1. Türchen | Weihnachtsbaum * NaLu
Lucy fuhr heftig zusammen und fegte fast die Schüssel vom Tisch, als plötzlich hinter ihr jemand triumphierend brüllte: „Mama, wir haben den tollsten Baum der Welt gefunden!“
Sie drehte sich um, die Hand aufs Herz gepresst, und schimpfte: „Aber das ist noch lange kein Grund, mich so zu erschrecken!“
Das achtjährige Mädchen mit dem herzförmigen, von der Kälte gerötetem Gesicht und den pinken Rattenschwänzchen schrumpfte schuldbewusst zusammen. Sie trug noch den dicken Mantel, Schal und Mütze, aber die Handschuhe hatte sie ausgezogen und vermutlich irgendwo verloren, jedenfalls waren sie nirgendwo zu sehen.
Ihr schlechtes Gewissen hielt nicht lange, vor allem, da die Mutter nicht weiter auf sie eindrang, sondern meinte: „Aber das freut mich. Aber wo…“
Weiter kam Lucy nicht, denn von draußen drang eine zweite Stimme herein, ebenso lautstark wie die ihrer Tochter: „Lala, komm her und hilf endlich!“
„Aber du hast doch gesagt, ich soll mich verpi…äh….gehen!“, brüllte das Mädchen zurück und rannte in vollem Tempo wieder nach draußen, wobei sie aus Versehen eine Jacke von der Garderobe riss. Lucy folgte ihrer Tochter, die eigentlich Layla hieß, aber von ihrem Bruder umgetauft worden war, nachdem er ihren Namen nicht hatte sagen können, nach draußen.
„Seit wann machst du, was ich will?“, war die Antwort, noch immer in erhöhter Lautstärke.
„Jetzt hört doch mal auf zu schreien!“, mischte sich Natsu ein, doch da er ebenfalls nicht unbedingt leise war, war der Effekt gleich Null.
Er hatte den ergatterten Baum geschultert. Igneel, ihrer beider Sohn und Laylas älterer Bruder, trug die Spitze und sie standen einige Meter entfernt. Layla hatte sich vor ihnen aufgebaut und dachte offensichtlich nicht daran, die Stimme zu senken. „Ich mache doch gar nichts!“, behauptete sie und Igneel erklärte mit einem breiten Grinsen: „Das ist ja gerade das Problem!“
Lucy beschloss, einzugreifen, ehe es noch zu einer echten Streiterei kam: „Das ist wirklich ein schöner Baum.“ Dunkelgrün und üppig würde er einen Blickfang in ihrem Wohnzimmer darstellen. Allerdings sah sie noch ein kleines Problem damit…
Natsu jedenfalls schien es nicht zu bemerken und er blickte mit einem erfreuten Lächeln auf. „Lucy! Ich dachte, du wolltest zu Levy rüber?“
„Wir mussten das verschieben.“, winkte sie ab und inspizierte noch einmal ihre Beute. „Sagt mal, denkt ihr nicht, dass er etwas … groß ist?“ Die ausladenden Äste schleiften auf dem Boden und Lucy dachte an die logistischen Probleme, die sie überkommen mussten, um dieses Monstrum in ihr Wohnzimmer zu kriegen.
„Er ist perfekt!“, protestierten Igneel und Layla gleichzeitig, ausnahmsweise einmal ein Herz und eine Seele.
„Sie wollten ihn haben.“, schob Natsu die Schuld auf seine Kinder und zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Wir tragen ihn erst einmal auf die Terrasse.“
Lucy nickte. Jetzt war es sowieso zu spät, etwas zu ändern; der Baum war da. „Zur Not muss eben so lange der Sessel raus.“, bestimmte sie und folgte den dreien als Schlusslicht nach hinten.
Layla hüpfte voraus, während die anderen langsamer und weit weniger aufgeregt folgten. „Gray kam vorhin vorbei.“, erzählte Lucy ihrem Mann währenddessen.
„Was wollte die Eisprinzessin denn?“
„Es ging um einen Auftrag. Er wird später noch einmal vorbeikommen. Ich glaube, es ging ihm eher darum, mal rauszukommen, weil das Baby dauernd schreit. Außerdem hat er einen Korb Nüsse dagelassen.“
Natsu kicherte. „Geschieht der Eisprinzessin recht.“
Lucy warf ihm einen bösen Blick zu; sie beide hatten Glück gehabt, Igneel und Layla waren beide sehr brave Säuglinge gewesen. Inzwischen hatte sich das natürlich geändert. Trotzdem musste man nicht gleich so gehässig sein.
Natsu hob entschuldigend die Schultern, sah aber nicht sehr reuig aus. „Also gut, ich geh nachher mal vorbei und sehe, was er so…“
„Hey, man, lass das!“, schimpfte Igneel plötzlich los. Lucy konnte ihn undeutlich durch die dichten Äste des Baumes erkennen und damit auch die plötzliche Bewegung, die er machte, vermutlich um kneifenden Händen auszuweichen. „Sonst kannst du das Ding selber tragen!“
„Aber der ist doch viel zu schwer für mich.“, war die freche, gut vernehmbare Antwort und Lucy seufzte. Sie wusste zwar nicht, was genau sich einen Moment vorher zwischen den beiden abgespielt hatte, aber sie konnte es sich denken, kannte sie solche Szenen doch schon zu genüge. Erstaunlich, wie die einzige Zeit, zu der die beiden etwas in normaler Lautstärke sagen konnten, wenn sie sich gegenseitig beleidigten.
„Das wirst du dann schon sehen. Oder ich sage Mama, dass du…“ Der Rest der Worte ging in undeutlichem Gemurmel unter.
„Du bist so gemein!“, fauchte Layla los.
„Und du zwickst!“, bellte Igneel zurück.
„Hört auf zu streiten!“, brüllte Lucy nach vorne.
Layla tauchte neben ihrem Bruder auf, das Gesicht zu einer wütenden Grimasse verzogen. „Er hat gesagt, dass ich…!“
„Das ist gar nicht wahr!“, protestierte Igneel geräuschvoll, ohne sie überhaupt aussprechen zu lassen, was auch noch sofort gefolgt wurde von seinen Lieblingsworten: „Sie hat angefangen!“
„Du lügst!“, kreischte Layla schrill, die Hände zu Fäusten geballt. „Ich habe gar nichts getan!“ Das waren nun mehr ihre Lieblingsworte.
Wenn man ihnen alles glauben würde, wäre Layla zur gleichen Zeit ein verschlagener Teufel, der sofort alle Gemeinheiten ausprobieren musste, die ihm in den Sinn kamen, und der reinste Engel, dem nie im Leben einfiel, irgendetwas Schlimmes zu tun. Lucy wusste es natürlich besser. Immerhin war sie ihre Mutter. Sie fand es trotzdem immer wieder erstaunlich, wie schnell die beiden auf Hundertachzig sein konnten – und wie schnell wieder ein Herz und eine Seele.
„Ist mir egal.“, erklärte sie darum ungerührt. „Vertragt euch!“
Jetzt schmollten beide, aber wenigstens waren sie ausnahmsweise ruhig. Sie warf Natsu einen kurzen Seitenblick zu, der den Austausch schweigend verfolgt hatte. „Du kannst sie ruhig auch mal zurechtweisen.“, erklärte sie ihm, während sie auf der verschneiten Terrasse ankamen.
Natsu und Igneel luden den Baum neben der Glastür ins Wohnzimmer ab, während Layla lossauste, um den Christbaumständer zu holen. Sie hatten den Baum relativ schnell aufrecht stehen, unter lautem Gelächter und einigem Gebrüll. Die wirkliche Herausforderung war es, ihn im Wohnzimmer unterzubringen, damit noch jemand anderes hinein passte. Sie hatten zwar nicht das kleinste Haus, aber manche Sachen sollten wohl einfach nicht in ein Zimmer.
Doch Natsu war starrköpfiger als ein Baum und gab nicht auf. Der Sessel musste tatsächlich in den Schuppen hinter dem Haus verfrachtet und das Sofa weiter nach hinten geschoben werden, aber am Ende klappte auch dies.
„Yeah!“, brüllte Igneel als sie es schließlich geschafft hatten. „Ich sagte doch, er passt rein!“
„Ich wusste das auch!“, trompetete Layla sofort und tanzte durch das Wohnzimmer. „Wir haben den besten Baum von allen!“
Natsu saß auf dem Sofa, oder besser, er lag darauf, alle viere von sich gestreckt, aber er grinste zufrieden. Er durfte es auch sein, immerhin war er siegreich aus diesem Kampf hervorgekommen.
„Schau mal, Onkel Gray hat Nüsse mitgebracht!“, brüllte Igneel aus der Küche und Layla flitzte sofort hinüber. „Wo?!“ Kurz darauf herrschte Stille zwischen den beiden, während sie nebeneinander auf der Küchenbank saßen und Nüsse knackten, um sie sofort zu essen.
„Uff!“ Lucy ließ sich neben Natsu auf das Sofa fallen. „Ich liebe die beiden, aber manchmal sind sie ganz schön anstrengend.“
Er grinste und legte einen Arm um sie. „Das haben sie nicht von mir!“, behauptete er scheinheilig und sie knuffte ihm in die Seite. „Das glaubst auch nur du.“
Damit ließ sie sich gegen ihn sinken und legte den Kopf auf seine Schulter, während ihr Blick auf dem neuen Gegenstand im Zimmer ruhte, der beinahe die Tür zur Terrasse verdeckte. Wer dort in der nächsten Zeit hinaus wollte, würde sich anstrengen müssen.
„Der ist wirklich schön.“, meinte sie noch einmal und blickte zu ihrem Mann auf.
„Klar, deine Kinder haben ihn auch ausgesucht. Sie wollten sich auf keinen Fall erklären lassen, dass er zu groß ist.“
Sie tätschelte sein Bein. „Wir kriegen das schon irgendwie hin. Zur Not schneidest du ein paar Äste ab.“
„Aber nicht mehr heute!“, erklärte er. „Das war schon anstrengend genug.“ Plötzlich zog er ein entsetztes Gesicht. „Habe ich das wirklich gerade gesagt? Ich werde alt! Oh Gott!“
Sie lachte ihn aus, während sie sich aufrichtete, um sich halb auf das Sofa kniete, damit sie sich ihm besser zuwenden konnte, und stützte dabei die Hände auf seinen Beinen auf. „Wir können nicht für immer jung bleiben. Die Zukunft gehört ihnen.“ Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Kinder im anderen Zimmer; Igneel fuchtelte gerade in großer Geste mit den Händen, während Layla mit offenem Mund zuhörte.
„Wenigstens werden wir zusammen alt.“, erklärte sie ihm Mann und beugte sich vor, um ihn zu küssen.
„Wenigstens etwas.“, murmelte er gegen ihre Lippen und zog sie an sich, um den Kuss zu vertiefen.
2. Türchen | Erstes Weihnachten * Gajevy
Was soll das denn darstellen?“ Gajeel starrte die kleine Gestalt an, als hätte sie ihn persönlich beleidigt.
Levy blickte auf und verkniff sich ein Lachen ob der abscheulichen, kitschigen Figur aus mit Goldfarbe bemaltem Holz in seiner Hand.
„Ein Rentier.“, erklärte Levy. „Das mit der roten Nase.“
„Ghihi, es sieht aus, als wäre es unter die Räder gekommen.“, kicherte der dunkelhaarige Dragonslayer und drehte die kleine Statuette, als wollte er sie besser ansehen.
Die Solid Scriptmagierin blickte sich um und atmete erleichtert auf. Keine Spur von der Titania. Ganz im Allgemeinen war es sehr leer in der Gildenhalle, nicht einmal Mirajane war anwesend. Vermutlich hatten sie alle Angst, zum Arbeiten eingespannt zu werden.
„Lass das bloß nicht Erza hören.“, warnte sie Gajeel und stellte die letzte der Kisten, die mit Weihnachtsdekoration gefüllt waren, auf dem Tisch ab. Eine ganze Reihe weiterer Boxen stapelten sich bereits daneben, einige waren bereits geöffnet und der Inhalt quoll im wahrsten Sinne des Wortes heraus. „Sie liebt dieses Zeug.“
Gajeel wirkte noch immer nicht überzeugt, stellte die Figur allerdings mit weniger Wucht ab als normal. Er mochte noch nicht lange Mitglied von Fairy Tail sein, doch manche Dinge lernte man schnell – zum Beispiel, dass es keine gute Idee war, Erza zu verärgern, wenn es auch anders ging.
Levy wandte ihre Aufmerksamkeit dem vollgestellten Tisch zu und stemmte die Fäuste in die Hüften. So wie das aussah, wartete ein ganzes Stück Arbeit auf sie. Mirajane hatte Team Shadow Gear die Aufgabe übertragen, das Gildengebäude zu schmücken. „Weil ich sicher sein kann, dass etwas anständiges dabei herauskommt.“, hatte sie gesagt, ehe sie mit Elfmann auf einen Auftrag verschwunden war.
Levy hatte keine Ahnung, wer Gajeel dazu gezwungen hatte, ihnen unter die Arme zu greifen, und Juvia, die aufgeregt von einer Kiste zur nächsten sprang, war einfach aufgetaucht und hatte beschlossen zu helfen. Nicht, dass Levy um Hilfe nicht dankbar wäre, doch sie hatten offensichtlich beide keine Ahnung, was sie hier überhaupt tun sollten, und Juvia brachte alles eher durcheinander.
Also hatte Levy Jet und Droy damit beauftragt, draußen die Lichterketten anzubringen. Beide hatten sie nicht mit dem Eisendragonslayer allein lassen wollen und auch Juvias Versicherung, dass sie ‚Gajeel-kun‘ unter Kontrolle hätte, war eher mit offenem Zweifel begegnet worden. Aber Levy hatte keine Angst mehr vor ihm, nicht seit Laxus‘ Kampf um Fairy Tail, als er sie beschützt hatte.
„Okay, ich schlage vor, wir fangen mit den Girlanden an.“, bestimmte sie „Gajeel, im Schuppen ist eine Leiter, würdest du sie holen?“
Doch der verschränkte bockig die Arme vor der muskulösen Brust. „Warum?“
„Weil du am besten dafür geeignet bist!“, versuchte sie ihm möglichst ruhig zu erklären. Für Levy selbst war die Leiter zu groß – das wusste sie aus Erfahrung – und Juvia war kaum größer als sie. Darum war es wohl das vernünftigste, wenn Gajeel, der sie beide um einen Kopf überragte, es einfach tat.
„Juvia macht das!“, mischte sich die Wassermagierin energetisch ein und stürzte nach draußen.
Gajeel grinste. „Du solltest hoffen, dass sie nicht Gray über den Weg läuft, sonst kannst du deine Leiter selber holen.“
Levy seufzte. Irgendwer musste diesem groben Klotz Manieren beibringen. Aber in Anbetracht der seltsamen Tatsache, dass Juvia und Gajeel enge Freunde zu sein schienen, würde es wohl niemand hinkriegen, wenn sie es nicht schaffte. Levy jedenfalls würde einen Teufel tun und erklärte ihn in einem festen Ton: „Wenn du hier nur rumlümmelst und dich vor der Arbeit drückst, werde ich das Mirajane erzählen.“ Sein Blick huschte kurz zur Seite, aber ansonsten wirkte er nicht sonderlich beeindruckt, also fügte sie hinzu: „Und Erza.“
Jetzt verzog er das Gesicht und grummelte etwas vor sich hin, ehe er an den Tisch stapfte und begann, eine der Tannenzweigen nachempfundenen Girlanden aus ihrer Kiste zu zerren, als wäre das Ganze seine Idee.
„Pass auf!“ Hastig sprang sie nach vorne und fing den Karton auf, den er durch diese Aktion beinahe vom Tisch gefegt hätte. Diesmal sah er beinahe schuldbewusst aus und schrumpfte unter ihrem strengen Blick sogar etwas zusammen. Sie schüttelte den Kopf und sagte nichts. Immerhin hatte er beschlossen zu helfen.
Glücklicherweise war Gray wohl nicht in der Nähe, denn Juvia kam bald darauf wieder, unter dem Gewicht der Leiter wankend und Gajeel ließ sich nun doch herab, ihr zu helfen. „Juvia hat noch nie für Weihnachten dekoriert.“, erklärte die Wassermagierin freudestrahlend, als würde sie das Gewicht ihrer Last gar nicht bemerken. „Sie ist froh, jetzt helfen zu können! Nicht wahr, Gajeel-kun?“
Der Schwarzhaarige raunzte: „Das ist keine Erfahrung, die ich unbedingt machen wollte!“
„Es wird dir auch Spaß machen!“, antwortete sie überzeugt und Levy ließ den Blick zwischen ihnen hin und her huschen.
Sie hatten noch nie dabei geholfen, für Weihnachten zu dekorieren? Das war … traurig.
Doch jetzt, da sie darüber nachdachte, machte es Sinn. Nach allem, was sie von ihnen wusste, hatten sie kein sehr glückliches Leben gehabt; Juvia immer einsam und ausgeschlossen, Gajeel nach Metalicanas Verschwinden ebenso allein. Und Phantom Lord klang nicht nach einer Gilde, die ausgelassen Weihnachten feierte. Oder irgendetwas in der Gemeinschaft feierte. Die gefühlskalten Rollen, die die beiden sich für ihre alte Gilde zugelegt hatten, sagten wohl das ihrige aus.
Levy, die gute Erinnerungen an die Jahre mit ihren Eltern hatte, an Plätzchen backen, Weihnachtsmusik, Sternsingen mit den Nachbarn, einen Weihnachtsbaum voller Kerzen und einen Berg Geschenke darunter, machte der bloße Gedanke, dass jemand all dies nicht gehabt hatte, sie traurig. Kein Wunder, dass Gajeel so verbittert geworden war, wenn er solche Erfahrungen in seiner Kindheit nicht hatte sammeln können.
Juvia schien diese verlorene Zeit in vollen Zügen genießen zu wollen, doch Gajeel schien nicht ganz so überzeugt von der Idee zu sein. Aber vielleicht brauchte es nur einen Schubs und vielleicht konnte Levy es sein, die ihm diesen gab.
Jetzt allerdings galt es erst einmal, die Aufgabe zu erfüllen. Da dies nicht das erste Mal war, dass sie diese Aufgabe übernommen hatte, brauchte sie nicht viel zu überlegen, wie sie sie angehen wollte, und riss auch gleich das Kommando an sich. Juvia folgte ihren Anweisungen willig genug – oft genug etwas zu willig, wenn sie aus Eifer eine Glaskugel fallen ließ oder über die Girlande stolperte – Gajeel auf der anderen Seite nur unter Grummeln und Murren. Wenigstens schien die Drohung, Erza einzuschalten, schwer genug über ihm zu hängen, dass er mitmachte.
Oder er einfach hatte mehr Spaß, als er zugeben wollte, denn sie erwischte ihn hin und wieder bei einem Lächeln.
Am Ende hingen die Girlanden an den Wänden, direkt unter der Decke. Rote, grüne und goldene Kugeln baumelten von ihren Zweigen, dazwischen flimmerndes Lametta und einige Sterne aus Stroh. Geschützt in einer Ecke, direkt neben der Bar, erhob sich der dezent geschmückte Weihnachtsbaum, über den Gray später noch eine Schicht Schnee verteilen würde. Momentan waren nur ein paar Engel und Sterne aus Stroh und Federn daran verteilt und die Spitze wurde von einem hellen, sternförmigen Lichtlacrima gekrönt.
Sie hatten hölzerne Laternen, in denen Lichterlacrimas funkelten, hoch über den Tischen angebracht, so dass sie nicht in Gefahr liefen, während der alltäglichen Kämpfe beschädigt zu werden. Mitten unter ihnen hing ein gigantischer Adventskranz, der jedoch erst am nächsten Tag sein erstes Lichtlein erhalten würde.
Levy war sehr zufrieden mit dem Ergebnis, während sie den Blick darüber schweifen ließ – es sah sehr festlich und einladend aus. Von draußen drang der Schein der Lichterketten herein, die Jet und Droy während des Nachmittags auf dem Gelände verteilt hatten, und der Schein wirkte wie ein Signal.
Nach und nach fanden sich die anderen Gildenmitglieder sich ein, die, je nach Temperament, lautstark Lob verteilten, klatschten oder einfach nur bewundernd nickten. Jemand holte den Glühwein aus der Küche, wo er von Mirajane vorbereitet vor sich hin geköchelt hatte, und langsam hob sich die Stimmung und wurde ausgelassener.
Levy holte sich selbst einen Becher und sah sich nach ihren Helfern um, ob sie ihnen noch etwas Gutes tun konnte. Um Juvia allerdings musste sie sich keine Sorgen machen; die Wassermagierin saß neben Gray, hing an seinen Lippen und warf manchmal Lucy finstere Blicke zu, die diese gekonnt ignorierte.
Gajeel jedoch war nirgendwo zu sehen.
Sie füllte einen zweiten Becher mit dem heißen Glühwein und ging sich nach ihm Umsehen. Jet und Droy waren nicht begeistert von der Idee, als sie sie fragte, doch sie konnte sie überreden, sie nicht wie ziemlich ineffektive Beschützer zu begleiten. Doch so viele Leute sie auch fragte, niemand hatte den Eisendragonslayer gesehen.
Sie fand Gajeel schließlich hinter der Gilde in dem kleinen Garten, wo er als eine einsame Silhouette neben dem momentan nackten Ahorn stand, der im Sommer herrlichen Schatten über die Terrasse warf. Er war einer der wenigen Bäume, die ohne Lichterketten geblieben waren, so dass die Wiese um ihn herum in Finsternis gehüllt war.
Gajeel wirkte seltsam klein und verloren dort in der Dunkelheit, wie er dort so stand, die Hände in die Taschen vergraben und den Blick in die Ferne gerichtet. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie nicht lesen, was nicht nur daran lag, dass es nicht von Licht beschienen wurde.
„Was tust du hier draußen?“, wollte sie wissen und er fuhr zusammen.
„Was interessiert dich das, Zwerg?“, raunzte er zurück, aber Levy ließ sich nicht davon stören. Während des Nachmittags hatte Juvia ihr mehrmals versichert, dass er nur so böse tat und eigentlich ein herzensguter Mensch war. Ganz so schnell wollte Levy ihr das nicht glauben, doch völlig daneben konnte die Wassermagierin auch nicht liegen.
Darum lächelte sie ihn so freundlich an, wie sie konnte, und antwortete: „Weil du mein Gildenkamerad bist und mir den ganzen Nachmittag dabei geholfen hast, Weihnachtsdekoration aufzuhängen. Hier, ich habe dir Glühwein mitgebracht.“ Sie reichte ihm den Becher und er braucht einen Moment, um das Angebot zögerlich anzunehmen.
Sie kicherte, als er misstrauisch daran schnupperte, und versicherte: „Er ist nicht vergiftet und ich habe auch nicht hineingespuckt oder so.“ Dann nippte sie an ihrem eigenen Getränk, dessen Hitze sie angenehm von innen ausfüllte.
Gajeel murmelte etwas, das sie beschloss, als einen Dank zu interpretieren, und sie erklärte:
„Juvia scheint die Aktion viel Spaß gemacht zu haben. Was ist mit dir?“
Er zuckte mit den Schultern und sah zur Seite. „War okay.“ Vermutlich bedeutete das, dass es ihm ebenfalls gefallen hatte.
„Das ist schön.“, erklärte sie und stellte sich neben ihn, damit sie seinem Blick folgen konnte. Vor ihnen erhob sich das Gildengebäude in den wolkenverhangenen Himmel. Im Grunde war kaum mehr als seine Silhouette zu sehen, nachgezogen von langen Lichterketten, die sanft leuchteten. Aus den Fenstern fiel ein heller Schein und der Lärm ihrer Gildenkameraden drang zu ihnen heraus, wie heitere Hintergrundmusik.
Trotzdem dachte Levy nicht einmal daran, zurückzukehren, sie fühlte sich wohl hier mit dem ungezwungenen Schweigen zwischen ihnen und seiner starken Präsenz. Vielleicht sollte sie es trotzdem tun, bevor Jet und Droy auf die Idee kamen, einen Suchtrupp zu organisieren.
Aber vorerst genoss sie die schweigende Gesellschaft, das heiße Getränk und die klare, kalte Nachtluft.
3. Türchen | Stern * Sting & Yukino
Im Gildengebäude war es leer und still geworden. Die meisten Mitglieder waren nach der kleinen Feier am Nachmittag nach Hause gegangen, um den Abend mit ihren Familien oder Freunden oder auf einer der zahlreichen Partys zu verbringen. Sabertooth mochte auf dem Weg sein, enger zusammenzuwachsen als zu Jiemmas Zeiten, aber die Wahrheit war: so etwas brauchte Zeit und die Grand Magic Games waren noch gar nicht lange her.
Zumindest hatten sie gemeinsam gefeiert und das war das erste Mal bei einem solchen Anlass. Siegesfeiern, die Jiemma hin und wieder hatte springen lassen, waren doch etwas ganz anderes. Ein paar Mitglieder hatten sogar ihre Familien mitgebracht und Sting nahm das als ein voller Erfolg.
Jetzt war es draußen schon lange dunkel und er war der einzige hier – Master zu sein war weit anstrengender, als er gedacht hatte. Jetzt würde er nach Hause gehen und den Rest des Tages mit Rogue und den Exceed verbringen und hoffentlich würde Minerva vorbeikommen, die sie eingeladen hatten, und etwas Selbstgemachtes zu Essen mitbringen.
Orga war schon am frühen Nachmittag aufgebrochen, um seine Eltern und den Rest der anscheinend gigantischen Familie Nanagear zu besuchen. Er hatte kaum etwas von der gildeninternen Party mitbekommen, was er lautstark bedauert hatte.
Was Rufus und Yukino machten, wusste Sting nicht. Vielleicht hätte er sie fragen sollen, doch sie waren alle noch ungeübt in solchen Dingen und über dem Trubel mit der Feier hatte er es einfach vergessen. Hatte Rufus nicht eine Freundin? Vielleicht war er bei ihr und…
Ein Geräusch aus dem großen Saal ließ ihn innehalten. „Ist da etwa noch jemand?“, murmelte er und stieß einen der beiden Flügel der Tür auf. Der Raum war in Dunkelheit getaucht, die das Chaos verbarg, das die Gilde nach der Feier hinterlassen hatte. Nur eine kleine Kerze verbreitete etwas Licht, das jedoch nicht weit reichte. Sie erhellte allerdings Yukinos Gesicht, die allein ein einem Sessel saß und düster vor sich hin starrte. Das Mädchen blickte nicht einmal auf, als er hereinkam, so tief war sie in Gedanken versunken.
„Was machst du noch hier so allein, Yukino?“
Sie stieß ein erschrockenes Quietschen aus und sprang beinahe senkrecht in die Luft, dabei krachte sie mit dem Knie an den kleinen Tisch. Die Kerze geriet bedenklich ins Wackeln, fiel aber nicht. „Sting-sama! I…ich…“, begann sie und rieb sich das angeschlagene Körperteil.
„Willst du nicht nach Hause gehen?“
Yukino wandte den Blick ab. „Da ist es so ruhig und einsam.“, erklärte sie nach einem Moment. Sie zuckte mit den Schultern und schenkte ihm ein zittriges Lächeln. „Hier kann ich zumindest so tun, als sei noch jemand anderes da.“
„Du und ich sind die letzten und ich wollte gerade alles zu machen.“, erklärte Sting und ging auf sie zu. „Wenn du nicht heim willst, gibt es bestimmt noch genug Clubs, die heute Parties veranstalten.“
Das weißhaarige Mädchen schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht. „Mir ist nicht nach Feiern.“
Für einen Moment blieb es unbehaglich still. Er ließ sich in den Sessel neben ihrem fallen und wusste nicht, was er sagen sollte. Mit solchen Situationen hatte er wenig Erfahrung.
„Meine Schwester und ich haben uns immer die Sterne angesehen.“, durchbrach sie plötzlich das Schweigen und sie blickten beide automatisch zu den großen Bogenfenstern hinüber. Dahinter war alles dunkel und der Himmel schon seit gestern mit Wolken verhangen. Keine Chance, dass man heute einen Blick auf die Sterne erhaschen konnte.
Yukino seufzte. „Sie hat mir die Sternbilder gezeigt und Geschichten erzählt und gesagt, sie leuchten nur für mich. Für uns.“ Das Mädchen zuckte mit den Schultern, als wäre ihre Anekdote nur eine Kleinigkeit, auch wenn sie schwer wog, und zog dann die Nase hoch.
Sting starrte sie alarmiert an. Sie würde doch jetzt nicht anfangen zu weinen, oder?! Was tat man mit weinenden Mädchen? Schnell, ablenken! „Ich bin sicher, wo auch immer sie jetzt ist, sie hat nichts dagegen, dass du ein bisschen Spaß hast!“
Yukino lächelte, aber es wirkte immer noch nicht überzeugend. „Natürlich nicht. Trotzdem will ich jetzt nicht auf eine Party.“
Das hatte er damit nicht gemeint, aber wenigstens klang sie jetzt eher aufgebracht als traurig.
„Weihnachten will ich nicht unter völlig fremden Leuten in einem stickigen Club verbringen, sondern mit meiner Familie und beim Sterneschauen!“, brach es aus ihr hervor. Dann wurde sie plötzlich rot. „Tut mir Leid, Sting-sama. Ich wollte nicht…“
Er zuckte mit den Schultern. „Mach dir keinen Kopf.“ Rogue warf ihm regelmäßig schlimmere Dinge an den Kopf und entschuldigte sich nie dafür. Umgekehrt war es natürlich genauso. Bei Yukinos Problem konnte er ihr jedoch nicht helfen, er konnte schließlich nicht ihre Schwester herbeizaubern.
Aber…
Vielleicht etwas anderes.
Behutsam hob er die Hände mit den Handflächen nach oben und versuchte etwas, das er noch nie mit seiner Magie gemacht hatte, da es ihm nutzlos erschienen war. Aber Weißlogia hatte ihm auf diese Weise Gute-Nacht-Geschichten erzählt und er erinnerte sich noch gut, wie er immer darum gebettelt hatte, und auch an das Gefühl der Geborgenheit, wenn er eingekuschelt zwischen den großen Pranken des Drachen gelegen und dem Schauspiel zugesehen hatte.
Es war nicht so leicht, wie es bei seinem Vater ausgesehen hatte, aber dann erstrahlten seine Handflächen mit sanftem Licht. Yukino schaute schweigend und mit einem leicht verwirrten Gesichtsausdruck zu. Aber langsam wich dieser einem kleinen, glücklichen Lächeln, als es ihm gelang, dem Licht mehr zu entlocken als nur Helligkeit und ihm die Form eines leicht schiefen Stern zu geben. Vorsichtig brachte er ihn dazu, sich um seine eigene Achse zu drehen.
„Ich weiß, wir sind nicht deine Schwester und du wärst jetzt lieber bei ihr, aber du kannst gern zu uns kommen, wenn du magst.“, bot er an und fügte dann eilig hinzu: „Rogue kocht. Und Minerva wollte auch etwas mitbringen.“
Überrascht blickte sie ihn an und da waren Tränen in ihren Augenwinkeln. Doch sie fielen nicht und sie schniefte nur einmal. „Ich will mich nicht aufdrängen.“, erklärte sie. „Aber es bedeutet mir viel, dass du gefragt hast.“
Sting verzog gespielt beleidigt das Gesicht und wedelte unvorsichtig mit der Hand, was den Lichtstern zerstörte. „Du drängst dich nicht auf. Ich habe gefragt.“ Damit sprang er von seinem Platz auf und zog sie auf die Füße. „Die anderen werden sich auch freuen, dass du kommst.“
Yukino blickte noch immer zweifelnd drein. „Aber… Es ist so kurzfristig! Und ich habe gar nichts zum Mitbringen und auch keine Geschenke und…“
„Dass du kommst, ist genug.“, bestimmte Sting, eine Grimasse über die Kitschigkeit seines eigenen Satzes ziehend, und schob sie an den Schultern auf die Tür zu. „Fro wird sich zu Tode freuen.“ Jemanden mit Frosch zu bestechen war unfair und half immer. Niemand wollte die kleine Exceed enttäuschen.
Wie erwartete gab auch Yukino auf. „Also gut. Ich freue mich auch.“
Als Sting draußen das Eingangstor zur Gilde abschloss, wandte sie den Blick vom noch immer bedeckten Himmel ab, den sie wohl nach ein paar echten (und im Moment unsichtbaren) Sternen abgesucht hatte. „Danke, Sting-sama.“ Ihre Augen glänzten, aber diesmal nicht von Tränen, und sie lächelte breit.
