Rausch. Ich wollte Einfluss und Respekt. Und den bekam man nicht, indem man zum eigenen besten Kunden wurde und im Dreck endete. Also faltete ich das Papier wieder zusammen und ließ die Dinge geschehen.

Und dann, nach genau diesen fünf Monaten der Bewährung, tauchte der schwarze Mercedes wieder in meinem Viertel auf. Ich hatte den Wolf seit Wochen nicht gesehen. Er war meistens in den schicken Vierteln von Hong Kong Island unterwegs, weit weg vom Gestank von Kowloon und erst recht von der Enge der Walled City. Dort drüben war ich noch nie gewesen; mein gesamtes Leben hatte sich bisher nur in diesem einen, grauen Distrikt abgespielt.

Ich trat an den Wagen, die Hände locker in den Taschen meiner Uniformhose, die mir mittlerweile etwas zu kurz geworden war. Ich war gewachsen – und das nicht nur an Körpergröße.

Das Fenster glitt lautlos nach unten, und die kühle, saubere Luft der Klimaanlage schlug mir entgegen. Der Wolf betrachtete mich schweigend. Seine schwarzen Haare waren frisch geschnitten, und er trug einen eleganten, maßgeschneiderten Anzug.

„Du hast dich gemacht, Qiang“, sagte er, und es klang fast wie die Anerkennung eines Vaters – nur ohne die lähmende Schwäche der Liebe. „Man sagt mir, du hättest das Viertel gut im Blick. Nichts bewegt sich dort, ohne dass du davon weißt.“

Stolz breitete sich in mir aus, heiß und brennend. Ich war mir sicher, dass dieser Mann selten Komplimente verteilte. Ich richtete mich auf und sah ihm direkt in die grauen Augen. „Ich erledige nur meine Besorgungen“, antwortete ich knapp.
 

Er schmunzelte und griff auf den Beifahrersitz. Er holte keine Umschläge hervor. Stattdessen legte er zwei kleine, in glänzende Folie verschweißte Päckchen auf die lederne Armatur. Das bunte, laute Design der Sammelkarten stach in der dunklen Eleganz des Wagens fast schmerzhaft hervor.

„Ich habe gehört, die Jagd nach dem schwarzen Drachen hört nie auf“, sagte er und schob die Packungen zu mir herüber. „Zwei neue Editionen. Direkt aus Japan. Sie sind in hier noch gar nicht auf dem Markt.“

Ich starrte auf die glitzernde Folie. Mein Herz machte einen verräterischen Sprung, den ich sofort unterdrückte. Er schenkte mir kein Geld. Er schenkte mir Anerkennung. Er behandelte mich wie einen Geschäftspartner, dem man eine Aufmerksamkeit zukommen lässt, aber er wusste ganz genau, dass er damit das Kind in mir ansprach, das immer noch nach Ordnung und Schätzen suchte. Das etwas Schönes wollte. Meine Eltern wären nie auf die Idee gekommen, mir etwas so wunderbar Nutzloses zu schenken.

„Danke“, sagte ich, und ein ehrliches Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Das Plastik knisterte verheißungsvoll unter meinen Fingern.

„Steig ein“, sagte der Wolf knapp und stieß die schwere Beifahrerseite von innen auf.

Ich zögerte nur einen Sekundenbruchteil. Als ich mich auf das kühle, schwarze Leder sinken ließ, fühlte es sich an, als würde ich eine andere Dimension betreten. Die Tür schloss mit einem satten, teuren Geräusch, das den gesamten Lärm von Kowloon – das Schreien der Händler, das Summen der illegalen Kabel, das monotone Tropfen der Klimaanlagen – schlagartig auslöschte. Es war vollkommen still. Es roch nach neuem Auto und dem schweren Tabak des Wolfs.
 

Er fuhr los. Ich beobachtete meine schmutzigen Turnschuhe auf dem makellosen Teppichboden des Wagens und schämte mich das erste Mal in meinem Leben für meinen Dreck. Unsicher kaute ich auf der Unterlippe, meine Hände krallten sich in den Stoff meiner zu klein gewordenen Hose. Ich war noch nie in einem solchen Auto gefahren. Ich fragte mich, wie es wohl war, wenn man so etwas besaß. Wenn das hier der Alltag war.

„Schau nicht auf deine Füße, Qiang“, sagte der Wolf, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Seine Stimme besaß eine seltsame, fast ruhige Sanftheit. „Schau nach draußen.“

Wir verließen die engen Gassen. Die Häuserwände, die sich sonst wie Betonriesen über mir zusammenzogen, wichen zurück. Das Licht der untergehenden Sonne traf uns das erste Mal direkt, ohne von Ruß und Wäscheleinen gefiltert zu sein. Wir fuhren Richtung Küste. Ich ließ meinen Blick fasziniert über die riesigen Neonreklamen gleiten.

Er hielt an einer Promenade an, von der aus man über das dunkle Wasser direkt auf die glitzernden Glastürme von Central blicken konnte. Dort drüben leuchtete alles in Gold und Silber. Wir stiegen aus. Für die wenigen Passanten mussten wir wie Vater und Sohn wirken, die gemeinsam den Sonnenuntergang betrachteten.

Der Wolf lehnte sich an das Geländer, zog ein silbernes Etui heraus und zündete sich eine Zigarette an. Er hielt sie mir fragend hin, doch ich schüttelte den Kopf. Mein Vater stank jeden Abend so erbärmlich nach billigem Qualm, dass ich kein Interesse daran hatte.

„Dort drüben sitzen die Leute, die glauben, sie würden die Welt regieren“, sagte der Wolf leise und blies den Rauch in den Abendhimmel. „Sie halten uns für Ungeziefer, das im Schatten von Kowloon verrottet. Aber weißt du, was der Unterschied zwischen uns und denen ist?“

Ich schüttelte den Kopf, unfähig, den Blick von dem fernen Lichtermeer abzuwenden.

„Wir haben keine Angst vor der Dunkelheit. Und wer keine Angst hat, dem gehört die Nacht.“

„Dunkelheit kenne ich“, murmelte ich nach einem Augenblick. „In der Walled City stehen die Hochhäuser so nah beieinander, dass man tagsüber Licht anmachen muss. Man vergisst, wie der Himmel aussieht.“

Der Wolf sah mich von der Seite an. Sein Blick war so scharf wie eine frisch geschliffene Klinge. „Was bist du bereit zu tun, um dieses Leben hinter dir zu lassen, Qiang?“

Ich spürte, wie meine Stimme eine neue, unbarmherzige Festigkeit annahm. „Alles. Ich will kein Niemand sein. Ich will niemand sein, auf dem man herumtrampelt. Ich will Respekt. Ich will, dass die Menschen sich vor mir fürchten, anstatt mich zu übersehen.“ Der Wolf schwieg und ließ meine Worte stehen, doch ich hatte nicht das Gefühl, dass er sie albern fand und erst nach einem Augenblick sprach ich erneut.

„Die Leute dort drüben auf der Insel“, begann ich leise, „warum haben sie die Macht? Haben sie sie geerbt oder gestohlen?“

Ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen, doch es erreichte seine Augen nicht. „Die meisten haben sie geerbt, Qiang. Aber wer Macht erbt, wird weich. Er vergisst, wie es sich anfühlt, hungrig zu sein. Wir dagegen nehmen uns die Macht aus den Zwischenräumen, die sie übersehen. Wir sind die Ratten, die zu Drachen werden, während sie oben in ihren gläsernen Käfigen schlafen.“

Ich sah an mir herunter, auf meine abgewetzten Schuhe und die Fingernägel, die vom Dreck der Gassen gezeichnet waren. Auch wenn ich versuchte darauf zu achten, schaffte ich es doch nicht immer den Dreck von mir fern zu halten. Langsam hob ich meinen Blick und ich sah den Mann vor mir direkt in die Augen, „Hattest du auch mal Dreck unter den Nägeln? So wie ich?“
 

Der Wolf fixierte mich und als ich schon gar nicht mehr mit einer Antwort rechnete begann er zu sprechen: „Ich bin auf einem hölzernen Fischerboot im Hafen von Aberdeen aufgewachsen. Mein Schlafplatz war so schmal, dass ich mich nachts nicht umdrehen konnte. Der Gestank von faulendem Fisch war mein Parfüm. Aber ich habe gelernt, dass man den Gestank abwaschen kann. Was man nicht abwaschen kann, ist die Gier. Wenn du aufhören willst, ein Niemand zu sein, musst du gieriger sein als alle anderen.“

„Und was ist mit der Polizei?“, hakte ich nach. In Kowloon waren sie entweder Feinde oder schlichte Schatten, die man mit ein paar Münzen kaufte. Es mochte Länder geben in denen es anders war, aber nicht hier in Hongkong und erst Recht nicht da wo ich herkam.

