Die Legende vom Dornenprinzen
Achtzehn Jahre sind vergangen, seit der Turm in der Geisterstadt verstummte.
Das Dorf darunter ist längst nur noch ein Flüstern – ein Name auf alten Karten, ein Ort, den kein Kompass mehr kennt.
Und doch zieht er Menschen an.
Träumer. Narren. Liebende.
Sie sagen, dort oben, hinter Dornen so scharf wie Messer, schlafe ein Mann.
Ein Mann von solcher Schönheit, dass ganze Reiche in den Staub fielen, nur um ihn ein einziges Mal zu sehen.
Man erzählt, Königinnen hätten sich geblendet, Priester hätten ihre Götter verleugnet, Heerführer hätten den Tod gesucht – nur wegen seines Lächelns.
Und weil die Welt so etwas nicht ertragen konnte, habe man ihn eingesperrt.
Versiegelt im Turm aus schwarzem Stein, bewacht von einem Monster, das kein Mensch bezwingen kann.
So entstand die Legende vom Dornenprinzen.
Manche nennen ihn Belith, andere nur den Schönen im Schlaf.
Ein Kuss wahrer Liebe, so sagt man, könne den Bann brechen – doch keiner kam je nah genug heran, um es zu versuchen.
Denn die Rosen rings um den Turm sind nicht nur Dornen. Sie atmen. Sie bluten. Und sie greifen.
Und in der Dunkelheit, dort wo kein Licht je wieder Fuß gefasst hat, wacht etwas über ihn.
Ein Schatten, der spricht.
Ein Lachen, das zu alt klingt für ein Kind.
Zwei Augen – eins sanft, eins grausam.
Denn das Monster im Turm ist nicht nur eines.
Es hat zwei Gesichter. Zwei Stimmen. Zwei Herzen.
Tofu – und Kwaji.
Erzogen von der Dunkelheit, verschmolzen mit ihr.
Und irgendwo, tief im Herzen des Turms, schläft Belith.
Nicht tot, nicht lebendig – gefangen zwischen Traum und Zeit.
Sein Atem fließt durch die Dornen, seine Träume färben die Rosen schwarz.
Doch etwas ändert sich.
Ein neuer Wind zieht auf – warm, unruhig, suchend.
Und mit ihm kommt jemand, der das Unmögliche wagt:
das Monster zu küssen – oder den Prinzen zu befreien.
Und so beginnt die zweite Legende.
Eine Geschichte aus Liebe, Lügen und Blut.
Holzhacken
Es gibt ein Dorf, in dem keine jungen Männer leben.
Nur Frauen.
Und diese Frauen gebären auf ungewöhnliche Weise Töchter.
Nicht aus Liebe. Nicht aus Sünde.
Sie werden einfach eines Tages schwanger – ohne Mann, ganz ohne Erklärung.
Man sagt, es sei ein Fluch.
Andere nennen es Strafe.
Niemand weiß, wann es begann. Nur, dass jedes Kind, das in Vael geboren wird, ein Mädchen ist.
Von Zeit zu Zeit verlässt eine von ihnen das Dorf, um Antworten zu suchen.
Keine ist je zurückgekehrt.
Doch die Legende bleibt – von einem Turm hinter dem Wald, einem Prinzen, der schläft, und einem Monster, das ihn bewacht.
Und manche flüstern, dass der Fluch der Frauen von Vael dort begann.
Rina war die Tochter des Holzfällers – einer der letzten Männer, die das Dorf je gesehen hatte.
Er starb, als sie noch klein war, und hinterließ ihr nichts als eine stumpfe Axt und Schultern, die zu früh zu tragen lernten.
Sie hackte Holz, seit sie denken konnte.
Doch in diesem Sommer hackte sie heimlich – nachts, wenn die anderen schliefen.
Immer dieselben Schläge, immer derselbe Rhythmus.
Nicht, um Brennholz zu machen, sondern um etwas zu bauen.
Eine Leiter.
So hoch, dass sie den Himmel berühren könnte.
Oder den Turm.
Niemand wusste davon. Rina sprach nicht darüber, nicht einmal mit ihrer Mutter.
Sie schleppte Bretter, band Seile, spannte die Rinde mit den Zähnen ab.
Jede Sprosse war ein Versprechen: dass sie die Erste sein würde, die den Prinzen sah.
Vielleicht sogar die Letzte.
Als sie fertig war, war die Leiter länger als die Straße zum Dorfplatz.
Sie konnte sie kaum tragen, also zog sie sie hinter sich her – ein lebendes, knarrendes Tier aus Holz und Strick.
Der Wald lag schwarz vor ihr, voller Nebel und Stimmen, die nach nichts Menschlichem klangen.
Aber Rina ging weiter.
Dornen rissen ihr Kleid auf, Insekten krochen ihr über die Haut, der Boden sog ihre Stiefel fest.
Doch sie lachte. Leise, heiser, trotzig.
Irgendwann in der Nacht sah sie den Turm.
Er war größer, als sie ihn sich je vorgestellt hatte – schwarz, glatt, kalt.
Keine Sterne standen über ihm, als hätten selbst sie Angst, zu nah zu kommen.
Und rund um die Mauern: Dornen, so dicht, dass sie atmeten.
Rina stellte die Leiter auf.
Sie wackelte, bog sich, reichte nicht ganz bis zur Spitze.
Aber sie zögerte nicht.
Sie begann zu klettern.
Die Sprossen knackten, das Holz schrie.
Ihre Hände rutschten über feuchte Steine, über Wurzeln, die sich bewegten, als wären sie lebendig.
Auf halber Höhe hielt sie inne.
Ein Windzug.
Kalt.
Flüsternd.
Dann hörte sie es – ein Lachen.
Kinderhaft. Alt.
Direkt neben ihrem Ohr.
Rina fuhr herum. Die Leiter schwankte.
Etwas rührte sich unten – ein Schatten, ein Griff.
Dann fiel sie.
Sie stürzte, prallte auf den Boden, das Holz splitterte um sie herum. Etwas in ihrem Bein knackte.
Der Himmel flackerte.
Rina wollte schreien, aber ihre Stimme blieb in der Kehle stecken.
Sie sah nach oben – und schwor, in einem der Fenster zwei Augen zu erkennen.
Dann wurde alles schwarz.
Geräuchert auf dem Beichtstuhl
Rina erwachte langsam.
Ihre Sicht war verschwommen, alles um sie herum schwarz. Sie wusste nicht, wo sie war.
Kälte kroch ihr über die Haut. Erst als sie sich bewegen wollte, bemerkte sie: Sie war gefesselt – an einen Stuhl.
„Wer bist du?“
Die Stimme kam aus der Dunkelheit – tief, weiblich, zischend wie Rauch.
Zwei grüne Augen leuchteten auf und fixierten sie.
„Wo... wo bin ich?“, stotterte Rina.
„Hey! Wir haben dich zuerst gefragt!“
Der Stuhl wackelte, als jemand dagegen trat.
Aus der Dunkelheit trat ein Mädchen hervor.
Lange, schwarze Haare fielen ihr über die Schultern – so dunkel, dass sie das Licht zu verschlucken schienen. Ihre Augen – wunderschön und unheimlich, nicht menschlich – schimmerten blau, fast wie das tiefe Meer, das alles verschluckt.
Plötzlich fing sie an zu lachen. Rina war verwirrt. Sie bekam Angst und wusste nichts – nicht, wo sie war.
„Jetzt sprich schon!“, fauchte sie. „Spuck’s aus! Wer oder was bist du?“
Das Mädchen kam näher, die Züge verzogen sich zu einem Lächeln – halb Wut, halb Neugier.
Dann legte sich eine schwarze Hand auf ihre Schulter.
Fingernägel, lang wie Dolche.
„Ruhig, Kwaji“, sagte eine zweite Stimme. Tief. Rau. Fast spielerisch.
„Wir haben Zeit...“
Ein kehliges Lachen folgte.
Rina schluckte.
Die Dunkelheit bewegte sich. Und sie merkte, wie beide sie ansahen – nicht wie einen Menschen, sondern wie ein Tier, das man gleich schlachten würde. Als wäre sie etwas zum Essen.
„Wer – und was bist du? Wieso bist du hier? Wie heißt du? Was machst du hier?“, fragte Kwaji erneut.
„Ich... R-Rina. Ich wollte nur... den Prinzen sehen. Dann würde es meiner Familie gut gehen. Bitte – ich wusste nicht, dass ihr hier lebt! Lasst mich gehen!“, bettelte sie vor Angst.
Kwaji und die schwarze Kreatur – Tofu – tauschten einen Blick. Beide grinsten, zu breit, zu still.
„Erzähl uns mehr“, flüsterte Kwaji.
„Ja, mehr“, hauchte Tofu.
„Wieso? Welcher Prinz? Wer schickte dich?“, hakte Kwaji nach und spuckte bei jedem Satz.
„Niemand hat mich geschickt“, sagte Rina hastig. „Ich kam allein.“
„Lüg nicht!“, fauchte Tofu, und ihr Haar regte sich – als lebten Schlangen darin.
Rina schüttelte den Kopf. „Ich schwöre, ich sage die Wahrheit!“
Tofu seufzte und zündete einfach ein Feuer an – eine Fackel. Der Raum erhellte sich etwas, und Rina erkannte, dass sie wohl im Turm war. Nichts außer Steinwänden sah sie, überwuchert von Ranken und schwarzen Rosen.
„Wir haben sowieso Hunger“, murmelte Tofu, hielt die Fackel in der Hand und ging auf Rina zu. „Vielleicht bist du ja nützlich...“
Sie hielt die Fackel hoch, funkelte Rina an – und warf sie dann achtlos nach hinten, in die Wand aus Dornen.
Die Flammen züngelten sofort, fraßen sich durch das Gestrüpp.
Rauch füllte den Raum.
„Nie lasst ihr uns in Ruhe!“, rief Tofu und lachte kehlig. „Aber geräuchertes Fleisch – das ist was Feines!“
Sie ließ sich auf den Boden sinken, grinste, während der Rauch dichter wurde.
Rina hustete, die Augen brannten. Doch der Rauch brachte ihr eine Chance.
Sie riss an den Fesseln, bis die Seile nachgaben. Es dauerte, aber sie hatte Übung – zu oft schon hatte man Mädchen aus Vael gefangen, um sie zu verkaufen oder zu zwingen.
Endlich befreit, tastete sie sich durch die Dunkelheit. Sie sah kaum ihre Hand vor Augen.
Die Luft war dick und brennend, aber irgendwo musste ein Ausgang sein.
Ihre Finger fanden eine kalte Wand – dann eine Tür.
Sie drückte.
Sie sprang auf.
Frische Luft.
Rina atmete ein, hustete, lachte schwach – noch am Leben.
Dann berührte etwas ihre Schulter um hüllt noch vom Rauch der aus dem Raum weicht.
Leiser Schnee im Tunnel
Etwas berührte ihre Schulter.
Kalt. Gewichtslos.
Rina drehte sich um – und da war nichts.
Nur Rauch, der langsam in sich zusammenfiel, als würde er atmen.
Dann spürte sie es wieder.
Finger, die keine waren. Hände aus Nebel, aus Stimme, aus Kälte.
Sie griffen nach ihr – nicht fest, eher forschend, als prüften sie, ob sie echt war.
„Was... was seid ihr?!“
Ihre Stimme hallte gegen die Mauern, verlor sich.
Antworten kamen keine.
Nur Flüstern.
„Du bist zäh...“
„Du bist nützlich...“
„Bleib bei uns...“
Etwas zog an ihrem Arm, dann am Kleid, dann an den Haaren.
Die Dunkelheit selbst schien sich zu regen, sich zu verdichten, bis sie aus Nebel zu Händen wurde – Dutzende, Hunderte.
Rina schrie, trat um sich, aber die Geister lachten nur. Kein Laut war zu hören, doch sie fühlte ihn in den Knochen.
Dann – plötzlich – tat sich der Boden unter ihr auf.
Wie durch unsichtbare Kraft glitt eine schwere Klappe zur Seite.
Ein Tunnel gähnte darunter – schwarz, feucht, endlos.
Bevor sie reagieren konnte, rissen die geisterhaften Arme sie hinab.
Sie fiel – oder wurde getragen. Sie wusste es nicht.
Dann schlug die Klappe über ihr zu.
Ein dumpfer Schlag, ein metallisches Klicken – verriegelt.
Stille.
Rina lag auf kaltem Stein.
Der Tunnel war schmal, sie musste sich bücken, um voranzukommen.
Ihr Atem dampfte.
Nach einer Weile bemerkte sie das Weiße auf dem Boden.
Feine, weiche Körnchen, die im Lichtschimmer leuchteten.
Wie Schnee.
Er fiel leise von der Decke, langsam, stetig.
Rina hielt die Hand hin, ließ ihn auf ihre Finger rieseln –
und zog sie sofort wieder zurück.
Der „Schnee“ schmeckte nach Eisen.
Sie wollte es nicht wissen, aber ahnte es doch.
Knochen. Zu Staub zerrieben.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Doch sie hatte keine Wahl.
Der Tunnel führte nur in eine Richtung – vorwärts.
Sie kroch, Schritt für Schritt, der Atem wurde flacher, das Licht schwächer.
Irgendwann öffnete sich der Gang in einen größeren Raum.
Ein Verlies.
Die Wände waren aus schwarzem Stein, durchzogen von Rissen, aus denen ein fahles Licht sickerte.
Gitter trennten den Raum in Zellen.
In der hintersten Ecke hockten zwei Gestalten – Mädchen, kaum älter als sie.
Die Haut blass, die Augen leer.
Als Rina näherkam, hob eines von ihnen den Kopf.
„Bist du hier... um uns zu retten?“
Die Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
Rina stand wie versteinert.
„Ich... nein. Ich weiß nicht einmal, wo ich bin.“
Das zweite Mädchen lachte tonlos.
„Dann bist du wohl wie wir.“
„Wie ihr?“ Rina trat näher.
„Wir sind die Puppen der Monster“, flüsterte das Mädchen mit den zerzausten Haaren.
„Und du... du scheinst ihr neues Spielzeug zu sein.“
Am ende des Regenbogens
Rina näherte sich langsam den beiden Mädchen.
„Ich… ein Spielzeug?“ Sie verstand es nicht ganz. „Wie lange seid ihr schon hier unten?“ fragte sie vorsichtig und betrachtete das zersauste Haar des einen Mädchens.
„Ich bin Rina. Und ihr?“
Das weißhaarige Mädchen mit den juwelblauen Augen hob den Kopf.
„Alison Rufto von Liddel. Und das ist Haku.“
„Dein Name klingt so edel… bist du eine Adelige? Obwohl – so siehst du nicht aus.“
„Unerhört!“ fauchte Alison. „Ich bin hoch angesehen. Bestimmt wird schon nach mir gesucht – und dann sind wir frei!“
Rina zuckte mit den Schultern.
„Wie lange seid ihr schon hier unten?“
„Keine Ahnung… lange.“
Keines der beiden wusste es genau.
Rina sah sich um, suchte nach einem Ausgang. Überall nur Knochen – Knochenstaub, der wie Schnee wirkte, wenn er von der Decke fiel.
„Gibt es wirklich keinen Weg hinaus?“ fragte sie leise.
„Wir haben lange gesucht…“ flüsterte Haku. „Besser, du bleibst hier und wartest. Wenn du zu laut bist, bemerken sie uns.“
Sie reichte Rina etwas hin.
„Hier. Etwas zu essen.“
Rina starrte auf den Knochen in Hakus Hand.
„Leckeres Fleisch! Haha!“ lachte Alison und biss hinein – in nichts.
Rina schluckte. „Ihr… stellt euch das nur vor, oder?“
„Du solltest auch essen“, kicherte Haku.
Rina wusste nicht, wie viel Zeit verging – Tage, Wochen? Hunger und Schlafmangel zermürbten sie.
Bald begann auch sie, Dinge zu sehen.
„Da! Ein Hase!“ Sie zeigte ins Leere.
„Ein Hase? Wir müssen ihn fangen!“ rief Alison, und wie wilde Tiere jagten sie einem Hirngespinst nach.
„Wow… ein Regenbogen!“
Rina blieb stehen, starrte auf einen schimmernden Lichtstreif, der sich über die Knochen zog.
„Leute, hier! Hier ist ein Schatz!“
Sie zeigte in eine Ecke voller Knochen.
„Am Ende des Regenbogens liegt ein Schatz – der muss hier sein!“
Sie begann zu graben, schob Staub und Knochen beiseite.
„Ein Schatz… und mit dem Gold kaufen wir uns beim alten Kauz was zu essen!“
„Du meinst die Händlerin,“ korrigierte Haku. „Den Händler hast du dir ausgedacht.“
„Meinst du, ich lüge? Ich bin immer noch deine Herrin!“
Alison stemmte die Hände in die Hüften, und die beiden begannen sich lautstark zu streiten.
Rina achtete kaum darauf.
Sie grub tiefer, bis ihre Finger an etwas Hartes stießen.
Ein schwaches Licht glomm hervor.
„…Licht… Hier! Wir können raus!“
Rina kroch durch ein kleines Loch. Ein Dorn stach ihr in die Hand, Blut tropfte auf die Steine.
Als sie sich aufrichtete, sah sie sie –
eine lange, spiralförmige Wendeltreppe, überwuchert von Dornen und Rosen,
so alt, dass niemand mehr hinaufgestiegen war.
