Furchterregender Traum
Times of change have arrived
(Zeiten der Änderungen sind gekommen)
And darkness arouse,
(Und Finsternis erwachte,)
That set the world on fire by will
(Welche die Welt durch Willen in Brand setzte,)
Because the demon has been awakened,
(Denn der Dämon war erweckt worden,)
That seeks to destroy the one
(Der denjenigen zu zerstören sucht,)
Who was born to save.
(Der geboren wurde, um zu retten.)
-book of prophets, prologue, 18-23-
(Buch der Propheten, Prolog, Verse 18-23)
Außer Atem renne ich durch die Straßen der Stadt, die für mich keine Schutzmöglichkeit bieten wollen. Überall um mich herum rennen ebenfalls Leute, doch sie schreien und sind in helle Panik ausgebrochen. Doch ich beachte sie nicht, denn ich habe einen Auftrag, der mich dazu zwingt einen klaren Kopf zu bewahren. Die Aufgabe stammt direkt von der Königin der Magier und im Gedanken an sie drücke ich das Bündel, das sie in meine Obhut gegeben hat noch etwas enger an meine Brust. Sie vertraut mir und ich bin nicht gewillt dieses Vertrauen zu enttäuschen.
Abrupt biege ich nach rechts in eine plötzlich auftauchende Seitengasse ein und hoffe inständig, dass meine Informanten die Wahrheit gesagt haben. Denn wenn nicht, würde es schwer werden den Auftrag zu erfüllen. Gerade, als ich in die Gasse einbiege höre ich hinter mir einen wütenden Aufschrei, der so Mark erschütternd ist, dass Teile der Dächer neben mir in die enge Gasse herunter fallen, während hinter mir, der Gasse gegenüber, ein Haus krachend in flammen auf geht, wie schon so viele andere davor.
Entsetzt halte ich einen Moment inne und schaue zuerst gehetzt nach hinten und dann nach oben zu den herunter stürzenden Dachschindeln. Stolpernd versuche ich ihnen auszuweichen, was mir dank meiner guten Ausbildung auch gelingt. Als ich das Ende der Gasse erreiche registriere ich erleichtert, dass meine Informationen korrekt sind und atme auf. In diesem kurzen Moment der Unachtsamkeit überhöre ich das Krachen direkt über mir. Nur aus den Augenwinkeln sehe ich Holz und Ton auf mich herabstürzen. Fast instinktiv benutze ich meinen Körper als Schutz für das kleine Bündel in meinen Armen. So gut wie möglich krümme ich mich damit dicht an der Hauswand zusammen.
Obwohl ich mich auf die Schmerzen vorbereite, treffen sie mich hart und ich muss mit mir kämpfen, um nicht das Bewusstsein zu verlieren, denn schließlich habe ich meinen Auftrag noch nicht erfüllt. Als es dann schließlich aufhört, Bruchstücke des Hauses zu regnen, an dessen Hauswand ich kauere öffne ich vorsichtig die Augen und blicke nach oben. Zu meiner Überraschung ist auch von dem Monster, das mich verfolgt hat, nichts mehr zu sehen oder zu hören und ich richte mich zögernd auf.
Nachdem ich mich nach allen Seiten prüfend umgesehen habe gehe ich langsam und wachsam los und erreiche schließlich den schützenden Schatten der Felsenhöhle, die am anderen Ende der Gasse verborgen ist und Sicherheit verspricht. Unsicher und erschöpft drehe ich mich um, um zu überprüfen, ob uns jemand gefolgt ist.
Und weiche erschrocken ein paar Schritte tiefer in die Höhle zurück, denn mittlerweile ist alles in Flammen aufgegangen. Weil es der Wille dieses Monsters ist. Gnadenlos streift er durch das Land und verwüstet alles, was seinen Weg kreuzt. Es verfolgt mich, denn ich besitze etwas, das er haben will. Ich würde es ihm sogar geben, wenn es irgendetwas ändern würde, doch nachdem er es beseitigt hätte, würde er nur seine Zerstörung fortsetzen oder die ganze Welt versklaven.
Voller Sorge blicke ich auf das Bündel in meinen Armen und mein Herz zieht sich schmerzvoll zusammen, als ich das kleine rosige Babygesicht erblicke. Tief im Schlaf versunken strahlt es eine unglaubliche Ruhe und Kraft aus, doch kann es mich nicht im geringsten beruhigen. Im Gegenteil ziehe ich mich noch tiefer in die Schatten der Felsen zurück, in dem ich mich verschanzt habe. Genau in dem Augenblick geht ganz in meiner Nähe ein Haus in Flammen auf. Schreie ertönen und Menschen rennen panisch aus dem Gebäude, das einst ihr Heim war.
Sie wecken das Kind, doch ich merke es erst, als es anfängt ängstlich zu wimmern. Erschrocken versuche ich es zu beruhigen und mich gleichzeitig noch tiefer in die Höhle zurück zu ziehen, doch dabei übersehe ich einen Stein. Ich stolpere und falle rückwärts, doch das Baby halte ich weiterhin fest umklammert. Als ich auf dem Boden aufpralle durchfährt mich ein stechender Schmerz im Rücken und ich spüre, wie mir Blut aus dem Mund die Wange hinunter läuft.
Zu allem Unglück verdunkelt plötzlich ein Schatten den Höhleneingang. Bewegungsunfähig liege ich am Boden und vermag nicht einmal mehr den Kopf zu drehen. Nur noch mein Mund scheint in der Lage zu sein etwas zu tun. „Wer seid ihr?“, flüstert meine trockene Kehle. „Verschwindet! Ihr bekommt die Kleine nicht!“, krächze ich mühsam. Doch der Schatten überhört den drohenden Unterton einfach und kommt näher.
Der Fremde beugt sich über mich und da erkenne ich sein Gesicht. „Du?“, krächze ich mit vor Schreck geweiteten Augen. „Ja, ich!“, höhnt er. „Überrascht? Oh … das wollte ich nicht.“ Seine höhnend mitleidige Miene wechselt schlagartig in eine spöttische Grimasse mit einem verächtlichen Grinsen. „Ich werde schon dafür sorgen, dass sie ihm nicht in die Hände fällt, keine Sorge. Aber du hast natürlich Recht, dass ich sie für meine Zwecke missbrauchen werde.“
Mit letzter Kraft versuche ich krampfhaft am Leben zu bleiben um das Kind zu beschützen, wie ich es seiner Mutter versprochen hatte, doch es ist bereits zu spät. Ich spüre, wie mich meine Lebenskraft verlässt und um mich herum wird es langsam Schwarz. Das letzte was ich spüre sind die unbarmherzigen Hände des Verräters, wie sie mir das Kind entreißen. Dann umfängt mich Dunkelheit.
Ich fühle mich, als würde ich schweben, doch die Schmerzen in meinem Rücken sind immer noch durchdringend. In der Ferne höre ich jäh eine Stimme. Es ist die Stimme einer Frau. Ich kann erkennen, wie sie direkt vor mir aus der Dunkelheit sichtbar wird. Verwirrung zeichnet sich auf ihrem jungen, bereits von Sorgenfalten durchzogenen Gesicht ab. Dann plötzliche Erkenntnis. „Nein!“, flüstert sie und hebt ihre Hand, wie um mein Gesicht zu berühren. Stattdessen schließt sie mich dann in ihre Arme und flüstert direkt an meinem Ohr: „Vergiss, was du hier gesehen hast! Vergiss es.“
Dann löst sie die Umarmung und beginnt langsam in den Schatten zu verschwinden. Ich versuche mich zu bewegen, doch ich schaffe es nicht. Ich will sie aufhalten, doch mein Körper gehorcht mir nicht mehr. Ich will schreien und das ist das einzige, was mir noch gelingt. „Warte! Was hat das zu bedeuten?“
„Warte!“, rief er laut, aber noch halb im Schlaf. „Warte!“ Zitternd und Schweiß überströmt fuhr Kim in seinem Bett hoch. Entsetzt fuhr er mit seinen Fingern über seinen Rücken und stellte erleichtert fest, dass alles in Ordnung war. Er betastete seine schweißnasse Stirn und versuchte krampfhaft, sich an den Traum zu erinnern, weil er das Gefühl hatte, dass es wichtig war. Aber immer, wenn er glaubte es greifen zu können, entglitt es wieder in die dunklen Tiefen seines Unterbewusstseins.
Unruhig warf er einen kurzen Blick auf seinen Nachttischwecker. Es war ein Uhr morgens, was bedeutete, dass er gerade mal ein paar Stunden geschlafen hatte. Mit einem Gähnen entschied er sich die Sache erst mal auf sich beruhen zu lassen und wieder schlafen zu gehen.
Er sich zurück in sein Kissen fallen und schlief fast sofort wieder ein.
Ungeliebter Urlaub
When the exiled one is found,
(Wenn der eine Verbannte gefunden ist,)
the traitor will take his chance
(Wird der Verräter seine Chance ergreifen)
and will lead his way back.
(Und ihm den Weg zurück weisen.)
-book of prophets, epilogue, 36-39-
(Buch der Propheten, Epilog, Verse 36-39)
Die Sonne begann gerade aufzugehen und zaghaft die Welt mit ihren Strahlen in rötliches Licht zu tauchen. Man konnte schon in dieser frühen Stunde ahnen, dass es ein wunderschöner Tag werden würde, so wie fast jeder andere. Denn die Sommerferien hatten gerade begonnen und die noch milden sommerliche Temperaturen an diesem verheißungsvollen Montag ließen mehr Menschen als sonst noch in ihren Betten verbleiben.
Nur in ein paar Häusern brannte schon Licht. So auch in einem Haus, das irgendwo in Köln lag. Eine Männerstimme rief durch das ganze Haus: "Kim! ... Kim! Bring endlich deine Koffer nach unten." Ohne Eile stieg der Angesprochene aus der Duschkabine und trocknete sich erst mal gründlich ab. Dabei wusste er genau, dass sein Vater, der nicht sehr geduldig war, ihn weiterhin zur Eile antreiben würde. "Komm endlich, sonst verpasst du noch das Flugzeug! Und bring gleich deine Koffer mit!", rief der Vater zu seinem Sohn hinauf. Er stand nämlich schon komplett angekleidet im Flur vor der Haustür, die im Erdgeschoss lag, und wartete ungeduldig.
"Ja, ja!" Das war Kims Stimme, die sorglos durch die Badezimmertür im Obergeschoss die Treppe hinunter schallte. Er rubbelte sich die Haare noch gründlich durch, bevor er vollständig angekleidet aus dem Bad an das Geländer vor der Treppe trat. Selbstsicher stütze Kim sich mit den Ellenbogen auf dem Geländer ab und legte seinen Kopf in seine Hände. Mit einem Lächeln, das kurz vor einem breiten Grinsen stand, schaute Kim seinem Vater direkt ins Gesicht, als er antwortete. "Falls du es noch nicht gemerkt hast, stehen die Koffer neben dir ..." Ein leises 'Oh!' war zu hören, als der Vater die Koffer entdeckte. "Und der Flughafen ist gerade mal 'ne Dreiviertelstunde entfernt, also entspann dich mal ein bisschen.", fuhr Kim fort.
Er flog an diesem Tag zum ersten Mal alleine in Urlaub, weil sein Vater dieses Mal keinen Urlaub genehmigt bekommen hatte und arbeiten musste. Die Reise ging zu Kims Tante, die er noch nie gesehen hatte und die in Großbritannien wohnte. Irgendwo an der Ostküste. Mehr hatte Kim gar nicht wissen wollen, als er von den Urlaubsplänen erfahren hatte. Er hatte die ganze Zeit versucht es seinem Vater auszureden, doch die Tickets waren schon gekauft, die Tante schon benachrichtigt und der Entschluss unumkehrbar gefasst gewesen. Kim hatte nichts dagegen unternehmen können. Also hatte er sich widerwillig in sein Schicksal ergeben. Doch trotzdem hatte er sich mit dem Gedanken nicht richtig anfreunden können, weil er dort überhaupt niemanden kannte.
Kims Vater knüpfte an das kurz unterbrochene Gespräch wieder an, um sich von Kims Langsamkeit abzulenken. "Es tut mir ja Leid, dass wir die Ferien nicht zusammen verbringen können, aber ich will nicht, dass du den ganzen, lieben langen Tag nur zu Hause hängst und nichts tust! ..." "Ich würde was mit meinen Freunden unternehmen und nicht hier drinnen hocken!", kam eine dumpfe Unterbrechung von Kim aus dessen Zimmer, wo er gerade überprüfte, ob er alles hatte. Sofort ging der Vater mit leicht verstimmter Tonlage darauf ein. "Ich kenne deine Freunde noch nicht mal. Da ist es mir lieber dich bei deiner Tante zu wissen, als bei ihnen."