Er lachte kurz auf, ein trockenes, freudloses Geräusch. „Polizisten sind wie Straßenhunde, Kleiner. Wenn du ihnen einen Knochen hinwirfst, bellen sie nicht. Wenn du ihnen aber den ganzen Fleischerladen schenkst, wedeln sie mit dem Schwanz. Echten Respekt kaufst du dir nicht mit Angst. Du verdienst ihn dir mit Geld. Und mit Gefälligkeiten.“

Er schnippte die Glut der Zigarette mit einer lässigen Bewegung ins dunkle Wasser und drehte sich zum Wagen zurück. „Du stellst die richtigen Fragen, Qiang. Aber deine Kleidung gibt noch die falschen Antworten. Du siehst aus wie ein Opfer, und Opfer ziehen Raubtiere an. Wir werden das ändern.“

Ich folgte ihm wortlos zum Mercedes. Als die schwere Tür wieder hinter mir ins Schloss fiel und das dumpfe Schweigen einsetzte, wusste ich, dass der Junge, der morgens in der Missionsschule gesessen hatte, heute Abend nicht mehr nach Hause kommen würde.

„Ich bringe dich jetzt an einen Ort, an dem sie dich wie einen Prinzen behandeln werden – solange ich neben dir stehe“, sagte er, während er den Motor startete. Das leise, kraftvolle Schnurren des Wagens klang wie ein Versprechen. „Aber eines Tages wirst du dort allein hineingehen, und sie werden sich vor dir verbeugen, weil sie dein Gesicht kennen. Bist du bereit für deine neue Haut?“

Ich krallte die Finger in das Leder des Sitzes. „Ich bin bereit.“

Ich warf einen Blick auf sein Profil. „Wie ist dein Name?“, fragte ich, etwas unsicherer, als ich gewollt hatte.

Er hob kurz eine Hand, um mich abzuwürgen. „Namen sind für Leute, die nichts zu verbergen haben, Qiang. In meiner Welt sind sie Ballast.“ Er lenkte den Wagen mit einer Hand in den fließenden Verkehr. „Nenn mich ab jetzt Dai-Lo. Ich bin dein großer Bruder, dein Pate. Du hast dich als zuverlässig bewiesen und ich will das belohnen, Qiang. Das bedeutet, dass ich für dich sorge, solange du loyal bist. Und es bedeutet, dass mein Wort für dich Gesetz ist. Hast du das verstanden?“

Ich spürte, wie eine Welle von Stolz durch meinen Körper schoss. Das Wort Dai-Lo fühlte sich fremd an auf meiner Zunge, schwerer als „Vater“ oder das liebevolle „Gege“, das Mailin benutzte. Aber es klang nach Sicherheit. Nach einer Welt, die starre Regeln hatte, an denen man sich festhalten konnte.

Eine Frage brannte mir noch unter den Nägeln. „Ist das die Triade? Bin ich jetzt einer von euch? Die Schwarze Gesellschaft, von der alle nur flüstern?“

Ich hatte Angst vor dem Gesetz, ja. Aber sie hatten mir nichts getan. Sie hatten mehr für mich getan als die Regierung.
 

Die Atmosphäre im Wagen veränderte sich merklich. Es wurde kühler. Der Wolf nahm den Fuß ein wenig vom Gas und sah mich das erste Mal von der Seite an.

„Die Welt da draußen nennt uns Triaden, Qiang. Sie drucken das Wort in den Zeitungen, um den Menschen Angst zu machen“, begann er, und seine Stimme hatte diesen tiefen, ruhigen Klang, der mir sofort das Gefühl von Sicherheit gab. „Wir selbst nennen uns Brüder. Weißt du, warum?“

Ich schüttelte stumm den Kopf.

„Weil ein Gesetz dich nur so lange beschützt, wie du Geld hast, um Anwälte zu bezahlen. Die Regierung schert sich nicht um den Dreck in Kowloon. Aber eine Bruderschaft vergisst dich nicht. Wir sind das Blut in den Adern dieser Stadt, Kleiner. Ohne uns steht Hongkong still. Du bist noch kein eingeordneter Bruder, dafür bist du zu jung. Aber du fängst gerade an, in diesem Kreislauf mitzufließen. Und mein Wort sorgt dafür, dass dich niemand aufhält.“

„Gehört dir die Stadt?“, wollte ich wissen, und sah ihn mit unverhohlener Neugier von der Seite an.

Der Wolf schmunzelte leise und schüttelte den Kopf. „Nein. Niemandem gehört diese Stadt ganz. Ich bin so etwas wie ein Administrator. Ich baue die Brücken zwischen dem Schlamm von Kowloon und der glitzernden Stadt da drüben auf der Insel.“

„Brücken?“, fragte ich verwirrt.

„Die Reichen da drüben wollen ihre Hände nicht schmutzig machen, Qiang. Aber sie wollen dieselben Dinge wie die Süchtigen in den Gassen: Macht, Ablenkung, Vergessen. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Nachrichten, das Geld und die Gefälligkeiten ohne Reibung von unten nach oben fließen. Und ganz oben...“ Er tippte mit dem Finger gegen das Lenkrad. „... ganz oben sitzt der Drachenkopf. Unser Anführer. Er lenkt die Brücken, die ich baue.“

Drachenkopf. Ich hielt den Atem an. Ich hatte das Wort in den verrauchten, dunklen Mahjong-Spielhallen aufgeschnappt, wenn die älteren Jungs betrunken waren und von Macht träumten. In den engen Gassen klang es wie eine Legende, wie ein Geist aus den alten Geschichten der Kaiserzeit. Dass der Mann neben mir direkt mit diesem Geist sprach, ließ mein Herz rasen.

Die Welt war so viel größer, als ich gedacht hatte. Und ich wollte jeden verdammten Winkel davon beherrschen. Ich sah zurück durch die Heckscheibe, wo die grauen Betonklötze der Walled City wie ein Geschwür in den Abendhimmel ragten. Zum ersten Mal begriff ich, dass es ein Leben jenseits des Drecks gab – und ich war bereit, jeden Preis der Welt zu zahlen, um nie wieder dorthin zurückkehren zu müssen.
 

Der Wolf hielt vor einem unscheinbaren Gebäude in Tsim Sha Tsui. Dieser pulsierende Stadtteil im Süden Kowloons war so völlig anders als Mong Kok. Touristen aus aller Welt und elegant gekleidete Einheimische schoben sich an uns vorbei. Hier gab es keine provisorischen Marktstände, sondern richtige, glänzende Ladenfronten. Kein Schild verriet, was sich hinter der dunklen Holzfassade befand, vor der wir anhielten. Nur ein kleiner, goldener Löwe prangte diskret neben der Klingel.

„Komm“, sagte der Wolf knapp.

Ich folgte ihm. Mein Herz hämmerte in einem nervösen, schnellen Rhythmus gegen meine Rippen, den ich mühsam hinter einer starren Miene zu verbergen suchte.

Drinnen roch es nach schwerem Parfüm, teurem Leder und feinem, frischem Stoff. Es war der Duft von Geld – Geld, das nicht nach Schweiß, Ruß oder totem Fisch stank, sondern nach Zeit, Luxus und tiefer Ruhe. In diesem Moment wurde mir schmerzhaft klar, wie tief der Gestank der Walled City eigentlich in meine eigenen Poren gesickert war.

Ein alter Mann mit einer Brille, deren Gläser so dick wie Glasbausteine waren, eilte herbei. Er verbeugte sich tief vor dem Wolf – tiefer, als ich jemals jemanden vor meinem Vater hatte einknicken sehen. Es war keine bloße Höflichkeit; es war die Art von absoluter Unterwerfung, die man nur zeigt, wenn man weiß, dass das Gegenüber mit einem einzigen Fingerschnippen über das eigene Schicksal entscheiden kann. Dieses Bild brannte sich tief in mein Gedächtnis ein. Genau so viel Macht wollte ich eines Tages besitzen.