Sonnenblumenfeld
Rina legte die Hand an den ersten Stein der Treppe.
Die Dornen, die sich darum wanden, wirkten wie Adern – als würde die Treppe selbst leben. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, doch sie zwang sich, weiterzugehen.
"Das ist nicht echt," sagte sie sich. "Ich träume nur."
Die Stufen waren schmal, glitschig, bedeckt mit altem Staub und welken Blüten.
Rosen.
Sie rochen nach Eisen.
„Ich mag keine Rosen“, flüsterte sie, während sie sich an den Dornen vorbeischob. „Ich mag Sonnenblumen. Sie schauen immer zur Sonne – egal, wie dunkel es ist.“
Sie schloss die Augen.
Statt Mauerwerk und Finsternis stellte sie sich ein Feld vor – endlos, golden, warm.
Die Sonne stand tief, tauchte alles in flüssiges Licht.
Ein Wind strich durch die Blumen, ließ sie tanzen, und Rina tanzte mit – barfuß, frei, lachend.
So lange, bis sie vergaß, dass sie eigentlich blutete.
Mit geschlossenen Augen stieg sie weiter, fühlte, wie die Dornen ihre Haut zerschnitten. Doch sie spürte keinen Schmerz mehr. Nur das Rascheln der Sonnenblumenblätter in ihrem Kopf, das Summen der Bienen, das ferne Knistern eines Sommers, der nie vergangen war.
Als sie endlich oben ankam, schlug ihr kalter Wind entgegen.
Er kam von einem halb geöffneten Fenster, das im Dunkeln schwankte wie ein Auge, das sie beobachtete.
Rina riss die Augen auf.
Das Sonnenblumenfeld war fort.
Nur graue Steine, ein schmaler Gang – und an ihren Armen glänzte Blut, vermischt mit Staub und Dornenstücken.
Sie atmete schwer, trat einen Schritt vor.
Dann sah sie es.
Ein Himmelbett stand in der Mitte des Raumes, umhüllt von einem hauchdünnen Schleier.
Er bewegte sich leicht im Wind, als würde darunter jemand atmen.
Rina trat näher.
Jeder Schritt hallte, als würde der Turm selbst ihr lauschen.
Der Schleier hob sich für einen Moment – und sie glaubte, eine Gestalt zu erkennen.
Langsam, fast ehrfürchtig, ging Rina darauf zu.
Der Schleier berührte ihre Finger – kühl, feucht vom Nebel.
Darunter lag jemand.
Ein junger Mann – still, bleich, wunderschön.
Sein Atem war kaum zu sehen; nur das leichte Heben und Senken seiner Brust verriet, dass er lebte.
Seine Wimpern ruhten schwer auf der Haut, als träumte er von etwas, das ihn weit fortgeführt hatte.
Rina stand ganz nah.
"Der Prinz… er existiert also wirklich."
Doch in dem Moment, als sie den Gedanken zu Ende dachte, erzitterten die Wände.
Staub rieselte von der Decke, der Boden bebte, und durch das offene Fenster fuhr ein Windstoß, so stark, dass der Schleier aufflatterte – wie ein Schrei.
Bregenwurst und der 7. Kreis der Hölle
Als Rina den Prinzen sieht, erschüttert es ihr Herz — oder ist es der Boden?
Egal. Sie hat sich Hals über Kopf verliebt.
Dass die Decke dabei fast einstürzt, bemerkt sie kaum. Sie denkt nur eines:
Sie will seine Lippen spüren.
„Weg von IHM!“ brüllen plötzlich die Wände.
Doch keiner ist da.
Nur das dumpfe Zittern in den Steinen — als würde jemand durch sie hindurch sprechen.
Tofu kann über die Mauern kommunizieren, und mit jedem Wort wackelt der ganze Turm.
Alison stolpert keuchend die Wendeltreppe hinauf.
„Wo... wo sind wir?“ fragt sie.
„Niemand... darf ihn sehen.“ dröhnt es wieder.
Die Decke rieselt Staub. Der Boden bebt.
„Hey, wir sollten gehen. Die Decke stürzt ein!“
Alison zieht an Rina, aber Rina reißt sich los.
„Warte… der Prinz!“
„Den bildest du dir wieder ein wie gestern“, seufzt Alison.
Doch Haku, die aus dem Fenster schaut, ruft:
„Wir können hier runterklettern!“
Sie reißt sich einen Stofffetzen von der zerrissenen Kleidung, um die Dornen zu bändigen.
„Er ist echt…“
Rina berührt den Jungen mit den langen schwarzen Haaren, der im Bett liegt — wie in einem verwunschenen Traum.
Zwei kleine, rote Hörner ragen aus seinem Haar.
Doch Rina blendet sie einfach aus.
„Warm… er lebt. Und so wunderschön… wir sollten ihn wecken.“
„Rina, der Turm—“
Bevor Alison zu Ende sprechen kann, kracht ein Stück Decke herunter.
„ICH sagte PFOTEN WEG!“
Die Tür fliegt auf.
Tofu steht im Rahmen, ihr Haar peitscht wild durch die Luft, als würde es leben.
Hinter ihr das andere Mädchen — still, lächelnd, und mit einer Bewegung ihrer Finger deutet sie an, sie alle drei einfach zu zerquetschen.
„Rina! Jetzt!“
Alison stößt Rina aus dem Fenster und springt selbst hinterher.
Tofu rennt ans Fenster, bleibt aber stehen. Ihre Augen zittern. Angst.
Unten an den Ranken kämpfen sich die Mädchen hinab.
„Wir haben es geschafft!“ japst Alison, halb lachend, halb heulend.
Doch da schnellen Tofus Haare wie Schlangen aus dem Fenster und jagen hinterher.
Ein Schrei, eine Dornenranke reißt — und sie fallen.
Staub. Schmerz. Blut.
Aber sie leben.
Als sie aufblicken, stehen Tofus Haare still, eingefroren, als würde eine unsichtbare Wand sie stoppen.
Die Mädchen verstehen: Die Monster können den Turm nicht verlassen.
„Lauft!“ schreit Haku.
Und sie laufen.
Bis ihre Beine sie nicht mehr tragen.
Später, als sie in Sicherheit sind, sehen sie sich an.
Niemand spricht zuerst.
Dann flüstert Rina:
„Er war echt… der Prinz.“
Die Geister oben im Turm schweben träge durch die verfallenen Gänge.
„Schade, sie sind weg.“
„Dann warten wir eben auf die nächsten, hihi~“
Sie kichern, während der Prinz weiter schläft — und der Turm wieder still wird.
Dreißig Jahre später.
Rina lebt nun als Gärtnerin im Herzogtum von Alison.
Ihr Bauch ist rund — ihr erstes Enkelkind kommt bald.
Aber ihr Herz... hängt noch immer an jenem Tag.
An ihm.
Dem schlafenden Prinzen, dessen Namen sie nie erfahren hat.
Man erzählt sich in Tavernen, auf Märkten und an Lagerfeuern Geschichten über den schwarzen Turm.
Und über den Prinzen darin, der so schön sei, dass jede, die ihn sieht, ihr Herz verliere.
Nur wer ihn weckt, so heißt es, wird zur Königin an seiner Seite.
Niemand weiß, ob das stimmt.
Aber genug glauben daran, um ihr Leben zu riskieren.
So bildet sich eine neue Gruppe — sieben Reisende, die sich selbst „Der Siebte Kreis der Hölle“ nennen.
Angeführt von Lady Ai, einer adligen Idealistin mit zu viel Herz und zu wenig Glück.
An ihrer Seite: Jack Frost, ein junger, zu ehrgeiziger Eismagier, dessen Ruf im Ritterorden bröckelt.
Er will sich beweisen. Sie will retten.
Ein gefährliches Duo.
Mit ihnen reisen fünf weitere:
Ein Magier, der ständig trinkt.
Ein Speerkämpfer, der immer vorrennt ohne nachdenken.
Eine Fährten Leser der ein Hund ist
Ein Packesel, der wortwörtlich ein Esel ist
Und ein Koch, der mehr Geheimnisse hat, als Zutaten.
Sie meinen es gut.
Aber alles, was sie tun, geht schief.
Immer.
Als Ai einem hungernden Kind Gold gibt, wird es überfallen.
Als sie nur Brot verteilt, gibt es Tage später eine Rattenplage.
Und als sie beschließt, keinem mehr zu helfen, stolpert sie aus Versehen in ein Waisenhaus und adoptiert acht Kinder.
Chaos folgt ihnen überall hin.
Doch der schlimmste Fluch reist in ihrem Rucksack:
Eine Bregenwurst.
Niemand weiß, woher sie kam.
Der Koch schwört, sie sei „ein heiliges Relikt“, geschaffen, um Dämonenenergie in harmlose Nahrung zu binden.
Aber... sie verdirbt nie.
Sie riecht göttlich.
Und sie zieht Monster an.
Jack Frost will sie wegwerfen.
Ai protestiert: „Sie riecht nach Hoffnung!“
Der Ritter schwört, er esse sie erst an dem Tag, an dem Ai ihn endlich heiratet — was er seit Jahren erfolglos versucht.
Und so zieht der Siebte Kreis der Hölle weiter – verfolgt von Monstern, Missverständnissen und der wohl schlimmsten Wurst der Welt.
Der Prinz aber schläft weiter, tief im Turm, unter schwarzen Rosen.
Und irgendwo in der Ferne spürt Rina ein leises Pochen in ihrem alten Herzen –
als würde jemand, irgendwo, endlich beginnen aufzuwachen.
Regen im Zimmer
In der Zwischenzeit, im Turm…
Die Welt draußen drehte sich weiter.
Der Wind trug den Duft von Regen, Feuer und neuen Geschichten fort –
doch hier, im schwarzen Turm, regte sich etwas Altes.
Etwas, das zu lange geschwiegen hatte.
Zuerst war da nur Stille.
Eine Stille so dicht, dass selbst die Rosen den Atem anhielten.
Dann kam der Regen.
Doch es war kein Regen, wie man ihn kannte. Kein Wasser, kein Tropfen, kein Klang.
Nur feiner Staub, der aus der Decke rieselte – als hätte jemand den Himmel zerrieben.
Er legte sich wie Nebel über das Bett, über die schwarzen Rosen, über das Gesicht des Schlafenden.
Und der Turm begann zu atmen.
„Er bewegt sich“, flüsterte Kwaji.
Ihr Körper glitt wie Schatten über die Steine, ihre Stimme bebte, als sie sich dem Bett näherte.
„Ich kann ihn spüren.“
Tofu stand neben ihr, und ihre Augen glühten.
Ein Lächeln breitete sich über ihr Gesicht aus – nicht warm, sondern scharf wie eine Klinge.
„Endlich“, hauchte sie. „Endlich kommt sein Herz wieder in Bewegung.“
Sie streckte die Hand aus, ließ den Staub durch die Finger gleiten.
„Ich hab es vermisst, Kwaji. Das Zittern. Den Anfang vom Ende.“
Kwaji sah sie von der Seite an.
„Bald ist er wach“, sagte sie.
„Bald kommt das Unheil“, ergänzte Tofu mit einer kindlich hellen Freude in der Stimme.
Sie lachte leise. „Wie schön es wird, wenn alles brennt.“
Ein schwaches Licht flackerte auf – grünlich, krank.
Es kroch aus den Ritzen der Mauern, tropfte an den Dornen entlang wie giftiges Blut.
Die Rosen blühten auf – ihre Blütenblätter grau, gefüllt mit Asche.
Kwaji kauerte sich hin, so nah, dass ihr Atem das Gesicht des Prinzen streifte.
„Weißt du noch, wie sie alle dich sehen wollten?“
Ihre Stimme war ein Klingen – halb Sehnsucht, halb Spott.
„Wie sie kämpften, starben, schrien – nur um dich anzusehen.“
Tofu grinste breit, die Zähne zu scharf, zu hell.
„Und keiner fragte, warum er schläft. Aber ich weiß es.“
Sie beugte sich vor, ihre Stimme ein Flüstern aus Feuer und Gier.
„Weil er träumen muss. Weil seine Träume die Welt zusammenhalten. Und wenn er erwacht…“
Sie lächelte, süß und grausam.
„…reißt er alles mit sich fort.“
Ein Zittern ging durch den Boden.
Über dem Bett bildeten sich Risse in der Decke, als würde der Himmel selbst zurückweichen.
Staub regnete herab – dichter, schwerer – und die Luft begann zu singen.
Ein leises Summen, wie von Flügeln, von Gebeten, von uralten Versprechen, die niemand mehr verstand.
„Endlich ist es soweit“, flüsterte Kwaji.
„Endlich!“ rief Tofu, und ihr Lachen hallte durch den ganzen Turm – hell und wahnsinnig.
Zwischen ihnen hob sich langsam die Hand des Prinzen.
Seine Finger zitterten, als berührten sie den Nebel.
Dann öffneten sich seine Lippen, und ein Atemzug entwich – so leise, dass er wie ein Windhauch klang.
Die Dornen zogen sich zurück.
Die Rosen verfärbten sich – von Schwarz zu tiefem, pulsierendem Rot.
Und mit einem Mal, als hätte der Turm selbst den Atem angehalten, öffnete er die Augen.
Gold.
Hell, schneidend, unirdisch.
„Sie hat mich gefunden“, sagte er.
Seine Stimme klang fern, als spräche er nicht zu ihnen, sondern zu jemandem weit weg.
Dann schloss er die Hand um das Laken, als hielte er etwas Unsichtbares fest.
„Jetzt… beginnt der zweite Traum.“
Sturm
Als Belith, auch bekannt als der schlafende Prinz mit den langen schwarzen Haaren und Augen aus purem Gold, die Worte sprach –
„Jetzt… beginnt der zweite Traum.“ –
trug der Wind sie fort.
Wie ein Flüstern, das sich selbst trägt, reiste der Satz weiter, über Wälder und Flüsse, über Berge und Täler, bis er die Helden erreichte.
Zuerst kaum hörbar – dann stärker, drängender, wie ein Windhauch, der sich zum Sturm aufbläht.
„Spürt ihr das?“ Ai hob den Kopf. „Ein Sturm zieht auf.“
Jack runzelte die Stirn. „Was redest du da? Es ist keine Wolke am Himmel.“
„Doch“, murmelte Ai, „etwas bewegt sich.“
Der Wind schwoll an – und irgendwo, weit entfernt, begann der Himmel zu singen.
Der Satz, den der Prinz gesprochen hatte, trieb weiter.
Bis in das ferne Land Terranerra, das Reich der Dunkelheit und Schatten.
Ein Ort uralter Magie, Intrigen und verfluchter Blutlinien.
Hier lebten Dämonen, Goblins und Vampire.
Bekannt war das Reich für die Sieben Todsünden, eine Eliteeinheit von Kriegern, die einst die Welt in Furcht versetzt hatten.
Auf einer Terrasse, hoch über den schwarzen Gärten Terranerras, stand Waldemar Zo’Chryr – von manchen einfach Waldi genannt.
Er hielt ein Glas Wein in der Hand, als er innehielt.
„Er ist also erwacht…“ sagte er leise. „Dann wird es Zeit, nach Hause zu gehen – bevor der Sturm kommt.“
Hinter ihm fand gerade ein kleines Bankett statt; Kerzenlicht flackerte, Diener huschten durch den Saal.
„Lucky! Ich mach mich auf den Weg. Bereite alles für die zweite Phase vor.“
Sein Diener – ein massiger Minotaurus – verneigte sich tief.
„Ja, Master.“
Weit entfernt, im Turm, legte sich wieder Bewegung in die Luft.
„Wir sollten das feiern“, schlug Kwaji vor, als sie ihren Bruder am Fenster stehen sah.
Belith hielt sich die Wange, als spüre er noch den Rest eines Traums.
„Etwas hat meinen Schlaf gestört“, sagte er leise.
„Wie lange warst du fort?“ fragte er dann, ernst.
„Nicht lange“, antwortete Tofu.
„Nicht einmal ein Jahrhundert“, fügte Kwaji mit einem Lächeln hinzu.
Belith nickte langsam.
„Dann wird es Zeit.“
Er hob die Hand – und über dem Turm begannen schwarze Wolken zu kreisen.
„Lasst uns Spaß haben“, sagte er, und sein Lächeln war so kalt wie die Nacht selbst.
Seine Schwestern lachten.
Ihr Lachen klang wie Donner in der Ferne – dumpf, beunruhigend, unendlich alt.
Es rollte über das Land hinweg, bis es den Siebten Kreis der Hölle erreichte – die Gruppe um Ai und Jack.
Das Echo hallte zwischen den Bergen, wie das Herz einer Welt, die kurz davor war zu brechen.
„Was zum… war das?“ Jack sah sich um.
Ai schwieg, sah nur zum Himmel.
Die Wolken dort waren plötzlich dunkel – pechschwarz, und in ihnen schimmerten für einen Moment Gesichter, wie Totenköpfe, die grinsten.
„Wir sollten uns einen Unterschlupf suchen“, sagte einer der Kameraden.
„Die Wolken sehen nicht wohlwollend aus.“
Jack lachte nervös. „Womöglich hattest du recht, Ai. Ein Sturm zieht auf. Sogar ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“
„Hey! Ich bin nicht blind – nur… wetterfühlig.“ Ai grinste, zuckte dann mit den Schultern. „Aber gut. Rast klingt nicht schlecht. Ich hab sowieso Hunger.“
Die Gruppe machte sich auf den Weg und fand, kurz bevor der Sturm richtig losbrach, eine kleine Höhle unter den Wurzeln eines uralten Baumes.
