Phönixasche
Titel: Feuermond
Teil: 1/?
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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Alsooooo, das hier ist mein neustes Projekt. XD Ich trag die Idee dafür schon seit Wochen mit mir rum, ist mir während des Schreibens von 'Krieger, Magier und Diebe' eingefallen. *Schleichwerbung*
Jedenfalls hab ich mich schon ziemlich rein gehängt, wie man in den Charabeschreibungen vielleicht sehen kann. ^^''
Es wird auf jeden Fall etwas länger werden, wie lang kann ich jetzt aber noch nicht sagen. Wie schnell ich mit dem Schreiben vorankomme, weiß ich auch noch nicht, weil ich noch mehr Ideen habe und die auch anfangen will. Also, nicht ungeduldig werden, ja? ^.~
Das Pairing ist übrigens Tala x Kai, aber ich werd noch mehr reinbringen, wie es sich eben ergibt.
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Phönixasche
Es stank. Nach nasser Asche, verbranntem Holz, verkohltem Fleisch. Grauer Dunst hing über dem Tal. Er verhüllte alles, so dass man nur ein paar Schritt weit sehen konnte, und ließ das Tal von oben aussehen wie ein See aus Nebel. Es gab hier oft Nebel; beinahe jeden Morgen krochen die dicken Schwaden vom Fluss herauf, der sich seinen Weg durch das Tal suchte, aber dies war kein Morgennebel.
Es war nicht einmal Tagesbeginn. Er ging beinahe schon auf sein Ende zu, aber die Sonne stand noch am Himmel, blass, aber kräftig für den ersten Monat im Jahr. Für die Màn Suatha war er der Fastenmond, die Thissalier sagten ,März' zu ihm und für sie begann das Jahr schon zwei Monate früher. Das war nicht die einzige Differenz zwischen den Völkern und die anderen wogen weitaus schwerer.
Nebel am Tag gab es nur im Herbst, nicht zum Jahresbeginn. Es war Rauch. Vor Nässe schwerer Rauch, der über dem Tal hing. Es hatte geregnet. Natürlich, die dicken, schwarzen Wolken, die schon am Morgen am Horizont gehangen hatten, hatten es angekündigt, den schweren Regenguss.
Aber er war zu spät gekommen, viel zu spät um zu retten, was noch zu retten war. Das Feuer war schon zu stark gewesen und war erst gestorben, als es alles restlos aufgezerrt hatte. Natürlich hatte der Regen geholfen - so waren wenigstens der Wald und die Umgebung verschont geblieben. Aber für das Dorf war jede Hilfe zu spät gekommen. Daher kam auch der Rauch. Feuer und Wasser vertrugen sich nicht.
Jetzt ragten nur noch ein paar verkohlte Baumstämme und Balken aus den Rauch. Sie waren wie Gerippe, tot und kalt. Ging man ein paar Schritte, so verschluckte der Nebel sie, gab aber zur gleichen Zeit weitere frei. Alles andere war verbrannt, der gesamte Besitz, Möbel, Stoffe, Geschirr, Waffen, Spielzeug. Alles, was der Klan besessen hatte.
Zwischen den verbrannten Resten der Häuser lagen die Leichen. Tiere, Männer, Frauen, Kinder. Niemand war verschont geblieben. Nicht die Ziegen und Schafe, die Hühner und die wenigen, borstigen Schweine, nicht einmal die zehn kräftigen Bergponys des Klans. Alle waren sie niedergemetzelt worden und jetzt teilweise verbrannt oder zumindest versengt. Und zwischen ihnen lagen die Leichen der Menschen. Im Tod waren alle Wesen gleich, ohne Leben und Seele, aber vorher verzweifelt darum bemüht, am Leben zu bleiben, gierig danach.
Wahrscheinlich waren nur noch die Kleinsttiere im Tal am Leben. Der Rest - das Wild - war geflohen. Wer konnte es ihnen verübeln? Der Klan wäre selbst gerne geflohen - vertrieben, besitzlos aber am Leben und frei.
Charya drehte sich um und stemmte sich auf Hände und Füße. Die Soldaten mussten sie für tot gehalten haben. Sonst hätten sie ihr die Kehle durchgeschnitten wie dem anderen Mädchen, das keine zwei Schritt von ihr entfernt in seinem eigenen Blut lag. In seiner Brust stak der zersplitterte Schaft eines Speeres, trotzdem hatte es noch gelebt, als die Soldaten nachgeprüft hatten. Davon zeugte der klaffende Schnitt in seinem Hals.
Charya war übel. Um sie drehte sich alles, ihr Kopf schien zerspringen zu wollen. Sie hustete, aber ihre Kehle war ausgetrocknet. Mühsam erhob sie sich, zuckte aber bei jeder Bewegung zusammen. Ihre Brust, ihre Arme, ihre Beine schmerzten, ihr Unterleib schien in Flammen zu stehen. Kein Wunder, nachdem...
"Uhhh..." Charya hatte nicht gewusst, dass ein menschliches Wesen einen solch jammernden Ton von sich geben konnte, wie sie es tat. Wimmernd, winselnd wie ein geschlagener Hund. Sich nach der Erlösung sehnend. Und einst so stolz! So frei! So unwissend...
Sie hustete. Ihr Magen schien sich in ihrem Leib umdrehen zu wollen. Mühsam erbrach sie sich. Wieder und wieder bis sie nur noch bittere Galle spuckte. Sie hustete wieder, aber es brachte nichts. Der ekelerregende Geschmack blieb. Sie kümmerte sich nicht darum. Es war nicht wichtig.
Vorsichtig fuhr sie sich durch das Gesicht. Als sie ihre Hand betrachtete, klebte Blut und blaue Farbe daran. Ihre Klanzeichnung... ja, genau. Heute war ja Tagundnachtgleiche, es hätte ein großes Fest geben sollen am Abend. Und gerade heute war das Unglück über sie hereingebrochen.
Hatten die Thissalier denn keinen Respekt vor den heiligen Festtagen?! Konnte man nicht einmal mehr in Ruhe den Frühling begrüßen?! So schlecht, so zerschlagen und so gedemütigt sie sich auch fühlte, sie kam nicht umhin, Zorn in sich auflodern zu spüren. Die Frühlingstagundnachtgleiche war heilig! Und jetzt beschmutzt durch die verhassten Feinde!
Charya schluckte und sah sich um. Wo waren ihre Eltern? Ihre Tanten und Onkel? Ihre Geschwister? Sie erhob sich. Fühlte sich leer, wie tot, verdammt zum Leben im Tod. Sie mussten irgendwo hier sein. Niemand war entkommen. Alle...tot, wie das Mädchen in der Nähe.
Charya wusste das auch ohne es zu sehen, sie fühlte es. Ihr Gefühl trog sie nie. Als sie näher hinsah, erkannte sie das Mädchen. Es war eine ihrer entfernteren Cousinen, Gladys, ein fröhliches, aufgewecktes Mädchen immer zu einem Scherz, einem Streich bereit und mit funkelnden, fröhlichen Augen. Jetzt starrten ebendiese funkelnden Augen leer in den Himmel. Ihre Gesichtszüge waren verkrampft, im Todeskampf und ewigen Qualen erstarrt. Alle Toten, die Charya bis jetzt gesehen hatte, hatten friedlich ausgesehen, gestorben an einem natürlichen Tod.
Vorsichtig und bei jedem Schritt vor Schmerz zusammenzuckend stolperte sie zu Gladys und fiel neben ihr in den Dreck. Es kümmerte sie nicht, dass ihre zerrissene Kleidung mit Blut und durchweichter Erde beschmutzt wurde. Sie war sowieso schon dreckig, bedeckt von ihrem eigenen Blut, auch wenn sie keine ernsthafte Wunde davongetragen hatte, und anderen Dingen, von denen sie nicht wissen wollte, was es war.
Mit zitternder Hand schloss sie Gladys' Augen, doch auch jetzt sah das Mädchen nicht aus, als würde sie schlafen, wie bei Toten, die auf natürlichem Wege gestorben waren, nicht gewaltsam dem Leben entrissen. Gewalt war wahrlich genug angewandt worden an diesem Tag. Es reichte für ein ganzes Leben.
Charya schluchzte, aber ihre Augen blieben trocken. Sie fragte sich, wo die Tränen blieben, die sie um ihre Verwandten, ihren Klan weinen konnte. Schmerz und Trauer empfand sie wahrlich genug. Aber es ging nicht. Vielleicht war es zuviel? Zuviel für einmal? Ihr Innerstes war gebrochen, so dass sie nicht einmal die Klagelieder anstimmen konnte, denn aus ihrer Kehle drang nur ein Krächzen.
Sie erhob sich wieder und sah sich um. Noch immer hing der Rauch zwischen den verkohlten, schwarzen Balken der Häuser, aber langsam verzog er sich. Jetzt konnte sie auch das Krächzen von Raben und Krähen hören, das wütende Bellen eines Fuchses und weiter entfernt heulte ein einsamer Wolf.
Die Aasfresser waren also schon da. In der Nähe konnte sie einige von ihnen sehen, wie sie sich über die Leichen von Regan und ihrer Familie hermachten. Die Frau hielt noch immer ihr Katana umklammert, aber der einst so stolze und oft wütende Blick der toten Schwertheiligen war gebrochen. In ihrer Brust klaffte eine riesige Wunde, die nur von einer Axt herrühren konnte.
Auch die Schwertheiligen hatten das Unglück nicht abwehren können. Nicht sie, nicht die anderen Krieger, auch nicht die Druiden. Und das, obwohl der gesamte Klan versammelt gewesen war. Zur Tagundnachtgleiche trafen sich alle, die Ältesten bis zu den Jüngsten, um gemeinsam zu feiern und den Frühling zu begrüßen. Dieses Jahr würde es das nicht geben, nicht im Klan des Feuermonds. Die anderen Klane würden feiern, sicher. Aber irgendwann würden sie von dem Massaker an Feuermond erfahren - und dann? Was würde dann geschehen?
Charyas Herz schrie nach Rache, aber ihr Verstand, der seltsam klar war, wusste, dass es das nicht geben würde, nicht geben konnte. Es durften nicht noch mehr Klane sterben, so wie Feuermond, wie ihrer. Keiner mehr. Keine Toten mehr...
Sie taumelte zu Regan und wedelte dabei mit den Armen und schrie, um die Krähen und Raben zu verscheuchen, aber die unverschämten Viecher dachten nicht einmal daran. Erst, als sie einen Stein nach ihnen schleuderte, flogen sie auf. Aber sie kamen schon nach kurzer Zeit zurück. In Charya stieg erneut Übelkeit auf, als sie beobachtete, wie die schwarzen Tiere an dem toten Fleisch ihrer Freunde herumhackten.
Bei jedem Schritt, den sie tat, war es, als würde ein Speer durch ihren Unterleib gejagt werden. Zitternd und schwankend taumelte sie durch das verbrannte, zerstörte Dorf, vorbei an den Leichen der Menschen und der Tiere. Sie sah sie genau an, obwohl sie nicht wissen wollte, wie sie jetzt aussahen. Aber sie musste... etwas zwang sie dazu. Es war völlig makaber, aber sie konnte und konnte nicht wegsehen, so sehr sie auch wollte.
Einst hatte sie jeden dieser Toten gekannt, jeden einzelnen. Das war für Màn Suatha-Klane nicht unüblich, denn sie umfassten im Gegensatz zu den Städten der Thissalier nur wenig Personen - kaum acht Dutzend - und die Klane führten ein sehr geselliges Leben. So gesellig, dass hier einst alles voller Leben und Freude und Lachen gewesen war. Charya erinnerte sich noch genau daran. Aber ebendiese Kinder, die einst so fröhlich gelacht hatten - noch am Morgen dieses Tages, voller Vorfreude auf das Fest am Abend - lagen jetzt tot am Boden und ihre einst funkelnden Augen waren gebrochen.
Sie alle, nicht nur die Kinder, starrten jetzt mit toten Augen, klaffenden Wunden und zerschmetterten Gliedern in den grauen, verhangenen Himmel. Charya folgte ihrem Blick. Dort oben gab es aber nichts zu sehen, denn alles war grau und trostlos. Die Toten konnten auch nichts mehr sehen; es war ihnen egal, was dort oben war. Die Rotgeflügelte hatte ihre Seelen längst geholt. Heute hatte sie viel zu tun gehabt, jene mit den roten Schwingen, die die Verstorbenen ins Reich der Toten brachte.
Charya jammerte wieder. Verzweiflung, Ratlosigkeit, Trauer und Zorn mischte sich. Was sollte jetzt werden? Sollte sie...sich dazulegen, zu den Toten, und auf die Rotgeflügelte warten, die die Sterbenden begleitete? Als Letzte von Feuermond...ihrer Familie, ihren Verwandten und Freunden folgen.
Widerwille stieg in ihr auf, gegen den Tod. Charya schüttelte sich. Nein. Nein, der Tod war nicht der richtige Weg für sie. Sie wollte Leben. Leben! Frei sein, stolz sein, aber nicht unwissend, sondern weise. Sie wollte lachen und tanzen und feiern. Ihren toten Klan im Herzen tragen.
Sie taumelte weiter, ließ das Dorf, die Leichen und die Aasvögel hinter sich. Vor sich erkannte sie den Pfad, der aus dem Tal. Er war zerwühlt von den Hufen der Soldatenpferde und den Infanteristen, die nach dem Massaker den Schauplatz verlassen hatten. Zurückgeblieben waren nur Leichen und eine Verlassene.
Die Soldaten... Charya spürte den Hass auf sie und den ohnmächtigen Zorn. Sie hatten Feuermond gemetzelt, den Phönix niedergerissen, hinunter gezerrt, so dass er gefallen war. Gefallen und gestorben. Die Legende sagte, der Phönix könne nicht sterben, da er immer wiedergeboren werden würde. Aber wie konnte das jetzt gehen? Charya wusste, dass sie in diesem Wissen nicht irrte, denn mit Legenden kannte sie sich aus. Hatte man nicht sie darauf vorbereitet, die nächste Legendenhüterin Feuermonds zu werden? Der Phönix war gefallen und verbrannt und die Asche war übrig, aber keine Glut, der das Feuer der Neugeburt wieder entfachen konnte.
Nur ein Funke war geblieben; Charya war dieser Funke. Wenn sie es schaffte, zu überleben, einen anderen Klan zu erreichen und Feuermonds Legenden und Lieder zu erhalten... Bestünde dann Hoffnung? Hoffnung auf den sich erhebenden Phönix? Auf den wiedererwachenden Klan Feuermond?
Der wichtigste Bestandteil zum Überleben eines Klans war der Legendenhüter. Starb dieser ohne einen geweihten Nachfolger - ging der Klan zugrunde, egal wie viele Mitglieder er noch hatte. Thane kamen und gingen, starben und wurden neu gewählt, Druiden wurden ernannt und abgesetzt, aber das zählte nicht. Was zählte, war der Legendenhüter.
Ob es ein Zufall war, dass gerade Charya überlebt hatte? Sie war geweiht - seit zehn Tagen. Sie konnte den Klan am Leben erhalten. Wenn sie überlebte. Wenn sie einen der anderen Klane erreichte - Nachtsturm war nah. Und sie würde überleben und wenn es nur durch puren Willen war, denn sie wollte überleben. Wollte überleben und den anderen Klanen von dem Massaker erzählen, das hier geschehen war. Von den Gräueltaten der thissalischen Soldaten. Von den Verbrechen, die folgen würden. Und von den Legenden und Liedern von Feuermond, wie ihre Stellung es verlangte.
Zwei Wochen brauchte sie, bis sie auf den nächsten Klan stieß. Während dieser Zeit hungerte und fror sie ständig. Sie bekam Fieber und ihre Schmerzen nahmen zu, aber sie gab nicht auf. Es war ihr nicht erlaubt, aufzugeben. Ihr Klan und der Phönix brauchten sie doch, den Funken.
Nachtsturm nahm sie sofort auf. Es dauerte eine weitere Woche, ehe sie wieder sprechen konnte, und noch zwei bis der Than von Nachtsturm und einige seiner Krieger von dem Schauplatz des Gemetzels zurückkamen.
Sie hatten die Toten - oder das, was von ihnen Übrig war - angemessen bestattet und alles, was noch brauchbar gewesen war, nicht allzu viel, hatten sie mitgebracht und Charya übergeben.
Inzwischen waren auch die anderen Thane eingetroffen, die Nachtsturm sofort verständigt hatte. Gemeinsam entschied man, dass Feuermond tot bleiben sollte bis ein geeigneter Than gefunden sei. Kein Wort sollte nach außen hin darüber verloren werden, dass Feuermond jederzeit wieder erwachen konnte, weil die Legendenhüterin noch lebte.
Derweil würde Charya in den Nachtsturmklan aufgenommen werden. Ihre Schwester Chaisa, die als Einzige ihrer Familie noch am Leben war, weilte seit ihrer Hochzeit mit einem Nachtsturmkrieger in dessen Dorf. In einer kurzen Zeremonie erhielt Charya die Klanzeichnung Nachtsturms - zwei Dreiecke auf den Wangen und eines auf der Stirn, die alle auf einen gemeinsamen Punkt zeigten - und wurde in der Familie Chaisas aufgenommen.
Nur einen Monat später begannen die Verhandlungen mit Thissalia. Die Màn Suatha wussten, dass sie vernichtend geschlagen worden waren, und sie wussten, dass die Zukunft keine gute war.
Die Thane mussten so gut wie jedem Punkt, den die Thissalier verlangten, zustimmen. Zu viel stand auf dem Spiel. Sie wollten nicht noch mehr verlieren, nicht noch einen weiteren Klan wie schon Feuermond. Und so führten sie ihr Volk in eine harte, aber recht sichere Zukunft mit einem aufgezwungenen Frieden unter der Herrschaft eines verhassten Volkes.
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Lasst euch nicht davon abschrecken, dass noch keine BB-Charaktere aufgetreten sind. Charya ist zwar wichtig, aber kein Hauptchara, darum wird sie nicht so oft wie andere auftauchen.
Ich würd mich über Kommentare natürlich freuen. Will ja wissen, wie die Idee bei euch ankommt.
Es wird übrigens nicht nur um den Konflikt zwischen den Màn Suatha und den Thissaliern gehen, sondern da passiert noch viel mehr. Das hier ist nur ein Teil von den bestehenden Differenzen zwischen den verschiedenen Völkern auf dieser Welt. Wenn jemand Fragen hat, bitte stellen, ja?
Bye
Silberwölfin
Stadt der Könige
Titel: Feuermond
Teil: 2/? ---> sehr, sehr viele
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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Sorry, dass das so lange gedauert hat, aber ich hatte eine Schreibblockade. Darum ist dieses Kapitel auch nicht besonders geworden.
Den Anfang müsst ihr entschuldigen, aber die Stadt ist wichtig und ich beschreibe gerne die Örtlichkeiten, an denen alles spielt. Das müsst ihr euch bestimmt noch ein oder zweimal anhören.
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Dann möchte ich mich noch bei meinen Kommischreibern Catan und Arethelya bedanken.
@ Catan: Sorry, ich weiß, dass du kein Shounen-Ai magst. ^^'' Aber ich kann dich beruhigen. Ein weiteres Pärchen wird Takao x Hiromi sein und ich wollte Rei mit Mao oder mit Salima zusammenbringen und vielleicht wird auch aus Miguel und Mathilda was. Mal sehen.
@ Arethelya: Danke für das Lob ^^ Fantasy-Autorin, tja, das Schreiben wird wohl eher nebenher laufen, weil ich unbedingt studieren will.
Meine Ideen...keine Ahnung. Die kommen einfach so, wenn ich ein Bild oder einen Film anschau oder lese oder so. Ich hab noch viel mehr Ideen für 'ne FF und irgendwann werd ich euch diese Idee servieren. Spätestens dann, wenn ich wieder eine Schreibblockade hab und dann lass ich euch wählen, was ihr am liebsten lesen würdet. 'Feuermond' zum Beispiel ist Kais Streifen entsprungen. ^^'''' Kein Witz! Die Màn Suatha waren das Erste, was bei der Story stand und die sind eben an den Streifen aufgehängt.
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Übrigens spielt die Geschichte etwa 17 Jahre nach dem Prolog, okay?
Na dann, viel Spaß.
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Stadt der Könige
Rhiawen war die Hauptstadt des Reiches Thissalia. Sie befand sich am Ufer des Yaivor und am Rande der Nachtgesangwälder, deren Saum man von den Wachtürmen der Stadtmauern sehen konnte. Sie lag am Fuße des Ahd Rhiawen, des Berges von Rhiawen. Es war eine hohe, steile Klippe, die beinahe senkrecht in den bis zu dieser Stelle besonders reißenden Yaivor abfiel.
Den Namen hatten ihr noch die Ureinwohner Thissalias gegeben, so wie auch der ursprüngliche Kern der Stadt von den Klanen erbaut worden war, als Handelsstadt und Treffpunkt für die Thane für die Große Ratsitzung.
Aber die Màn Suatha nutzten Rhiawen schon lange nicht mehr auf diese Art. Meist waren sie hier überhaupt nicht anzutreffen, nur zur Zeit des Frühlingsmarktes, den der Hochkönig von Thissalia arrangierte, kamen sie um Handel zu treiben. Sonst aber blieben sie den Städten der Thissalier fern.
Der Kern Rhiawens bestand aus langgestreckten, großen, einstöckigen Holzhäusern mit oft strohgedeckten Dächern. Es war ein Wunder, dass dort nicht regelmäßig ein Feuer ausbrach, aber man sagte auch, die Feuerzauber der Druiden hielten sehr lange und auch nachdem die Erbauer schon lange ausgezogen waren.
Früher, vor mehreren Jahrhunderten, als die Thissalier gerade das wilde Land zivilisiert hatten, hatten dort die Reichen und Adligen gelebt. Inzwischen hatte sich das vollkommen geändert. Die reichen Leute lebten im Villenviertel nahe des Blauen Palastes, ein riesiges Gebiet mit verhältnismäßig wenig Gebäuden, die von riesigen Gärten und hohen Mauern und Zäunen umgeben waren.
Im Kern lebten die Wohlhabenden, die höhere Klasse der weniger gut Betuchten. Es war ein anständiges Viertel mit vielen Herbergen, denn die Langhäuser der Màn Suatha waren groß und ließen sich gut ausbauen, so dass viel Platz für Gästezimmer war. Wer in die Stadt kam, wurde ins Klanviertel geschickt um sich ein Zimmer zu suchen.
Natürlich blieb das Klanviertel nicht das einzige Viertel. Die Stadt war rasch gewachsen, so schnell und so unkontrolliert, bis der Hochkönig dem Wachstum mit einer Steinmauer Einhalt hatte bieten müssen. Er hatte einen Ring um die Stadt ziehen lassen, mit drei Toren und sieben Türen.
Allerdings hatte es nicht viel gebracht. Rhiawen war weiter gewachsen, so dass der Hochkönig noch einen zweiten und einen dritten Mauerring hatte ziehen lassen. Trotzdem befanden sich noch jede Menge Gebäude außerhalb der Stadtmauern. Es waren keine Häuser - so konnte man sie bei bestem Willen nicht nennen - es waren eher Baracken und Bretterbuden, die Heime der Bettler, Diebe, Huren und von dem Rest des ganzen Abschaums der Stadt. Es waren die Viertel, die ein anständiger Mensch nicht einmal bei Tageslicht betrat und bei Nacht nie wieder verließ. Die meisten Leute - zumindest die anständigen - hielten sich von den Stadtvierteln außerhalb der Mauern fern.
Im Osten Rhiawens, etwas entfernt von der Stadt lag der Blaue Palast. Es war eine riesige Anlage, umgeben von hohen Mauern, hinter denen sich Dutzende Gebäude befanden, dazwischen mehrere Gärten und Parks, Weiden für die königlichen Pferde und andere Dinge, von denen die einfachen Leute nur träumen konnten. Dazu war alles aus dem blauen Stein der Himmelsschwester, eines Berges im Nachtgesanggebirge, erbaut worden, den man die enorme Strecke unter den Schweiß tausender Arbeiter hatte herschaffen und errichten müssen.
Der Blaue Palast war erst zweihundert Jahre alt, wenig im Gegensatz dazu, wie alt die Stadt in Wirklichkeit war - mindestens zwei Jahrtausende. Im Blauen Palast hatte der Hochkönig seinen Sitz, die meiste Zeit hielten er und seine Familie sich hier auf. Zu jeder Zeit gingen hohe Adlige - oft auch aus den anderen Ländern - und andere berühmte oder bekannte Personen ein und aus, Tag und Nacht wuselten Diener durch die langen Gänge, so dass der Palast einem Ameisenhaufen glich.
Zwischen der Stadt und dem Palast befanden sich einige hundert Meter nichts, was die Sicht stören konnte, bis auf die hohen, weißen Bäume der gepflasterten Allee, die schnurgerade vom östlichen Stadttor zum Haupttor in der Palastmauer führte.
Die Stadt selbst lag am Fuße des Ahd Rhiawens, aber nur zur südlichen Seite, weil sie sich nach Süden hin ausgebreitet hatte. Neben dem Kern der Stadt und den Namen gab es noch zwei weitere Dinge, die an die Vergangenheit der Stadt mit den Màn Suatha hinwies. Eines davon waren die Stehenden Steine im Park des Villenviertels. Sie erhoben sich alt und ehrwürdig seit Jahrtausenden - früher noch als die Stadt, sagte man - und kaum jemand besuchte sie. Die meisten Leute machten einen großen Bogen um die abgelegene, von silbernen Bäumen umgebene Lichtung, auf der die Steine standen.
Das zweite war Thuan Rhiawen, die trutzige Festung, die sich auf dem Ahd Rhiawen erhob. Man sagte, sie sei durch Zauberei erbaut worden und niemand zweifelte daran. Wie sonst sollte man die mächtigen Felsblöcke auf die steile Klippe geschafft haben?! Diese Steine waren rechteckig, länger als ein großer Mann groß, höher als desselben Mannes Hüfte und mindestens zwei Schritt breit. Sie waren fein säuberlich zugehauen, so dass sie beinahe fugenlos aufeinander passten und beinahe so glatt wie ein Spiegel oder Glas oder ein blank polierter Schild.
Aus ihnen hatte man die beiden Burgmauern gebaut, die Wände des Palais, der Kemenate und der Nebengebäude, die vier Türme in der Äußeren Mauer und die drei in der Inneren und den mächtigen, schlanken Bergfried, der sich in der Mitte der Burg herhob und sein Dach in Richtung Himmels streckte. Er war unbestritten der Mittelpunkt von Thuan Rhiawen.
Es gab nur ein einziges Tor in der Äußeren Mauer und das befand sich am Rande eines Abgrundes. Er war mindestens fünf Schritt breit und beinahe so tief wie der Ahd Rhiawen hoch und sah aus wie die Einkerbung einer Axt, die ein Riese geführt hatte.
Ein Turm bewachte das Tor mit der Zugbrücke, dem eisernen Fallgitter und den mächtigen Torflügeln aus Eichenholz. Hinter dem Tor befand sich ein langer Tunnel, der in den Innenhof führte. Für Angreifer, die es doch irgendwie schafften, über den Abgrund zu kommen, war das eine tödliche Falle.
Gegenüber des Tores auf der anderen Seite der Schlucht befand sich ein zweites. Links und rechts erhoben sich zwei kleine, dicke Türme und darüber befand sich ein kleiner Wehrgang, der nach hinten und vor gesichert war. Auch dieser Durchgang war mit einem eisernen Fallgitter sowie einem schweren Eichentor mit zwei Flügeln gesichert.
Immer waren hier Soldaten postiert, die Thuan Rhiawen bewachten. Meist waren die Zugbrücke unten und die Durchgänge offen, so dass nur die Wächter am Vorderen Tor die Leute am Eintreten hindern konnten. Es konnten also keine Leute hineingelangen, die nicht dazu befugt waren. Es war unmöglich, um die Türme herumzuklettern, so dass man auf die Zugbrücke gelangen konnte.
Aber es dachte auch niemand im Traum daran, nach Thuan Rhiawen zu gelangen, so dass all die Bewachung umsonst war. Es hieß, in der Burg gingen die uralten Geister der Màn Suatha um, die hier gelebt hatten und gestorben waren, vor allem jene, die bei der Eroberung Rhiawens und seiner stolzen Feste umgekommen waren.
Damals war vom Dach des Bergfrieds, unter dem sich ein Erker entlang zog, der rote Wimpel der zwölf Klane geweht, auf dem ein weißes Rad, ein Schwert und eine Harfe zu sehen waren. Heute war es das dunkelblaue Banner von Thissalia, eine weiße Sternblüte unter eine Krone und zwischen drei Sternen, die sich rechts, links und unter der Blüte befanden. Es war so groß, dass man es in einem weiten Umkreis erkennen konnte, wenn der Wind hineingriff und es öffnete.
Takao konnte es schon von weitem sehen. Es war das Erste, was wirklich zu erkennen war, das riesige Banner an der Spitze des Bergfrieds auf der Klippe. Sein Großvater Takeru erklärte ihm, dass das Banner immer dort war und das schon seit dem Zeitpunkt, an dem die Thissalier Rhiawen für ihres erklärt hatten.
Er erklärte noch mehr über die Stadt, aber Takao hörte nicht mehr zu. Viel zu fasziniert war er von dem Anblick, den ihm die Stadt bot. Riesige Gebäude, der Blaue Palast, der alte Stadtkern und vor allem natürlich die mächtige Festung auf der Klippe, alles zog seinen Blick auf sich.
Menschenmassen wälzten sich zur Stadt und durch die Straßen, aber das konnte Takao nicht sehen, da die Mauern ihm den Blick versperrten. Im Osten waren Zelte aufgebaut, dazwischen standen große Kastenwagen, wie Gaukler und Wandervolk sie benutzten. Der Großvater erklärte, bei Rhiawen wäre ständig ein Jahrmarkt, da die Leute kamen und gingen wie es ihnen passte.
Selbst im Winter befänden sich die Gaukler und Streuner hier, auch aus dem Grund, weil das Klima verhältnismäßig mild war. Im Frühling aber wurde der Frühlingsmarkt abgehalten und das lockte noch mehr Leute her - unter anderem die Klane, denen die Stadt auch einst gehört hatte. Takeru hatte gesagt, vielleicht bekämen sie diesen Markt noch zu sehen - obwohl es Herbst war, noch nicht einmal Tagundnachtgleiche! Aber die Verhandlungen würden sich wahrscheinlich Ewigkeiten hinziehen.
Im Laufe der Reise von Ishainu, der Hauptstadt Shinazus, hatte Takao viel über Thissalia und seine Bewohner gelernt, vor allem über die Klane, die seinen Großvater ganz besonders zu faszinieren schienen. Takao hatte ihm kaum zugehört, da ihn die Geschichte eines fremden Landes nicht interessierte. Ihn interessierte ja nicht einmal die Geschichte seines Heimatlandes.
Darum hörte er nicht zu, wenn sein Großvater erzählte, im Gegensatz zu Max, der förmlich an Takerus Lippen hing. Das einzige, was Takao wirklich von seinem Großvater lernen wollte, war die Kampfkunst. Sein Bruder behauptete immer, wenn er ein guter Krieger werden wollte, so musste er sich auch mit einigen anderen Themen auseinander setzen als mit Kampfkunst, aber Takao wollte nicht einsehen, warum. Wofür brauchte ein Krieger zu wissen, wann dieses oder jenes Ereignis stattgefunden hatte? Er begriff es nicht.
Sein Großvater riss ihn aus der begeisterten Betrachtung Rhiawens, in dem er ihm die Hand auf die Schulter legte. "Komm, Takao. Lass uns zu den anderen gehen. Sobald wir anlegen, werden wir schon empfangen und in den Blauen Palast gebracht."
Widerstrebend löste sich der Junge von der Reling. Er hatte ganz vorne im Bug des Flussschiffes gestanden, das sie nach Rhiawen gebracht hatte. Aber Takeru hatte recht. Am Hafen würde man sie bestimmt schon erwarten. So wichtig, wie sie waren! Immerhin handelte es sich bei seinem Großvater um den offiziellen Botschafter des Kaisers von Shinazu, der den Streit mit den Sheyai aus der Welt schaffen sollte.
Drei Jahre hatte Krieg zwischen den beiden Ländern geherrscht. Zwar waren nicht oft Kämpfe und Schlachten ausgetragen worden, aber jedes Mal, wenn Vertreter der verschiedenen Seiten aufeinander getroffen waren, waren die Fetzen geflogen. Beide Länder hatten viel zu viel Geld in die Kriegsführung stecken müssen, die anderen Länder Adieneiras - vor allem Thissalia, das zwischen beiden lag - waren nicht unbeteiligt geblieben, hatten es nicht bleiben können, und der Zwist hatte der Wirtschaft enorm geschadet.
Schließlich hatte der Hochkönig von Thissalia ein Ultimatum vorgelegt. Er würde den Handel zu beiden Großmächten boykottieren, wenn Sheyai und Shinazu es nicht schafften, den Streit anders aus der Welt zu schaffen als auf dem offenen Schlachtfeld. Er hatte sogar angeboten, Schiedsrichter zu spielen und die Verhandlungen in Rhiawen abhalten zu lassen, sozusagen auf neutralem Gebiet.
Beide Kaiser hatten zugestimmt. Ihnen war dieser Krieg ebenfalls längst ein Dorn im Auge, aber natürlich hatte keine Partei sich einfach zurückziehen können. Das hätten weder die Mächtigen der jeweiligen Länder noch der eigene Stolz zugelassen. Darum waren jetzt aus beiden Ländern Botschafter auf dem Weg nach Rhiawen, die den Frieden aushandeln sollten. Takeru hatte sich unter der Bedingung, seine Enkel mitnehmen zu können, bereitgestellt die Verhandlungen für Shinazu zu führen.
Darum waren sie jetzt hier, auf dem Yaivor, vor dem befestigten Hafen Rhiawens. Eine mächtige Mauer trennte das Hafenbecken von dem Fluss. Nur eine Lücke war darin geblieben, durch die die Schiffe in den Hafen hineinkonnten. Sie wurde von zwei riesigen, runden Türmen bewacht und Hitoshi erklärte ihm, nachts und zu Kriegszeiten würde eine Kette unter Wasser hochgezogen werden, damit kein Schiff hinein oder hinaus konnte.
Fasziniert betrachtete Takao die hohen Türme. Er hatte schon von den mächtigen Befestigungsanlagen der Thissalier gehört, aber aus einer solchen Nähe hatte er bis heute noch keine gesehen.
Die ganzen Städte, an denen sie vorbeigekommen waren, waren entweder nicht so befestigt gewesen, oder sie waren nur an ihnen vorbeigefahren. Jetzt aber waren die Türme so nah, dass Takao sie beinahe berühren konnte. So kam es ihm jedenfalls vor. So beeindruckend Festungen aus der Ferne waren, aus der Nähe waren sie noch viel eindrucksvoller.
Natürlich gab es in Shianzu ebenfalls Burgen -aber sie sahen ganz anders aus. Die hohen, weiß verputzten Gebäude aus Holz und Stein wirkten viel...leichter und nicht so stark. Er konnte es kaum erwarten, Thuan Rhiawen einen Besuch abzustatten. Wenn diese kleinen Hafentürme ihn schon so faszinierten, wie mochte es dann mit dieser Trutzburg auf dem Ahd Rhiawen stehen?
Langsam glitten die drei großen, shinazukischen Schiffe des Botschafters in den Hafen ein. Das Becken war riesig, viel größer als es vom Fluss her aussah. Lange Holzstege, an denen Schiffe und Boote der verschiedensten Bauarten und Größen lagen, ragten in das Wasser hinein.
Dschunken wie man sie in Sheyai benutzte, konnte Takao allerdings nicht sehen. Gleich darauf schalt er sich für den Gedanken. Die Delegation aus Sheyai würde natürlich nicht über den Yaivor kommen, sondern von der anderen Seite der Stadt, wahrscheinlich zu Pferde, nachdem sie den Weg durch den Golf von Venera abgekürzt hatten.
Aber das interessierte Takao sowieso nicht. Viel interessanter war der Hafen. Es war anscheinend der ,private' Hafen des Hochkönigs, denn unter den Schiffen waren keine, die dem einfachen Volk gehören würden, Fischerboote in etwa. Auch wurde der Kai von einer hohen Mauer begrenzt und die Leute, die sich am Ufer und auf den Stegen befanden, schienen nicht zum einfachen Volk zu gehören, sondern waren Arbeiter, Matrosen und Soldaten.
Dunkel erinnerte sich Takao daran, dass sein Großvater erzählt hatte, Rhiawen hätte insgesamt vier Häfen. Den Königlichen Hafen, in dem sie sich befanden, den Großen Hafen, der normalerweise von Besuchern und Händlern benutzt benutzt wurde, der Fischerhafen, der den einheimischen Flussschiffern vorbehalten war, und der Alte Hafen, der gar nicht mehr benutzt wurde und im Ahd Rhiawen lag, direkt unter der Burg und auch nur durch diese zu erreichen.
Die Kapitäne der drei shinazukischen Schiffe schienen ganz genau zu wissen, wo sie hinmussten, denn ohne zu Zögern lenkten sie die von Rudern getriebenen Schiffe auf einen der Stege zu. Er endete in einer riesigen Plattform, auf der sich eine Gruppe Thissalier eingefunden hatte, die allen Anscheins nach nicht hierher gehörten. Dazu waren sie viel zu gut gekleidet und bewaffnet. Das Empfangskomitee.
Für Takao schien es ewig zu dauern, bis das Schiff angelegt hatte und endlich der Laufsteg ausgelegt worden war. Takeru war der Erste, der das Schiff verließ. Ihm folgen sofort mehrere ranghohe Adlige und Regierungsbeamte, die der Kaiser Takeru mitgegeben hatten. Darunter war auch Takaos Bruder, Max' Vater Enishi und dessen Frau, die thissalische Edeldame Judy.
Takao hatte mehrere Geschichten darüber gehört, wie sich die beiden kennen gelernt hatten. Darunter waren viele romantische Märchen, von wegen Enishi hätte sie aus Liebe entführt oder Judy sei in die Gefangenschaft eines verräterischen Fürsten geraten und ihr Mann hätte sie befreit oder ähnliches. Max hatte erzählt, das wäre alles Quatsch, seine Eltern hätten sich auf einer Verhandlung über Handelsrechte kennen gelernt. Und er musste es ja wissen.
Takeru und seine Begleiter wurden von einem dicken, freundlich dreinblickenden Mann mit Schnauzbart begrüßt. Er war sehr klein und mindestens so alt wie Takeru selber, sah neben diesem, der sich hochaufgerichtet und gerade hielt, aber ein wenig lächerlich aus. Er stellte sich als Dickenson und der Berater des Hochkönigs vor. Seine Kleidung, seine Sprache und seine Gebärden zeugten davon, dass er eine sehr hohe Position einnehmen musste. Sein rundes Gesicht mit den schwarzen Knopfaugen so viel strahlte Güte und Freundlichkeit aus, dass er Takao auf Anhieb sympathisch war.
Er wurde von zwei hochgewachsenen Rittern flankiert, die nicht halb so zuvorkommend wirkten. Einer war schon älter, er musste die Vierzig schon überschritten haben. Sein Gesicht war sehr ernst und wurde von einer hässlichen Narbe entstellt, die sich quer durch sein Gesicht zog. Seine Nase musste mindestens zweimal gebrochen gewesen sein und war schief. Er hatte braunes, graumeliertes Haar und trug unter dem grünen Wappenrock ein Kettenhemd. An seiner Seite hing ein Schwert, das sicher nicht nur der Zierde diente.
Dickenson stellte ihn als Sir Crain, Fürst von Hohenberg vor, einen weiteren Berater König Eskanders. Takao mochte ihn nicht. In seinem Blick lag etwas, das dem Jungen nicht gefiel. Aber was sollte er tun? Er konnte bloß hoffen, dass er nicht viel mit dem Fürsten zu tun hatte.
Der zweite Ritter war Takao wesentlich sympathischer, auch wenn er sicher nicht viel mit ihm zu tun haben wollte. Sein beherrschtes Gesicht wirkte streng und etwas grob, die brauen Augen waren kühl und das violette Haar war akkurat nach hinten gekämmt.
Er war sehr viel jünger als Sir Crain, nicht so alt wie Hiro, aber seine ganze Haltung drückte Stolz, Selbstsicherheit und etwas Barsches, Unnachgiebiges aus. Mit dem war sicher nicht gut Kirschen essen. Dickenson stellte ihn als Sir Robert von Druskill vor, einen sehr jungen, aber auch sehr ernst zu nehmenden Ritter in des Königs Gefolgschaft.
Takao war froh, dass sich Dickenson in seiner Begrüßungsrede sehr kurz hielt und die ganze Gruppe dann zu den wartenden Kutschen führte, die sie zum Blauen Palast bringen sollte. Es waren große, geschlossene Wagen, mit gepolsterten Sitzen und Fenstern an den Seiten. Jeweils vier Pferde waren vorne angespannt. Diener in schicker Livree hielten ihnen die Türen auf und der Kutscher vorne auf dem Bock hielt sich gerade als hätte er einen Besen verschluckt.
Takao ergatterte einen Platz an einem Fenster. Takeru und Hiro stiegen zu ihm in die Kutsche und kurz darauf setzte sich die ganze Kolonne in Bewegung, flankiert von berittenen Soldaten.
Takao war begeistert, was die Stadt alles zu bieten hatte, als die Kutschen den geschützten Hafen endlich verlassen hatten. Vielerlei Leute konnte man auf den Straßen sehen. Reich gekleidete Händler und Kaufleute, normale Städter, Bauern in grober Kleidung, die ihre Waren zu den Märkten der Stadt brachten, einfache Handwerker, abgerissene Bettler, Krieger mit so bunt zusammengewürfelter Kleidung, dass es sich nur um Söldner handeln konnte, und so viel anderes, dass er gar nicht alles bemerken konnte.
So viele verschiedene Eindrücke stürmten auf ihn ein, dass Takao ganz wirr im Kopf wurde. Rhiawen unterschied sich doch sehr von Ishainu und seiner ruhigen Heimatstadt, in der er aufgewachsen war. Der Gegensatz war nicht zu übersehen.
Man merkte, dass die shinazukische Hauptstadt doch keine Weltstadt wie Rhiawen war, keine Stadt, in die viele Besucher kamen, auch wenn es die Stadt des Kaisers war. Aber Rhiawen war ein Knotenpunkt. Sie lag direkt am Yaivor und war so zentral, dass die meisten Handelswege Thissalias durch sie hindurchführten. Das brachte natürlich einiges mit sich. Unter anderem dieses vollkommene Chaos in den Straßen.
Takao konnte mehr als eine Sprache heraushören, manche Sätze verstand er sogar. Immerhin war er der Sohn eines Samurai und dementsprechend war seine Ausbildung. Es machte ihn irgendwie stolz, denn seine Lehrer hatten immer behauptet, er wäre absolut miserabel.
Alle Leute wichen vor den Kutschen, die von den königlichen Soldaten begleitet wurden, zurück um sie durchzulassen. Anscheinend hatten sie gehörigen Respekt vor den Soldaten. Takao fühlte sich von den neuen Eindrücken ganz erschlagen, als sie endlich das Tor des Blauen Palastes erreichten.
Auch der Palast beeindruckte Takao. Es war ein riesiger Komplex, der von einer hohen, blauen Mauer umgeben war. Das Tor war riesig, breiter als sieben Schritt und höher als drei große Männer zusammen. Es bestand aus dicken, schweren Holzbohlen, die breiter als Takaos Hand waren. Gehalten wurden diese Bohlen von breiten Eisenbändern.
Man sagte, dieses Tor wäre von Zwergenhänden hergestellt worden und als Takao es sah, hatte er keinen Zweifel mehr an dieser Feststellung. Beides, Holz und Eisen, waren mit verschnörkelten Verzierungen versehen, in denen die zauberkräftigen Runen untergingen. Nur wenn man über ein scharfes Auge verfügte und wusste, wonach man suchen musste, konnte sie entdecken. Takeru machte seine Enkel darauf aufmerksam, sonst hätte auch Takao sie übersehen.
Rechts und links des Tores befanden sich hohe, schlanke Türme, vor denen Wächter postiert waren. Die Soldaten ließen sie ohne Worte durch, aber hinter dem letzten Wagen wurde das Tor beinahe sofort wieder geschlossen. Die Kutschen rollten über eine lange, gepflasterte Allee. Rechts und links erhoben sich mächtige Birken, die viel höher waren als die Palastmauern.
Hinter ihnen erstreckten sich große Gärten bis hin zu den Rückwänden von Häusern aus hellblauem Stein, durch den sich dunkelblaue Adern zogen. Dieser blaue Granit schien hier überall zu finden zu sein. Die Gebäude und die Mauern waren aus ihm errichtet worden, sogar die Wege waren mit ihm gepflastert. Das bot einen reizvollen Kontrast gegen das Grün der umliegenden Gärten.
Endlich erreichten sie ein großes Geviert. In der Mitte erhob sich eine mächtige, alte Eiche. Links und rechts befanden sich lange Gebäude. Sie waren niedrig, umfassten höchstens zwei Stockwerke und hatten riesige Bogenfenster, die bis unter das Dach reichten und den Blick in mächtige Hallen freigaben. Vor ihnen erhob sich ein weiterer, gewaltiger Turm, der durch ein weiteres Gebäude an das Kernstück des Palastes angebaut war. Dieser Bau war sehr lang und sehr groß und sehr beeindruckend.
Takao blieb der Mund offen stehen, während sein Blick über verglaste Fenster, Struckverzierungen, Wasserspeier, Statuen und Simse glitt.
"He, geht es dir gut?" Hiro stieß ihn an, so dass er zusammenzuckte und herumfuhr.
"Wa...wa...was?", fragte er verstört.
"Geht es dir gut? Du siehst so...abwesend aus."
"Sei still!", fauchte Takao seinen Bruder an und starrte wieder zu den Turm hinüber.
"Beeindruckend, nicht wahr?", mischte sich Takeru ein, ehe es zu einem Streit kommen konnte.
"Komm, wir müssen aussteigen." Langsam kletterten sie aus der Kutsche und schlossen sich den anderen an, die von Dickenson geführt auf den Turm zugingen. Sieben breite Stufen führten zu einem großen Tor mit zwei Flügeln hinauf. Auf den Torflügeln war das Wappen Thissalias abgebildet. Rechts und links der Treppe saßen zwei hochaufgerichtete, geflügelte Steinlöwen, die große Laternen in den Mäulern hielten.
"Was passiert denn jetzt?", fragte er aufgeregt und versuchte, alles von dem Geviert zu erfassen, was natürlich unmöglich war. "Hör auf so rumzuzappeln.", befahl Takeru streng. "Halt dich gerade und vor allem, sei still."
"Benimmt dich.", spöttelte Hiro grinsend und wurde gleich darauf wieder ernst. "Du darfst Shinazus Ehre durch Unhöflichkeit und fehlende Selbstbeherrschung nicht in den Dreck ziehen."
Takao sah betreten zu Boden. Sein Großvater hatte ihm das auf der Reise schon oft genug gesagt, aber er hatte es immer wieder vergessen. Hoffentlich würde er jetzt daran denken, wo sie hier waren! Immerhin wollte er auch nicht, dass Shinazu durch ihn an Ansehen verlor.
Also nahm er sich zusammen und ging mustergültig neben Hiro her. Trotzdem brachte er es nicht über sich, zu schweigen und fragte: "Was passiert jetzt? Gehen wir jetzt zu dem Hochkönig?"
"Hast du vorhin eigentlich nicht zugehört?", wollte sein Bruder genervt wissen.
"Vorhin? Zugehört? Als Dickenson seine Rede gehalten hat?"
"Ja."
"Nein."
"Hätte ich mir denken können. Nächstes Mal hörst du zu, dann weißt du, was geschehen wird."
"Und?"
"Was ,und'?"
"Was passiert denn jetzt?"
"Wir werden auf unsere Zimmer geleitet."
"Aha?"
"Ich sag's dir nachher.", grummelte Hiro. "Hör jetzt wenigstens zu." Er deutete mit dem Kinn zu Dickenson, der sich vor ihnen aufgebaut hatte. Aber er verabschiedete sich nur, erklärte ihnen, dass man sie jetzt in ihre Räume bringen würde und dass die Diener ihnen jederzeit zu Verfügung stünden. Kurz darauf wurden sie schon durch endlos lange Gänge geführt.
Takao blieb keine Zeit, um Fragen zu stellen, denn die Flure des Blauen Palastes waren genauso interessant wie sein Äußeres. Manche von ihnen waren Bogengänge, manche normal und oft wurden sie von Säulen gestützt. Boden und Wände waren mit Mosaiken ausgelegt oder von Teppichen und Gobelinen bedeckt.
Große, verglaste Fenster ließen das Sonnenlicht herein und gaben den Blick auf kleine Gärten frei, die Takao sich später unbedingt genauer ansehen musste.
An die Decken waren Bilder oder Muster gezeichnet oder es waren weitere Mosaike angelegt worden. Vasen, Statuen und andere Dinge, die den Reichtum des Hochkönigs zeigten, waren in Nischen aufgestellt, an den Wänden hingen diverse andere Schätze, wie Waffen, Tierköpfe oder Felle.
Takao fragte sich, ob es überall im Palast so aussah, oder ob sie nur durch die prächtigsten Gänge geführt wurden. Auch das würde lohnen, es herauszufinden. Die Räume, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden, übertrafen Takaos kühnste Erwartungen. Es war nicht nur ein Zimmer, nein, es war für jeden einzelnen von ihnen eine ganze Zimmerflucht, ausgestattet mit der teuersten Einrichtung, die es auf Adieneira wohl zu finden gab.
Anscheinend hatte der Hochkönig keine Kosten und Mühen gescheut, um seine Gäste gut unterbringen zu lassen. Wobei es nicht einmal der Luxus war, der Takao so beeindruckte. Den gab es im Kaiserpalast in Ishainu schließlich auch und auch in seiner Heimatburg gab es einige Annehmlichkeiten. Es war die schiere Größe der Anlage. Takao wusste nicht, woher es rührte, aber in Shinazu war alles enger und kleiner und eher in die Höhe denn in die Breite gebaut.
Begeistert rannte er durch die Zimmer, in denen er für die nächsten Wochen und wahrscheinlich Monate wohnen würde. Sie waren direkt an Takerus und Hiros angeschlossen und gegenüber lagen Max' Räume. Es gab ein riesiges Schlafzimmer mit einem richtigen thissalischen Bett - keinen Futon wie Zuhause - und einem Kamin, ein Baderaum mit im Boden eingelassener Wanne und mehrere andere Räume, deren Funktion er nicht ganz verstand. Sie sahen aus wie Wohnzimmer, aber warum so viele?
"He! Sieht das bei dir auch so aus?" Max Stimme ertönte im Vorraum. "Takao? Wo bist du?"
"Hier!" Der Blauhaarige brauchte ein paar Sekunden, ehe er das Vorzimmer erreichte. "Riesig, was?", fragte er breit grinsend.
Max nickte begeistert. "Bei mir ist auch alles so groß! Komm, lass uns mal raus." Er packte den Anderen am Handgelenk und zog ihn hinter sich her. "He, nicht so schnell! Ich...!"
Max war wirklich zu schnell. Als er um die nächste Ecke lief, rannte er prompt in jemanden hinein. Takao konnte nicht mehr stoppen und rempelte hinterer, so dass alle drei Personen den Halt verloren.
"Ups.", machte Takao und wich auf allen Vieren zurück, ehe er sich aufrappelte. Sie waren in einen hochgewachsenen, schlanken Thissalier gerannt und zu allem Übel schien der Mann keiner der Diener zu sein. Dafür war er einfach zu gut gekleidet. Außerdem trug er einen langen Dolch an der Seite und eine Silberkette um den Hals. Max stand ebenfalls auf und bot dem verdutzt dreinblickenden Mann die Hand.
"Das...ähm, das tut uns wirklich sehr Leid und...ähm, es war keine Absicht, dass wir Euch...äh, umgerannt haben und..."
Dieser nahm die Hand an, verzog das Gesicht zu einem leichten Lächeln und sagte: "Das ist nicht schlimm. So etwas kann jedem Mal passieren. Aber ich muss euch doch sehr bitten, in den Gängen nicht zu rennen."
Takao starrte den Mann an. Bei dessen Anblick wurde ihm irgendwie unwohl. Er bekam kaum mit, was die beiden sagten. Der Thissalier war bestimmt schon Mitte Dreißig und groß, größer noch als Hitoshi, der unter den Shinazuki als sehr hochgewachsen galt. Er wusste natürlich, dass die Thissalier allgemein größer waren als Shinazuki, aber diese Tatsache zu hören und sie zu sehen waren doch zwei Paar Stiefel.
Zum zweiten war er sehr blass, seine Haut war beinahe weiß, so dass man die Adern durchschimmern sah, und seine Züge waren feingeschnitten. Im Moment waren sie zu einem Lächeln verzogen, aber Takao ließ sich nicht täuschen. Die grauen Augen des Fremden lächelten nicht. Um seine Figur würde ihn jede Frau beneiden, er selbst war aber wahrscheinlich nicht besonders glücklich damit, war er doch schon schmal und zartgliedrig zu nennen.
Das Dritte, was Takao an dem Thissalier auffiel, war das Haar. Wirre Ponysträhnen standen kreuz und quer ab, der Rest des Haares reichte ihm bis über die Schultern und wurde von einem Lederband zusammengehalten. Vorn hatte es die Farbe von Stahl, am Hinterkopf war es Nachtblau. Zweifarbiges Haar? Davon hatte er ja noch nie gehört. Der Thissalier hier bewies ihm gerade, dass es das doch gab.
"...scheine deinen Freund ja sehr beeindruckt zu haben. Oder was ist mit ihm?", sagte der Fremde gerade.
Verdutzt blinzelte Takao, dann wurde ihm bewusst, dass er den Thissalier die ganze Zeit angestarrt hatte und wurde rot. Er verbeugte sich höflich und murmelte eine Entschuldigung.
"Ihr gehört doch zu der shinazukischen Abordnung, oder?", fuhr der Fremde fort. Max nickte. "Ihr solltet besser wieder zu euren Räumen zurück. Meint ihr nicht, dass sie euch suchen?"
"Wir wollten uns nur ein wenig umsehen.", meinte Takao trotzig. Der Kerl hatte ihm nicht vorzuschreiben, was er zu tun hatte!
"Da bin ich sicher." Das falsche Lächeln verschwand nicht aus dem Gesicht des Fremden, aber sein Blick war berechnend wie zuvor. "Ich..."
"Meister Raphael!" Die helle Stimme unterbrach den Fremden. Alle drei drehten sich in die Richtung, aus der sie kam. Der Sprecher war ein in lange, blaue Gewänder gekleideter Junge. Er konnte höchstens drei Jahre älter als Takao und Max sein und war zumindest ersterem mindestens dreimal so sympathisch wie ,Meister Raphael'.
Sein Gesicht war sehr ebenmäßig und wirkte sehr feminin, ein Eindruck, den das sorgfältig frisierte, grünschimmernde Haar noch verstärkte. Er war sehr schlank und um den Hals trug er eine Kette mit einem großen, schwarzglänzenden Stein als Anhänger.
Die blauvioletten Augen blickten Raphael scharf, beinahe feindselig an und musterten die beiden Jungen aus Shinazu kurz, aber freundlich. Sie blieben einen Moment zu lange an Max' Gesicht hängen.
"Mylord Olivier. Sucht Ihr irgendetwas bestimmtes hier?", fragte Raphael kühl. Sein Lächeln war zu einer starren Maske verkommen. Anscheinend herrschte zwischen den Beiden eine tiefe Feindschaft.
"Ich möchte meine Tante begrüßen. Ihr solltet wissen, dass sie eben angekommen ist." Er warf Max einen scharfen Blick zu. "Außerdem möchte ihr ihren Mann und ihren Sohn kennen lernen."
Takao und der Blonde starrten sich einen Moment verdutzt an. Meinte der Grünhaarige etwa Judy? Dann musste er ein LesDemondes sein, denn Judy gehörte dieser weitverzeigten Familie an. Von Olivier LesDemondes hatte Takao schon gehört, sogar in Shinazu. Er sollte ein sehr talentierter, junger Magiermeister sein, auf den viel Vertrauen gesetzt wurde. Aber der würde doch wohl kaum allein durch die Gänge des Blauen Palastes strolchen, oder?
"Euer geschätzter Vater sucht Euch, Meister Raphael.", fuhr Olivier fort. "Seine Diener schwirren durch den Palast wie verrückt gewordene Hummeln."
"Oh. Dann sollte ich ihn wohl unverzüglich aufsuchen. Habt Dank für die Nachricht, Mylord Olivier." Takao fragte sich, ob Raphael an seiner aufgesetzten Höflichkeit ersticken würde. Der Grauhaarige drehte sich zu den beiden Jungen um und verbeugte sich formvollendet. "Es hat mich gefreut, euch zu treffen. Bei der nächsten Gelegenheit werden wir uns wohl bekannt machen können."
Ehe einer der beiden antworten konnte, drehte sich Raphael um und rauschte davon. Sein dunkler Umhang tanzte hinter ihm her. Bald war er um das nächste Eck verschwunden und Takao fragte vorlaut: "Wer war denn der?"
"Meister Raphael Hiwatari." Erschrocken fuhr der Blauhaarige zusammen. Er hatte Olivier ganz vergessen. Dieser verbeugt sich jetzt leicht. "Mein Name ist Olivier LesDemondes."
//Also doch!//, fuhr es Takao durch den Kopf, während Olivier sich Max zuwandte. "Und du musst Judys Sohn sein."
Max nickte und lächelte erfreut. "Ich bin Max von der Sippe der Mizuhara. Das ist mein Freund Takao von der Sippe der Kinomiya. Meine Mutter hat mir von Euch erzählt, Olivier."
"Nein, bitte, ich bin kaum älter als ihr. Ich hoffe, wir können das ,Ihr' und ,Euch' weglassen. Zumindest wenn wir nicht an der Öffentlichkeit sind."
"Sicher doch.", antwortete Max überrumpelt. "Ihr...du wolltest uns besuchen?"
"Ja. Ich habe Judy schon lange nicht mehr gesehen. Bei ihrem letzten Besuch war ich hier im Palast und nicht auf unserem Landsitz. Wo ist sie?"
"Komm. Wir führen dich hin.", rief Takao.
Aus Oliviers Gesicht verschwand das Lächeln und er wirkte plötzlich sehr ernst. "Bevor wir gehen, hört zu." Er warf einen Blick in die Richtung, in die Raphael verschwunden war. Etwas verwirrt folgten Takao und Max seinem Blick, aber da war nichts zu sehen.
"Was ist los?", fragte Max.
"Hört zu, ich sag's nur einmal, aber haltet euch von Raphael fern. Er ist nicht so freundlich, wie er scheinen mag und viele vertraue ihm nicht weiter, als sie ihn sehen. Ich mag vielleicht der Falsche für eine objektive Beurteilung sein, weil unsere Familien seit jeher verfeindet sind, aber wir LesDemondes sind nicht die einzigen, die so denken."
"Ähm...", machte Takao und Max schien ebenfalls nicht zu wissen, was er sagen wollte. Takao wusste, dass in Ishainu und an allen anderen Höfen es nie mit rechten Dingen zuging, jeder spielte jeden gegeneinander aus, Intrigen waren verworrener als ein Wollknäuel und alles ging um die Macht. Aber so schnell in die Feindschaften und Spannungen im Blauen Palast gezogen zu werden, hatte eigentlich nicht auf seinem Plan gestanden.
Olivier fuhr fort: "Das sollte nur eine Warnung sein. Ihr solltet wirklich vorsichtig in der Gegenwart Raphael Hiwataris sein."
~~~~~~~
Ich hoffe, ich habe euch nicht zu sehr gelangweilt mit diesem Kapitel. Ich bin nicht besonders begeistert davon, aber dieses langsame Tempo wird noch ein Weilchen so bleiben, denke ich.
Jedenfalls wird das nächste Kapitel etwas spannender sein. Es werden ein paar neue Personen auftauchen - tut mir Leid, wenn ich euch jetzt gleich mit all den Leuten erschlage, aber es muss sein - und Yuriy kommt auch drin vor. (Ich nenne Tala jetzt Yuriy, auch wenn ich mir jedesmal, wenn ich diesen Namen schreibe, die Finger abbrechen werde *drop*. Aber Tala von Thissalia hört sich einfach bescheuert an.)
Die Idee, Judy zu einer entfernten Tante von Olivier zu machen, ist sehr spontant entstanden. Ich hoffe, es stört euch nicht.
Für die, die die Charabeschreibungen noch nicht gelesen haben: Raphael ist nicht Kai, okay? ^^'' Raphael ist eine Erfindung von mir und wie er zu Kai steht werdet ihr irgendwann später erfahren(falls ihr es vorher nicht erratet).
Das nächste Kapitel kommt schneller. ^^' (Hoffentlich)
Bye
Silberwölfin
Gerüchte
Titel: Feuermond
Teil: 3/~45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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Endlich ist es fertig, das Kapitel. Ich habe wieder ewig dran gesessen, aber letztendlich doch geschafft. Ich wollte es eigentlich schon gestern hochladen, aber da hatte ich keine Zeit, weil ich den ganzen Tag auf 'nem Mittelalter-Markt war.
In diesem Kapitel werde ich euch gleich wieder mit tausenden Informationen erschlagen. ^^'' Ich hoffe ihr nehmt es mir nicht übel. Vieles steht allerdings schon bei den Charabeschreibungen.
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@ are: Und Einzige, wenn ich dass so richtig sehe. Egal, freu mich wie blöd drüber. Thank you. *verbeug* (Mir ist egal wie spät ein Kommi kommt - freu mich immer drüber.)
Ich hoffe nicht, dass es allzu schwer ist, die auseinander zu halten. Außerdem hat Raphael einen völlig anderen Charakter als Kai. (Hoffe ich zumindest.)
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Viel Spaß. ^.^
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Gerüchte
Weit erstreckte sich die glatte, schmutziggraue Fläche von Horizont bis Horizont. Weit in der Ferne vereinigt sie sich mit dem Himmel, der größtenteils von weißgrauen Wolken bedeckt wurde. Nur hin und wieder schaffte es die Sonne, ihre Strahlen durch eine kleine Lücke dazwischen zu schicken.
So glatt, wie sie aussah, war die weite Fläche nicht, denn sie war ständig in Bewegung. Auf und ab und auf und ab, eine ständige Wiederholung des gleichen Schauspiels und doch war jede Welle anders, einzigartig. Manche von ihnen waren gekrönt von weißer Gischt und diese Wellen wurden immer mehr.
Ein scharfer Wind pfiff um die Klippen und über die Wasseroberfläche und peitschte die Wellen noch höher. Begleitet wurden die Bewegungen des Meeres von einem lauten Rauschen und dem ewigen Geschrei der Möwen. Das Rauschen der Wellen war so laut, dass Yuriy es sogar bis auf den Wehrgang hören konnte. Er befand sich mindestens siebzehn Schritt über der Meeresoberfläche.
Unter ihm tobten die Wellen, schmissen sich mit aller Wucht gegen die Klippe, auf der sich Falkenburg erhob, aufgestachelt von dem Wind und geritten von der Gischt.
Über ihnen segelten mit ausgestreckten Schwingen die Möwen. Ihre kleinen Schatten huschten über das Meer, dass man ihnen kaum mit den Augen folgen konnten, und ihre ewigen Schreie hallten an den Burgmauern wieder.
Tief sog Yuriy die salzige Meerluft ein und genoss es einfach, auf Falkenburgs Zinnen zu stehen. Es war so friedlich, da außer den drei Wachen niemand herkam. Sergej, der einige Meter weiter stand, würde ihn in einer solchen Situation niemals ansprechen. Niemand störte ihn. Niemand war da, der ihm sagte, was er wie zu tun hatte. Niemand machte ihm Vorhaltungen. Niemand erteilte ihm Aufgaben oder legte ihm Verbote oder Verpflichtungen auf. Es schien, als gäbe es nur ihn und das Meer. Und natürlich die nervenden Möwen.
"Yuriy?" Und Bryan, der hin und wieder auftauchte um ihn irgendwohin zu schleppen. Er dreht sich um und seufzte. Diese Ruhe war so trügerisch. Eine Person reichte, um sie zu zerstören, innerhalb eines einzigen Augenblicks.
"Was ist?" Yuriy gab sich nicht einmal Mühe, seinen Unmut zu verbergen.
"Beiß mich nicht gleich." Bryan stellte sich neben ihn und fuhr sich durch das kurzgeschnittene, hellviolett schimmernde Haar. Er trug wie Yuriy selbst einfache Kleidung aus Leder, Fell und Wolle. An seinem Waffengurt hingen die beiden großen Dolche und sein langes Schwert und um den Hals trug er ein silbernes Amulett mit dem Wappen Falkenburgs, ein fliegender Falke und eine Welle. Ein vereinzelter Sonnenstrahl ließ es blitzen wie ein kleiner Stern. Seine sturmgrauen Augen glitten über das aufgewühlte Meer und dann zu dem Gesicht seines Freundes.
"Du bist jeden Tag hier oben.", stellte er fest.
Yuriy schwieg.
"Stören dich diese krakeelenden Möwen nicht?"
"Doch. Aber sie sind nicht so schlimm wie..." Er unterbrach sich. Selbst auf einer abgelegenen Festung wie Falkenburg hatten die Wände Ohren. Bryan wusste sowieso schon Bescheid. Der Grauäugige wandte den Blick ab und stützte sich mit den Armen auf die Mauern.
"Du solltest dir einen anderen Zeitvertreib suchen. Das Meer macht dich nur noch melancholischer."
"Mir gefällt es hier."
"Das habe ich schon bemerkt. Wie wäre es mit Büchern?"
"Bücher sind langweilig. Außerdem lese ich genug."
"Stimmt. Ich hab vergessen, dass sich die Wälzer auf deinem Schreibtisch türmen. Waffenübungen?"
"Mehr als zwei Stunden am Tag? Ich würde verblöden."
"In Ordnung, in dieser Richtung tust du schon genug. Jagen?"
"Das wäre lächerlich! Was soll ich mit dem ganzen Fleisch?"
"Gute Frage. Wie wäre es mit...Frauen?"
"Irgendwann würde ich mir etwas einfangen wie dein Onkel! Lass es bleiben, mir eine Beschäftigung zu suchen. Außerdem interessieren mich Frauen nicht."
"Dann schaff dir eine Verlobte an. Die hält ganz schön auf Trab, wenn man meinem Vetter glauben darf."
"Ich krieg noch früh genug eine. Mein Vater ist schon auf Brautschau, denke ich. Und meine Mutter liegt mir auch schon ewig in den Ohren."
"Das kenne ich. Also nächstes Thema. Ich denke..."
"Lass es. Mir gefällt es hier ganz gut."
"Aber das kann man doch nicht verantworten! Also..."
"Ich sagte nein."
"Und ich..."
Sergej räusperte sich und riss die beiden Freunde aus ihrem unsinnigen Gespräch. Neben Yuriy Leibwächter stand ein schlaksiger Junge. "Man erwartet euch im Speisesaal.", sagte Sergej. Der Junge nickte eifrig und trat hastig den Rückzug an, nachdem der Rothaarige erklärt hatte, sie würden kommen.
"Was gibt es denn zum Essen?", fragte Bryan seinen Freund.
Der zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Ich war nicht in der Küche."
"Was hältst du von Schach?"
"Schach? Nichts."
"Hätte ich mir denken können. Musik?"
"Haha."
"Kunst?"
"Noch besser."
"Misch dich unters Hofvolk und helfe ihnen bei ihren Intrigen."
"Spinner."
"Das auch nicht? Obwohl die Leute so begeisterst wären, endlich zu sehen, was deine Ziele sind?"
"Du kennst meine Ziele."
Bryan sah ihn scharf von der Seite her an. "Und du weißt, dass sie sich nicht verwirklichen lassen."
Yuriy starrte über das Meer. "Ja. Natürlich. Ich kann nicht einfach verschwinden."
"Yuriy, es ist dein Schicksal, Hochkönig zu werden und den Thron nach deines Vaters Tod zu besteigen."
"Das weiß ich selber!", fauchte Yuriy zurück und fragte sich, wie oft er sein Schicksal schon verflucht hatte. Er dachte oft, dass die Götter einen schlechten Tag gehabt hatten, als sie ihn auf die Welt schickten. Oder einen sadistischen. Er hasste seine Bestimmung beinahe ebenso sehr wie seinen Vater.
"Lass uns gehen. Meine Mutter spielt verrückt, wenn wir noch einmal zu spät zum Essen kommen." Bryan stieß sich von der Mauer ab und ging den Weg zurück, den er erst vor Kurzem gekommen war.
Der Rothaarige rührte sich nicht. Manchmal wünschte er sich, einfach verschwinden zu können. Oft hatte er hier oben gestanden und überlegt, wenn er über die Mauer kletterte, dann wäre alles vorbei Sergej würde niemals schnell genug sein, ihn aufzuhalten, wenn er wirklich sprang. Und dort unten war das Meer mit seinen Wellen, viel zu stark für ihn. Es würde ihn zerschmettern.
Aber er wusste selber, dass er sich niemals selbst umbringen würde. Das wäre...feige. Nicht seine Art. Das einzig Gute an einem solchen Tod wäre wohl die Tatsache, dass es seinen Vater total auf die Palme bringen würde. Der Kronprinz hatte sich umgebracht? Eskanders Ruf würde den Bach runter gehen.
"Prinz Yuriy, Ihr solltet wirklich gehen." Sergejs Stimme riss ihn aus den Gedanken. Seufzend löste er sich von dem überwältigenden Anblick des Meeres und folgte Bryan, der schon im Hof stand und dort auf ihn wartete. In seinen grauen Augen stand Besorgnis, als Yuriy neben ihm ankam. "Das tut dir wirklich nicht gut.", sagte er. "Morgen machen wir einen Ausritt. Den ganzen Tag lang."
"Fragst du mich, ehe du mich verplanst?"
"Nein. Komm jetzt. Man wartet auf uns." Bryans Familie - sein Vater, seine Mutter und seine kleine Schwester - waren schon um die kleine Tafel versammelt. Kaum hatten Bryan und Yuriy Platz genommen, trugen die Diener auch schon das Essen auf. Üblicherweise aßen sie mit dem Gesinde zusammen in der großen Halle. Aber Baltheir, der Fürst von Falkenburg, wollte noch heute nach Norden aufbrechen, da man Gerüchte über Noragüberfälle gehört hatte.
Falkenburg war das Fürstentum, das am meisten unter den Räubern der Nordmeere zu leiden hatte, da es direkt an Kargland, der Heimat der Norag, anschloss und auch noch an die Küste des Treilinischen Ozeans. Das einzige Fürstentums Thissalias, das am Treilinischen Ozean lag. Im Süden davon befand sich Symanien, ein kleines Reich, das den Puffer zwischen Thissalia und Sheyai bildete.
Zum weiteren Ärger Baltheirs und aller seiner Ahnen umfasste das Gebiet von Falkenburg die Hälfte zweier Klanländer. Lichtfeder und Nebelblut, soweit Yuriy sich erinnerte. Bei Nebelblut war er sich sicher - das waren die, die die Speerreiter hatten - bei Lichtfeder wusste er es nicht genau.
"Aber lieber Klangesindel als Norag.", sagte Baltheir immer und damit hatte er wohl recht. Die Klane waren eigentlich harmlos. Yuriy fragte sich regelmäßig, wenn das Gespräch auf sie kam, warum sie so gefürchtet unter dem Volk waren. In den letzten Jahren hatte es nie größere Probleme mit den Eingeborenen des Nachtgesangs gegeben, außer denen, die man auch mit vielen anderen Einwohnern Thissalias hatte.
Natürlich - sie jagten, zahlten keine Steuern und hin und wieder überfielen sie diverse Handelskarawanen, aber andererseits verlangten sie auch nichts vom Herrscher. Man kam sie ja eher selten zu Gesicht, meistens beim Frühlingsmarkt in Rhiawen und auch dort nur vereinzelt.
Baltheir selber hatte seit Jahren keine Probleme mehr mit ihnen gehabt. Er und sie hatten eine stillschweigende Abmachung getroffen. Sie ließen einander in Frieden. Er verlangte keine Steuern bei ihnen und sie ließen die Handelskarawanen in Frieden - zumindest meistens - und kamen nicht wegen irgendwelcher Probleme zu ihm.
Darum hatte Baltheir auch nur Gerüchte über die Norag gehört. Bei jedem anderen Dorf wäre sofort ein Bote losgeschickt worden, der Soldaten zum Schutz verlangte, aber nicht bei den Klanen. Die würden sich lieber selbst die Zunge abbeißen, als einen Thissalier um Hilfe bitten, hatte Yuriy manchmal das Gefühl.
Sie schützten ihre Grenzen allein und das wahrscheinlich mit großem Erfolg. Schon oft hatte er von den furchterregenden Kriegern der Klane gehört, die sich selbst ,Schwertheilige' nannten. Diese Kämpfer sollten Schwerter im Stil der shinazukischen Katana tragen und ihre Kampfkunst war aus einer Mischung der Kampftechniken aus Shinazu, Sheyai, Thissalia und der eigenen entstanden.
Ob oder wie weit diese Gerüchte stimmten, wusste Yuriy nicht, aber nicht viele überlebten einen Kampf mit einem Schwertheiligen. Diese waren natürlich nicht die einzigen Krieger, die ein Klan aufzuweisen hatte. Die meisten von ihnen konnten mehr oder weniger gut mit Waffen umgehen, Männer wie Frauen. Ob das wahr war - vor allem bei letzteren - wusste Yuriy wiederum nicht. Aber wenn die Sachen stimmten, die man über die Klane erzählte, dann bedauerte Yuriy die Norag, die so töricht waren in ihr Land einzufallen, im höchsten Maße.
"Schmeckt es dir nicht?", fragte Salima und riss ihn damit aus den Gedanken. Er sah auf. Bryans kleine Schwester saß ihm gegenüber und beobachtete ihn, wie er lustlos in seinem Essen herumstocherte. Sie war ein hübsches Mädchen mit rötlichbraunem Haar, das perfekte Ebenbild ihrer Mutter Amira, die neben dem Mädchen saß.
Salima war zwei Jahre jünger als ihr Bruder - also sechzehn - und überaus fröhlich und sehr naiv. Sie hatte Falkenburg noch nie verlassen, aber wenn Yuriy und Bryan zum Blauen Palast zurückkehrten, wollte sie immer mit ihnen gehen. Es war ihr größter Traum, einmal Rhiawen, Thuan Rhiawen und den Blauen Palast zu sehen.
Yuriy versuchte, die Zeit zu diesem Tag so lang wie möglich zu ziehen. Er wollte nicht wieder zurück. Er wollte hier bleiben, auf der windumpeitschten Festung am Treilinischen Ozean. Hier war es so, als würde die Zeit draußen vorbei gehen, ohne ihn zu stören. Keine Verpflichtungen, keine ewigen Feste und Empfänge, keine langweiligen Beratungen.
Aber er wusste, dass er nicht ewig auf Falkenburg bleiben konnte. Und jetzt sowieso nicht, jetzt, wo im Blauen Palast je eine Abordnung aus Shinazu und Sheyai erwartet wurde. Eigentlich hätte er schon längst aufbrechen müssen.
"Doch, doch. Ich...habe nur keinen Hunger."
"Ah so." Sie wirkte nicht überzeugt, widmete sich aber wieder ihrem Essen. Er war ihr dankbar dafür. Bryan, der ihn dauernd mit seinen Sorgen nervte, reichte ihm schon. Da musste nicht auch noch Salima kommen. Er mochte sie, wirklich, sie war ein süßes, kleines Ding und er verstand sich mit ihr besser als mit seinen eigenen Schwestern, aber manchmal ging sie ihm auf die Nerven.
Die Aussage, er habe keinen Hunger, war nicht einmal gelogen. Er konnte gar keinen Hunger haben, wenn ihm etwas so schwer im Magen lag wie das Wissen, bald wieder nach Hause zurückkehren zu müssen. Man erwartete schließlich von ihm, dass er die ausländischen Gäste auf die Herbstjagd in die Nachtgesangberge führte, der er normalerweise fern blieb, und sie auf andere Veranstaltungen begleitete. Kurz, dass er sie unterhielt.
Yuriy wusste, dass es die Etikette so verlangte, aber trotzdem - wer war er denn?! Einer der Hofnarren, die der Hofmeister in den Blauen Palast holte, wenn ein Fest stattfand? Manchmal kam er sich tatsächlich so vor.
"He, Yuriy, sag mal, hörst du mir überhaupt zu?"
Erschrocken blickte er auf und starrte in Bryans Gesicht. "Was? Wie? Ja, natürlich."
"Wer's glaubt...", antwortete Bryan trocken. "Du solltest dir wirklich abgewöhnen, in der Gegend herumzustarren, während andere Leute mit dir reden. Das kann unangenehm werden."
"Lass mich doch in Ruhe. Was wolltest du überhaupt?"
"Nicht so wichtig. Vergiss es."
Yuriy verdrehte die Augen. Und deswegen riss Bryan ihn aus seinen Gedanken? Andererseits waren seine Gedanken nicht gerade produktiv gewesen. Vielleicht war es ganz gut, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten. Der Fürst und seine Frau hatten von dem ganzen Zwischenspiel gar nichts mitbekommen, da sie sich leise flüsternd unterhielten, aber Salima starrte ihn neugierig an.
"Was ist?", schnauzte er sie an.
Erschrocken zuckte sie zurück und wurde rot. "Tut...tut mir Leid, aber..."
"Schon gut. Ich wollte dich nicht so anfahren." Yuriy senkte den Blick wieder auf seinen Teller. Er hatte kaum etwas gegessen.
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenzucken. Alle drehten sich um und Baltheir rief: "Herein." Die Tür wurde von einem Wächter in Kettenhemd und einem Wappenrock mit Falkenburgs Wappen geöffnet. Sergej stand wie ein großer Schatten hinter ihm und schüchterte eine dritte, sehr schlaksige Person ein, die neben ihm stand.
"Herr, es ist ein Bote gekommen.", erklärte der Wächter. "Aus Rhiawen."
"Lass ihn herein." Der Soldat verbeugte sich und trat zur Seite, damit der Bote hindurch konnte. Erleichtert schlüpfte der Mann an Sergej und dem Soldaten vorbei und verbeugte sich tief vor den Anwesenden. Er war ein schmächtiger, langer Kerl mit dünnem Haar und flaumigen Bart. An der Seite trug er eine Tasche, auf der das Zeichen des königlichen Boten zu erkennen war, eine graue Taube.
Baltheir erhob sich und ging auf ihn zu. "Willkommen auf Falkenburg. Habt Ihr die Botschaft?"
Der Kurier richtete sich wieder auf. "Herr, die eine Nachricht ist für Prinz Yuriy. Man hat mir befohlen, sie ihm persönlich zu übergeben." Er öffnete die Tasche und zog zwei Briefe heraus, während der Prinz sich ebenfalls erhob und neben Baltheir trat. Der Bote überreichte ihm mit einer Verbeugung den einen Brief. Yuriy nickte ihm dankend zu und warf einen kurzen Blick auf das Siegel. Es war Eskanders persönlicher Stempel, das bedeutete er hatte ihn selbst geschrieben.
"Die zweite Nachricht ist für Euch, Herr." Der Kurier überreichte dem Fürsten den zweiten Brief, der den Abdruck des königlichen Wappens auf dem Siegelwachs trug. Wahrscheinlich enthielt sie die Einladung zur jährlichen Herbstjagd und dem darauffolgenden Ball. Diese Jagd wurde schon seit Jahrhunderten abgehalten und Yuriy hatte das letzte Mal vor fünf Jahren daran teilgenommen.
Dieses Jahr würde er wieder mitreiten - müssen, da sein Vater es von ihm verlangte. Es sei denn natürlich, die Shinazuki und die Sheyai einigten sich in kürzester Zeit und waren zum Zeitpunkt der Jagd schon nicht mehr in Thissalia, was Yuriy allerdings bezweifelte. Die würden wahrscheinlich Monate brauchen um ihren lächerlichen Streit beizulegen.
Nachdenklich trottete er zu seinem Platz zurück, während Baltheir dem Kurier entließ und ihn in die Küche schickte, wo er sich stärken konnte. Mit einem Seufzen ließ Yuriy sich wieder auf seinen Stuhl plumpsen und zerbrach das rote Siegel. Die Nachricht an sich war sehr kurz und sie enthielt den unmissverständlichen Befehl, in den nächsten Tagen nach Rhiawen zurückzukehren, da die Shinazuki bereits eingetroffen waren und die Sheyai in den nächsten Tagen erwartet wurden.
"Was steht drin, Baltheir?", wollte Amira wissen.
Auch der Fürst hatte seine Nachricht gelesen. "Nur die Einladung zur Jagd und dem Ball."
"Ich möchte, dass Salima geht.", erklärte die Fürstin sofort und die Augen des Mädchens begannen zu funkeln. Sie rutschte auf ihrem Platz hin und her und strahlte über das ganze Gesicht. "Sie soll endlich den Königshof kennen lernen."
"Das haben wir ja schon vor Tagen besprochen, Amira. Bryan, du begleitest deine Schwester."
Der Angesprochene nickte. Er hatte sowieso vorgehabt, zusammen mit Yuriy nach Rhiawen zu reiten. Dass sie jetzt auch noch Salima mitnehmen mussten, erschwerte die Sache etwas, aber nicht viel. Das Mädchen war eine geübte Reiterin und würde die lange, beschwerliche Reise gut überstehen.
"Dann reisen wir also zu dritt.", meinte er. "Mein Vater zitiert mich nach Hause zurück."
Salima stieß einen Freudenschrei aus. "Du kommst mit uns, ja? Ja?"
"Salima!", rügte Amira ihre Tochter streng. "Eine Dame benimmt sich nicht so! Sei gesittet und still."
"Amira, lass ihr doch den Spaß.", warf Baltheir gutmütig ein. "Sie wird sich noch früh genug an die Sitten des Hofes gewöhnen müssen."
"Darum sage ich es ihr jetzt, damit sie sich nachher nicht blamiert."
"Sie wird ihre Amme mitnehmen. Faralda kann ihr auf der Reise alles erklären, was notwendig ist."
"Die Reise wird zu kurz sein um..."
"Mutter! Ich habe schon viel gelernt! Ich werde mich am Hof benehmen und euch Ehre bereiten."
Amira sah ihre Tochter liebevoll an und strich ihr über das rotbraune Haar. Sie lächelte. "Da bin ich sicher. Du solltest trotzdem Faraldas Anweisungen folgen, hörst du? Sie weiß Bescheid. Und wenn dein Bruder dir etwas befielt, so hast du ebenfalls zu gehorchen. Und wenn..."
"Amira.", unterbrach Baltheir. "Du erteilst ihr schon wieder Lektionen. Überlass das Faralda." Er erhob sich. "Ich werde jetzt aufbrechen. Man benötigt mich umgehend an der Grenze."
Amira folgte ihm nach draußen, nachdem sie den drei Zurückbleibenden befohlen hatte, die Diener zum Abräumen des Tisches zu rufen. Bryan kam ihrer Aufforderung nach, während Salima ihren Becher austrank und Yuriy leise aus dem Raum verschwand. Er schloss die Tür hinter sich und atmete auf. Endlich allein! Da er eine andere Tür genutzt hatte als Baltheir und seine Frau, lief er auch nicht Sergej über den Weg, der geduldig vor der Haupttür des Speiseraumes wartete.
Yuriy wusste, dass sein Leibwächter es hasste, wenn er sich einfach so davon stahl und in der Regel nahm er auch Abstand davon, aber manchmal musste er einfach allein sein. Außerdem bereitete es ihm eine diebische Freude, Sergej abzuhängen, vor allem, weil das nicht wirklich einfach war.
Der große Krieger sah zwar aus, als wäre er nicht klüger als ein Ziegenbock, aber das täuschte. Yuriy hatte nicht selten den Verdacht, Sergej führte alle Leute an der Nase herum und wirkte mit Absicht so plump und schwerfällig. Yuriy selbst war ebenfalls darauf hereingefallen, aber sehr rasch eines Besseren belehrt worden.
Jetzt wusste er genau, woran er bei Sergej war und was noch mehr zählte, er hatte Sergejs uneingeschränkte Loyalität und seine Treue. Manchmal fragte sich Yuriy, ob Sergej nicht den Befehl eines Gottes ignorieren würde, wenn er einen anderen geben würde. Bei Eskander war es auf jeden Fall so.
Rasch eilte er durch die kahlen, steinernen Gänge, die denen des Blauen Palastes auf keiner Weise glichen, und trat in einen der Innenhöfe hinaus. Er befand sich oft hier, auf einem Mauervorsprung über einer der Türen. Man konnte ihn von unten nicht einsehen und hatte dadurch wunderbare Ruhe.
Niemand, der störte.
Niemand, der etwas verlangte.
Niemand, der ihn mit kalten Augen musterte.
Niemand, der ihn verachtete, weil er nicht das konnte, was niemand konnte; weil er nicht perfekt war.
Entspannt lehnte Yuriy sich zurück und streckte sich aus. Über sich konnte er den blauweißen Himmel sehen und ein Schwarm Zugvögel, der sich sammelte um nach Süden zu fliegen. Ob sie überhaupt wussten, wie gut sie es hatten? Frei zu fliegen, wohin sie wollten. Nicht den lästigen Pflichten der Menschen unterworfen, nicht festgenagelt auf dem Boden, zwischen der starren Etikette und der Gier nach Ruhm, Ehre und Macht eingeklemmt, unbeweglich und reglos.
Früher, als er noch jünger war, ein kleines Kind, dass alles für einen freundlichen Blick und ein lobendes Wort von seinem Vater getan hätte, hatte er sich jeden Herbst und jeden Frühling aufs Neue gewünscht, mit den Vögeln zu fliegen, nach Norden oder nach Süden.
Jedes Mal, nachdem er etwas falsch gemacht und die Bestrafung dafür empfangen hatte.
Jedes Mal, wenn ihn sein Vater in stummer Verachtung ansah, weil er im Aussehen der Mutter ähnelte oder eine Aufgabe falsch beantwortete.
Jedes Mal, wenn seine Mutter wegen seinem Unvermögen weinte.
Jedes Mal, wenn er versagte...
Inzwischen wünschte er sich das nicht mehr. Es waren die Träume eines Kindes und er war schon lange kein Kind mehr. War langsam vom Kind ohne Kindheit zu einem kalten Mann herangewachsen, dessen Vertrauen nur wenige besaßen. Diese Leute konnte er an den Fingern abzählen. Bryan, Salima, Sergej. Mehr nicht.
Aber diesen dreien würde er sogar erzählen, dass er schon mehrmals daran gedacht hatte, seinen Vater einfach hinterrücks zu erstechen.
Dass er seine Mutter - und auch seine Geschwister - manchmal verachtete.
Dass er lieber ein Bauer als der Kronprinz geworden wäre.
Dass er Männer attraktiver als Frauen fand.
Dass er die Götter nicht nur einmal verflucht hatte.
Dass er daran gedacht hatte, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.
Dass er des öfteren einfach hatte abhauen wollen.
So vieles, was niemals hätte gesagt, gedacht, gefühlt, getan werden sollen. Manches hatte er ihnen erzählt, manches nicht. Weil keine Gelegenheit gewesen war. Weil er sich deswegen schämte oder verachtete. Weil es sie nichts anging. Das war verrückt. Sein Leben war verrückt. Völlig anders, als es sein sollte. Nicht...normal, genauso wenig wie er.
Welcher Bauernsohn, welcher Spross eines Handwerkers oder Kaufmannes oder Händlers träumte nicht davon, an seiner Stelle zu sein? Reich, mächtig, umgeben von den einflussreichsten Männern Thissalias und den schönsten Mädchen, die alle darauf hofften, ihn zu heiraten. Wenn sie wüssten, wie es war, der Kronprinz zu sein, mit einem solchen Vater, würden sie sich verfluchen, je einen solchen Gedanken gehabt zu haben.
"...schon gehört?" Die helle Stimme riss ihn aus den Gedanken. Sie kam von der Bank, die direkt neben seinem ,Versteck' stand, und gehörte einem Mädchen. Küchenmädchen, schätzte Yuriy. Bei ihr mussten noch mindestens zwei weitere sein, denn sie kicherten. Er fragte sich, wo die Gören so plötzlich hergekommen waren. Er hatte sie nicht kommen hören und sie waren ja nicht gerade leise - was sie natürlich auch nicht sein mussten. War er so in Gedanken vertieft gewesen? Anscheinend.
"Nein, erzähl!", bat eine Zweite. Beinahe hätte Yuriy laut aufgestöhnt. Die Gerüchteküche kochte! Was sie wohl über ihn erzählten? Letztes Mal, als er auf Falkenburg gewesen war, hatte es geheißen, er hätte eines der Dienstmädchen verführt. Was natürlich völliger Blödsinn gewesen war. Frauen interessierten ihn einen Dreck! Auch das Mädchen, um das es gegangen war, war total ahnungslos gewesen. Ob es dieses Mal wieder so etwas gab? Na, dann lasst mal hören, Mädchen!
"Luisa ist schwanger! Und zwar von diesem Stallburschen.", erklärte die Erste wieder.
"Nein, echt? Und was sagt ihr Vater dazu?", wollte eine dritte Stimme wissen.
"Na, was wohl? Er wird sie windelweich geprügelt haben.", schätzte die Zweite.
"Genau. Die Hexe sagte, sie habe Glück, das Kind nicht verloren zu haben."
"Und jetzt?"
"Was wohl. Luisas Vater verlangte von den beiden, dass sie heiraten. Die Hochzeit ist in zwei Wochen." Der kühle Ton ließ keinen Zweifel offen, dass es tatsächlich so war.
"Ob sie jetzt eine gute oder eine schlechte Partie gemacht hat, darüber können wir nur spekulieren."
"Eine schlechte!", behauptete die Dritte fest. "Wenn Männer wie Sir Bryan oder der Prinz hier herumlaufen? Das sind gute Partien."
Die drei kicherten. Yuriy war sich sicher, dass niemand anderes auf dem Hof oder zumindest in Hörweite war. Sonst würden sie niemals so offen reden. Er grinste in sich hinein. Wenn sie wüssten, dass er hier war, würden sie wahrscheinlich am liebsten im Erdboden versinken.
Aber sie erzählten da nichts neues. Er wusste, dass er der begehrteste Junggeselle Thissalias war und zumindest hier auf Falkenburg folgte Bryan ihm gleich auf. Warum auch nicht? Sie sahen gut aus, waren reich und mächtig, außerdem jung und mit einer vielversprechenden Zukunft.
Wahrscheinlich würde Keine ,Nein' sagen, wenn sie ein direktes Angebot bekam. Außer Salima natürlich. Salima war ihre kleine Schwester, Bryans im Blute, Yuriys im Geiste.
"Also, die würd ich auch nicht von der Bettkante schubsen!"
"Hör bloß auf! Davon kann unsereins nur träumen!"
"Aber das bleibt uns wenigstens." Wieder Gekicher. Konnten die nicht einmal damit aufhören?!
"Aber was, wenn doch..."
"Wenn, wenn, wenn! Schreib dir das schnell ab! Du denkst doch nicht wirklich...?"
"Wäre doch schön..." Die Stimme hatte einen eindeutig träumerischen Klang.
"Jaaaah, aber keine Realität. So was wie Märchenprinzen gibt es nicht."
Kluges Kind.
"Außerdem glaube ich nicht, dass es besonders angenehm wäre, mit einem der beiden verheiratet zu sein. Schau dir die zwei mal an! Kälter als Eiszapfen. Brrr!"
"Na ja. Da hast du recht. Außerdem ist es wirklich nur Wunschdenken."
"He, habt ihr schon von diesen Schiffen gehört?"
"Schiffen?"
"Ja. Dreimal so groß wie ein normales Schiff, mit Segeln, die diesen gesamten Hof bedecken können und riesigen Rädern?"
"Räder? An Schiffen? Wofür ist denn das gut?"
Das fragte sich Yuriy auch. Das Gör würde sicher gleich eine Antwort liefern.
"Woher soll ich das wissen? Ich gebe nur wieder, was ich selbst gehört habe, von einer Frau aus dem Dorf."
So konnte man sich irren.
"Aha. Das wird Quatsch sein. Ich meine - dreimal so groß wie ein richtiges Schiff? Hu?" "Vielleicht hat sie ein wenig übertrieben?"
"Vielleicht?"
"Du bist gut! Erzählst hier Sachen rum!"
"Nur, was ich gehört habe! Hab ich doch gesagt!"
"Und was wollen diese Riesenschiffe hier? Woher kommen sie überhaupt? Und wem gehören sie?"
"Keine Ahnung! Vielleicht Handel treiben? Kommen tun sie von einem Land, das hinter dem Treilinischen Ozean liegt."
"I'tz'eka? Die haben da kaum richtige Boote geschweige denn Schiffe, die dreimal so groß sind wie thissalische. Außerdem haben die kein Interesse an dem Rest von Adieneira."
"Das weiß ich doch! Außerdem habe ich nicht von I'tz'eka gesprochen."
"Bitte? Von was dann?"
Yuriy dachte schneller als die Mädchen und erinnerte sich an die alten Legenden, die von der Herkunft der Thissalier, der Shinazuki und der Sheyai berichteten. Die drei Völker waren von einem Kontinent gekommen, der weit, weit hinter dem Horizont des Treilischen Ozeans lag. Thyrmis war sein Name und er wurde idealisiert, beinahe wie das Reich der Götter.
Das Ende allerdings war tragisch gewesen, denn eine feindliche Macht war auferstanden und hatte sein eigenes Imperium errichtet, dass - wenn man den Geschichten Glauben schenkte - inzwischen den gesamten thyrmisischen Kontinent beherrschen musste. Die Thissalier, die Shinazuki und die Sheyai waren von Thyrmis geflohen, statt sich dem Imperator zu unterwerfen.
Nach einer langen, gefahrenvollen Schiffsreise waren sie auf Adieneira gelandet und hatten den Kontinent regelrecht in Besitz genommen. Die einheimischen Völker waren recht primitiv gewesen und gegen die zwar geschwächten, aber noch immer mächtigen Eindringlinge keine Gegner.
Die Klane des Nachtgesangs waren die gefährlichsten, schlimmsten Feinde gewesen, hieß es. Yuriy war gewillt, dem zu glauben, da die Klane noch immer keine Ruhe gaben - sie lehnten sich in beinahe regelmäßigen Abständen immer wieder gegen die Fremdherrschaft der Thissalier auf.
Eigentlich konnte er es ihnen nicht verdenken, aber andererseits fragte er sich, wo sie den Mut und die Kraft hernahmen, immer wieder aufzustehen und zu kämpfen, obwohl sie genau wussten, dass sie unterliegen würden. Diesmal würde es wahrscheinlich länger dauern, ehe die Klane einen erneuten Versuch wagten. Nach der völligen Vernichtung Feuermonds. Das war einmalig in der Geschichte der Feindschaft. Noch.
Aber die Landung der drei Völker auf Adieneira war allerdings 1270 Jahre her - so lange bestand ihre Zeitrechnung schon. Was diese Jahrhunderte auf Thyrmis angerichtet hatten, konnte niemand sagen. Nie war jemand zurückgekehrt auf den Kontinent der Vergangenheit.
Wenn die Völker dort waren wie die Klane, dann hatte der Imperator entweder sehr viel zu tun oder es gab ihn schon längst nicht mehr. Wenn sie das allerdings nicht waren, dann bestand das Imperium noch immer und konnte zu einer ernsthaften Gefahr für Thissalia und Adieneira werden. Oder zu einem wichtigen Handelspartner. Falls es überhaupt stimmte, was das Gör da unten erzählte, was Yuriy bezweifelte. Andererseits - wer dachte sich solche Gesichten aus?!
"Du meinst aus...ihr wisst schon...Thyrmis?", fragte eine, dann steckten sie tuschelnd die Köpfe zusammen, so dass Yuriy nur ein paar Wörter aufschnappen konnte.
"...aufregend..."
Sicher nicht. Zumindest die drei würden nicht viel davon mitbekommen.
"...in der Nähe...die Ersten..."
"Vielleicht...höher."
"...Strand von Dhane..."
Dann wurden sie noch leiser und der Prinz hörte nichts mehr bis auf unverständliches Geflüster und hin und wieder lautes Gekicher. Schließlich kehrten sie zu anderen Themen zurück, Themen, die ihn nicht interessierten. "He, Mädchen, habt ihr eigentlich schon gehört, dass der König sich einige Feinde gemacht hat?"
"Das ist nichts neues."
"Aber dass diese Feinde dem Adel angehören, das schon!"
"Dem Adel?"
"Das ist doch..."
//...auch nichts Neues.//, dachte Yuriy. //Das wusste der Geheimdienst schon vor meiner Reise nach Falkenburg.// Er schaltete wieder ab. Dieses nervtötende Geschwätz ging ihm auf den Keks. Die Sache mit den Schiffen war interessant. Morgen würde er ausreiten und versuchen, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Das war seine Pflicht. Er hasste die Pflicht, aber er tat sie trotzdem.
Außerdem hatte er Zeit. Yuriy wusste, dass sich hinter jedem Gerücht eine Wahrheit versteckte. Die meisten waren belanglos - manche aber lohnten die Mühe, sie zu entdecken. Ob und wie dieses Gerücht ihn belohnen würde - nun, das würde er erfahren, wenn es soweit war. Morgen, übermorgen, wer wusste es schon?
Lange konnte er jedenfalls nicht mehr hier in Falkenburg bleiben, aber wenn er wirklich etwas wichtiges herausfand, würde sich seine Abreise hinauszögern. Das war unumgänglich, auch wenn sein Vater wer-weiß-was mit ihm anstellen würde.
"Dunkelheit soll über Adieneira kommen. Tod und Krieg werden Thissalia heimsuchen. Und die Rotgeflügelte wird ihre Opfer finden. Ihre Hallen werden gefüllt sein und ihre Mannen warten auf den letzten Tag..."
Yuriy schreckte auf. Was gab das Mädchen für seltsame Sätze von sich? Und auch noch in diesem tiefen, bedrohlichen Ton? Die Zweite lachte kreischend. "Lass das! Lass das! Das ist ja unheimlich!"
"Aber genau das hat die Wahrsagerin gesagt!"
"Wirklich? Aber..."
//Wahrsagerin?// Davon hatte Yuriy schon gehört, Amria hatte es erzählt. Die Propheten und Seher Thissalias sollten in letzter Zeit wieder von einer Art Untergang und Gefahr für das Reich gesprochen haben. Das taten sie öfter, aber nie war es in solchem Ausmaß geschehen. Baltheir - und auch Eskander - hatten dem wenig Aufmerksamkeit geschenkt, aber Yuriy hatte sich des öfteren überlegt, selbst einen renommierten Seher aufzusuchen.
Zwar nur aus Langeweile, aber trotzdem mit dem Hintergedanken, seine Pflicht zu erfüllen. Ebendeswegen hatte er es nicht getan. Wegen seiner Pflicht. Aber vielleicht sollte er es doch tun. Wenn jetzt sogar die Küchenmädchen Falkenburgs davon sprachen. Außerdem hatten sich die zitierten Worte der Seherin sehr bedrohlich angehört.
"Ich möchte nicht mehr hier sein, wenn das wirklich stimmt.", sagte eines der Mädchen fest. "Stellt euch vor, es würde Krieg geben! Falkenburg ist eine Festung, die sicher sehr schnell angegriffen wird."
"Warum sollte das so sein? Falkenburg ist zu abgeschieden."
"Ich hoffe, dass es nie wieder Krieg gibt."
Beinahe hätte Yuriy geschnaubt. Es gab immer Krieg. In diesem Augenblick herrschte Krieg. Vielleicht nicht hier in der Gegend, aber sehr weit musste man nicht gehen, um in ein ordentliches Scharmützel zu geraten. Wenn man von den stetigen Grenzstreitigkeiten der anderen Länder absah und um die Eroberungskriege, die beinahe regelmäßig geführt wurden, so hatte man noch immer die Kämpfe mit den Klanen oder den Norag. Es würde nie völliger Frieden herrschen.
"Ich auch."
"Wer ist denn diese ,Rotgeflügelte'?"
"Woher soll ich das wissen? Ich bin auch keine Gelehrte."
Yuriy wusste es. Die Rotgeflügelte war eine der Göttinnen der Klane, die Mutter der Toten. Sie führte die Toten und Gefallenen in ihre Hallen, wo sie auf den letzten Tag warteten um erneut zu kämpfen. So hatte sein Lehrer es ihm beigebracht, aber die Legenden und Mythen der Klane waren nicht besonders bekannt und niemand interessierte sich dafür. Außer natürlich die Klane selbst, die eine große Schwäche für Mythen und Sagen hatten, vor allem für ihre eigenen.
"Na, ist ja auch egal."
Sicher wäre es ihnen nicht egal gewesen, wenn sie wüssten, wer die Rotgeflügelte war.
"Was macht denn der König dagegen? Und Fürst Baltheir?"
"Gar nichts."
"Nein!"
"Doch. Keiner von beiden hat einen Finger gerührt um irgendeine Armee zur Verteidigung zu sammeln oder so."
"Aber der Fürst ist doch nach Norden gereist."
"Ja, sicher. Aber da geht es ja auch um die Norag."
"Und sind das keine Feinde?"
"Nicht die aus den Prophezeiungen."
"Woher weißt du das?" Die Stimme des Mädchen klang beinahe bewundernd. Yuriy würde das auch gerne wissen, aber eher um über die Dummheit des Mädchens zu lachen. Die Norag waren gefährliche und starke Gegner. Wenn sie sich zusammenschließen würden, würden sie eine ernste Gefahr für Thissalia und Marena im Westen werden. Aber die verschiedenen Stämme und Sippen waren untereinander so zerstritten, dass sie sich lieber gegenseitig die Köpfe einschlugen und bis auf ein paar Überfälle, gegen die hart vorgegangen wurde, die Finger von den südlich liegenden Ländern ließen.
"Ich habe es gehört. Außerdem sind die Norag nicht die ,Dunkelheit'." Die Mädchen kicherten wieder. Da musste Yuriy ihnen zustimmen. Aber oft waren solche Worte sowieso nur metaphorisch gemeint. Wenn sie unter einem starken Führer geeint werden würden, würden sie sicher eine Dunkelheit sein. Aber ehe es soweit war, würde die Sonne vom Himmel stürzen.
Außerdem würde man davon hören. So etwas ging nicht über Nacht vonstatten und schon gar nicht lautlos. Und außer der Tatsache, dass die Norag mal wieder ihre Grenzen erweitern wollten, hatte man nicht viel aus den kargen Landen gehört.
"Seid ihr endlich fertig, ihr faulen Stücke?" Die schrille Stimme der Köchin hallte über den Hof.
Erschrocken hielten die Mädchen ihn ihrem Getratsche inne und eine sprang sogar auf, dass etwas mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden plumpste. "Ja, ja, gleich! Nur noch ein paar Augenblicke!"
"Das will ich doch wohl hoffen! Beeilt euch!" Schweigsame Hektik brach aus. Dann erhoben sich die Mädchen, packten ihre Sachen und gingen.
Yuriy nicht. Yuriy blieb liegen bis die Nacht das Land schon längst geschluckt hatte.
~~~~~~~
Im nächsten Kapitel taucht dann Kai auf. Ihr könnt ja mal raten, welchem Volk er angehört, aber ich glaube nicht, dass das allzu schwer sein wird. Man nehme einfach den Weg der größten Probleme. ^^''
Die Thyrmiser werden übrigens eine größere Rolle spielen, aber da sind sie nicht die einzigen Gegner. In diesem Kapitel wurden übrigens alle Feinde genannt.
Wenn mir jemand sagen könnte, inwieweit Salima von ihrem Charakter abweicht, wäre ich sehr dankbar. Sie taucht nicht besonders oft in irgendwelchen Geschichten auf, darum habe ich keine Vorlage für sie(das gilt übrigend noch für viele andere Charaktere, die ich auftauchen lassen will). Also sagt mir einfach bescheid, okay?
Ich bitte höflichst um einen Kommi.
Silberwölfin
Weihen
Titel: Feuermond
Teil: 4/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
~~~~~~~
Ich war am letzten Wochenende auf 'nem Fantasycon und von da hab ich mir tausend Ideen geholt, was ich noch alles einbauen könnte. @.@ Viel zu viel eigentlich und lauter Nebensachen, aber ich will sie nicht draußen lassen. Darum hat das Kapitel auch eine ganz andere Wendung genommen als eigentlich geplant. v.v Ich hoffe, es gefällt euch.
(Darum ist das Kapitel auch viel länger geworden als ursprünglich geplant. Und ich hatte am Anfang Angst, ich würd' die Seitenzahlen nicht füllen können. *drop*)
Ich glaube, Kai ist irgendwie OOC geworden, aber der kalte Kai passt da einfach nicht rein. Darum habe ich ihn, sagen wir, etwas 'abgeschwächt'. Ich hoffe, das stört niemanden. Wenn doch, bitte melden! Das OOC gilt wahrscheinlich nicht nur für Kai. ^^'''''
In dem Kapitel hab ich mich mal wieder in Beschreibungen ergangen, aber die Schauplätze sind natürlich auch wichtig. Das Dorf(bzw. die Suatha-Dörfer im Allgemeinen) taucht ebenso wie Rhiawen noch öfter auf und darum wollte ich euch ein Bild geben, wie das da so aussieht. Ich persönlich hasse es nämlich, wenn ich in Geschichten nicht weiß, wo die sich aufhalten und wie's da aussieht.
**
@ are: Sorry, are, aber ich glaube, ich muss dein Hirn noch weiter quälen. XD Ideenreichtum? Ich weiß nicht, meistens hole ich mir von hier und da die Ideen und bau sie in meine Geschichten ein. Wie du sehen wirst, ist Salima nicht die einzige der 'unüblicheren' Charas. Eigentlich hatte ich vor, alle, die ich kenne, in mehr oder weniger großen Rollen auftreten zu lassen.
@ spellmaster: ENS kriegst du, es sei denn du entdeckst schon früher, dass da Kapitel on ist als ich. Jo, ich weiß, noch schwer zu sehen, wohin das läuft, aber das wird in den nächsten Kapiteln glaub ich auch nicht viel besser. *drop*
@ MikaChan88: Danke für dein Kompliment. ^---------^
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Achtung! Wichtig!
Zum Schluss noch etwas: Die Charaktere in Feuermond gehören natürlich alle anderen Völkern an und sprechen darum auch verschiedene Sprachen. Da ich nicht immer hinschrieben will, wer was in welcher Sprache spricht und ich auch keinen Bock habe, diverse Anführungsstriche zu benutzen, gilt, dass sie sich, wenn sie unter sich sind, in ihrer Muttersprache unterhalten.
Als allgemeine Sprache wird Thissalisch herhalten müssen, weil die sich nun mal alle in Thissalia befinden. Wenn mehrere Leute verschiedener Völker zusammen sind, schreibe ich hin, wenn jemand die Sprache wechselt. Alles klar?
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Weihen
Die Trommeln gaben den Rhythmus vor. Er war schnell, beinahe hastig, aber keiner der drei Trommler kam aus dem Takt. Ihre Hände waren kaum zu sehen, so schnell bewegten sie sich. Das dumpfe Dröhnen hallte über den Dorfplatz und echote durch die Berge und Wälder des Nachtgesangs; weithin war das Hallen zu hören.
Dazwischen hörte man das hohe Zirpen der Flöten und das leise Rauschen der Harfen. Die Melodien schlangen sich um das Dröhnen der Trommeln und schwangen sich hoch in die Lüfte um dort zu verhallen. Das dominierernste Instrument war jedoch noch immer der Dudelsack. Der laute Ton passte sich perfekt in das Lied der anderen Instrumente ein, führte es aber trotzdem an.
Die Musiker saßen vor einem der Langhäuser im Osten, ein Dutzend Leute. Ihnen gegenüber saßen die Schwertheiligen, nur wenige im Gegensatz zu dem Rest des Klanes, aber genug - mehr als eigentlich üblich waren. Im Norden hatte der Klanrat seinen Platz, bestehend aus Than, Legendenhüter und Druidin. Die anderen Mitglieder Nachtsturms hatten sich in einem Kreis um den Platz versammelt um bei der Prüfung anwesend zu sein.
Die nackten Füße des Mädchens in der Mitte des Platzes verursachten ein leises, stampfendes Geräusch, das beinahe in der Musik unterging, und wirbelten Sand und Staub auf. Ihr schlanker, muskulöser Körper bog sich geschmeidig in einem Rhythmus, der sich an die Musik anpasste und trotzdem vollkommen selbstständig war.
Die sonnengebräunte, bronzefarbene Haut des Mädchen glänzte vor Schweiß, wo sie unter der kurzen, enganliegenden Kleidung aus Leder und Wolle herausschaute und das kurze, kastanienbraune Haar schwang im Takt ihrer Schritte. Das Messer und der lange Dolch, die an ihrem Gürtel befestigt waren, sowie die Kette mit dem silbernen Adleranhänger schwangen mit ihren Bewegungen mit.
Sie war gut. Besser als Kai geglaubt hatte und er hatte sie gut genug eingeschätzt, die Prüfung zu überstehen trotz der kritischen Blicke der Schwertheiligen. Trotz der anwesenden Klanmitglieder und dem Klanrat, der sie in den Kreis der Schwertheiligen aufnehmen würde oder eben nicht. Sie würde es schaffen. Sie war gut.
Konzentration und Spannung ließen das hübsche, sonst so fröhliche, emotionsreiche Gesicht des Mädchens ernst und streng wirken. Das passte überhaupt nicht zu ihr, aber andererseits gehörte es zu einer Kämpferin, einer Schwertheiligen. Ein dünner Film von Schweiß bedeckte es und ließ es glänzen, als sei sie gerade aus dem Wasser gestiegen, ihr Haar war beinahe ebenso nass. Die blauen Dreiecke in ihrem Gesicht - einen auf der Stirn, je ein weiterer auf beiden Wangen, alle drei auf ihre Nase zeigend, das Klanzeichens von Nachtsturm - waren bereits verwischt.
Der silberne Halbmond ihres schweren, breiten Reitersäbels beschrieb glitzernde Bögen in der Luft und warfen die Sonne in grellen Blitzen zurück. Es war eine wertvolle, herausragende Waffe, schon lange im Besitz ihrer Familie, allerdings schon seit zwei Generationen nicht mehr genutzt. Bis man es ihr gegeben hatte und sie es zu ihrer Lieblingswaffe erkoren hatte.
In ihrer zierlichen Hand sah der Reitersäbel seltsam Fehl am Platze aus; wer noch nie gesehen hatte, wie sie damit umging, würde nicht glauben können, dass sie damit zurecht kam. Auch Kai hatte sie am Anfang ausgelacht, als sie mit einer Waffe angekommen war, die ihr beinahe bis zur Hüfte ging und so schwer war, dass sie sie nicht mit einer Hand hatte tragen können. Aber sie hatte nicht aufgegeben, hatte trainiert bis zur vollkommenen Erschöpfung, Tag und Nacht, in jeder freien Minute, selbst, wenn sie es eigentlich gar nicht konnte, weil sie anderwärtig beschäftigt war. Sie hatte die Klinge gemeistert. Jetzt würde jeder, der sie kämpfen sah, sofort mit diesem Säbel in der Hand akzeptieren. Als Kämpferin, Schwertheilige, als äußerst gefährliche Gegnerin.
Ihr geschmeidiger Körper drehte sich, wirbelte herum, tanzte, sie teilte Tritte und Schläge aus und das Schwert ging die Wege, die ihre linke diktierte, ohne Zögern, ohne Zucken, beschrieb große Bögen, schnelle Stiche, wuchtige Hiebe. Sie war die Königin des Reitsäbels, zumindest für heute, für jetzt, für diesen Moment waren sie und ihre silberne Halbmondklinge der Mittelpunkt.
Kai war stolz auf sie. Es war nicht nur der Stolz eines Klanmitglieds auf ein anderes, nein, das ging tiefer. Er hatte ihr so viel beigebracht, ihr so vieles gezeigt, so viel mit ihr geteilt. Freude, Leid, Trauer, Glück. Sie war nicht einmal ein Jahr jünger als er und sie waren aufgewachsen wie Geschwister. Kein Wunder, ihre Mütter waren Schwestern und die fünfköpfige Familie teilte sich drei Kammern in einem der Langhäuser. Sie waren beide dort zur Welt gekommen, beide dort aufgewachsen, schuf das nicht ein unzerbrechliches Band?
Plötzlich veränderte sich der Rhythmus der Trommeln und riss Kai aus seinen Gedanken. Jetzt waren sie an der Reihe. Er warf einen Blick zu Bran, dem Anführer der Schwertheiligen, der nickte und die Hand hob. Kai und zwei weitere Krieger spannten sich und griffen nach ihren Waffen.
Auch das Mädchen in der Mitte änderte jetzt ihre Bewegungen und konzentrierte sich auf die drei jungen Männer, die sich jetzt langsam erhoben und auf den von Menschen umgebenen Platz traten. Sie hielten alle ihre Katana - die Schwerter, die bei den Suatha nur die Schwertheiligen tragen durften - in den Händen und zogen langsam blank, während sie sich um das Mädchen verteilten.
Halbwüchsige nahmen ihnen die metallenen Scheiden der Waffen ab und dann gingen sie in Kampfstellung. Jetzt ging es um alles. Sie würden das Mädchen so lange angreifen, bis sie besiegt war. Dass sie sie besiegen würden, daran bestand kein Zweifel. Es war nur eine Frage der Zeit, immerhin waren sie weit erfahrener als sie und zu dritt.
Kai verstärkte kurz seinen Griff um das Heft seines Katana, dann griffen sie an. Das Mädchen wand sich mit einer geschickten Bewegung aus dem Kreis und wehrte eines der Schwerter ab. Es klirrte hell, als die beiden Klingen gegeneinander schlugen, Funken stoben. Sofort setzten sie nach. Wieder wand sich das Mädchen aus der Misere und wehrte ab. Einige Male wiederholte sich das Spiel.
Der schwere Reitersäbel war eine wirkungsvolle Waffe gegen die leichteren Katana, die Schläge vibrierten durch den ganzen Körper. Kai war noch mehr verwundert. Wer hätte gedacht, dass so viel Kraft in ihrem Körper steckte? Sie war mehr als durchtrainiert. Mehr als bereit, als Schwertheilige bezeichnet zu werden.
Er setzte ihr nach, sie lenkte die drei Angriffe wiederum ab, dann wichen Kai und einer der anderen - ein hochgewachsener, dunkelhaariger Junge, der den Namen Anwar trug - zurück und traten nach links und rechts, um das Mädchen wieder in die Zange zu nehmen. Allerdings hielten sie sich zurück, bis sie den dritten - Nedrik - zurückgetrieben hatte und ihm die Waffe aus der Hand schlug.
Sofort sprang Kai dazu und griff seinerseits an. Weder Nedrik noch er noch später Anwar kämpften mit ihrer vollen Stärke. Das brauchten sie nicht, außerdem mussten sie die Absolventin nicht besiegen oder gar töten, sondern sie prüfen. Wie gut und wie lang sie kämpfen konnte, wann ihre Kraftreserven erschöpft waren und ihre Bewegungen erlahmten.
Sie hatte schon einiges hinter sich, aber noch immer waren ihre Schläge kraftvoll und sie bewegte sich schnell und geschmeidig. Ihre Schwerter krachten gegeneinander, ein wirbelnder Tanz silberner Klingen. Funken stoben zwischen ihnen auf, hin und wieder hörte man einen schrillen Missklang, wenn die Waffen aneinander kratzten, meist war es jedoch ein helles Klirren.
Sie geriet immer mehr außer Atem, schwer hob und senkte sich ihre Brust, aber sie gab nicht auf. In ihren roten Augen blitzte etwas auf und ihre Schläge nahmen plötzlich wieder an Kraft zu, so dass er selbst zurückweichen musste. Kai tat es und sprang dann mit einigen Überschlägen nach hinten um Anwar Platz zu machen.
Sie stolperte ob des plötzlichen Fehlen ihres Gegners, fing sich aber schnell wieder und stellte sich rasch auf die neue Situation ein. Kai fragte sich, wie lange sie gekämpft hatten. Es war nicht besonders lang, aber das hatte es auch nicht zu sein. Nur kurze Zeit später wechselte er wieder mit Anwar den Platz und einige Minuten darauf war Nedrik wieder an der Reihe, der schließlich den finalen Schlag führte. Er drosch ihr den Säbel aus der Hand, der quer über den Platz flog und einen Meter über den Boden rutschte, ehe er zum Liegen kam.
Beinahe hätte sie es geschafft, der silbernen Spitze des Katana zu entkommen, doch Nedriks Klinge zuckte vor wie der Kopf einer Schlagen und berührte den schlanken Hals des Mädchens. Sie war besiegt. Schlagartig verstummte die Musik. Man hörte nur noch das Keuchen der Kämpfer. Einen Moment verharrten alle in der Stellung, dann nahm Nedrik sein Schwert herunter und die beiden neigten die Köpfe gegeneinander. Dann sammelte sie ihr Schwert wieder ein, während sich der Klanrat erhob und auf die Mitte des Platzes trat.
Der Legendenhüter war ein alter Mann schlohweißem Haar und runzliger Haut, doch seine dunklen Augen waren lebhaft und sein schmaler, vom Alter gebeugter Körper kräftig. Llynas war sein Name und er war schon so lange im Amt, dass er sogar den Mann überlebt hatte, der eigentlich sein Nachfolger hätte werden sollen. Inzwischen hatte er einen anderen, der bereits geweiht war. Alle im Klan - und nicht nur bei Nachtsturm - verehrten den alten Mann ob seiner Weisheit und seines Wissens.
Die Druidin dagegen war eine Frau in ihren besten Jahren, groß, kräftig und mit ausgeprägten Rundungen. Sie trug ihr Haar stets zu einem strengen Zopf geflochten und ihr Gesicht wirkte auf den ersten Blick sehr ernst. Auf den zweiten konnte man jedoch die Lachfältchen erkennen, die ihre Augen und ihren Mund umgaben. Igraine war die fröhlichste Frau, die Kai kannte.
Der Than, der zwischen den anderen beiden ging, war sehr jung für sein Amt. Da der Than vom Klan gewählt wurde, ging das Amt nicht vom Vater auf den Sohn über, so dass es selten junge Männer waren, die die Führung eines Klans übernahmen. Aber hin und wieder kam es vor, dass der Klan entschied, dass eine junge Person - ob Mann oder Frau - reif, weise, stark und intelligent genug war, den verantwortungsvollen, schweren Posten zu übernehmen.
Vor einem Jahr war es so gewesen, als sie den damals siebzehnjährigen Ozuma zum Nachfolger des verstorbenen Thans ernannt hatte. Bis jetzt hatte niemand diese Wahl bereut, außer Ozuma selbst. Aber die Ablehnung oder Niederlegung dieses Amtes und der damit verbundenen Ehre war niemandem möglich, so wollen es die Gesetze der Màn Suatha. Und die Gesetze waren sehr streng und wurden noch strenger eingehalten. Niemand stellte sich gegen sie.
Kai, Nedrik und Anwar stellten sich im Dreieck um das Mädchen herum, das jetzt auf die Knie sank und ihren Säbel vor sich aufstellte. Erwartungsvolle Stille senkte sich über den Platz. Der Klanrat hatte längst entschieden, ob das Mädchen nun in die Reihen der Schwertheiligen eintreten würde oder ob sie warten musste bis sie reif und gut genug dafür war. Llynas und Igraine blieben stehen, während Ozuma - selbst Schwertheiliger - auf die Absolventin zu.
Er schloss die Finger um ihre Hände. Sie blickte ihn fest an. "Ich habe deinen Kampf gesehen und empfand ihn für gut. Komm heute Abend an unser Feuer und empfange die Ehrungen, die dir zustehen."
Hiromi senkte den Kopf, seine Weisung annehmend. Die Zeremonien am Abend würden sie nun entgültig zur Schwertheiligen erheben, auch wenn alle durch diese Aufforderung wussten, dass sie würdig war, ein Katana zu tragen. Ozuma drückte noch einmal ihre Finger, dann trat er zurück und sie erhob sich. Der Than wandte sich jetzt an den Klan und ihre Gäste aus Geisterblüte und Erdwind und lud alle ein, am Abend ebenfalls bei den Feuern des Festes zu feiern, zu essen und zu lachen.
Kurz darauf klang wieder Musik über den Platz, aber diesmal anders, fröhlicher und aufreizend. Sie lud nahezu zum Tanz ein. Das Fest hatte begonnen. In einer Ecke wurden weitere Feuer entzündet, über denen das Essen bereitet werden würde, sobald es soweit war. Das war das letzte Mal so richtig schmausen vor dem Winter - Samhain wurde selten so gefeiert - und damit der Zeit, in dem es oft nicht genug zu Essen gab. Verhungern würde zwar niemand, aber der Hunger selbst begleitete die Màn Suatha jedes Jahr durch die kälteste Jahreszeit.
Kai verschwand zwischen zwei Langhäusern und ging rasch auf das Tor zu. Er hasste Feste, im Gegensatz zu den meisten anderen seines Volkes, die die Geselligkeit und Ausgelassenheit, die Musik und den Tanz, das Essen und die Gespräche liebten. Kai selbst war lieber allein, er hasste es zu tanzen und noch mehr, von der Menge herumgeschoben zu werden oder dazu genötigt zu werden, sich so voll zu fressen, bis es ihm beinahe wieder oben herauskam.
Das Tor war riesig, zwei schwere Flügel aus Holz, und bildete den einzigen Weg ins Dorf von Nachtsturm. Das Dorf war wie alle anderen Suathaansiedlungen von einem hohen Palisadenzaun aus Holz umgeben. Die Spitzen der Stämme waren zugespitzt und knapp eineinhalb Meter unter ihnen zog sich ein Wehrgang entlang.
Zwei Wächter standen neben den weit geöffneten Tor und grüßten Kai, der ihnen zunickte und dann auf den Wall kletterte. Vom Wehrgang aus hatte man einen hervorragenden Blick über die Umgebung und das Dorf. Die Siedlung bestand aus sieben um Kreis angeordneten Langhäusern und jeder Menge kleinerer Hütten und Häuser.
Sie waren alle unterirdisch miteinander verbunden, typisch für suathische Dörfer. Oft konnte man im Winter kaum nach draußen, da der Schnee so hoch lag, dass die Türen eingeschneit waren. Da aber die Suatha schon immer ein sehr geselliges Volk gewesen waren und gerne in einem der zwei oder drei großen Versammlungsräumen, die in jedem Dorf zu finden waren, aufeinander hockten, bot sich die unterirdische Verbindung geradezu an.
Auch die Aufteilung der Häuser war in jedem Dorf gleich. Jeder Familie standen einige Räume zur Verfügung, der Rest gehörte dem gesamten Klan und erfüllte verschiedene Aufgaben wie Versammlungsräume, die Eingangshalle zum Haupthaus, Küche, Waffen- und Vorratsräume und diverse andere. In einem der Häuser befand sich der Viehstall.
Viele Tiere lebten nie in einem Suathadorf, und die meisten davon waren Bergziegen und -schafe. Einige langfellige Rinder, Geflügel und zehn bis zwanzig Ponys vervollständigten den Viehbestand. Natürlich gab es auch jede Menge Hunde, Katzen und Vögel, aber sie lebten unter den Menschen, darum zählte kein Suatha sie zum Vieh. Es war gar nicht so leicht, Tiere durch den schweren Winter im Nachtgesang zu bringen, es sei denn, sie waren daran gewöhnt. Tagtäglich wurde das Vieh - bis auf die Ponys, die hinter dem Dorf ihre Weiden hatten - in die Berge getrieben, sofern das Wetter dies zuließ.