„Huī Láng. Es ist mir eine außerordentliche Ehre“, krächzte der Alte.

Ich betrachtete ihn neugierig. Er hatte ihn den grauen Wolf genannt, er wusste also, wer der Mann vor mir war. Die Schneider in meinem Viertel flickten abgetragene Hosen im fahlen Licht flackernder Röhren. Dieser Mann hier war anders. Hier wurde Kleidung nicht repariert – hier wurde Identität erschaffen.

„Vermiss ihn, Liang“, befahl der Wolf kühl. „Das Beste. Dunkelgrau. Er soll immer noch aussehen wie ein Kind. Aber wie ein Kind, dem man nicht ansieht, woher es kommt.“

Kurz darauf stand ich auf einem kleinen Holzpodest, während die kalten Finger des Schneiders und sein flatterndes Maßband an meinem Körper arbeiteten. Ich betrachtete mich im dreiteiligen Spiegel. Einen so riesigen, makellosen Spiegel hatte ich noch nie gesehen. Darin erblickte ich mich das erste Mal in voller Größe, ungeschönt und unerbittlich.
 

Dort stand ich also: der Junge aus Kowloon mit den knochigen Knien und dem misstrauischen Blick. Groß und leider viel zu dünn. Unter den Augen des Schneiders fühlte ich mich plötzlich nackt, als könnten die Gläser der Spiegel jede meiner Lügen, jeden Tag meines Hungers und die schäbige Enge unserer Wohnung einfach freilegen. Meine schmutzigen Turnschuhe wirkten wie hässliche Fremdkörper auf dem polierten Parkett – ein Relikt einer Welt, die ich gerade hinter mir ließ. Ein brennendes Gefühl von Scham stieg in mir auf, heiß und klebrig.

Doch dann legte mir der Schneider ein Sakko aus schwerer, kühler Seide über die Schultern. Sofort veränderte sich etwas. Meine Haltung straffte sich unwillkürlich, als würde das Gewicht des edlen Stoffes meine Wirbelsäule in eine völlig neue Form zwingen. Das Sakko fühlte sich an wie eine Rüstung. Das ewige Kratzen der billigen Schuluniform war verschwunden, ersetzt durch das Gefühl einer glatten, kühlen Überlegenheit. Ein Schauer lief mir über den Rücken; es war, als würde ich eine alte Haut abstreifen, die mir ohnehin nie gepasst hatte. Ich sah mir selbst tief in die Augen und erkannte zum ersten Mal nicht mehr das Opfer, sondern das Raubtier, das gelernt hatte, sich perfekt zu tarnen.

„Die neue Haut passt“, murmelte der Wolf im Hintergrund. Er hatte sich eine frische Zigarette angezündet. Sein Blick traf meinen im Spiegel, und für einen flüchtigen Moment existierte kein Altersunterschied mehr zwischen uns. In seinen Augen lag ein stummes Versprechen, das mich zugleich erschreckte und berauschte.

Ich bekam neue, glänzende Lederschuhe und neben dem Anzug eine schlichte, aber elegante Lederjacke – ein Kleidungsstück, das ich auch in Mong Kok tragen konnte, ohne sofort aufzufallen.

„Der Anzug ist nicht für die Straßen deines Viertels“, erklärte der Wolf, während er den Schneider bezahlte. „Dort brauchst du ihn nicht. Er ist für die Tage, an denen ich dich mitnehme. Wenn ich dir zeige, wie die Welt außerhalb des Dreckslochs aussieht, das du dein Zuhause nennst.“

Das Wort Dreckloch stach wie eine Nadel in mein Herz, weil es die nackte Wahrheit war. Ich schluckte schwer und nickte. Doch die Scham war verflogen. An ihre Stelle trat ein unerschütterlicher Trotz. Ich würde es hier heraus schaffen. Das Schicksal schuldete es mir.
 

Nachdem wir das Atelier verlassen hatten, steuerten wir ein Restaurant an, das sich in den oberen Etagen eines Luxushotels befand. In meinem neuen Anzug und den perfekt sitzenden Schuhen kam ich mir plötzlich wichtig vor. Niemals zuvor war ich einem Restaurant gewesen. Jeder Schritt auf dem tiefen, weichen Teppich des Hotelflurs fühlte sich an, als würde ich den harten Boden der Realität verlassen.

Hier oben gab es kein flackerndes Neonlicht. Nur gedämpftes, goldenes Licht und das leise, melodische Klirren von feinem Porzellan. Ein Kellner im Frack führte uns schweigend an einen Tisch direkt an der riesigen Fensterfront.

Sprachlos starrte ich nach draußen. Unter uns lag Hongkong wie ein endloses Meer aus gefallenen Sternen. Die Stadt wirkte von hier oben so friedlich, dass man den Schmerz, den Schmutz und die Gewalt der Gassen dort unten fast vergessen konnte. Mein einziges Essen stammte entweder aus dem Topf meiner Mutter oder von den dampfenden Garküchen neben meiner Schule.

„Setz dich, Qiang“, sagte der Wolf.

Der Stuhl war dick gepolstert und besaß breite Lehnen. Als ich in den weichen Stoff sank, fühlte ich mich für den Bruchteil einer Sekunde wie ein Hochstapler, der jeden Moment entdeckt und mit Schimpf und Schande auf die Straße geworfen werden würde. Vorsichtig strich ich über eine Tischdecke so weiß, wie ich es selten gesehen hatte.

Der Wolf bestellte, ohne auch nur einen Blick in die Speisekarte zu werfen. Kurz darauf servierte man uns Schalen mit gedämpftem Fisch und feinstem Dim Sum.

Ich wollte schon zugreifen – der Hunger war in Kowloon ein ständiger, gieriger Begleiter –, aber ich hielt inne. Ich beobachtete genau, wie der Wolf seine Stäbchen führte. Seine Bewegungen waren niemals hastig. Er verschwendete keine Energie. Ich imitierte ihn blind, breitete das weiße Stofftuch aus und zwang meine Finger, ruhig zu bleiben.

Der Wolf nahm einen kleinen Schluck Tee und nickte mir kaum merklich zu. „Gut, Qiang. Merk dir eines für die Zukunft: In den Gassen frisst der Schnelle dem Langsamen das Fleisch vom Knochen. Da unten musst du zuschlagen, bevor es ein anderer tut.“

Er deutete mit einer minimalen Geste der Stäbchen auf die anderen Tische im Saal.

„Aber hier oben ist Langsamkeit eine Waffe. Wer schlingt, zeigt, dass er Angst hat, morgen nichts mehr zu fressen zu bekommen. Es verrät deine Armut. Wenn du langsam bist, zeigst du den Leuten, dass dir die Zeit gehört. Kontrolle ist das Erste, was ich dir beibringen werde. Wenn du willst, dass man dich respektiert, darf dir niemand ansehen, wie hungrig du eigentlich bist.“

Ich führte das erste Stück Fisch zum Mund und kaute langsam. Er schmeckte nach absolut nichts, was ich kannte. Der Fisch war unendlich zart, vollkommen rein, ohne den bitteren Beigeschmack von Schlamm oder billigem, ranzigem Öl. Es war der Geschmack einer völlig neuen Welt – so fremd und überwältigend, dass mir fast die Tränen gekommen wären, hätte ich nicht die kühle, unnahbare Maske des Wolfs vor mir gesehen.

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich eine junge Kellnerin, die unseren Tisch im Auge behielt. Sie sah mich nicht an, als wäre ich eine Ratte, die sich unerlaubt in ihren edlen Laden geschlichen hatte. Sie sah mich mit Respekt an, weil ich an der Seite von Huī Láng, saß und seine Farben trug. Dieses Gefühl – wahrgenommen zu werden, Autorität auszustrahlen und nicht bloß ein im Weg stehender Schatten zu sein – war mächtiger und berauschender als jeder Geldschein.

„Wieso machst du das?“, fragte ich leise und betrachtete das Essen auf meinem Tisch, bevor ich ihm ins Gesicht blickte. Er nippte gerade an seinem Wein und sah mich an.