Der Wind sang draußen, tief und unruhig.
Und irgendwo, weit oben, rief eine Stimme leise:
„Komm… komm zu mir spielen.“
Ein eiskalter Schauer fuhr Jack über den Rücken, ohne dass er wusste, warum.
Und so begann der Sturm.
Leise. Unaufhaltsam.
Wie der Anfang von etwas, das niemand begreifen konnte.
Horrorfilm
Irgendwann schläft Ai ein.
Sie wollte eigentlich nur kurz ruhen,
doch die Dunkelheit in der Höhle ist weich,
der Regen draußen gleichmäßig,
und der Atem der anderen wiegt sie langsam in den Schlaf.
Ihr letzter Gedanke, bevor sie wegdriftet, ist,
dass es endlich still ist.
Endlich Frieden.
Doch der Traum beginnt ohne Warnung.
Kein Übergang, kein Licht.
Nur eine Tür – mitten im Nichts.
Sie steht offen.
Hinter ihr: eine schwarze Weite.
Davor: Ai.
Und aus der Tür weht kalter Wind,
getragen von etwas, das kein Geräusch, sondern ein Gefühl ist –
wie das Wispern eines Namens,
den sie nie gehört hat, aber kennt.
„Ai …“
Sie dreht sich um. Niemand da.
Der Boden ist neblig, grau,
ihre Füße versinken, als wäre der Traum selbst lebendig.
„Warum rennst du?“
„Ich bin doch schon unterwegs.“
Die Stimme klingt samtig, ruhig – und doch falsch.
Wie eine Melodie, die rückwärts abgespielt wird.
Jede Silbe streicht ihr über die Haut wie kalter Atem.
Sie rennt.
Wohin, weiß sie nicht.
Der Nebel verdichtet sich, formt Mauern,
Wände aus Rosenranken,
Dornen, die ihr Kleid zerreißen,
ihr Blut wie Tinte in den Traum tropfen lassen.
„Nein … das ist nicht echt …“, flüstert sie.
„Alles ist echt, wenn du es fühlst.“
Die Stimme lacht leise.
Und dann sieht sie ihn.
Am Ende eines Korridors aus Nebel steht ein Schatten.
Groß. Regungslos.
Nur das Gold seiner Augen leuchtet –
wie zwei Monde in der Finsternis.
Belith.
„Ich habe dich gesehen, Ai.“
„Im Traum, in dem du mich vergessen wolltest.“
„Jetzt bin ich wach.“
Der Boden unter ihr bebt.
Der Nebel regnet von der Decke,
doch es ist kein Wasser —
es ist Staub.
Knochenstaub.
Er legt sich auf ihre Haut, brennt,
und sie merkt, dass sie keinen Atem mehr hat.
Belith geht auf sie zu.
Jeder Schritt klingt wie ein Herzschlag.
Nicht ihr eigener. Seiner.
„Ich suche dich schon lange.“
„Jetzt finde ich dich.“
Sie will schreien,
doch ihre Stimme bleibt im Nebel stecken.
Nur das Pochen, dumpf und nah,
wie von innen gegen ihre Rippen.
„Träum weiter, Ai.“
„Ich komme bald.“
Er hebt die Hand –
und als sie sich schließt,
reißt der Traum auseinander.
Licht. Staub. Nichts.
Ai schreckt hoch.
Das Feuer ist aus.
Die Höhle still.
Nur draußen fällt Regen.
Doch sie weiß:
es ist kein Regen.
Es ist derselbe Staub wie im Traum.
Für einen Moment glaubt Ai,
sie sei in einem Horrorfilm –
doch schlimmer ist die Erkenntnis,
dass sie die Hauptrolle spielt.
Und dieser Film ist Realität.
Schweinedarm
Der Sturm hört nicht auf.
Doch keiner kann mehr schlafen.
Alle sehen gleich aus – blass, erschöpft, mit Schatten unter den Augen, als hätten sie denselben Albtraum gehabt.
Aber niemand spricht es aus.
„Wir haben nur noch Proviant für zwei Mahlzeiten“, erinnert Boo.
Er ist ein Mensch mit erstaunlichem Geruchssinn – und einem noch erstaunlicheren Geheimnis.
Seine überragenden Kochkünste, aus Müll köstliches Essen zu zaubern, verdankt er nicht Talent, sondern einem Artefakt:
seinem verfluchten Kochhut.
Solange er ihn trägt, kocht er wie ein Gott.
Doch wenn er ihn abnimmt, verwandelt er sich in eine kleine Ratte – bis der Hut wieder auf seinem Kopf sitzt.
„Wir können nicht ewig in dieser Höhle bleiben. Was sollen wir deiner Meinung nach tun, Ai?“ fragt Jack, während er sich gegen den Wind lehnt.
„Wie lange brauchen wir bis zum Turm?“ fragt Ai.
„Wenn alles gut läuft: fünf Tage. Bei diesem Wetter – eher zehn. Der Boden ist aufgeweicht, und mit unserer Ausrüstung kommen wir kaum voran“, antwortet der Spurenleser, dessen Gesicht unter seiner Kapuze verborgen bleibt.
„Proviant reicht für einen Tag. Wir müssen also unterwegs jagen.“
Ai beugt sich über die Karte. „Was ist das Nächste mit einer vernünftigen Unterkunft?“
Eine große Karte wird auf dem feuchten Boden ausgebreitet. Alle sieben beugen sich darüber.
„Wir sind hier… der Turm ist dort… und hier – eine Stadt. Direkt in der Nähe des Turms.“
Ai deutet entschlossen auf den Punkt. „Das ist unser Ziel.“
„Bei dem Wetter wird das ein Spaß“, murmelt Jack sarkastisch.
Es dauert, bis die Gruppe ihre Motivation findet, aber schließlich brechen sie auf.
Langsam, durch den Sturm.
„Ich hasse Regen“, beschwert sich Jack laut.
„Du bist Eismagier – solltest du Regen nicht mögen?“ stichelt Ai.
„Und du bist eine Prinzessin – solltest du dann nicht schön sein?“ kontert Jack trocken.
Die beiden zanken sich eine Weile, bis Boo sie mit einem Klaps auf die Schulter unterbricht.
„Psst! Dort vorne – in der Höhle! Ein Wildschwein.“
Er deutet nach vorn, doch im strömenden Regen ist kaum etwas zu erkennen.
„Ice, erledige es. Jack, gib Rückendeckung. Die anderen – umkreisen die Höhle.“
Ai klingt für einen Moment wie eine echte Anführerin.
Wenn ihre Pläne nur nicht immer so schiefgingen.
Doch diesmal haben sie Glück:
Das Wildschwein fällt, alle sind zwar voller Schlamm – aber sie haben frisches Fleisch.
„Wir sollten weiter“, sagt Ice, als Donner grollt. Oder sind das Monster?
Schwer zu sagen, in dieser Nacht.
In einer kleinen Steinhöhle machen sie Rast.
Erschöpft und hungrig versuchen sie, ihre nassen Kleider am Feuer zu trocknen.
Ai ist das einzige Mädchen in der Gruppe – also drehen sich alle höflich um, während sie sich umzieht.
Nur Jack zögert auffällig, als hätte er etwas zu verbergen.
„In dem Tempo brauchen wir noch drei Tage bis zur Stadt“, seufzt einer der Männer.
„Denkt nicht weiter drüber nach. Ich koche uns was Feines“, ruft Boo und beginnt, das Wildschwein zu zerlegen.
„Gib mir den Schweinedarm – damit können wir eine gute Abwehr gegen Monster bauen. Wenn wir ihn mit Kräutern füllen, wirkt er wie eine Duftbarriere.“
Der Alchemist der Gruppe spitzt die Ohren.
„Dabei hätte ich ihn lieber verarbeitet“, murmelt Boo beleidigt.
„Mit den Kräutern würde er bestimmt gut schmecken...“
„Ihh, Schweinedarm. Als ob ich freiwillig die Scheiße eines Schweins esse“, meckert Jack sofort.
„Müsst ihr überhaupt mit den Gedärmen vom Tier spielen?“ Ai zieht angewidert die Brauen hoch – da zeigt sich ihre adelige Seite.
„Wir wickeln einfach Jack damit ein, dann hat er keine Angst mehr vor Wildschweinen“, grinst Ice.
Er erinnert sich nur zu gern daran, wie Jack bei der Jagd fast überrannt wurde – und schon halb auf einen Baum klettern wollte.
Schwarzes Nichts aus dem Gewächshaus
Der Regen hatte endlich nachgelassen, und die Welt roch nach Erde.
Nach nasser Erde. Nach Leben.
Zwei Tage waren sie unterwegs gewesen – durch Matsch, Wind und Donner.
Jetzt endlich fanden sie Zuflucht: eine kleine Farm am Rand eines Tales.
Felder, Tiere, Obstbäume, Gemüsebeete. Alles wirkte lebendig, warm – fast einladend.
Die Besitzer, ein älteres Ehepaar, empfingen sie mit einer Freundlichkeit, die fast zu echt wirkte.
„Ihr seht aus, als hättet ihr Wochen im Sturm verbracht“, lachte die Frau und reichte Ai eine dampfende Schüssel Suppe.
„Ungefähr so fühlt es sich an“, gab Ai zurück – und zum ersten Mal seit Tagen lächelte sie ehrlich.
Am Tisch herrschte fast so etwas wie Frieden.
Jack neckte Boo wegen seines Hutes, Ice erzählte Geschichten über seine missglückten Jagden,
und Ai hörte zu – halb anwesend, halb weit weg.
Für einen Moment vergaß sie sogar, dass sie auf einer gefährlichen Reise waren.
„Ihr könnt gern in der Scheune übernachten“, bot der Bauer an.
„Morgen füllen wir euch eure Vorräte auf. Frisches Obst, Gemüse, Eier – was ihr braucht.“
„Danke“, sagte Ai.
Und sie meinte es.
Doch als die Nacht kam, wurde die Luft schwer.
Der Wind war zurück.
Und mit ihm dieses leise, unbestimmte Gefühl –
als würde jemand durch sie hindurchsehen.
„Ai, kannst du noch ein paar Tomaten holen?“ rief Boo aus der Küche.
„Und Gurken, wenn’s geht! Ich mach noch was für morgen fertig.“
„Klar“, antwortete sie und nahm eine Lampe.
Draußen war es stockfinster.
Nur das ferne Zirpen der Grillen und das Tropfen des Regens begleiteten sie.
Der Pfad zum Gewächshaus war matschig, die Schuhe versanken bei jedem Schritt.
Je näher sie kam, desto dichter wurde die Luft –
nicht wie Nebel, sondern wie… Druck.
Etwas Unsichtbares, das sich auf ihre Schultern legte.
Sie schob die Tür des Gewächshauses auf.
Ein schwacher Luftzug streifte sie, roch nach Erde – und etwas Süßlichem, das sie nicht kannte.
„Nur schnell“, murmelte sie.
Die Lampe flackerte.
Reihen von Tomatenpflanzen und Gurkenranken glitzerten im Restlicht.
Dann flackerte es erneut –
einmal, zweimal –
und im letzten Moment des Lichts sah sie es:
Etwas Dunkles, wie ein Schleier, der sich zwischen den Pflanzen bewegte.
Schwarz. Formlos.
Ein Nichts, das atmete.
Ai wich zurück. „Wer ist da?“
Keine Antwort.
Nur das leise Tropfen.
Dann erlosch das Licht.
Alles war schwarz.
Wirklich schwarz.
Nicht Dunkelheit – Abwesenheit von Licht.
Ein Gewicht, das auf ihr lag.
Sie spürte, wie sich etwas Kaltes um ihre Arme legte, wie Rauch, der brennt.
Der Geruch von nasser Erde verwandelte sich –
zu etwas Süßem.
Etwas Metallischem.
Und dann…
ein Summen.
Tief. Von unter der Erde.
Vor ihr, dort, wo die Tomaten wuchsen, öffnete sich der Boden.
Ein violett-schwarzes Leuchten glomm auf –
und zwischen den Wurzeln: schwarze Rosen.
Sie hatte sie schon einmal gesehen.
In einem Traum.
In einem Turm.
„Nein…“, flüsterte sie.
Doch das Nichts packte sie.
Ein Windstoß, der keiner war, riss sie mit sich –
durch Erde, durch Licht, durch Dunkelheit.
Und als sie fiel, hörte sie eine Stimme, kalt und vertraut, ganz nah an ihrem Ohr:
„Jetzt hab ich dich.“
Kein Feuer in der Bibliothek
Keiner bemerkte Ais Verschwinden.
Boo dachte sich nichts dabei, dass sie nicht zurückkam – vielleicht war sie einfach auf dem Klo, oder irgendwo eingeschlafen.
Erst am Morgen, als Boo das Frühstück zubereitete und Ice seine Lanze polierte, fiel Jack etwas auf.
„Wo ist Ai? Hat sie jemand gesehen?“ fragte er in die Runde.
„Nö“, murmelte Boo.
„In der Nacht wollte sie noch Gemüse holen…“, fügte er dann hinzu.
Ein kurzer Moment Schweigen.
Dann sprangen alle gleichzeitig auf.
Gemeinsam eilten sie zum Gewächshaus.
Doch dort angekommen, blieb ihnen der Atem weg.
Die Tür war kaum mehr zu erkennen.
Dicke Ranken hatten das gesamte Gewächshaus überwuchert – schwarze Rosen, deren Dornen violett schimmerten, zogen sich wie Adern über das Glas.
Ein süßlicher Geruch lag in der Luft, schwer, fast betäubend.
Wo gestern noch Licht und Leben war, herrschte nun nur noch Dunkelheit.
„Waren die… gestern auch schon hier?“ fragte Jack leise.
Niemand antwortete.
Sie umkreisten das Gewächshaus, suchten nach einem anderen Eingang – vergeblich.
„Vielleicht ist sie woanders hingegangen“, meinte schließlich Attysteriur, der Tiermensch mit dem kurzen beigrauen Fell und den scharfen, gelben Augen.
„Vom Ehepaar fehlt auch jede Spur. Ich rieche… nichts. Keine Spuren.“
Jack nickte. „Wir sollten Informationen sammeln. Sie kann ja nicht einfach verschwunden sein.“
„In der Bibliothek gibt’s bestimmt alte Stadtpläne,“ schlug Atty vor.
„Vielleicht hilft uns das weiter.“
Also machten sie sich auf den Weg.
Doch je näher sie der Stadt kamen, desto unruhiger wurde Ice.
„Findet ihr nicht, dass hier alles… anders aussieht?“
„Was meinst du?“
„Alles wirkt… alt. Wie verlassen.“
Die Straßen waren leer. Kein Licht, kein Geräusch.
Die Fenster der Häuser grau vor Staub, als hätte hier seit Jahren niemand mehr gelebt.
„Das bildest du dir ein,“ murmelte Jack – doch seine Stimme klang nicht sehr überzeugt.
Er stieß die Tür zur Bibliothek auf.
„Hallo? Ist hier jemand?“
Keine Antwort. Nur das Echo seiner eigenen Stimme.
Drinnen war es stockdunkel.
Der Staub lag so dicht, dass er im Licht ihrer Lampe wie Nebel wirkte.
„Der Strom geht nicht…“, stellte Boo fest.
Der stumme Diener – Ais schweigsamer Begleiter – stellte seinen Rucksack ab, kramte eine Kerze hervor und hielt sie Jack hin.
„Danke“, sagte Jack erleichtert und zündete sie an – oder versuchte es zumindest.
Das Feuer erlosch sofort.
„Zu dumm, um eine Kerze anzuzünden?“ spottete Ice.
Er nahm das Feuerzeug selbst – doch auch bei ihm flackerte die Flamme nur kurz auf und erstarb.
„Wie kann man so unfähig sein?“ murrte Atty und griff nach der Kerze.
Kaum hatte er sie angezündet, hörten sie ein Flüstern –
ein Wind, kein Schrei, aber mit Worten darin:
„Kein Feuer…“
Ein kalter Schauer fuhr ihnen über den Rücken.
„Habt ihr das gehört?“ flüsterte Jack.
Dann ertönte dieselbe Stimme wieder, lauter, deutlicher:
„Kein Feuer!“
Etwas Unsichtbares fegte durch den Raum – und aus der Dunkelheit trat eine Gestalt.
Eine alte Frau mit Brille, halb durchsichtig, in einem langen grauen Kleid.
Sie sah aus wie eine Bibliothekarin. Eine sehr wütende Bibliothekarin.
„Kein Feuer, kein Geschrei, kein Essen, keine Getränke! Und was sind das – Dreck auf dem Boden? Tierhaare?! Unerhört!“
Sie redete so schnell und ohne Pause, dass niemand überhaupt reagieren konnte.
„Wir wollten nur—“ begann Jack.
„Papperlapapp! Ihr wolltet rein, habt Regeln gebrochen, Feuer gemacht, Lärm veranstaltet, und jetzt – Raus! Raus, sag ich!“
„Warum sollten wir auf ’nen Geist hören?“ meinte Ice trotzig und stapfte weiter.
„Ich sagte RAUS!“ kreischte sie – und der ganze Raum vibrierte.
Die Bücherregale erzitterten, Papierseiten flatterten, Staub regnete von der Decke.