Sting grinste zurück und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu dem kleinen Haus, das die Zwillingsdrachen und ihre Exceed teilten. „Kein Problem. Wir sind immerhin auch irgendwie sowas wie eine Familie, oder?“
4. Türchen | Perfektes Geschenk * Romendy
Wendy zitterte vor Anspannung und in ihrem Bauch hatte sich ein seltsames Kribbeln ausgebreitet, das sie nervös machte. Ihre Hände schwitzten. Mit leichtem Unwohlsein starrte sie das große Gebäude vor sich an und schluckte. Dann holte sie tief Luft und versuchte, sich Mut zuzusprechen.
Warum war sie eigentlich so nervös? Sie war schon in weit schlimmeren Situationen gewesen. Sie hatte Kämpfe bestanden, war allein durch die Welt gereist und wusste, wie es war, in das Antlitz eines Dämons zu starren. Das hier war dagegen ein Kinderspiel. Gar nichts im Vergleich zu den Gefahren, die sie schon überstanden hatte. Trotzdem ging das Gefühl nicht weg.
„Auf in den Kampf. Du schaffst das.“, flüsterte sie sich leise zu und gab sich einen Ruck, damit sie endlich auf die Eingangstür des Einkaufszentrums zuging und durch diese hindurchschlüpfte. Wohlige Wärme schlug ihr entgegen, gemeinsam mit lautem Stimmengewirr und dem Gedudel von generischer Weihnachtsmusik.
Helles, aber freundliches Licht durchflutete die Anlage und ließ einen guten Blick auf die Auslagen und in die Läden zu, die sich hier aneinanderreihten. Das Angebot in der erst im Sommer eröffneten Ladenstraße, deren Bau ein Jahr nach dem Kampf gegen Alvarez begonnen hatte, war überwältigend. Wendy fand immer wieder etwas Neues und doch eher selten etwas, das sie wirklich brauchte.
Langsam schlenderte sie an den Geschäften vorbei, unschlüssig, wo sie beginnen sollte. Sie hatte gehofft, dass ihr irgendetwas ins Auge fiel, dass sie einfach etwas fand – denn darüber hinaus hatte sie keinen Plan. Ihr war einfach keine Idee gekommen für das perfekte Geschenk für Romeo. Die ganze Woche hatte sie Charle schon damit genervt, die ihr schließlich bis an den Rand ihrer Geduld strapaziert erklärt hatte, dass sie diesen Tag mit Happy und Lily verbringen würde. Aber natürlich war das Ganze nicht so einfach, wie sie sich das vorgestellt hatte.
„Oh… Hi, Wendy!“, riss sie plötzlich eine bekannte Stimme aus den Gedanken und sie fuhr auf. Sie brauchte nur einen Moment, um ihn zu entdecken. Romeo drängte mit einem breiten Grinsen auf den Lippen durch die Menge auf sie zu und sie fühlte, wie sie sofort rot wurde. Sie hoffte, dass es nicht zu auffällig war.
„Ich hab gar nicht erwartet, dich hier zu treffen!“, erklärte der junge Magier, inzwischen schon fünfzehn und einen ganzen Kopf größer als sie nach dem Wachstumsschub, den er vor kurzem durchgemacht hatte.
„Hi.“, sagte sie. „Ich … ich hab gar nicht gewusst, dass du heute hier bist.“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich versuche, ein paar Weihnachtsgeschenke zu finden. Du auch, hm?“ Sein Grinsen war wieder da und ihr Herz schlug plötzlich so stark, als wollte es ihr aus dem Brustkorb springen, und in ihrem Bauch rumorte es noch schlimmer als vorher. Warum hatte er auch diese Wirkung auf sie?
„Äh… Ja…“, antwortete sie lahm.
„Gut! Dann will ich dich nicht weiter aufhalten. Wir sehen uns dann in der Gilde!“ Damit verschwand er nach einem kurzen Winken in der Menge.
„Bis dann…“, murmelte sie, doch er hörte sie schon gar nicht mehr. Irgendwie fühlte sie sich jetzt noch weniger gut. Natürlich wollte sie ihn nicht dabei haben, wenn sie nach einem Geschenk für ihn suchte, aber einfach so stehen gelassen zu werden…
Sie zuckte mit den Schultern, schüttelte das ungute Gefühl ab und setzte ihren Weg fort. Die nächste Stunde verbrachte sie damit, in Läden hinein und wieder hinauszuwandern. Sie blätterte durch Bücher, besaß sich magische Artefakte und wühlte sich sogar durch Kleidung, aber nichts erschien ihr passend.
Stattdessen fand sie kleine Geschenke für andere Leute, Lucy, Natsu, Gajeel… Juvia und Levy waren immer leicht zufrieden zu stellen und für Charle fand sie ein paar hübsche, ungewöhnliche Schleifen und Haarspangen, die sie zu dem Geschenk packen konnte, das sie sowieso schon hatte.
Aber nichts für Romeo.
Immerhin sollte es perfekt sein. Es sollte ihm zeigen, dass er etwas Besonderes für sie war. Dass er einen ganz speziellen Platz in ihrem Herzen hatte und…
„Hi, Wendy!“ Seine Stimme riss sie schon wieder aus den Gedanken und sie quietschte erschrocken auf und ließ das Buch fallen, das sie sich gerade nachdenklich ansah.
Sie drehte sich um und blickte zu ihm hoch. „Oh… Hey, Romeo. Schon wieder.“ Sie lächelte schief. „Lange nicht gesehen.“
Er grinste und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Kann man so sagen. Und, erfolgreich gewesen?“ Er blickte zu ihren Tüten hinunter, die neben ihren Füßen standen.
„Ein wenig.“, gestand sie. Obwohl die Hauptsache noch fehlte, der Grund, warum sie überhaupt losgezogen war. Nicht, dass die anderen Geschenke unwichtig wären oder dergleichen. Aber… „Und du?“
„Nicht so richtig.“, gestand er. „Irgendwie mag mir nichts passend erscheinen.“
„Soll ich dir helfen?“, bot sie spontan an. Dumme Idee, schalt sie sich. So findest du gar nichts mehr! Und sie wusste nicht, ob sie noch einmal Zeit hatte, einkaufen zu gehen, immerhin würde sie am nächsten Tag mit Juvia und Gajeel auf einen Auftrag gehen, der sich einige Zeit hinziehen würde.
„Äh… Danke, aber ich glaube, ich sollte das lieber alleine tun.“, wehrte er ab, einen leichten Rotschimmer auf den Wangen. Er schien verlegen zu sein.
„Oh… Okay.“, antwortete sie und bückte sich, um ihre Taschen aufzusammeln. Warum wollte er sie partout nicht dabei haben? Nervte sie ihn? „Dann will ich dich nicht weiter stören. Bis später.“
„Bis … später.“, antwortete er verdutzt.
Sie tauchte ein in die Menge und fragte sich, ob es überhaupt etwas brachte, wenn sie ein Geschenk fand. Immerhin schien er nicht wirklich in ihrer Nähe sein zu wollen, auch wenn er sich jedes Mal zu freuen schien, wenn sie sich trafen. Egal, entschied sie und setzte ihre Odyssee fort, jetzt war sie schon hier und Fairy Tail-Magier waren nichts, wenn nicht starrköpfig und geradeaus.
Aber es half und half nichts. Egal, wo sie hinging, es gab einfach nichts, das ihr ins Auge fallen wollte, nichts, das sagte, Du bedeutest mir viel, ohne zu aufdringlich zu sein, nichts, das den Wunsch vermittelte, vielleicht etwas mehr zu wollen, ein zaghafter Versuch etwas zu sagen, was sie nicht aussprechen konnte. Und vor allem nichts, dass zu ihm passte und von dem sie dachte, dass es ihm wirklich und ehrlich gefallen würde.
Das einzige, was sie sah und ihr Herz höher schlagen ließ, war ein vertrauter dunkler Haarschopf, der in der Menge aufblitzte. „So sieht man sich wieder.“, begrüßte sie ihn, als sie bei ihm ankam, und er drehte sich verdutzt um und lachte dann. „Man, wir scheinen uns ja heute nicht verlieren zu können.“
Wendy schmunzelte. „Wirklich nicht.“ Sie wusste nicht, ob sie darüber traurig sein sollte oder das Gegenteil. Auf der einen Seite freute sie sich immer, wenn sie ihn sah. Auf der anderen Seite war es heute ziemlich unglücklich. Warum hatte er sich auch ausgerechnet den Tag ausgesucht hierher zu kommen, wenn sie auch hier war um ein Geschenk für ihn zu besorgen?! Es gab so viele Tage im Jahr und sie suchten sich beide den gleichen aus.
„Warst du inzwischen erfolgreicher?“, wollte sie wissen und Romeo hob die Hand, in der er einige Tüten trug. „Und wie! Noch nicht alles, aber das wird schon! Und du?“
Sie hob die Schultern. „Noch immer nicht alles. Und morgen habe ich keine Zeit mehr.“
Er grinste dieses Grinsen, das ihr die Knie weich werden ließ. „Keine Sorge.“ Dabei klopfte er ihr kurz auf die Schulter. „Du kriegst das alles schon hin. Und wenn nicht, alle werden es verstehen.“
„Das will ich wohl hoffen.“ Sie blickte auf ihre Winterstiefel. Natürlich würde ihr niemand den Kopf abreißen… Aber darum ging es gar nicht! Es ging darum, ein perfektes Geschenk zu finden. Für einen Moment war es still.
„Also gut.“, begann sie dann zögernd. „Ich muss dann wieder. Tschau!“ Sie winkte ihm kurz und duckte sich in die Menge, um sich wieder ihrer Quest zu widmen. Und tatsächlich, in einem kleinen Magieladen, hineingequetscht zwischen eine große, überteuerte Boutique und das Hausmeisterzimmer, fand sie das perfekte Geschenk. Sie brauchte nur einen Moment, um zuzugreifen und es zur Kasse zu tragen, ohne überhaupt auf den Preis zu schauen.
Sie war so glücklich über ihren Fund, dass sie den Laden hüpfend verließ und auf dem Weg zum Mallausgang beinahe in Romeo hineinrannte. Keiner von ihnen war mehr über die Begegnung überrascht.
Romeo kratzte sich am Hinterkopf und druckste etwas herum, ehe er sich deutlich sichtbar einen Ruck gab. „Also… Wo wir uns schon ständig über den Weg laufen … wollen wir vielleicht zusammen einen Kaffee trinken gehen oder so?“, schlug er vor, das Gesicht knallrot und den Blick abgewandt. Er wirkte überaus unsicher und ebenso niedlich.
Wendy allerdings wusste, dass sie ebenso rot war, trotzdem nickte sie eifrig. „G-Gerne.“, stotterte sie und augenblicklich hellte sich sein Gesicht auf. „Echt?! Cool! Äh… Okay! Ich meine… Lass uns gehen.“ Er streckte die Hand aus, offensichtlich eher aus Reflex, denn er wurde sofort wieder rot, als er es bemerkte, und wollte sie wieder zurückziehen.
Aber Wendy griff beherzt zu und hielt ihn fest. „Kennst du das kleine Café am Kardiaplatz?“, wollte sie wissen, um ihre eigene Verlegenheit zu überspielen. Seine Finger waren kräftig und warm und umschlossen ihre mit einem sanften Druck. „Sie servieren dort die besten Scones überhaupt, sie zerfallen regelrecht auf der Zunge.“
„Hört sich gut an. Geh voran!“ Er strahlte sie an und sie wagte zu hoffen, dass sie für ihn vielleicht ebenfalls etwas Besonderes war.
5. Türchen | Hässliche Weihnachtspullover * Gruvion
Juvia stellte die letzte Tasse umgedreht auf das Tablett und hob es hoch, um es vorsichtig ins Schlafzimmer hinüberzutragen. Das war ein kleines Kunststück, da es beinahe übervoll war mit Tellern und Schüsseln, auf denen sich allerlei Köstlichkeiten sammelten – Croissants und Plätzchen, Bagel und Brötchen, Honig und Marmelade, ein Stück Butter, Rührei, Räucherlachs, Bacon, die volle Kaffeekanne mitsamt Zuckerdose und was man sonst noch alles für ein gemütliches Frühstück im Bett brauchte.
Ein verführerischer Duft stieg davon auf und als sie das Tablett auf der kleinen Kommode am Fußende des gigantischen Bettes abstellte, bewegte sich bereits die Decke. Juvia gestattete sich ein Lächeln und huschte noch einmal aus dem Schlafzimmer, um zwei in rotes, mit grünen Tannenbäumen gemustertes Papier eingeschlagene Geschenke aus dem Schrank zu holen, in dem niemand ihre Weihnachtsgeschenke vermutete.
Als sie wiederkam, blickten ihr zwei Paar dunkler Augen entgegen. Lyon saß aufrecht im Bett, die Decke um die Hüften drapiert, das weiße Haar in alle Richtungen abstehend. Er hatte am Morgen immer einen eindrucksvollen Bed Head, bis er – oder Juvia – sich darum gekümmert hatte. Gray sah immer etwas verwuschelt aus, so auch jetzt, wie er unter der Decke hervorlugte, was Juvia unglaublich niedlich fand. Sie hütete sich allerdings, etwas dazu zu sagen, da er nicht begeistert davon wäre.
„Du verwöhnst uns, Juvia-chan.“, bemerkte Lyon mit einem Lächeln und half ihr, über ihn hinweg zu klettern, damit sie sich zwischen sie setzen konnte.
„Es ist Weihnachten.“, erklärte sie, als würde das alles sagen. Für sie war dies auch so. Als Kind hatte dieser Feiertag nie viel Bedeutung für sie gehabt, da sie keine Familie gehabt hatte und die anderen Kinder in den Waisenhäusern sie nie hatten dabei haben wollen.
Sie hatte stets nur zugeschaut – sehnsüchtig und voller Neid.
Darum wollte sie jetzt, da sie nicht mehr allein war, diese Zeit in vollen Zügen genießen. Am Abend würden sie in die Gilde gehen und mit allen anderen Mitgliedern von Fairy Tail feiern. Aber der Morgen gehörte nur ihnen.
„Und Juvia macht es gern.“ Damit presste sie ihm einen Kuss auf den Mundwinkel. Lyon lächelte sie nur sanft an, als könnte er ihre Gedanken lesen, und sie fühlte ihr Gesicht heiß werden.
Rasch drehte sie sich zu dem anderen männlichen Wesen im Bett um. „Aufstehen, Gray-sama! Juvia hat essen gemacht und es schneit!“ Sie strahlte auf ihn hinunter, während Lyon sich aus den Decken schälte, um das Tablett näher heranzuholen.
„Krieg ich dann auch einen Kuss?“, wollte Gray wissen, seine Stimme noch rau vom Schlaf. Juvia lachte nur, erwiderte aber den kurzen Kuss, den er ihr auf die Lippen drückte. Dann rappelte er sich gänzlich auch auf und zog auch Lyon heran, um ihn ebenfalls zu küssen.
Dann sie nahmen dankend die gefüllten Tassen entgegen, die Lyon ihnen reichte, Gray schwarz, Juvia mit Zucker. Kurz darauf waren sie in ihr Frühstück und eine scherzende Unterhaltung vertieft. Der halbherzigen Kissenschlacht, die zwischen den beiden Eismagiern entbrannte, wich sie aus, indem sie zum Fußende des Bettes kroch.
Juvia dachte zurück an all die einsamen Weihnachtstage, die sie als Kind und Jugendliche verbracht hatte. An all die Fenster, an denen sie abends vorbeigegangen war und durch die sie die Feiernden unter ihren Weihnachtsbäumen hatte sehen können. An die Sehnsucht, die sie erfüllt hatte, wenn sie all die Familien gemeinsam gesehen hatte. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, ebenfalls Eltern zu haben, Geschwister – irgendjemanden.
Jetzt war sie es, auf die alle neidisch sein durften. Sie hatte hier in Magnolia ein Zuhause gefunden, sie hatte zwei wunderbare Partner und eine Familie in Fairy Tail. Und sie war aus tiefstem Herzen dankbar dafür, wusste sie doch wie es war, wenn dies alles fehlte. Diese bitteren Erfahrungen machten alles nur noch wertvoller.
„Hey, was schaust du so?“, fragte Gray und Lyon zog ebenfalls fragend eine Augenbraue hoch.
Juvia wurde rot, auch wenn sie nicht wusste wieso, und schlug auf einmal scheu die Augen nieder. „Nichts. Juvia hat nur nachgedacht.“
„Ich hoffe, über nichts Schlimmes.“, neckte Lyon sie, aber in seiner Stimme lag ein besorgter Unterton und sie liebe ihn dafür.
Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Juvia ist so froh, dass sie euch gefunden hat.“, erklärte sie dann. „Als sie aufwuchs, war niemand für sie da und später nur Gajeel und er ist keine gute Gesellschaft, egal wie sehr er sich bemüht.“ Sie überlegte für einen Moment. „Nun, er ist jetzt besser, aber früher war er ganz unmöglich.“
Sie stand auf, um sich zwischen sie zu setzen, und warf dabei die Plätzchenschüssel um, die ihren Inhalt über die Bettdecke verteilte. „Juvia ist sehr dankbar, dass ihr über ihre Fehler hinwegseht und es trotz allem mit ihr aushaltet. Sie weiß, dass sie keine einfache Person ist“ sie hob die Hand, als beide heftig gegen ihre Worte protestieren wollten und sprach einfach weiter „aber sie bemüht sich und will einfach nur, dass ihr wisst, wie glücklich sie jetzt ist.“ Sie strahlte beide nacheinander an; Gray nahm ihre Hand und drückte sie leicht, während Lyon ihr nun seinerseits einen Kuss auf die Wange hauchte.
Aber Juvia war noch nicht fertig: „Darum hat sie etwas ganz besonderes für euch!“ Sie streckte sich um nach den beiden Geschenken zu angeln, die sie am Fußende des Bettes abgelegt hatte. Dass dabei das Hemd, das sie trug und von Gray gestohlen hatte, hochrutschte und ihre Unterwäsche entblößte, störte sie dabei nicht. Früher hätte sie sich in Grund und Boden geschämt, aber Gray und Lyon hatten bereits weit mehr von ihr gesehen.
„Hier.“ Sie reichte ihnen die beiden Päckchen.
„Ich dachte, wir wollten erst heute Abend Geschenke tauschen.“, bemerkte Lyon verwirrt, als er es entgegennahm.
„Juvia hat noch mehr für ihre Jungs!“, winkte Juvia den Einwand beiseite. Tatsächlich war das hier eigentlich nur ein kleiner Witz. „Macht auf.“
Die beiden kamen der Aufforderung nach.
Sie würde nie den halb entsetzten, halb belustigten Ausdruck auf ihren Gesichtern vergessen, als sie erkannten, was es war. Es handelte sich um Pullover und Juvia hatte sie selbst gestrickt. Sie hatte ähnliche Kleidungsstücke in Schaufenstern gesehen, noch viel auffälliger und geschmackloser, und daraufhin beschlossen, selbst welche zu machen, sorgfältig ausgewählt und gerade so auf der richtigen Seite von Lächerlichkeit, dass man sie noch tragen konnte.
Denn Juvia mochte öfter Kleidungsstücke selbst machen, ob nun genäht oder gestrickt – aber niemals derartig hässliche, grelle … Dinger. Grays war dunkelblau, verziert mit weißen Schneeflocken und tanzenden Pinguinen. Lyons war rot, mit einem Weihnachtsmann und grün besockten Elfen.
Juvia lachte laut heraus, als sie ihr identische Blicke des Unglaubens zuwarfen. „Gefallen sie euch nicht?“, wollte sie mit einem unschuldigen Augenaufschlag wissen, von dem sie wusste, dass sie ihm nicht widerstehen konnten. „Juvia hat sie selbst gemacht.“
Ihr Gesichter sprachen Bände, aber natürlich trugen die beiden ihre Pullover zur abendlichen Weihnachtsfeier. Natürlich gab es viele Scherze und Frotzeleien. Natürlich lachte Natsu darüber und natürlich fing Gray deswegen einen Streit mit ihm an. Natürlich endete die ganze Party in einer Prügelei.
Und Juvia war glücklich, dass sie hier nicht nur eine Person, sondern gleich zwei gefunden hatte, die willens war, so etwa zu tragen, nur, weil sie sich die Mühe gemacht hatte, sie zu stricken.
6. Türchen | Weihnachten im Laufe der Jahre * NaLi
Fröhliche Weihnachten, Natsu!“ Lisannas helle Stimme riss Natsu aus der grimmigen Konzentration, mit der er Schnee auf die Seite schaufelte. Immer wieder warf er Blicke zu Gray hinüber, der neben dem Schuppen stand, eilig Holz hackte und ähnliche Blicke zu seinem ewigen Rivalen warf. Wäre doch gelacht, wenn die Eisprinzessin schneller mit seiner Aufgabe fertig wäre als er!
„Bist du auch schon so aufgeregt?“, wollte das weißhaarige Mädchen wissen, als sie vor ihm stoppte, die gefütterten Stiefel mit Neuschnee gepudert und so warm eingepackt, dass kaum ihre Nase aus dem flauschigen Schal herausschaute. Ihre Hände steckten in dicken Fäustlingen.
Natsu grinste sie an. „Es gibt supertolles Essen!“, verkündete er triumphierend, als wäre das ganz allein sein Verdienst.
„Mit Fisch!“, trompetete Happy von seinem Platz auf dem Laternenmast herunter und rieb sich den Bauch. „Lecker!“
„Und Hühnchen, Burger, Bratkartoffeln und Reis. Und gebackene Äpfel! Und Plätzchen und Stol-“
Lisanna unterbrach seine begeisterte Aufzählung und riss ihn aus der Träumerei. „Du sabberst.“, sagte sie und Natsu wischte sich unwillkürlich über den Mund. „Das ist für dich!“ Damit streckte sie ihm ein unförmiges Packet entgegen, unbeholfen in rotgrünes Weihnachtspapier verpackt.
Verwirrt nahm Natsu es an. „Was ist das? Wir schenken uns doch erst heute Abend etwas.“ In plötzlicher Panik blickte er auf. Er hatte es nämlich noch nicht geschafft, das Geschenk zu besorgen. Aber warum war es nur so schwer, für Erza ein Geschenk zu finden?! „Oder?“
Sie stützte die Fäuste in die Hüften und schob schmollend ihre Unterlippe vor. „Aber ich habe dich nicht zum Wichteln gezogen! Und ich wollte dir etwas schenken. Also kriegst du es halt jetzt schon.“
Erleichtert stieß er den Atem aus und grinste sie erfreut an. „Danke!“
Über Lisannas Wangen (oder das, was von ihnen sichtbar war) breitete sich leichte Röte aus und sie wedelte ungeduldig mit den Händen. „Mach schon auf!“ In ihrer Stimme schwang ein unsicherer Unterton mit.
Das ließ er sich nicht zweimal sagen und mit Begeisterung zerriss er das Papier, das in Fetzen um ihn herum in den Schnee sank, bis er den Inhalt in den Händen hielt. Es war ein roter Drache aus Stoff, mit goldenen Flügeln. Er sah ein wenig schief und gerupft aus und offensichtlich von einem Anfänger zusammengenäht.
„Elfmann hat mir geholfen.“, gestand sie verlegen. „Und da hab ich was falsch zusammengenäht und das musste ich nochmal auftrennen und…“
Aber Natsu hörte gar nicht mehr zu. „Er sieht aus wie Igneel!“, erklärte er begeistert.
„Das ist ein Ersatz, bis du deinen Vater wieder findest.“, erklärte sie und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
Spontan umarmte Natsu sie, den Plüschdrachen unter den Arm geklemmt. „Das ist wirklich cool!“ Zufrieden hielt er sein Geschenk hoch und betrachtete es eingehend.
Hinter ihm stapfte Gray vorbei, die Axt über der Schulter. „Etwa schon müde, du lahme Ente?“, spottete er lachend.
~~*~~☃~~*~~
Es war ruhig und friedlich. Lautlos fielen große Flocken auf die sowieso schon dichte Schneedecke, die den gefrorenen Boden bedeckte. Der Friedhof war abgegrenzt von hohen Bäumen, die kahle Äste in den grauen Himmel reckten. Sie sahen beinahe schwarz aus in der hereinbrechenden Dämmerung.
Die Wege zwischen den Gräbern waren kaum zu erkennen, nur hin und wieder zogen sich Fußspuren durch den Schnee, der ansonsten ungebrochen und jungfräulich war. Die Grabsteine waren stumme Zeugen vergangenen Lebens und schwindender Erinnerungen.
Natsu kannte den Weg zu ihrem Grab, weswegen er keine Probleme hatte, ihn zu finden, auch ohne versehentlich auf fremde Ruhestätten zu treten, und seine Stiefel rissen hässliche Löcher in die weiße Decke. Happy flog bedrückt neben ihm, ausnahmsweise leise und mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Auch er vermisste ihre weißhaarige Freundin mit dem ansteckenden Lachen und den strahlend blauen Augen.
„Hey.“, begrüßte Natsu ihren Stein, als sie endlich davor ankamen. Happy landete neben ihm und seine Pfoten hinterließen winzige Abdrücke im Schnee. „Schöne Weihnachten.“
Natsu hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und trug den Drachen unter den Arm geklemmt. Dieser sah schon etwas mitgenommen aus, aber Elfmann hatte erst gestern eine Naht ausgebessert und ihn bei der Gelegenheit gleich noch nachgestopft, weil er schon bedenklich mager geworden war.
„Schau, es geht ihm noch gut.“ Vorsichtig setzte er das Stofftier vor sich in den Schnee, auf die Umrandung des Grabes, die im Moment nur als leichte Erhebung erkennbar war. „Ich habe Igneel noch nicht gefunden. Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt noch da ist.“, fuhr er fort. „Ich schaue jetzt schon seit Jahren nach ihm und kein einziges Lebenszeichen! Es ist, als wollte er gar nicht von mir gefunden werden.“
Natsu löste den Blick von ihrem mit Blockbuchstaben in den Stein gravierten Namen und legte den Kopf in den Nacken, um in den Himmel zu schauen. Außer grauen Wolken und weißen Flocken war jedoch nichts zu sehen. Dann straffte er die Schultern. „Aber noch hab ich nicht aufgegeben! Ich werde ihn schon finden!“ Er hob siegessicher die geballte Faust hoch. „Du wirst schon sehen!“
Doch sein Grinsen verschwand bald wieder. „Dieses Jahr hab ich Gray beim Wichteln gezogen. Blöde Eisprinzessin. Aber du wärst sicher stolz zu hören, dass ich das Geschenk schon letzte Woche besorgt habe!“ Er grinste und überlegte einen Moment, was er ihr noch erzählen könnte. „Mira hat wieder gekocht. Sie wird langsam echt gut darin. Du würdest sie nicht wiedererkennen.“
Er lachte leise, aber es klang gar nicht glücklich und nur sehr bitter in der abendlichen Ruhe, also hörte er wieder damit auf. „Du fehlst uns allen so.“
Wieder senkte sich Schweigen über den Friedhof und diesmal unterbrach er es nicht gleich wieder, um diese tödliche Stille zu vertreiben, die ihm immer wieder klar machte, wie sehr er sie vermisste.
Auch Happy sagte nichts – er blieb jedes Mal still, wenn sie hierher kamen. Nach einigen Minuten gab sich Natsu einen Ruck. „Naja… Schönes Fest noch. Ich muss jetzt zur Gilde zurück, sonst fangen sie ohne mich an.“ Er schenkte dem Stein noch ein letztes Lächeln, nahm seinen Drachen wieder auf und ging. Happy folgte ihm schweigend und mit einem traurigen, kleinen Winken in die Richtung ihres Grabes.
Aus der Ferne klangen Kirchenglocken zu ihnen herüber.
~~*~~☃~~*~~
„Oh mein Gott, hast du den immer noch?!“ Lisannas erfreut-erstaunte Stimme ließ Natsu aufhorchen.
„Was?“, wollte er wissen und ließ die Schneeschippe sinken, mit der er gerade versuchte, den Hof von Schnee zu befreien. Aber aufgrund der Tatsache, dass immer mehr Schnee in rasantem Tempo vom Himmel fiel, war das ein aussichtsloses Unterfangen. Warum hatte er überhaupt mit diesem Blödsinn angefangen?! Ach ja, weil seine Verlobte ihn darum gebeten hatte. Da sie ihn aber jetzt ablenkte, war es ihre Schuld, dass er die Aufgabe nicht beendete, also warf er die Schaufel in eine Schneewehe und stapfte zu dem kleinen Haus hinüber.
Lisanna, die ein paar Kisten vom Speicher geholt hatte – Weihnachtsdekoration, von der er nicht wusste, wie sie dort oben gelandet war und wo sie überhaupt herkam – stand neben den halb geöffneten Boxen und hielt etwas hoch, das auf den ersten Blick wie ein unförmiger, roter Sack aussah. Auf den zweiten Blick erkannte Natsu den Stoffdrachen, den sie ihn vor Jahren geschenkt hatte. Er bestand nun beinahe nur noch aus Haut und aus seinem Hintern quollen noch ein paar Reste Füllmaterial.
„Mini-Igneel!“, erklärte sie erfreut. „Ich hätte nie geglaubt, dass du ihn so lange behältst.“
Verlegen rieb Natsu sich den Hinterkopf und zuckte mit den Schultern. Er konnte doch nichts wegschmeißen, vor allem nichts, das ihn an so wertvolle Personen erinnerte. „Ich hätte übrigens auch nie geglaubt, dass er so lange überlebt.“
„Naja. Manche Leute sind halt unkaputtbar.“
„Ich kenne da noch mehr.“ Sie lachte laut, den Kopf in den Nacken gelegt und mit funkelnden Augen. Dann legte sie ihn vorsichtig auf dem Tisch ab und kam zu ihm herüber, um die Arme um ihn zu schlingen, eine Geste, die er nur zu gerne erwiderte. Ihr lieblicher Duft erfüllte seine Nase und er beugte sich zu ihr herunter, damit sie ihn küssen konnte.
„Was hältst du davon, wenn wir ihn nachher etwas aufpäppeln? Ich weiß, wer sich darüber freuen wird.“ Damit legte sie seine Hand auf ihren sich wölbenden Bauch, der trotz des weiten Pullovers bereits sichtbar war.
Natsu konnte nicht anders, er musste sie einfach noch einmal küssen.
7. Türchen | Coming Home For Christmas * Gildartz & Cana
Draußen war es bitterkalt, doch der Alkohol wärmte Cana von innen. Um das Gefühl zu verstärken, nahm sie einen langen Schluck aus der Sakeflasche in ihrer Hand. Sie war nicht betrunken – nur angeschwippst genug, um die Nacht als sternenklar und schön zu empfinden, anstatt als widerlich eisig, um die Weihnachtsmusik im Gebäude nicht als kitschig, sondern erheiternd anzusehen, und um der Enttäuschung den schmerzhaften Stich zu nehmen.
Es war Heilig Abend – der erste seit Tenroushima und den sieben Jahren und seit Gildartz wusste, dass sie seine Tochter war.
Und er war nicht da.
War Weihnachten nicht ein Fest der Familie? Sollte man das nicht mit seinen Lieben verbringen, Geschenke tauschen oder einfach nur die Gesellschaft der anderen genießen? Sollte man nicht zumindest von sich hören lassen?
Sie hatte wirklich gedacht…
Warum hatte sie sich eigentlich Hoffnungen gemacht? Er tauchte doch auch sonst nie auf.
Sie seufzte und zog fröstelnd ihren Kragen zusammen. Jetzt wurde ihr doch langsam kalt, trotz des Alkohols, den sie auf Vorrat mitgenommen hatte, und sie nahm erneut einen tiefen Schluck. „Blöder Gildartz!“, knurrte sie und wäre die Flasche leer gewesen, hätte sie sie an die Wand geschleudert.
Es hätte sie eh niemand gehört. Von drinnen drang die kitschige Musik auf die Straße, die sie zu Beginn des Abends noch so gestört hatte, gemischt mit den Stimmen ihrer Gildenkameraden, mit lautem Gelächter und Gegröle. Hin und wieder ertönte ein lautes Krachen, aber Erza und Mira bestanden beide auf ein friedliches Weihnachtsfest, darum wagte niemand, tatsächlich eine Prügelei zu beginnen.
Cana wäre das lieber gewesen – dann hätte sie zumindest etwas zu tun gehabt, hätte sich davon ablenken können, dass dort drin jeder die Leute um sich hatte, die ihnen am wichtigsten waren, am nächsten standen. Nur sie nicht.
Nein, das war nicht fair.
Fairy Tail war immerhin auch ihre Familie und Gildartz war nur ein Teil davon. Jeder von diesen verrückten, aufbrausenden, rabiaten, liebenswerten Leuten dort drin würde es mit Freuden aufnehmen, wenn sie sich zu ihnen setzen und mit ihnen einen trinken würde. Das war einfach, wer sie waren. Was Fairy Tail für sie alle darstellte.