Ein Mundwinkel zuckte und er erklärte leise: „Ich belohne Loyalität, Qiang. Du hast mein Leben gerettet, also öffne ich dir Türen, von denen andere in deinem Viertel nicht einmal zu träumen wagen. Du musst nur lernen, zuzugreifen.“

„Was passiert, wenn ich einen Fehler mache?“, fragte ich leise und sah ihn über den Rand meiner kleinen Teeschale hinweg an. Meine eigene Stimme klang in der gedämpften Stille des Saals plötzlich erschreckend klein.

Der Wolf legte seine Stäbchen perfekt parallel auf die filigrane Ablage. Sein Blick war so kühl wie das Eis im Winter. „Jetzt gerade? Hier oben? Nichts, Kleiner. Heute... heute darfst du lernen. Genieß den Luxus. Das erste Mal in deinem Leben.“

Ich nickte stumm. Während ich den Blick wieder über die glitzernde Skyline schweifen ließ, fühlte ich mich nicht mehr wie ein Kind, das schüchtern um Erlaubnis fragt. Ich fühlte mich wie ein Spion, der eine fremde, goldene Welt infiltriert hatte. Ein eiskalter, unumstößlicher Entschluss zementierte sich in meiner Brust. Ich wollte zu dieser Welt gehören. Einer Welt, in der man mich respektierte, mich nicht übersah. In der ich nicht hungern musste und in der es eine Zukunft gab. Und wenn die Triade, die schwarze Gesellschaft mir das ermöglichte, wieso sollte ich ablehnen?

Moral und Rechtschaffenheit machten mich und meine Familie nicht satt.
 

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Guten Abend zusammen,
 

ich hoffe sehr, dass es für euch weiterhin spannend bleibt!
 

Auch wenn viele oder alle von euch den Hauptcharakter bereits kennen, würde es mich wahnsinnig freuen, mal zu hören: Wie wirkt Qiang als Kind auf euch? Ist es für euch verständlich, dass er die Triade so schnell akzeptiert und darin Halt findet?
 

Ich hoffe, ihr habt Spaß an der Geschichte! Wer mag und sich traut, darf super gerne einen Kommentar dalassen – ich bin unfassbar gespannt auf eure Gedanken. :)
 

Schönen Abend :)

Der Preis des Überlebens

Die Taschen mit meiner neuen Kleidung fühlten sich schwerer an, als ich die dunklen Treppenstufen zu unserer Wohnung hinaufstieg. Den Anzug hatte der Wolf behalten. Den brauchte ich hier nicht. Also trug ich wieder meine zu kleine Schuluniform und in einer Tasche die neue Lederjacke. Unten auf der Straße jaulte ein Hund, und der ferne Lärm von Mong Kok drang nur noch gedämpft zu mir hoch. Ich war nicht mehr der einfache Qiang. Ich hatte mich heute dazu entschieden, Teil von etwas Größerem zu sein. Und das fühlte sich richtig an. Sehr richtig.

Als ich die Tür öffnete, erwartete ich Dunkelheit. Ich dachte, Mailin würde schlafen und meine Mutter wäre noch bei ihrer Schicht in der Fabrik. Ich war überrascht, dass mein Vater noch wach war. Der Futon lag zwar bereits auf dem Boden, damit er gleich schlafen konnte, doch er saß an unserem einzigen Fenster auf seinem Klappstuhl und rauchte eine Zigarette. Hatte er etwas auf mich gewartet?

Vor ihm stand kein Essen, nur ein voller Aschenbecher und der vertraute, beißende Geruch seines Tabaks. Er sah mich nicht sofort an. Er starrte auf seine Hände – die Hände eines Mannes, der sein Leben lang hart gearbeitet hatte, nur um am Ende nichts zu besitzen.

„Du bist spät“, sagte er heiser. Und ich war mir nicht sicher, ob ich Erleichterung hörte. Sein Blick glitt langsam an mir hoch, über meine aufrechte Haltung bis zu den Taschen in meinen Händen. Er sah die feine Lederjacke, die oben aus einer der Tüten schaute. Er war nicht dumm. Niemand in dieser Wohnung war dumm genug, zu glauben, dass gute Schulnoten solche Geschenke einbrachten. Doch niemand sagte etwas.

„Zeig mal her“, meinte er nur und streckte seine dreckigen Hände aus. Ich zögerte. Mein Blick glitt von dem makellosen, weichen Leder der Jacke zu den Rändern seiner Fingernägel, unter denen sich der schwarze Schmierölschmutz der Docks eingebrannt hatte. Mein Magen zog sich kurz zusammen bei dem Gedanken, dass er sie verunreinigen könnte. Aber er war mein Vater. Und der Anstand musste leider auch in dieser schäbigen Wohnung gewahrt werden. Stumm reichte ich ihm also die Jacke.

Mein Vater strich über das Leder, das leise unter seinen rauen Hornhäuten knarrte, drehte die Jacke um und sah dann zu mir. Seine dunklen Augen glitten über das Kleidungsstück, bevor sie auf mir zum Ruhen kamen. „Wie geht es dir, Qiang?“, wollte er wissen und reichte mir stumm meine Jacke wieder. Mit gerunzelter Stirn nahm ich sie entgegen und legte sie auf meinem Bett ab – den einzigen zwei Quadratmetern, die mir alleine gehörten in diesem Drecksloch, welches mein Zuhause war.

Ich hielt inne. Es war eine einfache Frage, aber sie fühlte sich in diesem Raum falsch an. Er fragte nicht nach meinen Hausaufgaben, nach meinen Leistungen. Er fragte nach meiner Seele. Nach meinem Wohlbefinden.

„Mir geht es gut“, sagte ich knapp und spürte, wie ich die Muskeln in meinem Kiefer anspannte. Unsere Blicke trafen sich und kurz schien die Stille des Raumes lauter als jeder Schrei. Nur Mailins gleichmäßiges und ruhiges Atmen war zu hören.

Er nickte langsam, griff in die Tasche seiner abgewetzten Hose und legte etwas auf den Tisch. Im ersten Augenblick erkannte ich nicht, was es war. Das Metall schlag mit einem harten Klang auf dem Holz auf. Langsam trat ich näher an ihn heran und blickte verwirrt hinauf in sein früh gealtertes Gesicht.

Es war ein altes Klappmesser, der Griff war abgegriffen, aber die Mechanik wirkte gepflegt. Überrascht sah ich hinein in das so vertraute Gesicht des Mannes vor mir. Die tiefen Sorgenfalten, das nicht mehr ganz so eingefallene Gesicht und die gleichen dunklen schwarzen Augen, die ich von ihm hatte.

„Hier“, sagte er und schob es mit seinen rauen Fingern zu mir herüber. „Nimm es. Ich will, dass du es bei dir trägst.“

Perplex starrte ich auf das Messer. Es war kein elegantes Geschenk wie die Sammelkarten, oder der Anzug des Wolfs. Es war ein Werkzeug der Gewalt. Fragen sah ich hinauf und meine Brauen zogen sich zusammen.

„Das war von deinem Großvater“, fuhr er fort, ohne mich anzusehen. Stattdessen zündete er sich einfach die nächste Kippe an. „In der Welt, in die du jetzt gehst, wird dir dein Verstand helfen, aber manchmal ... manchmal braucht man Stahl, um wieder nach Hause zu kommen. Und ich möchte, dass du nach Hause kommst.“

Ich sah ihn an und zum ersten Mal begriff ich das Schweigen der letzten Monate. Es war kein Vorwurf gewesen. Es war das Schweigen eines Mannes, der zusieht, wie ein anderer die Last hebt, an der er selbst zerbrochen ist. Er reichte mir kein Spielzeug. Er reichte mir die Erlaubnis, die Krallen auszufahren, die ihm selbst fehlten. Er schenkte mir die stumme Akzeptanz, den Weg, den ich gewählt hatte, zu gehen. Ohne, dass er es aussprach.

„Danke, Vater“, sagte ich leise. Es war einer der wenigen Augenblicke in meinem Leben, in denen ich mich meinem Vater nah fühlte. Gesehen und wertgeschätzt. Ich nahm das Messer. Der Griff aus dunklem, glattpoliertem Holz war kalt, roch nach billigem Maschinenöl und lag schwer und vertraut in meiner Hand.