Das Dorf selbst lag auf einem Hügel, in einem riesigen Talkessel des Gebirges, umgeben von Feldern und dem Bergwald, der charakteristisch für diese Gegend war. Nadel- mischte sich mit Laubbäumen, die Waldränder waren mit hohen Büschen gesäumt und der Boden mit Laub, Nüssen, Zapfen, Wurzeln und niedrigen Gewächsen bedeckt, manchmal selbst die Wege.
Nur die ,Hauptstraßen' durch den Wald, die oft benutzt wurden, waren für die Schweren Wagen befahrbar und die normalen Pfade konnten kaum mit Pferden beritten werden. Das war auch einer der Gründe, warum die Suatha Ponys bevorzugten und selbst diese nur in einer so geringer Zahl besaßen. Es war einfach nicht praktisch, sich im Nachtgesang Großpferde zu halten, auch wenn die Ponys von anderen Völkern verlacht wurden.
Auch die Ponys selbst wurden nur für längere Strecken benutzt oder wenn es schnell gehen musste. Ozuma nutzte jedes Jahr, wenn er zum Thantreffen ritt, seine Lieblingsstute. Das Treffen war immer kurz vor Alban Elued, der Herbsttagundnachtgleiche, angesetzt, mit genug Zeit für jeden Than und seine zwei oder drei Begleiter rechtzeitig zu dem Fest zu Hause zu sein.
Dieses Jahr war es anders gewesen. Und nur eine Person außer Ozuma, Dunga und Mariam - sie beide hatten den Than dieses Jahr zum Treffen begleitet, weit Kai bei Hiromi hatte bleiben wollen - wusste Bescheid, warum.
~~~~~~~Flashback~ ~ ~Anfang~~~~~~~
Kai lehnte gelangweilt mit überkreuzten Armen und geschlossenen Augen am Torpfosten und fragte sich, wie lange seine Schicht wohl noch ging. Er war zwar Schwertheiliger, aber das entband ihn nicht von der Pflicht der Krieger, regelmäßig Wache am Tor schieben zu müssen. Neben ihm lag einer seiner großen Wolfshunde auf dem Boden, die grauweiße Winterlilie und döste vor sich hin.
Kai gegenüber folgte Corvin, der die zweite Wache übernommen hatte, dem majestätischen Flug eines Adlers mit dem Blick. Es war äußerst selten, dass die Wachen am Tor wirklich gebraucht wurden, denn sie lebten nicht in Kriegszeiten; weder schlugen sich die Màn Suatha gegenseitig die Köpfe ein, noch kämpften sie gegen die Thissalier und die Norag waren zu weit weg um für sie wirklich eine Gefahr darzustellen. Dennoch nahm jeder seine Pflicht als Torhüter zumindest so ernst, dass er, wenn er Dienst hatte, diesen auch antrat, wenn auch meistens äußerst gelangweilt.
"He, Kai! Schläfst du?" Er drehte sich zu Hiromi um, die lächelnd hinter ihm stand, ihren Säbel in der Hand. Sie musste gerade von ihrem Training kommen, denn ihr Haar war feucht und sie wirkte erschöpft.
"Nein. Natürlich nicht. Was ist los?"
Ihr Lächeln verschwand und sie hockte sich neben ihm hin, den Säbel auf die Knie gelegt. "Morgen ist Alban Elued." Sie musste nichts mehr sagen, Kai verstand sie auch so, denn er wusste um ihre Sorgen. Immerhin heulte sie ihm schon seit Tagen die Ohren voll damit. Sie hatte Angst, dass Ozuma es nicht rechtzeitig zum Fest schaffte und dann fiel ihre Prüfung ins Wasser und sie musste ein weiteres Jahr warten.
"Der kommt schon.", erklärte Kai "Und wenn es erst morgen ist."
"Ich hoffe es.", murmelte sie und seufzte. "Wenn nicht, kann er etwas erleben!"
Kai konnte sich lebhaft vorstellen, wie das aussehen würde. ER wusste, dass man seine Cousine lieber nicht reizte, denn sie konnte fürchterlich explodieren und dann war man lieber nicht in ihrer Nähe.
"He, mach dir keine Sorgen, Hiromi." Corvin grinste schief. "Schau lieber zum Wald."
"Hm?" Sie richtete sich auf und schaute in die angegebene Richtung. Auch Kai folgte Corvins Blick. Am Waldrand waren einige Reiter aufgetaucht. Der Erste war eindeutig ihr von Hiromi schmerzlich vermisster Than, während zwei der anderen Dunga und Mariam sein mussten.
Aber sie waren nicht nur zu dritt, sondern da kamen acht Reiter auf das Dorf zu. Wen hatten sie mitgebracht? Es kamen eigentlich nur Thane und ihre Begleiter in Frage, weil alle anderen bei ihren Klanen sein mussten. Oder es waren eben keine Suatha, was Kai nicht glaubte. Fremde kamen selten in den Nachtgesang, vor allem nicht so weit in den Norden, denn Nachtsturms Gebiet lag an der Grenze zum Kargland.
Winterlilie sprang auf rund rannte auf die Reiter zu. Ozuma zügelte sein Pony, während sie kurz um dessen Füße herumtanzte und sich dann den andere Reitern zuwandte, ehe sie vor den Ponys herlief, die dem Dorf näher kamen. Bald erkannte Kai die Klanzeichen von Geisterblüte und Erdwind und kurz darauf auch die beiden Thane, Evan von Geisterblüte und Hal von Erdwind.
"He! Wo seid ihr geblieben?", brüllte Hiromi ihnen entgegen.
"Den Göttern zum Gruße!", rief Ozuma gutgelaunt zurück und trieb seien Stute an, dass er rasch am Tor ankam. Hiromi wurde rot und murmelte ebenfalls einen Gruß. Ozuma zügelte das Pony uns sprang aus dem Sattel.
"Warum kommt ihr so spät?", wollte Corvin wissen, nachdem er einen kurzen Gruß ausgesprochen hatte. "Und was verschafft uns die Ehre zu diesem Besuch?" Er deutete lässig mit dem Daumen auf die ankommenden Reiter und grüßte sie kurz mit einem Winken.
"Das erfahrt ihr, wenn es Zeit ist.", erklärte Hal und nickte den Wächtern und dem Mädchen zu. "Wir müssen erst selbst wissen, was geschehen soll."
"Morgen. Wartet auf die Zeremonien.", erklärte Ozuma. "Morgen Abend, nachdem wir mit allen Beteiligten gesprochen haben."
"Um was geht es?", fragte Hiromi neugierig.
"Um etwas, was du sicher nicht vermutetst. Tu mir den Gefallen und schick Charya zu uns. Wir sind im Thanzimmer."
"Warum?", wollte Kai wissen. Immerhin ging es hier um seine Mutter.
"Morgen." Ozuma drehte sich um und sagte zu den Besuchen: "Das ist Kai." Sie - vor allem die beiden Thane - musterten ihn neugierig und gründlich. Kai starrte zurück und zog skeptisch eine Augenbrauche hoch, sagte aber nichts. Er würde früh genug erfahren, wurme es ging.
"Hiromi?", erkundigte sich Ozuma etwas unsicher.
"Oh, natürlich" Das Mädchen verbeugte sich und verschwand im Dorf. Ozuma winkte die Reiter vorbei und befahl Mariam sich um alles zu kümmern. Die dunkelhaarige Schöne nickte und ritt hinter den anderen her. Kai sah den Than an und zog erneut eine Augenbraue hoch, diesmal jedoch eindeutig fragend.
Ozuma brauchte keine Worte, um ihn zu verstehen. Sie waren zusammen aufgewachsen und ausgebildet und waren am selben Tag gemeinsam zu Schwerheiligen geweiht worden, obwohl Kai ein Jahr jünger war. Am selben Tag hatte sie einen Bund fürs Leben geschlossen, waren Blutsbrüder geworden. Seitdem trugen sie jeweils das Jagdmesser des Anderen.
"Ich darf jetzt noch nicht sprechen, aber sobald wir da drin alles besprochen haben, komme ich zu dir. Es wird dich wahrscheinlich auch betreffen." Er nahm die Zügel der Stute auf und folgte den anderen. Winterlilie bellte hinter ihm her, aber Kai pfiff sie zurück, ehe sie loslaufen konnte.
~~~~~~~Flashback~ ~ ~Ende~~~~~~~
"Wusste ich doch, dass ich dich hier finde." Ozumas Stimme riss ihn aus den Gedanken.
Kai drehte sich um und blickte dem jungen Mann mit dem grauroten Haar und dem ernsten Blick entgegen. "Hn." Er konnte den Than kaum erkennen, aber das lag daran, dass das Licht schon weit abgenommen hatte. Der Himmel war nicht mehr rot vom Sonnenuntergang, sondern grau und violett, bald würde die Sonne gänzlich verschwunden sein. Kai war eine ganze Weile auf dem Wall geblieben.
Ozuma stellte sich neben ihn und ließ seinen Blick über die großartige Landschaft schweifen, die abgeernteten Felder, die Bäume und Büsche, ein grünes, im Wind wogendes Meer, den schwarzen, endlosen Himmel, an dem bereits die ersten Sterne erwachten, die zerklüfteten, steinernen Berggipfel, die ihre Kronen in den Himmel streckten und graue, zackige Löcher in das makellose Dunkelblau rissen. "Hat deine Mutter dir gesagt, was wir gestern besprochen haben?"
Überrascht sah Kai auf. War das nicht eine private Angelegenheit gewesen? Charya hatte kein Wort darüber verloren. Allerdings war sie nach dem Gespräch sehr still und nachdenklich gewesen und hatte den gesamten Abend kaum ein Wort gesprochen. "Nein."
"Dann sage ich es dir." Ozuma verstummte und blickte ihn kurz von der Seite her an. "Gordon, Than von Nebelblut, hat bei der Versammlung ein Problem angesprochen, dass wir Suatha schon seit über siebzehn Jahren vor uns herschieben."
Siebzehn Jahre? Da viel Kai auf Anhieb nu ein Ereignis ein, ein Ereignis, das durchaus mit ihm und vor allem mit Charya zu tun hatte. Er wandte sich dem Than zu.
"Ganz genau. Wir haben beschlossen, Feuermond ins Leben zurückzuholen. Und du sollst der Than werden."
Jetzt war Kai überrascht. "Ich?"
"Ja. Wir haben Charya gefragte. Sie ist einverstanden, dir als Legendenhüterin zur Seite zu stehen."
"Hn." Abrupt wandte Kai sich wieder nach vorn. Im Westen verschluckte der Horizont gerade den letzten Sonnenstrahl und ließ sie in grauschwarzer Dunkelheit zurück. Er sollte Than von Feuermond werden. Unter den Suatha war Feuermond bereits eine Legende. Nicht nur positiv, sondern auch als der Klan ,der im Massaker von Feuermond untergegangen war. Der einzige Klan, der je für einige Zeit nicht mehr existiert hatte.
Aber auch der Klan, der der Erste war, der je existiert hatte - die ersten Màn Suatha. Der Klan, der am meisten geachtet worden war. Der dem Tod zugeordnet war und dessen Wappentier der Phönix war. Und dessen Than sollte er werden? Mitglieder: zwei, er selbst und seine Mutter Charya, die Legendenhüterin? Brauchte man nicht einen vollständigen Klanrat? Oder machte man jetzt eine Ausnahme? Oder - besser noch - hatten sie einen Druiden gefunden, der die Rolle des Obersten in Feuermond übernahm?
Mit der Tatsache, Than zu werden, fand Kai sich viel zu schnell ab, wie er selbst fand. Vielleicht war es der Gedanke, dass noch nicht allzu viel Leute dem Klan angehörten, beziehungsweise angehören würden. Nur er und seine Mutter, vielleicht noch ein Druide und seine Familie. Später erst würden die anderen dazukommen, Krieger, Druiden, Handwerker. Frauen, Männer, Kinder, Alte. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass Charya immer von Feuermond gesprochen hatte, dass sie niemals aufgehört hatte, zu Feuermond zu gehören, auch wenn sie die Zeichen von Nachtsturm trug.
Kai hatte sie oft dabei erwischt, wie sie sich aus Versehen - oder mit Absicht, wer wusste das schon - die Zeichnung von Feuermond aufgetragen hatte; zwei Dreiecke auf jeder Wange. Sie hatte Kai in den Traditionen des untergegangenen Klanes erzogen. Sie unterschieden sich zwar kaum von jenen Nachtsturms, aber einige Geschichten und Lieder waren anders.
"Was muss ich tun?", fragte er.
"Komm zu den Feuern.", antwortete sein Blutsbruder und sie stiegen wieder hinunter.
"Zieh dich um, du wirst deine Festkleidung benötigen." Ozuma deutete mit dem Kinn belustigt auf Kais abgetragene Kampfausrüstung. "Außerdem wird das irgendwann kalt, oder nicht?"
Kai sah an sich hinunter und dann zu seinem Blutsbruder. Ozuma trug karierte Hosen, hochschäftige, pelzverbrämte Stiefel aus schwarzem Leder, ein weißes, weites Wollhemd, das am Hals geschnürt wurde und ihm beinahe zu den Knien reichte, und den weiten Umhang aus schwerem, karierten Wollstoff, der mit Pelz gesäumt war.
Ein breiter, schwarzer Ledergürtel mit seinem Jagdmesser und einem langen Dolch, dessen silberne Schnalle, die ein in sich verschlungenes Muster darstellte, im Sternenlicht blitzte, und eine breite, ebenfalls karierte Schärpe, an der ein weiterer Dolch befestigt war, vervollständigten seine Ausrüstung. Um den Hals trug er die lange, schwarze Eisenkette, an der das runde, schwarze Klanamulett befestigt war, auf der ein goldener Greif und einige goldene Runen zu sehen waren. In seinem Gesicht zeigten sich deutlich die Klanzeichnungen Nachtsturms.
"Ich warte, bis du wieder kommst, ehe ich die Zeremonien eröffne. Aber beeile dich."
"Natürlich, mein Than." Kai verbeugte sich spöttisch und kürzte den Weg zwischen den Häusern des Dorfes ab, während Ozuma sofort auf die feiernden Menschen zustrebte. Charya und er lebten zusammen mit Hiromi und ihren Eltern in vier Räumen im Haupthaus. Dieses riesige Gebäude war durch einen mächtigen, gehörnten Drachenschädel gekennzeichnet, der einst von Kriegern des Klans getötet worden war.
Neben diesem Schädel hingen je zwei bunte Schilde auf beiden Seiten und links und rechts der Tür staken lange Speere im Boden. Sie waren drei Meter lang und die Spitzen entsprechend groß, aber sie waren auch nie für Menschen gemacht worden, sondern für die Riesen, die die Berge bereits vor den Màn Suatha bewohnt hatten. Niemand wusste, was aus ihnen geschehen war, aber man sagte, sie seinen entweder gänzlich ausgelöscht oder - was Kai für glaubwürdiger hielt - hatten sich ins Innere des Nachtgesanggebirges zurückgezogen.
Die Speere waren mit bunten Tüchern, langen Federn und weiteren Schädeln geschmückt, Schädeln, die eindeutig von Menschen stammten. Einen davon hatte Kai gestiftet, der Schädel eines Noragfürsten. Jeder wusste, welcher Totenkopf es war, denn es war bei weitem der größte. Der Mann war über zwei Schritt groß und nur von drei Schwertheiligen zu besiegen gewesen. Zwei hatten dabei ihr Leben gelassen, während der dritte den tödlichen Schlag angebracht hatte und selbst schwer verletzt worden war.
Ein zweiter Schädel war schon beinahe so alt wie die Besatzungszeit der Thissalier und er hatte einst dem ersten thissalischen Hochkönig gedient. Auch bei diesem wusste jeder, welcher es war, denn er trug eine Rune auf der Stirn. All dieser Schmuck war auf magische Weise präpariert und dadurch vor Verwitterung und Alter geschützt. Bei den Suatha wurde vieles auf diese Weise behandelt, vor allem das Wertvolle.
Die Schädel und Beutestücke, die sich überall in den Dörfern finden ließen - nicht nur vor dem Haupthaus - erzählten alle eine ganz besondere Geschichte und hatten dadurch einen unersetzbaren Wert für ein Volk, das weder schreiben noch lesen konnte und bei dem die einzige Schrift die magischen Runen waren, die nur selten von den Druiden genutzt wurden.
Vor dem Haus lag der große Platz, in dessen Mitte die Feuer brannten. Inzwischen wehte ein verführerischer Duft von den Kochfeuern herüber, über denen einige Kessel hingen und neben denen auf heißen Steinen Fleisch gebraten wurde. Kai schlüpfte an den Feiernden vorbei in das Haus.
Der erste Raum des Haupthauses diente für den Empfang von Gästen und war dementsprechend prächtig ausgestattet. Links und rechts in den Wänden waren je zwei Türen eingelassen, gegenüber eine weitere. Der Boden war mit geflochtenen Matten ausgelegt, während sich an den Wänden eine Bank entlang zog, die mit dicken, weichen Fellen bedeckt war.
In der Mitte des Raumes war eine Feuerstelle in den Boden eingelassen, allerdings lag im Moment nur rote Glut darin, die den Raum nur spärlich erhellte und dunkle Schatten an die Decke warf, so dass Kai den Wandschmuck nicht erkennen konnte. Aber das war auch nicht nötig, er wusste, mit was die Wände bedeckt waren; mit Schädeln, Waffen, Fellen und Schilden, Dingen, die zeigten, wie reich und machtvoll Nachtsturm war.
Rasch durchquerte Kai den Raum und stieß die Tür zum Versammlungsraum auf. Dies hier war das Herzstück des Klans, eine riesige quadratische Halle, die die gesamte Breite des Haupthauses einnahem, weit mehr als das Eingangszimmer hatte. Mehrere Türen waren in die beiden sich gegenüberliegenden Wände eingelassen, ansonsten waren die Wände mit Teppichen, Fellen und Tüchern bedeckt.
Von der Decke hingen riesige Wagenräder, auf denen Kerzen befestigt waren. An Ketten konnte man sie hinaufziehen oder hinunterlassen. Es mochte zwar nicht so aussehen, aber zusammen mit dem Herdfeuer und den Kohlebecken erhellten sie den Raum hervorragend.
In der Mitte befand sich eine lange Tafel, rechts und links davon hölzerne Bänke und an den Kopfseiten zwei große, geschnitzte Hochsitze, einer für Gäste, der zweite, prächtigere für den Than. Letzterer wurde äußerst selten genutzt und zwar bei wichtigen Anlässen oder hohem und seltenem Besuch.
Rechts davon war die große Kochstelle in den Boden eingelassen und nicht weit davon entfernt befand sich die Tür, die in die Küche führte. Weitere, niedrige Tische waren im Raum verteilt, mitsamt Bänken und Stühlen. Größtenteils war der Boden mit Fellen ausgelegt und überall standen Kohlebecken.
Hier fand - zumindest im Winter und bei schlechtem Wetter - der größte Teil des Klanlebens statt. Es war auch äußerst selten, dass sich niemand hier aufhielt, so wie im Moment, aber wenn, dann war es hier so still, dass man selbst die Schritte auf den Fellen hören konnte. Kai hasste es, hier sein zu müssen, wenn die Halle voll war, aber noch mehr, wenn niemand anwesend war.
Eilig durchquerte er die Halle und stieß die Tür zu einem langen Flur auf, der beinahe das gesamte Haus durchzog. Türen und Gänge gingen rechts und links ab. Der Rest des Gebäudes bestand aus einem Gewirr kleiner Räume, die den Familien zugesprochen waren. Nur vier Zimmer waren größer; die Eingangshalle, der Versammlungsraum, die Küche und die Halle des Thans, die der Küche gegenüber lag.
Kai wohnte weit hinten im Haus, fernab vom Lärm und dem Gewusel der Menschen. Charya und ihre Schwester waren ebenfalls sehr zufrieden mit den beinahe spärlich eingerichteten Zimmern und ihrer Lage. Viel besaß kein Suatha, aber es reichte zum Leben, immer. Zwei oder drei Truhen, eine mit Fellen ausgelegte Lagerstatt, ein Regal, mehr benötigte niemand. Dementsprechend klein waren auch die Räume, kaum fünf auf fünf Schritt war das größte Zimmer der Familie, die anderen beiden, in denen sie schliefen noch kleiner.
Rasch zog Kai sich um, schlüpfte in seine Festkleidung, die der seines Blutsbruders sehr ähnlich war. Tatsächlich unterschieden sich nur die Farben und die Größe der Karos sowie die große Gürtelschnalle, bei Kai rot, Ozuma silbern. Sorgsam fuhr er noch einmal die Zeichnung des Klanes nach. Als letztes griff der Rotäugige nach seinem Katana, das immer an der Wand hing, wenn er im Dorf war. Er nahm es nur bei längeren Reisen mit. Meistens bediente er sich sowieso seines Kurzschwertes oder irgendwelcher Dolche, die er - ebenso wie jeder andere Schwertheilige - ständig mit sich herumschleppte.
Nur kurze Zeit später trat er wieder vor das Haus und sah sich auf dem Platz um. Viel war nicht zu erkennen, da alle überall herumwuselten und die Tische und Bänke kaum besetzt waren. Kein Wunder, die Musiker spielten ein schnelles Tanzlied, das alle liebten.
Charya entdeckte ihn zuerst und trat zu ihm. "Kai?" Er drehte sich zu ihr um. Sie lächelte und fuhr ihm kurz mit den Fingern durchs Haar. Sie wusste genau, wie sehr er das hasste, aber vielleicht war genau das der Grund, warum sie es immer wieder machte. In ihrem langen Kleid, das mit den silbernen Fibeln an ihren schmalen Schultern befestigt war und um die Hüften von einem breiten Gürtel gehalten wurde, sah sie überaus prächtig aus. Ihr hüftlanges, blondes Haar hatte sie im Nacken zu einem Zopf zusammengefasst und durch den Feuerschein sah es so aus, als war ihr schönes Gesicht von einem Heiligenschein umgeben.
Auch sie trug die Zeichnung Nachtsturms. Am Gürtel trug sie den langen Dolch, den sie schon als kleines Mädchen bekommen hatte. Ihre roten Augen waren klar zu erkennen und funkelten freudig. Die roten Augen hatte er von ihr geerbt, auch wenn er sonst keinerlei Ähnlichkeit mit ihr hatte. Die karmesinrote Farbe der Augen war immer ein Merkmal für Feuermonds Mitglieder gewesen und unter ihnen vererbt worden wie nichts anderes. Jetzt würde das Rot wieder zu Feuermond zurückkehren.
"Ozuma wartet dort hinten auf dich." Sie deutete auf eine Gruppe von Stühlen und Bänken, auf denen Kai seinen Blutsbruder und einige andere Leute erkennen konnte, darunter die beiden anderen Thane. Er nickte und setzte sich in Bewegung. Charya folgte ihrem Sohn. "Ozuma?", machte Kai auf sich aufmerksam.
Der Than blickte auf und nickte ihm kurz zu, ehe er sich erhob. Inzwischen trug er sein Katana; es war notwendig für die kommenden Zeremonien. "Charya, Kai, bereit?" Sie nickten. "Dann fangen wir mal an. Setzt euch."
Sie folgten der Aufforderung und ließen sich neben den Gästen, Mariam, Bran, Igraine und Llynas auf die Bänke sinken, während Ozuma den langen Stab aufnahm, der auf dem Tisch gelegen hatte. An seiner Spitze war der Schädel eines Widders befestigt, große Adlerfedern, Perlenketten und die Zähne eines Bären, außerdem einen langen Zopf aus Pferdehaar.
Ozuma gab den Musikern ein Zeichen, die beinahe sofort ihre Instrumente absetzten. Nur der Trommler wechselte den Rhythmus, so dass die Leute sehr schnell aufmerksam wurden. Nach und nach nahmen sie auf den leeren Bänken Platz und als alle saßen, trat der Than Nachtsturms an die Feuer und drehte sich um, so dass er mit seinem Klan sprechen konnte.
Ozuma wartete, bis alle still waren, ehe er die Stimme erhob. "Ich begrüße alle Anwesenden zum Fest von Alban Elued, meine Brüder und Schwestern von Nachtsturm ebenso wie unsere Gäste von Geisterblüte und Erdwind."
Ein Murmeln ging durch die Reihen, während sich die Besucher mit einer leichten Verbeugung bei Ozuma bedankten. "Am heutigen Tage werden einige denkwürdige Ereignisse vollzogen werden, jedoch übergebe ich das Wort erst an Mariam als Zeremonienmeisterin."
Ozuma trat einen Schritt beiseite, während Mariam zu ihm ging und erklärte: "Alban Elued ist das Erntefest, ein Fest der Muttergöttin, der Göttin des Lebens. Darum spreche ich den Zeremonienfrieden aus. Auf das eure Waffen in ihren Scheiden bleiben und niemand des anderen Blut vergießt. Alle mögen sicher und friedlich dieses Fest genießen dürfen. Die Götter strafen jene, die gegen diesen Frieden verstoßen." Sie warf einige Pflanzen ins Feuer, kurz aufflammten und dann verloschen. Mariam blickte noch einmal scharf in die Runde - sie war es, die für den Frieden garantierte und sie verfolgte ihre Aufgabe sehr gewissenhaft - und kehrte an ihren Platz neben Kai zurück.
Ozuma dankte ihr mit einem Kopfnicken und stieß den Stab dreimal auf den Boden, so dass die Perlen leise klackerten und der lange Zopf tanzte. "Der Frieden ist gesprochen, wehe dem, der ihn bricht. Gehen wir zum Formellen an diesem Abend über. Ich rufe Bran und Hiromi auf."
Bran erhob sich mit einem langen, in Stoff gewickeltem Bündel in der Hand und ging zu seinem Than, während das Mädchen sich irgendwo aus der Menge wühlte und sich neben ihn stellte. "Der Rat hat gesprochen.", erklärte Ozuma. "Hiromi, knie nieder, auf dass du dein Katana empfangen mögest."
Sofort folgte sie seinem Befehl und beugte vor Bran ihr Knie. Der alte Schwertheilige löste die Verschürungen an dem Stoffbündel und enthüllte ein langes, leicht gebogenes Schwert, Hiromis Katana. Die schwarze Metallscheide glänzte im Feuerschein und der Griff schien nur ein schwarzer, von weißen Schnüren durchzogener Fleck zu sein.
"Hiromi, Tochter der Chaisa, ich übergebe dir diese Waffe, die dich leiten möge in deinem Leben und dir dienen möge in deinen Kämpfen. Durch sie wirst du ein Mitglied im Kreis der Heiligen der Schwerter. Sie wird dich begleiten, bis an dein Lebensende und darüber hinaus."
Hiromi verbeugte sich tief und erhob sich wieder mit einer geschmeidigen Bewegung. Von der Seite trat ein Mädchen herbei, dass zwei Becher trug und sie Hiromi und Bran überreichte.
Ozuma trug ebenfalls ein solches Gefäß. "Ich begrüße dich in den Reihen der Schwertheiligen, Hiromi, Tochter der Chaisa." Er wandte sich dem Klan zu und hob den Becher. "Ich spreche meinen Segen über sie aus und grüße sie. Dhuwadd!"
"Dhuwadd!", antworteten die Anwesenden laut und herzlich und hoben ebenfalls den Becher um auf Hiromi zu trinken. Auch das Mädchen nippte an ihrem Gefäß, aber viel zu aufgeregt, um wirklich zu merken, was sie da trank. Kein Wunder. Vor einem Augenblick war sie zur Schwertheiligen ernannt worden. Kurz darauf kehrten sie und Bran auf ihre Plätze zurück.
"Auch wenn dies die letzte Weihe innerhalb Nachtsturms für heute war, so war es doch nicht die letzte Weihe an diesem Abend. Ich rufe Hal von Erdwind und Evan von Geisterblüte auf." Die beiden Thane erhoben sich und traten zu ihm. Ein Murmeln ging durch die Reihen. Drei Thane standen vor dem Feuer und keiner der drei würde geweiht werden. Soviel war allen klar. Drei Thane für eine Weihe brauchte man allerdings nur zur Ernennung eines anderen Thanes.
Aber...Ozuma, der Klan von Nachtsturm lebte noch. Und er wäre der Einzige, der in Frage käme, da nur der Klan Nachtsturm anwesend war. Auch hatten alle Klane ihre Thane. Was also würde geschehen? Kai bemerkte nur am Rande, dass Mariam aufstand und durch die Menge schlüpfte. Er fragte sich nicht einmal, wo sie hinwollte. Dies hier war zu wichtig und sie, die eine der Eingeweihten war, war bestimmt an der Zeremonie beteiligt.
"Bei der Thanversammlung wurde ein wichtiger Punkt angesprochen und ausdiskutiert, den wir in den letzten Jahren immer vor uns hergeschoben haben. Zu Anfang haben sich viele darüber beschwert, dass sich niemand darum gekümmert hat, aber nun haben die meisten vergessen, was vor siebzehn Jahren geschah."
Das Murmeln wurde lauter. Kai konnte hin und wieder das Wort ,Feuermond' fallen hören und jedes Mal wurde das Kribbeln in seinem Bauch stärker. Er wusste nicht, was genau er fühlte, aber es war seltsam. Hoffentlich war das schnell vorbei. Er hatte es nicht gerne, wenn etwa geschah, was er weder kontrollieren konnte noch wusste, um was es sich handelte. Er hatte gern alles unter Kontrolle, vor allem, was ihn selbst betraf.
"Ich weiß, dass der Thanrat sich lange Zeit gelassen hat, mit der Lösung dieses Problems, aber Gordon von Nebelblut sprach uns dieses Mal darauf an und schwieg dann nicht mehr. Wir kamen zu der Entscheidung, dass Feuermond wieder auferstehen soll. Charya ist die Legendenhüterin. Charya, Tochter der Charana, ich rufe dich zu uns." Die schöne, blonde Frau erhob sich und schritt stolz zu den drei Thanen.
"Nimmst du die Entscheidung an?", fragte Ozuma.
Charya nickte. "Ja."
Jetzt trat Hal vor. "Nimmst du die Entscheidung an?", fragte auch er und wieder nickte sie. "Ja."
Auch Evan stellte die selbe Frage: "Nimmst du die Entscheidung an?"
"Ja."
"Dann geh und verlasse den Klan Nachtsturm.", fuhr Ozuma fort. Das ,geh' war nicht wörtlich gemeint, sondern eher symbolhaft. Sie würde nirgends hingehen, zumindest nicht physisch, eher psychisch.
Der junge Schwertheilige nahm von Mariam, die neben ihn getreten war, eine Schale mit Wasser und ein Tuch. Er taucht es in den Napf und entfernte sorgsam die Klanzeichnung aus Charyas Gesicht. Jetzt gehörte sie keinem Klan an. Ozuma stellte die Wasserschüssel neben dem Feuer auf den Boden, während Hal von Mariam etwas entgegennahm, das aussah wie ein Stück angespitzter Holzkohle.
Natürlich wussten es alle Anwesenden besser, denn jeder von ihnen nutzte es oft, wenn nicht sogar täglich. Es war ein Stück der weichen, blauen Kreide, mit denen sie die Zeichnungen auftrugen. Hal übernahm das diesmal für Charya und zeichnete ihr sorgfältig und geschickt vier Dreiecke ins Gesicht, zwei auf jeder Wange. Charya hielt still, aber sie blinzelte mehrmals und Kai wusste, dass sie Tränen unterdrücken musste.
Sie schien so glücklich. Glücklicher als er sie je gesehen hatte. Ihre Augen strahlten und ihr ganzer Körper schien gestraffter, aufgerichteter, stärker als vorher. Sie kehrte in ihren Klan zurück, in den Klan, der vernichtet worden war und den sie so vermisst hatte.
Kai fragte sich, was er wohl fühlen würde. Er war nicht Charya. Er war innerhalb Nachtsturms aufgewachsen und doch hatte er immer außerhalb des Klans gestanden. Nicht, weil man ihn nicht aufgenommen hatte, sondern weil Charya von Feuermond war - und sie ihn auch so erzog, wenn auch unabsichtlich und unbewusst.
"Charya, Tochter der Charana, sei Feuermond eine weise und bedachte Legendenhüterin und vergesse niemals die Vergangenheit und die Geschichten.", ermahnte Evan sie. Charya verbeugte sich tief vor den dreien und trat zurück.
Jeder wusste, was jetzt kam. Der Than. Wer würde der Than sein? Wenn die Weihen hier abgehalten wurden ohne das jemand zusätzlich kam, musste es einer der Anwesenden sein. Kai drängte sich in diesem Moment eine ganz andere Frage auf. Wer würde der Oberste Druide werden? Oder wollten sie damit noch warten?
"Ich rufe Kai, Sohn der Charya, zu uns." Kai folgte dem Geheiß und trat zu Ozuma. "Kai, auf der Versammlung berief man dich zum Than. Nimmst du die Entscheidung an?"
Der Angesprochene atmete tief durch. Plötzlich erschien ihm alles riesengroß. Die Tatsache, Nachtsturm zu verlassen. Die Tatsache, Feuermonds Than zu werden. Zu groß. Er konnte nicht ,Ja' sagen. Aber dann sah er seine Mutter an, die ihn mit all ihrer Liebe anlächelte und er sagte: "Ja."
Hal stellte die Frage ein zweites und Evan schließlich ein drittes Mal. Und er sagte immer "Ja." Nachdem er es zum dritten Mal wiederholt hatte, wusste er, dass sich alles verändern würde. Und er würde nie wieder umkehren können, nie konnte er die Entscheidung rückgängig machen.
"Dann geh und verlasse Nachtsturm." Ozuma nahm das feuchte Tuch und entfernte auch ihm die Zeichnung. Der Than war nicht besonders sanft, aber Kai merkte es kaum. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, seinen Atem ruhig zu halten. Er wusste nicht warum, aber plötzlich fiel ihm das Luftholen schwer. Ihm war schwindlig und sein Gefühl sagte ihm, er solle wegrennen und nicht zulassen, was ihm geschah, aber sein Stolz ließ es nicht zu.
War es nicht eine Ehre, Than zu werden? War es nicht eine Ehre, Mitglied von Feuermond zu sein und noch dazu ein so wichtiges? Sein Blutsbruder zog erstaunt die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Dann war alles vorbei und Ozuma nahm den Lappen wieder herunter.
Charya trat zu ihm und nahm von Hal die Kreide entgegen. Ihre Finger waren sicher und sie zitterte nicht, als sie begann, die vier blauen Dreiecke aufzutragen. Sie war geübt darin, immer noch. Ihr Blick war fest und offen, als sie den ihres Sohnes suchte, aber Kai sah sie nicht.
Kai sah Flammen und Dunkelheit um sich herum, roch den Geruch von Verbranntem und Feuer, von Tod und Verwesung und er hörte einen lauten, melodischen Ruf und obwohl er ihn noch nie gehört hatte, wusste er, dass es der Ruf des Phönixes war. Der Phönix, das Klantier von Feuermond, das Sinnbild von Tod und Auferstehung, rot wie die Flammen und das Banner des Klanes und das Tier des Wolfsmondes. Der Phönix rief ihn Willkommen, begrüßte ihn als neu ernannter Than des neu erwachenden Klanes.
Kai blinzelte und sah wieder klar das Gesicht seiner Mutter vor sich. Schließlich trat sie zurück. "Sei stolz und stark, mein Sohn.", flüsterte sie.
"Kai, Sohn der Charya, sei Feuermond ein starker und kluger Than und vergesse niemals deine Verantwortung und deine Pflichten." Evan trat vor, eine Kette in den Händen. Sie war aus dem dunkelrotem Gold, das man nur im Roten König - einem Berg - finden konnte und an ihr hing ein rundes Amulett aus dem selben Metall. Auf diesem Amulett waren ein goldener Phönix und einige Runen zu sehen. Kai verbeugte sich und ließ sich die Kette, das Zeichen des Thans, umhängen.
Ozuma bedeutete ihm unauffällig, sich neben seine Mutter zu stellen, und er kam dieser Aufforderung nach. Der Than von Nachtsturm wandte sich wieder den versammelten Suatha zu, die in stiller Ehrfurcht zugesehen hatten. "Feuermond hat wieder einen Than. Feuermond ist zurück! Begrüßen wir Feuermond." Er hob seinen Becher. "Dhuwadd!"
"Dhuwadd!", scholl die Antwort laut durch das Dorf und alle tranken auf Feuermond.
Ozuma nickte, aber diesmal war es Hal, der weitersprach. "Alle wissen, das ein Klanrat drei Personen hat. Ich rufe Tanor, Sohn des Targor." Überrascht blickte Kai auf. Anscheinend war das schon geplant. Tanor war Chaisas Mann, sein Onkel und der Vater von Hiromi. Rasch trat er vor die drei - vier - Thane.
Er war ein kein großer Mann, aber gedungen, muskulös und kräftig und er bewegte sich mit der Balance eines Kriegers, obwohl er ein sehr fähiger Druide war und keinesfalls viel auf Kampfkunst gab. Sein Gesicht war streng, aber gütig und seine Augen so dunkel, dass sie wie schwarze Löcher erschienen, besonders jetzt, da kein Tageslicht herrschte. Die blaue Zeichnung ließ es irgendwie wilder erscheinen, als es tatsächlich war und er wirkte mehr als nur fest entschlossen.
Aus irgendeinem Grund war Kai froh, dass dieser Mann der Oberste Druide Feuermonds werden würde, denn er war wahrlich geeignet dafür - und außerdem Kais Onkel. Sie verstanden sich gut, oft hatte Tanor ihm den Vater ersetzt, den er nie gehabt hatte.
Statt der Kleidung der Krieger trug er eine lange Robe, die um die Hüfte von einem schweren Gurt gehalten wurde, doch darunter schauten seine Beine in karierten Hosen heraus und die Füße mit den Lederschuhen. Sein Umhang wurde von einer silbernen Fibel gehalten und um den Hals trug er eine Kette aus Holzperlen. Er trat vor die Thane, die ihn dreimal fragten, ob er die Entscheidung annahm, und er sagte dreimal ,Ja'.
Dann wischte Ozuma ihm die Zeichnung aus dem Gesicht, während Charya Kai die blaue Kreide in die Hand drückte. "Du bist dran."
Kai trat vor und vollzog seine erste Handlung als Than von Feuermond, indem er seinen Onkel Tanor zum Höchsten Druiden von Feuermond ernannte. An diesem Abend wechselten noch zwei weitere Personen den Klan: Chaisa und Hiromi. Auch das schien alles schon abgesprochen zu sein, aber Kai war nicht böse, dass es hinter seinem Rücken geschehen war.
Aber wenn demnächst solche Sachen wieder über seinen Kopf hinweg geregelt werden würden, würde er das nicht mehr dulden. Immerhin war er jetzt Than von Feuermond. Er hatte Pflichten, Verantwortung und Bindungen und er nahm sich vor, alles zu erfüllen.
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Noch 'ne Erklärung zum Prolog bzw. zur Geschichte im Allgemeinen:
Ihr fragt euch vielleicht, warum ich den Prolog Phönixasche genannt habe. Das hat den einfachen Grund, weil das Klantier(Totemtier) von Feuermond der Phönix ist. Ich habe jedem Klan einige bestimmte Dinge zugeordnet(Tier, Farbe, Element, Eigenschaft). Das habe ich in diesem Kapitel auch erwähnt, denke ich, vielleicht hat es sich jemand gemerkt.
Die Charabeschreibungen kommen dann später. Wenn ich sie habe. *drop* Jedenfalls versuche ich, sie auf den neuesten Stand zu bringen. v.v
Also, ich bitte um ein paar Kommis(He, beim letzten haben sich die Schreiber verdreifacht, können wir das nicht so halten? *g*) und vor allem konstruktive Kritik.
Bye
Silberwölfin
Empfang
Titel: Feuermond
Teil: 5/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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Das Kapitel habe ich schneller fertig bekommen als die anderen. ^.^ Ich habe zu meiner Schande festgestellt, dass ich nur ein Kapitel pro Monat hochgeladen habe und da will ich jetzt halbieren. Ob das klappt, weiß ich nicht(ehrlich gesagt, ich glaub's auch nicht, dass ich's schaffe), aber ich werd's auf jeden Fall probieren.
Mit diesem Kapitel bin ich auf der einen Seite nicht so zufrieden, vor allem nicht mit dem Mittelteil, auf der anderen Seite gefällt es mir. Ich weiß noch nicht, in welchem Maße ich es ändern will oder werde, aber einen Teil werd ich wohl doch noch umschreiben.
Weil ich der Meinung bin, dass in Beyblade die Mädchen zu kurz kommen, hab ich bei den Sheyai Mao sozusagen die 'führende' Rolle zugeschoben. Das heißt, ich schreibe Sheyai-Passagen aus ihrer Sicht, nicht aus Reis oder so.
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@ are: Du musstest sogar zu so dratischen Mitteln greifen und die Charabeschreibungen kopieren? Oh je, und es kommen noch mehr...
Nein, es ist kein Zufall, dass das Suathisch ans Gälische angelehnt ist, ich habe doch gesagt, das sind die Kelten von Adieneira. Ich setzte jetzt einfach mal voraus, dass du weißt, dass die Schotten, Iren, Waliser und Betronen von den Kelten abstammen.
Das war kein Tanz, das war ein Kampf. Zumindest eine Waffenübung. Egal, es ist zu lang geworden.
Klar wird Kai ein guter Than sein, vor allem, weil sein Klan bis jetzt nur aus seiner Familie besteht. *drop*
Oo Ich soll Kai eine Frau verpassen?! Nee, du, das arme Ding müsste ganz schön leiden. Außerdem hab ich nicht die Zeit dafür, der Zeitraum der Story wird höchstens ein Jahr sein.
@ Sesshi-chan: Schön, dass dir Feuermond auch gefällt. ^------^ Öhm, ja, so kompliziert, dass selbst ich manchmal nicht mehr durchblicke. @.@ Darum hab ich mir auch alles aufgeschrieben, damit am Ende doch was richtiges rauskommt.
Die Weihen wurden im Einfluss des Zeremonien-Abends geschrieben. XD Das war so richtig schön stimmungsvoll. Allzuviel Mitglieder wird Feuermond nicht bekommen, aber es kommen noch ein paar dazu.
Kai und Yuriy treffen sich frühestens im 9. Kapitel. Ich bitte deswegen um ein bisschen Geduld. XD
Charas tauchen noch sehr viele auf.
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Pairings
Ich hab ganz am Anfang gesagt, dass ich noch mehr Pairings reinbringe, und jetzt hab ich mir sogar überlegt, welche. Inwieweit ich auf jedes Pairing eingehe und ob alle davon wirklich rüberkommen, weiß ich noch nicht.
Yuriy x Kai <--- mein Hauptpairing, hab ich ja schon gesagt
Rei x Mao <--- besteht bereits und die zwei sind total ineinander verschossen, also werde ich sie nicht auseinander reißen
Takao x Hiromi
Lai x Salima
Bryan x Jonny
Mingming x Gailanna(<- das ist Yuriys ältere Schwester, 'n OC, ich hoffe, ihr habt nix dagegen)
Wenn irgendwer noch ein Pairing drin haben will und ich noch keine der Personen verplant habe, könnt ihr euch ruhig melden, okay? Ich bin für jeden Vorschlag offen. In Feuermond tauchen die meisten Blader auf, also tut euch keinen Zwang an.
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Empfang
Mao war schlecht. Das stetige Schaukeln der Sänfte brachte sie fast um. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie sie die Reise von der Stadt des Himmels bis hierher geschafft hatte. Tausende Meilen hatten sie zurückgelegt von der Krone des Himmels bis zu dem Hafen in Symanien, von dem aus sie mit dem Schiff weiter bis zu Serals Hafen in Thissalia gefahren waren.
Leider hatten die Schiffe in Sachen Schaukeln den Sänften an nichts nachgestanden. Auf der Fahrt durch den Golf von Venera war ihr es gleichfalls nicht gutgegangen, nein, eher im Gegenteil, noch schlechter.
Vielleicht konnte sie die Karawanenführer auf dem Rückweg dazu überreden, den gesamten Weg zu Land zurückzulegen und ihr ein Pferd zur Verfügung zu stellen. Noch einmal würde sie die Reise in der Sänfte und auf dem Schiff nicht überstehen.
Käseweiß im Gesicht hing sie in den Kissen und beneidete ihren Bruder und ihren Verlobten um die Möglichkeit, reiten zu dürfen. Ihr hatte man es verboten, weil sie eine Frau war, und stattdessen hatte man sie in eine der Sänften verfrachtet. Auch die anderen hochrangigen Frauen, die die sheyaianische Abordnung begleiteten, hatten ihren Platz in den zahlreichen Sänften gefunden, ebenso wie viele der bedeutenden Männer.
Die Tatsache, dass Mao bei Ankunft in Rhiawen sicher ein schlechteres Bild bieten würde, als wenn sie ritt, hatte man einfach ignoriert. Auf der Reise hatte sie versucht, sich mit Büchern oder Musik oder Gesprächen abzulenken, sie hatte sich sogar zu Mingming gesetzt, aber viel hatte es nicht genutzt. Und dass sie sich mit der türkishaarigen, eitlen Sängerin und Hofdame abgegeben hatte, hatte einiges zu bedeuten.
Sonst gingen sie und Mingming sich so weit wie möglich aus dem Weg. Sie waren einfach zu verschieden. Während Mingming sehr auf Äußerlichkeiten bedacht war, ihr Aussehen und ihren Ruf mehr pflegte als alles andere - bis auf ihre, zugegeben, wunderschöne Stimme - und für Macht und Reichtum ihre Seele verkaufen würde, war Mao eher, und das zum Ärger ihrer Familie, ein burschikoses, dreistes Mädchen, dem der Übermut und die Keckheit aus den goldenen Augen sprang.
Als kleines Mädchen war Mao lieber hinter ihrem älteren Bruder und ihrem Verlobten hergelaufen als brav bei ihrer Mutter zu bleiben und zu lernen, was eine gute Ehefrau alles wissen musste. Nur bei wenigen dieser Lektionen hatte das pinkhaarige Mädchen aufmerksam zugehört und diese hatten nicht zu den bevorzugten ihrer Mutter gehört.
Mao wusste nicht, wie und wo Mingming aufgewachsen war, aber sie glaubte nicht, dass die Sängerin wie sie selbst lieber auf Bäume oder Felsen geklettert war, statt sticken und singen zu lernen. Kein Wunder, dass sie sich nicht gut verstanden. Trotzdem waren beide auf dieser eintönigen Reise nicht abgeneigt gewesen, sich gegenseitig Gesellschaft zu leisten.
Immerhin hatte Rei seiner Verlobten am Vortag gesagt, dass sie heute gegen Mittag endlich Rhiawen erreichen würden. Sie war ihm unendlich dankbar um den Hals gefallen. Jetzt zählte sie die Minuten und schob - entgegengesetzt ihres sonstigen Verhaltens - immer wieder die Vorhänge an den Fenstern ihrer Sänfte zur Seite um hinauszusehen.
Die zauberhafte Landschaft veränderte sich nur langsam, aber dafür auch deutlich. Die sanften Hügel, die ihren Weg von Serals Hafen begleitet hatten und zwischen denen versteckt Dörfer, Felder, Weiden, Wälder und sogar große, prächtige Herrenhäuser lagen, wurden niedriger und öffneten sich schließlich zu der Tiefebene des Yaivor, die sich entlang des Flusses quer durch das westliche Thissalia südlich des Nachtgesangs zog.
Diese Hügel hatten Mao vom aller ersten Augenblick in Thissalia fasziniert. Man brauchte nur einige Meter weit zu gehen und schon verschwand man aus dem Blickfeld der Leute, mit denen man gereist war. Man verschwand einfach hinter dem nächsten Hügel. So tauchten plötzlich vor ihnen Dörfer auf, Felder, Weiden, auf denen jede Menge Tiere grasten. Und sie hatten es erst gemerkt, als sie schon beinahe darin gestanden hatten! Jedes Mal! Das war einfach verrückt.
Noch dazu lieferte so gut wie jede Stelle einen hervorragenden Platz für einen Überfall. Glücklicherweise war auf der gesamten Reise durch die Hügellandschaft nichts geschehen. Anscheinend räumten die Soldaten Thissalias sehr gut auf oder die Wegelagerer hatten entschieden, die Gesandtschaft aus Sheyai sei eine zu große Beute für sie.
Kein Wunder, begleiteten doch über Hundert sheyaianische Soldaten den Tross, dazu die persönlichen Leibgarden diverser Fürsten und Damen und die gut ausgebildeten Edelleute des Himmelsreiches, die weit über ihre Grenzen hin für ihre hervorragende Kampfkunst bekannt waren.
Mao fürchtete keinen Überfall, denn sie wusste, dass sie sich ihrer Haut erwehren konnte. Jede sheyaianische Dame aus hoher Familie wurde in Kampfkunst unterrichtet. Zumindest sollte es so sein, es war eine uralte Tradition. Man hatte damit nachgelassen, wusste Mao, denn ein zartes, weiches Mädchen war auch den Sheyai lieber, nicht nur den Thissaliern.
Für Mao war es ein Segen, dass weder ihr Vater noch ihre konservative Mutter so dachten, denn die Kampfkunst war eine ihrer liebsten Beschäftigungen an langen, eintönigen Nachmittagen.
Nach Osten hin erstreckte sich die Ebene von Llathwen, die sich direkt an die Tiefebene anschloss. Sie zog sich südlich des Nachtgesangs hin bis zum Rajanënis, einem Fluss, der im Nachtgesang entsprang und nach Süden floss, durch Thissalia und Symanien, den See Saleenas bis hinunter zum Meer. Aber Mao wusste das nur aus ihren Büchern, die sie - in Ermangelung von anderer Lektüre - auf der Reise regelrecht verschlungen hatte.
Normalerweise war sie nicht die große Leserin, aber wenn sie etwas las, vergaß sie es nur selten. Sehen würde sie die Llathwenebene nur, wenn der thissalische Hochkönig für sie einen Ausflug dorthin plante. Immerhin war es seine Pflicht, die Begleitung der Abgesandten aus Sheyai und Shinazu zu beschäftigen, während die Diplomaten über den Friedensvertrag diskutierten. Das würde Monate brauchen, wusste Mao, und in dieser Zeit mussten die hochrangigen Begleiter der Gesandten beschäftigt werden.
Diese Begleiter waren immerhin die Garantie für den Waffenstillstand zwischen den beiden Parteien. Beide Länder schickten ihre Diplomaten mit einem Gefolge von Edelleuten, die nicht ernsthaft an einen Kampf mit Waffen denken würden. Niemand würde einen Mord, einen Überfall oder einen offenen Kampf riskieren, wenn er wusste, dass er selbst wehrlose, verletzliche Leute zu schützen hatte.
Mao gehörte zwar nicht dazu, aber sie wusste, dass das auf viele Leute - Männer wie Frauen - in der sheyaianischen Gefolgschaft zutraf. Diese Leute hatten die Gesandten nicht nur aus Spaß begleitet, sondern zeigten dem Gegner und auch Thissalia, dass von dem anderen Land keine Gefahr ausging.
Auch jetzt war da draußen in der Landschaft keine große Veränderung zu erkennen. Seufzend lehnte Mao sich zurück und schloss die Augen. Durch das Hämmern ihres Kopfes, das sie schon auf der gesamten Reise begleitete, wann immer sich die Sänften in Bewegung gesetzt hatten, konnte sie die Geräusche der Karawane vernehmen. Das Schnauben der Pferde, das helle Klacken ihrer Hufe auf dem Stein der befestigten Straße, das Klirren der Waffen und Rüstungen der Soldaten, deren laute Stimmen, das Geflüster und Getuschel der anderen Adligen, die zu Pferde oder wie sie in einer von Pferden getragenen Sänfte reisten, das Knarren der Wagen, die ihr Gepäck geladen hatten und das von Sattelleder.
Ihre Ohren waren dank ihrer Abstammung schärfer als die normaler Menschen, aber manchmal wünschte sie sich, es wäre nicht so. Der Lärm außerhalb ihrer Sänfte verstärkte nur noch den Druck hinter ihrer Stirn und am liebsten würde sie den Kopf gegen die hölzernen Seitenwände ihres Gefängnisses schlagen. Aber sie ließ es besser bleiben, sonst machten Lai oder Rei sich noch Sorgen um sie. Um nichts in der Welt würde sie ihrem Bruder oder gar ihrem geliebten Verlobten absichtlich Sorge bereiten.
"Mao!" Reis sanfte Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie hob den Kopf und schob den Vorhang rechts von ihr zur Seite. Neben ihrer Sänfte ließ der junge Mann, dem sie schon seit ihrer Geburt versprochen war und den sie nur unwesentlich kürzer liebte, sein Pferd mit schwungvollen Schritten traben.
Rei saß lässig auf dem Rücken des prachtvollen Tieres, gekleidet in Seide und feines Leinen, einen weiten, gegürteten Mantel aus Fell um die Schultern. Es war doch schon recht kühl hier in Thissalia, vor allem für eher an Hitze gewöhnte Sheyai. Sein langer, schwarzer Zopf tanzte bei jedem Schritt des Pferdes und sein Pony, dass sein katzenhaftes Gesicht umrahmte, wippte ebenfalls mit. An der Seite trug er ein kurzes, gekrümmtes Schwert, weitere Waffen hingen am Geschirr seines Pferdes und in der Hand hielt er eine mit roten Puscheln geschmückte Lanze.
Rei stammte aus dem gleichen Volk wie sie, sie kamen auch aus der selben Gegend, den Kean-Shan-Wäldern. Die Verbindung von ihnen beiden sollte das Bündnis zwischen den beiden eins verfeindeten Neko-jinsippen stärken.
"Was ist?", fragte sie und fragte sich, wie er nur so verboten gut aussehen konnte.
"Schau!" Er deutete nach Westen. "Rhiawen!"
"Was?!" Sie fuhr auf und krachte mit dem Kopf gegen den Fensterrahmen ihrer Sänfte, aber das störte sie nicht. Nicht jetzt, wo sie vor sich, die Stadt sehen konnte, die ihr Ziel war. Eine riesige Fläche voller Häuser und Bauten, davor die Zelte und Wagen eines Jahrmarktes, weiter im Osten lag der Blaue Palast und über allem erhob sich Thuan Rhiawen.
Der Anblick der Weltstadt verschlug Mao den Atem. Die Stadt des Himmels, auch die Verbotene Stadt genannt, war kein Ort, in dem sich alle Welt traf, in die Händler und Fahrende kamen und Bauern von weit her, die ihre Waren verkaufen wollten.
Die Verbotene Stadt war, wie der Name schon sagte, abgeschnitten von der Welt. Ausländer durften sie nicht betreten, nicht einmal um den Kaiser zu sprechen; Bedienstete und Bauern, die dort lebten, verließen sie niemals; für Adlige war es eine besondere Ehre, dorthin eingeladen zu werden.
Selbst Ishainu, die Hauptstadt Shinazus, war besser besucht als die Stadt des Himmels. Rhiawen aber war ungleich größer und bedeutender als Ishainu und das erkannte man auf den ersten Blick. Zwar war Mao nie in Shinazu, geschweige denn in Ishainu gewesen, aber auch sie sah es.
Rhiawen war wahrlich eine prächtige Stadt. Sie wusste, sie hätte begeistert, ergriffen, ehrfürchtig sein sollen und im ersten Augenblick war sie das auch, aber das verflog schnell. Im Moment war sie nur erleichtert, endlich das Ziel der langen, qualvollen Reise erreicht zu haben.
Mit einem freudigen Seufzen ließ sie sich in ihre Kissen zurücksinken und ließ sich bis zu den Toren des Blauen Palastes schaukeln. Da die sheyaianische Karawane nicht den Weg durch die Stadt direkt nahm, sonder außerhalb der Mauern entlang zog, begegneten sie relativ wenigen Menschen.
Doch die Straßen waren trotzdem voll und die Stimmen so laut und so durcheinander, dass Mao kein einziges Wort verstand. Zwar sprach sie - wie die meisten sheyaianischen Adligen - fließend die Sprache des Landes, aber trotzdem... es redeten einfach zu viele Leute aufeinander ein. Außerdem interessierte sie nicht, was das Volk von Thissalia über sie zu sagen hatte.
An den Toren des Palastes wurden sie nicht aufgehalten. Man ließ sie sofort passieren. Mao hatte nichts anderes erwartet. Immerhin waren sie eine offizielle Abordnung Sheyais! Man erwartete sie auf einem großen Hof am Fuße eines riesigen, schlanken Turmes aus blauem Stein. Alles schien hier aus diesem blauen Stein gebaut zu sein. Das war wohl der Grund, warum die Bauten den Namen ,Blauer Palast' trugen.
Rei half ihr aus ihrer Sänfte und sie war wahrlich froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren und hätte es der Anstand nicht verboten, hätte sie sich von Rei tragen lassen, so wackelig fühlten sich ihre Beine an. Aber sie riss sich zusammen und hackte sich nur bei ihrem Verlobten unter wie es die Etikette wollte.
"Geht es dir besser?", fragte Rei besorgt, während er starr den kleinen, dicken Mann an der Treppe im Blick hielt, der sie eben mit umständlichen Worten begrüßte.
"Ja. Viel besser. Vor allem, da ich weiß, dass ich nicht mehr so schnell in das blöde Ding steigen muss! Wo ist Lai?"
"Hier, Schwester." Sie drehte den Kopf nach links, wo gerade ihr Bruder auftauchte. Er war ähnlich ausstaffiert wie Rei und sein langes, schwarzes Haar hatte er mit einem breiten Band im Nacken zusammengefasst, so dass es bei jedem Schritt um seine Hüften wallte.
"Lai, versprich mir, mir für den Rückweg ein Pferd zu besorgen. Ich werde nie wieder in so ein Ding steigen!"
"Mao. Du weißt, dass das nicht geht."
"Aber ich werde es trotzdem tun! Wer hat diese blöde Regel aufgestellt, dass Frauen nicht reiten dürfen?!"
Lai hob hilflos die Schultern und wechselte einen raschen Blick mit Rei, ehe er von dem Thissalier unterbrochen wurde, der an der Treppe stand und eben verkündete, man würde sie auf ihre Gemächer führen. Erleichtert winkte Lai seine Schwester und ihren Verlobten vorbei, glücklich über die Ablenkung.
"Mao, wie wäre es, wenn du dich erst einmal ausruhen würdest? Ich denke, hier im Palast werden wir mehr als zufrieden gestellt werden."
"Lai! Schieb mich nicht einfach so ab!"
Rei zog sie unerbittlich weiter und sie musste ihm folgen, wenn sie nicht gezogen werden wollte. "Mao, können wir das nicht später bereden? Ich finde, dein Bruder hat Recht. Wir haben viel Zeit bis zur Rückkehr.", redete er auf sie ein, aber Mao beachtete ihn nicht und rief über die Schulter zurück: "Lai, wir sprechen uns noch!"
Lai ignorierte sie unverschämterweise und sie ließ sich von Rei mitziehen.
"Takao, hast du gesehen?"
"Was?"
Max blieb verdutzt stehen und starrte den dunkelhaarigen Jungen an. Sie befanden sich auf einem der kleinen Übungshöfen, die im ganzen Palast zu finden waren und wo Platz genug für Waffenübungen war. Takao befand sich jeden Tag mehrere Stunden auf einem solchen Hof und fuchtelte mit seinem Schwert herum.
Max hatte der Kampfkunst noch nie besonders viel abgewinnen können, aber er respektierte Takaos Verlangen danach. Genauso wie dieser ihn bei seinen Magierstudien alleine ließ und nicht störte. In manchen Dingen waren die beiden Freunde grundverschieden.
"Also, was?" Takao ließ sein Katana sinken und erhob sich aus der geduckten Kampfstellung. Max blinzelte und fragte sich, wie das Ereignis an seinem Freund hatte vorbeigehen können ohne das dieser etwas gemerkt hatte. Takao war doch sonst so neugierig und der, der immer als erstes bescheid wusste. Diesmal schien er aber so sehr auf seine Kampfübungen konzentriert zu sein, dass er gar nichts mitbekommen hatte.
"Die Sheyai sind da!", erklärte Max und deutete aufgeregt in die Richtung, in die er die Reisegesellschaft aus ihrem Feindesland vermutete. Vermutete deswegen, weil sich noch keiner der beiden so gut im Palast auskannte, dass er wusste, wo welche Himmelsrichtung lag ohne die Sonne zu sehen. Ishainus Palast war ebenso verwirrend aufgebaut, wenn nicht noch verwirrender, aber Ishainus Herrscherhaus kannten sie. Den Blauen Palast nicht.
"Echt? Na endlich!", freute sich Takao und hüpfte auf und ab. Sie befanden sich schon fünf Tage in Rhiawen und dass hatte an Takaos Nerven gezerrt. Für ihn gab es hier nichts interessantes zu tun und Hitoshi hatte ihnen verboten, allein in die Stadt zu gehen. Auch wenn Takao sich nicht gerne an die Gebote seines Bruders hielt und sie nicht selten auch übertrat, dieses hier übertrat er nicht.
Rhiawen war keine Stadt wie Ishainu, in der man kurz durch die Straßen spazieren konnte. Takao hatte seinen Bruder und seinen Großvater zwar beinahe angefleht, ihn in die Stadt gehen zu lassen oder mitzukommen, aber die beiden hatten beides ausgeschlagen. Und auch sonst hatte sich niemand bereit erklärt, sie zu begleiten.
"Dazu ist später noch Zeit.", hatte Hitoshi gesagt und er hatte zweifellos recht. Sie würden den ganzen Winter über in Rhiawen bleiben. Warum sich die Stadt schon in den ersten Tagen anschauen? Sie hatten später Zeit genug.
Max hatte die letzten Tagen in der Gesellschaft von Olivier verbracht. Der junge LesDemondes war ein sehr angenehmer Gesprächspartner, aber er verbarg seine wahren Gedanken geschickt hinter einem Lächeln. Trotzdem wusste Max, dass der junge Magier ihn mochte und das beruhte auf Gegenseitigkeit.
Olivier hatte ihm angeboten, ihn im später einmal - wenn sie Zeit hatten - auf den Familiensitz der LesDemondes zu begleiten, zusammen mit seiner Mutter. Judy wie Max hatten begeistert zugesagt. Max wollte schon immer einmal die Familie seiner Mutter kennen lernen und wo konnte er das besser, als auf deren Besitz?
"Wo sind die?" Takao riss ihn aus seinen Gedanken.
Er zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Sie werden wahrscheinlich direkt zu ihren Zimmern gebracht. Morgen werden wir offiziell vom Hochkönig begrüßt werden. Dann werden die Verhandlungen beginnen."
"Endlich!"
"Sag mal, Takao, bereust du es schon, dass du mitgekommen bist?"
"Öh...natürlich nicht! Ich will aber nicht mehr hier herumsitzen, sondern Rhiawen sehen! Und den Rest von Thissalia!"
"Kleiner Drache, das braucht noch einige Zeit.", unterbrach Takerus Stimme vom Eingang her.
"Ojiisan!", rief Takao erfreut aus und lief seinem Großvater entgegen. "Was ist los? Warum bist du hier?"
"Nichts. Darf ich nicht einmal mehr meinem Enkel bei den Waffenübungen zusehen?"
Der Langhaarige verzog das Gesicht. "Wie kommt es nur, dass ich nicht glaube, dass es beim Zuschauen bleiben wird?"
Takeru klopfte ihm auf die Schulter. "Weil du noch viel lernen musst, mein Junge, um ein guter Samurai zu sein. Aber jetzt ein anderes Thema. Morgen Abend wird man uns offiziell in Thissalia und Rhiawen begrüßen. Ich möchte, dass ihr eure beste Kleidung anzieht und euch anständig betragt. Ich erwarte höchste Selbstbeherrschung von euch, insbesondere von dir, Takao, und werdet nicht ungeduldig. Das wirft ein schlechtes Licht auf uns."
Takao senkte schuldbewusst den Kopf. "Ja, Ojiisan." Er erinnerte sich noch gut genug das letzte Desaster. Ein relativ kleines Fest zu Neujahr am Kaiserhof. Wegen Takaos Ungeduld hatte man hinterher den gesamten Saal renovieren müssen. Dabei hatte er doch gar keine Schuld gehabt! Nun, zumindest nicht viel. Er hatte die Katastrophe nur ins Rollen gebracht, der Rest war von ganz allein geschehen.
"Ich verlange untadeliges Betragen von euch beiden."
"Natürlich, Takeru-sama.", antwortete Max, von dem alle wussten, dass er sich zu beherrschen wusste, zumindest bei solchen Gelegenheiten.
"Ja, Ojiisan."
"Gut. Ach ja, und Takao, Hiro erwartet dich für deine Lektionen auf dem hinteren Hof, den ihr an den letzten Tagen auch schon genutzt habt."
"Ja, Ojiisan." Takeru drehte sich um und ging wieder.
"Na, dann, geh ich auch mal.", murmelte sein Enkel und winkte noch kurz Max zu, ehe er sich auf den Weg machte. Der Blonde blieb verdutzt zurück. Jetzt war er zu Takao gegangen und dann verschwand dieser einfach!
Takao stapfte missmutig durch die langen Gänge des Blauen Palastes. Die Stunden bei seinem Bruder waren die schlimmsten des Tages für ihn, denn Hiro kannte keine Gnade und vor allem kannte er keine Pausen. Er liebte es, seinen jüngeren Bruder über den kleinen Übungshof zu hetzen, mit einer oder zwei Waffen hin den Händen und auf ihn einzudreschen. Und er verlange obendrein, dass Takao sich wehrte! Wie konnte er, der Jahre jünger war, sich gegen einen erwachsenen Samurai durchsetzen?
"...und ich will, dass es sorgfältig ausgeführt wird!" Takao stutzte und sah sich um. Wo war er denn hier gelandet?! Diesen Gang kannte er ja gar nicht! Er war nicht so reich ausgestattet wie die, die Takao sonst nutzte, anscheinend ein Flur für die Diener. Aus einem kleinen Fenster konnte in einen Hof sehen, den er ebenfalls nicht kante, aber auf dem reges Leben herrschte.
Nur wenige Meter von ihm entfernt machte der Gang einen scharfen Knick nach rechts und von dort her war die Stimme gekommen. Anscheinend war er irgendwo falsch abgebogen, weil er so in Gedanken versunken gewesen war. Nächstes Mal musste er besser auf den Weg achten.
"Sorgfältiger als letztes Mal. Der Kerl ist nicht einmal über die Mauern gekommen!" Von was sprachen die da? Neugierig schlich sich Takao näher. Die Stimme kannte er. Es war die volle, dunkle Stimme eines Mannes. Jetzt antwortete ein zweiter Mann, rau und viel tiefer und dem unbeobachteten Lauscher vollkommen unbekannt. "Man hat ihn mir empfohlen! Ich kenne mich damit auch nicht aus. Einen M..."
Er wurde abrupt unterbrochen. Anscheinend hatte der Erste ihm die Hand auf den Mund gelegt. "Still! Es muss nicht gleich der gesamte Palast über unsere Pläne bescheid wissen!"
"Jaja, tut mir Leid."
"Wenn man weiß, was wir vorhaben, wird dir gar nichts mehr Leid tun. Dann bist du nämlich tot! Vergiss das nie!"
"Ja, Meister." Meister? Takao stutzte. Entweder der erste Mann war der Lehrer des zweiten oder... Er war ein Magier! Alle ausgebildeten Mager wurden mit ,Meister' angesprochen! Im selben Moment, in dem Takao das erkannte, wusste er auch, wer der erste war: Raphael Hiwatari, Magiermeister eines höheren Grades.
Was suchte ausgerechnet der in den Gängen der Diener? An den letzten Tagen hatte Takao oft genug mitbekommen, dass Raphael keiner war, dem alle Menschen gleich waren. Er war jemand, der einen höheren Stand hatte und dies auch ausnutzte. Er war besser als die anderen und er hatte auch nicht vor, das in irgendeiner Weise zu ändern. Und eben dieser Raphael Hiwatari stand nun hier in den Gängen der Diener und unterhielt sich mit...ja, mit wem eigentlich?
"Gut, ich sehe, du hast verstanden, Kleiner. Wenn dein Kerl das dieses Mal nicht hinbekommt, wirst du das büßen, verstehst du mich?"
"Ja, Meister."
"Gut. Der Prinz wird sich hoffentlich nicht mit seiner Rückkehr beeilen. Sonst fallen all unsere Pläne ins Wasser."
Es kam keine Antwort. Takao rutschte näher an die Ecke heran. Vielleicht konnte er einen Blick auf die beiden Männer erhaschen?
"Worauf wartest du noch? Hast du nicht irgendetwas zu tun?", herrschte Raphael seinen Gegenüber an, der hörbar zurückzuckte.
"Äh, jaja."
Hastige Schritte näherten sich dem Eck, hinter dem Takao stand und dieser zuckte zurück. Wohin jetzt? Wenn der Kerl ihn bemerkte? In seiner Eile, nicht gesehen zu werden, quetschte er sich einfach in das nächste Versteck: die Fensternische. Keinen Moment zu früh, denn schon kam der Mann um das Eck gestürzt.
Takao versuchte, einen Blick auf ihn zu erhaschen und er wurde belohnt. Es war ein großer, schwarzhäutiger Junge, wahrscheinlich aus Rhamadi oder der Al Kharmit-Wüste. Sein Haar war kurz geschoren und er trug die ärmliche Kleidung der Diener. Takao wusste, dass Rhamadi ein Land war, in dem der Sklavenhandel blühte. Wahrscheinlich war der Junge ein Geschenk des rhamadischen Kalifen an den Hochkönig, der ein solches Geschenk natürlich nicht ablehnen durfte, auch wenn Sklaverei in Thissalia verpönt war.
Er war schlank und muskulös und sein schmales Gesicht wirkte nicht besonders glücklich. Dann war er vorbei und Takao atmete auf. Er hatte ihn nicht gesehen. Hoffentlich würde Raphael ihn nicht bemerkten. Mit schief gelegtem Kopf lauschte er kurz, aber von dem Magier war nichts zu hören.
Leise schlich er den Weg zurück, den er gekommen war und folgte damit dem Schwarzen. Erleichtert atmete er auf, als er in den großen Hauptgang zurückkam. Raphael hatte ihn nicht gesehen. //Was war denn das?//, fuhr es ihm durch den Kopf. //Von was haben die da gesprochen? Pläne? Tot?//
Die hatten doch nicht vor, ihren König zu verraten, oder? Nein, es musste sich um etwas anderes handeln. Irgendetwas harmloses. Vielleicht war es ein Spiel. Ja, genau, so musste es sein! Ein Spiel!
Takao wusste selbst, dass es vollkommener Blödsinn war, was er dachte, aber er wollte nichts anderes glauben. Er wollte nicht der sein, der eine thissalische Verschwörung als erster aufdeckte. Es war nicht sein Reich, er kam aus Shinazu, außerdem war es nicht seine Aufgabe, er war noch ein halbes Kind. Für viele Abenteuer war er zu haben und auch dafür, Dutzende Regeln zu brechen. Aber er war niemand, der sich wissentlich in eine tödliche Gefahr ohne Chance stürzte. Außerdem...wer würde ihm glauben?
Robert machte sich Sorgen. Er hatte von Anfang an gewusst, dass es ein riskantes Spiel war, Rhiawen als Verhandlungsplatz für die Shinazuki und Sheyai anzubieten. Nicht wegen den beiden Reichen, nein, es war wirklich eine gute Entscheidung von Eskander, die beiden Länder an einen Tisch zu zwingen und diesen unsinnigen Krieg zu beenden. Nein, das war nicht der Grund, warum der Ritter sich Sorgen machte.
Es war einfach nur der Zeitpunkt, der denkbar schlecht gewählt war. Ausgerechnet jetzt, wo sie in Thissalia sowieso Probleme hatten. Da brauchten sie nicht noch zwei verfeindete Parteien im Blauen Palast.
"Sir Robert? Ihr seht so nachdenklich aus?" Oliviers helle Stimme riss ihn aus den Gedanken.
Er schüttelte den Kopf und blickte den jungen Magier direkt an. "Meister?"
"Ich sagte, Ihr seht nachdenklich aus."
"Ich sehe immer nachdenklich aus, Olivier." Abrupt wechselte Robert ins persönliche ,Du'.
"Das stimmt auch wieder. Aber ich weiß, wann du wirklich nachdenkst und wann du nur Löcher in die Luft starrst. Worüber machst du dir Sorgen?"
"Über dasselbe wie in den letzten Wochen."
"Oh. Ich verstehe."
Mit Olivier hatte er sich schon öfter über Thissalias Probleme beraten. Die beiden so unterschiedlichen Männer waren Freunde, gute Freunde und das schon seit Jahren. Sie wussten, dass sie einander vertrauen konnten.
"Du solltest dir nicht immer darüber den Kopf zerbrechen, Robert. Lass es zumindest heute bleiben und genieß das Fest."
Robert schnaubte. "Wie sollte ich das Fest genießen, wenn ich doch weiß..."
Er verstummte und sah sich um. Sie befanden sich in dem größten Festsaal des Palastes, der nur selten genutzt wurde. Sein Dach war eine riesige Kuppel, die mit roten Mosaiken ausgelegt war. Wände und Boden waren weiß gefliest, auch wenn man das bei dreien der Wände kaum sah. Genaugenommen bestanden sie aus schlanken, schmalen Säulen und riesigen Bogenfenstern aus gelblichem Glas, die vom Boden bis knapp unter die Decke reichten.
Jedes dritte davon führte auf einen großen Balkon hinaus, vier in den Garten, der den Saal umgab. Die vierte Wand war direkt an den Blauen Palast angeschlossen und darin waren drei Türen eingelassen. Eine für die Diener, eine für die Adligen und eine für die Gäste, von der eine breiter werdende Treppe auf den Boden führte. Gegenüber dieser Treppe befand sich der Thron des Königs, aus dem blauen Stein des Palastes gebaut.
Eskander saß darauf und sprach leise auf Fürst Crain ein. Der Saal war brechend voll. Adlige in reich verzierter, teurer Kleidung standen in Grüppchen zusammen oder bei dem Buffet in der Ecke und tuschelten miteinander. Keiner von ihnen sah in die Richtung von Robert und Olivier.
Dann sprach Robert mit gesenkter Stimme weiter: "...wenn ich doch weiß, dass sich Verräter unter uns befinden?"
"Vergiss es."
"Vergessen!? Wie kann ich das vergessen?! Olivier, ich dachte, du..."
"Für heute Abend. Vergiss es einfach. Du hast später noch genug Zeit, dich darüber aufzuregen. Also, warum sich einen angenehmen Abend verderben?"
"Weil..."
"Nun?" Olivier zog eine Augenbraue hoch.
"Du lässt mich ja noch nicht einmal ausreden."
"Weil es nichts zu bereden gibt."
Robert blickte seinem Freund kurz in das Gesicht. Mit dem Magier war heute wohl nichts mehr anzufangen. Olivier war nun mal jemand, der gern auf solche Feste ging. "Also gut.", seufzte er. "Sie werden sowieso gleich anfangen."
Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass sein Blick über die versammelte Menge der Adligen und Diener schweifen ließ. Wer von ihnen plante insgeheim, den König zu stürzen? Diese junge Frau dort hinten? Der alte Fürst? Der Knabe dort oder das Mädchen in der Nähe? Die Matrone, der Ritter? Es konnte jeder sein.
Nur wenigen traute Robert so vollkommen, dass er sie von jedem Verdacht freisprechen würde. Olivier natürlich, Ivan, einer der Knappen, und Brooklyn aus der Magierschule der Hiwataris.
Auch außerhalb Rhiawens gab es nur wenige, die er dieser Kategorie zuordnen würde. Der Kronprinz zum Beispiel, der seinen Vater zwar hasste, so inbrünstig und fanatisch, dass Robert sich fragte, was Eskander ihm nur angetan haben konnte. Aber er wusste, dass Yuriy nur eine Sache mehr verabscheute als seinen Vater und das war der Königstitel.
Auch die Vertrauten des Prinzen traute er den Verrat nicht zu, Bryan von Falkenburg und Sergej, den Leibwächter, der nur auf Yuriys Befehle hörte. Sonst wäre da noch Voltaire Hiwatari, das Oberhaupt des Hauses Hiwatari, und auch Dickenson, der engste Berater Eskanders.
Ansonsten würde Robert es nicht verwundern, wenn sich jemand als Verräter herausstellen würde. Zwar traute er es nicht allen zu, aber man konnte nie wissen.
"Ah, Sir Robert, ich freue mich, Euch einmal wieder zu sehen."
"Die Ehre ist ganz auf meiner Seite, Lady.", antwortete Robert und drehte sich zu der Dame um. Sie war zwei Köpfe kleiner als er, trug ihr orangerotes Haar bis auf die Schultern und war in ein weites, reich besticktes Kleid gewandet. In der Hand trug sie einen grünen Fächer, passend zu ihrem Kleid. Robert verbeugte sich leicht vor dem jungen Mädchen. "Lady Emily."
"Ich sehe, Ihr zieht immer noch ein Gesicht, als würden die Lasten der Welt auf Euren Schultern ruhen."
"Die Lasten der Welt sind es nicht gerade, aber die Lasten meines Fürstentums und das ist schon genug."
"Aber, aber, deshalb müsst Ihr trotzdem nicht so ein Gesicht machen. Das steht Euch gar nicht."
"Es interessiert mich nicht, ob es mir steht."
"Das weiß ich bereits. Teilt Ihr nachher einen Tanz mit mir? Ich habe Euch als perfekten Tänzer in Erinnerung."
"Wie Ihr wünscht, Lady Emily." Roberts Stimme klang kühl. Er legte es nicht gerade darauf an, mit Damen wie Emily ins Gespräch zu kommen und nach Möglichkeit ging er ihnen auch aus dem Weg, aber hin und wieder schaffte es doch eine, ihn zu stellen. Er musste dann wohl oder übel mit ihr sprechen und tanzen und tun, was auch immer sie noch wollte, denn alles andere wäre unhöflich gewesen. Und jemand wie Robert war nicht unhöflich, niemals.
Emily zog eine Schnute. "Ihr klingt nicht gerade begeistert."
Ertappt wich der Ritter einen Schritt zurück. "Es hat nichts mit Euch zu tun, Lady. Ich bin in Gedanken. Natürlich werde ich nachher mit Euch tanzen. Ihr seid eine hervorragende Tänzerin."
Das Mädchen lächelte wieder und wollte noch etwas sagen, als die Tür am oberen Ende geöffnet wurde und der Herold heraustrat. Er klopfte zweimal mit dem Stab auf den gefliesten Boden, so dass alle Anwesenden aufmerksam wurden. Rasch verstummten alle Gespräche und alle Augen wandten sich dem Herold zu, der jetzt begann die Gäste anzukündigen.
Nacheinander traten erst die Shinazuki, dann die Sheyai nach unten vor den König, der jeden von ihnen einzeln begrüßte. Die Zeremonie zog sich lange hin, so dass Robert genug Zeit hatte, jeden einzelnen von ihnen eingehend zu mustern.
Die meisten gehörten zu dem üblichen Rattenschwanz an Höflingen und Begleitpersonen eines hohen Würdenträgers, der in ein Nachbarreich gesandt wurde und deren alleinige Aufgabe es war, zu zeigen, dass die Gesandten in friedlicher Absicht kamen und nicht danach strebten, irgendwelche überraschenden Angriffe zu starten.
Aber wie bei all diesen Rattenschwänzen gab es Personen unter der Begleitung der beiden Gesandten, die ins Auge sprangen. Jene bei den Shinazuki hatte er schon bei deren Ankunft am Hafen gesehen, aber jetzt hatte er mehr Zeit, sie einzuschätzen.
Da wäre erst der Gesandte selbst, ein alter Mann, dessen beiden Enkel ihn herbegleitet hatten. Doch so alt wirkte er gar nicht, denn der alte Samurai hielt sich gut, besser als viele andere Leute. Er wirkte vor dem Hochkönig mehr als würdevoll und stark. Auch seine Enkel gehörten auf die eine oder andere Art zu den auffallenden Persönlichkeiten. Der Ältere, weil er seinem Großvater sehr ähnelte. Ein starker Samurai, den man als Gegner nicht unterschätzen durfte.
Der Jüngere trug diesen Eindruck ebenfalls zur Schau, aber auf der anderen Seite machte er einen etwas chaotischen Eindruck. Auf der Treppe wäre er beinahe gestolpert und kopfüber hinuntergefallen, wenn sein Bruder ihn nicht im letzten Augenblick gehalten hätte. Auch die Familie Mizuhara war eine Erwähnung wert, vor allem weil Judy eine LesDemondes war und alle drei mächtige Magier.
Die letzte Person, die Robert auffiel, war ein Mädchen und er fragte sich, warum sie ihm auffiel. Sie hatte nichts außergewöhnliches an sich, eher im Gegenteil, sie wirkte schüchtern und verschreckt, wie sie da an der Seite ihres Vaters die Treppe herabspazierte. Ihr Name war Mathilda und ihre schmale Figur in dem reich verzierten Kimono wirkte zerbrechlich. Das Haar von der Farbe der Morgenröte war sehr kurz, nur zwei lange Haarsträhnen standen von ihrem Kopf ab.
Bei den Sheyai waren es vor allem drei Leute, die ihm ins Auge stachen. Robert hatte schon von diesem Volk gelesen, halb Mensch, halb Katze, aber es war das erste Mal, dass er Nejo-jin zu Gesicht bekam. Ihre Namen waren Lai, Mao und Rei und ihr Aussehen war fremdartiger als das aller anderen Anwesenden.
Die goldenen Augen, die spitzen Ohren, die Fanzähne, das lange, dicke Haar, die geschmeidigen, sicheren Bewegungen, die Kraft, die dahinter steckte, all das unterschied sie von den Anwesenden im Saal.
Fasziniert sah Robert zu, wie erst Lai die Treppe hinunterstieg, gefolgt von Rei und seiner Verlobten Mao, die zugleich auch Lais Schwester war. Graziös und stolz wie Katzen schritten sie auf den Hochkönig zu, sprachen ihre Ehrerbietung aus, ehe sie sich zu ihren Landsleuten stellten und der Herold den nächsten ankündigte.
Zwei weitere Personen, die Robert bei den Sheyai auffielen, waren die Dame Mingming, von deren göttlicher Stimme man sogar in seinem abgelegenen Fürstentum gehört hatte, und der junge Magiermeister Kenny, der als Koryphäe auf seinem Gebiet galt und ebenfalls über die Grenzen Sheyais heraus bekannt war.
All diese Leute gaben eine interessante Mischung in Rhiawen ab. Robert fragte sich, wie weit sich die beiden verfeindeten Parteien annähern und ab welchem Punkt sie aufeinander losgehen würden. Ob es überhaupt ein friedliches Nebeneinander geben konnte? Aber der Krieg zwischen Sheyai und Shinazu herrschte noch nicht besonders lange, nur ein paar Jahre. Die Feindschaft konnte noch nicht so tief sitzen wie...wie die zwischen den Thissaliern und den Klanen.
Jedoch konnte keine Feindschaft so tief sein wie diese letztere. Niemand konnte so tief hassen wie die Klankrieger und sich so sehr nach Freiheit sehnen. Und nie reichten die Wurzeln der Feindschaft so tief.
Ein weiteres Problem Thissalias. Robert schnaubte. Wie viele Probleme hatten Thissalia und sein König denn? Nicht nur, dass im Norden die Norag wieder Rabatz machten, nein, auch die Adligen Thissalias selbst stellten sich gegen Eskander und Robert wartete jedes Jahr darauf, dass auch die Klane wieder begannen, ihre Freiheit auszurufen und nach Streit suchten.
Robert seufzte. Vielleicht sollte er doch nicht mit Emily tanzen. Vielleicht sollte er doch nicht auf Olivier hören. Vielleicht sollte er sich zurückziehen und sich überlegen, wie er den König unterstützen konnte.
~~~~~~~
Jetzt hat die Story richtig angefangen, wenn auch noch nicht viel passiert ist. Zum Teil diente das Kappi auch noch dazu, die Sheyai einzuführen, aber egal. Im nächsten Kapitel geht's wieder in den Nachtgesang(und ich lass noch mehr Personen auftreten *drop*).
Bye
Silberwölfin
Besuch
Titel: Feuermond
Teil: 6/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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Also, wie ihr gleich sehen werdet, ist das nicht das versprochene Suatha-Kapitel, sondern jetzt ist wieder Yuriy dran. Ich habe festgestellt, dass die zeitliche Abfolge anders herum nicht passt, außerdem musste ich das Suatha-Kapitel teilen, weil es zu lang geworden war. v.v Tut mir Leid, aber dafür bekommt ihr demnächst gleich zwei Kappis mit Kai.
So weit dazu. Zum Kapitel kann ich nur sagen, dass die erste Szene viel zu lang geworden ist und die Hauptsache eigentlich die zweite sein sollte. >.< Ich habs mal wieder nicht hingekriegt, meine Vorstellungen zu verwirklichen, aber ehrlich gesagt, gefällt mir das Kapitel so.
**
@ Sesshi-Chan: Hoffentlich findest du dich zurecht. Wenn nicht, machs so wie Are und kopier die Charabeschreibungen. ^^''
Ich weiß, ehrlich gesagt nicht, ob eine Sänfte wirklich so schauckelt, aber so stell ich's mir halt vor. Sieht schon wackelig aus, die ganze Sache.
Jo, ich dachte eben, dass Hitoshi nicht so brav ist wie Takao. Ob irgendetwas witzig ist, kann ich nicht sagen, ich glaube, ich hab da nicht das Talent für. Aber ich versuch, irgendwelche Sachen reinzubringen, die alles ein bisschen lockerer machen.
He! Nur her mit den Verdachten! Es sind mehr Leute, als du dir vorstellen kannst und vielleicht andere als du dir vorstellst. ^--^
Über Kais Vater erfährst du im nächsten Kapitel alles, was Kai über ihn weiß - wenn ich dich spoilern soll, sags mir, sonst musst du eben ein wenig warten.
Im Moment ist Rhiawen Haupthandlungsort und sie wird es am Ende noch einmal sein, aber dazwischen wird sich alles noch mal an andere Plätze verlagern.
*reknuddel*
@ Are: Ich hoffe, ich enttäusche dich nicht, aber mit Intrigen hab ich's nicht so. Ich versuche mein Bestes, aber ich befürchte, dass ist in diesem Punkt nicht besonders viel.
In diesem und im nächsten Kapitel gibt es noch mal viele neue Charas und dann ist erst mal Schluss bis auf vereinzelte Personen. v.v
Okay, ich nehm dich beim Wort. *g* Auch wenn du sagst, ich sollst nicht tun.
Ich weiß nicht wirklich ob eine Sänfte so schauckelt. >.< Bin noch nie in einer gesessen.
Nö, Chaos wird nicht mehr erwähnt. Mir ist im Übrigen nichts eingefallen, sonst hätt ich's beschrieben. >.<
Jo, Eddy. Siehe erneuerte Charabeschreibung.
Emily flirtet nur mit Robert, weil das halt der Sinn im Leben der Damen an Hof ist, vor allem bei solchen Festen. Und, ehrlich gesagt, Robert wäre eine extrem gute Partie.
Okay, Pairing wird reingebracht, sofern ich Gelegenheit dazu habe. Ich hab auch mal ne FF mit den zwei gelesen. Aber ich kann nichts versprechen, weil beide doch eher am Rande auftauchen. (Aber glaub nicht, dass Ivan bei mir hyperaktiv ist. Meiner Meinung nach passt das nämlich nicht. Ich halte ihn eher für den nachdenklichen, stillen Typ.)
Ja, das ist wirklich zu lang. Aber ich kann nichts hochladen, was ich noch nicht geschireben habe. Die nächsten zwei Kappis kommen wahrscheinlich noch diesen Monat, sind nämlich schon fertig. ^--------^ *reknuddel*
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Besuch
Graue Schatten tanzten an den Wänden, den kalten Wänden aus kaltem, feuchten Stein. In einer Ecke waren die Wände mit dunklem Moos bedeckt und von der Decke tropfte Wasser. Yuriy wusste, dass alle Räume hier unten so aussahen, unbenutzt und verlassen.
Selbst die Gefangenen wurden besser behandelt und wurden im Stadtgefängnis verwahrt, unweit der Großen Bibliothek von Rhiawen, nicht mehr hier oben in Thuan Rhiawen. Diese Räume bekamen nur noch selten jemand zu Gesicht. Früher hatten sie mehr gesehen, Leute, die kamen und gingen, Gefangene, Mörder, Diebe, Krieger, eine bunte Palette der verschiedensten Gestalten. Jetzt bekamen sie nur noch ihn zu Gesicht, einen kleinen Jungen und seine Begleiter, die aber rasch wieder verschwanden, nachdem sie hinter dem Rothaarigen die Tür verriegelt hatten.
Yuriy hasste die Räume, obwohl sie sicher nichts für sein Schicksal konnten. Dafür konnte nur eine Person etwas, eine einzige. Diese Person, die diesen Männern befahl, hierher zu kommen und das zu tun, was sie eben taten. Diese Person, der all sein Hass gehörte. Die Person, die er eigentlich nicht hassen, sondern lieben sollte.
Seine Mutter sagte das zumindest und das, was seine Mutter sagte, war richtig und wahr. Aber er konnte es einfach nicht, er konnte nicht seinen Vater lieben, der von ihm mehr verlangte, als von sich selber, und der ihn härter strafte, als jeden anderen, wenn er es nicht schaffte, die Erwartungen einzuhalten.
Einmal hatte er seine Mutter gefragt, wie er es tun sollte, dass er seinen Vater trotz all dem lieben sollte. Sie hatte ihm ins Gesicht geschlagen und sich laut gefragt, warum sie einen solch missratenen Sohn verdient hatte. Es war das erste Mal gewesen, dass sie es war, die ihn geschlagen hatte, und nicht sein Vater oder einer von seinen Männern.
Aber das hier war von allen Strafen die Schlimmste. Wenn sie ihn hier ließen, hier unten in den Verließen unter Thuan Rhiawen. Hier, wo sie waren. Sie, die ihn noch mehr hassten, als er seinen Vater. Sie, die es liebten, ihm das Dasein zur Hölle zu machen. Sie, die ihn am liebsten tot, oder noch besser, verrückt gesehen hätten. Sie, die alles versuchte, ihn in den Wahnsinn zu treiben.
Und was das Schlimmste war, er wusste, dass sie im Recht waren. Auch wenn alle Leute das Gegenteil behaupteten, behaupteten, dass sie die waren, die ihnen gehorchen mussten.
Aber Yuriy wusste es besser, denn er hatte sich alles genau angesehen. Sein Geschichtslehrer war erfreut, aber auch erstaunt über sein reges Interesse an diesem Thema gewesen ohne den wahren Grund auch nur zu ahnen, obwohl er öfter danach gefragt hatte. Selbst Bryan hatte ihn erst sehr spät erfahren.
Yuriy schämte sich viel zu sehr, ihnen gegenüber. Ihnen, die sie hassten. Ihnen, die sie getötet und geknechtet und unterworfen hatten. Ihnen, denen sie die ersehnte Freiheit nicht gewährten. Sie, die Thissalier, den Eindringlingen, ihnen, den Màn Suatha, den Kindern der Göttin Màn.
Sein Geschichtslehrer war erfreut gewesen übe sein Interesse an den Schlachten, aber weit weniger entzückt über sein Interesse an jenem Volk, das den Thissaliern solche Schwierigkeiten machte, immer schon gemacht hatte. Natürlich war sein Vater dahintergekommen.
Die Strafe hatte nicht lange auf sich warten lassen und er war wieder hier gewesen. Wieder bei Ihnen. Und wieder waren sie gekommen. Die Geister der toten Màn Suatha, die hier in Thuan Rhiawen gestorben waren bei den Eroberungskriegen und bei jenem Gemetzel, dass die Thissalier unter ihnen veranstaltet hatten, nachdem die Tore der Festung gefallen waren. Natürlich, viele von den damals Eingekesselten waren durch geheime Gänge geflohen, die man bis heute nicht kannte, aber es waren Dutzende umgekommen.
Viele Leute behaupteten, die Geister gäbe es nicht wirklich, seinen Hirngespinste ängstlicher Menschen oder Ausgeburten eines schlechten Gewissens. Alle Leute, die Yuriy kannte, sagten das.
Aber er wusste es besser. Er hatte sie gesehen, nicht nur einmal, sondern jedes Mal, wenn er hier war, eingeschlossen in einem großen Verließ, dass nur durch einen dünnen Lichtstrahl erhellt wurde, der durch die drei kleinen, hoch angebrachte, vergitterte Fenster fiel. Es war nur ein schummeriges, trübes Licht, dass nicht einmal die hinteren Ecken des Verlieses erhellte, aber trotzdem konnte er die Geister genau erkennen, die durch die Wände geschwebt kamen um ihn zu demütigen und sich zu wünschen, weit weg zu sein.
Und er, er fühlte sich so schuldig. So schuldig ihnen gegenüber. Was sollte werden, wenn er König war? Seine Schuldgefühle würden ihn überwältigen, ihn dazu bringen, alles zu tun, was sie wollten, die Geister und ihre lebenden Nachfahren in den Nachtgesangbergen.
Auch diesmal kamen sie wieder, silbrig leuchtend und durchscheinend. Farben konnte man kaum erkennen, aber ein Schimmer von Braun und Grün, Rot und Blau haftete ihnen noch immer an.
Sie waren hochgewachsen und muskulös, schlank und drahtig, geboren dafür, um zu kämpfen, gegen die Natur, gegen ihre Feinde, gegen alles, was sich in ihren Weg stellte oder sie aufhalten wollte. Gewandet waren sie in karierte oder einfarbige Stoffe, Leder, Fell und Wolle, manchmal auch in grobes Leinen.
Seide, Satin und Brokat? Das kannten sie nicht, die wilden Bewohner eines ebenso wilden Landes. Sie schmückten sich mit anderen Dingen; schwerem, aber einfachem Schmuck aus Gold und Silber, hin und wieder mit einem eingelassenen Juwel.
Oft trugen sie schwere, lange Kettenhemden oder Harnische aus Leder, dazu ihre Waffen, die über eine Bandbreite von Schwertern und Äxten, Dolchen und Messern, Bögen und Speeren reichte, die Yuriy nur hier zu sehen bekam.
Dazu kleideten sie sich in weite, lange, pelzgesäumte Kapuzenmäntel, die mit glitzernden Fibeln gehalten wurden, dicke Beinlinge aus Fell oder Leder, hohe, pelzverbrämte Stiefel und Armwickel aus Leder oder Fell oder lange Handschuhe, deren Rücken mit Metall versehen waren.
Ihre Gesichter waren bemalt mit Klanzeichnungen, allen dreizehn. Yuriy wusste ebenso wenig wie alle anderen Thissalier, welche Zeichnung zu welchem Klan gehörte aber er kannte sie alle, jede einzelne.
Manche von ihnen hatten Musikinstrumente bei sich und hin und wieder spielten sie sogar, wunderschöne Weisen, die Yuriy liebte, auch wenn er sich hütete, das auszusprechen. Die Geister würden niemals wieder spielen, wenn er in der Nähe war, und auch wenn er es anderswo sagte und irgendwer es hörte, würde sein Vater ihn strafen lassen.
Darum sagte er nichts, wenn sie musizierten und lauschte verzückt den Melodien und Liedern. Sie waren so fremdartig für ihn, so anders als die Musik, die er kannte, und so viel schöner. Selbst er, der nie viel auf Musik gegeben hatte, konnte die Stimmungen fühlen, die darin mitschwangen, Trauer, Leid, Glück, Freude, Liebe, Leben.
Er verstand die Worte nicht, sie sangen auf Suathisch, aber das war ihm egal. Diese Art der Musik verzauberte ihn viel mehr, als jede andere das konnte. Einmal, so hatte er sich geschworen, würde er einem lebenden Suatha zuhören, während er sang. Nur einmal wollte er hören, wie diese betörende, verzaubernde Musik klang, wenn sie nicht von einer Stimme und einem Instrument vorgetragen wurden, die von weit her zu kommen schien und die hallte wie in einem riesigen Raum. Die nicht klang wie tot, sondern die lebendig war und schön wie der junge Morgen.
Und immer wenn er daran dachte, fragte er sich, ob er, ein Thissalier, wirklich einmal die Ehre bekommen würde, einer solchen Stimme zu lauschen.
Aber er kam nur selten in den Genuss, die Lieder zu hören. Meist schwiegen sie und schwebten in dem Verließ herum. Dann starrten sie ihn mit verachtungsvollen Augen an und in ihren Gesichtern stand der Hass geschrieben, der Abscheu und die Geringschätzung. Dann machte er sich ganz klein und kroch in eine Ecke und schämte sich, einem Volk wie den Thissaliern anzugehören.
Hin und wieder aber sprachen sie direkt zu ihm und das war das Schlimmste. Dann würde er am liebsten aus Scham und Schuld im Boden versinken oder von einer Klippe springen, damit er sie nicht mehr zu tragen hatte, all diese Gefühle.
Wenn sie sprachen, so klangen ihre Stimmen noch geisterhafter als die der Sänger und ihrer Instrumente. Warum, wusste er nicht. Aber sie hallten so sehr und klangen von so weit her, dass er sie manchmal nicht richtig verstand und er war dankbar dafür.
Dann verstand er nicht, was sie ihm vorwarfen, er verstand nicht ihre Vorhaltungen und ihre Fragen, die Dinge beschrieben, die sie nicht verstanden. Sie fragten ihn, warum sie hatten sterben müssen, warum die Thissalier ihr Land hatten haben wollen, warum sie dafür die Kinder und die Alten getötet hätten. Sie fragten nach dem Grund. Und Yuriy kannte die Antwort nicht. Er schwieg immer still und fragte sich das selbe.
Aber er hatte nie gewagt, diese Frage jemand anderem zu stellen, draußen, außerhalb des Verlieses. Er hatte Angst davor, was geschehen würde, wenn er es doch tat. Wie lange würde sein Vater ihn dann wohl hier einsperren? Oder war Yuriy hinterher dann überhaupt noch in der Verfassung, eingesperrt zu werden?
Nicht selten hatten seine Strafen ihn an den Rande des Lebens gebracht, auf die Schwelle zum Tod. Auch eine solche Frage, eine Frage, die den stummen Vorwurf beinhaltete, würde eine solche Bestrafung auf sich ziehen. Das wusste er.
Und er wusste auch, was es zu bedeuten hatte, dass er sich diese Frage stellte. Er war kein Thissalier, kein richtiger zumindest, denn ein richtiger Thissalier würde sich diese Frage nicht stellen.
Ein richtiger Thissalier würde wissen, dass er im Recht war. Es war das Recht des Stärkeren, aber es war das herrschende Recht. Darum waren die Thissalier die, die den Krieg zwischen ihnen und den Màn Suatha gewonnen hatten und eben nicht letztere. Darum waren die Thissalier die Herrscher des Landes und nicht die Klane.
Und darum waren die Geister hier und quälten ihn, machten ihm Vorwürfe und beschuldigten ihn, ließen ihn zweifeln an sich und seinem Volk, an den Methoden und Handlungen der Thissalier und daran, was gut und was böse war und vor allem an den Worten all der Leute um sich herum.
Sie ließen ihn wachsen und bereuen, sich tausendmal in Gedanken entschuldigen und um Verzeihung flehen, wenn er allein war. Sie ließen ihn zu etwas werden, was mehr war, als viele andere waren und doch weniger; zu einem stummen Beobachter, einem Skeptiker und Zyniker, zu jemandem, der alles hinterfragte und nachdachte, ehe er handelte, zu jemandem, der die Wahrheit wissen wollte, auch wenn er sie oft außer acht ließ und ignorierte, wenn er handelte.
Damals wie heute war ihm das nicht bewusst, aber den Menschen um ihn herum, die nicht wussten, woher ein Kind diese Gedanken nahm, und die nicht wussten, wie sie mit ihm umzugehen hatten. Die zögerten, zweifelten und vorsichtig mit ihm umgingen.
Selbst Bryan erkannte es, was mit ihm anders war. Nur er nahm niemals Abstand von dem scharf denkenden Kind, das sich so anders verhielt, dass immer alles hinterfragte. Aber auch er behandelte seinen Freund anders, nicht bewusst, aber deutlich spürbar für den jungen Prinzen.
Nur die Geister behandelten ihn immer gleich. Sie ignorierten immer, dass er zusammengekauert vor Schuld und Scham in einer Ecke saß und wimmerte. Sie ignorierten, dass er verzückt ihren Liedern lauschte. Sie ignorierten, dass er klein wurde, wenn sie in verachtend und abweisend anstarrten.
Erst, kurz bevor seine Wächter kamen oder wenn sie genug hatten, ihn hassend anzustarren, verschwanden sie, einer nach dem anderen, so wie sie gekommen waren, durch die steinerne, massive Wand. Sie ließen nur diese graue Umgebung zurück, in der man nur Silhouetten erkennen konnte.
Es dauerte eine Weile, ehe er bemerkte, dass er nicht mehr schlief, sondern blicklos in sein Zimmer starrte, dass er in Falkenburg bewohnte. Er stieß ein Grunzen aus und rollte sich heftig herum.
Schon wieder dieser Albtraum. Hier auf Falkenburg schlief er normalerweise ruhig und traumlos, ebenso, wenn er einige Tage oder Wochen vor sich hatte und den Blauen Palast und damit seinen Vater im Rücken. Aber wenn er wusste, dass seine Zeit außerhalb des direkten Einflussbereiches Eskanders bald vorbei wäre und er zurückkehren musste, fingen es wieder an, dass er schlecht träumte.
Der Traum von den Geistern im Verlies war nicht sein einziger Albtraum, nein, er hatte ein ganzes Repertoire davon. Es waren keine ,normalen' Alpträume - die er natürlich auch hatte - es waren Erinnerungen, die er verdrängen und unterdrücken wollte. Tagsüber gelang ihm das auch, so gut sogar, dass er nur selten daran dachte oder in Gedanken darüber verfiel. Oft waren dies Zeitpunkte, an denen er allein war.
Nachts aber kamen sie zurück, die schlechten Erinnerungen, mit aller Macht. Sie überrollten ihn einfach, überrumpelten ihn mit einer Stärke, die ihm Angst machte und die ihn wünschen ließ, alles vergessen zu können. Aber er wusste, dass er das nicht konnte und wenn er es doch tun würde, er sich verlieren würde. Denn an seinen Erinnerungen hing auch seine Identität, sein Selbst.
Er schnaufte und versuchte, diese Gedanken loszuwerden. Es half nichts. Ärgerlich fuhr er sich durch das verschwitzte Haar und war dankbar um den kühlen Wind, der vom Fenster her sacht durch das Zimmer wehte. Moment - das würde ja bedeuten, das Fenster war offen?
Yuriy war sich sicher, dass er das Fenster geschlossen hatte, ehe er unter die Decken gekrochen war, und nachdem er sich zu Bett begeben hatte, ließ Sergej nicht einmal mehr Bryan durch, solange er schlief, und erst recht keine Bediensteten.
Ein leises Scharren ließ ihn aufhorchen und der Schatten, der von hinten über ihn fiel, ließ ihn jäh begreifen, was hier vor sich ging. Sein Körper brauchte nur eine Sekunde mehr, um zu reagieren, dann sprang er blitzartig aus dem Bett.
Ein lautes Ratschen ertönte, dann zog brennender Schmerz über seine Schulter. Eine scharfe Klinge hatte ihm das Nachthemd und das Fleisch darunter aufgeschlitzt, aber sie war zu langsam gewesen um das zu treffen, was sie hatte treffen sollen: sein Herz.
Hinter ihm ertönte ein leiser Fluch, während er über den Saum seiner Kleidung stolperte und der Länge nach hinfiel. Mit lautem Poltern riss er einen Stuhl mit um, einen Moment später flog die Tür auf und Sergej stürmte herein.
Sergej als Yuriys Königsschwert war mit seinem Prinzen verbunden. Er wusste immer, wenn sein Herr verletzt war, kannte seine Gefühle, wenn sie zu stark waren und würde wahrlich alles tun, um ihn zu schützen.
Yuriy rappelte sich auf und nutzte die Gelegenheit, während sein schwarzgekleideter, maskierter Angreifer von seinem Leibwächter abgelenkt war. Er warf sich über das Bett, packte die Handgelenke des Fremden und riss ihn zu Boden.
Schmerz jagte seine verletzte Schulter hinauf, aber er ignorierte ihn und schmetterte dem Mann die Stirn auf die Nase. Er hörte den Knochen brechen, dann wie sich der andere herum rollte und ihn von sich wegschleuderte.
Aber Sergej war schon über dem Mörder und zog ihn am Kragen nach oben. Gesicht des Königsschwerts war verzerrt vor Wut, aber er hatte sich noch weit genug unter Kontrolle, dem Mann nur einen Schlag ins Gesicht zu versetzen, so dass er ohnmächtig wurde. Mit einem Knurren ließ er ihn wieder auf den Boden plumpsen und kam zu Yuriy herüber. "Mein Prinz? Ist alles in Ordnung? Seid Ihr verletzt?"
"Ja, alles in Ordnung, er hat mich kaum erwischt.", knurrte der Angesprochene und tastete nach seinem verletztem Arm. Sein Nachthemd war mit Blut getränkt, aber anscheinend hatte die Wunde bereits wieder aufgehört zu bluten. Sie war nicht tief und sie war bei weitem nicht so schmerzhaft wie andere, die er schon hinter sich hatte. Er nickte seinem Leibwächter zu. "Kümmere dich um den Kerl."
Sergej warf ihm einen kurzen, zögerlichen Blick zu, ehe er sich dem nächtlichen Angreifer zuwandte und hoch zerrte. Schlaff hing der Mann an der riesigen Hand der Königsklinge und rührte sich nicht. Mit einem Ruck zog Sergej ihm die Maske vom Kopf, so dass ein junges, gutgeschnittenes Gesicht zum Vorschein kam.
Der Angreifer konnte kaum älter als fünfundzwanzig sein. Eine lange Narbe zog sich quer durch das Gesicht, spaltete eine Augenbraue und die Lippen und dichtes, braunes Haar fiel ihm ins Gesicht. Im Moment waren die Züge von Blut beschmiert und die Nase war eindeutig gebrochen.
Yuriy hatte ihn noch nie gesehen, aber das hatte nichts zu bedeuten. Er rappelte sich auf, während Sergej dem jungen Mann in den Ausschnitt griff und eine dünne, silberne Kette zum Vorschein brachte. Daran baumelte ein kleiner, dreieckiger Anhänger mit der Spitze nach unten und einem roten, von Dornen umrankten Dolch als Emblem darauf. "Die Dämmergilde..."
Yuriy war erstaunt. Die Dämmergilde war die gefährlichste, größte und am besten ausgebildetste Zunft des organisierten Verbrechens in Thissalia.
Ihre Mitglieder waren Männern und Frauen, Alten und Junge, Kinder und Erwachsene.
Sie machten alles sofern man sie angemessen dafür bezahlte.
Sie mordeten, stahlen, verfluchten, hurten.
Es gab nichts, das für sie zu schmutzig war, nichts, das zu heilig war, nichts, das zu gefährlich war.
Viele Gerüchte existierten über sie, viele Geschichten, unheimliche, aber auch romantische, sie waren längst zu einer Legende geworden. Kaum jemand wusste, wer ihr angehörte, aber theoretisch konnte es jeder sein. Und kaum jemals waren ihre Bemühungen fehlgeschlagen, hatten sie einen Auftrag nicht zufriedenstellend ausgeführt.
Das war das Schlimmste an ihnen: hatte man ihnen eine Aufgabe erteilt, so würden sie sich wie Bluthunde daran hängen und nicht ruhen, ehe sie erfüllt war.
Aber noch nie hatten sie sich gegen die Königsfamilie gewandt. Vielleicht lag das daran, dass sie nie einen Auftrag in dieser Richtung bekommen hatten, vielleicht aber auch daran, dass sie sich nicht mit den Herrschern Thissalias anlegen wollten.
Wer wusste schon? Dass jetzt einer von ihnen hier war, hier in Yuriys Schlafgemach war, war nur ein weiteres Zeichen dafür, dass der Hochkönig von Thissalia längst nicht mehr solche Achtung genoss, solche Macht hatte und solche Loyalität besaß wie noch vor drei, vier Generationen.
Wenn man nichts dagegen tat, würde Thissalia auseinanderbrechen. Aber Eskander ignorierte die Zeichen des drohenden Unheils. Yuriy würde ihn zur Vernunft bringen indem er ihn mit der Nase darauf stieß. Der Mörder vor ihm würde ihm sicherlich behilflich sein.
"Gib mir das Amulett.", verlangte er von seinem Leibwächter. Ohne ein Wort folgte Sergej dem Befehl und reichte ihm die Kette. Nachdenklich betrachtete er den Anhänger, während der große Blonde den Attentäter auf den Stuhl verfrachtete, ihm Taschen und Kleidung durchsuchte, alle Gegenstände auf das Bett beförderte und ihn dann festband.
"Hol Bryan hierher. Und dann werden wir sehen, was wir mit dem hier anstellen können.", befahl Yuriy und zog sich sein Nachthemd über dem Kopf.
Als Sergej kurz darauf wieder kam, war er halb angezogen und verrenkte sich den Hals, um einen Blick auf die Wunde zu erhaschen. All die Narben, die seinen bleichen Oberkörper bedeckten, ignorierte er. Er hatte schon oft genug darüber sinniert und er hatte gelernt, sie nicht zu beachten, so schwer es ihm auch fiel.
"Lasst mich das machen.", bat der Leibwächter und kümmerte sich um die Verletzung. Kurz darauf erschien Bryan, in Hemd und Hose und gähnte. Er schien noch halb zu schlafen, war aber sofort wach, als er den noch immer bewusstlosen Mann auf dem Stuhl entdeckte.
"Was sucht der denn hier?"
Yuriy zuckte die Schultern und bekam sofort ein: "Haltet still." von Sergej vorgeworfen. Gehorsam tat der Prinz, was der Blonde von ihm verlangte. "Ich habe Glück, dass ich rechtzeitig aufgewacht bin, sonst wäre ich jetzt wohl tot. Er war leise wie eine Katze und ebenso geschickt." Yuriy schüttelte den Kopf und hob die Hand, in der er wieder das Amulett hielt. "Er gehört zur Dämmergilde."
Bryans Augen weiteten sich erschrocken, doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Er wusste, wie es um die Königsfamilie und ihren wackeligen Thron stand. "Das war...nur eine Frage der Zeit."
"Wie wahr."
"Du wirst eine unruhige Zeit haben demnächst." Bryan stellte sich vor den Mann und hob sein Kinn an, damit er das Gesicht sehen konnte.
"Das weiß ich selbst.", schnaubte Yuriy und nahm von Sergej sein Hemd entgegen um es sich überzuziehen. "Weck ihn auf."
Bryan hob gehorsam die Hand und schlug dem Mann ins Gesicht, einmal, zweimal, dann regte der Geschlagene sich und stöhnte. Bryan hielt inne und ließ die erhobene Hand sinken. Er grinste dem Mörder süffisant ins Gesicht, der ihn verwirrt anblinzelte. "Gute Nacht, verehrter Herr, habt Ihr Euch im Zimmer geirrt?"
"Lass das, Bryan.", verlangte Yuriy und stellte sich neben seinen Freund. Ein Ausdruck des Erkennens und Verstehens huschte über das Gesicht des Brünetten, dann versuchte er aufzuspringen und davon zu stürzen, dem Fenster entgegen. Der einzige Effekt, den er erzielte, war, dass er mitsamt seinem Stuhl umkippte. Ein winselnder Schmerzenlaut kam über seine Lippen.
"Tut das nicht weh?", fragte Bryan liebenswürdig und ging neben dem Mann in die Hocke. Dieser funkelte ihn nur wütend an.
"Bryan, du kannst nachher noch mit ihm spielen. Lass ihn erst einmal reden.", verlangte Yuriy.
Der Angesprochene blickte auf. "Du glaubst doch nicht wirklich, dass er etwas sagt?"
Der Prinz zuckte die Schultern, zuckte aber zusammen und ließ es wieder blieben. Solch kleine Wunden schmerzten oft mehr als die wirklich gefährlichen. "Man kann es ja mal versuchen."
Er gab Sergej ein Zeichen, der den Stuhl mitsamt dem Attentäter wieder aufstellte. "So, Mörder, du kannst uns jetzt alles sofort sagen oder du wirst schwere Schmerzen erleiden. Was ist dir lieber?"
Der Meuchler spukte ihn an, doch Yuriy wich aus. Sergejs Schlag darauf folgte so schnell, dass nicht einmal Bryan ihn kommen sah. Mit einem lauten Schmerzensschrei flog der Kopf des Fremden zur Seite. "Pass auf, Sergej, sonst brichst du ihm das Genick. Tot können wir aber nichts mehr mit ihm anfangen. Also, hast du uns etwas zu sagen?"
"..." Der Mann sah zur Seite.
"Ich glaube nicht, dass wir etwas mit ihm anfangen können.", meinte Bryan. "Sollen wir die Experten zur Hilfe rufen?"
"Nein.", wehrte Yuriy ab. "Ein bisschen verstehe ich auch davon."
Bryan wusste genau wie sein Freund, dass ,ein bisschen' untertrieben war, aber er sagte nichts dazu, sondern ging zu Yuriys Waffengürtel und kam mit einem langen, scharfen Dolch wieder. "Bitte."
"Danke." Der Prinz nahm die Waffe entgegen und hielt sie dem Mörder unter die Nase. "Hier. Siehst du das? Weißt du, ich kann durchaus damit umgehen, auch ohne dich zu töten. Also?"
Zum ersten Mal sagte der Fremde etwas: "Ihr werdet sowieso nichts von mir erfahren."
"Ach ja? Und warum nicht? Sag mir jetzt nicht, dass du nichts weißt."
"Es ist aber so. Au!" Der Meuchler zuckte zusammen, als die scharfe Klinge seine Wange aufschlitzte.
"Das ist so abgedroschen, dass ich dir nicht glaube. Sag die Wahrheit. Wer ist dein Auftraggeber?"
"Ich weiß es nicht!"
Yuriy hob eine Augenbraue und starrte den Fremden eisig an. Dieser zuckte zurück. Anscheinend hatte er mehr Angst vor Yuriys Blick als vor dem Dolch. Der Prinz wusste, dass das nicht von ungefähr kam und er hatte mit der Zeit gelernt, seinen Eisblick auch einzusetzen, den er schon als Kind bekommen hatte.
In den Augen spiegelten sich die Gefühle, hatte seine Mutter einmal zu ihm gesagt, als er noch ganz klein gewesen war. Die Gefühle aber kamen aus dem Herzen. Yuriys Herz war schon vor langer Zeit hinter Kälte gefangen und zu Eis erstarrt an dem Zeitpunkt, als er erkannt hatte, dass er seinen Vater hasste. Warum sollten seine Augen, wenn schon sein Herz aus Eis war, wärmer sein? Die Leute hatten sich vor dem Jungen mit dem kalten Blick gefürchtet und Yuriy hatte gelernt, diese Furcht zu nutzen.
"Ich weiß es wirklich nicht!", jammerte der Mörder und versuchte dem stechenden Blick des Prinzen auszuweichen, aber er konnte nicht. "Wir bekommen unsere Aufträge über die Gildenmeister und die sagen nie etwas über die Klienten!"
Yuriy wechselte mit Bryan einen Blick. Dann seufzte er und wandte sich ab. Das Schulterzucken unterließ er diesmal wohlweißlich. "Bring ihn nach unten, Bryan. Wir haben Morgen einen langen Tag vor uns und keine Zeit, uns jetzt um ihn zu kümmern. Außerdem ist er später gewiss redefreudiger."
Die Hufe der Pferde klangen gedämpft auf dem Grasboden, so dass sogar der leise Gesang einer Amsel in der Nähe noch lauter war. Nur das allgegenwärtige Geschrei der Möwen übertönte alles. Schon früh am Morgen waren Yuriy, Bryan, Sergej und eine Gruppe Soldaten aufgebrochen um den Gerüchten um die Riesenschiffe am Strand von Dhane nachzugehen.
Auch wenn sie nichts finden würden und alles sich nur als eine bizarre Geschichte erwies, so hätte es sich doch wenigstens aus Yuriys Sicht gelohnt, da er einen Tag später zurück zum Blauen Palast musste als gedacht. Einen Tag mehr, den er außerhalb der Reichweite seines Vaters verbringen konnte.
Der Weg führte von Falkenburg über die Klippen und am langen Ufersaum des Meeres entlang nach Süden und war im Hinblick auf die Länge der eigentlichen Küste nur ein kurzes Stück Weg, für das sie etwas mehr als eine Stunde brauchten.
Die Bucht von Dhane lag an drei Seiten von Felsen eingeschlossen im Meer und der Übergang vom Wasser zum Land war so sachte, dass man ihn kaum bemerkte. Die Wasseroberfläche war glatt und ruhig und wurde nur selten von einem Windstoß gekräuselt.
Früher, als sie noch Kinder gewesen waren, waren Yuriy und Bryan oft hier gewesen, hatten gebadet, Fische gefangen oder waren mit dem Boot hinausgefahren, oft verbotenerweise. Die beiden Jungen hatte es nie gestört, wenn ihre Lehrer und Aufpasser aufgeregt und wütend am Strand herumsprangen. Dass einzige, was sie geärgert hatte, war, dass der Lärm alle Fische vertrieb.
Jetzt aber war Yuriy schon seit einigen Jahren nicht mehr hier gewesen und er fragte sich, wie er von diesem idyllischen Fleckchen Thissalia, an dem er als Kind solchen Frieden gefunden hatte, nur einen solchen Abstand bekommen konnte.
Aber als er jetzt neben Bryan oben an der Klippe auf seinem Pferd saß und hinabblickte auf die einst friedvolle Bucht und ihren sandigen, weißen Strand, fand er es gar nicht mehr so harmonisch.
Am Ufer, oberhalb des Sandes, waren der lichte Wald abgeholzt und große Zelte errichtet worden. Leute verwandelten das Feldlager in einen Ameisenhaufen, in dem sie dazuwischen herumwuselten. In der Nähe war ein kleines Stück Land für einige Pferde eingezäunt worden.
Viel konnte Yuriy von der Klippe aus nicht erkennen, da er zu weit weg war. Aber das was er sah, reichte ihm. Und etwas konnte er detailreich genug sehen.
Die Schiffe. Riesige Schiffe, deren Bordwände, die aus dem Wasser ragten, höher waren als mancher alte Baum. Masten, die bis in den Himmel zu reichen schienen. Riesige Segel, die an den Rahen festgezurrt waren. Eine Ankerkette, dicker als der Arm eines großen Mannes. Das Heck, höher als ein Haus.
"Soso. Sieht aus, als hättest du mal wieder den richtigen Riecher gehabt, Yuriy.", meinte Bryan spöttisch und ließ seinen Blick bewundernd über die riesigen Schiffe gleiten.
"Ja. Sieht so aus. Aber mit ,Gerüchten' hat das hier nicht mehr viel zu tun. Ich bin sicher, in den umliegenden Dörfern kommen die Leute regelmäßig hierher. Ich frage mich, warum das alles als Klatsch gehandelt wird."
"Ich frage mich eher, warum wir auf Falkenburg nur durch Zufall von den Gerüchten über die Schiffe gehört haben.", murrte Bryan. Er hatte Recht. Das hätte man sofort in Falkenburg melden sollen. Wahrscheinlich hatte keiner der Dörfler daran gedacht.
"Wie auch immer." Yuriy lenkte sein Pferd herum. "Wir werden denen da unten mal einen kurzen Besuch abstatten. Mal sehen was sie sagen, wenn wir da auftauchen."
"Gute Idee. Kommt, Männer."
Der Weg nach unten hatte sich kein Stück verändert, wie Yuriy rasch erfreut feststellte. Er war noch immer steil und steinig, aber auch für die Pferde gut begehbar. Keines von ihnen stolperte bis sie am Fuße der Klippe standen. Im Lager war so viel los, dass die Reiter, die sich ihm näherten, kaum jemandem auffielen. Yuriy wunderte sich darüber, sollte es doch auffallen, denn sie waren mehr als zehn und so viele Reiter...
Er war beinahe erleichtert, als ihnen zwei Männer mit eisernen Brustpanzern entgegentraten, in der Hand zwei lange Waffen aus Holz und Metall, wie Yuriy sie noch nie gesehen hatte. Die Läufe waren aus Metall, nur der Griff aus hellem Holz. Darunter war ein kleiner Hebel aus Metall angebracht.
Yuriy hatte zwar noch nie so etwas gesehen, aber er wusste sofort, dass es Waffen waren, gefährliche Waffen, die die Wächter zusätzlich zu den dünnen Degen an ihren Gürtel trugen.
"Halt. Ihr habt hier nicht die Befugnis, euch hier aufzuhalten. Wie oft sollen wir euch das noch sagen?" In seiner Stimme klang ein herablassender, aber auch genervter Ton mit. Anscheinend kannte dieser Mann nicht den Unterschied zwischen einfachen Dorfleuten und Adligen und ihren bewaffneten Soldaten, obwohl der sofort ins Auge springen musste. Bauern trugen weder Schwerter noch Lanzen.
Was Yuriy an seiner Stimme außerdem auffiel, war die seltsame Aussprache und Betonung der Worte. Er hatte leichte Probleme, den Wächter zu verstehen.
"Ich verlange Euren Anführer zu sprechen.", entgegnete Yuriy kalt.
Der Mann blinzelte verdutzt und starrte ihn an, eher er sich wieder fing. "Was? Geh zurück wo du hergekommen bist, Junge, oder..."
Yuriy ließ sein Pferd einen Satz nach vorne machen und trat dem Mann vor die Brust, so dass er nach hinten fiel und hart auf dem Boden aufschlug. Seine Waffe glitt ihm aus der Hand und rutsche durch den Sand.
Der andere Wächter war einen Moment wie gelähmt, dann hob er seine eigene Waffe und richtete die langen Läufe auf Yuriy. Doch Sergej war schneller und nahm dem Posten das Ding einfach aus der Hand.
"So.", meinte der Prinz zufrieden. "Wenn Ihr Euch jetzt kurz meine Begleiter und ihre Waffen ansehen würdet, wäre ich Euch dankbar." Yuriys Stimme war gefährlich leise und der kalte Blick aus seinen Eisaugen unterstrich die Ironie.
Die Augen der Männer huschten kurz zu den gerüsteten Soldaten mit Falkenburgs Wappen auf den Waffenröcken, dann wieder zu Yuriy zurück. Anscheinend schienen sie endlich zu verstehen, dass sie es hier nicht mit normalen Dorfleuten zu tun hatten, sondern mit deutlich höher stehenden Personen.
"Und jetzt verlange ich Euren Anführer zu sehen. Sofort!" Das letzte Wort hatte der Rothaarige gebrüllt.
Der Mann im Sand sprang sofort auf und nickte. "Ja, Sir, ich gehe sofort, Sir." Er wechselte einen Blick mit seinem Kumpan und eilte dann davon.
Sergej reichte dem zweiten Wächter mit einem hinterhältigen Grinsen seine Waffe und lenkte sein Pferd zurück an Yuriys Seite.
Es dauerte nicht lange, bis der Wächter wieder zurückkam. "Commander King wird Euch Empfangen, Sir. Folgt mir."
Yuriy starrte ihm mit kaltem Blick an und gab seinen Gefährten ein Zeichen, damit sie ihm folgten. Was sie so oder so getan hätten. Der Wächter klaubte noch kurz seine Waffe aus dem Sand auf, dann führte er sie quer durch das Feldlager zum größten Zelt. Davor war eine Fahnenstange in den Boden gerammt worden, von der schlaff ein blaues und rotes Banner hing. Hier in der Bucht gab es keinen Wind, der es hätte öffnen können.