Beschwichtigend fügte er noch hinzu: "Aber ich bin schon froh, dass du dir nicht auch die Haare so lang hast wachsen lassen, nur weil es 'in' ist." Nach einer kurzen Pause kam ihm ein weiterer Gedanke. "Warum hast du dir eigentlich dein schönes Naturrot zu diesem komischen schwarz rot Mischmasch umgefärbt, Kim?", rief er die Treppe hinauf. Nun kam Kim zur Treppe und begann die Stufen hinunter zu steigen, wobei er seinem Vater eine Antwort gab. "Dieses 'Naturrot', wie du es so schön nennst war potthässlich und noch nicht mal wirklich rot. Das war eher so ein braun blond rot Mischmasch. Da finde ich meinen schwarz roten Mischmasch viel besser. Und außerdem passt es zu meinen Klamotten.", beendete Kim und nahm die letzte Stufe.
Verstummt, weil er nicht wusste, was er dazu noch sagen sollte, schaute der Vater seinem Sohn dabei zu, wie dieser seine Jacke und seine Schuhe anzog. Schließlich bemerkte er Kims noch feuchte Haare und sagte erschrocken: "Willst du dir nicht noch lieber die Haare trocken föhnen, bevor wir gehen? Du holst dir sonst vielleicht noch einen Schnupfen!" Kim warf seinem Vater einen ungläubigen Seitenblick zu. "Ich denke wir haben keine Zeit mehr?!" Verlegen, aber stur beharrte der Vater auf seinen Vorschlag. "Dafür haben wir noch Zeit."
Dem Lachen nahe konnte Kim sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Papa! Du wirst langsam echt schlimmer als Mutter." Auch auf dem Gesicht des Vaters war nun ein breites Grinsen zu sehen. "Was du nicht sagst! Gut lass deine Haare, wie sie sind. Bei den Temperaturen, die draußen herrschen wirst du dir schon nichts einfangen."
Kims Mutter hatte sich von ihrem Mann scheiden lassen, als Kim bereits 15 war. Sie hatte kurz darauf einen Arzt aus der Nachbarschaft geheiratet, mit dem sie davor eine sechs jährige Affäre gehabt hatte, und war mit ihm nach Amerika gezogen. Kim hatte sie zurück gelassen, doch das hatte ihn noch nie wirklich gestört, weil er sie während und nach seiner Pubertät als sehr kratzbürstig empfunden hatte.
Kim und sein Vater mussten noch zwei Mal umkehren, weil der Vater seinen Arbeitskoffer und dann Kim noch seinen CD-Player vergessen hatte. Doch gab es keinerlei Stau oder sonstige Behinderungen auf dem Weg zum Flughafen und sie hatten noch eine ganze Menge Zeit, um durch die Läden am Flugplatz zu schlendern und kurz in einem Restaurant halt zu machen. Schließlich wurde ihnen doch langweilig und sie machten sich auf den Weg zum Warteraum. Dort saßen sie in totales Schweigen gehüllt noch eine geschlagene halbe Stunde und warteten darauf, dass Kims Flug ausgerufen wurde; jeder in seine eigenen Gedanken vertieft.
Letztendlich wurde Kims Flug dann ausgerufen und die Passagiere aufgefordert sich nun an Bord zu begeben. Kim wurde dann erst mal von seinem Vater gedrückt und bekam noch allerlei Ratschläge von diesem mit auf den Weg, bevor er sich auf den Weg machte. Als er sein Bordticket vorzeigte, rief die kontrollierende Frau einen braunhaarigen Mann zu sich. "Das ist Kim Daimonion.", stellte sie Kim mit freundlicher Stimme vor. Der Angesprochene musterte Kim mit seinen braunen Augen. "Und ich bin Carl Clamour, dein Begleit-Steward für diese Reise."
Seine Stimme klang unerwartet sanft und wohltuend. Sie war tief. Zwar lag sie längst nicht im Bass, war aber dennoch unerwartet tief für einen so jungen Mann, wie Carl einer war. Kim schüttelte die Hand des komplett in braun gekleideten und beide verschwanden gemeinsam im Flugzeug.
An ihren Plätzen angekommen ließ Kim sich seufzend in seinen Sitz am Fenster fallen und schaute hinaus. "Nun, freust du dich schon auf deine Ferien in England?", fragte der Begleitsteward direkt. "Nein nicht wirklich.", erwiderte Kim, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. "Aber England ist doch ein so schönes Land. Ich bin dort geboren und aufgewachsen.", erzählte Carl enthusiastisch. Es stellte sich heraus, dass Carl aus dem Dorf stammte, in dem Kims Tante wohnte, jedoch erst noch etwas Geschäftliches zu erledigen hatte, bevor er dort wieder vorbei kommen würde. Doch Kims Neugierde war nun geweckt und er begann Carl über diesen Ort auszufragen.
Kim erfuhr noch, dass Carl schon Ewigkeiten nicht mehr dort gewesen war, weshalb alle Informationen, die Carl ihm geben konnte, wahrscheinlich nicht mehr so aktuell waren. Es war damals ein dreißig Seelen Dorf gewesen mit sieben Familien. In seiner eigenen Familie war Carl ein Einzelkind geblieben. Die anderen Familien hatten meist zwei Kinder und eine sogar drei. Die siebte Familie hatte sogar vier Kinder gehabt, von denen das Jüngste und Quirligste mittlerweile in Kims Alter sein müsste. Sie redeten noch den ganzen Flug lang über alles Mögliche und Kims Stimmung stieg in unermessliche Höhen. Doch nur, um dann umso tiefer fallen zu können...
Abenteuerlicher Anfang
His shadow will follow,protect
(Sein Schatten wird ihm folgen, ihn beschützen)
And finally reawaken him.
(Und letztendlich wiedererwecken.)
-book of prophets, epilogue, 40-41-
(Buch der Propheten, Epilog, Verse 40-41)
Zu erst hatte Kim sich gefreut als der Kapitän durchgegeben hatte, dass sie bald den Flughafen erreichen würden. Aber als er dann von seiner Tante halb erdrückt und zerkniffen wurde, kam er mit sich selbst überein, dass die gesamte Zeit zwischen Abheben und Landen mit seinem Begleitsteward der schönste Teil des Tages gewesen war. Hauptsächlich deswegen, weil keine Familienmitglieder irgendwie versucht hatten ihn mit allen Mitteln auf seine Nervenstärke zu testen.
Kims Tante war eine schlanke, kleinwüchsige Dame mit genauso rotem Haar wie Kim welches gehabt hatte, bevor er es sich dunkelrot bis schwarz gefärbt hatte. Außerdem trug sie altmodische Kleidung, wie eigentlich fast alle alten Leute. Ihr Auto war zum Glück das genaue Gegenteil von ihr. Mit ihrem metallic blauen Cabrio brauchten sie ungefähr 2 Stunden von London bis zu ihrem Zuhause. Hätte sie eine alte Klapperkiste gehabt, dann wären sie bestimmt den ganzen Abend unterwegs gewesen. Aber viel hatten sie trotzdem nicht zu bereden und als sie dann bei ihr ankamen, zeigte sie Kim das ganze Haus und anschließend auch sein Zimmer.
Als Kim selbiges betrat erkannte er erleichtert, dass er doch nicht so fern ab der Zivilisation gelandet war, da ihr Haus riesige Zimmer, eine coole Stereoanlage und ein Pool hatte. Nur leider war nirgends ein Fernseher zu sehen, weil seine Tante der Auffassung war, dass man durchs Fernsehen verblöde.
Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück fing Kim dann erst mal an seinen Koffer auszupacken und sein großes Zimmer einzurichten, in dem er seine restlichen fünf Wochen Sommerferien verbringen sollte. Als er damit fertig war, fragte er seine Tante Betty, ob er das Dorf erkunden dürfe und es stellte sich heraus, dass er sowieso seine Tasche hätte auspacken müssen, bevor er irgendetwas anderes hätte tun können. Also bekam Kim nicht direkt am ersten Tag ärger und konnte gleich auf Entdeckungsreise gehen.
Er merkte sofort, wie still es überall war. Als er nach einer halben Stunde immer noch niemandem begegnet war, blieb er an einer Kreuzung stehen und schloss die Augen, um den Vögeln zu lauschen. Hier hörte man wesentlich mehr Vögel, als bei ihm zu Hause. Als er die Augen wieder öffnete, prallte er erschrocken zurück.
Ein Mädchen stand plötzlich ganz dicht vor ihm und musterte ihn intensiv. Als sie seelenruhig bemerkte, dass Kim mit schreckgeweiteten Augen ein paar Schritte vor ihr zurück gewichen war, begann sie zu lächeln und sprach ihn an. Es dauerte ein paar Sekunden, bevor Kim verstand, was sie sagte, da er vor Schreck vergessen hatte, dass er in England war und nicht mehr zu Hause in Köln.
"... neu hier? Dich kenn ich noch gar nicht und sonst kenne ich jeden hier sehr gut, auch wenn mich zugegebenermaßen nicht jeder so gut kennt. Ich beobachte Leute nämlich gerne, musst du wissen. Dich habe ich zwar noch nicht so lange beobachtet, aber ich finde dich irgendwie sympathisch. Ach und um noch mal auf meine Frage zurück zu kommen; bist du neu hier?" Dieses abrupte Ende in ihrem Redeschwall kam für Kim so überraschend, dass er erst mal gar nichts erwidern konnte und mit offenem Mund vor dem Mädchen stand. Stotternd brachte er einen nur halbwegs gut artikulierten Satz hervor: „Ich wohne nur über die Ferien hier.“
Er hatte eigentlich noch mehr sagen wollen, doch diese Antwort schien dem seltsamen Mädchen zu reichen, da sie sofort weiter bohrte. "Und wie heißt du?" "Kim Daimonion.", kam die Antwort. Dieses Mal schneller und schon etwas sicherer, als vorher. Sie schien gar nicht zu merken, dass sie ihn so sehr überrascht hatte, dass er länger als erhofft gebraucht hatte, um seine Stimme wieder zu finden. "Aha. Und ich bin Brynn. Brynn Paladin.", stellte sich das Mädchen endlich vor. "Nett dich kennen zu lernen Kim!" Mit diesen Worten streckte sie Kim ihre rechte Hand zur Begrüßung hin.
Jetzt wieder ganz er selbst antwortete Kim: "Ganz meinerseits Brynn!", und ergriff ihre Hand. Ohne darüber nachzudenken fragte Kim die erste Frage, die ihm in den Sinn kam, um nicht weiterhin als Volltrottel dastehen zu müssen. "Überraschst du Leute, die du nicht kennst, immer so?" Sofort zog sie eine mitleidige Grimasse und ihre Sarkastische Stimme stand diesem Ausdruck in nichts nach. "Hab' ich dich etwa erschreckt? Das erklärt dann bestimmt auch, warum du erst so Sprachlos warst. Und ich dachte schon, es läge an meinem umwerfenden Aussehen und meinem Charme."
In einer übertriebenen Geste warf sie ihr langes, braunes Haar nach hinten und fing an ungehalten zu kichern. "Du wirst ja ganz rot!" Es war nicht zu überhören, dass sie sich über Kim lustig machte. Gekränkt, aber dennoch knallrot, versuchte Kim sich zu verteidigen: "Nein. Natürlich hast du mich nicht erschreckt und ich bin nicht rot, aber...!" Doch er stockte plötzlich, was Brynn jedoch nicht zu stören schien, denn sie sprach munter weiter. "Natürlich warst du rot. Eigentlich süß. Passiert aber leider öfter, weswegen ich mir nicht immer sicher bin warum mein Gegenüber rot wird. Obwohl eigentlich nicht mehr so häufig in letzter Zeit, da die meisten hier Neulingen sofort von mir erzählen, um Hysterien vorzubeugen." Brynn stockte ebenfalls, weil sie nun endlich Kims Gesicht bemerkt hatte. "Du hörst mir gar nicht zu!", reklamierte sie mit schmollendem Unterton in der Stimme. "Was ist denn los?", fragte Brynn plötzlich alarmiert und leicht besorgt, denn Kim hörte ihr tatsächlich nicht mehr zu.
Kim starrte genau an ihr vorbei auf die Hauswand, die sich einige Meter hinter Brynn befand. "Was ist denn das?", fragte er geistesabwesend. "Was ist was? Hast du ein Gespenst gesehen?" Ein breites Grinsen breitete sich schon wieder auf ihrem Gesicht aus, aber Kim beschloss ihre Kommentare einfach zu ignorieren. "Na das dort hinten." Kim deutete mit dem Zeigefinger darauf. "Das in der Wand. Sieht aus wie ein Torbogen. Komisch. Das hab' ich noch gar nicht gesehen!" "Natürlich nicht du Dummkopf. Da ist auch nichts anderes als eine Wand. Du musst verrückt geworden sein. Und schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!" Brynns Stimme bebte bei diesen Worten leicht, aber Kim war sich nicht sicher, ob vor Wut oder Angst.