Zufrieden betrachtete ich die Waffe in meiner Hand und meine dunklen Augen sahen in die Seinen. Er lächelte nicht. Er sah mich einfach nur an.

Ich betätigte den Mechanismus, und die Klinge sprang mit einem trockenen, metallischen Klicken auf. Das matte Eisen vibrierte kurz in meinem Handgelenk. Es war kein elegantes Geräusch wie das Schnurren des Mercedes-Motors. Es war ein hässliches, scharfes Geräusch. Ein Geräusch, das nach dem Rost und den feuchten Gassen von Kowloon schmeckte.

„Die Klinge ist geschliffen. Ich habe einen Kollegen gebeten, das Messer heute zu überarbeiten, damit es funktioniert“, sagte mein Vater nur und blies den Rauch aus dem Fenster: „Vergiss nie, Qiang: Ein Messer ist nur so stark wie der Wille dessen, der es hält. Dein Dai-Lo kann dir schöne Kleider kaufen, aber er kann dir nicht helfen, an diesem Ort zu überleben. Solltest du den Weg nicht beschreiten wollen, sind wir immer noch hier, Qiang.“

Ich verstand, was er sagte. Es überraschte mich nicht, dass er den Begriff Dai-Lo konnte. In den Fabriken gingen die Mitglieder der Triade ein und aus. Und wenn mein Vater am Hafen war, weil er dort aushalf, war er umgeben von der schwarzen Gesellschaft.

Mein Vater blickte auf die einfache Uhr über dem Herd und bat mich, schlafen zu gehen. Er selbst stand auf und verschwand in unserem Badezimmer.

Vorsichtig legte ich die Dinge vor mir auf den Tisch: Die glänzenden Sammelpackungen aus Japan, die Lederjacke und daneben das alte Klappmesser meines Vaters. Ich rückte sie akribisch zurecht, so parallel und präzise, wie der Wolf vorhin seine Stäbchen abgelegt hatte. Es war eine seltsame Sammlung. Die Zukunft und die Vergangenheit lagen dort nebeneinander, und ich saß in der Mitte.

Ich holte die Karte des „Schwarzen Drachen“ aus meiner Tasche sowie– die billige Karte, die Mailin mir geschenkt hatte. Ich betrachtete das glitzernde Bild des Ungeheuers. In den Geschichten waren Drachen mächtig und weise, aber hier, in diesem Raum, fühlte ich mich eher wie eine Schlange, die gerade ihre Haut abstreifte.

Ich spürte keine Angst. Das war das Seltsamste an diesem Abend. Ich spürte nur eine tiefe, kalte Klarheit. Mein Vater hatte mich freigegeben, und der Wolf hatte mich adoptiert. Ich gehörte niemandem mehr, außer mir selbst.

Leise stand ich auf und schlich zum Doppelbett, zog mich um und verstaute die Lederjacke und die Sammelkarten sicher unter meinem Bett. Doch das schwere, ölige Messer meines Vaters schob ich direkt unter mein Kopfkissen, wo meine Finger es jederzeit erreichen konnten.

Das gleichmäßige Atmen meiner Schwester war das einzige Geräusch. Ich drehte mich zur Wand und ignorierte meinen Vater, als er wiederkam. Meine Gedanken kreisten und ein zufriedener Ausdruck erschien auf meinem Gesicht. Ich hatte die Hand ergriffen, die mir eine Zukunft bot. Und ich war froh, dass ich in meinem Alter keine Angst hatte, sie zu nehmen.

Ich starrte hinüber zu der Matratze meiner Schwester im Dunkeln. Ich dachte an das Restaurant, an das Gold und das Porzellan. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie ich eines Tages durch die Straßen von Central gehen würde. Nicht als Bote. Nicht als Schüler. Sondern als jemand, vor dem sie Respekt hatten. Jemand, der ein Jemand geworden war.

Morgen würde ich wieder zur Schule gehen. Ich würde wieder versuchen, der Klassenbeste zu sein. Ich würde wieder die Päckchen für Jinhai tragen. Aber unter meiner Uniform würde ich das Messer meines Vaters spüren – und in meinem Kopf würde ich bereits die Brücken bauen, von denen der Wolf gesprochen hatte. Ich würde lernen und ich würde der Beste sein.
 

Am nächsten Morgen war mein Vater bereits verschwunden, als ich mit Mailin aufstand. Meine Schwester war drei Jahre jünger als ich und ich versuchte, ihr so gut es ging zu helfen. Ich packte ihre Brotdose und legte einen Schein hinein, damit sie sich nach der Schule ihre geliebten Fischbällchen kaufen konnte.

„Gege“, fragte sie und zog meine Lederjacke unter dem Bett hervor, „woher hast du die?“ Ich nahm die Jacke und zog sie mir über. „Von einem Freund. Frag nicht weiter“, meinte ich, ging zu meinem Bett und schob das schwere Klappmesser meines Vaters tief in die rechte Jackentasche. Das kalte Eisen suchte sich sofort seinen Platz gegen meinen Oberschenkel. Mailin hatte es nicht bemerkt, sie hatte sich glücklich ihre neue Haarspange in die Haare gesteckt.

Doch als wir die Wohnung verließen, sah sie meine Jacke skeptisch an. Doch sie schwieg und ich wusste, dass es das Beste war, das sie tun konnte. Auf dem Weg hinunter kam uns unsere Mutter entgegen. Sie hustete und wirkte schlapp. Schon die letzten Tage war sie immer wieder am Husten gewesen. Sie drückte uns beide und strich verwirrt über meine neue Jacke. Ich sah die Besorgnis in ihren Augen, doch dann bemerkte ich, wie bei meinem Vater, ihre stumme Zustimmung. Es war ein Blick voller Erschöpfung, der mir verriet, dass sie zu müde war, um nach der Herkunft des Glücks zu fragen, solange es uns nur satt machte.

Sie schloss die Augen und strich mir sanft über das Kinn und sah mich an. So wie sie mich selten angesehen hatte.

„Pass auf dich auf, Qiang“, sagte sie, und es klang komisch, wie sie es sagte. Als ob sie wüsste, dass ich ab heute nicht mehr nur vor den Autos auf der Straße aufpassen musste, sondern vor den Schatten, denen ich nun selbst angehörte. Doch noch bevor sie weitersprechen konnte, hustete sie erneut und meinte, dass sie sich oben ausruhen wollte.

Wir gingen zur Schule und alle starrten auf meine neue Jacke. Der Geruch nach neuem, teurem Leder war in dem muffigen Klassenzimmer so fremd wie ein Diamant im Rinnstein

In der großen Pause lehnten Chen und ein paar andere Jungen an der bröckeligen Mauer des Schulhofs. Mailin hatte sich mit ihren Freundinnen in eine Ecke gesetzt und spielte Murmeln. Ich spürte die Blicke meiner Klassenkameraden schon, bevor ich sie erreichte. Sie starrten nicht auf mein Gesicht. Sie starrten auf das Leder.

„Hey, Qiang“, rief Chen, und in seiner Stimme schwang eine Mischung aus Neid und Misstrauen mit. Sein Blick schien sich verändert zu haben. Was genau, konnte ich nicht sagen. „Schicke Jacke. Hat dein Vater im Lotto gewonnen? Oder hast du sie irgendwo mitgehen lassen?“

Ein paar der anderen kicherten. Es war das nervöse Kichern von Kindern, die spüren, dass sich die Rangordnung gerade verschiebt. Ich war nie einer der Kleinsten gewesen, doch da ich erst durch meine eigene Arbeit regelmäßig ausreichend Essen hatte, war ich immer schmächtig gewesen. Nun seit fünf Monaten nicht mehr. Seit ich ausreichend Essen hatte, hatte sich meine Statur verbessert. Ich war gewachsen und sah gesünder aus. Meine Schultern waren breiter geworden, und zum ersten Mal fühlte ich mich nicht mehr wie ein Opfer, das weglaufen musste, sondern wie jemand, der stehenbleiben konnte.