Commander King - zumindest vermutete Yuriy, dass der Mann Commander King war - stand davor und sah ihnen entgegen. Er war ein hochgewachsener, schlanker, junger Mann um die zwanzig und seine Haut war dunkel wie die eines Südländers, sein Haar allerdings silberweiß, so dass beides einen starken Kontrast bildete.
Sein Gesicht war gut geschnitten und die Züge fein, allerdings lag ein Ausdruck darauf, der Yuriy nicht gefiel. King wirkte...hinterhältig, verschlagen und irgendwie grausam. In seinen Augen lag ein boshaftes Funkeln, das er allerdings gut hinter dem dichten Haar zu verbergen wusste.
Seine Kleidung bestand aus einer Art Uniform, eine weiße Jacke, die er über einer schwarzen Hose trug. Darüber trug er einen Gürtel, an dem ein Dolch befestigt war.
Er verbeugte sich leicht vor Yuriy, als dieser näher ritt, aber für den Prinzen nicht tief genug. Yuriy blieb im Sattel sitzen und blickte kalt auf den großen, jungen Mann herab, der ihn leicht verärgert anstarrte. Es war klar, dass er mit Yuriy auf einer Ebene zu stehen verlangte, aber dieser dachte gar nicht daran.
Auf diesem Land hatte beinahe jeder zu ihm aufzublicken und wenn er auch selten von dem Recht gebraucht machte, so bestand er doch bei Leute wie diesem...King darauf. Schweigend starrte er den Silberhaarigen an, links von sich Bryan, rechts hinten Sergej. Wie auch er war keiner der beiden abgestiegen und auch die Soldaten blieben im Sattel.
"Ich bin Commander King.", stellte der Fremde sich vor, nachdem Yuriy keine Anstalten machte, das Wort zu ergreifen und das Schweigen sich in die Länge zog. "Ich bin der Anführer dieser Expedition, wie man Euch bereits gesagt haben sollte."
Yuriy zog eine Augenbraue hoch und musterte den Fremden ehe er sich dazu herabließ zu antworten: "Ich bin Prinz Yuriy von Thissalia, Fürst von Zhad und Ghanden. Das ist Lord Bryan von Falkenburg und Ritter von Thissalia."
Er unterließ es, Sergej oder die Soldaten zu erwähnen, nannte dafür alle Titel, die Bryan und er besaßen und die ihm auf die Schnelle einfielen. Er hätte nicht geglaubt, sie zu nutzen, aber er war so verärgert, dass er alles ausspielte, was er zu geben hatte. Bryan und Sergej kannten die drohenden Anzeichen der Gefahr.
Die Tatsache, dass die fremden Eindringlinge den geschätzten, mit angenehmen Erinnerungen verbundenen Strand von Dhane verwüstet hatten, das Ereignis am mit dem Wächter, der den Prinzen wie einen unmündigen Jungen behandelt hatte, und King als Person hatten Yuriy mehr verärgert, als er je zugeben würde. Aber wer sagte, dass er eine Wut zugeben musste, wenn er sie auslassen wollte?
"Ich...grüße Euch.", antwortete King zögernd und sein Blick zuckte kurz zu Bryan hinüber, der ihn kühl anstarrte, dann zu den Soldaten und zu Sergej, der sich nahe an seinem Schutzbefohlenem hielt und mit grimmigen Gesicht zurückblickte. "Was kann ich für Euch tun?"
Yuriy sah ihn mit schiefgelegtem Kopf an und meinte herablassend: "Ich möchte wissen, was Ihr hier sucht und woher Ihr kommt, Commander King. Meine Aufgabe ist es, dieses Land zu schützen."
"Ich versichere Euch, Prinz Yuriy, dass wir keine Gefahr für Eurer Reich sind. Aber bevor wir das besprechen, darf ich Euch in mein Zelt einladen?"
Yuriy ließ sich Zeit mit der Antwort, dann nickte er. Hätte er das Angebot nicht angenommen, wäre es unhöflich gewesen. Bryan erteilte seinem Hauptmann leise Befehle und die Soldaten verteilten sich dann auf ihren Pferden um Kings Zelt, während Yuriy, Bryan und Sergej abstiegen und King in sein Zelt folgten.
Es war groß und gemütlicher eingerichtet, als man denken sollte. Einige Tücher unterteilten es in mindestens zwei Bereiche, so dass die Thissalier sich nur in einem Teil davon umsehen konnten. In der Mitte stand ein niedriger Tisch, um den Kissen platziert waren, von den Stützpfosten baumelten kleine Öllämpchen, die allerdings nicht brannten, und vor einer der Tücherwände standen einige Kisten, die als Tische missbraucht wurden.
"Bitte, setzt Euch. Ich werde für eine Erfrischung sorgen." King verschwand hinter einigen Stoffen und sie konnten hören, wie er leise mit einer Frau sprach. Yuriy und Bryan ließen sich am Tisch nieder, während Sergej sich hinter seinen Schutzbefohlenen stellte.
Kurz darauf kam King zurück, gefolgt von zwei Frauen. Eine war ähnlich gekleidet wie King selbst, die zweite schien eine Dienerin zu sein, denn sie trug ein Tablett mit einem gläsernen Krug und mehreren Trinkgefäßen. Sie stellte es auf dem Tisch ab, während King die zweite Frau vorstellte. "Das ist meine Schwester Queen. Sie ist Vizecommander."
Yuriy grüßte sie mit einem Nicken und konnte sich nicht vorstellen, dass diese beiden Leute Geschwister sein sollten. Queen war zwar ebenso groß und schlank wie ihr Bruder, aber ansonsten hatten sie keinerlei Ähnlichkeit. Ihre Hautfarbe war weiß, beinahe durchsichtig, so dass man die Adern durchschimmern sah. Ihr Haar dagegen war kohlschwarz und ihr hübsches Gesicht im Ganzen freundlicher. Aber in ihren dunklen Augen lag ein genauso berechnender Ausdruck wie in Kings.
"Ich grüße Euch, Prinz von Thissalia, und auch Euch, Lord Bryan.", sagte sie mit einer angenehmen, tiefen Stimme und ließ sich mit einer geschmeidigen Bewegung am Tisch nieder, gefolgt von King.
"Bitte, bedient Euch.", forderte sie die Gäste auf, die langsam nach den Gläsern griffen.
"Das ist der beste Wein, den es in unserer Heimat gibt.", erklärte King. "Ich hoffe, er schmeckt Euch. Er hat ein hervorragendes Aroma."
Yuriy nippte an dem Glas in seiner Hand und musste King zustimmen. Schwer und süß lag ihm das Getränk auf der Zunge. Er würde bei seinem Genuss aufpassen, sonst wäre er schneller angetrunken als ihm lieb war. Obwohl er sehr viel vertrug.
Er warf Bryan einen warnenden Blick zu, der King wohl nicht entging. Sergej hatte sein Glas nicht einmal angerührt. Er trank keinen Alkohol mehr seit er Yuriys Königsschwert war.
King und Queen übergingen das schweigend und der Commander begann mit seiner Erklärung. "Wir sind Gesandte unseres Kaisers, der viele Schiffe auf Expeditionen in alle Himmelsrichtungen fortschickte. Unsere Heimat Thimeis ist zwar ein großer Kontinent, aber es existiert darauf nur ein einziges Reich. Unser Kaiser ist gewillt, Kontakt zu anderen Reichen aufzunehmen, darum hat er uns losgeschickt."
"Thimeis?", murmelte Bryan neben ihm und Yuriy antwortete ebenso leise: "Thyrmis." Ganz wie sie vermutet hatten. Irgendwie überraschte es Yuriy nicht besonders. Er wandte sich an King und seine Schwester. "Und jetzt seid Ihr hierher gekommen? Warum haben wir noch nichts von Euch gehört, wenn Ihr doch Kontakt mit uns haben wollt?"
"Wir sind erst seit wenigen Tagen hier. Wir wollten erst die Gewissheit haben, dass alle Leute gut versorgt sind."
Yuriy zog kurz eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Dafür ergriff Bryan das Wort: "Wir sind jetzt hier. Allerdings haben wir keine Befugnisse zu irgendwelchen Verhandlungen mit Euch."
"Ihr seid aus Thyrmis, sagt Ihr?", fragte Yuriy dazwischen.
"Thyrmis? Nein, ja. Thyrmis ist die alte Aussprache für unseren Heimatkontinent. Ich wusste nicht, dass er hier bekannt ist."
"Nun, mehr oder weniger. Unser Volk stammt ursprünglich aus Thyrmis. Aber das ist schon lange her und nicht mehr der Rede wert." Yuriy nippte ein weiteres Mal an seinem Glas. "Ihr seid hier, um Handelsbeziehungen aufzubauen?"
"Handel? Oh...ja. Das kann man so sagen."
Kontaktaufnahme, hatte King vorher gesagt. Warum nicht gleich Handel? "Ich werde mit meinem Vater darüber sprechen, sobald ich die Gelegenheit dazu habe. Er wird sicher eine Delegation hierher schicken. Ich muss Euch aber gestehen, dass dies noch einige Zeit dauern wird. Der Blaue Palast ist weit. Bis dahin muss ich Euch bitten, hier in Eurem Lager und im Fürstentum Falkenburg zu bleiben. Weiter im Norden ist die Feste des Fürsten. Dort wird man Euch sicher beherbergen falls Ihr einmal das Bedürfnis verspürt, dorthin zu reisen."
Die vermeintliche Bitte war in Wirklichkeit ein Befehl und King wusste das. Sein Lächeln wirkte verkniffen, aber er nickte und danke für die freundliche Aufnahme von ihnen als Fremde auf diesem Kontinent und in diesem Reich.
"Mein Vater, Fürst Baltheir, wird Euch sicher empfangen und alle Eure Fragen über Adieneira beantworten, so gut er es vermag. Natürlich erst, sobald er wieder von seiner Reise zurück ist.", erklärte Bryan und seine Stimme klang freundlich. Yuriy kannte den Unterton darin, der besagte ,Tu, was ich sage, oder du wirst dir wünschen, mir nie begegnet zu sein'.
Yuriy nippte noch einmal an seinem Glas und meinte: "Wirklich, ein hervorragender Jahrgang. Ich bin sicher, der Handel zwischen unseren Ländern wird kein Problem darstellen."
Er stellte das Glas auf den Tisch zurück und erhob sich. Bryan sowie King und Queen taten es ihm gleich und der Commander führte sie wieder nach draußen. Yuriy lächelte ihn kalt an. "Ich danke für die Bewirtung, Commander. Ich werde wie versprochen mit meinem Vater reden. Ich hoffe, Ihr haltet Euch an die Abmachungen."
,Abmachungen' war ein zu großes Wort für Yuriys Befehle, da King gar keine andere Wahl hatte als zuzustimmen. Dementsprechend verkniffen fiel Kings Lächeln aus. "Es ist uns eine Ehre, Euch begrüßen zu dürfen."
Yuriy lächelte zurück und nahm die Zügel seines Pferdes von einem Jungen entgegen, der ihn mit großen Augen anstarrte. "Beeindruckende Schiffe habt Ihr da, Commander." Er sah kurz zu den Gefährten hinüber, dann schwang er sich mit einer geschmeidigen Bewegung in den Sattel. King folgte seinem Blick und nickte dankend.
Bryan und Sergej folgten Yuriys Beispiel; der Falke gab einige laute Befehle, dann verließen sie das Lager der Thyrmiser. Rasch hatten sie die Klippe wieder erklommen. Oben zügelte Yuriy noch einmal sein Pferd und sah auf das Lager hinunter.
Er fragte sich, ob King wirklich nur wegen Kontakt und Handel gekommen war. Von Thyrmis kannten die Thissalier nur Schlechtes, auch wenn das schon lange Vergangenheit war. Aber auf jeden Fall musste er seinem Vater bescheid geben und gleichzeitig auch den Sheyai und Shinazuki, von denen zur Zeit einige im Blauen Palast weilten. Und er musste über diese Begegnung nachdenken.
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Irgendwie scheint mir die letzte Szene etwas zu kurz und ich hab das Gefühl, ich hätte bei dem Gespräch zwischen King und Yuriy etwas ausgelassen. Aber es will mir nicht einfallen, was! *grrrr*
Also, das nächste Kappi kommt demnächst(diesmal wirklich Suatha), schreibt fleißig Kommis für mich! ^---^
Silberwölfin
Gefahr aus dem Norden
Titel: Feuermond
Teil: 7/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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So, hier kommt wie versprochen das 1. Suatha-Kapitel, schnell und kostenlos ins Haus geliefert. XD Also schön, ich sitz hier und schwänz diesen blöden Studientag, während hinter mir Rhapsody aus den Lautsprechern dröhnt(May your fire burn in our hearts... *.*), da hab ich gedacht, laden wir dieses Kapitel jetzt schon hoch, vielleicht kann man es heute Abend schon lesen.
Das Kapitel war ziemlich schnell geschrieben(ganz im Gegensatz zu dem, an dem ich jetzt schreib. -.- Das sollte eigentlich auch schon fertig sein.) Außerdem ist es viel zu lang geworden, wie ich ja schon gesagt habe, darum kommt die zweite, längere Hälfte erst nächste Woche.
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@ Sesshi-chan: Am Schluss? Mir kam es so vor, als wäre der Anfang action-reicher. Na ja, so kann man sich irren >.<
Kann man wohl sagen. Bei Yuriy war es einfach, aber bei Kai nicht, vor allem nicht bei diesem Volk. -.- Ich hab versucht das einzubauen, so gut es ging, aber es ging nun mal nicht gut. *drop*
'Bald' ist gut, das sind noch einige Kapitel bis dahin. Und sie treffen sich nur kurz. v.v
Ich selbst weiß von King und Queen nicht besonders viel. ^^'' Ich wäre dir dankbar, wenn du mich auf eventuelle Fehler in ihren Charas hinweisen könntest.
Ich denke, das nächste Kappi wird dir gefallen. Wo dir die Klanwechsel-Zeremonien so gefallen haben.
Wer Kais Vater ist, wirst du in diesem Kapitel zwar nicht erfahren, aber ich denke, dass du nach den ersten paar Absätzen eins und eins zusammenzählen kannst und es dann weißt.
@ are: Raymond Feist? Nein, ich hab sogar nachgeschaut. Vielleicht sollte ich mir mal ein Buch von ihm besorgen.
Soll ich dir was sagen? Ich kenne von Beyblade nur ein paar Folgen, vier oder fünf, wenn's hochkommt. Und ich erinnere mich eigentlich an nix mehr. ^^'' (Muss ich mich jetzt in Grund und Boden schämen?)
Hehe, gut gemacht. XD Letztendlich ist es aber doch eine Erinnerung, so wie Kais Traum in KMuD. (Wäre mir die Sache mit den Geistern nicht eingefallen, hätten sich die beiden Szenen ziemlich geähnelt. Aber beim Schreiben ist mir dann die Idee gekommen...)
Die Treffen sich beim Schmied. XD Aber erst im zehnten Kapitel, das hat sich alles noch einmal nach hinten verschoben.
Da ich jetzt weiß, dass du Gründer Reiter gelesen hast, kann ich dir ja sagen, dass ich das Prinzip der Waffen weiterentwickelt habe. Ja, Sergej hat geschlafen(er darf das sogar), aber er ist durch Magie mit seinem Schützling verbunden, so dass er weiß, wenn dieser in Gefahr ist - sofern Yuriy es auch weiß(meistens zumindest). Wenn du Des Königs Klingen gelesen hast, so ähnlich wie die ist auch mein Prinzip, wenn das auch entstanden ist, bevor ich das gelesen habe.
Eines der wenigen Dinge, die ich über King weiß, ist, dass er sehr hinterhältig ist. Das lass ich jetzt einfach mal so im Raum stehen und du kannst dir selbst deine Meinung bilden.
Das mit der Sprache ist mir erst aufgefallen, als Yuriy mit den Wachen geredet hat und da war es zu spät, irgendetwas zu ändern. Aber die müssen sich verstehen, also hab ich mir das so gedacht: Die kommen ja von dem gleichen Kontinent. Und als alle noch friedlich zusammenlebten, da war thissalisch die Hauptsprache. Und das hat sich halt auf den verschiedenen Kontinenten verschieden weiterentwickelt, aber nicht so sehr, dass die sich nicht mehr verstehen.
Das Gespräch und die Ankunft haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Alles Zufall. XD
Übringens was ich vergessen habe, bei meinem Kommi zu Adlerfeder zu erwähnen(deine Kommi-Schreib-Methode ist doch besser XD): Ich hab nix dagegen, dass du den Namen Takeru verwendest, ich habs dir nur gesagt, damit du's weißt, dass der Kerl eigentlich ganz anders heißt.
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Gefahr aus dem Norden
Mit einem leisen Säuseln fuhr der Wind durch die Äste der Bäume und brachte die Blätter zum Summen. Irgendwo zwitscherte leise eine Amsel und hin und wieder erklangen die Rufe anderer Vögel. Ansonsten war es still, obwohl Kai sich nicht weit entfernt von dem Dorf befand, in dem die Kinder kreischend um die Beine der Erwachsenen rannten.
Selbst die Hunde verhielten sich still. Kai wusste, dass es zum Teil mit dem Wolfsblut in ihren Adern zusammenhing, zum anderen Teil aber auch, weil sie in letzter Zeit so faul waren. Er sollte wirklich mal wieder Jagen gehen, das würde ihnen Beine machen. Aber dazu war auch er viel zu faul.
Das war auch einer der Gründe, warum er sich diesen ruhigen Flecken unter der großen, alten Eiche ausgesucht hatte. Seine drei Hunde Flammenfeder, Winterlilie und Schattentänzer lagen um ihn herum, den Kopf auf den Pfoten, beziehungsweise in Flammenfeders Fall, alle Viere von sich gestreckt auf dem Rücken.
Kai liebte seine Hunde und er war stolz auf sie. Sie waren Geschwister, die Kinder seiner ersten eigenen Hündin und eines wilden Wolfes, dessen Erbe man ihnen deutlich ansah. Das dicke Nackenfell, das sich wunderbar dazu eignete, Hände und Gesicht darin zu vergraben, die langen, muskelbepackten Läufe und die Schnauzen mit den riesigen Zähnen, die kompakten Körper aus Muskelmasse, Knochen und Sehnen, das Aussehen im Ganzen hatten sie sicher nicht von der schlanken, langbeinigen Jagdhündin, die ihre Mutter gewesen war.
Alle drei sahen sich sehr ähnlich, doch in der Fellfarbe unterschieden sie sich alle. Während Winterlilie weißgrau war, hatten Flammenfeders Pelz die Farbe von Feuer und Blut und Schattentänzer war schwarz wie die Nacht, doch mit grauen Färbungen, die nur bei einem bestimmten Licht auffielen.
Alle drei hatte Kai mit der Hand aufgezogen, weil die Mutter bald nach der Geburt gestorben war, und sie gehorchten ihm aufs Wort. Wenn er im Dorf war, folgten sie ihm meist auf Schritt und Tritt, es sei denn, er befahl ihnen etwas anderes. Jedem seiner Befehle wurde bedingungslos Gehorsam geleistet, aber nur seinen und keinem anderen. Dazu waren sie viel zu stolz und zu wild. Aber er war ihr Rudelführer und darum gehorchten sie ihm.
Mit einem leisen Brummen rollte sich Flammenfeder herum, so dass sie auf der Seite lag. Kai lächelte kurz und richtete sich auf, so dass er nicht mehr direkt auf dieser unbequemen Wurzel saß. Schattentänzer hob kurz den Kopf, senkte ihn aber rasch wieder auf die Pfoten als er bemerkte, dass es nicht um ihn ging.
Kai hatte im Moment ganz andere Sorgen als seine Hunde. Nachdenklich starrte er auf den Boden, beobachtete das Spiel der Schatten der Blätter, die die Sonne auf die Erde zeichnete und betrachtete fasziniert das Schimmern der Lichtstrahlen im Fell der Wölfe. Von wegen Sorgen. Er konnte sich ja noch nicht einmal konzentrieren. Auch auf dem Amulett, das unweit von ihm auf dem Stein lag, blitzte die Sonne rot und golden. Das Amulett des Thans von Feuermond. Sein Amulett.
Allzu viel verändert hatte sich bis jetzt nicht, noch nicht. Das würde noch kommen, das wusste Kai, aber nicht zu bald. Noch befanden er und sein Klan sich im Dorf von Nachtsturm und das würde so bleiben bis Feuermond etwas größer geworden war. Es wäre zu gefährlich gewesen, fünf Leute alleine loszuschicken, vor allem so knapp vor dem Winter und ohne Klanhaus oder Dorf.
Wie hätten sie überleben sollen? Auch seine Beziehung zu dem Rest der Suatha hatte sich nicht - oder zumindest kaum - verändert. Warum auch? Er war noch immer derselbe wie vor seiner Weihe. Der einzige Unterschied war, dass Kai jetzt die Klanzeichnung Feuermonds trug und das beinahe ständig. Er wusste nicht wieso - nicht einmal Charya tat es - aber es fühlte sich richtig an.
Nun, zumindest war es der einzige äußere Unterschied. Für Kai selbst hatte sich viel geändert und es würde sich noch mehr ändern. Kai hatte nichts gegen Veränderungen und auf diese konnte er sich lange genug vorbereiten. Er hatte immerhin einen ganzen Winter Zeit. Dieses Jahr würde nicht mehr sehr viel geschehen, es neigte sich ja bereits dem Ende zu. Demnächst würden sie mit den großen Jagden beginnen und bald konnte man damit anfangen der Ernte einzuholen. Und dann kam auch schon Samhain, das Fest der Toten und der Beginn des Winters.
Danach zogen selbst Norag nicht mehr in den Krieg, vor allem nicht in die Nachtgesangberge, die teilweise aufgrund ihrer hohen Lage noch mehr von dem Winter geplagt wurden als die nördlichen Karglande. Mindestens bis hin zu Imbolc würden sie Ruhe haben, wahrscheinlich aber eher zur Frühlingstagundnachtgleiche aus dem einfachen Grund, dass Kämpfe und Kriegszüge einfach nicht möglich waren, weil der Schnee zu hoch lag und man nicht genug Nahrung hatte.
"Bist du schon wieder hier?" Ozumas Stimme riss ihn aus den Gedanken.
"Was willst du?", fragte Kai und sah zu seinem Blutsbruder auf.
"Nichts."
"Und darum bist du hier."
Der Nachtsturmthan ließ sich neben seinen Freund auf den Boden sinken. "Was bist du in letzter Zeit so nachdenklich? Mit dir kann man kaum mehr ein vernünftiges Wort wechseln seit Alban Elued."
"Hn.", schnaufte Kai und drehte den Kopf weg.
"Siehst du?" Ozuma lachte leise.
"Ich muss nachdenken."
"Und worüber? Über Feuermond?"
"Nein, über deine Großmutter." Kai sah Ozuma wieder an.
"Mach dir nicht so viele Gedanken. Ich habe auch gelernt, Than zu sein."
"Aber du hattest genug Zeit. Du standest schon Monde vor Mawrighs Tod als Than fest und er hat dich sozusagen ausgebildet."
"Na und? Dein Klan besteht gerade mal aus deiner Familie. Du wirst ja wohl wissen, wie du sie zu führen hast. Und ehe noch jemand dazukommt, ist der Winter vorbei und du hast genug Ehrfahrung als Than. Außerdem hast du ja mich."
"Das beruhigt mich ja ungemein."
"Ich wäre froh, wenn du die Ironie mal sein lassen könntest. Ich meine das ernst."
"Ich weiß. Aber du kennst mich."
"Genau das war auch der Grund, warum ich dich zum Than vorgeschlagen habe. Ich kenne dich und ich weiß, dass du die Aufgabe gut ausführen wirst. Also? Gibst du dir eine Chance als Than von Feuermond?"
"Wer sagt, dass ich mir keine Chance gebe? Ich...habe nur Angst, ich könnte versagen. Meine Mutter wäre enttäuscht."
"Natürlich." Ozuma lehnte sich an den Stamm der Eiche. "Aber weißt du, die Aufgabe, an der Kai Feuervogel scheitern wird, gibt es noch nicht."
Kai lachte leise. "Danke, Ozuma, für dein Vertrauen."
"Wo kämen wir hin, wenn ich nicht an dich glauben würde?" Einen Moment schwiegen sie, den Winterlilie nutzte, um auf Kais Schoß zu klettern. Natürlich war sie schon lange viel zu groß dafür, aber das hatte sie noch nie gestört. Ozuma streckte die Hand aus und kraulte die Hündin am Kopf, was ihr ein wohliges Brummen entlockte. "Das macht sie ja immer noch. So wie früher."
"Hn." Kai strich dem großen Tier über das weiche Rückenfell. "Aber früher war sie noch so klein, dass ich sie auf den Armen tragen konnte. Inzwischen würde ich kaum fünf Schritte weit kommen."
"Sie müsste es sein, die dich trägt. Du bist immer noch so schlank wie eine Birke. Gestern, als ich dich auf dem Hügel gesehen habe, habe ich mich erst gefragt, wer das wohl ist."
Kai zog eine Augenbraue hoch. Ozuma grinste ihm frech ins Gesicht. "Du standest stocksteif wie eine Statue und ich habe dich erst für ein Mädchen gehalten."
Er erhielt ein ärgerliches Stirnrunzeln als Antwort. Bei den Màn Suatha herrschte zwar Gleichberechtigung zwischen den beiden Geschlechtern, aber trotzdem existierte eine klare Grenze. Keiner wollte als jemand angesehen werden, der zum anderen Geschlecht gehörte.
"Ich hab dich erst an deinen Bewegungen erkannt. Du bist wirklich viel zu schmal."
"Das hab ich von meinem Vater.", murmelte Kai bitter. //Genau wie der Rest meines Aussehens, bis auf die Augen.// Er sprach den Gedanken nicht aus, denn Ozuma wusste genau wie der Rest der Suatha, wie sich die Sachlage verhielt. Kai war der Sohn eines thissalischen Soldaten, das Ergebnis einer Vergewaltigung und das letzte Geschenk, das die Vernichtung Feuermond gebracht hatte. Gezeugt an dem Tag, an dem sein Klan vernichtet worden war. Paradox, oder nicht?
Ozuma schwieg, denn er wusste genau, worüber sein Blutsbruder nachdachte. Er selbst konnte sich in dieser Beziehung glücklicher schätzen, auch wenn seine Eltern beide tot waren. Er war der Sohn eines Schäfers und seiner Frau; seine Mutter war im Wochenbett gestorben, noch ehe Ozuma fünf Tage alt gewesen war, und sein Vater an einer Lungenentzündung in dem Winter, der für Ozuma der zwölfte gewesen war. Seitdem lebte der junge Than bei seinem Klan und nicht mehr in den Bergen.
"Mach dir keine Gedanken darüber. Niemand macht es dir zum Vorwurf. Ich bin sicher..." Der Ältere verstummte mitten im Satz und richtete sich auf.
"Was ist?", fragte Kai und folgte seinem Blick. Ozuma sah zum Waldrand hinüber, wo gerade einige Reiter auf Ponys aufgetaucht waren, die im raschen Tölt auf das Dorf zuhielten. Anscheinend waren es Suatha, aber Kai konnte sonst nicht viel erkennen. "Was...?" Er runzelte die Stirn.
"Wir bekommen Besuch? Um diese Zeit?"
"Welcher Klan?"
"Keine Ahnung. Ich sehe auch nicht weiter als du. Aber ich denke, es ist wichtig. Komm mit. Anscheinend wirst du deine Tätigkeit als Than doch früher aufnehmen als gedacht."
Kai schnappte sein Amulett und weckte die Hunde mit einem Pfiff, ehe sie sich rasch erhoben und auf das Tor zuliefen, durch das die Reiter inzwischen verschwunden waren. Sie sahen die Ponys auf dem Dorfplatz wieder, wo sie von einigen Nachtsturmleuten weggeführt wurden.
Mit einem Blick erkannte Kai die gut ausgebildeten Tiere der Speerreiter, die einen besonderen Zaum trugen und ein ledernes Geschirr um Brust und Hintern, statt nur der sattelähnlichen Decke aus Fell und kariertem Stoff, die die Suatha normalerweise beim Reiten nutzten.
"Nebelblutreiter?", fragte Ozuma verdutzt und starrte auf die Ponys. Kai interessierte eine ganz andere Tatsache. Es waren viel zu viele Tiere. Viele von ihnen waren nicht gesattelt, sondern sahen eher so aus, als sollten sie auf den Markt getrieben werden. Aber dazu waren sie noch etwas zu früh dran.
Ozuma wandte sich an den Nächstbesten, der daneben stand: "Sind sie drin?"
Der Mann nickte. "Sie warten auf dich. Oder auf euch, um es genauer zu sagen."
"Danke." Die beiden Thane verschwanden im Haupthaus. Im Versammlungsraum trafen sie auf jede Menge Nachtsturmleute und eine Gruppe erschöpft wirkender Nebelblutkrieger in staubiger, verdreckter Reisekleidung. Kai zählte sieben Speerkrieger, drei Hammermänner und einen Schwertheiligen, der zu dem schlanken Katana ein riesigen Schwert auf dem Rücken trug, dessen Klinge zu einem Fuß aus der passend gefertigten Scheide ragte. An der freigelegten, sichtbar stumpfen Klinge zeigten sich grausam aussehende Zacken. Der Schwertheilige selbst war ein schlanker, hochgewachsener Junge mit einem anziehenden Gesicht und wirrem, blondem Haar, höchstens zwei, drei Jahre älter als Kai.
Die drei Hammermänner hatten den kennzeichnenden massigen Körperbaum, mit Muskeln wie das Nachtgesanggebirge, Schultern breit wie eine Tür und Händen groß wie die Köpfe der schweren, mit Ketten behängten Kriegshammer, die sie auf den Rücken trugen. Einer von ihnen musste Anfang zwanzig sein, die anderen mindestens zehn Jahre älter.
Die Speerreiter - Männer wie Frauen - waren zwischen zwanzig und fünfzig und alle schlank und athletisch wie es sich für einen Krieger gehörte, sehnige Körper, die Kraft und Geschick versprachen. Einer von ihnen trug eine seltsame Frisur zur Schau, die Haar an den Seiten abrasiert, so dass nur ein wirrer Haarkamm stehen geblieben war, der ihn größer machte, als er sowieso schon war.
Und dieser rothaarige Junge dort war sicher jünger als all die anderen, gleichzeitig aber schien er ihr Anführer zu sein. Sein braunrotes Haar wurde von einem breiten, violettblauen Tuch aus dem Gesicht gehalten und seine violetten Augen blitzten wild in dem hübschen Gesicht.
"Hu. Das ist ja Jonny.", murmelte Ozuma, als er den Rothaarigen entdeckte.
Kai kannte den Namen. "Gordons Sohn?"
"Aye." Die beiden Thane traten an die Gruppe heran. "Ich grüße euch, Krieger von Nebelblut, und heiße euch bei Nachtsturm willkommen."
Kai nickte den Kriegern nur zu. Da Ozuma hier die Hoheitsrechte hatte, stand es ihm nicht zu, die Neuankömmlinge ebenfalls zu empfangen. Jonny richtete sich auf und antwortete mit einer leichten Verbeugung: "Wir danken für die Begrüßung, Than von Nachtsturm, und wir grüßen dich und auch dich, Than von Feuermond."
Kai erwiderte den Gruß kurz und Ozuma lud die Gruppe auf ein Essen und einen Schlafplatz ein, was beides dankend angenommen wurde. Mariam und ihr kleiner Bruder Yusuf wurden mit der Aufgabe betraut, die Nebelblutkrieger zu versorgen und sie zu der heißen Quelle hinter dem Dorf zu bringen, wo sie sich waschen konnten. Bevor Jonny der dunkelhaarigen Schönheit und ihrem Bruder nach draußen folgte, bat er Ozuma und Kai um ein Gespräch. Er sei aus einem wichtigen Grund hier. Die Thane nickten nur zur Antwort.
"Was da oben wohl passiert ist?", sinnierte Ozuma.
"Nun, ich denke, wir werden es bald erfahren." Kai verschränkte die Arme vor der Brust.
Nebelblut war der nördlichste Klan der Màn Suatha, und der einzige, der auf der Nachtgesangebene lebte. Sie waren auch die einzigen, die Reiterkrieger hatten, denn für das hügelige Hochland der Ebene waren Ponys besser geeignet als wenn man nur zu Fuß ging.
Von Nebelblut kamen auch die einzigen gezüchteten Ponys der Màn Suatha, robuste, kleine Tiere mit langem Fell und dickem Haar, die den ganzen Tag über laufen konnten ohne müde zu werden. Selbst Leute, die keine Suatha waren schätzten diese Ponys als genügsame, kluge Packtiere und als Reitpferde für ihre Kinder. Jahr für Jahr wurde eine Auslese dieser Ponys nach Süden getrieben, wo sie in Rhiawen verkauft wurden. Nebelblut war der Klan, der beim Frühlingsmarkt am meisten verdiente.
"Vielleicht haben sie wieder Ärger mit den Norag. Gordon hat auf der Thanversammlung so etwas verlauten lassen. Allerdings meinte er, sie würden zurecht kommen."
Kai zuckte die Schultern. "Vielleicht hat sich das geändert. Soll ich die Räte holen?"
"Aye. Wenn du sie findest."
Kai hob erneut die Schultern und ging. Er brauchte eine Weile, ehe er alle Mitglieder der beiden Klanräte zusammen hatte, aber er war wieder in der Versammlungshalle, noch ehe Jonny und seine Begleiter zurück waren. Er ließ sich neben Ozuma auf die Bank sinken. Kais Hunde machten es sich unter dem Tisch bequem und Winterlilies Kopf beanspruchte den Platz auf Kais Schenkeln, während Flammenfeder sich als ein schweres Gewicht auf seine Füße legte.
Die anderen vier Ratsmitglieder verteilten sich um sie herum und Hiromi quetschte sich auf den Platz zwischen Kai und Llynas. Viele andere Mitglieder Nachtsturms hatten sich ebenfalls hier versammelt. Solche Boten waren immer ein öffentliches Ereignis. Vor allem, wenn ihr Auftauchen so rätselhaft war wie das der Nebelblutkrieger, die Ponys mit sich führten, als wollten sie zum Markt.
Mariam brachte die Gäste wieder herein, denen respektvoll auf den Bänken des Haupttisches Platz gemacht wurde, natürlich nahe der beiden Klanräte. Erst wurde ihnen etwas zur Stärkung vorgesetzt und sie aßen, während alle anderen mehr oder weniger nützlichen Tätigkeiten nachgingen.
Niemand wollte verpassen, was die Nebelblutkrieger zu sagen hatten, denn jede Neuigkeit war interessant in der Abgeschiedenheit der Nachtgesangberge. Auch Kai brannte darauf, zu erfahren was die Gäste an Berichten mitbrachten, aber er zügelte seine Neugier.
Darin, seine Gedanken und Gefühle zu verstecken, war er schon immer gut gewesen. Er wusste, meistens war sein Gesicht eine undurchdringliche Maske, in der noch nicht einmal seine Mutter lesen konnte.
In solchen Augenblicken war das einzige, was seine Gedanken verraten konnte, seine Augen, die - wie Ozuma einmal gesagt hatte - die Fenster zu seiner Seele waren. Konnte man in seinen Augen lesen, kannte man all seine Geheimnisse. Kai hasste es, wenn ihm Leute in die Augen sahen, eben aus diesem Grund.
Als der letzte der Gäste seinen Teller wegschob, richtete sich die Aufmerksamkeit aller im Raum auf den Tisch. Jonny erhob sich und ergriff das Wort. "Ich danke euch, auch im Namen meiner Begleiter, für den freundlichen Empfang. Wir sind auf dem Weg nach Rhiawen, um die Ponys zu verkaufen."
Ein Raunen ging durch den Raum. Jetzt schon? Es war doch erst Herbst, noch nicht die Zeit für den Frühlingsmarkt. Normalerweise zogen die Suatha nur für diesen Markt in die Länder, wo die Thissalier in Scharen lebten.
Jonny wartete, bis alles wieder ruhig war, ehe er weitersprach: "Ich weiß natürlich, dass es etwas früh dafür ist, aber wir benötigen Waffen, denn die Norag sind doch gefährlicher als wir angenommen haben." Wieder das Raunen.
"Was ist geschehen?", wollte Ozuma wissen.
"Wir wissen nicht genau, was sich bei den Norag abgespielt hat, aber anscheinend haben sie mal wieder einen Führer gefunden. Jedenfalls sind ziemlich viele von ihnen auf dem Weg in die Nachtgesangebene. Es war ein Zufall, dass wir das überhaupt mitbekommen haben."
~~~~~~~Flashback~ ~ ~Anfang~~~~~~~
Von seinem Aussichtspunkt konnte Jonny meilenweit sehen, bis hin zum Horizont und darüber hinaus. Sanfte Hügel erstreckten sich nach allen Seiten hin und verschluckten alles in ihren Tälern. Hin und wieder erkannte man auf ihren Kuppen ein Hünengrab oder einen Runenstein, errichtet von Norag oder von Suatha, oder der Steinkreis auf der Plattform unweit von ihm.
Er befand sich hier weit im Norden an der Grenze, wo sich das Gebiet beider Völker vermischte und keine klare Linie mehr bildete, auch wenn die Thissalier sich das auf ihren Karten einbildeten. Aber Jonny wusste es besser. Die Grenze war nie klar gewesen und sie würde es auch nie sein. Sie war so verwischt und verschwommen wie eine Klanzeichnung, mit der man durch den Regen geritten war; an manchen Stellen gar so, wie als wäre man sich noch zusätzlich mit der Hand durch das Gesicht gefahren, so dass es blau verschmiert war, statt von Dreiecken gezeichnet.
Die Hügel waren hier flacher als weiter im Süden und das Heidegras blühte nicht blau, sondern violett oder gar leuchtend rot. Von Blüten war freilich nicht mehr viel zu sehen, neigte sich das Jahr schließlich schon dem Ende zu. Das bewies auch der scharfe Wind, der um die Steine pfiff und das fallende, bunte Laub der knorrigen, krummen Bäume des Haines in der Nähe aufwirbelte.
Jonny war froh um seinen warmen, weiten Umhang aus weichem Wolfspelz, für dessen Beschaffung und Herstellung er ein ganzes Jahr gebraucht hatte. Es war auch zu schwer, die scheuen, gefährlichen und klugen Hügelwölfe aufzuspüren und zu erlegen. Mehr als einmal war ihm seine Beute entwischt, oft noch ehe er sie überhaupt bemerkt hatte. Aber die Anstrengung hatte sich gelohnt und das Ergebnis konnte sich durchaus sehen lassen, denn die Hügelwölfe waren schneeweiß und hatten den prächtigsten Pelz der Umgebung.
Noch einmal ließ er seinen Blick über die Ebene schweifen. Keine Anzeichen von Ponys? Außer dem endlosen Land und dem von weißen und schmutziggrauen Wolken verhangenen Himmel, der sich darüber spannte, konnte er nicht viel entdecken. Weit über ihm zog ein riesiger Wolkenadler seine Kreise, den er beinahe nicht gesehen hätte, so sehr ähnelten seine Federn ihrem Hintergrund. Weit entfernt heulte ein einsamer Wolf, einige Vögel sangen in ihren Verstecken im Gebüsch und die Insekten gaben ihr bizarres Lied zum Besten.
Jonny klopfte seinem Pony leicht auf die Schulter und trieb es an, so dass es sich in Bewegung setzte. Es war kohlschwarz bis auf einen kleinen, weißen Fleck auf der Stirn und sein ganzer Stolz. Als Füllen hatte er seine schöne, schwarze Stute gefangen und gezähmt und eigenhändig ausgebildet. Selten fand man ein solches Pony wie Nachtstern und überall im Klan hatte sie Anerkennung gefunden. Den Namen trug sie nach dem weißen Fleck auf ihrer Stirn und der ungewöhnlichen Farbe ihres Fells. Schwarz war nun mal nicht häufig, sondern im Gegenteil eher selten.
Aber jetzt war nicht die Zeit, sich um zugerittene Tiere Gedanken zu machen. Viel interessanter waren um diese Jahreszeit die wilden Herden, denn das Treiben stand wieder an. Die Reiter suchten sich Ponyherden um sich von dort die besten Füllen herauszusuchen. Diese würde im nächsten Jahr gezähmt und zugeritten werden und im übernächsten Jahr würden sie auf den Frühlingsmarkt verkauft werden. Oder aber man würde sie für einen Speerreiter im Klan behalten.
Sieben Tage war Jonny schon unterwegs um eine geeignete Herde zu finden und er war schon viel zu weit nach Norden vorgedrungen. Er wusste, dass er eigentlich nicht hier sein sollte. Immerhin lagen die Suatha und die Norag in letzter Zeit im Krieg miteinander, so dass eine Begegnung sicherlich nicht gesund wäre - wenn sie nicht sogar tödlich verlief. Für Jonny natürlich, der allein unterwegs war und nur sein Pony hatte.
Er hatte sich nur so weit vorgewagt, weil Nachtstern eines der Ponys war, dass schneller lief als der Wind - und ganz sicher schneller als Norag. Also, warum sich Sorgen machen? Die Norag ritten selten, da sie zu groß für Ponys waren und ihre Heimat zu ungemütlich und unwegsam für Großpferde. Jonny wusste das und nutzte diese Tatsache ungeniert aus.
Außerdem war er nicht nur mit dem Ziel hierher in den Norden gekommen, eine Ponyherde zu finden, sondern auch um die Feinde ein wenig auszuspähen. Wer wusste schon, wofür das gut war? Sein Vater würde zwar furchtbar wütend werden, wenn er von Jonnys Ausflug in die Grenzgebiete erfuhr, aber er musste davon ja nicht unbedingt erfahren.
Der Rothaarige würde hier oben wahrscheinlich sowieso nichts entdecken. Keine Ponys und erst recht keine Norag. Aber das war ihm egal. Die anderen würden schon genug Ponys finden, da musste er nicht noch mit einer Herde kommen, die in der entgegengesetzten Richtung lebte. Er würde einfach den Ritt genießen und die wunderbare Zweisamkeit mit seiner Stute.
Langsam ließ er das Pony zwischen den Hügeln entlang traben und fragte sich, wo er demnächst sein Lager aufschlagen wurde. Die Sonne würde in weniger als eine Stunde untergehen und bis dahin wollte er schon am Lagerfeuer sitzen. Aber er fand nichts und schließlich entschloss er sich dazu, einfach eines der Hünengräber als Unterstand zu nutzen. Er hoffte nur, dass es nicht zu windig werden würde, denn Schutz vor einem Sturm gaben die drei Steine natürlich nicht.
Nachtstern war damit zufrieden, willig ließ sie sich absatteln und versorgen. Leise klirrten die Ketten des Geschirrs, als er es auf dem Boden unter dem Hünengrab ablegte. Ein kleines Feuer war ebenso schnell entfacht, wie das Fleisch des kürzlich erlegten Fasans auf die Stöcke gespießt, wo sie über den Flammen vor sich hinbrutzelten.
Das war das einzige, was Jonny auf den Reisen allein nicht besonders gefiel. Das Essen war echt miserabel. Er war nun mal ein grottenschlechter Koch und begnügte sich damit, nur leicht gewürztes, aber frisches Fleisch und diverse Wurzeln oder Früchte und altes Fladenbrot, das man den Reitern als Proviant einpackte, zu kauen.
Nachtstern graste in der Nähe, ohne Seil um den Hals oder Fesseln um die Füße. Sie würde nicht weglaufen oder wenn, dann auf einen Pfiff von ihm zurückkommen. Sie würde ihn erst bei ihrem Tod verlassen.
Langsam ging die Sonne unter und tauchte den Horizont in ein rotes und goldenes Licht, so dass es aussah, als würde der Himmel brennen. Jonny liebte solche Schauspiele, auch wenn es seiner Meinung nach viel zu früh geschah. Aber das war nun mal das Los derjenigen, die im Norden lebten.
Das Himmelsfeuer verblasste langsam und es wurde dunkler, so dass nur noch sein Feuer Helligkeit spendete und das Zwielicht erhellte. Nicht einmal die Sterne oder den Mond konnte er sehen, denn der Himmel zog immer mehr zu. Plötzlich blinzelte er. Dort hinten... waren noch mehr Lichter. Er konnte den goldenen Schein von Dutzenden von Lagerfeuern hinter der Hügelkuppe erkennen.
Waren das Norag? Jemand anderes viel ihm nicht ein. Hastig löschte Jonny sein eigenes Feuer und suchte im Halbdunkel der hereinbrechenden Nacht sein Gepäck zusammen. Nachtstern war schnell aufgezäumt und beladen und sie verhielt sich mustergültig still. Wenn die Norag ihn entdeckten, würden sie kurzen Prozess mit ihm machen und seinen abgeschlagenen Kopf als Trophäe auf ihre Speere stecken und ihrem Kriegszug vorantragen.
Sein Onkel war von diesem Schicksal ereilt worden und Jonny hatte noch drei Tage später von dem bleichen, verzogenen Gesicht auf der Speerspitze geträumt. Er verspürte nicht das Bedürfnis, ebenfalls so zu enden, außerdem wollte er seinem Vater das nicht antun.
Rasch warf er einen weiteren Blick in die Richtung des goldenen Feuerscheins hinter der Hügelkuppe. Anscheinend hatte ihn niemand bemerkt, was ein Glück! So eine große Gruppe Norag hatte meistens ein oder zwei Pferde dabei. Großpferde wohlgemerkt, die ihn auf Nachtstern unweigerlich einholen würde. So eine große Gruppe...
Große Gruppe? Norag zogen nie in großen Gruppen über das Land. Der einzige Zeitpunkt, bei denen man sie in Gruppen von mehr als zwanzig Leuten sehen konnte, war, wenn sie sich zu Raubzügen in ihren Häfen sammelten. Dann brachen sie mit drei oder vier mit schwer bewaffneten Männern beladenen Drachenschiffen auf um die Häfen Thissalias, Marenas und Symaniens oder sogar Sheyais und Shinazus zu plündern.
Mit ihren flachen, schnellen Schiffen waren sie die Geisel der Meere, denn zu Wasser gab es niemanden, der es mit ihnen aufnehmen konnte. Und auch die überraschenden Überfälle auf die Hafen konnte niemand vorhersehen und daher konnte sich auch niemand darauf vorbereiten.
Hier an Land aber waren die Norag nahezu hilflos. Jedenfalls zogen sie nur in kleinen Gruppen herum um einsame Höfe zu plündern. Aber da die Màn Suatha ihre einzigen Nachbarn waren, war ihre Beute meist recht mager, da die Suatha selten in kleinen Gruppen lebten und sie alle Kämpfer waren.
Aber dort hinter dem Hügel, dass waren keine zehn Leute, nein, das waren viel mehr. Jonny schauderte. Hin und wieder unternahmen die Norag einen Kriegszug nach Süden und zwar zu Fuß und zu Pferde, jedenfalls auf dem Land. Diese Kriegszüge endeten jedes Mal in einem blutigen Gemetzel zwischen Suatha und Nordmänner. In Jonnys Leben hatte es bereits dreimal diese Kriege gegeben.
Einmal als er sieben gewesen war. Damals kam seine Mutter um, als sie versuchte ihn zu schützen. Sie hatte es geschafft und Jonny, wutentbrannt und blind vor Trauer und Zorn hatte dem Mörder seiner Mutter mit einem zerbrochenen Tischbein getötet. Sein Vater war so stolz auf ihn gewesen, wenn auch sein Gesicht mit Tränen und dem Blut seiner Frau verschmiert.
Beim zweite Mal war er elf gewesen und ihm war der bestialische Brauch aufgefallen, die Köpfe der gefallenen Feinde auf ihre Speere, Schilde und Schwerter zu spießen. Selbst den Suatha, die ihre Häuser mit den Knochenschädeln ihrer Feinde schmückten und bei besonderen Anlässen sogar daraus tranken, trieb diese Tradition den Brechreiz hoch.
Beim dritten Krieg hatte Jonny neben seinem Vater gesessen im Sattel seiner Stute und hatte darauf gewartet, Norag zu töten. Keine zwei Jahre war das her. Und jetzt rüsteten sie schon wieder? Er führte Nachtstern in das Tal hinter dem Hünengrab, so dass sie von den Hügeln der Norag aus unmöglich zu sehen war, und kehrte wieder um.
Er musste unbedingt sehen, wie viele es waren. Wenn sie wirklich in den Krieg zogen, war jede Information wichtig. Seine Füße verursachten kaum ein Geräusch, als er durch das niedrige Weidegras durch das Tal und die nächste Hügelkuppe schlich. Ein leiser Käuzchenruf ließ ihn erschaudern und ein Hase, der von ihm aufgeschreckt davonrannte, ließ ihn zusammenzucken, aber er erreichte unbehelligt die Hügelkuppe.
Die Norag hatten keine Wachen aufgestellt. Das bedeutete, dass sie sich sicher fühlten und keine Gefahr zu fürchten brauchten. Es mussten wirklich viele sein. Als er das Lager schließlich sah, stockte ihm der Atem. Es mussten...Dutzende Lagerfeuer sein, alle umgeben von einem Ring Zelten, in die mindestens drei oder vier Männer passten.
Das Tal vor ihm war riesig und er konnte kaum den Boden sehen vor lauter Zelten, Norag und ihrem Gepäck. Am hinteren Ende grasten einige große, schwere Pferde auf einer primitiven, kümmerlichen Koppel, die sehr hastig gebaut worden war. In der Mitte war ein größeres Zelt errichtet.
Jonny erkannte, dass die Planen einst Blau gewesen sein mussten, aber nun waren die Außenhäute verwaschen und man konnte hinter dem Grau die einst leuchtende Farbe nur noch erahnen. Daneben war ein riesiger Speer in den Boden gerammt worden an dessen Spitze ein dunkles Tuch hing. Als der scharfe Wind hineingriff und es öffnete, erkannte Jonny das mit dem Wolfskopf geschmückte Banner der Sippe von Erik dem Schwarzen Wolf, einem Norag, der den Suatha schon öfter das Leben schwer gemacht hatte.
Das letzte Mal vor zwei Jahren. Jonny war ihm im Kampf begegnet und der Rotschopf konnte von Glück reden, dass er dieses Ereignis auch überlebt hatte. Er trug noch immer die Narbe, die das scharfe Schwert des Norag auf seiner Brust hinterlassen hatte.
Jetzt war er anscheinend wieder auf dem Weg nach Süden um die Suatha erneut in einen Krieg zu stürzen. Und das so knapp vor dem Winter! In dieser Zeit waren eigentlich alle damit beschäftigt, Vorräte anzulegen, die Ernten einzubringen und die Ponys zu treiben, dass man nicht so sehr auf die nördlichen Grenzen achtete.
Die Nordmänner aber waren auch nicht mit etwas anderem beschäftigt. Auch sie mussten sehen, dass sie genug für den Winter zusammenbekamen, der in Kargland ungleich grausamer war als im Nachtgesang. Zwar war auch die Ebene und damit das Klangebiet Nebelbluts den scharfen Nordwinden ausgesetzt, im Gegensatz zu den anderen Klanländern, aber sie lag weiter im Süden, wenn auch nur wenig.
Im Herbst hatte man keine Zeit in den Krieg zu ziehen. Im Herbst holte man die Ernten ein. Im Winter konnte man auch nicht Krieg führen - da saß man in seinen Hütten und Häusern und fror, während sich draußen der Schnee meterhoch türmte. Im späten Frühling kam die Zeit, die Kämpfe wieder aufzunehmen, und im Sommer krachten die Waffen aufeinander und das Blut tränkte den Boden.
Bis zu Alban Elued, wenn man sich wieder seinen Ernten und dem kommenden Winter zuwandte. So war der Jahreslauf der Suatha und der Norag immer gewesen, schon seit Jahrtausenden. Früher waren es nicht nur die Norag gewesen, gegen die man gekämpft hatte, sondern auch all die anderen Völker, die in Adieneira lebten.
Aber die Thissalier und ihre Verbündeten, die Sheyai und Shinazuki, hatten diesen Kreislauf unterbrochen, indem sie aus Feinden Freunde gemacht hatten, die gemeinsam gegen die Eindringlinge vorgingen. Zu spät zwar, aber das hatte Völker geeint.
Nur die Suatha und die Norag lagen nach wie vor im Zwist miteinander. Vielleicht lag das auch daran, dass sie keine ,zivilisierten' Völker waren, ohne Regierung und Oberherrscher wie in den anderen Ländern, vielleicht auch nur an ihrer Art, die so rau, unzugänglich, feindlich und wild war wie die so unterschiedlichen Landschaften, in denen beide Völker lebten.
Woran auch immer - die Norag gaben niemals Ruhe und die Suatha weigerten sich stur, auch nur ein Stück zurückzuweichen. Den Thissaliern waren die ständigen Kämpfe an der nördlichen Grenze ein Dorn im Auge, aber weder die Norag noch die Suatha scherten sich darum. Die Kämpfe waren Tradition, fest verwurzelt mit der Geschichte beider Völker.
Ob die Thissalier auch diesmal kein Stück von diesem Krieg mitbekommen würden? Das letzte Mal, Jonny erinnerte sich noch genau, waren die verhassten Feinde im Süden vollkommen ahnungslos gewesen. Was wäre geschehen, wenn die Suatha die Norag hätten durch ihr Land ziehen lassen? Sie würden es nie erfahren, denn kein Norag betrat ungestraft suathisches Land. Genauso wenig wie diese hier.
Rasch schätzte Jonny die Menge der Krieger ab - vielmehr, er hätte es gern getan, aber er konnte nicht weit genug zählen. Viel mehr als bis ,eins, zwei, viele' reichten seine Zählkünste nicht. Aber es waren viel zu viele, dass erkannte sogar er.
Lautlos wich er wieder zurück und rannte, als er das Tal erreicht hatte, so schnell wie möglich zu Nachtstern. Den Ritt zum Nebelblutdorf legte er innerhalb von drei Tagen zurück, ein Ritt, für den er normalerweise mindestens die doppelte Zeit gebraucht hätte.
~~~~~~~Flashback~ ~ ~Ende~~~~~~~
"Mein Vater hat uns beinahe sofort losgeschickt. Wir sollten nach Rhiawen reiten um Waffen und Vorräte für den Winter zu kaufen. Wahrscheinlich werden wir nicht mehr dazukommen, die Ernte einzubringen. Gleichzeitig sollten wir die Thane von Nachtsturm, Blitzwolke und Erdwind verständigen, und natürlich auch Kai von Feuermond, und um Hilfe bitten.", beendete Jonny seinen Bericht und setzte sich wieder.
Ozuma nickte. "Wir werden euch natürlich unterstützen. Wie viel Zeit bliebt uns noch?"
"Wir schätzen, etwa drei bis vier Wochen.", erklärte einer der anderen Speerreiter, ein alter Veteran mit graumeliertem Haar und einer hässlichen Narbe im Gesicht. "Sie brauchen einige Zeit sich zu sammeln und dann gemeinsam gegen uns vorzurücken. Außerdem wissen sie noch nicht, dass wir von ihrem Angriff wissen. Jonny hat seine Entdeckung erst vor wenigen Tagen gemacht und wir haben sofort gehandelt."
"Aye. Wir werden euch nach Rhiawen begleiten.", erklärte Ozuma. "Und dann nach Nebelblut rüber." Nachdenklich trommelte er mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. "Wir werden morgen losziehen. Eivora, wie sieht es mit unseren Handelswaren aus?" Er wandte sich direkt an die Lagermeisterin seines Klans.
Die kleine, zierliche Frau mit dem braunen, von silbernen Fäden durchzogenem Haar hatte diese Stellung schon seit Jahren inne und sie kannte alle Lagerbestände auswendig. Sie nickte und lächelte. "Wir haben genug, um jetzt die Hälfte nach Rhiawen zu tragen und dass es nächstes Jahr noch genug für den Frühlingsmarkt ist."
Ozuma runzelte die Stirn. "Gut. Wir werden zwei Drittel der Handelswaren mitnehmen und sie im Winter wieder aufstocken."
"Hältst du das für klug?", fragte Llynas, während Eivora nur die Stirn runzelte, aber schwieg.
Der Than zuckte die Schultern. "Ich fürchte, auch wenn es nicht klug ist, es ist notwendig. Kai, wie steht es mit deiner Entscheidung?"
Der Angesprochene schnaubte. "Allzu viel kann ich nicht tun. Wie du vielleicht bemerkt hast, mein Klan besteht aus fünf Personen. Aber ich werde euch nach Rhiawen begleiten. Hiromi und Charya ebenfalls."
Ozuma nickte, während Kais Mutter nur eine Augenbraue hochzog und seine Cousine sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen konnte. Sie war erst einmal in Rhiawen gewesen und das war vor ihrem zehnten Geburtstag. Die Erinnerungen an die beeindruckende Stadt waren längst verwischt und verschwommen.
Auch für Kai war die Stadt der Suatha nur noch ein ferner, verblichener Gedanke, acht war er gewesen, als er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Viel zu lange her, dafür, dass Rhiawen die Stadt ihrer Ahnen war und von Suatha erbaut. Jetzt würde er sie wiedersehen, wenn auch unter denkbar ungünstigen Umständen. Egal. Die Norag würden schon sehen, was sie davon hatten, die Suatha anzugreifen.
"Wir ziehen morgen los, Eivora, ich verlasse mich darauf, dass alles gerichtet ist."
"Es wird alles bereit stehen.", antwortete sie und erhob sich. "Ich brauche Helfer." Sie winkte einigen Halbwüchsigen, die ihr sofort nach draußen folgten. An der Tür bliebe sie noch einmal stehen. "Jonny, wir werden die Ponys als Packtiere nutzen."
Der Rothaarige nickte. "Aye." Das war immer so. Wenn Nebelblut mit ihren Ponys durch den Nachtgesang zog, so ritten sie an mehreren Klanhäusern vorbei, wo die Ponys mit den Gütern der anderen Klane beladen wurden.
"Schön." Ozuma erhob sich und sah sich im Raum um. "Ich brauche ein paar Krieger. Rick, kümmere dich darum."
Der große Weißblonde mit der dunklen Haut nickte zustimmend. Ozuma nahm ihn meistens mit oder übergab ihm ganz die Führung der Karawane, wenn es nach Rhiawen ging. Er kannte den Weg besser als jeder andere und er hatte die Krieger immer unter Kontrolle. Der riesige Axtkrieger war der perfekte Anführer für Kriegszeiten oder Kämpfer, die über etwas wachen sollten.
"Gibt es noch etwas zu sagen?"
"Ja." Charya erhob sich und alle Blicke richteten sich auf sie. Kai zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Seine Mutter war schon immer für eine Überraschung gut gewesen. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, streifte kurz Ozuma und dann Kai und Jonny, sah Igraine und dann Tanor an. "Ich fordere einen Schicksalsspruch."
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Nächste Woche kommt der Rest und dann sehen wir weiter, ob ich das achte auch schon fertig hab. >.<
Und jetzt habe ich noch eine Bitte an euch: ich suche Fantasy-Klischees. Sowas wie 'Drachen fressen Jungfrauen' oder 'Jungfrauen zähmen Einhörner' oder so. Wenn euch dazu was einfällt, könnt ihr mir dann das sagen? Bitte, bitte! *lieb schau*
Und vergesst die Kommis nicht!
Bye
Silberwölfin
Sprüche des Schicksals
Titel: Feuermond
Teil: 8/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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Hier ist schon(?) das 2. Suatha-Kapitel, wie versprochen. Es ist viel zu lang, aber streichen wollte ich nichts, weil es mich sowieso den letzten Nerv gekostet hat.
Als ich es geschrieben habe, war ich mehr begeistert davon, jetzt erscheinen mir die Sprüche irgendwie...zu einfach. -.- Viel zu einfach rauszufinden, wer oder was damit gemeint ist; das Raten wird euch bestimmt nicht mehr schwer fallen.
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@ Sesshi-Chan: So süß sind die Hunde drei nicht. *g* Ich wollte denen nicht gegenüber stehen, wenn sie wütend sind. Mit Kais Sarkasmus hatte ich meine Probleme, aber andererseits bin ich auch öfters sarkastich, das klappt schon. (Ich darf es nur nicht vergessen <--- passiert mir viel zu oft mit irgendetwas, besonders bliebt sind Verletzungen und Tiere.)
Ich weiß, dass man Jonny mit 'h' schreibt, aber ich mag das so lieber. Und weil der Name diesmal nicht von Jonathan abgeleitet ist, lass ich das jetzt so. (Er heißt bei KMuD übrigens auch so, also ohne 'ha')
Ich hab gesagt, dass alle kommen, die ich kenne. Zeo ist definitiv dabei, allerdings weiß ich noch nicht, was seine Rolle ist. Und Gordo hat auch nur eine kleine Rolle, von ihm weiß ich nämlich gar nix.
Hehe, in Rhiawen sind sie erst im 9. Kappi. XP Jetzt kommen erst mal die Schicksalssprüche.
@ are: Bei mir ist das auch manchmal. Dann würd ich's Mexx am liebsten zum Mond schießen. -.- *Kuchen schenk* Bitte schön. Ich hoffe, es kam nicht zu spät. XD
Des Königs Klingen ist von Dave Duncan, (glaube ich), aber ich fand sie ziemlich langweilig. Ich hab nur eins ganz gelesen, das zweite nur angefangen und das dritte überhaupt nicht. *drop* Aber meiner Schwester haben sie gefallen.
Echt? Keine Ahnung, ich vergess sowas immer schnell. >.>
Ja, ich glaub auch, wir hören ziemlich die gleiche Musik. Meine gesamte Familie hasst diese Musik und ich hab noch niemanden gefunden, der die gleiche Musik mit gleicher Begeisterung hört wie ich. v.v
Ich liebe auch Wölfe, darum haben sie auch einen Wolfsvater. Zu ganzen Wölfen wollte ich sie nicht machen, weil sich Wölfe nun mal anders verhalten als Hunde und man sie nicht als Haustiere halten kann. Darum haben sie 'nen Hund als Mutter.
Feuervogel ist Kais Zuname. Wenn mir welche einfallen, bekommen die anderen auch noch welche. Kais Name hängt damit zusammen, dass seine Mutter aus Feuermond kommt, aber auch mit der Symbolik des Phönix' = Feuervogel.
Ich weiß, sie sind Barbaren, alle zusammen. -.- Aber sie gehören nun mal nicht zu den 'zivilisierten' Völkern, die Adieneira zu bieten hat und das wollte ich auch zeigen.
Übrigens ist es lustig, aus (Plastik)Schädeln zu trinken. Man muss aufpassen, dass nicht alles zu den Augenlöchern rausfließt. XDDDD
Schicksalsspruch = Weissagung. Steht übrigens auch bei den Charabeschreibungen. Ich hab halt keine bessere Stelle gefunden. XP Und das hier war so ein schöner Cliffie. *g*
Danke für die Klischees. Bin mit meiner Schwester ewig drüber gehockt. Ein paar hat ich schon, aber nicht alle. ^--------^
(Das Götter-Klischee liebe ich auch und ich hab's schon öfter benutzt, vor allem seit ich Runenzauber gelesen habe, da ist das ein ganz wichtiges Thema. Weissu was wir rausgefunden - u. a. - haben? Dass Frauen entweder böse oder hilflos sind. Oo)
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Okay, noch mal zu den Sprüchen allgemein. Ich werde nichts zu ihnen sagen, da sie sich im Laufe der Geschichte von selbst auflösen. Bei vielen Sachen ist es sowieso klar, wer oder was damit gemeint ist, was ich irgendwie nicht so wollte. (Aber ich wollte vieles nicht, zum Beispiel Raphael sofort als den Verräter hinstellen. *drop*) Ihr könnt ja mal sagen, was ihr daraus herauslest.
Kais Gedanken dazwischen habe ich eingefügt, weil ich später keine wirkliche Gelegenheit mehr habe, sie zu deuten - die Suatha brechen ja gleich nach Rhiawen auf - und darum würde sich die ganze Sache etwas ziehen, wenn ich das jetzt unterlassen würde.
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Sprüche des Schicksals
~~~~~Rückblick~ ~Anfang~~~~~
"Ja." Charya erhob sich und alle Blicke richteten sich auf sie. Kai zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Seine Mutter war schon immer für eine Überraschung gut gewesen. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, streifte kurz Ozuma und dann Kai und Jonny, sah Igraine und dann Tanor an. "Ich fordere einen Schicksalsspruch."
~~~~~Rückblick~ ~Ende~~~~~
"Was!", fuhr Igraine auf. "Bist du dir da bewusst, was du forderst, Charya?"
Die Rotäugige nickte. "Aye. Ich bin mir dessen durchaus bewusst, Oberste Druidin von Nachtsturm, aber ich fordere ihn trotzdem."
Kai wusste, dass Schicksalssprüche eine gefährliche Angelegenheit waren. Es waren drei Druiden und ein Medium erforderlich. Drei um die Götter anzurufen, einer um ihre Stimme wiederzugeben. Es kam nicht selten vor, dass das Medium oder sogar auch die drei Druiden bei einem solchen Spruch starben. Vor allem geschah dies, wenn nichts wirkliches dabei herauskam und die Götter nur Lappalien prophezeiten. Dann, wenn die Sprüche nicht vonnöten waren, weil die Zukunft mehr oder weniger friedlich war - wenn sie offen vor den Menschen lag. Aber oft, wenn die Sprüche nötig gewesen wären, wurden sie aus dem Grund, dass es dabei Tote geben könnte, unterlassen.
"Charya, du..."
Ozuma ließ seine Druidin nicht aussprechen. "Igraine, der Spruch wurde gefordert. Du kennst die Gesetzte."
"Aber... Charya, zieh die Forderung zurück!" Sie sah der Legendenhüterin direkt in die roten Augen, aber diese blickte standhaft zurück.
Kai konnte die Spannung zwischen ihnen fühlen. Flammenfeder auf seinen Füßen bewegte sich unruhig und Winterlilie wimmerte leise. Kai legte ihr die Hand auf den Kopf um sie zu beruhigen. Er und seine Hunde waren nicht die einzigen, die die Spannung bemerkte. Eine unbehagliche Stimmung lag im Raum und Jonny ihm gegenüber rutschte unruhig auf seinem Platz herum.
"Nein. Ich fordere den Spruch.", antwortete Charya fest. Igraines Augen blitzen, dann öffnete sie den Mund um etwas zu sagen.
"Igraine, ich werde nicht nachgeben. Ich fordere sie! Und du weißt, es ist mein Recht, sie zu fordern, genauso wie das Recht eines jeden anderen hier!" Einen Augenblick blieb es still im Raum, man hätte eine Nadel fallen hören können.
Dann wandte Igraine sich seufzend ab. "Nun gut. Fordere, was du willst." Sie ließ sich schwer auf ihren Sitz zurückfallen. Charya sah sich kurz um, ob noch jemand gegen ihre Forderung sprach, dann setzte sie sich wieder. Aber die gespannte Stimmung schwand nicht.
Ozuma sah auffordernd zu Kai, der erst einen Moment später begriff. Es war ein Mitglied seines Klans gewesen, das die Sprüche verlangt hatte. Darum war es seine Aufgabe, zu fragen. Er erhob sich und sah sich kurz um. Manche im Raum begegneten seinem Blick, andere sahen unbehaglich weg.
"Die Schicksalsspruch wurde gefordert von einem Mitglied meines Klans.", sagte er laut genug, dass ihn jeder im Raum verstehen konnte. "Ich suche den Zwischensänger für die Verbindung der göttlichen und der sterblichen Welt."
Niemand antwortete. Hatte er etwas anderes erwartet? Niemand würde leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzen. Vor allem, weil für die Schicksalssprüche keine Veranlassung bestand. Warum Charya sie gefordert hatte, war selbst Kai ein Rätsel. Es blieb still im Raum bis Kai erneut fragte: "Der Schicksalsspruch wurde gefordert. Ich suche den Zwischensänger."
Noch immer blieb alles stumm. Niemand wagte zu atmen, aus Angst, man könnte das als Zustimmung werten. Das Unbehagen der Anwesenden wuchs. Doch niemand antwortete. Kai warf erst einen unruhigen Blick zu Ozuma, der hilflos die Schultern hob. Er hatte noch nie die Sprüche ausrufen müssen. Die Situation war ihm vollkommen unbekannt.
Auch Charya wusste keine Antwort. Sie sah ihren Sohn nicht einmal an, als dieser zu ihr blickte. Sie starrte auf die hölzerne Tischplatte vor sich und das blonde Haar verdeckte ihr Gesicht, so dass Kai nicht einmal den Ausdruck darauf erkennen konnte.
Er wandte sich wieder an die Anwesenden. "Der Schicksalsspruch wurde gefordert. Ich suche den Zwischensänger."
Diesmal gab es sofort eine Reaktion. Charya erhob sich und sagte: "Ich habe die Sprüche gefordert. Darum werde ich Zwischensängerin sein."
Es kam nicht oft vor, dass der Fordernde selbst Zwischensänger war, denn meist forderte der Than und der war nicht befugt, die Rolle des Mittlers einzunehmen. Aber wenn der Than forderte, meldete sich meist jemand.
"Nein!", bellte Kai beinahe entsetzt. "Du..."
"Kai, ich habe dem Spruch gefordert. Es ist meine Pflicht..."
"...bei deinem Klan zu bleiben, Mutter. Du bist die Legendenhüterin, wenn du stirbst ist es mit Feuermond vorbei!"
Einen Moment herrschte Stille, dann öffnete Charya den Mund um etwas zu sagen, aber Igraine fuhr dazwischen. "Du weißt, dass er recht hat, Charya. Du darfst nicht sterben und die Sprüche waren schon immer eine unsichere Angelegenheit."
"Setz dich, Mutter.", bat Kai. "Du darfst nicht Zwischensängerin sein." Charya zögerte.
"Du solltest tun, was dein Sohn sagt.", meinte Ozuma. "Setz dich."
Sie schüttelte den Kopf. "Aber ich habe die Sprüche gefordert. Ich will, dass der Spruch ausgeführt wird. Lasst mich..."
Chaisa unterbrach sie, in dem sie ihrer Schwester eine Hand auf die Schulter legte. "Wenn du so darauf bestehst, bleibt mir wohl keine Wahl.", erklärte sie. "Du weißt, dass Kai Recht hat. Wenn du stirbst ist es mit Feuermond entgültig vorbei und der Phönix wird tot bleiben. Ich werde die Zwischensängerin sein."
Charya sah sie kurz an, dann sank sie auf die Bank zurück. Das hatte sie verloren. Chaisa sah ihren Neffen an. "Ich werde Zwischensängerin sein."
Kai nickte und drehte sich wieder zu den Anwesenden. "Die Zwischensängerin wurde gewählt. Ich suche drei Druiden, die die Verbindung zwischen der göttlichen und der sterblichen Welt halten."
Igraine erhob sich sofort. "Ich werde dafür dienen."
Kai nickte und fragte: "Ich suche zwei Druiden um die Verbindung zu halten."
Tanor erhob sich halb und setzte zum Sprechen an: "Ich werde..."
Charya drückte ihn auf die Bank zurück. "Gar nichts wirst du. Da deine Frau Zwischensängerin ist, steht ihr euch zu nahe."
"Sie hat recht, Tanor. Setz dich.", befahl Igraine.
"Ich werde dafür dienen.", erklärte jemand mit einer hellen Stimme aus der hinteren Ecke und kam herüber. Die Leute machten dem Jungen Platz. Es war Mariams jüngerer Bruder Yusuf, ein fröhlicher Bursche mit breitem Mund und einem Grünstich im schwarzem Haar. Die Augen seiner Schwester begannen stolz zu funkeln, als sie er vortrat.
Kai nickte erneut und fragte ein drittes Mal nach dem Druiden. "Ich werde dafür dienen.", erklärte eine tiefe Stimme. Der Jüngste der Hammermänner von Nebelblut erhob sich.
Kai nickte. "Die Zwischensängerin und die Druiden sind gewählt. Der Spruch wird bei Sonnenuntergang am Opferplatz gesprochen."
Er setzte sich wieder, jetzt waren die Druiden an der Reihe. Da Igraine sich als erstes zur Verfügung gestellt hatte und sie die Erfahrenste und Älteste unter den dreien war, kam ihr die Rolle der Führerin zu. "Wie heißt du?", wandte sie sich zuerst an den Nebelblutkrieger.
"Steve."
"Gut, Steve. Du begleitest Yusuf. Ihr bereitet den Platz vor." Die beiden nickten und verschwanden durch die Tür. "Chaisa, du kommst mit mir." Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. "Heute Abend werden die Götter zu uns sprechen. Ich erwarte die beste Kleidung von euch und ich erwarte die Klanzeichnung von euch." Sie nickte und verschwand mit Chaisa durch die Tür, die weiter ins Klanhaus führte.
Schlagartig begann der größte Teil der Anwesenden zu reden, so dass ein unglaublicher Lärm entstand. Die meisten hatten noch keinen Schicksalsspruch erlebt, denn sie wurden nur sehr selten gefordert. Der letzte war vor über fünfzig Jahren bei Himmelsritt gesprochen worden.
Aber alle kannten die Geschichten über die Sprüche. Alle hatten sie von Taghds Spruch gehört, der die Thissalier angekündigt hatte, und von Arianrods, der vor dem Dunklen König gewarnt hatte. Der Dunkle König war noch älter als ihre Feindschaft mit den Thissaliern, aber die Geschichten über ihn und den Kampf gegen ihn waren so alt und so verwirrend, dass niemand mehr wusste, wer der Dunkle König genau gewesen war und wie er gestorben war.
Nur eines war sicher - er war der größte Tyrann in der Geschichte Adieneiras gewesen. Kein Volk, nicht einmal die Elfen im Süden, waren vor ihm sicher gewesen. Man hatte ihn geschlagen und verbannt und Arianrods zweiter Schicksalsspruch hatte verkündet, er würde wiederkommen. Ob dieser zweite Spruch nun der Wahrheit entsprach oder reine Erfindung war wusste niemand, nicht einmal ein Legendenhüter.
Kai schüttelte den Kopf um diese unsinnigen Gedanken loszuwerden und drehte sich zu Charya um, doch sie war schon verschwunden. Hastig sah er sich im Raum um und sah sie gerade noch durch die Tür nach draußen verschwinden. Hastig folgte er ihr, seine Hunde auf den Fersen. Er holte sie auf dem Dorfplatz ein, wo Eivoras Helfer gerade damit beschäftigt waren, die Bündel auf die Ponyrücken anzupassen. Morgen früh sollte alles so schnell wie möglich ablaufen. "Mutter."
Sie drehte sich um und lächelte schwach, ehe sie ihren Weg fortsetzte. Winterlilie überholte sie und rannte spielerisch um sie herum. Kai holte mit den anderen beiden Hunden schnell zu ihr auf. "Warum hast du den Spruch gefordert?", fragte er.
Charya sah ihn an und schwieg. Sie verließen das Dorf. Nur wenige Meter von dem Tor entfernt blieb sie stehen. Schwanzwedelnd stellte Winterlilie sich neben sie und rieb den Kopf an ihren Beinen. "Ich forderte ihn, weil ich... Ich glaube, sie sind wichtig für die Zukunft. Ein Gefühl."
Verdutzt starrte Kai sie an. Wegen...eines Gefühles riskierte sie den Tod von vier Menschen.
"Es war ein sehr starkes Gefühl.", erklärte sie, als sie seinen Blick bemerkte. Unbewusst fuhr sie der weißgrauen Hündin über den Kopf. "Sohn, mach dir keine Gedanken. Ich bin sicher, wir werden heute Abend etwas wichtiges Erfahren." Sie warf einen Blick auf den Wald. "Und jetzt entschuldige mich kurz." Sie tippte ihm auf die Brust und lächelte leicht. "Du solltest wieder reingehen und überlegen, was du mit nach Rhiawen nimmst, wenn du morgen gehst."
"Aye. Aber du auch."
Sie runzelte die Stirn. "Das wollte ich dich sowieso fragen. Warum soll ich mit? Hiromi kann ich ja noch verstehen, aber ich? Chaisa als Schwertkämpferin wäre eine bessere Wahl gewesen."
Kai grinste. "Das ist mir nur so rausgerutscht. Ein Gefühl."
Charyas helles Lachen vertrieb die letzten Schatten, die die Forderung des Schicksalsspruches hinterlassen hatte. "Also gut. Aber ich muss erst meine Gedanken sammeln. Geh jetzt, mein Sohn." Kai nickte und ging nachdenklich zum Haus zurück.
Ozuma wartete vor der Tür auf ihn. Die Hunde begrüßten ihn begeistert. Sie liebten ihn beinahe genauso sehr wie Kai. "Was hat sie gesagt?"
Kai brauchte nicht zu fragen, wen er meinte und über was gesprochen worden war, ebenso wenig wie Ozuma fragen musste, über was er mit seiner Mutter gesprochen hatte. "Ein Gefühl, sagte sie." Kai zuckte die Schultern, als sein Blutsbruder die Augenbrauen hochzog.
"Ein...Gefühl?"
"Hn."
"Also gut. Wir können es sowieso nicht rückgängig machen. Ich hoffe, ihr Gefühl behält recht."
"Ich auch."
"Ich war schon ewig nicht mehr in Rhiawen.", murmelte Ozuma nachdenklich.
Kai lachte auf. "Ich war das letzte Mal dort, als ich acht war, Bruder."
"Also schön, du hast mich überboten."
"Wo gehen wir hin?"
"Erinnerst du dich noch an Gotheir?"
"Der Schmied? Nein." Kai wusste natürlich, wer Gotheir war, das wusste jeder Suatha. Aber als er ihn getroffen hatte, war er noch ein kleiner Junge gewesen und noch nicht wichtig genug, dass man sich an ihn erinnerte. Das einzige, was Kai in Erinnerung geblieben war, war, dass Gotheir mehr einem Bären glich als einem Menschen und er wahnsinnige Angst vor dem riesigen Mann gehabt hatte, als dieser ihn wegen des Katanas abmaß, das er später tragen sollte. Jeder Schwertheilige bekam in so frühen Jahren sein Schwert angefertigt und das wurde dann Jahre in den Klanhäusern verwahrt.
Gotheir war der einzige thissalische Schmied, von dem Suatha Waffen kauften. Die Klane besaßen zwar eigene Schmieden in bestimmten Bergen und natürlich auch Handwerker, die mit Metall umzugehen wussten, aber keiner von ihnen schmiedete solche Waffen wie Gotheir und seine Ahnen.
Die Suatha kauften schon seit Generationen bei dieser Familie. Jedes einzelne Katana, das die Schwertheiligen trugen, kam von Gotheir oder seinem Vater. Die Suatha wussten, dass sie nicht die einzigen waren, die Gotheirs Erzeugnisse so sehr schätzten. Sogar der thissalische König und den Gerüchten zur Folge auch Ausländer kauften bei ihm.
Aber aus irgendeinem Grund waren ihm die Mitglieder der Klane angenehmere Kunden als seine Landsleute oder Fremdlinge. Wenn die Suatha um eine Waffe baten, die erst noch geschmiedet werden musste, sie konnten sicher sein, das diese die nächste war, die angefertigt wurde.
"Er wird uns viel verkaufen können. Natürlich erst, wenn wir unsere Ware an den Mann gebracht haben." Ozuma schwieg einen Moment. "Du wirst die Stadt hassen. Es sind mehr Leute dort als du dir vorstellen kannst und die meisten davon sind Thissalier."
Kai zuckte die Schultern. Darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Er begegnete - so wie die meisten Suatha - eher selten irgendwelche Thissaliern, außer natürlich bei Raubüberfällen auf irgendwelche Karawanen und Handelszüge, die durch den Nachtgesang zogen, und in solchen Situationen hatte man kaum Gelegenheit, sich freundlich zu unterhalten.
Ozuma klopfte ihm auf die Schulter und riss ihn so aus seinen Gedanken. "Mach dir darüber mal keine Gedanken. Du wirst nicht drum herum kommen. Aber wir haben die letzten Jahre überlebt, wir werden auch dieses Treffen überleben. Nun?" Kai nickte unschlüssig.
"Ich hätte da eine ganz andere Idee, worüber du dir Gedanken machen solltest."
"Sollte ich jetzt beunruhigt sein?"
"Nein. Du jammerst doch schon seit Jahren, dass du noch ein Schwert brauchst." Das stimmte. ,Jammern' war zwar etwas übertrieben, aber Kai wünschte sich schon lange ein zweites Kurzschwert. Früher hatte er zwei gehabt, aber die eine Klinge war an einem Noragknochen zersplittert. Der Schädel dieses Norags hing jetzt am Speer vor der Eingangstür, aber die Klinge blieb natürlich zerbrochen.
"Du kannst ja auch mal gute Ideen haben.", antwortete Kai grinsend. Wenn er schon mal nach Rhiawen war, konnte er sich auch neue Waffen besorgen. Einzig deshalb hatte er diesen Ishiiran vor zwei Jahren erlegt, war tagelang den Spuren des beinahe pferdegroßen Katzenwesens gefolgt und hatte zwei weitere Tage gebraucht, ehe er das intelligente Tier in seine ausgeklügelte Falle gelockt hatte.
Ishiiran waren unter allen Bewohnern des Nachtgesangs und des Karglandes gefürchtete Gegner, aber auch beliebte Beute. Die großen Katzenwesen mit den kurzen Hinterbeinen waren intelligent, stark, schnell und wendig, ihre Zähne lang wie Dolche und ihre Krallen konnten Kettenhemden zerfetzen. Ob letzteres stimmte, wusste Kai nicht, denn kein Suatha ging mit einem Kettenhemd auf Jagd. Aber scharf waren sie auf alle Fälle.
All das machte sie zu einem gefährlicheren Gegner als mancher gut ausgebildete, menschliche Krieger. Die meisten Suatha und Norag und eigentlich alle Thissalier gingen ihnen aus dem Weg, da sie obendrein noch beinahe unmöglich zu töten waren. Ihre Felle waren dicker als die von Bären und ihre Brust durch einen Knochenkorb geschützt, der besser hielt als ein menschlicher Brustkorb.
Wo man bei Bären jedoch auf einen gut gezielten Schuss in die Augen ausweichen konnte, war das bei Ishiiran unmöglich und zwar aus dem Grund, der sie zu einer so beliebten Beute machte, natürlich neben ihrem prächtigen Fell und dem wohlschmeckenden Fleisch: ihre Augen waren Juwelen, mit denen man Diamanten zerschlagen konnte. Bei großen Ishiiran hatten diese Edelsteine die Größe einer Männerfaust.
Kai wusste, dass man bei den Thissaliern Unsummen für ein solches Auge ausgab und das war auch der Grund, warum er sich gerade einen Ishiiran als Beute ausgesucht hatte. Um gute Waffen bei Gotheir zu erstehen, brauchte er Geld und er hatte nicht das Bedürfnis danach gehabt, monatelang auf der Suche nach Beute zu sein, deren Pelze er in Rhiawen verkaufen konnte. Darum hatte er sich den Ishiiran ausgesucht, auch wenn es ein durchaus gefährliches Unterfangen gewesen war. "Gut, dass du mich daran erinnerst."
Einen Moment blieb es still, dann meinte Ozuma. "Lass uns reingehen, es ist kalt hier draußen."
Der Opferplatz lag unweit des Dorfes auf der abgeflachten Kuppe eines Hügels. Er war umgeben von hohen, stehenden Steinen, wie sie auch oft im restlichen Nachtgesang gefunden werden konnten, jedoch kleiner als die bei den Dörfern und auf nur heiligen Plätzen. Steve und Yusuf hatten ganze Arbeit geleistet und alles für den Spruch vorbereitet.
Große Kohleschüsseln waren überall verteilt und neben ihnen saßen Jungen und Mädchen, die darauf achteten, dass die hoch lodernden Flammen nicht kleiner wurden oder gar verloschen. Neben der Mitte des Steinkreises brannte ein weiteres Feuer in einer eigens dafür gegrabenen und mit Steinen ausgelegten Grube.
Daneben befand sich im Zentrum des Steinkreises der große, flache Götterstein, der für Opferungen, Segnungen oder Gebete genutzt wurde. Auf ihm war ein in den Stein gemeißeltes Pentagramm zu sehen. In der Nähe war ein Platz für die Klanräte und die Gäste aus Nebelblut geschaffen worden, dicke Felle auf dem Boden.
Kai und Ozuma - wie alle anderen, die der Zeremonie beiwohnen würden - trugen ihre beste Kleidung, die Thanketten um den Hals und einen Großteil ihrer Waffen bei sich. Den Göttern durfte man nur in der prächtigsten Aufmachung gegenübertreten. Die beiden ließen sich nebeneinander auf den Fellen nieder, während die anderen Mitglieder der Räte - bis auf Igraine, die die Zeremonie zu leiten hatte - sich auf ihren freien Seiten niederließen.
Hiromi setzte sich neben ihren Vater auf den blanken Boden. Sie war bleich im Gesicht, denn immerhin war es ihre Mutter, die Zwischensängerin sein sollte. Auch Tanor sah nicht so aus, als würde er sich auf das kommende Ereignis freuen. Charya saß neben ihrem Sohn und ihr Gesicht war beherrscht und kühl, aber Kai erkannte doch die Sorge in ihren Augen.
Langsam füllte sich der Platz, Eisen klirrte, wenn Waffen gegeneinander stießen, Kleidung raschelte leise, ebenso wie Gras und Laub, wenn jemand darauf trat, und Kies knirschte unter den Schritten der Ankommenden, der Wind rauschte leise in den Wipfeln der Bäume am Fuße des Hügels, irgendwo knallte ein Tuch und in der Ferne erklang der einsame Gesang eines Wolfes.
Es wurde kein Wort gesprochen, so dass es trotz der Geschäftigkeit gespenstig leise auf dem Hügel war. Schweigend suchte sich jeder einen Platz. Im Westen färbte die Sonne den Horizont bereits rot. Schließlich war alles still, selbst der Wolf und der Wind waren verstummt.
Dafür kam jetzt Chaisa, umgeben von Igraine, Yusuf und Steve, wobei die letzen beiden brennende Fackeln bei sich trugen. Sie alle trugen lange, einfache Gewänder in Weiß, die nur mit einer Kordel um die Hüfte gehalten wurden. Man machte eine Gasse für sie frei, so dass sie ungehindert auf die Mitte des Steinkreises schreiten konnten.
Chaisa nahm mit übergeschlagenen Beinen auf dem Götterstein Platz, im Zentrum des Pentagramms. Yusuf und Steve entzündeten schweigend die Kohlen in den kleinen Eisenschalen, die um den Stein herum aufgestellt waren. Die drei Druiden stellten sich im Dreieck um den Götterstein herum.
Steve und Yusuf hielten ihre Fackeln mit beiden Händen, während Igraine beide Arme gen Himmel hob. "Oh, ihr Götter! Hört meinen Ruf! Ich bitte euch um eine Gunst. Oh, ihr Götter! Hört meinen Ruf! Ich bitte euch um einen Spruch des Schicksals."
Sie senkte die Hände und zog aus einem der drei Beutel, die sie neben einem Dolch an ihrer Gürtelkordel trug einige Kräuter. Langsam lief sie um den Götterstein herum und ließ in jede der kleinen Feuerschalen ein Stück der Pflanzen fallen. Eine Stickflamme fraß die Kräuter auf, doch jedes Mal hinterließen sie einen weißen Rauch und einen betäubenden Duft, der sich langsam auf dem Platz ausbreitete.
Igraine kehrte auf ihren Platz zurück und hob wieder die Arme. "Oh, Màn, große Muttergöttin, Herrin der Erde, Mutter dieses Volkes. Wir, die Màn Suatha, deine Kinder, rufen dich und bitten dich um deine Gunst. Màn, Große Göttin der Erde, wir erbitten einen Spruch des Schicksals."
Erneut griff sie in einen Beutel und wiederholte den Rundgang um den Stein. Ein weiterer Duft mischte sich mit dem vorigen und erhöhte die benebelnde Wirkung. Kai spürte den Niesreiz, unterdrückte ihn aber. Er würde sich am liebsten die Hände vor Nase und Mund legen. Wie musste sich erst Chaisa fühlen, die innerhalb dieses berauschenden Dunstes saß? Ein Wunder, dass sie noch nicht umgekippt war.
Igraine stellte sich wieder in ihrer betende Haltung auf ihren Platz an der Spitze des Dreiecks. "Oh, Rotgeflügelte, Herrin der Toten, Königin der Gefallenen, Schwester des Phönix, wir rufen dich an. Wir bitten dich um deine Gunst. Rotgeflügelte, Große Göttin des Todes, wir bitten dich um einen Spruch des Schicksals."
Ein drittes Mal wanderte Igraine um den Stein und ein drittes Mal stoben betäubende Düfte auf. Chaisas Augen waren bereits geschlossen und ihr Gesicht wirkte seltsam entrückt. Ihre Hände lagen entspannt in ihrem Schoß, während ihr Rücken durchgedrückt war.
Igraine sprach weiter. "Oh, Morgaine, Herrin der Zukunft, Hüterin des menschlichen Geschicks, Weberin des Lebenstuchs, wir rufen dich an und bitten dich um deine Gunst. Morgaine, Große Göttin des Schicksals, wir bitten dich um einen Spruch des Schicksals."
Igraine nahm ihre Hände wieder herunter und zog den Dolch aus der Scheide. Vorsichtig schnitt sie sich in das Handgelenk um in jede der kleinen Feuerschalen einige Tropfen Blut fallen zu lassen. Diesmal hob nicht nur sie die Arme, sondern auch Yusuf und Steve. Die zuckenden Fackeln warfen ein gespenstisches Licht auf die Gesichter der drei und auch auf Chaisas Züge, die noch immer entspannt waren.
Etwas verwirrt warf Kai einen Blick auf den Horizont. Er hatte die Sonne beinahe gänzlich verschluckt. Nur noch einige schwache Strahlen versuchten das Dunkel der Nacht zu durchdringen und das Zwielicht zu vertreiben. Er hatte gar nicht gemerkt, dass es dunkel wurde.
Dreifach gellte die nächste Bitte in den Himmel, als alle drei Druiden die Göttinnen ein zweites Mal anrufen: "Oh, Màn, Göttin der Erde! Oh, Rotgeflügelte, Göttin des Todes! Oh, Morgaine, Göttin des Schicksals! Wir rufen euch an und bitten euch um die Gunst, uns einen Spruch des Schicksals zu gewähren. Oh, ihr Göttinnen des Lebens und des Todes und du Göttin der Zukunft, gewährt uns diese Bitte."
Die drei verstummten und zur gleichen Zeit stieß Chaisa einen kreischenden Schrei aus und warf den Kopf in den Nacken. Alle zuckten zusammen. Tanor wollte aufspringen und zu seiner Frau laufen, doch Rick, der auf Kais Bitte hin hinter ihm stand, drückte ihn mit sanfter Gewalt auf den Boden zurück.
Hiromi brauchte niemanden, der sie aufhielt, denn sie konnte sich gut genug beherrschen. Kai hatte zwar Mariam gebeten, ein Auge auf sie zu haben und die große Schöne stand hinter ihr, aber sie rührte sich nicht, auch wenn sich ihre Finger um die Griffe ihrer Schwerter verkrampften.
Chaisas Körper war stocksteif, aber sie schrie nicht mehr. Morgaine, die Göttin des Schicksals, hatte von ihr Besitz ergriffen. Ihr Kopf rollte von einer auf die andere Seite, fiel von hinten nach vorn und wieder zurück. Die Bewegung wurde langsamer und schließlich erschlaffte ihr Körper. Die drei Druiden sanken auf den Boden und hockten sich hin. Inzwischen war die Sonne gänzlich hinter dem Horizont verschwunden und die einzigen Lichter waren die Sterne und der fahle Mond am Himmel und die Flammen, die um den ganzen Platz verteilt waren und alles beinahe taghell erschienen ließen.
Einen Moment später richtete sich Chaisa wieder auf und hob den Kopf. Aus ihrem Mund und ihrer Nase und unter ihren geschlossenen Augenliedern hervor sickernden dünne Rinnsale von Blut. Ein herzzerreißendes Stöhnen drang aus Chaisas Mund, dann öffnete sie die Augen. Sie waren so nach hinten verdreht, dass man nur das Weiße sehen konnte.
Doch ihre Stimme war klarer denn je, laut, stark, gut verständlich und ergriffen von unterschiedlichen Stimmlagen, Tönen und Launen. Die Worte, die sie sprechen würde, würde Kai nie wieder vergessen. Noch Jahre später konnte er Wort für Wort wiederholen, was die Zwischensängerin jetzt sagte.
Niemand würde Charya später mehr vorwerfen, dass sie diese Schicksalssprüche gefordert hatte. Nach dem ersten glaubte auch niemand mehr daran, dass es ein unsinniger Ruf gewesen war oder das Chaisa oder die drei Druiden ihr Leben dabei lassen würden. Zu wichtig, zu bedeutungsvoll, zu viel war das, was die Zwischensängerin an diesem Abend sagte.
Laut tragend hallte der Ruf über den Platz.
Suatha! Suatha!
Haltet euch nicht auf
Mit den Wölfen des Nordens!
Zu lange dauert
Der Kampf mit ihnen.
Nehmt jede Hilfe,
Die euch gewährt.
Sie sprach direkt auf die Norag an, erkannte Kai erstaunt. Aber so, als wären sie nicht wichtig. Wie sollte das möglich sein? Warum wurden sie wie eine Nebensache abgetan? Die Wölfe des Nordens waren schon immer die Feinde der Suatha gewesen, also, wer drängte sich dazwischen? Und welche Hilfe meinte die Göttin? Kai kam nicht mehr dazu, sich längere Gedanken zu machen, denn entgegen der normalen Sprüche, die selten mehr als einen Vers umfassten, sprach Chaisa weiter.
Dunkler Sturm aus Osten
Bringt das Meer zum Kochen.
Ross der Wellen!
Deine Hufe sind hart!
Deine Zähne sind groß!
Zermalme,
Was von dort kommt!
Schön, da hatten sie ja ihre Feinde. Aber aus dem Osten? Im Osten lag nur das Meer. Und was lag dahinter? Ross der Wellen, damit war sicher Gwallcaru gemeint, der Gott des Wassers und der Meere, der oft in Gestalt eines Pferdes auftrat. Er war bekannt als ein sehr launischer, grantiger Gott, den man besser nicht erzürnen sollte.
Gwallcaru war der Grund, warum die Suatha nicht oft zu Schiffe reisten und wenn, dann so schnell wie möglich wieder an Land wollten. Sie fürchteten ihn und seine Wut. Chaisa sprach weiter. Langsam beschlich Kai das Gefühl, dass sie nicht so schnell verstummen würde wie man geglaubt hatte. Scheinbar hatten die Götter nur auf die Bitte um einen Spruch gewartet um ihnen das sagen zu können.
Oh, rot geflügelte Königin!
Misse meinen Partner und mein Kind.
Genug bekommst du
Im nächsten Jahr.
Dieser Spruch war einfach zu deuten. Es würde Krieg geben. Kai hätte das auch so sagen können, aber er wurde den Verdacht nicht los, dass damit nicht der Kampf gegen die Norag gemeint war, sondern ein Kampf gegen einen weit größeren und gefährlicheren Gegner.
Rhiawen! Rhiawen!
Oh, Stadt der Ahnen,
Stadt der Könige.
Màns Kinder besuchen dich
Noch in diesem Jahr.
Waffen sind deine Güter.
Oh! Rhiawen! Rhiawen!
Das war schon geplant. Morgen würde es losgehen. Dass die Göttin das noch einmal jetzt erwähnte, konnte nur bedeuten, dass es überaus wichtig war, gute Waffen zu besorgen. Und das hatte Kai vor. Er äugte kurz zu Ozuma herüber, der seinem Blick mit sorgenvoller Miene erwiderte.
Herbstjagden, begünstigt vom Glück.
Doch die Beute
Ist anders als erwartet.
Pflegt sie gut,
Sie ist die Zukunft.
Des Fuchses Arbeit
Ist noch nicht beendet.
Darauf konnte Kai sich keinen Reim machen. Alles klang unverständlich, vor allem der letzte Teil, der so gar nicht zum Rest passen sollte. Wie sollten sie sich durch die Sprüche auf die kommenden Dinge vorbereiten, wenn sie die Worte und ihren Sinn nicht verstanden? Kai schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die nächste Weissagung.
Armer grauer Falke!
Trauere nicht
Um deinen Freund, den Wolf.
Und nicht zu sehr
Über den Tod der Eltern,
Du bist längst flügge.
Die Katze
Harrt deines Schutzes
Und der Feuerwolf dir.
Jetzt musste man nur wissen, wer denn der ,arme graue Falke' war, der hier angesprochen wurde. Von ihm konnte man sicher Schlüsse auf die anderen drei Genannten ziehen, aber ohne einen Anhaltspunkt? So war er genauso unverständlich wieder vorherige. Wobei - den Namen ,Feuerwolf' meinte Kai bereits einmal gehört zu haben. Ob es sich hierbei um Suatha handelte?
Gebranntes Kind,
Weine nicht,
Dein Vater stirbt.
Gebissen von der Schlange
Im eigenen Haus.
Vergiss Vergangenheit,
Glaube der Zukunft.
Sonne strahlt am Horizont,
Doch davor ballen sich
Die schwarzen Wolken des Sturms.
Anscheinend würden sie das Problem, dass sie nicht wusste, wer angesprochen würde, noch öfter haben. Die Götter hatten es anscheinend nicht so damit, klare Worte zu sagen. Aber das war man ja schon gewöhnt, hier im Nachtgesang. Die Schlange weiß auf Verrat hin, während ein weiteres Mal der Sturm genannt wurde.
Herrin mit den roten Schwingen!
Hole die Schlage, die Lilie
Und des Phönix' Vater.
Verdient haben sie
Deine Gunst.
Endlich ein klares Wort! Auch wenn sie erst einmal herausfinden mussten, wer die Schlange, die Lilie und des Phönix' Vater waren...
Misstraue nicht
Dem Mann mit der Maske.
Weise Worte
Aus seinem Mund,
Kluge Taten
Von seiner Hand
Mögen dir helfen zu bannen
Den Sturm im Osten.
Oh ja, die Göttin wandte sich hier an die Allgemeinheit, oder was? Wieder die Erwähnung des Krieges, der aus dem Osten kommen würde. Kai begann, sich wirklich Sorgen darüber zu machen. Ob sie diesen Krieg noch vor dem Winter beenden konnten? Wenn sie nur wissen würden, wer der Gegner war! Chaisas Kopf rollte wieder herum und ihr Körper zuckte. Wie lange würde er das noch mitmachen, bevor er unter der Macht der Göttin einfach zerbrach?
Schaut hinter die Masken
Eurer Verbündeten.
In einer lauert
Der Feind.
Schlagt ihm den Kopf ab!
Nie sollen sie
Herrscher werden!
Das war wieder eine klare Warnung. Es gab da nur ein Problem: die Màn Suatha hatten keine Verbündeten. Also waren mit den Sprüchen gar nicht - oder eher nicht nur - die Suatha gemeint? Wenn nicht sie, wer denn dann? Die Norag? Nein, die waren ja bereits genannt worden. Die Thissalier? Sicher nicht. Warum sollten suathische Götter die verhassten Thissalier warnen? Die Sheyai oder die Shinazuki? Unwahrscheinlich. Was hatten diese beiden Völker mit den Suatha zu tun? Auch alle anderen Möglichkeiten tat Kai ab. Dieser Spruch gab einfach keinen Sinn.
Ruft das Volk!
Warnt das Volk!
Der Sturm
Zieht über es.
Aber im Westen
Ist Frieden.
Ruft das Volk!
Warnt das Volk!
Volk? Volk! Welches Volk?! Die Suatha kämpften. Waren die gleichen gemeint, die auch mit den anderen Sprüche gemeint waren? Wenigstens gab es auch für die Klane jetzt einen Tipp: Im Westen konnten sie ihre Kinder, Alten und Wehrlosen unterbringen. Falls dieser Feind, von dem da die ganze Zeit die Rede war, überhaupt in den Nachtgesang kam, was Kai inzwischen bezweifelte.
Chaisas Körper zuckte. Aus ihrem Mund drang ein schmerzerfülltes Stöhnen und ihre Muskeln verkrampften sich. Die Göttin sollte schnell machen! Er wollte nicht schon eines seine Klanmitglieder verlieren noch ehe das Jahr um war!
Oh! Völker Adieneiras!
Vergesst die alten
Feinde eurer Seelen
Und das gierige
Verlangen eurer Herzen!
Nur gemeinsam
Seid ihr stark genug!
Darüber dachte Kai erst lieber gar nicht nach. Der Befehl darin war so eindeutig wie unmöglich zu befolgen.
Phönix! Phönix!
Folge dem Ruf
Deines Herzens.
Glück harrt deiner.
Doch verpassen
Darfst du es nicht.
Diesmal hatte Kai das Gefühl, direkt angesprochen zu werden. War er es, denn die Göttin ,Phönix' nannte? Er hatte das Gefühl und wenn man den alten Geschichten glauben durfte, so konnte er diesem Gefühl trauen. Er war also Phönix. Wer aber war ,Phönix' Vater'? Er hatte keinen Vater. Auf diesen Gedanken hin hätte er sich beinahe an die Stirn geklatscht. Er hatte einen Vater, genauso wie jeder andere. Aber sein Vater war ein Thissalier. Also war ein Teil der Sprüche an die Thissalier gerichtet?!
Zwei Väter, zwei Söhne,
doch zusammen nur drei -
Zahl der Magie, der größten Macht.
Frag sie um Hilfe,
Wolf des Eises,
Und du wirst bekommen
Mehr als du verlangst!
Jetzt die Frage, wer war der ,Wolf des Eises'? In der ersten Weissagung hatte die Göttin die Norag mit ,Wölfen des Nordens' betitelt. Ob dabei ein Norag gemeint war? Das wurde immer komplizierter!
Oh, Goldmaskierter!
Führe aus die Befehle
Deiner Herrin.
Zögere nicht,
Denn dazu fehlt die Zeit.
Schön, jetzt wurde ihnen auch noch gesagt, dass sie wenig Zeit hatten. Und dieser Goldmaskierte? War das der, den die Göttin vorher schon genannt hatte? Der ,Mann mit der Maske', dem sie trauen sollten?
Ein weiteres Zucken ging durch Chaisas Körper. Dann ertönte ein hässliches Knirschen und Kai wusste sofort, was geschehen war: irgendein Knochen war in ihrem Körper zerbrochen. Wie lang würde sie das noch aushalten?
Roter Prinz aus Eis,
Warte, deine Zeit kommt.
Vaters Thron ist bald verwaist,
Vor Alban Eiler im nächsten Jahr.
Aber sei nicht zu grausam,
Nicht zu kalt.
Phönix' Feuer wärmt dein Herz,
Lass es geschehen.
Damit war sicher kein Suatha gemeint. Bei den Suatha gab es keinen Thron. Es sei denn, es war nur im übertragenen Sinne gemeint und die Übertragung eines Amtes, nicht die Übernahme eines realen Thrones. All das sollte vor Alban Eiler geschehen. Würde der Krieg erst vorher oder nachher kommen? Und was, bei der Rotgeflügelten, hatte Kai da drin zu suchen?!
Wolf! Wolf!
Traue den Freunden
Aus Kindertagen.
Ihrer Treue bist du sicher.
Niemals wird Verrat und Lüge
Ihre Sprache sein,
Auch wenn sie Masken tragen.
Wieder der Wolf. Der gleiche wie vorhin? Anzunehmen, aber klüger machte es ihn auch nicht, außer der Tatsache, dass die Masken erneut auftauchten. War einer von diesen ,Freunden aus Kindertagen' der ,Goldmaskierte'? Es blieben so viele Fragen offen!
Drei Generationen,
Sohn, Vater und Großvater.
Doch merke dir,
Einer ist falsch!
Noch etwas, das klar war, aber den Suatha nichts brachte. Sie wussten weder wer angesprochen war noch wer diese drei Genannten waren. Wollten die Götter ihnen helfen oder sie in die Verwirrung stürzen?
Roter Prinz, traue
Deinen hohen Gästen,
Doch achte
Auf die Lügner unter ihnen.
Deiner Freundschaft sind nur
Jene wert, die glauben
An die Zukunft im Glück.
Schon wieder der! Kai wollte wirklich wissen, wer dieser ,Rote Prinz' war. Ein Suatha? Na, hoffentlich! Aber die Warnung vor den Lügnern kam sehr oft. Ob mehrere verschiedene damit gemeint waren?
Du, Greif,
folge deinem Herzen,
Bleibe treu!
Dem Roten Prinzen
Und dann
Deinem Volk im
Mond des Feuers.
Greif? Wenn Kai der Phönix war, der das Klantier Feuermonds war, war Ozuma dann der Greif, der über Nachtsturm wachte? Er blickte kurz zu seinem Blutsbruder hinüber, doch der zeigte keine Regung. War er nun der Greif oder nicht? Aber das würde bedeuten, der ,Rote Prinz' hätte etwas mit Ozuma zu tun. Kai jedoch fiel niemand ein, auf den diese Beschreibung gepasst hätte, weder vom Stand noch vom Verhalten her.
Chaisa öffnete ein weiteres Mal den Mund, doch außer einem Schwall Blut kam nichts heraus. Ihr Körper zuckte, weiteres Blut besudelte ihr Kleid.
Suatha! Suatha!
Keine Zeit bleibt euch.
Zieht so schnell
Wie der Phönix fliegt
Gen Süden in
Die Stadt eurer Ahnen.
Die Zeit schien wirklich zu drängen. Aber ab welchem Zeitpunkt? Nach dem Winter? Vor dem Winter? War Alban Eiler der Punkt, ab dem sie sich beeilen mussten? Oder mussten sie bis dorthin schnell sein? Rhiawen würden sie ja bald sehen. Wahrscheinlich erst ab Alban Eiler. Das wäre logischer als jetzt schon. Und...
Seine Gedanken wurden von Chaisas Schrei unterbrochen. Sie warf ihren Kopf in den Nacken, man hörte weitere Knochen brechen. Dann sackte sie zusammen wie ein nasser Sack. Anscheinend war die Weissagung der Göttin vorbei. Kai atmete auf. Wenigstens schien sie noch am Leben zu sein.
Den drei Druiden ging es gut, sie erhoben sich und traten hastig auf die auf dem Stein liegende Frau zu. Kai sprang auf und gab Rick ein Zeichen, Tanor noch länger festzuhalten, und auch Mariam legte Hiromi fest die Hände auf die Schultern, so dass sie sitzen bleiben musste.
Rasch eilte Kai auf die Druiden zu. Igraine drehte sich zu ihm um und erklärte leise: "Sie hat innere Blutungen und mehrere Knochen sind gebrochen. Aber ich denke, sie wird es überleben. Wir werden alles tun, um ihr zu helfen und sie hat einen starken Lebenswillen. Wenn jetzt nicht noch ein Unglück geschieht, ist sie wieder wohlauf, sobald ihr von der Reise nach Rhiawen zurückkehrt." Kai nickte dankbar und drehte sich um, um den anderen dreien davon zu berichten.
~~~~~~~
Für alle die es interessiert: Gwallcaru ist dem keltischen Gott Mannanan und den Kelpie(Wasserdämonen, die zwischen der Gestalt eines Mannes und eines Pferdes wechseln) nachempfunden. Was ein Ishiiran ist, solltet ihr euch merken, da tauch nämlich noch einer auf, sogar in einer recht wichtigen Rolle. XD
Das achte Kapitel ist bereits fertig, es kommt irgendwann Anfang Dezember.
Und lasst mir bitte, bitte einen Kommi da! Ich weiß, dass ganz viele Leute das hier lesen und wenn ihr Zeit genug dafür habt(meine Kapitel sind ja nicht unbedingt kurz), könnt ihr auch einen kurzen Komentar abgeben. Also? *lieb schau* Wie sieht's aus?
Bye
Silberwölfin
Balgereien und Belauschungen
Titel: Feuermond
Teil: 9/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
~~~~~~~
Ich weiß, dass 'Belauschungen' ein seltsames Wort ist und ich weiß nicht, ob es wirklich existiert. Aber mein Computer hat es mir nicht angestrichen, also denke ich mal, dass kann man so stehen lassen.
Das Kapitel hat mich den letzten Nerv gekostet und ich habe vor allem für den Zoff am Anfang ewig gebraucht (und er ist trotzdem sch...e geworden -.-°). Dafür gefällt mir das letzte Gespräch, das hat mir richtig Spaß gemacht. ^^
Die erste Szene ist richtig...blöd geworden, aber ich kann sowas einfach nicht schreiben; ich mein, solche lächerlichen Streits. *grummel* Aber ich wollte einfach mal zeigen, wie das zwischen den beiden Völkern aussieht. v.v Damit man ein paar Vergleiche zu anderen Ereignissen ziehen kann.
**
@ Sesshi-Chan: Dir hat ja auch die Zeremonie mit dem Klanwechsel gefallen. Trifft genau deinen Nerv, was? Puh! *erleichtert ausatmet* Die Sprüche sind doch nicht schlecht angekommen.
Zu kurz? Ich wusste nicht, was ich noch hätte schreiben sollen. Außerdem war das Kapitel sowieso schon zu lang. *drop* Jedenfalls wird das nicht das einzige Gespräch zwischen denen bleiben. ^^
@ are: Du hast mein Beileid. Ich komme immer um die 'freiwilligen' Meldungen herum, weil ich genug Spinner im Kurs habe. ^^'' Und so ganz ohne sind die Schicksalsprüche ja nicht, oder? Ich meine, Chaisa geht es nicht besonders gut danach. Und, JA, sie überlebt. Ich wollte es Kai nciht antun, jetzt schon ein Mitglied seines Klans zu verlieren.
Ich persönlich liebe solche Sachen wie die Sprüche. Ich muss mir sowas immer zwei oder drei Mal durchlesen, damit sich die Wirkung auch voll entfaltet. ^^ Ich rede gerade Müll, glaube ich. XD
Du hast Recht, ich liebe diesen Kerl! *.* In Thief's Pride habe ich ihn sogar zu einem Gott gemacht. >.> *räusper*
Tja, die Suatha kennen auch weder Beyblade und die Charaktere noch die anderen Kapitel von Feuermond. XD Jedenfalls bin ich erleichtert, dass die Sprüche doch nicht so einfach zu deuten sind, wie ich dachte. Liegt bei mir wohl daran, dass ich die Geschichte schon kenne. -.-
@ koukoufanin: Danke für deinen Kommi (und dein Lob)!!!! Schön, dass dir die Story gefällt. (Das sag ich, glaub ich, jedes Mal. *drop* Jedenfalls stimmt's.) Ich geb mir auch alle Mühe, dass es diese Wirkung hat und ich hoffe doch, dass es bis zu einem bestimmten Punkt klappt.
Ich glaube, manche Leute schreckt die Kapitellänge eher ab. Ich mag zwar auch lange Kapitel lieber(vorausgesetzt sie stammen von einem guten Autor), aber manche Leute mögen das eher nicht.
Spannung? Echt?! Guuuuuuut...
Wenn ich vor dir entdecke, dass das neue Kapitel oben ist, schick ich dir 'ne ENS, klar, immer!
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Balgereien und Belauschungen
"Schau dir das an!", flüsterte Max und zeigte auf einen der Wandteppiche in der Nähe. Auf ihm war eine Jagdszene zu erkennen, so detailreich und lebensnah, dass Takao das Gefühl hatte, gleich würden die Hirsche und ihre berittenen Verfolger aus dem Bild springen.
Der Teppich selbst war groß genug, die Wand in ihrer gesamten Höhe zu bedecken und auch nicht viel schmaler war. Und die Wand war hoch, mindestens drei Mannslängen, ehe sie in das bogenförmige Dach überging. Dieses war mit riesigen Gemälden verziert, die teilweise mit Gold gemalt worden waren. Die Wände wurden von Teppichen und Mosaiken bedeckt oder weißen Fließen, die aus Rhamadi zu kommen schienen.
Alles in allem herrschte beinahe im gesamten Palast - zumindest in dem Teil, den die ausländischen Gäste zu sehen bekamen - ein so verschwenderischer Reichtum, dass Takao sich fragte, wo das alles herkam. Selbst ein König konnte nicht so viel Geld besitzen.
Takeru hatte gemeint, alles, was sie im Blauen Palast sähen, hätte sich mit der Zeit angesammelt, immerhin herrschte die königliche Familie schon seit mehr als Tausend Jahren über Thissalia und da käme einiges zusammen. So ganz wollte Takao das nicht glauben, aber was blieb ihm anderes übrig? Die Schätze waren nun einmal da.
Max und er streiften in den letzten Tagen durch den gesamten Palast, denn es gab einiges zu sehen. So kam er oft auch um die täglichen Trainingsstunden herum, da Hitoshi ihn nicht finden konnte. Wie auch, wenn er oft selbst nicht wusste, wo er sich gerade befand?
Max hingegen begleitete ihn, weil ihn das alles wirklich interessierte. Oft überredete er Olivier dazu, sich ihnen anzuschließen und ihnen alle Geschichten und Daten zu erzählen, die mit den Gegenständen verbunden waren. Das meiste war stinklangweilig, aber hin und wieder gab es doch amüsante Geschehnisse, wie zum Beispiel die Sache mit Kariasas Speer oder dem Wandteppich, auf dem jede Menge Bücher zu sehen waren und ein großer, goldener Drache, der davor schlief wie vor seinem Schatzhort.
Aber trotzdem war es Takao lieber, wenn er und Max alleine unterwegs waren. So wie in Shinazu, nur sie beide, auch wenn das ihre Familien nicht besonders gern sahen. Viel zu gefährlich, hieß es immer. Takao musste zugeben, sie hatten ein paar brenzlige Situationen erlebt, aber aus jeder waren sie lebend herausgekommen. Nur ein paar Narben erzählten noch von ihren Abenteuern.
"Komm schon, Takao. Willst du hier Wurzeln schlagen?" Max' Stimme riss ihn aus den Gedanken.
"Hä? Was?"
Der Blonde lächelte ihn fröhlich an. "Komm schon! Wir wollten doch noch die Rosengärten ansehen. Olivier hat gemeint, wir sollten sie auf keinen Fall auslassen. Sie sind da hinten!" Der Magier deutete den Gang entlang und packte seinen Freund am Arm. "Komm schon!"
"Aber er hat auch gesagt, dass die Sheyai ihre Zimmer da in der Nähe haben.", murrte Takao, folgte seinem Freund aber.
"Na und? Sie werden wohl etwas besseres zu tun haben, als durch die Rosengärten zu spazieren."
"Und wir nicht?"
"Äh..." Max sah ihn verwirrt an und kam dann auf den Schluss, dass Takao vollkommen recht hatte. Warum sollten einige der Sheyai nicht in den Gärten sein, wenn auch sie beide die Muße hatten, es zu tun? Aber er wand sich schnell aus der Affäre und kam mit einem anderen Argument.
"Nun, ich denke, der Begriff ,Nähe' ist hier im Blauen Palast sowieso relativ. Wir können ihnen leicht aus dem Weg gehen."
Darauf wusste Takao nichts zu antworten, denn das war einfach nur unwiderlegbar. Der Palast war so groß und so weitläufig, dass er sogar Hitoshi aus dem Weg gehen konnte. Und das musste etwas heißen. Manchmal glaubte Takao, sein Bruder wusste immer ganz genau, wo er sich im Moment aufhielt. In Shinazu war es jedenfalls so gewesen, denn Hiro hatte ihn immer und überall gefunden, egal, was er versuchte und wo er sich versteckte um den Trainingsstunden zu entkommen. Selbst wenn er das großväterliche Schloss verließ, fand Hiro ihn.
Takao war richtig erleichtert gewesen, als Hiro ihn das erste Mal im Blauen Palast nicht gefunden hatte, auch wenn er sich am Abend heftige Vorwürfe hatte anhören müssen. Das bedeutete wenigstens, Hitoshi konnte sich nur gut in ihn hineinversetzen und ihn nicht wie ein Bluthund aufspüren.
Wiederum war es Max, der ihn aus seinen Gedanken holte, in dem er stehen blieb. Takao, der nicht auf seinen Freund geachtet hatte, rannte einfach in ihn hinein, dass sie beide übereinander zu Boden fielen.
"Takao, kannst du nicht einmal aufpassen?!", fauchte Max ihn an, während von irgendwoher Gelächter ertönte. Sofort war der Langhaarige auf den Beinen und sah sich nach dem um, der sie da so dreist auslachte. Max rappelte sich langsamer wieder auf und klopfte sich den Staub von den Kleidern, während er sich ebenfalls etwas ärgerlich umblickte.
Sie befanden sich in einem äußerst weitläufigen und äußerst großen Garten, der von hohen, blauen Mauern umgeben war. Schmale, mit weißem Kies bedeckte Wege schlängelten sich hindurch, und in der Mitte befand sich eine Gruppe hoher Birken und Linden auf einer Grasfläche. Der Rest des Gartens war über und über mit Rosen bewachsen. Die Blüten hatten alle Schattierungen und Zwischenfarben von Rot, Blau, Gelb, Rosa und Violett, hin und wieder konnte man sogar weiße oder schwarze Blüten sehen.
Es gab Hecken, kleine Büsche, Pflanzen, die dicht am Boden wuchsen oder die sich an hölzernen Gerüsten hinaufrankten. Die Mauern waren bedeckt von Ästen und Zweigen, so dass man nur hin und wieder das Blau des Steines durchblitzen sah. Über allem lag der betörende Duft der Pflanzen und betäubte beinahe Takaos Nase, so schwer und süß war er. Der Garten bot wirklich ein prächtiger Anblick und Olivier hatte nicht untertrieben, als er gesagt hatte, er würde sie verzaubern.
Der langhaarige Shinazuki wäre auch sicherlich begeistert davon gewesen, trotz des alles überlagernden Geruchs, aber im Moment interessierte ihn der Garten nicht. Viel lohnender schien ihm zu sein, in Erfahrung zu bringen, wer da so frech lachte. Er musste nicht lange warten, da trat ein schlanker, muskulöser Sheyai hinter einer der Hecken hervor.
Der Mann mochte einige Jahre jünger sein als Hiro, hatte goldbraune Haut, langes schwarzes Haar wie die Mähne eines Pferdes, goldene Augen und bewegte sich mit einer solchen Geschmeidigkeit und Leichtigkeit, dass Takao unwillkürlich neidisch wurde, aber auch unfreiwillig Bewunderung verspürte.
"Verlässt man in Shinazu immer auf diese Weise ein Haus?", fragte er spöttisch und seine goldenen Augen funkelten.
"Hrmpf.", gab Takao von sich und fragte zurück: "Macht man sich in Sheyai immer über Leute lustig, denen ein kleines Missgeschick geschieht?"
Das Funkeln in den goldenen Augen veränderte sich, aber der Sheyai rührte sich ansonsten nicht. "Nein, eigentlich nicht. Aber bei uns ist niemand tapsig genug für solche...Missgeschicke."
"Dann passt nur auf, dass Euch nicht einige Missgeschicke passieren!" Takao war schon jetzt vollkommen aufgebracht. "Das würde doch zu seltsam aussehen!" Der Hohn und die Wut in seiner Stimme waren unüberhörbar.
Das Funkeln in den goldenen Katzenaugen des Sheyai änderte sich und wurde ärgerlich. Anscheinend war er noch nie auf einen so unverschämten Jungen wie Takao getroffen, der - obwohl fünf Jahre jünger - den Mut hatte, ihn so anzufahren. "Ihr...solltet besser Eure Zunge hüten, Kleiner.", sagte er.
"Und Ihr die Eure!", fauchte der Shinazuki zurück. "Sonst geht sie mit Euch durch und Ihr habt mehr Ärger am Hals als Euch lieb ist!"
Max erster Gedanke war, dass diese Beschreibung viel eher auf Takao selbst zutreffen würde, sein zweiter, wie er seinen Freund so schnell wie möglich von hier fortschaffte, ehe es wirklich noch Ärger gab.
"Lai? Was ist denn los?" Die weibliche Stimme kam aus dem hinteren Teil des Gartens und sprach sheyaianisch.
Lai - anscheinend ihr Gegenüber - antwortete über die Schulter hinweg: "Nichts. Nur ein kleiner, unverschämter Shinazu-Bengel."
"He! Wer ist hier unverschämt?", fuhr Takao auf und Max wunderte sich, dass der Langhaarige den Sheyai überhaupt verstanden hatte. Er hatte immer gedacht, Takao verabscheue es, eine Sprache zu lernen? Sein Thissalisch war grottenschlecht gewesen, als sie hergekommen waren, aber inzwischen konnte man ihn sogar richtig gut verstehen.
Zwei weitere Sheyai tauchten zwischen den Rosen auf, ein Mädchen mit dickem Haar von derselben Farbe wie die pinken Blütenblätter hinter ihr und ein weiterer Junge, etwas jünger als der erste und mit einem langen, einem sehr langen, Zopf.
"Lass sie, Lai.", befahl das Mädchen. "Ich bin sicher..."
"Mao! Der Kerl hat mich beleidigt."
"Aber..."
"Nichts, ,aber', Rei!"
"Braucht Ihr immer Aufpasser?", fragte Takao in einem Ton, bei dem sogar der friedliebende Max auf ihn losgegangen wäre. Der Blonde war froh, dass Lai das unterließ - er hätte sicherlich Hackfleisch aus dem jungen Drachen gemacht - sondern ihm nur einen finsteren Blick schenkte.
"Ihr...solltet wirklich...Eure Zunge hüten.", zischte er. "Sonst könntet Ihr sie verlieren." Seine Stimme zitterte vor Wut.
Max packte Takao am Arm und versuchte ihn wegzuziehen, aber der andere riss sich einfach los. "Sicher nicht an Euch, Ihr solltet mhmm..."
Max legte seinem Freund die Hand auf den Mund, auch wenn er wusste, dass das nicht besonders höflich war. "Takao, komm jetzt, wir sollten wirklich besser gehen." Er drehte sich zu Lai und seine Freunde, die die beiden anstarrten, und lächelte höflich. "Entschuldigt ihn. Er hat manchmal ein zu loses Mundwerk."
"Dass sollte er besser ändern.", meinte der Jüngere der Sheyai. "Komm, Lai, wir sollten besser..." Er fasste seinen Freund am Handgelenk.
Takao schnaubte, niemand konnte das so gut wie er, und das Grummeln, das unter Max' Hand hervorklang, hörte sich verdächtig nach einer Beleidigung an.
"Wag es noch einmal, mich zu verspotten und du wirst sehen, dass ich nicht besonders sanftmütig bin."
"Tsss.", machte Takao und schob Max entgültig davon.
"Takao!"
"Lai! Lass das!", schimpfte das Mädchen. "Wir sind hier um Frieden zu schaffen und nicht um einen erneuten Kampf anzufangen. Also bitte!"
"Mao. Ich werde dem Jungen erst eine Lektion erteilen, dass er weiß, dass er sich nicht mit Stärkeren anlegen sollte."
"Stärker? Dass ich nicht lache!"
Lais giftige Antwort ignorierte Max einfach, auch Takaos zornige Erwiderung. Ein Wort ergab das andere und Rei und Mao hielten ihren Freund schon längst an den Armen gepackt um ihn davon abzuhalten, auf Takao loszugehen.
Max seinerseits hing schwer an Takaos Armen, sonst wären wohl alle Bemühungen von Mao und Rei umsonst gewesen. Dass der Blauhaarige so auf Lai reagierte, konnte nicht nur an dessen Provokationen liegen. Wahrscheinlich war es bei dem Sheyai nicht anders.