Ganz sicher hingegen war er sich, dass dort in der Wand, direkt hinter ihr, ein Torbogen war. Die rote Steinmauer war natürlich da, aber genau in der Mitte war ein kupferfarbener Torbogen. Er wunderte sich, dass er ihn nicht schon vorher gesehen hatte und seine innere Stimme warnte ihn sogar davor hindurch zu gehen. Doch die Neugierde war einfach stärker. Kim fackelte nicht lange, schob Brynn einfach beiseite und ging darauf zu. Zunächst war er zwar noch leicht verunsichert, aber da der Torbogen nicht verschwand, wurden seine Schritte immer entschlossener. Als er nicht mehr weit entfernt war, hörte er schnelle Schritte hinter sich und drehte sich kurz um.
Brynn lief mit besorgtem Gesicht auf ihn zu. "Bist du wahnsinnig geworden? Was soll das? Bleib gefälligst stehen du Sturkopf! Willst du allen ernstes gegen diese Wand laufen?", rief Brynn erschrocken, weil Kim der Wand immer näher kam und dabei sein Tempo nicht drosselte. "Ich will doch nur hindurch gehen. Das kann doch nicht so schlimm sein!", entgegnete er und ging weiter auf den Torbogen zu. "Ja, du bist Wahnsinnig!", rief Brynn ihm hinterher, aber er hatte das Gefühl, dass sie ihm weiter in geringem Abstand folgte.
Nach einiger Zeit des schweigens hörte Kim ihre Stimme hinter ihm. "Dann sag mir doch wenigstens was du davon hast, wenn du diesen Torbogen durchquert hast!" Er war sich sicher, dass sie besorgt klang. Trotz ihres sorglosen Verhaltens wollte sie offensichtlich nicht, dass jemand verletzt wurde, also blieb er kurz vor der Wand abrupt stehen. "Endlich!", seufzte sie und sie schien sich etwas zu entspannen, denn sie trat mit ruhigen Schritten neben ihn. Dann fragte sie: "Gut; du bist zur Vernunft gekommen! Und? Was ist nun?" Er schaute sie kurz an und bemerkte, dass sie geradeaus starrte, so als würde sie den Torbogen auch sehen. "Da ist eine wunderschöne grüne Wiese."
"Dann ist das bestimmt nur der Garten dieses Hauses, das du durch ein etwas großes Loch siehst.", sagte sie hoffnungsvoll und drehte ihren Kopf in Kims Richtung. Doch aus dem Mundwinkel und etwas leiser, mehr zu sich selbst, meinte sie: "Das glaub ich zwar selbst nicht, aber wehe du gehst weiter!" Kim tat so, als hätte er den letzten Teil nicht gehört. "Aber da ist kein Haus! Deswegen kann es nicht der Garten sein. Aberr eine sehr große Echse mit bronzefarbenen Schuppen sitzt an einem Lagerfeuer!" Kim wurde langsam unruhig. Für ihn ergab das alles genauso wenig Sinn, wie für Brynn, doch er sah all diese Dinge und war sich mittlerweile absolut sicher, dass ihm seine Augen keinen Streich spielten. Brynn hingegen war von seinem Verhalten sicherlich völlig verwirrt und verunsichert, aber er hatte eine Idee, wie er das ändern konnte. Wenn er ihr bewies, dass er durch die Wand, die sie sah, hindurch fassen konnte, dann musste sie ihm einfach glauben.
Und so streckte er langsam seine Hand aus, um durch das Tor zu fassen. Als er die Grenze zwischen der Straße und der weiten Ebene fast mit der Hand überschritten hatte, sah er aus dem Augenwinkeln, wie sich Brynn bewegte. "Nein! Bleib... Kim?" Sie wollte Kim aufhalten, doch es war bereits zu spät. Kim hatte überrascht einen Schritt getan und war komplett von der Straße verschwunden. Er stand nun mit beiden Füßen auf grünem Gras und Brynn war zu einer halb durchsichtigen Silhouette geworden. Sie rief etwas, aber er hörte sie nicht und auch als er etwas zu ihr sagte, schien sie ihn nicht zu hören. Als sie sich umdrehte und zurücklaufen wollte, streckte er die Hand aus und hielt sie am Handgelenk zurück.
Geheimnisvoller Aquer
But he has to learn
(Doch er muss lernen,)
Before he is able
(Bevor er in der Lage ist)
To use his power again.
(Seine Macht wieder zu gebrauchen.)
-book of prophets, epilogue, 42-44-
(Buch der Propheten, Epilog, Verse 42-44)
Brynn stand nun ebenfalls mit beiden Füßen auf der grasgrünen Ebene, und sie konnte sich nicht erklären, wie sie hier her gekommen war. Als letzten Gedanken wusste sie noch, dass sie Hilfe hatte holen wollen, aber das konnte sie jetzt vergessen, da sie nicht mehr wusste, wo sie war. Dann wurde ihr bewusst, dass sie jemand am Handgelenk gefasst hat und sie machte sich erschrocken los, da sie nicht wusste, wer das sein könnte.
Als sie Kim erkannte, war sie froh und wütend zugleich. Ihre Wut erlangte jedoch in Sekundenbruchteilen die Oberhand und sie gab ihm eine schallende Ohrfeige. "Mann, hast du mich vielleicht erschreckt! Ich dachte schon dir wäre irgendetwas zugestoßen!", schrie sie ihn an, feuerrot im Gesicht vor Zorn.
Kim jedoch hob nur gedankenverloren eine Hand an die Stelle, an der sie ihn geohrfeigt hatte und sich schon verdächtig rötete. Er schien nur Gedanken für die Weite zu haben, die sich um sie herum erstreckte. "Was denkst du wie wir hier her gekommen sind?", fragte er Brynn staunend. "Das fragst du mich?", antwortete sie in patzigem Tonfall. "Du bist doch derjenige, der die Ganze Zeit von Dingen redet, die gar nicht da sind. Ich weiß ja noch nicht einmal wo wir überhaupt sind und ob wir zurückkommen und ... wenn ich das Ganze hier realistisch betrachte, dann glaube ich fast, dass ich mir das alles nur einbilde und gleich in meinem Bett aufwache. Das einzige, was dagegen spricht bist du, denn ich träume nie von Fremden!", brachte sie mühsam hervor und bemühte sich dabei krampfhaft ihm nicht noch eine zu verpassen.
Das alles wuchs über ihre Vorstellungskraft hinaus und so war sie total verwirrt und auch etwas verängstigt. Was ihre Wut aber im geringsten dämpfen konnte. "Jetzt beruhige dich erst einmal.", versuchte er sie zu beruhigen. "Wenigstens sind wir nicht in einer völlig abgeschiedenen Gegend gelandet." Doch das überzeugte Brynn absolut nicht und sie starrte ihn mit schierem Unglauben an. "Und das hier?", fragte sie zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch.
"Du denkst diese Gegend hier ist nicht abgeschieden?" Sie deutete um sich und wollte damit alles grün um sie herum einschließen. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und konnte nicht glauben, was Kim gerade gesagt hatte. "Na dann gute Nacht! Wir sind auf einer riesigen und noch dazu einsamen grünen Wiese, ..." Dabei begann sie verärgert vor Kim auf und ab zu gehen und an ihren Fingern alles ab zuzählen. " ... haben – natürlich - weder Essen noch Trinken, haben zusätzlich keine Ahnung wo wir sind und weit und breit kein einziges Anzeichen von Zivilisation. Außerdem haben wir keine Ahnung, wie weit es bis zum nächsten Dorf oder so was ist! Super gemacht!" Die letzten Worte hatte sie Kim direkt ins Gesicht geschrieen und massierte nun mit ihrer rechten Hand ihre Stirn.
"Das nächste Dorf ist nur eine Tagesreise von hier entfernt!", sagte eine tiefe Stimme neben ihnen zögerlich. Erschrocken wichen beide hastig ein paar Schritte zurück. Als Brynn die bronzefarbene Echse sah, die ganz nah an sie herangetreten war stieß sie einen überraschten Schrei aus. Kim zuckte zusammen und zu Brynns Überraschung schien sich die Echse die Ohren zu zu halten. Das bronzefarbene Wesen hatte tatsächlich Hände wie sie, nur dass sie ganz Schuppig waren. Entgeistert starrte sie ihn an.
Mit einer kleinen, höflich anmutendenen Verbeugung in ihre Richtung versuchte der Echsenmensch sich nun vorzustellen. "Mein Name ist Quirt. Es freut mich sehr euch kennen zu lernen." Stocksteif und in Abwehrhaltung stand sie vor ihm und schaute Hilfe suchend zwischen Kim und Quirt hin und her. Als sie immer noch nichts sagte wandte Kim seinen Blick von ihr und sagte an Quirt gerichtet: "Das ist Brynn Paladin ... " Dabei deutete er in ihre Richtung. " ... und ich bin Kim Daimonion. Sehr erfreut!" Dabei deutete er auf sich selbst. Nun machte Quirt auch eine leichte Verbeugung in seine Richtung.
"Sehr erfreut." Nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, kam Kim auf dessen erste Bemerkung zurück. "Du weist, wo sich das nächste Dorf befindet? Kannst du uns dort hin bringen?" Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und er antwortete: "Ja, ich weiß, wo das nächste Dorf zu finden ist. Ich bin gerade auf dem Weg dorthin und ihr könnt mich gerne dorthin begleiten."
Da schaltete sich plötzlich auch Brynn wieder ein, die es gar nicht mochte, wenn man sie einfach nicht mehr beachtete. "Kim ... kann ich mal eben mit dir reden?" Ohne seine Antwort abzuwarten packte sie ihn grob am Arm und zerrte ihn ein paar Meter von Quirt weg. Dann stellte sie sich ihm genau gegenüber und fing an: "Weißt du eigentlich wie groß dieses ... dieses ... Vieh ist? Und du tust schon so, als wäre es einfach unser Freund! Bist du so naiv, oder tust du nur so? Du kennst ihn doch gar nicht!!" Hier unterbrach sie sich kurz und fasste sich mit einer Hand an die Stirn. Diese Pause nutzte Kim, um auch etwas zu sagen. "Er ist sicher an die 2 Meter groß, aber er scheint mir recht freundlich und höflich zu sein. Er sieht doch eher wie ein ganz normaler Mann aus, außer dass er keine Nase und keine Ohren hat, sondern Schlitze. Ja und dass alles schuppig ist.", räumte er ein und fuhr fort: "Außerdem hätte er uns bei den Muskeln sowieso schon längst töten können, wenn er gewollt hätte."
Brynn begann sich nervös die Stirn zu massieren. "Hör zu! Ich will unbedingt wieder von hier weg! Du hast uns hier her gebracht und jetzt erwarte ich von dir, dass du uns wieder zurück bringst!" Kim schwieg und schaute betreten zu Boden. Überrascht nahm Brynn ihre Hand runter. "Was?! Jetzt sag mir nicht, dass das nicht geht." Kim begann nervös mit den Händen zu spielen. "Also ... ", begann er zögerlich, doch Brynn unterbrach ihn." Ich glaub es nicht. Du gehst irgendwo durch, hin, hindurch ... ziehst mich dann auch noch in das Ganze mit rein, ohne ... ohne ... " Ihre Stimme versagte und sie konnte nicht weiter reden.“Was? Ohne zu wissen, ob ich je wieder zurück komme? Oder ohne darüber nachzudenken, was alles passieren könnte? Oder ... ", fragte Kim mit nervösem Unterton ohne den Blick vom Boden zu heben.
Hätte er aufgeschaut, hätte er gesehen, dass Brynn ganz bleich durch seine Worte geworden war. Auch hätte er gesehen, wie sich ihre Hände zu Fäusten ballten und ihr ganzer Körper zu zittern anfing. "Schau mich an!", forderte sie schließlich mit vor Wut zitternder Stimme. Sie war der Verzweiflung ziemlich nah. Als er den Blick hob, schaute er Brynn direkt in die braunen Augen. Er sah, wie wütend sie war und er sah auch ihre Verzweiflung, ihren zitternden Körper, ihr bleiches Gesicht. Und er sah ihre Trauer darüber vielleicht nie wieder zurückkehren zu können und fühlte sich fast genauso verloren, wie sie.
Doch er sah nicht ihre Hand, die wie schon einmal auf sein Gesicht zuraste und ihm eine Ohrfeige verpasste. Brynns Augen füllten sich nun doch mit den Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte. Sie drehte sich verzweifelt um und lief mit leisem schluchzen davon. Hinaus in die grüne Weite und ließ Kim hinter sich zurück. Er stand nur starr da und schaute ihr nach.