Ich blieb stehen. Früher hätte ich vielleicht versucht, eine Ausrede zu finden oder mitzulachen. Aber heute spürte ich das Gewicht des Messers in meiner Tasche und das Wissen um den Mercedes des Wolfs. In meinen Erinnerungen saß ich wieder in dem Restaurant und wusste, dass keiner von ihnen jemals eines von innen gesehen hatte. Und es vielleicht auch nie sehen würde. Die Witze meiner Schulkameraden wirkten plötzlich ... kleinlich. Kindisch. Sie spielten noch mit Murmeln und Träumen.

„Ich arbeite“, sagte ich nur knapp, lehnte mich an den Zaun und verschränkte die Arme vor der Brust, sodass das feine Leder meiner Jacke leise spannte. Die Blicke der anderen Jungs waren seltsam geworden.

„Arbeiten? Als was? Als Musterschüler-Modell?“, spottete Chen und trat einen Schritt näher. Er wollte das Leder anfassen, vielleicht um zu sehen, ob es echt war.

Ich wich keinen Schritt zurück, die Hände in den Taschen, das Gesicht eine unbewegte Maske. Kontrolle. Ich dachte an das Restaurant. Wer hastet, verliert. Spöttisch sah ich ihn an und blickte angewidert in sein Gesicht. Er war erbärmlich und glaubte, er sei etwas Besseres, nur weil seine Eltern bessere Jobs hatten.

Doch Chen gab nicht nach, wahrscheinlich verstand er mein Schweigen falsch. Es machte ihn dumm und unvorsichtig, und ich spürte, wie die Wut in mir zu lodern begann. Er sah an mir vorbei, rüber in die Ecke des Hofes, wo Mailin im Staub saß und ihre Murmeln sortierte. Ein fieses, dreckiges Grinsen stahl sich auf seine Lippen.

„Oder schickt dein Vater jetzt die kleine Mailin auf die Straße, um dir die Jacke zu finanzieren, oder ihre Haarspangen?“, rief er, laut genug, dass es die Jungs hinter ihm hören konnten, und einige dieser Wichser kicherten sogar. „Die bringt doch bestimmt auch schon Scheine nach Hau–“
 

Es war zu viel. Es war kein langsames Reißen, es war eine plötzliche, ohrenbetäubende Explosion. Die kühle Klarheit, die Ratschläge des Wolfs, die mühsame Disziplin – alles war in einem einzigen Sekundenbruchteil weggesprengt. Meine Wut, die sich über Monate voller Demütigungen, Hunger und unterdrückter Wut angestaut hatte, brach bahnbrechend hervor.

Ich dachte nicht nach. Ich zog das Messer nicht – dafür war keine Zeit –, aber mein Körper handelte von ganz allein.

Das Geräusch, als meine Knöchel auf seine Nase trafen, war ein dumpfes, hässliches Knacken.

Chen flog rückwärts zu Boden, fiel über den rauen Asphalt des Schulhofs und hielt sich schreiend das Gesicht, während sofort dunkles Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll.

Ich stand über ihm. Meine Brust hob und senkte sich keuchend, meine Knöchel brannten wie Feuer, aber ich spürte keinen Schmerz. Nur ein wildes, heißes Rasen in den Adern. Es dauerte lange, bis ich die Kontrolle verlor, und in der Schule war es mir noch nie passiert.

Die Jungs um Chen herum waren starr vor Entsetzen; niemand wagte es, auch nur einen Atemzug zu machen, und niemand lachte mehr. Sie hatten mit dem klugen, ruhigen Qiang gerechnet – nicht mit dem Monster, das gerade aus ihm herausgebrochen war.

Chen zuckte wimmernd zusammen. Das Blut aus seiner Nase tropfte in den Staub.

„Schau dir diese Jacke an, Chen“, flüsterte ich, und meine Stimme war plötzlich so leise und kalt, dass selbst die Jungs hinter ihm sich unwillkürlich anspannten. „Weißt du, wer mir die bezahlt? Die Männer, vor denen dein Vater am Hafen den Buckel krummmacht. Die Männer, die bestimmen, wer in Mong Kok atmen darf und wer nicht.“

Ich drückte ihn ein Stück unsanfter auf den Asphalt und fixierte seine panischen Augen.

„Ein einziges Wort von mir, und dein Vater hat es heute noch schwer in seinem Büro in den Docks. Ein Wort, und die Männer schauen mal, wo deine Mutter abends hergeht. Wenn du den Namen meiner Schwester noch ein einziges Mal benutzt, sorge ich dafür, dass deine Familie es hier wahnsinnig schwer haben wird.“

Chen nickte hastig, die Tränen mischten sich mit dem Blut auf seinen Wangen. Ich betrachtete ihn und sah über seine Schulter, dass ein Lehrer zu uns kam. „Schade, dass du beim Fangen spielen auf dein Gesicht gefallen bist“, meinte ich eisig und erhob mich.

Aus den Augenwinkeln sah ich Mailin. Sie hatte aufgehört zu spielen. Sie starrte mich an, die Murmel noch in der kleinen Hand, mit großen, erschrockenen Augen. Erst ihr Blick ließ die Kälte verfliegen und ich trat zur Seite, damit der Lehrer nach Cheng schauen konnte.
 

Wie immer wartete ich an dem Zeitungsstand, und ich wusste natürlich schon länger, dass auch der Besitzer des Standes zu der schwarzen Organisation gehörte. Als er mich heute sah und die Lederjacke bemerkte, nickte er nur und reichte mir wortlos eine Limonade. Nur sehr selten hatte ich eine getrunken, und ich spürte Stolz in mir. Es war das erste Mal, dass ich nicht wie ein Kind behandelt wurde, das im Weg stand, sondern wie ein Kollege, dem man Respekt zollte.

Ich fragte mich gerade, wann ich nicht mehr nur ein Bote sein musste, als plötzlich Mailin zu mir trat. Das schwere Klirren ihrer Murmeln in der Tasche kündigte sie an, noch bevor sie vor mir stehen blieb. Ihre Haarschleife war verrutscht, sie schien außer Atem und meinte hastig: „Mutter geht es sehr schlecht. Gege, bitte komm!“

Ein kalter Schock fuhr mir durch die Glieder und riss mich augenblicklich aus meinen Allmachtsfantasien. Ich sah in ihr verängstigtes Gesicht und begriff sofort, dass sie nicht übertrieb. Doch mein Blick wanderte unwillkürlich zu der Limonadenflasche in meiner Hand und dann zu dem Zeitungsverkäufer. Jinhai und die Männer des Wolfs konnten jede Minute hier auftauchen. Wenn ich jetzt einfach weglief, riskierte ich den Respekt, den ich mir gerade erst mühsam erkauft hatte. Ich stand zwischen zwei Welten.

„Kannst du denen sagen, dass ich später komme? Oder morgen?“, fragte ich den Mann hastig, und meine Stimme überschlug sich fast vor innerer Unruhe. Unschlüssig nickte der Mann, sichtlich überrascht von meinem plötzlichen Ernst, und ich bedankte mich für das Getränk.

Die Limo in die Schultasche stopfend, folgte ich meiner kleinen Schwester.

Sie kannte sich hier genauso aus wie ich. Schnell waren wir an unserem Wohnblock und ich rannte mit Mailin die betonierten Stufen zu unserer Wohnung hinauf. Jede Stufe schien mich daran zu erinnern, wie sehr ich mich in den letzten Tagen von diesem Ort entfernt hatte. Ich erschreckte mich, als ich meine Mutter auf dem Futon liegen sah. Sie war blass, sie zitterte und hustete erbärmlich. Jeder Huster klang wie das Brechen von trockenem Holz.

Wütend biss ich mir auf die Lippen. Ich sah zu meiner Schwester und meinte: „Besorg einen Arzt, ich bleibe bei ihr. Zwei Blöcke weiter ist einer, dem man vertrauen kann. Neben seinen Räumen ist ein Metzger.“ Mailin sagte mir, dass sie wisse, wen ich meinte, und machte sich schnell auf den Weg. Ich kannte den Arzt. Ihm hatte ich bereits einige Päckchen gebracht.