„UNERZOGENE HALBSTARKE! IN MEINER BIBLIOTHEK!!“
Im Beet
Staub tanzte noch immer in der Luft.
Die Bücher lagen verstreut auf dem Boden, als hätte der Aufruhr der geisterhaften Bibliothekarin sie durcheinandergewirbelt.
Niemand sagte etwas.
Schließlich brach Boo das Schweigen.
„Können wir… jetzt endlich nach Hinweisen suchen?“
Jack nickte zögerlich.
Er zündete eine Kerze an – diesmal flackerte sie nur kurz, dann brannte sie ruhig. Kein Widerspruch mehr aus den Schatten.
„Gut. Suchen wir nach allem, was mit Ai oder diesem Turm zu tun hat.“
Sie begannen, die Regale zu durchstöbern.
Zwischen verrottetem Pergament, eingetrockneten Tintenflecken und Spinnweben fanden sie eine alte Holzkiste voller Schriften.
Ice zog ein besonders dickes Buch hervor. Der Einband war grünlich, fast moosig, und auf der Rückseite war ein Symbol eingeprägt – eine Rose, deren Blätter schwarz getönt waren.
„Könnte wichtig sein,“ murmelte er und legte es auf den Tisch.
Jack schlug es vorsichtig auf.
Die Seiten klebten leicht aneinander, als wären sie feucht, doch die Schrift war klar.
Er las halblaut:
„Über das Wachsen und Vergehen der Portale – und jene, die sie berühren.“
„Portale?“ wiederholte Boo. „Was soll das heißen?“
Jack überflog die Zeilen.
„Hier steht… sie erscheinen in Beeten, wo Leben und Verfall sich die Waage halten. Wo Rosen blühen, die keine Wurzeln haben. Und dass sie manchmal Seelen verschlingen, die den Weg berühren.“
„Klingt wie aus ’nem schlechten Horrorfilm,“ murmelte Ice.
Doch niemand lachte.
Jack blätterte weiter. Die Seiten waren voller Zeichnungen – Dornen, Spiralen, schemenhafte Gestalten, die in den Boden gezogen wurden.
„Hier steht auch was von Reinheit. Dass nur reine Seelen einen Übergang öffnen können.“
„Rein?“ Boo schnaubte. „Das kann unmöglich Ai gewesen sein. Die schreit jeden an, der ihr im Weg steht.“
Jack schwieg.
Er wusste selbst nicht, was das Buch meinte.
Er las weiter:
„Wer verschwindet, verlässt die Welt nicht, sondern wird an die Wurzel des Turms getragen. Dort, wo Dunkelheit schläft und Erinnerung verwelkt.“
„An die Wurzel des Turms?“ Ice hob den Kopf. „Das heißt… sie lebt?“
„Vielleicht,“ antwortete Jack leise. „Aber nicht mehr hier.“
„Und wie kommen wir dahin?“ fragte Boo.
„Hier steht…“ Jack blätterte, „…dass Portale nur einmal öffnen. Wer folgt, wird verbannt. Nur der Ruf kann sie erneut erwecken.“
„Was für ein Ruf?“
„Keine Ahnung. Aber…“ Jack schloss das Buch langsam. „…es klingt, als wäre sie entführt worden, nicht einfach gegangen.“
Die Kerze knisterte. Ein feiner Duft lag plötzlich in der Luft – süß, vertraut.
Rosen.
Boo blickte nervös zum Fenster.
„Also… was jetzt?“
Jack sah ihn ernst an.
„Wir wissen jetzt, wo sie ist. Und dass wir ihr nicht folgen können.
Also bleibt uns nur eins.“
„Der Turm,“ sagte Ice.
„Der Turm,“ wiederholte Jack.
Ein Windzug ging durch die Bibliothek und ließ die Seiten des alten Buches aufschlagen.
Dort, auf der letzten Seite, stand in verblasster Tinte nur ein einziger Satz:
„Wenn die Rosen wieder blühen, wacht der Prinz – und der Pfad der Reinen öffnet sich erneut.“
Marktplatz
Die Gruppe starrte auf den letzten Satz des Buches, doch er brachte mehr Verwirrung als Antworten.
„Das bringt uns jetzt nicht weiter“, entschied Jack und klappte das Buch zu. „Wir müssen uns vorbereiten und so schnell wie möglich zum Turm. Ai wartet.“
„Ich besorg uns Vorräte“, meldete sich Boo sofort.
„Und wir holen den Rest der Ausrüstung“, sagte Ice und klopfte dem Packesel – einem Tiermenschen, der tatsächlich wie ein zweibeiniger Esel aussah – auf die Schulter.
Jack nickte.
„Atty, du suchst uns eine Karte und raus, welcher Weg am besten ist. Ich selbst versuche, noch Infos im Dorf zu bekommen. Wir treffen uns zur Mittagssonne auf dem Marktplatz… ich glaub, das hier sollte einer sein.“
Er zeigte auf den großen leeren Platz mit kaputten Ständen und eingestürzten Dächern, die vom Wind klapperten.
Atty – Die Karten
Atty machte sich sofort an die Arbeit.
Doch je länger er suchte, desto seltsamer wurde alles.
Die aktuellste Karte, die er fand, war über 200 Jahre alt.
Eine neuere existierte nicht – nirgends.
Und auf keiner der alten Karten war ein Turm eingezeichnet.
Nur ein alter Wachturm, der jedoch völlig anders aussah als der Turm, den sie suchten.
Trotzdem suchte Atty weiter, bis er wenigstens einen alten Stadtplan fand.
Der war mehrere Jahrhunderte alt, aber erstaunlich gut erhalten.
„Besser als nichts“, murmelte er und steckte ihn ein.
Jack – Die Wahrheit über das Dorf
Währenddessen schlenderte Jack durch die Straßen – und sein Unbehagen wuchs mit jedem Schritt.
Noch gestern war dieses Dorf warm, belebt, frisch gewesen.
Jetzt wirkte alles alt und morsch, als wäre es seit Jahrzehnten verlassen.
Als er das Haus des Ehepaares betrat, das ihnen Essen gegeben hatte, stieg ihm sofort der Gestank in die Nase.
„Was zum…?“
Alles stand noch so da wie am Vorabend: Schüsseln in der Spüle, Teller auf dem Tisch, sogar die Gläser.
Nur… das Essen war nicht mehr frisch.
Das Brot war verschimmelt.
Das Fleisch—das Stück, das er selbst liegen gelassen hatte—war nicht rot, sondern grün.
Es bewegte sich.
Maden wimmelten darin.
Jack würgte.
Dann kotzte er.
Lange.
Als er sich endlich wieder fangen konnte, wischte er sich den Mund ab und sah sich mit bleichem Gesicht um.
„So lange… waren wir nicht weg“, flüsterte er.
„Was geht hier vor sich?“
Im nächsten Haus fand er etwas anderes:
Ein Zuhause, das noch… normal wirkte.
Sauber.
Ordentlich.
Ein Kinderzimmer.
Eine kleine Küche.
Eine Decke, sorgfältig gefaltet.
Doch hinter dem Haus – ein kleiner Friedhof.
Drei Gräber.
Zwei große, eines klein.
Jack schwieg.
Er steckte alles Brauchbare ein und ging.
Der Marktplatz – Wieder vereint
Nach und nach trudelten alle ein.
Ice mit dem Packesel.
Boo mit einem halben Sack verdächtig alt wirkendem Brot und ein paar Äpfeln, die eigentlich nicht so runzlig sein sollten.
Der stumme Diener mit Wasserkrügen.
Atty saß bereits mitten auf dem Platz und wartete.
Jack ließ sich neben ihn fallen und warf ihm ein kleines, abgegriffenes Tagebuch zu.
„Hier. Lies das mal.“
Atty blätterte hinein.
Auf der ersten Seite stand ein Name.
Auf der zweiten – ein Datum von vor 80 Jahren.
Und doch wirkte die Tinte… frisch.
Jack verschränkte die Arme.
„Wir müssen wohl auf die anderen warten“, murmelte er, doch sein Blick sagte:
Hier stimmt etwas überhaupt nicht.
Nach und nach traf auch der Rest des 7. Kreises der Hölle ein.
Und der Marktplatz – so leer, so tot, so still – wirkte plötzlich noch unheimlicher.
Fleischer im Schrein
Der Marktplatz blieb still.
Zu still.
Als hätte irgendjemand die Welt auf Pause gedrückt – aber nur hier, nur in diesem Dorf.
„Ich sag’s euch… das mit dem Schimmel gestern… das war nicht normal.“ Jack presste die Arme um sich. „Das Fleisch war grün. Und lebendig.“
„Mein Brot war auch nicht gut“, meldete Boo. „Ich hab’s probiert—“
„DU HAST ES GEGESSEN?!“ schrien drei gleichzeitig.
„Nur ein bisschen“, verteidigte Boo sich. „Und ich glaube, es hat mich beleidigt.“
„Die Häuser…“ murmelte Atty und sah sich langsam um. „Manche wirken hundert Jahre alt. Andere, als wären sie gestern bewohnt worden. Das ergibt keinen Sinn.“
Der stumme Diener tippte Ice auf die Schulter und deutete zum Rand des Dorfes.
„Was ist?“
Ice folgte dem Finger – und sah es dann selbst.
„Da oben.“
Er zeigte.
„Auf dem Hügel.“
Dort, wo das Dorf endete und der Wald begann, stand ein großer Schrein.
Ein massiver Bau aus dunklem Holz und Stein, mit kunstvollen Torbögen, verwitterten Statuen und einem Dach, das sich wie ein gefalteter Kranz über die Stufen spannte.
Aus dem Inneren stieg Rauch auf. Dick, grau. Schwer.
„Ein Schrein…?“ fragte Jack skeptisch. „Was zur Hölle wird da verbrannt?“
Niemand antwortete.
Gemeinsam stiegen sie den Hügel hinauf, Schritt für Schritt, der Wind kalt, die Luft seltsam schwer.
Aus der Nähe klang der Rauch wie Flüstern – als würden Stimmen darin hängen.
Atty hielt an.
„Riecht ihr das?“
Boo nickte sofort.
„Ja. Verrottetes Fleisch. Und Blut. Viel.“
Sie näherten sich dem Eingang.
Dort stand er.
Der Mann war riesig.
Schwer.
Breit wie ein Schrank.
Eine blutdurchtränkte Schürze hing an ihm wie eine zweite Haut.
In einer Hand hielt er ein Beil, in der anderen eine Schöpfkelle, mit der er in einem großen Kessel rührte, aus dem es fettig brodelte.
Das Ekelhafteste aber waren seine Augen.
Eins leuchtend rot.
Eins strahlend grün.
Fast, als würden zwei Seelen gleichzeitig in ihm wohnen.
Er grinste, ohne wirklich zu lächeln.
„Ah. Neue Gesichter.“
Seine Stimme klang kratzig, brüchig – aber überraschend freundlich.
„Willkommen im Schrein des Aufbruchs. Oder… des Niedergangs. Kommt drauf an.“
Jack schluckte.
„Äh… was kochst du da?“
Der Mann blickte in den Kessel, zuckte mit den Schultern.
„Den Rest. Immer den Rest. Muss ja weg.“
Er schnaubte.
„Leute verrotten hier schneller als Brot. Wenn man’s liegen lässt, stapelt es sich. Und das kann ja keiner wollen.“
„Leute…?“ Atty trat einen Schritt zurück.
„Wie meinst du das?“
Der Fleischer sah jedes ihrer Gesichter an – und plötzlich funkelten seine ungleichen Augen auf eine Weise, die etwas tief in ihnen erschauern ließ.
„Das Dorf ist verflucht“, sagte er leise.
„Seit die zwei Prinzessinnen aus dem Turm rufen.“
Ein kalter Wind fuhr über den Hügel.
„Wenn sie rufen… sterben viele. Oder sie verschwinden. Oder sie kommen verzerrt zurück.“
Er rührte weiter im Kessel.
Schmatzen.
Blubbern.
„Der Fluch ist gierig. Frisst alles. Zeit, Fleisch, Leben.“
Er lachte – ein trockenes, altes Lachen.
„Manchmal tauchen neue Menschen auf. Einfach so. Plopp. Als wären sie… Vieh. Aus einem anderen Ort. Einem anderen Wann.“
Jack schüttelte den Kopf.
„Das klingt…“
„Wahnsinnig“, vollendete Ice.
„Natürlich klingt es wahnsinnig“, brummte der Fleischer zufrieden.
„Ich bin ja auch verrückt. Seit… oh… bestimmt 80 Jahren. Vielleicht mehr.“
Er legte den Kopf schief.
„Ich mache diese Arbeit schon so lange, dass ich aufgehört habe zu zählen.“
„Wie alt bist du?“ fragte Boo, die Nase zugehalten.
Der Mann grinste.
„Hundertzehn. Ungefähr.“
Stille.
Nur der Kessel brodelte weiter.
„Und warum bist du nicht betroffen vom Fluch?“, fragte Jack misstrauisch.
Die farbigen Augen funkelten.
Der Fleischer richtete seine blutige Schürze.
„Weil jemand ja die Drecksarbeit machen muss.“
Er tauchte die Schöpfkelle tief in das faulige Gemisch.
„Sonst… würde es hier Berge von Leichen geben.“
Er drehte sich wieder zum Kessel – und lachte leise, beinahe fröhlich.
Weihnachtssachen
Kwaji holte eine große Kiste hervor und stellte sie mitten in den Raum.
„Es ist wieder so weit“, seufzte sie, als würde eine große Last auf ihr liegen.
„Schon wieder?“, fragte Tofu genervt und begann, die Sachen auszuräumen.
Rote und grüne Kugeln.
Glitzernde Girlanden.
Sterne, Stoffstrümpfe, Lametta.
Viel zu viele Weihnachtssachen.
„Nervig, jedes Jahr dieselbe Deko aufzuhängen“, brummte Tofu und warf Belith einen schadenfrohen Blick zu.
„Zum Glück bist du jetzt wach. Dieses Mal kannst du den Kram übernehmen.“
Belith hielt einen Weihnachtsstern in der Hand und betrachtete ihn, als wäre er etwas Heiliges.
„Für eine Willkommensfeier? … Bald sind alle da. Nicht mehr lange.“
„Geburtstagsfeier! Schon vergessen?“ Kwaji strahlte, während sie bereits Girlanden über die Balken warf.
„Dieses Jahr feiern wir ihn zusammen.“
Sie schmückte sogar die Treppen – in Rot und Schwarz, wie immer.
Währenddessen…
Ai kam zu sich.
Im Keller.
Um sie herum: Knochen. Überall.
Der Boden, die Regale, sogar die Wände waren damit bedeckt.
Zwischen den Rosenranken hing merkwürdigerweise einiges an Weihnachtsdeko – alte Sterne, gebrochene Kugeln, sogar ein Lametta-Fetzen.
„Santa… Claus?“ Ai verzog das Gesicht. „Wo bin ich hier gelandet?“
Erinnerungen flackerten auf.
Ein Gewächshaus.
Rosen.
Dunkelheit.
Eine kalte Hand, die sie gepackt hatte.
„Hallo? Ist hier jemand?!“
Keine Antwort.
Ai ging vorsichtig weiter, bis sie eine schmale Treppe fand – überwuchert mit Dornen.
Dicke, schwarze Dornen mit violett schimmernden Spitzen.
„Zum Glück habe ich mein Messer dabei.“
Sie begann, sich durch die Ranken zu schneiden.
Es war mühsam.
Sehr mühsam.
Und je höher sie kam, desto mehr Weihnachtsschmuck tauchte auf – bis hin zu einem mit Girlanden vollgestopften Geländer.
Oben erreichte sie schließlich einen Raum, der wie ein Wohnzimmer wirkte…
…nur makaber.
Ausgestopfte Köpfe – Menschen, Feen, vielleicht auch Tiere – starrten sie aus Regalen an.
Kakerlaken mit winzigen Totenköpfen auf dem Rücken krabbelten über den Boden.
In der Ecke stand ein Sessel aus zusammengenähten Lederstücken.
Altem Leder.
Zu altem.
„Ihhh…“ Ai hielt sich den Mund zu. Gegen Kleinkram war sie empfindlich, egal wie mutig sie sonst war.
Dann hörte sie Schritte.
Und Stimmen.
Ai versteckte sich hinter einer umgestürzten Standuhr.
„Ich sagte doch, ich habe ihn nicht!“, fauchte Kwaji.
„Er sollte hier sein“, antwortete eine tiefe männliche Stimme.
Warm.
Sanft.
Wunderschön.
Ai’s Herz schlug schneller.
Sie kannte diese Stimme.
Aber woher?
Sie wagte einen Blick. Zwei Gestalten.
Kwaji.
Und ein Mann – groß, dunkelhaarig, mit einem Ausdruck, der gleichzeitig traurig und perfekt war.
Der Prinz.
Haus der Schwiegereltern
Ai wagte kaum zu atmen.
Kwaji hatte sie entdeckt.
Sie stand im Türrahmen, eine Kiste voller Weihnachtsschmuck im Arm, der Mund zu einem kalten Lächeln verzogen.
„Bruder“, sagte sie leise. „Deine Verlobte ist wach.“
Ai fröstelte.
Verlobte? Von wem?
Belith hob den Blick.
Er sah sie an, als hätte er sie schon tausend Mal gesehen – und wäre gleichzeitig überrascht, sie jetzt wiederzufinden.