Sie lief immer weiter und ärgerte sich dabei über sich selbst. Noch nie hatte sie so die Kontrolle über sich verloren und jetzt wollte sie nichts anderes, als alleine zu sein.
Gegen Abend, nachdem Brynn schon stundenlang aus Verzweiflung geweint hatte und durch Wut immer weiter gelaufen war, gaben schließlich ihre Beine unter ihr nach und sie blieb an Ort und Stelle liegen.
Kim und Quirt, die ihr in einigem Abstand gefolgt waren, sahen das aus der Ferne und rannten besorgt auf sie zu. Doch als die beiden sie erreichten, war sie schon längst erschöpft eingeschlafen. Also beschlossen sie hier Rast zu machen und entzündeten ein Feuer. Als sie zusammen am Feuer saßen, das Quirt gemacht hatte, und sich wärmten, kam Kim nicht darum herum Quirt eingehend zu mustern. Er schien am Rücken sehr viele Narben zu haben und Kim fragte sich warum er die hatte. Aber erst wollte Kim ihn etwas anderes fragen. Etwas, was ihm schon länger auf der Zunge lag. "Was bist du eigentlich?", fragte er Quirt, doch der sah ihn nur verständnislos an.
Also versuchte er seine Frage anders zu formulieren. "Ich meine: welche Rasse bist du? Wie bezeichnest du dich? Welchen Namen hat dein Stamm?" Das alles zusammen schien er zu verstehen. "Ich bin ein Aquer.", antwortete er ruhig. "Hat Aqua nicht was mit Wasser zu tun? Da müsstest du doch im oder zumindest am Wasser leben!", fragte Kim verwirrt. "Nein. Das glaubt jeder, der noch nie einen Aquer gesehen, oder von einem gehört hat.", erzählte er Kim.
"Aquaner leben im Wasser. Wir Aquer haben die gleichen Vorfahren wie die Aquaner, aber wir haben uns zu einer an Land lebenden Rasse entwickelt. Wir haben uns Aquer genannt, weil zwischen unseren Völkern schon immer Frieden herrschte und weil wir nicht als eine Rasse angesehen werden wollten, die sich in jedem Bisschen von den Aquanern unterscheidet. Du musst wissen, dass die Aquaner wunderschöne Wesen, und deshalb auch sehr beliebt, sind. Wir Aquer dagegen sehen nicht so unbedingt umwerfend aus und haben deswegen auch einen schlechteren Ruf. Aber der schlechte Ruf rührt auch noch etwas aus unserer frühen Entwicklungszeit. Da haben wir nämlich hauptsächlich vom Rauben gelebt. Dabei ist der schlechte Ruf nicht einmal wirklich berechtigt! Du musst wissen, dass Aquaner furchtbar hochnäsig sind. Im Gegensatz zu uns! ..."
Den Rest seiner Erzählung hörte Kim nicht mehr, obwohl es ihn brennend interessiert hätte, was Quirt über sein Volk erzählen konnte. Kim wusste auch gar nicht, ob er noch lange weiter geredet hatte, aber er dämmerte langsam in den süßen Schlaf des Vergessens.
Unbekanntes Dorf
First he has to learn
(Zuerst muss er erfahren,)
How to see things
(Wie man Dinge)
Through first hearing them.
(Durch das erste Hören sieht.)
-lessons of magic, lesson 1-
(-Lektionen der Magie, Lektion 1-)
Am nächsten Morgen wachte Kim schon sehr früh auf. Von der Sonne war noch nicht viel zu sehen, da sie gerade erst begonnen hatte, sich langsam über den Horizont zu heben. Doch trotzdem konnte Kim nicht mehr einschlafen und beschloss den Moment der Ruhe zu genießen und die Sonne beim Aufgehen zu beobachten. Sein Blick streifte dabei den Körper des Mädchens, das er am vergangenen Tag kennen gelernt hatte.
Er stockte. Im schimmernden Licht der aufgehenden Sonne sah sie wirklich schön aus. Sanft zeichnete sich ihre Figur durch die dünne Decke ab, als wolle sie beweisen, dass auch Frauen ohne Modelmaße einen schönen Körper haben können.
Leicht errötet blickte er sich nach Quirt um, um sicher zu gehen, dass dieser noch schlief, denn er wollte nicht, dass er sah, wie er Brynn anstarrte.
Als er sicher war, dass Quirt tief und fest schlief, drehte er sich vorsichtig wieder zurück und zuckte unwillkürlich zusammen, als Brynn sich bewegte. Er saß stocksteif da und hoffte, dass sie noch nicht aufwachen würde.
Kurz darauf lag sie wieder still da und er entspannte sich wieder. Da bemerkte er, dass ihre Decke bis auf ihre Hüfte hinunter gerutscht war und erhob er sich von seinem Lager, um sie wieder ganz zu zudecken. Er zog seine eigene Decke eng um die Schultern und ging zu Brynn hinüber.
Auf dem Weg zu ihr fiel ihm ihr eng anliegendes, weinrotes Top auf, das einen V-Ausschnitt besaß.
Er errötete erneut und zog ihr sanft die Decke zurück über die Schultern, damit sie in der kühlen Morgenluft nicht fror. Aus der Nähe betrachtet dachte Kim, dass sie nicht viel jünger als er sein müsse, also etwa 19. Selbst wenn er durch ihren Redefluss manchmal das Gefühl hatte, dass sie einfach jünger sein musste.
Bei ihr zu Hause in England war sie sicherlich eines der beliebten Mädchen gewesen, ging Kim durch den Kopf und er beneidete sie ein wenig darum, obwohl er ja gar nicht wusste, ob seine Vermutung stimmte. Bei ihm war es nämlich so, dass ihn die Hälfte seiner Stufe ignorierte. Zwei Drittel der anderen Hälfte waren totale Freaks und den Rest kannte er zwar, aber nur zwei davon konnte er wirklich seine Freunde nennen.
Es war schon manchmal deprimierend, wenn Kim einen ganzen Tag lang keinen einzigen Kurs mit zumindest einem seiner Freunde gemeinsam hatte. Dann fühlte er sich schon ziemlich alleine und alles kam ihm dann plötzlich so langweilig und unnütz vor. Auch, wenn das alles bald vorbei sein würde, wenn er im kommenden Schuljahr sein Abi machte.
Von diesen deprimierenden Gedanken fast erdrückt, riss Kim seinen Blick von dem schlafenden Mädchen los, nur um zu sehen, dass die Sonne schon komplett über den Horizont geklettert war und gerade ihren Weg über den strahlend blauen Himmel begann.
Abrupt stand er auf und wollte zurück zu seinem Lager stapfen, als er eine Bewegung hinter sich bemerkte und wie angewurzelt stehen blieb.
Er fühlte sich ertappt, denn Quirt war nun wach und stand gerade von seinem Lager auf. Er blickte Kim etwas irritiert an, angesichts dessen erschrockenen Gesichtsausdrucks. Er schien etwas zu Kim sagen zu wollen, schloss aber sofort wieder den Mund und überlegte es sich anders.
"Weckst du Brynn?", fragte er stattdessen und begann das Gepäck nach Proviant für ein Frühstück zusammen zu suchen.
Mit rotem Kopf und gesenktem Blick murmelte Kim etwas Unverständliches als Antwort und kniete sich wieder neben Brynn nieder.
Nach kurzem zögern griff er mit einer Hand nach Brynns Schulter und begann sie sanft zu schütteln und dabei halblaut ihren Namen zu rufen. Als sie sich nicht rührte, schüttelte er sie etwas stärker und rief ihren Namen etwas lauter. Das ganze musste Kim noch einmal steigern, sodass er sie nun mit beiden Händen schüttelte und ihren Namen fast schrie.
Ihre Augenlieder flackerten und mit einem herzhaften, verschlafenen Gähnen setzte sie sich auf und streckte sich. Ein breites Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, als sie Kim neben sich sitzen sah.
"Guten Morgen.", nuschelten sie sich gegenseitig zu, wobei Brynn eher noch verschlafen klang, im Gegensatz zu Kim, der eher einen mürrischen Eindruck machte und Brynns Blick so gut wie möglich zu vermeiden suchte.
Dann wanderte ihr Blick an Kim vorbei und fiel auf Quirt, der mittlerweile das fertige Frühstück in den Händen hielt.
"Guten Morgen.", rief Brynn, nun offensichtlich putzmunter, der riesigen Echse entgegen.
"Was riecht denn hier so verführerisch.", hängte sie gleich enthusiastisch hinten an und winkte Quirt zu, sich zu ihnen zu setzten.
Kim war überrascht, wie schnell sie sich an ihre neue Situation gewöhnt hatte und fand es schon fast gruselig, aber dennoch sehr beruhigend. Das würde ihnen einige Probleme ersparen und außerdem war Kim sehr neugierig, was sie noch alles erwarten würde.
Nachdem sie gemütlich gefrühstückt hatten, packten sie alles zusammen und brachen direkt auf, um in das Dorf zu gelangen, von dem Quirt gesprochen hatte.
Gegen Mittag schließlich, erreichten sie es. Doch statt eines regen Treibens von Bewohnern, die es in einer Siedlung zwangsläufig geben musste, fanden sie nur leere und kaputte Straßen und Häuser vor. Sie gingen aber trotzdem weite hinein und als sie auf dem Marktplatz standen, hielten sie inne.
"Sollten hier nicht zumindest ein Paar Menschen wohnen? Wozu stehen hier sonst Häuser?", fragte Kim Quirt mit leichten Zweifeln, ohne den Blick vom leeren Marktplatz zu nehmen.
Brynn war mittlerweile sehr sarkastisch aufgelegt: "Wahrscheinlich hat er sich im Dorf geirrt, oder er hat die Karte verkehrt herum gelesen, als er losgegangen ist. Mir würde so was nie passieren. Ist ja peinlich."
Neugierig auf Quirts Reaktion blickte sie in seine Richtung. Jedoch reagierte der kaum darauf und murmelte nur zur Antwort: "Es gibt keine Karten von dieser Gegend."
"Dann musst du einen schlechten Orientierungssinn haben.", versuchte Brynn es weiter Quirt zu ärgern und kurz darauf waren beide in eine Diskussion über Quirts Fähigkeiten vertieft.
Dann war ein leichtes Dröhnen zu hören und die Erde begann zu zittern. Quirt und Brynn schienen dies jedoch nicht zu merken, denn sie stritten immernoch.
"Seid mal kurz still. Ich höre etwas!", unterbrach er sie leicht genervt, woraufhin beide tatsächlich ihren Streit unterbrachen und angestrengt lauschten.
Schließlich brach Brynn irritiert das Schweigen: "Wovon sprichst du? Hier ist kein Mensch weit und breit und ein Gewitter ist auch nicht zu sehen, geschweige denn irgendetwas außer kaputten Häusern. Und Häuser geben normalerweise keine Geräusche von sich. Zumindest nicht, wenn man sie nicht gerade kaputt macht oder so..."
Doch Kim musste sich mittlerweile die Ohren zu halten, da das leichte Dröhnen zu einem ohrenbetäubenden Rumpeln geworden war. Brynn dachte sicherlich, dass er das tat, um ihren Redeschwall zu stoppen, denn sie sah ihn leicht gekränkt an. Als er merkte, dass das Ohren zu halten nichts brachte, nahm er seine Hände wieder runter. Außerdem brauchte er seine Hände mittlerweile, um sein Gleichgewicht zu halten, denn die Erde hatte stark zu beben begonnen.
Quirt und Brynn schienen durch die bebende Erde mehr als erschrocken zu sein. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, sah Kim aus den Augenwinkeln eine Bewegung, die genau auf sie zu kam. Reflexartig rannte er los und versuchte Quirt und Brynn mit sich zu zerren. Bei Brynn funktionierte das noch recht gut, doch Quirt mit seiner Größe war natürlich auch schwerer zu bewegen. Zum Glück schien die Überraschung ihn nicht so sehr gelähmt zu haben, wie Brynn, denn er löste sich sehr schnell von selbst und folgte Kim.
Quirt konnte zwar keine greifbare Bedrohung sehen, doch dafür hatte er schon vor den anderen die vielen Furchen gesehen, die sich durch das ganze Dorf zogen. Und er hatte gemerkt, dass sich eine neue Furche aus dem Nichts heraus einen Weg in ihre Richtung bahnte.
Etwas schien sie zu verfolgen, doch keiner der Drei wusste genau was. Kim konnte zwar, im Gegensatz zu den anderen Beiden, aus den Augenwinkeln etwas Riesiges ausmachen, doch wirklich sehen konnte er den Verfolger auch nicht.