Max hatte nicht gewusst, dass die Feindschaft zwischen ihren beiden Ländern so tief saß. Sie herrschte doch erst seit kurzer Zeit, kaum lang genug für einen richtigen Krieg. Außerdem beruhte sie auch nur auf Gebietsansprüchen, nicht auf irgendwelchen ethischen oder historischen Gründen.
Er selbst als Magier in Ausbildung war nicht wirklich davon betroffen worden, aber Takao wurde ständig mit dem Krieg konfrontiert, immerhin sollte er selbst Kämpfer und Kriegsherr werden und bei solchen Angelegenheiten bedeutete Wissen nun mal Macht und damit den Sieg.
Als schließlich das Wort ,Zweikampf' fiel, wurde es Max zu bunt. "Wir gehen jetzt!", rief er und zerrte den fluchenden und geifernden Takao hinter sich her aus dem Garten.
Lai, von Rei und Mao an den Handgelenken gehalten, erwiderte laut Takaos Verwünschungen, wurde hinter ihnen aber immer leiser.
Max betete inständig, dass er seinen Freund schnell aus der Hörweite der Neko-jin bringen konnte, bevor diesem einfiel, dass er viel stärker und geschickter als der Blonde war und sich eigentlich mit Leichtigkeit befreien konnte. Seine Gebete wurden erhört, denn als er wieder stehen blieb - Lais Flüche hinter ihnen waren schon lang verstummt - wusste er selbst nicht mehr, wo sie waren.
Das war ihm während der Zeit im Blauen Palast noch nie geschehen. Immer hatte er den Weg zurück gewusst, aber jetzt kam ihm nicht einmal mehr etwas bekannt vor. Nicht die Statuen und die Vasen, die in den Wandnischen standen, nicht die dicken Gobeline an den Wänden oder die Mosaike an der Decke, ebenso wenig die Gärten, die er durch die Glasscheiben der Fenster sehen konnte.
Er ließ Takao los, der sofort herumfuhr und ihn anfauchte: "Was sollte das, Max?! Ich hätte dem Kerl schon gezeigt, dass er nicht so mit einem Shinazuki reden darf. Ich hätte ihm..." Er stieß laute Flüche und Verwünschungen gegen Sheyai im Allgemeinen und Lai im Besonderen aus und achtete nicht darauf, dass es nicht besonders nett war, was er da sagte.
Max ignorierte ihn sondern sah sich verwirrt um. Hoffentlich fanden sie bald jemanden, der ihnen sagen konnte, wo denn ihre Gemächer lagen...
"He! Hörst du mir überhaupt zu?", fuhr Takao ihn an, so dass er heftig zusammenzuckte.
"Ja. Natürlich. Was hast du gesagt?"
Takao stöhnte und verdrehte die Augen, während Max ihn direkt anblickte. Anscheinend hatte sein Freund sich wieder beruhigt und man konnte anständig mit ihm reden. "Du hörst mir nicht zu.", antwortete Takao beleidigt.
"Doch, tu ich."
"Nein. Aber warum hast du mich weggezerrt? Ich hätte..."
"...den Frieden gebrochen, Takao.", unterbrach Max vorwurfsvoll. "Du hast doch gehört, was dein Großvater gesagt hat. Wir sollen nicht mit den Sheyai Streit anfangen, egal, was sie machen!"
"Aber...aber dieser Kerl..."
"Er hat die provoziert, na und? Hättet ihr diesen Zweikampf wirklich durchgeführt, hätte Takeru dich sicher nach Hause zurückgeschickt. Und das willst du doch nicht oder?"
Takaos Gesicht wurde nachdenklich und er blickte plötzlich schuldbewusst drein. "Nein. Natürlich nicht... Ich werd's nie wieder machen! Ich versprech's!"
"Ist nur die Frage, ob du dich daran halten wirst...", grummelte Max. "Wahrscheinlich gehst du bei eurem nächsten Zusammentreffen wieder auf ihn los."
Takao zuckte die Schultern und grinste fröhlich. Anscheinend war für ihn dieses Thema schon wieder vom Tisch. "Also, wo sind wir hier?"
"Ich weiß nicht."
"Wie, du weißt es nicht?"
"Ich weiß es eben nicht! Ich hab so darauf achten müssen, dich nicht loszulassen und von Lai wegzubringen, dass ich nicht auf den Weg geachtet habe."
"Und jetzt sind wir...wo?"
"Keine Ahnung, sagte ich doch schon! Ich denke, wir sollten zurückgehen und sehen, ob wir nicht irgendwen treffen, den wir fragen können." Max drehte sich um und folgte dem Flur, durch den er eben noch Takao gezerrt hatte. "Kommst du? Was ist denn heute mit dir los, du wirkst wie eine Trantüte."
"He! Jetzt fängst du auch noch damit an! Als ob Lai mich nicht schon genug beleidigt hätte."
"Tut mir Leid. Aber es ist nun mal so. Also? Kommst du oder willst du hier bleiben?"
Takao schloss rasch zu seinem Freund auf. "Waren wir hier schon einmal?" Gutgelaunt sah er sich um.
"Nein. Ich glaube nicht."
"Kommt mir auch so vor. Sollen wir mal da hinter gehen?" Er deutete einen langen Gang entlang, an dessen Wand sich eine lange Reihe Statuen auf hohen Sockeln entlang zog und denen gegenüber hohe Bogenfenster in den Stein eingelassen waren.
"Nein, wir sollten besser..."
Aber Takao war schon abgebogen und betrachtete staunend die naturgetreuen Figuren. "Schau dir das an! Die sehen aus, als würden sie gleich von ihren Sockeln steigen.", flüsterte er ehrfürchtig und sah in die Gesichter der Figuren. Es waren allesamt Männer, die er sehen konnte, prächtig gekleidet und ausgestattet und jeder trug eine Krone auf dem Kopf. Takao erkannte darin die Krone, die auch Eskander bei dem Empfang getragen hatte.
"Das müssen die vergangenen Könige Thissalias sein!", flüsterte Max so leise, dass Takao ihn kaum verstand. Ihre Schritte hallten lauter als Max' Stimme klang.
Langsam wanderten sie den Gang entlang und sahen jedem der steinernen Könige ins Gesicht. Sie merkten gar nicht, wie ihre Schritte irgendwann nicht mehr hallten, sondern dumpf klangen durch den dicken Teppich, der nun den Gang bedeckte. Sie hörten auch nicht die Stimmen, die immer lauter wurden.
Zu ergriffen waren sie von der schweigenden Präsenz der Steinkönige und ihren Ehrfurcht gebietenden Gesichtern. Takao war es, als spüre er ihre Gegenwart, als wären sie noch immer hier. In gewisser Weise mochten sie das sein, denn kein Thissalier würde sie jemals vergessen. Zu sehr waren die Hochkönige mit der Geschichte des Landes verbunden.
Max erinnerte sich, einige der Gestalten bereits auf anderen Abbildungen gesehen und ihren Namen gehört zu haben. Er erinnerte sich auch an diverse Details in ihren Leben und ihrer Herrschaftszeit. Oder an Ereignisse, die mit ihrem Tod verbunden waren. Zum Beispiel bei Rowald dem Barmherzigen, dessen Namen er seinem viel zu großen Herz zu verdanken hatte, das nicht geschaffen war, einem König zu gehören.
Oder bei Zhardor dem Grausamen; der Name war Begriff genug. Max erinnerte sich an Jeran den Großen, Umbra die Königin, Iendra den Silbernen und Ghendor den Hengst. Kalendor hatte durch seine Großherzigkeit den Krieg zwischen Thissalia und Shinazu beendet, Ikoran hatte den Norag in einer gewaltigen Seeschlacht eine schwere Niederlage beigefügt und Daskurs Schädel hatten die Suatha gestohlen.
Takao kannte zwar kaum mehr eines der historischen Ereignisse, aber er wusste, dass er hier einem Stück thissalischer Geschichte gegenüber stand und zwar einem Teil, den man erst mit dem Niedergang aller Reiche auf Adieneira vergessen würde.
Als die Figurengalerie plötzlich zu Ende war, blieb er beinahe ratlos stehen. Eine laute, bekannt klingende Stimme ließ ihn zusammenzuckten. "Er kann sich auf etwas gefasst machen, wenn er hier ist!"
Nervös sah er sich um. Sie befanden sich am Rande einer großen Halle. Gegenüber von ihm waren riesige Bogenfenster angebracht, die beinahe bis zur Decke reichten. Die Halle selbst umfasste sicherlich zwei, wenn nicht sogar drei Stockwerke und die Decke wurde von Säulen getragen, die sich gegenüber der Fensterfront befanden. In die schmaleren Breitseiten der Halle waren große Türen eingelassen und weiter rechts in der Wand, aus der auch ,ihr' Gang kam, mündete ein zweiter in die Halle, wenn Takao das richtig sah.
In der Mitte des Saales befand sich eine lange Tafel mit mindestens zwei Dutzend Stühlen an den Längsseiten und einem kleinen Thron am Kopfende. Unter einigen Fenstern standen weitere Tische, auf denen alle möglichen Bücher, Blätter und Schreibutensilien lagen. Von der Decke hingen große, einfache Kronleuchter und zwischen den Fenstern waren schwere Vorhänge aus Samt angebracht.
Von den Säulen, rechts und links der Türen und zwischen den Vorhängen hingen lange Banner, die alle verschiedene Wappen zeigten, und unter jedem dieser Banner war ein Schild mit demselben Wappen angebracht. Ansonsten war der Saal schmucklos und wirkte dadurch auf eine Weise ehrfurchtgebietender als alle anderen Räume, die sie im Blauen Palast gesehen hatten.
Takao wurde erst nach einem Augenblick klar, dass sie hier anscheinend unversehens in den Beratungsraum des Hochkönigs gestolpert waren, ohne zu wissen, wo sie sich überhaupt befanden. "Ups.", murmelte er und errötete. Sie sollten hier wohl besser nicht erwischt werden. Auch wenn man es ihnen nicht untersagt hatte, den Saal zu betreten, so verbot es sich doch von selbst.
Vor allem nicht, wenn der König selbst und einige Berater sich hier aufhielten und anscheinend etwas wichtiges zu besprechen hatten. Max ging es nicht anders. Unruhig wechselten sie einen schuldbewussten Blick.
"Beruhigt Euch, Eure Majestät." Das musste Dickenson sein. Wider besseres Wissens, aber vor Neugierde beinahe platzend schlich Takao sich an eine der Säulen und spähte um eine der Ecken. Er ignorierte Max, der ihm mit heftigen Gesten und lautlosen Worten zu verstehen geben wollte, dass sie besser verschwinden sollten.
Eskander stand am Tisch. Er war ein großer, herrischer Mann mit breiten Schultern und nachtschwarzem Haar, das ihm glatt auf den Rücken fiel. Beim Empfang hatte Takao gesehen, dass seine Augen grün und stechend waren. Diesem durchdringenden Blick würde er nicht lange standhalten, wenn Eskander ihn direkt taxierte.
Im Moment lief der König unruhig vom Fenster zum Tisch und wieder zurück. Dickenson stand hilflos neben einem Stuhl und sah ihm dabei zu, während er versuchte, den König zu beruhigen. Fürst Crain stand mit überkreuzten Armen in der Nähe und sah ungerührt dabei zu.
"Ich soll mich beruhigen! Warum! Er sollte besser schnell machen, sonst..."
"Majestät, bitte!", rief jetzt auch Crain. "Ich bin sicher, er hat einen triftigen Grund, warum er noch nicht da ist."
"Einen Grund? Oh, ja, denn sollte er haben! Einen sehr stichhaltigen aber!"
"Ich bin sicher... Er würde seine Pflichten niemals vernachlässigen, Majestät."
"Ich muss Lord Crain Recht geben, Hoheit."
Eskander blieb stehen und schlug auf den Tisch. "Ich hoffe für ihn, dass Ihr Recht habt, Sire. Sonst wird er die Folgen zu tragen haben! Er ist sowieso viel zu oft...dort." Eskander machte eine Handbewegung zu den Fenstern.
"Ja. Das wissen wir. Aber es ist nun mal so, dass er dort einen großen Teil seiner Kindheit verbacht hat und Lord Bryan...", versuchte Dickenson seinen Herrn zu beschwichtigen. Takao fragte sich wirklich, über wen sie sprachen. Er jedenfalls wollte nicht in dessen Haut stecken.
"Ich weiß, was die Tatsachen sind, Sire.", unterbrach Eskander steif. "Und ich kenne auch die Gerüchte, die man sich über die beiden erzählt. Ich hoffe doch wirklich für sie, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen. Ich dulde keine Liaison zwischen zwei Männern!"
"Das wissen wir, Majestät. Und er sicher auch. Ich denke nicht, dass..."
"...man sie je erwischen wird?"
"...sie auf diese Weise für einander fühlen. Sie sind eher...wie Brüder."
"Das hoffe ich, bei den sieben Höllen! Für sie!" Noch einmal schlug der König mit der Faust auf den Tisch, dann nahm er seine unruhige Wanderung wieder auf. "Unsere Gäste werden langsam unruhig und die Jagd wird in Kürze beginnen. Ich habe ihm gesagt, dass er rechzeitig dafür da sein soll."
"Ich bin sicher, er wird Eure Befehle nicht übertreten."
"Ich nicht. Aber..."
"Mein Lord!" Die weibliche Stimme hallte durch den Saal und schnitt dem König hart das Wort ab. Die drei Männer fuhren herum und auch Takao richtete seine Aufmerksamkeit auf die Tür am Ende der Halle.
Dort stand eine hochgewachsene, schlanke Frau mit flammend rotem Haar und feinen Gesichtszügen. Sie war schön, keine Frage, aber sie war kaum jünger als Eskander. Takao hatte sie am Empfang gesehen, an der Seite des Königs. Das war seine Frau, Königin Aline.
"Meine Lady.", antwortete Eskander etwas abweisend. "Was führt Euch her?"
Mit raschen Schritten durchquerte die Königin die Halle bis sie vor ihrem Gemahl zum stehen kam. Sie sah sich kurz um. "Macht Ihr Euch schon wieder Sorgen, dass er nicht früh genug kommt? Bis jetzt hat er noch nie Eure Erwartungen enttäuscht, jedenfalls nicht in dieser Hinsicht."
"Nun. Darüber kann man anderer Meinung sein."
"Papperlapapp. Er wird in den nächsten Tagen da sein, keine Frage. Ich mache mir derweil Sorgen um eines unserer anderen Kinder."
"Welches?" Eskander klang nicht sehr begeistert.
"Gailanna. Sie...benimmt sich etwas merkwürdig in letzter Zeit. Und jetzt kann ich sie nicht finden."
"Und darum kommt Ihr zu mir, Lady? Gailanna ist ein Mädchen. Sie untersteht Eurer Erziehung."
"Ich weiß. Aber sie ist auch Eure Tochter, mein Lord. Wir müssen..."
"Wir bereden das später, meine Gemahlin.", unterbrach Eskander sie grob. "Ich habe jetzt wichtige Dinge zu erledigen."
"Wie Euch darüber aufzuregen, dass Euer ältester Sohn noch nicht hier ist?"
"Nein. Damit war ich eben fertig."
Aline schnaubte. "Wie auch immer. Falls Euch zufällig Euer ältestes Kind über den Weg laufen sollte... Ich erwarte sie in der Kemenate."
"Natürlich, meine Gemahlin."
Aline schnaubte noch einmal, dann drehte sie sich um und rauschte mit wehenden Gewändern davon. Takao sah ihr nach und fragte sich, warum diese Ehe so verkorkst zu sein schien. Die beiden standen ja zusammen wie Feuer und Wasser!
Eine Hand legte sich schwer von hinten auf seine Schulter. Er zuckte zusammen und hätte beinahe aufgeschrieen. "Sei still! Ich bin es doch nur!", zischte Max ihm ins Ohr. "Bist du jetzt fertig damit, den Hochkönig von Thissalia zu belauschen? Wenn ja, würde ich jetzt nämlich gerne gehen, bevor uns noch jemand entdeckt! Komm jetzt!"
Max' Ton duldete keinen Widerspruch und Takao folgte ihm besser. Mit einem wütenden Max sollte man sich lieber nicht anlegen. Außerdem war das Gespräch zwischen dem König und seinen Beratern gar nicht so interessant, wie er sich das gedacht hatte.
"He! Bleib stehen! Verdammter Dieb!" Daichi hörte nicht auf die kreischende Marktfrau, sondern schlug Haken und wich zugreifenden Händen aus. Er hatte Übung darin, viel Übung, auch wenn es eher selten geschah, dass man ihn erwischte.
Geschickt wich er einem großen Mann aus, der nach ihm griff, und tauchte in eine der Nebengassen ein. Mit den Armen hielt er einen Laib Brot an sich gedrückt, dass er eben hatte mitgehen lassen. Nur durch Zufall hatte die Frau ihn gesehen. Verdammt!
Aber er war entkommen, egal auf welche Weise. Und er hatte auch noch seine Beute. Für heute und morgen früh würde er wenigstens satt werden. Ein zufriedenes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, während er die Gasse entlang rannte und tief den Duft des warmen Brotes einsog.
Das hatte er auch verdient. Nachdem er zwei Tage lang nichts richtiges zwischen die Zähne bekommen hatte, weil es keine Gelegenheit für einen Diebstahl gab. In letzter Zeit passten die Marktfrauen auf ihre Ware auf wie Bluthunde. Bei dem Gedanken daran schüttelte er sich. Für heute hatte er jedenfalls ausgesorgt. Schade nur, dass er keinen Käse dazu hatte. Oder Wurst.
Die wütenden Stimmen der Verkäuferin und der anderen Marktbesucher waren längst verstummt. Der rothaarige Gassenjunge verlangsamte seinen Lauf und sah sich nach einem Plätzchen um, an dem er essen konnte. Schließlich setzte er sich einfach auf den Boden am Straßenrand.
Niemand beachtete ihn. Warum auch? Er war nur eines von Hunderten, wenn nicht Tausenden Gassenkindern, die hier in Rhiawen lebten. Heimatlos, verlassen, elternlos und auf sich allein gestellt lebten sie wie Ratten in den Gassen, Straßen und dem sinkenden Kanalsystem der Stadt.
Oft hatten sie sich zu kleinen Gruppen und Banden zusammengeschlossen, denn so war es leichter, zu überleben. Nur für wenige - wie Daichi - gab es keinen Platz in solchen Gruppen. Sie waren auf sich allein gestellt. Aber auch sie überlebten. Und Überleben bedeutete hier Nahrung. Nahrung und Kleidung und bei zu schlechtem Wetter ein Dach über dem Kopf. Das bedeute Diebstahl.
Es gab keine Arbeit für die Heerscharen von Kindern und niemand hatte Geld übrig, sie durchzufüttern oder zu kleiden. Täglich starben welche aus ihren Reihen und täglich wurden sie ersetzt durch andere, die einfach auf die Straße gestellt wurden, von ihren Eltern, ihren Verwandten oder Bekannten oder Fremden.
Daichi war es nie so gegangen, denn ein Zuhause hatte er nie gehabt. Seine Mutter war schon obdachlos gewesen, als er noch nicht geboren war. Unverheiratet, aber hochschwanger; wer nahm eine solche Frau schon auf? Und vor allem eine Frau, die aus dem Nachtgesang kam, die eine Klanfrau war?
Selbst ihr Entführer, der sie ihrem Volk gestohlen und mit nach Rhiawen gebracht hatte, hatte sie verlassen, durch die Schwangerschaft und eine Krankheit unfähig, zu ihrem Volk zurückzukehren. Als Hure hatte sie sich durchschlagen müssen, zu beschämt um mit ihrem Sohn den langen Weg in den Nachtgesang einzuschlagen, zu beschämt um zu ihrem Klan zurückzukehren, beschmutzt und entehrt, nur noch eine Person im Leben, die ihr wirklich etwas bedeutete, und das war ihr kleiner Junge gewesen.
Und dann, sechs Jahre später, war sie gestorben, mitten im Winter an einer Lungenentzündung. Daichi war fortan allein gewesen, aber für ein sechsjähriges Kind in Rhiawen gab es kaum Überlebenschancen. Wie er es geschafft hatte, wusste er nicht, aber Tatsache war, dass er es geschafft hatte.
Ein Wunder, dass er nicht schon längst tot war, gestorben an Hunger, Kälte, Krankheit oder einer Klinge. Seine Mutter war bei ihrem Tod jedenfalls zuversichtlich gewesen, als sie gestorben war. Sie hatte ihm das seltsame, suathische Amulett gegeben, eine kleine Silberscheibe mit einem eingravierten, verschlungenen Symbol darauf. Das Einzige, was er noch von ihr hatte.
Er hütete das kleine Amulett wie einen Schatz, auch wenn es ihn daran erinnerte, dass er nur ein Halbblut war. Ein Kind mit Eltern aus Völkern, die sich hassten, zwischen allen Welten, zu keiner dazugehörend. Daichi hatte keine Freunde. Alle wussten, dass er ein Halbblut war. Halbblüter brachten Unglück. Niemand wollte ihn dabei haben, sein Unglück bekommen. Er wusste, dass es Quatsch war, denn er selbst hatte immer Glück gehabt. So wie vorhin, als er das Brot gestohlen hatte. Nie hatte sein Glück ihn verlassen, immer blieb es ihm treu.
"He! Wen haben wir denn da!"
Die grobe Stimme riss ihn aus den Gedanken. Erschrocken sah er auf und starrte in das schmutzige Gesicht von Dugan. Dugan war der Anführer der hier ansässigen Kinderbande. Keine andere Rotte wagte es, ihm ,seine' Straßen abspenstig zu machen. Außer der Meute aus schmuddeligen, dürren Kindern, Mädchen wie Jungen, trieben sich nur Gassenkinder wie Daichi hier herum - bandenlose, heimatlose, einsame Gestalten, denen es noch schlechter ging als Dugans Rotte.
"Das dreckige, kleine Halbblut." Daichi stemmte sich an der Hauswand hinter ihm hoch. Harte Schläge auf die Schulter hätten ihn beinahe wieder dazu gebracht, zusammenzubrechen. "Nett, dich hier zu sehen.", spöttelte Dugan, während er seine Finger um Daichis Schulter schloss wie ein Schraubstock. "Was hast du da für feine Beute gemacht?"
Die Augen des kleineren, rothaarigen Jungen wurden schmal. Er wusste, was Dugan wollte. "Das ist mein Brot!", schnaufte er und sah sich unauffällig um. Dugan war nur in Begleitung von dreien seiner Leute, zwei Jungen und ein Mädchen, ein blasses, schmales Ding mit ängstlichen Augen.
"Nana! Wer wird den gleich so patzig sein!" Dugans Grinsen wurde breiter und sein Griff fester, so dass Daichi unwillkürlich das Gesicht verzog. Er war bloß froh, dass er vorhin nicht nur in Gedanken versunken gewesen war, sondern auch seinen Hunger gestillt und dabei beinahe das halbe Brot in sich hineingestopft hatte.
"Willst du das nicht mit uns teilen?" Daichi schüttelte den Kopf und brachte eiligst seine Beute aus Dugans Reichweite - zumindest soweit wie das möglich war.
"Du solltest auf den Boss hören.", knurrte einer der Jungen neben ihm. Daichi warf ihm einen wütenden Blick zu und wand sich, was natürlich nicht half. Dugans Griff war wie eine eiserne Klammer, er hatte schon oft genug Erfahrungen damit gemacht.
"Lass mich los, sonst schreie ich!", drohte er. Eine leere Drohung, so leer wie sein Magen noch vor einer Stunde. Niemand achtete auf Gassenkinder. Niemand. Dugan wusste das natürlich auch, er selbst kannte das auch zu Genüge.
Verächtlich verzog er den Mund. "Glaubst du wirkli..."
Der Rest ging in einem seltsamen, würgenden Geräusch unter, als Daichi dem größeren Jungen das restliche Brot ist Gesicht drückte. Der eiserne Griff um seine Schulter lockerte sich und der Fuchshaarige ergriff sofort die Chance, machte sich frei, schlüpfte zwischen dem Mädchen und einem der verdutzten Jungen hindurch und rannte davon.
Dugan hinter ihm stieß einen Wutschrei aus und einige Flüche, die er nicht mehr verstand. Aber er verstand soviel, dass er seine Tracht Prügel noch bekommen würde. Wenn er nicht davonkam. Hastig bog er in die nächste Gasse und meinte schon die Schritte seiner Verfolger hinter sich zu hören. Was natürlich Quatsch war, denn der Lärm auf den Straßen war viel zu laut, als dass er etwas wie einfache Schritte von barfüßigen Latschen auf dem Steinboden hätte hören können.
Trotzdem wusste er, dass sie nah waren. Viel zu nah. Seine flinken Augen suchten den Weg rasch nach einem Versteck ab, dass groß und unauffällig genug für ihn wäre, damit er den vieren entgültig den Rücken kehren konnte. Vielleicht sollte er sich ein anderes Revier suchen. Woanders gab es auch Dinge zum Stehlen.
Ha! Da, der halb vergitterte Fensterbogen, das war doch was für ihn. Das Gitter war halb verrostet und heruntergerissen, so dass er seinen schmalen Körper durch die Lücke quetschen konnte. Auch wenn er in dem Keller eines Hauses landen würde oder in der Kanalisation - war das nicht alles besser, als einem stinkwütenden Dugan und seinen Leuten in die Hände zu fallen, die ihm eine Tracht Prügel verpassen würden wie noch nie? Da unten hätte er wenigstens eine Chance...
Rasch duckte er sich und schlüpfte kopfüber durch den Spalt. Sein Hemd blieb an einem abstehenden Eisenteil stehen und er fluchte leise. Ein Ruck ließ es zerreißen und ihn gleichzeitig das Gleichgewicht verlieren. Mit einem leisen Aufschrei fiel er nach unten und landete mit einem dumpfen Geräusch hart auf einen harten Untergrund.
"Ojeee..." Ein leises, schmerzerfülltes Wimmern schlich sich von seinen Lippen, aber anscheinend hatte er sich nichts als ein paar blaue Flecken gehört. Und er war Dugan entkommen, der da oben bestimmt an seinem Schlupfloch vorbeirannte. Daichi richtete sich auf und sah sich um.
Noch konnte er nicht viel sehen, aber langsam gewöhnten sich seine Augen an das Zwielicht, das hier unten herrschte und er konnte immer mehr und mehr Silhouetten von Regalen und Schränken ausmachen, von der Decke hingen unförmige Gegenstände und an einer Wand türmten sich Kisten und Säcke. Er befand sich hier anscheinend in einer Vorratskammer. Wie praktisch. Da lohnte es sich doch wenigstens, dass er das Brot verloren hatte! Wenn auch für einen guten Zweck...
Daichi hockte auf einem Sack, der anscheinend mit Mehl gefüllt war; seine Kleidung war mit weißem Staub bedeckt. Er rutschte hinunter und landete leise wie eine Katze auf dem kalten Steinboden. Seine bloßen Füße sogen die Kälte auf, aber das war er schon gewohnt. Viel mehr interessierte ihn im Moment, dass sie kein Geräusch auf dem Fußboden verursachten. Manchmal war es doch praktisch, keine Schuhe zu besitzen oder zu tragen.
Langsam tastete er sich an den Regalen vorbei, ließ die Hände über Gläser und Tonkrüge gleiten, über weiche Beutel, kleine Kisten, ganze Käselaibe und Stücke von Schinken und Fleisch. Die Gegenstände an der Decke schienen weitere Haxen und gut abgehangenes Fleisch zu sein.
All dieser Reichtum warf die Frage auf, warum das Fenstergitter noch nicht repariert war. Hier konnte doch jeder reinkommen? Seine zweite Frage war: Wo war er hier gelandet?
Krampfhaft versuchte er sich zu erinnern, wo er war, aber auf seiner Flucht hatte er andere Sorgen als seinen Weg gehabt, also hatte er nicht darauf geachtet. Aber trotzdem konnte er sich ausmalen, wo er hier war, wahrscheinlich in der Hinterkammer von Jams Laden, in dem es alles zu kaufen gab, was man essen konnte und alles, was man in der Stadt, auf dem Land oder sonst wo benutzen konnte und noch viel mehr.
Daichi war noch nie auch nur in der Nähe des Ladens gewesen, es hieß, Jam würde jeden Dieb eigenhändig umbringen. Das würde auch erklären, dass das Fenster noch nicht repariert war. Einen Moment überfiel den Jungen die Angst. Wie er hier unten hockte, sah er ganz gewiss aus wie ein Dieb, ein sehr frecher Dieb noch dazu.
Aber seine Angst schwand so schnell, wie sie gekommen war. Er würde hören, wenn jemand kam und sich dann einfach verstecken. Die Regale boten genug Raum und Möglichkeit dafür und sicher würde hier unten niemand jemanden erwarten, schon gar nicht einen Jungen wie Daichi, der sich so gut wie überall verstecken konnte und war der Spalt noch so schmal. Außerdem konnte er sich immer auf sein Glück verlassen.
Grinsend rupfte er eine Wurst vom Haken. Er musste die Situation, hier zu sein, unbedingt ausnutzen, so dass es sich wenigstens lohnte, wenn er doch erwischt wurde. So einen Festschmaus hatte er noch nie gehabt. Nie. In einem Regal fand er sogar diverse Flaschen mit seltsamen Getränken - von denen manche alkoholhaltig waren, wie er befürchtete - die sicher ein Vermögen kosteten.
Er schreckte erst auf, als er eine wütende Stimme vor der Tür vernahm. Erschrocken ließ er das Käsestück, von dem er eben hatte abbeißen wollen, fallen. Er sammelte es auf, gerade als die Tür aufgestoßen wurde, und schlüpfte hinter einen großen Sack.
"Spinnst du eigentlich, jetzt hierher zu kommen?" Die wütende Stimme gehörte eindeutig einem Mann, wenn auch einem sehr jungen. Trampelnde Schritte kamen herein, dann donnerte die Tür wieder zu. Zwei junge Männer, schätzte Daichi und machte sich klein. Wenn sie ihn hier erwischten, war er die längste Zeit am Leben gewesen und sein Glück hätte ihn verlassen.
Aber die zwei kamen nicht einmal näher, sondern brüllten sich nur an. "Ich konnte eben nicht anders! Kerrick..." Das war der Zweite. Er hatte eine tiefere, aber auch angenehmere Stimme als der Erste. Allerdings hatte sie einen Unterton, der Daichi einen Schauer über den Rücken jagte.
"Kerrick wird seine Arbeit schon tun! Aber du gefährdest uns hier gerade alle, du hirnloser Idiot von einem Ochsen!"
"Beleidige mich nicht, Jim!"
Die Stimme des zweiten wechselte plötzlich von zornig zu kalt. "Ich weiß genau, was ich tue."
"Ach ja? Irgendwie habe ich meine Zweifel daran!", schnappte Jim zurück. Jim, so wusste Daichi, war der Name von Jams Sohn.
"Ich weiß es. Niemand weiß, wer wir sind."
"Aber wenn du weiter so unvorsichtig bist, wird das nicht mehr lange so bleiben, du Trottel! Wann geht das endlich in deinen großen Schädel?!"
"Jaja." Es war offensichtlich, dass der Zweite nicht mehr zuhörte.
"Hör mir zu, wenn ich mit dir spreche, und verdammt noch mal, sieh mich an!"
"So besser?" Der gelangweilte Ton war unüberhörbar und er machte Jim nur noch wütender.
"Idiot! Wann lernst du endlich, dein Gehirn zu gebrauchen und hörst auf, dich auf andere zu verlassen?!"
"Ich denke immer schon."
"Ja! In deinen Träumen vielleicht!"
"Jetzt halt aber mal...", explodierte der andere und seine Stimme wurde wieder lauter. "Ich bin nicht hier, um mich von dir beschimpfen zu lassen, Jim! Hör endlich auf damit, mir an den Kopf zu werfen, ich wäre völlig verblödet!"
"Wenn du mir das Gegenteil beweißt." Diesmal war Jims Stimme vollkommen ruhig und spöttisch. "Niemand bittet dich darum, herzukommen. Vor allem nicht, da du dadurch alles gefährdest! Und jetzt sei still, man kann dich bis draußen hören!"
"Ach ja? Woher willst du denn das wissen? Außerdem, du warst auch nicht leiser und es hört sowieso niemand zu!" Niemand, außer Daichi hinter seinem Sack. Aber der würde sowieso jedes Wort der beiden verstehen, auch wenn sie in normaler Lautstärke sprächen.
"Jetzt hör aber auf!" Jims Stimme war nicht besonders laut, aber sehr energisch. "Und warum bist du jetzt genau hier? Du weißt, dass mein Vater mich braucht."
"Dein Vater weiß, was du tust und wer wir sind. Er gehört schließlich auch zu uns. Kurz wird er dich doch wohl entbehren können."
"Hmpf." Erstaunlich, wie schnell sich alle beide wieder beruhigt hatten und in normalem, freundschaftlichen Ton miteinander sprachen.
"Also?"
"Kerrick hat's vermasselt."
"Ach ja? Woher weißt du das? Hat er dir eine Nachricht geschickt?"
"Nein."
"Und woher dann?"
"Ich weiß es einfach!" Die Stimme des Zweiten wurde wieder lauter, aber diesmal nicht aus Zorn, sondern eher aus Hilflosigkeit und Unverständnis.
"So, so."
"Ich verlange, dass wir jemanden schicken."
"Nein."
"Warum nicht? Es wäre besser, wenn..."
"...wir uns ruhig verhalten. Wenn es stimmt, was du glaubst, können wir sowieso nichts für Kerrick tun."
"Aber er...!"
"Ich weiß, dass er dein Freund ist, aber wenn du mit deinen Vermutungen Recht hast, können wir auch nichts mehr tun. Es wäre zu spät dafür und hier haben wir bessere Mittel. Ich wusste von Anfang an, dass Rhiawen der richtige Ort ist und wir niemanden hätten losschicken sollen."
"Argh!" Wütend trat der Zweite gegen eine Kiste, so dass sie laut polterte. Daichi konnte das Splittern von Holz hören und einen wütenden Schmerzensschrei.
"Das hast du davon, Idiot. Ich wäre dir dankbar, wenn du nächstes Mal davon Abstand nehmen könntest, unsere Ware zu zertrümmern.", meinte Jim spitz. Er erntete nur einen lauten, wüsten Fluch. "War's das? Deswegen hättest du nicht zu uns zu kommen brauchen. Nichts geht über die Sicherheit und die Geheimhaltung, merkt dir das, du Trottel!"
"Nenn mich nicht so!", brüllte der Andere und trat noch einmal gegen die Kiste, die ein bisschen mehr zu Bruch ging.
"Wenn du also deine Wut in genügendem Maße an unserer Ware ausgelassen hast, darf ich dich bitten." Die Tür wurde geöffnet und Daichi hörte zwei Paar Füße, die hinaustraten, und die leisen Flüche des zweiten Mannes, die verstummten, sobald sich die Tür schloss.
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Das nächste Kapitel ist besser, versprochen!
Silberwölfin
Der Prinz von Thissalia
Titel: Feuermond
Teil: 10/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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So, nachdem das letzte Kappi doch ganz gut angekommen ist(obwohl ich selbst nicht zufrieden damit bin), kommt jetzt das nächste. Das Kapitel hier mag ich irgendwie. Es ist anders als die, die ich bis jetzt geschrieben habe, und ich wollte damit zeigen, wie Yuriy auf die verschiedenen Leute wirkt. Übrigens gibt's noch 'en paar neue Charas. *g*
Das nächste Kapitel kommt dann, wenn ich mit dem 11. fertig bin, denn ich musste schon wieder teilen. v.v Meine Planung ist echt das letzte. *drop* Das liegt aber auch an diesem Kapitel, weil ich einen Teil, den ich eigentlich hier hereinpacken wollte, ins nächste schieben musste; das nächste Kapitel schließt also direkt an dieses hier an.
Das Kapitel hier ist sowieso viel zu lang geworden. Eigentlich wollte ich Ivan und vielleicht Salima noch 'n Absatz zuschieben, aber das hat auch nicht mehr reingepasst. -.- Darum bekommt Ivan im nächsten Kapitel seinen ersten Auftritt und poor Salima muss noch ein bisschen warten bis sie zum Zuge kommt. Da fällt mir ein...ich sollte mal einen Mingming-Absatz reinbringen. *drop* Auf was für Ideen man kommt, wenn man Kapitel hochläd'.
Aber ich kann jetzt schon sagen, dass sich Kai und Yuriy im 11. Kapitel treffen. ^----------^ Endlich, würde ich sagen. Hiromi und Takao und Jonny und Bryan treffen übrigens auch aufeinander. (Logisch, ne?)
Übringens, die Sache mit den Bannern war eine Spontanidee. Sollen so eine Art roter Faden durch die verschiedenen Absätze sein.
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@ Lavanja: Hallo, Neueinsteiger! ^---------^ Schön, dass dir die FFs gefallen! (Übringes ist das Sequel von Thief's Pride auch schon draußen - falls du's noch nicht gelesen hast.)
Jedenfalls bedanke ich mich für dein Lob. <--- OMG, klingt das steif! -.-
Ich lasse mich immer gern in Beschreibungen aus. Das wirst du noch merken.
Unterschiedliche Kulturen zusammenzubringen ist eine Art Hobby von mir. Ich liebe sowas - am liebsten Kulture, die so unterschiedlich sind wie es nur geht. Deswegen hab ich die Beschreibungen auch gemacht. *g* Die Norag sind die Bewohner der Karglande und eine germanische Kultur - Wikinger um genau zu sein - und ein Volk, das ich schon vor Jahren erfunden habe, für eine ganz andere Story und Welt und plapla...
Nö, Yuriy mit Ypsilon am Ende. ^^ Aber nich schlimm, ich konnt's mir am Anfang auch nie merken.
@ are: Inzwischen hast du Thief's Pride ja gelesen - sein Symbol ist der Fuchs, falls es dir nicht aufgefallen ist.
Ich bin trotzdem nicht zufrieden mit dem Streit. Ja, es sollte eine totale Lappalie sein, aber irgendwie...fehlt mir etwas. *ärger* Aber Max mag ich auch in der Szene. Du hast geglaubt, das sei Rei? Oo Also, ich dachte, es wäre klar, dass ich damit Lai meine. Ich würde Reis Haare niemals mit einer Pferdemähne vergleichen. Aber bei Lai sieht das schon so aus, finde ich. So richtig schön strubbelig. *g*
Jaaaaah, ich weiß. Ich wollte es eigentlich so haben, dass man erst später herausfindet, wer damit gemeint ist, aber dann hat das nicht so hingehauen, wie es sollte, darum hab ich es so gelassen.
Also, als paranoid würd ich Eskander - zumindest in der Beziehung - nicht darstellen. Das hat schon seine Gründe warum solche Gerüchte aufgetaucht sind(aber denk jetzt bloß nicht, da sei etwas passiert! Die hocken bloß ständig aufeinander; beieinander, meine ich natürlich.)
Das hat nur bedingt etwas mit den Pairings zu tun, aber auch mit ein paar anderen Sachen.
Mit dem 2. Teil bin ich auch zufrieden. Und Daichi mit seiner zerrissenen Kleidung ist prädestiniert für die Rolle als Straßenkind. In The Thief And The Wolf(Argh, ich hätte mir einen kürzeren Namen aussuchen sollen!) hat er übrigens eine ähnliche Rolle.
Jaha! =^.^= Endlich mal etwas, was rauskommt, wie ich's wollte! *rumhüpf* So dass niemand versteht, worum es geht! *freu**jubel* Jedenfalls - *wieder beruhigt* - wird sich das noch klären, worüber die gesprochen haben und auch, wer der zweite war.
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Der Prinz von Thissalia
Laut rumpelten die Karren und Kutschen über das harte Kopfsteinpflaster und übertönten beinahe das laute Trappeln Dutzender Pferdehufe und die Stimmen von Menschen und Tieren. Rufe und Befehle schallten hin und her, Soldaten und Dienerschaft sprachen miteinander, so dass die Luft von ihrem Geschwätz erfüllt war.
Es war schneidend kalt, wenn Yuriy es nicht besser gewusst hätte, hätte er gesagt, der Winter stände vor der Tür, aber sie hatten gerade mal Anfang Oktober. Trotzdem war am Morgen die Erde gefroren gewesen und der Frost hatte den Boden bedeckt. Aber die Kälte schien die Leute nur noch aufgeregter zu machen. Sie hibbelten noch mehr herum, um sich warm zu halten.
Yuriy ignorierte sie alle. Er ritt in der Mitte des Zuges aus Wagen und Reitern, auf dem Weg nach Rhiawen. Um seinetwillen hätte man nicht so viele Soldaten gebraucht; er wäre zufrieden gewesen, wenn nur Sergej und Bryan ihn begleitet hätten, aber das geziemte sich nun mal nicht.
Eskander würde Tobsuchtanfälle bekommen, wenn er das tatsächlich einmal machen würde. Schon allein das wäre die Sache wert. Yuriy konnte ein Kichern kaum unterdrücken. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie sein Vater reagieren würde. Aber er konnte sich auch ausmalen, dass die Strafe auf dem Fuße folgen würde. Das war auch der Grund, warum er es nie getan hatte.
Trotzdem... eines Tages, eines Tages würde er es tun. Aber diesmal ging es sowieso nicht, immerhin hatten sie Salima dabei. Das Mädchen reiste mit ihrer Amme und zwei Zofen in der besten der Kutschen, jene mit Falkenburgs Wappen an der Seite.
Ob das allzu bequem war, wusste Yuriy nicht, er zog es seit jeher vor, das Pferd zu benutzen. Aber nach allem, was das Mädchen sagte, so saß auch sie lieber im Sattel ihrer Stute als in dem schüttelnden Gefährt. Aber das durfte sie nun mal nicht immer, Faralda, ihre Amme, schien etwas dagegen zu haben. Einmal hatte Yuriy sie gehört, als sie gesagt hatte, eine Lady ritte nicht wie ein Ritter den ganzen Weg, sondern saß verborgen im Wagen. Das niemand sie auf diesem Weg sehen würde, ignorierte das Kindermädchen einfach.
Bryan verbrachte den größten Teil des Tages an Yuriys Seite, nur hin und wieder lenkte er seinen Wallach neben Salimas Kutsche um seinen Pflichten als großer Bruder und Beschützer nachzugehen.
Hin und wieder begleitete Yuriy ihn. Das Mädchen selbst war nicht besonders begeistert davon, links liegen gelassen zu werden, andererseits war sie das schon gewohnt. Außerdem hatte sie selbst viel zu tun, denn Faralda gab ihr strenge Lehrstunden in ,Wie verhalte ich mich als Lady?'.
Ob das lebensfrohe Mädchen das je lernen würde, zweifelte Yuriy. Sie war viel zu oft in Begleitung von Bryan und ihm gewesen. In Rhiawen würde sie es nicht leicht haben, als Dame angesehen zu werden und auch nicht darin, Freundinnen zu finden. Vor allem nicht, da sie in Begleitung des Prinzen kam und mit diesem gut befreundet war.
Aber sie würde sich schon zurecht finden. Ihre burschikose Art und ihr unerschütterlicher Optimismus sowie ihr Mut würden ihr schon dabei helfen. Yuriy würde ganz andere Probleme haben, Probleme, von denen Salima nicht sehr viel wusste. Sie kannte einige Dinge, aber keine Einzelheiten - das hatte er ihr erspart - und so sollte es auch bleiben. Bryan und Sergej waren Beistand genug. Das waren sie immer gewesen; er konnte sich auf sie verlassen. Aber trotzdem...
"He, was ziehst du wieder für ein finsteres Gesicht?" Bryans Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
"Hm?"
"Ich fragte, woran du denkst."
"Das solltest du doch wissen."
"Ich kann es vermuten."
"Nun, ich denke, du liegst richtig mit deiner Vermutung."
"Yuriy... Du solltest wirklich aufhören, ständig daran zu denken."
Yuriy zog eine Augenbraue hoch und senkte dann den Blick auf die schwarze Mähne seiner Stute. "Woran soll ich denn sonst denken? Es gibt wirklich nicht allzu viel, worüber ich mir bei einem langen Ritt den Kopf zerbrechen könnte."
"Zum Beispiel über die Dämmergilde. Spätestens wenn wir in der Stadt sind - und das werden wir in Kürze sein - werden sie wissen, dass du den Anschlag überlebt hast."
"Sie werden eben in den Blauen Palast einbrechen. Ich sollte mir vielleicht Gedanken darüber machen, nach Thuan Rhiawen zu ziehen. Da kommen sie nicht so leicht rein." "Tu das. Aber vergiss nicht ihre Bewohner."
"Sie sind mir lieber als...andere Leute."
"Tsss. Du denkst schon wieder daran!"
"Ich sag dir doch, es geht nicht anders. Ich werd schon richtig depressiv."
"Selber schuld. Lass dich ablenken."
"Und von was bitte schön? Es gibt hier nichts!"
"Da hinten ist Rhiawen. Davon vielleicht?" Bryan deutete nach vorn. Dort waren hinter den flachen Hügeln tatsächlich bereits die ersten Türme der Festung, die über der Stadt thronte, aufgetaucht.
"Rhiawen kenne ich schon zu Genüge."
"Langweiler."
Inzwischen hatten die ersten berittenen Soldaten den Hügelkamm erklommen und ihre Silhouetten hoben sich scharf vom bewölkten Himmel ab. Der schneidende Wind entfaltete Yuriys rotblaues Wolfsbanner und die Flagge mit Falkenburgs Wappen darauf und kündigte damit schon von Weitem ihr Kommen an. Wahrscheinlich hatten die Leute sie bereits bemerkt und sammelten sich unten an der Straße.
Der Prinz war sich sicher, dass der Jahrmarkt vor Rhiawens Toren gut besucht war, trotz der Tatsache, dass bereits winterliche Temperaturen herrschten und hin und wieder sogar einige Schneeflocken vom Himmel fielen. Hoffentlich würde der erste, richtige Schnee noch auf sich warten lassen. Immerhin hatte noch nicht einmal die Herbstjagd stattgefunden, geschweige denn dass irgendwer darauf vorbereitet war!
Kurz darauf hatten auch Yuriy und Bryan die Spitze des Hügelkamms erklommen und sahen auf Rhiawen hinunter. Was Yuriy gegenüber dieser Stadt fühlte, wusste er nicht. Er hatte schon oft darüber nachgedacht, aber zu einem Ergebnis war er nie gekommen.
Rhiawen war... etwas besonderes. Sie war einerseits seine Heimat, einen großen Teil seines Lebens hatte er hier verbracht, viele schöne Stunden hatte er hier verlebt, Bryan das erste Mal hier getroffen, die Stadt faszinierte ihn nach wie vor, ihre Lebendigkeit, ihr Alter, ihre Geschichte. Aber andererseits war sie auch die Stadt, in dem er so viel Leid erlebt hatte, mehr als der größte Teil der Menschen in ihrem ganzen Leben, so viel Leid.
Über allem lastete für Yuriy die Schuld, die Schuld seines Volkes gegenüber den Klanen, denn Rhiawen war nun mal die Stadt der Màn, die einzige Stadt ihres Volkes. Das sah man nicht nur - an der Festung auf der Klippe, an dem alten Stadtkern und an dem Steinkreis - nein, man fühlte es auch. Der Geist der Klanleute lag noch immer darüber, auch wenn der größte Teil der Bevölkerung gelernt hatte, ihn zu verdrängen. Yuriy spürte ihn ganz genau, anklagend, verachtend.
Und natürlich war auch Eskander die meiste Zeit hier, Yuriys Vater und der Hochkönig von Thissalia. Ein Grund für den Prinzen, der Stadt den Rücken zu kehren und nie wieder zu kommen, aber natürlich war das unmöglich für ihn. Er war der Prinz, der Thronerbe. Er konnte nicht einfach der Hauptstadt fern bleiben.
"Yuriy." Bryans Stimme klang warnend und riss ihn abrupt aus den Gedanken. "Yuriy, wenn du nicht sofort aufhörst, ein solches Gesicht zu ziehen, weißt du dann was ich mit dir mache?"
"Nein. Was denn?"
"Das erfährst du dann." Bryan warf ihm noch einen strengen Blick zu, dann zügelte er kurz sein Pferd, so dass zurückfiel. Aber nur für einen Moment, dann schloss er zu Sergej auf, der hinter seinem Schützling ritt. "Du passt auf ihn auf, ja, Sergej?"
"Natürlich, Sire." Sergejs grollende Stimme war leise, aber gut verständlich. Yuriy verdrehte die Augen. Also ob er nicht auf sich selbst aufpassen könnte!
"Gut. Ich will, dass du ihn in nächster Zeit ganz besonders ein Auge auf ihn hast. Die Dämmergilde ruht nicht."
"Ich weiß, Sire. Macht Euch keine Sorgen. Ich werde ihn hüten wie meinen Augapfel."
Yuriy hörte, dass Bryan dem Königsschwert auf die Schulter klopfte. "Dann ist ja gut." Der Falke trieb seinen Wallach wieder an, so dass er wieder neben dem Prinzen ritt. Inzwischen waren sie der Stadt schon sehr nahe gekommen, sie konnten bereits gut den Jubel der Menge hören und die Leute gut erkennen.
Vereinzelnd standen sie schon jetzt am Straßenrand und lachten ihn an, viele schrieen Grüße oder Segen. Yuriy hielt sich gerade und stolz auf seiner Stute und nickte den Leuten links und rechts zu, hin und wieder grüßte er mit der Hand. Dabei schweifte sein Blick unruhig über den großen Platz vor den Mauern, der bedeckt war von Gauklerwagen, Zelten und Karren. Tiere rannten dazwischen herum, von Pferden über Nutztieren wie Schafen, Ziegen, Schweinen und Hühnern bis hin zu Hunden und Katzen konnte man alles finden, aber es gab natürlich auch exotischeres Getier wie Wildkatzen, Elefanten und Schlangen, größtenteils in Käfigen.
Aber trotzdem...irgendetwas störte das Bild. Es war etwas anders, als er erwartet hatte und erst als sein Blick auf einen riesigen, weißblonden Mann mit blauen Gesichtszeichnungen und einem weißen Bärenfell um den Schultern fiel, wusste er was.
Sofort zuckten seine Augen wieder nach links, wo er das gesehen hatte, was ihn störte: drei hohe Masten aus grob zugehauenen Baumstämmen, von denen je ein Banner flatterte; eines violett, eines golden und eines rot.
Das war schon seltsam mit den Màn Suatha. Sie...waren seltsam. Julia hatte nie einen Begriff für sie gefunden, einen Begriff, der wirklich passte. Schon mit ihrem Auftauchen fing es an. Sie kamen nicht einfach wie normale Marktbesucher oder Verkäufer, die auf dem Markt Geld verdienen wollten.
Nein, sie waren plötzlich da. In einem Augenblick war der Platz neben ihnen noch frei, aber sah man nur einen Moment weg, war er schon voll: voller Zelte aus Lederplanen und Holz, dazwischen lange Masten, an denen die Banner hochgezogen wurden. Auf der anderen Seite weideten die Ponys, freche, mit dickem Fell versorgte Tiere mit buschigen Stirnhaaren und einem dicken, langen Schweif, der ständig in Bewegung war.
Diesmal waren es drei Klane, das violette Banner von Nebelblut und das goldene von Nachtsturm hatte Julia sofort erkannt, das dritte jedoch, das rote, kannte sie nicht. Ob es zu einem der westlichen Klans gehörte? Normal kamen die nicht hierher, sondern blieben in Marena. Aber...warum sollten sie gerade jetzt kommen? Und vor allem jetzt im Herbst? Die kamen doch sonst immer im Frühling...
Aber ihre Ankunftsart hatte sich nicht geändert. Abends hatte Ramon sich noch darüber aufgeregt, dass sie durch ihren Unfall, bei dem die Radachse gebrochen war, so viel Zeit verloren hatten, dass sie sich am Rande des Jahrmarktes ihren Platz hatten suchen müssen, am nächsten Tag waren neben ihnen schon die Zelte der Màn Suatha errichtet worden und eine Gruppe Männer und Frauen saß um ein Lagerfeuer herum, über dem ein Kochtopf hing. Das war doch verrückt, oder nicht?
Auch alles andere an den Suatha war Julia suspekt. Ihre Art, mit allen Leuten, außer den Thissaliern, umzugehen - freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit. Ihr glühender Hass gegenüber dem Volk, das sie unterworfen hatte. Ihr Verhalten den Thissaliern gegenüber - distanziert, zurückhalten, feindselig. Aber auch die Art, mit den neugierigen, oft abwertenden Blicken der Markbesucher umzugehen; die kühle Nichtachtung und Geringschätzung.
Wie auch immer sie sich den Thissaliern gegenüber verhielten, Julia mochte es, sie als Platznachbarn zu haben, denn ihr und ihren beiden Gefährten - sie waren Zhani - gegenüber verhielten sie sich stets freundlich und zuvorkommend. Nicht selten wurden sie zu einem Essen eingeladen, zu einem Abend, an dem Geschichten erzählt und Lieder gesungen wurden, an dem gelacht und gescherzt wurde, wie Julia es selten sah - wenn Fremde dazwischen saßen - bei anderen Leuten als den Gauklern oder in Tavernen.
"He, Julia!" Eine schlanke Hand wedelte vor ihrem Gesicht herum.
"Hä? Was?" Sie sah auf. Raul stand vor ihr und blickte sie grinsend an.
"Bist du im Stehen eingeschlafen, oder was?"
"Nein. Ich hab nur nachgedacht!", schnaufte sie und Raul wich einen Schritt zurück.
"Ist schon gut. Ich wollte nur..."
"He!" Ramons Stimme unterbrach sie. "Habt ihr eine Ahnung, was da los ist?" Der große, schlanke Blonde mit dem gelockten, schulterlangen Haar stand plötzlich neben den Zwillingen und deutete nach Osten. Mit gerunzelter Stirn blickte Julia hinüber und schüttelte verwundert den Kopf. Eine Menschenmenge versammelte sich dort, an der Straße nach Rhiawen.
"Schaut!", rief Raul aufgeregt und deutete hinüber. "Das ist das Wolfsbanner des Prinzen!"
Jetzt sah auch Julia es, das rotblaue Banner des thissalischen Thronfolgers. Aufgeregt begann sie auf und ab zu hüpfen, bis Raul losstürmte. "Los, kommt! Vielleicht sehen wir ihn ja noch! Kommt schon!"
Julia folgte ihrem Zwilling auf dem Fuße, während Ramon langsamer hinterher trottete. Sie konnte schon verstehen, warum. Er hatte nicht besonders viel am Hut mit dem Prinzen, wenn er auch schon viel über ihn gehört hatte. Im Gegensatz zu Julia und Raul. Die beiden Geschwister hatten rasch die anwachsende Menge an der Straße erreicht, die jubelnd ihren Prinzen vorbeiziehen sehen wollte.
Rücksichtslos drängte Julia sich hindurch, erntete Flüche und Beschimpfungen, aber sie kümmerte sich nicht darum. Sie wollte den Prinzen sehen. "Warte doch auf mich. Julia!" Sie hörte Rauls Stimme hinter sich, dann ging sie aber im allgemeinen Gemurmel unter und Raul war nicht mehr hinter ihr. Sie blickte sich kurz um, ehe sie sich weiter drängte.
Gerade noch rechzeitig erreichte sie den Straßenrand um ihn vorbeireiten zu sehen auf dem prächtigen, schwarzen Pferd. Rechts von ihm ritt Ritter Bryan von Falkenburg, links, etwas weiter hinten folgte sein Leibwächter von den Königsschwertern.
Der blonde Riese hielt seine Axt locker quer über den Sattel gelegt und wirkte angespannter denn je. War etwas geschehen? War der Prinz in Gefahr? Julia schrie und winkte, aber keiner der drei Männer hörte oder sah sie. Sie winkte hinter ihnen her, bis sie aus ihrem Sichtbereich verschwunden waren und im langen Zug der Soldaten und Bediensteten untergingen. Und über der Karawane flatterten die beiden Banner, eines blaurot und eines blauweiß.
Das war also der Kronprinz von Thissalia. Lässig saß er auf dem Rücken der muskelbepackten, schwarzen Stute mit dem wilden Blick und dem stolz gebogenen Hals, gekleidet in einfache, robuste Reisekleidung, ein feinmaschiges Kettenhemd und eine Tunika in hellem Blau mit dem roten Wolf darauf.
Um die Hüften trug er ein langes Schwert und einen Dolch gegürtet und am Sattel seines Pferdes waren ein mit Pfeilen gefüllter Köcher und ein Bogen befestigt. Kein Zweifel, dass er geübt darin war, damit umzugehen. Von der hervorragenden Fähigkeit im Umgang mit Waffen, die der Prinz aufwies, wusste jeder. Auch der durchtrainierte, muskulöse Körper, der sich unter der Kleidung abzeichnete, zeugte davon.
Aber nicht das machte diesen Mann gefährlich, sondern eher die unsichtbare, respekt- und ehrfurchteinflößende Aura aus natürlicher Macht, Charakterstärke und Autorität, die ihn umgab wie einen Mantel und dazu der kalte, berechnende Blick aus den blauen Eisaugen, die wie kleine Kristallsplitter wirkten und sich dem Gegenüber direkt in die Seele bohrten. Unter die Haut, bis auf die Knochen. Nichts würde vor ihnen verborgen bleiben, aber selbst verrieten sie nichts, ebenso wenig wie das glatte, beherrschte Gesicht, das wie eine steinerne Maske wirkte.
Er war weitaus gefährlicher als sein Vater Eskander, der zwar ein starker Herrscher, aber ein schwacher Mann war. Aber dieser hier war es nicht, er war es ganz und gar nicht. Der Prinz war stark, verdammt stark und damit verdammt gefährlich, wenn nicht sogar tödlich. Wie schnell er einen Aufstand zerschlagen würde? Wie schnell würde es Eskander tun? Wie groß war der Unterschied zwischen beiden?
Rick starrte den jungen Mann mit dem markanten Gesicht und dem flammendroten Haar an. Rotes Haar und blaue Augen, aber ein Herz aus Eis. Prinz aus Eis. Und seine Seele? Wie sah es mit seiner Seele aus?
So tief reichte Ricks Blick nicht, er war nicht jemand, der darauf achtete. Er würde jemanden fragen müssen, der sich damit auskannte, Ozuma, Kai, Charya. Jemand, der durch die Augen auf die Seele blicken konnte. Der eisige Blick des Prinzen streifte ihn kurz, wie er da so stand, die Arme vor der Brust verkreuzt, das weiße Bärenfell über den Schultern, und ihn kühl und prüfend musterte.
Yuriys Blick schweifte weiter, zuckte dann aber zurück. Auf dem Gesicht zeigte sich keine Regung, aber in seinen eisigen Augen blitzte kurz etwas auf und dann sah er zu den Bannern hinüber. Der Eisblick kehrte kurz zu Rick zurück, dann waren Yuriy und seine beiden, genauso respekteinflößenden Begleiter vorbei. Rick sah ihm nach, dann drehte er sich um und wühlte sich durch die Menge hindurch, bis er sie hinter sich gelassen hatte.
Nachdenklich zupfte er den Bärenfellumhang zurecht, so dass die große, silberne Greifenfibel auf seiner rechten Schulter lag. Dieser Umhang war sein ganzer Stolz und zeugte neben einigen Narben von jenem glorreichen Kampf vor neun Jahren, als er den mondfarbenen Bären getötet hatte.
Das Tier war verrückt oder krank gewesen oder beides gewesen und es hatte regelmäßig die Herden überfallen und dezimiert. Ein Bär so gefährlich und tödlich wie ein Ishiiran. Angst und Schrecken hatte er verbreitet. Die Wachen, die Mawrigh, der damals noch Nachtsturms Than gewesen war, hatte aufstellen lassen, hatten kaum etwas tun können. Drei waren getötet worden, dann hatten sie zur Jagd auf den Bären geblasen.
Rick hatte sich begeistert seinem Vater angeschlossen, einem Axtkrieger und hatte ihn begleitet. Der Weiße hatte seinen Vater getötet. Rick hatte es genau gesehen, wie die riesige Bestie, größer als jeder Mensch, ihn zerfleischt hatte.
Es war seltsam, aber das, woran sich Rick noch am besten erinnern konnte, war das viele, rote Blut gewesen, welches das reine, mondweiße Fell des Bären befleckt hatte. Der Rest war nur noch eine Abfolge von Bildern, die der Schock verschluckt, durcheinandergewirbelt und wieder ausgespuckt hatte.
Was nach dem Tod seines Vaters geschehen war, wusste Rick nicht mehr so genau, aber er konnte sich noch an seinen großen Speer erinnern, das viele Blut und den brechenden Blick des Bären, der in seinen Armen starb. Und dann war er im Klanhaus aufgewacht. Fünf Krieger waren bei der Jagd getötet worden, dann hatte Rick den Bären erlegt. Er bekam das Fell und die großen Krallen, die er beinahe Tag und Nacht um den Hals trug, während man den Schädel an die Wand des Empfangsraumes genagelt hatte.
Das war eine große Ehre. Nicht alle Schädel wurde an Wände genagelt, vor allem aber wurden sie selten im ersten Raum des Haupthauses aufgehängt. Nur einen Schädel für die Speere am Eingang liefern zu dürfen, war eine größere Ehre.
Vielleicht...vielleicht würde auch eines Tages Yuriys Haupt dort hängen, an den Speeren, so wie der Totenschädel seines Ahnen. Aber wer wusste das schon? Rick blickte hinter dem den Stadttoren entgegenstrebenden Zug nach, bis die Banner hinter der Mauer verschwanden, ehe er sich umdrehte und auf den Lagerplatz der Suatha zustrebte. Vor ihm erhoben sich drei Fahnenmasten mit wild im scharfen Wind flatternden Wimpeln, eines violett, eines golden und eines rot.
Daichi hatte es sich auf dem Vordach eines Hauses bequem gemacht um den Einzug des Prinzen zu beobachten. Er hoffte nur, die Besitzer des Daches würden zu gefesselt von dem Anblick sein, der sich ihnen vor ihrem Haus bot, um ihn davon zu vertreiben. Er wollte doch zuschauen, wie der Kronprinz nach Rhiawen einritt.
Zuerst kamen die Bannerträger, die die Wappen des Prinzen und seines Begleiters vorantrugen, dann ein Trupp Soldaten. Daichi hasste Soldaten, er hatte sie schon immer gehasst, denn Soldaten bedeuteten, dass er nicht seines Berufes nachgehen konnte, wie er wollte. Soldaten konnten ihn einsperren.
Aber diese hier würden das wohl kaum tun. Es waren ja nicht einmal normale Soldaten. Sie gehörten zur Roten Garde, der Elitetruppe des Königs, die nur dort stationiert war, wo sich auch ein Mitglied des Königshauses befand. Vor denen hatte Daichi keine Angst, denn sie würden ihn nicht erwischen. Sie waren vielleicht gut auf dem Schlachtfeld, aber in der Stadt und auf der Jagd nach einem Straßenjungen wären sie hoffnungslos verloren, das wusste er.
Grinsend beobachtete er, wie der lange Zug der Soldaten vorbeizog, ehe der Prinz in Sicht kam, flankiert von dem Ritter, der immer an seiner Seite war, und seinem Leibwächter mit der großen Axt, der bedrohlich in die Menge funkelte und jeden aufs Korn nahm, als seinen sie eine Bedrohung für ihren Schützling.
Dieser hingegen hockte vollkommen gelassen auf dem Rücken des riesigen, schwarzen Pferdes, nickte den jubelnden Leuten am Straßenrand freundlich zu und hob hin und wieder die Hand zum Gruß. Hin und wieder wechselte er ein paar Worte mit seinem grauhaarigen, falkenäugigen Begleiter, der seinen scharfen Blick unruhig über die Menge schweifen ließ.
Die drei wirkten nicht gerade, als seinen sie glücklich mit der Situation. Aber sie verbargen es gut, der Großteil der Leute schien es nicht zu bemerken. Daichi grinste von seinem Dach auf die Leute hinunter, bis er den Blick des Prinzen auf sich ruhen spürte. Sein Grinsen verschwand und er begann zu zittern, als sei die Temperatur um einige Grade gefallen. Erschrocken starrte er zurück und machte sich so klein wie er konnte. Dieser Blick... dieser eiskalte Blick. Wie konnte ein Mensch einen Blick wie der Winter haben?
Daichi zitterte, rappelte sich auf und sprang vom Dach herunter um in der Menge zu verschwinden. Der Blick des Prinzen folgte ihm. Er konnte ihn förmlich im Rücken spüren, trotz dass die Leiber von Menschen zwischen ihnen waren.
Hastig schlüpfte er auf Händen und Knien zwischen den Beinen der Menschen hindurch, die ihm ärgerlich auswichen wie einem lästigen Straßenköter. "Verdammt! Verdammt! Ich hab's doch gewusst!" Die bekannt klingende Stimme riss ihn aus den Gedanken, gleich darauf spürte er einen Tritt in den Magen, so dass ihm übel wurde.
Ein schwerer Körper krachte über ihm zusammen und er schrie wütend auf und stieß einige Flüche aus. "Kannst du nicht aufpassen, Bengel?", fauchte ihn jemand an, gleich darauf sah er diesem Jemand auch schon ins Gesicht. Es war ein Junge, noch nicht erwachsen, aber mindestens fünf Jahre älter als er. Sein blaues Haar stand wild von seinem Kopf ab und in seinem Gesicht lag ein wilder Zug.
Daichi starrte ihn wütend an. "Ist doch nicht meine Schuld, dass du über mich fliegst!", brüllte er zurück und sprang auf. "Selber Schuld, wenn du nicht auf den Boden schauen kannst!"
Die dunkelblauen Augen des Älteren funkelten bedrohlich und verengten sich zu Schlitzen. Seine Hand schnellte flinker vor als Daichi sehen konnte und packte den Straßenjungen am Kragen um ihn näher zu ziehen. Dieser aber war so wütend und fürchtete sich auf eine Art vor dem Eisblick des Prinzen, dass er nicht bemerkte, dass die eigentliche Gefahr direkt vor ihm stand.
"Lass mich sofort los, du Trottel!", brüllte er.
Gleich darauf schlugen seine Zähne heftig aufeinander, als der Junge begann, ihn hin und her zu schütteln. "Pass auf, Zwerg, du solltest froh sein, dass ich keine Zeit für einen kleinen, nichtsnutzigen Straßenköter wie dich habe!" Er schubste Daichi von sich und hetzte die Straßen hinunter. Wütend starrte der kleine Dieb hinter ihm her und kreischte einige Flüche, ehe er über ein paar Kisten und Holzlatten auf das nächste Dach stieg.
Der Eisprinz war vergessen - und auch schon längst weitergeritten - und einen letzten Blick auf die Karawane wollte er erhaschen. Er sah nur noch ein paar Soldaten und die Banner, die weiter oben gerade um ein Eck verschwanden; eines blaurot und eines blauweiß.
Die Nachricht von der Rückkehr des Prinzen verbreitete sich rasend schnell in Rhiawen. Die Menschen strömten nur so zur Hauptstraße, die zum Palast führte. Kane folgte ihnen. Aber im Gegensatz zu den lachenden und jubelnden Menschen um ihn herum war sein Gesicht finster.
Niemand achtete auf den siebzehnjährigen Jungen, der griesgrämiger aussah als ein alter, verbitterter Greis. Aus den dunkelblauen Augen des Jungen sprühten Funken, während sein Gesicht kalt und bewegungslos blieb.
Ker hatte es also nicht geschafft. Er hatte gefehlt. Verdammt, verdammt! Wütend und unter rücksichtslosem Einsatz der Ellbogen kämpfte sich Kane unter Flüchen und Beschimpfungen in der Menge nach vorn. Er wollte den Prinzen mit eigenen Augen sehen. Er wollte ihn sehen, ehe er glaubte, dass Ker - ausgerechnet Ker! - es nicht geschafft hatte, seinen Auftrag auszuführen.
Die Soldaten der Roten Garde ignorierend starrte er die Straße hinunter bis endlich der Prinz in Sicht kam, hochaufgerichtet und locker saß er im Sattel des schwarzen Höllenrosses und wirkte kalt wie immer.
Bryan von Falkenburg neben ihm blickte mit kalten, scharfen Sturmaugen über die Menge. Kurz schaute der Falke Kane ins Gesicht, ehe der graue Blick weiterschweifte. Links von dem Prinzen ritt Sergej, sein Königsschwert, die Person, die wahrscheinlich alles zunichte gemacht hatte. Aber es war auch zu schwer, an jemanden heranzukommen, der von so einem Kerl bewacht wurde!
"Verdammt, verdammt!", nuschelte er vor sich hin, ehe er kehrt machte und sich durch die Menge zurückkämpfte. Er brauchte ein Weile, ehe er den Rand der Menge erreicht hatte. Er musste sofort einen der Meister finden. Sie mussten davon erfahren, dass die Gerüchte, der Prinz sei wieder in der Stadt, stimmten.
Und er musste jemanden gewaltig zusammenstauchen. Er, Kane, hatte von Anfang an Recht gehabt! Er hätte auf seine Gefühle hören sollen! Sofort, von Anfang an. Kane ärgerte sich, dass er es nicht gemacht hätte. Das würde Ker wahrscheinlich das Leben kosten.
"Verdammt! Verdammt! Ich hab's doch gewusst!" Sein Fuß krachte gegen einen weichen Körper und er hörte einen Schmerzenschrei, während er gleichzeitig das Gleichgewicht verlor. Stöhnend schlug er der Länge nach hin und begrub einen fluchenden Jungen unter sich.
Wütend rappelte Kane sich wieder auf, während der kleine, fuchshaarige Straßenbengel nicht aufhörte, ihn zu beschimpfen und schneller auf den Beinen war als Kane selbst. "Kannst du nicht aufpassen, Bengel?", brüllte Kane ihn wütend an und seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen, als der Junge zurückschrie.
Anscheinend hatte der Straßenbengel gerade eine sehr verstörende Erfahrung gemacht, sonst würde er den Älteren nicht beleidigen, trotz dass dieser ihn am Kragen hatte und hin und herschüttelte wie einen Sack. Aber er wusste, dass er weg musste, dass er keine Zeit hatte, diesem Bengel zu zeigen, auf wen er achten musste, wenn er durch die Straßen strich. "Pass auf, Zwerg, du solltest froh sein, dass ich keine Zeit für einen kleinen, nichtsnutzigen Straßenköter wie dich habe!" Damit ließ Kane den unverschämten Bengel los und stürmte die Straße hinunter.
Die Meister mussten davon erfahren. Außerdem erwartete Gotheir seinen Brief. Er hatte sich zu beeilen! Kurz warf er noch einen Blick über die Schulter und konnte hinter einem Dach gerade noch die Spitzen der Banner erkennen; eines blaurot und eines blauweiß.
"Na, das war doch ein gutes Geschäft.", meinte Ozuma zufrieden und nahm den letzten der Beutel von dem Tresen. Er nickte dem Juwelier zu und winkte Kai, der ihm widerspruchslos nach draußen folgte. "Hätte nicht gedacht, dass der Kerl wirklich so viel zahlt.", sagte er und half Kai, die fünf prall gefüllten Beutel in ein Tuch zu wickeln.
"Nein?", fragte der Rotäugige zurück.
"Nein.", grinste sein Blutsbruder. "Damit kannst du dir ein Schwert bezahlen und was weiß ich noch."
"Aye." Kai nahm den Packen auf und presste ihn an den Körper. Jetzt, wo er das ewige Gefeilsche um das Ishiiranauge endlich vorbei hatte, wollte er sich den Gewinn nicht stehlen lassen. Aber wahrscheinlich kam er sowieso nicht in Gefahr, zu denen zu gehören, an die sich die Taschendiebe heranwagten.
Dazu sahen er und Ozuma viel zu gefährlich und zu respekteinflößend aus. Das war auch gut so. Immerhin hatten sie nicht umsonst ihre prächtigste Kleidung, die am meisten Volumen hatte und Ehrfurcht einbrachte. Pelzüberzogene Stiefel bis zu den Knien, Lederhose, weite Hemden unter Kettenhemden und darüber lange Tuniken aus dunkler Wolle, über allem die dicken Fellumhänge. Ozumas bestand aus dem mondweißen Fell der Winterwölfe, Kais war der nachtblaue, schimmernde Pelz des Ishiiran, dessen Auge er eben verkauft hatte. Sie trugen Schwerter und Dolche mit sich, aber das, was die Leute in Wirklichkeit von ihnen fern hielt, waren die blauen Dreiecke in ihren Gesichtern.
Draußen, vor der Stadt, hielten sich die Leute von ihrem Lagerplatz fern, aber sie starrten neugierig und geringschätzig zu ihnen herüber, als ob sie nicht jedes Jahr, sondern nur alle fünfzig Jahre in Rhiawen auftauchen würden. Man ging ihnen aus dem Weg, so gut es ging.
Aber hier drinnen, in Rhiawen, war es anders. Sie befanden sich im Herzen Thissalias, mittendrin und nicht davor. Das brachte eine vollkommen andere Atmosphäre mit sich, eine andere Stimmung. Nicht nur unter den Einwohnern der Stadt, nein, auch für Kai spürbar. Unwirsche und abweisende Blicke streifen sie hier viel öfter als vor der Stadt, wo sich nicht nur Thissalier aufhielten, sondern auch Gaukler und all die anderen Leute, die durch Adieneira streiften wie herrenlose Hunde. Aber auch Thissalier verhielten sich vor der Stadt nicht so...so feindselig.
Natürlich waren da auch noch die Kraftlinien, die hier zusammenliefen. Es gab mehr als einen Grund, warum die Màn Suatha Rhiawen gerade hier errichtet hatten. Der wichtigste war wohl die Tatsache, dass hier - beziehungsweise direkt an der Stelle, auf der der Steinkreis errichtet worden war - mehrere Linien der Magie einen Knotenpunkt bildeten.
Er spürte es durch Mark und Bein, die Resonanz vibrierte durch seinen Körper, seine Knochen, brachte sein Blut zum Singen und machte ihn schier wahnsinnig. Vor der Stadt war es besser zu ertragen, aber noch immer viel zu gut zu spüren. Er fragte sich, wie die Thissalier nur ein ganzes Leben lang an einem solchen machtvollen Ort leben konnten. Aber sie schienen es nicht einmal zu merken. Das hatte auch Charya zu ihm gesagt. Charya, die nicht einen Schritt in die Stadt gesetzt hatte und sich meistens im Lager aufhielt. Schon längst hatte sie es bereut, sie begleitet zu haben.
"He." Ozuma zupfte an seinem Ärmel und riss ihn damit aus den Gedanken.
Er blickte auf. "Was?"
"Schau. Der Kronprinz kehrt zurück." Ozuma deutete die Straße hinunter, wo eine Menschenmenge den Weg verstopfte. Aber von dem Platz, auf dem die beiden standen, hatten sie einen guten Blick auf die Straße und die vorbeireitenden Soldaten und kurz darauf den Prinzen, hochaufgerichtet, aber entspannt auf dem Rücken einer schönen, schwarzen Stute.
Sein Haar war wie Flammen, seine Gesicht hart und kalt und seine Augen - das konnte Kai sogar aus dieser Entfernung sehen - kalt wie Eis. Er trug Wappenrock und Schwert unter dem schweren Wollumhang und auf seiner blauumhüllten Brust war der rote Wolf zu sehen.
Rechts und links ritten zwei Männer, ein blonder Riese und einer ein muskulöser, breitschultriger junger Mann mit kurzem Haar und Sturmaugen. Weder der eisige Prinz noch seine eindrucksvollen Begleiter bemerkten die beiden Thane, denn sie standen viel zu weit weg, als das sie einen Blick für sie übrig hatten.
Kai bemerkte nicht, wie Ozuma den Prinzen abschätzend musterte; er war viel zu fasziniert von der schlanken, muskulösen Gestalt auf dem schwarzen Pferd. Er wusste nicht, woher diese Faszination kam, aber da war etwas an dem jungen Mann, dass Kais Blicke auf sich zog. Etwas...verhexendes, das ihn nicht mehr loslassen wollte.
Viel zu schnell waren die drei Reiter vorbei und die Faszination gebrochen. Zurück blieb nur ein verwirrter Kai und Ozuma, der seinen abwesend in die Luft starrenden Blutsbruder hinter sich herzerrte. Erst der Anblick der drei Klanbanner brachte Kai wieder in die Realität zurück; eines violett, eines golden und eines rot.
Mao und Rei befanden sich im Stall bei ihren Pferden, als der Prinz kam. Durch das große Fenster konnten sie sehen, wie der lange Tross sich den Weg herunterschlängelte und irgendwann kam auch der Prinz in Sicht.
Groß, rothaarig, gutaussehend waren die ersten Begriffe, die ihr zu ihm einfielen. Als er näher kam und beinahe direkt unter ihrem Beobachtungsposten vorbeiritt, fielen ihr seine kalten, traurigen Augen aus, die eine Leere ausstrahlen, wie sie es noch nie gesehen hatte. Schreckliches mussten sie gesehen haben, grausames musste ihrem Besitzer zugestoßen sein.
Sie verspürte tiefes Mitleid mit ihm, tieferes als für allen anderen, für die sie dieses Gefühl je gehegt hatte. Sie fragte sich, wie ihm solche Dinge wohl zugestoßen sein mochten, aber sie kam auf keine Antwort. Er war der Kronprinz eines der mächtigsten Reiche Adieneiras. Musste er nicht besser gehütet werden als ein Juwel? Anscheinend war dies nicht der Fall gewesen, warum sonst waren seine Augen so leer und traurig?
Sie seufzte und schüttelte den Kopf um ihre Aufmerksamkeit seinen beiden Begleitern zuzuwenden. Einer davon war sein Königsschwert, Sergej, ein riesiger, blonder Mann mit einer zweischneidigen Axt, die er auch zu führen wusste. Kein Mann, mit dem man sich anlegen durfte, wollte man am Ende unverletzt und siegreich sein.
Aber ein Mann, dessen Loyalität seinem Herrn Yuriy galt, vollkommen und absolut. Nichts würde diese Loyalität brechen können. Der Prinz durfte sich froh schätzen, einen solchen Mann an der Seite zu haben.
Der andere Krieger musste Lord Bryan von Falkenburg sein, Ritter Thissalias und der beste Freund des Prinzen. Den Gerüchten, die durch den Palast kursierten, zufolge waren der Prinz und sein Freund ein Liebespaar, aber Mao glaubte nicht daran. Nicht jetzt, wo sie die beiden sah. Sie waren kein Paar, sie waren Brüder. Vielleicht nicht im Blute, aber im Herzen. Solche reine Freundschaft konnte man selten finden und sie war weit mehr wert als vergängliche Liebe.
Zögernd wandte sie den Blick ab, als Rei sie am Ärmel zupfte und folgte ihm zur Stalltür. Von hier hatten sie einen weit besseren Ausblick. Sie sah den Prinzen, den Ritter und den Krieger vor den Eingangstoren des Palastes von den Pferden gleiten und die vielen, breiten Stufen der langen Treppe zu den Flügeltüren hinaufsteigen und dahinter verschwinden.
Sie sah, wie die Soldaten und die Diener angewiesen wurden, wie die Tiere versorgt und die Wagen abgeladen wurden und wie aus einer Kutsche ein junges Mädchen entstieg, das von Dickensohn in Empfang genommen wurde. Und sie sah die beiden Banner, eines blaurot, eines blauweiß.
Es hieß, der Kronprinz kehrte nach Rhiawen zurück. Takao bemerkte sofort, dass es stimmte, denn der Blaue Palast glich mehr denn je einem Ameisenhaufen. Eine Dienerin erzählte, dass der Tross Prinz Yuriys den Umweg durch die Stadt nahm, da das Volk ihn sehen wollte.
Darum dauerte es eine Weile, ehe sich die großen Tore öffneten und die Prozession schließlich den Weg herunter kam. Viel konnte Takao von seinem Beobachtungsposten vom Fenster nicht sehen, denn es war eine zu weite Entfernung. Er konnte nur schätzen, wer der Prinz war, aber er hatte gehört, Yuriy hätte rotes Haar wie seine Mutter. Es gab nur eine Person, von der er erkennen konnte, dass sie rothaarig war, ein junger Mann im Sattel eines schwarzen Pferdes, der von zwei weiteren Kriegern begleitet wurde.
Er zog alle Blicke auf sich und Takao würde seinen Kopf verwetten, dass das der Prinz war. Fasziniert verfolgte er den Weg des Prinzen, wie er die gepflasterte Straße entlang ritt. Er zügelte das schwarze Monsterpferd auf dem großen Hof und schwang sich aus dem Sattel. Gefolgt von dem blonden Riesen und dem anderen Ritter betrat er den Palast und verschwand damit aus Takaos Sichtweite.
"Komm schon.", zischte Max ihm ins Ohr. "Wir schauen, ob wir ihn noch mal sehen." Der andere nickte und die beiden Jungen rannten durch die langen Gänge des Palastes. Inzwischen kannten sie den Weg zum Thronsaal ganz genau und es bereitete ihnen keine Mühe, auszurechnen, welchen Weg Yuriy nehmen würde. Hoffentlich verschätzten sie sich nicht. Sie suchten sich ein Versteck - //Warum eigentlich?//, fuhr es Takao durch den Kopf - hinter einem Vorhang und einer Säule und warteten.
Es dauerte gar nicht lang, da merkten sie, dass sie recht hatten mit ihrer Überlegung. Yuriy kam hier tatsächlich vorbei. Er war groß, breitschultrig und muskulös, trug Kettenhemd und Schwert, seine Schritte klangen laut auf dem Steinboden und sein Umhang bauschte sich hinter ihm, so rasch eilte er durch die Gänge.
Sein Gesicht war hart und kalt wie Stein, seine Augen zwei funkelnde Eissplitter und sein Mund zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Takao schauderte und wünschte sich, ihm niemals zu begegnen, wenn er schlechte Laune hatte.
Seine Begleiter sahen nicht weniger furcheinflößend aus. Der Ritter hatte den scharfen Blick eines Falken und den geschmeidigen Gang eines geübten Kriegers. Seine Hand lag auf dem Knauf seines Schwertes, das er um die Hüfte gegürtet trug, über dem anderen Arm hatte er den Umhang drapiert, damit er nicht hinter ihm herwehte wie bei dem Prinzen. Er blickte nicht nach links oder rechts, aber trotzdem hatte Takao das Gefühl, dass ihm nichts entging.
Der andere Mann war kein Adliger, dass erkannte der junge Drache sofort. Er war riesig, hatte kurzes, blondes Haar und ein kantiges, offenes Gesicht, das aber angespannt war. In den Händen hielt er eine riesige Axt.
"Das Königsschwert.", flüsterte Max neben ihm aufgeregt und ballte die Hände zu Fäusten. Yuriys Leibwache. Takao hatte schon viel von ihm gehört. Unbesiegbar sollte er sein und vollkommen loyal zu seinem Schützling, dem Prinzen, stehen. Niemand würde an Yuriy herankommen, wenn er es nicht wollte, es sei denn er war tot.
Takao war plötzlich froh, dass sie sich das Versteck gesucht und sich nicht einfach nur in den Gängen herumgedrückt hatten. Max neben ihm schien es genauso zu gehen, denn er rührte sich nicht vom Fleck, selbst nachdem die drei längst verschwunden waren. Erst als Takao ihn hinter sich herzog, setzte er sich in Bewegung. Sie gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren. Max war tief in Gedanken versunken, so dass Takao ihn lieber nicht störte. Durch die Fenster konnte er die beiden Banner sehen, eines blaurot und eines blauweiß.
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Zu diesem Kapitel bitte ich gaaaaaaaanz viele Kommis, weil ich sowas - ich meine mit den verschiedenen Absätzen, die nur ein einziges Ereignis beschreiben - noch nie geschrieben habe. Ich will wissen, wie es wirkt und so.
So und jetzt muss ich meinen Bruder aus meinem Zimmer verjagen, dann geht's wieder ans Bio lernen. Hab Montag 'ne Arbeit. -.-
Silberwölfin
Schwertkunst
Titel: Feuermond
Teil: 11/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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So, ein schickes Zwischenkapitel. Mir gefällts eigentlich, aber das nächste ist besser. ^.^ Da treffen sie sich, wenn ich auch Takao und Hiromi etwas vernachlässigt hab. *drop* Genauger gesagt, ich hab nicht einmal ihren Namen erwähnt. -.- Ich konnts nicht mehr einbauen, das hat nirgends gepasst. Sorry, falls jemand darauf gewartet hat.
Die beiden Kapitel - also, das hier und das nächste - sollten ursprünglich nur eines sein, aber es musste viel mehr rein, als ich geglaubt habe, darum musste ich es teilen; jetzt sind beide fast gleich lang. Überdies sollte die erste Szene in diesem Kapitel hier eigentlich die Abschlussszene vom letzten Chapter sein, aber das hat ja auch nicht mehr gepasst.
Und es tut mir wirklich Leid, dass ich es nicht früher hochgeladen habe, aber ich wollte erst das 11. Kapitel fertig haben, bevor ich irgendetwas davon on stelle und ich konnte und konnte einfach nicht schreiben. Heut hab ich mich auf meinen Hintern gesetzt und es endlich geschrieben.
Und ich konnte es mir nicht verkneifen, ich musste diesem Schwert einfach einen Namen geben. Sorry, das ist ein altes Klischee, ich weiß, und eigentlich spielt das Ding keine große Rolle, aber ich konnte einfach nicht anders. ^^'''''''
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@ lavanja: Irgendwo hab ich, glaub ich, schon erwähnt, dass Yuriy mit ein paar Leuten darüber gesprochen hat. Oder war's nur Bryan? Egal, jedenfalls weiß unser Falke darüber bescheid.
Also, Julia hat sowieso eine Sonderrolle. Im Grunde hast du Recht, aber wie du im nächsten Kapitel merken wirst, ist sie auch kein unbeschriebenes Blatt.
Es war Rick, aber das hast du ja selbst bemerkt. Und - klar schätzt der Yuriy ab. Immerhin sind sie aus seiner Sicht ja Feinde. Ja, es gilt für beide als Ehre. Nur die Besten und die am meisten Respektierten werden da aufgehängt und so unsterblich und gehen in die Geschichten ein. Das ist aus der Sicht der Suatha die größte Ehre, die einem zuteil werden kann. Ja, genau, es war diese Szene im Dorf und ein zweites Mal, als Takao und Max in die Galerie der Könige kamen.
Ja, vielleicht zum Teil? Ich dachte hier eher daran, dass Mao bei mir immer ein paar seherische Kräfte hat und dadurch 'tiefer' blicken kann als andere.
Ozuma sieht in Yuriy genau wie Rick einen Feind.
Tja, Takao hat auch eine einfache Sicht auf die Dinge. Er sieht nur das Äußere, wenn er sich nicht anstrengt. <--- Das soll hier nicht bedeuten, dass er oberflächlich ist oder so!
@ are: Nein. Ich liebe deine Kommis, echt!
Also, ich glaub, ich kenn sowas auch, aber mir fällt auf Biegen und Brechen kein Beispiel ein. Das Gedicht gefällt mir. Kann man sicher gut irgendwo einbauen, ich warte darauf, dass du's tust. ^.~
Ich liebe es sowieso, Augen und alles, was mit ihnen zusammenhängt, zu beschreiben. So was wird noch öfters auftauchen. ^^ Also, bis jetzt ist das, was ich in diesem Kapitel erwähnt hab, alles, was es von Yuriy gibt, in dieser FF zumindest.
Rick war der Suatha, der die Händlerzüge nach Rhiawen anführt, zumindest sofern sie aus dem Nachtsturmklan kommen. Also eigentlich richtig wichtig im Klan. Ozuma sieht übrigens das Gleiche wie er.
Ich glaube, zu dem, was du dazu gesagt hast, lässt sich nichts mehr hinzufügen.
Also, ich muss zu meiner Schande gestehen, dass Sergej sie hätte entdecken können, auf diese Idee bin ich gar nicht gekommen. °////° Ja, hätte gut gepasst, aber das Kapitel war sowieso schon zu lang. <--- meine Entschuldigung für alles. *drop* Sagen wir einfach, Takao und Max haben keinerlei Gefahr für Yuriy dargestellt. Außerdem wusste ich nicht, was ich noch dazuschreiben könnte, bei denen zwei. Auch mir können die Ideen ausgehen. *pfeif*
Es gibt eigentlich nur einen Grund, dass ich Julia und Raul reingebracht habe und zwar, weil sie irgendwie eingeführt werden mussten. Sie sind eigentlich recht wichtig und ich wollte euch nicht mit ihnen überfallen.
@ Sesshi-Chan: Hab mich schon gewundert, was mit dir los war, aber nicht schlimm. ^^ Also, mir hat das 9. auch besser gefallen, hab ich ja gesagt.
Ja, der arme Daichi, kriegt alles ab. *g* Also, der wird demnächst noch mehr Grund haben, sich zu fürchten.
Öh, hab ich irgendwo geschrieben, dass Kane zur Dämmergilde gehört, oder hab ich irgendwas vergessen?
Ja, also, dass wäre dumm, wenn er Angst vor Yuriy Blick hätte. XD Aber der sieht ganz andere Sachen.
Das war der Grund, warum sich Yuriy so schön viel Zeit mit der Heimkehr lassen durfte. Damit die sich treffen können.
Erst mal sind sie zu abgestumpft und zum anderen ist die Art der Magie der Suatha und der Thissalier ist völlig verschieden. Darum können sie das auch nicht spüren.
Für Fahne oder Flagge kann man auch Banner oder Wimpel sagen. Bei Fantasygeschichten bevorzuge ich die letzteren beiden Begriffe. Und das Suathabanner ist golden, nicht silbern.
Doch, ich glaub, es gibt noch 'n paar Charas. Glaube ich.
Yo, dir auch 'n guten Rutsch!
@ spellmaster: Im nächsten Kapitel treffen sie sich. ^^''' Dieses hier ist erst die Vorbereitung.
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Schwertkunst
Yuriy hörte, wie seine Schritte an den Wänden widerhallten. Laut und dumpf, im Takt, immer gleichmäßig. Er fühlte jede Unebenheit, jede falsch gelegte Bodenplatte und jede Ritze zwischen den großen Steinen.
Ein leiser Lufthauch geisterte durch die Gänge, aber der Prinz konnte ganz genau fühlen, wie er über seine Haut strich; sacht und so zart wie er selten etwas gefühlt hatte. Schon oft hatte er diesen Hauch gespürt und immer, wenn er in Gedanken versunken und allein war und ihn verspürte, wünschte er sich, dass es die Berührung einer anderen Person war und nicht der seelenlose Wind.
Rechts und links rauschten die Wände und ihr Schmuck an ihm vorbei, über ihm an der Decke die kunstfertigen Gemälde und Mosaike. Er konnte beinahe jede Einzelheit erkennen, die Haltung der abgebildeten Menschen und Tiere, die gezeichneten oder gestickten Pflanzen, die Fabelwesen auf den Teppichen und Malereien.
Man sagte, im Angesicht des Todes nehme man alles wahr, jedes Detail. Yuriy sah nur dann wirklich klar, wenn er zu seinem Vater ging. Sergej und Bryan begleiteten ihn. Er war froh darum, vor allem, weil sein Vater sie nicht hinausschicken würde.
Die Türen zum Ratssaal wurden von den Wachen geöffnet, als sie näher kamen, und hinter ihnen sofort wieder geschlossen. Eskander stand am Tisch und hielt ein Pergament in der Hand, in dem er las. Yuriy bemerkte am Rande, dass sich ein paar verhuschte Mägde im Raum befanden, außerdem Crain, der mit überkreuzten Armen am Fenster stand und ihnen entgegen blickte, und die drei gebundenen Königsschwerter seines Vaters.
Er beachtete sie nicht und ging sofort auf seinen Vater zu um einige Schritt vor ihm auf ein Knie zu sinken, den Kopf gesenkt, die rechte Hand auf den Boden gestützt, die linke Faust so fest um den Schwertgriff gekrallt, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
Er hörte, wie Bryan hinter ihm ebenfalls niedersank und Sergej wie es sich für ein gutes Königsschwert gehörte, einige Schritte entfernt stehen blieb. Als Königsschwert wurde er bei solchen Angelegenheiten ignoriert.
Eskander brauchte seine Zeit, ehe er seine Aufmerksamkeit auf seinen knienden Sohn und dessen Freunde richtete. Der König faltete das Pergament zusammen, Kleidung raschelte. "Erhebt Euch, mein Sohn, und auch Ihr, Ritter Bryan."
Die beiden jungen Männer folgten der Aufforderung. "Ich grüße Euch, mein Vater.", erklärte Yuriy beherrscht, während Bryan nur etwas Unverständliches murmelte.
Eskander nahm den Gruß mit einem knappen Nicken entgegen und fragte: "Was hat Euch aufgehalten? Ich habe Euch schon vor Tagen erwartet."
Yuriy verbeugte sich leicht. "Verzeiht, mein Vater, aber ich wurde aufgehalten." Kurz und knapp berichtete er von seinem Treffen mit King und den thymriser Schiffen.
Eskander blickte ihn kühl an. "Ich werde mich darin kümmern und eine Delegation losschicken." Kein Lob, kein Wort darüber, dass Yuriy richtig gehandelt hatte. Der Prinz presste die Kiefer aufeinander, sagte aber nichts. "Sonst noch etwas?"
"Ja. Ich..." Er verstummte. Wie sollte er Eskander beibringen, dass ein Mitglied der Dämmergilde versucht hatte, ihn zu töten? "Nun?" Der König tippte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. "Ich...Man hat versucht, mich umzubringen." Er zog das Amulett aus der Tasche und warf es neben der Hand seines Vaters auf den Tisch. "Die Dämmergilde. Zum Glück war ich wach. Ich habe ihn erst gehört, als es schon zu spät war."
Eskander hob das Amulett auf und warf dann seinem Sohn einen scharfen Blick zu. Yuriy erkannte den Schock in seinen Augen, auch wenn er sich bemerkenswert gut hielt. Trotzdem verzog sich sein Gesicht vor Zorn. "Die Dämmergilde versucht ein Mitglied der königlichen Familie zu töten?!"
"Ja, mein Vater."
"Wo ist der Mörder?"
"Noch in Falkenburg. Er...weiß nichts."
"Man soll ihn herbringen. Ich möchte ihn persönlich befragen."
"Ich werde einen Boten losschicken.", entgegnete Bryan und warf seinem Freund einen Blick zu. Dieser erwiderte ihn kurz, wandte sich aber dann wieder an seinen Vater, der unruhig hin und her lief und die rechte Hand zur Faust ballte und wieder öffnete.
Er war aufgebracht, ganz eindeutig, aber sicher nicht deswegen, weil er sich Sorgen um seinen Sohn machte, sondern eher, weil man es gewagt hatte, die königliche Familie direkt anzugreifen. Man hatte es tatsächlich gewagt! Vielleicht würde er jetzt darüber nachdenken, wie wackelig sein Thron wirklich war?
Schweigend wartete Yuriy darauf, dass der König sich beruhigen würde. Plötzlich fuhr Eskander herum und warf seinem Sohn das Amulett wieder zu. "Ich möchte, dass Ihr Euch darum kümmert.", erklärte er kühl. "Außerdem holt Ihr Euch einige Königsschwerter. Ich möchte nicht, dass die Dämmergilde Erfolg hat."
Yuriy verbeugte sich. "Natürlich. Ich werde tun, was ich kann." Er schwieg einen Moment, dann wechselte er das Thema. "Ich habe gehört, die Delegationen aus Shinazu und Sheyai sind bereits im Blauen Palast?"
"Das ist richtig. Darum fragte ich mich, warum Ihr so spät kommt, Yuriy. Ihr sollt die diesjährige Herbstjagd anführen."
Yuriy verbeugt sich leicht, zum Zeichen, dass er verstanden hatte. "Natürlich. Ich werde mich darum kümmern."
"Die Jagd soll in ein oder zwei Wochen stattfinden. Sorgt dafür, dass unsere Gäste, die Euch begleiten wollen, richtig ausgestattet sind."
"Natürlich. Ich werde sie zu Gotheir bringen." Yuriy runzelte die Brauen. Da war noch etwas. "Mein Vater, vor den Toren lagern Klanleute."
"Ich weiß. Das hat man mir schon gesagt. Solange sie nichts anstellen, soll es mir egal sein, ob sie vor den Toren lagern, auch wenn es noch nicht Frühling ist."
Yuriy nickte. Auch wenn es ihn persönlich brennend interessierte, warum die Suatha hier waren, konnte er seinen Vater nicht zwingen, dasselbe Interesse zu hegen. Er konnte ja mal seine alten Freunde fragen... Sie wussten vielleicht etwas. "Fürst Baltheir von Falkenburg schickte seine Tochter Salima mit uns. Sie soll einige Zeit hier am Hof verbringen."
"Natürlich. Ich werde die Königin verständigen."
"Ich danke Euch.", murmelte Bryan, während der König mit der Hand winkte. "Ihr seid entlassen. Ich werde Euch zur gegebenen Zeit rufen lassen, falls sich etwas ergibt. Und ich erwarte, dass Ihr die Sache mit der Dämmergilde erledigt, möglichst bevor ihr zu der Jagd aufbrecht."
"Ich...werde es versuchen. Aber ich kann nichts versprechen. Noch nie haben wir der Dämmergilde wirklich schaden können."
"Ich weiß. Aber sie haben auch noch nie versucht, jemanden aus unserer Familie zu töten. Ich erwarte, dass du spätestens im Frühjahr alles geklärt hast."
Der Rothaarige zuckte zusammen und verbeugte sich tief. "Ja. Selbstverständlich." Wie sollte er das schaffen, bei allen Göttern?! Er hörte, wie Bryan sich hinter ihm wieder aufrichtete und sie verließen zu dritt den Saal.
"Ivan! Ivan! Komm sofort hierher, Junge!" Der kleine Schüler sah von seinem Schwert auf und blickte quer über den großen Sandplatz, der den Königsschwertern als Übungsplatz diente. Im dem großen Torbogen, der in die Kaserne führte, stand Meister Marbod, der Ausbilder der älteren Schüler, zu denen auch Ivan zählte. Auch wenn viele Leute es nicht glauben wollten, wenn der Schüler vor ihnen stand.
Hastig sprang Ivan von der kleinen Mauer, auf der er gesessen hatte, schob sein Schwert in die Scheide zurück, während er auf den Meister zueilte. Marbod war ein großer, muskulöser Mann mit mehreren Narben im Gesicht und einer Nase, die bereits mehrmals gebrochen worden, aber nie richtig geheilt war.
"Ja, Meister Marbod?" Ivan blieb vor dem großen Mann stehen.
"Komm. Du bekommst einen Auftrag. Du wirst zusammen mit den anderen dreien unter Michaels Kommando stehen."
Ivan blinzelte, sagte aber nichts. Er war verwirrt. Es war nicht die erste Aufgabe, die er bekam - meistens bestand sie darin, irgendwen zu beschützen - aber für gewöhnlich waren es nur zwei Königsschwerter, höchstens. Dass es jetzt mehr waren - außer ihm und Michael drei, wie er feststellte, als er Meister Marbod in eine kleine Kammer folgte - war sonderlich. "Michael. Hier ist der letzte."
Der große, blonde Mann mit dem eigenwilligen Haar nickte knapp. Ivan und er kannten sich, aber sie mochten sich nicht. Ganz im Gegenteil, die Gefühle, die sie füreinander hatten, grenzten schon beinahe an Hass.
Ivan wusste, dass es eigentlich nicht angebracht war. Er kannte Michael kaum. Sie begegneten sich nur selten, wechselten kaum ein Wort miteinander, der einzige Kontakt bestand aus Übungskämpfen hin und wieder. Er verstand seine Gefühle nicht, aber er konnte sie nicht bekämpfen. So stark hatte er noch nie gefühlt, wie wenn er das arrogante, hochgewachsene Königsschwert ansah.
Wie Michael ihm gegenüber fühlte, wusste er nicht genau, aber er wusste, dass auch er ihm nicht positiv gegenüber stand. Da war immer etwas in seinen Augen, etwas lauerndes, hinterhältiges, bösartiges. Nein, sie verstanden sich wirklich nicht gut.
Mit Mühe riss er sich von der Gestalt des Blonden ab, der sich leise mit Marbod unterhielt, und musterte die anderen Anwesenden. Sie waren Königsschwerter, kaum älter als er, und er wusste, dass sie alle herausragende Männer waren, vielleicht nicht so gute Kämpfer wie andere, nicht so stark oder groß und muskulös, aber sie gehörten trotzdem zu den besten.
Nicht nur die Muskeln machten ein Königsschwert aus, sondern auch die Kunst beim Führen der Klinge und vor allem das Hirn und wie man seine gelernten Fähigkeiten einsetzte. Ivan, der selbst eindeutig nicht groß genug war, um ins Heer aufgenommen zu werden, war eines der besten der Königsschwerter.
Früher hatte er es schwer gehabt, vor allem, als er dann aufgehört hatte zu wachsen. Er war zwar immer klein gewesen für sein Alter, aber das übertraf alles. Keinen Fingerbreit mehr war er gewachsen, seit er zwölf war.
Aber er hatte Tag und Nacht trainiert um es allen zu zeigen. Er wollte es ihnen zeigen, ihnen, die sie ihn verspottet hatten, dass er gut war, dass er besser war, als sie glaubten, dass er es schaffen konnte, die Prüfung zum Königsschwert zu bestehen. Mehr hatte er doch gar nicht gewollt! Jetzt gehörte er zu den besten.
"In Ordnung, Jungs." Marbods laute Stimme riss ihn aus den Gedanken und er blickte sofort auf. "Ihr habt eine besondere Aufgabe zugeteilt bekommen. Ich verlange, dass ihr Michaels Befehlen sofort gehorcht. Für euch werden in Zukunft nur zwei Personen Befehle erteilen können, die über seinen stehen, ist das klar? Ihr habt ihm bedingungslos zu gehorchen."
Ivan nickte zusammen mit den anderen, wenn er auch die Kiefer aufeinander presste. Das passte ihm gar nicht! Aber er würde es tun. Er war ein Königsschwert, ein gutes Königsschwert, und Königsschwerter mussten nun einmal gehorchen.
"Eure Aufgabe in Zukunft wird es sein..." Er wurde unterbrochen, als die Tür aufgestoßen wurde. Sofort fuhren alle Hände zu den Waffengriffen, die Köpfe wandten sich in die Richtung des Eingangs. Nur einen Moment später sanken sie alle wie ein Mann auf ein Knie, die eine Hand am Schwertgriff, die andere auf den Boden gestützt.
Im Türrahmen stand der Prinz, hinter ihm wie ein riesiger Schatten mit einer blitzenden Axt in den Händen, sein Königsschwert, Sergej. Ivan bewunderte ihn. Sergej war der Mann, dem Ivan mehr als allen anderen hinterher eiferte. Sie kannten sich kaum, ein oder zweimal hatten sie sich getroffen, erinnerte sich Ivan, aber Sergej hatte einen ganz besonderen Platz bei ihm eingenommen. Er war der erste gewesen, der ihn nicht wegen seiner Größe verspottet hatte, und das bedeutete ihm viel.
Ivan hörte, wie die Tür wieder ins Schloss zurückfiel, dann Yuriys tiefe, beherrschte Stimme. "Steht auf." Sofort befolgten sie seinen Befehl. "Ich werde für die nächste Zeit euer Oberherr sein.", erklärte Yuriy knapp. Seine eisblauen Augen glitzerten. "Ihr werdet mir dienen und dafür sorgen, dass ich nicht zu Schaden komme."
Ivan hätte am liebsten eine Augenbraue hochgezogen und fragend das Gesicht verzogen, aber er beherrschte sich gerade noch, denn das gehörte sich nicht in Gegenwart des Prinzen. Und das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass er wegen so einer Kleinigkeit wieder abkommandiert wurde. Das hier war die größte Ehre, die ihm hätte zuteil werden können!
Aber es war trotzdem verwunderlich. Sergej war Yuriys gebundenes Königsschwert und Leute mit solchen Leibwächtern brauchten selten jemanden zusätzlich. Der Schutz eines gebundenen Schwertes reichte normalerweise aus. Nur bei wirklich gefährdeten Leuten verlangte man zusätzlichen Schutz.
"Ich wurde auf Falkenburg von einem Mörder überfallen. Wie ihr seht, ist der Anschlag fehlgeschlagen, aber das nur aus Zufall." Er zog etwas aus der Tasche. Das Amulett, das ein umgedrehtes Dreieck und einen von Dornen umrankten Dolch darstellte, das Zeichen der Mördergilde. "Die Dämmergilde steckt dahinter, nur damit ihr wisst, mit wem ihr es zu tun habt in Zukunft." Er sah sich nacheinander eindringlich an. "Natürlich ist das alles nicht für andere Ohren als uns bestimmt, darum haltet besser den Mund geschlossen, eure Augen und Ohren aber offen, haben wir uns verstanden?"
Sie nickten und Ivan bekam eine leise Ahnung davon, dass Yuriy kein besonders freundlicher Oberherr war.
"Gut. Mein Vater gab mir den Auftrag, die Dämmergilde davon zu überzeugen, dass ein Mordanschlag auf mich oder den Rest meiner Familie keine gute Idee ist, und ihr werdet mir dabei helfen. Ich habe euch ausgewählt, weil ihr mir auf den Übungshöfen aufgefallen seid. Ich denke nicht, dass ich mich in euch getäuscht habe. Wenn doch, werde ich euch durch jemanden ersetzen, der der Aufgabe besser gewachsen ist. Meinen Befehlen und denen Sergejs-" Er deutete mit dem Daumen hinter sich, wo noch immer das riesige Königsschwert stand, die Axt aber jetzt auf dem Rücken und mit überkreuzten Armen "-habt ihr bedingungslos gehorchen. Haben wir uns verstanden?"
Sie nickten.
"Gut." Yuriy wirkte zufrieden. "Ach ja. Wir sollten die ganze Sache vor der Jagd über die Bühne gebracht haben, sonst werdet ihr viel zu tun haben."
"Aber...", begann Ivan, verstummte aber sofort und wurde knallrot, als sich alle Blicke auf ihn richteten. Er senkte den Kopf. Verdammt! Warum konnte er nie sein Mundwerk in Zaum halten?! "Entschuldigt.", murmelte er. "Ich wollte nicht anmaßend sein."
Von Yuriy kam ein seltsames Geräusch, das halb klang wie ein Schnauben, halb wie unterdrücktes Lachen. "Schau mich an, Kleiner.", befahl er.
Bei jedem anderen hätte Ivan heftig auf diese Anrede reagiert. Aber erstes stand hier der Kronprinz Thissalias vor ihm und den schnauzte man nicht an, zweitens hielt ihn der Ton zurück, mit dem Yuriy gesprochen hatte. Er war nicht beleidigend, sondern eher kühl und sachlich gewesen. Nicht wie Spott, sondern eher...wie eine Tatsache.
Ivan blickte auf und sah direkt in die hellblauen Augen des Prinzen, der ihn stirnrunzelnd ansah. "Wie heißt du, Kleiner?"
"Ivan, Herr."
"Gut, Ivan. Ich erwarte von euch, dass ihr euch beherrscht, wenn wir bei offiziellen Anlässen sind.", erklärte er an alle gewandt. "Aber was wolltest du sagen, Ivan?"
"Ich...nichts, Herr."
"Nun? Wenn ihr etwas zu sagen habt, dann tut das auch. Es könnte wichtig sein, damit ihr eure Aufgabe korrekt ausführen könnt."
"Nun, Herr, ich...ähm." Ivan druckste etwas herum, dann fasste er sich ein Herz - vor allem, weil Yuriy ihn so ungeduldig ansah - und sagte: "Ich will nicht respektlos sein, aber ich bezweifle, dass man die Dämmergilde so einfach, nun ja, erledigen kann."
Yuriy Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln. "Ich auch, aber so lautet nun mal der Auftrag meines Vaters. Und ich muss die Jagd nun mal anführen, ihr werdet tatsächlich viel zu tun bekommen, wenn wir die Stadt erst einmal verlassen haben, ohne die Sache mit der Dämmergilde geklärt zu haben. Unsere Frist läuft ohnehin im Frühjahr aus."
Ivan sagte nichts mehr. Der Prinz wusste die Lage einzuschätzen.
"Sonst noch irgendwelche Fragen?" Niemand antwortete und er wandte sich Marbod zu. "Ich danke Euch, Meister." Der Angesprochene verbeugte sich und Sergej öffnete die Tür. "Eure Aufgabe beginn jetzt.", erklärte der Prinz und folgte seinem gebundenen Königsschwert hinaus, während die anderen rasch folgten. "Michael, ihr übernehmt die Spitze, ihr anderen bleibt hinter mir. Ich hasse es, wenn ein Dutzend Leute um mich herumstehen."
Der Anführer der Königsschwerter nickte und folgte dem Befehl. Das konnte Ivan verstehen. Er hatte sich sowieso immer gefragt, wie die Adligen das aushielten, wenn sie von ihren Leibwächtern umgeben waren. Dann konnten sie ja nicht einmal mehr richtig sehen, was um sie herum ablief. Aber das war deren Problem. Ivan gehörte zu denen, die außen standen.
"Erst in die Ställe, dann in die Waffenkammer.", befahl Yuriy. "Wir müssen die Bestände überprüfen und dann mit unseren Gästen zu Gotheir."
Auf den Weg zu den Ställen trafen sie auf Lord Bryan, der meistens in Begleitung des Prinzen zu sehen war, und ein hübsches Mädchen, etwas jünger als der Prinz und der Ritter. Sie hatte fuchsbraunes Haar und leuchtende Augen und neben ihr stand eine alte Hofdame, die recht aufgelöst wirkte.
"Yuriy!", jubelte das Mädchen und winkte heftig, wofür sie von der alten Frau sofort zusammengestaucht wurde. Eine Lady mache so etwas nicht.
Yuriy grinste leicht und ging auf die drei zu. "Salima. Sei gegrüßt. Verzeih, dass ich gestern so schnell verschwunden bin und mich nicht von dir verabschiedet habe. Aber ich musste mit meinem Vater sprechen und dann einige Dinge erledigen."
Sie wedelte mit der Hand und ignorierte ihre Amme. "Oh, das macht nichts! Der Palast ist so groß und so aufregend, da..."
"Sie hat dich überhaupt nicht vermisst, Yuriy.", unterbrach Bryan grinsend und klopfte dem Mädchen leicht auf die Schulter.
Ivan kannte die Gerüchte, dass der Ritter und der Prinz ein Liebespaar sein sollten. Aber solang er es nicht mit eigenen Augen sah oder es von den Beteiligten bestätigt bekommen würde, würde er nicht daran glauben. Aber so vertraut wie die beiden miteinander umzugehen schienen...kein Wunder, dass die Gerüchte aufgekommen waren, ob sie nun stimmten oder nicht.
"Der Palast hat sie zu sehr in den Bann gezogen."
"Du bist gemein, Bryan!", empörte sich Salima und baute sich vor ihm auf, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Von dem folgenden Schwall Worte konnte Ivan kaum etwas verstehen, denn sie sprach so schnell, dass es an ihm vorbeirauschte wie ein Wasserfall.
Aber Bryan wich einen Schritt zurück. "Ja, Salima, ich bin gemein.", schränkte er schließlich ein und gebot so den Worten des Mädchens Einhalt. "Aber das müssen große Brüder nun mal sein, findest du nicht?"
"Nein, finde ich nicht!", empörte sie sich. "Ich bin..."
"Salima, du kennst ihn doch.", unterbrach Yuriy. "Und das Palast ist ja auch wirklich...prächtig. Jedenfalls... was tut ihr hier?"
"Ich warte auf dich.", erklärte Bryan. "Wegen den Vorbereitungen für die Jagd."
"Ich auch.", behauptete das Mädchen und Ivan verkniff sich ein Lachen. Zum Glück bemerkte es niemand. Es wäre doch nicht praktisch, wenn er den Anschein ergab, dass er eine Freundin des Prinzen auslachte.
"Ich will mit."
"Nein, Salima, du kannst nicht!", fuhr die Amme dazwischen. "Wie oft haben wir das schon besprochen?"
Yuriy sah seinen Freund an, aber dieser zuckte nur mit den Schultern. "Ich habe nichts dagegen und ich glaube, unsere Eltern auch nicht."
"Sie muss hier bleiben und lernen!", behauptete die Amme. "Wir sind deswegen hergekommen und nicht wegen...einer Jagd."
"Aber das gehört nun mal dazu, Faralda.", erklärte Bryan. "Eine Lady muss auch zur Jagd reiten können."
"Nein, muss sie nicht!", hielt die Alte dagegen. "Viele der jungen Ladys reiten nicht zur Jagd. Warum sollte es Salima tun?"
"Weil...ach, weil sie..."
"Warum nicht?", fragte Yuriy und winkte ab. "Salima, wir werden dir ein Pferd und einen Bogen richten, aber Faralda musst du allein überzeugen."
Das Mädchen stieß einen Jubelschrei aus, während die Amme, die bereits so gut wie verloren hatte, sich die Haare raufte, und Yuriy den beiden kurz zuwinkte, ehe er in Begleitung mit Bryan und den Königsschwertern weiterging. Vielleicht...vielleicht hatte Ivan sich doch geirrt. Yuriy schien gar kein so schlechter Kerl zu sein. Nur etwas...gehemmt.
"Mutter, bitte. Ich möchte, dass du mitkommst."
"Ich sagte, nein! Unter keinen Umständen werde ich diese Stadt betreten."
"Aber ich..."
"Neiein."
"Ich..."
"Nein."
"Mutter!"
"Nein!"
"Doch."
"Nein."
"Doch."
"Nein."
"Doch."
"Nein."
"Seid ihr nicht langsam fertig mit diesem Spielchen? Ihr könnt das ewig fortführen, aber wir haben keine Zeit."
"Die Ponys sind bereit, die Tauschwaren aufgeladen."
"Wir können los!"
"Mutter!"
"Ich gehe nicht mit!" Die blonde Frau verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ihren Sohn eindringlich an. In solchen Situationen ähnelte sie ihrem scheinbar gefühlskalten Sohn so sehr, dass man sofort erkannte, dass sie verwandt waren, was man sonst ja nicht bemerkte. Aber man merkte genau, woher er seine Sturheit hatte. Sie hatte nämlich einen ähnlich dicken Kopf.
"Warum bist du überhaupt mitgekommen, wenn du die Stadt nicht betreten willst?"
"Weil du gesagt hast, ich soll mit. Jetzt verplempere ich hier meine Zeit."
"Mutter. Ich will, dass du mit zu Gotheir kommst. Außerdem brauchst du auch eine neue Waffe. Die suchst du dir am besten selbst aus."
"Aber ich möchte nicht in die Stadt."
"Wirst du aber müssen. Jetzt kommt ihr zwei, wir haben nicht ewig Zeit.", warf einer der Nebenstehenden ein.
"Da hörst du es."
Sie verengte die Augen zu Schlitzen. "Kai. Ich werde nicht mitkommen."
"Und warum nicht? Nenn mir einen vernünftigen Grund, warum du die Stadt nicht betreten willst, und ich werde dich sofort in Ruhe lassen."
Sie starrte ihn an und warf dann die Hände in die Luft. "Na schön, ich komme mit. Welches Pony ist für mich?" Sie wandte sich ab und folgte Ozuma zu den wartenden Ponys und ihren Reitern.
Kai beeilte sich, ihnen zu folgen und schwang sich auf ein schwarzweiß geschecktes Pony, das noch ohne Reiter war. Hiromi, die neben ihm auf einem kleinen Braunen saß, grinste ihn fröhlich an. Ihr schien dieser ,Ausflug' nach Rhiawen Spaß zu machen, ganz im Gegensatz zu anderen Personen.
Kai warf seiner Mutter, die weit von ihm entfernt auf einer falbfarbenen Stute saß, einen wütenden Blick zu, aber sie vermied es tunlichst in seine Richtung zu blicken. //Tss. Wenn sie schmollen will, ist das nicht mein Problem.//, dachte er und murmelte einige Flüche vor sich hin. //Das kann ich auch.// Demonstrativ sah er in eine andere Richtung.
Neben ihm kicherte Hiromi belustigt. Sie kannte solche Situationen nur zu gut. Das würde sich von ganz alleine legen. Kai grummelte leise vor sich hin und starrte zur Stadt hinüber. Ozuma und Jonny führten den kleinen Zug, aus drei Packponys und acht Reitern an, während Kai, Flammenfeder neben dem Pony, und Gordo den Schluss übernahmen. Die anderen beiden Hunde hatte er im Dorf gelassen.
Die Leute machten ihnen rasch Platz, als sie auf die Stadt zuritten. Immerhin waren sie zu Pferde und sie waren Màn Suatha und schon allein letztere Tatsache machte sie für die Thissalier nicht ganz geheuer. Ängstliche oder auch verächtliche Blicke folgten ihnen.
Die Wächter an den Stadttoren brauchten eine Weile, ehe sie den Zug passieren ließen. Immerhin waren sie bewaffnete, berittene, nun ja, Feinde, auch wenn das etwas übertrieben war.
Zumindest aus der Sicht der Thissalier. Diese sahen in ihnen längst keine Feinde mehr, höchstens ein lästiges Ärgernis. Aber so in die Stadt einreiten lassen wollten die Männer sie auch nicht. Ozuma jedoch brauchte nicht lange, die Soldaten zu überzeugen und sie ritten weiter.
Bei Gotheir waren Jonny und einer der älteren Speerreiter schon vor einigen Tagen gewesen um ihm ihren Besuch anzukündigen. Der Schmied war erstaut gewesen, die Suatha um diese Jahreszeit zu sehen, hatte aber sofort eingewilligt, mit ihnen Geschäfte zu machen, wie immer eben, nur diesmal im Herbst und nicht im Frühjahr.
Sie hatten ihre letzten Waren verkauft, bis auf das, was sie Gotheir anbieten wollten, und jetzt war es an der Zeit, das zu erledigen, wofür sie hier waren. Nämlich, sich mit Waffen zu versorgen.
Die Leute auf den Straßen wichen ihnen aus, feindselige Blicke und lautes Gemurmel folgten ihnen. Sie hatten Angst, die Thissalier. Kai warf mit kalten Blicken, die die Leute zurückzucken ließ, um sich und war froh, als sie endlich das in ein Mauer eingelassene, schmiedeeiserne Tor erreichten.
Ozuma zog sein Schwert und stieß den Knauf heftig gegen das Tor, so dass der laute Ton durch die Straße hallte. Beinahe gleich darauf wurde das Tor einen Spalt geöffnet und, als man den Than erkannte, ganz.
"Kommt herein.", sagte der große, breite Mann, der dahinter aufgetaucht war. "Lasst die Ponys im Hof und bringt die Tauschwaren herein. Schaut euch ruhig um."
Ozuma dankte und Kai wunderte sich ob der freundlichen Begrüßung. In der Stimme des Mannes lag weder Angst noch Verachtung oder gar Feindseligkeit. Er hatte mit dem Than gesprochen wie mit einem normalen Kunden.
Der Zug der Ponys verschwand in dem großen Hof, der hinter dem Tor lag. Er war von drei Seiten umgeben von hohen Gebäuden, die letzte Seite wurde von der Mauer zugeriegelt. In den Häusern waren die Werkstätten untergebracht und eines davon hatte ein riesiges Tor in der Mauer, mindesten zwei Mannslängen breit.
Sie ließen die Ponys im Hof stehen, nahmen den drei Packtieren die letzten Waren ab und folgten dem Torhüter. Er führte sie quer durch das Gebäude hindurch. Es wurde von der Sonne hell erleuchtet, die von zwei Seiten hereinschien, einmal durch das breite Tor und einmal aus der anderen Richtung, wo die gesamte Seitenwand fehlte.
Sie führte auf einen großen Sandplatz hinaus, der von allen Seiten von steinernen Gebäuden umgeben war, denen, wie dem ersten, die Mauern des untersten Stockwerkes fehlten. In diesen Gebäuden waren die Werkstätten untergebracht, ebenso wie Dutzende und Aberdutzende von Fässern, Regalen, Schränken und Ständern, in denen die verschiedensten Waffen aufbewahrt wurden.
Schwerter, Dolche, Äxte, Lanzen, Speere, Pfeilspitzen und alles, was man sich denken konnte in allen möglichen Variationen und Anfertigungen. In einer Ecke wurden Kettenhemden, Rüstungen und Schilde aufbewahrt, wenn auch die Zahl der Waffen weit überwog. Gotheir war eben ein Waffenschmied - Rüstungen konnte man woanders finden. Die Màn Suatha fertigen ihre Kettenhemden und Lederpanzer sowieso selbst, darin waren sie Meister.
Drei Schmiedestellen konnte er erkennen, aber er war sicher, dass weiter im Gebäude noch mehr waren. An zweien davon wurde gearbeitet, junge Männer, wahrscheinlich die Lehrlinge und Söhne des Meisters. Auch sonst herrschte reger Betrieb von jungen Männern und männlichen Jugendlichen, die hin und her rannten und ihre Aufträge und Arbeiten ausführten. Die Suatha brachten nur noch mehr Betrieb hinein.
Kai gingen die Augen über, als er die Ansammlung der Waffen sah. Staunend blickte er sich um. Alles mögliche hatte er erwartet, aber das nicht. Da bewies sich wieder einmal, dass er wirklich alles von seinem ersten Besuch hier vergessen hatte.
"Beeindruckend, was?", fragte Rick hinter ihm und riss ihn damit aus den Gedanken.
Er nickte benommen. "Aye."
"Lad das Zeug ab und schau dich um, während Ozuma und Jonny um die Preise verhandeln." Kai befolgte den Rat und legte das Bündel, dass er auf den Armen trug, neben die anderen. Doch bevor er sich umsah, musste er Gotheir begrüßen. Er war Than, das war seine Pflicht.
Ozuma, der neben Jonny stand, winkte ihm und ging auf einen großen Mann zu. Es war eindeutig der Herr des Hauses und er hatte Präsenz. Seine Größe übertraf sogar die Ricks um ein ganzes Stück und um einiges breiter.
Unter der speckigen Lederkleidung zeichneten sich ein enormer Bauch und massige Gliedmaße ab, aber Kai war sich sicher, dass das meiste davon kein Fett, sondern Muskeln waren. Die dröhnende Stimme des Schmiedemeisterst hallte laut über den Hof, als er zu ihnen trat. "Jonny, schön dich zu sehen. Than, ich entbiete dir meine Grüße. Und du..." Gotheir starrte Kai an und murmelte etwas vor sich hin.
"Das ist Kai.", erklärte Ozuma. "Mein Blutsbruder, Schwertheiliger und Than von Feuermond."
"Was?! Feuermond!"
"Aye." Kai verbeugte sich leicht. "Ich grüße dich, Schmied von Rhiawen."
Gotheir starrte ihn aus dunklen Augen an, in denen ein seltsames Feuer loderte. Trotzdem fühlte Kai sch unter dem scharfen Blick nicht unwohl. Er sah seinem Gegenüber offen in die Augen ,was er sonst sowieso vermied. Plötzlich verbeugte sich Gotheir vor ihm und sagte respektvoll: "Heil Euch, Kai, Than von Feuermond."
Kai war verwirrt, aber Ozuma klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und blinzelte ihm zu. Der Schmied richtete sich wieder auf und wechselte abrupt das Thema: "Jonny sagte, ihr hättet im Nachtgesang Schwierigkeiten mit den Norag?"
"Aye. Ganz genau. Sie fallen wieder in die Ebene ein und wir wollen ihnen klar sagen, dass der Nachtgesang uns gehört. Zumindest für diesmal.", erklärte Ozuma.
"Ihr braucht also hochwertige Waffen."
"Aye. Was hast du anzubieten?"
"Genug für euch. Jetzt ist erst einmal gefragt: Was habt ihr anzubieten?"