Trotzdem vermisste sie etwas, es fehlte einfach ein Stück…
Wäre es zu viel verlangt gewesen, dass er ebenfalls kam? Wenigstens dieses eine erste Jahr? Offensichtlich, denn es fehlte jede Spur von Fairy Tails stärkstem und destruktivstem Magier.
Der Schnee knirschte leicht unter ihren Stiefeln, als sie sich weiter von der Tür entfernte. Ihr war noch nicht danach, in den Lärm und das Chaos zurückzukehren. Wenigstens einen Moment wollte sie noch allein sein, die Ruhe genießen und ihrer Enttäuschung Herr werden. Wieder in Partystimmung kommen.
Die Stadt lag beinahe still vor ihr, nur gedämpft drangen die üblichen Geräusche an ihre Ohren. An den Dächern und quer über die Hauptstraßen gespannt hingen Ketten von kleinen Lichterlacrimas, die einen warmen, freundlichen Schein verbreiteten. Manche waren in Formen zurecht gemacht, so dass leuchtende Sterne über den Straßen hingen, andere zogen einfach nur die Konturen von Dächern nach oder schmückten Bäume.
Der Schnee hatte sich am frühen Abend wie eine weiße Decke über die Stadt gelegt, was den Glanz und den winterlichen Zauber noch einmal noch einmal verstärkte. Eigentlich, dachte Cana, war es die perfekte Nacht für den Heiligen Abend. Eigentlich sollte sie feiern.
Sie sollte Gildartz einfach abschreiben und wieder hineingehen, sich ertränken in der fröhlichen Stimmung, der Gesellschaft ihrer Familie und dem Wein, den Mirajane für den Anlass herausgesucht hatte. Vielleicht war es ganz gut, dass er heute nicht kam – immerhin war niemand da, der Magnolia umbauen konnte, damit er nicht aus Versehen die halbe Stadt in Schutt und Asche legte. Immerhin saßen alle mit ihren Familien zuhause, mit ihren Kindern und Eltern…
Warum war sie eigentlich die einzige, die das nicht haben konnte! Wütend schleuderte sie die Flasche von sich, die klirrend an der Mauer zerschellte, und fauchte: „Du kannst mich mal!“ Dann fuhr sie herum und stampfte entschlossenen Schrittes auf die Tür zum Gildengebäude zu.
Wenn er nicht kam, sollte es wohl so sein! Na schön! Würde sie das Geschenk, das sie extra für ihn besorgt hatte, eben jemand anderem geben. Irgendwer würde sich schon finden! Wenn er es so wollte! Selber Schuld!
„Cana?“
Die tiefe Stimme ließ sie mitten in der Bewegung erstarren. Die Hand immer noch nach dem Türknauf ausgestreckt, drehte sie sich langsam um. Gildartz stand im Hofeingang, den Reisesack über der Schulter und sein langer Umhang schleifte durch den Schnee. Sein meistens sauber zurückgekämmtes Haar war leicht durcheinander, als wäre er hergerannt, eine Theorie, die durch seinen schnellen Atem bestätigt wurde.
Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie kam gar nicht mehr dazu. In ein paar langen Schritten hatte er den Hof überquert und sie in eine ungestüme Umarmung gezogen. „Cana!“, rief er noch einmal und sie konnte in seiner Stimme hören, dass er weinte, dieser rührselige Blödian.
Aber da sie ihn ebenfalls fest umarmt hielt, so als wollte sie ihn nicht wieder loslassen, was bei einem Mann von seiner Größe nicht leicht war, konnte sie nichts sagen. Er fühlte sich stark und warm an und sie merkte erst jetzt, dass ihre Hände eiskalt waren und sie am ganzen Körper zitterte. Seine Gegenwart tat gut und sie fühlte sich mit einem Mal leicht wie eine Feder. Er war doch gekommen! Sie verstärkte den Griff und fühlte sich sentimental. Aber wenigstens heulte sie nicht wie ein Baby.
Schließlich schob er sie auf Armeslänge von sich. „Ich wollte schon früher kommen.“, erklärte er. „Aber ich wurde aufgehalten. Ich bin so froh, dass ich es noch geschafft habe. Schließlich konnte ich den heutigen Tag nicht ohne dir verbringen!“
Das entlockte ihr ein Lächeln und sie vergab ihm die Enttäuschung und die Warterei von vorhin. Für dieses Jahr zumindest. „Ich bin auch froh, dass du gekommen bist.“, erklärte sie ihm und fügte dann drohend hinzu: „Aber wag es ja nicht, noch einmal so spät zum Weihnachtsfest zu kommen!“
„Wie konnte ich die beste Tochter der Welt nur warten lassen?!“, wollte er melodramatisch wissen.
„Nun, vermutlich hast du auf dem Weg eine schöne Frau getrof- Uff!“, entfuhr es ihr, als er sie noch einmal an sich zog. Für ein paar Augenblicke erwiderte sie die Umarmung, dann klopfte sie ihm auf den Rücken, als er keine Anstalten machte, sie wieder loszulassen. Ihre Füße baumelten ein Stück über dem Boden – wann war das passiert? „Ist ja gut. Du kannst mich jetzt wieder absetzen. Die anderen werden sich freuen, dich zu sehen.“
Zögerlich kam er der Aufforderung nach. Dann hob er die Hand, als sie Anstalten machte, hineinzugehen. „Ich habe etwas für dich mitgebracht.“, erklärte er und kramte ein ziemlich ramponiert aussehendes Päckchen aus seinem Reisesack. Es war in zerknittertes, blaues Papier geschlagen, auf das silberne Sterne gedruckt waren und das ein paar Risse aufwies. Als er letzteres bemerkte, wurde er leicht rot. „Es hat etwas abgekriegt.“, murmelte er. „Ich sollte…“
Sie riss es ihm aus der Hand, ehe er auf die Idee kam, es irgendwie besser machen zu wollen. „Ist okay.“, antwortete sie, ein breites Grinsen auf den Lippen. Er war gekommen, extra für sie. Und nicht nur das, er hatte ihr sogar etwas mitgebracht. Es würde nicht einmal eine Rolle spielen, was es war, allein die Tatsache, dass er an sie gedacht hatte, war ihr genug.
All die Jahre hatte sie seine Aufmerksamkeit mit allen anderen Kindern in der Gilde teilen müssen, aber niemandem hatte er je etwas zu Weihnachten geschenkt. Das war ganz allein für sie. Konnte der Abend noch besser werden?
Ungeduldig riss sie das Papier ab und enthüllte – eine dunkelgrüne Schachtel, auf der in geschwungener Schrift Nianas Confiserie stand. Dieser Laden stellte die besten Schokolade und die feinsten Pralinen von Fiore her und befand sich in Crocus, wie sie wusste. Manch einer zahlte horrende Summen dafür.
Sie warf ihm einen Blick zu, woraufhin er rot wurde und sich verlegen am Hinterkopf kratzte. Nicht, dass sie eine solch hochwertige Süßigkeit nicht zu schätzen wusste und sie war sowieso eine Naschkatze – doch trieb er sich nicht an den entlegensten, exotischsten Orten des Kontinents herum? Warum schenkte er ihr gerade Schokolade aus einer Stadt, durch die sie selbst im Jahr ein oder zwei Mal kam?
„Ich… ich habe nach dem perfekten Geschenk für dich gesucht.“, druckste er zögerlich herum. „Aber ich bin einfach nicht fündig geworden. Es schien nichts gut genug für dich zu sein.“
Außerdem hatte er wohl einfach keine Ahnung gehabt, was er ihr schenken sollte. Allerdings – was spielte das für eine Rolle? Dieses Geschenk würde ihr im wahrsten Sinne des Wortes auf der Zunge zergehen. Außerdem hatte sie, was sie sich gewünscht hatte, immerhin war er hier.
„Danke, Gildartz.“, antwortete sie und stellte sich auf Zehenspitzen, um ihn auf die Wange zu küssen, und sein Gesicht hellte sich sofort auf. Lächelnd schlang er einen Arm um ihre Schultern und gemeinsam betraten sie das Gildengebäude. Drinnen wurden sie mit lautem, begeistertem Gegröle empfangen und jeder wollte einen Teil von ihm, aber Cana war die, die die ganze Zeit an seiner Seite blieb.
8. Türchen | Weihnachtsball * Freejane
Lamia Scale hatte mal wieder keine Kosten und Mühen gescheut, um ihren jährlichen Juleball zum größten, grandiosesten Ereignis der Saison zu machen. Die hohe Festhalle mit den deckenhohen Bogenfenstern war weihnachtlich geschmückt, aber ohne in Kitsch abzugleiten. Girlanden aus Immergrün, Tannenzweigen und sanft leuchtenden Lichterketten zogen sich an den Wänden entlang. Auch das erlesene Buffet am Stirnende des Saales war mit einer ähnlichen Dekoration versehen.
Ein Dutzend mit roten Kugeln und goldenem Lametta geschmückte Weihnachtsbäume war dezent im Raum verteilt und auf einem jedem saß ein Engel in Weiß und Silber wie eine Krone. An den Wänden standen hohe Cocktailtische, die mit Spitzendeckchen bedeckt waren und auf denen adrette kleine Dekorationen standen.
Die gleißenden Deckenlichter blieben heute dunkel, stattdessen leuchteten sich drehende Lacrimakugeln wie kleine Sterne unter den dunkelblauen Tüchern, mit denen die Decke verhängt worden war. Gemeinsam mit den Lichterketten tauchten sie die Halle in ein dämmriges Licht, doch hell genug, dass man noch die meisten Farben erkennen konnte, wenn auch etwas verzerrt.
Ruhige Musik erfüllte den Saal mit den Klängen von Streichern, Klavier und Flöten. Darunter mischten sich die zahlreichen Stimmen der Gäste, Gelächter und die Schritte der Tanzenden. Fiores Gilden waren geladen und viele waren dem Ruf gefolgt, nicht nur Fairy Tail – auch Mermaid Heel, Blue Pegasus, Sabertooth und selbst einige der Jungs von Quatro Cerberus hatten sich eingefunden.
Mirajane stand neben einem der Stehtische, ein Glas mit Champagner in der Hand, an dem sie immer wieder nippte. Langsam ließ sie den Blick über die festlich gekleideten Anwesenden gleiten, die den Saal füllten. Die Tanzfläche war gefüllt mit Pärchen, die darüber schwebten oder taumelten, je nachdem, wie bewandert sie in der Kunst des Tanzes waren. Keiner ließ sich jedoch den Spaß an der Tätigkeit nehmen.
Elfmann wirkte eher wie ein Stier im Porzellanladen und hin und wieder war Evergreens Stimme zu hören, die ihn schalt und ihn ermahnte, ihr nicht ständig auf die Füße zu treten. Ihre eigene Anmut war kaum erkennbar durch seine eher tollpatschig wirkenden Versuche, doch sie löste sich nicht von ihm und ließ sich Lied um Lied durch die Menge wirbeln.
Weiter entfernt entdeckte sie Gray und Juvia, die erstaunlich elegant waren und miteinander natürlich sehr gut aussahen, ganz so wie Mirajane es vorhergesehen hatte, ehe sie ihre kupplerischen Fähigkeiten für gute Taten genutzt hatte. Das selige Lächeln auf Juvias Gesicht und die Tatsache, dass die beiden anscheinend die Augen nicht voneinander lösen konnten, sagten das ihrige.
Ren und Sherry, seit dem Herbst verheiratet, stahlen allen die Show, was das Tanzen anging. Doch Loke und Lucy waren gemeinsam auch nicht ohne, genau wie – überraschenderweise – Lyon und Meredy, wie auch immer die zusammengefunden hatten. Laxus und Minerva waren ein bizarrer Anblick, aber sie wirkten seltsam elegant und Mirajanes Gedanken überschlugen sich bei diesen Möglichkeiten.
Natsu und Romeo plünderten währenddessen Seite an Seite das Buffet, das allerdings unerschöpflich schien, denn kaum war eine Platte geleert, wurde sie beinahe wie durch Magie durch eine gefüllte ersetzt. Wenn Mirajane nicht Sherry einmal dabei erwischt hätte, würde sie tatsächlich glauben, dass jemand eine sorgfältig ausgearbeitete Zauberkraft dafür verwendete.
In der Nähe hatten Chelia und Wendy die Köpfe zusammengesteckt, warfen Blicke zu den beiden Jungs und kicherten immer wieder. Happy war ganz begeistert von dem Fisch und versuchte hin und wieder, Charle einen davon anzudrehen, die davon so beeindruckt war wie bei jedem früheren Versuch.
Vielleicht sollte die Take Over-Magierin dem armen Kater endlich mal ein paar Tipps geben, wie er die spröde Exceeddame doch von seinen Qualitäten überzeugen konnte. Nachdem Gray und Juvia ein solcher Erfolg gewesen war, könnte sie noch einmal für das Gute in ihre Trickkiste greifen.
Mirajane machte sich eine Notiz im Hinterkopf und ließ den Blick weiterwandern, entdeckte Sting und Rogue, die etwas abseits miteinander sprachen, während ihre Exceed sich zu Lily und Charle gesellten. Gajeel stand neben Levy und schien sie von etwas überzeugen zu wollen, während sie versuchte, ihn davon abzuhalten.
Mirajane nahm ohne große Sorgen an, dass es sich um die Musik drehte und der Dragonslayer sich für die beste Person hielt, die Stimmung etwas anzufeuern. Er würde früh genug merken, dass seine Gitarre in Magnolia zurückgeblieben war. Aus Versehen natürlich.
Im hintersten Eck des Saales entdeckte sie Erza, die mit einer Person sprach, die halb von einem Weihnachtsbaum verdeckt wurde. Erst, als Erza sie beinahe aus dem behelfsmäßigen Versteck auf die Tanzfläche zerrte, erkannte Mirajane Jellal – aber das hätte sie sich denken können, nachdem auch Meredy anwesend war.
„Was stehst du hier so allein am Rand herum?“, erkundigte sich eine bekannte Stimme von der Seite und sie drehte sich überrascht zu Freed um. Er trug einen eleganten Anzug und hatte das grüne Haar im Nacken mit einer Schleife zusammengebunden. Vorhin hatte sie ihn mit einem Glas Wein gesehen, vornehm und galant wie immer, wie er mit einer jungen Dame aus Mermaid Heel gesprochen hatte.
Mirajane wäre am liebsten hinübergegangen und hätte ihn auf die Tanzfläche gezerrt, doch er hätte ihr das nicht gedankt. Inzwischen hatte er Glas und Gesellschaft abgelegt und lächelte nun sie an. „Ich hätte gedacht, du wärest in der Menge und würdest keinen Tanz auslassen.“
Sie erwiderte sein Lächeln charmant und nippte noch einmal an ihrem Champagner. „Man muss eben auf den richtigen Partner warten können.“
Er stellte sich neben sie um ihrem Blick über die Leute folgen zu können. „Der Gedanke kam mir vorhin auch.“, erklärte er und der bedeutungsvolle Ton in seiner Stimme zeigte ihr, dass er über mehr sprach als nur einen Tanz an Lamia Scales alljährlichem Weihnachtsball. „Auch wenn es nicht immer leicht ist, ihn zu finden.“
„Hm-hm.“, stimmte sie mit einem Lächeln zu; sie wusste ganz genau, wer das für sie war. Und anscheinend hatte sie sich geirrt, als sie gedacht hatte, dass das Gefühl nicht erwidert wurde. Oder doch nicht?
„Aber hier scheinen ja einige zusammengefunden zu haben, die diese Person für sich gefunden haben.“, bemerkte Freed und seine Stimme klang unglaublich nah. Als sie aufblickte, bemerkte sie, dass er nicht mehr auf die Tanzenden blickte, sondern auf sie herunter und seine grünen Augen funkelten.
Sie errötete – es war eine Sache zu wissen, mit wem man tanzen wollte, eine ganz andere, so plötzlich die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. „Willst du tanzen?“, fragte sie ihn und blickte ihn unter halb gesenkten Lidern an. Sie lächelte kokett, als seine Wangen sich rot färbten, was dies noch einmal verstärkte.
Doch Freed nahm ihr bereits das Glas aus den Fingern und stellte es auf dem Tisch ab. Dann nahm er ihre Hand und führte sie hinaus auf die Tanzfläche. Mirajane ließ es sich mit dem Lächeln gefallen und legte ihm die Hand auf die Schulter.
9. Türchen | Weihnachtsmuffel * Yukino & Rogue & Frosch
Skiadrum hatte sich nie um die Feiertage der Menschen gekümmert. Also war Rogues erste Begegnung mit Weihnachten gewesen, nachdem sein Vater ‚gestorben‘ und er allein auf der Welt gewesen war – hungrig, kalt und unerwünscht. Natürlich erinnerte Rogue sich nicht mit Nostalgie an diese Zeit zurück und Phantom Lord hatte keine besseren Erinnerungen hinzugefügt.
Aber es war immer schmerzhaft gewesen, andere Leute in dieser Zeit so fröhlich zu sehen – ihr Lachen, die Vorfreude. Ja, selbst die Streits, hervorgerufen durch Stress, wünschte er für sich, da das bedeuten würde, dass da jemand anderes bei ihm wäre. Und natürlich all die heilen Familien, mit ihren arglosen, nichtsahnenden Kindern, die nicht wussten, wie weh es tat, dem sterbenden Vater den Gnadenstoß zu geben.
Weihnachten war für ihn zu etwas geworden, was das alles symbolisierte – den Tod, den Verlust, den Schmerz. Er vermied es, so gut wie er konnte, etwas damit zu tun zu haben. Das war am einfachsten.
Frosch auf der anderen Seite – Frosch liebte Weihnachten.
Den Kitsch, die Geschenke, die Plätzchen, den Schnee, die Lichter, den Baum, den Schmuck, die… Diese Liste war endlos und Rogue hatte dieses Jahr keine Chance, Weihnachten auszuweichen. Seine Laune war auf dem Nullpunkt, auch wenn er versuchte, es der kleinen Exceed nicht zu zeigen, denn das würde sie traurig machen und er würde alles tun, um das zu verhindern.
Er spielte inzwischen sogar mit dem Gedanken, sich eine wochenlange Solomisson zu suchen, Sting Frosch in die Hand zu drücken und erst nach Neujahr wieder in Sabertooth aufzuschlagen. Dummerweise hatte Sting sich selbst verabschiedet und war mit Lector auf ein Gildenmeistertreffen verschwunden.
„Wenn du so ein langes Gesicht ziehst, merkt sogar Frosch-sama, dass etwas mit dir nicht stimmt.“, bemerkte Yukino neben ihm amüsiert und blies in ihren Glühwein.
Sie standen unter dem vorspringenden Dach eines der zahlreichen Fressstände, die auf dem Weihnachtsmarkt Platz gefunden hatten, umgeben von lachenden Menschen, kitschigen Angeboten, fettigem Essen und dudelnder Weihnachtsmusik, die ihm auf die Nerven ging. Frosch hockte einige Schritte weit entfernt auf einem Zaun und schaute einigen Lämmchen beim Spielen zu. Rogue überlegte, ob sie heute Abend Hammel zum Essen machen sollten, auch wenn er wusste, dass er ihr das nie antun würde.
„Sie ist zu beschäftigt.“, erklärte Rogue kurz angebunden und Yukino blickte kurz zu besagter Exceed hinüber. „Sie ist nicht dumm. Erst recht nicht, wenn es um dich geht. Was ist mit dir eigentlich los? Du bist noch viel miesepetriger als sonst.“
„Ich bin nicht…“, grummelte er und verstummte dann. Verdrießlich starrte er in die Menge, die sich an ihm vorbeischob, junge Pärchen, die sich in den Armen lagen, Mädchencliquen, die sich dauerkichernd und flüsternd von Stand zu Stand schoben, Gruppen von Jungs, die nicht weniger aufgekratzt waren, ältere Paare Hand in Hand und natürlich Familien. Familien mit schlafenden Babys, mit aufgeregten Kleinkindern, mit Teenagern, die gar nicht dabei sein wollten oder ihre Eltern aufgeregt mit sich von einer Bude zur nächsten zerrten.
Yukino stieß ihn sachte an und warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Ich mag Weihnachten nicht.“, erklärte er mürrisch.
„Das habe ich gemerkt.“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Aber warum?“
Es gab so viele Antworten auf diese Frage: weil das Fest längst verdorben war, fernab von seinem ursprünglichen Sinn. Weil er diese aufgesetzte Fröhlichkeit hasste, die Verlogenheit der Leute, die jetzt heile Welt spielten und danach zu ihrem Alltagstrott zurückkehrten und Familien, die sich doch nicht ganz so gut verstanden. Weil es verdammt noch mal überall war und er sich nirgendwo verstecken konnte.
Aber die schlichte Wahrheit war… „Weil ich das nie haben konnte.“
Sie starrte ihn erschüttert an und in ihren Augen konnte er sehen, wie die Gedanken durch ihren Kopf rasten. Auch sie hatte ihre Familie früh verloren, die Eltern und ihre große Schwester, doch sie hatte noch Erinnerungen an sie und an Weihnachten und Sternegucken und lange Nächte unter dem wolkenlosen Firmament.
Eigentlich hatte er das gar nicht laut aussprechen wollen. Es ging sie nichts an, war ein Teil seiner hässlicheren Seite, die Eifersucht und der Neid, die er niemals loszuwerden schien und immer wieder ihre abstoßenden Häupter hoben.
Beschämt wandte er sich ab. Er wollte diesen fremden Kindern, die um ihn herumwuselten, ihre schöne Zeit nicht neiden. Er missgönnte ihnen das nicht. Er wollte es nur nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen.
Neben ihm stellte Yukino ihren Glühweinbecher auf dem Stehtisch ab und trat dann direkt neben ihn. „Hey.“, sagte sie und stieß ihm leicht den Ellbogen in die Seite. „Es ist okay, jemanden zu beneiden, weißt du?“
Rogue schob die Hände in die Jackentaschen und zuckte mit den Schultern. Das sagte sich so einfach. Aber für ihn war es viel weitreichender und er wusste, wie sehr es den Schatten nährte…
Yukino blickte ihn nachsichtig an und meinte dann: „Skiadrum mag nicht mehr da sein, aber es ist noch nicht zu spät, ein Familienfest zu genießen. Erstmal lächeln, Rogue-sama.“ Sie machte eine Bewegung mit ihren Zeigefingern, die ein Hochziehen der Mundwinkel andeuten sollte. Dann seufzte sie, als sich in seinem Gesicht absolut nichts regte. „Oder du kannst weiterhin der Weihnachtsmuffel sein, der allen Leuten die Laune verdirbt.“
„Ich verderbe nicht…“, protestierte Rogue lauter als gewollt, doch sie fuhr ihm mit einem Zischen dazwischen und ließ ihn einfach stehen, um zu Frosch hinüberzugehen.
„Hey, bist du bereit, weiterzugehen?“, wollte sie von der kleinen, grünen Katze wissen, die nun aufblickte und mit hoch ausgestreckten Händen erklärte: „Fro möchte ein rotes Kostüm.“ Rogue seufzte tief. Auch das noch. Eigentlich verlor er mit Frosch nie die Geduld, aber ihre konstante Begeisterung für alles Weihnachtliche stellte ihn doch gehörig auf die Probe.
„Ich bin sicher, das wird sich einrichten lassen.“, erklärte Yukino und nahm die Exceed auf die Arme. „Aber wie wäre es erst einmal Rogue eine Mütze besorgen?“
Entsetzt horchte er auf, doch es war schon zu spät. „Jaaah!“, rief Frosch begeistert auf und schwang sich in die Luft, um sich dann auf seiner Schulter niederzulassen, und verwuschelte seine Haare. „Fro denkt auch so.“
„Ich habe da hinten einen Stand mit Mützen gesehen.“ Yukino deutete in die Menge.
Geschlagen folgte Rogue ihr in die angegebene Richtung, hinüber zu einer gigantisch großen Bude, die vollgestopft war mit allen möglichen und möglichst warm haltenden Kopfbedeckungen. Frosch stürzte sich mit solch enthusiastischer Begeisterung darauf, dass Rogue am liebsten kehrt gemacht hätte. Doch das war ihm nicht möglich, ohne sie zu enttäuschen.
„Nicht so böse ausschauen, Rogue-sama.“, schalt Yukino ihn freundlich und begann selbst, die Waren zu inspizieren. Frosch suchte alle möglichen Kopfbedeckungen heraus, die immer grausiger und grausiger wurden. Von roten Weihnachtsmützen über Bommelmützen bis hin zu Kappen mit Tierohren oder künstlichen Haaren aus Wolle, die zu seltsamen Frisuren geformt waren, war alles dabei.
Sie bestand darauf, dass er jede einzelne anprobierte und Rogue bemühte sich, nicht allzu verdrießlich dreinzuschauen, als er dem nachkam. Yukino jedenfalls schien ihren Spaß dabei zu haben; jedes Mal, wenn er einen flehenden Blick zu ihr hinüberwarf, verbiss sie sich ein Lachen.
Frosch war besonders energisch, wenn es um Mützen in, wer hätte es gedacht, Froschform ging. Rogue fühlte sich jedes Mal, wenn er gegen sie ein Veto einlegte, wie ein immer größerer Spielverderber. Aber wenn er damit in der Gilde auftauchen würde, würde Sting ihn bis an sein Lebensende damit aufziehen.
Schließlich reichte Yukino ihm eine simple, schwarze Beanie, die überraschenderweise gar nicht schlecht aussah. Um endlich hier wegzukommen, kaufte er sie, schnappte sich seine Exceed und floh aus der Bude und vom Weihnachtsmarkt.
Yukino folgte ihm grinsend und ihre Augen tanzten. „Gib’s zu, du hast auch etwas Spaß gehabt, hm?“, meinte sie. „Wenigstens ein ganz kleines bisschen?“
Er zeigte ihr mit Daumen und Zeigefinger, die er in kurzem Abstand zueinander hielt, wie viel. „Ein bisschen. Vielleicht.“, verkniff er sich ein Lächeln und zog seine neue Mütze weiter über die Ohren. Schön warm war sie wenigstens.
Frosch jedenfalls war begeistert davon und im Grunde reichte das schon, um ihm ein Lächeln zu entlocken. Mit Weihnachten würde er sich deswegen trotzdem nicht anfreunden.
1o. Türchen | Eislaufen * GrayLu
Wütend kickte Lucy einen Stein davon, der ein paar Schritte purzelte und dann in einer Schneewehe stecken blieb. Wütend stampfte sie mit dem Fuß auf. Heute konnte auch gar nichts klappen!
Dabei hatte der Tag so gut angefangen, sie hatte ausgeschlafen und nach dem ausgiebigen Frühstück beschlossen, heute mal ausnahmsweise nicht in die Gilde zu gehen. Erst am letzten Tag war sie von einer längeren Mission gemeinsam mit Erza zurückgekommen. Da Natsu nicht dabei gewesen war, hatte es nur minimale Zerstörung gegeben, was bedeutete, dass sie die gesamte Belohnung unter sich hatten aufteilen können.
Und das wiederum bedeutete, dass Lucy für die nächsten drei Monate ausgesorgt hatte und auch noch Weihnachtsgeschenke besorgen konnte. Vielleicht sollte sie öfter mit Erza allein auf Mission gehen.
Doch aus dem ursprünglichen Plan war nichts geworden, als sie unterwegs zur Eishalle auf Natsu, Elfman und Erza getroffen war, die ihre Idee, Eislaufen zu gehen, für so gut gehalten hatten, dass sie sich ihr einfach angeschlossen hatten. Dabei hatte sie das alleine machen wollen, zumindest heute. Es war eine Erinnerung an ihre Mutter, eine Tätigkeit, der sie sich seit Laylas Tod nicht mehr hingegeben hatte. Und hin und wieder wollte sie einfach alleine sein.
Die Situation war noch schlimmer geworden, denn auf dem Weg waren Natsu und Elfman in Streit geraten und es kam, wie es mit Fairy Tail immer kommen musste: es wurde etwas zerstört.
Dumm nur, dass es sich dabei ausgerechnet um die Eishalle hatte handeln müssen. Sie hätte es ahnen sollen.
Allerdings schien Lucy selbst die einzige zu sein, die sich daran zu stören schien, denn niemand sonst sagte etwas. Diese Stadt war schon viel zu viel daran gewöhnt, dass Fairy Tail hier ihr Gildengebäude hatte, fuhr es ihr durch den Kopf, während sie fassungslos auf die rauchenden Reste der Eishalle starrte.
Dann wandte sie sich zu ihren Gildenkameraden. „Man, Natsu!“, brüllte sie den verantwortlichen Jungen an, machte kehrt und stapfte davon.
„Lucy! Jetzt hab dich nicht so!“, rief der Dragonslayer hinter ihr her. „Komm schon!“
Sie ignorierte ihn und konnte noch Erzas Stimme hören, verstand aber die Worte nicht. Wollte sie auch gar nicht. Sie wollte jetzt sauer sein! Seit Tagen hatte sie sich darauf gefreut und jetzt war alles kaputt!
In ihrem Ärger ließ sie sich von ihren Füßen tragen, wohin diese gehen wollten. Erst, als sie an einem kleinen See ankam, bemerkte sie, dass sie die Stadt bereits hinter sich gelassen hatte und quer durch die Landschaft gestapft war.
Außer ihr schien seit einiger Zeit niemand hierhergekommen zu sein. Die hügelige Landschaft war bedeckt mit Schnee, die vereinzelten Bäume und das Gebüsch, das den See teilweise umgab, waren weiß gepudert. Eisblumen zogen sich über die Stämme und irgendwo zwitscherte eine Amsel. Auf einem niedrigen Ast entdeckte sie ein Rotkehlchen, das sie aus winzigen Knopfaugen beobachtete, ehe es die Flügel ausbreitete und davonflog.
Vom klaren Himmel schien die blasse Wintersonne herunter und färbte den Schnee golden. Der Anblick war wunderschön, eine echte Winterwunderlandschaft wie aus dem Bilderbuch, und passte so gar nicht zu ihrer aufgebrachten Stimmung.
Lucy atmete tief die klare Luft ein und versuchte, sich zu beruhigen. Dann ging sie halt Schlittschuhlaufen, wenn sie die Halle wieder aufgebaut hatten. So lange würde das nicht dauern, nach all der Übung… Vermutlich würden sie Gray zum Helfen einspannen.
Trotzdem war sie enttäuscht. Sie hatte sich so darauf gefreut! Natsu, so sehr sie ihn liebte, war manchmal schon ein Idiot.
Mit einem enttäuschen Seufzer ließ sie ihre Schlittschuhe in den Schneefallen und trat zu dem See hinunter. Die Oberfläche war größtenteils mit Eis bedeckt, doch es war rau und zur Mitte hin wurde die Schicht immer dünner. Alle anderen natürlichen Wasserflächen würden vermutlich ähnlich aussehen, also fiel eine Alternative zur Halle wohl ins Wasser, was jetzt kein Wortspiel sein sollte.
„Was ist passiert?“, wollte eine dunkle Stimme hinter sie wissen und Lucy kreischte erschrocken auf und fuhr herum.
Es war Gray, der einige Meter hinter ihm stand, die Hände lässig in den Hosentaschen begraben und für Lucys Geschmack viel zu leicht gekleidet. Außer seinem Mantel, dessen Kragen mit Pelz gefüttert war, trug er nichts, was für diese Temperaturen angemessen schien. Allerdings überraschte sie dies nicht – vor ein paar Tagen hatte er ihr erst anvertraut, dass ihm als Eismagier die Kälte nichts ausmachte.
Sie verzog das Gesicht. „Nur Natsu, der mal wieder über die Stränge geschlagen hat.“, erklärte sie und errötete leicht. Warum regte sie sich eigentlich jedes Mal neu darüber auf? Sie kannte ihn doch inzwischen. „Diesmal hat es die Eishalle erwischt.“ Sie machte eine Bewegung zu ihren Schlittschuhen hinunter.
„Und dann bist du hierhergekommen, in der Hoffnung, hier laufen zu können?“ Gray blickte zweifelnd an ihr vorbei auf den See. „Das wird nicht funktionieren.“
Sie lachte verlegen und zuckte mit den Schultern. „Nein. Ich war nur so wütend, dass ich nicht aufgepasst habe, wohin ich gehe.“ Damit angelte sie nach ihren Schlittschuhen. „Ich sollte wohl wieder zurück.“
„Lass nur.“, winkte er ab. „Ich denke, ich kann dir helfen.“ Damit trat er neben sie und hob die Hände zu seiner typischen Zaubergeste. „Ice Make: Floor!“ Einen Moment später war der gesamte See bedeckt von dickem, spiegelglattem Eis, das in der Sonne glänzte. Es würde keine Probleme haben, sie zu tragen.
