Leseprobe aus Brot & Seide – eine leise Liebesgeschichte über Nähe und Handwerk
Hallo ihr Lieben,
ich bin Lillian Dion und schreibe Geschichten über Nähe, Handwerk und Herzklopfen in ruhigen Welten.
Mein Roman Brot & Seide liegt gerade bei den Testleser*innen – und heute möchte ich euch einen kleinen Einblick geben.
Die Geschichte spielt in einer asiatisch angehauchten Stadt, auf einem lebhaften Marktplatz, zwischen Mehlstaub, Schuhwerk und den leisen Momenten zweier Menschen, die sich finden.
Hier ein Auszug aus dem Prolog (und einem Hauch des ersten Kapitels):
Prolog – Wei
Der Staub der Straße lag mir auf der Zunge wie ein altes Versprechen. Ich schmeckte Salz, Rauch und Sand. Weit hinter mir lag der Norden – die edlen Hallen, die spiegelnden Böden. Augen, die nur maßen und niemals sahen – zurückgelassen in Tagen der einsamen Flucht.
Vor mir erhob sich das Stadttor, hoch aufragend, aus sonnengebleichtem Holz gezimmert. Risse durchzogen die Balken wie Adern, eingeritzte Zeichen dazwischen, halb verwittert vom Wind. Ich legte die Hand auf das Holz. Warm. Rau. Ein Flüstern von Hitze in der Luft.
Ein Händler kam vorbei und zog einen Karren voller Stoffe hinter sich her. Das Rad quietschte, irgendwo rief ein Kind. Der Lärm der Stadt drang wie ein ferner Strom durch das Tor, das vor mir stand.
Für einen Moment blieb ich stehen, spürte die Sonne auf dem Nacken, atmete tief ein – es roch nach Leben und Staub. Dann zog ich den Brief aus der Tasche.
Die Zeilen waren mit zittriger Hand geschrieben, die Tinte zu dick an manchen Stellen, zu dünn an anderen. Ich fuhr mit dem Finger darüber, als könnte ich den Atem des Schreibers noch darin fühlen.
‚Ich nahm dir deine Kindheit.‘, stand dort, ‚Doch ich gebe dir zurück, was dir gehört. Die Werkstatt ist die deine. Ob du sie annimmst oder nicht. Es ist deine Entscheidung.‘
Ich las die Zeilen zweimal, als änderte sich ihr Gewicht mit jeder Wiederholung. Dann senkte ich den Blick. Die Worte glühten in mir wie Asche – kein Feuer, kein Aufschrei. Es war das schwache Nachglühen von etwas, das zu lange verschüttet gewesen war.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie er wohl in den letzten Jahren ausgesehen hatte: vielleicht gebeugt, mit Händen, geschwärzt von Leder und Teer. Und doch fähig, Nähte zu ziehen, die ein Leben hielten. Ein Bild aus Erzählungen, nicht aus Erinnerung. Ertrunken im Kummer, hatte er mich fortgegeben wie eine Ware – ein Junge gegen eine Zukunft, die nie kam. Und jetzt diese Reue, tief in die Seite gedrückt. Zu spät für das, was verloren war.
Ich faltete den Brief, steckte ihn zurück in die Tasche. Das Pergament knisterte leise, als wollte es sich wehren. Ich ging weiter, Schritt für Schritt, und spürte, wie die Worte darin wogen – schwerer als Stein, schwerer als Schuld.
Hinter dem Tor öffnete sich der Platz, weit und hell wie ein aufgespanntes Tuch. Stimmen legten sich übereinander, verwoben sich zu einem Muster aus Rufen und Antworten: das Anpreisen der Händler, das Scheppern von Eimern, das Klirren von Metall. Dazwischen das helle Lachen eines Kindes – ein Faden aus Gold, der das Stimmengewirr zerschnitt. Unter farbigen Stoffdächern flackerte das Licht. Schatten glitten über den Boden, Gesichter leuchteten kurz auf und verschwanden wieder.
Eine Frau mit Körben voller Zitronen kreuzte meinen Weg. Ein alter Mann führte hinter ihr einen Esel, dessen Hufe dumpf auf dem Pflaster klangen.
Düfte stiegen auf – schwer und süß, herb und warm: gebratener Reis, ein Hauch von getrockneten Kräutern, frisch gerösteter Tee, der nach Rauch und Bitterkeit schmeckte. Und über all dem lag ein Geruch, stärker als alle anderen: Brot. Warm, vertraut und tröstlich – wie eine Erinnerung, die nicht verging. Ich blieb stehen, der Duft traf mich, als hätte jemand eine Tür in mir geöffnet.