Kim und Brynn gerieten schnell außer Atem und so übernahm Quirt bald die Führung wodurch sie es mit Mühe und Not schafften ihren Verfolger kurz darauf abzuschütteln.
Sie versteckten sich in einer der vielen Ruinen und begannen über ihre Situation klar zu werden.
"Vielleicht ist es zu schnell, als dass man es sehen könnte.", vermutete Quirt und Brynn fügte mit spöttischem Unterton hinzu: "Ja! Oder er ist Unsichtbar."
Kim fand das gar nicht mal so abwegig, aber sie verzog nur ungläubig das Gesicht: "Mein Gott das glaubt ihr doch selbst nicht."
Als betretenes Schweigen eintrat, beschlossen sie erst einmal Tatsachen zu sammeln.
"Immer, wenn wir uns der Stadtgrenze genähert haben, hat uns das ... 'Ding' immer den Weg abgeschnitten.", begann Quirt.
"Vielleicht ist dieses Ding ja an die Grenzen dieser Stadt gebunden und lässt uns deswegen nicht raus", konnte sich Brynn nicht zurück halten.
Hinzu fügte sie noch ein paar spontane Ideen, wie sie an dem Ding vorbei kommen könnten und eine davon setzten sie direkt in die Tat um. Brynn wollte zwar widersprechen, doch wurde sie von Kim und Quirt gar nicht erst beachtet und sie planten alles nötige in Windeseile, da ihr Verfolger jederzeit wieder auftauchen konnte.
Der erste Punkt des Plans war sich zu trennen. Kim und Brynn blieben erst einmal zurück und Quirt lief alleine los. Er hatte die beste Kondition der Drei und sollte das Ding von ihnen fort locken. Nach einer Weile rannten Kim und Brynn in entgegen gesetzter Richtung los. Auch sie trennten sich nach ein paar Metern, um nicht verlockender zu wirken als Quirt; immer darauf bedacht in der Nähe von Häusern zu bleiben. Schließlich trafen sie sich auf der Ebene wieder und warteten gespannt auf Quirt. Bis jetzt hatte der Plan super funktioniert.
Als sie Quirt kommen sahen, wurde Kim schließlich auf die Schwachstelle ihres Plans aufmerksam, denn genau an der Grenze zur Ebene prallte Quirt gegen einen unsichtbaren Widerstand. Das Ding schnitt ihm ständig den Weg ab.
"Und wie soll Quirt uns jetzt folgen, wenn ich mal so fragen darf?“, war Brynns Frage dazu. Kim sah sie an und fühlte sich unglaublich hilflos. „Ich habe ja von Anfang an sagen wollen, dass das der Haken an der Sache ist, aber ihr habt mir ja nicht zuhören wollen. Das hat man nun davon. Man sagt einmal etwas zu viel und schon sehen es alle als Aufforderung an, das wörtlich zu nehmen!", redete sie auf Kim ein und Angst schwang in ihrer Stimme mit.
Beschämt wandte Kim seinen Blick von Brynn ab und schaute stattdessen auf das schreckliche Szenario, das sich ihm nun bot. Quirt versuchte immer wieder aus dem Dorf hinaus zu kommen, doch das Ding versperrte ihm immer wieder den Weg und als wäre das nicht schon schlimm genug, verließen Quirt langsam seine Kräfte.
Auf einmal hörte Kim wieder das Dröhnen in seinen Ohren, wie zuvor im Zentrum des Dorfes und es stach ihm ins Herz, denn er wusste nicht, wie er seinem Freund helfen sollte. Tränen der Hilflosigkeit stiegen ihm in die Augen und ließen seine Sicht verschwimmen.
Beschähmt versuchte er die Tränen nieder zu kämpfen und nahm plötzlich eine Schemenhafte Gestalt wahr. Erschrocken sah er genauer hin und konnte auf einmal genau erkennen, was für ein Wesen in der Furche lag, die bis jetzt das einzige Zeichen für die Anwesenheit dieses seltsamen Verfolgers gewesen war.
Ohne zu wissen warum und ohne einen Plan rannte er los. Genau auf den riesigen Wurm zu, der seinen Freund einfach nicht aus dem Dorf lassen wollte. Brynn wollte versuchen Kim aufzuhalten, doch sie war von der Flucht noch zu erschöpft, um ihn einzuholen und so rief sie ihm verzweifelt hinterher, dass er vernünftig sein solle.
Doch Kim hörte sie nicht mehr. Er hörte wieder das ohrenbetäubende Rumpeln des Riesenwurms, das kein anderes Geräusch zuließ.
Gerade versuchte Quirt noch einmal zu Brynn und Kim zu gelangen und es sah auch so aus, als könnte er es schaffen, da der Wurm es anscheinend nicht für nötig hielt ihm weiterhin den Weg abzuschneiden. Doch war Quirt schon zu sehr außer Atem und der Wurm war in der Lage ihn mit Leichtigkeit noch vor der Dorfgrenze zu erledigen. Todesmutig, oder auch wahnsinnig, lief Kim zwischen Quirt und den Wurm. Dort blieb er mit ausgebreiteten Armen stehen.
Verwirrende Worte
As second lesson he has
(Als zweite Lektion muss er)
To understand names.
(Lernen Namen zu verstehen.)
-lessons of magic, lesson 2-
(-Lektion der Magie, Lektion 2-)
Ohne Furcht und mit wilder Entschlossenheit stand Kim zwischen seinem Freund Quirt und diesem riesigen Wurm und die Zeit schien auf einmal stehen zu bleiben. Plötzlich spürte er, wie sich ihm von hinten zwei Hände auf die Schultern legten und unvermittelt eine Frauenstimme ganz nah an seinem Ohr flüsterte: "Leben und Tod."
Erschrocken drehte er sich um, doch von der dazugehörigen Frau war nichts zu sehen. Dabei war er ganz sicher gewesen auch einen Körper hinter sich gespürt zu haben.
"Sag, Leben und Tod zu ihm. Das wird euch retten.", flüsterte die unbekannte Frauenstimme wieder.
Verwirrt drehte er sich einmal um die eigene Achse, doch von der Frau war immer noch nichts zu sehen.
"Wer bist du?", flüsterte Kim misstrauisch zurück, denn die Stimme kam ihm irgendwie bekannt vor, doch wusste er nicht woher.
Die Frau jedoch antwortete nicht auf seine Frage.
"Sag es!", drängte sie ihn mit flehendem Unterton, "Er hat dich gleich erreicht! Sag es."
Erschrocken blickte Kim wieder in die Richtung des Riesenwurms. Überrascht musste er feststellen, dass ihn nur noch Sekunden von dem Moment trennten, in dem der Wurm ihn einfach nieder walzen würde. Allein die Vorstellung ließ Übelkeit in ihm aufsteigen und er entschloss sich endlich der Frauenstimme zu gehorchen.
Mit geschlossenen Augen und in voller Anspannung wartete Kim leicht geduckt darauf, dass etwas passierte, nachdem er dem Wurm den Satz der Frau regelrecht entgegen geschleudert hatte. Dann war es plötzlich still.
Unsicher öffnete er langsam die Augen und realisierte überrascht, dass seine Worte gewirkt hatten, der Wurm hatte angehalten. Und das keine Sekunde zu früh, denn nur ein paar Zentimeter von ihm entfernt war der Kopf des Riesenwurms zum Stillstand gekommen. Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich Kims Kehle.
Neugierig und scheu zugleich streckte er eine Hand nach dem Wurm aus und berührte zaghaft dessen Körper mit den Fingerspitzen. Er war glatt und kühl. Sogar etwas glitschig, wie bei einem richtigen Regenwurm, die er auch von zu hause kannte. Der einzige Unterschied schien die Größe zu sein.
Doch plötzlich bewegte sich der Wurm und Kim zuckte erschrocken zurück. Hastig entfernte er sich ein paar Schritte von dem riesigen Tier. Der Wurm hob langsam den Kopf vom Boden, richtete sich auf und schaute nun von oben auf Kim hinunter. Er wirkte nun fast wie eine riesige Schlange, die bereit war zu zustoßen. Doch der Wurm tat nichts dergleichen, sondern begann stattdessen zu Kim zu sprechen.
"Danke!"
Dieses eine Wort schaffte es, ihn vollkommen überrascht und mit offenem Mund dastehen zu lassen. Außerdem hörte sich die Stimme des Wurms seltsam alt und gebrechlich und gleichzeitig auch jung an und zusätzlich wusste Kim nicht genau, ob es eine Männer- oder Frauenstimme war, die da zu ihm sprach. Eine Art Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Wurms aus, angesichts Kims Sprachlosigkeit.
Kim wusste nicht, was er sagen sollte und minutenlang starrten sich Junge und Wurm einfach nur an. Dann drang eine weitere Stimme an Kims Bewusstsein.
"Kim! Mein Gott! Geht es dir gut? Was hast du gemacht? Wen... oder was... Wo starrst du denn hin verdammt noch mal? Dieses komische Ding, vor dem wir geflohen sind scheint sich in Luft aufgelöst zu haben! Was machst du auch so bescheuerte Sachen? ...du könntest tot sein, weißt du das! Hörst du mir eigentlich zu? Ich glaube nämlich wirklich allmählich, dass du total Wahnsinnig geworden bist! Und ich glaube auch, dass ich langsam Wahnsinnig werde! Wenn wir das nicht sowieso schon sind ..."
Das war nicht diese mysteriöse Stimme, die sich gerade bei Kim bedankt hatte. Es war auch nicht die seltsam vertraute Stimme der Frau, die ihnen wohl das Leben gerettet hatte.
"Es reicht ja schon dass du mich irgendwie in diese verrückte Welt geschleift hast, aber musst du denn ausgerechnet in den dümmsten Situationen den Helden spielen?"
Kim lachte erleichtert auf, als er sich umdrehte und endlich erkannte, dass es Brynns Stimme war, die leicht hysterisch versuchte ihm eine Moralpredigt zu halten. Die Sorge in ihrer Stimme hatte er jedoch nicht bemerkt.
"Im Moment kann ich dir leider nicht zuhören.", versuchte Kim sie stattdessen zum schweigen zu bringen und drehte sich wieder zu dem riesigen Regenwurm um.
Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass sie mit bösem Gesichtsausdruck in seine Richtung schaute, doch er grinste nur unverschämt und beachtete sie nicht weiter.
"Wieso bedankst du dich bei mir? Ich müsste eher dir danken, weil du mich nicht einfach rücksichtslos nieder gewalzt hast", versuchte Kim mit dem Wurm ein neues Gespräch anzufangen.
Der Wurm schien noch einen kurzen Blick auf Kims Begleiter zu werfen, bevor er antwortete. Doch dann sagte er ohne weitere Umschweife: "Mein Name ist Tebed Lon und ich stamme aus der Familie der Ewigen. Du hast mein Leiden beendet, indem du die wahre Bedeutung meines Namens ausgesprochen hast. Dafür danke ich dir!"
Mit diesen Worten begann er sich ganz langsam, wie in Zeitlupe, aber unaufhaltsam, aufzulösen. Überrascht konnte Kim zunächst nichts darauf erwidern.
"Was meinst du damit?", fragte er schließlich leicht verwirrt, weil er nicht wusste, was die Worte des Wurms bedeuteten.
"Tebed Lon der Ewigen ist mein voller Name und ich habe leider nicht mehr viel Zeit. Es ist schon seltsam. Ich lebe nun schon eine schier endlose Ewigkeit und nun habe ich keine Zeit mehr, aber ich werde dir mein einziges Erbe hinterlassen. Es ist das Geheimnis der Namen, das hier zwar allgegenwärtig, doch schon längst von allen vergessen ist.
Findest du heraus der Anderen Namen,
So hast du über diese Macht.
Denn du weißt, woher sie kamen.
Doch bewahre den Tag und nicht die Nacht."
(If you know the true name of another
His destiny is yours to choose.
But do not ever forget to bother
That there is a ‘win’ and a ‘loose’.)
Hier legte er eine kurze Pause ein und in Kims grauen Zellen begann es heftig zu arbeiten, denn er verstand noch nicht ganz, was der Wurm ihm eigentlich damit sagen wollte. Als hätte das riesige Wesen seine Gedanken gelesen, versuchte der Wurm ihm den kurzen Reim zu erklären.
"Dies ist das Prinzip, auf dem diese Welt erschaffen wurde. Die Wahrheit über Berufung, Herkunft, Vergangenheit, Zukunft oder das Wesen können dir einzig und allein die Namen offenbaren. Nimm meinen Namen als Beispiel. Meiner ist meine Bestimmung. Ein einfaches Vertauschungs- und Kombinationsspiel. Anfangs- und Endbuchstaben von Tebed Lon vertauscht ergibt Leben und Tod. Das bedeutet, dass ich, solange ich lebe, anderen unwiderruflich den Tod bringe. Aber nicht alle Namen offenbaren dir ihr Geheimnis so einfach. Meistens steckt mehr Mühe darin den wahren Namen herauszufinden, als dann die Bedeutung zu verstehen." Der Wurm schmunzelte leicht.