Spontan fiel sie ihm um den Hals und drückte ihm einen kurzen Kuss auf die Wange. „Du bist fantastisch!“, rief sie, ließ ihn los und setzte sich kurzerhand in den Schnee, um ihre Schuhe anzuziehen. Sie ließ sich von ihm aufhelfen und stakste zum See hinüber. Vorsichtig stellte sie erst einen, dann den anderen Fuß auf das Eis und stieß sich ab.
Ihre Beine wackelten unsicher und sie kämpfte ein wenig mit der Balance. Ob sie es noch konnte? Vorsichtig fuhr sie ein paar Schritte und mit jedem Meter wurde sie selbstsicherer, bis sie gekonnt um die ganze Länge des Sees herumglitt. Vermutlich war Eislaufen wie Fahrradfahren – man verlernte es nicht.
„Komm schon!“, rief sie Gray zu und strahlte über das ganze Gesicht. Sie hatte ganz vergessen, wie viel Spaß sie dabei immer gehabt hatte. Das widerstandslose, elegante Fliegen über das Eis, die Leichtigkeit, mit der sie sich fortbewegte, der Fahrtwind im Gesicht, gleichzeitig die Herausforderung, nicht doch auszugleiten und der Länge nach auf dem harten Untergrund zu landen… „Es ist herrlich!“
Der Eismagier zögerte einen Moment und machte Anstalten, einfach wieder zu gehen. Aber das würde sie nicht zulassen. Entschlossen fuhr sie auf ihn zu und winkte ihn zu sich. „Jetzt komm schon! Zusammen macht das viel mehr Spaß.“
Sonderlich überzeugt wirkte Gray davon noch immer nicht, trotzdem ging er nicht.
Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Und? Willst du mich jetzt etwa alleine lassen? Ich würde mich echt freuen, wenn du mitmachen würdest.“ Hoffnungsvoll lächelte sie ihn an und wünschte sich, er würde nachgeben. Nicht nur, weil es mehr Spaß machen würde…
„Also gut.“, gab er sich nach einem Moment geschlagen, schuf sich Kufen aus Eis direkt an die Stiefel und folgte ihr auf den zugefrorenen See. Anders als sie hatte er keinerlei Probleme damit, sein Gleichgewicht zu halten, und er wirkte auf dem Eis so sicher wie auf festem Boden.
Bald darauf fuhren sie gemeinsam ihre Kreise, mal Seite an Seite, mal gegensätzlich. Zwischendurch zeigte er ihr, wie sie am besten rückwärts fuhr und sie führte die Pirouette vor, die sie konnte, seit sie sieben war.
Lucy lachte und jauchzte und hatte so viel Spaß wie schon lange nicht mehr – was einiges bedeuten sollte, denn in Fairy Tail gab es häufig etwas zu lachen. Dass offensichtlich auch Gray seinen Spaß hatte, war nur das Tüpfelchen auf dem I und sein kleines Lächeln stahl sich in ihr Herz.
„Danke, dass du das für mich getan hast.“, sagte sie, als sie einmal nebeneinander herfuhren, und lächelte ihn an. „Das bedeutet mir viel.“
Gray antwortete nicht, nickte nur, doch auf seinem Gesicht lag ein seltsam unlesbarer Ausdruck. Unvermittelt griff er nach ihrem Handgelenk und zog sie zu sich herum.
„Huch!“, stieß sie erschrocken aus, als sie gegen seine Brust gepresst wurde, doch sie bewegten sich noch immer über das Eis, im Einklang miteinander diesmal. Lucy hatte kein Problem, sich ihm anzupassen, war nicht einmal ins Stolpern geraten.
Eigentlich wollte sie protestieren, aber als sie zu ihm aufsah, stockte ihr der Atem. Er war ihr so unglaublich nahe, dass sie seinen Atem auf der Haut spüren konnte. Seine Finger waren warm und sicher, wo er sie festhielt. Sein Gesichtsausdruck war so ernst und konzentriert, aber gleichzeitig weich und in seinen Augen stand ein so liebevoller Ausdruck, dass ihr Herz für einen Moment aussetzte.
Als er sich vorbeugte und sie küsste, reckte sie sich ihm entgegen und seufzte, ein Geräusch, das von seinen hungrigen Lippen sofort aufgenommen wurde. Seine Arme schlossen sich um ihre Hüfte und zogen sie enger an sich. Ihre Hände wanderten beinahe ohne ihr Zutun in seine erstaunlich weichen Haare und sie vertiefte den süßen, langsamen Kuss.
Als sie sich schließlich von ihm löste und ihn anlächelte, erwiderte er die Geste, einen leichten Rotschimmer auf den Wangen und mit vom Küssen gerötete Lippen. Und ihr Herz flog himmelhoch.
11. Türchen | Aurora Borealis * Zervis
Im Zelt war es beinahe so kalt wie draußen, so dass Mavis‘ Atem vor ihren Lippen zu Wölkchen gefror. Eiskristalle hatten sich auf der Plane gebildet und die Decken, die sie um sich gewickelt hatte, halfen nur bis zu einem bestimmten Punkt. Selbst die magischen Wärmsteine halfen nicht viel.
Von draußen drangen die Geräusche des nächtlichen Lagers durch die dünnen Zeltplanen, die rauen Stimmen der Soldaten, Gelächter, hin und wieder ein lauter Fluch. Dazwischen mishten sich die Laute der Tiere, Hufschläge, Wiehern und das Jaulen der Reitkatzen. Manchmal, wenn alles ganz leise war, konnte sie das Knistern des Feuers vernehmen.
Rastlos starrte Mavis nach oben gegen die Plane. Trotz der späten Stunde war sie hellwach und obwohl sie die Unterbrechung brauchte, schien der Schlaf nicht kommen zu wollen. Doch das hatte so keinen Sinn, vielleicht sollte sie einen Spaziergang machen, vielleicht würde ihr das die Ruhe geben, die sie suchte.
Diesem plötzlichen Entschluss folgend, rollte sie sich herum und setzte sich auf, die Decken zurückschlagend. Sofort drang die Kälte auf sie ein wie ein Biest und sie zog sich fröstelnd ihren Mantel heran, um ihn anzuziehen. Derartig angetan kroch sie aus der Zeltklappe heraus ins Freie.
Sie sah sich kurz um, ließ den Blick über das kleine Militärlager gleiten, in dem sie und ihre Freunde anscheinend diesen bitteren Winter verbringen würden. Die Händlergilde, in deren Sold sie im Moment standen, hatte sie abgestellt, um hier zu warten, bis der Feind vorbeikam – durch den sich in der Nähe befindenden Pass war die Chance relativ hoch und die Späher würden sie rechtzeitig benachrichtigen.
Das Camp war in eine Mulde gequetscht und sie hatten ihre Zelte geschützt unter hohen Tannen und Mammutbäumen errichtet. Die Zweige über ihnen waren so dicht, dass sie keinen Blick in den Himmel zuließen und auch den Schnee fern hielten, der außerhalb dieses schützenden Daches den Boden meterhoch bedeckte.
Doch hier sank sie kaum bis zu den Knöcheln ein und ihre nackten Füße hinterließen federleichte Spuren in der frischen Schicht, die während der letzten Stunden gefallen sein musste. Mavis wackelte leicht mit den Zehen, die seltsam warm waren, und wandte sich dann von ihrem Zelt und dem Lager ab.
Wie ein Schatten glitt sie zwischen den mächtigen Baumstämmen und den behelfsmäßigen Behausungen darunter dahin, darauf achtend, den Feuerschalen auszuweichen, die von Soldaten umgeben waren. Ihr Ziel war der Hügel, der sich hinter dem Camp erhob, ein natürlicher Schutz gegen den harschen Nordwind, der im Moment jedoch schwieg und sich nicht rührte.
Niemand schien sie zu bemerken – niemand hielt sie auf, niemand sprach mit ihr, niemand nahm überhaupt Blickkontakt mit ihr auf. Stattdessen knirschte der Schnee nur leise unter ihren nackten Füßen und über ihr raschelten die immergrünen Zweige. Hin und wieder löste sich Schnee von ihnen und fiel mit leisem Geräusch zu Boden. Der Lärm des Lagers dagegen wirkte wie von fern und dieser Eindruck verstärkte sich, je weiter sie ging.
Sie fühlte sich wie in einem Traum.
Als die Lichter der Feuer hinter ihr zu schwach wurden, um ihr noch den Weg weisen zu können, beschwor sie ein kleines, goldenes Feenlicht herauf. Es war wie ein winziger Stern, der über ihrer Handfläche schwebte und einen sanften Schein verbreitete, genug, dass sie ihren Weg vor sich sehen konnte.
Als sie wieder aufblickte, entdeckte sie einige Meter entfernt eine schlanke Gestalt, kaum mehr als eine Silhouette zwischen den majestätischen Bäumen. Mavis wollte gerade den Mund öffnen, um den Soldaten zu fragen, was er hier so weit entfernt vom Lager wollte, als sie ihn erkannte. Es war nicht viel, wonach sie gehen konnte, doch sie hatte keinen Zweifel.
Sie wusste, wer er war – das ebenmäßige, ruhige Gesicht, das so selten ein Lächeln zeigte, umgeben von glattem, schwarzem Haar, die dunklen, stets traurigen Augen… Ihr Herz schlug plötzlich schneller, überwältigt von Freude über dieses so unerwartete Wiedersehen.
Ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht und sie beschleunigte ihre Schritte, um ihn einzuholen, doch er schien vor ihr wegzulaufen. Oder hatte er sie nicht einmal bemerkt und was tat er überhaupt hier? Es war Jahre her, dass sie ihn das letzte Mal gesehen hatte…
Sie warf einen kurzen Blick über ihre Schulter zurück, doch empfand den Abstand zu den flackernden Lichtern der Feuer noch als zu gering, als dass sie einen Ruf wagen konnte. Die Soldaten sollten nicht wissen, dass sich ein Fremder so nahe an ihrem Lager befand, das würde nur zu Komplikationen führen.
Also lief sie nur schneller und noch schneller, um ihn einzuholen, bis sie rannte. Den Blick hatte sie auf den Boden gerichtet, so dass sie nicht über eine Wurzel stolpern und fallen würde, nur hin und wieder schaute sie auf, um sich zu vergewissern, dass er noch da war. Die Bäume um sie herum wurden immer weniger und das letzte Stück des Weges kämpfte sie sich keuchend und mit brennenden Lungen den offenen Hang hinauf.
Ihr Herz schien ihr aus der Brust bersten zu wollen, doch es lag nicht nur an der Kälte und der Anstrengung, und die wilde Freude war mit jedem Schritt nur stärker geworden.
Er wartete auf dem Kamm des Hügels auf sie, eine einsame Gestalt, die so fern wirkte, dass Mavis nicht einmal wusste, warum sie ihn unbedingt berühren wollte, da es doch so klar schien, dass es ihr nicht möglich war. Doch er hatte ihr Freundlichkeit gezeigt und sie Dinge gelehrt, ohne etwas dafür haben zu wollen. Er hatte ihnen geholfen, einen Krieg zu gewinnen und einen großen Sieg zu erringen. Und er hatte so einsam gewirkt, allein und verstoßen, so sehnsüchtig nach Nähe und Berührung und Gesellschaft… Ihr Herz war gebrochen für ihn.
Doch nun war er wieder da, zum Greifen nahe und endlich kam sie neben ihm an, stützte keuchend die Hände auf die Knie. Ihre Sicht verschwamm vor Anstrengung. Unter ihnen breitete sich das weite Land aus, ein wunderschönes Gebiet bedeckt mit dichtem Wald, durch den sich Flüsse wandten, die Berge im Norden, die das Ende der Welt zu sein schienen, die weite Ebene, die sich bis zum südlichen Horizont erstreckte…
In den letzten Wochen hatte sie oft hier gestanden und sie kannte all dies bereits; der Anblick war nichts Neues für sie. Doch über ihnen… Ihr stockte der Atem; sie hatte wohl davon gehört und noch mehr gelesen, doch das Bild selbst vor Augen zu haben war so ganz anders, ergreifend und faszinierend und tief bewegend.
Über ihnen zogen sich lange, sich schlängelnde Bahnen aus gleißendem Licht durch den Himmel.
Es war ein herrliches, großartiges Spiel von Farben, prächtig und von solch grandioser Schönheit, dass sie kaum zu begreifen, geschweige denn zu beschreiben war. Blaue und grüne Linien, dazwischen verschiedene Töne von Violett, erstrahlten in vollem Glanz. Sie strebten stetig gen Norden, über die Gipfel der Berge hinweg, und verschwanden dort hinter dem Horizont.
Unten noch so hell und satt, dass sie beinahe solide erschienen, wurden die Polarlichter nach oben hin stetig blasser und schwächer, so dass sie allmählich in das Schwarz der Nacht verschwanden. Sie spiegelten sich auf dem bewegten Wasser des Sees und ihre brillanten Farben reflektierten auf dem Schnee, der die Welt bedeckte. Hinter ihnen, fern und kühl, waren Händevoll von Sternen auf dem Firmament verteilt, verdeckt von den schimmernden Farben und doch immer wieder hindurchblitzend, wie hinter einem Schleier aus Licht.
Mavis‘ Mund blieb offen stehen, während sie das Schauspiel in sich aufnahm, die Anwesenheit der Person neben ihr beinahe vergessend. „Die Aurora Borealis.“, sagte seine dunkle Stimme neben ihr schließlich, doch sie konnte den Blick nicht vom Himmel abwenden. Aber er schien ihr nicht böse zu sein, denn er fügte hinzu: „Eines der größten Wunder, die unsere Welt zu bieten hat.“
„Es ist wunderschön.“, flüsterte sie und ihre Stimme klang belegt. Für einige Momente war es still zwischen ihnen. Dann nahm sie sich zusammen und riss sich von dem Anblick los, um ihn anzusehen. „Ich bin froh zu sehen, dass es dir gut geht.“, sagte sie und lächelte zu ihm hoch.
Sein Profil war bleich und verschlossen und als er zu ihr herunter blickte, spiegelte sich das Licht der Aurora Borealis in seinen Augen. Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen und er ging nicht auf ihre Worte ein, sondern fragte: „Was tust du hier?“
Verwirrt blickte sie erst ihn an, dann auf die Umgebung und schließlich in die Richtung des Camps zurück. Sie zuckte mit den Schultern „Wir verteidigen das Gebiet.“, erklärte sie und lächelte plötzlich aufgeregt. „Fairy Tail, unsere Gilde, wurde dafür angeheuert! Wir haben es nur dir zu verdanken, dass wir die Gilde gründen konnten! Wir sin-“
Aber er unterbrach sie: „Nein, ich meinte, hier, in meinem…“ Er ließ den Satz ins Nichts verschwenden und blinzelte verdutzt. „Huh.“, machte er dann, als hätte er etwas Bedeutendes realisiert.
Sie verzog verwirrt das Gesicht. „Was…?“, begann sie, doch er hob den Finger, um sie zum Schweigen zu bringen. „Lass uns einfach nur den Moment genießen, in Ordnung?“ Damit wandte er sich wieder ab und blickte hinauf in den Himmel.
Seine Haltung allerdings drückte allerdings völlige Niederlage aus, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. In einem solchen Maße hatte sie es selbst bei ihm noch nie gesehen und ihr Herz brach bei seinem Anblick, den zusammengesackten Schultern, den schlaff herabhängenden Armen, dem unglücklichen Ausdruck in seinem Gesicht.
Spontan schob sie ihre Hand in seine und drückte sie ermutigend, um ihm zu zeigen, dass er nicht allein war, dass er auf sie zählen konnte, dass er… dass er… dass es auch für ihn Hoffnung geben konnte und Glück.
Für einen Moment waren seine kalten Finger starr und unbeweglich und für diesen fürchterlichen Augenblick lang dachte sie, dass sie etwas Falsches getan hatte. Er hatte immer so unerbittlich darauf bestanden, dass niemand ihm zu nahe kam, immer auf die unerbittliche Macht seines Fluches bedacht. Vielleich war all dies wirklich ein Traum. Wie sonst konnte sie so nah neben ihm stehen?
Doch dann erwiderte er den Händedruck und das nervöse Gefühl in ihrem Magen wich einem sanften Gefühl von Frieden und Sicherheit. Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, doch sie sagte nichts und blickte ebenfalls nach oben, hinauf in den fernen Himmel, hinauf zu den weitläufig geschwungenen Bögen aus schimmerndem Licht.
Am nächsten Morgen konnte sie nicht mehr sagen, ob es nicht doch alles ein Traum gewesen war.
12. Türchen | Mistelzweig * Stingue
Oder: Three times Sting kissed Rogue because of a mistletoe (and one time because he wanted to)
❆ 1. Sabertooth ❆
Schon beim Frühstück, als er sich den Zeh angestoßen hatte, nachdem er seine Müslischüssel hatte fallen lassen, hatte Rogue geahnt, dass er heute besser im Bett geblieben wäre. Jetzt in der Gilde angekommen, wurde aus dieser Ahnung eine Gewissheit, denn wo er auch ging und stand, schienen ihn seine Kameraden zu beobachten.
Verdächtig viele Leute fragten ihn auch nach Stings Verbleib; allerdings hatte er keine Ahnung, wo sich sein Partner im Moment herumtrieb, also zuckte er jedes Mal mit den Schultern. Frosch entdeckte zwischendurch allerdings Lector und gesellte sich zu ihm, also konnte der Gildenmaster nicht weit sein.
Als Rogue Orga bemerkte, der gerade aus der großen Halle kam, machte er sich auf dem Weg zu ihm, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen. „Hey, was ist heu-“
„Bin gleich wieder da!“, unterbrach Orga ihn und stürmte mit langen Schritten an ihm vorbei. Doch kurz bevor er aus der Tür rannte, drehte er sich noch einmal um und rief: „Geh doch mal zu Yukino, sie wollte mit dir sprechen.“ Er eilte nach draußen, steckte seinen Kopf wieder in die Eingangshalle und fügte hinzu: „Sie ist an der Bar!“ Dann verschwand er wieder.
Rogue starrte ihm verwirrt nach, zuckte dann mit den Schultern und machte sich auf die Suche nach der Stellarmagierin. Seine Gildenkameraden konnten seltsam sein. Er fand Yukino dort, wo Orga ihm gesagt hatte, an der Bar, wo sie mit Rufus die Köpfe zusammensteckte und leise, aber animiert mit ihm redete. Minerva stand neben ihnen und hörte mit einem amüsierten Lächeln zu.
Sie war es, die Rogue als erstes bemerkte, und winkte ihn herüber. Die anderen beiden blickten auf und lächelten – etwas zu erfreut, wenn er das beurteilen konnte, und sogar beinahe erleichtert. Irgendetwas ging hier vor sich und er fragte sich, ob er wirklich wissen wollte, was. Vielleicht wäre es klüger, einfach umzukehren und sich wieder im Bett zu verkriechen.
„Orga hat gesagt, du wolltest mit mir sprechen?“, wandte er sich an Yukino, nachdem er die Gruppe mit einem Kopfnicken begrüßt hatte.
Die Stellarmagierin sah für einen Moment verwirrt aus. Dann fing sie sich. „Oh! Ja, natürlich!“ Sie lächelte breit, schien aber für einen Moment nicht zu wissen, was sie sagen sollte und fragte dann: „Hast du dir schon überlegt, wem du für die Weihnachtsrallye als Partner haben willst? Da Sting-sama als Gildenmaster nicht mitmachen kann und so…?“
Wenn das nicht die schlechteste Ausrede war, die er je gehört hatte, dann wusste er auch nicht. Was sollte das alles? War etwa die ganze Gilde verrückt geworden? Mit gerunzelter Stirn antwortete er: „Ich helfe Sting, hab ich dir das nicht schon gesagt?“
Yukino wurde knallrot und Minerva schüttelte resigniert den Kopf. Dann wurden sie alle durch Orgas Erscheinen gerettet, der einen entnervten Sting vor sich herschob. Orga schubste den Blonden neben Rogue und lehnte sich an die Bar. Erwartungsvoll starrten die vier sie an und sie starrten verständnislos zurück.
„Was ist jetzt?“, unterbrach Sting schließlich die Stille. Er wechselte einen Blick mit seinem Partner, aber der konnte nur unwissend die Schultern heben. Anscheinend wusste der Blonde ebenfalls nicht, was hier vor sich ging.
Rufus deutete wortlos nach oben und Yukino erklärte, errötend: „Ihr müsst euch jetzt küssen.“ Orga grinste nur.
Ahnungsvoll hob Rogue den Blick und wirklich, über ihnen an der Decke hing unschuldig ein Mistelzweig. Jetzt wurde ihm alles klar und wieder einmal bewusst, dass Orga die Subtilität einer Abrissbirne hatte. Die drei versuchten, die Zwillingsdrachen miteinander zu verkuppeln. Und wenn er sich an die lauernden Blicke erinnerte, die ihn schon den ganzen Tag verfolgten, dann war anscheinend die gesamte Gilde eingeweiht. Glaubten sie tatsächlich, dass ein einzelner, mehr oder weniger aufgezwungener Kuss zwischen den beiden Dragonslayern ihr Verhältnis zueinander ändern würde?
Sting räusperte sich. „Ist das euer Ernst?“, wollte er wissen. Er bekam nur drei breite Grinsen als Antwort. Yukino hatte zumindest den Anstand, etwas entschuldigend dreinzublicken. Die Zwillingsdrachen blickten sich gegenseitig an. Der Blonde hob fragend eine Augenbraue und Rogue starrte ihn an.
Würde er jetzt wirklich einfach so…?
Sting sah für einen Moment forschend in seine Augen, ein Mundwinkel zu einem Halblächeln hochgezogen, dann zuckte er die Schultern und beugte sich vor.
Er würde.
Rogue war wie erstarrt, aber sein Partner hatte keine Probleme und presste ihn für einen kurzen Moment die erstaunlich weichen Lippen auf den Mund. Unbeeindruckt richtete er sich wieder auf, warf den anderen vier einen überheblichen Blick zu und zog Rogue am Handgelenk mit sich in Richtung Ausgang, während er fragte: „Ich habe da einen Auftrag reinbekommen, der ist perfekt für uns. Und unsere Geldsorgen wären wir für diesen Monat dann jedenfalls los. Hast du die nächsten Tage schon etwas vor?“
Der Schwarzhaarige schloss rasch zu ihm auf und befreite seinen Arm. „Sicher, ich hole nur kurz Lector und Frosch. Den beiden fällt auch schon die Decke auf den Kopf.“
Hinter ihnen ertönte ein kollektives, enttäuschtes Seufzen. „Ein Versuch war es wert.“, hörte er Minerva sagen. Er schüttelte den Kopf. Sogar ihre kleine Lady war daran beteiligt? Ging etwa die Welt unter?
❆ 2. Lamia Scale ❆
„Danke, dass ihr so kurzfristig einspringen konntet.“, erklärte Sting und reichte Lyon die Hand, um sie zu schütteln.
Der erwiderte die Geste, aber winkte gleichzeitig mit der anderen Hand ab. „Wir konnten euch doch nicht einfach so hängen lassen, oder? Und es war ja nicht weit.“ Gemeinsam gingen die drei auf die große Tür zu, die auf die Straße führte. „Und ihr seid sicher, dass ihr für die Nacht nicht hier blieben wollt? Es ist schon ziemlich spät.“
Durch die hohen Bogenfenster war tatsächlich nur Schwärze zu sehen, ein Eindruck, der durch die helle Beleuchtung im Inneren des Hauses noch verstärkt wurde. Die Eingangshalle des Gildengebäudes von Lamia Scale war der Jahreszeit entsprechend feierlich geschmückt mit Kränzen aus immergrünen Zweigen, Weihnachtskugeln und Lebkuchenherzen an breiten, roten Bändern. Dazwischen waren Kerzen verteilt, die mit sanftem goldenen Schein brannten und eine festliche Stimmung verbreiteten.
Chelia, Sherry und Toby standen in der Nähe und tuschelten miteinander. Sie warfen dabei immer wieder Blicke zu ihnen herüber, insbesondere den beiden Gästen aus Sabertooth. Als Rogue diese erwiderte, wurde Chelia rot und Toby tat sehr auffällig, als wäre er mit etwas völlig anderem beschäftigt gewesen, aber Sherry grinste ihn nur herausfordernd an.
Rogue zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen, aber sein Partner bemerkte diese bedenkliche Situation nicht einmal. Er sprach noch immer mit Lyon, der sie in die Mitte des Raumes führte, wo die Zwillingsdrachen nebeneinander stehen blieben.
„Also gut, ihr solltet euch dann auf den Weg machen, wenn ihr den Zug noch erwischen wollt.“, schloss Lyon gerade.
„Danke nochmal.“ Sting wollte sich in Bewegung setzen, als Chelia brüllte „HALT!“ und alle Anwesenden mitten in der Bewegung erstarrten.
„Was ist?“ Der blonde Dragonslayer suchte den Boden ab, als ob er befürchtete, gleich in etwas zu treten, das man lieber nicht von seinem Stiefel kratzen wollte. Aber die Fliesen waren sauber.
„Ihr steht unter einem Mistelzweig und müsst euch erst küssen!“, verkündete Chelia mit einem triumphierenden Grinsen und fügte aus einem Rogue nicht ersichtlichen Grund hinzu: „Das ist Liebe!“
„Die Tradition verlang es!“, erklärte auch Toby fest, als würde er befürchten, sie würden stattdessen fluchtartig Reißaus nehmen. Wie auf Kommando blickten die beiden Sabertoothmagier nach oben und tatsächlich hing direkt über ihnen besagter Mistelzweig.
„Ihr habt es wirklich getan.“, bemerkte Lyon und blickte seine Gildenkameraden mit verschränkten Armen vorwurfsvoll an. Keiner von ihnen hatte auch nur den Anstand, entschuldigend oder gar verlegen dreinzublicken.
Sting schnaubte amüsiert und Rogue fragte ihn: „War Yukino nicht letzte Woche hier?“ Er hätte nie gedacht, dass sie auch andere Gilden in diese irrwitzige Angelegenheit mit hineinziehen würden. Im Hintergrund konnte er Chelia erneut etwas über die Liebe verkünden hören, aber niemand achtete auf sie.
„Lass es uns hinter uns bringen.“, erklärte Rogue kapitulierend und wandte sich seinem Partner zu.
„Du gibst aber schnell nach.“, zog Sting ihn auf und Rogue verschränkte die Arme vor der Brust. „Es ist spät, der Tag war anstrengend und ich bin müde. Sie werden uns nicht gehen lassen, wenn wir es nicht tun. Also bleibt uns kaum eine andere Wahl.“
Statt einer Antwort beugte Sting sich unbefangen vor und küsste ihn kurz. Dann drehte er sich zu Lyon um und sagte, als wäre gar nichts geschehen: „Wenn ihr unsere Hilfe irgendwann mal braucht, wisst ihr, wo ihr uns findet. Wir machen uns dann mal wieder auf den Weg. Bis dann.“
Der Eismagier zog eine Augenbraue hoch, als könnte er nicht glauben, mit welcher Nonchalance die beiden den Kuss ignorierten. Aber er ging nicht darauf ein. „Werden wir. Bis nächstes Mal.“ Er nickte Rogue noch einmal grüßend zu, der die Geste erwiderte, und die Zwillingsdrachen machten sich auf den Weg zurück zu ihrer eigenen Gilde.
❆ 3. Fairy Tail ❆
Schon von weitem scholl ihnen der Lärm entgegen, den Fairy Tails Mitglieder ständig zu machen schien, wo sie gingen und standen. Der Platz vor dem Gildengebäude war geräumt von dem Schnee, der letzte Nacht gefallen war, und durch die Fenster fiel ein einladender, heller Lichtschein.
Gerade, als Rogue und Sting in den Hof einbogen, flog jemand durch das offene Fenster. Es war Natsu, der sie nicht einmal bemerkte, sondern sofort aufsprang und mit einem aufgebrachten Schrei durch die Tür zurückstürmte, die er hinter sich offen stehen ließ. „Wart’s nur ab, Eisprinzessin! Dich mach ich fertig!“
„Nur zu, du Streichholz!“, brüllte Gray zurück und einen Moment später ertönte ein lautes Krachen.
„Die spinnen!“, erklärte Lector von hinten, wo er den beiden Dragonslayern mit Frosch folgte, die hinzufügte: „Fro denkt auch so!“
Die vier Neuankömmlinge tauschten einen Blick, dann zuckte Sting mit einem belustigten, erwartungsvollen Lächeln die Schultern und sie folgten Natsu ins Innere des Gildengebäudes. Oder zumindest war das der Plan, denn kaum waren sie zwei Schritte gegangen, liefen sie direkt gegen eine unsichtbare Mauer.
„Ack!“, stieß Sting aus und rieb sich die Nase, während Rogue nur einen verwirrten Schritt nach hinten stolperte. Die Leute, die ihnen am nächsten waren, hielten einen Moment mit kämpfen inne und starrten sie an, bis jemand anderes gegen sie krachte und wieder in den Streit mit hineinzog.
Rogue hob die Hand und tastete nach der Wand, die unter seinen Fingern nicht ein kleines Stück nachgab. Neben ihm wich Sting hastig einem Krug aus, der ihm entgegengeflogen kam und im Hof auf den Steinen zerschellte. Auch Lector und Frosch hatten keine Probleme, durch die unsichtbare Barriere zu gehen und sie blickten die beiden Dragonslayer ratlos an.
Mirajane bemerkte sie endlich und glitt durch die Kämpfenden auf sie zu, die sie nicht im Mindesten zu stören schienen. Sie lächelte entschuldigend. „Tut mir leid!“, erklärte sie, klang aber nicht so, als würde sie es wirklich ernst nehmen. „Das ist wohl meine Schuld. Ich habe Freed darum gebeten, eine magische Barriere zu errichten.“ Sie machte eine Geste hin zu einigen Worten, die in der Luft schimmerten: Die zwei Menschen unter dem Mistelzweig müssen sich küssen. Danach deutete sie nach oben zu der besagten Pflanze, die unberührt von den Kämpfen knapp hinter der Tür an der Decke hing.
Sting schenkte der Take Over Magierin einen wenig begeisterten Blick. Sie hielt sich nur die Hand vor den Mund, um ihr verschlagenes Lächeln zu verbergen, was ihr nicht ganz gelang, und erklärte in einem Tonfall, der die Lüge offensichtlich machte: „Ich wusste nicht, dass wir Gäste von außerhalb bekommen würden.“
„Yukino war Lucy besuchen, nicht wahr?“, seufzte Rogue. Gaben die denn nie auf? Und dass sie jetzt ausgerechnet Fairy Tail mit in ihren Plan einbezogen, bedeutete jedenfalls, dass sie härtere Register zogen als noch zu Beginn der selbstauferlegten Mission.
Denn Fairy Tail übertrieb es natürlich wieder einmal. Für einen Moment fragte er sich, wie viele Leute sich heute bereits hatten küssen müssen, nur um das Gildengebäude betreten oder verlassen zu können.
„Das heißt, wir kommen hier nicht weg, solange wir uns nicht küssen, richtig?“, hakte Sting nach und Mirajane nickte. „Außer, ihr könnt die Regeln umschreiben…“ Sie ließ den Satz in der Luft hängen, wohl wissend, dass sie beide dazu nicht in der Lage waren.
„Jetzt küsst euch schon und bringt es hinter euch.“, schlug Lector vor. Frosch, die neben ihm auf dem Tisch stand, erklärte: „Fro denkt nicht, dass sie jemals aufhören werden.“
Rogue ließ die Schultern hängen. „Vermutlich nicht.“, gab er zu.
„Selber schuld.“, grinste Lector wenig mitleidig. Sting seufzte, drehte Rogues Kopf in seine Richtung, indem er sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger ergriff, und küsste ihn. Sofort spürten sie, wie die Barriere um sie herum sich auflöste. Sting ließ ihn los und trat einen halben Schritt zur Seite, damit er nicht mehr im Bereich des Mistelzweiges stand. Dann wandte er sich an die neben ihnen stehende Magierin, die alles schaulustig mitangesehen hatte. „Master Makarov wollte mit mir sprechen. Ist er da?“
Mirajanes freundliches Lächeln war wie eingefroren und sie brauchte einen Moment, um sich zu fangen. „J…ja, natürlich.“, stotterte sie und die Enttäuschung, nicht den Beginn einer wundervollen Liebesbeziehung mitzubekommen, stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Folgt mir bitte.“
❆ + Bonus ❆
Lautstark stolperte Sting in das kleine Haus, das sie teilten, und stieß die Tür mit einem Krachen wieder ins Schloss. Rogue setzte sich auf seinem Platz auf dem Sofa auf, auf dem er herumgelungert hatte, und legte das Buch beiseite. Auch Frosch und Lector, die auf dem Sessel hockten und Karten spielten, unterbrachen ihr Spiel.
„Alles in Ordnung?“, wollte Rogue besorgt wissen, als der Blonde in das Wohnzimmer stolperte, die Haare durcheinander und dunkle Ringe unter den Augen.