Zur Linken lag die Werkstatt. Über der Tür hing ein hölzerner Schuh, vom Wetter geglättet, an den Kanten spröde geworden. Ich blieb stehen, legte die Hand auf die Klinke und zögerte, als könnte diese Tür mehr als nur einen Raum öffnen. Drinnen empfing mich Stille. Sie roch nach Leder und Leim, nach Arbeit, die ein ganzes Leben gefüllt hatte und nun jäh verstummt war. Werkzeuge lagen dort, wo der Tod sie hatte liegen lassen. Ein Tisch voller Kerben erzählte von Jahren, in denen Geduld und Kraft sich in das Holz gegraben hatten.
Ich setzte mich. Etwas Feines stieg auf und legte sich auf meine Ärmel – der Geruch von Holz blieb in der Luft. Mit den Fingern folgte ich den Rillen im Holz, die vom täglichen Arbeiten tiefer und tiefer geworden waren.
Freiheit, dachte ich, hat keine Fanfaren. Sie kommt lautlos, wie Staub, der sich auf alles legt.
Also begann ich.
Späne brachen trocken unter meinen Händen. Ein grauer Schleier legte sich wie eine zweite Haut auf meine Finger. Ich öffnete Schachteln, schloss sie wieder, als prüfte ich ein fremdes Gedächtnis. Lederstücke, Schuhleisten und Fäden – alles voller Geschichten, die nicht die meinen waren.
Ich stand auf und öffnete das Fenster. Der warme Wind strich über mein Gesicht, ich blieb einen Moment stehen. Von draußen drangen Stimmen herauf: das Rufen eines Händlers, das Klappern eines Topfes. In der Ferne rollte ein Karren über das Pflaster. Die Sonne fiel schräg auf die Werkbank, golden und sanft.
Ich ließ mich wieder auf den Hocker sinken, nahm ein Stück Leder und hob die Nadel. Langsam, gleichmäßig. Der Rhythmus der Naht übernahm meinen Atem, zog ihn in dieselbe Spur – bis ich nicht mehr wusste, ob ich arbeitete, oder ob die Arbeit mich führte.
Ich ließ die Nadel sinken.
Die Sonne war weitergewandert, das Licht hatte seinen bernsteinfarbenen Ton verloren. Der Staub tanzte träge in der Luft, und irgendwo draußen begann der Tag lauter zu werden.
Kinder rannten kreischend vorbei und es erklangen die ersten Töne einer Laute. Eine Frau ordnete Töpfe auf der Fensterbank. Ihr Lachen folgte einem Esel, der zum dritten Mal denselben Hocker umwarf. Alles wirkte so lebendig, so nah – und doch wie ein Traum, in den ich noch nicht gehörte.
Ich trat in die Tür und ließ die Stimmen herein. Mein Blick blieb an einem Mann hängen, der am langen Holztisch vor der Bäckerei arbeitete. Er knetete Teig mit einer Kraft, die ruhig war und zugleich unbeugsam. Mehl legte sich wie feiner Schnee auf seine Arme. Er drückte den Teig immer wieder nach unten, als wollte er die ganze Welt darin bändigen. Kinder schlichen näher. Er tat, als bemerkte er sie nicht und legte ein Stück Brot beiseite. Ein Junge griff danach, brach es in zwei Hälften und gab seiner Schwester die größere. Solche Gesten sieht man nur, wenn man längst aufgehört hat, an sie zu glauben.
In diesem Moment hob der Bäcker den Kopf. Unsere Blicke trafen sich. Etwas darin ließ mich innehalten – zu offen, zu nah, um es zu benennen. Mein Herz schlug schneller, als hätte es mich verraten. Ich senkte den Blick zuerst.
„Ihr seid neu?“ Die Stimme kam von der Seite, warm und offen. Ich zuckte leicht zusammen.
Eine Frau stand da. Ihre Wangen waren gerötet, die kräftigen Hände in die Hüften gestemmt, die Schürze fest umgebunden. Sie musste sich angeschlichen haben, während ich den Bäcker beobachtete. Ihre Worte klangen nicht wie eine Frage, sondern wie eine Einladung.
„Schuster,“ erwiderte ich knapp. Sie musterte mich – erst die Hände, dann das Gesicht
„Das sehe ich.“ Sie lächelte, als hätte sie die Antwort längst gewusst. „Eure Schultern verraten’s. Und der Geruch nach Leder – ihr bringt ihn mit, egal wohin ihr geht.“ Ich wich einen Schritt zurück, unsicher, ob sie mich neckte oder einfach nur ehrlich war.
„Er war euer Vater, habe ich recht?“ fuhr sie fort, leiser jetzt. „Ihr ähnelt euch. In der Haltung, im Blick.“ Ein Stich fuhr mir durchs Herz. Ich wollte widersprechen, doch die Wahrheit stand zwischen uns wie ein Spiegel.
„Er war ein einsamer Mann,“ sagte sie, „aber er konnte lachen. Nicht oft – aber wenn, dann hell. Ich hoffe, ihr habt das geerbt.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Ja,“ brachte ich schließlich hervor. Es war kein Ja, das bejahte, sondern eines, das allen Widerstand verlor.