Ich kramte eine Schüssel hervor und füllte sie mit kaltem Wasser. Ich strich ihr mit einem Lappen über die glühende Stirn und spürte, dass ich Angst hatte. Hatte ich nicht mitbekommen, dass sie krank war? Wenn ich ehrlich war, hatte ich auf meine Eltern die letzten Tage nicht geachtet. Zu sehr hatte mich meine neue Welt in den Bann gezogen. Die glänzenden Karten und das weiche Leder meiner Jacke hatten sich wie ein Schleier über meine Augen gelegt. Ich wollte nicht, dass meine Mutter krank war. Sie sollte nicht leiden. Ein schrecklicher Gedanke schoss mir durch den Kopf: Was nützte mir der Respekt der Straße, wenn ich in diesem Zimmer so hilflos war wie ein Kleinkind? Was, wenn ihr wirklich etwas passierte? Sie wirkte nahezu apathisch.

Mailin kam mit dem Arzt wieder, es hatte für meinen Geschmack zu lange gedauert. Der Blick des Arztes veränderte sich, als er mich erkannte. Er sagte nichts, doch das Erkennen war deutlich in seinem Blick zu lesen. Er sah die Jacke, dann meine Augen, und ich wusste, dass er begriff, dass ich kein gewöhnlicher Botenjunge mehr war.

„Seit wann hustet sie?“, wollte er wissen und holte aus einer dreckigen Arzttasche ein Stethoskop. Es war Mailin, die sprach, denn ich hatte sie nicht so sehr beachtet: „Seit ungefähr einer Woche. Mal mehr, mal weniger … Sie hat viel Tee getrunken und unterschiedliche Kräuter besorgt. Seit zwei Tagen hat sie fast nur noch zu Hause geschlafen …“

Der Arzt nickte und ich wunderte mich, dass ich das nicht mitbekommen hatte. Zurücktretend, machte ich dem Arzt Platz und er hörte meine Mutter ab. Sie beantwortete schwerfällig seine Fragen und wirkte vollkommen fertig.
 

„Sie scheint eine Lungenentzündung zu haben und leider keine leichte mehr“, erklärte er nach einem Moment, und ich erkannte das Mitleid in seinen Augen. „Da hilft kein Kraut. Sie benötigt westliche Medizin. Aber für ein Antibiotikum und die Behandlung benötigst du ungefähr 2000 Hongkong-Dollar, Kleiner.“

„Zweitausend Dollar.“ Das Wort hing wie giftiger Rauch in der Enge des Zimmers. Ich blinzelte nicht einmal. In meinem Kopf begann ein kaltes, präzises Rechenwerk zu rotieren. Keine kindliche Fassungslosigkeit, nur die Logik eines Buchhalters. Ein gewöhnlicher Botengang für Jinhai brachte mir hundert Dollar ein, wenn es gut lief. Ich müsste zwanzigmal quer durch die Stadt rennen, zwanzigmal das Risiko eingehen, erwischt zu werden, und das alles in einer Zeit, die meine Mutter nicht mehr hatte. Das Verhältnis von Zeit zu Risiko stimmte nicht mehr. Ich brauchte keine Botengänge. Ich benötigte einen Auftrag, der zweitausend Dollar wert war.

Ich sah auf die blassen Hände meiner Mutter, die kraftlos auf dem Futon lagen. Die Lederjacke auf meinen Schultern fühlte sich nicht mehr schwer an – sie fühlte sich an wie eine Uniform. Ich war bereits ein Teil dieser Welt, und es war an der Zeit, dass ich aufhörte, wie ein Lehrling zu denken.

„Zweitausend. Morgen liegt das Geld hier. Besorg das Medikament. Ich gehöre jetzt zum Wolf. Es wäre besser, wenn nichts schiefgeht. Sei dir sicher, du bekommst dein Geld …“, meine Stimme klang erstaunlich kalt, fast mechanisch, als ich dem Mann direkt in die Augen sah. Ich trat einen Schritt vor, sodass das Leder meiner Jacke in sein Sichtfeld rückte.

Der Arzt schluckte, und für einen Moment sah ich Angst in seinen Augen. War es der Wolf, oder mein Auftreten? Doch eigentlich war es mir egal. Es war das erste Mal, dass ein Erwachsener vor mir zurückwich. Es fühlte sich berauschend an. Ich wandte mich zu Mailin um. „Bleib bei ihr. Wechsel die Umschläge. Ich bin bald zurück.“
 

Ich wartete ihre Antwort nicht ab. Ich brauchte den Wolf. Aber ich würde nicht zu ihm gehen und um ein Almosen betteln. Ich würde ihm ein Geschäft vorschlagen. Ich war bereit, dieses Risiko zu tragen. Ich war bereit, den Einsatz zu erhöhen.

Ich kam mit pochendem Herzen am Zeitungsstand an und keuchte. Der Schweiß brannte in meinen Augen, und meine Lunge fühlte sich an, als hätte ich selbst das Feuer meiner Mutter eingeatmet. Der Verkäufer sah mich überrascht an und sagte, ich hätte die Männer von vorhin knapp verpasst. Ich hielt mir die brennende Seite, fixierte den Mann, der mir noch vor zwei Stunden eine Limonade geschenkt hatte, und presste hervor: „Wo finde ich sie? Wo finde ich den Wolf? Ich muss mit ihm sprechen. Oder mit einem der anderen.“

Perplex sah er zu mir und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, meinte er, und ich fuhr ihn gereizt an: „Du wirst doch mal gehört haben, wo die sich treffen!“ Ich trat einen Schritt näher in seinen engen Stand hinein, ignorierte den Geruch von billigem Papier und altem Tabak. Mein Blick war so stechend, dass er die Hand von seinen Zeitungen nahm.

„Hör zu“, zischte ich. Meine Finger in der Jackentasche schlossen sich so fest um das Klappmesser meines Vaters, dass das Holz in meine Handfläche schnitt. Meine Stimme klang viel älter als zwölf Jahre. „Ich bin kein Tourist, der nach dem Weg fragt. Ich bin für Jinhai gelaufen. Der Wolf kennt mich, er ist mein Dai-lo … Wenn ich ihn nicht finde und mein Auftrag scheitert, werde ich ihm sagen, dass du im Weg gestanden hast. Glaubst du, er schätzt deine Unwissenheit mehr als meine Loyalität?“

Der Zeitungsverkäufer blinzelte. Er sah die Lederjacke, die jetzt staubig war, und er sah das blanke Verlangen in meinen Augen. Er wusste, dass Jungen wie ich entweder schnell stiegen oder schnell verreckten – und er wollte nicht auf der falschen Seite meiner Geschichte stehen.

„Das ‚Goldene Tor‘“, flüsterte er schließlich und sah sich nervös um. „Ein Restaurant in der Jordan Road. Hinter dem Mahjong-Saal. Aber geh dort nicht einfach durch den Vordereingang, Qiang. Wenn du dort ohne Einladung auftauchst, kommst du vielleicht nie wieder raus.“

Ich nickte nur knapp. Die Warnung war mir egal. Das ‚Goldene Tor‘ klang nach genau dem Ort, an dem man Seelen gegen zweitausend Dollar eintauschen konnte. Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um und rannte los. Das schwere Messer in meiner Tasche schlug bei jedem Schritt im Laufschritt gegen meinen Oberschenkel – ein taktgebendes, hartes Klicken. Es erinnerte mich daran, dass ich nicht mehr um Hilfe flehte. Ich war auf dem Weg, mir eine Waffe zu holen.
 

Keuchend kam ich bei dem Restaurant an und atmete schwer durch. Ich sah mich um und erkannte einige Männer, welche vor einem mir nur zu bekannten schwarzen Wagen standen. Ich trat auf sie zu und verwirrt sah einer der Männer zu mir. Noch bevor er etwas sagen konnte, meinte ich: „Ich muss den grauen Wolf sprechen. Meinen Dai-Lo.“

Ihre Augen glitten an mir entlang. Blieben an der Lederjacke hängen und an meinem Gesicht. Stirnrunzelnd betrachteten sie mich. „Deinen Dai-Lo“, meinte der eine, welcher sich im Hintergrund aufgehalten hatte. Ich nickte nur und versuchte, meine Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Wir schwiegen, denn ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Sie sollten ihn holen. Doch ich wusste, dass sie über mir standen.

„Bitte“, brachte ich schließlich heraus und hasste mich dafür, dass ich ein Bittsteller war. Ein kurzes Grinsen huschte über das Gesicht des Mannes und endlich trat er in das Restaurant.