„Nein!“, jammerte der und raufte sich die Haare – der wilden ‚Frisur‘ nach zu urteilen nicht das erste Mal an diesem Tag. „Ich hasse Papierkram! Und unverschämte Auftraggeber! Und Idioten, die sich darüber beschweren, dass ihre Häuser nicht stabil genug sind!“
Rogue schmunzelte und machte für den Anderen Platz, der sich neben ihm auf das Sofa fallen ließ. „Es ist ihnen wohl kaum zu verdenken, dass sie einen Ausgleich zu wollen, wenn unsere Magier ihren Besitz beschädigen. Wenigstens sind wir noch nicht so schlimm wie Fairy Tail.“
Sting starrte ihn entsetzt an. „Was meinst du mit ‚noch nicht‘?!“
Rogue tätschelte sein Bein und bemerkte erst jetzt, dass sie so nahe nebeneinandersaßen, dass ihre Knie sich berührten. „Keine Sorge, ich bin sicher, wir werden uns alle beherrschen und du am meisten.“ Sting stöhnte, als wäre das sein Ende, und Rogue lächelte über seinen Hang zum Dramatischen.
„Du wirst es überleben.“, erklärte er leichthin, bekam aber keine Antwort. Dann bemerkte er Stings Blick, der ihn intensiv anstarrte oder besser: seinen Mund. „Wa…?“, begann er, aber dann verschlossen Stings Lippen seine und ihm entschlüpfte nur noch ein leiser Laut, der einem Stöhnen verdächtig nahe kam.
Beinahe vorsichtig, aber dennoch fordernd legten sich Stings Hände um sein Gesicht. Rogue kralle seine Finger in Stings Kragen und zog ihn näher heran, den Kopf schief legend um den Kuss zu vertiefen. Dann stahl sich Stings Zunge zwischen Rogues Lippen hindurch und ein tiefes Stöhnen vibrierte in der Brust des Blonden, ein Geräusch, dass Rogue einen Schauer über den Rücken jagte.
„Könnt ihr das nicht in eurem Zimmer machen?“, unterbrach Lector sie. „Oder sollen wir gehen?“
„Fro denkt auch so!“, stimmte die grüne Exceed zu und die beiden Dragonslayer fuhren auseinander, als hätte man sie gestochen. Rogue spürte, wie er rot wurde, während Sting die beiden Exceed nur entschuldigend anlächelte und sich den Nacken rieb. „‘Tschuldigung.“, meinte er, sah aber nicht sonderlich reumütig aus. „Haben wir noch etwas zu essen? Ich sterbe vor Hunger!“
Rogue brauchte einen Moment, um dem raschen Themenwechsel folgen zu können, die Gedanken noch bei dem Kuss. Dann fing er sich. „Noch Lasagne von gestern.“ Er stand auf, um in die Küche zu gehen. „Bleib da, ich hol sie dir.“
Sting ließ sich der Länge nach mit dem Gesicht voran auf das Sofa fallen. „Ugh. Was würde ich nur ohne dich tun?!“, wollte er dramatisch wissen, die Stimme gedämpft von den Kissen.
Rogue stieß die Kühlschranktür wieder zu, nachdem er die Dose mit den Essensresten herausgeholt hatte. „Verhungern, vermute ich mal, weil du zu faul bist, den Lieferdienst zu rufen.“
„Ich bin nicht faul.“, quengelte Sting. „Ich habe mich den ganzen Tag durch Papierkram gewühlt. Das ist anstrengender, als eine dunkle Gilde hochzunehmen!“
Rogue lachte und sie verfielen in kameradschaftliches Schweigen. Schließlich trug der Schattendrache den Teller mit dem aufgewärmten Essen zu seinem Partner hinüber, der sich begeistert darüber hermachte. Der Schattenmagier ließ sich wieder auf das Sofa fallen und lehnte sich ihn die Kissen zurück. Die beiden Exceed hatten sich derweil wieder ihrem Kartenspiel zugewandt.
„Hey, Sting.“, begann Rogue, als der Teller halb leer war. „Was denkst du, wann sie herausfinden, dass wir schon zusammen sind?“
Sting grinste verschmitzt. „Wir können es ihnen ja sagen, wenn sie aufhören, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen und uns verkuppeln zu wollen.“
13. Türchen | Schneeballschlacht * Gray & Natsu
Meistens war Gray recht gut darin, die blutigen Erinnerungen zu verdrängen und sich nur an die guten Sachen zu erinnern. Positiv zu bleiben, trotz der Schuld, die ihn so plagte. Seit Lyon und der Dämoneninsel und noch mehr seit dem Kampf gegen Tartaros und der Begegnung mit seinem Vater war das nur noch besser geworden. Er hatte mit allem abgeschlossen und seinen Frieden mit den Ereignissen gemacht.
Doch hin und wieder hatte er noch Alpträume, von einem gigantischen Dämon, der Leute zerfetzte wie Papier. Von seinen Eltern, wie sie im Schnee gelegen hatten, sein Vater kalt und starr, seine Mutter kaum noch erkennbar. Von Ur, die sich schützend vor ihn stellte, blutend und gebrochen.
Doch hin und wieder gab es Tage, da rutschte er zurück in diese Welt, die grau und dunkel erschien und die keine Sonne hatte, nur den Schatten eines gigantischen Ungetüms am Himmel. Dann wurde er bitter und unausstehlich und wollte gleichzeitig einfach nur in Ruhe gelassen werden und den größten Streit vom Zaun brechen, den Fairy Tail je gesehen hatte.
Und heute war ein solcher Tag.
Er wollte einfach nur alleine sein und in seiner eigenen Misere schwelgen. Gleichzeitig wollte er jemanden finden, dem er die Fresse polieren konnte, nur um den aufgestauten Gefühlen etwas Luft zu machen. Trotzdem hatte er kurz bei der Gilde vorbeigeschaut, um in Ruhe etwas zu essen.
Er hätte wissen müssen, dass es so etwas wie Ruhe in Fairy Tail nicht gab, und darum war der Schuss nach hinten losgegangen. Niemand konnte es ihm recht machen, er hatte Mira angeblafft, sich mit Natsu geprügelt und selbst Erza eine pampige Antwort gegeben. Schließlich hatte er es sogar geschafft, Juvia zu verärgern, was nun wirklich eine grandiose Leistung war.
Sie war beleidigt abgezogen, hatte sich einen mehrtägigen Auftrag und Gajeel geschnappt und war aus der Gilde gestürmt. Zurückgeblieben war eine solche Stille, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Was wohl eine Premiere für die Gilde darstellte, aber so recht konnte Gray sich nicht darüber freuen. Vor allem nicht in Anbetracht der Tatsache, dass alle Anwesenden ihn mehr oder weniger vorwurfsvoll anstarrten.
„Gray… Das war jetzt echt nicht nötig.“, bemerkte Lucy in ruhigem, aber dennoch entschlossenen Tonfall und Erza baute sich neben ihr auf, die Hände in die Hüften gestemmt, und keifte: „Was sollte das!“
Störrisch und wütend starrte er zurück und warf dann die Arme hoch. „Ach, lasst mich doch alle in Ruhe!“ Damit stapfte er nach draußen, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Wütend marschierte er die Straße hinunter, wobei alle Passanten instinktiv einen großen Bogen um den gereizten Eismagier machten. Er hörte das Geflüster, das ihm folgte, kaum und ihm war es auch ziemlich egal, wohin er ging.
Im Moment wollte er einfach weg von den anderen, die ihn nicht verstanden, und weg von den Erinnerungen, die ihn verfolgten, weg von den Bildern von Blut und Eis und Tod. Den Gesichtern der Leute, die er geliebt hatte, und die ihm genommen worden waren, einer nach dem anderen.
Gewaltsam riss er seine Gedanken aus der rasend sinkenden Spirale in den düstersten Teil seiner Erinnerungen heraus, und konzentrierte sich auf etwas Anderes, Einfacheres, etwas, das nicht drohte, ihn in Trauer zu ertränken. Wie den kindischen Zorn auf seine Gildenkameraden, der sicher und einfach war und rasch wieder vergessen.
Die konnten ihn doch alle mal. Die konnten doch alle erst mitreden, wenn sie die Eltern, die Heimat und die Mentorin verloren oder den verratenen, hasserfüllten Blick in den Augen des Mitschülers gesehen hatten. Erst dann konnten sie mitre-
Eine eiskalte Ladung Schnee traf ihn mitten ins Gesicht.
Für einen Moment konnte er nur dastehen und starren, während die Reste des großen Schneeballs zu Boden fielen, in seinen Kragen und über seine Brust. Das Bisschen, das in seinem Gesicht hängen blieb, schmolz und tropfte sein Kinn hinab. Über seinen Rücken rann ein eiskaltes Rinnsal, das selbst ihm erschaudern ließ.
Wa…?
Wer griff ihn denn hier mitten in einem von Magnolias ausgedehnten Parks an und dann auch noch mit einem verdammten Schneeball?!
Lautes Gelächter unterbrach seine Überlegungen und dann tönte eine triumphierende, ihm wohlbekannte Stimme in seiner Nähe: „Dein Gesicht ist unsagbar dumm, Eisprinzessin! Ein dümmeres habe ich nie gesehen!“
Gray verschwendete keine Zeit und ging zum Angriff über. „Ice Make: Hammer!“
Mit einem erschrockenen Aufschrei sprang Natsu zur Seite und rollte sich ab, so dass das herabsausende Eis nur den Boden traf und einige Pflastersteine zertrümmerte. „Das gilt nicht, Eisfresse!“, brüllte er und sammelte Schnee zu einem weiteren Ball zusammen, kleiner diesmal, aber fester. Er warf ihn mit erstaunlich hoher Geschwindigkeit, so dass der Eismagier ihm nur ausweichen konnte, in dem er sich zur Seite warf.
„Seit wann gibt es hier Regeln?!“, raunzte Gray zurück, griff aber nun seinerseits nach Schnee, während er sich daraus aufrappelte, und schleuderte einen Ball auf Natsu zurück, der den Angriff mit einer Feuerlanze beantwortete, die er aus dem Mund schoss.
„Sagtest du nicht gerade etwas über schummeln?“, maulte Gray und hob beide Hände. „Ice Make: Floor.“, bellte er und presste die Hände auf den Boden, gerade als Natsu mit einer erneuten Ladung Schnee in den Händen auf ihn zu rennen wollte. Prompt rutsche er aus und landete der Länge nach auf dem Boden, wo er hilflos Grays nächster Attacke ausgeliefert war, der ihn mit einer Reihe hastig geformter Schneebälle bombardierte.
„Na warte, das kriegst du zurück!“, brüllte er und sprang auf, wobei Schnee in alle Richtungen flog, beide Hände um ein weiteres Geschoss geschlossen. Er schleuderte es auf den Eismagier wie ein Profiwerfer. Der Angriff traf Gray direkt in der Brust und ließ ihn ob der Wucht zurücktaumeln. Daher konnte er den nächsten beiden Bällen auch nicht mehr komplett ausweichen, die ihn an Schulter und Hüfte trafen.
Doch so schnell hatte er sich wieder gefasst und verschanzte sich hinter einem Baum. Natsu stand mit einem breiten Grinsen mitten im zerwühlten Schnee, die Brust stolz herausgeregt. „Na, gibst du auf, Eisprinzessin?“, spottete er.
Natürlich war das eine Gelegenheit, die Gray sich nicht entgehen lassen konnte. Eilig und so leise wie möglich sammelte er sich mehr Schnee zusammen, ehe er sein Versteck verließ und gleichzeitig sein Geschoss abfeuerte. Es traf Natsu mitten auf der Brust, der nun seinerseits wieder zum Angriff überging, doch Gray hatte keine Probleme, ihm auszuweichen. Stattdessen traf er seinen Gegner noch zwei weitere Male.
Schneeball um Schneeball feuerten sie aufeinander ab und kamen sich dabei immer näher, so dass Gray sich schließlich mit einem Hechtsprung auf Natsu stürzen konnte. Lachend rollten sie wie kleine Kinder durch den Schnee und stopften sich gegenseitig das kalte Nass in den Kragen. Schließlich tauchten sie schwer atmend aus einer Schneewehe auf.
„Huh.“, machte Gray und schüttelte sich Schnee den Haaren. Er hatte das Gefühl, von oben bis unten von dem Zeug bedeckt zu sein – kalt genug war er jedenfalls, auch wenn ihn die niedrigen Temperaturen nicht sehr beeindruckten.
Natsu sah auch nicht besser aus, doch seine hohe Körpertemperatur brachte das Weiß schneller zum Schmelzen. Auch ihn schien die Kälte nicht zu stören. „Geht’s jetzt wieder?“, wollte er wissen.
„Hm-mh.“, antwortete Gray unbestimmt, nicht gewillt, es zuzugeben. Aber er fühlte sich besser und seine trübseligen Gedanken waren wie weggeblasen. Er fühlte sich seltsam frei und leicht, als wäre eine große Last von seinen Schultern gewichen. In gewissem Maße war sie das auch.
Die anderen in der Gilde würden den Zwischenfall längst wieder vergessen haben. Nur bei Juvia musste er sich noch anständig entschuldigen. Er hatte sie wirklich verletzt. Aber sie würde ihm verzeihen, wie sie es immer tat.
Er warf Natsu einen kurzen Seitenblick zu, der inzwischen in einer Pfütze saß und den Kopf in den Nacken gelegt hatte. Die Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln nach oben gezogen beobachtete er einige Wolken träge vorbeiziehen. Er schien ziemlich zufrieden mit sich und der Welt zu sein.
Manchmal war er um seine Schlichtheit zu beneiden; er kümmerte sich selten um die Vergangenheit und gar nicht um die Zukunft und auf diese Weise lud man sich relativ wenig Sorgen auf. Aber wenn es drauf ankam, konnte man immer auf ihn zählen. Grays Gedanken dagegen liefen manchmal im Kreis, spielten jedes noch so schreckliche Ereignis wieder und wieder durch und stellte die giftigste Frage von allen Was wäre, wenn…?
Gray rappelte sich auf, weil ihm nun doch recht kühl wurde, und streckte seinem Freund die Hand hin. Natsu nahm sie an und ließ sich auf die Füße ziehen. Dann klopfte er seine Kleider aus, ein hoffnungsloses Unterfangen, da sie ihm nass und schmutzig vom Körper hingen. Vielleicht sollten sie nach Hause gehen und sich umziehen.
„Danke.“, murmelte Gray schließlich leise und musterte seine Stiefel, als wären sie das Interessanteste auf der Welt. „Dafür, dass du…“ …mich von diesen dunklen Plätzen zurückgeholt hast. Gray beendete den Satz nicht und machte stattdessen eine vage Handbewegung.
Doch Natsu verstand anscheinend, denn er grinste breit und klopfte ihm kurz freundschaftlich auf die Schulter. Dann erklärte er laut: „Ach, ich konnte mir deine trübselige Visage einfach nicht mehr mit ansehen. Wäre das noch länger gegangen, hätte ich dich mit einem Finger umhauen können!“ Er hob den kleinen Finger hoch, um keinen Zweifel zuzulassen, was genau er meinte.
„Ach ja?!“ Gray verlor angriffslustig seinen dicken Mantel. „Immer her damit! Aber komm nachher nicht her und jammer, wenn ich dir die Fresse poliert habe!“
14. Türchen | Pferdeschlitten * Jerza
Der Fahrtwind schlug ihnen scharf und kalt entgegen, dass sie die Mützen tiefer und die Schals höher in die Gesichter ziehen mussten. Es roch nach Kälte und Winter, eine klare, klirrende Luft, die in den Lungen brannte. Der Himmel war strahlend blau und die Sonne grell und glänzend, wenn auch schwach und weit entfernt.
Rechts und links zogen Bäume an ihnen vorbei. Weiter entfernt zogen die tiefen Nadelwälder vorbei, die sich grün und düster aus dem Schnee erhoben. Näher wuchsen zahlreiche, weit auseinander stehende Laubbäume, die ihre kahlen Äste in den Himmel streckten, auf denen Krähen und Raben saßen und die beiden Reisenden aus schwarzen Knopfaugen beobachteten. Hin und wieder stießen sie heiseres Krächzen aus oder schwangen sich mit rauschenden Flügelschlägen in die Luft.
Die beiden Pferde, die sie vor den eleganten Schlitten gespannt hatten, waren schwer und wirkten durch das dichte Winterfell noch massiger, als sie sowieso schon waren. Ihre großen Hufe klangen dumpf auf der dichten Schneedecke, die die Landschaft in alle Richtungen bedeckte, so weit das Auge reichte. Erst letzte Nacht war wieder eine Schicht gefallen, so dass kaum Tierspuren das unbefleckte Weiß zerstörten.
Schneewehen hatten sich aufgetürmt, unter Ästen häufte sich herabgefallener Schnee und trügerische Löcher wurden verdeckt. Doch die Pferde fanden den Weg mit schlafwandlerischer Sicherheit und trabten unbeirrt voran. Ihre Leiber dampften in der Kälte und Wolken traten aus ihren Nüstern und Mäulern.
Erza saß auf dem Beifahrersitz, den Mantel eng um sich gezogen und nicht im Einklang mit sich und der Welt. Dass es ausgerechnet sie hatte treffen müssen, über Weihnachten auf einem Auftrag zu sein! Wochenlang hatte sie alles so geplant und passend getimt, dass sie über die Feiertage auf jeden Fall in der Gilde sein würde, um mit ihrer Familie gemeinsam zu feiern und dieses Fest zu genießen. Sie hatte alle ihre Kameraden zum Wichteln gebracht, ob sie nun wollten oder nicht, sie hatte die schlimmsten Qualen angedroht, falls jemand ohne passendes Geschenk auftauchte, und zu guter Letzt hatte sie sich ein dem Anlass angemessenes Kostüm herausgesucht.
Aber nun war sie hier, mitten im Nirgendwo, und jagte eine Gruppe Verbrecher, die nicht den Anstand hatten, zu dieser besonderen Zeit einmal nichts anzustellen. Die es wagten, sie aus ihrer Weihnachtstimmung zu reißen und ihr die Freude verwehrten, diese besonderen Feiertage mit den Leuten zu verbringen, die ihr am meisten bedeuteten.
Wenigstens musste sie dieses Schicksal nicht allein tragen.
Scheu warf sie einen kurzen Blick auf ihren Mitfahrer, der leicht nach vorne gebeugt auf seinem Sitz saß, die Zügel in den Fingern. Jellal sah sehr ernst aus, die scharfen Augen auf den Horizont vor ihnen gerichtet, während er die Pferde mit sicherer Hand lenkte, die zeigte, dass er Übung darin hatte.
Er war vor ein paar Tagen in Fairy Tails Gildengebäude aufgetaucht und hatte Makarov um Hilfe gebeten. Crime Sorcière war seit einigen Wochen einer gefährlichen Mädchenhändlerbande auf der Spur, die gleichzeitig eine Dunkle Gilde von ähnlichem Kaliber wie Grimoire Heart war. Bei einer direkten Konfrontation hatten Jellal und seine Leute sie zerschlagen, doch vielen Mitgliedern war die Flucht gelungen.
Während der Rest der unabhängigen Gilde die Handlanger nach Süden und Westen verfolgt hatte, hatte Jellal selbst sich auf die Spur der Anführer geheftet. Doch aufgrund ihrer Stärke hatte er sich lieber Hilfe holen wollen. Nun war Erza hier, die a) unter keinen Umständen mitansehen würde, wie eine Dunkle Gilde obsiegte und b) Jellal niemals im Stich lassen würde. Wenn sie dafür Weihnachten mit Fairy Tail verpasste, dann sollte das so sein.
Aber vielleicht würde sie zu Neujahr zurück sein, denn wenigstens wussten sie, wo die Feinde sich verschanzt hatten in der Zeit, die Jellal gebraucht hatte, um Hilfe zu holen. Der Weg lag also klar vor ihnen, auch wenn sie dafür ein Stück zugeschneiter Tundra durchqueren mussten. Und, bemerkte sie plötzlich, eine Fahrt mit einem Pferdeschlitten, ganz ungeachtet ihrer Gründe, war durchaus … romantisch.
Das Klopfen der Hufe auf dem Schnee und das gelegentliche Schnauben mischten sich mit den leisen, gleichmäßigen Geräuschen der Kufen auf dem Untergrund. Die Glöckchen an dem Geschirr des Schlittens klingelten leise, während sie dahinglitten, allein und ungestört und nur in der Gesellschaft des jeweils anderen…
Sich plötzlich bewusst, wie nah sie sich waren, warf sie ihm einen scheuen Seitenblick zu. Diesmal aber trafen ihre Augen auf seine dunkelgrauen Seelenspiegel und seine Mundwinkel hoben sich zu einem leichten Lächeln. Rasch blickte Erza wieder nach vorn und Hitze stieg in ihre Wangen. Ihr Herz schlug ihr mit einem Mal bis zum Hals, sie hatte das Gefühl, es würde gleich ihre Brust und ihre Rüstung sprengen, offen für jeden zu sehen.
Aber Jellal war nicht jeder. Jellal durfte es sehen.
Erza war nicht dumm; sie war sich schon lange bewusst, wie viel er ihr tatsächlich bedeutete und was genau. Sie liebte ihn und sie wusste, dass er ihre Gefühle erwiderte. Sie hatte gehofft, nach dem Krieg gegen Zeref und seine Leute, nach Acnologias Fall und dem Triumph des Guten würde sich zwischen ihnen etwas ändern. Mehr werden.
Doch Jellal hatte einfach dort weitergemacht, wo er durch den wichtigsten Kampf in Fiores Geschichte unterbrochen worden war. Denn natürlich würden Dunkle Gilden und schlechte Menschen nicht einfach aus der Welt verschwinden, nur ein Kampf gewonnen worden war, auch wenn Erza es sich gewünscht hätte.
Aber war es zu viel verlangt, dass er sie etwas mehr in sein Leben mit einbezog? Dass er endlich erkannte, dass er nicht sein ganzes Leben lang büßen musste für etwas, das nicht seine Schuld gewesen war? Dass auch er zufrieden sein durfte und etwas Glück verdiente? Hatte nicht auch er genug gelitten?
Und sie selbst … hatte sie nicht auch etwas von dem Glück verdient, das sie nur in ihm sehen konnte und einer gemeinsamen Zukunft mit ihm?
Vielleicht half es, wenn sie ihm einmal punktgenau sagte, wie sie die Sache sah, was sie von seiner Selbstgeißelung hielt und wie genau er ihrem Glück im Wege stand. Auch wenn sie genau wusste, dass Schuld nicht durch ein paar Worte weggewischt werden konnte, so sehr sie auch der Wahrheit entsprachen und so logisch und rational sie Ereignisse auch erklärten.
Denn Schuld, wie alle Gefühle, wie Hass und wie Liebe, war in ihrem Kern irrational.
Sie wusste dies genau, denn über Jahre hinweg hatte sie sich selbst schuldig gefühlt, hatte sich zurückgezogen und hinter ihrer Rüstung versteckt. Ironischerweise war es das Ereignis gewesen, das ihm seine Schuld gegeben hatte, welches sie von ihrer befreit hatte.
Abrupt drehte sie sich zu ihm. „Jellal…“
„Erza, du…“, begann er zur gleichen Zeit und sie hielten inne, um sich einen Moment anzustarren.
„Du zuerst.“, bot er ihr mit einer Geste an und Erza starrte in sein ernstes Gesicht, in seine Augen, in denen sie sich selbst erkannte, und wusste: dieser Mann war es für sie. Der Eine, der Einzige. Der Anfang und das Ende. Keine Worte würden reichen, ihn zu überzeugen, er würde niemals den letzten Schritt auf sie zu tun, egal was sie zu ihm sagte.
„Erza?“, wollte er verwirrt wissen, als sie nach einiger Zeit immer noch kein Wort sagte. „Was ist?“
„Nichts.“, antwortete sie und lächelte. „Ich bin mir nur gerade über etwas klar geworden.“ Ehe er nachhaken konnte, packte sie ihn am Kragen seines Umhangs und zog ihn zu sich, um ihn zu küssen. Wenn er diesen letzten Schritt nicht ging, würde sie ihn eben tun.
Jellal stieß einen erstaunten Laut aus und seine starken Finger griffen nach ihren Oberarmen. Für einen Moment dachte sie, er würde sie wegstoßen, aber seine Hände wanderten unsicher zu ihren Schultern, wo sie unentschieden liegen blieben. Seine Lippen waren weich unter ihnen und der Kuss so süß wie eine reife Walderdbeere.
Erza rutschte näher und umfasste sein Gesicht, um ihn näher zu sich zu ziehen, bewegte die Lippen gegen seine und drehte leicht den Kopf, um den Kuss zu vertiefen. Und endlich, endlich, erwiderte er ihre Geste; ein leises Seufzen entwich ihm, die Anspannung schien einfach von ihm zu fallen und er beugte sich zu ihr. Seine starken Arme schlossen sich um sie und sie ließ ihre Hände in seine Haare unter seiner Mütze wandern, während ein Gefühl von purer Glückseligkeit sie durchströmte.
So war es also, wenn man von dem Mann geküsst wurde, den man liebte.
Da waren keine Feuerwerke oder Vulkanausbrüche oder Blitze, von denen sie immer in ihren Liebesromanen las. Nichts verwandelte sich in stürmische Leidenschaft, die sich in einem unvermittelten Liebesakt entlud.
Da waren Geborgenheit und Gewissheit, Hoffnung und Zuversicht. Es war, als wäre etwas in ihr geöffnet worden und nun flossen alle guten Gefühle in sie hinein und füllten sie bis oben hin an. Sie fühlte sich zum Bersten gefüllt mit Liebe und sie tat ihr bestes, ihm zu vermitteln, wie viel genau davon für ihn war.
Als sie sich schließlich voneinander lösten, atmeten sie beide schwer und Erzas Herz schlug beruhigt und stark, als sie das kleine Lächeln auf seinem Gesicht sah und der Glanz in seinen Augen, der ihr versicherte, dass es ihm nicht anders erging als ihr.
Zögerlich lösten sie sich voneinander und blickten wieder nach vorn. Die Pferde waren stehen geblieben und rupften dürres Gras, das aus der Schneedecke herausschaute. Die Sonne gleißte noch immer auf dem Schnee und der Wind wirkte plötzlich viel eisiger und stärker, da sie nicht mehr so eng zusammengepresst saßen.
„Ich glaube, wir sollten weiterfahren.“, murmelte er dann und fischte die Zügel von der Deichsel, wohin sie gerutscht waren, nachdem er sie losgelassen hatte. Sie widersprach nicht, sondern schob sich näher zu ihm, so dass sie sich von den Schultern bis zu den Oberschenkeln berührten, und umfasste seinen Arm mit ihren. So an ihn gekuschelt legte sie den Kopf auf seine Schulter und fühlte sich völlig zufrieden.
Sie würde ihn nie wieder loslassen.
15. Türchen | Stille Nacht * Gavia
Der Schnee bildete weiße, flauschige Flocken, die langsam vom Himmel segelten. Sie waren trotz der Dunkelheit der Nacht gut zu sehen und wann immer sie durch den Lichtkreis einer schmiedeeisernen Straßenlaterne taumelten, leuchteten sie. Sie legten sich auf den bereits weiß überzogenen Boden, auf die sich windenden Wege, auf die kahlen Äste und die Parkbänke. Sie verwandelten den Stadtpark in eine nächtliche Winterwunderlandschaft und zeichneten ein bezauberndes Bild.
Es passte so gar nicht zu Juvias trüber Stimmung, die sie seit Wochen begleitete, seit … seit sie wusste, dass Gray sich verliebt hatte. Sie wusste schon gar nicht mehr, wie es war, nicht darauf zu warten, bis es endlich geschah. Bis er endlich die Richtige für sich fand.
Nur … war es eben nicht sie.
Und er war glücklich, das konnte sie sehen, an seinem Lächeln und seiner Haltung und seinem ganzen Sein. Ihn so zu sehen, machte sie ebenfalls glücklich, auch wenn sie nicht der Grund für seine gute Stimmung war, doch war das nicht alles, was sie wollte? Wie konnte sie sich da dazwischen drängen?
Aber wie konnte sie zuschauen? Sie brachte es nicht über sich, die beiden zusammen zu sehen. Denn wo blieb sie in dieser Gleichung? Außen vor, so war das.
Es war so still um sie herum. Aus der Ferne drang dumpf der Lärm der abendlichen Stadt heran, doch der Schnee schien alle Geräusche zu verschlucken. Sie schien das einzige Lebewesen im Park zu sein, es war windstill und die Flocken verursachten keine Geräusche beim Fallen.
Der jungfräuliche Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als sie ihren Weg langsam fortsetzte. Gerade war sie in der Gilde gewesen, ein Ort, den sie seitdem mied, außer um sich neue Aufträge abzuholen, um sich nicht diesem schmerzhaften Bild auszusetzen. Das Pärchen war ebenfalls dort gewesen, also hatte sie sich rasch eine neue Mission vom Questboard geholt und war wieder verschwunden, ehe jemand anderes als Mirajane mit ihr sprechen konnte. Obwohl Lucy ja Anstalten gemacht hatte, auf sie zuzugehen…
„Wusste ich doch, dass ich dich hier finde.“
Sie drehte sich um, als sie die tiefe Stimme vernahm, und eigentlich war sie gar nicht überrascht ihn zu sehen, wie er da etwas abseits auf einer Bank saß. Gajeel kannte sie eben doch am besten und auch wenn er immer so tat, als würde ihn nichts interessieren, machte er sich doch Sorgen.
Jetzt stand er auf und kam zu ihr herüber und seine Schritte waren so viel lauter als ihre; seine schweren Stiefel polterten nahezu auf den Boden. Er musterte sie aus roten Augen unter zusammengezogenen Brauen, die Hände in die Hosentaschen gestopft. Sein Wintermantel bauschte sich hinter ihm. „Du siehst scheiße aus.“, sagte er schließlich und Juvia blickte zur Seite.
„Juvia fühlt sich nicht gut.“, antwortete sie und zuckte mit den Schultern. Dieser Herbst war sehr verregnet gewesen und sie wollte nicht allen auch noch Weihnachten verderben. Inzwischen war es allerdings besser geworden, der Schmerz war abgeklungen und weniger … wütend.
Er seufzte. „Ich weiß, du warst ein wenig besessen von diesem Stripper, aber es ist Wochen her. Du verdienst eh etwas Besseres als den!“
„Liebeskummer lässt sich nicht so einfach abstellen, du unsensibler Klotz!“, erklärte sie ihm bestimmt. „Und Gray war das Beste, das Juvia passiert je ist!“ Er hat ihr immerhin den klaren, blauen Himmel gezeigt. Er hatte ihre grauen Regenwolken zerrissen und war zu ihr durchgedrungen.
„Er war der erste, der sich wirklich für sie interessiert hat.“, erklärte sie Gajeel. „Juvia darf trauern, dass … er sie nicht so wollte wie sie ihn.“
Gajeel verzog den Mund und sein Gesicht verfinsterte sich noch ein bisschen mehr. „Das ist nicht wahr.“, erklärte er bestimmt und sie war für einen Moment verwirrt. Was meinte er? Gray wollte sie nicht und Juvia durfte Liebeskummer haben. Juvia wollte Liebeskummer haben, wollte sich noch ein wenig länger der Illusion hingeben, dass da zwischen ihr und ihm etwas gewesen war, etwas, das über Freundschaft hinausging. Auch wenn sie vermutlich die einzige war, die es so gesehen hatte.
Aber er erläuterte seine Aussage nicht genauer, sondern fuhr fort: „Aber es ist trotzdem keine Art, sich früh morgens in die Gilde zu schleichen und sich Aufträge zu holen, damit man so lange wie möglich abwesend ist. Die Leute fangen schon an, sich Sorgen zu machen! Sie wollten wissen, wie es dir geht.“
„Gajeel-kun nicht?“, wollte sie wissen und er zog die Schultern hoch, was ihr noch einmal zeigte, dass er sich Sorgen machte, auch wenn seine nächsten Worte dies von ihm wiesen: „Nein. Ich weiß, wie es dir geht.“ Sein Gesicht hatte sich wieder etwas aufgehellt, doch er hatte die Augenbrauen noch immer zusammengezogen, als wäre er in höchster Konzentration.
„Juvia braucht einfach noch ein wenig Zeit.“, erklärte sie, plötzlich erfüllt von einem warmen Gefühl. Es bedeutete ihr viel, dass er gekommen war, um sich nach ihr zu erkundigen. Sie konnte immer auf seine Unterstützung zählen, darauf, dass er da war, wenn er sie brauchte. Nicht zum ersten Mal nahm sie sich vor, dass sie ihm diese kleinen Liebenswürdigkeiten erwidern würde, wenn er sie einmal brauchen würde. Aber dies schien er nie zu tun, war immer allein so stark.