"Unsere Tauschwaren." Der Nachtsturmthan deutete auf die aufgeschichteten Gepäckstücke. Gotheir nickte und sie begannen, die Bündel auszupacken. Es dauerte eine Weile, ehe Gotheir und Jonny, der für die Suatha die Verhandlungen führte, sich einig waren.
Kai und Ozuma standen daneben, Flammenfeder zu Füßen; ersterer die Arme vor der Brust verschränkt, zweiter eine Hand am Griff seines Breitschwertes, die andere im Gürtel eingehakt. Die blasse Herbstsonne wanderte über den klaren Himmel, die Luft war schneidend kalt und die Kälte drang sogar unter Kais Ishiiranfellumhang, etwas, was selten geschah.
Den anderen Suatha - Ozuma natürlich ausgeschlossen - war es wahrscheinlich wärmer, denn sie liefen zwischen den ausgestellten Waffen herum wirbelten die Klingen durch die Luft und standen nah beim Schmiedefeuer. Es war unglaublich laut im Hof; lachende, rufende Stimmen und aufeinander prallende Waffen mischten sich mit dem Lärm der Hämmer, die auf Metall krachten, und berstenden Holzscheiten im knisternden Feuer.
Endlich reichten sich Jonny und Gotheir die Hände, zum Einverständnis, dass der Preis stand. "In Ordnung! Jonny, du wirst mich eines Tages um den Verstand bringen mit deinem ewigen Gefeilsche."
"Darauf leg ich es immer an, ja." Der Speerreiter nickte den beiden Thanen zu. "Ach ja, Kai braucht noch ein hochwertiges Schwert."
"Ein Schwert?" Der riesige Mann wandte sich direkt an den Feuermondthan.
Dieser nickte. "Ein Kurzschwert. Mein altes ist vor ein paar Jahren zerbrochen."
"Hm." Gotheir betrachtete ihn von oben bis unten. "Ich erinnere mich genau an dich. Dein Gesicht hab ich nie vergessen. Fünf Fuß, stimmt' s?"
Einen Moment war Kai verwirrt, dann dämmerte ihm, dass Gotheir sein Katana meinte. Er nickte.
"Ich hätte da ein paar besondere Stücke für dich. Was hättest du denn anzubieten?"
"Einiges.", grinste Jonny. "Was ein Ishiiranauge eben so bringt."
Gotheir zog die Augenbrauen hoch, dann musterte er Kais Umhang. "Ishiiran? Was ist mit dem anderen Auge?"
"Hab ich noch. Warum?"
"Nicht auf den Kopf gefallen, was? Pass auf, wenn du mir das Auge gibst, geb ich dir eines meiner Meisterstücke."
Jonny stieß einen Pfiff aus und Ozuma riss erstaunt die Augen auf. Kai blieb kühl. "Lass es mich testen und wir reden darüber."
"In Ordnung. Kane!"
Beinahe sofort war ein schlanker, durchtrainierter Junge bei ihnen. Er trug die Kleidung der Lehrlinge und hatte dunkles, schon bläuliches Haar und durchdringende, blaue Augen. "Ja, Meister?"
"Hol mir Blaumond."
Der Junge blinzelte. "Bitte?"
"Du hast schon richtig gehört. Worauf wartest du noch?"
"Ja, Meister." Verwirrt zog Kane ab und verschwand zwischen den Regalen.
"Blaumond?", wiederholte Ozuma, wobei er noch immer ein verwundertes Gesicht zog. "Das..."
"...ist das beste Kurzschwert, das ich je gefertigt habe.", erklärte Gotheir stolz. "Und das hat einiges zu heißen. Wenn du das nicht nimmst, zweifle ich an deinem Verstand, mein Junge. Wo hast du das Auge?"
"Hier." Kai zog einen kleinen Beutel aus einer Tasche an seinem Gürtel heraus und öffnete ihn, um sich den Inhalt in die Hand fallen zu lassen. Dunkelviolett glitzernd und im Sonnenlicht wie von einem Heiligenschein umgeben, lag das große Juwel in seiner Hand. Es war vielleicht etwas größer als ein menschliches Auge und die Facetten warfen das Licht zurück.
Von einem Juwel, das im Körper eines Tieres - genauer gesagt, in dessen Auge - entstanden war, erwartete man eher eine andere Form, nicht die perfekte Komplexität der Facetten. Aber es war unmöglich Ishiiranaugen zu bearbeiten.
"Darf ich?", fragte Gotheir und deutete auf das Juwel. Kai hob ihm die Hand entgegen. Der Schmied nahm das Juwel auf. In seiner Hand wirkte es sehr klein, aber nichtsdestotrotz zog es die Blicke der Umstehenden auf sich.
Der Schmied hob es gegen die Sonne und beinahe sofort begann es zu strahlen wie eine magische Lichtquelle, allerdings in einem violetten Schein. Die Facetten dienten dazu, auch noch das geringste Streulicht einzufangen und wie Spiegel zurückzuwerfen. Ishiiran konnten so im Dunkeln besser sehen als alle anderen Tiere.
"Perfekt.", murmelte Gotheir. "Und diese Farbe! Genau das, was ich brauche!" Er blickte Kai an.
"Wir werden sehen.", antwortete dieser und sein Gesicht blieb undurchdringlich. Gotheir nickte, reichte ihm den Juwel zurück, der sofort wieder in seinem Beutel verschwand, den Kai wieder in seine Tasche schob und dort sicher verbarg.
Der rotäugige Suatha fragte sich, warum Gotheir dieses Auge unbedingt haben wollte, aber andererseits verwunderte ihn viel mehr, dass Ozuma und Jonny solche erstaunten Gesichter zogen.
Fragend sah er seinen Blutsbruder an und dieser meinte auf suathisch: "Er gibt niemals seine Meisterstücke heraus. Sie sind ihm sehr wichtig. Es ist eine besondere Ehre, sie zu tragen. Eigentlich verkauft er sie nicht; nur in ganz besonderen Fällen. Meistens behält er sie selbst, selten verschenkt er sie."
"Niemals?"
"Aye, niemals. Ich habe gehört, er hätte sogar den König abgewiesen, als dieser um jene Waffe gefragt hat, die Gotheir den Meistertitel eingebracht hat, die allerbeste; ein Schwert, das den Namen Silberblitz trägt. Jedenfalls...solltest du dich geehrt fühlen, dass er dir sofort eines dieser Schwerter angeboten hat. Und auch noch Blaumond. Sein Sohn hat mir einmal davon erzählt."
"Ich...fühle mich geehrt."
"Du solltest annehmen. Wenn du es nicht tust, wirst du ihn kränken. Darüber hinaus wird dich nie jemand mehr ernst nehmen, weil dann sogar ich glaube, du bist geistig verwirrt."
Jonny lachte. "Er hat ganz recht. Aber...He, Gotheir, wofür willst du den Juwel verwenden?" Den letzten Satz zu dem etwas verwirrt danebenstehenden Schmied sprach er wieder auf thissalisch.
"Ein Schwert. Ich bin gerade dabei, ein Schwert zu fertigen. Nun, ehrlich gesagt, ich bin schon seit...drei Jahren dabei, dieses Schwert zu schmieden. Es ist schon beinahe fertig und das Augen wird es vollenden und es perfekt machen."
"Ein Auftrag?"
"Nein."
"Ein Meisterstück."
"Ja. Aber ein Geschenk. Wenn sie fertig ist, müsst ihr sie euch ansehen. Ich habe noch nie etwas so wunderbares geschaffen. Es ist...es ist..."
"Meister." Kanes Stimme unterbrach ihn. Der Lehrling kam zögerlich näher, ein Holzkasten auf den Armen. Er ging damit sehr vorsichtig und achtsam um. "Ich habe das Schwert."
"Danke." Gotheir nahm dem Jungen den Kasten ab. "Gehen wir da hinüber." Er führte die drei zu einem Tisch und legte den Holzkasten darauf ab. Es gab ein leises, metallisches Klacken, als er die Verschlüsse öffnete.
Vorsichtig klappte Gotheir den Deckel auf und gab den Blick auf ein Schwert und eine dazu passende Scheide frei. Die Klinge war zwei Fuß lang, leicht geschwungen und symmetrisch. In der Mitte zog sich eine lange Rille entlang, rechts und links davon waren je sieben Runen in das schimmernde Metall eingearbeitet. Kai konnte sie nicht lesen, aber er schätzte, dass es alte thissalische Schriftzeichen waren.
Das Heft war einfach gearbeitet; die Parierstange bildete einen Halbmond, der Griff war mit blauem Leder umwickelt und der Knauf einfach und rund, wenn auch durch zwei Runen verziert. Knapp über dem Heft war Gotheirs Zeichen in die Klinge eingebrannt.
Das ganze Schwert bestand aus einem dunkelblau schimmerndem Metall, Blaustahl, erkannte Kai staunend, ein Material, dass nur sehr schwer aufzutreiben war, obwohl es sehr begehrt war. Angeblich besaßen es nur die Zwerge in Dhak-Okâz und die sollten nicht besonders viel aus ihrem Besitz herausrücken. Kai sah dem Schwert sofort die perfekte Bearbeitung an.
"Darf ich?", fragte er leise und seine Stimme zitterte vor Ehrfurcht.
"Bitte.", antwortete der Schmiedemeister und machte eine Geste in Richtung Schwert.
Ebenso vorsichtig wie Kane und Gotheir den Kasten getragen hatten, griff Kai nach dem Heft und schloss die Hand darum. Das Leder schmiegte sich an seine Haut. Er nahm es heraus. Es fühlte sich an, als trüge er dieses Schwert schon seit Jahren. Die Klinge war nicht zu schwer, nicht zu leicht, sie hatte eine perfekte Balance und die Schneide war schärfer als alles andere, was er bis jetzt gefühlt hatte. Als er sie nur sacht berührte, schnitt sie sofort seinen Finger.
"Sie ist perfekt.", flüsterte er und hielt sie hoch, so dass er an der Klinge entlang schauen konnte. Sie war an der dicksten Stelle kaum zwei Finger breit.
"Probier sie aus.", schlug Gotheir vor und dann hallte seine Stimme über den Hof und befahl den Leuten, Platz zu schaffen.
"Ja? Darf ich?" Kai klang aufgeregt wie ein kleines Kind, aber er merkte nicht einmal, wie sich seine sonst so gehütete und bewahrte Selbstbeherrschung in Luft aufgelöst hatte.
"Natürlich."
Kai nahm seinen Umhang ab und übergab ihn Ozuma, dann trat er in die Mitte des Platzes aus. Zögerlich führte er ein paar Schläge, als befürchte er, die grazile Klinge würde zerbrechen, wenn er zu heftig wurde, dann aber wurde er mutiger.
Das Schwert war nur noch ein blauer Blitz in seinen Händen, er wechselte sie von der rechten in die linke Hand und wieder zurück, warf sie in die Luft und ließ sie den Wind zerteilen. Die Suatha und die Schmiede und Lehrlinge bildeten einen Kreis um ihn, sahen zu, wie er die Waffe führte, einen Kampf mit einem imaginären Gegner focht.
Schließlich blieb er stehen. Er strahlte über das ganze Gesicht. "Sie...sie...sie ist..."
"Gib dein Urteil ab, wenn du wieder reden kannst, ohne zu stottern.", lachte Ozuma und überreichte dem neben ihm stehenden Rick seinen und Kais Umhang. "Mach dich lieber bereit."
Er zog sein Schwert und stellte sich Kai gegenüber. Sie hoben die Schwerter zum Gruß, gingen dann in Kampfstellung. Was folgte, war eine Zuschaustellung der imposanten, eindrucksvollen Fähigkeiten zweier hervorragender, einschüchternder Schwertheiliger, ein Tanz aus wirbelnden Körpern und Klingen, die zu Blitzen wurden. Perfekte Körperbeherrschung mischte sich mit anmutiger Geschmeidigkeit, ungebändigter Kraft und vollkommener Kampfkunst.
Kai selbst sah nur noch Ozuma und dessen breite Klinge. Er erwiderte jeden Schlag seines Blutsbruders mit der Klinge oder einer graziösen Ausweichbewegung, teilte selbst Schläge aus, die nie etwas anderes als das Breitschwert trafen. Bald zog er sein zweites Schwert, aber außer, dass seine Hiebe und Stiche häufiger wurden, änderte sich nichts.
Nur am Rande bekam er mit, wie die Suatha und schließlich auch die Thissalier begannen mit den Füßen zu stampfen und den Händen zu klatschen und einen schnellen Rhythmus angaben. Hin und wieder konnte man die hohe Stimme einer Frau - war das Mariam? - hören, die langgezogene Triller ausstieß, was ihn noch mehr aufheizte.
Seine und Ozumas Schritte wurden schneller, aus ihrem Kampf wurde ein kunstfertiger Tanz, die Klingen berührten sich immer seltener, bis man das helle Klirren der Waffen nur noch hin und wieder hören konnte.
Dieser Kampf unterschied sich vollkommen von Hiromis Prüfung. Hier sollte niemand geprüft werden. Das hier war nur die pure, wilde Freude an der Bewegung und dem Kräftemessen, dem Kampf an sich.
Kai keuchte und schwitzte, aber er fühlte trotzdem ein unglaubliches Glücksgefühl, dass in seiner Brust aufstieg. Aber um ihm mit einem Schrei Luft zu machen, hatte er keine Zeit. Ozuma stand ihm gegenüber und sein Schwert kreiste um seinen Körper, beschrieb silberne Bögen und sirrte leise.
~~~~~~~
Im nächsten Kapitel treffen sie sich! Es läuft vielleicht ein wenig anders ab, als ihr euch das vorstellt, aber mir gefällt diese Szene persönlich sehr gut. Außerdem ist sie nur aus Yuriys 'Sicht' geschrieben. Naja, ihr werdet dann ja sehen. Aber ich glaube nicht, dass das Kapitel noch vor Silvester kommt. v.v Sorry, meine Schreibblockade...
Bye
Silberwölfin
Schmiedekunst
Titel: Feuermond
Teil: 12/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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O.O 6 Kommis. Wow. Ich wusste gar nicht, dass Feuermond so beliebt ist. ^-------^ Nachdem bei den ersten Kapiteln nur Are und Sesshi-Chan kommentiert haben.
Also, für das Kapitel hab ich ziemlich lange gebraucht, aber eigentlich nur für das Stück in der Mitte. *drop* Der Rest ging sehr schnell von der Hand und hat richtig Spaß gemacht.
Also, zu dem Streit zwischen Jonny und Bryan möcht ich sagen, dass ihr hoffentlich erkennt, wie sehr er sich von dem zwischen Takao und Lai unterscheidet. Darauf lege ich sehr viel Wert.
Und ich hoffe, ihr seid nicht allzu enttäuscht, weil Kai und Yuriy kein einziges Wort wechseln. *drop* Da spricht sogar Charya mehr mit dem unserem Prinzchen.
Zur ersten Szene werd ich nix mehr sagen. Ich denke, man kann die Person erraten, es ist viel leichter geworden, als ich eigentlich wollte. *drop* Jedenfalls dürft ihr raten.
*
@ engel_salvia: Ebenfalls Hallöchen! XP Bin irgendwie völlig aufgedreht, obwohl heute Samstag ist. Ja, Tala kriegt das Ende mit, wirst du aber schon merken.
Also, 'beeilen' kann man das hier nicht nennen, aber das lag am Mexx. *Schuld von sich weiß*
@ Sesshi-chan: Also, der Teil sollte auch nicht lustig sein. Eskander ist nicht gerade der, den ich mir zum Vater wünschen würde.
Vorlaut? Ja, wenn ich's mir recht überlege, schooon. War eigentlich gar nicht so geplant, aber so gefällt er mir.
Also, ein Name für das Schwert... Das ist so ein abgedroschenes Klischee und das Ding spielt eigentlich auch gar keine Rolle, nicht so wie Anduril in Herr der Ringe oder Leid, Hellnagel und Dorn im Drachenbeinthron. -.- Aber ich mag sowas.
Also, die treffen sich schon beim Schmied. Wirst du ja sehen.
Kane wurde von Gotheir wegen seines Talents bei der Verarbeitung von Metall aufgenommen. Von Dämmergilde hab ich nie etwas gesagt, oder?
@ Diabolo_17: Tach. *wink* Dieser Streit sollte auch witzig sein. -.- Oder alles zumindest ein bisschen auflockern. Charya verbindet Rhiawen direkt mit den Thissaliern und sie hat halt einige schlechte Erfahrungen mit denen gemacht. *auf Prolog hinweiß* Schätze, du verstehst, was ich damit meine. Außerdem sind in Rhiawen ein Haufen Thissalier.
Genau so sollte die Beziehung zwischen Yuriy und Eskander auch sein. Den König würde es überhaupt nicht stören, wenn Yuriy ermordet werden würde, das einzige, was ihn dabei kümmert, ist die Tatsache, dass damit ein Mitglied seiner Familie und auch noch der Kronprinz abnippeln würde.
@ Spellmaster: Das Schwert hat dir am besten gefallen? Oo Alle anderen sprechen auf die erste Szene an und du erwähnst das Schwert. ^^
@ Sonnenblume18: ^///^ Hey, das macht echt verlegen.
Das das so klingt, liegt wahrscheinlich daran, dass ich, bevor ich mit FFs angefangen hab, schon fünf Jahre Schreiberfahrung hatte und das waren alles nicht grad Kurzgeschichten.
Jep, er ist sein Vater. Wie's dazu kommt erfährst du noch. Irgendwann mal...
Ich hab nirgends erwähnt, dass Kane zur Dämmergilde gehört, oder?
Nö, du nervst nicht. Kannst ruhig weiterfragen, wenn du willst.
@ are: Ich glaube, das beruht irgendwie auf Gegenseitigkeit. Apropos, wann geht's denn bei deinen Storys weiter?
Also, ich hab da schon was gelesen, wo zumindest der Sohn den Vater siezt. Ob's andersrum auch so war, weiß ich nicht mehr. Und die hatte eigentlich eine ganz normale Beziehung zueinander. Außerdem waren da noch die Diener. (Köngisschwerter zählen ja nicht.) Aber erkaltet ist das richtige Wort. Ich stimmte dir ganz und gar zu. Armer weißer Wolf. *Yuriy pat*
Wie gesagt, es waren ja noch die Diener da. Und Diener haben es so an sich, gerne zu klatschen. Was meinst du, was los wäre, wenn herauskommen würde, wie kalt die Beziehung zwischen denen wirklich ist? Und Eskander weiß ja auch nicht, wie weit Bryan in allem unterrichtet ist.
Stärke ist nicht unbedingt von Muskelkraft abhängig. Darin ist Ivan eben nicht so gut, aber er braucht es auch nicht unbedingt um ein gutes Königsschwert zu sein(Klar, es ist Voraussetzung, aber...) Und dass er nicht wie eine Bedrohung wirkt, kommt ihm ja nur entgegen, oder? Ivan hat diese Rolle ehrlich gesagt wegen dir bekommen. Weil du das Pairing IvanKevin haben wolltest. *g*
Die Ivan-Szene wollt ich ja schon im letzten Chapter drin haben. Darum auch, wie Ivan unseren Prinzen sieht. Allerdings kann man sie nicht einreihen.
Der Tanz geht noch weiter. XD
Dein Kommi ist immer noch besser als meine, wenn ich nicht in Stimmung dafür bin. -.-°
*
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Schmiedekunst
Niemand achtete die auf die hochgewachsene, schlanke Gestalt, die in den weiten, abgewetzten Umhang gehüllt war, der hinter ihr durch den Dreck schleifte. Die weite Kapuze verdeckte jegliche Sicht auf das Gesicht, das sich darunter verbarg. Nur ein energisches Kinn und schmale, sinnliche Lippen waren zu sehen.
Rasch eilte sie die große Straße hinunter, die quer durch Rhiawen führte, drängte sich durch Menschenmassen, an Ochsenkarren und Marktständen vorbei. Nicht selten rempelte sie jemanden an, aber das war hier immer so. Niemand achtete auf die groben Flüche der Betroffenen oder das leise Schimpfen des Verhüllten, der ohne auf die Zurückbleibenden zu berücksichtigen, weitereilte.
Bald hatte er sein Ziel erreicht, das östliche Stadttor. Die gelangweilt danebenstehenden Wachen bereiteten ihm keine Probleme. Auch sie ignorierten ihn, ließen ihre Blicke uninteressiert über den Strom aus Menschen schweifen, der sich ständig durch das Tor wälzte.
Geringschätzig verzogen sich die schmalen Lippen zu einem Grinsen. Sonst sahen die ganz anders aus, wenn er kam. Sonst sahen sie aus, als würden sie ihre Pflichten ernst nehmen. Aber andererseits - er würde ihnen keinen Strick daraus drehen. Wenn sie nicht so gelangweilt wären, würde er die Stadt nicht so leicht verlassen können. Trotzdem - etwas mehr Mühe sollten sie sich geben. Immerhin wurden sie dafür bezahlt.
Er schlüpfte an ihnen vorbei und dann befand er sich plötzlich inmitten des Jahrmarktes. Laute, grölende Stimmen, Lachen, Rufe, Aufforderungen mischten sich mit Tiergeschrei, Klappern von Holz und Metall, Rasseln, Klatschen. Der Geruch von Gebäck, Extrementen, Parfum, Schweiß, Leder, Tieren und duftenden Kräutern hing wie ein Wolke über allem.
Grelle Farben in allen Tönen des Regenbogens blendeten das Auge, rasche Bewegungen, Drängeln und Tausende Menschen verschmolzen zu einer einzigen Masse. Eine Masse, in der ihn selbst niemand beachten würde, wenn er ohne den Mantel und der Kapuze herumspazieren würde. Der beste Ort um unsichtbar zu werden, zu verschwinden. Ganz wie er es im Moment wollte.
Ein leichtes Grinsen huschte über seine Lippen, ehe er sich in die Menge drängte und zielsicher seinen Weg suchte. Er wusste, wo er sie finden würde, die, die er suchte. Die Suathabanner wiesen ihm den Weg, aber er sah den bunt bemalten Gauklerwagen erst, als er direkt davor stand, so sehr verschmolz das Gefährt mit seiner Umgebung.
Bunte Muster, ein Regenbogen, eine Rose und eine Lilie prangten auf der ihm zugewandten Seitenwand. In der Nähe grasten zwei hässliche, bereits in die Jahre gekommene Ponys und vor dem Wagen war eine hölzerne Wand aufgebaut, die von Kerben übersät war.
Gerade stand ein junges, hübsches Mädchen in bunter Gauklergewandung davor, die Arme über dem Kopf ausgestreckt. Sie trug ihr langes, dunkelblondes Haar zu einem Zopf geflochten, nur das hellere Pony stand nach allen Seiten hin ab. Neben ihrem Körper steckten sieben Messer im Holz.
Einige Meter von ihr entfernt stand ein junger Bursche, nicht älter als sie, der ihr sehr ähnlich sah, nur hatte sein Haar einen rötlichen Stich. Gerade hob er das letzte Messer zum Wurf. Ein leises Sirren, das im Lärm des Marktes unterging, gefolgt von einem fast ebenso leisen Tock!, beendeten die Vorführung der beiden Gaukler.
Klatschen und Verbeugungen folgten, ebenso wie einige Münzen, die sofort von den beiden Artisten aufgeklaubt wurden. Ein junger, blonder Mann zog die Messer aus dem Brett. Dann löste sich die Menge rasch auf. Das Mädchen sprach leise auf ihren Bruder ein. Sie blickte auf, als der Verhüllte sich bewegte. Er war der einzige, der zurückgeblieben war.
"He, Vorstellungen gibt es erst später wieder!" Sie deutete auf die Sonne. "Jetzt ist Mittagszeit!"
Er nickte "Ich bin nicht wegen Vorführungen hier." Kurz streifte er die Kapuze ein Stück zurück, aber weit genug, dass sie ihn erkennen konnten.
Ein freudiges Aufblitzen erhellte die Gesichter der Geschwister, dann sprangen sie ihm bereits um den Hals. "Wir haben gewusst, dass du kommst! Allerdings haben wir dich erst später erwartet!" Sie lachten und schlugen ihm auf die Schultern.
"Ramon! Ramon! Komm, schau, wer hier ist!", brüllte der Junge zum Wagen.
"Ist er nicht mehr auf mich sauer, Raul?", fragte der Neuankömmling.
"Doch.", antwortete das Mädchen. "Aber mach dir nichts draus. Irgendwann gewöhnt er sich an dich."
"Er ist einfach eifersüchtig."
"Ramon! Jetzt komm schon!"
"Er weiß, dass ich es bin.", meinte der Fremde, während sich die Tür des Wagens öffnete und der Blonde herauskletterte. Er zog ein leicht säuerliches Gesicht, dass sich kurz in eine Grimasse verwandelte, als er den Verhüllten erblickte. "Den Göttern zum Gruße.", knurrte er.
Der Andere verbeugte sich leicht. "Ich grüße dich ebenfalls. Ich werde nicht lange bleiben, also hör auf so ein Gesicht zu ziehen." Der hübsche Blonde verzog erneut den Mund, sagte aber nichts mehr.
"Was?", empörte sich das Mädchen ärgerlich. "Du gehst gleich wieder? Warum bist du dann gekommen, bei allen Göttern?"
"Tut mir Leid, Julia, aber ich hab nun mal Pflichten."
"Tss. Wer's glaubt.", grummelte der Blonde und bekam von den Geschwistern einen wütenden Blick.
"Weißt du was, Ramon? Wie wäre es, wenn du uns irgendwo etwas zu essen besorgst, während ich mich kurz mit den Zwillingen unterhalte? Ich bin dann wieder weg, wenn du kommst.", schlug der Verhüllte vor und der Blonde nickte. "Also gut." Er winkte den Zwillingen, nickte dem Anderen kurz zu und verschwand in der Menge.
"Komm, setz dich.", lud Raul den Fremden ein und wies auf die kleine Treppe, die zur Tür des Karrens führte. Dankend folgte der Angesprochene der Einladung und ließ sich auf den Stufen nieder. "Also, dich wird wohl nicht die Wiedersehensfreude herführen, oder? Sonst würdest du deinen Besuch nicht zwischen deine unaufschiebbaren Pflichten schieben, oder?", fragte das Mädchen und verkreuzte die Arme vor der Brust.
"Nein, leider nicht. Ich hab...einige Dinge zu erledigen, aber das hier ist wichtiger."
"Und was?" Raul setzte sich auf den Boden. Er schien dem Anderen nicht böse zu sein.
"Erst einmal...das hier." Der Verhüllte deutete mit dem Daumen über die Schulter, wo sich das Suathalager befand. Einige Zelte umgaben die drei Stangen, von denen die bunten Banner wehten, die Ponys standen etwas entfernt und zwei oder drei riesige Hunde liefen zwischen den Leuten herum, die geschäftig hin und herliefen und anscheinend einen Aufbruch vorbereiteten. Wohin es gehen sollte, konnten die drei nur vermuten, denn die Zelte wurden nicht abgebrochen und auch nicht alle Ponys beladen.
"Was suchen sie hier?"
"Keine Ahnung.", antwortete Julia frei heraus. "Wir haben sie gefragt, warum sie sich um ein halbes Jahr im Kalender geirrt haben, aber sie sind ausgewichen. Gestern haben sie uns eingeladen, aber auch da haben wir nichts erfahren. Anscheinend wollten sie nicht, dass ihr Anliegen publik wird."
"Also schön.", murmelte der Fremde.
"Ich schätze, sie haben wieder Ärger mit den Norag.", erklärte Raul. "Jedenfalls scheinen sie recht aufgebracht zu sein und ich hab mehrmals den Namen ,Erik' fallen hören."
"Erik? Der Schwarze Wolf..."
"Mhm. Keine Ahnung, aber ist doch ein Noragname, oder?"
"Ja, ist es. Danke." Nachdenklich rieb der Fremde seine Nase. "Also werden sie wahrscheinlich wieder im Krieg mit den Norag sein. Der Fürst von Falkenburg ist auch gen Norden geritten, weil es Übergriffe von ihnen gab."
"Noch was?", fragte das Mädchen von der Seite und riss ihn so aus den Gedanken. "Oder sind wir nur da, um dir Informationen über die Suatha zu liefern?"
"Nein, natürlich nicht. Tut mir wirklich Leid, Julia, dass ich nur deswegen zu euch gekommen bin, aber ich weiß nun mal niemand anderen, der es mir sagen könnte. Und jetzt...was sagt man sich über den König?"
"Den König?", verdutzt sahen die Zwillinge sich an. "Das solltest du doch viel besser wissen als wir. Wer lebt..."
"Nein, Julia. Ich will wissen, was man sich im Volk über ihn erzählt."
"Ach so. Hm...lass mich überlegen."
"Er ist schwach.", warf Raul ein. "Zumindest sagt man sich das. Jedenfalls sagen die Gerüchte, dass, wenn man nicht bald etwas dagegen tut, Eskander nicht mehr lange auf dem Thron bleiben wird. Es gibt Dutzende Gerüchte, die von einer Verschwörung reden - natürlich alle von einer anderen. Man geht sogar soweit, dass man sagt, seine Kinder wollten Eskander töten. Andere reden von den Magiern, wieder andere von den Fürstenhäusern.
Dass der König die Sheyai und Shinazuki eingeladen hat, ihren Streit hier auszutragen, hilft auch nicht gerade. Man sagt, die beiden Länder wollen - gemeinsam oder unabhängig voneinander - den König und seine Familie auslöschen, damit sie Thissalia von der Landkarte streichen können. Auch die Suatha..." - Raul nickte mit dem Kopf zum Lager - "...sollen daran beteiligt sein. Aber diese Gerüchte sind schwächer als alle anderen, darum glaube ich, sie sind nicht wahr."
"Nein. Ich auch nicht."
"Jedenfalls prophezeien alle Leute, dass Eskander nächstes Jahr den Thron und wahrscheinlich sein Leben verliert. Sogar einige ernstzunehmende Wahrsagerinnen sprechen davon", erklärte Julia und schüttelte sich. "Ich möchte nicht an seiner Stelle sein, vor allem, weil er anscheinend nichts dagegen tut."
Fragend blickte sie den anderen an, der den Kopf schüttelte. "Du hast recht. Er steckt den Kopf in den Sand."
"Nun. Er sollte ihn da besser rasch herausholen, sonst ist er wirklich im nächsten Jahr tot. Aber das ist wohl nicht mein Problem."
"Aber meines!"
"Mag sein, aber wir können wohl kaum etwas tun."
"Nein, könnt ihr nicht. Danke."
"Kein Problem, Alter. Wir versorgen dich doch gern mit Informationen."
"Jedenfalls werden wir, wenn es dann soweit ist, so schnell wie möglich das weite suchen. Das Volk ist jetzt schon unruhig. Viele rechnen mit einem Bürgerkrieg. Wenn die königliche Familie ausgelöscht wird und es keinen Nachfolger gibt, so wird es einen geben.
Schon jetzt ist die Stimmung gespannt und gereizt, Fremde werden feindselig beobachtet und ich weiß nicht, wann es zu den ersten Ausschreitungen kommen wird. Aber es wird bald geschehen. Du solltest dich vorsehen."
"Ramon kommt wieder.", meldete Raul.
"Uh. Dann sollte ich jetzt wohl besser gehen." Der Fremde erhob sich. "Also...wir sehen uns. Ich komme vorbei, sobald ich kann, versprochen!"
"Aber dann bleibst du länger! Wir schicken Ramon sonst wohin und..."
"Zu Esmeralda. Sie wartet schon sehnsüchtig auf ihn.", unterbrach Raul kichernd, aber Julia ignorierte ihn.
"...zechen die ganze Nacht durch!"
"Ja...wenn es sich einrichten lässt. Wie lange bleibt ihr hier?"
"Wie immer. Wir werden hier überwintern. Also, lass dich nicht von irgendwem umbringen, Alter! Wenn du Hilfe brauchst, komm her."
"Danke, ihr zwei. Ich werde euch beim Wort nehmen, aber ich bezweifle, dass ihr irgendetwas tun könnt. Die Götter mögen ihre schützende Hand über euch halten." Er winkte kurz und verschwand wieder in der Menge.
Ein Klopfen an der Tür riss Yuriy aus den Gedanken. Rasch fuhr sein Kopf hoch und er rief: "Ja?"
Die Tür wurde geöffnet und Sergej trat ein. "Mein Prinz? Man möchte zum Schmied aufbrechen."
"Oh. Natürlich, ich komme." Yuriy legte das Buch weg, in dem er versucht hatte zu lesen und erhob sich, während er nach seinem Schwertgurt und dem schweren Umhang griff, die auf dem Sessel neben ihm lagen, und band sich beides um.
Sergej wartete vor der Tür auf ihm, ebenso wie die anderen Königsschwerter, die ihn bewachen sollten. Michael öffnete ihm die Tür und lief voraus. Auf halben Wege in die Pferdehöfe tragen sie auf Olivier, den jungen Nachwuchsmagier der LesDemondes, der an einem Fenster stand und konzentriert nach draußen starrte.
"Gegrüßt seid ihr, Meister." Erschreckt fuhr der junge Mann herum, als der Prinz ihn unvermutet ansprach. Beinahe sofort erkannte er den Rothaarigen und sank auf die Knie. "Den Göttern zum Gruße, Prinz Yuriy."
"Lasst das. Sagt mir lieber, was ihr da draußen sucht?"
Olivier erhob sich wieder und warf einen kurzen Blick über seine Schulter. "Meister Voltaire vermisst seinen Sohn.", antwortete er. "Habt Ihr ihn vielleicht gesehen?"
"Raphael? Nein. Ich dachte, der verschwindet ständig."
"Tut er auch, aber soweit ich Voltaire verstanden habe, hat Raphael irgendeine wichtige Sitzung verpasst und sein Vater ist fuchsteufelswild deswegen." Olivier machte eine Handbewegung. "Ihr seid auf dem Weg zu Gotheir?"
"Ja. Unsere Gäste erwarten mich."
"Die Shinazuki kommen auch mit?"
"Ich schätze, dass ein paar mich begleiten werden. Warum?"
"Darf ich mich zu euch gesellen?"
"Bitte, warum nicht?" Gemeinsam erreichten sie den Pferdehof. Geschäftige Bedienstete und Stallburschen eilten hin und her um die Pferde für den Ritt in die Stadt zu richten. Zwar war es kein langer Weg, aber wie würde es aussehen, wenn der Prinz, seine Begleiter sowie die hohen Gäste aus dem Ausland zu Fuß dorthin würden. Ganz zu schweigen, dass sie ein leichtes Opfer für irgendwelche Mörder geworden wären - etwas, worauf Yuriy zur Zeit besonders achten musste.
Neben dem Stall standen Bryan und Salima und stritten sich, während Faralda mit hilflosem Gesicht danebenstand, so wie immer halt. Von den Gästen war noch niemand zu sehen, aber Crain stand in der Nähe und sprach auf den Stallmeister ein.
Yuriy trat zu seiner schwarzen Stute und strich ihr über die Nase. Freudig schnoberte das Tier ihm ins Haar und er klopfte ihr auf den Hals, ehe er sich umdrehte und zu Crain ging. Er musste zwar dringend mit Bryan sprechen, aber Crain zu ignorieren wäre mehr als unhöflich gewesen. Außerdem hatte der Fürst sicher noch andere Dinge zu tun als hier herumzustehen und zuzusehen, wie die Leute reibungslos ihre Arbeit verrichteten, nur um den Anschein zu geben, alles würde überwacht werden.
Die ganze Zeit folgte Sergej ihm wie ein Schatten, während die anderen Königsschwerter sich um den Platz verteilten und wachsam durch die Gegend starrten. Der ältere Ritter drehte sich sofort zu ihm um und verbeugte sich leicht. "Mein Prinz. Meister Olivier"
"Sir Crain.", antwortete Olivier höflich und sah sich um. "Wo sind unsere Gäste?"
"Sie werden bald kommen. Wenn Ihr mich entschuldigt... Jetzt, wo Ihr da seid, kann ich alles Euch überlassen. Ich habe noch einige Dinge zu tun."
"Ich verstehe. Natürlich.", antwortete Yuriy höflich und nickte dem alten Freund seines Vaters zu. Yuriy selbst kannte ihn schon ewig; er konnte sich noch gut daran erinnern, als kleiner Junge auf seinen Knien geritten zu haben.
Crain wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal um. "Ach ja, habt Ihr vielleicht Meister Raphael gesehen? Ich wollte ihn sprechen wegen der neuen Schwerter."
Er sah erst Yuriy, dann Olivier an, aber beide schüttelten die Köpfe und der Magier erklärte: "Voltaire sucht seinen Sohn schon seit einiger Zeit."
"Ach ja. Dann wende ich mich direkt an das Oberhaupt der Hiwatari. Jetzt entschuldigt mich." Crain verbeugte sich höflich vor Yuriy, dann drehte er sich entgültig um und verschwand im Haus.
Yuriy sah zu Bryan hinüber, der noch immer bei Salima stand und ein heftiges Wortgefecht mit ihr führte. Aber bevor er einen Schritt tun konnte, verließ eine Gruppe Shinazuki das Haus, begleitet von mehreren Wachen und einem Diener.
Seufzend verschob er sein Vorhaben, mit seinem Freund zu reden, auf später und trat auf die Gruppe zu. Er kannte kaum einen beim Namen - kein Wunder, war er erst seit wenigen Tagen hier und noch nicht wirklich mit ihnen oder den Sheyai ins Gespräch gekommen - aber einige erkannte er doch.
Da war Hitoshi, der Enkel des Botschafters und ruhmreicher Samurai, sein kleiner, chaotischer Bruder Takao, der sich gerade flüsternd mit dem blonden Sohn der LesDemondes-Magierin unterhielt. Die anderen Gesichter kannte er nicht; für ihn sahen sie sowieso alle gleich aus.
Höflich, aber etwas steif begrüßte er sie. Er bemerkte genau die unbehaglichen Blicke, die die meisten Männer ihm zuwarfen, der ängstliche Blick der beiden Jungen, der Sergej hinter ihm mit einschloss und den ruhigen Blick Hitoshis, der ihn ohne Scheu musterte.
Am Rande bemerkte er, dass Bryan und Salima aufgehört hatten, zu streiten und sich nur hin und wieder wütende Blicke zuwarfen. Endlich hatte er der Etikette genüge getan und wandte sich um, um mit jetzt mit Bryan zu reden, aber dann stand plötzlich ein stotternder Page vor ihm, der ihm eine Nachricht von seinem Vater überbrachte.
Yuriy bedankte sich artig und der verängstigte Junge huschte davon, während er sich in den Fetzen Papier vertiefte. Er sollte sich bei Gotheir nach den Schwertern erkundigen. Na toll. Auch das noch. War er hier etwa der Laufbursche von allen Leuten?!
Leicht missmutig zerknüllte er das Papier und steckte es ein, ehe er sich zu Bryan umdrehte, der jetzt neben seinem grauen Wallach stand und ihm abwartend entgegen sah. Doch bevor er seinen Freund erreicht hatte, betraten die Sheyai den Hof. Yuriy stöhnte auf und erwischte Sergej bei einem breiten Grinsen, das jedoch beinahe sofort wieder verschwand.
Der Prinz steuerte auf die Neuankömmlinge zu und musterte sie gründlich, aber unauffällig. Fürst Lai und seine Schwester Mao, deren Verlobter Rei, außerdem dieses kleine Magiergenie, dessen Namen er vergessen hatte und der nicht aussah, als würde ihm dieser kleine Ausflug Spaß machen, und ein paar andere.
Der Prinz begrüßte auch sie förmlich und so freundlich wie es ihm im Augenblick möglich war und wandte sich danach wieder zu Bryan. Weit kam er mit seinem Vorhaben, mit dem Falken zu reden nicht, weil plötzlich Robert neben ihm stand und in seiner umständlichen Art erklärte, er würde sie begleiten.
Am liebste hätte Yuriy seinen Kopf gegen die hölzerne Stallwand geschlagen, unterließ es jedoch. Eskander würde es zu hören bekommen und außerdem hätte er hinterher Kopfschmerzen. Also ging er zu seiner Stute und schwang sich in den Sattel; kurz darauf zog der gesamte Trupp, bestehend aus Thissaliern, Sheyai und Shinazuki, los, umgeben von Soldaten und den Königsschwertern.
Sie legten den Weg zwischen dem Blauen Palast und Rhiawen recht schnell zurück, wenn man die Größe ihrer Gruppe bedachte. Am Tor ließ man sie sofort passieren und die Leute wichen ihnen auf den Straßen aus. Sie säumten die Wege und jubelten ihm zu, wie sie es bei seinem Ritt in die Stadt zugejubelt hatten.
Er wusste, warum sie das taten. Eskander war ein schwacher König mit einem wackeligen Thron und die Leute fürchteten einen Bürgerkrieg. Sie setzten ihre Hoffnungen in den Prinzen, der mehr versprach als sein Vater. Yuriy verfluchte sie dafür. Er wollte kein Hoffnungsträger sein; das brachte Pflichten und Verantwortung mit sich und das war das Letzte, was er gebrauchen konnte. Er hatte schon genug Probleme.
Gotheir wohnte in der Nähe des alten Kerns der Stadt. Seine Schmiede war in einem sehr großen Komplex untergebracht. Yuriy war schon oft hier gewesen und er liebte diesen Ort. Er war so voller...Leben. Einfaches Leben, voller harter Arbeit, aber ein gutes Leben.
Außerdem war hier Gotheir. Gotheir, der Schmied. Gotheir, der Händler.
Gotheir, der Meister. Gotheir kümmerte sich nicht um Titel. Yuriy verehrte ihn dafür.
Gotheir handelte mit den Màn Suatha. Yuriy verehrte ihn dafür.
Gotheir war der beste Schmied Thissalias, vielleicht sogar ganz Adieneiras. Yuriy verehrte ihn dafür.
Auch sein eigenes Schwert hatte Gotheir gefertigt. Von Gotheir kamen auch der Großteil der Waffen, die hochwertig sein mussten, vor allem jene, die nachher verzaubert wurden. Jedes Königsschwert hatte eine Klinge aus dieser Schmiede.
Sie wurden sofort eingelassen, als geklopft wurde, allerdings machte der Torhüter ein etwas besorgtes Gesicht. Im ersten Moment wunderte Yuriy sich, dann sah er das gute Dutzend Ponys, das wartend im Hof stand und er begriff: die Suatha waren hier! Kein Wunder, dass der Mann des Schmiedes beunruhigt war. Was würde geschehen, wenn die Klankrieger auf den Erben des thissalischen Thrones treffen würden?
Yuriy fühlte, wie das gewohnte Gefühl der Schuld wieder aufstieg, stärker denn je. Wie immer, wenn Suatha in der Nähe waren, ob sie nun lebendig oder tot waren. Er war gewillt, wieder umzudrehen um dieses Zusammentreffen zu vermeiden, aber dann würde er lächerlich dastehen. Außerdem hatte er die Gäste im Schlepptau. Da konnten sie nicht einfach wieder umdrehen.
Er wechselte einen besorgten Blick mit Bryan. Der Falke zog eine Augenbraue hoch, aber Yuriy zuckte nur mit den Schultern, rutschte aus dem Sattel und führte die Stute an die Seite. Bryan und Sergej folgten ihm. "Man soll jeden Streit vermeiden. Ich möchte keinen Kampf hier im Hof. Ich denke, die Königsschwerter können sich beherrschen, aber den anderen traue ich nicht soviel Selbstbeherrschung zu, diesen Chance außer Acht zu lassen, der gesamten Welt zu zeigen, wie sehr die Suatha uns hassen. Und die werden sich sowieso keine Gelegenheit entgehen lassen."
Bryan nickte und warf einen besorgten Blick über die Schulter zurück. Inzwischen hatte wahrscheinlich jeder mitbekommen, wem die Ponys gehörten. Die Königsschwerter hatten sich um Yuriy und seine Freunde herum aufgebaut und warfen allen anderen böse Blicke zu, so dass die drei sicher waren, nicht gehört zu werden.
Robert sprach mit einigen Soldaten - Yuiry traute ihm sogar zu, ihnen zu verbieten, sich auf einen Streit einzulassen - und einige andere Adlige und ihre Damen feixten über die genügsamen Ponys, die die Neuankömmlinge desinteressiert beobachteten.
Salima war bei ihnen, allerdings sah sie nicht so aus, als wäre sie über die Kommentare der jungen Leute begeistert. Sie kam aus einem Fürstentum, das mehrere Klangebiete umfasste und sie wusste einiges mehr über die Suatha als die meisten hier, unter anderem auch über ihre Ponys, die entgegengesetzt ihres Rufes bei den Thissaliern hervorragend waren.
Olivier stand bei den Shinazuki und redete mit dem Samurai, während dessen kleiner Bruder aufgeregt auf und nieder hüpfte, mit den Armen wedelte und sich mit dem jungen Magier unterhielt.
Die Neko-jin sahen nicht so aus, als würde es sie interessieren, dass sich Suatha hier aufhielten, und der kleine, brünette Magier, der anscheinend gar nicht wirklich registriert hatte, was das bedeutete. Er schien viel mehr damit beschäftigt, sich zu beklagen, dass er hatte mitkommen müssen.
"Um unsere Gäste schienen wir uns keine Sorgen machen zu müssen.", murmelte Bryan. "Um uns schon eher. Lass und rein, sonst sieht es seltsam aus. Und rein müssen wir so oder so."
Yuriy nickte und zuckte die Schultern. "Also los." Er warf dem Torhüter einen Blick zu.
Dieser nickte. "Kommt, Prinz Yuriy. Ich führe Euch zu Meister Gotheir." Er machte eine Verbeugung und bedeutete ihnen, voranzugehen. Yuriy setzte sich in Bewegung, Den Königsschwertern bedeutend, hinter ihm zu bleiben. Er würde es gegenüber dem Schmied grob unhöflich finden, ihm nicht selbst persönlich zu begegnen und zwar als erster.
Gotheir und seine Lehrlinge sowie die Suatha allerdings schienen recht beschäftigt zu sein. Das erste, was Yuriy von ihnen hörte, war lautes Klatschen und in regelmäßigen Abständen ein hoher, trillernder Ton, der an seinen Nerven zerrte und zwei oder drei Mal ein lautes Klirren, wie wenn zwei Klingen aneinander stießen. Das erste, was er von ihnen sah, waren, die Rücken. Manche verhüllt von den einfachen Arbeitshemden, andere von dicken Pelzumhängen; erstere waren die Schmiede, zweitere die Klanleute.
Kurz war er verwirrt, dann begriff er, was sich hier abspielte: ein Kampf, ein Übungskampf zwar nur, aber mit scharfen Waffen und, wie er durch die Körper hindurch sah, geführt mit rasender Schnelligkeit, akrobatischer Geschicklichkeit und wilder Kraft. Es waren zwei Suatha, einer bewaffnet mit einem langen Breitschwert, der zweite mit zwei Kurzschwertern, von denen eines Gotheirs Blaumond war.
Sie trugen unterschiedliche Gesichtszeichnungen, die charakteristische Kleidung aus Leder, Fell und Wolle, die die anderen Klanleute auch trugen, und waren - auch wenn er nirgends ein Katana erkennen konnte - eindeutig Schwertheilige. So etwas konnte kein normaler Krieger sein. Yuriy hatte zwar noch nie einen jener hochgerühmten Suathakämpfer in Aktion erlebt, aber es gab trotzdem keinen Zweifel.
Einen Moment blieb er fasziniert stehen, dann fasste er sich und trat in das Sonnenlicht hinaus auf den Hof. Rasch ließ er seinen Blick über die Anwesenden schweifen, entdeckte Lehrlinge, Helfer, Gotheir, dessen Söhne und Suatha aus drei verschiedenen Klanen, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Kämpfenden richtete.
Sie waren beide hochgewachsen, schlank, muskulös und mit der Anmut wilder Raubtiere gesegnet. Aber sonst schienen sie nicht viel miteinander gemein zu haben.
Der eine war ein Stück größer, hatte beinahe schwarzes Haar und einen roten Haarkamm in der Mitte. Er hatte breite Schultern und unter dem durchgeschwitzten Hemd konnte man deutlich ausgeprägte Muskeln erkennen. Um seinen Hals lag eine Kette mit dicken Gliedern, wenn der Anhänger auch unter dem Hemd versteckt war.
Er trug lederne Hosen und hohe, pelzverbrämte Stiefel, deren Absätze den Staub des Bodens aufwirbelten, außerdem eine kurze, rote Jacke aus feinem Leder. Um seinen Hals, an den Handgelenken sowie den Ohren blitzte es golden. Suatha liebten Schmuck.
Der zweite zog Yuriys Blick an wie ein Magnet. Er war schlank, wirkte schon zerbrechlich, und die blasse, fast durchscheinende Haut trug ihren Anteil dazu bei. Das Haar war wild und zweifarbig wie das eines Hiwatari und auch sonst ähnelte er den Mitgliedern dieses Magierhauses sehr. Natürlich waren seine Gesichtszüge anders, exotischer, mehr wie die der Suatha, mit den hohen, breiten Wangenknochen, der kleinen Nase und der hohen Stirn, und die dunklen Augen standen im ganzen Gegensatz zu den hellen, grauen Augen der Hiwataris. Aber verdammt noch mal, er erkannte einen Hiwatari, wenn er einen sah.
Er trug eine Tunika, Armschienen aus festem Leder, die zur Hälfte seine Hände bedeckten, und über der Hose und den Stiefeln dicke, geschnürte Beinlinge aus dunklem Fell, von denen einer sich bereits zu lösen begann. Die beiden kurzen Schwerter in seinen Händen waren kaum zu sehen, so schnell bewegte er sie, sie waren nur noch silberne Blitze, beinahe unsichtbar für das menschliche Auge.
Yuriy konnte den Blick nicht von ihm lösen, starrte ihn vollkommen fasziniert an. Es war nicht die Tatsache, dass er aussah wie ein Hiwatari. Nicht die Klanzeichnung, die der Wolf noch nie gesehen hatte. Nicht seine Schönheit, für die Yuriy durchaus empfänglich war. Nicht der blitzende Schmuck oder die prächtige Kleidung, die zeigten, dass er kein einfacher Krieger war.
Nein, es war eher seine Ausstrahlung, diese Aura von Wildheit und Kraft, Freiheit und Stärke, Schönheit und Macht. Yuriy kam das Abbild von Flammen in den Sinn, tanzenden, zügellosen Flammen, ungezähmt und ungebändigt, alles zerstörend, was sich ihnen in den Weg stellte, aber auf der anderen Seite wärmend, sanft und lebenserhaltend in einer kalten Winternacht.
"Vollkommener Kampf." Die beeindruckte Stimme Hitoshis riss ihn aus seiner Bewunderung.
"Schwertheilige.", erklärte Bryan kurz, wandte den Blick aber nicht von den beiden tanzenden Gestalten mit den Schwertern ab. Aus der Stimme des Falken konnte Yuriy hören, dass Bryan ebenso fasziniert von den Kämpfern war wie Hitoshi und wahrscheinlich alle anderen auch.
Allerdings bekamen sie nicht mehr besonders viel zu sehen. Das eine Kurzschwert zucke vor, wurde davon geschleudert und krachte dann mit einem entsetzlich lauten Klirren gegen die Klinge des Breitschwerts.
Kurz darauf bohrte es sich mit einem dumpfen Geräusch in den Stützpfosten der Schmiede, aber zu diesem Augenblick war der Kampf bereits gelaufen. Yuriy hatte keine Ahnung, was der Dunkeläugige mit dem Hiwatarisussehen gemacht hatte, aber er stand plötzlich hinter dem anderen, Blaumonds Klinge an seinem Hals.
Das Klatschen und die trillernden Rufe, deren Quelle Yuriy nicht gesehen hatte, waren verstummt. Einen Moment herrschte Totenstille und niemand rührte sich, dann lösten sich die beiden Kämpfer voneinander. Der Größere lachte und sagte etwas auf Suathisch, während er sein Schwert in die Scheide zurückschob.
Er atmete heftig, aber das war auch kein Wunder. Sie mussten sehr lang gekämpft haben, der staubige Boden in Gotheirs Hof war vollkommen zerwühlt. Auch der zweite atmete heftig; er lächelte kurz und antworte, aber wieder verstanden nur die Klanleute, was er sagte. Die Suatha brachten prompt in Gelächter aus und umringten die beiden.
Yuriy hielt den Augenblick für günstig und zupfte Bryan am Ärmel, ehe er auf Gotheir zusteuerte, der gerade mit einem seiner Lehrlinge sprach, einen jungen, schlanken Burschen mit dunklem Haar und durchdringenden, blauen Augen.
"Meister Gotheir?", begann er und der Schmied fuhr herum. Der Lehrling neben ihm starrte an dem Wolf hoch, in seinen Augen lag ein Blick, den der Prinz nicht deuten konnte. Die Augen des Meisters weiteten sich erstaunt, dann verbeugte er sich. "Prinz Yuriy. Ich grüße Euch. Ich..." Er warf einen Blick über den Hof zu den Suatha und dann wieder zurück. "Ich schätze, Ihr habt Euch den ungünstigsten Zeitpunkt ausgesucht, mich zu besuchen, der Euch einfallen konnte."
Der Lehrling starrte noch immer. Yuriy warf ihm einen kurzen Blick zu. Verwirrt und etwas verlegen wandte der Junge sich ab, während der Rothaarige sich wieder dem Schmied zuwandte. "Das...habe ich auch schon festgestellt. Ich hoffe, es wird keine allzu großen Probleme geben. Ich bin wegen der Jagd hier."
"Das habe ich schon vermutet." Gotheir sah zu den ausländischen Gästen hinüber, die sich inzwischen fasziniert umsahen. Inzwischen waren auch die Suatha aufmerksam geworden. Der eine der Kämpfer sprach mit einem scharfen Ton auf sie ein, während der andere daneben stand und die Schnürung seines Beinlings wieder richtete.
Neben ihm stand ein Mädchen, das auf dem Rücken einen riesigen Reitersäbel trug, den sie sicher nicht schwingen konnte, und Blaumond hielt. Sie trug dieselbe Gesichtszeichnung wie er und betrachtete das Schwert ehrfürchtig. Ein großer, wolfsartiger Hund hockte neben ihnen und beobachtete den jungen Mann aufmerksam.
Yuriy überreichte dem Schmied die Liste, auf der der Königliche Waffenmeister notiert hatte, was alles benötigt wurde, und erkundigte sich: "Wie steht es mit den Schwertern, die in Auftrag gegeben wurden?"
"Sie sind beinahe fertig. Die Magier sollen demnächst kommen. Wem hat Euer Vater diesmal diese Aufgabe übergeben?"
"Ich schätze, das waren...nun..."
"Mit Verlaub.", mischte sich Olivier nun ein, der von dem Prinzen unbemerkt zu ihnen getreten war. "Ich bin diesmal dabei, außerdem einer meiner Vettern und Meister Raphael."
"Meister Raphael?! Oh, ihr Götter, könnt ihr mich nicht das nächste Mal vor diesem größenwahnsinnigen Kerl bewahren?", rief Gotheir aus und machte ein verzweifeltes Gesicht. Es war wohlbekannt, dass der Schmied und der Erbe der Hiwatari nicht besonders gut miteinander auskamen.
Apropos Hiwatari... Er warf einen kurzen Blick zu dem Schwertheiligen mit den dunklen Augen hinüber, der inzwischen mit geschmeidigen Schritten zu dem Schwert im Pfosten hinüber ging um es an sich zu nehmen. In der Hand hielt er Blaumond, der Hund lief dicht neben ihm her und das Mädchen mit dem Reitersäbel hielt sich an seiner Seite und redete unablässig auf ihn ein. "Wer ist das? Ich kenne diese Zeichnung nicht."
Gotheir schwieg einen Moment und schenkte ihm einen seltsamen Blick, dann nickte er. "Das kann ich verstehen."
Allerdings beantwortete er Yuriys Frage nicht und der Prinz fragte sich, warum. Wer war der Kerl? Grübelnd starrte der Prinz auf den Boden, während Gotheir die Liste studierte, die er bekommen hatte und hinter ihnen im Hof hektische Geschäftigkeit ausgebrochen war. Noch war kein böses Wort gefallen, aber Yuriy wusste, dass das nicht lange auf sich warten lassen würde.
Warum mussten sie auch gerade an einem Augenblick kommen, an dem sich Suatha hier aufhielten? Mit den Shinazuki und den Sheyai würde es wahrscheinlich nicht viele Probleme geben, aber Yuriy traute seinen eigenen Leuten nicht zu, den Frieden zu wahren und den Suatha noch weniger.
Es dauerte eine Weile, ehe Gotheir nickte und erklärte, er könne mit den verlangten Waffen dienen. "Meister?" Die Stimme gehörte dem zweiten der Schwertheiligen, die eben gekämpft hatten. Er ignorierte Yuriy, Bryan und die Königsschwerter vollkommen.
Der Prinz wusste warum; er wollte um jeden Preis einen Streit vermeiden. Er deutete Bryan an, zurückzutreten und tat es seinerseits. Der Suatha sollte sich nicht von ihnen belästigt fühlen, wenn er schon darauf verzichtete, sie zu provozieren.
Der Schmied wandte sich ihm zu. "Than?" Ein Than! Auch das noch!
"Ich schätze, wir sind bereit." Er drehte sich um und brüllte quer über den Hof: "Jonny!" Kurz darauf erschienen der Dunkeläugige nebst Hund und ein wilder, rothaariger Junge mit funkelnden Augen. Der Schwertheilige trug einen Holzkasten mit sich, den er dem Schmied überreichte.
"Und? Was sagst du?", fragte Gotheir und sah ihn an.
Dieser nickte und gestattete sich ein kurzes Lächeln. "In Ordnung. Schließen wir den Handel ab."
"Ich wusste, dass du kein Trottel bist, Kai." Hart schlug der Rothaarige - Jonny - dem anderen auf den Rücken, aber dieser ignorierte ihn und zog einen Beutel aus einer Tasche an seinem Gürtel hervor. Er kippte den Inhalt auf seine Hand und hob ihn hoch. Es war ein Juwel, ein dunkelvioletter Juwel von solcher Perfektion, wie Yuriy es noch nie gesehen hatte.
Neben ihm sog Bryan scharf die Luft ein und murmelte: "Ein Ishiiranauge!" Sofort wandten sich die drei Suatha ihnen zu und Yuriy hätte sich am liebsten an die Stirn gefasst. Natürlich. Eine Sache genügte ihnen, um den Thissaliern ihre Aufmerksamkeit zu schenken.
Die drei musterten sie kurz, ließen ihre Blicke über die Königsschwerter wandern, blickten Sergej kurz ins Gesicht, musterten Bryan und dann Yuriy. Der Wolf hatte den irrsinnigen Gedanken, dass der Kleinere der beiden Schwertheiligen ihn einen Moment länger anblickte, während in den rubinroten, flammenden Tiefen seiner Augen etwas aufblitzte, was Yuriy noch nie gesehen hatte. Aber er irrte sich doch? Dieser Gedanke war lächerlich!
Der große, rotfellige Hund begann grollend zu knurrend, bis sein Herr ihm eine Hand auf den Kopf legte und ein Wort sagte. Jonny schob sich an den anderen beiden vorbei und grinste hämisch über das ganze Gesicht. "Natürlich ein Ishiiranauge. Was denn sonst? Wir können nämlich Ishiiran jagen und sind keine Feiglinge, die vor ihnen weglaufen!...Oder uns hinter anderen Leuten...verstecken..." Jonnys Stimme triefte vor Hohn und seine Augen blitzten kurz zu den Königsschwertern hinüber. Es war ganz klar, worauf er hinaus wollte.
Die beiden anderen Suatha waren auch keine Hilfe, die mit starren Mienen zu ihnen sahen, aber zustimmend nickten, wenn auch nur leicht. Genauso wenig, wie Bryan eine Hilfe war, der sich an ihm und Sergej vorbeidrängte. "Es ist vollkommener Schwachsinn, sein Leben aufs Spiel zu setzen, indem man gegen Ishiiran kämpft.", zischte er wütend.
Yuriy fragte sich einen Moment verdutzt, warum Bryan so heftig auf den anderen reagierte, der mit vor Zorn und Hass blitzenden Augen vor ihnen stand, flankiert von zwei Schwertheiligen. Das war gar nicht seine Art.
"Aber es ist nicht feige! So wie...ein Kampf gegen jemanden, den man durch die schiere Überzahl in den Boden stampfen kann! Oder wie ein Kampf gegen Unbewaffnete, Wehrlose und Kinder!" Die Stimme des Suatha war immer lauter geworden und inzwischen richteten sich alle Blicke auf sie.
Auch jetzt wahr klar, wovon er sprach: Feuermond. Feuermond war etwas, was den Suatha noch immer tief in den Knochen saß, etwas, was den Hass noch weiter angestachelte hatte und nie wieder gut gemacht werden konnte. Das Gefühl der Schuld, das Yuriy von innen heraus zerfraß, wurde immer größer, wuchs an. Er konnte nichts dagegen tun.
Und auch nichts gegen Bryan, der Jonny weiter anfachte und eine laute, wütende Antwort voller Hass erhielt. Die Schwertheiligen rührten sich kein Stück. Der Than hatte ein unbewegtes Gesicht, während das des anderen vor Trauer und Schmerz verzerrt war, die rechte Hand um den Juwel verkrampft, so dass die Knöchel weiß hervortraten.
Yuriy bekam alles wie hinter dickem Eis mit, er sah, wie sich die Lippen der Streitenden bewegten, hörte aber keinen Ton. Die restlichen Geräusche waren gedämpft, vermischten sich zu einer einzigen Masse, er konnte nichts mehr unterscheiden.
Seine Sicht begann zu verschwimmen, er konnte keine Gesichter mehr erkennen, da waren nur noch Farben und Formen, die zwar deutlich waren, aber nicht deutlich genug, dass er irgendetwas scharf erkennen konnte.
Der Geruch von Schweiß, Metall, Leder, Staub, Angst und Unbehagen lag in der Luft, verstopfte ihm die Nase und nahm ihm die Luft zum Atmen. Sein Atem ging nur noch rasselnd und schwer. Er konnte die Spannung fühlen, die greifbar zu sein schien, die überkochenden Gefühle, der allgegenwärtige Abscheu.
Die Überlegenheit der Thissalier, die sich langsam zu ihnen gesellten; der Hass der Suatha, die ihren Kreis um die verabscheuten Feinde enger zogen, die Waffen in den Händen; die Beklemmung der Shinazuki und Sheyai, die sich im Hintergrund hielten und nicht zu wissen schienen, wie sie sich zu verhalten hatten.
Er fühlte, wie es tief in ihm aufstieg, seinen Körper dazu brachte, zu zittern wie unter Fieber oder Schüttelfrost, so dass er seine Faust um den Schwertgriff schloss, als wolle er ihn zerbrechen, um das Zittern zu unterdrücken, und eine alles verschlingende Übelkeit in ihm aufstieg, die keinen Platz für etwas anderes ließ. Wie die Schuld größer wurde denn je, wie ein Schatten auf seiner Seele lag, sie in festem Griff hatte und immer weiter zudrückte, als wollte sie ihn ersticken.
Sein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich zerspringen und gleichzeitig schien er wie unter dumpfen Hammerschlägen zu dröhnen wie ein Amboss. Er wusste, er würde zusammenbrechen unter diesem Hass und dieser Schuld.
"Schluss!" Die klare Stimme der schönen, blonden Frau, die plötzlich zwischen den Streitenden stand, durchbrach das Eis, das Yuriy abzugrenzen schien, zertrümmerte es in Tausende winzig kleine Splitter, fegte es davon wie ein Sturm das rote Herbstlaub eines Baumes. Sie trug dieselben vier Dreiecke, die Kai im Gesicht trug, hatte dieselben, tiefroten Augen und dieselben geschmeidigen Bewegungen von natürlicher, königlicher Anmut. "Ich verlange, dass dieser Streit sofort beendet wird."
Sie drehte sich zu Jonny um, der sie wütend anfunkelte und etwas sagen wollte. Aber sie schnitt ihm das Wort ab, ehe ein Ton seine Lippen verlassen hatte und fauchte ihn auf Suathisch an. Er wurde sofort knallrot und senkte den Kopf, murmelte dabei etwas, als er zurücktrat.
Dann drehte sie sich zu Bryan um, der hochaufgerichtet und steif auf sie hinunterstarrte. Seine grauen Augen funkelten, in ihnen schien ein Sturm zu tosen. "Du auch.", befahl sie. "Ich verlange, dass auch du ruhig bleibst." Als ob sie das Recht hatte so etwas zu fordern! Yuriy blinzelte. Ja. Vielleicht hatte sie dieses Recht.
Bryan wollte etwas sagen, sie anbrüllen, seinen Streit fortsetzen, aber der Wolf legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Bryan." Der Falke drehte sich um. "Lass das." Yuriys Stimme klang unendlich müde.
Schlagartig schien der Angesprochene wieder zu sich zu kommen. In seinem Gesicht zeigten sich eine Abfolge von Gefühlen, Zorn wechselte mit Schuld und wandelte sich schließlich zu Reue und Sorge um den Freund, der plötzlich um Jahre gealtert zu sein schien. Er trat hinter ihn zurück und schwieg, unterstützte ihn mit schweigender Anteilnahme und wortlosem Beistand.
Stille herrschte, vollkommene, allumfassende Stille. Keiner sprach ein Wort, keiner rührte sich, selbst zu atmen wagte niemand. Die Spannung war wieder da, greifbar wie vorher, aber anders. Wenn jetzt eine falsche Bewegung gemacht würde, würde es ein Blutbad geben.
Yuriy blickte zu der Frau, die hoch erhobenen Hauptes vor ihm stand und dabei aussah wie eine wunderschöne Königin, majestätisch und entschlossen. "Es ist gut.", erklärte er. "Schließt euren Handel, nehmt eure Sachen und dann...Geht." Beinahe hätte er ein ,Bitte' hinzugefügt, aber das konnte und durfte er nicht machen.
Sie sah ihn an und nickte einmal und sein Blick wanderte zu dem Than, der ebenfalls zustimmte und dann zu dem Rotäugigen, der ihm in die Augen sah. Es schien, als würde die Zeit stehen blieben. Eine Ewigkeit sahen sie sich an und Yuriy erkannte etwas in den roten Tiefen dieser wunderschönen Augen, etwas, was er vorher schon gesehen hatte, aber auch anderes. Und er konnte nichts davon zuordnen.
Dann wandte der andere sich ab, reichte Gotheir den Juwel. Der Schmied nickte, packte Blaumond aus und reichte die Klinge samt Lederscheide dem anderen. Der Than rief einige Befehle über den Hof, die sofort ausgeführt wurden, ehe er sich förmlich bei dem Schmied entschuldigte.
Jonny verschwand mit Gotheir irgendwohin, Yuriy schätzte, sie kümmerten sich um die Bezahlung. Ein riesiger, blonder Mann mit einem milchweißen Bärenfellumhang tauchte plötzlich auf und reichte dem Than und dem Rotäugigen dicke Pelzumhänge, einer weißer Wolfspelz, der andere nachtschwarz und das Fell eines Ishiiran.
Dann trat der nun schwarzgewandete Schwertheilige neben die blonde Frau. "Màthair?" Sie blickte auf und nickte, sagte etwas. Er gab ein bestätigendes Geräusch von sich, dann ging sie davon, ohne dem Prinzen und seinem Freund noch einen Blick zuzuwerfen.
Der junge Mann dagegen sah noch einmal herüber, dann ging auch er, so knapp an ihm und den anderen vorüber, das sich ihre Hände streiften, begleitet von dem Than und dem Riesen mit dem Bärenfell. Die Suatha trugen ihre neuerworbenen Waffen nach draußen und bepackten die Ponys.
Dann waren sie weg und Yuriy fühlte sich, als sei eine zentnerschwere Last von seinen Schultern genommen. Aber die Schuld, die Schuld war noch immer da.
~~~~~~~
Im nächsten Kapitel sag ich euch dann, wie Kai diese Szene gesehen hat. Allerdings dauert das wohl noch eine Weile, hab von dem Chapter erst einen kurzen Absatz. Und am Montag geht die Schule wieder los und ich hab nicht unbedingt die Zeit zur Verfügung, die ich haben will. Menno!
Bye
Silberwölfin
Im Steinkreis oder I Still Remember
Titel: Feuermond
Teil: 13/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic. Der Song ist ebenfalls nur geliehen.
"..." reden
//...// denken
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Entschuldigung! Entschuldigung! *bitt* Tut mir wirklich Lei, dass das Kapitel erst jetzt kommt, aber ich hab's einfach nicht geschafft, es früher fertig zu stellen. Hatte zu viel zu tun und meine anderen FFs haben ja auch noch ihre Zeit gefordert. -.-° Ich werd versuchen, das nächste Kapitel früher fertig zu stellen.
Dafür ist es recht gut geworden, das Kappie. Anders, als ich eigentlich wollte, vor allem Ozumas Meinung am Schluss, aber das gefällt mir sogar am besten. Daraus lässt sich noch viel machen. ^^
Ich hab einen Songtext eingefügt und zwar I Still Remember von Blackmore's Night. Ihr könnt ihn aulassen, weil ich es so geschrieben habe, dass er nicht unbedingt wichtig für die Story ist, aber ich finde, er passt nun mal sehr gut und ehrlich gesagt, ich liebe ihn. ^------^ (Das werd ich übrigens noch öfter machen, Songs einfügen, meine ich.)
**
@ Spellmaster: Wie du siehst, ihr müsst lange warten... Tja, Talas Schuld ist ein toller Grundstein.
@ Sesshi: Zwei Vermutungen? So, wer denn?
Jaaah, ich würd so was auch gerne mal sehen. *g* Müssen ja nicht unbedingt Kai und Ozuma sein. Aber sag mal, was für eine Reaktion hast du von Yuriy erwartet?
Das mit den Sprachen ist blöd. Manche benutzen ja andere Klammern oder so(oder übersetzen es gleich ins Englische oder Russische, das finde ich noch bescheuerter), aber am Anfang hab ich ja mal was drüber gesagt.
Spinnefeind ist wohl untertrieben. v.v Die hassen sich. Jetzt noch. XD
Der wird das schon noch alles erfahren, aber ich denke, das geht noch ein paar Kappies.
Weil es mir Spaß macht! Muahahahaha Außerdem ist es nun mal so, dass die Hauptpersonen am meisten gequält werden. Ja, wer weiß? Das wird sicher noch besser mit unserem armen Prinzen. Aber erst mal schlimmer. v.v
Das wird wohl daran liegen, dass ich schon müde war, als die die Zeilenumbrüche gemacht hab. Dann les ich mir noch mal alles durch und korrigiere, weil 'nen Beta und so hab ich nicht. Aber ich versuchte immer, die Fehler in Grenzen zu halten.
@ Sonnenblume18: Es nutzt nix, wenn du mich bittest, schneller zu schreiben, weil es geht nun mal nicht immer, wie ich will. Wie du siehst, hab ich besonders lange für das Kappie gebraucht.
Also, die Fragen werden sich mit der Zeit alle aufklären, ich möchte jetzt nichts vorneweg nehmen. Außerdem weiß ich selbst noch nicht alles. Nur: Raphael hat Charya vergewaltigt, wenn du den Prolog noch mal genau durchließt, findest du sogar Hinweise darauf. (Glaubst du wirklich, Charya könnte jemanden wie Raphael lieben?)
Zu den Schicksalssprüchen sag ich gar nichts. Aber Kai ist der Phönix, ja, das hat er ja selbst schon beantwortet.
@ lavanja: Bei mir nicht. Das Mexx läuft (meistens) ganz normal.
Ja, lass dich überraschen, ich werd's sowieso nicht sagen. XP
Ist mir gar nicht so aufgefallen. Muss ich noch mal sehen.
Die können sich ja nicht auf einen Kampf einlassen, der sicherlich für irgendwen tödlich verlaufen wäre. Aber ohne Charya hätte es nicht geklappt.
Nein, eher nicht, nur die, die ihn gut kennen. Also Sergej natürlich und Bryan hätte es auch bemerkt, aber der war zu sehr damit beschäftigt, sich mit Jonny zu streiten.
@ are: Also, da kann ich nicht mitreden, weil ich noch nie ein Adult(ich sollte besser Lemon schreiben, 'ne rape-Szene hatte ich nämlich schon mal) geschrieben habe und in absehbarer Zeit auch nicht schreiben werde. Schätze, die erste - wenn ich's überhaupt mach - wird wohl doch bei Sacrifieced Sacrament sein. Argh, ich rede hier lauter unnützes Zeug.
Nein, machst du nicht, alle anderen haben auch nur geraten. Mir erscheint es immer irgendwie leicht, aber das wird wohl daran liegen, dass ich weiß, wer die Leute sind und worüber sie reden.
Das 'artig' ist eher ironisch gemeint, damit man sieht, wie sehr so was ihn ankotzt. Also, ich denke, die Verbindung kann man leicht herstellen.
Du bist 'ne Spinnerin? Wusste ich schon lange. XD Mach dir nix draus, ich auch.
Tja, schätze, ich muss dich ein wenig enttäuschen, von wegen Kais Sicht. Argh!
Nein, der Magier ist Kenny. Kevin hat doch grüne(boah, wie ich diese ausgeflippten Haarfarben von Anime-Typen hasse, da muss man ja meinen man kommt in 'ne Freak-show.) Haare.
@ Diabolo_17: Woher der Vermummte und die Gaukler sich kennen, wirst du irgendwann nach dem 20. Kapitel erfahren. XD Dauert also noch ewig.
Die Etikette fordert alles von ihm. Ich möcht solche strengen Regeln nicht haben.
@ MisteryGirl01: Tja, der arme Yuriy hat's nicht leicht. Aber Kai auch nicht, wirst du sehen.
@ engel_salvia: Yuriy wird der erste sein, der etwas über die Prophezeiungen erfährt. Die Suatha hauen aber erst mal wieder ab, und zwar ganz nach Norden.
Du kannst ja mal überlegen, wie die reagieren werden. Tja und Kai und Raphael... wird wohl noch 'ne Weile dauern, bis die aufeinander treffen.
Hehe, du hast Glück, du musst nicht so lange warten auf das Chapter. Bin halt spät dran. Und wie gesagt, Kai trifft die Hiwataris erst spät und ich will nix vorneweg nehmen. Deine Fragen wegen Daichi werden wohl im nächsten Kapitel beantwortet werden. Na, ich hoffe, wenn alles vorbei ist, sind alle deine Fragen beantworten.
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Im Steinkreis oder I Still Remember
"Jetzt komm schon, Kai! Hilf mir. Trag das und das!" Hiromi drückte ihm einen Stoß Felle in die Arme, dazu einige Schüsseln. "Trag es rüber und starr mich nicht so verwirrt an. Was ist denn nur los mit dir! Du bist irgendwie...abwesend in letzter Zeit."
Kai blinzelte. Dann fragte er: "Was hast du gesagt?"
Sie verdrehte die Augen und stöhnte. "Dass du abwesend bist. Jetzt konzentrier dich und bring das rüber."
"Also gut." Seufzend machte er sich auf den Weg. Sie hatte ja recht. Er war mit den Gedanken nicht ganz da, wo er sein sollte, nämlich hier bei seinem Volk und in der Gegenwart. Er schüttelte den Kopf um ihn frei zu kriegen und marschierte entschlossen auf den Steinkreis zu. Jetzt würde er sich nicht von sonst was ablenken lassen. Zum Nachdenken hatte er später noch genug Zeit.
Der Steinkreis... Kai wusste nicht, wer auf die Idee gekommen war, aber irgendwann war die ganze Zeit die Rede davon gewesen, im Kreis ein kleines Fest, einen Gottesdienst mit Opfer abzuhalten.
Der Kreis war der Knotenpunkt der Kraftlinien und einst das Zentrum Rhiawens gewesen. Viele Schicksalssprüche sollten hier vorgetragen, viele Segnungen durchgeführt, viele Zauber gesprochen und öfter als irgendwo anders die Götter angerufen worden sein.
Kai selbst war noch nie hier gewesen. Bei seinem letzten Besuch hatte er nur Gotheirs Schmiede gesehen und die dreckigen Straßen der Stadt, die von hohen, vornüber geneigten Häusern gesäumt wurden. Um den Park hatten die Suatha damals einen Bogen gemacht.
Steve, der Nebelblutdruide, Ozuma und er waren schon am letzten Tag hier gewesen, als das Thema zur Sprache kam und man kurzerhand bestimmt hatte, wirklich eine Gottesanrufung abzuhalten, um sich den Platz anzuschauen.
Der Steinkreis lag fernab von allen Häusern in der hintersten Ecke eines Parks. In der Nähe konnte man den Fluss rauschen hören, außerdem fuhr der Wind wispernd durch die Krone der riesigen Bäume des Haines, in dessen Mitte sich der Steinkreis befand. Vögel sangen, aber sonst konnte man kaum ein Geräusch hören. Man konnte meinen, die Steine befänden sich nicht in der größten und belebtesten Stadt Thissalias, sondern im verborgensten Teil des Nachtgesangs.
Die Sonne hatte durch die Äste der Bäume geschienen, deren Blätter begannen, sich rot und gelb zu färben, und hatte helle Muster auf den grasbewachsenen Boden gezeichnet. Die Steine erhoben sich ehrfurchtgebietend und grau und uralt in der Mitte des ältesten, abgelegensten Haines im Park.
Die drei Suatha standen auf einer Lichtung. Nur Gras und Moos bedeckten den Boden, aber auch die waren nur spärlich anzufinden und das dunkle Braun des schweren Erdreiches war überall zu sehen.
In der Mitte, genau dort, wo die Kraftlinien sich trafen, lag ein Stein. Kai war lebensmüde genug gewesen, auf ihn zu klettern. Obwohl er gewusst hatte, dass es ein Fehler war. Obwohl er die Macht schon vorher gespürt hatte. Ihm war beinahe sofort übel geworden und Ozuma hatte ihn auffangen müssen, als er umgekippt war.
Auf die Frage, was denn mit ihm los sei, er reagiere doch sonst nicht so empfindlich auf Kraftlinien, wusste er nicht zu beantworten. Er hatte ja selbst keine Ahnung, selbst jetzt noch nicht, wo er wieder auf den Steinkreis zuging.
Vielleicht sollte er mal mit seiner Mutter darüber sprechen. Sie kannte sich mit solchen Dingen aus. Aber nicht heute. Wenn er sich weit genug von dem Stein fern hielt, würde es schon gehen, damit hatte er Erfahrung. Manchmal reagierte er empfindlicher auf Kraftlinien als sonst.
Im Steinkreis und darum herum herrschte geschäftige Betriebsamkeit. Um den zentralen Stein lagen in einem großen Kreis Felle und Decken auf dem Boden, auf denen nachher alle Platz finden würden, während Steve als einziger Druide neben dem Felsen hockte und seinen Kram für die Anrufung vorbereitete.
Ozuma diskutierte daneben mit einem der Speerreiter, Charya kommandierte drei Frauen herum, aber was ihr nicht passte, konnte Kai nicht erkennen. Außerhalb des Steinkreises hatten einige Nebelblutkrieger ein Feuer entzündet und darum auf einigen hastig organisierten Spanplatten ein Büfett angerichtet. Beziehungsweise, sie waren noch immer dabei.
Kai ließ sich von einer der herumrennenden Frauen die Felle abnehmen und brachte die Schüsseln zum Kochfeuer. Ob die Thissalier etwas dagegen hatten, dass sie hier ein kleines Fest abhielten? Soweit Kai wusste, mochten sie solche Dinge nicht besonders.
Aber - es war nicht ihre Sache. Sie kamen nie hierher, warum sollten sie sich darum kümmern, was hier geschah? In solche Dinge hatten sie sich verdammt noch mal nicht einzumischen! Das ging sie überhaupt nichts an! Sie hatten doch schon genug Schaden angerichtet, oder nicht?!
Kai musste nur an den letzten Tag denken, ihren Besuch bei Gotheir, der so gut begonnen hatte und in einer Katastrophe geendet hatte. Noch immer hatte er nicht alles realisiert, was wirklich geschehen war.
Die Freude des Schwerttanzes, dann das Erschrecken, als er die Thissalier bemerkt hatte, die Fremden, Sheyai und Shinazuki, schließlich der Hass, der in allen hochgebrodelt war, der greifbar gewesen war für ihn. Und Charyas Traurigkeit, ihre unendliche Traurigkeit, die aus ihrem Blick gesickert war, direkt in seine Seele hinein.
Am liebsten hätte er sie in die Arme genommen und getröstet, aber eine solche Blöße hätte er sich niemals vor den Thissaliern gegeben. Wahrscheinlich nicht einmal vor seinem eigenen Volk.
Mit einem Seufzen lehnte Kai sich gegen einen der riesigen Monolithen, so dass er außerhalb des Sichtfeldes der anderen Anwesenden war, überkreuzte die Arme und schloss die Augen. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren, musste nachdenken darüber, über die Begegnung am letzten Tag, die Begegnung der Todfeinde, Suatha und Thissalier. Und dann der Streit.
Der Streit, der alte Gefühle aufgewirbelt hatte, Gefühle von denen er nicht einmal gewusst hatte, dass er sie besaß. Aber verdammt noch mal, wie sollte er auch wissen, dass der Mord an seinem, ja seinem!, Klan so tief in seinen Knochen, in seinem Blut, in seiner Seele und seinem Herzen saß?
Dass er nie wirklich ein Nachtsturmkrieger, sondern immer ein Teil Feuermonds gewesen war?
Dass er tiefer in Feuermond verwurzelt war als alle anderen, außer Charya und vielleicht Chaisa und Hiromi?
Dass sein Herz still und heimlich um seine verlorene Familie trauerte, um eine Familie, die er nie hatte kennen lernen dürfen, während deren Tod er gezeugt worden war?
Dass ihn das Massaker so berührte?
Er war zu diesem Zeitpunkt doch noch nicht einmal am Leben gewesen, bei der Rotgeflügelten! Es war noch nicht einmal abzusehen gewesen, dass es ihn geben würde.
Außerdem war da noch etwas gewesen, etwas, dass er nicht verstand und wofür er sich beinahe selbst verachtete. Wenn seine Scham nicht so groß gewesen wäre... Diese Faszination, die Faszination für jemanden, den er eigentlich hassen sollte.
Hassen, weil er der Anführer der Thissalier sein würde, sobald sein Vater starb.
Hassen, weil er so durch und durch Thissalier war.
Hassen, weil er zu jenem Volk gehörte, das seinen Klan vernichtete und seinem Volk die Freiheit nahm.
Hassen, weil er ein perfektes Beispiel, ein vollkommenes Vorbild für jenen Feind war, ein Vorzeige-Thissalier sozusagen, stolz, grausam, kalt, beherrscht, kriegerisch, stark, berechnend, vernünftig. Verabscheuenswürdig. Hassenswert.
Aber trotzdem... Verdammt! Warum musste es gerade ihn treffen? Hatte er nicht schon genug Probleme? Erst die Bürde, Than von Feuermond zu sein, schließlich die Schicksalssprüche, die nicht gerade eine rosige, problemlose Zukunft vorausgesagt hatten, und jetzt auch noch das?! Hatten die Götter irgendeine groteske Freude daran, ihn zu quälen?
Am liebsten würde er sich unter einer Decke verkriechen und erst wieder herauskommen, wenn alles vorbei war. Aber nein, so etwas konnte man ja nicht tun. Vorausgesetzt, es war einmal vorbei.
Wie legte man so etwas fest bitteschön? Das Rad des Lebens drehte und drehte sich und es stand nie still. Wie sollte man da ein Ende finden? Einen Anfang?
Außerdem war das nicht seine Art. Er mochte sich für einige Stunden, vielleicht auch Tage zurückziehen, irgendwohin, wo ihn niemand finden würde, wenn er Zeit für sich brauchte und Abstand von seinen Problemen, aber immer kam er wieder zurück, vor allem, wenn er gebraucht wurde.
Und so dringend, wie er in der nächsten Zeit gebraucht werden würde, war es noch nie gewesen. Darum konnte er sich den Luxus nicht leisten, sonst wohin zu verschwinden, irgendwohin, wo nicht einmal Charya, Hiromi oder Ozuma ihn finden würden. Das konnte er sich nicht leisten und sein Klan und sein Volk auch nicht. Sie brauchten ihn.
Das machte ihn stolz, so stolz, dass er beinahe zu zerspringen glaubte. Stolz und glücklich, denn gebraucht und benötigt zu werden, sorgte dafür, dass er sich nicht nutzlos und wertlos vorkam und wenn er eines hasste, dann war es, überflüssig zu sein.
Aber andererseits brachte das alles auch eine Verantwortung, die zu tragen er kaum im Stande war. Eine Verantwortung so groß wie der Nachtgesang, denn sie wog schwerer als Gold oder Ruhm. Es war die Verantwortung seinem Volk gegenüber und nichts zählte für einen Suatha mehr als sein Volk.
Seine Pflicht war es, dafür zu sorgen, dass sein Klan überlebte. Ob im Sommer oder Winter, im Krieg oder im Frieden, er hatte den Oberbefehl und er musste planen und suchen, damit niemand an Hunger, Krankheit, Klingen oder Tieren starb. Damit alles glatt lief und nichts schief ging.
Natürlich hatte er viele Helfer - alle in seinem Klan waren seine Helfer dabei - aber entscheiden musste er immer noch selbst. Unwillkürlich musste er an Ozuma denken. Ozuma trug diese Last mit Würde und Stärke und niemand dachte überhaupt daran, dass er eines Tages darunter taumeln konnte. Denn alle standen voll und ganz hinter ihm.
Aber...war das nicht bei ihm, Kai, genauso? Alle glaubten sie an ihn, Ozuma, Hiromi, Charya, Tanor, Llynas, Igraine, sogar Jonny, der ihn kaum kannte. Konnte er sie wirklich enttäuschen, nur weil er zu feige war, sich der Verantwortung zu stellen?
Nein, natürlich nicht.
Aber konnte er ihnen von...von seiner Faszination von Yuriy, dem eiskalten, roten Prinzen, dem Wolf von Thissalia, erzählen?
Nein, natürlich nicht.
Darüber musste er still schweigen. Damit musste er selbst fertig werden. Aber nicht jetzt. Jetzt brauchte man seine Hilfe da drüben, wo sie feiern wollten. Später, spätestens auf dem Heimritt, hatte er noch genug Zeit dafür.
Wilde Musik peitsche die Tänzer an, laute Stimmen lachten und schrieen durcheinander, Klatschen und das Stampfen der Füße auf dem zerwühlten Erdboden und dem plattgetrampelten Gras lagen in der Luft. Irgendwo erklang gellendes Gelächter, dass kurz darauf in ein glucksendes Kichern überging. Die Flammen der drei Feuer schlugen hoch in den Himmel und Funken flogen zu allen Seiten.
Sie hatten den Steinkreis verlassen, hockten in einem sehr großen Kreis in der Nähe des Kochfeuers auf ihren Fellen am Boden, standen herum oder tanzten wild und ausgelassen in der Mitte. Schüsseln und Becher standen auf dem Boden herum und noch immer bedienten sich die Leute daran, aber die meisten waren satt; und ein großes Gelage, wie es hinter ihnen lag, machte sehr satt.
Sie waren zwar nicht viele hier in Rhiawen, nur Händlerkarawanen von drei Klanen, aber auch wenige Suatha wussten, wie man Feste feiert. Eine kleine Gruppe Musiker hatte sich zusammengefunden und es hatte nicht lange gedauert, da saß kaum jemand mehr auf dem Boden und ihr Festplatz war erfüllt von wirbelnden, tanzenden Körpern, die sich im Rhythmus der Musik wiegten, die sprangen und hüpften, tanzten, als gelte es, wilde Furien auszustechen.
Niemand genoss Musik wie die Suatha. Niemand schaffte es, eine solche intime, persönliche Atmosphäre zu schaffen, nur weil sie alle zusammen tanzten, sangen, musizierten. Es war, weil sie ihren Geist, ihre Seele, Körper und ihre Herzen in der Musik ertrinken ließen, sich ihr vollkommen hingaben und nichts anderes mehr an sich heranließen.
Da waren nur noch sie, sie und die Musik, die durch ihre Körper ritt, ihr Blut zum Singen brachte, ihre Herzen verschlang. Und sie gaben sich ihr willig hin. Sie setzten sich erst, wenn ihnen müde wurde, ruhten aus um sich später wieder den Tanzenden anzuschließen oder um einfach nur zuzuhören.
Inzwischen waren es nicht mehr viele, deren Körper sie zum Tanzen antrieben, aber doch einige. Kai hatte den Platz schon längst verlassen, saß etwas entfernt von den anderen auf seinem Fell, einen Becher in der einen Hand, die Finger der anderen in Flammenfeders dickem Nackenfell vergraben.
Er hatte getanzt, oh ja, es gab nichts, nichts und niemanden, was ihn vom Tanzen abhalten konnte, wenn es ihn packte. Nicht einmal ein rothaariger, faszinierender Prinz, der seit dem letzten Tag in seinen Gedanken herumspuckte und trotz allen Hasses und aller Abneigung nicht verschwinden wollte.
Immer, wenn er an den letzten Tag dachte, begann sein Blut zu kochen, aber nicht auf die Art, wie es Musik bei ihm schaffte, sondern auf eine sehr, sehr schlechte Art und Weise, eine Art, die ihn den Wunsch verspüren ließ, sofort seine Schwerter zu packen und als wildgewordener Berserker durch Rhiawens Straßen und Gassen zu rennen um so viele Thissalier wie nur möglich zu erschlagen.
Aber natürlich tat er das nicht. Nicht nur, dass es ihm und den Suatha sehr viel Ärger einbringen würde, nein, auch weil es unüberlegt, ehrlos und seiner nicht würdig gewesen wäre. War er denn ein tollwütiges Tier, ein wilder Noragberserker, dass er so etwas nötig hatte?
Nein, das war er nicht und darum metzelte er jetzt nicht Thissalier, sondern saß hier beinahe entspannt auf seinem Fell, einen Becher Met in der Hand, und streichelte seine Hündin.
Außerdem...war er nicht wie sie. Er würde niemals Wehrlose, Alte, Frauen und Kinder, töten, nur um seinem Volk den Sieg zu sichern. Niemals. Mochten die Thissalier das machen, mochten sie sich den größten Hass der Suatha zuziehen, in dem sie einen gesamten Klan auslöschten...So weit würden die Suatha selbst niemals sinken. Keiner von ihnen.
Vielleicht war das der Grund, warum dieses Land Thissalia und nicht wie in alten Zeiten Nachtgesang hieß. Vielleicht war das der Grund, warum die Suatha nicht in Freiheit lebten. Vielleicht war das der Grund, warum die Suatha verloren und die Thissalier der Sieger waren.
Aber wenn das so wäre... Kai würde es nicht ändern wollen. Vielleicht würde ihm diese Entscheidung schwer fallen, aber er würde sie niemals ändern. Und alle Suatha dachten in diesem Falle wie er.
Er verstand einfach nicht, wie man so etwas Grausames wie das Auslöschen eines gesamten Klanes befehlen und durchführen konnte. Aber er wollte es auch nicht verstehen. Er weigerte sich, so etwas auch nur ansatzweise nachempfinden zu können. Es war nicht so, dass er nicht töten konnte. Er hatte es schon getan, viele Male, nicht nur Tiere, sondern auch Menschen - Norag, Thissalier, einmal sogar einen ausgestoßenen Klanmann.
Aber niemals würde er jemanden töten, der nicht kämpfen können. Jemand, der dies nie gelernt hatte. Jemand, der vollkommen arglos und unbeschwert war. So wie die Kinder, die sich auf das Fest von Alban Eiler gefreut hatten, die Frauen und Männer, die die Feier fröhlich vorbereitet hatten? Die statt einer Feier zu Ehren des Frühlings nur den Tod bekommen hatten.
Und jetzt das. Diese besondere Art der Faszination für einen Thissalier, für ihren Prinzen, ihren zukünftigen Anführer. Er wusste genau, was dieses Gefühl zu bedeuten hatte. Was daraus resultieren konnte...Etwas, was es auf keinen Fall geben durfte.
Aber es konnte doch auch nicht sein, oder? Er würde den Prinzen höchstens auf dem Schlachtfeld wiedersehen und dann wären sie Feinde. Yuriy wäre im unterlegen, immerhin war er ein Schwertheiliger. Wahrscheinlich würde er dem Wolf nicht wirklich nahe kommen, immerhin würde der von einem Haufen Königsschwerter umgeben sein.
Wie viele von ihnen würde er wohl töten können, ehe sie ihn erledigten? Einen, zwei? Oder doch drei? Kai wusste, dass es auf Adieneira keine besseren Kämpfer als Schwertheilige gab, aber Königsschwerter reichten doch nah an sie heran.
Dieser Sergej, der die ganze Zeit wie ein riesiger, drohender Berg hinter dem Prinzen gestanden hatte, war ganz sicher genauso gut und für seinen Prinzen würde er alles geben. Nicht nur sein Leben, sondern viel, viel mehr.
Kai schloss die Augen und atmete tief ein. //Siehst du, du Dummkopf. Es gibt nichts, worüber du dir Sorgen zu machen brauchst. Es wird verschwinden...// Flammenfeder bewegte sich leicht drehte sich auf die Seite und schmiegte sich eng an ihn. Ihr Körper war warm, genau das richtige bei diesen Temperaturen.
Immerhin hatten sie schon Sturmmond, es waren keine drei Wochen mehr bis zu Samhain, und da war es nun mal kalt, auch hier in Rhiawen. Nicht so kalt wie im Gebirge, aber Kai bedauerte trotzdem all die Leute, die keinen warmen Umhang hatten.
Hier in Rhiawen waren das viele. Nie hatte er solches Leid, solche Armut gesehen. Bei den Suatha gab es das nicht. Natürlich, es gab reichere und ärmere unter ihnen, er selbst gehörte zu denen, die mehr besaßen als viele andere, denn er war ein Schwertheiliger und obendrein noch ein Than, aber es gab keinen Suatha, der nicht einmal das nötigste besaß, Kleidung, Essen, ein Dach über dem Kopf. Ein Klan müsste sich schämen, wenn es solche Unterschiede geben würde. Dass jemand an solchen Mängeln litt.
Aber... es gab mehrere Arten zu leiden. Einmal auf diese Art, wenn der Körper litt. Und einmal die andere Art, wenn das Herz zerbrach und die Seele zerfressen wurde. Die Art Leid, wie er sie in Yuriys Augen gesehen hatte, wurde ihm schlagartig klar.
Nur kurz und flüchtig wie ein zarter Windhauch, ehe er sich wieder unter Kontrolle gehabt hatte und seine Augen wieder die Eissplitter geworden waren, wie man sie sonst an ihm sehen konnte. Aber so unendlich tief, so weit. So brennend wie eine eiskalte, verzehrende Flamme. Grausam und niemals verlöschend.
Kai fragte sich in diesem Moment, warum? Musste Yuriy als Prinz von Thissalia nicht eigentlich ein zufriedener, glücklicher Mensch sein, dem es gut ging und der nicht litt so wie viele andere in seinem Reich?
Eine zweite Frage kam in ihm auf, warum wünschte er sich, dieses Leid mindern zu können? Sollte der Thissalier ruhig leiden, in den Flammen seiner Sünden, egal, welche sie sein mochten. Sollte er doch leiden...
Kai merkte erst spät, dass es um ihn herum ruhig geworden war. Die Tänzer saßen zwischen den anderen auf dem Boden, die Musik war leise, nur noch eine dunkle Flöte spielte leise. Erst fragte er sich, was los war, dann erkannte er, dass Mariam, die Goldstimme von Nachtsturm, in der Mitte ihres Kreises stand, bereit zu singen.
Natürlich machte man Platz, wenn sie anbot, etwas zu singen. Leise fiel eine tiefe Trommel in die Melodie der Flöte ein, kurz darauf auch eine Laute. Kai kannte das Lied, sie sang es sehr gerne. Dann erhob sich Mariams Stimme, klang dunkel und so süß wie die Nacht über den Platz, wurde aufgesogen von schweigenden, verzaubert lauschenden Zuhörern.
I thought of you the other day
How worlds of hate led us astray*1
Colours seem to fade away
In the wake of yesterday
Sie sang von Liebe und dem Leid, das daraus folgte. Von der schönsten Sache der Welt, wie man sagte, der schönsten Sache, die die Götter ihnen, den armseligen Menschen, geschenkt hatten... und von dem Leid, das daraus geboren wurde. Dem grausamen, unendlichen Leid, das größer gar nicht sein konnte, niemals.
Denn alles, alles hatte zwei Seiten wie eine Münze, eine gute und eine schlechte, eine im Licht und eine in den Schatten, immer bereit, sich umzudrehen und seine hässliche, grausame Fratze zu zeigen, die das liebliche, wunderschöne Gesicht, das man zuerst sah, immer begleitete.
Und so musste es sein, dass das Schönste vom Hässlichsten begleitet wurde, das Höchste vom Tiefsten und das Beste vom Schlimmsten. Mariams Stimme wurde zerrissen von Sehnsucht, unendlicher Sehnsucht und von Trauer, von Gram und Leid. Es klang in Kais Seele, seinem Herzen wieder und brachte etwas zum Schwingen, was er noch nicht gekannt hatte.
Er wusste, dass sie dieses Lied schon immer auf diese Art gesungen hatte. Er kannte ihre Stimme, ihren Gesang gut genug um das zu wissen, er hatte oft genug zusammen mit ihr gesungen oder sie auf der Flöte begleitet.
Aber warum traf es ihn jetzt so? Warum erschien es ihm so anders? So fremd, so schmerzlich, aber doch so schön? Und warum kam es ihm so vor, als käme ihm die Situation bekannt vor?
You looked into my eyes
You had me hypnotized and I can still remember you
Er wusste doch gar nicht, wie sich das anfühlte. Verliebt war er noch nie gewesen, noch nie wirklich. Natürlich gab es da die eine oder andere Tändelei mit diesem und jenem Krieger, aber wirklich verliebt so wie...wie Chaisa und Tanor und so viele anderer Paare in den Klans?
Das konnte er entschieden verneinen. Das, was er am letzten Tag verspürt hatte, war ihm noch nie untergekommen. So eine Faszination und Anziehung war noch nie da gewesen. Ja, er würde sogar sagen, dass der Wolf ihn mehr lockte als all die anderen zusammen, viel mehr.
Woran mochte das liegen? Und verdammt, warum war der andere gerade ein Thissalier? Er hätte alles sein können, alles, es wäre kein Problem gewesen, egal ob einer der alten Ureinwohner Adieneiras oder ein Shianzuki oder ein Sheyai. Niemand kümmerte sich darum.
Aber ein Thissalier... Sie waren Todfeinde, sie beide, Feinde aufs Blut und nichts, nichts würde das ändern können. Sie kannten sich doch nicht einmal. Niemals. Kais Stolz würde das sowieso nie zulassen. Sein Stolz als Suatha, als Krieger, als Mann.
Sein Stolz nicht und auch nicht die anderen Suatha, sein Volk. Sie würden es nicht einmal verstehen. Kai wusste, dass es viele Halbblutkinder unter den Suatha gab, er selbst war auch eines und bei den Thissaliern lebten noch mehr.
Aber die meisten von ihnen waren Ergebnisse einer Vergewaltigung, während eines Kampfes oder als Folge einer Entführung. Und die meisten davon gingen auf das Konto der Thissalier. Kai wusste, dass auch die Suatha sich solcher Verbrechen schuldig gemacht hatten, aber es kam weit seltener vor als bei ihren Feinden, denn Notzucht war ein Verbrechen, dass bei den Klanen mit der Acht bestraft wurde, selbst wenn es eine Feindin war. Ein Ausstoß aus dem Klan gegenüber das kurzzeitige Vergnügen mit einer Frau? Niemand würde das wirklich riskieren.
Außerdem hatten Suatha viel zu großen Respekt vor Frauen. Es war ja nicht so, dass die Frauen nichts zu sagen hatten, ganz im Gegenteil. Viele berühmte Thane oder Schwertheilige oder Druiden waren weiblich gewesen, denke man nur an Arianrod oder Erinn.
Aber es gab auch Kinder der Liebe zwischen Thissaliern und Suatha. Er hatte nie darüber nachgedacht, aber wenn, wäre es bei ihm nicht auf Verständnis gestoßen. Liebe zu einem Thissalier? Wie konnte man bloß!
Früher war er auch noch nicht diesem Prinzen begegnet. Und hatte nicht diesen Blick aus eisblauen Augen gesehen, beherrscht die meiste Zeit lang, aber einen Moment voller Leid und beinahe gebrochen, zerschlagen in tausend Stücke.
Kai seufzte. Und jetzt Mariams Gesang, mit dem Lied, das so darauf passte, auf das Wirrwarr seiner Gefühle, den Hass, der tief in ihm schwelte, seine Verhexung durch den Prinzen, seine Verzweiflung deswegen. Wo er doch zum Schluss gekommen war, das würde vergehen, wenn er es nur nicht anrührte. Verdammt!
I had a dream of you and I
A thousand stars lit up the sky
I touched you hand and you were gone
But memories of you live on...
Er musste es jemandem sagen. Irgendwer, mit dem er reden konnte. Wenn er darüber sprach, ließ es sich leichter tragen, das wusste er. Aber mit wem? Wem konnte er so etwas anvertrauen?
Er wusste selbst nicht, wie er reagieren würde, wenn man mit so etwas zu ihm kommen würde. Verachtung? Hass? Verständnis? Was es auch war, es würde nicht leicht zu tragen sein. Aber für ihn selbst war es am allerschlimmsten, wer hätte das Recht, über ihn zu urteilen?
In ihm lebte der Hass auf die Feinde, auf die Mörder seines Klans und nie, nie würde er vergehen. Einzelnen konnte man vielleicht vergeben, andere, viele hatten es schon getan. Aber er? Er wusste nicht, ob es ihm so gehen würde. Er wusste nicht, ob er vergeben konnte und aufhören zu hassen. Er wusste nicht, ob er jemals Freundschaft für einen Thissalier empfinden konnte oder etwas, das stärker, tiefer war.
Warum machte er sich überhaupt darüber Gedanken? Sie waren so müßig wie ein Feuer im Schneesturm, wie ein Windhauch im Sommer. Sie würden nichts bringen und nichts an seinen Gefühlen ändern, gar nichts.
Aber dann viel ihm wieder das Yuriys Gesicht ein und die hauchzarte Berührung, nur ein Wispern, als sich ihre Hände gestreift hatten, als er Gotheirs Hof verlassen hatte und an ihm vorbeigegangen war. Kräftige, starke Hände waren es, die der Prinz sein eigen nannte. Kai mochte starke, kräftige Hände. Die Erinnerung würde wohl nicht so leicht vergehen, was?
"Woran denkst du?" Erschrecken fuhr Kai auf und starrte direkt in die grünen Augen seines Blutsbruders, die in dem fernen, unruhigen Licht der Feuer schwarz wirkten. Ozumas Gesicht war besorgt und seine Augen blickten leicht...traurig drein?
Kai wandte sich ab. "An nichts."
"Ach ja?" Der Nachtsturmthan ließ sich neben ihm auf dem Fell nieder. Sie saßen so eng beisammen, dass sich ihre Schultern, Arme und Beine berührten, aber keiner rutschte zur Seite. Es war gut, so zu sitzen.
"Soll ich dir das jetzt abnehmen? Seit gestern bist du vollkommen abwesend. Hiromi hat mir vorhin gesagt, sie macht sich Sorgen um dich, deine Mutter wirft dir die ganze Zeit kummervolle Blicke zu und auch der Rest hat etwas gemerkt."
"Hn." Kai wusste nicht, was er sagen sollte, sondern streichelte nur über Flammenfeders Rücken. Die Hündin schlief, aber trotzdem gab sie leise, grollende Geräusche von sich.
"Sagst du mir, was dich gestern so mitgenommen hat? War es der Streit? Weil die Sprache auf Feuermond kam?"
You looked into my eyes
You had me hypnotized and I can still remember you...
Those moments spent together promising forever
And I can still remember you
"Nein. Natürlich nicht. Es war..." Kai verstummte.
Ozuma blieb ebenfalls still. Nie würde er jemanden dazu drängen, über etwas zu reden, wenn er es nicht wollte. Vorausgesetzt, es waren seine Freunde. Lange saßen sie einfach nebeneinander und schwiegen sich an.
Kai fand diese Stille unangenehm, aber auf der anderen Seite genoss er sie. Er wusste nicht, was er sagen sollte, wie er sich herausreden sollte und die Wahrheit wäre noch schlimmer. Aber Ozuma...war sein Bruder, sein Blutsbruder. Er konnte es ihm doch sagen?
"Ich...Kannst du zurhören?" Kai brauchte nicht zu sagen, dass dieses ,zuhören' nur zuhören war, nicht reden, nicht urteilen, nicht denken. Nur zuhören. Sonst nichts.
"Immer."
"Es ist nicht leicht."
"Sprich."
"Sondern sehr schwer."
"Sprich."
"Ich denke nicht, dass es richtig ist, was geschehen ist."
"Sprich."
Leise, stockend erklärte Kai Ozuma, was ihn bedrückte, ihn quälte. Ozuma hörte schweigend zu, sein Gesicht blieb unbewegt, das wusste Kai, aber er sah es nicht, denn er blickte den anderen nicht an. Schweigend blickten sie zu den anderen hinüber, zu Mariam, die noch immer sang, den Musikern, die sie begleiteten, und ihren Zuhörern.
"Du solltest dir darüber nicht den Kopf zerbrechen."
"Warum? Es ist...nicht das, was ich will."
"Es läuft nicht immer so, wie wir es wollen."
"Das weiß ich!"
"Du kannst es nicht ändern."
"Ich will aber!"
"Lass es, du bringst dir nur Kummer damit."
"Jetzt ist nur die Frage, welcher größer ist. Der, den ich habe, wenn ich es ändern will, oder der, den ich habe, wenn ich es nicht ändern will."
"Das siehst du, wenn du es versuchst. Aber ich würde sagen, wenn du es ruhen lässt, vergisst du ihn. Alles vergeht mit der Zeit."
"Aber ich erinnere mich noch an ihn."
"Aber du wirst ihn nie wieder treffen, zumindest nicht auf einer neutralen Ebene."
"So etwas wie Neutralität ist überhaupt nicht möglich zwischen uns. Er ist ein Thissalier, ich bin ein Suatha, darum wird es immer etwas zwischen uns geben. Und sei es nur Hass."
"Ich weiß." Bildetet Kai sich das nur ein oder klang Ozuma in diesem Moment wirklich traurig? Er wandte den Kopf zur Seite und bemerkte, dass er sich nicht geirrt hatte. Die Gesichtszüge seines Blutsbruders waren von Trauer und Kummer verzerrt.
Verdutzt hob Kai eine Hand und strich vorsichtig über die Wange des anderen. Hinterher waren seine Finger blau von der Farbe der Klanzeichnung, aber das ist egal. "Was ist los?"
"Glaubst du, dass das wirklich nötig ist?"
"Was?"
"Der Hass. Ist er wirklich nötig?"
"Ich weiß nicht."
"Ich auch nicht. Manchmal...manchmal kommt er mir so sinnlos vor. Alles, was er bringt, ist Schmerz. Das war doch immer so. Immer warnt man uns, zu hassen, aber die Thissalier, die Thissalier müssen wir hassen, es ist unsere Pflicht als Suatha. Die Götter wollen es so. Ich frage mich, ob es wirklich so ist? Ich meine, warum sollten die Götter so etwas fordern, wenn sie im gleichen Atemzug sagen, Vergesst die alten Feinde eurer Seelen?"
"Ozuma?" Kai hatte den anderen noch nie so erlebt. Ozuma war, wenn zwar nicht kalt und emotionslos, doch beherrscht und kühl, hatte seine Gefühle immer unter Kontrolle und ließ sie nur die sehen, die ihn kannten. Aber so ein Schwall von Empfindungen hatte er noch nie gesehen an den anderen. Auf seinem Gesicht stritten Verständnislosigkeit, Unwille, Verachtung und Hass miteinander und es war nicht abzusehen, wer davon gewinnen würde.
"Muss man wirklich über tausend Jahre hassen?" Ozuma nickte. "Ich hasse sie auch - die Thissalier. Sie haben unsere Freiheit genommen, unser Würde, unsere Ehre und unsere Zukunft. Aber wie können sie so etwas nehmen, wenn man es sich nicht nehmen lässt? Es sind alles keine materiellen Dinge. Man kann sie nicht einfach so stehlen. Aber wir sagen, wir haben sie nicht mehr." Kai zuckte die Schultern. Das waren harte Brocken, die Ozuma ihm da vorwarf und er wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
"Jetzt wollen sie auch unsere Liebe?"
Do you ever think of me
And get lost in the memory
When you do, I hope you smile
And hold that memory for a while...
Kai wusste nicht was er darauf sagen sollte, sondern fühlte sich nur noch mehr schuldig.
"Erinnerst du dich an meine Tante?"
"Deine Tante?"
"Die Schwester meiner Mutter, Echreide."
"Nicht genau. Sie ist weg als ich sieben war. Und..."
"Weißt du, warum sie weg ist?"
"Nein."
"Sie ist weg, weil sie sich in einen Thissalier verliebt hat. Sie hat ihn geheiratet. Natürlich konnte der Klan das nicht akzeptieren. Der Hass hat uns blind gemacht. Blind für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Sogar die Liebe akzeptieren wir nicht mehr als das, was sie ist. Alle sagen, Màn hätte uns mit der Liebe das größte, schönste, beste Geschenk gemacht, was sie uns Menschen hätte machen können.
Aber... wir können nicht damit umgehen. Wir verurteilen sie, wenn sie uns falsch erscheint. Wir weißen sie von uns, weil wir glauben, man würde uns deswegen verachte. Wir töten sogar wegen ihr... Arianrod wurde wegen der Liebe erschlagen." Ozuma senkte den Kopf und malte mit dem Finger Kreise in den Erdboden. "Und das soll die schönste Sache der Welt sein? Jetzt stehst selbst du in ihrem Fluch."
Kai schwieg. Was sollte er dazu sagen? Darüber musste er erst einmal in Ruhe nachdenken. "Weißt du, was ich dir raten werde wegen deinem Problem mit dem kalten Prinzen?"
Kai schüttelte den Kopf und blickte den anderen erwartungsvoll an.
"Phönix! Phönix!
Folge dem Ruf
Deines Herzens.
Glück harrt deiner.
Doch verpassen
Darfst du es nicht.
Ist doch egal, was die anderen sagen. Ich glaube sowieso, wir werden in Zukunft nur mit den Thissaliern überleben können. Nicht als Feinde, sondern nur als Freunde. Sogar die Götter befehlen das. Weißt du nicht?"
"Doch. Ich weiß noch. Ich habe es nicht vergessen."
"Weißt du was? Ich denke, dass du sogar gute Chancen haben wirst. Phönix' Feuer wärmt dein Herz, lass es geschehen."
Ozuma lachte, doch Kai konnte nicht einstimmen. Es klang irgendwie traurig, traurig und verzweifelt. Kai fragte sich, warum Ozuma so weit blicken konnte, während er nur das Naheliegende sah und den Fehler, den er gemacht hatte, als er dem Prinzen in die Augen gesehen hatte. Was diese für ihn und für sein Volk bedeutete und wie er damit umgehen musste. Was konnte er schon tun?
Ozuma drehte sich zu ihm um. "Du solltest trotzdem besser darüber schweigen. Ich verstehe, deine Familie wird es sicher auch tun, aber die anderen nicht. Bevor der Hass gänzlich verschwindet werden viele, viele Jahre vergehen müssen. Aber ich glaube, wir können es schaffen. Ich denke nicht, dass..." Er verstummte plötzlich und starrte mit großen Augen an ihm vorbei. Kai blickte auf. "...es für immer sein wird." Der Nachtsturmthan sprach, als wäre er nicht mehr mit den Gedanken bei Sache.
"Was ist?", fragte Kai.
"Da ist jemand."
"Hm?" Kai wandte sich Flammenfeder zu und spähte unter seinen Ponysträhnen hindurch zum Rand des Haines. Tatsächlich, da war jemand, direkt außerhalb des Lichtkreises, so dass er kaum etwas erkennen konnte. Aber die Umrisse der kleinen Gestalt waren deutlich genug.
~~~~~~~
*1 Wort geändert, eigentlich ,How worlds of change led us astray' Aber ,hate' passt eben besser. v.v
Das Kapitel ist eigentlich viel länger, als ich es gedacht habe, weil ich noch was anderes reinbauen wollte. Aber die Sache war sowieso nicht so sicher und darum nehme ich sie im nächsten Kapitel auf. Das wiederum gar nicht geplant war. *drop* Meine Planung war wirklich für die Katz.
Also, bis zum nächsten Kappie(und hoffentlich schneller)
Silberwölfin
Halbblut
Titel: Feuermond
Teil: 14/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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So, hier auch ein neues Kapitel. Ich hab's schon ziemlich lange und jetzt stell ich mir die Frage, warum ich es noch nicht hochgeladen habe. *drop* Aber nein, ich mach ja lieber alles auf einmal! *grmbl*
Ehrlich gesagt, ich mag's. Hätt eigentlich nicht gedacht, dass ich da nur zwei Settings reinkriege, wollte eigentlich noch eine Szene mit Mingming und eine mit Ivan und Kevin, aber das muss ich anscheinend verschieben. Naja, nicht so schlimm, so krieg ich wenigstens die anderen Kapitel gefüllt. ^^''''
Also, ich hoffe, dass ich von Voltaire kein allzu gutes Bild gezeichnet habe. Aber der ist nicht wirklich nett, okay?
Und verzeiht mir das wegen Daichi! ^^
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@ Sonnenblume18: Die Kappis sind alle so lang. Schätz ich. Bewegend sollte es auch sein. Sach mal, wie schafft man es, vor der Schule so 'n langes Kapitel zu lesen?
@ Spellmaster: Hoffen wir mal, dass es diesmal nicht kaputt geht. -.-
Ozuma hat's nicht leicht und Kai genausowenig.
@ Diabolo_17: Keine Ahnung, frag sie. Ich schreib das, weil das eine schöne Problematik hat. ^^
Auf den Rest der Propheizeiungen musst du noch ein wenig warten.
Wie ich ja schon gesagt habe, sind die Suatha eine keltisch nachempfundene Kultur und die Kelten hatten überhaupt kein Problem mit Homosexualität (zumindest hab ich das mal irgendwo gelesen). Sogar die Römer waren schockiert. *g* Also nein, die haben damit kein Problem.
@ lavanja: Tja, keine Ahnung? Kommt einfach so, während ich schreibe oder schon davor.
Schlachtfelder Suatha vs. Thissalier wird es nicht geben. Versprochen!
Nein, die Suatha haben keine Probleme mit Homosexualität. Hatten die Kelten auch nicht, soweit ich das mitgekriegt habe.
Also, dass Kai nicht darüber nachgedacht hat, ob Yuriy seine Gefühle erwidern könnte, hängt eher damit zusammen, dass er sich dann seine eigenen hätte eingestehen und akzeptieren müssen und das wollte er auf keinen Fall. Darum wollte er auch nicht darüber nachdenken, ob er bei Yuriy eine Chance hat oder nicht.
@ tsuki-neco: Klar reagiert Ozuma verständlich! Ich wollte in diesem Kapitel keine große, heftige Szene.
@ Sesshi-chan: Das Kapitel hat allen gefallen. ^^ *stolz ist*
Naja, der Hass, das ist so eine Sache mit dem. Als ich ihn 'eingeführt' habe, hätte ich nicht gedacht, dass das so eine große Sache draus wird. Da hab ich vieles nicht bedacht. Aber jetzt hab ich so eine schöne Situation! ^.^
Irgendwann muss ich die Sprüche ja auflösen, oder nicht?
Warum sollten sie kein Fest feiern? Die feiern gern, darum nutzen sie jede Gelegenheit. ^^
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Halbblut
~~~~~Rückblick~ ~Anfang~~~~~
"Hm?" Kai wandte sich Flammenfeder zu und spähte unter seinen Ponysträhnen hindurch zum Rand des Haines. Tatsächlich, da war jemand, direkt außerhalb des Lichtkreises, so dass er kaum etwas erkennen konnte. Aber die Umrisse der kleinen Gestalt waren deutlich genug.
~~~~~Rückblick~ ~Ende~~~~~
"Wer ist das?" Er drehte sich wieder zu Ozuma.
"Keine Ahnung. Keiner von uns; niemand würde so weit weg sein."
"Schätze, wir sollten einfach mal fragen."
"Aye. Warte kurz." Ozuma erhob sich und entfernte sich. Rasch schlängelte er sich durch die Gruppe der anderen und verschwand kurz darauf im Schatten. Kai folgte ihm mit den Augen, während er sich wieder zu Flammenfeder drehte und der Hündin über den Kopf strich.
Sie wachte auf und grollte leise, wedelte mit dem Schwanz. "Achtung, Kleines. Du wirst gleich gebraucht." Aufmerksam richteten sich die spitzen Ohren auf und sie blickte ihn mit dunklen Augen an, ehe sie schwanzwedelnd aufsprang. Sie liebte es, wenn er sie brauchte. "Aye. Aye, alles in Ordnung. Beruhige dich, Kleines."
Unter seinem Pony hindurch beobachtete er die zusammengekauerte Gestalt am Rande ihres Festplatzes. Klein, dünn, wahrscheinlich ein Kind. Gefährlich wirkte sie allerdings nicht. Gut, das konnte täuschen, aber sein Gefühl trog ihn sehr selten.
Kurz darauf bemerkte er einen weiteren Schatten außerhalb des Lichtkreises, aber dieser war weit größer und bewegte sich mit einer kämpferischen Gewandtheit. Ozuma. Er nickte Kai zu und dieser erhob sich um auf ihn zuzugehen. Jetzt hatten sie die Person in der Zange.
Diese merkte natürlich, was hier ablief, und sprang auf. Mit einer blitzschnellen Bewegung fuhr sie herum und stürzte los. Kai erkannte mit einem Blick, dass es tatsächlich nur ein Kind war und auch noch kein besonders großes.
Ozuma machte einen Sprung, aber das Kind wich aus und tat etwas, was Kai nicht genau sehen konnte - und der Than lag im Dreck. Verdutzt blickte Kai ihn einen Moment an, ehe er losstürzte und Flammenfeder ein Zeichen gab. Die Hündin rannte sofort an ihm vorbei. Ihr Knurren drang mehr als bedrohlich und Kai konnte das Weiße in den angstvoll aufgerissenen Augen des Kindes sehen. Beinahe tat es ihm Leid, aber nur beinahe.
Dann hatte Flammenfeder es erreicht und begrub es unter sich. Einen Moment waren die beiden nur ein Bündel aus Pelz und verschmutzter Kleidung, dann lag das Kind auf dem Rücken, Flammenfeders Pfoten auf dem Bauch und die Halbwölfin knurrte bedrohlich.
Jetzt erkannte Kai auch, dass es ein Junge war, zwischen sieben und zehn Jahren. Die Kleidung war zerlumpt und starrte vor Dreck. Das Gesicht des Gassenjungen war vor Angst verzerrt und mit weit aufgerissenen Augen starrte er direkt auf die riesigen Zähne Flammenfeders, die sich direkt vor seinem Gesicht befanden. Das Grollen, dass aus ihrer Kehle kam, musste ihm noch mehr Angst machen.
Ozuma war inzwischen wieder aufgestanden und klopfte sich den Dreck von der Hose. Er hätte das Kind auch allein fangen können, weit wäre es nicht gekommen. Kai warf ihm einen spöttischen Blick zu und hob eine Augenbraue.
"Ach, sei still, Feuervogel! Ich hab wenigstens was getan, während du nur dumm rumgestanden bist!", fauchte der Nachtsturmthan seinen Blutsbruder an.
"Ach? Sich ein Bein stellen lassen, nennst du ,etwas tun'?"
Ozuma war drauf und dran, ihm die Zunge herauszustrecken, beherrschte sich aber, weil sie Zuschauer hatten. Auch wenn der Junge bestimmt auf nichts anderes achtete als den Hund auf seiner Brust und dessen Zähne. "Du solltest den armen Bengel erlösen. Ich glaube, er ist harmlos."
"Hn." Kai pfiff und Flammenfeder reagierte sofort, indem sie zu ihm trabte. Sie wedelte mit dem Schwanz und erwartete ein Lob. Lächelnd strich Kai ihr über den Kopf. "Gut gemacht."
Ozuma hatte sich inzwischen vor dem Jungen aufgebaut und musterte ihn von unten bis oben. Der Junge starrte ihn herausfordernd an, wagte es aber nicht, sich zu rühren. Kai trat neben seinen Blutsbruder und schenkte dem Kind einen kurzen, kalten Blick. Der Junge zuckte zurück.
Er war nicht besonders groß, aber jetzt aus der Nähe würde Kai sagen, dass er etwa neun oder vielleicht auch zehn war. So leicht konnte man das bei so heruntergekommenen, abgemagerten Kindern nicht sagen. Sein Haar schien braun oder rot zu sein, aber das Licht war zu schlecht um es genau zu sehen. Das Gesicht war breit, mit einer hohen Stirn, breiten Wangenknochen, einer kleinen Stupsnase und einem sehr breiten Mund. S
eine Kleidung bestand aus Lumpen. Einen besseren Namen hatten diese Fetzen wahrlich nicht verdient und unwillkürlich verspürte Kai Mitleid. Wie wollte er damit durch den Winter kommen, ohne dass ihm etwas abfror? Aber das war nicht sein Problem. Das einzige, was ihn irritierte, was die kleine, silberne Scheibe, die auf der Brust des Jungen lag.
"Was machen wir mit ihm?", fragte sein Blutsbruder plötzlich. Er sprach suathisch. "Das ist ein Gassenjunge."
"Hn."
"Er tut uns nichts. Er sollte so schnell wie möglich verschwinden."
"Wir sollten ihm erst beibringen, niemanden so zu belauern. Es könnte falsch verstanden werden."
"So wie von uns?" Ozuma lachte. "Laden wir ihn ein."
"Was?!"
"Warum nicht. Schau dir den armen Kerl an. Abgemagert bis auf die Knochen."
"Wenn du meinst..."
Ozuma lachte noch einmal, wechselte dann ins Thissalisch. "Komm, Kleiner. Sei für heute Abend unser Gast."
Schon allein der Gesichtsausdruck, der jetzt über das Gesicht des Jungen huschte, war dieses Angebot wert gewesen. Kai selbst bot Fremden nicht gern Gastrecht an. Gastrecht war bei den Suatha heilig. Der Junge wusste das anscheinend nicht - wie auch? Thissalier hatten nie Gastrecht bekommen - und dementsprechend entsetzt, misstrauisch und ängstlich war auch sein Gesichtsausdruck.
"Komm schon.", meinte Ozuma. "Wir beißen nicht."
"Zumindest keine Gäste.", setzte Kai launisch hinterher und ging mit Flammenfeder zum Feuer zurück.
Die anderen, bis auf ein paar wenige, hatten von dem Vorfall noch nicht einmal etwas mitbekommen. Erst als Ozuma in Begleitung des ängstlichen, aber sicher nicht schüchternen Jungen dazukam, richteten sich die Blicke auf die drei. Der Junge hatte seine Hand wie haltsuchend um das Amulett geschlossen. Es schien sehr wichtig für ihn zu sein. Nun erkannte Kai auch, dass sein Haar fuchsrot war.
"Wir haben ihn eingeladen.", erklärte der Rotäugige und bot dem Jungen einen Platz auf einem Fell an. Doch der Junge rührte sich nicht, sondern starrte die Suatha an.
"Ach so.", sagte Jemand und der Straßenjunge wurde von oben bis unten gemustert. Dann nickten einige, der Flötist fiel in seine alte Melodie zurück und kurz darauf hörte man auch wieder die anderen Instrumente. Sie verstanden, warum Ozuma dem Knirps das Angebot gemacht hatte. Wer den Jungen ansah, musste Mitleid haben und ihm etwas vorsetzen. Ein Akt der Menschlichkeit, mehr nicht, aber auch nicht weniger.