Kein Wort. Nur dieses unerträglich stille Mustern, als würde er versuchen, sich an etwas zu erinnern, das ihm entglitten war.
Ai öffnete den Mund, doch ihre Stimme versagte.
Kwaji stellte die Kiste zur Seite, wischte sich Staub vom Kleid und ging langsam auf Ai zu, als würde sie ein zerbrechliches Kunstwerk betrachten.
„Du fragst dich, warum du hier bist.“
Es war keine Frage.
Ai nickte.
„Dann fangen wir mit dem Offensichtlichen an.“ Kwaji machte eine kleine Geste, die den Raum um sie herum einrahmte – die verwinkelten Gänge, die schiefen Treppen, die seltsamen Schatten.
„Du bist im Haus deiner Schwiegereltern.“
Ai schluckte hart.
„Das hier ist kein Haus… Das ist—“
„Ein Turm.“
Beliths Stimme war ein Hauch, weich wie dunkler Schnee.
Zum ersten Mal sprach er direkt zu ihr.
„Nur ein Turm. Der letzte Rest eines Schlosses, das es nicht mehr gibt.“
Ai sah sich um.
Die riesigen, falschen Räume.
Der Keller, der wie ein Labyrinth wirkte.
Die endlosen Treppen, die in keiner Logik existierten.
„Es… fühlt sich größer an“, flüsterte sie.
„Der Turm hält, was von damals noch übrig ist“, sagte Kwaji.
Sie zupfte eine Girlande zurecht, als wäre das hier das Normalste der Welt.
„Nichts davon ist zuverlässig. Aber es reicht.“
Ai presste die Hände zusammen.
„Warum… bin ich hier?“
Belith trat näher.
Jetzt stand er direkt vor ihr – hoch, still, schrecklich schön.
Seine Augen wirkten wie zwei alte Wunden, die nie ganz verheilt waren.
„Weil es so vorgesehen ist“, sagte er.
Ai wich unbewusst zurück.
„Vorhergesehen?“
„Du und ich…“
Er suchte nach Worten.
Seine Stimme klang nicht stolz, nicht herrisch – sondern alt. Müde.
„Wir haben das schon oft getan.“
Ai blinzelte.
„Was getan?“
Belith schwieg.
Kwaji stellte sich neben Ai, wie eine Gastgeberin beim Nachmittagstee – nur dass ihre Augen zu sehr glänzten.
„Mein Bruder ist die Wiedergeburt des alten Dämonenkönigs“, begann sie.
„Er ist… nun ja… schon oft aufgewacht.“
Sie tippte Ai leicht gegen die Stirn.
„Und du – du bist die Wiedergeburt seiner Partnerin. Was sie früher war? Keiner weiß es mehr. Eine Bäuerin, eine Königin, eine Kriegerin… alles möglich. Ihr wart vieles. Und manchmal wart ihr auch nichts füreinander. Schicksal ist launisch.“
Ai wich einen Schritt zurück.
„Ich bin garantiert nicht—“
„Doch“, unterbrach Belith leise.
Sie verstummte.
Kwaji fuhr fort, als erzähle sie ein altes Märchen:
„Wenn der Turm ruft, kommen die Seelen zurück. Alle paar Jahrzehnte. Manchmal früher. Manchmal später. Und wenn du hier bist…“
Sie hob die Schultern.
„…dann heißt das, die Zeremonie steht bevor.“
Ai fröstelte.
„Welche… Zeremonie?“
Belith schloss kurz die Augen, als müsste er etwas Bedrohliches zurückhalten, bevor er sagte:
„Die Zeremonie des Erwachens.“
Seine Stimme wurde tief.
„Unsere Bindung erneuert sich darin.“
Ai wurde schlecht.
Kwaji lächelte sanft.
„Einfach ausgedrückt: Ihr gehört zusammen. Ihr habt immer zusammengehört. Ob ihr wolltet oder nicht.“
Belith öffnete die Augen wieder – und sah Ai an, als stünde zwischen ihnen eine Erinnerung, die sie allein trug.
„Es ist Schicksal“, sagte er.
Und Ai, die normalerweise nie zurückwich, fühlte sich plötzlich winzig in diesem Turm, der wie das Grab eines Königreiches wirkte, das sie nie kannte – aber zu dem sie scheinbar gehörte.
Feind von Ai
Tofu presste ihr Ohr gegen die Wand – obwohl sie das eigentlich nicht musste.
Ihre Fähigkeit machte sie praktisch eins mit dem Turm.
Seine Mauern waren ihr Körper, seine Treppen ihr Rückgrat, seine Schatten ihre Augen.
Sie hörte alles.
Sie sah alles.
Und gerade jetzt sah sie etwas, das ihr überhaupt nicht gefiel.
„Sie war meine Beute…“
Wütend biss Tofu sich auf den Fingernagel des Daumens, als sie belauschte, wie vertraut Belith mit Ai sprach.
Wie er sie ansah.
Wie die Luft zwischen ihnen vibrierte, als würden sich alte Erinnerungen aneinander reiben.
Umso länger Tofu Ai beobachtete, umso vertrauter kam sie ihr vor.
Ein Gesicht, das sie kannte.
Oder ein Gefühl, das sie kannte.
Doch sie konnte es nicht greifen.
Als es spät wurde, beschloss Tofu, Ai „Essen“ zu bringen – ein extra fieser Gedanke, der ihre Laune hob.
Sie griff sich eine Handvoll toter Mäuse, ging mit einem breiten, bösartigen Grinsen die knarrenden Stufen hinab und öffnete die Tür zu Ais Raum.
„Nicht dass du uns noch verhungerst“, lachte sie und ließ die Mäuse in Ais Schoß fallen.
„Ein Festmahl!“ rief Kwaji begeistert, die wirklich alles für essbar hielt, was einmal geatmet hatte.
Ai dagegen erbleichte.
„Ein… Festmahl? Ich werde das nicht essen.“
Ihre Stimme war streng – und dennoch vor Angst angespannt.
Sie hob die Hände beschwichtigend.
„Ihr habt die Falsche. Ich weiß von nichts. Ich kenne diesen Turm nicht und… ich esse das nicht!“
Kwaji, deren Augen im dämmrigen Licht leicht glühten, seufzte.
„Sei froh, dass wir dich nicht essen. Haha!“
Sie hob eine weitere Kiste voller Weihnachtsschmuck hoch.
„Wir müssen den Turm noch mehr schmücken, damit der Totengott ihn auch ja von weitem sieht!“
Fröhlich humpelte sie hinaus, um auch die Fenster zu dekorieren.
Belith blieb still.
Er stand einfach nur da und sah Ai an.
Sein Blick wurde immer strenger… doch irgendwo darin lag Fürsorge.
Irgendetwas, das Tofu überhaupt nicht gefiel.
„Komm.“
Tofus Finger schossen nach Ais Arm wie Schlangen.
Sie zog die Prinzessin hoch und führte sie den Turm hinauf.
Eifersucht glomm in ihren leuchtenden grünen Augen.
Sie versuchte, Beliths Blick zu überbieten – als wäre Ai ein Preis, um den sie konkurrierten.
Ganz oben angekommen, öffnete Tofu die Tür zum höchsten Zimmer.
„Hier wirst du ab jetzt bleiben“, sagte sie kalt und schubste Ai in das Bett.
Dornen und schwarze Rosen rankten sich darum – das Bett, in dem Belith über 80 Jahre geschlafen hatte.
Tofu beugte sich über Ai und starrte tief in ihre Augen.
„Wer bist du?“
„A-Ai… Ai.“
„Nein“, knurrte Tofu. „Dein voller Name. Wer bist du wirklich?“
Ai zitterte.
„A-Ai… Tina Matiga Liora Caelith Morgan… Tochter von Arthur Morgan…“
Tofu erstarrte.
„WER bist du wirklich?“
Ihre Stimme bekam einen vibrierenden Unterton.
Etwas in ihr reagierte auf Ai – etwas Altes, Hungerndes, Erinnerndes.
Es machte Tofu nervös.
Sehr nervös.
Ai versuchte, Mut zu fassen.
„Und wie heißt du? Man sollte sich immer vorstellen.“
Tofu blinzelte überrascht.
„…Tofu.“
Sie ließ Ai los und wich einen Schritt zurück.
Ai rieb sich die Hände.
Ihre Gedanken rasten.
Sie konnte nicht sagen, ob diese drei Kreaturen Feinde oder Freunde waren – aber für den 7. Kreis der Hölle waren sie ganz klar Feinde.
Auch wenn sie Ai bisher nicht verletzt hatten.
„Was wollt ihr eigentlich von mir? Geld? Macht?“ Ai hob das Kinn, doch ihre Stimme bebte leicht.
„Wenn ich euch das verspreche – lasst ihr mich dann gehen?“
Tofu lachte laut auf.
„Was wohl? Wir wollen nur… spielen.“
Es klang nicht nach Spiel.
Es klang nach einer Morddrohung.
Ai wollte aufspringen, doch Tofu stand direkt vor der Tür.
Und die Ranken im Raum bewegten sich wie lebendige Finger, bereit, sie festzuhalten.
Tofus Blick wanderte langsam über Ais Hals, ihre Haare, ihre Arme.
„Du erinnerst mich an jemanden“, flüsterte sie.
„Fraglich, ob du auch dasselbe Blut hast wie sie…“
Sie strich sich mit der Zunge über die Lippen – als wollte sie Ai persönlich kosten.
Tofu, die mit ihrem giftgrünen Haar, den leuchtenden Augen und der pechschwarzen Haut wie ein lebendig gewordener Albtraum wirkte, war ein Alien – ein Parasit, der tote Körper bewohnte.
Normalerweise Tiere.
Nur sehr selten Menschen.
Und jetzt…
stand sie direkt vor Ai.
Hungrig.
Neugierig.
Eifersüchtig.
Und ganz sicher kein Freund.
Säurer Atem
Tofu stand noch immer an der Tür, während die Dornen um Ais Knöchel zitterten wie lauernde Tiere.
Ihre leuchtend giftgrünen Augen spiegelten das Mondlicht, und Ai schwor, darin etwas zu sehen wie … Hunger.
Oder Neid.
Oder beides.
Langsam setzte Tofu einen Fuß vor den anderen.
Ihr Gang war geschmeidig, unnatürlich ruhig – wie eine große Spinne, die keinen Schatten warf.
„Du riechst so …“
Tofu sog die Luft ein, als wolle sie den Duft kosten.
„… sauber.“
Ai wich zurück, bis ihr Rücken das kalte Kopfende des Rosenbetts berührte.
Die Dornen wuchsen, als würden sie auf Tofus Stimmung reagieren.
Scharf. Durstig. Lauernd.
Tofu stützte sich mit beiden Händen neben Ais Kopf auf das Bett und beugte sich tief über sie.
Ihr Atem strich Ai über die Wange.
Ai keuchte.
Der Geruch war unerträglich.
Nicht verwest.
Nicht faul.
Sondern säuerlich, stechend, so scharf wie brennende Chemikalien.
Es roch nach etwas, das Fleisch verätzte.
Nach etwas, das zerfraß.
Tofu lächelte.
Ihre Zähne wirkten länger als zuvor.
„Ich könnte dich so leicht öffnen …“ flüsterte sie.
Ihre Stimme klang weich – viel zu weich für die Worte, die sie sprach.
„Nur ein kleines Stück Haut …“
Ai schloss die Augen.
Ihre Fingernägel krallten sich in die schwarzen Laken.
Sie hatte Angst.
Echte Angst, die sich wie kalte Finger um ihr Herz legte und langsam zudrückte.
Tofus Gesicht kam noch näher, so nah, dass Ais Haut brannte, obwohl sie sie nicht berührte.
„Du bist nicht für ihn bestimmt“, hauchte Tofu.
„Nicht für Belith. Nicht für irgendwen.“
Ihr Atem zischte, die Luft vibrierte.
„Meine Geschwister gehören mir. Nur mir.“
Die Ranken zuckten, als wären sie ungeduldig.
Ai wollte schreien – doch ihre Stimme fand keinen Weg durch die Enge ihrer Kehle.
„Tofu.“
Die Stimme schnitt durch die Luft.
Eiskalt. Hart. Unüberhörbar.
Tofu erstarrte.
Dann wirbelte sie herum.
Belith stand im Türrahmen.
Seine Augen wirkten dunkler als zuvor, sein Blick messerscharf.
Er bewegte sich kaum – und doch wirkte es, als würde der ganze Raum mit ihm atmen.
„Lass sie los“, sagte er.
Tofu lachte. Ein kurzes, trockenes Geräusch.
„Wieso? Weil du sie brauchst?“
Belith trat einen Schritt näher.
Der Boden schien unter seinen Füßen schwerer zu werden.
„Ja“, sagte er ruhig.
„Ohne sie kann ich meine Aufgabe nicht erfüllen.“
Tofus Lippen zuckten.
„Dann erfüllt sie deine Aufgabe eben nicht.“
Eine Ranke knirschte leise, als würde sie sich auf etwas freuen.
Beliths Stimme blieb ruhig, doch ein gefährlicher Unterton schlich sich hinein.
„Wenn du sie angreifen willst, musst du mich zuerst töten.“
Tofu legte den Kopf schief.
Ihre Pupillen verengten sich.
„… und?“
„Mit meinem Tod stirbt Kwaji“, sagte Belith leise.
„Und dann bist du wieder allein.“
Stille.
Tofus Brust hob und senkte sich schneller.
Ihr Blick flackerte.
Erinnerung. Schmerz. Verlust.
Alles huschte für einen winzigen Moment über ihr Gesicht.
Dann fletschte sie die Zähne.
„Du manipulierst mich. Wie immer.“
Belith zuckte nicht einmal.
„Ich sage dir die Wahrheit.“
Tofu drehte sich abrupt weg, ihre Haare wogten wie lebendige Tentakel.
„Ich will euch. Beide. Für mich.“
Ihre Stimme zitterte vor Eifersucht.
„Aber sie… sie nimmt mir alles weg.“
Ai wollte etwas sagen, doch ihre Stimmbänder gehorchten ihr nicht.
Belith stellte sich zwischen sie.
Er war nicht laut.
Er war nicht wütend.
Er war einfach … Präsenz.
Die Dornen zogen sich langsam von Ais Knöcheln zurück.
Tofu wich zurück wie ein Tier, das geblendet wurde.
„Geh“, sagte Belith.
Sein Ton war endgültig.
Tofu sah Ai ein letztes Mal an – mit einem Blick, der mehr versprach als nur Feindseligkeit.
Er versprach zukünftigen Schmerz.
Dann rauschte sie aus dem Raum, ihre Schritte zu schnell, zu hart, zu zornig, um natürlich zu sein.
Belith blieb noch einen Moment stehen.
Schweigend.
Er atmete nicht einmal schwer – doch seine Haltung war gespannt, als müsste er sich zurückhalten, Ai nicht sofort etwas zu sagen, das er nicht sagen durfte.
Ai schlang die Arme um sich.
Ihr Herz raste so schnell, dass sie glaubte, es würde explodieren.
Dunkel
Die Gruppe des Siebenkreises der Hölle verweilte noch immer beim Schrein und tauschte sich mit dem Fleischer aus, als es plötzlich unnatürlich schnell dunkel wurde.
„Findet ihr nicht auch, dass es viel zu schnell Nacht wird?“ Ice hob den Blick zum Himmel, dessen Farben bereits in tiefes Violett und Schwarz übergingen.
„Wir sollten uns nicht weiter aufhalten. Wir müssen Ai retten“, stimmte Jack zu, ungewohnt ernst.
Der Fleischer lachte leise, ein trockenes, unbehagliches Geräusch.
„Zeit ist hier ein Spiel… Minuten, Stunden oder Jahre – wer vermag das schon zu unterscheiden?“ Seine Stimme klang wie ein Rätsel, und sein schiefes Grinsen verriet, dass ihm ihre Unruhe gefiel.
„Keine weiteren Ablenkungen. Wir gehen“, entschied Jack schließlich.
Hier stimmt etwas nicht…
Das dachten sie alle, doch keiner sprach es laut aus. Die plötzliche Dunkelheit, die unheimliche Ruhe, die seltsame Art des Fleischers – nichts davon passte zusammen.
Ohne weitere Verzögerung machten sie sich auf den Weg zum Turm.
„Und was machen wir, wenn wir dort sind?“ fragte Boo zögerlich. „Überall diese Ranken… Was, wenn wir nicht einmal hineinkommen? Und wer sagt uns, dass Ai überhaupt dort ist?“
„Ai ist dort“, sagte Jack entschlossen. „Den Rest klären wir, wenn es so weit ist.“
Er machte sich wie immer wenige Gedanken über Pläne – ein Kontrast zu der düsteren Atmosphäre, die sie zunehmend verschlang.
„Es wird immer dunkler…“, murmelte Ice, der an der Spitze ging.
„Was mich mehr wundert…“ Attysterius schnupperte in der kalten Luft, „…ist, dass wir keinerlei Tiere riechen. Nicht ein Lebenszeichen. Als würde sich alles instinktiv fernhalten.“
Er verzog das Gesicht. „Und durch diese Rosen… nehme ich nicht einmal einen Duft wahr. Das verheißt nichts Gutes.“
Plötzlich blieben sie stehen.
„Was ist das?“ fragte Jack, obwohl die Antwort unübersehbar war.
Vor ihnen erhob sich eine massive Mauer aus Dornen und lebenden Ranken, die den gesamten Turm umschloss – pulsierend, atmend, wie ein gewaltiges lebendiges Herz.