„Es gibt noch andere Fische im Ozean.“, wiederholte er plötzlich eine Phrase, die er wohl irgendwann in der Gilde gehört hatte, und der Satz überraschte Juvia so, dass sie ein ungläubiges Lachen ausstieß, kurz und abgehakt.
Aber es schien Gajeel im Moment zu genügen, denn er lächelte zufrieden. „Ich bin sicher, irgendeiner davon interessiert sich für dich.“
„Wenn du jetzt an Lyon denkst, glaube ich nicht, dass das eine gute Idee wäre, Gajeel-kun.“, belehrte sie ihn und er starrte überrascht auf sie herunter.
„Wa…? Was interessiert mich dieser Kerl?!“, wollte er wissen und nahm seine Hände aus den Hosentaschen, um sie aneinander zu reiben, während Juvia einfach nur erleichtert war, dass er bei seinen Worten eben nicht an den Eismagier von Lamia Scale gedacht hatte.
„Verdammte Kälte.“, fluchte er und sie griff unbedacht nach seinen Händen, um sie zwischen ihre Finger zu nehmen. Freilich waren seine viel größer als ihre viel zarteren, doch wenigstens war ihr warm und es würde ihm hoffentlich etwas bringen.
„Du musst Handschuhe anziehen!“, schalt sie ihn. „Juvia hat dir extra welche gemacht! Wo sind sie?“
„Verlegt.“ Für einen Moment ließ er zu, dass sie seine Finger rieb, ehe er ihr wieder die Hände entzog. „Wag es ja nicht, vom Thema abzulenken. Und hör auf, mich anzusehen wie ein Hund, der sein Herrchen verloren hat.“
Sie schnaufte aufgebracht. „Handschuhe sind wichtig!“, erklärte sie, vollkommen vom Thema ablenkend. „Außerdem weiß Juvia gar nicht, von was du redest. Juvia wird dir neue Handschuhe machen.“
Er starrte sie an, ein seltsamer Ausdruck im Gesicht, dann schüttelte er den Kopf. „Und du sagst immer, ich wäre blind.“, grummelte er, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie. Es war nur ein winziger Kuss auf den Mundwinkel, leicht wie ein Schmetterlingsflügel.
Sie starrte ihn an, zu geschockt um wirklich etwas anderes zu tun als zu blinzeln. „Ga…Gajeel-kun!“ In ihrem Bauch breitete sich ein seltsames Gefühl aus, so warm und wohlig, dass sie sich hineinlegen wollte.
Aber … aber das war Gajeel!
Ihr bester Freund, der immer an ihre Seite gewesen war, selbst während der dunklen Zeit in Phantom Lord. Der sie unterstützt und ihr beigestanden hatte. Der sich von ihr bemuttern ließ und ihre selbstgestrickten Handschuhe und Schals trug – wenn er sie nicht gerade verlegte – und ihr selbstgekochtes Essen genoss. Der zu ihr kam, wenn er sich über jemanden beklagen wollte, und der nur mit oberflächlichen Protesten ihr Gerede über Gray angehört hatte.
„Es ist nicht wahr, dass er der erste war, der sich für dich interessiert hat.“, erklärte er fest, mit einem harten Unterton in der Stimme. „Ich war auch immer da.“
Sie starrte zu ihm auf, verwirrt und verwundert und seltsam glückselig, als wären diese Worte und der kleine Kuss das, auf das sie ihr Leben lang gewartet hätte. Und es war so anders als ihre großen Träume von Gray Liebesbezeugungen, von romantischen Gesten und einem pompösen Antrag.
So anders, aber sie fühlte sich trotzdem, als wäre sie jetzt endlich angekommen.
Wie hatte sie ihn so lange übersehen können? War es nur ihr Eifer, endlich von Gray zu bekommen, wonach sie sich ihr Leben lang gesehen hatte, dass sie blind gewesen war für das, was bereits all die Zeit da gewesen war? Sie griff wieder nach Gajeels Händen, die so kalt waren zwischen ihren eigenen, und stellte sich auf Zehenspitzen. „Verzeih.“, wisperte sie gegen seine Lippen und küsste ihn.
16. Türchen | Lichterketten * Lucy & Natsu & Happy
Hier ist es also?“ Zweifelnd blickte Lucy das Gebäude hinauf, vor dem sie standen. Es war ein hoher, dicker Turm aus dunklem Stein. Die Fenster waren schmale Schlitze, die Spitze bestand aus einem Kranz hoher Zinnen und der einzige Eingang schien eine dicke Tür aus Eichenholz zu sein, an der ein gigantischer Türklopfer hing. Er hatte die Form einer Dämonenfratze, die mit dem Maul einen schweren Ring hielt.
Noch dazu befand der Turm sich mitten im Wald; weit und breit war nichts anderes zu sehen als Bäume und Schnee. Einzig der Weg, auf dem sie hergekommen waren, schnitt eine Schneise durch das Unterholz. Der Ort schien direkt aus einem düsteren Märchen entnommen und in die reale Welt verpflanzt worden sein. Wer hier wohl lebte?
Zweifelnd schaute Lucy sich um und zog ihren Schal enger. Irgendwie war ihr plötzlich viel kälter als noch einen Moment vorher. Ihr Blick irrte über hohe, alte Nadelbäume und die kahlen Äste einiger Birken und Lärchen. „Meint ihr wirklich, wir sind hier richtig? Vielleicht sollten wir…“
Das pochende, nahezu ohrenbetäubende Geräusch von Metall auf Holz ließ sie heftig zusammenfahren und herumwirbeln. Sie hatte keinerlei Probleme, die Quelle des Geräusches auszumachen. Natsu teilte ihre Bedenken anscheinend nicht, denn er war an die Tür getreten und hatte sie lautstark angekündigt, in dem er mit größtem Enthusiasmus den Türklopfer betätigt hatte.
Jetzt drehte er sich mit einem breiten Grinsen zu ihr um. „Hier zu leben ist sicher aufregend! Vielleicht kommen nachts Monster aus dem Wald! Vielleicht können wir sie bekämpfen.“
Er wirkte jedenfalls, als würde er schon drauf brennen, aber Lucy zog es vor, nicht darauf einzugehen. „Ich hoffe, wir kriegen keine Monster zu sehen und ich bin immer noch nicht sicher, ob wir uns nicht doch verlaufen haben.“
Happy hielt den Auftragszettel hoch. „Aber hier steht klar und deutlich, dass das hier das richtige Ziel ist.“, erklärte er überzeugt, doch bevor er weitersprechen konnte, herrschte sie eine mürrische Stimme von oben her an: „Wer da?“
Gleichzeitig blickten sie alle nach oben und erkannten eine alte Frau, die sich aus einem der Fenster beugte, das etwas größer war als die meisten anderen und sich direkt über ihnen befand. Sie hatte ein runzliges Gesicht wie eine Rosine, einen verkniffenen Mund und elegant zurechtgemachtes, schneeweißes Haar. Sie erinnerte Lucy an eine ihrer Großtanten, eine gierige alte Dame, die nie genug haben konnte.
„Wir sind wegen dem Auftrag hier!“, rief Natsu hinauf und winkte. Anscheinend konnten auch alte Hexen im Wald seine gute Laune nicht verderben.
Die Alte musterte sie einen Moment misstrauisch. „Die Magier von Fairy Tail?“, fragte sie schließlich und Happy erklärte: „Ich sagte doch, wir sind hier richtig.“
„Ja, Misses!“, antwortete Lucy pflichtschuldig und bekam prompt einen Hausschuh an den Kopf.
„Miss!“, fauchte die Frau zurück und verschwand dann vom Fenster. Die drei starrten ihr nach und wechselten dann Blicke. Würde sie sie nun hereinlassen? Aber die Tür ging nicht auf. Stattdessen tauchte die Frau wieder am Fenster auf und einen Moment später warf sie einen großen Sack hinaus. Natsu sprang hastig zur Seite, ansonsten hätte das Packet ihn im wahrsten Sinne des Wortes geplättet.
„Für den Turm.“, erklärte sie und dann folgten noch weitere, kleinere Bündel. „Und die Bäume. Marsch, an die Arbeit! Ihr seid fertig, ehe es dunkel wird, ansonsten könnt ihr euch eure Belohnung an den Arsch schreiben!“ Damit verschwand die alte Dame wieder vom Fenster.
Lucy starrte ihr fassungslos nach. Sie hatte ja schon einiges miterlebt, in ihrer Zeit als Magierin, aber auch als Tochter der Höheren Gesellschaft. Aber so eine unhöfliche Person war ihr noch nie untergekommen. „Was fällt Ihnen ein…!“, schimpfte sie, aber niemand beachtete sie.
„Wenn du sie so anmaulst, dafür, dass sie nichts getan hat, kriegen wir unsere Bezahlung nicht.“, belehrte Happy sie und Lucy schnappte nur empört nach Luft.
„Diese alte Hexe…!“, begann sie, aber Natsu fiel ihr ins Wort. „Schau mal, das sind Lichterketten!“
Er hatte eines der Bündel geöffnet und eine lange Schnur herausgezogen, an der kleine, sternförmige Lacrima befestigt waren. Sie waren alle glasklar und keines leuchtete, doch Lucy kannte diese Art von Lacrima. Auch ihr Vater hatte solche Ketten an Weihnachten stets anbringen lassen, wenn auch von seinen eigenen Dienern.
Aber wenn man so allein im Wald lebte, hatte man wohl keine Diener, dachte Lucy pampig, wer wollte schon seine Zeit allein mit dieser Furie verbringen? Dann schob sie den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf den Job.
Der Auftragszettel hatte von ‚Hilfe im Garten, völlig ungefährlich‘ geredet und Lucy hatte sofort zugegriffen. Auch wenn sie sich nicht hatte vorstellen können, warum man mitten im Winter den Garten richten wollte, denn die Belohnung war äußerst (und äußerst verdächtig) spendabel gewesen. Ihre Geldsorgen wäre sie für den Monat jedenfalls los gewesen.
Wenn Lucy sich diesen Turm allerdings so ansah, konnte von ‚völlig ungefährlich‘ keine Rede sein, aber auch nur für Leute, die keine geflügelte Katze dabei hatten. Aber wenn sie die Belohnung nicht bekamen, wenn sie vor der Dämmerung nicht fertig wurden, dann wäre all das umsonst gewesen und diese verstreut herumliegenden Päckchen deuteten darauf hin, dass ein ganzes Stück Arbeit auf sie wartete.
„Also gut.“, sagte sie und hob eines der Päckchen hoch. Es war schwerer, als es aussah. „Ich schlage vor, Happy zieht die lange Lichterkette um den Turm herum.“ Sie blickte nachdenklich nach oben. „Schau, da sind sogar Haken angebracht, wo du sie einhängen kannst.“
Happy verschränkte die Arme vor der Brust. „Und ich soll die Arbeit ganz allein machen, während du hier unten noch mehr Fett ansetzt?“
Sie versetzte ihm einen Schlag auf den Hinterkopf. „Natsu und ich kümmern uns derweil um die Bäume.“
„Vielleicht kommen doch noch ein paar Monster aus dem Wald.“, hoffte Natsu derweil und wanderte auf den Waldrand zu.
„Ich hoffe nicht!“, fauchte sie zurück und wandte sich noch einmal an Happy: „Denkst du, du kriegst das alleine hin?“
Der blaue Kater schnappte sich das Ende der langen Lichterkette aus Natsus Hand und flatterte damit einige Meter hinauf, die Schnur hinter sich herziehend. „Das ist sogar schwerer als du.“, erklärte er ernsthaft. „Und mit dir habe ich schon genug Schwierigkeiten.“
Lucy knirschte mit den Zähnen und riss sich zusammen. Wenn sie jetzt einen Streit mit diesem unverschämten Kater begann, würden sie nie fertig werden. Und Lucy brauchte dieses Geld. „Wähl deine Worte lieber mit etwas mehr Bedacht aus oder ich hole dir keine Hilfe!“, fauchte sie ihn trotzdem an, als er wieder neben ihr landete. Sauer starrte sie auf den eher wenig schuldbewussten Kater hinunter.
„Welche Hilfe denn?“
„Ich werde Gemini rufen. Sie können sich in dich verwandeln und dir helfen.“
„Gute Idee!“, stimmte Natsu zu, der monsterlos zu ihnen zurückgekehrt war, und auch Happy schien glücklich mit der Lösung.
Also zückte Lucy ihren Schlüssel. „Open the door to Gemini!“ Einen Moment später erschienen Gemi und Mini vor ihnen und begrüßten sie begeistert. Sie waren einverstanden mit der Idee und es dauerte nicht lange, da machten sie sich alle an die Arbeit.
Natsu und Lucy hatten die kleinen Pakete unter sich aufgeteilt und arbeiteten im Kreis herum die Bäume ab. Während der Dragonslayer keinerlei Probleme damit hatte, die Bäume zu erklimmen und die Lichterketten über ihre Äste zu drapieren, verfluchte Lucy den Moment, an dem sie den Auftrag gesehen und ihn sich geschnappt hatte.
Nicht nur hatte sie nach kürzester Zeit eiskalte Hände und Füße, sie riss sich auch ein Loch in ihren Ärmel, zerteilte einen der Wollfäden ihres rechten Handschuhes, so dass er begann, aufzuribbeln, und zog sich eine Schramme auf der Wange zu.
Natsus Bemerkung – „Was, bist du noch nicht fertig?“ – von unten hob ihre Stimmung auch nicht besonders an. Allerdings half er ihr bereitwillig, was sie ihm natürlich hoch anrechnete. Schließlich ließen sie sich erschöpft auf die Stufen fallen, die zum Turm hinaufführten. Es dämmerte schon und aus Erfahrung wusste Lucy, dass es bald stockfinster sein würde. Doch noch war der Himmel in dunklen Tönen gefärbt und die Lichterketten aus.
„Ihr seid schon fertig?“, wollte eine strenge Stimme hinter ihnen wissen. „Oder warum faulenzt ihr so herum?“
Erschrocken fuhren sie auf. Hinter ihnen in der Tür stand die alte Dame, die, wie Lucy feststellte, winzig war, höchstens so groß wie Wendy. Sie stützte sich schwer auf einen geschnitzten Spazierstock und trug einen eleganten, hochgeschlossenen Mantel.
„Wir sind fertig.“, erklärte Lucy erleichtert. Sie hatten die Anforderungen getroffen, oder nicht?
„Soso.“ Die alte Dame blickte sich streng um, trippelte hierhin und dorthin um sich ihre Arbeit genau anzusehen. „Gar nicht mal so schlecht.“, gab sie schließlich zu und ihre Stimme klang gnädig. „Ihr scheint alles erledigt zu haben.“
„Wenn Sie uns vielleicht unsere Belohnung geben würden, gehen wir Ihnen nicht länger auf den Weck- Ack!“ Erschrocken schrie Lucy auf, als die Alte ihr den Spazierstock gegen das Schienbein knallte.
„Sei still, Mädel, ich will diesen Moment genießen, ohne von deinem Gequake belästigt zu werden.“ Damit wandte sie sich nach vorn.
Dann geschah erst einmal gar nichts und nicht nur Lucy fragte sich, was das sollte. Auch Natsu und Happy blickten sich verwirrt um. Lucy wollte schon fragen, was das denn sollte, da bemerkte sie es.
Es war zuerst ein kleines, weißgoldenes Licht an einem Baum, das einfach entflammte, wie aus dem Nichts. Ein kleiner, strahlender Stern in der Dunkelheit, sanft und stetig.
Dann entzündete sich ein weiteres und noch eines und Lucy wurde klar, dass es die Lichterketten waren, für die es nun dunkel genug war, dass sie nun aufleuchteten, wie der Zauber, der in ihnen lag, es vorgab.
Nach und nach erwachten sämtliche Lichterlacrima zum Leben. Es war, als erwachten lauter kleine Feen zum Leben, die die tiefer werdende Dunkelheit mit ihrem sanften Schimmern erhellten. Den Schnee brachten sie in einem zarten Schein zum Leuchten, dass er beinahe überirdisch glühte. Sie glitzerten wie kleine Sternchen, während am Himmel über ihnen die echten Sterne langsam hervorkamen, wie eine Handvoll Juwelen verteilt auf dunkelblauem Samt.
Hinter ihnen verwandelte sich auch der Turm von einem abweisenden, klobigen Bau zu einem wundersamen Palast, als die Lacrima, die Happy um ihn gewickelt hatte, der Reihe nach aufflammten. Sie zogen lange Bahnen um die dicken hohen Mauern, glühende Linien hinauf in den Himmel. Die Lacrima ganz oben waren kaum zu unterscheiden von den Sternen, als der dunkle Bau sich in das Firmament einfügte.
Es war ein verzauberter Anblick, wie ein Bild aus einem Märchenwald, eine geheimnisvolle Wunderlandschaft.
„Oh!“, machte Lucy ergriffen und auch Natsu und Happy entlockte der Anblick bewundernde Geräusche. Die alte Dame jedenfalls schien ganz versunken darin zu sein und die anderen Anwesenden gar nicht zu bemerken. Auch Lucy vergaß ihre kalten Füße, das Brennen in ihrer Wange, den Ärger und die Anstrengungen des Tages, als sie das zauberhafte Bild in sich aufnahm.
Nach einer Weile rührte die alte Dame sich und blickte sich um. „Gute Arbeit.“, erklärte sie und drückte Lucy das Bündel mit ihrer Belohnung in die Hand. Es war befriedigend schwer, aber Lucy kam nicht dazu, das Gefühl zu genießen, denn die Alte versetzte ihr mit ihrem Spazierstock einen heftigen Schlag auf den Hintern. „Und jetzt trollt euch!“
17. Türchen | (Doch nicht) Allein am Weihnachtsabend * Kagerva
Ein Schwall Wärme kam Minerva entgegen, als sie die Tür zu dem kleinen Lokal aufstieß, begleitet von charmanter Weihnachtsmusik und dem Gewirr von Stimmen und fröhlichem Gelächter. Allein das ließ sie die Augen rollen. Wenn sie sich in der winzigen Herberge für die Nacht nicht schon ein Zimmer gemietet hätte, würde sie sich jetzt einen ruhigeren Ort suchen.
Es roch angenehm nach Essen, Zimt und Lebkuchen, die gedimmten Lichter an den Wänden und die Kerzen auf den Tische verbreiteten einen sanften Schein und die Gäste waren bester Stimmung. Die Gaststube war klein, aber gut besucht, wenn auch nicht überfüllt. Sie war auf eine charmante Art mit grünen Girlanden und roten und goldenen Glaskugeln sowie herzigen Engelfiguren dekoriert.
Kellnerinnen in adretten, weihnachtlichen Uniformen wuselten zwischen den Tischen herum und in einer Ecke stand eine geschmackvoll geschmückte Tanne. Am Morgen hatte der Ort ihr noch zugesagt, aber jetzt war ihre Stimmung gesunken. Wenn sie den Weihnachtsabend schon allein verbringen musste, dann wollte sie nicht ständig daran erinnert werden.
„Wollen Sie einen Tisch?“, erkundigte sich eine der Kellnerinnen, die an sie herangetreten war, eine hübsche, junge Frau mit einem Bob aus rotem Haar und Sommersprossen auf der Nase. Minerva wollte sich schon danach erkundigen, ob sie ihre Mahlzeit auch auf ihrem Zimmer einnehmen konnte, da fiel ihr Blick auf eine junge Frau, die allein an einem Tisch saß, der in eine kleine, schattige Nische gequetscht war.
Es war Kagura von Mermaid Heel.
Ihr Haar fiel ihr offen über eine Schulter und mit einem dampfenden Becher in der Hand starrte sie blicklos aus dem Fenster. Minerva dachte zurück an ihr letztes Zusammentreffen während der Magischen Spiele und die Erinnerung erfüllte sie nicht mit Stolz, sondern eher mit Scham. Es wäre einfach, hinter die Säule zurückzutreten und sich das Essen auf dem Zimmer servieren zu lassen, ob das nun üblich war oder nicht. Doch dann gab sie sich einen Ruck.
„Ja, bitte.“, sagte sie zu der Kellnerin und ließ sich den Mantel abnehmen. „Aber ich muss vorher noch etwas erledigen.“
Die Rothaarige nickte verwirrt, ging aber davon, während Minerva noch einmal tief Luft holte und dann entschlossen auf den kleinen, abgelegenen Tisch zutrat. Kagura blickte auf, als sie bei ihr ankam, und ein überraschter Ausdruck huschte kurz über ihr sonst so kontrolliertes Gesicht. Sie stellte den Becher mit einem seltsam laut wirkenden Geräusch auf dem Tisch ab.
„Darf ich mich setzen?“, wollte die Sabertoothmagierin wissen und deutete auf den Stuhl. Kaguras Gesichtsausdruck war unleserlich, doch nach einem Moment neigte sie zustimmend den Kopf, auch wenn sie nicht unbedingt erfreut über ihre Gesellschaft schien. Doch Minerva ließ sich auf den Stuhl gleiten und faltete die Hände.
„Ich hätte nicht erwartet, heute jemandem zu begegnen, der mir bekannt ist.“, gestand sie. „Schöne Weihnachten, schätze ich.“
Kaguras rechter Mundwinkel hob sich zu einem schiefen Lächeln. „Es mussten einige unaufschiebbare Geschäfte erledigt werden.“, erklärte sie. „Die meisten anderen in meiner Gilde haben Familie, also meldete ich mich freiwillig. Bei dir?“
„Ein unaufschiebbarer Auftrag.“ Obwohl Minerva, wie sie festgestellt hatte, lieber zuhause geblieben wäre – dann hätte sie den Abend vermutlich mit Sting, Rogue und ihren Exceed verbracht, vielleicht auch Yukino, wie die letzten Male. Es war ein seltsames Gefühl, sich etwas Derartiges zu wünschen, ein Gefühl, an das sie sich noch immer nicht gewöhnt hatte. Während ihrer Kindheit war Weihnachten nur ein weiterer Tag gewesen, angefüllt mit Training, Lernen und Demütigung.
„Ich schulde dir eine Entschuldigung.“, sagte sie schließlich, nicht nur, um das unangenehme Schweigen zu brechen, das zwischen sie gefallen war.
Kaguras Kopf ruckte kurz, als hätte sie diese Worte nicht erwartet, dann zogen sich ihre Brauen zusammen. „Ich bin nicht die, bei der du dich entschuldigen musst.“, erklärte sie kühl und Minerva neigte zustimmend den Kopf. „Ich werde mit deiner Katzenfreundin sprechen, sobald ich ihr begegne.“
Doch erneut schüttelte die andere den Kopf. „Ich meinte die Stellarmagierin aus Fairy Tail. Sie ist es, die…“
„Oh…“, machte Minerva und blickte zur Seite. Doch obwohl das eine Erinnerung war, die sie nicht gerne heraufzerrte, hatte sie hier eine passende Antwort: „Mit ihr habe ich bereits gesprochen.“ Und sie hatte festgestellt, dass Lucy viel zu freundlich war.
Kagura fixierte sie mit scharfen Augen, als würde allein das den Wahrheitsgehalt ihrer Worte bestätigen. Dann nickte sie und ihre Haltung entspannte sich. Die Kellnerin rettete sie beide vor einer weiteren unangenehmen Stille. „Wollen Sie hier bleiben? Gerade ist ein Platz an der Theke freigeworden…“
Minerva machte Anstalten, sich zu erheben. „Nun, man sieht sich…“, verabschiedete sie sich, doch Kagura griff nach ihrer Hand. „Du kannst hierblieben. Ich erwarte niemanden.“ In ihren Augen stand ein aufrichtiger, fragender Ausdruck, als würde sie wirklich wollen, dass Minerva blieb.
Vielleicht wollte sie einfach nicht alleine sein an diesem Abend.
Nach kurzem Zögern ließ Minerva sich wieder in den Stuhl sinken. „Ich hätte gerne die Spezialität des Abends.“, erklärte sie der Bedienung. „Mit dem Hauswein. Willst du auch etwas?“
Die Kellnerin wandte sich Kagura zu, doch diese schüttelte den Kopf. „Nur einen Kaffee.“, bestellte sie und spielte dann nervös mit dem Bierdeckel, während die Rothaarige sich wieder zum Tresen schlängelte. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und begann das Gespräch mit: „Ich hörte, Sabertooth hat sich weiterentwickelt.“
Sie sprachen erst über Magie und Gilden, bis Minervas Essen kam, doch langsam wechselte das Gespräch zu persönlicheren Themen. Es war seltsam, wie einfach es war, mit Kagura zu reden, obwohl sie sich kaum kannten. Doch sie stellten fest, dass sie weit mehr gemeinsam hatten als die Tatsache, dass sie sich manchmal wie von kleinen Kindern umgeben fühlten.
Nach der Mahlzeit gönnte Minerva sich noch einen Kaffee und aus einer Tasse wurden zwei und dann noch eine mehr. Sie blieben noch bis lange in der Nacht sitzen und redeten, doch da waren sie nicht die einzigen. Die Familien mit Kindern verließen die Gaststube, doch immer neue Leute trudelten ein und die Stimmung im lokal war heiter und ausgelassen, bisweilen wurde es sogar laut und der Alkohol floss in Strömen.
Schließlich machten sie doch Schluss und packten ihre Sachen zusammen. Gemeinsam traten sie an den Tresen, um zu bezahlen. Die Kellnerin an der Kasse war die rothaarige, junge Frau, die Minerva begrüßt hatte, und sie lächelte die beiden jungen Frauen an. Rasch kassierte sie ab, während sie freundliche Konversation betrieb. „Und jetzt müsst ihr euch küssen.“, sagte sie abschließend.
„Wa…?“, entfuhr es Minerva, während Kagura gleichzeitig ausrief: „Warum?“ Die Kellnerin lachte über ihre entgleisten Gesichter und deutete nach oben, wo ein Mistelzweig hing. Dann zwinkerte sie mit dem rechten Auge. „Keine Sorge, wir akzeptieren auch Wangenküsse.“, erklärte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Hin und wieder hatten wir auch einen Handkuss. Das ist eine alte Tradition bei uns. Ein wenig Weihnachtssinn verbreiten.“
Die Magierinnen wechselten einen Blick, doch Minerva konnte Kaguras Gedanken nicht erraten, deren Gesicht wieder unleserlich war. Wenn sie die Aufforderung einfach ignorieren und aus der Tür gleiten würden, würde niemand sie aufhalten können.
Doch inzwischen waren die Umsitzenden aufmerksam geworden und ermunternde Stimmen erhoben sich. „Nur ein kleiner Kuss!“, johlte jemand und Minerva gab sich seufzend geschlagen. Besser, es schnell hinter sich bringen.
Doch Kagura schien die gleichen Gedanken gehabt zu haben, denn sie begegneten sich in der Mitte. Was ein harmloses Küsschen auf die Wange hätte werden sollen, wurde weit mehr als das.
Kaguras Mund war weich und nachgiebig unter ihrem und als sie die Lippen bewegte, stieß Minerva ein leises Seufzen aus. Es war erstaunlich schwer, sich wieder von der anderen Magierin zu lösen. Doch Kagura schien es nicht anders zu gehen, denn sie blinzelte einen Moment, als müsste sie sich in die Gegenwart zurückrufen.
Dann warf sie einen Blick in die verdutzt dreinblickende Runde und auf die Kellnerin, die schief grinste. „So ernst musstet ihr die Sache auch wieder nicht nehmen.“
Minerva spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie wandte sich ohne ein weiteres Wort ab, um ihren Mantel zu suchen, der mit zahlreichen anderen an der Garderobe hing, und verließ die Gaststube. Im hell beleuchteten Hausflur, kurz vor der Tür, die zu den Gästezimmern abführte, holte Kagura sie ein.
Minerva blieb stehen; es wäre nur höflich, sich noch von ihr zu verabschieden. Also lächelte sie und erklärte: „Ich hatte einen weit angenehmeren Abend, als ich erwartet habe.“
Die andere starrte sie für einen Moment an, dann nickte sie und schien mit den Worten zu ringen, denn sie öffnete mehrmals den Mund, um doch nichts zu sagen. Schließlich blickte sie zur Seite über Minervas Schulter hinweg, einen roten Schimmer auf den Wangen, aber ihre Stimme war kühn, als sie fragte: „Hast du noch Lust auf einen Spaziergang?“
18. Türchen | Zimt, Anis, Vanille * Lucy & Juvia
Lucy schreckte aus ihren Versuchen, endlich den Anfang für ihr nächstes Kapitel zu finden, auf, als jemand gegen die Tür klopfte. Einen Moment war sie verärgert, doch dann schob sie dieses Gefühl beiseite. Sie kam hier eh nicht weiter, warum sich also nicht eine Pause gönnen? Schreibblockaden kotzten sie an.
Während sie zur Tür ging, fragte sie sich, wer das wohl sein konnte. Natsu wohl kaum, der kam einfach herein, anstatt zu klopfen, außerdem war er mit Gray und Happy auf einer Mission. Erza vielleicht oder Levy, die sich nach dem Fortschritt ihres Kapitels erkundigen wollte. Vielleicht sogar Wendy.
Ganz sicher hatte sie nicht Juvia erwartet, die, bepackt mit Tragetaschen, auf den Stufen zur Haustür stand und sie mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen anstarrte. „Juvias Küche wurde von Gajeel demoliert und kann nicht sofort repariert werden.“, erklärte die Blauhaarige ihr mit größter Selbstverständlichkeit. „Darum wird sie jetzt deine benutzen. Du darfst ihr auch beim Backen helfen.“ Damit drängte sie sich einfach an ihr vorbei und verschwand in der Küche.
Lucy starrte ihr hinterher. „Wa-warte!“, rief sie der Wassermagierin nach, nachdem sie sich wieder gefangen hatte, doch diese ignorierte sie einfach. „Du kannst doch nicht einfach in anderer Leute Häuser platzen und ihre Küchen annektieren!“
Juvia blickte sie überrascht an, bereits im Prozess, ihre Taschen auszupacken – Mehl, Zucker, Milch, Eier, kleinere Päckchen mit Gewürzen, Zuckerstreusel, alles in rauen Mengen – und antwortete: „Warum? Du nutzt sie ja eh nicht.“
Empört blies Lucy die Backen auf. Sie nutzte ihre Küche sehr wohl! Sie aß hier und machte sich das Essen warm und wenn ihre selbstgekochten Gerichte nicht so gut gelangen und ihre Kekse verbrannten, so lag es nur an der fehlenden Übung! Sie hatte nun mal nicht die Zeit, ihre Kochkünste zu perfektionieren, mit all den Missionen, auf die sie ging! Was konnte sie denn dafür!
Juvia währenddessen ignorierte Lucys Krise und öffnete Schränke, zog die Waage heran und setzte einen Topf mit heißem Wasser auf, um Butter zu schmelzen. „Wo sind deine Schüsseln? Hast du eine Küchenmaschine?“, wollte sie geschäftig wissen. „Und warum machst du so ein Gesicht? Hilf Juvia lieber!“
Lucy seufzte schwer und machte sich daran, ihrem unerwarteten Gast zu zeigen, wo alles stand. Die Sache war sicher gar nicht so schlimm. Juvia würde bestimmt bald wieder verschwinden. Gleich, nachdem die Blauhaarige sich hier auskannte, konnte sie sich ja wieder an ihr Manuskript setzen… Juvia war sauber und ordentlich und würde ihre Küche wieder aufräumen, ehe sie ging. Lucy hatte schon schlimmere Gäste gehabt.
Aber aus dem Schreiben wurde nichts, denn Juvia setzte sich einfach über ihre protestierenden Worte hinweg und drückte ihr einen Rührbesen in die Hand, so dass sie nicht drum herumkam um zu helfen. Ein ‚Nein‘ ließ sie nicht gelten und auch nicht die überzeugten Worte, dass Lucy nicht Backen konnte.
Bald erfüllte der Duft nach frischen Weihnachtsplätzchen das kleine Haus, am prominentesten roch es nach Anis, Vanille und Zimt. Es war ein Duft, der Lucy an ihre Kindheit erinnerte, als ihre Mutter noch gelebt und Aed zu Weihnachten bergeweise von Plätzchen angefertigt hatte.
Layla und Lucy hatten sich immer in die Küche gestohlen und sie noch warm vom Abkühlgitter gestohlen und Aed hatte so getan, als würde es ihn maßlos aufregen. Lucy lächelte bei dem Gedanken an die Erinnerung und konzentrierte sich darauf, Juvias Anweisungen genau zu folgen, damit es nicht ihre Schuld war, wenn etwas misslang.
Ehe die beiden Mädchen es sich versahen, war es draußen bereits dunkel. Der Tag war vergangen mit Zutaten abwiegen, Plätzchen ausstechen und verzieren, Zimtschnecken rollen und Teig naschen. Hin und wieder saßen sie vor dem Ofen und sahen zu, wie das Gebäck sich appetitlich goldbraun färbte. Das Haus war erfüllt von ihren fröhlichen Stimmen, Lachen und dem Duft nach Weihnachten und Lucy dachte nicht einmal daran, zu ihrem Schreibtisch zurückzukehren.