"Hier." Charya kam herbei, eine Schüssel in der Hand, in der anderen einen Becher. Hinter ihr stiefelte Hiromi, ebenfalls mit zwei Tellern in den Händen. Der verwirrte Junge wurde auf das Fell verfrachtet, während die beiden Frauen ihm die Schüsseln reichten.
Ozuma setzte sich ihm gegenüber. "Iss. Oder hast du keinen Hunger?" Der Knirps starrte ihn einen Moment an, dann die Schüsseln und jetzt schien er zu begreifen, dass es alles für ihn war. Kurz warf er einen zaudernden Blick zu den paar Suatha, die um ihn herumstanden, dann griff er wahllos nach einer der Schüssel und begann, den Inhalt in sich hineinzustopfen. Nicht nur Kai musterte ihn beinahe entsetzt, sondern auch die anderen.
"He, stopf nicht so, Kind.", meinte Charya gutmütig. "Sonst erbrichst du das alles wieder; dein Magen wird das nicht aushalten."
"Niemand nimmt dir was weg.", fügte Kai hinzu.
"Nein?" Die Augen des Jungen wurden zu schmalen Schlitzen.
"Nein. Da hinten ist noch genug, außerdem haben wir schon gegessen, wie du sicher weißt."
"Hm. Ja." Beinahe klang er beschämt. Aber nur beinahe. Er schien es nicht besonders dreist zu finden, vollkommen fremde Menschen bei einem Fest zu beobachten. Kai zog darob eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts.
Charya ließ sich auf dem Fell neben dem Jungen liegen und angelte nach dem Amulett, das noch immer auf dessen Brust lag. Sofort zuckte der Kleine zurück, griff wieder danach und schüttete sich beinahe den Inhalt seiner Schüssel über die Hose. Viel dreckiger wäre sie danach auch nicht gewesen.
"Woher hast du das?", fragte Charya scharf und blickte ihn mit funkelnden, roten Augen an.
"Von meiner Mutter. Es gehört mir!"
"Aye?"
"Es gehört mir! Meine Mutter hat es mir geschenkt! Sie hat es von ihrer Mutter und die von ihrer. Es ist das einzige, was ich noch von meiner Mutter habe. Es gehört mir."
"Aye. Es gehört dir." Charya sank wieder zurück.
Kai wechselte einen verwirrten Blick mit Ozuma, doch der zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf. "Ich habe es nicht erkennen können.", meinte er auf suathisch und blickte die Legendenhüterin an, doch die achtete nicht auf die beiden.
"Weißt du, was es bedeutet?", fragte sie und ihre Stimme war sanft und ruhig.
"Nein.", antwortete der Junge zwischen zwei Bissen. "Meine Mutter ist schon sehr früh gestorben."
"Armer Junge." Sie fuhr ihm durch das Haar, was ihm nicht besonders zu behagen schien, und erklärte: "Es ist ein sehr altes Symbol unseres Volkes. Das Silberrad verschlungen mit den Federn der Rotgeflügelten. Es bringt Glück, ein langes Leben und Gesundheit."
"Ach ja? Von Glück habe ich noch nicht viel gemerkt.", grummelte der Junge und Ozuma wechselte abrupt das Thema: "Warum bist du hier?"
Der Kleine blickte verdutzt auf. "Weil Ihr mich eingeladen habt?"
"Nein. Warum bist du hier, am Steinkreis?"
"So halt!"
"Ach?" Der Spott in Kais Stimme war nicht zu überhören.
"Warum sonst? Hier kommt doch niemand her!"
"Aye. Außer wir.", grinste Ozuma. "Komm schon, Halbblut, bist du etwa schüchtern?"
"Schüchtern?! Ich?!"
"So kommt es uns gerade vor.", spottete Kai.
Charya warf ihm einen warnenden Blick zu. "Streitet euch nicht."
"Ich bin nicht schüchtern!"
"Soso.", machte Ozuma. "Und warum bist du hier geblieben? So ein Fest ist nichts, bei dem Fremde anwesend sein sollten, Kleiner." Der Junge grummelte etwas.
"Wie ist dein Name?", wollte Charya plötzlich wissen.
"...Daichi."
Sie zog eine Augenbraue hoch. "Das ist kein suathischer Name. Und auch nicht thissalisch."
"Ein Shinazuki hieß so.", moserte der Kleine. "Und warum sollte er suathisch sein?"
"Weil du ein Halbblut bist, Kind."
"Na und? Bringt nichts als Ärger."
"Vielleicht." Charya erhob sich, lächelte dem Jungen noch einmal zu und ging dann zu Mariam hinüber. Inzwischen war es sehr still geworden. Kai konnte nur noch die Flöte hören und zwei oder drei leise geführte Gespräche.
Er konnte sogar das Knistern der Flammen und die leisen Geräusche der Ponys, die in der Nähe angepflockt waren, vernehmen. Neben einem der Feuer lagen bereits einige in decken gewickelte Gestalten eng beieinander, der Rest würde ihnen sicherlich bald ins Traumland folgen. Er selbst sicher auch.
Nur Rick und einer der Speerreiter - war das nicht Gordo? - zeichneten sich als dunkle Schatten von dem Nachthimmel ab. Hier mochten Wachen zwar nicht nötig sein, aber das waren sie in den Dörfern eigentlich auch nicht und trotzdem waren die Tore ständig bewacht.
"Hier." Hiromi tauchte plötzlich wieder auf, ein paar Decken in den Händen.
"Hm?" Kai zog eine Augenbraue hoch, doch sie sprach nicht mit ihm, sondern mit Daichi. "Für die Nacht. In diesen Kleidern muss dir doch sicher kalt sein?"
"Was glaubt Ihr denn?!", knurrte Daichi und nahm die Decken sofort an, um sich darin einzuwickeln. Anscheinend hatte er sich vorgenommen, das Beste aus der Situation zu machen, auch wenn sie ihn am nächsten Tag vielleicht davonjagen würden. Aber er wäre doch einige Stunden zufrieden gewesen, oder nicht? Ein warmes Essen und eine warme Decke waren etwas, was er sehr hoch schätzen musste, weil er es nicht oft bekam.
Kai wusste nicht, was sie mit dem Kind tun würden. Wegjagen würden sie es sicher nicht. Dass er ein Halbblut war, machte die Sache komplizierter. Ein Halbblut, das zu den Klanen kam, schwor oder irgendwelche Beweise auf seine Legitimität vorlegte, hatte ein Recht auf Aufnahme in einem Klan.
Ein Halbblut war - wie der Name schon sagte - ein halber Suatha. Es trug das Blut Màns in den Adern, wenn auch nur zur Hälfte. Es hatte ein Recht auf einen Klan. Ein Recht darauf, sich zugehörig zu den Màn Suatha, den Kindern der Màn zu fühlen und dies auch zu sein. Natürlich musste es sich den Gesetzen, der Religion und den Werten der Suatha unterwerfen, aber das war für die meisten das geringste Problem.
Das weit größere war, vom Klan selbst akzeptiert zu werden. Immerhin waren diese Halbblüter zumeist Kinder von Thissaliern und hatten unter diesen gelebt, und dieses Problem erklärte sich von selbst. Aber auch jene, deren zweites Elternteil nicht thissalisch war, sondern aus irgendeinem andern Volk stammte, hatten Probleme, akzeptiert und als vollständiges Mitglied aufgenommen zu werden. Aber das legte sich nach gewissen Ereignissen oder einigen Jahren von selbst. Kinder hatten es sowieso meist leichter. Kinder waren heilig.
Kai wusste, dass seine Mutter dem Jungen die Tatsachen erklären würde. Er kannte sie, er hatte es in ihrem Blick gesehen. Und sie würde von ihm verlangen, Daichi in Feuermond aufzunehmen. Er kannte sie. Aber der Junge war nicht wirklich das, was er sich unter einem neuen Klanmitglied vorstellte. So wie der Junge aussah, war er laut, schmutzig, unzuverlässig, faul und aufmüpfig. Ob das wirklich ein Zuwachs für den Klan war?
"Kai." Charyas sanfte Stimme riss ihn aus den Gedanken.
"Hn?"
Sie lächelte. "Komm, lass uns miteinander sprechen." Sie hakte sich bei ihm unter und zog ihn mit sich und so von Ozuma und Daichi weg. Obwohl letzterer sie sowieso nicht hätte verstehen können; sie sprachen suathisch.
"Ich werde ihn nicht aufnehmen.", erklärte Kai fest.
"Nein?"
"Nein!"
"Warum nicht?"
"Weil...weil...er..."
"Nun?"
"Du weißt ganz genau warum!"
"Aye? Weiß ich das?"
"Mutter!"
"In Ordnung. Ich weiß es. Aber ich stimmte trotzdem dafür, das wir ihn aufnehmen."
"Aber..."
"Kai, bitte. Willst du ihn hier sterben lassen?"
"Wer sagt, dass der Bengel stirbt? Der ist auch schon vorher allein durch den Winter gekommen."
"Vielleicht stirbt er diesen Winter."
"Nein, tut er nicht."
"Woher willst du das wissen?"
"Solche wie der fallen immer auf ihre Füße. Den bringt so schnell nichts um."
"Ach ja?"
"Aye. Mutter!"
"Die bin ich."
"Das weiß ich. Lass den Quatsch."
"Du bist es hier, der Unsinn macht. Ich habe lediglich die Bitte an meinen Than, den Jungen aufzunehmen."
"Aber...er..." Kai wusste selbst, dass sich das schwach anhörte. Sehr schwach.
"Du magst ihn nicht."
"Ist das so offensichtlich?" Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.
"Aye, ist es." Sie ging gar nicht darauf ein. "Aber bitte, ich möchte ihn mitnehmen. Ich werde nicht zulassen, dass er hier bleibt und stirbt. Außerdem...sein Amulett."
"Aye?"
"Ich kenne es. Ich kannte seine Mutter."
"Aye?"
"Aye. Sie war eine gute Freundin von mir. Entfernt verwandt, so über fünf Ecken. Vor mehr als zwanzig Wintern haben die Thissalier sie mitgenommen." Skeptisch zog Kai eine Augenbraue hoch. Sie blickte ihn kurz an. "Er ist eines der wenigen Kinder Feuermonds. Wir können ihn nicht zurücklassen. Kai. Bitte."
"Also schön. Ich überlasse ihm die Entscheidung. Aber du sprichst mit ihm."
"Aye. Das werde ich."
"Und er muss mindestens bis Samhain warten."
"Natürlich."
Kai hob die Hände. Aber sie hatte Recht. Er konnte kein Kind Feuermonds sterben lassen. Außerdem war Daichi ein Halbblut. Ein Halbblut wie er. Er wusste, wie sich ein Halbblut fühlte.
Wahrscheinlich hatte der Junge kein besonders glückliches Leben hier gehabt. Halbblüter wurden bei den Thissaliern noch mehr verachtet als bei den Suatha und sie hatten kaum eine Chance, Eingliederung in die Gesellschaft zu finden. Sie standen hier auf einer Stufe mit den Huren und den Henkern, kaum mehr als Gesetzlose.
Wie...verachtenswert. Thissalier nahmen nicht einmal wahr, dass die meisten zur Hälfte thissalisch waren. Sie sahen nur den suathischen Anteil, vielleicht nur das gemischte Blut. So etwas war einfach...nichtwürdig.
Charya wandte sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck ab und ging wieder zu Daichi hinüber. Ozuma stand einige Meter entfernt und redete leise mit Mariam. Dann winkte er Kai.
Der Rotäugige ging zu ihm hinüber. "Hm?"
"Sie hat dich gefragt, ob du ihm die Streifen gibst." Es war keine Frage. Es war eine Feststellung. Seine Mutter und ihr weiches, riesiges Herz waren überall bekannt und beliebt.
"Aye. Sie sagte, sie kannte seine Mutter."
"Feuermonds Kind?", fragte Mariam verwundert.
"Aye."
"Oh." Wie ein Mann drehten sie sich zu Charya und dem Fuchshaarigen um, die sich am Feuer gegenüber saßen.
Anscheinend hatte sie ihn schon aufgeklärt. Daichi sah aus wie ein kleines Kind, mit weitaufgerissenen Augen, die Decke um den abgemagerten Körper geschlungen, die Schüssel in beiden Händen. "Muss ich dann nie wieder hungern?" Seine Unterlippe zitterte.
"Das kann ich dir nicht versprechen. Aber ich kann dir versprechen, dass du nicht der einzige bist, der Hunger leidet, sondern es alle sein werden." Charya sah aus wie eine Verkörperung der Muttergöttin, gütig und sanftmütig
"Muss ich dann nie wieder frieren?"
"Ich weiß nicht. Du wirst jedenfalls nicht allein frieren."
"Und...bin ich dann nicht mehr allein?"
"Nein. Nicht wenn du es nicht willst."
"Nein? Nie wieder?" Seine Augen flehten geradezu. Im Schein des Feuers wirkten sie grün und rot. Warum war Kai das nicht schon früher aufgefallen? Alle Mitglieder Feuermonds hatten rote Augen - Daichi auch.
"Nein.", antwortete Charya und Daichi warf sich hier in die Arme. Die Schüssel fiel in den Dreck und der schmale Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. Wie lange musste er allein gewesen sein, dass er jetzt so reagierte? Und, bei den Göttern!, wie konnte man ein Kind so lange allein sein lassen?!
...zeichne man das Pentagramm in die Mitte des Kreises. Man muss mit größter Umsicht vorgehen, denn der kleinste Fehler könnte dazu führen, dass der Zauber fehlschlägt, oder schlimmer, der Dämon ausbrechen kann.
Das hätte nicht nur den Tod des Zaubernden zur Folge, sondern wahrscheinlich auch den Tod sehr vieler Menschen, denn der Dämon ist kein Freund der Menschen und er ist zu stark, als dass man ihn im Handumdrehen wieder in seine Sphäre zurückweisen könnte.
Der Dämon Eknhgajk ist einer der mächtigsten, ältesten, gerissensten und intelligentesten Dämonen, den die Rote Sphäre zu bieten hat und darum wird jedem abgeraten, auf seine Hilfe zurückzugreifen. Man sollte lieber...
Brooklyn seufzte und schob das Buch von sich. Bei dem Krach konnte man ja nicht einmal mehr richtig lesen. Und so was nannten die Hiwataris ,Absichten, die nicht sofort bekannt werden sollten'. Tssss. Dabei wusste doch schon jetzt der halbe Palast Bescheid. Wie konnte es auch anders möglich sein, wenn die da in Voltaires Arbeitszimmer so rumbrüllten?
Da konnte ja selbst er mithören, der in der Bibliothek gegenüber saß und lernte. Zumindest versuchte er, zu lernen. Obwohl er das gar nicht nötig hatte. Über Eknhgaijk wusste er sowieso schon Bescheid.
Vielleicht sollte er von hier verschwinden und irgendwem, der Angst vor ihm hatte, auf den Keks gehen. Oder er konnte Olivier suchen und mit ihm ein zivilisiertes Streitgespräch führen, nicht wie diese beiden dort im Arbeitszimmer des Hohen Meisters. Das machte immer Spaß und räumte den Kopf frei für andere Dinge. Mit Olivier konnte man wunderbar streiten.
Oder - oder er suchte einen der ausländischen Magier auf und unterhielt sich mit dem. Er hatte noch keinen der shinazukischen oder sheyaianischen Zauberer getroffen und einige von ihnen hatten einen sehr guten Ruf. Er würde gerne einmal mit Enishi Mizuhara sprechen oder dessen Sohn, Max. Immerhin war Enishis Frau Judy eine LesDemondes und es wäre sicherlich interessant herauszufinden, wie sich thissalische und shinazukische Magie vertrug.
Oder er stattete dem kleinen Magiermeister aus Sheyai einen Besuch ab. Kenny - so hieß er wohl - war weithin als Genie bekannt. Wie er selbst auch. Aber ansonsten schienen sie keine große Ähnlichkeit miteinander zu haben.
Brooklyn war schon einmal kurz davor gewesen, Kenny zu besuchen, aber dann hatte er doch kehrt gemacht. Irgendetwas an der kleinen, schüchternen Gestalt, die er beim Empfang gesehen hatte, eingehüllt in teure Roben, die viel zu groß für den mageren Körper schienen, obwohl sie extra für ihn gefertigt waren, hatte ihn abgeschreckt. Aber war er dann wenigstens diese brüllenden Männer in Voltaires Arbeitszimmer los.
"Nein, Raphael! So geht das nicht weiter! Ich verlange..."
"Verlange, verlange, verlange, alter Mann, kannst du auch noch etwas anderes, als verlangen?"
"Raphael! Ich warne dich! Werde nicht unverschämt! Man könnte meinen, einen Jungen von vierzehn vor sich zu haben, keinen Mann von Mitte Dreißig!"
"Du forderst diese Reaktion gerade zu heraus, Vater! Es gibt gar keine andere Möglichkeit auf dich, als so zu reagieren!"
Brooklyn verdrehte die Augen. Vielleicht sollte er doch bleiben und herausfinden, worum es diesmal ging und wie er endete, dieser unwürdige Streit? Voltaire und Raphael waren wie Hund und Katz. Und jeder wusste es.
Alle adligen oder sonst irgendwie hochstehenden Häuser gaben sich alle Mühe, nach außen hin den Anschein zu geben, es gäbe keine Konflikte. Sogar die Königsfamilie, dabei konnte doch ein Blinder sehen, dass das Verhältnis zwischen dem König und dem Kronprinz mehr als gespannt war.
Nicht so das Haus Hiwatari. Jeder wusste, dass Voltaire und Raphael sich ständig stritten und man musste noch nicht einmal sonderlich Glück haben um einen solchen Streit mitzubekommen. Sie taten es immerhin alle naselang und nicht nur, wenn sie allein waren oder niemand sie hören konnte.
So wie jetzt; sie brüllten das gesamte Haus zusammen. Und das nur, weil Raphael mal wieder aus der Reihe tanzte. Was für ein...
Brooklyn verübelte es Voltaire nicht, dass er so auf seinen Sohn reagierte. Wer hätte das nicht? Aber er verachtete Raphael dafür, dass er das Geschenk, der Sohn eines solchen Mannes zu sein, einfach so wegwarf und missachtete.
Er selbst wäre glücklich darum gewesen, er, der aus recht ärmlichen Verhältnissen stammte und nur durch großes Glück die Möglichkeit bekommen hatte, Magie zu studieren. Aber Raphael verkannte das Glück, das er hatte, indem er der Sohn des Hauses Hiwatari war, gesegnet mit Magie und der Möglichkeit, diese zu studieren und zu verwenden und auch noch der Erbe dieses einflussreichen Hauses zu sein. Er warf es einfach weg, streunte in der Weltgeschichte herum - als verdammter Söldner - und kam und ging wie es ihm beliebte. Als würden die alten Regeln für ihn nicht gelten.
Dabei war er nicht einmal so gut. Natürlich, es gab nicht viele, die Raphael Schattenbruder das Wasser reichen konnten, aber Brooklyn konnte eine ganze Reihe Leute aufzählen, denen der überhebliche Sohn Voltaires in einem ehrlichen Magiekampf nicht gewachsen sein würde. Voltaire, Olivier, einige von dessen Verwandten, Brooklyn selbst und auch ein paar andere Schüler der verschiedenen Magieuniversitäten.
Trotzdem benahm er sich, als gehöre ihm die ganze Welt. Wer wusste es schon, vielleicht glaube er das ja tatsächlich. Aber es war ganz gewiss nicht so. Die Stimmen in Voltaires Büro waren inzwischen leiser geworden.
Brooklyn zögerte einen Moment, dann sprach er leise den Zauber und kurz darauf konnte er wieder Voltaires Stimme hören. Er wusste, es war nicht besonders höflich und auch nicht erlaubt und wenn einer der beiden ihn erwischen würde, gäbe es ein Donnerwetter, nein, mehr als das, aber - sie würden ihn nicht erwischen.
Dazu waren sie viel zu sehr damit beschäftigt, sich unhöfliche Dinge um die Ohren zu knallen, wenn auch in einer zivilisierten Lautstärke, und sie waren beide nicht stark genug. Brooklyn war der Beste und er wusste das. Und er hatte keinerlei Skrupel, diese Macht auch anzuwenden.
"...wirst dich umsehen.", sagte Voltaire gerade.
"Nein."
"Es ist keine Bitte, Raphael, sondern ein Befehl! Ich habe genug davon, jedes Jahr zusehen zu müssen wie alle großen und kleinen Magierhäuser zum Treffen des Sichelmondes gehen und wir nicht daran teilnehmen können, weil du es nicht schaffst, deine Pflichten zu erfüllen."
Ach, darum drehte es sich also wieder. Brooklyn schmunzelte. Auf dieser Sache ritt Voltaire schon seit Jahren herum. Aber hatte er nicht Recht? Er hatte doch den Anspruch darauf, dass Raphael Nachwuchs zeugte.
Seit Voltaires Vater gestorben war, hatte die Familie Hiwatari nicht am Treffen des Sichelmondes teilnehmen können, nicht einmal, als Raphael selbst noch im Haus und damit erreichbar gewesen war.
Kurz darauf war der jüngste Hiwatari sowieso abgehauen und erst Jahre später wieder aufgetaucht und Voltaire war ganz allein gewesen, ohne Hoffnung auf die vollständige Trinität der Generationen, die man für das Treffen benötigte.
Auch als Raphael dann plötzlich wieder vor der Tür gestanden hatte, hatte sein Vater schnell aufgegeben, daran zu denken. Sein Sohn wollte und wollte nicht heiraten und auch keine Kinder zeugen, um damit aus den zwei anwesenden Generationen drei zu machen, die benötigt wurden um den Zutritt zum Treffen zu bekommen.
Denn nur jene Familien hatten Zutritt, die mindestens einen Magier aus jeder der drei Generationen vorweisen konnte. Natürlich waren auch mehr erlaubt, aber niemals weniger.
Das Treffen des Sichelmondes aber war wichtig für die Magier und eine Familie, die nicht daran teilnehmen konnte, verlor an Ansehen. Die Hiwataris gehörten zu den mächtigsten Magierfamilien Thissalias, neben einigen anderen auch, beispielsweise den LesDemondes. Dass sie nicht mehr am Treffen teilnehmen konnten, hatte natürlich an ihrem Thron gewackelt. Und dass es dieser lange Zeitraum war, hatte ihn noch mehr schwanken lassen.
Kein Wunder, dass Voltaire sich wünschte, sein Sohn würde endlich Nachwuchs bekommen. Aber das lag wohl noch in weiter Ferne. Raphael nämlich weigerte sich zu heiraten und aus den tausend Frauengeschichten, die er gehabt hatte und die jeder im Palast kannte, war kein Kind herausgekommen.
Dass es da irgendwo eines gab, von dem man nichts wusste, war natürlich auch möglich, aber das brachte den Hiwataris natürlich nichts. Ein Kind, die dritte Generation, konnte nur etwas nützen, wenn man auch von ihm wusste. Wenn es sonst wo in der Weltgeschichte herumirrte, brachte es überhaupt nichts.
Des Weiteren zweifelte auch Raphael an der Existenz eines solchen Kindes, sonst hätte er es schon lange hergebracht. Immerhin war er es, der nicht heiraten wollte und den das ganze Gerede darum nervte. Er würde alles für seinen Vorteil nutzen.
"Ich werde nicht heiraten, Vater. Niemanden und schon gar nicht...die."
"Sie ist die Tochter einer einflussreichen, hoch magisch begabten Familie. Sie ist die beste Partie, die du bekommen kannst. Außerdem ist sie hübsch, nur fünf Jahre jünger als du und keineswegs dumm. Ich verlange, dass du dich um sie bemühst. Die Jagd ist ein guter Zeitpunkt dafür."
"Kommt nicht in Frage!"
"Raphael!" Brooklyn hörte, wie Voltaire sich heftig erhob, so dass der Stuhl über den Boden scharrte. "Ich habe bereits eine Botschaft an ihren Vater geschrieben. Er dürfte sie in diesem Augenblick bekommen."
"WAS?!"
"Es ist deine eigene Schuld, Raphael. Ich habe lange genug Geduld mit dir gezeigt, irgendwann ist Schluss. Und du hast meine Geduld sehr weit strapaziert. Wenn du von Anfang an mehr meinen Wünschen entgegen gekommen wärest, hättest du jetzt eine größere Wahl. Ich weiß, dass du ein erwachsener Mann und kein unmündiger Junge bist, aber du benimmst dich wie letzterer, darum werde ich die Konsequenzen daraus ziehen. Die du zu tragen hast. Außerdem bin ich noch immer das Oberhaupt dieses Hauses und du hast meinen Befehlen Folge zu leisten."
Brooklyn hörte, wie Voltaire sich wieder setzte. Eine Weile blieb es still. Raphael musste anscheinend erst noch verarbeiten, was sein Vater ihm da gerade eröffnet hatte. Brooklyn grinste in sich hinein. Geschah dem aufgeblasenen Schwachkopf ganz recht!
Voltaire hätte ihn schon viel früher in seine Schranken weisen sollen, dann wäre es nie so weit gekommen. Aber seinem Sohn gegenüber - seinem einzigen Familienmitglied - war er bemerkenswert sanft. So kannte ihn keiner der Schüler. Zwar forderte er auch von Raphael viel, aber er ließ ihm im Gegensatz auch viel durchgehen. Solche Aufmüpfigkeiten zum Beispiel und noch viel, viel mehr.
Die Schüler hatten Raphael schon immer um seine gehobene Stellung beneidet, aber er war nun einmal der Sohn des Hohen Meisters und das konnte man nicht überbieten. Aber bei einem solchen Verhalten, wie Raphael es an den Tag legte, musste auch dem nachsichtigsten Mann einmal der Geduldfaden reißen und Voltaire war sicher nicht das, was man als ,nachsichtig' bezeichnete.
Brooklyn gönnte es Raphael. Und wer die auserwählte Braut für den Hiwatari-Prinzen war, würde demnächst jeder wissen, weil so etwas immer breit getreten wurde.
"Und noch etwas, mein Sohn.", begann Voltaire plötzlich und Brooklyn horchte auf. "Es geht auch nicht an, dass du kommst und gehst wie es dir beliebt. Man hat dich vermisst, als Prinz Yuriy zu Gotheir ging. Du wurdest ausgewählt um die Schwerter zu verzaubern, warum warst du nicht da?"
"Die Schwerter?" Jetzt klang Raphael eindeutig verwirrt. Och, war ihm das etwa entfallen? Der musste ja auch viel um die Ohren haben, was auch immer es war, wenn er sogar das vergaß.
"Ja. Inzwischen haben die LesDemondes diese Arbeit übernommen. Ich erfuhr erst hinterher davon. Das nächste Mal erwarte ich ein größeres Pflichtbewusstsein von dir, nicht solche Schludrigkeit."
Raphael grummelte etwas, was sich verdächtig nach "Halt die Klappe, alter Mann." anhörte, aber so sicher war sich Brooklyn nicht. Voltaire überhörte den Kommentar großzügig. Der lauschende Magiermeister in der Bibliothek konnte hören, wie er ungeduldig die Fingerspitzen auf der Tischplatte trippeln ließ. Das tat er immer wenn er sauer war, stinksauer. Eine andere Regung aber konnte man dann nie von ihm sehen; er wirkte vollkommen ruhig. Aber selbst Raphael nahm sich dann in acht, genau wie jetzt. Brooklyn konnte beinahe sehen, wie er sich wachsam aufrichtete und die Schultern straffte.
"Ich erwarte, dass du dieses Verhalten ablegst. In letzter Zeit bist du des Öfteren verschwunden, wann du wolltest und erst nach Tagen wieder aufgetaucht. Auch das ist kein Verhalten, dass ich länger dulde. Du wirst mir Bescheid geben, wann du gehst und wohin du gehst und wie lange du bleibst. Sonst wird das einige Konsequenzen für dich haben, mein Lieber, das sage ich dir!"
Brooklyns Augen weiteten sich erstaunt. Voltaire besaß wirklich die...Frechheit, seinen Sohn, der bereits sechsunddreißig Jahre alt und damit weit aus dem Alter heraus war, in dem man ihm Befehle erteilen konnte, wie einen unmündigen, ungezogenen Jungen zu behandeln!
Scheinbar hatte er sich vorgenommen durchzugreifen, und immer wenn er das tat, kam selten etwas mildes dabei heraus. Aber so etwas... Ging das nicht etwas zu weit? So sehr er Raphael auch verabscheute, das konnte man doch keinem zumuten?!
Anscheinend schien es der zurechtgestutzte Magier genauso zu sehen, denn Brooklyn hörte, wie er sich erhob und mit beherrschter Stimme sagte: "Aber, Vater, das ist..."
"...anscheinend das, was nötig ist um dich endlich auf deinen Platz zu verweisen und dir deine Stellung und die dazugehörigen Pflichten klar zu machen, mein Sohn." Voltaires Stimme war kalt. Auch er erhob sich. "So sehr ich es auch bedauere, aber es ist wohl meine Pflicht, es dir klar zu machen und wenn auch auf diese Weise. Irgendwann wirst du das Oberhaupt der Hiwataris sein und dann wirst du wohl machen können, was dir beliebt, aber noch habe ich dieses Amt inne und ich werde diese Macht nutzen. Ich verlange, dass du nicht widersprichst und dich meinen Befehlen fügst."
Voltaire trat zur Tür - zumindest nahm Brooklyn das an, denn er konnte nur die Schritte hören - und meinte noch: "Wir sehen uns beim Abendessen, mein Sohn?"
"Ja, Vater." Raphaels Stimme klang ungläubig und er antwortete wie mechanisch, als hätte er den Satz überhaupt nicht gehört. Voltaire schien trotzdem zufrieden, denn er öffnete die Tür und verließ das Zimmer.
Lange blieb es still und Brooklyn wollte sich gerade zurückziehen - er würde wohl nichts interessantes mehr hören - als ein Klopfen ertönte. "Herein.", bat Raphaels Stimme müde. Erneut wurde die Tür geöffnet und geschlossen, dazwischen ertönten schwere Schritte. Wer mochte wohl das sein?
"Meister Raphael?", erkundigte sich eine tiefe, raue Stimme. Ihr Klang war grob und jagte Brooklyn einen Schauer über den Rücken. Das war Boris, einer von Raphaels Dienern und - wie man sagte - einer seiner alten Söldnerkumpane.
Raphael schwieg lange, dann meinte er: "Boris, es wird Zeit, dass wir diesen alten Narren endlich loswerden."
"Meister Raphael?"
"Er wagt es...er wagt es, mich wie...wie ein Kleinkind zu behandeln!"
"Aber...es ist noch nicht die Zeit."
"Ich weiß." Raphael stieß zischen den Atem aus. "Fürs Erste muss ich mich wohl fügen. Aber wenn die Zeit gekommen ist..." Brooklyn hörte das scharfe Klatschen, als eine flache Hand hart auf der Tischplatte aufschlug, und zuckte zusammen. "Du verstehst, was ich meine."
"Durchaus, Raph, durchaus."
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Sooooo. Brooklyns großer Auftritt. Ich hab ihn ja nur mal ganz kurz erwähnt, da hab ich gedacht, er braucht noch eine längere Szene. Okay, dass sie so lang wird, hätt ich nicht gedacht - fast die Hälfte des Kapitels Oo - aber ich mag sie.
Und jetzt sagt mir, ist Voltaire so in Ordnung?
Sorry, dass Daichi doch ein wenig öfters auftauchen muss. ^^
Lasst mir einen Kommi da!
Silberwölfin
Gärten
Titel: Feuermond
Teil: 15/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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Ahh! Tut mir echt Leid, dass das Kapitel so spät kommt! *um Verzeihung bitt* Aber ich hatte eine totaaaale Schreibblockade, es ging nichts mehr. Darum kommt das hier so spät. Außerdem hatte ich ein Problem mit Mingming. Ich komm mit der einfach nicht zurecht. -.-
Zu Mingming möchte ich noch etwas sagen. Und zwar, dass sie eine sehr einseitige Sichtweise hat. Vor allem auch, was Emily anbelangt. Was Mingming über sie - und auch alles andere - denkt, ist nicht meine Meinung, okay?
Außerdem hab ich festgestellt, dass mir die Figuren davon rennen. *drop* Sie nehmen die Handlung in die Hand und ich komm nicht mehr hinterher. Ivan zum Beispiel. -.- War nie geplant, dass der irgendwelche Schwüre spricht.
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@ eisokami: Hi, Neueinsteiger ^^ Schön, dass ich dich so begeistert habe >.>
Nuja, schnell kann man das hier nicht nennen
@ Sonnenblume18: Du liebst die Hiwataris? *drop* Also, ich glaube, so was hab ich auch noch nie gehört. Aber schön, warum nicht...
Tja, wer weiß, was die alles auf Lager haben. Aber glaub mir, Voltaire wird sich nicht so einfach killen lassen. Mal sehen...
Ach so, wenn du frei hattest.
@ hells-bells: Das kleine Ding ist Daichi. *drop* Wirst du wohl gemerkt haben.
Das mit Voltaire ist so eine Sache. Außerdem dürfen sie das sowieso noch nicht, egal ob sie's wollen. Kai dürfte das eigentlich ziemlich egal sein. Er kennt die doch noch nicht einmal.
Echt? Ich beschreibe den Hund am besten? Ich sollte mich da mal zurückhalten. ~.~
@ Spellmaster: Du hasst ziemlich viele Leute, was? Garland, Brooklyn, Daichi. Okay, Daichi hat nicht viele Fans, glaube ich. >.>
Ach, komm schon, die Mutter ist alles, vor allem für Kai. Bis sich irgendjemand Gedanken über die 3. Generation macht, dauert es noch ein wenig.
@ tsuki-neco: Also, das dauert noch ein wenig bis die erfahren, dass Kai Raphaels Sohn ist. Als 'lustig' würd ich es jedenfalls nicht bezeichnen. Vor allem nicht für Kai. >.> Er lernt immerhin dann den Vergewaltiger seiner Mutter kennen.
@ Diabolo_17: Nein, haben sie irgendwie nicht.*drop* Ja, die Hündin heißt so. Glaube ich. >.> *drop* Kenn mich mit meinen eigenen Namen nicht mehr aus. Oh je...
Ich glaube, Daichis Beliebtheitsgrad ist nicht besonders hoch. Aber ich wollte Feuermond einfach ein wenig vergrößern und der bot sich da einfach an.
Wer sagt, dass Voltaire es nicht miterleben wird? So bald düfen die den noch nicht umbringen. Außerdem ist Voltaire nicht der Typ, der sich einfach so mal ums Eck bringen lässt.
@ Sesshi-Chan: Ja, aber ich bin auch spät dran, darum ~
Ich hab auch gedacht, Feuermond muss ein wenig größer werden, darum hab ich einfach mal Daichi hinzugefügt. Da kommen noch mehr, versprochen.
Das Ende? Die Sache zwischen Daichi und Charya?
Ach was, Ozuma hätte den Knirps auch alleine eingefangen. *drop* So ein Tollpatsch ist er nun auch wieder nicht.
Ach komm, Brooklyn ist doch lustig. Und er wird hier nicht so heftig wie in Cotc.
Es hat mir auch Spaß gemacht, den Streit zu schreiben. So was macht immer Spaß. ^---^ Bin ich verrückt?
Also, ich halte Voltaire eigentlich nicht für irgendeinen durchgeknallten, bösartigen Spinner. Er sieht auch nicht so aus. >.> Und hier in Feuermond wollt ich ihn sowieso zu den 'Guten' stecken. Er steht vollkommen loyal hinter der Königsfamilie. Kann ja nichts für seinen missratenen Sohn.
Über Kai kann man dasselbe sagen. Er trachtet seinen Vater auch nach dem Leben. Aber das ist wohl was anderes.
Raphael soll irgendeine adlige Magierin heiraten oder so. Die ist nicht wichtig.
Ein Egnhgaijk(hab ich das jetzt richtig geschrieben? Oo) ist eine Anneinanderreihung von Buchstaben und hier in diesem Fall ein Dämon. *drop* Nicht wichtig, brauchte nur ein Thema für Brookie.
Wow, jemand der gemerkt hat, dass Boris von 'Meister Raphael' zu einer viel vertraulicheren Anrede wechselt! @.@
@ lavanja: Voltaires Verwandschaft macht da noch einige seltsame Auswüchse. *drop* Das kommt noch, wenn auch erst viel später.
Ich hab doch schon im ersten Kapitel, in dem Daichi aufgetaucht ist, gesagt, dass er ein Halbblut ist. Oder nicht?
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Gärten
Mingming wurde nicht ,Engelsstimme' genannt, weil sie so hübsch war. Natürlich war sie das, keine Frage, aber den Namen verdankte sie ihrer reinen, glockenhellen Stimme, die die Zuhörer alles um sich vergessen ließ.
Wenn Mingming sang, so verloren sich alle in ihrem Lied, in dem sehnsüchtig-hoffnungsvollen Klang, der immer in ihrer Stimme mitschwang, egal, welches Lied sie sang. Niemand konnte sich ihm erwehren, nicht einmal jemand, der völlig unmusikalisch war. Jeder erkannte sofort die Vollkommenheit ihrer Stimme, die Perfektion ihres Gesanges. Niemand war besser als sie.
Immer wieder wurde es ihr bestätigt, so auch jetzt, wo sie im Rosengarten stand und vor einer Gruppe Adliger aus Sheyai und Thissalier sang. Selbst ein paar Shinazuki hatten sich eingefunden und drückten sich am Rande der Gesellschaft herum, wollten aber keinen Augenblick ihres wundervollen Gesanges verpassen. Kein Wunder, eigentlich.
Mingming ließ ihre Stimme ungeahnte Höhen erklimmen und dann langsam ausklingen. Sie hörte, wie man ihr Beifall klatschte und verbeugte sich leicht. Eigentlich sollten es doch die anderen sein, die sich vor ihr verbeugten, hatten sie doch die Ehre, ihr, der Engelsstimme, zuzuhören.
Sie lächelte und murmelte ihren Dank, hörte sich die unbeholfenen Komplimente an, verbeugte sich und lächelte weiter. Konnten die nicht endlich verschwinden? Oder sie wenigstens gehen lassen, damit sie nicht mehr ihre langweilige Gegenwart ertragen musste?
Endlich gelang es ihr, sich unbemerkt von der Gruppe zu entfernen. Sie schlüpfte zwischen zwei Rosenbüschen hindurch und gelangte auf einen anderen Weg, den sie rasch hinunterlief. Erst, als sie die Stimmen hinter sich nicht mehr hörte, wurde sie langsamer und blieb schließlich stehen. Und jetzt? Sie wollte nicht bei diesen minderwertigen Leuten sein, aber sie hatte sich auch nicht überlegt, was sie jetzt tun sollte. Sie sah sich um. Ja, warum blieb sie nicht hier? Hier war es schön...
Im Blauen Palast gab es viel zu sehen, sehr viel, aber nur sehr weniges sprach Mingming an. Aber dieser Garten hatte etwas Zauberisches, Feenhaftes, das sie anzog. Langsam ging sie weiter. Es war still bis auf das Zwitschern von ein paar Vögeln, den Wind in den Ranken und ihre Schritte, die auf dem hellen Kies knirschten.
Verträumt betrachtete sie die großen, farbigen Blüten der Rosen, rote, weiße, pinke, rosarote, gelbe, blaue. Es gab sie in allen Farben und Schattierungen. Die Blütenkelche waren so groß wie eine ihrer zarten Hände und unter ihren Fingern fühlten sie sich wunderbar weich und seidig an. Welch herrlicher Ort! Solch wunderbare Rosen hatte sie noch nie gesehen.
Leise, flüsternde Stimmen rissen sie aus ihrer verträumten Betrachtung der Pflanzen. Sie blieb stehen und legte den Kopf schief. Wer mochte das sein? Vielleicht einige der minderen Menschen, die sie eben hinter sich gelassen hatte und deren Gesellschaft sie im Moment nicht ertragen konnte? Vielleicht nahm sie doch besser diesen anderen Weg dort drüben...
Ein silberhelles Lachen riss sie aus dieser Überlegung. Sie verwarf sie sofort. Dieses helle Lachen kannte sie. Es hatte sie verzaubert, ebenso wie alles andere an dieser Person. Vorsichtig trat sie näher heran und bald konnte sie durch einige Ranken auf einen kleinen Platz sehen.
Unter einem überhängenden Rosenbusch stand eine kleine, weiße Bank aus schwarzgeädertem Marmor. Zwei Schritt entfernt erhob sich die große, schlanke Gestalt eines muskulösen Mannes in Harnisch und Wappenrock. Sie trug ein langes Schwert und einige Dolche offen am Gürtel, hatte kurzes, braunes Haar und ein verschlossenes Gesicht mit scharfen Augen. Ein Königsschwert.
Zwei Mädchen saßen auf der Bank, beide etwa in ihrem Alter. Mingming kannte sie, sie waren ihr schon beim Empfang vorgestellt worden. Eine war Lady Emily. Sie war klein und hässlich, ihr Haar kurz und von einer grässlichen Farbe und ihr Körper sehr knabenhaft. Nein, mit Lady Emily konnte Mingming nicht viel anfangen, auch wenn sie einen hohen Stand in Thissalia hatte. Aber Mingming hasste nun mal Hässlichkeit.
Die andere Person war Prinzessin Gailanna und sie erschien der Sängerin in der Gegenwart der Lady so viel schöner und herausragender noch als in anderer Umgebung. Es war für Mingming unverständlich, wie Gailanna, dieses wunderbare, beinahe perfekte Geschöpf, sich mit einer Kreatur wie Emily abgeben konnte.
Aber...das hatte Gailanna selbst zu entscheiden. Sie war groß, die Prinzessin, groß und schlank und ihr langes, glattes Haar war rot wie Korallen und gold wie die Sonne und reichte ihr bis zu den Hüften. Im Moment trug sie es zu einem geschmeidigen Zopf geflochten, der ihr dick wie ein Seil über die Schultern fiel. Es schimmerte in allen Nuancen von Rot und Gold, je nachdem wie die Sonne darauf schien.
Ihre Haut dagegen war weiß und zart wie die Blütenblätter einer Lilie und die Adern schimmerten bläulich auf ihrer Handrücken. Ihr Gesicht war schmal und zart, ihre Lippen rot wie die Rosenblüten hinter ihr und ihre Augen strahlen blau wie Kristalle.
Sie sah aus wie ihre Mutter und ihr älterer Bruder, aber sie hatte im Gegensatz zu ersteren noch ihre Jugend und ihr fehlte alles Eisenharte, Eiskalte und Gefühllose, was letzterer stets aufwies.
Sie war wie eine Blume, zart und schön und nicht dafür geschaffen, der harten Umwelt ausgesetzt zu werden. Kein Wunder, dass man sie überall nur ,die Lilie' nannte, denn sie war wirklich eine Lilie, wunderschön und unschuldig.
Mingming war ihr vom ersten Augenblick an verfallen. Sie wusste schon immer, dass sie Männern, diesen ungehobelten, groben Geschöpfen, nichts abgewinnen konnte und ihr Herz und ihr Körper sich nur von Frauen angezogen fühlte. Von Frauen wie Gailanna.
Als sie die schöne Prinzessin beim Empfang zum ersten Mal gesehen hatte, war es sofort um sie geschehen gewesen. Die Schönheit der Prinzessin hatte ihr den Verstand geraubt. Normal war sie es, die alle anderen um den Finger wickelte, aber die Prinzessin hatte sie gefangen, nicht umgekehrt. Und diesmal ließ sie sich gern gefangen nehmen.
Das helle Lachen der Prinzessin klang wieder zur ihr herüber, so hell und lieblich wie der Gesang einer Nachtigall. Die beiden jungen Damen auf der Bank kicherten und steckten ihre Köpfe zusammen.
Dann wurden ihre Gesichter plötzlich ernst und ruhig und sie tuschelten miteinander, so dass Mingming kein Wort verstehen konnte. Dann klang plötzlich klar die Stimme der Prinzessin zu ihr. "Aber das ist doch unmöglich durchzuführen!"
"Nein.", antwortete Lady Emily bestimmt. "Es ist möglich. Wenn meine Berechnungen stimmen, dann..." Sie senkte die Stimme, so dass Mingming wieder nur ein Tuscheln vernahm. Aber das war der Sängerin egal. Sie hielt es sowieso für besser, sich jetzt bemerkbar zu machen.
Vielleicht kam sie ja mit der Prinzessin ins Gespräch. Gailanna musste ihren Gesang vorhin gehört haben. Es ging gar nicht anders! Und von Gailanna würde sie Gratulationen zu ihrer tollen Stimme und ihrem wunderbaren Gesang entgegennehmen.
Sie schlich leise wieder den Weg zurück, den sie gekommen war und schlug einen Bogen, so dass sie sich der Bank, auf der die Prinzessin mit ihrer Begleiterin saß, von der anderen Seite her näherte. Ihre Schritte knirschten im Kies, so dass die beiden sie hören mussten.
Wirklich, ihre Gesichter waren nicht mehr so ernst wie vorhin, sondern sie kicherten vor sich hin und sahen auf, als Mingming näher trat. Das Königsschwert hatte die Hand am der Waffe, rührte sich aber ansonsten nicht. Anscheinend hielt es Mingming nicht für eine Gefahr. Was sie natürlich auch nicht wahr und gar nicht sein wollte.
Über das Gesicht der Prinzessin huschte ein liebreizendes Lächeln, währen Lady Emily nicht wirklich begeistert dreinblickte. Kein Wunder, wenn man so aussah, und dann mit jemandem konfrontiert wurde, der Mingmings Aussehen hatte. Vor allem, wenn man neben einem anbetungswürdigen Geschöpf wie Gailanna saß und dessen Aufmerksamkeit wollte. Die war Mingming sicherer als der unscheinbaren Emily.
Die Sängerin knickste tief vor der Prinzessin, die sich erhob und freundlich lächelte: "Lady Mingming! Ich freue mich, Euch endlich persönlich kennen zu lernen! Ich habe schon soviel von Euch gehört und weil ich vorher Eurem wundervollen Gesang gelauscht habe, kann ich sicher sagen, alles, was man über Euch erzählt, ist nicht übertrieben."
Mingming errötete sittsam und lächelte zurück. "Ich danke für Euer Kompliment, Mylady. Ich..."
Gailanna trat auf sie zu und nahm sie bei der Hand. "Ach, kommt, Lady, setzt Euch zu uns. Ich bin sicher, es gibt viele Dinge, über die wir uns unterhalten können."
"Gerne, Prinzessin, wenn es Euch so beliebt." Mingming wäre am liebsten jubelnd umhergehüpft, aber das gehörte sich nicht für eine Dame wie sie. Darum knickste sie noch einmal leicht und warf Gailanna erneut ein kokettes Lächeln zu.
Die Prinzessin strahlte zurück und führte sie näher zur Bank und dem darauf sitzenden Mädchen. "Dies, Lady Mingming, ist Lady Emily, eine gute Freundin von mir."
Die orangehaarige Genannte erhob sich und knickste zur Begrüßung. Mingming tat es ihr gleich. Immer an die Etikette denken. Niemals eine Regel des Anstandes vergessen. Das war der Untergang in der höfischen Welt. Und für Mingming war nichts schlimmer als dieser Untergang. Dabei war es ganz egal, ob ihr Gegenüber ein engelsgleiches Wesen wie Gailanna war oder eine hässliche Kreatur wie Emily. Ganz egal. Nur die Etikette war zu beachten.
Die Prinzessin hieß ihr, sich zu setzen und Mingming nahm dieses Angebot dankend an. "Lady Mingming, ich kann Euch gar nicht sagen, wie ergriffen ich von Eurem Lied vorhin war. Es war so schön!", schwärmte Gailanna und plapperte noch weiter vor sich hin.
Mingming hörte ihr nicht zu. Sie ließ den Redefluss der Prinzessin an sich vorbeischwappen und war viel zu sehr damit beschäftigt, das liebliche Gesicht der anderen zu bewundern, ihre elegante Haltung und ihre anmutigen Bewegungen.
Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, Gailanna anzuhimmeln, als dass sie die Worte realisieren könnte, die die Prinzessin sprach. Sie antwortete automatisch auf die gestellten Fragen, mit einem kurzen Satz, einem Nicken und einem freundlichen Lächeln. Sie fühlte sich, als wäre sie im siebten Himmel.
Erst als sich auch Lady Emily einschaltete, wurde sie auf den Boden der Realität zurückgeholt. "Ich muss wirklich sagen, Lady Mingming, Gailanna hat recht." Mingming wandte sich beinahe beleidigt um. Wie konnte dieses ordinäre Mädchen sich herausnehmen, die Prinzessin einfach so unterbrechen?! Sie zeigte ihre Entrüstung natürlich nicht - wie hätte das denn ausgesehen? - sondern lächelte wieder höflich. "Ja?"
Emily rang sich ein Lächeln ab. "Ja. Euer Gesang ist wirklich liebreizend." Wie konnte sich dieses hässliche Ding anmaßen, ihr dies zu sagen? Hatte Emily überhaupt eine Ahnung von guter Musik?
"Ich danke Euch.", antwortete Mingming noch immer lächelnd. Sie hatte das Gefühl, ihr Gesicht war zu einer freundlichen Maske erstarrt.
"Aber, aber, Lady Mingming." Gailanna zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich und die Engelsstimme drehte sich bereitwillig wieder um. "Würdet Ihr uns noch etwas vorsingen? Bitte, ich würde Eure Stimme noch gerne einmal hören!"
"Wenn Ihr mich so fragt, Lady Gailanna, wie könnte ich da ,Nein' sagen? Aber ich bin sicher, Ihr werdet noch öfter Gelegenheit haben, meinem Gesang zu lauschen. Wir werden ja voraussichtlich noch eine Weile hier in Rhiawen bleiben."
"Oh, ja, ich weiß. Aber so eine Gelegenheit darf man sich nicht entgehen lassen, wenn die Engelsstimme von Sheyai vor einem so kleinen Publikum wie uns singt."
//Für Euch würde ich auch singen, wenn niemand anderes da ist.//, schoss es Mingming durch den Kopf, aber sie sagte nur: "Ihr erweißt mir eine Ehre." Anmutig erhob sie sich und trat einige Schritte von der Bank weg, ehe sie die Stimme hob.
Ihr Gesang war erst leise, wie testend, wurde dann aber etwas lauter. Aber nicht zu laut. Sie wollte ja keine herumstreunenden Leute anlocken, sondern einzig und allein für die Prinzessin singen. Dass das Königsschwert und Lady Emily ebenfalls zuhörten, ignorierte sie. Gailanna hatte sie gebeten zu singen und Mingming sang.
Es war ein altes Liebeslied aus Sheyai und sie wusste nicht, ob Gailanna die Worte verstand. Die Prinzessin sprach war ihrer Sprache, aber über die Jahrhunderte hatte sich die Aussprache doch verändert. Mingming hatte dieses Lied aus zwei Gründen gewählt: Erstens, weil es eben ein Liebeslied war und sie wollte der Prinzessin zumindest so sagen, wie ihre Gefühle waren.
Zweitens - und das war der wichtigere Grund - weil es ein sehr schönes Lied war, das ihre Stimme voll und ganz beanspruchte, Töne von ungeahnter Höhe wurden ihren Lippen entlockt und ihr Gesang war von solcher Sehnsucht, Liebe und Trauer, dass der Prinzessin Tränen in die Augen traten und sie ganz rührselig dreinschaute.
Sie hielt die Hände zusammengepresst an die Lippen und klatschte schließlich, als Mingming endete. Auch Emily klatschte, aber Mingming ignorierte sie. Alles, was zählte, war, dass sie die Prinzessin beeindruckt hatte. Und das war durchaus der Fall, es sei denn, Gailanna war eine hervorragende Schauspielern.
"Oh, ich bin wirklich begeistert. Ich wünschte, wir könnten das wiederholen, aber Ihr habt sicherlich besseres zu tun, als einem kleinen Mädchen wie mir etwas vorzusingen."
"Aber nein, Herrin Gailanna, wenn Ihr wünscht, ich möge noch mehr für Euch singen, so werde ich es tun. Es ist mir eine besondere Ehre, dass der Prinzessin von Thissalia mein Gesang gefällt." Über Gailannas Gesicht huschte kurz ein Schatten, aber er verschwand so schnell wieder, dass Mingming sich fragte, ob er überhaupt da gewesen war. Und wenn, was ging es sie an?
Gailanna schien sich darüber zu freuen, dass Mingming dieses Angebot gemacht hatte, und erhob sich. Sie hakte sich bei der Sängerin unter. "Komm, ich muss Euch unbedingt ein paar Orte im Palast zeigen, die Euch sicherlich gefallen werden."
Mingming lächelte und dankte und zeigte nichts von der inneren Freude, die sie verspürte und die ihr beinahe die Brust sprengte. Die Prinzessin wollte sie als Freundin haben! Na, wenn das kein Fortschritt war. Gailanna blickte kurz über die Schulter zurück. "Emily, ich komme später wieder zu dir, dann können wir unser Gespräch fortsetzen."
"Natürlich, Gailanna." Emily lächelte und lehnte sich gemütlich zurück. Aber auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, als hätte sie die Prinzessin lieber zurückgehalten. Mingming hätte ihr am liebsten die Zunge herausgestreckt, aber das tat man nicht, also knickste sie nur höflich und verabschiedete sich von der orangehaarigen Lady um sich von Gailanna durch den Rosengarten führen zu lassen. Das Königsschwert folgte ihnen wie ein Schatten.
Die Prinzessin plapperte fröhlich auf sie ein, während sie gemütlich die gekiesten Wege entlangspazierten, aber diesmal hörte Mingming zu. Waren die Worte der Angebeteten nicht ebenfalls wichtig? Sie ging wie auf Wolken. "Werdet Ihr die Jagd begleiten, Mingming?"
"Die Jagd?" Einen Moment war die Angesprochene verwirrt, dann erinnerte sie sich vage daran, dass König Eskander jedes Jahr eine Herbstjagd in den Nachtgesang veranstaltete, bei der Adlige und Gäste sich austoben konnten. Natürlich waren auch beide Delegationen aus Sheyai und Shinazu eingeladen worden.
Aber Mingming hatte die Einladung sofort wieder vergessen. Für sie war eine solche Jagd nichts. Was sollte sie da? Tiere und Wilde ließen sich nicht von Gesang beeindrucken und spendeten ihr weder Beifall noch Bewunderung. Außerdem würde es ungemütlich, dreckig und kalt werden. Nein, auf eine Jagd würde sie auf keinen Fall gehen. Das war nichts für sie. Aber wenn Prinzessin Gailanna...
"Ich weiß nicht.", antwortete sie darum. "Ich habe mich noch nicht entschieden."
"Nein?" Gailannas Stimme klang erstaunt. "Ich dachte nicht, dass so etwas Euch gefällt, Lady. Ich für meinen Teil werde nie verstehen, was man daran finden kann, auf stinkenden Pferden durch grässliche, dunkle Wälder zu reiten und arme Tiere zu suchen, die man töten kann." Sie wedelte mit der Hand. "Ich werde niemals so eine barbarische Jagd mitmachen. Ach, Lady, bleibt doch hier. Wenn Ihr im Nachtgesang seid, wie könnt Ihr dann für mich singen?"
Mingming blickte auf. Jetzt einzuschränken wäre lächerlich. Aber wie sie so in das schöne Gesicht der Prinzessin sah, konnte sie nicht anders als zu sagen: "Wenn Ihr wünscht. Ich war nur unentschieden, weil mich so viele gefragt haben. Aber da Ihr mich so darum bittet..."
"Oh, Mingming, ich bin sicher, wir werden viel Spaß haben, während es dort oben im Norden eiskalt und ungemütlich sein wird." Sie lachte hell und wies Mingming den nächsten Weg nach rechts.
Was hatte er bloß falsch gemacht? Warum hatte man gerade ihn weggeschickt? Warum nicht einen der anderen? Warum ihn? Ivan lief ärgerlich den Gang hinunter. Er hatte einen freien Tag. Weil Prinz Yuriy bei der Ratsversammlung saß und man ihn nicht benötigte.
Die anderen vier standen Wache, zwei vor den Türen der Halle, zwei innerhalb des Saales und Sergej unmittelbar hinter dem Prinzen. Zumindest glaubte Ivan das, denn er hatte die Ratshalle nicht betreten. Michael hatte ihm mitgeteilt, dass seine Dienste heute nicht benötigt wurden und war dann wieder verschwunden.
Und jetzt? Jetzt wanderte Ivan unruhig durch die langen Gänge des Blauen Palastes und fragte sich, was er nur falsch gemacht hatte. War er so viel schlechter als die anderen? Oder war es wegen seiner Größe? Oder... Er blieb stehen ...war es Michael, der ihn dafür ausgewählt hatte, heute nicht Wache zu stehen für den Prinzen? Dann war es klar, dass es Ivan war, der weggeschickt wurde. Michael hasste ihn.
Aber...wenn es doch Yuriy gewesen war? Was hatte er falsch gemacht, bei den Göttern?! Was nur? Endlich erreichte er die schmale Tür, die in den kleinen Garten führte. Es war einer von Ivans Lieblingsplätzen, denn hierher kam selten jemand und er hatte seine Ruhe.
Der Garten war eingeklemmt zwischen zwei hohen Mauern von Gebäuden. Sie waren fensterlos und nur die kleine Tür gestattete einen Zugang hinein. Wahrscheinlich hatten die Architekten diesen Platz einfach übersehen und sich hinterher gefragt, was man damit anstellen konnte, ehe sie die Bäume und Blumen hineingepflanzt hatten.
Es war dunkel und kühl hier, was an den eng beieinander stehenden Häusern lag und weiter hinten führte es scharf ums Eck und endete in einem spitzen Winkel, wo sich zwei Wände vereinigten. Ein schmaler Pfad führte zwischen Büschen und Bäumen quer durch den gesamten Garten.
In der Mitte war ein kleiner Platz mit einem Brunnen angelegt worden. Kleine Blumen schoben ihre Köpfe aus dem dichten Gras heraus. Es war einer der stillsten und einsamsten Plätze im Blauen Palast und darum liebte Ivan ihn.
Manchmal ging ihm der ganze Rummel und das Herumgerenne im Palast selbst auf die Nerven. Dann zog er sich an einen Ort wie diesen zurück und setzte sich unter einen der Bäume um zu faulenzen, zu lesen oder sich um seine Waffen zu kümmern. Hier hatte er Zeit.
Genüsslich schloss er die Augen und atmete tief den Geruch von Erde und Pflanzen ein, dann folgte er dem Weg bis zu dem kleinen Platz. Hohe Bäume umgaben ihn wie einen Hain, Gras wuchs unter ihnen und er war der einzige Ort, an dem die Sonne hin und wieder gelangen konnte. So wie jetzt auch.
Ivan ließ sich ins Gras fallen und starrte in den Himmel hoch. Er hatte doch wirklich nichts falsch gemacht bei seiner Aufgabe als Königsschwert, oder? Er war immer gehorsam und wachsam gewesen, hatte niemals widersprochen oder geredet, wenn es nicht sein sollte.
War es, weil er am Anfang so unverschämt gewesen war? Als der Prinz die Königsschwerter holen gekommen war? War er doch zu dreist gewesen? Aber er hatte eigentlich das Gefühl gehabt, dem Prinzen war das nicht unrecht gewesen. Er hatte das Gefühl gehabt, der Prinz war lieber mit Leuten wie ihm zusammen als solchen, die still in sich hineinschwiegen und dumme Gedanken hatten.
Dann war es doch wegen seiner Größe. Jeder achtete auf seine Größe. Das war nie anders gewesen. Aber wem sollte es auch nicht auffallen? Wenn man mit jemandem sprach, zu dem man hinabblicken musste - wer würde es nicht merken? Früher hatte er alle Götter darum gebeten, ihn wenigstens noch ein kleines Stück wachsen zu lassen. Aber sie hatten ihn nie erhört und er war immer klein geblieben.
Ein Zwerg unter normal gewachsenen Leuten.
Ein Zwerg unter Kriegern.
Ein Zwerg unter Soldaten.
Gut, die Leute respektierten ihn, denn er war ein Königsschwert. Es gab auch viele Leute, die ihn mochten, denn er war nicht der, dem man einen unangenehmen Charakter zusprach, auch wenn er manchmal sehr still und manchmal sehr grob und manchmal sehr kalt war. Aber das nahmen sie teilweise sogar gern in Kauf. Und wenn nicht, dann ließen sie ihn zu diesen Zeiten allein, was ihm sowieso am liebsten war.
Also, was ließ Yuriy ihn ausschließen? Es musste doch seine Größe sein... Aber an dem Tag, an dem sie sich zum ersten Mal wirklich gegenüber gestanden waren, hatte Yuriy ihn zwar ,Kleiner' genannt, aber es war nicht so gewesen, als wollte er ihn verspotten. Also, die Größe auch nicht.
Was hatte er dann falsch gemacht? Oder war es doch Michael gewesen, der ihn ausgewählt hatte, bei der Ratssitzung nicht Wache zu stehen? Es musste, es musste einfach so sein. Er wollte nicht der Schlechteste der fünf Königsschwerter sein. Er wollte seinem Prinzen dienen bis in den Tod. Er wollte ein gutes Königsschwert sein.
Ivan runzelte die Stirn. Wann war dieser Wund in ihm erwacht? Zuerst wollte er nur beweisen, dass er der Sohn seines Vaters war und ein ebenso guter Soldat werden konnte wie dieser. Dann wollte er zeigen, dass er trotz seiner geringen Größe ein guter Krieger und ein gutes Königsschwert war.
Das hatte ihm doch gereicht, oder nicht? Warum war es jetzt plötzlich anders? Warum wollte er jetzt zeigen, dass er ein Königsschwert war, das dem Eisprinzen würdig war? Denn das wollte er, mehr als alles andere. Er wollte das Königsschwert des Wolfes sein. Er wollte eine seiner Tatzen, einer seiner Reißzähne sein und dem Prinzen gehorchen und seine Aufträge ausführen. Bis in den Tod.
Wann war dieser Wunsch in ihm erwacht? Als der Prinz ihn ,Kleiner' genannt hatte, ohne es spöttisch zu meinen? Als der Prinz ihn aufgefordert hatte, zu sprechen, auch wenn er so unverschämt gewesen war? Als er dem Prinzen gedient hatte, die letzten Wochen hindurch?
Er wusste es nicht. So viel er auch nachgrübelte, er kam nicht darauf. Mit einem Seufzend setzte Ivan sich auf und zog sein Schwert. Wie auch immer es war, er wolle seinem Gefühl, seinem Herzen folgen, was ihm beide sagten, er sollte immer loyal und treu zu dem Prinzen stehen und nicht zu jemand anderem.
Er erhob sich auf die Knie und stellte das Schwert mit der Spitze auf den Boden. Einen Schwur. Das war es, was er tun konnte. Um zumindest sich selbst zu beweisen, dass er weder zu schwach noch zu klein war, auch wenn er es niemandem würde sagen können.
Wenn das herauskam... Ein Königsschwert musste immer und immer auf die Befehle seines Königs hören und auf die seines Oberherrn, wen auch immer der König dafür bestimmt hatte. Wenn Yuriy ihm einen Befehl gab, der anders lautete... Er würde für immer verdammt sein, aber das störte ihn im Moment nicht.
Er wollte es sich beweisen und den Göttern und allen, die ihn verspotteten, dass er zumindest in einer Hinsicht größer war als sie alle, dass sein Mut und sein tapferes Herz größer waren als das ihrige. Er würfe nicht versagen, er würde größer sein als sie.
Kurz schloss er die Augen, um das Verlangen, sich selbst auszulachen, zu unterdrücken. Er war hier doch der Kleinste. Wie konnte er da der Größte sein? Aber nur sein Körper war klein. Was sagte seine Gestalt schon über den Charakter aus? Wenn das so wäre, dann müsste Michael ein kleiner, hässlicher Krüppel sein, war es nicht so? Also, was sprach dagegen, dass er vom Mut her größer war als sie?
Seine Finger schlossen sich fester um das Heft seines Schwertes und er senkte den Kopf, noch immer mit geschlossenen Augen. "Mein Schwur... allein für den Prinzen, den Wolf. Zu kämpfen, zu handeln, zu töten, zu sterben. Ich will sein Reißzahn sein, seine Pranke. Ich will für ihn einstehen und ihm gehorchen. Ich will..."
Das Klappen der Tür ließ ihn schlagartig verstummen. Er fuhr auf und sah sich beinahe gehetzt um. War jemand gegangen oder war jemand gekommen? War jemand hier gewesen, als er gekommen war? Hatte ihn jemand gehört?
Gut, es war ziemlich unwahrscheinlich, dass hier jemand herkam, aber hin und wieder traf er doch auf einige Leute, Diener oder Soldaten oder wen auch immer. Und ob ihn jemand gehört hatte... Er hatte zwar ziemlich leise gesprochen, aber was bedeutete das schon?
Er war viel zu unvorsichtig gewesen! Wenn ihn jemand gehört hatte, wer wusste schon, wie seine Strafe aussehen würde? Dieser Schwur stand im Gegensatz zu seinen Pflichten als Königsschwert.
Er schüttelte den Kopf. Jetzt war nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, was geschehen wäre, wenn er vorsichtiger gewesen wäre. Jetzt war die Zeit, sich zu fragen, ob die Person eben gekommen oder gegangen war. Er legte den Kopf schief und lauschte. Aber er hörte nichts. Währenddessen schob er vorsichtig das Schwert in die Scheide zurück, ließ es zwischen zwei Fingern entlang gleiten, damit es nicht dieses schleifende Geräusch verursachte, das sonst immer zu hören war.
Da war niemand. Verdammt! Da hatte jemand den Garten verlassen. Wer konnte das gewesen sein? Hatte er ihn gehört? Verdammt! Er kam in Teufels Küche...
Die Gestalt, die plötzlich zwischen den Bäumen auftauchte, ließ ihn zusammenzucken und hochfahren. Die Person war klein, noch kleiner als er und bewegte sich mit einer lautlosen Geschmeidigkeit, die kein Blatt zum Rascheln brachte.
Ivan riss die Augen auf. Wer war das? Er hatte diese Person noch nie hier gesehen. Kurz darauf erreichte die Gestalt die Lichtung und trat ins Sonnenlicht, so dass Ivan sie besser sehen konnte.
Es war ein Junge, kaum jünger als er selbst. Er trug weite, fließende Kleidung aus Stoff und einen langen Dolch am Gürtel. Seine Füße steckten in schweren Stiefeln, die gar nicht zu ihm zu passen schienen. Sein langes Haar hatte einen starken Grünstich und war am Hinterkopf zusammengebunden. Nur eine Ponysträhne fiel ihm ins Gesicht und verdeckte sein linkes Auge.
Er stoppte abrupt, als er den halb knienden Ivan bemerkte, der in durchdringend anstarrte. Ivan erkannte, dass seine Augen golden sein mussten, golden wie die einer Katze. Der andere musste einer der Neko-jin sein, die mit den Sheyai gekommen waren. Einen Moment schwiegen beide, starrten sich nur an.
Dann räusperte sich der andere. "Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass hier jemand ist. Ich werde wohl wieder gehen..."
"Nein. Ihr müsst nicht gehen, wenn Ihr nicht wollt."
Das sichtbare Auge des Sheyai weitete sich erstaunt, aber er fing sich rasch wieder. "Äh...ich weiß nicht."
Ivan erhob sich. "Ihr stört mich nicht. Außerdem gehört dieser Garten ja nicht mir."
"Hm." Dann lächelte der andere plötzlich und verbeugte sich auf die Art der Sheyai höflich. "Mein Name ist Kevin. Ich gehöre zu der Delegation aus der Stadt des Himmels und bin als einer Begleiter von Lord Rei hier."
Verdutzt starrte Ivan ihn kurz an, während der andere sich wieder aufrichtete. Er hatte doch nicht nach einer vollständigen Vorstellung gefragt! Aber...wie der Junge ihn so freundlich anlächelte, konnte er einfach nicht anders. Er verbeugte sich ebenfalls leicht. "Ich bin Ivan." Er zögerte einen Augenblick, ehe er hinzufügte. "Ich gehöre zu den Königsschwertern."
"Ha!" Der plötzliche Ausruf des anderen ließ ihn zusammenzucken. "Ich wusste doch, dass ich Euch schon einmal gesehen habe! Ihr wart bei dem Ritt zu diesem Schmied dabei, als einer der Wachen von Prinz Yuriy, nicht?"
Ivan blinzelte. "Ja..." Er wusste gar nicht was er sagen sollte.
Der Junge kam rasch näher, er hüpfte beinahe. Alles an ihm war von überschäumender Energie, von einer Lebendigkeit, wie Ivan sie nie gesehen hatte. Es schien, als lebe der Junge nur für sich, für sich und die Freude, am Leben zu sein. Dabei störte er sich nicht an den Anderen, nicht an ihren Reden oder ihren Taten. Er freute sich einfach, am Leben zu sein.
Kevin ließ sich neben ihm in das Gras plumpsen. "Ich dachte, Ihr müsstet den Prinzen bewachen?", fragte er dann neugierig und strahlte mit freundlichem Lächeln zu ihm auf.
"Nein...heute nicht." Langsam ließ sich Ivan wieder zurück auf den Boden sinken. "Der Prinz sitzt in der Ratsversammlung und benötigt meine Dienste im Moment nicht." Ivan schwieg und dachte über seine Worte nach.
Er würde wirklich lieber bei dem Prinzen sein und sich langweiliges Geschwätz über Politik und Wirtschaft anhören und über die Pläne für die Jagd oder was mit den Fremden aus Thymis geschehen würde, von denen Yuriy Nachricht gebracht hatte.
Dann würde er sich hier wenigstens nicht mit Selbstzweifeln foltern und hätte niemals diesen dummen Schwur gesprochen. Einen Schwur, den er zwar nicht hatte beenden können, den er aber trotzdem einhalten musste. Er konnte doch keinen Eid brechen! Nicht einmal einen, den er nicht beendet und den er in irgendeinem verrückten Wahn gesprochen hatte!
"Ach so.", antwortete Kevin gut gelaunt. "Du...Ihr kommt wohl öfter hierher?"
Ivan zögerte einen Moment. Aber nicht wegen der Frage. "Ja. Wenn ich meine Ruhe haben oder über etwas nachdenken will."
"Ach so. Dann störe ich wohl? Ich kann wieder gehen." Kevin erhob sich, aber aus irgendeinem Grund wirkte er beinahe enttäuscht.
"Nein, nein, du kannst ruhig hier bleiben." Das Königsschwert schüttelte den Kopf, dann wurde ihm bewusst, was es gesagt hatte und fügte hinterher: "Ihr. Ich meine, Ihr könnt ruhig dableiben."
"Ihr könnt ruhig ,du' zu mir sagen. Ich bin erst fünfzehn und außerdem nicht bedeutend." Kevin wedelte mit der Hand und ließ sich nach hinten sinken. "Und? Ist das anstrengend?"
"Was?"
"Königsschwert zu sein?"
"Hmhm." Ivan dachte nach. Später konnte er nicht mehr sagen, wie es dazu gekommen war, aber er bereute es nie, Kevin diese Dinge erzählt zu haben, die er jetzt aussprach. Er wusste, dass es Kevin ebenso ging, auch wenn sie sich teilweise sehr persönliche, vertrauliche Dinge erzählten.
Ivan würde nie sagen können, wie es dazu kam. Nie, aber er war froh darüber, denn es schuf ein seltsames Band zwischen ihnen, etwas zwischen Vertrauen und Fremdsein, denn sie kannten sich zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie waren sich vorher nie begegnet, doch etwas verband sie, etwas seltsames, was Ivan noch nie gespürt hatte.
Auf jeden Fall aber genoss er diesen Nachmittag in seinem kleinen, geheimen Garten, den so selten jemand besuchte. Den ersten Nachmittag, den er in der Gesellschaft von Kevin verbrachte, redete und lachte ohne an den Morgen zu denken, den nächsten Tag oder die nächste Stunde. Den ersten Nachmittag, den er verbrachte ohne an seine Probleme zu denken oder an seine Größe, die ihn immer so verfolgt hatte. Der erste Nachmittag, an dem er Stunden glücklich war und nicht nur Momente.
Vielleicht bereute er es nicht einmal, dass er nicht bei Yuriy Wache halten musste, sondern hier saß bei Kevin und mit ihm redete und lachte wie noch nie.
Dieser Garten hier war wirklich schön. Schöner als alle anderen, ihrer Meinung nach. Sie hatte ihn erst vor kurzem entdeckt, es war keine drei Tage her, da war sie plötzlich darin gestanden, in diesem wunderbaren Garten.
Er war noch schöner als der Rosengarten einige Flure weiter oder der große Garten um das Schloss herum mit den weiten Wiesen und den gepflegten Bäumen und Beeten. Dieser Garten hier war anders.
Er war klein. Nun, nein, nicht wirklich klein, aber relativ gegenüber den anderen Gärten im Blauen Palast gesehen schon. Seine Mitte war ein kleiner Teich, in dem Fische und Seerosen schwammen und überall erhoben sich Büsche, hin und wieder eine hohe Birke oder Lerche.
Aber die Sträucher waren das besondere an diesem Garten, Flieder, Heckenrosen, Schlehen, Weißdorn, Himbeeren, Brombeeren, Pfaffenhütchen, Schneeball. Sie wuchsen überall und es waren so viele verschiedene. Im Frühjahr musste dieser Garten hier wahrlich lebendig sein und auch sehr bunt, wenn die Pflanzen in voller Blüte standen.
Was sie noch an diesem Garten begeisterte, war, dass es Sträucher waren, die in dieser Gegend auch in freier Wildbahn wuchsen, sozusagen keine wertvollen Pflanzen. Natürlichkeit umgab sie und das machte sie für Mao interessant. In den letzten Tagen war sie gern und oft hierher gekommen, wenn sie allein sein wollte und auch einfach nur so.
Außerdem würde sie bald sowieso nicht mehr herkommen, zumindest eine gewisse Zeit nicht mehr. Denn sie würde die Jagd begleiten. Natürlich würde sie mit zur Jagd kommen. Wenn man schon so etwas anbot und dann auch noch erwähnte, jeder durfte mitkommen, der wollte?
Man hatte nicht gesagt, die Frauen und Mädchen mussten zu Hause bleiben, was sie sicherlich ignoriert hätte, wenn es so gewesen wäre. Sie wollte mit auf diese Jagd.
Wer stellte denn eigentlich diese blöden Regeln auf, die das weibliche Geschlecht in seinen Handlungsräumen so einschränkten? Das waren doch sicher keine Frauen, oder? Nur Männer konnten auf solch dumme Ideen kommen. Beinahe hätte sie gelacht. Wer auch sonst?
Sie hatte Rei und Lai nicht wirklich bearbeiten müssen, um auch ihnen diese Erlaubnis abzuringen. Außerdem hatte sie gehört, selbst thissalische Damen würden mitreiten und das jedes Jahr. Viele der Ladys ritten mit, auch die hübsche, kleine Freundin des Prinzen, die Schwester seines Freundes, wie Mao gehört hatte. Prinzessin Gailanna und ihre Schwestern allerdings schienen nicht allzu viel davon zu halten.
Dafür, so hatte Mao gehört, würde der Magiermeister Raphael Hiwatari sie begleiten, eine Ausnahme, denn wie sie das verstanden hatte, ritt Meiser Raphael nicht wirklich oft mit. Genauso wie Prinz Yuriy, der die Jagd diesmal anführen sollte. Das war jedoch die ,Schuld' der Delegationen. Man konnte die Führung eines solchen Ereignisses nicht wirklich irgendwem überlassen, wenn ausländische, wichtige Leute mitreiten würden.
Sein Freund, Ritter Bryan, würde ebenfalls mitkommen, ebenso wie Fürst Robert und Meister Olivier, mit dem sie schon Bekanntschaft geschlossen hatte. Rei und Lai hatten sich ebenfalls angeschlossen. So ein Ereignis würde sich keiner von den beiden entgehen lassen, ebenso wenig wie viele andere der Sheyai.
Auch Shinazuki würden sie begleiten, sie hatte gehört wie sich Lord Hitoshi mit seinem Großvater darüber unterhalten hatte. Soweit Mao das verstanden hatte, würden Hitoshi und sein kleiner Bruder Takao, sowie dessen Freund Max mit von der Partie sein.
Mao störte das nicht wirklich. Vielleicht bekamen sie so Gelegenheit, sich ein wenig näher kennen zu lernen? Mao hatte nicht den Eindruck, die Shinazuki wären so schlechte Menschen, wie man das allgemein sagte. Nur, weil ihre beiden Länder im Krieg gelegen hatten, mussten sie sich doch nicht von Grund auf hassen?
Auch wenn Lai nicht besonders begeistert von ihrer Idee war, Freundschaft mit den ,Feinden' zu suchen... Er trug es Takao noch immer nach, in ihm Rosengarten so beleidigt zu haben. Mao kicherte immer, wenn sie daran dachte. Takao, der mit wutverzerrtem Gesicht bereit dazu gewesen war, den größeren und fünf Jahre älteren Sheyai anzufallen. Und Lai, der ebenso zornig zurückgegiftet hatte.
Die Situation wäre wohl nicht halb so lustig gewesen, wenn Rei und sie und auch der kleine Magier Max nicht dabei gewesen wären, denn dann hätte es sicherlich mindestens einen Verletzten gegeben. Aber sie waren nun mal dabei gewesen und hatten sie zurückhalten können. Also, warum nicht darüber lachen?
Vielleicht ergab sich ja auch bei der Jagd eine Chance, dass die beiden sich wieder ein wenig aussöhnten, so unmöglich das auch jetzt schien. Aber eine Jagd war schon etwas ganz anderes als die Gesellschaft hier im Blauen Palast, der vor Starrheit und Etikette beinahe aus allen Nähten platzte.
"Ah, hier bist du also!" Mao drehte sich auf der Bank um, um den Sprecher anzublicken. Es war Rei. Er lächelte sie freundlich an und trat näher, um sich neben sie zu setzen. "Ich suche dich schon überall."
"Ach ja? Was gibt's denn so besonderes?"
"Nichts. Darf ich nicht einmal mehr meine Verlobte suchen?" Er beugte sich vor und küsste sie leicht. Sofort blieb sie still und erwiderte den Kuss. Natürlich durfte er... Rei durfte alles.
Er löste sich wieder von ihn und zog sie näher zu sich, so dass sie den Kopf auf seine Schulter legen konnte. "Warum sitzt du immer hier herum und starrst Löcher in die Luft? Das passt gar nicht zu dir."
Mao zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Ich glaube, ich möchte einfach etwas Ruhe."
"Ruhe? Du? Dich findet man doch sonst immer dort, wo es am lautesten ist."
Mao lachte. "Aber jetzt möchte ich Ruhe. Weißt du..."
"Hm?"
"...ich glaube, Ruhe wird in Zukunft schwer zu finden sein für uns."
Überrascht blickte er sie an. "Wie kommst du darauf?"
Wieder zuckte sie die Schultern. "Ich weiß nicht. Es ist einfach so."
"Aber..." Rei blieb einen Augenblick still, dann drehte er sich zu ihr und nahm ihre Hände. "Wir sind gerade dabei, den Frieden in Adieneira wieder herzustellen. Warum sollten dann ruhelose Zeiten auf uns zukommen."
Sie lächelte freudlos. "Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich das Gefühl habe, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft keine Ruhe mehr haben werden. Zumindest nicht oft."
Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. "Nein. Ich glaube aber, dass es doch so sein wird."
Sie lachte. "Widersprich mir nicht. Ich kann nichts gegen meine Gefühle. Darum kannst du so oft sagen, wie du willst, dass wir Ruhe haben werden, ich werde es trotzdem erst glauben, wenn ich es selbst erlebe!"
"Mao, red keinen Unsinn."
"Ich rede nicht Unsinn, Rei." Sie entzog ihm ihre Hände. "Wenn ich glauben würde, das wäre Unsinn würde ich, erstens es nicht erzählen, und zweitens mir keine solche Sorgen machen, ist das klar?"
"Aber wir werden Frieden haben. Der Botschafter ist vollauf zufrieden mit den Fortschritten, die wir in den Verhandlungen mit den Shinazuki erzielen. Dem Frieden steht wohl nicht viel im Wege und niemand zweifelt daran, dass es ihn geben wird."
Das Mädchen schüttelte den Kopf und fraget sich in diesem Moment ernsthaft, ob er sie für blöde hielt. Natürlich wusste sie, wie es mit den Verhandlungen aussah. Sie hörte immerhin auch zu, wenn der Botschafter darüber redete und sie konnte zwei und zwei zusammenzählen. Sie war ja nicht blöd.
"Wer sagt denn, dass wir Krieg mit den Shinazuki haben werden? Wer sagt, dass es niemand anderes ist?", fragte sie.
"Mit wem sonst? Den Thissaliern? Oder einem der kleinen Länder, die um uns herum liegen und es nicht wirklich mit uns aufnehmen können?"
"Nein. Ich weiß nicht." Sie war verwirrt. Er hatte natürlich Recht. Keiner der Aufgezählten kam in Frage. Aber da war trotzdem dieses bohrende Gefühl, das sie nicht losließ und das immer stärker wurde. Sie wusste, es würde kein Frieden geben in Zukunft. Ein Sturm würde über Adieneira hinwegfegen, stärker als alles, was sie je erlebt hatten. Und sie konnten nichts tun, um ihn aufzuhalten. Sie konnten keine eine Mauer bauen. Der Sturm würde zu stark sein und er würde Leben fordern. Viele Leben.
"Ach, hier bist du Rei. Hallo, kleine Schwester."
Die drehten sich beide um, um den Näherkommenden anzublicken. "Lai." Sie lächelte und schüttelte die düsteren Gefühle ab. "Was willst du denn hier? Warum störst du unsere idyllische Zweisamkeit?", frage sie scherzend.
Lai lachte. "Nicht freiwillig, oh Schwester, darum verzeih mir mein ungebührliches Eindringen und vergib einem unwürdigen Diener wie mir. Aber der Botschafter lässt nach uns schicken, Rei. Ich bin nur auf der Suche nach dir. Vergib mir, Mao, dass ich dir deinen Verlobten entführe, du bekommst ihn bald zurück."
Sie nickte. Es war ihr lieber so, zumindest im Moment. Dann konnte sie ihren Gedanken nachhängen und ihre letzte Ruhe genießen, bevor es losging. Und Rei konnte sich über das, was sie gesagt hatte, Gedanken machen. Das war kein Problem.
"Also schön." Rei erhob sich und gab ihr noch einen kurzen Kuss auf die Stirn. "Wir reden nachher noch einmal darüber, Mao?"
"Natürlich." Sie nickte und blickte den beiden wichtigsten Personen in ihrem Leben nach, ihrem Bruder und ihrem Verlobten, und wünschte sich, ihr Gefühl würde sie trügen. Aber sie wusste, dass es nicht so war. Ihr Gefühl trog sie selten. Und der Sturm kam...
~~~~~~~
So, jetzt muss ich noch sagen, das nächste Kapitel kommt auch frühestens in drei Wochen. *drop* Aber ich hab im April nunmal schriftliches Abitur, da muss das Schreiben eben ein wenig hinten anstehen.
Aber dafür lad ich noch ein neues Kapitel von Sacrificed Sacrament hoch und noch 'ne neue FF, 7 Worte. Also, wer das lesen will...
Bis dann
Silberwölfin
Grenzkriege
Titel: Feuermond
Teil: 16/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
"..." reden
//...// denken
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So, da hab ich's jetzt doch geschafft, endlich auch dieses Kapitel fertig zu schreiben. Bedankt euch bei meinem Bruder, der mich von diesem Computer verjagt hat. *Bruder Hals umdreh* Sonst hätte ich noch mal Slayerhunting gelesen und das hier gäb's erst in ein paar Tagen.
Das Kapitel ist irgendwie...seltsam. Es gefällt mir, ganz ehrlich, auch wenn sehr viel nicht drin ist. Aber ich wollte diese Stelle nicht lang ziehen, sondern schnell über die Bühne bringen, darum gibt es nur dieses eine Kapitel über Suatha vs. Norag. ^^'''' Aber es ist nun mal für die Story nicht besonders wichtig. Deshalb ist die ganze Sache auch etwas eilig und flach. Ich hoffe, ihr seid mir deswegen nicht böse. Und Schlachten gibt's sowieso noch genug. *drop*
He, sagt mal, was ist mit euch los? Nur vier Kommis? O.O *enttäuscht in die Ecke verkriech* Gefällt's euch nicht mehr? ;_;
**
@ Sonnenblume18: Mir gefällt dieses Pairing nicht. Ich mag Mingming nicht. Und ich hasse Gailanna. TT Aber es ist mein erstes Yuri-Pairing. ^^
Natürlich hat es noch nicht richtig angefangen. Wirst schon sehen. X3 Ich geb Mao oft das 2. Gesicht, nur falls du dich wunderst.
Also, die Suatha haben nichts gegen Homosexualität und bei den Thissaliern bin ich mir noch nicht so sicher. Aber sie stehen - zumindest in adligen Kreisen - dieser Sache eher negativ gegenüber.
@ Diabolo_17: Ach, wenigstens eine, der sich auch über ein Kapitel hierbei freut. ^^ *erleichtert ist* Ich glaube, es gibt nicht wirklich viele Shojo-Ai-Storys bei Beyblade. >.> Das liegt wahrscheinlich auch daran, das es nur sehr wenig Mädchen gibt. Ich kenn den Anime nicht, darum hab ich keine Ahnung, wie ihr Gesang dort klingt. ~.~ Ich weiß nur, dass sie da singt.
Ich geb Mao gern das 2. Gesicht. Hat sie in KMuD auch. Ich mag das Pairing auch. ^^
Weil er einen auf Yuriy abgelegt hat. Er ist ja nicht Yuriys persönliches Königsschwert wie Sergej das ist, sondern ein freies, also eigentlich dem König am treuesten ergeben. Normal sollte es da zwar keine Probleme geben, aber Yuriy und Eskander lieben sich nun mal nicht.
@ tsuki-neco: Ja, irgendwann musst ich mit denen anfangen. Auch wenn ich sie alle beide nicht ausstehen kann. >.>
Ich liebe dieses Pairing auch. Mao hat das 2. Gesicht. Geb ich ihr gern.
Also, das ist oder besser wird ein Pairing sein. War Ares Wunsch, aber ich mags eigentlich auch, also hat ich keine Probleme damit. Ivan hat Komplexe, das sind seine Probleme. ^^''' Kevin hat die nicht.
@ eisokami: *blush* ^///^ Okay, einigen gefällt es doch noch.
Yuriy kommt hier nicht so oft vor, weil ich viel zu viele Personen und Schicksale hab, um die ich mich kümmern muss. In meinen anderen Storys taucht er öfter auf. Aber demnächst komm ich hier zu meinem Part mit Yuriy und Kai und da ist er notwendig. Logisch. -.-
Macht nichts, solange du einen Kommi schreibst...
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Grenzkriege
Das sanfte Schaukeln des Ponyrückens wirkte einschläfernd auf Kai, aber er gleichzeitig war er selten wacher gewesen als jetzt. Es war wie die Spannung vor einem Kampf. Sein Körper war angespannt und doch gelöst, bereit die Schwerter zu ziehen und zuzuschlagen. Ein solches Gefühl hatte er ewig nicht mehr gehabt, nicht mehr so intensiv, denn die Kämpfe, die er in den letzten Monaten ausgefochten hatte, waren Kämpfe mit anderen Suatha gewesen. Das hier war ehrlicher, greifbarer.
Schwertheilige erfuhren schon früh, dass alle Kämpfe ein Gefühl von Freude hervorriefen, aber auch ein solches Gefühl von Spannung und Gelöstheit, aber nur bei richtigen Kämpfen gegen ernsthafte Feinde war es so berauschend wie jetzt. Kai wusste, irgendwo hinter diesen Hügeln, die sich um sie herum erstrecken, verbargen sich Feinde - Norag wahrscheinlich, vielleicht auch eine Gruppe Ausgestoßener oder Räuber.
Vielleicht bemerkten diese sie nicht, vielleicht waren sie auch zu viele für diese, aber vielleicht würde es auch zu einem Kampf kommen. Wie auch immer es war, Kai genoss das Gefühl, das ihn in eine Art Rauschzustand versetzte. Er wusste, er konnte wieder daraus erwachen, wann immer er wollte, aber im Moment war das nicht nötig. Im Moment wollte er es einfach genießen.
Die meisten anderen, die um ihn herum ritten und gingen, hatten es noch nicht gemerkt, aber er erkannte an den Gesichtern der anderen Schwertheiligen dasselbe Gefühl. Es war schon einige Tage her, seit sie Rhiawen verlassen hatten. Sie waren bei den Dörfern von Blitzwolke und Erdwind vorbeigeritten und hatten einige Krieger mitgenommen, insgesamt mehr als siebzig. Das waren nicht wirklich viele, aber mehr als sie erwartet hatten.
Bei Nachtsturm hatten sie nur eine Nacht verbracht, lange genug, dass Ozuma Vorbereitungen treffen konnte, Handelswaren verstaut und Krieger gerüstet werden konnten. Dann waren sie wieder aufgebrochen, diesmal hatten sie alle im Dorf gelassen, deren Fähigkeiten im Kampf zu gering waren oder die nicht benötigt wurden.
Ozuma hatte hundert Leute mitgenommen, dazu alle Schwertheiligen des Klans. Hiromi und Kai hatten sich angeschlossen. Sie waren zwar nur zwei Kämpfer mehr, aber sie waren beide Schwertheilige und sie wogen fünf oder mehr normale Krieger auf.
Jonny und Mihaeru, der Schwertheilige, den der rothaarige Nebelblutreiter mitgebracht hatte, führten die Gruppe an, die anderen Speereiter hatten sich um das kleine Heer herum verteilt und nahmen die Funktion von Spähern ein. Ozuma, Kai und Hiromi bildeten das Schlusslicht. Sie alle drei hatten Ponys und sie achteten darauf, dass nichts und niemand verloren ging.
Der Großteil der anderen Suatha war zu Fuß unterwegs, auch wenn sie so viele Ponys wie möglich mitgenommen hatten. Aber Suatha waren nun mal keine Reiterkrieger und sie viele der Tiere trugen Gepäck, keinen Reiter, darum waren es nur etwa dreißig oder vierzig, die im Sattel saßen. Der Rest war zu Fuß unterwegs, in einem raschen, ausdauernden Trab, so dass sie schneller vorankamen, als man annehmen sollte. Schneller als ein Heer thissalischer Soldaten allemal. Schon bald würden sie das Nebelblutdorf erreichen, wo man schon auf sie und die Waffen, die sie mitbrachten, wartete.
Kai fragte sich, wie weit die Norag schon in den Nachtgesang eingedrungen waren und wie viel sie von den Plänen der Suatha wussten. Das würden sie von Jonnys Vater Gordon, dem Than von Nebelblut, erfahren, sobald sie im Dorf angekommen waren. Jetzt interessierte es ihn noch nicht. Jetzt gab es wichtigeres.
Zum Beispiel jenes Gefühl, das ihn vor einem bevorstehenden Kampf warnte. Er wechselte einen Blick mit Ozuma, der neben ihm ritt. Auch der Grünäugige hatte es bemerkt und seine Augen waren sorgenvoll. Er blickte erst zu seinem Blutsbruder, dann zu dessen Cousine, die sich mit gerunzelter Stirn umblickte. Auch Hiromi hatte es erkannt. Gut. Er hatte doch gewusst, dass sie eine gute Schwertheilige sein würde.
"Schaut euch um. Ich kümmere mich darum, alle kampfbereit zu machen.", befahl Ozuma leise. Sie wollten noch niemanden beunruhigen.
"Aye." Hiromi wendete ihr Pony und ritt auf die Hügel links von ihnen zu, Kai nahm sich die rechts liegenden vor. Er ließ sein Pony in raschen Galopp fallen, so dass ihm die widerspenstigen Haar aus der Stirn geweht wurden. Sie erklommen die Hügel rasch.
Von oben hatte man einen weiten Ausblick über die Ebene. Hügel über Hügel erstreckten sich bis zum Horizont. Hin und wieder wurde die Gleichmäßigkeit durch Steine, Haine oder Hünengräber gestört. Der Wind pfiff ihm um die Ohren, so dass seine Kleidung knallte und sein Haar durchgewühlt wurde.
Unten im Tal hatte man ihn kaum gespürt. Dort unten war man einerseits sehr geschützt, man spürte weder den Wind noch war man der gesamten Macht des Wetters ausgesetzt und auch Feinde würden einen nicht so schnell entdecken. Andererseits war man auch vollkommen abgeschnitten und eben jene Feinde, die man vielleicht umgehen wollte, konnte man nicht erkennen. Außerdem war man in den Tälern so gut wie taub.
Jetzt hier oben war er dem peitschendem Wind und den sengende Strahlen der Sonne ausgesetzt, aber er konnte auch das Kreischen der Raben hören und Waffengeklirr. Da fand irgendwo ein Kampf statt, nicht weit von hier. Vielleicht in der nächsten Talsenke? Er wusste es nicht, aber er hatte vor, es herauszufinden.
Darum trieb er sein Pony an, so dass es ins Tal galoppierte, wo es wieder windstill und ruhig war und er nichts hörte bis auf den klagenden Schrei eines Adlers hoch über ihm, dem Rascheln von Kaninchen in den Pflanzen und dem Trommeln der Ponyhufe. Den nächsten Hügel hatten sie so rasch erklommen wie den letzten und jetzt konnte er mehr hören und mehr sehen.
Es waren drei, vier Dutzend Norag, keiner beritten, aber alle bis unter die Zähne bewaffnet mit Schwertern, Spießen, Dolchen und vor allem den von ihnen bevorzugten Äxten und Kriegshämmern mit Köpfen so groß wie Ambosse. Sie trugen die für sie übliche Tracht aus Leder, Wolle und Fell, darüber Kettenhemden oder Lederpanzer, die meisten vervollständigten diese Ausrüstung durch einen gehörnten Helm, einige wenige sogar durch Arm- oder Beinschutz.
Ihre Gegner waren eine Gruppe von berittenen Thissaliern in der Kleidung der Soldaten. Sie waren mit Schilden, Lanzen und Schwertern bewaffnet, gut gerüstet und ihre großen, schweren Pferde trugen leichte Panzer. Einer der Männer trug ein blauweißes Banner mit einem Falken und einer Welle. Kai kannte das Wappen nicht, aber er hatte sich nie besonders für thissalische Embleme interessiert. Wahrscheinlich konnte Jonny da mehr sagen.
Es waren nur wenig Thissalier, vielleicht zehn oder zwölf, dazu drei, deren Pferde tot auf dem Boden lagen. Zwischen den schweren Tierkadavern lagen die Leichen von Menschen - vier weitere Thissalier und mindestens ein Dutzend Norag. Kai wusste aus eigener Erfahrung, dass das Risiko, zu Fuß eine bewaffnete, berittene Einheit Thissalier zu überfallen, war sehr groß.
Nicht nur, weil die Thissalier ihnen durch die Pferde überlegen waren, sondern weil sie - so ungern er das auch eingestand, es war die Wahrheit - besser ausgebildet und ausgerüstet waren als Norag und Suatha. Ohne einen guten Plan konnte man mindestens die Hälfte der eigenen Krieger zu den Gefallenen schreiben.
Je mehr Krieger man hatte, desto größer waren die Chancen, das man den Sieg davon trug, aber Tote würde es immer geben. Ozuma ging immer sehr vorsichtig vor, wenn es darum ging, eine Gruppe von Soldaten anzugreifen, waren sie nun beritten oder nicht.
Die Norag - viermal so viel wie die Thissalier - hatten das anscheinend nicht gemacht, sonst lägen jetzt noch nicht so viele von ihnen am Boden. Diesen Kampf hier würden sie durch schiere Übermacht gewinnen, aber viele von ihnen würden sterben.
Kai war das egal. Beide, Thissalier und Norag, waren seine Feinde, warum sollten sie sich nicht gegenseitig niedermetzeln? Doch irgendetwas in ihm sträubte sich dagegen, einfach so zuzusehen. Die Thissalier durften hier nicht sterben. Er wusste nicht, woher er die Gewissheit nahm, aber in diesem Augenblick war ihm klar, dass sie den Thissaliern helfen mussten.
Nicht, weil sie Feinde der Norag waren, weil sie den Norag unterlegen waren, sondern aus einem Grund, der ihm unbekannt war. Es war närrisch und er wusste es. Sein Herz als Suatha sagte ihm, er sollte zusehen, wie die Thissalier starben, waren sie nicht die verhassten Erbfeinde?
Er wusste nicht, wo seine Gewissheit herkam, aber später, wenn er sich Gedanken darüber machte, würde er sicherlich darauf kommen. So schwer konnte es nicht sein, denn es nagte bereits an ihm, auch wenn er es noch nicht fassen konnte. Die Nordmänner hatten die Reiter eingekreist, so dass die Pferde sich gegenseitig behinderten und einer der unberittenen beinahe niedergetrampelt wurde.
Einzig die langen Speere konnten den Tieren wirklich gefährlich werden und die Norag wussten sie einzusetzen. Trotzdem hatten sie Schwierigkeiten. Sie hatten die Speere mitgebracht, um Suathaponys zu erstechen, die kleiner und ungepanzert waren. Nichts hatte die Norag auf die großen, schweren Kavalleriepferde vorbereitet.
Kai starrte noch einen Moment auf das kleine Schlachtfeld unter ihm, stieß dann einen leisen Fluch aus und wendete sein Pony. Rasch war er bei dem etwa zweihundert Mann starken Suathaheer zurück. Ozuma, Jonny, Hiromi und die beiden Frauen, die die Krieger von Erdwind und Blitzwolke anführten, warteten bereits auf ihn. Mit kurzen, knappen Worten berichtete er, was er gesehen hatte.
Die vier Anführer sahen sich sorgenvoll an, während Hiromi ihr Pony neben seines lenkte. "Waren das viele Norag?", fragte sie leise und ihre Stimme hatte einen zaghaften Unterton.
"Nein. Kein Problem für uns." Er blickte sie kurz an und merkte sofort, dass sie Angst hatte. Einen Moment fragte er sich, warum, dann hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt. Sie hatte zwar schon viele kleine Scharmützel hinter sich, aber in eine wirkliche Schlacht war sie noch nie geritten.
Die Suatha hatten zu lange keine Kriege mehr geführt. Gegenüber den Thissaliern hielten sie sich seit den Feuergesangkriegen, die mit dem Massaker von Feuermond geendet hatten, sehr still und zahm. Der letzte Krieg gegen die Norag, den einzigen, übriggebliebenen Feinden neben den Thissaliern, war vor etwa zwei Jahren beendet worden.
Kai selbst war damals mit dabei gewesen und er erinnerte sich nur mit Schrecken daran zurück, aber Hiromi war noch zu jung gewesen. Dies hier würde ihr erster richtiger Kampf sein. Aber er konnte ihr nicht helfen, jetzt nicht, später auch nicht, denn das war eine Sache, mit der jeder allein fertig werden musste. Er schaute wieder zu den anderen.
Die beiden Frauen warfen sich Blicke zu, Ozuma sah zu ihm und hob eine Augenbraue. "Wir müssen ihnen helfen.", sagte Kai. Sie drehten sich alle zu ihnen um.
"Wen? Den Norag? Ich dachte, die werden allein mit denen fertig. Außerdem sind sie...", begann die Blitzwolkenkriegerin, eine große, schlanke Frau mit Wangenknochen, die ihr Ähnlichkeit mit einer Katze verliehen. Sie trug den Namen Iscora.
"Nein.", antwortete Kai. "Den Thissaliern."
"Den Thi..." Iscora blieb das Wort im Halse stecken.
"Warum sollten wir denen helfen?", fragte die andere und ihre Stimme klang schneidend.
"Weil die Götter es wollen.", warf Ozuma ein. Jonny nickte und Kai merkte, dass sie schneller begriffen hatten als er. Sie hatten sich sofort an die Schicksalssprüche zurückerinnert und den unmissverständlichen Befehl, die Norag so schnell wie möglich zurückzutreiben, während sie mit den Thissaliern Frieden schließen sollten.
Die beiden Frauen waren nicht dabei gewesen, als sie Sprüche gesagt worden waren. Eine zog die Stirn kraus, die andere die Augenbrauen zusammen. Kai schwieg, Jonny wandte seine Stute halb um, Ozuma nickte noch einmal. "Aye.", bekräftigte er und seine Stimme war fest und ernst.
"Die Götter wollen es. Ihr beiden bleibt hier.", sagte er zu den Frauen. "Ich brauche alle Speerreiter und die Schwertheiligen, das wird genügen."
Kai nickte. Hiromi hibbelte herum, ihre Hände waren schweißnass. "Beruhige dich.", flüsterte er ihr zu. "Sonst kommst du mit dem Säbel nicht zurecht." Sie nickte, aber ihr Gesicht war weiterhin angespannt.
Jonny brüllte Befehle, nach kurzem Zögern schlossen sich die Frauen an. Auch wenn sie nicht dabei gewesen waren, so kannten sie doch den Wortlaut der Sprüche. Reiter und Schwertheilige lösten sich aus den zusammenhockenden Suatha und kamen herüber. Viele fummelten an ihren Waffen herum, überprüften den Sitz der Ausrüstung und schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, wünschten sich Glück.
Es waren viele, mehr als Kai erwartet hatte. Ozumas Klan umfasste sechsunddreißig Schwertheilige, mehr als eigentlich üblich waren. Blitzwolke hatte ihnen sieben mitgeschickt, Erdwind zehn. Feuermond hatte zwei, Kai selbst und Hiromi, die damit die Erste Schwertheilige des Klanes war.
Das machte, wenn Kai nachrechnete, fast einen Schwertheiligen für einen Norag dort hinter den Hügeln. Dazu die Gruppe Reiter. Waren das nicht ein wenig zu viele? Ozuma schaute ihn kurz an und kratzte sich an der Stirn. Anscheinend hatte er auch nicht nachgerechnet, wie viele sie waren.
Iscora sprach kurz mit ihm, dann erteilten sie weitere Befehle und die Hälfte der Schwertheiligen blieb zurück, während sich der Rest der Gruppe rasch auf den Weg über die Hügel machte. Es war ein ungeordneter Haufen und sie stellten sich erst in einer Reihe auf, als sie die Anhöhe vor dem kleinen Schlachtfeld erreichten.
Viel hatte sich nicht geändert, außer das ein weiterer der Thissalier jetzt tot am Boden lag, ebenso wie zwei oder drei Norag mehr. Aber die Thissalier sahen nicht so aus, als würden sie noch darauf hoffen, diesen Kampf zu überleben, außerdem bluteten die meisten von ihnen aus mehr als einer Wunde. Nie hatte jemand behauptet, die Norag wären schlechte oder ängstliche Kämpfer. Und soweit würde es auch nie kommen.
Ozuma neben ihm fluchte leise. "Ich hab es mir nie vorstellen können, so etwas zu tun.", erklärte er leise. "Aber trotzdem sind wir hier und alle warten nur auf mein Zeichen, dass sie die Norag töten können." Er sah sich kurz um.
Kai folgte seinem Blick, sah in entschlossene, blau bemalte Gesichter, auf denen deutlich ein Wille abgezeichnet war: sie wollten die Norag töten. Und den Thissaliern helfen, so seltsam sich das auch anhörte. Kai fluchte über sich selbst, rutschte aus dem Sattel, zog seine Schwerter und blickte Ozuma an, der ebenfalls abgestiegen war. Nur Speerreiter kämpften im Sattel.
Sie jagten die Ponys den Hügel hinunter, dann winkte ihr Anführer kurz, beinahe widerwillig. Sie alle spürten es. Es war falsch was sie hier taten, oder nicht? Sie halfen ihren verhasstesten Feinden gegen jene, die von Natur, von Geschichte, von Tradition aus ihre Feinde waren. War das nicht widersinnig? War das nicht wahnsinnig?
Kai lief los, als er Ozumas Wink bemerkte, zusammen mit den anderen. Die Speerreiter waren vor ihnen und das Trommeln der Hufe riss die Aufmerksamkeit der Nordmänner auf sie. Diese blickten sie an, einen Moment waren sie verwirrt, starr, dann schlich sich pures Entsetzen auf ihre Gesichter. War nicht überall bekannt, dass die Màn Suatha die Thissalier hassten. Warum sollten sie ihnen jetzt helfen?
Schieres Unverständnis riefen sie mit ihrer Aktion hervor, erkannte Kai. Nicht nur unter ihren Feinden. Auch sie selbst spürten nichts anderes. Aber die Götter wollten es so. Sie hatten es gesagt, es war so klar gewesen wie ein Befehl, kaum einer der Sprüche hatte eine ebenso durchsichtige Aussage gehabt.
Nachher erinnerte er sich kaum an den Kampf, es war verschwommen und trübe, als sei er durch Nebel getrieben. Seine Gedanken waren viel zu sehr mit dem Paradoxon beschäftigt, das sie hier gerade erschufen. Es fiel kein einziger der Suatha, was daran liegen mochte, dass die Nordmänner weder mit ihnen gerechnet, noch ihnen gewachsen gewesen waren und durch die Tatsache, dass sie Thissaliern halfen, vollkommen verwirrt waren.
Keiner der Norag überlebte. Das hätte ihn sehr gewundert, aber andererseits überlebte mindestens eine Ratte ein Unglück. //Vielleicht liegt es daran//, dachte er. //dass Norag keine Ratten sondern Wölfe sind. Thissalier sind Ratten.//
Ozuma schickte die - ebenfalls geschockten - Thissalier zu ihrem Anführer, nicht ohne ihnen vorher den Grund und den Ort ihres Aufenthalts zu entlocken. Ihr Anführer war Fürst Baltheir von Falkenburg, sie wollten die Grenzen Thissalias verteidigen und hatten ihr Lager nahe von Varaconns Grab aufgeschlagen.
Der Than nickte, schickte die ganze Gruppe dann mit der Botschaft an den Fürsten davon, dass er wieder kommen würde, gab aber keinerlei Erklärungen ab, so sehr der Anführer der Soldaten auch fragte. In der Zwischenzeit hatten die anderen Suatha den Leichen Waffen, brauchbare Rüstungen sowie die wenigen Stücke Schmuck abgenommen, die sie gefunden hatten, dann kehrten sie zum Heer zurück.
Gegen Abend tauchte unvermittelt der Palisadenzaun vor ihnen auf. Das Dorf lag in einem großen Tal, durch das sich ein Fluss zog. Er lief nahe am Dorf vorbei, so dass die Palisaden im Uferschlamm staken. Im Frühling, wenn die Regenfälle und die Schneeschmelze eingesetzt hatten, schwappte das Wasser oft sehr hoch an die hölzernen Pfähle. Abdichtungen sorgten dafür, dass das Dorf nicht überschwemmt wurde.
Im Gegensatz zu Nachtsturm befanden sich im Dorf selbst zehn Langhäuser und damit war es das zweitgrößte Dorf der Klane. So gehörte es sich auch, denn es gab nur zwei Klane, die mehr Mitglieder hatten. Allerdings wurde eines der Häuser als Stall und Lagerhaus von Stroh, Heu und anderem für die Futter für die Ponys genutzt, denn keinem Klan waren diese Tiere so wichtig wie Nebelblut, die auf sie angewiesen waren.
Von Ponys oder anderen Tieren war jedoch überhaupt nichts zu sehen, aber von früheren Besuchen hier wusste Kai, dass sie sich in anderen Tälern befanden, weil hier einfach zu wenig Platz war.
Das ankommende Heer wurde freudig begrüßt und in die Mitte aufgenommen. Die Ponys wurden ihnen abgenommen, Schlafplätze zugewiesen und alte Freunde begrüßt. Jonny brachte Kai und Ozuma zu seinem Vater, der sie herzlich Willkommen hieß. Gordon war wie Jonny kein großer Mann und man sah beiden sofort an, dass sie Vater und Sohn waren. Nur die funkelnd violetten Augen hatte der junge Speerreiter von seiner bereits toten Mutter.
Die drei Thane zogen sich in einen kleinen Raum zurück, in dem Gordon die anderen beiden über die Situation ins Bilde setzte. Dass die anderen Neuankömmlinge draußen das selbe zu hören bekamen, zählte nicht. Gordon war der Than, also musste er die Anführer des Heeres darüber unterrichten.
Die Norag waren schon sehr weit nach Süden vorgedrungen - wie sie sich am selben Tag ja selbst hatten überzeugen können - und hatten eine Armee von beachtlicher Stärke aufgestellt. Ihr Anführer war Erik der Schwarze Wolf, was Jonny ja schon zu Beginn herausgefunden hatte. Gordon glaubte nicht, dass Erik wusste, dass sie schon so früh auf ihn aufmerksam geworden waren, darum hielten die Nordwölfe die Verteidigung der Suatha vorerst für recht schwach.
Inzwischen jedoch hatten die Norag Boten geschickt, es wurden Verhandlungen wegen dem Kampfplatz und diversen anderen zeremoniellen Bräuchen geführt. Schon bald würden sie sich geeinigt haben.
Was Gordon noch beunruhigte, waren die Thissalier, die man gesehen hatte. Er wusste nicht, wo sie ihr Lager hatten, aber er wusste, dass sie in den Kampf eingreifen konnten - entscheidend. Hier berichtete Ozuma kurz, was nur wenige Stunden vorher geschehen war, und dann erklärte er, von was er überzeugt war, das sie tun mussten: Sie mussten sich mit den Thissaliern im Kampf gegen die Norag verbünden. Weil die Götter es gewollt hatten.
Ozuma zitierte zwei Schicksalssprüche um den Than zu überzeugen, der schließlich zustimmte. Sie alle drei wussten, dass sie hier etwas taten, was sie sich vielleicht nie verzeihen würden, aber sie wussten auch, dass sie keine andere Wahl hatten. Weil die Götter es wollten.
Sie brauchten nicht lange um das Lager Baltheirs zu finden. Es war nur klein, Kai schätzte, dass es etwa hundert Soldaten waren, die der Fürst mitgebracht hatte. Sicher war er sich natürlich nicht, denn mit seinen Zählkünsten war es ebenso weit her wie mit denen der anderen Suatha. Die meisten von ihnen gehörten zur berittenen Kavallerie.
Saubere Zelte reihten sich in sauberen Reihen aneinander, ganz anders als im Noraglager, bei dem sie ebenfalls kurz vorbeigeschaut hatten. In der Mitte, vor dem großen, blauenweißen Zelt war das Banner Falkenburgs aufgepflanzt und hing schlaff von der Stange. Auch in diesem Tal wehte kein Wind. Wächter patrouillierten um das Lager herum, in der Nähe war eine kleine Koppel aufgebaut worden, in der Pferde grasten, viele Pferde.
Außer Kai ritten Gordon, Ozuma und eine Gruppe von sieben Schwertheiligen zu Baltheir. Sie trugen ihre beste Kleidung und all ihre Waffen, so dass sogar ein Thissalier sofort sehen musste, dass nur Gordon ein normaler Krieger war. Aber der Nebelblutthan war auch so eine beeindruckende Persönlichkeit und in dem dicken, grauen Wolfspelzumhang machte er noch mehr her.
Die Wachen zeigten sich nicht erstaunt, als sie sich näherten und brachten sie sofort zum Zelt in der Mitte. Anscheinend hatten jene Soldaten, denen sie am letzten Tag geholfen hatten, Ozumas Botschaft überbracht.
Baltheir trat sofort vor das Zelt, als sie sich näherten. Er war ein bemerkenswerter Mann von imponierender Größe und Statur. Sein Haar war kurz geschnitten und von einem seltsamen grauvioletten Ton, sein Gesicht scharf geschnitten, seine Augen sturmgrau und sein Blick scharf wie der eines Falken.
Er erinnerte Kai an irgendwen, aber der Rotäugige wusste nicht, an wen. Respektvoll begrüßte er die Thane und ihre Begleiter, anscheinend wusste er, was sich gehörte. Gordon hatte ihnen am letzten Abend erzählt, er hatte zwar nicht oft mit Baltheir von Falkenburg zu tun gehabt, aber was er von ihm gehört hatte, reichte um ihn als ehrenhaften Mann zu sehen, der die Suatha nicht verachtete, sondern als das ansahen, was sie waren.
Die idealen Bedingungen für den ersten Schritt, den Hass aus der Welt zu schaffen. Auch, wenn die drei Thane selbst noch nicht auf dem Weg dorthin waren, irgendetwas anderes als Abneigung gegen Thissalier zu fühlen.
Kai konnte den Hass der anderen Suatha fühlen. Er fühlte es die ganze Zeit über, während sie im Lager blieben. Ozuma hatte ihn am letzten Tag gebeten, ein Auge auf die Schwertheiligen zu halten, die sie begleiteten. Damit nicht irgendetwas Dummes geschah und all ihre Pläne durcheinander brachte.
Während Gordon und sein Blutsbruder mit dem Fürsten, seinem Berater und dem Offizier sprachen, achtete der Rotäugige auf die Männer und Frauen und die Umgebung. Die thissalisichen Soldaten hielten sich respektvoll fern, keinem von ihnen waren die Katana entgangen, die sie alle trugen um ihren Stand zu verdeutlichen. Sie tuschelten eifrig untereinander, aber keiner kam den Suatha zu nahe, so dass der Rotäugige sich etwas entspannte.
Die Schwertheiligen hatten alle genug Selbstbeherrschung, die Soldaten weder zu provozieren noch sich von ihnen provozieren zu lassen. Kai war zufrieden, dass kein Streit ausbrach. Er erinnerte sich nur ungern an sie Szene in Gotheirs Hof zurück, wo Jonny diesen Ritter an des Prinzen Seite nahezu angefallen hatte.
Ozuma und Gordon waren zufrieden mit Baltheirs Antworten und seiner Zusage, ihnen im Kampf gegen die Norag zu helfen. Kai wusste, dass die Sache gelaufen war. Jetzt war die Siegesgöttin auf ihrer Seite.
Er fragte sich, ob der Sieg es wert war, dass Suatha und Thissalier Seite an Seite kämpften, denn das brachte Konflikte mit sich. Der Hass war schon da, aber was machte man, wenn man gemeinsam gegen einen Feind vorging? Man schuf ein freundschaftliches Band. Und wozu? War es das wert? Was war es wert? Ablehnung war im Dorf ihrem Vorschlag entgegen gebracht worden. Kein Wunder... Er selbst stand der ganzen Sache sehr skeptisch gegenüber, aber Ozuma und Goron auch.
Kai war klar, sie taten das hier nur aus einem Grund: Weil die Götter es wollten.
Die Thissalier waren da, wie sie versprochen hatten. Stillschweigend und so leise wie möglich bezogen sie in dem kleinen, von Nebelfetzen durchzogenen Tal Aufstellung, das Jonny für sie ausgesucht hatte. Von hier aus würden sie rasch über die Hügel kommen und das Schlachtfeld erreichen, sobald sie ihr Signal hörten.
Kai fand die Reihen von gepanzerten Pferden mit ihren bewaffneten Reitern beeindruckend und war froh, selbst noch nie einer solchen Mauer gegenüber gestanden zu haben. Diese Soldaten, die Kavallerie konnte ihre Feinde einfach nieder reiten.
Es waren nur wenige gegenüber denen, die sich in der gesamten Armee Thissalias befanden, hatte Baltheir ihm erklärt. Selbst die Krieger von Falkenburg brachten eigentlich ein größeres Heer auf die Beine, als er mitgebracht hatte.
Zu der Kavallerie kamen noch gut vier Dutzend Fußsoldaten, die große Schilde, Schwerter und lange Spieße trugen. Kai fragte sich, wie die Suatha jemals auch nur daran hatten denken können, eine Schlacht gegen solche Leute zu gewinnen? Denn ohne Hoffnung auf einen Sieg begannen nicht einmal Màn Suatha einen Krieg. Und gegen die Thissalier hatten sie schon oft Kriege begonnen.
Oder waren die Suatha einfach zu ahnungslos gewesen? Weil sie sich in ihren Bergen einsperrten, im Nachtgesang verkrochen und nur selten irgendwen anderen trafen als Suatha. Oder vielleicht waren sie auch zu blind, geschlagen von Hass und Verachtung. Zu verbohrt in der Vergangenheit.
Kai überwachte zusammen mit Hiromi die Aufstellung der Männer, beobachtete Baltheir, der zwischen seinen Leuten herumritt, mit ihnen sprach, redete, lachte. Sie mochten ihn, seine Männer, erkannte Kai. Und sie waren genau wie der Fürst gute Kämpfer, Söhne von Generationen von Kriegern, deren Feinde Norag und Suatha gleichermaßen gewesen waren.
Schließlich wendeten Kai und Hiromi die Ponys und galoppierten um das Schlachtfeld herum zurück zudem eigenen Heer. Ozuma und Gordon hatten dafür gesorgt, dass die Leute ebene so wie die Thissalier Aufstellung bezogen, in einem großen Tal, das Gordon und Erik gewählt hatten, aber Kai konnte sehen, dass es viel ungeordneter zuging.
War das ein weiteres Geheimnis, dass die Thissalier Herrscher dieses Landes waren? Er war im Moment geneigt, all das zu glauben, was er über die Kämpfe dachte. Und er fühlte selbst, wie es in ihm etwas bewegte, etwas, das Hass hieß. Er fühlte, dass der Hass schwand. Er ließ keine Leere zurück, denn das war etwas, was Kai sich nicht leisten konnte und wollte. Leere war grausam. Was seine Stelle einnahm, war leise Trauer und stechenden Schmerz.
Wenn sie das schon vorher erkannt hätten, wäre dann Feuermond untergegangen? Oder hätten die Suatha sofort gesehen, dass sie keine Chance auf einen Sieg hatten? Diese Erkenntnis war zwar grausam, schmerzlich und traurig, aber sie half ihm in gewisser Weise. Ob Ozuma, der ihm in Rhiawen so viele Fragen gestellt hatte über den Hass und die alte Feindschaft, das schon vorher erkannt hatte?
Kai lenkte sein Pony zu seinem Blutsbruder und sah ihn kurz fragend an. Der Nachtsturmthan nickte. "Wir sind hier bereit."
"Die Thissalier warten auf unser Zeichen. Und die Norag?"
"Sieh." Ozuma deutete auf die andere Seite des Tales. Dort standen sie, Reihe an Reihe, nebeneinander, ein dichter Wald von Schilden und Speeren, Äxten und Schwertern. Aber eben nur ein Wald, alles wuchs durcheinander, ein ebensolches Wirrwarr wie bei den Suatha.
Kai begann zu glauben, dass ihre Verluste geringer waren, als sie geglaubt hatten. Er fluchte.
Die Nordwölfe hatten keine Pferde dabei, denn sie hatten keine Übung darin. So etwas wäre der Tod für sie. Auch die Suatha waren kaum beritten, nur die beiden Gruppen von Speerreitern, die die linke und rechte Flanke bildeten. Die Norag waren große Männer, meistens blond oder rothaarig, mit heller Haut und schweren Knochen. In ihrer Kampfkleidung aus Leder, Fell und Eisen sahen sie durchaus beeindruckend aus, aber Kai wusste, dass sich die Suatha in dieser Hinsicht mit ihnen messen konnten. Auch die Klankrieger sahen prächtig aus und Kai selbst machte da keine Ausnahme.
Er stützte die Hände auf die Knaufe seiner Schwerter und fragte sich, wie viele Leute sie verlieren würden. Er wusste, dass sie gewinnen würden, es sei denn Erik machte etwas ebenso Unvorhergesehenes wie die Suatha. Waren es viele? Wenige? Er wusste, sie alle Leute, die heute vielen, schmerzlich vermissen würden, wenn es zu den Kämpfen kam, die die Götter ihnen angekündigt hatten.
Aber...die Reaktion der Norag auf die Thissalier war nicht vorhersehbar. Die Thissalier selbst würden ihren Teil zum Sieg beitragen, aber wie groß dieser wirklich war, würden sie auch erst hinterher sehen können.
In den letzten Tagen hatte er sich sehr mit den Schicksalssprüchen beschäftigt. Er war sie wieder und wieder durchgegangen, hatte Bilder und Worte gegeneinander abgewägt, Namen gesucht, Personen, die auf die Beschreibungen passten. Der Name Feuerwolf hatte ihn sehr festgehalten, denn er wusste, er kannte ihn, es war ein Suatha. Aber wer? Und wer war der Falke, in dessen Abschnitt er genannt wurde. Welche Bedeutung hatte er? Was sagten die Götter über dieses und jenes? Was würde das nächste Jahr bringen?
Er hatte nicht viel darüber gesprochen, aber irgendwann, dass wusste er, würde er Ozuma in seine Überlegungen einweihen. Wahrscheinlich noch in den nächsten paar Wochen. Der Winter kam ja, nach den Herbstjagden hatten sie genügend Zeit und Muße, das zu tun. Samhain war schon vorbei, sie hatten es zusammen mit Nebelblut gefeiert.
Auch die Norag hatten ein Gelage zu diesem Festtag hinter sich, wusste Kai. Heute jedoch waren sie alle ausgeruht, heute am frühen Morgen, in diesem Tal, in diesem Nebel, der noch immer die Ebene bedeckte und von Druiden gehalten wurde, obwohl über ihnen die Sonne schien. Ob die Norag es merkten? Oder waren sie doch noch zu trunken von jenem Fest?
Aber jetzt war nicht die Zeit um über Feste und Schicksalssprüche nachzudenken. Jetzt war die Zeit für den Kampf. Die Strategie, die sie vor wenigen Tagen lange geplant und durchgesprochen hatten, war einfach und wirkungsvoll.
Kai hatte während diesen Sitzungen gemerkt, dass er nicht dafür geschaffen war, in Zelten zu hocken und die Züge für die nächste - und in diesem Falle einzige - Schlacht auszuhecken. Er gehörte, wie Ozuma gesagt hatte, nachdem er ihn darauf angesprochen hatte, auf das Schlachtfeld selbst, zwischen die Männer und Frauen, direkt in den Schlamm, in das Blut, zwischen die Leichen und Verwundeten, zwischen die Kämpfenden.
Kai hatte es wortlos hingenommen und sich nicht zum ersten Mal gewünscht, dass man nicht ihm die Bürde gegeben hatte, Than von Feuermond zu sein. War es nicht die Aufgabe des Thans, die Strategie zu planen?
Drüben, auf der anderen Seite des Tales, begannen die Norag mit ihren Waffen auf die Schilde zu trommeln. Es war ein rhythmisches Geräusch, das die Erde zum Beben brachte und es gab ihm das Gefühl, dass sein Herz platzen würde.
Die Erleichterung kam erst, als auf der Seite der Suatha die Dudelsäcke anfingen zu pfeifen. Dazwischen konnte Kai das hohe Trillern der Flöten und den dumpfen Schlag von zwei oder drei Trommeln hören. Die Geräusche übertönten den Krach, den die Waffen der Norag machten.
Sein Pony begann unruhig zu werden. Hiromi neben ihm zitterte. Vorsichtig lenkte er sein Tier nah neben sie und leckte ihr die Hand auf den Arm. Sie blickte auf. Ihre Augen waren weit aufgerissen und er konnte das Weiße darin sehen, deutlicher als sonst. Ihre Stirn war schweißnass. Sie lächelte gequält, als sie ihn ansah.
"Bringen wir die Ponys weg. Komm.", schlug er vor. Sie nickte und schluckte trocken. Kai nahm die Zügel von Ozumas Pony in Empfang und sie ritten gemeinsam durch die Reihen von erwartungsvollen Kriegern und Kämpferinnen. Einige weitere Ponys befanden sich im nächsten Tal. Sie wurden von einigen Frauen und Kindern gehalten, die sich nachher mit ihnen entfernen würden.