"Ich habe noch eine Warnung an dich. Bei der Familie der Ewigen gibt es noch eine Besonderheit. Alle aus dieser Familie leben zwar ewig, weil wir dazu verdammt sind immer wieder aufzuerstehen und unserem Namen zu folgen, doch das gilt nur, wenn herkömmlichen Waffen benutzt werden. Man kann uns töten, indem man den wahren Namen ruft. Doch das hat bis jetzt noch niemand geschafft und eigentlich kann auch nur jemand aus unserer Familie diese Namen herausfinden", fügte der Wurm mit ernster Miene hinzu.
Obwohl er fast verschwunden war, musste er wohl trotzdem noch das Erschrecken in Kims Gesicht gesehen haben, dem gerade aufging, dass die mysteriöse Frau auch eine der Ewigen sein müsse, denn sie hatte ihm schließlich die Bedeutung des Namens verraten. Doch er interpretierte Kims Gesichtsausdruck falsch und ließ darum noch einmal seine Stimme in seinem Kopf erschallen.
"Unser Schöpfer war wirklich grausam, als er uns mit der Unsterblichkeit konfrontiert hat. Und du solltest jetzt keine Angst haben ebenfalls unter dem Fluch unserer Familie leiden zu müssen. Auch jemand aus unreiner Linie der Ewigen, der keine Unsterblichkeit geerbt hat, könnte so etwas tun. Also merke dir die Regel gut, falls du noch jemanden meiner Familie triffst, der euch bedrohen will."
Mit diesen Worten glühte der Körper des Wurms für den Bruchteil einer Sekunde kurz in strahlendem Rot auf und verschwand endgültig. Kim hatte ihm noch eine Frage stellen wollen, doch er hatte zu spät reagiert. Mit halb offenem Mund blieb er stehen, wo er war und begann angestrengt über den Reim nach zu denken, der sich ihm mit ungewöhnlicher Präzision ins Gedächtnis gebrannt hatte.
Was war dann mit Quirts Namen? Was offenbarte sein Name über sein Wesen oder seine Bestimmung oder was der Wurm noch gesagt hatte? Auf Brynn und ihn selbst konnte dieser Reim nicht zutreffen, weil sie ja gar nicht aus dieser Welt waren. Als er sich schließlich den Kopf so sehr zermartert hatte, dass er schlimme Kopfschmerzen bekam, wandte er sich um, weil er zu Quirt und Brynn zurück gehen wollte.
Doch sie standen unmittelbar neben ihm und starrten ihn aus so ungläubigen Augen an, dass Kim erschrocken ein paar Schritte nach hinten stolperte.
Brynn ergriff als erste das Wort: "Was war das da eben, das so rot geglüht hat? Halluzination? Sah aus wie irgendetwas langes, großes. Und warum standest du die ganze Zeit stocksteif da und hast mir nicht mal zugehört? Warum hast du überhaupt diese ganze Show abgezogen, wenn du schon gewusst hast, wie man dieses komische und tödliche Ding besiegen kann?"
Quirt nickte nur zustimmend, während sie inne hielt, immer noch auf die Stelle zeigend, an der der riesige Wurm eben noch gewesen war. Also begann Kim alles richtig zu stellen und zu erklären. Er erzählte ihnen alles, was sie wissen wollten, so genau, wie er es konnte. Zunächst nur stockend, aber dann immer flüssiger. Er erwähnte sogar die mysteriöse Frau, die sie gerettet hatte, und, dass er glaubte sich an ihre Stimme zu erinnern, auch wenn ihm immer noch nicht einfiel, wo er diese Stimme schon einmal gehört haben konnte.
Das Einzige, von dem er ihnen jedoch nicht erzählen konnte, war die Sache mit den Namen. Er hatte keinerlei Probleme, sich den Reim und die Erläuterung mit dem Namen des Wurms ins Gedächtnis zu rufen. Aber immer, wenn er Brynn und Quirt davon erzählen wollte, wurde alles, was damit im Zusammenhang stand unklar, wodurch er große Probleme hatte alles in Worte zu fassen. Schließlich gab er es auf und behielt dieses eine Geheimnis für sich.
Als er alles erzählt hatte, ließen ihn Quirt und Brynn hoch und heilig schwören, so etwas nie wieder zu tun. Denn er hatte nicht nur Brynn, sondern auch Quirt mit seiner Aktion fast zu Tode erschreckt. Zwar hatte Quirt erst gemerkt, dass Kim zwischen ihn und seinen Verfolger getreten war, als es auf einmal so still geworden war, aber die Tatsache, dass die Furche des Verfolgers direkt vor ihm aufgehört hatte, war für ihn dann doch Schock genug gewesen.
Letztendlich entschlossen sie sich noch etwas Distanz zwischen sich und diesem seltsamen Dorf zu schaffen. Obwohl Kim ihnen zehn Mal versichert hatte, dass dieser Regenwurm, wie er ihnen erklärt hatte, ohne Zweifel tot sei und keine Gefahr mehr von dem Dorf ausginge, hatten Brynn und Quirt darauf bestanden erst mal weiter zu ziehen. Zumindest bis zur Abenddämmerung. Man konnte schließlich nie wissen, war ihr Argument und Kim fügte sich dem schließlich.
Als es dann dämmerte, hielten sie schließlich an und bauten ihr Lager auf. Völlig erschöpft von den unerwarteten Ereignissen des Tages, ließ sich jeder auf sein Lager sinken. Kim wickelte seine Decke enger um seinen Körper und war der Erste, der eingeschlafen war. Die ganze Zeit hatte er sich gefragt, wer wohl die Frau war, die sie gerettet hatte und warum er das Gefühl hatte sie zu kennen. Besonders bohrend war aber der seltsame Umstand, dass er der Einzige gewesen war, der den Wurm wirklich gesehen hatte.
Bekannter Fremder
In order to learn he
(Um zu lernen,)
Must obey the rule of
(Muss er der Regel der)
Discipline!
(Disziplin folgen!)
-lessons of magic, basic rule-
(-Lektion der Magie, Basisregel-)
Am nächsten Morgen wurde Kim abrupt aus dem Schlaf gerissen, als er in der friedlichen Morgenstille einen plötzlichen Aufschrei hörte. Er fuhr erschrocken in die Höhe und prallte sofort wieder zurück, als er sich mit dem bestürztem Ausdruck auf Brynns Gesicht konfrontiert sah, das übergroß in seinem Blickfeld aufgetaucht war.
Leicht verwirrt schaute er zu Quirt, nur um feststellen zu müssen, dass er genauso verwirrt aussah, wie er. Nur, dass der nicht auf einen Arm gestützt im Gras lag, sondern gerade seine beiden Schwerter in ihre Scheiden zurück geschoben zu haben schien.
Nachdem sie verwirrte Blicke getauscht hatten und Kim schon laut fragen wollte, was denn passiert sei, brach Brynn plötzlich in lautes Gelächter aus.
„Es ist echt zu schade, dass ich jetzt keine Kamera dabei habe. Diese Gesichter sind echt unbezahlbar!“, brachte sie lachend hervor und wischte sich dabei Tränen aus den Augen. Dass sie offensichtlich über ihn lachte, reizte Kim ungemein.
„Warum zur Hölle hast du das gemacht? Ich hatte schon Angst, irgendetwas Schlimmes sei passiert!“, fuhr er sie an.
Sie grinste fröhlich: „Quirt hat mir aufgetragen, dich zu wecken und das habe ich gemacht.“
Kim hob zweifelnd eine Augenbraue: „Aber doch nicht mit solchen Methoden. Da bleibt einem ja fast das Herz stehen!“
Aber sie zuckte nur weiter grinsend die Schultern: „Es hat doch funktioniert, oder?“
Mit einem Grummeln erhob er sich und griff nach dem Frühstück, dass sie ihm stehen gelassen hatten.
Kurz darauf machten sie sich wieder auf den Weg und während Kim eher schmollend neben den anderen Beiden her ging, schienen diese sich gut zu unterhalten.
Bis Brynn versuchte Quirts Vergangenheit anzusprechen. Er wich ihren Fragen aus und sie schien zu spüren, dass er ihr darüber nichts erzählen würde. Also änderte sie das Thema schnell wieder.
Kim jedoch, der ihnen die ganze Zeit schweigend zugehört hatte, war hellhörig geworden. Ihm fielen wieder die Narben ein, die er an ihrem ersten Abend in diesem seltsamen Land auf Quirts Rücken gesehen hatte. Es war sicher besser gewesen ihn damals noch nicht danach zu fragen, weil er sicherlich erst recht keine Antwort bekommen hätte, aber jetzt würde er doch gerne mehr darüber wissen.
Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als er einen kräftigen Ellenbogen in seinen Rippen spürte. Mit einem kurzen Ausruf des Schmerzes wandte er sich zum Besitzer des Ellenbogens um.
„Was ist?“, fragte er Brynn leicht verstimmt.
„Wir haben eine bewohnte Stadt erreicht“, war ihre fröhliche Antwort.
Sie schien sich gar nicht daran zu stören, dass Kim offensichtlich seit ihrem Aufbruch am Morgen schlecht gelaunt war und das machte ihn nur noch wütender. Er schluckte jedoch die bissige Bemerkung herunter, die ihm auf der Zunge lag und schenkte ihr stattdessen den grimmigsten Blick, zu dem er imstande war.
Sie lächelte nur frech zurück und zerrte ihn am Arm hinter Quirt her, der schon voraus gegangen war. Dass er so unsanft zur Fortbewegung gezwungen wurde, trug jedoch nicht gerade dazu bei, Kims Stimmung zu heben. Er wollte Brynns Hand schon unwirsch abstreifen, als Brynn unsanft mit jemandem zusammen stieß.
Unangenehmes Krachen von zerbrechendem Geschirr ließ Kim erschrocken zusammen zucken. Als er auf den Boden und einige Scherben hinunter sah, schwante ihm übles. Mit schier unglaublicher Geistesgegenwärtigkeit hatte Brynn zwar das Meiste der fallenden Schalen auffangen können, aber das war ein schwacher Trost, wenn man sich den Scherbenhaufen genau ansah.
Im Sonnenlicht blitzen ihm ein paar Goldränder und aufwändige Muster schadenfroh entgegen. Er war sich nicht sicher, was ihm lieber gewesen war. Hinter Brynn her gezerrt zu werden, oder zwischen den vielen Scherben zu stehen und nicht fliehen zu können.
Als er den Besitzer der soeben zerbrochenen Objekte zum ersten mal richtig wahr nahm, wünschte sich Kim augenblicklich im Boden zu versinken, denn der Vergleich mit einem Schrank war bei dem Fremden absolut nicht übertrieben. Er war sicherlich mindestens genauso groß wie Quirt, aber unter Garantie noch viel muskulöser, waren Kims erste Gedanken.
Mit offenem Mund konnte er nur da stehen und brachte keinen Ton heraus. Brynn war schlagartig rot geworden, aber ihr fehlten im Gegensatz zu Kim nur die richtigen Worte, denn sie stotterte Entschuldigungen und versuchte vorsichtig die geretteten Objekte dem Mann zurück zu geben.
Erst jetzt fiel Kim auf, dass sie offensichtlich schon vor längerer Zeit den Anschluss zu Quirt verloren hatten, denn er konnte ihn nirgendwo entdecken. Nun beugte sich der Schrank, wie Kim den Fremden insgeheim getauft hatte, zu ihnen hinunter und raunte ihnen mit einer tiefen, bedrohlich klingenden Stimme zu: „Wenn ihr das wieder gut machen wollt, habe ich genau den richtigen Job für euch.“
Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und Brynns Augen weiteten sich erschrocken.
Kim war nur verwirrt.
„Was für eine Art Job?“, wollte er wissen, aber der Schrank lachte nur.
„Das werdet ihr noch früh genug erfahren.“
Er richtete sich wieder auf und bedeutete ihnen ihn zu folgen, was sie schließlich auch taten. Aber nicht ohne vorher einen unsicheren Blick aus zu tauschen.
Er führte sie weg von der großen Straße, der sie bis jetzt gefolgt waren und die einmal schnurgerade durch die Siedlung zu laufen schien. Sie folgten ihm durch verlassene Gässchen und einsame Straßen. Bald kam ihnen niemand mehr entgegen und eine unheimliche Stille breitete sich aus. Während des Weges rückte Brynn immer näher an Kim heran und es schien Kim, als hätte sie Angst vor dem muskelbepackten Riesen. Das irritierte ihn ziemlich, aber er konnte es sehr gut verstehen. Er war so vom Schrank eingeschüchtert, dass er jegliche Gespräche oder überflüssige Bewegungen vermeiden wollte.