Schließlich saßen die beiden Mädchen am Tisch, die Küche sauber aufgeräumt und geputzt, und verteilten das fertige und abgekühlte Gebäck in kleine und größere Tüten, die mit Weihnachtsmotiven bedruckt waren und die sie mit grünen und roten Schleifen verzierten. „Juvia wird sie in der Gilde verteilen. Gray-sama wird sich über seine Plätzchen freuen.“, verkündete die Wassermagierin, während sie sie in ihren Taschen verstaute. „Sie hat so etwas noch nie getan. In Phantom Lord haben wir kein Weihnachten gefeiert.“ Jetzt klang sie sehr aufgeregt. Lucy lächelte über ihren Enthusiasmus.
Plötzlich blickte die Blauhaarige auf: „Juvia hat auch gehört, dass deine Plätzchen letztes Jahr nicht genießbar waren.“, erklärte sie, einen beinahe schadenfrohen Unterton in der Stimme.
Die Blondine fixierte sie sauer mit zusammengezogenen Augenbrauen und setzte gerade zu einer wütenden Antwort an, als Juvia ihr eines der größten Päckchen mit einem Lächeln überreichte. „Diese hier werden Natsu-san schmecken.“
Verblüfft nahm Lucy die Gabe entgegen, ihre Wut wieder verraucht. „Ich…“, begann sie und wusste nicht, was sie sagen sollte. Dann besann sie sich. „Danke, Juvia.“
Dieses Jahr würde Natsu ihre Plätzchen wohl nicht sofort wieder ausspucken, kaum dass er sie probiert hatte…
19. Türchen | Weihnachtsmarkt * Frexus
Die Straßen der alten, malerischen Stadt waren gesäumt von adretten, kleinen Verkaufsständen. Sie waren geschmückt mit Immergrün und Tannenzweigen, manche hatten kleine Laternen, in denen Kerzen sanftes Licht verbreiteten, andere ganze Lichterketten, die jemand um die Pfosten und die Dekoration geschlungen hatte.
Von den Zweigen baumelten die verschiedensten Gehänge, die sich im leichten Wind bewegten. Es gab alles von einfachen Kugeln in leuchtenden Farben, über Sterne, Vögel, glitzernde Schneekristalle und alle Arten von weihnachtlichen oder einfach nur winterlichen Figuren wie Schneemänner, Weihnachtswichtel oder Nikoläuse. Neben einigen Ständen standen hüfthohe Figuren, angefangen von noch mehr Weihnachtsmännern über Ochsen und Esel.
Die größte Gestalt war allerdings der fünfzehn Meter hohe Julbock, eine gigantische, gehörte Ziege, die aus Stroh gefertigt und mit breiten roten, weiß bestickten Bändern um Rücken, Füße und Schnauze verziert war. Sie stand auf dem Dorfplatz und überragte alle Verkaufsstände zu ihren Füßen. Sie war Freed bereits bei ihrer Ankunft in Periwinkle aufgefallen, doch anscheinend gehörte sie zu den Weihnachtstraditionen in dem kleinen, uralten Ort, der anscheinend sogar die Magierkriege überstanden hatte.
Der Duft nach gebrannten Mandeln hing in der Luft, gemischt mit dem Geruch nach Würstchen, Schnitzel und Kartoffeln. Dazu mischte sich das Aroma von Holzrauch aus den Feuerschalen, die an strategischen Punkten auf dem Weihnachtsmarkt verteilt waren. Das Gewirr der Besucher schlug den beiden Magiern entgegen, als sie aus dem Rathaus traten, wo der Bürgermeister ihnen gerade ihre Belohnung übergeben und sie eingeladen hatte, noch ein paar Stunden auf ihrem im ganzen Land bekannten Markt zu verbringen, auch wenn sie dafür den späteren Zug nehmen mussten. Freed hatte genickt und sich bedankt und dann waren sie entlassen worden.
„Komm, wenn wir uns beeilen, schnappen wir den früheren Zug noch.“, bemerkte Laxus neben ihm miesgelaunt, während er seinen Teil der Belohnung in der Tasche verschwinden ließ. Sein weiter, pelzgefütterter Mantel mochte den größten Teil des Jahres unpraktisch wirken, doch im Moment passte er ins Bild. Laxus stopfe die Hände in die Taschen und sah noch gereizter aus, als vor ein paar Minuten.
„Ich dachte, wir wollten uns noch einen Moment umsehen.“, antwortete Freed enttäuscht. Eigentlich hatte er dem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt entgegengesehen, der tatsächlich in ganz Fiore bekannt war und den Ruf hatte, noch nicht nur aus Fressständen und den Buden großer Konzerne zu bestehen, sondern noch echte Handwerkskunst und traditionelle Stücke anzubieten.
Einmal war er bereits zur Vorweihnachtszeit in Periwinkle gewesen, aber damals hatte er kaum Zeit gehabt, sich richtig umzusehen und noch dazu kein Geld, sich wirklich etwas zu kaufen. Doch nun, da sich die Gelegenheit bot, schien sein Begleiter nicht so angetan von der Idee zu sein wie er selbst.
Noch dazu… hatte er sich gefreut, etwas Zeit mit Laxus verbringen zu können, ohne direkt auf einem Auftrag zu sein, noch dazu da es nur sie beide waren. Das schaffte er sonst selten, darum war jede Minute kostbar.
„Oder musst du irgendwohin?“ Allerdings war Laxus schon beinahe den ganzen Auftrag über so pampig, obwohl der so gut begonnen hatte. Freed vermutete, dass etwas zwischen dem Blitzmagier und dem Bürgermeister geschehen war, während er selbst mit dessen Tochter in der Bibliothek verschwunden war, um ein paar literarische Aspekte der Mission durchzusprechen. Worum es allerdings ging, hatte der andere nicht verraten.
„Wie, du hast das ernst gemeint?“, wollte der Dragonslayer wissen und blickte verdutzt auf ihn herunter. Ausnahmsweise verschwand der momentan konstante finstere Ausdruck von seinem Gesicht, um Überraschung Platz zu machen.
Freed spürte, wie er leicht rot wurde, nickte aber beinahe defensiv. „Ich wollte schon länger mal auf den Periwinkler Weihnachtsmarkt, hatte aber noch nie wirklich die Zeit dafür.“, erklärte er, als müsste er sich rechtfertigen.
Er verwarf den Gedanken, seinem Begleiter anzubieten, ohne ihn loszugehen. Zum einen würde es alleine nicht so viel Spaß machen wie mit ihm und zum anderen – wer sollte dafür sorgen, dass Laxus die Rückfahrt mit dem Zug halbwegs lebend überstand? Der mochte es zwar nicht zugeben, doch wie Natsu, Gajeel und neuerdings auch Wendy nahmen Reisen in Gefährten ihn mit.
Er wollte gerade den Mund öffnen und einlenken, als Laxus erklärte: „Also gut, es wird wohl nicht schaden.“
Überrascht blickte Freed auf, aber der Blonde blickte ihn nicht an, sondern starrte über die Verkaufsstände hinweg die gigantische Ziege an. „Was?“, hakte Freed verdutzt nach, es kaum glaubend, dass Laxus so ohne weiteres nachgegeben hatte. Aber Laxus Gesicht hatte einen undurchdringlichen Ausdruck, nur seine Wangen waren rot vor Kälte und der fixierte den Julbock, als wäre er ungeheuer interessant.
Verwirrt folgte Freed dem Blick, doch da er nichts Außergewöhnliches daran entdecken konnte, meinte er, um die Stimmung etwas aufzuheitern: „Wäre Natsu hier, würde das Ding auf die eine oder andere Weise den Flammen zum Opfer fallen.“
„Vermutlich.“, gab Laxus einen Moment dann zu und setzte sich in Bewegung. „Vielleicht finde ich ein Geschenk für den Alten.“, nuschelte er in seinen Mantel und zuckte mit den Schultern. „Kommst du jetzt oder was?“
Freed schloss rasch zu ihm auf und erklärte: „Lass uns den Bock von Nahem ansehen. Und wenn du nicht immer mit einer solch negativen Auffassung an alles herangehen würdest, würde es dir auch mehr Spaß machen.“
„Ich habe keine negative Auffassung!“, murrte Laxus zurück. „Ich bin nur… Ach, lass uns losgehen.“ Damit beschleunigte er seinen Schritt und marschierte auf den nächsten Stand zu um sich dessen Auslagen äußerst interessiert anzusehen. Freed schnaubte, sagte aber nichts mehr über das Thema und beschloss, seinen Freund etwas aufzumuntern. Also zog er den großen Mann von den gehäkelten Deckchen weg, für die er sicher kein Interesse aufbrachte, auch wenn er so tat.
Gemeinsam schlenderten sie durch die langen, engen Straßen, beschauten die Auslagen der Stände und überlegten Weihnachtsgeschenke für diverse Gildenmitglieder – allen voran Makarov und natürlich Bixlow und Evergreen. Sie aßen an einem der Stände eine erstaunlich gute Mahlzeit, ehe sie sich wieder in die Menge stürzten, bestaunten eine meisterhaft und völlig ohne Magie durchgeführte Feuershow, die Natsu nicht besser hingekriegt hätte – zumindest nicht, ohne den in der Nähe stehende Julbock abzufackeln – und lauschten kurz dem Streichquartett, das sich auf einem überdachten Podium zusammengefunden hatte.
Tatsächlich besserte sich Laxus‘ Laune mit dem Voranschreiten des Tages und er entspannte sich sichtlich. Freed verbuchte das als einen Punkt für sich und machte einfach weiter wie bisher.
Er selbst jedenfalls genoss die kurzen Stunden aufs Höchste und seine Zufriedenheit musste ihm anzusehen sein, denn eine alte Standbesitzerin nickte ihm zu, als sie die Holzfigur für ihn einpackte, die er als ein Geschenk für Bixlow vorsah, und komplimentierte ihn zu seinem ‚strammen Partner‘. Freed brauchte einen Moment um zu erkennen, worauf sie anspielte, lief rot an und versuchte stotternd zu erklären, dass er und Laxus kein Paar waren. Doch die alte Frau schien das nicht hören zu wollen und lächelte nur wissend.
Irgendwann fing es an zu schneien, in großen, sanften Flocken, die lautlos vom Himmel fielen und sich über die Dächer, die Straßen, die im Freien liegenden Waren und die durch die Gassen spazierenden Menschen. Die hereinbrechende Nacht und die Lichterketten, die über die Straßen gespannt waren, taten das ihrige, um eine zauberhafte Atmosphäre zu schaffen.
Es war eine so romantische Stimmung, dass Freed sich mehr als einmal daran erinnern musste, dass Laxus nicht mit ihm auf einem Date hier war, so sehr er sich das vielleicht auch wünschen würde. Er warf seinem Begleiter immer wieder Seitenblicke zu, bewunderte dessen markantes Profil und fragte sich, warum er sich nicht in jemand anderen hätte verlieben können. Jemand, der ihn als etwas mehr bemerken würde als ein Freund und guten Auftragspartner. Gleichzeitig kam er sich jämmerlich vor.
Beschäftigt mit den eigenen Gedanken und Gefühlen brauchte er eine Weile um zu bemerken, dass Laxus‘ Gesicht immer finsterer wurde, als würde er mit etwas kämpfen und etwas hin und her überlegen. „Was ist los mit dir?“, wollte er schließlich wissen, als Laxus ihm dreimal keine Antwort auf seine Frage gegeben hatte. „Wir können gehen, wenn du keine Lust mehr hast.“
„Aber du hast Spaß, oder nicht?“, erkundigte sich der Blonde und trat in eine kleine Gasse, um sie etwas von dem Lärm des Weihnachtsmarktes zu entfernen. „Ich will dir das nicht verderben.“
„Wir waren lange genug hier. Wenn du dich unwohl fühlst…“ Besorgt spähte Freed in das gut geschnittene Gesicht des anderen und seine Finger juckten beinahe danach, ihm die Hand auf die Stirn zu legen um zu sehen, ob seine Temperatur zu hoch war. Er sah jedenfalls besorgniserregend rot aus. Oder war es doch nur die Kälte? „Wie wäre es, wenn wir den nächsten Zug nehmen? Der geht in einer halben Stunde. Wie du willst.“
Laxus seufzte und fuhr sich durch die Haare. „Also gut.“, erklärte er und zuckte mit den Schultern, als wäre ihm alles egal. Freed nickte befriedigt und machte sich auf den Weg zurück zum Markt. Hinter ihm hörte er Laxus etwas wie „Du bringst mich noch um.“ murmeln, doch er musste sich verhört haben. Was für einen Grund sollte er dafür gehabt haben?
Als sie eine halbe Stunde später in den Zug stiegen, satt, zufrieden und um ein paar Geschenke reicher, fühlte Freed sich besser, was seine Schwärmerei gegenüber Laxus betraf als vorher. Vielleicht gab es ja doch noch Hoffnung für ihn. Vielleicht war nicht alles so aussichtslos, wie er das immer gedacht hatte.
Zumindest hatten sie einen schönen Nachmittag miteinander verbracht.
2o. Türchen | Familie * Yukino & Sabertooth
Die Fesseln schnitten ihr in die Hand- und Fußgelenke und das als Knebel dienende Tuch hinterließ einen schalen Geschmack in ihrem Mund. Die hellen Deckenlampen fluteten den Raum mit grellem Licht. Er war kahl, nur ein Tisch mit ein paar Stühlen in der Mitte und ein alter Schrank, der einen Spalt offen stand, befanden sich darin.
Durch drei kleine Fenster konnte man nach draußen sehen, doch durch die hereinbrechende Nacht konnte Yukino kaum mehr erkennen als ein paar Schemen von höheren Gebäuden, die dieses umgaben. Die Dächer waren bedeckt mit Schnee, was sie deutlich hervorhob, und der Halbmond hing scharf und schmal über ihnen.
Sie wusste allerdings, dass sie sich in einer alten Festung befand, die schon seit Jahren verlassen war. Die dicke Staubschicht, die sich über alles zog, war nur ein Zeuge davon. Sie kauerte in einer Ecke, Hände hinter dem Rücken zusammengebunden, die ebenfalls gefesselten Beine hochgezogen. In den Fingern hatte sie kein Gefühl mehr, eine Kombination aus daraus, dass die Fesseln ihre Blutzufuhr abschnitten, und der Kälte, die hier herrschte und in ihre Knochen gekrochen war.
„Was interessiert sich der Meister unbedingt für die?“, wollte einer der beiden anderen Anwesenden wissen, eine junge Frau mit dunkelvioletten Haaren und Augen so schwarz wie Tümpel bei Nacht.
Die zweite Person warf der jungen Stellarmagierin einen kurzen, abschätzigen Blick zu und zuckte dann mit den Schultern. Es war ein bulliger Mann mit Glatze, Stiernacken und einer sternförmigen Narbe mitten im Gesicht. „Er hat irgendetwas darüber gebrabbelt, dass die Sterne richtig stehen und sie die einzige ist und … Sowas halt. Kennst ihn ja.“ Die Frau nickte, verzog aber unwillig den Mund.
„Sei nicht eifersüchtig.“, spöttelte der Mann und wirbelte Yukinos Schlüsselbund um den Finger. Das weißhaarige Mädchen ließ die Schlüssel nicht aus dem Blick, schienen sie ihr doch wie ihre einzige Chance, von hier zu entkommen. Sie war allein auf diesen Auftrag gegangen und niemand hatte bemerkt, wie sie niedergeschlagen worden war und wer würde auf die Idee kommen, sie zu suchen, wenn doch alles Okay sein sollte?
Die nächsten Worte des Mannes ließen ihr jedoch das Blut in den Adern gefrieren. „Er hat sie eingetauscht. Gegen irgendwelche Lacrima, die angeblich die Macht eines Magiers vergrößern. Sabertooth kann bei sowas ja nicht widerstehen.“ Er warf der Stellarmagierin einen scheelen Blick zu und grinste über ihren entgleisten, entsetzten Gesichtsausdruck. „Hättest du wohl nicht gedacht, he? Dass deine eigene Gilde dich einfach so verschachert. Aber hey, nimm’s nicht so schwer. Es ist die Zeit des Profits, so kurz vor Weihnachten!“ Er breitete die Arme aus und das Mädchen kicherte.
„Jaja, so weit her scheint’s mit Sabertooths Nächstenliebe doch nicht zu sein. Schau mal, Altrus, wie dumm sie guckt!“ Sie stieß ihrem Kumpan in die Rippen, der ebenfalls lachte, dann kam er herüber und zog ihr den Knebel aus dem Mund. „Du sagst gar nichts. Bist wohl doch nicht so geschockt darüber, wie du tust.“
Yukino fühlte sich, als ob man ihr den Boden unter den Füßen weggerissen hätte. Gleichzeitig wehrte sie sich gegen den Gedanken. „Da…das ist nicht wahr!“, brach es aus ihr heraus, aber gleichzeitig schlichen sich die verräterischen Gedanken ein: Was, wenn doch? Altrus und seine junge Freundin hatten gar keinen Grund zu lügen. Was würden sie daraus gewinnen?
Aber… das konnte nicht sein.
Sie hatten geschworen, nie wieder in diese alten Gewohnheiten zu verfallen, sie wollten in eine bessere, hellere Zukunft sehen, sie wollten … eine echte Gilde sein. Eine, deren Mitglieder ihre Verbundenheit untereinander ehrten und schätzten. War das alles nur eine Lüge gewesen?
Aber… Nein, ganz sicher nicht. Den beiden machte es nur Spaß, sie leiden zu sehen. Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte sie dem Narbigen wütend in die Augen.
Altrus grinste. „Sie glaubt uns nicht, Chikata.“, sagte er zu seiner Freundin, die gelangweilt mit den Schultern zuckte.
„Ist ihr Problem, wenn sie die Wahrheit nicht akzeptieren kann.“ Sie kratzte sich an der Nase und lehnte sich dann mit überkreuzten Armen gegen den Tisch.
Altrus grinsen wurde breiter, dann zog er ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus seiner Weste. „Weißt du, was das ist? Unser Vertrag, der dich an uns überschreibt. Siehst du?“ Er faltete das Blatt auseinander und tippte auf das Symbol von Sabertooth, das darauf prangte. „Hier hast du es schwarz auf weiß. Na, glaubst du uns jetzt?“
Sie konnte nur einen flüchtigen Blick auf den Vertrag erhaschen, doch sie konnte genug erkennen, um keinen Zweifel daran zu haben, dass sie die Wahrheit sprachen. Ihr Verstand setzte aus. Aber… Aber… Tränen schossen ihr in die Augen.
„Jetzt hast du sie zum Heulen gebracht!“, fauchte Chikata. „Musste das sein?“
Yukino konnte sie kaum hören. Dumpf drangen die Geräusche von außen zu ihr durch, aber sie realisierte sie kaum. Es war, als wäre sie im freien Fall und der Boden käme näher, schnell und unaufhaltsam. Sie würde darauf zerschmettern und es würde ihr noch nicht einmal wehtun, denn Altrus hatte ihr das Herz schon auf die schmerzhafteste Art aus der Brust gerissen, die sie sich vorstellen konnte.
Sabertooth war alles für sie gewesen. Hatten sie sich nicht geschworen, zusammenzuhalten? Beieinander zu stehen? Hatte sie nicht wie Fairy Tail sein wollen, wie eine Familie, die sich immer unterstützte? Wie konnten sie sie so verraten?!
„Jetzt wird sie noch leichter zu handeln sein.“, erklärte Altrus. „Ein paar Worte hier, ein paar da und sie brechen alle… Ihren Schwachpunkt zu erkennen war einfach.“ Er zuckte nachlässig mit den Schultern. „Kein Proble-“
Ein lautes Krachen von draußen schnitt ihm die nächsten Worte ab und einen Moment später flutete Licht den Platz vor den Fenstern, so hell, dass es sogar die Deckenlampen wie ein schwacher Schimmer wirken ließ. Es verlosch nach einem Augenblick wieder, aber niemand brauchte Yukino zu sagen, dass nur eine ganz bestimmte Magie eine solch gleißende Helligkeit erzeugen konnte.
Die Erleichterung, die sie durchflutete, nahm ihr für einen Moment die Sicht. Sie waren gekommen! Sting und mit ihm die anderen. Sie hatten sie nicht allein gelassen. Irgendwie mussten sie davon erfahren haben, dass sie hier war. Sie waren für sie gekommen!
„Wa…“, begann Altrus und bläuliches Licht sammelte sich um seine Fäuste. Doch schon einen Moment später verdunkelten sich die Fenster und pure Finsternis quoll herein, um allen Anwesenden die Sicht zu nehmen. Yukino zuckte zusammen, als sie einen erschrockenen Aufschrei hörte, dann rasselten Ketten und Chikata kreischte einen schrillen Kriegsruf. Der wurde abrupt abgewürgt und einen Moment später verschwanden die Schatten.
Yukinos Bewacher lagen bewusstlos am Boden, zwischen ihnen stand Rogue, das Gesicht grimmig und die roten Augen blitzend. In der Hand hielt er Yukinos kostbaren Schlüsselbund und er verschwendete keine weitere Zeit, zu ihr herüberzuschreiten. „Ihr… ihr seid gekommen!“, entfuhr es ihr, als könnte sie es noch immer nicht glauben.
Rouge runzelte verwirrt die Stirn und zerriss die Fesseln einfach, als wären sie aus Grashalmen. „Natürlich.“, erklärte er dann und zog sie auf die Beine. „Was hätte uns davon abhalten können?“
Sie warf einen Blick auf den Vertrag, der noch auf dem Tisch lag, unterschrieben von jemandem, der vielleicht einmal in ihrer Gilde gewesen war, doch nun nicht mehr. Denn Sabertooth war das nicht mehr. Sting und Rogue, Orga und Rufus, Minerva und alle anderen… sie selbst hatte hart daran gearbeitet, dass dies so war.
Sie schüttelte den Kopf und lachte über ihre eigene Dummheit. „Nichts.“, antwortete sie Rogues Frage und lächelte ihn an. „Gar nichts. Danke, dass du mich daran erinnerst, Rogue-sama.“
Dankbar nahm sie ihre Schlüssel entgegen, die in ihren Händen freudig zu vibrieren schienen, und ließ sich ohne weitere Worte nach draußen ziehen. Dort wurde sie von den anderen empfangen, ihrem Team, das für sie gekommen war und dafür eine ganze Festung in Schutt und Asche gelegt hatte.
Stings Grinsen war so breit, das es beinahe sein Gesicht sprengte. Rufus musterte sie besorgt mit scharfem Blick, sich davon überzeugend, dass sie unverletzt war. Orga klopfte ihr erleichtert so hart auf die Schulter, dass sie drei Schritte nach vorne stolperte. Minerva nickte ihr mit einem kleinen Lächeln zu und Yukino fühlte sich Zuhause. Sie verstand sie auch ohne weitere Worte.
Wir sind deine Familie.
21. Türchen | Weihnachtskonzert * Miraxus
Eine halbe Violine nahm den größten Teil des Posters ein, darüber lag der Bogen. Im Hintergrund waren Musiker zu erkennen, die im Halbkreis aufgereiht waren und die verschiedensten Instrumente hielten.
Weihnachtskonzert des Königlichen Fiorianischen Orchesters prangte in geschwungenen Buchstaben quer darüber und am unteren Rand standen die Daten und Orte der Auftritte. Das Orchester tingelte für diese Aufführung quer durch das Land und heute würden sie in Magnolia spielen.
Enttäuscht wandte Mirajane sich ab. Weil sie auf einem Auftrag gewesen war und Elfman es verschusselt hatte, obwohl sie ihm so eindringlich eingeschärft hatte, es ja nicht zu vergessen, hatte sie keine Karten mehr bekommen. Sie war erst gestern dazu gekommen, sich darum zu kümmern, aber natürlich war da nichts mehr zu machen gewesen, nicht so knapp vor dem Auftritt.
Vielleicht würde sie an der Abendkasse noch welche ergattern, doch die Chancen standen schlecht. Das Orchester war eines der besten auf dem Kontinent und entsprechend schnell gingen die Karten weg. Dabei waren sie ziemlich teuer.
Sie seufzte und ging langsam weiter die Straße hinunter auf die Gilde zu. Seit Wochen war sie aufgeregt wegen dem Konzert, aber Elfman hatte ihr dann doch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wäre er nicht ihr Bruder, hätte er einiges zu hören bekommen. Aber all der Ärger half ihr jetzt auch nicht weiter.
Während sie ging, kramte sie den Schlüssel zur Gildenhalle aus der Manteltasche. Es war noch dunkel um sie herum und die Sonne würde jetzt – so tief im Winter – auch noch eine Weile auf sich warten lassen. Der Atem gefror ihr vor dem Mund, so eisig war es; doch eingemummelt in ihren dicken Wintermantel fühlte sie die Kälte kaum.
Der in der Nacht frisch gefallene Schnee knirschte leise unter ihren Füßen und die Luft roch frisch und würzig, rein und klar. Die Lichterketten, die sich um diese Jahreszeit überall entlangzogen, und die schmiedeeisernen Straßenlaternen verbreiteten einen freundlichen Schein und morgendliche Ruhe lag über die Stadt.
Es herrschte eine Art besonderer Friede, den Mirajane um diese Jahreszeit besonders genoss. Der Sommer erschien ihr stets hektischer. Eigentlich war es ein schöner Morgen, doch die Tatsache, dass sie heute Abend nicht wie erhofft ein wunderbares Konzert genießen konnte, ließ nicht die besonnene Freude aufkommen, die sie gewohnt war.
Sie bog in den Hof ein und sie suchte den richtigen Schlüssel aus dem Bund heraus. Überrascht blickte sie auf, als sie die hochgewachsene, massive Gestalt von Laxus neben der Tür lehnen sah. Die Hoflaterne beleuchtete seine markanten Züge und warf gleichzeitig tiefe Schatten darüber und Mirajane wurde wieder einmal bewusst, wie gut er aussah.
„Huch.“, sagte sie und begrüßte ihn mit einem Lächeln. „Guten Morgen, Laxus. Was tust du so früh schon hier?“
„Ich warte, bis endlich jemand die Gilde aufmacht.“, antwortete er kurz angebunden.
„Wenn ich gewusst hätte, dass schon jemand da ist, hätte ich mich mehr beeilt.“, erklärte sie pikiert. „Aber eigentlich bin ich um diese Zeit immer allein.“ Damit schob sie den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn herum, um die Tür zu öffnen. „Vielleicht solltest du den Meister um deinen eigenen Schlüssel fragen.“
Laxus machte ein unbestimmtes Geräusch, das sich ein wenig wie ein Grunzen anhörte, und folgte ihr hinein. Warme Luft schlug ihnen entgegen und einen Moment später flammten die Deckenlampen auf und tauchten den so vertrauten Raum in ein helles Licht.
„Du hast mir noch nicht gesagt, was du so früh hier schon willst.“, hakte sie noch einmal nach, während sie aus ihrem Mantel schlüpfte und ihn hinter der Theke verstaute. Laxus gab erneut das Grunzen von sich und zuckte mit den Schultern ohne sie anzublicken. Verwirrt über die seltsame Reaktion zog sie die Augenbrauen hoch, aber er sagte nichts, sondern marschierte zum Questboard hinüber.
Sie beschloss, ihn für einen Moment sich selbst zu überlassen, da er offensichtlich so unwillig zu reden war, und widmete sich den Vorbereitungen für den Tag. Als sie aus der Küche wieder kam, saß er an der Bar. Vor ihm lag ein Auftrag, doch er schien abgelenkt und die Mission schien ihn nicht wirklich zu interessieren.
Sie lächelte ihn an, als sie auf ihn zutrat. „Nimmst du diesen?“ Er nickte, wirkte aber noch immer abgelenkt und sie fragte sich, ob es etwas mit seinem frühen Auftauchen zu tun hatte und was ihn so beschäftigte.
„Ist noch etwas vorgefallen?“ Plötzlich wurde ihr kalt. „Es ist doch nicht etwas mit dem Meister?“
Erschrocken fuhr er auf. „Was sollte mit dem Alten sein?!“
Missstrausich zog sie die Augenbrauen zusammen, doch er schien ehrlich überrascht über ihre Frage, also konnte nichts sein. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. „Na hör mal, erst kreuzt du so verdächtig früh auf, dann wählst du einen Auftrag, den du im Schlaf erledigen kannst, und sagen willst du auch nichts. Natürlich frage ich mich, was vorgefallen ist!“
Laxus blinzelte, dann irrte sein Blick zur Seite, so dass sie sein markantes Profil bewundern konnte, über das sich nun leichte Röte ausbreitete. „Es ist nichts.“, grummelte er, doch durch den Mangel an Nachdruck dahinter kaufte sie ihm das nicht ganz ab.
Trotzdem lockerte sie ihre Haltung. „Du kannst es mir ruhig erzählen.“ Jeder wusste, dass man ihr Sorgen und Nöte anvertrauen konnte und sie würde es nicht ausnützen. Nun, vielleicht ein wenig. Aber ganz sicher nur, um zu helfen! Vor allem, wenn es um die Probleme mit dem anderen Geschlecht ging. Vielleicht hatte er Liebeskummer?
Wobei … sie nicht das Bedürfnis verspürte, jemand anderen dabei zu unterstützen, ausgerechnet mit ihm zusammenzukommen.
So selbstlos war sie dann doch nicht.
Er räusperte sich unbehaglich und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, auch wenn er sich ihr noch nicht zuwandte. „Ich… Also… Du…“
„Jaaaah?“ Sie lächelte ermutigend. Es wirkte tatsächlich, als hätte er gewisse Probleme und erhoffte sich von Fairy Tails Kupplerin einen Rat. Sie würde schon eine Lösung finden… Irgendwie… Oder so.
Die Röte in seinem Gesicht vertiefte sich, aber er gab sich einen Ruck und fragte: „Hast…hast du heute Abend schon was vor?“
Die passende Antwort, die sie sich zurecht gelegt hatte, war auf einmal gar nicht mehr passend. „Wa…?“ begann sie. Versuchte er gerade wirklich, sie um ein Date zu bitten?! „Ich…“, begann sie zögernd und nun wandte er ihr den durchdringenden Blick zu und ihr war plötzlich heiß. Das kam so überraschend! „N-nein. Meine Pläne sind leider ins Wasser gefallen.“
„Würdest du mich begleiten?“, wollte er wissen. „Ich hab da noch was vor und brauche eine Begleitung.“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Laxus Dreyar, bittest du mich gerade um ein Date?“ Er tat es jedenfalls sehr ungeschickt. Wer hätte das gedacht? Das war so anders als seine normale, selbstbewusste Art und gleichzeitig bestechend liebenswert.
Die Röte in seinem Gesicht nahm noch einmal zu, aber seine Stimme klang herausfordernd, als er antwortete: „Sieht wohl so aus. Und?“
Sie lockerte die Haltung wieder und schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. „Gerne.“
Für einen Moment wirkte er ehrlich überrascht, dann zogen sich seine Lippen zu einem erleichterten Grinsen nach oben. „Gut. Ich…“ Er nickte und schien nicht genau zu wissen, was er dazu sagen sollte. „Also… wir sehen uns heute Abend. Ich hole dich ab. Zieh dir was Schickes an.“ Damit verschwand er aus der Gilde, während sein Mantel sich dramatisch hinter ihm bauschte.
Der Auftrag, den er sich ausgesucht hatte, lag noch immer auf dem Tresen. Mirajane lächelte vor sich hin, als sie ihn aufnahm und zurück an das Questboard hängte. Der Tag war doch nicht ganz verloren.
~~*~~♫~~*~~
Nervös strich Mirajane das lange, fließende Kleid glatt, das sie sich für den Abend ausgewählt hatte. Lisanna hatte ihr mit dem eleganten Knoten geholfen, mit dem sie ihr Haar hochgesteckt hatte. Elfman hatte nicht gewagt, etwas zu sagen, nachdem er wusste, dass er ihre ursprünglichen Pläne so rüde über den Haufen geworfen hatte.
Sie nahm ihren Mantel von der Garderobe und warf ihn sich um. „Also, ich weiß nicht, wann ich zurück sein werde.“, erklärte sie ihren Geschwistern, mit denen sie das Haus teilte und die ihr jetzt vom Küchentisch aus zusahen. „Gute Nacht, ihr zwei.“ Damit verschwand sie aus der Tür und die antwortenden Abschiedsworte ihrer Geschwister hallten hinter ihr her.
Laxus wartete auf der Straße auf sie. Er sah überwältigend gut aus in dem langen Mantel, unter dem ein waschechter Anzug hervorblitzte. Das blonde Haar hatte er sorgfältig zurückgekämmt und die Narbe verlieh ihm eine verwegene Ausstrahlung, ein wenig wie ein wenig wie ein Gentlemanräuber aus einer romantischen Ballade.