Kai und Hiromi übergaben ihnen die drei Tiere und kehrten wieder um. Inzwischen war das Mädchen bleich wie der Tod und sie stolperte mehrmals. Auf der Hügelkuppe blieb Kai stehen. Von hier hatten sie einen hervorragenden Ausblick über das Schlachtfeld, den im Gegensatz zu diesem und dem gegenüberliegenden Hügelkamm hatte der Nebel hier sich schon verzogen. Hier wurde er auch nicht gebraucht.
Unten hörte er einige Hörner schallen und in die Reihen der Suatha kam Bewegung. Kai wusste, dass das nichts zu bedeuten hatte. Diese Signale galten jemand anderem. Aber die Norag wussten es nicht und darum musste etwas geschehen dort unten.
"Ich...hast du damals auch so gefühlt?", fragte Hiromi plötzlich. "Ich habe Angst."
"Ich auch. Alle hier haben Angst."
"Aber..."
"Sie zeigen es nicht, denn sie haben etwas mehr Erfahrung mit einer solchen Situation. Du bist nicht die einzige. Trotzdem haben sie Angst. Hätten sie keine Angst, wäre ich besorgt." Sie lächelte und zuckte zusammen, als Kai ihr kurz die Hand auf die Schulter legte. Sie folgte mit den Augen seinem ausgestreckten Arm, als er auf die Nordmänner deutete.
"Schau darüber. Dort sind unsere Feinde. Auch sie haben Angst. Sie hämmern mit ihren Waffen gegen die Schilde, um ihre Götter anzurufen. Wir rufen unsere Götter mit den Melodien an, die wir spielen. Sie alle sollen uns Mut geben und den Feinden Angst. Und jetzt versteck deine Angst."
Sie blickte ihn an, ihre Augen sahen fragen drein. "Hiromi, du bist die Erste Schwertheilige Feuermonds. Es geht nicht an, dass die Erste Schwertheilige meines Klans zittert und bebt wie ein Reh, kurz bevor es von den Wölfen geschlagen wird. Denk daran, dort drüben mögen nordische Wölfe hocken, aber du bist die Füchsin."
Sie blinzelte, blickte zu Boden und nickte dann. Ihr Blick, als sie ihn wieder ansah, war entschlossen. "Ja, mein Than."
"Gut. Und, Hiromi?"
"Ja?"
"Pass auf dich auf."
"Natürlich, mein Than. Du auch."
Kai lächelte kurz, ehe er seinen Blick wieder auf den Hügelkamm hinter den Norag richtete. "Schau. Dort sind sie." Die Brünette folgte seinem Blick und erkannte wie er die schemenhaften Gestalten von Pferden und Menschen im Nebel. Die Thissalier waren da. Und die Norag nur ein-, zweihundert Meter von ihnen entfernt merkten nichts. Dazu machten sie zuviel Krach mit ihren Waffen.
Kai lächelte dünn. "Siehst du, wie überlegen sie sind." Er meinte die Thissalier. Sie wusste es.
"Ja." Ihre Stimme war nur ein Hauch und als der Rotäugige ihr einen kurzen Blick zuwarf, merkte er, dass auch sie verstanden hatte, was er begriffen hatte an diesem Morgen. Über ihre Wangen liefen Tränen, die die vier Dreiecke in ihrem Gesicht verwischten.
"Komm. Jetzt ist nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Jetzt ist Kampfzeit." Sie nahmen ihre Plätze an Ozumas Seite ein, der die Führung Gordon überlassen hatte. Gordon war beritten. Solange es bis zu diesem Augenblick auch gedauert hatte, so schnell begann es jetzt. Sie waren kaum unten, kaum hatten sich die letzten Männer und Frauen in die Reihen begeben, kaum hatten sie die Aufstellung beendet, begann es.
Abrupt verstummte der Lärm von aufeinanderschlagenden Waffen und Schilden, abrupt verstummten die Melodien von Dudelsäcken, Flöten und Trommeln. Die Heere rannten aufeinander zu, brüllend, schreiend, wild mit den Waffen schwenkend.
Kai war mitten unter ihnen, ließ sich mitreißen, mittragen. Erregung stieg in ihm auf. Die Griffe seiner Schwerter fühlten sich gut in seinen Händen an, das Gebrüll um ihn herum brachte sein Blut dazu, schneller zu fließen, es pumpte durch seine Adern, ließ ihn aufgeregt und gespannt sein wie selten.
Schlachten waren groß, Schlachten waren blutig, Schlachten waren tödlich, Schlachten waren grausam, aber Schlachten waren auch Erregung, Rausch pur.
Die ersten Reihen von Norag und Suatha krachten aufeinander. Kai hörte hässliche Geräusche, Knacken, Bersten, Schmatzen, Klirren. Er wusste, dass die ersten schon gefallen waren, aber jetzt begann sich die Heere zu mischen. Die Reihen - zumindest das, was es man dafür hatte halten können - waren längst dabei, sich aufzulösen, in kleine Grüppchen, in Scharmützel und Kämpfe.
Kai sah die ersten Norag vor sich auftauchen hob die Schwerter und ließ sie tanzen. Er pflügte durch die Reihen der Feinde wie ein Bauer durch sein Feld und ließ Tote hinter sich zurück. Seine Schwerter durchdrangen Fleisch und Rüstungen, krachten gegen Waffen und zuckten an ihnen vorbei.
Blaumond war ein Wunder, erkannte er. Er hatte dieses Schwert noch kaum eingesetzt, der letzte Kampf war zu klein, zu kurz gewesen, als dass er es hätte merken können, aber jetzt sah er es deutlich. Der blaue Stahl durchschnitt selbst Eisenrüstungen, als wären sie aus Butter. Nicht nur einmal sah er Klingen unter dem Kurzschwert brechen und hob das andere, um den Besitzer eben jener eben zerschmetterter Waffe zu töten.
Gesichter zogen an ihm vorbei, wilde Gesichter voller Kampfeswut. Sie berührten nichts in ihm. In diesem Moment waren sie keine Feinde, sondern...etwas Anderes, etwas Abstraktes. Es durfte nicht anders sein. Er spürte, wie Blut ihn bespritzte, seine Kleidung durchtränkte wie Wasser, wie Regen.
Ein Schwert traf ihn irgendwo, er wusste es nicht genau, fühlte keinen Schmerz, keine Schwäche. Konnte nicht schlimm sein. Er stürmte weiter, seine Schwerter tanzten, seine Feinde hatten Angst. Sollten sie! Er war ein Schwertheiliger! Er hatte das verdammte Recht, dass sie Angst vor ihm hatten!
Rechts und links von ihm schnitten Ozuma und Hiromi blutige Schneisen durch das Noragheer. Das war die Aufgabe der Schwertheiligen und Schwertheilige machten den Feinden Angst.
Nach der Schlacht fragte er sich, wie das aussah, Schwertheilige in einem solchen Kampf. Eine Antwort erhielt er erst viel später von jemanden, von dem er es in diesem Augenblick nicht gedacht hatte. Aber in diesem Moment wusste er, warum die Suatha immer wieder Kriege gegen einen Gegner wie die Thissalier begonnen hatten - weil sie ihre Schwertheiligen hatten.
Bald hörte er das Trommeln von Hufen, fühlte, wie die Erde heftiger zu Beben begann als sowieso schon. Die Thissalier hatten nun angegriffen. Es waren nur wenige Augenblicke vergangen, seit die beiden Heere aufeinander gestoßen waren, aber für Kai war es, als sei eine kleine Ewigkeit vergangen. In Schlachten zählte die Zeit nicht.
Er konnte die Thissalier nicht sehen, aber er konnte es hören, als sie gegen die Reihen der entsetzten Norag stießen, er hörte das Krachen, die Schreie, das Splittern und Bersten. Das Entsetzen breitete sich wie eine Welle durch die Reihen der Nordmänner aus, schneller als die Thissalier, die den Suatha mit ungeheurer Geschwindigkeit entgegenkamen.
Und wieder zweifelte Kai. Die Suatha mochten zwar Schwertheilige haben, aber hatten sie etwas gegen diese Macht, die Thissalier da eben boten? Und das nur durch hundert Mann? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass der Kampf unglaublich schnell vorbei war, schneller, als er se je für möglich gehalten hatte.
Ein Mann vor ihm taumelte, Kai riss das linke Schwert hoch und stach zu, während das andere auf einen Angriff wartete, aber es kam keiner. Er zog seine Klinge wieder zurück und merkte kaum, wie ein Leichnam von der Klinge rutschte. Etwas verwirrt sah er sich um. Nur noch vereinzelt wurde gekämpft.
Es waren kaum Norag übrig, dafür - das musste Kai nicht sehen, das wusste er so - wateten sie durch ein See von Leichen und Blut. Er atmete tief durch, roch den metallischen Geruch von Blut, den Gestank von Gedärm und Furcht, und sah sich um. Die Körper von Toten und Verletzten lagen in dem Tal, bedeckten eine riesige Fläche. Er konnte Stöhnen und Schreie hören, die letzten Waffen, die aufeinander prallten.
Suatha und Thissalier kämpften Seite an Seite, aber die meisten hatten das schon hinter sich. Sie beäugten sich argwöhnisch, blinzelten sich an, aber da war etwas seltsames zwischen ihnen. Es war nicht so, wie es sein sollte zwischen Leuten, die eben noch miteinander gekämpft hatten. Der Hass war stark und nicht viele hatten begriffen.
In der Nähe entdeckte Kai Ozuma, der sich keuchend auf sein Breitschwert stürzte. Sein rechter Arm hing kraftlos herab, Blut tropfte von seinen Fingern, viel Blut. Hiromi taumelte neben ihn. Er sah, dass ihr Gesicht hart war, ihre Augen aber brannten. Quer über ihre Stirn zog sein ein Schnitt, nicht tief, aber sehr blutig, so dass man ihre Klanzeichnung nicht mehr erkennen konnte. Ihr gesamtes Gesicht war rot.
Sie nickte ihm zu und stolperte zusammen mit ihm auf Ozuma zu. "Meint du, das war es wert?", fragte Kai seinen Blutsbruder leise.
"Der Kampf? Die Toten? Den Hass?"
"Ja."
"Vielleicht. Aber - dieser Kampf war unumgänglich. Ich...danke den Göttern dafür, dass wir zumindest so weit gehen konnten. Kai, wie schwer ist die Wunde?"
"Hm?" Kai blickte an sich hinab, schob sein altes Schwert in die Scheide zurück, tastete dann nach seiner Seite. Er fasste in warme Nässe. "Ich...weiß nicht. Schätze, ich brauch einen Heiler."
"Gut." Ozuma lachte. "Ich auch."
"Kleine?", fragte Kai und blickte Hiromi an, doch die wischte sich nur über das Gesicht. "Ich nicht. Das hier ist nur ein Kratzer."
"Da müssen wir uns ja schämen." Ozuma lachte noch lauter.
Auch Kai grinste. "Kommt. Suchen wir Baltheir." Er sah sich noch einmal um, sah Suatha und Thissalier und fragte sich wieder, warum sie miteinander gekämpft hatten. Die Antwort war so leicht wie die Tage vorher: Weil die Götter es so gewollt hatten.
~~~~~~~
Verzeiht mir dieses doch etwas seltsame Kapitel. Ich hoffe mal das nächste wird besser. Ich hoffe trotzdem, dass ihr mir ein paar Kommis hinterlasst?
Also, ich wünsch euch Frohe Ostern! ^^
Silberwölfin
Auf der Jagd
Titel: Feuermond
Teil: 17/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
„…“ reden
//…// denken
~~~~~~~
Nach fast einem Monat ein neues Kapitel. TT Dabei wollte ich doch zwei pro Monat hochladen, sonst dauert die ganze Chose so lang. Ach je...
Naja, dafür ist das Kapitel länger als das letzte geworden. ^^
Ich hab jetzt Ferien, deswegen hab ich ein bisschen mehr Zeit zum Schreiben. Ich hoffe, ich bring's auch fertig, das nächste Chap von TTATW endlich fertigzustellen.
Schätze mal, ich werd auch Zeit finden, die Charabeschreibungen zu aktualisieren. Die sind irgendwie schon lange überholt. ^^'''
**
@ lavanja: He, danke für die Kommis. Naja, die beiden FFs sind sich vom Setting her schon ähnlich. Aber nur, wenn man sich nicht so reinlegt, wie ich. Ich hab ehrlich gesagt keine Probleme damit, beide auseinander zu halten. *schulterzuck* Naja.
Ich hab mir schon überlegt, in welchen Gärten man die eher auffinden kann. Toll, dass dir das aufgefallen ist. Bist die einzige. ^^
Du kannst mir glauben, es ist schwer, die Leute in Schlachten rennen zu lassen! Da passiert so viel auf einmal und du weißt nicht, was reinkann und was nicht. Und du hast noch nicht mal die Möglichkeit, zu sehen wie es in echt ist, weil Schlachen finden doch nicht mehr besonders oft statt.
Ja, Feuerwolf ist ein Suatha. *drop* Ich weiß gar nicht, warum das so schwer ist... *pfeif*
Klar ist Baltheir vernünftig. Ist doch Bryans Vater. XD
Fehler schon verbessert ^^
@ Sonnenblume18: Also, um das mal vorneweg zu nehmen, es wird noch mehr kämpfe geben. v.v Ich hoffe mal, ich krieg die besser hin als dieses letzte Chap, das fand ich persönlich doch irgendwie sehr schwach.
Ja, Kai ist nicht dumm, aber vielleicht hat er doch eine eingeschränkte Sichtweise, weil er diverse Deutungen nicht haben will. Aber ich werde demnächst noch mehr lösen.
Tja, Kais Gedanken haben sich im letzten Kapitel verselbstständigt. War eigentlich nicht so gedacht. Sie rennen mir alle davon, erst Ivan, jetzt Kai. Arrrgh!
Ja, Kai wird es bemerken, aber dazu braucht er seine Zeit.
Vielleicht ist es Yuriy. Weiß noch nicht.
Ja, die YuriyKai-Sache kommt demnächst. Das Kapitel hier ist sozusagen die Einleitung. ^^ *sich schon wie wahnsinnig freu* Endlich!
@ tsuki-neco: Hehe *verlegen Hinterkopf reib* Schön, dass es dir auch gefallen hat. Du kannst mir glauben, in erster Linie ist es für jemand anderen als für dich verwirrend. Ich bin auch gespannt, was daraus noch wird.
Hast du Feuerwolf gefunden? Ich hab mich gefragt so schwer für alle ist, dabei hab ich's hingeschrieben. -.-
Yuriy war zu der Zeit, in der die ihre Schlacht geschlagen haben, auf der Jagd. Ich verspreche dir, demnächst werden die sich treffen. ^^
@ eisokami: Thx ^///^ Tja, 'bald' ist so relativ.
@ Diabolo_17: *g* Wenn dir Schlachten gefallen, kommst du auf deine Kosten, denke ich. Nicht nur hier.
Oh man, warum macht euch der Feuerwolf alle so Probleme?
Die treffen sich bald. v.v
@ Sesshi-Chan: ^^ Schön, dass du wieder dabei bist.
Ich gebe mein Bestes, aber Schlachten und Kämpfe sind schwer zu beschreiben.
Kais Gedanken haben sich verselbstständigt. *drop* War ehrlich gesagt gar nicht beabsichtigt. Aber ich glaube, das hat ein bisschen das Gleichgewicht wegen der Schlacht.
Am Ende hatten sie noch einen Adrenalin-Überschuss. XDD
Boah, endlich mal jemand, der das weiß! TT
@ Mathilda: *nachdenklich Stein in Hand halt* Hm, ach ne, das lassen wir bleiben. Ich les auch oft Geschichten schwarz, also darf ich mich nicht beschweren. ^^
Erst mal danke für den Kommi! ^------^ Freu mich immer, wenn noch jemand dazukommt.
Nyo, bei Kulturen und ihrer Art zu leben geb ich mir immer besonders Mühe, weil das einen Großteil der Story ausmacht. Und was Rhiawen angeht, ich hab echt ein Faible für Beschreibungen.
Für solche Probleme war eigentlich die Charabeschreibung gedacht, weil ich mir schon gedacht hatte, dass es nicht so leicht ist, die Völker auseinander zu halten. Ich gebe mein bestes!
Die Königsschwerter sollten eigentlich nicht so eine große Rolle spielen, aber wenn man bedenkt, was dieses Kapitel da unten für Folgen haben wird - ja, da kommen noch einige Probleme auf Sergej und Co. zu.
Kai kann ja nicht ewig in Rhiawen bleiben, oder? Aber wer sagt, dass Yuriy bleibt? Die treffen sich schon wieder. Demnächst. *freu*
Kai ist schon Raphaels Sohn, ja, aber bevor ich auf die Hiwataris zu sprechen komme, vergeht noch einige Zeit.
@ _husky_: Hi! ^^ Noch jemand neues. *rumhüpf* Danke für den Kommi! ^--------^
Was von 'Herr der Ringe'? Hm, ist das gleiche Genre und da Tolkien der Großmeister der Fantasy ist, nehm ich das jetzt mal als Kompliment. =^.^=
Öh, nein, eher nicht. Ich versuche zweimal pro Monat hochzuladen, aber das ist zur Zeit unmöglich. Und einen bestimmten Rhythmus habe ich auch nicht, weil ich einfach nicht weißt, wie und wann ich schreiben kann und mich auch noch um vier andere FFs zu kümmern habe. *schulterzuck* Sorry.
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Auf der Jagd
Der sanfte Wind fuhr Yuriy durch das offene Haar wie eine Hand und streifte sein Gesicht. Eine zarte Berührung, fast wie ein Kuss. Er schloss die Augen und sog tief die reine, klare Luft ein. Es war kühl, beinahe klirrend kalt, aber das störte ihn nicht, denn damit konnte er umgehen.
Unter sich fühlte er das harte Sattelleder und die Bewegungen seiner Stute, wann immer sie den Kopf warf oder unruhig auf der Stelle trat. Seine Finger waren um den glatten, mit Leder umwickelten Griff des Bogens geschlossen, den er zur Jagd bei sich trug. Es war ein Kurzbogen, aus hellem, beinahe rotem Holz, dessen Reichweite zwar nicht so groß war, wie die eines Langbogens, der aber ohne Probleme vom Rücken eines Pferdes aus benutzt werden konnte.
Immerhin befanden sie sich hier auf einer Jagd. Was nutzte ein Bogen, der dreihundert Schritt weit schießen konnte, wenn man nicht in der Lage war, ihn zu nutzen?
Außerdem sah man hier sowieso nicht so weit, sie befanden sich immerhin in den berühmt-berüchtigten Bergwäldern des Nachtgesangs. Bäume und Felsen versperrten die Sicht, nur selten konnte man weit sehen, wenn man sich mittendrin befand.
Wenn man aber Stellen fand, die sich darüber befanden, so hatte man eine bessere Sicht als irgendwo anders in Thissalia. Dann konnte man hinabsehen, über die Wipfel der Bäume hinweg, über Felsen und Steine, Steilkanten und Anhänge, Lichtungen, Klüfte, Grate. Man sah Tiere, Adler, die dicht unter dem Himmel schwebten, Gemsen und Steinböcke, die über mörderische Pfade sprangen, Ponys und Rehe, die in Herden friedlich auf Lichtungen grasten, Raubkatzen, die durch das Unterholz schlichen, Wolfsrudel, die faul unter Bäumen lagen.
Oft strich der Wind durch die Berge, zeitweise scharf, zeitweise sanft, kalt oder warm. Er trug Laub und den Geruch von Wald mit sich, von Tieren und Wasser, von Natur und Wildnis, von Freiheit und Leben.
Vom Himmel strahlte die Sonne, ein gelber Fleck in weitem Blau, durchsetzt von weißen Punkten, Tupfern oder Flächen. Manchmal war der Himmel gänzlich bedeckt von Wolken, oft waren sie dann grau, grau oder gar schwarz, schwer vom Regen, der darin hing und oft hier hinunterfiel.
All das, wusste Yuriy, all das sprach mehr von Lebendigkeit und Leben als alles, was er in Rhiawen oder einer der anderen thissalischen Städte finden konnte. Überall, wo man hinsah, konnte man sehen, dass etwas wuchs, etwas gedieh, etwas lebte und etwas starb. Aber nirgends, nirgends fehlte das Leben. Selbst im Tod waren die Überreste miteinbegriffen vom Leben, vom ewigen Rad zwischen Geburt und Tod.
Yuriy konnte verstehen, dass die Suatha von einem solchen Rad sprachen, an die Wiedergeburt glaubten und an die Unsterblichkeit der Seele und des Lebens. Er konnte es verstehen und wann immer er sich im Nachtgesang befand, glaubte er ebenfalls daran, glaubte daran mit einer solchen Inbrunst, dass es ihn erschreckte.
Er war niemand, den man als religiösen Fanatiker ansehen konnte, eher im Gegenteil, er besuchte eher selten einen Tempel oder gar einen Gottesdienst. Die Götter seines Volkes hatten nicht besonders viel für ihn getan. Warum sollte er etwas für sie tun?
Seine Mutter sah es zwar nicht gern und nicht nur die Dienerschaft im Schloss redete abschätzig davon, aber das störte ihn nicht. Glauben und Beten, das waren Dinge, die niemand erzwingen konnte, nicht einmal sein Vater. Natürlich glaubte er an die Götter – wer tat das nicht? – aber er betete nicht zu ihnen. Glauben und beten, das waren zwei Paar Stiefel.
Yuriy fühlte sich sehr frei, wann immer er daran dachte, dass er etwas tat, was seinem Vater nicht gefiel und wofür Eskander ihn nicht bestrafen konnte. Vor allem, wenn er sich hier im Nachtgesang befand, wo die Wildheit und Freiheit aus allen Ecken sprang, denn er wusste, er fühlte, dass sie von den Göttern dieses Landes stammten, die überall wohnten. Und er wusste, dass er, wenn er sich hier befand, an sie glaubte und zu ihnen betete.
Er, ein Thissalier, der nichts über suathische Bräuche und Gebete wusste, betete zu ihren Göttern, zu Màn, der gütigen Mutter, zu Morrigàn, der rabenschwarzen Kriegsgöttin, zu Filidh, dem Gott der Musik, zu Morgaine der Seherin, zu Gwallcaru, dem zornigen Meeresgott, der Rotgeflügelten und Cuallaidh, dem Jäger, dessen Attribut der Wolf war. Er wusste, es gab noch mehr, viel mehr, denn alles hatte einen Gott, aber er kannte nur die Bekanntesten, die, die am meisten angerufen wurden. Er hätte gern mehr darüber gewusst.
„Yuriy?“ Bryans Stimme riss ihn aus den Gedanken.
„Hm?”
„Kommst du oder willst du noch lange da runter starren? Ich gebe ja zu, von hier hat man eine wunderbare Aussicht, aber viel kannst du hier nicht jagen, oder? Und dazu sind wird doch da.“
Yuriy wandte seinen Blick von der atemberaubenden Landschaft ab, die sich unter ihm erstreckte, und sah zu seinem Freund. Der hockte lässig auf seinem grauen Wallach und blinzelte gemütlich in die schwache Sonne, die vom Himmel herabschien. Quer über den Sattel hatte er seinen Bogen gelegt und rechts war, wie bei Yuriy, ein Köcher befestigt, aus dem die gefiederten Enden von gut zwei Dutzend Pfeilen ragten.
Einige Meter entfernt saßen Sergej auf einem riesigen, scheckigen Pferd und Ivan, das kleine Königsschwert, auf einem langbeinigen Fuchs und blickten sich wachsam um. Ivan war von den Königsschwertern, die er sich ausgesucht hatte, der, dem Yuriy am meisten vertraute. Er wusste nicht warum, aber der kleine Mann hatte eine Art an sich, die dem Prinzen gefiel. Er hoffte nur, dass Ivan dieses Vertrauen auch verdiente. Aber unter den Königsschwertern gab es sicher keine Verräter.
Der Rothaarige schwieg einen Moment, dann drehte er sich wieder um und fragte er: „Bryan, wann warst du das letzte Mal in einem Tempel?“
Unter sich konnte er ein grünes, unregelmäßiges Meer von Bäumen sehen. Es wurde durchbrochen von mehren grauen und braunen Kanten von Felsen und dem blauen Band eines breiten Flusses. Wenn er ihn mit den Augen zurückverfolgte, konnte er sehen, wie sich das Wasser hoch von einem Felsen warf und sehr, sehr tief unten weiterfloss. Der Wasserfall war weiß wie Schnee und er konnte das donnernde Geräusch der herabstürzenden Fluten beinahe hören.
Es war ein Tal, eingerahmt von majestätischen Bergen, die sich hoch zum Himmel reckten, gekrönt von Schnee und einigen wenigen Wolken, die sich an den Gipfeln verfangen hatten. Die Felswände der Berge, die nach oben hin immer kahler und grauer wurden und nichts mehr von dem smaragdenen Grün der Täler hatten, erstreckten sich links und rechts des Tales und gaben ihm das Aussehen eines Kessels.
Nur weit unten, dort wo Yuriy jetzt hinblickte, war es offen und gab den Blick frei nach Süden, wo die Berge irgendwann endeten und sanft in die Nachtgesangwälder übergingen. Danach folgte die Ebene von Llathwen und schließlich der Golf von Venera.
Die Jagdgesellschaft aus dem Blauen Palast befand sich weit im Norden, sehr weit. Sie musste nur noch wenige Tage nach Norden ziehen, dann würde sie das nördliche Ende des Gebirges erreichen und die Karglande betreten, das Reich der Norag.
Soviel der Prinz wusste, befanden sie sich hier in der Nähe des Sanhati, eines Flusses, der im Gebiet des Nachtsturmklans entsprang und dann in die Silbereissee mündete. Hier an dieser Stelle musste er schon sehr mächtig sein. Vielleicht war es sogar der Fluss, der sich dort unten befand, wer wusste das schon?
Über dem Tal kreiste ein Adler, die mächtigen Schwingen weit ausgestreckt und von einem warmen Aufwind getragen. Was würde Yuriy geben, an seiner Stelle zu sein? So frei, so ungebunden…
Bryan starrte ihn an, als wäre er verrückt geworden, er konnte den bohrenden Blick im Nacken fühlen. Der Falke verstand die Frage nicht und für ihn mochte es auch so sein, als hätte Yuriy sie aus heiterem Himmel gestellt. Er konnte ja nicht ahnen, worüber der Prinz nachgedacht hatte, bevor er ihn unterbrochen hatte.
Yuriy wandte sich wieder ihm zu und lenkte vorsichtig seine Stute herum, so dass sie sich einige Schritt von der gefährlichen Steilkante entfernte, an der sie gestanden hatten. Bryan zuckte die Schultern. Ihm war dieses Thema unangenehm, denn er wusste genau, wie Yuriy es handelte. Außerdem wusste er, dass Yuriy die Antwort kannte.
„Bevor wir zur Jagd aufgebrochen sind.“, sagte er schließlich. „Weißt du doch. Ich…muss doch für meinen Vater…“ Er verstummte und zuckte die Schultern. „Das weißt du doch, oder?“ Sein Ton war kühl. „Ich bin davor jeden Tag gegangen. Die Nachtgesangebene ist kein Park in Rhiawen. Es ist kein Spaziergang, ein Trupp Soldaten dorthin zu führen, insbesondere wenn die Norag ein Heer nach Süden bringen.“ Bryan zuckte die Schultern. „Ich bete darum, dass er heil zurückkehrt.“
„Glaubst du, es hilft?“
„Schaden tut es auf jeden Fall nicht.“
„Glaubst du, sie erhören dich?“
„Woher soll ich das wissen, bei allen Göttern? Bin ich Priester oder was?“
„Nein, natürlich nicht. Und, glaubst du?“
Bryan knurrte etwas und spuckte aus, zuckte dann die Schultern. „Keine Ahnung. Aber wie gesagt… es schadet nicht, wenn ich es tue, oder?“
Yuriy antwortete nicht und schwieg einen Moment. Dann blickte er in das Gesicht seines Freundes und fragte: „Glaubst du,…wenn sie sich denn erhören,…glaubst du, sie könnten etwas tun?“
Der Angesprochene blinzelte. „Wie meinst du das?“
„So, wie ich es gesagt habe. Glaubst du, ihre Macht ist groß genug, dort etwas zu erreichen? Dort oben, in der Ebene des Nachtgesangs, südlich des Karglandes, wo die grausamen Eisgötter der Norag wohnen?“
Bryan schwieg, auf dem Gesicht ein unglaublich unsicherer Ausdruck. Dann zuckte er die Schultern. „Woher soll ich das wissen? Ich bin kein Priester, verdammt noch mal, ich habe nie mit irgendwelchen Göttern gesprochen, weder mit denen zu denen wir Thissalier beten noch mit irgendwelchen nordischen Eisgöttern oder den suathischen, von denen ich kaum die Namen weiß.
Ist es das, was du hören willst? Ich habe keine Ahnung davon, in Ordnung? Ich kann nur tun, was die Priester mir sagen, denn es heißt, sie würden sich mit solchen Sachen auskennen, im Gegensatz zu normalen Menschen wie mir. Ich kann nur hoffen, dass es stimmt, was man sich über die Götter sagt, und dass die Anweisungen der Priester die richtigen sind.“
Yuriy sah weg. Plötzlich tat es ihm Leid, dass er Bryan so ausgefragt hatte, obwohl er wusste, dass sein Freund nicht gerne mit ihm über dieses Thema sprach. Aber er hatte nun mal niemand anderen, den er fragen konnte. Salima war nicht da und er bezweifelte sowieso, dass sie nicht einfach abblocken würde. Sergej war zwar nicht weit, aber er als Königsschwert würde nicht viel darüber sagen. Und wen hatte er sonst noch? Aber er hatte noch einige Fragen…
Er musste sie Bryan stellen. „Wenn dir jemand sagen würde, die Götter – unsere Götter – könnten nichts tun, weil sie dieses Land nicht erreichen… würdest du zu anderen Göttern beten?“
Er sah auf, sah einen seltsamen Gesichtsausdruck zwischen Ärger und Angst über Bryans Gesicht huschen. „Zu welchen denn?“, wollte der Falke wissen. „Zu den, wie du sagtest, ‚grausamen Eisgöttern der Norag’? Oder den suathischen, von denen ich nicht weiß, welcher über die Ebene herrscht?“
Yuriy zuckte die Schultern und antwortete nicht. Auch Bryan schwieg lange Zeit. Dann sagte er: „Vielleicht. Wenn ich wüsste, dass sie meinem Vater helfen, würde ich auch suathischen Göttern ein Opfer darbieten. Ich habe gehört, sie mögen Blutopfer.“
Yuriy lachte leise. „Nein, nicht alle. Andere bevorzugen Pflanzen oder Handwerksstücke oder…“ Er zuckte die Schultern.
„Auf was willst du hinaus?“, fragte Bryan dann leise und warf einen Blick zu Ivan und Sergej, die sich nicht um die beiden kümmerten. Aber sie mussten trotzdem jedes Wort verstanden haben. Mit gesenkter Stimme sprach Bryan weiter: „Willst du darauf hinaus, dass wir zu irgendwem, nur nicht unseren eigenen Göttern beten sollten?“
Yuriy warf ihm einen scharfen Blick zu. „Sieh dich um, Bry. Glaubst du, unsere Götter herrschen hierüber?“ Seine Handbewegung schloss die gesamte Bergwelt um sie herum ein.
„Nein.“, antwortete der Angesprochene. „Aber weißt du, auch wenn sie nicht über alles herrschen – es sind unsere Götter. Thissalische Götter. Und du bist ein Thissalier. Es sind auch deine Götter, trotz dass du sie gerne ignorierst.“
Yuriy schwieg. Musste er jetzt noch weitersprechen? Er wollte nicht… Abrupt wechselte er das Thema: „Wo hast du Salima gelassen?“ Zu Anfang der Jagd – sie waren immerhin vor gut anderthalb Wochen aufgebrochen – hatte sie sich stets an Bryans Seite gehalten. Doch in den letzten Tagen hatte Yuriy sie nur noch im Lager zu Gesicht bekommen.
„Fällt dir aber früh auf, dass sie uns nicht mehr begleitet.“, grinste Bryan, aber dann verzog er das Gesicht als hätte er Schmerzen. „Sie hat sich mit Lady Mao angefreundet und ist mit der unterwegs.“
„Ach so. Schön für sie. Und warum bist du so miesepetrig? Mir scheint Mao jemand zu sein, mit dem man gut auskommen kann.“
„Hab ich was gegen die Lady gesagt? Ich hab nichts gegen die Lady gesagt! Die Lady ist in Ordnung. Hast du gehört, dass ich was gegen die Lady gesagt hab?“, regte Bryan sich auf und zog ein finsteres Gesicht. „Hörst du Salima eigentlich nie zu, wenn sie redet?“
Yuriy blinzelte und dachte an den letzten Abend, an dem sie zu dritt um das Feuer gesessen waren. Salima hatte etwas erzählt… Schön, er war wirklich nicht mit den Gedanken dabei gewesen und er hatte später auch nicht darüber nachgedacht, aber erinnerte sich trotzdem von was sie erzählt hatte. Beziehungsweise, von wem.
„Natürlich höre ich zu.“, maulte er zurück. „Sie schien beeindruckt von Maos Bruder zu sein. Aber…“
Bryan schnaubte. Er schien mehr als nur verärgert. „Beeindruckt. Pah!“ Er lenkte sein Pferd herum, so dass Yuriy nur noch sein Profil erkennen konnte.
Einen Moment fragte der Rothaarige sich, was Bryan so maßlos ärgerte, dann fiel es ihm ein, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Er lachte belustigt auf. „Eifersüchtig, dass sie noch andere Männer außer dir sieht?“ Er kicherte. „Komm schon, auch kleine Schwestern werden einmal erwachsen und Salima ist bereits sechzehn. Sie hätte sich schon viel früher für Jungen interessiert, wenn sie nur welche getroffen hätte.“
Der Falke zog ein Gesicht, als wäre er beleidigt. „Du hast gut reden! Sie ist ja nicht deine Schwester.“ Er murmelte noch irgendetwas vor sich hin.
Yuriy lenkte seine Stute neben sein Pferd und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Nicht eifersüchtig sein!“
„Ich bin nicht eifersüchtig!“
„Warum bist du dann so grantig?“
„Ich mache mir nur Sorgen!“
„Warum? Fürst Lai scheint mir ein Ehrenmann zu sein.“
„Ha! So ein Eindruck kann täuschen.“
„Bryan, ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Lai ist wirklich kein schlechter Kerl, nur ein bisschen temperamentvoll und jähzornig. Salima, scheint mir, kann selbst urteilen. Sie hat keine allzu schlechte Menschenkenntnis. Und alt genug ist sie auch.“
„Aber…“
„Was?“ Yuriy zog eine Augenbraue hoch.
„Lass das. Ich kann das nicht leiden, wenn du so besserwisserisch bist.”
„Aber ich habe recht.“
Der Grauäugige seufzte und nickte ergeben. „Natürlich. Trotzdem…“
„Hör auf dich zu ärgern, nimm deinen Bogen und ruf die Hunde. Ich habe jetzt Lust auf eine kleine Hatz.“ Yuriy grinste, winkte den beiden Königsschwertern und trieb seine Stute an. Er wusste, dass sie erst einmal ein paar der Hundeführer und Jäger suchen mussten, die sich hier herumtrieben, aber wer sagte, dass sie das im Schritt tun mussten?
Es war lebensgefährlich, hier im Nachtgesang, ein Pferd unbeherrscht galoppieren zu lassen, aber manchmal, manchmal konnte er nicht anders. Dann wollte er spüren, wie der Wind durch seine Haare strich, wie der kräftige Körper sich spannte, wie der Wald und die Luft rochen.
Hinter sich hörte er, wie Bryan, Sergej und Ivan rasch folgten. Die Hufe der Pferde klangen gedämpft auf dem laubbedeckten Boden, die verrottenden Blätter raschelten, hin und wieder zerbarst laut knackend ein Ast.
Yuriy ließ seine Stute den Weg suchen und lauschte mit schief gelegtem Kopf auf die Laute des Waldes. Das Zwitschern der Vögel und das Wispern der Blätter, durch die der Wind fuhr, waren allgegenwärtig und lagen über allem. Aber da waren noch andere Geräusche. Das Pfeifen des Windes, der um Klüfte und Felsen strich, das Bellen von Hunden, irgendwo weit entfernt heulte ein Rudel Wölfe. Im Unterholz raschelte es, dann huschte ein Hase vor ihm durch das Laub, das Keckern eines Fuchses hallte zwischen den Bäumen hindurch.
„Da lang.“, befahl Yuriy und lenkte sein Pferd herum in die Richtung, aus der er glaubte, dass er dort Hundegebell und menschliche Stimmen gehört hatte. Widerspruchslos folgten die drei anderen ihm. Bryan trug seinen Bogen inzwischen nicht mehr in der nachlässigen Haltung, sondern in der Hand, einen Pfeil auf der Sehne. Auch Yuriy machte sich für einen Schuss bereit.
Sergej und Ivan trugen Bögen, doch Yuriy wusste, dass sie nicht für die Jagd bestimmt waren, sondern dafür, ihn zu schützen. An Ivan sah selbst ein Kurzbogen seltsam groß aus, aber der Junge wirkte nicht so, als hätte er Probleme damit, ihn zu halten. Sie beide hatten keine Pfeile in den Händen, aber sie würden innerhalb von Sekunden schießen können.
Vor sich hörte erneut das Bellen von Hunden, allerdings klang es sehr viel weiter weg, als er geglaubt hatte. Die liefen doch nicht vor ihnen weg, oder? Verflucht! Seine Stute bockte plötzlich und wieherte laut. „He, was hast du?“ Yuriy zog am Zügel und klopfte ihr auf den Hals. „Komm schon.” Schnaubend lief sie weiter, wenn auch widerwillig.
Der Rothaarige blickte sich um. Bryan und die Königsschwerter hatten ähnliche Probleme wie er. Vielleicht sollten sie einen kleinen Umweg machen? Da vorne schien etwas zu sein… Sein Pferd blieb stehen. Er blickte wieder nach vorn und erkannte, dass es für einen Umweg bereits zu spät war.
Sie befanden sich am Rande eine kleinen Senke. Ein umgestürzter Baumstamm lag darin, sonst wuchsen nur kleine Pflanzen und einige mickrige Büsche. Einer davon war entwurzelt worden. Daneben lagen die Reste eines Hirsches, Fell, Knochen und Blut. Yuriy wusste, welches Wesen das gewesen war, denn es räkelte sich gemütlich am Grunde der Kuhle.
Er schluckte und wagte nicht, den Blick davon abzuwenden. Nur am Rande bekam er mit, wie Bryan neben ihm stehen blieb und die Königsschwerter hinter ihm nach ihren Waffen griffen. Hastig konzentrierte er sich auf das riesige Tier dort unten, das von Sonnenlicht, welches durch die Baumwipfel fiel, beleuchtet wurde.
Es war ein Ishiiran, groß wie ein Pferd, mit Tatzen, größer als sein Kopf und gebogenen Klauen so lang wie Dolche. Das Fell war sehr hell, nicht mehr weiß, sondern schon blau, von einem kalten, abweisenden Eisblau. Es schimmerte im Sonnenlicht und Yuriy verstand sofort, warum es so begehrt war in der feinen Gesellschaft.
Aber er verstand auch, warum es so teuer war, denn das Tier dort war ein wahrer Berg aus Muskeln, Zähnen und Klauen. Wer es angriff, freiwillig angriff, musste lebensmüde sein. Der Ishiiran rollte sich lahm herum, als sie am Rande der Senke erschienen, offenbar im vollen Bewusstsein seiner Überlegenheit.
Träge blinzelte er aus riesigen roten Augen zu ihnen hinauf und gähnte dann, wobei er riesige Zähne in dem platten Maul entblößte, die länger waren als Yuriys Hand. In den Augen fing sich ein Sonnenstrahl und es sah aus, als würden sie plötzlich Feuer fangen.
Das Tier schloss sein riesiges Maul wieder und beobachtete sie gemütlich. Der lange, quastenbewehrte Schwanz wutschte durch das Laub und brachte es zum Rascheln. Yuriy kam es so vor, als würde es überlegen, ob sie vier es wert waren, dass es aufstand und sich anstrengte, sie zu töten. Oder ob die Gefahr nicht die Beute lohnte. Außerdem schien es satt zu sein, dem erlegten Hirsch nach zu urteilen.
Yuriy hielt den Atem an und auch die anderen drei wagten kaum Luft zu holen, obwohl er den Kopf nicht drehte um sich zu vergewissern. Keiner von ihnen wollte das Tier durch eine unbedachte Bewegung erschrecken oder dazu auffordern, sie als Beute oder Gefahr zu sehen. Yuriy wusste nicht, wie ihre Chancen standen, aber er wollte es auch nicht ausprobieren.
Wenn man den Legenden glauben konnte – und das war durchaus seine Meinung, denn sie waren sehr detailreich, viel zu genau um nur Märchen zu sein – dann musste das Tier nicht nur über natürliche Waffen verfügen, die jedes andere Raubtier und auch manchen menschlichen Kämpfer vor Neid erblassen ließen, sondern auch über eine Art Panzer, den Brustkorb, der wie ein Schild alle lebenswichtigen Organe einschloss.
Yuriy zitterte beinahe vor Anspannung. Es reizte ihn, ein solches Tier zu erlegen, diesen Pelz sein eigen nennen zu können und zu sehen, ob die Augen wirklich Juwelen waren. Rubine, von einer solchen Perfektion und Vollkommenheit wie der violette Edelstein, die der Suatha Gotheir zum Tausch angeboten hatte, ein Kleinod von unglaublichem Wert, härter als Diamant und seltener als die sandfarbenen Steine, die man in der Al Kharmit finden konnte.
Aber andererseits wusste er, dass es mehr als nur gefährlich war. Er hatte nicht einmal einen Speer dabei, sondern nur sein Schwert, zwei Dolche und den Kurzbogen, der hier nicht von nutzen war. Die Pfeile würde an den Knochen zersplittern wie dürre Äste.
Außerdem war er nicht der einzige, der daran beteiligt war, sondern er würde auch Bryan, Ivan und Sergej in Gefahr bringen. Vor allem Sergej, denn es war dessen Pflicht, ihn vor allen Gefahren zu schützen. Yuriy zitterte und wusste nicht, was er sich wünschen sollte.
Dann fällte der Ishiiran seine Entscheidung, indem er den dicken, plattnasigen Kopf senkte und die Augen wieder schloss. Offenbar hatte es sich dafür entschieden, sie gehen zu lassen. Fürs erste oder überhaupt?
Yuriy atmete beinahe erleichtert auf und ließ sein Pferd Schritt für Schritt rückwärts gehen. Die anderen drei taten es ihm nach. Sie verspürten alle nicht das Bedürfnis, sich mit dieser riesigen Bestie anzulegen und Pferde und Leben zu verlieren. Wild und Wildschweine – für die sie eigentlich hier in den Nachtgesang gekommen waren – waren eine weitaus leichtere Beute als ein ausgewachsener Ishiiran von einer solchen Größe.
Ivan warf unruhige Blicke über die Schulter zurück, als erwarte er, dass das Tier seine Meinung änderte und hinter ihnen hergerannt kam. Nichts dergleichen geschah. Die Spannung fiel erst von ihnen ab, als sie etliche Meter zwischen sich und das riesige, blauschimmernde Tier gebracht hatten.
„Puh!“, meinte Bryan erleichtert und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich war so einem Vieh noch nie so nah.“
Yuriy warf ihm einen Blick zu und lenkte seine Stute wieder herum. „Hast du denn schon einmal eines gesehen?“
„Jah… Aber nur von etwa zweihundert Schritt Entfernung. Und es war viel kleiner als das da hinten. Außerdem hat es mich nicht bemerkt.“
„Ach?“ Für Yuriy selbst war es das erste Mal, dass er einen Ishiiran gesehen hatte, allerdings war er schon einmal über einen Schädel gestolpert. Es hatte ihn lang hingehauen. Sergej und Ivan wirkten nicht so, als hätten sie eine solche Begegnung schon einmal gehabt, vor allem Ivan nicht, der sich noch immer unruhig umblickte.
„Kommt. Lasst uns die anderen Suchen. Und sie warnen. Ich schätze, das Monster da ist im Moment zwar satt, aber irgendwann bekommt es doch wieder Hunger und dann sind gewisse Leute eine leichte Beute.“ Yuriy lenkte sein Pferd herum.
„Hmhm.“, machte Bryan gemütlich und folgte ihm. Manchmal, manchmal war der Kerl einfach nicht aus der Ruhe zu bringen. Und dann konnte ein ausgewachsener Drache vor ihm entlang marschieren und Jungfrauen fressen und es juckte ihn nicht. Yuriy lächelte über seinen Freund, der seine Unerschütterlichkeit nur Meter weiter wieder unter Beweiß stellte. Er spähte zwischen einigen Zweigen hindurch und winkte ihm.
Die Stimme zu einem leisen Flüstern gesenkt sagte er: „Lass uns erst mal jagen. Schau dir dieses Vieh an!“ Durch die Blätter der Äste konnte Yuriy auf eine große, sonnenbeschienene Lichtung sehen. Beinahe ehrfürchtig deutete der Falke auf einen großen Hirsch mit einem Geweih, dessen zahlreiche Verästelungen kaum zu zählen waren. Um das mächtige Tier herum äste seine Herde.
„Hm.“, machte Yuriy, dann nickte er und griff nach seinem Bogen. Auf der Wiese richtete der Hirsch sich auf und blickte sich aufmerksam um. Hatte er etwas bemerkt? Die langen Ohren spielten über seinem Kopf und nahmen jedes Geräusch auf. Vorsichtig setzte Yuriy seinen Pfeil auf die Sehne und spannte den Bogen.
Neben ihm tat Bryan es ihm gleich. Jemand nieste vernehmlich. Die Herde stob sofort davon. Sie wandte sich von den Jägern ab, sprang über Büsche und man hörte nur noch das Prasseln von Hufen auf dem Boden und das Brechen von Ästen. Yuriy fluchte und trieb seine Stute an, die sofort folgte und durch Gebüsch brach, die Lichtung überquerte und der Herde folgte.
Hinter sich konnte er Bryans Wallach keuchend atmen hören, weiter hinten noch die Hufe von Sergejs und Ivans Pferden. Die beiden würden hinter ihnen bleiben, es sei denn, für Yuriy bestand eine Gefahr. Das war jetzt jedoch nicht zu erkennen, denn welcher Meuchelmörder zielte auf jemanden, der auf einem Pferd saß, das sich im vollem Galopp befand?
Vor Yuriy kam das Rotwild in Sicht und er konnte den Hirsch erkennen, der als letzter lief. Mit einem lauten Ruf feuerte er seine Stute an, ihr Tempo zu erhöhen. Sie tat, was sie konnte, aber Yuriy wusste, dass sie ein Schlachtross war, kein Pferd, mit dem man auf die Jagd ritt.
Trotzdem blieb er an dem Hirsch dran, bemerkte kaum, wie Bäume und Sträucher an ihm vorbeizogen, dann Steine und Felsen. Seine Stute schnaubte erregt. Sie hatte sichtlich Gefallen an dem Wettlauf gefunden und kam immer näher.
Schließlich hob er den Bogen. Ob er den Schuss schaffen würde? Es war nicht leicht, ein Bogen war keine sichere Waffe und auch noch auf dem Rücken eines Pferdes… Er ließ die Sehne los und der zersplitterte Pfeil zischte davon, zuckte von der Sehne wie der Blitz vom Himmel. Der Hirsch stolperte und überschlug sich. Yuriy hörte das Bersten eines Knochens, dann blieb das Tier reglos liegen. Der Hals war unnatürlich verdreht, der Pfeil steckte in seinem Hinterlauf.
Yuriys Stute stürmte in vollem Lauf an dem Kadaver vorbei, eher es sie zügeln konnte. Schnaubend und aufgedreht wie sie war, blieb sie doch gehorsam stehen. Sie stampfte nur mit den Hufen und warf den Kopf herum. Zufrieden ließ der Prinz sich aus dem Sattel gleiten und sah sich um.
Nur wenige Meter von ihm entfernt fiel der Boden senkrecht ab. Er befand sich nicht mehr im Wald, sondern auf einer von Felsbrocken übersäten Wiese. Die letzten Herbstblumen wagten es, ihre matt gefärbten Blütenkelche der Sonne entgegen zu strecken.
Von Bryan, Sergej und Ivan war nichts zu sehen. Aber sie würden sicher gleich auftauchen, insbesondere Sergej. Das Königsschwert war nicht von ihm zu trennen und er wusste immer, wo sein Herr zu finden war.
Yuriy befestigte seinen Bogen am Sattel und trat zu dem Hirschkadaver herüber. Sauberer Tod, schnell und beinahe schmerzlos. Er drehte das Tier herum, so dass die Beine nicht mehr seltsam verkeilt unter dem schweren Leib lagen. Jetzt musste er nur noch überlegen, wie er das Tier zum Lager bekam, aber das war mit der Hilfe von Sergej, Ivan und Bryan sicher keine schwere Sache. Außerdem…
Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihn. Er taumelte und fasste sich an die Brust. Es war, als würde man ihn und sein Herz mit einem Schwert durchbohren. Keuchend brach er in die Knie. Doch bevor er irgendetwas tun konnte, war es auch wieder vorbei. „Was…?“
Nichts von dem Schmerz war geblieben. Aber das hatte er sich doch nicht einfach eingebildet? Ob es gefährlich war? Ein Geräusch im Gebüsch hinter ihm ließ ihn sich umdrehen. „Sergej?“
Blinzelnd und etwa verwirrt starrte er die hochgewachsene Gestalt an, die da aus dem Unterholz trat. Dann weiteten sich seine Augen. Innerhalb von Sekunden hatte er sie erkannt und begriffen, warum sie hier war.
Ivan sah sich besorgt um. Sie hatten den Prinzen aus den Augen verloren. Eben noch war er vor ihnen gewesen, Pfeil und Bogen in der Hand und hinter dem prächtigen Hirsch, dann waren sie zwischen den Büschen verschwunden. Und nicht mehr aufzufinden.
Hastig blickte er sich erneut um, aber außer Blättern, Zweigen und Stämmen konnte er nichts sehen. Ein braunes Pferd schob seinen edlen Kopf zwischen zwei Ästen hervor, dann kam der Reiter in Sicht, es war Lord Bryan. Er hatte den Pfeil, den er vorhin in der Hand gehalten hatte, wieder in den Köcher geschoben und hielt seinen Bogen gesenkt. Sein Gesicht war ärgerlich verzogen, anscheinend hatte er den Hirsch und den Rest der Herde verloren.
Er blinzelte, als er Ivan bemerkte, dann sah er sich um. „Wo sind Yuriy und Sergej?“ Ivan zuckte hilflos und besorgt die Schultern. Er war so stolz gewesen, als der Prinz gerade ihn ausgewählt hatte, von all den Königsschwertern, die sie begleitet hatten. Gerade ihn und Michaels verärgertes, zorniges Gesicht hatte das seine getan, um ihn in Hochstimmung zu versetzen. Aber jetzt hatte er ihn verloren! Verdammt! Ob Prinz Yuriy ihn zum nächsten Ausflug wieder mitnehmen würde?
„Sergej? Mylord Yuriy?“, rief er laut. Sein Pferd stampfte und schnaubte laut, dann brach ein weiteres Tier durch das Unterholz. Es war der gigantische Schecke von Sergej. Der blonde Riese wirkte etwas beunruhigt, aber nicht sonderlich. Anscheinend wusste er genau, wo sich der Prinz aufhielt. Das musste ihre Verbindung sein, die ihn das spüren ließ. Sergejs Schecke trabte neben Ivans fuchsrotes Pferd und der Riese nickte erst Lord Bryan, dann dem kleinen Königsschwert zu.
„Kommt. Er ist…“ Sergejs Stimme ging in einem seltsamen, gurgelnden Laut unter und er griff sich ans Herz, als hätte er plötzlich riesige Schmerzen. Beinahe wäre er vorm Pferd gekippt, einfach umgefallen wie ein Sack Mehl. Ivan packte im letzten Moment zu und hielt ihn fest, so dass der große Mann schwer gegen den Jungen kippte. Dieser keuchte, Sergej war noch schwerer, als er aussah. „Sergej? Was…“
Yuriys Königsschwert antwortete nicht, sondern keuchte laut und rasselnd. Schweiß trat auf seine Stirn und er gab noch einige Geräusche von sich, als hätte er große Schmerzen. Ivan keuchte unter dem Gewicht des Mannes, dann war plötzlich Lord Bryan da und half ihm. Gemeinsam gelang es ihnen, Sergej vom Pferd zu holen, ohne dass er einfach hinunterfiel.
„Was ist los mit ihm?“, fragte Ivan verwirrt, aber der Lord zuckte nur die Schultern. „Keine Ahnung.“
Hilflos sahen sie den großen Blonden an, wie er sich auf dem Boden krümmte, die Hände auf die Brust gepresst. „Ob…Yuriy!“ Bryan war sofort wieder bei seinem Wallach und schwang sich in den Sattel. Keinen Augenblick später waren Pferd und Reiter im Gebüsch verschwunden, noch ehe Ivan begriffen hatte, was der Lord hatte sagen wollen. Dann hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt. Natürlich, es musste so sein! Irgendetwas war mit Yuriy und Sergej… Sergej war nicht dort, wo er sein sollte, bei seinem Herrn.
Zögernd blickte Ivan von dem großen Königsschwert zu seinem Pferd und wieder zurück. Auch er musste Yuriy suchen. Es war seine Pflicht, er war ein Hüter, er war dazu ausgewählt worden, den Prinzen zu beschützen und er durfte nicht versagen, selbst wenn er dabei sterben würde. Aber er konnte doch Sergej nicht einfach hier liegen lassen!
Der Blonde sah sehr ungesund aus, sein Gesicht war totenbleich, seine Kiefern so aufeinandergepresst, dass Ivan Angst hatte, er könnte seine Zähne zerbeißen. Außerdem wusste er nicht einmal, wo Yuriy sich befand. Wie konnte er ihn finden? Sollte er Bryan folgen? In welche Richtung sollte er reiten? Der einzige, der wusste, wo Yuriy sich befand – zumindest annähernd – war Sergej.
Hastig trat er zu dem anderen Königsschwert und packte ihn an den Schultern. „Sergej! Herr! Sergej! Ihr müsst…“ Der andere keuchte und gab einige seltsame Geräusche von sich, dann beugte er sich nach vorn und erbrach sich. Hastig sprang Ivan zurück. „Sergej, was ist geschehen?! Was ist…?“
Der Angesprochene blickte auf, etwas hing ihm noch am Kinn und in seinen Augen stand der pure Wahnsinn. Sie waren weit aufgerissen und Ivan konnte fast nur das Weiße sehen. Die blaue Iris war so weit zusammen gezogen, dass sie kaum erkennbar war. „Ich…“ Seine Stimme verstummte.
„Ivan! Er ist weg!“ Der plötzliche Ausbruch ließ den kleinen Krieger erschrocken in die Luft hüpfen. „Er ist einfach weg! Weg…“ Wieder verklang Sergejs Stimme und mit ihr die Panik darin. Ivan fragte sich, von wem er sprach? Lord Bryan? Ja, der war eben weg geritten, aber den konnte Sergej doch nicht meinen? Das würde ihn nicht so aufregen. Yuriy? Sergej hatte das doch gewusst, oder? Oder…meinte er das auf ganz…andere Weise? Die nächsten Sätze, die der Hüne sprach, bekräftigten Ivans Vermutung.
„Er ist weg. Ich kann ihn nicht mehr fühlen… Es ist, als hätte man mir das Herz herausgerissen…“ Er murmelte noch mehr vor sich hin, auf einem schmalen Grad zwischen hellem Verstand und dunklem Wahnsinn. Ivan bemerkte, wie die Verrücktheit an Sergej nagte, sie sprang ihm aus den Augen. Es war jetzt seine Aufgabe, den anderen davon abzuhalten, vollkommen verrückt zu werden.
Einen Moment zögerte er, dann schlug er Sergej zwei-, dreimal kräftig ins Gesicht. Den vierten Schlag fing Sergej ab. Jetzt hatten seine Augen einen zwar seltsamen Ausdruck, aber das Blau war klar und deutlich zu erkennen. „Lass das.“
„Wo ist der Prinz?“, fragte Ivan beschwörend.
„Ich weiß nicht. Ich kann ihn nicht mehr fühlen.“ Sergejs Stimme klang dumpf und sein Gesicht war vollkommen emotionslos.
„Wir müssen ihn suchen!“, drängte Ivan. „Lord Bryan ist schon…“
Sergej ließ ihn abrupt los und erhob sich. „Worauf wartest du noch?“ Mit einem Satz saß er im Sattel seines riesigen Pferdes. „Komm schon. Das letzte Mal, als ich ihn gespürt habe, war er in dieser Richtung.“ Sergej deutete nach rechts.
Ivan rannte zu seinem Pferd und kletterte auf dessen Rücken. „Was ist geschehen? Warum könnt Ihr nicht mehr…“
„Ich weiß nicht. Aber wenn ich ihn gefunden habe, ich schwöre, ich werde es rückgängig machen und den Verursacher dafür büßen lassen!“ Sergejs Stimme glich einem Zischen, aber noch immer schwang dieser seltsame erstickte Ton dabei mit.
Ivan jagte sein Tonfall einen Schauer über den Rücken. Sergej sprach, was er meinte, und dem kleinen Königsschwert wurde auf einmal bewusst, dass Königsschwert sein mehr bedeutete, als er geglaubt hatte. Viel mehr.
Mao wusste nicht, was sie vorantrieb, als sie ihr Pferd vom Weg und den anderen weglenkte. Aber sie wehrte sich nicht dagegen, denn das wäre noch schlimmer, als dieser Kraft zu folgen, die ihr immer half.
Sie blickte kurz über ihre Schulter zurück. Rei und Olivier unterhielten sich gerade, sie befanden sich am anderen Ende der Lichtung, auf der sie kurz Pause gemacht hatten. Eine kleine Gruppe von sheyaianischen Adligen stand zwischen ihnen und ihr und palaverte miteinander. Lai befand sich nicht weit entfernt, aber seine gesamte Aufmerksamkeit wurde von Salima eingefordert.
Mao hatte sich kurz nach Beginn der Jagd mit dem fröhlichen Mädchen angefreundet. Sie war burschikos, genau wie Mao selbst, dabei aber sehr viel ungehobelter, ging mit dem Bogen um, als wäre sie damit geboren, und ritt wie eine Amazone. Mao wusste, dass sie diese Art daher hatte, ständig mit zwei Jungen – Bryan und Yuriy – unterwegs gewesen zu sein und ihre Mutter nicht so sehr auf ihre Ausbildung zu einer Lady geachtet hatte wie Maos.
Aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hatte die Neko-jin sie auf Anhieb gemocht. Außerdem hatte sie das ansteckendste Lachen, das Mao je gehört hatte, laut, herzlich und echt. Und Salima mochte Lai.
Mao hatte es sofort gesehen, denn in den Augen von manchen Leuten konnte man lesen wie in einem offenen Buch. Salima gehörte dazu, aber sie machte auch gar keine Versuche, das irgendwie zu verbergen, sie sprach aus, was sie dachte und fühlte. Offenbar schien das für Lai, der nur die zurückhaltenden, geheimniskrämerischen Sheyaifrauen kannte, neu und anziehend zu sein. Auch er schien Salima zu mögen.
Mao grinste, wann immer sie daran dachte. Sie persönlich hätte nichts dagegen einzuwenden. Es war besser als ein Mädchen wie…nun, wie Mingming. Aber man musste erst einmal abwarten. Noch war es bei beiden nichts als eine kleine Schwärmerei. Ob es irgendwann tiefer ging?
Mao riss ihre Gedanken von Lai und Salima los, wandte den Blick ab, als sie erkannte, dass niemand zu ihr sah, und trieb ihr Pferd weiter. Rasch nahm es an Geschwindigkeit aus und Mao wurde kräftig durchgeschüttelt. Sie ignorierte es und konzentrierte sich auf ihren Weg. Jetzt durfte sie sich von nichts ablenken lassen.
Ihre Gefühle wiesen ihr die Richtung und sie lenkte das Pferd an Bäumen und Felsen vorbei, bis sie an den Rand einer tief abfallenden Schlucht gelangte. Unter sich konnte sie einen Fluss sehen, der weiß schäumend an den Felsen entlang rauschte. Gischt spritzte hoch über die Felsen, färbte den Stein bis zwei, drei Meter über der Wasseroberfläche dunkel.
„Ja.“, meinte sie langsam und ihre Stimme klang hoch und schrill in der Stille. Sie blickte sich um. Warum hörte sie keine Vögel mehr? Wo waren die Rufe der Wölfe, des Adlers geblieben? „Ja.“, versuchte sie es noch einmal, aber es blieb still wie zuvor.
„Jetzt hier lang.“, sagte sie zu ihrem Pferd und fühlte, wie eiskalte Schauer über ihren Rücken rannen. Es geschah etwas. Es geschah etwas schreckliches. Sie lenkte ihr Reittier nach links und brachte es rasch brachte in einen ruckenden Trab und achtete darauf, dem Abgrund so fern wie möglich zu bleiben. Was, wenn das Pferd ausrutschte? Sie hatte zwar keine Höhenangst, aber sie bezweifelte, dass jemand den Sturz überleben konnte, auch wenn dort unten Wasser war. Aber dieser Fluss würde verschlingen, was immer er auch zu fassen bekam.
Doch das Pferd hatte einen sicheren Schritt und trabte zuversichtlich nach vorn, ließ keinen Zweifel offen, dass der Weg nicht gefährlich war. Dann erreichte sie die Stelle, an der der Wald aufhörte und sie auf eine schmale Wiese gelangte. Felsbrocken lagen herum, als seien sie von oben herabgefallen.
Eine beinahe sanft ansteigende Felswand erstreckte sich links von ihr, während sich der Abhang noch immer rechts befand. Weit vorn machte der Abhang eine sanfte Biegung. Einige Blumen wuchsen und sorgten für matte Farbtupfer in dem Grün des Grases, dem Grau der Felsen und dem Braun der Erde.
Vor sich hörte sie Geräusche, das laute Wiehern eines Pferdes, Metall, das auf Metall traf. Ein Kampf – es waren Klingen auf Klingen. Wer auch immer dort kämpfe, er befand sich hinter der Biegung.
Sie ließ ihr Pferd weiterlaufen, rascher diesmal, so dass sie beinahe im vollen Galopp in das Blickfeld der Kämpfenden kam. Ihr Pferd stoppte so abrupt, dass sie nach vorne fiel, den Halt verlor und hart am Boden landete. Steine bohrten sich ihr schmerzhaft in den Körper, von vorn hörte sie einen Schmerzensschrei.
Hastig blickte sie auf und erkannte den Prinzen mit einer weiteren Gestalt, die sie zu kennen glaubte. Hoch gewachsen, dunkles Haar, jung. Gekleidet in braun und grün, so dass Wald und Blätter ihn perfekt verbergen konnten. Er hatte zwei Dolche in der Hand, einer davon war blutverschmiert.
Die Wunde war eine klaffende Schramme, die sich quer über den Oberschenkel des Prinzen zog. Yuriy taumelte zurück. Sie schrie. Der Rothaarige knickte ein, kurz bevor der Dolch des Angreifers nach vorne zuckte. Yuriy gab ein seltsames Geräusch von sich, etwas zwischen einem Schrei und einem Keuchen, als die Klinge sich durch sein Hemd in seinen Bauch grub, dann warf er sich nach vorn.
Sein schwerer Körper krachte gegen den des anderen, der taumelte, aber nicht stürzte. Einen Moment rangen sie miteinander und Mao wusste, dass sie eingreifen musste. Sie sprang auf, sah, wie etwas ins Gras fiel, zog ihre Waffe und rannte los. Aber sie wusste im selben Moment, dass es zu spät gewesen war. Sie war zu langsam.
Blut färbte das grüne Gras rot, ein leuchtender, rasch wachsender Fleck zwischen all den matten Farben. Der Angreifer gab dem Prinzen einen Stoß. Dieser stolperte wieder zurück, aber diesmal hatte er nicht mehr die Kraft etwas anderes zu tun. Dann trat sein Fuß in die Leere und Mao war es, als würde er wie in Zeitlupe nach hinten stürzten, fallen und dann aus ihrem Blickfeld verschwinden.
Sie hörte nicht auf zu rennen, auch nicht, als der Angreifer sich ihr zuwandte. Sie blickte in sein Gesicht, es war ein gutgeschnittenes, attraktives, junges Gesicht, wenn es auch einen sehr düsteren Ausdruck hatte und in seinen Augen die Dunkelheit lauerte. Sie wusste, sie hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen.
Sie schrie, als der Junge auf sie zutrat, und blieb stehen, dann barsten plötzlich die Büsche hinter ihm und ein riesiges Ungetüm sprang aus dem Wald. Sie kreischte auf und warf sich zurück, ehe sie ein Pferd und einen Reiter erkannte, dann das Gesicht sah. Es war Bryan, in der Hand ein Schwert, das Gesicht zu einer wutverzerrten Grimasse verzogen.
Er trieb sein Pferd auf den Mörder zu, der vor ihr stand. Das Pferd bockte und drehte sich zur Seite. Anscheinend hatte es im Gegensatz zu seinem Reiter den Abgrund gesehen. Der Mörder warf Bryan einen Blick zu, der erschreckend schnell die Kontrolle über sein Pferd zurückerlangte, dann einen auf Mao und wieder zurück.
Rasch blickten sie alle drei zu den Büschen, als weitere Pferde mit lautem Getöse hindurchbrachen und der Mörder musterte kurz die beiden Königsschwerter, die Yuriy jederzeit begleiteten. Dann wieder Bryan und das Mädchen. Er wusste, dass er keine Chance hatte.
Ein trauriges Lächeln huschte kurz über sein Gesicht, dann drehte er sich um und folgte seinem Opfer über den Abhang. Kein Geräusch war von ihm zu hören, keine Schritte und kein Schrei, als er fiel. Er verschwand einfach, wie ein Geist, der kam und ging.
Mao schluckte und ließ sich in das Gras plumpsen. Sie hörte weit entfernt die Stimmen der drei Männer, aber darum kümmerte sie sich nicht. Etwas anderes war jetzt wichtig. Sie kroch im Gras herum und ihre Finger fuhren durch Halme und Pflanzen, ehe sie auf ein kleines, metallenes Teil stießen. Sie klaubte es auf und schloss die Faust darum, doch ehe sie es ansehen konnte, war plötzlich Bryan bei ihr und zerrte sie hoch.
Er war grob und sein Griff schmerzhaft, aber sie konnte es ihm nicht verübeln. Der Falke öffnete den Mund um etwas zu sagen und seine Augen blickten stechend und scharf drein wie die des Tieres, dem er seinen Beinamen zu verdanken hatte. Ja, dieser hier war wirklich passend gewählt.
Bevor er etwas sagen konnte, erklärte sie leise: „Er ist tot.“ Sie wusste, dass er sie nach dem Prinzen hatte fragen wollten. Sie zeigte auf den Abgrund. „Er ist gestürzt; verwundet und gestürzt.“
„Was?“ Bryans Stimme war nur ein Hauch, ungläubig und zweifelnd. „Aber…” Sein Griff wurde noch einmal stärker, dann fuhr plötzlich die wütende Stimme Reis dazwischen. „Was soll das? Lasst sie sofort los!“ Mao hörte, wie er rasch näher kam, gefolgt von jemand anderen.
„Bryan, was ist denn passiert?“, fragte Salima. Der Ritter ließ die kleine Neko-jin so schnell los, als hätte er sich verbrannt, und sie fiel nach hinten und wäre erneut gestürzt, hätte Rei sie nicht aufgefangen.
Salima trat zu ihrem Bruder, ihr Gesicht verzogen von Sorge. „Was ist passiert?“, wiederholte sie, doch niemand achtete auf sie.
„Er ist tot!“, wiederholte Mao, lauter diesmal, so als könne sie selbst es nicht fassen. „ER IST TOT!“
„Wer, Mao, wer?“ Reis Stimme klang drängend, doch sie achtete nicht auf ihn. Sie deutete auf Yuriys schwarzes Pferd, das unweit von ihnen stand und unruhig schnaubte. „Er ist tot.“, sagte sie klagend und blickte endlich in ihre Hand.
Darin lagen eine Kette und ein Anhänger, der klein und dreieckig war und auf dem ein roter, von Dornen umrankter Dolch zu sehen war.
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So, mal sehen, wann das nächste Kapitel kommt. *Händereib* Wird schon ein bisschen klärend sein, glaube ich.
Also, lasst mir ein paar Kommis da, bevor ihr geht. ^^
Silberwölfin
Gefahren
Titel: Feuermond
Teil: 18/ ~ 45
Autor: Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
„…“ reden
//…// denken
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*freu* Hab schon das nächste Kapitel fertig und wird jetzt auch gleich hochgeladen.
Dieses Kapitel steht ganz im Zeichen des Bösen. XDDD In diesem Kapitel kommen mal all die zu Wort, über die normalerweise nur geredet wird. ^^
Wenn ich mir das Ganze so ansehe, ist es ziemlich unfair, dieses Kapitel vor dem nächsten hochzuladen, aber ich muss auch auf die zeitliche Abfolge sehen. Im Übrigen bin ich gerne mal fies.
Jedenfalls, wo wir gerade bei der zeitlichen Abfolge sind, muss ich sagen, dass die Jagd theoretisch parallel zu dem Krieg in der Nachtgesangebene stattfand. Das letzte Kapitel - und dieses auch - ist aber erst nach der Jagd. Sonst hab ich im nächsten Kapitel Probleme mit den Personen. *drop*
Und dieses hier läuft parallel zu dem letzten. Werdet ihr schon merken.
Mit dem letzten Absatz bin ich nicht so zufrieden, aber andererseits gefällt er mir. Genau wie das ganze Kapitel. Und ich glaube, ich hab hier ein Faible für Kane entdeckt. ^^
O.O 10 Kommis! *umfall* Danke, Leute, danke! *alle knuddel*
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@ Spellmaster: Traust du mir denn zu, ihn zu töten?
Also, ehrlich gesagt, man kann das, was Yuriy sagt nicht auf den christlichen Gott(an den ich persönlich nicht glaube) übertragen, weil es in Yuriys Welt viele verschiedene Götter gibt, die sich gegenseitig zumindest tolerieren.
Ishiiran sind Raubkatzen, ja, aber sehr viel größer und gefährlicher als die, die es gibt. Und sie werden noch eine Rolle spielen.
So lang wie bei TTATW sicher nicht, versprochen! *sich schäm*
@ Smilie: Hey. ^----------^ Ich freu mich immer, wenn noch jemand neues dazu kommt, vor allem bei einem Monster wie dem hier.
Danke für dein Lob. Ich geb mir alle Mühe.
@ _husky_: Thx ^///^
Du kannst weiterhin dreist irgendwelche Sachen vermuten. >.> Solange du nicht den Anspruch stellst, dass sie richtig sind...
@ Amadare: Über Yuriy gehen eure Meinungen auseinander. Die einen sagen, er ist nicht tot, die anderen vermuten es nur. Ich hoffe, dass ihr euch da mal nicht irrt! ^.^
Naja, der arme Bryan muss eben immer herhalten, wenn Yuriy irgendwelche Probleme hat.
Yuriy muss theoretisch an sie glauben, denn mit ihnen verhält es sich so wie mit den Göttern im Altertum - da 'weiß' jeder, dass sie da sind. Aber er betet zu ihnen und das ist was anderes. Aber, ja, du hast schon recht, das bringt ihn näher zu Kai.
Und zu deinen Fragen, lesen, da unten geht's weiter.
@ lavanja: Okay. Dann musst du noch 'ne Weile warten.
Die Landschaft hab ich gar nicht sooo genau reinbringen wollen, aber dann ist es einfach passiert. Der Ishiiran(ist eine Katze, ja) war aber geplant. Wollt die doch mal genau vorstellen, wo sie doch noch 'ne Rolle spielen.
Yuriy und Bryan haben zwar keine gegensätzlichen, aber doch verschiedene Meinungen über Götter und ich hab versucht, das ein bisschen zu verdeutlichen.
Traust du mir zu, dass er jetzt tot ist?
Die Verbindung war magisch und die haben diesen Schmerz gespürt(gleichzeitig), als sie gebrochen wurde. Ich hab's noch nicht erwähnt, wer das war. Wissen die ja auch nicht.
@ tsuki-neco: Danke.
Wegen Yuriy musst du noch ein wenig warten. Aber, mal ganz im Ernst, traust du mir seinen Tod zu?
Ja, der kam schon mal vor. *nachkuck* In vier Kapiteln(glaube ich).
Ne, er kommt nicht vor. Erst im nächsten.
@ eisokami: Also, über Yuriy kommt in diesem Kapitel erst mal nix. >.< Im nächsten dann, also bleib ja dran, okay?
Och, du kannst mir schon sagen, was du gern hättest. Du darfst nur nicht erwarten, dass ich es reinbringe.
@ Diabolo_17: Wenn du das sagst, ...
Ne, war nicht derselbe(der hockt ja im Gefängnis und wird irgendwann hingerichtet), aber beide Mörder kommen von der Dämmergilde.
Ja, das schreibt man so. Der kam ja bei euch allen gut an. ^^ Im Übrigen bezweilfe ich, dass es, wenn es denn welche geben würde, heute noch einen geben würde. Der Mensch ist Weltmeister im Ausrotten von Tieren, vor allem, wenn an denen irgendetwas als wertvoll gilt.
Und die Fragen von Yuriy muss sich jeder selbst beantworten, glaube ich.
@ mathilda: Traust du's mir zu, dass er tot ist?
Ich persönlich find die Originalnamen schöner. Außerdem hab ich rausgefunden, dass Yuriy(bzw Jurij) ein russischer, männlicher Vorname ist. Aber Tala hat auch was.
Ja, das wäre zu einfach. Außerdem, wenn man bedenkt, dass Kai ein Suatha ist, würd ich sagen, er hätte unserem Mörder eher noch geholfen. *drop*
Was ich dich noch fragen wollte, dein Name, hast du den von Mathilda aus BB oder ist das nur Zufall, dass es derselbe ist?
@ Sesshi-Chan: 100 Punkte! Du hast richtig geraten. >.> Der Mörder ist tatsächlich Kane. *Kane knuddel* X3
He, was meinst du mit 'vorübergehend'? Hier hab ich nicht diese Option wie bei Kai in KMuD.
Hab ich euch wirklich so lang warten lassen mit dem letzten Chap? O.o Ist mir gar nicht aufgefallen.
Ich wollt die Beschreibungen eigentlich gar nicht so lang machen. Hat sich dann irgendwie so ergeben. Und dieses Gesprächsthema, zu dem hat mich Yuriy getrieben! (Arg, jetzt rennt mir auch noch der davon. *grrr*)
Ja, Intuition, wenn du's so willst. Oder das 2. Gesicht, was auch immer. Brauchte eben einen Zeugen.
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Gefahren
Diese verdammten Berge würden ihn umbringen. Hatte er nicht schon genug Probleme gehabt, als er der Jagdgesellschaft gefolgt war? Und auch noch allein? Nein, jetzt hing er hier und sein ohnehin schon zerfetzter Umhang hatte sich im Gebüsch verhackt! Verdammt!
Wütend machte Kane den Stoff von dem dornigen Busch los und stampfte weiter. Er schimpfte vor sich hin, obwohl er wusste, dass das unvorsichtig war. Niemand durfte ihn sehen, niemand durfte ihn hören, niemand durfte ihn auch nur bemerkten, von seiner Anwesenheit ahnen. Sonst könnte alles schief gehen.
Aber er konnte einfach nicht anders, er musste seinem Ärger Luft machen. Sonst würde er noch platzen! Warum hatte ausgerechnet er diesen Auftrag übernehmen müssen? Gab es da nicht noch andere? Die Hohen Meister hatten gesagt, weil er der Beste war und das schmeichelte ihm natürlich, aber manchmal hatte er sich doch gewünscht, nicht der beste zu sein.
Dann wäre er jetzt wenigstens nicht hier, sondern in Rhiawen, in der Stadt, wo er hingehörte. Wie hielten es die Klanleute nur aus, hier zu leben? Und auch noch freiwillig? Er für seinen Teil wäre froh, wenn er nicht hier wäre, er würde allen seinen Göttern danken. Konnten diese närrischen Adligen nicht einen anderen Ort aussuchen, an dem er den Prinzen umbringen sollte? Musste es unbedingt der Nachtgesang sein, der noch nie sehr freundlich zu Thissaliern gewesen war? Und auch noch zu Thissaliern, die wie er in Städten aufgewachsen waren? Wie er das hasste!
Jetzt war er schon Tage unterwegs, stapfte durch Matsch und Schlamm und Büsche, die größer waren als er und er hatte noch nicht das Zeichen bekommen. Noch durfte er nicht zuschlagen, denn noch war das Königsschwert zu nah. Er musste warten, bis er den Vogelruf hörte, den man ihm mitgeteilt hatte. Dann hatte dieser Magiermeister die Verbindung gekappt.
Danach hatte er einige Stunden Zeit und in diesen Stunden musste er Yuriy von allen anderen Leuten trennen und den Prinzen umbringen. Ersteres musste absolut unauffällig geschehen und letzteres absolut schnell, denn Yuriy war ein ernstzunehmender Gegner.
Kane lief weiter. Aber im Moment wusste er nicht einmal, wo er war, geschweige denn wo das Lager der Jagdgesellschaft war oder der Prinz selbst. Er musste schon viel Glück haben, wenn er zufällig über das eine oder andere stolpern würde. Aber das Glück hatte er doch mal zur Abwechslung verdient! Die Götter konnten doch dieses eine Mal auf seiner Seite sein!
Das Geräusch von rennenden Pferdehufen ließ ihn aufschrecken. Dann hörte er das Bersten von Holz, als eine Herde Wild durch das Unterholz brach. Jäger! Verdammt! So rasch wie möglich verbarg Kane sich hinter dem nächsten Gebüsch und hoffte, man würde ihn hier nicht sehen. Es war nur ein notdürftiges Versteck, aber auf die Schnelle fand er nichts besseres. Außerdem würden Jäger sich wohl kaum auf den Wald, sondern eher auf ihre Beute konzentrieren.
Kurz darauf stoben die Pferde an ihm vorbei. Kane wäre am liebsten in laute Jubelschreie ausgebrochen, als er den Prinzen erkannte. Die Götter waren ihm jetzt also wirklich gewogen? Das hatte er aber auch verdient nach den Torturen der letzten Tage! Wer kam auch auf die blöde Idee, ausgerechnet hier im feindlichen Nachtgesang auf die Jagd zu gehen? So irrsinnig konnten auch nur Adlige sein! Blaublüter! Pah!
Er spukte aus, machte aber dann, dass er dem Prinzen mitsamt seinem Anhang folgte. Sonst verlor er sie wieder. Er hoffte nur, dass man ihm bald das Zeichen gab. Konnte der große Meister Raphael Hiwatari etwa nicht schneller? Ha! Das hätte jeder Dämmergildenmagier besser hinbekommen.
Kane knurrte wütend, so dass aus einem nahen Busch erschrocken einige Vögel aufflatterten. Aber er kümmerte sich nicht um sie, sondern folgte den Spuren, die der Prinz und seine Begleiter am Boden hinterlassen hatten. Sie waren nur zu viert. Der Prinz selbst und sein Königsschwert, Sergej, mit dem Kane es auf keinen Fall aufnehmen wollte.
Dazu ein weiteres Königsschwert, klein, aber soweit der Mörder wusste, sehr gefährlich. Und natürlich – wie konnte es anders sein? – Lord Bryan, der selten von der Seite Yuriys wich. Ob die beiden wirklich etwas miteinander hatten, wie man in der Stadt munkelte? Oder waren das nur dumme Gerüchte, weil die beiden sich so nah standen wie Brüder, nein, näher sogar?
Kane wusste darauf keine Antwort. Außerdem war sie unwichtig. Yuriy würde schon bald tot sein und dann konnte er niemanden mehr lieben, niemanden mehr hassen, niemanden mehr stören.
Kane war es egal. Er war nur der, der den Prinzen tötete. Die Gilde bekam ihr Geld für diesen Mord, mehr als je für einen Auftrag, aber das war auch nur angemessen. Wie die ganze Sache weiterging, interessierte weder die Gilde noch Kane. Hauptsache sie konnten ihren Geschäften weiter nachgehen.
Das war alles, was ihn interessierte.
Das war alles, wozu er ausgebildet worden war.
Das war alles, wozu er lebte.
Was hatte er auch anderes? Er war in die Gilde hineingeboren, er war in ihr aufgewachsen, er war von ihr ernährt und ausgebildet worden. Inzwischen war er ein recht wichtiger Teil von ihr, denn er war der beste ihrer Mörder und er hatte vor, das zu bleiben. Sie war die einzige, die ihn je akzeptiert hatte, wie er war und nie auf etwas anderes als auf seine Fähigkeiten gesehen hatte.
War es nicht das, was alle Welt wollte? War es nicht das, worin der Traum aller Bürger lag? War es nicht das, was manche Leute als Paradies beschrieben? Nein, das war nicht das Paradies, nicht für Kane. Trotzdem fügte er sich ein und wusste nicht, wo er sonst hingehen sollte. Es war alles, was er hatte.
Rasch folgte er der deutlichen Spur, die die vier Pferde im Wald hinterließen. Schließlich trennten sich die Spuren und Kane folgte der, von der er dachte, dass es die des Prinzen war. Er hatte sie schon ganz am Anfang herausgesucht und hoffte, dass er sich jetzt nicht irrte. Er durfte Yuriy nicht verlieren, sonst war es vorbei!
Sein Kopf schnellte hoch, als er den lauten Vogelruf vernahm, der sein Zeichen war. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich über seinem Gesicht aus. Er hatte es gewusst. Tief in seiner Seele hatte er gewusst, dass der Ruf kommen würde. Sonst hätte er sich wohl nicht so viel Mühe mit der Spur gemacht.
Sein kurzes Grinsen verschwand und er eilte weiter. //Bitte ihr Götter, lasst es die richtige Spur sein!// Es war seine Chance. Yuriy war nicht bei den anderen, das Königsschwert wusste nicht, wo er war. Die Situation war perfekt! Er durfte sie nicht stören, indem er diesen kleinen Fehler gemacht hatte und der falschen Spur gefolgt war!
Rasch rannte er. Er brauchte Zeit, falls es doch so war. Dann müsste er wieder umkehren und der nächsten Spur folgen. Ob Yuriy dann noch alleine wäre, war fraglich. Endlich hörte er das Schnauben eines Pferdes vor sich. Er wurde langsamer, schlich durch raschelndes Laub. Warum musste Herbst sein, verdammt?! Die Bäume hatten längst alle Blätter verloren.
So gut und so leise wie möglich schlich er näher an das Geräusch des Pferdes heran. Einige Büsche und Sträucher gaben ihm Deckung. Vorsichtig spähte er zwischen einigen Ästen hindurch, erblickte rasch die einzelne Gestalt und atmete erleichtert auf.
Dort war Kronprinz Yuriy der Eiswolf. Er glitt gerade aus dem Sattel seiner schwarzen Stute, befestigte den Bogen am Sattel und trat zu seiner Beute, einem Hirsch mit prächtigem Geweih. Da hatte er ja ein Prachtstück erlegt. Tja. Die letzte Beute seines Lebens.
Kane atmete tief durch und zog seine Lieblingsdolche. Es waren nur zwei aus einem riesigen Sortiment an Waffen. Sie waren lang und scharf, es gab auf ganz Adieneira kaum bessere Klingen als diese beiden hier. Und sie würden dabei helfen dem Thronfolger von Thissalia das Leben zu nehmen.
Einen Moment zögerte Kane und überlegte, ob er nicht doch besser Wurfwaffen nehmen und Yuriy aus der Ferne töten sollte. Das wäre leichter und ungefährlicher für ihn. Seine Arbeit würde er so oder so erledigen. Die Drecksarbeit, die die Adligen immer auf Leute wie ihn abwälzten.
Man beschwerte sich oft über die Dämmergilde, dass sie da war, dass sie Verbrechen begann, dass niemand sie aufhalten konnte, aber Kane wusste die Wahrheit über sie. Die Gilde gab es nur, weil jemand nach ihr verlangte.
Aber dann entschied er sich da Wurfwaffen. Einen Gegner wie den Wolf tötete nicht, indem man in aus der Ferne erlegte wie ein Reh. Ein Wolf war ein Kämpfer und als ein solcher sollte er sterben. Es wäre nicht richtig, ihn aus dem Hinterhalt zu töten. Nein, diese Ehre wenigstens wollte er ihm erweisen, dass er Mann gegen Mann gegen ihn kämpfte.
Der Mörder im Gebüsch sammelte seine Gedanken. Dann richtete er sich gänzlich auf und trat durch das Gebüsch. Äste raschelten leise und der Prinz drehte sich um. „Sergej?“ Seine Stimme war klar und tief.
Als er Kane erblickte, sah er einen Moment verwirrt aus, aber nur so kurz, dass Kane zu glauben begann, er habe einen Fehler begangen. Dann schlich sich Erkenntnis und Verstehen auf die Züge des Wolfes und er griff nach seinem Schwert.
Kane fragte sich, wie er so wahnsinnig hatte sein können, Yuriy direkt anzugreifen, und ihn nicht zu töten, solange der Prinz noch nicht wusste, dass er da war. Aber jetzt war es zu spät. Er hob seine Waffen und ging auf Yuriy los.
Der Wald war still. Totenstill. Man hörte nicht einmal mehr das Rauschen des Windes in den Blättern. Auch raschelten keine Tiere im Unterholz, sie alle schwiegen, still, bewegungslos. Es war, als hätte die gesamte Welt den Atem angehalten. Selbst das Feuer war stumm, kein Knistern, kaum Flackern.
Raphael schloss die Augen. Sein Zauber war getan, sein Part erledigt. Macht strömte durch ihn, pure, magische Kraft. Aber auch das Gefühl, das Wissen, die Macht zu haben, die Macht, andere zu beeinflussen.
Raphael gestattete sich ein zufriedenes Lächeln, während er zuhörte, wie die Welt ihren Atem wieder ausstieß und wieder lebendig wurde. Wispernd fuhr der Wind durch die Baumwipfel, die Äste in dem kleinen Feuer vor ihm knisterten. Ein Scheit barst krachend in der Hitze.
Er hatte seine Aufgabe erledigt, die Verbindung zwischen dem Prinzen und seinem Königsschwert gekappt und den Mörder benachrichtigt. Natürlich nicht für immer, aber die Zeit sollte reichen. Jetzt lag es in den Händen des Mörders.
Der Magiermeister öffnete seine Augen wieder und sah sich um. Es war natürlich niemand in der Nähe. Wenn doch, hätte er ein Problem. Wie sollte er das erklären, dass er hier mitten im Wald einen Zauber durchführte, der verboten war und noch dazu, während der Prinz ermordet wurde? Es hätte noch mehr Tote gegeben und das wollte man vermeiden. Nur keine Aufmerksamkeit auf sich lenken.
Obwohl – durch die Ermordung von des Kronprinzen lenkte man mehr Aufmerksamkeit auf sich als durch viele andere Taten. Aber es war trotzdem etwas anderes, ob nun nur Yuriy starb oder noch mehr Personen. Womöglich Leute von den Delegationen. Das musste man unter allen Umständen verhindern, denn das brächte Probleme mit Sheyai und Shinazu mit sich. Aber das war ja nicht sein Problem. Er hatte keine Fehler gemacht.
Der Ruf eines Vogels in der Nähe schreckte ihn auf. Ja, er konnte hier nicht länger seinen Gedanken nachhängen, er musste sehen, dass er hier wegkam. Man erwartete ihn schon anderswo. Rasch sammelte er die Gegenstände ein, die er für den Zauber gebraucht hatte. Es waren viele, denn das, was er eben vollbracht hatte, war ein wahres Meisterstück.
Der Bannspruch war kompliziert und brauchte eine lange Vorbereitungszeit, vollste Konzentration und sehr viel Macht. Er hatte sich keinen Fehler erlauben dürfen und er hatte auch keinen gemacht. Zeit hatte er genug gehabt, wochenlang.
Seit bekannt war, dass sie den Prinzen vor seinem Vater töten wollten, hatte er daran gearbeitet, denn es war ihm klar, dass man Yuriy nicht töten konnte, ohne vorher das Königsschwert auszuschalten. Sergej – so hieß der blonde Riese doch? – war groß, stark, gut im Kampf, loyal und dazu noch klug, auch wenn er bei letzterem genau den gegenteiligen Eindruck machte.
Dies alles war keine gute Mischung für sie, die sie seinen Herrn umbringen wollten. Darum musste man erst ihn ausschalten – ob man ihn nur tötete oder für die Dauer des Mordes von Yuriy trennte, war egal. Ersteres war allerdings sehr schwer, vor allem, weil der Prinz selbst auch noch daneben stand und Yuriy durfte man auf keinen Fall unterschätzen. Raphael hatte den Rothaarigen oft genug auf den Übungsplätzen gesehen um zu sagen, dass er ein überdurchschnittlich guter Kämpfer war.
Sergej aber von seinem Herrn zu trennen, war beinahe ebenso schwer. Darum musste man die magische Verbindung zwischen beiden kappen. Und sie waren bei einer Jagd, was bot sich also mehr an also dieser Zauber, den er eben durchgeführt hatte? Bei dem Trubel gab es sicher Augenblicke, während denen man Yuriy von allen anderen Leuten weglocken konnte. Und Yuriys unabhängiger Charakter kam ihnen da entgegen.
Der Mörder, den die Dämmergilde geschickt hatte, sollte mit diesem Problem fertig werden können. Wenn nicht, mussten gewisse andere Leute eingreifen, denn er war bald nicht mehr da, es zu tun. In den letzten Tagen hatte er viel Zeit gehabt, um über dieses Problem nachzudenken und hatte diverse Pläne entworfen. Er hatte sie den Männern mitgeteilt, die helfen konnten.
Jetzt war es Zeit für ihn zu gehen, denn musste rechtzeitig wieder zurück sein, damit es nicht auffiel. Sorgfältig verschloss er seine Tasche, in der er Hilfsmittel untergebracht hatte, und schlang den Gurt über die Schulter. Dann bückte er sich und hob das Messer auf, das noch auf dem Boden lag.
Es war alt, verrostet und stumpf, aber es hatte genügt, um die Verbindung zwischen dem Prinzen und seinem Königsschwert zu durchtrennen Nicht, dass diese Verbindung nicht eng war… sie bestand nur auf einer anderen Ebene als ein ledernes Band, das man mit einem solchen Messer wie diesem hier sicher nicht mehr zerteilen konnte.
Aber die mühsam eingeritzten Symbole reichten, um etwas magisches, übernatürliches zu zerschneiden. Genaugenommen hätte er auch einen Löffel nehmen können, aber bei einem Messer musste er nicht abstrakt denken.
Leise lächelnd drehte der Magier sich um und marschierte durch den Wald bis er eine Schlucht erreichte. Mit einem breiten, beinahe wahnsinnigen Grinsen ließ er das Messer hineinfallen.
Dann sah er sich um. Er hatte keine Ahnung, wo er war und er hörte auch nichts von irgendwelchen anderen Leuten. Gut, kein Problem. Er musste jetzt sowieso hier weg und er würde nicht hierher zurückkehren. Mit einem weiteren Blick in den Wald griff er in den Beutel, der an seinem Gürtel hing, und holte eine Handvoll getrockneter Pflanzen heraus. Er warf sie in den Wind und zischte leise die Worte, die er für den Zauber brauchte.
Eine starke Böe packte ihn und riss ihn mit sich. Die Welt um ihn herum verschwamm in tausend Farben, zerriss und einen Moment, einen winzigen Augenblick lang hatte er keinen Boden unter den Füßen, schwebte er in der Luft. Schließlich kam er auf hartem Stein auf. Die Welt kam wieder ins Lot, die Farben kehrten an ihren angestammten Platz zurück.
Er stand in einer vollkommen leeren Kammer. An den steinernen Wänden waren schwarzeiserne Fackelhalter angebracht, die Fackeln brannten. Der Boden war ein Mosaik, kleine, farbige Steine, die feinsäuberlich aneinander gelegt waren. Die meisten waren weiß, nur einige schwarz und jene dunklen bildeten ein Pentagramm, in dessen Mitte Raphael stand.
Der Magier ging schnurstracks auf die Tür zu und schlüpfte hindurch. Dahinter war ein kleiner, kaum möblierter Raum, von dem drei Türen abgingen. Eine davon, wusste Raphael, führte in den Flur und die sollte er vermeiden, denn es durfte ihn niemand sehen, der nicht zu ihnen gehörte. Die zweite führte in einen Nebenraum, in dem sie alles mögliche lagerten, von Hilfsmitteln bis hin zu Schriften, auf denen Teile ihrer Pläne standen.
Das dritte Zimmer war ihre Versammlungshalle und diese steuerte er jetzt an. Man erwartete ihn bereits, es waren alle anwesend, die heute kommen würden. Das lange Zimmer war das Größte unter denen, die ihnen zur Verfügung standen. An den Wänden standen Kommoden. Der meiste Platz nahm die lange Tafel ein, die in der Mitte des Raumes stand, umgeben von Stühlen. Die Fenster waren mit dicken, schwarzen Tüchern verhängt, so dass es stockdunkel gewesen wäre, würden in den Haltern an den Wänden keine Fackeln brennen.
Die Gestalten, die am Tisch saßen, – es waren rund ein Dutzend – waren alle dunkel verhüllt, auch wenn theoretisch jeder hier wusste, wer wer war. Darum hatte Raphael auf seinen Mantel verzichtet, der ihm im Nachtgesang nur hinderlich gewesen wäre. Auch die eine oder andere Person am Tisch hatte so gedacht.
Da war Eddy, der Sklave aus Rhamadi, ein oder zwei Adlige, die unwichtig für ihren Plan waren, und natürlich Boris. Der große Söldner, den er vor Jahren kennen gelernt hatte, saß gemütlich auf seinem Stuhl, die Beine weit von sich gestreckt. Sein grobes Gesicht war zu einem Raubtierlächeln verzogen und er blickte ihm nur kurz entgegen. Boris war die einzige Person, der Raphael wirklich vertraute – und er war sich noch nicht einmal sicher, ob der Krieger dieses Vertrauen auch wirklich verdiente.
Von den Verhüllten konnte man zwar kaum mehr als die Silhouette erkennen, aber Raphael wusste sofort, wer sie waren. Nur diese dort, die schlanke Gestalt, die neben dem Anführer der Intriganten saß, der am Kopfende des Tisches Platz genommen hatte, die kannte Raphael nicht. Aber das hatte er auch erwartet.
„Ah, Meister, setzt Euch, damit wir sofort beginnen können.“, begrüßte der Mann am Kopfende ihn. Seine Stimme war tief und rau. Seine großen Hände spielten beinahe nervös mit dem Dolch, der vor ihm auf dem Tisch lag.
Raphael nahm neben Boris Platz und erklärte: „Wenn der Mörder jetzt keinen Fehler macht, wird heute noch Yuriy sterben. Eventuell ist er schon tot.“
„Natürlich macht der Mörder keinen Fehler.“, zischte eine der verhüllten Gestalten. Sie war klein und schmächtig, saß aber vollkommen ruhig auf ihrem Platz und schien nicht im geringsten nervös oder aufgeregt zu sein wie die meisten anderen hier. Die Arme vor der Brust verschränkt und das Gesicht in seiner Kapuze verborgen sah er wahrlich aus wie man sich einen Meister der Dämmergilde vorstellte. „Ich habe einen unserer besten Leute losgeschickt. Er versagt niemals.“
„Dann wird ja nichts schief gehen.“, antwortete Raphael kühl. „Ich habe meinen Teil getan und dabei ist nichts schief gelaufen.“
„Ob der Prinz tot ist, können wir erst mit Sicherheit sagen, wenn ihr zurückkehrt.“, erklärte der Anführer. „Aber ich bezweifle es nicht.“
„Gut.“, antwortete der Dämmergildenmeister zufrieden und entspannte sich ein wenig.
„Wie wird es weitergehen?“, fragte eine sachliche Stimme von der Seite. Raphael wandte sich um und blickte zu der verhüllten Gestalt. Es war eine schöne Stimme, betörend und süß, eine weibliche Stimme. Er hatte sich schon immer gewundert, was diese Frau in ihrer Runde zu suchen hatte, aber im Grunde war es ihm egal. Er hätte es nur nie von ihr vermutet. Nicht weil sie eine Frau war, sondern weil sie war, wer sie war.
„Nun.“, begann der Anführer. „Jetzt wird der König der nächste sein.“
„Wie wird es geschehen?“, fragte sie und beugte sich vor. Raphael konnte beinahe das gierige Glitzern in ihren Augen sehen, ihr schönes Gesicht, das von Verlangen, Neid und Zorn verzerrt war.
Die Gestalt neben ihr – ebenfalls maskiert – legte ihr die Hand auf den Arm und zog sie zurück. Es war eine andere Frau und Raphael wusste auch, wer sie war, aber sie sprach nie sehr viel und war nur Begleiterin. Zumindest schien es so. Aber niemand war hier, nur weil eine andere Person ebenfalls hier war.
Die Frau mit der schönen Stimme ließ es zu und lehnte sich wieder zurück, während beide auffordernd ihren Anführer ansahen. Dieser erläuterte: „Wir gehen anders vor als bei dem Prinzen, subtiler. Hier, dafür ist er hier.“ Er deutete auf die Gestalt neben sich, die Raphael nicht kannte.
Ein Mann, nach der Form des Mantels war er nicht besonders groß oder breit, sondern schien eher die Statur eines Tänzers zu haben. Etwas bewegte sich unter seinem Mantel, dann huschte ein Tier aus seinem Ausschnitt und kletterte auf seine Schulter. Es war ein Drache, kleiner als eine Katze, mit karmesinroten und goldenen Schuppen und ledrigen Schwingen. Sein Auftauchen rief erschrockene Ausrufe und ängstliches Keuchen hervor.
Kurz meinte Raphael, in dem Schatten der schwarzen Kapuze Gold aufblitzen zu sehen. Aber genau konnte er es nicht sagen. Der Mann bewegte sich geschmeidig wie eine Katze und zog etwas aus seinem Ärmel heraus. Es war ein Fläschchen, kaum größer als seine Hand, aus feinem, kristallisiertem Glas, geformt wie die Parfümflasche einer Frau. „Hier.“ Seine Stimme war dunkel und weich. Er reichte das Fläschchen dem Mann neben sich.
„Das ist das Gift einer Pflanze, die nicht in Adieneira wächst. Sie ist nur wenigen Leuten bekannt. Wenn man wenig davon regelmäßig zunimmt, stirbt man.“
„Es wird so aussehen, als sieche man dahin.“, flüsterte der schlanke Mann, der das Gift überbracht hatte. Die Stimme war nun samtig wie das Schnurren einer Katze. „Niemand wird dahinter kommen, denn es wird hier kaum jemand zu finden sein, der das Gift kennt.“ Er neigte leicht den Kopf, als wolle er andeuten, genug gesagt zu haben, und wieder meinte Raphael etwas Goldenes unter der Kapuze glitzern zu sehen.
„Das ist interessant.“, meinte der Gildenmeister und blickte zu dem Überbringer des Giftes. „Würdet Ihr…?“
„Nein.“, unterbrach dieser. Seine Stimme klang noch immer unverändert, aber aus irgendeinem Grund musste das auch nicht so sein. Der Gildenmeister jedenfalls fragte nicht weiter nach.
„Darf ich das sehen?“, bat die Frau mit der schönen Stimme und streckte eine behandschuhte, schlanke Hand aus.
„Lasst es nicht fallen.“, gab der Anführer zurück und reichte ihr den Flakon. Die Finger schlossen sich darum wie eine Falle um ein Tier und sie hielt es sich vor das Gesicht um es genau anzusehen.
„Ist das nicht zu wenig?“, fragte sie dann. „Es scheint mir… nicht genug zu sein.“
„Ihr braucht nicht viel, nur einen Tropfen über längere Zeit hinweg.“, antwortete der Überbringer, bewegte sich aber kein Stück, sah die Dame nicht einmal an.
Ihr Kopf schnellte hoch und sie wollte etwas zischen, das, wie Raphael vermutete, in die Richtung ging, dass er sie gefälligst höflicher zu behandeln habe, aber der Anführer schnitt ihr das Wort ab. „Lasst das.“, sagte er ruhig. „Wir dürfen uns jetzt nicht streiten. Ich schlage vor, wir warten, bis Eskander krank wird, dann beginnen wir mit unserer ‚Behandlung’.“
„Warum?“, wollte jemand wissen.
„Damit es nicht so auffällt.“ Der Anführer beendete das Thema, indem er den Flakon zurückverlangte und ihn an den Mann neben sich weiterreichte. Dieser stand auf und ging zu einer Kommode, aus der er ein Kästchen holte. Dieses war innen mit einem weichen Stoff ausgelegt. Der Mann legte das Fläschchen hinein und verbarg es in der Kommode. Dann setzte er sich wieder.
„So, wenn das erledigt wäre, wie weit seid Ihr?“ Der Anführer der Gruppe wandte sich einem anderem Mann zu. Auch er war verhüllt, aber unter dem Mantel konnte man deutlich die Statur eines Kriegers erkennen. Raphael wusste darüber hinaus, wer dieser Mann war.
„Ich bin im Zeitplan. Es läuft alles so, wie es gewünscht wird. Ich bezweifle, dass irgendwelche Probleme aufkommen werden. Die Truppenstärke nimmt zu.“
„Gut.“ Der Anführer nickte zufrieden. „Dann wäre ja alles geklärt für heute. Meister, müsst Ihr nicht zusehen, dass Ihr zur Jagd zurückkommt.“
„Doch. Aber wenn alles nach Plan gelaufen ist, wird niemand meine Abwesenheit bemerken und wenn ich noch zwei Stunden bleiben.“ Trotz seiner Worte erhob sich Raphael. Er verbeugte sich höflich, als befände er sich am Königshof und nicht in einer intriganten Runde von Verschwörern.
Dann drehte er sich um und verließ den Raum um wieder in den Nachtgesang zurückzukehren. Auf dem selben Weg, auf dem er gekommen war.
Das Mädchen hatte Kane irritiert. Es war nicht eingeplant in seine Vorsätze, dass plötzlich jemand aus dem Gebüsch auftauchte. Aber er war nicht so verunsichert wie Yuriy, der sich ablenken ließ und nicht so schnell seine Fassung wiedererlangte wie der Mörder. Kane nutzte seine Chance und er nutzte sie gut.
Als der Prinz stürzte, verspürte er kurz die lodernde Flamme des Triumphes, die jedoch rasch wieder der bekannten Gleichgültigkeit wich.
Dann kam der Ritter dazu und schließlich die beiden Königsschwerter. Kane blickte sie an, sie und das Mädchen, sah die Wut und das Entsetzen, dass in ihren Gesichtern geschrieben stand wie Worte in einem Buch. Er sah, dass er keine Chance hatte, sie zu besiegen. Seine einzige Chance bestand in der Flucht und die würde er nicht nach vorne antreten.
Sondern nach hinten. Er drehte sich um und sprang. Die Luft rauschte an ihm vorbei, wie ein starker Wind. Sein Umhang bauschte sich über ihm, flatterte heftig. Dort unten war der Fluss, der nun sein Feind war. Vielleicht würde er sterben. Vielleicht nicht.
Der Aufschlag war so heftig, dass er für einen Moment das Bewusstsein verlor. Beinahe hätte er die Selbstbeherrschung verloren. Beinahe wäre er ertrunken. Beinahe hätte er nach Luft geschnappt.
Kane wehrte sich gegen diesen Impuls und bewegte Arme und Beine um an die Wasseroberfläche zu kommen, aber er kam nur langsam vorwärts. Zu langsam. Sein Umhang behinderte ihn, ebenso wie Teile seiner Ausrüstung, die er am Körper trug wie es für die Mörder der Dämmergilde üblich war.
Hastig griff er nach seinem Hals, friemelte an der Schnalle herum, die den Umhang an um seinen Hals schloss. Die Luft wurde ihm immer knapper. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen, während sein Körper vom Fluss mitgerissen wurde, gegen harte Gebilde krachte. Verzweifelt riss er an dem Stoff, der Schnalle.
Da, endlich hatte er sie los! Das nun wertlose Kleidungsstück versank hinter ihm im Fluss und er kam schneller voran, wie ein Pfeil schoss er auf die Wasseroberfläche zu, durchbrach sie mit einem letzten, verzweifelten Schwimmzug.
Gierig sog er die kalte Luft in die Lungen. Er platschte wieder ins Wasser zurück, wäre beinahe wieder in die Tiefe gezogen worden. Mit aller Kraft hielt er sich über dem Wasser, aber er wusste, er konnte es nicht lange halten. Darum schnappte er nach Luft und ließ sich weiter mitreißen.
Sein Kopf sank wieder unter Wasser, weg von der Luft, vom Licht, aber er kümmerte sich nicht darum. Wenn man ihm in der Gilde etwas beigebracht hatte, dann dass, wie er sich und seine Ängste, die Panik beherrschte. Und er beherrschte diese Kunst meisterhaft.
Hastig machte er sich daran, alle Taschen und Dinge von sich zu lösen, die ihn störten. Dann schwamm er wieder nach oben. Wenn er hier verreckte, war alles vorbei. Zumindest für ihn. Er schnappte nach Luft, bewegte Arme und Beine, damit er über Wasser blieb, das ihn unbarmherzig mitriss, ihn und so viele andere Dinge, Äste, Tierkadaver, Pflanzen, Schlamm hin und wieder sogar ganze Baumstämme.
Er packte zu, als der nächste Ast nah genug an ihm vorbeizog. Erschöpft hängte er sich an das Holz und atmete tief ein, versuchte, seinen zerschrammten Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen. Vielleicht war es nicht die beste Idee gewesen, diesen Weg zu nehmen. Aber seine einzige. Und wie es aussah, würde er die Sache überleben.
Zerschunden, verletzt, ohne Umhang und die Hälfte seiner Ausrüstung, aber lebendig. Und seinen Auftrag hatte er auch ausgeführt. Niemand, der so verletzt war wie der Prinz, würde diese Hölle hier überleben. Zwar konnte Kane sich nicht mehr persönlich von dem Tod des Wolfes überzeugen, aber wie sollte es anders sein?
Man würde ihn nicht innerhalb von wenigen Stunden finden können und dann war er tot – ob nun ertrunken oder verblutet, das war egal. Tot war tot.
Die dünne Zeltbahn hielt die Geräusche des Lagers nicht ab, sondern dämpfte sie höchstens. Das Gewirr von Stimmen und die Laute von Schritten oder verrichteter Arbeit drang ungehindert hinein. Unter allem lag der rhythmische Klang der Wellen, die regelmäßig an den Strand schwappten. Das leise Flirren, das von Queens Zither herüberklang, fügte sich so gut wie perfekt darin ein.
King saß über die Karte gebeugt an dem kleinen Tisch, der in der Mitte des abgetrennten Teiles des Zeltes stand, und grübelte. Es war die beste Karte, die er von diesem Kontinent, den seine Bewohner ‚Adieneira’ nannten, hatte finden können. Sie war groß, auf Papier gezeichnet, das hier sehr teuer und sehr fortschrittlich war, und detailliert.
Adieneira war riesig. Nicht so groß wie Thirmeis, aber auch nicht so klein wie die Kontinente, die sie sonst kannten. Oder besser: beherrschten. Es gab kein Land, keine Stadt, kein Dorf, dass Thirmeis bekannt war und das nicht unter der Herrschaft des Goldenen Kaisers stand. Keines – außer Adieneira.
Aber Adieneira war ihnen auch erst seit wenigen Wochen bekannt. In der Hauptstadt mochten sie erst vor Tagen davon erfahren haben, denn die Seereise über diesen Ozean war lang. Ob das gut oder schlecht war, dass wusste King nicht zu sagen. Aber auf alle Fälle bedeutete es, dass die Truppen, die er angefordert hatte, erst im Frühjahr eintreffen konnten.
King wusste als guter Commander, dass er keine Chance hatte, mit den geringen Streitkräften gegen die Heere der Einheimischen zu bestehen. Er würde nicht einmal dieses eine Land erobern konnten, Thissalia, geschweige denn die beiden anderen Großmächte, Sheyai und Shinazu im Westen und im Südosten. Keine Chance.
Aber wenn der Kaiser erst einmal seine Truppen schickte, würde es ein Kinderspiel sein. Wenn die drei Großmächte erst einmal besiegt waren, würden die anderen Länder ebenfalls klein bei geben. Selbst diese gefürchteten Nordkrieger, diese Piraten, die mit ihren schnellen kleinen Schiffen die anderen Länder und sich gegenseitig überfielen, würden es nicht wagen, sich gegen das Thirmeisische Imperium aufzulehnen.
Die Zeit bis zum Eintreffen der Truppen würde King damit verbringen, Informationen zu sammeln. Adieneira war groß und dementsprechend bevölkerungsreich und gut gerüstet waren seine Reiche. Informationen gaben Wissen, Wissen war Macht und Macht bedeutete im Krieg den Sieg.
Je mehr Auskünfte King über Adieneira hatte, desto absoluter würde sein Sieg ausfallen, desto weniger seiner Männer würden sterben und desto größer war sein Ruhm in der Heimat. Vielleicht würde der Kaiser ihn zum Gouverneur ernennen, wenn er ihm Adieneira vor die Füße legte.
Adieneira, der Kontinent, von dem King nur so wenig kannte und wusste, und der ihn schon so beeindruckt hatte. Adieneira mit den klaren Meeren, den weiten Wäldern, dem grünen Küstenstreifen, den majestätischen Berggipfeln, die er in der Ferne bei klarem Wetter gerade noch sehen konnte. Auch der Rest des Kontinents versprach ein solches Prachtwerk, Kunststück zu sein wie das Fürstentum Falkenburg, in dem sie sich aufhielten.
Ob das Land viele Schäden von dem Krieg davontragen würde? Und wie schnell ließen sie sich wieder beheben?
Auf jeden Fall war Falkenburg das erste Stück Land, das thirmeisisch werden würde. Hier würden sie beginnen, denn hier hatte er das erste Mal den Fuß auf das Land gesetzt. Außerdem befand sich nicht weit im Norden die Festung des Fürsten von Falkenburg, Baltheir.
King hatte diesen Mann noch nicht kennen gelernt, da er sich derzeit auf Kriegszug im Norden befand um die Eindringlinge aus den Karglanden zurück zu schlagen. Nur seine Frau und seinen Sohn, dessen Gesicht ernst und verschlossen war. Wenn sein Vater ihm ähnelte, dann war es ein schwieriger erster Schritt.
Aber er würde umso mehr zeigen, wie überlegen die Thirmeiser den Einheimischen waren. Und diese Überlegenheit mussten sie beweisen, denn King hatte nicht nur den Sohn eines Fürsten kennen gelernt, sondern auch den ältesten Sohn des Hochkönigs.
Der Kronprinz war – und nicht einmal King konnte es anders sagen – erschreckend. Noch heute konnte er die kalten Augen auf sich spüren, die schneidende Stimme hören, die eisige Kälte spüren, die von ihm ausging.
King hatte viele Dinge über Hochkönig Eskander gehört und ihn als einen normalen Krieger eingeschätzt. Aber er hatte diesen unheilkündenden Sohn zur Seite. Diesen Sohn, dem die Macht aus dem Gesicht sprang, der mit jeder Bewegung von Überlegenheit und Selbstsicherheit kündigte, der in der Sprache und seinen Handlungen von Wissen und Intelligenz zeugte.
Von Sheyai und Shinazu hatte King noch nicht viel gehört, aber was er gehört hatte, ließ ihn zuversichtlich nach vorne blicken, dass sie keine größeren Gegner waren als die, die Thirmeis schon geschluckt hatte. Das war ein weiterer Grund, warum King unbedingt hier und damit mit Thissalia anfangen wollte, nicht mit Sheyai, das näher an Thirmeis lag.
Er wollte diesen Mann vernichten, Yuriy den Eiswolf, der ihm, King dem Königsadler, überlegen war.
Die Klänge der Zither verstummten. King blickte auf und drehte sich in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren. Kurz darauf raschelte der Stoff des Vorhangs und Queen kam zum Vorschein. Ihre helle Haut wirkte im Schein der Kerzen noch heller als sonst und ihre Augen glühten schwarz wie Kohlen.
„Was ist?“, wollte King von seiner Schwester wissen.
Sie blinzelte einmal langsam, dann ließ sie sich neben ihm am Tisch nieder. „Nichts. Ich bin nur unruhig.“
King sagte nichts mehr und blickte wieder auf seine Karte. „Wo willst du die Truppen stationieren?“ Ihre dunkle Stimme sickerte langsam in seine Gedanken ein.
„Hier. Erst mal.“ Er deutete auf den am östlichsten liegenden Zipfel Adieneiras, dort, wo ein Fluss sich mit dem Meer verband. Quer über dem Land stand ‚Kemza-Steppe’. Der Fluss trug denselben Namen. „Oder auf einer der Inseln von dieser Kette dort.“ King rieb sich das Kinn. „Ich hab es mir noch nicht persönlich angesehen, darum bin ich noch unsicher.“
„Warum diese Steppe?“
„Sie liegt zwar direkt an Sheyai, aber dort lebt kaum jemand und diese Reiterstämme dort mögen die Sesshaften nicht. Es gibt kaum Kontakt. Darum ist es zweifelhaft, ob man von unseren Truppen erfährt, ehe wir es wollen.“
„Und dann?“
„Im Winter werden wir dieses Lager zu einer Festung aufbauen und im Frühjahr zuschlagen. Falkenburg wird fallen und dann werde ich die Truppen holen, die in der Kemza stationiert sind.“ Einen Moment hörte man nur das Knistern des Kohlefeuers. „Der Kaiser wird uns wahrscheinlich zwei- oder dreimal Truppen schicken.“
„Du glaubst, eine reicht nicht? Mir kommen diese Leute hier ziemlich primitiv vor und…“
„Man kann nie wissen, Schwesterherz. Außerdem ist Adieneira groß.“ Er fuhr mit der flachen Hand über die Karte. „Ich weiß nicht, ob wir das dritte Heer brauchen. Aber dann zur Sicherung des Friedens wird es uns willkommen sein.“
Queen schwieg. Dann nickte sie. Als vor dem Zelt Tumult ausbrach, blickten sie beide gleichzeitig auf. Kurz darauf steckte der Hauptmann, der vor dem Zelt Wache hielt, seinen Kopf herein. „Commander King! Die Wachen haben jemanden aufgegriffen, der behauptet, er habe eine Botschaft für Euch.“
„Ja?“, fragte King und zog ein verwirrtes Gesicht. Er hatte keine Leute losgeschickt und er erwartete auch nicht, dass irgendein Einheimischer zu ihm kam. Kurz wechselte er einen Blick mit Queen, dann griffen sie beide nach ihren Waffen, die sie in Griffweite liegen hatten und erhoben sich um dem Wachhauptmann nach draußen zu folgen.
Die Wächter vor dem Zelt standen stramm, als sie ins Freie traten, aber sonst ging alles seinen geregelten Gang. Draußen in der Bucht dümpelten sacht die großen Schiffe auf und ab, kein Lüftchen regte sich.
Ihr ‚Besucher’ stand, von zwei bewaffneten Männern flankiert, vor dem Zelt und blickte ihnen entgegen. Er war mindestens einen ganzen Kopf kleiner als King und schien auch schmaler zu sein, aber genau konnte er es nicht sagen, denn die Person trug einen weiten, faltenreichen, schwarzen Mantel, der den gesamten Körper verbarg. Die Kapuze hatte er über das Gesicht gezogen, so das seine Züge im Schatten lagen.
Auf seiner Schulter saß ein Tier, kaum größer als ein Hase. Es war eine geflügelte Echse, seine Schuppen schimmerten golden und rot im Sonnenlicht und aus seinem spitzen Maul ragten scharfe Zähne. Aus roten Augen musterte sie King und Queen neugierig und durchdringend.
Die Person – war das nun ein Mann oder eine Frau? – verbeugte sich höflich, aber nur knapp vor dem Commander und seiner Schwester und kurz meinte King, etwas Goldenes im Schatten der Kapuze aufblitzen zu sehen, als sich ein Sonnenstrahl hinein verirrte.
King musterte die Gestalt eindringlich, ehe er nickte und fragte: „Was willst du hier?“
„Ich bin hier, um Euch etwas zu sagen.“ Die Stimme, die aus der Dunkelheit des Gesichtes drang, war eindeutig männlich, dunkel und samtig weich wie das Schnurren einer Katze.
King blinzelte. „Wer bist du überhaupt? Kannst du nicht deine Kapuze abnehmen?“
„Wer ich bin tut nichts zur Sache und mein Gesicht werdet Ihr noch früh genug sehen. Es tut mir Leid, Commander King aus Thirmeis, dass ich Euren Wünschen nicht entsprechen kann. Aber dazu ist noch nicht die Zeit.“
King fragte sich, wo der Fremde wohl seinen Namen und seinen Titel aufgeschnappt hatte, ging aber nicht darauf ein. „Dann wirst du sicher nicht verwundert sein, wenn ich deinen Worten keinen Glauben schenke, oder?“
„Das könnt Ihr handeln, wie Ihr wollt, aber was ich Euch sagen werde, ist die Wahrheit. Alles, was ich von Euch will, ist, dass Ihr mich wieder gehen lasst. Ich habe noch einige Dinge zu tun.“
„Ja, ja, meinetwegen.“ War dieser verhüllte Mann verrückt oder nur sehr, sehr geheimnisvoll? King warf seiner Schwester kurz einen Blick zu, aber die zuckte nur mit den Schultern. Ihre Augen funkelten. „Nun? Was hast du uns zu sagen.“
„Prinz Yuriy ist tot.“
„Was?!“
„Ich wiederhole mich nicht.“
„Ich habe dich schon verstanden. Warum kommst du her und sagst uns das, wenn es doch angeblich die Wahrheit ist?“
„Das geht Euch nichts an. Es ist die Wahrheit und ich habe es Euch gesagt. Fangt damit an, was Ihr wollt, Commander King aus Thirmeis.“ Der Fremde verbeugte sich. „Mehr habe ich Euch nicht zu sagen.“ Er drehte sich um und ging davon. Niemand machte die Anstalten, ihn aufzuhalten.
Als er zwischen den Zelten verschwunden war, drehte King sich zu seiner Schwester. „Glaubst du, er hat die Wahrheit gesagt?“
Einen Moment schwieg sie und blickte ihn mit ihren schwarzen Augen an. Dann sagte sie: „Ja.“
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So. Na, habt ihr alle durchgeblickt? Und, nein, ich sage nicht, wer diverse Personen sind. Insbesondere der Kerl mit dem Drachen.
Und die Charabeschreibung kommt wirklich bald! Versprochen. Und was mit Yuriy passiert ist, erfahrt ihr im nächsten Kapitel, okay?
Das kommt wahrscheinlich nicht so schnell, aber ich tue mein Bestes und ihr könnt mir ja Kommis hinterlassen. (Sowas spornt an)
Silberwölfin
Gastrecht
Titel: Feuermond
Teil: 19/ ~ 45
Autor: Wolfsorceress aka Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC, Shounen-ai
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
„…“ reden
//…// denken
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Ich weiß, ich bin spät dran, aber besser spät als nie, was? ^--^ Dafür hab ich extrem gute Laune, kA warum. Nuuja, auf jeden Fall ist das Kapitel länger als normal, darum ~
Nun, zum Kapitel kann ich nur sagen, der erste Teil ist ein wenig kurz und durcheinander, aber das ist auch ganz gut so. v__v Immerhin geht da auch wirklich alles nicht gerade in geregelten Bahnen. Mit den einzelnen Abschnitten bin ich eigentlich zufrieden, auch wenn ich manchmal - insbesondere bei Robert - etwas abgeschweift bin und bei einem - Ivans - ein bisschen schnell gemacht hab. Aber das Kapitel war an dieser Stelle schon lange genug, darum hab ich da nix mehr geändert.
Und zum letzten Kapitel kann ich nur sagen, dass ich nicht erwartet hab, dass es soooo gut ankommt. OO Ich hätte eher gedacht, ihr hasst mich dafür, dass ich euch Yuriys Schicksal noch ein Kapitel weiter vorenthalte. *drop*
Außerdem war es wohl nicht schwer, herauszufinden, wer der Mann mit dem Drachen war. ~.~
Aber bei den Frauen hat's mich doch etwas erstaunt.
**
@ Amadare: Du magst die Bösen, oder? Oo
Wen vermutest du denn hinter den Frauen?
King und Queen geben gute Bösewichte ab, finde ich. ^.^ Die passen da voll rein. Und niemand hat was dagegen, wenn man sie nachher tötet. *harhar*
@ Spellmaster: Joa, der Drache... Ich hab oft solche Drachen in einer Story und hier konnte ich einfach nicht wiederstehen. Außerdem passt das Vieh zu ihm. ^^
Ich verspreche dir, es wird nicht bei einem Gespräch bleiben. Ich wollte doch etwas (*Ironie*) weitergehen.
Dafür ist die Charabeschreibung da. King steht auch drin, soweit ich weiß.
In gewisser Weise kann man das wohl auf alle Religionen beziehen.
Ich habe an deine Worte gedacht... Aber es ging trotzdem nicht schneller.
@ Diabolo_17: Also, erst mal, magst du die Bösen auch so gern? Oo
King und Queen, naja, die sind nicht so mein Fall, aber man kann sie gut in solche Rollen einsetzen und sie passen so schön da rein. *.*
Joa, kann sein. Oder auch nicht.
Raphael ist, nun ja, ein Kapitel für sich, würde ich sagen. Auf jeden Fall ist er ein sehr interessanter Charakter.
Und Boris ist natürlich immer unsympathisch, aber Kane mag ich. *shrug*
@ mathilda: Ich hab auch nicht viel für die beiden übrig, aber sie passen sehr schön in diese Rolle. Wenn sie plötzlich tot umfallen würden, wäre mein Plot futsch. Das wäre nicht besonders praktisch. *drop*
Wie, du tappst im Dunkeln? Alle anderen haben zumindst bei einer Person einen Verdacht gehabt. Nu ja, du wirst es ja auch noch erfahren.
Kane hat nicht darum gebeten, das zu werden, was er ist. Ich weiß nicht... Ich denke, er taucht nochmal auf.
Ach so. Na dann.
@ eisokami: Also, die Dämmergilde ist gar nicht zu King und Queen, das war nur der Mann mit dem Drachen, der im Übrigen gar nix mit der Gilde zu tun hat, außer dass sie im Moment für den gleichen Auftrageber arbeiten. Und warum er zu den beiden läuft, dass erfährst du ein andermal.
Und, nur zur Warnung, es werden einige Leute sterben. ^^°
@ IceWulf: Danke für deinen Kommi. ^---------^ Hab mich sehr gefreut.
Ich schreibe immer ENS an die Kommischreiber des vorherigen Kapitels, wenn es weitergeht.
Weißt du eigentlich, wie geehrt ich mich fühle, dass du das hier ließt, obwohl du kein Shounen-ai magst? ^^ (Und nur zur Warnung: Es wird weder hier noch in den anderen Storys bei Andeutungen wie in KMuD bleiben, okay?)
@ Sesshi-Chan: So, hier hast du das Kapitel.
Joa, du hattest recht. *Kane knuddel* Hab ich das mit dem Fluss nicht schon im letzten Kapitel geschrieben? Oo Naja, auf jeden Fall lieber der Fluss als sich von stinkigen Königsschwertern erwischen lassen. ^^°
Vielleicht, gaaaanz zufällig... Du könntest wieder recht haben. *drop*
Weissu nicht? *g* Dann musst du noch ein wenig warten. Nein, es waren nicht alle aus BB, aber ein paar. So fifty-fifty würd ich sagen.