„Wir brennen sie nieder“, schlug Ice sofort vor.
„Feuer ist riskant“, widersprach Jack. „Wenn es sich ausbreitet, haben wir ein größeres Problem. Vielleicht können wir sie abhacken?“
Klingen prallten ab, Magie verpuffte, als würde der Turm selbst über ihre Bemühungen lachen.
Während die Mitglieder des Siebenkreises weiter gegen die lebendige Dornenmauer kämpften, blieb der Turm unerbittlich.
Kein Spalt. Kein Zittern. Kein Nachgeben.
Ihre Stimmen verhallten zwischen den schwarzen Rosen, während die Nacht sie still verschluckte.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Turms, weit im Norden, stand eine Gestalt im Schatten.
Ein Mann in einem schwarzen Umhang, der mit der Dunkelheit verschmolz, als wäre er ein Teil von ihr.
Nur seine Augen waren sichtbar – tiefrot, uralt, wach.
Er betrachtete die Dornen schweigend.
Kein Zögern.
Kein Zweifel.
Langsam hob er eine Hand.
Sofort regten sich die Ranken.
Nicht widerwillig – sondern gehorsam.
Sie wichen zurück, formten lautlos einen schmalen Durchgang, als würden sie ihren wahren Meister erkennen.
Ohne ein Wort trat er hindurch.
Ein flüchtiges, wissendes Lächeln huschte über seine Lippen.
Dann schlossen sich die Dornen wieder.
Und der Turm stand da wie zuvor.
Unberührt.
Unverdächtig.
Als wäre niemals jemand eingetreten.
Heißes Öl im Graben
Der Turm vibrierte.
Zuerst nur schwach – ein fernes Zittern, kaum mehr als ein Echo unter den Füßen.
Dann stärker. Tiefer. Rhythmischer.
Als würde tief unter ihnen etwas erwachen, das seit Jahrzehnten geschlafen hatte.
Ai stolperte gegen die Wand.
„Was… war das?“
Belith blieb auf einer Stufe über ihr stehen, die Hand gegen den kalten Stein gelegt. Seine Pupillen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
„Das Fundament reagiert,“ murmelte er. „Sie sind zu nah.“
„Wer?“
Doch sie kannte die Antwort längst. Ihr Herz zog sich zusammen.
Er sah sie an. Der Ausdruck in seinen Augen hatte jede Spur von Sanftheit verloren.
„Deine Freunde. Sie versuchen, sich Zugang zu erzwingen.“
Ein weiteres Beben ließ Staub von der Decke rieseln.
„Der Turm verteidigt sich.“
Ein Funken Hoffnung flackerte in Ai auf – nur um im selben Moment von eisiger Angst erstickt zu werden.
Denn aus der Tiefe drang ein neues Geräusch.
Ein dumpfes Grollen. Nass. Schwer. Bedrohlich.
Ai griff nach Beliths Arm.
„Was ist das?!“
Sein Blick wandte sich nach unten. Dunkel. Berechnend.
„Der Graben.“
„Welcher Graben?! Hier gibt es keinen, der Turm steht mitten im—“
„Nicht außen.“ Seine Stimme wurde flach.
„Unter uns.“
Das Grollen wurde heißer. Näher.
Als würde etwas kochen.
Belith kniete sich kurz, legte die Hand auf den Boden.
„Ein Ölbecken. Ein Ritualkessel. Früher als Verteidigung gedacht. Heute… eher ein instinktiver Schlund.“
Er hob den Blick zu ihr. Im flackernden Licht wirkten seine Augen fast golden.
„Und er beginnt zu sieden.“
Ai schluckte schwer.
„Wegen… ihnen?“
Ein knappes Nicken.
Die Luft wurde wärmer. Schwerer.
Ein stechender Geruch nach brennendem Fett kroch durch die Gänge.
„Wenn sie weiter vorstoßen, wird das Öl überkochen,“ sagte er ruhig. Viel zu ruhig.
„Es fließt durch die unteren Ebenen. Sie werden sterben, noch bevor sie auch nur die Wand erreichen.“
„Nein!“ Ai packte sein Handgelenk fester. „Du kannst das nicht zulassen!“
„Du kannst ihnen nicht helfen,“ erwiderte er leise.
„Sie verbrennen dort unten!“ Ihre Stimme bebte.
„Der Turm schützt dich,“ sagte Belith. Sein Blick suchte ihren, fast schmerzhaft intensiv.
„Nicht sie.“
Ein gewaltiges Beben erschütterte alles.
Feiner Rauch stieg aus den Ritzen der Stufen.
„Es beginnt,“ murmelte er.
Dann – eine Stimme.
Dumpf. Verzerrt. Aber unverkennbar.
„— Ai! —“
Ihr Atem stockte.
Jack.
„Sie sind da…“ flüsterte sie, Tränen stiegen ihr in die Augen. „Sie leben…“
Der Stein unter ihren Füßen wurde heiß. Glühend.
Und dann bewegte sich der Schatten.
Tofu.
Sie trat nicht aus der Dunkelheit heraus – sie floss aus ihr, als wäre die Wand nur eine dünne Haut. Ihr giftgrünes Haar schimmerte wie nasses Moos.
„Siehst du?“ hauchte sie mit einem süßen, gefährlichen Lächeln.
„Deine Menschen bringen Unruhe. Der Turm hasst Unruhe. Er frisst, was ihn stört.“
Ihr Blick glitt zu Belith. Besitzergreifend. Fordernd.
„Und dann gehört sie wieder nur uns.“
„Nicht jetzt, Tofu,“ knurrte Belith.
„Warum nicht?“ Ihre Stimme vibrierte. „Sie ist fremd. Sie ist falsch. Sie bringt Chaos!“
„Sie ist Teil davon,“ entgegnete er kalt.
„Und ohne sie erfülle ich meine Bestimmung nicht.“
Ein Riss ging durch Tofus Miene. Schmerz blitzte auf. Eifersucht. Wahnsinn.
„Du brauchst sie…“ flüsterte sie heiser.
„Warum kann ich nicht genug sein?“
Beliths Stimme senkte sich.
„Weil du uns dann töten müsstest. Mich. Und Kwaji.“
Ein Schatten von Müdigkeit lag darin.
„Und dann wärst du wieder allein.“
Stille.
Nur das Brodeln unter ihnen sprach weiter – heißer, hungriger, gnadenloser.
Ai stand zwischen zwei Welten.
Zwischen Menschen, die sie liebten.
Und einem Turm, der sie beanspruchte.
Und Belith, der sie ansah, als wäre sie sowohl sein Untergang
als auch seine einzige Rettung.
Der große Igel der Feen
Keiner bemerkte Waldies Eindringen.
Alle waren so auf Ais Freunde konzentriert, dass sich seine Präsenz lautlos wie ein kalter Schatten durch den Turm schob.
Er war kein gewöhnlicher Vampir mehr.
Waldi war gestorben – und doch zurückgekehrt.
Etwas Dunkleres, Verfremdetes haftete an ihm, so sehr, dass selbst ruhelose Geister vor seiner Nähe flohen.
Seine roten Augen glitten langsam über die fremdartige Dekoration. Ein kaum merkliches Runzeln seiner Stirn verriet leise Verwunderung.
„Ihr habt euch Mühe gegeben…“, murmelte er. „Wie unnötig.“
Mit bedächtigen Schritten stieg er hinauf, als gehöre der Turm bereits ihm.
Als er das Zimmer betrat, brach eine unsichtbare Welle aus.
Die Luft verdichtete sich.
Ein lähmender Druck legte sich auf alle Anwesenden.
Tofu, Kwaji – selbst die lebendigen Ranken an den Wänden zuckten zurück.
Und Ai… senkte instinktiv den Kopf.
Waldi musterte Belith lange.
„Du bist erwacht.“
Seine Stimme war ruhig – und dennoch durchzogen von etwas Gefährlichem.
„Viel zu früh. Wie kam es dazu?“
Sein Blick glitt zu Tofu, scharf wie eine Klinge.
„Wir haben aufgepasst, wirklich“, warf Kwaji sofort ein und stellte sich beinahe schützend vor sie. Ihre Loyalität war unerschütterlich. Für sie war Waldi noch immer Gesetz.
Doch Waldi hatte längst ein anderes Ziel im Blick.
Ai.
Er trat näher, seine Schritte lautlos, unnatürlich gleitend.
„Du solltest nicht hier sein“, sagte er.
„Ich habe dich gewarnt. Mehr als einmal.“
Seine roten Augen verengten sich leicht, als wolle er durch sie hindurchsehen – tiefer, älter, wissender.
„Oder zieht dich der Tod so sehr an? Tresst du dich nach Untergang und Zerstörung, Sehnsucht?“
Ein Name.
Flüchtig ausgesprochen – doch schwer wie ein Fluch.
Ai fröstelte.
„Wir sollten beginnen, da nun alle da sind“, fuhr Waldi fort, als wäre Ai weniger als Mensch – mehr als Schlüssel.
Sie verstand nichts. Und doch fühlte sie es.
Dieses unheimliche Ziehen in ihrer Brust.
Als hätte sie ihn schon einmal gesehen. In einem anderen Leben.
„Habt ihr alles vorbereitet?“ fragte er weiter.
„Für den Totengott hattet ihr schließlich genügend Zeit.“
Bei jedem seiner Schritte wichen die Ranken zurück, als fürchteten sie seine Nähe.
„Fast. Es fehlt nicht mehr viel,“ antwortete Kwaji mit spürbarem Stolz.
Kein Wunder.
Waldi war ihr Vater – ebenso wie der von Belith, ihrem Zwillingsbruder. Für Kwaji gab es keinen Zweifel, kein Schwanken. Sie stand zu ihm. Immer.
Belith hingegen schwieg.
Sein Blick war gesenkt, die Schultern angespannt.
Der Mann vor ihm hatte ihn einst versiegelt – ohne Erklärung, ohne Worte. Und nun sollte er ihm wieder folgen?
„Was wurde aus dem Wächter?“ fragte Waldi schließlich.
„Verspeist. Eins mit dem Turm,“ lachte Tofu frech.
„Spitze Dornen für die Stacheln, Rosen für den Körper.“
Die Worte ließen Waldis Miene hart werden.
Der Wächter – ein riesiger Igel aus dem Feenreich, durch Dämonenblut verformt, eigens erschaffen zum Schutz dieses Ortes – war mit Bedacht erschaffen worden.
Und nun war er verschwunden.
Ohne Vorwarnung schlug Waldi Tofu eine heftige Ohrfeige.
Das Geräusch hallte kalt durch den Raum.
„Es war ein gewaltiger Aufwand, dieses Wesen in eine solche Form zu zwingen,“ sagte er leise, fast frostig.
„Nicht alles wird gefressen. Nur das Schwache. Das Unwürdige.“
Tofu biss sich auf die Lippe, doch in ihren Augen flackerte aufgestaute Wut.
Belith trat einen Schritt vor.
„Wir haben einen Gast,“ sagte er ruhig, wenn auch angespannt. „Können wir das unter uns klären?“
Zögernd bedeutete er den anderen zu gehen.
Der Raum leerte sich – bis nur noch Ai stehen blieb, unsicher, verloren zwischen diesen Mächten.
Waldi wandte sich seinem Sohn zu.
„Wie ist die Lage? Wie weit seid ihr?“
„Es fehlt nicht mehr viel,“ antwortete Belith knapp.
Ein dunkles, wissendes Lächeln legte sich auf Waldies Lippen.
„Gut. Dann gehen wir zum nächsten Schritt über.“
Kwaji nickte ohne zu zögern.
Tofu rieb sich die Hände, ein grausiges Funkeln in ihren Augen.
„Das wird ein Spaß.“
Doch Beliths Blick glitt heimlich zu Ai –
unsicher, gequält.
Als wüsste er,
dass sie der Schlüssel zu seiner wahren Macht war…
und zugleich zu seinem Untergang.
Und Ai begriff langsam:
Sie war nicht nur hierhergebracht worden.
Sie war zurückgekehrt.
Der Zahn als Baby
Belith hatte Ai nicht ein einziges Mal richtig angesehen, seit Waldi den Raum verlassen hatte.
Kwaji und Tofu schleppten Kisten heran, stellten sie neben den steinernen Tisch und flüsterten aufgeregt miteinander. In der Luft lag etwas Unsichtbares – schwer, spannungsgeladen, so dicht, dass Ai das Gefühl hatte, jeder Atemzug könnte ein Fehler sein.
„Wir brauchen den letzten Gegenstand“, sagte Kwaji schließlich ernst.
„Ohne ihn können wir den Totengott nicht rufen.“
Ai verstand nicht alles, doch die Art, wie Kwaji Belith dabei musterte, ließ ein unangenehmes Kribbeln über ihren Rücken laufen.
Belith stand da wie versteinert.
Zu ruhig. Zu vorbereitet.
„Hol ihn raus“, drängte Tofu mit gedehnter Stimme. „Wir haben keine Zeit.“
Belith reagierte nicht. Sein Blick wurde leer, als hätte man einen Vorhang vor seine Seele gezogen.
Kwaji trat näher, griff an seinen Mantel, schob den Stoff beiseite und tastete über seinen Hals, seine Brust, seine Arme.
„Nicht dort…“, murmelte sie. „Er hat ihn verborgen. Wie immer.“
Ai hob erschrocken den Kopf.
„Was sucht ihr da überhaupt?“
Kwaji sah sie an – und lächelte.
Ein Lächeln, das viel zu weich war für das, was geschah.
„Etwas, das ihm gehört“, antwortete sie ruhig.
„Seit er ein Baby war.“
Tofu klatschte einmal leise in die Hände, als hätte man ihr gerade ein Geschenk versprochen.
„Der Milchzahn.“
Ihre Stimme klang beinahe fröhlich.
„Der erste Zahn, den Belith je verloren hat.“
Ais Magen zog sich zusammen.
Ein Zahn… für ein Ritual?
Kwaji kniete sich vor Belith, zog sein Gewand ein Stück weiter zurück und entdeckte schließlich eine dünne, schwarze Lederschnur, die unter dem Stoff verborgen lag.
Sie zog daran.
Beliths Körper reagierte kaum – nur ein leichtes, fast unsichtbares Zucken verriet, dass er es spürte.
An der Schnur hing ein kleines, sorgfältig eingewickeltes Bündel.
Kwaji öffnete es langsam.
Ein winziger Zahn kam zum Vorschein.
Gelblich. Alt. Abgenutzt vom Zahn der Zeit. Und doch schien er… unnatürlich unversehrt.
Ai lief ein kalter Schauer über den Rücken.
Etwas daran war falsch.
Als hätte dieser Zahn nie existieren dürfen.
„Der Zahn als Baby“, flüsterte Kwaji ehrfürchtig.
„Das Herz der Bindung.“
Ai schluckte schwer.
„Warum… braucht ihr so etwas?“
Tofu legte den Kopf schief und grinste.
„Damit er bleibt, wo er hingehört.“
Ihre Augen funkelten kalt.
„Damit der Totengott erkennt, dass Belith ihm gehört.“
In diesem Moment hob Belith langsam den Kopf.
Sein Blick traf Ai.
Ein einziger, stiller Augenblick – erschreckend klar.
Wie eine stumme Bitte.
Oder eine Warnung.
„Gebt ihn her“, drängte Tofu. „Das Ritual kann nicht warten.“
Kwaji legte den Zahn in ihre Hand.
Tofu hob ihn gegen das flackernde Licht der Fackeln, drehte ihn zwischen ihren Fingern, als wäre es ein wertvolles Relikt.
Dann trat sie an den steinernen Tisch.
Langsam ließ sie den Zahn in die Schale des Ritualkreises fallen.
Ein dumpfer Klang erfüllte den Raum.
Zu schwer für etwas so Kleines.
Zu endgültig.
Belith schloss die Augen.
Sein Atem wurde flacher, brüchiger.
Die Luft um sie herum schien sich zu verdichten, dunkler zu werden – als würde etwas Unsichtbares ihn erkennen. Und beanspruchen.
Ai spürte es bis in die Fingerspitzen.
Diese unheilvolle Energie, die sich an ihn klammerte wie ein kalter Schleier.
Kwaji lächelte zufrieden.
„Jetzt“, sagte sie leise, fast feierlich,
„kann es beginnen.“
Der Geburtstag des Totengottes
Die Energie im Raum verdichtete sich.
Unsichtbarer Druck legte sich auf jede Brust, als würde die Luft selbst schwerer werden. Die Schale im Ritualkreis begann leise zu vibrieren, und aus ihr quoll langsam ein schwarzer Nebel hervor – dick, kalt, lebendig wirkend. Er kroch über den Boden, glitt die Wände empor, verschlang Fackellicht und Schatten gleichermaßen, bis das gesamte Zimmer in finstere Schwärze getaucht war.
Draußen brach der Tag plötzlich ab.
Der Himmel verdunkelte sich, als hätte jemand die Sonne erstickt. Vögel verstummten. Der Wind hielt den Atem an.
Dann wurde es still. Unnatürlich still.
Aus dem Nebel trat eine Gestalt.
Ein kleines Mädchen, kaum größer als Ai selbst. Langes, tiefschwarzes Haar fiel ihr wie ein Schleier über den Rücken, durchzogen von schwarzen Rosen, die wirksam wie aus purer Nacht gewoben schienen. Ihre Augen waren weiß – leer und doch unergründlich alt. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das sich lautlos bewegte, als existiere es nur halb in dieser Welt.