„Willkommen,“ fügte sie hinzu, und ihre Stimme war wieder hell. „Man kann ein Leben lang still bleiben – oder anfangen, zu reden. Ihr entscheidet.“ Dann rief sie schon dem nächsten etwas Gast zu, lachte, und der Platz nahm sie wieder auf.
Später, als die Sonne schon tief stand, trat eine alte Frau in die Werkstatt. Ihre Schritte waren langsam, doch ihr Blick war wachsam. In den Händen hielt sie ein Paar abgetragene Schuhe, die Riemen längst spröde, das Leder stumpf vom Staub.
„Von der Wirtin hab ich’s schon gehört,“ begann sie, „der Sohn vom alten Schuster ist heimgekehrt. Na, da bin ich ja gespannt, ob Ihr’s noch könnt.“ Ein bitteres Brennen durchzog mich, alt und vertraut. Doch ich nickte nur.
„Euer Vater hat diese Schuhe gemacht,“ fuhr sie fort. „Zu fest, hab ich ihm damals gesagt. Und er meinte nur: ‚Fest ist gut, wenn man nicht fallen will.‘ “ Sie lachte – ein trockenes, krächzendes Lachen, das irgendwo zwischen Trotz und Wehmut hing.
„Tja. Fest waren sie. Aber runtergefallen bin ich trotzdem – direkt in die Ehe.“ Ich konnte nicht anders, als kurz aufzusehen. Ihre Finger glitten über die Riemen, als suchten sie noch immer die Worte des Mannes darin. „Könnt Ihr sie weicher machen?“
„Ja,“ sagte ich ruhig und nahm die Schuhe, als hielte ich mehr als bloß Leder in den Händen
Während ich arbeitete, redete sie weiter, als wolle sie die Stille vertreiben.
Sie sprach vom Platz.
Von der Wirtin, die mehr lachte als schimpfte.
Von einem Musiker, der aus jedem Augenblick ein Lied machte.
Von einer Dame, deren Blick so streng war, dass er selbst die Tauben auf dem Dach verscheuchte.
Von einem Kaufmann, der neuerdings um die Stände schlich – „So einer riecht nach Ärger, sagt meine Nachbarin und die riecht sonst nur Braten.“
Schließlich kam sie zum Bäcker.
„Der da,“ meinte sie, „hat mit seinen Händen schon mehr beruhigt als mancher Priester – Teig und Herzen gleichermaßen.“ Ich schwieg, doch ihre Worte blieben wie feine Stiche zurück, nagten an mir, während sie in der Stille nachklangen.
„Er weiß das nicht,“ fügte sie hinzu. „Er hat nie gelernt, sich selbst zu sehen. Aber Ihr vielleicht.“
Sie drückte die Schuhe an sich, wandte sich zum Gehen und trat hinaus. Für einen Moment blieb ich sitzen. Für einen Moment blieb ich sitzen. Dann ging ich ihr nach, blieb an der Schwelle stehen. Ich lehnte die Stirn an den kühlen Türrahmen. Der Hof hatte mir Namen, Rang und Zukunft gegeben, sagten sie. Doch hier, in dieser Stadt, die nach Brot, Leder und Leben roch, könnte ich vielleicht lernen, etwas zu behalten. Nicht, um es zu verstecken – sondern um es endlich zu zeigen.
Draußen setzte der Musiker den Bogen an seine Geige und suchte erst tastend, dann mit wachsender Sicherheit die Töne. Er setzte sich auf den Rand des Brunnens und spielte eine fröhliche Melodie. Kinderstimmen fielen ein, kreischten, lachten und verstummten wieder. Für einen Moment war es, als legte sich das Leben selbst wie Musik über die Dächer. So ungeschliffen, voller Brüche – und doch echt.
Die Nacht senkte sich über den Platz. Morgen würde ich die Fenster erneut öffnen, den Staub hinaustreiben – und vielleicht meinen Blick nicht sofort abwenden, wenn er sich wieder mit ihm kreuzte.
Kapitel 1 – Tian
Noch bevor die Sonne den Rand der Dächer berührte, war ich schon wach. Der Teig wartete nicht, er verlangte nach Händen, nach Wärme und nach Geduld. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen, hob den schweren Mehlsack über den Tisch und hörte, wie das feine Weiß sachte in die Schüssel rieselte, leise wie Regen.
Meine Mutter sagte immer, Brot sei wie ein Kind – wenn man es zu hastig drückte, wehrte es sich und wenn man es zu lange allein ließ, fiel es in sich zusammen. Also knetete ich ruhig, gleichmäßig und spürte, wie der Teig unter meinen Fingern lebendig wurde. Manchmal glaubte ich, er antwortete auf meine Stimmung: war ich angespannt, wurde er widerspenstig; war ich ruhig, dehnte er sich willig aus. Heute war er weich, geschmeidig und ich atmete im gleichen Rhythmus wie er.
Danke fürs Lesen 💛
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