Und die letzte Szene... die mag ich! *g* Gerade weil sie so verwirrtend war.
Aber ich kann sagen, King verschätzt sich da nicht gerade viel. Nur ein kleines bisschen.
@ Smilie: Hi ^^
Danke schön. v///v
Ja, ich lös das noch auf. Aber da musst du noch einige Geduld haben. Das dauert noch.
Ich mag ihn auch, den armen, leidgeprüften Kerl. *Bryan-Fähnchen schwing*
@ tsuki-neco: Da wimmelt es nur so von Bösen. *drop* Sonst macht das doch gar keinen Spaß. *g* Jaja, ein König(insbesondere dieser) lebt eben gefährlich.
King und Queen passen sehr schön in diese Rolle. Meiner Meinung nach.
@ Lyos: Hi! Du ließt jetzt auch alle meine Fics, oder? (Außer SaSa)
Zu Mystel... Ich werde dir jetzt nicht sagen, was seine Rolle ist, aber ich sage dir, dass ich sie liebe(seine Rolle). *Mystel-Banner aufzieh* ^^°
Und King und Queen passen perfekt in die Rolle. Die sind für die Bösen geboren.
Wie kommst du darauf, dass genau sie das ist?
Gailanna wird mit Mingming gepairt. (Hier sei angemerkt, dass ich sie beide nicht mag *drop* Sie sind mir zu oberflächlich.)
@ lavanja: Ich glaube, es gibt sehr viele Leute, die mir zutrauen würden, Yuriy zu töten. Ich hab's immerhin mal mit Kai gemacht, mitten in der Story. Darum ~
Ich frag mich grad, wie ihr auf Gailanna kommt. *drop* Naja.
Ich musste King auch mal reinbringen. Er hat ja noch sehr viel vor und das geht nicht Schlag um Schlag. v__v
Kane lebt noch, falls du das meinst. Ich denke, er taucht nochmal auf, weil ich ihn irgendwie mag. Und er hat sich seinen Job nicht wirklich ausgesucht.
Ich gebe Mao gerne das Zweite Gesicht. Wenn ich wieder eine Gelegenheit habe, wird sie weiterhin Vorahnungen haben.
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Gastrecht
Im Lager war die Hölle los. Mao wusste nicht wie, aber die Nachricht vom Tod des Prinzen hatte sich längst wie ein Lauffeuer verbreitet. Adlige und Diener rannten wild durcheinander und das leise Getuschel lag in der Luft wie das penetrante Summen von Fliegen.
Alle Arbeit oder sonstigen Tätigkeiten waren stehen und liegen gelassen worden. Niemand kümmerte sich darum, selbst Ritter Robert, der eigentlich einer der pflichtbewusstesten Männer war, denen Mao je begegnet war, stand nur herum.
Auf seinem Gesicht lag ein ungläubiger, aber zugleich entsetzter Ausdruck. So als wolle er nicht glauben, was geschehen war, hatte aber gleichzeitig völlig erfasst, dass es die Wahrheit war, dass es wirklich geschehen war, jenes Verbrechen, das das gesamte Reich auf den Kopf stellte.
Wie würde König Eskander reagieren? Dass er und der Prinz nicht auf gutem Fuß zueinander standen, das war überall bekannt, auch wenn die beiden in der Öffentlichkeit so taten, als sei es nicht so. Würde der König um seinen verlorenen Sohn trauern? Mao senkte den Kopf.
Wenn auch der König es nicht tat… Viele andere taten es.
Sie zügelte ihr Pferd etwas und blickte sich um, sah betrübte, niedergeschlagene Gesichter, jeder hatte einen solchen Ausdruck auf dem Gesicht, von ehrlichem Bedauern bis hin zu tiefer Trauer. Prinz Yuriy von Thissalia war vielleicht nicht unbedingt der netteste Mensch gewesen – aber er war doch eine Person, die man schätzen musste, für ihre Intelligenz, ihre Kraft und ihre Art.
Rei neben ihr trug einen seltsam verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht, schwankte zwischen Trauer und Bedauern. Sie streckte die Hand aus um nach seiner zu greifen und sie zu drücken. Ihr Verlobter schenkte ihr kurz ein trauriges Lächeln, ehe er seine Finger um ihre schloss und dann wieder nach vorne blickte.
Mao wandte sich von ihm ab, ließ den Blick weiterschweifen. Lord Bryan war nicht mehr ansprechbar. Nicht seit dem Augenblick, an dem er gemerkt, an dem er wirklich realisiert hatte, was geschehen war.
Auch Salima wirkte tief geschockt, aber sie hatte sich unter Kontrolle, zeigte mehr Selbstbeherrschung, als Mao ihr je zugetraut hatte. Das Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar blieb bei seinem Bruder und sorgte dafür, dass er nicht zurückblieb, so traumwandlerisch wie er sich bewegte und drein sah.
Aber wenn es ein Traum war, dann war es ein Alptraum.
Mao verstand zwar nicht allzu viel von Politik – es war so trocken, was interessierte sie solch trockenes, langweiliges Zeug? – aber hin und wieder schnappte sie doch etwas auf und das vergaß sie nicht mehr so schnell. Aber dass Yuriy gestorben war, würde große Auswirkungen auf die Politik haben, das war selbst für sie offensichtlich.
Immerhin war Yuriy der Kronprinz von Thissalia und er hatte diese Aufgabe nicht einmal schlecht erfüllt. Sondern im Gegenteil, so gut, wie es ihm möglich gewesen war, ihm, der diese Aufgabe gehasst hatte wie nichts anderes.
Dieser Tatsache waren sich wahrscheinlich nur wenig Leute bewusst. Wahrscheinlich waren es nur die, denen Yuriy es gesagt hatte – und Leute wie sie, Mao, die von Ahnungen überfallen wurden wie von Raubtieren oder Wegelagerern.
Zwei Dinge waren Mao klar: erstens hatte Yuriy seinen Vater gehasst. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, aber so sehr wie die eisblauen Augen geglüht hatten vor Hass, so sicher war sie sich. Und zweitens hatte Yuriy seine Geburtspflicht gehasst. Wenn dies nicht so wäre, so wäre Eskander wahrscheinlich schon lange, lange tot. Ermordet vom eigenen Sohn, im Zorn vielleicht, aber tot.
Vielleicht war es ein Segen, dass der Wolf ermordet worden war, dass er jetzt tot war. Ein Segen für den Prinzen selber, nicht für sein Reich. Denn seinem Reich drohte nun Gefahr. Eskander würde – so wie Mao die Lage einschätzte – auch nicht mehr lange zu leben haben und irgendetwas gab ihr die Gewissheit, dass es auch so war.
Diese Gewissheit, sie wusste nicht, woher sie kam, aber sie war stärker als alles andere, was sie je gefühlt hatte in dieser Richtung. Es war, als würde die Stimme, die immer zu ihr flüsterte, hier lauter sein als irgendwo sonst. Und als wäre sie nicht die Stimme, die sie kannte…
König Eskander würde sich in Acht nehmen müssen, denn ohne Grund hatte sicher niemand einen Mörder auf seinen Sohn gehetzt haben. Und der wahrscheinlichste Grund war nun mal, dass da irgendwer war, der den Thron haben wollte. Nur wer? Gerüchte deuteten auf den einen oder anderen Adligen hin, aber da es keine Beweise gab, konnte man nur bei Vermutungen bleiben.
Und Vermutungen waren kein Grund, irgendwen einzusperren oder hinzurichten, nicht hier in Thissalia. Vor allem nicht, wenn es hochgestellte Adlige waren. Im Kaiserreich, ja, im Kaiserreich wären all jene Männer, denen man so etwas zutrauen würde, schon längst tot. Denn in Sheyai hatte der Kaiser die Himmelskaiser die alleinige Macht und er verstand es, sie zu nutzen und alle, die ihm diese Macht abzujagen drohten, gegeneinander auszuspielen. Selbst in Shinazu verhielt es sich ähnlich.
Aber Thissalia hatte eine andere Art der Regierung. All die Fürsten und Grafen, die Barone und Lords, sie alle hatten etwas zu sagen und sie alle hatten Macht und der Hochkönig hielt sie nur zusammen. Er hatte zwar die größte Macht, die letztendliche Entscheidungsgewalt und Loyalität vieler Thissalier – aber wenn er sich nicht nach seinen Fürsten richtete, so ging er schneller unter, als er ‚Ich bin der König.’ sagen konnte.
Er hatte das Gleichgewicht zwischen den Adligen, den Magiern und den Rittern zu halten.
Er hatte das Volk zu beschützen und dafür zu sorgen, dass es nicht zu arg darbte.
Er hatte mit den Führern der anderen Reiche zu verhandeln, dass es nicht zu Krieg kam.
Aber er hatte nicht die alleinige Macht und seine Aufgabe war so verantwortungsschwer wie keine andere im Reich, denn wenn er sie nicht ansatzweise richtig erfüllte, so würde es zu einem Bürgerkrieg kommen.
Mao hatte von all dem keine Ahnung gehabt, als sie zu ihrer Reise nach Thissalia aufgebrochen war. Aber sie hatte sehr schnell herausgefunden, wie hier der Hase lief und – es gefiel ihr.
Andererseits war diese Art der Regierung sehr gefährlich. Unter dem Kaiser würde es nie, niemals zu einer Bürgerkrieg kommen, es sei denn der Kaiser war schwach und wusste nicht, was er tat. Unter dem Hochkönig war es viel leichter, einen Krieg im eigenen Land anzuzetteln. Nicht schwer und dieser Mord am Kronprinzen konnte der erste Schritt sein auf diesem Weg zum Krieg.
Mao fürchtete sich davor, vor einem solchen Krieg, denn so weit weg ihre Heimatwälder auch lagen – unbehelligt würden sie nicht bleiben, nicht einmal dort. Zu viel Macht hatte Thissalia, zu groß war dieses Reich, zu viele Bewohner hatte es. Mao seufzte.
Doch Thissalia hatte noch einen Prinzen. Yuriys kleiner, süßer Bruder Caradok, den sie ein- oder zweimal gesehen hatte, zusammen mit seinen Freunden. Er war zwar erst neun und das genaue Gegenteil seines wilden, rothaarigen, eiskalten Bruders, aber es war noch die Hoffnung da, dass man ihn als Kronprinzen akzeptierte, so jung er auch war.
Aber dazu musste Eskander noch lange Jahre leben bis Caradok alt genug war, dass man ihm den Ritterschlag geben konnte. Dazu durfte Eskander bei keinem Mordanschlag sterben, dazu durfte er nicht einmal einem ausgesetzt werden. Denn das würde bedeuten, dass auch der kleine Prinz in Gefahr war. Das würde bedeuten, dass das Ziel des Mörders wirklich der Thron war und keine kleine Racheaktion, weil der rüde, jetzt tote Kronprinz ihn einmal geärgert hatte.
Aber…daran glaubte Mao nicht. Sie glaubte, dass das Ziel wirklich der Thron war. Welche Tat war groß genug, dass man den Tod des Täters forderte? Was konnte jemand wie Prinz Yuriy getan haben, einen solchen Zorn auf sich zu ziehen.
Gewiss, Yuriy war keine Person, die jeder sofort ins Herz schloss, ganz im Gegenteil, er legte keinen Wert darauf, dass sein Gegenüber ihn mochte und das zeigte er auch und zwar jedem. Aber sie traute ihm trotzdem keine Tat zu, der solch einen Zorn auf sich zog. Dazu war er zu…ehrenhaft? Zu Pflichtbewusst? Zu gelangweilt von allem um sich herum? Sie wusste es nicht.
Mit einem leisen Seufzen ließ sie ihr Pferd die letzten Meter laufen und rutschte aus dem Sattel. Keiner der Diener, die ihr das Tier normalerweise abnahmen, kam um seine Aufgaben zu erfüllen, aber das störte sie nicht. Zuhause in den Kean-Shan-Wäldern hatte sie es auch immer alleine gemacht. Das war die Bedingung ihrer Mutter gewesen, als sie ihr erlaubt hatte, zu reiten. Aber das nahm sie gern in Kauf. Außerdem war sie schon immer der Meinung gewesen, wenn man reiten konnte, so sollte man auch sein Pferd anschließend versorgen. Sie verachtete alle Leute, die das nur den Stallknechten überließen. Auch wenn das deren Arbeit war. Aber trotzdem…
„Mao?“ Reis Stimme ließ sie aus den Gedanken aufschrecken.
„Ja?”
„Kommst du allein klar?”
„Ja. Natürlich.“ Sie blickte ihn kurz empört an. Als wüsste sie nicht, wie man ein Pferd absattelte. Pah! Sie drehte Rei wieder den Rücken zu und begann, die Gurte zu öffnen, die den Sattel an seinem Platz hielten. Sie spürte, wie ihr Verlobter ihren Rücken anstarrte und sich dann langsam abwandte.
Mao hielt ihn nicht zurück.
Raphael merkte sofort, dass der Gildenmeister die Wahrheit gesprochen hatte, als er wieder ins Lager zurückkehrte. Unauffällig sah er sich um. Ja, Prinz Yuriy war tot. Die genauen Umstände kannte er noch nicht, aber bald würde er sie erfahren haben.
Der Magier unterdrückte ein zufriedenes Lächeln – das hätte doch etwas seltsam ausgesehen – und näherte sich dem großen Zelt, in dem Yuriy untergebracht war. Untergebracht gewesen war. Tote brachte man nicht in solchen Zelten unter.
Unschuldig näherte er sich dem nächst besten, der ihm Antworten auf seine Fragen geben konnte – Ritter Robert, der wie eine Statue in der Gegend herumstand und nichts tat, außer entsetzt und ungläubig Löcher in die Luft zu starrten. Was für sich allein schon ein Wunder war. Ritter Robert hatte immer etwas zu tun und er blickte niemals so.
Amüsiert blickte Raphael ihn kurz an, dann setzte der Magier ein ernstes Gesicht auf und räusperte sich, so dass der Ritter auf ihn aufmerksam wurde. Erschreckt fuhr er herum und starrte ihn aus verwirrten Augen an. Dann fuhr er sich beinahe verlegen mit der großen Hand durch das gepflegte, violette Haar und fragte genervt: „Meister Raphael?“
Der Angesprochene verbeugte sich höflich. „Ritter Robert.“ Er sah sich um, wirkte verwirrt. „Ich war bis eben noch außerhalb des Lagers… Was ist passiert?“
Robert starrte ihn einen Moment schweigend an und die dunklen Augen wirkten unergründlich. Anders, als Raphael ihn kannte, denn Robert war eigentlich ein geradliniger Mensch. Dann schüttelte der Ritter langsam den Kopf. „Tut mir Leid. Prinz Yuriy wurde ermordet.“
Raphael riss die Augen geschockt – oder eher scheinbar geschockt – auf. „WAS?“ Er wusste, er war ein guter Schauspieler. Das war er schon immer gewesen.
Der Krieger nickte langsam. „Ja. Ein Mörder… Jedenfalls wurde Yuriy in den Sanhati gestoßen. Schwer verletzt, wie es hieß. Niemand bezweifelt, dass er in den Fluten umgekommen ist. Der Mörder ist ihm hinterher und wahrscheinlich auch tot.“
„Aber… aber Prinz Yuriy?!“, stammelte Raphael.
Robert nickte ernst. „Ja. Man hat schon einen Suchtrupp losgeschickt, um wenigstens seine Leiche nach Rhiawen zu überführen.“
„Aber… Sie werden ihn nicht finden.“ Raphael wusste, dass er nicht zu viel Trauer und Entsetzen zeigen durfte. Das würde ihn verdächtig machen, denn auch wenn er nichts mit Yuriys Tod zu tun hätte – er hätte weder das eine noch das andere verspürt. Freude, oh ja, das war es, was er jetzt fühlte, Freude und Triumph. Er war seinem Ziel einen Schritt näher gekommen, als Yuriy in diesen Fluss gefallen war.
Es war ganz egal, ob sie seine Leiche hatten oder nicht. Tot war er, denn – nun, er hatte dieses Messer ganz sicher nicht zum Spaß gerade in diesen Wassermassen entsorgt. Er hatte den Fluss gesehen und ein Schwerverletzter würde die Fluten unmöglich überleben können.
Und der Mörder… Wer wusste schon, was der Mörder alles konnte? Der Magier traute ihm zu, sich nach seinem Sturz – oder wohl eher Sprung – wieder an Land zu kämpfen. Oder er ertrank da unten. Wen interessierte das? Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Da war es egal, ob er noch lebte oder schon tot war. Finden würde man ihn wahrscheinlich ebenfalls nicht.
Wenn er noch am Leben war, hatte er sich sicherlich schon aus dem Staub gemacht, denn wenn man ihn schnappen würde, dann würde er nicht einmal mehr auf die Gnade der Götter hoffen können. Und auf die der Menschen sowieso nicht. Aber wenn er tot war, würden ihn die wilden Tiere fressen oder der Fluss würde ihn niemals mehr freigeben. Wie auch immer, er blieb verschwunden.
Dasselbe würde auch für Yuriys Leichnam gelten. Sie würden sicherlich nicht rechtzeitig finden um den toten Körper vor den Aasfressern schützen zu können. Das wusste auch Robert, denn er sagte nichts zu der Behauptung des Magiers.
„Wer war denn der Mörder?“, fragte Raphael in die Stille hinein und unterbrach damit die misstrauische Musterung des Ritters. Robert traute ihm anscheinend zu, hinter dem Anschlag zu stecken. Was ja auch stimmte, wenn er auch nicht allein dafür verantwortlich war…
„Die Dämmergilde. Man hat einen Anhänger gefunden.“
„Aha. Die hatten es sowieso auf ihn abgesehen, habe ich gehört.“
„Stimmt.“ Roberts Antworten waren seltsam einsilbig. Eigentlich gehörte er zu den Leuten, die sich selbst gern reden hörten. Aber der Tod des Prinzen hatte ihm wohl auf den Magen geschlagen.
Raphael verbarg sein zufriedenes Grinsen hinter einer Maske des halbherzigen Interesses. „Und die Königsschwerter? Hatte Yuriy nicht extra wegen dieser Bedrohung eine Reihe Königsschwerter zur Seite gestellt? Und was ist mit seinem gebundenen Schwert?“
„Auf der Jagd hatte der Prinz nie mehr als zwei Schwerter dabei.“, bemerkte Robert steif. „Die anderen waren hier im Lager. Yuriy wurde von ihnen getrennt.“
„Das gebundene Schwert hätte ihn aufstöbern müssen, noch ehe der Mörder hätte zuschlagen können.“ Das war richtig. Das war absolut richtig. Der Mörder hätte niemals die Gelegenheit gehabt zuzuschlagen, wenn die Bindung zwischen dem Prinzen und Sergej nicht unterbrochen worden wäre. Von ihm, Raphael, dem Magier, dem besten Magier. War er nicht extrem gut? Aber er ließ sich seine Zufriedenheit nicht anmerken, sondern hörte ruhig Roberts Antwort.
„Sergej behauptet, er hätte den Prinzen verloren und ihn bis zum Ende nicht mehr gespürt. Auch jetzt ist das noch so.“
„Weil der Prinz tot ist.“, brummte Raphael. „Aber man kann diese Bindung nicht beeinflussen, oder?“
Natürlich konnte man. Aber selbst Raphael hatte Monate gebraucht um das herauszufinden. Für die meisten Menschen war klar – auch wenn es nicht die Wahrheit war – dass man die Bindung zwischen Königsschwert und Schützling nicht verändern konnte, außer durch den Tod von einem von beiden.
Aber auch wenn Yuriy im Moment noch am Leben war, der Zauber wirkte noch einige Zeit und würde erst nach und nach langsam abnehmen. Vielleicht würde er – wenn Yuriy dann noch leben würde – seinen Schützling in einigen Wochen, wenn nicht gar Monaten wieder spüren. Aber – Yuriy würde zu diesem Zeitpunkt schon lange tot sein. Sein Körper nichts als ein Haufen Knochen, abgefressen, verrottend.
Beinahe wäre auf Raphaels Gesicht ein sadistisches Grinsen ausgebrochen, aber er konnte sich gerade noch beherrschen. Das wäre doch etwas verdächtig gewesen. „Ich weiß nicht so viel wie Ihr über Magie.“, tat Robert ohne Umschweife sein mangelndes Wissen kund. „Aber, nein, ich glaube, dass ist nicht möglich. Zumindest sagt man sich das, nicht wahr?“
„Ja. Das sagt man sich wohl.“, antwortete Raphael. „Den Magiern ist auch keine Möglichkeit bekannt.“
Den Magiern nicht. Aber ihm. Doch das brauchte er Robert ja nicht auf die Nase zu binden. Dieser blickte ihn scharf an. Schöpfte er Verdacht, wegen Raphaels vorsichtiger Wortwahl? „Das heißt, es könnte eine geben?“
„Theoretisch, ja.“, antwortete der Magier. „Aber… ich bezweifle, dass jemand eine kennt.“ Außer ihm natürlich. „Was geschieht jetzt mit den Königsschwertern?“
„Nun… das wird der König entscheiden. Sergej ist noch ein wenig verwirrt und kaum ansprechbar. Wir werden ihn mit zurück nach Rhiawen nehmen, dann denke ich, wird der König über ihn richten.“
Also würde auf das Königsschwert nicht gerade das glücklichste Schicksal warten. Auch wenn Eskander Yuriy nicht besonders mochte, so war der Prinz doch sein Sohn, sein Erbe und ein Teil seiner Familie, ein Teil seines Besitzes und Eskander mochte es nicht, wenn man sich daran vergriff. Beziehungsweise, Yuriy war es gewesen.
„Und das andere – nun, ich denke, er wird zurückgestuft werden. Die anderen sind in diesem Fall nicht zu berücksichtigen, weil Yuriy ihnen befohlen hatte, zurückzubleiben“, fuhr Robert fort und spielte damit auf Ivan und die anderen Königsschwerter an, die durch das Lager irrten wie verlorene Hunde.
Raphael murmelte seinen Dank über die Auskunft und verabschiedete sich rasch. Dann ging er mit langen Schritten davon, auf sein Zelt zu. Er hatte die letzten Spuren seines Zaubers zu verwischen und noch mit jemandem zu reden. Mit jemandem, der wusste, dass Sergej die Wahrheit sagte. Mit jemandem, der genau wie er zu den führenden Köpfen der Verschwörung gehörte.
Raphael kannte seine Gründe nicht und hatte es von Anfang an etwas seltsam gefunden, dass gerade dieser Mann zu ihnen gehörte. Nichtsdestotrotz wusste er, dass sie sich auf die Verschwiegenheit und die Unterstützung dieses Mannes verlassen konnten.
Raphael warf noch einen kurzen Blick auf Yuriys Zelt, vor dem nun Ritter Bryan stand, der verlorener und verlassener wirkte als ein kleines, elternloses Kind und mit blicklosen Augen auf die blauen Zeltwände starrte, die Hand um den Knauf des Schwertes gekrampft.
Die Bahnen des Zeltes, das nun verlassen war, bauschten sich leicht im Wind des Nachtgesanges. Eine Böe griff in das große Banner, das vor dem Zelt im Boden stak und auf dem das Wolfsemblem des Prinzen zu sehen war, und breitete es aus, als wolle es Abschied von dem nehmen, zu dem es einst gehört hatte.
Es knallte in dem starken Luftzug und Raphael sah noch einmal auf das stolze Wappentier, ehe er sich umdrehte und triumphierend lächelnd davon marschierte.
Robert starrte dem Magier hinterher. Er traute Raphael Hiwatari nicht. Er wäre verrückt und verblödet, wenn er Raphael Hiwatari trauen würde. Ganz egal, um was es ging, dieser Mann würde immer sein eigenes Süppchen kochen und versuchen, das bestmögliche Ergebnis für sich selbst herauszuschlagen.
Wenn dies mit den eigenen Plänen übereinstimmte, so konnte man sich auf Raphael verlassen. Man konnte ihm absolut vertrauen und darauf zählen, dass er alles in seiner Macht stehende tat, die Pläne auch in der Realität umzusetzen.
Aber man durfte nicht darauf vertrauen, dass Raphaels Pläne sich nicht veränderten, denn der Magiermeister war wahrlich unberechenbarer als eine Frau. Seine Interessen änderten sich meistens so schnell wie der Wind seine Richtung und darum tat man sich selbst einen Gefallen, wenn man Raphael nur für Dinge um Hilfe bat, die schnell erledigt waren.
Robert mochte Leute wie den Magiermeister nicht. Wo blieb die Ehre, wenn man seinen Wappen änderte, wie man wollte? Zwar waren Leute wie Raphael annehmbarer als Leute, die ihren Wimpel mit dem Wind richteten, aber nur geringfügig. Diese beiden Arten gingen in verschiedene Richtungen.
Die einen taten, was sie selbst wollten, die anderen, was die Mächtigen wollten. Robert mochte weder die einen noch die anderen, denn sie gaben keine guten Verbündeten ab und sie waren vollkommen ehrlos. Er selbst versuchte, zwischen solchen Leuten seinen eigenen Weg zu suchen, indem er sich die Personen aussuchte, denen er seine Loyalität zugestand.
Der Ritter hatte seinen Herrn schon lange auserkoren, er hatte es an jenem Tag getan, als er ihm und dem Land Treue schwor, an jenem Tag, an dem er zum Fürst von Druskill ernannt worden war. Robert hatte zusammen mit dem Fürstentitel König Eskander als seinen Herrn anerkannt und wenn seine Treue, seine Liebe und seine Pflichterfüllung auch in erster Linie dem Volk von Druskill gehörte, so war doch der König von Thissalia sein Herr und er hatte ihm Folge zu leisten, so weit es nötig war.
Und weil Prinz Yuriy Eskanders Sohn gewesen war und zudem noch der offizielle Thronfolger, so gehörte Roberts Loyalität auch ihm. Ihm, der heute ermordet worden war und dessen Leiche niemals in den Grüften der Hohen Könige ruhen würde, die unweit von Thuan Rhiawen in die Hänge des Ahd Rhiawen eingegraben waren.
Nahe der Halle der Toten, der Halle, in der die Màn Suatha die Asche ihrer eigenen toten Helden, Führer und Herrscher unterbrachte; feinsäuberlich aufgereihte Urnen, die dicht an dicht nebeneinander standen, in jener Halle aus Stein und Knochen.
Yuriy würde nicht der erste der königlichen Familie sein, der nicht dort seine ewige Ruhe fand oder zumindest nicht gänzlich. Oft waren die Leichen der Helden unvollständig oder nicht vorhanden, so dass leere Särge und prächtige Gedenktafeln die Toten erinnerten. In all den Jahrhunderten, die sie auf Thissalia verbracht hatten, war jener Fall oft vorgekommen.
Und diese fehlenden Leichen waren nicht nur der Tatsache zu verdanken, dass man manche Körper nie fand. Denn die Klankrieger waren ihre Feinde und die Klangkrieger ehrten nicht nur ihre toten Freunde durch die Verbrennungsbestattung, sondern auch ihre toten Feinde, indem sie ihnen die Schädel nahmen und ihre Körper verbrannten. Es hieß sogar, zwischen all diesen Urnen, die in der Halle der Toten standen, befänden sich einige, die die Asche von tapferen Thissaliern enthielt, die bei den Eroberungskriegen gegen die Klankrieger gefallen waren.
Robert seufzte und schüttelte den Kopf. Auch wenn er diese Art zu denken nicht verstand, so empfand er doch eine Art morbiden Stolz darauf, dass es Männer in seinem Volk gab, die genau jene unerbittlichen Krieger, die so einen Hass auf die Thissalier hatten, durch ihre Fähigkeit im Kampf zu beeindrucken, dass sie sie bewunderten wie die eigenen Toten, wenn sie auch ihre Schädel vor ihre Häuser hängten. Die Klankrieger mochten sie hassen, aber sie ehrten gute, tapfere Krieger. Robert schüttelte den Kopf und seufzte.
Yuriy aber würde diese Ehre nicht zuteil werden, denn er war nicht im Kampf gegen einen Màn Suatha gefallen, sondern er war getötet worden von einem gemeinen Mörder. Robert hatte den Mann, den sie den Eiswolf nannten, geehrt, denn Yuriy war nicht nur sein Kronprinz, sondern auch ein begnadeter Krieger, ein tapferer Mann, ein genialer Stratege, ein Mann, dem man Respekt zollen musste.
Yuriy hatte alles gehabt, was man in seiner Position brauchte – Mut, Intelligenz, Weisheit, Stärke, Pflichtbewusstsein, Ernst, Kraft – und die Abneigung gegen die Position selbst. Auch wenn, das musste sogar Robert zugeben, Yuriys Abneigung eher als Hass zu bezeichnen war. Aber dennoch hätte Yuriy dereinst einen prächtigen König abgegeben.
Aber nun… nun würde es keinen König Yuriy der Eiswolf geben. Denn Yuriy war tot. Ermordet.
Mit einem weiteren Seufzen rieb der Ritter sich durch das Gesicht und blickte sich um. Wie auch immer es war – es war nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Jetzt war die Zeit, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen, denn dieses Gewimmel im Lager konnte man nicht akzeptieren.
Außerdem – mussten sie gehen. Sie durften und konnten jetzt nicht länger hier bleiben. Sie mussten zurückkehren. Robert sah sich nach Lord Bryan um, der neben Robert selbst einer der ranghöchsten Adligen war, doch als sein Blick auf die zusammengesunkene Gestalt mit den hängenden Schultern fiel, verwarf der Fürst den Gedanken, die Organisation auf ihn zu übertragen, sofort wieder.
Lord Bryan trauerte. Und Robert hielt es für besser, ihn fürs erste dieser Trauer zu überlassen. Im Moment konnte man mit dem alten Kindheitsfreund des Toten nicht viel anfangen.
Robert drehte sich um, um sich auf die Suche nach Olivier zu machen, damit sie zusammen die Führung übernehmen konnten. Der ganze Tross, den Yuriy in den Nachtgesang geführt hatte, musste wieder zurück. Sie mussten wieder zurückkehren nach Rhiawen, dort, wo König Eskander wartete und noch nichts vom Tod seines Sohnes wusste.
Hitoshi war besorgt. Das merkte Takao sofort, als er das Zelt seines Bruders betrat, das inmitten der anderen shinazukischen Zelte aufgebaut worden war. Hiro saß mit überkreuzten Beinen am Boden und spielte mit seinem Schwert, einem kostbaren Stück alter shinazukischer Machart, das sich schon seit Generationen in ihrer Familie befand. Sein Haar hing ihm offen über die Schultern, wie er es sonst nie trug, und der Kimono war unsauber gebunden.
Außer Hiro befand sich niemand im Zelt und Takao blickte seinen Bruder verwundert an, als er in das Zelt kroch. Schon als er mit Max durch das Lager gelaufen war, weil er seinen Bruder suchte, war ihm die ungewöhnliche Unruhe, die im Lager lag, seltsam vorgekommen, aber dass sie auch von Hitoshi Besitz ergriffen hatte, war mehr als ungewöhnlich.
Takao kniete sich vor seinen Bruder auf eines der Kissen, aber der schien ihn nicht einmal zu bemerken, sondern schob das Schwert ein weiteres mal in die Scheide zurück, nur um es ein weiteres mal für eine Handbreit herauszuziehen.
Erst, als der Jüngere ihm mit der Hand vor dem Gesicht herumwedelte, schreckte er aus seinen Gedanken auf. „Was ist?“, grollte er unwillig und Takao starrte ihn verdutzt an. Gewöhnlich reagierte Hiro anders auf ihn.
„Ist was passiert?“, erkundigte er sich schließlich. „Da draußen rennen alle Leute durcheinander und du sitzt hier drin wie drei Tage Regenwetter. Fällt das Essen heute aus, oder was? Alle sind so…“
„Sei still, Takao.“, fuhr Hiro ihm scharf ins Wort und runzelte die Stirn. Einen Moment schwiegen beide, Hiro verärgert, Takao verletzt. Was hatte er getan, dass sein Bruder so mit ihm sprach? Er war brav gewesen die letzten Tage.
Schließlich seufzte der Ältere und fuhr sich durch das lange Haar. „Prinz Yuriy ist tot.“
Takao starrte. Das Schweigen zog sich in die Länge, bis der Jüngere der beiden Brüder langsam wagte, etwas zu sagen: „Er…ist tot? Aber…“ Erst am Morgen hatte er den ständig schlecht gelaunten und finster dreinblickenden Ritter mit seinem Freund und seinen Königsschwertern gesehen, wie sie auf ihren prächtigen Pferden in den Wald geritten waren.
Und jetzt sollte er tot sein? War das denn ein schlechter Scherz? Hatten sich alle im Lager gegen ihn verschworen, nur um ihn hereinzulegen? Gleich würde der Prinz durch die Zeltklappe hereinspringen und „Hereingelegt!“ brüllen, aber Takao war klar, dass das nie sein würde.
Yuriy war nicht der Typ für Scherze und schon gar nicht für solche. Und Hiro sah so verdammt ernst aus… „Aber…warum denn?“ Das war eine gute Frage, entschied der Junge. Deswegen konnte sein Bruder sicher nicht böse mit ihm sein.
„Nun…“, begann der Ältere der Kinomiya-Brüder. „Er wurde ermordet. Von der Dämmergilde, wie es scheint. Lady Mao hat das Ende des Kampfes erlebt und ein Amulett gefunden. Der Mörder folgte seinem Opfer. Wahrscheinlich sind sie jetzt beide tot.“
Takao starrte. Dann blinzelte er einmal, zweimal. „Hääää?“, machte er schließlich und erntete einen bösen Blick von seinem Bruder.
„Man hat Leute losgeschickt um die Leiche des Prinzen zu suchen, aber ich bezweifle, dass sie ihn finden. Der Sanhati gibt seine Beute nicht mehr so leicht her, außerdem sind da noch wilde Tiere. Ebenso wenig wie sie den toten Dämmergildenmörder finden werden, aber ob der wirklich tot ist, das wage ich zu bezweifeln.“
„Und?“ Takao begriff nicht. Es mochte schön und gut – oder besser nicht schön und nicht gut – sein, dass es jemand geschafft hatte, an den Königsschwertern vorbeizukommen um den Prinzen zu töten, aber was hatte das mit ihnen, den Shinazuki, zu tun? Warum war Hitoshi so unruhig?
„Nun.“ Hiro zog das Wort in die Länge. „Niemand weiß, wer den Mörder angeheuert hat. Aber es sind alle verdächtig. Allen voran wir, die Ausländer.“
„Aber wir waren das doch gar nicht!“
„Das stimmt. Aber man darf in solchen Fällen keine Sache außer acht lassen, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass der Mörder von den Intriganten geschickt wurde, die schon seit einiger Zeit innerhalb von Thissalia ihr Unwesen treiben. Man vermutet, dass sie an den Thron wollen. Prinz Yuriy stand da wohl als erster auf ihrer Liste, weil er der Thronfolger ist.“
„Aber, ich dachte, die würden eher auf den König sofort gehen? Immerhin ist nicht Yuriy der, der auf diesem Stuhl sitzt, oder?“
„Nein. Aber… Wenn sein Vater vor ihm gestorben wäre, wäre er sehr schnell darauf gesessen. Darum muss er so oder so aus dem Weg. Warum nicht mit ihm anfangen, wo er doch sowieso ein gefährlicherer Mann ist als sein Vater?“
„Aber… wie kann man jemanden wie den Prinzen umbringen? Ich meine, der Prinz…“
„Ich versteh dich schon. Trotzdem scheint Yuriy jetzt tot zu sein. Takao, bitte, geh nach draußen und lass mich in Ruhe nachdenken.“
„Aber…“
„Takao!“ Der Angesprochene fuhr auf und verstummte. „Bitte geh nach draußen. Max kann dir sicher mehr helfen als ich.“
Takao blickte seinen Bruder einen Augenblick beleidigt an, dann drehte er sich um und kroch wieder aus dem Zelt. Wenn er nicht erwünscht war, schön, dann würde er eben gehen! Eingeschnappt vor sich hinmurmelnd lief er zu dem Zelt hinüber, in dem Max untergebracht war und rannte seinen Freund beinahe um.
„Hast du das schon gehört?“, fragte der Blonde sofort aufgeregt. „Von Prinz Yuriy?“
„Ja, Hiro hat’s mir gerade gesagt, ehe er mich rausgeworfen hat.“ Takao hörte sich an, als würde ihn letzteres viel mehr mitnehmen.
Max wusste, dass es auf eine gewisse Weise auch so war. Er blickte den anderen vorwurfsvoll an. „Takao, du…“
„Sch!“, zischte der Angesprochene plötzlich laut und zerrte seinen Freund hinter ein Zelt. „Was ist los?“, beschwerte sich Max lautstark. „Takao! Lass da…“ Eine Hand hielt ihm den Mund zu und unterbrach ihn mitten im Satz.
„Sei still. Schau!“ Takao spähte um die Ecke des Zeltes herum und behielt die Person im Blick, die ihn so schnell in das notdürftige Versteck springen ließ. Die Person, die da mit langen Schritten gemütlich durch das Lager marschierte. Die Person, die da so ein triumphierendes Grinsen auf dem Gesicht trug.
Max befreite sich aus Takaos Griff und linste ebenfalls um die Ecke um zu sehen, wen sein Freund beobachtete. „Das ist Meister Raphael. Was ist mit ihm?“
Takao biss sich auf die Unterlippe und sah zu, wie der Magier zwischen zwei Zelten verschwand. „Ich bin…ich bin sicher, dass er es war, der…den Mörder auf Prinz Yuriy losgeschickt hat!“
Max blickte hoch um seinem Freund ins Gesicht zu sehen. „Du spinnst. Meister Raphael doch nicht! Warum sollte er das tun? Was hat er davon?“
Der dunkelhaarige Junge löste sich von seinem Beobachtungsposten und hockte sich auf den Boden. „Ich weiß es nicht. Aber…“ Takao verstummte. Sollte er Max von jenem Tag erzählen, an dem er sich in den Gängen verirrt und Meister Raphael mit diesem Sklaven sprechen gehört hatte?
Bis jetzt hatte er noch nie darüber gesprochen, hatte es jedem verschwiegen, obwohl die Botschaft der Worte doch eigentlich klar gewesen war. Takao schloss die Augen und schluckte. War es ein Fehler gewesen, niemandem davon zu erzählen? Ein tödlicher Fehler, tödlich für Yuriy.
Denn – es war ganz klar, dass Raphael hinter dem Mord steckte, wahrscheinlich nicht allein, aber doch hatte er eine wichtige Rolle gehabt. Er blickte zu Max hoch. „Komm. Ich muss dir was erzählen. Aber nicht hier.“ Seine Stimme klang so fest und so entschlossen, wie er es sich immer gewünscht hatte, dass sie klingen sollte.
Max blickte ihn einen Moment an, dann folgte er ihm. Er hatte Takao noch nie so entschlossen gesehen.
Ivan hatte sich hinter seinem Zelt zusammengekauert. Eng in seinen Umhang gehüllt hockte er mit überkreuzten Beinen da und versuchte, so klein und unsichtbar wie möglich zu erscheinen. Es war nicht schwer. Das erste Mal in seinem Leben war er froh um seine geringe Körpergröße.
In seinen Armen hielt er sein Schwert. Es war eine lange Waffe, die scheinbar viel zu groß und schwer für ihn war. Aber Ivan mochte sie, es war eine gute Klinge, eine extrem gute Klinge, wie es sie nicht besonders oft in Thissalia gab. Er war immer so stolz auf sie gewesen, so stolz, als er sie bekommen hatte, an jenem Tag, an dem er zum Königsschwert geschlagen worden war.
Jetzt hielt er sie im Arm wie ein Baby, er spürte das harte, eisenbeschlagene Leder der Scheide und die feste Umwickelung des Knaufes unter seinen Fingern. In diesem Moment war er nicht stolz auf dieses Schwert, das er sonst immer so behütet hatte. In diesem Moment hätte er es am liebsten in jenen Fluss geschleudert, der seinen Prinzen, seinen Herrn, seinen Schützling verschlungen hatte. In diesem Moment fühlte er sich so verdammt schuldig. So schuldig…
Er hatte zugelassen, dass Yuriy starb. Er hatte zugelassen, dass man ihn von seinem Schützling trennte. Er war kein gutes Königsschwert. Er hatte es immer geglaubt, dass er es war, aber er war es nicht. Nein, er war ein Versager, der Versager, der Michael in ihm sah.
Darum saß er jetzt hier. Hier hinter diesem Zelt, hatte sich verkrochen vor all diesen Blicken, versteckte sich hinter dem dicken Stoff und all diesen Blicken, die ihn verfolgten. Natürlich verfolgten sie ihn. Immerhin hatte er zugelassen, dass ihr Prinz zu schaden kam. Yuriy… Tot. Gestürzt vor seinen Augen. Und er hatte nichts tun können, um ihm zu helfen.
Versagen war das und sein Versagen hatte den Menschen das Leben gekostet, den Ivan am meisten verehrte. Sein und Sergejs Versagen war es, was Yuriys Tod verursacht hatte. Sergej selbst war nicht mehr ansprechbar. Er war noch immer verwirrt, weil er den Prinzen so plötzlich verloren hatte, verloren, noch ehe er gestorben war. Und als er seinen Herrn hatte stürzen sehen…
Ohne Ivan würde er wohl noch immer an dieser Schlucht stehen, an der Stelle, an der der Eiswolf abgestürzt war.
„Hallo.“ Die friedliche Stimme riss ihn aus den düsteren Grübeleien, er zuckte zusammen und fuhr herum, sein Schwert zischte mit einem metallischen Geräusch aus der Scheide und richtete sich auf die kleine, schlanke Gestalt, die da neben der Ecke des Zeltes stand. Es war ein Sheyai, gekleidet in die weiten Gewänder seines Volkes – Kevin.
Ivan ließ das Schwert sinken, ehe er es langsam in die Scheide zurückschob und sich ins Gras zurückplumpsen ließ. Der goldäugige Junge trat auf ihn zu und kauerte sich neben ihn hin. Sein freundlicher Blick traf das Königsschwert härter als Pfeile. Gerade weil er so freundlich war.
Er sollte nicht freundlich sein, denn Ivan hatte keine Freundlichkeit verdient nachdem, was heute geschehen war! Er hatte versagt und er sollte seine Rechnung bekommen! Kevin…sollte nicht so freundschaftlich zu ihm sein, sondern im Gegenteil, ihn so anblicken wie all die anderen.
Ivans Hand krampfte sich um das Heft seines Schwertes, das Yuriy als Schild hätte dienen sollen. Das Schwert, dass heute nur gezogen worden war, um einen Freund zu bedrohen. Plötzlich angewidert davon schleuderte Ivan es weg. Er zog die Beine an und legte die Arme darauf, ehe er das finstere Gesicht dahinter vergrub.
„Du…“, sagte Kevin neben ihm. „Ich glaube nicht, dass dich eine Schuld trifft.“
Ivan schnaubte. Natürlich tat es das! Er war nicht da gewesen, um den Angriff auf den Prinzen zu verhindern, oder? Er hätte da sein sollen, ganz egal, was davor geschehen war.
„Ich glaube“, sprach Kevin einfach weiter, ohne sich von seiner Missstimmung stören zu lassen. „dass dieser Anschlag von langer Hand geplant und penibel ausgeführt wurde.“ Einen Moment schwiegen beide. „Ich glaube, dass niemand etwas dagegen hätte tun können. Und ich glaube, dass sehr mächtige und sehr hoch stehende Leute dahinter stecken.“
Ivan wandte den Kopf, um ihn anzusehen. Kevin hatte sich zurückgelehnt, die Arme ins Gras gestemmt. Sein Blick war gen Himmel gerichtet, an den blauen, wolkenzerfressenen Himmel des Nachtgesanges, der Ivan so schön und so gefährlich vorgekommen war. Wild und frei… wie jener Adler dort oben, der langsam seine Kreise zog. Wild und frei…
Ivan seufzte. „Es war meine Pflicht, bei ihm zu bleiben.“, sagte er leise. „Ich habe ihn verloren auf diesem Ritt. Nur Sergej nicht… Und Sergej hätte den Prinzen finden müssen, aber er hat ihn verloren. Ich war dabei, als es geschah, ich weiß, dass Sergej die Wahrheit sagt.“
Kevin schwieg und wartete, bis Ivan den Mut fand, weiterzusprechen. „Irgendwer – und wenn alle sagen, es sei unmöglich – hat die Verbindung gestört. Und wir waren nicht da, um ihn trotzdem zu beschützen!“
„Und darum trifft euch keine Schuld. Ich weiß es. Es war geplant und die Hintermänner wussten genau, was sie taten. Es war euch gar nicht möglich.“
„Aber es hätte uns möglich sein sollen!“ Ivans Stimme war scharf. „Du verstehst das nicht! Wir hätten…“
„Nein.“, unterbrach ihn Kevin leise, aber trotzdem verstummte der andere sofort. „Ich verstehe nicht. Ich will aber auch gar nicht verstehen. Schau diesen Adler dort oben an. Genauso wenig wie du ihn vom Fliegen abhalten kannst, hättest du den Mörder davon abhalten können, an diesem traurigen Tag seinen Auftrag zu erfüllen. Denn her hatte jemanden hinter sich, gegen den jedes Schwert keine Macht hat. Schau diesen Adler dort oben an.“
Ivan folgte dem Blick des Sheyai und tief im Innern wusste er, dass der kleine Goldäugige recht hatte. Er hatte nichts tun können um die Schandtat des heutigen Tages zu verhindern. Und das ärgerte ihn um so mehr, zeigte es doch, wie kurz sein arm, wie groß seine Schwäche wirklich war. Wie schnell er versagen konnte.
„Schau diesen Adler dort oben an…“
Das sanfte Rauschen des Windes in den Bäumen klang wie eine Melodie in Kais Ohren. Das Zwitschern der letzten Vögel klang aufgeregt, irgendwo keckerte ein Eichhörnchen. Er blickte sich um und entdeckte es auf einem niedrigen Ast, der rotbraune Schwanz wippte hinter ihm auf und nieder. Dann drehte es sich um und verschwand wie der Blitz den Baum hinauf.
Kai wandte den Blick wieder auf die Lichtung zurück und rutschte ein wenig auf seinem Ast herum bis er sich in eine bequemere Lage gebracht hatte. Er rollte die Schultern um sie zu lockern und beobachtete weiterhin den Wald. Wie lang brauchten die noch?
Rasch warf er einen Blick nach links, wo Ozuma sich einen anderen Baum ausgesucht hatte und gemütlich in den Ästen hockte. Weiter hinten konnte er Rick sehen, der es sich auf einem Felsen bequem gemacht hatte.
Sie alle trugen Bögen und ein halbes Dutzend Pfeile mit sich. Kai fragte sich, ob Ozuma überhaupt im Stande war, die Waffe zu spannen, aber der Nachtsturmthan hatte erklärt, es würde gehen, trotz der Wunde.
Der Rotäugige wusste, dass sie gut heilte, ebenso wie seine eigene Verletzung, aber er auch diese schmerzte noch, wenn er sich ungünstig bewegte. Oder auf einen Baum kletterte. Er war froh, dass sie sich weder entzündet hatte, noch ständig aufging, denn das hätte den Heilprozess verlängert und darauf konnte er getrost verzichten.
Der Marsch zurück zum Dorf war sowieso schon eine Qual gewesen, auch wenn er weder gejammert noch sich sonst irgendwie hatte anmerken lassen, wie die Wunde an seiner Hüfte schmerzte. Das war einfach nicht seine Art. Leute, die bei jeder Wunde anfingen zu jammern, waren Schwächlinge.
Nach der Schlacht waren sie einige Tage bei Nebelblut geblieben. Vordergründlich deswegen, weil es ihnen einfach noch nicht möglich war, die Heimreise anzutreten bei all den Verletzten. Außerdem hatten sie ihre Toten zu bestatten und zu betrauern.
Die Norag ebenso, aber sie hatten sich geschlagen gegeben und waren, soweit Kai den Boten, der vor zwei Tagen ins Dorf geritten war, richtig verstanden hatte, ebenfalls aufgebrochen, um noch vor dem Wintereinbruch ihre Dörfer im hohen, kalten Norden zu erreichen. Ob sie es noch schafften, ehe der erste Schnee fiel? Kai bezweifelte es.
Nicht nur die Suatha waren erleichtert über diesen gewonnenen Krieg, nein, auch die Thissalier verspürten dieses Gefühl. Die Thissalier, an dessen Seite sie gekämpft hatten… Fürst Baltheir hatte sich bereit erklärt, die Norag zu überwachen, bis sie aufbrachen – in welche Richtung auch immer. Danach hatte auch er seine Männer eingesammelt und war auf seine Burg zurückgekehrt.
Die Suatha waren froh darum, denn die meisten von ihnen sahen in den Thissaliern noch immer die verhassten Erbfeinde. Nur wenige hatten darüber nachgedacht, was es bedeutete, an ihrer Seite zu kämpfen. Sie hatten es hingenommen, hinnehmen müssen und das einzige, worüber sie sich in dieser Hinsicht freuten, war, dass der Krieg so schnell vorbei war und ihre Verluste so unglaublich wenig waren.
Im Nachhinein dachte Kai, dass es wirklich wenig Leute waren, die auf ihrer Seite gestorben waren, und er war froh darum. Trotzdem würde ihnen jeder Mann und jede Frau, die gefallen waren, fehlen, in welcher Hinsicht auch immer. Man trauerte noch immer in den Dörfern von Nachtsturm und Nebelblut. Die Totenfeuer hatten lange gebrannt.
Kai wusste nicht, was ihn mehr mitgenommen hatte, die Schlacht mit all ihren Opfern oder die Rückkehr nach Nachtsturm, bei der ihm Daichi entgegen gerannt war und ihm zugebrüllt hatte: „Dein Hund ist schwanger!“, noch ehe er seine Mutter oder irgendwen anderes hatte begrüßen können.
Am liebsten hätte Kai dem kleinen Balg den Hals umgedreht, aber da war Charya aufgetaucht, die ihn erleichtert in die Arme geschlossen hatte. Sie hatte ihn für einige Zeit nicht mehr losgelassen und danach war der fuchshaarige Bengel natürlich verschwunden gewesen.
Zuerst hatte Kai an einen schlechten Scherz geglaubt, weil die Suatha darauf achteten, läufige Hündinnen von den anderen Tieren zu trennen, vor allem im Herbst. Das Dumme war, Winterlilie war tatsächlich trächtig war, von diesem riesigen, bärenartigen Hund, der Rick gehörte. Sie würde mitten im Winter werfen!
Und Schuld hatte niemand anderes als diese Straßenratte, die sie in Rhiawen aufgegabelt hatten. Daichi hatte sie aus dem Zwinger gelassen. Kai war immer noch stinksauer auf den Jungen, obwohl er es inzwischen akzeptiert hatte, dass seine Hündin werfen würde.
Hoffentlich würden die Welpen wenigstens keine unbrauchbaren Bastarde sein. Ricks Hund war nicht unbedingt der schlechteste Vater, den er sich für die Kleinen hätte aussuchen können, denn das Tier stammte einerseits von den großen Hütehunden der Suatha ab, auf die sie so stolz waren, andererseits war in seinem Stammbaum auch immer wieder ein Wolf gewesen, denn das brachte den ursprünglichen Instinkt in die Hunde zurück. Suatha ließen ihre Hündinnen oft von Wölfen begatten.
Aber hin und wieder gab eine bestimmte Mischung keine guten Hunde ab und Kai fragte sich, ob Wolf, Hüte- und Jagdhund in dem Maße, wie die Welpen es aufweisen würden, eine waren. Er würde es sehen, spätestens im Frühjahr.
Das Geräusch von Hufen und berstendem Holz ließ ihn aufblicken. Sie kamen. Das Wild und die Jäger. Eine Treibjagd, wie jedes Jahr. Sie brauchten das Fleisch im Winter, weil sie nicht jeden Tag hinaus und jagen konnten und auch nicht von jeder Jagd Beute mit zurück bringen würden.
Darum wurde in jedem Herbst die Große Jagd abgehalten, was einfach einen Zeitraum bestimmte, in dem verstärkt gejagt wurde und auch solche Treibjagden abgehalten wurden. Man hatte schon damit begonnen, als sie zur Nachtgesangebene aufgebrochen waren, nach der Rückkehr der Krieger hatte Ozuma bestimmt, dass sie öfter zu jagen hatten. Er hatte damit recht, denn sonst würden sie wohl kaum durch den Winter kommen.
Es war die fünfte Jagd dieser Art, die sie dieses Jahr abhielten, und Kai spielte zum dritten Mal den Schützen. Zum Glück war bisher alles glatt verlaufen, denn sie konnten keine Probleme gebrauchen.
Und das, obwohl sich der Mondblaue hier herumtrieb, jener monströs große Ishiiran, der schon seit Jahren sein Unwesen im Nachtgesang trieb und nicht selten Suatha getötet hatte. Niemand hatte sich je getraut, Jagd auf ihn zu machen, und hatte nachher noch gelebt, weil das Tier so riesig und so schlau war, dass er jeden Jäger erlegen konnte und jede Falle zu sehen schien.
Wie er das machte, wusste niemand, aber irgendwann hatte man aufgegeben, auf ihn Jagd zu machen und versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen, so gut man konnte. Man war sich ziemlich einig, dass der Mondblaue eines natürlichen Todes sterben würde.
Dass er das Land Nachtsturms zum diesjährigen Jagdgebiet erkoren hatte, machte die Situation dieses Klanes nicht gerade leichter. Doch noch kaum jemand hatte ihn gesehen, darum machte man sich Hoffnungen, dass er vielleicht weitergezogen war oder sich von den Menschen fernhielt.
Kai war auch froh darum. Er hatte einmal einen Ishiiran gejagt und das hatte ihm gereicht. Es war nur ein kleines, junges, unerfahrenes Tier gewesen, aber nichtsdestotrotz schwer zu erledigen mit all seiner Kraft und all seinen natürlichen Waffen. Was tat man nicht alles für ein Schwert…
Gewaltsam riss er sich in die Gegenwart zurück und griff nach Bogen und Pfeilen. Das Wild würde bald aus dem Wald brechen und er würde Zeit für einige Schüsse haben, ehe die ganze Truppe vorbei war.
Er setzte einen Pfeil auf die Sehne und beobachtete aufmerksam den Wald. Nur am Rande bekam er mit, dass die Schützen links und rechts von ihm dasselbe taten. Die Schreie der Treiber und das laute Gebell der Hunde war schon recht laut, ebenso wie der Lärm, den die Tiere machten, die sie vor sich hertrieben.
Dann ging alles schnell und Kais Welt bestand für einige sehr lange Minuten nur noch aus seinem Bogen, seinen Pfeilen und seiner Beute, die da aus dem Wald brach und über die Lichtung preschte um so schnell wie möglich wieder in Sicherheit zu verschwinden. Viele fielen hier.
Dann tauchten die Hunde und die Treiber zwischen den Stämmen und den Büschen auf, während die Schützen aus ihren Verstecken kletterten. Kai sah sofort, dass es eine gute Jagd war. Eine Jagd, begünstigt vom Glück…
Sie versammelten sich auf der Wiese, um die Beutetiere zusammenzusuchen, während einige Jäger im Wald verschwanden, um den nur verletzten Tieren zu folgen. Die Zeit nach dem Schießen bestand aus Arbeit. Sie hatten die Tiere an Ort und Stelle auszunehmen, insbesondere all das Wild.
Es war eine harte Arbeit und die Geräusche von brechenden Knochen, wenn wieder jemand den Knochen zwischen den Hinterbeinen der Tiere brach, oder von schwer plumpsenden Körpern, wenn die Kadaver herumgetragen wurden, und die lauten Scherze und Rufe hallten über die Lichtung.
Kai mochte diese Arbeit. Sie war hart und blutig, ja, und sie war Töten, aber sie war nicht so sinnlos wie das Metzeln in einer Schlacht und wenn er wollte, konnte er seine Ruhe haben, obwohl keine zwei Meter neben ihm jemand an einem anderen toten Tier beschäftigt war. Oder direkt neben ihm stand, um ihm mit dem Reh zu helfen, an dem er arbeitete, wie Hiromi in diesem Moment.
Seine Cousine schwieg wie er, denn sie kannte seine Launen und war im Augenblick zufrieden, einfach nur zu schweigen und zu arbeiten. Rick, Ozuma, Mariam, Yusuf und Dunga hatten sich auf der Lichtung verteilt und waren alle selbst in ihre Arbeit vertieft.
Am Rande grasten einige Ponys, die darauf warteten, dass man ihnen die Last auf den Rücken lud, unweit von ihnen lagerten die Hunde, die sie für die Treibjagd gebraucht hatten, darunter auch Flammenfeder und Schattentänzer.
Winterlilie hatte bei Charya bleiben müssen, denn wenn sie schon unbedingt werfen musste, dann wollte Kai perfekte Welpen haben. Und darum war Winterlilie vor allem zu schützen, selbst vor einer solchen Jagd. Es war nicht selten dass Hunde dabei umkamen, denn der Nachtgesang brachte keine sanften Schoßtiere in die Welt. Alles Leben in diesem Land war gefährlich und sei es nur ein Reh.
Kai überließ es Hiromi, den Rest des Kadavers zu den anderen hinüberzutragen und streckte sich. Er sah, wie Rick zwischen den Bäumen verschwand, dorthin wo der Sanhati entlang floss. Wahrscheinlich wollte er das ganze Blut abwaschen. Sie würden ihm demnächst alle wohl da hinunter folgen.
Hier an dieser Stelle war der Fluss weder so reißend noch so gefährlich wie meistens, sondern floss eher träge dahin, um nur ein relativ kurzes Stück weiter wieder zu einer schäumenden, tobenden Masse zu werden. Aber hier war er ruhig, floss sachte an den sanft abfallenden Ufern dahin und glitt unter Wurzeln und Steinen dahin.
Kai blickte sich kurz um und wollte gerade zu Ozuma hinüber, als ein lauter Ruf sie alle aufschreckte. „HE-YOH!“ Rick hatte die lauteste, penetranteste Stimme, die Kai je gehört hatte, und das stellte er jetzt ein weiteres Mal unter Beweiß.
„HE-YOH!“ Es klang nicht so, als sei der weißblonde Riese in Gefahr, eher so, als hätte er etwas interessantes entdeckt. „KOMMT HER UND SCHAUT, WAS ICH GEFUNDEN HABE!“
Kai und Ozuma setzten sich sofort in Bewegung, Hiromi folgte rasch, dann kamen Dunga, Mariam und Yusuf. Sie waren schnell und hatten Rick rasch erreicht. Der große Suatha befand sich tatsächlich am Ufer des Sanhati, allerdings nach wie vor blutig und ungewaschen.
Das sandige, kiesbedeckte Ufer fiel sachte ab, es war frei von den hohen, schlanken Birken, die hier wuchsen, und frei von dem dichten Teppich kleiner, grüner Pflanzen, deren Blütezeit längst vorbei war.
Rick hatte sich neben etwas gehockt, das für Kai im ersten Moment nicht identifizieren konnte. Im nächsten Moment erkannte er einen Körper, eingehüllt in einen Mantel, der so mit Wasser vollgesogen war, dass der Stoff beinahe schwarz war. Die Kleidung des Mannes war zerfetzt, anscheinend war der Fluss nicht gerade sanft mit ihm umgesprungen.
Rick blickte ihnen entgegen. „Die Thissalier haben ihren Prinzen verloren.“, spottete er und Kai erkannte den Mann in dem Augenblick, in dem Rick das sagte. Das war tatsächlich Prinz Yuriy, totenblass und ohne Bewusstsein. Seine Kleidung war von Blut durchtränkt und als Rick ihn auf den Rücken drehte, erkannten sie auch, warum das so war.
Er hatte zwei Wunden, die hässlich aussahen, aber beide kaum mehr bluteten, eine am Bein, die andere am Bauchraum. Anscheinend hatte Yuriys Gegner keine saubere Arbeit geleistet oder hatte sie nicht leisten können.
Die Suatha starrten den Körper des Prinzen an. Keiner von ihnen wusste, was er tun sollte. Kai verspürte Bedauern und leichten Schmerz. Er hätte nie geglaubt, dass der Eiswolf ein solches Ende finden würde. In der Schlacht, ja, das war etwas, was einem Mann, einem Krieger wie ihn gebührte, aber doch nicht so.
Für keinen von ihn stand außer Frage, dass der vorangegangene Kampf nicht ehrlich gewesen war, nicht gewesen sein konnte. Yuriy hatte hier keine Feinde außer den Suatha und die Suatha würden sich hüten, ihn anzugreifen. Außerdem war es unwahrscheinlich, das irgendwer an ihn herankam, wo er doch immer ein Königsschwert dabei hatte und wahrscheinlich noch mehr Leute um ihn herumschwärmten.
Darum…musste der Tod des Prinzen geplant gewesen sein und die Wunde sah zu sehr nach einem Dolch aus. Das musste ein angeheuerter Mörder gewesen sein. Wie…verachtenswert… Sie brauchte einen Mörder um einen solch großartigen Mann aus der Welt zu schaffen!
„Er lebt noch.“, sagte Rick erstaunt und zog seine Hand von dem Gesicht des Prinzen zurück. Kai riss die Augen auf. Das konnte doch nicht sein! Niemand konnte das überleben. Schon allein die Wunden waren… nun, sie waren nicht unbedingt tödlich, aber sie waren nahe daran und der Sanhati tat wohl das seine.
Fakt war, dass es auch ohne Verletzung schwer war, den Fluss zu überleben, aber mit einer solchen Wunde – unmöglich!
„Was…was machen wir jetzt?“, fragte Hiromi leise und trat näher, um sich neben dem Prinzen hinzuhocken. Rick stand auf und trat zurück. Die anderen sagten nichts.
Kai schauderte. Das Schweigen war schwer und überdeckte alles. Er tat jedoch nichts, um etwas zu ändern. Alles, was er sagen würde, würde falsch sein, denn er wollte nicht lügen. Und was er sagen würde, wäre, dass sie ihn nicht liegen lassen durften. Alles in ihm sträubte sich gegen diese Option, denn es kam ihm einfach falsch vor.
Außerdem…wenn er in das Gesicht des ohnmächtigen Prinzen blickte, spürte er wieder diese Faszination, die er auch in Rhiawen gefühlt hatte.
„Lassen wir ihn liegen.“ Dungas Stimme klang bedeutungsvoll, als sie die gespenstische Stille scheinbar mit einem grellen Laut zersprang. Beinahe hätte Kai „NEIN!“ gebrüllt, doch er biss sich im letzten Moment auf die Lippe. Niemand durfte davon erfahren.
Es war einfach nicht…richtig. Er durfte nicht so gegenüber einem Thissalier wie Yuriy fühlen, denn er war ein Suatha. Auch wenn sein Hass wie weggeblasen war, verschwunden in der Schlacht gegen die Norag… Viele von seinem Volk hassten sie nach wie vor.
„Aber… wir können ihn doch nicht so einfach liegen lassen!“, beschwerte sich Yusuf.
Dunga drehte sich zu ihm um. „Warum nicht? Er ist ein Thissalier. Nein, mehr als das, er ist ihr Prinz. Ihr Herrscher. Lassen wir ihn hier verrecken.“ Dungas Worte schmerzten. Sie waren so kalt und gleichgültig. Und vor allem, sie waren die Wahrheit.
„Er wird sowieso nicht mehr lange leben.“, fügte Rick hinzu und machte damit seinen Standpunkt klar.
„Aber wir müssen doch zumindest versuchen, ihm zu helfen!“, beharrte Yusuf. Kai fiel ein, dass er ein Druide war, ein Heiler. War es nicht seine Pflicht, sich um jeden Verletzten zu kümmern, den er fand?
„Er hat Recht.“, schloss Mariam sich ihrem Bruder an. „Wir können ihn nicht so einfach liegen lassen. Auch wenn er stirbt… Er ist doch verletzt.“
„Aber er ist ein Thissalier!“, beharrte Rick.
„Lasst uns eine Trage bauen.“, schlug Hiromi vor und sprang auf um auf die Lichtung zu laufen. „Ich hole eine Axt.“
„Spar dir die Mühe.“, knurrte Dunga. „Wir sollten ihn hier lassen. Sollen die Tiere ihn holen!“
„Aber…“, begann Yusuf kläglich und starrte mit besorgten Augen auf den reglosen Körper zu ihren Füßen. Kai folgte dem Blick des kleinen Druiden und seine Hände krampften sich um das Heft seines Dolches. Mit jedem Augenblick, den sie hier standen und stritten, sickerte weiterhin Leben aus dem Prinzen heraus.
„Nein. Kein ‚Aber’!“, schnaufte Rick. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und richtete sich auf. Das war bei seiner Masse und seinen Muskeln durchaus eine beeindruckende Bewegung und seine Größe wirkte bedrohlich. Kein Wunder, dass Yusuf verstummte.
Hiromi jedoch zischte: „Wir können ihn doch nicht einfach sterben lassen! Nur, weil er ein Thissalier ist!“
„Warum denn nicht? Sollen die sich um ihre eigenen Leute kümmern. Wir haben nichts mit ihnen zu schaffen.“
„Ich…ich hätte nicht gedacht, dass du…so…so kaltherzig bist!“, fauchte sie. „Ist doch ganz egal, wer er ist oder aus welchem Volk er kommt! Er ist verletzt und er braucht unsere Hilfe! Ich gehe jetzt eine Axt holen.“
„Bring einige Schnüre mit oder so.“, befahl Mariam.
„Lass es bleiben. Er wird es sowieso nicht mehr lange machen.“, knurrte Dunga.
„Woher willst du das wissen?“, schnappte sie zurück.
„Das sieht man doch. Diese Wunden… Der ist schon halb tot. Ist sowieso ein Wunder, dass er noch lebt.“
Deshalb sollten sie sich umso mehr beeilen. Kai zitterte und biss weiterhin auf seiner Lippe herum, schmeckte Blut. Er konnte nichts sagen, kein Argument vorbringen, dass sie ihn mitnehmen sollen.
Hiromi stand noch immer unschlüssig neben dem Pfad, der zur Lichtung führte. Einen Moment herrschte wieder Stille, als Dunga und Mariam sich wütend anfunkelten, Rick unbeteiligt daneben stand und Hiromi und Yusuf unschlüssig.
Ozuma seufte. „Hiromi, hol die Axt und die Schnüre.“
„Aber, Ozuma, er…“, begann Dunga vorwurfsvoll, doch der Than schnitt ihm das Wort ab. „Ihr habt alle Recht. Er ist ein Thissalier und wir sollten ihn liegen lassen.“ Kai durchfuhr ein eiskalter Schauer. Ozuma konnte doch nicht so denken?
„Aber ihr vergesst alle etwas.“, fuhr der Grünäugige fort. „Das Gastrecht.“
Sie alle seufzten auf. Die Anspannung fiel von ihnen ab wie eine Decke, die man abschüttelte und zu Boden warf. Kai fühlte, wie die Erleichterung in ihm aufstieg. Sein Blutsbruder hatte Recht. Sie durften das Gastrecht nicht missachten.
Hinter sich hörte er, wie Hiromis schnelle Schritte sich entfernten. Rick bückte sich und hob den Prinzen vorsichtig auf wie ein Baby. Auch er wiedersprach nicht länger, ebenso wenig wie Dunga.
Das Gastrecht war heilig und wer es übertrat, auf den wartete eine harte Strafe. Und unter dieses Recht fiel der Prinz, ganz sicher. Sie hatten ihm zu helfen, wie sie jedem zu helfen hatten, der derartige Hilfe brauchte.
Darum verschwanden Dunga und Hiromi mit der Axt im Wald, um Äste für eine Trage zu suchen, darum gab Rick seinen großen, wollenen Umhang her, um diese auszupolstern, darum hockte Yusuf neben dem Prinzen und nutzte den durchnässten Umhang desselben, um die Wunden zu verbinden.
Kai kehrte ohne ein Wort auf die Lichtung zurück. Irgendwer hatte über ihre Beute zu wachen. Und warum nicht er? Er würde dort unten sowieso nur untätig herumstehen und sich Sorgen um den Prinzen machen. Sorgen, die er sich eigentlich nicht machen sollte, niemals. Als er begann, ihre Beute zu verladen, fielen ihm zwei Dinge ein.
Sie mussten die Thissalier verständigen. Er wusste, dass sie hier in der Gegend auf der Jagd waren und der Prinz dort unten war nur ein weiterer Beweiß dafür. Irgendwer musste zu den Thissaliern reiten und ihnen sagen, dass sie ihren Prinzen gefunden hatten.
Kai seufzte und schüttelte den Kopf. Er war sicherlich nicht der Dumme, der nachher losritt. Vielleicht sollten sie das einfach unter den Tisch fallen lassen. Es war doch sowieso noch nicht klar, ob Yuriy das überleben würde. Sie sollten den Thissalern keine Hoffnungen machen. Außerdem tat es ihnen mal ganz gut, einen auf die Schnauze zu bekommen.
Als Ozuma neben ihm auftauchte und ihn besorgt anblickte, vergaß Kai seinen zweiten Gedanken. „Was ist?“, fragte er ungehalten und zog einen Gurt fest. Das Pony schnaubte und wedelte mit seinem kurzen Schweif.
„Nichts. Nur du bist so komisch.“, antwortete Ozuma ruhig und blickte ihn scharf an.
„Warum?“
„Weil du nichts gesagt hast.“
„Ich sage selten etwas.“
„Aye. Aber zu diesem Thema hätte ich doch schon etwas von dir erwartet.“
Kai warf seinem Blutsbruder einen kurzen Blick zu.
Ozuma drehte sich weg. „Ich habe nicht vergessen, was du mir im Steinkreis gesagt hast.“
„Dann weißt du ja bescheid.“
Ozuma schwieg und beobachtete Kai bei seiner Arbeit. „Ja. Vielleicht. Yusuf tut sein Bestes für den Prinzen.“
„Ich habe nichts anderes erwartet. Und?“
Ein Seufzen ließ kurz innehalten, doch dann beschloss er, es zu ignorieren und auf seinen anderen Gedanken einzugehen. „Weißt du, er ‚der Fuchs’ sein könnte?“
„Ein Fuchs? Was für ein Fuchs?“ Die Verwirrung war dem Grünäugigen deutlich anzuhören.
„Der Fuchs, dessen Arbeit noch nicht beendet ist.“ Kai warf seinem Blutsbruder einen bedeutungsvollen Blick zu.
„Welche Arb…? Oh!“
„Ja, ‚oh’.“
„Du meinst, Yuriy ist…?“
„Ich meine es nicht, ich weiß es.“ Ozuma schwieg und blickte zum Fluss hinüber. Kurz darauf hörten sie, wie die anderen sich ihnen näherten. Dann sprach Ozuma leise die Worte, die Kai in den Gedanken verfolgten. „Herbstjagden, begünstigt vom Glück.
Doch die Beute
Ist anders als erwartet.
Pflegt sie gut,
Sie ist die Zukunft.
Des Fuchses Arbeit
Ist noch nicht beendet.“
Ob Yuriy wirklich die Beute war, die der Spruch ihnen vorhergesagt hatte? Kai hatte keinen Zweifel daran, auch wenn er noch nicht wusste, was das alles zu bedeuten hatte.
~~~~~~~
So, fertisch.
Natürlich lebt Yuriy noch. ~.~ Ich brauche ihn schließlich noch und darum kann er nicht einfach von der Bildfläche verschwinden.
Ich hoffe, das nächste Kapitel kommt schneller, aber versprechen kann ich nix. v__v
Ich würd mich trotzdem über einige Kommis freuen.
Also, bis dann
Sorceress aka Silberwölfin
Rückkehr nach Rhiawen
Titel: Feuermond
Teil: 20/ ~ 45
Autor: Wolfsorceress aka Lady Silverwolf
Anime: Beyblade
Warning: OOC, Shounen-ai
Disclaimer: Die Hauptcharaktere gehören nicht mir und ich verdiene kein Geld mit dieser Fanfic.
„…“ reden
//…// denken
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So, ich hab's geschafft. *strike* Und so schön früh. *.* Und es ist sogar länger geworden, als ich befürchtet und gedacht habe. ^^
Dieses Kapitel ist das letzte Kapitel des 1. Abschnittes von Feuermond und im Moment frag ich mich, ob ich die ganze Sache in 3 FFs aufteilen soll. 50 Kapitel sind so viel. =.=
Außerdem hab ich damit die 200-Wordseiten-Marke überschritten. ^^ Letztes Mal hatten wir ja schon die 100-Mexx-Seiten.
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Rückkehr nach Rhiawen
Die Türme Thuan Rhiawens ragten schon seit Stunden wie drohende Pfeiler am Horizont auf. Mit jedem Schritt, den die Pferde taten, mit jedem Meter, den sie zurücklegten, kamen sie näher. Wie Speere gegen den Himmel, die sie warnten, in die Hauptstadt, zum Blauen Palast zurückzukehren.
Der scharfe Wind peitschte das Banner des Königreiches an der Spitze des Bergfriedes und ließ es aussehen wie eine zuckende Flamme. Die dunklen Gewitterwolken, die sich dahinter ballten, verstärkten diesen Eindruck noch.
Es war, als würden alle Omen, alle Zeichen gegen sie stehen. Wenn Bryan an die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen dachte, dann schien es tatsächlich so zu sein. Erst der – zwar missglückte – Überfall des Dämmergildenmörders auf Yuriy. Dann die seltsamen Fremden aus Thyrmis, die Bryan nicht ganz geheuer waren, so friedlich und nett sie auch taten. Dazu kam noch die gespannte Stimmung zwischen Yuriy und Eskander, die zwar nichts Neues, aber doch etwas Bedrohlich war. Und schließlich der zweite, aber diesmal geglückte Mordanschlag.
Nun war Yuriy tot. Bryan hasste sich dafür, dass er es zugelassen hatte, noch mehr aber hasste er den Mörder, der durch den Fluss entkommen war und wahrscheinlich noch lebte. Das erfüllte ihn mit Wut, mit einem solch brennenden Zorn, dass er manchmal glaubte, nicht mehr atmen zu können.
Dann krampften sich seine Hände um das, was er gerade in den Händen hielt, und seine Fingernägel gruben sich so tief in seine Handballen, dass er das Blut an seinen Fingern hinunterlaufen fühlte.
Dann wurde sein Gesicht finster und verschlossen, sein Herz kalt und emotionslos.
Dann würde er seinen Schmerz und seine Wut am liebsten hinaus in die Welt brüllen, aber immer blieb er stumm.
Doch so fühlte er sich nur selten. Die meiste Zeit war es, als seien seine Gefühle verloren gegangen, denn außer Trauer war da nichts mehr.
Trauer um den Prinzen.
Trauer um seinen besten Freund.
Trauer um die Person, die wie ein Bruder für ihn gewesen war.
Es war, als sei ihm bei lebendigem Leibe sein Herz herausgerissen worden, so leer fühlte er sich. Leer und verlassen, einsam.
Dabei war er es gar nicht. Salima war stets bei ihm und tröstete ihn, obwohl auch sie von dem Verlust ihres zweiten ‚Bruders’ mitgenommen wurde. So hart, dass ihre sonst so lebendigen Augen matt und bekümmert wirkten.
Und er, er wusste nichts um sie zu trösten. War nicht er der ältere Bruder, der immer für seine kleine Schwester da sein sollte? War nicht er der, der sie beschützen, vor dem Übel bewahren sollte, in welcher Form es auch immer auftauchte? War nicht er es, der sie ihm Arm halten und trösten sollte?
Immerhin war er der Ältere, der Erfahrenere, aber jetzt war sie es, die neben ihm ritt, immer bei ihm war und ihn mit ihrer Gegenwart davor bewahrte, gänzlich von der Trauer verschlungen zu werden.
Bryan war todmüde, er konnte kaum die Augen offen halten. Hoffentlich kippte er nicht irgendwann vom Pferd… Er würde vollkommen lächerlich aussehen. Aber was machte das schon?
Sah er doch lächerlich aus, er würde es von Herzen gern tun, wenn Yuriy dafür nur zurückkommen würde. Sein Ruf als kühler, beherrschter Eisklotz hatte durch seine Trauer sowieso schon gelitten.
Was störte es ihn? Was interessierte ihn etwas wie sein Ruf oder sein Stolz? Yuriy war tot und das war das einzige, was zählte. Das einzige.
Es zählte nicht, dass er seit dem Mord kaum schlafen konnte, weil er Alpträume von dem Vorfall hatte.
Es zählte nicht, dass Salima so traurig war.
Es zählte nicht, dass er alle Verantwortung auf sie abgewälzt hatte.
Es zählte nicht, dass Robert es war, der die Jagdgesellschaft nun mit Hilfe von Olivier anführen musste.
Es zählte nicht, dass die Leute über ihn tuschelten.
Nur Yuriys Tod zählte. Seine Welt, musste er feststellen, war auf einen einzigen Gedanken zusammengeschrumpft. Obwohl er sie zusammen mit Yuriy eigentlich unendlich groß hatte machen wollen.
Nachdem…nachdem Yuriy frei wäre. Er erinnerte sich noch gut an die alten Träumereien, die sie gehabt hatten, als sie noch Kinder waren.
~~~~~Flashback~ ~ ~Anfang~~~~~
Der Strand von Dhane war einer der schönsten Orte, die Bryan sich je hatte vorstellen können. Umgeben von hohen, steilen Klippen und gesäumt von hohen Bäumen, deren grün belaubte Äste sich im sanften Wind wiegten, lag er am Rande des Treilinischen Ozeans.
Der Strand bestand aus Steinen, Sand und Muscheln, das Wasser war tiefblau und die helle Sommersonne spiegelte sich darin. Das Glitzern der Strahlen auf den Wellen war wie kleine Funken, aber greller und durchdringender.
Das kleine Boot schaukelte ruhig auf den Wellen auf und ab. Gelangweilt saß Bryan am Boden des Kahnes, die Arme auf den Rand gestützt und den Kopf darauf gelegt. Eine seiner Hände fuhr durch das kühle Wasser.
Sein bester Freund Yuriy saß neben ihm und hielt eine Angel in der Hand. Heute hatten sie noch nichts gefangen, weswegen Bryan die Lust daran verloren hatte. Seine Angel lag im Boot. Yuriy gab aber nicht so schnell auf. Manchmal konnte er verdammt hartnäckig sein. Außerdem mussten sie an den Strand zurück wenn es nicht wenigstens so aussah, als würden sie angeln. Oder zumindest einer von ihnen.
Ihre Aufseher und Yuriys Königsschwert, ein dunkelhaariger, schlanker Mann, waren streng, wenn es um ihre Bootsausflüge ging. Wenn sie nicht gehorchten, konnte man ihnen diese Ausflüge sehr schnell verbieten. Achtjährige Jungen durfte man nicht ohne Aufsicht lassen, lautete die Deviese ihres Hüters. Bryan sah dummerweise ein, dass er Recht hatte. Vor allem, da einer dieser Jungen der Kronprinz von Thissalia und der andere der Erbe eines Fürstentums war.
„Du, Yuriy…“, begann er und platschte mit der Hand ins Wasser.
„Hör auf damit!“, fauchte der Rothaarige. „Du vertreibst die Fische.“
„Welche Fische? Es sind doch gar keine da.“
„Nur, weil du keine fängst, heißt es nicht, dass keine da sind.“
„Du fängst ja auch keine.“
Yuriy knurrte. „Das liegt nicht an mir!“
„Aber an mir, ja?“
„Genau!“ Yuriy warf die Angel weg und stürzte sich auf seinen Freund. Der versuchte auszuweichen. Das Boot schauckelte beängstigend, aber die beiden schienen es bei ihrer Rauferei nicht zu merken.
Bryan, der der Größere und Stärkere von ihnen war, hatte sich bald aus der Umklammerung des schmalen Rothaarigen befreit und drückte den Prinzen auf den Boden. „Na? Sagst du immer noch, ich sei an allem Schuld?“
„Ja!“ Yuriy wirkte sehr überzeugt von sich und der Stoß, den der Grauäugige kurz darauf erhielt und ihn über Bord beförderte, unterstrich seine Forderung noch.
Das Wasser, das über Bryan zusammenschlug, war kälter, als er gedacht hatte. Heftig mit den Beinen strampelnd brachte er sich wieder an die Wasseroberfläche. Yuriys helles, fröhliches Lachen war das Erste, was er hörte.
„He! Was soll der Quatsch?“, brüllte er wütend, doch der Rothaarige antwortete nicht, sondern lachte nur noch lauter. „Hörst du auf zu lachen!“, brüllte Bryan. „Hilf mir lieber!“ Er streckte fordernd die Hand aus.
Der Prinz erbarmte sich sogar und griff danach, aber genau darauf hatte Bryan gewartet. Ein kurzer Ruck und Yuriy landete neben ihm mit einem erstaunten Aufschrei im Wasser. „Das hast du davon.“, lachte Bryan und hob abwehrend den Arm, als der Rothaarige ihn mit einem Schwall Wasser bespritzte. „Lass das!“ Er spritzte zurück.
Wütend schlug Yuriy mit der Hand vor ihm ins Meer, so dass er von einem Schwall Wasser übergossen wurde. Sofort war wieder eine Rauferei im Gange. Wie immer…
Sie brauchten einige Zeit, ehe sie keuchend zurück zum Boot schwammen, stillschweigend zu einem Waffenstillstand übereinkommend. Es brauchte noch mehr Zeit, bis sie es geschafft hatten, ins Boot zurückzukriechen, das gefährlich schwankte. Aber es kippte nicht um, nicht einmal als sie sich auf seinen Boden fallen ließen.
Über ihnen erstreckte sich der weite blaue Himmel. Nur wenige weiße Wolken fraßen sich in das Blau. Die Sonne war ein leuchtender Ball, dem man nicht entgegenblicken konnte, weil es einem die Tränen in die Augen trieb. Möwen zogen über ihnen ihre Kreise. Bryan genoss es, wie der sanfte Wind über sie hinwegstrich und wie die warmen Strahlen der Sonne seine Haut wärmten.
„Weißt du was, Bry?“, wollte Yuriy plötzlich wissen.
„Hm?“, machte er müde. Er war gar nicht in der Stimmung, jetzt zu reden.
Der Rothaarige hob die Hand um das grelle Licht von den Augen fernzuhalten. „Ich wäre gern ein Vogel.“
„Warum?“ Yuriy sagte solche Dinge nicht ohne Grund. Und die sehnsüchtige Stimme sprach Bände…
„Weil ich dann wegfliegen könnte.“
„Wohin?“
„Ich weiß nicht. Irgendwohin. Bis zum Rande der Welt…“
Bryan richtete sich auf die Ellbogen auf. „Wieso?“ Verwirrt sah er seinen Freund an. Er wusste, dass Yuriy es mit seinem Vater nicht unbedingt gut getroffen hatte, aber er äußerte selten solche Wünsche und er hatte immer einen guten Grund.
„Vögel können überall hinfliegen.“, sagte Yuriy leise. „Ich will die Welt sehen. Die ganze Welt!“
„Die ist aber ganz schön groß.“ Etwas besseres fiel dem Grauäugigen im Moment wirklich nicht ein.
„Na und? Ich will sie trotzdem sehen.“
Diesmal setzte Bryan sich ganz auf. „Darf ich dann mit dir kommen?“
Der Prinz grinste über das ganze Gesicht, er strahlte geradezu. „Natürlich. Ich wäre enttäuscht, wenn du nicht mitkommst.“
„Zwei Vögel auf Weltreise.“ Bryan lachte leise, aber es schwang ein wehmütiger Ton in seiner Stimme mit.
„Ja! Ganz genau. Wir werden den Palast des Himmels sehen und die Goldenen Hallen des Drachenkaisers. Und Thyrmis, I’tz’eka, Uneda und Les’kre.“ Yuriys Stimme klang lebhafter als sonst. „Und den Rand der Welt…“
Für einige Zeit schweigen beide. „Und ich würde frei sein…“, flüsterte Yuriy dann und sie beide wussten, dass diese Träume unmöglich waren.
~~~~~Flashback~ ~ ~Ende~~~~~
Der Ritt durch die Stadt war eine Hölle. Es war so still um sie herum… Die Leute starrten sie an. Sie sahen nicht das Banner des Prinzen, das sie erwarteten. Weil es nicht da war, denn der Prinz war nicht da. Sie sahen auch nicht den Prinzen, denn er war tot.
Bryan spürte ihre Blicke, dann hörte er sie tuscheln und sah schließlich ihre Verwirrung. Wer konnte es ihnen verübeln? An ihrer Stelle würde es ihm ebenso ergehen. Immerhin war Yuriy ihr Prinz. Sie liebten ihn, nicht nur weil er war, was er war, sondern eher weil war, wer er war. Das Volk liebte seinen Prinzen, es liebte ihn mehr als den König. Bryan wusste nicht, warum es so war, er wusste lediglich, dass es so war.
Und jetzt kehrte er nicht mehr zurück von einer Jagd und niemand wusste, was mit ihm geschehen war. Natürlich fingen sie an zu tuscheln. Die Nachricht von seinem Tod würde über sie hereinbrechen wie eine Katastrophe.
Auch im Blauen Palast wurde es unheimlich still, sobald sie in Sicht kamen und die Leute registrierten, dass weder das Wolfsbanner noch der Prinz selbst zu sehen waren. Hektik brach aus, als sie auf dem Reithof ankamen. Diener kamen dazu um ihnen die Pferde abzunehmen. Irgendwer kümmerte sich um die Wagen. Die ausländischen Gäste wurden auf ihre Zimmer geleitet, ebenso wie alle anderen Adligen und hochgestellten Persönlichkeiten, die auf der Jagd dabeigewesen waren.
Bryan sah kaum jemanden schwatzen oder sich unterhalten. Der Tod des Prinzen lag noch immer wie ein drohender Schatten über der Jagdgesellschaft. Eine dumpfe Decke, die alle Fröhlichkeit zu ersticken drohte.
Er seufzte und glitt vom Rücken seines Pferdes. Müde schleppte er sich quer über den Hof zu einem ganz bestimmten Tier. Die schwarze Stute mit dem einst so wilden, stolzen Blick wirkte niedergeschlagen und gebrochen. Yuriy war der einzige, den sie je wirklich geduldet hatte.
Auch sie vermisste ihren Herrn. Das einst glänzende Fell war stumpf und zottelig. Sie schnaubte, als er näher kam und ihr über den Hals fuhr. Allerdings reagierte sie ansonsten nicht auf ihn. So sehr nahm es sie alle mit. Der Falke lehnte den Kopf gegen ihren Hals. Warum hatte er nichts tun können?
„Ritter Bryan?“ Roberts Stimme ließ ihn aufblicken. „Ihr habt gesagt, Ihr würdet die Aufgabe übernehmen, dem König die schlechte Nachricht zu überbringen.“
Bryan blickte ihn müde an. „Ja. Ich gehe.“
„Ich komme mit.“ Erstaunt blickte der Falke den anderen an. Wer würde freiwillig in die Höhle des Löwen gehen und ihm berichten, dass man seinen Sohn nicht hatte beschützen können?
Robert blickte ihn offen und gerade an, beinahe so, als wolle er ihn herausfordern seine Entscheidung anzufechten. Aber das hatte Bryan nicht vor. Irgendwie war er dankbar für dieses Zeichen der Loyalität, auch wenn er es nicht verstand.
Er und Robert hatten nie viel miteinander zu tun gehabt. Sie waren einfach zu verschieden. Zumindest hatte es so ausgesehen. Jetzt war Bryan sich da nicht mehr so sicher. Robert Eisenfaust Fürst von Druskill war zwar ein umständlicher, auf Traditionen und Prinzipien beharrender und manchmal langweiliger Mann, der viel zu sehr auf Ehre und Ruhm zu achten schien, aber hinter dieser Fassade verbargen sich tiefe Überzeugungen und überlegte Entscheidungen. Und außerdem absolute Aufrichtigkeit und Loyalität.
„Wenn Ihr meint.“, knurrte der Grauäugige und übergab die Zügel von seinem Wallach und Yuriys Stute an einen schüchtern danebenstehenden Stallknecht.
„Es ist mein voller Ernst, Ritter Bryan. Es wäre nicht klug, alleine zu ihm zu gehen.“
Der Angesprochene schnaubte. Aber er musste sich eingestehen, dass der Fürst recht hatte. „In Ordnung, kommt Ihr?“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu dem offen stehenden Tor.
„Bryan!“ Salimas helle Stimme ließ ihn herumfahren. Sie kam hinter ihm hergerannt. „Wo willst du hin?“
„Ich gehe zum König. Jemand muss ihm die Nachricht überbringen, ehe er es über Gerüchte hört.“
„A…aber…“ Sie schien nicht zu verstehen, warum gerade er es war, der diese Aufgabe übernehmen musste.
„Mach dir keine Sorgen, er reißt mir schon nicht den Kopf ab. Außerdem habe ich Fürst Robert als Verstärkung.“
Sie blickte kurz zu dem Fürsten hinüber als wolle sie sich vergewissern, dass er auch ausreichte. Dann seufzte sie. „Kommst du…kommst du nachher zu mir?“
„Klar, Kleine.“ Er wuschelte ihr durch die Haare, was sie überhaupt nicht mochte, und brachte ein halbherziges Lächeln zustande. Dann drehte er sich abrupt um und setzte seinen Weg, gefolgt von Robert, fort.
Der Ratssaal lag zwar nicht weit vom Reithof entfernt, aber es waren doch einige Gänge, die man durchqueren musste. Bryan dachte an das letzte Mal, als er auf diesem Wege zu Eskander gegangen war. Das war gewesen, als sie von Falkenburg zurückgekommen waren und dem König von den Thyrmisern berichtet hatten. So lange war das noch gar nicht her.
Aber Yuriy und Sergej waren bei ihm gewesen, nicht Ritter Robert. Er selbst war nachdenklich gewesen, hatte an das Treffen mit Commander King zurückgedacht und an den Überfall in Falkenburg. Jetzt kam er wieder, um über einen zweiten Überfall zu berichten. Was für eine Ironie…
Die großen Türflügel des Saales waren geschlossen und die Soldaten davor nahmen sofort Haltung ein, als sie die beiden Ritter näher kommen sahen. Bryan stoppte vor ihnen. „Ist der König im Saal?“
„Nein, Herr.“, antwortete einer der Männer.
„Schickt einen Boten zu ihm. Wir haben eine wichtige Nachricht für ihn. Und die Königin kann er auch gleich mitbringen.“ Bryan wusste, dass er ruppig klang, aber alles in ihm sträubte sich gegen eine gewähltere Wortwahl.
Die Wache verbeugte sich. „Wie Ihr wünscht, Herr.“ Der andere Soldat hatte sich inzwischen an der Tür zu schaffen gemacht und sie geöffnet.
Bryan und Robert traten ein. Der Saal wirkte – so völlig leer und ohne irgendwelche herumhuschenden Diener und die unheilkündende Präsenz des Königs – verlassen und trostlos. Durch die hohen Fenster fiel mattes Licht, doch von Sonnenschein konnte man nicht sprechen. Die großen Banner an den Wänden, auf denen die Wappen zu sehen waren, wirkten farblos und schlaff. Die lange Tafel in der Mitte des Raumes war beinahe leer, nur ein verlassener Kelch stand noch darauf.
Bryan seufzte und ging zu den großen Fenstern hinüber, während Robert sich auf einem der Stühle niederließ. Durch die gläserne Scheibe konnte man in einen großen Garten sehen. Wiesen erstreckten sich bis hin zu weit entfernten Gebäuden. Den Ställen, erkannte Bryan. Lange, schmale Blumenbeete sowie weiß gekieste Wege zogen sich durch das dunkle Grün. Verstreut erhoben sich einige gestutzte Bäume aus der Erde.
Die dunklen Wolken, die den Himmel bedeckten, ballten sich mehr zusammen. Es war, als würde das Wetter seine Stimmung teilen und dies unbedingt aller Welt zeigen. In der Ferne sah Bryan einen Blitz. Es dauerte lange, ehe er das leise Grollen des Donners hörte, aber er wusste, dass das Gewitter näher kommen würde.
Als die Tür am Ende der Halle geöffnet wurde, fuhr er herum. Robert sprang von seinem Stuhl auf. Hochkönig Eskander schritt durch die Tür, gefolgt von seinen drei Königsschwertern. Zielstriebig kam er auf die beiden Ritter zu, die in die Knie gesunken waren, wo sie gerade gestanden hatten.
„Erhebt Euch, Ritter.“, befahl der König und blickte sich um. „Wo ist mein Sohn? Er sollte hier sein.“ Bryan richtete sich langsam wieder auf, dann räusperte er sich. Es war seine Aufgabe, dem Herrscher davon zu berichten, was geschehen war. Er hatte sich freiwillig gemeldet.
Eskander richtete seine Aufmerksamkeit auf ihn. „Nun? Wo steckt mein hochgeschätzter Junge?“ War das Spott?
„Er…er ist verhindert.“, murmelte Bryan leise. Dann räusperte er sich erneut. Es ging nicht an, dass er wie ein kleines Kind hierstand und herumstotterte. Er musste sich zusammenreißen.
Der König runzelte die Stirn auf Bryans Worte. „Und warum, bitte? Ritter Bryan, würdet Ihr mich bitte aufklären, was geschehen ist? Ritter Robert?“ Er wandte sich zu dem Fürsten um, der ebenfalls keine Worte zu haben schien.
„Er ist tot.“, platzte es aus Bryan heraus und die schnelle Bewegung, mit der der König zu ihm herumfuhr, ließ ihn zurückzucken. Bryan sprach schnell weiter: „Die Dämmergilde… Einer ihrer Mörder ist uns gefoglt und…“
Eskander hörte gar nicht mehr zu. Er wurde erst kalkweiß, dann zornesrot. „WAS?!“, brüllte er uns seine Stimme hallte in dem Saal wieder. Selbst die Königsschwerter zuckten zusammen und Bryan sprang sogar erschrocken ein Stück zurück. Er kam sich lächerlich vor, aber er schaffte es kaum, seine verkrampfte Haltung, die der plötzliche Ausbruch des Königs hervorgerufen hatte.
Nervös befeuchtete er seine Lippen. „Wir waren auf der Jagd, da wurden wir von Yuriy getrennt. Sergej behauptet, er habe ihn verloren und als wir ihn wieder gefunden hatten, war es bereits zu spät.“ Er blickte unruhig zu Robert hinüber, der beinahe ängstlich dreinblickte, sich aber um eine gefasste Haltung bemühte. Er machte das gar nicht mal so schlecht, wenn man es mit Bryans eigenen vergeblichen Bemühungen verglich.
Hastig sprach er weiter: „Yuriy ist…abgestürzt, aber er war schon verletzt. Wir haben ihn nicht gefunden. Er kann das unmöglich überlebt haben und…“
„Wo ist der Mörder?“ Eskanders Stimme war wie eine scharfe Klinge aus Eis, die durch seinen Satz fuhr.
„Was?“, fragte Bryan verwirrt. Wollte der König nicht wissen, was aus seinem Sohn geworden war? Aber dann ohrfeigte er sich in Gedanken selbst für diese Annahme. Yuriy war Eskander egal. Alles, um was es ihm ging, war sein eigener Ruf und die Tatsache, dass sein Erbe ermordet worden war.
„Der Mörder.“, wiederholte der König ungeduldig.
„Er…er ist geflohen. Hinter Yuriy. In den Fluss gesprungen. Wir wissen nicht, ob er es überlebt hat, aber wir haben weder ihn noch etwas anderes gefunden, was auf ihn hinweißt und…“
„Er ist also entkommen?!“, schnappte Eskander laut und fuhr sich genervt durch das schwarze Haar.
„Äh… Ja.“
„Und er lebt noch?“
„Ich weiß nicht. Der Fluss ist sehr gefährlich, aber…“
„Es ist ein Mörder der Dämmergilde.“, warf nun Robert ein. „Wir nehmen stark an, dass er es überlebt hat. Wahrscheinlich ist er längst wieder zurück nach Rhiawen oder wo auch immer er herkam.“ Die Stimme des Fürsten war beherrscht.
„Er lebt also noch.“, verlangte der König nachdrücklich zu wissen, ohne wirklich eine Frage zu stellen.
„Ja.“
„Und ihr wagt es, hier aufzukreuzen und mir eine solche Nachricht zu bringen, OHNE DEN MÖRDER GEFASST ZU HABEN?!“ Die Stimme des Königs wurde immer lauter, bis sie schließlich zu einem beinahe ohrenbetäubenden Brüllen angeschwollen war und fast überschnappte.
„Entschuldigt.“, erklärte Robert mit einem stoischen Gesichtsausdruck, für den Bryan ihn bewunderte. Er selbst war bleich wie der Tod, die linke Hand krampfte sich um das Heft seines Schwertes und sein größter Wunsch war, weit weg von hier zu sein. Den Zorn des Königs auf sich zu laden war nicht etwas, was man sich herbeisehnte.
„Aber es war uns unmöglich, im Nachtgesang einen einzelnen Mann aufzuspüren, der auch noch geübt darin ist, sich nicht erwischen zu lassen.“ Das war die Wahrheit. Ein gutes Argument, das Robert da vorbrachte. Ob es helfen würde?
„Es ist mir egal, was möglich und unmöglich ist.“, zischte der König. „Ich verlange, dass ihr mir den Mörder bringt.“
Er fuhr zu Bryan herum, der beinahe zurückgewichen wäre. Aber hinter ihm befanden sich nur die Fenster und die Wand. Er saß wie ein Tier in der Falle. „Ihr sagtet, Ihr wäret von ihm getrennt worden? Wo war sein Königsschwert?“
„Sergej…Sergej hat ihn verloren. Ich weiß nicht… Sergej konnte ihn nicht mehr finden.“
„Es ist unmöglich, die Bindung zu stören.“, behauptete Eskander. „Wo ist das Schwert? Ich möchte ihn sehen. Wer war noch alles dabei, als es passierte?“
„Da waren nur Sergej, Ivan und ich.“, erklärte Bryan. „Nur wir haben den Mörder gesehen, die anderen kamen erst später. Und Lady Mao.“
„Lady Mao?”
„Eine der sheyaianischen Adligen.“, erklärte Robert. „Ich weiß nicht, was sie an den Ort des Verbrechens führte, aber sie hat mehr gesehen als alle anderen.“
„Ich möchte, dass sie befragt wird. Und ihr werdet ebenfalle Eure Aussagen machen.“ Eskander blickte von Robert zu Bryan und wieder zurück. „Crain wird sich darum kümmern.“ Er drehte sich um um die Halle wieder zu verlassen. Robert und Bryan verbeugten sich steif.
Doch ehe der König weit gekommen war, betrat eine schlanke, rothaarige Frau den Saal. Königin Aline schwebte herbei, in Begleitung der beiden Königsschwerter, die an sie gebunden waren. „Man sagte mir, ich solle herkommen.“, erklärte sie, als sie den leicht erstaunten Blick ihres Mannes sah. „Ein Bote kam eben in die Kemenate und…“
„Euer Sohn ist tot, Mylady.“ Ohne ein weiteres Wort rauschte Eskander an seiner Frau vorbei.
Bryan fragte sich nicht zum ersten Mal, was diesen Mann so hart und verbittert hatte werden lassen. Aber das war wohl kaum sein Problem…
Aline war mitten in der Bewegung erstarrt. Eines ihrer beiden Königsschwerter blickte besorgt zu ihr, während das andere sich umsah. Aber außer Robert und Bryan befand sich niemand in der Halle.
Die beiden Ritter wechselten einen Blick, dann marschierte Robert entschlossen auf die Königin zu. „Mylady.“
Es war, als würde sie von einem weit entfernten Ort wiederkommen. Sie blinzelte. „Ri…Ritter Robert.“ Dankbar nahm sie seine hilfreiche Hand an und ließ sich unter den wachsamen Blicken der Königsschwerter zu einem der Stühle führen.
Bryan beobachtete die Szene schweigend und hilflos. Die Königin hatte er immer als beherrschte, schöne Frau in Erinnerung, aber dieser Anblick hier stimmte nicht mehr mit jenem Bild überein.
Sie hatte anscheinend sofort begriffen, dass Eskander keinen Scherz gemacht hatte und – beachtenswerter noch – sie hatte begriffen, was der wirkliche Inhalt des Satzes war. Sonst würde sie kaum so gebrochen, alt und müde aussehen. Ihr Gesicht wirkte plötzlich eingefallen und die eisblauen Augen, die denen Yuriys so ähnlich waren, waren matt.
„Meine Königin?“, hob Robert fragend die Stimme. Sie blickte auf. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie stützte den Kopf in die Hände.
Bryan wusste, sie hatte ihren ältesten Sohn sehr geliebt, vielleicht sogar mehr als ihre anderen Kinder. Auch wenn sie es vielleicht nicht deutlich gezeigt hatte, da sie ihn nicht vor der Willkür seines Vaters hatte beschützen können, und auch wenn Yuriy selbst es vielleicht nicht gewusst hatte, Bryan hatte es schon immer gewusst.
Sie hatte eine bestimmte Art mit ihm umzugehen, mit ihm zu sprechen, ihm mit ihrer Gegenwart zu zeigen, dass sie für ihn da war, so dass er gar keine anderen Schlüsse hatte ziehen können. Und sie war immer so verletzt gewesen, dass er sie nicht an sich herangelassen hatte.
Es war nicht besonders freundlich von ihrem Mann, ihr die schreckliche Neugikeit auf diese Art entgegenzuschleudern. Es musste für sie wie ein Schlag ins Gesicht sein. Wie konnte man nur so grausam sein…?
„My…Mylady…?“, fragte Robert in die Stille hinein, die nur durch das Schluchzen der Königin unterbrochen wurde. Ihr Körper wurde durchgeschüttelt, so dass Bryan kaum hinsehen konnte. Was für Schmerzen mochte sie empfinden? Sie, die Yuriy geboren, aufgezogen und geschützt hatte, so weit es ihr möglich war? Sie, deren ganzer Stolz er gewesen war?
Langsam trat er näher. „Meine Königin.“ Robert hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt, doch mehr tat er nicht. Der Falke fand das nicht verwunderlich. Wie sollte man eine Königin trösten? Er selbst konnte nicht viel tun. Er hatte ja nicht einmal geschafft, seine Schwester aufzumuntern. Sie zuckte noch einmal, dann verstummte das Schluchzen, aber sie saß wie eine Statue. Schweigen breitete sich aus.
Dann hob die Frau auf einmal den Kopf. Ihre Augen waren rot und verschwollen und die Spuren der Tränen waren noch auf ihren Wangen zu erkennen, aber sie wirkte, als hätte sie sich wieder gefasst. Robert trat respektvoll einen Schritt zurück. „Wie?“, fragte sie leise, aber eindringlich. „Wie ist es passiert? Was ist passiert?“
Der Fürst blickte Bryan erwartungvoll an. Der Kerl wollte doch nicht, dass er…? Anscheinend wollte er doch. Der Falke wandte sich zur Königin, die ihn aufmerksam ansah „Die Dämmergilde.“, sagte er knapp. Warum musste gerade er das machen? Er konnte das doch gar nicht! „Wir haben Yuriy verloren und… Als wir ihn wieder gefunden haben, war es bereits zu spät.“
„Aber…was ist mit seinem Königsschwert gewesen? Warum war er nicht bei ihm?“
„Weil… Sergej hat ihn verloren. Wir wissen nicht, was passiert ist.“
Sie nickte und blickte schweigend auf ihre Hände, die auf ihrem Schoß lagen. Sie schien nachzudenken, jedenfalls war keine Regung mehr zu sehen. Das rote Haar, das Yuriy von ihr geerbt hatte, fiel offen über ihre Schulter und bis zu ihren Hüften. Sie sah so zerbrechlich aus, wie sie da saß.
Yuriy ähnelte ihr sehr, aber er war ganz und gar nicht wie sie. Niemals hätte er so schwach und hilflos ausgesehen. Bryan unterdrückte ein Seufzen und schloss die Augen. Er ertrug den Ablick dieser gebrochenen Mutter nicht mehr.
„Ich bitte darum, mich entfernen zu dürfen, meine Königin.“ Bryan spielte nervös mit dem Saum seines Wappenrockes. Er fühlte sich absolut fehl am Platze. Aline blickte zu ihm. Sie sah müde und abgehärmt aus. „Meine Schwester erwartet mich.“, fügte er hinzu.
„Ja, Ritter Bryan. Geht nur, auch für Euch ist es ein schwerer Verlust.“, erklärte sie leise und ihre schöne Stimme war voller Trauer. Bryan verbeugte sich und entfernte sich rückwärts gehend einige Schritte, ehe er sich umdrehte und rasch aus dem Ratssaal verschwand.
Die Beerdigung fand in der großen, schneeweißen Zitadelle des Totengottes Gilthanas in Rhiawen statt. Sie befand sich am Rande des suathischen Viertels, war jedoch von von Thissaliern erbaut worden.
Sie war uralt, aber trotzdem eines der majestätischsten und größten Gebäude, die Rhiawen zu bieten hatte. Zumindest sah Bryan das so. Hoch ragten die Türme und Bögen in den grauen Himmel auf und zeichneten sich scharf und gespenstisch dagegen ab. Groteske Figuren und Wasserspeier säumten die Simse. In den Stein waren Struckverzierungen und Ornamente gehauen.
Die silbernen Glocken, die sich im größten Turm befanden, hallten weit über die Stadt, um Yuriy zu ehren. Sie teilten der Bevölkerung mit, dass jetzt die Beisetzung für ihren verstorbenen Prinzen stattfand.
Massen von trauernden Menschen waren zum Totenplatz geströmt um Abschied zu nehmen. Bryan hatte gewusst, dass Yuriy beliebt war, aber er hatte niemals auch nur geahnt, dass so viele Menschen ihn in ihr Herz geschlossen hatten und das so stark, dass sie jetzt hier in der Kälte des kommenden Winters standen nur um zu warten, bis sein leerer Sarg an ihnen vorbeigetragen wurde.
Denn ein leerer Sarg würde es sein. Niemand hatte seine Leiche gefunden, als sie ihn gesucht hatten. Der Falke hatte es geahnt, schon zu dem Zeitpunkt, als er die Soldaten losgeschickt hatte, um ihn zu suchen. Es war einfach unmöglich in einem Gebiet wie dem Nachtgesang eine Person zu finden, die tot war. Trotzdem hatte er es getan, er hatte den Gedanken, dass der Körper des Eiswolfes von wilden Tieren zerfetzt wurde, nicht ertragen.
Bryan seufzte und blickte zu der Tür der Kutsche, die ein Diener in dunkler Livree jetzt mit einer tiefen Verbeugung öffnete. Der Falke erhob sich und stieg aus. Vor ihm befanden sich die neun glattpolierten Stufen, die zum Tempelportal führten.
Er drehte sich um, um seiner kleinen Schwester den Arm zu reichen und sie die Treppen hinaufzugeleiten, während die Kutsche hinter ihm weiterfuhr um dem nachfolgenden Wagen Platz zu machen.
Kurz blictke er zurück. Aus der neu ankommenden Kutsche stiegen Olivier LesDemondes und einige seiner Familienmitglieder. Sie alle trugen schwarz und grau. Ebenso wie der Rest des Volkes. Alle waren sie in dunklen Kleidern gekommen, um den Eiswolf in seinem Tode zu ehren.
Salima zupfte an seinem Ärmel um seine Aufmerksamkeit wieder auf den Weg zu richten und zog ihn mit sich. Auch er selbst trug schwarze Trauerkleidung aus edlem Stoff. Er fühlte sich unwohl darin, aber etwas anderes war zu diesem Anlass weder ausreichend noch angemessen.
Das Kirchenschiff war riesig und die Schritte der ankommenden Personen hallten dumpf und leer in dem riesigen Raum. Lange Bänke reihten sich hinereinander. Alle waren nach vorn zu dem erhöhten Altar ausgerichtet, auf dem neun Kerzen standen und über dem eine riesige Sense hing. Das Symbol des Totengottes Gilthanas.
Vor dem Altar stand ein Sarg, über dem ein schwarzes seidenes Tuch lag, auf der dasselbe Symbol zu sehen war. Was würde Bryan dafür geben, dass dieser Sarg wenigstens nicht leer war. Und wie viel mehr würde er dafür geben, dass er gar nicht dort stand.
Salima war es, die ihm den richtigen Weg zeigte, sonst wäre er wohl stehen gelieben wie eine solche hirnlose Kreatur, die oft in Gruselgeschichten vorkam und angeblich ein wiederauferstandener Toter war. Sie sorgte dafür, dass er sich setzte und schließlich auch, dass er den Blick von dem Sarg abwandte, den er wie hypnotisiert angestarrt hatte.
Sie war sehr still und Bryan wusste, dass es ihr schwer fiel, so beherrscht zu bleiben. Konnte er es ihr verübeln? Er selbst versagte darin ja wohl kläglich…
Die Zitadelle füllte sich immer mehr. Adlige, Magier, hoch gestellte Persönlichkeiten nahmen auf den langen, harten Holzbänken Platz. Auch die Sheyai und die Shinazuki kamen. Sie waren – wie alle anderen – dunkel gekleidet und wirkten bedrückt und schwermütig. Wie alle anderen Anwesenden auch. Leise setzten sie sich auf die Bänke, die man ihnen zugewiesen hatte.
Zuletzt betraten der König und seine Familie den Tempel. Eskander wirkte in der schwarzen Kleidung und mit dem großen Schwert an der Seite beeindruckender noch als sonst und seine Lippen waren ein dünner Strich. Yuriys fünf Schwestern trugen lange schwarze Kleider und sie alle wirkten als hätten sie einige Nächte nicht mehr gut geschlafen.
Caradok, Yuriys kleiner Bruder und nun der Thronfolger, hatte rotgeweinte Augen und klammerte sich schutzsuchend an die behandschuhte Hand seiner Mutter. Yuriy und er lagen im Alter zwar Jahre auseinander, doch trotzdem hatte der Eiswolf sich von all seinen Geschwistern mit ihm noch am Besten verstanden.
Aline schritt hoch erhobenen Hauptes und betont aufrechtem Gang an den Bänken vorbei, doch ihr Gesicht war hinter einem schwarzen Schleier versteckt, so dass man die Züge nicht erkennen konnte.
Als die königliche Familie Platz genommen hatte, trat der Hohepriester des Gilthanas zum Altar und begann zu sprechen. Erst begrüßte er alle Anwesenden, dann nannte er den Grund, warum sie hier zusammen gekommen waren.
Bryan seufzte leise und senkte den Kopf, hörte nicht mehr zu. War das denn wichtig? Wichtig war nur, dass Yuriy tot war. Er hatte es noch nicht wirklich begriffen. Manchmal wollte er mit Yuriy sprechen und blickte auf, öffnete schon den Mund, doch da war kein Yuriy mehr. Gab es denn etwas Bedauernswerteres als ihn?
Die letzten Tage hatte er beinahe allein und völlig untätig verbracht. Er hatte kaum etwas gegessen, geschweige denn sich um etwas anderes gekümmert hatte. Wenn Salima nicht gewesen wäre, würde es noch viel schlechter um ihn stehen.
Tag für Tag hatte er am Fenster in seinem Zimmer gesessen und über die umliegenden Gebäude und die riesigen Gärten des Blauen Palastes hinweg nach Norden gestarrt. Dort oben, in den fernen Bergen, die er nicht hatte erkennen können, die dort hinter dem von Wolken bedeckten Horizont lagen, war Yuriy gestorben. Und dorthin wünschte er sich jetzt.
Nur am Rande hatte er mitbekommen, dass die Verhandlungen zwischen den Sheyai und den Shinazuki langsam in eine Phase übergingen, in der sie sich einig werden konnten. Auch, dass man mit den Thyrmisern Handelsverträge geschlossen hatte, hatte er nicht wirklich realisiert. Ebenso die Tatsache, dass Eskander Sergej für den Mord sozusagen verantwortlich gemacht hatte, indem er ihn in den Kerker hatte bringen lassen.
Es kümmerte ihn nicht nach all dem, was im Nachtgesang geschehen war. Das einzige, was kurz ihn aus seiner Lethargie gerissen hatte, war die Nachricht, dass die Kämpfe mit den Norag abgeschlossen waren und sein Vater in den Blauen Palast kommen würde, um dem König persönlich Bericht zu erstatten.
So ganz konnte niemand seine Botschaft begreifen, in der stand, dass die Suatha sie aufgefordert hatten, gemeinsam gegen den Feind aus dem Norden zu kämpfen. Verstanden hatte es auch Baltheir nicht.
Und jetzt saß Bryan hier, auf einer der Bänke in der Zitadelle, direkt hinter dem König und seiner Familie. Salima saß neben ihm, in einem schwarzen Kleid, mit schwarzem Schleier vor dem Gesicht. Ihre Finger waren ineinander verkrampft und Bryan wusste, dass sie weinte, auch wenn er es weder sehen noch hören konnte.
Am liebsten hätte er es ihr gleich getan, aber er konnte nicht. Sein Hals war staubtrocken und seine Glieder fühlten sich an wie aus Blei. Er hörte kaum, was der Priester vorn am Altar erzählte. Wen interessierten denn schon die Zeilen aus dem Heiligen Buch von Gilthanas, die der Mann vorlas, oder die besonderen Eigenschaften aufzählte, die jeder an Yuriy so sehr geschätzt hatte.
Absoluter Mut.
Ehrlichkeit, die schon schmerzte.
Charme, wenn er es denn wollte.
Strategisches und taktisches Geschick.
Aufrichtigkeit. Ehrgeiz. Zielstrebigkeit. Kampffertigkeit. Geschicklichkeit. Loyalität. Pflichtbewusstsein.
Bryan konnte diese Liste noch lange weiterführen. Doch er schwieg. All das, all diese Worte fassten nicht wirklich, was Yuriy gewesen war.
Yuriy war gewesen, was der Priester aufzählte. Aber er war noch viel, viel mehr. Er war der Eiswolf. Er war sein bester Freund. Das konnte man nicht in Worte fassen.
Schließlich kam der Priester zum Ende. Vier muskelbepackte Männer traten vor und hoben den Sarg auf ihre Schultern. Das Tuch wippte leicht bei jeder Bewegung, die sie machten. Der Priester und seine Gehilfen schritten voran und die Männer mit dem Sarg folgten ihnen dichtauf. Eskander und seine Familie erhoben sich und schlossen sich der Totenbahre schweigend und stumm an. Salima zupfte ihn am Ärmel und sie erhoben sich um zu folgen.
Bryan wusste, dass sie vom Stand her nicht dazu berechtigt waren, als zweite zu folgen, aber da er so eng zu Yuriy gestanden hatte, hatte niemand etwas dagegen gesagt, als man ihre Plätze bestimmt hatte. Sie alle wussten, Yuriy selbst hätte es so gewollt.
Vielleicht verstanden sie nicht, was ihn und den Prinzen verband, verbunden hatte und vielleicht akzeptierten sie es nicht einmal, aber hier, hier und jetzt mussten sie es respektieren, sonst würden sie gegen den Willen der Person handeln, die sie hier ehrten.
Hinter Salima und ihm kamen all jene anderen Leute. Nach Rang geordnet schlossen sie sich dem Zug an, der durch eine große Nebentür nach draußen marschierte. Von vorn hörte Bryan die monotonen Sprechgesänge des Priesters, die anhalten würden, bis sie die Grüfte der Hohen Könige erreicht hatten, wo sie Yuriys leeren Sarg in einem Grabmal beisetzen würden.
Das und die Schritte der Leute waren auch die einzigen Dinge, die zu hören waren. Die riesigen Massen an Menschen, die die Straße säumten, sagten kaum ein Wort. Nirgends konnte Bryan Getuschel oder Geflüster hören, auch keine Schmipfworte oder etwas anderes, was sonst den Auftritt von Adligen – insbesondere von Eskander – begleitete.
Der Marsch war zwar nicht lang, aber beschwerlich, da er am Ahd Rhiawen hinaufführte. Schon nach kurzer Zeit ließen sie die Häuser hinter sich zurück. Um sie herum befanden sich nur noch Steine und dunkles Heidekraut, das schon längst verblüht war.
Der Weg wandelte sich von normalem Pflasterstein zu weißen Platten. Oft wurde er nicht begangen. Säulen, an denen Efeu wucherte, säumten ihn. Er war uralt, der Erste Hochkönig hatte ihn und die Grüfte anlegen lassen, so hieß es selbst in den glaubwürdigsten Geschichtsbüchern. Das hieß, es stimmte also.
Ironischerweise hatte der Erste König niemals in den Grüften seine Ruhe gefunden. Natürlich hatte auch er einen Sarg und ein Mausoleum in der großen Höhle bekommen, doch der Sarg war leer. Denn der Erste König war in Kämpfen gegen die Suatha gefallen und sie hatten seinen Schädel genommen und seinen Körper verbrannt, wie es bei ihnen üblich war.
Auch Yuriys Leiche würde niemals in den Grüften liegen, allerdings war sie nicht verbrannt worden. Was ein himmelweiter Unterschied…
Die Grüfte selbst lagen hinter einem hohen Torbogen, der in den Ahd Rhiawen hineinführte. Hinter jenem Bogen lag die riesige Höhle, die – so sagte man – von Zwergenhänden geschaffen worden war. Mehrere hohe, breite Gänge führten von ihr ab und von diesen Gängen konnte man in die kleinen Grabgewölbe gelangen, in denen große, steinerne Särge standen, in die der Holzsarg jedes einzelnen versenkt wurde.
Der Priester stoppte direkt vor einem der Gänge. Er wurde von Kerzen beleuchtet, die in regelmäßigen Abständen in eisernen Haltern an der Wand angebracht waren. Seine Helfer, sowie die Sargträger stellten sich zu ihm. Auch die königliche Familie stoppte. Bryan stellte sich auf die Seite und zog Salima mit sich. Er wollte nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, aber er wollte sich auch nicht zu weit von dem Sarg entfernen.
Immer mehr Menschen strömten in die Halle. Die meisten würden hier stehen bleiben, nur einige wenige den Priester und den Sarg begleiten. Bryan und Salima würden zwei davon sein.
Schließlich wurde es still in der Halle. Kurz darauf hörte man den Priester und seine Gefhilfen singen. Es war ein dumpfer, trauriger Gesang in der alten Sprache der Thissalier. Weitere Stimmen fielen ein und schließlich merkte Bryan, dass seine eigene ebenfalls dabei war. Er sang zwar mehr schlecht als recht, aber er wollte nicht aufhören. Dieses Abschiedslied war unverzichtbar für ihn.
Der Gesang trug sich schließlich allein, als der Priester den Sargträgern das Zeichen gab, ihm zu folgen. Er verschwand in jenem Gang, den er ausgesucht hatte, begleitet von kerzentragenden Gehilfen. Die Kerzen spendeten nur wenig Licht. Zu wenig, dass man gut sehen konnte. Der Sarg wurde von den Schatten des Ganges verschluckt.
Kurz darauf setzte sich der König in Bewegung. Seine Familie folgte, dann Bryan und Salima und einige andere Leute, die Yuriy mehr oder weniger nahe gestanden hatten. Bryan fragte sich, warum sie überhaupt mitkamen. Vielleicht nur der Form halber…
Die Gruft, die man für den leeren Sarg ausgewählt hatte, war leer und trostlos. In der Mitte erhob sich ein riesiger, schwarzer Kasten aus Stein. Drei Stufen führten hinauf. Der Deckel lag auf den Boden.
Der Rest der Zeremonie ging beinahe in vollkommener Stille dahin. Der Priester stellte sich auf die Seite, während seine Gehilfen sich im Raum verteilten. Ihre Kerzen erhellten den trostlosen, kahlen Raum nur spärlich.
Die Trauergäste versammelten sich neben den Stufen, die wieder aus der Krypta herausführten. Die Sargträger stellen ihre Last neben dem Steinsarg ab und nahmen den hölzernen Sarg, in dem Yuriys Leiche hätte liegen sollen, von der Bahre um ihn vorsichtig die Stufen zu dem schwarzen Kasten hinaufzutragen und darin zu versenken.
Mit dem Steindeckel hatten sie wesentlich mehr Schwierigkeiten, da er noch schwerer sein musste, als er aussah. Doch trotzdem hoben sie ihn beinahe ohne einen Laut auf den Sarg. Nur ein Knirschen war zu vernehmen, als der Sargdeckel einrastete.
Bryan zuckte zusammen, als das leise Geräusch ertönte. Es klang so entgültig. So ewig. Ewig. Was für ein trauriges Wort…
Salimas Hand schloss sich um seine Finger und kurz darauf spürte er ihre zweite Hand im Gesicht. Sie strich ihm über die Wange; sie strich ihm die Tränen weg. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er geweint hatte.
Schließlich löste sich die kleine Gesellschaft wieder auf. Bryan wusste, dass im Blauen Palast jetzt das Bankett stattfand, aber er brachte es nicht über sich zu gehen. Der Priester, seine Gehilfen sowie die Träger waren schon lange verschwunden. Als erstes gingen die anderen Gäste, dann die königliche Familie. Schließlich waren nur noch Bryan und Salima übrig.
Hand in Hand standen sie vor dem leeren Sarg, doch obwohl er wusste, dass Yuriy nicht hier lag, sondern weit oben im Nachtgesang sein Grab gefunden hatte, konnte er sich einfach nicht lösen.
Und Salima blieb bei ihm. Ohne ihr… wer wusste schon, was er tun würde. Er war ihr dankbar, dass sie blieb. Schließlich führte sie ihn nach draußen. Die große Halle war längst leer und verlassen. Niemand blieb so lange wie sie beide… Ob überhaupt irgendwer bemerkt hatte, dass sie die Grüfte noch nicht verlassen hatten?
Vor dem Torbogen blieb Bryan stehen. Weit unter ihnen erstreckte sich Rhiawen, eine laute, lärmende Stadt voller Leben und lieben und hassen.
Der scharfe, kalte, frische Wind schmerzte nach der muffigen, abgestandenen Luft der Gräber beinahe in seinen Lungen, aber er atmete tief ein. Hoch am Himmel stand die Sonne, sie stach zwischen dicken, grauen Wolken und winzigen Flecken von blassem Blau hervor und tauchte das Land in helles, bleiches Licht.
Von seinem Standpunkt aus konnte er den Yaivor sehen, der sich wie ein blaues Band durch das grüne und braune Land schlängelte. Der weiße Weg hob sich unnatürlich von dem Hang des Ahd Rhiawen ab, die bewachsenen Säulen jedoch wirkten wie integriert in die wegen des nahen Winters kahle Landschaft. Kleine Heidepflänzchen wuchsen auf jenem Hang, durchsetzt von Gras und Felsen.
Bryan war es, als sähe er all das zum ersten Mal. Er fühlte sich so neugeboren. Vielleicht kam es davon, dass er eben erst gestorben war, zusammen mit jenem Freund, den er mehr geschätzt hatte als alles andere auf der Welt.
Seine Hand schloss sich eng um Salimas Finger, die den Druck erwiderte und zu ihm aufblickte. Dann wandten sie beide den Blick in den Himmel, von dem die ersten Flocken des Winters fielen. Lautlos tanzend sanken sie dem Erdboden entgegen um ihn mit weißer, makelloser Pracht zu bedecken. Und der Wind strich durch ihrer beider schwarzer Kleidung, durch Bryans Haar und Salimas Schleier. Es war wie ein leises Flüstern in ihrer beider Ohren.
Armer grauer Falke!
Trauere nicht
Um deinen Freund, den Wolf.
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Was haltet ihr eigentlich von dem Pairing Olivier x Mathilda? Vielleicht bring ich's rein...
Im nächsten Kapitel geht es weiter bei den Suatha. *freu*
Also, ich wünsche mir jede Menge Kommis von euch. ^^
Sorceress