„Wie süß…“ entfuhr es Ai leise.
Das Mädchen verzog das Gesicht.
„Ich bin nicht süß“, sagte sie und versuchte, streng zu klingen – doch ihre Stimme hatte einen seltsam kindlichen Klang.
Alle außer Ai verneigten sich tief.
„Alles Gute zum Geburtstag.“
Das Mädchen verschränkte die Arme.
„Viel zu spät. Außerdem habt ihr euer Versprechen gebrochen.“ Ihre Lippen kräuselten sich. „Ihr habt mir viel zu wenige Spielkameraden geschickt. Ich dachte schon, ihr hättet meinen Geburtstag vergessen.“
Ein Schatten glitt über ihr Gesicht, echte Enttäuschung lag darin.
„Dank mir konnte Belith so schöne Träume haben. Und dafür wolltet ihr mir Freunde schenken. Aber seit Jahren kam keiner mehr zu mir… Ihr habt gelogen.“
Belith trat näher und legte behutsam seine Hand auf ihren Kopf.
„Du kannst alle hier haben“, sagte er ruhig.
Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Ja, einfach alle~“ kicherte Tofu, wissend, dass sich Ais Freunde – der Siebte Kreis der Hölle – gerade durch den Turm kämpften. Normalerweise hätte sie sie mit Leichtigkeit aufgehalten. Doch heute ließ sie sie gewähren. Als Geschenk.
„Mhm… mit ihnen könnte ich Spaß haben“, freute sich das Mädchen sichtlich.
Ai spürte plötzlich ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Brust. Eine Trauer, die nicht ihre sein konnte – und doch tief in ihr wurzelte.
Langsam fügten sich die Puzzleteile zusammen.
„D-du… du bist der Totengott?“ fragte sie leise.
„Wie respektlos“, zischte Tofu sofort.
„Ach, ignorier sie doch“, lachte sie. „Das ist nur Beliths neues Spielzeug~“
Das Mädchen aber trat ganz nah an Ai heran, musterte sie aufmerksam, fast neugierig.
„Belith ist mein Verlobter. Den teile ich mit niemandem“, stellte sie ernst fest.
Dann neigte sie den Kopf. „Wie heißt du?“
„A-Ai…“ stotterte sie.
Die Augen des Mädchens weiteten sich.
„Was? Wirklich?“ Ihr Gesicht begann zu strahlen. „Ich heiße Aid – Herrscherin über das Reich der Toten. Wir heißen fast gleich!“
Sie drehte sich fröhlich im Kreis, als hätte sie eine neue beste Freundin gefunden.
„Dann hast du heute auch Geburtstag! Wir sind jetzt verbunden!“
Ai blieb reglos stehen.
Aid streckte plötzlich die Hände aus. Zwischen ihren Fingern sammelte sich dunkles Licht, pulsierend wie eine schwarze Sternenglut. Eine Essenz aus purer Finsternis.
„Ich schenke dir etwas~ Hier, für dich.“
Die Aura, die davon ausging, war erdrückend. Süß und bedrohlich zugleich.
„Nimm es… oder magst du mein Geschenk nicht?“ fragte sie mit unschuldiger Stimme – doch ihre bloße Nähe ließ den Raum erzittern.
„Du musst es schlucken. Es macht dich stärker.“
Ai starrte auf das dunkle Leuchten in ihren Händen.
Ihr Herz raste.
In ihrem Innersten hoffte sie verzweifelt, dass jeden Moment Jack durch diese Tür brechen würde. Dass jemand sie da herausreißen würde.
„Wenn du das nimmst, können wir für immer Freunde bleiben“, sagte Aid fröhlich.
„Ein Teil von dir kann dann auch mit mir kommen~“
Für sie war es nur ein Spiel.
Ein hübsches Geschenk.
Ein neuer Freund.
Doch Ai spürte es genau.
Dies war kein Geschenk.
Es war der Beginn von etwas Grauenvollem.
Ohne Ai
Die dunkle Essenz in Aids Händen pulsierte wie ein Herz.
Ein Herz, das Ai rief.
Oder verschlingen wollte.
„Na los.“
Tofus Stimme war süß und klebrig wie verdorbener Honig.
„Du willst die Göttin doch nicht beleidigen, oder?“
„Es ist eine Ehre“, ergänzte Kwaji ruhig, doch mit einem unnachgiebigen Unterton.
„Niemand außer uns hat jemals so ein Geschenk erhalten.“
Belith schwieg.
Seine Augen ruhten auf Ai – dunkel, still, erwartend.
Er sagte nichts, und doch fühlte es sich an, als würde er sie einen weiteren Schritt näher an den Abgrund führen.
Aid hüpfte aufgeregt auf und ab.
„Nimm es! Nimm es! Dann feiern wir zusammen Geburtstag! Dann bist du wie wir!“
Ai wich zurück.
Jeder Instinkt in ihr schrie Nein.
Doch ihre Gedanken begannen zu verschwimmen.
Die Luft war zu schwer.
Der Boden schien nachzugeben.
Die Stimmen wurden zu einem einzigen, flüsternden Dröhnen.
„Ai…“
Beliths Stimme war tief, weich, gefährlich beruhigend.
Sie kroch durch sie hindurch, legte sich um ihr Herz wie ein Versprechen.
„Wenn du es nimmst, wirst du nicht mehr leiden. Nicht mehr zweifeln.“
Nicht zweifeln…
Nicht fühlen…
Wie verführerisch das klang.
„Du willst doch nicht, dass Belith traurig ist, oder?“ hauchte Aid und legte ihre kalten Finger auf Ais Hand.
Ein Sog erfasste sie.
Als würde etwas Unsichtbares sie von innen aufziehen – und leeren.
Ihre Finger bewegten sich wie fremdgesteuert.
„Gut so“, flüsterte Aid glücklich.
Die Essenz berührte ihre Haut.
Sie brannte.
Nicht heiß. Nicht kalt.
Sondern wie absolute Leere, die alles verschlang, was sie jemals gewesen war.
Ai öffnete den Mund.
Sie wusste, dass sie es nicht tun durfte.
Sie wusste, dass Jack irgendwo im Turm kämpfte, um sie zu retten.
Sie wusste, dass ihr Herz schrie.
Doch die Welt wurde dumpf.
Fern.
Still.
Sie schluckte.
Die Essenz rann ihre Kehle hinab.
Ein Geräusch wie tausend flüsternde Stimmen explodierte in ihrem Geist.
Licht.
Dunkelheit.
Schatten, die sich wie Finger um ihr Bewusstsein legten.
Dann – nichts.
---
Als Ai die Augen wieder öffnete, fühlte es sich an, als wäre ein Vorhang gefallen.
Die Angst war fort.
Die Zweifel verstummt.
Die Wärme... verschwunden.
Dafür war etwas anderes da.
Klar. Präzise. Eiskalt.
Aid klatschte begeistert in die Hände.
„Da bist du ja! Meine neue Freundin! Du bist jetzt viel schöner!“
Tofu kicherte leise.
„Oh ja… ihre Augen…“
Belith trat näher.
Ai lächelte ihn an.
Es war ein Lächeln, das ihr Gesicht kannte – aber nicht ihre Seele.
„Belith“, sagte sie ruhig.
„Ich verstehe jetzt.“
„Was verstehst du?“ fragte er leise.
Sie legte ihre Hand auf seine Brust. Furchtlos. Sicher. Besitzergreifend.
„Dass ich dir gehöre.“
Für einen Moment hielt er den Atem an.
Dann schloss sich seine Hand um ihre.
„Dann hast du endlich erkannt, wer du bist.“
„Ai ist tot!“ jubelte Tofu. „Endlich!“
„Nein“, widersprach Aid und neigte den Kopf. „Nicht tot. Nur… besser.“
Ai nickte langsam.
„Ich bin Ai“, sagte sie.
„Aber nicht die, die ich einmal war.“
Eine kalte Macht pulsierte durch sie.
Schwarzes Feuer, das ihr Blut durchströmte.
Sie sah Belith an.
Ihre Augen leer und vollkommen.
„Sag mir, was ich tun soll.“
In seinen Augen lag zum ersten Mal seit Jahren echte Zufriedenheit.
„Dann steh an meiner Seite“, sagte er.
„Als meine Verlobte.
Als zukünftige Dämonenkönigin.“
Ai lächelte.
„Natürlich.“
Plötzlich krachte es draußen.
Holz splitterte.
Eine Tür wurde gewaltsam aufgerissen.
Die Mitglieder des Siebenkreises waren nah.
Ai hörte sie.
Spürte sie.
Früher hätte ihr Herz gezittert.
Jetzt schlug es ruhig. Erwartungsvoll.
„Belith?“ hauchte sie.
„Ja?“
„Darf ich sie alle töten?“
Ein Moment Stille.
Dann verdunkelten sich seine Augen.
„Wenn du willst.“
Ai lächelte.
Kalt. Schön. Gefährlich.
„Dann beginne ich meinen neuen Geburtstag…
mit einem Geschenk für euch.“
Als sie sich umdrehte, war eines unbestreitbar:
Dies war Ai.
Und doch nicht mehr dieselbe.
Jack baut ein Baumhaus
Während Ai ihre neue Persönlichkeit erkundete und bereits mit Belith Pläne schmiedete, das Königreich zu vergrößern, kämpften Jack und die anderen sich unermüdlich durch den Turm.
Zerstörte Ranken lagen überall, zerrissen, verkohlt, gefroren.
„Findet ihr es nicht merkwürdig, dass es so leicht geht?“ murmelte Atty. „Der Graben war viel schlimmer…“
Doch die dichten Rosen und Dornen blockierten seine Sinne. Er konnte nichts wahrnehmen – nicht einmal sagen, wo Ai war.
„Ist doch egal“, knurrte Jack. „Wir müssen Ai finden.“
Auch Ice ging wortlos weiter, den Blick starr nach vorn gerichtet.
„Leute… ich hab langsam Hunger“, beschwerte sich Boo.
„Jetzt?! Hier?!“ riefen alle fast gleichzeitig entsetzt.
„Wann sonst?“ zuckte Boo mit den Schultern.
Jack seufzte. „Zwei Minuten. Rasten. Neu sammeln.“
Er entdeckte eine Tür und öffnete sie vorsichtig.
Ein Wohnzimmer.
Weihnachtlich geschmückt.
„Was zum…?“
„Sichern“, entschied Jack sofort.
Sie durchsuchten jeden Winkel, doch es war leer. Schließlich zog Jack eine dicke Eiswand vor die Tür, um sicherzugehen, dass nichts eindringen konnte.
„Gut. Lagebericht.“
Alle setzten sich im Kreis, während Boo begann, Essen vorzubereiten.
„Durch die Rosen kann ich nichts riechen“, sagte Atty. „Keine Ahnung, wie viele hier sind – oder wo.“
„Die Treppe scheint endlos“, fügte der Alchemist hinzu und deutete auf das Fenster. „Und trotzdem sind wir immer noch im Erdgeschoss. Der Turm ist definitiv manipuliert.“
„VERDAMMT!“ Jack schlug auf den Boden. „Heißt das, wir können ewig hier feststecken? Wie brechen wir den Zauber?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob es nur ein Zauber ist“, erklärte der Alchemist. „Der Effekt liegt vermutlich auf dem ganzen Turm. Wir müssen die Quelle finden – den Zauberkreis zerstören.“
„Die Quelle?“
Ein leises, höhnisches Lachen vibrierte plötzlich durch die Wände.
„Haha… das bin ja wohl ich.“
Die Gruppe blickte sich hektisch um, doch niemand war zu sehen.
Dann wurde die Luft schwer.
Stickig.
Betäubend.
„Passt auf… Leute…“ Jack schwankte – und brach zusammen.
Einer nach dem anderen folgten sie ihm.
„Die Blumen…“ murmelte Boo noch benommen, als er sah, wie feiner Staub aus ihnen rieselte.
Sein Kochhut fiel zu Boden.
Boo verwandelte sich in eine kleine, zitternde Ratte.
Nur halb bei Bewusstsein hörte er eine Stimme:
„Wir nehmen sie alle mit.“
Ein Schuh kam näher.
Dann – Dunkelheit.
---
Jack dagegen erwachte auf einer weiten Wiese.
„Passt auf!“ rief er und sprang auf – doch überall war nur Licht, Grün, Sommer.
Und er war… kleiner.
„Komm schon, Schlafmütze! Der Sommer hält nicht lange! Wir müssen das ausnutzen!“
Ein kleines Mädchen sah ihn an. Lächelnd. Vertraut.
Sie sah Ai erschreckend ähnlich.
„Ai…?“ fragte er verwirrt.
„Wer sonst, du Blödmann?“ lachte sie. „Komm! Wir wollten das Baumhaus fertig bauen, bevor der Sommer endet! Gestern haben schon die ersten Schneerosen geblüht!“
Verwirrt, aber fasziniert folgte er ihr.
„Ich hatte einen seltsamen Traum…“, murmelte er. „Du wurdest entführt… und ich war ein Magier… in einer Abenteuergruppe.“
„Und?“ fragte sie neugierig. „Hast du mich gerettet?“
„Ich… ich weiß nicht. Dann bin ich aufgewacht.“
Sie spielten den ganzen Tag, bauten an einem Baumhaus, lachten – bis Diener sie schließlich abholten.
„Hat Spaß gemacht, Jack“, sagte Ai leise. „Versprich mir: Wenn mir je etwas passiert, wirst du mich retten. Du bist doch der stärkste Magier der Welt.“
Sie streckte den kleinen Finger aus.
Er grinste. „Versprochen. Aber dafür hilfst du mir, noch stärker zu werden – und verrätst mein Geheimnis nie.“
„Versprochen. Bei meinem Namen. Du bleibst für immer Jack.“
Sie hakten ihre Finger ineinander.
Und beide wussten: Niemand würde je erfahren, dass Jack in Wahrheit Jacqueline war – die alleinige Erbin des Herzogtums, als Junge erzogen, um es eines Tages zu regieren.
„Brich dein Versprechen nicht“, sagte Ai ernst.
„Mach ich nie!“ klopfte er sich auf die Brust.
Plötzlich verblassten die Farben.
„Wirklich?“ flüsterte sie. „Und warum bist du dann nicht bei mir?“
„Was redest du? Ich bin doch hier!“ Jack schaute sich panisch um.
„Kletter auf das Baumhaus… und rette mich.“
Ihre Stimme klang fern. Verzerrt.
Wie ein Echo aus einer zerbrechenden Erinnerung.
Im Kleiderschrank
Ice riss die Augen auf.
Sein Atem ging flach — kalt, neblig. Unter seinen Fingern spürte er Teppich. Weich. Falsch. Viel zu sauber.
Als hätte ihn jemand aus einer Erinnerung gerissen und in ein fremdes Zimmer geworfen.
„Jack?“ flüsterte er.
Keine Antwort.
Er richtete sich langsam auf. Das Zimmer war klein und eng – ein Kinderzimmer. Blumenmuster an den Wänden. Ein Bett mit Spitzenrand, tadellos aufgeschüttelt. Ausgerichtete Stofftiere, die ihn anstarrten wie Zeugen, die nicht sprechen durften.
Unwirklich.
Abgestellt.
Ein Raum, der nur eine Rolle spielte.
„Verdammt… eine weitere Illusion.“
Der Speer in seiner Hand beruhigte ihn ein wenig. Nur ein wenig.
Ein dumpfes Klopen vibrierte durch die Wände. Unregelmäßig. Schwer.
Wie Atemzüge. Nur nicht menschlich.
Ice wandte sich zur Tür um — verschlossen.
Er machte einen Schritt darauf zu, doch etwas am Rand des Zimmers ließ ihn innehalten.
Kein Schatten.
Keine Spiegelung.
Nicht einmal sein eigenes Bild in der Glasscheibe des alten Kleiderschranks.
„Na super…“
Er trat näher.
Dunkles Holz, Rosenverzierungen. Wieder diese Rosen – in jedem Stockwerk des Turms ein neues Zeichen der Kontrolle.
Die Schranktür vibrierte minimal.
Dann ein leises Kratzen.
Ice hob seinen Speer.
„Wenn da eine von diesen Rankenbestien drin ist, werd ich—“
Das Kratzen stoppte.
Eine Pause.
Dann ein Flüstern.
Ganz nah.
Zu nah.
„… Ice…?“
Ais Stimme.
Sein Herz stockte, dann raste es doppelt so schnell.
„Ai…? Bist du—“
„Hilf mir… bitte… ich bin hier drin…“
Es klang… falsch. Als hätte jemand ihre Stimme nachgeformt.
Aber die Illusion nahm Erinnerungen, verdrehte sie, lockte sie aus.
Ice presste die Zähne zusammen.
„Wenn das nicht echt ist… zerstör ich es.“
Er fasste die Schrankklinke.
Öffnete langsam.
Dunkelheit.
Viel zu tief für einen normalen Schrank.
Die Kleider darin hingen wie alte Gesichter, Falten wie grinsende Münder.
Eine Schwärze, die sich nicht bewegen konnte – und sich trotzdem bewegte.
„Ice… näher… bitte…“
Etwas rührte sich dort drin.
Sein Instinkt schrie zu fliehen.
Aber Ice vertraute seinem Instinkt mehr als allen anderen – und jetzt sagte er ihm: Bleib. Beobachte. Warte.