Als sie schließlich den Rand des Dorfes erreicht hatten, blieb der Fremde stehen. Kims Verwirrung hatte sich in der Zwischenzeit nur noch verstärkt und Brynn umklammerte mittlerweile so stark seinen linken Arm, dass dieser fast taub war. Als sie direkt hinter dem Schrank zum Stehen kamen, stellte sie sich Schutz suchend halb hinter ihn.
Der Schrank drehte sich jetzt zu ihnen um und deutete auf das letzte Haus vor der schier endlosen Graslandschaft, die in der engen Gasse durch den gehobenen Arm des Schranks kurz sichtbar wurde. Kim glaubte zu erkennen, dass die Luft irgendwo hinter einem Hügel zu flimmern schien, doch bevor er näher darüber nachdenken konnte, schob der Schrank sie mehr oder weniger unsanft durch den Eingang des Gebäudes.
Drinnen war es heller, als Kim erwartet hatte, denn schließlich ließ die enge Gasse kaum Licht bis nach unten dringen. Zusätzlich war dort auch nur die Tür, durch die sie gekommen waren. Dafür waren umso mehr Fenster an der Seite, die zur Ebene hinaus führte und das Licht großzügig herein ließen. Als Kim hinaus schaute, registrierte er wieder dieses seltsame Flimmern, das irgendwo hinter einem Hügel den Himmel in Bewegung zu setzten schien.
Aber eine Stimme unterbrach seine Gedanken, bevor sie richtig in Fahrt kommen konnten. Die Stimme gehörte einem schlanken Mann mit grauen Haaren, der gerade durch eine Tür in der gegenüber liegenden Wand trat.
„Brutus? Was tust du denn hier? Und was hast du mit den armen Kindern angestellt?“, fragte er leicht vorwurfsvoll.
Zu Kims und auch Brynns Überraschung, begann der Schrank hinter ihnen unsicher auf der Stelle zu treten. Auf den Boden starrend brachte er nur ein unverständliches Gemurmel hervor und deutete in eine Ecke, in der nun die Gegenstände lagen, die er vorher noch getragen hatte.
Der Grauhaarige sah gar nicht erst in die Richtung, in die der Schrank Brutus deutete, sondern stieß ein resigniertes Seufzen aus, als wäre es nicht das erste Mal, dass so etwas passierte.
„Hast du etwa schon wieder etwas kaputt gemacht?“, fragte er ohne jeglichen Vorwurf in der Stimme.
Aber für Brutus schien das der größte Tadel zu sein, den es gab, denn er wurde nur noch nervöser. Allmählich tat er Kim Leid und nach kurzem Zögern beschloss er sich ins Gespräch einzumischen, bevor Brutus ungerecht bestraft wurde.
Brynn war eindeutig einige Sekunden vor ihm zu diesem Entschluss gekommen, denn gerade als er den Mund öffnen wollte, hatte sie schon angefangen zu sprechen.
„Ich bitte um Entschuldigung, aber Sie tun ihm Unrecht“, sie stand jetzt nicht mehr hinter Kim, sondern direkt neben ihm, „Es war meine Schuld. Ich habe nicht aufgepasst und bin mit ihm zusammen gestoßen. Ich habe noch versucht die Gegenstände auf zu fangen, aber ich habe leider nicht alle erwischt. Zwei oder drei Schüsseln sind deshalb leider kaputt gegangen.“
Die Augen des Mannes weiteten sich vor Überraschung, doch bevor er etwas sagen konnte, fuhr Brynn fort: „Brutus hat uns angeboten den Schaden zu begleichen, indem wir hier arbeiten. Da wir kein Geld bei uns haben, haben wir sein Angebot angenommen und sind ihm hierher gefolgt.“
Der Mann sah Brynn noch eine Weile an, bevor er laut zu lachen begann: „Ach das war doch sowieso alles spottbillig erworbenes Zeug. Aber wenn ihr euch schon freiwillig anbietet mir den Schaden zu ersetzten, sage ich nicht nein.“
Nur ein paar Minuten später hatte Hiet, der grauhaarige, schlanke Mann, sie als Aushilfskräfte in seiner Lieblingsbar eingeschleust, mit der er regen Handel trieb.
Näheres hatte er ihnen allerdings nicht verraten wollen. Das schien Brynn aber nicht groß zu stören, denn sie mochte ihre Arbeit und ihre neue Kleidung, die sie als Bedienung erhalten hatte, sichtlich. Im Gegensatz zu Kim, der nur eine Schürze umgebunden hatte und beim Abwasch helfen musste.
Dadurch wurde seine Stimmung wieder düsterer und sie wurde erst wieder besser, als es endlich anfing zu dämmern, denn die Dämmerung brachte auch die Aussicht auf ein baldiges Ende immer näher. Als die Sonne untergegangen war, tippte der Barbesitzer ihm auf die Schulter und beendete so seine Arbeitszeit, obwohl die Bar noch bis spät in die Nacht offen haben würde.
Der Barbesitzer bedauerte es ein wenig, dass sie nicht regelmäßig bei ihm arbeiten würden, aber schließlich wollten sie auch den regulären Arbeitskräften nicht ihren Job streitig machen. Bevor Kim sich endgültig zum Gehen wenden konnte, hielt der Besitzer ihn noch einmal am Arm zurück. „Sag auch deiner Freundin, dass sie jetzt aufhören kann.“
Er zwinkerte ihm zu, was Kim ziemlich verwirrte.
„Hier ist noch ihr Lohn. Ich habe leider noch viel zu tun, weshalb ich es ihr nicht persönlich geben kann. Schaut bei Gelegenheit mal wieder vorbei.“ Damit verabschiedete er sich und drückte ihm dann ein paar Münzen in die Hand, bevor er sich zum Gehen umwandte.
Etwas später saßen Kim und Brynn nebeneinander an Hiets Haus gelehnt und starrten in die schwarze Weite hinaus, denn er war nicht zu Hause und das Haus war abgeschlossen. Brynn hatte die Arbeitskleidung behalten dürfen, denn sie war dieser Umgebung angepasster, als ihre alten Kleider und sowieso schon etwas älter. Kim wünschte sich mittlerweile ebenfalls neue Kleidung, denn in seinen Jeans fiel er stark auf, wodurch er sich ständig beobachtet fühlte.
Brynns Stimme unterbrach seinen Gedankengang: „Was glaubst du, wo Quirt gerade ist?“
Ihre Stimme war sanft und Kim glaubte einen traurigen Unterton mitschwingen zu hören. Er sah in ihre Richtung, während sie mit leerem Blick in die nur vom Mond erhellte Dunkelheit starrte.
Ihm fiel auf, dass er seit den zerbrochenen Schalen nicht mehr an Quirt gedacht hatte. Jetzt begann er sich zu fragen, ob sie ihn in dieser großen Stadt überhaupt wieder finden würden.
„Er sucht bestimmt schon den ganzen Tag nach uns. Und ich bin überzeugt, dass er uns finden wird.“, versuchte er sie auf zu muntern.
Sie sah ihn nicht an.
„Glaubst du auch, dass wir wieder nach Hause finden?“
Ihre Stimme war leicht verändert und zitterte. Ihn erschreckte der plötzliche Themenwechsel ziemlich stark, denn darüber hatte er auch noch nicht nachgedacht. Doch er konnte nicht erkennen, was sie fühlte, denn sie hatte die Knie angezogen und sich dagegen gelehnt, wodurch ihre Haare nach vorne gefallen waren und ihr Gesicht verbargen.
„Natürlich kommen wir wieder zurück.“, setzte er nach einer kurzen Pause an. Leider klang er weniger überzeugend, als er gewollt hatte und er wandte seinen Blick von ihr ab in die unbestimmte Ferne der Ebene.
„Wir müssen so ein Tor finden, wie das durch das wir gekommen sind.“, setzte er enthusiastisch an und sie wandte ihm nun endlich ihren Blick zu. Doch er wagte nicht auf zusehen.
„Ich weiß nur leider nicht, wo wir suchen sollten.“, gestand er schließlich leise und starrte weiter in die Schatten der Weite, als könnte er dort eine Antwort finden.
„Ich könnte euch vielleicht helfen.“, sagte eine vertraute Stimme ganz in ihrer Nähe.
Erschrocken fuhren sie zusammen und blickten auf. Quirt stand vor ihnen und lächelte freundlich. Kim sprang erleichtert auf. Er sah noch aus den Augenwinkeln, wie Brynn sich hastig über die Augen fuhr, bevor auch sie aufstand und Quirt heftig umarmte.
„Du hast uns gefunden!“, rief sie freudig aus.
„Wie …?“, begann Kim, als er Hiet um die Ecke kommen sah.
„Er ist ein alter Freund von mir.“, erklärte Quirt, „Wir sind uns zufällig über den Weg gelaufen und wir haben uns ein wenig fest gequatscht. Als er mir schließlich von zwei seltsam gekleideten Gestalten erzählt hat, habe ich ihn zwar gebeten mich zu euch zu bringen, aber da war es leider schon Abend.“
Er lachte etwas unsicher, aber beide waren nur froh, dass er wieder bei ihnen war.
Neue Hoffnung
He will have to learn
(Er wird die Regeln)
The rules of his magic talent
(Seines magischen Talents)
And the rules of this world.
(Und dieser Welt lernen müssen.)
For he has forgotten everything.
(Weil er alles vergessen hat.)
-book of prophets, epilogue, 42-44-
(Buch der Propheten, Epilog, Verse 42-44)
Seit Quirt sie wiedergefunden hatte, waren drei Tage vergangen, in denen sie sich auf ihre kommende Reise vorbereitet hatten.
Kim und Brynn waren unendlich erleichtert gewesen, da er das einzige Wesen in dieser Welt war, dass sie bis dahin gekannt hatten. Aber jetzt waren auch Hiet und Brutus da, die ihnen helfen wollten und mit denen sie sich nun auf dem Weg befanden, der sie hoffentlich wieder nach Hause bringen würde.
Weil sie zu wenig Kamele bekommen hatten, als dass jeder eins für sich gehabt hätte, saß Brynn vor Quirt auf dessen Kamel und Kim vor Brutus. Nur Hiet als selbst ernannter Expeditionsführer ritt alleine auf einem Kamel. Aber das machte Kim nicht viel aus, da er noch nie zuvor auf einem Kamel geritten war und er so den Umgang mit dem Kamel Brutus überlassen konnte. Die restlichen fünf Kamele waren voll beladen mit Proviant, Holz und weiteren Campingutensilien.
Mittlerweile wusste Kim auch, was das Flimmern zu bedeuten hatte, das er am Tag zuvor hinter den Hügeln gesehen hatte. Brutus hatte ihm auf seine bohrenden Fragen hin erklärt, dass sich dort eine große Wüste befand und die hohen Temperaturen, die dort herrschten, die Ursache für das Flimmern waren.
Was die Naturgesetze anging, schien diese Welt sich also nicht von seiner eigenen zu unterscheiden, waren Kims Schlussfolgerungen daraus. Doch bald begann er wieder daran zu zweifeln, da sie der Wüste nun immer näher kamen, die Temperaturen aber weiterhin angenehm Frühlingshaft waren. Er beschloss kurzerhand Brutus danach zu fragen.
„Das liegt daran, dass diese Welt aus vielen verschiedenen Gebieten besteht.“, war seine knappe Antwort, aus der Kim nicht wirklich schlau wurde.
Aber er hatte auch nicht damit gerechnet, dass er alles direkt mit der ersten Antwort verstehen würde, denn ihm war schon bei seinen vorangegangenen Fragen aufgefallen, dass Brutus eher Wortkarg war. Er machte auch immer den Eindruck, als wüsste er nie so genau, warum Kim ihm diese Fragen stellte.
„Was hat diese Aufteilung mit Temperaturen zu tun?“, versuchte Kim es weiter.
„Jedes Gebiet hat eine Grenze. Hinter dieser Grenze hört alles aus dem Gebiet auf.“ Er war sich nicht ganz sicher, ob er Brutus' Erklärung verstanden hatte, aber jede weitere Antwort, die er erfragte, war genauso verwirrend.