Als er sie sah, hellte sich sein Gesicht auf und sie schenkte ihm unwillkürlich ein sanftes Lächeln und fragte sich, wie sie zu diesem Glück kam. Endlich mit dem Mann ausgehen, in den sie schon eine Weile verliebt war? Das war der beste Tag ihres Lebens. Was interessierte sie ein Weihnachtskonzert?
„Wo gehen wir hin?“, wollte sie wissen und hakte sich bei ihm ein.
„Lass dich überraschen.“, war die Antwort und sie würde nicht einmal so tun, als würde sie das nicht charmant finden. Sie fühlte sich ein wenig wie in einem Märchen und die in verschneite Nacht gehüllte Stadt trugen das ihrige zur Atmosphäre bei – der sanfte Schein der Lichterketten, die glitzernden Sterne hoch über ihnen, seine warme Nähe…
Laxus führte sie schnurstracks zum Opernhaus. Menschen in schicken Kleidern, die unter eleganten Wintermänteln hervorschauten, tummelten sich auf dem Vorplatz. Banner verkündeten, dass heute das Königliche Fiorianische Orchester hier aufspielen würde. Die breite Freitreppe und die Fassade des alten Gebäudes waren hell beleuchtet.
Wie in einem Traum lies Mirajane sich zum Eingangsportal hinaufführen. Sie wusste nicht, wie er es geschafft hatte, doch er hatte noch Karten zu eben jenem Konzert ergattert, auf das sie sich so gefreut hatte. Oder vielleicht hatte er sie auch schon vor einer Weile besorgt…
Auf dem Treppenabsatz blieben sie stehen, damit Laxus die Eintrittskarten aus der Tasche holen konnte. „Ich hätte nicht gedacht, dass du diese Art von Musik magst.“, gab sie zu, nachdem sie sich schließlich gefangen hatte, und Laxus zuckte mit den Schultern. „Tu ich auch nicht. Aber du schon.“
Er reichte dem Concierge die Karten, der sie mit einem freundlichen Lächeln und einem „Genießen Sie den Abend.“ hineinwinkte, ehe er sich schon jemand anderem zuwandte.
Laxus streckte ihr die Hand entgegen. „Darf ich bitten?“
22. Türchen | Weihnachten verpassen * LoLu
Nein!“, jammerte Lucy, während sie dem Zug, der sie nach Magnolia hätte bringen sollen, nur noch hinterhersehen konnte. Er entfernte sich langsam, jedoch immer schneller werdend von dem Bahnhof und sie, abgekämpft und außer Atem, bleib am Bahnsteig zurück.
„Nein.“, stöhnte sie erneut und sackte in sich zusammen. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Dieser Auftrag war von hinten bis vorne eine Katastrophe gewesen und jetzt auch noch das! Der letzte Zug an diesem Tag war weg und sie saß nicht darin, wie eigentlich geplant, sondern stand nun hier, frierend, müde und hungrig.
Mit einem Seufzen ließ sie sich auf die in der Nähe stehende Bank fallen und ihre Reisetasche landete mit einem dumpfen Geräusch neben ihr. Das hatte man davon, wenn man alleine auf einen Auftrag ging, nur damit man die Belohnung für sich behalten konnte. Nicht nur, dass von vorn herein der Wurm drin und der Auftraggeber ein Betrüger gewesen war, irgendwie hatte ihr jeder Steine in den Weg gelegt. Wenigstens hatte die Stadt ihr eine Belohnung gegeben, weil sie den Verbrecher hatte dingfest machen können.
Natürlich, nachdem man die Kompensation für die Zerstörung abgezogen hatte. Natsu färbte anscheinend ab…
Und jetzt stand sie auch noch hier, am Bahnhof, und starrte dem letzten Zug des Tages hinterher, der sie eigentlich nach Hause hätte bringen sollen. Dabei war heute Heilig Abend! Sie würde das Fest in der Gilde verpassen, ein Ereignis, auf das sie sich schon seit Wochen freute, die Feier mit ihren Freunden, ihrer Familie.
Sie fühlte, wie Tränen in ihre Augen stiegen und schluchzte wütend und enttäuscht auf. Warum musste gerade ihr das passieren! Warum konnte nicht einmal etwas nach Plan gehen! Warum hätte sie nicht eine Minute schneller sein können! Warum musste sie Heilig Abend hier auf dem Bahnsteig verbringen, allein und verlassen, in der Kälte frierend und hungrig? Warum ausgerechnet sie?
Eine Hand mit einem blütenweisen Taschentuch tauchte in ihrem Blickfeld auf. „Hier.“ Verwirrt blickte sie zu Loke auf, der so plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht war.
„Was machst du denn hier?“, wollte sie wissen und ihre Stimme klang wehleidiger als gedacht. Er stand neben ihr, wie immer anziehend im schwarzen Anzug, die orangeroten Haare in alle Richtungen abstehend. Seine bernsteinfarbenen Augen glühten leicht im schummrigen Licht, das auf dem Bahnhof herrschte, wie die Augen einer Katze. Er lächelte sie ermutigend an und wackelte etwas mit dem Taschentuch.
„Solltest du nicht in der Stellarwelt sein?“, schniefte sie und nahm ihm das Tuch ab, um sich die Augen zu trocknen und die Nase zu putzen.
„Wie könnte ich dort sein, wenn es dir hier so schlecht geht?“, wollte er wissen. „So etwas kann ich nicht mit ansehen, also bin ich gekommen.“
Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu – wie konnte er denn wissen, wie es ihr ging? – aber sie ging nicht darauf ein. Ihr emotionaler Tränenausbruch war zum Glück wieder vorbei und sie hoffte, dass ihr Gesicht nicht allzu fleckig aussah.
Mit einer geschmeidigen Bewegung ließ er sich neben ihr auf der Bank nieder und legte ihr einen Arm um die Schultern. Unwillkürlich rutschte sie näher; er war schön warm. „Also, was genau ist passiert? Wen soll ich für dich verprügeln?“
„Ich habe den Zug verpasst.“, gab sie zu und wartete darauf, dass er über diese dumme Kleinigkeit und ihre heftige Reaktion darauf lachte. Natürlich tat er nichts dergleichen.
„Fairy Tail feiert heute wieder, oder?“, wollte er wissen und in seiner Stimme klang ein sehnsuchtsvoller Unterton mit.
„Ja. Und ich verpasse es.“ Sie seufzte schwer. „Stattdessen sitze ich hier allein auf dem Bahnhof herum.“ Am liebsten hätte sie den Kopf gegen eine Wand geknallt wegen ihrer eigenen Dummheit. Nur eine Minute früher…!
Unvermittelt stand Loke wieder auf und sie fühlte sich plötzlich kalt. „Wa…?“, begann sie und plötzliche Panik wallte in ihr auf. Würde er sie jetzt auch wieder verlassen?
Aber statt zu verschwinden angelte Loke nach ihrer Tasche. „Du kannst zwar nicht zur Party heute Abend, aber niemand sagt, dass du hier am Bahnhof bleiben musst. Komm, wir finden schon etwas, damit du einen schönen Abend haben kannst.“ Er lächelte sie an und reichte ihr einladend die Hand. Zögerlich nahm sie sie an und ließ sich auf die Füße ziehen.
🌟
Zuerst organisierte er ihr ein Zimmer in der kleinen Herberge, in der sie vor einer Stunde erst ausgecheckt hatte. Es war sogar derselbe Raum. Das Mädchen hinter dem Tresen warf einen wissenden Blick auf Loke und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Dann befahl Loke ihr, sich frisch zu machen und sich etwas Nettes anzuziehen und verschwand wieder.
Während Lucy kurz im Bad verschwand und sich die letzten Spuren ihres Ausbruchs aus dem Gesicht wusch, zog er einige Fäden. Denn als er wieder kam, bot er ihr galant den Arm und führte sie zwei Straßen weiter in das beste Restaurant der Stadt, das überaus gut besucht war. Wie hatte er es nur geschafft, so kurzfristig noch einen Tisch zu ergattern?
Eine Stunde später, satt und ausgeruht, und in Lokes charmanter Begleitung, dessen ständige Komplimente runtergingen wie Öl, fühlte sie sich weit besser. Natürlich bedauerte sie noch immer, dass sie die Feier in der Gilde verpasste – die fröhliche Stimmung, die Geschenke, die wilden Tänze, die ständigen Prügeleien, von denen die Magier nicht einmal an einem solchen Abend Abstand halten konnten…
Doch dies war nicht ihre erste Weihnachtsfeier bei Fairy Tail und es würde auch nicht die letzte sein. Und dieser Abend mit Loke, die geruhsame Zweisamkeit, die Plauderei über dem hervorragenden Essen von einem Fünf-Sterne-Koch, leise berieselt von zarter Streichermusik war … märchenhaft. Ein anderes Wort fiel ihr einfach nicht ein.
Als sie das Restaurant schließlich verließen, war es bereits dunkel. Lichtschein fiel aus zahlreichen Fenstern auf die gepflasterten Straßen und schmiedeeiserne Laternen verbreiteten freundliche Helligkeit. Dicke Schneeflocken tanzten vom schwarzen Himmel herab und hatten den Boden bereits mit einer dünnen, weißen Decke überzogen. Lichterketten an Dächern und Bäumen funkelten wie kleine Sterne in der Dunkelheit der Nacht.
„Hast du noch Lust auf einen Spaziergang?“, erkundigte sich Loke, als sie sich erneut bei ihm einhängte und sich aus dem Hof des Restaurants führen ließ. „Der Abend ist noch jung.“
„Warum nicht?“, antwortete sie und deutete nach links. „Dort hinten habe ich heute Morgen einen Park gesehen. Der ist jetzt sicher zauberhaft.“ Der Gedanke an einen nächtlichen Spaziergang durch die schöne Grünanlage, während der Schein der Straßenlaternen die geschwungenen Wege beleuchtete und die Flocken um sie herumtanzten, mit Loke an der Seite, ließ plötzlich ihr Herz schneller schlagen. Das einzige, was fehlte, war ein sternenklarer Himmel und ein heller Mond, der ihnen den Weg leuchtete. Allerdings hätte sie dann auf den lautlos fallenden Schnee verzichten müssen, der sich wie Federn auf ihre Mützen und Mäntel legte und unter ihren Stiefeln knirschte.
„So, und wie geht’s den anderen so? Gray? Natsu und Erza?“, erkundigte Loke sich, als sie an dem verschnörkelten Eingangstor ankamen. „Ich war schon lange nicht mehr in der Gilde.“ An seiner Stimme konnte sie hören, dass er sie vermisste. Vielleicht sollte sie daran denken, ihn öfter zu rufen, wenn sie unter ihren Kameraden war. Wobei er ihre Hilfe nicht benötigte, dass hatte er heute einmal mehr bewiesen.
„Gut.“, antwortete Lucy und lächelte bei dem Gedanken an ihre Freunde. „Sehr gut. Uns ging es nie besser – seit Acnologias Fall scheinen wir eine Glückssträhne zu haben. Selbst Natsu schafft es immer öfter, einen Auftrag zu erledigen, ohne etwas dabei zu zerstören.“ Sie lachte bei der Erinnerung. Die kindliche, stets verblüffte Freude, mit der der Dragonslayer die gesamte Belohnung kassierte und nicht nur einen Teil, war jedes Mal aufs Neue ein niedlicher Anblick.
Obwohl das natürlich noch immer nicht so oft geschah, wie Lucy sich dies wünschte. Das hatte ihr immerhin diesen ganzen Schlamassel eingebrockt, in dem sie jetzt steckte. Allerdings, fuhr es ihr durch den Kopf, während sie einen Moment zu Loke hinaufsah, dessen Blick sich irgendwo in der Dunkelheit verlor, war ihre Lage gar nicht so schlimm, wie sie anfangs gedacht hatte.
Sie hatte diesen Abend genossen, auf eine gewisse Weise sogar mehr, als sie es getan hätte, wäre sie rechtzeitig auf den Zug und damit nach Hause gekommen. Die Nacht war, fiel ihr plötzlich auf und Röte schoss in ihr Gesicht, auf jeden Fall sehr viel romantischer als alles, was sie in Fairy Tail je erlebt hatte. Die Leute im Restaurant und selbst die Angestellten der Herberge hatten sie und Loke vermutlich für ein junges Pärchen gehalten, das seinen vielleicht ersten Heiligen Abend miteinander verbrachte.
Na, und?, antwortete sie sich selbst. Wäre das so schlimm? Wieder stahl sie einen Blick auf sein gut geschnittenes Profil. Ihn würde es sicher nicht stören, hatte er doch über all die Zeit, die er ihr Stellargeist war, nicht aufgehört, ihr den Hof zu machen. Und mich würde es auch nicht stören., erkannte sie plötzlich und es war, als würde die Welt für einen Moment stehen bleiben.
Erneut wanderte ihr Blick nach oben und diesmal blickte sie direkt in seine leuchtenden Augen. „Ist etwas?“, wollte er diesmal wissen und grinste frech zu ihr herab.
Ihre Wangen wurden heiß, aber sie schüttelte den Kopf. „Nein.“, antwortete sie und erwiderte das Lächeln. „Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, wie sehr ich den Abend genossen habe. Vielen Dank.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. „Wir sollten das wiederholen.“
23. Türchen | Erinnern an Vergangenes * MakaPorly
Krachend landete Elfman auf einem Tisch, der mit einem lauten Bersten und Splittern unter ihm nachgab. „Das ist nicht männlich!“, brüllte er, während er sich von den Teilen des Möbelstückes aufrappelte, bereit, sich wieder in den Kampf zu stürzen.
„Komm nur her!“, erwiderte Natsu laut, die Lippen zu einem wilden Grinsen nach oben gezogen. Er ballte die Hände zu Fäusten, doch ehe er einen Schritt auf den großen Weißhaarigen zumachen konnte, krachte Gajeel von der Seite in ihn hinein, der Gray mit am Kragen sich zerrte. Gemeinsam gingen sie zu Boden. Um sie herum tobte noch immer eine kleine Saalschlacht, als Fairy Tail sich wieder einer seiner Prügeleien hingab.
Mirajane umschiffte die Szene mit gekonnter Nonchalance und servierte Getränke. Alzack und Bisca, eine aufgekratzte Asuka zwischen sich, saßen etwas abseits, gegenüber von Romeo und Wendy, die sich ebenfalls wohlweislich aus der Sache heraushielten. Die Gruppe der Mädchen hatte sich an einem anderen Tisch breit gemacht und dort würden sie wohl bleiben, bis jemand hinging und auf irgendeine Art Erzas Erdbeerkuchen vernichtete. Einzig Juvia wechselte zwischen dem Gespräch am Tisch und damit, hin und wieder ihren Gray-sama anzufeuern.
Hinter ihnen erhob sich einer der Weihnachtsbäume, die die Halle schmückten. Der größte Teil der Weihnachtsdekoration, von Team Shadowgear mühsam herbeigeschafft und verteilt, war allerdings bereits der Prügelei zum Opfer gefallen. Die Girlanden hingen halb herunter, ein zweiter Baum lag quer über einem Tisch und ein paar kitschige Figuren waren in die Dielen getreten worden. Wenigstens hatten sie jedes offene Feuer vermeiden können…
Makarov reichte das schon. Er wusste, dass er seine Kinder nicht zu sehr einengen durfte und dass sie trotz allen Streitereien und Schlägereien am Ende doch immer zusammenhielten und sich gemeinsam allen Herausforderungen stellten. Darum zog er es vor, hier am Rand auf dem Tresen zu sitzen, an seinem Glühwein zu nippen und von den Plätzchen zu naschen, die in einer Schüssel neben ihm standen, anstatt sich einzumischen und die kleinen, harmlosen Schlägereien zu verhindern.
„Hier geht es ja immer noch zu wie in einem Irrenhaus.”, bemerkte eine kühle Stimme hinter ihm. „Ihr werdet auch nie erwachsen.“ Porlyusica trat aus dem Schatten neben ihn und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Gesicht war wie immer hart und unwillig, als wäre sie lieber an jedem anderen Ort als hier.
Aber wies dieser Ausdruck in ihren Augen eine kleine Spur von liebevollem Spott auf, von Zufriedenheit und Zuneigung?
„Was tust du hier?“, wollte er wissen. Es kam doch eher selten vor, dass sie ihren Elfenbeinturm im Wald verließ. „Schließt du dich uns für diese kleine Feier an?“
Sie wandte ihm ihren ablehnenden Blick zu. „Sei kein Narr. Ich musste etwas holen.“ Als Beweis hob sie den Beutel hoch, den sie in der linken Hand hielt.
„Oh…“ Für einen Moment war er enttäuscht. Aber was hatte er erwartet? Er war zu alt, um das nicht zu wissen und zu vertraut mit ihr, um sie nicht zu kennen. „Wie auch immer. Schöne Weihnachten!“
Ihre Mundwinkel zogen sich nach unten. „Erinnere mich bloß nicht daran…“ Sie wandte sich wieder ab und ließ den Blick nochmal über den Raum schweifen. Gerade krachte Gajeel mit einem lauten Rums gegen den Tisch der Mädchen, so dass die Gläser gefährlich wackelten. Glücklicherweise hatte Erza ihren Erdbeerkuchen rechtzeitig in Sicherheit bringen können. „Wie ich sagte… Ein Irrenhaus.“, erklärte sie noch einmal.
Makarov lächelte nur nachsichtig und füllte ein zweites Glas mit Glühwein, um es ihr zu reichen. „Weil du gerade da bist…“
Einen Moment blickte sie pikiert auf ihn hinunter, dann nahm sie den Becher an. „Um der alten Zeiten willen…“, erklärte sie, um auch ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen, warum.
Makarov gestattete sich ein Grinsen. „Wir waren gar nicht so anders.“ Er erinnerte sich noch gut an die Zeit, an der er in der Mitte dieser Prügeleien gewesen war, ein Teil dieses wilden, unermüdlichen Lebens, das Fairy Tail ausmachte. Er und die anderen – Bob und Rob, Goldmine und Porlyusica.
„Du vielleicht.“, antwortete die jetzt und er musste zugeben, dass sie nie groß von diesem Part der Gilde beeindruckt gewesen war. „Und so schlimm ward nicht einmal ihr!“ Sie machte eine ausholende Geste zu dem Chaos hinüber.
Er hob die Schultern und nippte an seiner Tasse. „Das möchte ich jetzt nicht behaupten. Wir haben unsere eigenen Geschichten.“ Und es waren großartige Geschichten.
Sie erwiderte seinen Blick einen Moment und wandte sich dann ab. „Das ist wohl wahr…“ Ihre Stimme verklang und auch sie musste sich jetzt zurückerinnern an die Zeit, in der sie noch jung und Teil eines aktiven Teams gewesen war.
In der sie öfter zur Gilde gekommen war, noch mehr Anteil genommen hatte, ehe sie sich in ihre Hütte im Wald zurückgezogen und begonnen hatte, jeden Besucher mit dem Besen zu verjagen. Die Aufträge, die sie als Team angenommen, die Kämpfe, die sie bestanden hatten. Die vielen Weihnachtsfeste, die sie gemeinsam verbracht hatten.
Nicht unbedingt hier, denn obwohl Fairy Tail immer weiter machte, das ursprüngliche Haus stand schon mehrmalig nicht mehr – aber in einem Gebäude wie diesem, in dem dieselbe Seele gehaust hatte, fröhlich, laut, stark, unmöglich zu zerbrechlich und voller Leben. Das hatte sich in all der Zeit nicht verändert. Damals wie heute war Fairy Tail das gleiche.
„Begleite mich nach draußen.“, verlangte sie schließlich und stellte ihren nun leeren Becher mit einem endgültigen Geräusch auf dem Tresen ab. Ohne Protest rutschte er von seinem Platz und folgte ihr durch den Flur zur Hintertür des Gildengebäudes. Sie schwiegen beide in vertrauter Zweisamkeit, die auf lange Jahre zurückzuführen war, über die hinweg sie sich kannten, verstanden, vertrauten und liebten.
„Es ist gut zu sehen, dass sich hier nichts geändert hat.“, sagte sie plötzlich und ihre Stimme war ebenmäßig und ruhig, ohne die permanente Ablehnung, die sie sonst stets färbte. „Egal, was in der Welt sonst so passiert, hier ändert sich nichts.“
„Das ist Fairy Tail Seele.“, antwortete er, doch natürlich wusste sie das bereits. Es war nur eine … Bestätigung. Eine Bekanntgabe von Fakten, so unveränderbar wie die Farbe des Himmels. „Was auch immer geschieht…“
Sie machte ein zustimmendes Geräusch und öffnete die Hintertür, um in den verschneiten Garten zu treten. Ein paar Lichterketten in den Bäumen erhellten ihn und der geschwungene Weg war freigeschaufelt von dem knöchelhoch liegenden Schnee. Die Kälte schlug ihnen entgegen, ein starker Kontrast zur erhitzten Halle und es roch nach Eis und Schnee.
„Wir gehen einfach weiter und bleiben uns selbst treu. Das war damals so und es ist noch heute so.“, vollendete er seinen Satz und merkte selbst, dass seine Stimme feierlicher klang als vorgesehen. Er räusperte sich verlegen und war froh, dass das Licht nicht ausreichte, um das spöttische Lächeln in ihrem Gesicht zu sehen. Vorstellen konnte er es sich auch so.
Aber sie sagte nichts, sondern ging einfach weiter, während er im Türrahmen stehen blieb. „Makarov…“ Sie wandte sich noch einmal um und die Lichter umrissen ihre Silhouette. „Schöne Weihnachten.“
24. Türchen | Eisblumen * Gruvia
Juvia summte leise vor sich hin, während sie sich ihren Weg nach Hause suchte. Im Park war es ruhig und friedlich um diese nachtschlafende Zeit, nur von Ferne drangen die Geräusche der Stadt zu ihr herüber. Hier allerdings schien die Stille sie einzuhüllen wie ein warmer Mantel. Nach dem Lärm im Gildengebäude war dies eine willkommene Abwechslung.
Juvia liebte ihre Gilde und sie würde sie für keine andere eintausche, aber manchmal brauchte sie doch eine Pause von dem überschäumenden Temperament und der chaotischen Lebhaftigkeit. Daher war sie früher als normal nach Fairy Hills aufgebrochen, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen und vielleicht die neue Gray-sama-Puppe fertig zu machen, die sie vor ihrem letzten Auftrag begonnen hatte.
Hin und wieder brauchte sie Zeit für sich selbst. Noch dazu war der echte Gray nicht in der Gilde gewesen, obwohl er und sein Team bereits am letzten Tag von ihrer letzten Mission zurückgekommen waren. Als sie Natsu und sogar Lucy nach ihm gefragt hatte, hatten sie sich beide verwirrt umgesehen und etwas wie „komisch, ich dachte, er wäre hier“ geantwortet, was Juvia allerdings nicht weiterhalf.
Wenigstens wusste Juvias Liebesrivalin auch nicht mehr und das hatte gereicht, dass ihre überaktive Phantasie nicht vom Thema abgekommen war und ihre gute Laune verdorben hatte. Sie zupfte die Ärmel ihres dicken Wintermantels weiter über ihre Hände und genoss den abendlichen Spaziergang durch den winterlichen Park.
Die Wiesen und Beete abseits der Wege waren mit ungebrochenem Schnee bedeckt, doch die Pfade selbst waren geräumt worden und zogen sich wie schwarze Linien durch das leuchtende Weiß. Die Bäume, auf deren Ästen zentimeterdicker Schnee lag, wirkten wie bizarr geformte Statuen, umrissen von Weiß.
Der Himmel war überzogen mit tief hängenden Wolken, hinter denen Sterne hervorblitzten und manchmal auch der kalte, ferne Sichelmond. Sachte fiel der Schnee um sie herum, der sich lautlos auf den Boden legte. Es waren nicht genug Flocken, um wirklich viel zu den bereits liegenden Massen hinzuzufügen, aber genug, um das Bild, das sich ihr bot, noch verzauberter zu machen.
Tief sog sie die kalte, klare Luft ein und das einzige, was diesen Abend noch besser machen würde, wäre Gray-sama an ihrer Seite. Sie wandte sich vom Firmament ab, um sich wieder in Bewegung zu setzen, als ihr etwas anderes ins Auge fiel.
Unter ihren Füßen hatten sich zarte Eisblumen über die eng zusammengefügten Steine des Weges ausgebreitet. Es waren filigrane Gebilde, die sich im Schein der verschnörkelten Parklampen beinahe leuchtend von dem dunklen Untergrund abhoben. Einige waren zarte Frostfarne, die sich über den Boden schlängelten und sich zu kleineren Linien verästelten, wie die Blätter der Pflanze. Andere wirkten sie zahlreiche, sich überlappende Sterne und Schneeflocken mit vielen Strahlen. Vorsichtig trat sie einen Schritt zur Seite, um diese natürliche fragile Schönheit nicht zu zerstören, und stutzte. Auch hinter ihr war der Weg mit weiteren Frostblumen bedeckt, zartes Eis in einem wunderschönen, flüchtigen Mosaik.
Wie hatte sie das nur so spät bemerken können? Doch noch während sie hinsah, eilte der Frost weiter, erblühte zu neuen Blumen und bildete einen Pfad, allein für sie. Ob er sie zu Gray-sama führen würde…? Sie schnitt sich den Gedanken selbst ab, nicht gewillt, sich jetzt darauf einzulassen. Das war zu … real, zu wirklich, als dass sie sich in phantastische Hoffnungen fallen lassen durfte. Vorsichtig folgte sie den Eisblumen, die vor ihr über den Boden huschten, darauf achtend, auf keine von ihnen zu treten.
Sie fand Gray auf einer Bank sitzend, die auf einem kleinen Platz mit einem momentan ungenutzten Springbrunnen stand. Etwas entfernt leuchtete eine Laterne, so dass sie ihn deutlich sehen konnte. Er hockte vornübergebeugt, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Blick auf den Boden gerichtet, so dass er sie nicht sofort bemerkte.
„Gray-sama…“, begann sie und er blickte auf. Ein kleines, erleichtertes Lächeln huschte über sein ansehnliches Gesicht, als er sie erkannte, und Juvias Herz schlug unwillkürlich höher und ihre Wangen fühlten sich plötzlich heiß an. Die seltsame Stimmung, die sich über den Platz gelegt hatte, half ihr nicht, ihre aufgewühlten Gefühle zu beruhigen, die von der Tatsache stammten, dass er offensichtlich auf sie gewartet hatte.
„Ich wusste nicht, ob du kommen würdest.“, bemerkte er und stand auf.
Juvia eilte auf ihn zu. „Juvia würde Gray-sama niemals ignorieren!“, erklärte sie mit Nachdruck und wieder lächelte er kurz. Wenn es noch stiller wäre, befürchtete Juvia, dass er ihr dummes Herz schlagen hören würde.
Er schaute auf sie hinunter und sie erwiderte seinen ausdrucksvollen Blick und plötzlich bemerkte sie, dass sie so nahe standen, dass sie sich beinahe berührten. Gleich, gleich würde er einen letzten Schritt auf sie zu tun und sie einfach in die Arme nehmen und sie in einem grandiosen Kiss nach unten beugen und…
„Ich … habe dir doch eine Antwort versprochen.“, begann er ernst ohne sich zu bewegen und riss sie abrupt aus ihren Träumereien. Sie dachte an den Moment zurück, vor dem Kampf gegen Zeref und seine Untergebenen, an die plötzliche hoffnungsvolle, bange Erwartung, die sie erfüllt hatte, und an die reale Möglichkeit, dass sie ihm niemals das bedeuten würde, was sie sich wünschte.
Seitdem waren eine Menge Zeit vergangen und eine Menge Kämpfe gewonnen worden, doch wann immer einer von ihnen – meistens sie – die Sprache auf dieses Thema gebracht hatte, waren sie unterbrochen worden. Es war frustrierend gewesen, weswegen Juvia schließlich beschlossen hatte, geduldig zu sein.
Aber Gray hatte anscheinend genug von Geduld, wenn sie seinen entschlossenen Blick realistisch deutete. War das ein gutes Zeichen?
Sie dachte an ihren romantischen, einsamen Winterspaziergang, an die zarten Eisblumen und Gray, der alleine auf sie gewartet hatte, und plötzlich war sie erfüllt von einer wilden Hoffnung. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Gray beeilte sich, ihr das Wort abzuschneiden. „Und ich würde das gerne tun, bevor du mir etwas sagst, also hör bitte einfach nur zu, okay?“
Sie schloss den Mund wieder und nickte erwartungsvoll. Gray brauchte allerdings noch ein paar Momente, um die richtigen Worte zu finden, denn die Stille zwischen ihnen streckte sich immer weiter aus. Schließlich gab er sich einen Ruck und nahm ihre Hände. Seine Wärme drang selbst durch ihre Handschuhe, auch wenn er selbst nicht um solcherlei Winterkleidung bemühte.
„Ich weiß, es ist nicht fair, dir das alles aufzuladen, und es ist auch nicht fair, von … allen zu erwarten, dass sie … immer da sind, aber ich kann mir nicht helfen. Irgendwie passiert das immer, wenn mir jemand zu wichtig wird und dann tut es jedes Mal umso mehr weh. Darum verlasse ich mich nicht gern vollständig auf andere, denn früher oder später gehen sie alle. Meine Eltern und Ur … Selbst Urtear und Lyon, auf eine gewisse Weise…“
Er zuckte mit den Schultern und sein Blick wanderte zur Seite und sie konnte sehen, dass er sich an die Ereignisse erinnerte. „Und der Moment, als wir dachten, dass wir Natsu verloren hätten…“ Seine Stimme verklang und auch Juvia erinnerte sich an den schrecklichen Moment zurück, an Lucys tonlose Tränen und den Schmerz, den sie selbst empfunden hatte. Doch jemand wie Natsu war unaufhaltsam und kam immer zurück, so auch damals.
Aber darum ging es jetzt nicht und Gray fuhr fort: „Ich könnte es nicht ertragen, dich auch zu verlieren, wenn ich dich… Es würde mich zerstören.“
Hieß das, dass er sie abwies? Dass er sie bitten würde, ihn zufrieden zu lassen, allein und einsam, obwohl sie eine andere, bessere Chance gehabt hätten…?
Aber das würde sie nicht zulassen. Sie würde nicht sein und ihr Glück, ihrer beider Zukunft dafür weggeben, einfach wegwerfen und schon gar nicht ohne einen Kampf. Nicht aus einem solch dummen Grund. „Juvia wird niemals weggehen und Gray-sama alleine lassen!“, erklärte sie bestimmt und in einem hitzigen Tonfall, der sie selbst überraschte. Sie holte tief Luft um ihre Stimme zu beruhigen. „Und du bist ein Dummerchen.“
„Was…?“ Grays Stimme verklang in Sprachlosigkeit, aber Juvia ließ nicht zu, dass er ihr seine Hände entzog.
„Jeder hat Angst, die zu verlieren, die er liebt.“, erklärte sie ihm liebevoll und war selbst erstaunt über ihre Worte. Es gab eine Zeit in ihrem Dasein, da hatte sie niemanden geliebt und auch niemanden gehabt, den sie hätte lieben können. Und jetzt war sie hier und ihr Herz und ihr Leben waren angefüllt mit Liebe und so vielen erstaunlichen, wunderbaren Leuten, die alle einen Platz darin hatten – in ihrem Herzen und ihrem Leben. „Wir alle fürchten uns davor, allein gelassen zu werden. Aber wenn wir für niemanden die Tür öffnen und niemanden in unser Herz lassen, was für ein dunkles Leben ist das denn? Juvia kann es dir sagen: es ist ein Leben voller Regen.“ Sie kniff einen Moment den Mund zusammen. „Juvia wird nicht zulassen, dass du dir das selbst antust. Juvia wird…“
Gray lachte leise und drückte kurz ihre Hände, wie bestätigend. „Ich wollte das nicht tun.“, erklärte er fest. „Ich wollte nicht…“ Er verstummte und blickte sie für einen Moment schweigend und wie suchend an. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen und Juvia fühlte, wie sie unter seinem zärtlichen Blick errötete. „Ich will dich in meinem Leben.“
Für einen Moment war es so still, dass sie den Schnee fallen hören meinte. Ihr Herz schwieg und sie bekam einen Moment keine Luft mehr. Dann schlug es in doppelter Geschwindigkeit weiter und sie rang nach Luft. „Oh…“, machte sie schwach und kämpfte mit der dem schummrigen Gefühl, das sie erfasst hatte. Hatte er das wirklich gesagt? Kamen jetzt all ihre Träume in Erfüllung?
Grays Lächeln wurde breiter, was ihrer Selbstbeherrschung nicht half. „Ich werde dich jetzt küssen.“, erklärte er und sie konnte nur schwach nicken, ehe er sich vorbeugte und genau das tat.