Er beugte sich vor. Speerspitze im Anschlag.
„Wenn du nicht Ai bist… zerfetz ich dich.“
Stille.
Dann — ein metallisches Klacken.
Ein Ruck.
Etwas schoss aus der Finsternis.
Kein Monster.
Ein Speer.
Alt, schwarz — aus der Wand des Schrankes herausgeschleudert wie der Zahn eines Gottes, der endlich Hunger verspürte.
Ice hob den Arm, aber—
Zu langsam.
Der Speer durchbohrte seinen Brustkorb.
Er keuchte, riss die Augen weit auf. Die Welt schwamm.
Der Schrank schien sich zu schließen wie ein Maul, das endlich zugeschnappt hatte.
„… ver… lockt…“
Blut rann warm zwischen seinen Fingern hindurch.
Er sackte auf die Knie, der Speer ragte aus ihm hervor wie ein makabres Zepter.
Der Turm flüsterte hinter ihm.
Oder etwas, das im Turm lebte.
„Einer weniger…“
Ice kippte zur Seite. Sein Blick blieb an der Schranktür hängen, die sich langsam und sanft schloss, als hätte sie nie etwas Böses getan.
„… Ai… lauf…“ hauchte er.
Doch niemand hörte ihn.
Der Turm verschluckte ihn.
Lautlos.
Endgültig.
Langschläfer
Tofu verschleppte die Gruppe weiter nach oben, höher und höher, bis die Luft so dünn wurde, dass selbst die Ranken an den Wänden knisterten. Sie schien kaum Mühe zu haben, Ice, Jack und die anderen bewusstlosen Körper mitzuziehen – als wären sie nur Spielzeugpuppen in ihren Händen.
Boo hingegen war nicht mehr bei ihnen. Er war, wie Tofu ohne jede Spur von Schuldbewusstsein erklärt hatte, „leider zertreten“ worden. Die Ranken hatten ihn ohne Zögern verschlungen, sein kleiner Körper kaum mehr als ein Snack für das, was in diesem Turm lebte.
„Ganz viele neue Freunde für dich!“ rief Tofu fröhlich, als sie Ice mit einem Schwung ihrer haarähnlichen Fäden herumwirbelte und direkt vor Aids Füße fallen ließ.
Der dumpfe Aufprall hallte zwischen den steinernen Wänden wider. Ai beobachtete es ohne jede Regung. Nur ihre Augen – diese neuen, kalten, farbveränderten Augen – spiegelten einen unheimlichen Glanz.
„Er hat einen schönen Traum“, erklärte Belith ruhig, als er Ais Blick bemerkte.
Er sagte es, als würde er über ein schlafendes Haustier sprechen, nicht über ein halbtotes Gruppenmitglied.
„Wie schön“, hauchte Ai tonlos, fast neutral, als ginge sie das alles nichts mehr an.
Aid dagegen war hellauf begeistert. Das kleine Mädchen – der Totengott, die göttliche Prinzessin des Todesreichs – tippelte aufgeregt um die bewusstlosen Abenteurer herum. Ihre schwarzen Rosen wippten dabei in ihrem Haar, während sie jeden von ihnen musterte.
Doch plötzlich blieb sie stehen.
Sie starrte Jack an – der noch immer bewusstlos über Toaus Schultern hing.
„Heeeey“, murrte Aid sofort, ihre Unterlippe vorwurfsvoll nach vorn geschoben.
„Der hier ist gar kein Typ! Ich will doch nur gut aussehende Männer! Der gefällt mir am besten!“
Sie deutete dabei auf Ice, strich ihm kurz über die Wange und schien ihn als persönlichen Favoriten markiert zu haben.
Aid war schon immer so – eine klare Regel: Hübsche Männer gingen mit ihr ins Totenreich, Frauen hingegen durften Belith, Tofu und Kwaji behalten, falls diese Interesse hatten.
Genau deshalb lagen Rin und Alison vor Jahren im Kerker.
„Wirklich?“ fragte Kwaji plötzlich und ohne Vorwarnung begann sie Jack die Kleidung aufzuschneiden.
Sie war schnell, ihre Bewegungen präzise, als hätte sie das schon zu oft getan.
Jack rührte sich nicht.
Kwaji nickte anerkennend.
„Tatsächlich… kein Junge. Beeindruckend.“
„Mir egal, was ihr mit ihr macht“, sagte Aid beiläufig, als wäre es wirklich gleichgültig. „Ich muss langsam nach Hause, sonst schimpft mein Papi.“
Sie malte einen riesigen, violett flimmernden Zauberkreis in die Luft, der sich langsam drehte wie das Auge eines Monsters.
„Den Rest nehm ich mit! Wir werden bestimmt viel Spaß haben. Ai, ich komm dich besuchen!“
Bevor irgendjemand reagieren konnte, erhellte ein greller Lichtblitz den ganzen Raum. Die Temperatur sank schlagartig. Und mit einem leisen Lachen verschwand Aid – samt der restlichen Gruppe – im Totenreich.
Belith seufzte, als wäre endlich Ruhe eingekehrt.
„Macht es ihr bequem“, befahl er und deutete mit einem Nicken auf das einzige Bett im Raum. Dann ging er mit Ai zum Fenster, verschränkte die Arme und sah hinaus in die endlose, schwarze Weite des Turms.
Tofu hingegen packte Jacks Hals mit ihren haarartigen Fäden, hob den Körper mühelos an und legte Jack auf das Bett.
„Ein Weib… tz“, schnaufte sie, als hätte Jack sie persönlich beleidigt.
„Wir warten“, entschied Belith schließlich.
Er sagte nicht, wie lange. Er sagte nicht, warum.
Er stand einfach dort, Seite an Seite mit Ai, die ihn mit einer Mischung aus Loyalität und neuer, unheimlicher Zärtlichkeit betrachtete.
Kwaji hingegen konnte nicht stillstehen.
Sie hüpfte, wippte, lief im Kreis. Ihre Finger zuckten nervös.
„Wie lange noch? So lange kann doch niemand schlafen!“ jammerte sie nach einer Weile.
„Ein Langschläfer – wie Belith“, lachte Tofu und gab Belith einen absichtlich vorwurfsvollen Blick.
Der ignorierte sie. Wie immer.
„Wir sollten sie einfach töten“, schlug Tofu dann vor, als wäre das die logischste Lösung.
„Dann wäre es auch vorbei. Und sie nervt nicht.“
Doch sofort traf sie Ais Blick.
Ein Blick wie ein kaltes Messer.
Ein Blick, der kein Leben, keine Gnade mehr kannte.
„Keiner krümmt ihr ein Haar“, sagte Ai langsam, eisig, gefährlich.
„Sie gehört Belith.“
Tofu senkte sofort den Kopf.
Kwaji hielt sogar den Atem an.
Der Raum wurde still.
Jack dagegen schlief weiter – friedlich, ruhig, als wäre sie in einem weit entfernten Traum gefangen, warm und sicher.
Und obwohl Stunden vergingen, vielleicht sogar ein ganzer Tag, bekam sie nichts mit.
Nicht von Beliths Plänen.
Nicht von Ais Veränderung.
Nicht vom Chaos, das im Turm und im Totenreich wuchs.
Sie blieb bewusstlos.
Reglos.
Ein Langschläfer, gefangen zwischen Realität und Traum.
Tod in der Zelle
Das Dröhnen begann leise.
Ein fernes, vibrierendes Grollen irgendwo tief unter ihnen, als würde der ganze Turm in seinem eigenen Fundament knirschen. Staub rieselte von der Decke der unteren Stockwerke, winzige Körnchen, die über kalten Stein rieselten und in den toten Fluren verschwanden.
Dann wurde es wieder still.
Nur in der alleruntersten Zelle – dem dunkelsten Punkt des gesamten Turms – spürte man, dass diese Stille nicht friedlich war. Sie war ein Vorzeichen.
Haku hing dort, wie sie es seit Monaten tat. Ihre Handgelenke waren wundgescheuert, die Haut aufgeplatzt unter dem Druck der Eisenschellen. Ihre Beine zitterten so stark, dass sie kaum noch tragen konnten, doch die Ketten zwangen sie zum Stehen. Schlaf war hier nie Schlaf – nur kurze Momente, in denen ihr Körper kurz nachgab, bevor die Fesseln schmerzhafter schnitten und sie erneut weckten.
„Zu… heiß…“, flüsterte sie heiser in die Leere der Zelle.
Niemand hörte sie. Niemand reagierte.
Unter dem eisernen Gitter, das den Boden ihrer Zelle bildete, war etwas Dunkles in Bewegung. Haku bemerkte es zuerst nur aus dem Augenwinkel: ein Schimmern, das nicht hierher gehörte.
Ein Tropfen.
Dann zwei.
Dann ein zäher, schwarzer Rinnsal, der sich langsam, bedrohlich ausbreitete.
Öl.
Das gleiche Öl, das einst in den Graben rund um den Turm gefüllt worden war. Das Öl, das in der Sonne geschimmert hatte wie eine tödliche Warnung. Doch nun, durch die Erschütterungen im Mauerwerk und die geschlossenen Ausgänge des Turms, drückte es zurück hinauf – durch Risse, Ventile, Fugen, die dafür nie gedacht gewesen waren.
Es brodelte.
Und es war viel zu heiß.
Ein erster Funken Hitze biss sich in Hakus Fußgelenk, noch bevor sie verstand, was da geschah. Sie zuckte zurück, doch die Ketten hielten sie fest, rissen sie sofort in ihre ursprüngliche Position.
„Nein… nein, bitte…“, wimmerte sie, mehr zu sich selbst, denn hier unten gab es keine Rettung.
Ein weiterer, heftiger Ruck ging durch den Turm. Diesmal stärker. Diesmal fühlte es sich an, als würde etwas unter ihnen bersten. Der Stein vibrierte, und ein scharfes Knacken hallte durch den Raum – kein lautes Brechen, eher das schmerzhafte Splittern von altem Gemäuer, das viel zu lange gehalten hatte.
Risse fraßen sich zwischen den Steinen entlang. Die Fugen, ohnehin angegriffen von Feuchtigkeit und der dunklen Magie, begannen zu bröckeln. Kleine Stücke lösten sich wie verbrannte Kruste von altem Brot.
Und das Öl stieg.
Knöcheltief.
Dann wadenhoch.
Haku keuchte, der Schmerz setzte sofort ein. Es war kein normales Brennen – es war eine alles verschlingende, ätzende Hitze, als würden hunderte Nadeln gleichzeitig in ihre Haut gestoßen. Die Hitze war so intensiv, dass es sich anfühlte, als würde das Öl durch sie hindurchbrennen, bis in den Knochen.
Sie riss verzweifelt an den Ketten.
Kratze gegen den Stein.
Stemmt sich gegen das Eisen, bis ihre Muskeln sich übersäuerten und ihr Atem stockte.
Sie schrie.
Sie weinte.
Sie flehte.
Aber nichts gab nach.
Das Öl kroch weiter nach oben. Es blieb nicht stehen. Es war nicht zu verhindern. Es war, als hätte der Turm selbst beschlossen, seine tiefsten Geheimnisse mit Feuer zu reinigen.
Ein weiterer Riss schoss durch die Wand. Dieser war größer – tief, dunkel, gefährlich. Der Stein vibrierte unter dem Druck des Öls, das sich unaufhaltsam nach oben presste, heiß und schwer und lebendig wie ein wütender Strom.
Dann entzündete sich der erste Dorn.
Zuerst nur ein glimmender Punkt.
Dann ein züngelnder Funke.
Dann ein vollständiger Feuerstreifen, der sich wie ein hungriger Atem an der Ranke emporfressend nach oben fraß.
Haku sah die Flammen nicht mehr.
Das Öl erreichte ihre Brust.
Ihren Hals.
Ihr Gesicht.
Ihr Schrei war kurz – abgerissen, scharf, und dann war er weg.
Das Feuer verschluckte ihn.
Der Haken in der Decke begann rot zu glühen. Die Ketten dehnten sich. Ein lautloses Kreischen des erhitzten Metalls füllte den Raum, bevor die Verbindungen nachgaben und Haku – endlich befreit, aber zu spät – in das kochend heiße Öl sank.
Für sie gab es nun keinen Schmerz mehr.
Doch der Turm war noch nicht fertig.
Die Hitze sprengte die letzten, bröckelnden Fugen auseinander. Öl strömte hervor wie ein schwarzer Geysir, Flammen züngelten an den Wurzeln der dunklen Rosen entlang. Innerhalb von Sekunden brannte die gesamte untere Etage wie ein Schlund aus Licht und Schatten.
Der Turm erzitterte.
Ein tiefes, pulsierendes Rumpeln ging durch alle Stockwerke, als würde ein riesiges Herz versuchen, weiterzuschlagen – gegen eine unsichtbare Hand, die es zusammendrückte.
Und niemand oben bemerkte es noch.
Nicht Belith.
Nicht Ai.
Nicht Tofu oder Kwaji.
Nicht Jack, die immer noch bewusstlos auf dem Bett lag.
Noch nicht.
Denn der Tod in der Zelle war erst der Anfang.
Der Turm hatte zu sterben begonnen.
Und sein Untergang würde jeden erreichen – egal, wie weit oben er glaubte, sicher zu sein.
Ein guter Morgen
Der Turm begann zuerst leicht zu wackeln, dann immer stärker. Der Boden unter ihren Füßen wurde warm, als würde er von Fußspuren geheizt.
„Der Turm… er stirbt“, stellte Tofu fest und blickte auf die alten, bröckelnden Wände.
„Es wird wohl Zeit“, sagte Belith ruhig aus dem Fenster, als hätte er dieses Ende seit langer Zeit erwartet.
Ai hielt sich fest an Belith, während er ihren Umhang um sie legte, als wollte er sie vor dem Zusammenbruch des Turms schützen.
Risse zogen sich durch die Wände, Staub wirbelte auf, und der Turm ächzte unter der Last seines eigenen Alters.
„Haha… wooohhuu…!“ jubelte Kwaji und sprang geschickt von einem Teil des Turms zum anderen, um nicht getroffen zu werden. Sie lachte und drehte sich im Flug, als wäre das Einstürzen nur ein Spiel.
Jack hingegen wurde von Ranken umhüllt, die sich schützend um ihn legten, als wollten sie ihn vor den fallenden Trümmern bewahren.
Belith landete elegant auf dem Boden, als hätte er nur ein paar Stufen hinabgestiegen. Sein Blick ruhte auf dem chaosverzehrten Turm, ruhig, entschlossen.
„Ich glaub… das war’s… haha…“, sagte Tofu sarkastisch, während sie ihre Hände betrachtete. Risse zogen sich über ihre Haut, Mauerstücke schälten sich von ihr ab. Stück für Stück breitete sich die Zerstörung über ihren ganzen Körper aus. Sie war eins mit dem Turm, zu lange an ihn gebunden. Mit einem letzten Lächeln zerfiel sie zu Staub, der vom Wind davongetragen wurde.
Nur ein brauner Krater blieb in der Erde zurück – ein stilles, ehrwürdiges Zeichen dafür, dass an diesem Ort Jahrhunderte lang ein Turm gestanden hatte.
„Sie war zu lange mit dem Turm verbunden… was werden die Kinder nun tun?“, fragte sich Waldi, der sich noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte und das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtete.
Kwaji trat vorsichtig einen Schritt aus dem Kreis. Nichts geschah. Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Dann schlug sie Räder, drehte sich herum und rief:
„Wir sind frei… frei!“
Sie sprang herum, als sei sie wieder ein kleines Kind, voller ungestümer Freude.
Belith beobachtete zusammen mit Ai den Sonnenaufgang. „Ein neuer Morgen… ein neues Abenteuer“, murmelte er leise.
Ai trat ebenfalls einen Schritt vor. Die Welt war still, frisch, neu.
„Eine neue Welt erwartet uns. Wir sollten gehen“, sagte Belith ruhig.
„Und was machen wir nun?“ fragte Kwaji, als wäre alles nur ein Spiel gewesen.
„Jetzt gehen wir nach Hause“, antwortete Belith und lächelte. Ai nickte. Gemeinsam verließen die drei den Krater, die aufgehende Sonne im Rücken. Langsam verschwanden sie am Horizont, verschmolzen mit der Welt, die sie nun neu betreten konnten.
Jack wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Er erwachte in einem Kokon aus Ranken. Um sich herum war alles still – jede Spur des Turms war verschwunden, auch von allen anderen, die einst hier gewesen waren.
„Ai? … wo bist du?“ rief Jack und suchte verzweifelt nach einem Hinweis. Er fand nur Fußspuren, die sich in die Ferne zogen.
„Ich halte mein Versprechen und rette dich. Warte auf mich, Ai“, flüsterte Jack. Trotz Ungewissheit, trotz der fehlenden Orientierung, trotz des unbekannten Weges schwor er, ihr zu folgen – selbst ans Ende der Welt.
Und so begann Jack seine Suche. Er wusste nicht, wohin die Spuren führen würden, wie lange er gehen müsste oder was ihn erwarten würde. Doch er würde Ai finden, komme was wolle.
Die drei anderen – Ai, Belith und Kwaji – gingen ruhig voraus, nichtsahnend, dass Jack ihnen bereits folgte, entschlossen, jede Entfernung, jedes Hindernis zu überwinden, um sie wiederzufinden.
Der Turm war gefallen. Die Welt war neu.
Und irgendwo dort draußen begann das nächste Abenteuer.