Kurz vor der Grenze zur Wüste konnte man die Grenze, von der Brutus gesprochen hatte, tatsächlich mit bloßem Auge sehen. Der Boden, auf dem die Kamele entlang liefen, war immer noch grasgrün, aber schon ein paar Schritte entfernt war die Erde sandig und staubtrocken. Kein Grashalm wuchs auf dem Sandboden und nicht das winzigste Sandkorn war zwischen den Gräsern der Wiesenebene zu sehen. Als Kims Körper die Grenze passierte, schlug ihm ganz plötzlich eine fast unerträgliche Hitze entgegen und er verstand, was Brutus ihm hatte sagen wollen.
Die Grenzen von jedem Gebiet waren wie unsichtbare Wände, die jedes lebendige Wesen durchschreiten konnte, wie es ihm beliebte. Aber jedes Gebiet hatte seine eigenen Klimabedingungen, die nicht durch diese unsichtbaren Wände dringen konnten.
Kim war fasziniert und er beschloss, Hiet noch ein paar Fragen darüber zu stellen, wenn sie schließlich rasteten. Das würde dann zwar noch eine ganze Weile dauern, da das erst am Abend sein würde und sie morgens los gezogen waren, aber zu seiner Überraschung wurde es schon bald dunkel und sie saßen beim Abendessen um ein gemütliches Lagerfeuer. Auch die Temperaturen waren wieder auf angenehme Grade herab gesunken und Kim ergriff seine Chance, da Hiet direkt neben ihm saß.
„Kannst du mir noch ein paar Sachen über diese Welt hier erzählen?“, fragte er und wandte sich neugierig zu Hiet um. Der wirkte zunächst ein wenig überrascht, nickte dann aber mit einem Lächeln.
„Gibt es etwas Bestimmtes, was ich dir erklären soll?“, wollte er mit freundlicher Stimme wissen.
„Alles.“, hörte Kim von Hiets anderer Seite, auf der Brynn saß. Sie strahlte Hiet erwartungsvoll an und er musste lachen. Dann zuckte er kurz mit den Schultern.
„Gut, dann fange ich bei den Basissachen an. Diese Welt, in der ihr euch befindet, ist ringförmig aufgebaut. Die Wiesen befinden sich im Zentrum und werden Mirre genannt ...“
„Das weiß ich doch schon alles.“, unterbrach ihn Brynn etwas unsanft.
Überrascht starrte Kim sie an.
„Woher denn?“, wollte er wissen, denn er glaubte ihr kein Wort. Seit sie hier waren, war er schließlich immer in ihrer Nähe gewesen und wann hätte sie schon etwas erfahren, dass er nicht auch mitbekommen hätte.
„Auf dem Weg in sein Dorf“, begann sie und zeigte dabei auf Hiet, „habe ich Quirt schon ein paar Sachen über diese Welt gefragt, aber du hast ganz offensichtlich nicht zugehört. Selbst schuld!“ Sie streckte ihm demonstrativ die Zunge heraus, aber Kim zog es vor lieber zu schweigen. „Und dabei weiß er auch eine ganze Menge über dieses Land, weil er aus einem Gebiet weit entfernt kommt. Ich glaube es war das sechste Gebiet, oder so.“ Sie unterbrach sich abrupt. „Ich rede schon wieder viel zu viel. Wir sollten Hiet weiter reden lassen.“, bemerkte sie mit betroffenem Unterton und Hiet musste wieder lachen.
„Kein Problem. Aber damit Kim auch das Wichtigste über diese Welt erfährt, erzähle ich jetzt einfach weiter.“ Und an Brynn gewandt fügte er hinzu: „Und du musst dir dann eben auch die Dinge anhören, die du schon weißt.“ Er lächelte und sie grinste zurück.
„Okay.“, war ihre fröhliche Antwort und Hiet fuhr fort zu erzählen.
„Im Moment befinden wir uns im ersten Gebietsring, dem Fistier Cirng. Er ist der erste von zwei Wüstenringen, die direkt aufeinander folgen.“
„Der zweite Gebietsring ist also auch eine Wüste?“, fragte Kim beunruhigt dazwischen und erntete dafür einen ungeduldigen Blick von Hiet und Brynn.
„Ja, du hast recht, aber er hat doch mich auch gerade gebeten, ihn nicht mehr zu unterbrechen, also halt dich bitte auch dran.“, bemängelte Brynn mit einem Grinsen im Gesicht.
„Ich mache mir nur Sorgen, dass wir nicht gut genug gerüstet sind, um eine so riesige Wüstenlandschaft heil und lebendig zu durchqueren.“, versuchte sich Kim zu verteidigen und bevor sie eine Diskussion anzetteln konnten, schaltete sich Hiet wieder ein.
„Keine Sorge. Ich habe das schon öfter gemacht und Quirt auch. Wir sind mehr als gut gerüstet, um gegen den Hunger und die Hitze anzukommen, bis wir durch die Wüsten durch sind.“
Kim hatte plötzlich ein ungutes Gefühl, als würde Hiet ihnen etwas Wichtiges verschweigen und er wollte noch etwas sagen, aber Hiet sprach unbeirrt weiter. „Da ihr beide so ungeduldig zu sein scheint, werde ich das Ganze ein bisschen abkürzen. Der zweite Gebietsring wird Seceième Cirng genannt und ist wie bereits gesagt auch ein Wüstengebiet. Danach kommt Ered und danach Daln.“ Mit einem Seitenblick auf Brynn erzählte er nun vom fünften Gebietsring.
„Von dort kommt Quirt. Aus Daln. Der sechste Gebietsring ist nämlich das Heim der Aquaner und nicht das der Aquer, wie Quirt einer ist. Sie mögen zwar nahe Verwandte sein, aber das bedeutet nicht, dass sie sich auch mögen.“ Er lachte kurz und Kim konnte sich gerade noch zurückhalten zu sagen, dass er das schon wusste. Denn schließlich hatte Brynn an diesem ersten Abend schon geschlafen und wusste nichts davon. Also wartete er stattdessen stumm, bis Hiet weiter erzählte.
„Der siebte Gebietsring nennt sich Tulf. Erst danach kommt der Gebietsring, zu dem wir eigentlich wollen. Ras Mensesch, das Gebiet der Menschen, in dem es Leute geben soll, die wie ihr aus einer fremden Welt kommen. Dieser Gebietsring ist auch der letzte vor dem Meer der Unendlichkeit. Was und ob etwas dahinter ist, weiß niemand, denn noch nie ist jemand zurück gekommen, der einmal hinaus gesegelt ist.“
Schweigen trat ein und Kim wartete darauf, dass Hiet weiter reden würde, bis er schließlich merkte, dass er offensichtlich nichts mehr zu erzählen hatte.
„Das wars?“, fragte er erstaunt und Hiet nickte.
„Zumindest über das, was ihr über die verschiedenen Ringe wissen müsst.“
„Aber Quirt hat mir erzählt, dass es acht Ringe gibt und das waren bis jetzt nur sieben.“, hakte Brynn nach und Kim ärgerte sich insgeheim nicht zugehört zu haben, als Quirt all das erzählt hatte.
Um so überraschter war er, als Hiet laut zu lachen anfing. „Das glaube ich dir aufs Wort, da das eine sehr beliebte Gutenachtgeschichte in jedem Gebietsring ist. Weil wir sowieso bald schlafen sollten, werde ich euch die Geschichte einfach erzählen.“ Er wartete kurz, bis sie sich enger in ihre Decken gekuschelt hatten, bevor er anfing zu erzählen.
„Vor langer, langer Zeit, als diese Welt noch friedlich war, gab es ein Gebiet am äußeren Rand der Welt, in dem die Magie herrschte. Jedem, der dieses Gebiet betrat, wurde eine magische Gabe zuteil. Diese hatte man jedoch nur, solange man in diesem Gebiet verweilte, denn nur Lebewesen können die Grenzen überschreiten, nicht aber die Naturgesetze.
„Zu Beginn dachte man, dass dieses Gebiet unbesiedelt sei und nur Abenteurer wagten sich dort hinein. Doch mit der Zeit stellte sich heraus, dass dort eine Königsfamilie lebte, die seit jeher über das gesamte Land und die Gebiete gewacht hatte und die Wesen dieser Welt verloren ihre Angst vor diesem unbekannten Gebiet. Sie besiedelten es, aber viele blieben auch nur dort, um ihre magischen Gaben für böse Zwecke zu missbrauchen.
„Bald dominierte das Böse das Gebiet und der König versuchte sein Bestes, um es in den Griff zu bekommen. Doch das Böse ließ sich nicht mehr aufhalten und als es schließlich das Schloss erreichte, brach endgültig Chaos aus. Die Königin starb dabei und der König wurde wahnsinnig. Das gesamte Gebiet ging in Flammen auf und heftige Beben erschütterten die gesamte Welt. Am Tag darauf befanden sich alle Bewohner des Magierrings wieder in ihrem angestammten Gebiet und der achte Ring war verschwunden.
„Dort wo er hätte sein müssen, befindet sich nun das tosende Meer der Unendlichkeit. Viele behaupten, das Land hätte sich nur ausgedehnt, sodass der Magierring jetzt irgendwo hinter den hohen Wellen verborgen wäre, aber noch nie ist ein Schiff zurück gekommen.
„Andere sagen, dass das Land einfach unsichtbar geworden ist und die Magie dieses Gebietes dazu geführt hat, dass man auf dem Meer der Unendlichkeit ist, wenn man die Grenze überschreitet.
„Und dann gibt es noch ein paar, die behaupten, dass sich das Land in die Lüfte gehoben hat und dort in Form von Wolken über diese Welt schwebt und es weiter bewacht, was ich persönlich eine sehr beruhigende Vorstellung finde.“
Hiet blickte lächelnd in die Runde und Kim war klar, dass die Geschichte damit zu ende war. Er blickte ins fast erloschene Feuer und versuchte herauszufinden, wie eine so spannende Geschichte eine beliebte Gutenachtgeschichte sein konnte. Bei dieser Geschichte konnte man doch keine Ruhe finden und er bezweifelte, dass er jetzt schneller einschlafen würde.
Als er sich umsah, merkte er allerdings, dass in der kurzen Zeit, in der er nachgedacht hatte, alle eingeschlafen waren. Selbst Hiet, der die Geschichte schließlich erzählt hatte.
„Glaubst du die Geschichte ist wahr?“, hörte er es neben sich flüstern und er zuckte erschrocken zusammen.
Als er in die Richtung schaute, merkte er jedoch erleichtert, dass es Brynn war. Dabei hatte ihr Lager so ausgesehen, als würde sie auch schlafen und er hatte nicht gemerkt, wie sie sich mit ihrer Decke neben ihn gesetzt hatte.
„Ich weiß es nicht.“, gestand er wahrheitsgemäß. „Sie passt irgendwie zu dieser Welt. Die Regeln dieser Welt, über die ich Brutus auch schon gefragt hatte, waren dieselben und in vielen Dingen waren die Geschehnisse in der Geschichte unerklärlich für normale Verhältnisse. Aber dass irgendwo da oben jemand sein soll, der über diese Welt wacht, kommt mir ein wenig weit her geholt vor.“ Er sah in ihre Richtung und merkte, dass sie lächelnd die Sterne beobachtete.
„Ich glaube sie ist wahr und ich glaube, dass dieser Magierring noch irgendwo in der Nähe dieser Welt existiert. Weil die Geschichte selbst etwas Magisches an sich hat. Alle sind so schnell eingeschlafen.“ Sie machte eine kurze Pause und sah in die Runde der friedlich daliegenden Gestalten. „Eigentlich ist es fast unheimlich, dass wir immer noch wach sind, aber ich glaube das liegt daran, dass wir einfach nicht von hier sind.“
Sie nahm den Blick von den Schlafenden und grinste ihn an. „Deswegen wirkt der Zauber bei uns nicht.“ Er lächelte unsicher zurück und sah auf das fast erloschene Lagerfeuer. Er war sich sicher, dass es noch hell gelodert hatte, bevor Hiet mit der Geschichte begonnen hatte. Ein Schauer überlief ihn bei der Vorstellung, dass die Magie, von der Brynn gesprochen hatte, auch Auswirkungen auf das Feuer gehabt haben könnte. Unbewusst zog er seine Decke ein wenig enger um seine Schultern.
Ein dumpfes Plumpsen neben ihm ließ ihn aus seinen gruseligen Gedanken schrecken. Als er neben sich sah, musste er feststellen, dass Brynn nicht zurück zu ihrem Lager gegangen war, sondern sich einfach neben ihm in den Sand hatte fallen lassen. In der Dunkelheit konnte er nicht sehen, ob ihre Augen geschlossen waren, also rief er ihren Namen und fragte ob sie noch wach sei.
Da sie nicht antwortete, ging er davon aus, dass sie schlief. Er seufzte und beneidete sie ein wenig darum, dass sie einfach so einschlafen konnte. Er wollte sich gerade neben sie auf sein Lager fallen lassen, als er das Geräusch von Schritten im Sand hörte.