Es dauerte einen Augenblick, bis er wieder herauskam, und mein Herz machte einen Sprung, als ich meinen Dai-Lo sah. Sein Anzug saß perfekt und seine Haare waren makellos. Unschlüssig sah er mich an und sein Blick glitt an mir entlang.

„Was ist los? Warum warst du heute nicht da?“, wollte er wissen und sah mich streng von oben herab an. Wie immer zündete er sich eine Kippe an und schien auf meine Antwort zu warten. Schwer atmete ich durch, bevor ich antwortete. „Meine Mutter ist krank. Meine Schwester kam, weil sie Hilfe brauchte. Ich benötige Geld. Die Medikamente kosten zweitausend Dollar. Was kann ich machen, was mehr einbringt – als läppische hundert Dollar für einen Brief oder ein Päckchen … Ich will meiner Mutter nicht beim Sterben zuschauen“, meinte ich und merkte, dass meine Stimme zum Ende hin leiser wurde.

Der Blick des Mannes vor mir veränderte sich. Er sah mich fast schon mitleidig an. Der Wolf stieß den Rauch langsam aus und sah mich so lange an, bis ich das Gefühl hatte, unter seinem Blick zu schrumpfen. Dann griff er in seine Sakkotasche und holte ein Bündel Geldscheine hervor. Er zählte zweitausend Dollar ab, ohne eine Miene zu verziehen. Niemals zuvor hatte ich so viel Bargeld auf einmal gesehen. Die Scheine sahen in seinen gepflegten Händen so leicht aus, während sie für mich das Gewicht einer ganzen Welt hatten.

Er reichte mir das Geld, aber als ich danach griff, ließ er nicht los. Seine Finger hielten die Scheine fest wie eine Klammer aus Stahl und unsere Blicke trafen sich.

„Das hier ist kein Geschenk, Qiang“, sagte er leise, und seine Augen fixierten meine. „Das ist ein Vertrag. Ich rette das Leben deiner Mutter, und im Gegenzug gehört deine Loyalität mir, egal was passiert. Hast du das verstanden?“

Ich nickte hastig, mein Blick fest auf das Geld gerichtet, das die Rettung bedeutete. „Ja, Dai-Lo. Aber sie gehörte dir auch vorher schon.“ Zufrieden und vielleicht auch überrascht sah er mich an. Es war das erste Mal, dass ich ihm etwas gab, das wertvoller war als Geld: meinen freien Willen.

„Gut“, meinte er zufrieden und betrachtete mich. Den Jungen aus Mong Kok. Er ließ los. „Lauf zum Arzt. Hol die Medizin. Ich gebe dir eine Stunde. Danach wartet mein Wagen am Ende der Straße auf dich. Wir fahren zum Hafen. Vielleicht kannst du heute wirklich nützlich sein.“

Ich starrte ihn überrascht an. Dass ein Mann seines Ranges sich zum Hafen begab, war ungewöhnlich. Für mich passte er da nicht rein. Er wollte mich nicht nur arbeiten sehen; er wollte mich formen – direkt vor seinen Augen.

„Danke, Dai-Lo. Ich werde pünktlich sein“, versprach ich, stopfte das Geld in meine Lederjacke und rannte los, ohne mich umzusehen.

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. In meiner Tasche fühlte sich das Geld schwerer an als das Messer. Es war das Gewicht einer Schuld, die ich niemals ganz zurückzahlen konnte. Ich rannte durch die engen Gassen, vorbei an den Garküchen und den spielenden Kindern, die keine Ahnung hatten, dass ich gerade meine Kindheit für ein paar bunte Scheine verkauft hatte.

Als ich beim Arzt ankam, knallte ich das Geld auf den Tisch. Er sah mich entgeistert an, doch ich gab ihm keine Zeit für Fragen. „Das Medikament. Besorg es heute noch.“

Unschlüssig nahm der Mann das Geld und zählte es ab. „Woher …“, doch sein Blick blieb an der Jacke hängen. Kurz schluckte er. Langsam erhob er sich und griff nach seiner eigenen Arzttasche.

„Beeil dich“, meinte ich, und doch konnte ich nicht verhindern, dass die Sorge mich übermannte, es war schließlich meine Mutter. „Bitte …“, fügte ich leiser hinzu, und ein leichtes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes. Er sagte nichts, doch er nickte und gemeinsam verließen wir seinen Laden. Vermutlich würde er nun mit dem Geld jemanden im Krankenhaus schmieren, damit er die Medikamente für meine Mutter bekommen würde. Doch es war mir egal. In dieser Stadt war alles käuflich, sogar das Überleben.
 

Minuten später rannte ich die Treppen zu unserer Wohnung hinauf. Mailin und mein Vater knieten bei meiner Mutter. Mein Vater starrte zu mir und ich sagte: „Der Arzt besorgt die Medikamente. Er wird heute noch kommen. Ich weiß nicht wann.“ Mein Vater starrte mich an und nickte. Ich sah die Besorgnis in seinen Augen deutlich. Doch er schwieg und blickte kurz auf seine Hände. Er sah besorgt zu meiner Mutter und schluckte. Nach einem Moment meinte er: „Qiang, du bist kein Kind mehr. Aber du bist mein Sohn… Komm nach Hause.“ Schwer schluckte ich und betrachtete die drei Menschen vor mir, die meine Familie waren. Ich nickte leicht und sah auf die Uhr über unserem Herd.

„Ich muss weg“, sagte ich atemlos.

„Aber Gege, wohin denn? Es ist doch dunkel“, sagte Mailin mit großen Augen. Sie verstand es nicht, und das sollte sie auch nicht. Sie sah mich an. Ängstlich. Ich merkte, wie sehr ich mir wünschte, sie einfach in den Arm zu nehmen, doch der Wolf wartete.

„Ich gehe arbeiten“, antwortete ich und spürte, wie sich mein Gesicht zu einer Maske verhärtete. „Damit wir nie wieder um ein Leben betteln müssen.“ Ich streifte den Blick meines Vaters. Wir sahen einander stumm in die Augen und ich schluckte schwer. Er sah in mir nicht mehr nur seinen Sohn, den Schüler – er sah den Mann, der die Last trug, an der er selbst zerbrochen war.

Ich drehte mich um und ging.

Unten an der Ecke stand der Mercedes. Die getönten Scheiben ließen nicht erkennen, wer im Inneren saß, aber der Wagen wirkte wie ein Raubtier, das in der Dunkelheit lauerte. Als ich herantrat, öffnete sich die schwere Tür lautlos, wie von Geisterhand, und der Geruch von teurem Leder und kühler Klimaanlagenluft schlug mir entgegen. Ich stieg ein.

Der Wolf saß entspannt auf seinem Ledersitz, das kühle Licht der Straßenlaternen tanzte auf seinem Anzug. Er sah nicht zu mir, als der Wagen anfuhr. „Pünktlich… Du bist pünktlich. Das solltest du nie verlernen, Kleiner.“

Wir verließen die engen Straßen von Mong Kok und fuhren Richtung Hafen. Das sanfte, tiefe Schnurren des Motors war das einzige Geräusch im Raum. Meine Hand in der Jackentasche umklammerte den hölzernen Griff des Messers meines Vaters, während ich durch das abgedunkelte Glas nach draußen sah. Wenn wir am Pier ankamen, gab es kein Zurück mehr. Der Junge, der ich heute Morgen noch gewesen war, blieb im Rückspiegel zurück.
 

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Guten Tag,
 

ich hoffe, ihr habt, hattet Spaß an der Geschichte weiterhin.

Nun hat sich Qiang also verlauft für lächerliche 2000 HKD, das entspricht ca. 230 Euro. Ein läppische Summe für ein Menschenleben. Wobei ich eh nicht der Meineung bin, dass man so etwas in Geld aufrechnet.
 

Damals war das genau die Summe, die ein einfacher Arbeit in seinen 12-14 Stunden schichten im Monat verdiente. Und davon gingen Miete usw ab....

Was denkt ihr über diesen Tausch? Hat der Wolf Qiangs Notlage schamlos ausgenutzt, oder war es in dieser grausamen Welt Qiangs einzige, logische Chance? Ich bin wahnsinnig gespannt auf eure Kommentare und Gedanken dazu!
 

Wünsche euch ein schönes Wochenende



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